Mr. 180. RbonncmentS'Redlngungen: Kbonncmeniä> Preis pränumerando: Pierleljährl. LP0 Mk., nionajl. 1.10 Ml, wöchentlich 2S Psg. frei ms Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. EonntagS- Einyetragen in die Poft-ZeituntzS- Prcislisle. Unter Kreuzband iiir Deutschland und Oesterreich- Ungarn L Marl, für das übrige Ausland Z Marl pro Monat, PostabonnemcntS nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 37. Jahrg. Crlünint tiiglich außer lilontaa». Vevlinev Volksbleetk. Die TnfertionS' Gebühr Cclrägt für die scchsgcspaltenc Kolonc?» zcile oder deren Rauni bll Pfg„ säe politische und gcwcrlschastlichc Bcrcins- und Bcrsammlungs-Anzcigen M Psg. „Altine ZZnreigen", das erste fseti- gedruckte) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg, Stellengesuche und Schias- licllcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über 1ö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer nillssei, bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abend» geöffnet. Telegramm-Adresse: „SsziaSdCllldKrat litriia". Zentralorgan der fozialdeniokrati feben Partei Deutfchlands. Redaktion: 8W. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Sir. 1983. Expedition: SÄl. 68, Lindenstrasse 69 Jcriisprcchcr: Aull IV, Nr. 1981. i benimm und Wahlrecht. III.(Schluß.) Zur Beschönigung des Zentrumsverrats am direkten Wahlrecht führt Herr Dr. Bell in seinem Fraktionsbcricht außer dem gefälschten Zeugnis des sozialdemokratischen Kom- missionsmitgliedes noch ein zweites Moment an: die an- geblichc Aussichtslosigkeit, das geheime und direkte Wahlrecht zugleich durchsetzen zu können. Er schreibt: � „Der Gang der Verhandlungen ließ aber nicht den gering- sten Zweifel daran übrig, daß es unmöglich war, zugleich die direkte und geheime Wahl durchzusetzen. Ali dieser Tatsache ändert der Umstand, daß in der Kommission die geheime Wahl mit 15 gegen 13 Stimmen angenommen war, nichts. Denn bei der gesamten Konstellation der Partciverhältnisse im Abgcord- neten Hause lag es klar aus der Hand, das; eine Wahlrechtsvorlagc gegen die Stimmen der konservativen Irak- t i 0 n. die allein mehr als ein Drittel sämtlicher Abgeordneten umsaßt, unter leinen Umständen znstande kommen würde. Denn selbst wenn sich im Abgcordnetcnhause eine Mehr- heit für eine Wahlrcchtsvorlage— was bei den widerstreitenden Auffassungen und Abstimmungen der übrigen Parteien ausge- schlössen war— gegen die Stimmen der Konservativen zu- sammengefunden hätte, so würde diese gegen die Konservativen beschlossene Wahlrechtsvorlage an der fehlenden Zustimmung so- wohl des Herrenhauses, bei dessen für die Konservativen sehr günstigen Zusammensetzung, als auch der Regierung ge- scheitert sein." Diese Argumentation ist so oft zerfetzt worden, daß wir uns diesmal aus einige kurze Randglossen beschränken können. Herr Dr. Bell behauptet hier, das Zentrum habe seine weitergehenden Forderungen deshalb zurückstellen müssen, weil gegen die K 0 n s e r v a t i v e n ein Wahlgesetz schlechter- dings nicht zu machen gewesen sei. Ja,»varum hat denn ! das Zentrum niemals vorher eine Andeutung über diese seine angeblich einzig mögliche Stellung zur Wahlreform gemacht? Warum hat sich die Z e n t r u m s p r e s s c denn noch kurze Zeit vor dem infamen blauschwarzen Schacher mit flammender Entrüstung gegen die Ankündigung des Abgeordneten Zedlitz gewandt, daß das Zentrum nur für eine solche Wahlresorm zu haben sein werde, die auch den Beifall der Konservativen finde?! Warum hat das Zentrum viclniehr alle Zeit versprochen, daß es alles daran setzen werde, um seine programmatische Forde- rung des a l l g e m e i n c n, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu verwirklichen? Hieß es doch noch in dem offiziellen Wahlaufruf des Zentrums vom Jahre 19 0 8 wörtlich: „Wir glauben erwarten zu dürfen, daß der ncugewählte ' Landtag alsbald mit einer entsprechenden Vorlage befaßt werden wird. Die bcvorstcheüdcn Wahlen sind schon deshalb von einer ganz besonderen Wichtigkeit, Denn mit der so notwendigen gründlichen A e n d e r nn g des Wahlrechts entscheiden sie auch auf Jahre hinaus über die Gestaltung der inneren Politik Preußens. Wir sind bereit, an der schweren Aufgabe einer Wahlrcform mit voller Hingabe für die Interessen unseres Volkes und Staates und unter voller Wahrung der vcrfassungs- mäßigen Rechte der preußischen Staatsbürger mitzuarbeiten. In welcher Richtung sich für diese Reform unsere Wünsche und Forderungen bewegen, ergibt unsere Stellungnahme von altersher; wir haben dieselbe auch in neuester Zeit im Parlament wiederholt ausgesprochen." Hier also spiegelte das Zentrum seinen Wählern vor, daß es bei der zu erwartenden Wahlrcchtsvorlage mit„voller Hingabe" für die„so notwendige gründliche Aende- rung" des Wahlrechts eintreten werde! Als es aber galt, dies feierliche Versprechen einzulösen, verzichtete das Zentrum nicht nur von vornherein auf jeden Kampf gegen die wahlrcchtsfeindliche Reaktion, fondern es verbündete sich sogar in aller Form mit den Junkern, um selbst solche Forderungen zu Falle zu bringen, für die sowohl in der Kommission als auch im Plenum des Abgeordnetenhauses eine Mehrheit zustande zu bringen gewesen wäre! Und wenn Herr Dr. Bell auch in seiner Rcchtsertigungs- lfchrift wieder erklärt, es wäre gegen Konservative und Herren- haus ja doch nichts zu erreichen gewesen, so ist das nichts anderes, als die P r e i s g a b e einer wirklichen Wahlreform überhaupt! Denn eine solche Reform kann überhaupt nicht mit den Junkern und Nutznießern der heutigen Wahlrechtsschmach gemacht, sondern nur durch das Drängen der Volksmasscn und der wahlrechtsfreundlichcn Par- tcien den Wahlrechtsgeguern abgerungen werden! Zum Kampf versteht sich das Zentrum freilich stets nur dann, wenn es gegen die Volksinteresscn geht! Bei der Reichsfinanzrcform pfiff das Zentrum auf alle Protesterklä- ruugen der Regierung.! Es zwang der Regierung gemeinsam mit den Junkern seinen Willen auf und fragte nicht das min- beste danach, daß es dadurch den Reichskanzler stürzte! Das Zentrum warf sich also bei der Wahlrcchtsfrage lediglich deshalb den Junkern in die Arme, weil es den Ein- fluß dieser seiner Verbündeten beim Zollwucher, dem Steuer- raub und der Schulverpfaffung nicht schwächen wollte! Das bestätigte ja auch ein konservativer Abgeordneter, der am 1. April 1919 in der„Schlesischen Zeitung" darlegte, daß die Konservativen mit den Nationallibcralen nicht hätten zusammengehen können, weil deren Forderungen zu weit(I) aföHDöfiß iysj?. unö dgW klltMr; „Wie konnte da die Basis für ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen seitens der Konservativen gefunden werden? Dabei ergab es sich nun, daß das Zentniiii lange nicht f» weit und fr radikal vorgehen wollte als die Nationalliberalc». Das Zentrum gab sich mit der geheimen Wahl bei den Urwahlen zu- frieden und konzedierte die drei den Konservativen ä u ß e r st wichtig erscheinenden Punkte, nämlich: 1. Tic unveränderte Aufrcchtcrhaltung der Drei-. llasscnwahl— während die Regierungsvorlage durch die Zu- sauimcnrechnung der Abstimmungsprozcnte der drei Abteilun- gen die eigentliche Trciklassenwahl f a st vollständig verwischte. 2. die indirekte Wahl, welche besonders geeignet ist, eine wüste Wahlagitation zu verhindern, 3. die öffentliche Wahl der Abgeordneten durch die Wahlmänner! Was wäre nun geschehen, wenn die Konservativen hierbei sich schmollend abseits gestellt und sich nicht an dem sogenannten Kompromiß beteiligt hätten? Dann wäre auch das Zentrum für die direkte und für die volle geheime Wahl eingetreten, und die Konser- vativcn wären mit ihren Anträgen für die Beibehaltung der öffentlichen und der indirekten Wahl einfach überstimmt und „an die Wand gedrückt worden." Es würde zu weit führen, wollten wir an dieser Stelle auf alle Klopffechtcrcien des Herrn Dr. Bell im Detail ein- gehen. Nur einige besonders köstliche Einfälle des Herrn seien noch erwähnt. Bekanntlich hat das Zentrum sogar die Anträge abge- lehnt, das Klassenwahlrccht dadurch etwas abzuschwächen, daß der ersten Klasse zwei Zehntel, der zweiten Klasse drei Zehntel und der dritten Klasse fünf Zehntel sämtlicher Wähler ange- hören sollen. Selbst der nationalliberalc Antrag, die Drittclung in der Form eintreten zu lassen, daß der ersten Klasse künftig mindestens ein Zehntel, der zweiten zwei Zehntel und der dritten sieben Zehntel der Wähler zu- zuweisen seien, wurde von dem Zentrum abgelehnt. Und warum? Wiederum den Junkern zuliebe!„Bei der grund- sätzlich ablehnenden Haltung der konservativen Partei zu diesem Abänderungsantrage" sagt Herr Dr. Bell auf Seite 23, „war es aus den oben bereits dargelegten Gründen ausge- schlössen, daß diese Anträge, selbst wenn sie im Abgeordneten- hause angenommen worden wären, die Zustimmung des Herrenhauses und der Staatsregierung gefunden hätten." Aber Herr Bell ist ein selbstbewußter und anspruchsvoller Herr. Er liebt, wie wir bereits erfuhren, die Duplizität der Gründe. Darum fährt er fort: „Dieser Tatsache mußten die Vertreter der Zentrumsfrak» tion Rechnung tragen und sich andererseits v e r g e g e n- w ä r t i g e n, das; die nationallibcralen Anträge nur den Ein- druck hervorrufen sollten, als sei von der nationalliberalen Partei eine Ab s ch wä chu n g der p l n t 0 k r a t i s ch e n Wir- k u n g c n des D r e i k l a s s e n w a h l s h st e m S b e a b s i ch- t i g t. Die nationalliberale Partei suchte durch Einbringung dieses Antrages, über dessen Aussichten sie nicht im Unklaren sein konnte, den Boden für die Einbringung von Anträgen auf Aufhebung der Drittclung in den UrWahlbezirken Hu gewinnen. Indem sie also nach außen hin den Anschein hervorrufen wollte, als beabsichtige sie die Absckwächung des plutokratischen Charakters, suchte sie durch die Stellung des Antrages, mit dessen Annahme sie bei Würdigung aller einschlägigen Verhältnisse nicht rechnen konnte, und an dessen Annahme ihr auch schwerlich gc- legen war, die Tatsache zu verwischen, daß gerade durch die Drittelung in den Urmahlbczirken, auf deren Beseitigung im nationalliberalcn Parteiinteresse ihr ganzes Bestreben ge- richtet war, der plutokratische Charakter des Drciklasscnwahl- systems erfahrungsgemäß am meisten abgeschwächt wurde." Es ist nicht unseres Amtes, die braven Nationallibcralen! gegen die liebenswürdigen Unterstellungen des Herrn Bell in Schutz zu nehmen. Aber das müssen wir denn doch sagen: welchen Anspruch hat eine Partei wie das Z c n t r u m darauf, ihre pathetischen Beteuerungen, sie wolle— obgleich sie eine jede Abschwächung der Dreiklasscnschmach nieder- st i m m t e— tatsächlich und aufrichtig das gleiche Wahl- recht, e r n st genommen zu sehen, wenn diese selbe Partei anderen Parteien so ohne weiteres alle und jede Ehrlichkeit abspricht! Außerdem aber: das Gerede des Herrn Bell von der Ab- ficht der Natiouallibcralcn, einzig und allein durch Besciti- gung der Drittelung nach Urwahlbezirkcn das bestehende Wahlrecht noch verschlechtern zu wollen, schafft die eine Tatsache nicht aus der Welt: Hätte das Zentrum f ii r den erwähnten nationalliberalen Zehntcluugsantrag, die so- gciiaunte„ M i n i m i c r u n g", gestimmt und ihm damit zur Annahme verholfen, s 0 wäre damit die aus der Beseitigung der Drittelung nach U r- Wahlbezirken erwachsene Gefahr von vorn- herein zum guten Teil beseitigt gewesen, weil dann eben iil jedem UrWahlbezirk von je 199 Wählern mindestens 39 der ersten und zweiten Klasse angehört hätten! Wenn aber das Zentrum weiter behauptet, schon durch die Maximierung, das heißt durch die künftige Nicht- anrechuung der Stcucrbeträge über 5999 resp. 19 999 Mk. hinaus, wäre das gleiche erreicht worden, wie durch die von den Natioiiallibcralcn beantragte M i n i m i e r u u,g, so ist auch das total unrichtig. Denn durch die Mari- mierung wäre höchstens für den achten Teil aller Ur- Wahlbezirke eine Verschiebung innerhalb der Klassen eingc- treten, durch die Minimierung dagegen in sämtlichen UrMMzir&lll Eine ganz schiefe Darstellung gibt Herr Dr. Bell schließlich auch von der Stellungnahme des Zentrums zur Neueinteilung der Wahlkreise. Er stellt es auf Seite 32 und 45 des Fraktionsberichts so dar, als habe das Zentrum hauptsächlich deshalb gegen die so dringend gebotene Neucinteilung der Wahlkreise gestimmt, weil die F r i st z u kurz gewesen sei, auch diese Frage im Gesetz zu regeln, weil das Zentrum die Verquickung der Wahlkreiscin- tcilung mit dem Wahlgesetz für inopportun gehalten habe. Das ist durchaus falsch! Erstens hat die Zentrumsfraktion— mit Ausnahme der fünf sogenannten Arbeitervertreter— bereits früher, als von einer Wahlreformvorlage gar keine Rede war, gegen die Forderung der Neucinteilung der Wahlkreise gestimmt! Und zweitens erklärte der ultramontane Fraktionsredner. Abge- ordneter Herold, auch bei der ersten Lesung der Vorlage im Plenum wörtlich: „Eine Neucinteilung der Wahlkreise ist in dem Entwurf nicht vorgesehen, und das halten wir für einen Vorzug desselben.(Lachen links.! Durch das Lachen wird es in keiner Weise abgeändert!(Sehr richtig! im Zentrum.— Erneutes Lachen links.) Wiederholt haben wir im Laufe der Jahre darauf hingewiesen, daß nicht die Bevölker nngs- zahl allein für die Einteilung der Wahlkreise maßgebend sein kann, sondern daß auch viele andere Gesichtspunkte mit zur Geltung kommen müssen: die alte Tradition, die historische Entw:ckclung, namentlich ein gefestigter, ansässiger Mittelstand, sind ganz gewiß von der größten Bedeutung. Eine Bevölkerungszunahme, welche darauf beruht, daß vielleicht einige größere Fabriken angelegt find, welche aber mit dem Aufhören der Betriebe, weil sie vielleicht an dieser Stelle nicht mehr konkurrenzfähig sind, wieder verschwinden würde, kann natürlich nicht dieselbe Bedeutung haben wie eine solche, welche dauernd und für alle Zukunft mit dem Wahlkreise verbunden ist. Für jede Vermehrung ist auch in erster Linie eine gewisse Flächenausdchnung notwendig, ja, sie ist geradezu eine Vorbedingung für die stärkere Entwickclung der Bcvöllerungs» zahl. Wenn ich das anführe, so schließt das ja nicht auö, daß mit der Fortcntwickelung der Verhältnisse bei zu ftarlcr Verschiebung in einzelnen Bezirken auch einmal eine andere Ein- tcilung einzelner Wahlkreise in der Zukunft notwendig werden kann. Das ist auch im Jahre 1830 geschehen. Wir haben noch eine Vermehrung der Wahlkreise um 10 im Jahre 1906 vorge- nonimen, und deswegen liegt zurzeit kein Be» drürfnis vor. Wir von unserem speziellen Parteistandpunkt aus brauchten uns ja auch gar nicht gegen eine Vermehrung der Wahlkreise zu sträuben; denn im Jahre 1906 haben wir an der Vermehrung um 10 Mandate für unsere. Partei einen hübschen Anteil gehabt, und darum, glaube ich, würde bei einer neuen Vermehrung der Mandate unsere Fraktion wieder recht gut fahren. Aber an und für sich darf man eine solche Umänderung nicht zu häufig vornehmen, sondern erst dann, wenn durch eine erheblich fortgeschrittene Verschiebung sich cin unbe» dingtes Bedürfnis dafür herausstellt." Nach solchen Feststellungen glauben wir das Endurteil über das Machwerk des Herrn Dr. Bell, des Sprachrohrs der Zentrumsfraktion, getrost unseren Lesern überlassen zu könne». Sorgen wir dafür, daß bei den nächsten Reichstag s'w a h l e n die Abrechnung mit den ultra montanen Verrätern am Wahlrecht eine vernichtende wird!' M der Suche nach einer zugkräftigen Wahlparole. Den Konservativen fehlt es an einer zugkräftigen Parole für die nächsten RcichStagswahlen; sie suchen deshalb eine zu erfinden. Am besten hat, wie die Erfahrung lehrt, bisher noch immer der Appell an das vaterländische Gefühl geholfen, die mit mehr oder minder verlogenen statistischen Kunststücken dekorierte- Behauptung. daß das deutsche Vaterland in Gefahr sei und um sich gegen seine Gegner behaupten zu können, notwendig an sein: Söhne die größte'., Anforderungen stellen müsse. In dieser Richtung sucht man dem, auch jetzt wieder nach einer schönen Wahlparole. Am perfidesten verfährt bei dieser Suche natürlich die„Post" als würdige Ver-> trcterin des Prozcntpatriotismus der Stahl-, Panzer- und Ka- noncnfabrikanten. Sie stellte vor einigen Tagen an das Aus- wärtige Amt die niederträchtige Forderung, doch bis zu den nächsten RcichStagswahlen mit einer der anderen Großmächte einen Kon. flikt zu provozieren, der sich dazu ausnutzen ließe, das Deutsche Reich als von schtvcrcn Kriegsgefahren bedroht hinzustellen und den patriotischen Furor zu entfachen. Wie es scheint, findet diese vaterländische G an n e r po l i t i r jedoch selbst bei einem wesentlichen Teil der Konservativen nicht die richtige Würdigung, vielleicht weil man fürchtet, aus dem leichtsinnig zu Wahlzwccken provozierten Konflikt könnte sich cin gefährlicher Krieg entwickeln. Man glaubt, auch ohne dieses Mittel den Durchschnittswählcr in den nötigen Zustand der patriotischen Beklemmung und Begeisterung versetzen zu können, und zwar auf folgende Weise: Die Regierung soll unter Hinweis auf die Rüstungen der Nachbarstaaten von: Reichstag beträchtliche Heeres- und Flottcnvermchrungen fordern; lehnt dann der Reichstag diese Forderungen ab. so soll er aufgelöst und dann den Wählern eingepaukt werden, wenn nicht die ge- forderten Mittel bewilligt würden, so sei Deutschlands Bestand und Ehre aufS schwerste gefährdet. Zu den Leuten, die es vorläufig mit diesem„Appell an das nationale Gewissen" versuchen wollen, gehört auch der bekannte Militär- und Fwttenpolitiker Generalmajor Keim. Er fufstt iß by;«HM.cjlWdünz für nationale Miti.lJ auF: Die Regierung müsse Sei Ablauf des OuinquennaiS ohne Rüusichl auf die Parteiucrhältuisse im Reichstag die Festigkeit besitzen, dlcjenigen Forderungen zu erheben zur Verstärkung unseres Landheeres, die angesichts der stets wachsenden militärischen Rüstungen Frankreichs und der im Zuge befindlichen Reorganisation des russischen Heeres unbedingt nötig erscheinen. ES liegt die Gefahr vor, das) unter der Formel:„Sparsamkeit um jeden Preis" das Matz der Forde- rungen ein unzureichendes werden könnte und das; aus Rücksicht auf den neuen Block, d. h. mit Rücksicht auf das Zentrum, schließlich zu bedenklichen Halbheiten gegriffen werden könnte. Dem gegenüber müsse mit aller Entschiedenheit betont werden, datz die politische, nationale und auch wirtschaftliche Zukunft Deutschlands aufs schwerste gefährdet erscheint, wenn Erwägungen solcher Art bei dem Ausmaß der Militärvorlage Platz greifen sollten. Deutschland müsse unbedingt seine Streitkräfte beträchtlich vermehren, denn die anderen Mächte rüsteten ebenfalls: „In anderen Länd-ern, wie England, Frankreich, Vereinigte Staaten von Nordamerika, selbst Italien, gilt es als selbstver- ständlicher Grundsatz, datz Fragen der Landesverteidigung aus dem Getriebe der Parteipolitik auszuscheiden sind. Es sind auch diesen Ländern parlamentarische Schwierigkeiten in Wehrfragen mir in verschwindendem Matze entstanden. So wäre z. B. ohne Befolgung dieses Grundsatzes es unmöglich gewesen, datz Frankreich, welches 25 Millionen Einwohner weniger zählt, als Deutsch- land. und dessen Nationalvermögen geringer ist als das deutsche, im Besitz eines Heeres ist, das mehr ausgebildete Soldaten auf- weist als das deutsche. Geradezu beschämend ist es unter anderem für Deutschland, datz, entgegen den Bestimmungen der Reichs- Verfassung nur 0,85 Proz. der Bevölkerung unter den Waffen steht, während Frankreich l,35 Proz. im Frieden ins Heer ein- gereiht hat. Es kann deshalb auch schon von einer wirklichen„all- gemeinen Wehrpflicht" in Deutschland nicht mehr die Rede sein, wenn man berücksichtigt, datz im laufenden Jahr nur 50 Proz. der für tauglich befundenen Mannschaften in das Heer eingestellt werden konnten. Es mutz ferner an die Tatsache erinnert werden, daß in Deutschland jahrein, jahraus Hunderttausende von durch- aus kriegslanglichcn Ersatzreservisten ohne jede militärische Aus- bildung bleiben, trotzdem solches gesetzlich vorgeschrieben ist. Es fehlt, wie die Regierung behauptet, an dem nötigen Geld. Auch die Ucbungen des Beurlaubtenstandes finden bei uns nur in ge- ringerein Umfange als in Frankreich statt. In Deutschland werden durchschnittlich im Jahre ungefähr 350 000 Mann des BeurlaubtcnstandcS eingezogen, in Frankreich beträgt diese Zahl ' in diesem Jahre über 000 000 Mann." Also mehr Militär, mehr Uebungcn der Reservisten, weniger Zurückstellungen! Bisher hat sich der deutsche Michel nur zu oft durch derartige wohlbcrechncte Appellationen an seinen Patriotismus einschüchtern lassen; aber schließlich dürfte auch ihm ein Licht über den Zweck der Mache aufgehen. Sie britische Arbeiterpartei über Deutschland. London, 1. August.(Gig. 93er.) Die Studienkommission der britischen Arbeiterpartei, die im Monat Mai dieses Jahres Deutschland besuchte, um die soziale Lage der deutschen Arbeiterklasse zu studieren, hat vor einigen Tagen ihren Bericht herausgegeben. Man wird der- sucht sein, einen Vergleich zu ziehen zwischen diesem von peinlicher Gewissenhaftigkeit zeugenden Werke und dem lächer- lichen Saimnelsuriu« der Tarifreformliga, das vor einiger Zeit hier besprochen wurde. Das würde aber ebenso unnütz sein, wie ctlva ein Vergleich zivischen einem modernen Präzisions- geivehr und einer alten Donnerbüchse, die ebenso gut nach vorne wie nach hinten schießen kann. Die von der Tarif- reformliga geschickten Arbeiter beurteilten das, was man ihnen zeigte, mit der Oberflächlichkeit der Touristen; bei dem vor- liegenden Berichte haben wir es mit dcir Urteilen erfahrener Gelverkschaftssührer zu tun, denen man kein TL für ein U vormachen und denen man eine vernünftige Beurteilung der allgemeinen Lage ihrer Klassengenossen in Deutschland wohl zutrauen kann. Wenn an dem Bericht etwas auszusetzen ist, so ist es die Fülle des wissenschaftlichen statistischen Materials, das die deutschen Gewerkschaften ihren Berufskollegen mitgegeben haben. Das verringert den agitatorischen Wert der Broschüre; denn der englische Arbeiter ist kein Freund von Zahlen- regimentern. Es soll hiermit nicht gesagt sein, daß das ge- borene statistische Material seinen Zweck verfehle; im Gegen- teil, der Kommissionsbericht bringt einige der frappantesten Zusammenstellungen, die von der deutschen Partei, den Ge- lverkschasten und von anderer Seite gemacht worden sind. Vielleicht ist die Broschüre auch in erster Hinsicht für die Be- dürfnisse der Agitationsredner berechnet, die darin reichhaltige Munition gegen die Wanderredner der Schutzzöllner finden werden. „Zwei Dinge müssen sich dem aufmerksamen Besucher Deutschlands einprägen: der hohe Grad der O r g a n i s a- t i o n und die hohen K o st e n der Lebenshaltung." So fängt der Bericht an; der Nest bildet die Erläuterung dieses Satzes. Es ist schwer, all den zutreffenden Beobachtungen, die die Kommissionsmitglieder machen, gerecht zu werden. Lassen wir nur einige folgen: „An der Oberfläche bieten die deutschen Städte eine Art festtägliches Aussehen. Glänzend beleuchtete Gasts mit Musikkapellen sind bis zu den frühen Morgenstunden beschäftigt, usw." Daß die englischen Gewerkschaftsführer hinter diesem festtäg- lichen Prunk die kärglichen Wohnungen der großstädtischen Arbeiter entdeckten, braucht dem Leser wohl kaum gesagt zu werden. Uniformen gibt es Legion, Beamte in Massen und die ungeheuren Häuscrhaufen für städtische, staatliche und Reichs- autoritäten lassen einen diese Tatsachen nicht vergessen. Den englischen Besuchern imponierte das Zusammenarbeiten der städtischen und staatlichen Behörden auf dem Gebiete der Sozialversicherung. Sie führen die Tätigkeit der deutschen Behörden darauf zurück, daß in Deutschland das soziale Gewissen geweckter sei als in Großbritannien; sie ver- gessen aber zu sagen, wer den deutschen Behörden das Gewissen schärft. Wie würde es»vohl nrit der Sozialvcrsiche- rung aussehen, wenn die böse Sozialdemokratie nicht wäre. In bezug auf Arbeitersürsorge an den Arbeitsstellen sagt der Bericht: „Die Errichtung von Bädern und sonstigen Bequemlichkeiten an den Arbeitsstellen schien uns ausgezeichnet und mag etwas mit dem reinlichen und ordentlichen Aussehen der Arbeiter zu tun haben: eS kann aber auch fein, datz sie wegen dieses UmstandcS geschaffen worden sind." Die letzte Erklärung wird wohl niehr zutreffen, als die erfte. Das saubere und ordentliche Aussehen des deutschen Arbeiters, durch das sich dieser recht auffällig von seinemeng- lischen und französischen Kollegen unterscheidet, ist ein Produkt der kulturellen Misston der Sozialdemokratie, die in der Ar- bciterschast das Klassenbewußtsein und die Menschenwürde wach gerufen hat. Das wird sogar von ehrlichen Gegnern der Partei zugegebeit. Besucher Deutschlands sind leicht ge- neigt, die erwähnten Einrichtungen der Gutmütigkeit der Unternehmer oder dem Reformetfer der Regierung zuzu- schreiben; sie wissen nicht, wie unaufhörlich die Partei und die Geiverkschaften an der Verbesserung der Arbeiterexistenz arbeiten und gearbeitet haben. Der Bericht zollt den deutschen Gewerkschaften und ihrer ausgedehnten publizistischen und statistischen Tätigkeit unbedingtes Lob, und man kann zwischen den Zellen lesen, daß die englischen Gewerkschafter über die Wirksamkeit der deutschen Organisationen nicht wenig überrascht waren. Wie alle Besucher Deutschlands stimmen auch sie in das hohe Lied über die deutsche Hausfrau und speztcll die Arbeiterfrau ein. Die Arbeiierfrau hat wenig auszugeben, aber sie versteht es, mit dem Wenigen zu wirtschaften. Ihr Heim ist klein wie ihre Mittel, aber es ist gewöhnlich reinlich, obwohl die Frau in vielen Fällen den Lohn ihres Mannes vermehren helfen mutz, indem sie entweder draußen oder zu Hanse für Lohn arbeitet,»md dabei hat sie ihren häuslichen Pflichten nachzukommen. Sie hat viele Kinder, aber trotz der schreckliche» llcberfüllung der Wohnung sind diese gewöhnlich rein und ordentlich." Was die Kommission über die teueren Lebensnuttel, Mieten und Jndustricprodukte zu berichten hat, wird den Lesern meist bekannt sein. Sie geht bei dem Vergleich der Preise und der Qualität der vom Volke konsumierten Waren ehr ausführlich zu Werke. Jeder Artikel wird einzeln be- prochen, wie 93rot, Kaffee, Butter, Tee, Fleisch, Zucker, Käse, Eier, Milch, Kartoffeln, Kohle usw. Es wird statistisch nachgewiesen, daß die Preise aller dieser Waren niit Ausnahme von Eiern, Milch und Kartoffeln im schutzzöllnerischen Deutschland bedeutend höher sind als im freihändlerischen England. Auch wird gezeigt, daß die Qualität der vom deutschen Arbeiter konsumierten Ware häufig geringer ist als die vom englischen Arbeiter konsumierte. Dazu beweist der Bericht, daß die Löhne der deutschen Arbeiter geringer sind als die der englischen. Aller- dings wird zugegeben, daß der Unterschied in den Löhneu der ungelernten und gelernten Arbeiter in Deutschland bei weitem nicht so groß ist als in Großbritannien. Das ist bekanntlich darauf zuritckzusühren, daß die englischen Gewerkschaften es lange Zeit zu ihrem eigenen Schaden vernachlässigten, die ungelernten Arbeiter zu organisieren. Ueherall fanden die Besucher die heftigste Opposition gegen das Schutzzollsystem bei den Arbeitern, und auch manche Fabrikanten erklärten sich dagegen. Ueber die Stellung der organisierten deutschen Arbeiterschaft zur Zollpolitik der Ne- gierung wird bemerkt: „Die sozialdemokratische Partei im Parlament hat sich gegen sie erklärt und ihre Stellung formell im Parteiprogramm nieder- gelegt; und man sollte nicht vergessen, datz die sozialdemokratische Partei einen weit gröberen Teil des deutschen Volkes vertritt, als die Zahl ihrer Vertreter im Parlament dartut; bereinigte sie doch nn Jahre 1907 ein Drittel aller abgegebenen Stimmen auf sich." Eine Reihe von Arbeiterbudgets gibt dem englischen Arbeiter einen Einblick in den Haushalt seüies deutschen Klasscngenossen. Eine Anzahl Spczialbekichte über die Lage der Arbeiter in verschiedenen Berufen(ungelernte Arbeiter, Hüttenarbeiter, Maschinenbauer, Stahlarbeiter, Textilarbeiter, Eisenbahner und Buchdrucker) versuchen einen Vergleich zwischen der sozialen Lage und den Arbeitsbedingungen der Berussstellungen in beiden Ländern herzustellen. Der Bericht über die Buchdrucker gibt dem ganzen einen interessanten Ab- schluß: Er(der deutsche Arbeiter) wohnt in Städten mit schönen breiten Strotzen, die an beiden Seiten von schmucken, empor- ragenden Gebäuden begrenzt werden, aber er wird nach hinten gedrängt und zwischen diese Strotzen in MietSwohnungcu von zwei oder drei Räumen, für die er äutzcrst hohe Mieten zahlt. Seinen und der Seinen künftigen Fortschritt erhofft er von der gewerkschaftlichen und politischen Aktion und empfiehlt seineil britischen Genossen dieselbe Politik." Die Tarifreformer hat der Bericht in nicht geringe Ver- legenheit gebracht, die sich in den Kritiken der„Times", „Daily Mail" und anderen Blätter deutlich widerspiegelt. Denn eS ist unverkennbar, daß sich der organisierte Arbeiter Großbritanniens für die Produkte des deutschen„Wissenschaft- lichen" Zolltarifs höflichst bedankt. Sie lfoliaei gegen die Lustpioniere. Eine preußische Behörde hat wieder einmal den tröstlichen Beweis erbracht, datz Preutzen aller Welt voran ist— in der Kunst der polizeilichen Reglementierung. Es war ja auch aller- höchste Zeit, datz jetzt, nachdem auch in Deutschland die Aviatik der Entwickclung anderer Länder schüchtern nachzuhinken begann, schleunigst die Polizei gegen die allzu stürmische Eroberung der Luft ihr gewichtiges Äcto einlegte.„Nur nicht drängeln", ge- bietet das Schutzmannsaufgebot, wenn ein paar hundert Zuschauer an Mittwoch- oder Samstagabenden die illuminierten Wasserkünste in Berlins kleinstem, aber schönstem Park, dem Viktoriapark, be- wundern.„Nur nicht drängeln" gebietet auch eine hohePolizci, wenn ein paar kühne Lustpioniere beweisen wollen, datz der Aeroplan nicht nur dazu da ist, in ewigen Zirkusflügcn oder gar durch törichte Kunst- tückchen, die gar nicht seinem Wesen entsprechen, eine Handvoll reicher Sportlungerer zu unterhalten, sondern datz er auch zum Verkehrsmittel tauglich ist, wenn auch nur für die. die sich's leisten können, was ja übrigens in unserer besten aller Gesell- schaften bei einem anderen wunderbaren Verkehrsmittel, dem Automobil, auch nicht viel anders ist. Der Oberpräsident der Provinz Brandenburg hat nämlich folgende Bestimmungen er- lassen: § 1. Der Aufstieg mit Flugmaschincn zu Schauflügen auf Flugplätzen und zu Uebcrlandflugcn ist nur solchen Personen gestattet, die sich im Besitze eines Führcrzcuymsses für Flug- zeuge nach den Bestimmungen der„Föderation Aeronautique Internationale" befinden. � § 2. Die Veranstalter von Schauflügen oder von Ueber- landf lügen haben die beabsichtigten Fluge mindestens drei Tage vorher der Ortspolizeibehörde, die für den Flugplatz oder für den Ausgangsort der Ueberlandflüge zuständig ist, anzuzeigen. Die Führerzeugni�e der be- teiligtcn Führer sind spätestens 24 Stunden vor Beginn des Fluges der zuständigen Ortspolizeibehörde durch die Flieger selbst vorzulegen. �... § 3. Bei Ueberlandfliügen ist das Ueberfliegen von ge- schlossenen Ortschaften verboten. Bei Schauslugen dürfen die Schranken des Flugplatzes nicht überflogen werden. 8 4. Zuwiderhandlungen gegen diese Verordnungen werden, soweit nicht nach sonstigen gesetzlichen Vorschriften eine höhere Strafe verwirkt ist, mit Geldstrafe bis zu 60 M. bestraft. § 5. Diese Polizcivcrordnuug tritt mit ihrer Veröffcnt- lichung in Kraft. Po.Sdam, den 29. Juli 1910. Dieser Erlaß enthält neben einer Reihe von Selbstverständ- lichkeiten auch eine geradezu burleske Bestimmung, die Preußen wieder einmal zum Gegenstand der ausländischen Lachlust machen DMSÄt dsß tünstig nur sMq MMÜU Sjäai« upd Ueberlandflüge mächen dürfen, die sich ein FührekzfilgniS et* warben haben, datz bei Schauflügen die Schranken und bei Ueber. landflügen geschlossene Ortschaften nicht überflogen werden sollen, laßt sich nichts einwenden. Das erfordert die Sicherheit des Publikums, die durch einen vernünftigen Betrieb der Aviatik so wenig gefährdet zu werden braucht, wie durch den Automobiltsmüs. In Frankreich sind zwar Hunderte von Ueberlandflüge» ausge» führt und zahllose Male Städte und Ortschaften überflogen worden, ohne datz sich je ein Unfall ereignete, allein die Möglichkeit der Gefährdung dritter Personen durch abstürzende Aeroplane besteht immerhin. Freilich sollte man dann auch konsequenterweife das Ueberfliegen geschlossener Ortschaften durch Lenkballons ver- bieten, denn daß auch bei diesen die Gefahr des Absturzes und der Verletzung von Menschen besteht, ist ja hinlänglich durch ver- schiedene Katastrophen erwiesen. Neben diesen einwandfreien Bestimmungen ist nun aber auch die erlassen worden, datz die Veranstalter von Ueber- landflügen die beabsichtigten Flüge mindestens drei Tage vorher der zuständigen Ortspolizeibehörde anzuzeigen haben! So etwas bringt eben nur die preußische Polizeibureaukratie fertig, der das flinke vogelsreie Luftfahrzeug wohl schon längst unheimlich ist. Datz solche Ueberlandflüge, die doch auS dem trcibhauSmätzigen Flugplatzsport erst eine srbie, fröhliche und nützliche Kunst machen können, sich jeder vorherigen Anmeldung entziehen, weil sie von Wind, Wetter, Motor und hundert anderen Zufälligkeiten abhängig sind, das scheint unseren Oberbureau- kraten gänzlich unbekannt geblieben zu fein! Wenn der Aviatiker das einzig Vernünftige tut, nämlich ohne Rücksicht auf die ge- strenge Polizeibehörde die Gunst der Stunde nützt und sich unbe- kümmert in die Lüfte schwingt, so soll er künftig ein Strafmandat erhalten! Es ist zu abgeschmackt! Auf der einen Seite unterstützt der preußische Staat die Aviatik für die bevorstehende Flugwoche in Johannisthal hat er 18000 Mk. an Preisen gestiftet und auf der anderen Seite sucht er ihr durch unverständige und schikanöse Polizeivcrfügungen die freie Entwickelung zu unterbinden. Oder glaubt man, datz der ungeheure Vorsprung der französischen Aviatik durch polizeiliche Krähwiukeleien vom Schlage des obigen Erlasses erreicht worden ist? politileke Gcberlicbt, Berlin, den 3. August 191(1. Die Kriegsschiffsverranischung perfekt. Wie übereinstimmend aus Konstantinopel und Berlin gemeldet wird, ist der bereits neulich avisierte Verkauf zweier deutscher Kriegsschiffe,„W ei tz e n b u r g" und„W ö r t h", an die Türkei bereits perfekt. Auch schweben bereits Verhandlungen über den Verkauf zweier weiterer Linienschiffe, des„Kurfürst Friedrich Wilhelm" und der„B r a n d e n b u r g". Das bedeutet nichts Geringeres, als daß die vier Schiffe der Brandenburgklasse, für die nach dem Flottengesetz von 1907, durch das das Alter der Linienschiffe von 25 auf 20 Dienstjahre herab- gesetzt worden war, bis zum Jahre 1912 Ersatzbauten in Austrag gegeben werden sollen, schon jetzt an die Türkei der- kauft werdenl Das Flottengesetz erstrebt bekanntlich die Schaffung einer Schlachtflotte von 38 Linienschiffen. Nach dem neuesten„NautikuS"� für 1910 beträgt gegenwärtig unter Hinzurechnung der Schiffe der Brandenburgklasse die Zahl der fertigen Linienschiffe nur 28, während sich 11 im Bau befinden. Und trod- dem und trotz der Behauptung unserer Flottenfexe, datz Deutsch. lands Flotte immer noch nicht stark genug sei, sollen jetzt einfach vier dieser Linienschiffe an das Ausland verkauft werden! In einem gelegentlich marineoffiziösen Blatte wird erzählt, datz Deutschland bei diesem Verkauf Sin glänzendes Geschäft mache, da die Türkei für jedes der Schiffe 10 Millionen, das heitzt 50 Proz, seines Anschaffungspreises, zahlen wolle. Das glänzende Geschäft dabei aber werden unsere Panzerplattenpatriotsn machen, denn es ist ganz zweifellos, Sah man sich nach solcher Schwächung Unserer Echlächtflotte nicht einfach mit den ja bereits bewilligten Ersatzbauten begnügen, sondern noch darüber hinaus schleunigst den Bau weiterer riesiger Schlachtschiffe verlangen wird! Das ist um so zweifelloser, als ja die Schiffe der Branden- burgllasse an Deplacement und Gcschtvindigkeit hinter denen der Barbarossa, und WittelSbachklasse nur wenig zuvückstehen. sie an Schwere der Armierung sogar noch übertreffe.,,. Wenn also diese Schiffe als veraltet ans Ausland verramscht werden, so werden unsere Flottenpolitiker auch den Schiffen der Barbarossa- und WittelSbachklasse kaum noch einen besonderen Ge- fcchtswert � einräumen und schleunigst für deren Ab» stotzung und Ersatz zu sorgen suchen! Während also daS Boll Einschränkung der Flotten- rüstungen verlangt, schwächt die Regierung die K r i e g s f l o t t e durch Verkauf geflissentlich derartig, datz sie nach den ReichStagswahlen schleunig ft mit einer neuen Flottenvorlage herauszurücken vermag? Agrarische Forderungen an den neuen LandwirtschnftSiiiinistcr. DaS preußische Junkertum ist trotz der riesigen Begünstig, mg seiner wirtschaftlichen Interessen durch die heutige Handels- und Zollpolitik noch immer nicht zufrieden. Die enormen Vorteile. die ihm in den letzten Jahren zugefallen sind, haben nur seinen Appetit vermehrt. Zwar die Sgratzölle lassen sich nicht ohne weiteres hinaussetzen, und auch die fremde Vieheiufuhr ist durch die Grenzsperre schon so spärlich geworden, daß sie für die einheimische Viehzucht nicht mehr in Betracht kommt, so bleibt zurzeit nur die Forderung, daß bei der Aufstellung des preußischen Staatshaushaltsplanes die.Landwirtichast", d a» h e i ß t der Großgrundbesitz,„och mehr berücksichtigt wird als bis- her. Tatsächlich stellt denn auch Herr Georg Oertel mit der Kognak- marke ganz ungeniert in der„Deutschen TageSztg." an den neuen Laudwirtschaftsministcr die Forderung, es müßten noch größere Summen für die landwirtschaftlichen Interessen aufgewendet werden« Er meint: Bei dieser Gelegenheit möchten wir eine weitere Hoffnung aussprechen, die gerade zetztin der Zeit, w o der preußische Staatshaushaltsplan vorbereitet wird, besonders zeitgemäß ist. In den lctzr-n Jahren seit dem RiicktrUte de» Staatsministers v. PodbielSkr ist in landwirtscbaftuchen»reisen immer laute und berechtigte Klage darüber gefuhrt worden, daß die Forderungen der Land. Wirtschast im Staatshaushaltspläne nicht genügend berücksichtigt wurden. Man ist über die Bewilligung des ganz unbedingt Röngen nicht hinausgegangen; ja man har hier und da eine Spar s amieil bekundet, die im Interesse der Landwirtschaft und damit de» GesamlstaateS be- dauerlich war. Man hat dem Herrn v. Arnim vor- geworfen, datz er dem den Daumen auf den Beutel hgttWdc» Finavzvjnister gegenüber allzu nachgiebig gewesen f«f. CB sch die Sache so Verhalten Hab«, wissen wir nicht. ZLirwünsche naber. dah das von seinemNach» folger nicht gesagt werden könne. Möge er im nächsten Er habe eine„höchst autoritative Vcr- warnung" erhalten und einen Brief des Ministers des Innern Trcpow an den Moskauer General-Gouverneur, in welchem seine Verfügungen aufgehoben wurden. General Reinbott sah aus diesen Anzeichen, daß das Bordellwescn und das Hazardfpiel von Peters- bürg auS begünstigt wurden und ging nun mit ruhigem Ge- wissen an die materielle Ausbeutung dieser Geldquellen. Auch die Unterschlagungen und falschen Buchungen wurden ihm von Petersburg aus vorgeschrieben. General Reinbott zitiert eine Verfugung de« PolizcidepartementS, in welcher ihm empfohlen wurde, fiktive Ernennungen zu vollziehen, um für die er- nannten Personen au« dem Finanzressort Pensionen zu erhalten, wobei ihm ans Herz gelegt wurde, dieses recht unbemerkt zu inszenieren. Aber vor allem war eS der Kampf gegen die Volksbewc- gung, die, nach General ReinbottS Angaben, die Administration zu Fälschungen und Unterschlagungen trieb. Er schreibt:„Freie Mittel sind einer der mächtigste» Faktoren, die die Position der Regierung festigen und ihr Ansehen stärken." Und da er von der Zentralregierung den Austrag erhalten hatte, die revolutionäre Bewegung im aufständischen Moskau zu unterdrücken, so raffte er, wo nur möglich, Gewer zusammen, um die Polizei zu vervoll- ständigen und die Lockspiyelci und Spionage auf die Höhe zu bringen. Interessant ist. was General Reinbott über die Haltung der Regierung vor der Sprengung der ersten Duma mitteilt. Am 30. Juni 1900 oder fast einen Monat vor der gewaltsamen Auf- lösung der Duma, wurde er nach Petersburg berufen, um dem Ministerpräsidenten Goremykin über die Lage m Moskau Bcrickst zu erstatten.„Hierbei— so schreibt er— erklärte mir der Mi- uister Stolypin. daß es im Prinzip beschlossene Saide sei. die Reichsduma zu schließen, aber daß man gerade für Moskau fürchte. da Unruhen in der Residenz einen ungünstigen Eindruck in Europa ausüben und auf unsere Finanzen zurückwirken könnten." Am 19. Juli. d. h. zwei Tage vor der Auflösung der Duma, wurde Reinbott wieder nach Petersburg berufen, wo Stolypin ihn wieder fragte, ob er im Falle der Auflösung der Dum.a für die Ordnung in Moskau bürgen könne. Auf die Angaben seiner Spione und Lockspitzel gestützt, gab General Reinbott eine b«- ruhigcnde Antwort. Am 8./21. Juli wurde Reinbott durch da? Telegramm unter Nr. 33038 in Kenntnis gesetzt, daß die ReickSduma am folgen» den Tage aufgelöst Werden Würde, und dgß xx djx kMkgischitü» Maßregeln zur Nnierdrückung von Unruhen ergreifen müsse.„Um ich zu überzeugen, welche Bedeutung Moskau beigemessen wurde, muß erwähnt werden, daß der Minister des Innern den Be-ehl erteilte, ihm täglich über die allgemeine Situation in MvSkau und den Stand der 4prozentigen Rente an der Moskauer Börse tele- phonisch Bericht zu erstatten." General Reinbott schließt die Scknl- derung der damaligen Situation mit dem Hinweis auf die Ein- führunz der Feldgerichte,„wo der Administrator eigentlich schon durch die Unterzeichnung des Papiers wegen der Ueberweisung der Angelegenheit an das Feldgericht das Todesurteil bestätigte."— Aus der Verteidigungsschrift Reinbotts hört man deutlich her- aus, daß er über die„Undankbarkeit" empört ist, mit welcher die Regierung Stolypin gegen ihren treuesten Diener, gegen ihren Helferslielfer in der Zeit der Not vorgeht. Seine Enthüllungen bilden eine wertvolle Ergänzung zu allem, was über das Regie» rungsshstem Stolypin bekannt geworden ist. Eben darum haben sie in den Petersburger Regierungskreisen eine ungeheure Erre- gung hervorgerufen und selbst die halbosfiziöse„Nowoie Wrcmja" zu dem Ausruf veranlaßt:„warum haben die Beschützer von Gesetz und Recht ihre Revision nicht auf die Tätigkeit der zentralen Organe ausgedehnt, die in den veröffentlichten Dokumenten be- rührt wird, und welch ein Bild werden wir erblicken» wenn man einmal die Revisoren selbst revidieren wird?" )Zus Induftrie und Ftondct Die Konzentration in der elektrotechnischen Industrie. Seit der großen Konzentrationsbewcgung in der ElektrizitätS» industrie, die gewissermaßen die drei großen Konzerne: A. E. G.» Siemens-Schuckcrt und Feiten u. Guillaume-Lahmcyer, zu Bc- Herrschern des Marktes machte, hat sich die Marktlage wesentlich verschoben. Die Berg mann werke sind als Mitbewerber für größer« Projekte auf dem Plane erschienen und verfügen heute bei einer dreifachen Rentabilität über ein höheres Aktienkapital als das Frankfurter Stammhaus der Lahnieyergruppc. Tie Berliner Maschinciibau-Akticngesellschaft Schwartzkopff hat im letzten Jahr- zchnt ihre elektrische Abteilung' zu großer Leistungsfähigkeit aus- gebaut, und auch eine Reihe anderer Firmen belastet mit ihren Erzeugnissen wieder den Markt. Insbesondere hat die Schweizer Aktiengesellschaft Brown, Bovert u. Cie. mit ihrem Streben nach Erweiterung ihres Absatzgebietes in Teutschland durch ihre Interessenvertretung, die Brown, Bovcri u. Cie., Aktiengesellschaft» in Mannheim, seit Jahren einen starken Preiskamps in ber deutschen Elektrizitätsindustrie hervorgerufen. Zwar bestanden zwischen ven drei großen Konzernen immer noch Verein- barungen über die Preislage, die aber bei dem Mit- bewerb anderer Firmen außer Kraft getreten und nur dort An- Wendung finden konnten, wo die drei Konzerne allein zum Weit- bewerb aufgefordert waren. Während die Rentabilität des werben- den Aktienkapitals der beivcn größten Konzerne gesteigert werden konnte, hat sich das Geschäftsergebnis der Lahmeher- Gesellschaft in letzter Zeit ungünstiger gestaltet, zumal gerade in ihrem Interessengebiet sich der Wettbewerb von Brown, Bovert u. Cie. sehr stark bemerkbar machte. Das beste Geschäft, daS die Lahmeyer-Gesellschaft jemals gemacht hat und das ihren Ruf als ausführende Firma in erster Linie befestigte, war der Vertrag über den Bau und den Betriebals Pächter des Charlotten- burger Elektrizitätswerkes. Es ist ein offenes Ge- Heimiiis, daß der Frankfurter Firma aus diesem Geschäft jährlich in den letzten Jahren hohe Gewinne zuflössen, die die Dividende um mehr als 1 Proz. beeinflußt haben. Am 1. August hat die Stadt Charlottenburg das Elektrizitätswerk nach Ablauf des Ver- träges in eigene Verwaltung übernoinmen, so daß diese Einnahme für das Rcchnungsergebnis der nächsten Jahre fortfällt. Die Miß- stimmung bei der Frankfurter Firma über die jetzige Marktlage wurde noch durch das Aufhören der Jnteressengemein- schaftzwischcnDresdnerVank und Schaaff Hausen» schem Bankverein, den Siützen der Elcktrobank für die Lahmeyergruppe, und durch die Kostspieligkeit der Vertretungen im Auslände verschärft. Andererseits empfinden auch die beiden größten Konzerne den Wettbewerb von Brown, Boveri u. Cie. immer stärker. Tie A. E. G. scheint den Plan einer Angliederung diese» Unternehmens völlig aufgegeben zu haben, da sie neben dein Erwerb von mehr als der Hälfte der Aktien der Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich ihren Besitz von 4 200 000 Frank Aktien der ersten Gesellschaft abgestoßen hat. Es ist anzunehmen, daß sich zwischen A. E. G. und Brown, Boveri u. Cie. durch die neue Trans- aktion infolge des größeren gemeinschaftlichen Interessengebietes beider Firmen ein scharfer Kampf abspielen wird. Ferner scheinen die Verhältnisse auf dem österreichischen Markte ebenfalls mitgesprochen zu haben. Neben der Errichtung eines Kabelwerkes in Bodenbach durch Bergmann hat sich neuerdings auch Brown. Boveri u. Cie. zu einem Vordringen nach Oesterreich entschlossen. zumal da hier der Ausbau der Wasserkräfte und die Elektrisierung der Bahnen immer festere Formen annimmt. Durch die Gründung der österreichischen Brown-Boveri-Werke und die Uebernahme der Fabrik ver Vereinigten ElcktrizitätSgesellschaft hat die Schweizer Firma in Oesterreich Fuß gefaßt, wo die beiden großen deutschen Konzerne durch die österreichischen Siemcns-Schuckertwerke und die Aktiengesellschaft für elektrischen Bedarf interessiert sinv. Durch die Verkettung mit der Lahmeyergruppe bekommt die A. E. G. in Oesterreich direkte Beziehungen zu den der Lahmeyergruppe ge- Hörensen Werken._ Eine Abfindung. Der AufsichtSrat der Hohenlohe-Werke-Aktiengesellschaft hat be- schlössen, einer auf den 10. September einzuberufenden General- Versammlung die Ausgabe von 32 Will. Mark neuen, ab 1. April 1910 dividcndcnbcrechtigten Inhaberaktien vorzuschlagen, welche alS einmalige Gcsamtabfindung dcS Fürsten zu Hohenlohe für die ihm nach feinem Vertrage mit der Gesellschaft dauernd zustehenden Lahresrente von 3 MM. Mark dienen sollen. Erntcschätzuug für Winterrogge» 1910. DaS Königl. Statistische LandeSamt hat eine vorläufige Ernte- schätz, mg veranlaßt, nach welcher sich für Preußeil folgende Daten ergcoen: Voronssichtlicher 1909 wurden 1909 geschätzte Ertrag gcerntct Mittelernte pro Hektar in, ganzen � pro Hektar im ganzen pro Hektar in Tonnen 1.78 8 311641 1.88 8 471007 1.68 Wenn man berücksichtigt, daß die vorjährige Ernte außergeivöhn- lich groß war und die damalige Schätznng von 1,08 pro Hektar hinter der diesjährigen mit 1,78 erheblich zurückstand, dann haben wir wieder mit einer sehr guten Ernte zu rechnen. Nachlassen der Weizen- und Mchlpreise. Interessentenkreise sind geschäftig dabei, durch allerhand Stimmungsberichte und unkon. trollierbare Nachrichten ein erneute» Hinauftreiben der Getreide» preis« zu erzielen. Ten Haussemachern dürste folgende Meldung sehr ungelegen kommen: Paris, 2. August.(Meldung der Agence tzava«.) Laut amt» lichcn Nachrichten dürfte ein leichte? Nachlassen der Preis« von Weizen und Mehl erfolgen. Die Aufwärtsbcwegung hat anscheinend ihren Höhepunkt erreicht. Angesehene Landwirte sind der Ansicht, daß die Ernte noch 82 Millionen Zentner ausmachen und damit noch um vierzehn Millionen größer sein wird alt im Krisenjahr« 1897. ES ist also kein Grund zur Beunruhigung vorhanden, und die hohen Brotpreise, die in Paris festgestellt sind,«erden nur von kurzer NSM lcA �"* GewerhfcbaftUcbe� Die Juftiz hilft immer! Sie hilft auch gegen die Ausgesperrt en. Geht es nicht mit dem einen Paragraphen, dann mit einem anderen. Gehts nicht mit dem K 153 der Geivcrbeordnung, dann tut noch der Nötigungsparagraph seine Pflicht. Das hat sich jetzt in Dortmund wieder gezeigt. Da wurde ein Verbandsfunktionär verurteilt, weil er einen Verbandskollegen zur Pflichterfüllung ermahnt hatte. Der Fall liegt wie folgt: Als die Bau- arbeiteraussperrung beendet war. hielten es die Unternehmer im D a ch d e ck e r g c w e r b e für an der Zeit, ihre Gehilfen auszilsperreu. Unter den verschiedenen Maßregeln, mit denen der Gewaltstreich der Unternehmer beantwortet wurde, befand sich auch der Beschluß der G e h i l f e n o r g a n i s a ti o n, daß die in Arbeit verbleibenden Kollegen während der Dauer der Aussperrung höhere Beiträge zur Organisation leisten sollten. Ein nicht ausgesperrtes Verbaudsmitglied»v e i g e r t e sich beharrlich, seinen Verpflichtungen nachzukommen, infolge- dessen wurde er von einem VerbandSfuuktionär wieder- holt zur Erfüllung seiner Pflicht ermahnt. Das half aber nichts, vielmehr ging der Pflichtsäumige sogar zu seinem Unternehmer— Wilke heißt der Herr— und beschwerte sich über den Verbandsfunktionär. Und Herr Wilke hatte nichts eiligeres zu besorgen, als eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft einzureichen niit dem Erfolg, daß der Funktionär wegen Vergehen aus§ 153 derGewerbeordnung unter Aullage gestellt wurde. In der Verhandlung am Dienstag wurde die Anklage aus diesem Paragraphen zlvar fallen gelassen, doch erfolgte V e r- u r t e i l u n g tv e g c n Nötigung zu vierzehn Tagen G e f ä n g n i s.— Zu erwähnen ist noch, daß der Unternehmer Wilke vor Gericht erklärte, daß er voni Arbeitgeberbund die st r i k t c W e i s n n g erhalten habe, zwei b e st i m m t e Gehilfen auszusperren. Das hat der Staatsanwalt nun gehört. Er hat also amtlich da- von Kenntnis erhalten, daß sich die Macher vom Arbcitgeberbund gegen§ 153 der Gewerbeordnung vergangen haben. Hoffentlich läßt die Anklage gegen die Herren nicht auf sich warten. Denn Klassenjustiz gibt es doch in Prcnßen-Dcutschland nicht. Scrtin und dmgcgcnd. Ter Arbeitswillige im Sarge. Die sireikenden Schmiede oersammcltcn sich am Zltitttvochmorgen wieder bei Boeker in der Weberstraße. S i c r i n g machte das Er- gelmiS einer Statistik bekannt, die am Dienstag aufgenommen worden war. Am besten sieht es in Eharlottenburg aus, wo von 23 Werkstätten IS leer stehen und die übrigen 8 Werkstätten nur 16 Rausreißer haben. Im allgemeinen ist keine Acnderung im Stand der Dinge zu bemerken. Wenn auch die Zahl der Streik- brcchcr nicht geringer geworden ist, so ist doch andererseits die Un- zufriedcnheit der Meister mit der Situation immer größer ge- worden, was sich in einzelnen Gruppcnvcrsammiungen deutlich genug bemerkbar machte. Die Streikenden sind immer noch bereit, die Hand zuni Frieden zu bieten, wie aus der Diskussion in der Versammlung am Mittwochmorgcn wieder hervorging. Nach einer längeren Beratung wurde auch ein Lorschlag erwogen, den Vor- sitzenden des Gelverbegerichts, Herrn von Schulz, um seine Ver- Mittelung zu ersuchen. Für diesen Vorschlag fand sich auch eine Majorität und die Streitkommission wurde beauftragt, die cnt- sprechenden Schritte zu unternehmen und eventuell als Verhand- lungskommission zu dienen. Wenn die. Meister den Frieden wollen, dann ist ihnen damit die beste Gelegenheit geboten, alle vorhan- denen Differenzen einem Unparteiischen zu unterbreiten. Siering machte noch darauf aufmerksam, daß der Arbcitsnach- weis in der Mulackstraße auch fernerhin streng zu meiden sei. Zu dem Ueberfall durch einen Streikbrecher, der im„Vorwärts" schon richtig dargestellt worden ist, bemerkte Siering, daß der„Schwer- verletzte", gegen dessen Angriffe ein Streikender sich angeblich wehren mußte, bereits wieder in Arbeit steht. Zur Erheiterung der Versammlung wurde unter anderem mitgeteilt, daß ein Arbeitswilliger aus Angst vor den Streikposten eine Gelegenheit wahrnahm und sich in einem Sarge aus einem Torweg heraus- tragen ließ._ Achtung, Friseurgehilfent Beigelegt sind die Differenzen bei Sauerwald, Rixdorf, Sanderstr. 16; geregelt ferner Virchow. Vete- ranenstr. 23. Desgleichen in Reinickcndorf-West Gahde, Scharn- weberstr. 37, Gens, Klixstr. 1, Heinrich. Eichbornstr. 59. Fischer, Berliner Str. 6, Schultz, Humannstr. 26 und Linke, Holländer- straße 129. Verband der Friseurgchilfen, Zweigveroin Berlin und Vororte. Differenzen bei der Glasfabrik(Aktiengesellschaft) Stralau. In der Stralauer Glasfabrik sind Differenzen ausgebrochen. In dem Betriebe war cS jeden Sommer üblich, an besonders heißen Tagen, wo die Hitze im Betriebe unerträglich wird, eine Stunde früher Feierabend zu inachen. Am letzten Montag lehnte die Direktion das cutsprechende'Ansuchen der Arbeiter einfach ab. Darauf beschlossen die Arbeiter des Betriebes, die Arbeit um 3 Uhr einzustellen. Die Folge davon ivar, daß dem Vertrauensmaiin der Arbeiter kurzerhand gekündigt wurde. Der Direktor hat sich nun zwar bereit erklärt, die Gewerkschafts- kommission, die angerufen worden ist, zu empfangen, doch werde dies an seinen getroffenen Beschlüssen nichts ändern. Eine Betriebs- Versammlung war sich darin einig, daß alle Mann für Mann hinter ihrem gemaßrcgelten Kollegen zu stehen hätten und die Maßrege- lung mit der Gesaintlündigüng bcnntivortet werden müsse. Zentral- Vorsitzender Girbig crmahnic die Antvesenden, zu warten, bis die GewerlschastSkommission verhandelt und auch der Hauptvorstand eine Entscheidung gefällt habe. Auf den geäußerten Wunsch aus der Mitte der Versammlung. daß Girbig den Verhandlungen beiwohnen möge. wieS Girbig auf den Umstand hin, daß im Ringe der Flaschensabrikanten der Beschluß besteht, mit ihm, Girbig, nicht zu verhandeln. Die Abstimmung ergab, daß 153 Stimmen für und 4 Stimme» gegen die Kündigung waren. Fedoch soll mit der Einreichung der Kündigung gewartet werden, bis die Gewerkschaftskommission mit der Direktion verhandelt hat. Die Verhandlung soll Frcilagmiltag stattfinden._ Differenzen in der Glasschlciferei Fertig u. E»., Berlin. Bei der Firma Fertig u. Co., Berlin, Fruchtstr. 2, sind Differenzen ausgebrochen. Die Firma hat sämtliche organisierte Glasschleifer entlassen und jede Verfyindlung mit der Organisationsleitung abgelehnt. Es wird dringend ersucht, daß alle Glasschleifer und Polierer diese Firma meiden. veutlcbes lbeicb. Former und Kernmacher. Auf dem Eisenhüttenwerk Keula bei Weißwasser in Schlesien stehen Former und Kernmacher seit sieben Wochen im Streik. Die Lerantw. Redakteur: Hans Weber. Berlin. Inseratenteil verantw.: Firma bemüht sich, in ganz Deutschland Arbeitswillige nach dort zu locken. Zuzug ist fernzuhalten. Dachdeckcrstreik in Magdeburg. Seit dem 1. August befinden sich die Dachdecker im Streik. Anlaß bot die Ablehnung des Ersuchens an die Unternehmer zwecks Regulierung der Lohnvcrhältnisse mit den Arbeitern in Unter- Handlung zu treten. Bereits im borigcn Jahre wurde diese Forderung abgewiesen, dieses Jahr wollte man die Lohnfrage bis in den Herbst verschleppen. Der durchschnitt!ick>e Stundenlohn beträgt zurzeit 45 Pf. In dem neuen Vertrage ist der Stunden- lohn auf 43— 46 Pf. festgesetzt, außerdem soll der Lohn für Jnva- liden und Junggesellen der freien Vereinbarung überlassen bleiben. Ans der ganzen Sachlage ergab sich deutlich der Plan der Unternehmer, die Lohnfrage zu verschleppen. Dem Ausstand der Dachdecker haben sich die Hilfsarbeiter angeschlossen. Zuzug von Dachdeckern und Hilfsarbeitern ist fernzuhalten. Die Gipserbctvegung in Stuttgart. die am 6. April mit einer teilweisen Aussperrung der organisierten Gipser ihren Anfang nahm, hat nunmehr nach 16Vhwiichiger Dauer ihr Ende erreicht. Die Arbeit wurde am 1. August wieder auf- genommen. Ein unparteiisches Schiedsgericht fällte einen Schieds- spruch, dem sich beide Teile im wesentlichen unterworfen haben; kleinere Differenzen wird das Zentralschiedsgericht in Karls- ruhe erledigen. Der Stundenlohn wurde im Minimum um 6 Pf. erhöht und beträgt für 1910 62— 67 Pf., für 1911 63—68 Pf. und für 1912 65— 70 Pf. Die jeweiligen Höchstsätze gelten für Stukka- teure als Mindestsätze. Für Ueberlandarbeit werden Zuschläge bis zu 2 M. pro Tag bezahlt. Tie Arbeitszeit bleibt 10 Stunden; es ist aber ausdrücklich festgelegt, daß eine Verkürzung gleichzeitig mit einer solchen im übrigen Baugewerbe zu erfolgen hat. Wenn die Erfolge dieser ganzen Bewegung nicht noch bessere sind, so lag das daran, daß infolge der allgemeinen Bauarbeiteraussperrung ivenig Gipserarbeit vorhanden war; auch hatten sich im Laufe des Kampfes viele Elemente gefunden, die den streikenden Kollegen in den Rücken fielen. Achtung! Zuzug fernhalte»! Metallarbeiter und Metallschleifer. Die Firma Otto Grieß- Hammer, Banbeschlägefabrik in Elsterwerda, sucht Schleifer. Da in dem Bezirke Differenzen wegen Maßregelung bestehen, ist jeder Zuzug fernzuhalten. Maschinisten und Heizer. In der Viktoria-Brauerei in Stettin drohen ernste Differenzen auszubrechen, die eventuell zum Streik führen können. Zuzug von Maschinisten und Heizern nach Stettin ist streng fernzuhalten. In Sommerfeld(i. L.) haben die Maschinisten und Heizer in Gemeinschaft mit den Textilarbeitern Forderungen an den Fabri- kantenvcrcin sowie die einzelnen Unternehmer eingereicht. Auch hier drohen ernste Differenzen auszubrechen. Der Zuzug von Maschinisten und Heizern nach Sommerfeld i. L. sowie den übrigen Orten der Lausitz ist streng fernzuhalten. Gasarbeiterstreik in Nordhausen. Die Arbeiter der Nordhausencr Gasanstalt befinden sich im Streik. Sic verlangen Abschluß eines Tarifvertrages und Er- höhung des Stundenlohnes um 5 Pf., Gewährung eines Sommer- Urlaubs, früheren Arbeitsschluß um eine Stunde an den Vor- abenden der drei gesetzlichen Feste und Bezahlung der Ueber- stunden. Der Vertrag soll auf 3 Jahre festgelegt werden; während der letzten 2 Jahre soll aber eine weitere Lohnerhöhung von 6 Pf. eintreten. Nachdem der Vertreter der Organisation abgewiesen war, wurde von den Arbeitern das Gcwcrbegcricht als Einigungs- amt angerufen. Dies lehnten die Gasmagnaten angeblich auf Wei- snng der Generaldirekiion in Dessau ab. Am Dienstag teilte die Direktion den Arbeitern mit, sie sollten bis Mittwoch, den 3. August, ihre Arbeitspapiere und den rückständigen Lohn in Empfang nehmen und das Werkzeug abliefern. Damit glaubt die Direktion, die Arbeiter ködern zu können. Die Ausständigen halten aber zusammen und sind überzeugt, daß die Direktion ihren be- schcidenen Wünschen Rechnung tragen muh. Die Direktion macht riesige Anstrengungen, um Arbeitskräfte aus Dessau, Erfurt, Gotha usw. zu erhalten. Einige irregeführte Arbeiter haben Nordhausen bereits den Rücken gerehrt. Untev Eskorte der Polizei dürfen die Arbeitswilligen sich die schwersten Ausschreitungen gegenüber den Streitenden erlauben.— Zuzug ist nach wie vor fernzuhalten._ „Der Hafenarbeiter" erscheint ab I. Juli nicht mehr, weil durch den Zusammenschluß der Verbände im Transportgcwcrbe für die Hafenarbeiter usw. der„Courier" obligatorisches Vcrbandsorgan geworden ist. Die Arbeiter anf den Lübecker Holzlagcrplätzen lLastadic- arbeiter), mehr als 3000 an der Zahl, sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie fordern eine Erhöhung des Stundenlohnes um 7 Pf. Die Holzimportcure wollen iedoch nur 2 Pf. bewilligen. Der Lohn beträgt jetzt 41 Pf. Wenn die Unternehmer auf ihrer Wei- gerung beharren, wollen die Arbeiter in den Streik treten. Sie sind fast alle organisiert, teils im Transport-, teils im Fabrik- arbeitervcrband. Husland. Differenzen in der(KlaSindustrie. In Flensburg sind die Hilfsarbeiter der Flaschenmacher mit einer Forderung von 2 M. auf 2,50 M. pro Tag an die Firma herangetreten. Die Firma hat diese Forderung abgelehnt. Daraufhin hat die Firma verlangt, daß die Flaschenmacher Streik- brccherarbeit leisten sollen. Das haben die Flaschcnmachcr ab- gelehnt und daraufhin hat die Firma die Oefen gelöscht. Es find dadurch 130 Flaschenarbeiter arbeitslos geworden. /Ziis der frauenbewegung. Vom bndischen Bolksschulgeseb. Haben Schulfragen für unsere Genossinnen schon im allgc- meinen ein hohes Interesse, so insbesondere, soweit es sich dabei um das weibliche Geschlecht handelt. Aus diesem Grunde geben wir nach der«Gleichheit" ocn vorwiegend in Betracht kommenden Bestimmungen des neuen badischen Volksschulgesetzes hier Raum. Das Gesetz enthält u. a. die Neuerung, daß die Voltsschulzeit für die Mädchen von 7 auf 8 Jahre erhöht worden ist. In Bauernkreisen entrüstet man sich jetzt darüber, daß der Unterricht der Mädchen um ein achtes Schuljahr verlängert worden ist. Die Zentrumspresse machte sich zum Fürsprecher der agrarisch rückständigen Auffassung, daß ein theoretischer Elemen- tarunterricht für das weibliche Geschlecht einer Zeitverschwendung glcichtoinmc; die Mädchen bedürften nur der Unterweisung im Stricken, Nähen, Waschen und Kochen, Tie übrige Zeit müßten sie zur Arbeit in Haus und Feld verwenden. Ein katholisches Blatt bezeichnete den jetzt eingeführten achtjährigem Schulbesuch J>er Mädchen als eine gesetzliche Vorschrift zur Schädigung Oer Sittlichkeit und Gesundheit der in der Entwickelung sPubertäty befindlichen weiblichen Jugend. Zu einer gesetzlichen Festlegung der Unentgeltlichteit des Unterrichts mit obligatorischer Lieferung der Lernmittel kam eS nicht. Das neue Gesetz bestimmt nur, daß die„für unbemittelte Kinder" ssiels zu machenden Aufwendungen aus Gcmcinoe- Mitteln nicht als Armenunterstützung gelten dürfen. In der örtlichen Schnlaussicht muß der erste Lehrer jeder Voltsschule vertreten sein. Man hat nicht der Forderung der Lehrerinnen entsprochen daß unter der Zahl der Frauen, welche in Th. Glocke. Berlin. Druck u. V erlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstgU Genwinden mit über 6000 Einwohnern offiziell bis zu einem Viertel in der LrtSschulbchörde vertreten sein können, auch Lehre- rinnen sein müssen. Zu begrüßen ist die obligatorische Bestellung eines Schularztes als sanitätspolizeiliches Mitglied der Ortsschul- behörde in Gemeinden mit zehn oder mehr Lehrerstellen; an. anderen Orten kann diese Bestellung erfolgen. Von Acrztinnen ist leider nicht die Rede. In der besonderen Schulleitung(Rektorat) Wirken die„erstens Leherer mit und erhalten dafür'Dienstzulagen; der Regierungs- entwurf forderte hier den„Ausschluß der Frauen". Die Kämmen hat ihn sanktioniert, doch gestattet gnädig das Gesetz die Ver- Wendung von Lehrerinnen an solchen Schuhabteilungen, die nur von Mädchen besucht werden. Der Lehrerinnenverein hatte gegen» die Einschränkung der Beiziehung weiblicher Lehrkräfte protestiert» und eine Vermehrung der Hauptlehrerinnenstellen gefordert. Ein» sozialdemokratischer Antrag hatte die Verwendung von Frauen m» Volksschulen mit minvestens zwei Lehrstellen verlangt. Die Kam» Mission hatte dies jedoch abgelehnt und die Kammer beließ es bei! einer platonischen Empfehlung des Entgegenkommens an die Lehr» rinnen in der Praxis. Der Antrag des Vereins der badischew Lehrerinnen,„daß unter den Frauen, die zu Mitgliedern dey Schulkommission ernannt werden, auch Lehrerinnen sein sollen"« blieb unberücksichtigt. Ebenso lehnte man einen Antrag der Lehrer». konferenz ab,„daß die Mitglieder des Schulrats der größere» Städte mindestens zu zwei Dritteln von den Lehrern und Lehre, rinnen selbständig zu wählen sind". Neu ist die Bestimmung, daßfc: beide Geschlechter rechtlich gleich sind, soweit das Gesetz für dio� Lehrerinnen nicht besondere Festsetzungen vorsieht. Die Lehrerinnen, für weibliche Handarbeiten und Haushaltungskunde find nun auS> ihrer niederen in die mittlere Klasse der staatlich Angestellten auf» gerückt; bei etatsmähiger Anstellung erhalten sie jetzt 1250 bis 165? Mark Jahresgehalt und ein Wohnungsgeld.! Das Einkommen der etatsmäßigen Hauptlehrerschast bewegte» sich bisher zwischen 1500 und 2800 M., jetzt sind die Grenzen 160? und 3200 M.; für die Hauptlehrerinncn beträgt das Maximum» aber nur 2400 M. Jene erhalten freie Wohnung, diese nur einv bestimmte Mietzinsentschädigung. Die badische Lehrerschaft wird!. nach Grundsätzen besoldet, wie sie im Tarif der Staatsbeamten!� für Aktuar- und Gerichtsschreiberstellen gelten, und den Frauen»' gegenüber herrscht obendrein bas kapitalistische Prinzip der er- höhten Ausbeutung ihrer Arbeitskrast durch niedrigere EntlohnunAj für gleicke Leistungen. Ter badische Musterstaat gewährt im Zeich emt des Großblocks nur(wie bisher) folgendes an Toleranz: Dia»? Volksschüler, deren Eltern keiner der gesetzlich anerkannten Relief gionsgemeinschaften angehören, sind zur Teilnahme am Religions- e Unterricht nicht verpflichtet; religionsfreie Eltern können die gleich«� Enthebung von der Verpflichtung für ihre Kinder erreichen. In* anderen Fällen kann die Befreiung der Kinder vom Religionsunter»' richt im Wege des Dispenses erfolgen. Die bisherige Praxis stattete in viel freierer Weise den Eltern, ihre Kinder vom Reli»S gionsunterricht der Volksschule fernzuhalten. Jetzt ist dies an dewü Nachweis geknüpft, daß die Eltern auS der Konfession in aller»/' Form ausgetreten sind. Die Austrittserklärung, die vor dem Be» zirksamt zu geschehen hat, bereitet der Arbeiterschaft manches Schwierigkeiten. Viele badischen Lehrer und Lehrerinnen müssen' fernerhin gegen ihre Ueberzeugung Bibelunterricht erteilen. Bisher» wurde in Baden für nur 85 Kinber Befreiung vom Religionsunter»- richt verlangt; für Tausende wäre sicher die Forderung erhoben worden, wenn die Eltern von ihrem Rechte Kenntnis gehabt hätteiW1 »Versammlungen— Veranstaltungen. Zcntralverband der Hausangestellten. Donnerstag, den 4. August, abends 81/q Uhr, in den Jndnstriefestsälen, Beuthstr. 20 I, Mit- glicderversammlung. Vortrag von Frl. Gertrud Hanna:»Stellen- vermittelung". Sonntag, den 7. August, Ausflug nach Kiekemal, Restaurant .Heidekrug". Abfahrt 3.10 Bahnhof Zoologischer Garten. Gästv willkommen. Versammlungen. Zentralverband der Maschinisten und Heizer sowie Berufs, genossen. Die Generalversammlung des Verbandes— Verwaltungsstelle Grotz-Berlin— fand am Sonnabend in den„Armin. hallen" statt. Nach dem Geschäftsbericht, den der Vorsitzende S ch w i t t a u erstattete, hatte der Verband in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die vielfach aus den Grcnzstrcitigkeiten mit anderen Verbände» erwuchsen. Die Verhandlungen, die der Verband für seine Mit- glieder in manchen Betrieben, besonders aber in Brauereien, führte, wurden dadurch zuweilen recht empfindlich gestört. Der Redner cinpfahl, eine lebhafte Agitation unter den Kollegen in den ver» schicdenen Betrieben zu entfalten. Wünschenswert sei es auch, die Bezirksversammluugen anregender zu gestalten. In den zwei, Quartalen dieses Jahres wurden abgehalten: 10 Venvaltungs- sitzungen, 2 Generalversammlungen, 3 außerordentliche General- Versammlungen, 1 Agitationsversaininlung(mit Vortrag), 51 Betriebsversammlungen, Sitzungen von Kommissionen usw., 19 Kar» telljitzungen. In 41 Verhandlungen, die während dieser Zeit statt- fanden, handelte es sich zumeist um den Abschluß von Tarifver» trägen, besonders mit den Brauereien. Nach dem Kassenbericht. den H. Holz erstattet«, betrugen die Einnahmen im zweiten Quar- tal d. I. 11 109,90 3)1., die Ausgaben 10 316,70 M.. mithin wurde eine Mchreinnahmc von 793,20 M. erzielt. Unter den Ausgaben stehen für Unterstützungen verzeichnet: an Arbeitslose 1798,99 M., an Kranke 1941,14 M., in Streikfällen 287,48 M., bei Maßregelungen 250,83 M., in Sterbefällen 465 M., für Rechtsschutz 146,55 M. Den Berichten folgte nur eine kurze Diskussion. Dem Kassierer wurde Decharge erteilt. �et2te I�sacbricdten und Oepefcben. Metallarbeiterstreik auf den Hamburger Werften. Hamburg, 3. August. Nachdem die Reedereien und der„Verein deutscher Seeschiffswerftcn" die Forderungen der hiesigen Ver» waltungsstclle des Deutschen Metallarbcitcrvcrbandes a b g e» lehnt haben, haben die Arbeiter in einer heute abend abge- haltencn Versammlung mit großer Ntehrhcit beschlossen, morgen die Arbeit e i n z u sie l l« n. Der Streik umfaßt etwa 7000 bis 8000 Arbeiter. Die Ar» bester der kleineren Rcparaturwersten werden dem Streik nicht bei- treten, da sie keine Forderungen gestellt haben. Tödlicher Absturz eines Aviatikers. Brüssel, 3. August.(>B. H.) Der heutige letzte Tag des Flug- Meetings in Stockei endigte mit einem entsetzlichen Z w i s ch c ii s a l l. Ter Aviatikcr 5Unct stürzte infolge eines Plötz- lich eintretenden W i n b st o ß e s aus 100 Meter Höhe mit seinem Apparate zur Erde nieder und blieb auf der Stelle tot. Ter Unfall ereignete sich um 6 Uhr abends außerhalb der Fliegcrbahn. Der ungeheuren Zuschaucrmenge bemächtigte sich eine furchtbare Auf» rcgung. Auch der Aviatiker O l i s l a c g e r hatte große Schwierig. leiten beim Landen, sein Apparat stand ebenfalls einen Augenblick in Gefahr. Olislaegcr l>aste bereits im Laufe des Nachmittags einen'Apparat vollständig zertrümmert.— Der verunglückte Kinct hatte die längsten Dancrflüge in dieser Flugwoche aus- geführt und war der Sieger des Flugmectings in bezug auf die Tauerslüge� Erst vor wenigen Wochen ist ein Bruder des tödlich verunglückte» K i n e t dem gleichen tragischen Geschick zum Opfer gefallen. ßaüsSingcr� Co,, Berlin LV/. Hierzu 2 Beilagen u.NulrrhaltungSbl.' lt. ISO. 27. IahtMg. 1. ScilU ilrs Jotiüittü" Kerlim lolMIttt Dollnerstag. 4. August 1910. Hus der Partei. Aus badischen Organisationen. In einer Konferenz des tlZ. badischen Wahlkreises(Bretten-Sinsheim) wurde am vergangenen Sonntag Genosse Richard H o r t e r. Gau- leiter des Maurerverbandes in Mannheim, wieder als Kandidat zum Reichstag aufgestellt. Die Konferenz beschäftigte sich auch mit dem Verhalten der Landtagsfraktion in der Budgetfrage und mit der Hofgängerei. Genosse H o r t e r verurteilte, wie er das auch schon vorher in der Mannheimer Versammlung getan hatte, scharf die Stellung der Fraktion und verlangte, daß Disziplin gehalten und alle Beteiligung an höfischen Zeremonien zu unterbleiben habe. Von einem Beschluß wurde abgesehen, um die Lage der Landtagsfrak- twn nicht unnütz zu erschweren, und weil man hofft, daß die B u d- getbewilliger einsehen lernen, daß sie als Zugehörige zu einer Kampfespartei sich den aufgestellten Kampfes- regeln zu unterwerfen haben. Wie unangenehm der Ver- lauf der Konferenz, auch ohne daß eine Resolution gefaßt wurde, den Budgetbewilligern ist, zeigt die verblüffende Tatsache, daß unsere badischen Pa r t e i b l ä t t e r bis heute, Mitt- woch, darüber noch keinen Bericht gebracht und auch die Aufstellung Holters zum Reichstags- kandidaten mit keiner Zeile erwähnt haben. In Ludwigshafen wurde nach langer Debatte eine Rc- folution des Genossen Prüll, die eine scharfe Verurtei- lung der St ellung der Badenser enthielt, gegen 34 Stimmen abgelehnt, dahingegen bei zahlreichen Stimmenthal- tungen mit 78 Stimmen die Resolution Fischer angenommen, die sich darauf beschränkt, eine Aenderung des Nürnberger Be- fchlusses zu verlangen und die badische Frage gar nicht erwähnt. Dieselbe lautet: „Die Frage'der Budgctbewilligung kann nur eine Frage der Taktik sein. Da sich die Taktik aber nach den gegebenen politi- schen Verhältnissen der verschiedenen Bundesstaaten zu richten hat, so ist eine generelle Regelung der Frage durch Parteitags- beschlüsse nicht im Interesse einer einheitlichen, gedeihlichen Eni- Wickelung unserer Partei gelegen. Die heutige Versammlung hält daher den Beschluß des Parteitages zu Nürnberg betreffs der Budgetbewilligung für verfehlt; sie erachtet es im Interesse der Einheit der Partei für erforderlich, daß jener Nürnberger Beschlutz wieder aufgehoben und die Frage der Budgetbcwilli- gung als Sache der einzelnen Landesparteien erklärt wird." Die bürgerliche Presse wird auch die Annahme dieser Reso- lution als einen großen Sieg der Revisionisten feiern, denn es liegt im Interesse der bürgerlichen Parteien, den Streit innerhalb unserer Partei zu schüren. In Lahr fand am Dienstag eine Versammlung des sozial- demokratischen Vereins statt, die einen bewegten Verlauf nahm. Abgeordneter Mansch referierte über seine Tätigkeit im badischen Landtage und die Budgetbewilligung. Der Abg. Frank und andere Parteigenossen traten ihm entgegen. Eine Resolution. welche sich für die Budgetbewilligung aussprach, wurde mit 3 4 gegen 12 Stimmen angenommen. Der Abg. Mansch stellte darauf das Mandat seinen Wählern zur Verfügung, doch nahm er von einer Marrdatsniederlegung Abstand, als er ein Ver» trauenSvotum der Versammlung erhielt. Nach dem Bericht des Karlsruher„Volksfreund" erhielt die badische Landtagsfraktion ein Vertrauensvotum in Förch- heim, wo eine vom Genossen Leiht eingebrachte Mißbilligungs- resolutton abgelehnt wurde. Genosse Leiht legte darauf sein Amt als Vorsitzender nieder. Vertrauenskundgebungen wur- den ferner angenommen in Mörsch und Singen. In Ober» kirch dagegen wurde eine Zustimmungserklärung mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Der Delegierte zum badischen Parteitag, Genosse Fouderoux, verurteilte scharf die Zustim- inung zum Budget. In Brombach wurde die Zustimmung zum Budget gebilligt und in einer Resolution die Aufhebung des Nürn- berger Beschlusses gefordert, dagegen die Hofgängerei ver. urteilt. Der Sozialdemokratische Berein für den Wahlkreis Hof— Mttnchberg— Naila— Selb(Bayern) nahm in seiner am 31. Juli stattgefundenen Generalversammlung auch Stellung zur B u d g e t f r q g e, die deswegen von Interesse ist, da auch der Kandidat dieses Kreises, der bayerische Landtags- abgeordnete Genosse Simon- Nürnberg, hierzu sprach. Wir entnehmen dem Bericht folgendes: Ueber den Parteitag in Magdeburg referierte Genosse Blumtritt, der sich kurz über die einzelnen zur Beratung stehenden Punkte aussprach und dann auf die Budgetfrage zu sprechen kam. Er kritisierte scharf den Disziplinbruch der badischen Land- kleines feiiilletcm. Nodin über seine Bildniskunst.„Ich habe mein Bestes getan: ich habe niemals gelogen. Ich habe niemals meinen Zeitgenossen geschmeichelt. Meine Büsten haben oft mißfallen, weil sie immer sehr einfach waren. Sie haben sicherlich ein Verdienst: die Wahr- haftigkeit. Möge sie ihre Schönheit sein!" In diesen Worten faßt Auguste Rodin, der große französische Bildhauer, Bekenntnisse über die Kunst der Porträtplasttk überhaupt und über seine eigene Bildniskunst zusammen, die Paul Gsell in der„Revue" vcröffent- licht. Er stellt die A e h n l i ch k e i t als eine der wichtigsten For- derungen hin, die man bei einem Porträt oder einer Büste er- heben muß. Dem wahren Künstler ist eine Aehnlichkeit in höherem Sinne unerläßliche Hauptbedingung.„Gibt der Künstler nur die oberflächlichen Züge wieder, wie es auch die Photographie kann, führt er mit Genauigkeit die verschiedenen Einzelformen einer Physiognomie aus. ohne sie zu einem Charakter zusammenzufassen, dann verdient er durchaus nicht, daß man ihn bewundere. Die Aehnlichkeit, die er erstreben mutz, ist die der Seele: auf sie allein kommt es an. Mit einem Wort: alle Züge des Gesichts müssen ausdrucksvoll sein, d. h. fähig, das innere Gesicht zu enthüllen." Rodin zeigt dann an einer Reihe von Meisterbüsten des von ihm hochverehrten H o u d o n. wie der echte Künstler in seinem Porträt die anschaulichste Biographie des Dargestellten entwirft, wie in ihnen die Zeit, die Rasse, der Beruf und persönliche Charakter des einzelnen erklärt werden. In der Gegenwart stehen dieser groß- zügigen Erfassung der Porträtkunst schwere Hemmnisse entgegen; die schwersten rühren her— vom Auftraggeber. Durch eine seit- same und widrige Fügung müht sich derjenige, der fein Porträt bestellt, damit ab, das Talent des Künstlers, den er gewählt hat, zu bekämpfen. Es ist sehr selten, daß ein Mensch sich so sieht, wie er ist, und selbst wenn er sich kennt, ist es ihm unangenehm, wenn ein Künstler ihn wahrhaftig darstellt. Er will in seiner banalsten und gleichgültigsten Erscheinung vorgeführt werden. Er will eine offizielle oder gesellschaftliche Marionette sein. Ihm ist es vor allem um den Beruf zu tun, den er ausübt, um den Rang, den er im Staate einnimmt; sie verdecken ihm völlig den Menschen, der in ihm ist; es liegt ihm wenig daran, daß man in seiner Seele lese." Die Menschen auf den Bildern des Tizian oder des Pelasquez stellten nicht solche Ansprüche an den Künstler.„Aber die Menschen von heute sind so geartet, daß sie Furcht vor der Wahrheit haben und die Lüge anbeten. Dieses Widerstreben gegen die künstlerische Wahrheit enthüllt sich selbst bei unseren klügsten Zeitgenossen." Für Rodin, der das Schöne im Wahren lucht, gibt.es keine konbentipnelle ÄsipeffWg ag den ZeitgeschWck; tagsabgeordneten, deren„positive Aktivität" soweit geht, daß sie die Parteitagsbeschlüsse einfach für Null erachten und lieber einen Skandal heraufbeschwören, als daß sie als Sozial- demokraten die Disziplin wahrten und im Interesse der Arbeiterklasse eine grundsätzliche Politik verfolgten. Mit diesen Genossen muß ein ernstes Wort gesprochen werden, damit solche skandalösen, die Einheit der Partei schädigenden Voikonimnisse für die Zukunft unmöglich sind. Redner geht hierauf noch aus die Großblockpolitik ein und schlägt zum Schluß folgende Resolution zur Budgetfrage vor: „Die heute tagende Wahlkreis-Generalversammlung des Wahlkreises Hof— Münchberg— Naila— Selb verurteilt den durch die Zustimmung zum Budget von der badischen Landtags- fraktion begangenen Disziplinbruch aufs ent- s ch i e d e n st e, da dadurch die Einheit der Partei aufs schwerste geschädigt wird. Durch ihre Zustim- mung hat die Fraktion nicht nur dem Klassen st aat ein Bertrauensvbtum ausgestellt und dadurch das sozialistische Endziel preisgegeben, sondern sie hat auch durch ihre Teilnahme an höfischen Kundgebungen den republikanischen Charakter der Partei ver hüllt und das demokratische Gefühl der Ge nassen verletzt. Die Versammlung erwartet deshalb vom Parteitag in Magdeburg, daß er Matznahmen trifft, die solche parteischädigenden Vorkommnisse ein für allemal unmöglich machen. Gleichzeitig muß der Partei- tag ausdrücklich betonen, daß im Reichstag wie in den Landtagen nur das proletarische Klassenkampfprinzip die Grundlage des . Handelns der sozialdemokratischen Vertreter bildet." Genosse Simon führte zur Budgetfrage aus: Welches sind die Gründe, die die Genossen in Baden für ihren Disziplinbruch augeben. Sie sagen, daß die Stellungnahme des Zentrums und der Konservativen gegen das Ministerium und insbesondere gegen Minister Bodman die Ursache ihres Handelns bilde. Sie er- klären ferner, daß das Gemeindewahlgesetz gescheitert wäre, wenn sie das Budget verweigert hätten. Das trifft nicht zu. Es ist meiner Auffassung nach eine Irreführung der Wähler, wenn man das Gemeindewahlgesetz in Verbindung bringen will mit dem Budget, ganz abgesehen davon, daß niemand dem jetzt geschenkten Gemeindewahlgesetz eine Träne hätte nachzuweinen brauchen, wenn es zu Fall ge- kommen wäre. Würde das Budget abgelehnt worden sein, dann würde der Minister Schwierigketten bekommen haben. Aber ich frage mich, sollen wir, um einem bürgerlichen Minister, um einen Minister, der die sozialdemokratischen Parteiangehörigen anders behandelt, als die Mitglieder anderer Parteien; der erklärt, kein Sozialdemokrat könnte Bezirksrat werden, sollen wir uns, um dem Minister Schwierigkeiten zu ersparen, in unserer eigenen Partei Schwierigkeiten bereiten? Der Genosse Blumtritt hat es als einen Skandal be- zeichnet, und ich kann auch kein anderes Wort hierfür finden. In einer Zeit, die zweifellos die günstigste für uns ist, wo die innere Einmütigkeit, die feste Gefchlossenheit der Partei jedem Partei- genossen alles sein muß, dieser Einmütigkeit sich alles andere unterordnen muß, in diesem Augenblick schaffen unsere Genossen in Baden eine Parteifrage, die nun auf dem Parteitag nicht mehr eine Frage für oder gegen das Budget, sondern eine Frage der Disziplin ist.(Sehr richtig!) Was wir von jedem von Jhnen verlangen und im Interesse der Einheit der Partei ver- langen müssen, gefaßte Beschlüsse zu halten, das müssen wir um so mehr von den Genossen verlangen, die sich an leitender Stelle befinden, die die Ehrenposten der Partei bekleiden. Es wird behauptet, in Süddeutschland— und dazu gehört ja auch Bayern— lägen die Verhältnisse ganz anders als in Norddeutsch- land, die süddeutschen Staaten hätten gewissermaßen eine demo- kratische Verfassung und die Regierungen seien ganz andere als in Norddeutschland. Ich gebe ohne weiteres zu, daß unsere Re- gierungen in Süddeutschland bessere Diplomaten sind wie die Norddeutfchen, daß sie nicht so poltern, wie man das von den Ministern des norddeutschen Staates, insbesondere Preußen, gc wohnt ist; aber glauben Sie sicher, in ihrem inneren Wesen unterscheiden sich die Mini st er in Süd- deutschland um kein Jota von denen in Nord- deutschland.(Sehr richtig!) Es sind die Vertreter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ihre ganze Handlung richten sie ein, um der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu dienen und alles, was auf eine Umänderung dieser privatkapitalistischen Ordnung hinzielt, das, was wir wollen, das wird selbstverständlich auf den schärfsten Widerstand stoßen in jenen Kreisen. Es muß darauf stoßen, denn aus dem Grunde sind sie ja die Vertreter der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Ich spreche es offen aus, wie die Dinge bei uns in Deutschland liegen, wir haben ja kein parlamentarisch regiertes Land. Wie ist der bayerische Minister auch in der Porträtdarstellung hat er sich stets an den natürlichen Ausdruck, an das rein Menschliche gehalten. Die Verbreitung der Slawen. Am Ende der Völkerwanderung hatten die Slawen ein weit größeres Gebiet inne als heutzutage. Nach ihren heutigen Sitzen können sie unterschieden werden in Nordwestslawen, Südslawen und Oftslawen. Die erstgenannten umfassen die Volksstämme der Polen, der Tschechen mit den Slo» waken, der Kaschuben und Slowinzen in Westpreutzen und Pom- mern; der Sorben in der Ober- und Niederlausitz; Serbo-Kroaten, Slowenen und Bulgaren bilden die Südslawen, während die Ostslawen in Russen(Groß- und Weißrussen) und Ruthenen (Kleinrussen, Ukrainer) zerfallen. Ein genaues geographisches und statistifches Bild dieses zeitgenössischen Slawentums gibt das vor kurzem zu Prag erschienene Werk Lubow Niederles„Die slawische Welt", das eine empfindliche Lücke ausfüllt, denn seit 73 Jahren, seit einer 1842 erschienenen„Slawischen Ethnographie", ist keine derartige Stakistik mehr aufgestellt worden. Für das Jahr 1933 gibt Niederle rund 136% Millionen Slawen an. An diesen 136% Millionen haben die Russen mit rund 94 Millionen den größten Anteil, den zweitgrößten die Polen mit rund 17 633 333 Köpfen. Tschechen und Slowaken gab es im Jahre 1933 rund 9 833 333, Serbo-Kroaten 8 663 333. Auf die Bulgaren fielen 6, auf die Slowenen 1% Millionen. Die Zahl der Lausitzer Sorben (Wenden) betrug 163 333. Jrür das Jahr 1913 setzt Niederle schon 166 bis 167 Millionen Gesamtzahl der Slawen an, wobei er einen jährlichen Zuwachs- koeffizienten von 1,4 Proz. berücksichtigt. Mit 166 Millionen wäre das Slawentum an Zahl dem Deutschtum um 76 Millionen vor- aus, denn nach der neuesten Statistik beträgt die Gesamtzahl der Deutschen 83 bis 83% Millionen. Was die Vermehrung der ein- zelnen slawischen Völker angeht, so ist sie am geringsten bei" den Tschechen, die gegenüber den anderen Slawen einen Rückgang der Geburten zu verzeichnen haben. Der tschechische Zuwachs steht überhaupt unter dem Durchschnitt der anderen� Völker, und die angebliche große Fruchtbarkeit der Tschechen ist also nur eine Legende. Dagegen herrscht bei den Russen ein starker Ucberschuß an Geburten(48: 1333) über die Todesfälle(34: 1333). Rußlands Bevölkerung nimmt demgemäß alljährlich um zwei Millionen zu. Ebenfalls starke Vermehrung weisen die Polen auf; eine genaue Statistik darüber ist allerdings sehr schwierig, weil sie sich auf drei Staaten verteilen. Gering ist die Bevölkerungszunahme be» den Slowenen, dagegen weisen die Serbo-Kroaten nach den Polen die stärkste Zunahme in Oesterreich auf, besonders in Dalmatien. Sehr stark zurück gingen die Sorben der Lausitz, die Reste des einst mächtigen Wendenvolkes. 1883 gab es noch 176 963, heute zählt man nur noch 138 333. Die völlige Isolation begünstigt ihre Germanisierung. Das Sorbische kann sich nach Jagic nur halten, fctenge DiMtschlWd felSfS LtÄUPWphMS.Lsls tMMigt. StlilU v. Wehner vor die Abgeordneten hingetreten und hat sie belogen! Der Minister v. Wehner wird solange Minister bleiben, als es dein Regenten gefällt, die Abgeordneten haben nicht die Macht und den Einfluß, diesen Minister verschwinden zu lassen. Und so wie in Bayern, so liegen ja die Dinge überall in allen Bundes- staaten. Aber, Parteigenossen, wir als Sozialdemokraten, die wir auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, wir dürfen auch in unseren Handlungen die große Masse keinen Augenblick darüber im Zweifel lassen, daß wir mit diesem Klassenstaat nichts gemein haben.(Sehr richtig!) In dem Augenblick, wo wir das Budget bewilligen, geben wir Teile unseres Pro- gramms preis und versuchen der Masse begreiflich zu machen, als ob alles ganz schön und gut in dieser gegenwärtigen Gesellschafts- ordnung sei.(Sehr gut!) Es wird behauptet, in Süddeutschland kann man nicht arbeiten, wenn man nicht so arbeitet, wie es die Badenser getan haben, die große Masse würde es gar nicht ver- stehen. Wer hat denn in Bayern von der großen Masse des Volkes der Sozialdemokratie einen Vorwurf gemacht, weil sie das Budget abgelehnt hat? Unsere Gegner. Gewiß, unsere Gegner haben uns in Versammlungen vorgeworfen:„Ihr stellt ja Forderungen und ver- weigert die Mittel dazu!" Das muß aber ein schlechter Agitator sein, der in dieser Beziehung mit dem Gegner nicht fertig wird und es der Masse nicht begreiflich machen kann, was uns trennt.(Lebhaftes Bravo!) Unsere ganze Stoßkraft, unsere ganze Macht, die wir bisher zu entfalten in der Lage waren, liegt begründet in dem einmütigen, geschlossenen Vorgehen, in der geübten Disziplin.(Sehr richtig!)! Wir kannten keine badischc, keine württembergischc, keine bayerische, keine sächsische, keine preußische, sondern w i r kannten bisher nur eine deutsche geeinte sozialdemokratische Partei, darauf beruht unsere Macht und unsere Stärke.(Lebhaftes Sehr richtig!)� Blicken Sie nach Frankreich, wo jeder Führer sein eigenes Fraktiönchen, sein eigenes Programm hat. Glauben Sie denn, es würde in Deutsch- land nicht auch so kommen? Wollen wir uns aber einer solchen Gefahr der gegenseitigen Bekämpfung aussetzen, oder wollen wir unsere Macht benutzen, uin gemeinsam gegen den ge- meinsamen Feind vorzugehen? Die Ursache des Zerfalles des Liberalismus liegt in seiner Zerfahrenheit, weil jeder Führer glaubt, tun zu können, was er persönlich für gut hält. Sie haben keine Rücksicht genommen auf ihre Wählermassen und wir sind im Begriff, das gleiche zu tun. Hier ist es notwendig, klare Bahn und reinen Tisch zu machen.(Sehr richtig!) Wenn ein Teil der Genossen glaubt, daß sie nicht mehr»nit den Grundsätzen des Sozialismus gehen können— nun gut, wir halten niemand'—, dann sollen sie die Konsequenzen ziehen. Aber solange sie Sozial- demokraten sind, können wir verlangen, daß sie die Beschlüsse des Parteitages hochhalten. Ich möchte Sie nur er- suchen, die Resolution einstimmig anzunehmen.(Lebh. Beifall.) Die Resolution wurde hierauf e i n st i m m i g angenommen. Es wird einsttmmig beschlossen, als Delegierten zum Parteitag in Magdeburg den Genossen B l u m t r i t t zu schicken. Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Vielefcld-Wiedenbriick fand am Ämntag, den 31. Juli, in Bielefeld statt. Der Verein hatte im ersten Halb- jähr 1913 zu verzeichnen an Einnahme inklusive 4143,32 M. Kassen- bestand 13 742,38 M. Die Ausgabe betrug 8998,69 M., so daß am, 33. Juni ein Kassenbestand von 1743,79 M. zu verzeichnen war. An Beiträgen wurden eingenommen 6386,83 M- An den Partei- vorstand wurden in dem Halbjahr abgeführt 1217,36 M, für Agitation wurden ausgegeben 3716,66 M. inklusive 1529,46 M. für die Landtagsersatzwahl. Die Einnahmen im ganzen Geschäftsjahre 1939/13 betrugen 14 443,14 M. gegen 11 867.63 M. in 1938/39 und 12 684,24 M. in 1937/38. Die Ausgaben betrugen 1939/13 18 637,62 Mark gegen 13 835,62 M. in 1938/33 und 12 338,68 M. in 1337/38. Ab 1. Juli wird ein Beitrag von 33 Pf.(weibliche 16 Pf.) er- hoben, bisher betrug der monatliche Beitrag 23 Pf.(weibliche 13 Pf.). Der Verein hatte am 33. Juni 6115 männliche und 453 weib- liche, im ganzen 5666 Mitglieder in 17 Ortsgruppen. Das beveutet eine Zunahme von 691(618 männlichen, 173 weiblichen) Mit- gliedern im letzten Jahre. Die WahlrechtSmonate namentlich brachten den Zuwachs. Zur Maifeier wurden 8996 Karten umgesetzt und ein» Ueberschutz von 1332,42 M. erzielt. Dieser Betrag wurde dem Mai- feierfonds überwiesen. Die Abonnenten zahl der„Bolkswacht" im Kreise ist um 233 gestiegen; sie beträgt jetzt über 8633.— Anwesend auf der Generalversammlung waren 146 Delegierte und Parteifunktionäre. Bei der„Stellungnahme zum Parteitage in essant sind die Angaben Niederles über die Bildungsverhältnisse bei den einzelnen slawischen Völkern. Die Tschechen übertreffen mit 93,77 Proz. Schreibkundiger alle anderen Slawen, am weite- stcn die Russen, die fast 83 Proz. Analphabeten aufweisen. Notizen. — Musikchronik. Der langjährige Primarius des Frankfurter Streichquartetts, Professor Hugo Heermann, hat sich in Berlin niedergelassen und mit Jacques van Lier, dein Mitglied des Holländischen Trios, ein Streichquartett begründet, in dein Maxi- milian Ronis die zweite Geige und Ernst Breest die Bratsche über- nommen haben. Das Quartett wird zum ersten Male in der Saison 1913/1911 vor die Oeffentlichkeit treten. �-Ein neues Drama von Thoma. Wie der„Franks. Zeitung" aus München berichtet wird, hat Ludwig Thoma ein neues Lustspiel geschrieben, das auf dem Sommertheater in Rottach am Tegernsee von einer bayerischen Truppe aufgeführt werden wird. Das Stück, ein Einafter, heißt„In der ersten Klasse" und spielt im Eiscnbahnzug, den der bayerische Landtagsabgeordnete Filser besteigt und belebt. Das Lustspiel, eine humorvolle zeit- geschichtliche Satire, ist auf dem gleichen fruchtbaren Boden wie die „Medaille" gewachsen. Der Landtagsabgeordnete Josef Filser ist bekanntlich eine stehende Figur, die Thoma für den„Simplicissimus" geschaffen hat. — Die Binnenschiffahrt Europas. Rußland steht mit der Länge seiner schiffbaren Wassersttaßen unter den Ländern Europas obenan. Es besitzt 92 913 Kilometer, wovon 6333 künstlich angelegt sind. In einem großen Abstand folgt Deutschland mit 18 373 Kilometern. Die befahrbaren Wasserläufe Frankreichs machen 12 683, Oesterreich-UngarnS 6433 Kilometer aus. In England sind die meisten Wasserstraßen in Privatbesitz; ihre Länge ergibt 6263 Kilometer. In den Niederlanden existieren 2333 Kilometer natürliche und 3230 künstliche Schiffsstraßen, Schweden besitzt 6133, Belgien 2305 Kilometer. Sehr gering ist der Besitz Italiens an schiffbaren Flüssen oder Kanälen. — EhrlichS Heilmittel ii» der Praxis. Ein end« gültiges Urteil über das neue Ehrlichsche Syphilisheilmittel kan»i, wie hier des öfteren betont wurde, erst nach längerer Praxis ab- gegeben werden. Die bisherigen Erfahrungen sind durchweg über- aus günstige. Nur zwei Assistenten an der Prager Universitätsklinik wollen schädliche Nebenwirkungen beobachtet haben, die nach ihrer Ansicht zur Vorsicht mahnen sollten. Demgegenüber wird von zahl- reichen anderen Merzten, darunter hervorragenden Spezialisten wie Zeißl-Wien, Neißer-BreSlau, die günstige Einwirkung deS Mittels hervorgehoben und etwaige unangenehme Nebenwirkungen als veri> meidbar hingestellt.— Inzwischen' sind auch weitere Fortschritte m der schmerzlosen Eipspritzung des Mittels gemgcht worden. Magdeburg" Ijielt Reichsiagsabgeordneler Ten.©e bering oas einleitende Referat. Der Redner sagte unter anderem: Das Hauptinteresse dürften die Badener Vorgänge bean� spruchen. Wenn die Frage der Budgetbewilligung diesmal eine so große Bedeutung gewonnen hat, so liegt das an der ganzen Poll tischen Situation, an den Träumen vom Block bon Bassermann bis Bebel. Diesen Block bon Bassermann bis Bebel halte ich für ein Unding, wenn ich mir die Geschichte und die Zusammensetzung der nationalliberalen Partei bergegcnwärtige und unsere Ziele dem gegenüberstelle. Ein Zusammengehen mit wirklich liberalen Männern, wie z. B. mit einzelnen süddeutschen Nationalliberalen, wäre bei Stichwahlen und bei bestimmten politi scheu Aktionen möglich und denkbar, aber nicht mit den National liberalen schlechthin und speziell nicht mit denen, die den Kampf gegen die Sozialdemokratie bis aufs Messer auf ihre Fahne ge schrieben haben. Solche Herren sind der zweite Vorsitzende des Reichsberbandes gegen die Sozialdemokratie, der Abgeordnete Hage� mann-Erfurt und der Brandenburger Professor Görcke. Die Rede- reien über den Block Bassermann-Bebel sind daher Utopien, er- dacht von den Leuten, die man gemeinhin als die guten Kerle und die schlechten Musikanten bezeichnet. Es gibt übrigens manche Zcntrumsleute, die wir wegen ihrer Stellung in sozialpolitischen Fragen sogenannten Nationallibcralcn borziehen könnten. Diese Situation ist für jeden überzeugten Sozialdemo- kraten ganz klar, unv darum halte ich es für berfehlt, der Budgetfrage eine so große Bedeutung beizu- messen, wie das in Presse und Versammlungen geschehen ist. Daß es Meinungsberschiedenheiten in der Partei gibt, wollen wir nicht beklagen. Aber bei allen prinzipiellen Kämpfen sollten wir nicht bergessen, daß wir Kameraden sind, und nicht unkamerad- schaftlich, borschnell und ungerecht urteilen. Ich will nicht de- schönigen, daß nach den bisherigen Beschlüssen der Parteitage in Frankfurt, Lübeck und Nürnberg die Zustimmung der badischen Genossen zum Budget wie ein Disziplinbruch aussieht. Die Verteidiger der Budgetbewilligung in Baden berufen sich aber darauf, daß biellcicht ein schlechteres Budget zustande kommen würde. Damit wäre aber die Voraussetzung des Ausnahmefalles gegeben. Deshalb sollte man mit dem Urteil besonders zurück- haltend sein. Normalerweise sollen ja Disziplinbrüche nicht bor- kommen, aber ich kenne wenige Genossen, die führenden einbegriffen, denen man nicht irgendeinen Disziplinbruch borwcrfen könnte. Ich hätte wahrscheinlich auch für das Budget in Baden ge- stimmt, wenn ich die Uebcrzeugung gewonnen hätte, daß damit die Reaktion in Baden hätte wirksam bekämpft werden können. Man kann in Baden den Schwarz-Blauen nicht besser zu Leibe geben, als daß man ihnen die für die Arbeiterklasse wichtigen Arbeitsgebiete abjagt, was unseren Genossen auch, besonders durch ihren Wahlsieg, gut gelungen ist. Wenn wir fordern, daß wir in die Magistrate, Schuldeputa- tionen usw. hineingewählt werden, so tun wir das doch, um etwas Positibez für unsere Arbeiter zu erreichen. Wir, nüssen dann aber auch ein Stück Verantwortung übernehmen, wir müssen mittun, natürlich im Sinne der Sozialdemokratie. Die Uebernahme der Verantwortung kann manchmal eben in der Zustimmung zum Budget bestehen. Ich bin auch der Meinung, daß normalerweise das Budget in den Landtagen abgelehnt werden soll. Ich glaube aber, daß im badischcn Fall es gut war, daß für das Budget gestimmt wurde. Wenn wir stets gegen das Budget stimmen, so daß jeder mit der Ablehnung rechnet, werden wir die Ablehnung des Budgets nicht als Kampfmittel berwenden können. Bedauerlich ist es, daß auf den Parteitagen manche Beschlüsse erst nach leiden- schaftlichen Debatten gefaßt werden. Das Verlangen, die badischen Abgeordneten auszuschließen, ist nicht ernst zu nehmen. Merkwürdig ist es, daß jetzt Stadthagen den Rufer im Streit spielt, obgleich er 1894 durch Amendements die Beschlüsse des Parteitags in der Budgetfrage abzuschwächen suchte. Ich empfehle den Parteigenossen, sich bis zum Parteitage jedes Urteils zu enthalten, bis man beide Teile genügend gehört hat, und deshalb habe ich es auch unterlassen. Ihnen eine Resolution borzulegen. Wenn wir im Interesse der Partei handeln wollen, dürfen wir nicht dazu bei- tragen, die unerfreulichen Auseinandersetzungen noch mehr aufzu» bauschen. Genosse Schreck: In der Frage der Budgetbewilligung durch die badische Landtagsfraktion habe ich zunächst weder pro noch kontra Stellung genommen, sondern abgewartet. Und jetzt scheint mir die Tat der badischen Genossen eine unglückliche zu sein. Nicht bom Standpunkt der Disziplin, darauf lege ich nicht solch großes Gewicht. Ich habe geprüft, ob Gründe borhanden waren, für das Budget zu stimmen. Bei dieser Prüfung erscheint mir das Vorgehen unserer Genossen als ein recht eigenartiges, ihr Verhalten als ein schwankendes. Mir scheint, als wenn sie aus persönlichen Gründen für das Budget gestimmt hätten, denn politische Gründe sind bisher nicht angeführt worden. Die Politik der badischen Genossen ist eine solche des Gefühls, n i cht der Vernunft. Es gab keinen Grund, dem Buvget zuzustimmen, und es ist hier wie überall in der Arbeiterbewegung: durch ein zu frühes Entgegenkommen wird dieselbe geschwächt. Besonders haben auch die höfischen Akte der Badenser weite Kreise der Parteigenossen berschnupft. Genosse Sadenwasscr meint, es sei bisher eine unserer dornehmstcn Waffen gewesen, dem Klassenstaate die Mittel zu ber- weigern, und er sei mit dem Vorgehen der Badenser nicht einher- standen. Auch Genosse Herzwurm kann die Zustimmung zum Budget nicht gutheißen. Genosse Hoffmann skizziert in seinen Ausführungen ber- fchiedcnc Punkte, über die in der Partei Meinungsverschiedenheiten geherrscht hätten. Redner plädiert für ein„Bahn frei!" dem Fort- schritt. Stach Annahme eines Schlußantrages erhält Genosse S e b e r i n g das Schlußwort. Redner hat die Frage der Hof- gängerei nicht berührt, weil er die beiden Angelegenheiten nicht ber- guickt sehen wollte. Selbstredend sei er gegen die Hof- gängerei. Es wurde beschlossen, den Parteitag durch zwei Delegierte zu beschicken. AuS Mainz telegraphiert das Bureau Herold: In einer sehr aufgeregten Versainiuluug der sozialdemokratischen Partei wurde gestern abend auch das Verhalten der badischen Land- tags-Fraktion besprochen. Eine in Vorschlag gebrachte Reso- lution, die den Standpunkt der badischen LandtagSfraktion billigte und Aufhebung der seinerzeit gefaßten Nürnberger Resolution forderte, fand nicht die erforderliche Majorität. Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins für das Fürstentum Lippe sand am Sonntag, den 31. Juli, in Lage statt. 19 Ortsgruppen waren durch 25 Delegierte vertreten. Die Zahl der Mitglieder ist von 680 am 31. Dezember 1999 aus 767 am 39. Juni 1919 gestiegen, darunter 34 bezw. 49 weibliche. Tie Zahl der Ortsgruppen beträgt jetzt 22 gegen 17 vor einem halben Jahre. Die Slbonncntenzahl der„Volkswacht" hat sich wenig verändert. Im verflossenen Halbjahr waren an Einnahmen inklu- sibe Kassenbestand zu verzeichnen 1381,77 M.. an Ausgaben 924,33 Mark, so daß am 39. Juni ein Kassenbestand von 457,39 M. vor- handen war. Ein Reglement zur Betreibung der Hausagitation wurde angenommen, ebenso ein Antrag: im Winterhalbjahr 1919/11 durch Versammlungen im Wahlkreise durch einen fremden Redner eine Agitation zu veranstalten. Der Parteitag wird nicht beschickt._ Cine Anfrage. Wir erhalten folgende Zuschrift: In der letzten Sitzung des Karlsruher WahlvereinS, in welcher die badische Budgetfrage behandelt wurde, hat der Genosse Dr. Frank bedauerlicherweise persönliche Angriffe auf abwesende Ge- nossen gemacht. Dabei hat er einem Mitarbeiter des„Bor- w ä r t s" den Titel eines Denunzianten verliehen. Von einem Ge- nossen darauf aufmerksam gemacht, daß eine solche bersteckte Sn- deutung geeignet fei, einen Fraktionskollegen in den Verdacht zu bringen, erklärte Genosse Dr. Frank, daß er den Kollegen Geck da- mit nicht gemeint habe. ES würde nun eine Ehrenpflicht Dr. Franks sein, zu erklären, auf wen er mit seiner berstecklen Anspielung den Unwillen der Karlsruher Parteigenossenschaft lcnlen wollte. Ad. Geck. Der Zopf der hängt ihm hinten. Das staatsgefährlichc Dort- munder Liederbuch wurde vor einiger Zeit beschlagnahmt. Das war so richtig. Der Gerichtsbeschluß wurde ausgefertigt und im Wortlaut in der Dortmunder„Arbeiterzeitung" zum Abdruck gebracht. Und das war wieder sehr schlimm. Der Staats- anwalt aber besorgte am selben Tage die Veröffentlichung des Ge- richtsbcschlusses im Amtsblatt von Arnsberg. Und das war wie- der richtig. Der Beschluß im Amtsblatt wurde wieder von der bürgerlichen Presse abgedruckt und das war auch wieder richtig.„Arbeiterzeitung" und Staatsanwalt hatten dasselbe getan und doch war es nicht dasselbe. Beim Staatsanwalt war es Pflichterfüllung, bei der„Arbeiterzeitung"� r e ß v e r° gehen. Gegen die„Arbeiterzeitung" leitete der Staatsanwalt ein Verfahren ein, weil sie den Beschluß veröffentlicht habe, der ein Bestandteil sei der Akten eines noch nicht zu Ende geführten Strafverfahrens. Das Dortmunder Gericht war derselben Mei- nung und erkannte am Dienstag gegen Genossen M e h l i ch, den Verantwortlichen der„Arbeiterzeitung" auf 19 M. Geldstrafe. Der Staatsanwalt hielt das Vergehen für so schwerer Natur, daß er 14 Tage Haft beantragte. Rcichstazskandidaturcn. Für den RcichstagswahlkreiS Regens- bürg wurde der Verbandsbeamte Genosse Hagen in Regens- bürg als Kandidat ausgestellt. Im Wahlkreis K o t t b u§- Spremberg wurde als ReichSlagSkandidat Genosse Kurt Giebel- Berlin, Vorfitzender des Verbandes der Bureauaugestellten, nominiert._ Larteiliteratur. Im Verlage der Buchhandlung Vorwärts, Berlin, ist soeben eine interessante Arbeit erschienen unter dem Titel:„Der Un- tergang der Sklaverei im Altertu m". Ter Verfasser ist unser Parteigenosse, der italienische Kammerabgeordnete und Professor der alten Geschichte an der Universität Messina, E t t o r e Ciccotti. Die Uebersetzung hat Genossin Oda Olberg be- sorgt. Das Buch lostet broschiert 4,59 M.. gebunden 5,59 M. Bon der Parteipresse. Die Kreisgen eralversammlung des sozial- demokratischen Vereins Hof beschloß einstimmig, die.Oberfränkische Volkszeitung" in Zukunft ganz in H o f herzustellen. Die„Ober- fränkische Bolkszeitung" hat im letzten Jahre 656 neue Abonnenten gewonnen. Personalien. Genosse Richard Bernstein hat seine Stell« in der Redaktion der„Fränkischen Tagespost" in Nürnberg zum 1. Oktober gekündigt. Die stete Erstarkung der Parteiorganisation in Frank- furt a. M. veranlatzte die dortigen Genossen, einen weiteren Sekretär anzustellen. In einer Versammlung am Dienstag wurde der Genosse Wollermann, Parteisekretär in Charlottenburg, mit zwei Drittel Mehrheit als Sekretär gejpählt. Jugendbewegung. Die freie Jugendorganisation Berlin« hielt am Sonnabend ihre Generalversammlung in den„Armwhallen" ab. Der große Saal und die Galerien waren dicht besetzt. Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrte die Versammlung das Andenken der verstorbenen Mitglieder Fritz Maschke, Robert Seib, Albert Knsimier, Stanulf und Helene Volkmann in der üblichen Weise. Scholz gab den Vorstandsbericht. Nach demselben wurden im 2. Quartal 93 Versammlungen mit 56 Vorträgen abgehalten. 122 Ausflüge, 60 Spielabende im Freien und 7 MuseumSbesuche fanden unter guter Beteiligung statt. Am Masseuausflug nahmen über 3000 Personen teil. Die Verhandlung gegen die angeklagten Vorstandsmitglieder fand im April statt. DaS Schöffengericht kam zu der bekannten Freisprechung. Der Staatsanwalt hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Der Mitgliederbestand betrug am Schluß des Quartals 2437. Die vorgenommenen Neuwahlen hatten folgendes Resultat: Zum 1. Vorsitzenden wurde Willi Scholz, zum 2. Vorsitzenden Gleinert und zum Beisitzer Manthe, als Revisoren Adolf Meyer und W i n k e l m a n n gewählt. Ein Antrag, der besagt, daß Abteilungen nur mit Genehmigung des Vorstandes Ber- gnügungen veranstalten dürfen, wurde angenommen.— Das sechste Stistungsfest findet am 24. September in der»Neuen Welt" statt. Soziales. Bürgermeister gegen den Leipziger Aerzteverband. Ein Privattelegramm aus Köln meldet uns: Auf dem heutigen achten rheinischen Gemeindetag wurde von den Bürgermeistern lebhaft Klage darüber geführt, daß eS nicht gelingen wolle, auf dem Lande Aerzte zu erhalten, da die An- slellung vom Leipziger Aerztcverein hintertrieben werde. � Gegen diese Mahnahme des Leipziger Vereins'wurde eine scharfe Pro- testresolution angenommen, die an verschiedene Ministerien, an den Oberpräsidenten der Rheinprobinz und den Leipziger Aerzte- berein gesandt werden soll. Bon der Arbeit der Bergleute im Jahre 1S9S gibt eine soeben erschienene Statistik der amtlichen„Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preußischen Staat" einige Mitteilungen. Danach hat in den Stelnkohlengruben die JahreSfördcrung auf den Kopf der Belegschaft(ein, chUcßl'ch der Aufsichtsbeamten) nur 245,9 Tonnen betragen. Nur»m Jahre 1992 war sie mit 244 Tonnen noch niedriger, sonst stets hoher. Sie ist seit 1888. wo sie 399 Tonnen betrug, ständig herabgegangen, betrug in den 99er Jahren meist ungefähr 275 Tonnen. ,anl 1991 auf 248.4. stieg 1906 noch einmal auf 273.9 Tonnen, um dann in den drei folgenden Jahren auf 267,1, 253.5 und 245,9 Tonnen zu sinken. Selbstverständlich geben diese Zahlen durchaus keinen Maß- stab für die vom einzelnen Arbeiter geleistete Arbeit. Denn die Förderung hängt ja zum großen Teil von Dingen ab, aus die der Arbeiter gar keinen Einfluß ab, z. D. von der Inangriffnahme einer größeren oder geringeren Zahl neuer Gruben, von der stärke- rcn oder schwächeren Belegung der Aus- und Vorrichtungsabeiten gegenüber der eigentlichen Kohlengewinnung, von der stärkeren oder schwächeren Belegung von mächtigen gegenüber weniger mächtigen Lagerstätten, Aenderung der Abbaumethoden. Aenderung der Betriebsmittel, verschärften Vorsichtsmaßregeln usw. Schlagwetterexplosionen ereigneten sich im Jahre 1999 in preußischen Steinkohlenbergwerken 22. Davon verlief eine ohne Unfall. Bei 17 Explosionen kam kein Todesfall vor. zedoch wurden 5 Personen schwer und 24 Personen leicht verletzt. Endlich hei weiteren 4 Explosionen wurden 12 Personen getötet. 7 schwer und 26 leicht verletzt. Durch schlagende Wetter ohne Explosion ist einmal der Tod bon drei Personen herbeigeführt worden. Endlich ereigneten sich in Oberschlesien zwei reine Kohlen. staubcxplosionen, wobei vier Personen leicht verletzt wurden. Dazu kommt noch auf dem Kalisalzbergwerk Roßleben eine Explosion schlagender Wetter, der zixei Mann zuD£pfer fielen.-in,M1T Gerichts-Zeitunöf. Eine SchutzmannSaussage. Der Schlosser Karl Hamann hatte sich gestern bor der 5. Straf- kamer des Kgl. Landgerichts I wegen öffentlicher Beleidigung unv Gcfangenenbcfreiung zu verantworten. Er war in erster Instanz wegen Beleidigung des Schutzmanns Bandelow zu 59 M. Geldstrafe verurteilt worden, weil dieser Schutzmann beschwor, daß der An- geklagte ihm in der Nacht zum 29. März 1919, während er sich i« der Ausübung seines Berufes befand, zugerufen habe:„Wir wolle» ja bloß nicht, daß Du mit kaputen Knochen nach der Wache komme» sollst, sonst würden wir Dir was anderes zeigen", und weil der Schutzmann ferner beschwor, daß der Angeklagte ihn fortgesetzt mit seinen Knien gegen das Gesäß getreten habe. Von der Anklage der Gefangenenbefreiung war Hamann freigesprochen tvorden, weil das Amtsgericht annahm, daß er dem Schutzmann nur seine Miß- billigung über die Sistierung habe ausdrücken, nicht aber den Ge- fangenen, den der Schutzmann gemacht hatte, habe befreien wollen. Auch in der Verhandlung in der Berufungsinstanz beschwor der Schutzmann wiederum, daß der Angeklagte ihm die erwähnten Worte zugerufen und ihn mehrfach mit seinen Knien gegen das Gesäß getreten habe. Trotz aller Vorhaltungen des Verteidigers Dr. Kurt Rosenfeld blieb der Schutzmann bei seiner Aussage und stellte jeden Irrtum über die Persönlichkeit des Täters in Abrede. Das Gericht beschloß dann, die von der Verteidigung geladene» Entlastungszeugen zu vernehmen, deren Abhörung das Schöffen- gericht abgelehnt hatte. Vier einwandfreie Zeugen beschworen, daß der Angeklagte mit dem fraglichen Täter nicht identisch sein könne, sie sdien die ganze Zeit über mit dem Angeklagten zusammen ge- Wesen, und er sei ruhig mit ihnen des Weges gegangen, ohne etwa? Strafbares zu tun. Bei solchem Widerspruch zwischen der Aussage des Schutzmanns und der Aussage der anderen Zeugen mußte auch der Staats- anwalt die Anklage fallen lassen und die Freisprechung beantragen. Diesem Antrage schlössen sich der Verteidiger und daS Gericht an, und der Angeklagte wurde freigesprochen. Der Fall zeigt wieder einmal, welchen Wert eine Schutzmanns- aussage hat, auch wenn der Schutzmann mit Bestimmtheit seine Be- kundungen macht und unter seinem Eide jeden Irrtum für aus- geschlossen erklärt. Ein Versicherungsschwindel, durch welchen zahlreiche kleine Leute recht empfindlich geschädigt worden sind, beschäftigte die 7. Ferienstrafkammer des Land- gerichts I. Wegen wiederholten Betruges war der Generaldirektor Karl Peter angeklagt.— Der Angeklagte, welcher aus irgend- welchen Gründen sich den hochtönenden Titel„Generaldirektor" zugelegt hat, war bis vor einiger Zeit Agent und Vertreter der „Allgemeinen Kranlen-Vcrsichcrungskasse" in Chemnitz. Als er von dieser auS gewichtigen Gründen entlassen wurde, nahm er die Vertretung der„Deutschen Kranken- und Unterstützungskasse" in Kassel an. Bald nachdem er diese Stellung angetreten hatte, er» lieh er an seine bisherige Kundschaft ein Rundschreiben, in welchem er mitteilte, daß die Chemnitzer Kasse wahrscheinlich aufgelöst werden würde, da sie nicht mehr zahlungsfähig sei. Er teilte den Betreffenden mit. daß cS deshalb besser sei, wenn sie ihren Eintritt bei der Kasseler Kasse anmelden würden und spiegelte ihnen vor, daß er die Lösung der Verträge mit der Chemnitzer Kasse selbst, und zwar völlig kostenfrei erledigen würde, so daß sie keinerlei Beiträge mehr zu zahlen hätten. Eine große Anzahl von Personen ließ sich auch verleiten, das Anmeldungsformular für die Kasseler Kasse zu unterschreiben. Bald darauf erfuhren sie jedoch, daß sie von dem Angeklagten gründlich hineingelegt worden waren, da dieser gar nicht berechtigt war, die Kontrakte mit der Chemnitzer Kasse zu lösen und jenen Schwindel nur inszeniert hatte, um neue Prodi- sionen einzuheimsen. Die Folge war, daß zahlreiche Personen lange Zeit hindurch doppelte Beträge an beide Kassen zahlen mußten.— Das Gericht erkannte mit Rücksicht darauf, daß eS sich um ein recht dreistes Schwindelmanöver handele, auf eine Ge- fängnisstrafe von 6 Monaten. Ein wegen Beihilfe Mitangeklagter Unteragent wurde dem Antrage des Staatsanwalts gemäß frei- gesprochen._ Ungültige Polizeivorschrift über den Strahenhandcl. Angesichts der Bestrebungen, durch Polizeiverordnungcn den Straßenhandel zu beschränken, ist eine Entscheidung des Kammer- gerichts von Bedeutung, durch die eine Vorschrift der Kieler Straßcnpolizeivcrordnung für ungültig erklart worden ist.-er § 39 der erwähnten Verordnung vom 11. August 1906 bestimmtz Personen, welche auf öffentlichen Straßen Waren(ilssche. Gemüse, Obst usw.) von einem festen Stande oder auf andere W«sc der- kaufen wollen, bedürfen der polizeilichen ErlaubmS. Tagegen hatte der Händler MikuzicS insofern verstoßen, als er. dem der Straßenhandel nur vermittels eines zweirädrigen Handkarren? ge« stattet worden war, seine Ware von einem mit Pferden bespannten Fuhrwerk aus in den Straßen Kiels feilhielt.— Das Landgericht in Kiel als Berufungsinstanz sprach ihn frei und erklärte die an- gezogene Bestimmung für ungültig. Es führte aus: Der§ 39 der Straßenpolizeiverordnung in der mitgeteilten Fassung mache von einer Erlaubnis abhängig ganz allgemein das Verkaufen von Gegen- ständen auf der öffentlichen Straße. Damit verlasse die Verord- nung da? Gebiet der verkehrspolizeilichen Regelung. Eine solche polizeiliche Vorschrift sei unzulässig. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein und machte geltend. die Bestimmung solle nur dazu dienen, es der Polizeibehörde zu ermöglichen, in jedem einzelnen Falle dem Händler zu sagen, unter welchen Bedingungen xr den Straßenhandel ausüben dürfe. Ein Verbot des Straßenhandels habe die Polizei damit nicht bezweckt. Tatsächlich sei auch noch keinem Händler in Kiel die Erlaubnis ver- sagt worden. Damit sei zu rechnen. Deshalb sei die Bestimmung zulässig und gültig. � Das Kammcrgericht verwarf aber die Revision der Staats- anwaltschaft als unbegründet. Mit Recht habe da»-andgericht die Bestimmung für unzulässig erklärt. Die OrtSpolizeibehorde dürfe nicht so weit gehen, daß sie im allgemeinen den straßenhandel von einer Genehmigung abhängig mache. Daß aber der§ 39, so wie er einmal laute, dies tue, daran sei nicht zu zweifeln. Wenn die Erlaubnis nur gefordert würde für den Handel auf der Straße von einem festen Platze aus, dann licpe sich das halten. Es heiße aber dann in der Vorschrift„oder aus andere Weise'. So komme eben ein allgemeines Verbot des Straßenhandel» heraus, von dem die Polizei abgehen könne durch Erteilung einer Erlaubnis. Für die Frage der Gültigkeit sei allem etitscheidend dieser Wortlaut unv sein Sinn. Indem der§ 39 den Straßenhandel allgemein von einer Erlaubnis abhängig mache, se, er ,m ganzen ungültig, den» das sei unzulässig. Eine Zerlegung des Paragraphen in einen gültigen Teil(Erlaubnis für d«» Handel von einem festen Platze auS) und in einen ungültigen Teil(Erlaubnis für den Straßen- Handel überhaupt) sei n.cht möglich. Vermischtes. Die IMarterung der Sträflinge. Rom. 81. Juli.(Eig. Ber.) Calabrefifche Blätter melden, dich sich die Sträflinge von Reggio noch immer in den Ei sen b a H n- woggonS befinden, m denen sie nach dem Zusammenbruch ihres G-fängnisseS untergebracht waren. Die Presse protestiert ein- nrnen eine faTAi» v.« csunh�rt« unalücflidbcc geziefer preisgibt. Das Justizininistcrium sucht sich von jeder Schuld reinzuwaschen, indem es erklärt, daß seit mehr als einem Jahre alles für den Bau neuer Gefängnisse bereit sei, daß aber die bureaukratischen Schwierigkeiten bis heute die Gewährung der Bauerlaubnis verhindert haben. Hoffentlich fallen die Eisenbahnwaggons bald in Stücke, damit diese Menschenquälerei aufhört. Ehe neue Gefängnisse gebaut sind, dürfte sonst das Nn- geziefcr die Sträflinge schon aufgefressen haben. Genosse Turati hat einmal in der Kammer gesagt, daß jeder Justizminister eine Zeitlang im Gefängnis gewesen sein müßte. Wir schlagen vor, Minister und Unterstaalssekretär der Justiz nur ans acht Tage in einen kalabresischen Eisenbahnwaggon einzusperren. Vielleicht werden dadurch die bureaukratischen Schwierigkeiten leichter über- windlich._ 200 fi Icker ertrunken. Aus Petersburg übermittelt der Telegraph die Nachricht eines schweren Unglücks, das sich während eines Taifuns auf dem Amur in der Nähe von Nitolajew zutrug. Eine größere Fischerflottille, deren Insassen auf dem Strome ihrem Gewerbe nachgingen, wurde von dem plötzlich daher- brausenden Sturm überrascht. Eine Anzahl Fischer- boote kenterte. Etwa 2 0 0 Fischer fanden in den Fluten ihren Tod._ Krieg im Friede». In der russischen und französischen Marine habe» sich am Dienstag zwei schwere Unglücksfälle abgespielt. An Bord eines vor dem russischen Kriegshafen Kronstadt manöverierenden Torpedobootes ereignete sich eine Kesselexplosion, durch die sechs Mann getötet und vierzehn verwundet wurden. Etwas weniger schwer ist eine Explosion, die sich bei Schießversuchen der französischen Marineartillerie in der Bucht der Garonne zutrug. Eine mit 10 Matrosen bemannte Barkasse wollte in der Nähe der Insel St. Marguerite eine Unterseemine heben. Dabei erfolgte eine Explosion des Geschosses, durch die zwei Matrosen getötet, einer tödlich und mehrere andere leicht verletzt wurden. Die Mine war bereits teil- weise entladen, sonst wäre die Wirkung der Explosion eine be- deutend mörderischere gewesen. Schießübungen in einem spanischen Kloster. Die spanische Presse kommentiert lebhaft einen Unglücksfall, der sich in dem Kloster zum Heiligen Herzen Jesu in Tarragava zutrug. Ein Pater Martin Ferra» spielte in dem genannten Kloster mit einem Schießgewehr, das sich plötzlich entlud. Die Kugel traf den scchzigjährigen Prior Felix T o r n e r in die Brust. An dem Aufkommen Torners Der Unglücksfall zeigt deutlich, daß armen spanischen Volkes, die tausende durchaus nicht freiwillig auf die weitere Aus- das sich in seiner großen Mehrheit gegen die wird gezweifelt. die Drohnen des Pfaffen und Mönche, saugung des Volkes, kirchliche Reaktion wendet, verzichten wollen. Nach den spanischen Gesetzen sowohl wie nach den Kircheugesetzen ist Aufbewahrung von Waffen und Munition in den Klöstern streng verboten. Die Mönche scheinen sich heimlich mit Waffen zu verschen, um einer vielleicht möglichen Aufhebung der Klöster mit Waffengewalt entgegenzutreten._ Heimgeleuchtet. Unter dem schönen Titel„Die Justiz als Kupplerin' hatte der klerikale„Bayer. Kurier" einen Bericht über eine Schwurgerichts- Verhandlung gegen den Verleger Berthold Sutter in München veröffentlicht. Die Berichterstattung des frommen Blattes scheint nun ihre Früchte getragen zu haben, den an den Sutterschen Verlag iVerlagsgesellschasr München) ist aus einem unterfränkischcn Orte folgendes Schreiben gelangt: „Ersuche um Zusendung von„Memoiren einer Sän- g e r i n". Mitteilungen u. dergl. ersuche im geschlossenen Kuvert, n i ch t K a r t e. Hochachtend X.. Pfr." Der Herr Pfarrer hat ans diese Bestellung folgende A n t» wort erhalten: Hochwürdiger Herr Pfarrer I Wir erhielten Ihre geschätzte Bestellung auf ein Exemplar der Memoiren einer Sängerin, bedauern aber. Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir uns keineswegs mit der Lieferung pornographischer Schundliteratur befassen und deshalb außer stände sind, Ihre Bestellung auszuführen. Wir gehen wohl nicht fehl mit der Annahme, daß Sie durch die Berichte des„Bayerischen Kurier" oder der„Allgemeinen Rund- schau" über eine kürzlich gegen unseren Herrn Sutter stattgehabte Schwurgerichtsvcrhandlung wegen„Vergehens wider die Sittlichkeit, verübt durch die Presse", die ja mit der kostenlosen Freisprechung Herrn Sutters endigte, auf unsere Firma aufmerksain gemacht wurden. Wir verstehen es auch vollkommen, daß diese tendenziös gefärbten Berichte Sie in der Meinung bestärken konnten, endlich eine Bezugsquelle für porno- graphische Literatur gefunden zu haben. Wir sind so weit entfernt, Ihnen diesen Irrtum übel zu nehmen, daß wir Ihnen bielmehr gerne behilflich sind, das gewünschte Buch zu er- langen.(Folgt Angabe einer Adresse.) Falls Sie hier keine zweck- dienliche Auskunft erhalten können, bliebe als letzter Weg noch Herr OberlaNdeSgerichtsrat Roeren(Köln), in dessen bekannter, reichhaltiger Sammlung das Werk wohl vor- handen ist.) Hochachtungsvoll usw. Nach der Lektüre dieser Antwort dürfte dem Herrn Pfarrer doch wohl die Lust vergangen sein, sich unter Angabe seines Titels solche interessante Literatur zu bestellen. Eine Frau ist bereits befinden sich auf dem einen Abhang hinabgestürzt. Der Chauffeur G u e n d- hart wurde getötet. Von den Insassen wurde eine Frau Rievers aus New Jork schwer verletzt. In einem Anfall von Geistesstörung hat in Halle der Opernsänger Au mann seine Frau im Bett erschossen und sich selbst erhängt. SV Personen an Fleischvergiftung erkrankt. In Langen- berg bei Gera erkrankten SO Personen nach dem Genuß von Fleischspeisen an einer Fleischvergiftung. gestorben. Die übrigen Erkrankten Wege der Besserung. Bei einem Unwetter, das über die Ortschaft B istritz iit Schlesien niederging, schlug der Blitz in ein.im Bau befindliches Haus. Zwei Zimmcrleute und ein achtjähriges Kind wurden getötet. Ein Unmensch. Der 60jährige Maurer Pilz aus Kuners- dorf in Sachsen mißhandelte seine Frau fortgesetzt derart, daß sie infolge der erlittenen Verletzungen starb. Der Unholk fft verhaftet worden. Eisenbahnunfall. Auf dem Bahnhof in Wittenberge fuhr ein Zug über die gewöhnliche Haltestelle hinaus und stieß mit einer bereitgestellten Vorspannmaschine zusammen. Vier Reisende wurden verletzt. Aus- Furcht vor der Cholera haben im Kreise Taganrog in Rußland 4070 Kohle narbeiter die Kohlengruben verlassen und sich in ihre Heimat begeben. Alle Bemühungen, den Abzug aufzuhalten, sind erfolglos geblieben. Kleine Notizen. Tödliche Automobilunfälle. Auf dem Wege von Parten- k i r ch e n nach München verunglückte am Dienstagabend der Gast- Wirt Köhler, der mit seiner Frau und seinem Sohne eine Automobiltour unternommen hatte. Frau Köhler wurde g e- tötet, Köhler selbst ist schwer verletzt worden, sein Sohn kam mit leichteren Verletzungen davon.— Bei Nasssreith in Tirol ist ein von Garmisch nach Jnsbruck fahrendes Automobil Verband der Friscnrgchilfen Deutschland. Ziveigvereln Berlin und Vororte. Versammlung am Donnerstag, den 4. d Mts., abends 9'/» Uhr, Rosenthalerstr. 11/12. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand. Zentralvcrband der freien Händler, Hauficrer und verwandte» Bernssgenosfen Deutschlands. Sitz Essen- Ruhr, Verwaltungsstelle Berlin, Bezirk II Moabit. Heute abend S'l2 Uhr bei Schröder, Strom- strasje 36: Versammlung. Gaste willkommen. Lese- und Tiökutierklub„Wilhelm Liebknecht". Heute, Donners- tag, abends 9 Uhr-. Sitzung bei Karl Eichhorn, Danztger Str. 93. Vortrag. Gäste willkommen. WasierstandS-Nachrichte« der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wettcrbureau. Wasserstand M- m e l, Tilsit V r e g e l, Jnfterburg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Krossen , Fransturt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barbq , Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.— lliUerpegel. SoziBliteBiOkratisctier Watiivereii des 8. Eerl. Eeiehstags- Wahlkreises. Todes- Anzeige. Am 31. Juli verstarb unser Mitglied, der Arbeiter Lerndsril Behrend Echwclbeiner Str. 45. Ehre seinem Zludeukeu.' Die Beerdigung findet am Freitag, den 5. August, nach. mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle der Geihsemane-Gemeinde in Nieder-Schönhausen— Nordend, aus statt. Uni rege BeleUigung ersucht liev Voi-srnnd. CeufSGher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Toiles- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, das- unser Mitglied, der Bielellarbeiter Max TiteS am 1. d. M. an Magenleiden gc. jlorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am DonncrSlag, den 4. August, nach- mittags 3'/.2 Uhr, von der Leichen. halle des Emmaus-Kirchhoses in Nixdorf aus statt, 119/3 Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwallung Charlottenburg. Ten Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Tischlcr Xugust Schacht, Pestalozzistr. 79, verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Freitag, den 5. August, nachmit- tags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Doroihecnstädtijchcn Kirchhvss in Rcinickcndors, Scharnwebcr- straße 1, aus statt. Um rege Beteibgung ersucht 250/10 ver Vorstand. Treffpunkt 31/. Uhr bei Mertens, Krumme Slratie 43. veulseiier koliArdeiter-VerbANl! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Etnictzcr �uZust LcKacht am 1. August gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Bcerdignng findet am Fr-Uag. den 5. August, nach- mittags 5 Uhr, ans dem Doroihccn- fiadt-Rirchhos. Neinickendors-West, Scharnwcberstr. l/2, statt. ersucht ' JStc Ortsverwaltung. Oeutsoher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht daß unser Kollege, der Ewcrfahrcr Karl(Tedwardt am 2. d. Mts. im Aller von 48 Jahren verstorben Ist. Ehre seinem Andenken' Die Beerdigimg findet am Sonnabend, den 6. d. Mts., nachmittags i'l, Uhr, von der Leichenhalle des MallhiaS-Kirch- Hofes in Südende aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 79/10 Die Bezlrksverwaltaiig. Nach langen, in Geduld er-£ tragenen schweren Leiden verstarb am Montag, den 1. August, meine liebe grau, unsere gute Mutter. Schwieger- und Großmutter l�psamundeHuth geb. Cüirke. Tie Hiuterbliebcnen: Franz Unth nebst Kindern. Die Beerdigung findet statt am Freitag, den 5. August, nachntit- tag« 3 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Jakobilirchhojs in Nix- dorf, Hermannstr. 38—100. Idnnilsatxnnix. Allen Kollegen, Freunden, Ver- wandten und Bekannten spreche ich hiermit nochmals meinen herzinnigsten r.ank aus sür die liebevolle Teil- nähme an dem Begräbnis nieiner _ 223b I,onls Walter nebst Kindern irbeiter-WanWund n„Die Naturfreunde". Wanderfahrten am Sonntag, de» 7. August 1010. I. Erkner-Fangschlcuse. Abs. Schlcs. Bahnhos 6» vormittags. 2. Zehlendorf- Wanusee. Avsahrt Wannseebahnhos 2 Uhr nachmittags. Freitag, den 5. August. abcriöS 8'/, Uhr, BnudcSversammluug im Gewcrkschastshause. 2/7 Gäste willkommen. ftßr- Aussührliche Programme bei Heise, Boycnitr. 1V, zu haben. IMe alten Mitgliedskarten müssen in den Zahlstellen gegen die neuen Karlen ausgetauscht werden. Die alten Mitglieder haben, N-SÄÄ einen 1,10 Mk., die Abendmitglieder 1,30 Mk. zu entrichten. Dlö bis ZUM 10. Zlugnst nicht abgeholten Karten der alten Mitglieder werden an neue Mit- glieder abgegeben. Bei allen Umschreibungen in eine andere Zahlstelle muß die neue Karte auS der dlskerljien Zahlstelle abgeholt werden. ■Jty Nene Mitjjlledcr hönnen sich In allen Zahlstellen anmelden. 241/8* Der Vorstand. I. A.: G. W in kl e r. Tanzlehrer-Veiijaiiil „Solidarität Freitag, den 5. August, abends 9 Uhr, im Lokale, Hoppes Festsäle", Rixdorf, Hermannstr. 49: DefchUeßende Versammlung TageS-Ordnung: 200/2 1. Diskusston über den Artikel Tnnzmoral. 2. Abrechnung von der Dampferpartie. 3. VerbandSangelegeiiheiten._ Erscheinen aller Kollegen notwendig. Der Borstand. I. A.: Richard Heinrich, Wrangelstr. 107. Von der Reise zurück 214/1 Dr. Wallbach Maskaner Straße 38. Wegen Aufgabe unserer Verkaussräume. Roßstraße 2 Anzilgstssst, Militer- Kalklsistliffe, Damentnche spottbillig, unter. Preis. 278L !löi:UZeL!M!,liLMMili.Il.ö. Roffftraffe S. AliKng! Fliesenleger, wumi Freitag, de» 5. August, abends 8 Uhr: Mügliklikr-siktsliiiimliiNli der Mlion im GcwerkschaftShanse, Engeluser 15, Saal 3. KageS-Ordnung: 1 Vortrag. 2. Dislussion. 3. Gewerkschaftliches. Kolleqe». erscheint vollzählig itl dieser Versammln»»!_ W Mitgliedsbuch oder LegitimationSkarte leglttmiert. 188/8* Ter Vorstand der Sektion der Fliesenleger. 3orussia'?estsäle Inhaber: Georg Wolffgramm Ackerstr. 6/7. Ä": Ackerstr. 6/7. Empsehke den verehr! Vereinen und Gesellschaften meine bedeutend vergrößerten«nd neu renovierten 4 Festfäle ciss. 250 bi, 1000 Personen fassend). 327L Zzx- WiedererUlTnuns O. Angnst."Mg Zur dkborstcheude» Hcrbstsaison noch einige Sonnaicnde srei! Von der l�else zurück Br. �ilberisteln Rixdorf, Berliner Str. 98. oEceeeeeoeeeeMeei © Vau der Reise znrück. t Dr. Julius Moses Z Elberfelder Straße 17., Brunnenstraße 16. Das größte Kino- Theater Berlins. Heues Progrsnim. Eintritt 30 Pf- Karow Buch eine Station vor Schönst. Villenort, HR. v. 12 M. an. 20 Pf. v. Stett. Bhf., 25 Min. Fahrt, 10 Pf. v.Pankow-Schönh., 12 Min. Fahrt. Terrain unmittelbar am Bhf. Bebauungsp! genehmigt. Pläne gratis. Mäß. Ana. u. langjähr. Hypotheken. Verkäufer ständig a. Bhf. Karow. 3791- J. Rieger, Berlin, Gontardstr. 5. 'Spree-Garten- Treptow. (Gegenüber der Sternwarte.) Elite-Woche Heute Donnerstag, den 4. August: Militär-Extrakonzert Kapelle des Kadettenkorps, kgl. Obermusikmstr. Naj ork. 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Alle Mitglieder nebst Familie, sowie Freunde und Bekannte sind hierdurch ergebenst eingeladen.---------- Anfang des Konzerts 41/, Chr. Entree 30 Pf. 254/29* DER VORSTAND. Mitglied des Arbeiter Turn- Verein„Fichte" Berlin Turner- Bundes •• Sonnabend, den 6. August 1910 Großes SommersPest •• •• zur Feier des 20Jährlgen Bestehens in der 108— 114 Hasenheide NEUEN WELT Hasenheide 108— 114 ::;; Konzert, Spezialitäten, turnerische Aufführungen, Sommernachts-Ball s n --------- Kinderbelustigungen aller Art Im Amerikanischen Vergnügungspark-------- Um»Uhr: Großer Fackelzug bei bengalischer Beleuchtung. Jedes Kind erhält eine Stocklaterne und einen Bon für Karussell an der Kontrolle gratis. Kinderspiele von 2—5 Uhr. x X Von o i hr ab in allen Sälen Tanz. Anfang 4 Uhr. Programme an der Kontrolle gratis. Eintritt 25 PI. Die Kalfeckttchc steht den geehrten Damen von 2 Uhr ab zur Verfügung. — 1 jtossteilungslialle am Zoo. Täglich(Anfang 8 Uhr): KmematoppMscheftrlriiip. 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Da infolge der ausgedehnten Debatten über den Diszi- plinbruch in Baden die am 26. Juli abgehaltenen General- Versammlungen die Tagesordnungen nicht erledigen konnten, blieb die Erörterung der geschäftlichen Angelegenheiten den für den 2. August einberufenen Versammlungen vorbehalten. Wir berichten darüber wie folgt: Erster Wahlkreis. Den Vorstandsbericht erstattete Woldersky. Im Mittel- Punkt der Ereignisse stand der Wahlrcchtskainpf. Redner gibt einen eingehenden Ueberblick von den Veranstaltungen, Sitzungen uslo. des ersten Kreises und hebt besonders hervor, daß die DemonstratiouS- Versammlungen ungewöhnlich gut besucht waren. Den berühmten Tiergartenspaziergang bezeichnet Woldersky als einzig dastehend in der Geschichte der Partei; er habe bei allen, die ihm beiwohnten, einen unvergeßlichen Eindruck hinterlassen. Ueber die Arbeit der eingesetzten Kommission zur Formulierung von Vorschlägen für eine wirksame, durchgreifende Agitation im Kreise ist der Kreiskonferenz schon berichtet worden. Zurzeit besitzt der erste Kreis 848 Mitglieder, darunter 10S weibliche. Den Kassenbericht gibt Bittner: Die Einnahmen betrugen 8868,00 Di., die Ausgaben 2358,23 M.. bleibt Bestand 1310,67 Mark. Lucht bedauert, datz das Flugblatt„Dem Volke kein Wahl- recht, den, König 3>/z Millionen Zulage" nicht in größerer Anzahl verbreitet wurde. Dieses Flugblatt fei den Arbeitern gerade aus der Seele geschrieben. WolderSky teilt mit, daß die Mtgliederzahl des Vereins für Arbeiter-Jugendheime aus 214 gestiegen sei. Bezüglich des er- wähnten Flugblattes meinte er, der Vorstand müsse sich nach den Angaben der AbteilungSsührer richten, es seien immer sehr viele Flugblätter übrig geblieben, man könne daS Geld besser anlegen als in Makulatur. Redner bedauert, daß die Beteiligung an der Kleinarbeit in den einzelnen Bezirken viel zu wünschen übrig läßt. Ferner verweist ß er aus die neuerrichtete Kindcrschutzkommission, deren Bericht soll in der nächsten Generalversammlung erörtert werden. W o l d t, als PreßkommissionSmitglied, erstattet Bericht über die Tätigkeit der Kommission. Redner saßt sich kurz und verweist auf den kommenden gedruckten Jahresbericht, worin auSsührlich be- richtet werde. Die juristische Sprechstunde sei nun so ausgebaut, daß sie ihren Zweck in jeder Hinsicht erfülle, die Beschwerden seien denn auch aus ein Minimum zurückgegangen. In Sachen des Abendblattes seien ja die meisten Genossen des 1. Kreises der Meinung, datz die Morgenausgabe unter den heutigen Verhältnisse» nicht mehr genüge. Die diesbezüglichen Anträge des 1. und 6. Kreises hätten veranlaßt, daß der GeschäftSsührer deS VorlvärtLverlageS einen Kostenanschlag vorlegte, woraus hervorging, daß die Mehr- kosten ganz erheblich sein würden. Er, Redner, habe energisch für Einführung des Abendblattes gesprochen, die anderen Kreise seien aber d,jrch den Kostenanschlag anderen Sinnes geworden und selbst der 3. Kreis habe seinen Än trag zurückgezogen. Nach Woldts Meinung resultiert das Uebel aus dem Widerspruch, der in der Vereinigung eines Zentral- nnd Lokal- organS liegt. Der„Vorwärts" werde in seiner Eigenschaft als Zentralorgan zu sehr mit Angelegenheiten überladen, die für Berlin wenig Jntereste haben. Dadurch werde der„Vorwärts" immer teurer fein als die übrigen Parteiblätter. Kunze bedauert die Haltung der Kreise in der Frage des LlbendblatteS. T ä t e r o w spricht zur Frage der Einführung eines Abendblattes und bedauert die Vertagung derselben. Er bezweifle, ob alle Mo- mente genügend berückfichtigt worden seien. Weite Kreise seien da- für» viele Genossen müßten sich heute noch Nebenblätter halten, um schnell unterrichtet zu werden. Der„Vorwärts", der eine Monopol- stellung einnehme, müsse leisten können, was bürgerliche Blätter auch leisten. Die Genossen werden nicht ruhen, bis ihren Wünschen Geltung verschafft sein wird. Gebauer bedauert auch, daß wir gerade in der kommenden ReichstagSwahl kein Abendblatt haben werden. Bartsch von der Lokalkommission ersucht die Genossen, die Lokalliste noch strenger zu beachten. Der Bericht der Brandew burger Kommission wird später gegeben, da der Vorsitzende ver- reist ist. K u n e r t berichtet über die Borschläge, die die gewählte Kom Mission zur Hebung der Agitation ausgearbeitet hat. Das ganze Material soll dem Vorstande überwiese» werden. Dann wird zu den Wahlen geschritten. Genosse Woldersky legt sein Amt, da er zirka fünf Jahre dem Vorstande angehört hat und vier Jahre Vor- sitzender war. nieder, um an anderer Stelle iveiter z» arbeiten. An seine Stelle wird T ä t e r o w gewählt. Ferner P e t e r m a n n 2. Vorsitzender. 1. Kassierer Bolzmann. 2. Kassierer Timmel, 1. Schriftführer B u b l i tz, 2. Schriftführer K e t t y G u t t m a n n, als Revisoren Tabberl.Strehllow, Frl. Sehner, in die Lokalkommission Eg e, als Agitationsmitglied Schuster. Ein von Ketty Guttmann begründeter Antrag, statt fünf weiblicher Vertreterinnen deren acht in den Zentralvorstand zu entsenden, wird angenommen. Dem langjährigen Kassierer Bittner, der von seinem Posten zurücktritt, weil er nach außerhalb verzieht, wird einstimmig Decharge erteilt. Gegen den Antrag, den Monatsbeitrag auf 40 Pf. zu er- höhen, wandten sich Weihnacht, Bittner und andere Ge- noffen, die auf die augenbltckliche mißliche Wirtschaftslage, unter der die Arbeiter beionderS schwer zu leiden hätten, hinwiesen, während WolderSky mit aller Wärme für den Antrag eintrat, da wir im bevorstehenden ReichStagsivahlkampf be- sonders viel Munition brauchen werden und auch die neuen Ein- richtungcn in der Partei, wie Parteischule, Jugendorganisation usw. hohe finanzielle Anforderungen an unsere Kasse stellen. Der Antrag wurde mit 37. gegen 30 Stimmen angenommen. Zur Provinzial- konfcrenz werden gewählt: Bitttner. Zaduk, Strehlow. Zur Verbandsgeneralversammlung: Strehlow, Zaduk, Bittner. Bublitz. Sehner. Ege. In die Preßkoinmission wurde Genosse Wölbt mit großer Mehrheit wiedergewählt; auf den Genossen Kunze fielen 14 Stimmen. Zweiter Wahlkreis. Die Generalversammlung im zweiten Wahlkreise, die im großen Saale der Bockbrauerei tagte, war sehr gut besucht. Genosse Schwemle erstattete den Vorstandsbericht. Dieser umfaßte dies- mal anderthalb Jahre. Da ein schriftlicher Bericht vorlag und den Mitgliedern halbjahrlich Berichte gegeben wurden. so äußerte sich Redner im wesentlichen über die Vorgänge im letzten halben Jahre. Es stand da im Vordergrunde der Kampf um ein freies, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht, bei dem auch die Genossen des zweiten Wahlkreises ihren Mann standen. Auch ließ man es nicht fehlen an der Agitation. Zahlreiche Flugblätter wurden verteilt, insgesamt S38 000. Es ist manches geschehen, um die Zahlabende besser auszugestalten. In verschiedenen Bezirken wurden Referate gehalten.— Der„Vorwärts" hat im Kreise 6000 Abonnenten, der „Wahre Jacob" 738. die„Gleichheit" 146 und der Süddeutsche „Postillion" 31.— Redner richtete zum Schluß eine"kräftige Er- Mahnung an die Versammelten, alles Persönliche im Parteileben bktseue zu lassen, fest zusammenzuhalten und zu agitieren und zu organisieren, wo und wann eZ nur möglich sei.(Lebhafte Zu- stiminung.) Die Kassenverhältnisse, zu denen der Kassierer Schmidt das Wort nahm, gestalteten sich in den anderthalb Jahren so: Im Halb- jähr Januar/Juni 1909 wurden eingenominen 12 538,84 M., ausgegeben 11 073,90 M. Einschließlich des verbleibenden Ueberschusscs von 804,94 M. wurden im nächsten Halbjahr Juli/Dezember 1909 insgesamt 13 274.10 M. eingenommen, welcher Einnahme eine Aus- gäbe von 12 432,67 M. gegenüberstand, so daß ein Bestand von 841,43 M. verblieb. Das Halbjahr Januar/Juni 1910 rechnete mit einer Gesaintcinnahme von 15 518,40 Mark und mit einer GesamtanSgabe von 14 318,16 Mark. Es verbleibt ein Bestand von 1200,24 M.— Der Wahlvcrein hat jetzt 4781 Mit- glieder, darunter 363 weibliche. Genosse Gr un ivald berichtete für die Preßkoinmission: Zu den Anträgen, die aus Gcnossenkrelsen stets wiederkommen, aber votläufig abgelehnt werden müssen, gehöre der auf Bcrbilliguug des„Vorwärts". Dieser sei nahezu einstimmig abgelehnt worden, nachdem ein- gehende Beratungen und Berechnungen ergeben hätten, daß auch bei einer Verbilligung um nur 10 Pf. ein solches Defizit herauskäme, daß man glaubte, nicht die Verantwortung dafür übernehmen zu können. Bei den Berechnungen sei schon eine Vermehrung der Abonnenten berücksichtigt worden. Auch der Antrag auf Einrichtung eines Abendblattes scheitere an der Finanzfrage. Auch hierbei müßte, selbst eine Abonncntendermehrung angenommen, mit einem größeren Defizit gerechnet werden. Zurzeit sähen deshalb die Instanzen davon ab. Das Feuilleton habe an- läßlich des Hyanschen RomanS die Preßkommission be schäftigt. Eines Romans, der absolut nichts Künstlerisches an sich habe und dessen Veröffentlichung in einem täglich erscheinenden Blatte, daS auch jungen Leuten in die Hände komme, man nicht billigen könne, selbst wenn man kein Sittlichkeitsfcx sei. Der Partei vorstand habe dem in einer Resolution entgegentreten und namentlich für die Zukunft vorbeugen wollen. Leider hätte ihn die Preß- kommission nicht genügend unterstützt, sondern mir Stimmengleichheit den Antrag abgelehnt.— Als ein Segen habe sich die Aendernng in der Handhabung der juristischen Sprechstunde erwiesen, da jetzt die Natslichcndcn nicht mehr bloß aus wenige Stunden angewiesen seien und außerdem oft schon formulierte Anträge usw. mit nach Hause nehmen könnten.— Mit der prinzipiellen Haltung des „Vorwärts", namentlich mit der Art seiner Stellungnahme in der badischcn Angelegenheit, seien Preßkommission und Parteivorstand durchaus zufrieden. Genosse Zinke erstattete den Bericht der AgitationSkommission. Er konnte von schönen Erfolgen und tüchtiger Arbeit in der Provinz berichten. Die Zahl der Stadtverordneten und Gemeindevcrtrcter hat sich erheblich vermehrt. Die Aussichten für die am 15. September in Fraukfurt-LebuS stattfindende Reichstagswahl seien günstig. Man hoffe den Kreis< i m ersten Wahlgange) zu nehmen. Der WahlrechtSkamps in der Provinz habe uns eine Anzahl Strafprozesse eingebracht, wovon 47 erledigt seien. Dazu kämen die-üblichen Prozesse wegen Uebertretung der Versrominuitgsverordunng durch Flugblattverbreitung am Sonntag nnd dergleichen. Die organisierten Genossen in der Provinz hätten sich um 4236 vermehrt. Das seien 20 Proz. ES seien jetzt ungefähr 23 000 Mitglieder in der Provinz. Auch in den beiden Kreisen, die dem zweiten Berliner Wahlkreise zit geteilt wären, sei die Mitgliederzunahme eine erfreulich starke. Mit der Einsührung der Zeitung für die Neumark(Kopfblatt der. Märkischen Volksstimine") könne man nach den bisherigen Resultaten ganz zu- frieden sein. Genosse Schröder von der Lokalkommission berichtete über die Erledigung verschiedener Beschwerden und erörterte dann die Angelegenheit der„ K ammersäle" in der Teltower Straße, Ecke Bellealliancestraße. Der Inhaber, Herr Palm, habe die Lokal- kommission hinzuziehen gesucht. Schließlich habe er gewünscht, man solle das Lokal, dessen Besitzerin die Handwerkerkammer sei, als neutral betrachten. Er wollte eS zu keinerlei politischen Ver- sainmlungen, also auch nicht zu sozialdemokratischen hergeben. Dagegen rechnete er auf Unterstützung durch Vergniigungen im zweiten Kreise. Man habe ihm eine Einladung zu einer politischen konservativen Veranstaltung, die in seinem Lokal stattfand, entgegenhalten können. Er habe dann versprechen wollen, in Zukunst sollten leine politischen Versammlungen mehr in den Kammersälen statlfinden. Im Eiiwerständiiis mit dem Vorstand habe Redner das Lokal darauf für gesperrt erklärt. So schwierig der Kampf auch erscheine, er müsse im Interesse des Versammlungs lebens im zweiten Kreise durchgeführt werden. Herr Palm werde wohl, wenn jeder ans dein Posten sei. bald die 83 000 M. Pacht nicht mehr zahlen könncii, und die Handwerkcrkammcr werde mit sich reden lassen müssen. Jeder einzelne sei verpflichtet, der Lokal kommission gleich davon Miiteilung zu machen, wenn er von Vereins Vergnügungen in den Kammersälen höre. Da man erfahren habe, daß das Cass Ruhwald in Woltersdorfer Schleuse, das Palm erst hatte, ihni auch jetzt noch gehöre und daß der angebliche jetzige Inhaber wahrscheinlich nur ein Vertreter Palms sei. so sei bei der Lokalkommission der Antrag gestellt, über daS Eflfe Ruhwald auch die Sperre auszusprechen. Mindestens müßten sich Vereine vorsehen bei Abschluß von Dampferpartien für das nächste Jahr. Genossin Ottilie Baader machte dann einige Mitteilungen über die Agitation unter den Frauen 'm zweiten Kreise. Insbesondere verwies sie auf die Lese- und Diskuticrabende, von denen der eine im Süden, der andere im Westen abgehalten wird. Im Westen kamen durchschnittlich 36 Frauen, im Süden 43 Frauen. Die Zahl der weiblichen Mitglieder des Wahl- Vereins hat sich im letzten Jahre um etwa 100 vermehrt. Rednerin bat zum Schluß, daß die Genossen bei ihren Frauen lebhaft für den Besuch der Leseabende eintreten und immer mehr Frauen zum An- schluß an die Organisation bewegen möchten. Die organisierten Genossinnen würden das ihre tun. Dem Kassierer wurde Decharge erteilt. Die Wahl des V ost st a n d e s beziehungsweise der Funktionäre führte wegen einer Kandidatenfrage zu etwas erregten AuZeinandersetzuitgen. DaS Re- sultat der Wohle» ist folgendes: Erster Borsitzender S ch w e m k e. zweiter Vorsitzender Häuser. erster Kassierer G. Schmidt, zweiter Kassierer L o h s e. erster Schriftführer« a u t m a n n, zweiter Schriflführcr I a c u b o w S k i. Beisitzer Werner und Frätilein Baader. Revisoren Henning. S i in o n und B a l k o w. Ferner wurden gewählt in die Preß- kommission Ewald und G r u n w ci l d, in die AgitationZkominission Zinke, in die Lokaltommission Schröder, in die Vergnüguiigs- kommission die Genossinnen Wurm und H e r in a n k n S sowie die Genossen Keufer, Kolz. Peina. Schlachtinger und Galt, in den Aktionsausschuß Schwemie, als Revisor für Groß-Berlin G. Schmidt. Dann wählte man noch zur Geucralversaminliiiig von Groß- Berlin 41 Delegierte und bestätigte die Bczirlsführer. Dritter Wahlkreis. Die Generalversammlung dcS dritten Kreises fand im Gewerk- tchastshause statt. Genosse Pohl erstattete den VorstandSbcricht. Zuerst gab er ein Bild von der Tätigkeit der Parteigenossen deS Kreises während der letzten sechs Monate. Es fehlte nicht an allerlei Veranstaltungett. Bersammllwgeli. LMmstrotionM, Massen' l Verteilung von Flugblättern. Man war bestrebt, die Frauen heran- zuziehen und agitierte unermüdlich. In der verflossenen Geschäfts- Periode, die sich über 18 Monate erstreckt, fanden statt: 12 Volks- versammluiigen, 3 Frauen-, 4 Sonntags-, 8 Kommunalwähler-, 8 Generalversammlungen, 7 KreiSlonscrenzen und 31 Vorstands- sitzungen. 7 Flugblätter wurden in einer Gesamtauflage von 294 000 verbreitet. Außerdem kamen zu der Stadtverordnetenwahl 87 000 Flugblätter zur Verteilung. Zur Agitation und zur Gewinnung von Abonnenten wurden 42 000 Exemplare einer Extraausgabe des „Vorwärts" verbreitet. Der Mitgliederbestand betrug zu Anfang des Jahres 1909 2412, darunter 123 weibliche Mitglieder. 995?!cuaufnahmen(darunter 131 Frauen) wurden in dem ersten Halbjahr des Jahres 1910 ver- zeichnet. Von anderen Kreisen wurden 713 Mitglieder überwiesen, zusammen waren also 1708 neue Mitglieder zu verzeichnen. Dagegen betrug die Zahl der aiiSgeschiedenen und den anderen Kreisen über- wiesenen Mitglieder 1626; mithin verbleibt also am 30. Juni 1910 ein Mitgliederbestand von 2494. Durch die große Fluktuation im Kreise(Abzug nach der Peripherie und den Vororten Groß-Berlins, wenn auch fortwährend neue Mitglieder gewonnen werden) ist nur eine Zunahme von 82 Mitgliedern zu verzeichnen. Die Beschwerdekommission hat nur sehr wenig zu tun gehabt. Einige Differenzen wurden mit leichter Mühe geschlichtet. Der Kassenbericht, den Genosse Albert Harn dt vorlegte, zeigt für die letzten sechs Monate eine Einnahme von 9üS7.8l M. gegen- über einer Ausgabe von 6771,08 M., somit einen Bestand von 2926,73 M. Der Gesamtbericht für die Geschäftsperiode von acht- zehn Monaten zeigt eine Einnahme von?7 l 78,56 M., eine Ausgabe von 22 004,68 M.s einen Bestand von 3003,88 M. Auf Antrag der Revisoren wurde für die Kassenführung von der Versammlung Decharge erteilt. Außer einigen Anfragen an den Kassierer, die zufriedenstellend beantwortet wurden, fand keinerlei Diskussion über den Vorstandsbcricht statt. Genosse Pohl gab be- kannt. datz der gedruckte Bericht den Mitgliedern noch zugehen werde. Den Berictit der Preßkominission erstattete Genosse Robert H i n y e, der sich ausführlich mit der Tätigleit der Kommission beschäftigte und eine lebhafte Diskussion anregte, als er einige schon öfter geäußerte Wünsche in beziig auf den„Vorwärts" zur Sprache brachte. So war es besonders der Wunsch, daß eine Abendausgabe oder ci» Montagsblatt herausgegeben werde, der mir allem Nachdruck wieder hervor trat» obwohl Genosse Hintze erklärte, daß sich dieser Wunsch zurzeit nicht erfüllen lasse. Ein Genosse meinte, daß das Anzeigengeschäft und der Straßenverkauf des„Vorwärts" viel besser ausgenützt werden könnte. Gegen eine Verkürzung der Parlamentsberichle sprachen sich mehrere Redner aus, und der eine wünschte noch besonders, daß die neu angenommenen Gesetze den Lesern mehr zur Kenntnis gebracht werden müßten. Für die Gewerkschaften, besonders für die kleineren, wünschte ein Genosse mehr Berücksichtigung im„Vorwärts". Zuletzt kehrten die Wünsche in bezug auf ein Abend- oder Montags- blatt in Form von Anträgen wieder, die aber schließlich abgelehnt wurden. Die Versammlung hörte dann den Bericht des Genossen Aysche von der Agitationskommission, der sehr hoffnungsvoll ausllang und von bemerkenswerten Erfolgen der Agitation auf dem Lande er» zählte. Unter den Frauen habe man mehr Verständnis für die öffentlichen Angelegenheiten gefunden, als man erwarten konnte. Die Bewegung unter den Land- und Forstarbcitcrn bringe Fortschritte; in manchen Dörfern, Ivohin man früher sich kaum wagen durfte, finde die Agitation für unsere Ideen fruchtbaren Boden. Durch be- stimmte Abkommen, die man mit den Gewerkschaften traf, werde die Agitation aufs beste gefördert. Ans Schivierigleiten stoße man noch vielfach bei den Schiffern, die sich recht unzugänglich zeigen. aber auch hier wie überall arbeite man mit Geduld und Zähigkeit, um schließlich doch gute Früchte zu ernten. Für die Lokalkommission berichtete Genosse König, daß die Kommission unverdrossen tälig sei, der Arbeiterschaft Versammlungs« lokale zu gewinnen und zu erhalten. Leider werde oft die wirksame Unterstützung durch die Genossen vermißt, die durchaus gefordert werden müste, wenn die Kommission zur allgemeinen Zufriedenheit arbeiten soll. Der Redner wünscht, daß Vereine, die Verträge mit Gastwirten abschließen, sich dagegen sichern, daß der Wirt seine Unterschrift von der Lokalliste zurückzieht; auch sollten die Wirte auf den kostenlosen Nachweis der Gastwirtsgehilfen aufmerksam gemacht werden. Eine Diskussion über diese Berichte wurden nicht beliebt. Die Neuwahlen der Funktionäre ergaben das folgende Resultat: 1. Vorsitzender Pohl, 2. Vorsitzender Jakob, 1. Kassierer Albert Ha r nd r, 2. Kassierer Fritz Schmidt. 1. Schriftführer PaulH ah n. 2. Schriftsuhrer G r i in in. Als Beisitzer wurden die AbteilungS- fiihrer bestätigt und Genossin Frau Mittag gewählt; als Revisoren Alex. Fröhlich, Ast und P ö tz s ch; als Mitglied der Preß- kommission Robert Hintze; als Mitglied der Agitationskominisston Aysche und der Lokalkommission Müller gewählt. Nachdem noch die Schiedskommission gewählt worden war, sprach Genosse Aysche über die Aufgaben der bevorstehenden Provinzialkonferenz, zu der die Versammlung die Genossen Grimm und Wenzel und die Genossin Frau Berta K l i n g e r delegierte. � Die vorgeschlagenen 21 Delegierten zur VerbandSgeneral- versaminlung erhielte» die Ziistimmung der Versammlung, die ebenso nach einem Vorschlag deS Genossen Pohl ihr Einverständnis damit erklärte, daß die Delegierten des dritten Kreises auf der Verbands» gcneralversainmlung für die Wahl der Genossen Ernst, Liepmann und BöSke in den engeren Ausschutz stimmen. Vierter Wahlkreis. Die gutbesuchte Generalversaminlung jagte in KcllerS Fest- sälen. Der Tätigkeitsbericht des Vorstandes lag gedruckt vor. Da den Bestimmungen des neuen Organisationsstatuts entsprechend das Geschäftsjahr vom 1. Juli bis 30. Juni laufen soll, erstreckte sich diesmal der Geschäftsbericht aus l'A Jahre, und zwar vom 1. Ja- nuar 1909 bis 30. Juni 1910. Infolge der Wahlrechtsbewegung er. hielten 23 Mitglieder Anklagen. Ein Genosse wurde mit einer Woche Gefängnis bestraft, fünf mit 63 Tagen Haft. Bei den übri» gen 19 beliesen sich die Strafen und Gerichtskosten auf 346,03 M. In die Berichtszcit siel auch die durch den von der freisinnigen Partei veranlaßtcn Biermandatsraub notwendig gewordene Landtagswahl. Drei von den beteiligt ge- lvcsenen Landtagswahlbczirken liegen im vierten ReichstagSwahl- kreis. Im 3. Landtagswahlbezirk steigerte sich die Zahl der sozial- demokratischen Urwählerstimmen von 18 213 im Jahre 1908 auf 18674, obwohl die Zahl der eingeschriebenen Wähler von 33 096 auf 32 700 und die der abgegebenen Stimmen von 20 390 auf 20 440 -"riickgegangcn war. Die gegnerischen Stimmen gingen von 2323 f 1764 zurück. 39,1 Proz. der Wahlinänner entfielen diesmal f unsere Partei, gegenüber 37.4 Proz. im Jahre 1908. Ebcns» war das Wahlergebnis im 6. Bezirk. Die Zahl der eingeschriebene« Wähler ging von 49 976 ans 49 442 und die der abgegebenen Stint« inen von 25 620 auf 25 288 zurück. Auf die Sozialdemokratie cnt- fielen 21 863 Stimmen, gegenüber 21 137 im Jahre 1908. Tie � Stimmen der Gegner gingen von 4393 auf 3423 zurück. Von den Wahlinänncrmandaten eroberte die Partei Ha,3 Proz. gegenüber Proz. vfiji im Fm 7. LandtagZlvaWezlrk BaHe sich die Zasik d'er eingefchrie- 5enen Wühler von 47 227 auf 4g 121 und die der abgegebenen Stint- men von 26 3G3 auf 27 132 vermehrt. Doch verhältnismäßig viel stärker ist die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen gewachsen. und zwar von 20218 auf 23 054, während die gegnerischen Stim- men von 5037 auf 4078 zurückgegangen sind. 58.1 Proz. der Wahl- männcrmandate fielen unserer Partei zu, gegenüber 53,6 im Jahre 1008. Leider war Genosse Heimann durch Krankheit gezwungen, nach kurzer Zeit sein Mandat als LairdtagSabgeordneter nieder- zulegen. An seiner Stelle wurde am 12. April d. I. der Genasse Adolf Hoffmann gewählt, nachdem am 15. März für die inzwischen ungültig gewordenen Wahlmänncrmandate Ergänzungswahlen er» folgten, bei denen die Partei weitere 5 Wahlmänucrmandate er- oberte. Am 3. November 1000 fanden die Ergänzungswahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt. Erledigt waren die Mandate im 13., 14., 24. und 25. Kommunalwahlbczirk. Die bisherigen Vertreter, unsere Genossen Singer, Stadthagen, Schneider und Bruns, wurde? wiedergewählt. Zur Erledigung der Vereinsgeschäfte wurden 0 Gencralver- sammlungen, 56 Vorstandssitzungen, 10 erweiterte Vorstands- sitzungen mit den Abteilungsführern, 15 Kreiskonfercnzen und 12 Sitzungen der Bcschwerdekommission abgehalten. Von den 70 öffentlichen Versammlungen nahmen 21 zur Wahlrcchtsfrage Stellung, 11 beschäftigten sich mit den LandtagSwahlen und 10 mit den Stadtvcrordnetenwahlen. 5 Versammlungen wurden abgehal- ten zur Erinnerung an den 18. März 1843, 4 dienten der Förde- rung der Agitation unter den Frauen. 8 nahmen Stellung zu den neuen Reichsfteucrn und 5 verlangten die NeichStagsauflSsung. Außerdem wurden vier Versammlungen gemeinsam mit den Ge- werkschaften veranstaltet. Die Agitation wurde noch durch Verbreitung von 3 200 000 aufklärende Flugblätter gefördert. Zur Gewinnung von„Vor- wärts"-Abonnenten wurden in 31 Abteilungen 64 500„Vorwärts"- Exemplare verteilt. Der Aufklärung und Bildung der weiblichen Mitglieder dien. ten eine große Zahl von Vortragsabenden, die fast durchweg einen guten Besuch aufzuweisen hatten. Am 28. Oktober 1000 waren es 25 Jahre, daß Genosse Singer den Kreis im Reichstage vertritt. Eine an diesem Tage veran- staltete Jubiläumsfeier fand allseitigen Beifall. In der Mitgliederbewegung sowie im Kassenbericht spiegelt sich die wirtschaftlicke Krise, die fast bis Ende des Jahres 1000 anhielt. Währcsd der Wahlverein am 1. Januar 1000 10 255 männliche Mitglieder zählte, ging der Mitgliederstand bis 1. November 1009 auf 16 827 zurück. Am 1. Mai laufenden Jahres war der Verlust aber wieder wettgemacht und am 1. Juli die männliche Mitglieder- zahl auf 20 131 gestiegen, so daß also 876 männliche Mitglieder in der Berichtszcit gewonnen worden sind. An weiblichen Mitgliedern hat der Wahlverein langsam, aber ständig zugenommen. Am 1. Januar 1009 zählte er deren 1712 und am 30. Juni 1910 waren es 2796. Neuaufnahmen von Mitgliedern erfolgten 9227, aus an- deren Kreisen zugezogen sind 1712. Wegen restierender Beiträge wurden 4172 gestrickten, nach anderen Kreisen verzogen sind 4001, ausgetreten sind 518, ausgeschlossen 6 und verstorben 192 Mit- glieder. Deren Andenken wurde von der Versammlung in der üb- lichen Weise geehrt. Dem Zugang von 10 939 Mitgliedern steht also ein Abgang von 8979 Mitgliedern gegenüber, so daß ein Ge- winn von 1060 Mitgliedern verbleibt. Der Wahlvercin tritt also mit einem Bestände von 22 927 Mitgliedern am 1. Juli in das neue Geschäftsjahr ein. ,.Vorwärts"-Abonnenten, die von den Partei- fpeditioncn bedient werden, sind 26 071 am Schlüsse der Berichts- zeit im Kreise gezählt worden, gegenüber 24 101 zu Beginn der- selben. Trotz dieser Zunahme von 1970 Abonnenten ist aber der Stand der am Schluß des JahreS 1907 vorhanden war, nämlich 26 713, noch nicht wieder erreicht worden. Im Kassenbericht find zur besseren Uebersicht zwei Abschlüsse gemacht worden. Im Jahre 1009 beliefen sich die Einnahmen ein. schließlich dcö Kassenbestandes von 1118,53 M. auf 97 189,73 M., darunter 54 721,10 M. aus Beiträgen. Die Ausgaben beliefen sich auf 95 572,92 M.. wovon 56 674.86 M. an die Verbandskasse ge- liefert wurden. Es verblieb somit am Schlüsse des Jahres 1909 ein Bestand von 1616,81 M. Im ersten Halbjahr 1910 betrugen die Einnahmen einschließlich des Kassenbestandcs 61 309,28 M., dar« unter 30 746,10 Ä. aus Mitgliederbeiträgen. Die Ausgaben be- laufen sich auf 58230,75 M., wovon die Verbandskasse 33 071,65 M. erhielt. Es verbleibt somit ein Bestand für das neue Geschäftsjahr von 3069,53 M. Die Bibliothek des Wahlvereins hat eine Vergrößerung er- fahren. Am 1. Januar 1900 ist die Bibliothek des Lese- und DiS- kutierklubs„Eintracht" in das Eigentum des Wahlvereins über- gegangen; eh, halbes Jahr später die Bibliothek des DiSkutierklubS „Sokrates". Die Bibliothek, deren eifrigste Benutzung empfohlen wird weist jetzt einen Bestand von 932 Bänden auf. Nachdem der Vorsitzende, Genosse H o f f m a n n, und der Kassierer, Genosse Barenthin, noch einige Erläuterungen zu dem Bericht gegeben hatten, bemerkt Genosse Glaß in der Dis- kussion, daß hinsichtlich der„VorwärtS"-Abonnentengewinnung von den Genossen nicht immer das nötige getan worden sei. Vor allem sollten die Genossen darauf achten, daß in allen Lokale«. in denen sie verkehren, der„Vorwärts" auSliege. Redner regt dann noch an, daß der Vorstand Zusammenkünfte der Berliner Parteileitung mit der hiesigen polnischen sozialistischen Organisa- tion veranlassen möge. Dem Antrage der Revisoren, dem Kassierer Decharge zu er- teilen, wurde zugestimmt. Taraufhin bestätigte die Versammlung die von den Vicrtclsversammlungen gewählten Viertels führer, die gleichzeitig als Beisitzer im Vorstand zu fungieren haben. Es sind die Genossen Grieö, Kupfer, Bader, Ostrowski, Görke und Klamm. Tie übrigen Vorstandsmitglieder werden am 7. August durch Urabstimmung gewählt. Zur Verbandsgeneralversammlung sind von den Bezirken 167 Delegierte aufgestellt worden, die die Versammlung bestätigte. Ein Antrag des Bezirks 376 II verlangt die Einführung des Wochen. obonnements auf den„Vorwärts" zum Preise von 25 Pf. Der Antrag wurde abgelehnt. Hingegen wird ein Antrag angenommen, laut welchem die nichterwerbstätigen Frauen der Parteigenossen von der Beitragspslicht während der Krantheit und Arbeitslosigkeit des Mannes befreit find. Einem Vorschlage des Vorstandes, am 16. August noch eine außerordentliche Generalversammlung abzuhalten, stimmt die Ver» sammlung zu. Eine Reihe Anträge wurde zu dieser Vcrsawm- lung zurückgestellt.,■, Fünfter Wahlkreis. Die im Akten Schützeithause abgehaltene Versammlung begann mlt dem Geschäftsbericht des Vorstandes, den der Vorsitzende Friedländer erstattete. Er warf einen Rückblick auf die Wahl- rechtsbeweyung, die im abgelaufenen Halbjahr ihren Höhepunkt er« reicht u.w diese Zeit zu einer besonders bewegten gemacht hat. Leider sei die Orgauisatiou im Wahlkreise nicht so stark, wie man eS anaestchtö einer politisch so bewegten Zeit erwarten müsse. Ende 1Sv8 zählte der Verein 1727 Mitglieder. Diese Zahl ist bis jetzt, also im Laufe von l'/z Jahren nur auf 1795 gestiegen.(1600 männliche und 195 weibliche.) Die Zunahme tm letzten Halbjahr beträgt 100 männliche und 10 weibliche Mitglieder. Dem unbefriedigenden Mitgliederstand« entspreche die Verbreitung der Parteiprcsse im Kreise. Durch die Parteispeditionen werden bezogen 2523 Exemplare deS„Vorwärts". 440 des„Wahren Jakob", 70 der „Gleichheit", 30 der„Arbeitetjugend", 139 der„Freien Stunden", 14 der„Neuen Zeit".— Hierzu bemerkte der Redner, wenn auch 0 Wiese Ergebnisse nicht günstig sind, so braucht deshalb nicht befürchtet werden, daß es de» Gegner gelingen könnte, den Wahlkreis uns wieder zu entreißen. Der Wahlkreis gehört zu den sichersten Berliner Kreisen, denn seilte Bevölkerung ist im Laufe der letzten Jahre immer prole- larischer geworden. In den Außenbezirken findet fortwährend einZustrom proletarischer Massen statt. Die Parteigenossen müssen sich angelegen sein lassen, diese für die Organisation zu gewinnen. Die Abteilungen im weniger proletarischen Innern nehmen nicht ab an Mitgliedern. Die Organisation ist hier fast besser und die Arbeit befriedigender als in den proletarischen Bezirken. Weiter gedachte der Redner der künstlerischen und bildenden Veranstaltungen des Vereins sowie der Beteiligung an den Arbeiten der Kinderschntzkommission und des Vereins Jugendheim. Die Beteiligung an diesem Verein sei leider schwach. Der Kassierer habe nur 71 M. an die Hauptkasse des Vereins Jugendheim abführen können. Eine weitergehende Unterstützung dieser Einrichtung sei notwendig. Auch für den Wahlvercin müsse jeder Genosse schon mit Rücksicht auf die bevorstchendr» RrichStagswahlcn eine lebhafte Agitation betreiben. Der vom Genossen Kirste erstattete Kassenbericht weist eine Einnahme von 7453,67 M. und eine Ausgabe von 6061,95 M. auf. Der Bestand beträgt 491,72 M. Au die Kasse von Groß-Berlin sind 2250 M. abgeführt Ivorden. In der Diskussion über den Vorstandsbericht stand im Vordergründe die Frage, wie die Organisation auf die wünschenswerte Höhe gebracht werde» könne. Unter anderem wurde gewünscht, daß durch HauSkassierung versucht werde, die säumigen Mitglieder zu erhalten. Den Bericht der Preßkommission erstattete Genosse Wels. lieber die prinzipielle und taktische Haltmig deS„Vorwärts" seien keine Beschwerden erhoben worden, auch die Prcßkommiisio» habe in dieser Hinsicht nicht» auszustellen gehabt. In der vorigen Ver- ftnnmluiig babe Genosse Holzapfel darüber geklagt, daß die Schreib- weise des„Vorwärts" nicht dem Verständnis der Leser angepaßt sei. Derartige Beschwerden seien mich öfter an die Kommission gelangt und verhandelt worden. Es müsse anerkannt werden, daß die Redaktion ihr Bestes tue, um den Beschwerdeführern gerecht zu werden. Die für den redaktionellen Teil zur Verfügung gestellte Bogenzahl sei in der Berichtszeit um 23>/z Bogen über- Ichrittcn worden. Hoffentlich gelinge es, diese Uebcrschreitung in nächster Zeit wieder auszugleichen. Das Verlangen der Genossen in den Vororten nach größerer Berücksichtigung ihrer örtliche» und kommunalen Angelegenheiten sei durchaus berechtigt. Durch Rücksprache mit den ÄorortSbericht- erstattern sei eine Basis für die Behandlung der Vorortsangelegen- heiten geschaffen. Die Beschwerden über nicht genügende Berück- fichtigung der Bororte seien seitdem zurückgegangen. Die zeitweise recht große Ausdehnung der parlamentarischeit Berichte sei öfter Gegenstand der Erörterung gewesen. Es sei als ein unhaltbarer Zustand empfunden worden, daß neben den langen Plenarbenchten noch ausgedehnte KommissionSberichte gebracht worden feien. Die Preßkommission habe angeregt, daß die Verhandlungen der parlamentarischeit Kommissionen mehr in der Form von Stimmungsbildern gegeben werden. Um die Inseraten- eiimahme» zu erhöhen, seien Bezirksbcilagen mit herabgesetztem Inseratenpreise eingeführt worden. Diese Einrichtung habe aber mit Ausnahme der Bezirksbeilage für den Norden nicht den erwarteten Erfolg gehabt. Vielleicht würde eine andere Bezirks- einteilnng ein besieres Resultat bringen. Eine Reihe von Beschwerden unwesentlicher Art, die aus gewerkschafttichcn Kreisen eingegangen waren, seien meistens zur Zufriedenheit beider Teile erledigt worden. Die juristischeSprechstunde habe früher, als sie vonRecbts- lmwälten als Nebenbeschäftigung abgehalten wurde, oft zu Beschwerden Beranlassimg gegeben. Seitdem Genosse Freier für die juristische Naterteilung in der Sprechstunde und im Briefkasten eigens angestellt ist, habe er die« Amt so versehen, daß keine Beschwerden erhoben worden sind. Neben der durch Flugblattverbreittmg über ganz Berlin erfolgten Agitation für den„Vorwärts" sei in einigen Bezirken eine besondere Agitation durch regelmäßige Verteilung des „Vorwärts" betrieben worden. Ein größerer, planmäßig durch- geführter Versuch dieser Art werde gegenwärtig in Rixdorf gemacht. Der Erfolg desselben werde später festgestellt werden.— Von den gerichtlichen Verfolgungen deS„Vorwärts" verdiene besondere Be- achtung die Verurteilung des Genossen Barth als des angeblichen Veranstalters de» WahlrechtSspaziergangeS im Treptower Park bezw. Tiergarten. Dieser Prozeß habe so recht gezeigt, wie hilflos die Polizei trotz ihres Heeres von Spitzeln unterer machtvollen Bewegung gegenüber sei. Jetzt gelte es, lebhaft für den„Vorwärts" zu agitieren und dadurch den kommenden Wahlkampf vorzubereiten. Holzapfel wiederholte die in der vorigen Versammlung bereits erhobenen Beschwerden, welche im wesentlichen dahin gebe»: Die Artikel des„Borwärts" seien oft zu langatmig und deshalb für Arbeiter unverständlich. In der Berichterstattung bleibe der .Vorwärt»" hinter der bürgerlichen Prcff« zurück. In dieser Hinsicht müsse Besserung geschaffen werden, sonst könne die Agitation für den „Vorwärts" nicht den gewünschten Erfolg haben. Der lokale Teil müsse ausgebaut werden. Den Bericht der AgitationSlommission erstattete Zucht. Bei den Komntunaltvahlen in der Provinz seien gute Erfolge erzielt worden. Di« Zahl unserer Stadt- und Gcmcindevertreter sei ge- stiegen auf 92 Vertreter in 82 Städten und 191 Vertreter in 67 Land« gemeinden. Unsere Erfolge hätten die Gegner zu schärferem Vor- gehen veranlaßt, besonders werde geklagt über unrechtmäßige An- Wendung des Versammlungsrechts durch die Behörden, namentlich wenn es sich um Versammlungen unter freiem Himmel handele. Die Zahl der organisierten Parteigenossen sei um 20 Proz. gestiegen. Das neugegründete.Neumärkische Volksblatt' habe sich über Er- warten gm bewährt. Den Bericht der Lokalkommisston gab H a h n i s ch. Er teilte unter anderent mit. daß die Lokalliste neunmal erschienen ist und daß u»S im Kreise 26 Lokale zur Verfügung stehen. Zur Generalversammlung von Groß-Berlin lagen keine Anträge vor. Die von den Abteilungen vorgeschlagene» Delegierten wurden bestätigt. Als Abteilungsführer wurden folgende Genossen bestätigt: 1. Abteilung Rasemann, 2. Abteilung Kierfchke, 3. Abteilung Wolf, 4. Abteilung Holzapfel, 5. Abteilung Kasten, 6. Abteilung Stubbe, 7. Abteilung Böttcher. Die Wahl des Vorstandes halle folgendes Ergebnis: Erster Vorsitzender: W, Friedlaender, ziveiter Vorsitzender: W. Fröbel, erster Schriftführer: G. H uns che de, zweiter Schristfiihrer: Ad. Roth, erster Kassierer: K. Kirste, zweiter Kassierer: L. L i e p m a n n. Beisitzer: R o s ch, Pech, grau Holzapfel, Frau Blum. Revisoren: Rieger, Paltl Hildebrandt. Reppenhagen. Agitationtkommission: L e o Z« ch t. Preßkommission: Otto Wels. Lolalkoiiuntssiou: H a h n i s ch. AtlionSansschuß: Friedlaender. Für den geschäftSführenden Ausschuß deS Verbandes der Wahl- vereine Groß-Verlins wurden die Gciiosseti Ernst, Liepmann und BöSke vorgeschlagen. Sechster Wahlkreis. Die Generalversammlung des sechsten Wahlkreises, die in den Aermaniafälen tagte, füllt« den großen Saal samt den Galerien bis auf den letzten Platz. Der erste Punkt der Tagesordnung: Be« stätigmig der Delegterten zur Verbandsgeneralversammlung, war schnell erledigt. Die gedruckt vorliegende Liste erhielt ohne weiteres die Zustimmung der Versauunlung. Der Geschäfts- und K a f i e n b e r i ch t, der diesmal aus den bekannten Gründen 1'/. Jahre umfaßt, lag der Versammlung iu einem 22 Seiten starke» Heft gedruckt vor. Genosse Theodor Fischer gab dazu mündlich eine Uebersicht über die wichtigsten Vorkommnisse und ihre Be- deutung für die Partei und den politischen Kamps im allgemeinen. Da über das Jahr 1909 schon einmal berichtet Ivorden ist. konnten in dem vorliegenden Bericht Wiederholungen nicht ganz vermieden werden. Es wird daran eriimert, daß der Wahlvercin mit dem Schluß des JahreS 1909 auf eine 20j(\hrige Tätigkeit zurückblicken konnte und während dieser Zeit nicht verschont geblieben ist von all' den Verfolgimgen und Drangsalterungen, denen die Partei überhaupt ausgesetzt Ivar, daß aber die Genossen de? KreiseS ebenso in unerntüdlicher und unerschrockener Werbearbeit für die Partei mit immer größerem Erfolg gearbeitet haben. Sodann wird über die verschiedenen Versammlungen und Demo»- strattonen berichtet, die sich über ganz Verlin erstreckten und durch lvichtige wirtschaftliche und politische Ereignisse beranlaßt wurden, wie die ArbeitSlosenversammluiigen zu Anfang des Jahres 1909, dann die Versammlungen, die sich mit der berüchtigten Reichssinanz- reform beschäftigten usw. Aber vor allem war es der Kamps um das Wahlrecht und der Kampf gegen die Mißgeburt einer Wahlrechtsrcform, worauf das größte Gewicht gelegt wurde. Der Redner hob bei dieser Angelegenheit ganz besonders hervor, daß keine Zeit der Rnhe eintreten dürfe, die Arbeiterschaft müsse zeigen, daß sie ihr Ziel unablässig und mit immer mehr anwachsender Energie verfolge. Int inneren Vereinsleben war es besonders ein von der Kreis- konferenz gutgeheißener Antrag auf Einführung des Delegierten- shstems für die Generalversammlungen, der zu lebhaften Aus- emaildcrsetznngen führte. Die Entscheidung wurde schließlich einer Urabstimniung überlassen, die am 27. April d. I. stattfand. Das Resultat ergab, daß weder für die Vorlage des Vorstandes und der Kreiskonferenz noch für die von verschiedenen Bezirken gestellten AbäitdeniilgSanträge eine Mehrheit vorhanden war. Da somit ein Delcgiertensystem nicht vom Vertrauen der Mehrheit getragen wäre, würde dessen Einsührung nicht zweckmäßig sei», und aus diesem Grunde enipsahl Nim die Kreiskonferenz der Generalversammlung, daS Dclegiertensystem überhaupt abzulehnen. An der Maifeier so- ivie an den sonstigen Veronstaltnngen haben sich die Genossen sehr lebhaft beteiligt. Die Abonnentenzahl des„Borwärts" im 6. Kreise Ivar im Jahre 1908 34 169, 1999 sank sie infolge der Krise auf 32 415, bis zum Juni 1910 war sie jedoch auf 36 744 gestiegen. Die auf Beschluß der Verbandsgencralversammlung vom August 1908 aufgenommene Statistik über den Austritt aus der Landeskirche hat im 6. Kreise folgendes ergeben: die Mitgliederzahl betrug im Jannar 1909, als die Aufnahme gemacht wurde, 25 64t. An der Stattstik beteiligten sich 22 852. Von ihnen waren auSgc- treten aus der Landeskirche 5929, nicht ausgetreten 16 923. Inzwischen hat die AllstrittSbelvcgung infolge der weitgehenden Veranloguiigeu zur Kirchensteuer weitere Fortschritte gemacht, so daß, weim nun eine Statistik aufgenommen ivürde, das Ergebnis wohl weit günstiger ausfallen würde. Rechtsschutz wurde in der Berichtszeit 29 Genossen und 2 Genossinnen gewährt, die sich bei der Ausführung von Be- schlüssen der Parteiorganisation strafbar gemacht haben sollten. In 15 Fällen erfolgte Freisprechung, in 12 Fällen Verurteilung zu Geld- strafen von 5—75 M. und in 8 Fällen Hast- und Gefängnisstrafen bis zu 14 Tagen. Die Stadtverordnetenwablen ergaben, daß neben den bislang schon sozialdemokrotisch vertretenen Bezirken auch der bisher von einem Freisiunigeu vertretene 42. Bezirk von unseren Genossen erobert wurde. Dagegen war eS bei der Landtagstvahl der verbündeten Reaktion im 12. Wahlbezirk bekanntlich möglich, den ihr io sehr verhaßten Genossen Adolf Hoffmann zu verdrängen, wo- bei die Gegner von ihrer terroristischen Macht gegenüber den ab- hängigen Beamten ausgiebig Gebrauch machten. Der Uebertritt der Genossiimen zum Wahlverein ist nun vollständig erfolgt, und das Zusammenarbeiten mit ihnen ist ein ziemlich gutes, wenn auch hier und da noch einige Mißhelligketten vorgekommen sind. Die Zahl der weiblichen Mitglieder war Ende der Berichts- zeit 3500, eine allerdings noch ungenügend« Zahl im Verhältnis ru der großen Masse von Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen im Kreise. Der Verein Arbeiler-Jugendheim hat im Kreise ungefähr 5000 Mit- glieder und der Markenumsatz betief sich im verflossenen Halbjahr auf 3744,65 M. Aus der Kasse des Wahlvereins wurden jenem Verein außerdem noch 500 M. überwiesen. Es ist klar, daß die Genossen sich für diese wichtige Sache noch weit mehr als bisher interessieren müssen. Der Vorstand des Wahlvereins bat im Jahre 1909 33 Sitzungen und im ersten Halbjahr 1910 15 Sitzungen abgehalten und zwar bis auf zwei gemeinsam mit den AbteilungZ» ührern, Abteilungskassicrcrn und den AbteilungSleiterinnen. Die Posteingäiige im Bureau beliefen sich in den anderthalb Jahren auf 1738 Stück, die Ausgänge auf 3935. Für die Funktionäre deS Kreises wurde ein Unierrichtskursus deS Genossen Grunwald über die wirtschaftlichen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus veranstaltet. Die Zahl der Funktionäre des KreiseS ist in der Berichtszeit von 402 aus 441 gestiegen. Die Schieds- komniission hatte in 18 Sitzungen über 63 Anträge zu verhandeln. In 27 Fällen kam sie zu dem Beschluß, die Streichung auS der Mitgliederliste zu empfehlen, in 16 Fällen beantragte sie eine Rüge, 9 Streitfälle wurden durch Vergleich erledigt, in 10 Fällen wurden die gestellte» Anträge abgelehnt und in einem Fall beschloß die Kominission, der Generalversammlung das Material zum Ausschluß aus der Partei zu miterbreiten. Außerdem sind aus der Mitgliederliste gestrichen 22 ehemalige Genosseit. weil sie bei der Stadtverordneteinvahl, und 13, weil sie bei der Laudtagöwahl nicht gcstimint haben. Der Mitgliederbestand deö Wahlvereins war Ende des Jahres 1908 25 641, am 30. Juni 1900 war er auf 24 701 geswtten. Ende desselben Jahres jedoch auf 26 225 gestiegen und nun am 30. Juni 1910 hatte der Verein 28 981 Mitglieder, davon sind 25 472 männliche. Verstorben sind in der Berichtszeit 219 Mitglieder. Die Versammlung ehrte ihr Andenken in der üblichen Weise. Den Bericht der Agitation Skommission gab der Genosse L a u k a n t. Er führte im allgemeinen anS, daß eine rege und auch erfolgreiche Agitation entfaltet worden ist. Die Kommunalwahlen habe» in den Stadt- wie in den Landgemeinden zu einer starken Ver- mehrung der sozialdemolratischen Vertretung geführt. Bisher waren es in 12 Städte» 54 Sozialdemokraten, nun find es in 22 Städten 93. die im Stodtparlament sitzen; die Zahl der Landgemeinden, in der die Sozialdemokratie Sitz und Stimme hat, ist von 42 ans 67 gestiegen, die Zahl der ländlichen Gcmeindevertreter der Partei von 126 auf 191. Die Wahlrechtsbeivcgung sowie die allgemeine Propa- ganda für die Partei sind in der Provinz ebenfalls mit voller Kraft betrieben worden. Partei und Gewerkschaften arbeiten gut zusammen. DerKalender wurde in 820000 Exemplaren verbreitet. DieMitgliedcrzahl der Wahlvcreine hat bedeutend zugenommen und betrug am Ende der Berichtszeit 22 894. Alles in allem kann man mit der Agitation zufrieden sein, und wenn alle Genossen nach wie vor in vollem Maße ihre Pflicht tun, werden wir für die kommenden Kämpfe wie für die ReichötagSwahlen weit stärker gerüstet dastehen als bisher. Von der Preßkommission berichtete Genosse B i t t o r f kurz, indem er darauf hinwies, daß ein ausführlicher Jahresbericht der VerbandSgeneralvetsammlung vorgelegt werden wird. Der Redner bemerkte unter anderem, daß wenig Beschwerden vorgekommen seien, mtd daß eS sich bei diesen meist um Ablehnung oder Ver- kürzung von BcrsamniliingSbcrichten handelte, also um Dinge, die sich bei der notivendigen Beschränkung des Raumes im.Vorwärts" nicht immer vermeiden ließen. Die Abonnentenzahl dcS„Vorwärts" die während der Krisenzeit von 140000 auf 125 000 gesunken war, ist jetzt aus 142 000 gestiegen. Ueber den Vorschlag, ein Abendblatt einzuführen, hat die Kommission umfangreiche Berechnungen an- gestellt, ist aber zu dem Beschluß gekommen, daß von der Sache Ab- stand genommen werden muß. Mit der prinzipiellen Hallung der Redaklion konnte man ganz zufrieden sein. Der Redner machte zum Schluß darauf aufmerksam, daß die Propaganda für den„Vorwärts" nicht erlahmen dürfe, und daß es auch bald möglich sein werde, die Abonnentenzahl aus 200000 zu bringen. Der Kassenbericht über die Zeit vom 1. Januar 1909 bis 30. Juni 1910 schließt in den Einnahmen mit der Summe von 193«33,08 M. ab. Die Ausgaben beliefen sich auf 192 278.08 M.. so daß ein Bestand von 1355,— M. übrig blieb. Unter den Aus- gaben sind 124 313,84 M. an die Verbandskasse, davon 71 500,— M. für Monatsbeiträge. Der Kassierer Genosse Müller gab zu dein gedruckten Kasscnbeticht eine Reihe von Ergänzungen und Er« lauterungen. Als Vertreter der Schiedskommission begründete Genosse O b st einen Antrag auf Ausschluß des Genossen Hoppe und zwar damit, daß dieser als Lagerhalter der GroßeinkaufSgenossenschast einem An» Sestcllten ein Zeugnis ausgestellt habe, das ihn in seinem lveiteren 'ortkommen hinderlich sein»mißte und daß Hoppe ferner über den» selben Angestellten eine telephomsKe Auskunft erteilt habe, die ihn in derselben Weise schädigen nnchte. Dieser Antrag rief eine sehr lebhafte Debatte hervor,' in der Genosse Lamm für Hoppe einzutreten suchte. wogegen die übrigen Redner das Verhalten Hoppes scharf der- Urteilten. Der Antrag der Schiedskommission, das Ausschhch- verfahren gegen Hoppe einzuleiten, wurde fast einstimmig an- genommen. Im übrigen bezog sich die Diskussion Über den Vorstandsbericht hauptsächlich auf die Frage des Delegieriensystenis und auszcrdem wurden verschiedene Anregungen zur Fördcruug der Agitation und des Vereinslebens gegeben. Der Antrag der Kreis- konscrcnz, da» Delegiertensystem als abgelehnt zu betrachten, wurde gegen wenige Stinunen angenommen. Dem Kassierer erteilte die Generalversammlung einstimmig Decharge. Die Neuwahl des Vorstandes nnd der Kommissionen vollzog sich sehr rasch, da die von der Kreiskonferenz vorgeschlagenen Kandidaten ohne weiteres gewählt wurde» und zwar als: 1. Vorsitzender Richard Henfchel. 2. Vorsitzender Otto Frank; 1. Schrift- siihrer Theodor Fischer. 2. Schriftführer a r l Leid; 1. Kassierer Hermann Müller, 2. Kassierer R i ch ar d Henkel; Beisitzer: Eugen Ernst, Gustav Nathow, Wilhelm S e e l i g; Revisoren: Paul Beuthin, Hermann H e y s e, Robert P a s e w a l d t; in den Geschäftsführenden Aus- schütz der VczirkSorganisaiion: Eugen Ernst, Leopold Liep- mann, Emil Böske; den Aktionsausschutz: Richard Hcnschel, Theodor Fischer; die Pretzkonimission: Adam Bittors; die AgitanouSkommission: G u st a v L a u k a n t; die Lokalkom- Mission: Wilhelm Doms; als Mitglieder zum Zenlralvorstand: Richard Herbst, Herinaun Müller, August Hintze, Anna Marsch ke; als Revisor de? ZentralvorstandeS: Paul D v b r o h I a w; als SchicdSlommission: Hermann K r i e d e- mann, Hermann O b st, Fritz Schmiedicke. Albert Werth, Heinrich Ruetz, Paul Trödler, E. Zimmert. Ebenso wurde die vorgeschlagene Liste der AbteilungLsührer ohne weiteres gulgeheitzen. Rixdorf. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde bezweifelt, datz in der letzten Generalversammlung nur zirka 20 Genossen gegen die Reso- lulion des Zentralvorstandes votiert hätten, demgegenüber wurde angenommen, datz es zirka 100 gewesen sein fallen.— Der Geschäftsbericht liegt gedruckt vor. Der Vorsitzende des Wahlvereiiis, Genosse Scholz, gibt hierzu einige Erläuterungen. Der Bericht gibt eingangs eine ausführliche und übersichtliche Dar- siellmig der Wahlrcchtskämpfe, die die Rixdorfer Genossen gegen die reaktionäre Rathausmehrheit, die den infamen Wahlrechtsraub durchführte, zu führen gezwungen ivaren. Zur Bewältigung der Organisation?- nnd Verwaltungsgeschäfte waren bl Vorstands-, 17 erweiterte Vorstands- und 18 Funktionärsitzungen erforderlich. Generalversanunlungen fanden während der Berichtszeit neun statt. Die Krise bewirlle im ersten Halb- jähr 1S09 einen kleinen Mitgliederrückgang. Erst im September zeigte sich wieder ein erfreulicher Aufstieg. Tausend neue Mitglieder für den Wahlverein war das Resultat einer Flugblatt- verbceilmig, so datz sich zu Beginn des Jahres der Mitglieder- bestaudes auf rund 1l) WX) bezifferte. Bis zum Schlutz der Berichts- zeit ist eine weitere Vermehrung des Mitgliederbestandes um 2600 zu verzeichne». Ist die Zunahme auch erfreulich, so kann das Gesamtresultat doch keineswegs zufriedenstellend sein. Bon rund 30 000 bei der letzten ReichstagSwahl abgegebenen sozialdemokratischen Stimmen sind erst rund 13 000 politisch organisiert; das zeigt, welche Fülle von Arbeit noch zu bewältigen ist. Auch die Zahl der Leser der Parteipresse wurde durch die Krise beeinflutzt. Nach einem ziemlich beträchtlichen Rückgang der. Abonncntenzahl machte sich ein Ausstieg wieder zu Anfang dieses Jahres bemerkbar. Durch eine planmätzige Agitation ist es gelungen, in acht Kommunalbezirken, in denen acht Tage lang der.Vorwärts" unentgeltlich Nichlabonnenteu zugestellt wurde, 1200 neue Abouneiltc» zn gewinnen.— Während am Schlutz des vorigen Geschäftsjahres die Zahl der weiblichen Mitglieder 562 betrug, ist die Zahl jetzt auf 2277 gestiegen. Am Schlutz des Berichtsjahres ist der Ge- samtmitgliederbestaud 12 627. Bonden 9833 männlichen Mitgliedern waren 7031 gewerkschaftlich organisiert---- 81,3 Proz. Bezüglich der Parteipresse liefert die Statistik ein interessantes Bild. Von den Mitgliedern waren 8819= 90 Proz.„Borwärts"- Leser, Leser anderer politischer Zeitungen 160— 1,72 Proz., Leser sogcnanuter unparteiischer Zeitungen 326— 3,32 Proz.; besonders auffallend ist aber die Zahl derjenigen, die gar keine Zeitung lesen, cZ ioinmen hier 297— 3,02 Proz. in Frage. Die Arbeit unserer Parteigenossen erfreute sich einer aus- gedehnten„polizeilichen Fürsorge". Die Hauptaltimi der Polizei setzte bei den Wahlrcchtsdemonstrationen gegen den Wahl- rechtSraub ein. Groß war die Zahl der Strafmandate, mit denen die demonstrierenden Genossen bedacht wurden. Der Ruf aus dem Fenster:„Nieder mit Rahmig" gelegentlich einer Demonstration wurde mit 20 M. Strafe geahndet. Den Kassenbericht gab Gen. S t i e l e r. Von 1. Januar 1900 bis 30. Juni 1910 balanzierten Einnahme und Ausgabe in Höhe von 16 967.47 M. Ein erfreuliches Bild lieferte der Bericht der Bibliothek- kommission, den Gen. Wall mann erstattete. Durch die Zu- sammenlegung mit dem Jugendheim nach der Jdcalpassagc, Fnldastr. 55/56, und Anmietung besonderer Räume ist eine stelS wachsende Anteilnahme zu verzeichnen. Nicht weniger als 20119 Bände wurden in der Berichtszeit ausgeliehen. Den Bericht des B i l d u n g s a u s s ch u s s e s erstattete Genosse Fischer: Die Beteiligung seitens der Arbeiterschaft war eine sehr rege. Leider lätzt es sich nicht durchführen, die Vortragszyllen mi- entgeltlich den Besuchern zugängig zu machen. Autzerdem ist das zu leistende Eintrittsgeld auch sehr niedrig bemessen; für den Zyklus von fünf Vorträgen ist ein einmaliger Beitrag von 50 Ps. zu zahlen. Zur Weiterbildung der Funktionäre finden die für diese arrangierten Vorträge unentgeltlich statt. Seitens der Behörde werden den Veran- sialtungen auch noch mancherlei Hindernisse und Schwierigkeiten bereitet. Am 6. Oktober 1909 ist dem Magistrat ein Antrag zugestellt worden, dem Bildungsausschutz für eine am 6. November stattfindende Schumannfeier die Aula des Kaiser-Friedrich-GymnasiumS zur Ver- füguug zu stellen. Am 9. Januar 1910 ist dann erst die Genehmigung eingetroffen. DaS Verhalten de» Magistrats ist um so merkwürdiger, als bei der im Lorjahre stattgesundenen Mendelssohnseier in der Aula der höheren Mädchen- schule verschiedene Mitglieder des Magistrats anwesend waren und der Veranstaltung rückhaltlos ihre Anerkennung zollten. Ferner ist zu bedauern, datz eine in der Entwickelung begriffene Stadt wie Rixdorf mit beinahe 250 000 Einwohnern nicht mal ein städtisches Theater aufweisen kann. Für künstlerische Auf- sührungen sind die Räume de? sogenannten Stadttheaters völlig im- zulänglich. Der Referent spricht die Hoffnung aus, datz es den Bestrebungen der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion ge- lingen möge, einen entsprechenden Antrag zur Annahme zu bringen. Genosse Fischer macht noch bekannt, daß die naturwissenschaftlichen Vorträge des Genossen Engelbert Gras am 3. Oktober beginnen. Der VildungSausschutz hatte für das Geschäftsjahr 1909/10 eine Einnahme von 5916,85 M., dem eine Ausgabe von 5117,61 M. gegenübersteht. Den Bericht der Lokalkommission gab der Genosse Rohr. Besondere Vorkommnisse seien nicht zu verzeichnen gewesen. Nur mit dem neuen Besitzer des.Deutsche» Wirtshaus" sei es zu Differenzen gekommen. Derselbe hatte wenig oder gar keine Neigung gehabt, den RcverS zu unterzeichnen. Die über das Lokal ver- hängte Sperre hatte eine unerwartet schnelle Wirkung. Nach kurzer Zeit stellte der Wirt seine Räumlichkeiten der Arbeiterschaft in aller Form zur Verfügung. Aus dem Bericht des JugendauSschusseS geht hervor, datz die Gründung eines Jugendheimes eine unbedingte Notwendig- keil ivar. Nicht selten waren die täglich abends von 7 bis 9>/z Uhr und Sonntags von 4 bis 9'/, Uhr geöffneten Räume überfüllt. In dem angegliederten Lesesaal liegen gewerkschaftliche und Tages- zeitungeu in großer Zahl aus, desgleichen belletristische, künstlerische und satirische Zeitschrift««. Mit der Eröffnung deS Jugendheime? bekam die Tätigkeit eine wesentliche Förderung. Die grotze Zahl von Veranstaltungen, die zur Aufklärung und Unterhaltimg der Jugend getroffen wurde, zeigt den Ernst und das Streben bei den Arbeiten der Veranstalter. Jedoch weist der Bericht auch darauf hin, datz die Arbeiterschaft diese Bestrebungen dadurch unterstützen mutz, ihre aus der Schule entlassene» Jugendlichen auf die Veranstaltungen aufmerksam zu machen. Die Einnahme und Ausgabe deS Jugendausschusses voin April 1909 bis zum 30. Juni 1910 balanziert in Höhe von 677,60 M. und weist einen Bestand am 30. Juni 1910 von 161,70 M. auf. Der Bericht der K i n d e r s ch u tz k o m m i s s i o n zeigt, datz auch hier ein grotzes und wichtiges Gebiet zu bearbeiten ist. Es wurde» bis jetzt zirka 30 Fälle bearbeitet; acht davon konnten durch Vorstellung bei den Eltern in Güte erledigt werden. In diesen Fällen handelt es sich um kleine Frühstücks- bezw. Zeitungsausträger, in einem Falle betraf es Hausarbeit. Die Bemühungen der Kinder- schutzkommission wurden durch die Schulen in wirksamer Weise unterstützt; dagegen mutz hervorgehoben werden, datz die zuständigen staatlichen und koiumuualen Behörden für die Bestrebungen bisher sehr schwer zugängig Ivaren. Am schwersten ist die Arbeit da, wo es sich um moralisch gefährdete oder verwahrloste Kinder handelt. Die Tatfachen haben gezeigt, datz die Kinder eher verderben und sterben können, che sich eine Behörde darum kümmert. Geradezu typisch für die Ursachen der Acrwahrlosung ist es,»venu ein mutterloses Kind auf die Frage, warum es die Schule geschwänzt habe, weinend erklärt:.Der Lehrer hat mich nach Hanse geschickt, weil ich barfutz gehe, und ich habe doch keine Schuhe und Strümpfe!" Wenn aber durchgreifendes auf diesem Gebiete geschehen soll, müssen sich die Geiiossiimen und Genossen noch mehr wie bisher in den Dienst der Sache stellen. Die Berichte wurden insgesamt zur Diskussion gestellt. Als erster Diskussionsredner bemängelte Genosse Kunze, datz die Oeffentlichkeit nicht genügend über den Wahlrcchtsraub der bürgerlichen Parteien aufgeklärt worden sei. Auch ist verabsäumt worden, die Genossen genügend über die Einzelheiten zu orientieren. Ferner mutz eine Aus- gestallung der Leseabende angestrebt werden, die Vorträge, die dort ge- halten werden, müssen sich niehr dem Verständnis der Vcsncherinncn an- passen. Weiter sei zv bemängeln, datz die Funktionäre daS bei den Vorträgen Gehört� t u Genossen nicht nutzbar machen. Im Interesse einer besseren Fühning und innigeren Verbindung zwischen den ver- schicdenen bestehenden Kommissionen der Organisaiion, der Stadt« verordnetenfraktion und den Genossen sei es zwcckmätzig, die entsprechenden Adressen dem gedruckten Jahresbericht beizufügen. Dem Gcsamtvorstand und Kassierer wurde einstimmig Decharge erteilt. Die Vorstandswahlen ergaben folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Scholz, 2, Vorsitzender Karle, 1. Kassierer Hube, 2. Kassierer Pfeifer, 1. Schriftführer Alscher, 2. Schriftführer Feller, Beisitzer: Hugo S ch u l z, Fischer und die Genossin I u ch a c z; Viertelsführer: Beiersdorf, Rummel, H e l l w i g, Lenze; Revisoren: Mühlen derlei n, Grubig, Richter. Der in der letzten Generalversammlung gestellte Antrag be« züglich Einführung der Wochenbeiträge, der auch angenommen wurde, deckt sich mit dem des KreisvorstandeS. Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballen-Dtrektion über den Grotzbandel in den Zenlral-Dtarkthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Gelchäst still, Preise unverändert. Wild: Zusubr genügend, Eeschäst nicht lebhast genug, Preise fest. Geflügel: Zusuhr reichlich. Geschäjt ruhig, Preise gedrückt, lebendes Geflügel gefragt. Fische: Zusuhr etwas reichlicher. Geichäst schleppend, Preise wenig ver« ändert� geringere Seesischc schwer verläuslich. Butter und K ä i e- Gelchäst ruhig. Preise unverändert. Gemüse. Obst und Süd- s r ü ck t«: Zusuhr genügend, Gcschäjt ziemlich lebhast, Preise wenig ver- ändert. jeciaasmae Serie i braun und schwarz echt Chevreaux- Schnürstiefel, Gr. 17— 21. BraunChevr.- Sehnürstiefel, braun Lackbesatz, Gr.17— 21. HraunZiejenl. Knopf- 1 QJ stief., gewendet, Flcck,Gr.23— 26 X weiß echt sämisch Schnürstiefel, Größe 27— 35. Weiß und grau Damen-Segel- tuchschuhe u.-Sliafel teils Leder- � abs Braun echt Chevr.-Schnür--i90 stiefel m.Lickkappe, Gr. 25—26 f— Solson-Ausverkinif H l V6n t Zirka 900 Paar braun echt Chevreau- Damen-Schnürstiefel m. Lackkappe Serie 5 braun echt Chevreaux- Damen- Pumps. Prima Chevrette-Damen- Schnürsticfel, Lackkappe. Weiß Salon-Damen- Schuhe mit ele-£90 ganter Schnalle...... M.%J Serie 7 Echt Chevr.-Damen-Stlefel, teils Orig.. Goodyear-Welt. Echt Chevr.-Herren- Schnürstiefel, Lackkapne a.Rand gedopp. Chevreaux- u. Boxcalf-Herren- Sehnallenstiefel, kleine Größen, �90 Original Goodyear-Welt.. 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Es wird ersucht, für recht regen Besuch der Ver- sammlung zu sorgen. Ferner findet am Freitagabend von allen Bezirken eine wichtige Flugblattverbreitung statt. Der Vorstand. Britz-Buckow. Die Leser der Bibliothek des Wahlvereins Britz werden ersucht, ihre Bücher bis Sonnabend, den 6. August, wegen Inventur und llebergabe zurückzugeben. Die Bibliothek bleibt dann aus 14 Tage geschlossen; der regelmäßige Bücherwechsel findet dann wieder am Sonnabend, den 20. August von 8 bis 10 Uhr abends im bekannten Lokal statt. Die Bibliothekkommission. Zcheilkendors bei Königs-Wustcrhausen. Am Sonntag, den 7. August, veranstaltet der hiesige Wahlverein sein diesjähriges Volksfest im Lokale von Pätsch. Nachmittags 3 Uhr Ausmarsch nach dem Festplatz, daselbst Konzert, Kinderspiele und Kinderbelustigungen. Abends Tanz. Genossen und Freunde ladet freundlichst ein Das Komitee. Rüdersdorf-Kalkberge. Am Sonntag, den 7. August, nach- mittags 3 Uhr, findet im Restaurant„JnnungshauS"(Inhaber E. Mißler), Schulstr. 4S, eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Vortrag des Sladtberordneten D ü w e l l- Lichtenberg über:„Treue, Fleiß und Pflichtgefühl, nach einer Rede des königlichen Bergrates". 2. Freie Diskussion. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer. Lerlimr JSaebnebten. So„fördert" man den Frieden zwischen Schule und Familie! Durch nichts werden so leicht die guten Beziehungen zwischen Schule und Familie gestört, wie durch das leidige Prügelrccht. Schon mancher böse Zusammenstoß zwischen Eltern und Lehrenden ist dadurch herbeigeführt worden, daß die Schule allzusehr sich ihres Prügelrechts bewußt gewesen war. Der Zwist wird meist noch verschlimmert, wenn auf Beschwerden der Eltern die Schul- Verwaltung eine kurz ablehnenoe Antwort gibt, die sich auf eine einseitige Untersuchung stützt. Nicht selten hält die Schulver- waltung es sogar für nötig, das Gericht mobil zu machen Segen einen Vater oder eine Mutter, die in der rregung ein Wort zuviel sagten. Derartige Pro- zesse sind geeignet, der Schule schwersten Schaden zu bringen. Die Schule kann wirklich nichts dabei gewinnen, auch wenn ein Pro- zeß damit endet, daß die Beleidigung mit harter Strafe geahndet wird. Manchmal endet aber so ein Beleidigungsprozeß damit, daß dem Bater oder der Mutter, die von der Schulverwaltung allzu geschwind auf die Anklagebank gedrängt wurden, Freisprechung gewährt werden muß. Kürzlich hat die Schuldeputation der Stadt Berlin in ihrem Strafverfolgungseifer einen Mißerfolg gehabt, aus dem sie einiges lernen könnte. Der Gemeinde schul- rektor Feltzin, Leiter der 91. Mädchen-Gemeinde- schule(Gneisenaustraße), fühlte sich beleidigt durch eine Frau K., deren Tochter Lotte seine Schule besuchte. Frau K. hatte ihm vorgeworfen, daß von ihm ihre Tochter„brutal" be- handelt worden sei. Schon früher hatte Frau K. sich über die Behgndlung beklagt, die ihrer Tochter in der Schul« des Herrn Feltzin widerfahren war. Das Merkblatt für prügelnde Lehrer und Lehrerinnen, das die Schuldeputation selber vor etlichen Jahren der Lehrerschaft gewidmet hat, äußert sich dahin, daß„nach dem Urteil namhafter Pädagogen in Mädchenschulen körperliche Strafen am besten vollständig unterbleiben". Diese Mahnung hat nicht gehindert, daß in Mädchen-Gemeindeschulen Berlins nach wie vor geprügelt wurde und wird. Auch in der 91. Schule wurde weiter geprügelt, und so bekam auch die achtjährige Lotte K. ihre Schläge von einer Lehrerin Wegener, die mit ihren Schülerinnen nicht ohne Prügel fertig werden zu können meinte. Lotte, die. von der Lehrerin mit der Hand gegen den Kopf und mit dem Stock über die Hand geschlagen worden war. wurde von der Mutter einem Arzt zugeführt. Dieser nahm eine Untersuchung vor und bescheinigte folgendes Ergebnis:„Die rechte Ohrmuschel ist blaurot verfärbt, besonders am Rande und der hinteren Fläche. Bor dem linken Ohre erscheint die Schläfengegend leicht gerötet und gedunsen. Die Prüfung der Hörfähigkeit ergibt auf dem linken Ohre hochgradige Schwerhörigkeit, auch laute Worte werden nicht vernommen. Ueber dem linken Handgelenk Rötung und An- schwellung." Frau K. wandte sich mit einer Beschwerde an den Rektor Feltzin, fand aber bei ihm teineswegs das Entgegenkommen, das sie erwartet hatte. Als Fräulein Wegener zu ihr in die Wohnung gelaufen kam und bat, keine weiteren Schritte zu tun, ließ Frau K. die Sache ruhen. Später wurde Lotte auch von den Lehrerinnen Textor und Keyser geschlagen, die gleichfalls die Prügelstrafe als Erziehungsmittel benutzen, und einmal griff auch Rektor Feltzin selber gegen das Kind zum Stock, weil es— so erklärte er auf eine Beschwerde— sich unruhig gezeigt hatte. Man begreift, daß nach solchen Vorkommnissen die Erregung der Mutter immer mehr steigen mußte. Es folgte dann eine Schar- lacherkrankung, durch die das Kind dein Unterricht längere Zeit ferngehalten ivurde. Lotte galt nach ihrer Genesung dem Arzt als noch schonungsbedürftig, und er empfahl der Mutter(wie er ihr aus Anlaß des Beleidigungsprozesses nachträglich durch schrift- liches Attest bestätigt hat), das Kind im Hinblick auf die empfindliche Körperkonstitution besonders in acht zu' nehmen, z. B. auch gegen Erkältung zu schützen. Am 14. Dezember 1909 ging Lotte wieder zur Schule, am folgenden Tage aber, einem kalten Wintertage, kam sie während der Unter- richtszeit nach Hause gelaufen und meldete, der Rektor habe, um fie für unruhiges Verhalten zu strafen, sie auf den Flur ge- st e l l t, und dort habe sie g e f r o r e n. Daraufhin ging Frau K. unverzüglich mit dem Kinde zum Rektor, nannte solche Behandlung „b r u t a l" und forderte sofortige Umschulung. Die Folge dieses erregten Wortwechsels war die erwähnte Beleidigungs» klage gegen die Mutter, die vorher so bereitwillig der Lehrerin verziehen hatte. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht Berlin. Tempelhof trat Rektor Feltzin als Zeuge gegen Frau K. auf, und der Staatsanwalt beantragte 19 M. Geldstrafe; das Gericht er- kannte aber auf Freisprechung, weil Frau K. in W a h r- nehmung berechtigter Interessen gehandelt und keine Beleidigung beabsichtigt habe. Die Staatsanwaltschaft legte zu- nächst Berufung ein, um womöglich doch noch eine Bestrafung durchzudrücken, dqch besann sie sich hinterher eines Besseren und zog die Berufung zurück. Das somit rechtskräftig gewordene Ur- teil, das uns jetzt in schriftlicher Ausfertigung vorliegt, sagt über die dem Kind widerfahrene Behandlung:„Hiernach stellte das Ge- richt fest, daß das Kind in der Schule offenbar eine strenge Erziehung gcnossu hat, die vereinzelt zu einer Züchtigung über Ge- bühr führte, doch' waren diese vereinzelten Versehen nicht geeignet, die Handlungsweise des Schulleiters als eine brutale hinzustellen. Mag die Angeklagte in dem Augenblick, als sie diesen Vorwurf erhob, unter dem Eindruck eines Gesamtbildes gestanden haben, das sie sich von den übermäßigen Züchtigungen ihres Kindes in der Schule machte, mag sie darüber erregt gewesen sein, daß der Rektor das nach ihrer Meinung überaus schonungsbedürftige Kind auf den kalten Treppenflur gestellt, immerhin durfte sie in der geschehenen Schärfe ihre Beschuldigung nicht aussprechen." Als festgestellt gilt also dem Gericht, daß Lotte über Gebühr ge- züchtigt worden war, als festgestellt auch, daß Feltzin sie auf den kalten Trcppenflur wies. Aber den Ausdruck„bru- tal" empfindet das Gericht als zu scharf und daher beleidigend. Straffrei blieb Frau K. nur aus den Gründen, die schon oben er- wähnt wurden. Sie hatte, indem sie ihr Kind schützen zu sollen glaubte, ein berechtigtes Interesse gewahrt, und das Gericht nahm an, sie habe nicht beleidigen wollen, sondern sei überzeugt gewesen, daß das Kind, das frierend heimkam, brutal behandelt worden sei. Nebenbei bemerkt: die Ansicht der Frau K. von der Ueber- Mäßigkeit der Züchtigungen und der Schonungsbedürftigkeit des Kindes stützte sich nicht nur auf eigene Eindrücke, sondern vor allem auch auf Aeußcrungen des Arztes. Von ihm und seinen dem Gericht vorgelegten Attesten sagt das Urteil kein Wort. Die Schuldeputation kann aus dem Ausgang dieses Prozesses ersehen, daß sie besser daran getan hätte, die Mutter lieber nicht auf die Anklagebank zu brin- gen. Zu beantworten ist noch die Frage, was nach den Feststellungen des Gerichts nun die Schuldeputation gegen den Rektor und gegen die Lehrerinnen tun wird. Ist sie zu der Meinung be- kehrt worden, daß auch auf feiten der Lehrenden doch Uebergriffe vorliegen, die sie nicht ungerügt hingehen lassen darf? Jnfor- miert ist die Schuldeputation bereits seit Ende Dezember vorigen Jahres, wo Frau K. durch Beschwerde ihr Kenntnis gab. Frau K. erhielt aber den Bescheid, daß„die einzelnen Beschwevdopunkte starke Uebertreibungen enthalten und'daher als begründet nicht erachtet werden können". Auch wurde wegen ihrer„schroffen Stellungnahme zur Schule" das Kind mitten im Vierteljahr(im Februar) einer anderen Schule zugewiesen. Dazu kam dann noch die Anzeige wegen Beleidigung des Rektors. Hiermit kann jetzt doch unmöglich die Sache für die Schuldeputation erledigt fein. Toppclsclbstmord eines dänischen Liebespaares. In einem Zimmer deS Hauses Chausseestraße IIS erschoß gestern nacht der 33 Jahre alte Rentier und dänische Leutnant der Reserve Paul Junker seine noch nicht zwanzigjährige Geliebte Erna Vruscndorff und dann sich selbst. Das Liebespaar stammt aus Kopenhagen und kam vor etwa sechs Wochen nach Berlin. Junker, der früher Gutsbesitzer war, brachte seine Geliebte zu einer Hebamme in der Jnvalidensiraße, wo sie vor vierzehn Tagen einem Knaben das Leben schenkte. Vor' gestern verließ das Mädchen daS Heim, während ihr Kind dort in Pflege zurückblieb. Junker hatte inzwischen an mehreren Stellen gewohnt, zuletzt hatte er ein möbliertes Zimmer im ersten Stock deS Hauses Chausseestraße IIS inne. Seiner Wirtin hatte er geschäftliche Gründe für seinen Aufenthalt in Berlin angegeben. Seit Dienstag hielt sich auch das junge Mädchen besuchsweise dort auf. Gestern vormittag erhielt der Vorstand des 7. Polizeireviers einen Brief, worin das Liebespaar seinen Doppel selbstmord mitteilte. Als die Polizei das verschloffene Zimmer öffnen ließ, fand man die junge Mutter tot im Bette mit einer Schutzwunde in der rechten Schläfe. Junker lag mit einer Schuß- wunde in der Brust leblos auf dem Fußboden. Auf dem Tische fand man einen Brief an seinen Bruder in Kopenhagen. In dem Brief an die Polizei war kein Grund für die Tat angegeben. Man vermutet aber, daß Junker in Dänemark verheiratet war und das Mädchen überredet hat, mit ihm zu sterben. Nach Mitteilungen des Mädchens an die Hebamme war sie die Tochter begüterter Eltern aus Aarhus. Die Leichen des Liebespaares wurden dem Schauhause überwiesen. Droschentaxe und Stadtgrenze. Vom Polizeipräsidenten ist eine Polizeiverordnung für den Landespolizeibezirk Berlin erlassen worden mit Geltung vom IS. August d. I., wonach die Droschken- kutscher verpflichtet sind, auch Fahrten nach dem Restaurant Hunde- kehle im Grunewald, nach der nördlich vom Kaiserdamm belegenen Grunewald-Rennbahn, nach der Trabrennbahn Ruhleben und nach dem neuen Rixdorfer Krankenhaus an der Rudower Chaussee anzunehmen und zu der üblichen Taxe auszuführen. Auch wird der Landrat des Kreises Teltow durch seine Polizeiorgane die Berliner Droschkenkutscher, welche auf den Halteplätzen der genannten Rennbahnen Aufstellung nehmen, dazu anhalten, Fahrten nach Berlin zu derselben Taxe anzunehmen. Kinder in Kinematographenthcatern. Für den Stadtkreis Berlin ist jetzt folgende Polizeiverordnung in Kraft getreten: „Kinder unter 14 Jahren dürfen während der öffentlichen Vor- führungen in den Kinematographentheatern nach 9 Uhr abends, auch wenn sie in Begleitung Erwachsener sind, nicht geduldet werden. Uebertretungen dieser Bestimmung werden, sofern nicht nach anderweiten Vorschriften eine höhere Strafe angedroht ist, mlt Geldstrafe bis zu 39 M. oder im Unvermögensfalle mit Verhältnis- mäßiger Haft bestraft." Zu der Verhaftung deS Rektors Bock wird weiter gemeldet, daß bei der Vernehmung von Schülerinnen und ehemaligen Schülerinnen bis auf den Jahrgang 1999 zurückgegriffen wurde. Alle bekundeten übereinstimmend, daß der Rektor die körperlich entwickelten Mädchen besonders bevorzugt habe. Ueber sein Ver- halten seinen Lieblingen gegenüber waren bei den Schülerinnen sowie den Lehrern allerlei Gerüchte im Umlauf. Wenn er abends nach Beendigung deS Turnunterrichts die Mädchen in seinem Amts- zimmer empfing, seien die Fenstervorhänge zugezogen gewesen. Die Eltern der Schülerinnen, die als Opfer in Betracht kommen, haben in keinem Falle von den Verfehlungen des Rektors etwas erfahren. Wie weiter mitgeteilt wird, soll sowohl der Geist- l i ch e als auch eine L ehr e r i n die Schülerinnen wiederholt gewarnt haben, das Amtszimmer des Rektors auf seine Ein- tadung zu betreten. Wenn das zutrifft, so muß angenommen werden, daß der Geistliche sowohl wie auch die betreffende Lehrerin von dem Treiben einige Kenntnis hatten, und es wäre eigentlich ihre Pflicht gewesen, der Sache näher auf den Grund zu gehen. Außer dem einen Zimmer, das er neben seinem Amtszimmer zum Empfange der Kinder eingerichtet hatte, wurde noch ein zweites ermittelt. Den Mädchen, an denen er sich vergangen hatte, hat er außer den bereits genannten Stellen auch Freistellen zur Ausbildung als Lehrerinnen oder an der Handelsschu le verschafft. In einem Falle soll er einer Zeugin, die eine polizeiliche Vorladung zur Vernehmung zu er- warten hatte, zu bestimmen versucht haben, vor ihrer Vernehmung sich bei ihm Rat zu holen und nichts auszusagen von dem. was zwischen ihr und dem Rektor vorgekommen sei, denn er sei ja nur ihr väterlicher Beschützer gewesen. Raubanfall in der Jmigfernheide. Ein Raubanfall ist in der Jungfernheide ausgeführt worden. Der Fabrikarbeiter Adolf Webers, Blumenstr. 7 wohnhaft, hatte in einem Lokal an der Müller- straße mehrere Glas Bier getrunken und dabei ein Portemonnaie aus der Tasche geholt, das 399 M. enthielt. Dies wurde von jungen Burschen beobachtet, und als W. später die Gastwirtschaft verließ, folgten ihm die Unbekannten. Beim Durchqueren der Jungfernheide erhielt er plötzlich einen wuchtigen Schlag über den Kopf, daß er zu Boden taumelte. Im nächsten Augenblick fielen hinterrücks einige junge Leute über W. her, traten mit den Füßen auf ihn ein und raubten ihm das Portemonnaie. Durch die Schläge war der Ueber- fallene vollständig besinnungslos geworden, so daß er keine Hilferufe auszustoßen vermochte. Erst nach niehr als zwei Stunden wurde W. aufgefunden und nach einem Arzt gebracht. Leider vermag et von den Tätern keine genaue Beschreibung zu geben. Unter sein eigenes Fuhrwerk gestürzt und schwer verletzt wurde der Kutscher Erwin Lotschinski aus der Reinickendorfer Straße. L. hatte mit seinem Fuhrwerk die Scharnweberstraße passiert; bei einem Ruck, der durch einen ausgerissenen Pflasterstein hervorgerufen wurde, stürzte L. vom Bock herunter und kam unglücklicherweise unter die Räder des schweren Fuhrwerks zu liegen. Das rechte Bein wurde dem bedauernswerten Manne fast vollständig zermalmt. Passanten nahmen sich des Schwer- verletzten an und schafften ihn nach dem Krankenhaus. Gasglühlicht für die Stadtbahnziige. Wie gemeldet wird, will die Eisenbahnverwaltung auf der Berliner Stadtbahn die bis- herige Beleuchtung durch Gasglühlicht ersetzen. Nach langen Ver- suchen soll es jetzt gelungen sein, eine Gasglühlichtlampc zu kon- struieren, deren Glühstrümpfe auch starken Erschütterungen Widerstand leisten. Ein Teil der neuen Lampen wird mit Vor- richtungen versehen werden, die das Anzünden und Auslöschen vom Wageninnern aus ermöglichen. Postschasfner Bergmann als Sänger. Ter Postschaffner Berg- mann, der die S9 999 M. unterschlagen hatte, hatte, wie gemeldet wird, die Absicht, sich zum Sänger auszubilden. Er hatte sich beim königlichen Opernhaus gemeldet als Chorsänger und ist für den 4. August zur Probe bestellt worden.— Nunmehr wird der Sanges- kundige der Einladung wohl nicht Folge leisten können. Zu dem Totschlag in der Danziger Strasse, dem der alte Händler Katzerowski zum Opfer fiel, wird mitgeteilt, daß es noch nicht gelungen ist, den Täter zu fassen. Die Nachforschungen nach ihm sind dadurch erschwert, daß der wichtigste Zeuge, der neben Katzerowski in der Danziger Straße auf der Ruhebank saß, als der Täter herankam, dem Händler die Zigarrenkiste entriß und ihn niederschlug, noch nicht bekannt ist. Weiter ist auch der Schirm- griff noch nicht gefunden worden, mit dem der alte Mann ge- schlagen worden ist. Er wurde von einem Finder achtlos wieder weggeworfen. Es ist ein schwarzer, polierter blanker Griff, der wahrscheinlich aus Rüsterholz gearbeitet ist. Ei» schwerer Strassenbahnunfall hat sich gestern vormittag in der Prenzlauer Allee zugetragen. An der Ecke der Saarbrücker Straße versuchte gegen 19 Uhr die verwitwete 77jährige Rentiere Johanna Landschap aus der Zionskirchstr. 8 unmittelbar vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie 61 das Gleis zu überschreiten. Die alte Dame wurde umgestoßen und geriet unter den Vorderperron. Sie erlitt eine klaffende Kopfwunde, einen Bruch des rechten Armes, sowie schwere innere Verletzungen und wurde in sehr bedenklichem Zustande nach dem Krankenhause im Fricdrichshain übergeführt. Zu dem Artikel„Tic Armcndircktio» als Rentenempfängerin" in der Dienstagnummer des„Vorwärts" wird uns geschrieben: Es ist richtig, daß für Personen, die sich in Siechen- oder Irren- pflege der Stadt Berlin befinden, Jnvalidenrentengnträge direkt seitens der Armendirektion gestellt werden. Bei Siechen fällt die Begründung nicht schwer. Der von den zuständigen Irrenärzten bescheinigten„Invalidität" gewisser Jrrenanstaltspatienten muß man aber doch sehr skeptisch gegenüberstehen. An sich schadet es gewiß nichts, daß auf diese Weise die Jnvalidenversicherungsorgane zur Hergabe von Rente gezwungen werden. Hier versagt nämlich selbst die Rentenablehnungskunst der versicherungstcchnischen Ver- irauensärzte, die über das Gutachten der Irrenärzte nicht hinweg können. In weitesten beteiligten Kreisen empfindet man es aber als Ungerechtigkeit, daß viele Hunderte von Gewohnheitstrinkern. die als Stammgäste der Irrenhäuser gelten, aber nicht bloß im ausgenüchterten Zustande noch arbeiten können, sondern auch wirklich noch recht erhebliches leisten, ohne Schwierigkeiten die Invalidenrente durch Vermittelung der Irrenärzte zugebilligt er» halten, während ungezählte Tausende von geistig gesunden Menschen, die tatsächlich invalide im Sinne des Gesetzes sind, durch das bekannte System der Versicherungsinstanzen und Vertrauens» ärzte abgewiesen werden. Den Vorteil hat auch hier wieder die Stadt, die die Rentenbewilligung mit einer sozialen Wertschätzung, wie sie auch sonst den Geisteskranken gegenüber in Unterstützungs- fachen zu wünschen iväre, stets durchzudrücken versteht, um nur ganz geringe oder gar keine Armenuntcrstützung zahlen zu brauchen, wenn der zeitweise unzurechnungsfähige Trinker entlassen ist. Diejenigen Fälle, in welchen entlassene Geisteskranke die Zahlung der vollen Invalidenrente oder doch des größten Teiles derselben neben der üblichen Annenunterstützung durchgesetzt haben, sind ziemlich selten. Gewöhnlich zieht die' Stadt die Rente ein und zahlt eine etwas höhere Armenuntcrstützung. Der entlassene Geisteskranke gilt dann also draußen nicht als"Rentenempfänger, sondern als Almosenempfänger. Selbstverständlich wird die Rente auch während der Verpflegung in der Anstalt von der Stadt er- hoben und einbehalten. Würde dem als stark gebessert entlassenen Trinker die aufgesammelte Invalidenrente in entsprechend vor» sichtiger Form zugänglich gemacht, so lväre er dadurch vielleicht imstande, sich eine neue Existenz zu gründen und von der Alkoholsucht ganz loszukommen. Jetzt vegetieren diese Leute bloß, da ja der Makel des Irrenhauses ihnen uberall nachläuft und sie als Almosenempfänger selten oder nie wieder auf einen grünen Zweig kommen. Die Sucht der städtischen Organe, sich schadlos zu halten, geht, wie in dem Dienstagartikel schon kurz erwähnt, auch so weit, bei Insassen der Pflegeanstalten gefundene Geldbeträge, selbst ganz geringfügige Summen, einzubehalten. Dieses Recht, das an sich nicht bestritten werden kann, wird rigoros übertrieben. Man nimmt Trinkern, die immer wieder nach der Anstalt kommen, die wenigen Mark fort und entläßt sie ohne jede Hilfe. Dieses System ist sogar soweit ausgedehnt worden, daß Anstaltspatienten das Geld, welches sie im Anstaltsbetriebe sich verdient und zu« sammengespart haben, bei günstiger Gelegenheit fortgenommen worden ist. Unter solchen Umständen werden die für Aerzte und Beamte arbeitenden Kranken nur noch mutloser und geben schließ- lich die Hoffnung auf, durch Ersparnisse sich vom Anstaltsleben freizumachen. Daß aher der ohne Wohnung und ohne Geldmittel entlassene Patient nach wenigen Tagen oder Wochen wieder reif sein wird für die Anstaltspslege, bedarf keiner Frage. Ein Unfall hat sich gestern früh auf dem Flugplatz Johannis- thal ereignet. Mit einem neuen Farman-Apparat, der erst vor» gestern nach einem glänzenden Probefluge Jeannins zur Ab» lieferung gelangt war, stieg gegeil 9 Uhr Oberleutnant Hanslinger auf, der damit seinen ersten Flug unternahm. Er ging sofort bis zu einer Höhe von 49 Metern empor, nahm dann ziemlich sicher und elegant die Kurve und ging nach einigen Minuten zur Erde nieder. Bei der Landung stieß der Apparat jedoch so heftig auf. daß er teilweise zertrümmert wurde. Die Propeller und das Tragegestell wurde erheblich.beschädigt. Oberleutnant Hanslinger selbst kam glücklicherweise mit einigen leichten Hautabschürfungen oavon. Der neue Spielplan des Apollo-TheatcrS bietet wiederum ein auserlesenes Programm. Auf dem Gebiete der Dressur tritt neben Perzinas guten Leistungen Mademoseille Juliette mit einer dressierten Seelöwengruppe auf. Unter ihrer Leitung zeigen sich die Tiere als Jongleure und Equilibristen mit einer erstaunlichen Geschicklichkeit. Allerdings verlangen sie als Lohn für ihre Lei- stungen in möglichst kurzen Abständen die nötigen Fische, die ihnen von ihrer Herrin bereitwilligst verabfolgt werden. Neue Kräfte sind auch auf dem Gebiete der Akrobatik tätig, die gutes vollbringen. Eine in Brillanten erstrahlende amerikanische Sängerin tritt in Lulu Rüssel auf. Reges Interesse und Ver- wunderung erregt ein Schnellzeichner, der unter dem Namen Demokritos, während das Theater in tiefes Dunkel gehüllt ist, inmitten des Vorhangs hinter einer hcllerleuchteten Scheibe Bilder entstehen läßt. Lebhaften Beifall fanden die akrobatischen Neuheiten, die The great Georgettys fils boten. Die 5 Beautes Korinas behaupten mit ihren originellen Tänzen auch im neuen Programm ihre bevorzugte Stellung. Zu unliebsamen Auseinandersetzungen zwischen dem Pastor Hammer und dem Trauergefolge kam es aus Anlaß einer Beerdi- gung am Dicnstagnachmittag auf dem Friedhof der Golgatha- gemeinde in der Barfusjtratze. Wie man uns mitteilt, handelt es sich bei der Toten um eine durch Selbstmord geendigte unverhei- ratete Wäscherin Sch. Schon bei der nochmaligen Ocffnung des Sarges soll im Gegensatz zum Fricdhofsinspektor, der dies erlaubt hatte, Herr Pastor H. Einwendungen erhoben haben. Und als gar ein von dem Bräutigam der Verstorbenen zur Beerdigung hinzugezogener Gesangverin mit dem Trauergcsange beginnen wollte, soll Herr H. den Verein unter Androhung, Strafantrag zu stellen, zum Verlassen des Friedhofs aufgefordert haben. Das hatte zur Folge, daß aus dem Trauergefolgc empörte Rufe gegen den Geistlichen laut wurden und ihm gesagt wurde, daß man auf seine Grabrede erst recht verzichte. Herr Hammer verließ hierauf in erregter Stimmung der Traucrversammlung den Friedhof. Welche Gründe mögen Herrn H. bewogen haben, durch sein Auf- treten das Trauergefolge in so große Erregung zu versetzen? Die LehrlingSuntcrbringung des Vereins für das Wohl der aus der Schule entlassenen Jugend beginnt am 15. August. Handwerker, Gewerbtreibende und Kaufleute, welche zum 1. Oktober Lehrlinge einzustellen wünschen, wollen ihre Anträge richten an die Hauptgeschäftsstelle des Vereins, Berlin C. 2, Hinter der Garnisonkirche 2, oder an die Herren Lehrer Battre, NO. 5b, Rykcstr. 15, vorn 1 Tr., und Fortbildungsschuldirigent Schumacher, N. 39, Ravenofn.. 12. Berliner Asylverein für Obdachlose. Im Monat Juli näch- tigten im Männerasyl 15 363 Personen, wovon 8222 badeten; im Frauenasyl 3984 Personen, wovon 1381 badeten. Arbeitsnachweis wird erbeten für Männer: Wiesenstr. 55/59, für Frauen: Kol- bergcr Straße 39. Vorort- l�acbricdten. Pankow. Die Gemeindcvertretersitzung am Dienstag genehmigte nach Er- ledigung einer Reihe unwesentlicher Angelegenheiten einige un- bedeutende Etatsüberschreilungen.— Für die neu erbaute Schule in der Görschstraße war auch die Errichtung einer öesonderen Turnhalle vorgesehen und hierfür die Summe von 59 096 M. ausgeworfen. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß eine dem Riesenbau angepaßte und allen Anforderungen der Neuzeit entsprechende Turnhalle, wie sie anfänglich geplant war, erheblich mehr Mittel als die ailsgcworfcncn erfordert. Da aber die gegenwärtige Finanzlage die Auftvendung größerer Mittel nicht angezeigt erscheinen läßt, ersuchte der Gemeindevorstand die Gemeindevertretung um ihre Zustimmung, die Errichtung einer besonderen Turnhalle auf später hinauszuschieben. An Stelle dessen soll vorläufig ein entsprechender Raum im Dachgeschoß des Schulgebäudes für Turnzwecke hergerichtet werden, tvel-bes Projekt einen Kostenaufwand von nur 13 999 M. erfordert. Die Vertretung stimmte dem zu. Bei dieser Ge- legenheit brachten unsere Genossen das sonderbare Verhalten der Gemeindeverwaltung dem hiesigen Arbeiter- Turn- verein gegenüber zur Sprache. Während man bürgerlichen Turnvereinen die Turnhallen jjur Verfügung stellt, sind wiederholte Gesuche des Arbeiter-Turnvereins um Benutzung der Gemeindeschul- turnhallen stets mit der Begründung abgelehnt worden, daß es hierzu an genügend Platz usw. fehle. Ein näheres Eingehen unseres Redners auf die Angelegenheit sowie eine Debatte hierüber ließ der Bürgermeister als nicht zur Sache gehörig nicht zu. Ein hierauf vom Gen. Ä u b i g gestellter Antrag, die Sache als besonderen Ver- handlungsgcgenstand zu behandeln, wurde abgelehnt.— Im Anschluß an die in der letzten Gemeindevertretersitzung beschlossene Bewilligung von Mitteln für die Beschickung des Ver- bandslages deutscher Gewerbe- und Kaufmannsgerichte zu Köln durch je eiiren Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter des hiesigen Ge- wcrbcgerichts beantragte ein bürgerlicher Gcmeindevertreter, noch nachträglich auch Mittel für Delegation je eines Arbeitnehmer« und Arbeitgeberbeisitzers des hiesigen Kaufinannsgerichts zu der Kölner Tagung zu bewilligen, da es sich dort auch um Erörterung von Fragen auf dem Gebiete der Kaufmannsgerichte handle. Dieser verständige Antrag wurde leider abgelehnt, dagegen die Mittel für Entsendung der Vorsitzenden des Gewerbe->oie des Kaufmannsgerichts bewilligt.— In letzter Zeit gingen hier beunruhigende Gerüchte um, wonach die Berliner Wasserwerke, weil sie dem Bedarf der Stadt Berlin selbst in nächster Zeit kaum mehr genügen könnten, im nächsten Jahre an die Gemeinde Pankow kein Wasser mehr abzugeben in der Lage wären und daher der Wassermangel für Pankoio in den heißen Monaten dann außerordentlich fühlbar werden würde. Eine aus diesem Grunde aus der Mitte der Gemeindevertretung an den Bürgermeister gerichtete Anfrage bezüglich des Zeit- Punktes der Inbetriebsetzung des hiesigen neuen Wasserwerkes beantwortete derselbe dahin, daß dasselbe spätesten» mit dem 1. Juli 1911 den Betrieb eröffnen werde.— Schließlich versuchte ein bürger- sicher Vertreter wieder einmal dem Pankower Mittelstand unter die Arme zu greifen. Herr S t e e g e r, seines Zeichens Töpfermeister. regte an, daß die hiesigen Fortbildungsschüler für die Monate Oktober und November vom Unterricht befreit werden, um den in dieser Zeit ganz hesonders mit Arbeit überhäuften Handwerksmeistern die Lehrlinge für ihre Betriebe zur unumschränkter Aus— bildung zu überlassen. Hiergegen wandten sich unsere Genossen, leider ohne die bürgerlichen Vertreter, die sämtlich dieser Anregung beistimmten, vom Gegenteil überzeugen zu können. Da es sich auch nach der Meinung des Bürgermeisters— der übrigens versicherte, daß»ach seinen Erfahrungen in seinem früheren Wirkungskreise die Lehrlinge in der Fortbildungsschule alles Ver- säumte später wieder reichlich nachzuholen in der Lage seien— um »einen ganz begründeten Wunsch" handelt, so dürfte die Anregung auf keinen ulifruchtbaren Boden gefallen sein. Rixdvrf. Die TyyhuStrkrankungen im Rixdorfer Fernsprechamt, über die wir seinerzeit berichteten, haben die Untersuchungsbehörden bis in die jüngste Zeit beschäftigt. Die Ermittelungen wegen der Krank« heitsursache haben ein negatives Resultat ergeben, d. h. auf dem Amt ist nichts gefunden worden, worauf eine Ansteckung zurück« geführt lvcrden könnte. Die beiden Telephonistinnen Mane Hildes und Magdalene Gruno, die am Typhus erkrankt waren, befinden sich noch im Rixdorfer städtischen Krankenhans; ihr Befinden bessert sich, obwohl ihre gänzliche Wiederherstellung noch längere Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Bon einem Fuhrwerk überfahren wurde am Sonntag ein Teil- nehnier eines Zuges, der auf der Chaussee nach der KönigSheide einen Ausflug unternahm. Der Kutscher des Fuhrwerks entzog sich durch schnelleres Tempo mit dem Gefährt seiner Feststellung. Die Ausflügler beauftragten einen gerade vorbeifahrenden Radfahrer, das Gefährt einzuholen, um den Namen des Besitzers festzustellen. Letzteres gelang ihm denn auch. Da der Radfahrer die.Ausflügler später aber nicht mehr antraf, ersucht er hierdurch, etwaige Anfragen in dieser Sache an Hermann Gastaucr, Schöneberg, Hohenfriedberg- straße 3. zu richten. Es wird vermutet, daß es sich um Mitglieder des Rixdorfer Wahlvereins, Bezirk 11o, handelt. Eharlottendurg. Ein schwerer Automobilunfall hat sich gestern in Charlottenburg ereignet. Die acht Jahre alte Tochter Viktoria des in der Kantstraße 69 wohnenden Arbeiters Stachowiak lief beim Spielen vor dem elterlichen Hause gegen ein vorüberfahrendes Automobil und wurde umgerissen. Die Kleine geriet unter den Kraftwagen, wurde überfahren und erlitt einen schweren Schädelbruch, Bruch des rechten Armes und innere Verletzungen. Der Chauffeur, der nach den Be« kundnngen von Augenzengen an dem bedauerlichen Unglücksfall keine Schuld hat, brachte das Mädchen in seinem Kraftwagen nach dem Krankcnhause Westend, wo cS in hoffnungslosem Zustande darnieder- liegt. Schöneberg. Keine Erhöhung der Hundesteuer. Die von dem Polizeipräst- Kenten von Schöneberg-Wilmersdorf, Frhrn. v. Lüninghausen, an- geregte Erhöhung der Hundesteuer auf 69 M. wird nicht eingeführt werden. Sowohl der Schöneberger wie der Wilmersdorfer Magistrat haben beschlossen, von einer höheren Besteuerung der Hunde Abstand zu nehmen. Der Hundeplage, über die besonders in Wilmersdorf geklagt wird, ist nach der Ansicht der städtischen Körperschaften durch die Stcuererhöhung uicht entgegenzutreten. Nur die ärmere Be- völkerung und der Mittelstand würden davon betroffen werden.■ Boxhagen- Nummelsburg. Beim Baden verunglückt scheint der 25 Jahre alte Kaufmann Erich Rüde, der in Alt-Boxhagen Nr. 24 bei seinen Eltern wohnte. zu sein. Der junge Mann machte am vergangenen Sonntag einen Ausflug in die Friedrichshagener Gegend und kehrte nicht wieder zurück. Später fand man seine Kleidungsstücke am Müggelsee in der Nähe des Forsthauses. Friedenau. Zum Raubüicrfall auf den Küster Rösener wird noch mitgeteilt, daß die beiden jungen Burschen noch verschiedenes andere auf dem Kerbholz haben. Bor 14 Tagen trafen sie abends um 19 Uhr in Groß-Lichterfelde auf der Straße eine alleingehende Dame, die eine Handtasche trug. Sofort beschlossen sie, ihr die Tasche zu rauben. Nach Verabredung griff Lösche nach der Tasche, während Kalvitzki der Ueberfallenen den Arm festhalten sollte. So wurde denn der Raub auch ausgeführt. Ein zweiter Plan in der Sonntagnacht gegen 12 Uhr in Steglitz mißlang. Ueber das Befinden des Überfallenen Küsters wird gemeldet, daß er in einigen Wochen wieder hergestellt sein dürfte. Tempelhof-Mariendorf. Die„Freie Turnerschaft Tempelhof-Mariendorf" veranstaltet am Sonntag, den 7. August, auf ihrem Spielplatz in Mariendorf, Kur- fürsten-.jEcke Schwcrinstraße, ein öffentliches Schauturnen. Beginn 4 Uhr nachmittags. Zutritt für jedermann unentgeltlich. Das Stiftungsfest des Vereins findet am darauffolgenden Sonn- abend, den 13. d. M., im Wilhelmsgarten in Teinpelhos, Berliner Straße 3. statt. Eintritt 29 Pf.— Gleichzeitig wird nochmals auf die von Vereinsmitgliedern geleiteten Kinderspiele hin- gewiesen, die Sonntags, vormittags von 9 bis Vs� Uhr, auf dem Spielplatze abgehalten werden. Nowawes. Der Antrag auf Umwandlung der nebenamtlichen Leitung der Fortbildungsschule in eine hauptamtliche, welcher bereits zwei- mal auf der Tagesordnung der letzten Gemeindevertretersitzungcn stand, aber jedesmal vom Bürgermeister wieder zurückgezogen wurde, findet bei den hiesigen bürgerlichen Vereinen heftigen Widerstand, den dieselben in zwei gedruckten Petitionen, die sie außer dem Gemeindevorstand auch jedem Gemeindevertrctcr über- sandten, zu begründen versuchen. Diese Maßnahmen haben nun- mehr den Bürgermeister zu dem ungewöhnlichen Schritte vcran- laßt, jedem Gemeindevertreter eine aktenmäßige Darstellung der Entstehung obigen Antrages einzuhändigen. Bei dem weitgehenden Interesse, welches derselbe auch für die Arbeiterschaft hat, wollen wir den Sachverhalt kurz darlegen. In den Petitionen, die von den Vorständen der beiden Hausbesitzorvereine, des Gemeinde. Vereins, des Liberalen Vereins und des Hirsch-Dunckerschcn Ge- Werkvereins unterzeichnet sind, wird zu beweisen gesucht, daß die Gemeinde 4599 M. sparen würde, wenn sie neben den zwei Haupt- amtlich amtierenden Lehrern an der Fortbildungsschule noch einen dritten hauptamtlich anstellen und von diesen drei Lehrern einem die Leitung übertragen würde, anstatt, wie geplant, den jetzigen Leiter der Fortbildungsschule, welcher zugleich Rektor einer Volks- schule ist. von dem letzteren Posten zu entbinden und ihm die Direktion der Fortbildungsschule hauptamtlich zu übertragen. Die Erklärung des Bürgermeisters besagt im wesentlichen folgendes: Im September vorigen Jahres ist von dem Leiter der Fort« bildungsschule der Antrag auf Anstellung eines dritten Hauptamt- lichen Fortbildungsschullehrers gestellt worden, da bei der starken Frequenz der Schule die vorhandenen Lehrkräfte unzureichend find und eine Vermehrung der Zeichenstunden sich als notwendig er« wiesen hat. Bei der Beratung dieses Antrages wurde sich der Vorstand der Fortbildungsschule über die Notwendigkeit der Ver- mehrung der Zeichenstunden nicht einig, hingcqjn wurde von unserem Genossen Zöllner, der als einziger Sozialdemokrat im Tchulvorstand sitzt, beantragt, den Zwang zum Besuch der schule auf alle gewerblichen Arbeiter auszudehnen und eine Mädchen- abteilung einzurichten. Es wurde schließlich beschlossen, eine Ver« mehrung der Zeichenstunden nur für die Maler vorzunehmen und einen hauptamtlichen Lehrer anzustellen, dem auch die augenblick- lich nicht zu deckenden Unterrichtsstunden übertragen werden. Der Beschluß wurde u. a. damit begründet, daß der jetzige Leiter durch seine Tätigkeit an der Volksschule nicht in der Lage ist, sich in dem erforderlichen Maße um die Fortbildungsschule zu kümmern; ferner sei an den geplanten, von den Sozialdemokraten und von der Regierung gewünschten Ausbau der Fortbildungsschule so lange nicht zu"denken, bis die nebenamtliche Leitung in eine Haupt- amtliche umgewandelt ist. Auf Grund einer Eingabe an den Minister kür Handel und Gewerbe um Genehmigung dieser Be« schlüsse und finanzielle Unterstützung der Gemeinde zur Durch- führung derselben, erklärte dieser, nachdem zwei von ihm entsandte Kommissare die Einrichtungen der Schule geprüft hatten, daß über- wiegende Gründe für die Anstellung eines Direktors im Haupt- amt sprechen und er bereit sei, ausnahmsweise noch im laufenden Jahre zur Durchführung dieser Reform Mittel zur Verfügung zu stellen, aber nur unter der Bedingung, daß spätestens zu Ostern auch die ungelernten Arbeiter zum Schulbesuch herangezogen iverden. Nach vollendetem Ausbau der Schule wird eine Fixierung des Zuschusses in Aussicht gestellt. Der Bürgermeister weist in seiner Darstellung des weiteren darauf hin, daß der Schulleiter nicht nur Aufsichtsbeamter, sondern eine anregende und beratende Person sein soll, und erläutert die Schwierigkeiten, die bei Ab» lehnung des Antrages des Fortbildungsschulvorstandes im Unter- richt entstehen würden, wodurch dann auch die vor drei Jahren mühsam erreichte Einigung über die Unterrichtszeit vernichtet würde.— Selbstverständlich werden unsere Genoffen in der Ge. meindevertretung nur einem solchen Antrage ihre Zustimmung geben, der einem weiteren Ausbau der Schule förderlich ist; dazu gehört aber die Anstellung eines Leiters, der, mit der nötigen Bor- bildung versehen, seine ganze Kraft in den Dienst der Fort- bildungsschule zu stellen hat. Ohne uns auf die weitläufigen Be- rechnungen der Gegner einzulassen, von denen wir übrigens be- zweifeln, daß sie richtig sind, wollen wir hervorheben, daß die finanzielle Seite bei der Entscheidung der schwebenden Frage nicht die Hauptrolle spielen kann. Wenn die bürgerlichen Vereine der Meinung sind, daß an dem Schulwesen unserer Gemeinde gespart werden muß. so stimmen wir dieser Ansicht zu; aber wir verlangen. daß dies an der richtigen Stelle geschieht, nämlich dadurch, daß die kostspielige Vorschule des Realgymnasiums aufgehoben wird; dann bekäme die Gemeinde die Mittel zu einer zeitgemäßen Rc« form der Fortbildungsschule, ohne daß der Etat weiter belastet würde. Es erscheint uns überhaupt merkwürdig, daß man auf bürgerlicher Seite bei der dringend notwendigen Reform der Fort. bildungsschule so stark die finanzielle Seite betont, wo es sich höchstens um eine Mehrausgabe von ein paar tausend Mark handelt, während kein bürgerlicher Berein opponierte, als es sich darum handelte, für den Direktor de» Realgymnasiums auf Kosten der Gemeinde eine Villa zu bauen, die 59— 60 000 M. kosten wird, sondern es ruhig geschehen ließ, daß dieser Antrag trotz des Pro- testes unserer Genossen, die natürlich dagegen stimmten, von der JnsergtevteilpergLtW,.: Th. Glocke, Bxrlip, Kryckg.Verläg: Votwärt»' bürgerlichen Mehrheit d'er Vertretung einstimmig angenommen wurde. Angesichts dieser Sachlage glauben wir, daß der wirkliche Grund der Opposition ein anderer als der in den Petitionen dar» gelegte ist. und die Hervortehrung der finanziellen Seite nur dazu dienen soll, die wirklichen Absichten der Gegner zu verschleiern. Wie bereits der Bürgermeister in seiner Darstellung betonte, würde die Ablehnung des Antrages auf Anstellung eines hauptamtlichen Leiters auch die Beseitigung des Tagesunterrichts an der Fort- bildungsschule zur Folge haben. Und das scheint der springende Punkt bei der ganzen Angelegenheit zu sein; denn der Tagesunter« richt, welcher einer Reihe von Unternehmern auf einige Stunden in der Woche die gefügigsten Ausbeutungsobjekte aus den Betrieben fernhält, hat sich noch nie großer Sympathien der Arbeitgeber zu erfreuen gehabt. Würde nun der Ausbau der Fortbildungsschule nach dem Antrage des Vorstandes durchgeführt, so besteht die Mög» lichkeit, daß dadurch noch eine Erweiterung des Tagesunterrichis (für die Mädchen und ungelernten Arbeiter) herbeigeführt wird. Das wollen die Bürgerlichen nicht nur verhüten, sondern man hofft anscheinend durch die Ablehnung des Vorstandsantrages den Tages. Unterricht überhaupt zu beseitigen. Das wäre allerdings ein Rück» schritt, der für die Schüler von den nachteiligsten Folgen begleitet sein würde, den Unternehmern aber eine größere Ausbeutungs» Möglichkeit ihrer jugendlichen Arbeiter garantierte. Bedauerlich ist es, daß bei dieser durchsichtigen Taktik der bürgerlichen Vereine auch eine Arbeiterorganisation— der Hirsch-Dunckersche GeWerk» verein— hilfreiche Hand leistet. Wir meinen, daß auch diese Ar» beiter alle Veranlassung hätten, die Vorschläge so reaktionärer Cliquen, wie der Hausbesitzer- und liberalen Vereine, mit äußerster Vorsicht zu prüfen, ehe sie denselben ihre Zustimmung gebem Die sozialdemokratischen Gcmeindevertreter werden alles daran setzen, damit die Angelegenheit recht bald in einer Weis« erledigt wird, welche eine möglichst weitgehende Verbesserung des Fortblldungs- schulwesens in unserem Orte verbürgt. Gros)- Besten. Mit der Nciiwnhl deS gesamten Vorstandes beschäftigte sich die letzte Generalversammlung des Wahlvereins. Als gewählt gingen hervor: 1. Borsitzender Wilh. Skarupke. 2. Vorsitzender Friedr. Kodanek, 1. Kassierer Karl Schräm, 2. Kassierer Alb. Kodanek, 1. Schriftführer Ewald Slarnpke, 2. Schriftführer Herin. Eckert, Revisoren Karl Skarupke, Georg Bauzat, Herrn Zander, Lokal« komniission Otto Starik, Friedr. Mischke, Aug. Noak, Agitations- kominission Karl Müller, Georg Bauzat, Friedr. Mischke, Aug. Noak, Herrn. Boden, als Obmann fungiert Julius Schulze, Bezirksführer für Körbiskrug-Zeesen Herm. Rauh, Beisitzerin Frau Marie Kodanek, Bibliothekar Karl Schramm. Neu ausgenommen wurden zwei Mit- glieder. Zu der am Sonntag, den 7. August, stattfindenden Kreis« generalversaminlnng wurde Genosse Ewald Skarupke und die Ge- nossin Frau Stabrow gewählt. Der Verein zählt 73 Mitglieder. Spandau. Die Bibliothek des sozialdemokratischen WahlvereinS und de? Gewcrkschastskartells für Spandau ist wegen der stattfindenden Inventur vorn 2. August bis 1. Septeniber 1919 geschlossen. � ES werden deshalb in der Zeit keine Bücher ausgegeben. Diejenigen, Mitglieder, welche noch Bücher in Händen haben, werde» gebeten, dieselben bis Sonntag, den 7. August, an den Bibliothekar Genossen Köppen, Jagowstr. 9, abzugeben. Die Vibliothekkonunission. Jngendveranstaltungen. Freie Jugendorganisation Weiftensee. Heute Donnerstag, dm 4. August, findet die sällige Monatsvcrsanimlung statt. Wir bitten unsere Miigliedcr pünktlich zur Stelle zu sein. Auch die erwachsene Arbeiterschast wird um ihr Erscheinen gebeten. Berliner Arbeiter-Schachklub. Osten Ii jeden Dienstag ff, 9 Uhr bei Böhl, RüdcrSdorser Str. 26. „ II: jeden Montag ff, 9 Uhr bei Voß. Wcberstr. K. Tube»: jeden Di�Istag ff, 9 Uhr bei Uebeleisen, Wassertorstr. 8. Westen: jeden Freitag ff,9 Uhr bei Päjjker, Karlsbad 17, Ecke Flottwellstr. Norden I: jeden Dienstag ff,9 Uhr bei Lachnich, Maxstr. 13b. » N: jeden Freitag ff, 9 Uhr bei Fritjch, Dronthcimer Str. 4. , III: jeden Freitag ff,9 Uhr bei Baganz. Gaudystr. 3. IV: jeden Sonnabend ff, 9 Uhr bei Wöhrcnhos. Usedomstr. 88. Zentrum: jeden Dienstag ffi9 Uhr bei Boß. Klostcrstr. 101. Moabit I: jeden Donnerstag ff, 9 Uhr bei Pielccke. Zwinglistr. 25. H: jeden Freilag ff,9 Uhr bei Lamprecht, Putlitzstr. 10. Lichtenberg: jeden Freitag ff,9 Uhr bei Blume, Alt-Boxhagen 56. Nixdorf I: jeden Dienstag ff, 9 Uhr bei Stabmann, Reuterftr. 46. II: jeden Donnerstag ff, 9 Uhr bei Weihe, Hermannstr. 169. Ober- Schöneweidc: jede» Donnerstag ff ,9 Uhr bei Rodenbusch, Wilhelmiiimhojstraße 64. Lriefkakten cter R.eft ein Buchsindc»»d eine Jatii als Stiert- Aeiitien deiziitiiacn. Briefliche Slutlucrt wird uicht erteil». Eitta» Fragen rraa« man in der Svrcchstnndc bor. Erich G. 4433. Das hängt von dem Statuleninhalt und der Stellungnahme des Vorstandes der Krankenkasse ab.— Gleichheit 1999. Fragen Sie beim Verband der Gastwlrlsgehilfen, Kr. Hamburger Str. 18/19, an.— I. W. 199. Die— im Sinne des ÄesehcS— entbehrlichen Sachen unterliegen der Pfändung, sobald der Vermieter einen Schuldtitel erwirkt hat.— H. M. 29. Wenden Sic sich an den Ruderklub.Vorwärts". Stralau, Tunneistr. 17.— St. B. 194. Die Deutsche Bühneiiaenosseiilchast, Präsident Schauspieler H. Nissen, Nollendorjstr. 29/39, wird Ihnen aus An- srage hin AuSkunst geben lönnen.— Nied er- Schon hau sei, N. 27. 1. Ja, zwischen 19 bis 6. 2. Nein.— 31. I. 1999. 1. Ja. Jnunerhin kann nach längerer Zeit die Vermutuiig sür die Unrichtigkeit Ihrer Behauptung austauchen. 2. Das ist zweckmäßig.— F. 19. Der Anspruch ist noch nicht verjährt. — M. H. 4. Leider sind Sie verpflichtet, sür die Kündigungsdaucr die Beiträge noch zu zahlen.— 3473. Fragen Sie bei der ZenlralauskunstS- ---------»--- 4( an_ c z.j. i u. E. ja. Es kann die östenlliibe Versteigerung erfolgen. Von dem Erlös sind ietsjchuid zu decken. Den Rest erhält zu ermitteln ist, wird der Restbetrag ..... der Versteigerung unter Bekanntgab« hrcr Forderung mitzuteilen. Zwischen dem Zeitpunkt der Versteigerung und dem Empfang der Benachrichtigung soll cw Monat liegen. Ist der Ausenthalt des Schuldners nicht zu ermitteln, so unterbleibt die Be» nachrichtigung. Die Versteigerung ist trotzdem zulässig.— Spandau 2. Di« Firma kann die vereinbarte Vergütung nach Abzug des infolge der NichtverösscnIIichung etwa Ersparten verlangen— R. K. 999. 1. Ihre Erklärung ist nötig. 2. Die Absicht ist dem Amts» gcricht mitzuteilen. Sie erkalten später Termin.— O. 9. Nein. — R. St.«9. 1. Ja. 2. Wenn nach dem Statut die Krankenkasse solche Mittel gewährt, wenden Sie sich an diese, sonst an die Landesverficherungs- anstatt.— F. BS. 18. Stcchnote, Hannover, Münzstr. 5, II.— E. H. t. Nein. 2. Sie brauchen nur in einer Gemeinde Steuern zu zahlen. Reklamieren Sie sür den Fall der doppelten Veranlagung. Die Frau kann auch außerhalb wohnen.— R. G. 32. Den dargelegten Standpunkt nimmt auch daS Reichsgericht ein. Wir sehen daher keine Möglichkeit, daß Ihr Freund zu seinem Gcidc kommt.— M.<£. 22. Der Anspruch des Zwischenmeisters an das Geschäft unterliegt der Pjändimg. Die Unkosten werden vom Gewerbegcricht aus Antrag sestgesetzt.— 99t. 190. 1. und 2. Ja. 3. Neitt.— F. C. 151. 1. Ja. 2. Sie sind zur Zahlung der Steuern verpflichtet. «VittertingSüberstcht vom 3. August 1919. niorgcna 8 ttlir. stelle sür Auswanderer, Schellingstr. 2. Bis 11 Uhr.— O. K. W. 199. der Sachen durch einen zunächst die Kosten und dann die 48. und, falls sein Auseulhalt nicht tnterlegt. Dem W. ist die Absicht XE II s x: i? Swwvud«/ 758 Still Hamburg! 758 WSW verlin] 758 W Frants.aM.759W Milnchtn i 760 33 Wien 759 W Vetter heiter 3 bedeckt 1 wolkig 2 Nebel 2 heiter 4 wölken! vi« t* wi Stationen lS-S Ä c B 2 Bf Havaranda Petersburg Scillh Aberbeen Baris 768 S 764 O 755 SD 752 SO 758 S ! »ever 2 bester 2Gewttt. 3 wolkig 3 bedeckt 1 heiter tt t- 18 18 13 13 14 BSettcrvrognose für Donnerstag, den 4. August 1919. Warm und schwül, vielsach heiter, aber sehr veränderlich bei meist schwachen südwestlichen Binden und jortdauernder Gewitterneigung. Berliner Wetterbureau. lvuchdruckcrei u. BerlagSanftalt Paul Singer& Co., Vers»» SW* Verantwortlicher Redakteuni Hgns Weber, Berlin, Für den