Kr. 172. BbonnementS'Bcdingungen; BSonncnicutä> Preis pränumerando t «ierteljährl. 3£0 mortatl. 1,10 Md. wöchentlich 28 Pfg, frei WS HauS. ikinzelnc Nummer s Pfg, Sonntags. nunimcr mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt" IV Pfa, Post. Slbonnemcnl: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband tür Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien. Dänemarch Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz, 37. Jahrg. Vlchelnt tZgllch suLer Msulzgi. Berliner Volksblnkk. vle Insertion!-Lebilhp vekägt für die sechsgespaltene Nolonel. geile oder deren Raum ev Psg„ für politische und gewerkschaftliche Vereins. und VersamniIungS.Anzcigen 30 Pfg. „Uteine Anzeigen", das erste(seit. gedruckte) Wort 20 Psg. jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf. slellen-Anzeigen daS erste Wort 10 Pfg. jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die»ächslc Nummer müssen PiS SllhrnachmittagSin der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm. Adresse: „SoziaidciiKltrat RtrllD**. Zcntralorgar» der fozialdemohrati fehen parte» Deutfcblands. Redahtfom 8Al. 68, Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Line fflilitärvorlage als Wahlparole? Bei der zweiten Lesung des MilitSretats hat einer der sozialdemokratischen Fraktionsredner darauf hingewiesen, daß eine neue Militärvorlage bereits fix und fertig sei, und daß es sich nach seinen Informationen darum handele, ein neues Armeekorps vollständig und für ein weiteres Armeekorps die Stäbe aufzustellen. Kriegsminister v. Heeringen glaubte diese Auslassungen damit abtun zu können, daß er bemerkte, ihm sei von einer neuen Militärvorlage nichts bekannt, sonach nmsse der sozialdemokratische Redner mehr wissen als wie er selbst. Aus den sozialdemokratischen Bänken wurde damals dem Kriegsminister zugerufen, daß das allerdings möglich sei. Und in der Tat liegt die Sache ja auch so, daß Heeres. Vermehrungen nicht im Kriegsministerium, sondern im Militär kabinett des Kaisers beschlossen und vorbereitet werden. Auf dieses Militärkabinett hat aber der Kriegsminister nicht den mindesten Einfluß, er hat einfach auszuführen und zu ver antworten, was dort verfügt wird. Will er das nicht, so steht eS ihm frei, zu gehen. Einige Monate später wurde in der militärfrommen Presse die Frage erörtert, was nach dem Ablauf des gegenwärtigen Ouinquennats zu geschehen habe. Das Ouinquennat läuft am 31. März 1911 ab. Zunächst war es schon verdächtig, daß nicht einfach eine glatte Erneuerung des Ouinquennats empfohlen wurde, sondern nur die Verlängerung um ein Jahr bis zum 31. März 1912. Man konnte daraus deutlich ersehen, daß eine große Militärvorlage geplant sei, die aber dem Reichstag nicht mehr zugehen sollte, im Hinblick auf die bevorstehenden Neuwahlen. Nicht mit Unrecht mag man in maßgeben- den Kreisen erwogen haben, daß die durch den Steuerraubzug im Volk entstandene Verbitterung nur neue Nahrung bekoni- men müsse, wenn unmittelbar vor den Reichstagswahlen abermals enorme Summen für den Militarismus verlangt würden. Während noch die Diskussion über den Gedanken der Verlängerung des Ouinquennats in konservativen und liberalen Blättern andauerte, machten sich einige höhere inaktive Offiziere an die Untersuchung der Frage heran, ob Deutschland seine Wehrkraft bei der Zu- nähme der deutschen Bevölkerung auch in genügendem Maße ausnütze. Wie vorauszusehen war, kam man zu einer Ver- neinung dieser Frage. Die Klage ging dahin, daß jedes Jahr Tausende von kriegstauglichen jungen Leuten der Ersatz- reserve überwiesen und ohne Ausbildung gelassen würden, lediglich, weil in der Armee kein Platz für sie vorhanden sei und im Budget keine Uebungsgeldcr flüssig gemacht werden könnten. Dabei bediente man sich auch wieder des alten Kniffes, darauf hinzuweisen, daß in Frankreich jeder Militärtaugliche auch wirklich zum Dienst mit der Waffe herangezogen werde. Verschwiegen wurde dabei nur, daß die Bevölkerungszunahme in Frankreich eine nur minimale ist, und daß insbesondere auch die Anforderungen an die Taug- lichkeit der Militärpflichtigen erheblich geringer sind als in Deutschland. Wenn das stehende Heer in Deutschland dem französischen prozentual gleichgestellt werden sollte, so müßte es auf einen Bestand von 860000 Mann gebracht werden, das wäre ein Zuwachs von rund 230 000 Mann! Ein solches Verlangen stellt die militaristische Presse aller- dings nicht, weil sie sich darüber nicht im unklaren sein kann, daß eine so enorme Heeresvermehrung an der finanziellen Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes scheitern müßte. Man hat sich deshalb darauf„beschränkt", zu fordern, daß nur die Lücken der gegenwärtigen Heeresorganisation ausgefüllt werden müßten. Es kämen dann in Frage: 33 Bataillone Infanterie, etwa 10 Schwadronen Ka- vallerie und 26 Batterien Artillerie. Dazu kommen dann noch erhebliche Forderungen für den weiteren Ausbau der technischen Truppenformationen uud einer Neugliederung des Trains. Es besteht aber Grund zu der Annahme, daß es mit der„Ausfüllung der Lücken" nicht sein Bewenden haben wird, sondern daß auch noch weitere neue Truppenteile auf- gestellt werden. So unübersichtlich wie der Heeresetat an sich ist, so ivenig übersichtlich waren auch stets die Militär- vorlagen. Als die Halb-Bataillone geschaffen wurden, die angeblich zur Durchführung der zweijährigen Dienst- zeit eine dringende Notwendigkeit sein sollten, wurde von sozialdemokratischer Seite sofort betont, daß die Er- gänzung dieser Halbbataillone nicht lange auf sich warten lassen werde. In der Tat sind denn auch diese Halbbataillone wieder beseitigt und aus ihnen Regimenter mit zwei Bataillonen gebildet worden. Seit Jahr und Tag wird nun inuner und immer darauf hingewiesen, daß diese Regimenter im HeereS- organismus störend wirken, weil ihnen die dritten Bataillone fehlen. Die Forderung einer Bewilligung der dritten Bataillone wird also das mindeste sein, was die Heeresverwaltung voni Reichs- tag verlangen wird. Dazu kommen nun eine Anzahl Kavallerie- Regimenter, die statt fünf nur drei resp. vier Schwadronen haben und ebenfalls auf den vollen Bestand gebracht werden sollen. Es ist auch schon mehrfach von einer gründlichen Um- gestaltung der Artillerie die Rede gewesen, insofern, als die Batterien künftig statt sechs nur noch vier Geschütze umfassen sollen. Wenn man auch auf den ersten Augenblick glauben könnte, daß eine solche Aenderung mit finanziellen Lasten nicht verknüpft sei, so liegen die Dinge doch so, daß todsicher darauf gerechnet werden kann, daß es nicht übermäßig lange Zeit dauern würde, bis man zu der Ueberzeugung gelangt, daß diese kleinen Batterien ihren Zweck nicht erfüllten � und deshalb wieder Batterien zu 6 Geschützen eine Not Ivendigkeit seien. Selbswerständlich wird in einem solchen Falle die Heeresverwaltung nicht daran denken, etwa aus 3 Batterien zu 4 Geschützen nun 2 Batterien zu 6 Geschützen zu machen, vielmehr wird man einfach die Erhöhung der vor handenen Batterien auf 6 Geschütze verlangen, was bedeutete, daß die Artillerie in absehbarer Zeit um volle 33 Pro z. vermehrt würde. Die Militärverwaltung selbst hat sich bisher in Still schweigen gehüllt, soweit Umfang und Kosten der neuen Militär Vorlage in Frage kommen. Sie verfolgt damit lediglich eine alte Taktik. Stets ivenn eine Militärvorlage in Aussicht stand, ließ man zunächst der Konfination völlig freien Lauf. Immer wurden die verschiedensten Summen genannt, oft solche von geradezu schwindelnder Höhe, und wenn sich erst die Oeffentlichkeit einigermaßen an die Summen gewöhnt hatte, wenn vor allen Dingen in der bürgerlichen Presse kein Streit mehr über die Notwendigkeit der Heeresvermehrung bestand, erst dann rückte die Militärverwaliung mit den richtigen Zahlen heraus und dem deutschen Spießbürger fiel dann in der Regel ein Stein vom Herzen, wenn statt der in der Presse angekündigten 150 oder 200 Millionen Mark, nur deren 120 verlangt wurden. Dasselbe gerissene, durchsichtige Spiel erleben wir auch heute wieder. So wird die an- gegebene Summe von 40 bis 50 Millionen Mark als zu hoch gegriffen bezeichnet mit der Einschränkung, daß im e r st e n Jahr des neuen Ouinquennats eine solch hohe Ausgabe durch aus nicht beabsichtigt sei; man hütet sich aber loohlweislich nun auch anzugeben, welche Summen denn eigentlich in Frage kommen. An der Tatsache, daß die neue Militärvorlage kommt und daß die Kosten ganz erhebliche sein werden, ist heute nicht mehr zu zweifeln. Die Heeresvertoaltung wird wahr scheinlich nach dem Muster des Flottengesetzes die Ausgaben auf etwa fünf Jahre verteilen, woinit sie natürlich weder geringer, noch weniger fühlbar werden. Unter dessen scheint man aber an maßgebender Stelle über den Zeitpunkt der Einbringung der Militärvorlage anderer Met nung geworden zu sein. Einem Provisorium von einem Jahre würde der Reichstag in seiner Mehrheit ohne Zweifel kein Hindernis in den Weg legen. Man kann aber nicht wissen, wie der neue Reichstag zusammen gesetzt sein wird und ob nicht dann Zentrum und Sozial demokraten die absolute Mehrheit haben werden. In diesem Falle wäre, da von einer Zustimmung der Sozialdemokraten natürlich gar nicht die Rede sein kann, die Regierung auf Gnade und Ungnade dem Zentrum überliefert. Aus alter Erfahrung weiß die Regierung, daß das Zentrum, Ivenn es den Ausschlag zu geben hat, in der Regel ziemlich hohe Kompensationen ver langt. Nach einer solchen Situation scheint weder der Kriegs minister, noch Herr v. Bethmann Hollweg auch nur die mindeste Sehnsucht zu empfinden. Deshalb hält man es offenbar für am geratensten, die Militärvorlage noch diesem Reichstag zur Verabschiedung zu unterbreiten. Dem Zentrum ist das furchtbar unangenehm. hat sich schon mit den Steuersünden und Wahlrechts- verrätereien beladen und soll nun auch noch mit einer hohen Militärbewilligung belastet in den Wahlkampf ziehen I Das ' entrum käme damit, auf alle Fälle in eine verzweifelte Lage, um so mehr, als eine neue Militärvorla'ge selbstredend neue Steuern im Gefolge haben muß. Daraus erklärt es sich, daß der Führer der ultramontanen Reichstagsfraktion, Freiherr v. H e r t l i n g, in der bayerischen Zteichsratskammer die aufsehenerregende Rede hielt, in der er das Prinzip der größten Sparsamkeit im Reiche betonte, unter gleichzeitigem Hinweis darauf, daß demReichstag eine neueMehrbelastung unter keinen Um st änden zugemutet werden könne. Dieser Wink war beut- lich, scheint aber doch in Berlin nicht die erhoffte Wirkung gezeitigt zu haben. Deshalb hat es nunmehr der Abgeordnete Erzberger übernommen, die Regierung von dem großen Fehler zu überzeugen, den sie machen würde, wenn sie dem scheidenden Reichstag eine Militärvorlage unterbreiten wollte. Natürlich ist der Abg. Erzberger. den man hier sehr wohl als das Sprachrohr des Zentrums betrachten kann, einer Heeresvermehrung nicht abgeneigt, nur jetzt vor den Neuwahlen soll sie nicht kommen. Denn wie Herr Erzberger behauptet, wird das Deutsche Reich im Jahre 1912 förmlich im Golde schwimmen— es bedarf natürlich gar keines besonderen Hin- weises darauf, daß diese Zentrumsprophezeiung glatter Humbug ist. Das Deutsche Reich wird im Jahre 1912 in derselben Klemme sitzen, in der es sich heute befindet, denn kein vernünftiger Mensch wird im Ernst glauben, daß die Marinerüstungen nach dem Jahre 1912 etwa geringer werden. Trotz alledem scheint die Regierung daran festzuhalten, diesem Reichstage noch die Militärvorlage zu unterbreiten. Viel an Ansehen hat dieser Reichstag nicht mehr zu verlieren. Er ist mit den Steuersünden belastet, er hat die Verantwortung für die Blockwirtschaft zu tragen, und seine Mehrheit kann in den Augen der Wähler auch dadurch nicht mehr tiefer Expedition: 8M. 68, Ltndcnstraaae 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984» sinken, daß noch obendrein eine Militärvorlage angenommen wird. Nun steht die Situation aber so, daß das Zentrum schwerlich bereit sein wird, in diesen sauren Apfel zu beißen. Die Zentrumsdiplomaten dürften der Regierung einfach die Verlängerung des Ouinquennats auf 1 Jahr vorschlagen, und wenn die Regierung damit nicht einverstanden ist, dann dürfte ihr nichts weiter übrig bleiben, als den Reichstag auf- z u l ö s e n. Fast scheint es so, als ob Herr v. Bethmann Hollweg auf dieses Ziel hinarbeitet. Man braucht ja für die Neuwahl eine zugkräftige Wahlparole. WaS liegt nun näher, als eine Militärvorlage zum Mittelpunkt des Wahlkampfes zu machen! Ein kleiner Konflikt mit irgend einer anderen Militärmacht wird sich sehr leicht vom Zaune brechen lassen, und der Nachweis, daß das„Vaterland in Gefahr" ist, ist dann für die regienmgsfromnien Wahlmacher eine Kleinigkeit. Vis jetzt hat zudem die Regierung immer Glück gehabt, wenn sie den Reichstag wegen Militärforderungen aufgelöst hat. Und Bethmann Hollweg wird sich sagen, was Bismarck gelang, das könnte ihm vielleich auch gelingen. Sind erst die Wahlen vorbei, dann kann die Regierung der Hilfe des Zcn- trums sicher sein und schließlich riskiert sie nichts, denn das Wahlresultat wird im Falle einer Auflösung jedenfalls auch nicht schlimmer für sie ausfallen, als wenn sie erst im Herbst des nächsten Jahres die Wahlen zum Reichstag vornehmen läßt. Jedenfalls hat das deutsche Volk Anlaß, die Augen offen zu halten, um gegen eine Ueberrumpe- lung nach dem Muster des Kolonialschwindels von 1906 gesichert zu sein. Sie englische Zivillffte. London, 23. Juli.(Eig. Bcr.) .Die Konjunktur ist dem englischen König nicht günstig gewesen. Er hat es nicht vermocht, wie sein Vetter von Preußen den Vorwand der steigenden Lebenshaltung vorzuschützen, um eine Erhöhung seiner Einnahmen zu erzielen. Nach wie vor erhält er seine 470000 Pfund Sterling jährlich. Zwar ist die gesamte Zivilliste durch die der Königin- Mutter gewährte Pension um einen mäßigen Betrag gestiegen, aber Georg der Fünfte scheint im Vergleich mit seinem Vater eher etwas schlechter als besser abgeschnitten zu haben. Im Vergleich mit den ungeheuerlichen Zivillisten der George macht sich die des jetzigen englischen Königs recht bescheiden aus, obwohl sich davon noch recht angenehm leben läßt. Recht deutlich läßt sich in der Gehaltsbewegung der englischen Könige in den letzten zwei Jahrhunderten eine ziemlich steil abfallende Kurve wahrnehmen, die hoffentlich mit der Zeit attf dem Niveau eines gewöhnlichen Präsidenten ankommen wird. Der Genosse Barnes, der Führer der Arbeiterpartei, hielt gestern bei der Beratung der Zivilliste eine gediegene Rede, in der er, ohne seinen republikanischen Stand- Punkt zu verleugnen, die Forderungen für den Auf- wand der Krone in scharfer und sachlicher Weise kritisierte und dabei in trockener Weise, die allgemeine Heiterkeit aus- löste, gewisse Institutionen des Monarchismus blosstellte. Barnes war Mitglied der Kommission gewesen, die die Höhe der Zivilliste feststellte. In der Kommission hatte er über manche Punkte keine Aufklärung bekommen können und er beeilte sich nun, im Uutcrhause, den Ministern manche ver» sängliche Fragen zu stellen. Er hatte auch verschiedene Ab- änderungsantrüge eingebracht. So die Forderung, die Zivil- liste des Königs von 470 000 Pfd. Sterl. auf 385 000 Pfd. zu reduzieren, die dem Prinzen von Wales bei seiner Heirat zu zahlende Summe von 10000 Pfund zu streichen und die den Kindern dcS Königshauses zu zahlende Beträge nicht für die ganze Dauer der Regierungszeit zu bewilligen. Es fanden sich jedoch bei den verschiedenen Abstimmungen über die Amendements der Arbeiterpartei nur zwischen 19 und 26 Parlamentsmitglieder, die dafür stimmten. Barnes erklärte. er habe nichts gegen eine angemessene Ver- sorgung der Königin- Mutter, deren gute Charakter- eigcnschaftcn jedermann anerkennen müsse. Aber was habe man bis jetzt für die Witwen der Armen getan? Man habe nur immer v'u ihnen geredet, im übrigen sie aber stets an das barbarische Armenrecht verwiesen. Er wünsche zu wissen, wie es sich mit dem„Roztal bountios" (königlichen UntcrstützungSgcldern) verhalte. Zuerst habe er einfältigen Herzens geglaubt, die von dem König gewährten Pensionen kämen den alten königlichen Dienern zugute. Nach- her aber habe er ausfindig gemacht, daß z. B. 1500 Pfund Sterling einem Beamten des verstorbenen Königs bezahlt würden, der denselben Posten wieder unter dem jetzigen König inne habe. Die ZivWste enthalte viel Hokuspokus. Nach seiner Ansicht seien die Posten für Gehälter und Ausgaben des königlichen Haushalts von Mißbrauch durch und durch durchsetzt und die Posten für Gehälter decke ein Parasitennest, das sich im Schatten der Krone von der Nation mäste. Da sei zum Beispiel der Lord Steward(HauShof- meister). der ein Gehalt von 2000 Pfund Sterling beziehe und seinem ihm untergebenen„Master ok the Household" seine Arbeit überlasse. Um diesen Mann in den Augen der Oeffcnt- lichkeit zu rechtfertigen, habe man ihn als einen aus- gezeichneten Golfspieler, guten Schützen, als wohlbekannt auf den Rennplätzen und als den am besten gekleideten Mann in London geschildert. Er protestiere dagegen, daß man jemandem MO Pfund zahle, um unker den Londoner Stutzern, den Hahn im Korbe spielen zu können. Es gebe auch noch eine Reihe anderer Personen, die ähnliche„Dienste" zu erfüllen hätten. Einem gebe man 700 Pfd. Sterl., damit er bei staatlichen Zeremonien die Gäste an ihre Plätze weise. Solcher Phantasiearbeiter gebe es in großer Menge. Sie hätten absolut nichts zu tun und er- hielten ihre Posten nur, weil sie der liberalen oder konser- vativen Partei Dienste erwiesen hätten. Man halte einmal die diesen Parasiten gezahlten hohen Gehälter den erbärm- lichen Löhnen gegenüber, die den unteren Staatsbeamten ge- zahlt würden. Sein Vorschlag, die Zivilliste zu reduzieren, bedeute nur in der Praxis die Wiederherstellung derZivUliste, wie sie vor neun Jahren bestand. Später bei der Beratung des AbänderungsantragS, der darauf zielte, die den Kindern des Königs zu zahlenden Be- träge nicht der Kontrolle des Parlaments zu entziehen, ent- fesselte Keir Hardie einen Entrüstungssturm bei den bürgerlichen Parteien, indem er erklärte, daß der Antrag der Regierung den Mitgliedern der königlichen Familie ein Ein- kommen sichere, das es ihnen gestatte, ein Leben des Luxus, der Weichlichkeit und der Trägheit zu führen. Erst wollte man den Genossen nicht weiter reden lassen. Keir Hardie blieb jedoch bei seiner Behauptung und wiederholte sie, wenn auch in einer etwas milderen Fassung. Einen interessanten Beitrag zu dieser Debatte lieferte auch der Arbeiterparteiler L e d d o n. Er be- merkte, daß die Krone in einem Nachbarstaate vor kurzem eine Gehaltsaufbesserung durchgesetzt und diese mit dem Hin- weis auf die hohen Lebensmittelpreise begründet habe. Votiere man jetzt die geforderten Summen für die ganze Regierungs- dauer, so hätten die armen königlichen Kinder, falls die Tarif- reformer an die Regierung kommen sollten, keine Gelegenheit, die durch die unausbleiblichen Folgen des Schutzzolles ver- ursachten Verluste wett zu machen. Die englische Monarchie ist in einem Zeitalter, in dem in einem großen Kulturstaate noch die byzantinische Theorie von dem Gottesgnadentum allen Ernstes gepredigt wird, eine eigentümliche Pflanze. Die Zeiten des GotteSgnadentums sind in England schon seit 200 Jahren vorüber. Der liberale und konservative Brite betrachtet seinen König nur mehr als den sichtbaren Zentralpunkt des Staates. Der König ist der Präsident der von der liberalen und konservativen Oligarchie gebildeten Republik. Herr Balfour bemerkte gestern:„Der Staat, soweit diese Insel in Betracht kommt, würde nicht im Chaos versinken, wenn wir eine Republik anstatt einer Monarchie hätten. Aber nach meiner Ansicht würde das britische Weltreich im Chaos versinken." Wir sehen hier, welch seichte Gründe selbst ein so gescheiter Kopf wie Balfour anführen muß, um eine innerlich längst überlebte Jnstitutton zu stützen. Für die Republik. Loudon, 25. Juli. Der Sozialistenführer Keir Hardie hielt gestern in Ehester the Street eine Rede, in welcher er in heftigen Worten die Exi st enzberechtig ung der Monarchie angriff.„Das war", so erklärte er,„der Beginn einer politischen Dummheit von Seiten der Nation, als sie die Existenzberechtigung deS Königs anerkannte und die Z i v i l l i st e, die ein Verbrechen an öffentlichen Geldern ist, bewilligte." Der Streik der Angestellten der Nordost-Eisenbahn, fügte er hinzu, sei eine der bemerkenswertesten Bewegungen in der Jndustriegeschichte. Der sozialistische Deputierte beglückwünscht sich. konstatieren zu können, daß der alte GeistderRevolution noch immer in England lebe. LI» Mfcher Genoffe über die Budget- bewilligung. Die., Mannheimer VokkSstimme"> veröffentlicht „Stimmen aus Arbeiterkreisen" über die Budgetbewilligung, dar- unter folgenden Artikel des Genossen H. Merkel: Vor zwei Jahren versuchten die Genossen die Frage der Zu- stimmung oder Ablehnung des Budgets als eine Frage der Taktik hinzustellen und argumentierten, daß es taktisch notwendig war, dem Budget zuzustimmen. Der Parteitag in Nürnberg ist dieser Auffassung nicht gefolgt und hat erklärt, die Genossen haben aus prinzipiellen Gründen stets gegen das Budget zu stimmen. Nachdem so der Parteitag vor zwei Jahren— also nicht etwa vor einem Menschenalter— entschieden hatte, konnte man normaler- weise annehmen, daß die Sache erledigt sei. Gewiß hat kein Mensch aus der Erklärung der 67 angenommen, daß diese Er- klärung etwas anderes sei. als eine Kundgebung, daß diese Ge- nossen den Beschluß des Parteitages für falsch halten. Es dachte niemand daran, daß diese Genossen nun eine besondere Partei sein wollten, die nicht der Disziplin einer Gesamtpartei unterstände. Wer die Berichterstathmg des Genossen Geiß hörte, war hocherfreut, daß die Sache er- l e d i g t und die Genossen, deren Meinung nicht siegte, sich mit dem Votum des Parteitages abgefunden hatten. Mir ist nicht er- innerlich, daß auch nur ein Genosse anders dachte und die Resolution, die sich mit den Beschlüssen deS Parteitages ein- verstanden erklärte, wurde e i n st i m m i g angenommen. Als in der letzten Monatsversammlung der Genosse Geiß den Hergang der diesmaligen Budgetzustimmung erklarte, ließ er daran auch keinen Zweifel, daß die Fraktion der Meinung war, sie müsse den Beschluß der Gesamtpartei achten, nur die bekannten Gründe hätten plötzlich die Nichtachtung erfordert. Es war also eine Handlung, die gewissermaßen im Affekt erfolgte. Wer die Ge- nossen persönlich kennt und sich weiter die Situation vergegen- wärtigt, in welcher der Beschluß erfolgt«, der konnte immerhin die Sache nachträglich tadeln, aber die Situation v e r st e h e n. Es ist ja nun außerordentlich peinlich, später zuzugeben, daß man sich gründlich hat verblüffen lassen, aber zweifellos ist es so. Wer unsere Abgeordneten zu gescheit dafür hält, der lese die Er- klärung des Genossen Frank nach. Inzwischen hat aber der Ge- nasse Kolb aus feinem Herzen keine Mördergrube gemacht und sucht von seinem prinzipiellen Standpunkt aus die Zustimmung politisch zu rechtfertigen. Das muß nun den stärksten Widerspruch hervorrufen, und wenn wir Badenser jetzt in der gesamten Partei- presse nebst der demokratischen Presse von Barthschcr Sorte arg ver- möbelt werden, so haben wir uns dafür bei dem Genossen K o l b zu bedanken. Kehren wir zunächst zu der ersten Erklärung der Frak- kion zurück. Sie bedeutet zweifellos nur eine Erklärung für den Disziplinbruch, der als solcher auch von der F r a k t i o n empfunden wurde. Geiß sagte, daß die Fraktion bei Fassung ihres Beschlusses sich der Konsequenzen voll bewußt war. Wenn das richtig wäre. dann wäre die einmütige scharfe Abwehr der nicht interessierten Karteipresse völlig gerechtfertigt. Die zwanzig Genossen sitzen auch än den Augen der bürgerlichen Gegner nicht als Vertreter von Lörrach, Schopfheim, Durlach usw. im Landtag, sondern als An- gehörige der int ernationalen, der deutschen, der badischen Sozialdemokratie im Landtag. Denken wir «Nß doH M jn ynsexp Sitttg tiev, wxyn wjr mit im politischen Gegster ringen, wie wir uns stolz als Stückchen der Sozialdemo- kratie, der kühnen, zükunftSfrohen Partei fühlen, der trotz alledem am Ende der Sieg gehören mutz. Bei aller Achtung vor den Per- sönlichkeiten unserer führenden Abgeordneten sieht doch auch der Gegner in denselben den Mann, hinter welchem die ganze große Arbeiterbewegung steht. Wie verächtlich würde in den Augen eines Bodman, Dusch, Zehnter usw. der ehemalige Tüncher und An- streicher Kolb dastehen, der sich erdreistet, sich als gleichberechtigt mit dieser hochwohlgeborenen Menschensorte zu reden und zu schreiben, wenn die Sozialdemokratie nicht hinter ihm stünde. Und nicht nur die badische, sondern die deutsche und die internationale Sozialdemokratie. Die Macht unserer Partei beruht aber auch auf unserer Grundsätzlichkeit, unserer Disziplin u»> Unbeugsamkeit. Wie erbärmlich haben ähnliche Bestrebungen wie sie sich Kolb wünscht, zum Beispiel in Frankreich und Italien, Schiffbruch gelitten. Jn Frankreich regieren Männer, die einst zur Partei gehört hatten, und die Arbeiterlaufenhundert- tausendweise ins syndikalistische Lager und kümmern sich den Teufel um die Politisiererei der Briand, Viviani u. a. Die �Regenten regieren nicht Frankreich, sondern sind Geschäftsträger der korrum- pierten Geldsäcke. Arbeiter gegenüber haut der Säbel und schießt die Flinte; letztere mit Stteikkugeln, damit die nützlichen Ausbeutungsobjekte nicht massenhaft zugrunde gehen, sondern wie- der repariert werden können. Wie sieht es dagegen bei uns aus, wo die„verknöcherte" Partei sich nicht reformistisch revidieren lassen will? Wir verlangen auch von unsergu Besten, daß sie DiS- ziplin halten. Wir dulden keine Seitensprünge. Unsere Taktik muß von der Gesamtpartei gebilligt und getragen wer- den. Wir schicken uns eben an, einen gewaltigen Stoß gegen die herrschende Gesellschaft zu führen. Mit heißer Begierde sehen wir den nächsten ReichstagSwahlen entgegen, wo wir nicht nur um Man« date kämpfen, sondern wo die gewaltige Macht, die wir repräsen- tieren, an unfern Siegen jedem unserer Genossen eindringlichst vor- demonstriert werden soll, wo das Proletariat sich die Kraft zum entscheidenden Sturm auf die preußische Junkerfeste holen und im Osten und Westen unseres weiten Vaterlandes den Kraut- und Schlotbaronen zum Bewußtsein gebracht werden muß, daß uns die Welt gehören wird. Als böse Schatten im vorigen Jahre unsere KampfeSfreudigkeit für die LandtagSwahlen trübten, da hat man uns gesagt:„Seid einig, vergesset was war, es geht dem gemein- samen Feind entgegen. Und wir hatten vergessen. Wir haben uns gut geschlagen". Wie ein kalter Reif in der FrühlingSnacht, hat die fatale Ueberschötzung der Bedeutung der parlamentarischen Aktion gewirtt. Die Urquelle unserer Kraft, unsere stolze Disziplin. ist angegriffen. Die Einheit unserer Gesamtpartei wird gerade in dem Moment gewaltsam zerrissen, wo wir alle als deutsche Sozialdemokraten die deutsche Reaktion angreifen. Bei allen Wahlsiegen muß die bang« Frage auftauchen, ist der Gewählt« uns nicht jetzt ent. rissen, steht er jetzt nicht über uns, außerhalb unserer straffen DiS- ziplin? Was nach der Richtung gesündigt wurde, läßt sich nicht wieder gut machen. Wenn die Fraktion sich der Konsequenzen ihres Handelns bewußt war, dann muß viel, sehr viel auf dem Spiel ge- standen haben. Wir haben einmal beschlossen, daß die Fraktion ein Gesetz bezüglich der Städteordnung abzulehnen habe, in welchem ein Klassenwahlrecht vorgesehen war. Der Genosse P f e i f f l e hat in einer Monatsversammlung erklärt, daß selb st ver stand. lich keinem solchen Gesetz zugestimmt Kerben könne. Ich dachte mir dabei, der Genosse Pfeiffle irrt sich, ein solches Gesetz wird angenommen werden, wenn es eine Verbesserung bringt. Nichts in der Partei regte sich, als unsere Genossen dem Gesetz zustimmten. Wir sind also keine Prinzipienreiter und nehmen was uns gebührt, auch in Abschlagszahlungen. Aber indem unsere Genossen dem Budget zustimmten, haben sie das Empfinden erweckt, daß wir darauf verzichten, eine revolutionäre Partei zu fein, haben den Graben zu- geschüttet, der den ausgebeuteten Proletar trennt vom Staat feiner Ausbeuter, und haben damit namens dieses Proletariats erklärt, daß es auf die Todfeind- fchaft diesem Staat gegenüber verzichtet. Selbst. verständlich wolltenunsereGenossendaSnichtsagen, aber mir scheint, daß sie im anderen Lager die gleichen Ge- fühle ausgelöst werden. Der Nürnberger Beschluß wurzelt also tief in dem Empfinden der proletarischen Masse der Industriezentren, die den kapitalistischen Staat am entwickelsten sich gegenübersehen. Deshalb stehen unsere Genoffen im industriell ent- wickelten Norden so völlig verständnislos dem Verhalten der badischen Landtagsfraktion gegenüber. Die batjischen Genossen meinen nun, die Folgen einer Ablehnung des Budgets seien unüber» sehbar gewesen. Das meine ich auch, nur verstehe ich etwas anderes darunter. Ich meine zunächst, wenn unsere Genossen das Budget abgelehnt hätten, daß wir alle sie im schönsten herzlichsten Einvernehmen empfangen hätten, daß wir uns über ihre Erfolge gefreut hätten, und daß unser schönes Badenerland wieder in den Geruch des liberalen Muster- ländchens gekommen wäre. Wir wären einig und ge- schlössen in den Reichstagswahlkampf ein- getreten und hätten dabei auch als Erfolg des Ganzen unseren badischen Reattionären manches Hünerauge abgetreten. Die Ver» treter einer so gestärkten Sozialdemokratie hätten für unser engeres Vaterland sicher nach dem nächsten Landtag noch schönereTeil» erfolge heimgebracht als dieses Mal. Was hätte die schivarz- blaue Reaktion getan? Sie hätte getobt. Tobt sie jetzt nicht? Sie hätte vielleicht beim Großherzog den Minister Bodman zu Fall ge. bracht. Ja, aber warum hätte sie das fertig bringen könnend Wenn der badisch« Großherzog glaubt, sein Minister sei monarchisch bis auf die Knochen, behält er ihn, wenn er ihn fortjagt, tut er eS, weil unsere Genossen für ihn stimmen und der Großherzog jetzt den Anschuldigungen des Stotzingen Glauben schentt. Oder ist das Toben der Schwarzblauen so aufgefaßt worden, daß wir unsere Stimmen verlieren konnten? DaS scheint mir arg unrichtig zu sein, denn unsere Genossen find doch gewählt worden, weil ihre Wähler ihreUuzufriedenheitmitdem heutigen Staat dokumentieren wollten. Die Ursachen dieser Unzufriedenheit sind aber fortdauernde, sich stets vermehrende. Geschah das Vertrauensvotum aus Dankbarkeit für die Rede in der Ersten Kammer— und das scheint mir der Beweggrund— dann war das ein Stück Sentimentalität, das geradezu naiv ist. Keiner der Gründe rechtfertigt den Disziplinbruch, und einigermaßen kann der Schaden repariert werden, wenn die Genossen zu den Genossen sagen, wir haben uns in der Abschätzung der Wirkung unsere» Votums geirrt. Damit hört die Befehdung auf, wenn die Masse der badischen Genossen dann erklärt, wir tadeln euer Votum und verlangen von euch, daß ihr g e n a u s o g u t w i e w i r die Disziplin achtet. So könnte auch die Gesamt- Partei den Streit als einen häuslichen betrachten, der ge- schlichtet ist, bevor die Partei in Magdeburg zu ernster Arbeit zu- sammenkommt. Ich habe aber die Ueberzeugung, wenn die badischen Genossen ihren Gewählten nicht Vorhalt machen, wird der P a r t e i» tag ein Machtwort sprechen, um solchen Sprüngen vor» zutotgen. Lnj> Hann ist der Fall für alle Teil? vi.el schmerzlicher. �, politilchc Oebcrlxcbt Berlin, den 25. Juli 1910. Wichtige Versammlungen. Heute abend nehmen die Wahlkreise Groß-BerltnS zum Parteitag in Magdeburg Stellung. Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert die Teilnahme jedes Parteigenossen an den heute stattfindenden außerordentlichen Generalversammlungen._ Die Rückkehr zur„Besonnenheit". Wiederholt— erst am Sonnabend wieder im Leitartikel „Großblock-Jllusionen"— haben wir darauf hingewiesen, daß es polittsch verkehrt sei. der in jungliberalen Blättchen auf- tauchenden Forderung eines Anschlusses der Nattonalliberalen an die links von ihnen stehenden Parteien irgend welche größere Bedeutung beizumessen; denn hinter diesen Blättchen stehe nur ein geringer Teil der in der nationalliberalen Partei maßgebenden Schichten. Nicht bei den jungliberalen. sondern in den grotzindustriellen und agrarischen Elementen liege das Schwergewicht dieser Partei. Tatsächlich konzentriert sich denn auch bereits die national- liberale Presse immer mehr rückwärts und zwar in einem recht schnellen Tempo. Selbst Blätter, die noch vor kurzem zwischen dem rechten und linken Flügel der nattonalliberalen Partei hin und her pendelten, rücken behende auf die rechte Seite hin» über. So schreibt die„Köln. Ztg.": „Man kann sehr wohl„die politischen Vorgänge in Baden ver- stehen", die auf praktische Arbeit gehende Polittik der Sozialdemo- kraten unterstützen und das Zusammengehen im badischcn Parlament billigen und dennoch sehr scharf betonen, daß an eine Aende« rung der Stellung von Liberalismus und Sozial» demokratie nicht gedacht werden kann. Das verbietet sich von selbst, weil man sich nicht mit denen verbünden kann, die sich selbst rühmen, Todfeinde der bürgerlichen Gesellschaft zu sein; d a S würde selbst dann höchst bedenklich werden, wenn der Revisionismus in den Norden vordränge und einmal im Reiche die Macht gewönne. Mit einer Sozialdemokratie, die sich der revisionistischen Taktik bediente und die radikalen Unarten abgelegt hätte, ließ sich gesellschaftlich und parlamentarisch sicher leichter ver- kehren; politisch aber bliebe der unüberbrückbare Gegensatz zwischen Liberalismus und Sozial» demokratie." Deutlicher noch zeigt die Auffassung des größten Teils der Nationalliberalen folgende Aeußerung der„Nattonall. Mitteil."(Korrespondenz der nationalliberalen Partei in der Provinz Brandenburg): „Daß die Debatten der letzten Wochen den Charakter unserer Partei als einer Mittelpartei, die jedem Radikalismus, mag er mm rechts oder links stehen, scharf entgegenzutreten hat, deutlich hervor» gehoben haben, das kann als eine sehr erfreuliche Wirkung dieser Erörterungen betrachtet werden, umso erfreulicher, als auch Männer des linken Parteiflügels, so Weber und Moldenhauer, den man wohl nicht mit Unrecht als Vater des Jungliberalismus bezeichnen darf, sich zu dieser Anschauung durchgerungen haben. Jn der Tat, wer auch nur ein wenig dies Struktur der nationalliberalen Wählerschaft studiert, wird es für das allein mögliche halten müssen, daß wir noch schärfer wie gegen eine» Konservatismus ,s der sich zu einer agrarischen Interessengruppe umgebildet hat, gegen die Sozialdemokratte Front zu mache» haben, wollen wir nicht unsere Wähler sicher verlieren und unseres historischen Charakters, ders unsere Lebensberechtigung darstellt die Verttetung des maßvollen nationalen Liberalismus zu sein, verlustig gehen. Man studiere doch einmal die Herkunst unserer Abgeordneten; von 50 Reichstagsabgeordneten sind Sv von über» wiegend ländlichen Wahlkreisen entsandt, wobei noch Kreise wie Brandenburg-Westhavelland, Frankfurt-LebuS, Ditmarschen als städtische Wahlkreise rechnen; von 64 Ab« geordneten der preußischen LandtagSfraktion sind mindestens SS, wenn nicht mehr, Vertreter ländlicher Wählerschaften und außerdem entstammt eine stattliche Anzahl der übrigen aus Kreisen, in denen die Klein» und Mittelstadt überwiegt. Sind da? Wählerschaften, die dem Radikalismus zuneigen? Jn den Großstädten gehört vornehmlich ein Teil der liberalen Berufe und die wohlhabenderen Schichten von Handel und Gewerbe zu uns. Wer da glaubt, diese Schichten der Bevölkerung zu einer Gemeinsamkeit mit der Sozialdemokratie führen zu können, wird sich gar elend täuschen; glücklicherweise, denn die radikale Art der Agitation, die wir uns dann angewöhnen müßten. paßt gar wenig zu uns, andere können eS besser und wir würden schließlich immer nur der Sozialdemokratie die Wege zu unseren Wählern ebnen." Auch die scharfe, höhnende Weise, mit der die„National- liberale Korresp.", das offizielle Jnformationsorgan der Partei, die Vorschläge und Wünsche der Jungliberalen abferttgt, ist bezeichnend dafür, welche Elemente die Oberhand haben. Das Blatt schreibt nämlich: «Gewiß wäre es verkehrt, wenn man deren Stimmen nicht hören wollte. Aber die Art und Weise, wie sie sich Gehör zu verschaffen suchen, indem fie mit der Eingebildetheit des Besser» wissen» den Weg bereiten, ist entschieden zu verurteilen. Eine Kritik an der bisherigen Taktik und ein Urteil darüber, welcher Weg weiter einzuschlagen ist, möge man in erster Linie der gegebenen Instanz überlassen, wie das in jedem Betriebe üblich und für eine disziplinierte Kampfesweise unerläßlich ist." Bassermann bleibt. Die nationalliberale„KönigSberger Allg. Ztg." bestättgt die Meldung der„Franks. Ztg.", daß der Abgeordnete Baffermann jüngst (am 16. Juli) in Berlin beim Reichskanzler weilte und sowohl mit dem Kanzler wie mit dem Staatssekretär Delbrück konferiert hat. Herr v. Bethmann Hollweg soll Herrn Bassennann bewogen haben, im Reichstag und an der Spitze der nationalliberalen Partei zu verbleiben. Wörtlich heißt eS in der.Königsberger Allg. Ztg.":„Wir halten uns für befugt, diese Meldung auSdrück« lich zu bestätigen, wollen aber nicht leugnen, daß auf Grund dieser Verhandlungen Herr Boffermann jetzt eher geneigt sein dürfte, die Leitung der Partei und ReichstagSfraltion weiter in der Hand zu behalten." Wie es heißt, ist der im Besitz des Zentrums befindliche badische Wahlkreis W a l d k i r ch dazu auSerfehen, Herrn Baffermaun einen Unterschlupf zu bieten._ Geht Tirpitz? Such die„Deutschen Nachrichten" wollen aus angeblich einge- weihten Kreisen wiffen, daß der Staatssekretär v. Tirpitz sein« Demission eingereicht hat. Herr v. Tirpitz soll bereits vor längerer Zeit den Kaiser um seine Enthebung vom Amte gebeten haben, doch hätte e« dieser damals verstanden, Herrn v. Tirpitz zu bewege«, einstweilen von seinem Abschied Abstand zu nehmen. Der Staats» sekretär hätte aber jetzt sein Gesuch erneuert. .„Hochgeehrter Herr Pfarrer! Unter dem größten Bedauern sehe ich mich genötigt Euer Hochwürdcn mitzuteilen. Daß der Metallarbeiter-Verband Jede kirchliche—Vertretung ablehnt. Ich bitte deshalb Euer Hochwürden höflichst um entschuldigung; Ich möchte mich dem Verband in sofern anschließen, weil ich sonst verschiedener Vorteile entzogen würde. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet (folgt die Nauensunterschrift)." Ist hier wirklich die„Religion zur„Privatsache" geworden? Kennzeichnet diese Handlungsweise des Metallarbeiterverbandes sich nicht als schlimmster sozialdemokratischer Terrorismus? Und um nicht gewisser Vorteile verlustig zu gehen, folgt, muß die arme bedauernswerte Witwe dem Bannspruche der Verächter aller Religion folgen. Man darf gespannt sein, welche Worte des„Weißwaschcns" der„Vorwärts" für diesen Ausbruch von Härte haben wird, der so recht das wahre Wesen, den„Zucht- Hauscharakter" der sozialdemokratischen Partei klarlegt." Hierzu schreibt uns der Metallarbeiterverband: „Wie immer, so ist auch hier wieder die Sache direkt auf den Kopf gestellt. In Wirklichkeit steht es folgendermaßen: Nachdem wir seit Jahren die Beobachtung gemacht haben, daß die meisten Prediger eine Begleitung der Leiche und auch eine Grabrede ablehnen, wenn ein Kranz unseres Verbandes, dem Verstorbenen gewidmet, im Leichenzuge getragen wird, stellen wir an Angehörige unserer verstorbenen Mitglieder die Frage. ob beim Begräbnis ein Prediger zugegen sei. Wird diese Frage bejaht, dann unterbleibt die Kranzspende. ES soll damit verhütet werden, daß häßliche Auseinandersetzungen zwischen den Leidtragenden und dem Prediger am offenen Grabe stattfinden, wie das leider früher schon häufig der Fall war. Es ist schon mehrere Male vorgekommen. ' daß die Prediger am Grabe umkehrten, als sie den Kranz unseres Verbandes bemerkten. Das war für die Leid- tragenden immer sehr peinlich. Und darum unsere Maßnahme, die ja wohl von jedermann, mit Ausnahme der ,.Post"redakteure, als korrekt bezeichnet werden wird. Wir wollen aber nicht ver- gessen, noch zu erwähnen, daß einige Prediger tolerant genug waren, trotz unseres Kranzes ihre Grabrede zu halten, aber es waren das nur sehr seltene Fälle. Irgend welchen materiellen Schaden haben die Frauen oder sonstige Angehörige verstorbener Mitglieder nicht, wenn ein Prediger die Leiche begleitet. Da ist eben der oder die Brief- � schreiberin im Irrtum. Da wir jährlich etwa 230 bis 270 Sterbe- �ckälle haben, bemüht sich vielleicht einmal ein„Post"redakteur, Jvttnen Fall ausfindig zu machen, wo eine Hinterbliebenenunter- Stützung wegen der Begleitung eines Predigers nicht ausgezahlt Dstst. Andere Ansprüche aber als Hinterbliebenenunterstützung tvrhaben Angehörige unserer verstorbenen Mitglieder nicht. sich Wenn nun die„Post" sich erdreistet, von„Weißwaschen" zu pareden, so möchten wir darauf noch bemerken, daß durch die An- gjopöbelungen der„Post" wir nicht schmutzig geworden sind. Es i_>st ja bekannt, daß die„Post"esel uns bekämpfen müssen, und da „-es nicht anders geht,„arbeiten" diese Leute eben gewerbsmäßig " vüt Lüge und Verleumdung. Ger Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin." �'erantw. Redakt.: Richard Barth. Berlin. Inseratenteil verantw.t In der Wäschefabrik I. Becher, Frankfurter Straße 137, haben sämtliche Zuschneider wegen Lohndifferenzen die Kündigung eingereicht; deshalb darf kein Zuschneider dort Arbeit nehmen. Die Ortsverwaltung Berlin III. Zur Bewegung in den Privatlithographie»! Die Firme» M. Schön Herr und M. Hartwig find gesperrt. Die Sperre über die Firma Wilh. Merten? wird hiennit aufgehoben, da unsere Forderungen anerkannt sind. Sämtliche Lithographen de? Atelier„Phönix" (Inhaber I. Stern u. Co., New Dork) haben am Montag die Arbeit niedergelegt, da unsere Forderungen nicht an- erkannt wurden. Stellenangebote sind deshalb abzulehnen. Wir ersuchen die Kollegen um strengste Beachtung des Vorstehenden. Die Verwaltung. Achtung, Täschner» Portefeuillcr! Die Differenzen in der Taschenfabrik von Volmer u. Rhode, Prinzenstr. 28, sind beigelegt. Tie Sperre ist hiermit aufgehoben. Die Ortsverwaltung Berlin deS Verbandes der Sattler und Portefeuillcr. Achtung, Fleischergesellen! Die Fleischergesellen der Firma K i s ch haben einmütig beschlossen, heute morgen die Arbeit nieder- zulegen. Die Firma ist für unsere Mitglieder gesperrt und ersuchen wir. auf die Stelleiwermittler ein wachifames Auge zu haben. Zentralverband der Fleischer. Ortsverwaltung Berlin. Deutfcbes Reich. Unter den Angestellten der Straßenbahn in Hanau gärt es. Es haben wiederholt Versammlungen stattgefunden, in denen die übermäßig lange Arbeitszeit und die geringe Bezahlung scharf kri- tisiert wurden. Eine Versammlung, die in der Nacht vom Sonn- abend zum Sonntag stattfand, nahm eine Resolution an, in der mit dem Streik gedroht wird, wenn die Verhältnisse sich nicht bald ändern werden. Huslanck. Der Kanchf der schweizerischen Brauereiarbeiter. Seit etwa drei Wochen liefern unsere organisierten Kollegen der Schweiz den Brauereiindustriellen ein Treffen, das in der internationalen Brauereiarbeiterbewegung das weiteste Interesse verdient. Wohl selten haben sich je im sozialen Kampfe zwei eben- bärtige Gegner so gerüstet gegenüber gestanden, wie augenblicklich in der Brauereindustrie im Lande der Hirten. Die Brauereiarbeiter kämpfen um einen neuen Tarif. Für das Verständnis der Bewe- gung sind kurz folgende chronologischen Daten von Wichtigkeit: Im Jahre 1890 traten die organisierten Brauereiarbeiter zum ersten Male in einen Kampf. Hauptgegenstand desselben war die Forderung der Anerkennung deS Arbeitsnachweises. Schon damals wirkte der von der Arbeiterschaft verhängte Boykott gut, konnte aber nicht einen Sieg der Unternehmer über die damals noch ichwache Organisation der Arbeiter verhindern. Der Unternehmer- sieg aber war ein Phirrussieg. Noch einen solchen Sieg und die schweizerische Brauereiindustrie wäre damals gehörig unter die Räder gekommen. Denn die durch den Boykott in das Land ge- kommenen deutschen Biere, besonders die Münchener, fingen an, hier heimisch zu werden und sicherten sich großen Absatz. Inzwischen folgten etwa zehn Jahre der Ruhe. Die Arbeiterorganisation kon- folidierte sich und wurde stärker und mächtiger. Auch die Unter- nchmerorganisation wurde unter Anschluß an den internationalen Boykottschutzverband eine geschlossene, und erbarmungslos wür- genbe Kampfesorganisation gegen die Arbeiterschaft. Im Jahre 1900 trat die schweizerische Brauereiarbeiterschaft mit der Forderung eine» Generaltarifes wieder auf den Plan. Unter anderem wurde wieder die Anerkennung des Arbeitsnach- weises gefordert. Die Brauereiindustriellen, durch die Erfahrungen ihres„Sieges" von 1396 gewitzigt, traten in Unterhandlungen ein und unterzeichneten einen Tarif, der die Lohn- und Arbeitsbedin- gungen für das ganze Land einheitlich regelte. Aus Opportuni- tätsgründen jwhm die Arbeiterschaft von der Forderung der An- erkennung des Arbeitsnachweises Abstand. Damit war der Friede für längere Zeit gesichert und der Tarif stellte ein schönes Ergebnis der solidarischen Kampfesentschlossenheit dar. Vom 1. Juni 1900 an galt der Tarif. Im März dieses Jahres kündigte das Zentralkomitee des Ver- bandes der Lebens- und Genutzmittelarbeiter der Schweiz den Tarif zum 1. Oktober er., dem Ablaufstermin. Gleichzeitig mit der Kündigung des Tarife? zum 1. Oktober wurde dem Unternehmcrverband am 8. März ein Entwurf zu einem neuen Tarif übermittelt, mit dem Antrage, dazu baldigst Stellung zu nehmen und Unterhandlungen anzuberaumen. Und nun begann seitens des Unternehmerve r- bandes eine unerhörte Verschleppungskomödie. Ihre Unterhandlungskommission setzten sie zu- nächst aus fünf Advokaten zusammen. Kein einziger Angehöriger des Brauereifaches befand sich darunter. Der Zweck der ganzen Uebung war klar ersichtlich. Man wollte durch Ver- schlcppungstaktik die schweizerische Brauereiarbeiterschast in eine Falle locken, um sie bis zum Oktober, dem Zeitpunkte des Ablaufes des alten Vertrages, wo naturgemäß ein Kampf der Brauerei- arbeiter infolge der eigenartigen Verhältnisse der Schweiz sehr schwer ist, hinhalten. Unter allerhand nichtigen Einwendungen gingen die Unternehmeradvokaten dem Ansuchen der Arbeiter nach baldigen Verständigungen durch Unterhandlungen aus dem Wege. Erst am 28. April teilten sie folgenden Beschluß der Generalver- sammlung der Brauereibesitzer mit: „Der Verband schweizerischer Brauereien ist bereit, in Unterhandlungen über eine neue Vereinba- r u n g betreffend die Anstellungsbedingungen für die Arbeiter der schweizerischen Verbandsbrauereien mit Gültigkeit vom 1. Oktober 1910 einzutreten." Die Advokaten der Brauereibesitzer aber brachen schnöde ihr Wort, denn nun folgte eine Mitteilung nach der anderen, worin erklärt wurde, daß man nur dann zu einer Unterhandlung über die Vereinbarung betreffend die A n st e l l u n g s bedingungcn be- reit sei, wenn die Arbeiter die einzige Vertragsposition, die überhaupt von den Anstellungsbedingungen redet, bedingungslos fallen ließen. Und das war der verhaßte Arbeits» Nachweis. Der Arbeitsnachweis aber wurde von den Schweizer- kollegen nicht fallen gelassen, denn er ist für die letzteren eine Lebensfrage, die nickt so ohne weiteres durch das Diktum der Ring- advokaten aus der Welt geschaffen werden kann. Die schweizerische Brauereiarbcitcrschaft ist zum allergrößten Teile im Verbände der Lebens- und Gennßmittelarbeiter organisiert. Die Unternehmer halten nun jedes Jahr unter derselben eine Musterung ab und werfen erbarmungslos die Kollegen auf die Straße, deren Knochen nicht mehr Rente genug versprechen. Als Ersatz läßt man dann blaue und �elbe Elemente aus Deutschland kommen,«seil man hofft, damit allmählich in die Reihen der organisierten Schweizer Arbeiter eine Bresche zu legen. Lediglich aus Gründen der Selbsterhaltung haben die letzteren also durch den Vertragsentwurf verlanat, daß in Zukunft die Arbeiter durch die Vermittelung deS Arbeitsnachweises der Brauereiarbeitcr eingestellt werden sollen. Die Braue- reibesitzer also, denen inzwischen von Deutschland her durch die dortigen Brauereiindustriellen einer- seits, durch da§ s i ch christlich und Hirsch- Dunckersch nennende Verrätergesindel anderer» seits der Rücken gestärkt wurde, brachen ihr Wort und erklärten, daß sie nur dann über den neuen Vertragsentwurf unterhandeln, wenn die Forderung des Arbeitsnachweises mit noch zwei wichtigen Forderungen bedingungslos fallen gelassen werde. Sie lehnten also, nachdem sie vier Monate lang auf die raffinierteste Weise die Verhandtungen verschleppt hatten, eine Erklärung zu den übrigen Vertragsfocdcrungcn, Lohn, Arbeitszeit usw. unzweideutig ab. Endlich ritz den Arbeitern die Geduld und die Arbciterunionen Zürich und Basel verhängten über sechs Brauereien den Boykott, lediglich um die Brauersien zu U n t e r ha nd l u n- gen zu zwingen. Der Unternehmerverband forderte unter Gl-ckr. Berlin. Druck u. Verlag: vorwärt« Buchdr. u. verlagsmiftav> der Drohung, sofort 25 Proz. der organisierten! Brauereiarbeiter auszusperren, die sofortige Aus- Hebung des Boykottes, und als der Boykott selbstverständlich nichts ausgehoben wurde, kündigte man am Sonnabend, den 2. Juli, 25 Proz. der organisierten Brauer. Als Antwort darauf legtenam Montag, den 4. Juli, sämtliche schweize- rischen Brauereiarbeitcr die Arbeit nieder. Nur in einigen Brauereien wurde aus taktischen Gründen die Arbeit nicht eingestellt. Ueber beinahe fünfzig Brauereien ist seither der Boykott verhängt und gegen 1000 Arbeiter sind am Streik beteiligt. Der Unternehmerverband setzte seiner Brutalität dadurch die Krone auf, daß er durch sein Advokaten- quintctt mitteilen ließ, daß auch die noch arbeitenden Verbands- Mitglieder am Montag, den 18. Juli, restlos auf die Straße geworfen würden, wenn bis zu diesem Tage die Boykotts nicht ausgehoben seien. In dem großen Kampfe der schweizerischen Brauereiarbeitev handelt es sich jetzt nicht mehr um Fragen des Arbeitsnachweises, Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzung allein, sondern um Sein oder Nichtsein, um die Existenz der Organi- s a t i o n. Der schmähliche Wortbruch der Unternehmer, die schimpfliche Verschleppung der Unterhandlungen, dann die Ablehnung der Unterhandlungen überhaupt, das brutale Aushungern der organi- sierten Kollegen durch die Aussperrung, die Verbreitung der lügen- haftesten Schwindclnachrichten in den bürgerlichen Blättern, der schmutzige Verrat der christlichen Judasse, die in deutschen Zei. tungen offen zum Streikbruch aufforderten, um die Streikbrecher unter tätiger Mithilfe der Hirsch-Dunckerschen hundertweise in die Schweiz zu importieren, diese zahllose Kette von Gemeinheiten, die verübt wurden, für die um ihr Recht, für ihre Existenz schwer rin» genden schweizerischen Brauereiarbeiter, hat die größte Erbitte- rung hervorgerufen und den Kampf mit einer solchen Heftigkeit ent- brennen lassen, daß das Ende desselben noch nicht abzusehen ist. Darum ergeht an die rechtdenkende Bevölkerung im Auslande der dringende Ruf, die kämpfenden Brauereiarbeiter der Schweiz die vollste moralische Unterstützung zuteil werden zu lassen. Ächtet darauf, daß keine Streikbrechertransporte nach der Schweiz ab- gehen. Es handelt sich darum, den Vernichtungsversuch an der schweizerischen Brauerciarbeiterorganisation durch den Geldsack der internationalen Bicrkönige wuchtig und würdig zurückzuweisen. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Abdruck ersucht! Der Ausstand der Dockarbeiter in Bristol und Avonmouth ist heute beigelegt worden._ Die bekannte Manier. Madrid, 26. Juli. Die Delegierten der Arbeitgeber haben dem Polizeipräfekten von Bilbao eine Antwort auf die Forderungen der Arbeiter überreicht. Sie weigern sich, die Arbeitszeit zu vermindern. Auch erkennen sie die Syndikatsführer nickt als Vertreter der Arbeiterschaft an, mit denen sie in Unterhandlung treten könnten. Nach ihrer Ansicht hat der Streik politische Beweggründe. Die Forderungen der Arbeiter sind nur„vorgeschoben". Daher würde die Erfüllung auch„vollkommen nutzlos" sein, da die politiscken Agitatoren sofort mit neuen, ge- steigerten Wünschen auf dem Plan erscheinen. Man steht, dieselben Borwände, welche die Unternehmer überall gegen Arbeiterforderungen vorbringen. Der Generalstreik in Barcelona. Barcelona, 26. Juli. Eine Massenversammlung von Arbeitern aller BerufSstäude beriet gestern nachmittag über den General« streik. Sämtliche Redner und Parteiführer mahnten zur Ruhe und Besonnenheit. Sollte bis zum 30. Juli die Forderung der streiken- den Miuenarbeitcr nicht erfüllt sein, dann wird unverzüglich der Sympathiestreik aller Gewerkschaften erklärt werden. Doch Aus- schreituugeu sind zu vermeiden. Der Streik soll eine machtvolle Protest- kundgebuug werden. Am morgigen Jahrestag der Juliaufstände von Barcelona wollen gegen 13000 Grubenarbeiter die Tätigkeit ein- stellen. Die Erklärung des Vertreters des Syndikatsverbandes, daß die Ausständigen Barcelonas jederzeit der finanziellen und moralischen Unterstützung der Gewerkschaften sicher sein können, rief großen Jubel hervor. Gehören dem Syndikate dock 110 Gewerkschaften. Die Arbeiter Barcelonas haben die Absicht, den 20. Juli würdig in Ruhe zu feiern. � Versammlungen. Die Budgetfrage in Baden beschäftigte auch den letzten Zahlmorgen der im 2. Wahlkreis or- gauisierten Genossen. Die Genossen des Zahlmorgens sind aus» schließlich Nachtarbeiter. Durch die Eigenart ihres Berufes sind sie der Möglichkeit beraubt, die Parteiveranstaltungen der einzelnen Kreise, die ja fast ständig an einem Wochentagabend stattfinden, besuchen zu können. Sie kommen daher allmonatlich einmal nach Beendigung ihrer Arbeitszeit an einem Sonntag in aller Frühe zusammen, um sich über Parteivorgänge zu unter- richten und zu den einzelnen Borkommnissen Stellung zu nehmen. Dies war auch diesmal der Fall. Die Bewilligung des badischen Budgets durch die dortige Landtagsfraktion hat in den Kreisen der Berliner Genossen berechtigte Entrüstung ausgelöst, die hell zum Durchbrnch kam auch bei den Nachtarbeitern, die fast ausschließlich in der Zeitungsherstellung beschäftigt sind. Genosse Paul John als Referent übte scharfe Kritik an dem Verhalten der badischen Kammerfraktton und gab am Schlüsse seines Vortrages der Mei- nung Ausdruck, daß der Magdeburger Parteitag solche schweren Verfehlungen gegen die Einheit der Partei ohne Rücksicht put dem Ausschluß aus der Partei, mindestens aber mit der Aberkennung der Befähigung zur Bekleidung von Parteiämtern ahnden möge. Stürmischer Beifall bewies, daß der Referent den versammelten Genossen mit seiner Behandlung der Angelegenheit aus der Seele gesprochen hatte. Die Diskussion bewegte sich im Sinne des Referats, nur wurde die letzte Forderung des Referenten nicht von allen Rednern unbedingt unterstützt. In einer Resolution wurde von den Kreisdelegierten zum Parteitag gefordert, daß sie mit da» für sorgen mögen, daß ähnliche partikularistische Seitensprünge nicht mehr vorkommen können. Letzte Nachrichten und Depeschen. Die französische» Generalratswahlen. Paris, 23. Juli.(W. T. B.) Nach den neuesten Fest- stellungen sind 1442 Resultate der Wahlen zu den G e n e r a l- raten bekannt. Gewählt waren: 194 Konservative, 164 P r o g r e s s i st e n, 896 Republikaner der Lin» ken, Radikale, Sozialistisch-Radikale und S o- zialistische Republikaner; diese gewinnen 13 Sitze. Es wurden ferner gewählt 142 geeinigte Sozialisten, welche 18 Sitze gewinnen. Bisher verlieren die Konservativen 6 und die Progressisten 25 Sitze. Vier Wahlresultate stehen noch aus. Die Aussperrung aufgehoben. Brünn, 26. Juli.(W. T. B.) Die Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitern wurde heute nachmittag beendigt. Sämtliche Firmen haben beschlossen, die Aussperrung aufzuheben. Morgen wird in allen Fabriken die Arbeit wieder aufgenommen._ An der Cholera gestorben. Amsterdam, 26. Juli.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Auf einem in dem Hafenort D e l f z y l ankommenden deutsche» Dampfer ist ein Mann an asiatischer Cholera gestorben._ aul Singer k Co., Berlin LW. Hierzu 2 Beilagen u. NnterhaltungSbl.' Nr. 172. 27. Jahrgang. 1. Wage Ks Joiiüiitts" fitdiiitt WslilM Diensiag. 26. Juli 1910. Die CaMik im Aahlrechtskampf. v. Noch ehe die Antwort der Genossin Luxemburg erfolgte, hatte Genosse Pannckoek in vier Artikeln in der„Bremer Bürgerzeitung" die Polemik gegen Kautskhs Ausführungen aufgenommen. In dem ersten wendet sich Ponnekoek zunächst gegen 5wutskys Bemerkungen über die Schädlichkeit der Diskussion. Nur wenn die Arbeiterklasse wie eine geschlossene Armee von einem obersten Kriegsrate weit- blickender Feldherren geführt würde, hätte die öffentliche Erörte- rung der Taktik keinen Zweck und bloss Nachteile. Aber wenn die Masse nicht bloss der Parole von oben gehorche, sondern selbst die Entscheidung treffen müsse, dann müsse sie auch die günstigen und ungünstigen Umstände kennen, und dazu sei die öffentliche Dis- kussion durchaus notwendig. Schaden könne sie nicht, weil alle in Betracht kommenden günstigen oder ungünstigen Momente in all- gemeinen Klassenverhältnissen lägen, woran nichts zu verraten oder zu verheimlichen sei. Aus der Zustimmung, die die Artikel der Genossin Luxemburg überall bei den Arbeitern gefunden, und aus der jubelnden Be- geisterung, die ihre Reden überall ausgelöst hätten, ergebe sich, dass sie nur ausgesprochen habe was in den Herzen der Arbeiter lebe. Der Gedanke der Anwendung des Massenstreiks habe in den Massen tief Wurzel gefatzt, nichts sei ihnen lieber, als eine klä- rende Diskussion über diese Frage. Daher sei es ein törichtes Be- ginnen von den Zentralorganen der Partei, eine solche Diskussion verhindern zu wollen, und es sei ein Glück für die Partei, dass die Provinzpresse sich ihrer Pflicht besser bewutzt gezeigt habe. Tann wendet sich Pannekoek gegen die Behauptung Kautskys, dass eine Verquickung des politischen Massenstreiks mit ökonomischen Streiks nicht angängig sei und den politischen Streik schädigen würde. Er sagt dazu unter anderem: Kautsky denkt sich einen allgemeinen politischen Zwangt streik, wobei ökonomische Forderungen erhoben werden; die Unternehmergruppen splittern durch Gewährung der ökonom?- schen Forderungen eine Arbeiterschicht nach der anderen ab, und der Streik ist für die Arbeiter verloren. Um was für einen Streik handelt es sich hier? Man dachte ihn sich nicht mit ökono- mischen Forderungen verquickt; dann kann er nur sein Ende finden in der Gewährung des verlangten politischen Rechtes, eines Rechtes, das nichts weniger als die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat, den Sturz der Regierung, die poli- tische Revolution bedeutet. Ja, aber wer glaubt, diese Revolution kann die Wirkung eines einzigen grossen politischen Zwangt streiks sein? ... Der Gedanke..., durch einen grossen Zwangsstreik die politische Macht auf einmal zu erobern, ist im Grunde nichts anderes als die alte anarchistische Generalstreiksidee. Diese Idee steckt hinter dem Beispiel, woran die Hinfälligkeit der Aus- fuhrungen der Genossin Luxemburg bewiesen werden soll. Nichts ist wichtiger als die Formen, die in Deutschland eine Massenstreikbewegung im weiteren Verlguf der EntWickelung an- nehmen wird, einigermassen klar zu erkennen. Dabei können uns aber die Beispiele aus Westeuropa am wenigsten dienen, denn hier ging es niemals um die ganze Herrschaft der regierenden Klasse. Eher könnte die russische Streikbewegung als Beispiel dienen. Allerdings ist auch dieses Beispiel nicht ohne weiteres zu gebrauchen— nicht aus dem Grunde, wie Kautsky meint, dass in Russland die Revolution herrschte und hier nicht, denn die russische Revolution bestand gerade in der Massenstreikbewegung, und die deutsche Revolution hat mit dem preuhischen Wahlrechts- kämpf im Grunde schon begonnen.— Sondern der Unterschied liegt in der gewaltigen Qrganisationsmacht des deutschen Prole- tariats, wie sie in einem solchen Kampf noch nie gesehen wurde. und die ihm eine ungeheure Wucht geben wird.... Der Massenstreik als politisches Zwangsmittel gegen die Regierung kann hier, in dem Kampfe um die Regierung, nicht ein einziger Akt sein, sondern nur ein längerer Prozess. Er kann nur ein langes, zähes Ringen sein; das kann dann nicht ein langandauernder einziger Streik sein— das halten die Arbeiter selbst nicht ans—, sondern es muß eine auf- und abflutende kolossale Streikbewegung sein, wobei bald hier, bald dort die Kämpfer pausieren, Atem schöpfen müssen, bevor sie sich wieder in den Kampf stürzen, wobei sie möglichst alle Kräfte zu einem gleichzeitigen Streik vereinigen, bisweilen vielleicht auch sich wieder in Einzelgefechten trennen. Eine solche Bewegung ent- spricht nun genau dem Typus des Massenstreiks, den wir oben erwähnten, der zugleich politischer und gewerkschaftlicher Natur kleines feuilleton. Die belgisch« Kunst im XVll. Jahrhundert. AuS Brüssel wird unS geschrieben: Wenn auch die Weltausstellung wie jede andere mehr der Rcalilät des Geschäftes als den Idealen der Kunst zu dienen bat. muß man doch aiierkennen, dass sie auch auf diesem Gebiet genug Bemerkenswertes bringt. Der Kunstfreund, dem es vergönnt ist, nur die von der Regierung veranstaltete Ausstellung von G e- mälden des XVII. Jahrhunderts zu sehen, wird sich durch diese allein schon überreich belohnt finden. Die Ausstellnng ist ziemlich weit von der Weltausstellung selbst entfernt. Sie ist in dem freundlichen, von Grün durchzogenen Quartier du Cinquantenaire in einem Neubau des dortigen Aus- stellungspalais unlergebracht. Aus allen grossen Museen Europas wie aus dem Privatbesitz verschiedenster Städte sind hier die Meisterwerke der vlämischen Kunst des XVII. Jahrhunderts vereinigt. Alles und alle überstrahlt die Sonne„Rubens". 110 Gemälde fiud von ihm da— darunter eines der herrlichsten und sicher das ergreifendste seiner Selbstbildnisse, das aus dem Wiener Museum, daS ihn im sechzigsten Lebensjahre, wohl ohne daS Sieghafte seiner Jugend zeigt, das ober durch den von Leiden und Lebensstiirmen und Krankheit zeugenden Ausdruck die anderen Porträts an Tiefe übertrifft. Auch eine Reihe von berühmten Altargemälden, die sonst im Weihrauch und Dunkel belgischer Kirchen schlummern, sind in den AuSstellungSsaal gewandert, so aus der„Notre Dame" in M e ch e l n der„Wunderbare Fischzug', ein richtiger farbenleuchtender, lebenauellender RubenS; von eben dort, aus der Kirche St. Jean, die wunderbare und viel bewunderte„Anbetung der Weisen" und au« Alost in Flandern„St. Rochu« unter den Pestkranken". Aus einer Kirche stammt gleichfalls die grandiose„Hochzeit der heiligen Katharina". Weitere Werke der religiösen Malerei sind auS den Museen von Lille und Balenciennes, sowie von Kassel, Gotha, Wien usw. und vielfach aus Privatbesitz aus aller Herren Länder da. Die Werke helfen den Eindruck von der einzigartig-genialen Fruchtbarkeit dieses Künstlers noch erweitern. Ein Stern zweiter Grösse, aber noch immer von schönem Glänze ist der Aniwerpener Jordaens, der wie kein anderer die köstliche Frische, die Ungebundenheit, die singende LebenSfteudigkeit des Vlämenvolkes gemalt hat. Wie leuchten und lachen sie von den Wänden, diese übermütigen, trinkenden Könige, diese Frauen mit den strahlenden Augen, den quellenden Brüsten, den frech-lustigen Mienen. Nicht weniger als drei Darstellungen seines Lieblings- themaS:„Der König trinkt" sind auf der Ausstellung. Ferner gibt es von ihm dort etliche Variationen von dem nicht minder kraft- und saftvoll hingeworfenen:„Satyr und Bauer", ferner ein wundervolle«„Martyrium der heiligen Appolinia" und audere Offenbarungen diese» vlämischen Kraftgenies. 'st. In einer solchen Streikbewegung, wie sie notwendig aus dem Zusammenwirken der politischen und wirtschaftlichen Momente entstehen muß, wird die Verbindung von politischen und öko- komischen Forderungen etwas Selbstverständliches sein. Und wenn darin z. B. den Bergarbeitern ihre Forderungen, die dann nicht gering sein können, durch die Zechen zugestanden werden, so ist ein solcher Sieg keine Schwächung der Bewegung, sondern eine Stärkung, die anfeuernd auf andere wirkt, ähnlich wie die ökonomischen Errungenschaften in Russland die Kraft der politi- schen Bewegung nicht schwächten, sondern stärkten. Im 3. Artike' erklärt Pannekoek, daß es sich indes in der gegenwärtigen Situation nicht um die Anwendung des Zwangs- streikes zur Erringung der Staatsgewalt handelt, sondern bloss um die Frage des Demonstrationsstreikes, und dass die Diskussion fehlgehen müsse, wenn Kautsky die Absicht derjenigen, die in der heutigen Situation eine politische Streikbewegung für nützlich er- achteten, dahin entstelle, als wollten sie eine Kraftprobe, eine Ent- scheidungsschlacht, eine„Niederwerfungstaktik" vom Zaune brechen. Solche Demonstrationsstreiks müßten sich von selbst aus dem Fort- gang der Bewegung ergeben; denn wenn wichtige politische Ent- scheidungen fielen, und es auf Tag und Stunde ankomme, dann könne das Proletariat mit der Antwort nicht mehr bis zum nächsten Sonntag warten, sondern müsse die Arbeit verlassen und sosort am Wochentag demonstrieren. Da solche Streiks bloß Demonstra- tionen seien, könnten sie nicht in dem Sinne fehlschlagen, daß sie nichts erreichten; denn sie wollten nichts erzwingen. Auch sei es ausgeschlossen, daß die Massen der Parole nicht folgen würden, denn sie werde nur gegeben, wenn die Massen selbst dazu drängten. Kautsky begründe seinen Hinweis, daß die Massen versagen könnten, gar nicht, während die unmittelbare Erfahrung zeige, daß die Arbeitermassen von der größten Begeisterung und starkem Tatendrang erfüllt seien und alles auf schärfere Kampfmittel dränge. Ueberhaupt gehe Kautsky über die unmittelbare praktische Frage, ob es notwendig, nützlich oder schädlich sei, die Bewegung durch Demonstrationsstreiks zu steigern, mit Stillschweigen hinweg, und wende sich, an die Worte der Genossin Luxemburg anknüpfend, dass eine solche Aktion sich stetig steigern müsse, ausschließlich gegen den Zwangsstreik, um den es sich gar nicht handele. Gegen die Demonstrationsstreiks führe er nur an, daß sich aus ihnen schwere Kämpfe entwickeln könnten, eine revolutionäre Situation daraus entstehen könne, zu der das Proletariat noch nicht gerüstet sei und worin es eine schwere Niederlage erleiden könnte. Die Furcht vor schwereren Kämpfen sei aber noch nie ein Grund für das Prole- tariat gewesen, nicht vorwärts zu dringen. Einen Angriff zu unterlassen, weil man sich bann später vielleicht zu weit vorwagen würde, wäre eine übervorsichtige Taktik. Damit hätte man früher auch die Strassendemonstrationen bekämpfen können, weil sie viel- leicht zu Demonstrationsstreiks usw. führen würden. Wenn der Demonstrationsstreik einen vorwärts bringe, so müsse man ihn an- wenden; was man nachher, in neuen Situationen mache, darüber werde sich dann nach den gegebenen Verhältnissen entscheiden lassen. Die Furcht, es könne eine revolutionäre Situation entstehen, würde für kämpfende Proletarier doch eine sehr sonderbare Gemütsver- fassung sein. Wenn etwa ein Krieg ausbreche und eine revolu- tionäre Situation schaffe, dann müsse das Proletariat einfach den Kampf aufnehmen; wenn diese Situation durch innere Ereignisse hervorgerufen werde, so sei es doch ebensogut und werde dieselben Folgen mit sich bringen. An Organisation, Disziplin, politischer Reife und klarer Einsicht fehle es dem Proletariat nicht, was fehle sei die„revolutionäre Situation". Diese bestehe darin, dass die bisher gleichgültigen Massen aufgerüttelt werden, daß Energie, Tatkraft, Wagemut emporflammen, dass die Autorität der Regie- rung schwindet, daß die Massen sich aus der Bezauberung, die die Regierungsgewalt noch immer ausübt, loßreißen, sich ihrer eigenen Kraft bewußt werden und alle kleinen Gefühle der Furcht, der Sorge und der Gleichgültigkeit von sich werfen. Der Artikel schliesst: ... Sollte sich... auS der Steigerung der Aktion»der Arbeiter zu Demonstrationsstreiks eine immer gewaltigere Streikbewegung und schliesslich eine revolutionäre Situation er- geben, so kann das für das Proletariat keinen Grund abgeben, eine solche EntWickelung zu fürchten und sich dadurch von Aktionen abhalten zu lassen, die es im anderen Falle jetzt seinem Interesse entsprechend beurteilen würde. Umgekehrt: wenn eS voraussieht, dass seine Aktion eine revolutionäre Situation herbeiführen könnte, daß sie jedenfalls die Massen organisiert und mit Kampfesmut und Energie beseelt, so wäre das ein weiterer Grund, solchen Aktionen nicht aus dem Wege zu gehen, sondern sie mit Begeisterung aufzunehmen. Nächst Rüben« ist v a n D y ck am stärksten vertreten: mit 8b Werken. Darunter zwei Kreuzabnahmen aus den Kirchen von Termonde und Gent, daS Porträt der Marquise Spinola auS Londoner Privatbesitz, das Porträt der Malerfamilie SnyderS fau« Petersburg die Nymphe im Bad jaus Berlin), verschiedene Gemälde auS dem Wiener Hofmiiseum, daS Doppelporträt Rubens— van Dyck auS Pariser Privatbesitz u. a. m. T e n i e r s ist mit 38 Werken ver- treten; von S n h d e r s und seinem Aniwerpener Landsmann F y t sieht man Stilleben und Tierstiicke. Auch die„kleineren" Meister der Zeit sind gut repräsentiert. Man findet ausser Cray er und B r ouw er einige B reug he l und Porträte der drei Bos, darunter ungemein schöne aus Privatbesitz. Die Säle wie die Interieurs aus dem XVH. Jahrhundert sind fast stilvoll eingerichtet. Der Parterresaal und die Wände im ersten Stock prangen im Schmuck edler, sanft verblichener RiesengobelinS der Zeit, Werke der Meister von Tournai, Valenciennes usw.. die wieder RubenS und JordaenS und van Dyck vorzaubern, nach deren Gemälden sie angefertigt sind. Die Ausstellung der belgischen Kunst auS dem XVII. Jahrhundert darf als Krönung des WeltauSstellungS Werkes gelten! I-. Theater. Deutsches Theater(Sommergast spiel):„Doro- thhS Rettung", Schauspiel von Alfred Sutro. Das Stück des englischen Verfasser« ist weniger schlimm, als die in Sardou scher Manier erklügelten, bis zur Lächerlichkeit unmöglichen Voraus setzungen, auf denen es sich aufbaut. Miss Dorothy, eine sechsund- zwanzigjährige, also den Unzurechnungsfähigkeiten des BackfischalterS lang entwachsene Dame, begeistert sich an dem Gedanken, ihren Bruder zu retten. Der sonst sehr nette und anständige junge Mann hat seiner Firma nämlich sechzigtausend Mark unterschlagen und muß nach der Rückkehr TurSfields, de« OberingenieurS, auf dessen Konto er daS Geld aehucht, die Entdeckung fürchten. Dorothys Versuch, ihrem bescheidenen bisherigen Verlobten die Summe ab- zuborgen, schlug fehl, also reist sie nach St. Moritz, wo Tursfield seine Ferien zubringt, um den betreffenden Herrn blind in sich verliebt zu machen. Nicht etwa, weil sie ihn dann um die Summe bitten will. Dem zart besaiteten Ge< müt erscheint das offenbar als nicht genügend delikat. Hingegen rechnet sie darauf und hält es für ganz natürlich, dass der von ihrer Koketterie Gekaperte aus lauter Liebe bei der Revision ein Auge zu- drücken und so den Chef beschwindeln wird. Dabei ist Dorothy nach den ihr in dem Stücke ausgestellten Attesten beileibe keine hysterisch pathologische Person, noch eine gefühllos eroberungssüchtige Lulu, sondern im letzten Grund ein liebes, herzige? Geschöpf, das nur aus überschwenglich schwesterlicher Zärtlichkeit gelegentlich strauchelte. Indes die Ausnutzung der in der Motivierung total verfehlten Situation ist nicht ohne bühnenmäßige Geschicklichkeit, ja lässt hier und da auch wärmere Tone der Empfindung anklingen. Die Gut- mütigkeit, mit der der Autor daraus achtet, daß keiner seiner Leute Schaden nimmt, hat etwa» Rührende». Tursfield, der in Dorothy Der vierte beginnt: „Der Hauptgrund, den Kautsky gegen die Anwendung des Streiks anführt, liegt in den Reichstagswahlen des nächsten Jahres. Hier liegt auch die wirkliche tiefste Ursache, die weite Kreise, namentlich unter den führenden Genossen, einer Streik- bewegung abgeneigt macht. Erstens versprechen sie sich dann einen grossen Sieg, eine Abrechnung, die uns gefahrlos einen grossen Gewinn bringen wird und jede andere Aktion jetzt über- flüssig macht. Zweitens fürchten sie, daß dieser Gewinn durch eine jetzt ausbrechende Streikbewegung gefährdet und in Frage gestellt werden wird.'• Pannekoek gibt dann zu, daß die nächsten ReichstagSwahlei» der Sozialdemokratie einen grossen Erfolg bringen und für die Gegner ein gewaltiges Strafgericht bedeuten werden. Aber nach dem Siege werde die Sozialdemokratie immer noch eine einfluss- lose Minorität sein. Die„betroffenen" bürgerlichen Parteien würden sich gegen die Sozialdemokratie zusammenschließen und verhindern, dass die Sozialdemokratie auch nur den geringsten Schein unmittelbaren Einflusses bekomme, wenn sie natürlich auch mittelbar die ganze Politik beherrsche. Wenn man den Wahlsieg nicht als das ansehe, was er wirklich sei, nämlich eine weitere Etappe auf dem Wege der steigenden Organisation und Bewußt» Werdens, der fortschreitenden Schulung und Sammlung des Prole« tariats, sondern ihn an seinen unmittelbaren Resultaten und Er- folgen messe, dann sei er einfach eine Tonne für Walfische. DaS Reichstagswahlrecht wirke heute wie ein Sicherheitsventil, durch das sich die Empörung der Massen entladen könne, ohne den Herr- schenden dabei unmittelbaren Schaden zuzufügen. Bei der heutigen Wahlkreiseinteilung sei die Erringung der Mehrheit der Mandate ausgeschlossen, auch wenn wir die Mehrheit der Stimmen bekämen. Damit sei ausgeschlossen, daß wir je imstande seien, auf rein parlamentarischem Wege eine wirkliche Bestrafung der Feinde vor» zunehmen. Um wirklich entscheidende Vorteile zu erringen, wirklich Abrechnung zu halten, müsse auf die außerparlamentarischen Machtmittel zurückgegriffen werden: auf Demonstrationen und Streiks. Der in Aussicht gestellte Wahlsieg des nächsten Jahre» könne also keine entscheidende Bedeutung haben. Kautsky denke darüber kaum anders; er suche deshalb die Be- deutung der Wahlen darin, daß die herrschenden Klassen durch unseren Sieg so erschreckt würden, daß sie zum Staatsstreich greifen, das Reichstagswahlrecht aufheben würden. Dann sei die revolutionäre Situation da, dann würden die Massen durch Massen» streiks die herrschende Klasse zwingen, davon abzulassen oder sie in einer Entscheidungsschlacht niederwerfen. Das heiße: jetzt nicht angreifen, denn wir seien für einen Entscheidungskampf zu schwach, sondern warten, bis wir angegriffen würden. Seien wir dann auf einmal nicht mehr zu schwach? Nie- mals in der Offensive, immer in der Defensive, das sei die neue uns empfohlene taktische Parole. Möglich sei es, daß sich die Ent- Wickelung so abspielen werde, wenn nämlich die Massen nicht in Bewegung kommen wollten, so dass sie erst der Staatsstreich von oben in Bewegung bringen müsse. Aber etwas anderes sei, das als taktische Methode zu empfehlen und gerade dann, wenn die Massen angreifend vorgehen wollten. Darauf fährt P. fort: „Wie aber, wenn der Staatsstreich ausbleibt? Kautsky stellt die Alternative: entweder Konzessionen an das Proletariat oder ein Staatsstreich; aber es besteht noch ein drittes, das die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat: daß einfach nichts geschieht, daß in der üblichen reaktionären Weise fortgewurstelt wird. Die Junker mögen noch so dumm sein, sie wissen so gut wie wir, daß unter dem heutigen Reichstagswahlrecht die Sozialdemokratie nie die Mehrheit bekommen wird. Unser Wachstum wird vor allem die Liberalen und vielleicht das Zentrum, aber am aller- wenigsten die Junkersitze gefährden. Weshalb sollen sie sich dann in die Gefahren eines Staatsstreichs stürzen? Wollen sie törichterweise das Proletariat zu einer Revolution provozieren und dazu den Staatsstreich inszenieren, so können sie auch jetzt einen Vorwand finden, und haben sie dazu das Resultat der nächsten Reichstagschahlen nicht nötig. Wer von unserer Seite nicht eine angreifende revolutionäre Bewegung wünscht, sondern auf eine Revolution auf Umwegen rechnet, die uns aufgenötigt werden soll, der gerät in die größte Gefahr, sich zu verrechnen, indem sie ausbleibt. Es will uns scheinen, daß dies für uns auch viel besser ist. Gehen wir angreifend vor, wie bisher, werfen wir den Feind immer mehr aus seinen Positionen zurück, so wird diese-offensive Kriegstaktik wahrscheinlich wirksamer sein und weniger Opfer kosten, als wenn wir uns in die Defensive drängen lassen. Der Angriff ist immerdie beste Ver» t e i d i g u n g, und so wird der fortgesetzte energische Angriff das Ideal weiblicher Schönheit und Tugend bewundert, erklärt, sobald er durch die verspätete Beichte des Bruders von der Unter- schlagung hört, daß er auS seinen Ersparnissen das Fehlende be« gleichen werde, nur dürfe Dorothy nichts davon erfahren. Er über« trumpft sich andauernd in Edelmut. Herr H a r t a u verstand e», diesem kindlich gläubigen Verehrer eine sehr sympathische persönliche Note zu geben. Das strahlende Hoffnungsglück, die mühsam ge- bändigte Empörung, als ihm ein Zufall Dorothy« ursprünglichen Plan verrät, die tiefe Depression in seinem Junggesellenheim vor dem letzten, alles zum Guten wendenden Theatercoup, kam in schlicht lebendiger Ueberzengnngskraft heraus. Ellen Neustädter setzte ihre bedeutende Kraft in der wenig dankbaren Rolle der Titelheldin ein. Die Episodenfignr des schrullenhaften alten Chef« und ein- gefleischten Junggesellen fand in Herrn Herzfeld einen trefflichen Vertreter. Die Aufnahine war freundlich. dt. Humor und Satire. Mormonen. Zwanzig Stück— igitt, igittt— Kamen(männlich grösstenteils) Nach Berlin aus Saltlake City, Predigten das Wort de« Heils l Ahnten wohl die hiesigen Moden, Als der Geist sie fprecwärtS trieb, Denn Berlin war längst ein Boden Für ihr frommes Grundprinzip. Doch man nahm sie am Schlafittchen. Hemmte das Bekehrungswerk, Schickte sie nach Snltlake Cit-chen Heimwärts von dem Spree-Bezärk. Unvermutet kam eS diesen. Wußten kaum, wie das geschah.. Zwanzig hat man ausgewiesen Aber viele find noch da. __(Gottliev im.Tag'.) Notizen. — Zeppelin im Eise. Die Studienfahrt der arktischen Zeppelingesellschaft nach Spitzbergen, die die zu später geplanten Luftschiffexperimente im hohen Norden vorbereiten sollte, scheint er- gebniSlos verlaufen zu sein.(Sie ist von Kenner» der Arktis von vornherein für eine akademische Spritzfahrt erklärt worden.) Nach Meldungen de? in,Dromsö(Norwegen) eingetroffenen Torpedoboote? .Carmen", das die beiden Expeditionsschiffe in der Croßbay auf- üchte, war daS Vordringen durch das Eis erschwert. Die Fahrt nach Grönland ist aufgegeben. Einen Ankerplatz für Luftschiffe hat Zeppelin auch nicht gefunden. Die Expedition wird bereits im August zurückkehren.— Die Hergesellen werden die mangelnden Erfolge sicherlich durch verstärkte viellam» für da» nationale Unter- nehmen ersetzen. SUf?aS Preüh'enhaüS auch 8er beste Schutz 8es Reichstagswahlrecht- sein." Endlich sagt P. zu der Anschauung, daß eine Massenstreik- Bewegung oie Erfolge, die unS bei den Wahlen winken, gefährden würde, daß sie allerdings die Kleinbürger abstoßen würde, daß da- gegen große Arbeitermassen,„die bis jetzt bei den Wahlen, durch starke religiöse oder ideologische Bande gebunden, unsere Gegner wählten, sich bei einer so urwüchsig-proletarischen Aktion wie einen Massenstreik, durch ihr proletarisches Empfinden leiten lassen, sich an unserem Kampfe beteiligen und damit auch für später gewonnen Werden" würden. Der Artikel schließt dann: «Wer darauf gerechnet hat, diese kleinbürgerlichen Scharen bis zu den nächsten Wahlen festzuhalten, um mit ihnen die feindlichen Parteien aufs Haupt zu schlagen, der muß gegen jeden Versuch eines Massenstreiks sein, denn dadurch könnten diese Wähler verscheucht werden. DaS ist, glauben wir, auch der realste Kern des Widerstandes, den der Gedanke deS Massenstreiks unter den führenden Politikern findet. Nun ist es schon fraglich, ob sie recht haben, ob wir an Arbeitern nicht gleich viel gewinnen, als wir an Kleinbürgern verlieren. Aber hier liegt jedenfalls die Frage, um die es sich handelt bei der Wahl der Taktik, und nicht in solchen Argumenten, wie z. B. denen, daß die Arbeiter bei einem Massenstreik eine Niederlage erleiden könnten, die sie ent- mutigen wird, oder daß sie gezwungen wären, gegen ihren eigenen Willen weiterzugehen, als mit Aussicht auf Erfolg mög- lich ist. Wer der Meinung ist, daß die Kraft der politischen Um- gestaltung nur bei dem organisierten Proletariat liegt, und daß die schwankende kleinbürgerliche Masse dabei bedeutungslos ist, für den kann die Wahl nicht zweifelhaft fein. In der Organisa- tion, der Schulung, der Kampfbereitschaft möglichst großer Prole- tariermassen liegt allein unsere Zukunft; an sie muß man auch nach den glänzenden Wahlsiegen immer wieder appellieren. Alle kleinbürgerlichen Mitläufer helfen dabei nichts. Daher vor allem darf man der noch so glänzenden Aussicht auf einen großen Wahlsieg nicht eine Aktion opfern, die vor allem das Kraft» bewußtsein, die Geschlossenheit und die revolutionäre Erfahrung der organisierten Arbeitermassen fördern würde/ Oer Krelswaljlvereln für IDederbarnlm hielt seine Generalversammlung am Sonntag im Cafe Bellevue in Rummelsburg ab. Anwesend waren 8S Delegierte, 24 Bezirksleiter, 16 Vorstandsmitglieder, 1 Vertreter des Zentralvorstandes. Als erster Punkt stund auf der Tagesordnung der Tätigkeitsbericht des Borstandes. Der Kreisvorsitzende Brühl bezog sich in seiner Berichterstattung im wesentlichen auf den gedruckt vorliegenden Bericht, dem wir folgende Angaben entnehmen. Der Bericht erstreckt sich auf die Zeit vom 1. Januar 1909 bis 30. Juni 1910. Infolge lebhafter Werbe. und Aufklärungsarbeit hat die Organisation sowie die Verbreitung der Parteipresse einen unverkennbaren Aufstieg genommen. Durch da? Anwachsen und den inneren Ausbau der Organisation steigerte sich natürlich die Tätigkeit der Bezirksleitungen und der Kreisleitung. Es wurden abgehalten 31 Vorstandssitzungen, 18 Kreis» konferenzen, 7 Generalversammlungen des Kreises, 6 Frauen- konferenzen, 2 Sitzungen der Kokalkommission, 3 Konferenzen der Obmänner der Landagitationskommission, 1 Gemeindevertreterkonferenz, an welcher 93 Stadt» und Gemeindeverordnete aus 36 Orten teilnahmen.— Das Parteisekretariat des Kreises wurde am 1. Juli 1909 eröffnet. Jetzt, nach einjähriger Tätigkeit des Bureaus kann konstatiert werden, daß die AgitationS« und Organisations- arbeit von den Funktionären des Kreises rege unterstützt worden ist und die Verbinoungen im Kreise gefestigt und vermehrt wurden. Wenn auch nicht alle an das Sekretariat und den Kreisvorstand gerichteten berechtigten Wünsche erfüllt werden konnten, so steht doch zu erwarten, daß durch ein ferneres, einheitliches Zusammenarbeiten der Bezirks- und Ortsfunktionäre mit der Kreisleitung das ge- wonnene Terrain zu behaupten und zu erweitern. Der unverkenn- bare Aufstieg und die Festigung der Parteiorganisation ist neben der eifrigen Agitationsarbeit aller Genossen auch vor allem der Ge- fchlossenheit der Gesamtorganisation zu danken. Die Mitglieder- zahl am 1. Januar 1909 betrug 11 106(10 069 männliche, 104S�veib- liche). Aufgenommen sind 6666, abgegangen 3918. Der Bestand am 30. Jum 1910 betrug 12 863 Mitglieder(11262 männliche, 1591 weibliche). Die Steigerung der Mitgliederzahl beträgt 16 Prozent, nach Berechnung der verkauften Beitragsmarken sogar 13 Prozent. An der Zunahme sind alle Bezirke des Kreises beteiligt. Der Abonnentcnstand der Parteipresse hat ebenfalls eine Steige- rung erfahren. Di« Zahl der„Vorwärts"leser stieg von 12 968 auf 16 798, die der„Brandenburger Zeitung" von 134 auf 187. Die „Gleichheit" wird in 601. die„Neue Zeit" in 163,„Wahrer Jakob". „Postillon",„Freie Stunden",„Arbeiterjugend" zusammen in 3470 Exemplaren abonniert. Der Agitation dienten 13 öffentliche Frauenversammlungen. Die Agitation für den„Vorwärts" und den Wahlverein, durch Ver- bveitung einer Sonderausgabe des„Vorwärts" hatte in fast allen Orten guten Erfolg. ES wurden 733„VorwärtS"-Abonnenten und 892 Mitglieder gewonnen.— In der Berichtszeit fanden 281 öffent- liche und 313 Mitgliederversammlungen statt. 1 137 000 Flugblätter wurden verbreitet. Auf dem Lande wurden verbreitet: Die„Fackel" in 102 722, der Kalender„Märkischer Landbote" in 21 226 und ein polnischer Kalender in 2000 Exemplaren. Von 20 Bezirken wur- den 264 Agitationstouren veranstaltet. Die Sadtverordneten- und Gemeindevertreterwahlen, die im November 1909 und im März 1910 stattfanden, brachten in drei Städten und 42 Ortschaften eine Beteiligung unserer Genossen durch Aufstellung eigener Kandidaten. Die Zahl der im ganzen Kreise abgegebenen Stimmen stieg von 9804 auf 17 606 und die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindepertreter stieg von 102 auf 132. Tie Jugendbewegung im Kreise hat gute Fortschritte gemacht. In 16 Bezirken bestehen Jugendausschüsse. Jugendheime sind er- richtet in Tegel, Oberschüneweide, Rummelsburg und Friedrichs- Hagen. In Lichtenberg soll im Oktober ein Jugendheim eröffnet werden. Dem BildungSwesen konnte im letzten Jahre leider nicht die notwendige Aufmerksamkeit und Förderung zuteil werden, wie es in ruhigen Zeiten möglich gewesen wäre. Es bestehen im Kreise fünf BildungSausschüsse. In Orten, wo solche nicht bestehen, werden die Bildungsbestrebungen durch Vortragskurs« usw. gepflegt. Im Kreise sind 24 Bibliotheken init 6866 Bänden vorhanden. Die Zahl der freien Lokale hat sich trotz der Schwierigkeiten in der Lokalfrage nicht verschlechtert. Den Genossen stehen in 16 Orten alle Lokale und in 69 Orten 126 Lokale zur Verfügung. Einer Fülle von polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen war die Partei und ihre Mitglieder auch im vergangenen Jahre aus- gesetzt. Das muß den Genoffen ein Ansporn sein, dem Druck von oben den nötigen Gegendruck von unten entgegenzusetzen und in der Werte- und Aufklärungsarbeit nicht zu erlahmen. Den Kassenbericht erstattete der Parteisekretär Bühler. Die Einnahme betrug 60 627.77 M.. die Ausgabe 44 120,02 M., der verbleibende Bestand 6407,76 M. An die Verbandskasse wurden 20 427 M. abgeführt. Extrabeiträge an den Verband konnten nicht sseleistet werden, da der Kreis erhebliche Ausgaben für die Landagitation hatte. Es wurden für diesen Zweck rund 7000 M. ausgegeben. Der Redner bemerkte unter anderem, der Kreis Niederbarnim habe von allen Kreisen Groß-BerlinS die größten Fortschritte gcmachr: Die Genossen müßten darauf bedacht sein, nicht nur neue Mitglieder zu werben, sondern auch die gewonnenen zu erhalten. In der TiSkussien wurden wesentliche Ausstellungen an der Tätigkeit des Vorstandes nicht erhoben. Der Kassierer wurde entlastet. Dann wlllden folgendx Wahlen zur Kreisleitung bollzogenl 1. Vorsitzender Brüh!- Lichtenberg, 2. Vorsitzenoer S e i k e l- Lichtenberg, Schriftführer Lorenz. Reinickendorf, Beisitzer B e r g e r- Rummelsburg und Fräulein Arendsee- Tegel. Revisoren T e u b e r- Weißensee, Arendsee- Tegel, Wächter- Rummelsburg, Lokalkommission E l i a s« Lichtenberg. In den Verbandsvorstand wurden gewählt: Bühl-Lichten- berg(Aktionsausschuß), Bühl er- Lichtenberg(Aspirant), S ch m i dt- Pankow(Preßkommission). I a k o b s e n- Oberschöne- weide(Agitationskommission), W e s s e l- Stralau(Revisor). Ferner wurden gewählt: In den Ausschuß der Gemeinde- Vertreter D ü w e l l- Lichtenberg. M ül l e r- Rummelsburg, Taubmann- Weißensee.— In den Jugendausschuß Koppen- Hagen- Lichtenberg. Nach einem kurzen Referat des Genossen Jakobsen über die bevorstehende Provinzialkonferenz wurden als Delegierte zu derselben die Genossen Neumann- Französisch-Buchholz, K ü t e r- Karlshorst und Jünemann- Rummelsburg, gewählt. Hierauf nahm die Versammlung Stellung zum Parteitag. In seinem einleitenden Referat kam Genosse Stadthagen auch auf die badische Angelegenheit zu sprechen. In die uns so günstige Situation ist diese Angelegenheit, die mühevolle aufopfernde Arbeit unserer Genossen störend, wie eine Stinkbombe gefallen. Ich gehe nicht darauf ein. daß eS für einen Sozialdemokraten nach dem Parteitagsbeschluß selbstverständlich ist, den Etat einer Regierung, die die Regierung eines Klassen- staates ist, abzulehnen. Hier handelt es sich lediglich darum, daß die badischen Genossen einen schweren Disziplinbruch begangen haben. Die Erklärung der 66 auf dem Nürnberger Par- teitag kann man als den Ausfluß einer augenblicklichen Erregung ansehen. Davon kann aber bei dem Vorgehen in Baden keine Rede sein. Hier liegt ein bewußter Disziplinbruch, eine bewußte Provo- kation der Partei vor.— Aus der vor der Abstimmung abgegebenen Erklärung des Genossen Frank sowie den zur Sache gemachten Aeußerungen der badischen Parteipresse wies ver Redner nach, daß auch in Baden von einer Anerkennung der Sozialdemokratie durch die Regierung keine Red« sein könne. Ja, selbst aus dem. was zur Rechtfertigung der badischen Fraktion angeführt wurde, gehe deutlich hervor, daß der Minister v. Bodman die Gleichberechtigung der Sozialdemokratie nicht anerkennt. Ein solches Verhalten, wo man sich schlagen läßt und dann die Hand küßt, von der man geschlagen wurde, mag hündisch sein, sozialdemokratisch ist es nicht. Eine schlimmere Provokation der Gesamtpartei kann es nicht geben, als die Ablehnung des Budgets, die der Parteitagsbeschlutz verlangt, als eine bloße Demonstration zu bezeichnen und die Zu- stimmung zum Budget in der Art zu rechtfertigen, wie dieS im Landtag geschehen ist. Wenn man glaubt, nicht so stimmen zu können, wie es der Parteitag jedem Genossen zur Pflicht gemacht hat, dann sollte man doch den Mut haben, zu erklären:„Ich lege mein Mandat nieder", nicht aber meinen, zur Verletzung eines Parteitagsbeschlusses gehöre Mut.— ES fragt sich nun, was wir angesichts der badischen Angelegenheit zu tun haben. ES ist das keine speziell badische Frage, sondern eine die Gesamtpartei an- gehende. ES gibt nur eine Gesamtpartei in ganz Deutschland, von der die badischen Genossen nur ein Teil sind. Baden hat etwas über 2 Millionen Einwohner. 1907 waren 446 817 Wahlberechtigte vorhanden. Von 396 196 abgegebenen Stimmen fielen 93 336 unserer Partei zu. Die Zahl der organisierten Parteigenossen in Baden beträgt nach dem Protokoll vom Vorjahre 13 481. Ich gebe zu, daß dort Verhältnisse herrschen, welche die Organisierung schwerer machen als anderswo. Der Wahlkreis Niederbarnim ha: über 12 000 Mitglieder, andere Kreis« von Groh-Berlin haben die doppelte Zahl. Mit welchem Recht wollen die badischen Genossen ein« Sonderstellung in der Partei einnehmen? ES ist hier ein« Resolution des Zentralvorstandes von Groß- Berlin vorgelegt worden. Sie lautet: «Der Nürnberger Parteitag hat sowohl in prinzipieller dS auch in taktischer Beziehung die Richtlinien bestimmt, welche in der Budgetfrage für alle Parteigenossen Deutschlands maßgebend sind. Der Grundpfeiler der sozialdemokratischen Arbeiter» bewegung und die Vorbedingungen zu ihren Erfolgen auf poli- jischem und wirtschaftlichem Gebiet ist die freiwillige Unter- ordnung jedes einzelnen Mitgliedes unter Beschlüsse der höchsten Instanz ihrer Organisation. Deshalb müssen wir bei aller Meinungsfreiheit innerhalb der Partei verlangen, daß jedes Parteimitglied geltende Parteitagsbeschlüsse unter allen Um- ständen hochhält. Die Berliner Parteigenossen bedauern die Zustimmung der badischen Landtagsfraktion zum Budget, ein Beschuß, welcher eine Lockerung der notwendigen Disziplin und eine arge Schädi- gung der Einheitlichkeit der Partei bedeutet. Si« mißbilligen daher die Budgetbewilligung und den Disziplinbruch der Mehr- heit der badischen Landtagssraktion auf das allerfchärfste. Die Parteigenossen Groß-BerlinS verurteilen weiter die Teil- nähme der badischen LandtagSfraktion an höfischen Kundgebungen, welche geeignet ist, den republikanischen Charakter der Partei zu verhüllen und daS demokratische Gefühl der Genossen zu empören. Die Groß-Berliner Parteigenossenschaft erwartet vom Magde- burger Parteitag, daß er Vorkehrungen trifft, um in Zukunft ParteitagSbeschussen unter allen Umständen Geltung zu ver- schaffen." Der letzte Satz dieser Resolution sagt gar nichts. Er läßt uns völlig im Unklaren darüber, was gegenüber dem offenbaren DiS. ziplinbruch geschehen soll. ES liegen nur noch zwei Resolutionen aus unserem Kreise vor, welche scharf aussprechen, daß sich daS Verhalten der badischen Genossen mit der Parteidisziplin nicht verträgt. Die Resolution von RummelSburg sagt, daß sich die badischen Genossen durch Verstoß gegen den Nürnberger Parteitags- beschluh schon tatsächlich außerhalb der Partei stellen und fordert deshalb, daß sie auch formell ausgeschlossen werden. Die Re- solution von Pankow fordert, der Parteitag solle mit aller Schärfe zum Ausdruck bringen, daß die schweren Verfehlungen der badifchen Abgeordneten gegen Parteitagsbeschlüsse, Parteitagsgrundsätze und Parteitvaditionen mit der Bekleidung der höchsten Vertrauens- ämter in der Partei unvereinbar sind.— Ich habe ein« Resolution entworfen, welche das Wesentlichste aus der Groß-Berliner und der Pankower Resolution zusammenfaßt und ausspricht, wie daS Verhältnis der badischen Genossen zu beurteilen ist. Dies« Re- solution, deren Annahme ich empfehle, lautet: Die Zustimmung der Mehrheit der badischen sozialdemo. kratische,, LandtagSfraktion zum Budget und die Motivierung dieser Zustimmung ist ein schwerer Verstoß gegen den auf dem Parteitag zu Nürnberg gefaßten Parteitagsbeschluß. Die Teil- nähme eines Teils der sozialdemokratischen LandtagSabgeord- neten an höfischen Kundgebungen ist geeignet, den republika. nischen Charakter der Partei zu verhüllen und daS demokratische Gefühl der Genossen zu empören. Die Generalversammlung beantragt deshalb bei dem Par- teitag: zum Ausdruck zu bringen, daß der die Parteibewegung schwer schädigende Disziplinbruch und die offenen Provokationen der Gesamtpartei durch die Mehrheit der badischen Landtags- fraktion insbesondere mit der Verwaltung der höchsten Ver- trauenSämter in der Partei unvereinbar ist. Wenn wir einen Beschluß fassen, dann müssen wir ouS- sprechen, was ist, aber nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen. Worauf es ankommt, ist: Soll für Genossen in DertrauenSämtern die Forderung nicht gelten, daß Dis- ziplin, daß die ParteitagSbeschlüsse zu beachten sind? Ich halte die Möglichkeit einer Verständigung mit den badischen Genossen auf dem Parteitage nicht für ausgeschlossen und wünsche eine Verständigung. Sie ist aber nur dann möglich, wenn die badischen Genossen ihr Unrecht offen zugeben und er- klären, daß eine Wiederholung nicht vorkommen soll. Wollen sie dgK nicht, dgM Müssen sie etßätsi: Für üb» ist hin Platz Mkhr Tn der Partei. Ich hoffe, daß es nicht dazu komm?, sondern daß die badischen Genossen eine Erklärung abgeben, die eine Verständi- gung ermöglicht. Der Parteitag mutz diese Frage lösen und zeigen, daß wir nicht nur gegenüber den Gegnern, sondern auch gegenüber Verstößen in den eigenen Reihen Männer sind.(Beifall.) Hierauf wird die Diskussion eröffnet. Schm idt-Pankow bezeichnet das Vorgehen in Baden als einen wohlvorbereiteten Vorstoß des Revisionismus. Es sei die Betätigung der Gedanken, welche Quessel und Maurenbrecher in den„Soz. Monatsheften" vertreten haben, der Politik des Groß- blocks. Wenn nicht gegen die badischen Genossen eingeschritten wird, dann werde der Revisionismus einen Erfolg erringen und Bresche in die Partei legen. Dem müsse vorgebeugt werden. Die Partei stehe hier vor einem Falle, der mit aller �Entschiedenheit erledigt werden müsse. Wenn das auch nach außen hin Aufsehen errege, so würden wir doch darüber hinwegkommen. Brühl trat für die Resolution des Zentralvorstandes ein. Die Resolution Stadthagen sage ja auch nicht, was geschehen solle. Wenn man das sagen wolle, dann müsse man den Ausschluß der badischen Genossen verlangen. Aber wenn hinter ihnen die Re- visionisten stehen, dann haben wir nicht nur mit den paar Genossen zu rechnen, die wir ausschließen. Wenn es im vorigen Jahr« zur Kraftprobe gekommen wäre, dann würde es sehr fraglich gewesen sein, auf welcher Seite die Mehrheit der Parteigenossen gestanden hätte. Ich bitte, daß wir nur erklären, die Tat ist ein Disziplin- bruch, der bestraft werden muß. In welcher Weise er zu bestrafen ist, daS hat der Parteitag zu entscheiden. Nehmen Sie die Re- solution des Zentralvorstandes an, damit ein einheitlicher Beschlutz zustande kommt. W i tz k e- RummelSburg: Gehen Sie konsequent vor. Nehme» Sie nicht die Resolution von Groß-Berlin, sondern die von Rummelsburg an, welche den Ausschluß fordert. Ander? kann der Disziplinbruch nicht gesühnt werden. Sp i e ker m a n n- Lichtenberg: Man muß in dieser Sache nicht nach dem Gefühl urteilen, fondern den Verstand sprechen lassen. Hier ist nicht einer anwesend, der mit dem Verhalten der badischen Fraktion einverstanden wäre. Wir alle verurteilen es ganz entschieden. Aber wir sind nicht hier, um ein Hrteu über die betreffenden Genossen zu fällen, sondern um Anklage zu erheben. Hier liegt nun Disziplinbruch vor. DaS hat nichts zu tun mit Revisionismus und Radikalismus. Diese Frage scheidet hier aus. Wir sind unS alle darüber klar, daß es in der Partei nicht zweierlei Recht geben kann. Die Handlung der badifchen Genossen darf natürlich nicht, weil die Genossen hohe Vertrauensämter bekleiden, mit anderem Maß gemessen werden, wie Verstöße sonstiger Partei- genossen. Dem Genossen Stadthagen möchte ich zu bedenken geben. daß die schwache Organisation in Baden und die starke Organisation in Berlin doch mehr den Verhältnissen als wie den betreffenden Genossen zuzuschreiben ist. Jakobsen-Oberschöneweide: Das Urteil über den Dis- zipünbruch müssen wir dem Parte itag überlassen. Was haben wir davon, wenn er den Ausschluß beschließen sollte? Dann würden sich alle Genossen, welche in Nürnberg die süddeutsche Richtung unterstutzten, sich auf die Seite der Ausgeschlossenen stellen und dann hätten wir die Spaltung der Partei. Durch einen Ausschluß würde das Kampffeld verschoben werden. Es würde sich dann nicht mehr allein um die Frage des Disziplinbruches handeln. Ich er» suche um Annahme der Resolution Groh-Berlin. Liesegang: Wenn wir den Ausschluß verlangen, dann werden hinter den badischen Genossen nicht nur die Süddeutschen, sondern auch eine Menge Delegierte au» Norddeutschland stehen. Dann wird eS sich nicht mehr um den Disziplinbruch handeln. sondern um Revisionismus und Radikalismus. Eine solche Ver- schiebung des KampfseldeS zu veranlassen, dazu haben wir keine Ursache. Wir wollen nicht den Ausschluß verlangen, ehe sich die badischen Genossen auf dem Parteitag rechtfertige» konnten. Nehmen Sie die Resolution von Groh-Berlin an. M i r u S: Ich wundere mich, daß Stadthagen au» seinen Ans- führungen nicht die Konsequenz zog, die zur Empfehlung der RummelSburger Resolution führen muß. Es wäre besser gewesen, wenn der Nürnberger Parteitag einen Beschluß gefaßt hätte, der den Genossen in den Landtagen mehr Freiheit laßt. Es handelt sich nicht nur darum, zu konstatieren, daß ein Verstoß gegen den Nürnberger Beschluh begangen worden ist. fondern auch darum, ob ein Beschlutz bestehen bleiben soll, der die Abgeordneten d-S Landtages in solcher Weise bindet. Wenn wir den Genosse» i» den Gemeindevertretungen einen möglichst weiten Spielraum lassen, so mutz da» auch den Landtagsabgeordneten gegenüber ge- fchehen, denn in den verschiedenen Einzslstaaten herrschen doch ganz verschiedene Verhältnisse. Unsere Genössen in Baden haben doch das Schulgesetz und die Gemeindewahlreform zu unseren Gunsten beeinflußt. Die Zustimmung zum Budget ist eine Zweckmäßig- keitsfrage. Die sozialdemokratischen Grundsätze werden dadurch nicht verletzt. Ich ersuche, von der Annahme jeder Resolution ab- zusehen. Schm i d t- Stralau: Die Tatsache, daß für die Nürnberger Resolution 268, dagegen aber 119 Genossen stimmten, zeigt uns, daß die vorliegende Frage nicht leicht zu lösen ist. In der Budget- frage bin ich derselben Meinung wie MiruS. Was den Disziplin- bruch betrifft, so müssen wir uns fragen, ob wir uns solche spanischen Stiefeln, wie den Nürnberger Beschluß, anlegen lassen sollen. Was die Hofgängerei anbetrifft, so stehen ja die badischen Genossen nicht allein da. Aehnliches ist auch in anderen Bundes- staaten vorgekommen. ES sind ja schon manche Resolutionen um- gangen worden. Der„Vorwärts" hat die badische Angelegenheit im großen und ganzen sachlich behandelt. Er ist jetzt genießbarer wie vor 3 bis 4 Jahren. Es ist unberechtigt, daß der„Vorwärt»" die badischen Genossen als gelehrige Schüler Wilhelms II. hinstellte. DaS sind si« nicht. Sie wissen, was sie wollen. Stadthagen hat ja kräftig losgeschlagen, aber er ist inkonsequent. Er predigte zum Schluß die Verständigung, die wir ja alle wollen. Wenn man sich aber verständigen will, dann darf man nicht so losschlagen. Düwell: Vor der Rede des Genossen MiruS hätte man für alle drei Resolutionen stimmen können. Nachdem MiruS gesprochen hat, ist da» nicht mehr möglich. Seine Rede hat bewiesen, daß ver- sucht wird, den Boden des Streitpunktes zu verschieben. Jetzt muß ausdrücklich gesagt werden, worauf eS ankommt. Nicht«tn Straf- gericht haben wir abzuhalten, auch nicht die Genossen, die nach ihrer U-berzeugung gehandelt haben, zu rügen. Wir konstatieren, was ist. Wir müssen den badifchen Genossen sagen: Was Ihr getan habt, da» lst etwas, womit Ihr Euch außerhalb der Partei stellt. ES kommt hier nicht auf eine Entscheidung in der Budgetfvage an. sondern darauf, ob sich Parteigenossen auf den Standpunkt stellen dürfen: Wenn uns ParteitagSbeschlüsse nicht passen, dann über- treten wir sie einfach. Liep mann- Berlin lVertreter des Zentralvorstandes): Die Genossen MiruS und Schmidt haben der Einheitlichkeit Berlins einen schlechten Dienst geleistet. Wir wollen aussprechen, daß eS Sache de» Parteitage»«st, Mittel und Wege zu finden, um der Wiederholung solcher Verstöße gegen seine Beschlüsse vorzubeugen. Wir Berliner wollen nicht diejenigen sein, auf die ein Schatten fällt,. wenn etwa in der deutschen Sozialdemokratie eine Mainlinie gezogen werden sollte. Für die Verurteilung des Dis» ziplinbruches werden wir ein« große. Mehrheit haben. Dann werden es sich die Genossen sehr überlegen, ob sie einen solchen Verstoß nochmals begehen sollen. Ein Ausschlußantrag würde viele auf die badische Seit« treiben. Ich bitte um Annahme der Resolution Groß-Berlin»— die auch am Dienstag allen Berliner Versammlungen vorgelegt wird— damit unsere Delegierten in Magdeburg sagen können: Alle unsere Genoffen stehen Vinter uns. Halten wir uns daran, daß der Disziplinbruch der badifchen Fraktion scharf zu verurteilen ist, dann wird ein einheitlicher Beschluß deS Parteitages zuftanoe kommen und der Eindruck eines solchen Beschlusses wird eine moralische Wirkung haben, welche die Wiederkehr derartiger Ver» stöße verhindert. L i e b o l d- Waidmcmnslust trat für die Resolution Stadt- Hägen ein. Hierauf wurde sin Schiuhankrag angenommen. Stadthagen vertrat im Schlußwort nochmals lernen Standpunkt. Zweifellos hat die badische Frage mit Radikalismus und Revisionismus nichts zu tun. Lediglich die Frage des Disziplinbruchs, nicht die der Richtigkeit der Stellung zum Budget steht zur Frage. Auf gewerkschaftlicher Seite kann Disziplinbruch nicht geduldet werden. Zu erinnern ist an die Haltung des Partei- tages in der Frage der Lokalorganisierten. Soll in unseren Kreisen zweierlei Recht gelten? Eins für die Menge, ein anderes für die sogenannten Führer? Gewiß ist es richtig, daß nicht wir, sondern der Parteitag ein Urteil abzugeben hat. Er muß doch aber über die Meinung der Genossen informiert werden. Deshalb müssen wir einen Beschlutz fassen, der klar ausspricht, wie wir über den Dis- giplinbruch denken. Wird die Handlung der badischen Fraktions- Mehrheit nicht scharf verurteilt, dann würden ja übrigens die Genossen, welche sich der Abstimmung über das Budget enthalten haben, nicht gerechtfertigt dastehen. Die Rummelsburger Resolution wurde zurückgezogen, die Re- .solution des Zentralvorstandes mit schwacher Mehrheit abgelehnt, die Resolution Stadthagen mit einer stärkeren Mehrheit angenommen. »» « Ferner wurde noch der folgende Antrag zum Parteitag ange- Bommen: Der Parteitag möge sich mit der Frage der Schaffung einer -Modenzeitung" als Beilage zur„Gleichheit" befassen. Dieselbe soll den Anforderungen der Arbeiterfamilien entsprechen und ihre Einführung eine fakultative sein. MS Delegierte wurden gewählt Maria A r e n d s e e- Tegel, B ü h l e r» Lichten- berg, M u t h- Oberschöneweide, W i tz k e- Rummelsburg. Von mehreren Anträgen, die unter dem Punkt„PereinSange- legcnheitcn" vorlagen, wurde, ein Antrag des Bezirks Reinicken- dorf-West angenommen. Er lautet: Erlaß der Beiträge für die weiblichen Mitglieder bei Ar- beitslosigkeit des Mannes, der Mitglied des Wahlvercins ist. Eine längere Debatte rief ein Antrag des Bezirks Lichtenberg hervor, welcher verlangt, datz die Wahl von Delegierten zu Kon- gressen und Parteitagen durch Urabstimmung in den Zahlabenden vorzunehmen ist. Der Antrag wurde abgelehnt. Damit war die Tagesordnung erledigt. Ehis Induftrlc und ftandd* Die Semmeln werden dilliger. Hat es auch lange gedauert, bis die Ermässigung der Weizenmehlpreise ein Herabgehen der Semmel- preise bewirkte, so setzt sich der Preisrückgang nunmehr doch deutlich und allgemein durch. Verfolgen wir die Semmelpreise im ersten Halbjahre dieses Jahre» im Vergleich zu ISOg, so ergibt sich folgendes Bild. 1 Kilogramm kostete in Pfennigen im Durchschnitt von 50 deutschen Städten: Januar Febr. März April Mai Juni IVOS... K0 62 63 64 66 66,8 IVIO... 54 54 54 63 63 51,5 Differenz..+4+2+1— 1— 2— 4,8 Der Rückgang im Juni war demnach besonders kräftig und gegenüber dem Stand vom Januar ergibt sich für den Schluhmonat des ersten Halbjahres eine Ermässigung um 2,6 Pf., während in der nämlichen Zeit des Borjahres eine Preissteigerung erfolgt war. Grosser als im Durchschnitt aller Slädte ist die Ermässigung de? Semmelpreises in Memel und Tilsit mit 6 Pf., in Donzig mit 10 Pf., in Graudenz mit 6 Pf., in Potsdam und Brandenburg, wo sie 7 Pf. beträgt, in Stettin, wo der Preis gar von 76 auf 66 Pf. zurückging, in Köslin mit 6, in Stralsund mit 6, in Posen und Bromberg mit 8, in Breslau mit 10. in Gleiwitz mit 8. in Magdeburg mit 10 und in Halle a. S. mit 22 Pf. 1 Kilogramm Semmeln kostete hier im Juni d. IS. nur 48 Pf. gegen 70 Pf. im vergangenen Jahr. Auch Altona(6), Kiel l?), Harburg a. E.(11). Stade(5), Emden(5), Bielefeld(6), Dortmund(6), Düsseldorf(5) und Aachen(6 Pf.) weisen eine über dem Durchschnitt stehende Ermässigung auf. Gembts- Leitung. Beeinträchtigung deS Wahlrechts. Die gelehrten Richter kommen zu der wunderlichsten Auf- fassung, wenn es sich um Anklagen handelt, die unter dem Deckmantel der äußeren Hcilighaltung der Sonn- und Festtage, in Wahrheit aber die politische Tendenz des Angeklagten der- folgen. Wiederholt haben wir Fälle registrieren müssen, in denen Verfolgungen wegen Verteilung von Flugblättern am Sonntag erfolgten. Es sollte dadurch eine der berühmten Verfrommnngsordnungen verletzt sein, die eine öffentlich be- merkbare„Arbeit" in dem Tragen der Flugblätter erblickten. In den übermcisten Fällen erfolgte Freisprechung und Aufbürdung auch der Verteidigungskosten auf die Staatskasse. ES ist ja in der Tat unerfind- lich, daß das Tragen eines Packs Flugblätter— wohlverstanden nur sozialdemokratischer— eine Arbeit, aber das Tragen weit schlvererer Akten. Koffer. Gebet- und Gesang- bücher, Markttaschen, Rucksäcke oder eineS Gewehrs keine Arbeit sein soll. Indessen daS Kammergericht hat eine Formel ?efunden, deren Anwendung offensichtlich ungerechte Bestra- ungen mit dem Schein ses Rechts umgibt. ES hat die Formel aufgestellt:„eine öffentlich bemerkbare Arbeit fei eine jede mit einer gewissen Anstrengung verbundene Tätigkeit". Wendet ein Landgericht diese Formel an und „stellt fest", solche Tätigkeit habe vorgelegen, so verwirft es die Revision, weil Verstöße gegen die Logik oder den gesunden Menschenverstand keine Verstöße gegen Rechtsnormen sind, aber nur die letzteren der Prüfung des Kammergerichts unterlägen. Bekanntlich hat ja auch die Strafprozeßkommisston es abgelehnt Urteile deshalb, weil sie gegen Grundsätze der Logik verstoßen, für revisibel zu halten. Eine Staatsanwalt- schefft, die das Tragen sozialdemokratischer Flugblätter für strafbar hält, nicht aber das Tragen anderer Flug- blätter oder Druckschriften, beispielsweise das Tragen eines Gebetbuches, verstößt auch gegen die elementarsten Grundsätze der Physik, über die Schwere. Denn es schätzt die Schwere des Flugblattes nach seinem I n- halt. Bekanntlich ist zurzeit die Staatsanwaltschaft noch ver- pflichtet, wegen jeder strafbaren Handlung einzuschreiten— die Klassenjustiz zum Gesetz zu erheben, ist zurzeit nur ein Vorschlag in der Strafprozeßordnung. Sie müssen also auch die Gesangbuch- und Vibelträgcr wegen Sonntagsentheiligung anklagen, wenn die Schwere deS Pakets nach den natürlichen Regeln zu beurteilen ist, oder auch die FlugblattSverbreiter außer Verfolgung lassen. In neuerer Zeit lebt die Verfolgung von Verteilern sozial- demokratischer Flugblätter wieder auf. Das zeigt der nach- stehende am Sonnabend vom Kammergericht entschiedene Fall: Im November 1909 war ReichStagSstichwahl im Wahlkreise Landsbera-Soldin. Einige Tage vorher, am Totensonntag, wurden w Carzich, einem Orte bei Kreises, sozialdemokratische Schriften zu Wahlzwecken berteilt. Dadurch sollte Böttcher die Verordnung über die äussere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage übertreten haben. Diese Verordnung vom 4. Juli 1398(Fassung von 1906) verbietet, gleich den auch in allen anderen Provinzen erlassenen derartigen Verordnungen, für Sonn- und Feiertage alle öffentlich bemerkbaren Arbeiten. B. bestritt u. a. die Anwendbarkeit der Verordnung mit Rück- ficht auf§43 Absatz 3 der Gewerbeordnung, wo bestimmt ist:„Zur Verteilung von Stimmzettel» und Druckschriften zu W a h l- zwecken bei der Wahl zu gesetzgebenden Körperschaften ist eine polizeiliche Erlaubnis in der Zeit von der amtlichen Bekanntmachung des Wahltages bis zur Beendigung des Wahlaktes nicht erforder- lich." Durch diese Bestimmung seien für die fragliche Zeit auch die Vorschriften über die äussere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage nicht anwendbar, soweit eS sich um eine Verteilung von Druck- schrikten zu Wahlzwecken handele, wie hier.— Die Strafkammer in Landsberg verurteilte jedoch den Angeklagten zu einer Geldstrafe, indem sie ausführte: Der Angeklagte habe die Zettel von Hau? zu Haus und in die Wohnungen gebracht. Die Druck- schriflen habe er zwar unter der Joppe verborgen getragen, eS fei aber nach dem Zeugnis des Gendarmen den auf der Strasse befind- lichen Ortsbewohnern erkennbar gewesen, dass er unter der Joppe eine grosse Anzahl von Druckschriften verborgen trug, und das habe bei den Ortsbewohnern und Kirchengängern Erregung hervorgerufen. „Zweifellos" habe sich so das Verteilen der Druckschriften als eine öffentlich bemerkbare Arbeit dargestellt, die geeignet gewesen sei, die äussere Heilighaltung deS Feiertags zu stören. Der§ 43, Absatz 3 der Gewerbeordnung stehe der Anwendung der angezogenen Verord- nung nicht entgegen. Der Angeklagte legte Revision ein und rügte als einen Rechtsfehler, dass ß 43 Absatz 3 der Gewerbeordnung nicht berück- sichtigt fei. Vor dem Kammergericht vertrat den Angeklagten der Rechtsanwalt Rieger. Das Kammergericht wieS die Revision mit folgender Begründung ab: Ohne Rechtsirrtum fei fest- gestellt worden, dass in dem Verfahren deS Angeklagten eine öffentlich bemerkbare Arbeit zu sehen sei. Eine solche sei eine jede mit einer gewissen Anstrengung verbundene, nicht lediglich deS Vergnügens wegen unternommene Tätigkeit, die als solche öffentlich in die Erscheinung trete. Nun stütze sich der Angeklagte aus die Bestinimung des§ 43 Absatz 3 der Gewerbeordnung. Der Senat stehe aber auf dem Standpunkt, dass diese Bestimmung nicht dazu dienen solle, die Vertreter einer Partei von der Beachtung sonstiger gesetzlicher Vorschriften zu entbinden. Luch die Verteiler von Wahlschnften seien daran gebunden. Wie jeder andere, der Sonn- und Feiertag» eine öffentlich bemerkbare Arbeit vornehme, machten fie sich strafbar, wenn sie ihre Wahlschriften in einer Weise verteilten, die es zu einer öffentlich bemerkbaren Arbeit mache. An- geklagter sei mit Recht bestraft worden. Vorstehendes Urteil verstößt, um mit den Worten des Landgerichts zu sprechen,„zweifellos" gegen jedes gesunde Rechtsempfinden, aber auch gegen das Recht. Unseren Ge- nossen möchten wir zur Vermeidung ähnlicher Unfälle in der mit keinerlei UnfallvcrhütungSmaßregeln versehenen Justiz- fabrik zweierlei in Erinnerung rufen: 1. Innerhalb der Zeit, in der die Post Druckschriften austrägt, ist durch Reichsgesetz die Verbreitung von Druck- schriften gestattet; 2. in jedem Prozeß wegen vermeintlich strafbarer Flug- blattverbreitung trete man vor dem Landgericht Beweis dahin an, daß das Pack Flugblätter nicht schwerer war als eine Bibel, ein Gesangbuch, ein Aktenstück, ein Ueberzieher. ein Gewehr; 3. die Flugblätter trage man in einem Umschlage ver- hüllt._ Die Leidensgeschichte eine» unehelichen Kinde» beschäftigte gestern wieder einmal den Strafrichter. Wegen gefähr- licher Körperverletzung war die Frau Marie Arensee aus Frie. drichshagen vor der 1. Strafkammer des Landgerichts II angeklagt. — Die Verhandlung entrollte ein überaus trauriges Bild von der Leidensgeschichte eines ohnehin schon schwächlichen und zurück- gebliebenen Kindes, welches das„Unglück" gehabt hat, unehelich auf die Welt zu kommen. Die Angeklagte wurde beschuldigt, ihr vor der Ehe geborenes, jetzt 7H Jahre altes Kind Emma Kühn fort- gesetzt in barbarischster Weise mit einem Strick, einem Riemen und einem dicken Stock mißhandelt zu haben. Bei der geringsten Kleinig. keit wurde das arme Wesen geschlagen und hcrumgestotzen. so datz es schließlich völlig verschüchtert wurde und trotz der Mitzhandlungen keinen Echmerzenslaut von sich gab. DaS Kind wurde häufig von Nachbarn befragt, woher es die verschiedenen blauen Flecke habe. Das Mädchen war schon derart verschüchtert, datz es aus Furcht vor neuen Mitzhandlungen angab, eS wäre gefallen. Den Brutali. täten der unmenschlichen Mutter wurde schlietzlich dadurch ein Ziel gesetzt, daß ein Kaufmann Fiedler der Polizei von den Miß- Handlungen Mitteilung machte und Anzeige erstattete. Das Kind wurde den Eltern sofort abgenommen und anderweitig in Pfkege gegeben, wo es sich noch heute befindet.— DaS Gericht erkannte mit Rücksicht darauf, datz eS zu den gemeinsten und niederträchtig- sten Verfehlungen gehöre, wenn eine Mutter ihr uneheliches Kind in dieser abscheulichen Weise quäle und peinige, auf eine Gefäng» niSstrafe von 3 Monaten._ KonfliktSerhebung für den Gendarmeriewachtmeister Jude! Bekanntlich erfchotz der Gendarmeriewachtmeister Jude den Ge- nossen Zimmermann Hermann in der Nacht zum 23. September, als dieser von einem Zahlabend in Stolpe sich auf dem Heimweg nach Hohen-Neuendorf befand. Die Zivilkammer des Land- gerichts III hat am 6. April den Schadensersatzanspruch der Witwe dem Grunde nach für gerechtfertigt erachtet und die Entscheidung über die Höhe dem Endurteil vorbehalten. Jetzt hat die König- liche Regierung zu Potsdam zugunsten des Gendarmericwacht- meisters Jude den Konflikt erhoben. Die Regierung erachtet den Ueberfall der ruhig ihres Wege» Ziehenden und da» Erschießen des Genossen Hermann als innerhalb der Amtsbefugnisse de» Jude oder doch innerhalb der Notwehr liegend. Wir erwarten vom Oberverwaltungsgericht, daß es dem NechtSfatz die Anerkennung versagen wird, der Tod eines durch einen Gendarmen Erschossenen müsse auch ohne zivilrechtliche Sühne bleiben und das, wiewohl mehrere Landgerichte(eine Strafkammer und die Zivilkammer) die Schuld des Gendarmen festgestellt haben und das Reichsmilitär» gericht die Erhebung der Anklage gegen Jude angeordnet hatte. Der Fall zeigt wieder einmal, wie nötig die Beseitigung der Borschrift ist, die der Verwaltungsbehörde gestattet, der Justiz in den Arm zu fallen._ Beleidigungen von der Kanzel herab. Vor der Stolper Strafkammer betraten der katholische Pfarrer OlschewSky aus Bernsdorf und der Schmicdcmeifter Gora aus Stüdtnitz die Anklagebank. Ter Sachverhalt, der der Anklage zu- gründe liegt, ist folgender. Gora hatte einen polnischen Verein gegründet, dessen Leitung er dem Pfarrer anbot. Dieser lehnte aber ab. Als nun in der polnischen Zeitung„Gazieta RobieSka" ein Artikel erschien, der einige Mißstände rügte, glaubte der Pfarrer, der Urheber sei Gora, und er schleuderte von der Kanzel Beleidigungen, die Gora auf sich bezog. Darauf schrieb er an den Pfarrer einen Brief in polnischer Sprache, der einige kräftige Aus» drück.e enthielt. Tie Antwort waren neue Beleidigungen von der Kanzel. Als nun Gora von diesen Vorfällen den Bischof in Kennt. nis setzte, wurmte dies den Pfarrer. Wieder wurde die Kanzel benutzt zweck« Beleidigungen, die sich nun auf die Familie aus- dehnten. Gora blieb die Antwort nicht schuldig. Nun»erweigerte der Pfarrer dem Gora die Beichte. Als sich Gora dann des Haus» friedenSbruch» schuldig machte, erstattete der Pfärrex Strafanzeige, Diese würde 6on G. mit einer Klage tvegen Beleidigung beanl- wartet. Die Beweisaufnahme ergab, datz sich beide Teile schuldig gemacht hatten und wurde der Pfarrer OlschewSky zu 299 M., der Schmicdemcister Gora zu 199 M. Geldstrafe verurteilt. Strafver» schärfend kam für den Pfarrer in Betracht, datz er als Diener der Kirche und als berufener Vertreter der christlichen Nächstenliebe sich nicht gescheut hatte, die Kanzel zu privaten Beleidigungen zu benutzen, um in schärfster Weise seinem Gefühl, ein Beichtkind zu schädigen, freien Lauf zu lassen. Die hineingefallene Polizei. Der Klageeifer der prruhischen Polizei hat in Suhl(Regie- rungsbezirk Erfurt) einen bösen Reinfall erlitten. Ein Fabrikant sollte auf seinem Grundstück einen Merkpfahl setzen. Er weigerte sich dessen aber, deshalb ordnete die Polizeibehörde diese Arbeit auf Kosten des Fabrikanten an. In dem dabei gepflogenen Brief- Wechsel hatte letzterer in bezug auf die hohe Polizei auch den Aus- druck„grobe Ungehörigkeit" gebraucht. Darob fühlte sich die Polizei „beleidigt" und klagte. Vor Gericht stellte sich aber die merk- würdige Tatsache heraus, datz die so feinfühlige Suhler Polizei in einem an den Fabrikanten gerichteten Brief denselben Ausdruck gebraucht hatte. Da hier nur eine Beleidigung auf der Stelle er» widert worden war. mutzte Freisprechung erfolgen. Die Kosten für den Uebereifer und für die„große Ungehörigkeit" der Polizei tragen natürlich die Steuerzahler, die dafür in diesem Falle wenig« stens einmal durch ungetrübte Schadenfreude über den Reinfall der Polizei entschädigt werden. Soziales. Bericht der sübbentschen Eisen- und Stahl-BerufSgenosscnschoft. Sehr wenig weitz aus dem Jahre 1909 die verhältnismäßig groß« Eisen» und Stahl-Berufsgcnossenschaft zu berichten. Im Berichtsjahre- umfaßte sie 12 906 Betriebe, d. h. 412 mehr als im Jahre 1908. Die Zatzl der versicherten Personen betrug 297 347 oder 3342 weniger als rm Vorjahre. Die Krise machte sich also noch sehr bemerkbar. Die Arbeitslöhne sind etivaS gestiegen. Der Durch- schnittslohn eines Versicherten betrug im Jahre 1909: 1127 M. gegen 1116 M. im Jahre 1908. Unfälle wurden im Berichtsjahre 13 692 gegen 14 098 im Jahre 1908 angemeldet. Auf 1000 Versicherte entfielen somit 66,6 Unfälle gegen 66,9 im Vorjahre. Der Bericht erwähnt, daß ebenso die erstmalig ent- schädigten Unfälle erheblich zurückgegangen seien. Von einem er» hcblichen Rückgang der Unfälle kann doch wahrlich keine Rede sein. wenn man bedenkt, datz auch die Zahl der Versicherten sich um mehr als 3000 verringert hat und keine Hochkonjunktur vorhanden war. Entschädigt wurden von den gemeldeten Unfällen nur 2031, gegen 2243 im Vorjahre. Davon waren 1846 Verletzte Erwachsene männlichen und 29 weiblichen Geschlechts, sowie 157 Jugendliche männlichen Geschlechts unter 16 Jahren. Als Folgen der ent- schädigten Fälle wird verzichnet: in 71 Fällen Tod, in nur drei Fällen völlige Erwerbsunfähigkeit, in 719 Fällen teilweise und in 1238 Fällen vorübergehende Erwerbsunfähigkeit. Montags ereig- nctcn sich davon 333 Unfälle, DienStagS 356, Mittwochs 828, Donnerstags 331, Freitags 344 und Sonnabends 323, während in 6 Fällen der Tag des Unfalls nicht sicher festzustellen war. Die Schiedsgerichte für Arbeiterversicherung haben zur stillen Freude der Berufs�cnossenschaft in 792 Fällen zu ihren Gunsten und nur in 374 Fällen zugunsten der Verletzten entschieden. Im Berichtsjahre schwebten am Reichsversicherungsamt 309 Rekurse der Berufsgenossenschaft und 434 Rekurse der Verletzten bezw. deren Hinterbliebenen. Di« Berufsgenossenschaft hatte in 67 Fällen Ver- luste und in 72 Fällen Gewinne zu verzeichnen. Der Rest der eigenen Rekurse blieb noch unentschieden. Die Verletzten hingegen wurden in 178 Fällen vom Reichsversicherungsamt abgewiesen, ihrer letzten Hoffnung beraubt und hatten nur in 80 Fällen Glück. Ueber die Zugehörigkeit der Dreschmaschincnbetriebe sollen noch weitere Konferenzen stattfinden, da bekanntlich keine BerufSgc- nosscnfchaft diese gefährlichen Betriebe haben möchte. Für die be» teiligten Arbeiter wäre es natürlich ein Schaden, wenn diese Be» triebe den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften zugeteilt würden. Dagegen sind durch Bescheid des ReichHversicherungsamts die Ehauffeurschulen, in denen die UebungSfahrten überwiegen, künftig nicht mehr der Eisen- und Stahl-Berufsgenossenschaft, son» der» der Fuhrwerks-BerufSgenossenschaft zu melden. Die ganz neue Industrie der Herstellung von Luftschiffen und Flugmaschinen wurde nach stattgehabter Aussprache der Berufsgenossenschafts» Vertreter der Berufsgenossenschaft der Feinmechanik zugesprochen. Von 12 905 versicherten Betrieben wurden im Berichtsjahre nur 2992 revidiert. Der Bericht vermeidet es, die Gesamtzahlen der vorgefundenen Mängel und Verstöße gegen die Unfallverhütungs- Vorschriften anzngcben. Rechnet man nach, so ergibt sich, datz ins» gesamt 6420 Mängel vorgefunden wurdqn. Solche Zahlen lassen sich allerdings„schwer berechnen" Geht man die einzelnen Be- richte der technischen Aufsichtsbeamten durch, so findet man inter. essante Angaben. Wenn sich auch die Beamten große Zurückhat» tung auferlegen müssen. In Sektion I(Oberbayern) wurden in 487 besichtigten Betrieben 1086 Verstöße gegen die Unfallver- hütungsvorschriften entdeckt. Welchen Schaden die Krankenkassen haben, datz sie im Gegensatz zu den Berufsgenossenschaften nicht das Recht der Lohnbücherrevisionen haben, ergibt sich aus dem vorlie- gcnden Bericht. Wegen unrichtiger Lohnangaben hat die Berufs- gcnossenschaft allein 276 Unternehmer und wegen Nichtsührung eines geordneten Lohnbuches 737 Unternehmer in Strafe ge- nommen. Der Aufstchtsbeamte der Sektion I hatte 399 Lohnbuch- «Visionen vorgenommen und hierbei in 18 Fällen„Fehlbeträge von insgesamt 26 450 M. festgestellt, für welche die Beiträge nacherhoben wurden." In Sektion II(Franken) wurden in 300 Betrieben 1561 Mängel vorgefunden.". Der Revisionsbefund war wiederum nicht zufriedenstellend, indem nur in 20 kleineren Betrieben die vor- fchriftSmätzigen Schutzmittel zur Stelle waren und die übrigen n-ebr oder iveniger mangelhafte Zustände aufzuweisen hatten. Die Lohnbücher waren mangelhaft geführt. Es wird ausgeführt:„Die hinterzogen«» Lohnsummen, welche teils zur nachtraglichen Um» läge aufgegeben, teil« der Nachweisung für 1909 hinzugezählt wur» den, bezifferten sich auf 166 000 M." In Sektion III(Württcm- berg) wurden 367 Betriebe besichtigt, von denen„in 98 Betrieven Anstände und Verstötze gegen die Unfallverhütungsvorschristen nicht fcstzuftcllm waren, während in den restlichen Betrieben 801 Mängel angetroffen wurden." Die Prüfung der Lohnbücher ergab, daß „in 16 Betrieben Lohnhinterziehungen teils von erheblichem Um- fange begangen waren." In Sektion IV(Baden) waren von 361 besichtigten Betrieben nur 71 vorhanden, in denen Verstötze gegen die Unfallverhütungsvorschriften nicht festgestellt werden konnten. In 93 Betrieben waren mangelhafte Lohnbücher, in 38 Betrieben gar keine Lohnbücher vorhanden. Dieselben Klagen führt auch der Beamte der Sektion V(Elsatz-Lothringen). Der Beamte der Sek- tion VI(Hessen-Nassau usw.) hat auch 123 Rentenempfänger revi- diert und 1103 Lohnbnchrevisionen vorgenommen. In 122— meist neuzugegangenen— Betrieben fehlten die Lohnbücher, in 276 Be- tricven waren sie mangelhaft geführt." Die zu wenig nachgewie». scnen Löhne belicfen sich auf 163 160 M." Wie würde sich erst eine Lohnbuchrevision seitens der Kranken- kassenkontrolleure gestalten. Diesen versagt aber da» Gesetz die Lohnbuchrevision» weil eben hier die Unternehmer nicht—„unter sich" sind. ßriefkaften der Expedition. Patienten tu Beelitz, Buch und andere« Heilftiitten. Diejenigen unserer elbonnenten, die noch während bei ganzen nächsten Monat» in der HeUftätt« bleiben, wollen un» wegen der Ueberwessuna von Frei» exemplaren sosort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung dt« ersten Nummern de« neuen Mona!» von der Post nicht geliesert werden. All» Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. Slngegsngene DruchFcbriften. Ner- und Pflanzenleben des Meeres. Von Prosesior Dr. A. Natbansohn.(Wissenichast und Bildung Bd. 87.)— Römische Kultur im Bilde. Herausgegeben und mit Erläuterungen versehen von Dr. H. Lamer.(Wissenschast und Bildung Bd. 81.)— Anleitung zu zoologi, schen Beobachtungen. Von Prosessor Dr. F. Dahl.(Wissenschaft und Bildung Bd. 61.) Geheftet 1 M., in Originalleinenband 1,26 M. pro Band. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. Der Heilige Garte». Beiträge zur Erforschung der Kindheit: in Verbindung mit dem Archiv für MterZmundarten und Sprechsprache. Von Karl Rötzger und Theodor Schesscr. 6. Jahrgang. Hest 2/3. Halbjahres- preis 2 M. Verlegt bei K. G. Th. Schesscr in Leipzig. Mädchen am Wege. Von Konrad v. Wendau. S2 Seiten. Verlag von Kurt Benckendorss, Berlin W. 30. Tätigkeitsbericht vom 1. Januar 1909 bis 30. Juni 1910 des Sozial« demolralischen Vereins für den 11. badischen Reichstagswahlkrets. Selbstverlag des PartcisekretartatS Mannheim. Die Fackel. Von Karl Kraus). Preis 18 Nummern portofrei bei direttem Bezug durch das Berliner Bureau der„Fackel" 4 M. Preis einer Einzelnummer 30 Ps., emer Doppelnummer 50 Pi. Verlag Wien III, Hintere Kollamtstr. 3. Berliner Bureau: Halensee, Katharinenstr. 6. Bericht des Vorstandes und des Ausschusses des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands sowie der„Proletarier"-Redaktion an de» 10. ordentlichen Verbandstag in Halle,„Vollspark". Verlag Meister u. Co., Hannover._ Berlins und Umgegend. Dienstag, den Ä6. Juli, 8 Uhr abends: AchmMI. GkmckkchimlNM dn Wchlomitt. I. Kreis. Dräsels Festsäle, Neue Friedrichstr. 35. Referent: Z�ritz Kunert. 2. Kreis. Bockbranerei, Tempelhofer Berg. Referent: Richard Fischer. 3. Kreis. Gewerkschastshaus, Engelufer 15. Referent: Heinrich Ströbel. 4. Kreis. Kellers Festsäle, Koppenstraße 29. Referent: Hermann Borgmann. 5. Kreis. Altes Schiitzenhans, Linienstr. 5. 6. Kreis. Germania-Prachtsäle, Chausseestr. 110. Referent: Georg Ledebour. Rixdorf. Hoppes Festsäle, Hermannstr. 48/49. Referent: Gustav Heinrichs. Charlottenburg. Volkshans, Nosineustraße 3. Referent: Fritz Zubeil. Schöneberg. Rathanssäle, Meiniuger Straße 8. Referent: Adolf Hoffman«. I reptow-Baumschulenweg. Konfocbiasälc��e�ich), AmTreptmerParlM Referent: Emil Boeske. Referent: Otto Wels. TageS-Ordung: l. Der Parteitag in Magdebnrg. Aisdusjio» und ilflegiertonfst. 2. Die Brandenburger Provinzialkonserenz. Diskusßon und Aelegikrttnmhl (HT* I» Ripdorf und SchSneberg austerdem Berichte usw. �WU) Mitgliedsbuch des betreffenden Wahlvereins legitimiert. Zahlreichen Besuch erwarten Die Vorstände. Am Dienstag, den S. August finden außerdem in den 6 Berliner tkreisen die_ IMP ordtntlicheu Gklieralversfimmlungkn"Wg statt. Tagesordnung: Berichterstattung. Vorstandswahlen. Verbands- Generalversammlung usw. z Wir weisen schon hente darauf hin.'HW"WW 205/15* Die Vorstände. Joeiuuj»luui-icu 3iir Krachtiilig! Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Filiale Groß-Berlin. Donnerstag, den 28. Juli, abends S'/z Uhr, im Gewerkschaftshanse(groster Saal), Engelufer 1K: Grneral-Nersammlnng. Tage». Ordnung: I. Vcrbandsimgeligenhctten. 2. Der Kamps der Unternehmerverbände gegen die Ge- werkschaften. R-Ier-Nt- Reichstagsabgeordneter KsH I-Sgisn. 3. Bericht für das 2. Bierteljahr lSIO. Reserent: Kollege nulrinanu. 4. Ausschluß der Mitglieder Lehnen und Jokifch. Das Mitgliedsbuch ist am Saaleingang vorzuzeigen! Vollzähliges Erscheinen der Verbandsmttglieder ist unbedingt« Pflicht. Dl« Qrtnvorrvnltnnx. Illliungs-Kranktilkasse der Dach-, Schiefer- und Ziegel- decket Kerlins. Die in der Generaiverlommiung vom 22. Zlpril 1910 beichlosfenc S. Ab- ändcrung des KassenstatutS(§ 28 und z 29 jlbs� 2) ist genehmigt und tritt vom 25. Juli 19>0 ab in Kraft. Ter Borstand. 277/1 Gustav Hohdorf, Vorsitzender. Von der Reise zurück. 2L2L er. Yollmann, Echlesischestr. 40 a. 4» Hygienische Drogerie Znrcinba, WeinbcrgSweg l, dir. a.Rosenlhaler Tor. Billigste Bezugsquelle I Versuch s. zur dauernden Kundschaft gtrdeitsnochwris: Hos l. Amt 3. 1239. BerwatningSstell« Berlin. Hanptburrau: viiaeiisstra»« 3. Hos III. Amt 3. 1987. Mittwoch, den S7. Juli, abend« 8'/, Uhr im Dresdener Garten, Dresdener Str. 45: Versammlung Graveure und Ziseleure. Tage«. Ordnung: 1. Bortrag de» Kollegen bVviacWcU über: feine Zeit. 2. Diskussion. 3. Verschiedene». Rege Beteiligung wird erwartet. Thoma» Münzer und Tweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zemenliiranclie. Mittwoch, de» 27. Juli, abends 8',. Uhr. w den.«rminhallen-, Kommandanlenstraße 58/59: General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Geschäfts» und Kassenbericht vom 2. Quartal 1910. 2. Bericht von der Berliner GewerkschastSkommissto». 3. Verschieden-s.._ 138/6* WM» Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Ter SektionSvorstand. Die Frau und der Sozialismus von August Bebel. 50. Auflage. Donnerstag, den 28. Juli, abendS 8 Uhr. im Lokal A. Kürbis, Luisenstr. SS: Versammlung de» autogenische» Schweißer und Krenner. Tages-Ordnung: 1. Die Lohn- und Arbeitsverhällniste in unserem Beruf. 2. Diskussion. Kollegen! Da eine anderweitige Einladung zu dieser Ber- sammluug nicht ergeht, bitten wir die BertrauenSlente und Kollegen, die in ihrem Betrieb beschäftigten Tchweifter und Brenner auf die Bersammlnng aufmerksam zu mache«. 119/1 Dt« OrtoTerwaltüBff._________ -- Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Kür dm Inseratenteil verantw.: Th-Glatr. Berlin. Druck u.«erlag: vorwärt, ivuchdruckerei u. B-rlagSanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW. Verbessert, vermehrt und neu bearbeitet. JubiläumssAusgabe mit Umschlagzeichnung von Ertcl» Schllllns« Preis: Brofch. 2,50 M., geb. 3,- M. Expedition des„Vorwärts" Berlin SW. 68, Lindenfir. 69(Laden). SozialdemokratisctierWalilvereiii des B. ßerl. Reichstags-Wahlkreises. Todes- Anzeige. Am 22. Juli verstarb unser Mitglied, der Arbeiter Hai omo Freienwalder Straße 13 a. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 26. Juli, nach- mittags 4 Uhr, aus dem Anstalts- kirchhos in Dalldorf statt. 228/15 Um rege Belciligung ersucht v«r Voi-stand. IkRli'Rl-IiMkR-itRl! Ml- kasseldeutseheo Wagenbauer Bezirk 8(Gesundbrunnen). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied Ms» Salomo den 22. Juli, ver- 1)56 am Freitag, starben ist. Ehre seinem Zlndenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 26. Juli, nach- mittags 4 Uhr. von der Anstalts- Leichenhalle nach dem Anstalts- Kirchhof in Wittenau statt. Um rege Beteiligung eriucht Die Lrtöverwaltung. Sozialdemokrat. Wahlvereio Kixdorf. Am 23. d. Mts. verstarb unser Mitglied, der Tischler Josef Meurich (21. Bezirk). Ehr« seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 2 Uhr vom Trauer- Hause Weiscstr. 10 auS nach dem neuen Rixdorser Friedhos, Manen- dorser Weg, statt. Rege Beteiligung erwartet 235/10 Ter Borttand. Tanksaguna. Für die vielen Beweise liebevoller Teilnabme bei der Beerdigung meiner lieben Frau Anns Günther sage allen Beteiligten meinen herz- lichsten Dank. 280L Rudolf Günther nebst Tochter. 4i Hygienische" utainsartutei..NoueKt. iv.naiog BI.Empfehl.vieI Aerzte u.Prof. erat, mil B. ünger, Gummiwarenlabni Borlin NW.. Friodrichsiraase 81/9 Zentral- Kranken- n. Sterhekasse der deutschen Wagenhaner. Ortsverwaitung Rixdorf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied Ennst Meier am 23. Juli verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 26. Juli, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des alten Rixdorser Kirch- Hofes, Rudower Straße, aus statt. 257/12) Die Ortsverwaltung. Pianos-GeiegenheitS' kiinfe in gr. Auswahl v. 300 bis 400 M., dar. Sohiedmeyer, Biese etc. Garant. Pianohans Kranse, Berlin W., Ansbaoherstr. 1.• empfehlen wir: Silva-Wanderkarten Oberspree Potsdam Rheiusberg Tcharmiihelsee Strausberg Tegel. Tcupitz iviarktsche Schweiz 6farbig Mit OrtS- register und Wege« beschreibung Peels p.Ikarto 73 Pf. SilvaAsnckerliaNe der Zlmgkgtrid von Kerlm mit Ortsiegister Zksedig»0 Pf., ßkaedig t M. Ziiva-�Zrkiseher V/andsratlas nui Ortsregistcr u. Wegebeschreibunz 6tsebig m. 14 llaeten, geb. 1.00 M. b„ ,, 22„» t.oO. GMdttigiillezVoi'Mi'ts Berlin 8W.. Lindcilstr. 69, Laden. Wegen Ausgabe unserer Verlanssräume. Roßstraße 2 AliillBoffk. Winitt- Pnieilillisfft, Damentnche spottbillig, unter Preis. 278L Iioeh-ti.8eeIaRdgeseIIsehaklm.b.k. Rostsnasje 2. Vel-«-aItaag nerltn. MgUeüer Versammlungen. TageS-Ordnung: t. Bericht vom Verbandslage. 2. Bericht von der Generalversammlung. S. VerbandSangelegenHeiten. Tischler(kexii-k I�orclosten) am Mittwoch, de« 27. Juli, abends 6'/, Uhr(gleich nach Feierabend), bei Boeker. Weberstr. 17. kürsten- und Pinselmacher am Mittwoch, den 27. Juli, abends 81/. Uhr, bei Preuft, Holzmarkt, ftmße 65. Perlmutt-, Horn- u. Sleinnuß-Knopfarbeiler am Mittwoch, den 27. Juli, abends 6 Ubr(gleich nach Feierabend). im Gewerkschaftshanse. Engciuscr 14/15. Saal 6. Jalousiearbeiter am Mittwoch, de» 27. Juli, abends 8>/, Uhr. bei Boeker, Weberstr. 17. (Beschlustfaflung«der de« neuen Tarif.) Stellmacher am Donnerstag, den 28. Juli, abends Slit Uhr, im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Straße 11/12. MnsetSer am Donnerstag, den 28. Juli, abends 6'/, Uhr(gleich nach Feierabend), im Gewerkschaftshaus, Engelufer 14/15,«aal l. (Bericht über die Verhandlungen mit den Unternehmern.) 86/13 Freitag, den 12. August: Orknttilht Gtnmlvtchinminns. DM- Anträge sind bis»um 2S. Juli einzureichen.-MU Tie OrtSverwattung. in.6:p.vder, Ucilin SO. 16, 6ngel-Ufcr 5. Tabak-Großhandlnng und Tabaktabrik. " Rauch-, Kau-, Schnupftabake, Zigarren, Zigaretten."MQ Vorteilhafteste Bezugsquelle für Wiederverk&ufer. Größte Auswahl gelagerter Zigarren in allen Preislajen. J�nM�ken Zigaretten OriginalprcU�n. itrc. 27. 2. f e ilnje des LllMlllts"§n\m Nölksdllltt. � 26 m lW. Partei- Hngelcgenbeitcn» SchSncberg. Heute, Dienstag, den 26. b. M., abends 8 Uhr, findet die Generalversammlung des Wahlvereins in den„Neuen Rathaussälen". Mcininger Straße 8. statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Bericht der Funktionäre und Neuwahl. 2. Diskussion. 2. Die Budgetbewilligung in Baden. Reserent: Landtagsabgeordneter A d. H o ff m a n n. 4. Der Magdeburger Parteitag und Vorschläge zur Wahl eines Delegierten. 5. An- träge zur Kreisgeneralversammlung und Wahl der Delegierten. N. Verschiedenes. Der reichhaltigen Tagesordnung wegen wird die Versamm- lung pünktlich eröffnet. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Charlottenburg. Heute, Dienstag, den 26. Juli, abends 6� Uhr, im„Bolkshause", Rosinenstr.: Außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins. Tages- Ordnung: 1. Der Parteitag in Magdeburg, Referent Reichstags- abgeordneter Fritz Z u b e i l. 2. Diskussion.— Zahlreichen und pünktlichen Besuch erwartet Der Vorstand. Rixdorf. Heute abend 8 Uhr findet in Hoppes Festsälen, Her- mannstraße 49, die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Versammlung wird pünktlich er- öffnet. Der Vorstand. Wilmersdorf- Halensee.' Heute, Dienstagabend, pünktlich SM Uhr, hält der Wahlverein im Gesell schaftshauS, WilhelmSaue 112, seine Generalversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag des Reichstagsabgeord- Neten Daniel Stücklen:„Politische Rundschau" sowie die Neu- Wahl deS Gesamt�vorstandes. Der Vorstand. Britz-Buckow. Heute abend MO Uhr findet bei Zilz, Werder- Ecke RungiuSstraße, die Fortsetzung der am 19. d. M. vertagten Generalversammlung statt. Pünktliches Erscheinen aller Mit- glieder ist Pflicht. Mitgliedsbuch legitimiert. Lichtenberg. Heut« abend 8% Uhr wird die Generalversamm- lung deS Sozialdemokratischen Wahlvereins Nieder-Barnim, Bc- zirk Lichtenberg, im Lokale der Gebr. Arnhold, Frankfurter Chaussee 5-6, fortgesetzt. Tagesordnung: Bericht der Kommissionen und Neuwahl derselben. Geschäftliches. DaS Mitgliedsbuch legitimiert. FriedrichShagen. Am Mittwoch, den 27. Juli, abends Uhr, findet im Restaurant Witwe Lerche. Friedrichstr. 112, unsere Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Georg Schmidt:„Geschichtliches vom preußischen Wahlrecht". 2. Diskussion. 3. Ver- einsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Zossen. Wir machen die Parteigenossen nochmals auf die am Donnerstag, abends 8i4 Uhr, im Saale des Genossen P. Kurzner stattfindende Generalversammlung auf- merksam. Tagesordnung: Verlesen des letzten Protokolls; VereinSmiiteilungen; Bericht von der Generalversammlung Groß- Berlin; Neuwahl des gesamten Vorstandes; Wahl eines Dele- gierten zur KreiS�eneralversammlung und Generalversammlung Groß-Berlin; Anträge und Verschiedenes. Potsdam. Mittwoch, den 27. Juli, abends SM Uhr, im �Viktoriagarten", Alte Luisenstr. 37, große VolkSversamm- lung. Tagesordnung: Die politische Lage. Referent Landtags- abgeordneter Dr. Karl Liebknecht. Die Fraucnabtei- lung hält am Dienstagabend bei Glaser, Äaiser-Wilhelm-Straße, ihren Leseabend ab. Reinickendorf-Ost. Heute abend 8 Uhr findet im„Schön- holzer Tivoli"(Schaller), Provinzstr. 69, die M i t g l i e d e r v e r- f a mm lung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Der Magde- durger Parteitag. Referent Genosse Adolf Domnick. Vereins- angelcgenheiten. Verschiedenes. Nicder-Schinhausen-Nordend. Heute, Dienstag, den 26, Juli, iabend SM Uhr, findet im„Lindengarten", Lindenstr. 43, die Mit- gliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Be- richt von der Kreisgeneralversammlung. 2. Bericht aus der Gemeindevertretung. 3. Wühlen zur Bezirksleitung. 4. Vereins« angelegenhöiten. S. Verschiedenes. Die Bezirksleitung. Berliner JSfaebriebten. Moderne akademische Jugend. In jenen Universitätsstädten, wo das Korpsstudententum noch tief in feiner ganzen unritterlichen Ueberhebung wurzelt, maßt sich der lebensunerfahrene Student noch Rechte an, die ihn nur zu oft zum„Helden der Straße", zum eleganten Rowdy stempeln. Das Lied von der alten Burischenherrlich- keit hat hier nachgerade die Bedeutung des berüchtigsten Gassenhauers angenommen. Dünkelhafter Machtkitzel wird genährt durch die Verhätschelung der in lächerlichsten Ehr- begriffen erzogenen und befangenen„Gesellschaft", sogar durch Kreise, die dem Thron nicht fernstehen. Gelegentlich kommt es, wenn sich der Ruf nach der Pflicht des Staatsanwalts gar nicht überhören läßt, wie bei den allbekannten Roheiten der feudalen Bonner Borussen, zur Erhebung der Anklage. Aber regelmäßig sind die gegen die mehr als bloß über- Wütigen jungen Burschen ergehenden Urteile dem Volks- empfinden so ins Gesicht schlagend, so unbegreiflich milde, daß sie eher anfeuernd als abschreckend wirken. Was macht sich ein Borusse, der in jedem Jahre aus seines„Alten" Tasche zwanzigtausend Mark verpulvert, aus einer lumpigen Geldstrafe? Keinen Pfifferling! Bei der nächsten günstigen Gelegenheit wischt man den verachteten Spießern und Pro- leten wieder eins aus. DaS gilt ja in diesen Kreisen als eine Heldentat, als ein Vorrecht der Geburt, des Geldes und der„Bildung". Die liebväterliche Beurteilung des bru- talen Bonner Treibens durch die zuständigen Richter, der zur Gewohnheit gewordene, total unangebrachte Hinweis auf die„Zerstörung der Karriere" im Falle einer Verurtei- lung zu Gefängnis, hat schnell Schule gemacht._ Bald kamen auS anderen Universitätsstädten Meldungen über ähnliche studentische Massenausschreitungen, wegen deren das einge- leitete Strafverfahren schon recht bedeutend länger schwebt als bei der strafrechtlichen Verfolgung der letzten Berliner Straßendemonstrationen. Voraussichtlich wird man abermals mit einem harmlosen Zwangsgriff � ins väterliche Porte- monnaie über die„betrunkene Geschichte" hinweggehen. Auch in und bei Berlin scheint unter einem Teile der studentischen Lugend der Roheitsgeist wieder erwachx zu sein. Der Bruder Studio spielt heute im Weltstadtleben an üer Spree eine ziemlich untergeordnete Rolle. Höchstens in den Straßen des sogenannten„Lateinviertels" zwischen Weidendammer Brücke und Oranienburger Tor darf er sich 'noch einigermaßen wichtig machen. So oft sich hiesige Stu- denten für Roheitshandlungen die Straßen aussuchen, hat zwar der Berliner Schutzmann einen unendlich viel heiligeren Refpett vor der ihm hingehaltenen studentischen Legitima- tumekarte als vor der gepfefferten Steuerquittung des Nr« beiters, und auch Berliner Staatsanwälte und Richter lassen gegenüber Mufensöhnen jene schöne Milde walten, die man bei weit geringfügigeren Entgleisungen von Arbeitern ver- gebcns suchen wird. Aber im allgemeinen hielt sich der Ber- liner Student lange Zeit viel reservierter als noch vor zwei Jahrzehnten. Vielleicht hatte er den für studentische Händel- sucht und Roheit höchst ungünstigen Berliner Boden der Reichshauptstadt erkannt. Auf den studentischen Verbin- dungskneipen im Innern der Stadt geht es zwar nach wie vor höchst radauniäßig zu. Solange die jungen Herrchen hier hinter dicht verhangenen, abgelegenen Fenstern ihren widerlichen Trinkunsitton huldigen und sich mit dem lieben Vieh auf eine Stufe stellen, solange sie die Nachbarschaft in Ruhe lassen, kann es uns recht sein, wenn sie, die zukünftigen Stützen von Thron und Altar, Körper und Geist verhunzen. Auf der verrottetm modernen Gesellschaft baut sich mal eine bessere Welt auf. Wird aber jetzt auch in Berlin und Um- gegend der studentisch)« Unfug wieder mehr auf die Straße getragen, so soll man rechtzeitig energisch dagegen einschreiten, damit nicht auch das studentische Berlin in den beschämenden Verruf des studentischen Bonn kommt. Besondere Klagen dieser Art gehen uns über die Englische Straße in Charlottenburg zu, wo kleine Villen von studen- tischen Verbindungen gemietet oder gekauft sind. Der Skandal Nacht für Nacht bei offenen Fenstern soll unerträglich sein. Die Exzesse der jugendlichen Saufbrüder dauern bis in die frühen Morgenstunden hinein und werden dann auf der Straße fortgesetzt, wo man eine besonders mutige Tat darin sieht, durch Schlagen mit dem Spazierstock gegen die Fenster die„Philister" aus dem Schlaf zu wecken. Die Anwohner haben sich wiederholt beschwert. Seitens des Charlotten- burger Polizeipräsidiums soll auch eine schriftliche Verfügung ergangen sein mit dem Refrain: Die Straße dient dem Ver- kchr... ich warne Betrunkene! Trotzdem geht der Unfug weiter. Arbeiter, die solchen Spektakel machten, hätte man schon längst unsanft beim Kragen genommen und ans ein paar Wochen ins Loch gesteckt. Aber pardon, Herr Präsident, wir leben ja in einem Klassenstaat. Die Wählerlisten zur Stadtverordnetenwahl sind bisher zu einem nur sehr kleinen Teile eingesehen worden. Das mag daran liegen, daß in diesem Jahre regelmäßige Ersatzwahlen nicht stattfinden. Immerhin ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß durch Verzug oder Todesfall doch Ersatzwahlen nötig werden. In solchen Fällen wird die jetzt ausliegende Wählerliste zu Grunde gelegt. Die Liste liegt nur noch bis zum 30. Juli, also bis zum Sonnabend aus und kann während der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags im Wahlbureau des Magistrats, Poststr. 16 II, eingesehen werden._ Diejenigen Abonnenten unseres Blattes, die den„Vorwärts' bisher durch den Spediteur Westphal(Nachf. Gade) bezogen haben, werden ersucht, ihre Adressen an unsere Expedition Linden- straße 69 einzusenden, damit die Zustellung des„Vorwärts" vom Mittwoch ab durch die Expedition bewirkt werden kann. Westphal hat, ohne Zahlung zu leisten, seine Spedition aufgegeben. Die Gedächtnisfeier für de» verstorbenen Begründer des Asyl- Vereins für Obdachlose, Herrn Gustav Thölde, findet heute nach- mittag 3 Uhr in der Sammelhalle des Männerasyls in der Wiesen- straße statt. Jnlistürme. Auch am Sonntag hat wieder in Berlin und der Umgebung ein heftiger Sturm getobt. Wenn er auch nicht so ge- waltig war als der Orkan in der Nacht zum Sonnabend, so hatte er dennoch zahlreiche Schäden im Gefolge. In der Umgebung machte sich das Unwetter diesmal weit nachteiliger geltend als in Berlin. Aus den Gewässern gingen die Wellen meterhoch und zahlreiche Ruder- und Segelboote wurden in Gefahr gebracht. Auf dem Wannsee und auf der Oberspree wurden Boote infolge des Sturmwetters zum Kentern gebracht. Im Freibad bei Grünau wurden mehrere Schwimmer von den Fluten förmlich forlgeschwemmt und tief inS Wasser hineingerissen. In den Obstgärten liegt daS Obst, das von den Bäumen heruntergerissen worden ist, zentnerweise aus der Erde. Ganze Aeste mit Früchten fielen dem Sturm zum Opfer. Die am Soimlagnachmiltag von Zeit zu Zeit ein) etzenden Regen- schauer beeinträchtigten nicht unerheblich die großen Sommerfefte der Genossen des sechsten und deS Teltoiver KreiscS. DeS öfteren mußte die Flucht nach den Sälen ergriffen werden, um sich vor dem Regen zu schützen. Der unter den Genossen herrschende Humor setzte sich aber bald über die Unannehmlichkeiten des TageS hinweg. Ans dem Berliner JunungSwesen. Am Freitag haben wir unter der vorstehenden Ueberfchrift einen Artikel gebracht, der sich mit dem Geschäftsbericht der ständigen Deputation deS JnnungSauSschusseS der vereinigten Innungen zu Berlin beschäftigt. In diesem Artikel ist unter anderem gejagt, daß verschiedene Berufe keine Klagen beim JnnungSschiedsgericht halten, alles Innungen, bei denen nicht einmal ein ordentlicher GefellenanSschuß bestehe, geschweige denn Arbeit- nehmerbeisitzer beim Schiedsgericht vorhanden seien. Und weil auch dabei die Vergolder genannt sind, ersucht uns der Altgehilfe im Auftrage der Gehilfenausschusses der Bcrgolderinuung zu Berlin um Aufnahme folgender Er- llärunn:„Für die Vergolder besteht dort seit 8 Jahren ein ordent- licher Gesellenausschuß und ebenso 2 Schiedsgerichtsbeisitzer(Arbeiter). welche vollkommen auf dem Boden der modernen Ar- beiterbewegung stehen. Die Geschäftslage im Gewerbe bringt es mit sich, daß wir sehr wenig Klagen haben. Die letzte war vor K oder 6 Jahren, jedoch kommen wir mindestens 6mal i m I a h r mit der Innung zusammen, um gemeinschaftlich Ange- lcgenheiten zu regeln und find wir st ä n d r g bei den Gesellen- Prüfungen zugegen. Wir sind der Meinung, daß das. waZ wir in der Innung von gesetzeSwegen zu verlangen haben, uns auch gegeben wird, damit wir die winzigen Rechte, welcke wir dort haben,'wenigstens soviel wie möglich im Interesse der Kollegen verwerten können." SchiffSzusainmenstoß im Jungfernsee bei Potsdam. In der Nacht zum Sonntag kam es im Jungfernfee zu dem Zusammenstoß zweier Personendampfer, der leicht zu einer größeren Katastrophe hätte fiihren können. Der Teltower Schranvendampfer„BabelSberg" kam gegen 11 Uhr mit einem 49 Personen starken Verein von Nedlitz, um nach Beelitzhof zu fahren. Als er die schmale Stelle passierte, wo Jungfernfee und Lehnitzsee ineinander übergehen, erfolgte plötzlich ein heftiger Anprall, der den Dampfer stark erschütterte. Er war mit dem Dampfer„SiegeSfürst" von der Firma Robert Kieck in Berlin zusammen- gestoßen, dessen 399 Fahrgäste eine Mondscheinsahrt unternommen hatten. Die Wirkung des Anpralls zeitigte momentan eine Panik unter den Passagieren, die jedoch durch die Umsicht der beiderseitigen Schiffsführer bald beseitigt wurde. Da der Dampfer.Babelsberg" ein starkes Leck erhalten hatte und zu sinken begann, so wurden die auf ihm befindlichen Personen nach dem„SiegeSfürst" herübergeholt und dann an Land gesetzt.„BabelSberg" versank allmählich und nur noch die Spitze des Schornsteins ragt aus dem Wasser hervor. Bei dem Zusammenstoß ging es nicht ohne leichte Verletzungen einiger Personen ab. Drei Damen bekamen OhnmachtSansälle. Wem die Schuld an der Kollision beizumessen ist, bedarf noch der Aufklärung. Gestern wurde die Unfallstelle von Neugierigen Massen» Haft besucht. Die gesiinkene„Babelsberg" ist ein Schranbendampfer mit einer Schraube. Sie kann 131 Personen an Bord nehmen und mißt in der Länge 21 Meter und in der Breite 3'/z Meter. Das Schiff war nicht versichert. Die Havarie des Schiffes liegt unter der Wasser- linie auf der Steuerbordseite im Vorderschiff. Mit den Hebungsarbeiten wurde begonnen. Es werden zu beiden Seiten des Schiffes auf der Werft der Verwaltung 2 große Prähme ausgefahren, an denen Winde» angebracht sind. Der SchiffSrunipf wird in starke Stahlketten gelegt und dann wird der Schiffskörper so weit hochgewnnden, daß daS Leck lcergepnmpt werden kann. Nach provisorischer Ausbesserung der Havarie wird die„BabelSberg" in das Dock eingeschleppt und repariert. „Bessere" Familien. Im„Berliner Lokal-Anzeiger" teilt in einer Zuschrift eine Mutter ihre Erfahrungen mit, die sie mit sogenannten„besseren' Familien gemacht hat. Sie suchte für ihre Tochter As dem Jnseratenwege eine Stelle als Stütze in einer besseren Familie mit amilienanschluß. In den Schreiben, die sie nun von solch„besseren" amilien erhielt, fehlte fast überall die Achtungsformel wie„Hochachtend" usw. Die nackte Unterschrist schien den„besseren" Herrschasten zu genügen für eine Frau, deren Töchter als„Stütze" ihr Unter- komnien suchen muß. Die Einsenderin meint nun recht überflüssiger- weise,„wenn sie von einer Familie aus dein Arbeiterstande ein solches Angebot ohne Achtungszcichen erhielte, würde sie es durchaus nicht übel nehmen." Sie kann sich beruhigen, die gute Einsenderin, aus Arbeiter» kreisen würde sie niemals eine derartige verletzende Rücksichtslosigkeit erfahren, denn wer mit Arbeiten: schriftlich zu tun hat, weiß, daß diese mehr als nötig höflich sind. Uebrigens ist dieses Vorkommnis auch ein Beitrag zur„Dienstbotennot". Einen schwunghaften Handel mit gestohlenen Rädern hat seit längerer Zeit ein gefährlicher Einbrecher namens Max Garde getrieben, der vielfach wegen Einbruchsdicbstahls vorbestraft ist und bei seinen Eltern in der Utrechter Straße 26 wohnte. Er betrieb den verbrecherischen Handel in der bekannten Meise, indem er die gestohlenen Räder auseinandernahm und die einzelnen Teile der verschiedenen Zweiräder zu neuen Fahrrädern zusammensetzte. Um ganz sicher zu gehen, verlegte er den Schauplatz seines Handels vom Norden Berlins nach dem äußersten Süden Rixdorfs, wo er in den hier befindlichen Laubenkolonien, besonders in der Lauben» kolonie„Rixdorfer Stadtpark", die auf diese Weise zusammen- gesetzten Zweiräder an die Laubenkolonisten verkauft hat. Er er. zielte oft ansehnliche Preise dafür und lebte ausschließlich von dein Erlös dieses einträglichen Handels. Schließlich erschien er einem Laubenlolonisten verdächtig. Die Rixdorfer Kriminalpolizei wurde benachrichtigt, welche ihn verhastete. Es konnten noch fünf Fahr- räder beschlagnahmt werden, welche Garde in den letzten Tagen verkauft hat. Die Zahl der umgesetzten Räder ist eine weit größere. G. leugnet alles. Die Fahrräder können bei der Rixdorfer Kriminalpolizei im Zimmer 62 rekognosziert werden. Bei drei Rädern sind noch die Fabrikmarken kenntlich: Arkona 299 281. Marine 197 425 und Naumanns Germania 549 863. Garde wurde dem Untersuchungsgefängnis zugeführt..> Ein schwerer Bmiunfall hat sich gestern abend gegen 6 Uhr auf dem Neubaugnmdstück an der Ecke der Zimmer- und Wilhelmstraße zugetragen. Der Maurer Albert Dürr, Friedrichftraße 9 wohnhaft, war in der Höhe des zweiten Stockwerks danxit beschäftigt, an der Außenmauer Backsteine anzulegen. Beim Vorbeugen verlor er Plötz- lich das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in die Tiefe. Mit ge» brochenem Schädel blieb der Verunglückte auf dem Bürgersteig liegen. Nachdem er auf der nahen Unfallstation in der Kronenstraße Not» verbände erhalten hatte, erfolgte seine Ueberführung nach dem Urban« Krankenhause, wo er hoffnungslos daniederliegt. Aufsehen erregt die Verhaftung des TheatordirektorS Willi Soendermann aus der Potsdamer Straße Nr. 126, der in Künstler. kreisen sehr bekannt ist. Der 41 Jahre alte Mann hatte das Stadttheater in Elbing zwei Jahre lang inne, dann im vergangenen Winter drei Monate hier das Friedrich-Wilhclmstädtische Schau» spielhaus in der Chausscestraße wo er wegen schlechten Geschäfts- ganges die Direktion niederlegte. Dann hatte er im Sommer zwei Monate lang ein Variete in der Dresdener Straße 97, das den Namen„Monopoltheater" führte. Dieses schloß er vor vier Wochen wegen Mietsschulden. Jetzt schweben gegen ihn wegen mehrerer Betrügereien Untersuchungen. Für das Commercial- Syndikat, ein Unternehmen zur Vermittelung von Geschäfts- und Grundstücksverkäufen, suchte er Kassierer, Bevollmächtigte usw., die Kautionen von 1999 M. bis 3999 M. stellen mußten. Das Geld eines Opfers in Höhe von 3999 M. wickelte er in Zeitungspapicr und einen weißen Bogen ein. Dann legte er es in ein großes Kuvert, verschnürte und versiegelte es und legte eS dann in seine Aktenmappe, um mit dem Manne zur Bank zu gehen und das Geld zu deponieren. Einem Angeworbenen kam die Manipulation des Soendermann verdächtig vor. Er meldete es der Polizei. Diese hatte das Depot bei der Bank ergründet und nachgesehen, was darin war. Es stellte sich heraus, daß ganz minderwertige Berg» Werkspapiere, nicht aber die 3999 M. in dem Kuvert waren. Soendermann hatte in seiner Aktenmappe ein ebensolches Kuvert. Dieses hatte er sich zur Täuschung besonders hergerichtet, um es auf der Bank zu deponieren. Als die Kriminalpolizei zur Ver- Haftung des Soendermann schritt, fand sie in seinem Besitze ein weiteres Kuvert, welches für ein anderes Opfer bestimmt war. Das Opfer, das ebenfalls 3999 M. hergeben sollte, hatte er sich zum Nachmittag 7 Uhr bestellt. Als etwa 39 Bewerber sich wunderten. daß sie ihre Stellungen nicht erhielten, vertröstete sie Soendermann damit, daß die Konzession noch nicht erteilt sei. Es wurde Anzeige erstattet. Ein Schatz in der Wnhlhcide. Seine Aufklärung gefunden hat jetzt der am 29. Januar d. I. in der Kvpenickcr Heide begangene Raubübcrfall auf den GeldtrauSportwagen der Firma Spiudler. Die Finna Spindler hatte einen Wagen, der zur LohnauSzablung daS Geld von Berlin nach SpindlerSfelde transportierte. Dieser wurde am 29. Januar auf der Fahrt nach dorthin beraubt, wobei den Tätern 8999 M. in die Hände fielen. Die Summe bestand aus lauter Kurant. Es wurden seinerzeit durch die Köpenicker Polizei drei junge Leute verdächtigt. Sie wurden verhaftet und längere Zeit in Untersuchungshaft gelassen, später ober mangels Beweises frei- gesprochen. Durch die von der Berliner Kriminalpolizei angestellten Ermittelungen gelang es, jetzt die wirklichen Täter zu entdecken, die auch der Tat geständig sind. Es war der Kutscher Franz Onuseit, der früher bei der Firma Spindler beschäftigt war und selbst den Wagen gefahren hatte. Er faßte den Plan, durch den Ueberfall dieses Wagens sich in den Besitz größerer Geldmittel zu fetzen. Im Verein mit den„Arbeitern" Bolle und Güldenpfcnnig fuhr er mit der Bahn in die Nähe von SpindlerSfelde. Die drei suchten sich einen Platz in der Heide, wo der Ueberfall stattfinden sollte, und erwarteten die Anlunft deS Wagens. Sie öffneten ge» schickt dessen Schloß während der Fahrt und krochen in den Wagen hinein, um unter den Geldsäcken ihre Auswahl zu treffen. Beim Aussuchen fiel die Klappe des Wagen» zu und erst mit großer Anstrengung konnten sie den Wagen von innen offnen. nachdem sie sich 8000 Mark bares Geld mitgenommen und in die Tasche gesteckt hatten. Sie verließen dann den Wagen, als ein Wagen von entgegengesetzter Richtung kam. Mit dem schweren Gelde in den Taschen verschwanden sie in der Heide. Der Kutscher des Spindlerschen Wagens, der von dem Kutscher, der von der anderen Richtung kam. darauf aufmerksam gemacht wurde, schlug Lärm. Die Diebe rannten nun durch die Heide. Einer kam zu Fall, dabei platzten mehrere Beutel. Das Geld wurde verstreut. Als sie zu Hause ankamen, hatte» sie nur noch 600 M. Einen Teil des Geldes hatten sie, da sie mit dem Gelde nicht genug fliehen konnten, in aller Eile vergraben und einen Baum gezeichnet, um es zu geeigneter Zeit abzuholen. Ihre späteren Nachforschungen nach dem Gelde blieben jedoch ohne Erfolg. Die Verbrecher befinden sich jetzt in Haft. Die polizeiliche Schatzgräberei hat bisher nichts ergeben. Auf dem Flakensee bei Erkner kenterte am Sonnabend ein mit Berliner Sommergästen besetztes Boot. Die Insassen eines Motor- bootes retteten die Sommergäste und brachten sie pudelnaß nach der WolterSdorfer Schleuse. Auf dem Müggelsee explodierte der Motor eines dem Nestau- rateur Hecht gehörigen größeren Bootes, das regelmäßig zwischen FriedrichShagen und der Rahnsdorfer Mlihle verkehrt. Das hübsche Boot brannte lichterloh. Unter den Fahrgästen brach eine Panik aus. Nur mit Mühe konnten sie verhindert werden, über Bord zu springen. Der Unfall spielte sich in der Nähe des Ufers ab und war gleich bemerkt worden. Mehrere Boote eilten herbei und brachten sämtliche Insassen, darunter eine bewußtlose Frau, in Sicherheit. Das Boot ist stark beschädigt worden. Der Polizeihund wurde gestern mittag von einem Schutzmann im Tiergarten auf einen auf einer Bank in der Nähe des Großen SternS eingefchlafenen Mann gehetzt. Ein Herr, der Zeuge des Vor- falleS war, unserer Partei vollständig fernsteht, teilt uns den Vor- gang unter dem Ausdruck der Empörung mit. Zwar habe der Mann Verletzungen nicht erlitten, allein das Verfahren des Schutzmanns sei unter allen Umständen auf das schärfste zu mißbilligen. In letzter Zeit kommen gerade aus der Gegend des Tiergartens auf- fällig oft Beschwerden über unzulässige Verwendung des Polizei- hundeS. BootSmaunSloS. Ein tragisches Ende fand gestern vormittag der noch im jugendlichen Alter stehende Bootsmann Friedrich Stolze, •vr auf dem Kahn seines Vaters beschäftigt war. Stolze war beim jpufstmn ors Sakrow-Paretzer Kanals mit dem Abwerfen einer Stahltrosse, an der die Kähne eines Schleppzuges hingen, vom dritten Kahn aus beschäftigt. Da der Schleppzug hielt, waren die Drahtseile nicht straff angezogen. Stolze geriet mit dem Fuß in eine Schlinge, die sich beim Aufrollen der Trosse gebildet hatte. Durch das plötzliche Anziehen des Schleppdampfers spannte sich das Drahtseil und die Trosse schnitt dem Unglücklichen den Fluß glatt ab. Da keine Hilfe zur Stelle war, mußte er verbluten und kam als Leiche in Potsdam an. Die Polizei beschlagnahmte die Leiche und ließ sie nach der Halle auf dem Kirchhof bringen. Der Kahn liegt jetzt an der Langen Brücke, da der Vater gerne die Leiche seines Sohnes mitnehmen möchte. Leichenfledderer haben in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag einem Arbeiter, welcher ermüdet auf einer Bank der Promenade in der Danziger Strohe eingeschlafen war, eine Omega- Uhr Nr. 330 1009 gestohlen. Wem die Uhr angeboten werden sollte, wird gebeten, den Verkäufer feststellen zu lassen. Sportpark Treptow. Das Programm des letzten Sonntags (24. Juli) war ein recht reichhaltiges und abwechselungsvolles. Bc- sonders das Stundenrennen ergab zum Schluß eine Dis- qualifikation des Siegers A. Schulze wegen unvorschristsmäßiger Bc- kleidung deö Schrittmachers und man zog den Zweiten, P a w k e, als Sieger auf.— Das Rennen, an dem noch Miller und Hoffmann teilnahmen, verlief ohne besonderes Interesse. Schulze erlangte nach dem 10. Kilometer die Spitze, die bis dahin Pawke inne hatte. Hoffmann lag zu Beginn an aussichtsreicher zweiter Stelle, doch kam er durch das Versagen seines Motors ganz- aus dem Rennen. Miller sprach nie mit.— Schulzes Schrittmacher hatte wieder einmal einen beliebten Trick angewandt und wurde mit der Länge der Fahrt immer umfang- reicher, indem er seinen Lederanzug durch Luft aufblasen ließ und kostete dieses Verfahren seinem Fahrer den Sieg.— Ein voraufgegangenes 10 Kilometer-Rennen wurde von Pawke gewonnen. Hoffniann versagte auch hier schon. Ein 20 Kilo- meter-Rennen mit Tandemführung brachte durch die häufige Abwechslung der Schrittmacher ein buntes Bild zustande, ergab aber kein besonderes Resultat und sah Großmann als Sieger vor Trink» und Fr. Stellbrink. Der Besuch war ein guter trotz des zweifelhaften Wetters.— Resultate: Stunden- rennen. 1. Pawke 63,150 Kilometer; 2. Miller, 1660 Meter zurück; 3. Schulze; 4. Hoffmann. lOKilometer-Rennen. 1. Pawke, 9 Min. 14'/z Sek.; 2. Schulze. 280 Meter; 3. Miller, 580 Meter; 4. Hoffmann, auf- gegeben. 20 Kilometer- Rennen mit Tandemführung. 1. Großmann, 25 Min. 24 Sek.; 2. Trinis, 360 Meter; 3. Fr. Stellbrink. 1620 Meter. ErmunterungSfahren. 1. Götze,2. Möller, 3. v. Natzmer. T a n d e in r e n n e n. 1. Tetzlaff-Schwab, 2. Theiß-Schmittchen, 8. Hamann- v. Natzmer. Beim Sommcrfest des ZentralwahlvereinS Teltow-Beeskow in der VereinSbrauerei ist am Sonntag ein Damenschirm, ein Kinderhul, eine Tischdecke, ein Taschentuch, ein Hausschlüssel gefunden worden. Die Gegenstände sind in der Parteispedition Rixdorf, Neckarstr. 2, abzuholen. Vertauscht worden ist ein graumelierter Sommerpaletot und wird gebeten, denselben in oben genannter Parteispedition um« zutauschen._ Vorort- JVacbncbten» Köpenick. Seht die Wählerlisten ein k Vom 15. bis 31. Juli liegen im Rathaus. 2 Treppen, Zimmer 28, wochentags von 7—1 und 21l3—itlis Uhr. Sonntag von 9—12 Uhr die Wähler- listen zur Einsichtnahme aus. Eingetragen in die Liste muß jeder sciu, der sein Bürgerrcchtsgeld bis zum 15. Juli d. I. bezahlt hat. Für diejenigen Genossen, welche keine Zeit haben sollten, selbst die Liste nachzusehen, haben sich folgende Ge- nossen bereit erklärt, dieses zu tun: E. Wißler, Kietzer Straße 6. G. Müller, Markt 8. H. Merker. Rosenstr 10. P. Hein, Rudolver Straße 23. E. Becher, Grünauer Straße 1. A. Stippekohl. Schönerlinder Straße 5. M. Jähn, Grünauer Straße 70. W. Wolfs, Glienicker Straße 33. F. Weber, Bahnhofstr. 15. M. Joppich. Bahnhof- straße 2. I. Jauernick, Kaiserin-Augusta-Viktoria-Str. 22. M. Golze. Kaiserin- Augusta- Viktoria- Str. IL. R. Finger. ParisiuSstr. 75. Schöps. Lindenstr. 6. Gierke, Kanlsdorfer Straße 3. O. Fiebach, Müggelheimer Straße 1. A. Tauchert, Müggelheimer Straße 4. E. Bauer. Müggelheimer Str. 42. W. Pose. Marienstr. 11. H. Schulze. Müggelheimer Str. 32o. W. Zeidler. Müggelheimer Straße 29. Ehrenberg, Elisabeth- straße 2. G. Mulack, Kietz 23. Da in diesem Jahre Ersatzwahlen stattfinden, ist eS Pflicht, sich davon zu überzeugen, ob jeder Berechtigte eiip� getragen ist. Siixdorf. Der Unterschlagung von Parteigelder» wird nach einer Notiz, die durch die Presse geht, der Maschinenarbeiter Richard Spann aus der Warthestraß�. bezichtigt. Spann war Viertels- kassierer in Rixdorf rfflb soll als solcher eine nicht uner- hebliche für den Wahlverein bestimmte Summe nicht ab- geliefert haben. Zugleich versah Spann das Amt deS Bevoll- mächtigten der freien Hilfskasse der Wagenbauer und scheint sich in dieser Doppelstelliuig immer ausgeholfen zu haben, mochte aber wegen einer in Kürze bevorstehenden Revision Entdeckung fürchten. Er ist infolgedessen geflüchtet und hat an seine Frau einen Brief gerichtet, in dem er behauptet, Erpressern in die Hände gefallen zu sein und Selbstmordabsichten äußert. Zehleudorf(Wannseebahn) Aus der Gemeindevertretung. In ihrer Sitzimg vom 6. April hatte die Vertretung beschlosseii, an Grundwertsteuer 2,8 M. pro Tausend vom bebauten und 3,4 M. pro Tausend vom unbebauten Grundbesitz zu erheben. Der Beschluß war seinerzeit erst nach lang- wierigen Jiiteressenkämpfen zustande gekommen, die sich nicht nur in der Vertretung vor aller Oeffentlichkeit abspielten. Die Haupt- kämpfe werden hinter den Kulissen gekämpft werden. Aber schon damals, als eine starke Neigung in der Vertretung bestand, den Großgrundbesitz so sehr wie irgend möglich zu schonen, hatte der Haus- und Grundbesitzerverein entscheidend eingegriffen und der Vertretung Mores gelehrt. Dem Votum des Haus- und GrundbesitzervereinS hatten sich eine Anzahl Vertreter gefügt und einer stärkeren Belastung des unbebauten Besitzes zu- gestimmt. Aber es gibt noch stärkere Mächte als HauS- und Grundbesitzervereme. Das sind der KreiSauSfchuß und der Bezirksausschuß. Im wohlverstandenen Interesse der „armen Großgrundbesitzer" in Zehlendorf, deren gewaltige Ländereien doch nur zu Spekulationszwecken einstweilen noch der Be- bauung nicht erschlossen werden, hat der KrciSausschuß der Diffe- renzierung der Gemeindegrundsteuer seine Zustimmung versagt. Er hat ferner, um ganze Arbeit zu machen, der ganzen Steuerfestsetzung der Gemeinde solange seine Genehmigung verweigert, bis der An- trag auf Genehmigung des erforderlichen„Nachtrages zur Grund- steuerordnung" endgültig erledigt ist. Dem Nachtrag hat er dann ebenfalls am 26. Mai die Genehmigung versagt. Die hiergegen eingelegte Beschwerde ist vom Bezirksausschuß zurückgewiesen worden mit der etwas eigenartigen Begründung, daß die örtlichen Ver- Hältnisse Zehlendorfs wesentlich andere seien, wie die von Orten deS Kreises Teltow, bei denen eine stärkere Belastung des unbebauten Grundbesitzes zugelassen worden sei. In diesen Gemeinden ist das in Frage kommende Gelände baureif oder trägt doch ausgesprochenen „SpekulationScharakter". Das letztere ist natürlich in Zehlendorf nicht der Fall. Das wird aber die armen Besitzer hoffentlich nicht hindern, die gewaltige Wertsteigerung ihres Geländes ruhig zu erttagen und die so auf Kosten der Gesamtheit erzielten hohen Gewinne bei der einstigen Erschließung als ihr eigenstes Verdienst hinzustellen. Um nun wenigstens die übrige Steuerfestsetzung zu retten,— der Gemeinde- vorstand nimmt an, daß»ach der Ablehnung des Nachtrages die beschlossene Steuerfestsetzung ebenfalls nicht genehmigt wird— schlägt der Vorstand vor, die Grundwertsteuer für den unbebauten und bebauten Grundbesitz auf? Mark vom Tausend festzusetzen. Natürlich mußte die Vertretung dem zustimmen, da alle Rechts- mittel erschöpft find, den Beschluß deS KreiSauSschusseS zu beseitigen. Ob man sich dazu aufschwingen wird, im Herbst zeitig genug einen neuen»Nachtrag zur Grundsteuerordnung" zu beschließen, der unabhängig vom Etat die Differenzierung festsetzt, bleibt abzuwarten. Der Vater dieses Gedankens ist schon zu oft mutig zurückgewichen, so daß man nicht hoffen kann, daß er diesmal feine sonst gute Anregung energisch weiter verfolgen wird. Da das am 3. Mai cr. beschlossene Stawt über die Errichtung der Freibank die Genehmigimg der Aufsichtsbehörde nicht gefunden hat, wurde für den beanstandeteit Z 6 eine Aenderung beschlossen, die den Wünschen der Aufsichtsbehörde entspricht. Danach steht die Freibank unter der Aufsicht eines mit der Bearbeitung der Fleisch- beschausachen beauftragten Gemeindebeamten, dem auch nach An- hörung des Eigentümers die Festsetzung des Preises obliegt. Gegen feine Entscheidung steht dem Eigentümer die Beschwerde an den Gemeindevorstand zu. Um die Errichtung einer Volksbadeanstalt vorzubereiten, wird eine Kommisston von fünf Mitgliedern eingesetzt. Boxhage»- Rummelsburg- Stralau. Die Mitglieder des Jugendheimvereins werden ersucht, zahlreich und pünktlich heute Dienstag, den 26. Juli, abends 8'/, Uhr, im Cafs Bellevue, Rummelsburg, zu erscheinen, wo Genosse Landtags- abgeordneter Liebknecht einen Vortrag über die Jugendheime und ihre Bedeutung für die Arbeiterbewegung halten wird. Potsdam. Eine weibliche Leiche wurde gestern am Babelsberger Ufer aus der Havel geborgen. Da bei der zirka 20— 25jährigen Toten jede Erkennungszeichen fehlten, konnte sie noch nicht rekognosziert werben. Vermischtes. Verheerende Onwettcr in Italien. Ein orkanartigerSturm richtete in verschiedenen Teilen Italiens furchtbaren Schaden an. Im Industriegebiet der oberen Provinz Mailand ist der Verlust zahlreicher Menschenleben zu be- klagen. Nach den neuesten Meldungen ist in Sa r o n n o kein HauS von dem Sturm unbeschädigt geblieben. Drei Personen wurden getötet und mehrere verwundet.— In Solario, einem Teil der Gemeinde Ceriano-Laghetw, zerstörte der Sturm eine Ziegel- steinfabrik. Bierzehn Tote und viele Verletzte sind aus den Trümmern gezogen worden.— In Busto Arsizio wurde eine Anzahl Arbeiter von herabstürzenden Fabrikschornsteinen ver- schüttet; etwa 10 von ihnen wurden als Leichen gebargen, andere sollen noch unter den Trümmern begraben liegen.— Auch in Mos» ciano richtete der Sturm schweren Schaden an. Fünfzehn Per- sonen wurden teils schwer verletzt.— Die telegraphischen und tele- phonischen Verbindungen sind teilweise zerstört worden. Der Präfekt hat Truppen und Feuerwehrabteilungen zur Hilfeleistung abgesendet und sich selber nach dem heimgesuchten Bezirk begeben. In den Fabriken von Vasanghello wurden acht Personen getötet und viele verletzt. In einer Fabrik zu San Vittore O l o n a wurden drei Personen getötet und 30verletzt. In den Fabriken zu Legnano wurden drei Personen getötet und ver- schiedene verletzt. In der Seidenfabrik zu Rogeno wurden eine Frau getötet und 30 P e r s o n e n v e r l e tz t. In der Weberei zu G a l l i a t e wurde eine Frau getötet und 0 Personen verletzt. In einer Fabrik zu Canegrate wurden drei Personen getötet und verschiedene verletzt. Ein kleines Haus in Manera bei RovcllaSca wurde durch den Blitz zerstört, wobei zwei Personen umS Leben kamen. In der Nähe des Bahnhofs Rovellasca stürzte ein HauS zusammen, wodurch drei Personen getötet und verschiedene verletzt wurden. In manchen Distrikten wurden die Felder stark verwüstet. Bäume entwurzelt und kleine Häuser zerstört. Ins- gesamt sind während des SturmcS über fünfzig Personen ums Leben gekommen und einige Hundert schwerer oder leichter verletzt worden. Sa» r o n n o und Umgegend wurden am härtesten betroffen, aber auch B u sto A r s i z j o hat schiver gelitten und ebenso ist in dem Distrikt von Monza der verursachte Schaden sehr groß.— In dem Bezirk von Bergamo wurden nur die Felder verwüstet.— Ueberall sieht man zerstörte Felder, geknickte Bäume, abgetragene Dächer und zu- sammengestürzte Hütten. Der Schaden, den das Unwetter an- gerichtet hat, ist noch nicht zu übersehen. Die über die Verheerungen in der L o m b a r d e i in Rom ein. gegangenen Meldungen lassen das Unglück als eine sehr schwere Katastrophe erscheinen. Man schätzt tzie Zahl der Toten auf 75, die der Verwundeten auf über 200; der angerichtete Schade» ist enorm» Die Zahl der zerstörten Fabriken ist beträchtlich; unter den infolge- dessen brotlos gewordenen Arbeitern herrscht große Not. * Aus Gelsenkirchen meldet uns ein Telegramm vom 25. Juli: Die Em scher ist beständig im Steigen begriffen. Die Niederungen sind vollständig überflutet. Das Gelände von Schloß Grimberg bis Britz ist in einen See verwandelt. Auch die Neben- flüsse der Emscher führen Hochwasser. Man sieht von den Getreide« feldern kaum noch die Nehren über den Wasserspiegel hervorragen. Auch bei Hör st sind weite Strecken überflutet. Die neue und die alte Emscher haben sich vereinigt. Die Arbeiten am neuen Emscher- bett mußten eingestellt werden. An verschiedenen Stellen haben sich Dammrutsche ereignet. Schiffskatastrophe. Nach einem Telegramm aus Tokio ist der Dampfer „T e t s u r e i m a r u", der zwischen Kode und Talny ver» kehrt, in der Sonntagnacht auf der Höhe von Tschindo(Korea) untergegangen. An Bord befanden sich 246 Passagiere. Vierzig Personen sind gerettet, die übrigen werden ver- mißt. Kriegsschiffe sind abgegangen, um nach den Vermißte» zu suchen. Das Unglück ereignete sich nach einer weiteren Meldung während eines Nebels; als das Schiff sank, gingen die Passa- giere ohne jede Panik von Bord auf sechs Boote über. Der Kapitän und der größere Teil der Besatzung hatten keine Zeit, sich zu retten. Sechs Passagiere der ersten Klasse und dreizehn der zweiten Klasse sind unter den Geretteten. Man glaubt, daß 105 Passagiere der dritten Klasse und 59 Sol« daten durch Kriegsschiffe gerettet wurden. Roosevelt und Taft verklagt. Die„New Uork World" veröffentlicht einen scharfen Angriff auf Roosevelt und Taft. Beide Präsidenten haben die beiden Ne- gierungsjachten„Mayslower" und„Sylph" als Privatjachten betrachtet und vollkommen für ihren eigenen Gebrauch verwendet. Roosevelt soll sich an Bord der„Mayslower" einen Baderaum für 40 000 M. haben einrichten lassen. Die Kosten mußte der Staat tragen. Taft kreuzt gegenwärtig mit der„Mayslower' an der Küste Maines und bewirtet— gleichfalls auf Staatskosten— mehrere seiner Freunde und seine ganze Familie an Bord. Diese Verwendung der beiden Regierungsjachten erklärt dis „World" für ungesetzlich. Fünf Jahre hindurch haben die Schiffe an keinen Manövern der Flotte teilgenommen, lieber 800 000 M. hat ihre Erhaltung während dieser Zeit gekostet. Und wofür ist diese Summe ausgegeben worden? Für das persönliche Ver- gnügen von Roosevelt und Taft. Eins neue Hitzwelle in Amerika. Die dritte Hitzwelle hat New-Aork heimgesucht. Nach offiziellen Angaben betrug gestern mittag die Tempe- vatur in den Straßen der Stadt 34 Grad Celsius; an ein« zelnen Stellen war das Quecksilber jedoch bis zu 36,7 Grad Celsius gestiegen. Obgleich ein leichter Südwest etwas Linde» rung gewährte, waren zahlreiche Fälle von Hitzschlag zu ver» zeichnen. Viele der Bewohner haben ihre luftigen Quartiere auf den Dächern, in den Gärten und Parks wieder aufgesucht. Das„waffersüchtige" Mädchen. Eine drollige Geschichte hat sich jüngst in einem höher gv» legenen Waldorte Thüringens zugetragen. Ein blutjunges Bour». geoistöchterchen war bis vor wenigen Monaten in einem Koch» institut untergebracht. Vor kurzem kehrte das Mädchen mit dem Bemerken, krank zu sein, zu ihren Eltern zurück. Seitens der Eltern wurde ihr Glauben geschenkt und einige Aerzte zu Rate gezogen. Da nun das Mädchen zusehends„voller" wurde, so wurde auf Wassersucht kuriert. Ein anderer gab ihr den Rat, noch einige Monate zu warten, es würde dann die Krankheit schon ver- gehen. Kurzum eS wurden alle Mittel und Wege benutzt, um da» Mädchen vor dem— Tode zu retten und in seine normale Körper- größe retour zu bringen. Leute, die ihre wirkliche Krankheit zu verstehen gaben, wurden grob behandelt, ja man wollte sie sogar gerichtlich belangen. Zuletzt, als man keine Ursache zu der Krank- heit mehr fand, kam man auf den Gedanken, der Küchendunst hätte sich im Unterleib f e st g e s e tz t. Und dem war auch so. Vergangene Woche wurde des Rätsels Schleier gelüstet, indem der Küchcndunst explodierte und zum nicht geringen Erstaunen ihrer Eltern und Geschwister in Gestalt eines kleinen Erdenbürgers zum Vorschein kam._ Kleine Notizen. Durch die Explosion einer Spirituslampe gerieten die Kleider deS 20jährigen Dienstmädchens Emma Schulz in Landsberg a. W. in Brand. Das arme Mädchen erlitt dabei so schwere Brandwunden am ganzen Körper, daß eS bald darauf durch den Tod von den schrecklichen Schmerzen erlöst wurde, lieber ein Drittel deS ganzen Körpers war verbrannt worden. Eine Rabenmutter. Angeblich wegen Streitigkeiten mit ihrem Manne erdrosselte in Düsseldorf eine Frau Krieger ihre zwei Kinder, einen 6jährigen Knaben und ein einjähriges Mädchen. Si« wurde bald darauf verhaftet. Bier Personen ertrunken. Auf der Kieler Förde sind gestern während der stürmischen Witterung beim Segeln vier Personen ertrunken. Bootsunfall. Sechs Frauen wollten in einem Boote über die Oder bei Hohensaaten fahren. Oberhalb einer Fähre stießen sie vom User ab und kreuzten diese im Strom. Durch die starke Strömung wurde das Boot auf das Fährseil getrieben, es k e n. terte und sank. Die Insassen stürzten ins Wasser der hoch gehenden Oder. Mit vieler Mühe gelang eS. zwei Frauen bewußt. los ans dem Wasser zu ziehen. Die Rettung der übrigen vier miß. lang. Die Leichen der vier ertrunkenen Frauen konnten noch nicht geborgen werden. Drei Kinder verbrannt. In einem Nizza benachbarten Dorf verbrannten gestern drei Kinder, während die Mutter bei dem Ver, such, die Kinoer zu retten, Brandwunden davontrug. Ins Meer gespült. Aus San Sebastian meldet ein Telegramm: Am Strande entführte eine Welle in der Nähe des nautischen Klubs neun Personen, darunter mehrere Fischer und Kinder. Fünf Personen konnten mit großer Mühe gerettet werden, die übrigen vier ertranken. Bisher sind drei Leichen geborgen worden. St. Moriv im Schnee. Sonntag nachmittag gegen 4 Uhr ging über St. Moritz ein zweistündiges heftiges Gewitter nieder. Seit- dem herrscht ununterbrochener Schneefall, der eine Winterland. schast bewirkt...' Tie Pest auf der Insel St. Maurice. Wie der„Daily Mail von der Insel St. Maurice gemeldet wird, sind dort in den letzten Tagen drei Todesfälle an Pest zu verzeichnen gewesen. Die Typhnsrpidrmie in Budapest ist noch im Zunehmen be. griffen. Bis jetzt befinden sich 200 Kranke in den Spitälern und 300 in Privatpflege. Mord. Auf dem Gute Hellmann bei Appelhuelsen wurde gestern früh von einem Knecht die Dienstmagd Reher erschossen und der Verwalter Pieper tödlich verletzt. Weitere BootSunfälle. In der Danziger Bucht sind gestern nachmittag infolge der stürmischen See vier Fischer ertrunken. darunter Vater und Sohn. Zwei andere Fischer, die gleichfalls in» Wasser gefallen ivaren, konnten gerettet werden.— Gestern abend unternahmen vier Bedienstete des Linzer Hotels„Attersee" eine Bootsfahrt auf dem Attersee. In der Mitte des Sees kippte da» Boot durch die Unvorsichtigkeit der Insassen um. Alle vier Per, sonen sind ertrunken;, Eingegangene Druckfcbriftcn. ;r«.| Eine deutsche Akademie in Weimar. 16 Seiten.— Künstler Kolouialpolirik. Vorträge von Prosessor W. Schölermann. 23 Seiten .Literatur, Kunst und Musik', Leipzig. Pastor Pfeiffers Berufsdormundschaft. Von Dr. C. Israel. jkinderrcttungöoerein, Berlin XV. 10. Protokoll über die Verhandlungen des S. BerbandstageS der deutsche» Gastwirtsgehilfen ISIS. 224 Seiten. H. Poetzsch, Berlin N. 24. Tie Kaufpreise für ländliche Bestüungeu im Königreich Preußen von 1895— 190S. Von W. Rothiegel. 10 M. ��Tie Preisbildung an der Wertpapierbörse Leipzig. Maximilian Harden-Köpfe Berlin W. 62. Von Dr. SB. Prion. 7M.— Duncker u. Humblot, 465 Seiten.— E. Reih Verlag, Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-DIrektion über den Arotzbande! in den Zentral-MarkthaNen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geschäst schleppend, Preise für Kalb- und Schweinefleisch an- ziehend, sonst unverändert. Wild: Zufuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise etwas nachgebend. Geflügel: Zusuhr genügend, in Gänsen reichlich, Geschäft ruhig, Preise befriedigend. Fische: Zusuhr mäßig, Ge- schäst ruhig, Preise im allgemeinen sehr befriedigend, für Aale gedrückt. Butter und Käse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. G e m ü s e Obst und Südjrüchte: Zusuhr knapp, Geschäst ruhig, Preise mehr- jach geändert. WitteningSüberstcht vom SS. Juli ISlv. morgens 8 Uhr. Stattouen lS 3 f| s sa 8Z g§ 1 Lwinemde. 758 SSB Hamburg 757 S Berlm>759 SSB Frantt.a.M. 759 SA München>761 SW Wiev! 762 W Setter 3 heiter 4 bedeckt 2 halb bd. 3 wolkig 2 heiter 3>volkenl »!> B* h*Z> 6 tattonen X S "3 B c5 8? Setter ul« n?> f- Haparanda 749 31 Petersburg 754 SW Scilla>753WNW Werdeen 745 D Paris 757 S 2 bedeckt 1 heiter 8 wolkig 23lebel 4 Regen Wetterprognose für Tienstag, den Sk. Juli lstlO. Ziemlich trübe mit Regensällen, aber lebhaften südwestlichen Winden, wärmerer Nacht und etlvas niedriger Tagestemperatur. Berliner Wetterbureau. WasserstaudS-Nachrichte»_„, der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berlin« Wetterbureau.__ Wasserstand Memel, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen , Franksurt Warthe, Schrimm , LandSberg Rehe, Vordamm Elbe, Leinneritz » Dresden , Bardo , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaul , Rathenow') Spree, Svrenrberg') , Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximilianSa»! , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheini Mosel, Trier .'l+ bedeutet Wuchs,— Fall.— Unterpegel. Nach tclegraphischcr Meldung ist die Ode r bei Ratibor wieder stark gestiegen und hatte heute srüh ihren höchsten Wasserstand mit 330 Zenti- 1 meter erreicht und steht mittags noch aus 377 Zentimeter. Theater und Vergnügungen Dienstag, den LS. Juli. Ansang 7 Uhr. RcucS königl. OPeru-Theater. Lohengrin. Anfang 8 Ubr. Deutsches. DorothyS Rettung. K a m n: c r f p i e I e. Liebeswalzer. Lessiiig. Kasernenlust. Kölnische Oper. Der Regiments- Papa. Neues Schauspielhaus. Der Flieger. Kleines. Nur ein Traum.(Ansang 'Iß Uhr.) Berliner.. Taisun. Neues Operetten. Der Gras von Luxemburg. Thalia. CbarleyS Tante. Hebbel. Wem gehört Helme? Spul.(Ansang 8'/« Uhr.) Schiller O.(WaOnrr. Zoeater.) Milchmädchen von Schöneberg. Kchillcr Charlottenburg. Die von Hochsattel. Noic. Der Scekadett. Lustspielhaus. Das Leutnants- mündet. Metro vol. Halloh II— Die große Revue. Nolles Caprice. Tie böse 13.— Die keusche Toinette.— Der Athlet.— Pariser Ehen.- (Ansang 8'/, llhr.) Apollo. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. Reichsballen. Winter Timian. Walhalla. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten Pratcr. SchützcnliSI. Urania. Tnudenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Die Insel Rügen. Sternwarte, Jnvatidmstr. 57—62. l.essmx-TKeatei'. Täglich 8 Uhr: Kasernenluft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: T tlif Uli« Morgen: Talfnn._ Bienen Operetten-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhx: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigt. Preisen: vis Dollarpnnm,!,,. Lustspielhaus. Abends 9 Uhr: Das Leutnantsmündel Ab 8 Ubr: DaS Programm der großen Spc-iaNtäten. 9'/, Uhr: I£IaN»lnehe Tttnxerlnnen vom königl. dänischen Ballett 6 Beantla Korlnnas 5. S'/. Uhr: Schtmpannc- Ornnix-Ütang als Tandcmfahrrr _ usw. usw. usw._ Metropol-Thealer Hallo!:: Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Linoka. In Szene gesetzt vom Dir Rieh. Schultz. Antang 8 Uhr. Rauchen gestattet. OSE=THEATE Große Frantsurter Str. 132. Auf der Garteubühue: Her igeehatlett. --l�veretle in zwei Alten von— Otto Richter. Musik von G. SiestenS. Auftreten erstklassiger Spezialitäten. BroSes Gartenkonzert. Ans 41/. Uhr V olg t-Theater Gesundbrnmien Badstr. 58. Dienstag, den 26. Juli: t/Ji Uhr ÜbiNCtrt.>/,8 Uhr Ar. romant. Lebensbild mit Gesang und Tanz in 3 Akten von H. Schulz. Das gläilzeiide Juli-Programm. Kafleneröstnung 2 Uhr. Ans. 4'/, Uhr. Kerliner Prater- Theater KastamenaMee 7—9. _ Täglich: SchiitzenUöU. Spezialitöten, Konzert ünd Ball. Ansang 4>i, Uhr. Entree 30 Ps. Urania, Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Die Insel Rügen. LOGISCHER GARTEN Täglich: Großes Militär- Doppel-Konzert Eintritt 1 Mark. von abends K Uhr ab SV Ps., Kinder unter zehn Jahren die Hälste. Psssniie-PanoptiKuoi. Die rnsammengcwachsenen Schwestern Blazek und ihr Kind. Von 1t— 1 Uhr mittags u. von 3— 10 Uhr abends zu sehen. Kein£xtra-Entree! Mar wenige Tage I Eintritt 50 Pf., Kinder und Soldaten 26 Pf. Passage-Theater. Abends 8 Uhr: Der größte"Ä*0'8 der apanlache Caruso Senor Ordana, der stimmgewaltigste Tenor, der je gehört wurde, u. das große Juli-Programm.£ wwwwwwwwwwwwwwwwwww Folies Caprice Anfang S1/« Uhr. Ende 10'/, Uhr. Die böse 13. Die keusche Toinette. Der Athlet. Pariser Ehen. �5. Saison-Schluß: 31. 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