Ztr. 191. BbönntmenfS'Bedingungtn; BSonnenternä. Preis pränumerando: «ierleljährl. SL0 Mk., monatl. 1,10 Mk, wöchentlich 2S Pffl. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg, EomuagS- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfo� Post- tldonnemcnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs- Prcisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Btarl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz, 27. Jahrg. CrididDt täglidj außer Montag». Verlinev Volksblnkt. Tentralorgan der foztaldcmokrati fehen partd Dcutfcblands. Die Tnlertlons'GebflBr Peträgt für die fechSgespallene Kolonet» zeile oder deren Raum EO Pfg,, für politisch- und gewcrlfchastliche Vereins- und VerfammlungS-Anzeigen 80 Pfg. „«telne Sn--ig-n". das erste tsett- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittag-: in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sozlaliumoltrat BcrUu". Kedaktion: 8M. 68. Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Mittwoch, den 17. August 1910. Expedition: SM. 68, I�indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Li» perfider Anschlag. Der Freiherr d. Zedlitz ist während der letzten Wahl rechtskampagne mit heißem Eifer bemüht gewesen, als„ehr- licher Makler" die bürgerlichen Parteien des Abgeordneten Hauses auf eine Wahlreform zu einigen, bei der die Interessen des Geldsackes nach Möglichkeit gesichert gewesen wären. Die Maklertätigkeit des gerissenen reaktionären Drahtziehers scheiterte jedoch an der Haltung des blauschwarzen Blockes einerseits und dem Widerstand der Nationalliberalen auf der anderen Seite. Das Zentrum hatte sich von vornherein unter Verzicht nicht nur auf seine programmatischen Forde rungcn, sondern auch auf jede bescheidenste Teilreform so un gestüm in die Arme üer Konservativen geworfen, daß diese schließlich auch dem Zentrum aus Dankbarkeit die Treue hielten, als es galt, dem Zentrum zuliebe an der Steuerdrittelung nach Urwa hlbezirken festzuhalten. Diese Form der Steuerdrittelung war aber schließlich der schwerste Stein des Anstoßes, auf dessen Hinwcgräumung die. Nationalliberalen, die um diesen Preis wahrscheinlich ihre„liberalen" Forderungen preisgegeben hätten, nicht verzichten wollten. So war denn eine Einigung des blauschwarzen Blocks mit den sogenannten Mittelparteien ausgeschlossen. Nun hat aber die Regierung inzwischen ausdrücklich er- klärt, daß sie in absehbarer Zeit eine neue Wahlrechts- Vorlage einzubringen gedenke. Das verstand sich von selbst, auch wenn es sich nicht um die Einlösung eines feier- lichen Versprechens der Krone gehandelt hätte, denn daß sich das preußische Volk auf die Dauer die Dreiklasseninfamie nicht länger gefallen lassen würde, das hatten ja die Wahl- rechtskundgebungen der letzten Jahre nur zu eindringlich be- wiesen. Wenn aber eine neue Wahlrechtsvorlage kommt und sie nicht wieder ebenso kläglich scheitern soll, wie das letzte Mal, gilt es für die reaktionären Parteien, trotz aller entgegengesetzten Interessen im einzelnen doch zu einem Kom- proniiß zu gelangen, das, wenn es auch keine der Parteien allzusehr befriedigt, doch durch die Hintertreibung einer wirklichen Wahlreform die gemeinsamen Interessen derKapitalistenklasse nach Möglichkeit schützt. Herr v. Zedlitz hat sich nun daran gemacht, ein solches Wahlkompromiß auszutiifteln, auf das sich seiner Ansicht nach sowohl Zentrum und Konservative als auch Freikonservative und Nationalliberale einigen können. Und man muß ge- stehen, daß die Rechnung des Obcrscharfmachers gar nicht so übel ist. daß es vielmehr in der Tat auf der von dem Frei- Herrn v. Zedlitz empfohlenen Basis sehr leicht zu einer Ver- ständigung der reaktionären Parteien kommen könnte, wenn nicht— die Massen der Entrechteten auf der Hut sind und rechtzeitig durch eine noch wuch- tigere Wahlrechtsbewegung, als sie das Jahr 1910 gesehen hat, denKuhhandel der reaktionären Wahlrechtsverräter zu durch- kreuzen verstehenl Es versteht sich von selbst, daß der Freiherr v. Zedlitz jeden Gedanken der Einführung des Rcichstagswahlrechts weit von sich weist. Er unterstellt dabei den bürgerlichen Parteien, daß auch keine einzige von ihnen im Ernste an eine Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen denkt I Den Sozialdemokraten allerdings sei die Forderung der unvorzüglichen Einführung des ReichstagSwahlrechts bitterer Ernst. Denn: „Sie erhoffen von diesem die Vorherrschaft des Pro- letariats und damit die freie Verfügung über den Hauptteil dessen, was andere erworben haben, zum wirtschaftlichen Nutzen des letzteren". In seiner Absicht, die bürgerlichen Parteien durch die Furcht vor einer sozialistischen Expropriation zusammen- zuschmeißen, hat Herr v. Zedlitz hier neben einer seiner bekannten Impertinenzen auch eine anerkennenswerte Wahr- heit ausgesprochen. Er hat hier anerkannt, daß die Sozial- demokratie tatsächlich die Demokratie in Preußen erstrebt, um die Lage der übergroßen Mehrheit des Volkes wirtschaftlich zu heben— eine Auffassung, die sich von den üblichen reichsverbändlerischen Kretinismen ganz erfreulich abhebt. Nur darin irrt er sich freilich, wenn er meint, die Sozialdemokratie wolle mittels des gleichen Wahlrechts das, was andere erworben haben, zum wirtschaftlichen Nutzen des Proletariats, das heißt der großen Volksmehrheit, verwenden. Die Sache ver- hält sich vielmcbr gerade umgekehrt: Gerade durch das infame Dreiklassenwahlrecht will ja die K a p i t a l i st e n- klaffe die freie Verfügung über die Reichtümer, die andere, nämlich die Proletarier, geschaffen haben, zum ivirtschaftlichen Nutzen einer kleinen kapitalisti- schen Minderheit aufrechterhalten l Aber der Freiherr von Zedlitz rechnet mit seiner grund- verkehrten Darstellung der Verhältnisse ja auch nicht auf den Beifall der unter dem Doppcljoche der kapitalistischen Aus- beutung und der politischen Entrechtung seufzenden Volks- Mehrheit, fondern aufdie Ausbeuter- undHerrschafts- instinkte der kapitalistischen Parteien! Scharf abweisend verhält sich Herr v. Zedlitz auch einem Pluralwahlrecht gegenüber, das ihm nach den säch fischen Erfahrungen allzu gefährlich erscheint. Dagegen gibt er zu, daß sich nicht nur das öffentliche Stimmrecht nicht mehr aufrecht erhalten lasse, sondern auch das indirekte Wahlrecht. Die vom blanschwarzen Block vorgenommene Verbindung von indirekter Wahl und geheimer Stimmabgabe biete schwerlich noch Aussicht auf die Dauer, Ob die direkte Wahl gleich oder erst nach einer A n st a n d s pause der öffentlichen Stimmabgabe in den Orkus folge hänge von der allgemeinen politischen Lage zur Zeit der E n t s ch e i d u n g ab, sei aber im allgemeinen nicht von Erheblichkeit. Müsse man aber mit der Wahr scheinlichkeit rechnen, daß bei der endgültigen Neu ordnung des Wahlrechts die Wahl direkt und die Stimmabgabe geheim sein werde, so komme alles auf die richtige Verteilung der Wähler in die Wahlabteilungen an. Man sieht: Herr v, Zedlitz hat sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß die geheime und direkte Wahl zu gestanden werden müsse. Das hält er auch nicht für das wesentliche. Ganz richtig ist er der Meinung, daß das Zugeständnis der geheimen und der direkten Wahl den entrechteten Volksmasscn noch verteufelt wenig nützt, ihnen zum mindesten noch keinerlei politischen Einfluß einräumt, wenn das D r e i kl a ss e n w a h l s y ste m auch nur an nähernd in der alten gleichen Niedertracht aufrecht er- halten wird. Dies Dreiklassenwahlrecht aber, das ist der Kern der Ausführungen unseres Scharfmachers, müsse unter allen Um- ständen in einer Form aufrechterhalten werden, die den Gefahren der Demokratie ein für alle Male einen Riegel vorschiebe. Und da nimmt nun Herr v. Zedlitz einen alten Gedanken wieder auf. Er schreibt: „Anstatt durch Drittelung erfolgt die Bildung der Wahl abieilungen, abgesehen von der Zuweisung von sogenannten Kulturträgern, durch Festsetzung eines M i n d e st e i n« kom mens für die Begrenzung der ersten und zweiten Abteilung nach unten. Alle Wähler, welche das Mindesteinkommen für die erste Abteilung und darüber haben, sind dieser, diejenigen, welche weniger, aber noch das Mindest- einkommen für die zweite Abteilung oder mehr besitzen, der zweiten Abteilung und die übrigen der dritten Abteilung zuzuweisen. Reichtum und Mittelstand bilden die Richtlinien für die Fest setzung der Mindesteinkommen. In UrWahlbezirken, in welchen Wähler erster oder selbst zweiter Abteilung fehlen, wird die erste Abteilung durch die h ö ch st b e st e u e r t e n Wähler in der doppelten Zahl der zu wählenden Wahl männer, die zweite durch die alsdann höchstbesleuerten Wähler etwa in der fünffachen Zahl der zu wählenden Wahlmänner gebildet." Vom Standpunkt des Scharfmachertums aus hat diese Lösung der Drittelungsfrage entschiedene Vorzüge. Sie er- möglicht es, das Proletariat in seiner großen Mehrheit ein für allemal und über das ganze Land in die dritte Klasse zu verbannen, wo sie so gut wie völlig einflußlos ist. Auch hofft man dadurch, daß nian den Mittelstand und alle sogenannten Kulturträger in die zweite, die letzteren eventuell auch in die erste Klasse bringt, diese bei dem heutigen Wahlsystem zum guten Teil ebenfalls zur dritten Klasse gehörigen Elemente von der Masse der Wahlrechtsheloten loslösen und für die fernere Wahlrechtsbewegung neu- tralisieren zu können! Trotz des geheimen und direkten Wahlrechts würde dann die in ihrer übergroßen Mehrheit auf die dritte Klasse ver- wiesene Arbeiterschaft politisch vollständig recht- und einflußlos sein, weil ja nur dann die dritte Klasse ein Mandat zu er- obern vermöchte, wenn sie auch die M e h r h e i t der Wähler der zweiten Klasse zu gemeinsamem Vorgehen veranlassen könnte. Man braucht also bloß das Mindest- einkommen für die zweite Klasse entsprechend hoch anzusetzen, um dem Proletariat jede Möglichkeit der Eroberung auch nur einiger Mandate, geschweige denn eines maßgebenden politischen Einflusses zu berauben! Wäre aber nicht eine Reform, die zwar das geheime und direkte Wahlrecht bietet, die gewisse Schichten des Mittelstandes aus der dritten Klasse emporhebt, dabei aber an der Diktatur des Geldfacks und der Rechtlosig- keit der Arbeiter nicht das geringste ändert, gewissermaßen das Ideal aller kapitalistisch interessierten Parteien! Bei einer solchen Drittelung fiele auch der Streit, ob nach Urwahlbezirkcn oder größeren Bezirken gedrittelt werden sollte, vollständig weg. Der Streitpunkt zivischcn Zentrum und Nationalliberalcn wäre also beseitigt, und beide Parteien könnten nunmehr Schulter an Schulter gegen die Volksrechte ankämpfen I Unzweifelhaft hat also der Kriegsplan des Freiherrn v. Zedlitz außerordentlich viel Bestechendes für unsere reaktiv- nären Parteien. Und es wäre nicht ausgeschlossen, daß er auch tatsächlich unter der Protektion des Herrn v. Bethmann Hollweg realisiert werden könnte, wenn nicht die Opfer eines solchen Anschlags beizeiten allesauf- bieten, ein solch PerfidesWahlrechtsattentat zu vereiteln! Itaverücher Parteitag. In Ergänzung unseres gestrigen telegraphischen Vorberichts geben wir heute die folgenden eingegangenen Meldung-en. Erlangen, 13. August.(Eig. Ber.) Der bayrische Parteitag tritt bekanntlich in der Regel nur alle zwei Jahre zusammen. Er tagt diesmal in dem freundlichen Universitäisstädichen Erlangen, gelegen in einem der über- wiegend protestantischen Frankenkreise. Der Landcsparteitag ist, wie das in der geographischen Lage des Versammlungsortes bc- gründet ist, überwiegend von- Delegierten aus Nordbayern besucht, welche Tatsache den Charakter der Debatten und Beschlüsse nichl unwesentlich beeinflußte. Nach den üblichen Vorbereitungen und Einleitungen erstattete der Landessekretär den Bericht des Landesvorstandes. Die De- batte zog sich recht lange hin und verweilte mit besonderer Vor- liebe bei einer Resolution, die, im Sinne des Landesvorstandcs gestellt, gegen die Agitation der Freidenker sich richtete. Die Resolution sollte ein Kommentar zu dem Parteigrundsatze„Reli- gion ist Privatsache" sein. Sie war veranlaßt durch eine Zweifel- los außerordentlich ungeschickte, taktlose und die Sache selbst schädigende Agitation der Freidenker in dem katholischen Süd- bayern und durch eine nicht zu billigende Uebertragung der Frei- den-kerpropaganda auf die Parteibewegung und die Parteiorgani- sationen. Gegen die Resolution erhob sich ein lebhafter Widerspruch, besonders aus den mehr protestantischen Gegenden Nordbayerns und der Pfalz. Man hielt sie für vollständig überflüssig, weil das, was in Hinsicht auf unsere Stellung zur Religion im Parteiprogramm niedergelegt sei, vollständig genüge. Auch kam das weitere Be- denken zum Ausdruck, daß durch die Annahme der Resolution -die Frcidenkerbewegung schlechter behandelt würde, als die Re- ligionsgesellschaften. Man sagte: Wenn auch von unserm Partei- standpunkt daran festzuhalten ist, daß die Freidenkerbcwegung mit unserer politischen Bewegung nichts zu tun haben darf, so be- steht doch dar kein Grund, ihr gegenüber unfern Neutralitätsstand- Punkt zu verlassen. Die Resolution wurde schließlich, nachdem man sich auf Grund der Diskussion zu einer Aenderung derselben verstanden, nahezu einstimmig angenommen. Sie lautet in ihrer endgültigen Fassung: „Punkt 6 des allgemeinen Parteiprogramms, der die völlige Neutralität unserer Partei gegenüber allen religiösen und konfessionellen Fragen ausspricht, garantiert die völlige Freiheit der religiösen Ueberzengung. Demnach lehnt die Partei jede Einmischung in religiöse und konfessionelle Angelegenheiten, die sie als Herzenssache jedes Einzelnen erachtet, entschieden ab." Erlangen, 14. August.(Eig. Ber.) Auch der zweite Verhandlungstag verläuft in voller Harmonie. Der eine Hauptgegenstand ist die Revision des Parteistatuts. Zu- meist handelt es sich um formelle oder unbedeutende Aenderungen. Interesse erweckte ein Antrag Nürnberg, der sich auf die Wahl des Landesvorstandes bezog. Bisher herrschte bei der Zusammensetzung des Landcsvor- standes, allerdings nicht strenge durchgeführt, das Prinzip der Zentralisation. Vorort war München, und München stellte bisher von den neun Mitgliedern sieben, während die Gaue Nordbayern und Rfalz mit je einem Vertreter bedacht waren. Nun rebellierte Nordbaycrn gegen das numerische Ucbergetvicht Südbayerns, d. h. Münchens, und verlangte in dem Vorstand eine seiner Organi- sationsstärke entsprechende Vertretung. ES ist klar, daß man die Forderung der Nürnberger so begründen kann, wie eS geschehen ist. Doch zeigte der ganze Verlauf der Debatte, daß die Ursache des Vorgehens der Nordbahern auch in sachlichen Meinungsver- schiedenheitcn liegt. Es handelt sich dabei nicht um grund- stürzende Fragen, so daß es viel zu weit ginge, von einer Donau- linie in Bayern zu sprechen. Immerhin steht soviel fest, daß der Gau Nordbayern die schärfere Richtung vertritt, daß zwischen Süd- und Nordbahern eine gewisse Spannung besteht, vielleicht ein Rückstand des Budgetstreites vor zwei Jahren. Der Landessekretär wehrte sich entschieden gegen den Nürn- berger Antrag und sah in der Tendenz desselben ein Mißtrauens» Votum gegen den bisherigen Landesvorstand. Der Landessekre- tär unterlag mit den Südbayern in der Abstimmung den Nord- bayern, zu denen als Hilfstruppen die Pfälzer gestoßen waren, Diese verschlossen sich nicht der Erkenntnis, daß es nur der Gerech- tigkeit und Billigkeit entspricht, wenn die Nordbayern eine stärkere Vertretung im Landesvorstand erhalten. Die Vorstandswahl ergab also eine stärkere Vertretung Nordbaherns in dem Landesvorstand. Es wird anstatt eines Vertreters jetzt deren drei erhalten. 1. Vorsitzender ist v. V 0 l l m a r, 2. Vorsitzender Müller- München, Landes- 'ekretär Auer. Als Beisitzer sind gewählt N ei t h° München. Treu und Simon- Nürnberg. Dazu kommen jetzt noch drei Beisitzer, welche von den einzelnen Gauen zu wählen sind. Erlangen, IS. August.(Eig. Ber.). Der Nachmittag des zweiten und der Morgen des dritten Verhandlungtages brachte den parlamentarischen Be» r i ch t der Landtagsfraktion. Er wurde erstattet durch die Ge- nassen Müller. Haller und Segitz, die der Reihe nach über die„Allgemeine Politik", die„Steuerpolitik" und die„Sozial- Politik" referierten. Die drei Referate gewährten ein vortreffliches Bild der un- ermüdlichen, aber gänzlich unfruchtbaren Tätigkeit unserer Land- tagsfraktion in der verflossenen Session. Genosse Adolf Müller gab in seiner scharf-sarkastischen Art eine Darstellung der poli- tischen Lage, v.i$ sie durch dig abgelaufene parlamentarische Session!n Bayern geschaffen ffiürfc'e. Nach seiner Auffassung, die er durch eine Reihe von Tatsachen stützt, hat in Bayernein völliger Umschwung in der Politik der maß- gebenden Zjentrumspartei stattgefunden. Jeder dem»- kratische Gedanke sei aus der Politik des Zentrums verschwunden, die Reaktion herrscht unumschränkt. Genosse Müller, wie auch die zwei anderen Referenten weisen darauf hin, daß die selbst- verständliche Folge der neuen politischen Lage in Bayern eine scharfe KampfeSstcllung gegen das Zentrum sein müsse. Dieser Gedanke.kam schärfer noch als bei Genossen Müller zum Ausdruck in der Steuerrede des Genossen v. H a l l e r. In großen Zügen charakterisierte dieser die ungerechte, rücksichtslose und arbeiterfeindliche Steuerpolitik des Zentrums in der letzten Session deZ bayrischen Landtages. Er wies auch darauf hin. daß der bayrische Kammerliberalismus dabei eine bedauernswerte Rolle gespielt und sich mitschuldig an der Ausbeutung des Volkes gemacht habe. Genosse Segitz wußte den jetzt unverhüllt zutage tretenden reaktionären Charakter der Zentrumspartei auf dem Gebiete der S o z i a l p o I i t i k an einer Reihe von Vorgängen im Parlamente deutlich zu illustrieren. Auch auf diesem Gebiete eine vollständige Umkehr der Zentrumspolitik innerhalb weniger Jahre! Die wohlallgemein erwartete Budgetdebatte blieb vollständig aus. und es war gut so. Ueber diese Angelegenheit entscheidet der deutsche Parteitag zu Magde- bürg und es hätte nicht zur friedlichen Erledigung beigetragen, wenn schon auf dem bayrischen Parteitag eine scharfe Ausein. andersetzung stattgefunden hätte. politische(Übersicht. Berlin, den 16. August 1910. Die Wahlbewegnng Im Kreise Zschopau-Maricnderg. Aus dem Wahlkreise wird uns geschrieben: Mittwoch nächster Woche wird die Wahlschlacht geschlagen. Der Kampf der Parteien wird immer heftiger. Die Gegner der Arbeiter machen wilde Anstrengungen, den Sieg der Sozial- demokratie zu verhindern. Das schäbige Mittel des Saalabtreibens ist ihnen gerade recht, um zu verhiudern, daß unser Kandidat, Genosse G ö h r e. zu den Wählern sprechen kann. Besonders in der Amtshauptmannschaft Marie nberg steht die Praxis in Blüte. Die Amtshauptmannschaft hat 41 Wahlbezirke, nur in 12 Orten konnte die Sozialdemokratie Säle und in sieben Orten Grundstücke erhalten. Die Behörde erhebt entgegen der Bestimmung des Reichsvereinsgesetzes auf Grund eines alten sächsischen Regulativs Gebühren von 5—10 M. für Versammlungsanmeldungen. In und um Wolken st ein können keine Versammlungen abgehalten werden. Kommen Grundstücke in Frage, dann wird den Besitzern, die Hypotheken von Sparkassen haben, damit gedroht, daß ihnen die Hypotheken gekündigt werden. In Geringswalde bei Wolkenstein kam der Ge- meindediener in den Gasthof, wo die Partei schon wiederholt Versammlungen abgehalten hat, um zu fragen, ob wieder sozialdemokratische Versammlungen abgehalten würden. Wenn das der Fall sei, würde das Wahllokal wo anders hin verlegt werden. So beteiligt sich auch die Be- Hörde am Saalabtreiben. In G r t e ß b a ch bei Scharfenstein, wo sonst die Wahlen im Gasthof stattgefunden haben, wurde. nachdem die Sozialdemokratie dort eine Versammlung ab- gehalten hatte, das Wahllokal in ein anderes Restaurant verlegt. Das gleiche ist in V e n u s b e r g bei Gelenau ge- schehen. Dieser Saal- und Grundstücksboykott wird den sächsischen Landtag bei seinem Zusammentritt beschäftigen. In einem Flugblatt, das besonders für die Bezirke Marienberg und Wolkenstein geschrieben und am letzten Sonntag dort verbreitet worden ist, sind diese Praktiken der Gegner gebührend gekennzeichnet, damit die Wähler wissen. mit welchen schmutzigen Mitteln die Arbeiterfeinde die Sozial- demokratie hindern, zu den erzgebirgischen Arbeitern zu reden. Die Flugblattverbrcitung ging überall glatt von statten, trotz des abscheulichen Regens, mit dem das Erzgebirge wieder heimgesucht wurde. Mit Freude ist gegenwärtig zu bemerken, daß auch die erzgebirgischen Frauen sich immer zahlreicher in den Versammlungen einstellen. Die sozialdemokratischen Versamm- lungen sind massenhaft besucht, der 24. August wird ein Tag der Abrechnung der arbeitenden Massen des 20. Kreises mit den Arbciterfeinden werden. Die Reformer haben völlig ab- gewirtschaftet; sie können Versammlungen nur in Gesellschafts- stuben, manchmal auch gar nicht abhalten, weil die Zuhörer fehlen. Unsere Genossen arbeiten mit aller Kraft und er- warten einen schönen Erfolgs_ Der Fleischwncher. Die zunehmende Fleischnot kann selbst von der Regierung nicht bestritten werden. Den einfachsten Weg, die Grenzen Hollands und Dänemarks zu öffnen, gedenkt man aber nicht zu gehen, vielmehr hat der preußische Landwirtschaftsminister v. Schorlemer sich damit begnügt, einen Erlaß an die Landwirtschaftskammern hinauszugeben, in dem auf die Notwendigkeit einer größeren Stetigkeit im Vieh- bestand hingewiesen wird. Zu diesem lendenlahmen Vorgehen des Landwirtschaftsministers sagt die.Deutsche Fleischerzeitung': .Ganz verschämt gibt der Minister also zu, daß eine Ver- Minderung der Viehbestände eingetreten ist und daß etwas ge- schehen muß. Er hofft zwar, daß jetzt genügend Jung- dieh vorhanden ist. das im nächsten Jahre schlachtreif wird, so daß dann keine Fleischnot zu befürchten ist. Aber so ganz sicher ist er seiner Sache doch nicht! Also gibt der Herrr Minister für alle Fällenden guten Rat, mehr Jungvieh zu ziehen und mehr Futterbau zu treiben. Dem andauernden Mangel an Vieh wird man damit natürlich in keiner Weise ab- ' helfen. Die hohen Futtermittelzölle lassen ja eine Vermehrung der Viehzucht in wirklich großem Maße gar nicht zu. Alle diese Mittelchen fruchten nichts. Nur eine dauernde Aufhebung aller Grenzsperren und eine Ermäßigung der Vieh- und Futtermittel- zolle bleiben die einzigen Maßnahmen, von denen Fleischer und Publikum wirklich Abhilfe erwarten können.' Der schwächliche Versuch des Ministers, den Agrariern die UnHaltbarkeit des gegenwärtigen ZustandeS vor Augen zu führen, hat sofort die.Deutsche Tageszeitung' aus den Plan gerufen, die den Minister in dieser Weise anhaucht: .Auf die Notwendigkeit einer größeren Stetigkeit in der Haltung der Schwoine haben wir in früheren Jahren öfter hin- gewiesen. Aber diese Stetigkeit ist nur unter einer Bedingung zu erreichen, nämlich unter der, daß der Schutz gegen die Viehseuchen des Auslandes nicht verringert, sondem v, elmehr ver- stärkt werde. Jede Seucheneinschleppung gefährdet selbstverständlich die Stetigkeit, jede Seucheneinschleppung schädigt und bedroht den Weidetrieb. Alles das wird sich der Herr Landwirtschaftsminister selbst sogen. Deshalb glauben wir überzeugt sein zu dürfen, daß er in eine Schwächung des unbedingt notwendigen Grenzschutzes nicht willigen wird. Die Landwirtichaft muß gewiß das Ihre tun, um den beimischen Fleischbedarf ausreichend und völlig zu decken; sie hat auch das Ihre getan und wird eS in Zukunft tun, voraus- gesetzt, daß die Regierung die Vorbedingungen dazu schafft und sichert' DaS setzt nun allerdings der Unverfrorenheit die Krone auf— die Agrarier verlangen eine erhöhte Verschärfung des„Grenz- schutzes'. Wenn erst das neue Viehseuchengesetz in Kraft getreten sein wird, dann kann jede, auch noch so geringfügige Vieheinfuhr unterbunden werden. Nach diesem geradezu gemeingefähr- lichen Gesetz kann nämlich Vieh von der Einfuhr schon dann zurückgewiesen werden, wenn nur der Verdacht besteht, daß dieses gesunde Vieh mit seuchenempfänglichem Vieh in Be- riihrung gekommen ist. Seuchenempfänglich ist nun aber jedes Tier, das hat das unverfälscht deutsche Tuberkelvieh bewiesen, mit dem die deutschen Agrarier auf der Ausstellung in Argentinien die Erfolge der deutschen Viehzucht vordemonstriercn wollten. Das Vieh mußte zurückgewiesen werden, damit die Seuche nicht nach Argentinien eingeschleppt wurde. Selbst Butter, Eier, Milch usw. können nach dem neuen Viehseuchengesetz als evenwelle Träger des Ansteckungsstoffes ohne weiteres von der Einfuhr aus- geschlossen werden. Das ist der Grund, weShalb die Agrarier die schleunige Durchführung dieses Gesetzes verlangen. Das Volk mag verhungern, wenn es die Wucherpreise nicht bezahlen kann, die ihm die agrarische Unverschämtheit diktiert. Die Politische Ausschlachtnng der Werftarbeiter- betvegnng ist ein Kunststück. daS sich die„Deutsche Tageszeitung' leistet. Sie fordert ziemlich unverblümt die gesamte Eisenindustrie auf, den Werften beizuspringen und etwa LbOlXX) Arbeiter auszusperren. Der Kampf auf den Werften soll nach dem agrarischen Blatt ein weiterer Beweis dafür sein, daß von einer Bündnisfähigkeit der Sozialdemokratie mit anderen Parteien nicht die Rede sein kann. Es macht sich gut, daß ausgerechnet die„Deutsche Tageszeitung', das Organ des Nimmersatten Junkertums, eine solche infame Hetze gegen die Werftarbeiter betreibt. Wenn die Werftarbeiter höhere Löyne haben müssen, so ist daS nicht in letzter Linie dem Umstände zuzuschreiben, daß die Agrarier die Lebensmittelpreise aus eine fast unerschwingliche Höhe hinaufgeschraubt haben. Hohnläcbelnd steht daS dreiste Junkertum dabei und sieht, wie die breiten Massen sich abquälen und abdarben müssen, und sobald diese Massen daran gehen, ihre Lage etwa« verbessern zu wollen, dann hetzt das Organ oeS Junkertums dazu, diese Massen brutal aufs Pflaster zu werfen. Erschwerung des Referendarexamens. Die Minister des Kultus- und des Justizwesens in Preußen be- schäftigen sich zurzeit mit einer Erschwerung des ReferendarexamenS, um damit dem großen Andrang zu der Justizlaufbahn zu wehren. Sie suchen dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß eine weitere Klausur eingeführt werden soll, die in der Uebersetzung einer Pandcktenstelle zu bestehen hätte. Dieser Vorschlag beweist, wie weltfremd man doch m den gesamten Ministerien ist. Allgemein wird verlangt, daß die jungen Juristen eine vielseitigere Ausbildung im praktischen Leben erfahren sollen, das Justizministerium will ihnen dagegen noch mehr Dinge einprägen, die praktisch schließlich gar nicht verwendet werden können. Daß daS erstrebte Ziel, die Zahl der Justizanwärter zu ver- ringern, auf die angegebene Weise erreicht wird, ist schließlich mög- lich, daß aber die Juristen dadurch zu wirklich praktischeren Leuten werden, ist völlig ausgeschlossen._ Warum versagte die Schulaufficht? Unter diesem Titel wird der.Verl. Volksztg." von einem Lehrer geschrieben: Die dem Rektor Bock zur Last gelegten schweren Vervrechen werden, soweit eS möglich ist, durch die Justiz ihre Sühne finden. Damit ist die Angelegenheit aber nicht erledigt. Warum versagte die Schulaufsicht? Im Schulhause unterrichteten außer dem Rektor und dem mitverhafteten Lehrer Knöfel zwei Lehrer und vier- zehn Lehrerinnen, hielt der Stadt- und Kreisschul- inspektor zweimal wöchentlich seine Sprechstunden ab. ging der Geistliche aus und ein. Das Schulhaus selbst ist doch kein geheimer Winkel, kein abgeschlossenes, verborgenes Ovar- tier. So bodenlos klug kann Rektor Bock sein Treiben nicht an- gestellt haben, daß nicht etwa? durchsickerte. Sollen doch Lehrerinnen die Schülerinnen gewarnt haben. ES muß entweder eine unverzeih« liche Ahnungslostgkeit obgewaltet, oder eine gewisse Scheu, den Ge- rüchten nachzugehen und sie aufzudecken, geherrscht haben... Wer den Ursachen weiter nachspürt, wird zu der Ueberzeugung gelangen, daß in letzter Linie nicht die Personen, sondern daS Schul- aufsichtS- und Verwaltungssystem solche Zustände geschaffen hat. DieS System muß reformiert werden, damit Eltern und Kinder die Gewißheit haben, daß weder Wüstlinge sich in den Lehrerstand einschmuggeln, noch ihr verbrecherisches Treiben ausüben können. Man blicke in die Fachblätter der Lehrer. Welche harten An- klagen gelten der Vorbildung der Erzieher. In klösterlicher Enge, in geistigem Zwange, ohne freie Entfaltung, werden sechs Jahre der schönen Jugendzeit verbracht. Kein freier Zug, morgens beten, mittags beten, abends beten. Religion und.Patriotismus' werden täglich eingetrichtert. Den Ruf nach freieren Seminaren, nach Oeff- nung der Universität überhört man in den oberen Instanzen. Solche Seminarluft tötet keine verbrecherischen Neigungen, noch stärkt sie schwankende Geister. Am Gängelbande führt man die Jugend an den läuternden Klippen des Lebens herum. Dann wundert man sich, daß diese gegängelten Zöglinge im Amt keine gefestigten Männer sind... Noch schärfer aber protestieren die Lehrer gegen das System der Schulaufsicht. Erst in Straßburg stand die Frage der Schul- aufsicht und Schulleitung zur Besprechung. Dort saß daS herrschende System auf der AnUagebank. Aber wo war der Vertreter des preußischen Staates bei dieser Debatte? Man sollte meinen, die Schulaufficht sei in erster Linie der Schule wegen da, sie sorge mit verständnisvollem Herzen dafür, daß Lehrer und Schüler zur freien und vollen Entfaltung ihrer sittlichen Kräfte kommen. Nein, in Preußen dient die Aufsicht in erster Linie der S t a a t S a u t o r i t ä t, wie die gesamte Staatsaufsicht(Polizei) alles von dem einen Gesichtswinkel betrachtet, daß der.Staat' nicht ruiniert werde.... Dieser Geist, in allem die.StaatSautorität' auf tönernem Sockel sicherzustellen, durchzieht unser Schulwesen und die Schulaufsicht Kaum hatten die Kattowitzer Lehrer katholisch- polnische Stimmen bei der Stadtverordnetenwahl abgegeben, da war daS Aufsichtsauge schon auf sie gelenkt. Wie hat man den Lehrer Hansen in Schleswig- Holstein durchmustert, ob er sozialdemokratische Gesinnungen hege. Des Lehrers GläSmer KaisergeburtStagSrede wurde gründlich durchforscht. Wäre Rektor Bock wohl zehn Jahre lang un- erkannt und undurchforscht geheimes Mit- glied d e S P o lenklub S oder gar der Sozialdemo- kratie geblieben? Wie impft man im Unterricht Patriotis- muS und Religion ein I Die Jugend soll Achtung vor der»Staats- autorität' lernen.... Die Autoritätsstärkung hat sich aber auch auf die Personen übertragen. Der Borgesetzte ist Autorität, mag er auch sein, wie er will. Hier heißt eS: der Vorgesetzte hat recht, der Untergebene hat zu gehorchen. Wehe dem, der dem Vorgesetzten zu nahe tritt. Insubordination gibt's nicht! Dieses Papsttum im kleinen läßt es unmöglich durch, daß ein Kleiner gegen den Großen aufbegehrt. WaS wäre dem Lehrer wohl geschehen, der Gerüchte über Herrn Bock den vorgesetzten Be- Hörden angedeutet hätte, und fie nicht beweisen konnte. Denn Herr Bock war Rektor, und der ist die erste Autorität. DieS Autorität»- system greift auf die Schule selbst über. Hier ist der Lehrer Autorität, so lange nicht ein höherer über ihn kommt. Wie wäre es sonst möglich, daß die Schülerinnen des Llektors so lange schwiegen? Die Scham allein tat es nicht; die Furcht kam hinzu._ Das Disziplinarverfahren gegen den früheren Bürgermeister Schücking. Das Oberverwaltungsgericht hat bekanntlich Bürgermeister Schücking seines Titels und Pensionsanspruchs für verlustig erklärt Da das Verfahren in nichtöffentlicher Sitzung stattfand, werden jetzt erst die Gründe des schriftlichen Erkenntnisses bekannt. Schücking war zur Last gelegt worden, durch die Beröffent- lichung von Zeitungsartikeln und eine? anonym erschienenen BuchcS die Ehrerbietung gegen den Landesherrn und die schuldige Achtung gegen den andern Inhaber öffentlicher Aeniter verletzt, ferner StaatSeinrichtungen und Anordnungen der Obrigkeit verächtlich gemacht zu haben. Wenn ein Beamter, heißt es in der Urteilsbegründung, sich durch die Veröffentlichung einer Schrift disziplinarisch strafbar gemacht hat, so ist eS nach Ansicht des Oberverwaltungsgerichts ohne Belang, daß feine Schrift anonym erschienen ist. Ein Beamter unter- steht in seinem gesamten dienstlichen und außerdienstlichen Verhalten der Aufsicht und Beurteilung der Dienstbehörden. Ohne Bedeutung ist der Einwand, daß der Beamte die ihm zur Last gelegten Hand- lungen als Privatmann vorgenommen habe. Wie das Recht eines jeden Preußen durch Wort oder Schrift seine Meinung frei zu äußern, dadurch begrenzt wird, daß die Ausübung dieses Rechts nicht gegen das Swafgesetz verstoßen darf, so findet für jeden Beamten im Staatsdienst oder in den Kommunen das Recht der freien Meinungs- äußerung seine Schranke in der für ihn bestehenden Amtspflicht. Der Beamte untersteht nicht nur dem Strafrecht sondern auch dem Disziplinarrecht. Den Beamten ist eine außeramtliche politische Tätigleit nicht untersagt; mit den Dienstpflichten erscheint eS aber unverträglich, wenn Beamte Bestrebungen einer politischen Partei, welche die Grundlagen der bestehenden Rechts- und Staatsordnung grundsätzlich bekämpft, fördern. Als eine Verletzung der den Beamten obliegenden Pflichten ist es unbedingt anzusehen, wenn Beamte im öffentlichen Auftreten gegen die amtliche Pflicht des Gehorsams und der Treue gegen das Staatsoberhaupt oder gegen die Amtspflicht der rücksichtsvollen Achtung gegenüber Be- Hörden und Inhabern öffentlicher Aemter verstößt oder wenn er in der öffentlichen Erörterung politischer Fragen von einer sachlichen Erörterung zu offenbar unwahren, un- gerechte» Behauptungen und zu verletzenden persönlichen Angriffen übergeht. Unzutreffend behauptet der Angeschuldigte, daß eine besondere Treupflicht gegen das Staatsoberhaupt nicht mehr bestehe. Die Treupflicht ergibt sich aus§ 2 Tit. 10 II. Allg. Land- rechts, auch hat der Angeschuldigte den Treueid geleistet. Un- verträglich ist eS mit der Amtspflicht des Kritik übenden Beamten. wenn er Zustände in einem Zerrbild vorführt und die für die Be- urteilung matzgebende Rechtslage unvollständig und in schiefer oder gar unrichtigen Beleuchtung darstellt Wenn der Kaiser reist! AuS Anlaß der Einweihung des neuen Kais-rfchlosseS in Posen werden einige hundert Schutzleute aus Berlin und Breslau nach Posen kommandiert, um die dorttge Polizei zu unterstützen. Es wäre intereffant, zu erfahren, was derartige Maßnahmen dem Staate, d. h. den Steuerzahlern kosten! Der nationalliberale Stadtrat. Neben dem überzeugungstreuen Katholiken und braven Zentrums- mann Ohm saß im Aufsichtsrat der Niederdeutschen Bank(und der- schiedener Tochter-Gründungen) auch der Führer der Dort» munder Nationalliberalen. Stadtrat Maiweg. Herr Maiweg, seines Zeichens Architekt und Baumeister, aber auch rühriger Politiker scharfmacherischer Observanz, wurde von Leuten, die es wissen können, als der Eingeweihteste nächst Ohm bezeichnet Am Sonnabend hat ihn insofern daS Verhängnis ereilt, als eine Londoner Firma für ein Wechselakzept über 63 000 Mark, daS aus den Ohmschen Wechselschiebungen herrührt, eine Maiweg gehörige Ziegelei vollständig hat auspfänden lasten. Von dem Herrn Stadt- rat sollen noch erheblich höhere Akzepte laufen. Maiweg soll im übrigen es durchaus verstanden haben, bei seinen Beziehungen zu Ohm auf seine Kosten zu kommen. Für die Tochter-Gesellschaften war er auch in seiner Eigenschaft als Baumeister beschäftigt Bei Submissionen, die diese ausschrieben, soll es Herr Maiweg verstanden haben, gute Aufträge zu erlangen. Im übrigen gestattet die Be» teiligung des Herrn Maiweg an den verschiedensten Machenschaften OhmS wohl den Rückschluß, daß die geschäftliche Praxis des national- liberalen Führers nicht unanfechtbar war. Eine besondere Spezialität MaiwegS waren übrigens opulente, große Gesellschaften, bei denen das einzelne Kuvert mindestens sechzig Mark kostete. Der zwingenden Not gehorchend hat Maiweg am Sonnabend endlich seine städtischen Ehrenämter niedergelegt. Die Belegschaften des rheinisch-westfälischen Kohlen» rcviers. Nach der neuesten Statistik des Allgemeinen Knapp» schaftSvereinS zu Bochum werden auf den Zechen des BereinSgebieteS 351 532 Mann beschäftigt Davon sind 21 075 Oesterreicher. S14 Russen, 6423 Holländer, 190 Belgier, 8890 Italiener und 863 sonstige Ausländer, insgesamt 31 875 Ausländer. Außerdem waren 130 079 Mann aus den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches zugewandert, darunter außer Masuren und Littauern 85 000 Polen. Die Zahl der Ausländer stieg von 1893 bis 1908 von 4246 auf 31 875 Mann, also um 641 Proz. Die Zahl der Arbeiter aus dem preußischen Osten stieg in der gleichen Zeit um 231 Proz., während die Gesamtzunahme der Belegschaften nur 128 Proz. betrug. Die Zahl der Arbeiter aus Oesterreich stieg m dem obigen Zeitraum um 1614 Proz., die der Holländer um 809 Prozent, die der Russen um 655 Proz., der Italiener um 451 Proz. und die der Belgier um 134 Proz. Diese Ziffern zeigen deutlich, wie der alte rheinisch-westfälische Bergarbeiterstamm mehr und mehr verschwindet und durch ungelernte ausländische Arbeiter ersetzt wird. Ein Komiker. Der Kaiser hat im Kasseler Hoftheater einige Schau» spieler empfangen und mit ihnen geplaudert. Darüber wird berichtet: .Der Kaiser sprach von den angenehmen Erinnerungen, die er an das Berliner Wallner-Theater habe. Besonders Oskar BlenkeS. des ausgezeichneten BonvivantS und Darstellers jugendlich-komischer Rollen gedachte er mit Wärme. WaS ihn auch sonst freundliches Gedenken an den Mann bewahren lasse, sei das persönliche Wirken, daS Blenke seinerzeit in jenem Wahlkreis von Berlin für den Kandidaten für dieMilitärvorlage entfaltete, und daSdiesemzumSiegeverhalf.' Ja, ja, ein K o m i k e r! Ocftemleh. Tschechische„Sozialisten". Wir haben berichtet, wie die in den Händen der tschechischen Separatisten befindliche Leitung der Brünner Allgemeinen «lrbeiterkranken lasse die Arbeiter um ihr Wahlrecht bringen wollte. Nun hat der deutschbürgerliche Stadtrat die.sozialistische" Verwaltung korrigieren müssen, indem er ihr auftrug, die Wahlen so vorzunehmen, dah die Mitglieder ihr Wahl- recht an einem Tage und ohne materiellen Schaden ausüben können, dafi der Aufsichtsrat in die Wahlkommission kommt, kurz, dag an- ständig und statutengemäh vorgegangen wird. Doch die VanjeNeute haben dagegen Berufung erhoben! Man will die Wahlen eben durch formale Rechtsmittel verschleppen.... Ueber ganz gleiche Manöver Bürgerlicher haben sich die tschechischen Parteiblätter oft und mit Recht entrüstet. Nun hat man auch bestimmt, dast die Mit» glieder die Wahllegitimationen selb st abholen müssen und dast sie an Sonntagen nicht ausgegeben werden I Schweiz. Wahlen. Zürich, 16. August. sEig. Ber.) Im Winterthurer Wahlkreis fand gestern eine Ersatzwahl in den N a t i o n a l r a t statt, bei der zum erstenmal seit Jahren wieder die Liberalen und Demokraten mit eigenen Kandidaten getrennt marschierten. Stimmen erhielten nun unser Genosse Professor Dr. Schenkel in Winter- t h u r 6308, der Demokrat Reallehrer Hardmeier 6621 und der liberale Fabrikant Guger 6778. Im Bezirk Winterthur erlangte der sozial« demokratische Kandidat mit 4078 Stimmen die relative Mehrheit. Im ganzen Wahlkreis ist die Freisinnige Partei die stärkste, während er früher jahrzehntelang die sichere Domäne der Demokratischen Partei war. Für den notwendig gewordenen zweiten Wahlgang ist die Situation noch nicht abgeklärt. Hält unsere Partei an der Kandidatur Schenkel fest, so wird Hardmeier zurücktreten, um für alle Fälle die Wahl Gugers zu sichern, da im zweiten Wahlgang die relative Mehrheit gilt. Wird die Kandidatur Schenkel fallen gelassen und bleiben beide bürgerliche Kandidaten in der Wahl, so wird es sich fragen, ob unsere Partei Stimmenthaltung oder Freigabe der Stimme oder Unterstützung der demokratischen Kandidatur be- schliehen soll. Bei der gleichzeitig im Bezirk Winterthur vorgenommenen Wahl de? Statthalters sLandrats) siegte der Demokrat BezirkSschreider Egg mit 7012 gegen 4320 Stimmen über unseren Kandidaten, Ge- nossen Kaufmann, Bezirköanivalt in Zürich. Die sozialdemokratische Stimmenzahl ist, alS Folge Verlorener wirtschaftschaftlicher Kämpfe, zurückgegangen. Inciien. Haussuchungen. Kalkutta, IS. August. Die Polizei hat eine nächtliche Haussuchung bei einem ehemaligen Deportierten abgehalten. „Empire" sagt, die Haussuchung habe sich auf daS Gerücht von einer Waffeneinfuhr aus London und Paris bezogen. Der Polizei sei eine Anzahl von Dokumenten und Briefen mehrerer englischer Anhänger der nationalistischen Bewegung in Indien in die Hände gefallen, darunter auch ein Brief eines Unterhaus- Mitgliedes. ES wurden keine Waffen gefunden. Verhaftungen find nicht erfolgt._ Hus der parteü Parteitag für die Provinz Posen. Am Sonntag, den 14. August, tagte in K o l m a r i. P. der Parteitag für die Provinz Posen, der von 18 Delegierten beschickt war. AuS dem Geschäftsbericht ist zu entnehmen, dost zurzeit in dreizehn Wahlkreisen der Provinz 1073 Mitglieder vorhanden find, darunter 7g Frauen. Verbindungen bestehen jetzt in allen 16 Wahl- kreisen.— Nach einem Referat des Genossen Lepitz über Kom- munalwahlen sprach sich der Parteitag einstimmig für Beteiligung an den Stadtverordneten- und Gemeindewahlen aus. Nur drei Orte in der Provinz erheben kein Bürgerrechtsgeld. Als Delegierter zum Magdeburger Parteitag wurde für alle Wahlkreise der Genoffe Lepitz« Blomberg gewählt.— Ein Antrag der Posener Genossen, den Sitz nach Posen zu verlegen, wurde nach langem Für und Wider von den Posenern für dieses Jahr zurück- gezogen. Auf dem Parteitag kam zum Ausdruck, daß es auch im dunkelsten Osten, wenn auch langsam, vorwärts geht. Gcmeindewahlsicgr. In Klein-Krotzenburg, einem vorwiegend von Tabak- arbeitern und Bauern bewohnten hessischen Dorfe bei Hanau, errang am Sonnabend die Sozialdemokratie ihren ersten grofien Kommunal- Wahlsieg. Ihre sämtlich en drei Kandidaten wurden mit 203 bis 228 Stimmen gewählt, das Zentrum unterlag mit 176 bis 185 Stimmen. Der Ort ist katholisch und war bisher eine ZenlrumSdomäne. Die Steuerkünste des Zentrums im Reichstage, besonders an der Tabaksteuer, haben den Umschwung bewirkt, daS zeigte sich neulich schon, als einer unserer Genossen zum Beigeordneten gewählt wurde. Natürlich wurde auch ihm, wie man es in Hessen gewohnt ist. die Bestätigung versagt. Aber daS hinderte die Arbeiter im Nachbarorte Klein-Auheim nicht, am Sonnabend bei der Beigeordnetenwahl den Genoffen I. Adam B a u e r I. zu wählen; er erhielt 24g, der bisherige Beigeordnete P. Jung El. 234 Stimmen. Brandenburgische KreiSkonfereuzeu. Die Generalversammlung für Brandenburg» West Havelland tagte am Sonntag in Brandenburg. Sie war von 40 Delegierten besucht. Der Zentralwahlverein hat eine Zunahme von 060 Mitgliedern zu verzeichnen, vow denen 643 auf Brandenburg, 302 auf Rathenow entfallen. Die Zahl der weiblichen Mitglieder ist von 361 auf 626 gestiegen. Insgesamt zählte der Zentralwahlverein am Jahresschluß 4413 Mitglieder, davon hat Brandenburg 3340, Rathenow 1073 Mitglieder. Neue sozialdemokratische Wahlvereine sind jüngst in Pl aue und Kl.«Kreutz gegründet worden. Der Kassenbericht weist einen erfreulichen Fortschritt auf. Die Abonnentenzahl der„Brandenburger Zeitung' stieg um 1660. Angenommen wurde ein Antrag des Genossen Mücke, zukünftig Parteidelegationen durch U r w a h l vorzunehmen. Der Borstand soll der Generalversammlung im nächsten Jahre eine entsprechende Vorlage unterbreiten. Ferner wurde beschloffen, die Anstellung eines Parteisekretärs erst m den einzelnen Ortsvereinen zu diskutieren. Der Zentral- vorstand wird beauftragt, der nächsten Generalvcrsammlnng eine Vorlage zu unterbreiten, aus der die Kosten eines Sekretariats er- fichtlich sind. Genoffe P e u S hielt sodann ein Referat„Ausblick auf die ReichStagswahlen", worin er u. a. sagte: Ein Block von Bebel bis Basiermann ist fürs Reich sicher ein Unsinn. Die Regierung wird entweder schon mit dem jetzigen Reichstag, oder aber sicher mit dem kommenden einen Konflikt Herbeiführen, um die Sozialdemokratie aufs neue zu zerschmettern. Wir müffen deshalb auf die schwersten Kämpfe erst recht nach der nächsten Reichstags- Wahl gefaßt fein und dafür sorgen, daß es den Gegnern nicht gelingt, uns die Schuld dafür aufzubürden, daß eS nicht vorwärts geht, während sie selber es sind, die sich dagegen sperren, ihre eigenen angeblichen Programmfordcrungen durch- zuführen. Erst wenn die Regierung es erlebt, daß unsere Macht vn Volke unerschütterlich dasteht und auch die Gegner das begreifen, wird eine Politik in unserem Sinne sich allmählich durchsetzen. Möglicherweise geht dann auch in den Parteien rechts von un» eine Spaltung vor fich zwischen solchen, die Unternehmerinteressen und solchen, die die Arbeiterintereffen(Arbeiter im umfassendsten Sinne gedacht) in den Vordergrund rücken. Noch ist diese EntWickelung nicht da, noch sind wir ganz auf uns angewiesen. Und so wollen wir mit der ganzen Energie, deren wir fähig sind, für die Weiter- entWickelung unserer Macht kämpfen. Es kann ja nicht anders kommen, dem Sozialismus und der Demokratie gehört die Zukunft. (Beifall.) Der Antrag, den Genossen P e u s als Kandidaten des Kreises wieder aufzustellen, wurde sodann einstimmig angenommen. Beim Punkte„Provinzialkonferenz" wurde gerügt, daß zum Internationalen Kongreß in Kopenhagen für Branden- bürg nur Berliner Genossen gewählt worden seien. Gegen diese Beschwerden wurde geltend gemacht, daß die drei Delegierten zwar Berliner, aber auch ReichStagskandidaten in der Provinz Branden- bürg seien. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: Die Provinzialkonferenz wolle Maßnahmen treffen, daß in An- gelegenheiten, wo die Provinzintereffen im Vordergrund stehen, die Provinz nicht durch Groß-Berlin tiberstimmt wird. Zur Provinzialkonferenz wurden die Genossen G e n t h, G r u h l e und Schmidt- Rathenow delegiert. Zum Magdeburger Parteitag wurde nach kurzer Dis- kussion gegen zwei Stimmen die bekannte ,R es o luti o n des Brandenburger Wahlvereins angenommen. Als Delegierte zum Parteitag wurden hierauf die Genossen Mücke und Schnelle- Brandenburg, sowie Web er- Rathenow gewählt. Die Generalversammlung für Prenzlau-Angermünde tagte in Brietz, sie war von 13 Delegierten aus Schwedt, Prenzlau, Oderberg, Angermünde und Strasburg beschickt, ferner nahmen fünf Vorstandsmitglieder, Genoffe W e l S- Berlin als bisheriger Kandidat, Genoffe Hackelbusch- Berlin von der AgitationSkommission und Genosse Klamm vom 4. Berliner Wahlkreis teil.— Der Organi- sation gehören 6S5 männliche und 60 weibliche Mitglieder an, gegen daS Vorjahr eine Zunahme von 00 männlichen und 43 weiblichen Mitgliedem. 71 Mitgliederversammlungen, 30 öffentliche Versammlungen in Sälen und zwei unter freiem Himmel wurden abgehalten. Die„Brandenburger Zeitung" hat 601, der„Vorwärts" 17 Abonnenten. 7 Lokale sind frei. Die Einnahme betrug 1821,27 M., die Ausgabe 1224,01 M. Genoffe H a ck e l- b u s ch hielt ein Referat über„Reichstagswahl, Agitation, Organi- sation und Wahltechnik", Genosse Wels über den Jnternatio- nalen Kongreß und den Parteitag. Eine Resolution, die den badischen Disziplinbruch verurteilt, fand einstimmige Annahme. Zur Provinzialkonferenz wurden die Genossen Busse- Schwedts JllhlSdorf- Prenzlau und Trampe- Brietz delegiert, zum Parteitag Genosse Hackelbusch. An Stelle de« Genossen WelS, der in Kalau-Luckau kandidiert, wurde Genosse H a ck e l- b u s ch als ReichstagSkandidat vorgeschlagen. Die destnitive Wahl des Kandidaten soll w einer außerordentlichen Generalversammlung erfolgen._ KreiSkonferenzen. Der Sozialdemokratische Kreiswahlverein für den 18. hannoverschen Reichstagswahlkreis (Blumenthal-Stade) hielt am Sonntag, den 7. August, in Vegesack seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Acht Ortsvercine waren durch 28 Delegierte vertreten. Die Mitgliederzahl ist von 1263 am 1. Juli 1000 aus 1887 am 1. Juli 1010 gestiegen. Zwei OrtSvereine wurden neu gegründet. In den Gemeinde- Vertretungen des Wahlkreises sind jetzt 66 Genoffen tätig. Die Abonnentcnzahl der Parteipresse beträgt annähernd 2000. Die Kreiskasse balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 3470,42 Mark. Die finanziellen Verhältnisse waren bisher nicht danach angetan, die Landagitation mit dem nötigen Nachdruck betreiben zu können. Deshalb wurde eine Erhöhung des Parteibeitrages für männliche Mitglieder von 30 auf 40 Pf. beschlossen. Zur Budget- bewilligung der badischen Landtagsfraktion wurde nach einer sehr lebhaften Debatte einstimmig eine Resolution angenommen, die das Vorgehen der badischen Genoffen als schweren Disziplinbruch charakterisiert. Vom Magdeburger Parteitag wird erwartet, daß er durch entschlossene und rücksichtslose Maßnahmen die Wieder- kehr solcher parteischädigender Borkommnisse verhindert. AlS Delegierter zum Parteitag wurde einstimmig Genosse G. Reitze- Vegesack gewählt. Eine Wiederaufstellung des Genossen Hermann Rhein- Bremen als ReichStagskandidaten wurde in namentlicher Abstimmung mit 18 gegen 12 Stimmen ab« gelehnt. Der Kreisvorstand und eine sünfgliedriae Kommission erhielten den Auftrag, einer demnächst einzuberufenden außer« ordentlichen Krcisgeneralversammlung geeignete Vorschläge zur Auf- stellung eines ReichStagskandidaten zu unterbreiten. Die KreiSkonfcrenz für Mühlhausen-Langensalza-Weißensee tagte in Mühlhausen i. Thür. Die Mitgliederzahl ist um 217 auf 828 angewachsen. ES gelang in drei Orten neue Vereine zu gründen. An Einnahmen sind 2658,11 M., an Ausgaben 1017,26 M. zu ver- zeichnen. Auch das„VolkS-Blatt" für Mühlhausen hat durch erheb- liche Zunahme von Abonnenten Fortschritte gemacht. Die meisten Erfolge für das Parteiblatt und für die Organisation waren in der WahlrechtSbewegung. DaS Strafkonto der Redaktion ist im letzten Jahr sehr angewachsen. ES wurde beschlossen, einen einheitlichen Frauenbeitrag von 26 Pf. zu erheben und die„Gleichheit" gratis zu liefern. Nach scharfer Verurteilung der badischen Landtagsfraktion gelangte die Protestresolution einstimmig zur Annahme. AlS Dele- gierter zun, Magdeburger Parteitag wurde der ReichstagSkandidat Genosse Schäfer gewählt._ ReichStagSkandidaturrn. Die württembergischen Parteigenossen haben in den letzten Wochen eipe Anzahl Wahlkreise mit Kandidaturen besetzt. Es wurden aufgestellt: Für Stuttgart Hildenbrand; Heilbronn: F e u e r« stein; Böblingen: S p e r k a; Eßlingen: Schlegel; Balingen: M a t t u t a t; Göppingen: Lindemann; Ulm: Dietrich. Die Parteikonferenz des Kreises Wiesbaden«Rhcingau stellte einstimmig den jetzigen Vertreter des KreiseS, Genossen L e h- m a n n- Mannheim, wieder als Kandidaten für die kommende ReichStagSwahl auf. Im badischen Wahlkreise Schopfheim-Waldshut wurde Genoffe Müller, Landtagsabgeordneter, als Kandidat aufgestellt. Ausschlüsse. Die Bezirkskommission für das westliche Westfalen hat die bis- herigen Genossen Brambräter, Finn und Breuscheit aus der Partei ausgeschlossen, weil sie Mitglieder der anarchosozialistischen Gewerk- schalten sind und anarchosozialistische Propaganda getrieben haben. Hus Industrie und Kandel. Steigende Fleischpreise— sinkender Fleischkonsum. Ehe noch die erneute Hinauffetzuug der Fleischpreise ihre Wirkung auf die Gestaltung des Fleischkonsums ausüben konnte, ist schon wieder eine ungün st i geWendung des Konsums eingetreten: im zweiten Quartal des laufenden Jahres ging der Fleischkonsum so stark zurück, daß er sogar noch unter den des Vorjahres sank. Berechnen wir aus den Viehschlachtungen in Deutschland unter Zugrundelegung der hergebrachten Durchschnittsgewichte die dem Konsum zugeführte Fleischmenge unter Einschluß der Mehreinfuhr von Fleisch, so ergibt sich für das zweite Vierteljahr dieses Jahres ohne Hausschlachtungen eine Fleischmenge von 609660 Tonnen. Im zweiten Vierteljahr 1909 betrug die entsprechende Ziffer 610 611 Tonnen. Danach wäre der Konsum um 951 Tonnen zurückgegangen. In Wirklichkeit ist die Einschränkung aber relativ noch erheblich größer. Innerhalb des letzten Jahres ist die Bevölkerung und damit die Zahl der Konsumenten gewachsen, und eine Berechnung des Fleisch- Verbrauchs pro Kopf der Bevölkerung ergibt nur eine Menge k von 9.47 Kilogramm gegen 9.60 Kilogramm im vorigen Jahre. Also bereits im zweiten Vierteljahr, wo noch nichts von der Hinauffetzung der Fleischpreise verlautete, ist der Konsum ein- geschränkt worden. Er geht auch nur ganz unbedeutend über den vom zweiten Quartal 1908 hinaus, wo auf den Kopf der Bevölkerung durchschnittlich 9,44 Kilogramm Fleisch kamen. Und die Regierung legt die Hände in den Schoß, gerade als entspreche die EntWickelung ihren Wünschen. * Aus München wird berichtet, die bayerische Regierung sei nicht gewillt, zurzeit gegen ein österreichisches Viehausfuhrverbot irgend- welche Schritte zu unternehmen. Einmal scheint man zu hoffen, daß infolge deS Einspruches Ungarns das Verbot nicht in Wirksamkeit treten werde, andererseits scheint man aber auch Rüffeleien von Preußen zu befürchten. Die bayerische Regierung sei nicht in der Lage, hier selbständig vorzugehen.— Weil die Junker in Preußen das nicht gern sehen, könnte man hinzusetzen. Scharfer Rückgang der KapitalSinvestionen. In keinem einzigen der vergangenen Jahre— ob Hochkonjunktur« oder Niedergangsjahr— hat der Monat Juli eine derartig ge» ringe Unternehmungslust wie im laufenden Jahre auf- zuweisen gehabt. Es wurden in neuen und alten Aktiengesellschaften und Gesellschaften m. b. H. iin Juli nur 68,37 Millionen Mark neu investiert, während die vorjährigen Neuinvestierungen, die im Juli bekannt wurden, 131,72 Millionen Mark betragen hatten. Im Juli 1008 stellten sie sich auf 103,43, im Vergleichsmonat 1007 auf 134,61 und 1006 endlich auf 120,60 Millionen Mark. ES betrugen die Neuinvestierungen im Juli in 1000 Mark in den nachstehende» Gruppen der Warenherstcllung: 1000 1010 Bergbau, Hütten, Salinen... 20 870 2240 Steine und Erden...... 6 225 2080 Metalle und Maschinen.... 26474 7096 NahrungS- und Genußmittel.. 14 046 2045 Bauwesen......... 13 623 5405 Abschließende Urteile über die Tendenz der wirtschaftlichen Eni- Wickelung kann man natürlich aus der nur eine sehr begrenzte Zeit umfassenden Erscheinung nicht fällen. Dividenden im deutschen Bergbau. Erfaßt man die mit dem vorletzten Geschäftsjahr einwandSfrel vergleichbaren RechmmgSergebmffe der Bcrgbaugesellschaften, die im Laufe deS ersten Halbjahres 1010 ihre Bilanzen bekannt gaben, so ergibt sich ein Blick auf die stattliche Zahl von 136 Aktiengesellschaften. Das gestunte werbende dividendenberechtigte Nominalkapital dieser Bergbaubetriebe erfuhr im letzten Geschäftsjahr eine Erhöhung von 1011016 auf 1042 636 Millionen Mark. Bei der Gesamtheit dieser Gesellschaften stellte sich im Ver- gleich der beiden letzten Geschäftsjahre die an die Aktionäre zur Ver- teilung gelangte Dividendeiffumme für das Jahr 1000/10 mit 87,600 Millionen Marp und um 1,667 Millionen Mark niedriger als im Geschäftsjahre 1008/00. Auf die einzelnen Zweige deS deutschen Bergbaues verteilte sich die Dividendensumme der im ersten Halbjahr 1010 berichtenden Gesellschaften im Vergleich der beiden letzten Geschäftsjahre wie folgt: Aktienkapital Dividendensumme Dividende in Millionen Mark in Prozent Aktien««?. Zahl 1008/03 1009/10 1008/09 1000/10 1908,00 1000/10 Steinkohlenbergbau 20 221,86 231,00 30.60 26,66 13,7 11,6 Braunkohlenbergbau 31 116,35 110,76 11,02 13,11 10,2 10,0 Erzbergbau... 6 34,62 36,42 1,62 2,13 4.4 6.8 Kalibergbau... 20 160,55 160,80 5.72 6.51 3,6 4.0 Salzbergbau... 11 28,40 28,40 2,48 2,34 8.7 8.2 Sonstiger Bergbau. 15 77,62 77,52 7,12 6,42 0,2 7,6 Hlltten, gem. Betriebe 24 373,63 388,75 30,01 31,46 8.0 8,1 Insgesamt.... 136 1011,02 1042,64 89,27 87,61 8,8 8.4 Im Kohlenbergbau ging bei den Steinkohlen fördernden Betrieben die Prozentziffer der Dividende um 2,2 Proz. zurück, während sich bei den Braunkohlengruben das DividendenergebntS um 0,7 Proz. günstiger gestaltete. Ebenso erhellt die gleiche Ge» schäftslage im Kohlenbergbau auS einem Vergleich der in den beiden letzten Geschäftsjahren für Abschreibungen aufgewendeten Kapitalien. die im Steinkohlenbergbau einen Rückgang von 17,86 auf 16,61, im Braunkohlenbergbau aber eine Zunahme von 12,08 auf 13,06 Mill. Marl aufwiesen._ Die Bedürfnisfrage. In der kapitalistischen HandelSpreffe begegnen wir einem Stoß» seufzer darüber, daß die Oppelnzx Portlandzeinentfabrik Silesia ihre Fabrikanlagen verdoppeln will, obgleich dafür angeblich gar kein Bedürsnis vorliegt; die alten Werke— d. h, die Konkurrenzbetriebe der Silesia— könnten noch IVa Millionen Faß Portlandzement mehr produzieren, als der gegenwärtige Jahresabsatz beträgt. Die Folge der Vergrößerung werde ein wilder Konkurrenzkampf sein. der die ganze Industrie möglicherweise an den Rand deS Ver» derben? bringe. ES ist geradezu komisch zu sehen, wie diese fanatischen Gegner des Sozialismus sich mit einem Male so besorgt zeigen um die Uebereinstimmung der Produktion mit dem Konsuln. Kein Bedürfnis soll vorhanden sein?— Freilich nicht, wenn daS Bedürfnis deS Konsums in Frage kommt. Aber seit wann richtet sich die kapitalistische Produktion nach den Bedürfnissen des Konsums? Ein ganz anderes Bedürfnis ist da maßgebend für die Erweiterung oder Einschränkung der Produktion: nämlich daS Bedürfnis nach Ver« Wertung des vorhandenen Kapitals. Der bisher eingesackte Mehrwert schreit nach rentabler Anlage, und deshalb werden die Betriebe vergrößert, in der Hoffnung, der Konkurrenz die Kundschaft abzujagen, ganz ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse deS Konsums. Die wirtschaftliche KrisiS in der Metallverarbeitung. Wie die Berichte der acht deutschen Eisen- und Stahlberufsgenossenschaften auf daS Jahr 1000 beweisen, standen diese im vergangenen Jahre noch vollständig im Zeichen der Krise. Bei diesen Geiiossenschafte» zusammen ist die Zahl der beschäftigten Arbeiter von 1 200 260 im Jahre 1007 auf 1 177 700 im Jahre 1008 und 1 171 686 im Jahre 1900 gesunken. Die ausgezahlten Löhne sanken in der gleichen Zeit von 1494 auf 1444 bezw. 1434 Millionen Mark. Wie sehr die Krise auf die Höhe der Arbeiterlöhne drückt, geht daraus hervor, daß der auf einen Arbeiter ent» fallende Durchschnittslohn von 1246 M. im Jahre 1907 auf 1227 M. im Jahre 1008 und 1226 M. im Jahre 1009 gefallen ist. Unter dem Rückgang der BeschästigungSgelegenheit hatte be» sonders zu leiden die Schlesisclie Eisen- und Stahlberufsgenoffen- schaft, die Maschinen- und Klciiieisenindustric-Berufsgcnosscnschaft und die Nordwestliche Eisen- und Sinhlbernfsgenossenschast. Da» gegen haben sich bei der Rheinisch-Westfälischen Hütten- und Walz- Werksberufsgenossenschaft die Geschäfte ein wenig gehoben. Bei letzterer sind die Durchschnittslöhne die höchsten. Sie find aber auch bei ihr von 1632 M. im Jahre 1007 auf 1460 M. im Jahre 1900 gefallen. Die Fleischboykottvewcgung in Oesterreich greift immer weiter, nachdem sie in einigen.niederösterreichischen Städten Erfolge erzielt hat. Nun ist auch in der ostböhmischen Industriestadt Braunau der Fleischboykott erklärt worden. Wie der Wiener Vizebürgermeister Hierhammer einem Vertreter der„Neuen Freien Presse' mitteilte, war es auch die Furcht vor dem Fleischboykott, der die Bürgermeister zu ihrem Scheiumanöver veranlaßte, vom Handelsministcr ein Viehausfuhrverbot zu verlangen. Daß dieses erlassen wird, ist bei dem das deutsche Jndustrievolk an die Agrarier verratenden deutschen freiheitlich-christlichsozialen Regime ganz ausgeschlossen, auch würden die in Ungarn kommandierenden Viehwucherer kaum die erforderliche Zustimmung geben. 6cwerhrcbaftUcJ)e� Die kleinen„Götter" und das Reichs- vereinsgefetz. Wie das Reichsvereinsgesetz von den Behörden ge— handhabt wird, davon kann der L-andardeiterverband erzählen. Landräte, Amts- Vorsteher und andere Dcspötchen machten ihn zum Objekt ihrer Staatsrctterei. Es wurde verlangt, datz die öffentlichen Be- sprechungcn der Landarbeiter, in denen die Frage der Verbesserung oer Lohn- und Arbeitsverhältnisse besprochen wurde, gemäß§ 5 des Reichsvereinsgesetzes als politische Versammlungen angemeldet wer- den sollen. Man kalkulierte, daß wenn ein Gendarm oder Amtsvor- sicher die Versammlung überwache, die Landarbeiter es nicht riskieren würden, dort zu erscheinen. In verschiedenen Fällen wurden Geld- strafen gegen die Veranstalter und Leiter von Landarbeiter-Ver- sammlungen verhängt. Die Aktionen der Behörden endeten jedoch in allen Fällen mit einer Niederlage. In einem Falle erkannte das Schöffengericht Hannover durch Urteil vom 11. Mai d. I. auf Freisprechung des Angeklagten, weil die Versammlung(in Laatzen bei Hannover) nicht zur Erörterung politischer Angelegenheiten bestimmt gewesen sei. Anders die Schöffengerichte in Rothenburg«. T.(Bayern), Osterburg(Provinz Sachsen) und Pasewalk(Pommern). Hier kamen die Nichter zu Verurteilungen. Alle drei Urteile wur- den jedoch durch Landgerichtsurteile aufgehoben. Sehr leicht machte es sich das Schöffengericht in O st e r b u r g. Es stellte fest", daß der Referent in der Versainmlung den Text eines zuvor verbreiteten Flugblattes seiner Rede zugrunde gelegt, des Inhalts:„Der Ar- beitslohn der Landarbeiter ist viel zu niedrig; die Arbeitskraft wird von den reichen Leuten, den Herren, schamlos ausgenutzt. Der Ar- beitcr ist vollständig rechtlos. Die geringe Aufbesserung der Lage der Arbeiter ist allein den sozialdemokratischen Abgeordneten zu vcr- danken. Zusammenschließung der Arbeiter im festen Verband ist nötig zur Erlangung höheren Lohnes und des dem Arbeiter zu- stehenden Rechts." Der Inhalt der Rede beweise, daß es sich um eine politische Versammlung gehandelt habe. Auf einen entgegengesetzten Standpunkt stellte sich aber das Landgericht Stendal als Berufungsinstanz. Es sagt in dem Urteil vom 8. April d. I.:„Wenn auch die in der Versammlung er- örterte Lohnfrage und die besprochenen wirtschaftlichen Verhältnisse der Landarbeiter öffentliche, nationalökonomische und soziale Fragen sind, so werden sie deshalb noch nicht gleichzeitig politische Ange- legenheiten. Sie werden solche erst, wenn sie von dem Wirtschaft- lichen Gebiet auf das politische hinübergeführt werden, wenn also ihre Erörterung eine Aenderung sozialer Zustände mittels staatlichen Z.�>aizs. staatlicher Einrichtungen oder Beseitigung geltender Ver- fasjungsgrundsätze erstrebt. Dies treffe aber auf die Rede in Oster- bürg nicht zu." Das Urteil schließt deshalb:„Man kann ja nicht verkennen, daß der organisierte Abschluß der Arbeiterverträge unter Umständen öffentlich-rechtliche, sozialpolitische oder sogar rein Poll- tische Bedeutung erlangen kann. Tbotzdcm bleiben die> Arbeiter- Verträge, da sie der freien Vereinbarung der Vertragschließenden unterliegen, lediglich ein Gegenstand des Prihatrechts und nicht der Politik. Hiernach mutzte der Angeklagte freigesprochen werden." Zu einem freisprechenden Urteil kam auch das Landgericht Ansbach unterm 22. April 1910, gegenüber einem verurteilenden Erkenntnis des Schöffengerichts Rothenburg a. T. Es stellte fest, daß die fragliche Versammlung eine öffentliche war, zu der jeder- mann Zutritt hatte. Für die Anmeldepflicht sei aber entscheidend der nach der ganzen Sachlage von dem Veranstalter ersichtlich ver- folgte Zweck, nicht aber der Inhalt des in der Versammlung Er- örtcrden. Nach dem Inhalt des Einladungszettels, der sich an staat- liche Waldarbeiter wandte, habe es sich um die Erörterung Wirt- schaftlicher und beruflicher Fragen gehandelt. Diese an und für sich nicht politischen Angelegenheiten werden auch dadurch nicht politisch, daß staatliche Waldarbeiter in Frage kommen. Das Dienstverhältnis der Waldarbeiter ist ein privatrechtliches und untersteht ausschlietz- lich den Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Die Regelung dieses Privatrechtverhältnisses ist nicht politischer Natur, auch wenn der Staat der Arbeitgeber ist. Die Versammlung wurde aber da- durch nicht zu einer politischen, indem zum Anschluß an den Wald- arbeiterverband aufgefordert wurde. Dies wäre nur der Fall, wenn dieser Verband ein politischer Verein wäre, was er nach seinen für die Entscheidung dieser Frage in erster Linie maßgebenden Statuten nicht ist.... Die Versammlung wurde aber auch da- durch nicht zu einer politischen, daß das politische Gebiet im Zu- sammenhang mit der rein wirtschaftlichen Frage der Organisation nebenbei kurz gestreift wurde und daß dies, wie anzunehmen ist, auch von vornherein beabsichtigt war. Sehr stark weicht auch die Recktsauffafsung des Stettiner Landgerichts als Berufungsinstanz von einem Sckiöffengerichtsurteil in Pasewalk ab. Letzteres fand, daß eine Versammlung eine „politische" gewesen sei, weil der Referent nach den einwandfreien Bekundungen des Gendarmeriewachtmeisters sich in seinem Vortrag vor den Landarbeitern fast ausschließlich„mit einer kritisierenden Besprechung der verschiedenen staatlichen Einrichtungen befaßt habe". Er habe die— nach seiner Ansicht äußerst schlechten— Lohn- und Wohnungsverhältnisse der Landarbeiter beleuchtet, dargetan, daß die Gesindeordnung beseitigt werden müßte,... daß die auch für die Landbevölkerung vorgesehenen Gewerbegerichte(?) abzulehnen seien (eine Gendarmenbekundung, die vom Angeklagten als barer Unsinn abgelehnt wurde,.... daß die staatliche Alters- und Invaliden. Versicherung völlig unzureichend sei u. a. m. Alle diese Themata seien ohne Zlveifel als„politische" im Sinne des Reichsvcreins- gesetzeS zu bezeichnen. Es folgt die Berufung auf zwei Kammer- gerichtsurteile vom 26. Aprill 1886 und 7. Januar 1910, nach welchen unter politischen Fragen nicht nur die Gegenstände der Politik im engeren Sinne zu verstehen seien, sondern auch alles, was unter dem Begriff der Staatswissenschaft im weiteren Sinne zu subsumieren sei.„Schließlich lassen auch die in der Versammlung verteilten Statuten, Flugblätter, Zeitungsnummern usw. nicht den geringsten Ztveifel, daß die Versammlung vor allen Dingen ein« Aufreizung der arbeitenden Klassen zum Ansturm gegen bestehende Staatsein- richtungcn(huhu!) und erst in zweiter Linie vielleicht(!) einen Zu- sammenschluß der Landarbeiter zum Zweck der Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen bezweckte."— Der Angeklagte wurde verurteilt, weil die„politische Versammlung" polizeilich nicht an- gemeldet war. Dagegen kam das Landgericht Stettin am 21. Juli d. Js. zu einer Aufhebung dieses Urteils und Uebernahme der Kosterx auf die Staatskasse. Das Urteil stellt fest, daß der Rodner in der Ver- sammlung zur Erreichung besserer Lebensstellung und höherer Löhne den Anschluß an den Landarbeiterverband empfohlen, die preußische Gesindeordnung und andere(sozialpolitische) Gesetze be- rührt habe. Das Urteil läßt es dahingestellt sein, ob sich aus den Worten„zur Erörterung"(politischer Angelegenheiten, Z 5 R. V. G.) ergibt, daß für die Entscheidung der Frage der Anzeigepflicht nicht der Inhalt des in der Versammlung Erörterten maßgebend sei, sondern der nach der ganzen Sachlage von dem Veranstallter der Ver- sammlung ersichtlich verfolgte Zweck.„Die Versammlulng ist nicht dadurch zu einer politischen geworden, daß auch das politische Ge- biet, z. B. Gcsindcordnung, Gewerbegerichte im Zusammenhang mit den rein wirtschaftlichen Fragen der Verbesserung der Lebensstellung und der Organisation nebenbei gestreift und berührt ist, auch wenn dies, wie anzunehmen, auch von vornherein beabsichtigt gewesen ist. Ein derartiges kurzes Streifen wird sich bei einem Vortrag nicht vermeiden lassen und kann als ein Erörtern nicht angesehen werden. Die fragliche Landarbeiterversammlung sei daher als eine nicht- politische anzusehen, für die nach Z b R. V. G. leine Anzeigepflicht bestand." Somit liegen Urteile von preußischen und einem bayrischen Ge- richt vor, nach denen die Versammlungen des Landarbeiterverbandes keine politischen und daher auch nicht der Anmeldepflicht unter- liegen, so lange der Referent kein Thema behandelt, das seiner Natur nach von vornherein als ein politisches zu betrachten ist. Berlin und rlmgegend. Die Tarifbelvegung der Jalousiearbeiter. In einer sehr zahlreich besuchten Brancbenversammlung der Jalousiearbeiter am Montag bei Boeker in der Weberstraße berichtete Rosemann über die gegenwärtige Situation, die insofern günstig sei, als es in der Branche nicht an Arbeit fehle, die Organisation stark und der Drang nach Verbesserung der Verhältnisse allgemein sei. Die Fabrikanten hätten am letzten Freitag eine Sitzung ab- gehalten, um, wie eS in der Einladung hieß, über den„Streik" der Jalousiearbeiter zu beraten. Das Wort„Streik" in der Ein- ladung sollte offenbar dazu dienen, die Fabrikanten aufzurütteln, denn tatsächlich handele es sich ja vorläufig um eine Tarif- bewegnng, die die Arbeiter, soweit es möglich wird, ohne Kampf durchführen möchten. Es liege also an den Fabrikanten selbst. ob sich aus der Bewegung ein Streik entwickelt oder ob sie auf friedlichem Wege beendet werden kann. Die Beratungen der Fa- brikanten zeugten von großer Uneinigkeit in ihren Reihen. Einige äußerten, daß sie bewilligen wollten, andere meinten, daß sie unter keinen Umständen Zugeständnisse machen, ja nicht einmal den alten Tarif anerkennen tyollten. Im allgemeinen ging die Stimmung dahin, daß man erst einmal abwarten wollte, bis die Arbeiter mi't ihren Forderungen an die einzelnen Fabrikanten herantreten. Zu Verhandlungen mit den Arbeitern haben sie sich also nicht bereit ge- funden, obwohl es in diesem Frühjahr die Fabrikanten waren, die den Wunsch nach Abschluß eines neuen Tarifs geäußert hatten. Der Redner erklärte zum Schluß, daß man nochmals versuchen müsse, Ver- Handlungen mit den Fabrikanten anzuknüpfen, wenn aber das nicht zum Ziele führe, den anderen Weg zu wählen habe. Er überließ es im übrigen erst einmal der Versammlung, ihre Meinung über diese Frage zu äußern. In der lebhaften Diskussion zeigte eS sich deutlich, daß die Jalousiearbeiter, wenn alle Versuche einer friedlichen Vereinbarung icheitern, den offenen Kampf nicht scheuen. Es trat eine starke Strömung für sofortige Arbeitsniederlegung hervor, jedoch beschloß die Versammlung, daß die Vertrauensmänner in den einzelnen Be- trieben anderen Tages noch einmal bei den Fabrikanten vorstellig werden sollten. Von der Antwort der Fabrikanten hängt es nun ab, ob es in ihren Betrieben zur Arbeitsniederlegung kommt oder nicht. Deublcbes Reich. Der Krieg auf den Werften. Bon den streikenden Werftarbeitern Hamburgs meldeten sich am Montag zur Kontrolle: Metallarbeiter 3552, Schmiede 420, Fabrikarbeiter 477, Holzarbeiter 293, Kupferschmiede 68, Heizer und Maschinistcr 138, Schiffszimmerer 539 und Maler 96, insgesamt 5583. Von den ursprünglich gemeldeten 6574 Streikenden, soweit sie den freien Verbänden angehörten, welche Zahl sich durch spätere Meldungen etwas erhöht hat, sind über 1000 abgereist oder anderweitig in Arbeit getreten. Die„Hamb. Nachrichten' nehmen sich in ihrer Morgenausgabe vom Dienstag der arnren Unorganisierten an, die keine Unterstützung erhielten. Sie nennen den Beschluß einen„schmählichen Vertrauens bruch". Das edle Blatt ist überhaupt mit den Beschlüssen der Streikenden nicht einverstanden, ein Beweis dafür, daß diese sich auf dem rechten Pfade befinden. Wäre Uneinigkeit unter den Wersb skaven entstanden, dann hätte das Scharfinacherorgan aus einem anderen Loche gepfiffen._ Buchdrnckereibesitzer als Scharfmacher. Der„Deutsche Bruchdruckarverein" ist am 30. Juli unter Voll- ziehung des Beschlusses der Stuttgarter Hauptversammlung dem Bunde der Industriellen beigetreten. Herr Dr. Petersmann, der Vorsitzende, in Leipzig teilt soeben mit, daß den Mitgliedern des Buchdruckervereins die Beteiligung an der Streikversicherung offen steht; sie dürfen sich nur in Dresden anmelden bei der„Gesell« schaft des Verbandes Sächsischer Industrieller zur Entschädigung bei Arbeitseinstellungen". Die Gemeinsamkeit der Tendenzen des Bundes werden, so sagt der Vorsitzende Dr. Petersmann, den Be- strebungen der Buchdrucker größeren Nachdruck verschaffen; in der Gemeinschaft dieses einflußreichen Jndustriellenverbandes fühle sich der Buchdruckerverein wohler gegenüber„verschiedenen An- feindungen" aus Arbeitgcberkveisen. Aus den Bedingungen für die StreikentschädiWng heben wir hervor: Eintrittsgeld: 50 Pfg. und Mitgliedsbeitrag: 1 Mk. pro 1000 Mark Jahreslohnsumme. Entschädigung bei Streiks per streikenden Arbeiter 25 Proz. des durchschnittlichen Tagesverdienstes. Ent- schädigung bei Aussperrungen: 25 Proz. wie vorstehend, wenn die Zahl der bei einer Firma ausgesperrten Arbeiter 500 nicht über- steigt; sonst kann noch gewährt werden für 501— 1000 Ausgesperrte 12% Proz., für 1001—2000 Ausgesperrte 7% Proz., für 2001—4000 Ausgesperrte 5 Proz., über 4000 Ausgesperrte 2% Proz. Es müssen die Buchdruckereibetriebe sich auf eine 5jährige Mitglied- schaft verpflichten. Die Auszahlung der Entschädigungen erfolgt nach der Zusammenstellung am Jahresschlüsse innerhalb 3 Monaten; Vorschuß wird in dringenden Fällen gewährt. Wenn das am grünen Holze passiert... Die Wahlen der Sicherheitsmänner im Waldenburger Kohlen- revier haben mit einer vollständigen Niederlage für die NeichSlreuen und die mit ihnen verbündeten Fachabteiler und Hirsch-Dunckerfchen Gcwerkvereine geendet. In allen Revieren, wo gewählt wurde, ist ein großer Sieg des Bergarbeiterverbandes zu verzeichnen. Auf den schlesischen Köhlen- und Kökswcrken sowie auf der Wenzelausgrube blieb den Reichstreuen kein einziges Mandat. Hier wurden nur Verbändler gewählt. Auf dem Fürstlich Pleßschen Bahnschacht, dem Hauptsitz der Reichstreuen, wurden von 22 Sicher- heitsmännern 11 Verbändler gewählt, obwohl die Reichstreuen den Verbändlcrn hier überhaupt keinen SicherheitSmann prophezeiten. Auf den Weißsteiner Gruben war die Niederlage eine noch größere. Von 15 Sicherheitsmännern und 4 Ausschußmitgliedern erhielt der Bergarbeiterverband 18 Mandate sofort, da? letzte ist in einer aus- sichtsreichen Stichwahl zu verteidigen. Auf den HermSdorfer Gruben wurden 15 Vcrbandsmitglieder gewählt, vier stehen ebenfalls in aussichtsreicher Stichwahl. Hier waren 22 Mandate zu vergeben. Dieser Sieg wurde errungen in dem Gebiet, wo die reichstreuen Bergarbeiter vom Fürsten v. Pietz ausgehalten werden, wo ein Gustav Ermert seit Jahren tätig ist. Daß Grubenbeamte in ungesetzlicher Weise die Wahl zugunsten der Grubenbarone beeinflussen wollten, versteht sich von selbst. Den Reichstreuen wird jetzt schon angst und bange vor den nächsten allgemeinen Knapp- schaftswahlen. HusUnd. Beendigung deS Kampfes in der Textilindustrie zu Enschede. Die Textilarbeiter von Enschede haben Ende voriger Woche be- schloffen, den Streik bei der Firma Menco, der die Veranlassung zu der allgemeinen Aussperrung bildete, aufzuheben, nachdem das Komitee der Fabrikanten versichert hatte, daß der Arbeiterschaft bei Menco in Zukunft eine gerechte Behandlung zuteil werden soll. Die modern-organisierten Textilarbeiter waren von diesem Ver- sprechen, das ja etwas Sicheres nicht bietet, nicht befriedigt und gaben sich erst auf Drängen der ch r i st l i ch- organisierten damit zufrieden. Die Fabrikanten haben nun auch die Aussperrung auf- gehoben._ Ter Prozeft der Backs Stove Co. gegen den amerikanischen Gewerkschaftsbund wegen Boykott- .schädigung, in dessen Verlauf bekanntlich GomperS und zwei weitere Beamte des Bundes zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt wurden, hat jetzt eine für die Gewerkschaften höchst ehrenvolle Wendung ge- nommen. Die klägerische Firma hat mit dem Bunde und mit den beteiligten Gewerkschaften ein Abkommen geschloffen, nach welchem der Bund den Boykott aufhebt und die Firma zur Organisierung ihrer Arbeiter die Einwilligung gibt und ihre Prozeßklage zurück- nimmt. Dieser nach mehrjährigem Kampfe von den Gewerkschaften erfochtene Sieg läßt jedoch die Unternehmerorganisalion nicht ruhen, sie erklärt, daß die Klage gegen den Gewerkschaft-)- bund auch in dieser Sache nunmehr von ihr selbst weitergeführt werden wird. Versammlungen. Schiffseigner, Boots- und Steuerleute. Am Sonntagnach- mittag fand in der„Neuen Philharmonie" eine äußerst gut besuchte Versammlung der Binnenschiffer statt, in der Genosse Julius H i l d e b r a n d t- Rixdorf über:„Die politische Lage und die Binnenschiffer" referierte. Redner zeichnete ein treffen- des Bild von den derzeitigen politischen Verhältnissen und unter- zog die Tätigkeit des Reichstages, besonders seit 1907, einer scharfen Kritik. Unter allseitiger Zustimmung ging Redner speziell auf die Lage der Binnenschiffer ein und zeigte an vielen schlagen- den Beispielen, wie s i e gerade von den Zöllen in außerordentlicher Weise betroffen und sie obendrein noch bei der Ausübung ihres Gewerbes auf jede Art schikaniert werden. Mit einem flammenden Appell an die Anwesenden, bei der kommenden Reichstagswahl den Volksverrätern und Volksausbeutern die gebührende Antwort zu geben, schloß der Referent unter großem Beifall seinen Vortrag. In der Diskussion ergänzte Genosse S ch w e d l e r die Aus- fiihrungen des Referenten noch nach manchen Seiten hin. Auch wies�er auf die Schurigeleien hin, denen die Schiffer von feiten der«chleusenbeamten ausgesetzt sind, und belegte dies durch einige besonders krasse Beispiele. Er erntete bei der Versammlung leb- Haft Zustimmung, als er die Aufforderung ergehen ließ, die Kriegervereine zu meiden, in die Wahlvereine einzutreten und die sczialdemokratische Presse zu abonnieren. Zsnch der Vorsitzende von den Binnenschiffern in Berlin, Genosse S ch ü n i n g, griff sehr wirkungsvoll in die Debatte ein und zeigte den Anwesenden, daß es nicht genüge, Versammlungen zu besuchen und Vcisall zu spenden, es müsse auch gehandelt werden. Im Winter werde die Agitation in den Schifserorten mit erneuter Energie aufgenommen werden. Schiffer Ganzer erklärte, daß diejenigen Schiffer, die der Sozialdemokratie fernstehen, auf falschem Wege seien; denn nur die Sozialdemokratie sei die Partei der arbeitenden Klassen. Lieber sei ihm ein Liebknecht als zehn Paulis, der den Mittelstand vertreten wolle, aber den Konservativen nachlaufe. Jeder Schiffer müsse sozialdemokratisch wählen. Im gleichen Sinne beteiligten sich noch andere Schiffer an der Debatte, die allen ihren Klagen Ausdruck gaben. Schwedler ging noch auf die Kinderschifferschulen ein, wo die Kinder nur im Sinne der Besitzenden und Herrschenden zu- rechtgeknctct werden, und weist im Gegensatz hierzu auf die Be- strebungen der Sozialdemokratie hin, die für eine tendenzlose wirkliche Volksschule eintrete. Nach einem Schlußworte des Referenten schloß Genosse A y s ch e von der Agitationskommission die Versammlung mit der Auf- fcrderung, in die Organisationen einzutreten, die sozialdemo- kratische Presse zu lesen und besonders auch die Frauen aufzu- klären. Mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie gingen die Anwesenden auseinander.' Die Zahlstelle Berlin des Deutschen TabakarbeiterverbandeS hielt am 11. August im„Rosenthaler Hof" ihre ordentliche Mit- gliedcrversammlung ab. Die Abrechnung ergab in der Hauptkasse eine Einnahme und Ausgabe von 5366,36 Mark. Der Etat der Lokalkasse bilanziert mit 7595,57 Mark. Die Mitgliederzahl betrug am Schlüsse des 2. Quartals 766. Mit einer Ausnahme erklärten sich sämtliche Redner mit den Arbeiten der letzten Genera» Versammlung des Verbandes einverstanden. Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands. Die Zahlstelle Berlin hatte am Monwg eine Branchenversammlung der Wallschuh. macher einberufen, in der Hamann über die verflossene Lohn» bewegung berichtete. Redner gab ein Bild von der Bewegung und betonte, daß in Zukunft mehr Wert auf die Konferenzen gelegt wer. den solle, sonst würden leicht wieder Abzüge eintreten, wie dies in früheren Fällen zu verzeichnen war. Die Hauptsache in der letzten Lohnbewegung ist die Lohnverbesserung in den Massenartikeln(Lack- artikeln) gerade in den Betrieben, die hierbei besonders in Betracht kamen, sei eine wesentliche Verbesserung eingetreten. Angesichts der Tatsache, daß die Lohnbewegung schöne Erfolge gebracht habe, ohne größere Opfer zu kosten, könne man mit dem Verlauf zuftieden sein. Eine Diskussion fand nicht statt. Als zweiter Branchenleiter wurde S ch i ch o 1 d gewählt. Letzte Nachncbten und DepeFcben. Tie Opfer der Schiffskatastrophe. Tarifa, 16. August.(W. T. B.) Bei dem Untergang de? mit dem deutschen Dampfer„Elsa" zusammengestoßenen spanischen Dampfer„Marion" sind 45 Personen ertrunken. 65 Personen sind von der„Elsa" an Bord genommen worden.(Siehe unter Vermischtes.�_ Die Gefahren der Aviatik. Gatschina, 16. August.(W. T. B.) Leutnant Kogotow ist mit seinem Flugapparat infolge eines Motorschadens abge» stürz t. Der Apparat ist total zerbrochen. Bei dem Sturze er- litt Kogotow schwere Berletzungen. Budapest, 16. August.(B. H.) Der Aviatiker A d o r j a n stürzte bei Budapest aus einer Höhe von 12 Metern ab und kam unter den Flugapparat zu liegen. Er erlitt schwere Berletzungen. Wieder ein Eisenbahnunglück in Frankreich. Lyon, 16. August.(Preß-Tel.) Auf dem Bahnhof von Craponne stieß ein Personenzug auf einen infolge Maschinen» defektes auf dem Einfahrtsgleis stehenden zweiten Personenzug der West-Lyonais-Bahn. Tie ersten Wagen wurden ineinander- geschoben. Zehn Personen sind verwundet. Da der einfahrende Zug nur mit verminderter Geschwindigkeit fuhr, wurde ein größeres Unglück vermieden._ Vom Automobil getötet. Frankfurt a. M., 16. August.(B. H.) In Kelsterbach wurde ein 6jähriger Knabe vom Automobil der Kunstseidenfabrik über, fahren und sofort getötet._ Ein Neinfall Rooscvelts. New Aork, 16. August.(W. T. B.) Der republikanische AuS- schuß, der die Vorbereitungen für den am 27. September in Sarato ga zusammentretenden Staatskonvent trifft, hat den Vorschlag, Roosevelt zum Präsidenten des Konvents zu machen» abgelehnt und einstimmig den Bundesvizepräsidenten Sherman für diesen Ehrenposten ausersehen. Die Pest in Odessa. Odessa, 16. August.(W. T. B.) In den letzten vier Tagen sind hier elf Erkrankungen vorgekommen, bei denen Pestverdacht vorliegt. Seit Beginn der Epidemie sind 16 Personen an Pest er, krankt, in 7 Fällen liegt Peswerdacht vor. 13 Erkranfte wurden geheilt, 7 starben. nach von vornherein als ein politisches zu betrachten ist._ nommen. Die klagen Ichs Firma hat mit dem Bunde und mit den geheilt, 7 starben.__ verantw. Redakteur: Haas Weber. Berlin. Inseratenteil verantw.: kt. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. verlagsanjtalt Paul Singer Si Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u.UntrrhaltungSbl. Ar. 191. 27. ZahrMg. t WM dts Joraitls" Kerlim KcksdIM">-°» Die Caktik im NahlrechtsKarnpf. IX. Im dritten Teil ihres Artikels wendet sich Genossin Luxemburg dagegen, dafc KautSky die.Ermattungsstrategie'— eine neue Ettkette für alte, wohlbekannte Dinge, die Ausnutzung der parla- mentarischen Mittel des bürgerlichen Staates zum täglichen Klassen- kamps zur Aufklärung, Sammlung und Organisation des Proletariats — dirett zum„politischen Testament' Friedrich Engels' erkläre. Engels habe in seinem Vorwort zu den„Klassenkämpfen in Frankreich" dargelegt, datz das Jahr 1843 denen unrecht (pA die, wie Marx und Engels damals auch uoch grauvren, daß man, da alle bisherigen Revolutionen Minoritäls- revolutionen waren, auch die sozialistische Umwälzung auf dem Wege einer Ueberrumpelung durch eine revolutionäre Minorität ein- leiten könne. Engels legt dar, wo es sich um eine vollständige Um- gestaltung der gesellschaftlichen Organisation handele, müßten die Massen selbst init dabei sein, selbst schon begriffen haben, worum es sich handelt, für was sie eintreten sollen. Als hervorragendstes Mittel zur Führung deA Kampfes in diesem Sinne hebt er die Be- Nutzung des allgemeinen Wahlrechts hervor. Weiter zeigt Engels, daß die ReUJion alten Stils, der Straßenkamps mit Barrikaden veraltet ist. Dieses„politische Testament' Engels habe mit der heutigen Situation und mit der Frage des Massenstreiks nichts zu tun. Denn niemand habe an die plötzliche Einführung des Sozialismus durch den Massenstreik oder an einen Barrikadenkampf gedacht, noch gegen die Benutzung des allgemeinen Wahlrechts oder gegen die Ilus- Nutzung des Parlamenarismus geeifert. Das Engelsiche Testament wende sich, da es die veraltete Taktik der Ueberrumpelungen kritisiere, höchstens gegen den Genossen Kautsky selbst, der ja den Massenstreik als einen vom„Kriegsrat' geheim ausgeheckten Ueberrumpelungs- streich auffasse. Als heiteren Umstand, der beweise, wie wenig die Kamskysche Ermattungsstrategie mit dem Engelsschen Testament zu tun habe, führt der Artikel an, daß Eduard Bernstein in den„So- ziolistischen Monatsheften' mit denselben Argumenten, stellenweise in fast wörtlicher Uebereinstimmung mit Kautsky, gegen die Losung deS Massenstreiks in der gegenwärtigen Situation auftrete. „Der Masienstreik, wie er gegenwärtig im preußischen Wahl rechtskampf zur Debatte steht, war und ist von keinem Menschen als Gegensatz zum Parlamentarismus, sondern als seine Er- gänzung, ja, als Mittel, parlamentarische Rechte zu erringen, gedacht. Nicht als Gegensatz zum täglichen Werke der Schulung, Aufklärung und Organisierung der Massen, sondern als ein hervor- ragendes Mittel, gerade die Schulung, Aufklärung und Organi- fierung der proletarischen Masten zu fördern. Da Genosse Kautsky nun diesem so gedachten Mastenstreik unsere altbewährte Taktik des Parlamentarismus entgegenstellt, empfiehlt er in Wirklichkeit vorläufig und für die gegenwärtige Situation einfach NichtSalsparlamentarismuss nicht im Gegen- satz zum utopischen Barrikadensozialismus, wie Engels, sondern im Gegensatz zur sozialdemokratischen Masieaaktion des Proletariats zur Erringung und Ausübung politischer Rechte.' Genossin Luxemburg wendet sich alsdann gegen Kautskys An schauung, daß von den kommenden Reichstagswahlen„alles Heil zu erwarten sei'. Sie glaube nicht, daß die Ausmalung des künftigen Sieges in gar so leuchtenden Farben angebracht sei, sondern halte dafür, eS sei besser, uns auf die Wahlen mit allem Eifer und aller Energie, aber ohne übertriebene Erwartungen Vorzubereiten. WaS aber habe der künftige Reichstagswahlsteg mit der Frage deS preußischen Wahlrechtskampfes heute zu tun. Genoste Kautsky erwarte, der Wahlausfall werde„eine ganz neue Situation' schaffen. Die könne, da selbst 126 sozialdemokratische Abgeordnete immer noch eine Mnorität im Parlament« wären und damit also zunächst noch durchaus keine Umwälzungen der politischen Lerhälwiste gegeben sei. nur im Staatsstreich, in der Kassierung des AeichStagswahlrechtS bestehen. Dann, meine KautSky, würden wir mit allen Mitteln, auch mit dem Mastenstreik vorgehen. Wenn aber der Massenstreik nicht einttete, so fielen die ganze Kombination und die großen Aktionen in sich zusammen. .... Suchen wir freilich unsere Takttk nicht auf die Reichs tagSwahlen und den Staatsstreich zuzuspitzen, wollen wir uns überhaupt nicht auf bestimmte Zukunftskombinationen einrichten, dann kann uns die Frage, ob wir mehr oder weniger Mandate bei den nächsten Wahlen erobern, ob der Staatsstreich dann er« folgt oder nicht, ziemlich kühl lasten. Tun wir nur in jedem kleines feuiUeton. Die Bilanz der Flugmaschineninbustrie. Die Flugmaschine, deren Führer heute allenthalben Triumphe feiern, ist in den wenigen Jahren, ihrer Entwicklung zum Gegenstand einer bedeutenden In- dustrie geworden, die bereits mit stattlichen Zahlen rechnet. Vor einem Jahre noch zählte man alles in allem etwa 100 Aeroplane in Europa; heute haben die Bleriot- Werkstätten seit der berühmten ersten Ueberquerung des Kanals allein schon 250 Apparate gebaut, Farman ist über 100 hinausgekommen und mit den übrigen Systemen, die ernsthaft zu rechnen sind, gelangt man zu der über- naschenden Zahl von ettoa 600 Maschinen. Fügt man die ver» schiedenen neuen Typen hinzu, die jetzt überall konstruiert werden, so kann man im ganzen etwa 700 oder 800 Flugmaschinen rechnen. Der kleinere Bleriot-Eindecker, der zuerst 10 000 Frs. kostete, wurde nach der Fahrt über den Kanal mit 12 000 Frs. bezahlt, und die neueste Konstruktion kostet je nach dem Motor 16 000— 26 000 Frs. Die Preise der andern Systeme stellen sich nach den Katalogen wie folgt: Henri Farman 28 000, Voisin 23 600— 26 000, Antoinette 25 000, Maurice Farman 25 000, Sommer 28 000 Frs. Diese Preise verstehen sich natürlich für die vollständige Maschine: das Gestell allein ohne Motor kostet etwa die Hälfte. Man sieht aus diesen Zahlen, daß sich die Flugmaschinen heute noch gut bezahlt machen, und eine Anzahl Flieger glauben denn auch Ersparnisse machen zu können, indem sie nicht ganze Apparate, sondern nur einzelne Teile kaufen und dann selbst eine Maschine konstruieren: auch für solche Aufträge ist die neue Industrie lebhaft beschäftigt. Im ganzen sind in Frankreich seit einem Jahre für etwa 10 Millionen Frs. Flug- Maschinen gekauft worden. Der erste Omnibus. In Paris ist der durch Pferdekraft be- wegte Omnibus den Gang alles Fleischlichen gegangen, die Pariser wollen nur noch in„Autobussen" fahren. Das gibt Anatole France Gelegenheit, in den„Annales" zu berichten, an welchem Tage der erste Omnibus durch die Straßen von Paris rollte. Der Geburtstag des Omnibus war der 18. März 1662 und er hieß da- mals noch nicht Omnibus, sondern„Czrosse ä cinq sold" Wagen zu fünf Groschen). Der Herzog von Roannez, Gouverneur von Poitou, der Marquis von Sourches und der Marquis von Crenan hatten den Plan gefaßt, auf einer bestimmten Strecke Mietwagen zum Gebrauche der Bürger fahren zu lassen. In dem Gründungs- komitee befand sich auch Blaise Pascal, und von der Hand seiner Schwester ist uns eine genaue Schilderung sowohl von der äußeren Gestalt dieser ersten Omnibusse, wie vor allem auch von der Pom- pösen Feier erhalten, die an jenem 18. März 1662 stattfand. Man hatte vorerst einmal sieben solcher Wagen gebaut, von denen drei an der Porte Saint-Antoine und vier vor dem Luxenbourg statio- niert waren. Zur bestimmten Zeit fand sich eine große Zahl städtischer und königlicher Beamten und Staatspersonen ein, und der Abgeordnete des Königs hielt eine Rede, in der er auf die Nützlichkeit des neuen Unternehmens hinwies und das„geringe Volk" an des Königs Statt mit strengen Strafen bedrohte, falls es gegen die Wagen irgend etwas Gesetzwidriges unternehme. Dies geschah im Luxenbourg. An der Porte Saint-Antoine erfolgte zur Moment in der Gegenwart unsere Pflicht, um in jeder ge- gebenen Situation das Höchstmaß an Aufrüttelung und Aufklärung der Massen zu leisten und aus der Höhe der Situation und ihrer Anforderungen zu sein, dann werden wir bei j e d e m weiteren Gange der Ereignisse unsere Rechnung finden. Will man hin- gegen, wie Genosse Kautsky, eine ganze„Ermattungsstrategie" für heute mit einer Aussicht auf Großtaten der„Nwderwerfungs strategie' im nächsten Jahre begründen, wobei diese letztere auch noch erst von einem eventuellen Staatsstreich abhängig ist, dann bekommt unsere„Strategie" eine leichte Aehnlichkeit mit der- jenigen der kleinbürgerlichen Demokraten in Frankreich, die Marx im„Achtzehnten Brumaire' so genial charakterisiert hat: Ueber die eigenen Halbheiten und Niederlagen in der Gegenwart pflegten sie sich mit der Hoffnung auf Großtaten bei der nächsten Gelegen- heit zu trösten. Ueber den 13. Juni verlrösteten sie sich mit der ttefen Wendung:„Aber wenn man das allgemeine Wahlrecht an- zugreifen wagt, aber dann I Dann werden wir zeigen, wer wir sind. Xous verrons..." Im vierten Teil behauptet Genossin Luxemburg, Kautsky hätte seinen Mahnruf im Namen der„Ermattungsstralegie", die alle ihre Hoffnungen auf die kommenden Reichstagswahlen setze, nicht erst gegen die jetzige Erörterung des Massenstreiks, sondern bereits gegen die Stratzendemonstrationen richten sollen, ja schon gegen den Be- schluß des preußischen Parteitages, der in seiner Resolution die An- Wendung„aller zu Gebole stehenden Mittel' in Aussicht stellte, wobei der Referent erklärte, daß darunter auch der Masienstreik zu verstehen sei und daß seine Anwendung abhänge von dem Grade der Entflammung, den wir in den Massen hervorrufen. Die De« monstrationen seien somit von vornherein im Zusammenhang mit der Losung eines eventuellen Massenstreiks gedacht gewesen, als Mittel, jenen Grad der„Entflammung der Massen' zu erreichen, bei dem die schärfsten Mittel zur Anwendung kämen.„Diese De- monstrationen fielen also bereits bedenklich aus dem Rahmen der „Ermattungsstrategie' ins Gebiet der„Niedcrwerfungsstrategie heraus und leiteten zu dieser letzteren direkt hinüber." Umsomehr, als die Straßendemonstrationen allein und mehr noch als der Massenstreik die Eventualität eines Zusammenstoßes mit der Militär macht in sich trügen, eine Eventualität, die die„Ermattungsstrategie' vermeiden müsse. Seltsamerweise befürworte aber Genosse Kautsky die weitere Anwendung von Straßendemonstrationen. Freilich wolle er sie ohne Steigerung, ohne Zuspitzung. DaS sei aber eine rein theoretische Auffassung der Demonslralionen, der Massenaktion über Haupt, die mit ihren wirklichen praktischen Bedingungen nicht rechne. ..... Wenn wir große proletarische Masten auf die Straße zur Demonstration rufen; wenn wir ihnen erklären, die Situation sei eine derarttge, daß einzig und allein durch ihre eigene Masten aktion, nicht durch parlamentarische Aktionen, der Zweck erreicht werden könne; wenn eS unS gelingt, immer mehr die Masten zu entflammen; wenn die Straßendemonstrationen immer mächtiger und der Elan, die Kampfftimmung, immer größer, zugleich die unvermeidliche Verschärfung der Verhälwisse mit der Staatsmacht, die Möglichkeit der Zusammenstöße mit der Polizei und dem Militär immer größer wird, dann ersteht in den Massen von selbst die Frage: Was weiter? Die Demonstrationen bringen ja die Lösung nicht; sie sind der Anfang, nicht das Ende der Masten« aktton; sie schaffen zugleich von selbst eine Zuspitzung der Lage. Und wenn die von uns entfachte Massenbewegung nach weiteren Direktiven, weiteren Aussichten ruft, so müssen wir ihr diese weiteren Aussichten zeigen, oder— wenn wir das aus diesem oder jenem Grunde nicht im stände sind— dann bricht auch die Demonstratiönsbewegung über kurz oder lang zusammen, sie muß zusammenbrechen." Kautsky bestreite daS unter Berufung auf Oesterreich, wo der Wahlrechtskampf ein Dutzend Jahre gedauert habe, wo man die Be« wegung ohne jede Steigerung und Zuspitzung im Gang halten konnte. Darin irre Kautsky. Die Massenbewegung habe vielmehr von 1897 bis 1906, also etwa acht Jahre lang vollständig daniedergelegen. Auf allen Parteitagen der österreichischen Genossen bildeten die Klagen über diesen ZusanMienbruch der Massenaktton eine ständige herrschende Note. Der Artikel zitiert verschiedene derartige Aeußerungen auf den österreichischen Parteitagen. Erst unter dem unmittelbaren Ein« druck des siegreichen Mastenstreiks in Rußland, der das VerfassungS« manifest des 30. Oktober erzwang, wurde eine Mastenbewegung in Oesterreich wieder möglich. Tatsächlich habe das österreichlsche Proletariat die Wahlreform nur in den zwei stürmischen An- läufen anfangs der 90er Jahre und 1906 durchgesetzt, und selben Zeit ein gleiches, dann gingen die Wagen, einer nach dem anderen, unter dem Geleit eines Reiters ab. Der Erfolg war schon in kurzer Zeit groß, und besonders die Kaufmannschaft der Rue Saint-Denis verlangte, daß eine zweite Linie durch diese Straße gelegt würde. Man war bereit, ihnen zu willfahren, da befanden sich Roannez und Crenan eines Tages im Louvre und unterhielten den König über diese neue Linie, als Ludwig XIV. sie plötzlich fragte: Und wo bleibt unsere Linie? Infolgedessen wurde die zweite Linie durch die Rue Saint-Honorö gelegt, was am 16. April 1662 geschah. Ein echter Tropenregen. Wenn in unseren Gegenden gelegent« lich einmal ein Regenfall eintritt, der im Verlauf von 24 Stunden mehr als 60 oder gar gegen 100 Millimeter NiederschlagShöhe er- gibt, so ist das etwaS ganz Außerordentliches, und die in Mittel- deutschland Anfang August in vier Tagen gefallene Regenmenge von 180 Millimeter wurde als ein Rekord für diese Jahreszeit bezeichnet, so lange meteorologische Beobachtungen bestehen. In tropischen Ge- bieten der Erde geht es denn doch ein wenig anders zu. Besonders ausgiebige Regenfälle hat beispielsweise während deS letzten Jahres die Insel Jamaika zu verzeichnen gehabt, und vielleicht ist eine Regenwoche, die dort über dem gebirgigen Teil der Insel hin- gegangen ist, als der stärkste Rcgenfall zu bewerten, der überhaupt bisher irgendwo beobachtet worden ist. Es fielen dort nämlich im Verlauf von acht Tagen 3300 Millimeter, davon 760 an einem einzigen Tage. An einer anderen Station wurden 2960 Millimeter Regenhöhe in 16 Tagen gemessen. Damit ist Jamaika in Wett- bewerb mit dem berühmtesten Regenort der Erde getreten, dem Platz Tscherrapundschi in Asfam am Südfuß des Himalaja, der die größten Jahresmengen an Niederschlägen überhaupt aufzuweisen hat. Dort ist einmal an einem einzigen Tage ein Regeufall von 1000 Millimetern beobachtet worden und ein anderes Mal ein solcher von 2800 Millimetern in fünf Tagen. Danach kann man sich un- gefähr vorstellen, was für Ueberschwemmungen trotz aller Vorsichts« maßregeln bei unS eintreten würden, wenn solche Regenfälle hier vorkommen könnten. Humor und Satire. In der Sauregurkenzeit. Johann Orth gefunden! In einer Laubenkolonie bei Berlin lebt ein Einsiedler, der den übrigen Kolonisten längst durch sein vornehmes Wesen verdächtig war. Zufällig sah ihn ein ehe- maliger intimer Freund Johann Orths, der Kellner Zwerschina, und erkannte ihn sofort. Ein Doppeladlerwappen an der Laube benahm den letzten Zweifel. Schreckliche Ereignisse im Freibad Wannsee. Das häufige rättelhafte Verschwinden Badender hat eine fürchterliche Aufklärung gefunden. Meerungeheuern ist es gelungen, sich in den Wannsee einzuschleichen. Herr Privatier Lepke wurde, während er am Srrande seine Zeitung las, das Opfer eines- riesigen OttopuS. Frau Restaurateur Krause wurde beim Schwimmen von einem Haifisch verschlungen. Sie konnte ihrem Gatten noch ein letztes Lebewohl zuwinken. Der trostlose Herr Krause, welcher Mitglied des Tierschutzvereins ist, ließ dem Haifisch sofort vier Kognaks ein« flößen. beide Male sei die Bewegung mit der Entschlossenheit zum Massenstreik fest verknüpft gewesen. Im Jahre 1906 waren die Vor« bereitungen zum Massenstreik in ernstester Weise gettoffen. Es kam nur deshalb nicht dazu, weil die Regierung alsbald daS geforderte Zugeständnis machte. .... Bezeichnenderweise tauchte auch in Oesterreich, als in der tristen Zwischenzeit nach Mitteln gesucht wurde, die Massen« bewegung zu beleben, jedesmal wieder— die Losung deS Masten« streils auf. In Graz wie in Salzburg verwandelte sich die Debatte über die Wahlrechtsbewegung in eine Debatte über den Massen« streik. Die Genossen fühlten nämlich alle, was Resel in Graz aus- gesprochen hat:„eine Wahlrechtsbewegung köune man nur dann einleiten, wenn man sie bis zum Aeußersten durchzuführen ent« schlössen sei". Freilich genügt die Entschlossenheit allein nicht, denn weder Mastenstreik noch Massendemonstrationen lasten sich künstlich aus dem Boden stampfen, wenn die politische Situation einerseits und die Stimmung der Massen andererseits nicht eine entsprechende Steigerung erfahren haben. Man soll sich aber keinen Illusionen hingeben, daß man umgekehrt eine Massenbewegung, daß man Demonstrationen jahrelang ohne Steigerung und ohne die Ent« schlossenheit zum schärfsten Kampf aufrechterhalten könne. Wie wenig dies möglich ist, beweist der bisherige Verlauf unserer eigenen Wahlrechtsbewegung in Preußen. Daß vor zwei Jahren die begonnene erste Demonstrationsbewegung nach kurzer Zeit eingestellt wurde, obwohl der Elan der proletarischen Masse durchaus nicht im Abflauen begriffen war, ist ja eine bekannte Tatsache. Aber auch in diesem Jahre verrät die Be« wegung in gewisser Hinsicht dieselben Züge. Bei jeder großen Demonstratton, die in Berlin veranstaltet wurde, hatte man das deutliche Gefühl, daß sie mit dem inneren Gedanken unternommen wurde:„Nun aber Schluß I' Nach der großartigen Demonstration im Tiergarten am 6. März, die ein großer Schritt vorwärts war von der Demonstration des 12. Februar, war die Stimmung der Massen in Berlin so gehoben, daß sich für die Partei, wenn es ihr wirklich darum zu tun war, die Demonstralionen„immer mächtiger' zu gestalten, die Pflicht ergab, eine nächste passende Gelegenheit zu ergreifen, um eine neue noch wirksamere Demonstration zu veranstalten. Eine solche Ge« legenheit bot sich aber, und eine glänzende— am 18. März oder wenigstens am nächsten Sonntag nach dem 13. März. Anstatt dessen und um dieser Demonstratton aus dem Wege zu gehen, wurden am 16. März jene drei Dutzend Versammlungen in Berlin an- geordnet, die angesichts dex Stimmung der Massen» und nach dem 6. März einen kläglichen Rückzug bedeuteten. Der 18. März aber— ein Datum, das in diesem Jahre für die Massenbewegung eine Bedeutung und Aktualität erlangt hatte, wie noch in keinem früheren Jahre, der Jahrestag der deutschen Revolution und der Pariser Kommune, der sich für die Aufrüttelung der Masten, für politische Rückblicke und geschichtliche Analyse, für unbarmherzige Kritik der bürgerlichen Parteien glänzend verwerten ließ— der 18. März wurde in Berlin überhaupt nicht gefeiert. Weder eine Demonstration, noch auch nur Massenversammlungen, noch eine Gedenkschrift— ein matter Leitartikel im„Vorwärts" und keine Zeile in der„Neuen Zeit'— das war die Art, wie man die aus- gezeichnete Stimmung der Masten zu„immer machtvolleren De« monstrattonen' wahrgenommen hat. Und dies ist ganz natürlich. Geht man nicht an die Demonstrationen mit der klaren Ent- schlossenheit heran, die Bewegung immer weiter zu treiben und vor ihren Konsequenzen nicht zurückzuschrecken, dann ergibt sich jene Zaghaftigkeit, die der Möglichkeit jeder stürmischeren Demon« stration lieber aus dem Wege geht." Genossin Luxemburg meint weiter, wenn in den Provinzen, wo die Genossen auch den 18. März nach Möglichkeit ausgenutzt haben und wo die Losung des Massenstreik» immer lauter wurde, die Kampfstimmung und die Entschlossenheit nicht so groß gewesen wäre, so wäre eS nicht zu den Demonstrationen des 10. April gekommen. Nachdem man aber in Berlin am 10. April den großen Sieg über die Reaktton erfochten, das Recht auf Straßendemonstrationen durch- gedrückt habe, sei es die Pflicht der Partei gewesen, dies neu« errungene Recht aufs äußerste auszunutzen. Aber während eS im ganzen Lande am 1. Mai selbst in den kleinsten Orten Straßen« demonsttationen gab, habe in Berlin keine stattgefunden, weder eine erlaubte, noch eine unerlaubte.... „Während die parlamentarische Behandlung der Wahlrechts« Vorlage— das Hinundher zwischen dem Herrenhaus und dem Abgeordnetenhaus— noch eine monatelange Frist und Gelegenheit zu Demonsttationen bietet, und während die Stimmung der Der Weltfriede gesichert! Einem sächsischen Ingenieur ist soeben eine Erfindung patentiert worden, die den Bau weiterer Dreadnougths überflüssig und Seekriege in Zukunft unmöglich macht. Von einem Aeroplan aus wird Seifenpulver auf das Meer herab« geschüttet. Durch den Wellenschlag wird ein schöner fester Seifen« schäum erzeugt, der die Schiffe völlig einhüllt. Bei den nächsten Flottenmanövern wird die Sache sämtlichen Ldmiralen der Welt vorgeführt werden._ s-SimplicisfimuS'.) Notizen. — Theaterchronik. Im Kleinen Theater erscheint am Donnerstag Abel Hermants Lustspiel.LuxuSzug' wieder auf dem Spielplan.— Das renovierte Friedrich-Wilhelm« städtische Schauspielhaus eröffnet die neue Spielzeit unter Leitung von Waldemar Runge am 1. September mit Goethes Faust". Es sind weiter in Aussicht genommen:„Die Hermanns« schlacht' von Kleist,„Die Ahnfrau' von Grillparzer,„Genoveva� von Hebbel,„Nordische Heerfahrt" von Ibsen,„Cyrano" von Rostand, „Revolutionshochzeit" von Michaelis u. a. An Uraufführungen werden u. a. versprochen:„Der Herzog von Perugia' von Bernoulli, „Die Tragödie einer Ehe' von C. M. Jacoby, das Lustspiel„Kletten" von Brieux.— Abonnements werden zu bedeutend ermäßigten Preisen für sechs verschiedene Stücke in Abständen von je 14 Tagen ausgegeben. Ein Jahn« Standbild wurde in Frehburg an der Unstrut, wo Jahn die letzten Jahre seines bewegten Lebens zugebracht hatte, im Jahn-Museum enthüllt. — Die arktische Studienreise der Zeppelin-Gesellschaft ist nach einem Telegramm aus Hammerfcst dorthin aus Spitzbergen zurückgekehrt. Es sind natürlich alle Aufgaben zur Zufriedenheit gelöst worden(die Bereisung des Nordpols im Luftschiff könnte also losgehen). In Spitzbergen sollen alle(?) in Frage kommenden Buchten besucht worden sein. Am 3. August drang der„Phönix" ins Eis ein. Der 4. August brachte den Höhepunkt der Spritzfahrt; man bedenke: Prinz Heinrich, Zeppelin und der Geheimrat Hergesell stiegen mit dem Fesselballon auf I— Was an der ganzen Fanfare dran ist, wird man das nächste Jahr sehen. Wir fürchten, die Lust- schiffe werden den Nordpol und Umgegend ungeschoren lasten(und die Veranstalter beabsichttgen auch nichts Ernstliches). — Der Erfinder des Saccharin, Dr. Fahlberg, ist in Bad Nassau gestorben. F. hatte seine Entdeckung bereits 1879 ln New Jork gemacht, aber die Herstellung im großen, die ihm Millionen einbrachte, begann erst in den 80er Jahren. Saccharin, der künstliche Süßstoff, der 600 mal so süß wie Zucker ist, wird aus Steinkohlenteer gewonnen, das ja auch Ausgangspunkt für viele andere chemische Entdeckungen wurde. DaS Saccharin hat bekannt« lich keinen Nährwert; es ist besonders für Kranke dienlich, denen Zucker verboten ist. Durch Reichsgesetz ist die Fabrikation unter Kontrolle gestellt und die Verwendung als Zuckerersatz außer zu medizinischen Zwecken(im agrarischen Jntcreste) verboten. — Der VI Internationale Esperantokongreß wurde am Montag in Washington in Anwesenheit von etwa 1000 Delegierten, darunter zahlreichen Deutschen, eröffnet. Es sind 37 Länder und neun Regierungen vertreten. Masten nicht das geringste Abflauen zeigt, hat eS gar sehr den Anschein, als gingen wir einer schönen„Sommerpause� entgegen, in der uns schon andere Sorgen plagen— Genosse Kautsky weist uns ja aus die lammenden Neichstagswahlen hin,— und in der die Demonstrationsbewegung ruhig aber sicher zum Schlaf ge- bettet wird. Das ist die unvermeidliche Logik der Dinge. Nicht durch meine sträfliche Agitation wird die Partei vor ein Dilemma gestellt, wie Genosse Kautsky meint, sondern durch die objektive Sachlage. Entweder will man„eine Volksbewegung größten Stils" hervorrusen, die Losung„keine Ruhe in Preußen" wahr machen, die Demonstrationen immer mächtiger ausgestalten, dann muß mau mit Entschlossenheit an die Sache herantreten, bis zum äußersten zu gehen, derZuspitzung der Situation, die sich ergeben kann, nicht ausweichen, alle großen wirtschaftlichen Konflikte für die politiche Bewegung ausnutzen, und dann muß man auch die Losung des Massenstreiks auf' die Tagesordnung stellen, sie in den Massen populär machen, denn nur auf dieie Weise wird die Sicherheit, die Kampffreude und der Mut der Mafien auf die Dauer erhalten. Oder aber will man nur ein paar Demonstrationen als kurze Parade nach dem Schnürchen und nach dem Kommando aus- führen, um dann vor einer Verschärfung des Kampfes zurückzuweichen und fich schließlich auf die altbewährte Vorbereitung zu den Neichstagswahlen über ein Jahr zurückzuziehen, dann sollte man lieber nicht von einer„Volksbewegung größten Stils" reden, die Anwendung„aller zu Gebote stehenden Mittel" auf dem Partei- tag ankündigen, im«Vorwärts" im Januar ein ohrenbetäubendes Säbelgerassel inszenieren und selbst im Parlament mit dem Massen- streik drohen. Dann darf man sich aber auch keiner Täuschung hingeben, daß wir die Demonstrationen auf die Dauer erhalten und immer mächtiger gestalten werden. Sonst kommen wir in die Gefahr, wiederum ein wenig an die Schilderung der französischen Demokratie im„Achtzehnten Brumaire" zu erinnern, von der Marx sagt:„Die revolutionären Drohungen der Kleinbürger und ihrer demokratischen Vertreter sind bloße Einschüchterungsversuche des Gegners. Und wenn sie sich in eine Sackgaste verrannt, wenn sie sich hinlänglich kompromittiert haben, um zur Ausführung ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer Weise, die nichts mehr vermeidet als die Mittel zum Zweck und nach Vorwänden zum Unterliegen hascht. Die schmetternde Ouvertüre, die den Kämpf verkündete, verliert sich in ein klein- lautes Knurren, sobald er beginnen soll,— und die Handlung fällt platt zusammen, wie ein luftgesüllter Ballon, den man mit einer Nadel sticht." Im 5. Teil setzt Genossin Lnxembcrg auseinander, daß wir zum erstenmal in Deutichland eine lebhafte Massenbewegung bekommen haben, über die bloßen Formen des parlamentarischen Kampfes hinausgekommen sind, daß wir nur die dankbare und natürliche Aufgabe habKl, die kampffreudige Stimmung der Massen aus- zunutzcn, um ihr die politische Losung zu geben, sie in politische sozialistische Aufklärung umzuprägen. Daraus ergebe sich auch auf die natürlichste Weise, daß die Losung des Massenstreiks in den Vordergrund getreten sei und es sei die Pflicht der Partei, sie offen und klar zu erörtern, als ein Mittel, das fich früher oder später aus der anschwellenden Demonstrationsbewegung und dem hartnäckigen Widerstande der Reaktion ergeben müsse. .. Nicht darauf kommt es an, plötzlich von heute a»f morgen einen Massenstreik in Preußen zu kommandieren oder für die nächste Woche zum Massenstreik„aufzusordern", sondern im Zusammenhange mit der Kritik aller bürgerlichen Parteien und der Beleuchtung der ganzen Situation in Preußen-Deutschland geschichtlich, ökonomisch, politisch den Masten klarzumachen, daß sie nicht auf bürgerliche Bundesgenossen und nicht auf die parla« mentarische Aktion, sondern bloß auf sich selbst, auf die eigene entschlossene Klassenaktion angewiesen sind.... Eine so geartete Agitation für den Massenstreik gibt die Möglichkeit, die ganze politische Situation, die Gruppierung der Klassen und Parteien in Deutschland in schärfster Weise zu be- leuchten, die politische Reife der Massen zu steigern, ihr Kraftgefühl ihre Kampffreude zu wecken, an den Idealismus der Massen zu appellieren, neue Horizonte dem Proletariat zu zeigen. Dadurch wird die Erörterung des Massenstreiks zum hervorragenden Mittel, indifferente Schichten de» Proletariats aufzurütteln, proletarische Anhänger der bürgerlichen Parteien, namentlich des Zentrums, zu uns herüberzuziehen, die Massen für alle Eventualitäten der Situation bereit zu machen und endlich in wirksamster Weise auch für die Neichstagswahlen vorzuarbeiten." Wenn sich Kautsky gegen diese Agitatton wende und die ganze Wahlrechtsbewegung auf die kommenden Neichstagswahlen als den einzigen Zielpunkt zu richten suche, so beiße das einfach die auf neuen Bahnen erfreulich fortgeschrittene Parteibewegung wieder in die alten ausgetretenen. Gleise des reinen Parlamentarismus zurück- schrauben. Das Parteileben sei aber ohnehin seit Jahrzehnten auf Neichstagswahlen als Hauptaktion eingerichtet und unsere Taktik werde ohnehin mehr wie genug von Rücksichten auf die Wahlen be- � �.. Mit dem Hinweis auf bevorstehende Neichstagswahlen werden periodische Auseinandersetzungen über die Taktik gerügt. AuS Rücksicht auf die Neichstagswahlen ward im Jahre 1V07 die völlig verkehrte Politik vom„Vorwärts" befolgt, alle Kanonen gegen den Liberalismus zu richten und daS Zentrum, weil eS sich parlamentarisch in der Opposition befand, aus dem Spiele zu lassen. Nur weil unsere Provinzpresse, namentlich im westlichen Bezirk, diesem Beispiel nicht gefolgt war und das Zentrum rück- sichtslos bekämpft hat, ist eS gelungen, unsere Position zu be- haupten." Bei den Neichstagswahlen werde eine intensive Agitation be- trieben, mit der verglichen die in der Wahlrechtsbewegung aller- minimalst sei. Es sei also wirklich nicht nötig gewesen, unsere Takttk noch mehr auf die Neichstagswahlen zuzuspitzen. Irgendwelche„Gefahren" könnten nur in der Einbildung derjenigen existieren, die sich von den anarchistischen Borstellungen über den Massenstreik nicht losmachen könnten. .. Der wirNiche Effekt des Auftretens des Genosten Kautsky ist also nur der, daß er eine theoretische Schirmwand für die Elemente in der Partei und in den Gewerkschaften geliefert hat, die sich bei der weiteren rücksichtslosen Entfaltung der Massen» bewegung unbehaglich fühlen, sie im Zaume halten und sich am liebsten so schnell wie möglich auf die alten bequemen Bahnen des parlamentarischen und gewerkschaftlichen Alltags zurückziehen möchten. Indem Genoffe Kautsky unter Berufung auf Engels und den Marxismus diesen Elementen für ihr Vorgehen eine Gewissensberuhigung gebracht hat, hat er zugleich ein Mittel geliefert, um derselben Demonstrationsbcweguug wieder für die nächste Zeit daS Genick zu brechen, die er immer machtvoller ge- stalten möchte. Es ist aber klar, daß die weiteren Aussichten der Wahlrechts« bewegung jetzt umgekehrt, gerade eine Fortsetzung und macht- vollere Entfaltung der Mastenaktion erfordern. Der parlamen- tarische Zusammenbruch der WahlrechtSvorlage bedeutet den Bankrott der Negierung wie des konservattv-klerikalen Blocks. Die Aktion der Gegner ist vorläufig mit ihrem Latein zu Ende, die Aktion des Proletariats mutz um so nachdrücklicher einsetzen. Der Gegner befindet sich auf dem Rückzüge, uns gebührt die Offensive. Nickt tröstliche Erwartungen auf die grandiose Revanche in anderthalb Jahren an der Wahlurne, sondern Schlag auf Schlag jetzt schon, nicht Ermattung, sondern Kampf auf der ganzen Linie, das ist eS, was uns not tut. Und ich wiederhole: Wenn die Masse der Parteigenossen dies begreift und empfindet, dann werden auch unsere Führer auf dem Posten sein.„Die Menge wt es."" Zum Schluß sucht Genossin Luxemburg durch Zitate aus Mommsens Römischer Geschichte zu beweisen, daß Mommsen schon „die Fabel von der notwendigen und siegreichen Strategie des Kabius Cunctator" zerstört habe. Tatsächlich sei sie eine Legende, „die auf unseren Schulen den Gymnasiasten gepredigt wird, um sie im konservativen Geiste zu drillen und vor„Ueberstürzung" und „Umstürzlern" zu warnen, ihnen als Geist der Weltgeschichte das Motto emzubläuen, nach dem der Landsturm marschiert:»Immer 1 langsam voran." Daß diese Legende nun für daS revolutionäre Proletariat gelten soll, heute, in dieser Situation—- daS ist eine von den unerwarteten Fügungen des Schicksals." Der Artikel schließt: „Wie dem auch sei, ist jedenfalls das Element des edlen Ouintus Fabius, der nächst Opfern und Gebeten von der metho- dischen Kriegführung das Heil des Staates erwartete, in unserem obersten Senat der Partei und der Gewerkschaften, wie mich dünkt, hinlänglich vertreten. An einem Mangel des Zauderns, an jugendlichem Uebermut und Ueberstürzung haben wir in unserer Parteileitung, soviel ich weiß, noch nicht viel gelitten. Wie Genoffe Adler auf dem Deutsch- Oesterreichischen Parteitag in Graz gesagt hat:„Die Peitsche tut immer gut, und ich gestehe, daß mir Aeußerungen auf dem Parteitag, die sich beklagen, daß zu wenig geschehe, weit lieber sind als solche, die zur Klugheit und Besonnenheit raten. Die Besonnenheit besorgen schon wir, vielleicht in zu großem Maße, Zum Brenisen brauchen wir Sie nicht." So ungefähr, denke ich, ist es auch bei uns. Daß Genosse Kautsky seine Feder und sein historisches Wissen der Befürwortung der Cunctator-Strategie lieh, war zum mindesten eine Verschwendung. Zum Bremsen, Genosse Kautsky, brauchen wir Sie nicht." Kreis-Gentralversammluug des Kreises Spandau- Potsdaln-Osthavellaud. Am Sonntag, den 14. d. Mts., tagte die Kreis-Generalversammlung im Saale des Genossen F. B ö h l e, Havelstratze. Vor Eintritt in die Tagesordnung trug der Arbeiter-Gesangverein„Hoffnung" die beiden Lieder:„Wir schreiten dem Lenz entgegen" und„Das heilige Feuer schüren wir" vor. Genosse Schubert teilte hierauf mit, daß anwesend sind: Genoffe S t o i s i n s k i von der„Branden- burger Zeitung", die Genossen Herbst und Jacobsen von der Agilationskommission und der Genosse Z w i r n e r als Vertteter deS sechsten Berliner Wahlkreises. ES sind vertreten je ein Obmann des BildungS- und Jugend-AusschuffeS, sieben Genossen des Kreis- Vorstandes, drei Revisoren und 22 Delegierte, darunter drei Frauen. Den Geschäftsbericht, der gedruckt vorliegt, erstattet der Kreis- Vorsitzende Genosse Schubert. Aus demselben ist folgendes zu entnehmen: Am 16. Januar er. erfolgte die Uebergabe der Kreis- geschäfte an den jetzigen Kreisvorstand. Zur geschäftlichen Erledigung im verflossenen halben Jahre waren 11 Sitzungen notwendig. In den Provinzialausschuß wurde an Stelle des ausscheidenden Genoffen Paris-Velten Genosse Schubert-Spandau gewählt. Sozialdemo- kratische Stadtverordnete resp. Gemeindevertreter sind vorhanden in Spandau 3, in Bornstädt 1, Cladow 1, Hennigsdorf 3, Marwitz 3, Tiefwerder 1, Velten 4 und Vehlefanz 2. Ein Saalmangel besteht immer noch. Die Veranstaltungen zur Maifeier waren in diesem Jahre außerordentlich stark besucht. Die Presse hat sich etwas ge- hoben. Die„Fackel" hat fich gut bewährt. Die Mitgliederzahl der Wahlvercine hat sich um 28 Proz. vermehrt, sie beträgt jetzt 2716. Bildungsausschüffe bestehen 3, Jugendausschüsse 7. Die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten ist. von 7744 auf 8660 gestiegen.— Nach dem vom Genossen Stahl« Spandau erstatteten Kassenbericht betrug die Einnahme 3618,96 M., die Ausgabe 2226,37 M., mithin Ueberschuß 1393,68 M.; dazu Kassenbestand vom vorigen Halbjahre 1697,61 M., ergibt einen Vermögensbestand von 2991,09 M. Es gelangt hierauf folgender Antrag des Genossen Paris- Velten zur Annahme:„Anfang September ist eine energische Agitation, womöglich HanSagitation, in allen größeren Orten deS Kreises für die Presse zu entfalten". Ein Anttag Hennigsdorf„auf jeder Kreisversammlung haben die Kommissionen Bericht zu geben", wird abgelehnt. Zum 2. Punkt der TageS- ordnung gab der Genosse Jacobsen- Berlin verschiedene Arn leitungen für die bevorstehende ReichstagSwahl. Nach einer sehr regen Debatte gelangte folgender, vom Genosten Dr. Karl Liebknecht gestellter Antrag zur Annahme: Der Zentralvorstand wird beaustragt, darauf hinzuwirken, daß in den Hauptorten des Kreise«, soweit dies noch nicht geschehen, alsbald Zusammenkünfte der Parteivertreter mit den Vertretern der Gewerkschaften und anderen Arbeiterorganisationen veranstaltet werden und daß überhaupt eine enge Fühlung mit diesen Organi- sationen hergestellt und die Agitation und Organisation gefördert wird. ES folgte nunmehr daS Referat des Genoffen Dr. Karl Lieb knecht über die Stellungnahme zum diesjährigen Parteitage und zur Provinzialkonferenz. In etwa Inständiger Rede ging der Ge nosse zuerst kurz auf die Provinzialkonferenz ein. Der größte Teil der Rede war dem Parteitage und namentlich der Angelegenheit der Badener Genossen gewidmet. Er streifte erst die Reichsverficherungs ordnung und die Genossenschaftsstage, dann die Wahlrechtsfrage und empfahl für die letztere, daß der Wahlrechtskampf in Preußen mit den Genossen der anderen Bundesstaaten zusammen zu führen sei. Die Vorgänge in Baden wurden von ihm scharf ver- urteilt und unterbreitete er der Versammlung folgende Resolution: „Die Kreiskonferenz spricht über die Budgetabstimmung der badischen Fraktionsmehrheit ihr tiefstes Bedauern aus. Diese Ab- stimmung und ihre Rechtfertigung verrät nicht nur einen Mangel an politischem Augenmaß und an taktischer Sicherheit. Sie ist vor allem ein schwerer Verstoß gegen die notwendigsten Anforderungen der Parteidisziplin. Dieser Verstoß wiegt um so schwerer, als er mit vollem Bewußtsein erfolgt ist und in einer politisch bewegten und für den proletarischen Klassenkampf beispiellos günstigen Zeit dem vorwärts stürmenden Proletariat Knüppel zwischen die Beine ge- warfen hat und Verwirrung in seinen Reihen zu stiften geeignet ist. Er ist um so schärfer zu verurteilen, als die in der badischcn Kammer abgegebene Erklärung eine offene Mißachtung und Herabsetzung des Nürnberger Parteibeschlusses zum Ausdruck brachte und zwar vor Gegnern der Sozialdemokratie. Die Teilnahme der badischen Land- tagSabgeordneten an höfischen Kundgebungen wird als eine Miß- achtung des republikanischen Charakters der Sozialdemokratie und als eine Herabwürdigung des proletarischen Klassenstolzes gebrand- markt. Die KreiSkonferenz erlvartet, daß der Magdeburger Parteitag solche Vorkommnisse ohne Rücksicht auf die bloßen parlamentarischen Erfolge bei den künstigen Neichstagswahlen mit allen Mitteln und unter allen Umständen steuern wird." Die Spandauer Genossen hatten den Antrag eingebracht:„Die KreiS-Generalversammlung wolle beschließen, den Parteitag zu beauftragen, die Badener Genossen, welche dem von der kapitalistischen Regierung vorgelegten Budget zugestimmt und somit gegen die Beschlüsse und das Parteistatut absichtlich verstoßen haben, auS der Partei auszuschließen. Nach längerer Debatte, in welcher sämtliche Redner das Verhalten der Badener Genossen stark verurteilten, stimmte die Versammlung der Resolutton Liebknecht zu. Der Kreis- vorstand hatte die Resolution von Groß-Berlin empfohlen. Es wurde sodann noch folgende Resolution des Genossen Liebknecht ein- stimmig angenommen: „Der Parteitag wolle gegen die infame Vergewaltigung Finn« lands durch den Zarismus protestieren; dem um seine Freiheit und sein Recht kämpfenden finnischen Volke seine brüderliche Sym- pathie aussprechen und ihm für diesen Kampf die opferbereite Unter- stützung durch das klassenbewußte deutsche Proletariat zu sichern." Eine fernere Anregung deS Genossen Liebknecht, der Parteitag wolle gegen den Besuch des russischen Zaren in Deutschland und die dadurch bedingte Herabwürdigung protestieren, fand ebenfalls die Zustimmung der Versammlung. ES folgten die Wahlen, zunächst die deS KreiSvorstandeS. Die Versammlung wählte auf Vorschlag den bisherigen Kreisvorstand en bloc wieder. In die Preßkommission wurden gewählt die Genoffen Stab, Finder und Dolibus. Für die Wahl des KreiSobmanneS der Lokalkommission wird ein Antrag des Genossen S t a b- Potsdam, daß dieses Amt der Kreisvorsitzende wieder übernimnit, angenommen. Zu Delegierten zum Parteitag wurden gewählt die Genoffen Dr. Karl Liebknecht und Stab- Potsdam. Zum Ersatzmann Genoffe Schubert« Spandau. Zu Delegierten der Provinzialkonferenz werden gewählt die Genoffen Spior, Berkowski und F i e l i tz. Zum Obmann des Jugend- ausschuffes wählte die Versammlung den Genoffen DolibuS« Hennigsdorf, Die dazu gestellte» Anträge wurden sämtlich abgelehnt. Zum Obmann des BildungsausschuffeS wird Genoffe P. Schmidt« Spandau gewählt. Zu Revisoren werden die Genossen Stab« Potsdam, Lehmann- Marwitz und Paris- Velten gewählt. Die Versammlung beschließt auch, daß die Obmänner des Bildungs« und Jugendausschusses ständig auf den Kreis-Generalversammlungen vertreten sein sollen. Ein Antrag Velten, arbeitsunfähige invalide Mitglieder vom Beitrag zu befreien, wird der Provinzialkonferenz überwiesen. Schließlich wählte die Versammlung noch folgende Ge- nossen, welche eine Neueinteilung der Kreisbezirke vornehmen soll: F i e l i tz- Velten, S c i o r- Spandau, Lehmann- Marwitz, Stab- Potsdam, Berkowski- Nauen und Gutschow» Hennigsdorf. Nach Erledigung weiterer kleinerer Angelegenheiten schloß der Genosse Schubert abends 9>/z Uhr die Versammlung mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Demnach hat die Versammlung von morgens VzIO Uhr, mit nur einer halb- stündigen Mittagspause, zwölf Stunden getagt. ll Nerbandstag der Schlmder, Schütiderinnell und MiWarbeiter Deutschlands. Hamburg, 16. August. In der Vormittagssitzung wurde noch die Delegierten- Wahl zum Internationalen Kongreß vollzogen. Gewählt wurden Stühmer- Berlin, Joseph- Frankfurt und S ch a e r t l- Breslau. In der NachmittagSsitzung verbreitete VerbandSvor- sitzender Stühmer sich über die Lohnbewegungen. Bei den Verhandlungen mit den Arbeitgebern sei zugestanden worden, daß die Tarifkündigungen für die einzelnen Orte durch den Haupt- vorstand erfolgen können, daß aber die Entwürfe der neuen Tarife örtlich geregelt werden müssen. Die Unternehmer hätten das Bestreben, die Lohnsätze in drei Gruppen für große, mittlere und kleinere Orte zu schematisieren. Die Verhältniffe lägen aber so verschieden, daß eine Uniformierung für die einzelnen Ortsgruppen undurcbführbar sei. Der Zentralvorstand müsse daraus halten, daß bei Lohnbewegungen die betreffenden Institutionen gehört werden müßten. Handle man den Schiedssprüchen zuwider, so werde keine Unterstützung gewährt. Der Ausgang der Lohnbewegung der Stettiner Konfektionsschneider habe dem Verbände große Achtung im übrigen Deutschland verschafft. Bezüglich der Streitsragen, die während der Dauer eines Tarifvertrages zwischen den Parteien entstehen, haben Verhandlungen mit' den Arbeitgebern stattgefunden, die ein G a u s ch i e d s g e r i ch t wünschen. Der Zentralvorstand und der Beirat hätten dem Vorschlage wohl zugestimmt, hätten aber Ausführungsbestimmungen, die Redner ver- liest, festgelegt. Die rein prinzipiellen Streitfragen sollen nach wie vor dem Schiedsgericht der Hauptvorstände überwiesen werden. Die Taktik der Unternehmer gehe dahin, möglichst viel Orte in einen Kampf hineinzuziehen, um so die Finanzen des Verbandes zu schwächen. Der Verband werde dieser Taktik zu begegnen wiffen. Sollte der Verband in große Kämpfe verwickelt werden, so hoffe er, daß die anderen Verbände ihm gegenüber dieselbe klingende Solidarität üben, wie dies der Schneiderverband stets anderen Ver- bänden gegenüber getan habe. In verhältnismäßig kurzer Zeit habe der Verband an andere im Kanipf befindliche Organisationen über 73 000 M. abgeführt. Zu diesem Punkt liegen viele Anträge vor, die eine lebhaste Debatte entfesseln. Hamburg, 13. August. In der recht lebhast einsetzenden Debatte über den Vorstand»« b e r, ch t werden namentlich die Taktik bei Lohnbewegungen, die Tarif- und Betriebswerkstältenftage und das Abkommen der Haupt- vorstände über die Regelung der Streitigkeiten zwischen beiden Or» ganisationen behandelt. Dieses Abkommen soll, wie schon m der Montagssitzung von Stühmer hervorgehoben, erweitert werden durch Einsetzung von Gauschiedsgerichten. Das Ab- kommen wird von mehreren Rednern als Fortschritt bezeichnet, während andererseits Stimmen laut werden, daß durch das- selbe Verschlechterungen in die Tarife gekommen seien. Durch diese Regelung seien die Kollegen in den Hintergrund gedrängt und ihr Mitbestimmungsrecht sei ausgeschaltet. Die vorgeschlagenen Gauschiedsgerichte finden bei den meisten Rednern Zustimmung, einige stehen ihnen skepttsch gegenüber. Die Vertreter der Wäsche- branche und der KonfektionSarbeiter wünschen eine größere Berücksichtigung dieser Branchen. Auch müßte die Frage der Errichtung von Betriebswerkstätten mehr in den Vordergrund gedrängt werden. Ein Redner ist nicht damit einverstanden, daß an der Spitze der Gauschiedsgerichte ein juristischer Vorsitzender stehen solle, der naturgemäß von Berufsangelegenheiten nichts verstehe. Gefordert wird ferner die Einberufung einer Wäschearbeiterkonferenz. Um die Bewegung der WSschearbeiter mehr in Fluß zu bringen. wünscht die Filiale Wiesbaden die Anstellnng einer Agitatorin. Eine scharfe Rüge fand das Vorgehen der Damenschneider in WieS- baden, die den Schiedsspruch nicht anerkannten, sondern den Streik proklamierten. Disziplinbrüche fänden unter keinen Umständen Sanktion. Dem Antrage der Wiesbadener auf Streichung ihrer Streikschulden wurde seitens des Zentralvorstandes bestimmt ent- gegengetreten. Die vorliegenden Anträge werden einer Kommission zur Beratung überwiesen.__ 8. Kmldkstag des Arbelter-Radfahrerbülldes „Solidarität". In Frankfurt a. M. wurde in der vorigen Woche drt 8. Bundestag der Arbeiterradfahrer abgehalten. Der Vorsitzende Fischer. Offenbach a. M. führte aus, bei der Gründung des Bunde» vor 14 Jahren habe dieser rund 400 Mitglietter gezählt, heute aber scharen sich um seine Fahne über 120 000 zahlende Mit- glieder. Anwesend waren 102 Delegierte und Gauvorsteher. Den Tätigkeitsbericht des Vorstandes gab Fischer» Lffenbach a. M. Die zwei Geschäftsjahre seien zwei Jahre der Krise gewesem Erfreulicherweise könnte aber konstatsert werden, daß der Bund gerade in ländlichen Gegenden schöne Fortschritte gemacht habe. In agitatorischer Hinsicht sei viel geleistet worden, es müßten aber weiter alle Bundesgenossen zur Stärkung der Organisation beitragen. Es gäbe noch viel Parteigenossen und Gewerkschaftler, die einem bürgerlichen Sportverein angehören. Hier wäre ein günsttges Tätigkeitsfeld, wo die Agitation einzu» setzen habe. Wenn einzelne Parteigenossen glaubten, Sport sei lediglich eine private Angelegenheit und da wäre es gleich, welchem Verein man beitrete, so seien die Behörden anderer Meinung. Diese würden sagen, der Bund ist eine sozialdemokratische Orga- nisation, und in Preußen und Sachsen sei der Bund zu einem pclitischest Verein gestempelt worden. Dagegen habe man natür- lich Verwahrung eingelegt.— Die Zahl der Gesuche uxn Rechts» schütz waren in der Berichtszeit sehr groß. Der Bundestag müsse klar aussprechen, wie weit gegangen werden kann. Wenn man hier allen Wünschen Rechnung tragen wollte, dann müßte man den Beitrag um mehr als 6 Pf.— wie vorgeschlagen— erhöhen. Die Mitglieder müßten die Borschriften»m Grenzverkeyr mehr be- achten, da sonst dem Bund Schaden erwächst. Dem Auftrag deS letzten Bundestages, einen Statutenentwurf auszuarbeiten, der eine straffere Zentralisation vorsieht, sei der Vorstand nach» gekommen. Der Vorstand sei aber der Ansicht, daß die jetzige Form genüge. Geschäftsführer W i t t i g- Berlin berichtet über die Ent- Wickelung und den Stand des Fahrradhauses„Frisch auf". daS aus Mitteln des Bundes unterhalten wird. Im GründungSjahre 1905 betrug der Umsatz 12 000 M., 1908 aber 188 823 M. und 1909 291 186 M.; in der ersten Hälfte deS laufenden Jahres stieg der Umsatz auf 245 663 M. In 7 Städten hat daS Geschäft Filialen. Wittig schildert, wie der Händlerverband alles versucht, um daS Geschäft zu schädigen, indesi es Lieferanten verpflichtet, nicht* JOV<.ai V-k a• a ca. 200/500 cm A Ci*1 C ca. 230/315 cm /'•* O C ea. 250/350 cm /" f\ F* f\ ca. 300/400 cm f\r\ f\f\ Pa.- Axmmster- v-« m 4o.75»im 61.25 � 69.50 � � 9ö.üü jetzt jetzt jetzt jetzt Beste Qualität, aparte Perser and moderne Master Pa.-Tournai- Velours F�t:, 68.00 110.00 155.00 jetzt jetzt jetzt Grofie Posten Restbestände von ? oivl-ÄlPM aus Linoleum, Jute, Haargarn und Velours l..jdUi in Längen von 2,/> bis 7 Meter bedeutend unter regulärem Wert Ein Posten Phantasie-Diwandecken aparte Perser und moderne Muster....... früher 13.50 jetzt 9»5U Moquette-Diwandecken.... früher 26.50 jetzt 18.75 HOVEL- ABTEILUNG Roßhaarhandfeger... 55, 70, 85, 95 Pf. Roßhaarbesen... 85 Pf, 1.05, 1.35, 1.75 Teppichbesen mit stiel.... 55, 70, 85 Pf. Teppichhandfeger...... 38, 45, 50 Pf. Schnibber........... 18, 25, 30 Pf. Straußenwedel........ 50, 70, 95 Pf. Bohnerschrubber..... 3.50, 4.50, 5.75 Bohnermasse 55 Pf, Stahlspäne Paket 14 Pf ... 20, 25, 30 Pf. ........ 60 Pf. Bratpfannen mit Deckel... 1.00, 1.25, 1.70 Löffelbleche............... 1.10 Semmelbehälter............. 75 Pf. Konsole fm* Sand, Seife, Soda........ 85 Pf. 3 a D a a ül a El gl El H El Zu ganz besonders herabgesetzten Preisen: �ur Mehrere kompl. Schlafzimmer-Einrichtungen PaSSagC" aus Eiche, Mahagoni oder Birke IT auf haus �r*:en �iuer Polstermöbel, Klubsessel usw., Speise-, Herren- und Wohnzimmer-Möbel, sowie Salon-Einrichtungen in gediegener Ausführung G�a J J a l| J J(0) (glG�Q LerantworUicher Rehafteur; HanS Weber. Kerlin. Kür bat gnseratenteilverantto.: Tt.«l»cke, Berlin. Druck u. Verlas: Borwärt« Buchdruckerei u. verlagtanitalt Paul Singer» t», Berliu Dr. 191. 27. ZahrMg. 2, Keiligt Ks Joriritls" Kerlintr WlksdlM Wwch. 17. August 1910. Oer lZranä ausUerNeltauzstellung Brüssel, IS. August.(Eig. Ber.>' Ir- Es fing so harmlos an. Ich sitze auf der Terrasse des Nestau- rant Univers, das im rechten Flügel des Hauptgebäudes der belgi- sehen Ausstellung liegt. Der mächtige Bau mit der stolzen Fassade und seiner gelben Säulengalerie liegt auf dem Hügel und zlmngt den Blick des Eintretenden. Scharf heben sich die im Licht nach- gezogenen Linien von dem blauen Nachthimmel ab. Unten spielt noch der grosse Springbrunnen, und in den stillen Teichen spiegeln sich friedlich die Sterne. Ueberall flammen bunte Lichter. Alle Restaurants sind überfüllt und eine froh bewegte Menge flutet durch die Wege und füllt die Plätze. So voll ist die Weltausstellung noch nie gewesen als heute. In langen Zügen sind die Turner und Sänger des ganzen Landes mit Musikkapellen vorauf hinein- marschiert und das Brüsseler Volk ist heut am Sonntag gekommen. Morgen ist Hauptfeiertag, das Mariensesr. Die Ausländer ver- schwinden heute fast in der Menge der Belgier. Nur hin und wieder hört man deutsche Worte, die an anderen Tagen fast die französischen erdrückten. Es ist gerade%9 Uhr abends. Eine junge Dame im roten Abendmantel, gefolgt von ihrem Kavalier im Evening Dretz, geht vorüber; wohl eine Amerikanerin, die eben aus dem Automobil ge- stiegen ist. Mit einem Male bleibt sie stehen ,ihr Diener deutet nach dem Hauptportal. Ich blicke unwillkürlich mit hinauf und sehe: Was ist das? Ein kleines graues Wölkchen scheint an einer Säule emporzukriechen und schlängelt sich nach dem Dache hin. Ich laufe näher heran. Nun ist es fast schon eine Wolke. Es schwindet jeder Zweifel, es brennt gerade dort, wo das Hauptportal liegt mit der Zentralpost dicht daneben und dem englischen Restaurant. Jetzt flammt es hoch auf. Es geht wie ein elektrischer Schlag durch die Menge. Ein Schrei löst sich los: es brennt. Aber man beruhigt sich noch, es wird nicht so schlimm werden. Das Gc- bäude täuscht eine solche Festigkeit und Unerschütterlichkeit mit seinen wuchtigen Säulenreihen vor. Oben auf dem Dache stehen die Statuen ernst und gemessen und die Fahnen aller Staaten flattern lustig im Winde. Es wird nichts sein. Aber die Masse ballt sich schon dichter zusammen. Wo bleibt denn die Feuerwehr? ES ist jetzt 10 Minuten vor 9 Uhr und der Rauch wird dicker. Aber eben flammen überall Tausende von bunten Flämmchen über den Wegen auf, und die Fassade des„Cbien vert", des Hauptrestau- rantS, der angrenzenden Brüsseler Kirmes glänzt in ruhigem grünen Licht. ES ist wohl nichts. Nun kommt ja auch die Feuer- wehr. Ein Mann schiebt einen kleinen Karren, so gross wie eine Drehorgel. Aber er hat es doch eilig. Man weiss nur nicht recht, wie er mit dem Kinderspielzeug hinaufkommen will, dorthin wo die Rauchsäule aufsteigt. Oder brennt es vielleicht innen? Es ist S Minuten vor 9 Uhr. Nun endlich die erste und einzige Dampfspritze. Die Masse benimmt sich bewun- derungSwürdig. Die paar Polizisten, die den Taschendieben aufs Handwerk passen Men. haben gar keine Mühe, die Menge zurück- zudrängen. Aber noch ahnt niemand das Entsetzliche, das die nächsten Minuten bringen sollen. Noch immer ist der Brand ein kleines Schaustück, eine Art unerwartete Abendunterhaltung, das dem Feuerwerk, das um �19 Uhr abgebrannt wird, etwas Abbruch tut. ES ist 9 Uhr und nun sieht es schon sehr ernsthaft aus. Von allen Seiten scheint es emporzuzucken. Ein unheimlicher Strahlen- glänz bildet sich über dem belgischen Hauptportal. Der Funken- xegen beginnt schon, die Dampfspritze arbeitet, man sieht es an der anderen Färbung der Rauchwolken. Und richtig, man beginnt aus- zuräumen. Zwei Männer schleppen ein schweres Bild in Gold- rahmen, eine holländische Landschaft mit friedlich grasenden Kühen, vorüber. Andere Männer bemühen sich, die schweren Holzkübel mit den Lorbeerbäumen, die am Hauptportal stehen, heruntcrzu- schaffen. Man sieht einen Kellner mit weisser Jacke sich in Sicher- iheit bringen. Aber alles ist merkwürdig ruhig. Die Massen stehen da und schauen zu. Ein Trupp geht im Laufschritt vorüber. Feuer- Wehrleute, und wieder ein Trupp und noch ein Trupp. Es schlägt 9 Uhr vom Turm der deutschen Ausstellung. Die Bilder beginnen zu wandern, eins folgt auf das andere, aber man scheint nicht recht zu wissen, wohin sie gebracht werden sollen. In einen Holzpavillon, wo die Musikkapelle gespielt hat, 20 Schritte von dem Flügel, dessen Mitte brennt, werden sie hingestellt. Andere wieder werden weggetragen. Männer eilen vorüber und bringen Geldkassen in Sicherheit. Andere wieder tragen Bücher und Akten- stücke. S Minuten nach 9 Uhr ist die Mitte des Riesenbaues schon ein Flammenmeer! Ein Mann kommt die Galerie entlang gelaufen, er trägt einen alten Holzstuhl über dem Arm, er ist ganz verwirrt, sprachlos und sucht seinen Stuhl durch die Nucnsck)en- Massen hindurchzubringen. Nun beginnt das Gebäude von der Mitte aus nach rechts und links'zu brennen. Es geht alles so schnell, daß man sich über das einzelne keine Rechenschaft mehr geben kann. Schläuche werden gezogen, die Feuerwehr sucht nach Hydranten. An einer Stelle reißt sie den Boden auf, um statt eines Wasser- rohres einen Abzugskanal zu entdecken. Verwirrung und Kopf- tosigkeit an allen Ecken und Enden. Unterschätzung des Brandes und Mangel einer tatkräfti-gen Leitung. Kostbare Minuten gehen verloren. Die zuschauende Masse gerät in Be- wegung, ein grosser Teil ergreift die Flucht nach den Ausgängen zu, ein anderer wieder bleibt stehen, weil die Neugier mächtiger ist als die Furcht. Ein Drängen und Schieben entsteht, eine Mutter drückt ihr Baby an sich und sucht den Mann fortzuschicken, der noch zuschauen will. Irgend eine unbekannte Kraft, sind eS Soldaten, sind es Polizisten, ist es die Feuerwehr, sind es freiwillige Rettungs- Mannschaften der Turnerschaft, beginnt diese stauende Masse fort- zudrängen und vorwärtszuschieben, aus der Nähe des Feuerherdes zu entfernen. Schon flammt das Dach auf und beim Hauptportal beginnt es einzustürzen. Wir sind in den Teil der Masse geraten. der die Hauptstrasse nach der inneren Ausstellung herabcilt. Da steht Bude an Bude, Kneipe an Kneipe, das deutsche„Bratwurst- glöckli" neben dem Restaurant der sozialistischen„Maison du peuple", ein Ehampagnertempel zwischen zwei Ausschankstellen von westfälischem Steinhäger. Ein Teil der Gäste sitzt noch immer ruhig auf den Plätzen. Aber schon sind die elektrischen Lampen auf dem weiten Platz hinter uns erloschen, und nur der„goldene Stierin der Kuppel des Gebäudes der Liebigkompagnie glänzt im Wider- schein des Brandes. Vom Brande sieht man jetzt nur eine braun. rote Dampfwolke mit ihrem grauen Rand, den der Wind nach oben drückt. Die deutsche Ausstellung! Die Gefahr scheint noch weit ab, aber sie kann kommen. DaS Feuer greift mit unheimlicher Schnellig- keit um sich, und die auf Holzgerüst aufgeführten Gipsbauten leisten den Flammen gor keinen Widerstand. Wir laufen hinüber nach dem Winkel, den der Glockenturm des Seidelschen Baues mit der Ausstellungshalle bildet, in der vornan die Bilder sind. DaS Haus liegt dunkel und einsam. Ist niemand anwesend? Eine tieine Gruppe steht hier, ein paar Männer und Frauen. ES sind lein paar Bureaudamcn und untergeordnete Angestellte. Kein Leiter ist da, niemand, der eine Verantwortung übernähme. Keiner weiß auch recht zu raten. Man sieht zu, wie drüben in weiter Ferne das Feuer wütet. Die belgische Ausstellungshalle ist jetzt fast ganz von den Flammen ergriffen, die Brüsseler Kirmes ein Flammenmeer, die englische Halle beginnt zu brennen. Blaue, grüne und rote Dämpfe steigen auf, das sind die französischen Weine, die französischen Parfümerien. Dazwischen donnern Ex- plosionen. Jemand erinnert an die Goldschätze der ftanzösischen Juweliere und an die Diamanten der Debeers-Companh. Dia- manten sind da in einem mächtigen Käfig ausgestellt, der wie ein Vogelkäfig aussieht. Was wird aus ihnen werden? Ein paar Männer stehen unten auf dem Dach mit dem Schlauch in der Hand, aber es ist kein Wasser da. Wo sind die Schlüssel zu den Wasser- Hähnen? Im Kaiserhof, dem Weinrestaurant der deutschen Ab- teilung, sind die Spritzen schon in Tätigkeit. Aber das ist ja Privatbesitz. Auch das grosse Münchener Bierrcstaurant sucht seine Schätze durch Wasser zu retten. In den offiziellen Schlauchleitungen aber ist noch immer kein Wasser. Oben schreien Männer, unten wird geschrieen, man versteht sich kaum. Dann hofft man wieder, es sieht eine Weile so aus, als sollte das Feuer zum Stillstand kommen. Die Feuerwehren sind jetzt in voller Tätigkeit, Leitern sind angelegt und die Leute stehen auf den Dächern und spritzen. Die Dampfspritzen arbeiten. Vielleicht kann Italien und Spanien noch gehalten werden. Die Hoffnung regt sich wieder in der Gruppe vor der deutschen Ausstellung. Solange das gegenüberliegende holländische Gebäude nicht brennt, kann die Gefahr noch vorüber gehen, lind ein Teil der Brüsseler Ausstellung ist noch immer sorglos. Das Feuerwerk, das um% 10 Uhr abends beginnt, wird bis zur letzten Rakete ruhig abge- b ra n n t. Kindische Kanonenschläge hallen hinein in das Donnern der zusammenstürzenden Gebäude. Ein Wächter ist da vor der deutschen Abteilung. Eine Dame will über den Rasen laufen, der Wächter macht sie darauf aufmerksam, daß das verboten ist. Es schlägt 19, es wird'All. Da mit einem Male nimnit das Feuer einen neuen Anlauf. Das Restaurant D u v a l geht in Flammen auf. Wir sind volle hundert Schritt noch von dem Brand entfernt, aber schon macht sich die Hitze bemerkbar, unheimliche Funken fliegen über den Garten auf Deutschland zu. Jetzt scheint endlich die Schlauchleitung in Ordnung zu sein, es wird Wasser gegeben. Munizipalgardisten kommen herangesprengt und treiben dte Gruppe vor der deutschen Abteilung zurück. Der Platz wird geräumt, die Gruppen, die sich in den Gärten noch gehalten hatten, werden fortgetrieben. Hinter dem Aus- stellungSgebäude geht es entlang einen dunklen Weg, über Schienen und Balken hinweg an einer düsteren Wellblechbaracke vorüber, vor der eine Sanitätskolonne auf traurige Arbeit wartet, über wüste Plätze hinweg durch Steingeröll und Wasserlachen hinaus zu irgendeinem Tor. wo ein paar Beamte stehen und jeden unter- suchen, der ein Paket trägt. Am Ringzaun der Ausstellung werden wir weiter geschoben. ES geht mit aufgeregten Menschen, die riesengrotze Brandfackel hinter uns, immer weiter. Endlich eine bekannte Gegend, Strassen. bahnwagen überfüllt von Menschen. Wir steigen nach der ent- gcgengesetzten Richtung ein nach der Ausstellung zu. Noch einmal kommen wir dicht heran zu dem Eingangstor. Durch den Funken- regen geht eS hindurch, der seine Tropfen auf Frauenklcidcr wirft und das Dach deS Strasse, chahnwagens anzuzünden droht. Aber auch das geht vorüber. Es geht hinein in die Stadt. Der Wagen ist dicht gefüllt. Ein ptar Männer weinen st ill vor sich hin, es sind Kleinhändler, Gastwirte von der Ausstellung, die nicht der- sichert sind, die alles verloren haben. Wovon sollen sie leben? Eine Weltausstellung ist verbrannt. Um H4 Uhr früh bin ich noch einmal hinausgefahren. Der grosse Brand ist in der Hauptsache vorüber, nur eine dunkle Glut brütet dort, wo die Schätze Belgiens und Englands ausgestellt waren. Alles ist jetzt militärisch abgesperrt, niemand kann hinein. Um 12 Uhr nachts sind Truppen gekommen und haben die not- wendigen Sprengungen vorgenommen. «.' Huf den CrUtnmern der MeltausfteUung. Brüssel, 16. August. Die materiellen Werte, die durch den Brand in Flammen aufgingen, sind ganz gewaltige. Am schwersten be troffen ist eine Anzahl kleinerer Schausteller, Wirtschnftsinhaber, Bäcker, Fleischer und sonstiger Gewerbetreibender des Ver- gnügungSplatzeS, die nicht versichert waren und zum Teil vollständig ruiniert sind. In der englischen Abteilung sind Gegenstände von un- ermesslichem Werte, Prunkstücke aus dem Kensington- Museum, zerstört worden(wie überhaupt England die am meisten geschädigte Nation unter den Ausstellern sein dürfte). Der Gesamtschaden läßt sich noch immer nicht feststellen. Auf dem Brandplatze werden fortwährend Ermittelungen angestellt, wie weit die einzelnen Schausteller betroffen sind. In der Hauptsache mutz der Schaden von ausländischen Versicherungen getragen werden, da die deutschen Gesellschaften fast ausschliesslich für die deutsche Ab- teilung. die vom Feuer verschont geblieben ist. in Frage kommen. Allgemein hört man Klagen über die schlechte O r g a n i- sation der Feuerwehr, die zu lange untätig gezögert habe, anstatt sofort niederzureissen, wo es notwendig war. So sei die Verbindungsbrücke zwischen den Abteilungen England und Frankreich erst nach einer Stunde in Brand geraten. Hätte man die Brücke so- fort niedergerissen, dann wäre nach der Meinung von Sachverständigen das Feuer früher zum Stillstand gekommen. Es erheben sich Zweifel, ob die FeuerSbrunst wirklich in der Küche eines Restaurants ausgekommen ist; jedoch wird es schwerlich gelingen, die Ursache deS Brandes zu ermitteln. Brüssel, 16. August. ES wird jetzt bekannt, daß von der Menagerie Bostock zwei Angestellte vermiht werden. Da über ihr Verbleiben bisher nichts ermittelt werden konnte, glaubt man, dass sie in den Flammen ihren Tod gefunden haben. Die Menagerie ist vollständig niedergebrannt. Etwa 69 wilde Tiere sind in der Feuersglut erstickt. Mehrere Krokodile wurden in dem Wasser ihrer BaisinS förmlich gebrüht. Brüssel, 16. August. Der gestrige Tag brachte einen un- geheueren Ansturm des Publikums. Die Ausstellungsleitung hat 91 999 Frank vereinnahmt. Um sechs Uhr abends wurde durch Polizei und Militär die Ausstellung abgesperrt, aber erst nach mehreren Stunden gelang eS, die vielen Tausende auS dem Gebiete der Ausstellung zu verdrängen. Wie stets bei derartigen Katastrophen versuchen die Spitzbuben in den Trümmern Reichtümer zu erbeuten. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. �# Wiedereröffnung der Nusstellnng. Brüssel» 16. August. Das Militär verläßt heute die Ausstellung, dereg sämtliche Abteilungen von morgen ab wieder zu besichtigen sein werden. Belgien will seine Ausstellung rekonstruieren und die neue Ausstellung im Pavillon für zeitliche Ausstellungen unter- bringen, wo sechstausend Quadratmeter zur Sßerfügung stehen. Vermifcbtco. 8cbiff6?iatartropbcn auf bober 8ec. Nach einem Telegramm aus London ist in der Meer- enge von Gibraltar gestern der spanische Dampfer„Marion" mit dem deutschen Dampfer„Elsa" zusammengestoßen. Kurze Zeit nach dem Znsammenprall begann der spanische Dampfer zu sinken. Nur ein Teil der Passagiere und Mannschaften konnte durch die„Elsa" gerettet und in Gibraltar an Land gebracht werden. Sieben Matrosen und 32 Passagiere des„Marion" fanden in den Wellen ihren Tod- Als Ursache der Katastrophe wird Nebel angegeben, der so dicht auf dem Meere lagerte, daß man auf dem deutschen Schiffe den gesunkenen Dampfer erst bemerkte, als ein Zusammenstoß unvermeidlich war. Der Dampfer„Khedive", der deutschen Ostafrikalinie gehörig, ist bei Kap Morgan auf ein Felsenriff auf- gelaufen. Der Schiffsboden wurde an mehreren Stellen zerstört, das Wasser drang in dickem Strahle in die Schiffs- räume ein. Trotzdem mehrere Schleppdampfer zur Bergung des Schiffes abgesandt wurden, ging das Schiff voll- ständig verloren und mußte seinem Schicksal über- lassen bleiben. Die Besatzung wurde gerettet. Vermiglückte Kilometerfresser. In der Nähe von Wien stich ein in-rasendem Tempo daher- fahrendes Automobil, in welchem sich vier Insassen befanden, gegen eine Telegraphcnstauge. Das Automobil überschlug sich und wurde vollständig zertrümmert. Die Insassen deS Fahrzeuges wurden in schwerverletztem Zu st an de nach dem Kraukenhauie ge- bracht.— Der Kammersänger Paul Schmedes fuhr mit seinem Automobil in der Nähe von Ischl mit einem anderen Automobil, in dem sich eine französische Familie befand, zusammen. DaS sranzösische Automobil wurde total zertrümmert, die In- fassen beider Gefährte sind dennoch nur leicht verletzt worden. Sin flug von pam nacb London. Der Aviatiker Hubert L a t h a m ist am Dienstag, morgen? ö'/z Uhr, mit senem Antoinetteapparat auf einem Flugplatze in der Nähe von Paris aufgestiegen, um den von ihm beabsichtigten Flug nach London anzutreten. Latham glaubt, dass eS ihm gelingen werde, ohne Zwischenlandung sein Ziel zu erreichen. Nach- dem er mehrere Nundflüge über dem Platze vollführt hatte, flog er in nördlicher Richtung davon. »• • Oberleutnant von Thicdemann abgestürzt. In Frankfurt a. M. begann heute der Start zu dem Ueberland- fluge F r a n k f u r t— M a n n h e i m. Oberleutnant von Thiede» mann, einer der Teilnehmer, stürzte bei einem Probefluge nach einer Fahrt von 399 Meter mit seinem Apparat zur Erde. Thiede» mann kam unter den Apparat zu liegen und hat einen Bruch de» Oberschenkels erlitten._ Attentat gegen einen Eisenbahnzug. Am Montagabend wurde auf einen Schnellzug, der die Passagiere eines transatlantischen Dampfers nach Paris bringen sollte, ein Attentat verübt. Einige Kilometer vor Baycux entdeckte der Maschinen- führer eines Güterzuges, daß über die Eisenbahngeleise von verbrecherischer Hand eine Anzahl schwerer Gegenstände gelegt worden waren. Der Maschinenführer wußte, dass sich hinter ihm der Expresszug befand, und gab deshalb nach hinten mit einer roten Fahne Warnungssignale. Die beiden Maschinenführer des Express- und des Güterzuges untersuchten die Strecke und fanden 31 schwere eiserne Bolzen, die aus einem Magazin der Staatsbahn gestohlen und auf den Geleisen befestigt worden waren. Eine Untersuchung ist eingeleitet. Im Wahn des Aberglaubens. Von einem furchtbaren Verbrechen, das an die trüben Zeiten deS mittelalterlichen Zaubereiwahns erinnert, berichten spanische Blätter. Im Dorfe G o d o r, 15 Kilometer von Almeria, war ein Bauer namens O r t c g a, der auf einem einsamen Hofe wohnte» von der Lungenschwindsucht befalle». Er nahm die Hilfe des Ouack- salbers Leona, der im Dorfe praktizierte und schon mancherlei auf dem Gewissen hatte, in Anspruch, und dieser empfahl ihm sofort als unfehlbares Heilmittel noch warmes Kinderblut zu trinken und sich die Eingeweide des Kindes auf die Brust zulegen: er selbst erbot sich für eine Summe von 599 M. ihm das Opfer zu verschaffen. Ortcga zahlte das Geld, und Leona ruabte unter Mitwirkung eines Vetters einen siebenjährigen Knaben, Bernardo G a n z a l e z. Sie schleppten das Opfer zu Ortega, wo sie von dem Bauer und dessen Frau und Vater er- wartet wurden. Alle zusammen knebelten das Kind, worauf Leona ihm eine tiefe Wunde in der Gegend des Herzens einschnitt und Ortcga das Blut in einer Schale auffing, um es so- fort zu trinken. Dann öffnete Leona den Körper und cnt- nahm daraus die Eingeweide, mit denen Ortega sich nach der Vo» schrift einen Umschlag machte. Schliesslich schleppten die Verbrecher den Leichnam zu einer Schlucht, nachdem sie das Gesicht mit Steinen verstümmelt hatten, um eS unkenntlich zu machen. Die Polizei deckte jedoch das Verbrechen auf und verhaftete alle Mitschuldigen, die auch ein volles Geständnis ablegten. Kleine Notizen. . Explosion einer Dreschmaschine. In Richelsdorf bei Esch- Wege explodierte gestern nychmittag der Benzinmotor einer Dresch- Maschine. Die Flammen ergriffen ein in der Nähe stehendes 5jäh» riges Mädchen, das an dey Brandwunden nach kurzer Zeit unter furchtbaren Schmerzen starb. Auch der Grossvater des Kindes, der zur Rettung herbeigeeilt war, zog sich lebens, gefährliche Brandwunden zu. Bei der Verhaftung zweier Italiener wurde' in einer Wirtschaft in Hüsten in Westfalen ein Polizeikommissar von den Italienern erschossen. Die Mörder wurden festgenommen. Eine im Bau befindliche Eisenbahnbriicke in der Nähe der Ge, meinde M e r g e ist eingestürzt. Eine grössere Anzahl Arbeiter wurde unter den Trümmern begraben. Zwei von ihnen wurden als Leichen hervorgezogen, die übrigen erlitten teils schwere, teils leichtere Verletzungen. Infolge einer Erdscnkung stürzte in Messenany ein Dampf. kessel in die Tiefe. Vierzehn Arbeiter wurden mitgerissen und tot herausgeholt. Bombcnexplosion. Vor einem Hause der Stadt St. Sorlin (Frankreich) wollte ein Unbekannter eine Bomb? nieder- legen; diese explodierte dabei und r i ss i h n i n S t ü ck e. ßrfcfkaftat cker Redahtton. *U mtinitdi*«vr-chftiind. Anbei Stnbenfttaft« Rr. 69, botu biet Stcbbm—»«biftuhl—, toodtentöfllidt bon 4>/,»i»?>/,»I-t abends, Sonnabends Don 4'/, biS 6 Nhr nachmittags ftot«. Jeder für den Bticf- Inften bestimmten Anfrage ist ein«Nchsta», NN»«ine Zadl als Stiert» zeiMe» beizufügen.«riefliche Artlvoe, wird nicht erteilt. Eilige Tragen trage man in der Svrechstunde vor. H. W.«7. Ihre ilufiassung über Beichte und Beichtgeheimnis ist nicht richtig,— E. h. SS. 1. Nein, es muß Befreiung erfolgen. 2. Bei dem Vorsitzcuden der Beranlagungskommifsion.— A. B. 73. Nein.— F. 8. R. Vielleicht durch Nachfrage beim Koniulat.— F. S. 45. Sie sind an die erste Abmachung gebunden. Bei der zweiten Unterhandlung find Sie nach Ihrer Darstellung über eine endgültige Abänderung der Bedingungen nicht einig geworden.— F. F. ISO. Es ist nicht» abzugsfähig.— Zenge 46. 1. Das ist möglich. In der Regel erstreckt fich die Frage aber nur auf etwaige Bestrafung wegen Verletzung der Eideipillcht, 2. und 3. Es empfiehlt fich, vor dem Termin ein Gesuch an daS Gericht einzureichen.— St. R. 100. Ohne Kenntnis der Personalien der Eltern läßt sich nichts tun.-- H.®. Die Müllsrsche Zlugensalie kennen wir nicht.— B. G. 40. Nein.— itz. S. 40. Sie sind zahlungspflichtig. Für die Aushebung sind die Vcrsicherungsbedingungen maßgebend.—®. Ff. 69. Berufung ist aussichtslos, wenn Sie jetzt den angegebenen Verdienst haben. Sie können aber die für das Vorjahr etwa zu viel gezahlte Steuer zurückfordern.— Rose Z. Die Frage lößt sich nur nach Vorlegung deSKassenstatulsbeantwortcn. — R. S. 1868. Sie können Ersatz des Schadens verlangen und nach vorheriger Aufforderung Klage erheben. Für Ihre Behauptungen sind Sie aber beweispflichtig.— SS. K. 1. Die Kasse ist nicht zu empfehlen. 2. Die Belriebskrankenkasse ist leider im Recht.— Rettelbeck 7. Den Eigentümer halten wir'ür verpflichtet, den vollen Schaden zu ersetzen,— A. B. 40. Beschaffen Sie fich vom Vormundschastsgericht ein Armenattest. DieS reichen Sie dem Amtsgericht, in dessen Bezirk der Mündeloater seinen Wohnsitz hat, gleichzeitig mit der Klage und mit dem Antrage aus Bewilligung des Armenrechls ein. Sie können die Klage und den Antrag auch in der An« mildestube des Amtsgerichts zu Protokoll erklären.— M. G. 3828. 1. Nach Ihrer Darstellung ist da» Testament ungültig. Sie können beim Amtsgericht die Vermittclung der Auseinandersetzung beantragen. 2. Nein. 3, DaS ist zunächst nicht notwendig; erst für den Fall eines Prozesse« mutz ein Anwalt bestellt werden._ Arbeiterwanderverein„Berlin". Heute Versammlung bei Wählisch, Skalitzcrstr. 22. Lese- und Diskutierklub„Tüd-Oft*. Heute Mittwoch, abends 8'/, Uhr, bei Neidhardt, Görlitzer Straße 58: Mitgliederversammlung. Gäste will- kommen. Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklub„Heine'. Heute abend 81/« Uhr Sitzung bei Grünberg, Robenbergstr. 8. Gäste willkommen. Verband der Friseurgehilfen Deutschlands. Zweigverein Berlin und Vororte Donnerstag, den 18, d. Mts,, abend» 8 Uhr, Rosenthaler Straße 11/12: Außerordentliche Mitgliederversammlung, Nur Mitglieder haben Zutritt, Zentralverband der freien HSndler. Hausierer und verwandten Berufsgenoffen Deutschlands. Sitz Essen»Ruhr, Verwaltungsstelle Berlin, Bezirk I Norden, Heute abend 3'/, Uhr: Versammlung bei Böhm, Liesenftr. 12. Gäste willkommen. □ □□ Mittwoch. 17. August. Ansang VI, Uhr. Reue» könial. Opern-Theater. Madame Butterflv. Köntgl. Schauspielhaus. Prinz Friedrich von Homburg. Ansang 8 Uhr. Deutsches. Judith. Kammer! piel«. LiedeSwalzer. Lesfing. Das Konzert. veriiuer. Taifun. Komische Oper. Zigeunerliebe. Kleines. Nur ein Traum. ReueS. Kasernenluft. Residenz. Im Taubenschiaa. Reue» Schauspielhaus. Rassle«. Westen. Die geschiedene Frau. Thalia. Polnische Wirtschaft. Schiller O. iWallner. Thealer.) Zar und Zimmermann. Schüler Gharlottruburg. Die von Hochsaitel. Berliner Voltsoper. Der Flieger. (Anfang S>/, Uhr,) Luisen. Auf der Goldwage. Hebbel. Wem gehört Helen»? Der Kuß auf der Redoute.(An- fang Uhr.) Reue« Operetten. Der Gras von Luxemburg. LuftspielhauS. Das Leutnant»- mündet. Herrnfeld. Die Welt geht unter. Wenn zwei dasselbe tun. Moie. Ein seltsamer Fall. Driauon. Pariser Witwen. FolieS Eaprtee. Die böse IS.— Die keusche Toinette.(Ansang S'/« Uhr.) Voigt. Lebenswelle». Puhlmaun. Um Ehr und Aeb«. (Ansang'Iß Uhr.) Metrovol. Halloh II— Di« große Revue. Apollo. Spezialitäten. Vafiage. Spezialitäten. Reichslialle». Steltwer Sänge». lwolhalla. Speziatttäten. Wintergarte«. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Brate». Schütz-nltS'l. Schweizer-Garte«. Spezialitäten. Elternlos. Max Kliem. Spezialitäten. Boltsgarte«. Spezialitäten. Dt« Jagd nach dem Schwiegersohn. Urania. Daudenttrast« 48/49. Abend»» Uhr: von der Zugspitze ZUM Wabmann. Steenwam, gnvaltdenstr. 67—«8. Lessing-Theater. 8 Uhr: Das Konzert. Donnerstag 8 Uhr- Gespenster. Freitag 8 Uhr: Da» Konzert. Sommerpreise: Park. 5, 4u. S 3».»c Berliner Theater. Heute 8 Uhr, Tftlftlllo Morgen: Tatfnw._ Neues Theater. ««glich> Kasernenluft. Ansang§ Uhr. Berliner Volksoper. Heut,>/,S Uhr: Gastspiel de« Neuen Schauspielhaus««! _ Der Flieger._ Theater des Westens. Ansang 8 Uhr. Die settc-hledene Freu. Operette von Leo Fall. Vierre«. Operetten-Theater, Heute und folgend« Tage 6 Uhr, Der Graf von Luxemburg. Operette in ssltt. von«. M. Willner u. R Bodansky, Mufti 0. Franz Lehär. Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. 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Der Chefarzt Dr. Schultes unternahm darauf den Versuch, sich mit einer lahmen Erwiderung zu wehren, indem er eine nebensächliche Einzelheit korrigierte. Wir gönnen solchen Herrschasten dieses billige Vergnügen, wenn sie nur hinterher die Mißstände beseitigen, die wir gerügt haben. Unsere Kritik an der Anstalt Grabowsee richtete sich vornehmlich gegen den dort herrschenden Brauch, die Patienten zu allerlei keineswegs gesundheitsschädigenden Arbeiten zu nötigen, die man Kranken doch zu allerletzt zumuten sollte. Hierin soll seitdem sich einiges geändert haben, aber zu wünschen bleibt— sagt man uns— leider auch jetzt noch genug, und noch immer ist nicht die Klage verstummt, daß Patienten zu schweren Arbeiten herangezogen werden. Wir wiederholen: die Hausordnung spricht von„ l e i ch t e n Arbeiten", an denen die Kranken.sich, soweil. eS zur Förderung ihrer Gesundheit nötig ist, auf ärztliche Anordnung zu beteiligen haben". Andere Klagen beziehen sich auf die B e k ö st i g u n g, die sehr wenig schmackhaft sei. Diese Beschwerde kehrt hier und in anderen Anstalten immer wieder, es ist aber meist überaus schwer, bestimmte Feststellungen darüber zu machen, weil in diesem Punkt die Meinungen auch unter den Pattenten gewöhnlich sehr auseinander- gehen."Bezüglich Grabowsees wird indes behauptet, daß manche Speisen gelegentlich auch in der Qualität nicht einwand- frei seien. Ein paar Patienten hatten darüber geklagt, daß das Schmalz beziehungsweise die Wurst ihnen zu unappetitlich dufte. Der Arzt Dr. v. Homaier soll geantwortet haben mit dem Rat, trocken Brot zu essen. Und der Beschwerdeführer, dem die Wurst verdächttg vorkam, wurde von der Oberschwester belehrt, eS sei ja nur der Darm, der so rieche. Merkwürdiges berichtet man uns über die Kleidung, die den Pattenten in der Anstalt gewährt wird. Sie soll oft schon so abgenutzt sein, daß immer wieder Reparaturen nötig werden. Wenn dann ein Patient z. B. seine Hose als nicht mehr benutzungs fähig anmeldet und um Ersatz bittet, kann's passieren, daß ihm empfohlen wird, sich ins Bett zu legen, bis die Hose geflickt ist. Auf berarttge Redensarten die richtige Autwort zu geben, ist da draußen in Grabowsee riskant. Du kannst nie wissen, ob du nicht wegen.Unbotmäßigkeit" rascher entlassen wirst, als dir lieb ist. Bei solchen plötzlich verfügten Ausweisungen wird in Grabowsee— ebenso wie in vielen anderen Anstalten dieser Art— nach dem Grundsatz verfahren, daß der Ucbeltäter un- verzügu seine Sachen zu packen hat, damit er in kürzester Zeit abdampfen kann. Bor einigen Wochen hat ein Pattent, der entlassen wurde, aber seine reparaturbedürfttgen Sttefel einem Schuhmacher nach Oranienburg mitgegeben hatte, die Anstalt Grabowsee in Holzpantinen Verlasien, weil ihm nicht erlaubt wurde, länger in ihr zu weilen. Daß er in Holzpantinen den Heimweg antrat, kann dem Personal nicht unbekannt geblieben sein; der Pattent soll ausdrücklich darauf hingewiesen haben, daß er seine Stiefel noch beim Schuhmacher in Oranienburg habe. Uns wundert nur, daß die Anstalt ihm die Benutzung ihres Eigentums der Holzpantinen— über die Entlastung hinaus gestattete. Man kann eS begreifen, daß derartige Zustände und Borkomm niff« nicht dazu beitragen, das BerhältniS zwischen Patienten und Personal steundlicher zu gestalten. Wir fürchten auch, baß der K u r erfolg dadurch nicht gefördert wird. Wie sagt doch die Hausordnung?»Zum Kurerfolg ist nicht nur gute körperliche Pflege der Kranken, sondern vor allem auch ihre ungestörte seelische Ruhe notwendig." Aber dieser Satz der Hausordnung soll aller dings nur dazu dienen, die daran anknüpfende Mahnung zum »vohlgesttteten Verhalten der Kranken gegen einander' zu be Münden._ Bon einen gewaltigen Fener ist vorgestern das Grundstück Warschauer Straße 01, an der KopernikuS- straße, bettoffen worden. Leider find bei dem Brande mehrere Feuerwehrmänner verletzt und andere schwer erkrankt. Ueber das Feuer, das erst nach fiebenstündiger Tätigkeit gelöscht war, wirb uns berichtet: Am Montagabend wurde die Feuerwehr von vier Seiten auS nach der Warschauer Straße 01 alarmiert. Als Brandinspestor Teubner dort mit den Zügen V, 0, 7 und 8 ankam, stand das zweite Ouergebäude in Flammen. Diese hatten an den großen Vorräten, besonders an Holzleisten und Brettern, reiche Nahrung gefunden. Der Brandherd lag allem Anschein nach im Keller des großen Gebäudes. Die Hitze, die sich entwickelte, war unerträglich, noch mehr aber die enorme Oualmentwickelung. Brandmeister Foth ließ wegen der großen Gefahr für die übrigen Bettiebe in den an» grenzenden Gebäudeteilen alle Wachen benachrichtigen, Branddirektor Reichel eilte sofort zur Brandstelle, wo inzwischen noch andere Züge eingetroffen waren. Von allen Seiten wurde vorgegangen. Mit achtzehn Schlauchleitungen, darunter 4 U- Rohre und 14 0- Rohre von Dampfspritzen, wurde stundenlang Wasser gegeben. Höfe, Treppen und Fußböden, besonders der Keller standen bald unter Master. Trotzdem war die Löschung schwer. Die Flammen fanden immer neue Nahrung an den Hölzern und unter der Einwirkung der Hitze oerdunstete das Wasser schnell. Der Feuerwehrmann Fischer erkrankte so schwer auf der Brandstelle, daß er gleich nach dem Krankenhause am Friedrichshain geschafft werden mußte. Ober feuerwehrmann Welack wurde dann ebenfalls auf Anraten eines Arztes nach diesem Krankenhause gebracht. Die Feuerwehrmännner Zippan, Kmschke, Peukert, ZiSke und Pußlack, sowie der Oberfeuerwehrmann Juschkat wurden infolge Erkrankung nach ihren Wohnungen entlasten, dieselben werden ärztlich be- handelt. Dann wurde der Feuerwehrmann Schulz mit einem Tender nach dem Krankenhause geschafft und der Feuerwehrmann Herrmann mit einem Fahrzeug nach seiner Wohnung gebracht. Der Riesenkellkr, in dem mehrere Eisenbahnzüge Holz lagerten, ist natür- lich total ausgebrannt. Die oberen Stockwerke haben trotz der un- beschreiblichen Hitze dank der feuersicheren Konstruktion nur wenig gelitten. Eine Dampfmaschine scheint etwas beschädigt zu sein. Der Schaden wäre unendlich größer geworden, wenn die Mauern und Pfeiler aus festen Quadern und die feuersicheren Decken nicht stand- gehalten hätten. Die Feuerwehr hielt sie aber tapser unter Wasser und dadurch gelang es, die oberen Geschoste zu schützen. Hier bei diesem Riesenbrande hat sich wieder einmal zur Evidenz gezeigt. welchen Wert eine solide Baukonstruktton besitzt. Ohne diese wäre das große Grundstück verloren gewesen. Die Feuerwehr war gestern noch bis Mittag an der Brandstelle tättg, um das Master aus den Kellereien zu pumpen. Gleichzeittg hatte die Feuerwehr zwei größere Brände auf dem Echlcsischen Güterbahnhof am Rummelsburger Platz zu löschen, wo Borräte an Preßkohlen sich entzündet hatten und in einer Aus- behnung brannten, daß tüchttg Master gegeben werden mußte. Grober Uufug lag wieder einmal einer Feuermeldung zugrunde, die nachts um 2 Uhr von der Kurfürstensttaße 150 einlief. Der Täter ist leider unerkannt entkommen. Durch Kurzschluß kam abends in einem Kinematographen-Theater in der Sttaße Alt-Moabit 122 Feuer aus, das auf seinen Herd beschränkt werden konnte. In der Mariannenstr. 43 brannte eine Schaufenstermarkise. Auf dem Hofe des Krankenhauses Moabit, Turmfttaße, geriet am Dienstag ein Automobil in Brand und in einem Laden in der Hohenlohestt. 4 mußten Preßkohlen abgelöscht werden, die sich dort selbst entzündet hatten. Wie gestern abend gemeldet wmde, ist in dem Befinden der erttankten Oberfeuermänner und Mannschaften eine Besserung ein- getteten. Die Feuerwehr war am Dienstag noch bis zum Abend an der Brandstelle mit Auspumpen des Masters und dem Austäumen der Brandstelle beschäftigt. Zur Löschung deS Brandes wurden von den 8 Dampfspritzen über eine Million Liter Wasser verbraucht. Der Schaden wird von mehreren Versicherungsgesellschaften gettagen. Wie hoch derselbe ist, ließ sich gestern noch nicht feststellen. Im Zeiche« der Leibesübungen. Zur dritten Turnstunde ist unseren Schulen eine neue Anordnung beschert worden. An den Tagen, an denen kein Turnunterricht stattfindet, sollen nach guter Lüftung in den Klassenzimmern noch bester aber im Freien 5 bis 10 Minuten AtmungSübungen angestellt werden. Hiermit bereits angestellte Versuche sollen zu guten Ergebnissen geführt haben. So sehr alle dahin gehenden Bestrebungen mit Freuden zu begrüßen find, so sehr ist es aber auch wünschenswert, daß darunter nicht wichtige Lehrfächer leiden. Daß man die dritte Turnstunde gerade dem Deutschunterricht abgezwackt hat, ist sehr bedauerlich. Könnte man nun nicht das Frischeluftschnappen in den Religionsunterricht verlegen? Ausstellung von felbstgezogene« Slune«. Der Verein zur Pflege der Blumenzucht in der Volksschule veranstaltet vom 25.— 30. August im Humboldihain eine Ausstellung, die den Schülern und Eltern zugänglich sein soll. Die von den Schülern im Laufe des Sommers gepflegten Pflanzen sollen zu malerischen Gruppen vereinigt werden und den Zweck haben, weitere Kreise für die Sache zu interessieren. Gut gewachsene Exemplare find von den Schülern in den Schulen abzugeben, von wo sie durch die Pflanzenwagen nach dem Humboldt« haiu befördert werden. Hoffentlich bekommen die Kinder ihre Blumen auch unversehrt und sicher wieder zurück, so daß sie nicht um eines dekorativen Zweckes willen um den Erfolg ihrer Mühen kommen. Die städtische Deputation für Kuustzweckr hat zm Erlangung von künstlerischen Modellen für die Anferttgung von Plaketten, welche von der Stadtgemeinde Berlin in geeigneten Fällen verliehen werden sollen, unter den in Deutschland ansässigen Künstlern einen Wett- bewerb ausgeschrieben. Für diesen Wettbewerb find Preise von 4000 M. bis 1000 M.(im Gesamtbettage von 8000 M.) ausgesetzt worden. Die Modelle find bis zum 1. Februar 1911 bei der Deputtaion, Rathaus, Zimmer 90, einzureichen. DaS Preisrichteramt haben übernommen: Stadtverordneter, königl. Baurat Profeffor Cremer; Stadtbaurat, Geheimer Baurat Dr. Ludwig Hoffmann; Bürgerdeputterter, Bildhauer Profeffor F. Schaper; Bildhauer Profeffor I. Taschner; Bildhauer Profeffor Tuaillon. Die Wett« bewerbs-Bedingungen find von der Deputatton unentgeltlich zu beziehen Schnell« Lelohmmg. Eine Dame rettete vor vier Wochen, während sie bei ihrem Onkel in der Sommerftifche zu Besuch weilte, ein Kind vom Ertrinken. Wer daS meistens sehr umständliche Ver« fahren bei der Verleihung der preußischen Rettungsmedaille kennt, den wird es wundern, daß diese Dame schon die Rettungsmedaille am Bande erhalten hat. Die Glückliche ist nämlich die Tochter eines königlich preußischen Generals und die Richte eines königlich preußischen Landrats. In Zukunft sollen alle nichtadeligen Personen aus unteren und untersten Ständen, die einen Mitmenschen aus Todesgefahr retten, innerhalb vier Wochen mit der Rettungsmedaille bedacht werden. Die bisher in solchen Fällen übliche öffentliche Belobigung nach ftühestenS Jahresfrist im Amtsblatt der Regierung gibt es nur noch beim Aufhalten durchgehender Gäule. Mit Ausnahme von Schutz« lcuten, die ohne weiteres auf die Rettungsmedaille Anspruch haben. Die Aufnahme in die städtische Taubstummenschule findet anfangs April und Oktober statt. Eltern oder Vormünder taubstummer schul- fähiger und noch nicht eingeschulter Kinder werden darauf aufmerksam gemacht, daß Anmeldungen zum bevorstehenden Wintersemester bis spätestens 1. Oktober er. bei dem stellvertretenden Direktor, Lehrer Dost, MarkuSstr. 49, anzubringen sind. Darlehen auf Möbel. Unter der Bezeichnung»Geld« verkehr" befindet sich in den bürgerlichen Blättern täglich eine Anzahl kleiner Anzeigen, durch die S e l b st g e b e r oder Bank- kommissionäre Gelddarlehen oder GeschäftSgelder ohne Bürgen auf Möbel gegen mäßige Zinsen und bequeme Rückzahlung, diskret, bei sofortiger Auszahlung anbieten. Wer käme dadurch wohl nicht auf den Gedanken, daß eine neue Zeit angebrochen sei, in der den Pfandhäusern eine gefährliche Konkurrenz erwachsen muffe. Wie war eS nur möglich, daß man solange die Notlage so unbequem er- tragen hatte, indem man sich von dem lieben Eigentum, daS irgend einen Wert für andere darstellt, trennte und Uhren, Ringe, Kleider, Wäsche und Betten usw. zum Leihhause brachte. Geld auf Möbel, nattirlich ohne dieselben entbehren zu müssen, da« Pf and stück im eigenen Hause, ist eine Idee, die ohne Zweifel auch bei denen anziehend wirkt, die nicht auS Rot ums tägliche B r o t sondern z u GeschäftSzwecken, zu Reisen, Ver- gnügungen usw. momentan geldbedürftig sind. Auf diese Weise sind die Wartezimmer dieser inserierenden Geldgeber über füllt. Besonderes Verttauen genießen natürlich schon wegen der Schnelligkeit der Erledigung die Selbstgeber oder Darlehnsbanken. Auch in der Rosenthalersttaße befindet sich eine „DarlehttSbank*. DaS Wartezimmer ist schon vormittags überfüllt. Der Reihe nach treten die Darlehnssucher, natürlich einzeln, bei dem Herrn Direkror ein, der in weißer Weste seine.Patienten" empfängt. Ohne viele Worte zu machen, erklärt der Herr Direktor:»Wir geben Geld auf Möbel, natürlich nach dem Taxwert." Auf die weitere Frage, ob die Bank etwa die Möbel in Verwahrung nehme, entgegnet der Herr Direktor:„Wir haben doch keinen Speicher. Wir verlangen nur Rechte an Möbeln und schließen dann einen Verttag über die Rückzahlung", dabei schiebt er ein AnttagSsormular vor, das der Geldsuchende nur mit der Höhe deS gewünschten Darlehens und seiner Unterschrift zu versehen hat. Alsdann verlangt der Herr Direktor einen Vorschuß zur Deckung der Auslagen für die Besich- tigung und Taxierung der Möbel in Höhe von 0 M., worüber er folgende Quittung erteilt:„Für Auslagen und Aufwendungen in meiner Angelegenheit habe ich heute nach§ 652 Abs. 2 des B. B.-G. sechs Mark gezahlt," damit wäre das Geschäft erledigt. Der Geld- suchende wird darauf entlassen mit dem Wunsche, dafür zu forgeu, daß im Laufe deS Tages jemand zu Hause sei,' da der„Beamte" sofort den Auftrag zur Prüfung erhalte und sobald der Bericht bei der Bank eingehe, werde das Darlehen sofort ausgezahlt. Am nächsten Tage erscheint denn auch tatsächlich ein Angestellter der Darlehnsbank, besichtigt und taxiert die in Frage kommenden Möbel, nimmt darüber unter Benutzung eines Formulars einen Bericht auf und läßt sich die Mietequittung zeigen. Am dritten Tage soll dann die Auszahlung erfolgen. Wenn die Darlehnssumme die knappe Taxe nicht übersteigt und deswegen eine Ablehnung nicht möglich ist. verlangt dann der Herr Direktor, daß ihm Anrecht an den Möbeln verschafft werde. Ueber die Form schlägt er dann ver, die Möbel nach einem Lombardspeicher schaffen zu lasten, damit er die Sachen kaufen und beleihen könne. Der Darlehnsuchende ist enttäuscht. Auf seine Erwiderung, daß ihm davon, obgleich er danach geftagt, bei Erteilung deS Auftrages nichts gesagt sei, anderenfalls er darauf verzichtet haben würde, erklärt der Herr Direltor, daß ihm anders gesetzliche Anrechte, indem die gekauften suchen geliefert würden, nicht verschafft werden könnten. Er gehe streng nach dem Gesetz, da er stch vor Schwindlern schützen müsse. Auch oas Verlangen, dann wenigstens den Vorschuß abzüglich der minimalen Unkosten für den Taxator zu erstatten, lehnt der Herr Direttor rundweg ab, da er dieselben seinem Taxator zahlen müffe, andernfalls er den Bericht nicht bekomme.— So war die neuzeitliche Einrichtung mit dem Darlehn auf Möbel eine Täuschung des Geldbedürftigen. Wie vielen mag es so ergchen und wie viele in Not befindliche Arme opfern noch auf diese Weise die letzten 0 M. als Auslagenvorschuß, um sich den Rat dafür zu holen, die Möbel auf einen Lombard- speicher schaffen und sich dann beleihen zu lassen. Deshalb Vorsicht vor dieser Kreditreform, die sich als leichte Geldquelle ftir die»Dar- lehnsbank" selbst erweist. Ein gefährlicher Stellenschwindler wurde von der hiesigen Kriminalpolizei unschädlich gemacht. Ein Arbeiter Johannes Voigt, der ausschließlich vom Schwindel lebte, trieb sich besonders an den Arbeitsnachweisen der Bäcker und Fleischer umher, gab stch für den Werlmeister eines großen Betriebes aus und schwindelte Arbeit- suchenden vor. daß er ihnen sofort lohnende Beschäftigung geben könnte. Froh, Arbeit gefunden zu haben, gingen die Leute gleich mit ihrem neuen Werkmeister mit, der sie unverzüglich in den Bettieb einführen wollte. Am nächsten Eckhaus fiel eS ihm ein. rasch noch seiner Schwester, die dort wohne, guten Tag zu sagen. Zuweilen war es auch ein Bekannter, den er im Vorübergehen begrüßen wollte. Bald kam er dann aus die Straße zurück und erzählte dem neuangenommenen Manne, seine Schwester oder der Bekannte wolle eine Reise antteten und dafür von ihm 60 M. leihen. Er gebe sie gern, habe aber leider augenblicklich nicht soviel bei sich. Bereit- willigst sprang auf den ersten Wink der neue Arbeiter ein und gab. was er hatte. Voigt ging wieder in das HauS hinein, um das Geld abzuliefern und verschwand mit der Beute durch den zweiten Ausgang. Acht Fälle dieser Art sind ihm nachgewiesen. Unter dem Verdacht deS Totschlags fcstgeuommen wurde der 33jährige Arbeiter Richard Roggow aus der Koloniestraße. Es handelt sich um einen Vorfall, der sich am Montag in der Kolonie- straße 73 abgespielt hatte. Dort stürzte der Arbeiter Voit vom Dache und starb bald darauf. Der Arbeiter Roggow, der auf dem Dache mit beschäftigt war, stellte den Vorfall so dar, als ob Voit durch einen Fehltritt oder sonst ein Versehen ohne seine Schuld vom Dache gefallen sei. Er behauptete, den Voit nicht angerührt zu haben. Die eingehende Zeugenvernehmung soll jedoch die Dar» stellung Roggows vollständig widerlegt haben. Roggow wurde in« folgedessen festgenommen und unter dem Verdacht des Totschlags dem Untersuchungsrichter zugeführt. Große Empörung löste am Sonntagabend unter den Paffanten ein Borgang aus, der sich in der Provinzstraße in R ei nicken» d o r f abspielte. Ein Fahrgast wurde, weil zwischen ihm und anderen Fahrgästen ein Stteit um den Platz entstanden war, an der Haltestelle des genannten Straßenzuges von dem Schaffner so- wie dem Führer eines Wagens der Linie 30(Schönholz— Reinicken- dorf) ausgefordert, den Wagen zu verlassen. Da der Fahrgast bereits bezahlt hatte, wollte er diesem Ersuchen nur dann Folge geben, wenn er das Fahrgeld wieder zurückerhalte. Plötzlich wurde der Fahrgast von einem Hund angesprungen und in bei: Arm ge- bissen. In unmittelbarer Nähe befanden sich drei Gemeindediener, denen der Hund gehörte. Da der Fahrgast wenig Neigung empfand, sich von einem Polizeihund zerfleischen zu lassen, suchte er diesen mit dem Schirm abzuwehren. Doch in diesem Augenblick sprangen auch schon zwei der dort stehenden Gemcindediener hinzu, nahmen den Fahrgast fest und führten ihn nach der in der Hoppestraße be- findlichen Wache. Unterwegs wurde dem Arrestanten, der sich sofort bereit erklärt hatte, den Beamten zu folgen, der Knebel am Hand» gelenk angelegt. Auf der Wache steckte man den Arrestanten in die Arrestzelle, in welcher er von>/x10 Uhr bis Vzl Uhr nachts verbleiben mußte. Wie uns mitgeteilt wird, konnten die Beamten die verschloffene Tür der Arrestzelle nicht wieder aufbekommen, so daß sie erst nach längerer Zeit wieder zu dem Arrestanten gelangen und ihn fteilasien konnten. Soweit der uns geschilderte Vorgang. Ist eS an sich schon unerhört, daß verhaftete Personen, die auch nicht den geringsten Widerstand auf dem Gang zur Wache anwenden, geknebelt und auf der Wache stundenlang ihrer Freiheit berauht werden, so muß es jeden Menschen empören, daß Polizeihunde auf das Publikum losgelassen werden. Bis jetzt hieß es, die vier- beinigen Polizeigehilfen seien vermöge ihres ausgeprägten Geruchssinnes vorttefflich zur Ausklärung von Verbrechen geeignet; sollte es jedoch dahin kommen, daß diese Hunde bei xbeliebiger Gelegenheit auf das Publikum loögelaffen werden, so wäre es die höchste Zeit, daß diesem sträflichen Unfug Einhalt geboten würde. Wir können nicht an- nehmeil, daß die Gerneindediener angewiesen sind, den Hund wie dies hier geschehen, auf harmlose Personen loSzulaffen. Unmenschlich lange Arbeitszeit! Kürzlich fand vor dem Berliner KaufmannSgericht eine auch von uns mitgeteilte Verhandlung statt, in deren Verlauf der Vorsitzende es als unmenschlich bezeichnete, daß die Klägerin, eine Verkäuferin, Tag für Tag zwölf Stunden hintereinander an die Arbeit gefesselt worden ist. Der Arbeitgeber wurde zur Zahlung des eingeklagten Nestgehaltes verurteilt. Gegen diese sehr verständige Auffaffung deS Gerichtsvorsitzenden wendet sich eine dem»Berliner Tageblatt" zugegangene Zuschrift aus I Arbeitgeberkreisen, in der die Ansicht vertreten wird, daß die Verkäuferin im Detailbetrieb nur zwei bis drei Stunden täglich wirklich zu arbeiten hat, während in der übrigen Zeit das Geschäft nur .klappert". Die Verläuferin habe also genug Zeit, stch durch Lektüre weiter zu bilden, kleine private Handarbeiten anzufertigen und an der Ladentür frische Luft zu schöpfen. Dä der Laden während der gesamten Geschäftszeit nicht geschlossen werden könne, sei eine größere Mittagspause, namentlich in Filialen, undurchführbar. DaS verbiete sich auch aus der Unmöglichkeit, für Vertretung, Kassenübernahme, Warenveramwortlichkeit und dergleichen zu sorgen. Alles, was der betreffende menschenfreundliche Arbeitgeber hier als unmöglich hinstellt, müßte und lvllrde sofort möglich werden, wenn derartige Geschäftsinhaber gesetzlich gezwungen sind, ihrem Filialpersonal eine anderthalb- oder zweistündige Mittagspause zu gewähren. Der Artikelschreiber läßt sogar durchblicken, daß jetzr noch nicht mal die gesetzlich vorgeschriebene halbstündige Mittagspause, weil sie mit den praktischen Geschäftsvcrhältnissen unvereinbar sei, innegehalten, vielmehr die Verkäuferin gezwungen wird, vom Mittag« effen aufzuspringen und Kunden zu bedienen. Nur weil eine Vorschrift über eine längere ungestörte Mittagspause leider noch nicht besteht, hälr man sich für berechtigt, die Arbeitskrast und Arbeitszeir der Verkäuferin bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit auszunutzen. Grundverkehrt ist auch die Meinung über die.wirkliche" Arbeitszeit. Weiß der kaufmännische Einsender noch nicht, daß in d--r weit über- wiegenden Mehrzahl von Ladengeschästen den Verkäuferinnen daS Sitzen hinter dem Ladentisch streirg und bei Strafe der Entlassung verboten ist? Wie sollen sie da wohl Handarbeiten an- ferttgen können? Auch diejenigen Ladengeschästsinhaber, welche ihren Verkäuferinnen gestatten, bei kundenleerem Laden an der Ladentür herumzustehen und frische Lust zu schöpfen, werden wohl mit der Laterne zu suchen sein. Genau so steht eS mit der Lektüre. Die übergroße Mehrzahl aller Geschäftsleute dulden die Lektüre bei Verkäuferinnen während der Beschäftigungszeit nicht, weil das Lesen nach ihrer Ansicht auf eintretende Kunden keinen guten Eindruck macht. Jede Verkäuferin wird bestätigen, daß die UiuätigW im LadWgeschäst weit mumgeilehmer empfunden wird als das Verkaufen. DaS trZge Dahinschleichen der Viertelstunden ohne Verkehr mit Kundschaft wirkt erschlaffend auf Körper und Geist. Vor allem geht doch aber nicht aus der Welt zu schaffen, daß eine zwölf Stunden hintereinander an die Arbeitsstelle gefesselte Verkäuferin, die jede Minute zur Bedienung auf dem Sprung stehen muß, kaum mehr Herrin ihrer selbst ist. In der Zuschrift verkörpert sich wieder mal allzu offenherzig die Ausbeutungspolitik der bürgerlichen Gesellschaft, die solche bedauerns- werten Angestellten lediglich als Maschinen betrachtet, die zwischen Arbeiten und Schlafen hin und her pendeln und noch nicht mal den vollen Sonntag übrig haben, um den Körper gründlich auszuruhen oder sich ein bescheidenes Vergnügen zu gestatten. Im Kinderwagen vom Tode bedroht wurde gestern vormittag SVz Uhr das einjährige Kind einer Frau Leidinger. Vom Balkon des HauseS Badstr. 12 lösten sich plötzlich größere Stuckmassen und bedeckten den zufällig an der Front des Hauses stehenden Kinder- wagen. Zum Glück hat das Kind Verletzungen nicht erlitten. Be- fremden erregte es bei den Anwohnern, daß auch am Nachmittag noch keinerlei Vorsichtsmaßregeln an. dem Hause getroffen waren, ob- wohl noch weitere LoSIösungen und Abstürze von Sluckmassen be- fürchtet werden. Der JugendauSschuß für Groß-Berlin veranstaltet am Sonn- tag, den 21. August 191(1, einen Massenausflug nach Pferdebucht bei Sadowa. Der Ausflug wird in Gruppen ver- anstaltet. Die einzelnen Gruppen marschieren morgens um 7 Uhr von ihren Treffpunkten ab. Gemeinsames Ziel: Pferdebucht. Von 12— 1 Uhr: MiltagSrast; von 1— i Uhr wird auf den Spielplätzen gespielt, von 4— ö Uhr: Kaffeepause. Rückmarsch der einzelnen Gruppen 6 Uhr. Treffpunkte: Gruppe Norden: Nettelbeck- Platz lan der Gerichtstraße), Gartenplatz(Normaluhr), Schweden- straße, Ecke Exerzierstraße, Schönhauser Allee(Bahnhof). Jugend- heim(Brunnenstraße IIS). Gruppe Nordost— O st: Prenzlauer Tor, Landsberger Tor(Krieger- Denkmal), Balten- Platz (Normaluhr), Schlesischer Bahnhof(Koppenstraße). Gruppe Südost: Schlesisches Tor(Normalrihr), Kottbuser Tor (Normaluhr), Görlitzer Bahnhof(Unfallstation). Gruppe Süd- S ü d w e st: Hohenstaufenplatz, Moritzplatz, Blücherplatz. Gruppe Moabit: Treffpunkt Turmstraße. Ecke Slromstraße. Die Vororte treffen sich an ihren bekannten Stellen.— DaS Fahrgeld beträgt hin und zurück 29—40 Pf. Für Spielgelegenheit ist gesorgt. Die Teil- nehmer werden gebeten, in möglichst leichter Kleidung zu erscheinen, sich mit Proviant zu versehen und die Liederbücher nicht zu ver- gössen. Alle Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter sind zu diesem Ausflug freundlichst eingeladen. Der JugendauSschuß. Vorort- JSachrichtcn. Schöneberg. Die Schöneberger Halbtagsferienkolonie, die seit einer Reihe von Jahren von organisierten Frauen geleitet wird, hatte auch in diesem Jahre sich ernes ungemein starken Zuwachses zu erfreuen. Leider mußten zirka 199 Kinder zurückgewiesen werden, die sich noch im Laufe der ersten Ferienwoche meldeten, weil nicht ge- nügend Mittel vorhanden waren: denn mit der Einstellung weiterer Wagen hätte die von der Stadt bewilligte Summe nicht ausgereicht. Die Beteiligung betrug 512 Kinder, die in 6 Straßenbahnwagen während der fünf Wochen täglich, außer Sonntags, mittags 1 Uhr nach Schmargendorf befördert wurden. Dort ging es erst in ein Lokal, wo jedes Kind ein Glas Milch erhielt, und dann marschierten sie nach dem Walde, um sich dort mit allerlei Spielen die Zeit zu vertreiben. Abends gegen 7H Uhr ging es dann wieder zurück. Im Walde erhielten die kleineren Kinder nochmals Kakao und die größeren Kaffee, und alle diejenigen Kinder, die nichts mehr zu essen hatten, aber einen um so größeren Appetit, bekamen ein Butterbrot. Die Höchstzahl der an einem Tage beförderten Kinder betrug 422, die niedrigste 299. Der Durchschnitt betrug pro Tag 866 Kinder. Von den 512 Kindern fuhren in diesem Jahre nur 39 an allen Tagen, während es im vorigen Jahre bei weniger Kindern 71 waren. Weniger als 12 Tage fuhren 62 Kinder; 12— 18 Tage 42; 18—24 Tage 177 und 24—28 Tage 291 Kinder. Das schlechte Wetter in diesem Jahre hat die Erholungstage der Kinder ganz erheblich verkürzt. 129 Kinder befanden sich in dem Alter von 8—6 Jahren, 234 Kinder von 7— 19 Jahren, 139 Kinder von 11— 14 Jahren. Die Beaufsichtigung der Kinder hatten 29 Partei- genossinnen übernommen, die ihre Aufgabe mit viel Geschick und Umsicht erfüllten. ES zeigt sich auch hier wieder, welch hoher Idealismus und welche große Opferwilligkeit unter der Arbeiter- schaft vorhanden ist, wenn es heißt, für das Wohl und Wehe des Volkes tätig zu sein, denn weder eine Bezahlung noch eine Ent- schädigung für ihre persönlichen Auslagen beanspruchten die Frauen für diese aufreibende und mühevolle Arbeit.— Der stete Zuwachs in jedem Jahre beweist die Notwendigkeit einer Ver- mehrung solcher Ferienkolonien und die völlige Kostendeckung durch die Stadt. Was will es besagen, wenn von der Stadt eine Summe bewilligt wird, die gerade ausreicht, um die Fahrkosten zu decken, während die Summe für Milch usw. durch Sammellisten aufge- bracht werden muß. Vielleicht beschäftigen sich unsere Stadtväter im nächsten Jahre etwas eingehender mit dieser Materie. Der Nachweis des Bedürfniffes und der Durchführbarkeit dürfte wohl durch diese von der Arbeiterschaft geschaffene Ferienkolonie er- bracht sein. Rixdorf. Ein gräßliches Fahrstnhliinglück ereignete sich gestern in der MetallwarenfabrÜ von Lau u. Co. in der Hobrechtstr. 55/56. Dort fuhr der 14jährige Lehrling Fritz Gerischer, zu Berlin, Müllerstr. 138 wohnhaft, mit dem Fahrstuhl vom dritten Stock des OuergebäudeS nach dem Dachgeschoß. An dem noch nicht abgenommenen Fahr» stuhl fehlten noch die Fensterscheiben. Gerischer steckte während der Fahrt den Kopf auS dem Fahrstul heraus, wobei er gegen eine Diagonalverstrebung des FahrstuhlgerüfteS stieß und ihm dadurch die Schädeldecke abgerissen wurde. Der hinzugerufene Arzt konnte nur noch den inzwischen eingetretenen Tod feststellen. Die Leiche deS Ver- unglückten wurde nach dem Schauhause übergeführt. Zehlendorf(Wannseebahn). Den Tod durch Ertrinken fand am Sonnabend ein etwa 49 Jahre alter Mann, augenscheinlich den besseren Ständen angehörig, im Schlachtensee. Er hatte sich ein Boot gemietet und war ans den See hinausgefahren. An einer Stelle, etwa 159 Meier vom Ufer entfernt, war er dann, scheinbar um zu baden, aus dem Boot ins Wasser gesprungen. Ein Spaziergänger an dem Ufer des Schlachtensees, der den ganzen Vorgang mir angesehen, machte den Badenden darauf aufmerksam, daß bei dem herrschenden Winde das Boot abtreiben müsse, doch wurde seiner Warnung keine Beachtung geschenkt. Nun vermutete der Spaziergänger Selbstmordabficht bei dem Badenden. Er bestieg das an das Ufer getriebene Boot und ruderte zu dem inzwischen BcwußtloSgewordenen, um ihn in das Boot zu ziehen und an daS Land zu bringen. Da er allein nicht imstande war, den Körper des Bewußtlosen in daS schwankende Schiffchen zu bringen, nahm er ihn ins Schlepptau und ruderte an das Land. Hier unter ärztlicher Leitung vorgenommene Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg. Der Name des Toten war bisher nicht zu ermitteln. Ober-Schöneweide. Für die Entsendung kränklicher Kinder von Gemeindeatige- hörigen nach Kinderheil st ätten hat die Gemeindevertre- tung für das laufende Jahr die Kosten für 49 Freistellen bewilligt. Die Ausführung dieses Beschluffes gibt nun zu Beschwerden Anlaß, deren Grund entweder in der leidigen buraukratischen Umstand- lichkeit oder in schlecht angebrachter.Sparsamkeit zu suchen ist. In einem Falle ist ohne Zutun der Eltern das Kind vom Schul- arzt zur Aufnahme empfohlen. Eine von der Gemeindebehörde an die Eltern gerichtete Anfrage ob sie einen Beitrag zu den Kosten leisten würden, mußte von diesen verneint werden; die Auf- nahm» unterblieb hierauf ohne Angabe von Gründen, so daß man annehmen muß, der abgelehnte Beitrag spielt hier die entscheidende Rolle. Es läge ein solches Vorgehen durchaus nicht im Sinne des Gemeindebeschlusses und wäre um so unverständlicher, als der Ge» meindeverwaltung ganz genau bekannt ist, daß von den Heilstätten eine Bekleidungsausstattung der Kinder verlangt wird, welche in lolcher Reichhaltigkeit in Arbeiterfamilien meist nicht vorhanden ist und aus diesem Grunde den Eltern schon enorme Aufwendungen verursacht. In einem anderen Falle, wo wiederum vom Schularzt die Entsendung veranlaßt wurde, ist von den Eltern der Kosten- britrag in Aussicht gestellt und auch schon die Anschaffungen der Bekleidung gemacht worden. Nach längerer Zeit erfolgte die lakonische Benachrichtigung, daß das Kind>— 12% Jahre alt— wegen seines Alters nicht in die Heilstätte Lenzheim aufgenommen werden könne. Man sollte doch meinen, das in Frage kommende Alter müßte einem der Beteiligten als Arzt, Lehrer oder Ge- mcindebeamttn bekannt sein, um solche Fälle unmöglich zu machen. Zudem gibt eS doch Anstalten, bei denen eine solche Vorschrift nicht besteht. Im übrigen bleiben in fast allen Fällen die Eltern ein£ ungewöhnlich lange Zeit ohne Nachricht über den Zeitpunkt der Entsendung. Es ist jedenfalls eine ungewöhnliche Härte, wenn den Kindern erst die Verschickung— eine große Freude und Wohl- tat für sie— in Aussicht gestellt wird und sie dann aus solchen Gründen zurückbleiben müssen. Unsere Genoffen in der Gemeinde- Vertretung werden nicht verfehlen, von der Verwaltung Aufklärung und Abhilfe zu verlangen. Borsigwalde-Wittenall. Aus der Gemeindevertretung. Die gewählten Schöffen wurden zunächst in ihr Amt eingeführt. Der Jahresbericht der Gemeinde- lasse schließt nach Ansicht des Gemeindevorstehers nicht mit einem so großen Defizit ab, wie Anfangs angenommen wurde. Seit Eröffnung der Anstalt sind 1 435 119 Kubikmeter Gas abgegeben worden. Das Rohrnetz hat eine Länge von 288115 Meter. Zur öffent- lichen Beleuchtung dienen 354 Lampen. Ein Antrag der BeleuchtungS- kommifsion, zur Verschönerung des Ortes vier größere Kandelaber aufzustellen, wurde gegen die Stimmen unserer Genossen angenommen. Genosse Adam wandte sich dagegen, weil auS dem Bericht noch nicht zu ersehen sei, wie hoch das Defizit des Betriebe? ist. Das Anfangsgehalt des Laboratoriums» und Leichendieners im Krankenhause in Reinickendorf war mit 1999 M. festgesetzt; zu diesem niedrigen Gehalt fanden fich keine Bewerber, weshalb man beschloß. das Anfangsgehalt auf 1359 M. zu erhöhen. Genoffe Adam trat dafür ein, daß auch das Gehalt der anderen unteren Angestellten eine Steigerung erfahren möge. Der Gemeindevorsteher bemerkte hierzu, daß die Gehälter der Angestellten ebenso hoch bemesien seien, wie in anderen Krankenhäusern. Bei der Vergebung von Lieferungen und Arbeiten für den RathauSneubau entspann sich eine lebhafte Diskussion. Die Ent- und BewäffemngSarbeiten find der Firma Goodfon, Borsigwalde, zum Preise von 7923,87 M. übertragen worden. Da noch billigere Offerten eingegangen waren, trat Ge- nosse Adam dafür ein, daß man die Arbeiten dem Miudestfordernden übertragen möge. Der Gemeindevorsteher wandte sich dagegen mit der Motivierung, daß man auch die hiesigen Steuerzahler berück- sichtigen müsse. In einer früheren Sitzung der Gemeindevertretung wurde gegen die Stimmen unserer Genossen beschlossen, die Straßenbahnlinie von der Schartiwefierstraße nach dem Nordbahnhof Wittenau im Interesse der Entwickelung des OrteS fortzuführen. Nach dem Schreiben der Großen Berliner kostet die dreigleisige 8 Kilometer lange Linie 319 999 M. Außerdem wird verlangt, daß bei einer Konkurrenz- linie die Gemeinde für den Ausfall des Schadens aufkommen müsse. Der Gemeindevorsteher Witte erklärte das Vorgehen der Großen Berliner einfach für rigoros, es wäre dringend an der Zeit, daß der beabsichtigte Zweckverband zustande käme und der Kreis selbst Straßenbahnen baue. Der Gemeindevertreter Dr. Rosin ersuchte hierauf, dem früheren Vertrag vom 2. Juni d. I. nochmals zuzustimmen. Der Gemeindevorsteher meinte, der Wunsch des Landrats sei, daß Interessenten zu höheren Lasten herangezogen werden sollen. Dr. Rosin' erklärt hierauf, daß die Wittenauer Boden-Aktiengesellschast nicht mehr wie 59 099 M. geben könne. Hierauf wurde dem Vertrag zugestimmt. Alsdann legte der Gemeindevorsteher drei verschiedene Zeichnungen zum Neu- bau de? Hauplkanals der unterirdischen Entwässerung vor. Genosse Adam me»nte, da der Haupttanal vom Bauamt noch nicht ab- genommen sei, müsie doch schlechtes Material verwendet worden sein. ES wäre auch sonst unmöglich, daß der Kanal zusammenfallen könnte. Die Entgegnung des Gemeindevorstehers, daß der Boden sehr viel Kohlensäure enthalte, der den Zement zerfresse, rief bei unseren Genossen großes Gelächter hervor. Alsdann bracht« Genosse Adam noch eine Reihe Mißstände in der Gasanstalt zur Sprache. Die noch herrschende l2stündige Arbeitszeit, Mangel des notwendigen Arbeiterschutzes unterzog Redner einer eingehenden Kritik. Der Ge- meindevorsteher glaubte hierauf unserem Redner unterstellen zu sollen, daß es sein Bedürfnis zu sein scheine, an den Gemeindeein- richlungen herumzunörgeln. Bei ihm hätten sich Arbeiter nicht be- schwert. Als hierauf der Zwischenruf fiel:.Dann werden die Arbeiter hinausgeworfen!' drohte der Gemeindevorsteher mit AuS- Weisung aus dem Saal, welches Vorhaben er dann auch in die Tat umsetzte, als ihm zugerufen wurde:„Das können Sie ja I' Genosse Adam protestierte gegen den Ausschluß der Oeffentlichkeit, indes vergebens. Unsere Vertreter verließen hierauf den Saal. Großfeuer auf dem Gutshof Dalldorf. In der sechsten Abend- stunde wurde gestern die Berliner Feuerwehr von der Irren- an st alt Dalldorf aus alarmiert. Sofort rückte der neue Automobillöschzug aus der Schillerwache nach dorthin aus. Schon nach einer knappen Viertelstunde traf der Löschzug in Dalldorf ein. Wie sich ergab, war auf dem Gutshof eine große Scheune in Brand geraten. Da die Scheune vollständig mit Strohvorräten angefüllt war, stand sie bald in hellen Flammen. Auch ein an- grenzendes Stallgebäude fing Feuer. Aus allen anliegenden Ortschaften eilten die freiwilligen Feuerwehren zu Hilfe. Brand- inspektor Julius ließ von dem Berliner Automobilzug vier Schlauch- leitungen vornehmen, eine stärlften Kalibers und drei kleine, während die anderen Wehren gleichfalls eingriffen. Von dem Inhalt der Scheune war aber nichts mehr zu retten, ebenso brannte der Dach- stuhl nieder. Von dem Stallgebäude wurde das Dachgeschoß mit den hier lagernden Futtervorräten ein Raub der Flammen. Bernau. In der letzten Stadtverordnetenversammlung gedachte der Vor« stüher zunächst der dreißigjährigen Tätigkeit deS Bürgermeisters in hiesiger Stadt. Nach Schluß der Versammlung fand eine Feier im Schwarzen Adler, an der sich unsere Genossen nicht beteiligten, statt. Alsdann wurde die Einführung deS wiedergewählten Ratsherrn I. de Martincourt vollzogen. Der Aufnahme einer Anleihe von 349 999 M. von der Niederbarnimer Sparkasse zum Bau des Waffer- Werkes gab die Versammlung ihre Zustimmung, desgleichen der weiteren Anschaffung von 15 Betten für das Krankenhaus. Die von Herrn Fl. Jahn angelegten neuen Straßen 14, 15, 16 und 17 wurden durch die Versammlung für die Stadt abgenommen unter der Be- dingung, daß außer der Kaution von 5909 M., welche für etwaige Reparaturen auf fünf Jahre zu hinterlegen sind, noch eine Nebenkaution von 899 M. zu zahlen ist, welche als Entschädigung für eine Parzellenbesitzerin und zur Anpflanzung von Bäumen für einen Teil der Straße vorgesehen find.— Der MagistratSborlage betreffend den Abbruch eines Teiles der Stadt- mauer an der Klementftraße stimmte die Versammlung zu. Vom Magistrat wurde bekannt gegeben, daß der Anregung deS Genossen Helbig, eine Besichtigung de? Liepnitz-Restaurants vorzunehmen, ob Trockenfäule oder Schwamm in den Dielen und Treppen vorliege, stattgegeben ist; die Bankommission hat die Besichtigung vor« genommen und denselben Holzteile entnommen. Auch der Unter- nehmer Bach, welcher den Bau ausgeführt hatte, sei zugegen gewesen, derselbe habe fich bereit erklärt, die defekten Teile durch neue z» er« setzen. Eine Probe des morschen Holzes ist an da? Material» uinersuchungsaml gesandt worden, welches'.r die Unlersucbung 199 M. gefordert habe. Dieser Preis fei aber der Baukoinmission zu hoch erschienen, weshalb von dem Gutachten Abstand genommen wurde. Die Genossen Werner und Helbig beantragten, daß die 199 M. geopfert würden, da unter Umständen für die Stadt durch das Gutachten ein größerer Vorteil herauskommen könne, als die 199 M. ausmachen. Diesem Antrage wurde auch stattgegeben. Gerichte-Zeitung. Seltsame Liebesafsäre eines Generals. Vor der Ferienkammer des Berliner Landgerichts I gelangte am Montag unter dem Vorsitze des Landgerichtsdirektors Blanken- stein ein sensationeller Prozeß zur Verhandlung, in dessen Mittel- Punkt der frühere kommandierende General v. G., ein Sproß des Hessischen Uradels und Sohn eines Präsidenten der ehemaligen Deutschen Nationalversammlung, steht. Von ihm verlangt die Gattin eines seiner früheren Untergebenen, eines Premierleutnants M. in Berlin die Zahlung von verauslagten Pflegegeldern in Höhe von 129 999 M. mit der Behauptung, daß die beiden von ihr außerhalb der Ehe geborenen Kinder, ein 14jähriges Mädchen und ein 7jähriger Knabe, Kinder des Generals z. D. v. G. seien, zu derem standesgemäßen Unterhalt er sich nach Eingang des Liebesverhältnisses mit der Pflegerin bereit erklärt habe.— Die Einzelheiten, welche in der heutigen Verhandlung zur Sprache kamen, erinnerten lebhaft an die Ergebnisse deS Schönebeck-Prozesses in Allenstein, und wenn die vorliegende Angelegenheit auch nicht so tragisch in ihrem Ende verlaufen ist, so erscheint sie desto grotesker in ihrer Entstehung und mit Rücksicht auf die Stellung und Hand- lungsweise der beteiligten Personen. Es war im Jahre 1895, als sich zwischen dem damaligen Hauptmann v. G. und der Gattin seines Premierleutnants v. M. in Berlin ein Liebesverhältnis entspann, das lange Jahre währte. Ein ihnen günstiger Stern fügte es, daß der Liebhaber und der Gatte später in das gleiche Bataillon kamen, der eine als Kam- mandeur, der andere als Major. Hier nahm der Berkehr seiaen ungcstörtea Fortgang. Genau wie im Falle Schönebeck konnte der Ehemann» mit verschränkten Armen zusehen, wie seine Ehefrau, die Mutter dreier Kinder, mit welcher er bis dahin in glücklichster Ehe gelebt hatte, unterhalten wurde. Von seiner Frau fich trermen konnte er nicht, da sie daS Vermögen in die Ehe eingebracht hatte, und er als Sohn eines, wenn auch hoch- gestellten, preußischen Beamten über Mittel nicht verjagte. Der Zwang wurde um so drückender, als der Verführer sein Borgesetzter war und daher seine Karriere auf dem Spiel stand. ES log nahe, daß der Kommandeur seinen Untergebenen vielfach dienstlich außerhalb verwandte, um sich seinem LiebeSleben mit dessen Ehe« frau desto ungestörter hingeben zu können. Als der Ehemann späterhin erkannte, daß seine militärische Karriere ihrem Abschluß nahte, verließ er bei Nacht und Nebel Frau und Kinder, nahm seinen Abschied und begab sich in daS Ausland, um dort uner- kannt sein Dasein weiterzuführen. Das Liebesverhältnis seiner Frau mit dem inzwischen zum General avancierten General v. G. war nicht ohne Folgen geblieben. Es entsprangen ihm eine Tochter und sechs Jahre später ein Sohn. Nach der Geburt des letzteren suchte der General seine Geliebte zu veranlassen, sich von ihrem Manne zu trennen, unter der Zusicherung, dem Ehemann für seine Einwilligung zu seinem Gehalte einen jährlichen Zuschuß von 2999 Mark z» zahlen. Selbstverstänidlich wollte der General die Kosten zur Unterhaltung der Ehefrau und der beiden Jüngsten, von ihm er- zeugten Kinder zu seinen alleinigen Lasten tragen. Auf diesen Vorschlag ging der Ehemann nicht ein. Jahre gingen dahin. Die Frau mit den beiden Kindern verzehrte ein kleines, ihr von ihrem Vater verbliebenes Vermögen. Ihr Ehemann kümmerte sich nicht um diejenigen Kinder, als deren Erzeuger sich ungeniert sein Vor- gesetzter bekannte, der durch den Tod seines Schwiegervaters in die Nutznießung eines nach Millionen zählenden Vermögens ge- langt war. Vielmehr beschränkte er sich darauf, seine spärliche Offizierspension für die Erziehung seiner richtigen Kinder zu verwenden. Das Verhältnis des Generals mit seiner Geliebten erlitt dadurch einen Bruch, daß der erstere sich inzwischen ge- zwungen sah, seine Haushälterin zu heiraten» die bei ihm mit einem Salär von 59 M. bedienstet war. Er wurde hierauf prompt zur Disposition gestellt und fungiert gegenwärtig als Vorsitzender des AufsichtSratS der von seinem Schwiegervater begründeten Aktiengesellschaft im Rheinlande. Als die Mutter mit ihren beiden unmündigen Kindern nun- mehr nach Aufzehrung ihres Vermögens an den natürlichen Vater herantrat und ihn an seine Versprechungen erinnerte, wurde sie abgewiesen. Nur die jetzige Ehefrau des Herrn v. G. erbarmte sich schließlich und erbot sich, einen Betrag von 9999 M. zu zahlen, aber auch nur, wenn versprochen wurde, an ihren neugebackenen Ehemann nicht mehr heranzutreten und auf die Aufrechterhaltung einer zugunsten der beiden Kinder aufgenommenen LebenSvev- sicherung in Höhe von 15 999 M. zu verzichten. Eine derartige Zumutung sah aber die Geliebte des Generals nicht als Erfüllung der von diesem eingegangenen Verpflichtungen an und erhob nunmehr durch den Rechtsanwalt Linnartz(Berlin) Klage auf Zahlung vo» verauslagten Pflegegeldern in Höhe von über 120 099 Mark, unter Zugrundelegung einer standesgemäßen Verwendung von 1999 M. pro Monat. Die Verhandlungen drehten sich um den Erlaß einer einst» weiligen Verfügung gegen Herrn V. G., der gegenwätig sein Schloß in der Eifel bewohnt und fanden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Die Aufrollung der ganzen Angelegenheit hat übrigen» er- geben, daß Herr v. G. auch noch in einem anderen LirbeSfalle eine sehr merlwürdige Rolle gespielt hat, und zwar hat sich dieser bereits Anfang der 99er Jahre ereignet. Damals erschoß sich in Berlin der sehr talentierte Karlsruher Maler v. M., nach. dem er unmittelbar vor seinem Tode dem General v. G. den Hausschlüssel seiner Wohnung übersandt hatte mit dem Bemerken, daß er ihm die bisher sehr schwierig« Passage zu seiner, v. M.'S Frau, erleichtern wolle. Der Fall, der damals sehr diel Staub aufwirbelte, hatte die Entfernung des Herrn v. G. auS dem Graß«» Generalstabe und seine«ersehnng nach Köln zur Folge, hindert« aber nicht daS weitere Aufsteige« be» damaligen Major» zu« General. Nach längerer Verhandlung beschloß der Gerichtshof, daß daS Urteil in einem besonderen Termin verkündet werden solle.— Wir werden über den Fortgang dieses auch juristisch interessanten Prozesses v-eitex berichten,— i" Eingegangene Druchfcbriften. Der deutsche Michel. Von C. Duodcrich. Preis 2 M. Teutonia- Verlag, Leipzig. Fürsorgewesen. Acht Borträge. Herausgegeben von Hofrat Joseph Meier. Preis 3 M. Verlag der.Aerzilichen Ziundfchau-, iutto Gmclin, München. Frauen-Zukunft. Eine Monatsfchrist von Gabriele v. Lieber, Mein Hammerschiag, H. Dorn. Vierteljährlich 4 M. Fraucnverlag München und Leipzig. Die Irreleitung der öffentlichen Meinung in der Manues- maun-Angelegenheit von Pros. Dr. Kampffmeyer. Preis 1 M. Verlag von Süsserott, Berlin W. 30. Die wirtschaftlichen und sozialen Berhültniffe in der schwriz. Heimarbeit. Zweites Hcst(erste Hälste). Die Heimarbeit in der Seiden- induslric. Von Jac. Lorenz. 2S3 Seiten. Kommissionsverlag der GriUIi- buchhandlung Zürich.,„., .März«, Halbmonatsschrist für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma und Her-mann Hesse. Erstes Augusthest 1910. Preis 1,20 M. Verlag von Albert Longen in München. Erlebnisse einer Pvlizeiassistcntin. Von Schwester Henriette Arendt. Preis geh. 2,—, geb. 2,60. Verlag: Süddeutsche Mouatsheste, München. Die Schönheit. Hcst 1. Herausgegeben von Karl Vanselow. Jährlich IL Hcste 10,—. Verlag Berlin SW. 11. -Der Arbeitsnachweis in Deutschland. Preis 40 Ps. Verlag der .Westdeutschen Arb.-Ztg.", M.-Gladbach. Was habe» wir am Hansabund? Preis 25 Ps. VollSvereinS- Verlag, M.-Gladbach. Die Arbeiterfrage gelöst. Von Dr. I. Schollenberger. Eme Kundgebung an alle Länder und alle Parteien. Preis 60 Ps. Verlag von O. Höring, Berlin 8V. 29. � Bist vn Sozialdemokrat? Von Bruno Kühn. Preis 20 Ps. Selbst- Verlag. Gotha.' Arbciter-Sekrctariat Bremen. Zehnter Jahresbericht 1909. Selbst- Verlag des Arbciter-SckretariatS Bremen. Ophelia in der Probinz. Von Marcel Prevost. Zwei Novellen. Umschlagzeichnung von Emst Hcilemann. Preis geh. 2,50 M, geb. 4,— M. — Pierre und Therese. Von Marcel Prevost. Roman. Unischlagzeichnung von Ernst Heilemann. Preis geh. 4,— M., geb. 5,50 M. Verlag von Albert Langen, München. Festschrift. Zum 25jährigen Bestehen der Organisation der Bau- hilssarbeiter in Hamburg und Umgegend. 1385 bis 1910. Verlag: Verband der Bauhilssarbciter, Zwcigvercin Jahresbericht des' Sozialdenioliatischen Vereins Nürnberg- Altdors. Vom 1. Juli 1909 bis 30. Juni 1910. Fränlische Verlags- anstalt und Buchdruckerei G. m. b. H., Nürnberg. Jahresbericht des Zentralverbandcs des Sozialdemolratischen Zentral- Vereins für den sechsten schlcs>viq-hol steinischen Reichs- tagswahlkreis vom 1. Juli 1909 bis 30. Juni 1910. Verlag: Emil Eilten, Ottensen. Bericht über die Partcibewegung im Wahlkreise Fricdb erg» Büdingen vom I. Juli 1909 bis 30. Juni 1910 nebst Abhandlung über die Reichslagsnachwabl. Verlag: Schäfer u. Schmidt, Friednchsdors. Balzacs. Menschliche Komödie. Band 11 und 12. Jeder Band geh. 4.— M., geb. in Leinen 5,— M., in Lcder 7,— M. Jnsel-Veriag. Leipzig. „Zeitschrift für Politik.« H�rausgegegen von Dr. Richard Schmidt und Dr. Adols Grabowsky. Jährlich cl-stheint ein Band(40 Druckbogen) in vier Heften zum Preise von 16,— M. Rechts- u. Staatswisscnsch.-Veriag Carl Heymann, Berlin W. 8._ Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballen-Direttion über den Grotzbnndel in den Zcnwal-Marktballcn. Marktlage: Fleisch: fufuhr reichlich, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zusukr esricdigend, Geschäft schleppend, Preise gedrückt. Gel lüg el: Zusuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise ziemlich besricdigend. Fische: Zusuhr mäßig, Geschäst schleppend, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südsrüchte: Zusuhr reichlich, Geschäft slau, Preise wenig verändert. Wetterprognose für Mittwoch, de» 17. August 1910. Vielfach wollig ohne erhebliche Niederschläge am Tage mäßig warm. Berliner Wette rbureau. WitterungSnberstcht vom 16. August 1910, morgens S III);. Etatwnen � S a 2 Si-i 4=> ZZ i| Lwuiemde!760SO Hamburg iT61SS2 Berlin s760SW Franks. a M.:764 SW Aüncheu 766 SW Wien: 764 W S Setter 2 Regen 4 beiler 3 bedeckt 2 heiter 4 Ziegen 4 wolkig E 5- «II g» HSj Etationen »R C* f" L? M« Haparanda 75891 2 heiler 10 Petersburg 759 WSW 1 wolleiii 11 Scillh!76!iLSW 3hnlbhd. 15 Werdec» s758W! I iuollig: 13 Paris 767 SSO z 1 heiter 14 WafferstauvS-Nachrtckiten der LandeZanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wctterbureau. Wasterstand M c m e l. Tilstt V r c g c I, Jnsterbiurg Weichsel, Tboru Oder, Ratibor , Krosien , Frankiurl Warthe, Schrimm . Landsbcrg Netze, vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barbv , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Svrenrberg') , Leeskow Weser, Münden , Minden Rhein, MnyimilianSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Wcrtheim Mosel, Trier am 15. 8. 114 80 63 148 139 -43 49 606 398 399 94 95 seit 14. 3. ein') 0 +10 +1 —5 +2 — 8 — 9 — 32 +17 +10 +10 -20 + bedeutet WuchS,— Fall.') Untervegel. jZEDtralkoniissoaWraiikeii- Ikassea Berlins u. 1 Vororte. Am 14. August 1910 starb nach 1 kurzem Krankenlager unser Mit- | glied Richard Gregorius (Reichenberger Str. 17). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet'am I Donnerstag, den 18. August, nachmittags 5 Uhr, von de: Leichenhalle des St. Thomas- Kirchhofes in Rixdorf, Hermann- | straße, aus statt. 288/20 Um rege Beteiligung bittet I Oer g«»etiZtl»tiihe«viIo AuesofiuB. Deutscher Metallarbeiter-Verhandl Verwaltungsstelle Berlin. Todea• Anaclgc. Den Kollegen zur Nachricht, daß! unser Mitglied, der Gürtler Richard Gregorius am 14. d. MtS. an Zuckerkrankheit I gestorben ist. 120/2 j Ehre seine« Andenken! Die Beerdigung findet am s Donnerstag, den 18. August, nach« mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Thomas-Kirchhofes in| Rixdors, Hermannstraße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet Die Ortöverwaltnng. I �Ilpeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter (8. H. Nr. 29, Hamburg). Mliale Berlin S. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser langjähriges Mitglied und Revisor Richard Gregorius am 14. August verftorben ist. Ehr« seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. August, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des St. ThomaS-KirchhoseS in Rixdors, Hermannstraße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet Hie Ortsverwattung. Zentral- Verband der Maurer Deotseblands. Zwelgrereln Berlin. Sektion der Putzer. Unseren sowie den Mitgliedern deS Gesangvereins der Putzer hiermit zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied Karl Rolle am 15. d. MtS. im 70. Lebens- jähre nach langen Leiden ver- starben ist. Ehresetnem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. August, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Thomas-KirchhoseS in Rix. darf, Hermannstraße, aus statt. Um rege Beteiligung der Mit- glieder ersucht 134/1 Tie örtliche Berwaltnug. Allen Verwandle», Bekannten und Genosien zur Nachricht, daß am Sonntag, den 14. August, abends 7 Uhr, meine liebe Frau und unsere gute Mutter Klara Schneller geb. Psuhl im Alter von 74 Jahren ver« storben ist. Die» zeigen ttesbetrübt an frloilricli Schneller nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. August, nachmittags 3>/, Uhr, von der Leichenhalle des Rixdorser Kirch- hoss am Mariendorser Weg aus statt. Allen Freunden und Bekannten 1 die traurige Nachricht, daß meine i inniggelieble Fra», unsere treu- I sorgende Mutter und Schwester, Frau 392b Hartha Gamm geb. B ax am Sonntag nach langen, schweren Leiden verschieden ist. Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. August, nachmittags 3 Uhr, von der Halle Ides Schöneberger Gemeinde- Frtedhoses, Blanke Hölle, aus statt. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine inniggeliebte Frau, unsere herzen?- gute Mutter, Schwieger- und Großmutter Elisabeth Winter nach kurzem aber schwerem Leiden am Mittwoch, dm 10. d. M., ver- storben ist. 393b Für die Hinterbitebenen Karl Winter, Kaiser Friedrichstr. 14. Die Beerdigung findet heute Mttwoch, nachmittags 6 Uhr, von der Halle de« Friedhofes in der Maxsiratze auD statt. Am 15. August verschied unser langjähriger Mitarbeiter, der Korrektor Alexander Genzel im 67. Lebensjahre. 395b Ein ehrendes Andenken be- wahrt ihm Das personal der Buohdruclcerei i. Harrwitz Nachf. Beerdigung: Donnerstag nach- mittag 6 aus dem Dom-Kirchhose in der Müllerstraße. Zentralverband deutseber Brauerei-irbeiter. Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Brauer Laiid�ix Höse (Schloßbrauerei Schöneberg) im Aller von 49 Jahrm ge- storben ist. Ehre seinem Audenkeu! Die Beerdigung findet am Domieritag, den 18. d. M., nach. mittags 5 Uhr, von der Leichen. Halle de» Heiligkrmz-KirchhofeS In Mariendorj, Eisenacher Straße 62, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet Hie Ortsverwaltung. Zentralverein aller in der Hut- uillzwarenbranehebeschältigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Filiale Berlin. Nachruf. Unser treues Mitglied, der Hut- macher Raul Ee�lcum ist am 12. August verstorben. Ehre setnei» Andenke»! Ber Vorstand. Männergesangverein Riidorl. Die Mitglieder treffen sich Mittwoch '/,4 Uhr zur Beerdigung der Frau des SangesbruderS I�reiSlIlg� am neuen Rixdorser Kirchhof, Ma riendorser Weg. Rege Beteiligung er- wartet Der Borstand. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutler sagen wir unseren ttesgesllhlten Dank; besonders den Kollegen, der Zahl- stelle Osten der Freien Vereinigung der Musilinslrumenlen-Arbeiter und den Mitbewohnern deS Hauses Warschauer Straße 3. 5122 Paul Krlscbfce und Kinder. Arbritsunehweiö: Verwaltungsstelle Berlin. Hnnvtburen»: Hos l. Amt 3. 1239. ChariMstraBe 3. Hos HL Amt 3. 1987. Donnerstag, de« 18. Angust 1910, abends 8Va Uhr: Allgemeine Versammlung der in Eisengießereien beschäftigten Putzer und Schleifer in den Bora««!»- Stilen, Ackerstraße 6/7. Tag es-Ordnung: 119/20 1. Vortrag des Kollegen BobertBabn. 2. Diskussion. 3. Berufsangelegenheiten. Zahlreichen Besuch erwartet_ Ple Ortaverwaltnng. Zentralverband 1« Dachdecker - VeptvaHuiijxsstclle Berlin.------ Donnerstag, den 18. August 1910, abends 8 Uhr, Weiustraße 11 bei Glrande: Versammlung."MV Tages-Ordnung: 54/2 1. Vortrag deS ReichStagSabgeordneten Genossen Karl IjCgleu über:»Der Kampf der Unternehmer gegen die Arbeiterverbiinde.« 2. Verbandsangelegenheiten. Vollzähliges Erscheinen der Mitglieder erwartet Der Bor st and. MosentliaKeK' Hof Rasenthaler Str. 11/12. Jnh! Otto Schilling. Telephon Amt III 2438. Empfehle meine Säle u. Perelnszimmer zu Festlichkeiten u. Versammlungen. Einige Sonnabende und Tnnuiage»och frei. 6082» Zlvbel, Spiegel n. Polstern uren Julius Krause wsommn 1 nn xii— Kastanien Allee i -------- So. 4tO.------ Kompl. Wohnungseinrichtung� zu anerkannt soliden Preisen ------------- Teilzahlung gestattet. Soeben erschienen: Der Xlassenbampf des Proletariats von Parvas. Heft V. Die Arbeiterschaft und das Untsrnehmertum. - Preis 85 Pf. Vorher sind erschienen: Hefti: Der ßewerksckaftlielie Jtotnpf. 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