Ur. 173. HbonnementS'Redlngungen: tlkonnemeiiis. Preis pränumerando i ZZierteljährl. 3,30®!f., monatt. 1,10 Mk„ wöchentlich 2s Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer K Pfg. Sonntags. nununer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung-. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 27. Jahrg. vlchiliit tZglich außer montags. Verlrnev Volksblatt. vle IitlerNonz-eedflhf kelrägt für die sechsgespaltene Kolonel» zeile oder deren Raum SO Psg., für politische und gewerlfchastliche Vereins« und Versammlungs-Anzeigen SO Psg. „Alelne Hnzcigen", das erste(fett. gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellcn-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg. jedes weitere Wort e Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Lnfeeate für die nächste Rumnier müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm< Adresse: „SozlaldemoKrat Rellin" Zentralorgan der fozi aldemokrati rcheti parte! Deutfcblands. Redahttom 8 Cd. 68, Lindcnstrasae 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. IV83. Mittwoch, den 2 Juli lillO. Expedition: 8CCI. 68, Lindcnstraose 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Negation der Sozialdemokratie. L Das Vorgehen der badischen Landtagsfraktion hat den Herausgeber der„Sozialistischen Monatshefte", Dr. Bloch, zu einem Pronuncianiento, einer programmatischen Knud- gebung, veranlaßt, die mit Konsequenz und logischer Schärfe, wenn auch nicht die letzten, so doch immerhin die vorletzten Ziele enthüllt, zu der die Taktik der badischen Fraktion führen soll. Die Artikelserie, die Genosse K 0 l b zur Rechtfertigung seiner und seiner Kollegen Haltung veröffentlicht hat, bewegt sich in ähnlichen Gedankengängen, nur daß sie in den Voraussetzungen stecken bleibt und davon absieht, die Folgerlingen zu ziehen, vor denen Dr. Bloch nicht zurückschreckt. Dr. Bloch mag vielen seiner engeren Gesinnungsgenossen als das entant terribls, das Schreckenskind des Revisionismus gelten, aber der Schrecken rührt daher, daß Kinder die Wahrheit sagen. Dr. Bloch beginnt mit einer Darlegung der jallgemeinen politischen Situation, die der Sozialdemokratie eine Politik der Transigenz, der Zugeständnisse, des Zusammen- arbeitens mit anderen Parteien zur Pflicht mache. Das Blockexperiment des Fürsten Bülow habe zum erstenmal in Deutschland einen bewußten Parlamentarismus angebahnt. Dieser erste Versuch habe in allen politischen Kreisen, selbst in denen, die es nicht wahr haben iwollcn, das Verlangen nach einer allmähligen Annäherung an die parlamentarische Re- gierungsmethode hinterlassen, wenn auch auf Grundlage ganz anderer Parteikonstellationen. Der ungeübte neue Leiter.der Regierung habe das anfangs nicht begriffen. Die Erfahrungen mit der preußischeen Wahlreform aber haben ihn eines Besseren belehrt. Dies beweise der Ministerwechsel. Die deutsche, rein journalistische, politisch unerfahrene Presse habe diesen meist nur in kleinlich-persönlicher Manier behandelt. Dr. Bloch aber sieht darin den Beweis, daß man in der Regierung das Ressortprinzip, bei dem jeder Minister seine eigene Politik treiben kann, aufgeben möchte und den Wert der Homogenität der Regierung einzusehen beginne. Der Einheitlichkeit der Regierung selber müsse dann die lieberein- stinimung zwischen Regierung und Parlamentsmehrheit folgen. Man sieht. Dr. Bloch ist ein strenger Kritiker. Für die deutsche Presse— und da ist gewiß vor allem die sozial- demokratische und demokratisch liberale gemeint— kann er nicht genug harte Worte finden Und mit Recht. War sie doch bisher der Meinung, daß einem parlamentarischen System nach westeuropäischem Muster in Deutschland sowohl bei der Regierung und ihren Stützen in der Bureaukratie, in den Hof- und Militärkreisen, als auch bei den reaktionären Parteien, den Konservativen, dem Zentrum und selbst einem Teil der Nationalliberalen die größten Hindernisse würden be- reitet werden. Doch Dr. Bloch weiß es besser. Er weiß, daß alle politischen Kreise, selbst die. die es., n i ch t w a h r h a b e n" wollen, eine Annäherung an die parlamentarische Regierungs- Methode verlangen. Gegen diese Erkenntnis des Unbe- wußten wird steilich die„deutsche Presse" nicht auskommen können. Und doch, welche Perspektiven eröffnet solche Politik, die sich nur auf das Unbewußte gründet I Da ist Herr Bethniann mit seinen neuen Mimstern und seiner„Homogenität". Die Presse sah in der Ernennung einiger frei konservativ gc- richteter Bnreaukraten, die Freunde des Kanzlers oder des Kaisers waren, in ihrer„kleinlich persönlichen Manier" sicher alles andere als einen Systemivechsel. Dr. Bloch weiß. daß die„Homogenität" nur dazu dienen soll, eine Uebercinstimmung zwischen Regierung und Parlamentsmehr- hcit(im preußischen Dreiklassenhaus oder im jetzigen oder erst im künstigen Reichstag?) vorzubereiten. Herr v. B e t h- mann wird das wahrscheinlich„nicht wahr haben" wollen, aber was kann das unseren Politiker des Unbewußten be- kümniern? Er überläßt der unerfahrenen deutschen Presse die Erinnerung, daß nieniand eifersüchtiger als Bismarck auf die Homogenität der Regierung geachtet und eigene Politik der Ressortminister verhindert hatte, ohne daß solcher Homogenität je die„Uebereinstimmung zwischen Re- giernng und Parlament" gefolgt wäre. Ihm genügt es. wenn er aus dein Studilim des Unbewußten die Ueberzengung gewonnen hat. daß jetzt der psychologische Moment für die Sozialdemokratie gekommen sei, ihre bisherige Politik völlig zu andern. Damit ist zugleich der psychologische Moment für unseren Kritiker gekommen, sich der Ninstäiide bewußt zu werden, die einer Politik des Zusammengehens der Arbeiterpartei mit den bürgerlichen Parteien entgeaensleheu und damit gewinnt auch seine Darlegung ernsteren Charakter. „, Was das Gerede von dem Großblock von Basiermann bis Bebel so unerträglich macht, ist der Umstand, daß kein einziger der Befurivorter irgendwie sich bemühte, die konkreten Vora.issetznngcn und Ziele zu bestimmen, denen dieses politische Gebilde' dienen sollte. Denn daß die blauschwarze Koalition ihre Maiontat im Reichstage verliere, ist ein Ziel, wozu es keiner besonderen weitgehenden politischen Abmachungen bedarf. Die Stinimung in den Volksmassen bürgt dafür, daß Zentrum und Konservative im künftigen Reichstage allein nicht mehr die Majorität haben werden. Wie stark sie geschwächt werden, hängt von der Haltung der liberalen Par- sind die Treiber in sind die Interessenten und sind zu allem heftigsten Gegner der teien in den Stichwahlen ab. Wird keine liberale Stimme für einen blauschwaizeu Reaktionär abgegeben, so wird die Stellung der Rechten außerordentlich erschüttert. Können sich die Liberalen dazu nicht entschließen, so kommen die Blau- schwarzen besser davon und die Liberalen erweisen sich wieder einmal als die Helfershelfer der Konservativen und Klerikalen. Die Sozialdemokratie wird ihrer- seits dafür Sorge zu tragen haben, alles zu tun, was den schlimmsten und gefährlichsten Gegnern der Arbeiter- klaffe Abbruch tut. Der neue Reichstag wird sehr wichtige Probleme zu entscheiden haben. Vor allem wird die Erneuerung der Handelsverträge alle Fragen unserer Zoll- und Wirtschaftspolitik aufiverfen. Der Ablauf des Flottengesetzes stellt das Parlament vor die Frage der Einschränkung der Rüstungen und einer Verein- barung mit England. Neue Militär- und neue Steuervorlagen werden die Klassengegensätze in aller Schärfe in den parlamentarischen Kämpfen wieder- spiegeln. Und gerade in diesen wichtigsten Fragen, die über die politische Zukunft Deutschlands von ausschlaggebender Be- deutung sind, sind Nationalliberale— um von den Fort- schrittlcrn zu schweigen— und Sozialdemokratie Tod feinde. Die Nationalliberalen der Welt- und Rüstungspolitik, der expansivsten Kolonialpolitik Ueberfluß fast durchwegs die_ Sozialpolitik. Dr. Bloch aber verlangt nicht etwa nur Stich lvahlhilfe für die Liberalen, sondern ein dauerndes Zu- sammenarbeiten nach den Wahlen im Parlanicnt. Erwartet er von den Nationalliberalen, daß sie plötzlich ihre ganze Stellung ändern und wirklich liberale Politik machen? Keineswegs. Ein solcher Illusionist ist Dr. Bloch nicht. Er verlangt Entgegenkommen, aber nicht von den National- liberalen, sondern von den Sozialdemokraten und— so unglaublich das klingt— von den F 0 rt s ch ri t t l e r n. Wir müssen ihn selbst sprechen lassen: „Um pie Gunst der Lage wirklich ausnutzen zu können, sind aber vor allem zwei Dinge nötig. Einmal: Man darf nicht wieder durch die Betonung einer verkehrten Wirtschafts- Politik die Irrealität der eigenen Ailffassung beweisen. Die neue Koalition, die sich bilden könnte, darf keine anti» agrarische Spitze haben, mus; vielmehr die produktiven Kräfte von Stadt und Land zu umfassen suchen. Der Fehler des Liberalismus alten Stils, die Förderung der landwirischaft- lichen Interessen als reaktionär zn bekämpfen— ei» Fehler, der die Bauern zum politischen Konservatismus gebracht, daher nur diesen gestärkt hat— muß endgültig gutgemacht werden. Die rein ideologisch-demokratische Formel kann nie die Tragfähigkeit hoben, die zu einer wirklichen Neugestaltung not- wendig ist; das formal Politische hat nur dann Wert, wenn eS der Aiisdruä der sozialen Realitäten ist, also aus der Abwägung der ökonomischen Interessen der einzelnen produktiven Schichten beruht. Die Macht des Zentrums liegt in dieser Einsicht. Eine Politik gegen die Landwirtschaft ist in Deutschland nicht nur ökonomisch verfehlt, sondern im eigentlichen Sinn aussichtslos; man muß eine industrialistische und agrarische Politik treiben." Bleiben wir zunächst bei diesem Punkte. Als Vertreterin der Arbeiterklasse muß die Sozialdemokratie in Deutschland wie überall in entlvickelten kapitalistischen Staaten die in- dustriellen und landwirtschaftlichen Zölle bekämpfen. Die Be- kämpfung der landwirtschaftlichen Zölle namentlich wird um so wichtiger, je mehr in der neuesten Entwickelungsphase des KaPi- talismus eine Tendenz der Teuerung aller landwirtschaftlichen Produkte sich durchsetzt. Dieses Klasscnintcresse der arbeitenden Massen bringt sie in Gegensatz zu den Nationalliberalen, die zu den Vätern des Hochschntzzolls gehören. Dr. Bloch will aber die„neue Koalition" nicht an solchen Kleinigkeiten scheitern lassen. Das proletarische Interesse an niedrigen Lebensmittelpreisen ninß deshalb rücksichts- und bedenkenlos geopfert werden. Die Sozialdeinokratie muß aufhören, die agrarische Schutzzollpolitik zu bekämpfen, das unnnttcl- barste und wichtigste Interesse der Arbeiter zu verfechten. Das ist die erste Voraussetzung der reformistischen Politik. Dabei kommt Dr. Bloch seine Politik des Un- bewußten zugute. Zunächst seine eigene Unbewußt- heit der ökonomischen Gesetze, die ihn in der Schutz- Zollpolitik ein industrialistisckcs und landwirtschaftliches Interesse erblicken läßt, während diese nur dem Profitinteresse der Großkapitalisten und der Grobgrundeigentümer dient. Dr. Bloch bleibt es aber auch unbeivußt. daß es in der kapita- listischcn Gesellschaft kein einheitliches, abstraktes Interesse der „Industrie" und der„Landwirtschaft" gibt, sondern daß die Klassen der Arbeiter und der Kapitalisten sowohl in Industrie als in der Landwirtschaft ganz entgegengesetzte Interessen haben. Nur aus dieser Unbewußtheit erklärt es sich, daß Dr. Bloch die Gegnerschaft gegen die Schutzzollpolitik nach dem Muster der agrarischen und kapitalistischen Klopffechter mit der Gegner- schaft gegen die„Landwirtschaft" und„Industrie" identifizieren kann, während umgekehrt gerade sozialdemokratische Wirtschafts- Politik auf die möglichst rasche und umgehemmte Entfaltung der technischen Bedingungen landlvirtschaftlicher und industrieller Entwickelung ausgeht. Aber darüber können ja die Genossen Bernstein und David Dr. Bloch ein Privatissimnm lesen. Sodann verläßt sich Dr. Bloch auf die Politik des Un- bewußten auch darin, daß er offenbar damit rechnet, daß den Arbeitern die Preisgabe ihrer Interessen gar nicht zum Bewußtsein kommen werde; denn eS wäre um erfindlich, wie ihrer Interessen bewußte Arbeiter einer Partei folgen könnten, die so offenkundig ihre Interessen denen ihrer Klassengegner aufopfert. Harden und Seroburg. Sie waren einst die besten Freunde, der geniale Bankdirektor Bernhard Dernburg und der gcistreichelnde Herausgeber der„Zu- kunst", Herr Maximilian Harden. Verwandte Seelen finden sich be« kanntlich zu Wasser und zu Land, und so hatten sich auch diese beiden hervorragenden Herrenmenschen gefunden. Verband sie doch nicht nur das Gefühl der Abstammung aus demselben auSerwählten Volk, sondern auch dieselbe Ueberzengung ihrer phänomenalen geistigen Ueberlegenhcit, dieselbe Begabung für die höhere Blague und dasselbe ausgesprochene schauspielerische Talent— wenn auch bisher nur einer von beiden, Herr Harden, versucht hatte, dieses Talent auf den Brettern zn veriverteu, die die Welt bedeuten. Herr Dernburg ging in Hördens Grunewald-Villa ein und aus, bewunderte in ihm den großen Politiker, den geistreichen Journalisten und nannte ibn re- spektvoll„ M e i st e r". Und entzückt über diesen Scharfblick seines Freundes, erkannte Harden in Dernburg den genialsten aller Bank- direktoren und Finanzmäuner. Doch bald litt die gegenseitige Bewunderung Schiffbruch. Jeder fand, daß die Pose des anderen doch allzu geschmacklos und arro- gant s» und nannte ihn im Stillen einen posierenden Blagucur. An die Stelle der Freundschaft trat bitterer Haß, be« sonders in Herrn Hardcns sensiblem Gemüt; denn bald mußte er sehen, wie sein vom Bankdirektor zum Kolonialstaats- sekrctär beförderter einstiger Freund von einer gewissen Clique von Börsen- und Finanzjournalisten als großer bürgerlicher Staatsmann gepriesen wurde und behende den Gipfel eines wohlfeilen Tages- ruhms erklomm, während seine erquälten Stilkünsteleien nur noch bei den im ersten Semester stehenden angehenden Philologen und ekstatischen Blanstrünipfen Anerkennung fanden. Und dieser Haß fand kaum Milderung, als auch der große Staatsmann Dernburg seinen Ministersessel verlassen mußte, ohne für sich und die Seinen den erblichen preußischen Adel erlangt zu haben, nach dem er so lange verlangend geangelt hatte. Begierig ergriff Herr Harden, als die Redaktion der.Kolonialen Rundschau" ihn zu einem Beitrag für ihre Dernburg-Nummer aufforderte, die Gelegenheit, sich grausam zu rächen. Er schrieb nämlich dem aus seinem Amte Geschiedenen folgenden schönen Nekrolog: „Herr Dernburg scheint mir ein Mann von beträchtlichen Fähigkeiten, deren einer Sache nützliche Auswirkung aber durch das Fehlen notwendiger Hemmungen und zuverlässiger Charakterfestigkeit gehindert wird. Als der in seiner Stellung unhaltbar gewordene, von den namhaftesten seiner Berussgenossen als Schädling betrachtete Direktor für Handel und Industrie zum Kolonialdirektor ernannt worden war, durfte man erwarten, daß er den veraltet bureaukratischcn durch einen modern kaufmännischen Geschäftsbetrieb ersetzen werde. Er hat nichts getan. Wer mit der Kolonialbehörde zu tun hat, klagt über das Unmaß bureankraiischer Umständlichkeit, daS dort zu bewältigen sei. Dieser Zustand war nicht durch die zum Teil sehr tüchtigen Dezerneuten. verschuldet, sondern durch den Chef.(Der auf jedem Posten noch gezeigt hat, daß er von Zeit zu Zeit zwar seine Arbeitskraft zn ungemeiner Leistung zu spornen, stiller und stetiger Alltagsarbeit aber sich nicht hinzugeben vermag.) Ferner durste man erwarten, daß der Kaufmann, der sich zu einer radikal-liberalen Partei gezählt hatte, die Gewöhnung an bürgerliche Schlichtheit im Amt bewahre» werde. Herr Dernburg ließ sich für seine Afrikareise eine Uni- form mit GoldflitterepauletteS machen u n d stolzierte unter einer(für diese Reise er- s 0 n n e n e n) S t a a t§ s e k r e t ä r f l a g g e durch Afrika. DaS sind Aeußerlichkeiten? Vielleicht auch nicht. Aber reden wir nur von Innerlichkeiten I Das Blenderbedürfnis des Herrn Dernburg hat eine Vertiefung der konfessionellen Gegensätze bewirkt, die dem Reich, so fürchte ich, noch schlimmen Schaden bringen, eS auch in seiner internationalen Handlungsfähigkeit schwächen wird. Während des Dcrnburgischen StaatssckretariateS sind in Deutich-Südwestafrika Diamanten gefunden worden. Ist das DernburgS Verdienst? Wären sie unter Stübel oder Hohenlohe nicht gefunden worden? Der Regicplan(über dessen Nützlichkeit die Meinungen ja noch weit auseinander gehen) und die AuS» führungsbestinimnngen stammen nicht a u S dem Hirn desHerrn Der n bürg, sondern von seinen Beratern auS dem Kreis der Großbanken. leomina. 5uut oäiosa. Während dieser Zeit ist auch etwas wie eine„Stimmung" für die Kolonien entstanden. Eine national nützliche, im ernsten Sinn patriotische Stinimung, die zu Opfern bereit macht? Nein. Eine nach spekulativen Gewinnen aus Kolonialpapieren lüsterne Stinimung. Deren Folge, nach allgemeiner Voraussicht, ein an die Zeiten LawS und des Südseeschwindels erinnernder, der koloniale:» Sache schädlicher Kolonialkrach sein wird. In der Mache einer solchen Stimnuutg sehe ich uieht ein Verdienst, sondern ein« Sünde.... Herr Dernburg hat da? Reich in dem Abkommen mit Belgien(ungünstige Grenzfeststellung, Verzicht auf die Insel Kwijwi) geschädigt. Er hat, in der Budgetkommission des Reichs« tnges, dem er eine Uebei fülle objektiv unrichtiger Angaben und Ziffern vorgetragen hatte, aus dem Mund eines konservativen Abgeordneten daS Wort hinnehmen müssen:„Wir können Ihnen nichts mehr glauben, Herr Staatssekretär I" Er hat einen den Reichsfinanzen höchst schädlichen Vertrag(der sich hoffentlich noch als anfechtbar erweisen wird) geschlossen, einen Vertrag, gegen dessen schlimme Nachwirkungen frühere Irrtümer der Kolonialdirekiion(Tippelskirch usw.) harmlos erscheinen; und hat sich nicht gescheut, diesen in seinen Folgen so weit reichenden Ver« trag, den, wie er genau wußte, die ReichStagSmehrheit nickt billigen würde, einen Tag bor der Ein reichung seines Ab- schiedSgesuches. ohne Verständigung mit Reichs- Schatzamt oder Bundesrat, zu unterzeichnen. DaS ist in der Geschichte deutscher Verwaltung wohl ohne Beispiel." Eine allerliebste Leistimg I Charakteristisch für Hardens gefühl- volle Häringsseele.__ Mahnung zur Disziplin. Das Züricher„Volksrecht", das offizielle Organ der schweizerischen Sozialdemokratie, widmet dem DiSziplinbruch der badischen Fraktionsmehrheit bemerkenswerte Ausführungen, denen Wir das Folgende entnehmen: „Die deutsche Sozialdemokratie war für die Arbeiterbewegung anderer Länder stets darin vorbildlich, daß sie die Einheit und Geschlossenheit der Aktion an, besten zu wahren wußte. Sicher gab es zu allen Zeiten auch unter den deutschen Genossen verschiedene Meinungen über die Taktik, die für den ge« gebenen Zeitpunkt die beste sei, man diskutierte über diese Meinungs- Verschiedenheiten mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit und suchte sich gegenseitig zu überzeugen. Dieser Kampf der freien Meinungen nahm manchmal so scharfe Formen an, daß die Gegner schon jubelnd verkündeten, nun komme es endlich zur Spaliung der verhaßten Sozialdemokratie. Doch jedesmal folgte die Ent- täuschung auf dem Fuße. Die Beschlüsse, die nach den erregten Debatten gefaßt wurden, hielten alle für maßgebend; auch jene, die ihnen m der Diskussion opponiert hatten. Dadurch war es möglich, in allen Aktionen die Schlagkraft der gesamten Partei wirksam werden zu lassen. Das Schauspiel, das wir in anderen Ländern, vor allem in Frankreich und bis auf die Spitze getrieben in Rußland so häufig erlebt haben, daß man nicht nur miteinander diskutierte, sondern auch gegeneinander Handelle, ist den deutschen Genosse», seit sie die heutige Form der Partei besitzen, erspart geblieben. Denn dies Gegeneinanderbandeln hebt die Wirksamkeit der Aktion der Arbeiterklasse überhaupt auf. Es kommt ganz auf dasselbe heraus, ob wir unsere Handlungen gegenseitig aufheben oder ob wir überhaupt nichts tun, unsere Hände untätig in den Schoß legen. Die gemeinsame Aktion ist daher die Voraussetzung, unter der allein die ganze Kraft des Proletariats wirksam werden kann. An dieser gemeinsanien Aktion werden wir uns auch beteiligen, wenn wir glauben, daß momentan die Mehrheit in der Partei einen falschen Beschluß gefaßt, sich im Irrtum befindet. Solche �rrtiiiner müssen an der harten Notwendigkeit der äußeren Tatsachen erkannt werden, und können dadurch, daß im Inner» der Partei Fraktionen gegeneinander wirken, nicht beseitigt werden. Im Gegenteil. Der Irrtum wird in solchem Falle noch viel zäher festgehalten, weil das Mißlingen der Aktion nicht dem eigenen Interesse, sondern den Quertreibereien der Parteigenossen zugeschrieben wird. Wenn wir den Klassenkampf führen wollen, dann dürfen wir nicht nach unserer eigenen momentanen indivi- d u e l l e n Ansicht handeln, sondern müssen uns als Glieder eines höheren Organismus, als Mitglieder der P a r t e i fühlen. Wir müssen den Mut und die Selbstüberwindung haben, auch einmal mit unseren Genossen einen Fehler zu machen, und dürfen ihnen niemals im Momente der Aktion entgegentreten. Wir können nur gemeinsam kämpfen und gemeinsam siegen." Nachdem das Blatt für eine Prüfung der Frage plädiert hat, inwieweit der Zentralismus in der Gesamtpartei gehen darf, um nicht die Landesautonomie aufzuheben, fährt es fort: „Der Wunsch nach Autonomie ist sicher berechtigt, wenn diese Autonomie nicht in den uns in der Schweiz nur allzu gut be- kannten Kantönligeist übergeht. Der Weg, den die badischen Genossen zur Erlangung der Autonomie eingeschlagen haben, ist aber ein direkt Partei» schädigender, weil ihr Vorgehen die offene Mißachtung der Gesamtpartei erkennen läßt. Am meisten wird man sich aber wundern müssen, daß die badischen Genossen keinen geeigneteren Zeitpunkt finden konnten, um die Frage der Autonomie der ein« zelnen Landesparteien aufzurollen, als den Moment, wo sich das gesamte Proletariat Deutschlands mit aller verfügbaren Energie zu einem neuen Sturmlauf gegen die Reaktion rüsten sollte. Die Wahlen, die die größten Siegeshoffnungen bieten, stehen vor der Tür und unsere Abgeordneten in Baden wissen nichts Besseres zu tun, als eine Frage aufzurollen die die gemeinsame Aktion m Gefahr bringt."_ politische(leberkicht. Berlin. den 26. Juli 1910. Tirpitz bleibt! Die Gerüchte, daß der Staatssekretär deS Reichsmarine- umtS, Admiral v. Tirpitz, seinen Abschied eingereicht habe, werden offiziös bestritten. Das Wolffsche Telegraphenbureau meldet: Verschiedene Blätter haben die Nachricht der„Politischen Rundschau" wiedergegeben, daß Seine Exzellenz der Staats- sekretär des Neichsmarinc-Amts Admiral von Tirpitz seinen Ab- schied eingereicht habe und daran ihrerseits eine Reihe von Kom- binationen über die möglichen Gründe de» Abschiedsgesuche» ge- knüpft. Die Nachricht der„Politischen Rundschau' ist frei erfunden. Demnach bleibt vorläufig Herr v. Tirpitz auf seinem Posten. Er scheint also im Kampfe um die Ministersessel zunächst gesiegt zu haben. Und mit dem Flottenminister bleibt jedenfalls auch der Tirpitzsche Flottenkurs, das heißt es stehen neue Flottenvermehrungen bevor. Eine Verständigung mit England findet nicht statt. Ausgeträumt. Die RiickwärtSkonzcntration schreitet in der national- liberalen Partei von Tag zu Tag fort, so daß der schöne Tag nicht mehr feon sein dürfte, wo Konservative, Zentrums- parteiler und Nationalltberale sich wieder in den Armen liegen und vor Freude und Wonne heulen. Selbst die Un» entlvegtesten der Jungliberalen verlieren ihren glühenden Freiheitsdurst und beginnen sich zurückzusehnen zu jenen große» historischen Zeiten, als noch Konservative und Natio- nalliberale im Verein mit dem Zentrum die großein Auf- gaben des Reiches lösten. Schon vor zwei Tagen meinten die in Köln erscheinenden„Jungliberalen Blätter", daß, wenn sich in der Politik des Reichskanzlers ein Umschwung vollzöge und Herr v. Bethmann Hollweg nicht nur reaktionäre Ziele verfolge, sondern seine Politik der Sammlung ge- tragen werde»von dein ehrlichen Willen, in der Gesetzgebung und der Verwaltung Preußen- Deutschlands den Weg zu finden, welcher den Ausgleich zwischen konservativer ujnd liberaler Staatsauffassung bringe," dann auch die Jungliberalen mitmachen würden. Und diesem jungliberalen Organ schließt sich der „H a n n o V. C ou r i e r" an. der auch bisher für den großen Reichsblock der Linken schwärmte. Auch dieses Blatt hat seinen liberalen Sommernachtstraum ausgeträumt und findet sich zu den alten bewährten Traditionen des Ratio- nalliberaltsrnus aus den neunziger Jahren des letzten Jahr- Hunderts zurück. Natürlich vollzieht es diese Nechtsschwen- kung, um sie zu motivieren mit einer Rückzugskanonade gegen die Sozialdemokratie. Wörtlich schreibt eti „Ueber dieses Zusammengehen zu einem bestimmten Zweck hat man in Baden noch einen Schritt weiter ins Grundsätzliche gemacht. Man glaubt aus den betätigten Erfahrungen heraus, die(badische) Sozialdemokratie dadurch, daß man rhr„die Mög lichkcit zu gedeihlicher Mitarbeit gibt",„zur Liebe zur Heimat zurückzuführen". Neu ist dieser Gedanke ja durchaus nicht. Er wurde vor zwanzig Jahren für die Reichspolitik von höchster Stelle aus propagiert. Die Durchführung scheiterte. Ob man jetzt für ganz Deutschland das badische System annehmen kann, das— sc heißt es in der parteiamtlichen Erklärung der badischen Nationalliberalen—„hängt nicht allein an der Haltung unserer Parteifreunde, sondern vielmehr an der Haltung der norddeutschen Sozialdemokratie". Mit dieser Feststellung ist aber die Beant-- Wartung der Frage gerade für Norddeutschland bereits gegeben. Nach dem Muster der Konservativen, die sich ja trotz des Syllabus und der staatsfeindlichen Grundsätze des Ultramontanismus mit dessen politischer Organisation verbünden, könnte man vielleicht auch die umstürzlerischen Prinzipien der Sozialdemokratie aus taktischen und praktischen Erwägungen zunächst einmal beiseite schieben, da sie ja mehr und mehr zu Paradestücken für festliche Gelegenheiten geworden sind und die erträumte Verwirklichung, nach dem Mißgeschick der Bcbelschen zukunftstaatlichen Wetter Prophezeiungen, in immer nebelhaftere Fernen rückt; aber was allein schon die Erwägungen und Hoffnungen, von denen man sich in Baden, und in Süddeutschland überhaupt, leiten läßt, für Norddeutschland ausschließt, das ist die pöbelhafte, persönlich und sachlich gehässige Art der Agi- tation, mit der die sozialdemokratische Dema- gogie im Interesse des Klassenkampfs alles und jedes in den Schmutz zieht und unser ge- sa m t e s politisches Leben schier unheilbar ver- giftet hat." Und es bleibt nicht bei der Theorie; auch praktisch be ginnen die Nationalliberalen zu bekunden, daß sie gewillt sind, zur alten„Besonnenheit" zurückzukehren. Noch vor kurzem lehnte die nationalliberale Partei ab, mit den Konservativen in Friedberg-Büdrngen für den früheren nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Dr. Becker- Sprendlingen, den jetzigen Direktor des Reichs verbandses gegen die Sozialdemokratie, zu stimmen; jetzt wollen die Natioiralliberalen diesen edlen Menschen in Erbach-Bensheim als ihren Kandidaten für die nächste Reichstagswahl aufstellen. Wie die„Franks. Ztg." erfährt, will nämlich in diesem Wahlkreise der jetzige nationallkberale Reichstagsabgeordnete Haas nicht� wieder kandidieren. An seiner Stelle soll Dr. Becker Sprendlingen aufgestellt werden. Dieser war nationallibe- raler Kandidat bei der Reichstagscrsatzwahl in Alzey-Bingen nnd hat hervorragenden Anteil an dem nationalliberal klerikalen Wahlschacher gehabt, durch den dieser Wahlkreis dem Zentrum in die Hynde gespielt wurde. Es gibt Leute, die behaupten, daß Dr. Becker dem Zentrum genau so nahe steht wie den Nationalliberalen. Abgeordneter Haas wurde 1907 in Erbach-Bensheim in der Stichwahl gegen den christ lichsozialen Buchhändler Rippel in Hagen mit 19 357 gegen 9538 Stimmen gewählt, nachdem im ersten Wahlgange 8649 Stimmen für Haas, 6755 für Rippel und 5692 für unsere Partei abgegeben waren._ Klerikale Wahlstrategie. Die Zentrumsstrategen treiben ein höchst kuriose» Vexierspiel. Es paßt ihnen nicht in ihre Wahlstratcgie, daß die Regierung nicht, wie sie ihr dringend empfohlen haben, mit ihren neuen Militär forderungen bis nach der nächsten Reichstagswahl warten, sondern bereits im Herbst dem Reichstag eine Militärvorlage unterbreiten will. Da aber die Regierung nun einmal keine Vernunft annehmen will, so versucht der Abgeordnete Erzbcrger wenigsten» in der ehr samen«Germania" nachzuweisen daß diese kommende Militär. Vorlage nicht die geringsten Ansprüche an den Geldbeutel der Staatsbürger stellen wird, da demnächst Deutschland fast im Golde schwimmen werde. Die Schatzanweisnngen, so führt er aus, seien zurückgegangen, der Vorschuß der Reichspost für die Berufsgenossen schaft falle weg, die Einführung der Postschecks bringe neue Be- triebsmittel, die vermehrte Silberprägung werde auch eine» jähr- lichen Reingewinn von 20 Millionen Mvrk abwerfen und die AüS- gaben für den Flottenbau sänken: folglich sei anzunehmen, daß in einigen Jahren die deutsche Finanzlage«ine geradezu glänzende sein werde: „Ohne Optimist zu sein, darf man konstatieren, daß das Reich sich somit auf dem besten Wege der Gesundung seiner Finanzen befindet, und daß man die Uebcrzeugung aussprechen darf, laß es noch dem derzeitigen Schatzsekrctär bei konsequenter Fortsetzung seiner Politik möglich sein wird, wieder einmal einen Etat ohne Anleihen vorlegen zu können. Gewiß werden neue Aufgaben und neue Ausgaben kommen, weil Stagnation der Feind des fortschreitenden Leben» ist und die Nation schädigen würde; aber sie können im Rahmen der heutigen Finanzen befriedigt werden. Wenn diese Zeit an unsere Türen pocht, dann werden auch die grimmigsten Gegner der Reichsfinanzreform, die vor Jahresfrist geschaffen worden ist, die Anerkennung nicht mehr versagen können. Die Geschichte des deutschen Volke» wird dann diesen modernen Geßlerhut aufstellen. den jeder grüßen wird." Herr Erzbcrger scheint die Intelligenz der„Germania".Leser sehr tief einzuschätzen; aber vielleicht kennt er ihre stark« Glaubens- fähigkeit besser, al« wir._ Zur Wahlrechtsfrage. Die„Post" meldet: Gegenüber verschiedenen widersprechenden Meldungen sind wir in der Lage festzilsteven, daß tatsächlich an einer neuen Wahlrechtsvorlage im Ministerium des Innern ge- arbeitet wird. Es sind bereits bestimmte Entwürfe aus- gearbeitet, die zurzeit der Beratung der maßgebenden Stellen unterliegen. Wann der Entwurf an den Landtag gebracht werden soll, darüber ist noch keine Entscheidung gefallen. Darüber, wie die neue Vorlage beschaffen sein wird, weiß die „Post" nichts zu melden._ Einen gelinden Tobsnchtsanfall hat dem„Verl. Tagebl." unsere harmlose Notiz über die konservativ- antiscinitlschen Liebesdienste des Freisinn? bei den letzten Reichstags« wählen verursacht. Oder war e« unsere Snnagelung der klassi» schen Korrespondenz au» Gera, was da? sonst ver- nünftigeren Stimmungen zugängliche Blatt so au» dem Häuschen gebracht hat? Wenn das„Berliner Tageblatt" eine Gegenrechmmg präsentiert, die beweist, daß in V Wahlkreisen Reaktionäre siegten, well die Sozialdemokratie nicht geschloffen für den Freisinnigen stimmte, so vergißt e» dabei nur, daß die Dahlen im Jahre 1907 im Zeichen des Hottentottenblocks erfolgten, zu einer Zeit, wo der Freisinn Regierungspartei geworden war und selbst in der rücksichtslosesten Weise, al» Stipendiat de» Reich»verbande«, mit denJunkern gegen die Sozialdemokratie kämpfte. Daß dem Freisinn zu einem kleinen Teile von der Sozialdemokratie vergolten wurde, was er selbst unter Preisgabe aller politischen Scham an der Sozial- demokratie verübte, mag politisch nicht einwandfrei sein, ist aber psychologisch nur zu begreiflich. Im übrigen hätte aber das„Berliner Tagebl." doch an- ständiger gehandelt, wenn es für die fünf Wahlkreise auch die ge» nauen Stichwahlzifsern wiedergegeben hätte l Wäre doch daraus hervorgegangen, daß selbst in diesen aufgeführten Wahl- kreisen die ausschlaggebende Sozialdemokratie zum über« wiegenden Teile f ü r den Freisinnigen stimmte l Erhielten doch Stimnien bei der Stichwahl: der reaktionäre der Freffmn Gegner in Straßburg-Land.-s- 2233-s- 12S8 „ Kalmar....+ 2259+ 1744 „ Ansbach- Schwabach»i- 2593-- 2315 r Sagan-Sprottau.-s- 2261-s- 2138 „ Jerichow....+ 3087+ 903 Insgesamt 12 343+ 8385 In Lltenburg dagegen war z. B. das Bild das folgende i Sozialdemokraten Reichspartei Fortschritt 19 092 15 702 7223 19 687_ 22 563_ -j- 545 4-6 861 Der Freisinn stimmte also nicht nur überwiegend, sondern geschlossen für den Reaktionär l— Wenn sich das„B. T." im übrigen über unsere„verbohrte Taktik" und„sinnlose Hetzerei" aufregt— womit eS offenbar seinem Unwillen über unsere Verurteilung der badischen Extratouren Ausdruck geben will— so vermögen wir diesen Aerger schon eher zu verstehen. Nur will eS uns scheinen, daß das„B. T." gerade von seinem Standpunkt au» klüger handelte, wenn es sich nicht so täppisch in die inneren Angelegenheiten der sozialdemokratischen Partei mischen wollte. Auf- dringliche gegnerische Sympathie hat innerhalb des klassenbewußten Proletariats nie als Empfehlung gegolten! Kircheubau-Bettelei als Geschäftsbetrieb. Dem Zuge der Zeit folgend, wird jetzt auch der Kirchenbettel in Deutschland zentralisiert und in einen Großbetrieb verwandelt. Die unternehmende Firma hat ihren Sitz in Würzburg und arbeitet, wie die„Frankfurter Zeitung" erfahren hat, nach folgender Schablone: „DaS Pfarramt, das die Mittel zum Bau einer Kirche von edlen Wohltätern zu erhalten wünscht, erteilt der Spezial- finna ans diesem Gebiete den Auftrag, die Bittgesuche in einer möglichst hohen Anzabl mit den nöiigcn Einlagen zu versenden. Das GeschäflShauS liesert zu diesem Zwecke Ansichtskarten mit Engel- und Heiligenbildern. In der Regel werden davon je acht Stück an eine Adresse geschickt mit der Bitte, die Sendung anzunehmen und dafür eine Marl(höhere Spenden natürlich willkommen) an das betreffende Pfarramt einzusenden. Die Beschaffung der Adressen und der Versand geht durch das für diesen Zweck gut eingerichtete Geschäftsnnternehmc», das Ende deS Jahres 1909 für vier Pfarrämter nachweislich zirka 12 Millionen Stück Ansichtskarten in l'/j Millionen Sendungen in Deutschland, Oesterreich und in der Schweiz vertrieben hat." . In einem besonderen Falle flössen der Bettelgesellschast vom Reingewinn 40 Praz., der Kirchengemeinde 60 Proz. zu. Bekanntlich ist das Kapital nicht konfessionell. Sein Bekenntnis besteht in der Anbetung des Profit». Weshalb sollte also diese Gesellschaft nur für eine bestimmte' Konfesstön tätig sein? ES ist eine besondere Abteilung eingerichtet worden, die den Bettel für— Synagogen betreibt. Um diese neue Sparte des Geschäftes in Flor zu bringen, werden Inserate folgenden Inhalt» veröffentlicht: „Kultu e g em ei n d en bezw. S yn o g og engemeinden. welche zum Bau von Synagogen, Kranlenhäusern und dergleichen zinsfreie Geldmittel denötigen, erhalten einen günstigen Vorschlag unterbreitet, wenn dieselben ihre Verhältnisse unter Chiffre „Knltnssache" brieflich darlegen. Bedürftige Reflektanten erhalten den Borzug." Worauf es abgesehen ist, geht auS den Offertvriefen hervor. In einem Falle wurden einer Gemeinde 10 000 M. als ewige» Darlehen zins- und provisionsfrei angeboten. Die Gemeinde sollte dafür nichts weiter leisten, als der Gesellschaft die Ermächtigung erteilen, daß sie im Namen der Gemeinde Bittgesuche in jeder Zahl versenden dürfe. Die Gemeinde errichtet bei Erteilung deS Auftrages ein Posticheckkonto und erteilt dem Vertreter der Gesellschaft Postvollmacht. Die eingehenden Beträge stehen zur freien Verfügung der Gesell» schaft, die der Gemeinde nur den vereinbarten Betrag abzuliefern hat, vorausgesetzt, daß die eingehenden Spenden die Höhe dieses Betrages erreichen. vielleicht wird der Betrieb auch noch auf Sammlungen für evangelische Kirchen, Moscheen und Heidentempel ausgedehnt. Au der Prosperität deS Geschäfts ist nicht zu zweifeln. Die Konkurrenzklausel soll nach den Vorschlägen, die der preußische HandelSminister den Handelskammern zur Begutachtung vorgelegt hat, einer Neu» regelung unterzogen werden. Da die Vorschläge des Handels» Ministers von einem durchaus reaktionären Geiste durchweht sind, können die technischen Angestellten sich auf keinen Fall mit ihnen zufrieden geben. Sie halten nach wie vor an der Forderung fest, daß die Konknrrenzklausel nicht nur im Interesse der Angestellten, sondern auch im Interesse der nationalen Volkswirtschaft vollständig beseitigt lverden muß. Die zur Begutachtung aufgeforderten Handelskammern können ihrem Wahlverfahrcn und ihrer ganzen Znsammensetzung nach in der Frage der Konkurrenzklausel nur den Standpunkt de» Unternehmers zur Geltung bringen. Der Bund der technisch- industriellen Beamten hat daher an den preußischen Handelsminister die Bitte gerichtet, ihm al» dem legitimen Vertreter der technische» Angestellten offiziell die Grundsätze zur Begntachtung zugehen zu lassen._ Der Pfarrer gegen den Landrat. Wie selbstherrlich katholische Pfarrherren zuweilen in kleinen Gemeinden sich in die bürgerliche Verwaltung einmischen, davon sind so viele Beispiele bekannt, daß eS sich kaum noch verlohnt, davon Notiz zu nehmen. Daß aber ein Pfarrer sich al» dem Land« rat übergeordnete Instanz aufspielt, dürfte doch tatsächlich nicht alle Tage vorkommen Ein solcher Fall ereignete sich vor kurzem im Landkreis Solingen. In der Neinen Landgemeinde Schlebusch besteht. nämlich seit etwa einem Jahr ein patriotischer Sport« und Spiel« verein, der kürzlich sein erstes Stiftungsfest feiern wollte. ES waren dazu recht kostspielige Vorbereitungen getroffen und auch. wie das in Preußen nun einmal nötig ist, die Genehmigung von Bürgermeister und Landrat eingeholt. DaS Fest hätte also tn aller Harmlosigkeit gefeiert werden können, wenn der Herr Pfarrer eben nicht anders beschlossen gehabt hätte, An dem Festsonntagc sollte in dem Orte nämlich eine sogenannte Mission stattfinden, und um die Wirkung derselben durch„fremde Ele» mente" nicht abschwächen zu lassen, verbotderPfarrerdi« Festvsranjtglttzvg. Agmit tvgx die Sache crleoigt. We BereinSmitglieder waglen nicht zu Prolestieren, urtd man hat auch bisher noch nichts davon gehört, daß der Landrat irgend etwas gegen den selbstherrlichen Pfarrer unternommen hätte. Der neueste Schwindel. Die bürgerliche Presse verbreitet eine Meldung, wonach aus dem Fest der freien Gewerkschaften in Essen, das am Sonntag statt- fand, eine grotze Schlägerei entstand, in deren Verlauf die Polizei von Festteilnehmern angegriffen und beschimpft worden sei. Beiden: Zusammenstoß mit der Polizei seien etwa 100 Revolverschüsse abgegeben worden. Die Polizei habe ebenfalls von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Dazu ist zu bemerken: Es kam bei dem Fest gegen abend zu Auseinandersetzungen mit lichtscheuen Elementen, die sich auf dem Jestplatz eingeschlichen hatten. Ein Organi- s i« r t e r wurde von einem Unorganisierten g e st o ch e n. Nach Schluß des Festes kam cS zu einem Wortwechsel mit Polizisten. Tat- fache ist allerdings, daß geschossen worden ist. Die Schüsse fielen aber a u S den Häusern, die in der Nähe des Festplatzes liegen, und eS wird vermutet, daß eS sich dabei um eine Provokation seitens fremder Elemente handelt. Auffällig ist jedenfalls, daß trotz der Schießerei nicht eine einzige Person verletzt worden ist. Die freien Gelvcrkschasten stehen dem ganzen Vorfall völlig fern. Der Schnapsboykott. Ueber die Wirkungen des Schnapsboykotts in Lübeck macht der Jahresbericht der Gewerbekammer solgende bemerkenswerte Angaben: Kornbrennerei. Der Geschäftsgang, der unter dem Eindruck der Reform der Brannttveinbesteuerung stand, war zwar bis zum Spätsommer'noch befriedigend: nach dem Jnkraft- treten des Branntweinsteuergesetzes(1. Oktober 1909) und in- folge des von den Arbeitern verhängten Brannt- Weinboykotts ging jedoch der Absatz sehr zurü d." So erfreulich diese Wirkung des Leipziger Beschlusses auch ist, so muß doch gesagt werden, daß es noch viel auf diesem Gebietzu tun gibt. Die Arbeiter müßten eS allgemein als ihre Pflicht ansehen, strikte den Beschluß zu befolgen. Ter Zwickau er Bericht des sozialdemokratischen Vereins führt aus: „Der vom Leipziger Parteitage als'Protest gegen die Volks- feindliche Wirtschaftspolitik beschlossene Schnapsbohkott äußert zweifellos auch im Agitationsbezirk Zwickau seine in mehr- facher Beziehung wohltätigen Wirkungen. Es wäre nur dringend zu wünschen, daß die organisierte Arbeiterschaft in allen Orten des Bezirks diesem Beschlüsse größere Aufmerksam- keit schenken und den Schnapsbohkott mit aller Energie durchführen würde. Sie erweist sich damit zweifellos den größten Dienst.'' Diesem Wunsche schließen wir uns an. Berichtigung. ES ist unwahr, daß der Arbeitsnachweis fiir den rheinisch-westfälischen Steinkohlenbergbau sogenannte„schwarze Listen" führt. Es ist ferner unwahr, daß Arbeiter dauernd aus» gesperrt werden. Wahr ist, daß gemäß den Bestimmungen über den ArbeitsnachivciS kontraktbrüchige Arbeiter und solche Arbeiter. welche innerhalb zwei Werktagen nach Ablauf des für den Arbeits- antritt festgesetzten Termins ohne hinreichende Entschuldigung auf der Zeche nicht eintreten, in den nächstfolgenden zwei Wpchen vom Arbeitsnachweis keine Arbeit nachgewiesen erhalten. Die Hauptstelle des Arbeitsnachweises fiir den rheinisch-westf. � Steinkohlenbergbau: Kratz. Unser Gewährsmann hält die in dem Artikel„Zur Lage im Ruhrbergbau" gemachten Angaben aufrecht und wird sich zu dieser .Berichtigung" noch äußert� franhreich. • Die Generalratswahlen. Paris, 25. Juli.(Eig. Ber.) Bei der gestrigen Er- Neuerung der Hälfte der Tepartementsversammlungen hat die geeinigte Partei recht gut abgeschnitten. Die bisherigen Angaben toeisen ihr 146 Mandate zu, wovon 18 i»u gelvonnen sind. Nur zwei Hat sie verloren. Unter den Gewählten be- finden sich die Deputierten Ghuesgutöre, Ninguier, Briquet, De la Porte. Roblin und C o m p ö r e» Morel. Daß die Resultate nicht! das Maß der bei dm Kammerwahlen errungenen Erfolge erreichen, liegt nicht nur daran, daß die besonderen Zufälle fehlten, die dort zusam- incngcwirkt haben, uin die Nachteile des Bezirksskrutiniums wdtzumachen, sondern vor allem an dem Umstand, daß in den Kantonen mehr lokale als politische und soziale Interessen zur Geltung kommen und die Bewohner geneigt sind, bei der Regierung gut angeschriebene Sachwalter der Bezirks» interessen ohne Rücksicht auf ihre politische Stellung zu wählen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen auch die recht empfindlichen Verluste der Monarchisten und Progrcssisten betrachtet werden, wobei allerdings die Tendenz der Regie- rungsstatistik nicht zu übersehen ist. alle irgendwie zweifel- haften Gewählten zu den„Republikanern" zu rechnen. Die Affäre Rochette. Paris, 26. Juli. In der heutigen Vormittagssitzung der par- lamentarischen Untersuchungskommission über die Rochette- affäre wurde zunächst der Polizeipräsekt LS J) ine vernommen. Er verlas«in längeres Memorandum über die EntWickelung der Rochckteaffäre. Lepine schloß mit der Erklärung, daß er die volle Verantwortung übernehme für seine und Durands Tätigkeit. An die Verlesung dieses Memorandums schloß sich eine längere Be- fragung LöpineS durch den Vorsitzenden der Kommission I a u r ö L. Als Lupine die Beantwortung der Frage, ob die Berufung Durands durch Lepine auf dessen eigene Initiative oder auf die des damaligen Ministerpräsidenten Clemeneeau erfolgt sei, ablehnte, beschloß die Kommission, die Weitervernehmung LöpineS bis nach der Rückkehr und Vernehmung ClemenceauS zu vertagen. In der Nachmittagssitzung erfolgte die Vernehmung des Unter- suchungSrichterS Berr sowie des GeneralstaatSanwaltS Fabre. Italien. Die Lage in der Romagna. Rom, 23. Juli.(Eig. Ber.) In der Romagna scheint man nach- gerade über die Periode der äußersten Erbiiterung hinaus. Der am 22. proklamierte Generalstreik in Jmola, von dem wir telegrnphisch berichtet haben und der einen Protest gegen die parteiische Haltung der bewaffneten Macht darstellen sollte, ist auf Beschluß der Arbeiterkammer eingestellt worden. Such sind die Barrikaden, die auf den Straßen errichtet worden waren, um die Einführung einer den Unternehmern gehörigen Dreschmaschine zu verhindern, ebenfalls auf Beschluß dieser Zcntraloraanisation weggeräumt worden. Die be- rüchtigte Maschine drischt jetzt in Jmola, von de» Arbeitern der gelben Organisationen bedient. Jedoch sind Unterhandlungen an- gebahnt. Auch in R a v e n n a scheint eine Beilegung zustande zu kommen, indem man sich dahin einigt, daß die eine Hälste des Korns von den roten und die andere von den Streikbrechermaschinen ge- droschen werden soll. OHui. Der Geheimbuvd. stonpantinopel, 2S. Juli. Di« Nachricht, daß der frühere Groß- wefir Ferid Pascha wegen Teilnahme an der Verschwörung des GeheimkonnteeS verhaftet worden sei, ist u n r i ch t i g. ES der- lautet nur, daß die Regierung ihn ersucht habe, auf die geplante Reise durch Europa zu verzichten. Zeitungsmeldungen zufolge wurden bisher 14 türkische Frauen wegen Beteiligung an dem Geheimkomitee verhaftet; auch in Damaskus wurden vier Ver- Haftungen vorgenommen._ Soziales. Haftbarkeit des Arbeitgebers für llebertretung von Arbeiterschutz- bestimmungcn. Frau Jacobi, die in Berlin wohnt, ist Inhaberin einer Dampf- ziegclei in Zehdenick, also einer Fabrik, auf die die Arbeiterschutz- bestimmungen zutreffen, die durch die Gewerbeordnung für Fabriken erlassen sind. In der Ziegelei waren Arbeiterinneu länger be- schäftigt worden, als es der§ 137 der Gewerbeordnung zuläßt. Äußer dem Ziegelmeister wurde Frau Jacobi dafür strafrechtlich haftbar gemacht, obwohl sie in Berlin wohnt. Die Strafkammer in Prenzlau verurteilte sie zu einer Geldstrafe von 190 Mark, indem sie Z 151 der Gewerbeordnung zur Anwendung brachte, welcher be- stimmt:„Sind bei der Ausübung des Gewerbes polizeiliche Vor- schristen von Personen übertreten lvorden, welche der Gewerbetreibende zur Leitung des Betriebes oder eines Teiles desselben oder zur Beaufsichtigung bestellt hat, so trifft die Strafe diese letzteren. Der Gewerbetreibende ist neben denselben strafbar, wenn die Uebertretung mit seinem Vorwissen begangen ist oder wenn er bei der nach dcnVerhältnissen möglichen eigenen Beaufsichtigung des Betriebes, oder bei der Auswahl oder Beaufsichtigung der Betriebs- leiter oder Aufsichtspersonen es an der erforderlichen Sorgfalt hat fehlen lassen."— Die Strafkammer führte in ihrem Urteil auS: Wegen der häufigen Uebertretung der Bestimmungen des 8 137 der Gewerbeordnung durch Längerbeschäftigung der Arbeiterinnen in den Dampfziegeleien bei Zehdenick, die sich als Fabriken darstellen, habe der Gewerbeinspektor jedes Jahr beim Beginn der Arbeitskampagne «ine den Betrieben zugesandte schriftliche Warnung erlassen, worin er auf die Schutzbestimmungen aufmerksam machte und vor ihrer Uebertretung warnte. Die Warnung sei der Frau Jacobi mit den Lohnzctteln nach Berlin zugeschickt worden. Sie habe also davon Kenntnis erhalten. Trotzdem habe sie, die jährlich vier- bis fünfmal in ihrer Ziegelei erschien, es nicht für nötig befunden, sich nach der Jnnehaltung der Schutzbestimmungen zu erkundigen und auf die Jnnehaltung zu dringen. Hätte sie das sowieso schon tun müssen bei ihrem Erscheinen, so wäre sie um so mehr dazu ver- pflichtet gewesen, als sie das Erinnerungsschreiben des Gewerbe- inspektors erhielt. Sie sei zu verurteilen, weil sie es an der er- forderlichen Sorgfalt bei der Beaufsichtigung ihres Betriebsleiters (des Ziegelmeisters) habe fehlen lassen.(§ 151 G.O.) Die gegen dieses Urteil von Frau I. eingelegte Revision wurde dieser Tage mit Recht vom Kammergericht mit folgender Be- gründung verworfen: Durch den 8 tbl der Gewerbeordnung sei es dem Betricbsunternehmer nicht nur zur Pflicht gemacht, vei der Auswahl der Betriebsleiter sorgfältig vorzugehen, sondern auch bei der nach den Verhältnissen möglichen Beaufsichtigung des Betriebs, ober bei der Auswahl oder der Beaufsichtigung der Betriebsleiter oder Aufsichtspersonen sorgfältig zu verfahren. Darin liege auch die Verpflichtung, innerhalb der möglichen Grenzen den ganzen Betrieb zu überwachen. Diese Verpflichtung habe zur Folge, daß, wenn der Betriebsleiter sich Uebertretungen zuschulden kommen lasse, neben ihm auch der Gewerbetreibende strafbar sei. Wenn der Vorderrichter bei dem hier festgestellten Tatbestand zu dem Schluß komme, daß eS Frau I. an der erforderlichen Sorgfalt bei der Be» aufsichtigung habe fehlen lassen, dann sei darin kein Rechtsirrtum zu finden._ Zur Lage ber Kellner. Unter welchen erbärmlichen Verhältnissen die Angestellten im Gastwirtsgewerbe arbeiten, ist schon zu verschiedenen Malen an Bei. spielen gezeigt worden. Nachstehendes Engagementsschreiben ergänze die Nachwesie: Bad Kissingen, 29. 12. 1909. Herrn HanS..... O b e r h o f. Im Besitze Ihrer Zuschrift vom 25. d. Mts. bin ich gesonnen, Sie zu engagieren und bitte Sie alsbald um Nachricht wenn Sie mit meinen Bedingungen einverstanden sind. Logis auf eigene Kosten außer dem Hause, Salär wird nicht gegeben, beim Gläser. polieren muß jeder Kellner mithelfen wegen Platzmangel, in der Woche muß einmal jeder Kellner die Gäste empfangen und plazieren im schwarzen Anzug Gehrock den Wünschen her Gäste Ivillkommen eventuell zugreifen wo es fehlt ohne a»f seinem Servies zu servieren. Anzug: Frak, tveiße Binde, weiße Weste: stets prober. Caution im ersten 14 Tage seines Hierseins 20 Mark. Kost wird gerne verabreicht jedoch hat kein Kellner das Recht sich darüber zu beschweren oder zu verlangen. Bitte um Zusendung Ihrer Original Zeugnisse b. Anahme. Eintritt am 1. Mai. Hochachtungsvollst. Georg Messerschmitt. Also Salär gibt es nicht, Logis muß auch selbst bezahlt werden und dann muß jeder Kellner einmal in der Woche Geschäftsführer spielen. Das bedeutet für denselben, daß er an dem Tage auf Ver- dienst nicht rechnen darf. Da die Kellner dort nur auf Trinkgelder angewiesen sind, so fällt an dem Tage die Einnahme aus. Was aber allem die Krone aufsetzt, ist, daß wohl Kost für die Kellner gern« verabreicht wird, aber Anspruch darauf haben dieselben nicht. Also wie ein Bettler haben sie um das bißchen Essen, welches wo- möglich in der bekannten Güte hergestellt wird— eS heißt ja schon in dem Schreiben,„kein Kellner hat das Recht, sich darüber zu be- schweren"— zu bitten. Ist dann der Herr Prinzipal oder die §nädige Frau in guter Laune, so gibt es etwas, entgegengesetzten wllcs setzt eS vielleicht noch Grobheiten. Solange der größte Teil der gastwirtschaftlichen Angestellten nicht den Mut hat, sich der gewerkschaftlichen Organisation an- zuschließen, müssen sie sich auch derartige Zustand« gefallen lassen, die jeder andere Arbeiter mit Entrüstung zurückweisen würde. Kellner, die es mit ihrer und ihrer Familie Besserstellung ernst meinen, sollten nicht säumen, sich dem„Verband deutscher Gastwirts- gehilfen"(Berlin, Große Hamburgerstraße IS/19), anzuschließen. Ausdehnung der BcrsicherungSpflicht. In den Unternehmerberichten der BerufSgenossenschaften finden wir hier und da auch schüchterne Hinweise auf die Notwendigkeit der Ausdehnung der VerstchervngSpflicht. So spricht sich der Be- richt der Lagerei-Berufsgeuossenschaft darüber wie folgt näher auS: Die neue Reichöversicherungsordnung beabsichtige die Versiche, rungSpfljcht auch auf gewisse neue Gruppen von Handelsgeschäften auszudehnen. Heute sei die Versicherungspflicht von der Formvor. schrift der Eintragung in das Handelsregister abhängig. Diese Regelung habe aber in der Praxis zu vielen Unzuträglichkeiten geführt.«Zahlreiche Betriebe, namentlich Kohlen-, Holz-, Eis- und Bierhandlungen usw., die im Verhältnis zum Gesamtumsatz einen recht bedeutenden LagerungS- und Bcförderungsbetricb umfassen und eine hohe Unfallgefahr bietep, fielen aus der Versicherung heraus." Den gröbsten Mißständen will also die Reichsvcrsiche- rungSordnung zu steuern suchen—„dagegen soll nach der Bundes- ratsvorlage auch in Zukunft die Kontor- und Kassetättgkeit unver» sichert bleiben, ebenso soll die Reisetätigkeit von der Versicherung nicht umfaßt werden. Da indessen in den meisten Handelsgeschäften ein« vollkommene Trennung ztvischen den mit Kontorarbeite» einerseits und mit LagerungSarbeiten andererseits beschäftigtem Personal nicht durchgeführt und auch nicht durchführbar ist, so ge- nügt die vorgesehene Erweiterung der Vcrsichcrungspflicht zur völligen Beseitigung der bestehenden unbefriedigenden Verhältnisse nicht." Es müsse vielmehr gefordert werden, meint die Genossen- schaft, daß daS ganze Betriebspersonal versichert würde. Damit wäre nicht allein den Arbeitnehmorn, sondern auch den Unter- nehmern gedient, die heute auch ntzch neben der öffentlichen Ber, sichevung eine private Haftpflichtversicherung nehivest müssen, ffles- sonders„zahlreich sind die Einsprüche von Apothckenbesitzern" gegen ihre Heranziehung zur Versicherung gewesen, meldet uns der Bericht. Die Herren„99er" wollen die Arbeiterversicherung, jedoch nicht als Unternehmer, damit sie nur gute und sichere Einnahmen, zedoch' keine Ausgaben haben... Die Berüfsgdnossenschaft hat aber den ganz richtigen Standpunkt vertreten, daß„diese Betriebe, ebenso wie andere Betriebe, als Handelsbetriebe behandelt werden müssen", daß also ihre Versicherungspflicht bestehe. DaS Reichs- versicherungsamt habe zugunsten der Berufsgenossenschaft ent- schieden und sei der Erfolg dieser Arbeit gewesen,„daß wir bereits etwa 1500 Apotheken dem Kataster zuführen konnten. Die Zahl der versicherungspflichtigen Apotheken könnte jedoch noch erheblich vermehrt werden, wenn auch die Apothekenbesitzer Beschwerden erheben und„nicht selten unseren Maßnahmen energischen Wider- stand leisteten" Ebenso wichtig sei auch die Frage der VersicherungSpflicht von sogenannten Verkaufsstellen bezw. Filialbetrieben. Seither seien diese Verkaufsstellen nur versicherungsrechtlich als Betriebe an- gesehen worden,„welche am Orte ihrer Niederlassung in das zu- ständige Handelsregister eingetragen waren". Das Reichsversichc- rungsamt habe jedoch entschieden, daß es schon genüge, wenn die Stammfirma in das Handelsregister eingetragen sei. Bei der großen Ausdehnung dieser Filialgeschäfte ist diese Frage von großer Wichtigkeit. Schwierige» sei nur die Frage der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgenossenschaft geworden, wenn nicht zwischen beiden Betrieben— Stainmbetrieb und Filiale— ein betriebstechnischer Zusammenhang stattfindet, wie nahe Entfer- nung, gemeinschaftliche Beschäftigung des Personals usw. Nach- dem das ReichSversicherungSamt weiter entschieden habe, daß„:n der Unterbringung, Wartung und Pflege lebender Tiere eine Lagerung im Sinne des§ 1. Abs. 1. Ziffer?. der Gewerbeordnung erblickt werde könne, haben wir uns die Heranziehung der Vieh- Handlungen, ViehkommissionSgeschäfte usw. angelegen sein lassen". Bemerkenswert sei es ober, daß nur„ein verhältnismäßig geringer Teil der Virhhandlungen im Handelsregister eingetragen steht. Ja, die Schlauberger von Händlern machten weiter geltend, daß „die technischen Slrbeiten sogenannten Obertreibern übertragen werden, welche wirtschaftlich selbständig daständen". Daö Reichs-' versicherungsamt habe jetzt darüber zu entscheiden und wird hoffentlich die Versicherungspflicht auch der Obertreiber und„der von den Obertreibern beschäftigten, sonst unversicherten Unter- treiber" aussprechen. Die Versicherungspflicht der ZirkuSbetrwbe (Lagerung und Beförderung von Vieh, Futter. Kulissen usw.) sei' schon bejaht worden. Ueber die Zugehörigkeit der Holzzerkleine- rungSbetriebe, der Betriebe der Holzkapitäne und der Stammholz- Handlungen haben das ReichSversicherungSamt noch nicht ent- schieden. Man warte jedenfalls die Reichsversicherungsordnung ab. Bauarbeiter in Hessen-Nassau. Nach dem soeben erschienenen, an sich so armseligen Bericht der Nessen-Nassauischen Baugewerks-iBerufsgenossenschaft für das Jahr 1909 ist die Zahl der versicherten Betriebe um 176, von 14 485 auf 14 661 gestiegen, die Zahl der beschäftigten Arbeiter jedoch um 1244 zurückgegangen. Versichert waren im Vorjähre 1908 noch 71740, im Berichtsjahre nur 70496 Arbeiter. Die KrisiS im Baugewerbe machte sich in dieser Provinz sehr bemerkbar. Der Bericht bemerkt hierzu:„Die Arbeitertagetverke und Löhne sind im Jahre 1909 weiter zurückgegangen, ein Zeichen der anhaltend schlechten Ge- schäftskonjunktur im Baugewerbe". Den Hauptschaden haben natürlich die Arbeiter zu tragen, die aber trotzdem auch noch Wochen- lang ausgesperrt wurden. Die Bauunternehmer sind also doppelt geschlagen worden, da auch die schlechte Konjunkrur die Arbeiter nicht mürbe gemacht hatte, wie man immer hoffte. Die Löhne sind gegen das Jahr 1908 um mehr als 77 000 M. zurückgegangen. Be- rechnet man den Lohn pro Kopf der Arbeiter, so ergibt sich, daß ein Bauarbeiter in Hessen-Nassau im Jahre 1908: 876 M-, cm Jahre 1909: 890 M. verdiente. Da man aber sicher auf die Zahl der so- genannten Vollarbeiter hinweisen und nur deren Löhne als maß- gebend bezeichnen wird, so sei auch Heren Lohn berechnet. Als Voll- arbeiter führt der Bericht für 1908: 52 609, für 1999: 51697 auf. Es ergibt sich also ein JahreSverdicnst pro Vollarbeiter im Jahre 1908: von 1194 M.. im Jahre 1909: von 1214 M. Zur Anzeige ge, langten im Berichtsjahre 3318 Unfälle, gegen 3112 im Jahre 190S. Trotzdem sich die Arbciterzahl erheblich vermindert hatte, ist die Unfallziffer gestiegen und betrug im Berichtsjahre pro 1000 Ver» sicherte durchschnittlich 41,1 Unfälle, im Jahre 1908 38,8 Unfälle. Die höchste Unfallzifser hat Sektion I, Frankfurt a. M., mit durch» schnittlich 58,8 pro Tausend Arbeiter, während auf Sektion Vll nur 10,2 entfallen. In Großstädten mit Hachbauten und stärkerer An» treibung der Menschenkraft ist also die Unfallgefahr sehr viel höher. als auf dem Lande. Dafür ist aber auch die Sicherheit der Ar- beider für ihre Arbeitslöhne«ruf dem Lande höher, als in der Stadt. Dafür ein Beispiel. Der Bericht führt ein namentliches Verzeichnis aller Unternehmer auf, die ihre Berufsgenossenschaft im letzten Jahre um Beiträge betrogen haben, wovon die Krankenkassen noch viel lernen können. Während nun im Bezirk Frankfurt a. M. von 518 696 M. wegen Zahlungsunfähigkeit der Unternehmer allein 6088 M. niedergeschlagen werden mußten, betrug diese Summe im Kreise der Sektion VII, Frankenberg, bei 21986 M. Umlage nur — 29 M. Die Verluste der Berufsgenossenschaft an Beiträgen be» trugen im Berichtsjahre über 15 000 M. Ob die„Kreuzzeitung" auch hier von einer schlechten Verwaltung sprechen wird, wle sie es bei den Krankenkassen versuchte? Von den gemeldeten Unfällen wurden jedoch nur 618 ent- schädigt, gleich 18 Proz oder 19,4 Proz. im Jahre 1993. Mehr Un» fälle und weniger entschädigte Fälle, ist die Praxis der Berufs- genoffenschaften. Für das Heilverfahren innerhalb der Wartezeit (ersten 18 Wochen des Unfalls) verausgabte die Genossenschaft für .275 Fälle 9729 M. Zur Entscheidung standen im Berichtsjahr« 635 Berufungen. Davon haben die Schiedsgerichte 405 zugunsten der Genossenschaft und nur 135 zugunsten der Verlehlen entschieden. DaS ReichsversichcrungSamt entschied in 89 Fällen für und in 27 Fällen gegen die Genossenschaft. Die technischen Aufsichtsbcamten wollen nur im Bezirke der Sektion VI, Gießen, die Beschäftigung jugendlicher und weiblicher Arbeiter an gefährlichen Maschinen usw. beobachtet haben. Be- sonders in ländlichen Bezirken würde die Schutzvorrichtung noch als lästig angesehen.„DaS Verhaltest der Versicherten ist noch nicht ein» wandsfrci. Bei der Arbeit unbequeme Schutzvorrichtungen, be» sonders an Maschinen, werden gerne entfernt, andere, deren An» bringung namentlich den Arbeitern obliegen muß, nicht angebracht und auf diese Weise die Unfallgefahr nicht wenig vermehrt." Gegen W-Arbeiter seien Geldstrafen oder Verwarnungen erlassen wor» den. Mit den Unternehmern waren die Aufsichtsbeamten natürlich recht zufrieden. Nur bei ländlichen Dachdcckerbetrieben sei man oe- strebt, sich den Vorschriften über Unfallverhütung zu entziehen. „Von der Herstellung von Schutzdächern an einfachen Gerüsten und beim Ueberhandmaucrn, wünschen ländliche Unternehmer befreit zu werden". Und trotzdem bringen es die Aufsichtsbeamten fertig: „hervorzuheben, daß die meisten Unfälle wiederllm auf die ver- fchiedenartige Schuld der Arbeiter zurückzuführen sind". DaS hören die Unternehmer gerne und deshalb wird es auch geschrieben. Da- für heben die Beamten weder die Zahl der vorgefundenen Mängel hervor, noch fanden sie—„häufigen Arbcitertvechsel oder Beschaf. tigung ungeübter Arbeiter" in den besichtigten Betrieben. Dafür erklären sie zum Schluß wieder zum Gefallen ihrer Austraggeber —den Unternehmern—, daß die in Frankfurt a.M. abgchalteneBau, arbeiterschutzkonferenz der Arbeiter„die von unserer Genossenschast betätigte BetriebSüberwachuug einer scharfen Kritik unterzogen wurde. Ohne diesen Vorgang an dieser Stelle zum Gegenstand weiterer Erörterung zu machen, beschränken wir uns auf den Hin- weis und die Bemerkung, daß diese Kritik unfachlich und parteiisch ist". Punktum. Auf diese Weise wird man mit jeder Kritik sehr leicht fertig und hat wiederum die Zustimmung seiner Auftrag» geber— der Unternehmer— auf der Seite, denen ja jede scharf« Ueberwachung ein Greuel ist. Damit richtet sich jedoch die ganz« Ueberwgchung der Betrieb« durch solche Beamte von selbst. 6 c wer h Feh af tlicb es. ßerltn und dmgegend. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Ranschenkerger, Ellsabelhufer. haben die Kollegen die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist fernzuhalten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. OrtSverwalwng Berlin. Die Lohnbewegung der Ballschnhmacher. Die Ballschuhmacher versammelten sich am Montagabend in den„Residcnz-Fejtsälen"� um die Antwort der Fabrikanten auf die vorgelegte Forderung einer zehnprozentigen Lohnerhöhung kennen zu lernen. Die Vertrauensleute aus den einzelnen Fabriken er- statteten ihre Berichte, aus denen zu entnehmen war, daß ver- schieden« Unternehmer zu dem neuen Lohntarif ihre Zustimmung gaben. Andere wollten sicher gehen und erst abwarten, ob„die Konkurrenz" die Forderungen bewilligt. Viele erklärten sich bereit, b bis 10 Proz. Lohnerhöhung zu bewilligen. Vier größere Fabriken machten nur ganz geringe Zugeständnisse, die aber die Arbeiter keineswegs befriedigt haben, um so weniger, als gegenwärtig eine günstige Konjunktur angebrochen ist und den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen erleichtert. Die Verhandlungen werden am Mittwoch von neuem aufgenommen werden. Das erzielte Resultat wird dann Gegenstand der Beratung in einer weiteren Versamm- lung der Schuhmacher sein.__ Tarifbruch. Die Firma„Berolina", Mineralwasserfabrik, Mahbachufer 2, schkoh am 13. Juni L I. mit dem TranSportarbeitcrverband einen Tarifvertrag ab, der neben einer allgemeinen Lohnaufbesserung auch die neunstündige Arbeitszeit für die Arbeiter des Innen- betriebeS festsetzte. Jetzt— nach kaum sechswöchentlicher Geltung des Vertrages— bricht die Firma den Tarif. Sie stellte ihren Arbeitern das Ultimatum, zehn Stunden täglich zu arbeiten, und sich außerdem einen Lohnabzug gefallen zu lassen, der im Einzel- falle 1,50— 1,50 M. betrug. Die Arbeiter wiesen eine derartige Zumutung zurück und wurden deshalb am Dienstag früh insgesamt entlassen. Mit Hilfe nützlicher Elemente versucht die Geschäfts- leitung den Betrieb notdürftig aufrecht zu erhalten, was ihr jedoch sehr schwer fallen dürfte. Die zuerst engagierten neuen Arbeiter haben sich, nachdem sie über den wahren Sachverhalt informiert waren, schon nach einigen Stunden mit den Ausgesperrten solidarisch erklärt und die Arbeit wieder niedergelegt. Wir richten an die gesamte Arbeiterschaft sowie an die sonstigen interessierten Kreise das dringende Ersuchen, die ausgesperrten Arbeiter in ihrem schweren Kampfe gegen eine tarifbrüchige Firma in jeder Weise zu unterstützen. Zuzug ist fernzuhalten. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirk Grotz-Berlin. Achtung, Dachdecker Berlins und der Umgegend! Bei der Firma Robert Strauß in Rixdorf. Wildenbruchstr. 20, ist es er» neut zu Differenzen gekommen. Die Werkstelle ist deshalb zu meiden. Zentralverband der Dachdecker. Verwaltungsstelle Berlin. Achtung, Maler! Wegen Nichtinnrhaltung des Reichstorifs ist die Werkstelle des Malermeisters Liepe in Mariendorf, Chaussee. straße 36, gesperrt. Die Arbeitsstelle ist Südende, Liliencronstr. 14, Eckbau. Die Ortsverwaltung. Herr Gastwirt Karl Berlin in Spandau, Stresowplatz 3, sendet uns eine Zuschrift, in der er bestreitet, im Spandauer Hafenarbeiter» streik den Streikbrecheragenten gespielt zu haben. Er habe niemals durch Plakat Arbeiter bei hohem Lohn vermittelt. Er hätte nie ge» duldet, daß jemand durch die Hintertür auf den Hof des Grund- stückes gelangt. Dem Streik stehe er al» Geschäftsmann neutral gegenüber. Achtung, Tapeziererl Die Sperre über die Firma Spind ler, Bernauer Straße 80, dauert unverändert fort. Um seine Lehr- linge— eS sind 4— besser ausnutzen zu können, hat dieser Unter- nehmer den ältesten auf halben Akkord gesetzt und einem 4 M. Wochcnzulage gegeben. So werden diese jungen Leute zur höheren Ehre des Unternehmerprofits aufgestachelt, mit ihrer Arbeitskraft Raubbau zu treiben. Es ist dies eine LehrlingSauSnutzung. wie sie profitabler gar nicht gedacht werden kann. Die Ortsverwaltung. Achtung, Lithographen! Der Streik im Atelier„Phönix" dauern unverändert fort. Der Oberlithograph Brückmann versucht Arbeiten in anderen Privatlithographien unterzubringen. Es han- delt sich um einzelne Platten— hauptsächlich zweite und dritte Farben— und sind die Arbeiten zurückzuweisen. Die Verwaltung. OeuvlcKeg Reich. Eine drohende Schul, macher-Aussperrung in Erfurt verhindert! , In Erfurt drohte infolge der Maßregelung eines Zu- schneiderS in der Mechan. Schuhfabrik A.-G., JlverS» ge Hofen eine allgemeine Aussperrung sämtlicher Schuhfabrik- arbeiter in Erfurt-Jlversgehofen auszubrechen. ES waren schon Kündigungen in großer Zahl von beiden Seiten erfolgt. Den Ver» tretern des Zentralvorstandes des Schuhmacherverbandes ist es ge- lungen, in Unterhandlungen noch eine Einigung zu erzielen. Die Kündigungen wurden zurückgenommen. Eine stark besuchte Schuh- macherversammlung nahm die Abmachungen an. Der Verband der Schuhmacher hat aus Anlaß der Bewegung rund 200 Mitglieder gewonnen._ In der Glashütte Eichhorn u. Co. in Steinach S.-M. reicht'» kürzlich die Arbeiter— etwa 22— eine 8— 10 Proz. betragende Lohnforderung ein. Die Forderung war um so berechtigter, als die Arbeiter vorher mit äußerst nideren Löhnen abgefunden wurden. Die Firma lehnte die Forderungen ab, ließ den Ofen löschin und entließ die Arbeiter; sie will die Organisation der Arbeiter vernichten. Das gelang ihr bisher nicht. Zuzug ist streng fernzuhalten. Husland. Tie Lage in Barcelona. Die Kohlenauslader auf den Kais haben beschlossen, in den Ausstand zu treten._ Der Streik bei der Grand Trunk Railway. D:r Streik auf der Grand Trunk Railway scheint eine Macht- probe zwischen Arbeitern und Bahngescllschaft zu werden. DIS' Lage spitzt sich mit jedem Tage zu. Die Gesellschaft macht vor- läufig kein« Anstalten, den Eisenbahnern entgegen zu kommen. Da auch diese auf ihre Forderungen beharren, ist noch kein Ende des Ausstandcs zu ersehen. Der Präsident der Grand Trunk Railway hat die Vermittlungsvorschläge des kanadischen Arbeits- Ministers King zurückgewiesen. Zut und Lage seien nicht mehr dafür geeignet. Das Syndikat der Eisenbahner gewährt auf diesen BesiKlutz hin den Streikenden finanzi.'lle Unterstützung, um diesen die Durchführung der Machtprobe zu ermöglichen. Zm Parteitag in lilagdeburg nahmen die Genossen Berlins gestern in 10 Wahlvereins- generalversammlungen Stellung, wovon 6 auf die Wahloer- eine von Berlin und 4 auf die von Nixdorf, Charlottenburg, Schöneberg und Treptow entfielen. Die Versammlungssäle waren voll besetzt. Außergewöhnlich gut besucht war die Versammlung bei Keller in der Koppenstraße, wo der vierte Wahlkrei stagte. Dort mußte die Galerie zur Ausnahme der Besucherzahl mit herangezogen werden. In den Ger- maniasälen. dem Versammlungslokal des sechsten Kreises. langten auch trotz Hinzunahme der Galerie die Räume für Lerantw. Redakt.: Richard Borth, Berlin. Inseratenteil verantw.; die Aufnahme Ler erschien emn Genossen nicht auS. I'm Hintergründe stand alles Kopf an Kopf und Hunderte der später Erschienenen mußten wieder umkehren, weil sich für sie beim besten Willen kein Platz mehr finden ließ. In allen Versammlungen rief namentlich die Behandlung der badi- schen Angelegenheit das regste Interesse wach. Die Resolu- tion, die vom Vorstand Groß-Berlins vorgelegt worden war, und die unsere Leser im Bericht der gestrigen Nummer über die Generalversammlung von Nieder-Barnim abgedruckt finden, wurde fast überall als nicht scharf genug empfunden, schließlich aber meist angenommen. Die Debatten zogen sich vielfach derart lange hin, daß sie weit über den Redaktionsschluß unseres Blattes hinaus an- dauerten,.so daß wir unseren Lesern nur mit Teilberichten aufwarten können. Die Versammlung im 1. KreiS war selten gut besucht. Reichs- tagSabgeorbneter K u n e r t besprach die Aufgaben des Jnter- nationalen Kongresses in Kopenhagen und des Magdeburger Partei- tages und ging dann auf die Budgetfrage über, indem er das Vor- gehen der Badenser Fraktion einer sehr sckiarsen Kritik unterzog und erklärte, daß schwer gefrevelt worden slm Frevel sei es gegen die Disziplin, Taktik, Organisation und der grundsätzlichen Auf- fassung der Partei, und käme Verrat gleich, wenn es bewußt ge- schehen sei. Bewußter Verrat mutz aber die Verhängung der strengsten Strafe nach sich ziehen. In der nachfolgenden, sehr leb- haften Diskussion, waren die meisten Redner sich einig, in der schärfsten Verurteilung des Verstoßes der bavischen Genossen. K ö r st e n rät, kalte? Blut zu bewahren, auch Dr. Oskar Cohn ermahnt, sich nicht durch die Erregung hinreißen zu lassen. Zurzeit, da diese Zeilen in Druck gehen, tagt die Versammlung noch weiter. In der sehr zahlreich besuchten Versammlung im 2. Kreis hielt Richard Fischer das einleitende Referat. Er führte auS, daß in die freudige Stimmung, mit der unter den obwaltenden Umständen die Partei dem Parteitag entgegensah, wie eine Bombe der DiSziplinbruch der badischen LandtagSfraktion hineingeplatzt sei. Besonder? zu bedauern sei das Frivole dieses DiSziplinbruchö, für den keine Notwendigkeit und so gut wie keine Entschuldigung vorlag. DieS Hinwegsetzen über den Nürnberger Beschluß sei um so bedauerlicher, weil er begangen sei nicht mit Rücksicht auf die Partei, sondern aus einer gewissen Rücksicht auf die Gegner. Redner ging ausführlich auf die Angelegenheit ein und wies die im Landtag und später in der Presse von badischen Abgeordneten behaupteten Gründe als nicht stichhaltig zurück. Zum Schluß empfahl er die Resolution des Vorstands von Groß-Berlin. Bei feinen letzten Ausführungen vor der Verlesung der Resolution er- folgten wiederholt Zwischenrufe, die einen Ausschluß der badischen Abgeordneten erheischten. R e i m a n n und Dr. Alfred Bernstein schlagen in einer Resolution vor. der Parteitag solle den Ausschluß der Disziplin- brechcr vollziehen. Büchel empfiehlt die Resolution StadthagenS, die in Niederbarnim angenommen ist.— Dr. Alfred Bern st ein tritt für die von ihm unterschriebene Resolution R e i m a n n ein. Er findet starken Beifall. Dann sprach Reimann für seine Reso- lution. Hierauf vertritt Genosse Stadthagen seinen Stand- Punkt, den er in Niederbarnim vertreten hat. Bei Schluß der Redaktion dauert die Versammlung noch fort. Die Generalversammlung des Wahlvereins für den 3. Kreis, die im„Gclverkschaftshans" stattfand, nahm das Referat des Ge- nassen Ströbel über den Parteitag in Magdeburg sehr beifällig auf. Der Redner rügte scharf den Disziplinbruch der badischen LandtagSfraktion und fand damit die lebhafte Zustimmung der Versammelten. Dagegen wurde Widerspruch laut, als Ströbel die gedruckt vorliegende Resolution d«S ZentralvorstandeS als scharf genug bezeichnete und ihre Annahme empfahl. Eine zweite Resolution wurde eingebracht, die den Parteitag auffordert, dafür zu sorgen, daß die Genossen im badischen Landtag, die für daS Budget gestimmt haben,„das höcksste Ehrenamt, das die Partei zu vergeben hat. nicht mehr bekleiden dürfen". In der Diskussion traten verschiedene Redner für die Reso- lution des Zentralvorstandes ein, die anzunehmen im Interesse der Partei läge. Genosse K rille brachte zu dieser Resolution das Amendement ein, daß die Delegierten des KreiseS verpflichtet werden, den schärfsten Matznahmen deS Parteitages gegen die badischen Genossen zuzustimmen. Die Resolution deS Zentral- Vorstandes wurde schließlich so angenommen, wie sie ursprünglich vorlag. Der Wohlverein des 4. Kreises hielt gestern eine seiner best- besuchten Generalversammlungen ab. Als dieselbe bald nach Szh Uhr eröffnet wurde, war bereits der geräumige Saal sowie die Galerien voll besetzt, ein Beweis dafür, welch reges Interesse die Genossen dem diesjährigen Parteitage entgegenbringen. Genosse Borgmann, der Vorsitzende der preußischen LandtagSfraktion, hielt das Referat. Redner hält den vielfach, vornehmlich von den süddeutschen Genossen, beanstandeten Beschluß des Nürnberger Parteitags als in jeder Beziehung für korrekt. Im weiteren B-r- laufe seiner Ausführungen sagt er. daS, was die Badenser getan haben, stelle sich als einen groben Verstoß gegen die Partciinstauzcn dar, der auf keinen Fall gebilligt werden könne. Er hält eS für dringend erforderlich, daß der Parteitag solchen dissentierenden Elementen Schranken setze, selbst auf die Gefahr hin. daß eine Reihe geistiger Kapazitäten sich bei uns nicht wohl fühlen. Zum Schlüsse warnte der Redner jedoch davor, daß schon jetzt mit den schärfsten Waffen dreingeschlagen werde. Er hat die Ueberzeugung, daß der Parteitag mit übergroßer Majorität den dissentierenden Elementen zeigen werde, wie falsch sie gehandelt haben. Namens des ZentralvorstandeS Grotz-BerlinS empfiehlt er die vorliegende Resolution zur Annahme, in ihr sei mit aller Schärfe zum AuS- druck gebracht. waS gesagt werden muß. Die wiederholten Beifallskundgebungen, mit der die Ver- sammelten die Rede begleitet hatten, ließen schon darauf schließen, daß man sich mit dem Referenten in der Mißbilligung des Ver- Haltens der badischen Genossen einig sei. Nur mit den Schluß- auSführungcn erklärten sich mehrere Redner nicht einverstanden; iie forderten Ausschluß der badischen Abgeordneten aus der Partei, während andere Redner wieder die Resolution deS ZentralvorstandeS 'ür die richtigere hielten. Schließlich fand sich doch eine Mehrheit 'ür diese letztere Resolution. Die Wahl der Delegierten soll am 7. August per Urabstimmung vorgenommen werden. * Im 5. Wahlkreis besprach der Referent. Genosse Wel», die ZjageSordnung des Parteitags, und kam zum Schluß ebenfalls auf die badische Angelegenheit. Er bezeichnete die Zustimmung zum Budget als einen Verstoß gegen unsere Grundsätze und in Hinsicht auf den Nürnberger ParteitagSbcschluß als einen fchw'rcn Disziplin- bruch, der die schärfste Verurteilung verdiene, selbst seitens der- jenigen Genossen, die sonst mit den Süddeutsch:» sympathisieren. Der Redner empfahl die Resolution des ZentralvorstandeS. Sie sei ja in Niederbarnim von Stadthagen angegriffen worden, von Dj�Gwckc. Berlin. Druck it. Verlag: Vorwärts Buchdrl u.VerlagSanftall Stadthagen, der schuld daran sei, daß eS auf dem Parteitage in Frankfurt a. M. nicht zu einer klaren Stellungnahme zur Budget« bcwilligung gekommen sei. Die Resolution des Zentralvorstandes verurteile mit aller nötigen Schärfe das Verhalten der badischen Fraktion, überlasse es aber dem Parteitage, die Mittel zu be- stimmen, welche geeignet sind, Parteitagsbeschlüssen unter allen Umständen Geltung zu verschaffen. Sollte der Parteitag die denkbar schärfsten Mittel für notwendig halten, so würde man denen zu- stimmen. Es sei zu bedenken: Noch nie sei die Möglichkeit einer Spaltung der Partei näher gerückt gewesen wie jetzt. Für den Fall, daß es zum Bruch kommen sollte, wollen wir Marxisten nicht schuld daran sein, wenn den Badenser Bundesgenossen zugeführt werden, die sonst nicht zu ihnen stehen. Aus diesen Gründen müsse die Re- solution im Interesse der Partei angenommen werden.(Lebhafter Beifall.) Dr. Wehl meint, die Resolution könnte schärfer sein, wenig. fienS könnte gesagt werden, daß, wer die Disziplin gebrochen hat. nicht mehr fähig sei, Vertrauensämter in der Partei zu bekleiden. Ein Ausschlußantrag sei aus taktischen Gründen allerdings nicht zu empfehlen. AIS Gegengewicht gegen die monarchischen Kund- gedungen der badischen Abgeordneten müßte eine antimonarchische Agitation unter den dortigen Parteigenossen betrieben werden. (Beifall.) Die weiteren Diskussionsredner waren einig in einer scharfen Verurteilung deS Disziplinbruchs sowie in der Budgetverweigerung überhaupt. Ein Redner verlangte den Ausschluß der badischcn Abgeordneten Ein anderer empfahl die in Niederbarnim an- genommene schärfere Resolution. Schließlich wurde die Resolution des ZentralvorstandeS gegen einzelne Stimmen angenommen. » In der überfüllten Generalversammlung des 6. Wahlkreises kam Genosse Ledebour in seinem Referat zu einer entschiedenen Verurteilung der Budgetbewilligung durch die badische Landtags- fraktion. Falls auf dem Parteitag nicht eine jede Wiederholung ausschließende Erklärung abgegeben werde, müsse dieser Disziplin- bruch, wie jeder andere, durch Ausschluß aus der Partei geahndet werden. Jetzt schon mit Ausschlutzanträgen vorzugchen, sei ver- fehlt, die Sache jnüsse vor den Parteitag kommen, der energisch und endgültig entscheiden werde. Die Diskussionsreden bewegten sich im Sinne der Ausführungen Lcdebours. Eine Unterstützung fand die Budgetbewilligung von keiner Seite. Zur Abstimmung stand außer der Resolution des ZentralvorstandeS noch die bereits in Niederbarnim angenommene Resolution. Elftere wurde gegen eine erhebliche Mehrheit ab- gelehnt, die Niederbarnimer unter lebhaftem Beifall mit großer Mehrheit angenommen. » Rixdorf. Der große Saal neb st Ga'lerie des Lokals Hoppe war bis auf den letzten Platz gefüllt, ein Beweis für das außerordentliche Interesse, das die Genossen an den badischen Vor- gängen haben. Die Anteilnahme an dem Gedeihen und Wohl- ergehen der Partei ging auch aus der außerordentlich regen Debatte hervor. Genosse He i n r i ch S hielt das einleitende Referat zum Parteitage. Eingehend erläuterte er die Tagesordnung des Partei- tagS und ging insbesondere auf den DiSziplinbruch der badischen LandtagSfraktion ein, und verurteilte deren Handlungsweise auf das entschiedenste. Zum Schluß ersuchte der Referent um Annahme der Resolution des Zentralvorstandes von Groß-Berlin. Lebhafter Beifall folgte den Ausführungen. Di« Genossen Retzerau und Franke erklärten ebenfalls, daß die Resolution des Zentralvor» standeS das mindeste sei, was heute beschlossen werden kann. Anders dagegen waren die Ausführungen des Genossen H a a S, der als Badenser eine eingehende Schilderung der badischcn Per- Hältnisse gibt und zu dem Schluß kommt, daß die badische Land- tagsfraktion gar nicht anders handeln konnte, wie sie gehandelt habe, und ersucht er um Ablehnung der Resolution. Wie wenig diese Ausführungen die anwesenden Genossen überzeugt hatten, bewies die nachfolgende Debatte. Wutzky, der aus Gründen der Zweckmäßigkeit für Ablehnung der Resolution sich ausspricht, erklärt, der Beweisführung des Genossen Haas nicht folgen zu können. Lebhafte Zustimmung fanden die Ausführungen des Ge- nassen Ucko, der die Argumente des Genossen Haas zerzauste. Die Resolution des ZentralvorstandeS wurde gegen etwa zwanzig Stimmen angenommen. »• # Für die übrigen Versammlungen liegen uns Berichte«och nicht vor. �et2re I�ackrickren und vepelNen. Meuterei? Kiel, 26. Juli.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Der große Kreuzer„Blücher" befand sich mit der Hochseeflotte in den norwegischen Gewässern. Am Sonnabend kehrte er jedoch allein nach Kiel zurück und machte an einer Boje im Kriegshafen fest.„Blücher" nmßte bald darauf miter Bc- gleitung des Kreuzers„Prinz Adalbert" nach der Wiker Bucht fahren und ging außerhalb des Kriegshafens vor Anker. Am Montag beobachteten Arbeiter, daß 60 bis 80 Mann der Besatzung des„Blücher" in der Wiker Bucht, wo die großen Kasernements liegen, unter starker Bewachung an Land gesetzt wurden. Auf dem„Blücher" soll eine Meuterei stattgefunden haben, deren Anlaß in erster Linie das schlechte Essen gewesen sein soll. Selbst ein Offizier soll sich beschwert haben.— Die Kieler Bevölkerung ist wegen der Behandlung der Matrosen sehr erregt und erwartet Aufklärung von der Marinebehörde. Opfer der Arbeit. Laxemburg(im Großherzogtum), 26. Juli.(W. T. B.) Auf der Mctzer Hütte sind sieben Arbeiter bei Reinigungsarbeiten durch ausströmende Gase betäubt worden, zwei davon erstickten, ebenso ein zur Rettung herbeigeeilter Hilfsarbeiter. Das Urheberrecht im englischen Unterhaus. London, 26. Juli. Segler 683 1107 1405 1626 Fisch- 127 172 221 Schiffe 3189 2642 2880 3058 Segler Hilfsmaschine 1, Januar 1388. 2332 174— 1., 1900. 1139 396— 1., 1905. 1015 460— t. 1910. 922 487 23 Heringslogger mit HilfS- d a m p f e r zusammen Hölzerne Etserne Maschine ffirfiiff- 1. Januar 1888.——— L, 1900. 70 28— l., 1905 92 44— i.. 1910. 92 95 68 Die Kauffahrteiflotte hat somit seit 1888 an hölzernen Seglern mn 1410 oder 60,46 Proz, abgenommen, während die Zunahme der eisernen Segler seit 1883 313 oder 179,88 Proz. beträgt. Auch hat die Zunahme der Dantpfer im Reicknungsjahre noch weiter an- gehalten, sie beträgt 943 oder 138,07 Proz. Brutto-Raumgehalt in Kubikmetern aller zur veeberufsgenossenschaft gehörenden Fahrzeuge. Schiffe 225 808 476 Hölzern« Segler vefiand a. 1. Jan. Abnahme w 1888 1910 Kubik. Pro- Metern zenten jus. 1692262 169578 1522684 90 Dampscr Bestand am 1. Januar / 1888 1910 zusammen 1884097 10844780 Eiserne Segler Bestand a. 1. Jan. Zunahme w 1333 1919 Kubik- Pro- 1888 1910 meiern zenten zus. 451662 1093180 646518 143 Zunahm« w Kubik« Pro- meiern zenten 8960683 476 kleines feuiUeton. Die„kulturlose" Sozialdemokratie. Der Floraskanbal gab uns Gelegenheit, die Korruption der deutschen Presse de» öfteren zu be« leuchten. Zu den Zeitungen, bei denen der Eifer um offiziöse Nach« richten das Interesse an der Wahrheit überwog, gehörte auch die . g r a n k f. Ztg.". soweit sie auS Berlin versorgt wird. Sie kann den Schmerz darüber, von uns damals in flazrniti erwischt und festgenagelt zu sein, immer noch nicht verwinden. Sie wird darüber sogar„prinzipiell" und besiegelt ihren lakaienhaften Diensteifor für die Bodepartei durch einen die herkömmliche bürgerliche Borniertheit mit Erfolg übersteigenden Sommererguß. Unsere Glossierung des Bodeschen FiaSkoS m Spanien dient ihr zum Vorwande, um die Sozialdemokratie der Knlturfeindlichkeit zu bezichtigen,„�n den letzten Jahren— phantasiert die Franksurterin— hat der tn der Partei herrschende Geist sich eingemauert in einen immer enger ge- zogenen Kreis von Vorurteilen und Beschränktheiten; dogmatischer Fanatismus und gewerkschaftlicher Materialismus erwürgen mehr und mehr alles Verständnis für allgemeine geistige und künstlerische Kultur, teilweise durch einfache Mißachtung, teilweise durch Miß« brauch zu parteipolitischen Zwecken." Der„Vorwärts" marschierte natürlich an der Spitze. Seitdem die Sozialdemokratie in Kulturfragen ihre eigenen Wege geht und sich nicht damit begnügt, die bürgerliche Kultur- auffassung unbesehen zu übernehmen, entbehrt sie also der Huld der Börsenpresse. Ach, die Herrschaften werden auf dem Gebiet noch mehr Enttäuschungen erleben. So gewiß die Sozialdemokratie die Erbin der bürgerlichen und jeder anderen Kultur ist, so tritt fie doch die Erbschaft mit dem Recht der Auslese an. Die törichte Ucber- schätzung der MuseumSkultur haben die feiner empfindenden Kul« wrellen der bürgerlichen Klaffen(und die Künstler) längst über- wunden. Die Arbeiter sind glücklicherweise größtenteils davor bewahrt geblieben.... Wir können nicht erwarten, daß die auf die Nachrichtenergatterung dressierten Bewunderer kapitalistischer Sammelbarbarei unsere Anschauungen teilen. Mögen fie Napoleon, der auch ein großer Kunstsammler war. Bode, Morgan oder ihnen näherstehende Börsenleute für die großen Männer der Kunstbeglückung halten. Wir haben eine andere Vorstellung von jhiltur und Kunst. Und nicht erst seit heute. Vielleicht lesen die Kunstgelehrten der„Franks. Ztg." bei einem gewiffen William Morris die Worte nach:„unter den heutigen Umständen sind unsere Museen bloße» Amüsement für die Reichen.". Aber ganz abgesehen von der allgemeinen Einschätzung der Museen— warum soll das deutsche VoU sich darüber grämen, daß Herrn Bode sein spanischer Coup nicht gelungen ist? Wir haben die Entrüstung Bodes und der deutschen Presse über den Einbruch Morgans in Deutschland in zu guter Erinnerung, und wir haben bereit» damals für das Ausland als billig verlangt, was Deutsch- land recht sein sollte. Herr Bode handelt nicht ander» als Morgan, wenn er seine von Berliner Börsen- und Jndustrieherren (Orden und Titel erhalten die Freundschaft) genährte Geldmacht benutzt, um das Ausland um seine Kunstschätze zu bringen, auch um solche, die gar nicht auf dem Markte find. Der Kapitalismus hat Der Bruttoraumgehalt hat also seit dem Jahre 1383 bei den hölzernen Seglern um 90 Proz. abgenommen(im Vor- jähre 90 Proz.) bei den eisernen Seglern um 143 Proz. zugenommen(im Vor- jähre 154 Proz.) bei den Dampfern um 476 Proz. zugenommen(im Vorjahre 466 Proz.) Durchschnittliche Zunahme für alle Schiffe: 201 Proz.(gegen 198 Proz. im Vorjahre). Die Zahl der d e u tsch en S eeleute hat sich seit dem Jahre 1390 verdoppelt. Der Bericht zählte ver- sicherte Seeleute im Jahre 1890.. 37 580 „ 1900.. 47 073 „„ 1905.. 69 295 . 1909.. 67 632 Gegen das Jahr 1908 hat sich die Zahl der Versicherten nur um 928 erhöht. Stärkere Zunahmen hatten dagegen die Jahre 1900 mit 5119, 1905 mit 3571 usw. Seit dem Jahre 1907 ist ein gewisser Stillstand eingetreten,— die Krise.... Zwangsweise versichert sind heute 835 Reeder, welche zur Besatzung ihrer Fahrzeuge gehören, also Kleingewerbende sind. Die stärksten Sektionen sind Hamburg mit 33 909, und Bremen mit 24 805 Versicherten. Die übrigen 4 Sektionen der Berufs- genoffenschaft haben alle unter 3800 Versicherte. Der Jahresverdienst aller Versicherten ist von 80 Millionen Mark auf 83 Millionen Mark gestiegen. Berechnet man hiernach den Durchschnittslohn der Ver- sickerten, so ergibt sich folgendes Bild: Derselbe betrug im Jahre 1908 1112 M.. im Jahre 1909 1150 M., und zwar in Sektion IV. Kiel.. . V. Stettin. " VI. Danzig 1162 M. 1160. 1130. Sektion I. Papenburg 1119 M. „ EL Bremen. 1162„ „ HL Hamburg. 1156, Gemeldet wurden im Berichtsjahre 3103 Unfälle, gegen 3377 im Jahre 1903. Davon waren 260 Todesfälle und 2843 Ver- letzungen. Seit dem Jahre 1908 wurden gemeldet: 56 620 Unfälle, davon 9144 Todesfälle. Gegen das Vorjahr ist die Zahl der Unfälle und auch der Todesfälle erheblich zurückgegangen. Der Bericht bemerkt hierzu:„die vorstehenden Ziffern lassen die erfreuliche Tatsache er- kennen, daß, obgleich die Mannschaften weiter zugenommen haben. sowohl die Todesfälle als auch die Verletzungen wiederum eine Ab- nähme aufweisen". Diese Abnahme, insbesondere auch der Todesfälle, wäre eine noch bedeutendere gewesen, wenn nicht die außerordentlich schweren Stürme, die im November und Dezember des Berichtsjahres ge wütet haben, besonders große Opfer an Menschenleben gefordert kälten. Nach unseren Feststellungen sind während dieser kritischen Tage der Gewalt der Elemente, denen gegenüber sich jede Unfall Verhütung als machtlos erweist, nicht weniger als 123 Personen der Besatzungen deutscher Seefahrzeuge erlegen. Bon den im Berichts jähre zur Anzeige gebrachten 2843 Verletzungen war die weitaus überwiegende Mehrzahl leichter Natur, wte ohne weiteres aus der Tatsache erhellt, daß von ihnen bisher nur 243 zur Festsetzung einer Entschädigung geführt haben. Für das Heilverfahren in der gesetzlichen Wartezeit(ersten 13 Wochen d. U.) verausgabte die Berufsgenossenschaft ganze 632 M. Naturgemäß sind die Ausgaben dieser Berufsgenossenschaft für die Unfallverhütung und Ueberwachung der Betriebe und Fahrzeuge viel höher als bei anderen BerufSgenoffen- schaften. Der Bericht bemerkt hierzu: In Ergänzung dieses teilen wir zunächst mit, daß die für Zwecke der Unfallverhütung im Berichtsjahr aufgewendete Summe wiederum eine ganz erhebliche Steigerung, und zwar auf 232 6 69,24 Mark gegen 187 972,40 Mark im Jahre 1908 er- fahren hat. Die uns erwachsene Belastung übersteigt die Einzelaufwendungen der übrigen Berufsgenoffenschaften auf dem Gebiete der Unfallverhütung ganz erheblich. Auch die im Be richiSjahre bewirkten Ueberholungen von Fahrzeugen weisen eine be� trachiliche Zunahme auf. Im regelmäßig wiederkehrenden Turnus wurden überholt 3534 Schiffe gegen 2422 im Vorjahre. Außerdem wurden 2066 Fahrzeuge gegen 1402 in 1908 im Laufe des Berichts jahreS einer außerordentlichen Revision unterzogen. Die Gesamtzahl aller bewirkten Ueberholungen stellt sich somit auf 6600 bei einem Bestände von 3534 Schiffen. Wir sind unausgesetzt bemüht, unser UeberwachungSsystem in gleicher Weise wie das Board of Trade ja alles in Waren verwandelt; wenn einer Geld genug hat und technische Schwierigkeiten nicht entgegenstehen, kann er ganze Kulturen aufkaufen. Italien hat sein nationales Erbe durch Gesetze g« schützt, die freilich geschickte Käufer zu umgehen wiffen. Warum soll Spanien seine Kulturwerle nicht behüten vor den Plünde rungen der reicheren Länder oder der großen Kunstspekulanten, die man heute Mäcene nennt? Etwa weil van der Goes' Bild sich in einem Kloster befindet? Dann hole man doch erst in Deutsch« land alle alten Bilder anö Privatbesitz in die Museen, die Herr Bode dann wieder durch seine Besuchstaxen dem Volke versperrt. Mit Recht hat man sich auch in Deutschland schon über die Bodesche Kunstpolitik beschwert, und dem spanischen ließe sich ein Würzburger Fiasko zur Seite stellen. Die Sozialdemo- krasie, die im idealen und kulturellen Sinne internattonal ist, wie eS der Kapitalismus im materiellen ist, hat mit einer Kunst- Politik nichts zu tun, die analog der kapitalistischen Kolonialpolitik andere Völker und Länder beraubt. Kulturaustausch ist in ihrem Sinne nicht identisch mit KulturauSkauf. Auch in Kulturfragen trennt die Sozialdemokratie eine Welt von der bürgerlichen. 'Die eisbedeckte Insel Jan Mayen. Die„Dailh News" ver- öffentlichen eine telegraphische Meldung des Kapitäns der„Occana", eines deutschen Touristendampfers. der zurzeit auf einer Ver- gnügungSfahrt nach Island, Spitzbergen und dem Nordkap be- griffen ist, worin der Kapitän mitteilt, daß die„Oceana" auf der Fahrt vom Nordkap nach Spitzbergen am vorigen Sonntag die Insel Jan Mayen berührt habe. Die„Oceana" sei bei Tage auf einer Strecke von einer Meile an der Insel vorübcrgefahren, und das arktische Eiland, das zur Hälfte aus Felsen, zur Hälfte aus Gletschern bestehe, habe einen wundervollen Anblick geboten. Der Kapitän habe deshalb die Meldung erstattet, weil er der Ansicht war, daß Jan Mayen nicht wieder gesellen worden sei, seit Lord Dufferin vor 50 Jahren die Insel umschifft hatte. Das ist aber ein Irrtum. Allerdings ist die Insel meist von Eisbergen blockiert, aber gänzlich unzugänglich ist sie nicht, und sie wird sehr häufig, wenngleich sie unbewohnt ist, von schottischen und norwegischen See- Hundjägern angelaufen. Ueberdies war wärend der Jahre 1882 bis 1883 auf Jan Mayen eine österreichische Polarstation unter der Leitung von Wilczek errichtet. Jan Mayen liegt etwa 350 Kilometer nordöstlich von Island. Die Insel bedeckt 413 Quadratkilometer und besteht aus zwei Gebirgsstöcken, von denen der nördliche in dem 2545 Meter hohen Vulkan Beerenberg seine höchste Spitze hat. Dieser Vulkan ist allerdings erloschen, doch wurde an anderen Punkten der Insel schon eruptive Tätigkeit beobachtet. Einzelne Gletscher reichen bis zum Moere hinab. Auf dem niedrigen Jsth- mus, der die beiden Gebirgsstöcke miteinander verbindet, und auf dem sich auch seiner Zeit die Wilczeksche Station befand, beträgt die mittlere Jahrestemperatur— 2,3 Grad EelsiuS. Das Klima ist also nicht außergewöhnlich hart. Nach der genannten Meldung des Kapitäns der„Oceana" soll in diesem Sommer das Eis, das sonst die Insel blockiert, in außerordentlicher Ausdehnung auf- gebrochen sein._ Notizen. — Da« versöhnende Freibier. Der deutsche akade- mische Bürger, der sich ja besonderer Randalierfteiheiten erfreut, be- derartig zu handhaben, daß alle Schiffe in jedem Hafen fortlaufend unter Kontrolle stehen. Es ivird darauf hingewiesen, baß nunmehr die Unfallverhütung, Ueberholungsformulare usw. nahezu vollendet durchgeführt seien und jetzt ein gewisser Ruhestand eintreten müsse,„damit den für die Beobachtung der zurzeit in Kraft stehenden Bestimmungen in erster Linie verantwortlichen Personen, insbesondere den Kapitänen und Offizieren, nicht die nötige Zeit und Gelegenheit mangelt, sich in den Geist und das Wesen der vorhandenen Verordnungen völlig einzuarbeiten". DaS mag ja richtig sein, kann aber auch als billige Ausrede gelten, auf dein Gebiete deS Unfallschutzes nicht weitere Schritte ergreifen zu müssen. Im ReichSamt des Innern sei nunmehr der Entwurf einer neuen Verordnung betreffend die Beförderung ge- fährlicher Stoffe in Kauffahrteischiffen fertig ge- stellt worden und habe den„interessierten Kreisen zur gutachtlichen Aeußerung bereits vorgelegen". Wer sind die„interessierten Kreise"? Zur Konferenz waren geladen: Vertreter der Bundesseestaatcn, große Reedereien, der Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie und die See-BerufSgenossenschaft. An die Arbeiter, die Seeleute selbst, hat man nicht gedacht. In Deutschland macht inan eben alles ohne die Arbeiter zu hören. Nicht einmal im Eisenbahnrat werden Arbeiter gehört und als Vertreter zugelassen. Auch hier sind die Unternehmer ganz unter sich. Der Bericht weist dann ferner auf die getroffenen Ver- einbarungen mit auswärtigen Staaten wegen gegenseitiger An- ertennung von Unfallverbütungsvorschristen und führt die einzelnen Staaten, wie England, Niederlande, Dänemark, Norwegen, Nußland auf, welche hier Entgegenkommen zeigten. Bei Titel: Verschollene Schiffe— wird ausgeführt, baß die amtliche Untersuchung der im Jahre 1903 verschollenen zehn näher bezeichneten Schiffe—„in keinem einzigen Falle die Spur eines Beweises dafür erbracht habe, daß die Ursachen sür die Ver- schollenheit in Verstößen oder Mängeln auf dem Gebiete der See- tücktigkeit, Beladung oder Ausrüstung der in Frage stehenden Schiffe gesucht werden müsse". Als aber der Fall bewiesen wurde, daß ein reicher Reeder seine alten Schiffe untergehen ließ, wurde auch von den Seeämtern dies bestritten. Secämter und Reeder... Ein Abschnitt deS Berichtes führt uns die soziale Für- sorge für Seele itte in außereuropäischen Staaten vor. Keinerlei gesetzliche, die Allgemeinheit bindende Vorschriften weder auf dem Gebiete der Kranken- noch der Unfallversicherung haben u. a. China, Japan, Persien, Siam, Haiti, Brasilien. Huö der Partei. Die Kölner Genossen zur Budgetbcwilligiing. Der Sozialdemokratische Verein für Köln-Stadt und Köln-Laitd nahm am Sonnabend in seiner Generalversammlung Stellung zur badischen Budgetbewilligung. Parteisekretär B. Müller, der mehrere Jahre Arbeitersekretär in Baden war. führte in seinem ein- leitenden Referat aus: Selten standen die Chancen für die Sozial- demokratie so gut wie jetzt, und mit Freuden sehen wir den Reichs- tagswahleu, der Abrechnung mit den Volksfeinden entgegen. In diese Stimmung hinein warfen die Dadeuser den Zankapfel her Budgetbewilligung und der Hofgängerei. Nicht darum kann eS sich heute handeln, ob die Zustimmung zum Budget eine prinzipielle oder eine praktische Frage ist, sondern die Frage lautet: ob ParteitagSbeschlüsse zu halten sind oder ob sie durchbrochen werden können, ob die Minderheit sich innerhalb der Partei der Mehrheit zu fügen hat. Disziplin kann weder in der gewerkschaftlichen noch in der politischen Arbeiterbewegung entbehrt werden. Die im badischen Parlament vor« gekommenen Dinge geben gerade in ihrem Zusammenhang zu denken: das Aufstehen bei dem Hoch statt deS sonst üblichen VerlassenS de» Saale», die beabsichtigte Gratulation bei dem großherzoglichen Ehe« jubiläum und besonders die Budgetbcwilligung. Außerhalb Badens hat man den Diszivlinbruch fast einmütig verurteilt. Jedoch würde eS nicht dem partetgenössischen Verantwortlichkeitsgefühl entsprechen, ohne weiteres den Ausschluß der Budgetbewilligcr zu fordern; dagegen kann die Partei sich unmöglich in dieser Weise den Fehde- Handschuh hinwerfen lassen. Es müssen Wege gesucht werden, solche Borkommnisse für die Folge auszuschließen. Mit einem Ausschluß würde die Partei sich selber den schlechtesten Dienst leisten. Die sonders wenn er einer angesehenen Verbindung angehört, muß sich, falls er sich als unabhängiger Mensch gerieren will, vom Rektor und Senat nach Noten schuriegeln lassen. Vor allem die minderwertige Gattung der Finken, das heißt der Nicht- Verbindungsstudenten, die sich neuerdings gegen die Anmaßungen der bevorzugten Verbindungsstudenten auflehnen, hat darunter zu leiden. An der Berliner Universität war wegen der bevor- stehenden Jahrhundertfeier ein belustigender Froschmäusekrieg auS- gebrochen. Die Finkenschast fühlte sich zurückgesetzt, sie protestierte. Darauf legte der Rektor ihr den Maulkorb an. Neuer Protest und Beschluß, die Universitätsfeier durch eine Protestversammlung zu begehen. Jetzt versucht daS Rektorat die empörten Gemüter durch— Freibier zu ködern. Am schwarzen Brett werden die Finken freundlichst ein- geladen, ja mitzutun. Sie sollen gut sitzen und das Bier wird gratis sein.— Jetzt können die Finken ManneSmut vor Freibier beweisen I' � Im Hamburger Schachtournier sind die Mehrzahl der Partien jetzt gespielt. Nach der siebenten Runde ist der Stand der Teil« nehmer(die Ziffern in Klammern bedeuten Hängepartien): Schlechter SVa Punkte, Marshall 5, Duras, Niemzowitsch 4>/z. Alechin 4, Choti- mirski, Tartakower 3>/z(1), Salwe, Spiclmann S'/a, Fleischmam», Teichmann 3(1), John 3, Leonhardt 2l/i. Speyer, Dr. Tarrasch 2; Aales l'/a(2), Koehnlein l'/a(1). Jakob ist vom Tournier zurück» getreten. — Die Kulturfrage dieses Sommers, d. h. die Frage, ob und welchen Kontrakt der Schauspieler Josef K a i n z mit dem Wiener Burgtheater schließen würde, ist zu einer befriedigenden Lösung geführt worden. Seit Wochen mußten die literarischen jungen Leute der Feuilletonpreffe täglich dreimal aus Wien telegraphieren über die neuesten Vorgänge auf dem Kriegsschauplatze. Man erfuhr dabei, was dieser Arzt und jener Advokat meinte, welche Befürchtungen und Hoffnungen die Kulturwelt deS Theaters durchzitterten— kurz« um„die gelbe Nachtigall" von Hermann Bahr, diese lustige Ver« spottung der Bühneneitelkeiten, schien in Wien Sommerrepertoire der Wirklichkeit geworden. Gottseidank, die Herren können jetzt in die Ferien gehen. Kainz hat seinen Kontrakt(oder hat der Kontrakt ihn?). Man denke: sechs Monate soll er in Wien spielen(unerhörter Erfolg Bergcrs) und 76 500 M. dafür beziehen. Außerdem hat er das Recht, sich die übrige Zeit auswärts krank zu spielen und nach« her trotzdem von der Burg ein Gehalt zu beziehen. — Eine diplomatische Geschichte deS deutsch-französischen Krieges. In der nächsten Woche werden die zwei ersten Bände einer auf 8 bis 10 Bände berechneten Sammlung diplomatischer Aktenstücke er« scheinen, die das französische Ministerium des Auswärtigen heraus« gibt. Das Werk soll möglichst eine vollständige Vorgeschichte de» deutsch-französischen Krieges von 1863 an enthalten. Die Heraus« gäbe ist einer Kommission anvertraut, an deren Spitze jetzt Joseph R e i n a ch, der Historiker der Dreyfus-Affäre, steht. Unter den Mitarbeitern befindet sich auch der bekannte Geschichtsschreiber der französischen Revolution Professor Afit 1 a r d. EL sollen alle Doku- mente vollständig wiedergegeben und keine geheimen Aktenstücke urückgehalten werden. Es handelt sich also um eine Ge- "ichtsquelle ersten Ranges. Gesimdimg mutz von innen heran?, aus der Masse der tmdischen Parteigenossen erreicht werden. Genosse Müller unierbreitete eine Resolution, die das Vorgehen der badischen Abgeordneten so- wie das Verhalten gegenüber dem Staatsoberhaupt als D i S« ziplinbtnch bezeichnet, der die s ch ä r f st e V e r u r t e i I n n g herausfordere: der sich gegen die Einheit der Partei richtende Ber- stoß könne durch nichts gerechtfertigt werden; der Parteilaa muffe .Mittel und Wege finden, die Wiederkehr derartiger Vorkömmnisse zu unterbinden". In der Diskussion forderte Genosse BergS den Ausfchlnsi der Bndgetbclvilliger, da sie in der Folge doch wieder fo handeln würden wie jetzt. Genosse Köhler' nimnrt eine vermittelnde Stellung ein. Genosse N e u b e r t sieht Hilfe nur darin, daß die Genossen künftig solche Abgeordnete nicht mehr wählen, sondern andere ausstellen. Genosse H. Schäfer fordert, daß man den Siebzehn leine persönlichen Motive linterschiebe; es sei das Stichtige, dem Parteitag das Urteil zu überlassen, der Gelegenheit habe, die Angeklagten zu hören. Genosse H e i n tz e will de» Siebzehn die gute Meinung nicht absprechen. Genosse Winnen verurteilt scharf das Vorgehen der Siebzehn. Genosse Heimbach will die Ab- urteilnng der groben Disziplinlosigkeit dem Parteitag tiberlassen. Genosse B a u k n e ch t bezeichnet daS Vorgehen ebenfalls als Disziplinbruch, findet die Erklärung für das Verhalten der Badenser aber in der anderen gesellschaftlichen Struktur und politischen Konstellation Badens. Ein Ausschluss würde weittragende Folgen auch in den anderen süddeutsch««! Ländern nach sich ziehen. Es wäre richtiger, über die Budgetfrage die Einzellandesparteitage selb- ständig entscheide« zu lassen. Genosse Binder verurteilt daS Vorgehe», hält aber den Nürnberger Beschluss für nicht gut. Genosse Römer hält die Resolution Müllers für daS allermindefte; am besten mache man reinen Tisch. Genosse Kempkens führt ans, dass durch einen Ausschluss die Dinge erst recht für die Partei verhängnisvoll würden, da dann angesichts der Solidarität der Siiddemschen an schweren inneren Kämpfen nicht zu zweifeln sei; durch schärfste Verurteilung deS DiSziplinbruchS inässe man eine bessere Einsicht der Schuldigen' erhoffen. Genosse R i e g e r wendet sich scharf gegen die Viidgetbewilliguug. Genosse Dr.-Er dm a nn hält den Niiri'ibergcr Beschluss zivar für nicht gut; doch müsse er als g Ii I t t g unbedingt befolgt iverden. Das Vorgehen der Badenser sei um so verwerflicher, als die siebzehn Genossen sich hätten sagen müssen, daß sie kurz vor den ReichstagSwahlen die Einigkeit der' Partei aufs schlimmste gefährdeten. Genosse Georg Schumacher verurteilt Abstimmung und Hofgängerei ganz ent- schieden. Nach einem Schlusswort des Referenten wird die Re- s o l u t i o n mit allen gegen vier Stimmen angenommen. Die Parteigenossen des Wahlkreises Düsseldorf hielten am Sonntag ihre diesjährige Kretskoufereiiz ab. Aus dein Jahres- bericht des Vorstandes der politischen Organisation entnehmen«vir, daß die Zahl der organisierten Genossen und Genossinnen von 2621 männlichen und 4tg weibliche» in 1009 auf 2947 bezlv. 682 Mitglieder in 1910 gestiegen ist. Das ist eine Zunahme von insgesamt V12 Mitglieder«« in' der politischen Organisation. Die Kassen- abrechnnng ergibt eine Jahreseiimnhnie an Beiträgen von 10 428,40 Mark. An die Zentralkasse in Berlin wurden 2997,90 M. und an die Vezirkskasse 1747,02 M. abgesendet. Im übrigen ging ans dem Bericht hervor, dass unsere Parteibewegung iin ganzen Kreise, besonders auch in den hier noch sehr grosse» ländlichen Bezirken ständig z«, nimmt, was solvohl die Fortschritte der politischen Organisation«vie auch die immer weitere Verbreitung unserer Presse im Kreise erweisen. Bei der Stellungnahme zUin diesjährigen Parteitage nahm die KreiSkoitserenz den Antrag an. auf die Tagesordnung deS Parteitages die Sie u erfrage zu setzen. Ferner folgende ölesolution, die einstimmig beschlossen wurde „Die Kreiskoilfereuz des Wahlkreises Düsseldorf verurteilt die Budgetbelvitligung der badischen sozialde»no- krattschen Landtagsabgeordneten auf das entschiedenste. Nicht bloss wegen der damit verbundenen groben Nichtachtung der ParteitagSbeschlüsse, sonder» auch wegen der Stellung der betreffenden Abgeordneten zum ParlantenlariSnuis Überhaupt, wie sie in der Be- williguug deS Budgets zum Ausdruck kommt. Die KreiSkouferenz erwartet vom Parteitage«»tsprecheiidc Massnahmen, die für die Zw tunft ein derartiges Verhalten von Parteigenossen Unmöglich machen.' Auf der KreiSkouferenz für den Wahlkreis Essen wurde bei der StellmigUahme zur BeschickUiig deS deutschen 1111b deS Nicderrheinischen Parteitages nach kurzer Er'örleruug der badischei« Vorgänge be- schlössen. da§ DclegationSrecht zum deutsche» Parteitag voll auszunutzen und den Geuossen einpfohlen, nur Delegierte zu wähle», die der B u d g e t b e w i l l i g u n g w i d e r s p r e ck e n. Eine KreiSgeneralvcrsaminlung de? Mahltreises Randow- Greifenhagen tagte am Sonntag in Stettin. Nach dem G« schäftsbericht sind in 23 Orten des Kreises selbständige Abteilungen und in neun weiteren Orten Einzelmitgliedschaften des sozial demokratischen Wahlvereins, der nuninehr insgesamt 3901 Mih gliedck, darunter 485 Genossinnen, zählt. Im Berichtsjahr ver- mehrte sich die Mitgliedrzahl um 821 Personen, ein für pommersche und zumal grösstenteils ländliche— Verhältnisse erfreuliches Zeichen für das Vomärtsschrciten der Partei. Um diesen Erfolg zu erzielen, war eine intensive Arbeit notwendig. Es wurden 233 000 Flugblätter und Volkskalender im Berichtsjahr verbreitet und durch 62 öfscntliche Versammlungen die AgitationSarbeit ge- fördert. In einen« öieferat über die Agitation für die nächste Reichstagswahl, gab der Kandidat des Kreises, Genosse A l b i n Kö r st e n- Berlin, wertvolle Anregungen, die in einer ergiebigen Diskussion noch ergäkizt wurden. Die Versammlung beschäftig«« sich dann auch niit dem Badenser Disziplinbruch. Es wurde darauf bezüglich folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Kreisgeneralversammlung des Wahlvereins Randow- Grcifenhagen verurteilt die Zustimmung der badischen Land- tagSsraktion zuin Budget. Sie erblickt hierin einen Disziplin- durch, wie et s ch iv e r e r bisher noch nicht begangen wurde, da der Nürnberger Parteitag in prinzipieller wie auch in taktischer Hin- ficht klipp und klar dargelegt hatte, wie in der Budgetfrage zu ver- fahren ist. Die Kreisgeneralversammlung verurteilt weiter die Teilnahme der badischen Landtagsfraktion an höfischen Kund- gebungen, eine Handlung, welche den republikanischen Charakter der Partei versteckt. Die Kreisgeneralver- sammlung erwartet, daß der Magdeburger Parteitag dahin Beschluss fasst, daß Verfehlungen dieser Art in Zukunft nicht mehr bor- kommen dürfen." Die grösste KreiSorgaiiisation Sachsens, der sozialdemokratische verein sür den 13. sächsischen RcichStagSivahlkreis sLcipzig-Lond) hielt am Sonntag tu,„VolkshaiiS" ihre Jahres- Hauptversamiulung ab. Aus dem schriftlich und mündlich erstatteten Geschäftsbericht sei fol- gendes hervorgehoben: Tie Mitgliederzahl hat sich im Geschäftsjahr um 1089 männltche und 178 weibliche Mitglieder oder S Proz. er- höbt, die Gesamtinstgliederzahl beträgt 24 945. Der Verein zählt V8 OctSvereiiie. Vecsantntliingen ivurdeii, ausschliesslich der mit dem 12. Kreis gemeinschaftlich abgehaltenen, einschliesslich der OrtSvereins- versannnltiugen 840 abgehalten. In 07 Orten sind zusammen 148 sozialistische Gemeinde- vertreier vorhanden. Die grossen Borstadtviertel, die zum 18. Kreis gehören, habe» ihr« sozialistische» Vertreter im Stadtparlament. Gegenivartig ist die Partei in diesem durch 19 Geuossen vertrete». Die nachfolgenden Zahlen geben nur ein ungefähres Bild von der grossen Leistungssähtgkeit der KreiSorganisation, da nur die Smnmen genannt find, die durch die Haupikasse verrechnet wurden, die Ge- samteinnahmen und Ausgabe«« des Kreise» sind viel höher. Bei der Hauplkasso gingeii 81 778,40 M. ein und e» wurden 72 083.71 M. ausgegeben, Ä» den Parteivorstand wurden 25 OVO M. gesandt; für den BibliothekenauSbau 10 10V M. auSgkgeben. An den Wahl» fond« wurden 8813 M., an da« AgitatiouSkomitee 16 006 M. ab- geliefert. Für Agitation gab der Hauptvorstand 18 542 M. aus. Bei dem grossen Betrieb der Organisation find die Sekretariatskosten mit 4805 M. gewiss gering. i Daß der Verein auch den KehSrdlichen Kampf, besonders den der be— rühmten Leipziger Amtshauptanannschaft auch im verflossenen Jahre abzmvehren hatte, versteht sich von selbst. Der schriftliche Bericht enthält über die behördliche Sozialistentöterei manch ergötzliche Probe. Die Generalversammlung war mit dem im verflossenen Jahre Erreichten zufrieden und sprach den Bericht richtig. Der alte Vor stand wurde wiedergeivählt. Auch den Genossen Geyer ernannte die Geircralversammlung nach dein Vorschlage des HauptvorstandeS «vieder einstiminig zum'Reichstagskandidaten. Ueber die Tätigkeit des Vereins bei der LandtagSwahl, bei der Wahlrechtsbeivegung für das allgemeine Wahlrecht zuin Stadtparla- menr, bei den gemeinsamen Versammlungen mit dein Verein des 12. sächsischen ReichstagsivahlkreiseS wird beim Bericht deS Agitations- komitees zu berichten sein. In Dresden-Altstadt wurde von einer Parteibersammlung folgende vom Genossen Sindermann, dein langjährigen Vorsitzenden der sächsische» Landesorganisation unserer Partei, eingebrachte Reso- lution mit grosser Mehrheit angenommen:„Die Parteiversammlung des 5. sächsischen ReichstngswahlkreiseS erblickt in der Zustijnmung der badischen Landtagsfraklion zum Finanzgesetz einen auf daS eul- ichiedenste zu verurteilenden Disziplin bruch, durch den sich die badiichen Abgeordneten ausserhalb der Partei ge- stellt haben. Die Versammlung erwartet, dass die Disziplin- brecher aus ihrem Verhalten die Konsequenzen ziehen werden und ihre Mandate niederlegen". Eine sehr stark besuchte Parteiversammlung für den 19. sächfi- schon Rcichstaj,'SwiihIkrcis jStollberg-Schneeberg) nahm nach einem Referat des Genossen S ch ö p f l i n und nach sehr lebhafter Debatte gegen vier Stimme» die nachstehende Resolution an: Die Versamm- lung erblickt in der B u d g e t a o st t m m U n g der sozialdemokrati- scheu Fraktion des badischen Landtages einen groben Disziplin» bruch. Die Abstimmung steht im Widerspruch mit der Nürnberger Resolution und ist um so schärfer zu vemrteilen, weil der dabei verübte Diszipliubruch b e w u ss t und mit Absicht ausgeführt worden ist. Das Verhalten der Fraktion zur Monarchie erblickt die Versammlung für ein solche», das für S o z i a l d e in o k r a t e n beschämend ist. Die Gencralvrrsamiiilung für den Wahlkreis Erfurt-Schleufingrn- Ziegenrück faßte zur badischcn Budgetvewilligiing, nach einem Referat des Genossen Heinrich Schulz, folgende Resolution:„Die Kreisgeneralversammlung für den Reichstagswahlkreis Erfurt- Sehlen- singen-Ziegenrück erblickt in der Budgelvewilligung der badischen Landtagsfraklion einen bedauerlichen AuSfluss partikularistischer und revisionistischer Kurzsichtigkeit, die die allgemeine politische Situation in Deutschland sowohl als auch den Klassenkampfcharakter der Sozialdemolratie vollständig verkennt. Zugleich aber steht die Ver- saininlung in dem Vorgehen der babischen Budgetbewilliger eine unerhörte Nichtachtung eine? unziveideutigen ParteitagSbeschlusseS, also einen schweren Dis- ziplin bruch, den die Versammlung einmütig auf das schärfste verurteilt. Die Kreisgeneralversammlung fordert den Magdeburger Parteitag auf, durch entschlossene und rücksichtslose Massnahmen die Wiederlehr .solcher parteischädigender Vorkommnisse zu verhindern." Die Kreisgeneralversammlung deS Sozialdemokratischen Vereins für N o r d h a«l s e n- G r a f s ch a f t H o h e n st e i n nahm einstimmig folgende Resolution an: .Die am 24. Juli im.Schützenhaus' zu Nordhausrn tagende Kreisgeneralvcrsainmlung verurteilt die Budgetzustimmimg der badischen Landtagssraktion aufs schärfste. Die Versammlung erwartet von« Parteitag in Magdeburg, dass er Mittel und, Wege findet, um zu verhindern, dass zukünftig in den Einzellandtagen parlamentarische Abstimmungen vorgenommen werden, die die AklionSkraft der Partei als tämpsende Klassenpartri aus das schwerste schädigen müssen. Die Versammlung erwartet, dass der Parteitag eindringlichst bekundet, dass ebenso wie im Reichstag auch in den Emzellandtagen nur das Klassenkampfprinzip in seiner schärf st en Form die Tätigkeit der Fraktionen leitet und dass nur in den, in der Nürnberger Resolu� tion vorgesehenen Fällen eine Abstimmung für das Budget vorgenommen«verde» darf.' Die sozialdemokratische KrciSabteilimg deS 10. badischen Reichstagswahlkreis es Karlsr uhe-Bruchsal nahm eine Resolution an, in der der sozialdemokratischen LandtagSfraktion unumschränkte Anerkennung gezollt, Aushebung des Nürnberger Parteitagsbeschlusses wegen Undurch� sührbarkeit gefordert und den Parteigenossen der Übrigen Bundes staatcn empsohlcn wird, im allgemeinen Interesse der Partei etwas sachlicher zu verfahren und den Zuständen und Verhältnissen im cigeiien Staate erhöhte Ailfmerksamteit zu schenken. Aehnltche Be> schlüsse wurden in Heidelberg, Freibur aiigeiiommen. Eine KrciSkinferenz für den zweiten hannoverschen und zweiten oldenburgischen Wahlkreis tagte am Sonntag in Zwischenahn in Oldenburg. Aus dem Jahresbericht geht hervor, dass die Mitgliederzahl im zweiten oldciibnrgischc» Wahlkreise 2984 männliche und 033 weibliche, im zweiten hoilnoverschen Wahlkreise 338 männliche und 47 weibliche beträgt. Die Einnahmen beider Kreise betrugen 10 252,15 M., die Ausgaben 14 371.15 M.. der Bestand 8314,78 M. Die Bericht« aus den einzelnen Ortsvereinen zeigten, dass besonders in OftsrieSland noch viele Schwierigkeiten zu Überwinden find. Viel- fach fehlt eS an den erforderlichen Mitteln und agitatorischen Kräften, lieber die Organisation und Agitation bei den bevor« stehenden Landtags- und ReichstagSwahlen referierte Parteisekretär Schulz- Bant. Als Delegierter zum diesjährigen Parteitag in Magdeburg wurde Genosse H u g» Bant vorgeschlagen. Beschkdssen ivurde, die Kreiskonferenzen nicht mehr jährlich, sondern nach Bedarf stattfinden zu lassen. Der sozialdemokratische Zentralverrin für da» Fürstentum Lübeck hielt am Sonntag in Schwarian seine Generalversammlung ab, Aus dem erstatteten JahreSberichl ist zu entnehmen, dass die Mit- gliederzahl sich Von 931 auf 1047 erhöht hat, ein Fortschritt, der immerhin ats erfreulich bezeichnet werden kann, da eS sich um einen durchweg ländlichen Bezirk handelt. Die Einnahmen der Zentral- lasse beliefen sich auf 2528,15 M., die Ausgaben auf 2403,32 M,. so dass ein Kassenbestand von 124,83 M. zu verzeichnen wat. Die Agitation ivurde im Berichtsjahre sehr eifrig betrieben. In sechs Landgemeinden sind unsere Genossen durch zusamnicn 20 Mitglieder im Gcmeiiiderat vertreten. Im Bericht wird Klage über die Saalabtreibereien geführt, durch welche die Gegner unsere Agitation zu erschweren suchen. Die Generalversammlung nahm sodann zu den bevorstehenden GemeinderatSwahlen Slcllmia und beschloß, überall dort für die Einführung der Verhältniswahl einzutreten, wo durch dieselbe eine gerechtere Vertretung erreicht ivird. Nach einem Referat deS Genossen Stellt na über vi« oldenburgischen Landtagswahlen Ivurde beschlossen, die Ausstellung von vier Kandidaten zum Landtag in einer späteren ausserordentlichen Generalversammlung vorzu- nehmen._ Relchstagskandidatur. In der sozialdemokratischen Kreisversammlung für den Bremer RelchstagSwahlkreis wurde der Redakteur an der Bremer Bürger« zeitung, Genosse Henke, mit 23 gegen 9 Stimmen für die tommenden ReichstagSwahlen aufgestellt. Die 9 Gegenstimmen ent- tele» ans den früheren sozialdemokratischen Abgeordneten, Genossen Schmalfeld. ln Mailand gesiorsien. Der erst 35 jährige Mann wurde ans dem Wege nach seinem Bureau vom Schlage getroffen und sank tot zu Boden. Der Verstorbene war ein gütiger, sehr intelligenter und klarer Mensch, arbeitsam und bescheiden. Auf ihn setzte man im Lager der Jntransigenten alle Hoffmingen, und für den Mailänder Partei- tag war er zum Refercuten für einen wichtigen Gegenstand vor« geichlagen worden. Sein Tod bedeutet für die Organisation der Eisenbahner und für die sozialistische Partei, als deren Kandidat Genosse Snzzani beim letzten Wahlkampf beinahe 2000 Stimmen er- rang, einen harten Schlag. Hus Inckuftrie und rtandel. Neber die Geschäftsergebnisse der Aktiengesellschafte» in Preussen 1903/09, soweit sie reine ErwerbSgesellschaften find, veröffentlicht die amtliche„Statistische Korrespondenz' eine Ueber- ficht, aus der hervorgeht, dass der Jahresmehrgewinn und die Dividende dieser Gcsellschaflen gegen das Vorjahr im ganzen zurück- gegangen ist, wennschon ihr Unteriiehmlmgskapital(eingezahltes Atiic,, kapital nebst echten Reserven) wie auch ihre Zahl überhaupt zugenommen haben, Im einzelnen schloffen von den reinen ErwerbS-Miengesell- schaften bei Ausscheidung der Gclvinn- und Verlustvorträge auS Vorjahren ab a) ohne Jahres-Reingewinn u. ohne Jahres-Reinverlust. deren dividendenberechtigtes Kapital....... d) mit JahreS-Reingewinn. deren dividendenberechtigtes Kapital. ihr Jahres-Reingewinn in 1000 M. Zahl.., Proz. aller, in 1000 M. Proz. d, gesamt. Zahl.... Proz. aller.. in 1000 M. Proz. d. gesamt. o) mit JahreS-Reinverlust. Zahl Proz, aller in 1000 M. Proz. d. gesamt. ! g und Schwetzingen deren dividendenberechtigics Kapital. � ihr JahreS-Reinverlust in 1000 M. Während im Vorjahre nahezu drei Viertel aller Gesellschaften Dividende zahlten, war dieS im Berichtsjahre nur bei etwa« mehr als zwei Dritteln der Gesamtzahl der Fall; dagegen warfen in beiden Bilanzjahren ziemlich gleiche Teile— 1908/09 85,0, 1907/08 86,6 Proz.— des dividendenbercchtigten Gesamtkapitals Dividende ab. Im ganzen haben von 2000 Aktiengesellschaften mit einem dividendeiiberechtigten Kapital von rund 8129 Millionen Mark, 1782 Gesellschaften mit rund 7000 Mill. Marl Kapital Dividenden bezahlt. Und zwar betrug der JahreS mehr gewinn rund 726 Millionen— 8,8 Proz, des eingezahlten Kapitals. Die Dividende betrug rund 014'/, Millionen— 8,9 Proz. des dividendenbeziehenden Kapitals. j_ 6enchtö- Zeitung* Polizeihundraferei. Die bestialischen Noheitcn, die mittels Polizeihunden verübt werden, greifen über Preußen hinaus. Aus Schweinfurt wird uns gemeldet: Der Schutzmann Wolf wollte an einem Gefangenen die Tüchtigkeit seines Polizeihundes probieren. Dabei erhielt der Gefangene, ein D i e n st k n e ch t Isidor Schäfer, eilte ?>robe Anzahl Bißwunden. Schäfer meldet« das Box- ommnis dem Ersten Staatsanwalt, der eine Unter- fuchung einleitete. Wir sind keine Freunde einer Vermehrung von Straf- gesehen. Angesichts der wachsenden Zunahme von Roheiten, Menschen als Versuchsobjekte für Polizeihunde zu miß- brauclien, dürfte ein Reichsstrafgesetz aber am Platze sein, das Zuchthausstrafe für solche Delikte festsetzt, dem Verletzten die Anklage gestattet und die Aburteilung Geschworencst überweist, die aus allen Kreisen der Bevölkerung entnom- men sind. Sollen durchaus Menschen als Versuchsobjekte dienen! so mögen Polizcioffiziere oder Staatsanwälte diese Stelle� ausfüllen. Eine Barbarei ist es, wie in dem unge- sühnt gebliebenen Falle in Altona Fiirsorgezögltnge oder wie jetzt in Schweinfurt Gefangene Polizeihunden preiszugeben. Stadtbahnflcdderer. Ein vereitelter Raubversuch auf der Stadtbahn lag einer An- klage wegen Diebstahl» im strafschärfenden Rückfalle zugrunde, die gestern die 4. Ferienstrafkammer des Landgerichts I beschäftigte. AuS der Untersuchungshaft wurde der Eisendrchcr Wilhelm Krahl vorgeführt. Am 14. April d. I. bestieg der Schuhmachermeistcr Berta» auf dem Bahnhof Warschauer Strasse einen Stadtbahnzug. Auf dem Schlcsischen Bahnhof stieg der Angeklagte mit zwei un- bekannt gebliebenen Männern in das Abteil und setzte sich dicht neben B. Durch das eigentümliche Gebaren der Drei, die sich der- stahlen Zeichen gaben, aufmerksam gemacht, schöpfte B. Verdacht. zumal er kurz vorher in der Zeitung gelesen hatte, daß die Stadt- bahnzüge von Fledderern unsicher gemacht werden, um den drei Stadlbahnräubern das Handwerk zu legen, stellte er sich schlafend. Nachdem ihn der Angeklagte mehrmals rein zufällig angestoßen hatte, um auszuprobieren, ob er auch schlafe, bemerkte er, wie der Dieb, nachdem er mit seinen Komplicen leise gesprochen hatte, seine Tasche einer Revision unterzog. Kurz vor dem Bahnhof Alexander- platz hatte ihm der Angeklagte da? Portemonnaie auS der Tasche gezogen. Als er bei der Ankunft den Dieb verfolgen Wollte, stellten die Gehilfen des StadtbahnräuberS in dem Abteil die Beine vor, so dass er nicht so schnell folgen konnte. Der Bestohlene sprang kurzerhand über die Beine himneg und faßte den Dieb noch kurz vor dr Bahnsteigsperre. Inzwischen hatten die beiden Komplicen Zeit gehabt, spurlos zu verschwinden.— DaS Gericht erkannte mit Rucksicht auf die hohe Gemcingcfährlichkeit derartiger Räubereien auf drei Jahre Zuchthaus, fünf Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht.__ Der Tod des Genossen Suzzani. Rom, 23. Juli.(Eig. Ber.) Gin schwerer, erschütternder Verlust hat die italienstche Partei und vor allem deren kniransigenle Fraltion betroffen. Der Chefredakteur de« Organs des Syndikats der Eisen- bahner, der Eisenbahner Giovanni Suzzani, ist ganz unerwartet Ein netter Tomänenpächter. Wegen Bedrohung und Körperverletzung ist am lg. Februar vom Landgerichte Breslau der Tomänenpächter Karl Pohl zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ausserdem hat er«in« Vuss« von 500 M. an den Verletzten zu zahlen. Einer seiner Arbeiter, der Futtermann S., verlangte eineS Tages 3 M. Lohn für seine Frau. Der Angeklagte wies ihn ab, da das Geld bereits verrechnet sei. S. ging hinaus, schimpfte aber draußen laut. Der Angeklagt- eilte mit seinem Revolver hinaus und stieß den S. vor sich her. Dabei drohte er ihm, Ivrnn er nicht ruhig sei, mit Gchädrl- einschlagen. Da S. nicht ruhig war, schoß der Angeklagte ihm in der Wut sine Kugel in den Nacken. Mildernde Umstände sind dem Angeklagten nicht zugebilligt worden.— In seiner Revision gegen das noch immer recht milde Urteil behauptete der Angeklagte, er habe die Körperverletzung in vermeintlicher Notwehr begangen. Das Reichsgericht erkannte jedoch am Montag auf Lerwerfung der Revision. Wodurch di« Ehre eines Amtsgericht»»«» verletzt wird. Der AmtSgerichtSrat Schwiete zu Ahaus fühlte sich durch die fuscndung eines Prospektes über ein Buch beleidigt, in dem die inschränkuiig der Kinderzahl behandelt wird. Eine gegen den BuchhZndler wegen ührheffiuftg unzLchttgtt Schriften durch diesen Prospekt erhobene Anklage aus 8 184 Str.-G�B. hatte mit Freisprechung geendet. Nicht so die Beleidigungsklage. Der Buch- Händler wurde vom Amtsgericht Altona zu SV M. Geldstrafe verurteilt. Der Richter sei als Bürger, Vater und in seiner sozialen Stellung als Nichter durch den Prospekt beleidigt, führen die Urteilsgründe aus.— Eine Beleidigung kann ja schließlich in allem möglichen gefunden werden. Stark erscheint aber die Annahme, der Buchhändler habe beim Zusenden des Prospektes das Bewußt- sein gehabt, er könne dadurch jemand beleidigen. Geglaubt hat er Wohl nur, ihm würde der Adressat das Buch abkaufen. Vor einigen 40 Jahren wurde ein Richter diszipliniert, weil er m Berlin in der Alhambra vor Arbeitern einen Vortrag über die Einschränkung der LünderzaHl hielt. Freilich, der tiefer liegende Grund war der auch im Disziplinarverfahren festgestellte Umstand, daß der Richter in einer der Regierung oppositionellen Weise in einer Zeitung Artikel geschrieben hatte. Dies böse Oppositionsblatt war die damalige..Nationalzeitung". Der Richter, früher Staats- anwalt, war der fortschrittliche Abgeordnete von Kirchmann, dessen kleines Vroschürchen„Die Wertlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft" noch heute recht lesenswert ist. Störungen des Eigentums durch Maschinengerüusche. In seinem Titel:„Ansprüche aus dem Eigentum" gibt das Bürgerliche Gesetzbuch dem Eigentümer einer Sache das Recht, jede Störung oder Bacinträchtigung seines Eigentums durch Unter- lassungsklage zu verlangen. Derartige Störungen oder schädliche Immissionen werden besonders durch Einwirkungen von Rauch, Ruß und Lärm verursacht. Nun setzt das Bürgerlich« Gesetzbuch in seinem Z 900 dem Unterlassungsanspruch eine Einschränkung entgegen, indem es ausführt, daß der Eigentümer eines Grundstücks die Zuführungen von Gasen, Dämpfen. Gerüchen, Nuß, Wärme, Lärm, Erschütterungen insoweit nicht verbieten kann, als diese Einwirkungen sein Grundsttick nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigen. Auch dann wird das Untersagungsvecht hinfällig, wenn die Störungen dort, wo sie stattfinden und von wo sie aus- gehen, den Charakter des Allgemeinüblichen an sich trägem Das Rei&sgericht hat diese Gesetzesstelle bereits dahin ausgelegt, daß Geräusche in einem Fabrikviertel überhaupt nicht untersagt werden können, wenn sie nicht beträchtlich über das allgemiene Maß dieses Vierteis hinausgehen, tvährend Geräusche desselben Charakters auch dann unzulässig sind, wenn sie in weit schwächerem Matzstabe in einem vornehmen oder Villenviertel ausgeführt werden. In einem solchen Streitsall hatte das Reichsgericht kürzlich in- folge von Geräuschen durch eine Maschinenfabrik in Dchöneberg zu entscheiden. Der Kläger besttzt in der Nähe dieser Fabrik ein HauSgrundstück, das er vermietet stnd in dem er selbst eine kleine Schlosserei betreibt. Er behauptet nun, daß seine Mieter durch die Geräusche der Maschinenfabrik gestört werden und aus. zögen und verlangt deshalb Unterlassung deS Lärms sowie Entschädigung. DI« Beklagte hält dem entgegen, daß der von ihrer Fabrik ausgehende Lärm nicht übermäßig sei und daß der Kläger selbst durch" seine Schlosserei störenden Lärm verursacht. DaS Landgericht und Kammergericht zu Berlin sind auf Grund von Gutachten Sachverständiger zur Verurteilung der Beklagten gekommen. Einrichtungen zu treffen, die das Maß deS Erträglichen nicht übersteigen. Das Kammergericht legt dar, daß der Umstand, daß Kläger selbst störenden Lärm lxireitet, die Möglichkeit des störenden größeren Geräusches der Maschinenfabrik nicht ausschließe. — Gegen das Urteil des Kammergerichts hatte die Beklagte mit Erfolg Revision beim Reichsgericht eingelegt. ES wurde das Urteil des Rainmergerichts aufgehoben, weil daS Berufungsgericht die Gutachten der Sachverständigen, die sich auf die Gewöhnlichkeit der Geräusche in dem Schöneberger Stadtteil beziehen, nicht genügend berücksichtigt Hab«. Die Begründung hätte eine Abwägung derselben etßcben müssen. Die Sache wurde deshalb zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das Kammergericht zurückver- wiesen. Hub ckr fraucnbewegung* Die„Flotten"-Frmikn. „DaS Vaterland kann nie verderben", sagt Heinrich Heine ur Fartz' schlössen sich ihr an. Der.Adult Suffrage Society(Vereinigung für das Wahlrecht aller Großjährigen) wurden durch die neue StimmrechtSorganisation eine ganze Reihe ihrer tüchtigsten Vorkämpfer entzogen. Als die Adult Sulfrage Society es ablehnte, sich der Federation anzu- schließen, weil diese sich nicht genügend über ihre Haltung gegenüber dem beschränkten Frauenwahlrecht geäußert hatte, warf man ihr vor, daß sie nicht zu der Armee gehe, wo die„großen Kanonen" waren. Nun, das Pulver dieser„großen Kanonen" ist feucht ge- Wesen und sie waren überdies mit„Vcrsöhnungs"geschossen geladen, wie sich jetzt klar gezeigt hat. Vor dar zweiten Lesung der„Ver- söhnungs"-Blll beschloß die Federation, diese mit allen Mitteln zu unterstützen. Nun trat ihre Bestimmung unverhüllt zutage. In einem langen Artikel der„Justice" stellt unsere Genossin Dora B. Monte'fiore fest, daß die Feogle'z Suffrage Federation von vornherein im Dienste der antidemokratischen bürgerlichen StimmrechtSorganisationen stand und von ihnen gegründet wurde, um auf krummen Wegen und mtt faulen Mitteln zu errcicken, waS sonst nicht in dem gewünschten Maße zu erreichen war, nam- lich die Zersplitterung"der konsequenten demokratischen Stimm- rechtsbcwegung in der A. S. S. Genossin M o n t e f i o r e ist eine gute Kennerin der �Vomen's Social and Poütical Union, der Organisation der sogenannten Suffragettes. Sie war einstmals Mitglied derselben, bis sie sich von den SuffragetteS trennte, nm ihre Kraft in den Dienst der Adult Susirage Society zu stellen, deren Sekretärin sie ist. Genossin Montefiore schildert in dem erwähnten Artikel ausführlich den Werdegang der IV. S. P. U., die anfänglich stark und erfolgreich mit den Proletaricrinnen lieb- äugelte. So stellen die ersten Mitgliedskarten die Arbeiterinnen dar, die mit erhobenen nackten Armen oder mit in Tücher gc- hüllien Kindern das Stimmrecht forderten. Aber bald änderte sich daS Bild; die Arbeiterinnen des Fast Fnd wurden in den Hintergrund geschoben, die alten Mitgliedskarten wichen neuen von mehr bürgerlichem Typus. Man brauchte Geld, Und da Geld nur bei der Bourgeoisie und Aristokratie zu haben Ivar, mußten diese Klassen gewonnen und„versöhnt" werden, koste es was eS wolle. Nun ist diesen Klassen keine Farbe mcbr verhaßt als die rote, und daS Wort Sozialismus ist ein grobes Aergernis für sie. Deshalb keschloß man. daß, wer der W. S. P. U. angehöre, seine bisherige politische Partei zu verlassen und keiner Partei anzugehören habe. Dieser Beschluß war auf die Sozialisten gemünzt, und viele, nur zu viele der sozialistischen Frauen gaben dem Druck nach und ver- ließen ihre Organisationen, während die, welche es nicht taten, die W. S. P. U. verließen. Nach demokratischen Anfängen kam die Bewegung der Suffragettes schließlich dazu, daS Stimmrecht zu fordern unter denselben Bedingungen, unter denen die Männer eS zurzeit ausüben. Das bedeutet, da in England nach dem geltenden, an 17 venschiedene Eigentums- oder Besitzqualtfikationen gebundenen Wahlrecht 40 Proz. aller Männer der politischen Rechte beraubt sind, zum Herrenwahlrecht das Damentvahlrecht. Wie die Sufsra- gettcS sich dann mit aller Mackt für die Bill Mr. Shackletons ins Zeug gelegt und die People's Suffrage Federation dabei als Vorspann benutzten, ist borläufig ihre letzte Aktion in dem unrühmlichen „Versöhnungs"-Feldzug. Daß hieran, wie bekannt, auch Arbeiter- Vertreter teilnahmen, alle Prinzipien in den Wind schlugen und sich auf die Seite der reaktionärsten Frauenreckitlerinnen stellten, ist tief bedauerlich.„Ein solches Verhalten", sagt Genossin Monte- fiore,„kann schon nicht mehr Opportunismus genannt werden. Von feiten der 30 Arbeiterabgeordneten, die für die Bill stimmten, nachdem sie sich auf der JahrcSkonferenz der Arbeiterpartei ver- pflichtet hatten, nichts anderes als daS Wahlrecht für alle groß- jährigen Männer und Frauen zu fordern, war es einfacher Verrat an den Arbeitern, di« sie in das Parlament sandten, um die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten. Diese Interessen können nicht in der Richtung liegen, daß die Macht deS Besitzes gestärkt wird." Die Adult Suliragc Society wird fortfahren, Schulter an Schulter mit den politisch entrechteten Männxrn den schwierigen Kampf gegen die Feinde deS demokratisckien Wahlrechts nach außen zu führen und in den sozialistischen Organisationen für die so notwendige prinzipielle Klärung und Festigung der Ansichten zu wirken, damit in Zukunft eine so heillose Begriffsverwirrung, wie sie bei der..Veriöhungs"-Bill zutage getreten, unmöglich ist. ES kann keine Ver tischem noch au der Arbeiterkla öhnung im Klassenkampf geben— weder auf poli ' wirtschaftlichem Gebiete— jl die nicht zum Schaden se wäre._ Versammlungen— Veranstalknngen. Berel» für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Am Sonntag, den 31. Juli: FamilienanSflug nach Ravenstein. Treffpunkt: S Uhr Schlesischer Bahnhof. Abfahrt 9.14 biS Hirschgarten. Für Nachzügler Ravensteiner Mühle. Vermifcdtes. nämlich durch Wiederfinden be» langgesuchten BrebftrS. Mein Kollege ging selbst hinauf, um es zu suchen; eS war wirklich das- selbe, das ich so lauge vermißt halte.... Das Ultimatum hatte gewirkt, der heilige Antonius zählte einen Sieg mehr und ich stellte ihn sofort auf seineu Ehrenplatz zurück. Kirchliche Trannngc» anf Abzahlung. hatte vor einiger Zeit ein schottischer Geistlicher eingeführt, weil die heiratslustigen Mitglieder seiner Gemeinde die Traugebühren als eine zu hohe und überflüssige Ausgabe zu betrachten begannen. Als diese Neuerung auch nicht viel half, erbot sich der geistliche Herr, die kirchliche Trauung fortan zu herabgesetzten Preisen vor- zunehmen, mit welchem Erfolg, ist bisher nicht bekannt geworden. Uebrigeus folgt auch die englische und amerikanische Geistlichkeit dem Zuge der Zeit und empfiehlt sich und ihre Kirchen nebst Preisangaben dem Publikum in öffentlichen Anschlägen. So er- fährt man durch eine Bekanntmachung an!kcr Londoner St. Johanneskirche in der Waterloo Noad, daß ein Aufgebot mit 1 M., eine Trauung durch besondere Genehmigung und Trauzcugnisse mit LI M. 8 Pf. und die einfadie Trauung durch Aufgebot mit 9 M. 00 Pf. berechnet wird. An einer andere» Kirche des Londoner Stadtteils Bermondsey war kürzlich folgende Ankündigung zu lesen:„Heiraten Sie? Dann laden wir Sie ein, Ihre eigene, schöne St. Crispins-Kirche zu beehren! Das ist die schönste Kirche für ein« Trauung! ES ist zu Ihrem Vorteil, wenn Sie kommen!" In Amerika sind die Pastoren selten um äußerliche Mittel verlegen, wenn es sich darum handelt, dem p. t. Publikum ihre Kirchen in wohlgeneigte Erinnerung zu bringen. In Wisconsin ließ der Geistliche zum Sonntag alle verfügbaren Zäune der Stadt mit Ricsenplakaten bekleben. Darauf stand zu lesen, daß jeder Kirchenbesucher nach dem Gottesdienst mit Tee und Kuchen regaliert werden würde. Natürlich war die Kirche mit Besuchern dicht gefüllt. Auf eine ähnliche, aber weit genialere Idee, seine Kirche mit „Gläubigen" zu füllen, verfiel der Pastor der Methodistenkirche in Jersey Short» der Reverend Dr. Carües. Er veröffentlichte in mehreren Zeitungen eine Bekanntmachung, nach welcher ein reicher Mann der Kirche einen großen Geldbetrag gespendet habe. Dieser Betrag sollte unter den Besuchern des morgendlichen Gottesdienstes verteilt werden. Der kluge Gottesmann hatte sich nicht getäuscht. Seine Kirche war am Sonntagmorgen das Ziel zahlloser„frommer" Leute, die bereits in grauer Morgendämmerung die Kirche in großen Scharen umlagerten und sich am Eingang mit Streiten und Raufen die Zeit vertrieben, so daß eine starke Polizeimacht diese Kirchenbesuchet in Ordnung halten mutzte. Die wenigen Glücklichen aber, die in das Innere der Kirche gelangten, er- hielten von dem wackeren Pastor ihren vollen, ungeschmälerten Anteil, nämlich 6 Cent— 20 Pf. pro Person. Kleine Notizen. Der Pleitegeler. Gestern ist zu dein Vermögen der Deutschen Luftschiffahrtsgesellicknft G. m. b. H. in Liquidation in Dresden das KoiikurSverfahreii eröffnet worden. Diese Genossenschast wollte wiederholt Schauflüge mit Flngmascbinen in Mügeln bei Dresden veranstalten, Hot aber nicht einen einzigen Flug ausgeführt, trotzdem Tausende von Menschen auf�die Ankündigungen hin auf den Flug« platz hiuausgelockt waren. Es kam deshalb damals zu wiederholten Tumultszencn. 14 Personen an Bergiftnng gestorben. Aus Kairo meldet uns ein Telegramm: In der Ortschaft B e l! n a sind infolge Genusses vergifteter Haschisch 14 Personen unter VeraiftungSericheinuilgen er- trankt und»och in den Abendstunden gestorben. Man fuhrt die Ver- giftung auf den Racheakt eines Verwandten zurück. Eine Unter- sUchuna ist eingeleitet. Eine verheerende Feuersvninst ist in einem großen Lagerschuppen bei Marseille ausgebrochen und hat infolge des starken WindeS schnell einen großen Umfang angenommen. Die Feuerwehren der gesamten Umgebung sind an dem RettnngSwerke beteiligt. Der Schaden belauft sich auf mehrere Millionen. In Belfast(England) zerstörte vergangene Nacht eine FeuerS- brunst ein Hotel. DaS Feuer brach so plötzlich aus, daß sich noch mehrere Familien nur mit Mühe retten konnten. Drei Personen sind in den Flammen uiitgekommcn, fünf schtver verletzt. TyphuS in Strasibnrg. In der Straßburger Garnison sind in den letzten Tagen verschiedene TyphuSsälle vorgekommen. Die Militärbadeanstalten sind geschlossen worden, doch sind bisher nur vereinzelte Krankheitsfälle zu verzeichnen gewesen. Drei Soldaten ertrunken. Nach einer Meldung aus Kaisers- läutern sind beim Uebersetzen mit einem Floß drei Soldaten de» 22. Jnfanterieregimeuts aus Zweibrücken im Schwarzbach er- trunken. Ermordung eines Bürgermeisters. Der Bürgermeister von Ridgeway namens Baunftrn ist, einer Meldung aus New Dork zufolge, gestern abend durch enrd'Dhnamitbombe, die unter seine Hängematte gelegt worden war, ermordet worden. Ein tschechischer Münstcrer. Der katholische AuShilfSkaplan, Pater Ambras in Ehodau bei Karlsbad, der Organisator der dar« tigen tschechischen christltchsozialen Partei, ist nach Vorübung ver- schiede»« Unterschlagungen nach Amerika durchgegangen. Unwetter. In Siebenbürgen sind in der Umgebung der Stadt DecS infolge heftiger Stürme und Woltenbrüche, die große Verheerungen anrichteten, 85 Menschen umgekommen. Die Wunderkraft des„heiligen Antonius". Folgenden Brief eines„römischen MönchS" veröffentlicht daS „Echo des GrotteS de St. Antonie de Padon" zum Beweise der „un geminderten Wunderkrafr?des heiligen A n- tontuS": Ich hatte bei meiner Abreise einen Teil meines Breviers ver- loren und konnte denselben. alS ich in daS Kloster zurückgekehrt war, trotz eifrigen Euchens nicht wiederfinden. Ich rief daraus den heiligen Antonius an und ließ ihn auch durch andere fromme Seelen anflehen, er blieb aber allen diesen Anrufen gegenüber taub. En meiner Verzweiflung kam ich aus den Gedanken, den guten eiligen nach meiner Art zu bestrafen. Ein kleines Standbild des Heiligen auf meinem Arbeiistische wurde gegen die Wand gekehrt und die Ursache dieser Bußübung des Heiligen jedem erzählt, der sie anbvren wollte. Wenigstens konnte ich so die Hoffnung hegen, daß die Furcht, seinen weltbekannten Ruf als Wiederfinder verlorener Gegenstände einzubüßen, auf den wundertätigen Heiligen eine' tiefe Wirkung hervorbringen werde. Aver auch darin täuschte ich mich: es verstrichen neue Wochen, ohne daß ich eine Antwort erhielt. Gegen den 27. Dezember stellte ich dem Heiligen ein Ultimatum und drohte ihm, daß ich, wenn er mir nicht bis zum Abend des 1. Jänner Nachrichten bezüglich meines Breviers zukommen lassen würde, in Ihrem Blatte ein formelles Dementi bezüglich des unerschütterliche» Vertrauens der- öffentlichen würde, das ich bis dahin mit allen Gläubigen auf die Macht des heiligen Antonius gesetzt halte I... Wer war nun »er Gefoppte? Ihr ergebener Diener und zwar auf eine ganz erstaunliche Weise. Am Abend de» 1. Jänner, also kurz vor Ab- laus deS Ultimatums, stattete mir einer meiner Kollegen, der oft seit der Bestrafung, die ich dem Heiligen auferlegte, zu mir ge- kommen war, einen kleinen Besuch ab, um von Familienangelegcn- heiten mit mir zu sprechen. Ich riet ihm dringend, sich aus den oben auseinandergesetzten Gründen nicht etwa an den heiligen Antonius zu wenden. Kaum hatte ich meine AuUngerede beendet, als der Kollege ausrief:„Wie? Sie suche» ein Brevier?... Es liegt ja eins in dem Schranke des oberen Saales, in den nie jemand hineingeht."— Ich ließ mir den Ort beschreiben und konnte mich des Verdachte» nicht erwehren, daß ich wegen meine» Miß- trauen» so bestraft werden sollte, wie die Heiligen zu strafen pflegen, Eingegangene vruckfckril'ten. Das Leben und die Abenteuer des Armen Manne» ia Docken- barg. Mit einer Etnsühruna von Adolf Wilbrandt. Preis 2,80 M.— Persönlichkeiten. Mographisch-literartsche Essay» von Ludwig Speidel, 330 Seiten. Verlag von Meyer u. Jessen, Berlin SW. 11. Luders Wanderbuch durch die Mark Brandenburg. Bearbeitet von Georg Gtcgerist. II. Teil. Schlesische Bahn— Görlider Bahn— DuZdener Bahn. Preis 1 M. Verlag„Modern', Fr. Lader», Berlin- Wilmersdorf, Kaljerplatz 4. Briefkasten der Redaktion. Sic iurlfrildic evrewNu»»« Nnv« Linvenstrafte Nr. M, bor, vier?rc»!v«» 5» 0 I) r fi 11 h 1—, tvuriinilrigiirti»o» 4>/, biS?>/z Uhr abcuvS Sonnabend? von 4'/i big 0 Uhr nachmittags na». Jeder eintrage ist -III Äuchnab-»»d eine eiahl als Merkzeichen beuiitiige«. Briefliche Avtwon wird uichi erteil«. Eilige»ragen«rag« mau ia der Evrech- ftuade bor. H. Nt. IVO. 1. Ihre Frau ist zur Zahlung der Kirchensteuer für da» zkalendeftahr 1910 mit 1,20 M. verpstichtet. Wegen de« zu viel be- rechneten Betrages muß rcNamicrt werden. Mit Ende dieses Jahres hört die Steuerpslicht aus. 2. Kaum. 8. Besreluna muß beantragt werden. 4. 200 Marken bei Jitvaltdenrcnte, wenn mindestens 100 Marken aus Grund der VersicherungSpsstcht geleistet sind, sonst 800 Marken, bei Alters» rcnte 1200 Marken. Die Länge der Wartezelt ist für diejenigen herab- gesetzt, die zurzeit, al» die Verstchcrungsvslicht jür ihren Berus in Kraft trat. daS 40. Lebensjahr vollendet hatten. Sie müssen aber während der letzten 3 Jahre vor dem Jnkrasttreten beruft- mäßig, ivenn auch. nicht ununterbrochen, bejchästigt gewesen fem. — M. 120. 3 Proz.— Arnimplatz. Rezepte übersetzen wir nicht.— A. B. 3. 1 und 2. Ihre Frau und deren Cousine beantragen am zweck- mäßigsten bei dem Landgericht Neu-Ruppin den Erlaß ewcr einstweiligen Bersiigung aus Herausgabe des HyPothetcnbrieseS. Der Antrag muß von eine»! beim Landgericht Neu-Ruppin zugelassenen Rechtsanwalt gestellt werden. 3. Nein. Der Hypothekenbrics ist zur Umschreibung nötig. 4. Ihre Frau lauu Abrechnung und Vorlegung oer Belege verlange».— P. f). 47. 1. In drei Jahren. 2. Ja. 3. Ssjer» der regelmäßige Lohn 28,88 M. wöchentlich iibersteiat.— Sch. 12. Die Beitragspflicht ruht in einem solchen Falle für die Dauer von sech» Wochen(§ 30 Kraiilenvers.- Gesetz).— 20. St. 20. 1. Für Berechnung der Kostk» ist da! vom Prozeßgericht sestzusetzend« Objekt maßgebend. L. Di« Klage muß durck einen NechtSanwalt erhoben werden. 3. Ja.-- 3. Z. Z. 1. La. 8. Bei etet* regelmZblgen Eniklnduna 15 SB?., für jeden Besuch 1—8 M. — O. S. 001. Die Buchhandlung Vorwärts liefert aus Bestellung ein passendes Büchlein für 30 Ps.— W. K. R. S. B. 11(ein Buchstabe hätte auch genügt). 1. und 2. Ja.— H. M. 51. 1. Jnsolge verspäteter Abmeldung hat die Vorortgemeinde auch Einspruch aus Zahlung der®e- meindesteuer. 2. 15—36 M.— A. 59. 1. Nein. 2. Ja.— H.®. 100. Ihre Mutter hat daS Recht, auch von Ihrem Bruder einen Unterhalts. beitrag zu verlangen.— M. N. 27. Die betreffende Gesehesvorschrist stellt unseres ErachtenS zwingendes Recht dar. Leider stehen verschiedene Kammern deS hiesigen KausmannSgerichls aus einem anderen Standpunkt. Versuchen Sie eZ mit einer Klage und betonen Sie den Umstand, daß Sie zu der Unterschrist gezwungen worden find.— R. C. 29. 1. Können wir nicht empsehlen. 2. und 3. Ihre Schwester kann bei Nichteinlösung ver« klagt werden. Für den Fall der Kündigung find die statutarischen Be« stimmungen zu beachten.— E. W. 513. 1. und 2. New. 3. Ja. Oeutsclier Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Hausdiener Robert Betirnis am 24. d. Mts. im Alter von 61 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 27 d. MtS., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Moabiter Krankenhauses aus nach dem ZionS-Kirchhos in Nicder-Schö, Ihausen statt. Um rege Beteiligung ersucht ole Bezirksverwaltung. Kachrnf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Biersahrer Herrn, örünberger verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 70/7 Ole Bezirksverwaltung Dauksagnug. �ür die vielen Beweise liebevoller Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Jaliob Block sagen allen Beteiligten meinen herz- sten Dank. 12c>b Anna Rlock liebst Kindern. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Kar> Schreiter am 25. Juli an Unterleibsleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 28. Juli, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen« Halle des Rummelsburger Kirch- hoscS in Rummelsburg aus statt. Rege Beteiligung erwartet 118/3 Die OrtSverwalrung. Danksagung. Für die ausrichtige Teilnahme und vielen Kranzspenden bei der Beerdi- gung memer lieben Frau Barlösius sage ich allen Verwandten, und Be- kannten, dem Gesangverein.Alpen- glocke", den Kollegen des Flaschen- lellerS der Brauerei Patzcnhoser dlO., den Genossen und Genossinnen des 387. Bezirks. Teil!, ferner den Mietern des Hauses Wilhelm-Stolze-Str. 21. insbesondere der Firma M. Kirschner u. Co. meinen herzlichsten Dank. Oeorx Barlösius 2858 nebst Kindern. Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands. Todes• Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Zwicker Max Papke verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Zentral-Fried- hoses in Fricdrichsjelde aus statt. 169/19 Der Vorstand. VeMirnzfi'aiiei'ihzgülii Extra- Abteil nng 1 1. 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Hühner s** 45, 80 1.20 Jg. Enten stuck 1.75, 2.25, 2.70 Lebende Aale Phnd 80 1.05 Schollen große»»».«»»» Pfund 17 Pf. Kabeljau ohne Kopf, im Pfund 12 im Aoeecfanitt 4§£* Pf, Pfund IO Pf. Zervelat u. Salami biÜ» p�nd 1.30 Sülzwurst.......... pf°nd 65 Pf. Nußschinken...... Pfund 1.20 Hammelkeule Pfand 85»»d 90 Pf. Eisbeine........... Pfund 35 pf. Schweineschmalz 75 p» f Ein Waggon Ungarische Pflaumen in Originalkörbea von 15 bis 20 Pfd., das Pfund brutto zD *""".........."""»"""»'»"> y 11 �""" a ia, Lcrantwoctlicher Nedakicur Richard vartid Berlin. Für den Inseratenteil verantw,; TH.Gl»cke, Berlin. Druck u. Verlag: LorwärtS Buchdruckerei u, Lerlagsaiistalt Paul Singer L- So., Berlin SW. Rt.M. 27. Jahrgang. 2. Iciliijf Ks Joraiittö" Ittlinn lliillisliliilt. Mitwochs 27. ZM 1910. Partei- Hngclcgcnbcitcn. Dritter Wahlkreis! Am Sonnabend, den 30. Jnli, findet in den Gesamträumen der Neuen Welt, Hasenheide 108-114, das Sommerfest des Wahlvereins statt. Dasselbe besteht aus Konzert, Spezialitäten-Vorstellungen, turnerischen Aufführungen, Gesangs- Vorträgen vom Männerchor der Handels- und Transportarbeiter. Auch für Unterhaltung der Kinder ist Sorge getragen, und zwar finden Extravorsiellungen für dieselben statt. Bei eintretender Dunkelheit Fackelpolonaise, wozu jedes Kind einen Bon zur Stock- laterne am Eingang gratis erhalt. Einen genutzreichen Nachmittag und Abend versprechend, ladet zu zahlreichem Besuch ein Ter Vorstand. Friedrichshagen. Heute abend 8V2 Uhr findet im Restaurant Witwe Lerche, Friedrichstr. 112, unsere Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Georg Schmidt: „Geschichtliches vom preutzischen Wjahlrecht". L. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Lankwitz. Die Generalversammlung des Wahlvereins findet heute(Mittwoch) abend 8'A Uhr bei Ebel, Mühlenstratze, statt. Ter Vorstand. Erkner-Woltersdorf. Mittwoch, den 27. d. M., Lese- und Tis- kutierabend.' Der Vorstand. LerUner j�aebrickten. Dienstboten als Witzobjekt. Die Dienstboten bilden bekanntlich für bürgerliche Schriftsteller eine unerschöpfliche Quelle für geistreich- witzelnde Plaudereien und dergleichen. Da werden Karika- turen in gröbster Verzerrung entworfen, Ausnahmefälle für typisch erklärt, kleine Schachen, Putzsucht, Unwissenheit, Klatschsucht usw. dem ganzen Stande zugeschrieben, und wenn man diesen Herren glauben könnte, wiibden alle Dienstboten ein Vermögen allein von„Schmugroschen" zusammenraffen. Wie sich die Welt in diesen Köpfen malt, zeigt sich besonders, wenn es gilt, die Sprache des Hauspersonals nachzuahmen. Das blödeste und tollste Zeug wird gerade auf diesem Gebiete geleistet. Zum Beweis könnten wir uns auf einen Roman berufen, der auf Berliner Bodon spielt und zurzeit im„Ber- liner Tageblatt" erscheint. Der Verfasser, ein übrigens nicht unbekannter Schriftsteller, läfzt hier seine Hauptpersonen, die Dienstmädchen aus dem feinsten Westen darstellen sollen, einen Dialekt sprechen, der sich kaum von dem Verbrecher- rotwelfch a la Hyan unterscheidet. Wer nun unsere Berliner Dienstmädchen kennt und sie näher zu beobachten Gelegenheit hat, mutz bei der Vorführung dieser grotesken Gestalten in dem erwähnten Roman den Kopf schütteln. Dort, wo der Verfasser zu Hause ist, hat er gut gezeichnet, so die Herrschasten. Die Dienstboten ober scheint er nur ms den klischecmätzig fabrizierten Plaudereien seiner Kollegl..< zu kennen. Wir raten dem Herrn und auch seinen gleichwertigen Kollegen, einmal oder öfter eine der von dem Zcntralverband der Hausangestellten Teutschlands ein- berufenen Versamnilungen oder arrangierten Festlichkeiten zu besuchen, er bezw. sie werden erstaunt fein, welch ver- zerrtes Urteil sie sich bisher von den ständigen Objekten ihres Witzes gemacht haben. Was gesittetes und wohlanstän- digcs Betragen betrifft, so können die genannten Veranstal- tungen sich jederzeit neben denen der besseren Kreise sehen lassen, oft sogar als Vorbild dienen. Aus der Unterhaltung mit den Mädchen würde ein solcher Herr mit seiner abge- schlossenen gymnasialen oder gar akademischen Bildung bald erkennen, dotz die Dienstboten alles andere als ein Kaschem- mendeutsch sprechen. Sie verivechseln mal mir und mich, aber dafür sind diese Kinder der Volksschuhle wohl � am wenigsten verantwortlich. Der Verband hilft auch in dieser Beziehung nach, indem er für gute Unterhaltung und Lektüre sorgt, überhaupt an der Weiterbildung der Mädchen arbeitet. Würde der Verfasser des erwähnten Romans einmal sehen. mit welcher Andacht und Freude die Mädchen klassischen Rezi- tationen. Theater- und Musikaufführungen beiwohnen, er würde seine„Hedwig" nicht sagen lassen:„Nich in de Hand, in's Theater bring'n mir keine zehn Pferde mehr. � Das is mir zu jraulich. Wie ick da war, da hab'n se och ein Stück von Schiller gegeben, und da hab'n se eene drin köppen woll'n. Aber zum Schluß, versteh'n se, da nmtz ihr ihr Freund doch noch gerettet hab'n, denn da kam se doch mit ibm mindestens sechsmal vorn Vorhang gezottelt." Digse Probe geniigt wohl scbon. 3koch eins und da stimmt die Schil- derung mit denen anderer bürgerlicher Blätter ebenfalls überein und zeugt, von Klischeearbeit: beim Bräutigam der Dienstboten. Fast immer ist es ein Schlächtergeselle. Wo mögen bloß die vielen Schlächtergcsellen herkommen, die den Dienstboten als Bräutigams angedichtet werden. Wie wer- den aber nun diese Schlächtcrssesellen gezeichnet? So ähnlich, wie man sich einen Zuhälter unterster Klasse vorstellt. Ein Kerl mit einem Sticrnacken. auf dem strup- pigen Kopse eine charakteristische Mütze und Knüpftuch, mit brutalem, stierem Blick, rauhem Tonfall in der Stimme und einer Sprache, die mit dem Verbred)erjargon vollkommen identisch ist— Alles Klischee, und zwar recht altes. Nicht nur. daß die Schlächtergesellen und obendrein die aus dem vornehmen Westen nicht in solchem Aufzuge gehen, sondern in ihrer blütenwcitzen Jacke mit dito Schurze sich sehr adrett ausnehmen, auch die Mädchen würden sich für solche Vasser- mannsche Gestalten bedanken. Mit ihnen erst über die Straße zu gehen, würde wohl kaum ein Mädchen sich einfallen lassen. Handwerker und Arbeiter, mit denen sie verkehren, kleiden sich bekanntlich schmuck und sauber, und wenn so ein Mädchen wirklich einmal einem anrüchigen Subjekt in die Netze gerät, so kommt der Betreffende auch'nicht im Exterieur eines Strolches, sondern als Grandseigneur. Daß die Dienstboten sich nicht wegwerfen, daß sie in ihrer EntWickelung vorwärts und aufwärts steigen, daß sie sich zum Standesbewußtsem durchringen und als Vollmenschen gewertet sein w ollem da- für sorgt schon der Verband der Hausangestellten, Michael- kirchplatz 1._ Alt-Berliner Biergesetze. Die Verordnungen, die das Merbrauen und-Trinken in Berlin regeln, sind nicht erst der neuesten Zeit eigen: es gab solche schon im alten Berlin, denn damals war die Biergerechtigkeit ein wichtiges Privilegium. Das Recht, Bier zu brauen, war dm Städten Berlin-Cölln bereits 1319 verbrieft worden, und es heißt in der Urkunde: „Kein Bauer, der auf dem Lande wohnt, darf Bier brauen, außer zu feinem eigenen Bedarf." Verordnungen von 1334 und 1399 befassen sich mit dem Bierausschank und mit den Strafen, die Wirte und Gäste treffen, sobald sie die Polizei- stunde überschreiten. Im Berliner Ortsstatut von 1379 heißt es:„Ferner soll keiner unserer Bürger ausländisches oder fremdes Bier zu kaufen, verkaufen oder einzuführen sich erdreisten, außer soviel, als er für seinen eigenen Bedarf und Verbrauch nötig hat. Dagegen werden wir immer in den Kellereien unserer Städte fremdes oder ausländisches Bier an die, welche es zu trinken wünschen, ausschenken lassen und somit zur Wahrung unserer Vorschriften für diese Leute gegen entsprechende Bezahlung sorgen. Ferner soll nicman- dem in unteren Städten erlaubt sein, zu malzen, Malz zu bereiten oder Bier zu schänken, wenn er nicht bei uns das Bürgerrecht besitzt." Dieses Statut galt, bis endlich 1577 Berlin eine Brauergilde erhielt und damit das Hausrecht auf die Bierbrauerei aufhörte. Jedenfalls wurde aber das Bier früher mit viel größerer Wichtigkeit behandelt als heute und es gab, wie wir sehen, sogar ein städtisches Monopol auf den Aussckiank fremder Biere, so daß die Stadtkeller darin konkurrenzlos blieben. Daß man daneben auch schon ver- stand, kräftig Steuern aus der Bierbrauerei zu ziehm, ist bekannt und bedarf keiner besonderen Erwähnung. Auskunft über Kranke darf von den behandelnden Aerzten nur denjenigen Personen ohne weiteres gegeben werden, die zur Ein- holung solcher Auskünfte befugt sind. Die A e r z t e sind durch Gesetzesvorschrift gebunden, gegenüber Unbefugten ihr Berufs- geheimnis zu wahren, und die Verletzung dieser Pflicht ist strafbar. Das Verbot, Auskunft an Unbefugte zu geben, liegi im Interesse des Kranke» selber. Wird die Art oder Schwere seiner Erkrankung über den Kreis der nächsten Augehörigen hinaus bekannt, so kann er unter Umständen wirtschaftlich geschädigt werden, z. B. da- durch, daß ihm seine Stellung gekündigt wird. Es ist vorgekommen. daß Aerzte die ihnen auferlegte Schweigepflicht brachen, ohne hierzu durch die Kranken oder andere Verfügungsberechtigte ermächtigt zu sein. Im allgemeinen darf aber wohl angenommen werden, daß die Aerzte ihr Berufsgeheimnis sorgsam zu wahren suchen und in diesem Punkt eher zu viel als zu wenig tun. Besonders in Krankenhäusern sind mitunter Aerzte oder andere Angestellte gegenüber einem Ersuchen um Auskunft ganz unnötig zugeknöpft, so daß ihre übertriebene Gewissenhaftigkeit als lästig empfunden wird. Das„Berliner Tageblatt" teilte kürzlich einen Fall mit, von dem eS meinte, daß er ein Beitrag zur Jllnstrierung dieser zu weit gehenden Gewissenhaftigkeit sei. Neber ein erkranktes Dienstmädchen, das in einem Vororte Berlins einem Krankenhanse überwiesen worden war, bat der Dienstherr um Aus kunft. Er fragte nach der vermutlichen Dauer der Krankheit, weil er eventuell dem Mädchen kündigen wollte. Aber erst nach mancherlei Bemühungen erhielt er Bescheid. Dasselbe Blatt bringt jetzt die Zuschrift eines Leipziger Arztes, der im Anschluß an diesen Fall die Zugeknöpflheit der Krankenhanöärzte zu begründen sucht. Er weist aus die schon erwähnte Schweigepflicht und das Strafgesetzbuch hin und führt im übrigen ein Beispiel dafür an, daß man Auskünfte über ein erkranktes Dienstmädchen manchmal auch der Dienstherrschaft lieber nicht so ohne weiteres erteilen sollte. Eine„sehr vornehme und reiche Dame" habe in einem Krankenhaus sich eine solche AuS kunft über ihr Dienstmädchen durch Bortäusckmng besonderen Wohl wollens für die Kranke zu verschaffen gewußt, um dann dem Mädchen, zu dem sie ichließlich zugelassen wurde, im Krankensaal lediglich die Kündigung zu überbringen. Man sieht, waS bei einer „sehr vornehmen und reichen Dame" möglich ist, wenn eS sich um ein Dienstmädchen handelt! Wenn nach solcher Erfahrung ein Kranken- Hausarzt doppelt vorsichtig wird, so kann man da» wirklich nur billigen. Die Frage, wie weit KrankcnhauSärzte sich auf eine Schweige� Pflicht berufen sollen bezw. dürfen, verdient in der Tat eine öffcnv liche Erörterung. U»S interessiert sie auch im Hinblick auf ein anderes Vorkommnis, das allerdings nicht auf dem Gebiet der .,Hercschaften"sorge um ein krankes Dienstmädchen liegt. Ein Armenarzt wurde zu einem Kinde gerufen, nahm eine leichte Erkrankung an, gab der Mutter Verhaltungsvorschriften und wies sie an, ihm am nächsten Tage Bescheid zu bringen. Die Mutter entschloß sich aber, hinterher noch einen Privatarzt zu holen, und der hielt den Zustand für bedenklicher, so daß er Ueberweisung in das Lazarus-Kran kenhauS anordnete. Ueber den Armenarzt wurde später im„Vorwärts"— wie noch in Erinnerung sein wird— mitgeteilt, daß er jene Mutter überflüssigerweise über ihre Bedürfügleit befragt Hobe, ob wohl diese bereilS durch den Armenvorsteher als vorliegend er- achtet worden war. Dabei erwähnten wir nebenbei, daß der Privat- arzt anderer Meinung als der Armenarzt gewesen war und Kranken- hauSbehandlung für nötig gehalten hatte. Der Armenarzt fühlte sich durch diese tatsächlich wahre Angabe herabgesetzt, lief zum Krankenhaus, ließ sich'S schriftlich geben, daß nach Mei- nung der Krankenhausärzte das Kind nur leicht erkrankt sei, und legte den ihm schwarz auf weiß gewährten Bescheid uns vor. Wir wunderten uns, daß im Krankenhaus Auskunft erteilt worden sei, obwohl der Armenarzt nicht die Einwilligung der Eltern gehabt hatte. Uns wurde geantwortet, im Krankenhause werde Auskunft dem Arzte gewährt. dem vor der Aufnahme die Behandlung des Kranken übertragen gewesen sei. Das Merklvürdige hierbei ist, daß in dem vorliegenden Fall derjenige Arzt die Auskunft erhielt, der nicht die Krankenhaus- Überweisung angeordnet hatte. Massenprotesle gegen die Berliner Ortsposttaxe. Der Nachbar- orttcerif für Berlin und die Vororte weist eine große Reihe arger Ungerechtigkeiten und Härten auf, die abzustellen die Reichspost- vcrnxiltüng sich bisher beharrlich weigert«. Im Westen Berlins dehnt sich die Berliner Ortsposttaxe bis nach Groß-Lichterfelde, also 15 Kilometer weit, im Norden nur bis 7Zh Kilometer(Reinickendorf), aus. Nachdem alle Petitionen einzelner Gemeindebehörden und Vereine nicht gefruchtet haben, wollen die in Betracht kommen- den Vororte nunmehr Massenproteste an die Parla» m e n t e richten. Es soll darauf hingewiesen werden, daß die Aufrcchtcrhaltung des gegenwärtigen Tarifs ein Unding ist. Gemeinden, die im engsten wirtschaftlichen Zusammenhang mit Berlin stehen, so Tegel und Wittenau im Norden, Oberschönewcide im Südosten, Kaulsdorf. Biesdorf und Grünau im Osten. die sogar Stadtbahnverbindung»ach Berlin haben, rechen heute nicht zum postalischen Nachbarortverkehr, die Frankierung der Briefe, die von Berlin nach diesen Gemeinden gesandt werden, muß durch eine 10 Pf.-Marke erfolgen. Besonders den kleinen Geschäftsleuten und Fabrikanten in diesen Vororten erwächst dadurch ein beträchtlicher Schaden. Sie können die nur mit einer 5 Pf.-Marke frankierten Btiefe yuS geschäftlichen Gründen nicht zurückgehen lassen und müssen nicht nur die fehlenden 5 Pf. nachzahlen, sonderm außerdem noch 10 Pf. Strafporto. Hierin liegt eine besondere Härte. Weiter soll in den Petitionen darauf hingewiesen werden, daß die jetzige Tarifeinteilung die sonderbarsten Zustände gezeitigt habe. Nach Nieder-Schön hausen z. B. kostet ein Brief 5 Pf., aber nur insoweit, als es sich nicht um Straßen handelt, die an der Schön- holzer Heide liegen. Diese werden nämlich von dem näherliegenden Wilhelmsrnher Postamt bestellt und deswegen muß mit einer 10 Pf.» Marke frankiert werden. Auch in einer ganzen Anzahl anderer Vororte seien ähnliche Mißstände vorhanden. In vielen Fällen käme es darauf an, in welchem Ortstcil einer Gemeinde man wohne, um einen Brief für 5 Pf. nach Berlin senden zu können. Die Maffenpetitioncn sollen eingehend begründet und allen Landtagsabgeordneten Groß-Berlins zugehen. In der Säuglingsfürsorgestelle I, Blumenstr. 73, findet im August wöchentlich einmal Unterricht in Säuglingspflege mit prab- tischen Uebungen statt. Meldungen hierzu schriftlich oder münd- lich: Bureau des Kinderhauscs, Blumenstr. 73, vorn links Part., wochentäglich von 2 bis 4 Uhr. Christliche Liebe. In Nr. 30 des„Sonntagsblattes für Alle' vom 24. Juli befindet sich unter anderem auch ein Artikel„Gott ist die Liebe" betitelt, in dem der folgende Passus zu lesen ist: „Fragen wir noch, wie lang, wie breit diese Liebe ist— 0 hört:„Also hat Gott die Welt gcliebet l" Seine Liebe reicht vom fernsten Norden bis zum fernsten Süden, vom fernsten Osten bis zum fernsten Westen. Die Schwarzen, wie die Gelben und die Nothäute— alle, ohne Ausnahme, sind mit uns eingeschlossen - in das Liebeserbarme», in die freie Gnade unseres geliebten Herrn". Eine treffliche Illustration hierzu bietet der Bericht über die Tätigkeit eines Missionars, den das klerikale Organ„Leo" ver- öffentlicht und der wie folgt lautet: „Im Jahre 1382 haben die Rothäute ihn zum Tode verur- teilt, an einen Baum gebunden und schon Feuer angelegt, da hat er sich noch durch eine List gerettet. 1884 haben die Nord- amerikancr 284 Rothäute gefangen genommen, die alle er- schössen werden solllen. Der Oberst, ein treuer Katho- lik(I), ließ dem Missionar sagen, wen» er noch etwas für die Seelen tun könne, möge er doch kommen. Er erwirkte einen Auf- schub der Hinrichtuiig. und als nach drei Tagen alle genugsam unterrichtet waren, sollte am frühen Morgen das Urteil vollstreckt werden. Die 284 jungen Männer wurden je 10 Schritt aus- einander aufgestellt. der Priester trat heran, taufte den ersten, und kaum, daß er sich abgewandt, durchbohrte den Indianer die Kugel, und so ging eS, b i S alle 234 durch Gottes Gnade und den Heldenmut dieses eifrige, t Priesters in den Himmel eingingen." Es ist doch ein merkwürdig Ding um die christliche Liebe! Altberliner Aberglaube. In drei Jahrhunderten ist die Jahreszahl 40 verhängnisvoll geworden für die Negierenden aus dem Hause Hohenzollern. Im Jahre 1440 starb Kurfürst Friedrich I.. 1640 Kurfürst Georg Wilhelm, 1740 König Friedrich Wilhelm I., 1840 Friedrich Wilhelm III. Letztcrem hatte während seiner Pariser Vergnügungsreise die berüchtigte Lenormand das Jahr 1840 als sein Todesjahr bezeichnet, und auch ein Berliner Wahrsager namens Sohn soll dieselbe Prophezeiung ausgesprochen haben. Beide wußten offenbar in den hohenzollcrnschen Geschichtszahlen gut Kescheid und bauten auf diesen ihre vom blinden Zufall begünstigten halt« losen Kombinationen auf. Der Schwindler Sohn ist lange Jahre in Berlin eine stadtbekannte Persönlichkeit gewesen. Viele abergläubische Menschen, besonders viele vornehme, haben ihn besucht, um sich von ihm für entsprechende Bezahlung die Zukunft sagen zu lassen. Er war von Beruf Flickschneider, kam durch Zufall zum Gewerbe des Wahrsagens und plünderte die altberliner Dummen nach Strich und Faden aus. Ob er dafür könig- sicher Geheimer Rat geworden ist, verrät die vaterländische Geschichte nicht. Die Wahrsagerei, durchweg auf plumpesten Schwindel gegründet, blüht heute noch in deutschen Landen, massenhaft selbst in der„Stadt der Intelligenz". Auch in den oberen Regionen existiert noch jener Mystizismils, der an die dunklen Zeiten längst vergangener Jahrhunderte erinnert. Vor allem hat die Goldmacherknnst, die früher so manchem Abenteurer den Kopf kostete, vor den Stufen des Thrones wieder die allerhöchste Gnade gefunden. Der ipibezahlbare Alchymist, der jetzt erst wieder für die königlich preußische Luxus-Hof- Haltung aus weiter nichts als Knochenmehl alljährlich drei- einhalb Millionen hervorzaubern muß, ist— das sonst für so dumm gehaltene Volk. Michel gibt mit vollen Händen Gold und bekommt dafür Steine. Der Bau der„Kaiserbrücke" unweit Beelitzhof im Grunewald, worüber wir kürzlich berichteten, hat iu den beteiligten Gemeinden ziemliche Erregung hervorgerufen. Man bezeichnet diesen Brücken» bau, der mit einem Kostenauftvande von rund 25 000 M. aufgeführt und dessen Instandhaltung und Bewachung mit der Zeit große Summen erfordern wird, als gänzlich verfehlt. Die„Kaiserbrücke" wiod nach sachverständigem Urteil nicht eine Verkchrserleichtcrung sondern geradezu ein Verkehrshindernis bedeuten. Offen ist zu- nächst die Frage: Wie will man die Passanten zwingen, statt des geraden bequemen Waldweges einen Zickzack-Kurs zu nehmen und 30 Stufen hinauf und 30 Stufen hinunter zu klettern über eine Brücke, für die im Grunde genommen keine zwingende Veranlassung vorlag? Der Zweck, den kaiserlichen Automobilen ungehinderte schnelle Fahrt zu ermöglichen, wird durch die neue Brücke keines- Wegs erreicht, denn kaum 100 Meter hinter ihr flutet über die Chaussee ein viel stärkerer Menschenstrom, der durch die neue Brücke unmöglich abgelenkt werden kann. Im Gegenteil dürfte durch die „Kaiserbrücke" die Vcrkchrskalamität� bei Beelitzhof noch gesteigert werden. Ganz verkehrt ist auch die Maßnahme, daß, um die Passanten zu hindern, dir Brücke zu umgehen und sich daneben einen Zugang zum Wannsee zu vcrsckiaffcn, der gauze Weg links und rechts der Brücke auf je hundert Meter mit einem festen Zaun ver» sehen werden soll. Tie Folge davon wird sein, daß nur ein kleiner Teil aber den Weg vom Bahnhof Nicolassee den Weg über Schlachtcnsce und die Brücke der größere Teil über Beelitz nach den Wannsee- Badeanstalten nehmen wird. Die hier an Sonntagen üblichen Verkehrsstockungen werden dann chronisch werden. Will man das Uebel an der Wurzel fassen, so müßten im Interesse der Passanten wie auch der sausenden Autos nach dem Wannsee zu etwa vier derartige Uebcrbrückungen der Chaussee durchgeführt werden. Ucberfahren und getötet wurde gestern der Rentenempfänger Heinrich Daniel aus der Sorauerstraße 29. Als der schwerhörige Mann an der Stralauer Allee und an der Caprivistratzc den Jahr- dämm überschreiten wollte, hörte er nicht, daß eine elektrische Straßenbahn herannahte. Er kam unter den Wa�en der Linie Schlesischer Bahnhof— Spreetunncl. Treptow, erlitt einen Schulter- blatt- und einen Oberarmbruch und starb bald infolge der Ver. lctzungen. »- Ein schrecklicher Unglücksfall Hai sich gestern nachmittag im Zentrum der Stadt ereignet. Auf dem Grundstück Schützenstrahe Nr. iS wird gegenwärtig ein Neubau errichtet. Als gestern nach- mittag die Arbeiter mit dem Beseitigen des Frontgerüstes beschäf- tigt waren, fiel ein langes Brett auf die Straße hinab. Unglück- licherweise ging gerade ein unbekannter, etwa 12jähriger Knabe Vorüber. Das Brett traf ihn am Kopf und zerschmetterte diesen fast vollständig. Blutüberströmt brach der Getroffene zusammen. Sterbend wurde das Kind nach dem Krankenhaus am Urban ge- bracht. Von einem Blutsturz betroffen wurde am Sonnabend ein Ar- beitcr in der Dunckerstraße. Er wurde sofort in einen Hausflur geschafft und die Polizei von dem Vorfall benachrichtigt. Es er- schien auch ein Schutzmann, der Wache hielt. Nach Verlauf einer Stunde erfolgte durch einen anderen Schutzmann Ablösung. So vergingen zwei Stunden, ohne daß der Verunglückte werggeschafft wurde. Anfänglich lvar der Man» besinnungslos, er gab aber schließlich seinen Geist auf, ohne daß Hilfe herbeigeholt worden war. Verhaftung dc-5 Räubers vom Postscheckamt. Der langgesuchte junge Räuber, der vor dem Hauptpostscheckamt in der Dorothcenstraße dem Lehrling der Firma Hirschfeld u. Co. in Weitzensee durch eine» kühnen Trick 6800 M. enlwendete, ist gestern vormittag durch seine eigene Dummheit' in die Hände der Kriminalpolizei gefallen. Der Täter ist der fünfzehn Jahre alte Fürsorgezögling Adolf Conrad. Seine Taten sind noch in Erinnerung. Am 3. Juli verübte Conrad den Raub- anfall in der Dorotheenstraße und drei Tage darauf entlockte er dem sechzehn Jahre alten Laufburschen Fritz Beyer an der Ecke der Burg- und Königstraße seine Legilimationspapiere. Er engagierte den Laufburschen als Kasscnboten gegen«inen Wochen lohn von 13,50 M. und händigte ihm, um seine Ehrlichkeit zu prüfen, die Summe von 100 M. ein, die Beyer ihm ain Abend des- selben TageS um 7 Uhr vor dein ZirkuS Busch wiederbringen sollte. Fritz Beyer erschien pünktlich, aber wer nicht da war, das war der „Herr Kassierer". Gestern morgen klingelte eS in der Wohnung der Eltern Beyers, die in der Langestr. 17 wohnen. Bor der Tür stand ein junger Mensch, der sich als der„Kassierer" vorstellte, der Fritz Beyer einen Hundertmarkschein gegeben habe. Er wolle daS Geld wieder habe». Die Wohnung der Beyerschen Eheleute wurde seil mehreren Tagen von Krimtnalbeomten unauffällig observiert. Diese wurden von der Anwesenheit deS Burschen verständigt, worauf die Jesstiiahme erfolgte. Für die 1000 M., die er am 2. Juli dem Lehrling der Firma Spicker u. Co. vor dem Postscheckamt entivendete, kaufte er in der Brnnnenstraße, nachdem er den Tausendmarkschein auf einer Bank in der Prinzenstraße eingewechselt hatte, einen neuen Anzug. Stiefel erstand er in der Danzigerstraße. Mit den neu erworbenen Kleidern ging er dann nach der Jungfernheide und zog sich dort in einem Gebüsch um. Sein nächster Gedanke war, wie er wieder einen großen Beutezug machen könne. Er nächtigte in verschiedenen Herbergen und verbrachte das Geld auf den Renn- bahnen Karlshorst und Hoppegarteu. Seine Verluste überwogen die Gewinne und nachdem der Tausendmarkschein verbraucht worden war, begab sich Conrad wieder nach dem Hauptpostscheckamt, wo er den bekannten Raub von 5800 M. ausführte. Ein neuer Anzug, ein Panamahut, gelbe Stiefel, ein Koffer und die nötige Wäsche wurden gekauft. Dann löste er sich ein Billett nach Chiasso in Italien und dampfte in einem v-Zuge ab. Da er der italienischen Sprache nicht niächtig war, fühlte sich der junge Bursche dort nicht wohl. Er hielt sich nur einen Tag auf und fuhr auf demselben Wege wieder nach Berlin zurück.Er brauchte aber, um weitersicher leben zu können, eineLegitimation, die er sich dann bei Fritz Beyer verschaffte. Er trat als Willi Beyer auf. wohnte sogar unter diesem Namen in einem Hotel in der Königgrätzer Straße und lebte nach wie vor auf großem Fuße. Conrad besucht« die Rennbahnen und kehrte von dort stets mit einem Automobil nach seinem Hotel zurück. Dann kleidete er sich um und besuchte Variötös und andere Theater. Sein Geld will er in einer Brieftasche mr Rock getragen haben, aus dem es ihm auf unerklärliche Weife verloren gegangen sei. Jetzt stand er wieder ohne Mittel da. Der Hotelwirt verlangte die Bezahlung der Rechnung. Unter Zurlicklassung seines Koffers verschwand Conrad, ohne die Rechnung zu begleiche», und in seiner Not erinnerte er sich der 100 M., die er Fritz Beyer gegeben hatte. Bei dem Versuche, daS Geld wiederzuerlangen, ereilte ihn dann sein Schicksal. Albert Conrad wurde am 2. Oktober 1805 in Berlin geboren; seine Eltern sind tot. Mit elf Jahren wurde er bei einem Diebstahl abgefaßt, nachdem er vorher seinen Eltern Geld weggenommen halte. Er machte dann andere Dummheiten und kam nach der Für» sorgeanstalt in Groß-Rosen in Schlesien. Dort blieb er ungefähr ein Jahr. Am 10. Mai entwich er aus der Anstalt. Ohne Geld- mittel bestieg er einen in Groß-Rosen stehenden Güterzug und fuhr als blinder Passagier nach Berlin. Befindet sich der Fürsorgezögling erst auf der Flucht, dann geht eS mit ihm rapide bergab. Arbeit kann er nicht annehmen, da er keine Papiere hat, bei Angehörigen dgrf er sich nicht aufhalten, da er Angst haben muß, jeden Augenblick gefaßt zu werden, anderer» seits die Angehörigen sich auch der Gefahr der Bestrafung wegen Begünstigung auSietzen, leben will aber auch der Geflohene und so bleibt ihm keine andere lPahl, als zu stehlen oder andere Verbrechen zu begehen. DaS geschieht so lange, bi« er gefaßt wird. Dann erfolgt Bestrafung. Und so geht eS fort.., Eisenbahnbeschwerden. Ein Leser schreibt unS: Am IS. d. M. wurde in Spandau der neue Vorortbahnhof eröffnet. In der Arbeiterschaft war man der Ansicht, daß der Preis für Wochenkarten von dort nach Berlin und zurück nicht höher werden würde, und zwar,. weil auch auf die Einzelkarten kein Aufschlag erfolgte. Von dieser Ansicht wurde ich kuriert, als ich am Tage der Eröffnung des VorortbahnhofS meine Wochenkarte, welche noch vom Hauptbahnhof in Sp. lautete, be- nutzen wollte. Nun wurde mir gesagt, daß vom Vorortbahnhof der Preis höher fei. Die verlängerte Strecke ist nebenbei bemerkt nur 1,13 Kilometer lang. Recht komisch ist die Berechnung der Wochenkarten nach den einzelnen Stationen zwischen Spandau. Vorortbahnhof und Berlin, Lehrter Bahnhof. So kostet zum Bei- spiel die Wochenkarte von Spandau. Vorortbahnhof bis Bahnhof Jungfernheide 90 Pf.; von Spaydau, Hauptbahnhof bis dort 70 Pf.; dagegen vrnu Vorortbahnhof bis Bahnhof Fürftcnbrunn 60 Pf., vom Hauptbahnhof 50 Pf. Infolgedessen müssen die Arbeiter, welche bis Jungfernheide fahren, 20 Pf., die, welche bis Fürsten- brunn fahren, 10 Pf. für die neue Strecke zahlen. Die Arbeiter, welche«rstere Strecke benutzen, ersuchen die Kgl. Eisenbahnverwal- tvng höflichst, sich darüber zu äußern, aus welchen Gründen sie diese sonderbare BerechnungSart für die Wochenkarten für die nur kurze Strecke herleitet._ Ein schwerer Unglücksfall hat sich gestern früh auf der Station Jannowitzbrücke zugetragen. Die Mjährige Tochter Frieda des in Lichtenberg wohnenden Feuerwehrmannes Lorenz hatte gegen MS Uhr vom Bahnhof Frankfurter Allee aus einen Nordringzug benutzt, um sich nach ihrer in Berlin belegenen Arbeitsstelle zu be» geben. Auf der Station Jannowitzbrücke waren mehrere junge Mädchen, die mit der L. in einem Koupee saßen, ausgestiegen, ohne die Abteiltür gehörig zu schließen. Bei der Ausfahrt des Zuges legte sich Fräulein Lorenz an die Tür, die plötzlich nachgab, und das junge Mädchen stürzte rücklings auf den Bahnkörper. Sie schlug auf einen Holzstapel auf und blieb blutüberströmt und besinnungs- los liegen. Die Verunglückte wurde bald darauf von Bahnbeamten aufgefunden und zu einem in der Nähe wohnenden Arzt gebracht, der eine schwere Gehirnerschütterung, eine klaffende Kopfwunde und innere Verletzungen feststellte. Nach Anlegung von Notver- bänden wurde hie Bedauernswerte auf den Wunsch der Eltern in einem Automobil nach ihrer Wohnung übergeführt Ein eigenartiger Fund wurde in der Wuhlheide gemacht. In einem Sandloch wurde an versteckter Stelle ein Jackett aufgefunden, das fast vollständig mit Blut durchtränkt war. In daS Kleidungsstück hincii�ewickelt waren mehrere Legitimationspapiere, die auf den Name» einer unvevehelichten Helene Hanusch, geboren am 20. Dezember 1873 zu Tauern. lauteten. Ferner befand sich unter den Papieren«ine schriftliche amtliche Aufforderung, wonach sich der Empfänger des Schreibens persönlich in Tegel anzumelden habe. Diese Anmeldung ist bisher aber nicht erfolgt. Die Polizei hält es nicht für ausgeschlossen, daß hinter dem rätselhaften Fund ein Verbrechen zu suchen ist. Eine traurige Aufklärung hat das Verschwinden des 23jährigen Hausmädchens Nocder aus Hessenwinkel gefunden. Bor etwa vierzehn Tagen verschlvand die N., und man vermutete, daß die Vermißte das Opfer eines Verbrechens geworden sei. Gestern wurde nun aus der Oberspree eine Leiche gelandet, in der das junge Mädchen ermittelt wurde. Bisher konnte noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob hier ein Selbstmord vorliegt, oder ob es sich um einen verhängnisvollen Unglücksfall handelt. Lyfolvergiftung. Gestern nachmittag gegen 2 Uhr wurde ein unbekanntes Mädchen im Plänterwalde in Treptow von einem Schutzmanne aufgefunden. Sie hatte Lysol genommen. Man brachte sie nach dem Krankenhause Bethanien, wo sie bald nach ihrer Aufnahme starb. Die Unbekannte ist etwa 18— 20 Jahre alt, hat dunkles Haar, ist mittelgroß und trujj ein braunes Kleid, einen großen, schwarzen Hut, braune Strumpfe und schwarze Stiefel. Sie hatte eine Visitenkarte mit dem Namen Mohnhaupt bei sich. Beim Sommerfest des 6. Wahlkreises im Schloß Weißensee sind ein Portemonnaie mit Inhalt sowie einzelne Hutnadeln als gefunden abgeliefert worden. Verloren gegangen ist ein Herren- und ein Damenregenschirm. Die Gegenstände sind abzuliefern resp. abzuholen im Bureau des Wahlvereins. Neue Hochstr. 23. Die Mitglieder deS Berliner BolkSchors werden gebeten, zum Zwecke einer dringlichen Besprechung am Freitag, den 29. Juli, im Gewerkschastshause zu erscheinen. Warnung vor einem Schwindler. Ein etwa 30 Jahre alter, gut mittelgroßer aber schmächtiger Mann, der sich als Lehrer an dem Pädagogium in Zossen ausgab. versuchte von der Ehefrau eines hiesigen zurzeit verreisten Rektors eine Unterstützung zu erlangen. Da an dem Pädagogium in Zossen jener angebliche Lehrer, der seinen Namen versckuvicgen hat. nach den angestellten Ermittelungen nicht beschäftigt ist, handelt es sich offenbar um einen Betrüger. Da dieser vielleicht weitere Schwin- deleien versuchen wird, machen wir besonders die Rektoren- und Lehrerkreise hierauf aufmerksam. Mitteilungen, die zur Ergrei- fung des Betrügers dienen können, sind an daS Polizei-Präsidium, Wteilung IV, zu richten._ DaS Polizeipräsidium teilt mit: Dr. Holdu. Vor einigen Tagen versuchte ein unbekannt gebliebener Herr sich in einer Apotheke ein stark wirkendes Schlafmittel zu beschaffen. Die näheren Umstände lassen cS nicht ausgeschlossen erscheinen, daß der Unbekannte beabsichtigte, einen gefahrlichen Unfug mit dem Schlafmittel zu verüben, und daß er seinen Versuch, da» Mittel zu erhalten, wiederholen wird. Er benutzte hierzu ein Rezeptblatt mit dem aufgedruckten Kopfe„Dr. Holdu, prakt. Arzt, Lindenstr. 24". Da ein Dr. Holdu hier nicht existiert, so wäre eS wünschenswert, wenn die Firma, die diese Rczeptformulare hergestellt oder in Bestellung genommen hat, sich auf dem nächsten Polizeireviere oder bei dem S. Bezirke der Kriminalpolizei im Polizeipräsidium am Alexanderplatz melden würde. Vorort- JVadmcbtem Tharlottenbnrg. Zur Hebung des GaskonsumS beschloß der Charlottenburger Magistrat, die Verlegung von Privat-GaSzuleitungen nach den vor dem 1. Januar 1900 erbauten Vorderhäusern, bei deren Er- bauung Privat-GaSzuleitungen nicht vorgesehen waren, gegen Ucbernahme der Hälfte der vollen Kosten durch die Gasanstalts» Verwaltung und die Ausführung der Steigeleitungen zu Selbstkosten- preisen zu genehmigen. Die Vergünstigung bestand bisher nur für die vor dem Jahre 1900 erbauten Hinterhäuser. Rixdorf. Einem umfangreichen Handel mit Fleisch von erkrankten Tieren ist die Polizei in Ripdorf auf die Spur gekommen. Schon seit längerer Zeit hatte du: Kriminalpolizei die Vermutung, daß von Rixdorf auS minderwertiges Fleisch, besonders Fleisch von Kühen, die krank waren, nach Berlin und anderen Vororten in den Ver- kehr gebracht wurde, nachdem eS zuvor mit nachgeahmten Stempeln versehen worden war. ES wurden eine Anzahl von verdächtigen Schlächtern observiert und schließlich ermittelt, daß der Schlächter Max Plessow au» der Bendastraße 3 in Rixdorf mit ganzen Vierteln handelte. Als er gestern morgen wieder nach Berlin mit Fleisch fahren wollt?, folgten ihm einige Kriminalbeamte. Als er bemerkte, daß er verfolgt wurde, peitschte er auf daS Pferd ein und fuhr in vollem Trabe davon. Er wurde slpäter fest- genommen, hatte aber kein Fleisch mehr auf dem Wagen. Er behauptete, er hätte vier Viertel kranken Kuhfleisches von der Ober baumbrücke in die Spree geworfen. Schließlich räumte er ein, daß er die vier Viertel, die unabgestempelt und nicht von einem Arzt untersucht worden waren, in der Privatmarkthalle in der Dircksen- straße für den geringen Preis von 50 M. verkauft habe. Er selbst will das kranke Tier von einem unbekannten Manne in der Nähe des Lehrter Bahnhofs getauft haben. Es scheinen noch ein? Reihe anderer Schlächter mit krankem Vieh ihren Handel zu betreiben. Plessow wurde in da» Untersuchungsgefängnis gebracht. Der Dreher Emil Spann, Warlhestraße 60, bittet uns unter Hin- weis auf die gestrige den Maschinenarbeiter Richard Spann be- treffende Notiz um die Mitteilung, daß er mit dem letzteren nicht identisch ist. Eniil Spann ist K a s s i e r e r der Kranken- und Sterbe- lasse der Wagenbauer in Rixdorf, während Richard Spann Bevoll- mächtigter war. Kassengelder der genannten Kasse sind nicht unter- schlagen. Wilmersdorf-Halensee. Bei der Berlosiing auf dem am 23. Juli abgehaltenen S o m m e r f e st sind die auf folgende Nummern gefallenen G e- Winne nicht abgeholt worden: 3, 74. 205, 293, 393, 393. Der Vorstand, Friedrichsfelde.' Aus der Gemeindevertretung. Weil der derzeitige Gemeinde- baumeister am 1. Oktober aus dem Gemeindedienst scheidet, hat die Baukommission eine sofortige-Ausschreibung dieser Stelle für nötig gehalten, weshalb eine Feriensitzung des Gemeindeparlaments an- beraumt war. Die Tagesordnung enthielt nur fünf Punkte, die ziemlich rasch erledigt wurden. In einer Vorlage wurde die Zustimmuna zum Erlaß einer Polizei- Verordnung gefordert, den Betrieb von Schweine- Mästereien betreffend, durch deren Bestimmungen man zu er- reichen hofft, daß die sibermäßige Gestankentwicklung, unter der die weite Umgebung solcher Betriebe gegenwärtig arg zu leiden hat, auf ein Mindestmaß eingeschränkt wird. Die Verordnung ist ganz unzulänglich und dürfte kaum eine Besserung bringen. Bezüglich der Anstellung eines Gemeindebau- Meisters herrschte eine große MeinungSverschikdeiiheit darüber, ob ein Tief« oder Hochbaumeister zu bevorzugen sei. Mit knapper Mehrheit entschied man sich für Tiefbau. Wenn man bedenkt, in welch verwahrlostem Zustand sich unsere Straßen befinden, welche trübe Erfahrungen wir mit der Kanalisation machen mußten, und welche große Arbeiten noch bevorstehe!» bei Aufschluß de» umfang- reichen, unbebauten Geländes unserer Gemeinde, so dürfte der Be- schluß nur zu begrüßen sein. Nachdem dann die übrigen, weniger interessierenden Punkte er- ledigr waren, kam, dank dem Vorgehen unseres Genossen Pinseler, eine AngelegenHeii zur Sprache, die die allergrößte Beachtung ver- dient. Der Genosse hatte festgestellt, daß am vergangenen Mitt- woch die Wasserleitung in der Walderseestraße derart schmutziges Wasser abgab, daß eS, völlig unbrauchbar. weggeschüttet werden mußte. Es handelte sich nicht etwa um eine gering« Trübung, wie sie zuweilen beim Auswechseln von Rohren unvermeidlich ist, sondern das Wasser war braun und ichlainmig und auf der Oberfläche schwammen große Teer- resp. Oelflecken. ?luch ist der Fall nicht der einzige, wie die Diskussion ergab, viel- mehr konnten an verschiedenen Teilen deS Ortes und zu verschiedenen Zeiten gleiche Beobachtungen gemacht werden. Die von unkerem Vertreter im Interesse der Gesundheit der Einwohner unseres OrteS geforderte schleunige Untersuchung suchte nian von bürgerlicher Seite zunächst unter allerlei nichtigen Vorwänden zu verzögern, mußte aber schließlich den Argumenten unserer Genossen folgen. Ttralan. Bei dem am Sonntag, den 24. JuE in der Alten Taverne abge- haltenen Sommcrfcst ist im Saale eine goldene Damenuhr verloren gegangen. Die junge Dame, die die Uhr aufgehoben hat, wird dringend ersucht, die Uhr an den Obmann deS Komitees, Genossen Otto Bernhard, Markgrafendamm 4, Hof IV Treppen abzugeben. Friedenau. Beim Spielen tödlich verunglückt ist der 10jährige Schüler Franz Horatscheck aus der Bornstraße in Friedenau. Der Kleine hatte mit mehreren anderen Kindern auf einem benachbarten Grundstück ge- spielt und mehrere Knaben waren auf einen 3 Meter hohen Schuppen geklettert. Auf dem Dache trieben die Jungen allerlei Allotria. Dabei wurde der kleine H. von einem seiner Spielkameraden un« absichtlich so heftig angestoßen, daß er das Gleichgewicht verlor und kopfüber von dem Schuppen herabstürzte. Der Verunglückte erlitt schwere innere Verletzungen und wurde in hoffnungslosem Zustande in das Auguste-Viktoria-KrankenhauS eingeliefert. Lankwitz. Sonntag, den 31. Juli, findet das 2. Stiftungsfest der Freien Turnerschaft Lankwitz, M. d, A.-T.-B,, statt. Pünktlich 2 Uhr vom VereinSlokal, H. Gäiulz, Mühlenstr. 2l, Umzug durch den Ort mit Musik. Nach dem Umzug Schauturnen auf dem Festplatz, abend» großer Ball. Die Musik wird ausgeführt von der Kapelle der Freien Turnerfchaft Rixdorf. Da der Verein der Partei stets zur Verfügung steht und das Komitee fich die größte Mühe gegeben hat. das Fest genußreich zu gestalten, werden die Parteigenossen sowie Freunde und Gönner erjucht, den Verein durch regen Besuch zu unterstützen. Potsdam. Der ortsübliche Tagelohn ist jetzt für den StadtkreiSVPotSdam vom Regierungspräsidenten festgesetzt: auf 3,25 M. für männliche Arbeiter über 16 Jahre und 1,40 M. für solche unter 16 Jahren und auf 1,70 M. für weibliche Arbeiter über 16 Jahre und 1,00 M. für solche unter 16 Jahren. Die Sätze treten vom 1. Januar 1911 in Kraft. Spandau. Wegen SittlichkritSverirechen» wurde der Arbeiter Wilhelm Sch. aus der BiSmarckstraße verhaftet. Derselbe wird beschuldigt, fich mehrmals an seiner eigenen elfjährigen Tochter vergangen zu haben. An den erlittenen Brandwunde» gestorben ist die Ehefrau de» Arbeiters Frommann, welche fie sich bei der Explosion eine» SpirituSpläUeifenS zugezogen hatte. SubmiffionSblüten. Für den ausgeschriebenen Bau eines Regen- Wasserkanals waren 22 Offerten beini hiesigen Magistrat eingegangen Die niedrigste Forderung belief sich auf 16705 M., die der hiesige Tiesbau- Unternehmer Jahn abgegeben hatte. Die höchste Forderung von einem auswärtigen Unternehmer betrug 45000 M. Falls die Forderung an den Mindestfordernden vergeben wird, dürften wieder recht viel polnische und galizische Arbeiter, ja vielleicht auch Frauen nach Spandau kommen, denn nur ans Kosten der Herrmterdrücknng der Arbeits« löhne ist eine Mindestforderung zu erklären. Es wäre erwünscht, wenn die sozialdemokratischen Stadtverordneten sich einmal danach erkundigten, ob bei der Ausschreibung auch vorgesehen ist, daß der ortsübliche Tagelohn gezahlt und hiesige Arbeiter in erster Linie berücksichtigt werden, die Stadwerordnetenversammlung halte fich feinerzeit dahin ausgesprochen, daß diese Bedingungen bei dm Aus- schreibungen gestellt werden. Arbeiter-Samariterbund, Abteilung Spandau. Am Mittwoch, den 27. Juli, abend» 8% Uhr, findet im Lokale F. Bohle, Havel, straße 20, der Ucbungsabend statt. Jngendveranstaltungen. Lichtenberg.Friedrichsfelde. Am Sonntag, den»1. Juli, 4 Uhr nachmittag,, veranstaltet der Jugendausschuh im Schlohpark zu Friedrichs- seid« aus dem grohen Spi-Ipla» gemeinsame Spiele jür Jung und Alt. Die Erwachsenen werden besonders ersuch», daran teilzunehm». Lied«. bücher mitbringen._ Lese- und Tiskutterklud»Heine». Heute abend»>/, Uhr Sitzung Scrvn Gründera, Rodenbergstr. 8. Gäste willkommen. ese- und Diskutierklub„Stralau«» Allee«. Heut« Mittwoch, abend» S>/, Uhr, Sitzung bei Fellenberg, Capriolstr. 20. Gäste willkomme«. bei «SitterungSstberstch, vom 8«. Juli 10 10, morgens« Uhr. GUMoaen |i 2| L-j Zwtnemde Hamburg »erlin 755 SSW 758 S 7°5SN ffrantf.a R 757SW München Wien I7S8SW '760®D OcttR 3 heiter 6 Haid bd. 8 bedeckt 6 balb bd, 2 halb bd. 1 wolkig »■ ei« 4 H P« «tattonen L i - S Ts B— il Lette. ** c tt Haparanda 754 NNO Petersburg 757 W Scilla j 761 NW Aberdecn!7b0NW Darts|760Sä$2B 2 wolkig l 1 balbbd. Shalbbd. 5 wolkig 4wolkenl i 13 10 13 11 14 «cttrrvroguose für Viittwoch.»»" S7. Juli 1910. Etwas kühler, teilweise heiter, jedoch>wch unbeslandtg mit HSusszm Rtgeilschauern und ziemlich ltarlea«jestl'ch-n Winden. Beritner Wetter! -bureg» xSafferstandS-Stachrichte« der LandeSanftalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e l, Ttlstt » r e g e l. Jnsterbm» Weichsel, Tb-rn Oder, Siatibor , Krofien , grantturt Warthe, Sckrinnn Landsberg R« tz'e> Bordamm S l b e. Leiimeritz # Dresden , Barby Magdeburg ,)+ bedeutet Wuchs,— Agg. mittag»: 337 cm. Lasserstand Saal«, Grochlttz Havel, Soandauft . Rathenow') S p r e,, Sor-mbergl , Beeston» W e f« r, Münden . Mwden Rhein, MaxtmManSau Kaub . R5ln Neckar. Hellbrom, Main, W-rth-iM Mosel. Trier — Unisrpogtl.—•) Um 6 Ohr nach. Credit-Haus Bellealliance" Belltallltnce-Str. 100, I. Elm». Waren n. Höhr! M. knllnt. Bedlna. TurmstraBe 55, Ecke Waldstr. gewährtjsdemb. spielend leichter An-». Abzahlung mehrjährigen Kredit auf Waren und Möbel. u Spandau, Pota- damerstr. 2t I, Maileit» a. Fl. 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