Ur. 174. flbonncmentS'Bedlngungen: LbonnementZ- Prcis pränumerando Z Vicrtcljährl. ZM Mk., monald 1,10 Mk,, wöchenllich 26 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonmags- nunimcr mit Musirierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- klbonnement: I.IV Marl pro Monat. Eingetragen in die Posl-Zeilungs- Preislislc. Unter Kreuzband für Deutlchland und Oesterreich- Ungarn L Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. S7. Jahrg. krlchelnt täglich außer IHontags. Vevltnev Volksblnkk. vle Insertion;-l-ebahr vekägt für die fcchsgefpaltcne Kolonel- zcilc oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versainmlungs-Anzeigen M Pfg. „Kleine Hnrefgen", das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Rnzeigcn daS erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über LS Buchstaben zählen für zwei«orte. Inserate für die nächste Rümmer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt diS 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „SotialiUniolirat ßerlia" Zentralorgan der fostaldernohrat» leben partel Deutfcblanda. Rcdahtion: 61X1. 68, Lindcnstrassc 69. Fernspr-chcr: Amt IV. Nr. 1983. Negation Ser§o?la!Semokratie. 11. Nachdem Dr. Bloch die erste Voraussetzung zum Zusammen- gehen mit den Nationalliberalen dadurch geschaffen hat, daß er an Stelle der sozialdemokratischen die großkapitalistische und großagrarische Politik gesetzt hat, wenn er das natürlich auch„nicht wahr haben" wird ivollen, kommt er zur zweiten Bedingung, die er für die neue Koalition wesentlich hält: „Dann das zweite und wichtigste: Die sozialdemokratische Partei nrntz selber den Willen zeigen eine werdende Koalition zu fördern und die Umivandlung der Negierungsweise in Deutschland durch ihre Mitarbeit zu ermöglichen. Es scheint zurzeit nicht zu optimistisch mit einer großen sozialdemokratischen Fraktion im neuen Reichstag zu rechnen. Ich sehe davon ab, dah schon zu deren Zustande- kommen ein Zusammengehe» mit bürgerlichen Parteien notwendig sein wird, und zwar dergestalt, daß man die Mandatsverteilung, nicht die Wähler- stimmenzahl im Auge hat. Indes, mit bloßen Wahl- a l l i a n z e n ist es nicht getan. Es darf auch nachher, iin Parlament selber, nicht wieder die Methode geübt werden, daß die sozialden, akratische Fraktion im un der söhn- lichen Gegensatz zu den anderen Parteien st eh t, daß sie den agitatorischen Gesichtspunkt voranstellt und sich damit begnügt an sich gute, aber heute unerfüllbare Anträge zu stellen. Es kommt eben nicht nur auf Anregungen an, die in einem späteren Entwickelungsstadium realisierbar sind, sondern auch auf Leistungen, die sofort ihren prakuschen Niederschlag finden, und die Regierun gssähigkeit einer Partei zeigt sich nicht in der Richtigkeit ihrer Forderungen, sondern in der Fähigkeit sie, wenn auch nur zum Teil, durchzusetzen." Dr. Bloch verlangt also wie vor ihm Ouessel und Mauren- brecher, daß die Partei bei den nächsten Wahlen darauf ver- zichtet, in allen Kreisen Kandidaten aufzustellen. Es müssen Wahlallianccn geschlossen werden, um möglichst viel Mandate auch für die verbündeten bürgerlichen Parteien zu gewinnen. Die Sozialdemokratie muß auf ihren Gegensatz zu den bürgcr- lichen Parteien verzichten, mit ihnen gemeinsam arbeiten, regierungsfähig werden, keine„unerfüllbaren" Forderungen, das sind Forderungen, die die herrschenden Klassen für uncrsüll- bar halten, stellen, sondern sich bescheiden, oder wie Dr. Bloch das ausdrückt, die Sozialdemokratie darf sich nicht„festfahren in der ungeschichtlichen Negation des Bestehenden und damit des Werdenden". Dr. Bloch ist dabei so gütig, anzuerkennen, daß die» Partei„bereits seit langem auf vielen Einzelgebieten fruchtbare reformistische Leistungen vollbringt: man braucht bloß an die gründliche und gewissenhafte sozial- politische Arbeit unserer Gewerkschaftsführer zu denken". Diese Hervorhebung der Gewerkschaftsführer ge- hört zu dem Kapitel reformistischer„Taktik". Es soll nämlich der Schein erweckt»verden, als ob die „Politiker" im Gegensatz zu den„Gewerkschaftsführern" sozial- politisch nichts geleistet hätten. Daß Bebel gerade aus diesem Gebiete als erster vorangegangen, daß Molkenbuhr nicht gerade als„Gewerkschaftsführer" angesprochen iverden kann. um von allen anderen zu schweigen, gehört offenbar bei Dr. Bloch in das Bereich des Unbewußten. Man merkt aber die Absicht und lächelt über diese verfehlte Spekulation auf das Unbeivußte. Doch die„praktische Arbeit" allein genügt Dr. Bloch nicht. Die Sozialdemokraten betrachteten diese nämlich bisher nur als Mittel zum Zweck. Die Zieformen sollen das Pro- letariat kanipffähig machen und fähig, die politische Macht zu erobern, um die bürgerliche Gesellschaft durch die sozialistische zu ersetzen. Das kann der neuen Koalition nicht passen. Und deshalb verlangt Dr. Bloch das offene„Bekenntnis zu einer konsequenten Reformpolitik". Die„revolutionären Wortgeister" stören nur die praktische Arbeit. „Das letzte Jahrzehnt dieser parlamentarischen Praxis hat mehrfach gezeigt, daß man die revolutionären Wortgeister, wenn man sie gewähren läßt, nicht wieder los wird: daß sie, den Praktikern sehr zur Unzeit, sich gerade dann einstellen, wenn man einen politischen Entschluß durchzuführen sich anschickt, oder daß fie. wenn man schon das eine oder andere glücklich unter Dach gebracht hat, durch nachträglichen Lärm eine Mißbilligung solcher Tat durch die Gesamtpartei bewirken und so ihren politischen Wert auf Null reduzieren." Man sieht, Dr. Bloch ist gar nicht tolerant. Er will das Zusamnienarbeiten mit den bürgerlichen Parteien nicht mal durch starke Worte mehr stören lassen. Die„revolutio- nären Wortgeistcr", wie Dr. Bloch die Sozialdemokraten nennt, müssen deshalb offenbar auS der Partei entfernt werden; das verlangt die„neue Koalition". Mau hat da zugleich einen Beitrag zur Meinungsfreiheit, wie sie die„Re- formisten" meinen. Allerdings auch wir wüßten nicht, wie anders dem kon- fequenten Reformismus die Bahn frei gemacht werden sollte, dessen Politik dann folgendermaßen näher bestimmt wird: „Hat man die Illusion nicht mehr, daß man allein stark genug ist, die Macht zu erringen— und wer kann sie noch haben, der die soziale Struktur der Gesellschaft kennt?—, dann muß man paktieren; aber nicht bloß von der Hand in den Mund, mn Bagatellen willen, sondern nach einem bestimmten politischen Plan, der auf der Grunderkenntnis basiert: keine perpetuierlich wechselnden Konstellationen— die erleichtern nur eine außerparlamentarische Regierung— sondern feste M a joritätsbildung auf Grund gemeinsamer nächster Ziele; dann aber auch Mitübernahme der Verantwortung für die durch deren Durchführung bedingte Regierungsmethode!" In der badischen Budgetbewilligung sieht Dr. Bloch eine solche„offene Einfügung in die gegebenen Faktoren des Parlaments." „Diese Abstimmung will besagen, daß die Sozialdemokratie in diesem Staatswesen positiv schöpferisch arbeiten will. Natürlich ist es nicht die Zustimmung zum Finanzgesetz selber, die das beweist; sie wäre an sich ebenso belanglos wie die gleich- gültige Demonstrationsgeste der Bndgetver- Weigerung, die unsere Partei iin allgemeinen übt, ohne damit den geringsten Eindruck zu inachen. Sie hat jenen Sinn nur, wenn sie dem Gesamtcharakter der Praxis der Fraktion entspricht. Das aber gerade scheint in Baden der Fall zu sein." Deshalb verlangt Dr. Bloch, daß diese Politik offen proklamiert wird. Er wirft der radikalen Presse vor, daß sie sich als„Todfeindin der bürgerlichen Gesellschaft" erkläre und wieder mit„dem sich verschärfenden Klasseukanipfsäbel rassele". Davon will Dr. Bloch nichts wissen, denn all das stört die neue Koalition. Schon die„Niederlage" von l907 sei der V e r- kennung der Kolonialsrage geschuldet. Die radikale Presse dürfe die Partei nicht wieder mit ihrer Hervorkehrung der Jntransigenz kompromittieren. Deshalb keine passive Negation wie bisher, sondern„positive Aktivität". Wir wissen bereits, worin diese Aktivität besteht: Wahl- bündnisse mit bürgerlichen Parteien schon beim ersten Wahl- gang. Unterwerfung unter die schutzzöllnerische Auswucherungs- Politik der herrschenden Klassen und Unterstützung der Kolonial- Politik. Dr. Bloch läßt leider manches andere doch noch im Unbewußten. Aber so unerfahren sind wir doch nicht, um weitere Schlüsse uns versagen zu können. Dr. Bloch ist ein konsequenter Denker. Es kann ihm nicht entgehen, daß, wer Kolonialpolitik sagt, auch Flottenpolitik sagt. Und hat er nicht in seiner Zeitschrist einst von Nother und kürzlich von Leuthner Propaganda für Flottenpolitik und sogar gegen eine Vereinbarung nnt England treiben lassen? Und was ist's mit dem Militarismus? Ist Bloch mit Schippe! nur in der Wirtschaftspolitik einig und nicht auch tu militärischen Fragen? Und will er wirklich die„neue Koalition", die ja dauernd sein soll— die wechselnden Majoritäten verabscheut Dr. Bloch— an Militärforderungen scheitern lassen? Wir können das nicht glauben. Wir meinen vielmehr, daß Dr. Bloch zu seiner Koalition das Vertrauen hat, daß sie ihre Mitglieder erziehen wird. Haben die Sozialdemokraten erst in der Wirtschaftspolitik und Kolonialpolitik ihre Grundsätze preisgegeben, so folgt das übrige von selbst. Wenn sie hernach im Parlamente sind, wird sich schon alles finden. Wir haben den Artikel Dr. Blochs deshalb so ausführlich wiedergegeben, weil er mit einer bisher noch nicht dagewesenen Offenheit und Schärfe die Ziele des„Reformismus" darlegt. Dr. Bloch hält sich nicht bei Kleinigkeiten auf und geht auf's Ganze. Der Reformismus will die politische Macht, aber er hält das Proletariat nicht für fähig, sie aus eigener Kraft zu erobern. Er will also das Proletariat dazu benutzen, um sich den bürger- lichen Parteien als Bundesgenossen ivertvoll zu machen. Die bürgerliche Gesellschaft würde sich aber selbst aufgeben, wenn sie dem Proletariat, dessen Klasseninteresse ihren Untergang fordert, politische Macht in die Hände legte. Soll aber die Vertretung des Proletariats von den bürgerlichen Parteien als Bundesgenosse und Teilhaber an der Staatsmacht akzeptiert werden, so muß das Proletariat vorher auf sein eigenes Interesse verzichten, seiner eigenen Politik abschivören und die bürgerliche akzeptieren. Das sieht Dr. Bloch ein und spricht das aus: Die„revolutionären Wortgeister", die „Klassenkampfsäbclraßler", die„Todfeinde der bürgerlichen Gesellschaft" müssen entfernt werden, das Proletariat muß seine revolutionären Endziele aufgeben und seine Vertreter sich in„die gegebenen Faktoren des Parlaments"— Herr v. Bethmann würde von den gottgewollten Abhängigkeiten sprechen— einfügen. Es ist die offene Negation der Sozialdemo- kratie, die hier als Ergebnis der Taktik ausgesprochen wird, die die badische Landtagsfraktion seit ihrer Budget- belvilligung und Hofgängerei eingeschlagen hat. Wir glauben nicht, daß Dr. Bloch seinen Freunden mit seiner Offenheit einen großen Dienst erwiesen hat. Wir fürchten, daß z. B. das„Verl. Tagebl." sich von dieser Großblockpolitik sehr ent- täuscht abwenden würde, die alle wirtschaftspolitischen Forderungen der Reaktion bedingungslos akzeptiert. Hat doch das Blatt. das sonst mit solchem Eifer jede noch so unbedeutende Aeußerung der„Soz. Monatsh." gegen die sozialdemokratische Politik auszuschlachten sucht, diese Prinzipieuerklärung des Reformismus völlig ignoriert. Graut ihm vor so reaktionären Teilnehmern seines Groß- blocks? Oder sühlt es sich durch das erhabene Urteil Dr. Blochs über die oberflächliche, rein journalistische deutsche Presse mit- betroffen? Sei dem aber wie immer, wir denken, das Schweigen spricht laut. Dr. Bloch steht dem„Berliner Tage- blatt" sicher zu weit rechts. Die Isolierung der Fortschritts- Partei wird immer bedenklicher. Auch die„Soz. Monatsh." erachten sie kaum mehr für bündnis- und regierungsfähig. Wir glauben auch, daß unsere badischen Genossen es „nicht wahr haben" werden wollen, daß ihre Taktik logisch zu den Konsequenzen führt, die Dr. Bloch zieht. Aber von zwei Dingen eines: Entweder ist ihre Budgetabstimmung und ihre Hofgängerei nur der Anfang einer neuen Taktik— und dies expeditton; SM. 68. Lindenötvaase 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. ist nicht nur die Meinung Blochs, sondern ebenso die Kolbs — oder sie ist völlig sinnlos. Entweder kommen die badischen Genossen wirklich den Großblockparteien entgegen, und das heißt nichts anderes, als daß sie auf die rücksichtslose Kampf- Politik und Vertretung proletarischer Interessen verzichten, oder sie müssen zur Taktik des Klassenkampfes zurückkehren. Denn mit bloßen Huldigungen und Ergebeuheitsbezeugungen, wie sie die Teilnahnie an den höfischen Kundgebungen ist, geben sich die Herrschenden auf die Dauer nicht zufrieden. Die machen realere Politik. Die Formulierung der refornnstischen Politik aber, die Dr. Bloch als notivendige Fortsetzung jener Politik der badensischen Parlamentarier ansieht, kann das Gute haben, daß sie vielen die Augen öffnen wird, die da meinen, daß es sich bei der Frage der Budgetbewilligung um gleichgültige Demonstrationen handelt. Nein, in dem einen hat Dr. Bloch schon recht: Die badische Abstimmung hat dann ihre vor- nehmlichste Bedeutung, daß sie dem Gesamtcharakter der Praxis der Fraktion entspricht. Und diese Praxis bedeutete, konsequent fortgeführt, das hat Dr. Bloch schlüssig bewiesen. die Negation der Sozialdemokratie. Noch ist es Zeit, noch ist die Umkehr möglich. Aber sie ist auch notwendig, soll anders die Grundlage unserer Partei und die Einheitlichkeit ihrer Aktion gewahrt bleiben. Das mögen sich auch diejenigen vor Augen halten, die zwar diese Politik der badischen Fraktion für bedenklich halten. aber noch immer glauben, durch alle möglichen Kompromiß- vorschlüge und Ausflüchte um eine entschiedene Stellung herum- zukommen. Sie mögen sich in diesen Zeiten, die für die deutsche Sozialdemokratie wahrlich ernst genug sind, der Goethe- Worte erinnern:, ,„Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, der vermehret das Uebel und treibt es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich." Jetzt gilt eS einmal fest auf dem Sinn zu beharre», auf dem Sinn unseres Parteiprogramms, auf dem Sinn unserer alten Taktik des Klassenkampfes! Bbrüktnitgsbestrebiingei». London, 25. Jnli.(Eig. Ber.) Dem Beispiele des„Berliner Tageblattes" folgend haben auch die linkSIibcralen„Daily Netvs" ein Nnndschreibe» an 40 bis 59 Redakteure Londoner und Provinzialzeitungen gerichtete in dem um die Beantwortung folgender Fragen gebeten wird: 1. Ist Ihrer Ansicht nach die Zeit für ein Flottenabkommen reis? 2. Würde ein solches Abkommen die Sympathie und Zustimmung Ihrer Leser haben, vorausgesetzt, daß es die angemessene Suprematie der britischen Flotte sichert? 3. Sehen Sie irgend eine praktische Einwendung gegen einen solchen Plan? Heute veröffentlicht das Blatt eine Anzahl der eingelaufenen Antworten von Redakteuren der verscbiedenen Partciblätter, die sich mit wenigen Ausnahmen für die Einschränkung der Rüstungen auS« sprechen. Der Redakteur der„Contemporary Review� bejaht die beiden ersten Fragen und bemerkt in bezug auf die dritte: „Ich glaube, eine starke öffentliche Meinung zugunsten der NüstlmgScinschränkung auf beiden Seiten würde im? zwingen, sie(die Schwierigkeiten) zu überwinden; und das Aufkommen einer derartigen öffentlichen Meinung ist nicht so sehr entfernt, wie manche Leute denken." Der Redakteur der konservativen„Mar» ning P 0 st" schreibt, daß die Kreise, deren Ansichten er kenn�, eine derartige Bewegung sympathisch gegenüberstehen würden, wenn anerkannt würde, daß die Beherrschung der See für die Existenz des britischen Reiches wesentlich sei. Herr Maninghanz von der links- liberalen„Nation" spricht sich für ein Abkommen auS und fügt hinzu, daß die Haupthindernisse die Admiralität. daS Ministerium für» Auswärtige, die konservativeOpposition und dieAusdehnung deS Flotten- gesetzeS in Deutschland seien. Der Redakteur der konservativen„P a ll Mall Gazette" ist einem Abkomm»» nicht abgeneigt; Deutsch« land müsse sich jedoch zuerst bereit erklären, in Anbetracht der eigen- tümlichen Lage dieses Landes den Zweimächte- Standard der englischen Flotte anzuerkennen. Der„Manchester Guar» d i a n", die einflußreichste liberale Zeitung im Lande, bejaht die beiden ersten Fragen und bemerkt in bezug auf die Schwierigkeit. ein Abkommen zu treffen:„Ein Abkommen betreffend die saus» wärtige) Politik scheint die beste und sicherste Grundlage zu bieten, um eine Beschränkung der Rüstungen zu erzielen". Die konservative und chauvinistische„Daily Mail" hingegen schreibt:„ES ist nicht wünschenswert, daß dieses Land Deutschland Vorschläge zur Einschränkung der Rüstungen macht, d« solche Bor» schlüge in Deutschland als anstößig und zu dem Zwecke gemacht an» gesehen werden, Deutschland in eine permanente unter» geordnete Stellung zu versetzen". ES läßt sich leicht ver» stehen, daß dieses Hetzblatt keine Lust verspürt, sich einen nie versagenden Agitationsstoff nehmen zu lassen. Aber zweifelsohne ist es die Schuld der deutschen Regierung, daß dieses Blatt heute so schreiben kann. Recht interessant sind die Ausführungen des . E c 0 n 0 m i st". dessen Redakteur wie folgt schreibt:«Nach meiner Ansicht würde die erdrückende Majorität der Geschäftsleute ein Ab» kommen zwischen Großbritannien und Deutschlatxd, das eine an- gemessene Verringerung der Rüstungsausgaben und der Steuern für dieselben sicherte, herzlich willkommen heißen. Man ist sich jetzt des Zusammenhang» zwischen den„super-tazes" und den„Super- Dreadnoüghts" bewutzt mtb jedtt vernünftige Mensch steht ein, daß 20 Treabnoughts gegen Deutschlands 10 oder IS weit besser wären als 40 Dreadnoughts gegen Deutschlands 20 oder 30. Die Schwierigkeit liegt nicht in der öffentlichen Meinung oder dem Parlament oder gar in der Presse, sondern in den beiden Regierungen und den geschickt organisierten Interessen, die direkt oder indirekt Vorteil aus diesen ungeheuren und profitablen Kontrakten der Eisenwarenbranche ziehen. Natürlich werden beide Admiralitäten verzweifelt gegen irgendeine Konvention ankämpfen, gerade wie sie für die Beibehaltung des Prisengeldes und des absurden Rechts, friedliche Kauffahrteischiffe in Kriegszeiten fortzunehmen und zu zerstören, kämpfen werden. Ich befürchte, daß die beiden Regierungen snach einer höchst christlichen Einleitungs- rede) eine Art Krupp-Armstrong-Pakt schließen werden, um das bestehende Tempo der Schiffsbauten beizubehalten. Der einzige Vertrag, der wohltuend und volkstümlich sein kann, ist ein Ab- kommen, das in Deutschland und Großbritannien eine wesentliche Anzahl der verschwendeten Millionen freisetzt„zur Abtragung der Schulden, Verringeruug der Steuern und zum nationalen Fort- schritt." Diese Anschauungen des„Economist" scheinen zwar nicht sehr hoffnungsfreudig zu sein, sie enthalten aber ein gutes Stück Wahrheit. Die Redakteure der beiden Londoner linksliberalcn Blätter«Morning Leader" und„ S t a r � sprechen fich für die Abrüstungsbewegung aus. Auch die liberale„Liverpool Post" äußert diese Ansicht. Der Redakteur der„Morning Leader" schreibt:„Ich glaube, daß vernünftig denkende Männer aller Parteien bereit sind, den deutschen Aeußerungen zugunsten der RüstungS- einschränkungen Gehör zu schenken, vorausgesetzt, daß wir ein er- trägliches Maß der Ueberlegenheit, die für unsere nationale Sicher« heit notwendig ist, haben." Der auf der äußersten Linken der liberalen Partei stehende„Star" meint:«Vernünftige Leute hier wünschen eine Flotte nur zur Verteidigung. Wenn diese ge- sichert ist, so gibt eS kein Hindernis zur Rüstungs- einschränkung." Die„Liverpool Po st" fügt ihrer Zu» ftimmung zu dem Projekte hinzu:„ES besteht keine unüberwindliche Schwierigkeit in brzug auf einen Plan, der alle Großmächte umfassen würde, aber ein beschränkterer Plan würde unmöglich sein." Die Redakteure der unabhängigen„Glasgow NewS" und der konservativen„Bristol Times and Mirror" sind beide einem Abkommen nicht abgeneigt; nur meint der erste, cS sei praktisch unmöglich, sich mit Deutschland darüber zu verstän- digen, waö eine angemessene Supreinatie der britischen Flotte sei. und der andere bemerkt, daß die Abneigung der Deutschen gegen die britische Suprematie überwunden werden müsse. Die liberale „Leidester Daily Post" bejaht die beiden ersten Fragen und verneint die letzte. Desgleichen taten die unabhängigen liberalen „East Anglian Daily Times". Die unabhängige „Western Morning NewS" hingegen hält die Zeit für noch nicht gekommen, beantwortet die zweite Frage bejahend und erklärt die deutsche Forderung der absoluten Gleichheit als ein unübersteigbareS Hindernis. Allerdings muß man bei dieser Meinungsäußerung in Betracht ziehen, daß dieses unabhängige Blatt in Plymouth, dem großen Kriegshafen, erscheint. Maurice Hewlett, der bekannte Schriftsteller, schließlich drückt sich über das Zustandekommen eines Abkommen? zwischen Deutschland und Großbritannien sehr pessimistisch aus. Er erwartet bekanntlich die Lösung des Problems nicht von den Regierungen, sondern von dem arbeitenden Volke. Der Pessimismus, soweit die bürgerlichen Parteien und die Re- gierungen in Betracht kommen, ist voll berechtigt. Die Beteuerungen deutscher und englischer bürgerlichen Blätter mögen sehr verlockend klingen; aber die Arbeiterschaft wird sich hüben wie drüben sagen: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Und zwar der Glaube an die Echtheit einer Bewegung, deren Urheber bei jedem Ansturm der Chauvinisten zu Kreuze kriechen und dem Marinemoloch die unerhörten Opfer fromm bewilligen. Denn kann es bestritten werden, daß der englische Liberalismus nicht minder als der deutsche in seinem Protest gegen die Flottenausgaben bis jetzt über die leeren Phrasen hinausgekommen ist? » Die Forderung einer Verständigung mit England hat natürlich den Ingrimm unserer Panzerplatteninteressenten und Flottenfcxe erregt. Und zweifellos würden sie ein noch weit lebhafteres Entrüstungsgeschrei über die„Würdelosigkeit" solch „antinationalen" Beginnens anstimmen, wenn sie sich vor den Reichstagswahlen nicht alle Reserve aufer- legen müßten, um nicht die Illusion zu zerstören, als sei ein st weilen keine Flottenvermehrung zu ertvarten. Völlig schweigend vernrögen die Herren freilich die An- regung nicht hinzunehmen. Nachdem die von interessierten Kapitalistenkreisen ausgehaltene„Post" sich gegen die Per- ständigung ereifert, geht auch der berüchtigte Flottentrciber Graf Reventlow in der letzten Nummer der„Deutschen Tagesztg." mit dem schärfsten Geschütz gegen die Hochverräter einer Rüstungseinschränkung vor. Er macht dabei eine wahrhaft geniale Entdeckung. Die nämlich, daß ja die Verständigung mit England bpreits erreicht sei! Habe doch der englische Premier- nnnister erklärt, daß man in England überzeugt sei, daß Deutschland nicht gegen England rüste l„Da haben Wir die Verständigung, die heißersehnte". Man weiß wirklich nicht, ob man es hier mit einer bloßen. allerdings bodenlosen Albernheit oder mit einem ebenso boden- losen Zynismus zu tun hat. Denn es kann dem Marinegrafen doch nicht unbekannt sein, daß die Verständigung in einer Ein- schränkung der Rüstuizgen bestehen soll, während diplo- matische Redensarten, wie die Asquiths, gerade dazu dienen, das Wettrüsten harmloser erscheinen zu lassen. Die„Deutsche Tages-Ztg." läßt also ihren Flotten- Mitarbeiter über den., Verständigungsrummel" zetern und die Verständigungsidee für absurd erklären England möge, wird in dem führenden Bündlerblatt> brüsk erklärt, entweder ein für allemal auf seinen Anspruch auf Flottenüberlegenheit verzichten, oder— bis etwa zum Jahre 1930 jährlich acht bis zehn Dreadnoughts bauen! Was einen interessanten Einblick in die R ü st u n g s p l ä n e unserer deutschen Flottcnfexe gewährt I Denn wenn für England eine der- artige Rüstung zur Aufrechterhaltung einer marinistischen Ueberlegenheit nottvendig sein soll, müßte doch auch Deutsch- laud bis 1939 jährlich miudesteuS 4— 5 Dreadnoughts baue»! Nur in einem geben wir dem Grafen Reventlow recht. Ein„Verständigungsrummel" wird die ganze Preßdebatte über die Verständigung bleiben, wenn nicht in England sowohl wie in Deutschland daS Volk und die Volksvertretung die Regierung zwingt. schleunigst durch Berlangsamung der Schiffsbauten die ernst« l i ch e Bereitwilligkeit zu einer Mstungseinschränkung zu de- weisen l PolitilcKe CtcbcrHcbt Berlin, den 27. Juli 1910. Auch ein Dementi. Die„National-Ztg." veröffentlicht ein kurioses Dementi, daS allem Anschein nach keinen anderen Zweck hat, als das vermehrte Ansehen, das Bassermann durch die angeblich zwischen ihm und dem Reichskanzler stattgefundene Konferenz in den Augen mancher seiner Verehrer erlangt» etwas zu dämpfen. Das Dementi lautet nämlich: „In verschiedenen Blättern findet sich die Mitteilung, daß der Abgeordnete Bassennann in Berlin eine Konferenz mit dem Reichs- kanzler v. Bethmann Holltveg gehabt habe, in welcher der Kanzler den Wunsch ausgesprochen habe, daß der Abg. Bassermann die Führung der nationalliberalen Fraktion beibehalten möge. Daraufhin habe Herr Bassermann sich entschlossen, sich dem parlamentarischen Leben weiter zu widmen.— Au dieser ganzen Nachricht ist nurl richiig, daß der Abgeordnete Bassermann mit dem Reichskanzler auf der Fahrt von Karlsruhe nach Berlin eine mehrstündige Konferenz hatte. Alles andere, was über diese Unterredung be- züglich der Beibehaltung der Führerschaft usw. gesagt wird, ist von Anfang bis zu Ende erfunden." Also Bassermann hat nur mit dem Reichskanzler während einer Eisenbahnfahrt über Politik und Witterung geredet. Er ist nicht vom Kanzler zum Besuch eingeladen worden, dieser hat ihn nicht als Chef der nationalliberalen Partei begrüßt und ihm auch keinerlei Zusagen gemacht. Warum diese Fest- stellung? Was für ein Interesse hat die„National-Ztg." daran, diese Mitteilung ostentativ ihren Lesern vorzusetzen? Sollte nicht vielleicht der Zweck der sein, den Lesern zu Ge- müte zu führen, daß Vassemann keineswegs in den Regierungskreisen als jene wichtige einflußreiche Persönlichkeit gilt, als die seine engeren Freunde ihn hinstellen. Der Fall Langhammer. Noch langem Hader ist der Tapetcnfabrikant und Abgeordnete Max Longhammer-Chemnitz endlich in aller Form aus der nationalliberalen Partei Sachsens ausgeschlossen worden. Der Vorstand des Nationälliberalen Lande svereins für das Königreich Sachsen veröffentlicht eine langatmige Erklärung, ty der es heißt: » Leipzig, 28. Juli. »Der Vorstand des Nationolliberolen Landesvereins für daß Königteich Sachsen hat in seiner am 24. Juli 1010 in Leipzig abgehaltenen Sitzung einstimmig folgenden Beschluß gefaßt: Herr Max Langhamemr wird hierdurch aus dem National- liberalen Landesverein für das Königreich Sachsen auSge- schlössen. Da nach g 1 der Satzungen die nationalliberale Partei Sachsens organisiert ist im Nationalliberalen Landesverein für das Königreich Sachsen, ist damit auch der Ausschluß aus der nationalliberalen Partei Sachsens ausgesprochen. Der Beschluß erfolgte gemäß den Satzungen auf Grund der Anträge des Nationalliberalen Deutschen Reichsvereins in Dresden und des KreisousschusscS für den 21. sächsisthen NetchS- tagSwahlkreis sowie auf Grund der folgenden Tatsachen. Begründet wird der Ausschluß mit dem Verhalten Lang- Hammers in der ,.Tiag"°Affäre, das heißt mit den eigenartigen Manipulationen, die sich Langhammer als Leiter des Tapeten- kartells, der Tapeten-Jndustrie-Aktiengesellschaft, erlaubt hat. Wie sächsische Blätter zu melden wissen, denkt der Abg. Lang. Hammer gar nicht daran, sein Mandat niederzulegen, bielmehr hat er die Absicht, die unzufriedenen Elemente in Sachsen zu sammeln und mit diesen eine ltnkS-nationalliberale Parteigruppe zu bilden. Blinde Justiz. Die Strafkammer in Duisburg verurteilte drei 10- bis 13jährige Schulknaben, die auf der Strecke Sterkvade-Neumühl Steine auf die Schienen gewälzt haben, um einen Zug zum Eni» gleisen zu bringen, zu je einem Jahre Gefängnis, obgleich der Zug das Hindernis ohne Schaden überfahren hatte. Mne harte Strafe für einen zwar sehr gefährlichen, aber doch immerhin in kindlicher Dummheit ausgeführten Jungenstreich. Ganz besonders schwer aber erscheint dieses Urteil, wenn man es mit einem vor einiger Zeit in Bonn«regen eines ähnlichen Delikts gefällten Urteil vergleicht. Dort hatten Studenten einen Zug der elektrischen Straßenbahn Köln-Bonn geradezu demoliert, die Bamten mißhandelt und bedroht, so daß eS als ein«vahrcS Wunder angesehen werden mutz, daß ein große» Unglück verhütet wurde. Die Studenten erhielten aber nur Geldstrafen von 3 0—3 0 M. Sieben der angeklagten studentischen Radaubrüder wurden freigesprochen. Die dummen Duisburger Jungen erhalten ein Jahr Gefäng. nts, die Studenten eine gelinde Geldstrafe. Sollten vielleicht die Duisburger Richter die zehn- bis dreizehnjährigen Jungen für ein- sichtiger, urteilsfähiger und intelligenter gehalten haben als Bonner Korpsstudenten, die die zwanzig bereit» überschritten haben? Ausgeschlossen scheint es nicht; denn sonderbar malt sich in manchen preußischen Juristenköpfen die Welt. Ja Sachen Richthosen schreibt die„Konservative Korrespondenz�: Durch die TageSpresse geht eine auf die Aussagen deS Witt« schaftSinspektorS Karl Kasten gestützte Aufstellung der angeblichen Einnahmen und der Steuerdeklarationen des LandratS a. D. Frhrn. v. Richthofen« Merlschütz, Mitglied deS Hauses der Abgeordneten. Wir sind hierzu zu folgender Erklärung ermächtigt: Die durch viele Zeitungen gehenden Mitteilungen deS Witt- schaftSinspektorS Karl Kasten über die Steuerdeklaration und die Einkommensverhältnisse des LandratS a. D. Frhrn. V. Richthofen- Mertschütz, M. d. H. d. Abg.. find falsch. Herr Frhr. v. Richthofen-Mertschütz hat am gestttgen Montag vor der Veranlagungskommission deS Landkreises Liegnitz auf Grund genauester Buchführung den Beweis erbracht, daß er sein Ein- kommen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit deklattett und niemals einen Pfennig an Steuern zu wenig gezahlt hat. Selbstverständlich wird Herr Frhr. v. Richthofen- Mertschütz gegen den B e r b r e i t e r der Mitteilungen über seine Einkommensverhältnisse die erforderlichen Schritte unternehmen. Ohne in der Sache selbst eine Meinung abgeben zu wollen, müssen wir doch erklären, daß uns daS Vorgehen deS Frctherrn v. Richthofcn befremdlich erscheint. Die betteffende Veranlagungekommission ist unseres Erachtens gar nicht in der Lage, die Berechtigung oder Nichtberechtigung der gegen den konservativen Führer erhobenen Anschuldigungen festzustellen, da sie auf die Angaben und das Material des Frhrn. v. Richthofen selbst angewiesen ist. Mindestens hätte doch auch der Wirtschaftsinspektor Kasten selbst hinzugezogen werden müssen! Unserer Ansicht nach trägt aber die Staatsanwalt- schaft selb st resp. der Justizminister die Schuld daran, daß der Frhr. v. Richthofen zu so verfehlten Mitteln greift, um schleunigst die Haltlosigkeit der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu erweisen. Hätte die Staatsanwaltschaft auf die erstattete Anzeige hin sofort ein Verfahren eingeleitet, so könnten schon jetzt die für Herrn v. Richthofen so wichtigen Feststellungen getroffen sein. Jetzt werden erst die Prozesse gegen die Presse Klarheit bringen können. Schnell belohnt. Der Oberregierungsrat v. Eisenhardt-Rothe, der bisher in Merseburg Regierungspräsident war, ist an Stelle deS zum Ober- Präsidenten von Schlesien erkorenen Herrn v. Günther zum Unter st aatSsekretär im preußischen Staatsministerium er» nannt worden. Wahrscheinlich hat Herr v. Eisenhardt-Rothe sich oben durch eine Rede bemerkbar gemacht, die er Anfang Mai in Eisleben hielt. Damals hatte der Regierungspräsident dort einen neuen Ersten Bürgermeister einzusühren. Diese Gelegenheit schien ihm wie geschaffen, seiner Abneigung gegen die Sozial» demokratie Luft zu machen. In seiner Ansprache an den Bürgermeister gab er die Meinung zum Besten, es sei die erste Pflicht der Stadtverwaltung, insbesondere des Bürger- meisterS, dafür zu sorgen,„daß die politischen, sozial» demokratischen Bestrebungen in die Stadtver- waltung nicht hineindringen." Tie objektivste BehSrSc der Welt. In dem Prozeß gegen den Genoffen Lingenauer in Braun» schweig vor dem dortigen Schwurgericht ist durch Zeugen festgestellt worden, daß der Polizeioberwachtnieister S t e i n m a n n ohne Per- anlassung mit dem Säbel auf den Angeklagten eingeschlagen hat. Rechtsanwalt Dr. Jasper erstattete deshalb namens deS An- geklagten bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen den Polizeibeamten. Die Slaaisanwaltfchaft hat diesen Antrag nunmehr abgelehnt und begründet das damit, daß der Beamte sich in der rechtmäßigen Ausübung seines Amtes befunden habe und zum Waffengebrauch berechtigt gewesen sei. auch gegen den ganz un- beteiligten Genossen Lmgenauer. Letzterer, der sich gegen den volizeilichen Angriff zur Wehr gesetzt hatte, saß vier Monate in Untersuchungshaft und wurde dann zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Abgeblitzt. Gegen den Genoffen Rechtsanwalt Dt. Jasper in Braun- schweig war ein Verfahren vor der Nnwaltskammer eingeleitet worden, weil er in den bekannten DemonstrationSprozeffen vor der Strafkammer des LandgerichtSdirektorS R o ß m a n n sich ungebührlich benommen habe. Eine damals über Dr. Jasper sofort verhängte Ordnungsstrafe von 50 M. wurde vom Oberlandesgericht wieder aufgeboben. Jetzt ist nun auch der Versuch, dem Genoffen Dr. Jasper disziplinarisch beizukommev, mißlungen. Der Ober- staatSanwalt beantragte die Einstellung deS Verfahren», in welchem Sinne dann auch entschieden wurde. Klerikale Gewissenöknechtung. Wie unverfroren fanatische Zentrumspriester in der Bekämpfung der ihnen nicht genehmen Presse vorgehen, dafür hier wieder ein Beispiel. Ein geistlicher Schultnspektor uamen? Morhardt in Ensseld stellte einen Lehrer zur Rive, weil er die(gemäßigt liberale) „AugSb. Abendzeitung" lese. Und richtete an ihn den folgenden Erlaß: „Da eine derartige Doppelseitigkeit nur dazu fühtt, den Charakter des Lehrers zu verderben und den christ- lichen Geist der Schule in schwerer Zeit zu schädigen, so wird der Lehrer Betz gebeten, sich über die schwebenden Fragen der Zeit anderswo zu orientieren als in einer kirchenfeindlichen und der katholischen Bevölkerung AergerniS gebenden Zeitung. Der Herr Lehrer wird ferner gebeten, dem Unterzeichneten innerhalb der nächsten Tage wissen zu lassen, wie er sich zu dieser Sache stellt, damit ein unnötiger Konflikt vermiede» Wird." Ob diese in die Form einer„Bitte" gekleidete Drohung de» gewünschten Erfolg gehabt hat, wird nicht berichtet. Anzunehmen ist es schon. So geht der ultramontane Klerus systematisch darauf aus. das Volk gegen alle nichlklenkalen Einflüsse geradezu hermetisch abzuschließen. Da ist es freilich kein Wunder, wenn die bayerische Wählerschaft nach wie vor„alleweil treu" zum Zentrum hält. Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben.. Als kürzlich in der Reichsratskammer der bayettsche Verkehr<» minister die Entwicklung der Sozialdemokratie mit der- jenigen des Urchristentums verglich, erhob sich bekanntlich der Bischof von RegenSburg und protestierte lebhaft gegen diese Parallele. Er gebrauchte dabei die Wendung, der Apostel PauluS habe in seinen Briefen beständig dahin gewirkt, daß man sich in die bestehenden Verhältnisse schicken müsse: wer Knecht sei, solle Knecht bleiben, wenn ihn nicht sein Herr freiwillig der Knechtschaft enthebe. Mit dieser Aeußming hat der Bischof seinen Zentrum»« freunden arge Verlegenheilen bereitet: machte er sich doch damit einen Standpunkt zu eigen, der der sozialen Bewegung jede Berechtigung abspricht. Die große Verlegenheit des Zentrum? kommt denn auch in dessen Presse zum Ausdruck, die nun schon vierzehn Tage lang eifrig bemüht ist, den Nachweis zu führen. daß— der Apostel PauluS wirklich etwas derartiges geschrieben hat. wie der Bischof von ihm behauptet. Um die Hauptsache— daß der Bischof jenen Grundsatz, der bei PauluS auS den geitverhält- nissen heraus verständlich ist. auch für die Gegenwart noch alsRormgeltenlassen will— um diese unbequeme Tatsache drückt sich die klettkale Presse wohlweislich herum. Und doch wäre«S beispielsweise für die christlichen Gewerk» schatten außerordentlich interessant, zu erfahren, wie daS Zentrum darüber deckt und ob eS die Auffassung deS RegenSbmaer Bischofs billigt!_ Doch noch zur Verantwortung gezogen. Wir meldeten jüngst, daß der preußische Minister deS Innern in einem Rundschreiben die Zuwiderhandlung einiger Gemeindebehörden gegen die Borschristen deS 8 4 deS FreizügigkeitSgesetzeS gerügt hatte, durch die ein Mädchen zur Ermordung ihres unehelichen KindeS getrieben worden war, und wir forderten, daß die schuldigen Gemeinde- vorstände zur Verantwortung gezogen würden. Wie es scheint, hat man auch im Ministettum deS Innern eingesehen, daß mtt einer bloßen Rüge die Sache nicht erledigt sein kann. Der Regierung?- Präsident von Breslau ivurde angewiesen, eine Disziplinaruntersuchung gegen die schuldigen Gemeindebehörden einzuleiten, was inzwischen auch geschehen sein soll. Was bei der Untersuchung herauskommen wird, bleibt allerdings abzuwarten._ Komm, Bruder, nimm de« Bettelstab... In der bürgerlichen Presse ist den Veteoancn empföhle« worden, zum vierzigjährigen Gedenken an den deutsch-französischen Krieg Orden und Ehrenzeichen öffentlich zu tragen. Dazu wird der„Berliner Volkszeitung" aus Veteranenkreisen geschrieben:. „Die Erinnerung an die große Zeit läßt deutlich den Unter« schied zwischen einst und jetzt erkennen. Tie Helden, die ihre Gesundheit opferten für des Reiches Einigkeit, darben jetzt diel«. fach und gedenken voll Ingrimm der leeren Versprechungen, die der Reichstag ihnen gemacht. Vierzig Jahre sind seit dem Kriege vergangen, und über sechzig Jahre alt sind die meisten Kämpfer. Wer kann heut«, wo junge Kräfte über und über vorhanden sind. mit sechzig Jahren noch den Kamps ums Dasein erfolgreich führen I Trotzdem hat daS Reich für die armen Kämpfer, von denen viele auf die Gnade von Gemeinden und Angehörigen an» «Lieji» kad, nichts nbiig, Ws Mittel für sie schien, dte Nittel für andere Dinge aber können beschafft tverbeni Die Aufforde- rung, die Ehrenzeichen demonstrativ zu tragen, klingt beinahe wie Hohn, das eiserne Kreuz auf schlechtem Rocke würde der aanzeu Welt künden, dast das große Deutsche Reich nichts Übrig hat für die Bedürftigsten seiner alten Krieger." Daß so viele Veteranen heute tatsächlich Not leiden, ist die Schuld der bürgerlichen Parteien— und zwar aller, ohne Unter- schied—, denn sie hätten es in der Hand, die Regierung zur iiie- Währung der beschlossenen Vdteraniinbeihilfen zu zwingen. Ter Polizeiknüttel in der Schutzmannsversammlnng. Am 23. Februar hatten die Schutzmänner in Bamberg eine Versammlung. Ein Mann öffnete ein wenig die Türe, um zu sehen, was da los sei. Da fuhr der Schutzmann Wimmer heraus, versetzte dem Neugierigen mit dem Gummiknüttel einen Hieb über den Kopf und als der Mann seinen Hut aufhob, bekam er einen zweiten Hieb auf den Hinterkopf. Zwei anderen Männern, die eben dazu kamen und sich über die Roheit aufhielten, schlug der Polizist den Knüttel ebenfalls über den Kopf. Das Gericht in Bamberg der- urteilte bin Polizisten zu � 15 Mark Geldstrafe. Gefangene als Pfluggespanne. In Gehren, einem kleinen Orte mit Amtsgericht im Fürsten- tum Schwarzburg-Sondershausen, wurde, wie unserem Erfurter Parlciblait berichtet wird, dieser Tage beobachtet, wie ein Gefängnisaufseher Gefangene als Zugtiere vor de in Pfluge zum Äupflügen der Kartoffeln benutzte. Diese Art der Ge- fangenenbeschäftigung wird in den Kreisen der Agrarier sicher Bei- fall finden; schätzt man doch bei ihnen den Lohnsklaven sowieso nicht höher, eher noch niedriger im Werte ein als das Vieh. Erstaunen muß jedoch die Tatsache erregen, daß eS in Deutschland Noch eine Gefängnisbehörde geben kann, die zu solcher Beschäftigung ihre Erlaubnis gibt. Wer freilich weiß, daß das Schwarzbura» Sonders» Häuser Ländchen eines der r e a k t i o n ä r st e n deutschen Staatengcbilde ist, der wird sich auch darüber nicht wundern, wenn in solcher Atmosphäre die Menschenwürde der Ge- strauchelten rücksichtslos mit Füßen getreten wird. Noch ein Dementi. WolffS Telegraphenbureau verbreitet folgende offiziöse Nachricht: Kiel, 27. Jnli. Durch die Presse geht die Nachricht, vor einigen Tagen habe auf der Kieler Föhrde an Bord des großen Kreuzers �Blücher" eine Meuterei stattgefunden. Die Nachricht ist erfunden. Das Schiff hat am 12. d. M. Kiel Verlaffen und befindet sich zurzeit im Verbände der Hochseeflotte in den norwegischen Gewäffern. Das Dementi kommt nicht überraschend; aber man irrt sich an der sogenannten maßgebenden Stelle, falls man meint, das Gerücht werde verstummen, wenn man eS kurzweg als.erfunden" be- zeichnet. Eine Aufklärung der Vorgänge ist dringend nötig. OepterpeicK. Verfassungsmäßig. Budapest, 37. Juli. Die Indem nttütS- und die R e l r u« tierungSvorlage sind im Abgeordnetenhause mit großer Mehrheit angenommen worden. Hierdurch ist der außer» gesetzliche Zustand beendet, welcher durch die Ablehnung de« StaatshaushaltSgesetzes und die Verweigerung der Rekruten- bcwilligung entstanden war. frsnkreick. Das Urteil im Prozeß Rochctte. Paris, 27. Juli. In dem Prozeß gegen R o ch e t t e und Genossen wurde heute dos Urteil gefällt. Es lautet gegen Rochctte auf zwei Jahre Gefängnis und 3000 Frank Geldstrafe, gegen Lecacheux auf 4 Monate Gefängnis und 1000 Frank Geldstrafe, gegen Crevecoeur und Demayer auf 5000 Frank Geldstrafe, gegen Capdeville auf 2000 Frank Geldstrafe. Italien. Die Niederlage der Sozialisten in Catania. Rom, 25. Juli.(Eig. Ber.) Bei den gestrigen provinzialen Wahlen in Catania sind die Sozialisten der Koalition der bürger« lichen Parteien erlegen. Diese Niederlage macht um so größeren Eindruck, als die Stadtverwaltung in Händen der Sozialisten liegt. Es verlautet sogar, daß Genosse De F e l i c e sein parlamentarisches Mandat niederlegen werde. Der Wahltag gab zu verschiedenen Konflillcn Anlaß. Auch wurden einigen klerikale» Anstalten die Fenster eingeworfen. Kelglen. Camille Huhsmans und der Leopold-Orden. Man schreibt uns aus Brüssel: Der belgischen So- zialdemokratie ist in der Person des Genossen Camille H u y s m a n s, des Sekretärs des Internationalen sozia- listischen Bureaus und Deputierten der Stadt Brüssel eine etwas ungewöhnliche Ehrung widerfahren. Der sozialistische . Deputierte, dessen Initiative die Aufsehen erregende, in ' mancherlei Beziehung einzigartige Heimarbeitsausstellung auf der Brüsseler Weltausstellung zu danken ist. ist vom König Albert zum Kommandeur des Leopold- Ordens ernannt worden l HuysmanS hat diese Ehrung in einem an den Minister des Auswärtigen gerichteten witzi- gen. mit politischem Humor reichlich getränkten Schreiben höflich aber entschieden abgelehnt. Huysmans bemerkt darin, daß ihm der Grund, aus dem man ihn mit dieser Gnade überschüttet, höchst unbegreiflich sei.„Glauben Sic mir, Herr Minister," heißt es dann,„ich verdiene sie nicht! Mein Loyalismus ist sehr verdächtiger Art und ich ertappe mich sogar dabei, antiklerikal zu werden, seit Ihr Kollege, der der Zerstörung des öffentlichen Unterrichts vorsteht, es für nützlich erachtet, die Provinz Hennegau außerhalb des Gesetzes zu stellen.(Der Unterrichtsminister hat nämlich, wie wir seinerzeit berichtetest, den Lehrerbildungsanstalten im Hennegau, unter dem VoNvand, daß sie dem„Gesetz" nicht ontsprechen, in Wahrheit, weil sie k e i n e r l e i p f ä f f i° Ischen Tendenzen huldigen, das Qeffentlichkeitsrecht verweigert.) Es gibt nur eine Aimahme für Ihr Tun: S i e wollen mich kompromittieren! Ich habe Sie arg äm Verdacht, daß Sie sich mit dem Präsidenten der Französi- fchen Republik ins Einvernehmen gesetzt haben, der meinen Freund, den sozialistischen Stadtverordneten G r i m a r d, dekoriert hat."(Grimard hat in der Tat anläßlich der Feierlichkeiten, die� zu Ehren Alberts rn Paris stattfanden und denen Genosse Grimard als„äckavin" der Stadt Brüssel beiwohnte, den Orden der Ehrenlegion erhalten. Anmerkung des Berichterstatters.) Huysmans meint nun, daß er. da es sich um eine Sache zwischen Belgiern handelt, nicht die schonungsvolle Rücksicht, die Grimard ge- übt, handhaben brauche, weshalb er sich erlaube, dem Minister beifolgend das betreffende Kuvert zurückzuschicken. Ironisch fügt Huysmans hinzu, der Minister möge dagegen seinen Namensvetter, den doktrinär-Iiberal-patriotischär Depu- ticxtM HuiZwans mit Mer Gnade bedenken, der ein Freund' ustd eine Stütze des Kourglums sei-- Bas Jnler- nationale sozialistische Bureau wird aber nach wie vor von einem gänzlich undekorierten Sekretär geleitet werden. Annexion Liberias? Lvudon» 27. Juli. Einem Berichterstatter des Reuter- scheu Bureaus gegenüber sprach sich der Gesandte von Liberia in London über ein Angebot der Ver- einigten Staaten an Liberia aus, die liberischen Finanzen, seine militärische Organisation und seine land- wirtschaftlichen und Grenzfragen in Obhut zu nehmen und eine Anleihe für Liberia aufzubringen, an der ameri- kcrnische, deutsche und französische Banken sich beteiligen scllen. Der Gesandte erklärte, es sei völlig außer Frage, daß Amerika keinerlei Absicht habe, Liberia in Besitz zu nehmen.(?) Amerika habe stets fffeuttdschastliches In- teresse für Liberia gehegt und wenn Liberia Hilfe erbitte, so werde es Sorge tragen, ihm zu helfen. Die Regierung zu Washington habe aber in dieser Angelegenheit niemals Schritte getan, ohne die englische, die französische und die deutsche Regierung um ihre Meinung zu fragen, alles mit Rücksicht auf eine freundwillige Politik, bei der Amerika sich in nichts einlasse, was einem Protektorat ähnlich sein würde. Die Anleihe werde sich wahrscheinlich auf 1 500 000 Dollar beziffern. Cngianct. Die Lage in Jndieu. London, 25. Juli. Unterhaus. Der UnterstaatSsekretär für Indien M o n t a g u besprach bei der Begründung des indischen Budgets ausführlich die innere Lage Indiens. Er erklärte, eS hätten kürzlich politische Unruhen stattgefunden, mit denen niemand sympathisieren könne. Es sei zu Morden, zu Mord- anschlügen und Ausreizungen, zu Gewalttaten gekommen. Wenn man gestatte, daß sich diese verderlichen Bewegungen ausbreiteten, so würde ein Zustand geschaffen werden, welcher jedem Fortschritt feindseliger wäre als die schärfsten Zwangs- maßregeln. Die Mehrheit der Jndier erkenne die Gefahr und bemühe sich, die radikalen Elemente zu unterdrücken, welche die berechtigten Bestrebungen nur gefährdeten. Während der letzten sechs Monate habe sich ein wesentlicher Umschwung zu- gunsten der Regierung vollzogen. Die Regierung werde gegen jede Aufwiegelet unnachgiebig Krieg führen, zu gleicher Zeit aber berechtigten Bestrebungen vermehtte Förderung zu Teil werden lassen. Montagu betonte, daß die im vorige» Jahre erlassene Akte betreffend die Erweiterung der legisla- tiven Räte und die Einführung eines Wahlsystem» zu befriedigenden Erfolgen geführt hätten. COrhcu Eine Meuterei. Saloniki, 26. Juli. Unter den bei Strumitza strafweise beim Straßenbau beschäftigten Soldaten ist«ine Meuterei aus- gebrochen. Das Wachbetachement griff ein; vier Meuterer wurden getötet, acht schwer verwundet. Acht Rädelsführer wurden festgenommen und die Wache verstärkt. Die Soldaten ge- hören zu den wegen Meuteret aus Konstantinopel entfernten Truppenteilen. Amerika. Aufstand auf Euba. New Aork, 27. Juli. In einem amtlichen Telegramm aus H a b a n n a wird mitgeteilt, daß die Regierung über die In- surrektion des Generals Miniet nur die Tatsache er- fahren hat, daß dieser mit einem Dutzend seiner Leute aus unbe« kaimter Ursache gemeutert und sich in da» Innere geflüchtet hat. Die Meuterer werden von Landpolizei und Miliz verfolgt. Die Regierung erklärt zwar, daß der Vorfall ohne Be d e u t u n g sei, es wird aber von der Oeffentlichkeit darauf hinge- wiesen, daß der Präsident den Besuch seines SommersitzeS auf- geschoben hat. Man glaubt, daß die Regierung die Landung von Waffen befürchtet. Die Gerüchte von Unruhen in der Provinz Pinar del Rio haben bisher keine Bestätigung gesunden. Soziales. Unterliegen die Korrektoren der BerficherungSpflicht? Die„Frankfurter Zeitung" hatte seither alle ihre Korrektoren zur dortigen Ortskrankenkasse angemeldet, welche zumeist«inen Ge. halt von über 2000 M. pro Jahr beziehen. Nun trat die Verlegerin des Blattes an den Vorstand der Krankenkasse mit dem Verlangen heran, die Korrektoren von der Versicherungspflicht zu entbinden, sofern sie über 2000 M. Gehalt beziehen und machte �geltend, daß es sich bei der Tätigkeit dieser Korrektoren nicht um eine mechanische, „sondern um eine höhere» mehr geistige Tätigkeit handelt". Die Korrektoren befänden sich auch in einer„gehobenen sozialen Stellung" und könnte ihre Tätigkeit auch nicht etwa mit der eines Korrettors in einer kleinen Druckerei usw. verglichen werden. Die Wirksamkeit bei einer großen, täglich dreimal erscheinenden Zeitung stelle an die Tüchtigkeit des Korrektors große Anforderungen, sie müßten „geistige Spannkraft, rasches Erfassen, sichere Beherrschung der deutschen Sprache, tn Grammatik'und Syntax. Kenntnis der Ter» minologie verschiedenster Wisserrfchaften, sowie Kenntnisse der wesentlichsten lebenden Sprachen besitzen". Der Korrettor müsse in der Praxis sehr oft die in der Hast und Eile des ZeitungLbetriebeS vorkommenoen Unrichtigkeiten, falsche Namen und Zahlen, unangebrachte Ausdrücke usw. verbessernd ab- ändern» Die Tätigkeit eines Korrektors sei daher sehr schwierig und verantwortungsvoll und auch als Vorschule der Redatteur» tätigkeit anzusehen. Anderer Ansicht war hingegen die Verwaltung der Ortskraaken. kasse, welche die Korrektoren nicht freigeben wollte. Sie war der Ansicht, daß die Korrektoren weder Betriebsbeamte.� noch Werk- meister oder Techniker seien und auch von einer höheren, mehr geistigen Tätigkeit nicht die Rede sein könne. Die angerufene Aufsichtsbehörde entschied zugunsten der„Frank- furter Zeitung" und verneinte die Bersicherungspflicht der fraglichen Korrektoren. In der Begründung wird angeführt, daß die sozialpolitische Ver. sicherungsgesctzäebung ursprünglich von dem Grundsatze ausgegangen sei, daß nur Personen versicherungspflichtig sein sollten, die durch «ine vorwiegend körperliche Arbeit Lohn beziehen. Durch die spätere Novelle und auch durch die Unfall- und Invalidenversicherung sei dieser Grundsatz teilweise durchbrochen worden. Die„Frankfurter Zeitung" sei eine der größten Zeitungen Deutschlands, genießt den Ruf eines Weltblattes. Es müsse deshalb zugegeben werden, daß die Korrektoren dieses Blattes— 10 an der Zahl— bei ÄorrigierunH der wissenschaftlichen und fachmännischen Abhandlungen, sowie bei der Ausübung ihrer sonstigen vielseitigen und Verantwortung»- vollen Tätigkeit usw. eine höhere, mehr geistige Tätigkeit entfalten. Unerheblich sei der Umstand, daß nicht alle Korrektoren deS Blattes mit Hochschulbildung ausgestattet seien. ES genüge, daß der Beruf eine entsprechende weitgehende Vorbildung erfordere. Die Korrek- toren der„Frankfurter Zeitung" gehörten deshalb nicht zu den Per- sonenklassen, auch nicht zu den im Krankenversicherungsgesetz namentlich aufgeführten BerufSgruppen, welche itt den Kreis der versicherungspflichtigen Personen hineingezogen worden seien. Dem- entsprechend sei ihre Versicherungspflicht— auch bei einem JMeS» «ehalt bi«»« SM M, einschlietzlich zu vemeinx» Der Leipziger Aerzteverbanb gegen die gute« Sitiett. Die 5. Zivilkammer des Kölner Landgerichts hatte sich am Montag mit einer Angelegenheit zu beschäftigen, die die Tätigkeit des Leipziger Aerzteverbandes hell beleuchtet. Ein Arzt hatte sich gegen Zahlung von 3000 M. bestimmen lassen, sich dem Leipziger Äerzteverband gegenüber ans Ehrenwort und gegen eine Konventionalstrafe von ebenfalls 3000 M. zu ver- pflichten, innerhalb zehn Jahren an keinem Orte in Deutschland, wo Streitigkeiten zwischen Aerzten und Krankenkassen entstanden sind, ärztliche Tätigkeit auszuüben. Trotzdem ließ sich der Arzt im Februar 1909 in Köln nieder und wurde Krankenkassenarzt. Nun klagte der Leipziger Verband beim Landgericht in Leipzig die Konventionalstrafe ein. Das Gericht entschied aber, daß der Ber- trag, in dem der Arzt seine Freiheit verkauft hat, den guten Sitten zuwiderlaufe und deshalb ungültig sei. Alsdann verklagte der Ver- band den Arzt beim Kölner Landgericht auf Herausgabe der als Gegenleistung für diese Verpflichtung gezahlten 8000 M. Denn, wenn der Vertrag ungültig sei, habe der Arzt diese 3000 M. unrecht- mäßig erhalten. Das Gericht wies den Verband auch hier ab. Es liegt zwar, so sagt das Urteil, auf beiden Seiten ein Verstoß gegen die guten Sitten vor. Das Bürgerliche Gesetzbuch bestimmt aber für einen solchen Fall beiderseitigen unsittlichen Verhaltens in § 817, daß die Rückforderung des Geleisteten ausgeschlossen sei. In wieviel Urteilen ist dem Leipziger Äerzteverband nun be» scheinigt, daß sein Vorgehen gegen die guten Sitten verstößt? Zum Mutterschuh der arbeitenden Frauen. Die Notwendigkeit eines kräftigen Mutterschutzes ergibt sich sehr eindringlich aus den statistischen Ergebnissen der Leipziger Ortskrankenkasse. Enthaltung der Arbeit während der letzten Zeit der Schwangerschast ist von hohem hygienischen Werte. Dies er- kennt man sehr deutlich, wenn man die gesundheitlichen Verhält- nisse der Wtkhnerinnen, die ihr Wochenbett als versicherungs- Pflichtige Mitglieder antreten und bis kurz vor der Entbindung arbeiteten, vergleicht mit dem Zustande der freiwilligen Mitglieder, die sich während der Schwangerschaft schonen konnten. Auf die Wochenbetten der erwerbstätigen Frauen entfielen 15,5 Proz., auf die freiwilligen Mitglieder mit ArbeitSruhe nur 2.3 Proz. Fehl» geburten: bei den Pslichtmitgliedern kamen 1,7 Proz. Frühgeburten, bei den sveiwilligen nur 0,3 Proz. vor. Ferner lehrt die Statistik, daß an ocn eigentlichen Wochenbetterkrankungen die Wochenbetten der Freiwilligen viel mehr, an den anderweitigen Erkrankungen die der Pflichtmitglieder viel erheblicher beteiligt sind. Zweifellos schwächte die Weiterarbeit bis zum Eintritt der Geburt unter den versicherungspflichtigen Wöchnerinnen eine größere Zahl derart, daß sie für andere Krankheiten im Wochenbett anfalliger sind. Wie übel die Fortsetzung der Arbeit bis nahe an die Niederkunft heran wirkt, erkennt man mit aller Schärfe auch bei den eigentlichen Schwangerschaftskrankheiten. Den Zufällen der Schlvangerschaft waren nämlich 6,5 Proz. der versicherungspflichtigen Schwangeren. aber nur 2,1 Proz. der freiwilligen Mitglieder unterworfen. Die Statistik lehrte eine besonders starke Ueberschreitung an Früh- und Fehlgeburten bei jenen Arbeiterinnen, die in der Heimarbeit tätig sind. Die verhältnismäßig hohe Zahl der Früh- und Fehlgeburten wird hier zweifellos durch eine zu lange fortgesetzte Erwerbsarbeit verursackst. Am verhängnisvollsten macht sich die Berufsarbeit bei den Poliererinnen in Metall bemerkbar. Auch die Tabak- und Fabrikarbeiterinnen zeigen ungünstige Ziffern. Schädigend wirken hier oft neben der zu schweren Arbeit auch die Einwirkung der Gifte, wie z. B. von Blei. Zwitter-RechtsverhSttnisse. Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts soll in solchen Streit» fällen, wo der Angestellte Handlung?- und Gewerbegchilfe ist, daS» jenige Gericht zuständig sein, in dessen Wirkungskreis die Haupt» tätigkeit des Angestellten fällt. Der vorliegende Rechtsstreit, in dem die Beklagte behauptet, daß das KaufmannSgericht zuständig sei, weil die kaufmännische Beschäftigung die varnehmere sei. illustriert die neuerdings vom Reichsgericht wiederholt vertretene Auffassung. i Die Beklagte ist eine aus Moudon in der Schweiz stammende geschickte Modistin, die von einer DamenkonfektionSfirma in Elber- feld mit einem Gehalt von zirka 200 M. angestellt gewesen ist. Als Direktrice hatte sie das Zuschneiden der Stoffe zu Tarnen» toben, das Anprobieren und die Beaufsichtigung der Fertigstellung durch Arbeiterinnen zu besorgen und leistete teilweise auch kauf» männische Dienste. Entgegen ihrem vertraglichen Abkommen machte die Beklagte sich nach längerer Tätigkeit selbständig, und die Klä» gerin erhob Klage vor dem Landgericht Elberfeld auf Zahlung der festgesetzten Konventionalstrafe. Das Gewerbegericht, das nach der Auffassung der Klägerin zuständig gewesen wäre, konnte nicht in Betracht kommen, weil die Beklagte ein Gehalt von über 2000 M. bezogen hatte. Die Beklagte behauptete jedoch, daß das Kaufmanns» gcricht zuständig sei und setzte der beim Landgericht erhobenen Klage die Einrede der Unzuständigkeit des Gerichts entgegen.> Das Landgericht Elberfeld und OberlandeSgericht Dllsselborf verwarfen diese Einrede und verurteilten die Beklagte nach dem Klageanträge. Die Revision der Beklagten ist nunmehr vom Reichsgericht zurückgewiesen worden. In den Gründen heißt es: Der Auffassung der Revision könne nicht beigetreten werden, eS komme auf den vornehmeren Teil der Tätigkeit, auf den höheren Rang an. Das Reichsgericht habe vielmehr schon ausgesprochen, daß eine gesetzliche Vor,chrift, wonach die Eigenschaft eines Hand» lungsgehilfen der gleichzeitigen Eigenschaft eines Gewerbegehilfen vorgehe, nicht bestehe. Es komme in streitigen Fällen darauf an. welche Eigenschaft nach den Anschauungen des Lebens die Haupt». eigenschast ist. Weiter heißt eS in den Entscheidungögründen wörtlich:.Ist nun ein Angestellter gleichzeitig Gewerbegehilfe und Handlung»« gehilfe, so fragt sich, ob über den Streitpunkt, zum Beispiel den Antritt, die Fortsetzung oder die Auflösung des Arbeits, resp. Dienswerhältnisses das Gewerbegericht oder das KaufmannSgericht entscheiden soll. Da das Gesetz hierüber keine Bestimmung ent- hält, so nimmt die Theorie und Rechtsprechung mit Recht an, daß die Haupttätigkett, die Haupteigcnschaft entscheidet. ES handelt sich aber bei dieser Regelung der Zuständigkeit um eine allgemeine Regel, welche in allen Fällen durchgreifen muß, und um eine Bor» frage, welche in erster Linie zu stellen ist. Wird demgemäß in einem Kollisionsfall entschieden, daß der Angestellte der Haupt- fache nach Gewerbegehilfe ist, so scheidet die Eigenschaft als Hair« delSgehilfe und damit die Zuständigkeit des KaufmannsgerichtS aus. Ergibt sich dann weiter, daß daS Gcwerbegericht nach dem Inhalte des GewerbegerichtSgesetzes nicht zuständig ist(§ 3 Wsatz 2, § 4 Absatz 2 des GewerbegerichtSgesetzes), dann tritt nicht die Zu- ständigkeit des— ausgeschalteten— KaufmannsgerichtS, sondern die Zuständigkeit des ordentlichen Gerichts in Kraft.", Diese mit der herrschenden Ansicht übereinstimmende Auf» faffung deS Reichsgerichts entspricht dem Schutzbedürfnis des An, gestellten und den allgemeinen RcchtSgrundsätzen nicht. Sie ver». sagt offensichtlich da, wo keine der beiden Tätigkeiten überwiegt. Den allgemeinen Gerechtigkeitsgrundsätzen entspricht es, die Nor» men zur Anwendung kommen zu lasten, die jeweilig dem Gehilfen günstiger sind. Aus welchem Grunde soll beispielsweise ein Hand- lungSgehilse einen Anspruch auf sechswöchentliche Kündigungsfrist haben, wenn er nur als Handlungsgehilfe beschäftig wird, ein anderer aber den Anspruch verlieren, wiewohl er rn demselben Umfang mit kaufmännisch tätig ist, außerdem aber als Gewerbe- gehilfe in noch größerem Maße beschäftigt ist. Noch eigenartiger steht es mit der gesetzlichen Regelung der Zwitter- und RechtSder» hältniste, wenn ein Angestellter als Handlungsgehilfe, Gewerbe» gehilfe und Dienstbote beschäftigt ist. Eine ausdrückliche Siegelung durch ReichSgesetz ist, solange ein einheitliches Arbeitcrrccht nicht besteht, erforderlich, die ausschließt, daß ein Arbeiter deshalb recht» WeKttt gestellt wird« weö««tch AMitcn vuLiKxd Gewerkfcbaftllcbe�. Immer wieder Dirlck-Vunckerlcke Streikbrecher. Der Gewerkverein der Holzarbeiter, der auch bei der grohen Tarifbelvegung der Holzarbeiter im Jahre ISO? den Arbeitgebern Arbeitswillige zur Verfügung stellte, hatte seit dieser Zeit versucht, anständiger zu werden. Bei einer Reihe Streiks und auch bei der diesjährigen grogen Tarifbewegung hat der Borstand des Gewerkvereins mit der Leitung des Holzarbeiterverbandes in friedlicher Weise zusammengearbeitet. Das scheint aber einer grosseren Anzahl Mitglieder nicht zu passen, denn in der letzten Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Gcwerkveinler wieder in die früheren Bahnen einlenken.' Ein typischer Fall dafür hat sich in Stolp in Pommern ab- gespielt. Dort wurden die mit den einzelnen Arbeitgebern abgc- schlossenen Tarifverträge sowohl vom Holzarbeitcrverband wie auch vom Gewerkverein gekündigt. Es wurde vereinbart, die Bewegung gemeinsam zu führen. Als die Unternchnrer nennenswerte Zu- geständnisse nicht machten, reichten die Mitglieder beider Organisationen die Kündigung ein und verließen auch genieinschaftlich die Betriebe. Eines guten Tages wurde der Leitung des Holzarbeiterverbandes die Mitteilung gemacht, daß hinter ihrem Rücken der Gewerkvcrein mit den Unternehmern einen Vertrag abgeschlossen hatte, der den Arbeitern, insbesondere in bezug auf den geforderten Mindestlohn, nur sehr geringe Zugeständnisse brachte. Trotz Protest des Holz- arheitcrverbandeS wurden die Mitglieder des Gewcrkvereins ge- zwungen, zu den vereinbarten Bedingungen die Arbeit auszunehmen. Aber nicht allein das. Der Gewerkverein inserierte sofort in einer ganzen Anzahl Zeitungen nach Arbeitskräften»zu den neuen vcr- traglichen Bedingungen"'. Die Mitglieder des Holzarbeiterverbandes be- schlössen, trotz dieses Verrats der Arbeiterinteressen einstimmig den Kampf fortzusetzen. Dem Gewerkverein ist eS denn auch bis heute noch nicht gelungen, die nötigen Streikbrecher für Stolp zu finden, sodaß die Arbeitgeber wohl oder übel sich dazu bequemen müssen. die weitergehenden Wünsche der Tischler zu erfüllen. Den Hirschen wird dieses Verräterstückchen nicht vergessen werden.— Zuzug von Tischlern, Drechslern und Maschinenarbeitern nach Stolp ist auch ferner streng fernzuhalten._ ßcrUn und Umgegend« Achtung! Herrenmaßschneider! Die Differenzen bei der Firma Rumps u. Lange, Wilhelmstr. 46/47, find beigelegt und wird hiermit die Sperre über die genannte Firma aufgehoben. Verband der Schneider. Die Ortsverwaltung. Deutfcbes Relcb. Achtung, Former! In der Görlitzer Maschmenvananstalt und Eisengießerei hatten vor längerer Zeit die Former eine Er- höhung der niedrigen Akkordpreise gefordert. Die Firma gab aus- weichende Antworten, so daß die Former annehmen mußten, sie suche die Sache zu verschleppen. Um nun ihrer Forderung mehr Nachdruck zu geben, legten Dienstag sämtliche Fornier die Arbeit nieder. Zuzug von Formern, Kernmachern und Gießereiarbeitern nach Görlitz ist streng fernzuhalten. Nochmals Hirsch-Dunckersche Streikbrechererziehung. In Wonne schwelgt der„Gewerkverein", daß der den Hirschen angeschlossene, als Streikbrecherorganisation gerichtlich gekenn. zeichnete gelbe Brauerbund wieder einmal Gelegenheit fand, durch Strcikbrecherlieferung in großem Maßstabe seine Dasemsberechti- gung und seine Würde zu beweisen. Selbst der Vorsitzende des gelben Boauerbundcs, S i e g e r t, der durch sein Flugblatt und den beigelegten Zettel die Aufforderung an die Mitglieder des Brauer« bundes richete, unverzüglich nach der Schweiz abzureisen und sich den Schweizer Brauereien als Streikbrecher anzubieten, scheint nachträglich zwar nicht eine Anwandlung von Scham, wohl aber eine kleine Ahnung bekommen zu haben, ein wie trauriges Handwerk er übte: er hat vollends die Sprache verloren. Anders der„Gewerkverein". Der fühlt sich in seinem Element. Mit einem Eifer ohnegleichen rechtfertigt er den Streikbruch der gelben Brauerbundeshirsche. Vielleicht stachelt die Tatsache seinen Eifer um so mehr an, als der gelbe Brauerbund eine Unmenge Ehrenmitglieder aus den Kreisen der Brauereidirektoren, Besitzer, Braumeister, Lieferanten von Brauutensilien usw. hat, die seine Festlichkeiten zieren und zu seinen Kassen beisteuern. Und nicht nur der„Gewerkverein" allein ereifert sich so für seine gelben Streikbrecher, sondern auch die Hirsche im Lande. In Nr. 58 vom 20. Juli triumphierte der„Gewerkverein" schon über die Niederlage der Schweizer Brauereiarbeiter und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Schweizer Brauereiunternehmer ein Einsehen haben und mit den Streikbrecherorganisationen den Tarif- vertrag abschließen werden. Und in Nr. 60 vom 27. Juli schreibt der„Gewerkverein", daß der Streikbruch der Hirsche dadurch gerecht- fertigt ist, daß auch dem nichtsozialdemokratischen Brauereiarbeiter dasselbe Recht zusteht wie den freien:„auch bei diesen handelt es sich um die Selbsterhaltung, um Sein oder Nichtsein, um die Existenz der Organisation". Und weil die Freiorganisierten die Vermittelung der Arbeiter anstrebten und deswegen der Kampf ent- stand, sei der Streikbruch der Hirsche aus Gründen der Selbst- erhaltung gerechtfertigt. Es ist dies ein Argument der Streikbrecher überhaupt. Zu ehrlicher Gewerkschaftsarbeit zu egoistisch und zu feige, begründen sie ihre Streikbrechcrei immer mit der Notwehr. Aber hier liegen die Dinge so, daß die Schweizer Brauereiunternehmer bisher nach dem Prinzip der allergrößten Scharfmacher in Deutschland han- delten und alljährlich Auslese hielten und die verbrauchten und mißliebigen organisierten Arbeiter ausmerzten und vom Auslande gelve und unorganisierte, junge Arbeitskräfte holten. Das sollte durch die Forderung des Arbeitsnachmeises verhindert werden. Und daß es sich nur darum handelte, dafür ist Beweis, daß die Freiorganisierten den geforderten Arbeitsnachweis in der ersten Form schon bei der ersten Unterhandlung am 18. Mai fallen ließen, weil es ihnen nur um eine Regelung der Arbeitsvermittelung zu tun war. Und daß unsere Angabe über das Maßregelungssystem in den Schweizer Brauereien richtig ist, beweist die Tatjache, daß die Unternehmer auch den paritätischen Arbeitsnachweis mnd auch die Forderung ablehnten, bei Einstellungen die in der Schweiz an- sässigen Arbeiter in erster Linie zu berücksichtigen. Um diese Forde- rung der Menschlichkeit kämpfen die Schweizer Brauereiarbeiter und in diesem Kampf sind chnen die Hirsch-Dnnckerschen Streikbrecher in den Rücken gefallen. Der„Gewerkverein" jongliert nun zur Bemäntelung seines Verrats mit den„nicht sozialdemokratischen" Organisationen, die bei einer vernünftigen Regelung des Arbeitsnachweises verschwinden könnten. Darin fühlt er sich eins mit den Schweizer Unternehmern. Aber solche„nicht sozialdemokratischen" Organisationen sind ja unter den Schweizer Brauereiarbcitern gar nicht vorhanden. Diese gehören fast ausschließlich der freien Organisation an, trotz aller Maßregelungen; das war ja auch der Kummer der Unternehmer. Aber die Hirsche hoffen, durch die Streikbrechervermittelung An- Hänger auch in der Schweiz zu erhalten, und daß mit diesen durch die Streikbrechervermittelung noch zu schaffenden Organisationen die Unternehmer einen Tarif abschließen und den kämpfenden Braucreiarbeitern eine Niederlage bereiten, ist der innigste Wunsch des„Gewerkvereins". Stehen die Gelben auch so tief? In der gleichen Nr. 60 vom 27. Juli schreibt der„Gewerkverein" K einer Polemik gegen das„Zentralblatt" der christlichen Gewerk- schaften in ihrem Streit um die gelben Brauerbundesvereine: üi „Derjenige Verband, der sie aufnimmt, hat also selbstver ständlich die Pflicht, dahin zu wirken, daß die Vereine einen gewerkschaftlichen Charakter bekommen." Der„Gewerkverein" hat diese Verpflichtung schon mit Eifer begonnen; er erzieht die neugewonnenen Brüder zu Streikbrechern! Durch diesen„gewerkschaftlichen Charakter" scheinen die Hirsche jetzt ihrem erlöschenden Organisationslämpchen neuen Tran aus gießen zu wollen._ Bestrafter Unternehmeriibermut. Vor mehreren Monaten hatten, wie wir seinerzeit berichteten, 24 Arbeiter gegen die Wolfram- Lampen-Aktiengesell- schaft Lechhausen Klage auf Entschädigung gestellt. Die Betriebsleitung hatte, ohne erst mit den Arbeitern Rücksprache zu nehmen, eine Reduzierung der bisher von ihr gewährten Prämien vorgenommen, die als ein Teil des Lohnes galten. Die von den Arbeitern zur Betriebsleitung entsandte Deputation wurde kurzer Hand entlassen, worauf die übrigen Arbeiter die Arbeit nieder legten. Da» Gewerbegericht Lechhausen erklärte durch Urteil die Ar beitsniederlegung für berechtigt und verurteilte die beklagte Firma zur Zahlung des durch die Reduzierung der Prämien verursachten Lohnausfalles Da alle 24 Fälle gleichgelagert waren, hatte das Gewerbegericht erst einen Fall entschieden, das hier erlassene Urteil galt dann auch für die übrigen 23 Fälle. Gegen die geiverbegcrichtliche Entscheidung hatte nun die be- klagte Firma Berufung an das Landgericht eingelegt, obwohl die eingeklagten Einzelbeträge eine Berufsmöglichkcit nicht begründet hätten. Die Bcrufsklägerin stellte sich jedoch auf den Standpunkt, daß nach der Verbindung sämtlicher Klagen zu gleichzeitiger Ver Handlung durch das Gewerbegericht der Streitwert sich aus der Gesamthöhe der eingeklagten Beträge ergebe. Diesem widersprach jedoch der Vertreter der Kläger, der ausführte, daß durch zur Vereinfachung der Sache gerichtlich angeordnete Verbindung der gleichartigen Einzelklagen dem einzelnen Kläger die Wohltat eines vollstreckbaren Urteils nicht verlustig gehen dürfe. Das Landgericht Augsburg stellte sich auf den gleichen Stand- Punkt von prinzipiell wichtiger Bedeutung, daß die Eiuzelklagcn durch die Verbindung ihren Charakter nicht verlieren; es wies die Berufung der beklagten Firma kostenfällig zurück. Daraufhin hat nun die Firma eine weitere, gegen ein Urteil des Gowerbegerichts Lechhausen eingelegte Berufung zurückge- zogen. In diesem Falle hatten 310 Arbeiter und Arbeiterinnen gegen die Firma eine Enischädigungsklage in der Gesamthöhe von 6212 M. angestrengt und ein obsiegendes Urteil erstritten. Die Urteile des Gewerbcgerichts Lechhausen sind nun rechtskräftig und hat- die Wolfram-Lampen-Akticngcsellschaft an die Kläger ein- schließlich der Zinsen rund 7000 M. zu zahlen. Zum Straßenbahnerstreil in Hanau a. M. wird nn? berichtet, daß die VerminelungSversuche des TranSportarbeiter-Berbandes von der Direktion brüsk zurückgewiesen wurden. Mittwockmorgen ver- kebrten nur drei Wagen, die von Oberschaffuern gefahren wurden. Die streikenden Schaffner und Wagenführer verlange» eine Gehalts- regelung, ferner jeden achten Tag dienstfrei und jeden fünften Sonn- tag. Der Direktion wird eS nicht gelingen, eingefahrene Streik- brecher zu bekommen. Die Buchbinder sämtlicher Kunstanstalten in Nürnberg haben in geheimer Abstimmung einmütig den Streik beschlossen, wenn die Unternehmer bis zum Ablauf der Kündigung kein Entgegenkommen zeigen. Husland. Bon den österreichischen Gelben. In einem BeleidigungSprozeß, der vor dem Bezirksgericht Reichen- berg, Nordböhme», unter deulschvölkischen„Arbeiterführern" und ehemaligen Führern spielt, wird unter Beweis gestellt, daß der Ob- mann des.Reichsbundes deutscher Arbeitervercinigungen Oester- reichs", Adam P e y e r l, 1906 zum Nordb öhmi scheu Jndustriellenverbaud— der ärgsten Scharfniachcrgesell- schaft— gegangen ist und dort über den elenden Stand seines antiorthographischen VcrleumderblättchenS„Deutsche Arbeiterstimme" gejammert habe. Man gab ihm bald darauf 1 1000 K r o n e n, die die Industriellen gesammelt hatten. Abrechnung über das Geld legte er den übrigen Machern nicht und den Großindustriellen Baron Klinger veranlaßte er, zu erklären, das Geld sei dem Peyerl zur persönlichen Verfügung übergeben worden. Der Pcyerl. der natürlich stets mit den blutigen Arbeitergroschen operierte, von denen sich die Soziführer mästen, bezog 230 Kr. monatlich als— wie er sich nennt—„ReichsbundeSzenlralgewerkschaftsobmann" und 20 Kr. wöchentlich als„Redakteur" der unbeschreublingen„Arbeiter- stimme". An Diäten hätte er sich auch nichts abgehen lassen. Keiner der in Nordböhmen in der Arbeiterbewegung tätigen Genossen kann sich eines höheren Einkommens erfreuen.— Lustig ist folgendes, dem deutschbürgerlichen Brünner„TageSboten" entnommene Verzeichnis der Redner eines Bundestages der deutsch völkischen Arbeitervartei Mährens: Bnrsowsky, Netopil, Necesany, Slanina, Smrz, NejratS, Smetacek, Strnisko, Persticky, Novak und Horak. Katholische Gewerkschaftszersplitterer in England. Die Hauptstärke der englischen Gewerkschaftsbewegung lag nicht zum mindesten in ihrer einheitlichen Tendenz, alles Nicht- gewerkschaftliche aus dem Rahmen der Diskussion innerhalb der Gewerkschaft selbst sorgsam auszuscheiden. Wenngleich die berufliche Zersplitterung in den gewerkschaftlichen Organi- sationen eine aus den ersten Blick auffällige Erscheinung ist. so hätte man bisher doch vergeblich nach verschiedenen Tendenzen innerhalb der Bewegung, wie wir sie z. B. in Deutschland durch die freien, christlichen und Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften ver- körpert sehen, gesucht. Der Umstand nun, daß die gesamte englische Gewerkschaftsbewegung immer mehr zu sozialistischen Anschauungen neigt, hat auch dort die Zersplitterer nicht ruhen lassen, die — uns Deutsche wundert das gewiß nicht— sich im katholischen Lager fanden. Kürzlich fand nämlich in S a l f o r d eine„Konferenz katholischer Gewerkschaftler" statt, die der Meinung Ausdruck gab, es sei»nunmehr an der Zeit, von den Gewerkschaftsführern energisch eine den Wünschen der Katholiken entsprechende Haltung zu verlangen; daß die Katholiken wohl gewillt seien, ihre Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen, doch dürfe dies in Zukunft nur nach Zubilligung gewisser Zugeständnisse geschehen". Welche Einflüsse hinter dem Ganzen wirksam sind, zeigt der Umstand, daß der Bischof von Salford auf der Konferenz den Wunsch ausdrückte, die Bewegung möge mit der Zeit wachsen und stärker werden und daß auf ein an den Papst gerichtetes Telegramm vom Kardinal Merry del Val der Konferenz, telegraphisch des Papstes Segen übermittelt wurde. Es wurde beschlossen, regelmäßige„katholische Gcwerkfchaftskouferenzen" zu organisieren, zu deren Teilnahme katholische Vertreter katholischer Verbände und Berbandsvorstände eingeladen werden, die den»be- sonderen Interessen der katholischen Gewerkschaftsmitglieder dienen sollen."_ Ter Streik der Gnsarbeiter in Rom. Rom, 25. Juli.(Eig, Ber.) Die Streiklage in der römischen Gasarbeiterbewegung ist unverändert. Trotz der Soldaten, die als Streikbrecher verwendet werden, ist die Pression in den Gaso- meiern so gering, daß die Straßen wie mit Nachtlichtern erleuchtet sind. In den Hospitälern fehlt das Gas zur Sterilisierung der Instrumente und zum Heizen des Wassers, sowie für die jeder Station beigegebenen Teeküchen. Die Zeitungen klagen, daß das Gas nicht mehr ausreicht, um das Blei für den Maschinensatz zu schmelzen. Die Arbeiter der Elektrizitätswerke bereiten ebenfalls eine Agitation vor, so daß die völlige Dunkelheit zu befürchten steht. Zum Glück ist Vollmond. In Gegenwart des Präfelten hat' heute eine Zusammenkunft der Streikkommissionen und eines Ver- treterS der Anglo-römischen Gas- und Elektrizitätswerke statt- 'gefunden. Die Gesellschaft hat geruht zu erklaren, daß ihr Veit- waltungsrat vor morgen nicht zusammentreten kann. Und in» zwischen wartet Rom im Dunkeln, daß es den Herren von der Aktiengesellschaft paßt Im ganzen sind 400 Soldaten mit der Gasherstellung beschäftigt. Die Gesellschaft gibt bekannt, daß sie die pensionsberechtigtcn Arbeiter ihres Rechtes verlustig er- klären wird, falls sie nicht die Arbeit wieder aufnehmen. Pfui Teufel! Em Induftnc und Fjandd. Der Bankrott der Niederdeutschen Bank. Aus Dortmund kommt die Nachricht, daß Herr Ohm, der persönlich hastende Gesellschafter und Direktor der Nieder- deutschen Bank, deren Schalter seit dem 13. Juli geschlossen waren, ivegen Verdachts der Bilanzfälschung verhaftet worden ist. lieber das Vermögen der Niederdeutschen Bank ist der Konkurs eröffnet worden. Die erste Gläubigerversammlnng findet am 10. August statt. Tie Konkursforderungen sind bis zum 10. September anzumelden. Die Verhaftung des Direktors erfolgte ans Grund des Befundes der gestern von der Staatsanwaltschaft beschlag- nahniten Bücher der Niederdeutschen Bank. Weitere Ber- Haftungen sollen bevor st ehe n. Das Aktienkapital des Jilstitlits beträgt 12 Millionen Mark, die Verbindlichkeiten weit über 50 Millionen. Die Höhe der Aktiven konnte bisher noch nicht genau festgestellt werden und die Prüfung dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Doch ist es sicher, daß die Einleger um einen großen Teil ihrer Depositen kommen und auch die Aussichtsratsmitglieder dürften ihres Vermögens fast gänzlich verlustig gehen. Es mögen 25 bis 50 Proz. in der Masse liegen. In den Zusammbnich sind fast alle Tochter- gesellschaften verwickelt, voran das Dort- munder Brauhaus und die L ü n e n e r Bank. Der verhastete Bankier O h m ist bei seiner eigenen Bank mit ge- waltigen Summen verschuldet. Man nimmt an. daß er sich in gewagte Spekulationen eingelassen hat. Die Revisoren von der Berliner Treuhandgesellschaft sind bereits abgereist. Sie halten eine Sanierung für ausgeschlossen. In Dortmund ist die Erregung sehr groß. Taufende, die für ihre Spareinlagen fürchten müssen, umlagern das Bankgebäude und werden von einem großen Polizeiaufgebot vou dem Eindringen in die Bank zurückgehalten. Der Zusammenbruch der Bank wird nicht nur eine große Anzahl kleiner Sparer schwer schädigen. In Berlin unter- hielt die Bank außer zur Berliner Handelsgesellschaft auch zu einer Anzahl kleinerer Bankgeschäfte Beziehungen, die nun große Verluste erleiden werden. Fortschreitende Konzentration. Wieder einmal ist der interessante Fall zu verzeichnen, daß zwei große Betriebe sich zivecks planmäßiger Arbeitsteilung zusammenichließen. Die„Oberschles. Eiscnbahnbedarss- Akliengesellschasl" und die„BiSmorckhütte" haben auf die Dauer von zehn Jahren einen Vertrag über Herstellung und Verkauf schmiede» eiserner Rohren abgeschlossen. Wie wir der„D. V.-Z." entnehmen, ist in dem Vertrag ein vollständiges Programm mit weitgehender Arbeitsteilung zur Herstellung von nahtlosen Stnhlröhren sowie ge- schweißten Röhre» allerArt von den kleinsten Dimensionen bis zu 13 Zoll äußerem Durchmesser vorgesehen. Es soll dadurch vermieden werden, daß jedes der beiden Werke sich sowohl für die Herstellung von große» wie von kleinen Röhren kostspielige Einrichliiiigen anschafft. Das eine Werk soll die großen, das andere die kleine» Röhre» fabrizieren und sich darauf spezialisieren, so daß eine erhebliche Ersparnis der BeiriebSeinrichtungen und der Selbstkosten erzielt wird. Zwecks Durchführung des Vertrages haben beide Aktien- zesellschaften eine G. m. b. H. unter der Firma»Verkaufsstelle Oberschlesischer Stahlröhrenwerke' mit dem Sitz in Berlin und ZiveigniederUissungen in Gleiwitz und BiSmarckhütte gegründet. Letzte IStacbricbtcn und Depeftbcn. Beide Beine abgefahren. Auf der Strecke Mahlsdorf-Berlin stürzte gestern abend zwischen 9 und 10 Uhr der 19jährige Kaufmann Wilhelm Altersdorf aus dem Zu-ge und kam unter die Räder. Beide Beine wurden chm abgefahren. Der Verunglückte wurde mit dem nächsten Zuge nach Berlin und von da nach der Charitä transportiert.__ Generalstreik der Bauarbeiter in Ehicago. Chicago, 27. Juli.(W. T. B.) Ter Generalstreik her Bauarbeiter der Stadt ist beschlossen und heute abend pro- klamiert worden. Er wird sich voraussichtlich unmittelbar auf 18 000 Arbeiter erstrecken, mittelbar auf weitere 10 000. Zum Grnbcnausstend in Licvin. LenS, 27. Juli.(B. H.) Der Ausstand in den Gruben von Lievin hat seit heute morgen eine größere Ausdehnung ge, iiommcn. Es wird nur noch in Schacht Nr. 4 gearbeitet. Unterleibsruhr in Metz. Metz, 27. Juli.(B. H.) Unter den Truppen der Garnison Metz herrscht noch immer die UntrrlcibSruhr. Eine große Anzahl von Soldaten, dtz: vom Ernteurlaub zurückkamen, sind wieder auf Urlaub geschickt worden. Zur Vctorcsolution im englischen Unterhause. London, 27. Juli.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des Unterhauses kündigte Premierminister Asquith.an, daß er am Freitag eine Erklärung über die Bctokonsercnz abgeben werde. Eine Zeitnilgshatz. HelsingforS, 27. Juli.(W. T. B.) Ter Generalgouverncur hat den Procureur des finnischen Senats aufgefordert, die Zeitung „Kariala" wegen einer für die russische Armee beleidigenden Notiz und wegen Veröffentlichung geheimer Maß» nahmen der Militärverwaltung zur Verantwortung zu ziehen. Gegen achtzehn andere finnische Blätter soll wegen Abdrucks des betreffenden Artikels in gloichcr Weise vorgegangen werden. Ter Aeroplan als Mordinstrnment. New York, 27. Juli.(B. H.) Wie ein hiesiges Blatt zu melden weiß, hat die Regierung der Vereinigten Staaten insgeheim Versuche mit dem Werfen von Bomben ans Acroplqnen anstellen lassen. Der Geheimbericht erklärt, daß die Aeroplane ebenso gefährlich in der Lust feien, wie das Unterseeboot im Wasser. Bei den Versuchen wurde eine dicke Panzerplatte durch das aus dem Aeroplan geworfene Ge- schoß glatt durchschlagen. Das für diese Versuche eingesetzte Komitee schlägt vor. eine größere Anzahl von Aeroplanen für Heeres- und Marinezwecke anzukaufen. krgntw. Rxdakt..: Richard Sörth, Berlin. Jnsergteoteil perggtw.! rtz, Glocke, Berlin, Druck u, Veilag: Vorwärts Vnchdr. u. VerlSLsiMstgU xgnl Singer Sc Co« Berlin 5 W, Hierzu 3 Beilagen v.UntcrhaltuugSbl. ft. 174. 27. Jahrgang. t JWliiif des Jormürts" Kerl« JolWIntt Hus der Partei. Sie Organisationen über die BudgetbewiMgung. Der„Mannh. Volksst." entnehmen wir folgende Berichte: Die Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Ver- eins in Neckarau war außerordentlich stark besucht. Ueber Las neue Kommunal-Programm referierte Genosse Dr. Frank. An die zirka einstündigen Ausführungen des Referenten knüpfte sich eine lebhafte Debatte im Sinne des Referats. Ueber den nächsten badischen Parteitag und dessen Bedeutung sprachen die Genossen Roth und Ewald, letzterer kam auch auf die Budgetbewilligung zu sprechen. Er betonte, daß der größte Teil unserer Genossen, namentlich im Tagesgespräch, sich mit der Haltung unserer Genossen einverstanden erkläre, und daß sie zum'größten Teil sehr erbittert sind über den scharfen Wind, der von Berlin her weht. Es machten sich nur gegen den feierlichen Landtagsschluß Bedenken gel- tend, und man hätte es lieber gesehen, wenn unsere Genopen ihre Beteiligung daran vermieden hätten. Ge- nosse Dr. Frank führte hierauf den Anwesenden kurz und scharf die Tätigkeit sowie das ganze Verhalten der Landtagsfraktion vor Augen. Sämtliche Diskussionsredner erklärten sich mit der Haltung unserer Fraktion einverstanden und es wurde am Schlüsse der Versammlung e i n st i m m i g unseren Abgeordneten das voll sie Vertrauen ausgesprochen. In Furtwangen nahm die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins gleichfalls Stellung zur Budget- bewilligung. Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, worauf die Versammlung mit großer Mehrheit der Land- tagsfraktion volle Anerkennung für ihre erfolgreiche Tätigkeit aussprach. Die Zustimmung zum Budget erachtet die Versamm- lung als eine durch unsere politischen Verhältnisse in Baden be- dingte Notwendigkeit, hingegen mißbilligt dieselbe die Hof- göngerei der sozialdemokratischen Fraktion aufs entschiedenste. In Sulzfeld und Neckarhausen wurde der Fraktion ein- stimmig das Vertrauen votiert und die Budgetbewilligung ge- billigt. In Neckarhausen wurde auch das Vorgehen einzel- ner norddeutscher Organisationen scharf verurteilt. Die Generalversammlung des Wahlkreises Ziillichau— Schwie- buS— Krossen fand am Sonntag in Schwiebus statt. Nach dem Bericht des Vorstandes fanden neben 48 Versammlungen der 6 Parteimitgliedschaften des Kreises 33 öffentliche Versammlungen statt. In dem ganzen, etwa 180 Wahlbezirke umfassenden, üver- wiegend ländlichen Kreise stehen der Partei nur 4 Lokale zur Verfügung. Trotz des wüsten Terrorismus der Gegner ist die Mitglicderzahl des Kreises um 110 gestiegen und beträgt SM, inkl. 70 Frauen. Die Einnahmen der Ortsvereine stiegen von 19M M. auf 2400 M. Die Abonnentenzahl auf die Parteipresse ist eben- falls gestiegen. Die Berichte der Delegierten lassen überall einen Fortschritt erkennen. Die Tagesordnung des Parteitages fand durch den Kandidaten des Kreises, Genossen Grauer, eine ein- gehende Würdigung. Ohne Widerspruch übte er scharfe Kritik an dem Verstoß der Revisionisten in Baden. Der Redner vertrat die Ansicht, daß der Parteitag unmöglich zulassen könne, daß Ver- trauensleute der Partei bewußt Disziplinbruch üben dürften und die Vertrauensämter ruhig weiter führen. Grauer verlangt, daß die Parteimitgliedschaft des KreiseS von dem Delegierten ver- langen möge, daß dieser auf dem Parteitage dahin wirke, daß Ge- nassen, die sich den Parteitagsbeschlüssen nicht zu fügen vermögen, auch die Folgen dafür zu tragen haben. Als Delegierter zum Parteitage wurde Genosse Grauer gewählt. Zur Provinzialkonferenz für Brandenburg wurden delegiert R. Schulz-Schwiebus, Karl Schulze-Sommerfeld und H. GladiS- Züllichau. Ein eingehender Antrag des Genossen Küter-Schöne- berg, wirksam ergänzt durch den Parteisekretär R. Schmidt-Berlin über die„Wahltechnik", leitete die Vorarbeiten zur nächsten all- gemeinen Reichstagswahl ein. Der 10. sächsische RcichStagSwahlkreiS(Döbeln) hielt feine Jahresparteiversammlung in Döbeln ab. Im ersten Punkt der TageS- ordnung gedachte Genosse B i e w e g des außerordentlichen Auf- schwungs des Parteiblattes, der Chemnitzer„V o l k s st i m m e". Nicht so gut sei die EntWickelung der Mitgliederverhältnisse gewesen. ES wurde auf Antrag des Genossen Thate beschlossen, die erhöhten Parteibeiträge vom Geschäftsjahre an zu erheben. kleines f eialleton. „Knecht muß Knecht bleiben." DaS Wort deS Bischofs von Skegensburg, Dr. v. Henle— als Inbegriff christlicher Sozialpolitik— kennzeichnet nicht nur die katholische, sondern fast noch schärfer die lutherische Aussassung von der menschlichen Gesellschaft. Gerade auch Luiher hat sich auf die vom Bischof zitierten Worte de» Apostels Paulus berufen. So hat sich Luther heftig gegen die Forderung der Bauern auf Aufhebung der Leibeigenschaft gewandt:„ES soll kein Leibeigener sein, weil uns Christus befreit hat. WaS ist das? Das heißt christ- liche Freiheit ganz fleischlich machen. Hat nicht Abraham und andere Patriarchen und Propheten auch Leibeigene gehabt? Lest S. Paulus, was er von den Knechten, welche zu der Zeit alle leibeigen waren, lehrt I Darum ist dieser Artikel(die Forderung der Aufhebung der Leibeigenschaft) stracks wider das Evangelium und räuberisch, damit ein jeglicher seinen Leib, so eigen geworden ist, seinem Herrn nimmt. Denn ein Leibeigener kann wohl Christ sein und christliche Freiheit haben, gleichwie ein Gefangener oder Kranker Christ ist und doch nicht frei ist. Es will dieser Artikel alle Menschen ftei machen und aus dem geistlichen Reich Christi ein weltliches, äußerliches Reich machen, welches unmöglich ist. Denn weltliches Reich kann nicht bestehen, wo nicht Ungleichheit ist in Personen, daß etliche ftei sind, etliche gefangen, etliche Herren, etliche Untertanen." Selbst die von den Türken gefangenen Christensklaven müssen ausharren' denn er ermahnt sie, wie der Bischof v. Henle:«Du mußt denken, daß du deine Freiheit verloren hast und eigen ge- worden bist, daraus du dich selbst ohne Wille und Wissen deines Herrn nicht ohne Sünde und Ungehorsam wirken kannst. Denn du raubst und stiehlst damit deinem Herrn deinen Leib, welchen er ge- kauft oder sonst zu sich gebracht, daß er forthin nicht dein, sondern sein Gut ist wie ein Vieh oder andere seine Habe." Uebrigens ist Luther nicht immer geneigt, das Evangelum an- zuerkennen, mit dem er die ausständischen Bauern niederzuschlagen sucht. Wenn er das ZinSnehmen, wenn auch nur bis zur Höhe von K Prozent gegen das evangelische Zinsverbot, rechtfertigt, schaltet er die christliche Lehre auS:„Aber das Evangelinm ist ein geistlich Gesetz, danach man nicht regieren kann... Darum soll man das geistliche Regiment deS Evangelii ferner scheiden vom äußerlich weit- lichen Regiment und ja nicht durcheinandermischen... Das Evangelium lehret wohl frei alle Güter fahren lassen, aber wer mich dazu zwinget und dringet, der nimmt mir daS meine." Man sieht, wie überflüssig der Streit der Konfessionen ist. Bischof und Lutheraner sind sich ganz einig: Man beruft sich aufs Evangelium, wenn man d,e Knechtschaft der Masse rechtfertigen will, und setzt die heiligen Bücher außer Kraft, wenn eS höchst unchnstliche Herrschaft der Gewalt und des Mammons zu verteidigen gilt. Die neueste Modenarretei. Ueber den Zwangsrock und den „Pfropfenrock" lesen wir in einem bürgerlichen Blatte:„Ob- wohl jener..Zwangsrock", der die unteren Extremitäten der Damen so eng umschlingt, bereits exzenftisch genug erscheint, so wird er doch noch übertrumpft von dem..Pfropfenrock". Der Pfropfenrock bat seinen Namen daher, daß er seinen Trägerinnen eine deutliche «ehnlichkeit mit einem Ehampagnerpfropfen gibt. Der Pfropfen» Beim Punkt Parteitag tadelte der Kreisvorsitzende Genosse Thate scharf die Zustimmung der Badens er zum Budget. Er ist unter allen Umständen dafür, daß die Angelegenheit auf dem Parteitag nicht in einer Kommission behandelt werde. Genosse Eger ist der Ansicht, daß die„ B o l k s st i m m e" zu der Angelegenheit ihre Stellung hätte kundgeben sollen, das sei leider nicht geschehen. Was die Gegner dazu sagen, wie wir unsere Ber- Hältnisse regeln, müsse uns ganz gleichgültig sein. Genosse Redakteur Hermann Müller hebt hervor, daß die Stellung der„Volks- stimme" durchaus korrekt gewesen sei. Jedenfalls sei es nicht richtig, in Fragen, die sich auf anderem Wege regeln lassen, sofort Sturm zu blasen. Unzweifelhaft sei, daß sich jeder den Parteibeschlüssen zu fügen habe. Genosse G e r s ch e l» Leisnig: Die Arbeiter in der Partei müßten unter allen Umständen einmal ein ernstes Wort mit Leuten reden, die dw Beschlüsse der Partei nicht respektierten. Eine vom Genossen Eger gestellte Resolution wurde abgelehnt. Zu Parteitagsdelegierten wurden die Genossen Lansch-Sörmitz und Drechsler- Döbeln gewählt. Zur Landesversammlung wurde Genosse Spindler-Döbeln gewählt. Im 15. Kreis(Mittweida-Burgstädt) regte Genosse S e m m l e r-Limbach an, die sächsische Landtagsfraktion aufzufordern, Schritte zu tun, die Erwerbung der sächsischen Staatsangehörigkeit zu erleichtern. Genosse Landtagsabgeordneter Mehnert teilt mit, daß der Landtagsfraktion eine solche Anregung aus Limbach vorgelegen habe. aber bei der Fülle der Anträge nicht habe erledigt werden können. Es folgt die Stellungnahme zum deutschen Parteitag in Magdeburg. Eine Debatte wird nicht beliebt. Als Delegierte werden gewählt der Abgeordnete des Kreises, Genosse Stücklen, und Ficker-Limbach. Unter Verschiedenes spricht der Vorsitzende Genosse Ehrlich- Obersrohna sein Erstaunen darüber aus, daß niemand die b a d i s ch e Budgetbewilligung und die Haltung der, Volks- stimme" zu ihr zur Sprache gebracht habe.— Genosse Heil- mann verteidigt in längeren Ausführungen den Standpunkt der Redaktion. Da verständigerweise nicht daran gedacht werden könne, die badische Landesorganisation wegen ihrer freundlichen Stellung zum Budget aus der Partei auszuschließen, müsse man sich mit dem Aussprechen der Mißbilligung für ihre Stellungnahme be- gniigen.— Genosse S e m m l e r« Limbach tadelt in scharfen Worten die Quertreibereien und Disziplinbrüche der Badense r. Die„Volksstimme" hätte unzweideutig und scharf die Mißbilligung aussprechen sollen, und nicht in einer Weise, daß es wie halbe Billigung aussah.— Genosse P e st e r-Burgstädt ist der Auffassung, daß, wer nicht(wie er) längere Zeit in Baden gearbeitet habe, nicht verstehen könne, warum die Badenser zu ihrer jetzigen Haltung gekommen seien.— Genosse Landtaasabgeordneter Me hnert stellt aus eine Anfrage fest, daß die sächsische Landtagssraktion ihre prinzipielle Haltung nicht aufgegeben habe. Ob sich die Ab- lehuung des Budgets für immer werde aufrechterhalten lassen, wisse er nicht. Aber einstweilen halte er sich und die Landtags- frattion für verpflichtet, nach dem Willen ihrer Wähler zu arbeiten. Die sächsischen Arbeiter wollten aber ganz gewiß nicht, daß die Landtagsabgeordneten zu Hofe gingen oder dem Budget zustimmten. (Beifall.) Soweit das von demonstrativer Bedeutung sei, werde die Fraktion auch gegen die einzelnen Ministergehälter stimmen.— Genosse H e i l m a n n fügt hinzu. daß die Gehaltsbewilligung für Rüger vor der Maßregelung der 13 Chemnitzer Eisenbahner erfolgt sei i sonst hätte wohl die Fraktion bestimmt gegen sein Gehalt be- sonders gestimmt. Im übrigen betont er nochmals die Notwendig- keit, den Budgetsfteit so zu führen, daß er nicht die Parteieinhett gefährde.— Die Genossen Graefe und Ehrlich aus Obersrohna sprechen wiederholt ihre schärfste Mißbilligung über das Vorgehen der Badenser aus. Die„Volks st im me" solle den„Vor- wärts" nicht mehr so scharf angreifen. Auf Antrag deS Genossen Börnichen- WittgenSdorf beschließt die Parteiversammlung widerspruchslos, den Disziplinbruch derbadischenLandtagSfraktion entschieden zu verurteilen. Im 6. Kreis(Chemnitz und Umgebung) wird beim Vorstaudsbericht über die Errichtung eine? Parteisekretariats verhandelt. ES wird mit Mehrheit beschlossen, die Notwendigkeit der Errichtung eines Parteisekretariats anzuerkennen. Der Vorstand soll ohne Zögern die nötigen Vorbereitungen ergreifen. Genosse Mehnert erstattet den Bericht des Agitationskomitees und kündigt rock verzichtet auf das verengende Band des„ZwangsrockeS", ist aber von den Knien bis zu den Knöcheln dennoch ebenso eng, wenn nicht noch enger als jener. Er legt sich ohne jede Falte unten um die Beine, dicht unterhalb der Knie aber beginnen enorme Massen an Stoff„überzufließen" und in weit aufgeschwungener Bogenlinie zu den Hüften emporzusteigen, wodurch der Eindruck eines riesigen Propfens hervorgerufen wird. Etwas Aehnliches, aber längst nicht so Extravagantes, sah man bereits ums Jahr 1830, an welche Zeit auch der ziemlich tiefe, durch eine gefältelte Krause eingefaßte Hpls- ausschnitt erinnert. Nach den neuesten Feststellungen muß solch ein „Zwanasrock" so eng sein, daß seine Trägerin überhaupt nicht in ihm gehen könnte, wenn er noch einen einzigen Zoll enger wäre. Er empfiehlt sich besonders für Frauen, die beim Gehen mit den Knien etwas— schlenkern. Dieser kleine Schönheitsfehler wird durch den Zwangsrock allerdings in geradezu idealer Weise verdeckt, da in ihm alle Frauen mehr oder weniger den Anschein erwecken, als knicken sie beim Gehen ein wenig in den Knien durch. Bei seiner Enge sind seine Trägerinnen schon jetzt zum„Trippeln" gezwungen. Wenn die Mode, was schließlich nach allem, was man erlebt hat, durchaus möglich ist, schließlich eine noch größere Enge dekretiert, so wird man dahin gelangen, daß die Frauen sich nur noch fprung- weis« vorwärts zu bewegen vermögen und zu reinen Kängeruhs werden." Die Moden werden heutzutage von den großen Geschäften diktiert, die ihre Kundinnen zwingen(sie lassen sich gerne zwingen), ständig neue Toiletten anzuschaffen. Die neuesten Errungen- schaffe der Mode lassen außerdem auch deutlich erkennen, daß die der Modentracht unterliegende Welt sich die ärgste Belästigung gern gefallen läßt, wenn sie sich dadurch aus der Masse hcrallshebt, sich als besondere Klasse kennzeichnet. Zwang- und Pfropfenrock erfüllen diese soziale Funktion um so besser, da sie von Frauen der Arbeit nicht getragen werden könnten. Weibliche Vornamen im Mittelalter. Wenn mit der Sprache auch naturgemäß die deutschen Namen sich verändert und nach dem jeweiligen Gescbmack zu- oder abgenommen haben, so haben sich doch einige weibliche Vornamen seit langer Zeit ziemlich unverändert und stets gleicher Beliebtheit erfteut Das ist besonders mit dem jetzt wieder sehr verbreiteten Namen Else der FaT Nach einer im Jahre 1385 in Frankfurt' a. M. vorgenommenen Zählung fand sich dieser Name unter 1662 weiblichen Personen 300mal. Beinahe jede fünfte Frauensperson hieß Else. Katharinen gab es 192; als dritt- verbreitetster— lOlmal— wird der jetzt ganz unbekannte Name Gude angeführt. Der Name Margarete muß dagegen damals nicht als geschmackvoll gegolten haben; er findet sich, ebenso wie Lene, nur einmal. Hedwig dreimal, Christine sechsmal, Anna elfmal. Weitaus die größte Anzahl damals gezählter Namen ist jetzt jedoch vollständig verschwunden. Neben den bekannten: Hartniudis, Heidindrud, Jrmen- llprd, Jsengard und Ortrun, die uns von Zeit zu Zeit durch die historischen Romane ins Gedächtnis gerufen werden, finden sich auch ganz fremd klingende wie Biegel, Damburg, Hufe, Oisterland, Rese, Zyse usw. Auch einige charakterisierende Vornamen finden wir. So gab es unter den erwähnten 1662 weiblichen Personen zwölf Engel, drei Demut und eine Reinheit. Was eine Flugmnschine kostet, darüber kann man sich am besten aus nachfolgender Tabelle unterrichten, die nach Angaben von Fach- an, daß die Agitationskomiteebezirke finanziell straffer zusammen- gefaßt werden sollen. Der Tätigkeit des Parteisekretärs Jungnickel (Erzgebirge) wurde mit großer Anerkennung gedacht, ebenso der Redaktion der„V o l k s st i m m e", die eines der besten Blätter Sachsens geworden sei. Die Parteioersammlung wurde vertagt. In der Kreisgencralversammluug für den Wahlkreis Zwickau referierte Genosse F i e d l e r- Krimmitschau über den Parteitag. Redner behandelte hierbei die hauptsächlichstenVerhandlnngsgegen- stände des Parteitags, als die Wahlrcchtsfrage. Reichsversicherungs- ordnung, Genosienschaftsftage, Maifeier und die Pudgerbewilligung der badischen Landtagssraktion in eingehender Weise. Bei der Ge- nossenschastSfrage werde auch ein Wort über die übertriebene Scheu vor dem roten Tuch, die sich in der Genossenschafts- bewegung breit gemacht habe, gesprochen werden müssen. Denn wenn die Partei als Werbetrommel für die Genossenschaftsbewegung gut genug ist, dann sei das ängstliche Abrücken von ihr höchst unver- ständlich. In bezug auf die Maifeier bedaure er den Beschluß, wodurch die Unterstützung zur Durchführung der Arbeitsruhe zu sehr in den Vordergrund gerückt werde, womit der ideelle und demonstrative Charakter der Maifeier stark beeinträchtigt werde.� Es müßte daher Aufgabe des Magdeburger Parteitages sein, solche Beschlüsse zu fassen, welche die Maiseier in ihrer Ausbreit ung nicht behinderten. Der Disziplinbruch der badischen Landtagssraktion erfuhr vom Redner eine scharfe Ver» urteilung. Er erwartet, daß der Parteitag diesmal e i n ernsteres' Wort als in Nürnberg mit den Verächtern der Parteitagsbeschlüsse reden werde. In der hierauf folgenden Aussprache fand das AnS-der-Reihe» tanzen der badischen Landtagssraktion bei der Budgetbewilligung allseitige Verurteilung, da keine stichhaltigen Gründe hierfür vor- gelegen haben. Es wurde aber auch hervorgehoben, daß der Nürn- berger Parteitag durch die widerspruchslose Entgegennahme der Er- klärung von den 66 süddeutschen Delegierten die Badenser zu ihrem Verhalten geradezu angereizt habe. Die Versammlung sah jedoch von der Annahme einer Resolution in Sachen des badischen Dis- ziplinbruches ab, indem sie sich der Hoffnung hingab, daß der Parteitag hierüber schon die richtige Entscheidung treffen werde. Dr. Quessel schreibt uns:„Der Umstand, daß die Redaktion des„Vorwärts" es für passend findet, die Auslastungen der Ge- nossen Bernstein und Eisner als gegen mich gerichtet hinzustellen, obwohl diese zur Abwehr gegnerischer Angriffe geschrieben wurden, die gerade durch die von mir kritisierten Sätze des„Vorwärts" un- nötigerweise hervorgerufen worden sind, veranlaßt mich, zur Abwehr das Wort zu ergreifen. Ich bestreite zunächst der„Vorwärts"- Redaktion das Recht, rein agitatorische Redensarten, wie die.„wir sind und bleiben Tod- feinde der bürgerlichen Gesellschaft" als„programmatische Sätze" oder gar als„Darlegung unserer Ziele" zu bezeichnen. Derartige Redensarten, die nur Wasser auf die Mühlen der Scharfmacher leiten können, wird die„Vorwärts"-Redaktion in den Schriften der Begründer deS wissenschaftlichen Sozialismus vergebens suchen. Marx und Engels haben stets die Ansicht vertreten, daß die bürgerliche Gesellschaft eine notwendige EntwickclungS- stufe fei, und daß die sozialistische Gesellschaft sich aus der bürgerlichen mit derselben historischen Notwendigkeit cnt- wickeln müsse, wie sich die bürgerliche Gesellschaft auS der feudalen entwickelt hat. Marx drückt seine Ansicht über die Wandlung?- und Entwickelungsfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft sehr glücklich in der Vorrede zum„Kapital" mit den Worten aus, daß die bürger« liche Gesellschaft„kein fester Kristall, sondern ein umwand- lungssähiger und in ständiger Umwandlung begriffener Organismus sei". Ich erkläre es daher als sinnlos, wenn Sozialisten sich als Todfeinde einer ganzen Gesellschaft erklären, deren zahlreichste Klasse das Proletariat selbst ist und ohne die diese Gesellschaft gar nicht gedacht werden kann. Wir sind Todfeinde des kapita- listischen Systems, das den Arbeiter �ur Ware entmenscht, aber nicht der Gesellschaft, die unter diesem System leidet. Wenn es das Bemühen unserer Gegner ist, unsere Grund» anschauungen dahin zu verdrehen, daß wir als Feinde der G e f e l l s ch a f t erscheinen, die den„gewaltsamen Umsturz" erstreben, so sollte sich jeder Schriftsteller der Partei wohl hüten, durch pseudoradikale Redensarten ihnen dieses Geschäft noch zu er- leichtern.(Wir können aber doch wirklich nichts dafür, daß Dr. Quessel nicht begreifen kann, daß die bürgerliche Gesellschaft Zeitschriften und Preislisten zusammengestellt ist, wobei zu bemerken wäre, daß sämtliche angegebene Typen— außer dem Blöriot- apparat— in Deutschland hergestellt werden. Theater. �SchillertheaterO.(Sommergastspiel.):„DaS Milch- m ä dchen bon Schöneberg", Posse mit Gesang von Mann- st ä d t. Die Ausgrabung der vor vierzig Jahren geschriebenen, mit allerhand Couplets und Kalauern neu aufgeputzten Posse fand ein äußerst dankbares Publikum. Der gute Wille, sich zu amüsieren, trotzte jeder Hemmung. So oft eine der alten Berliner Posse», deren Andenken eine fteundliche Legendenbildung verklärt, hervor- geholt wird, staunt man immer wieder, durch wie billige Mittel der Ruf volkstümlichen Humors erworben werden konnte. Und Mann- städt kocht nach Epigonenart seine Suppe noch dünner. DaS erste Bild zeigt noch am ehesten Farbe: Maurer, die am Potsdamer Platz ihre Frühstückspause halten; ein hochgekommener, bramsiger Polier, derseinem Jungen Lehren über standesgemäße Heirat giebt, das vergnügte Milchmädchen mit dem Hundekarren, die für jeden ein freundliches Wort hat und ihre Beliebtheit selber in Couplets verkündet. Sie avanciert als vermeintliche uneheliche Tochter einer reichen Dame ein paar Wochen zum gnädigen Fräulein, findet die Bildung, die ihr Geianglehrer und Gouvernante beibringen sollen, viel trister als den Kuhstall, und ist selig, wenn sie wie ftüher mit ihrem Liebsten, dem Poliersohn, im Hofjager die Nacht durchtanzen kann. Der Himmel hat ein Einsehen. Luise, ein zartes Mädchen und verfolgte Unschuld, entpuppt sich als daS gesuchte Findelkind. Tine kann wieder ihre Schürze nehmen, ihr Milchmädchcnlied singen und bekommt den lieben Heinrich zum Mann.— Hella Thornegg spielte und sang die Hauptrolle in frischer Laune. Herr Plaut war ein flotter Hein- rich, Emil Fischer sehr gut als patriarchalischer Weißbierphilister und Polier. Den Spaßvogel der Posse, einen Mann der Presse, dessen Rock und Hose sich stets auf dem Versatzamte befinden, gab Bruno Schlegel._ Notizen. — Ausstellungen. Der Verband„DeutscherGeigen- Bauer" veranstaltet im KllnstlerhauZ. Bcllebuestraße 3 am 2. und 3. August eine Ausstellung alter italienischer Meistergeigen und Geigen und Celli modemer Herstellung(von 9 Uhr vormittags bis 4 Uhr nachmittags). ober kapitalistische Gesellschaft nur eine bestimmte historische Form einer Gesellschaft, einer auf Klassengegensätzen beruhenden Gesell- schaft ist und wir als Kämpfer für die sozialistische Gesellschaft, in der die Klassengegensätze aufgehoben sind, mimöglich Feinde jeder Gesellschaft sein können. Amn. d. Red.) Nun noch ein Wort über das republikanische GlaubenSbelenntniS. Ich habe in einem Artikel.Sind wir Republikaner?', der auch der Redaktion des„Borwärts" bekannt geworden ist, nachzuweisen ver- sucht, dag die Demokratie, d. h. die Herrschaft des Volkes durch und für das Volk, sich nicht notwendigerweise nur durch den Umsturz der Monarchie erreichen lasse, sondern daß auch ein anderer Weg zu diesem Ziele führt, indem man die Rechte des Monarchen derart beschränkt, dasi seine Machtbefugnisse nicht größer sind wie die eines Präsidenten einer demokratischen Republik. Nach dem Urteil hervorragender Rechtsgelehrter giebt es heule schon Monarchen, deren Rechte nicht ausgedehnter sind wie die eines Präsidenten einer demokratischen Republik. Ob ich nun mit meiner Anschauung, daß sich die Demokratie auch verwirklichen ließe durch die Aushöhlung der monarchischen Machtbefugnisse, die übrigens heute in einigen monarchischen Staaten schon sehr weit gediehen ist, in der Partei allein stehe oder nicht, kümmert mich wenig, da ich von ihrer Wahrheit durchdrungen und überzeugt bin, daß sie sich schließlich doch durchsetzen wird. Obwohl ich es deshalb für prinzipiell richtiger halte, zu sagen, wir sind An- Hänger der Demokratie, der Herrschaft dcS Volkes durch und für das Volk, ist es natürlich das gute Recht des„Vorwärts', die Porteigeuossen als Anhänger der Republik zu bezeichnen, nur sollte er dann niemals vergessen hinzuzufügen, daß wir gar nicht daran denke», irgendwelche ungesetzliche Schritte zu unternehmen, um die bestehende monarchische Staalsform zu beseitigen. Gerade die gegenwärtige. VorwärtS'-Redaktion müßte doch wissen, daß, als Genosse Kurt Eisner und Genosse Jaurös von der deutschen Partei eine scharfe, auf die Beseitigung der Monarchie hinzielende Aktion ver- langten, die Forderung von der Gesamtpartei einmütig zurück- gewiesen wurde." sWozu wir nur bemerken wollen, daß eS etwas ganz verschiedene? ist, in ewe unmittelbare Aktion auf Beseitigung der Monarchie einzutreten, und wieder etwas anderes, unsere republikanische Ueberzeugung durch Hofgängerei zu verdunkeln. Im übrigen glauben wir auf jede weitere Polemik über diese monarchische Aushöhlungstheorie verzichten zu können. Anm. d. Red.) ReichStagskandidaturen. Die zuständigen Instanzen haben die Reichstagskandidaturen in den bayerischen Kreisen Fürth, Lauf-Hersbruck wieder dem Genossen Martin Segitz, in Rothenburg o. T. dem Genossen K l a m p f e r- Zirndorf und in K i tz i n g e n dem Genoffen. Kern, Parteisekretär in Würz- bürg übertragen. In Jerichow I und II kandidiert wieder, wie 1907, Genosse Ha u p t- Magdeburg. In Wolmirstadt-Neuhaldcns- leben ist unser Kandidat wiederum Genosse Ritsch, der dort Sfchon 1907 in die Stichwahl kam. Der bulgarische Parteitag. Aus Sofia geht uns folgender telegraphischer Gruß zu:.Der Parteitag der bulgarischen Sozialdemokratie sendet nach einer imposanten Kundgebung des revolutionären Sozialismus gegen den reaktionären PanslaviSmuS, die hier in Sofia unter Beteiligung von Vertretern unserer russischen, tschechischen, serbischen und ruthemschen Bruderparteien organisiert worden war, der sozialistischen Internationale die wärmsten Grüße des organisierten bulgarischen Proletariats. Der Parteitag gibt die Versicherung, daß hier in diesem Lande, das der Zarismus zur Wiederherstellung seines Prestiges bestimmt hat, die junge sozialistische Garde wacht und kämpft für die Sache der Freiheit und des Sozialismus in den Balkanstaaten. Es lebe die völkerbefreiende Sozialdemokratie l' Das Telegramm ist von dem Vorsitzenden des Parteitag» Genossen Kolozow unterzeichnet. Sie zwerißaMhe Candwlrttchaft. Wer die Ursachen der jetzigen Teuerung kennen lernen will, muß seinen Blick nach Amerika wenden und die Un, wälzungen studieren, die sich in der amerikanischen Landwirtschaft vollzogen haben. Seit den siebziger Jahren beherrscht Amerika den Weltmarkt, und wie die Perlode niedriger Getreidepreise durch die tranS- atlantische Konkurrenz eingeleitet war, so bildet daS Versagen dieser Konkurrenz die Grundursachen der jetzigen Teuerung. Was gab Amerika die Möglichkeit, die Herrschaft auf dem Getreidemarkte zu gewinnen? Im dritten Bande deS.Kapitals' erklärt diese Tatsache Marx wie folgt: .In minder fruchtbaren Gebieten dieser Art(die neu bebaut werden und durch»keine Kultur beleckt' waren) kommt der Ueberschuß heraus, nicht durch die hohe Fruchtbarkeit des Bodens, also durch den Ertrag pro Acre, sondern durch die Masse der AcreS, die in oberflächlicher Weise bebaut werden kann, da dieser Boden dem Bebauer nichts oder, mit andern Ländern verglichen, verschwindend wenig kostet.... Dazu kommt noch die fast kostenlose Viehhaltung auf natürlichen Weiden, ohne künstliche GraSwiesen. Was hier entscheidet, ist nicht die Qualität, sondern die Quantität deS BodenS. Die Mög- lichkeit dieser oberflächlichen Bebauung wird natürlich mehr oder minder rasch erschöpft im umgekehrten Verhältnis zur Frucht- barkeit deS neuen BodenS und in direktem Verhältnis zur Au-Z- fuhr seiner Produkte.... In Ländern älterer Kultur machen die Eigentumsverhältnisse, der durch den Preis des bebauten Bodens be- stimmte Preis des unbebauten usw. derartige extensive Wirtschaft unmöglich',. CII, S. 211.). Es sind also, nach Marx, zwei Momente, die die Konkurrenzfähigkeit solcher Länder wie Amerika bedingen: freier Boden, der nichts oder fast nichts kostet und„oberflächliche Bebauung',•) also extensive Wirtschaft, die geringere Produktionskosten erheischt. Beide Momente können auf die eine Ursache zurückgeführt werden: dünne Bevölkerung, infolge deren der Boden wertlos ist und.ober- flächlich bebaut" werden kann. Nun sehen wir zu, wie steht es jetzt in Amerika. Die Hälfte des amerikanischen Bodens ist immer noch nicht bebaut. Aber hauptsächlich im Westen und zum großen Teil solcher Boden, der künstliche Bswäfleruna fordert. Dagegen ist man im Zentrum, Norden und östlichen Gebieten zu intensiver Kultur übergegangen. Die Produktiouskosten und folglich auch die Getreidepreise sind des- halb gestiegen. Betrachten wir die EntWickelung der amerikanischen Bevölkerung, so wird eS unS sofort klar, daß die amerikanische Konkurrenz den europäischen Landwirten nicht mehr droht. Die Vereinigten Staaten zählten 18SO bloß 23,2 Millionen Personen, 1880 aber schon 50,1 Millionen Personen. In dreißig Jahren hat sich die amerikanische Bevölkerung verdoppelt. Das gab den Vereinigten Staaten die Möglichkeit, die Gelreideproduktion gewaltig auszudehnen. In gleicher Zeit stieg das bebaute Farmland von .113,0 auf 284,8 Millionen Acres, alio um 2'/, mal. Die An- Wendung von Maschinen gestattete, diesen Boden zu bewältigen. Die Produktion aller Getreidearten stieg von 371,04 sim Jahre 1849) auf 2899,41 Millionen Bushels im Jahre 1879, also um das Drei- fache. Daher konnten die Vereinigten Staaten auch gewaltige Getreidemengen ausführen: 60,4 Millionen Meterzentner gegen 23,2 in den Jahren 1870/5. Seit den 80 er Jahren hat die Bevölkerung wiederum gewaltig zugenommen. Sie stieg 1900 auf 78.3 Millionen Personen und 1908 auf 87,19 Millionen, verdoppelte sich also wiederum. In einigen Gegenden hat sich die Bevölkerung auch bedeutend verdichtet, wie aus folgender Tabelle ersichtlich ist: Auf eine Ouadratmeile kamen Personen: Vereinigte Staaten.. Nordatlantische Staaten Südallantische Staaten. Nordzentralstaaten.. Südzentralstaaten.. Westliche Staaten... Die nordatlantischen Staaten Bevölkerungsdichte auf. Die Anbaufläche ist von 284,77 im Jahre 1880 auf 414,50 Mill. Acres im Jahre 1900 oder um zirka 50 Proz. gestiegen. Im Ver- hältnis zur Bevölkerungszahl ist die Gesamtanbaufläche zurück- gegangen, und zwar von 5,7 auf 6,4 AcreS pro Kopf. Dagegen ist die mit Getreide bebaute Fläche von 118,8 ans 185,0 Millionen AcreS oder um 55,7 Proz. gestiegen. Pro Kopf der Bevölkerung be- rechnet, stieg sie von 2,38 auf 2,42 Acres pro Kopf. Die Produktion von Getreide stieg von 2699,41 auf 4434,70 Millionen BushelS oder um 84 Proz. Pro Kopf der Bevölkerung berechnet stellte sich die Getreideproduktion 1379 auf 55,2 BushelS und 1899 auf 59,6 BushelS. Die Entwickelung der Getreideprodultion hat sich also relativ bedeutend verlangsamt. Die Ausfuhr von Getreide und Mehl ist dennoch gestiegen, bis auf 98,6 Millionen Meterzentner in den Jahren 1395—1900. Die Ausfuhr von Nahrungsmitteln überhaupt betrug 1880 459,4 Millionen Dollar und 1900 545,4 Millionen Dollar. Seitdem geht aber die Ausfuhr rasch zurück. 1905/08 stellte sich die Ausfuhr an Getreide und Mehl noch auf 83,4 Millionen Meterzentner, 1906/07 schon auf 59,3 und 1908 gar auf 42,1 Meterzentner. 1901 bildete die Ausfuhr von Weizen und Weizenmehl noch 41,36 Proz. der Weizenprodnktion, 1908 nur 25,7 Proz. Die Bereinigten Staaten verbrauchen also s e l b st i h r G e t r e i d e. Wichtig ist noch, daß sich baS Zentrum der Getreideproduktion nach Westen verlegt. So war der Ertrag in Prozenten der Gesamt- getreideprodultion: 1880 8.7 8.8 70.9 10.9 2.7 1900 5.2 4.9 73.3 13.0 3.6 haben ihre Getreide- Nordatlantische Staaten Südatlantische Staaten Nordzentralstaaten.. Südzentralstaaten.. Westliche Staaten.. Die westlichen und Südzentralstaaten Produktion bedeutend erhöht, die nordatlontische Gegend hat dagegen um etwa 2 Proz. ihre Getreideproduktion eingeschränkt. Relativ hat sich die Getreideproduktion auch der Nordzentralstaaten seit 1890 von 74,8 auf 73,8 Proz. vermindert. Vergleicht man diese letzte Tabelle mit der oben angeführten über den Grad der Bevölkerungsdichte in verschiedenen Gegenden, so tritt der Zusammenhang zwischen diesen beiden Momenten deutlich hervor. Die dichtbevölkerten nordatlantischen Staaten schränken ihre Getreideproduktion ein, weil die extensive Wirtschast in» Westen die Getreideproduktion hier unvorteilhaft macht. Die mit Getreide bebaute Fläche ist hier um fast 10 Proz. zurückgegangen. Ebenso leidet die Getreideproduktion der südatlantischen und zum Teil die der Nordzentralftaaten, die eine verhältnismäßig bedeutende Be- Völkerungsdichte aufweisen, unter der Konkurrenz der west- lichen und Südzentralsiaaten. In den nordatlantischen und süd- atlantischen Staaten ist auch der Farmprei« von Weizen der höchste (0,88 bezw. 0.72 Dollar per Bushel), im Westen dagegen der niedrigste — 0,49 Dollar per Bushel. Dagegen geht man in den dichtbevölkerten Gegenden zur intensiven Viehzucht über. Noch Anfang der VOer Jahre schrieb Fr. Ratzel:.Es ist eine Abstufung gleich der der Bevölkerung und ') Denselben Gedanken finden wir auch bei Ratzel über die Konkurrenz Amerikas. Nach ihm ist„die viel oberflächlichere Arbeit des amerikanischen Landwirts für weite Räume" ausgiebiger als die gründliche Ausnutzung dcS Kleinbesitzes.(Politische und Wirt- schaftsgeographie der Ver. Staaten. S. 421.) intensiveren Wirtschaft von dieser Steppenbiehzucht im Westen, die meist Jungvieh liefert, zur Mästung in den mittleren Staaten und zur Milchwirtschaft in den östlichen. AuS Gründen, die mit den in Mitteleuropa wirksamen viel Aehnlichkeit haben, hat sich die Vieh- zucht in den nordöstlichen und mittleren atlantischen Staaten von der Zeit an höher entwickelt, als der Weizenbau zurückging, dessen Einseitigleit bei dichter Bevölkerung und teurerem Boden durch mannigfaltigere Kulturen ersetzt werden muß."(Politische und Wirtschaftsgeographie der Vereinigten Staaten. S. 40S.) Und in der Tat ist der Wert des Viehes per Acre st» den nordatlantischen Stellen seit 1380 bis 1900 von 4,21 auf 4.90 Dollar gestiegen; in den südatlantischen von 1,29 auf 1,86, im Nordzentralrayon von 3,73 auf 4,97 Dollar. Dagegen sank der Wert des Viehes per Acre im Westen von 4,80 auf 8,92 und in dem südlichen Zentrum von 2,51(1890) auf 2,39 Dollar. So sehen wir, daß sich die Vereinigten Staaten zu den Methoden der landwirtschaftlichen Kultur wenden, die auch in Europa üblich sind, und daß die weitere Ausdehnung der Getreideproduktion kaum genügen wird, um den Bedarf der amerikanischen Bevölkerung zu decken. Die Schutzzollmauern haben keinen Sinn mehr; denn kein Feind droht mehr. Die Vereinigten Staaten leiden selber unter gewaltiger Teuerung. Der Londoner„Oeonomist" brachte(am 4. Juli) folgende Angaben der Konsuln. Der Preis ist in dem letzten Jahrzehnt gestiegen bei: MaiS... um 111,2 Proz. Hafer... Weizen... Kartoffeln.. Speck... Nach den Berechnungen Sauerbecks befindet sich da? Preisniveau für Nahrungsmittel fast auf der Höhe, auf der eS zum Beginn der amerikanischen Konkurrenz gestanden. Das Preisniveau für 1867 bis 1877 gleich 100 gesetzt, erhalt Sauerbeck: für animalische Nahrungsmittel 95 81 84 83 89 89 Steigerung der der Landwirtschaft(Prof. Ballad schätzt sie Preisniveau auf der alten Höhe angelangt. Und dennoch neue Klagen über die.Not' der Landwirte l. 85,1 59.5 70,5 100,25 1878—1887 1338-1897 1397—1906 1907 1903 1909 Trotz der zweifellosen für vegetarisch« Nahrungsmittel 79 62 62 89 70 71 Arbeitsproduktivität in auf 75 Proz.) ist das Versammlungen. Verband der Fabrikarbeiter. In der Generalversammlung des Verbandes, die am Sonntagvormittag im„Englischen Garten' statt- fand, erstattete C. Bruns den Vorstandsbericht über das zweite Quartal 1910. WaS am Ende deS 1. Quartals schon vorauszusehen war, erfüllte sich in reichem Maße; der Vorstand hatte mit 27 Be- wegungen der Fabrikarbeiterschaft zu rechnen. In verschiedenen Fällen wurden befriedigende Abschlüsse erzielt und Lohnerhöhungen oder Verkürzung der Arbeitszeit durchgesetzt. In anderen Fällen gelang es, kleinere Vergünstigungen, wie Gewährung von Urlaub unb dergleichen, zu gewinnen oder dem Verbände Anerkennung zu verschaffen. Die Organisation hat in einigen großen Betrieben stärker eingesetzt als bisher, als Frucht einer eiftig geführten Agi- tation und besseren allgemeinen Bedingungen.— Die Grenzstreitigkeiten mit dem Deutschen Metallarbeiterverband in bezug auf die Schallplattcnprcsser und Gummiarbeiter sind in zufriedenstellender Weise geschlichtet worden. Die Abrechnung vom zweiten Quartal lag gedruckt vor. Danach bilanzieren die Einnahmen und Ausgaben der Hautkaffe mit 34 334,45 M. Unter den Ausgaben stehen verzeichnet für Erwerbs- losenunterstützung 11 019,55§L, für Rechtsschutz 75 M., für Ge- maßregeltenuntcrstützung 1027,20 M., Umzugsgeld 607 MI. Sterbegeld 738,50 M., Streikunterstützung 1871,85 M. In der Lokallasse bilanzieren Einnahmen und Ausgaben mit 33 295,86 M. Für Streikunterstützung wurden 668,15 M., für Extrauntcrstützungen 430,05 M. ausgegeben. Nach kurzer Diskussion erteilte die Versammlung der Ge- schäftSleitung Decharge. Bruns machte noch bekannt, daß der Dezirk Adlershof be- schlössen habe, den Einheitsbeitrag von 50 Pf. zu zahlen. Mit einer Anregung, auf dem nächsten Verbandstage dahin zu wirken, daß den jugendlichen Mitgliedern die„Arbeiter-Jugend geliefert werde, erklarte er sich einverstanden.— Als HauSkassierer wurde Wächter von der Versammlung gewählt. rSafferstandS.Nachrtckit«« der LandeSanstalt für Kcwäfferkunde, mitgeteilt vom Berliner Weiterbureau. Wafferftand Kernel, Tilftt vre gel. Jutterburg Weichsel, Tborn Oder, Ratibor , Krosse« , Frantturt Warthe, Schrirnm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmerttz , Dresden , varbt, , Magdeburg + bedeutet Wuchs,— ftall.— Unterpegel.—•) HSchster Wasserstand am 25. um 6 Uhr nachmittags: 239 cm. SoziaMeraokraUrWallirereiii für den 4, Berte FÄtags-WaWkreis. Frankfurter Äiertel. (Bezirk 297,) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Zwicker JWax Papke Fricdrichsbrrgerstr. 9 gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am DonncrStag, den 23. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle dcS Zenttal-FriedhoseS in Friedrichs- felde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 219; 17 Der Vorstand. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber»Aatte, unser guter Vater, der Tischler pdilipp Pape nach langem Leiden am Dienstag entschlafen ist. 1390 Die ticfbctrübte Gattin nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonn- abend, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Heilig-Kreuz-Kirch- Hofes aus statt. Segelklub Wendenschloß. Den Sportskollegen zur Nach- richt, daß unser Mitglied Karl Sehreiter am 25. Juli verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 28. Juli, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle deS Rummelsburger Kirch- Hofes aus statt. 128b Rege Beteiligung erwartet Der Vorstand. Danksagung. Für die Beweise inniger Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Vaters, unseres Bruders Ludwig Gehrde sagen wir allen BeteMglen unleren besten Dank. 130b Gustav Schult,, Familie Gehrde. Danksagung. Für die vielen Beweise liebevoller Teilnahme bei der Beerdigimg meines lieben Mannes Otto Svkosstsg sagen wir allen Beteiligten unseren herzlichsten Dank. 2922 Witwe Paullne SchoMtae nebst Tochter. Xtanksagunc. 149b Sage allen Freunden und Bekannten sür die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Otto Di*ews meinen herzlichsten Dank. Frau Drews, Bödikerstratze 35. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des RestaurateurS Merrnnrin Lange sprechen wir allen Verwandten mid Bekannten sowie den Mitgliedern des Wahlvereins Lichtenberg unseren herzlichsten Dank aus. 294L Die Kauernden Hinterbliebenen Witwe Kiange _ nebst Töchtern._ Maßanzüge sehr elegant, 32—85 M., fertige An- züge 8,25 an. Tuche sehr große AuS- wähl. Posten engl. Stoffe u. Anzug- reste billig. Gern schicken wir unsere Vertreter mit Muster ohne Kaus- verpflichtung.1'i>clig««>«II»ch<»ft Kottbuserdamm 16—17(Hochb.) Vorzeiger d. Inserats erhält s»/, Rabatt. A rbeiter-Wanderbund „Die Naturfreunde". Wanderfahrten am Sonntag, den 31. Juli 1910: 1. Eichwalde-Erkner. Abs. Görlitzer Bahnhos 7'° vormittags. 2. Fürstenbrunn-Tegel. Abs. Lehrter Fernbahnhof 1M nachmittags. 2/6 Gäste willkommen. __ Aussührliche Programme bei Heise, Boyenstr. 19 zu haben. 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Die elf Generalversammlungen in Groß>Berlin, die sich Wie wir gestern schon in kurzen Vorberichten mitteilten, in der Hauptsache mit der Budgetbcwilligung in Baden beschäftigten, dauerten teilweise lange über Mitternacht hinaus. Dennoch konnten nicht alle Versammlungen die Tagesordnung voll zu Ende führen, sondern mutzten wichtige Punkte noch vertagen. Im allgemeinen wurde die vom Verbandsvorstande der Wahlvereine vorgeschlagene Resolution angenommen. Es charakterisiert aber die Empörung der Berliner Parteigenossen über den Diszipliubruch der badischen Abgeordneten, wenn man trotz des Ergebnisies der Abstimmung überall keinen Zweifel lietz, datz die vorgeschlagene Resolution deni Empfinden der Genossen noch nicht voll Ausdruck gab. In der Tat ist es in Berlin wohl noch nicht vorgekomnien, datz hier— wo man die Einheitlichkeit der Aktion doch über alles schätzt— ein nicht unerheblicher Teil der Kreise zu einer Verschärfung der von den Parteiinstanzen vorgeschlagenen Kundgebung über» ging. Von 7 Kreis-Wahlvereinen, die bisher gesprochen haben, gaben nicht weniger als 3, der erste, der sechste Kreis und Niederbarnim, ihrer Empörung noch besonders Ausdruck. Bei der Wichtigkeit der Debatten glauben wir nicht umhin zu können, unseren Lesern heut noch ausführliche Berichte über die einzelnen Versammlungen geben zu müssen. Sie mögen hier folgen: Erster Wahlkreis. Wie schon in der gestrigen Nummer unseres Blattes kurz erwähnt, war die Versammlung sehr gut besucht, woraus zu er- sehen ist, wie sehr die letzten Ereignisse die Mitglieder in Span» nung halten. Genosse Kunert als Referent erklärte in seiner Einleitung, datz es äutzerst wertvoll für ihn sei, gerade im ersten Kreise, dem Mitglieder aus allen Stadtgegenden angehören, zu sprechen, da man somit von der Stimmung dieses Kreises auf die übrigen schlichen könne. Auf den internationalen Kongrctz eingehend, sprach Redner die Ueberzeugung aus, datz ohne Aus- nähme alle Punkte, auch das Genossenschaftswesen glatt erledigt werden dürften. Nur in der Frage internationaler Solidarität werde man allerdings einigen Nationen, um ihnen ihre Ver- pflichtungen begreiflich zu machen, den Kopf waschen müssen. Im Verlaufe seiner Besprechung der Parteitagsaufgaben kommt Redner auf den Parlamentarismus und damit auch auf Baden zu sprechen. Zu einem„Musterländle", wie Baden scherzweise gc- nannt wird, gehöre aber mehr, als was die Badenser erreicht hätten. Er wolle die Budgetfrage recht kühl behandeln, vom organisatorischen, vom prinzipiellen und vom taktischen Stand- punkte. Und da sei man mit einem Male außerhalb der Kantönli- Politik, nicht mehr in Baden, sondern mitten im Deutschen Reich. In erster Linie müsse es heißen: ich beuge mich dem Organisations- statut. Wenn der Parteitag, als höchste Instanz, gesprochen Hat und ich füge mich nicht, dann scheide ich innerlich aus der Partei aus, auch wenn ich äußerlich noch dazu gehöre. Nun sagen Kalb und Genossen: daö, was wir getan, war ja nur ein nebensächlicher Verstoß gegen die Taktik. Ja, wodurch werde denn die Taktik festgestellt? Doch durch den Parteitag! Der generelle Beschlutz v, der Budgetfrage liege vor, deshalb sei die Sache sehr ernst auf- zufaffen. Wenn man von Feinden rings umstellt sei, dann müsse man Disziplin üben, wer hier versagt, versage vor dem Feinde. Die Handlung komme Verrat gleich, wenn sie bewußt geschehen sei. Hier seien die Wurzeln der Existenz der Partei angetastet, hier sei eventuell Verhängung der schwersten Parteistrafe am Platz. Was solle man sagen, wenn dies alles schon geschehe, weil der Groß- herzog von Baden persönlich ein guter Mann sei und ein famoser Minister in der Sozialdemokratie einen berechtigten Kern findet. Ihm deshalb schon den Bruderschmatz zu geben, sei jedenfalls stark. Nein, unsere badischen Abgeordneten wollten eben bündnis- fähig bleiben, wollten die Blockbrüder als Bundesgenossen be- halten und von diesen bei den nächsten Wahlen nicht im Stich gelassen werden, ja sie wollten vorbildlich für das Reich wirken. — Wie stehts denn nun mit den Prinzipien? Gehört Baden nicht auch zum Klassenstaat? Sind wir in Deutschland in mancher Hinsicht nicht schlimmer daran als die Untertanen des Zaren m Rußland? Wir sind Republikaner und müssen es sein! Was sei denn nun eigentlich in Baden an Großtaten erreicht? Am Tage vor der Budgetbewilligung sei eine schlechte Gemeinde- ordnung mit einem elenden Wahlrecht bewilligt worden. Man vergleiche das badische Schul- und Steuerwesen mit unseren grund- sätzlichen Forderungen! So stehe es auf allen programmatischen Gebieten. Das Programm der Genossen in Baden ist unser aller Programm. Sie aber handeln gerade so, als sei es ein Fremd- körper in ihrem spezifisch badensischen Organismus. Wir wollen im Klassenkampf treu zu unserer Fahne stehen, ja wir müssen es der Strafe des Untergangs, nur dann können wir auf Sieg rechnen!—(Großer Beifall.) Weihnacht: Was die Resolution des Zentralvorstandes sage, stehe ja schon langst fest. Die Badenser lachen uns ja bloß aus, sie machen stl doch was ihnen paßt. Er erinnere nur daran. wie sich die suddeutschen Genossen in Nürnberg gezeigt haben; man habe nicht mehr gewußt, ob man überhaupt noch mit Sozial- demokraten zusammen sei. �.le Badenser ständen nicht mehr allein. Der größte Fehler liege bei der Masse, die jedem Doktor, der zu uns komme, entgegenjubele und ihm gleich ein Reichstags- manoat präsentiere. TaS sehe man an Maurenbrechcr, der heute noch nicht Sozialdemokrat sei. Ter Parteitag mag die Resolution annehmen, in kurzer Zeit machen die Genossen doch wieder was sie wollen. Bublitz: Er sei einverstanden m,t der Resolution bis auf den Schlußsatz. Vorkehrungen seien schon öfter getroffen worden und doch hatten wir immer Disziplinbruche zu verzeichnen. Die Erklärung der 66 in Nürnberg, war eine Ohrfeige für den Parteitag. Dieser hat eS ruhig hingenommen, ergo sei er schuld an den jetzigen Ereignissen. Der Disziplinbruch sei bewußt ge- schehen. deshalb gäbe es nur eins: Ausschluß aus der Partei. In SBErlin habe man schon oft wegen geringerer Vergehen auSge- schlössen. Die Masse kehrt bald zur Ueberzeugung zurück, wenn �geschlossenen ohne den Nymbus der Partei dastehen. ,' Er spreche für die Resolution. Diese se, aus den- selben Erwägungen, die der.Vorwärts" und auch Mehring zum Ausdruck gebracht haben, diktiert worden. Wir wollen uns vi« letzige Situation nicht durch diesen Vorfall vermanschen lassen. X; kennzeichne unseren Standpunkt scharf, verhüte aber zugleich daß die Badenser sich als Märtyrer ihrer Ueber- zeugring hinstellen können. Gegensätze seien vorhanden, doch könne man mit Befriedigung sehen, daß die Badenser in ihrem Vor- gehen jo ziemlich allein in der Partei stehen. Er bitte, die Re- t l! r n h!n' r f' B�unehmen. In Magdeburg werde man �densern den Standpunkt mit aller Schärfe klar machen. f.i Tin,?«;'n?.,e I'gation. die die Badenser geschaffen hatten, sei einzig ,n der Parteigcschichtx. Man solle doch endlich davon abkommen,«mmer Ruhe und Frieden zu rufen, sondern einmal energisch vorgehen. Die Wühlarbeit höre sonst niemals auf. Man solle nicht nur gegen kleine Genossen schneidig vor- gehen,, andern auch gegen die Großen �«lex Bloch vertritt denselben Standpunkt und meint, baß die Revisionisten in der Parte, radikal, die Radikalen aber flau Zeien. Die Badenser können ja ruhig alles tun, sie wüßten ja, daß ihnen nichts geschehe. Der Herausgeber der„Sozia- listischen Monatshefte" trete für Schutzzölle ein usw., Maurenbrecher, Quessel und andere tanzten eben- falls Extratouren. Die Partei solle endlich mal ein Machtwort sprechen. Diese Genossen dürften nicht länger in unseren Reihen bleiben. Dr. Friedeberg und andere habe man aus- geschlossen und mit Recht: sie waren keine Sozialdemokraten mehr. Dasselbe treffe aber auch auf andere zu. Gleiches Recht für alle. Das mindeste sei, daß die Badenser ihre Aeinter niederlegten. K ö r st e n: Alle seien sich in der Verurteilung der Badenser einig, um so mehr, als ihr Vorgehen gerade in die jetzige Situation falle, die zu den besten Hoffnungen berechtigt. Man solle sich aber hüten, auf eine Dummheit eine zweite zu setzen. Die Dinge würden nun einmal in Süddeutschland anders aufgefaßt. Man sehe ja, wie sich die badischen Parlamentarier überall in ihren Kreisen Vertrauensvoten holen. Er rate, kaltes Blut zu be- wahren. Wir sollten uns fragen, ob wir den betreffenden Ge- nojsen nicht einen Gefallen täten mit unserm scharfen Vorgehen. Keinem von uns kann etwas daran liegen, eine Spaltung herbei- zuführen. Täuschen wir uns nicht, es steht mehr auf dem Spiele als einige Personen. Es seien auch schon Radikale zu Hofe ge- gangen, da habe man sich weniger aufgeregt. Wir sollten uns unsere Position nicht verderben lassen, ganz besonders nicht, wo heute zwischen Partei und Gewerkschaften eine erfreuliche Einig- keit bestehe. Mehring habe die Lage richtig geschildert, man solle den berufenen Faktor entscheiden lassen: den kommendeir Parteitag! Dr. Cohn: Würden Worte töten, dann wären die Badenser sicher schon tot. Sachlich stimme er den Genossen, die sich entrüsten über die Eseleien der Badenser, vollkommen bei. Selbst vom Standpunkt der Badenser hätten sich die badischen Abgeordneten höchst dumm benommen; sie hätten sich v,el zu billig weggegeben im Hinblick auf das, was sie erreicht haben. Sie hätten sich Leuten an den Hals geworfen, die sie gar nicht gesucht hatten. Aber er müsse auch fragen: muß denn jeder süddeutsche Mückenstich in Norddeutschland immer gleich zum schärfsten Exzeß verführen? Im Verhältnis zu dem großen Norddeutschland sei das badische Vorkommnis doch nur ein Jucken. Könne man denn das Aus- schließen nicht immer noch dann vornehmen, wenn es uns paßt? Bestraft müsse ein derartiger Disziplinbruch werden, das Wie sei aber eine Frage der Taktik. Es wäre ein großer Fehler, wollte man die Delegierten mit dem strikten Auftrag, für den Ausschluß zu stimmen, nach Magdeburg schicken. Der Revisionismus der „Sozialistischen Monatshefte" werde wieder weit gemacht durch den Radikalismus des Genossen Bloch. Er, Redner, habe die Ueberzeugung, daß der diesjährige Parteitag klipp und klar aus- sprechen werde, was sein soll, und diesmal keine Erklärung zuge- lassen werde. Alles weitere werde davon abhängen, wie die Ba- denser sich in Magdeburg benehmen. Kunze: Es wäre besser gewesen, die Resolution F r o h m e wäre damals angenommen worden. Jetzt mache man aber den Badensern den Vortvurf. daß sie nicht nach der Resolution Frohme gehandelt hätten. Wenn wir eine Mainlinie ziehen wollen, dann ziehen wir aber einen Riß durch ganz Preußen. Allerdings müßten Beschlüsse gehalten werden. Warum habe man denn die Erklärung der 66 ruhig eingesteckt? Kein Gewerkschaftskongreß ließe sich so etwas gefallen. Woldt wendet sich gegen die Bezeichnung„Revisionist" seitens Blochs. Wenn er Revisionist sei, dann sei es fast die ganze Partei. Er wende sich nur gegen einen Scheinradikalismus 4 la Bloch. Der Ausschluß der Badenser würde eine Spaltung bringen. Wenn es zu einer solchen komme, dann wollten wenigstens wir Norddeutschen sie nicht herbeiführen. Auch er schließe sich Mehring an, der gewiß nicht im Verdachte des Revisionismus stehe und bitte, die Resolution anzunehmen. B i t t n e r wendet sich gegen Karsten. Wer Frank kenne, wisse, daß zwei Seelen in ihm wohnen. Er betrachte die Sache wie ein Geschwür, daß man immer wieder heilen wolle. Dabei kommen wir auf den Freisinn und die schiefe Ebene. Nachdem noch Referent Kunert in seinem Schlußwort einige Punkte richtiggestellt hatte, wurde die Resolution bis auf den letzten Absatz einstimmig, dieser gegen 8 Stimmen, angenommen. Ferner nahm die Versammlung noch folgendes Amendement Guttmann mit 66 gegen 68 Stimmen an: „Die Versammlung erklärt, daß sich die badische Fraktion mit ihrem Verhalten außerhalb der Partei gestellt hat. In Rücksicht darauf, daß Parteitage von Nürnberg usw. den Organi- sationen die Pflicht auferlegt haben, Lokalorganisierte wegen Vergehens gegen die„gewerkschaftliche" Disziplin aus- zuschließen, ist es keinesfalls zu umgehen, datz bei so absichtlicher Durchbrechung der Parteidisziplin auch hier die letzten Konje- quenzen gezogen werden." Als Delegierter wurde Woldt mit 73 Stimmen gewählt. Zweiter Wahlkreis. Die Genossen des zweiten Kreises hatten ihre sehr stark be- suchte Versammlung im großen Saal der Bockbrauerei am Tempel- hofer Feld. Genosse Richard Fischer führte in seinem Referat miS; Mit einem Gefühl der Freude und der Hoffnung und mit einem gewissen Siegcsbewußtsein sahen wir dem Parteitage entgegen. Denn die politische Situation habe sich so gestaltet gehabt, daß die Aussichten für die Partei die allergünstigsten waren. Alle Vor- aussctzungen für den Verlauf eines agitatorisch wirksamen Partei- tages seien gegeben gewesen. Da kam, wie ein bürgerliches Blatt richtig sage, eine Bombe mitten in diese Situation hineingeflogen, die Bombe der badischen Budgetbewilligung. Weiter die Teilnahme einer Anzahl badischer Genossen an der letzten Sitzung des Land- tages und die Delegation von zwei Genossen zur Silberhochzeit des Großherzogs, also eine förmliche Huldigung vor der Monarchie. Jeder dieser Punkte allein könne uns den Appitit verderben. Was wir so besonders bedauerten, sei das Frivole des Disziplinbruches, wofür keine Notwendigkeit und so gut wie keine Entschuldigung er- kennbar sei. Die Sozialdemokratie sei immer stolz darauf ge- Wesen, daß in ihr eine Disziplin herrsche, wie in keiner anderen Partei. Nach allen Meinungskämpfen hätten wir immer sagen können, wir seien Brüder, eine einzige geschlossene Bruderpartei. Das sei seit der Einigung von 1876 gewissermaßen ein Wahrzeichen der Partei gewesen. Darum sei der Disziplinbruch der badischen Genossen an dem Nürnberger Beschluß über die Budgetabstim- mungen um so bedauerlicher, weil er begangen sei nicht aus Rück- ficht auf die Partei, sondern aus gewisser Rücksichtnahme auf die Gegner. Schon in Nürnberg habe Frank gesagt, man könne sich keine Marschroute vorschreiben lassen, weil bei ihrer Befolgung die Gegner uns auslachen würden. Es sei ja begreiflich, daß der Nürnberger Beschluß den Genossen nicht angenehm war; vielleicht sei er auch in der Form nicht der beste gewesen. Aber er sei für die Genossen bindend, so lange er bestand. Redner gab dann einen Ueberblick über die Behandlung der Budgetfrage auf den ver- schiedencn Parteitagen. In Nürnberg sei dann festgelegt, daß als Ausnahme von der Regel der Ablehnung des Budgets nur zu- gelassen werden solle der Fall der Zwangslage, datz durch eine Ver- Weigerung des Budgets ein etwas besseres Budget zu Fall käme und statt dessen ein schlechteres angenommen würde. Eine Stimme in der Presse sage, die Badenser hätten der Meinung sein können, daß, wenn man gegen das Budget stimme, die Regierung und die Parteien ein späteres Budget schlechter gestalten könnten. Das sei aber eine derartige Tiftelei, daß kein Wert gelegt txerden könne auf diese Stimme in der„Dresdener Volkszeitung". Das Chara?« teristische sei, daß die gesamte Parteipresse mit Ausnahme von sehr wenigen Stimmen, man könne sagen: die ganze Partei sich einig sei in dem Bedauern über das Verhalten der Badenser und in der Mißbilligung desselben. Die Erklärung Franks bei der dies- maligen"Budgetzustimmung lasse einen Hinweis darauf vermissen, daß die Abstimmung kein Vertrauensvotum sein solle, welche Er« klärung bei der früheren Budgetzustimmung abgegeben worden sei. Das fallG auf. Diesmal habe eben die Zustimmung in ge- wissem Grade ein Vertrauensvotum sein sollen, insoweit, als die politische Stellung des Großblocks in Betracht kam. In der dies- maligcn Erklärung sei die Bndgetablehnung als eine Demonstration bezeichnet worden, auf die man mit Rücksicht auf besondere poli- tische Verhältnisse verzichte. Wie komme aber eine Fraktion dazü, ohne Grund zu erklären, was ein Parteitag beschlossen habe, sei eine leere Demonstration und man verzichte darauf, eine solche Demonstration hier zu machen? In Nürnberg hätten jene Genossen erklärt, sie seien für die Resolution Frohme, worin gesagt wurde, daß, wenn'der Gedanke aufkäme, man solle für das Budget stimmen, die Landtagsfraktion gehalten sein solle, mit dem Landes- vorstand und dem Parteivorstand in Verbindung zu treten. Man hätte glauben sollen, daß man das gegenüber dem viel entschiedeneren Nürnberger Beschluß tun wü.de. In der Presse hieß es, das sei nicht geschehen, weil der Beschlutz, nicht für das Budget zu stimmen, von einem Tage zum anderen umgestoßen worden sei. Redner schildert die Vorgänge in Baden, wie sie durch die Presse bekannt geworden sind, und meinte, es sei nicht erfindlich, wieso in der Aeußerung des Ministers Bodman sin der Ersten badischen Kammer ein Grund liegen solle, entgegen einem Partcitagsbeschluß dem Minister ein Vertrauensvotum zu geben. Darauf komme es an. Eine Anerkennung der Gleichberechtigung liege darin auch nicht, wenn er erklärte, es sei berechtigt, daß man die Sozialdemokratie zur Mitarbeit heranziehen müsse, daß man aber ihre gegen die Monarchie und die Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen bekämpfen müsse. Die Aeußerung lasse erkennen: er ziehe sie heran, wenn sie gewillt seien, ihr antimonarchisches und antikapitalistisches Programm aufzugeben. Eine andere Auffassung sei doch nicht möglich.— Uebrigens treffe für eine Reihe der Be- teiligten der Wechsel der Ansicht von einem Tage zum anderen nicht zu. Redner geht auf verschiedene Artikel Kolbs ein, gegen die er sich wendet, indem er zugleich der badischcn Landtagssraktion für ihre Tätigkeit und ihr geschicktes Wirken im Landtag seine An- erkennung aussprach. Aber selbst das alles anerkannt, müßte er doch sagen, es sei eitel Gerede, wenn gesagt worden sei, man würde sich in Baden um die Erfolge der letzten 16 Jahre und um Einfluß und Ansehen gebracht haben, wenn man gegen das Budget gestimmt hätte. Tie Sozialdemokratie in Baden sei gewachsen, weil die Sozialdemokratie im ganzen Reiche gewachsen sei. Die Partei in den einzelnen Ländern habe immer für sich das Gewicht der ganzen deutschen Bewegung. Es sei auch nicht wahr, daß die Sozialdemo- kratie ihre Tätigkeit in irgendeinem Parlament als reine Agi« tationsarbeit betrachtet habe. Ueber die Idee eines Großblocks, wie sie in Baden vertreten worden sei, könne man verschiedener Meinung sein. Er habe sich im Verdacht, datz er gegen das Zen- trum genau so gehandelt hätte, wie die badischen Genossen, wie er auch der Meinung sei, daß wir die Aufgabe hätten, den reaktionären Block zwischen Zentrum und Konservativen zu brechen. Die Frage sei nur, wie das geschehen solle. Er glaube nicht daran, daß die Voraussetzungen dafür im Reich gegeben seien, wie in Baden. Uebrigens müßten die badischen Genossen auf dor Hut sein, datz es ihnen nicht gehe wie den Freisinnigen im Reich, daß sie nicht den Fußtritt erhielten.— Was sei nun zu tun gegenüber dem Dis- ziplinbruch der badischen Genossen? lieber die Frage der Budget- abstimmung müßten die Genossen aus Baden erst auf dem Partei- tage offiziell gehört werden. Es sei ja möglich, daß sie eine falsche Auffassung hatten. Schärfer noch als die Stellungnahme zum Budget beurteile er die Delegation aus Anlaß der Silberho-bzeit des Großherzogs. Er sei kein Buchstabenmensch. Er mache kein Hehl �daraus, daß er es als Fehler betrackite, sich von der Annahme der Stellung als Vizepräsidenten im Parlament abschrecken zu lassen durch die sogenannten höfischen Verpflichtungen. Er würde keine unangenehme Empfindung haben, wenn er in solchem Amte in die Lage käme, sich bei Wilhelm ll. vorstellen zu müssen. Unau- genehm könnte es höchstens demjenigen sein, der die Sozialdemo- kratie für eine Rotte von Menschen erklärt habe, die nicht würdig sei usw.. wenn er gezwungen wäre, infolge der zunehmen- den Macht der Sozialdemokratie einen ihrer Angehörigen zu empfangen. Wenn ein Sozialdemokrat in diese Lage komme, höre die höfische Verpflichtung auf. Schon weil er sich das sage, wäre er dafür, solche Aeinter anzunehmen. Hierbei gehe er von dem Stand- Punkt des gleichen Rechts auS. Etwas ganz anderes sei eS, ob man als Sozialdemokrat an einer monarchischen Huldigung oder Feier teilnehme, wo man nicht derjenige sei, der das Recht habe, sondern eine Reverenz erweise, eine Huldigung, worin eine An- erkennung des monckrchischen Prinzips lieg«. Deshalb schäme er sich des Beschlusses der badischcn Kammerfraktion, zur silbernen Hochzeit zwei Mitglieder des KammcrvorstandeS zu entsenden. Ein Sozialdemokrat habe dabei nichts zu tun. Was müßten wir nun tun, um Disziplinbrüche der vorliegen« den Art, für den bis jetzt keine Rechtfertigung vorliege, für die Zukunft zu verhindern. Es sei gesagt worden, man müßte die Genossen hinauswerfen.(Sehr richtig!) Er höre:„Sehr richtig!", aber das sei leichter gesagt, als getan. Einmal stehe noch nicht alle? fest, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Man müsse die Leute erst hören und es den auf dem Parteitag versammelten Delegierten überlassen, so zu entscheiden, wie es das Interesse, das Ansehen und die Ehre der Partei gebieten.(Zwischenrufe: Ausschließen.) Ja, wenn sich nun die badfichen Genossen auf den Standpunkt der Fraktion stellen?(Zwischenruf: Dann sollen sie eine Sonderpartei bilden!) Es sei sehr leicht, einen Beschluß zu fassen. Wissen Sie denn aber, ob die Genoffen die Absicht hatten, die Partei zu schädigen?(Ruf: Kolb.) Das anzunehmen, habe ich keinen Grund. Er gebe ihm das Recht, zu sagen: ich handele so, um der Partei zu nützen. Wenn wir Beweise hätten, daß Genossen in einer Absicht der Parteischädigung handelten, dann allerdings: fort mit ihnen. („Programiuvcrletzung!") Aber lieben Leute, wir sind doch keine katholische Kirche und haben keine Glaubenssätze, noch Beicht- und Bußeinrichtungen. Wir hätten mit Männern zu tun, die sehr lange bei uns seien und von denen wir voraussetzen müßten, daß sie es im Interesse der Partei seien. Sie könnten ja auch aus Verranntheit gehandelt haben. Wie können wir sie zur Disziplin zurückbringen? So sei zu fragen. Durch einen AuSschlußantraz könnten nur die übrigen Süddeutschen an die Seite der Badenser getrieben werden. Er habe allerdings allen Glauben, daß sie in Magdeburg keine Solidaritätserklärung für sie abgeben würden. Aber sehr milde Richter würden sie ihnen sein. Solchen Rufen, die er ja an sich verstehe, könne man nicht folgen. Er habe das Vertrauen zu dem Parteitag, daß er noch Anhörung der Badenser den rechten Weg schon finden werde, um eine Wiederholung solcher Vorfälle zu verhindern. Er empfehle deshalb die Resolution des Vorstandes der Organisation von Groß-Berlin.(Lebhafte Zu- stimmung.) Die Diskussion wurde durch Büchel eröffnet. Eine AuS. dinandersetzung mit den Revisionisten habe früher oder später kommen müssen. Die badischen Genossen hätten sich außerhalb der Partei gestellt. Die Groß-Berliner Resolution sei lendenlahm. Er Schlage deshalb vor, die Resolution Stadthagen anzunehmen, die in iederbqrniw qngenominöst ist. Jeimann und Dr. Alfred Bernstein schlagen eine Re� solutjon vor. die nach scharfer M�billigung des Verhaltens der Genossen im badischen L.tzrdtag vorschlägt, der Parteitag möge den Ausschluß der Betreffenden beschließen. Dr. Bernstein wendet sich gegen einige Ausführungen Fischers und vertritt die Auffassung, daß die Vadenser uns mit Absicht provozieren ivollten. Schon in Nürnberg hätten sie kund- gegeben, daß sie auf den Beschluß pfiffen. Die Idee des großen oder kleinen Blocks sei eine Utopie. Bei den letzten Reichstags- wählen 1907 hätten sich die Freisinnigen in ihrer gangen Größe gezeigt..Wenn an das hurrapatriotische Gefühl appelliert werde, dann ständen alle bürgerlichen Parteien gegen uns. Die Frage der Budgetbcwilligung sc, eine prinzipielle. Tie Bewilligung dürfe nicht ouSgelprochcn werden. Ob ein Ministerium darüber stürze uno welches, sei ganz gleicklgültig. Aber auch die Delegation zur Silberhochzeit usw. sei aufs schärfste zu verurteilen. Nach reif. licher Ucberlcgung habe er seinen Namen unter die Resolution Reimann gesetzt. Erst wenn wir unsere Reihen gesäubert hätten, könnten wir daran denken, bei den Wahlen Erfol» zu erzielen. (Lebhafter Beifall.) Reimann tritt für seine Resolution ein. Es sei nicht an- zunehmen, daß die württembergischen und bayerischen Genossen den Badensern in der byzantinischen Verherrlichung ihres Groß- Herzogs folgen würden. Wenn auch die Resolution Stadthagcn besser sei als die des Zentralvorswndes von Groß-Bcrlin, so sage sie doch auch nicht, was er wolle, während seine(des Redners) Re- solution die letzte Konsequenz ziehe. Stadthagen: Einem großen Teil des ersten Teils der Fischerschen Ausführungen könne er zustimmen. Er gehe ober nicht auf die Einzelheiten ein. Ex lasse beiseite die Frage der Hofgängerei, die Frage, ob ein Budget zu bewilligen sei oder nicht, auch gehe er nicht ein auf die Frage des Abschlusses von Bündnissen usw. Er halte sich lediglich an den Disziplinbruch und daran, wag die Partei hier zu tun habe. Die Resolution des Borstandes sei nichtssagend. Die Schlußworte der Resolution bedeuteten: wir haben kein Mittel gegen das Vorkommnis, aber in Zukunft dürft ihr nicht wieder so vorgehen. In der Tat komme es ihm so vor, als fürchte man sich. Das scheine auch aus den letzten Worten Fischers hervorzugehen. Im übrigen vertritt Redner den Stand- Punkt, der schon aus dem Bericht über die Versammlung in Nieder- barnim bekannt ist. Der wesentlichste Unterschied zwischen seiner Resolution und der des Zentralvorstandes sei der, daß seine Re- solution ganz besonders betone, daß vor allen Dingen Tis- ziplin halten müßten die Genossen, die i« Vertrauens- ziplin halten müßten die Genossen, die in Vertrauens- stellun gen seien. Es müsse der Mut und die Selbstüber- Windung verbangt werden, mit seinen Gesinnungsgenossen auch dann zu stimmen, wenn man glaube, sie haben geirrt, die oberste selbstgeschaffene Parteiinstanz den vermeintlichen Irrtum aber für das Richtige halte, das fordere die Demokratie und das Lebens- intcresse jeder gewerkschaftlichen und politischen Partei. Nicht die Fraktionen, sondern der Parteitag habe zu bestimmen. Die Resolution auf Ausschluß aus der Partei bitte er nicht anzu- nehmen, da sie ein: brav«, ehrliche Verständigung erschweren könnte. Redner fand lebhaften Beifall. Genosse E. D t t t ma r ist für die Resolution des Vorstandes. die den Weg einer Verständigung offen lasse und von der die Rc- solution Stadthagen eigentlich wenig abweiche. Durch Annahme eines AuSschlußantrageS auf dem Parteitag würde in Süddeutsch- land nicht nur unsere politische Bewegung, sondern auch die ge- werkschastlick)« Bewegung auf Jahre hinaus gehemmt, zum min- dosten gewaltig erschwert werden. Der Parteitag müsse aus- sprechen, daß solche Disziplinlosigkeiten nicht mehr vorkommen dürsten. Darüber hinaus möge sich dann der einzelne vor Annen halten, ob er die Beschlüsse halten und bei der Partei bleiben wolle oder nicht. C I a r i u o spricht für die Resolution Reimann— A. Bernstein al» der schärfsten aus den Gründen der beiden Antragsteller. Emanuel Wurm: Er sei auch gegen die Ausschluß- resolution. Er halte den Zwischenfall in Baden nicht für eine vor- übergehend« Erscheinung, die man mit einem Male, wie einen kranken Zahn, durch Ausziehen beseitigen könne. Er sehe etwas Schlimmere» darin. Nämlich das Resultat einer jahrzehntelangen Wühlarbeit, eine Frucht des Revisionismus. Die Artikel in der badischen Presse und die Zustimmung der Organisationen in Baden zeigten, daß cS sich um mehr handele als um das angebliche Plötz- liche Ereignis. Den Dingen mühten wir in das Auge sehen. Was tun? Auch er meine, daß die Resolution Stadthagen nicht mehr sage als die des Zentralvorstandes. Diese treffe das richtige. Falls, wie er befürckte. Kolb und Frank sagen würden, sie würden doch weiter so handeln, dann liege auch in der Resolution des Zentral- Vorstandes, daß der Parteitag sagen müsse: Dann gehört Ihr nicht zu uns. dann geht hinaus.— Nachdem Redner noch einen Artikel Dr. Blochs in den„Soz. Monatsheften" für seine Auffassung des revisionistischen Ursprungs der badischen Vorgänge herangezogen hatte, empfahl er unter lebhaftem Beifall, die der Stadthagenschen gleichbedeutende Resolution des Zentralvorstandes anzunehmen, um so die Einheitlichkeit innerhalb Berlins zu wahren.(Lebhafter Beifall.) Um Mitternacht wurde ein Schlußantrag angenommen. Es folgten einige persönliche Bemerkungen und das Schlußwort des Geiwssen R. F i s ch e r. In diesem betonte er u. a., Bloch nehme doch niemand ernst, der sei seit Jahren nationalliberal. Darauf wurde die Resolution des ZentralvorstandeS gegen etwa 20 Stimmen angenommen. Die anderen Resolutionen waren damit erledigt. Zum Parteitag wurden delegiert die Genossen Schwcmke, Lachmann, Fräulein O. Baader und als Ersatzmann der Genosse Reimann. Als Delegierte zur Provinzialkonferenz wurden die Genossen Appel. Maaker und Schimmelpfennig, sowie S i e m e r als Ersatzmann gewählt. Dritter Wahlkreis. Der Wahlverein des dritten Kreises versammelte sich im Ge- werkschaftshause, wo Genosse Ströbel einen Vortrag über den bevorstehenden Parteitag hielt. Der Redner hob einige Aufgaben des Parteitages besonders hervor. Dann ging er zur Frage der Budgetbewilligung über. Man wolle anerkennen, daß die badi- schen Genossen aus bester Ueberzeugung handelten, aber jene hätten auch und zuerst anerkennen müssen, daß ihr« Gegner aus bester Ueberzeugung den Nürnberger Beschluß gefaßt haben und daran waren die Parteigenossen gebunden.(Sehr richtig!) Die Genossen im badischcn Landtag scheuen den Klassenkampf, sie treiben die Politik des Entgegenkommens, um die Regierung und die bür- eerlichen Parteien günstiger zu stimmen. Dafür haben w i r kein Verständnis!(Zustimmung.) Sie gingen sogar unter Assistenz zweier Zeremonienmeister zu dem Schlußakt der Ständcvcrsamm- lung. die als ein höfisches Schaustück aufgefaßt wurde. Der Redner verliest unter großer Heiterkeit der Versammelten das zeremoniöse Einladungsschreiben.(Zuruj: Das reine Hoftheater!) Wir spotten sonst über die Ordensverleihungen an die Freisinnigen(Zuruf: Kriegen auch bald Orden!) und über ihre Zufriedenheit mit den kleinsten Zugeständnissen, und doch ist dergleichen bei ihnen ganz natürlich, denn sie sind keine Gegner der Monarchie und der da- mit verbundenen Einrichtungen. Aber wir sollten vorsichtig mit dem Spott sein, wenn wir bei unseren Genossen Zustände sich ent- wickeln sehen wie jetzt in Baden. Woher sollen wir den Mut nehmen zur Kritik der Gegner, wenn dce Politik des Entgegen- kommens bei uns Fortschritte macht?(Sehr richtig!) Mit der diplomatischen Schlauheit kommen wir nicht weit. Wir sind so groß und stark geworden, weil wir die Interessen der Massen ver- treten.(Lanter Beifall!) Die Gegner vertreten d:e Interessen bestimmter kleiner Kreise. Verzichten wir auf große radikale For- dcrungen, dann können wir auch keine großen radikalen Reden mehr halten und von den Tribünen der Parlamente aus keine Agi. tation mehr entfalten.(Zustimmung,) Wir sind Republikaner, wir sind Aufklärer, uns kann die Diploinatre nichts nutzen. Unsere Aufgäbe muß sein und bleiben: Die zielbekvußte Sgmmlung gllex entrechteten Massen im Volke!(Lauter Beifall.) Der Redner for- dert zum Schlüsse seiner Ausführungen, daß der Parteitag den 17 Mitgliedern der badischen Landtagsfraktion die schärfite Absage wegen ihrer klassenkainpsfeindlichen Politik zuteil werden lasse. Die Versammelten geben zu dieser Forderung lebhaft ihre Zustim- inung zu erkennen, erhoben aber vielfach Widerspruch, als Redner die gedruckt vorliegende Resolution des ZentralvorstandeS zur An- nähme empfahl, die vielen Genossen zu milde gehalten war. Ströbel erklärte, daß man den badischen Genossen Zeit gönnen müsse, sich wieder auf ihre Pflichten zu besinnen, daß es kein Zeug- nis von Schwäche sei, wenn man den Genossen gegenüber Toleranz übe, und daß man den großen Wahlkampf gemeinsam mit ihnen führen wolle. In der Diskussion nimmt zuerst Genosse Moebu s das Wort, um eine Resolution zu begründen, in der er fordert, daß der Magdeburger Parteitag den badischen Genossen nicht nur einen scharfen TÄdel ausspricht, sondern dafür sorgt, daß die betreffenden Abgeordneten das höchste Ehrenamt, das die Partei zu vergebe» hat, nicht mehr bekleiden dürfen. Die Resolution des Zentralvor- standeS sei weder Fisch noch Fleisch, man müsse destimmt aus- sprechen, was zu geschehen habe, wenn Beschlüsse des Parteitages so mißachtet werden. Solche Sozialdemokraten wie in Baden müßten sich ja vor Demokraten von Bremscheids Richtung verstecken. Der Redner bittet die Versammelten, seine Resolution anzu- nehmen.(Beifall.) Dagegen wendet sich Genosse A h s ch e. der die erste Resolution verteidigt und besonders auf den letzten Satz derselben hinweist. Es sei Sache des Parteitages allein, daß er Vorkehrungen trifft, um seinen Beschlüssen unter allen Umständen Geltung zu ver- schaffen. Die Entscheidung, was zu geschehen habe in dieser wich. tigcn Angelegenheit, sollte nicht in einer WahlvcreinSversammlung, sondern auf dem Parteitage gefällt werden, das sei der ganzen Sachlage angemessener. Auch Genosse Gehrmann tritt für die erste Resolution ein und mahnt, die Wichtigkeit eines geschlossenen Vorgehens bei den bevorstehenden großen Wahlkämpfen nicht zu vergessen. Sehr be- dauerlich sei eS, daß die Parteigenossen in Baden selbst nicht euer- gisch gegen die Haltung ihrer Führer protestieren. Der Redner fürchtet, daß da? Vorgehen der badischen Genossen in Bayern Nach- achtung finden könnte: er warnt vor übereilten Beschlüssen, um die Gefahr einer Spaltung nicht heraufzubeschwören. Man habe die Pflicht, so vorzugehen, wie es das Interesse der gesamten Partei erfordert: das müsse von allen Genossen verlangt werden. Die erste Resolution sollte einstimmig angenommen werden. Als Süddeutscher(aus Schwaben) stellt sich Genosse Werner vor, der sich ebenfalls für die erste Resolution erklärt und das Ver- halten der Badenser verurteilt. Genosse K r i l l e legt zu der ersten Resolution ein Amende- mewt vor. Er wünscht darin, daß den Delegierten des dritten Kreises die Pflicht auferlegt werde, den scharfiten Maßnahmen des Parteitages gegen die badischen Genossen zuzustimmen. Genosse Schneider bedauert, daß auf den Parteitatzen so oft dergleichen innere Streitigketten zum Austvag kommen; die Ge- Nossen würden angewidert davon. Die Mehrheit könne sich das Recht nicht nehmen lassen. Respekt vor ihren Beschlüssen zu ver» langen und darin müsse sich die Minderheit fügen. Die Genossin Frau S t e i n! o p f betont, daß die Beschlüsse in der Partei auch für die Führer maßgebend und bindend seien. Wie schwer würde es bei jedem Arbeiter in der Gewerkschaft wie in der Partei verurteilt, wenn er sich über die Beschlüsse seiner Genossen hinwegsetzt. Wir brauchten keine Diplomatie und Hofgängereien. wir könnten aus unsere Kraft bauen; der Klassenkamps habe uns groß gemacht, ihn sollten wir fortführen und unS nicht davon ab- bringen lassen.(Beifall.) Ei» Antrag auf Schluß der Diskussion wurde angenommen. Genosse Ströbel machte dann noch einige Ausführungen gegen die Resolution von M o e b u s und gegen das Amendement von K r i l l e. Man solle es ruhig dem Parteitag überlassen, be. stimmte Beschlüsse zu fassen, die den Parteiinteressen förderlich sind. Er empfahl nochmal» die erste Nesvlution, die dann auch unter Ablehnung der anderen AntrSge mit großer Mehrheit zur An- nähme gelangte. Die Wahl der Delegierten zum Parteitage fiel aus d,e Ge- nassen Julius M i t t a g und Gustav Müller. AlS Ersatzmann wurde Gottfried Schulz gewählt. Die nächsten Punkte der Tagesordnung wurden der borge- rückten Zeit wegen vertagt und sollen in der Versammlung am 2. August zur Erledigung kommen. Vierter Wahlkreis. Die Generalersammlung tagte, wie immer bei solchen Gelegen- heiten, in Kellers Fcstsälen in der Koppenstraße, dem größten Saale des Ostens und Südostens. Etwa 4000 Genossen und Genossinnen nahmen an ihr teil. Genosse Borgmann hielt das Referat über den bevorstehenden Parteitag in Magdeburg. Der Punkt S der Tagesordnung:..Parla- lamentarische Berichte" werde diesmal einen besonderen Charakter gewinnen, da sich herausgestellt hat. daß die Tätigkeit unserer Ab- geordneten in den Parlamenten der einzelnen Bundesstaaten in den Kreis der Erörterungen gezogen werden müsse. So haben unsere Vertreter im badischen Landtag kürzlich wieder eine Stellung ein- genommen, die sich mit den Grundsätzen der Partei in Widerspruch befindet. Ohne jede Notwendigkeit haben unsere badischen Vertreter für das Budget gestimmt. Daß die Annahm« eines für die Arbeiter- klasse ungünstigen Budgets verhindert worden wäre, ist wohl nicht der Fall. Nach der Erklärung des Abgeordneten Frank hat man Rücksicht zu nehmen gehabt auf die innerpolitischen Verhältnisse und deshalb auf die demonstratie Verweigerung der Mittel für die Rc- gierung deS badischen Klassenstaates«rzichtet. Redner geht dann des näheren auf die innerpolitischen Verhältnisse sowie auf die Tätigkeit unserer badischen Abgeordneten, aus deren Erfolge die letzteren sich so sehr etwas zu gute tun, ein. Insbesondere zeigte er unter wieder. holten Beifallskundgebungen der Versammlung an der neuen badi- schen Gemeindeordnung, daß nicht die geringste Ursache vorliege, auf die parlamentarischen Erfolge so besonders stolz zu sein. Haben doch unsere Vertreter, als sie für das neue Gesetz stimmten, auch gleich- zeitig die Verantwortung für Dreiklassenwahlrecht in den badischen Gemeinden mit übernommen. Während die badische Regieruntz eS ablehnte, die hungernden Tabakarbeiter, die Opfer der Reich«- finanzreform zu unterstützen, bewilligten unsere Vertreter die Zivil- liste für den Großherzog. Während wir bestrebt sind, den Rest- gionSunterricht aus der Volksschule herauSzubrintzen, sind unsere badischen Vertreter stolz darauf, daß es gelungen se«. die Simultan- schulen erneut zu befestigen. E» lasse sich zwar nicht leugnen. daß gewisse Fortschritte erzierlt worden sind. A«r es ist selbstverständlich, daß zwanzig Vertreter einen nicht un. erheblichen Einfluß haben. Und wenn die Regierung und bürger- lichen Parteien entsprechend diesem Einfluß Entgegenkommen zeigen. so ist da» kein Grund, für da» Budget zu stimmen. ES je, kein einzige» Moment vorhanden, um innerhalb 24 Stunden«,nen wohl. erwogenen Beschluß über den Haufen zu werfen durch einen Be- schluß, von dem man wußte, daß er den größten Widerspruch der Parteigenossen finden muß. Die badischen Abgeordneten müssen sich aber anscheinend über die VerteiRgiina ihrer Mahnahinen nicht vorher verständigt haben. Während Genosse Kalb behauptete, daß sie am Tage zuvor noch gegen dao Budget zu stimmen willen» waren, wies Genosse F r a n t in der„Mainzer Vortszeltung" darauf hin, daß sie. weil sie die ausschlaggebende Partei im Landtage wären. längst den Beschluß gefaßt hatten, für das Budget zu stimmen. Nach Partei im Landtage wären, ____,......._......... xis Budget zu stimmen. Nack dem Nürnberger AAÄusse war es dann aber feine Pflicht, wenig, stens den Versuch einer Verständigung darüber mit dem Partei. vorstände zu machen. Dies sei aber nicht geschehen. Halten die süddeutschen Genossen den Nürnberger Beschluß für einen nicht be- sonderS glücklichen, so sollen sie seine Abänderung erstreben, aber ihn nicht verletzen. Damit sich etwas derartiges nicht w'ederhole, müsse der Parteitag solchen dissentierenden Elementen Schranken setzen, selbst auf die Gefahr hin. daß sich«ine Reihe gristiger Kapa. zitäten bei uns nicht vohlfühleg. Wer zu UNS kommt, kommt frei« willig. Freiwillig unterwirft er sich den Beschränkungen, die dem einzelnen gesetzt werden. Ein jeder hat die völlige Freiheit, wieder zu gehen. Damit soll nicht gesagt sein, daß wir sie gern gehen sehen. Aber ehe das Gesamtinteresse geschädigt wird, müssen wir darüber hinwegsehen können. Eine Kampfpartei mutz ihren Glie- dern gewisse Schranken und Fesseln anlegen, weil es nur dadurch möglich ist, zu einheitlichen Artionen in bcstiinmten Fällen zu kommen. Das, was die Badenser getan haben, ist ein grober Ver- stoß gegen Parteiinstanzen, der auf keinen Fall gebilligt werden kann. Und wenn die betreffenden Abgeordneten diesen groben Disziplinbruch, den sie begangen, nicht einsehen wollen, so müsse darauf gesehen werden, daß die betreffenden die Konsequenzen ziehen. Es ist unter allen Umständen vorzuziehen, als ein? völlige Desorganisation in der Partei einreißen zu lassen. Es ist aber nicht nützlich, wenn wir schon jetzt mit den schärften Waffen dreinschlagcn. Er, Redner, habe die Ueberzeugung, daß der Parteitag mit übergroßer Majorität die dissentierenden Elemente zurückrufen und ihnen zeigen wird, wie falsch sie sich bewegt haben. Namens deS Berliner Zentralvorstandes, empfahl Redner dessen Resolution zur Annahme; in ihr«verde mit aller Schärfe der richtige Standpunkt zum Ausdruck gebracht. Bei Eintritt in die D: s k u f s i o n wird zunächst ein Antrag, die Redezeit auf 10 Minuten zu beschränken, angenommen. K r e ck« r hätte gewünscht, daß der Referent etwas mehr Be- deutung der Wahlrechtsfrage beigemessen und einen größeren Teil seiner Rede auf sie verwandt hätte, anstatt die Budgetbewilligung in Baden so ausführlich zu behandeln. Es gelte neue Wege zu zeigen, den WahlrcchtSkampf in andere Bahnen zu lenken. Anstatt dessen wird die Masse der Parteigenossen von den Führern als un- mündige Kinder behandelt. Anders könne man es nicht bezeichnen. wenn z. B. Kautsky schreibt, in der Zeit der Erregung wäre es nicht angängig gewesen, solche Fragen zu erörtern. Man solle mit dieser Behandlung der Hunderttausenoe von Parteigenossen auf- hören. Sie alle warten schon auf den politischen Massenstreik. ES müsse deshalb auch das Thema öffentlich erörtert werden. Die Budgetbewilliger haben die jetzige Zeit für sich auszunutzen versucht, in der Hoffnung, daß ihnen der Parteitag mit Rücksicht auf die für die Partei günstige Zeit nichts anhaben wird. Sie konnten es auch, weil sie die GewerschaftSführer hinter sich wissen. Deshalb sei die Annahme der Resolution des ZentralvorstandeS nicht zu. empfehlen. Es sei zwecklos, vorher einen gehörigen Theaterdonner zu machen, wenn nachher alles beim alten bleiben soll. Redner unterbreitet der Versammlung eine Resolution, die den Ausschluß der badischen Abgeordneten aus der Partei fordert. Schumann ist gleichfalls mit den letzten Ausführungen de» Referenten nicht einverstanden, wonach, wenn die Badenser ihren Fehler einsehen und sich entschuldigen, man dann wieder über die Angelegenheit hinweggehen will. S t u m p e meinte, die praktischen Erfahrungen seien höher zu bewerten als die theoretischen. Er ist deshalb erfreut, daß die badische Angelegenheit gerade jetzt in den Vordergrund gedrängt worden ist, später würde sie uns vielmehr geschadigt haben. David söhn findet e» verständlich daß sich nun der ganze Zorn der Parteigenossen gegen die Badenser Genossen richtet. Er gebühre ihnen aber nicht allein. Wir müssen uns fragen, ob wir nicht selbst auch Schuld daran trügen. Die Badenser Abgeordneten haben ihre Rückendeckung bei den organisierten Parteigenossen Badens, wie e» sich schon damals nach Nürnberg bei den vier süd- deutschen Staaten gezeigt Hot. Die süddeutschen Genossen stellen ein Sechstel der Partei dar. Nach der Erklärung der 60 haben auch wir Norddeutschen nicht für nötig erachtet, von vornherein gegen den angekündigten Disziplinbruch Stellung zu nehmen und zu sagen, wir billigen die Handlung nicht. DaS war ein außerordentlicher Fehler. Die Prinzipienfrage müsse die Gesamtpartei rcglcmen- tieren. Auch Internationale Kongresse haben in wichtigeren Fragen schon reglementiert, als es die Budgetabstimmung ist. Der Verstoß der Badenser sei ein außerordentlicher Skandal, weil gerade ein süddeutscher Parteitag die Lübecker Resolution verschärft hat. Redner verlangt die Möglichkeit der Urabstimmung und stellt einen dem- entsprechenden Antrag. Büchner: Wenn die bürgerlichen Parteien die betreffenden Genossen lobhudeln, so beweist das. daß sie sich auf einem falschen Wege befinden. Redner geht auf die Bedeutung der vorliegenden Resolutton ein, und meint, es müßte genügen, wenn die betreffen» den Genossen in ihre Schranken zurückgewiesen werden. Damit schafft man mehr, als mit der Annahme der schärferen Resolution und wir haben die badischen Wähler auf unserer Seite. B e thk e weist darauf hin, daß auch die süddeutsche Parteipresse sich nicht voll auf die Seite der badischen Abgeordneten gestellt hat. Wenn sie auch die Angelegenheit milde behandelt, so hat sie sich doch gesagt, daß si« den Schritt nicht billigen kann. ES empfehle sich auS dieser Sittiation heraus die Resolution deS ZentralvorstandeS. In seinem Schlußwort geht Borgmann noch auf alle gemachten Einwendungen ein. Die Befürchtung, daß nach dem Parteitag alles beim alten bleibt, treffe nicht zu. Denn es wird unter allen Um. ständen Wert darauf gelegt, daß die Genossen ihren Fehler einschen und erklären, daß eine Wiederholung der Sache nicht stattfinden wird. Sollte dies nicht der Fall sein, so wird der Parteitag auch ohne die verschärfte Resolution zum Ausschluß der Betreffenden kommen müssen. Daraufhin wird die Resvlytion des ZentralvorstandeS mit großer Mehrheit angenommen. Desgleichen der Antrag Davidsohn. Der» selbe lautet: „Im Hinblick auf die letzten Vorgänge in Baden wird der Parteivorstand beauftragt, nach den Richtlinien deS Antrages 167 (Parteitag zu Leipzig 1909) Mittel und Wege zu suchen, um dem Organisationsstatut der Partei die Möglichkeit der Urabstimmung einzuverleiben." Die Delegierten zum Parteitag werden am 7. August mittels Urwahlen gewählt. Vorgeschlagen sind 28 Kandidaten. Uebcr einige derselben fand noch eine längere Diskussion statt. Der Rest der Tagesordnung wurde bis zur nächsten Versamm, lung verwgt. r Fünfter Wahlkreis. Die Versammlung deS fünften Wahlkreise» im Alten Schützen. Hause war ungewöhnlich stark besucht.' Genosse Wels, der da» einleitende Referat hielt, erinnerte an einen Antrag d«S Kreises. der die Einführung einer Abendausgabe des„Vorwärts" fordert und vom vorigen Parteitage dem Parteivorstand überwiesen worden ist. damit dieser die finanziellen Konsequenzen prüfe. Diese Prü. fung habe inzwischen stattgefunden. DaS Ergebnis fei. daß daS Abendblatt allein an Botenlohn eine Mehrausgabe von 273 000 M. verursachen würde. Einschließlich der notwendigen Mehrausgaben für Druck. Papier(täglich Yi Bogen), Redaktion. Mitarbeiter, Expe. dition würde sich insgesamt-ine Mehrausgabe von 414 250 M. er» geben. Der jährliche Ueberschuß im Durchschnitt der letzten vier Jahre betrage 188 000 M. DaS Abendblatt würde also dem„Vor. wärtS" ein Defizit von etwa 276 000 M. jährlich bringen. Bei einer etwaigen Erhöhung de» Abonnements um 10 Pf. monatlich und unter Berücksichtigung deS dadurch entstehenden Abonnenten- rückgangeS würde immer noch ein Defizit von 136 000 M. bleiben. daS nicht gedeckt werden könne. Unter diesen Umständen müßten die Genossen leider auf ein Abendblatt deS„Vorwärts" verzichten, Die Preßkommission habe auch diesen Antrag fallen lassen. Nackdem der Referent die Tagesordnung des Parteitages sehr eingehend besprochen hatte, erörterte er die badische Angelegenheit. Er betonte zunächst, er stehe auf dem Standpunkt: Der Regierung deS Klassenstaate« dürfen Sozialdemokraten unter keinen Umstän« den durch Bewilligung des Budgets ein Vertrauensvotum erteilen. Dadurch fei gesagt, daß die badlsche Fraktion einen Verstoß gegen unsere prinzipiell« Auffassung begangen habe. Der Redner besprach dann die Diskussionen früherer Parteitage in der Budgetfrage. Leider sei von Anfang an die notwendige klare Stellung in dieser Frage versäumt worden. Dem Frankfurter Parteitage habe eine Resolution Bebels vorgelegen, die den Parteigenossen die Zu» stimmung zum Budget untersagt, da diese al» Vertrauensvotum der Regierung gilt. Diese klare Stellung habe Genosse Stadt« Hagen abgeschwächt durch«in Amendement de» Inhalts, die Zu, stimmung zum Budget sei zu versagen, soweit dasselbe als Ver- trauensvotum für die Regierung gilt. Dieses abschwächende Amendement sei angenommen, dann aber die ganze Resolution ab- gelehnt worden. Sieben Jahre lang habe dann kein bestimmter Parteitagsbeschluß ,n der Budgetfrage bestanden. Ein solcher sei erst aus Anlaß der Budgctbewilligung in Baden durch den Lübecker und später noch bestimmter durch den Nürnberger Parteitag gefaßt worden. Trotzdem habe jetzt die badische Fraktion der Regierung ein Bertrauensvolum erteilt. Hätte sie sich vor der Abstimmung, wie es ihre Pflicht war. an den Parteivorstand gewandt, so würde dieser die Gründe dargelegt haben, die gerade in der gegenwärtigen Situation besonders eindringlich für die Ablehnung des Budgets sprachen. Es sei anzunehmen, daß dann die badischen Genossen die Rücksicht auf ihre besonderen Landesvcrhältnisse zurückgestellt und so gestimmt haben würden, wie es das Interesse der gesamten Partei fordert. Uns kommt es darauf an, daß das Grundprinzip der Partei hochgehalten wird. Den badischen Genossen aber kam es nur darauf an, einen Minister in seinem Amte zu erhalten. Wir müssen verlangen, daß die Disziplin, dieser Grundpfeiler der Macht der ganzen Arbeiterbewegung, nicht erschüttert wird. Ueber- all. auch da, wo man mit den süddeutschen Genossen gemeinsam fühlt, muß die Disziplinlosigkeit die schärfste Verurteilung finden. Unterordnung unter die Beschlüsse des Parteitags fordern wir im Interesse aller Zweige der Arbeiterbewegung. Die Erklärung der 66 in Nürnberg kann unter keinen Umständen so aufgefaßt werden und ist auch nicht so aufgefaßt worden, als wollten sie sagen, sie fühlten sich durch den Beschluß nicht gebunden. Die Minorität kann gegen Beschlüsse, die ihr nicht gefallen, protestieren, aber sie darf keinen DiSziplinbruch begehen. Hoffentlich werden die jetzigen Erörterungen die Folge haben, daß die Genossen iw Bayern, die demnächst über das Budget abzustimmen haben, dem Vorgehender bgdischen Genossen nicht folgen, Ter Redner empfiehlt die Resolution des Zentralborstandes und bemerkte, daß sie in Niederbarnim abgelehnt sei. Stadt- Hägen, der schuld daran sei. daß der Frankfurter Parteitag keine Klarheit in der Audgetfrage schaffen konnte, habe die Berliner Resolution als nicht scharf genug bezeichnet. Diese Resolution sei ausgearbeitet worden unter Mitwirkung von zwei Mitgliedern der -Vorwärts'-Redaktion. Wenn auch in unserer Resolution nicht mit brutaler Schärfe gesagt wird, die badischen Genossen seien unfähig, Vertrauensämter in der Partei zu bekleiden, so läßt sie doch dem Parteitage freie Hand, noch schärfere Mittel anzuwenden, wenn er es für nötig hält. Unsere Resolution kennzeichnet mit oller notwendigen Schärfe die Haltung der badischen Friktion, sie kann deshalb ohne Bedenken angeiwmmen werden. Die Situation liegt jetzt so: Nie war die Möglichkeit einer Spaltung der Partei näher gerückt als jetzt. Ich möchte nicht, daß. wenn es zum Bruch kommen sollte, den Marxisten, uns. die auf dem linken Flügel der Partei stehen, die Schuld dafür zugeschoben wird, daß wir den Badensern Bundesgenossen zugeführt haben, die sonst nicht zu ihnen stehen. Aus diesen Gründen ersuche ich. im Interesse der Einheit unserer Partei für die Resolution zu stimmen.(Lebhafter Beifall.) Genosse Wehl erklärte sich mit den Ausführungen de» Rcfe- reuten in der Budgetfrage und im allgemeinen auch mit der Reso- lution einverstanden. Der Referent habe ja mit Rütksicht auf die Gesamtpartei gesprochen. Aber man dürfe nicht auheracht lassen. daß die badischcn Genossen die Gesamtpartei in der schnödesten Weise provoziert haben. Auf diese Provokation hätten wir zu antworten. Mit Rücksicht darauf könne mau wohl sagen, daß die Resolution nicht scharf genug sei. Man könne auch dte Stimmung derjenigen begreifen, die den Ausschluß der badischen Genossen verlangen. Das mindeste sei, daß man diese für unfähig erklärt, VertrauenSämter zu dekleiden.(Sehr richtigl) Der Ausschluß würde nicht nur im Interesse der Einheit und Geschlossenheit der Partei, sondern auch aus taktischen Gründen zu bedauern sein. Soweit bekannt, stehen die badischen Parteigenossen in der Budgetfrage hinter ihren Abgeordneten. Schon nach ver Erklärung der 66 hätte man damit rechnen müssen, daß sich die süddeutschen, besonders die badischcn Abgeordneten dem Nürnberger Beschluß nicht fügen würden. Man hätte deshalb unter der Masse der süddeutschen Parteigenossen eine Agitation entfalten müflen, um ihnen die prinzipielle Bedeutung der Budgetabstimmung klar zu machen. Diese Agitation müßte auch, um den höfischen Seiten- sprängen der Abgeordneten entgegenzuwirken, eine antimonarchische und republikanische sein. Wenn die badischen Abgeordneten den Anschein zu erwecken suchen, als habe die Sozialdemokratie ihren antimonarchischen Standpunkt aufgegeben, dann müsse unsere Agi- tation diesen Standpunkt mit aller Schärfe betonen. Wenn wir so die Massen mit unseren Grundsätzen vertraut machen, dann ständen die nach entgegengesetzter Richtung neigenden Abgeordneten ver- einzelt da.— Auf dem Parteitage müsse den badischen Abgeord» neten wenigstens gesagt werden, daß sie sich entweder den Beschlüssen Uu fügen oder aus der Partei zu verfügen haben.(Beifall.) ' Paul bezeichnete die Resolution als zu zahm. Es gebe keine Worte, die scharf genug wären, am den Badensern zu sagen, wie wir über sie denken. VollmarhauS schloß eine längere Rede, die sich Haupt. sächlich in allgemeinen Ausdrücken deS Mißtrauens gege,, Partei- angestellte und Akademiker erging, mit der Bemerkung: Eine Eini. gung in der badischen Angelegenheit würde die Wiederholung solcher Vorkommnisse nicht hindern. Die Partei müsse ein Machtwort sprechen und Schluß machen mit den revisionistischen Ideen. Diese Leute müssen aus der Partei ausgeschlossen Werden. Huhnfleisch verurteilte das Verhalten der badischen Ab. geordneten. Zur Resolution sagte er, sie gehe nicht weit genug. Er beantragte, statt des letzten Absatzes dieser Resolution den letzten Absatz der in Niederbarnim angenommenen Resolution Stadthagen Hertmann führte auf Grund eigener Kenntnis der süd- deutschen Verhältnisse au», daß es mit der Aufklärung der Massen dort sehr schlecht bestellt sei. Alles werde von den führenden Ge- Nossen gemacht. Mit scharfen Resolutionen könne nichts erreicht werden, es sei deshalb zu wünschen, daß eine Vermittelung zustande kommen möge. Hunschädel sagt« unter anderem: Wenn auch die meisten Genossen der Meinung sein mögen, daß die badischen Abgeordneten nicht mehr zur Partei gehören können, so zwängen uns doch in diesem Falle die Verhältnisse, dies- Konsequenz nicht zu ziehen. (Ruf: Die Kleinen hängt man. die Großen laßt man laufen!) Mit einer befriedigenden Erklärung der badischen Abgeordneten könne die Sache erledigt werden. Geben sie eine solche Erklärung nicht ab. so stellen sie sich außerhalb der Partei. Nachdem Wels im Schlußwort nochmals seknen Standpunkt vertreten hatte, wurde der Antrag H u h n s l e i s ch abgelehnt und die Resolution uiiverändert gegen etwa 16 Stimmen angenommen. Es wurden gewählt als Delegierte zum Parteitag Joseph Meier und Hunschädel) zur Provinzialkoiifereng Schawalla. Holzapfel und Wirth. Sechster Wahlkreis.» Saal nebst Galerien waren in den geräumigen Germania- sälen außergewöhnlich dicht besetzt von Parteigenossen und Genos. sinnen, die gekommen waren, um zum Parteitag Stellung zu nehmen. Der starke Andrang machte es notwendig, daß auch auf der Bühne Bersammlungbesucher Platz nehmen und ein großer Teil derselben stehend dem Verlauf der Generalversammlung bei» wohnen mußte. Trotzdem fanden Hunderte keinen Platz mehr. Zum Magdeburger Parteilag führte ReichStagSavgeordneter Ledebour ungefähr folgendes au«: Als wir unS vor einigen Wochen mit dem Parteitag beschäftigten, herrschte die Ansicht vor, der Magdeburger Parlcitag werde einer der ruhigsten in der Parteitagsgeschichte''ein. Man gab sich der Erwartung hin. daß in Anbetracht der bevorstehenden Rcichstagswahlen die Ausnutzung der Einheitlichkeit unserer Partei die Grundlage der Parteitags- Verhandlungen bilden werde. DieS wurde allgemein vorausgesetzt, doch haben wir unS darin arg getäuscht. Unvermutet kam eS in Baden zu einem Berstoß gegen die Parteidisziplin,«in« Angelegen. heit, die seitdem im Vordergrund de» Parteilebens stehe, deren | Losung nun zu den wichtigsten Aufgaben des diesjährigen Partes- tages gehöre. Redner behandelt zunächst die verschiedenen Tages- ordnungspunkte des Parteitages. Dann geht er auf die hadlsche Angelegenheit ein. Die vom Redner verlesene, im badischen Land- tag durch den Genossen Dr. Frank abgegebene Erklärung wird von der Versammlung mit allseitiger Heiterkeit aufgenommen. L e d e- b o u r schildert oann die bei der Budgetabstnnmung vorhanden gewesene Situation und fügt hinzu: er hätte es für korrekter gehalten, wenn sich unsere drei in der Minderheit gebliebenen Frattionsgenossen nicht der Abstimmung enthalten, sondern direkt gegen das Budget gestimmt haben wÄden.(Lebhafte Zustimmung.) Wie sind die Genossen in Baden dazu gekommen, für daS Budget zu stimmen? Dazu lag auch nicht der leiseste Grund vor. Es konnte damit kein schlechteres Budget verhindert werden. Die badische Regierung ist nicht minder reaktionärer wie die jedes anderen Landes, und doch handelt es sich bei dieser Zustimmung um nichts anderes, wie einer Vertrauenskundgebung dieser gegen- über. Wir wissen doch auch wie Genosse Dr. Frank, daß man auch in Baden unsere Partei nicht als gleichberechtigt behandelt. Als bei der Anstellung der Bezirksräte die Partei ausgeschaltet wurde, wollte man das Budget verweigern; nachdem aber später der Staats- minister die Sozialdemokratie als..großartige Bewegung zur Hebung des vierten Standes" bezeichnete, schlugen die Meinungen UM.(Heiterkeit.) Solche Ministsraussprüche, vielleicht noch bessere, sind im Reichstag oft genug gefallen, ohne irgend wie eine Wirkung auf uns auszuüben oder unsere Handlungen zu beeinflussen. Was sind heutzutage Minister? Sie sind Lilien auf dem Felde, es kommt ein Sturm in der Sommernacht und aus ist es mit ihnen I Minister kann nur sein, wer das herrschende, gegen das Proletariat und seine Interessen gerichtete System unterstützt. Und gegen dieses kämpfen wir an, gegen dieses hat sich die machtvolle Einheit unserer Auffassung und Taktik zu wenden. Freilich wird gelegent- lich versucht, dieses System zu verschleiern, es weniger brutal er- scheinen zu lassen. Da wird, wie Münchhausen es tat, die Wagen- deichsel mit Honig beschmiert, um den Bären zu fangen und auf dieser honigbeschmierten Deichsel wollen sich unsere badischen Land- tagsgenossen hinauflecken!(Beifall und Heiterkeit.) Das hätte man nicht erwarten dürfen. Heute allerdings weiß man, daß in Baden schon läng st die Absicht bestand, für das Budget zu stimmen, und damit fällt alles, was jetzt zur Entschuldigung für hie Zustimmung vorgebracht wird. Nachdem der letzte Parteitag gesprochen hatte, mußte die Minderheit in Anbetracht des große» Interesses der Partei, im Interesse der Parteieinheit und Geschlossenheit den Beschluß unter allen Um- ständen hochhalten. Hier mußten die Genossen handeln, wie es selbst bürgerliche Parlamentarier tun, und wie z. B. in England das Haus der Lords es tat. dem Budget die Zustimmung versagen, statt im Staatsinteresse— ein anderes Interesse kommt nicht in Frage— für dasselbe zu stimmen. Als es sich im November v I. im Reichstag Harum handelte, gegen das persönliche Regiment Front zu machen, konnte Redner im Auftrage der Partei sie Stellung derselben zum demokratischen Parlamentarismus mit allem Nach- druck darlegen. Damals ist vom ibm(Ledebour) an die bürgerlichen Parteien die Aufforderung gerichtet worden, eventuell das Budget des Reiches zu verweigern. Wenn wir jetzt diese Forderungen bei irgend einer Gelegenheit wieder erheben, dann wird man auf Baden und sonst wohin verweisen, und sagen: was wollt ihr denn, eure Genossen machen ja selbst keinen Gebrauch von dem Machtmittel der Budgetverweigerung. So also schlägt man der Partei mitte» ins Gesicht und dies darf nicht ungefühnt bleiben. Es muß er- k lärtlv erden, daß, wersoha» delt, aufhört. Partei- genösse zu sein.(Stürmischer Beifall.) Der Parteitag muß in entschiedener Weise auftreten. Der Parteitag muß erklären, daß ein solches Verhalten unverträglich ist mit der Parteizugehörig- keit.(Erneute lebhafte Zustimmung.) Möglich, daß die Genossen ihren Fehler einsehen, daß der Entrüstungssturm, wie er seit Wochen ob ihres Disziplinbruchs durch ganz Deutschland braust. sie eine? Besseren belehrt. Geben diese Genossen nicht die sichere Gewähr, daß so etwas nie wieder geschieht, dann sind sie zu be- handeln, wie jeder Disziplinbrecher, wie jeder Streikbrecher be. handelt wird. Mit der Möglichkeit, daß die badischen Genossen ihren Fehler, der nie wieder gutzumachen ist. einsehen, ist vorläufig zu rechnen: wenn nicht, dann muß mit aller Schärfe vorgegangen werden, ganz gleich, ob eS sich um Abgeordnete oder sonst jemanden handelt. Mehrfach werden schon jetzt energische Mahnahmen ge- fordert, aber eS soll dem Parteitag nicht vorgegriffen und ver, mieden werden, daß man uns vorwerfen kann, wir seien eS. die durch vorschnelle Beschlüsse die Parteieinheit zertrümmerten, jetzt wo die Reichstagwahlen vor der Türe stehen. Unangängig ist es auch, sich mit einer Wiederholung der Nürnberger Resolution zu begnügen und etwa abzuwarten, was dann die fraglichen Partei. genossen tun werden. DaS gehe nicht an. denn die Partei sei kein Wackeltopf, in ihr müsse volle Klarheit vorhanden sein. Wie immer die Sache ausgehe, dem Ansehen der Partei sei schwer geschadet worden, größer aber würde der Schade noch sein, falls durch Nach- giebigkeit die Einheit unserer Partei gefährdet werde, die sich die Umgestaltung der bürgerlichen Gesellschaft, die Befreiung des Proletariats zum Ziel gefetzt hat.(Langandauernder stürmischer Beifall.) Vom Vorsitzenden wird hierauf bekannt gegeben, daß außer der vom Zentralvorstand eingebrachten, noch vom Genossen Half- ter die Resolution des Niederbarnimer Kreises, und außerdem vom Genossen Karrer folgender Antrag gestellt sei: „Die außerordentliche Generalversammlung des 6. Berliner Reichstagswahlkreises beantragt bei dem Parteitag, daß die Genossen des Badischen Landtags, welche die Beschlüsse deS Partei- tags derartig mißachtet haben, aus der Partei ausgeschlossen werden müssen." In der Diskussion führt Schmidt auS: WaS diesmal in Baden geschehen sei, übertreffe alle« bisher Dagewesene. Was würde wohl geschehen, wenn ein einfacher Parteigenosse sich eines derartigen ParteivcrgehenS schuldig mache? Man müsse sich wundern, daß nicht schon andere Maßnahmen ergriffen sind. Mit Resolutionen lasse sich nichts ausrichten. Zu bestreiten ist. daß die badische Regierung anders oder besser wie die preußische sei. Redner verurteilt die Hofgängerei; wenn das so fortgehe, kommen wir noch dahin, wo der heutige Liberalismus steht. So sehr uns an der Einheit der Partei liegt, die Disziplin darf nicht mit Füßen getreten werden, im Wiederholungsfälle habe die Scheidung zu erfolgen. Pfaffenschläger rät. dafür zu sorgen, daß den Genossen künftig keine Gelegenheit gegeben ist, sich auf eine ähnliche Erklärung wie die der Seck>suiidsechzig in Nürnberg berufen zu rönnen. Seine übrigen Ausführungen decken sich mit denen des Vorredners. Im gleichen Sinne spricht Ga de gast, der erklärt, alles was Ledebour darlegt, zu unter- schreiben. Aus der Parteigeschichte weist Redner nach, wie früher der Disziplinbruch unnachfichtlich geahndet wurde. Die Verfamm- lung sollte aussprechen, daß es für die badtschen Budgetbewilliger weder Rücksicht noch Entschuldigung gebe. Er ersucht dann, die Resolutwn Halfter anzunehmen, sie sei die entschiedenere. Schrodeck bezeichnet die Dudgetbewilligung als Verrat an der Partei. Die Resolution des Zentralvorstandes fei viel zu milde, und man werde sich wundern, daß au» dem so„radikalen" Berlin eine derartige Resolution komme. Der Parteitag müsse mit Ausschluß vorgel�n, nachdem sich die Badensex selbst außer- halb der Partei stellten. Bangemann: ES handelt sich min Protest zu erheben und diese» zu führen, solange unsere physische Kraft ausreicht. Ledebour habe gemeint, man müsse den Leuten Gelegenheit geben, sich zu besser», aber da» sei ausgeschlossen. Man müsse sich fragen, wie solckie Genossen wie die Budgetbewilliger auf ihren Posten kamen. Eicht man sich das Verhalten der Badenser näher an, so ist diesen abzusprechen, im guten Glauben gehandelt zu haben. Vorläufig sino die Budgetbewilliger bei den bürgerlichen Parteien gut an» gesehen. Dies werde sich mit der Zeit ändern, denn dort litbt man zwar den verrat, nicht ober den Verräter. Fromke gibt seiner Freude Ausdruck, daß die Genossen» schaftsfrage den Parteitag beschäftigen werde. Nach einigen Be- merkungen zum politischen Massenstreik geht Redner auf die Budget- bewilltgulig ein. Die Partei werde dadurch belastet, wir dürfen uns das auf keinen Fall bieten lassen. Ledebour habe sich sehr vorsichtig ausgedrückt, er sollte jedoch besser herausgehen, wie er dies sonst immer getan habe. In Magdeburg ist mit aller Deut» lichkeit zu reden. Die Resolution des Zentralvorstandes sei wie ein Gummiband, das man vo» Baden bis nach Berlin ziehen kann. Ein schärferer Beschluß werde weit eher die von Ledebour gewünschte Einkehr bewirken. Die Generalversammlung möge die von Halfter eingebrachte Niederbarnimer Resolution annehmen. Legen die Badenser ihr Mandat, wie tu Aussicht gestellt, wirklich nieder, so ist durch die Neuwahl festzustellen, wie sich die badische Arbeiter» schaft zur Budgetbewilligung stellt. Durch unseren heutigen Be- schluß muß zum Ausdruck gebracht werden, daß wir hiergegen mit aller Energie protestieren und den Disziplinbruch verwerfen. Karr er: Einzelne der Porredner haben zwar ihre Miß- billigung ausgesprochen, lenkten aber zum Schluß ihrer Aus- führungen wieder ei». Redner empfiehlt seinen, den Ausschluß fordernden Antrag und bestreitet aus eigener Kenntnis, daß in Süddeutschland die Verhältnisse besser und die Arbeiterbestrebungen seitens der Regierungen entgegenkpmmender wie in Norddeutschland behandelt werden. Schiller behandelt in längeren Ausführungen die Genossen- schaften und empfiehlt den Beitritt zu denselben. Die Ausführungen der sämtlichen Diskussionsredner werden beifällig aufgenommen. Gegen einen von Nathow befürworteten Schlußantrag wendet sich Weber, um dem Genossen Ernst Gelegenheit zu geben, die' mehrfach angegriffen« Resolution des Zentralvorstandes zu begründen. Der Schlußantrag wird jedoch mit einer Zweidrittel« Mehrheit angenommen. Unter Widerspruch der Versammlung bemerkt Genosse E r n st, der Zentralvorstand stehe in der Budgetfrage genau auf dem von der Versammlung geäußerten Stgildpuntt; er ver- urteile ebenso entschieden den Disziplinbruch der Badenser und wollte reinen Tisch machen. Es liege dem Zentralvorstand nicht» ferner, als den sich aus der Budgetbewilligung ergebenden Konse- quenzen aus dem Wege gehen zu wollen. Davon sei in seiner Resolution keine Rede. Erscheine die Resolution milder, dann nur deshalb, weil sie es vermeidet, durch vorzeitige Ausschluß- androhung dem Parteitag vorzugreifen. Ledebour verwahrt sich im Schlußwort, seine Ausführungen absichtlich milder gefaßt zu haben oder irgend jemandem in der Partei Vorreckte einzuräumen; er habe das genaue Gegenteil von dem gesagt. Di« Versammlung habe gezeigt, daß man sich in. der Budgetfrag« vollständig einig sei. Er wiederhole: der Parteitag müsse eine endgültige Entscheidung treffen und dürfe nicht sagen, na, wenn ihr das wieder tut, geschieht euch dies und jenes. Mit dem Ausschluß jetzt zu kommen, gehe nicht an, weil für diese Frage nun einmal der Parteitag zuständig und sie ihm vom Partei- vorstand überwiesen worden ist. Tort haben sich die Badenser zu erklären und dementsprechend wird in Magdeburg auch entschieden werden. Diese Entscheidung muß so getroffen werden, daß wenn die Genossen ihr Verhalten nicht sühnen und jede Wiederholung für ausgeschlossen erklären, mit ihnen wie mit jedem sonstigen Disziplinbrecher in der Partei verfahren wird. Wenn Genosse Ernst mit dieser Interpretation der Resolution deS Zentralvorstandes einverstanden ist, könne auch er ihr zustimmen, obwohl deren Fassung in einer Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Redner schließt, indem er der Hoffnung Ausdruck gibt, eS möge in Berlin eine möglichst einmütige Kundgebung zustande kommen. Die Partei werde dieses unerquickliche Vorkommnis überwinden und aus ihm mit einer impulsiven Kundgebung für den Emanzipationskampf de? Proletariats hervorgehen(Lebhafter Beifall.) Das Abstimmungsergebnis über die Resolution deS Zentral- Vorstandes ist zunächst zweifelhaft. Die Wiederholung der Ab- stimmung ergibt aber dann die Ablehnung gegen eine starke Minder» heit. Angenommen wird hierauf die Niederbarnimer von Halfter eingebrachte Resolution:> i „Die Zustimmung der Mehrheit der badischen sozialdemo- kratischen Landtagsfraktion zum Budget und die Motivierung dieser Zustimmung ist ein schwerer Verstoß gegen den auf dem Parteitag zu Nürnberg gefaßten Parteitagsbeschluß. Die Teil» nähme eines Teils der sozialdemokratischen LandtagSabgeord- neten an höfischen Kundgebungen ist geeignet, den republika- Nischen Charakter der Partei zu verhüllen und daS demokratische Gefühl der Genossen zu empören. Di« Generalversammlung beantragt deshalb bei dem Parteitag: zum Ausdruck zu bringen, daß der die Parteibewegung schwer schädigende Disziplinbruch und die offenen Provokationen der Gasamtpartei durch die Mehrheit der badischen Landtag»- fraktion insbesondere mit der Verwaltung der höchsten Ver- trauensämter in der Partei unvereinbar ist." Da» Abstimmungsergebnis wird äußerst lebhaft applaudiert und nachdem zum deutschen Parteitag die Genossen Paul Dobrohlaw„ Otto Frank, Johann Höhnische Karl Leid. Dr. Kurt Rosenfeld, Frau Rosa Schmidt und zur Provinzialkonferrnz die Genossen Wilhelm DamS. Wil- Helm Hoffmann und Joseph Pia.rr gewählt ivurdem, mit einem begeisterten Hoch auf die internationale Sozialdemo» kratie die Persammlung geschlossen Rixdorf. Der große Saal von H o p p e war überfüllt. Auf den Galerien und in den Gängen stauten sich die Massen. Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrte die Versammlung daS Andenken von 28 verstorbenen Genossen und Genossinnen. Genosse Heinrich» hielt das einleitende Referat zum Magdeburger Parteitag. Nach Besprechung der pin- zelnen Tagesordnungspunkte gelangte auch dieser Redner zur Er- örtcrung der B u d g et f r a g e. Die Hoffnung auf einen fried- lichen Verlauf des Parteitages sei durch daS Verhalten der badischen Landtagsfraktion schmählich enttäuscht worden, deren HandlungS- weise ein Disziplinbruch sei, wie er schlimmer in der ganzen beut- scheu Arbeiterbewegung nicht zu verzeichnen ist. Es sei Pflicht der gesamten organisierten Arbeiterschaft, hiergegen Front zu machen. Die Begründung, die die dadischen Genossen für ihr Ver» halten inS Feld führten, entbehren jeder überzeugenden Kraft. Redner bedauert, daß die außerordentlich günstige Situation, in der sich die Partei zurzeit befindet, durch diesen Borfall sich bedeutend verschlechtert habe. Sind wir doch gezwungen, zunächst den Kampf in unseren eigenen Reihen zu führen, während unsere Gegner dabei die lachenden Dritten sind. Der Parteitag muß entschieden dafür Vorsorge treffen, daß in Zukunft solche Dinge unmöglich sind. Zum Schluß ersucht der Redner um möglichst einstimmige Annahme der vorgelegten Resolution des Zentralvorstandes. Lebhafter Beifall folgte den Ausführungen des Referenten. Genosse Franke wünscht, daß der Parteivorstand Redner aus Norddeutschland nach Baden entsandt hätte, um den badischen Genossen unsere Anschauungen zu übermitteln. Dann wäre eS sicher nicht möglich geworden, daß die Mehrheit der sogenannten Landtagsfraktion noch Vertrauensvoten oder gar noch besonderen Dank für ihr Vorgehen erhalten hätte. Im übrigen empfiehlt er al» das mindeste dessen, was heute beschlossen werden muß, dir Annahme der Resolution des ZcntralvorstandeS. Genosse R e tz e r a u erklärte, daß nach den Darlegungen der badischen Landtagsfraktion«die besonderen politischen Verhältnisses schließlich auch dazu führen könnten, Militärfordcrungen zu be- willigen. Im übrigen sollte doch jeder Sozialdemokrat sich jederzeit bewußt sein, daß wir prinzipiell« Republikaner sind, dann können solche Disziplinwidrigkeiten, wie sie die sozialdemokratischen Land- tagsabgeordneten in Baden begangen haben, einfach nicht möglich fem. Die Regierung wird unsere Mitarbeit annehmen, solange sie un» für ihre Zwecke braucht. Das beste Beispiel dafür biete der preußische Lib-rgliMvö ig der moteförn Mockgra. Los jeian CoäWbcffloTräkft jffug mstf 19 ffft sek�Merständlich ZaF er sich den Beschlüssen der Mehrheit ter Parteigenossen unterordnet. ES muß ein Weg gefunden werden, der solche Disziplinlosigkeiten unmöglich macht.(Beifall.) Genosse Faaß nimmt in temperamentvoller Weise Stellung gegen die bisherigen Ausführungen. Er erklärt» daß die preußischen Parteigenossen wohl die diszipliniertesten seien, jedoch sind sie über die badischcn Verhältnisse in keiner Weise informiert. Er halte es für seine Pflicht als Badenser und als Parteigenosse, die vielen Irrtümer zu berichtigen, dann werden hoffentlich auch die preutzi- fchcn Parteigenossen über das Vorgehen der badischen Fraktion anders urteilen. Die Schuld an den Vorkommnissen trägt ledig- lich die Nürnberger Resolution, resp. die Mehrheit des Nürnberger Parteitages. Die Machtvollkommenheit, die diese sich mit ihrem Beschluß anmaßt, ist nicht Demokratie, sondern Autokratie. Unter allen Umständen hätte man die Erklärung der Sechsundsechzig anders respektieren müssen, wie es geschehen sei. Die Mehrheit des Nürnberger Parteitages hat gefühlt, daß hinter dieser Er- klärung ein ernster Wjille stehe. Im übrigen ist die Abstimmung über täs Budget keine Frage des Prinzips, sondern der Zweck- Mäßigkeit. 1303 zum Beispiel wurde in unserer Partei die even- tuelle Uebernahme eines Postens im Präsidium des Reichstages seitens der Fraktion auch zu einer prinzipiellen gemacht, heute denkt kein Mensch mehr daran. Für uns gibt es nur ein Prinzip: Wir alle wollen an Stelle der heutigen kapitalistischen Wlirtschafts- ordnung eine bessere, die sozialistische setzen. Den Weg dürfen wir aicht schematisieren. Die Marxisten, die sonst immer mit dem Marxismus den Mund so voll nehmen, täten gut, ihre Nase mehr in die Schriften von Marx zu stecken, dann wüßten sie, daß die EntWickelung keine sprunghafte ist, sondern sich allmählich in gcjey- mäßigen Bahnen bewegt. Mit dem ewigen Negieren der Radikalen kommen wir keinen Schritt vorwärts, sondern nur durch praktisch Mitarbeit. Die badische Partei hätte die Bedeutung nicht, die sie heute hat, wenn nicht die Genossen Kolb und Frank in so her- vorragendem Maße tätig wären. Durch das Verhalten der badischen Landtagsfraktion hat die deutsche Partei keinen Schaden erlitten, vielmehr trifft es umgekehrt zu. Die badische Partei hätte großen Schaden erlitten, wenn sie anders gehandelt hätte, als sie gehandelt hat. Die sogenannte Hofgängerei ist auch anders aufzufassen, wie sie bei den norddentschcn Genossen aufgefaßt wird und wie sie deren Parteipresse darstellt. Die höfischen Akte, die die badischen sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten mitgemacht haben, sind «in der Verfassung begründet. Das können nicht mal einige radikale Genossen für sick zur Entschuldigung anführen, die sich an ähnlichen Zeremonien beteiligt haben. Bei der bestehenden Großblockpolitik ist es Pflicht der Parteigenossen, alles aufzubieten, um zu verhin- dern. daß der schtvarzblaue Block wieder ans Ruder kommt. Redner ersucht um Ablehnung der Resolution des Zcntralvorstandes und bittet, das Urteil dem Magdeburger Parteitag zu überlassen.(Ver- einzelter Beifall.)___ Genosse Walther beantragt, die letzten beiden Absätze der Resolution des Zentralvorstandes zu streichen und an dessen Stelle die beiden letzten Absätze der Resolution Stadthagen zu setzen. Genosse Kunze verspricht sich von Entsendung norddeutscher Redner nach Baden keinen Erfolg. Das proletarische Empfinden der süddeutschen Genossen sei ein anderes als das der norddeutschen. Die Führer müßten vor allem dafiir sorgen, daß die partikülaristi- schen Gegensätze beseitigt werden. Die Haltung der badischen Land- tagsfraktion verdiene die schärfste Verurteilung. Genosse Wutzky begrüßt es, daß endlich ein Parteitag Ver- anlassung nimmt, das Genossenschaftswesen zu fördern. Die Argu- mente. die Genosse Faaß für die Annahme des Budgets in Baden ins Feld geführt hat. sowie er auch die Notwendigkeit der Hof- gängerci zu begründen versuchte, hätten keineswegs überzeugend gewirkt, sondern trifft vielmehr das ganze Gegenteil zu. Dennoch müsse er sich gegen die Annahme der Resolution aussprechen, ihn schrecken die Spuren von Dresden. Es ist zu wünschen, daß der Magdeburger Parteitag einen Zustand herbeiführt, der verhindert, daß solche Dummheiten wieder vorkommen. Ucko wendet sich gegen die Behauptung vom Genossen Faaß, daß die Nürnberger Resolution an dem Vorgehen der badischen Genossen schuld sei; auch die Genossen in Baden haben Disziplin zu üben wie zeder andere. Wunderbar sei es, wenn ein Gewerkschafter wie Faaß den Disziplinbruch noch verteidigt. Zum mindesten hätte erwartet werden müssen, daß die badische Landtagsfraktion nach der Resolution Frohme verfahren wäre, der doch Kolb und Genossen ihre Zustimmung geben wollten. Die Notwendigkeit der Hofgängerei ist nach den Ausführungen des Genossen Faaß beim besten Willen nicht ersichtlich. Ganz und gar ist die Behauptung nicht zu ver- stehen, daß die Hofgängerei in der Verfassung bedingt sei. Der- artige Konzessionen darf ein Sozialdemokrat nie und nimmer machen. Nicht die Nationalliberalen haben ihren Standpunkt ver- ändern brauchen, sondern die badische Partei ist nach rechts gerückt. Dagegen müssen wir uns mit aller Entschiedenheit wenden. '(Beifall.) Genosse N e u m a n n ist dafür, daß höchstens die Resolution des Zentralvorstandes angenommen wird. Die Genossen in Nord- deutschland halten die Beschlüsse des Parteitages auch nicht so strikte jnne. Das sehe man beim Schnapsbohkott. > Ein Antrag auf Schluß der Debatte wurde angenommen. » Genosse Heinrichs ersucht in seinem Schlußwort nochmals Um möglichst einstimmige Annahme der Resolution des Zentralvor- standes. Der Antrag des Genossen Walther wird abgelehnt, dagegen die Resolution des Zentralvorstaodes gegen einige Stimmen ange- nommcn. Der am 7. August stattfindenden KreiSgenerawersammlung sollen der Genosse Heinrichs und die Genossin Schulte als Delegierte zum Parteitag vorgeschlagen werden, desgleichen zur Provinzialkonferenz der Genosse A l s ch e r. Für den Kreisvorstand sollen der Kreisgeneralversammlung folapnde Vorschläge unterbreitet werden: 2. Vorsitzender Bösk«, Kassierer Pagets, Sekretär G ro g e r, Revisor T h u r o w, Preß- kommission Heinrichs, Lokalkommission Rohr. Ein Antrag des Kreisvorstandes auf Einführung eines wöchent- lichen Beitrages von 10 Pf. für männliche und 5 Pf. für weibliche Mitglieder wurde angenommen, jedoch mit der Maßgabe, daß Bons Und Listen abgeschafft werden sollen. Charlottenburg. Die außerordentliche Generalversammlung d e S W a h l v e r e i n S, die am 26. Juli im.Voltshause' stattfand, beschäftigte sich ausschließlich mit dem kommenden Magdeburger Parteitag. Der Referent. Genosse Fritz Zubeil, gab in kurzen Strichen«ine Uebersicht über die einzelnen Punkte der Tagesordnung und wandte sich dann der Frage der Vudgethewilligung der badischen Landtagsiraktion zu. Hierzu vertrat der Genosse Zubeil den Standpunkt, daß ein so grober Verstoß gegen die Parteidisziplin noch nie vorgekommen sei. Nachdem der Nun, berger Parteitag eine ganz unzweideutige Stellung in der Budgetfrage eingenommen Hove, mußten auch die Badenser wissen, daß sie einen Parteiskandal ohnegleichen provozieren, wenn sie für das Budget stimmten. Er glaube aber, die ganze Frage gehe nicht lediglich von Baden aus, sondern es stehen auch noch andere Leute dahinter, die in Nord- deutschland ihren Sitz haben. Man brauche sich nur einmal die .Sozialistischen Monatshefte' durchzusehen, dann wisse man schon, wohin die Fahrt gehe. Zubeil empfiehlt offiziell die Resolution des Zentralvorstandes von Groß-Berlin, ist jedoch persönlich der Meinung. daß endlich m,t den Quertreibern in der Partei Fraktur geredet werden müsse: Wollen diese sich den Parteibeschlüssen nicht fügen, so werden sie denselben Weg gehen müssen, den die Lokalisten gegangen sind.— In der Diskussion, die sich nur um die Frage der Budgetbewilligung dreht, vertreten die Genossen Matz, Doose, Schobert, Birk o w S Ii und Kep ernik den Standpunkt, daß die Resolution de? Zentral- Vorstandes bei weitem nicht s charf genug sei; es sei unbedingt der Ausschluß der disziplinlosennp- fohlen, wird von verichiedenen Rednern eine verschärfte Resolution ver- langt. Die Genossen können sich nicht über den Disziplinbruch der badischen Landtagsfraktion hinwegsetzen. Jedoch wird die vom Zentralvorstand vorgeschlagene Resolution ohne Aenderung gegen zwei Stimmen angenommen. Zum Schluß wurde der Delegierte zur Kreisgeneralversammlung des OrtSteils Baumschulenweg gewählt und fiel die Wahl auf Genossen M o g e l. „Gase Sericdts- Leitung. Ein kleiner„Klub der Harmlosen", der.sich in einem Eafä, welches den eigenartigen Namen_____, X D Z" führt, etabliert hatte, hat zu einem gerichtlichen Nachspiel geführt, welches gestern vor der 1. Ferienstrafkammcr des Land- gerichts I zur Verhandlung kam. Angeklagt wegen Duldens von Glücksspielen und gewerbsmäßigen Glücksspielen war der Cafetier Karl Treumann, während sich der Agent Julius May wegen ge- werbsmäßigen Glücksspiels zu verantworten hatte.— Der Angeklagte Treumann betreibt in der Frankfurter Straße 121 das „Cafe X D Z". in welchem eS mitunter sehr harmlos zuging. Es trafen hier allabendlich mehrere Leute zusammen, die sich in ein Spieleckchen zurückzöge,- und hier bis zum frühen Morgen dem edlen„Poker" und anderen Spielchen huldigten. Nach Behauptung der Anklage sollen dabei Umsätze von mehreren hundert Mark stattgefunden haben. Dieser Betrieb dauerte längere Zeit, bis eines Abends die Kriminalpolizei auf die Anzeige eines„Gerupften" hin in dem Cafe erschien und das Spielernest aushob.— Der Staatsanwalt beantragte gegen Treumann nur wegen Duldens von Glücksspielen eine Geldstrafe von löy M. und gegen May wegen ge- werbsmäßigen Spielens 1 Monat Gefängnis und 300 M. Geldstrafe. Das Gericht hielt nicht für genügend festgestellt, daß May einen Teil seines Erwerbes aus dem Glücksspiel gezogen hatte und er- kannte gegen ihn auf Freisprechung. Dagegen wurde Treumann wegen Duldens von Glücksspielen zu SW M. Geldstrafe ev. 100 Tagen Gefängnis verurteilt._ Der Säugling vor Gericht. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" teilt folgenden Gerichts- fall mit: „Aus dem Gerichtssaal wird uns von geschätzter Seite folgende kleine Geschichte mitgeteilt. Szene: Moabit, Kriminalgericht. Sitzungszimmer der 2. Ferienstrafkammcr des Landgerichts II. „Gerichtsdiener! Rufen Sie die Sache gegen Frau Schm... auf," sagt der Vorsitzende in geschäftsmäßigem Ton. Es erscheint. aus der Untersuchungshaft vorgeführt, eine Frau mit abge- härmten Gesichtszügen. Sie hält ein erst einige Wochen altes schlafendes Kind im Arm; durch eigentümlich wiegende Arm- bewegungen sucht sie das Kind im Schlafe zu erhalten. Angeklagt ist sie wegen verschiedener kleiner Betrügereien und eines Dieb- stahls, die sie, von ihrem Ehemann in trauriger Lage verlassen. begangen haben soll. Die Betrugsfälle gibt sie zu, auf den Dieb- stahl an einem Kleide will sie sich nicht besinnen und weist darauf hin, daß sie damals guter Hoffnung gewesen sei. Mit Achsel- zucken geht der Borsitzende über diesen Einwand hinweg. In- zwischen ist das schlafende Kind aufgewacht und gibt leise klagende Töne von sich. Immer lebhafter werden die Armbewegungen der Mutter, um das Kind wieder in Schlaf zu versetzen. Der Vor- sitzende wird bei den immer lauter werdenden Klagelauten'deT Kindes etwas nervös und fragt die Angeklagte, ob sie sich nicht wenigstens kurze Zeit von dem Kinde trennen könne. Diese, welche die geschäftsmäßigen Fragen des Vorsitzenden bisher trotz des Kindergeschreies zu beantworten gesucht hat, bittet um eine kleine Pause, um dem Kind die Brust gewähren zu können. Der Vorsitzende verkündet, daß die Sache auf kurze Zeit unterbrochen tverde. Die Angeklagte wird aus dem Saal geführt. Nach kurzer Zeit erscheint sie wieder, diesmal ohne Kind. Die mitleidige Frau eines Gerichtsdieners hat sich dieses angenommen. Es wird zur Vernehmung der Zeugen geschritten. Die Angeklagte ist ganz still geworden und sitzt wie leblos da. Ein Beisitzender macht den Vorsitzenden darauf aufmerksam. Es wird festgestellt, daß die Angeklagte in tiefen Schlaf versunken ist. Erst durch Bcspren. gungen mit mehreren Gläsern Wasser kann sie wieder in wachen Zustand versetzt werden. Die gegen sie erkannte Strafe von mehreren Monaten Gefängnis erkennt sie an, bittet nur, aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden— ihres Kindes wegen. Der Vorsitzende verkündet die Aufhebung des Haftbefehls. Draußen nimmt das Weib das Kind wieder aus den Händen der Gerichtsdienerfrau in Empfang und verläßt das Gerichtsgebäude." Das traurige Bild ist für das schematische und unbarmherzige Wesen unserer Justizpflege kennzeichnend. Die Mutter begeht Ver- gehen aus Not und, wie es scheint, in einem wegen ihres ZustandeS nicht zurechnungsfähigem Zustand. Sie und das Kind kommen in Untersuchngshaft. Ein Verteidiger steht der Unglücklichen nicht zur Seite. Froh ist die SterbenSmüde, aus der Haft zu kommen. Und was dann? Wer kümmert sich um Mutter und Kind? Der Staat erst dann wenn etwa wieder die Not ein Eigentumsdelikt veranlaßt. Wann ist„Gesundbeten" Kurpfuscherei? Durch Polizeiverordnungen ist in allen Provinzen vor» geschrieben worden, daß sich beim zuständigen Kreisarzt zu melden und gewisse Angaben über seine persönlichen Verhältnisse zu machen hat, wer, ohne approbiert zu sein, die Heilkunde gewerbsmäßig ausüben will. Frau Reinke, die das sogenannte Gesundbeten be- treibt, war vom Landgericht Berlin III zu einer Geldstrafe wegen Uebertretung der Polizeiverordnung vom 21. August 1903 ver» urteilt worden, weil sie solche Anzeige beim Kreisarzt nicht gemacht hat. Das Landgericht nahm an, daß in dem von Frau Reinke be- triebenen Gesundbeten eine gewerbsmäßige Ausübung der Heil- künde zu seben sei. Das Kammergericht verwarf jetzt die von der Angeklagten gegen das Nrteil eingelegte Revision mit folgender Begründung: Aus der Entscheidung lasse sich nicht der allgemeine Grundsatz herleiten, daß das Kammergericht da? Gesundbeten an sich für Kurpfuscherei erklärt hätte. Das Gericht habe nicht allgemeine Fragen zu lösen, mögen sie auch so wichtig sein für die Psych« des Volkes. Das Fazit aus der Behandlung der vorliegenden Sache sei, daß man sagen könne, das gewerbsmäßige Gesundbeten sei eine der Kur- Pfuscherei ähnlich« Handlung. Der ZkSe'ck der avgezoM'en gvltlM Verordnung sei, daß der Behörde die Ausübung der Heilkunde durch Nichtapprobierte nicht unbekannt bleiben solle. Die Ange- klagte, die nach den Lehren einer amerikanischen Sekte, der söge- nannten„Christlichen Wissenschaft", verfahre, wolle zur Anzeige nicht verpflichtet sein, weil sie nicht gewerbsmäßig die Heilkunde ausübe. Wann übe nun jemand die Heilkunde gewerbsmäßig aus? Dann, wenn er gewerbsmäßig die Heilbehandlung bestimmter Per- sonen übernehme, die wirklich oder angeblich an körperlichen liebeln oder sonstigen Schäden litten oder wegen körperlicher Funktionen sachverständiger Unterstützung bedürften oder zu bedürfen glaubten. Diese Fälle lägen hier aber vor. Es habe sich hier nicht gehandelt um ein Beten allgemein für die sündige Welt, sondern für be- stimmte Personen, die krank waren. Sie habe sich mit diesen Per- sonen befaßt, um ihnen zu helfen, indem sie auf ihre Seele einzu- wirken versuchte. Es gäbe auch in der ärztlichen Wissenschaft eine Behandlung der Kranken, wo nicht auf den Körper, sondern auf die Seele, auf die Psyche eingewirkt werde. Zum Beispiel auch bei allen Nervenkrankheiten. So sei auch die Angeklagte ver- fahren. Sie habe auf die Seele der bei ihr Heilung Suchenden durch gemeinsames Beten mit ihnen einzuwirken gesucht, um sie freizumachen von Krankheiten. Jedenfalls habe sie auf sie ein- gewirkt, um sie gesund zu machen. Bleibe noch die Frage der Ge- werbsmäßigkcit. Sie habe keinen Tarif gehabt, sondern sich mit dem begnügt, was sie erhielt. Es sei aber auch nicht nötig, daß man nach bestimmten Regeln Geld nehme. Wer auf das rechne, was ihm an Vorteil zugewendet werde, der handele gewerbs- mäßig. DaS sei hier der Fall gewesen, zumal festgestellt sei. daß Frau R. sich von jemandem, der sein Geld wieder haben wollte, ver- klagen ließ. Somit sei Frau R. mit Recht verurteilt. DaS Gift des AmtSgerichtSratS. Der Amtsgerichtsrat Dr. B e r g s ch m i d t- Cha r lo t t e n- bürg hatte sich vor der Neustrelitzer Strafkammer wegen Sach- beschädigung zu verantworten. Der Angeklagte hatte bei Fürsten» berg(Mecklenburg-Strelitz) eine Jagd gepachtet. Zur Vertilgung von Raubzeug hatte er mit behördlicher Genehmigung Gift gelegt. Wie dieses Gift dem Raubzeug bekommen ist, darüber liegen ver- läßliche Zeugnisse nicht vor. Dagegen steht fest, daß es unter den Hunden der Nachbarschaft tüchtig aufgeräumt hat. Die Anlieger Förster Schmidt und Fuhrleute Karl und Wilhelm Kon- rad bezeugen, daß ihre Hunde an dem Gifte eingegangen sind. Ihrer Ansicht nach treffe die Schuld den Angeklagten, weil er das Gift entgegen den waidmännischen Gepfloaenheiten unv'erdeckt gelegt habe. Ein anderer Zeuge bekundet, daß der Angeklagte bei der Sache waidmännisch vorgegangen sei. Darauf erfolgte Frei- sprechung. Wegen Körperverletzung im Amt hatte sich der Polizeisergeant Paul Michalke gestern unter Vorsitz des Landgerichtsrats Bathe vor der 3. Ferienstrafkammer des Landgerichts III zu verantworten. Der Angeklagte ist seit längerer Zeit in Weißensee als Polizei- sergeant angestellt. Am 21. Juli d. I. hatte er bei einer in der Langhansstraße 48 wohnhaften Frau Wermke eine Feststellung zu machen. Wie er schon erwartet hatte, war dieser Austrag nur unter großen Schwierigkeiten zu erledigen, da die W. an einer Art „Blaukoller" leiden soll. So soll die W. u. a. einem Polizei- sergeanten Kaul ins Gesicht geschlagen und ihm beinahe einen Finger abgebissen haben. Auf den Polizeiwachtmeister Krentzien war sie mit einem Schrubber losgegangen, dem Polizeisergeanten Zach hatte sie mehrere Schriftstücke zerrissen und aufgegessen� die Polizeisergecrnten Neck und Schlegel hatte sie mit einem Beil bedroht usw. Wie der Vorsitzende weiter zur Sprache brachte, hatte sich die Frau W. auch sonst gegen Privatpersonen sehr gewalttätig gezeigt und u. a. einem Arbeiter Stockmar bald die Nase abgebissen. — Bei der Ausführung seines Auftrages hatte der Angeklagte nach seiner Darstellung mit allen möglichen Schwierigkeiten zu kämpfen, da die W. offenbax darauf ausging, ihn zu schikanieren. Nach Behauptung der W. soll der Angeklagte plötzlich ohne jede Veran- lassung auf sie eingeschlagen haben, so daß sie bewußtlos zu Boden stürzte und in Krämpfe verfiel. Der Angeklagte behauptete jedoch andererseits, daß ihm die W. in dem Hausflur in daS Gesicht geschlagen habe und er sich lediglich der Schläge erwehrt habe.— Eine Frau Jakobs, die von ihrer vis-a-vis gelegenen Wohnung au» den Vorfall beobachtet hatte, bekundete, daß der Angeklagte nach ihrer Meinung ohne Veranlassung auf die W. eingeschlagen habe. Sie habe dagegen nicht gesehen, daß der Angeklagte vorher von der W. geschlagen worden sei.— Der Vertreter der Anklage billigte dem Angeklagten mildernde Umstände zu, da der Beamte der offen- kundig gewalttätigen Zeugin W. gegenüber nach voraufgegangenen höhnischen Redensarten die Selbstbeherrschung verloren und aus sie eingeschlagen habe. Der Antrag des Staatsanwalt» lautete deshalb auf nur 90 M. Geldstrafe. DaS Gericht sah die Sache noch milder an und erkannte aus 10 M. Geldstrafe. KrUfKasten der Redaktion. Sit larlttlldtc«t-t-rtifmno« fltibtt vinvcnflrahe OTt. 60, bor, biet Srrbbtn— 3« 6 r ft u b I—. von 4>/, bl»?>/, Ilde abcub« Eonnabcnb» bon 4Vt bl» 6 lltzt nachmitiag» flatt. Ncba«ulrao- ist cm«uibftabt nnb ritic Zahl aU Vieri, eichen bei,»lügen.«rirNiche «lntwori wirb nicht erteil«. Eilige Fragen trage niaa in bei Sprech» ftnnbe bat. Schumacher, Delmenhorst. Ja, 3000 M., wenn der Mgeordnete allen Sitzungen beiwohnt.— Sportsfreuude, Schöncberg. Nicht be- lannt.- Frieda. Rigaerftraste. 1. Fragen Sie bei der Geschästsstelle. Halleschcstrahe 20, an. 2. Das Kuratorium für Altersheime, Rathaus, er» teilt aus Ansrage Auskunft.— 1910 F. Der Psändung unterliegt der 1500 M. jährlich übersteigenden Pension. Der PsändungSbeschlub ist dem KricgSminislerium zuzustellen. Der Aufenthaltsort deS Schuldners ttt nur jür die Zuständigkeit des VollstrcckungSgerichtS von Bedeutung.— P. K. 100. Sie können auf Beseitigung deS Ungeziefer» Nagen.— F.B. 1. Ja, sosern die ErwerbSbeschränkung geringer wird. 2. In diesem Falle nicht. — M. B. 1S79. Wiederholen Sie die Antragen.— P.760 SW Merore» j7k>8S Part; 1766 3 ** e» *** 4 heiter 1 bald bd. 2 dedeckt 1 bedeckt 1 halb dd. 11 > l 15 13 14 11 Wctterproguoie fnt Donnerstag, den 28. Juli 1910. Etwas wärmer, zunächst vielfach heiter bei ziemlich lebhaften südwest- lichen Winden; später neue Trübung und Regen. "erltner Wetterbureau. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Mr den Inseratenteil veramw» LH. Glocke, Berlin. Krück u.Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SVY,