Kr. 170. »bonnemenk-veckwgungen: ■Bonnfmenlä■ Preis pränumerimda} Siertcljührl. 330 9Kf, monatL 1.10 Mi., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" lv Psg. Post. «bonnenient: l.lll Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnemeutS nehmen an: Belgien. Dänemnrl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal. kumänien, Schweden und die Schweiz, 87. Zal,rg. CridKlnt tZgllch au&cr montags. Vevlinev Volksblcllt. Ole Tnlertlons-GcbUftr Behägt für die scchsgespaltene Kolonel» geile oder deren Raum 30 Psg. für politische und gewerkschaftliche Bercins- und Versammlungs- Anzeigen 30 Psg. „Meine Snreigen", das erste(seit- gedrullte) Wort 20 Psg. jedes weiter« Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg. jede» weitere Wort 3 Pfg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhrnachmittags inder Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse: „Sozialdcinoknt SerU»". ♦ Zcntralorgan der roziaUkmokratifchen parte» Deutfcblands. Redahtion: SRI. 68, Lindcnstrasse 69, Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983, Sonnabend, den 23. Juli 11)10. Expedition: SRI. 68, Lindcnetrasae 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. GroßblocWllunoncn. Die nationalliberale Parteipresse bietet seit Wochen das Bild einer heillosen Zerfahrenheit. Einheitlich war die Haltung dieser Presse nie, aber seit der Stichwahl in Friedberg- Büdingen herrscht die schönste Konfusion. Was das eine nationalliberale Blatt als hehrste politische Auf- gäbe, als eine Frage der Fortexistcnz der ganzen Partei erklärt, hält ein anderes Blatt für eine krankhafte Illusion. Während das eine die Rückkehr zur Be- sonnenhcit oder, wie auch der pathetische Ausdruck lautet, zu den alten bewährten Traditionen der nationalliberalen Mittel- Partei fordert und den Anschluß nach rechts an die mit dem Klerikalismus verbündeten Konservativen Predigt, schielt das andere nach links und verlangt„freiheitsbegeistert" den Kampf gegen die blauschwarze Reaktion. Dem einen gilt selbst der verschämt- ideologische Liberalismus eines Basser- mann schon als radikale Donquichoterie, und offen mahnt es den nationalliberalen Führer, doch im Interesse des Staatswohls und der Partei seinen Platz mit seinen gleichgesinnten Freunden zu räumen; das andere Blatt schwärmt für die Vereinigung des Nationalliberalismus mit der Fortschrittlichen Volkspartei zur Begründung einer wahrhaft liberalen großen Regierungspartei, eines liberalen Großblocks, an dem auch. falls sie die Gewähr des Wohlverhaltens bietet, der Sozial- demokratie gnädigst gestattet werden könne, teilzunehmen. Ein kurioses Tohuwabohu, das dadurch noch komischer wird, daß plötzlich ein Blättchen, das eben noch für die Gravitation nach links plädierte, zu dem neuen preußischen Finanzminister, Herrn Lentze aus Magdeburg, ein unerklärliches Vertrauen faßt, oder daß ein anderes vom rechtsnationalliberalen Flügel in köstlicher Naivität von den Junkern allen Ernstes verlangt, sie müßten, falls sie wieder der politischen Freundschaft der Nationalliberalcn ge- würdigt werden wollten, zunächst eine Art Abbitte leisten und eingestehen, daß sie bei der Erledigung der letzten Reichsfinanz- reform eine schwere historische Schuld auf sich geladen hätten. Aber wie kunterbunt sich auch für den kritischen Beobachter dieser Gärungsprozeß im nationalliberalen Prinzipiendestillier- apparat ausnehmen mag. so würde es doch von unverzeihlicher politischer Kurzsichtigkeit zeugen, wollte man verkennen, daß die Befürworter des Anschlusses nach rechts stetig an Terrain gewinnen und daß sich die nationalliberalen Gemüter seit den Tagen der stürmischen Erregung über die Ausschaltung der national- liberalen Reichstagsfrattion bei der Durchführung der Reichs- finanzreform wesentlich beruhigt haben. Der neuerwachte Frühlingstrieb der Opposifionslust ist verflogen; die alte nie begrabene Sehnsucht nach sogenannter politischer Mit- Wirkung an den großen Aufgaben des Reichs, das heißt der Teilnahme an der Profitpolitik der blauschwarzen Koalition, hat wieder die Oberhand gewonnen. Wenn man die national- liberalen Blätter danach sichtet, welchen Einfluß sie haben und was hinter ihnen steht, dann zeigt sich, daß jener Teil, der sein Lesepublikum in den großindustriellen Kreisen. in den bessersituierten gewerblichen Mittelschichten unh in der landwirtschaftlichen Bevölkerung findet, fast ausschließlich für das Paktieren mit den Kynservativen und für die schärfste Be- kämpfung der sozialdemokrattschen Arbeiterbewegung eintritt, während für den Anschluß nach links nur jene Blätter plädieren, hinter denen der sogenannte Jungliberalismus steht. das heißt ein Teil der freien Berufe in den größeren westdeutschen und süddeutschen Städten. Bis- her haben aber nicht diese, sondern die'obengenanntcn Elemente im wesentlichen die Richtung der nattonalliberalen Partei und besonders die Polifik ihrer Vertreter im Reichstage bestimmt. Sie werden auch künstig den Ausschlag geben. Viel zu oft wird der Einfluß der Führer auf die Haltung ihrer Partei überschätzt. Gewiß, der Führer vermag in Zeiten politischer Erregung scin� Partei durch das Gewicht seiner Persönlichkeit oder seines Ansehens mit fortzureißen. Er ver- mag sie auch zeitweilig durch geschickte Schachzüge irre zu führen und zu korrumpieren; aber schließlich orienttert sich eine politische Partei doch immerwieder an den in ihrenReihen vor- herrschenden Interessen und wählt dementsprechend ihre Stellung. Weit abhängiger als die Partei vom Führer, ist der Führer von den maßgebenden Schichten seiner Partei. Es ist deshalb auch verkehrt, den schönen Redensarten jungliberaler Blättchen oder der für die nächste Reichstagswahl auf eine Wahl- kandidatur spekulierenden jungliberalen Lokalgrößen größere Bedeutung beizumessen. Die Frage ist vielmehr: welche Schichten haben in der nattonalliberalen Partei die Führung und nach welcher Richtung gravitieren sie? Mag immerhin bis zu gewissem Grade richtig sein, daß die nattonalliberale Partei innerlich so verfault und vermorscht ist, daß sie nur noch dem dumpfen Triebe parasitischer Existenzmöglichkcit ge- horcht, einen Schwerpuntt hat sie deshalb doch wie jede andere Partei. Die gewichtigsten Elemente im nattonalliberalen Partei- gemengsel sind aber nicht die Ideologen der freien Berufe, die wenig beschäftigten Rechtsanwälte. Aerzte, Oberlehrer, Privatgelehrten. Kommunalbeamten usw.. die sich Junglibcrale nennen, sondern die Großindusttiellen, die wohlhabenden Ge- schäftsleute und in manchen Gegenden auch die größeren und mittleren Landwirte. Besonders die Großindustriellen, da ohne ihre Subsidienzahlungen an die verschiedenen Wahl- und Parteifonds, ohne ihre Unterstützung der national- liberalen Presse durch Alimente, Inserate und Auf- träge bald die nattonalliberale Partei aus dem letzten Loche pfeifen würde. Was soll die Partei der„nach Bildung und Besitz" Maßgebenden anfangen, wenn die schönen Banknoten und Bankschecks der Industriellen sich verflüchtigen. Ist es doch eine von den Leitern des„Zentral- Verbandes deutscher Industrieller" selbst eingestandene Tatsache, daß dieser bei den letzten Reichstagswahlen von seinen Mit- gliedern für jeden von ihnen beschäftigten Arbeiter eine Reichs- mark eingefordert hat und daß dieses Geld größtenteils für die Unterstützung nationalliberaler Wahlkandidaturen veraus- gabt worden ist— ganz abgesehen von den Summen, die den nationalliberalen Wahlfonds direkt aus den Industrie- revieren Rheinland-Westfalens zugeflossen sind. Jedes Mal, wenn in den lctztenJahren die Großindustriellen von den national- liberalen Parteipolitikern die Befolgung ihrer Befehle ver- langten und mit der Einstellung ihrer Subsidien drohten, haben sich denn auch sofort die größeren nationalliberalen Blätter unter Vorantritt der„Köln. Ztg." veranlaßt gefühlt, ihren geldgebenden Dienstherren zu versichern, daß die nattonalliberale Partei„sich von der ersten Zeit ihrer Begründung an der hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung einer starken leistungsfähigen Industrie für unser gesamtes Volksleben vollauf bewußt gewesen ist". Jmmei habe die nattonalliberale Partei stolz zu dem deutschen tatkräftigen Unternehmertum aufgeblickt, dem„die wirtschaftliche Stellung auf dem Weltmarkt zu danken sei". Und diese Ergebenheitsversicherung der ehrsamen„Köln. Ztg." sttmmt. Zwar in seinem ersten Programm forderte noch der junge Nationalliberalismus in jugendlicher Verkennung seiner historischen Bestimmung als„festestes Bollwerk der Freiheit" das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl- recht sowie die Beseittgung der chronischen Kriegsbereitschaft, nnd als dann Bismarck mit seiner neuen Zollpolittk einsetzte, widerstand zunächst die nattonalliberale Reichstagsfrattion unter Bennigsens Führung den fchutzzöllnerischen Forderungen der Großindustriellen, so daß sich 1879 die Gruppe Schauß- Völk von der Partei kennte; aber bald lernte die bei den 188ter Wahlen auf 47 Sitze reduzierte nattonalliberale Frattion Order paneren und seitdem hat die nattonalliberale Gruppe im Reichstage sich immer mehr zur Sach- walterin der großindustriellen Interessen entwickelt, die bei den letzten Zollkämpfen offen die Geschäfte der Großindustri- ellen besorgte. Auch heute noch sind— das Verhalten der nattonal- liberalen Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses bei der Berattmg der Bcthmannschen Wahlrechtsvorlage hat eS aufs neue bewiesen— in der nattonalliberalen Partei die Wünsche und Interessen der Großindustrie maßgebend. Diese Groß- industrie aber fordert, wenn sie auch gelegentlich über agra- rische Jnteressenwirtschaft lamentiert, mit aller Entschiedenheit den Anschluß nach rechts— zur Aufrechterhaltung der heuttgen Zollpolittk und zur Nicdcrhaltung der sogenannten Begehrlichkett der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Der Großblock der gesantten Linken ist in ihren Augen eine Ver- rücktheit. Nicht viel anders denkt die große Mehrheit des die nattonalliberale Wählerschaft bildenden gewerblichen Mittel« standes und der selbständigen wohlhabenden Landbevölkerung. Nur zu oft wird bei der Beurteilung der nationalliberalen Partei übersehen, daß seit ihrer Gründung sich die Zusammen- setzung ihrer Wählerschaft wesentlich verändert hat. Aus den großen und größeren Städten ist diese Partei größtenteils hinausgeworfen worden. Die Arbeiterschaft ist dort heute sozial- demokrattsch, der kleinere Mittelstand zählt zur Fortschrittlichen Volkspartei oder in katholischen Gegenden zur Zentrumspartei, die Spitzen der Behörden, die großen städtischen Grundbesitzer und die Höchstbesteuerten sind vielfach konservativ gesinnt. Zum größten Teil holt deshalb heute die nattonalliberale Partei ihre Reichstagsmandate aus halbländlichcn Wahlkreisen. Und in diesen Kreisen hat sie mit den Interessen und Wünschen der selbständigen Landwirte zu rechnen; weshalb wir denn auch finden, daß nicht nur in jenen Gegenden die leitenden Nationalliberalen sich zu den wirtschaftspolitischen Glaubens- sätzen des Bundes der Landwirte bekennen, sondern oft tättge Mitglieder dieses Bundes sind. Jede ernst- liche Schwenkung der nationalliberalen Partei nach links würde diese Anhängerschaft, die im Grunde genommen mehr konservativ als liberal gesinnt ist, nach rechts treiben. In Zeiten starker polittscher Verärgerung über neuauferlegte Lasten mag sich vielleicht in diesen Elementen zeitweilig die Oppositions- lust regen, aber ihre Interessen ziehen sie immer wieder nach rechts. Selbst Nattonalliberale geben offen zu, daß ihre Partei aus einem bunten Gemengsel besteht. So schreibt der frühere Generalsekretär der Junglibcralen P. Zimmermann im Hamburger..Elbwart":„Denn das ist der Krebsschaden, der in diesen Wochen der lautesten Pressepolemik offen zutage tritt: wir haben nicht etwa nur, wie jede Partei, einen rechten und einen linken Flügel innerhalb unserer Partei, wir beherbergen auch eine große Zahl von Personen, die durchaus nicht nattonalliberal sind." Die Hoffnung auf eine sogenannte„geschloffene, akttonsfähige Koalitton der gesamten Linken", auf einen„Reichs- block" nach badischem Muster ist deshalb nichts als eine höchst naive Illusion, von der in vollem Umfang das Sprichwort gilt, daß Hoffen und Harren manchem zum Narren macht. In den größten Teilen des Reichs fehlen alle Grundbedingungen für eine solche Koalition. Selbst wenn die deutsche Sozial- demokratie sich auf den erhabenen Standpunkt der prinzipiellen Wurschtigkeit stellen wollte, zu dem der Karlsruher„Volks- freund" sich in jahrelanger Uebung durchgearbeitet hat, und sich zu Ihrer Majestät allergctteueste theoretisch-oppositionclle Regierungspartei entwickeln würde— eine Möglichkeit, die wir für vollkommen ausgeschlossen halten— bliebe der Reichs- block der gesamten Linken ein Phantom, denn der National- liberalismus würde nicht mitmachen. Viel wahrscheinlicher ist, daß es(wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen) zu einer Spaltung in der national- liberalen Partei kommt, zu einer Absprengung der jungliberalen Ideologen vom großindusttiell-agrarischen Flügel, vielleicht auch zu einer späteren Angliederung der jungliberalen Elemente an die Fortschrittliche Volkspartei. Wesentlich verändert würde aber auch dadurch die politische Gesamtlage nicht. Sie„moralilchcn" Birkungen des Dreihlaiicnrcchts. An der heiteren Stätte, an der„echt teutscher" Patriotismus dem alten Wilhelm ein biederes Denkmal gesetzt hat, weil er bort. „friedlich, wie er war gesunnen, schlürfte seinen Kränchenbrunnen" und weil er den Benedetti abfallen ließ, also zu Ems im Lahntale, ist ein kommunaler Kampf ausgebrochen, der das ohnehin nicht im Aufsteigen befindliche Renommee dieses Ortes noch bedenklich mehr zu schmälern droht. Man schreibt uns von dort hierüber: Selten ist das Dreiklassenwahlrecht als Schutzvorrichtung für die schmutzigste kommunale Profilchenwirtschaft so bloßgestellt worden, als in den Fehden, die jetzt hier ausgebrochen sind. Der fremde Badegast, der die bekannten gesalzenen Badepreise bezahlt, sieht mit Staunen, wie sich unter dem Schutze preußischer Gesetze eine kleine Clique an ihm bereichert, um dann ihr Geld in sehr eigentümlicher Weise zu vertun. Das ganze Bürgertum lebt hier von der„Kur". Den Rahm schöpfen aber die Inhaber der Hotels und Pensionen ab, die um die Heilquellen herumliegen. Die Heilquellen gehören dem. preußischen FiSkuS. Der Staat erhält also die Lebensquelle des Emser Profits. Daß sie dieser Sorge ent« hoben sind und eigentlich nur die Hand aufzuhalten haben, ist so sehr die letzte Lebensweisheit der Emser Fremdenindustriellen geworden, daß sie in ihren Beherbergungseinrichtungen fast auf dem Stand zur Zeit des alten Wilhelm stehen blieben und in der Bäder« konkurrenz deshalb merklich ins Hintettreffen kamen. Das hat sie aber in der Verwaltung der städtischen Angelegenheiten nicht ge« scheidter gemacht. Ihr Unglück war eben, daß sie daS Dreiklassen« Wahlrecht in den beiden oberen Klassen auch noch zu den Herren deS OrteS machte. Dazu gehört eben doch mehr, als im Sommer Fremdenindustrie nach altem Rezept treiben und im Winter auf die Jagd gehen. Die Herren haben sich in der Gemeindeverwaltung all- mählig so fürchterlich bloßgestellt, daß eS für sie das größte Glück wäre, wenn das HauSbesitzerpnvileg abgeschafft und das all« gemeine Wahlrecht eingefühtt würde. Daß man bei der Wasserversorgung die Großabnehmer kn schandbarer Weise begünstigte und die Kleinen teurer bezahlen ließ, als die Großen, das stank so zum Himmel, daß man kürzlich dem Murren der Bürger nachgeben und die unverschämten Rabattsätze für die großen Verbraucher herabsetzten mußte. Von einerPrivalgesellschast, die in der städttschen Jntereffengemeinschaft ist, ließ man sich ein GaS- werk aufhängen, das absolut unbrauchbar sein wird, wenn eS an die Stadt übergeht. Für Entwickelung der VerkehrSverhältnisse hat man so gut wie nicht« selbst oder bei der Eisenbahn getan. An daS Koblenzer elektrische Vorortbahnnetz schließt man sich auS der alten Philisterangst nicht an, die Kurgäste möchten„zuviel weggehen und ihr Geld forttragen". AlS der Bahnhof verbreitert wurde, war die Hauptsorge, daß er keine Restauration bekomme, damit die um« liegenden Wirte ohne Konkurrenz blieben. Die Zugvcrbindungcn nach EmS von Frankfurt und zum Rhein her aber sind so miserabel, daß man von Glück zu sagen hat, wenn man einen der wenigen Eilzüge benutzen kann. Sonst hat man die IG) Kilometer z. B. von Frankfurt her vier Stund-n lang im Bummelzug zu fahren. Die Initiative, die den Hotelmenschen in dieser Richtung fehlte, enwickelten sie dafür nach ganz anderer Seite. Wenn die Fremdenrupferei im Sommer besorgt war, taten sie sich zu ftöhlichen Gelagen zusammen und offenbarten sich dann nach Ablegung deS Oberkellnerfracks ihr hohles Innere, das auch der Geldsack nicht ausfüllen konnte. Nun wäre ja ihr etwas roheS Vergnügen ihre Privatsache und ging niemanden sonst etwas an. wenn sie auch diese Seite ihrer ruhmvollen Betätigung nicht mit einem kommunalen Skandälchen erquickt hätten. Sie ließen sich bei ihren Jagdfestcn von ihrem städtischen Realschuldirektor gedruckte Zoten reißen. Der Mann kannte ihre Natur, und verfaßte für sie zum St. HubertuStag 1909 eine gedruckte Jagdzeitung,„Die Schrot» spritze", in der gerade seine Beiträge neben den vielen geistlosen und harmlosen anderer sich durch besondere Schmutzerei auszeichneten. Von den Reisen seiner Kunden w die benachbatten Großstädte sang der kundige Barde: „Statt zu pürschen im WaldeSdackicht, Jagd Ihr Sumpfwild im Großstadtschlackicht." Und ein andere? Poem dieses Emser ErziehungSmeisterS handelt vom.Verbruinstel» Schwanz' und erzählt von einem Emser Jäger: .Dann spricht er die Worte so froh und so kühn: � Ein Trost, daß der Hund sich verbrannte Den Schwanz, und ich nicht mit schmerzender Mien' Mit dem meinen zum Doktor rannte." Von den'„süßen, kleinen Mädels", die ein Mitglied dieser wackeren Schar in der„Schrotspritze" gratis zu entflöhen sich erbot und anderen ähnlichen Dingen gar nicht zu reden. Hätten die Eniser Hotel- und Kommunalhelden ihren Zotenreißer sein Handwerk treiben lassen und ihn nicht noch auf Kosten anderer gelohnt, so wäre der Skandal vielleicht gar nicht öffentlich geworden. So aber fiel es auf, daß sie ihm für seine Tätigkeit an einer sehr winzigen und ohnedies kostspieligen Anstalt, die von den Kindern der meisten Einwohner doch nicht benutzt werden kann, plötzlich im Gehalt bis auf 8000 M. hinauffchraubten, mit Rechen- kunststückchen, die im Besoldungsgesetz keine Begründung haben, und gegen den anfänglichen Widerspruch selbst der Stadtverordneten und der kleinen Bürger. Das schlug dem Faß den Boden aus. Nun erfuhr man auch, daß die„Schrotspritze" mit ihren schönen Wersen von den Schülern dieses preußischen Erziehers besser gekannt wurde als die langweiligen Schriftsteller, die sie in der Schule zu lesen hatten. Man sagte sich, daß der Vortrag, den der Herr Direktor seinen Zöglingen über Königin Luise als Muster preußischer Tugenden gehalten habe, wahr- scheinlich sehr viel weniger gewirkt habe, als seine unsauberen Jagdscherze, und daß der Schaden auch dadurch nicht ausgeglichen werden könne, daß der Direktor nach Bekanntwerden seiner Streiche plötzlich den Kirchenbesuch seiner evangelischen Schüler sehr scharf zu kontrollieren begann, um sich wenigstens nachträglich einen Heiligen- schein zu erwerben. Vollends kompromittiert aber wurden die Emser Erstklasser durch ihren kostspieligen Schützling, als dieser anfing, sich gegen die Bewegung zu wehren, die sich gegen ihn und seine Gönner richtete. Er verbot einem seiner Lehrer den Besuch der Stadt- verordnetensitzung, in denen der Mann„nichts zu tun" Habel Er besann sich plötzlich auf seine Eigenschaft als Reserveoffizier— natürlich mußte er das sein!— und suchte mit Hilfe gleich« gesinnter Kameraden den kleinen Beamten aus dem Kriegerverein zu drängen, der seine saubere Poesie, als alle öffentliche Kritik nichts gefruchtet hatte, der Schulbehörde mitgeteilt hatte, weil er Vater eines der Zöglinge des wackeren Erziehers ivar. Unter solchen Zeichen steht jetzt die Vorherrschaft der„erst- und zweitklassigen" Hoteliers und ihrer Freunde in der guten und patriotischen Stadt Ems. Man braucht in der Tat kein Lieb- haber moralinsaurer Mienen la Roeren zu sein, um die„morali- scheu" Wirkungen, die in diesem Falle das kommunale Dreiklaffen- Wahlrecht in einer abgeschlossenen Bourgeoiskoterie gezeitigt hat, als höchst bezeichnend zu finden. So rächt sich der Geist der brutalen Unterdrückung und der Unterscheidung der Menschen nicht nach geistigen, sondern nach Geldsacksqualitäten, an diesem System selber, indem er es unrettbar kompromittiert. Und das Beste von dieser neuesten Emser Geschichte ist, daß sich endlich eine Art kleinbürgerlicher und Arbeiteroppositton gebildet und organisiert hat, wenn auch noch in sehr unvollkommenen Formen. Ein Bürgerverein von 700 Mit- gliedern sorgt jetzt an der Stätte erhebender preußischen Monarchen« erinnerungen, daß die öffentliche Kritik wenigsten« nicht ganz schweigt. Bisher war sie durch die Abhängigkeit der Kleinen von den Großen in der Enge des Orts niedergehalten. Jetzt versucht fie, leider sehr spät erst, zu bessern und ist, so fern diese Leute auch politischen Fragen stehen, schon durch die Macht der Umstände auf die Reform des Wahlrechts hingelenkt worden. Sie hat mindestens geheimes Ge- meindewahlrecht gefordert. Vielleicht lernen die bisher von der herrschenden Clique niedergehaltenen Kleinbürger und Arbeiter auch noch mehr aus den Emser Affären: daß wir in Preußen ganz andere Aenderungen brauchen, wenn unsere Verhältnisse wieder innerlich und äußerlich gesund werden, sollen I politische CTcberficbt. Berlin, den 22. Juli 1910. Die linksliberale Brille. terr Conrad Haußmann, das große politische Kind ichtvaben, das eine Tücke des launischen Geschicks zum Parteiführer gestempelt hat, hielt gestern abend in Zuffen- hausen(Württemberg) zugunsten des im Reichstagswahl- kreise Cannstadt-Ludwigsburg aufgestellten nationalliberalen Kandidaten Oeltinger eine lange Rede, in dex er ausein- anderseßte, weshalb die Fortschrittliche Bolkspartei den nationalliberalen Kandidaten unterstützt und nicht den sozial- demokratischen. Ein süddeutscher Nationalliberaler, der sich ehrlich zu Bassermann halte, hätte, so meinte Herr Haußmann, vor einem Sozialdemokraten mannigfache Vorzüge, ganz ab- gesehen davon, dgß es heute gelte, die nationalliberale Partei in der Front festzuhalten, die sie seit der letzten Reichsfinanz- reform eingenommen hätte. Freilich, wenn ein Konservativer mit einem Sozialdemokraten um den Sieg ringe, dann müsse der Sozialdemokrat unterstützt werden, denn: „Die Politik der heutigen Reichstagsmehrheit ist volksschädlich und entwickelungswidrig, so daß eine Entscheidung der Partei des preußischen Adels, der für diese Politik die größte Verant- Wartung trägt, abzuzwingen eine nationale Notwendigkeit ge- worden ist. Wo dem Herrn v. Oldenburg und Genoffen ein Man- dat genommen werden kann, da ist Abstimmung für den Sozial- demokraten die unvermeidliche Forderung einer politischen Beffe- rung. Die Gesamtpolitik darf nicht nach rechts gehen, sonst ist alle EntWickelung dauernd verfahren und österreichische Wirren werden eintreten. Die Front der Rechten fordert eine Front der Linken. Wenn eine Front der Linken erforderlich ist, muß sie auch die nationakliberale Baffermannsche Richtung mit um- fassen." Allerdings unter einer Bedingung hätte, wie Herr Hauß- mann erklärte, auch die Sozialdemokratie einen Anspruch auf gleiche Unterstützung, wie die Nationalliberalen— nämlich, wenn sie die Klassenkampftheorie aufgäbe und die Massen statt zur Verbitterung zur Versöhnung erziehe: „Um uns dieser Haltung untreu zu macheu, dazu ist die Me- thode der Sozialdemokratie leiter noch immer nicht anziehend genug. Sie kann mit dieser Methode und den Fehlern der Ber- liner Politik immer größere Massen sammeln, aber sie kann ehr- liche Gegner nicht in dem Glauben erschüttern, daß diese Me- thode falsch ist, und nicht alle, aber immer noch die Mehrheit der Sozialdemokratie arbeitet nach dem Rezept, Mißtrauen in alle Lebensverhältnisse hineinzutragen und Verbitterung zu züchten. Seitdem die Sozialdemokratie tinmal durch ihre kulturelle Forderung, zweitens durch ihre Me- thode und drittens durch die Regierungsfehler eine sehr große Partei geworden ist, darf und muß man an ihre Führer die Frage richten, ob sie blind für jene Schädigungen des Mißtrauens und der Verbitterung find, ot*r ob sie die Erziehung ihrer Anhänger zu g erechten. Menschen nicht. unter ihre vornehmstes Auf« gaben rechnen." v Gar sonderbar malt sich in diesen) Kopf die Welt! Der Kampf um Bassermam». Der„Mannheimer Generalanzeiger", der Beziehungen zum Reichstagsabgeordneten Bassermcmn unterhält,.bringt aus angeb- lich zuverlässiger Quelle die Nachricht, die Frage eines Reichstags- Mandats für Bassermann werde, soweit die Partei im Lande und die Fraktionsgenossen dabei mitwirken könnten, zu einer befriedi- genden Lösung gebracht werden. Alle Behauptungen von einer Mandatsmüdigkeit Basscrmanns hätten ihrem Ursprung in den schlummernden Wünschen rechtsnationalliberaler und konservativer Autoren, eine Spaltung und Rechtsschwenkung der nationalliberalen Partei herbeizuführen. Aus diesen Gründen solle Bassermanns Mandatsmüdigkeit- erzwungen werden. Eine solche liege aber nicht vor. Die Freunde, die mit dem Sturze. Bassermanns die nationalliberale Partei der Äartellpolittk gefügig machen wollten, hätten sich zu früh gefreut! Bassermann hat also vorläufig noch keine Neigung, sich, durch die Vertreter des großindustriell-agrarischen Flügels seiner Partei kaltstellen zu lassen. Em Geme'�deidyll aus dem Reiche Züllicha«- Kroffen. Mehr als eigenartige Zustände scheinen in der Gemeinde Rentschen bei Züllichau zu bestehen, wie anläßlich einer Beleidigungsklage vor dem Schöffengericht zu Züllichau bekundet wurde. Der Häusler P a e ch war angeklagt, die Gemeindevertreter von Rentschen Spitzbuben und Zigeuner genannt zu haben, was er auch nicht bestritt. Veranlaßt wurde der Betreffende hierzu durch Maßnahmen der Gemeindevertretung(die sich fast aus- schließlich aus Großbauern zusammensetzt). Es bestand näm- lich in der Gemeinde eine private Schweineversicherung gegen Trichinen, der sich der größte Teil der Gemeindemitglieder an- geschlossen hatte. In den letzten Jahren waren die Mitglieder von der Entrichtung der Beiträge entbunden, da die betreffende Ver« sicherungskässe über einen ansehnlichen Bestand verfügte. Nun hatte im letzten Jahre dieevangelischeKirchengemeinde zirka 4000 M. zu den Kirchenbaulasten beizutragen. Was tat nun die Gemeindevertretung von Rentschen? Sie nahm ein- fach zu diesem Zwecke 60 0 M. aus der— privaten Trichinenkasse. Dadurch schmolz natürlich der Bestand be- trächtlich zusammen, so daß im September vorigen Jahres der Nachtwächter von Rentschen bei den Mitgliedern der Kasse herum- gehen mußte, um neuerdings Beiträge von denselben einzuziehen, bei welcher Gelegenheit der Beklagte seine inkriminierten Aeuße- rungen tat. In der Urteilsbegründung— Paech wurde wegen formaler Beleidigung zu 30 M. Geldstrafe verurteilt— wird denn auch erklärt, daß die Verwendung der 600 M. für diesen Zweck„ungehörig" sei, zumal auf diese Weise auch'katho- l i s ch e Gemeindemitgkioder zu den Lasten für die e v a n g e- l i s ch e Kirche herangezogen worden seien. In der Tat ist dieses Verfahren mit fremden Privatgeldern mindestens„ungehörig", und es ist das Verdienst der Anklage, in dieses liebliche Gemeittdeidhll hineingeleuchtet zu haben. Nun scheint dieses Vorkommnis nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben dieser Gemeinde zu sein, denn der Angeklagte kramte noch allerhand niedliche Vorgänge aus seiner Gemeinde aus. So z. B.: DaS Gehalt für den Lehrer wird zum Teil durch Umlage aufgebracht. Diese Umlage wäre entsprechend der Gehaltszahlung viermal im Jahre zu den' Quartalen zu erheben. ES soll nun der vierteljährliche Beitrag nicht viermal, sondern fünfmal in einem Jahre erhoben worden sein. Der fünfte Beitrag ist aber nicht für das Gehalt des LehrerS, sondern für die R ä u m u n g von Gräben verausgabt worden. Nun sollen aber von dem zuviel erhobenen Getde nicht etwa sämtliche Graben der Gemeinde geräumt worden sein, sondern nur diejenigen in dem Gebiete der größeren Besitzer, die in der Gemeindevertretung die über. wiegende Miajorrtät haben. Diejenigen Graben aber, die sich in dem Gebiet der kleineren Besitzer befinden, sollen nicht ge. räumt worden sein. Derartige Zuvielerhebung von Beiträgen, be- ziehungsweise Umlagen soll wiederholt vorgekommen sein. Ferner behauptete der Beklagte, daß die größeren Besitzer der Gemeinde in der Einkommensteuer und in ihren sonsti» gen Steuern viel zu niedrig eingeschätzt seien, so daß die kleineren Besitzer fast ebensoviel Steuern bezahlen müßten wie die größeren Bauern. Ebenfalls seien Unregelmäßigkeiten bei der Erhebung des Pfarrgehalts und des Wächtergehälts häufig vor- gekommen. Dieselben kiesen alle darauf hinaus, daß von samt- lichen Gemeindemitgliedern zuviel Beiträge erhoben würden, und daß die überschießenden Beträge dann lediglich zugunsten der großen Besitzer verwendet würden. ES sind recht erbauliche Dinge, die da vor Gericht zur Sprache gelangten. Vielleicht werden die maßgebenden Behörden hierdurch veranlaßt, diese eigenartige Gemeindeverwaltung unter die Lupe zu nehmen. Znsbesondere dürfte sich t«m Landrate des Kreises Gelegenheit bieten, die mehr wie eigenartige Geschäfts- führung auf ihre Uebereinstimmung mit den Forderungen der Landgemeindeordnung zu prüfen. Man sieht hier wieder einmal, wie eS in den Gemeinden zugeht, die nicht unter der Kontrolle von Sozialdemokraten stehen. Wir werden uns der Sache erinnern, wenn wieder einmal der Vorwurf erhoben wird, wir triehen dort, wo wir die Mehrheit haben, Mißwirtschaft l Neue Kriegslustschiffe. DaS Kriegsministerium widmet einem neuen Lustschiffbau- unternehmen, KriegSmotorlustschiff, System Zorn, sein ganz be- sonderes Interesse. Die Militärverwaltung hat das ihr zugegangene Material geprüft und eine finanzielle Unterstützung in Aussicht ge- stellt. Neuerdings haben auch verschiedene Konferenzen statt- gefunden. Hierbei betonte Oberst Schmiedecke, Chef der Ver« kehrSabteilung, als amtlicher Vertreter des Ministeriums, das Interesse und die Unterstützung der Militärverwaltung werde he- sonders weitgehend sein, weil das neue Luftschiffunternehmen seinen Sitz in der Nähe der Grenze habe und dadurch den strategischen Be« dürfnissen entgegenkomme._ Die sogenannte bayerische Steuerreform. Der Finanzausschuß des Abgeordnetenhauses hat dem für die laufende Finanzperiode geforderten Steuerzuschlag von 22 Proz. seine Zustimmung erteilt. Ein Antrag der Sozial- demokraten, diesen Steuerzuschlag von 22 Proz. so zu der- teilen, daß die kleinsten und mittleren Einkommen weniger belastet werden, wurde abgelehnt und als auS steuertechnischen Gründen undurchführbar bezeichnet. Herr Bischof Heule. Wegen seines Wortes:„Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben" wird der Regensburger Bischof und Reichsrat v. Henle nun auch von dem Organ deS Verbandes süddeutscher katholischer Arbeitervereine in aller Ehrerbietung heftig angegriffen. Das Blatt schreibt: „Wer mit den Worten:„Wer Knecht.ist, soll Knecht bleiben" sagen wollte, niemand darf in seinem Stande emporstreben, selbst nicht mit erlaubten Mitteln aus niederem Stande einem höheren zustreben, der ist unchristlich durch und durch, denn er steht im Gegensatz zu den Fyndamentalsätzen deS Christentums und zu der christlichen Praxis-in all«, Jchrhußdekteo. KjI gOerer Sgtz deS Herrn Bischofs ist uns noch unverständlicher gebkiev», venu er sagte:„Das Christentum hat sich mit der sozialen Frage jähr- hundertelang nicht beschäftigt." Wenn mit dem Satze, so wie er dasteht, behauptet wird, das Christentum habe sich jahrhundertelang nicht sozial betätigt, so müssen wir dem mst allen christlichen Sozialpolitiiern, insbesondere mit dem großen Bischof Ketreler, ganz entschieden widersprechen." Unseres Erachtens hat der Bischof Henle die heiligen Grund- sätze der katholischen Kirche. weit richtiger interpretiert als das mit den Lehren der großen katholischen Autoritäten allem Anschein nach ganz unbekannte Organ der katholischen Arbeitervereine. Jeden- falls kann sich Bischof Henle für seinen Ausspruch, daß der Knecht Knecht bleiben soll, aus den größtön Kirchenlehrer des Äat�ÄiziA- muS, den heiligen Thomas von Aqüino, berufen,, Christliche„Liebestätigkeit". Charakteristisch für den Wohltättgkeitsrummel unserer henetten bürgerlichen Gesellschaft ist das Eingesandt eines Ungenannten in den „Leipziger Neuesten Nachrichten" vom 20. Juli. Es lautet: Vergangenen Freitag kam ich von Hamburg zurück mit dem Schnellzüge, der nachts 11 Uhr hier einläuft. Einige Mtteisende — sie hörten, daß ich nach Leipzig fuhr— baten, mich eines jungen Mädchens anzunehmen. Sie saß im Nebencoupä, einen Säug- ling im Arm. Das Kind war 10 Tage alt; die Mutter natür- lich noch sehr angegriffen. Sie war am selben Tage erst aus dem Eppendorfer Entbindungsheim entlassen. Der Anschluß nach Chemnitz— ihrem Reiseziele— war nicht mehr zu erreichen; somit wollte das arme Mädchen die Nacht auf dem Bahnhof verbringen und- früh weiterfahren. Man denke sich eine solche Nacht; das arme Weib obdachlos in einer fremden Stadt, das kleine Kind auf den Armen, und selbst todmüde. Ich wurde von meiner Frau am Bahnhof abgeholt, und wir nahmen uns deS Mädchens nun zusammen an. Auf meine Frage, wo das Mädchen mit dem Kinde die Nacht über bleiben könnte, nannte mir der diensttuende Schutzmann das Marthahaus, wohin wir uns unverzüglich begaben. Die Schließerin öffnet, ich trage mein Anliegen vor, die Oberin wird benachrichtigt und— weist uns a b mit der Begründung, daß sie Mutter und Kind nicht aufnehmen könne, da das Kind nachts Störungen verursache. So stand ich denn ratlos vor dem Hause, das— wie man mir sagte— sich die Aufgabe gestellt hat, fremde Mädchen aufzunehmen und zu schützen. Selbst wenn es nicht zur Aufgabe des Marthahauses gehört, jungen Müttern Obdach zu gewähren, wäre es nicht ein Gebot der Nächstenliebe gewesen, dieses hilflose Mädchen mit dem Kinde aufzunehmen für diese eine Nacht?... Ich führte das Mädchen nun in ein H o t e l. Der Wirt nahm sie auf und hatte keine Bedenken, daß das zehn Tage alte Kind die Ruhe seiner übrigen Gäste stören würde. Das MarthahauS in Leipzig untersteht dem Leipziger F r a a«««� verein, dessen Vorsitzender der Pastor H a n i tz s ch ist. In dem MarthahauS geht es natürlich sehr ftomm zu. An allen Wänden hängt daS Bild des„Heilands", der ja nach der christlichen Mythe auch nicht wußte, wo er sein Haupt hinlegen sollte und in dessen Namen jetzt der Leipziger Frauenverein seinen WohItätigkeitS- sport übt._ Völlig überflüssig. r Wilhelm II. hat den General der Kavallerie v. Pfuel vkvBf» tragt, sich mit vier anderen Offizieren nach Chile zu begeben, um die deutsche Regierung bei der dort im September stattfindenden Hundertjahrfeier der chilenischen Unabhängigkeit zu vertreten.— Wilhelm II. bezahlt die Kosten, die. durch, diese seine Anordnung entstehen, natürlich nicht selbst, vielmehr müssen fie aus. Steuere Mitteln gedeckt werden. Die Kosten für diese Deputation werden. mit Rücksicht auf die weite Entfernung recht beträchtliche sein. Eine Notwendigkeit dafür, daß deutsche Offiziere zu solchen Repräsenta- tionszwecken nach Chile reisen, ist nicht emzusehen. Das Deutschs Reich hat bei der chilenischen Republik seine ständige Verttettmg, die die Vertretung des Deutschen Reiches auch bei diesem Anlaß über- nehmen könnte, in Wirklichkeit sogar dazu berufen ist. Wohin soll es führen, wenn bei allen möglichen Anlässen deutsche Offiziere in der ganzen Welt herumgeschickt werden. In der Budgetkommission ist man bestrebt, am Militäretat zu streichen, eine einfache Anord- nung der Kaisers wirft aber dann diese ganze Sparsamkeit der bürgerlichen Parteien mit einem Schlage wieder über den Haufen. Immer wieder der Schutzmannssäbcl. Unter dieser Spitzmarke hatte die„Niederrh. Arbeiter-Zeitung" über eine Gerichtsberhand- lung berichtet, in der sich zwei Arbeiter, die auf ofteyer Straße von einem„Schutzmann" mit blankem Säbel verhauen waren, wegen „gemeinsamen Widerstandes gegen die Staatsgewalt" zu verant- Worten hatten. Was es mit diesem„gemeinsamen Widerstände� auf sich gehabt hat, ist wohl daran zu ermessen, daß einer mit IS' M., der andere mit 30 M. Geldstrafe belegt wurde. Während ein Zivil- zeuge unter Eid bekundete, daß der Polizist auch nicht die geringste Veranlassung zu seiner Hauerei gehabt habe, will der Polizist„be- droht" gewesen sein, so daß er sich in einer Zwangslage befunden habe. Er habe deshalb von der Waffe Gebrauch machen müssen. Die Art und Weise nun, wie die„Niederrh. Arbeiter-Zeitung� über diese Gerichtsverhandlung berichtet hatte, soll die Absicht der Polizejbeleidigung haben erkennen lassen. Genosse Schach, der Verantwortliche unseres Duisburger Parteiorgans, wurde des- halb zu 150 M Geldstrafe verknaxt. Der Antrag auf Ladung eines weiteren Zeugen wurde abgelehnt und auch der Schutz des§ 183 verweigert. Alles von Rechts wegen. Militärische Pädagogik. Wegeit Mißhandlung Untergebener in 63 Fäl.. len hatte sich der Sergeant der Reserve Terpitz vor dem Kriegs« Bericht der Königl. Landwehr-Inspektion in Berlin zu verantworten. T., der früher bei der Kavallerie stand, ist heute in Berlin Polizeibeamter. Die Anklage legte ihm zur Last, im Jahre 1908 seine Untergebenen in 63 Fällen bei Ausübung des Dienstes mißhandelt zu haben. Eine besondere Vorliebe hatte der Angeklagte dafür, die Untergebenen mit dem Springseil auf den Rücken und ins Gesäß zu schlagen. Bei den Turnübungen versetzte er den Mannschaften in zahlreichen Fällen derartige Schläge. Die Anklqge enthielt die Namen von nicht weniger als 25 Manen, die Mit dem Springseil Bekanntschaft gemacht haben. Es wurden bei allen Mannschaften Mindestfälle angenommen, und die Anklage enthielt im ganzen sechzig Fälle. Hierzu kamen noch zwei Fälle, in denen der Angeklagte Untergebenen Ohrfeigen gab. Schließlich wurde ihm noch eine Mißhandlung, bei der er einen Untergebenen mit einer Gerte schlug, zur Last gelegt. T. war in vollem Umfang geständig. DaS Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte nicht wie ein Soldatenschinder vorgegangen sei, sondern dah er nur erzieherisch eingewirkt habe.- Die Fälle der Mißhandlungen mit dem Springseil wurden jedoch als vorschriftswidrige Behandlungen angesehen und auf eine Ge- samtstrafe von im ganzen g Tagen gelindem Arrest erkannt. Das Gericht muß etwas seltsame Vorstellungen über Pädagogik haben, tpenn es in 63 körperlichen Mißhandlungen nux Skzi ehe» rrfche Einwirkungen' sieht. Ocrtcmich. Die ungarische Wahlreform. Budapest, 21. Juli. Ministerpräsident Graf Khuew» Hedervary hielt am Schlüsse der Adreßdebatte eine'Rede, in � der er über die Wahlreform sagte, er selbst vertrete eine" sehr liberale Auffassung und halte eine p? e'i t e y« gehende Lösvng für'das Land nicht für gefährlich. An�rseitS Wisss MS«UtÄ 1MC SlltMichiges pessjmiWIÄW SuffassWg Nennung Iraglfl, welche üble Folgen Soli'einet z u ausgedehnten Wahlreform befürchte. Man müsse jetzt einen größeren Schritt machen, da man versäumt habe, von Stufe zu Stufe fortzuschreiten. Er hoffe, daß die Lösung der Wahl- reform duxch Ausgleichung der einander entgegenstehenden An- sichten erfolgen werde. Zu den Beschwerden über Wahl- mißbrauche bemerkte der Ministerpräsident, die geschlagene Partei sollte Einkehr halten und zugeben, daß die öffentliche Meinung sich von ihr abgewendet habe, so wie er selbst bescheiden eingestehe, da� der Sieg der Regierungspartei nicht so sehr der Begeisterung für sein Programm zu danken, sondern auf die große Unzufriedenheit und Enttäuschung zurückzuführen sei, die das Koglitionsregiine erweckt habe. Italien. Der Konflikt in der Romagna. Rom. 21. Juli.(Eig. Ber.) Infolge der fortgesetzten Unruhen, die in der Romagna herrschen, ist eine ungeheure Menge Militär auf- geboten worden, aber trotz alledem klagen sowohl Grundbesitzer als Tagelöhner, daß ihre Rechte nicht gewahrl lvürden. Halbpartner und Tagelöhner gemeinsam haben vor Jahren die ersten Schritte auf dem Wege der gewerkschaftlichen Organisation ge- tan, aber als die Halbpartner ihre Lage duich der- besserte Pachtverträge gehoben hatten, fingen sie an, sich gegen die Tagelöhner zu kehren. Da sich die Pächter eben als Klein- biirger fühlen, lehnen sie jede Gemeinschaf! mit den Proletariern ab. Die Organisierung der Tagelöhner ist vorzüglich, aber sie leiden viel unter periodischer Arbeitslosigkeit. Um diese zu überwinden, wollen sie das Monopol der Drescharbeiten erkämpsen, weshalb auch ihre Gewerkschaften Dreschmaschinen in ihren Besitz gebracht haben. Nun haben aber auch die Pächter und die mit ihnen im Einverständnis stehenden Grundbesitzer Dreschmaschinen erworben und wollen den.roten Maschinen"(so werden die von den Sozialisten bedienten Maschinen genannt) den Eintritt in ihre Tennen verwehren. Nun gibt es in der Provinz Navenna— und dadurch wird die Lage noch viel komplizierter— noch eine dritte Art Landarbeiter, die söge- nannten Terzari, d. h. gewöhnliche Tagelöhner, die aber in Naturalien, und zwar in einem Drittel des Produktes der von ihnen bestellten Felder, ausgelöhnt werden. Diese sind gemeinsam mit den Tagelöhnerit organisiert, sind Sozialisten, die auch die Rechte der Tagelöhner verfechten und die roten Maschinen der Tagelöhner ohne Schtvierig« leiten auf ihre Tennen lassen. Der Halbpartner ist wohl vom Rechtsstandpunkte aus dem Eigentümer gleich zu rechnen, der Terzario jedoch nicht. Die rote Maschine kann mit Erlaubnis des Halbpartners (einige wenige halten eS mit den Tagelöhnern) auf dessen Gut ar- beiten, ohne daß der Eigentümer dagegen etwas zu sagen hätte, aus- genommen natürlich, daß sein Pachtvertrag ihn dazu berechtigte. Um aber zu verhüten, daß sie auf die von Terzari bedienten Tennen eingebracht werde, müßten die Grundbesitzer einen Bertreter an Ort und Stelle haben. Das verstehen aber die Terzari schlau zu verhüten. So ist also den roten Maschinen der Eintritt in viele Tennen gestattet, und die sozialisttscheu Tagelöhner bedienen sie zu tarifmäßigen Preisen. Die den Halbpartnern und Gutsbesitzern gehörigen Maschinen haben dagegen mit dem Mangel an geeignetem Personal zu ihrer Bedienung und mit der Schwierigkeit zu kämpfen, die ihnen bereitet wird, wenn sie in die von Terzari bestellten Güter eindringen wollen. Die Lage ist recht ernst und der Kampf äußerst erbittert, um so mehr als ein Stück Existenzmöglichkeit der Tagelöhner auf dem Spiele steht und die wirtschafiliche Ueberlegenheit der Grund- besitzer und Halbpartner. Tie Zarcnreisc des Bürgermeisters und der Stadtrat von Rom. ' Rom, 21. Juli-(Eig. Ber.) Die sozialistische'Parteisektion um Rom hat, wie dies vorauszusehen war, durch ihre Stadtver- ordneten gegen die taktlosen Aeußerunge.n, deren sich der Bürger- meister Nathan bediente, als er von seiner Zarenveise berichtete. vor dem römischen Stadtrat protestieren lassen. Gen. Ferrari. der in der Sitzung vom 18. d. M. in der Sache sprach, rief vor allen Dingen den Anwesenden ins Gedächtnis zurück, daß der Bürger- meister gegen die Ermordung F e r r e r s Einspruch erhoben hatte, und daß er darum logischerweise einer Feier fernbleiben mußte, aus der einem Manne gehuldigt wurde, unter dessen Regierung der- artige Ermordungen- gang und gäbe wären. Da es sich aber um einen politischen und nicht um einen administrativen Akt handelte, hätten die Sozialisten nicht im Rathause dagegen protestiert. Die heutige Protest-Stellungnahme der sozialistischen Partei sei durch Nathan selbst provoziert worden, der den Sozialisten vorgeworfen hat, daß sie der Höflichkeit ermangelt hätten, die einem zivilisierten Volke zukommt. Den Sozialisten, die sehr gut wissen, was einem zibilisicrten Volke zukommt, geht jedoch jedes Verständnis ab für die Beweggründe, die den ersten Bürger einer demokratischen Stadt wie Rom veranlaßt haben können, vor einem Herrscher zu schar- Wenzeln, der. jeden Freiheitsgedanken seines Volkes im Keime er- stickt und noch vor kurzer Zeit die Verfassung Finnlands, die er beschworen hatte, verraten hat. Das Schließen von Freundschaften mit Regierungen, die der Achtung nicht wert sind, scheine den Sozialisten eine schlechte Unterstützung der Forderungen der Kultur- weit. Das italienische Volk, das an sich selbst das Elend der Be- drückung erfahren hat, fühlt sich mit den russischen Märtyrern und Kämpfern solidarisch und begleitete nicht den Bürgermeister auf seiner Reise nach Racconigi, um dem russischen Zaren Weihrauch zu streuen. Die Rede des Gen. Ferrari schloß mit den Worten:«Noch einmal und immer, hoch die russischen Märtyrer, hoch die russische Revolution I" Die darauf folgende Erklärung des Bürgermeisters klang recht lakonisch.„Die Ausführungen des Stadtverordneten Ferrari zeigen, daß die Kriterien für äußere Politik sehr verschieden sind, und daß die seiner Parteigenossen wesentlich von denen abweichen, die mir die hier kritisierten Worte eingaben. Es liegt nun einmal in der Natur der Koalition, aus der der Stadtrat hervorgegangen ist, daß «ns die Verwaltungsgrundsätze einigen, während die Politik uns manchmal trennt." Sehr treffend machte hier der Stadtverordnete Gen. DellaSeta folgenden Zwischenruf:„Immer, Herr Bürgermeister." Denn es werden seltene Fälle sein, daß der Würgermeister und die sozialistischen Stadtverordneten in politischen Fragen einer Mpinung sind. Snglanck. Die Zivilliste des englischen Königs. �ondon, 22. Juli.(Unterhaus.) In der heutigen Sitzung wurde über die Resolution betreffend die königliche Zioilliste der- handelt, welche in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der Kom- -Mission die königlichen Bezüge aus 470 000 Pfund Sterling für den König und den königlichen Haushalt festsetzt, ferner auf 10 000 Pfund für jeden Sohn, der das 21. Lebensjahr erreicht hat und nicht verheiratet ist, auf 15 000 Pfund im Fall der Verheiratung und auf 6000 Pfund jährliches Einkommen für jede Tochter. Für den Prinzen von Wales ist keine Apanage ausgelvorfen, weil er die Einkünfte der Herzogtümer Cornwall und Lancaster er- hält. Schatzkanzler Lloyd George, der die Vorlage einbrachte, erklärte, daß soweit der Souverän und sein Haushalt in Betracht komme, die Resolution gegenüber der früheren Zivilliste eine Ver- Minderung der Belastung bedeute, und wies darauf hin, daß der König seither freiwillig die Einkommenstcner bezahlt habe, wäh- rend die Ausgaben für die Staatsbesuche vom Staatssckwtz getragen Wurden; jetzt sei es so arrangiert worden,-daß die Zivilliste künftig die Kosten-der Staatsbesuche zu tragen habe, während die Kin- losMttistKier t&fl ihr vicht wehr erhoben werden soll,> Barnes �Arbeiierflarkei)' Wach sich gegen die Resolutkon aus, weil die Einkünfte der Herzogtümer� von Cornwall und Lancaster Staatseigentum sein sollten und weil der Betrag der Zivilliste unverhältnismässig hoch sei. Ein Antrag Barnes, die königliche Zivilliste von 470 000 Pfund auf 385000 Pfund herabzusetzen, wurde mit 207 gegen 26 Stimmen verworfen. Im weiteten Verlauf der Verhandlungen erhob Keir tzardie heftigen Widerspruch gegen die-Apanagen für die Kinder des Königs mit Ausnahme des Prinzen von Wales und begründete diesen damit, daß diese großen Summen zu einem müßigen und luxuriösen Leben verleiteten, ohne daß von den Prinzen eine Gegenleistung verlangt würde. Lloyd George betonte hierauf nachdrücklich, daß die könig- liche Familie sich bereitwillig dem öffentlichen Dienst zur Ver- fügung stelle. Schließlich wurde die Resolution Wer die Zivilliste mit 107 gegen 10 Stimmen angenommen. Das Unterhaus hat die dritte Lesung der Regentschaftsbill an- genommen. PftcsraAua. Eine Intervention der Bereinigte« Staaten? Londou. 22. Juli.„Morning Post" meldet aus Washington: Nach Berichten aus Blucfields hat Präsident Madriz den kom- mandierenden Offizieren Befehl gegeben, alle Gefangenen, einschließlich der Amerikaner, hinzurichten. Ebenso hat er eine geheime Instruktion zur Hinrichtung Pitmav Tonngs erlassen, eines Amerikaners, der gefangen genommen wurde, während er für die Anhänger Esttadas als Ingenieur tätig war. Sollten diese Befehle ausgeführt werden, so wird die Regierung in Washington unbedingt intervenieren müssen. CKitia. Der rnssisch-japanische Vertrag. Peking, 22. Juli. Die vom Waiwupu dem russischen Geschäfts- träger als Antwort auf den mitgeteilten Text des russisch- japanischen Abkommens überreichte Note hat folgenden Wort- laut: Nach genauer Kenntnisnahme des Vertragstextes ist das uns anvertraute Ministerium fest überzeugt, daß dieses Abkommen Rußland und Japan zu gebührender Achtung der verschiedenen Ver- träge zwischen China und Japan, China und Rußland, Rußland und Japan verpflichtet; folglich erscheint dasselbe als eine neue ernste Bestätigung der von Rußland und Japan durch den Vertrag von 1005 anerkannten Souveränitäisrechte Chinas in der Man- dschurci und des Prinzips der Gleichberechtigung der fremden Mächte und der Unterstützung Chinas bei der Entlvickelung seines Handels und seiner Industrie in der Mandschurei, ebenso auch der Durchführung des Prinzips der offenen Tür in der Mandschurei, das der chinesisch-japanische Vertrag von 1905 vorgesehen hat. Ge- leitet von dein im russisch-japanischen Vertrage aufgestellten Prin- zip hält es China für nötig, für sich das dem chinesisch-japanischen Vertrage zugrunde liegende Prinzip zu verwirklichen und seine ganze Aufmerlsamkeit zu richten aus die Durchführung und Siche- rung seiner Matznahmen in den Grenzen seiner Souveräniiäts- rechte, ans die Gleichberechtigung aller fremden Staaten und die Entwickelung des Handels und der Industrie in der, Mandschurei zum allgemeinen Nutzen. Wir beehren uns zu bitten, das Dar- gelegte zur Kenntnis der russischen Regierung zu bringen» Hu9 der parte!* Zur Frage der Budgetbewilligung nahm am Mittwochabend die Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Vereins in Braun- schweig Stellung. Der Parteiselreiär Genosse Antrick kennzeichuete den badischen Disziplinbruch als revisionistischen Vorstoß. Die Revisionisten schienen damit zu rechnen, daß angesichts der glänzenden Aussichten aus die ReichstagSwahlen die alten Partei- genossen, nm eine Schädigung zu vermeiden, ein Äuge� zu- drücken würden. Diese Revisionisten wurden sich aber getäuicht haben. Wenn dieser Disziplinbruch ohne Gegenmaßregel durchginge, so würden, wir zu denselben Zuständen kommen, wie sie leider in Italien und Frankreich eingerissen seien. Dort hätten unsere Genossen wohl einige glänzende, staatSniännisch begabte Redner in den Parlamenten, aber die große Masse der Arbeiter wäre dort völlig bedeutungS- und einflußlos. Wenn das vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, daß heute in unserer wohldisziplinierten, durch die Hingabe unserer Genossen glänzend dastehenden Partei Land- tagsabgeordnete es wagen würden, hinter dem Sarge eines sozialisten- fresserischen Großherzogs herzugehen, so hätte das niemand für mögsich gehalten. Heute giiigen sogar sozialistische Ab- geordnete als Abgesandte der Fraktion zur GratulattonS- cour zum gnädigen Herrn Großherzog und erhöben sich respektvoll von den Sitzen beim Hoch aus den Monarchen. Das und andere staatsmännisch weise Taten, wie die Bewilligung indirekter Steuern usw., würde die Partei schließlich auf denielben Hund kommen lassen, auf den die Nationalliberalen und Liberalen jetzt ge- kommen sind. Er ersuche die Parteigenossen, energisch dafür einzutreten, daß dein gefährlichen Verhallen der Revisionisten ein Ende gemacht werde, bevor es zu spät.— Genosse Dr. Jasper erklärt es für verfrüht. jetzt schon zu urteilen. Er sei der Meinung, daß nicht der Parteitag die höchste Instanz ist, auch nicht der Parteivorstand, sondern daß die betreffende Instanz dort ist, wo die Verhältnisse genau bekannt sind, und das ist bei der Masse der badischen Parteigenossen. Man müsse bei dem Versuche, das Kapital zu retten, auch dahin sehen, daß die Kritik sich mit dem nötigen Takt bewegt, da man sonst durch scharfes Borgehen und blinden Eifer mebr schaden als nützen könne. Es sei vielleicht möglich, die Sache schiedlich-friedlich zu regeln und man solle die Sache ruhig sein lassen, bis der Landespartcitag in Baden und der Reichsparteitag m Magdeburg geredet haben. Säinlliche weiteren Redner schlössen sich im wesentlichen den AuSfnhrungen Aniricks an. Die Versammlung erklärte sich gegen wenige Stimmen dafür, daß den Delegierten ein gebundenes Mandat erteilt werden solle in der Form, daß die Delegierten sich verpflichten müssen, für H o ch h a l t u n g der P a r t e i t a g s b e s ch l ü s s e und sür Verurteilung der badischen Abgeordneten einzutreten. Badische Organisationen für die Budgetbewilligung. Die„Mannheimer Volksstimme" veröffentlicht folgende Berichte: Heidelberg, 20. Juli. Die heute(Mittwoch) abend im „GewerkschoftShauS" stattgefundene Generalversammlung deS Sozialdemokratischen Vereins nahm unter anderem Stellung zum badischen Parteitag. Landtagsabgeordneter M a i e r besprach die letzten Lorgänge im Landtag. Nach Maier kamen zunächst die G e g n e r der Budgetbewilligung zum Wort. Als solche traten nur zwei G e- nassen auf. Einer von ihnen erkannte die schwierige Stellung der Genossen im Landtag an und hält den Nürnberger Beschlutz nicht gerade für einen glücklichen. Im Interesse der Partei aber hätten die Abgeordneten sich dem Parteitagöbeschluß fügen sollen. Die nachfolgenden Diskussionsredner, sechs an der Zahl, billigten alle das Verhalten der sozialdemokratischen Fraktion. Teilweise stellten sie sich auf den Standpunkt, daß die Budgetfrage eine An- gelegcnheit sei, über die nur die L a n d e S o r g a n i s a t i o n e n szu enrscheiden hätten. Schließlich nahm die gutbesuchte Versammlung mit allen gegen zwei Stimmen nachstehende Reso- lution an: „Die heutige Generalvorsammlung des OrtsvercinS Heidel- berg spricht der Landtagsfraklion für ihre Tätigkeit während der verflosseuen Session Anerkennung und Dank aus. Sie hält die Abstimmung für das Budget angesichts der politischen Situation für«orwendig, um eine konservativ- klerikale Politik in der Zukunft zu berhindem. Sie ist ferner der Ansicht. daß die Budgetbewilligung keine Verschleierung unseres Endzieles bedeutet, sondern als logische Fölge der praktischen Arbeiten in den Landesparlamenten zu betrachten und dementsprechend von Fall zu Fall zu entscheiden ist. Die Versammlung spricht ferner die Hoffnung aus, daß der deutsche Parteitag in Magdeburg jn Erkenntnis der Sachlage die Frage in leidenschaftsloser und objetliver Weise prüft und der Erklärung der 66 aus dem Nürnberger Parteitag Rech-- uung trägt." Lörrach, 19. Juli. Der hiesige Sozialdemokratische Wahl- verein hielt, am Sonnabendabend' seine Mitgliederversammlung ab. Abg. Breiten selb gab einen instruktiven Vortrag über das neue badische Gemeindegcsetz und im Anschluß hieran berührte er die Bewilligung des Staatsbudgets seitens der sozialdemokratischen Fraktion. Jn der Diskussion sprachen sich sämtlich« Redner befriedigt aus über die Zustimmung unserer Veitreter zum Gcmemdegesetz, das ja immerhin, wenn es unseren Wünschen auch nicht ganz entspricht, doch ein beachtenswerter Fortschritt sei. Daß dem Staatsbudget zugestimmt Wörden sei, müsse als logische Folge der Situation aufgefaßt werden,� in der sich die Fraktion befand in den letzten Tagen des Landtages. Lang, Mar- quardr, Roll und Schmidt erklären, daß der sozialdemokratischen LandtagSsraktton für ihre Arbeilcn Anerkennung zu zollen sei. Die Jugendorganisation in Holland. Die sozialistische Jugendorganisation Hollands„De Zaaier" (»Der SäPnann") hielt am Sonntag zu Leiden ihren 5. Kongreß ab. Es ist mit der Organisation gegenwärtig ziemlich schlecht bestellt, und daß es so ist, ist im wesentlichen als eine Folge der Streitigkeiten innerhalb der holländischen Sozialdemokratie anzusehen. Bor der Spaltung der Sozialdemokratie in zwei Parteien zählte die Jugendorganisation 531 Mitglieder, im Jahre 1909 war die Mitgliederzahl zeitweilig auf 190 gesunken, jetzt ist sie allerdings wieder auf 300 angewachsen, aber der Zustand ist derartig, daß man noch lange nicht von einem Aufschwung in der sozialistischen Jugendbewegung reden kann. Dazu kommt; daß„De Zaaier" von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei geradezu be- käinpft wird. Es liegt in dieser Hinsicht ein Beschluß des Partei- Vorstandes vor, durch den die Ortsabteilungen der Partei an- gewiesen werden, keinerlei Verbindung mit den Ortsabteilungen des JugenverbandeL„De Zaaier" zu unterhalten; wo jedoch jenem Verbände nicht angehörende, selbständige Jugendvereine bestehen, einen Vertreter der Parteiabteilung in den Vorstand des Jugendvereins zu delegieren. Diese Anweisung deS Partei- Vorstandes ist offenbar darauf gerichtet, jenen Jugendverband als ein Glied der modernen Arbeiterbewegung unmöglich, zu machen. Der Grund ist vor allein der, daß der Verband sich bei der Spaltung innerhalb der Partei nicht entschieden auf die Seite der sozialdemo- Iratischen Arbeiterpartei stellte, sondern gegenüber der ncugegründeten sozialdemokratischen Partei eine gewisse Neutralität zu wahren suchte. Infolge deS Beschlusses des ParteivorstandeS trennten sich einige Ab- teilungen von dem Jugendverband und einige andere gingen zu- gründe. Ein neuer Jugeudverband im unmittelbaren Anschluß an die sozialdemokratische Arbeiterpartei ist nicht zustande gekommen. Das Verhältnis des JugcndvcrbandeS zu den beiden sozial- demokratischen Parteien kam auf dem Kongreß zur Sprache. ES zeigte sich hier deutlich, daß man allgemein ein friedliches Zu- iammenarbcrten anstrebt. Es wurde eine Resolution angenommen, durch die die Vorstände der Ortsabteilungrn aufgefordert werden, solche Redner, die innerhalb der Jugendorganisation die eine oder die andere sozialdemolratische Partei angreifen, nicht als Referenten heranzuziehen. Eine zweite Resolution, die ebenfalls angenommen wurde, besagt, daß alles getan werden soll, um eine Verbindung mit der sozialdemokratischen Arbeiterpartei herzustellen. In die Redaktion deS Verbandsorgans„De Jonge Garde" wurde einer der bisherigen Redakteure, Wijnkoop(Sozialdemokratische Partei) wiedergewählt, und neugewähli wurde Van Wijhe(Sozialdemokratische Arbetterpartei) an Stelle der Genossin Roland Holst, von der die Mitteilung vorlag, daß sie, wie sie überhaupt von der aktiven Arbeiterbewegung zurücktrete, auf ihren Posten in der Redaktion deS Jugendorgans verzichte.(Uebrigens ist Fraü Roland Holst auch auS der Redaltion der marxistischen Wochenbeilage von„Hct Volk" guS- getreten, das nun von dem-Genossen Wibaut allein redigiert wird.) Als Verbandsvorsitzender wurde Polak jun. gewählt. polirellickes» Ocrtcbtlicheo ulve. Prehprozeß. Vor dem Schöffengericht zu Offenburg in Baden fand am Donnerstag die Beleidigungsklage des Abgeordneten Geck gegen die Redaktionen zweier Zentrumsblätter(..Badischer Beobachter" und„Offenburger Zeitung") statt. Es ist ein Neben» spiel zum berühmten Astlochprozeß und betrifft eine Vernn» glimpfung der Sozialdemokratie durch eine Predigt deS katholischen Pfarrers Kopf zu Ohlsbach bei Gengenbach, die er zur Toten- feicr am Allerseelenjage hielt. Es wurde die Vermutung in der Verhandlung zur Wahrscheinlichkeit, daß die Artikel gegen Geck in der Freiburgcr Oberredaktion deS Zentrumsturmcs geschmiedet wurden. Die Redakteure der Zentrumspresse wurden zu 20 bezw. 10 M. Geldstrafe verurteilt und zu drei Viertel der Kosten. Der Kläger trägt ein Viertel der Kosken(§ 503 der Strafprozeßordnung). Der eine der beklagten Redakteure des„Badischen Beobachter" mutzte f r e i g e s. p r o ch e n werden, da der. g e i st 1 i ch e Redakteur die Verantwortung übernahm zur angeblichen WaljrMg berechtigter Interessen,_ Hus der frauenbewegunef* Zur Krise im Bund für Mutterschutz. Wie schon gemeldet, war die Klage der ehemaligen Vorsitzenden des Bundes für Mutterschutz, Fräulein Dr. Helene S t ö ck e r gegen Frau Adele Schreiber und die Verfasser der Broschüre:„Zur Krise im Bund für Mutterschutz" kostenpflichtig abgewiesen worden, mit der Begründung, daß die Broschüre in rein sachlicher Weise Beanstandungen vorbringe, die durch reichliches A« Weismaterial gestütz! seien. Die Beschwerde, die Fräulein Dr. Stöcker durch Justizrat Sello gegen diesen Beschluß einlegen ließ, ist, wie auS einem dem Vertreter der Beklagten Rechtsanwalt Grünspach heute zugestellten Beschluß hervorgeht, von der neunten Strafkammer des Landgerichts Berlin I gleichfalls auf Kosten des Frl. Dr. Stöcker abgewiesen worden. Der Beschluß des Landgerichts schließt sich in seinen Ausführungen dem Beschlust der ersten Instanz an und weist die Einwendungen der Beschwerde- schrift als belanglos zurück. Eine Stelle der Urteilsbegründung, die sich mit der Presse befaßt, ist von besonderem Interesse. Sie lautet: „Auch daraus, daß nach Behauptung der Pribatklägerin der Inhalt der Broschüre von den Beschuldigten einzelnen Organen der Presse milgeteil! ist, folgt keineswegs die Absicht einer Beleidigung,- denn es ist gerickitsbekannt, daß mit der ganzen Angelegenheit sich die Presse beschäftigt hatte. Wenn demnach die Vertreter der Presse durch die Beschuldigten über den nach ihrer Ansicht wahren Sachverhalt ausgeklärt wurden, damit Unrichtigkeiten nicht in die Welt gesetzt würden,' so handelten die Beschuldiglen auch hier in Wahrnehmung be-- rechtigter Interessen und§ 193 des Strafgesetzbuches steht ihnen' auch insoweit schützend zur Seite." Die Gerichte sind nicht immer so leicht geneigt, beim Gebrauch der Presse den Schutz des§ 193 zuzugestehen. Versammlungen— Veranstaltungen. Wilhelmsruh— Nieder-Schönhausen-West. Am Montag, den 25. Juli. veranstaltet die hiesige Fraucnabteiliing einen Ausflug mit' Kindern nach Tegel. Treffpunkt vormittags V'/z Uhr bei Feind,!! Kopenhagener Str. 71. Abfahrt 8 Uhr 30 Minuten vom Bahn-; Hof Reinickendors-Dvrf. Treffpunkt für Nachzügler in Tegel im' Restaurant Klippenstein am See. Zahlreiche Beteiligung er» warten wir. Die BezirlSleitung.. ©cwerhfcbaftUcbc� Die fortfchrittUcbc Krähe in IbziaUrtirchen federn. Heber die Beendigung der Hagener Aussperrung liest man in der bürgerlichen Presse, daß sich die Fortschrittspartei um den Frieden sehr verdient gemacht habe. Zweimal habe die Fortschrittspartei im Hagener Stadtparlament den Anlaß zu Verhandlungen gegeben. Das erstemal seien die Verhand- lungen ergebnislos verlaufen, das anderemal sei aber der Friede zustande gekommen. Diese Darstellung ist durchaus falsch. Die sozialdemokratischen Stadtverordneten waren es, welche die Einführung von Notstandsarbeiten für die nicht- organisierten Ardeiter verlangten. Und daraufhin nahm die Fortschrittspartei die Gelegenheit wahr und stellte Anträge, Einigungsverhandlungen anzubahnen. Auch der Haus- und Grundbesitzerverein und eine Kommission, die in einer Ver- sammlung in Schwelm gewählt war, stellte Anträge auf Einigungsverhandlungen an die Landräte der in Frage kommenden Kreise und an den Herrn Dr. P u l l e r in Schwelm. Also kann die Fortschrittspartei sich nicht allzu- viel aus ihre Mitwirkung beim Friedensschluß einbilden. Man will durch Ausstreuung derartiger Mitteilungen wohl die Ausführungen des Reichstagsabgeordneten und Oberbürger- meisters C u n o lMitglied der Fortschrittspartei) abschwächen, der beim ersten Vorstoß der Sozialdemokraten im Stadt- Parlament als Anwalt der Unternehmer auftrat. Bemerkt fei noch, daß ein großer Teil der dortigen Unternehmer, die ausgesperrt hatten, der Fortschrittspartei angehören, unter anderem auch der Vorsi�ende dieser Partei: Herr Busch- haus. Daß die Angelegenheit im Stadtparlament ins Rollen gebracht wurde, kann man nur der Sozialdemokratie verdanken_ Berlin und Umgegend. Die Große Berliner Straßenbahn und ihre Angestellten. In einer am Donnerstag vom Transportarbeiterverband ein- berufenen öffentlichen Straßenbahnerversammlung erörterte der Referent O r t m a n n das Verhältnis der Großen Berliner Etraßenbahndirektion zu den Angestellten. Es war ein langes Sündenregister der Direktion, welches er vor dem zahlreich er- schienenen Straßenbahnpersonal entrollte. Er zeigte, wie die Direktion seit dem großen Streik im Jahre 1900 planmäßig gegen die gewerkschaftliche Organisation der Angestellten vorgegangen ist und deren Arbeitsverhältnisse lediglich vom Standpunkt des Ge- schäftSintercsses der Gesellschaft betrachtet und gestaltet hat. In bezug auf die Vorgänge in letzter Zeit erinnerte der Referent daran, daß anläßlich der Zulage von S M. monatlich, welche dem Personal im Herbst vorigen Jahres gewährt wurde, ein großes Jubelgeschrei angestimmt wurde, obgleich diese geringe Zulage, die in gar keinem Verhältnis zu dem Geschäftsgewinn der Gesellschaft steht, durch vermehrte Anspannung der Arbeitskräfte des Pcrso- nals überreich aufgewogen wird. Ist doch die tägliche Touren- zahl der Angestellten durch Einführung der kürzeren Fahrzeiten vermehrt worden, und durch die Anwendung der Stromzeitzähler werden die Fahrer veranlaßt, durch Ersparung von elektrischem Strom der Gesellschaft einen erheblichen Gewinn zuzuwenden. Bei der letzten, vor einigen Wochen abgehaltenen Konferenz der Ver» trauensmänner der Angestellten forderten diese eine Verkürzung deS Hilfsdienstes der Schaffner und Verlängerung der Haltezeit an den Endpunkten der Straßenbahnlinien. Die Direktion hat diese bescheidenen Forderungen rundweg abgelehnt. Den Ange- stellten wurde gesagt, die Haltezeit sei nicht dazu da, daß sie sich ausruhen, sondern sie sollten in dieser Zeit die Wagen für die nächste Tour rangieren und dazu sei die Zeit ausreichend. Im Anschluß an diese Darlegungen warf der Referent die Frage auf, was zu tun sei, um die berechtigten Wünsche und Forderungen der Angestellten durchzuführen. Die Antwort auf diese Frage ging dahin: Solange die Mehrheit des Personals sich der Direktion in jeder Hinsicht gefügig zeigt, solange sie dem direktionsfreund- lichen Verein anhängen, ist an eine nennenswerte Verbesserung der Arbeitsverhältnisse nicht zu denken. Hat doch dieser Verein in den zehn Jahren seines Bestehens nicht vermocht, den berech- tigten Forderungen des Personals Anerkennung zu verschaffen. Nur die gewerkschaftliche Organisation, welche ihren Forderungen Nachdruck verleihen kann und sich nicht lediglich auf das zweifel- hafte Wohlwollen der Direktion verläßt, kann die Interessen der Angestellten mit Erfolg wahrnehmen. Dieser Gedanke wurde auch von den zahlreichen DiskussionS- rednern mit aller Entschiedenheit vertreten. Zwar versuchte ein Mitglied des direktionsfreundlichen Vereins die Meinung zu er- wecken, als ob dieser Verein die Interessen der Angestellten ver- trete, aber seine Ausführungen fanden keinen Glauben. Vielmehr wurde ihm durch die nachfolgenden Redner bewiesen, daß dieser Verein alles andere, mt keine Interessenvertretung der Ange» stellten ist._ Achtung! Täschner, Pvrtefcuiller! In der Taschenfabrik von Wollmar u. Rohde, Prinzenstraße 23, sind wegen erfolgter Abzüge und wegen der Maßregelung unseres Vertrauensmannes Diffe- renzen ausgebrochen. Der Betrieb ist für alle Kollegen unbedingt gesperrt. Die Ortsverwaltung Berlin des Verbandes der Sattler und Portefeuiller. Der Streik der Hafenarbeiter in Spandau ist mit vollem Erfolge für die Streikenden beendet worden. Die Firma K. Thomas hat mit dem Transportarbeiterverband einen Tarifvertrag abgeschlossen, der den Arbeitern erhebliche Vorteile bringt. Die Streikenden nahmen am Freitag, den 22. Juli, nach. mittags, nach achttägigem Streik die Arbeit geschlossen wieder auf. veurlcbes Reich. Der Streik der Kupferschmiede in Magdeburg ist beendet. Durch Verhandlungen mit den einzelnen Arbeitgebern wurde eine durchschnittliche Lohnerhöhung von wöchentlich 1,80 M. und eine bessere Regelung der Montagezufchläge erzielt. Der Abschluß eines Tarifvertrages konnte nicht erzielt werden. Zur Ungesetzlichkeit gezwungen sollen die Arbeiter auf dem Preß- und Walzwerk A,-G. in Düssel- dorf-Reißholz werden. Dort sind in der mechanischen Abteilung Differenzen ausgebrochen, welche eine ganz eigenartige Ursache haben. Es handelt sich um ein Werk, für welches die Bundesrats- Verordnung zum Schutze der Arbeiter der Großeisenindustrie An- Wendung findet. Die Arbeiter müssen deshalb während der zwölf- stündigen Wechselschicht drei Pausen im Gesamtbetrage von zwei Stunden haben. Die Firma verlangt nun von den Arbeitern, daß Sie die Pausen durcharbeiten sollen, ohne dieselben anzuschreiben, ». h. der erzielte Mehrverdienst soll auf die regulären Stunden umgerechnet werden, um die gesetzlichen Bestimmungen zu um- gehen. Die Arbeiter weigern sich selbswerständlich, dieser sonder- baren Zumutung zu Entsprechen, und sollen nun dazu gezwungen werden. Einem Arbeiter hat man bereits gekündigt und weitere Kündigungen in Aussicht gestellt. Die Firma mahregelt also Ar- beiter, die sich weigern, ungesetzliche Dinge zu begehen. Da auch die Akkordpreise außerordentlich gedrückt worden sind, so daß neu anfangende Arbeiter nichts verdienen können und meistens nach wenigen Tagen wieder aufhören, ist von den beteiligten Organi- fativen beschlossen worden, den Betrieb vorläufig zu sperren. Zu- zug von Drehern, Hoblern, Schlossern usw. ist deshalb fernzuhalten. Die Porzellanarbeiter in Schönwald in Oberfranken stehen m einer ernsten Lohnbewegung.___ Zum Kampf tn der BterfNstindustrte Nürnbergs. Wir haben bereits berichtet, daß am 6. Juli sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma Johann F a b e r die Arbeit eingestellt haben und daß daraufhin weitere drei Firmen die Aussperrung an- drohten. Diese ist inzwischen zur Tatsache geworden und sind bei den Firmen Schwanhäuser, Städler und F r o s ch e i s sämtliche organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen ausgesperrt. Die wenigen Nichtorganisierten schlössen sich den Verbandsmit, gliedern an, so daß diese Fabriken vollständig leer sind. Die Färb- macher— ein gesonderter Betrieb der Firma Faber— arbeiteten auf Anweisung des Fabrikarbeiterverbandes zunächst weiter, haben nunmehr aber ebenfalls die Arbeit eingestellt. Insgesamt beträgt die Zahl der Streikenden nunmehr rund 1000 und die der Aus- gesperrten etwa 800. Von diesen 1800 sind ungefähr 1200 Arbeite- rinnen. In den Fabriken sind nur die Vorarbeiter mit dem In- standhalten und Reinigen der Maschinen beschäftigt. Die Firma Faber hat dem größten Teil der Vorarbeiter einen vierzehntägigen Urlaub erteilt, jedoch haben sie ihren genauen Aufenthaltsort an- geben müssen, um gegebenenfalls telcgraphisch zurückgerufen werden zu können. Ein Vertreter deS Magistrats der Stadt Nürnberg ver- suchte, Verhandlungen in die Wege zu leiten; diese scheiterten aber daran, daß die Fabrikanten erklärten, die seitens des Holzarbeiter- Verbandes geforderten Einstellungslöhne nicht zahlen zu können. Diese betragen bekanntlich für Arbeiter über 18 Jahre 20 M., über 16 Jahre 15 und unter 16 Jahren 12 M. pro Woche und für Arbei- terinnen über 18 Jahre 13 Rl.. über 16 Jahre 10 und unter 16 Jahren 8 M. pro Woche; Lohnsätze, die doch wahrhaftig nicht zum Schlemmerleben reichen. Wenn die Fabrikanten sagen sie können diese Löhne nicht zahlen, so sei darauf verwiesen, daß die Firma Faber, die vor einer Reihe von Jahren in eine Aktiengesell- schaft umgewandelt wurde, in den letzten vier Jahren neben horren- den Abschreibungen, glänzenden Direktorengehältern und Tan- tiemen 15 Proz. Dividende verteilt. Sck,wanhäuser scn. hat seinen beiden Söhnen ein Vermögen von 14 Millionen Mark hinterlassen, das durch die Bleistiftfabrikation zusammengewirtschaftet wurde. Die Firma Froscheis wird 8 Millionen schwer geschätzt, während der Grundbesitz der Firma Städler„nur einige" Millionen wert sein soll. Die Bleistiftindustrie nährt also ihren Mann, d. h. den Fabrikanten, der aber die von den Arbeitern verlangten Ein- stellungslöhne nicht zahlen kann, um das Anhäufen weiterer Mil- lionen zu beschleunigen. Dabei spielt sich der Inhaber der Firma Schwanhäuser, ein Dr. phil., sogar als Sozialpolitiker auf, der in der Theorie alle möglichen Probleme löst, auch Mitglied der„Ge- scllschaft für soziale Reform" ist. Hier aber, wo seine sozialpolitische Schwärmerei, in die Praxis umgesetzt, den Unternehmergewinn um ein geringes schmälern würde, sind seine ganzen sozialpolitischen Grundsätze wie weggefegt. Die Wirkungen des Kampfe? machen sich schon jetzt bemerkbar. In den Fabriken Breitenfclder, Wutzel, Krämer und Kurz, die die Forderungen dds Holzarbeiterverbandes anerkannten und die rund 600 Arbeiter beschäftigen, wird mit Hochdruck gearbeitet. In den letzten Tagen wurden eine ganze Anzahl Streikender eingestellt. Es scheint, als wenn diese Firmen erfolgreich bestrebt sind, die Kund- schaft der bestreikten Firmen an sich zu ziehen. Den Arbeitern kann dieses recht sein, denn ob sie bei der einen oder anderen Firma beschäftigt werden, ist ihnen einerlei. Eine weitere Folge des Kampses ist, daß die Firma A. W. F a b e r in Stein bei Nürn- berg in den letzten Tagen in allen Sparten erhebliche Lohnaufbesse- rungen durchführte. Hoffentlich vergessen die dort beschäftigten Arbeiter nicht, daß sie dieses nur dem Eingreifen der Organisation zu verdanken haben, und schließen sich dieser ohne Ausnahme an. Ein� erfreuliche Folgeerscheinung der Bewegung ist aber, daß der Holzarbeiterverband in Nürnberg wieder 200 neue weibliche Mitglieder gewonnen hat und jetzt deren über 2000 zählt. Der Kampf wird von den beteiligten Arbeitern mit aller Ruhe und Entschiedenheit geführt. Besonders die Arbeiterinnen suchen ihre männlichen Kollegen durch ihren Ernst und Eifer in allen zu ver- richtenden Arbeiten, sowohl in der Leitung wie im Außendienst zu übertrumpfen. Von früh bis spät in die Nacht verschen sie ihren Dienst sowohl als Streikposten wie als Kontrolleure, und wehe dem Kollegen, der nachlässig seiner Pflicht nachkommt, er darf seiner Strafpredigt sicher sein, die in dem Falle, weil sie von einer Kol- legin gehalten wird, doppelt nachhaltig wirkt. Die Sache der Arbeiter steht gut; bei solch tapferer Schar muß der Sieg auf feiten der Arbeiter sein. Ein Tarifvertrag im Bäckergewerbe. Nach langwierigen Verhandlungen wurde zwischen dem Deut- schen Bäckerverband(Ortsverwaltung Solingen) und der Freien Bäckerinnung daselbst ein Tarifvertrag abgeschlossen. Das Kost- und Logiswesen bei den Meistern wurde abgeschafft. Der Minimallohn beträgt 25 Mk. Für gesetzliche Wochenfeiertage, an denen nicht gearbeitet wird, darf kein Lohnabzug stattfinden. Bisher bestandene Vergünstigungen oürfen nicht gekürzt werden. Die Arbeitszeit ist eine zwölfttündige, einschließlich der notwendigen Essenspausen. Ueberstunden werden mit 50 Pf. pro Stunde vergütet. Durchaus notwendige Arbeiten an Sonn- und Festtagen werden mit dem Ueberstundenlohnsatz bezahlt. Von dem von den vertragschließenden Parteien zu errichtenden Arbeitsnachweis sind die Gehilfen ohne Rücksicht auf ihre gewerkschaftliche oder politische Zugehörigkeit der Reihenfolge nach in Arbeit zu schicken. Der Tarif gilt bis zum 1. Mai 1912. Erfolgt zwei Monate vor Ab- lauf desselben keine Kündigung, so besteht derselbe ein Jahr weiter. Aus dem Vertrag entstehende Streitigkeiten sind dem Tarifamt zu unterbreiten. Beide Parteien verpflichten sich, dafür einzu- treten, daß diese Vereinbarungen zur Durchführung gelangen. Der Tarif tritt sofort in Kraft und wird auch in jedem Betrieb an sichtbarer Stelle ausgehängt.— Auch bei diesem Tarifabschluß versuchte die Streikbrecherorganisation der Gelben das Zustandekommen eines Tarifs zu verhindern. Schon vor der Tarifkündi- gung wuvde der Innung von den Gelben eine schwarze Liste ein- gereicht, auf der diejenigen Bäckermeister verzeichnet waren, bei denen Mitglieder des Verbandes beschäftigt waren. Die Liste hatte aber den gegenteiligen Erfolg als den, welchen sich die Gelben da- von versprachen. Außerdem hatten die Gelben einen besonderen Tarif eingereicht, in dem noch weniger Lohn verlangt wurde, als bisher schon bezahlt wurde! Ferner er- klärten sie sich bereit, im Falle es zu einem Kampf kommen sollte, Streikbrecherdienste zu verrichten und für die genügende Anzahl Streikbrecher sorgen zu wollen. Alle ihre Liebesmühe und Ver- räterstreiche waren aber umsonst. Die Solinger Bäckermeister in ihrer Mehrzahl waren vernünftig genug, lieber mit ihren einge- arbeiteten Gehilfen einen Tarifvertrag zu schließen, als zweifel- hafte Elemente ins Haus zu bekommen und sich boykottieren zu lassen. Eluslanck. Bon der Tribüne auf die Bühne! Das„Journal" schreibt, der bekannte Streikführer Pataud habe mit einem Impresario, der in Frankreicht Belgien und der Schweiz das Stück„La.Barricade" von Bourget aufführen wolle, einen Vertrag abgeschlossen, der ihn verpflichte, vor jeder Vor- stellung einen Vortrag über Syndikalismus und Ausstandsbewegung zu halten._ Ministerkonferenz über den drohenden Eisenbahner- ausstand. Paris, 22. Juli. Der Kabinettschef Briand empfing gestern nachmittag den Justizminister Barthou, den Polizeipräfekten Lepine und den Arbeitsminister Viviani. Nach dieser Konferenz hatte er eine Unterredung mit dem Chefingenieur der Nordbahnen Sastiaux, dem Direktor der Eisenbahngescllschaft Paris— Lyon— Mittelmeer, Maris, sowie später mit dem Nnterrichtsminister Doumergue, welcher augenblicklich als interimistischer Minister für öffentliche Bauten fungiert. Alle diese Unterredungen bc- trafen den drohenden Eisenbahnerausstand.„Matin" berichtet, daß auf Grund dieser Besprechungen der Kabinettschef Briand alle Maßregeln getroffen habe, bezüglich der Eventualität eines allgemeinen Eisenbahnerausstandes. Die Konferenzen erstreckten sich namentlich auf den Punkt der Behebung eines plötzlich ein- tretenden Vcrkehrsstillstandes. Bekanntlich wurde von den Eisen- bohnern ein allgemeines Aufhören mitten in der Arbeit auf freier Strecke zur ganz bestimmten Zeit beschlossen. Paris, 22. Juli. Die Angestellten der„Metro", der Pariser Untergrundbahn, haben sich den Reihen der Unzufriedenen ange- schlössen; sie agitieren gleichfalls für den Generalstreik und werden bei dessen Eröffnung 12 000 Mann stark die Arbeit niederlegen. In einer von der C. T. G. einberufenen Massenversammlung wurde der 14. August als der geeignetste Tag für die Eröffnung des Generalstreiks bezeichnet. Beim Verlassen der Versammlung durchzogen deren Teilnehmer, die Internationale singend, die Straßen. Die Führer der Bewegung sind noch ungewiß, ob sie die Verantwortung des großen Verkehrsausstandes auf sich nehmen können. Denn sobald die Regierung, wie ja aus ihren Maß- nahmen hervorgeht, die Aufrcchterhaltung des Bahnvcrkehrs durch Militär durchsetzt, muß es zu blutigen Zusammenstößen und damit zu Kämpfen zwischen französischen Bürgern kommen. Derartige Folgen fürchtet aber ein Teil der Eisenbahner. Trohender Bergarbciterstrcik in Frankreich. „Journal" berichtet aus St. Etienne: In den Beratungen des Verbandskomitees der Grubenarbeiter des Loirebeckens, welche erst gestern abend nach mehrstündiger Sitzung, die äußerst erregte De- batten gebrackit hatte, gegen 5412 Uhr endigte, erklärte der Sekretär, ! daß das Verbandskomitee seitens der verschiedenen Syndikate für seine Absichten und Pläne die volle Zustimmung erhalten habe. Er fügte hinzu: Wir haben alle Maßregeln getroffen, damit der Ausstaist» der Grubenarbeiter bereits nächsten Montag beginnen kann. Die Beendigung des englischen Eisenbahnerstreiks ist nach Mitteilungen bürgerlicher Depeschenbureaus auf die Er» klärung des Sekretärs William des Generalsyndikats der Eisenbahnangestellten zurückzuführen, daß das Syndikat nicht in der Lage sei, die Streikenden weiter zu unterstützen. Sofort bildete sich ein Komitee. Drei Mann, an der Spitze William, begaben sich nach dein Bureau der Eisenbahngesellschaft und nahinen namens der Streikenden die von de r Direltion der Gesellschaft ge st eilten Bedingungen an. Notwehr gegen die gelbe Gefahr. Barcelona, 22. Juli. Die Fördermannschaft der Kohlenberg» werke droht am 26. Juli in den Ausstand zu treten. Die Arbeiter fordern die Erlaubnis, eine eigene Gewerkschaft bilden zu dürfen, ohne wie bisher vor ihrem Eintritt in ein Unternehmen einem unter Leitung der Arbeitgeber stehenden Verbände beitreten zu müssen. Der Abgeordnete Munoz hat mit Einwilligung der Unter- nehmer Einigungsversuche eingeleitet. Er hofft, diese noch vor dem Ausbruch des Streikes zum glücklichen Ende führen ziz können._. Einigungsversuche im amerikanischen Bahnerstreik. Der kanadische Arbeitsminister King bemüht sich um die Bei« legung des Streikes auf der Grand Trunk Railway. Er hat mit deren Präsidenten HayneS sowie mit den Arbeitervertretern längere Unterredungen gehabt und beiden vorgeschlagen, die Streit- fragen einem Schiedsgerichte vorzulegen. Hahnes hat sich zur An- erkennubg eines Schiedsgerichtes bereiterklärt, wenn er auch bis zur endgültigen Zusage eine-24stündige Bedenkzeit gefordert hat. Die Ausständigen sind bereit, sich dem Schiedsspruch einev Kommission zu fügen. Ueber deren Zusammensetzung ist man sich jedoch noch nicht einig. Die Streikenden verlangen, daß da? Schiedsgericht aus denselben Männern bestehe, die während de» letzten Zeit in 14 großen Bahnstreiks der Union vermittelt haben. Präsident Hahnes von der Bahngesellschaft verlangt dagegen, daß das Schiedsgericht ausschließlich aus Kanadiern, die von der Regie- rung ernannt werden sollen, besteht. Der Arbeitsminister, der die EinigungAzerhandlungen eingeleitet hat, hofft, in kürzester Zeit ein beiden Parteien genehmes Schiedsgericht einsetzen zu können. Ottawa, 22. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfährt, ist eZ zwischen der Canadian-Pacific-Eisenbahn und ihren Angestellten zu einer vollständigen Einigung gekommen. Die Eisenbahnangestellten haben, wie verlautet. 90 Proz. ihrer Forderungen zugebilligt erhalten.'_ Soziales* Der Krawattenakademie-Direktor Steinberg beschasiiZIe dieser Tage wieder einmal das Gewerbegcricht. Ein Fräulein B. klagte auf Herauszahlung des Lehrgeldes von 20 Mark. Fräulein B. war auf ein Inserat hin zu Stein- berg gegangen, weil sie den im Prospekt gemachten Angaben auf spätere Beschäftigung glaubte. Ihr wurde als Quittung fktr die bezahlten 20 Mark ein zusammengefalteter Schein ausgehändigt. den sich das Fräulein erst später ansah. Auf diesem Schein steht nichts von späterer Beschäftigung. Das im Prospekt gemachte Ber- sprechen soll wohl damit aufgehoben werden. Der Beklagte wandte ein, daß er in Wirklichkeit nicht A. und G. Steinberg sei, obwohl er Mitinhaber der Firma wäre. Außerdem aber bestritt er die Zuständigkeit des Gerichts, weil die Firma Steinberg ein Lehr- institut und kein Gewerbebetrieb sei. Er verwies auch daraus, daß er wiederholt von Gerichten freigesprochen worden sei. Die Einwände Steinbergs wurden vom Gewerbegericht unter Vorsitz des Magiftratsrats Dr. Leo(II. Kam- mer) als unbegründet erachtet, nachdem die Klägerin in der Ver- Handlung die Klage sofort als gegen A. Steinberg gerichtet be- zeichnet hatte. Das Gericht erklärte sich auch für zuständig. Es handele sich in der Tat um einen Gewerbebetrieb im Sinne der Gewerbeordnung. Die Klage selbst wurde als gerechtfertigt er- achtet und Steinberg zur Zurückzahlung des Lehr- geldes an Fräulein B. verurteilt. Damit hat sich das Gcwerbegericht auf den von uns ständig vertretenen Stand- punkt gestellt im Gegensatz zu früheren Entscheidungen. Hoffentlich hält das Gewcrbcgericht diesen dem Gesetz entsprechenden Stand- punkt aufrecht._ Letzte JNacbricbten und Depercben. Der Generalstreik proklamiert. Rom, 22. Juli.(Privatdcpesche des„Vorwärts".) Die Arbeiterkcimmer in I m o l a proklamierte heute den General- streik als Protest Aegen das parteiische Verhalten der Polizei, die die Einführung der Streikbrechermaschine in I m o l a trotz des lebhaften Widerstandes der Arbeiterpartei ermöglichte. Die Situation ist äußerst gespannt. Die Cholera in Rustland. Petersburg, 22. Juli.(W. T. B.) In den letzten 2'i Stunden sind 45 Personen an Cholera erkrankt und zwölf gestorben. Tie Zahl der Erkrankten beträgt 151. Die Gouvernements Rjäsan, Nishnijnowgorod, Ka- san, Simbirsk, Samara, Saratow und Stawropol sind für choleragefährlich erklärt worden. Verheerende Waldbrände. WInnipeg, 22. Juli.(W. T. B.) Im nördlichen Ontarko in Britisch-Kolumbia wüten heftige Waldbrände und richten großen Schaden an. Tausende bekämpfen die Feuersbrunst, um ihre Häuser und dw Städte zu retten. Die im Westen herrschende Trockenheit erhöht den Ernst der Lage. verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.l Uh. Glocke, Berlin. Druck m Verlag: Vorwärts Buchdk. u. Verlagsanftalt Daul Singer Lc Co., Berlin LW. Hierzu Z Beilagen».Uaterhaltunalbl, Dr. 170. 27. IahrgW. L KnlU des Jorantlü" Sttliiitr WKsM Smmdtüd� 23.|«li 1910. Sind wir todfeinde der bürgerlichen Gelellkhaft? Von Ed. Bernstein. Der Satz tzes„Vorwärts", dast die Sozialdemokraten ihre polt, tische Haltung von dem Gedanken leiten lasten müssen, daß sie »Todfeinde der bürgerlichen Gesellschaft" seien, ist von den Tod' feinden einer demokratisch gerichteten Reformpolitik mit Eifer aus gegriffen worden, um den Widersinn einer solchen Politik zu be- weisen. Es scheint daher angezeigt, ihn etwas näher zu prüfen. Was heißt„Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft". waS kann tS im Munde eines Sozialdemokraten heißen? Der Begriff bürgerliche Gesellschaft ist, wie der Begriff bürgerlich, vieldeutig, verschwommen. Bürgerlich stammt vom Wort burgher ab, das den Bewohner der Burg und späteren St«dt bezeichnet. Politisch steht es zunächst für den Ja Haber des Burg- oder Stadtrechts und wird damit von der Zeit ab, wo die Städte neben einer in diesem Recht befindlichen, noch «ine mehr oder weniger nur geduldete Einwohnerschaft haben, Be. Zeichnung einer privilegierten Klasse. Diesen Sinn hat es nament. lich in seiner französischen Form„bourgeois", die noch stärker als das deutsche Wort Bürger an den althochdeutschen Ursprung burghsri erinnert. Aber über der Stadt erhebt sich der Staat, und in dem Maße, wie er aufhört, feudalständische Herrschaft zu sein, entwickelt sich in seinem Schöße ein anderes Recht, das Staatsbürgerrecht, dessen Inhaber in Frankreich zum Unterschied vom dourxeois mit dem Wort citaxen bezeichnet wird, entsprechend dem„citteäino" der italienischen Städtestaaten des Mittelalters. Längere Zeit beschränkt das Staatsbürgerrecht die Privilegien der Inhaber des Stadtbürgerrechts nur insofern, daß es auch diese Bürger zu direkten Untertanen des Staates macht, läßt sie aber ihre Vorrechte sonst fast unangetastet. ES kommt jedoch die große französische Revolution, proklamiert als politischen Rechtsgrundsatz die„Gleichheit aller vor dem Gesetz", und der«Citoyen" wird nun prinzipiell den anderen Citoyens gegenüber ein gleicher, dem Staat gegenüber ein Nicht. privilegierter. Die Revolutionäre reden sich mit C i to y e n an. Die Staatsauffassung der französischen Revolution hat stch euch in Deutschland mit Ach und Krach Bahn gebrochen. Auch unsere Verfassungen statuieren die„Gleichheit aller vor dem Ge- setz", erklären grundsätzlich, daß.Standesvorrechte nicht statt- finden".(In Preußen Artikel 2 der Verfassung.) Aber die deutsche Sprache, zu deren unleugbaren Vorzügen Schärfe der Unterschei. dung nicht gehört, die vielmehr gern, mit gemütlichen Dämmerungs- begriffen hantiert, hat kein eigenes Wort für den Citoyen gebildet, sondern behilft sich, wo der Unterschied von Privilegieninhabern zum Ausdruck gebracht werden soll, mit dem zusammengesetzten Wort Staatsbürger, das jedoch nicht in den alltäglichen Ge. brauch eingegangen ist. Für gewöhnlich braucht der Deutsche das Wort„Bürger" und seine Ableitung„bürgerlich" in der der- fchiedenartigsten Anwendung: als Bezeichnung für das Mitglied einer bestimmten, nach oben wie unten begrenzten Gesellschafts- klasse; als Bezeichnung für den Städtebewohner zum Unterschied vom dörflichen Landbebaucr, als Bezeichnung für den nicht im Heer dienenden Staatsangehörigen, und schließlich auch für den nicht privilegierten Staatsangehörigen schlechthin. Daß dieser vieldeutige Gebrauch zur Quelle aller möglichen Mißdeutungen, Unbestimmt- itzeiten und Mißverständnisse werden mußte, liegt auf der Hand. Am klassischsten zeigt sich dies gerade an der Geschichte des Wortes„bürgerliche Gesellschaft". Dies Wort deckt zwei ganz ver- fchiedene Dinge. Es ist der Ausdruck für den Allgemein. begriff einer geordneten Gesellschaft, die nicht mehr die feudale Gesellschaft ist. wo also das Wort bürgerlich mit »zivil" übereinstimmt, und es ist die buchstabengemäße Uebersctzung des Spezialbegriffs einer Gefellschaftsordnung, die den Auffassungen und Klassenansprüchen der besonderen Gesellschafts- klaffe der besitzenden Bürger, der„Bourgeois" ent- spricht. Diese Form nahm der Staat am Tage nach der franzost schen Revolution an. Er hielt nur die Gleichheit vor dem Gesetz fest, die Rechte a m Staat blieben oder wurden ungleich verteilt. Nur daß nicht die Geburt schlechthin für die Verteilung maßgebend wurde, sondern wirtschaftliche Momente nunmehr das Mittel der Konstituierung staatlicher Ungleichheiten abgaben. Die politischen Rechte verteilten sie nach der direkten Steuerlei st ung, nach Besitznachweisen und dergleichen, in grundsätzlicher, mehr oder weniger genauer Uebereinstimmung mit der unmittelbar aus den Besitzunterschiedcn sich ergebenden rein gesellschaft lichen Machtverteilung. Es entstand die Bourgeois gesellschaft. Der Staat wurde das Herrschaftsmittel des be- sitzenden Bürgertums, der Bourgeoisie. Diese Klasse hielt die Ge- setzgebung in Händen und patzte sie ihren Bedürfnissen an. Den so geschaffenen Zustand der Dinge nun hatte der auf kommende neuzeitliche Sozialismus im Auge, als er den Kampf gegen die neue Gesellschaftsordnung eröffnete, und sobald er sich von der Utopie emanzipiert hat, findet er auch den genauen Begriff für das Objekt seiner Angriffe: er will die„Locietä bourgeoise", „l'ordre bourgeois"— die Bourgeoisgesellschaft, die Bourgeois- ordnung— abschaffen. Es ist das zweifelhafte Verdienst Lorenz Stein's, sehr viel dazu beigetragen zu haben, daß sich dafür in der Literatur des deutschen Sozialismus der zweideutige Begriff„Be' kämpfung der bürgerlichen Gesellschaft" eingebürgert hat. Außer bei Fourier, der unter dem Kaiserreich und der Restauration schrieb, wo die Verhältnisse sich noch nicht geflärt hatten, und dem seine Phantasiegemeinschaften(Phalansterien) vorschwebten, findet man bei keinem französischen Sozialisten den Widersinn einer Kriegserklärung gegen die„societe civil". Auch das„Kommu- nistische Manifest" braucht für die Kennzeichnung der dem Prole. tariat gegenübergestellten Klasse wohlweislich die Worte Bourgeois und Bourgeoisie. Ebenso sucht Lassalle im„Arbeiterprogramm streng die Begriffe„Bourgeois" und„Bürger" auseinanderzuhalten und geht darin sogar so weit, den Begriff Bourgeois ausschließ lich auf denjenigen Besitzenden zu beziehen, der auf Grund seines Besitzes staatliche Vorrechte beansprucht, und„Bürger" lediglich für den Begriff des Staatsbürgers gelten zu lassen.„Bürger", sagt er wörtlich,„sind wir alle". Erst später führt die im allgemeinen lobenswerte Abneigung gegen Fremdworte dazu, daß die Worte „Mrgcr",„bürgerlich" auch in der Sozialdemokratie Unterschieds- los bald in dem einen und bald in dem anderen Sinne gebraucht werden. Meistens hat das nun nicht allzuviel auf sich, weil der Zu- sammenhang in der Regel schon erkennen läßt, in welchem Sinne die Worte genommen werden sollen. Wird aber ein diese Frage betreffender Satz außerhalb jedes erklärenden Zusammenhanges als Schlagwort in die Debatte geworfen, so ist eine genaue Begriffsbestimmung unerläßlich. ES liegt auf der Hand, daß ein Sozialist sich nicht schlechthin als Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft im Sinne von sociöte civile— gesetzlich geordnetes Gemeinwesen— bezeichnen kann. Die? tun hieße auf die Utopie zurückgehen. Wir können die Idee fassen, daß die gesellschaftliche EntWickelung schließlich einmal zu einem Zustand führen mag, der in der Tat nichts mehr von Rege. lung durch Gesetze an sich hat, und einen solchen Zustand uns als Ideal ausmalen. Aber auf bloße Denkbarkeiten gründet sich für eine Partei, die der sozialen EntwickelungSthcorie huldigt, keine Todfeindschaft". Ihre Gegnerschaft kann sich nur auf eine be- st i m m t e Ordnung der Dinge, nicht gegen jede gesetzliche Ordnung beziehen. Soll der Satz also weiter nichts ausdrücken, als„Tod- feindschaft" gegen die Ordnung der Gesellschaft im Bourgeoissinne, d. h. gegen ungleiche staatsbürgerliche Rechte und die kapitalistische Produktionsordnung mit der Unterordnung der Arbeit unter den Besitz, so spricht man etwas aus, WaS jeder Sozialist unterschreibt, kleines feuilleton. WaS Wftd aus Abdul Hamids Odalisken? In einer seiner jüngsten Sitzungen hat sich das türkische Parlament mit dem Schick' sal der Frauen beschäftigt, die einst den Harem des entthronten Sultans Abdul Hamid bildeten. Man hatte ursprünglich angenommen, daß die Zahl der kaiserlichen Haremsfrauen 200 nicht überschritten habe: nun hat der Finanzminister den Volksvertretern ein gonaucS Verzeichnis vorgelegt, nach dem die Zahl der Haremsbewohnerinnen mit ihren Dienerinnen und Kindern die stattliche Höhe von nicht weniger als 740 erreicht. Der„Stambul" berichtet, daß allen diesen Frauen und Kindern Ansprüche gegen den Sultan zustehen, die sich auf rund 184000 türkische Pfund, also weit über drei Millionen Mark belaufen. Bei den» jetzigen Stand der türkischen Finanzen schlug der Minister vor, diese Summe nicht auszuzahlen, sondern in zehn- jährige Renten von 100—100 Piaster im Monat umzuwandeln. � ES gab eine erregte Debatte, einige Abgeordnete forderten, man solle die Exfrauen deS SultanS verheiraten, statt sie zu bezahlen. Der Finanzminister wieS darauf hin, daß die erdrückende Mehrzahl dieser Frauen weder Verwandte noch ein Heim besäßen, aber viele Abgeordnete wollte» von dieser Pensionierung nichts wissen und verlangten. man solle die Frauen und Kinder den Eltern und Verwandten zurückgeben, die seinerzeit vom Sultan reiche Abfindungen erhielten und sicherlich leicht ausfindig gemacht werden könnten. Schließlich wurde die Regierungsvorlage angenommen, nach der der türkische Staat zehn Jahre lang jährlich rund 240 000 M. für die einstigen Odalisken Abdul Hamids bezahlt. Aber trotzdem sind die Pensionen sehr knapp bemessen, denn für eine gewesene Gemahlin des Beherrschers der Gläubigen ist eine Monats- rente von 20, 40 60 und in besonderen Fällen 100 M. gerade keine fürstliche Abfindung. Schiffe aus Eisenbeten, die sich in Italien schon seit mehreren Jahren recht gut bewährt haben, kommen neuerdings nach dem „Prometheus" auch in anderen Ländern in Aufnahme. So hat kürzlich eine Pommersche Zementfabrik einen 10 Meter langen und 4 Meter breiten Prahm aus Eisenbeton zu Wasser gelassen, der zum Transport von Schlamm. Erde usw. bei Baggerarbeiren Verwendung finden soll. Das 17 Tonnen schwere Fahrzeug befitzt eine Tragkraft von 22,6 Tonnen und hat im un- beladenen Zustande einen Tiefgang von 50 Zentimeter, während feine Seitenhöhe 1,33 Meter beträgt. Der ganze Prahm enthält 4 getrennte Räume, von denen die beiden mittleren, größeren oben offen find und als Laderäume dienen, während die beiden kleineren, an den Schiffsendcn liegenden Räume völlig ge- schloffen und als Luftkammern ausgebildet find. Die Wandstärke des Schiffskörpers beträgt nur 7 bis 8 Zentimeter, die Ouer- lind LängSrippen haben einen Querschnitt von 12 zu 26 Zentimeter.— Auf dem Main fahren seit einigen Monaten auch zwei KieStranS- Portkähne aus Eisenbeton von etwa 40 Meter Länge, die von einer süddeutschen Eisenbetonfirma erbaut sind, und demnächst sollen auch beim Bau des Panamakanals Eisenbetonprähme Verwendung finden, auf denen Baggermaschinen aufgestellt werden sollen. Mufik. Die Pragär AuSsprachä ist berühmt— wenigstens im Süden so berühmt, wie die Hännoveräner im Norden. Wir lernen sie jetzt kennen durch ein Ensemble-Gastspiel von Mitgliedern des Deut- schen LandeS-TheaterS in Prag, das sich in die Gott- scheid-Oper sSchiller-Theater 0.) einschaltet. Die Künstler fingen und sprechen im ganzen recht gut, kommen aber samt ihrer Regie nicht über alte Opernweise hinaus. Noch dazu war das Stück, bei dem wir eine Stichprobe machten, die richtige„Oper"; allerdings nicht schlecht und recht Bühiiensingsang, sondern eins von den Stücken G. Verdis, die auf seinem Wege vom Leicrgesang zum Tondrama liegen. Mit einem auf den unseligen Pariser Theater- autor A. E. Scribe zurückgehenden Text, der zwischen Wonne und Rache zickt und zackt, hat Verdi im„Maskenball" musikalische Plattheiten und Schönheiten entfaltet, die zusammen doch etwas Großes und sogar echt Empfundenes geben. Wiederum stellt sich hier unser Wunsch ein, daß doch solche Stücke einmal von den eingewöhnten Manieren befteit und genau nach der Vorlage des Komponisten so aufgeführt würden, wie dies mittels der heutigen Erfahrungen möglich ist— nicht mit.Feldtelegraphen', die vor'S Publikum hingestellt werden, und dergleichen. Indes: Sommeroper I Man läßt sich auch die Reklame gefallen, die mit dem Tenor A. P i c c a v e r gemacht wird: er hat zwar nicht den vornehmsten, aber einen vollen Ton. Man erträgt die schrillen hohen Fortetöne von Helene Forti, die sonst gut.hochdramatisch' singt. Man findet allmählich auch bei den übrigen Künstlern Gutes heraus: die Wärme des BarytonS H. Kant, die Beweglichkeit der Sopranistin L. Perrot, den sonoren Klang der Mezzosopranistin I. Neustadt und endlich die jedenfalls nicht kleinliche Dirigenten- leistung von I. T r u m nr e r. bz. Humor und Satire. Die Schutzhaft. Eine Strafanzeige wegen Freihelisberaubung ufw. gegen die Polizeler Stephan und Ailrogge, die bei der Ferrcrdemonstration unschuldige Per. fönen halten verhasten lassen, wurde von der StaatSanwaltschast ab- gewiesen, weil die Verhaftung lediglich zur Sicherheit der Verhafteten � der ernst genommen sein will. Diese Gegnerschaft ist für dert Sozialisten selbsttierständlich. Warum aber dann nicht lieber einen Ausdruck wählen, der das auch ganz unzweideutig erkennen läßt? Freilich„bourgeoise Gesellschaft" würde abscheulich geschmack- los lauten, und„Gesellschaftsordnung der Bourgeoisie" ist auch eine unschöne Wortbildung und außerdem auch zu verklausuliert. Es fehlt indes nicht an einem guten deutschen Ausdruck, der das um» schließt, waS das französische Wort societe bourgeoise bezeichnet» es sogar sozialpolitisch schärfer bestimmt. Man gehe von der Kategorie des ökonomischen Werkzeugs der Bourgeoisherrschast au? und sage einfach: kapitalistische Gefells chaftSord- n u n g. Dies Wort versteht heute alle Welt; was Gegnerschaft gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung bedeutet, begreift jeder einigermaßen politisch bolvanderte Mensch, mit dem Hinweis auf diesen Kampf läßt sich keine Umneblung der Gehirne mehr voll- ziehen. Wohl aber leiht sich das Wort„Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft" dazu, denn das große Publikum versteht unter bürger- licher Gesellschaft lediglich die gesetzlich geordnete Gesellschaft inr weiteren Sinne, und man kann ihm das nicht einmal streitig machen. Wir sind keine Anarchisten, die jede staatliche Ordnung verwerfen, die von keinem Gesetz wissen wollen, und noch weniger hat unser Kampf mit der Gegnerschaft der Verbrecher von Beruf gegen das Gesetz zu tun. Die Sozialdemokratie tut sich selbst Un- recht, wenn sie ihre Kampfstellung gegen eine bestimmte Staats- und Wirtschaftsordnung mit einem Ausdruck kennzeichnet, aus dem Unwissenheit alles mögliche herauslesen, böser Wille alles mögliche herausdeuten kann. » Anmerkung der Redaktion. Man muß sicher Genossen Bernstein dankbar sein, daß er sich zu dieser minutiösen Aus- einandersetzung entschlossen hat, die auch böswilligen Aus- lcgern den Sinn unserer Worte zu entstellen erschwert. Wir waren allerdings der Meinung, daß das Wort„bürgerliche Gesellschaft" in diesem Zusammenhang nur als gleichbedeutend mit„bourgeoiser Gesellschaft" verstanden werden kann, einer Gesellschaft, in der die Bourgeoise ihre Klassenherrschaft aus» übt; uns schien das Wort„bürgerliche Gesellschaft" mehr die politische Seite zu betonen, während der Ausdruck„kapitali- stische Gesellschaft" nur den rein ökonomischen Charakter aus- drückt. Genosse O u e s s e l übrigens, den diese Worte so sehr aufgeregt haben, wird jetzt vielleicht einsehen, daß diese Auf» regung nur einem Mißverständnis entsprungen war, das man nicht nur bei einem Sozialisten für ausgeschlossen halten sollte. Vierzehilte ordentliche Geueraloersammlung des Deutsche» Tadaliarbeiterverbandes. Braunschweig, Lt. Juli. vierker Verhandlungstag. V Die Verhandlungen begannen mit einem eineinhalbstündigen, groß angelegten Referat deS Reichstagsabgeordneten Geher über die ReichSversicherungSirbnung. Redner legt die bekannte Resolution vor, die auch seinerzeit in den acht Berliner Versammlungen Annahme fand. Er schloß sein Referat: Wenn diese Reichsversicherungsordnung nicht zustande kommt, haben die Arbeiter nichts verloren dabei. Die Ausführungen des Referenten wurden mit lebhaftem Beifall entgegengenommen, die Resolution einstimmig angc- nommen. Auf Anregung Hübsch(Generalkommission) trat der Kon-i greß auch einstimmig dem Beschluß des außerordentlichen Gewerkschaftskongresses bei, wonach, wenn die Halbierung der Kran- kenkassenbeiträge Gesetz wird, die Gewerkschaftsmitglieder den Be- trag der ersparten Beiträge zur Erhöhung der GewerkschaftSbei- träge für die Führung des gewerkschaftlichen Kampfes opfern. Danach hielt Verbandssekretär Eberle ein kurzes Referat über den zu Kopenhagen stattfindenden internationalen erfolgt sei. Wie fürsorglich die Polizei Besorgt um unser„Leib und Leben', Und wie sie rücksichtsvoll dabei, Hat eben ein Descheid ergeben. Nimmt etwas unsanft sie in Hast Spaziergänger, die nichts verbrochen, Wird doch sie laut Gesetzeskraft Der Strafverfolgung losgesprochen. Freiheitsberaubung war es nicht; Noch weniger war es Beleidigung: Nur Christen, und Bcamtenpflicht War dies— behauptet die Verteid'gung. Zu der Sistierten eignem Heil Hat man sich ihrer angenommen; Nur Schutzhaft war dies, alldieweil Sie sonst zuschaden tonnten kommen. Wenn man's nicht definieren kann— So hat der Staatsanwalt entschieden—» So sieht man es als Schntzbaft an... Hoch die Gerechtigkeit hienieoen l _ N. Oergler. Notizen. « Theaterchronik. Die diesjährigen Festspiele de? Deutschen Theaters zu Berlin im Münchener Künstler- theater werden vom 1. August bis Ende September dauern. Von den Darbietungen nimmt die geplante Aufführung des zweiten Teiles von Goethes„Faust' besonderes Jntereffe in Anspruch. Außer Wiederholungen sollen„Julius Cäsar".„Der Widerspenstigen Zähmung" und die Orestie des AeschyloS in neuer Inszenierung zur Darstellung kommen. — Wissenschaftliche Auszeichnung. Die Universität von E d i n b u r g hat dem Direktor der chirurgischen UniversitätS- klinik zu Berlin, Professor August Bier, den Camcronpreis zuer- kannt, der ausgesetzt war für den Wohltäter der Menschheit, der innerhalb der letzten fünf Jahre auf dem Gebiete der Heilkunde be- sonders wichtige Fortschritte erzielen würde. Prof. Bier hat bekannt- lich eine neue Methode erfunden zur Erzeugung örtlicher Gefühl- losigkeit, wodurch schwere Operationen ermöglicht werden, ohne Anwendung der Narkose. — LiliencronS Popularität. Anläßlich der Ent- hüllung des Grabdenkmals für Liliencron, die am Freitag in Alt- rahlstedt stattfand, wird eine Statistik über die Verbreitung seiner Werke interessieren. Besonders des Dichters LicblingSwerk, sein kunterbnnteS EpoS„Poggfted", hat im letzten Jahre den Verehrerkreis so erweitert, daß es die fünf anderen Bände seiner Verse bereits überholt hat. Die elfte Auslage steht bevor. Auch die beiden(schwächeren) Nachlaßbäude: „Letzte Ernte' und„Gute Nacht", haben hohe Auflageziffern erreicht. JndeS alle seine Bücher stehen den.Kriegsnovellen" an Popularität nach; über 100 000 Exemplare zählen sie jetzt in den Originalaus- gaben, über 300 000. wenn die billigen Ausgaben hinzugerechnet werden. Mitte September werden von Dehme! herausgegeben, zwei Bände ausgewählter Briefe erscheinen, die etwa 1000 Nummern enthalten werden. — Caruso, lieber die Künstlerlaufbahn des MtterS vom hohen 0 veröffentlicht der„Meffaggero' einige Angaben, die ihm der Sänger gemacht hat. In den letzten 6 bis 6 Jahren hat der Künstler die Kleinigkeit von 6.6 Millionen Mark verdient. Jeder Abend, an dem Caruso seine Stimme erschallen läßt, bringt ihm 8000 M. ein. So glänzend hat er aber nicht angefangen, denn sein erstes Engagement nach seinem Debüt brachte ihm für 14 Tage die Summe von 64 M. Auch an Enttäuschungen und Demütigungen hat cS nicht gefehlt. Sagte doch sogar ein bekannter Gcsanglchrer einst zu ihm:„Machen Sie sich keine Illusionen, das bißchen Stimme, was ist das I' Und der Sänger Scalist, der ihn mit Engelsgeduld eine Zeitlang anhörte, sagte schließlich bei der sechste» falschen Note: „Er ist ein guter Junge, aber zunächst muß er studieren". Und diesen Rat hat er auch befolgt, an der Schulung seiner Stimme gearbeitet, wodurch dieselbe nach seinem Ausspruch vor allem an Umfang gewonnen hat. ÜEöBalatBetf crföfcöt'eg. Der VorfitzenBe DeichSiann vnd die Kollegen Eberls. Bremen und Schmidt- Dresden wurden als Delegierte zu diesem Kongreß gewählt. Da am Nachmittage sofort mit einem Referate deS Vorfitzenden De i ch ma n n über: Minimallöhne und Tarif. Verträge in der Tabakinduftrie begonnen werden sollte, wurden noch einige unter„Sonstiges" rubrizierte Anträge behan» idelt, wobei nach längerer Debatte die Verlegung des Vorstands- sitzes nach Süddeutschland gegen 5, die Abhaltung der General- Versammlung statt aller zwei, aller drei Jahre gegen 3 Stimmen abgelehnt wurde. Ein Antrag, daß nur solche Kollegen zu einer Anstellung im Verband gelangen sollen, die mindestens fünf Jahre Mitglied sind, wurde einstimmig abgelehnt, D e i ch m a nn referierte nunmehr über Minimallöhne und Tarifverträge. Er betont,'daß die Gautagungen sich mit der Aufstellung der im Entwurf aufgestellten Forderungen einverstanden erklärt haben And die Generalversammlung nur noch ihre Zustimmung geben müsse, damit der Vorstand energisch in dieser Sache vorgehen Zönne. Redner entwirft ein Bild der bisherigen Bestrebungen zur Erreichung von Minimallöhnen. Schon im Jahre 1848 haben die Kollegen in Mannheim und Heidelberg derartige Forderungen er- hoben; dasselbe Bestreben zeigte sich auch in Norddeutschland, jedoch waren die inneren Kämpfe, die innerhalb der Arbeiterschaft selbst tobten, und die politischen Anschauungen nicht günstig für die Erringung von Minimallöhnen in der Tabakindustrie. Die Frage ist aber nicht zur Ruhe gekommen, sie hat sich vielmehr da- zu ausgewachsen, daß zurzeit in 176 Orten Firmentarife für 577 Betriebe mit 2818 Beschäftigten, darunter 1070 weiblichen, zum Abschluß gekommen sind. Bei Abschluß eines L a n d e S t a r i f s für die Zigarren- Industrie mutz besonderer Wert auf die Verkürzung und Rege« sung der Arbeitszeit gelegt werden. Dies sei dringend notwendig, um den Gesundhcitsstand der deutschen Tabakarbciter zu bessern. Nach Ermittelungen des Verbandes fallen auf die männlichen Ver» bandskollegen im Durchschnitt pro Kopf 6,64 Proz., auf die Weib» lichcn dagegen 12,72 Proz. Krankentage. Der hohe Prozentsatz der Arbeiterinnen ist auf die starke Belastung derselben durch Er- werbs- und häusliche Arbeit zurückzuführen. Der Tarifentwurf sieht für Formerarbeit 7,70 M.(5 M. für Roller und 2,70 M. für Wickelmacher), für Hand- oder Pennal- arbeit 11 M.(7,20 Roller und 3,80 Wickelmacher), für Arbeiter der Handpresse 0,60 Bs.(6,20 M. für Roller und 3,80 M. für Wickelmacher) bei freier Zurichtung vor. Der Mindestlohn für im Tagelohn beschäftigte Zurichter bezw. NuSsucher soll 2,25 M. und der der Zurichterinnen 1,50 M. täglich betragen. Für die beschäftigten Heimarbeiter wird ein fünfpro- zentiger Lohnzuschlag gefordert. Nach Möglichkeit sind die einzustellenden Arbeiter von dem im Gau oder am Orte befindlichen Arbeitsnachweis des Deutschen Tabakarbeiterverbandes zu entnehmen. D e i ch m a n n läßt die Begründung dieser Forderungen aus- klingen in der Mahnung, daß die Tabakarbeiter nur durch ihre Organisation stark und machtvoll ihre Interessen vertreten können, daß aber auch alle Tabakarbeiter sich den Konsumvereinen an- schließen müssen, um der Unterstützung der organisierten Arbeiter als Konsumenten gewiß zu sein. Folgende Resolution wird mit zur Debatte gestellt: „Die 14. ordentliche Generalversammlung des Deutschen Tabakarbeiterverbandes bestätigt die Beschlüsse der im Jahre 1900 abgehaltenen Gaukonferenzen bezüglich Aufstellung der Minimallohnbestimmungen und Abschluß von Tarifverträgen für die Arbeiter der Zigarrenindustrie und beauftragt die Ver- bandsleitung, auch für die Arbeiter des Zigaretten-, Kautabak und Rauchtabakgewerbes Minimallohnbestimmungen auSzu- arbeiten. Zur Begutachtung und endgültigen Bestätigung dieser Bestimmungen sind von der Verbandsleitung Bianchenkpnfe« renzen einzuberufen.--> Huö Induftm und FtandeL Untreue schlägt den eigenen Herr». ES war ergötzlich zu sehen, wie die deutsche und österreichische Handelspresse gegen den amerikanischen Petroleumtrust wetterte. Selbstverständlich aus reinem Patriotismus I Ist es nicht unerhört, daß amerikanische Kapitalisten das Geschäft in Deutschland machen, wo wir doch einheimische Geldsäcke genug haben, die den Profit schlucken möchten? Und dann die Sorge um die Konsumenten, um den kleinen Mann, der sein bißchen Petroleum immer teurer werde bezahlen müssen, wenn man eS so weit kommen lasse, daß die Amerikaner daS Monopol in Deutschland haben I— Wer die Zusammenhänge kennt, lachte dazu. Denn eS handelte sich hier ganz einfach um den Kampf zweier Kapitalistengruppen, und dem deutschen Konsumenten kann es wirklich gleichgültig sein, ob ihm von einem amerikanischen oder von einem deutsch-österreichischen Trust daS Fell über die Obren gezogen wird. So viel war ja von vornherein klar, daß in demselben Augenblick, wo die Amerikaner zurückgedrängt wurden, die anderen Petroleumlieferanten— vornehmlich die österreichischen— ihre Preise in die Höhe schrauben würden. DaS Geschrei dieser seltsamen.Patrioten' hat nun be- kanntlich die österreichische Regierung zu Gewaltmaßregeln gegen die Standard Oil Co. verleitet. Man hat ihren Betrieb in Oesterreich geradezu lahmgelegt. Und nun will es eine köstliche Ironie des Schicksals. daß zu allererst diejenigen deutschen Kapitalisten geschlagen werden, tn deren Interesse die Bekämpfung der Amerikaner verlangt worden ist l Sowie die Raffinerie der Amerikaner z. B. kein Benzin mehr liefern konnte, haben die anderen österreichischen Raffinerien den Preis für Benzin um ca. 30 Mark pro Tonne erhöht. Man sieht, die Herren verstehen, verdienen groß zu schreiben. Was daS aber für die deutschen Abnehmer zu bedeuten hat, lehrt folgender Notschrei, den wir in der Handelszeitung deS»B. T." finden: „Die Maßnahmen der österreichischen Regierung haben zur Folge gehabt, daß die Vacuum Oil Co. in Oesterreich ihren Betrieb wesent« lich einzuschränken gezwungen war und ferner die der Standard Oil Co. nahestehende französische Raffinerie Limanova ihren Betrieb ganz- lich einstellen mußte. Die letztere Gesellschaft steht nun mit einer großen Anzahl deutscher Importfirmen in Geschäfts- Verbindung und ist infolge der Betriebseinstellung nicht in der Lage, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Eine hiesige Firma hatte mit der franzvfische» Petroleumlicht- und Kraftgesellschaft in Limanova einen BenzinlieferungS- Vertrag abgeschlossen. Während die Petroleumlicht- und Kraftgesellschaft sich darauf berief, daß sie an der Erfüllung deS Vertrages durch„höhere Gewalt' ver- hindert sei, kann die deutsche Firma ihren Abnehmern gegenüber leine„höhere Gewalt' vorschützen, sondern ist gezwungen, ihre Ver- träge einzuhalten und ihren Bedarf bei anderen Raffinerien einzu» decken. Da eS sich bei dem erwähnten Lieferungsvertrage um Benzin aus österreichischem Erdöl handelte, so ist die Firma genötigt, daS Benzin von anderen österreichischen Raffinerien zu beziehen, die aber inzwischen den Preis für Benzin um zirka 30 M. pro To. erhöht haben, so daß sich für die deutsche Firma eine nicht unerhebliche GeschästSschädigung ergibt. Wie verlautet soll auch noch eine ganze Reihe anderer deutscher Firmen ebenfalls durch die Nichterfüllung von Lieferungsverträgen seitens der Raffinerie in Limanova ge- schädigt sein." DaS„V. T.' gehört zu denjenigen Handelsblättern, die feit mehr denn Jahresfrist am heftigsten nach Gewaltinaßregeln der Regierungen gegen die'Standard Oil geschrien haben. Jetzt sitzt eS an den Wassern Babylons und klagt: „Die Vorteile, die für den deutschen Handel daraus entspringen können, daß die Macht des amerikanischen Petroleumtrustes an einer Stelle gebrochen wird, muß auf der anderen Seite wieder vollständig illusorisch werden, wenn die österreichischen Raffinerien den Wegfall der amerikanischen Konkurrenz sofort dazu ausnutzen, ihrerseits die Preise zu erhöhen; denn ob der deutsche Händler bei seinem Einkauf einem amerikanischen oder österreichischen Trust gegenilbersteht, ist für den deutschen Handel von gleich schädigender Wirkung.' Ungefähr dasselbe haben wir bereits vor einem Jahre gesagt. Die amerikanischen Eisenbahnfrachten. Wie anS Washington telegraphiert wird, ist die vor kurzer Zeit angekündigte Er- höhung der Frachtsätze der östlichen Bahnen in Gemäßheit eines Abkommens zwischen den Bahnen und dein Präsidenten der zwischenstaatlichen HandelSkommission bis zum 1. November auf eigene Veranlassung der Bahnen suspendiert worden. Der Präsident erklärte, die Kommisston werde ihre Untersuchung be- züglich der Berechtigung der vorgeschlagenen Erhöhungen be- schleunigen in der Hoffnung, die Angelegenheit vor dem 1. Slovcuiber zur Entscheidung zu bringen. Soziales. , Zur Stellenvermittelung. Die auf Grund der Gewerbeordnung erlassenen Ministerial- Vorschriften über den Gewerbebetrieb der Gesinde- und Stellen- vermittler bestimmen, daß die Vermittler außerhalb ihrer Geschäftsräume mit Stellensuchenden zum Zwecke der Vermittelung nicht in Verkehr treten sollen. Der Minister hat nun 1007 bestimmt, daß die Vor- schriften seines Erlasses nicht Anwendung finden sollen auf die von Berufsvereinen eingerichteten Stellenvermittelungen, wenn sie nicht gewerbsmäßig betrieben werden. In einer Straf- fache gegen den Stellenvermittler Hennig war die Frage zu entscheiden, wie eS sich mit der Anwendung jener Vor- schriften verhält, wenn ein gewerbsmäßiger Stellenvermittler einen Auftrag von einem Berufsverein hat. Ihn hatte der Ge- schäftsführer des Vereins oft preußischer Landwirte beauftragt, mit Arbeitern in einer Kneipe zusammen zu treffen und Verträge abzuschließen. Das hatte H. getan. Er wurde des- halb wegen Uebertretung deS Verbots, außerhalb der Geschäfts- räume mit Stellensuchenden in Verbindung zu treten, angeklagt. Die Strafkammer in Tilsit sprach ihn jedoch frei mit Rücksicht auf die. Vorschrift über die Stellenvermittelung von Bernfsvereinen. Er habe gemäß einem Auftrage eines solchen Be- rufsvereinS gehandelt, auf den die Vorschriften der Ministerial- Verordnung nicht Anwendung finden, er hätte deshalb mit den Arbeitern in der Kneipe zusammentreffen und mit ihnen dort Verträge abschließen können. Das Kamniergericht hob dieser Tage daS Ur- teil auf und verwies die Sache zu andcrweiter Entscheidung an daS Landgericht zurück. Begründund wurde ausgeführt: Zu Un- recht habe die Vorinstanz hier die Vorschrift angewandt, wonach Berufsvereine, die nichtgewerbsmäßig Stellen vermitteln, nicht unter die Ministerialderordnung fielen. Eine solche Stellenver- Mittelung liege darin, daß die Organe der Vereinigung die Stellenvermittelung besorgten. Anders läge es hier. Denn hier sei ein gewerbsmäßiger Stellenvermittler in Tätigkeit getreten. Ein solcher habe sich stets nach den ministeriellen Vorschriften zu richten. Dabei sei es ganz gleichgültig, ob ein Berufsverein oder dessen Organ diesen Stellenvermittler mit der Vermittelung be- auftragt habe oder irgendein Arbeitgeber. Der Angeklagte hätte darum nicht in eine Kneipe gehen dürfen, um dort mit den rufst- schen Arbeitern Verträge abzuschließen. Er müsse verurteilt werden. Wegen der Strafzumessung müsse die Sache gy die StrafkaNWr zurückgehen._ Sericbts- Leitung. Ein tragikomisches Abenteuer eine» Justizrats und Notar! beschäftigte gestern unter Vorsitz deS Landgerichtsdirektor» Krllgrr die 7. Ferienstrafkammer de» Landgerichts l. Wegen»ffentlicher Beleidigung und Freiheitsberaubung war der Buchhalter Bruno Sachs angeklagt. Der Anklage liegt folgender Sachverhalt zu. gründe: Der verstorbene Kaufmann Louis Sachs hatte durch Testament vom 20. April 1004 seinen beiden Neffen, dem jetzigen Angeklagten und dessen Bruder Walter, ein Kapital von 23080 M. in Wertpapieren vermacht. Da Walter S. viel Schulden hatte, hatte der Erblasser in dem Testament bestimmt, daß dieser lediglich den lebenslänglichen ZinSgenuß des Kapitals haben sollte, während daS Kapital selbst dem jetzigen Angeklagten zufiel. Die Wert» Papiere wurden laut Testament von dem Testamentsvollstrecker Justizrat und Notar Kleckow in Grünberg in Schlesien als ge- sperrteS Depot der Neichsbank übergeben. Als jedoch wiederholt Gläubiger deS Walter G. dessen Zinsanspruch bei der Reichsbank pfänden ließen, forderte diese die Rücknahme des Depots, um die mit den Pfändungen verbundenen Scherereien loszuwerden. Um das Depot abzuheben, begab sich Justizrat Kleckow in Begleitung des Angeklagten zur Reichsbank, wo er daS Paket Wertpapiere in Empfang nahm. Seine Absicht, die Papiere der Deutschen Bank zu übergeben, scheiterte daran, daß diese keine gesperrten Depots annahm. Da ein sogenanntes offenes Depot, von welchem der Inhaber jeden Tag Abhebungen machen konnte, nicht im Slnne des Erblassers war, teilte Justizrat Kleckow dem Angeklagten mit, daß er«st eine gerichtliche Entscheidung darüber herbeiführen wolle.— Der Angeklagte stellte nun an den Justizrat daS unverständliche Ansinnen, ihm die Papiere zu übergeben. Als dieser das Ver- langen unter Hinweis auf die Bestimmungen deS Testaments ab- lehnte, drohte ihm der Angeklagte mit einer Anzeige bei der An- waltskammer. Als Justizrat K. auf diese Drohung hin weitere Unterhandlungen mit dem Angeklagten ablehnte und eine Droschke bestieg, um nach einem Weinrestaurant zu fahren, wo ihn seine Tochter erwartete, lief der Angeklagte hinter der Droschke her, um an der Ecke der Friedrichstraße und unter den Linden einen Schutzmann heranzurufen und den Justizrat in aller Form ver- haften zu lassen. Der Angeklagte ließ dabei Worte fallen, aus welchen hervorging, daß er den Justizrat deS Diebstahls an den Papieren beschuldigte. Trotz deS energischen Protestes deS„Ver- hafteten' bestieg der Schutzmann die Droschke und alle drei fuhren nach dem nahegelegenen 2. Polizeirevier. Als der An- geklagte hier von dem Pohzeiwachtmeister Rumpf gefragt wurde, weshalb er die Festnahme des JustizratS veranlaßt habe, ant- wartete er ausweichend, daß man in der letzten Zeit sehr viel von Veruntreuungen durch Rechtsanwälte und Notare in den Zeitungen gelesen habe. Justizrat K. wurde sofort wieder auf freien Fuß gesetzt, war aber doch immerhin durch die„Verhaftung' über eine halbe Stunde seiner Freiheit beraubt. DaS Gericht erkannte mit Rücksicht darauf, daß sich der Angeklagte eines groben Eingriffes in die persönliche Freiheit eines untadelig dastehenden Mannes schuldig gemacht habe, auf eine Gefängnisstrafe von 2 Mvnate». Ist ein Mitglied be» SteuerauSschusse» Beamter? Diese Frage beschäftigte die vierte Ferien-Strafkammer de» Landgerichts Berlin 1. Bernhard Schreiber betreibt in der Grenadierstraße in einem Kellerverlaufslokal«inen Kolonialwaren-, Butter- und Spirituosenhandel. Eine? Abends gegen TVj Uhr, als das Ver- kaufslokal mit Käufern dicht gefüllt war, erschien plötzlich das Mitglied des SteuerauSschusse» Leopold Liehr, der in der Grenadierstraße eine Schankwirtschaft betreibt, in dem Schreiberschen Vcrkaufskeller. Er fragte den Ladeninhaber, nach- dem er sich vorgestellt hatte, ob er die Konzession zum Verkauf von Spirituosen besitze.„Gewiß besitze ich diese Konzession." versetzte Schreiber.„Wollen Sie mir die Konzession vorzeigen, ich bin vom Steucrausschuß beauftragt, bei Ihnen zu revidieren." bemerkte Liehr.„Ich habe die Konzession in meiner im dritten Stock be. legencn Wohnung," bemerkte Schreiber.„Sie sehen, mein Lokal ist voll von Käufern, in einer halben Stunde muß ich schließen, ich kann daher das Schriftstück augenblicklich nicht herunterholen. Ich bitte aber, mir zu glauben, daß ich die Konzession besitze. Morgen vormittag btn ich gern bereit, Ihnen die Konzession zu unter- drxjM. � Zik iennen fchojt perskhexj sein, paß jch miH Weg !ver?e, Spirituosen ohne Konzession zu BerfoufeN, zumal ich Ausländer bin."„Ihr galizischen Juden, Ihr Ausländer seid zu allem fähig!" rief Liehr mit lauter Stimme. Aus Anlaß dieser in Gegenwart von vielen Kunden getanen Bemerkung forderte Schrei- ber Liehr wiederholt auf, den Laden zu verlassen. Letzterer soll aber noch etwa zehn Minuten im Laden verweilt haben. Schreiber erstattete dieses Vorganges wegen Anzeige. Infolgedessen hatte sich L. wegen Amtsanmaßung, Hausfriedensbruch und Beleidigung zu verantworten. Der Vorsitzende des Steuer- ausschusses. Regierungsrat Ouensel, bekundete als Zeuge: Ter Angeklagte sei kein Beamter und habe nur auf aus- drücklichen Beschluß des Steuerausschusses die Befugnis, Revi- sionen vorzunehmen. Trotz des Leugnens des Angeklagten hiell der Staatsanwalt die Anklage, da sie durch mehrere Zeugen unterstützt wurde, in vollem Umfange aufrecht und oeantragte, in Berücksichtigung des Umstandes, daß anscheinend ein gewisser Kon- kurrenzneid die Triebfeder des Handelns des Angeklagten war, 150 Mark Geldstrafe.— Nach kurzer Beratung des Ge. richtshofes verkündete der Vorsitzende. LandgerichtSdirek» tor Wille: Der Gerichtshof hat die Frage, ob der Angeklagte Beamter ist, unentschieden gelassen. Der Gerichtshof hat aber die Ueberzeugung gewonnen, der Angeklagte ist der Meinung gewesen, er sei Beamter und habe auch dce Befugnis zum Revidieren. Er ist daher von der Anklage der Amtsanmaßung und des Haus- friedensbruchs freigesprochen worden. Dagegen hat er sich einer groben Beleidigung schuldig gemacht. Der Gerichtshof hat deshalb auf 30 Mark Geldstrafe eventuell fünf Tage Haft erkannt und, soweit Verurteilung erfolgt ist. dem Angeklagten die Kosten deS Verfahrens auferlegt._ In dem Grünbungsschwinbelprozeß, in welchem eS sich, wie mitgeteilt, um recht umfangreiche Kaution»- und Kreditschwindeleien der auf betrügerischer Basis gegründeten „Internationalen Tief-, Hoch- und Brückenbetonbau-Kompagnir" bandelte, wurde gestern nachmittag nach dreitägiger Verhandlung das Urteil verkündet. Es lautete: gegen den Kaufmann Wilhelm Hermann auf 3 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust, gegen den Händler Heinrich Kunert auf 9 Monate Gefängnis, welche durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurden, gegen den Maurerpolier Karl Bergeler auf 9 Monate, gegen den Maschinenbauer Georg FuchS auf 6 Wochen und gegen den Reisenden HanS Kendzierski auf 4 Wochen Gefängnis. Der An- geklagte Werkzeugschlosser Karl Grieben wurde freigesprochen.,. Dicnstbotenclend. Der Bauerngutsbesitzer Albert Schwarzlose au? Buckow stand, wie wir der„Brandenburger Zeitung' entnehmen, dieser Tage vor dem Schöffengericht in Rathenow wegen Mißhandlung seines früheren Dienstmädchens. Der Anklage liegt folgender Sach- verhalt zugrunde. Am Morgen des 21. April d. I. starb plötzlich unter eigenartigen Umständen die beim Angeklagten beschäftigte Dienstmagd Anna Stage aus Rathenow. Der plötzliche Todesfall gab sehr bald zu dem Gerücht Veranlassung, daß der Tod infolge von Mißhandlungen, die dem Mädchen an dem betreffenden Morgen von dem Dienstherrn zugefügt worden, eingetreten sei. Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft wurde schließlich die Leiche ausgegraben und obduziert. Die Untersuchung ergab, daß der plötzliche Tod auf eine Geschwulst im Gehirn, die sich dort all- mählich entwickelt hatte, zurückzuführen ist. ES wurden an der Leiche aber auch mannigfache Spuren äußerer Verletzungen, die auf Mißhandlungen schließen lassen, konstatiert. Die Beweisaufnahme in der Verhandlung ergab, daß die Stage feit längerer Zeit und namentlich des Nachts von heftigen Kopfschmerzen und Uebelkeit geplagt wurde. Nach solchen An» fällen war sie des Morgens stet» müde und ging schlaftrunken an ihre Arbeit, so daß die Dienstherrschaft von ihrem Zustande Kenntnis haben mußte. Auch in der Nacht zum 21. April hatte die Stage solche Anfälle gehabt. Die Dienstmagd Gräf, die mit ihr die Schlafkammer teilte, war sogar infolge de» Stöhnen» de? Leidenden aufgewacht. Als die Mädchen in der Frühe geweckt wurden, stand die Gräf sofort auf, während die Stage liegen blieb. aber versprach, gleich nachzukommen. Als sie trotz mehrmaligen Rufen» immer noch nicht kam, gingen die Ehefrau de« Angeklagten und die Gräf zur Kammer, um die Schlafende durch Besprengen mit Wasser munter zu machen. Sie fanden daS Mädchen nur mit dem Hemd bekleidet vor dem Bette kauernd anscheinend krank vor. Auf die Frage der Frau was ihr fehle, erwiderte daS Mädchen, daß ihm sehr schlecht sei. Inzwischen war der über daS Ausbleiben deS Mädchens aufgebrachte Angeklagte in der Kammer erschienen und schlug ohne weiteres auf die am Boden Kauernde mit einem Nohrstock ein. Die Kranke brach nun völlig zusammen und mußte darauf in» Bett gelegt werden. Kurze Zeit darauf wurde das Mädchen tot im Bette aufgefunden. Der Angeklagte räumte ein, die Stage mit einem„ganz dünnen Rohrstöckchen" aufS Gesäß geschlagen zu haben, er will indessen nur zwei Schläge getan und den krankhaften Zustand deS Mädchens nicht gekannt haben. Daß indessen die Mißhandlungen durchaus nicht gering. fügig gewesen sein können, ergibt sich auS den Angaben des Kreis- arzteS, Medizinalrat Dr. Gottschalk, der die Leiche untersucht hat. Danach wies die linke Stirnseite der Leiche mehrere blut» unterlaufene Stellen aus. Mehrere 10—11 Zentimeter lange und 1 Zentimeter breite Striemen zeigten sich in der Gegend des rechten Oberschenkels und Gesäßes. Auf beiden Oberschenkel» befanden sich außerdem je drei kurze genau nebeneinander laufende Striemen von 3 Zentimeter Länge und 1 Zentimeter Breite, die nicht von Stockschlägen herrühren können, sondern durch Schläge mit einem anderen Gegenstande, vielleicht einer Riemenschnalle, hervorgerufen sind. Ferner wies der linke Ellenbogen Lex- särbungen auf. die von Blutergüssen herrühren. Das Gericht erkannte trotz der Roheit und Schändlichkeit der Handlung des Angeklagten dem Antrage des Amtsanwalts ent- sprechend auf nur—. 20 M. Geldstrafe. Wie hoch wäre wohl die Strafe ausgefallen, wenn etwa die schwerkranke Fvau des Richter» in dieser Welse in fast unbekleidetem Zustande verprügelt worden wäre? Schutz gegen Schutzleute. ES verdient registriert zu werden, wenn Schutzleute vom Ge. richt wegen Mißhandlungen verurteilt werden. Das um so mehr. al» die übcrmeisten Klagen über Mißhandlungen auf Polizei, wachen oder auch auf der Straße, z. B. gelegentlich der Wahl- rcchtSdemonstrationen. zu einer Verurteilung der Schutzleute nicht führen. AuS Kiel ist der seltene Fall zu melden, daß zwei Polizei- liche Rohlinge von dem Arme der Gesetzlichkeit erfaßt worden sind. Tie Hilfsschutzleute Gallinat und Schindler wur- den von der Strafkammer zu je drei Monaten Gesang- n i s verurteilt, weil sie«inen S2jährig«n Erdarbeiter schwer mißhandelt hatten. Der Mitangeklagte Hilfsschutzmann Schulz wurde freigesprochen. Die Schutzleute waren angetrunken von Holtenau gekommen, und zwar an einem Abend im März. Auf dem nördlichen Ufer des Nord-Ostfeekanals begegneten sie dem Erdarbeiter, der einen von ihnen in der Dunkel, heit versehentlich anstieß. Dafür ohrfeigten zwei von den Schutzleuten den Arbeiter. Dieser setzte sich nun zur Wehr und schlug mit seiner Kaffeeflasche um sich. Er wurde zu Boden geworfen, mit Fausten bearbeitet und mit Füßen getreten. Dann gingen die Schutzleute, kehrten aber bei der Drehbrücke, die über den Kanal führt, plötzlich wieder um. Einer schlug nun dem am Boden liegenden wehr- losen alten Arbeiter mit einem Latten st ück über oen Kopf, daß die Latte zerbrach, der andere zog den Säbel und schlug damit auf den Arbeiter ein. Der so Mißhandelte blieb bewußtlos auf der Straße liegen, wurde später im Sanitätswagen nach der chirurgischen Klinik in Kiel gebracht, wo er drei Wochen in Be- Handlung war. So hat sich der Vorfall nach den Aussagen zahl» reiche; Zeuges ghgcspielt. Der mißhandelte Ardeiter kennt» Boft ffilflä sagen, Lah efn solches AeugenSufgebo! zur Ver- fügung stand— es waren fast alles Marinesoldaten, darunter mehrere Maate—, sonst wäre der Ausgang Wohl ein anderer ge> Wesen. Dann hätte wohl der arme mißhandelte Arbeiter auf der Anklagebank gesessen, und die Schutzleute wären als Zeugen er- schienen. Sagte doch der Schutzmann Gallinat dreist und gottes- »ürchtig aus, daß der Arbeiter sie absichtlich angerempelt und dann direkt angegriffen habe. So war aber das Bewcissnaterial so wuchtig, daß die beiden jetzt verurteilten Schutzleute schon bald imch der Tat aus ihrem Amte entlassen wurden. Selbst die Wahl« rcchtsbcwegung der Arbeiterschaft sollte schließlich noch zur Ent- lastung der polizeilichen Rohlinge dienen. Der Verteidiger der angeklagten Schutzleute, Rechtsanwalt Schirren, eine nationalliberale Leuchte, stellte an einige als Zeugen vernommene Schutzleute die Frage, ob unter den Arbeitern vielleicht wegen der Wahlrechts. demonstration eine Empörung herrsche. Davon wußte aber niemand zu berichten. Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorischer Bedeutung. Nach eigenen Erlebnissen von Hugo Friedländer. Eingeleitet von Justizrat Dr. Sello(Berlin). Verlag von Hermann Barsdorf. Werlin W. Elegant broschiert 3 M., in Pergamentband 4 M. Kulturgeschichtlich und geschichtlich interessante Erinnerungen bietet das vorliegende Werk. Unter anderem enthält sein Inhalt: Der Raubmord im Eisenbahncoupe, der Kwilecki-Prozeß wegenKindesunterschiebuna, der Hannoversche Spieler- und Wucherprozeß(olle ehrliche Seemann), die Leiche im Koffer, der Raubmörder Hennia, der Knabenmord in Tanten, die Geheimnisse eines Klosters(Bruder Heinrich), der Hauptmann von Köpenick, der Judenflinten-Prozeß, die Engelmacherin Wiese, der Erbe-Bankrott-Prozeß, die Ermordung des Rittmeisters v. Krosigk, das spiritistiiche Medium Anna Rothe. DaS Buch ist eine Art moderner Pitabal, das den Vorzug der Wahrheit und Zuverlässigkeit vor erfundenen Kriminalgeschichten hat. Ter Verfasser gedenkt in noch weiteren Bänden in ähnlicher Weise Kriminalprozesse zu veröffentlichen, die die Ocffentlichkeit lebhaft igtercssierten und noch heute von kultz»rgeschichtlichem Wert find._ Vermilcktes. Ueber die„Hochwürdigen" äußert sich der durch seine urwüchsige Schreibweise bekannte.Nord« halbener Grenzbote", das Blatt des liberal-katholischen Pfarrers Grandinger, wie folgt:.... Es gibt keinen hochwürdigen Scuatspräsidcnten; aber der frischgeweihte Bauern- bube läßt sich„Hochwürdcn" schinipfen. Schweifwcdelei und Kotz- buckelei! Ts gibt jetzt auch hochwürdig« Damen. Bisher war das ein Privileg für die Herren Kapläne, Kooperatoren, Benefiziaten, Kuraten, Expositi, Pfarrer, Dechantt?, Definitoren, Kämmerer und wie sie alle heißen, die vom Bischof Gesalbten. Ob nun da einer z. B. trieft und stinkt nach Schmalzler(Schnupftabak),— oder ob er keinen alten Kreuzer mehr in der Tasche hat,— oder ob er einen Gehirnklaps hat,— ob nun einer mönchisch fromm herum» kriecht, christlich liebevoll herumwimmert oder blutdürstig wütend hin- und herspringt wie eine tonsurierte Hyäne,— das tut nichts: hochwürdig ist er und hochwürdig bleibt er bis zum letzten Schnaufer....' Und im Hinblick auf die Wallfahrt bayerischer Bergknappen nach Altötting, bei deren Anblick nach Zentrumsblättern die in Altötting in Silber eingekapselten Herzen bayerischer Fürsten.aufgehüpft haben mögen vor Wonne", meint das Blatt deS Pfarrers Grandinger, daß sich beim Lesen der Namen der fromnien Bergknappen die Mutter Gottes von Allötting wohl gesagt haben mag: »JessaS, der Niedertupfer Toni is a dabei, und der Krachhuver Lenz is a mitkcmma I San halt doch fromme guate Kerl, wenn» a ananda d' Maßkrüag am Kopf derhaua und d' Messer einirennal" » Der katholische Pfarrer von Jailauf hat einem Schulknaben das Wort Gottes durch eine Ohrfeige derart gründlich bei- gebracht, daß dem Knaben das Trommclfell zersprang. Wo das Geld bleibt. Gar mancher wird sich schon gewundert haben, wieso eigentlich alle Jahre so viel neue Goldmünzen geprägt werden. Die Münzen nutzen sich ja im allgemeinen nur wenig ab. Jedenfalls steht fest, daß noch viele Goldmünzen kursieren, die schon 30 bis 40 Jahre alt sind, llnd doch müssen unaufhörlich so viel neue gefertigt werden. Einer der Gründe ist, daß die deutsche Goldlvarcnindustrie statt Barrengold viel lieber neu geprägte Zwanzigmarkstücke einschmilzt und verwendet. In den Verhandlungen der Bankenquetekoinmission wurde angegeben, daß allein im Pforzheim er Jndustriebezirk jährlich für 60 Mill. Mark Goldmünzen in den Schinelztiegel wandern. Diese Schntznng hatte die ReickiSbanknebenstelle zu P f o r z h e i m als zu hoch bezeichnet, jedoch ihrerseits immerhin 25 Millionen geschätzt. Nun hat aber die Pforzheimer Handelskammer ihren Jahresbericht für ISO!) heranSgegeben und darin mitgeteilt, daß der dortige Bezirk ins- gesamt jährlich für 72 bis 7S Millionen Mark Gold verbraucht, wovon crwa sür 60 Millionen 20-Marlstücke und nur für 12 bis 15 Millionen Barren- und Vruchgold, daraus werden Goldwaren im Werts von 150 Millionen Mark hergestellt. Es steht fest, daß von den neu ausgeprägten 20-Markstücken, die im Durchschnitt der letzten sechs Jahre 100 Millionen Mark ausmachten, über die Hälfte nicht in den Verkehr, sondern in den Schmelztiegel gewandert sind. Dem Moloch Militarismus zum Opfer gefallen. Ueber den schweren Unglücksfall auf dem nordamerikanischen Fort Monroe, worüber wir in der gestrigen Nummer schon kurz berichtet, liegen noch folgende Einzelheiten vor. Die Zahl der Toten beträgt 11. die der Schwerverletzten 15. In Gegenwart von 30 Offizieren, die anS der Artillerielehrschule deS Forts Monroe hervorgegangen sind sowie in Anwesenheit mehrerer Generale wurden gestern auf Fort Monroe mit großen Feldgeschützen Schießübungen auf schwimmende Ziele vorgenommen. Ein Sergeant kommandierte die Batterie, die von zahlreichen Unteroffizieren umgeben war Plötzlich löste sich der Verschluß eines zwölfzölligen Geschützes und die ganze Ladung ging nach hinten durch. Die umstehenden Unter Offiziere wurden sofort zu Boden geworfen und wälzten sich in ihrem Blute. Drei von ihnen sind im Hospital ihren Berletzungen erlegen. Die amerikanische Fnßartillerie hatte bisher derartige Uebungen noch nie vorgenommen, die Geschütze waren ganz neuer Konstruktion. Ein frecher Schwindler. In einem Hotel in Schneidemühl erschien vor einigen Tagen ein Herr, der sich als W i r t s ch a s t S i n s p e k t o r Brand vorstellte und dem Wirt erklärte, er bekomme von einer Bank 102 500 M. zugesandt, mit welchem Gelde er Hypotheken in der Umgegend auszahlen wolle. Er wolle das Geld unter der Adresse deS Wirtes schicken lasten, damit er nicht Schwierigkeiten wegen der Legitimation bei der Post habe. Das Geld wurde auch dem Wirt in Anwesenheit des Fremden bei der Post ausgezahlt, und der Wirt übergab es gegen eine Empfangsbescheinigung dem Inspektor. Wie sich jetzt herausstellt, ist der angebliche Inspektor Brand der Kastenkontrollcur Supplitt aus Tuchcl in Westpreußen, der während der Beurlaubung des Kassenrendanten eine Anweisung der Sparkasse fälschte, aus die eine Berliner Bank die 102 500 Mark auszahlte. Supplitt ist mit der Summe spurlos verschwunden. Aufdeckung eiueS Justizmordes. Aus TourS(Frankreich) meldet ein Telegramm vom gestrigen Tage: Ein Lumpensammler namens Bnrrea» hat sich dem Gericht gestellt und erklärt, er habe die fünf Kinder dcS Pächters Gridre in Coraucez ermordet Vor einigen Jahren wurde in dem Dorfe Eorancez im De- partemcnt Enre-et-Loire ein entsetzliches Verbrechen entdeckt. Vier unmündige Kinder de§ Bauern Vriere wurden mit durchschuitteiicr Kehle in ihren Betten aufgefunden, während das älteste Mädchen mit eingeschlagenem Schädel inmitten der Wohnstube lag. Der Vater der Kinder wurde verwundet im Garten gefunden. Die Schränke und Schnblädcn der Wohnung waren durchwühlt und der wachsame Hofhund vergiftet. Die Oeffentlichkeit bezeichnete den Vater der Kleinen als den Mörder seiner eigenen Kinder. Er sollte den Raubmord fingiert haben, um die bildhübsche Tochter seines Nachbarn heiraten zu können, die gegen den jungen Witwer nichts einzuwenden hatte, sich aber an die zahlreiche Kinderschar stieß. Auf Grund eines Indizienbeweises wurde Briöre zum Tode verurteilt, später aber zur Deportation begnadigt. Trotz aller Un« schnldbeteuerungen mußte er die Fahrt nach Guyana antreten, wo er bald dem Klima erlag. Der Lumpensammler hat ein umfangreiches Geständnis ab- gelegt, die fünf Kinder in Abwesenheit ihres Vaters ermordet zu haben. Er hatte die entsetzliche Tat noch nicht vollendet, als der Bauer erschien. Zwischen beiden entspann sich ein schwerer Kampf, bei dem der Mörder schließlich siegte und dann entfloh.— Die Be- Hörde schenkte dem Mörder Glauben. Durch da» Geständnis ist ein schwerer Justizmord aufgedeckt worden, dem der unschitldige Bauer zum Opfer fiel._ Kleine Notizen. Nach dem Genuß von Pilzen erlraiilte in Sossenheim eine ganze Familie unter VergiflungSerscheinungen. Ein 20 jähriger Mann und zwei Kinder sind bereits gestorben. Bandalioinus. Wie auS Nied bei Höckist am Main gemeldet wird, wurden in der vergangenen Nacht auf dem hiesigen Friedhof 36 Grabdenkmäler ans Sandstein und Marmor umgeioorfcn oder abgebrochen. Von Franlfurt ans wurde ein Polizeibeamter mit einem Polizeihund hierher beordert zur Verfolgung dcS Täters. Fünfzig Manuskripte Tolstois verbrannt. Auf dem russischen Gute der LiebtingStochter Tolstois Tatjana wütete ein verheerender Brand, bei welchem auch 50 Mannskripte Tolstois verbrannten. LicbrStrngödie. Der in Wien zugereiste Scbneidergehilfe Bern- Harb Scholig verwundete feine Geliebte, das Stubenmädchen Poczena Stepanek durcki zwei Revolverschnsie lebensgefährlich und erschoß sich dann selbst. DaS Motiv der Tat ist Eisersnckt. Ein Spielcrncst anSgenommen. In Ostende drangen gestern abend die Gerichtsbehörden in Begleitung von zahlreichen Polizei- agenten in den Spielsnal deS Kursaal ein und ließen alle Ausgänge schließen. Jin Saal selbst beschlagnahmten sie sämtliche Einsätze. Es kam zu lebhaften Protestkundgebungen und eine ganze Anzahl Zwischenfälle fanden statt. Eine Gruppe Spieler versuchte durch Abspringen ans jdem Fenster zu entkommen. Sämtliche Personen sind einem Verhör unterzogen worden. Mastcnvcrgiftung auf einem französischen Kriegsschiff. Wie dem „Matin" ans Toulon genicldet wird, fmd an Bord des französischen Panzerkreuzers.Dupctit ThouarS" ungefähr 100 Fälle von Vergiftung vorgekommen, deren Ursachen bisher jedoch nicht festgestellt werden konnten. Dynamitexplosionen. Pariser Schulkinder fanden auf einer Bau- stelle ein Paket Dynamitpatroncn, die sie für FenerwerkZkörper hielten; sie versuchten daS Paket mit dem Taschenmesser zu öffnen, dabei explodierten die Patronen. Ein Knabe erlitt lcbcnS- gefährliche, fünf andere mehr oder weniger schwere Berletzungen. Ma» vermutet, daß die Patronen von dem kürzlich beendeten Bau der Untergrundbahn herstammen. Infolge deS anhaltenden RcgrnS ist der Schieferbrnch bei Probst- zella(Thüringen) eingestürzt. Ein 16 jähriger Arbeiter wurde ver- schüttet und erlitt schwere Verletzungen. Der Betrieb mußte eingestellt werden. Oeutsotisl Iransportartieiter-Vflrband. Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß unser lang- jährigcj Mitglied, der Haus- diener 70/6 Paul Bandt am 22. d. MtS. nach langem schweren Leiden an der Wasser- sucht verstorben Ist. Ehre seinem Andenken! Di« Beerdigung findet am Sonntag, den 24. d. M».. nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle de, katb. Hedwigs-Küch. hoses in West-Neinlckendorf. Ler- nner Straße SS, au» statt. Um rege Beteiligung ersucht OleBezIrksleltURg GroB-Berlln. Deutscher Metallarbeiter-Verband BerivaltungSstcllc Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Fräser .takob Block am 19. Juli an Gehirnblute», ge- starb en ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Hedwigs- Kirchhofes in Reinickendorf auS statt. S-rner starb am 21. d. M. unser Mitglied, die Arbeiterin Blau. Ehre ihrem Andenken t Die Beerdigung findet am Tonnlag. den 24. Juli, nach. mittag» 3'/, Uhr. von der Leichen- halle dcS NcsormaiionS. Kirch- Hofe« in Plötzensee auS statt. Ferner unser Mitglied, der Bau- ansch läger Otto Lckoßtax am 21. Juli an Lungenentzündung. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 25. Juli, nach. mittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle dcSOst-KirchhofeS in Ähren». elde au« statt. Reg« Beteiligung erwartet 118/13 Die Lrlsverwnltung. j Sozialdemokratischer Wablfereln für den 14. Berliner Relehslags-ffahlkrels. Görlitzer Viertel. (Bezirk 1S1.) Den Mitgliedern zur Nachricht, l daß unser Genosse, der Arbeiter Lrnst Busse j gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Di« Beerdigung findet am öoniilag, den 24. Jult, nach- mittag» 3 Uhr, von der Halle de» Thoma». Kirchhofe», Hermann- I straße, an» statt. Um rege Beteiligung ersucht 1219/10 Der Borstand. ttmafmmBnaacmrmmiim Iferlaiül der Fatirikarlieiter iifliiAriieitepiöiieiiDetitseblaiiiis. Bezirk Spandau. Todcs-Anzcigc. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Brnst(klikardt Lhnarstr. 7 verstorben ist. 63/10 Ghre seinem Andenken i TK— s Abfahrtstelle«z». K Schillingsbrucke yBik w WtlW.Tif'fp» am Schlesischen Bahnhof.«■"> CTVXltVV- Mein be« Friedhofe»' in den au» stall. 0,8 0rt»y'ir*a|w"g Allen Verwandten. Freunden und Bekannten die traurige Nach. Acht, daß meine liebe Frau, mein- gute Mutter und Schwiegermutter Seorietts Nödus »ach langen, schweren Leiden am 20. Jult gestorben ist. Die Beerdigung findet heute. Sonnabend, 4'/z Uhr von der Leichenhalle de» Zentral-Fried- Hose» in FricdrichSielde au» statt. vlo trausnidon Hinterbliebenen. E"Ä".)B54.Ä S W-Itn-d°rfn Heute Tounabend: Große Mondschein- Promenadenf ahrt minA-n' HB? nach Restaurant Kyffhäuser Nieder-Schönewcide. Daselbst: Großer Sommernachltball. Abfahrt abend» 9'/, bis 10 Uhr. Hin und zurück S0 Pf. SSb ßplIßUBP Woltersdorfer Schleiise, DullÖVUC empfiehlt sich zu Dampferpartien. 2bb" Großer Parkettsaal. Garte» direkt am See. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben Manne» sage ich allen Freunden, Bekannten und Verwandten, den Ge- nosscn de» 4. Wahltrcise», dem Lese- und DiSkutierkluo.Snd-Ost", dein Tischlervercin, dem Pslanzerverein .Alte Eiche-, dein Unterhallung»- verein.Eintracht- und den Kollegen der Firma Merseburg meinen herz- lichsten Dank. Witrro Anna Donner and Kinder. Einheitspreis für n jcd Herren M. 13,60 Luxus-. vualuhruog M. 16.50. Fordern Sie Musterbuch V Salamander Sdiuhges. m. b, Ii., Berlin Zentrale; WS, Friedrich* Stresse 183 C. KSnig-Strasse 47 SW, Friedrich• Strasse 221 C Rosenlhaler Tor W. Potsdamer Strasse 5 W. Tauentsien-Stresse 15 V k NW. Wilsnaekar Strasse Ecke Turm-Slraue 9 N. Bad-Straese 30 Spandau, Breite Strasse 30 Steglitz, Sehloss- Strasse 30 Kranken- vnd Zterbekasse aller gelverblilhen Arbeiter für Achöneberg und Kerlin (E. H.-K. 115). Sonntag, den 31. Juli 1010, vormittag» 0 Uhr: General-Versanimlung in«rosserS.Neue NnthauSfäle-, Meininger Straße 8(Tunney. Tage». Ordnung: 1. Halbjährlicher Kassenbericht. 2. Berschicdene Kasienangelegeu- Helten. 287/8» Mitgliedsbuch legitimiert. 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Als besondere | Ausnahmebewilligung ■ stunden wir die PffasteriingSgelder 2 Jahre nach ersolgter I Pflasterung, Restkaufgelder aus Verlange» bis 1920. I Wir offerieren die Ouadratrnte von 10.— M. auswärt». Eigen. I H bäuser aus Bestellung von 9000 M. aufwärt», Sommer- und J I Ferienhänscr von 500 M. answärt». Bei unserer Ostcrte bitten wir In Betracht zu ziehen, daß in I I unserer»GarteiisladtHossagdrcvier-, früher NikolaSwald-Bergfelde ge- I | nannt, mehr al» 800 Grundstücke in kurzer Zeit verkauft worden> sind, daß sür mehr al» sünsmai hunderttausend Mark Straften, i Pflaster gelegt worden ist und von den einzelnen Besitzern zirka B 200 Eigenhäuier erbaut worden sind. Schließlich bitten wir, die B Nähe de» Hoffagdrevier», welche» sür die Kolonie von großer Be- B deutung ist. welche» jedem zugänglich ist und aus keinem Fall der B Axt zum Opfer fällt, zu beachlen. 1V0 II. Anzahlung.— 10 Jiihrlge Amortisation. H — Quadratrntc von 10,— M.— Wir find Begründer von 15 Berliner Vororten. 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D.t,end 20pl Johannisbeeren.......... pmnd 16pt Stachelbeeren............. pmnd 18pl Blaubeeren.................. pmnd 20pt Pflaumen.................... pmnd 18pl Essbirnen................... pmnd 20pt Heute letzter Tag Es versäume Niemand von dieser äusserst günstigen Einkaufsgelegenheit ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Man verlange bei Einkäufen Rabattmarken Verkäufe. Dnrch Rauch und Staub bcschä. dtgte Gardine», Stores. Tällbettdeden, «abrikreste. 1.75. 2.25, 2.35, 3.75, 4.85, 6.50, 6.75 ujtp._ ErdStüllstorcS und Bettdecken, 3.46, 3.85, 4.75, 5.75, 6.50 usw. E. Weijzenberzz GardinenHauS, Große Franktnrlerstratze 125, im Hause der Möbclsnbrik. Tuch- und Plüschdeckcn I.Z5. 1.75, 2.50, 3.85, 4.75, 6.50, 8.75 biS 30 Mark._____ Plüsch- und Tuchportieren 3.25, 3.85, 4,85, 6 35, 7.85 usw. Große Frantsurterstraße 125. Absalltcppiche usw. 3.35, 4.75, 5.50 Pliischteppiche mit kleinen Fehlern, Kl allen Größen, 6.75, 8.25, 0.85, 11.50, 13.50 bis 60 Mark. 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Darunter 34 571 Wochenbeiträge a 5(1 Pf., und 1787 Wochenbeiträge a 25 Pf.— Ausgaben: 17 864,25 M., wobei folgende Posten hervorzuheben sind: für Streik und Unkosten 3616,85 Mark, für Matzregelung 1442,36 M., Reiseunterstützung 144 M., für Arbeitslose 2966 M., Kranke 2253,56 M., Becrdigungsbeihilfe 385 M., an die Hauptkasse abgesandt wurden 3494,12 M. Bestand am 36. Juni 17 864,25 M. d) Die Lokalkasse hatte folgende Ein- nahmen aufzuweisen: 44 542,57 M., bei einem Kassenbestand von 36 866,92 M. Die Ausgaben betrugen 4714,43 M., bleibt ein Be- stand von 39 828,14 M. Unter den Ausgaben befindet sich eine Suinme von 866 M., die zur Erneuerung bezw. Erweiterung der Bibliothek verwendet wurden, wozu die Vergnügungskasse noch 266 Mark zusteuerte, c) Berliner Verwaltung, Einnahmen: 2494,46 Mark, Ausgaben 1966,65 M. Darunter eine Summe von 56 M. für die Lehrlings- und Jugendabteilung. Bestand am 36. Juni 588,35 M. cl) Lehrlings- und Jugendabteilung. Einnahmen: 92,46 Mark, Ausgaben(an die Hanptkasse gesandt) 92,46 M. Mitglieder- bestand am 1. April 1916: 41, darunter 34 Lehrlinge und 7 Hilfs- atdeiter. Am 36. Juni 1916: 81 Mitglieder, 74 Lehrlinge und 7 Hilfsarbeiter. Mitgliederbewegnng: Mitgliederbestand am 1. April 1916: 2973, darunter 142 weibliche Mitglieder. Am 36. Juni 1916: 3633, darunter 156 weibliebe Mitglieder. Auf dem Arbeitsnach- weis eingeschrieben waren 726, davon 37 nicht organisiert. April 256, Mai 255, Juni 215. Verlangte Arbeitskräfte 563. April 151, Mm 264, Juni 148. Besetzte Stellen: 329. April 89, Mai 127, Juni 113. An die Leipziger Kollegen wurden 366 M. Streikunter- stützung aus der Berliner Lokalkasse gezahlt, desgleichen beantragte der Vorstand, die im Kampfe liegenden Kollegen in Görlitz pro Kopf und pro Woche mit einer Mark zu unterstützen. Langer wünscht, auf diese Beihilfen bezugnehmend, man möge nicht allzu freigebig mit den Lokalkasscngeldern umgehen, auch sollten sich die grösseren Verwaltungsstellen wie Leipzig, Dresden usw. in Zukunft auch der Berliner Kollegen erinnern, wenn diese einmal im Streik stehen. W e i n s ch i l d weist darauf hin, datz der Selbsterhaltungs- trieb die Berliner Kollegen veranlassen müsse, die Görlitzer Strei- kenden zu unterstützen, da Görlitz mit seinen billigen Arbeitslöhnen bisher bei allen Tarifabschlüssen ein Hemmschuh gewesen sei. Der- selben Meinung war auck Rommel. Auch Zwanzig trat warm für den Antrag des Vorstandes ein. Hierauf berichtete Schulze über die Sitzung der Gcwerkschastskommission. Die � Delegierten zur Gewerkschaftskommission soll der Vorstand aus seiner Mitte wählen. kzrrlrrltfttötr vtcnieindr. Sonntag, den 24. Juli, vormittags 11 Uhr, Kleine Franksurier Strafe 6: Vortrag von Herrn M. H. Baege: .Neucrc Theorien über den Bau der Materie". Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter lE.£.29, Hamburg). Filiale Berlin 3. Mit iliederversammlung am Sonnabend. 23 Juli, abends S'/i Uhr. bei Kayser, Ncichenberger Str. 154. — Filiale N i x d o r s. Versammlung Sonnabend, den 23. Juli, abends 8'/, Uhr, Steiumctzstr. 114 bei Tabbcrt. Kcrliiis iitiie Wchiistlidt. Der Wettbewerb.Groß. Berlin" und die Außen- kolonifation— WaS die Preisträger sagen'— Di« Schnellbahn nach dem Norden— WinklcrS Garten. stadt— Grohstadlleben in den märkischen Wäldern— Ein altdeutsches Volksfest—.Denk' an künstig I" DaS Ergebnis deS Wettbewerbes zur Erlangung eines GeneralbebauungSplancS für Grof-Berlin hat in letzter Zeit die hohe Bedeutung der Austcnkolonisätion für die künstige Entwickelung der Reichshauptstadt nahe gelegt. Die Preisgekrönten betonen durchgängig die Notwendigkeit, für die Unterbringung deS bedrohlich anschwellenden BevölkerungsübcrschusscS Sorge zu tragen und weisen den neu zuwachsenden Menschen» Massen ihren natürlichen Platz in den äustercn, land- hauSmäfig bebauten Wohnvierteln von Grof-Bcrlin an. die, durch Schnellbahnen untereinander und mit dem Zentrum verbunden, der Cith ungleich näher ge- rückt werden, als ehedem, wo man fic noch halb und halb zur Provinz rechnete. So äußerte kürzlich einer der ersten Preisträger, Architekt Hermann Jansen: .Ich habe bei meinem Proiekte den Hauptwert aus Anlage von Siedelnngen ausserhalb Berlins gelegt, weil die innerhalb der Stadt bestehenden An- lagen nur schwer geändert werden können." Der gleich- falls mit dem ersten Preis gelröntc Entwurf der Professoren Brix und Gensmer und der Hochbahn- aefcllfchaft wirft die Frage auf, was mit den zehn Millionen Berlinern geschehen soll, für die nach zwei Generationen Wohnung geschafft werden müßte; und et findet einen Fingerzeig für die Lösung dieser Frage in der starken Abwanderung auS der Cith nach den Vororten. Die Träger deS zweiten Preises aber, Professor Möhring. Oberingenicur Petersen und Professor Eberstadt, rechnen sür die kommende Bau- tätigkcit aus dem Gebiete der Kleinwohnungen und kleinen Mitlelwohnungen mit einem ganz beträchtlichen Kapitalbedarf, der nach ihren Ausstellungen mit jährlich 75 Millionen nicht zu gering angesetzt wäre. Ein wteressantcS aber für die Eingeweihten keines- wegS überraschendes Zusammentreffen der Umstände bringt eS mit sich, daß zu derselben Zeit, wo unsere ersten Autoritäten aus dem Gebiet deS Städtebaues ben dringenden Ruf nach neuen Siedelungsstätten er- tönen lassen, ein VcrkehrSprojekt in die Oeffenllichkeit dringt,� dessen Realisierung dazu bestimmt sein diuste, dem Strom der Berliner Vötkcrwanderung sür die nächsten Jahre eine ganz bestimmte Richtung zu weisen: Die geplante Schnellbahn nach den nordlichen Garten st ädten. Indem die Berliner Verkehrs. deputmion dem von einer Privatgesellschaft beantragten Ausbau der städtischen Süd-Rord-Linie nach HermSdors prinzipiell zustimmte, hat sie zugleich ihrer Absicht Aus- druck gegeben, dem starken Zuge der Bevölkerung nach dem Norden fortan in ihrer Vcrkehrspolitik Rechnung zu tragen. Damit ist die von der Allgemeinen Bau- und Ansiedelungs-Gesellschast. Berlin C., Dircklenstr. 20, refp. ihres Begründers bereits vor Jahrzehnten an- gebahnte Kolonisation deS.Nordbahn-Grunewalds- in ein neues, verheißungsvolles Stadium getreten. Schon heute bedeutet es für die Beamten und Angestellten der zahlreichen großen Fabriken im Norden Berlins eine wahre Wohltat, daß ihnen jenseits der Weichbild- grenze, nur wenige Fahrtminuten von ihrer Arbeits- stätle entfernt, Gelegenheit zur Ansiedelung und Eigen- Hausgründung geboten wird, unter Bedingungen, die jeder Art deS Mietwohiisyslems bedeutend vorzuziehen sind. Welch' ein kolossaler Antrieb sür die Bautätigkeit in den neuen Villcnstädten, wenn nun zu den bisherigen Verbindungen der Norvbahn, die, wie ich schon mchrsach hervorgehoben habe, sich zuzeit teilweise im oiergleisigen Ausbau befindet, noch der Schnellbahuverkehr der Süd- Nordtinie hinzutritt! Ein ganz neues eigenartiges Leben beginnt sich in dem großen Waldrcscrvoir hinter WaidmannSlust und HermSdors, wo der Grund und Boden noch nicht die exorbitant hohen Preise erlangt hat, zu regen. Gleich hinter Frohnau, 10 Minuten vom Bahnhos Stolpe bis hart an die Grenze des HosjagdrcvierS reihen sich die Straßcnzüge mit ihren Eigcnhäusern von jugendlichem Gepräge, immer ticser schiebt sich die AnsiedelungSzone in den Wald hinein; und doch ist eS, wenn man diese zauberhast schönen Alleen durchschreitet, als hätte der Wald hier nirgends ein Ende, Großstadtlebcn in den märkischen Wäldern! Ist das hier möglich? Wenn man in Betracht zieht, daß die nördlichen Vororte unter sich mehr oder weniger organisch d�rch Straßenzüge ver- bunden sind, indem sie sür sich ein StadtgebUde dar- stellen, so ist dies gar nicht verwunderlich, wenn diese OrtSteile eine Welt sür sich bilden. So begeht z, B, die Gartenstadt Hosjagdrcvier srüher NilolaSwald-Berg- selbe genannt, poiitiich zur Gemeinde Bcrgsclde gehörig, am'24. d.M. zu Ehren ihres BegründeiS Herrn C Äinklcr, der in diesem Jahre seinen 60. Geburtstag hat. die Feier eines vom Grundbesitzervercin Bergsclde arrangierten Festes. Sie nennen es altdeutsches VolkSsest. Wenn Berlin an den Sonntagen wie ausgestorben erscheint, pulsiert hier frisches, fröhliches Leben, und die zirka 800 Grund- besitzet, die sich hier angesiedelt haben und eine Ge- meinde sür sich bilden, geben an diesem Tage der neuen Kolonie ihr Gepräge, Da fehlt eS nicht an Milttär- konzert. an Volks- und Kindcrbelustigungen aller Art, zirzensische Spiele wechseln mit Preisschießen ab, sür die ganz Kleinen ist ein Kasperlc-Theater ausgebaut, ein großer Fackelzug mit Land- und Wassel seucrwcrk be- schließt am tzertaicich das Fest, Den Glanzpunkt deS Festes, der dem Arrangement den Stempel ausdrückt, hätten wir beinahe vergessen: ES ist dicS Heinrich der Slädlecrbauer, der seinen Einzug hält in die Gefilde der Gartenstadt Hosjagdrevier. Mit seinen Rittern und Edelsrauen, Herolden und SIegeSwagen, mit Lands- knechten und Söldnern, mit Patriziern, Bürgern und mit allerlei fahrendem Volk, mit den Gästen und Fcstbesuchern wird an unserem Auge kaleidoskopartig ein Stück vom Mittelalter vorüberziehen— wenn das Wetter gut ist. Daß der Berliner der Mittelschicht, den die Enge und Dürstigkcit der großstädtischen Verhältnisse mit der unaushörlichen Mietsfchraubc aus dem Stndtinnern ver- trieben bat, sich hier heimisch und behaglich sühlt, brauchen wir nicht erst besonders zu betonen. Das Fest dieser Gemeinde legt sür die Richtigkeit dieser Darstellung ein lebendiges Zeugnis ab. Er, der sür Behaglichkeit und trautes Familienleben schwärmt, findet sich hier recht eigentlich in seinem Element, Da gibt es In der Ge- meinde und im Grundbesitzervercin zu beraten und zu diskutieren. Unaufhörlich sind sie an der Arbeit, unter Beihilfe der Gcscllschast das Wobl und die Zukunft ihrer Scholle zu erhöhen. ES ist dieses ein wetteiscrndeS, ideales Streben für das Fleckchen Erde, wo sie dermal- einst im Alter ihr Hauvt zum Ausruhen hinlegen können— sie haben ein EigenhauS und wissen, wo sie hingehören. Und dieses unisomehr, als eS aus diesem Neuland noch so unendlich viel zu hoffen und zu er- warten gibt. Dieser Wald- und Ackerboden, der nach und nach in Wobnbodcn umgewandelt wird und bei« nahe noch zu Ackcrpreisen abgegeben wird, birgt sür den, der zu warten versteht, ein Vermögen in sich, Die reichen Bauern im Norden Berlins wissen hiervon ein fröhliches Lied zu singen, Um noch einmal aus den Brief Jansens, de? Siegers im Wettbewerb Groß-Berlin, zurückzukommen, zeigt derselbe, welch' überragende Stellung den neuen Gartenstädten des Nordens von autoritativer Seite zu- gewiesen ist.r Von den süns fünfzig bis sechzig Meter breiten NuSkall-Strafte». die dazu bestimmt sind, die großen Massen der künsligen Weltstadt in kurzer Zeit aus dem Stadtinnern nach den verschiedenen Himmels- richlungen an die Peripherie zu bringen, führt die sünstc knapp an den SicdclungSgckänden der Gesell- fchast vorüber. Nicht ohne Einwirkung aus die künsttge Gestallung der Vcrlehrsverhältnisse in den nördlichen Villenkolonien dürste auch die Tatsache bleiben, daß in dem großzügigen Nicscn-Schnellbahnnetz deS Projettes der Ausbau der bereits vorhandenen Industriebahn zur nördlichen Vorort- Ringbahnlinie gefordert wird. Wenn man gut orientiert ist, so ist eS zweifellos, daß im Norden ein neues Berlin entsteht von unabsehbarer Bedeutung. Die Ankäufe potenter Gesellschaften weisen daraus hin, und eS ist ein Fehler, zu ignorieren, daß der reichste Magnat Deutschlands sich hier Tausonde von Morgen gesichert hat, daß Borsig und andere Großindustrielle hier ihre Arbeitsstätte ausgeschlagen haben und sich von Jahr zu Jahr vergrößern, und es zeujjt von wenigem Verständnis sür die Groß-Berliner Besiedelung, wenn man fernerhin die Tatjache leugnen wollte, daß der Fiskus im viergieisigen Ausbau der Nordbahn Millionen und in der Erschaffung des Berlin« Stettiner GroßschiffahrtSkanalS Milliarden investiert. Der Berliner Norden steht so vor dem Anbruch einer neuen Aera; denn schon in zwei Jahren soll der Bau des Großschiffahrtsweges Berlin. Stettin fertiggestellt sein. Das epochale Werk, das bereits in allen Punkten in Angriff genommen worden ist, hat auch in diesem Baujahre rüstige Fortschritie gemacht, und eS ist keine«. wegS ein« jalsche oder schicse Beurteilung, wenn ein englischer Politiker den Ausspruch wt:.Berlin liegt, wenn der GroßschissahrtSkanal sertiggestellt ist, an der Ostsee." Deutlich heben sich heute bereits die Umrisse der neuen Wohnstadt im Norden vom ZiikunftShorizont ab. Den Meistern deS Städtebaues erwachsen hier große Ausgaben. Berlin aber mag den Spruch beherzigen, den eines jener preisgekrönten Projekte an der Stirn trägt:.Denk' an künftig!" DicnStag, de» SV. Juli 1V1V. abends 8 Uhr: General- Versammlung in Hoppes FeftsSlen- Hermannstrafte 4S. TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes. S. Anträge zur Kreis- Generalversammlung. 4. Der Parteitag in Magdeburg. Antrüge dazu. 5. Verschiedenes. SßF" Mitgliedsbuch legitimiert.-9Q In Anbetracht der reichhaltigen Tagesordnung wird die Versammlung pünktlich eröffnet.— Zahlreichen Besuch erwartet 23S/0 Der Torstand. Ungemeine Kranken- u. Sterbekasse der deutschen Drechsler und deren Berufs- genossen. C. If). 86. Hamburg. Mitgliederversammlungen finden statt: 288/6 Am Montag, den 25. Juli, abends 81/, Uhr, im GcwerkschaftShanse, Saal 10, Am Montag, den 25. Juli, abends 8'/, Uhr, bei Ehlert, Wiener Str. 25, Am Montag, den 25. Juli, abends 8'/, Uhr, bei Schulz. Alte Jakobstr. 18/19. Am Montag, de» 25. Jnli, abends 8'/, Uhr, bei , So.....* Bezirk Ä. Bezirk B. Bezirk C. Bezirk D. Lawcrenz, Sophienstr. 10. TageS-Ordnung: t. Gcschästliche». 2. Äassenbericht pro 2, Quartal, 8, Verschiedenes. Die OrtSverwaltuiigc«. SlrdettsnachweiS: VerwaltungssteNe«erlin. Hauptbureau: Hos l. Amt 3. l239. CharitOstrase 8. Hos m. Amt 3, 1987. Montag, den 25, Juli, abends 7 Uhr: Große Versammlung/ aller in Schraubenbetrieben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen(Einrichter an Automaten und Einzelbänken. in Granmanns Fcstsälen, Nannhnstraste 27. bcricht. 2. Diskussion. 3, Neuwahl zur Brauchenvertreters. 4, Verschiedenes. Die OrtSverwaltung. �118/19 Tagesordnung: 1. Jahresbericht. tlgitalioiislommiision, Wahl des Brauch Zahlreichen Besuch erwartet Herren- Sommer-flnzüge 5752ü in grober Auswahl sind gut und billig zu haben Irtmnenstr. 153, Otto Ilcinicke. Laden gelb gestrichen. Maßanzüge sehr elegant, 32—85 M., fertige An- züge 8,25 an. Posten engl. Stoffe u. Anzugreste billig. Tuche sehr große Auswahl. Gern schicken wir unicrc Vertreier mit Musler ohne Kaus« Verpflichtung. Tnekjxesellselmrt Koltbuscrdamm 16—17(HochbO Bor- zeiget d. Inserats erhält 5°/, Rabatt. X tenaiB-Fr® X Wollen Sie vorteiliialt kaufen? So kaufen Sie la. Briketts nach Gewicht! Ä. B. 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Verantsvortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Fnieratenteil verantw.: TH.Gloste.Beplin. Druck u, Verlag iLorwärtz Buchdruckerei u. VerlagSanftalt Paul Singer St Co« Berlin SW»/ Nr. 170. 27. Iahrgaag. X WM llts Jorairtf Kerlilltt NddsdlM Ssmabttld, 23. AM l9!y. Partei-?Zngelegenkeiten. Zur Lokallistc. Der jetzige Inhaber dcS.Vergnügungspar l". am Tegeler Weg 74/75 in Charlottrnburg veriucht die Meinung zu verbreiten, doi» sein Lokal jedermann frei zur Ver- fügung stehe. Demgegenüber weisen wir nochmals darauf hin, das; Herr Moritz Ziesche, der Inhaber obigen Lokals, es bisher flriktc abgelehnt hat, den Revers der Lolalkommission unter- schriftlich anzuerkennen. Alle umlaufenden gegenteiligen Bc- demptungen sind unwahr. Wir ersuchen deshalb die Genossen Charlotte nb u rgs und des angrenzenden ö. Kreises dieses Lokal st r e n g zu meiden. In Bindow T.-V. haben erneut Verhandlungen mit dem Gast- Wirt R i b b e ck e stattgefunden mir dem Resultat, datz der Herr er- klärte: er würde seine Räume der Arbeiterschaft zur Abhaltung von Versammlungen nie und nimmer hergeben. Wir ersuchen speziell die Ausflügler und Ruderer, dicS zu beachten und es als Ehrenpflicht zu betrachten, dafür zu sorgen, daß dieser Herr durch Arbeiterbcsuch überhaupt unbehelligt bleibt. Die Lokalkomniission. Erster Wahlkreis. Sonntag, den 24, Juli, Ausflug mit Familie nach Restaurant Heidekrug sKiekemal), Station Köpenick. Für Be- lnstigung ist gesorgt. Abfahrt vom Stadtbahnhof Alexander- platz 9.50. 2. Wahlkreis, Fricdrichstadt. Zahlmorgen für Druckerei« Nacht- arbeiter: Sonntag, 24, Juli bei Julius Meyer, Oranienstr. 103. Tagesordnung: 1. Geschäftliches. 2. Die Vudgetfrage in Baden. Referent: Genosse Paul John. Regen Besuch erwarten Tie Vertrauensleute. Zweiter Wahlkreis. Morgen, Sonntag, den 24. Juli, findet unser Familienausflug nach Grünau sSpielplatzj statt. Treffpunkt früh 7*/, Uhr auf dem Görlitzer Bahnhof. Abfahrt 7*>. Im Walde finden Kinderspiele usw. statt. Für Kafseelüche ist Sorge getragen. Es wird nochmals daraus aufmerksam gemacht, dag das Endziel der .Spielplatz' ist. Recht zahlreiche Beteiligung wünscht DaS Komitee. WilmerSdorf-Halcnser. Der Sozialdemokratische Wahlverein hält heute, Sonnabend, von 5 Uhr nachmittags ab im Viktoria» Garten, WilhelmSaue 114/115, ein Vokal» und Jnstru» mentalkonzert mit hervorragendem Programm ab. Auch für Kinderbelustigungen ist gesorgt. Dem Konzert folgt ein SommernachtSball. Reger Besuch wird erwartet. Der Vorstand. Schmargendorf. Dienstag, den 26. Juli, abends S'/g Uhr, im .Wirtshaus' sBartel), Warnemünder Strotze, Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Neuwahl des Gesamtvorstandes. Lichtenberg. Heute Sonnabend findet im Etablissement P. Schwarz. Möllendorfstr. 25/26, das Sommerfest des Bezirks Lichtenberg statt, bestehend in Konzert. Spezialitätenvorstellung, Gesang, turnerischen Aufführungen und Grotzem Ball. Reinickrndorf-Ost. Am Dienstag, den 26. d. Mts.: Mitglieder- Versammlung bei Schaller. Provinzstr. 69. Beim Sonnnerfest am 17. Juli ein Paar Herrenhandschuhe ge- funden. Abzuholen bei Neumann, Restdenzstr. 66, Zigarrengeschäft. Adlcrshof. Am Sonntag findet eine Flugblattverbreitimg statt. Adlcrshof. Dienstag, den 26. Juli, abends S'/, Uhr, im Lokal von R. Beyer, BiSmarckstr, 10: Oeffentliche politische Versammlung deS sozialdemokratischen Wahlvereins zu Adlershof. Tages» ordnung: Die preutzische Königslegende. Referent: Dr. Max Schütte- Berlin. Diskussion, Alle Männer und Frauen von«Mershof find freundlichst eingeladen. Karlöhorst. Heute findet im.Fürstenhaus'(Bartels) das Sommer- fest des Wahlvereins statt. Anfang 4 Uhr. Für Kinderbelustigungen ist gesorgt. Fricdrichshagen. Morgen Sonntag, den 24. Juli, findet ein Familienausslug nach Restaurant R a v e n st e i n statt, Treffpunkt nachmittags 3 Uhr am Eingang zum Kurpark. Im Walde finden Kinderspiele usw. statt. Eichwalde und Umgegend. Eine öffentliche Bersamm- lung findet am Sonntag, den 24. d. M., nachmittags 4'/, Uhr, im Lokal von Krüger in MierSdorf statt. Tagesordnung: Die Reichsversicheningsordüung und ihre Nachteile für die arbeitende Be» völkcrung. Referent: Arbeitersekrelär Aman. Sonntag früh S Uhr, Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus._ Der Vorstano. Berliner JVacbricbten. Künstler der Straße. Ein buntscheckiges Volk! Es setzt sich zusammen ans ten Aermsten der Armen. Künstler sind sie allesamt— nämlich Hungerkünstler. Das wären Objekte für die eng- lischen Delegierten: Hätten sie, die Deutschlands Reichtum kennen lernen wollten und dabei die Armut vergasien, anstatt vor den Schaufenstern zu stehen und sich billige Preise zu notieren, oder in Cafäs Pferdewurst zu verlangen, sich einen Tag über im Hofe einer modernen Berliner Mietskaserne al.fgestellt: sie hätten Gelegenheit gehabt, deutsche Zoll- und Steuerpolitik in ihren Folgeerscheinungen zu studieren. Dann wüßten sie genau, wie reich Germany—- an Bettlern ist. Boshafte Leute behaupten, daß diese Kunst heute mehr einbringe als manche andere Arten des Broterwerbes. Sie denken an die Geschichte vom reichen Bettler und machen die� Ausnahme zur Regel. In der Kleinstadt sind diese Nomaden nicht ungern ge- sehene Gäste. Der braune Italiener mit der Drehorgel und dem Aeffchcn bringt immerhin etwas Abwechselung in das öde Einerlei, und gar bald hat sich die liebe Schuljugend um ihn versammelt. Die Fünfer kommen reichlick�r ge- flogen. Ist er gar ein Stelzfuß oder Einarm. dessen weh- mütige Blicke ein Steinherz butterweich machen können, so gibts manches noch extra. In der Großstadt werden sie in Zeiten der Krise fast zur Plage Hier sind sie mehr ein Teil der unvermeidlichen Großstadtlärmcr.„Künstler der Straße" trifft da nicht mehr zu. Sie sind auf den Hof verbannt, wenn ihnen nicht das bekannte ,, Musizieren verbaten" entgeaenstarrt, oder wenn nicht der Hausdespot durch eine energische Handbewcgung zu verstehen gibt, daß er auf die künstlerischen Darbietungen ver. zichtet. Hier übt die Kunst Groß und Klein, Jung und Alt. Instrumente der primitivsten, aber auch der modernsten Form müssen herhalten. Hauptsache ist, daß man die Aufmerksam- sseit auf sich lenkt. „Selbst der Greis im Silberhaar" leiert seine vor- schriftsmäßigen drei Stücke herunter. Hat der Kasten einen outen Klang und spielt er die neiiesten Kompositionen von Lincke, kann er schon auf ein paar i-«..«,«.»- Da kommt Arm in Arm ein Ehepaar. Der Mann stellt sich in Positur, holt aus seiner Rocktasche eine Flöte, wie man sie in Jahrmarktsbuden für 10 Pf. zu kaufen bekommt und entlockt diesem unscheinbaren Instrumente die schönsten Melodien. Jetzt kommt die Mundharmonika dran. Der Mann ist vielseitig. Da nun in der modernen Zeit die bessere Hälfte auch mit zum Verdienen beitragen soll, kommt sie an die Reihe und„der Alten Sang dazwischen, wie dumpfer Gcisterchor". Es ertönt das bekannte Lied, zwar in guter Harmonie, aber im Rhythmus verändert:„Fahr wchl, fahr wohl mein teures Lieb!"„Wie wird mir auf einimal!" Ich habe gerade den Abschicdsbricf— von wem, verrate ich nicht vor mir. Die Minnesänger sind wieder- auferstanden...- „Es ist gut. wenn man noch eine alte Quetschkomode zur Verfügung hat," dachte wohl jene Alte, die, auf einem Schemel sitzend, einiges aus der„Dollarprinzessin" vorträgt. zwar in veränderter Form, aber dennoch dem ungeübten Ohr angenehm klingend. Auch die Kleinen sind nicht unvertreten. Ein Knirps mit seinem Schwesterchen,„Schuh und Striimpfe sind zcr- rissen, durch die Hosen pfeift der Wind," singen aus voller Kehle ein bekanntes Schullied. Ob sie sich nachher um die verdienten Sechser streiten? Der Fortschritt macht sich auch auf diesem Gebiete be merkbar. Das Grammophon geht auch schon betteln: immer modern, das bringt was ein. Ans dem Riescntrichtcr ertönen die schönsten und neuesten Weisen. Man glaubt, eine ganze Kapelle oder ein Sängerchor haben Aufstellnng genommen. Alles lauscht.„Horch, die alten Eichen rauschen," dann noch „Sonntag ist's". Vielleicht bekommt man auch„Caruso" zu hören.„Es schwinden jeden Kummers Falten, so lang der Lieder Zauber walten." Man greift unwillkürlich nach einem Sechser:„Wer kann des Sängers Zauber lösen, wer seinen Tönen widerstehn?" Das Alte kann sich nur vor dem Untergange retten, wenn es sich modernisiert. So auch dieses Gewerbe. Mit dem Grammophon erblüht dieser Zunft die Zukunft. Der Bischof der Berliner Schmicdcgesellen. Im Märkischen Provinzialmuseum befindet sich u. a. eine Holzfigur, etwa ein Drittel Meter hoch, augenscheinlich einen Schmiedegesellen darstellend, der mit dem Hammer ein Huf- eisen bearbeitet. Um den Hals der Figur hängt eine Kette von Messingperlen, an der sich einige Stralaucr Fischzugs- orden, ein Tempelhofer Ordenskreuz aus Blei und eine Medaille von Messing befinden. Letztere hat auf jeder Seite das Kniestück eines Heiligen und die Umschriften„S. Fran. Xaver in A." und„S. Ignat. Los. I." Diese Figur, die unter dem Namen„Bischof" bekanntgeworden ist, soll sich früher im Besitz der Breslauer Schmiedegesellen befunden haben, aber von einem Gesellen entführt und nach Berlin ge- bracht worden sein. Man erzählt in Fachkreisen, daß sich deswegen sogar ein Prozeß entsponnen habe, der aber für die Breslauer ungünstig ausfiel. Später wurde die Figur ein- mal nach Hamburg verschleppt, von dort aber durch einen Berliner Gesellen wieder nach Berlin zurückgebracht. Der Ueberliefening nach stand die Figur dann auf der Herberge der Berliner Schmiedegesellen und es war Sitte, daß jeder zugereiste Gesell, nachdem er das übliche Geschenk erhalten hatte, vor dem Bischof einen Spruch aufsagen und einen Zwölfteltaler niederlegen mußte, wofür er die Figur zu küssen hatte. Die Opfergaben wurden in einer Büchse gesammelt und später vertrunken. Bei Aufhebung der Herberge ist die Figur'ebenfalls in das Museum gewandert, wo sie uns an alte Zunftsitten Berlins erinnert. Lang, lang ist das her! Heute sind die Schmiedegesellen aus anderm Holze geschnitzt_ Die Errichtung eines Aquariums im Zoologischen Garten ist von einer außerordentlichen Generalversammlung des Aktienvcreins Zoologischer Garten beschlossen worden. Um das Kapital aufzubringen, ist beschlossen ivorden: Jeder Aktionär zahlt auf seine Aktie 100 Mark zu und erhält dafür freien Eintritt für sich und sechs Personen, analog den Vergünstigungen im Zoo. Es werden 500 neue Aktien zu 1000 Mark ausgegeben, die den alten Aktionären anzubieten sind. Der Mindestpreis für die neuen Aktien soll 1250 Mark betragen, jedoch sind diese Aktien den alten Aktionären mit 1150 Mark anzu- bieten. auf dankbare Kinder, die sofort das Tanzbein schwingen rechnen. Der Einfluß der Schulleistnnaen auf die LcbenSstelluna. Bei Erörterung grundlegender Schulhcagen wird gern darauf hingewiesen, daß schlechte Schüler im späteren Leben oft die tüch- tigfien Menschen geworden sind, während viele vorzügliche Schüler in der Schule des Lebens bald mit ihrer Weisheit zu Ende waren und es zu nichts rechtem brachten oder gar versumpften. Ein Ber- liner Gymnasialdirektor hat nun eine Statistik veröffentlicht, um den Nachweis zu erbringen, das; diese Wechsclrcchnung nur eben in Ausnahmefällen stimmt. Aach seinen Zahlen, denen 25 Jahrgänge von Schülern, die eine höhere Lehranstalt mit dem Reifezeugnis für die Universität verlassen haben, zugrunde gelegt sind, ist das normale Verhältnis derart, datz gute oder minderwertige Schulleistungen sich auch im praktischen Leben selten verleugnen. Hiernach sind die Spitzen juristischer Behörden, überhaupt hohe Verwaltungsbcamte, ferner Universitäts- und Akadcmicprofcssoren, auch Direktoren von Gymnasien und Realgymnasien stets(?) aus den beiden Klassen- ersten hervorgegangen. Hohe Geistliche(!), Oberlehrer, gewöhnliche Professoren und niedere Juristen, womit wohl das Heer der Rechts- anwälte gemeint ist, haben auch in der Schule eine mittelmäßige Begabung gezeigt. Ein geistiges Armutszeugnis stellt der Herr Gymnasialdirektor auch einfachen Geistlichen und Aerzten auS, die fast durchweg nur mit Ach und Krach durch das Abiturientenexamcn gekommen sein sollen. Ebenso ungünstig klassifiziert er die mit dem Reifezeugnis aus der Schule abgegangenen späteren Post» meister, Oberpostsekrctäre, Lehrer. Landioirtc, Referendare und der» gleichen Standespersonen. Von den schlechten Schülern ist, immer nach der Statistik, auch kein einziger Medizinalrat, Sanitätsrat oder gar Schuldirektor und Schulrat geworden. Höhere Offiziere haben selten oder nie zu den besten, meist nicht mal zu den besseren Schülern gehört. Und so weiter. Uns interessiert diese Statistik zunächst insofern, als sie bei der Beurteilung der späteren Leistungsfähigkeit auf den Titel offen» bar den ausschlaggebenden Wert legt. Wir machen unsere Ver- beugung nicht vor dem Titel, wie klingend er auch sein mag, son- dern nur vor dem wirklichen Wissen und nebenbei selbstverständlich auch vor der anständigen Gesinnung. Es gibt in Preußen massen- Haft sehr hochgestellte Verwaltungsbcamte, deren Leistungen als ■,,. erwachsener Mensch im umgekehrten Verhältnis zu dem tönenden echser, zum Mtndesten aber � Titel stehen.-Der Herr Philologe und Statistiker hätte die Diplo matenkarriere besonders erwähnen sollen. Da wäre cS ganz beut- lich hervorgetreten, daß preußische Diplomaten, also titularmäßig . große Tiere", im Auslande recht häufig als große Schafsköpfe taxiert werden. Ob diese unfähigen Diplomaten, die die Reichs» karre immer mehr in den Dreck fahren, zu den guten oder zu den schlechten Schülern gehört haben, muß ja der Gymnasialdirektor am besten wissen. Wir kalkulieren: c» lvarcn auch schon miserable Penäler. Lediglich auf die äußere Lebensstellung und auf den Titel zu exemplifizieren, ist aber auch deshalb ein Mißgriff, weil bei unL im Lande Titel und Stellung nur zu oft mit der Beugeföhigkeit des Rückgrats und mit der Willfährigkeit nach oben hin aufs engste verknüpft sind. Es gibt doch übergenug Beispiele dafür, daß außer- ordentlich hervorragende Wissenschaftler und sehr gescheite andere Leute selbst im höheren Lebensalter nicht den Titel und die äußere Ehrenstcllung erringen konnten, die viel jüngere Berufskollegen, aber richtige Ignoranten und desto größere Speichellecker,� schon in jungen Jahren erhielten. Untersucht der Herr Statistiker die Schulzeugnisse dieser Leute mit schneller Karriere, so dürsten das recht oft die schlechtesten Schüler gewesen sein. Was soll nun gar der Hinweis auf den Medizinalrais- und Sanitätsratstitel? Der Herr Direktor ist sehr weltfremd, wenn er noch nicht weiß, daß der Titel Medizinalrat von den beamteten Aerzten und Sanitätsrat von den nichtbeamteten Aerzten in der Regel nach einer bestimmten Reihe von Tätigkeitsjahren verliehen wird, ohne Rücksicht auf den Grad der Kenntnisse. Nicht anders steht es mit dem Gchcimrats» titel. Kann dann noch ein recht großes Portemonnaie ins Gefecht geführt werden, das alle Türen öffnet, so läuft die Bcfördcrungs» Maschine wie geschmiert. Und dann erst die sogenannte Geldaristo» kratiel Sage mir, wie Du heißt, und ich werde Dir sagen, was Du wirst! Wollte man unseren Hochadcl, der auf den höchsten und fettesten Staatspöstchen fest im erblichen Sattel sitzt, nach seinen Leistungen auf der Schule im Vergleich zum späteren Leben taxieren, so käme ein fürchterliches doppeltes Minus heraus. Hat es doch in Preußen mal einen Kultusminister gegeben, der eS aus dem Gymnasium gerade bis zur Onarta gebracht haben soll. Wir sind bekanntlich in Preußen, wo das Volk von Junkern und Pfaffen in der Dummheit erhalten werden soll, noch weit davon entfernt, daß auch schon zahlreiche Söhne armer Eltern die höchste Staffel der Schulbildung und der davon abhängigen Lebens- stellungen erreichen können. Wo cS mal einem glückt, wird das unter unsäglichen Opfern der Eltern erkauft. Diese mit eiserner Zähigkeit in der Schule arbeitenden jungen Leute, der Stolz ihrer Lehrer, sind durchweg auch im Leben die allertüchiigsten Menschen geworden. Wenn erst mal der Weg zur LebcnShöhe allgemein frei ist über den Schulweg zur Bil- dung, wird es sich zeigen, daß die besten Schüler und die tüch- iigsten Menschen«her hervorgehen aus den unteren, in der Jntelli- genzeniwickelung heute noch absichtlich niedergehaltenen Klassen als aus jenen von Jugend auf bevorrechteten Kasten, denen ohne her- vorragende Intelligenz die Titel und die hohen Stellungen von selbst zufliegen._ Au» dem Magistrat. Der Magistrat trat einem Antrage der Armendirektion bei, nach dem die Mitglieder der Armen- kommissioncn nicht notwendig im Bezirke ihrer Armenkommission zu wohnen brauchen, sondern auch im Bereiche der direkt an» grenzenden Kommissioncn ansässig sein dürfen. Der Magistrat beschloß ferner, einem Vorschlage der Tier» gartenverwaltung zuzustimmen, nach dem er die Regu- lierung der Fasanericallce in eigener Regie, aber unter Anrechnung auf die Zuschüsse der Stadt zur Erhaltung und Verschönerung des Tiergartens ausführen soll. Der Fahrdamm soll in einer Breite von 7 Metern asphaltiert werden, während die Straßenbahngleise mit Rasenboden umgeben werden sollen. Auch soll die Tiergartenverwaltung ersucht werden, energische Maßnahmen gegen die Raupenplage zu ergreifen. Der frühere Schluß der Milchgeschäfte im nördlichen Schön- hauser Viertel vom nächsten Sonntag um 2 Uhr statt wie bisher um 3 Uhr ist, wie uns geschrieben wird, hauptsächlich veranlaßt worden durch die in letzterer Zeit in jener Gegend außerordentlich verschärfte Polizeikontrolle. Die Milchhändlcr dürfen an Sonn- und Feier- tagen in der Stunde von 2 bis 3 Uhr nur Milch, Brot und andere Backwaren verkaufen, führen aber nebenbei sämtlich noch zahlreiche andere Haushaltungsartikel. Wenn nun ein SonntagSkäufcr nach 2 Uhr von diesen Mitteln noch etwas verlangte, so war cS im Ge- fchäftsintcreffe schwer, den Wunsch des Kunden abzuweisen. Man riskierte lieber eine Anzeige als den Verlust eines guten Kunden, der zur gefälligeren Konkurrenz überging. Dazu kam, daß leider andere Geschäftsleute, die gleichartige Nebcnartikel führten, auf die Milchhändler fuiterneidisch waren und mit Denunziationen nicht sparten. Vor allem waren aber auch die Schutzleute höllisch scharf auf dem sonntäglichen BeobachtungSpostcn. Zwei Zugentgleisungen. Gestern morgen ereigneten sich zwei Eisenbahnunfälle, die aber beide verhältnismäßig glimpflich ver- liefen. Der eine erfolgte bei der Einfahrt in den Spandauer Personenbahnhof, der andere bei der Haltestelle Schönwalde. Im ein» zclnen wird berichtet: Gestern früh um 7 Uhr 55 Min. entgleiste aus bisher noch nicht festgestellten Ursachen bei der Einfahrt in den Spandauer Per- sonenbahnhof der von Charlotienburg kommende Vorortzug 4320. Die iKaschine, der Tender und der erste Wagen, ein Gepäckwagen, wurde aus dem Gleise geschleudert. Personen wurden glücklicher- weis« nicht verletzt, auch der Materialschaden ist gering. Das Gleis war mehrere Stunden gesperrt, bis es der eingetroffenen HilfS- kolonne gelang, die Wagen wieder auf die Schienen zu bringen. Der Verkehr wurde unterdes über das zweite Gleis geleitet.— Der zweit« Unfall ereignet« sich gegen. 9 Uhr bei der Haltestelle Schönwalde. Der um 8 Uhr 18 Min. von Reinickendorf abgelassene Zug der Eisenbahn Reinickendorf— Liebenwaldc-Groß- Schönebeck passierte fahrplanmäßig um 8 Uhr 52 Min. die Haltestelle Schön- Walde. Er bestand aus Lokomotive mit Tender und acht Wagen, die sämtlich stark besetzt waren. Unmittelbar hinter der Station Schönwalde entgleiste der Zug, anscheinend infolge falscher Weichen« stellung. Auch hier kamen die Fahrgäste mit dem Schrecken davon. Der Verkehr wurde durch Umsteigen aufrechterhalten. Ein Familienbrama hat sich in letzter Nacht im Haus« KatzVcr- straße 4 zugetragen. Dort hat der Mechaniker Lovenzcn seine Frau durch einen Rcvolverschuß schwer verwundet und dann seine zwei Kinder und sich selbst erschossen. ES wird unS berichtet: Im Haufe Katzlerstrahe 4 wohnte im vierten Stock des Seiten- flügels die Familie des Mechanikers HanS Lorenzen, die aus dem 31 Jahre alten Ehemann, der Ehefrau, geb. Helene Wadewitz, und den 5 Jahre und 4 Monate alten Knaben Walter und Hans bestand. DaS Verhältnis der Eheleute zueinander war an sich gut, nur hatte der Mann noble Passionen, die mit seinem Einkommen, das er in einer Fabrik im Hallcfchcn Torviertel bezog, nicht in Einklang zu bringen waren. Er liebte besonders die Rennbahn und das Karten- spiel und geriet durch seine unverhältniSmäßigen Aufwendungen in Schulden. Unter dem Druck dieser Verhältnisse haise sich Frau Lorenzen an ihren Bruder, einen Ackerbürger in Bernau, gewandt mit der Bitte, sie und ihre beiden Knaben dort aufzunehmen. Der Bruder hatte auch die Erfüllung dieses Wunsches zugesagt. Lo» renzcn, der um diese Sache nichts gewußt hatte, erfuhr die Absi-� feiner Frau und faßte deshalb den Entschluß, sich und seine ganze Familie umS Leben zu bringen, nachdem er am Mittwoch versucht hatte, sich allein auf der Straße zu erschießen, daran aber durch Hinzukommen eines Arbeiters verhindert worden war. Zur Aus. siihrung seines mörderischen Planes wählte er die letzte Nacht. Während Frau und Kinder noch in tiefem Schlafe lagen, verließ er unauffällig sein Lager und griff zu einem Revolver, den er in einem Schrank aufbewahrt hatte. Zuerst richtete er die Waffe gegen seine Ehefrau und brachte ihr zwei Schüsse in die rechte Brustseite und in die rechte Schläfe bei. Die Schüsse wirkten aber nicht töd llich, so dost Frau Lorenzcn blutüberströmt aus dem Bette springen und um Hilfe schreien konnte. Sie suchte dann bei den auf dem selben Flur wohnenden Kutscher Brauerschen Eheleuten Zuflucht. Während die Nachbarn sich notdürftig ankleideten und um die der wundete Frau bemüht waren, benutzte Lorenzcn die Gelegenheit zur weiteren Durchführung seines Vorhabens. Er tötete seine beiden Knaben in ihrem Bett durch Schüsse in das Herz und in den Mund. Die Kinder erhielten im Schlafe das tödliche Blei. Darauf begab sich Lorenzen in die Küche seiner Wohnung und brachte sich einen Schutz in den Mund bei, unter dessen Wirkung er sofort zu- sammenbrach und starb. Alles dies vollzog sich mit einer solchen Geschwindigkeit, datz die Nachbarn nicht hinde�d eingreifen konnten. Als die alarmierte Polizei ankam, blieb ihr nur noch übrig, die zwar schwer, aber nicht lebensgefährlich verwundete Frau nach dem Krankenhaus am Urban zu schaffen. Die Leichen des VaterS und der beiden Knaben wurden dem Schauhause überwiesen Lorenzen hatte gerade diese Nacht zu dem Familienmord gewählt. weil sein Schwager aus Bernau die Absicht mitgeteUt hatte, die Frau und die beiden Knaben gestern früh nach Bernau zu sich ab- zuholen Lorenzen stammte aus dem Kreise Flensburg. Zu der Lichtcnradcr Affäre. Im Laufe des Donnerstagabends sind eingehende Durchsuchungen der Wohnung des Louis und Albert Nademeyer vorgenommen worden. Bei dem Albert Nademeyer wurden verschiedene Patronen und kleine Quantitäten Natzbrand Pulver vorgefunden, welches unzweifelhaft auch zu der Attentatssache verwandt wurde. Nach dem bisherigen Gutachten handelt eS sich UM sogenanntes rauchloses Pulver oder Blättchenpulver. Die aufgenommenen Schriftproben sind noch nicht zum Abschuß gekommen. Das vorläufige Urteil schließt sich den Ansichten der Kriminalen nicht an. Jedoch sind sehr viele Merkwürdigkeiten vor» handen. In den Schriftproben der Rademeyer ist der Name Kraatz nur mit einem„q* geschrieben, während sie mit ihm als Nachbars» linder zusammen zur Schule gegangen sind. Ein schwerer Strahenunfall ereignete sich gestern nachmittag im Korden Berlins. In der Gerichtstratze, in der Nähe des Nettelbeck- Platzes, sprang der söjährige Arbeiter Hermann Michulski aus der Pankstrahe 12 von einem in der Fahrt befindlichen Straßenbahn- wagen der Ninglinie 3 und stürzte unmittelbar vor einem heran- nahenden Arbeitswagen der Firma Gustav Wagner, Gubener Straße 56, zu Boden. M. wurde überfahren und erlitt eine schwere Quetschung des rechten Oberschenkels, eine blutende Kopfwunde und innere Verletzungen. Der Verunglückte wurde zunächst nach der Unfallstation in der Lindower Straße und dann nach dem Rudolf. Virchow-Krankenhause gebracht. Ein ganz gefährlicher Gauner, der bedürftige Leute um ihr tab und Gut bringt, treibt gegenwärtig sein Unwesen. Der chtvindler sucht seine Opfer unter den Stellungsuchenden. Er beobachtet besonders die Herbergen und läßt sich mit arbeitsuchen- den jungen Leuten in Gespräche ein. In geschickter Weise versteht eS sodann der dreiste Bursche, seine Opfer um ihre geringen Er- sparnisse zu prellen. Der Betrüger spiegelt den Leuten vor, er habe eine überaus günstige Stellung für sie in Aussicht, und im Laufe des Gespräches versteht er eS dann, das Hab und Gut aus den Opfern herauszubekommen. Leider Pflegen arbeitslose junge Menschen derartigen Personen, die ihnen Stellungen versprechen, zu vertrauen. Dadurch wird diesen Spezialisten vom Schwindel- fach das Handwerk bedeutend erleichtert. Einundzwanzig Mormonen-„Apostel" sistiert. Der Berliner Polizei war es seit langem bekannt, datz von dem europäischen Hauptquartier der Mo r m o n e n se k te in Zürich auS die Propaganda für die Kirche der„Heiligen vom letzten Tage" auch nach Preußen und besonders nach Berlin verpflanzt werden sollte, und schon wiederholt waren einzelne Apostel der Mormonen auS preußischen Pravinzialstädten ausgewiesen worden. Dieser Tage wurde der Berliner politischen Polizei gemeldet, datz der Leiter der europäischen Mormonenpropaganda, Mc. Kay, in Berlin eintreffen werde, um im Verein mit anderen Aposteln eine Werbe- Versammlung großen Stiles abzuhalten. Die Versammlung fand Donnerstag abend im Saale der Betgemeinde in der Landsberger Straße 32 statt, die mit den Mormonen schon seit längerer Zeit in Verbindung steht. Zu der Versammlung hatten sich 156 Männer sowie 256 Frauen und junge Mädchen eingefunden. Die Leitung lag in den Händen Mc Kays, der mit 26 Aposteln, meistens Ameri- kanern, bereits vorher in Berlin eingetroffen war. Als die Ver- sammlung gegen 9 Uhr begonnen hatte, erschien plötzlich ein starkes Aufgebot von Polizeibeamten, besetzte alle Ausgänge des Saales und drang dann in den Saal ein. Die Polizei erklärte die Ver. sammlung für aufgelöst und forderte erst die Männer und dann die Frauen auf, den Saal zu verlassen. Mc Kay und seine zwanzig Apostel wurden sistiert und nach dem Polizeipräsidium geführt. Dort wurden sie nach Feststellung ihrer Namen einem Verhör unterzogen und die Nacht über im Polizeigewahrsam behalten. Im Laufe deS gestrigen TageS sollten sie nach Erledigung der Formalitäten als lastige Auswanderer ausgewiesen werden. Beraubt und auS dem Eisenbahnzug gestoßen wurde nach seiner Angabe der 36jährige Maurer Heinrich Thiele aus der Gruner- stratze 26. Er wurde schwerverletzt neben dem Gleis« deS Nord- rings gefunden und in doS Krankenhaus Westend gebracht, wo er zur Zeit bewußtlos daniederliegt. Vorübergehend war er dank ärztlicher Bemühungen auf kurze Zeit vernehmungsfähig. Er gab an, daß er schwer bezecht gestern abend in einen Nordringzug gestiegen sei. ES sei ihm so vorgekommen, als ob in dem Abteil, in dem er gesessen habe, mehrere Männer auf ihn zugestürzt und ihm seine Uhr mit Kette und daS Portemonnaie mit Inhalt gewaltsam ge- raubt hätten. Er sei aber so stark berauscht gewesen, datz er nur dunkel sich deS Vorganges erinnern könne. Unter imposanter Beteiligung erfolgte gestern die Beerdigung de» so früh verstorbenen Genossen Fritz M a s ch k e auf dem städtischen Friedhof in Ripdorf am Mariendorfer Weg. Weit über 1666 Teilnehmer, darunter viele Jugendliche, hatten sich eingefunden, um dem toten Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Als der Sarg nach der Grust getragen wurde, ertönten von Sängern des Arbeiter« Länger-Bunde« Trauerweisen. Am Grabe widmete Genosse Pieck vom Bildungsausschuß dem Dahingeschiedenen warme Worte der Anerkennung und deS DankeS. Dann trat Genosse PeterS an die Gruft und kennzeichnete mit von Herzen kommenden, zu Herzen gehenden Worten das Wirken des Dahingegangenen für die Jugend- bewegung, die einen schweren Verlust erlitten habe. Dem schloß sich Genosse Dr. Liebknecht an, der für die internationale Jugendbewegung sprach. Von der Liebe und Verehrung, deren sich der jugendliche Kämpfer erfreute, legten die zahlreichen Kranzspenden Zeugnis ab. die am Grabe niedergelegt wurden. Kränze hatten ge- sandt der Parteivorstand, die Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands, die Bibliothekskommission der freien Jugend. Freie Jugendorganisation Breslau, Buchhandlung und Expedition des.Vor- wärtS", Angestellte der Buchdruckerei, Boten der Redaktion deS „Vorwärts", die Internationale proletarische Jugend, Jugend- anSschuß Groß-BerlinS, Wahlverein Rixdorf, zahlreiche Be- zirke der Freien Jugendorganisation. Viele engere jugendliche Freunde, auch Mädchen, hatten eS sich nicht nehmen lassen, auch ihrerseits dem unermüdlichen Kämpfer ein letztes LiebeSzeichen aufs Grab zu legen. Der Polizeipräsident macht bekannt, daß daS LiquidationSber- ftrhren über die durch Entscheidung des hiesigen Bezirksausschusses vom 26. Juni 1966 geschlossene Allgemein« Volks. krankenkasse zu Berlin. Eingeschriebene HilfS- kaffe Nr. 12 6, wegen Mangels an Mitteln eingestellt und die Liquidatoren Bethge und Werner von ihrem Amte als Liquidawren entbunden worden sind. Gläubiger der Kasse, die durch Zessionen von der Kasse zustehenden Forderungen befriedigt worden sind, haben die Berechtigung, die ihnen überwiesenen Forderungen auch ferner- hin im Namen der Kasse einzuziehen. ArbeiterbildungSschule. Sonntag, den 24. Juli. Ausflug nach Friedrichshagen, Neu-Helgoland. Abfahrt: Bahnhof Alexander- platz 8.29. Schlesischer Bahnhof 8,34, bis Friedrichshagen. Treff- punkt im Restaurant Bruno Scholz am Bahnhof. Diö'Nachzügler fahren bis Rahnsdorf und lassen sich übersetzen nach Neu-Helgoland Daselbst Aufenthalt von 12,36 ab. Vorort- JVaebriebten* Rixdorf. Tätlicher Absturz. Gestern nachmittag in der vierten Stunde war der 54 Jahre alte Maler Hermann Nettel aus der Pflüger straße 2 in Nixdorf auf dem Neubau in der Fuldastraße 35/36 mit Anstreicherarbeiten beschäftigt, zu welchem Zwecke er die Rüstung des Neubaues dicht über dem Erdboden in einer Höhe von l'/s Metern bestiegen hatte. Als er sich seine Arbeit ansehen wollte, trat er in Gedanken einige Schritte rückwärts auf der Rüstung, ver- lor das Gleichgewicht und stürzte auf den Erdboden herab. Er blieb schwer verletzt mit gebrochenem Schädel liegen. Man brachte ihn nach dem städtischen Krankenhause in Buckow, wo er bald nach seiner Aufnahme den Verletzungen erlag. Bei dem Waldfest deS 21. Bezirks im Körnerwäldchen ist ein Armband gefunden worden. Dasselbe ist bei Riedel, Steinmetz- straße 51 IV, abzuholen. Sldlershof. In der gutiesuchtcn Generalversammlung deS Wahlvereins gab Genosse Ligner den Bericht deS Vorstandes. Im letzten halben Jahre haben stattgefunden zwei Generalversammlungen, zwei Mitgliederversammlungen, neun öffentliche Versammlungen, 1b engere und 3 erweiterte Vorstandssitzungen, 2 Exirazahlabende und 6 Flugblattverbreitungen. Der Kassenbericht weist eine Ein- nähme von 766,45 M., eine Ausgabe von 626,57 M. auf. Der peditionSbericht ergab eine Einnahme von 2615,96 M. eine AuS- gäbe von 2513,63 M. Der Mitgliederbestand beträgt 566, der Abonnentenstand 649. Nach Berichterstattung der Funktionäre er- folgte die Vorstandswahl. Gewählt wurden als 1. Vorsitzender Emil Klodt, 2. Vorsitzender Heil, Schriftführer Voggenreiter, Kassierer Hitze, Hilfskassierer Blaake, Beisitzer Bengich und Genossin Zabel, Spediteur Schwarzlose, Revisoren Beck, NöSke, Klein, Lokal- kominiffion Martin. Poppe, Bibliothekar Erwin Neumann, Kinder- chutzkommission Genossin Horlitz, BildungS- und Jugendausschuß Horlitz, Stropp und Kurt Friedrich. Dem Antrage des Zentral- Vorstandes, die monatlichen Beiträge in wöchentliche a 16 Pf. um- zuwandeln, wurde mit großer Mehrheit zugestimmt. Neuaufnahmen fanden 13 statt. Bor Eintritt in die- Tagesordnung ehrte die Ver- ammlung daS Andenken deS verstorbenen Genossen Thielemann in der üblichen Weise. Reinickendorf. In der am 19. d. M. abgehaltenen Generalversammlung deS BezirkS-Wahlvereins gab der Genosse Bahr den Bericht der Be. zirksleitung vom letzten Halbjahr. ES haben stattgefunden eine General- und fünf Mitgliederversammlungen, sechs öffentlich« Ver» sammlungen und 7 Flugblätterverbreitungen. Die Mitgliederzahl betrug am 1. Januar 461, am 36. Juni 516, mithin eine Zunahme in diesen sechs Monaten von 169 Mitgliedern; weibliche Mitglieder sind 92 vorhanden. Der„Vorwärts" hat im Bezirk 555 Abonnenten. Der Bericht de» Kassierers weist einen Kassenbestand von 66,42 M. auf. Aus den Neuwahlen gingen hervor: 1. Bezirks- leitet: Bahr; 2. Bezirksleiter: Kuschmünder; Kassierer Neuhoff; Schriftführer: Schneider; Beisitzer: Genossin Röder; Revisoren: Thcil, Klecmann und Stöhr; Lokalkommission: Dehmelt und Seidel; Bibliothekar: Schiller und Heinrich; ZeitungSkommission: Hundt und Brunzlow. Zum Schluß bat der Genosse Bahr um rege Betei- ligung am Stiftungsfest, welches am Sonntag, den 24. Juli, statt- findet. Pankotv-Nleder-Tchönhausen. Am Sonntag, den 24. Juli, feiert der Arbeiter- Radfahrerverrin Pankow- Nicder-Schönhausen/, Uhr abends, S-iinabcnd» von 4>/, vi» 0 Nhr nnchmitiog« statt. Jeder Aukraae ist cm«uchkabe lind eine jtaht al» Aiertzeiche» beizoföge».«rieflilb- Antwort wird»ich« erteilt. SUioe Fragen trage man in de« Sprech» stunde vor. P. T. 76. DI« Beiträge find abzugSsähig.— M. R. 1000. Fragen Sie Bei dem Zenttal-ArbeitSnachweis, Gormamistt. 13, an.— Unvernunft. 1. 40,66 M. 2. und 3. Nein. 4. Darüber kann erst nach Durchsicht deS Manuskript« entschieden werden.— 21. L. 350. Fragen Sie bei dem Säuglingsheim, Westend, Rüstern-Allee 24, an.— E. S. 100. Sie als auch Ihre Frau sind berechtigt, die Versicherung im Auslande fortzuietzen. Es müssen Marken derjenigen Versicherungsanstalt, in deren Bezirk der letzte BeschäsligungS- oder AuscnthallSort lag, oerwendet werden und zwar bei der Weiterversicherung innerhalb zweier Jahre mindestens 26, bei der Gelbswerficheruna innerhalb desselben Zeitraumes mindestens 46, auch muff der Umtausch der OuittungStatte mnerhalb zweier Jahre ersvlge». Rückerstattung von Beiträgen ist unzulässig.— E. G. 18. Reichen Sie an den Stadtausschuß ein Gesuch um Erlaß der Steuer ein. — O. S. 30. Die Haftung beschränkt sich auf den Nachlaß. Diese De- schränkung wird verwirkt, wenn Ihnen aus Antrag eines Nochlaffgläubiger» von dem Nachlaßgericht eine Frist zur Errichtung eines NachlaßverzeichrnsieS bestimmt wird und Sie die Frist fruchtlos verstreichen lassen oder wenn Sie absichtlich eine erhebliche Unvollständigkeit oder Unrichtigleit de« Verzeich. Nisse« herbeiführen. Sie tun gut, nach Besitzergreifung des Nachlasses dem Nachlaffgericht ein Verzeichnis einzureichen.— O. St. 23. 1. und 2. Auf etwa 4 M. für jede Person. 3. Nein. 4. Die Zahlung muff in der Regel sofort erfolgen. 5. Adolf Hoffmann, Blumenstraße 22. die deS die auch Amtlicher Marktbericht der städttichen Marktballen-DK-Nioii über den Großhandel in den Zenttal-Marktballen. ivtnrktlage: Fleisch: Zufuhr genügend. Geschält flau, Preise unverändert. Wild: Zufuhr knapp. Geilbäst rege, Preise gut Geflügel: Zufuhr reichlich. Geschäft lebhast. Preise fest Fisch«: Zufuhr etwa« reichlicher, Geichast schleppend, Preise wenig verändert. Buller und Käse: Geschäft ruhig, Preife unverändert Gemüfe, Obst und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft ruhig, Gurken fast unverkäusiich, Preise wenig verändert WitterungSstbersicki» vom 22. Juli 1010. morgen« 8«dr. Swwemde. Hamburg verlin Frantf.aM. München Wien »ck ti* »Ii h CtattORcn Ii s| Wetter ** ck» n * k Haparanda 753OSO Petersburg 764 SO SctIIh Aberdee» Parts I7B5SS >746 SSW 1769,$5© «bedeckt 1 1 Nebel I 5 bedeckt i 3 halb 6b. 3 bedeckt 15 13 14 14 18 «ettrrprognofe für Sonnabend, den 23. Juli 1010. Etwa« wärmer, zunächst zeitweise heiter bei ziemlich lebhaften südwest- lichen Winden; später neue Trübung und Regenfälle. _ Berliner Wetterbureau. Lekantwortlichcr Redakteur Richard Barth, Berlin. Lür denJnferatenteilverantw.: Th. Glocke, Berlin, Krück».Verlag: Vorwärts Luchdruckerei u, Lerlagsanstalt Paul Einger& Co., Berlin SW.