Ar. 193. flbonncmcntS'Bcdingungcn; fffi onncmenlS> Preis pränumerando i Wicrtcijährl. 3,30 Mä, mono». 1,10 23!!., wöchentlich 23 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- iwonncment: 1,10 Mark pro Monat, Eingetragen in die Poft-ZeiMnas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PoslabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 27. Jahrg. GWelnt lsgüch außer montagt. Berliner Volksblnkk. Die TntertionS'GcbüIjr Beträgt für die fechsgefpaltene Kolonel« zeile oder deren Raum 50 Psg., für politische und gewerkschastliche Vereins- lind Versamnilungs-Anzcigen 80 Pfg. „kleine Tinzeigen", das erste tsett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigen dgs erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhrnachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöfsnet, Telegramm. Adresse: „SoiiallUiiiolirat Bulio* Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfcblands. Redaktion: 8QL 68, Llndcnstrasse 69» Fernsprecher: Amt TV. Nr. 1983. Freitag, den 19. August 1910. Expedition: 8M. 68» Lindcnstraesc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Der internationale Bergarbeiter» Kongreß in Brßüel. Am 8. August trat in Brüssel im Volkshause(Maison du Peuple) der 21. internationale Bergarbeiterkongreß zusammen. Die Verhandlungen des Kongresses haben im Gegensatz zu manchen anderen Jahren einen lebhaften Wider- hall und eine gründliche Beachtung in der Presse gefunden. Was gtuoiß darauf schließen läßt, daß die Internationale der Bergarbeiter marschiert: Die Bedeutung dieser Internationale wird von den Außenstehenden immer mehr und mehr an- erkannt und berücksichtigt. Noch offenbarer würde die Bedeutung der internationalen Bergarbeiterkongresse hervortreten, könnten sich die einzelnen Sektionen einigen über die Fristen der Einberufung der internationalen Bergarbeiterkongresse. Die deutschen und die österreichischen Bergarbeiterorganisationen und neuerdings auch der holländische und der bulgarische Ver- band treten dafür ein, daß die Kongresse alle zwei Jahre abgehalten werden sollen; die Engländer, Franzosen und Belgier sind für alljährige Kongresse. Die letzteren sind die Mehrheit und so kommt es, daß die internationalen Berg- arbeiterkongresse bis auf weiteres noch alle Jahre stattfinden werden. Die Folge ist eine lückenhafte Vertretung der einzelnen Nationen. So hatte in diesem Jahre Oesterreich von einer Delegation vollständig abgesehen und auch aus Deutsch land waren nur 4 Delegierte in Brüssel anwesend, wovon 3 dem Bergarbeiterverband und einer der polnischen Berufsvereinignng angehörten. Der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein der Berg arbeiter beglückivünschte in seinem Organ den Kongreß zu seinen Arbeiten, hielt aber mit einer Delegation gleichfalls zurück. Auch die früher vertretenen Amerikaner waren nicht erschienen. Man kann nicht sagen, daß die Gründe, die die Eng- länder und Franzosen für alljährliche Kongresse anführen, be- sonders stichhaltig sind. Die Engländer und Franzosen folgen mehr der T r a d i t i 0 n, die ihren Ländern eigen ist: Viele Zusammenkünfte, viele Aussprachen I Gewiß schaden solche Aussprachen nicht, aber Deutschland ganz besonders zeigt, daß es auch ohne jährliche Kongresse der einzelnen Organisationen geht. Fast alle Verbände sind hier dazu übergegangen, die Kongresse und Generalversanimlungen alle zwei oder drei Jahre stattfinden zu lassen. Wir Iveisen ferner auf die drei- jährigen Periode» der deutschen allgemeinen Gewerkschafts- kongresse und der internationalen Sozialistenkongrcsse hin. Sie beweisen, daß langjährige Perioden möglich sind. Und erst recht könnten die Perioden für die Abhaltung der Kongresse der Bergarbeiter verlängert werden, da auf ihnen fast durch- weg alle Fragen der vorhergegangenen Kongresse immer wieder zur Erörterung gelangen. Die Gegenstände der Be.» ratung sind fast stets dieselben. Die internationalen Berg- arbeiterkongresse sind mit ihnen recht stark und a l l z u st a r k belastet. Eine Folge, dieser starken Belastung ist, daß die einzelnen Fragen nur kurz und oberflächlich besprochen werden können, wodurch die Kongresse an innerem Wert nichts gewinnen, wohl verlieren können. Nach letzterer Richtung hin soll eine Besserung eintreten, was sehr zu ivünschen ist. Finden wir uns nist der Tatsache der alljährlich wieder- kehrenden Kongresse ab, so ist ein Fortschreiten der Arbeiten dieser Kongresse unverkennbar. Die Vertreter der einzelnen Nationen haben sich immer näher und näher zusamniengefnnden, sie lernen sich und die Verhältnisse ihrer Nationen besser verstehen. Die Engländer, Franzosen, Belgier usw. haben längst aufgehört, den Deutschen fremd zu sein und umgekehrt ist das gleiche festzustellen. Höchst interessant sind z. B. die Darstellungen über die Entwickelung der Gesetzgebung, der Durchführung der einzelnen Bergarbciterforderungen in den einzelnen Län- dern. Manches, was hierüber gesagt wird, wirkt erfreulich, aufmunternd und anregend für die einzelnen Sektionen. Nur hieraus könnte ein gewichtiges Argument für die jährliche Wiederkehr der internationalen Bergarbeiter- kongresse hergeleitet werden. Darum halten ivir eine völlige A b st i n e n z in der Beschickung der Kongresse, wie sie dies- mal durch die österreichische Bergarbeiterunion geübt wurde, für verfehlt. Als Verhandlungsgegenstände des Brüsseler Kongresses finden wir die Fragen der Arbeiterinspektoren, der Verstaatlichung der Bergwerke, der Regelung der Löhne, der Berggesetzgebung, der Frauen- und Kinderarbeit, ver Regelung der Arbeits- zeit in den Bergwerken, der Altersrenten, der Unfallentschädigung, der Regelung der Produktion und andere bergmännische Fragen. Seit einer Reihe von Jahren wird auch die Frage des Weltfriedens angeschnitten. Als die letztere zum ersten- mal zur Tagesordnung gestellt wurde, war man darüber im Zweifel, ob diese Frage auf einem Bcrufskongreß angeschnitten werden dürfe. Der Charakter der Jnternatio- nalität der Kongresse sowie die furchtbar ein- schneidenden Wirkungen des Militarismus und des Krieges auf das ganze Volksleben der Nationen haben diesen Zweifel behoben. Durch den gerüsteten Frieden. mehr noch durch den Krieg wird das ganze wirtschaftliche Leben einer Nation aufs tiefste erschüttert und darum ist die Kriegs frage und was da drum und dran hängt mit eine Wirt- schaftliche Lebensfrage, an die auch die Berg arbeiter nicht stillschweigend vorübergehen können. Dem Besucher der Internationalen Bergarbeiterkongresse ist es schon bekannt, daß mit der Erörterung der Kriegs- und Friedensfrage der Höhepunkt der Kongresse erreicht wird. Die Delegierten stellen sich vollzählig ein und atemlos lauscht man den Worten der einzelnen Sprecher, die dahin aus' klingen, alles zu tun, um den Frieden der Völker zu ev halten. Es fehlt darin auch nicht an heftigen An' griffen gegen die Kongresse und die einzelnen Redner. Diese Angriffe haben sich auch nach Brüssel wieder eingestellt. Die Organe der Erbswursthändler und Panzerplattenfabrikanten schreien laut auf über die Friedenskundgebung des Bergarbeiter kongresses in Brüssel. Einige der literarischen Trabanten der Kriegshetzer schreien gar nach dem Staatsanwalt. Lächer liches Beginnen I Der deutsche Redner soll zum bewaffneten Widerstand im Falle einer Mobilmachung aufgefordert haben, weil er ausführte, daß man„den letzten Blutstropfen gebrauchen werde, um dem Völkermord ent' gegen zu wirken!" Die Schreiber der Scharfmacher presse sehen die Barrikaden erstehen, den Bürgeraufruhr, den Weltstreik und was'sonst noch I Und doch waren die Aus führungen des deutschen Redners nichts anderes, als die Beteuerung, daß die deutsche aufgeklärte Arbeiterklasse alles daran setzen will, um den Kriegshetzern, wie sie sich in diesen Wochen ganz besonders bemerkbar gemacht haben, das Handwerk des Hctzcus zu legen. Jawohl, mit aller Kra f t u n d m it d e m l e tz ten Blutstropfen, der die Persönlichkeit und die Masse des Volkes erfüllt, soll dem K r i e g s g e s ch r e i der Wille des Volkes, den Frieden zu erhalten, ent gegen gestellt werden. Die Kriegsschreier sind nicht das Volk, das sollen sie selbst und das sollen alle diejenigen, denen es angeht, wissen und enipfinden. Wenn die Staatsregierung und der Staatsanwalt Aufgaben zu erfüllen hat, dann doch nur diese, die Kriegshetzer im Zaume zu halten. Das ist eine edle Aufgabe, des Schweißes und des Dankes wert. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die Fragen der Bergarbeiter hier berühren, die der Kongreß in Brüssel am geschnitten hat. Die„Vorwärts"lescr sind durch die Wieder' gäbe der Verhandlungen durch den„Vorwärts"bericht orientiert. Nur zwei Fragen seien hier näher erwähnt, die ihre Ev örterung und vorläufige Erledigung auf dem Kongreß fanden. Die eine Frage.betrifft den Arbeitstarif und den Minimallohn in Bergwerken. Seit Jahren bemühen sich die Werksschreiber— Berg assessor H i l g e n st 0 ck, Dr. H e r b i g n. a., um nachzu- weisen, daß es besonders für den Steinkohlenbergbau un möglich sei, einen L 0 h n t a r i f mit den Bergarbeitern abzuschließen! Die Flözverhältnisse ließen das nicht zu. Im übrigen wird von diesen Herren betont, daß selbst in England der Tarif mit dem Minimallohn nicht allen Berg seilten, für die Tarif und Minimallohn gelten, zugute komme. Die Engländer erklärten beides für falsch. Der Minimallohn werde allen in Frage kommenden Bergleuten gezahlt, die Flözverhältnisse, die in England oft genug komplizierter seien als in anderen Ländern, hindern die Abschließung der Tarife keineswegs I Mit dieser Erklärung der englischen Bergarbeiterdelegierten sind die hauptsächlichsten Waffen der deutschen Grubenbesitzer gegen die Abschließung von Lohntarifcn völlig stumpf geworden. Die viele Tinte, die sie gegen die Tarife verschreiben ließen, hätte man sich also sparen können. Die zweite Frage betrifft die Frauen- und Kinder- arbeit. Der englische Delegierte, der für sein Land die Angelegenheit behandelte, verwarf mit scharfen Worten die Frauenarbeit auf den Bergwerken, aber über die Kinderarbeit schwieg er sich aus! Die Kinderarbeit existiert aber in Eng- land in nicht geringeni Umfange, keiner kann es ver- stehen, warum die großen britischen Berg- arbeiterorganisationen nicht schon läng st die Beseitigung dieser Kinderarbeit herbei- geführt haben. Ja. warum man sich scheut. an die Erörterung dieser Frage auf den Berg- arbciterkongrcsscn heranzugehen. Nicht, daß es in Eng- land keine Leute gibt, die die Kinderarbeit im Bergbau nicht verurteilten. Sie sind zahlreich und waren auch auf dein Kongreß vertreten. Aber sie haben in ihrer Heimat nicht die Macht, die konservativen Anschauungen der Bergarbeiter in dieser Frage zu brecheu. Lakonisch antworten uns noch in Arbeit stehende Delegierte, die Berg- arbeiter in England müßten ihre Kinder(bis zum 12 Jahre herab) mit in die Grube nehmen, da der Lohn von 6und 7 Shilling oft nicht ausreiche, die Familie zu erhalten! Diese Antwort ist sehr bedauerlich, um so mehr, als in Deutschland bei viel geringeren Löhnen und höheren Lebensmittelpreisen die aufgeklärten Arbeiter niemals ihren Kindern die Lebenssoune stehlen würden, um sie mit der Nacht und dem Elend des Bergbaues zu er- tauschen. Es war darum eine h e r b e K r i t i k. die sich die englischen Bergleute auch in Brüssel gefallen lassen mußten. Hoffentlich wird diese Kritik später nicht mehr nötig sein. Die englischen Bergarbeiterorganisationen niüssen alles tun, um diesen Schandfleck von sich zu entfernen. Sie müssen eine fortgesetzte, energische und großzügige Agitation gegen die Kinderarbeit entfalten. Geschieht das, dann wird dieser dunkle Punkt in den Debatten der Internationalen Bergarbeiter- kongresse schon verschwinden. Was wir aus vollem Herzen wünschen._ Danfabund und Sozialdernoltratie. Wie wir bereits gestern berichteten, hat zwischen dem Präsidenten des Hansabundes, dem Gehcimrat Dr. Rießer. und einem Münchener Mitglied des Bundes, dem Freiherrn W. v. Pechmann, ein brieflicher Meinungsaustausch über das Verhältnis des Hansabundes zur Sozialdemokratie statt- gefunden, der interessante Streiflichter auf die Ziele wirft, welche die Leitung des Hansabundes verfolgt, und zugleich an dem Beispiele des halbagrarischen, die linksliberale Strömung auf äußerste hassenden Freiherrn v. Pechmann zeigt, welche reaktionären Elemente der Hansabund in seinen Reihen birgt. Nach den Münchener„Neuest. Nachr." hat am 26. Juni Herr v. Pechmann aus Bad Gastein an Geheimrat Rießer geschrieben: Ich spreche an dieser Stelle nicht davon, was für das Vater« land, auch nicht davon, was für den Liberalismus selbst auf dem Spiele steht, von dem nichts gewisser ist, als daß er sich selbst vernichtet, wenn dem vielberufenen„Zuge nach links" nicht bald und mit aller Entschiedenheit Einhalt getan wird, Ich komme heute und hier nur auf die Frage zurück, ob denn für das„erwerbstätige Bürgertum", das der Hansabund vertreten will, etwa nichts auf dem Spiele steht, wenn man fortfährt, unter dem Namen des Kampfes gegen die Reaktion das Deutsche Reich an die Sozialdemokratie zu verraten. Unzweifelhaft gibt es doch auch für das„in Industrie, Handel und Gewerbe tätige Bürgertum", und gerade für dieses, keinen gefährlicheren, Ivas sage ich, keinen auch nur annähernd gleich gefährlichen �feind wie die Sozialdemokratie; und wenn der Hansabund die bürgerlichen Interessen wahrnehmen will, muß er das ganze Schwergowicht seines Einflusses aufbieten, um alle für diesen erreichbaren Kräfte unseres öffentlichen Lebens zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie anzurufen und z» sammeln. Wenn der Hansabund hier versagt; wenn er nur eine Kampfstellung nach rechts kennt und keine nach links, so heißt das nichts anderes, als daß er das Bürgertum, als dessen Vor- kämpfer im öffentlichen Leben er sich aufgeworfen hat, einer Partei preisgibt, von der alle, aber auch alle Existenzbedin- gungen eben dieses Bürgertums theoretisch verneint und prak« tisch auf Leben und Tod bekämpft werden. Ich würde es mit meinem politischen Gewissen nicht ver- einbaren können, dem Hansabunde länger anzugehören, wenn er länger unterlassen sollte, sich zum offenen Kampfe gegen die Sozialdemokratie offen und rückhaltslos zu bekennen. Darauf antwortete am 5- Juli Herr Dr. Rießer: Ihre geschätzten Zeilen vom 26. vorigen Monats bringen Bedenken zum Ausdruck, die gewiß von mancher Seite geteilt! werden. Sie beziel)en sich indessen in so hohem Maße aus- schließlich auf das Gebiet unserer Partei Politik, daß der Hansabund sich mit seinen Satzungen und sonstigen programma- tischen Erklärungen iu Widerspruch setzen müßte, wenn er dieses Gebiet betreten wollte. Der Hansabund ist eine zum Schutz und zur Förderung der gomeinsamen Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie begründete wirtschaftliche Vereinigung, welche Po- litische Ziele nur insoweit verfolgen kann, als sie durch sein Wirtschaftsprogramm bedingt sind, sich demgemäß weder in einen direkten Parteikampf einlassen, noch auf eine bestimmte Partei« richtung festlegen kann.- Wenn mir nicht die von Ihnen in Aussicht gestellte Ver- öffcntlichung unseres Briefwechsels im Interesse unserer gemein« samen Sache Reserve auferlegte, würde ich die vorerwähnten Gründe, die ich für ausschlaggebend halte, gerne noch durch weitere Ausführungen ergänzen. Ich möchte aber betonen, daß Ihr Vorschlag, der Hansabund möge„alle ihm erreichbaren Kräfte unseres öffentlichen Lebens zum Kampfe gegen die So- zialdemokratie aufrufen und sammeln", nach meiner Heber- zeugung überdies ein Versuch mit untauglichen Mitteln wäre. Das nicht zu leugnende, insbesondere bei den letzten Reichs- tagsersatzwahlen zutage getretene Ueberlaufen zahlloser Ele- mente aus dem bürgerlichen Lager zur Sozialdemokratie hat ohne jeden Zweifel seine wesentlichste Ursache in der bis zur Er» bitterung gesteigerten Unzufriedenheit dieser Elemente mit der heutigen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Es kommt lediglich darauf an, diese Ursache zu beseitigen, Diese Antwort befriedigte Herrn v. Pechmann nicht. Er entgegnete am 9. Juli: Ich kann nichts anders, ich muß mir noch einmal die Frage erlauben, ob es mit dieser Verantwortung in Einklang zu bringen ist, wenn der Hansabund in einer politischen Konstella- tion wie der heutigen unterläßt, seinen Einfluß auch im Sinne der Solidarität aller bürgerlichen Interessen geltend zu machen. Es kann doch unmöglich Ihre Meinung sein, daß sich der Hansabund innerhalb seines satzungsmäßigen Wirkungskreise? bewege, so lange er die Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie im Kampfe gegen die agrarischen Interessen unter« stütze, daß er sich aber mit seinen Satzungen in Widerspruch setzen würde, wenn er sich den Interessen des in Gewerbe, Handel und Industrie tätigen Bürgertums auch im Gegensatze gegen die Interessen der Sozialdemokratie annehmen wollte. Wäre der Hansabund wirklich mit einer solchen linksseitigen Lähmung auf die Welt gekommen, so wäre es die dringendfts Aufgabe, ihn davon zu befreien; man müßte sonst ernstlich zwei- feln, ob er nicht in einer Zeit wie der heutigen mehr Schaden glS Nutzen stifte. Geheimrat Rießer attttvorlet auf diese Epistel nochmals «NN 16. Juni. Er schreibt: Der Hansabund ist nun einmal keine politische Partei; er ist als eine wirtschaftliche Vereinigung weder links- noch rechts- liberal und gehört als solche weder der konservativen Partei noch dem Zentrum an. Er hat vielmehr dafür zu sorgen, daß seine Grundgedanken nach und nach Gemeingut aller politischen Parteien werden. Der Hansabund ist begründet, nicht, wie Sie schreiben, zum Kampf„gegen die agrarischen", also nicht gegen die landwirt- schaftlichen Interessen, sondern gegen jede einseitige WirtschastS- Politik, von welcher Partei sie auch betrieben werde. Er hat in seinen Richtlinien vom 4. Oktober 1309 die Grund- gedanken einer— den sozialdemokratischen Kusgangspunkten und Zielen grundsätzlich fernliegenden— Finanz- und Wirtschasrs- Politik festgestellt, welche bestiinmt und geeignet ist, die Zukunft des Vaterlandes und des Bürgertums nach innen und nach autzen zu sichern. Indem er so das leider stark verbreitete Uebel der Verdrosien- heit und der Unzusriedenheit mit der heutigen Wirtschasts- und Finanzpolitik an der Wurzel angreift, ist er vor allem geeignet, allmählich diejenigen aus dem bürgerlichen Lager stammenden Ueberläufcr zur Sozialdemokratie unter seinen Fahnen zu sammeln, welche in kurzsichtiger Schwäche an der aus eigener Kraft des Bürgertums zu erreichenden Besserung unserer Verhältnisse ver- zweifeln. Diese geduldige, aber zähe Sammlungs- und AufklärungS- arbeit, welche der Hansabund mit der Front nach allen ihm und seinen Zielen feindlichen Parteien und Personen betreiben muß und betrieben hat, ist daher nicht lediglich eine— meist zwecklose — Politik der Worte, sondern eine ihres Weges und ihrer Ziele klar bewußte Tat. Herr Dr. Richer weiß, daß Freiherr v. Pechmann die empfangenen Briefe zu veröffentlichen beabsichtigt— danach sind seine von entschiedener diplomatischer Begabung zeugenden zurückhaltenden Ausführungen zu beurteilen. Hätte Herr Dr. Richer offen geäußert, was er denkt, er würde dem allzu naiven Herrn v. Pechniann geantwortet haben: „Warten S i e nur, er st nehmen wir die Front gegen die Agrarier, später gegen die Sozialdemokratie, immer hübsch folgerichtig nach den jeweiligen Umständenl" Sie oMrierzehre hlntei' verschlossenen ftlren! In der peinlichen Prozeßaffäre der Frau Oberleutnant M e r S- mann gegen den Generalmajor a. D. Freiherrn v. G a g e r n, über die wir jüngst berichteten, stand am Donnerstag vor dem Landgericht I in der Grunerstraße Termin an. Frau Oberleutnant Mersmann klagt, wie man weih, auf Erfüllung eines Pflegschafts- Vertrage? in Höhe von 120 030 Mark. Vor dem Eintritt in die Verhandlung wurde vom Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Günsbruch die Oeffeullichkeit ausgeschlossen. Der Anwalt des Beklagten beantragte gleichfalls Aus- schluß der Ocffentlichkeit, weil eine öffentliche Verhandlung die Interessen des Freiherrn v. Gagern schädigen könnte. Rechtsanwalt L i n n a r tz widersprach der Ausschließung der Oeffentlichkeit, da eine Gefährdung der Sittlichkeit in keinem Punkte des Prozesses zu befürchten sei. In der geheimen Sitzung beantragte Rechtsanwalt Linnartz, wie wir erfahren, als Rechtsbeistand der Frau Oberleutnant Mersmann. den Beklagten zur Zahlung von 120 000 M a r k zu verurteilen; es liege ein Pflegschaftsvertrag, ab- geschlossen zwischen dem Beklagten und der Mutter der Kindes vor, nach dem v. Gagern die Kosten für die Erziehung der Kinder bezahlen will. Der gegnerische Rechtsanwalt führte im Namen des Freiherrn v. Gagern aus, daß nur eine Schenkung vorliege, die aber mangels notarieller oder gerichtlicher Beurkundung rechts- ungültig sei. In einstündiger Verhandlung, die sich in der Hauptsache um juristische Fragen drehte, wurde ein Beschluß nicht gefaßt; er sollte erst nach den heutigen übrigen Terminen verkündet werden. Aus dem Laufe des Prozesses erfahren wir weiter, daß General- major v. Gagern infolge Heirat mit seiner 1838 verstorbenen ersten Frau der Schwiegersohn des mehrfachen Millionärs N ü t g e r s ist und gegenwärtig in Bonn a. Rh. wohnt. Freiherr v. Gagern besitzt ein großes nach Millionen zählendes Vermögen und bezieht auch als Aufsichtsrat der RütgerSwerke bedeutende Ein- nahmen, v. Gagern erkennt auch die Kinder als die f e i n i g e n an, weigert sich aber hartnäckig, für den Unter- halt der Klägerin und seiner Kinder etwas zu zahlen, weil er, wie er durch seinen Rechtsanwalt an Gerichtsstelle mitteilen ließ, juristisch nicht dazu verpflichtet sei. Frau Oberleutnant Mersmann ist vollständig mittellos geworden und nur durch die Menschen- srcundlichkeit ihres Rechtsanwalts, der den Prozeß unentgeltlich führt, ist sie in der Lage zu prozessieren. Ein Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung, die Pension des Generalmajors zu sperren, wurde, wie bereits gemeldet, in einem früheren Prozesse, der neben dem Hauptprozeß läuft, ab- gewiesen. In den Nachmittagsstunden wurde das Urteil verkündet. Frau Oberleutnant Mersmann wurde mit ihren An- fprüchen kostenpflichtig abgewiesen. Das Gericht war nicht der Ansicht, daß die Privatklägerin Anspruch auf Erfüllung eines Pflegschaftsvertrages durch Freiherrn v. Gagern habe. Die Angelegenheit wird auch noch die höheren gerichtlichen Instanzen beschäftigen. Die„Deutsche Journalpost" weiß noch folgende» zu berichten: Die Privatklägerin in vorstehendem Prozeß Frau Oberleutnant Mersmann ist übrigens nicht die einzige, die sich bei Herrn v. Gagern für die Zerstörung ihres LebensglückeS zu be- danken hat. Den Verführungskünsten deS früher bildschönen Offiziers sind verschiedene Frauen, auch solche von Kameraden zum Opfer gefallen. Herr v. Gagern hat als Avantageur den Krieg von 1870/71 mitgemacht und wurde während dieses zum Offizier befördert. Er erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse und besitzt noch eine große Anzahl von anderen OrdenS- auszeichnungen. An den verschiedenen Orten, in denen er gar- nisonierte, war er als glänzender, liebenswürdiger Gesellschafter all- gemein geschätzt, wenn seine militärischen Qualifikationen auch daS Mittelmaß nicht überstiegen. Im Jahre 1838 starb seine erste Frau, eine geborene RütgerS, die ihm vier Kinder geboren hatte. Drei Söhne sind Offiziere bezw. Regierungsbeamte» die Tochter entzweite sich mit dem Vater und ging in das Kloster am Calvarienberge Ahrweiler. Beim Tode seiner ersten Frau stand Herr v. Gagern beim 14. Pionierbataillon in Kehl. Sein Kommandeur war ein Major L.. der eine 17jährige Tochter besaß, eine auffallende Schönheit. Freiherr v. Gagern v e r- führte das junge Mädchen, das sich Hoffnung auf die Heirat mit ihm gemacht hatte, ließ eS dann aber sitzen. Die Verführte kam mit ihrer Familie auseinander, heiratete dann einen Sänger und ist schließlich verkommen. Seine Stellung in Kehl war daraufhin un- haltbar geworden. Er wurde nach Karlsruhe versetzt und hier bald zum Flügeladjutanten des verstorbenen Groß- Herzogs von Baden ernannt. Bald darauf knüpfte er ein Liebesverhältnis, wie schon mitgeteilt, mit der Frau des Malers v. Meckel an. Das Verhältnis soll so skandalös gewesen sein, daß v. Gagern von seiner Stellung als Flügeladjutant entbunden wurde. Er wurde wieder versetzt und zwar— nach Berlin in den Großen General st ab. Der Maler v. Meckel siedelte mit seiner Familie ebenfalls nach Berlin über und erschoß sich hier aus Gram über sein zerstörtes Eheglück. Das nächste Opfer des militärischen Don Juans war die Frau eines seiner besten Freunde, eines Ipäteren Regimentskommandeurs Sch. Dann kam das Ver- hältnis mit Frau Mersmann. In diese Zeit fielen die Eni- hüllungen des ehemaligen Leutnants Bilse in dessen Buch„Aus einer kleinen Garnison". Herr v. Gagern soll schon damals Be- fürchtungen geäußert haben, daß einmal ähnliche Schilderungen mit Bezugnahme auf seine Person von einem seiner Untergebenen ver- öffentlicht werden könnten. Er soll auch einen dahingehenden Ver- dacht gegen einen Leutnant Chr. zum Ausdruck gebracht haben. Dieser erhielt aber eines Tages unaufgefordert ein Kommando nach Uebersee. Auf der Ueberfahrt fiel er über Bord und ertrank. Von dem glänzenden Kavalier ist gegenwärtig bei Herrn v. Gageru nicht mehr viel übrig geblieben. Er ist jetzt 62 Jahre alt und steht se it s e i n er z w e it en E h e mit seiner Haus- h ä l t e r i n im Jahre 1006 zur Disposition. »* Wo war das Ehrengericht? Die sensationellen Enthüllungen dieses Prozesses, der unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, obwohl schwerlich sexuelle Intimitäten zur Sprache kamen, dafür freilich unglaubliche Beiträge zur Be- leuchtung der besonderen Offiziersehre, cnt- locken der„Germania" den Stoßseufzer:„Wo war das Ehrengericht?" Das Blatt klagt: Aus den Allensieiner Gerichtsverhandlungen gegen die frühere Frau von Schönebeck hat das profane Publikum mit wachsendem Erstaunen gesehen, daß die Frau eines Offiziers mit so und so vielen Kameraden ihres Mannes Ehe- bruch treiben, und der Mann, der ohne Zweifel etwas „ahnte", dem ruhig zusehen konnte, ohne daß sich irgend jemand veranlaßt sah, solche Dinge als mit der Ehre eines Offiziers nicht vereinbar anzu- sehen und irgend etwas zu tun, um dem Skandal ein Ende zu machen. Man kann sagen, daß dieser Skandal notorisch war, aber kein Ehrengericht kümmerte sich darum, während doch sonst so peinlich und streng auf die Wahrung der Ehre gesehen wird. Für„gewöhnliche Zivilisten" ist so etwas einfach unverständlich. In Berlin hat sich soeben ein Prozeß abgespielt, der abermals ein eigentüm« liches Licht auf die Ehrbegriffe in gewissen Kreisen wirft. Ein Hauptmann v. G. in Berlin hat mit der Frau seines Untergebenen, eines Oberleutnants, dauernd im Ehebruche gelebt. Der Oberleutnant hat um die Sache gewußt, aber geschwiegen, um seine Karriere nicht aufs Spiel zu setzen und das vermögen seiner Frau weiter mitzugenießen. Als er später erkannte, daß seine militärische Karriere ihren Abschluß fand, ver- ließ er Frau und Kinder, nahm seinen Abschied und begab sich ins Ausland. Nachdem dann das Blatt die weiteren unglaublichen Einzelheiten des eigenartigen Verhältnisses des Generals zu dem inzwischen zum Major avancierten Gatten seiner Mätresse wiedergegeben, schließt es: „Wie ist, so fragt der erstaunte„Laie" auch hier, so etwas möglich, ohne daß das Ehrengericht einschreitet? Diese Dinge sind doch bei Kameraden und Vorgesetzten der Beteiligten kein Geheimnis gewesen. Wurde etwa nach ihrer Ansicht die Ehre davon nicht berührt? Der „Laie" wäre da allerdings ganz anderer Ansicht." Die„Germania" vergißt nur, zur Vervollständigung des köstlichen Sittenbildes hinzuzufügen, daß der General zwar mit der Gattin eines ihm untergebenen Offiziers Ehe- bruch treiben und diesem eine Geldentschädigung anbieten durfte. ohne daß er in seinem Avancement irgend ein Hindernis erfuhr, daß er aber in dem Augenblick den„vornehmsten Nock" ausziehen mußte, als er seine Haushälterin heiratete! Das duldete die Offiziers- ehre nicht! Politische deberHebt Berlin, den 18. August 1910. Fleischteuerung. Ueber die Ursachen der steigenden Fleischteuerung und die Mittel zu' ihrer Beseitigung hat sich einem Mitarbeiter des„Berliner Tageblatt" gegenüber ziemlich ausführlich der Berliner Schlachthofdirektor Goltz geäußert. Er sagte: Ich hege nicht viel Zuversicht, daß die hohen Preise in ab- sehbarer Zeit wieder auf eine normale Stufe zurückgehen werden. Denn die hauptsächlichste Ursache der bestehenden Kalamität liegt meiner Ansicht nach nicht in einem Mangel an Vieh in Deutschland überhaupt, sondern sei darin zu suchen, daß die Landwirte ihr Vieh in ihrenStällen zurückb-e halten. Bekanntlich war die Heuernte im vorigen Jahre sehr schlecht aus- gefallen. Die Folge davon war, daß die Landwirte schon im Winter anfingen, ihren Viehbestand, für den sie wegen deS un- günstigen ErnteanSfalles nicht ausreichendes Futter beschaffen konnten, zu verringern. Dieses Jahr aber ist die Futtererute gut und die Landwirte suchen nun wieder ihre Stapel so bald wie möglich zu ergänzen. Darum halten sie mit dem Verkauf von Vieh zurück und beschicken die Viehmärkte entweder gar nicht oder nicht in dem Maße wie sonst. So sei die irrtümliche Ansicht ent- standen, daß in Deutschland ein Mangel an Vieh herrsche, und die Panik war da, die begreiflicherweise auch das kaufende Publi- kum ergriffen hat. Daß unsere Agrarier irgend etwas tun werden, um die jetzige Not zu beseitigen, sei nicht zu erwarten. Aber es müsse ein für allemal Abhilfe gegen die Fleischnot geschaffen werden, indem man endlich die Einfuhr erleichtere. Deutsch- land sei auf den Import von Oesterrcich-Ungnrn und Dänemark angewiesen. DaS angekündigte österreichische Viehansfuhrverbot dürfte kaum erlassen werden, weil es gegen die Konventionen des Handelsvertrages verstoße, und weil die österreichischen Agrarier gerade in diesem Export, der sich hauptsächlich auf Rinder be- zieht, daS geeignete Mittel sehen, ihre Preise hochzuhalten. DaS dänische Rindfleisch sei auch nicht so beschasfen, dah eS die deutsche Volksgesundheit gefährden könnte. ES soll der deutschen Staatsregierung wohl bekannt sein, daß mit der Tuberkulinimpfung der dänischen Rinder keine guten Erfahrungen gemacht worden seien, ja, daß dieser Impfung von der Wisienschaft ein wirksamer Erfolg ab- gesprochen werde. Es komme dazu, daß die Tuberkulose fast nie» mals sich über den ganzen Tierkorper ausbreitet, sondern nur einzelne Organe ergreift, durch deren Vernichtung jede Gefahr beseitigt werden kann. Es sei nun beobachtet worden, daß gerade diejenigen Tiere, die am wenigsten erlrankt sind, am stärksten auf die Impfung reagieren; natürlich werden diese Tiere vom Import zurückgewiesen. Das schlimmste Uebel sei die Quarantäne. Diese trage wesentlich dazu bei, daß wir das Fleisch so teuer bezahlen müssen. Gewiß müssen geeignete Maßnahmen getroffen sein, um die Cinschleppung einer Seuche zu verhindern; aber eine wesentliche Erleichterung wäre es immerhin, wenn man das eingeführte Vieh schon an den Grenzstationen schlachtete und ic ante Stücke gleich von dort aus zurücksenden würde. Auch eine Herabsetzung der Zolltarife würde ein Sinken der Fleischpreise ermöglichen._ Lebensmittelteuerung und christliche Arbeiter. Die fortschreitende Verteuerung aller Lebensbedürfnisse zwingt auch die christlich organisierten Arbeiter, dagegen Stellung zu nehmen, Im Hinblick auf die neuerlich erfolgte Erhöhung der Fleisch- preise und die angekündigte Erhöhung des MilchpreiseS in der Stadt Kempten hat das dortige Lrtskartell der christlichen Gewerkschaften eine Resolution gefaßt, in welcher u. a- folgende interessanten Konstatierungen gemacht werden: „Die Lebensmitteltenernng hat in der letzten Zeit Formen angenoinmen, die für weite Kreise, besonders für die Arbeiter, unerträglich geworden sind. Fast kein Bedarfsartikel ist in den letzten Jahren von Aufschlägen frei geblieben...... Wohnungs-, Gemüse- und ganz besonders die geplante Mich- Verteuerung beweisen, daß der Gegenwart die Tendenz inne- wohnt, alle Lebensmiltel und Bedarfsartikel im Preise hinauf- zusetzen. Am meisten haben die Arbeiter darunter zu leiden. Sie sehen sich um die Erfolge der gewerkschaftlichen Arbeit der letzten und kommenden Jahre gebracht..." Zum Schlüsse wird den Arbeitern dann als Mittel empfohlen, durch das für die Arbeiter eine Besserung erzielt werden könne— der Beitritt zur christlichen Gewerkschaft! Und dies. obwohl daS Zentrum mit den christlichen Arbeitervertretern im Verein mit den Junkern die Hauptschuld der unerhörten Verteuerung der Lebensmittel tragen._ Unfall- und Arbeitslosenstatistik. Der Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Düsseldorf, Dr. Mort, ist, wie unfern Lesern bekannt, ein Gegner der Arbeits- losenstatistik, weil diese nie ganz lückenlos ist. Eine solche Statistik kann aber doch so vollkommen sein wie überhaupt eine Statistik. Man kann sehr wohl zählen, wieviel Arbeitsstellen jeder Art in einer Stadt vorhanden sind. Ebenfalls läßt sich die Zahl der vorhandenen Arbeiter jeden Berufs ermitteln. Was schwierig zu ermitteln ist, das sind die Ursachen der Arbeitslosigkeit in dem einzelnen Fall. Es wird wohl vorkommen, daß es in einem Beruf unbesetzte Stellen gibt und doch Arbeiter des Berufs arbeitslos sind, weil sich die Arbeitslosen nicht zur Besetzung der freien Stellen eignen, oder die freien Stellen können dem Arbeitslosen nicht das bieten, was er zu seiner Ernährung haben muß. Der Zweck der Arbeitslosenstatistik kann doch nur sein, eine Basis zu gewinnen, ob durch Verkürzung der Arbeitszeit und andere Einteilung der Arbeit die Arbeitslosigkeit zu vermindern ist und welche Mittel eventuell zur Durchführung einer Arbeitslosen- Versicherung erforderlich wären. Haben wir eine allgemeine Arbeits» losenversicherung, dann werden die GeschästSergebnisse dieser Ver» stcherung die beste Unterlage für die Arbeitslosenstatistik. Damit ist nicht gesagt, daß dann keine Fehler unterlanfen. Welch grobe Fehler auch in den Aemtern, wo zünftige Statistiker daS Material bearbeiten, vorkommen, dafür liefert unsereStatistik der Berufsgenossenschaften den besten Beweis. Wir wollen einmal den am meisten in die Augen fallenden Fehler herausgreifen. Als im November 1801 die Rechnungsergebnisse der Berufsgenoffenschaften veröffentlicht wurden, mußte es ausfallen, daß bei der Hannoverschen Baugewerksber-ufSgenofsen» s ch a f t nur 47 72S durchschnittlich beschäftigte Bctriebsbcamte und Arbeiter versichert waren. Im Jahre vorher waren es 110 304 ge- Wesen. Nun war offenbar beim Abschreiben des Manuskripts ein Fehler unterlaufen. Wahrscheinlich sollte es 117 725 heißen, und der Kopist hatte auS der 11 eine 4 gemacht. Dieser plötzliche Rückgang fiel aber den zünftigen Statt st ikern des Reichsvers icher ungsa m tcs gar nicht ans! Sic machten alle Berechnungen auf der Grundlage von 47 725 Versicherten. Stellt man die Ziffern für die Hannoversche BaugewerksberufS- genossenschaft für die drei Jahre nebeneinander, dann ergibt sich folgendes Bild: 1889 1890 1891 Versicherte Betriebe..... 13 030 13 378 13 671 Durchschnittlich beschäftigte Pers. 119 304 47 725 110 771 Umrechnnngssäbige Löhne M. 37 240 282 40 208 288 43 637 426 Gemeldete Unfälle...... 1392 1550 1786 Auf 1000 Versicherte..... 11,67 32,48 15,29 Entschädigte Unfälle..... 265 838 823 Auf 1000 Versicherte..... 2,22 7,08 2,77 Verwaltungskost, auf 1 Versicherten M. 0,55 M. 1,46 M. 0,59 Also die absoluten Zahlen der versicherten Betriebe, über an- rechnungöfähige Löhne, gemeldete Unfälle und entschädigte Unfälle zeigen eine gleichmäßig steigende Tendenz. Nur die Ziffer über versicherte Personen macht einen so auffälligen Sturz, wie er bei keiner anderen Bernfsgenossenschaft je vorgekommen ist. Der Statistiker nimmt daran keinen Anstoß, er dividiert die Zahl der Unfälle mit den auffallend niedrigen Ziffern der Versicherten und erhält nun unglaublich hohe Relativziffern! Der Fehler kommt aber nicht allein in der Reichstags» d r u ck s a ch e und damit auch in den A m t l i ch e n Nachrichten des Reichsversicherungsamtes vor, er geht auch über ins Kaiserliche Statistische Amt! Im Statistischen Jahrbuch druckt man nicht nur die Zahlen aus den Rechnungsergebnissen ab, sondern setzt auch noch die Relativzifsern über die Unfälle aus dem Vorjahr daneben. Der Sprung von 11,7 auf 32.5 für gemeldete Unfälle, und von 2,2 aus 7,1 für entschädigte Unfälle auf 1000 ver- sicherte fällt dem zünftigen Statistiker gar nicht auf. So wird der Fehler eine„amtliche Wahrheit". 70 000 Bauarbeiter sind für ein Jahr aus einer Provinz verschwundenl Ob» wohl durch solche Fehler die ganze Unfallstatistik stark beeinflußt wird, wird Herr Dr. Otto Mort doch wohl nicht behaupten, daß die ganze Unfallstatistik überflüssig ist l Und doch wird man bei ge» nauer Prüfung der Einzelheiten nachweisen können, daß auch die Unfallstatistik ebenso große Lücken haben wie die Arbeitslosen statistik der einzelnen Gemeinden I Zerstörte Legendenbildnng. Freisinnige und Nationalliberale arbeiten im Lande eifrig mit der Tatsache, daß sie gegen die neueste Finanzreform gestimmt haben, ohne natürlich auch nur mit einer Silbe anzudeuten, weS» halb sie diese ablehnende Haltung eingenommen haben. Der frei» konservative Abg. Arendt unterzieht sich nun im„Tag" der in diesem Falle einmal anerkennenswerten Aufgabe, die auf den Kopf gestellten Tatsachen wieder auf die Füße zu stellen. Der in Frage kommende Passus in dem Artikel lautet: .Tatsächlich waren alle Blockparteien einschließlich deS Freisinns darüber einig, daß dem Reich SOO Millionen Marl neue Einnahmen erschlossen werden mußten. Die freifinnige Partei hat die Höhe dieses Bedarfs ebenso wenig bemängelt wie irgendeine andere bürgerliche Partei. Ebenso beitand eine volle Uebereinstimnuing aller bürgerlichen Parteien einschließlich des Freisinns, daß IVO Millionen Mark durch B e s i tz st e u e r n, 400 Millionen Mark durch indirekte Steuern aufzubringen seien. Nur unter dieser Voraussetzung konnten die Freisinnigen dem Blockkompromiß zustimmen. Denn dieses setzte die Summe der Steuern aus Eiiikoimnen, Vermögen und Erbschaft auf 100 Millionen Murk fest, welche die Einzelstaaten für das Reich erheben sollten. Durch die Zustimmung zum Blockkompromiß haben deninach die Freisinnigen die Tatsache— die bei den damaligen Verhandlungen übrigens gar nicht strittig war— zweifelsfrei festgelegt, daß ihnen 100 Millionen Besitzsteuern genügten, und daß siemithiir 400 Millionen indirekte Steuern zu bewilligen bereit waren.' Wir können nur bestätigen, daß diese Darstellung vollkommen den Talsachen entspricht._ Der Dortmunder Bankkrach wird unter anderem auch Folgen zeitigen, die tief in das Dort- munder kommunale Gebiet einschneiden. Der erste, der purzelte, war Stadtrat M a i w e g, der nationalliberale Dortmunder Partei- führer. Er war AufsichtSrat und mit seinem ganzen Vermögen per- sönlich haftbar. Man glaubte an ein Vermögen, das gar nicht mehr vorhanden war. Maiweg ist futsch, er hat, wie schon bekannt, seine sämtlichen öffentlichen Aemter niedergelegt. Der Sturz Maiwegs bat aber weitere Folgen. Kurz nach dem Krach der Bank hatte Dortmund seine zweite Sensation: OberbürgermeisterSchmiedin�, der seine Ferien in Süddeutschland verlebte, war plötzlich von einem Schlaganfall betroffen worden. Schon damals wurde lebhaft über seinen Nach- folger debattiert. Nun hört man mehr über die Ursache der plö�lichen Erkrankung. Die Nachricht von der Pleite der Niederdeutschen und seines Freundes Maiweg hat ihn anscheinend schwer getroffen, denn er verliert an Maiweg 200 000 M., die er diesem gepumpt hatte. Schmieding hatte ein Rieseneinkommen; allein als Sufsichtsrat der Harpener Bergbau« gesellschast bezog er jährlich so nebenbei an 30 000 M. Schlimmer als dieser Fall ist die Affäre eine? höheren Dortmunder Polizei Beamten gelagert. Nach Ausweis der Bücher schuldet dieser Herr der Niederdeutschen Bank a n- nähernd 200 000 Mark, denen keinerlei Werte gegen über st ehe n. Der Herr lebte auf großem Fuße, liebte Sekt und gute Diners und war völlig vermögenslos. Sein Sohn gehörte als Student dem feinsten Korps an und bezog einen Monats- Wechsel von 400 Mark. Wie war eS nun möglich, daß dieser vermögenslose— aber »schneidige' Polizeibeamte einen solch ungewöhnlich hohen Kredit genoß? ES wird gesagt, daS sei geschehen auf Veranlassung deS einflußreichen mehrfach genannten Aufsichtsrats und Stadtrats Mai- weg. In der Stadt wird der Name des Beamten öffentlich genannt, er hat schon einen Urlaub angetreten. Er war be—.rühmt' als Vernichter der Sozialdemokratie. Bei den berüchtigten Polizeischlachten spielte er eine Rolle.— So sinken die ragenden Säulen dahin! Uebcr schamlose Kinderausbeutung in Deutsch- Ostafrika berichtet Missionar Müller in Ost-Madschame in dem so- eben erschienenen 9s. Jahresbericht der evangelisch-lutherischen Mission zu Leipzig(S- 96 ff.) allerlei Unerfreuliches, von dem man— und zwar nicht nur im Interesse der Mission— dringend wünschen möchte, daß bald etwas Ernstliches dagegen geschähe. Es heißt in dem Bericht u. a.: „Am schlimmsten ist es dem ganzen Madschame und Aruscha ' die letzten Jahre gegangen. Madschame hat als Ganzes ge- � nommen von seinen 1600 Schülern seit 190S fast die Hälfte verloren. Es gibt Farmen, die völlig auf der Kinder- arbeit basieren, und was nicht von der Arbeit dort auf- gesogen wird, das ivird der Mission eutfremdet durch Aeußerungen gegen sie vor den Eingeborenen. Die besseren und gemäßigten Elemente, die den Kindern auch Schule gönnen, werden zurzeit von den Zielbewußten Übermacht. Die Regierung sieht sich zu einer kalten Neutralität durch die Verhältnisse ge- zwungen. Zwar braucht daS Gefährliche, Gesundheit und Sitten Verderbende der Kinderarbeit nicht erst be- w i e s e n z u w e r d c n, und die Eingeborenen nierken es heute an ihrem eigenen Leibe. waS ihre Kinder jetzt wert sind— aber e S rührt sich niemand, hier einzugreifen, und die Mission gilt als befangen. Ein Versuch der Regierung, durch eine Art Nachtrag zur Arbeiterverordnung wenigstens den schlimmsten Aus- wüchsen der Kinderbeschäfligung zu wehren, ist fehlgeschlagen und hat nur Vorwürfe, der Mission aber, die man dahinter suchte, ver- mehrten Haß eingetragen.— Es wird unumgänglich nötig sein, noch auf andere Weise und mit allen Kräften mobil zu machen, damit der dürrste Egoismus einer Aktiengesellschaft oder einiger Leute, die nach dem Grundsatz handeln: Nach unS die Sintflut I nicht eine ganze Generation verdirbt.— Ebenso , mißte das Besorgen von Bananenrinden durch die Kinder nach der Regierungsstation aufhören. Vielleicht sind die Kinder in diesem Falle nur von den Eltern vorgeschoben � jedenfalls wird jetzt alles, was früher von den Erwachsenen nach Moschi geliefert wurde, durch Kinder besorgt. Halberwachsene Mädchen, kleine Jungen, die auf dem Rückweg von den Genossen Huckepack getragen werden mußten, sind da unterwegs. Sie haben an einem Tage ihre Wegzehrung zu kochen und an zwei Tagen je sechs Stunden nach Moschi hin und zurück zu laufen. Dafür erhalten sie als Lohn einen Heller, d. i. 1'/» Pf. Mehr sind die Rinden ja wohl auch nicht wert. Am vierten Tage wird natürlich ausgeruht.— Was unter solchen Umständen aus einer freiwillige» Missionsschule in einem Heiden lande wird, können sich die Missionsfreundc leicht denken.' Bekanntlich herrschen ähnliche Zustände auch in Deutsch- Südwestafrika! j Das ist die Kultur, die unsere Kolonialpolitik den »Wilden" und„Heiden" bringt I Immer wieder der Aufreizungsparagraph. Aus Dortmund wird uns geschrieben: Am Donnerstag früh folgte Genosse M e h l i ch, der Verant- wortliche der»Dortmunder Arbeiterzeitung', einer Ein- ladung des Untersuchungsrichters, der ihm eröffnete, daß gegen ihn ein Verfahren eingeleitet sei wegen Aufreizung zum Klassenhaß. Und zwar hat man wieder eine poetische Aufreizung entdeckt, be- gangen durch zwei Gedichte in der Unterhaltungs« beilage der Arbeiterzeitung. Die Gedichte tragen die Ueberschrift: 1. Wie lange noch? 2. Wenn des Elends Dämone erwachen? Das ist nun die dritte Aufreizungsanklage in diesem Jahre; zweimal ist der Staatsanwalt hereingefallen, aber er denkt, alle guten Dinge sind drei. Es ist sehr interessant, daß die Akten den Vermerk tragen: Auf Veranlassung des Polizei- Präsidenten von Berlin Z Der Herr Polizeipräsident wünscht über den weiteren Verlauf der Sache unterrichtet zu werden. Auch die Aktion gegen das Dortmunder Liederbuch war bekanntlich von Berlin aus eingeleitet worden. > Negkernngsrat Martin als Reichstagskandidat? Der sattsam bekannte Regierungsrat a. D. Martin, der eigent- lich nirgends ernst genommen wird, scheint Wert darauf zu legen, fortgesetzt die Ocsfentlichkcit zu beschäftigen. Dieser Tage wurde er vom Amtsgericht Charlottenburg mit einer Klage wegen Veleidi- guug abgewiesen, die er gegen eine Zeitschrift angestrengt hatte, in der ihm Geschichtsfälschung vorgeworfen worden war. Herr Martin verkündet nun der Oeffentlichkeit, daß er gegen diesen Beschluß Ve- schwerde eingelegt habe. Gleichzeitig wird mitgeteilt, daß er als Reichstagskandidat für den 2. sächsischen Reichstagswahlkreis ausersehen sei.— Daß Herr Martin eine politische Rolle spielen möchte, mag schon richtig sein, daß er aber in einem sächsischen Kreis ein Mandat bekommen könnte, daS erscheint jedoch völlig ausgeschlossen. Zur Lage im Ruhrbergbau. Berichtigung. In Nr. 175 des.Vorwärts' vom 29. Juli dieses Jahres ist unter der Ueberschrift»Zur Lage im Ruhrbergbau' eine.Zuschrifl aus dem Ruhrrevier veröffentlicht, in der die von uns in unserer Berichtigung vom 22. Juli als unwahr bezeichnete Be- hauptung, daß der Arbeitsnachweis sogenannte„schwarze Listen' führe, wiederholt wird. In dem Bureau einer Arbeitsnachweis- stelle habe sich eine in Maschinenschrift augefertigte Liste befunden, auf der etwa 20 Namen von Arbeitern gestanden hätten. Dem Schreiber des Artikels habe man auf dem Bureau gesagt, daß die betreffenden Arbeiter dauernd ausgesperrt seien. Wir er- klären nochmals� daß diese Behauptungen unwahr find. Es ist vollkommen ausgeschlossen, daß von irgend einer Arbeitsnachweis- stelle eine derartige Liste geführt worden ist oder geführt wird, und daß ein Beamter erklärt hat, die auf der Liste bezeichneten Arbeiter seien dauernd ausgesperrt. Die Hauptstelle deS Arbeitsnachweises für den rheinisch-westfälischen Steinkohlenbergbau. 4 I. A.: Dr. Butz. Der Berichtiger scheint mit einem Medium in Verbindung zu stehen. Anders bleibt uns sonst unerfindlich, wie er etwas be- richtigen kann, wovon er nicht Zeuge war. Er kennt nicht Ort und Personen, auf die unser Gewährsmann sich beruft, aber er kann— berichtigen. Wir nehmen an: Dank der vierten Dimension I Danach mag man den Wert der»Berichtigung' einschätzen. Spanien. Die klerikale Agitation. San Sebastian, 18. August.(P. T.) Die Junten gehen bereits daran, die in ihrer Versammlung zu Zumarraga getroffenen Be- schlüsse in die Wirklichkeit umzusetzen. Der alte Plan einer Mas. sendemonstration wurde wieder aufgegriffen und vier Protestversammlu ngen sind für ein und denselben Tag angesagt worden. Sie sollen in Bilbao, Pamplona, San Seba- stian und Viwria, den Hauptstädten der nördlichen Provinzen statt- finden. Aus jedem Provinzorte sollen Delegierte zu den Protest. Versammlungen entsendet werden. Englanck. Eine NaSführung. Man schreibt unS aus L o n d o n: Die englische Arbeiterpartei fordert natürlich die Einführung von Diäten für die Abgeordneten. Diese Forderung ist umso dringlicher, da die Finanzen der Partei durch das O S b o r n e- U r t e i l, das die Verwendung von Ge- werkschaftsgeldern zu politischen Zwecken unmöglich macht, sehr ge« schwächt sind. Die Regierung schien auch der Einführung von Diäten geneigt. Der Abgeordnete S h a ck l e t o n hat nun namens der Arbeiterpartei die Anfrage an die Regierung gerichtet, welche Schritte sie zu der Verwirklichung der versprochenen Reform zu tun gedenke. Die Antwort, die der liberale Einpeitscher im Auf- trage der Regierung auf diese Anfrage jetzt erteilt hat, zeigt in der deutlichsten Weise, daß die damalige Erklärung der Regierung purer Schwindel war. Jene Erklärung, schreibt jetzt der Re- gierungSvertreter, fei bloß ganz allgemein gehalten gewesen und hätte nichts Bestimmtes versprochen, und sich jedenfalls nicht auf das gegenwärtige Parlament bezogen. DaS Versprechen von Diäten war also gut genug als Ausrede, um einer anderen Forderung zu entrinnen, aber nicht als ehrlich gemeinte Reform. Nach dem Zusammentritt der Herbstsession wird wohl darüber ein ernstes Wort mit der Regierung gesprochen werden. Dänemark. Borbereitung zum Hochverrat. Im FolkethingSwahlkampf im Juni dieses JahreS arbeitete die Rcakrion in starkem Maße mit militaristischer Verhetzung. Man redete den Leuten vor. daß die radikale Regierung im Bunde mit den Sozialdemokraten das Land wehrlos machen wolle, das dann der Fremdherrschaft verfallen müsse. Die leitenden Militär- Personen unterstützten natürlich diese Art Agitation, und daS ging soweit, daß ein Premierleutnant, der damals Lehrer an der Unter- offizierSschule in Aarhus�war, seine Eleven darüber unterrichtete, wie sie bei einem Aufruhr oder Staatsstreich auftreten sollten. Mit einigen wenigen Offizieren und Unteroffizieren und 300 bis 400 Gemeinen könne man dabei auskommen, meinte der Leutnant. Es scheine, sagte er weiter, daß die radikale Regierung die be- stehenden Gesetze nicht respektieren wolle, und unter diesen Umständen sei es möglich, daß es zum Aufruhr oder Staatsstreich komme. Diese Aeußerungen, die ja nichts weniger als eine Aufforderung zum Hochverrat gegen die damalige Re- gierung in sich schließen, sind schon seinerzeit bekannt geworden. haben aber in der Hitze deS Wahlkampfes nicht die Beachtung ge- funden, die ihnen zukommen müßte. Derselbe Premierleutnant, Bennicke mit Namen, bat sich übrigens auch als Soldatenschinder ausgezeichnet und die Mannschaft während einer Uebung im Winter eine gute Stunde auf dem bloßen Erdboden liegen lassen. Ein Soldat, der sich nicht niederlegen wollte, weil er krank war, kam statt ins Krankenhaus auf 16 Tage in Dunkelarrest. Diese Dinge sind kürzlich wieder in einem Preßprozeß zur Sprache gekommen. der mit der Freisprechung deS angeklagten Redakteurs endete. Durch den Prozeß wurde die Aufmerksamkeit auch wiederum auf die oben- erwähnten Redensarten Bennickes gelenkt, und.Socialdemokratcn' wandte sich an den Kriegöminister um nähere Aufklärung. Der SWi, listet versprach, daß die Sache näher untersucht werden solle. ES bleibt abzuwarten, waS dabei herauskommt. Der Militarismus, der sich immer unverschämter breit macht, be- ginnt nun auch in sonst militärfrommen und konservativen Kreisen Anstoß zu erregen. In letzter Zeit haben sich unter anderen einige Pastoren und selbst ein Bischof sehr scharf gegen die Zu- stände im Heere, geflen Verrohung, Liederlichkeit und Ver- sumpfung, die sich m den OsfizierSkreisen � geltend machen, gegen die ganzen demoralisierenden Verhältnisse im Heere gewandt, und im übrigen sind es leitende Personen der von der Bauernschaft gegründeten. Hochschulen, die gegen diese Dinge auf- treten. Viel ist ja von dieser Opposition nicht zu erwarten, zumal sie von Leuten ausgeht, die in politischer Hinsicht schließlich doch zur Förderung und Stärkung dos Militarismus bereit sind, aber sie bildet ein Zeichen dafür, daß der Militarismus, mit dem ja Verrohung und Versklavung unlöslich verbunden sind, für ein Kulturvolk mehr und mehr unerträglich wird. Australien. Von der Arbeiterpartei. Sydney. Anfangs August.(Eig. Ber.) Der glänzende Sieg, welKev bis AMiterpgMi bei den letzte Wshlen über die Lihe- ralen und KonserbatiSen errang, hak bereits Früchts gekragen. Heute schon ist es sicher, daß der Staat Victoria alle seine kohlenhaltigen Ländereien der privaten Ausbeutung ent« zieht und die Kohlenbergwerke bei täglich a ch t st ü n« diger Arbeitszeit durchaus unter Gewerkschafts« Bedingungen in staatlicher Regie betreibt. Die Förderungs wird ebensowohl an die Eisenbahnen wie auch an Privatlente verkauft. Verzweifelte Anstrengungen machen die Liberalen wie die Konservativen, um ihren gemeinsamen verhaßten Gegner, die Arbeiterpartei, zurückzudrängen. Bis jetzt freilich ohne Erfolg, wie sich schon aus dem Verhalten der berufsmäßigen bürgerlichen Politiker ergibt, die in hellen Scharen sich der' Arbeiterpartei cm- schließen wollen. Diese sieht sich aber ihre Leute genau an. So schreibt der„Brisbane Worker":„Alle möglichen Menschen drängen sich gegenwärtig an die Arbeiterpartei heran, um Aufnahme in derselben zu finden. Ein Teil dieser Leute ist uns willkommen. aber andere— nun wir bezweifeln, daß sie vor der kritischen Prüfung bestehen." Die Arbeiterpartei legt keineswegs müßig die Hände in den Schoß. Ueber zwei täglich erscheinende Zeitungen verfügt sie bereits. Mit der Sammlung von einer halben Million Dollars als Betriebskapital für ein drittes Tageblatt ist bereits begonnen. Das australische Proletariat ist sehr opferwillig, wenn es gilt, die Mittel für die Bearbeitung der öffentlichen Meinung aufzubringen; es weiß, daß das Geld vorteilhaft angelegt ist. Scharf wurde auf der jüngsten Konvention der Gewerkschaften von Queensland die Trennungslinie gezogen, welche die australische Arbeiterschaft von den bürgerlichen Parteien scheidet. Im ersten Artikel der zur Annahme gelangten Plat- form wird ausdrücklich betont, daß der gewerkschaftliche und der politische Kampf zugleich geführt werden müssen. Es heißt da: „Wir verlangen, daß denjenigen, welche alle Reichtümer erzeugen. der volle Ertrag ihrer Arbeit zuteil wird. Zu diesem Behufe fordern wir die Ueberführung der Produk- tionsmittel in den Besitz der Gesamtheit und die 'Verteilung und den Austausch der Güter durch den Staat und die Selbswerwaltungskörper, deren industrieller lind wirtschaftlicher Tätigkeitsbereich erweitert werden muß.' Ehe die Platform die Zustimmung der Konvention fand, hielt Bowman, Präsident des Gewerkschaftsverbandes, eine be- merkenswerte Rede, in welcher er u. a. ausführte: „Im Vormarsch begriffen, werden wir von unseren Gegnern und ihrer Presse wegen unserer sozialistischen Anschau- ungen angegriffen. Als Führer der Arbeiterpartei von Queens- land und als Präsident dieser bedeutungsvollen Tagung stehe ich' keinen Augenblick cm, meinen unerschütterlichen Glauben cm die Grundsätze des Sozialismus zu bekennen. Ich hege die Hoffnung, daß jeder auf unserer Konvention anwesende Delegat der gleichen Ueberzeugung ist. „Ich fühle mich glücklich, in Andrew Fischer gegenwärtig einen Ministerpräsidenten an der Spitze der Regierung des austra- lifchen Bundesstaates zu sehen, welcher sich voll Stolz als Sozialist und Befürworter der sozialistischen Prinzipien bekennt.(Anhal- tende Hochrufe.) „Man darf nicht vergessen, daß unser Kampf sich weniger gegeni die Einzelnen, als vielmehr gegen das System richtet, unter welchem Männer erstehen mußten, die keine Gelegenheit unbenutzt lassen» ihre weniger von dem Glück begünstigten Mitmenschen in die Skla� Venfesseln zu schmieden. Wir müssen uns vor Augen halten, daß die sozialistische Bewegung nicht auf Queensland noch auf den australi» scheu Kontinent beschränkt ist. Als ich während der letzten Wahl» bewegung in den südlichen Staaten tätig war, nahm ich mit hohem Vergnügen wahr, daß jeder Redner der Arbeiterpartei mit demselben sozialistischen Geiste erfüllt war. Und das gleiche läßt sich von dett ungezählten Männern und Frauen sagen, welche in allen Teilen der Welt mutig und selbstlos für die Verwirklichung desselben sozia- listischen Programms eintreten. Heutzutage haben wir nichts mehr zu fürchten, als den Mangel an Verständnis für den Geist de» Sozialismus. Daher ist es die heilige Pflicht unserer parlamen»! tarischen Vertreter und der Delegaten, jede Gelegenheit zur Be- seitigung von Mißverständnissen zu benutzen. Jeder von uns sollte durch unsere Konvention angefeuert werden, künftig noch größeren Eifer für die Propaganda zu entwickeln, als er bisher tat." Wenn auch diese Aeußerungen zu optimistisch sind und die australische Arbeiterpartei im ganzen heute noch nur eine Partei der radikalen Sozialreform und nicht eine sozialdemokratische ge- uannt werden kann, so zeigen sie doch, wie auch in Australien der Sozialismus im Vordringen begriffeg ist. Soziales. Vom Recht der Innungen. Welche Anmaßungen sich einzelne JnnungSmeister dett Ar- beitern gegenüber erlauben zu dürfen glauben, zeigt folgender Vor- fall: Ter Maurer- und Zimmcrmeistcr Krause in Glogau hatte dem bei ihm beschäftigten Maurer Tr. aus Neusalz a. O. von seinem Wochenlohn 20 Pf. als Beitrag zur Herbergskommission abgezogen. Krause stützte sich dabei auf das Statut der Innung. welches die Erhebung eines solchen Beitrages den Mitgliedern zur Pflicht machte. Tr. klagte beim Jnnungsschiedsgericht auf Zurück- erstattung der 20 Pf., wurde aber abgewiesen und noch mit den Kosten des Verfahrens bedacht. Dieses Urteil focht Tr. durch Klage beim Amtsgericht in Glogau an, indem er betonte, daß er weder Mitglied der Innung sei noch die Innung überhaupt eine Herberge besitze. Das Amtsgericht entschied, daß daS Innung»» statut auf die nicht zur Innung gehörenden Maurer gar keine Anwendung finden könne, hob das Urteil deS Jnnungsschiedsgericht» auf und verurteilte den Unternehmer zur Herausgabe der 20 Pf. und zur Zurückcrstattung der Kosten an Tr. Krause legte beim Landgericht Berufung gegen dieses Urteil ein, doch auch dieses ent� schied, die Herbergsordnung stehe im Widerspruch zur Gewerbes ordnung und wies ihn ab. Die Sachlage liegt hier so klar, daß man sich über die An» sichten des Unternehmers und des Jnnungsschiedsgericht» wundern muß._ Neue Gesichtspunkte zur kriminellen Behandlung Jugendlicher enthält der Entwurf für ein neues Strafgesetzbuch der Schwei». In ihm werden die Jugendlichen in drei Gruppen eingeteilt: in Kinder bis zum 14. Lebensjahr, Jugendliche bis zum 18. und Un» mündige bis zum 20. Lebensjahr. Kinder können überhaupt Nicht strafrechtlich verfolgt, sondern nur einer besonderen Erziehung oder der Schulbehörde zur Bestrafung überwiesen Iverden. Jugend- liche sollen, wenn sittlich verwahrlost oder verdorben, einer Zwangs. erziehungs- oder KorrektionSanstalt überwiesen oder, Ivenn diese Voraussetzung nicht zutrifft, mit einem Verweis bestraft werden. In besonderen Fällen kann für sie auch eine abgesonderte Ein» schlicsiung von drei Tagen bis zu höchstens zwei Monaten eintreten» die jedoch unter angemessener Beschäftigung und in einem Gebäude erfolgen mutz, das nicht als Straf- oder ArbcitSanstalt für Er» wachscne dient. Dem Unmündigen können bei seiner Verurteilung die bürgerlichen Ehrenrechte nicht aberkannt und auch er muß von anderen Sträflingen sorgfältig getrennt werden. Mit erfreulicher Konsequenz verfolgen diese Bestimmungen das wichtigste Ziel aller. kriminellen Behandlung Jugendlicher» nämlich zu bessern statt zu strafen. Und die Praxis der deutschen Jugendgerichte und Jugendschutzverxivigungey, kann auS ihnW wertvolle Anregungen schöpfen» GewerhrcbaftUcbce. Tarife gegen Schmutzkonkurrenz. Auf dem in Elberfeld abgehaltenen fünften Malertag sprach der Referent zu dein Thema:„Was hat der Hauptverband deutscher Arbeitgeber-Berbände im Malergewerbe für das deutsche Maler« gewcrbe geleistet 1" Der Redner betonte, die Organisation habe eine Tarifgemeinschaft schaffen helfen. Damit habe das Malergewerbe etivas erreicht, was die meisten übrigen Arbeitgeber-Verbände noch immer erst erstrebten. Durch den für das ganze Reich geltenden Tarif sei eine Bekämpfung der Schinutzkonkurrenz und damit eine Besserung der wirtschaftlichen Lage möglich geworden.— Durchweg müssen die Unternehmer zu Tarifabschlüsse» erst durch die Arbeiter gezwungen werden. LerUn und Umgegend. Nutzlose Versuche. Am Mittwoch waren die Streikenden der Norddeutschen Gummi- Warenfabrik vollzählig versammelt. Die Haltung der Streikenden ist musterhaft. Die Angestellten der Firma geben sich vergebliche Mühe. Uneinigkeit in ihre Reihen zu tragen. Einige Meister haben sogar versucht, etliche Streikende mit Bier zu traktieren, um sie zur Aus- nähme der Arbeit zu bewegen. Die Direktion gibt sich den Anschein, als wenn sie die alten Arbeiter gar nicht mehr brauche und als ob alles in Ordnung sei. Wie sehr der Firma das Feuer auf die Nägel brennt, erhellt daraus, das; der Walzmeister Götz in Pisteritz und Kl. Wittenberg versucht, Gummiarbeiter anzuwerben, denen 23 M. Wochenlohn versprochen wird. Aber auch hier sind die Kollegen auf dem Posten. Ein Zirkular der Norddeutschen Gummifabrik fordert alle anderen Fabriken auf, keinen der Streikenden einzustellen, dabei ist die Firma bemüht, der Konkurrenz die Arbeiter wegzukapern. In allen Gummifabriken, wo bis jetzt Versammlungen abgehalten wurden, erklärten sich die Arbeiter mit dem Vorgehen der Streikenden vollständig einverstanden. Sache aller rechtdenkenden Arbeiter muß es sein, jeden Zuzug von Gummiarbeitern sernzuhalten. veurlcbes Reich. Zu Straß enaufläufen und Polizeiattacken kam es Dienstagabend in Mülhausen i. E. aus Anlaß des Streiks der Laternenanzünder, die seit Sonnabend streiken, weil ihnen die Mülhauser Gasgesellschaft einen Minimal- lohn von 3,50 M. täglich und eine freie Nacht alle zwei Wochen verweigerte. Die große Masse des Publikums nimmt entschieden für die Streikenden Partei und die Angestellten und sonstigen Streik- brecher, deren Anwerbung der Privatgesellschaft gelungen ist, wurden beim Ausrücken zu Streikbrecherdiensten von einer mehrtausend- köpfigen Menge verhöhnt und zum Teil an ihrer Verrichtung, bei der sie sich ungelenk genug anschickten, gehindert. Als darauf die Polizei intervenierte, kam es zu Auftritten, wie sie in einigen preußischen Städten während der Wahlrechtsdemonstrationen aus der Tagesordnung waren. Die Polizei zog blank und trieb die Menge an der einen Stelle auseinander, worauf diese sich an einer anderen wieder sammelte. Dabei kam eS infolge des polizeilichen Vorgehens, daS die Passanten reizte und die zu Exzessen geneigte Jugend herausforderte, auch zu bedauerlichen Austritten: Laternen wurden zertrümmert, Streikbrecher verprügelt, Zünd- stecken zerbrochen, ein Schutzmann wurde an der Hand verletzt und mußte in ein Haus flüchten u. dergl. m. Daß die Polizei teilweise die Besinnung verloren hatte, zeigt der Fall, daß ein Schutzmann, der mit einem Kollegen einen Schwann junger Burschen verfolgte, mit dem gezogenen Säbel nach diesen warf(!) und damit einen unbeteiligten Passanten beinahe getroffen hätte. Die Streikenden selb st sind, wie auch in der bürgerlichen Presse anerkannt werden mutz, an diesen Vor- gängen unbeteiligt; die Arbeitseinstellung ist so wirksam, daß schon vier Nächte ganze Straßenzüge in Mülhausen und ganze Vororte ohne brennende Laternen gebliebe» sind, während in anderen Stadtteilen die Laternen auch tagsüber viele Stunden noch fort- brannten, da man die nötige Mannschaft zum Löschen nicht auf- treiben konnte. Das Institut des„Roten Rodler" hat die Streit« arbeit verweigert, und bei der Wach- und Schließgesellschaft, deren Direktion sich darauf einlassen wollte, tat es die Mannschaft. In dieser Notlage hat die Direktion der Gasgesellschaft sich endlich auf Verhandlungen mit dem Streikausschuß eingelassen, nachdem die Deputation am Sonnabend durch einen Bureanangestellten und «ine Telephonistin abgefertigt worden war. Die gemachten Zu- geständnisse sind aber noch unzulänglich. Hoffentlich erringen die Arbeiter bald den vollen Sieg. Der Streik der Laternenanzünder ist Mittwoch- nachmittag durch Vermittelung deS Polizeipräsidenten Herrn Dieckmann mit einem Erfolge der Arbeiter b e- endet worden. Die Gasgesellschaft willigt in einen Mindest« lohn von 8,35 M. für sofort und in eine Steigerung dieses MindestloHneS um 10 Pf. im nächsten und weitere 10 Pf. im darausfolgenden Jahre. Damit hat die Gesellschaft in den drei- jährigen Tarifvertrag gewilligt, den sie noch am Tage zuvor in einer Zuschrift an die Lokalblätter als unannehmbar be- zeichnet hatte. Auch der Einsetzung einer Beschwerde- k o m in i s s i o n hat sie zugestimmt. Die Ausständigen haben auf Grund dieser Vereinbarung schon Mittwoch abend vollzählig die Arbeit wieder aufgenommen, womit auch die Ruhe auf der Straße wieder eingekehrt ist. Erfolg. Die bei den Luckenwalder Schmiedemeistern beschäftigten Gesellen erreichten ohne Arbeitsniederlegung mit Hilfe ihrer Organi- sation die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden sowie die Abschaffung des Kost- und LogiswesenS. Ausland. Der englische Gewerkschaftskongreß. London, 16. August. Der diesjährige Trade Union-Kongreß. der in der Woche vom 12. bis 18. September in Sheffield tagen wird, wird über eine Reihe hochwichtiger Fragen, die für die gesamte Arbeiterbewegung von aktueller Bedeutung sind, zu beraten und zu beschließen haben. Die wichtigste davon hängt mit dem be- kannten Osborne-Urteil des Oberhauses zusammen und be- zieht sich auf d i e p o l i t i s ch e Tätigkeit der G e w e r k- s cd aste n. Die Folgen jenes Urteils machen sich bereits in sehr beunruhigender Weiss fühlbar. Eine ganze Reihe großer Gcivcrk- schaften, darunter die ursprünglich betroffenen Eisenbahner, der Mechaniker und namentlich die gewaltigen Organisationen der Bergarbeiter, haben bereits gerichtliche Jnjunklionen erhalten, die ihnen die Verwendung von Gewerlschastsgeldern zu politischen Zwecken und die Erhebung von politischen Beiträgen von ihren Mit- gliedern untersagen. Die Zahl der Gewerkschaften, die so von den Gerichten gezwungen werden, der Arbeiterpartei ihren finanziellen Halt zu versagen, wächst von Woche zu Woche. Um welche Summen eS sich hier handelt, mag man daraus ermessen, daß im vorigen Jahre der Bergarbeiterverband allein rund hunderttausend Mark an die Kasse der Arbeiterpartei abgeliefert hat. Jnjunktiouen gegen weitere GeWerk- schaften sind jetzt ein tägliches Ereignis. Es bedarf dazu bloß einer Klage irgend eines beliebigen Mitgliedes der betreffenden Gewerk- schait. Freilich sind die G e r i ch t S k o st e n ungemein hoch und da sie bis zum Urteilsspruch vom Kläger getragen werden müssen, ist «S nur allzu durchsichtig, daß alle diese Klagen von mächtigen kapitalislischenOrganisationsn angestiftet und finanziert werden. Die Klagen werden denn auch ohne Zweifel systematisch betriebe» und eS kann nicht mehr lange dauern, bis alle Gewerkschaften Jnjunktionen erhalten haben und damit der Arbeiterpartei alle bisherigen finanziellen Bezugsquellen ab- geschnitten sein werden. Es ist klar, daß auch die Kosten dieser Gerichisprozesse den Gewerkschaften schwere Lasten auferlegen. Dem Kongreß liegt denn auch eine Resolution der Eisenbahngewerkschaft, die den ursprünglichen Osborne-Prozeß durch alle Instanzen fort- geführt hatte, vor, die die Gründung eines Zentralfonds für gerichtliche Verteidigung vorschlägt, der dazu dienen soll, Prozesse, die fundamentale Grundsätze der organisierten Arbeiterschaft berühren, bis zu den höchsten Gerichten zu bringen.— Die früher so ofl debatleloS angenommene Resolunon, die staatliche Ab- geordnetendiäten fordert, dürfte diesmal zu sehr ein- gehenden Erörterungen führen. Eine andere sehr wichtige Resolution bezieht sich auf die V e r- einigung der Arbeitskräfte und fordert die V e r« s ch m e l z u n g der gegenwärtigen drei Zentralorganisationen der englischen Arbeiterschaft, nämlich des GeWerk schafts- kongresses, des GeWerk schafts Verbandes und der Arbeiterpartei. Eine solche Verschmelzung wäre in der Tat sehr geboten. Der gegenwärtige Zustand bedeutet eine ungeheure Verschwendung von Geld und Energie und fördert auch keineswegs die Leistungsfähigkeit der Gesamtbewegung. Drastisch tritt dies namentlich bei dem Gewerlschastskongretz und der Arbeiter- Partei zutage, denn diese beiden Zeutralorganisationen setzen sich nicht nur aus annähernd der gleichen Mitgliedschaft zusammen, sondern versehen auch fast genau dieselben Funktionen.— Der gegenwärtigen Zersplitterung der gewerkschaftlichen Organisationen will eine Re- solution der Schreiner, die die Verschmelzung aller Gewerkschaften derselben Industrie fordert, entgegen- arbeiten, während die Docker einen Verband aller Industrien fordern. Wie bitter not der englischen Gewerk- schaftsbewegung eine engere Zusammenfassung tut, das ergibt sich schon daraus, daß uns beispielsweise in der Textilindustrie allein nicht weniger als 35— es gibt deren gewiß noch mehr— separate Organisationen bekannt sind, während die Zahl der von einander unabhängigen Organisationen in der Metallindustrie geradezu Legion ist. Abgesehen von allen anderen Uebeln führt dieser Zu- stand noch.zu ewigen Kompetenzstreiligkeiten zwischen den ver- schiedenen Organisationen. Politisch ist eine Resolution der Bergwerksmaschinisten von Be- deutnng, die auf eine Aend.erung der Geschäftsordnung des Unter- Hauses drängt, um die absolute Macht des Ministeriums einzuschränken und den Abgeordneten einen größeren Einfluß auf die Gesetzgebung zu verschaffen. Diese Resolution rührt an einer Frage, die sich mehr und mehr zu einem entscheidenden Punkt der Demokratie in England gestalten wird. Beachtenswert sind einige Resolutionen, die auch Nicht- engländer unmittelbar angehen. Die Arbeiterschutzliga weist hin auf„die Ungerechtigkeit, die englischen Arbeitern widerfährt, die in englischen Häfen mit der der englischen Sprache nicht mächtigen Besatzung fremder Schiffe zusammen arbeiten müssen, da dies oft zu Lebensverlust und Körperverletzungen führt". Aehnlich macht eine Resolution des Bergarbeiterverbandes auf„die Be- schästigung ungelernter Arbeiter in Kohlengruben, nament- lich ausländischer Arbeiter, die die englische Sprache nicht verstehen, aufmerksam, da sie mit großen Gefahren für sich und für die anderen in der Grube be- schäfiigten Arbeiter verbunden ist, und fordert die Regierung auf. dieser Gefahr aus gesetzgeberischem Wege vorzubeugen. Zu einer anderen, wenn aucii etwas verwandten Kategorie gehören die Re- solutionen zweier Organisationen der Messerwarenindustrie, die die streng zu erzwingende Bezeichnung aller importierten Fabrikate als„nicht britisch" verlangen.— Die Gewerk- schaften der Londoner Schriftsetzer und der jüdischen Schneider sordern die Vcrbillignng und Erleichterung der Naturali- sation der Ausländer. Die Stauer schließlich protestieren gegen die internationale Praxis des Streikbrecher- exports und- Imports, und fordert von der englischen Re- gierung, diese für England auf dem Wege der Gesetzgebung zu ver- hindern. Mehrere Resolutionen wenden sich gegen die Art, wie die neu- gegründeten staatlichenArbeitsvermittelungsbureauS gchandhabt werden. So wird dagegen protestiert, daß die Arbeitsbörsen bei Arbeitskämpfen Streikbrecher vermitteln und ein gesetzliches Verbot dieser Praxis verlangt, sowie ferner die Ver- Mittelung von Arbeitern unter den Normallöhnen. Die meisten anderen Resolutionen sind solche, die jährlich wieder- kehren, und beziehen sich auf Gegenstände wie Arbeitslosigkeit, Arbeitslosen- und Unfallversicherung, Achtstundentag, Negierungs- betriebe, Eisenbahnverstaatlichung, Wahlreform usf. Besonders er- wähnenswert ist noch eine Resolution der Bleicher und Färber, die es Unternehmern gesetzlich verbieten will, während eines Streiks oder einer Aussperrung fremde Personen(gemeint sind natürlich Streikbrecher) zu beherbergen, serner eine Resolution der jüdischen Schneider, die das gesetzliche Verbot der Heimarbeit in der Bekleidungsindustrie, und zwar aus allgemeinen Gesundheitsrücksichten, fordert._ Der Aufschwung der Streikbewegung in Rußland. Vor kurzem verkündete das Leiborgan der russischen Fabrikanten triumphierend, daß eS den Unternehmern gelungen sei,„den Kampf der Arbeiter bei den wichtigsten Pm'iklen: der Erhöhung des Arbeits- lohnes und der Herabsetzung der Arbeitszeit, zu brechen". Die offiziellen Daten über die Streikbewegung der letzten Jahre recht- fertigen in gewisser Beziehung das Triumphgeheul des Unternehmer- organS. Wie aus dem soeben erschienenen Bericht der Fabrik- inspektoren für das Jahr 1S0S ersichtlich ist, bewegt sich die Zahl der Streiks und ihrer Teilnehmer in absteigender Linie und erreichte im Jahre 190S den Tiefstand. Die Zahl der ökonomischen Streiks wies im Jahre 1909 im Vergleich mit dem Vorjahre einen Rückgang von 32 Proz. aus. während die Zahl der streikenden Arbeiter um 33 Proz. sank. Indessen zeigt das Jahr 1910 einen so enormen Aufschwung der Streikbewegung, daß die Genugtuung der Unter- nehmerorgane und der Regierungspresse eme starke Abkühlung er- fahren dürfte. Eine besondere Belebung der Streikbewegung zeigt sich im Moskauer Jndustrierayon, dem Zentrum der russischen Textil- industrie. Trotz der ungünstigen Bedingungen, wehrten die Arbeiter vielerorts die Angriffe der Unternehmer ab und gingen sogar in einigen Fällen zum Angriff über. Eine kurze Uebersicht der Streik- bewegung im Moskauer Gouvernement zeigt dies in anschaulicher Weise. Im Januar streikten sämtliche 450 Arbeiter der Fabrik von Danhauer u. Kaiser. Der Streik währte zwei Tage und endete mit einem Sieg der Arbeiter. Im Februar brach aus derselben Fabrik ein partieller Streik aus. der gleichfalls siegreich endete. Am 17. Februar streikten sämtliche Arbeiter der Bjaborschen Maiiufoklur in Serpuchor(1977 Arbeiter, darunter 883 Frauen). Nach drei- tägigem Streik nahmen die Arbeiter die Arbeit auf. Am 18.' Februar streikten die Arbeiter der Moskauer Zucker- sabrik<950 Personen) infolge Lohndifferenzen. Die Forderungen der Arbeiter wurden zum Teil erfüllt. Ebenso endete der Streik bei Thiel in Moskau, der im März ausbrach. Der Streik auf der Maschinenfabrik von Hackenthal endete infolge der Einmischung der Administration mit einer Niederlage der Arbeiter. Die Arbeiter, 493 Personen, streikten 13 Tage lmig mit einer erstaunlichen Eni- schlossenheit und stellten sogar Streikposten auf. Nur die Verhaftung von 23 Arbeitern vereitelte einen günstigen Ausgang des Streiks. Ferner sind von erfolgreichen Streiks zu registrieren: im März auf der Fabrik von Schntzkow(200 Arbeiter); im Mai auf der Seidenfabrik von Mussi<800 Arbeiter) und auf 6 Ziegelsabrikeu<1300 Arbeiter); im Juli aus der Prochorowschen Manufaktur, auf der Spitzenfabrik von GivastowSky, auf der Farbenfabrik von Stoljarow usw. Was bei allen diesen Streiks besonders hervorzuheben ist, daß die Arbeiter, auch die Frauen nicht ausgeschlossen, eine erstaunliche Geschlossen- heit an den Tag legen. Charakteristisch ist hierbei, daß die bei den Streiks aufgestellten Lohnsorderungen nur zum Teil befriedigt Zentralverband der Schuhmacher. Die Zahlstelle Berlin deZ Schuhmacherverbandes hielt am Mittwoch bei Boeker in der Weber- stratze eine außerordentliche Generalversammlung ab, in der zu- nächst ein Antrag, den Lokalzuschlag von 5 Pf. aufzuheben, zur Verhandlung kam. Der Antrag wurde nach reger Debatte gegen wenige Stimmen abgelehnt, in der Ueberzeugung, daß dieser ge- ringe Zuschlag zum Beitrag zur Stärkung des Lokalfonds auch für die Zukunft erforderlich ist.— Sodann beschäftigte sich die Ver- sammlung mit der Polemik, die sich im Verbandsorgan über die Stellungnahme der Zahlstelle Berlin zu den Beschlüssen des Ver- bandstages entwickelt hat. Es handelt sich hierbei um eine Resolu- tion, die sich gegen die Gehaltserhöhung der Beamten des Haupt- Vorstandes und die Art, wie dieser Beschluß herbeigeführt wurde, wendet, sowie gegen die vom Verbandstag ebenfalls beschlossene Studienreise nach Amerika, und in der schließlich die Einberufung eines außerordentlichen Verbandstages verlangt wird. Eine Reihe von Zahlstellen im Reiche hat sich in den Hauptpunkten mit der Berliner Resolution einverstanden erklärt, wenngleich für einen außerordentlichen Verbandstag mit Rücksicht auf die großen Un- kosten wenig Neigung vorhanden ist. Andererseits sind im Ver- bandsorgan verschiedene Stimmen laut geworden, die sich mehr oder minder scharf gegen die Berliner Zahlstelle und ihre Resolu- tion wenden. In der Versammlung entwickelte sich nun eine leb- hafte Diskussion über diese Angelegenheit, die damit endete, daß die Versammlung sich einstimmig auf den Boden jener am 26. Juni gefaßten Resolution stellte. Ferner wurde beschlossen, an die Zahl- stellen im Reiche die Aufforderung zu richten, zu der Frage der Einberufung eines außerordentlichen Verbandstags Stellung zu nehmen. In Verbindung damit soll dafür gesorgt werden, daß eine Uebersicht über die gegenwärtigen Gehaltsverhältnisse der Beamten im Hauptvorstand und eventuell der Gauleiter gegeben wird. Der Zweigverein Berlin des Maurervcrbandes hatte am Miß« woch eine Generalversammlung, wo der Vorsitzende Hanke den Geschäftsbericht für das 2. Quartal erstattete. Er erwähnte unter anderem, daß es sich die Vereinsleitung angelegen sein ließ, den Kanalisationsmaurern, die früher einen niedrigeren als den Ver- tragslohn hatten, den erhöhten Lohn des neuen Vertrages zu sichern. Obgleich die hier in Frage kommenden Kollegen keine Neigung zu einem energischen Vorgehen zeigten, sei eS gelungen, die betreffende Firma, die dem Verbände der Baugeschäfte an« gehört, zur Gewährung des tarifmäßigen Stundenlohnes von 78 Pf. zu bewegen. Im übrigen seien nur hier und da geringere Differenzen entstanden, die befriedigend erledigt wurden. Weiter bemerkte der Redner, die Baukonjunktur sei immer noch nicht be« sonders gut. Sie stehe noch weit zurück hinter der Konjunktur der Jahre 1905 und 1906. Auch das Interesse der Berliner Maurer für die Organisation lasse manches zu wünschen übrig.— Während des großen Kampfes im Baugewerbe habe sich in Berlin eine ver». mehrte Kontrolle der Arbeitslosen notwendig gemächt. Diese Kon- trolle, die viel Arbeit verursachte, hätten die Wirte der Verkehrs» lokale unentgeltlich besorgt, was bei dieser Gelegenheit anerkennend hervorgehoben werden solle. Die vom Kassierer W a r t e n b e r g gegebene Abrechnung ergibt einen Kassenbestand von 187 591,31 M. Für UnterstützungSzweckv wurden 22 955 M. ausgegeben. Am Schluß des Quartals hatte der Zweigverein 9430 Mitglieder, und zwar 5860 Maurer, 1848 Putzer, 1772 Gips- und Zementarbeiter. Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde vorwiegend die Frage diskutiert, auf welche Weise die Agitation betrieben werden müsse, um dem Verbände neue Mitglieder zu werben und die Lässigen zur Erfüllung ihrer Pflichten anzuhalten. Unter anderem wurde erwähnt, die agitatorisch tätigen Kollegen stießen oft auf den Einwand, die Streikbeiträge seien sehr unzureichend eingegangen. Demgegenüber stellte der Kassierer Wartenberg fest, daß derartige Behauptungen unzutreffend seien, denn bis jetzt seien etwa 210 000 M. an Streikbeiträgen der Zweigvereinsmitglieder ein« gegangen bezw. verrechnet._ Letzte JVacbncbtcn und Dcpcfcbcn. Gegen den Fleischwucher. München, 18. August. Das hiesige Eemeindekollegium hat heute den Dringlichkeitsantrag angenommen, den Ma- gistrat zu ersuchen, sofort geeignete Schritte bei der Re« gierung zu tun, um einer drohenden Fleischnot vorzubeugen. Die Tätigkeit des Lockspitzels Rybak. Lemberg, 13. August.(Preß-Tel.) Ueber die Tätigkeit de? er- schossenen russischen Polizeispitzels Rybak bringt eine hiesigs Korrespondenz aufsehenerregende Mitteilungen. Rybak soll den Auftrag erhalten haben, die Stellung der österreichisch-polnischea Partei im Falle eines Krieges mit Ruhland zu erforschen. Weiter- hin sollte er die Stellung des Grafen Aehrenthal im Falle eines Aufstandes der Polen in Ruhland auskundschaften, und wenn irgend möglich sich in den Besitz des vollständigen Mobilisierungs- planes der österreichisch-ungarischen Armee setzen. Der Wiederaufbau der Weltausstellung. Brüssel, 18. August.(W. T. B.) Frankreich ließ den Generaldirektoren der Ausstellung mitteilen, daß der Aufbau der vernichteten Teile der französischen Abteilung nur dann erfolge, wenn ein besserer Löschdienst organtsicrt werde. Die Ausstellungs- kommission beschloß die Anschaffung einer Dampfspritze und die Errichtung eines Feucrwchrkorps von 60 Mann mit Tag. und Nachtdienst. Morgen wird mit dem Ausbau der Fassade de3 Haupteinganges begonnen. Die Cholera in Italien. Rom, 18. August. iW. T. B.) Die Zeitungen enthalten neue Einzelheiten über die Cholera in Apulien. DaS„Giornale d'Jtalia" meldet: In Barletta ereigneten sich bis gestern abend 12 Erkrankungen, davon 9 mit tödlichem Ausgang, in Andria 5 bezw. 3, in T r a n i 15 bezw. 12, in MargheritadiSavoia 15 Erkrankungen, davon 4 Todesfälle, in San Ferdinando d i B u g l i a 3 bezw. 2 Fälle, in Trinitapoli 9 Erkrankungen,« in Cerignola 4. Heute wurden 6 neue Fälle in der Gegend zwischen Trani bis Ceglis und Margherita di Savoia festgestellt, Einige Zeitungen geben einigen aus Batum gekommenen Zigeu- nern, die sich in Trani aufhielten, die Schuld an der Einschleppung, andere sprechen von einer Gruppe von russischen Pilgern auS Odessa, die Bari besuchten. Nach den neuesten vom Ministerium des Innern gemachten Meldungen hat sich in den letzten 24 Stunden der Gesundheitszustand in Apulien nicht verschlechtert, außer in Trani, wo infolge der Gleichgiltigleit der Bevölkerung die ersten Fälle verheimlicht worden warem_ 'Peramw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil vergntw.4 Hh, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag; Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanttgU Maul Singer St Co., Berlin SW. KierzuLBeilage»».UaterhaltuugSU, wurden, was wohl auf die Schwäche oder den völligen Mangel einer gewerkschaftlichen Organisation zurückzuführen ist. Jedenfalls zeigen diese Lohnforderungen, daß die Arbeiter die günstigere Kon- junktur in der Industrie und den besseren Stand des Arbeitsmarkkes infolge der guten Ernte abzuschätzen wissen und wo nur möglich, zum Angriff übergehen. Die im Gouvernement Moskau geschildert- Belebung der Streikbewegung zeigt sich auch in anderen Industriegebieten des Landes, in Litauen, Polen, Südrußland usw. V� n den letzte» Zeitungsnachrichten seien folgende registriert: am 17. Juli streikten sämtliche 1000 Arbeiter der metallurgischen Fabrik von Hnndtke in Nischui-Dncprowsk. Nach neuntägigem Slreik w"rden sämtliche Lohnforderungen der Arbeiter befriedigt und sämtliche entlasseiien Arbeiter wieder eingestellt. Einen ähnlichen Sieg erfochten die Ar« heiter auf einer der größten Tomsker Fabriken, wo die Forderungen ber Arbeiter nach siebentägigem Streik befriedigt wurden. Versammlungen. Dr. 193. 27. Iahrgasz. L Kciltzt des„ Ittltaj, 19. JitpJ 1910. BSnäßlspolUlls oder Dkncrpoütilt? Von Simon Katzeustein. .Diener tragen inZgemein i§rer Herren Livereh'.— Man sollte fast glauben, dag die badischen Nationalliberalen der.Grostblock"- Politik überdrüssig geworden seien, so unbarmherzig höhnen sie ihre sozialdemokratischen Bundesgenossen. Oder sie müssen tief überzeugt sein, daß dort von der revolutionären Urkraft der Sozialdemokratie auch gar nichts übrig geblieben und der früher so sehr gehaßte Gegner, der nun»nicht mehr zurück kann', ihnen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist. Wäre das so richtig, wie es falsch ist, be- deutete es allerdings die zwingende Notwendigkeit für die deutsche Sozialdemokratie, sich von einer Parteigruppe zu trennen, die derart unwiderruflich zu Hintersassen einer bürgerlichen Partei geworden wäre. Und welcher Partei? Wir erinnern uns, daß in früheren Jahren, als der Kampf gegen die badischen Budgetbewilliger und Hofgangwilligen sdamals kam es noch nicht soweit) geführt wurde, noch nicht die Notwendigkeit vorgeschoben wurde, unter allen Umständen und mit dem Opfer alles Prinzipienballastes das Zentrum von der Futterkrippe zu verscheuchen. Denn damals, in der Zeit des Kampfes um die Wahlreform, ging unsere badische Partei not- gedrungen mit dem Zentrum zusammen gegen dieselbe national- liberale Partei, die unter Eisenlohr und nachher noch der direkten Wahl den entschiedensten Widerstand entgegensetzte. Dieselbe nationalliberale Partei, deren Negierung unter dem Ausnahmegesetz mit besonderer Brutalität den VernichtungSkampf gegen die rote Rotte betrieben hatte und nachher noch mit Hochverratsprozeß. Verbot der Gedenkfeier für 184S und skrupelloser Mobilmachung der Bezirksämter und ihrer AmtSprcsse in der gleichen Richtung weiter arbeitete. ES ist wohl kein Zufall, daß Genoste Adolf Geck, der diese staatSerhaltende Politik noch miterlebt und am eigenen Leibe ver- spürt hat, nicht über das Mißtrauen gegen die jetzigen»liberale»' Schlafgenossen hinwegkommen kann. Und wie es gekommen ist, daß der FuchS zum Bußeprediger geworden ist, daß die badischen Nationalliberalen, die von dem Ansturm von rechts(Zentrum) und links, wo einstweilen noch die Sozialdemokratie steht, in die Ecke getrieben worden find, ganz zuletzt ihr liberales Herz entdeckt und sich zunächst mit den zahlenmäßig bedeutungslosen Linksliberalen, schließ- lich gar mit der Sozialdemokratie haben Verbünden müssen, das liegt klar vor aller Augen. Wersich noch erinnert, mir welcher Anmaßung diese Nationalliberalen, als sie noch die Alleinherrscher in der Kaminer waren, dort ihr Spiel getrieben haben, wie die skrupelloseste.patriotische' Hetze gerade im Lande des Lahrer Hinkenden Boten und unter der Aegide des Großherzogs Friedrich beirieben wurde, der weiß auch, daß es sich bei der jetzigen Zurückhaltung um keine innere Wandlung sondern um eine notgedrungene Rücksichtnahme auf die geänderten Zeitverhältnisse handelt. Und daß diese Rücksichtnahme nie soweit geht, in daS, was man so die nationalliberalen Prinzipien nennt, ernsthaft einzugreifen. daS haben die Rebmann und ihre Genossen in der»Kölnischen Zeitung', der»Straßburger Post' usw. deutlich genug gezeigt. Stellen wir zunächst noch einmal fest, daß eS sich in dem ganzen inneren Streite selbstverständlich nicht um den augeblichen Gegensatz zwischen»positivem Schaffen und öder Negation' handelt, wie gern be- hauptet wird. Unsere badische» Wortführer erinnern sich wohl noch von früher aus ihrer eigenen Agitationstätigkeit her. wie zahllos oft sie selbst den Nachweis für den schaffensfreudigen und schaffenS- fähigen Charakter der alten, noch nicht rotgelb adjustierten Sozial- dcinokratie geliefert haben. Daß seit I. B. Schweitzers und Bebels Anfängen bis auf den heutigen Tag die Partei nicht nur indirekt durch Aufrüttelung der Gewissen und Steigerung der Arbeiter- macht, sondern direkt durch eine Fülle praktischer und durch- gearbeiteter Forderungen und Vorschläge gewirkt hat. Sie wissen wohl auch noch, daß in dieser Hinsicht kein Unterschied in der Gesamtpartei besteht, daß die radikalen Leipziger um kein Jota minder praktisch und erfolgreich— soweit die Gesetze es möglich machen— gearbeitet haben als die Karlsruher. Wenn man freilich unter praktischer Arbeit, wie es jüngst geschehen ist, die Auf- stellung.erfüllbarer' Forderungen verstehen, d. h. solcher, die unsere Gegner zu erfüllen geneigt sind, dann wird die ganze Bewegung in die Schablone eingespannt werden, die den jeweilig maßgebenden bürgerlichen Kreisen gerade noch genehm ist. Dann kommen wir zu der Naumannschen Parole, daß Politik Mehrheitsbildung sein müsse, was natürlich nicht bedeutet(das wäre eine Selbstverständlichkeit). daß jede Partei selbst sireben müsse, zur Mehrheit zu werden, son- dern daß man zu jeder Zeit sich bemühe» solle, bei irgend einer «regierungsfähigen" Mehrheit mit dabei zu sein. �Und da unsere bürgerlichen Klassen nun einmal ein viel ausgeprägteres Klassen- bewußisein besitzen, als es im allgemeinen in der Arbeiterichaft vorhanden ist, so bedeutet eS, daß uniere organisierte Macht gerade gut genug ist, irgendwo angehängt und um der oder jener Angenblicksvorteile willen in den Dienst fremder Jntereffen gestellt zu werden. Am Ende führt das zum Mitdabeiseinwollen um jeden Preis, zur Regierung um der Regierung willen, wie es uns die Briandlckie Polnil, die heute ihre wärmsten Freunde auf der Rechten findet und schon von den ernsten Radikalen wie Combes bekämpft wird, deutlich zeigt. ES ist nebenbei kennzeichnend und kein Zufall. daß dieselben Genossen, die nicht genug Widerwillen gegen die gewiß nicht erfreuliche revolutionäre Phrase aufzubringen und mit jedem Schmock um die Wette unsere»Unentwegten und Dogmenfanatiker' zu verulken wissen, sich so wider- standSloS in den Bann der leersten bürgerlichen Agitationsphrasen begeben haben: von der komischen Gespreiztheit des„Großblocks" an bis zu all den feinen und tiefen Wendungen, mit denen„Frankfurter Zeitung",„Hilfe" und»Berk. Tagebl.' ihre Leser nun seit l'/z Jahr- zehnten erbauen. Da sie im eigenen Lager spoltwenig Anklang damit gefunden haben und die Liberalen, trotz aller Tropfen sozialen Oels und sonstiger Ingredienzen, fast jedesmal, Wenns ernst geht, wieder zu reaktionären Bundesgenossen und reaktionären Methoden ihre Zuflucht nehmen, so muß es ihnen ein Trost sein, daß sie wenigstens in unserem Lager Gläubige gefunden haben, daß Genosse Dr. Ou esfe l eS gar schon als eine unserer Aufgaben erkannt hat. dem Liberalismus die ihm gebührende Stellung zu verschaffen— was mir eigentlich als die Aufgabe des Liberalismus ersckeinen will, die er auch in England und Frankreich nicht übel erfüllt hat. Daß aber, weil unsere Liberalen von Geburt an mit Rückgrat- erweichnug behaftet sind, wir uns den gleichen Vorzug aneignen müssen, um ihrer BundeSgenoffenschaft wert zu bleiben, will mir nicht ganz einleuchten... � �. Es ist auch nicht einmal so, daß man in der Partei der BündnrS- Politik an sich Steine in den Weg gelegt hätte. So groß unsere Abneigung gegen die liberalen Parteien sein muß— recht kenn- zeichnend hat Genosse K o tz k e jetzt darauf hingewiesen, daß in keinem Lande der Tcxtilarbeitervcrband so viel Gemäß regelte zu unterstützen hat. wie im gelobten Mustcrland des Liberalismus. dessen Fabrikanten natürlich fast ausnahmslos im liberalen Lager stehen—, so hat doch an sich niemand sich dagegen gewandt, daß unsere badischen Genossen mit den Nationalliberalen zusammengegangen find, um dem Zentrum den Weg zur Macht zu versperren. Gewiß hat K a u t s k y völlig Recht, wenn er ausführt, daß das Zentrum politisch als Oppositionspartei viel gefährlicher ist denn als Regierungspartei. Aber er wird auch zugeben, daß man mit gutem Gewissen eS trotzdem als nächste und dringlichste Pflicht anerkennen kann, den berühmten geistig und sittlich läuternden Einfluß der Zenwnmspfaffen in mög- lichst enge Grenzen zu bannen. Es wäre mehr als eine Messe wert, wenn es gelänge, eine Radikalkur an unserer klerikalisierten Jugend- erziehung vorzunehmen. Leider ist gerade daS unseren badischeu Genossen nicht gelungen. Der Einfluß der Geistlichkeit aus die Jugend ist nach dem neuen badischen Schulgesetz nicht geringer als er schon vorher kraft der Einrichtung der Simultanschulc gewesen ist. Aber in jedem Falle haben sich die badischen Genossen über irgend welche böswillige oder unverständige Beurteilung ihrer BüudniSpolitik inner- halb der Partei nicht zu beklagen gehabt. Man hat sich aufrichtig mit ihren Wahlerfolgen sowohl als mit der beginnenden Zurückdrängung der Zcntrumsmacht gefreut. Man hat selbst die bescheidenen Erfolge ihrer Kammertäligkeit(die man freilich höher taxierte, als sie sich nun, nach den nationalliberalen Renommistereien, darstellen) nicht hämisch bekrittelt, sondern gern, da nicht mehr erreichbar schien, hin- genommen. Heute freilich stellt es sich heraus, daß die politischen Akte, die ihnen zum Vorwurf gemacht werden, doch nicht so ohne Zusammenhang als häßliche Dekoration ein schönes Bauwerk ver- unzieren, sondern daß die ganze Politik der Nücksichtnehmerci schon die parlamenwrische Arbeit durchsäuert und die kraftvolle Aktion unter den Massen gelähmt hat. Diese Aktion aber ist cm sehr wichtiges Mittel selbst der parlamentarischen Machlentfaltung. Und in jedem Falle dient sie der Erziehung, der Auf- rüttclung und Organisation der Massen, die uns schließlich wichtiger sein muß, als selbst die erfolgreichste, geschweige denn eine an Erfolgen mäßige parlamentarische Arbeit. Jedenfalls aber hat sich gezeigt, daß die deutsche Sozialdemokratie nicht jede Bündnis- Politik verwirft. Freilich muß sie eine Grundbedingung stellen: die Sozial- demokratie muß ein wirklicher Verbündeter mit voller Gleich- berechtigung fein, kein Anhängsel, für das fremder Wille die Bedingungen des Zusammenarbeitens eigenmächtig festsetzt. Denken wir uns etwa folgenden Fall: Eine sozialdemokratische Fraktion er- klärte einer bürgerlichen, die mit ihr Hand in Hand arbeite» will: „Ja, aber wir sind, was zu bedenken bleibt, keine monarchische Partei. Wir müssen verlangen, daß ihr unsere republikanischen Gefühle nicht durch Huldigungen vor dein Monarchen verletzt. Wir wollen diese Huldigungen nicht stören. Aber wir müssen ver- langen, daß ihr daran nicht teilnehmt". DaS gäbe keinen schlechten Entrüstungssturm über sozialdemokratische Anmaßung. Und dabei hätte man von dem Gegner nicht etwa eine Huldigung vor unserem demokratischen Staatsideal, sondern einfach eine„Schonung unserer Gefühle' durch Unterlassung entgegengerichteter Kund- gebungen verlangt. Hier aber untersteht man sich, als Bedingung gemeinsamer Arbeit zu fordern, daß wir nicht etwa republikanische Kundgebungen unterlassen(die haben wir bisher, vielleicht allzu vorsichtig, stets vermieden), sondern daß wir uns positiv an entgegen« stehenden monarchischen Demonstrationen beteiligen. Und noch schöner: unsere Genossen lassen sich diese Degradierung zu Bundesgenossen vierler Güte gefallen. Die Ausreds, daß die Geschäftsordnung das sogar zur GewissenSsache gemacht habe, ist natürlich nicht ernst zu nehmen. Denn es hätte nichts gehindert, bereits vor Ueberuahme der betreffenden Aemter die Ablehnung höfischer Verpflicbtungen zu erklären— nötigenfalls auf die Gefahr bin, auf diesen Anteil an der politischen Macht, die ja Genosse Kolb bereits in höherem Grade als in Preußen errungen glaubt, zu verzichten. Daß man für die Budgetbewilligung diesmal nur Eintagsinteresien und die Abwehr klerikaler Hofintrigen angeführt hat, ist verständig, wenn eS auch die Sache nicht bester macht. Jedenfalls ist der Gesichtspunkt, der vor neun Jahren in Frage kam, daß die Sozialdemokratie nicht dem Staate sein Funktionieren un- möglich machen, nicht der Lokomotive die Kohlen verweigern dürfe, nicht zu halten. Wir wollen gewiß auch, daß die Lokomotive fährt, aber„die janze Richtung paßt uns nicht". Wir wollen sie auf andere Gleise drängen und müssen ihr inzwischen den Brennstoff ver- weigern. Sind doch unter all den Kulturaufgaben, die da als außerhalb jeder Diskussion stehend(im Gegensatz zu den Kosten der Hofhaltung, der Kirche u. a., deren Anfechtbarkeit zugegeben wird) z. B. die Organe der inneren Verwaltung mit ihrer völlig bureau« kratisch-plutokratischen Organisation, die noch eben gerade der ver- ständniSvolle Minister v. Bodman sehr pathetisch dem roten Zudrang verschließen zu müssen glaubte. Dabei ist die Gerichts- organisation, die beute als Werkzeug der Klassenherrschaft so un- geheuer viel Leid über das arme Volk verbreitet. Dabei sind Eisen- bahnen und Schulen, deren Kulturwert wir gewiß selbst in ihrer heutigen Verfassung nicht. verkennen, denen wir aber doch, solange sie so sehr allen Arbeiterinteresscn wie den pädagogischen Forde- rungen entgegenstehende Einrichtungen der Klassenherrschaft sind, die Zustimmung in ihrer heutigen Form verweigern müssen. Mit Recht hat man schon betont, daß selbst eine bürgerliche Opposition, die ernst genommen sein will, ihren Gegnern das Budget verweigern müßte. Und nun erst wir, die das ganze System, in dessen Dienste alle heutigen Regierungen stehen müssen, von Grund aus verdammen. Hat übrigens die badische Regierung, gegen die man in Baden nicht»demonstrieren' wollte, in der Reichs- Politik ihre Wege von denen der Reichsregiernng getrennt? Hat sie gegen die ReichSfiuanzreform, gegen die militaristische Politik, gegen die Entrechtung der Arbeiter in den Kraukenkassen Stellung genommen? Oeffentlich sicher nicht, jedenfalls überhaupt nicht. Wohl aber hat sie, gelreu dem Berliner Vorbild, die indirekten Steuern vermehrt, hat die Entschädigung der dadurch brotlos werdenden Arbeiter, wie die der vom Reiche nicht mehr versorgten Tabakarbeiter von sich gewiesen. Und wie alle die Sünden heißen, die unsere Genossen von der badischen Opposition ja genügend ins Licht gesetzt haben. Schließlich: war eS wirklich notwendig, um gemäßigt-liberale Politik treiben zu helfen, den Nationalliberalen mit solcher Selbst- Verleugnung entgegenzukommen? Diese werden, abgesehen von einer Minderzahl von Aengstlingen. unbedingt lieber mir uns gehen als mit dem Zentrum. Denn dieses ist ein sehr anspruchsvoller Verbündeter. Nicht allein kirchliche und Schulzugestnndnisse verlangt es, die ja— siehe Zedlitz-Kompronnß— den echten National- liberalen nicht allzu sauer werden. Es will auch mit aus der Schüssel essen. Nicht allein die Geistlichkeit weiß, daß das himmlische Manna mehr für die rohe Masse der Gläubigen, für den Diener Gottes aber handfestere Nahrung nötig ist. Man kennt ja die GleichstellungSschmerzcn der katholischen Bourgeoisie zur Genüge. In dieser Hinsicht sind die Sozialdemokraten, die keinen anderen Anspruch aus Parität machen als die Zulassung zu den vom Volke selbst zu ver- gebenden, d. h. zumeist unbesoldeten oder gering bezahlten Posten, entschieden bequemer. Wenigstens zunächst noch. Daß sie nun zu dieser uneigennützigen Rolle, die den Liberalen alle Staatsämter überläßt und sich mit den ideellen Vorteilen einer ettvaS Volks- tümlicheren Politik begnügt, auch noch die nationalliberale Livree trogen und Abgaben in Form grundsätzlicher Verzichte und Kund- gebungen machen sollen und wollen, das ist ein eigener Humor. Sie haben den Dank erfahren in Form der nationalliberalen Führungszeugnisse, die etwa klingen wie daS des Freiherrn v. Richt- hosen für die Frau dcS GudSinspcktorS Kasten: Fleißig und be- scheiden I Die Bescheidenheit in politischen Dingen galt aber bei unS nie als sozialdemokratische Tugend. Ich bin allerdings der Ansicht, daß die Nürnberger Budget-Nesolu'tion nicht der Weisheit letzter Schluß ist. So gut sie den allgemeinen Grundsatz der Budgetablchnung für einen bestimmten Fall durchbrochen hat, so gut kann ein Abweichungsgrund anderer Art vorkommen. Denken tvir uns eine parlamentarische Regierung demokratischer Tendenz, die ohne unsere Hilfe einer reaktionären Mehrheit unterliegen müßte. In einem solchen Falle könnte es politische Pflicht werden, auch abgesehen von der Frage, ob das Staatsbudget selbst dadurch verschlimmert würde, unter aus- drücklicherBctommg unseres grundsätzlichenGcgensatzes zumbestehenden Staate, sür diese Sachlage die Regierung durch Budgetannahme(falls die Reaktionäre daSBudget, als zu volksfreundlich, ablehnten) zu stützen. Ob dieser Fall unter deutschen Verhältnissen je eintreten wird, steht dahin. Jedenfalls aber sollte man seiner Möglichkeit durch An- nähme einer Fassung, wie Genosse F r o h m e sie in Nürnberg be- antragt hatte, Rechnung tragen. Daß freilich jetzt in Baden, wo eS weder ein parlamentarisches noch ein liberales Ministerium gibt, wo man nicht den Gegensatz zum heutigen Staate betont, sondern gerade eine entsprechende Haltung als„Demonstration" herabgesetzt bat, wo schließlich selbst die Bedingungen der abgelehnten Re- solution Frohme nicht erfüllt worden sind, ein solcher Fall nicht in Frage steht, das liegt auf der Hand, von der Diszipliufrage gar nicht zu reden. Da man die badische Taktik als richtunggebend für die Gesamt- Partei hingestellt hat, so werden die badischen Genosten sich auch gefallen lasten müssen, daß die Gcsamtpartei dazu Stellung nimmt. Und sofern diese noch nicht die politische Höhe des Oberrheins er- klommen hat, so werden sie sich auch dem Beschluß der Gesamt- Partei zu fügen haben. Die deutsche Sozialdemokratie wird sich hüten, in ihren Reihen den Briandismus großzuziehen, sei eS auch nur im badischen Duodezformat. .' Soweit Genosse Katzeustein. Zu seinen Bemerkungen über die Nürnberger Resolution möchten wir nur noch bemerken, daß lliiS für deutsche Verhältnisse, die ja hier allein in Frage kommen, die Nürnberger Resolution ausreichend erscheint. 11. Derblttldslag der Zchnelder, Schlitidermnell und Mäschearheiter Dtutschlallds. Hamburg, 18. August. In der heutigen Vormittagssitzung wird die Debatte über deu zweiten Teil des Geschäftsberichts noch eine Weile fortgesetzt. Es werden einige interne Angelegenheiten behandelt, worauf der Hauptkassierer Heitmann- Berlin bezüglich der Anregung, eine Krankenstatistik im Verbände einzuführen, erklärt, daß der Vorstand dieser Anregung nicht ablehnend gegenüberstehe. Bei Neudruck der Formulare könnte eine derartige Rubrik eingeführt werden, die gewissenhaft auszufüllen Sache der Lokalvcrwaltungen sein müsse. Die gestrigen Ausführungen StühmerS hinsichtlich der Agitation in der Wäschebranche beziehen sich nicht auf Berlin III, sondern aus Aue im Erzgebirge. In seinem Schlußwort sagt Redakteur S a b a t h Berücksichtigung aller durchführbaren Anregungen zu und ersucht die Kollegen um tatkräftige Unterstützung der Redaktion. Der Antialkoholbewegung stehe er durchaus nicht un- sympathisch gegenüber, nur vermöge er kein kompetentes wissen- schaftlichcs Urteil darüber zu fällen. Sollten Kollegen solche Artikel zu schreiben imstande sein, so würden diese Aufnahme im Organ finden. Der Raummangel führe dazu, daß viele Einsendungen zurückgestellt werden müßten. Sollte alles Brauchbare Aufnahme finden, dann müßte das Blatt räumlich bedeutend erweitert und eine zweite Kraft angestellt werden. Der Gesamt-GcschäftSführung wurde einstimmig Decharge erteilt. ES wurden diese Anträge angenommen: „ES ist in der Zukunft bei allen Lohnbewegungen in der Uniformbranche darauf Rücksicht zu nehmen, daß für einzelne Orte und angrenzende wirtschaftlich zugehörige oder gleichartige Gebiete die Tarife einheitlich werden." „Die Forderung nach BeiriebSwerkstätten soll mehr in den Vordergrund gestellt werden." »Der Vorstand wird beaustragt, zwecks Regelung des Arbeits- Nachweises auf paritätischer Grundlage baldigst mit dem Vorstand des Arbeitgeberverbandes in Verbindung zu treten." „Um für die Zukunft eine erfolgsichcre Agitation betreiben zu können, wolle der Verbandstag eine neue, zweckmäßigere Gau- bezw. Bczirkseintcilung treffen. Eventuell sind von der Hauptkaste besoldete Bezirksleiter anzustellen." »In Anbetracht dessen, daß die innere Festlegung der Organs- sation eine der wesentlichsten Vorbedingungen für deren Schlag- fcrtigkeii ist, und in der Erkenntnis, daß hierzu eine gute und pünktliche Beitragsleistung ein wichtiges Mittel ist, ver« pflichtet der Verbandstag sämtliche Filialen, der Beitrags- kassierung die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und alle Mittel anzuwenden, die geeignet sind, eine Hebung der Beitragsleistung herbeizuführen." »Die Prcßkommisfion wird aufgehoben. Etwaige Beschwerden über die Presse sind dem Ausschuß zu unterbreiten, während die Prüfung der Kassengeschäfte von den Hauptkasscnrevisoren bor- zunehmen sind." Dem Vorstande zur Berücksichtigung überwiesen werden die Anträge betr. die Einberufung einer Uniform- s ch n e i d e r- Konferenz, welche die Richtliiiieu für den Einheitstarif sowie die Taktik bei zukünftigen Lohnbewegungen in der Uniformbranche festzulegen hat, betr. die A n st e l l u n g einer weiblichen Agitationskraft für das ganze Reich, betr. die Einberufung einer Wäschearbeiter» Konferenz, damit diese die Taktik soivie die Grundzüge zwecks Erlangung einheitlicber Tarisforderungen usw. aufstellen könne. Ferner wird demVorstande eine R e s o luli on zur Berücksichtigung überwiesen, welche verlangt, daß, wie im Herbst IDO!), eine allgemeine Agitationstour mit vorhergehender Flugblattvcrbrcitung in die Wege geleitet werde. Zur Statutenberatung liegen VL AbänderungSanträge vor. von denen die meisten die erforderliche Unterstützung erhalten. In der Generaldebatte erklärte sich ein Berliner Delegierter gegen jede Aenderung der Beiträge und Unterstützungssätze. Ein anderer Redner schließt sich dieser Ansicht an und betont, daß der Kampf« charaktcr der Organisation stets im Vordergrund bleiben müsse. Hm der Partei. Ein neues Skandälchcn. Seit dem März dieses Jahres bemüht sich die Genossin Luxem- bürg, den.Vorwärts' zu zwingen, von ihr Notiz zu nehmen. Damals hielt sie den Moment für gekommen, den Massenstreik in Szene zu setzen. Die Zeit der Demonstrationen sei vorbei, die des Massenstreiks gekommen. Einen Artikel, in dem sie dies forderte. lehnten wir ab, weil wir den Moment für schlecht gewählt zu einem Massenstreik hielten. Als die Genossin Luxemburg dann eine Agitationstour unternahm, nahmen wir von ihr nicht mehr Notiz, als von anderen derartigen Touren überhaupt. Die Polemik, die sich hierauf zwischen ihr und Genossen Kautskh über den Massenstreik entspann, hielten wir nicht für sehr aktuell, da niemand in der Partei sich um die Aufforderung der Genossin Luxemburg zum Massenstreik kümmerte. Wir nahmen daher von dieser Polemik erst später Notiz, und dabei kam eS durch ein Versehen infolge des Wechsels der Redakteure während der Ferien dazu, daß ein Referat über einen Artikel der Genossin Luxcmourg an unrichtiger Stelle abgedruckt wurde. Den Schluß dieser Polemik benutzte die Genossin Luxemburg dazu, in alle Welt hinauszurufen, die preußische Wahlrechtsbewegung sei tot, deswegen tot, weil vom Parteivorstand gebremst worden sei. Eine leichtfertigere Behauptung ist nie aufgestellt worden, denn sie steht bollkommen im Widerspruch zu den Tatsachen. Auf Grund dieser erfundenen Behauptung erhob sie eine schwere Anklage nicht bloß gegen den Vorstand, sondern gegen alle Parteigenossen, die das angebliche Bremsen dcS Vorstandes ohne Protest aufgenommen hatten; gegen alle Parteigenossen, die die Massenstreikagitation der Genossin Luxemburg nicht unterstützt hatten, also gegen die un- geheure Mehrheit der Partei. ES war unser Recht und unsere Pflicht, diesen der Wahrheit völlig widersprechenden Anwurf gegen unsere Partei, diese Ver- kleinerung unseres Kampfes zurückzuweisen. DaS sind die Tatsachen, durch die sich die Genossin Luxemburg berechtigt glaubt, in der«Leipziger Volkszeitung" einen Angriff gegen unser, wie sie sagt,«ohnmächtig gehässiges Gebelfer voller Ver- drehungen" loszulassen, der durch seine Maßlosigkeit, Ueberhebung und Bosheit selbst unS überrascht, die wir bei der Genossin Luxem- bürg an starken Tabak gewöhnt sind. Sie scheint fest entschlossen zu sein, um jeden Preis einen Skandal zu entfesseln, um zu verhindern, daß die badische Angelegenheit zum Mittelpunkt des Parteitages wird und nicht sie selbst. Sie gibt vor, eine sachliche Diskussion über die Taktik des Wahlrechtskampfes herbeiführen zu wollen. In Wahrheit steuert sie mit allen Mitteln auf das skrupelloseste darauf hin, den Parteitag zu einem wüsten Skandaltag zu gestalten. Damit will sie die Agitation zu den ReichstagSwahlen einleiten, für die sie nur noch Verachtung übrig hat. Aber sie hat zu früh losgeschlagen. Die Parteigenoffen wissen jetzt, woran sie sind und werden dafür sorgen, daß der Skandal auf dem Parteitag keinen Boden findet. Erklärung. In dem oben erwähnten Artikel der„ L e i p z. V o l k S z t g.' beruft sich Genossin Luxemburg zum Beweise dafür, daß im März dieses Jahres dem„Vorwärts" die Erörterung des Massenstreiks von den Parteiinstanzen verboten gewesen sei, auf folgende Stelle aus einem ihr von mir geschriebenen Privatbriefe: Leider kann ich Ihre beiden Artikel nicht aufnehmen, da nach einer Vereinbarung zwischen Parteivorstand, geschäftsführendem Ausschuß der preußischen LandeSkommisston und Redaktion zu- nächst die Frage des Massenstreiks nicht im»Vorwärts" erörtert werden soll. Genossin Luxemburg folgert daraus, daß ein«Verbot' oder ein«Beschluß" der Parteiinstanzen vorgelegen habe. Ganz ab- gesehen davon, daß eine„Vereinbarung" kein«Verbot" ist, kann ich der Genossin Luxemburg zu ihrer Beruhigung mitteilen, daß selbst daS in meinem Brief gebrauchte Wort.Vereinbarung" nicht so zu verstehen ist, als wäre dem»Vorwärts" irgend- welcher Zwang auferlegt worden. In einigen AuS- sprachen zwischen Redaktionsmitgliedern, dem Parteivorstand und dem Ausschuß der preußischen Landeskommission über die Wahlrechtsbewegung kamen vielmehr die Beteiligten sämtlich völlig zwanglos zu der Uebereinstimmung, daß vorerst am besten eine Propagierung des Massenstreiks im.Vorwärts" unterbliebe. Das ist der Vorgang, den Genossin Luxemburg zu einer Art Gewaltaktion aufbauscht I Ueber die Unanständigkeit, aus Privatbriefen Mitteilungen zu veröffentlichen, die dem Adressaten im Vertrauen auf seine Ver- schwiegenheit gemacht worden sind, will ich mit Genossin Luxemburg nicht rechten, da ihr meines ErachtenS das Gefühl dafür fehlt. _ Heinrich C u n o w. Die Organisation in Baden. Zu dem am Sonnabend und Sonntag in Offenburfj tagenden Landesparteitag hat der badische Landesvorstand seinen em und ein halbes Jahr umfassenden Bericht herausgegeben. Die Zahl der Mitglieder betrug insgesamt am Schlüsse des Berichtsjahres 14 643, gegen 13 787 im Jahre 1908, darunter waren damals 384, jetzt 456 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Mitglieder in den einzelnen Kreisen betrug: 1. Kreis 329; L.Kreis 401; 3. Kreis 431; 4. Kreis 414; 5. Kreis 564; 6. Kreis 276; 7. Kreis 437; 8. Kreis 400; 9. Kreis 2313; 10. Kreis 1720; 11. Kreis 5941; 12. Kreis 1060; 13. KreiS 311; 14. Kreis 41. Von den 455 weiblichen Mitgtiedeen entfielen auf den 11. KreiS(Mannheim) 233; auf den 10. KreiS(Karlsruhe 106; auf den 6. Kreis(Frei- bürg) 50; auf den S. Kreis(Pforzheim) 23;. auf den 12. Kreis (Heidelberg) 21. Die anderen Kreise zählten weniger wie sieben und drei Kreise hatten überhaupt keine weiblichen Mitglieder zu ver- zeichnen. Der Kassenbericht deS Landesvorstandes zeigt in diesen t>/z Jahren eine Einnahme von 50 069 M., worunter sich ein Darlehen von 12000 M. befindet. Die Mitgliederbeiträge brachten der Landeskasse 21 380 M., der Verlag der„Volksstimme' leistete 1500 M. und die Landtagsfraktion 1000 M. Wahlzuschuß. Unter den Ausgaben verdienen erwähnt zu werden 10149 M. Zuschüsse an die Bezirkssekretariate und 21 274 M. Zuschüsse zur Landtags- Wahl. Die Parteipresse besteht auS der„Mannheimer Volks- stimme" für den 11.. 12., 13. und 14. ReichstagSwahkkreiS, dem .V o l k S f r e u n d" in Karlsruhe für die übrigen Kreise, mit Ausnahme vom KreiS Pforzheim, der in der.F r e> e n P r e f f e' ein eigenes Blatt hat...wenn es auch nur vorerst Kopfblatt des .VolkSfreund" ist. Außerdem erscheint in Lörrach als Kopfblatt der Baseler»Vorwärts zweimal wöchentlich die»Volks- zeitung". Ueber die Bürgerausschußwahlen heißt eS in dem Bericht, daß die Partei mit dem Resultat sehr wohl zufrieden sein könne. Ein Teil der Vertreter in den Gcmemdeparlamenten habe freilich nicht immer mit der nötigen Geschicklichkeit die Parteiintcressen ver- treten.„Dieser Uebelstand, so heißt eS, dürfte bei einigem guten Willen und gegenseitiger Verständigung bald behoben sein. Um dieS zu erreichen und gegenseitige Aussprachen zu ermöglichen, find nach Reichstagswahlkreisen abgegrenzt, periodisch Gemeindevertreter« Konferenzen einzuberufen, in denen Vorträge über unsere Stellung zur Gemeindepolitik gehalten werden, an die sich dann ein Austausch der gemachten Erfahrungen anschließen kann. Die Gesamtzahl der Bürgerausschußvertreter betragt im ganzen Lande 1266. Davon sind gewählt in der ersten Wählerklasse 16, in der zweiten 100 und in der dritten 1150 Vertreter. Auf den Reichs- tagswahlkreiS Mannheim entfallen hiervon 356, auf Pforzheim 422, auf Karlsruhe 170, auf Heidelberg 62, auf Lörrach-Müllheim 55. Die anderen Kreise haben weniger, der 14. KreiS hat überhaupt keinen Vertreter. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindträte beträgt in neun ReichStagswahlkreisen insgesamt 63. Der Bericht schließt mit den Worten: Wir stehen vor neuen Kämpfen, die unter allen Umständen mit einem Siege für die sozialdemokratische Partei beendet werden müssen. Die Partei muß bei den im nächsten Jahre stattfindenden Reichstags- wählen zeigen, daß trotz taktischer Meinungsverschiedenheiten der Geist des gemeinsamen Zusammenwirkens als das höchste Ziel be« trachtet wird. Hier muß die schon so oft erprobte Geschlossen- heit den Gegnern Respekt einflößen und die Machtgelüste deS koalierten Kapitalismus und seiner Helfershelfer zuschanden machen. Dies kann und muß geschehen, wenn jeder Einzelne seine Schuldigkeit tut l Wohlan denn, blicken wir getrost in die Zukunft. Zeigen wir durch unsere Einigkeit, daß jeder Ansturm der Gegner wirkungslos an dem Felsen des Sozialismus abprallt. Auf zum Kampf! Auf zu neuen Siege«! Hoch die Sozialdemokratie! Die Fraukfurter Genossen gegen die Budgetbewilligung. In einer sehr stark besuchten Versammlung nahmen die Frank« furter Genossen am Dienstag Stellung zur Budgetbewilligung in Baden. Dr. Ouarck als Referent führte aus, daß man die An- gelegenheit nicht nur vom Gesichtspunkt des Disziplinbruches be- bandeln dürfe, sondern vom prinzipiellen Standpunkt aus. Da komme er zu dem Schluß, daß auch in den Bundesstaaten die Waffe der Budgetverweigerung angewandt werden muß als Antwort an da« reaktionäre Preußen, das ja in den Bundesstaaten nur Filialen seiner absolutistischen Regierung hat. Die Badener Parlamentarier mögen in gutem Glauben gehandelt haben. ihre Taktik ist aber grundfalsch. In Zukunft müsse mehr Konnex zwischen den norddeutschen Genossen und Süddcutschland hergestellt werden; der Parteivorstand habe sich mehr um diese Staaten zu kümmern und süddeutsche Genossen müssen mit in den Parteivorstand delegiert werden. Von einer Gewaltpolitik in Magdeburg rate er ab, die Badenser müssen einsehen, baß ihre Taktik verkehrt war und in Zukunft anders handeln. Tun sie das nicht, stellen sie sich selbst außerhalb der Partei. Genosse Heiden nahm sich der badischcn Genossen an und meinte, daß man mit Resolutionen wie die Nürnberger nicht weit komme. Eine Taktik passe nicht für alle Bundesstaaten. Der Erfolg sei der Gradmesser der Taktik und dieser spreche für die badischen Genossen. Ganz so wie es€.ui.id hingestellt h�e, sehe eS in den süddeutschen Staaten nun doch nicht aus, diese seien Preußen in vielen Beziehungen über. In Magdeburg müsse die Nürnberger Resolutton ausgehoben werden. In der sehr lebhaften Diskussion sprachen die Genossen Löwenstein, Dr. Seckcl, Elbert und Schick im Sinne des Referenten. Elbert meinte, nach allem waö vorgefallen sei, könne man an den guten Glauben der badischen Genossen bald verzweifeln. Die Steg- Müllereien müssen endlich aufhören. Lange nach Mitternacht fand die Versammlung erst ihr Ende mit der Annahme folgender Reso- lution des Genossen Ouarck: Die Bewilligung des gesamten Staatsbudgets für 1910/12 mit seinen monarchischen, polizeilichen und kirchlichen Ausgaben durch unsere badische LandtagSfraktion ist als ein schwerer politischer Fehlgriff dieser Parteikörperschast zu bezeichnen, da weder die badische Regierung, noch der badische Liberalismus der Arbeiter- klaffe des badischen Landes irgendwelche Zugeständnisse von politi- scher oder sozialer Erheblichkeit gemacht haben und auch gar nicht machen können oder wollen. Die bloße parlamentarische, und wahrscheinlich nur vorübergehende Mattsetzung deS Zentrums kann keine Entschädigung dafür sein, da sie in erster Linie dem Liberalismus nützt und Liberalismus wie Zentrum in ihrem ziel- bewußten Klassengegensatz zur Arbeiterbewegung durchaus über- einstimmen. Die badische LandtagSfraktion irrt auch, wenn sie meint, daß ihre praktische Mitarbeit im Landtage das Bekenntnis zu unseren revolutionären Zielen ausschließe und zu Konsequenzen, wie die Budgetbewilligung, führen müsse. Gerade die Sozialdemokratie hat vielmehr als einzige Partei die Möglichkeit, reformistisch und revolutionär zugleich auch im Parlament zu wirken. Sie kämpft durchaus ehrlich für möglichst hohe Abschlagszahlungen an das werktätige Volk bei jeder Gesetzgebungsmaterie, und sie betont ebenso ehrlich und konsequent, wie wert jene Abschlagszahlungen heute den kulturellen Bedürfnissen der mit Kopf und Hand arbeitenden Volksinassen zurückbleiben müssen, so lange daS Lohnsystem und infolgedessen die politische Klassenherrschaft bestehen. Die Hofgängerei der badischen Landtagsfraktion vollends ist eine, weder die badischen Genossen, noch den badischen Landes- fürften, der sie annimmt, ehrende Heuchelei, die nicht einmal in der bürgerlichen Geschäftsordnung des badischen Landtages eine Entschuldigung findet. Die Genossen gerade der kleineren und schwächeren Staaten des Deutschen Reiches haben vielmehr doppelte Ursache, dem über- mächtigen preußischen Junker- und Scharfmachertum gegenüber nicht auf flüchtige parlamentarische Augenblickserfolge, sondern allein auf die geschlossene Kampfteihe der deutschen Sozialdemo- kratie zu vertrauen, die selbst nach zahlreichen bürgerlichen Be- kenntnissen der einzige dauerhafte Schutz Nord- und Süddeutsch- lands gegen die preußische Verjunkerung und für unsere kulturelle Zukunft ist. Vom bevorstehenden deutschen Parteitag wird daher erwartet, daß er die irrenden badischen Genossen mit dauerndem Erfolg in die durch den unvermeidlichen Klassenkampf gegebene, einheitliche Schlachtlinie des kämpfenden Proletariats zurückruft und sie von ihren verhängnisvollen Fehlgriffen überzeugt, so daß sie wieder als disziplinierte Schar in Reih und Glied für die Befreiung der Arbeiterklasse von wirtschaftlicher und geistiger Knechtschaft mit- kämpfen._ Die BreSlauer Genossen zur Budgetbewilligung. In zwei Versammlungen behandelten die BreSlauer Genossen die badische Angelegenheit. Es sprachen in mehr oder minder scharfer Weise gegen den Disziplinbruch beziehungsweise gegen die Budgetbewilligung die Genossen Neukirch, Lithra, Heymann. Stöhr, Wiener, Seibold, Albert, Schiller, Scholich, Ritter, Schütz und Lobe. Genosse Löbe führte aus, daß der Disziplinbruch der Badenser noch augenfälliger und deshalb unangenehmer gewesen wäre, wenn ein Teil der Fraktion für und ein Teil gegen das Budget gestimmt häte. Schon um das zu verhindern, müssen die Beschlüsse der Parteitage hochgehalten werden, wenn es auch richtig sei, daß früher schon Disziplinbrüche vorgekommen sind, zum Beispiel m Leipzig. Die Hofgängerei erscheint dem Redner überhaupt unentschuldbar, als einzige republika- nische Partei in Deutschland sollten wir schon um unseres guten Ansehens willen solche Dinge unterlassen. In der Budget frage an sich, losgelöst von den einmal gültigen Beschlüssen, steht Redner auf dem Standpunkt, daß die Ablehnung eine reine Zweckmäßig- keitsfrage ist. Nur haben die Badenser diesmal sehr wenig triftige Gründe für die Budgetbewilligung vorbringen können. Schon wenn die Nürnberger Resolution das Stimmen fürs Budget unter gewissen Umständen zuläßt, nimmt sie der Sache ihren prinzipiellen Charakter. Immerhin sei für eine oppositionelle Partei die Abstimmung gegen das Budget von einer hohen d e- monstrativen Bedeutung. Wir sollten es immer den Landes- orgonisationen überlassen, zu entscheiden, ob sie den demonstrativen Wert der Ablehnung oder den taktischen Wert einer ausnahmS- weisen Zustimmung höher einschätzen. Redner verwirft die in gehässigem Tone abgefaßte Hamburger Resolution. Wir sollen nicht immer einen Galgen aufstellen mit der Drohung: Hier werden die Sünder aufgehangen I Schließlich, wenn eS mit der Ausschließerei einmal anfängt, dann hört es nicht mehr auf. Und wenn wir noch so viel Sünder ausschließen, im übrig bleibenden Rumpfe werden sich immer Gegensätze bilden, das liegt in der natürlichen Entwickelung. Redner ist der Ueberzeugung. daß die Nürnberger Resolution in zehn Jahren nicht mehr existieren wird, im gegenwärtigen Augenblick aber ist nicht zu verlangen, daß sich die große Mehrheit der Minderheit Unterau d)n et. Er empfiehlt deshalb eine Resolution, die da? Nachgeben beiden Teilen nahelegt: „Die Versammlung bedauert den Disziplin- bruch der badischen LandtagSfraktion, der geeignet ist, die Schlagkraft unserer Partei zu schwächen, sie verurteilt die Hofgängerei als unvereinbar mit unseren republika- nischen Anschauungen und hofft, daß der Magdeburger Partei- tag Mittel und Wege finden wird, um die einheitliche Kampfstellung der deutschen Sozialdemokratie für die Zukunft zu sichern." Nach der eingehenden Diskussion, in der das Verhalten der Badenser zumeist scharf verurteilt wurde, kam eS jur A b st i m- m u n g. Es lagen vier Resolutionen vor. Die meisten Stimmen — 09— erhielt die Hamburger Resolution, die am allerschärfsten gegen die Baoenser und ihre revisionistische Politik Stellung nimmt; für die Resolution Löbe stimmten 84, für eine schärfere AlbcrtS 30 und für die Berliner 18 Genossen. Der Antrag, keine Resolution anzunehmen, erhielt 17 Stimmen. Brandenburger KreiSkonferenze«. Die Kreiskonferenz der O st p r i g n i tz, die in P r i tz w a l k stattfand, war von 13 Delegierten aus vier Orten beschickt. Außer den Vorstandsmitgliedern waren noch anwesend Genosse L a u k a n t von der AgitationSkommiision, R. Schmidt vom Provinzial- sekretariat, N a t h o vom 6. Wahlkreis und der Kandidat des Kreises Genosse Hetzfchold,— Zu dem Bericht, der vervielfältigt vorlag, gaben noch eingehende Erläuterungen der Kressvorfltzende, Genosse Striebinq, und der Kassierer, Genosse Wehland. Danach beträgt die Mitgliederzahl in dem rein ländlichen Kreis zurzeit 120. Der Kalender wurde in 8500 Exemplaren(und außer- dem 12 400 Flugblätter) im Kreise verbreitet und zwar zum ersten- mal ohne Mithilfe auswärtiger Genossen. DaS Parteiblatt wird in 60 Exemplaren gelesen. Einnahme und Ausgabe schließen mit 1144,23 M. ab. Der TcrrorismuS und die Gewallherrschast wird in diesem Junkereldorado in Reinkultur gezüchtet. Bei der überall geübten Saalabtreiberei konnten oft nicht einmal Versammlungen unter freiem Himmel abgehalten werden, wo dies aber möglich, mußten hohe Mielpreise für die Grundstücke gezahlt werden. Insgesamt konnten deshalb nur zwölf öffentliche Versammlungen im Kreis ab- gehalten werden. Ueber den bevorstehenden Reichstagswahlkampf refe- rierte Genosse Hetzfchold unter Berücksichtigung der derzeitigen politischen Situation, wobei auch der Badener Disziplin- bruch scharf kritisiert wurde. Nach allgemein zustimmender Debatte schloß sich die Kreiskonferenz einmütig der Berliner Resolutton an.— Genosse Laukant referierte über Agitation und Organisation. Nach eingehender Debatte und Erledigung einiger Anträge, wurde einmüttg wieder Pritzwalk als Sitz des Kreis- Vorstandes bestimmt. Gewählt wurden: S trieb in g als 1. Vor- sitzender, Bartels als 2. Borsitzender, Zaum als Kassierer, W e h l a n d als Schriftführer. Die AuSkunfterteilung wurde wieder Gen. Bartels übertragen. Als Delegierter zum Parteitage wurde Gen. H e tz s.»!>»g,ict» idealer.) Die kleinen Michas. Schule' Charlottenburg. Die zmtlichcn Verwnndlen. In Zwil. Berliner Bolksoper. Der Flieger. (Ansang S'/j Uhr.) Luisen. Aus der Goldwage. Hebbel. Wem gehört Helene? Der Kuß aus der Redoute.(An- sang 8>lt Uhr.) Neues Operetten. Der Graf von Luxemburg. Lustspielhaus. Das Leutnants- mündcl. Herrnfeld. Die Welt geht unter. Wenn zwei dasselbe tun. Roie. Ein seltsamer Fall. Orianon. Pariser Witwen. Aolies Caprice. Die böse 13.— Die keusche Toinette.(Ansang 8',. Uhr.) Voigt. Lebenswellen. Vuhlman». Um Ehr und Liebe. (Ansang'1,8 Uhr.) Metropol. Halloh II— Die große Revue. Apollo. Spezialitäten. B»s!oge. Spezialitäten. Neichsballen. Steitiner Sänger. Walhalla. Svezinlitäien. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haberland. Spezialitäten. Pratcr. SchützenliS'b Schweizer-Gartcn. Spezialitäten. Elternlos. Max Klicm. Spezialitäten. Volks garten. Spezialitäten. Die Jagd nach dem Schwiegelsoho. Urania. T.indrnürahe tee/tu. Abends 8 Uhr: Streiszüge durch Norwegen. Sternwnrre, Jtivalidenstr. 57— G2. Lessing-Theater. 8 Uhr: DaS Konzert. Sonnabend 8 Uhr: Tautris der Narr. Sonntag 8 Uhr: DaS Konzert. Sommerpreise: Park. S> 4u. 3 M. w. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: TslkUN. Morgen: Dslkaii._ Neues Theater. Täglich: Kasernenluft. Anfang 8 Uhr. Berliner Volksoper. Heute'1,9 Uhr: Gastspiel des Neuen Schauspielhauses: Der Flieger._ Theater des Westens. Anfang 8 Uhr. Die geschiedene Frau. _ Operelte von Leo Fall._ Alcaes Operetten-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Grat von Luxemburg. Operette in 3 Alt. von A. M. Willner U. R. Bodanskh. Musik o. Franz Lehär. Anisen-Theater. fuh?- A»f der GoldivM. Schausp. in 5 Akt. v. Stahl u. Ritterseldt. Sonnabend 8 Uhr: Der Graf von Monte Christo. Sonmag 3 Uhr: Der Graf von Monte Christo. 3 Uhr letzte Sonntags- Aufführung: Auf der Goldwage.__ Verantwortlicher Redakteur Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 ühr: Prof. Bjarne Smith aus Bergen: Streifzdge durch Norwegen. k�'iociscHER GAHTEN Täglich: Grones Miiilar- Qoppel-Konzert _ Eintritt 1 Mark. von abends v Uhr ab SO Pf., Kinder unter zehn Jahren die Hälfte. Täglich 6-11 Uhr: Riesen-KinemalograpI). | Passage-Panopiikuni. Boddhas dunkles Geheimnis. {Der Mann mit demj eisernen Schlund! | Von 4—7 Uhr Vitascop- Theater Jlquanopticum J Experiment aus der 4. Dimension j Alles ohne Extra-Entree! z Passage-Theater. 4 Abends 8 Uhr: | Ein einziger Erfolg! •III La mime eepagnole ZoraVta J und das großartige August-( I Programm. g MFlroilolfheater Ilalloü! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom JDir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Ab 8 Uhr die Kolossal- Attraktionen. 5::: Schonhelten::: Tänzerinnen Korinnas.** Schlmpanao— Orang-Utan als Tandemfahrer. Lilly Walter Schreiber, der größte kleinste Varietä-Stern. Juliettes SeelOwen. Oemokritos, die letzte Neuheit, u. das weitere Sensationsprogramm Reielisliallen-TIiealer. Von nun Wied, täglich: Stettiner Sangep Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. �cliiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.) Gottscheld-Oper. Freitag, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: nie kleinen Rilchn. Komische Oper in 3 Alten von Messager. Ende 1
/,4 Uhr. Sa». Entree 20-60 Ps., Sonnt. 30-100 Ps. Kinder halbe Preise. Vereins-Lrsuerei Mxdort, Nermannstr. 214/21?. Oskenem: Max Vkendt. VW TttgUch:-tzWW Ll. hlililss-Ileeies!. Ansang wochentags 7 Uhr. , Sonntags 4 Uhr. Volksxartea- Theater früher Welmann. Badftr. 8, Behni» u. Bellermannstraße. Täglich: llonzort-, Theater- und 8peziaIitäten-Vorst. Das neue Riesen« Augustprogr. Neu: Der Zigeuner- baron. od.: Die Jagd n. d. schwieger« söhn. Posse m. Ges. u. Tanz in 5 Bild. Jed. Donnerst.: Gr. Briliant-Peuerw. Gr. Berliner KunstaiisstellDDg 1910 30. April bis 2. Oftober. Im Park täglich Doppel-Konzert. Eintritt: 10-6 Uhr l M.. V. 6 Uhr ab 50 Ps., Sonntags 50 Ps. Dauerk. 6 M. Ktrlinkr Prater-TlMter llastanienallee 7— 9. Täglich: SchjjtztlltlST Spezialitäten, Konzert nnii Ball. Ansang 4b, Uhr. Entree 30 Ps. 3. Sept.: Gr. Kindertreudenkest. Voigt-Theater Gesundbrunnen Badstr. 58. Freitag, den 19. August,'1,8 Uhr: Lebeiiswellen. Gr. Lebensbild mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von H. Willen. Das neue erstflass. Augustprogr. Kasseneröffnung 2 Uhr. Ans. 4'/, Uhr. Beginn der Wintersation 1910/11: Montag, den 5. September. 8ckweiier Garten Am Känigstor— Am Friedrichshain. Täglich abends'/,IO Uhr: �Elternlos oder: Berlin arm and reich. Volksstück mit Ges. in 2 Akt. Vorher: Spezinlitliten. Volksbelustigungen. Tanz, Anfang 5 ühr. Entree 30 Pf. Alt-JIoablt 17/10. Tägiicli: Konzert, Theater, Spezialitäten. Mai in Ssiirtttr und Feslsäle. Inh.; Rudolf Krüger. Hasenheide 13/15, vis-ä-vis v.TumpL TttgUch: Große Theater- u. Spezialitäten- forstelluiig. Artist. Leitung: Walter GrSvenltz, Kapellmeister: Max Wolffheim. _ Tagt ,6 Uhr. Jeden Donnerstag; Eilte T Anfang: Wochent. 6 Uhr, Sonnt.'/ 'Spree-Garten� Treptow. lErsttl. Konzert-EtahlisseineDt. An der Oberspree. (GcgenDber der Sternwarte.) Uenle Freitag: GroBez iMilitär-Konzert Kap. d. 1. Garde-Ulanen-Rog. Kgl. Obermusikmeister Läser. Anfang 7 Uhr. Entree IS Pf. Sport* jtestaurant Treptow empfiehlt Parkettsaat mit Bühne und großen Nebenräumen zu Ber, sammiunge» und Festlichkeiten« Angenehmer FamilienausenIhalL ' Soniiabeiide noch frei!!
Nr. 193. 27. ZahtMA. 2. KcilU des ,|otiüittö" Krliiicr Nslllsdlsll Freitag. 19. Aagast 1919. Partei- Angelegenheiten. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereiue Berlins und Umgegend. Die ordentliche Generalversammlung findet statt: Sonntag, de« 21. August, mittags 12 Uhr, in Kellers Festsälen(Jnh. Freyer). Koppenstr. 29. Tages- Ordnung: 1. Vorstands-, Kassen» und Revisionsberichte. 2. Wahl des Vorsitzenden, Schriftführers, Kassierers, der Revisoren und der weiblichen Vorstandsbeisitzer, sowie Bestätigung der von den Kreisen gewählten Funktionäre des Verbandes. 8. Anträge der Kreiswahlvcreine. 4. Partei- und Vcrbandsangelegenheiten. Der Versand der Legitimationskarten sowie der Jahres- berichte ist erfolgt Der Zeutralvorstand. Antrage. 1. KreiS. Den Monatsbeitrag der männlichen Mitglieder der sozialdemolratischen Wahlvereine in Groß-Bcrlin von 30 auf 40 Pf. zu erhöhen. Zeutralwahlverei» für Teltow-Becsko«. An Stelle des bis- herigen Monatsbeitrages von 30 Pf. resp. 20 Pf. wird fernerhin ein Wochenbeitrag in Höhe von 10 Pf. für männliche und 5 Pf. für weibliche Mitglieder erhoben. Für den Fall der Ablehnung dieses Antrages möge die Generalversammlung den Monatsbeitrag auf 40 Pf. erhöhen. 1. Kreis. Die Zahl der weiblichen Mitglieder des Zentral- Vorstandes ist von 5 auf 8 Mitglieder zu erhöhen. 4. Kreis. Nicht erwerbstätige Frauen, welche Mitglieder der Wahlvereine sind, find während der Dauer der Krankheit oder Arbeitslosigkeit ihres Mannes von der BcitragSpflicht befreit. Kreiswahlverein Niedcrbarnim. Erlah der Beiträge für die weiblichen Mitglieder bei Arbeitslosigkeit �des ManneS, der Mitglied des Wahlvereins ist._ Lichtenrade. Am Sonnabend, den 20. August, abends pünktlich SWg Uhr findet in dem Lokale von R. Dcter. Bahnhofstrahe, die Mitgliederversammlung de? Wahlvereins statt. Vortrag des Ge- Nossen Jescrich-Mariendorf: Der Parteitag in Magdeburg. Gäste willkommen. Wilhelmsruh. Heute Freitag, abends 7 Uhr Handzettelver- breihmg von den bekannten Bezirkslokalen auS. Nitder-SchInhauscn. Die geplante Besichtigung der.Vorwärts"- Druckerei am Sonnabend, den 20. August kann umständehalber nicht stattfinden. Neucnhagcn, PeterShagcn, Fredersdorf, Bruchmühle, Eggersdorf. Am Sonntag früh findet eine Handzeltelverbreitnng zur öffentlilben Versammlung in PeterShagen statt. Das Material ist bei den Bezirks- führern jetzt schon abzuholen. Der BczirkSleiter. Oranienburg. Den Mitgliedern des sozialdemokratischen Wahlvereins zur Kenntnis, dah die Mitgliederversammlung lveaen dcS am Sonntag, den 21. August, stattfindenden Gewerkschaftsfestes am Mittwoch, den 24. August, abends 8 Uhr, im Lokal Waldhans, Sandhaufen, stattfindet. Die Mitglieder werden wegen der auhcr- ordentlich wichtigen Tagesordnung ersucht, recht rege für starken Be- such dieser Versammlung Sorge zu tragen. berliner I�laedrickten. Ich bin, was ich lesci «Warum kaufen Sie solchen Schund," fragte ich kürzlich meinen Zimmernachbar!„für dasselbe Geld würden Sie schon eine literarisch wertvolle Lektüre aus irgend einer billigen Volksausgabe erhalten.„Ach was." lautete die Antwort; „ich will ja blos; was zu lesen haben, wenn ich mit der Stadtbahn fahre oder wenn ich in der Elektrischen sitze. Und da ist es ganz gleichgültig, was man liest I" Aus der Innen- tasche seines Jacketts hatte er eines jener grausigen Produkte gezogen, die man zu Dutzenden in den Schaufenstern kleinerer Geschäfte ausgelegt findet und die in jedem geistig entwickelten Menschen schon beim bloßen Anblick gräßliche Empfindungen auslösen. Jeden Tag ein Exemplar a 20 Pf. kauft der erwähnte Mann, der. nebenbei bemerkt, schon dicht beim Schwabenaltcr angelangt ist und von dem man sehr wohl annehmen kann, daß er den kritischen Moment, in dem manchen Leuten noch der Verstand kommen soll, erfassen wird. Aber gerade hier kommen wir auf den Punkt zu sprechen, der bei all den Klagen über die jugendvergiftende Schundliteratur wenig oder gar nicht beachtet ivird: nämlich, daß sich die Kundschaft derartiger Geschäfte durchaus nicht aus- schließlich auS den Reihen der Schulkinder und halbwüchsigen Burschen rekrutiert. Nein, Taufende von Erwachsenen aus dem Volke kaufen und verschlingen diese blutrünstigen Mords- geschichten mit brennender Gier. Wie der Trinker die Kehle mit Feuerwasser spült, um seine armselige, triste Lage zu vergessen, so lesen sich jene in eine wilde, berauschende Ver- brecherromantik, wo der schwülstigen Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt sind, wo man als geriebener Filou die gemalsten„Dinge drehen" und zugleich sein eigener, erfolg- reicher Detektiv sein kann. Solche Leute sind für ernste Denk- arbeit unwiderruflich verloren. Die soziale Stimme, der Ver- zweiflungsschrei der zertretenen Armut, das Brausen der Titanen- kämpfe, die die Fundamente des Wirtschaftslebens erschüttern, der trutzige Massengcsang des revolutionären Proletariats, alles, alles schallt ungehört an den Ohren solcher Zeitgenossen vor- über. WaS kümmert eS sie, wenn ringS um sie Kapital und Arbeit entscheidende Kämpfe führen, wenn andere für Menschen- rechte und Volksglück Gesundheit, Existenz und persönliche Freiheit aufs Spiel setzen? Ihr eigenes Ich gilt ihnen als der Mittelpunkt aller Erdendinge, das Los anderer Menschen kann ihnen keinerlei Stoff zu Betrachtungen bieten. Sie rechnen auf ihre eigene Schlauheit oder auf den Zufall, der eS ausgerechnet mit ihrer werten Person gut meinen wird. Eine reiche Heirat, eine Erbschaft, ein Lottcriegewinn, das find für sie Glücksleitcrn, Rettungsanker, hierauf konzentriert sich ihr ganzes Sinnen und Trachten. Die Vorbedingungen zu einer derartigen Lebensauffassung sind ein robustes Ge- wissen, ein skrupelloser Charakter und eine imponierende ,„Rücksichtslosigkeit. Wer, der im täglichen Leben steht, hat � sie noch nicht angetroffen, diese schönen Seelen? Diese Leute sind auch totsicher Leser der Seusations- und Skandalpresse, die ihr Publikum vornehmlich mit Ehebruchs- affären bekannter Personen und mit spannend ausgeputzten Berichten über Morde und dergleichen füttert. Solche Blätter ziehen ihre Leser nicht zu sich herauf, sondern steigen zu ihnen hinab, passen sich in Stoff und Schreibweise ihrem entarteten Geschmack an. Zivischen ihnen besteht eine Art Wechsel- Wirkung. Bliebe diese Geistesverblödung nur auf die oberen Schichten beschränkt, so könnte sich die große ringende Masse des Volkes noch damit abfinden. Leider aber sickert dieses Gift in tausend Kanälen in die Tiefe des Volkes und legt sich wie der Pesthauch auf seine Opfer. Wer ihm verfallen ist, ist oft schwer in die Reihen des kämpfenden Proletariats zu bringen. Es bedarf einer unermüdlichen Arbeit, ihm mit Nachdruck begreiflich zu machen, daß es schändlich und des Menschen unwürdig ist, politische Freiheit und eine Verbesse- rung seiner Lebenslage in Kauf zu nehmen, ohne seine Person in den Kanipf hierfür gestellt zu haben. Polizeihilfe gegen Fortbildungsschüler. Die Pflicht zum Besuch der Fortbildungsschule gilt nicht nur für den stundenplanmätzigen Unterricht, sondern auch für etwaige Nachbleibestunden. Wer den Unterricht aus nicht zureichendem Grunde versäumt, dem kann durch polizeiliches Strafinandat eine Geld- oder Haftstrafe auferlegt werden. In derselben Weise können auch andere Verstöße gegen die Schulordnung geahndet werden, z. B. grobe Störungen des Unterrichts oder Unbotmätzigkeit gegen den Lehrer. Um aber die jungen Leute möglichst vor solchen Strafen und im besonderen vor dem Gefängnis zu bewahren, soll die FortbildungS- schule bei geringeren Verfehlungen zunächst eS mit dem Straf- mittel des in der Schule abzusitzenden Arrestes, der sogenannten Nachbleibestunde, versuchen. Erst dann, wenn ein Schüler sich der Verbüßung des Arrestes entzieht, soll— so bestimmt ein Erlaß des HandclSministcrS— er der Polizei angezeigt und zur Bestrafung überwiesen werden. Es gibt nun noch ein Verfahren, durch das dieses äußerste ver- hütet werden kann. In einem uns bekannt gewordenen Fall ist eS einem Fortbildungsschüler passiert, daß er zur Verbüßung der ihm von der Schule auferlegten Nachbleibe- stunde durch die Polizei aus seiner Woh nung abgeholt und der Schule zugeführt wurde. Ein Lehrling M., Schüler der VI. Pflicht-Fortbildungsschule, war einige Male zu spät zum Unterricht gekommen oder ihm auch ganz fern geblieben. M. sagt aus, die Verspätungen und Versäumnisse seien hauptsächlich daraus zurückzuführen gewesen, daß man ihn von seiner Arbeitsstelle nicht rechtzeitig entlassen habe. Es scheint, daß der Fortbildungsschulleiter Direktor Schulze anderer Ansicht war. Dem Lehrling wurde eine Arreststrafe von drei Stunden zudiktiert, die an einem festgesetzten S o n n t a g in der Zeit von 1—4 Uhr verbüßt werden sollte. M. wurde aber durch seine Mutter daran gehindert, sich zur Verbüßung zu stellen. Die Mutter meinte, daß man ihm nicht die Sonntagsruhe zu kürzen brauche, sondern ihn den Arrest an einem Wochentage verbüßen lassen könne. Mehrere Wochen gingen so hin, ohne daß M. seine Nachbleibestunden absaß. Da kam am Sonntag dieser Woche vor- mittags um 11 Uhr plötzlich ein Kriminnlschutzmann zu ihm in die Wohnung und führte in Abwesenheit der Mutter den jungen Mann zur nächste» Polizeiwache. Der Beamte gestattete ihm zwar, seine Hauskleidung mit einem besseren Anzug zu vertauschen. M. mußte aber, da seine Stiefeln beim Schuhmacher waren, in Filz Pantoffeln zur Wache gehen. Mittags holte dann der Beamte selber die Stiesel vom Schuhmacher, und nun wurde M., nachdem er bis'/zl Uhr auf der Wache zugebracht hatte, nach der Fortbildungsschule in der Gcorgenkirchstraße gebracht. Der „Schwänzer" traf dort um 1 Uhr ein und mußte seine 3 Stunden absitzen, so daß er erst um 4 Uhr wieder frei war und den Heimweg nach seiner ziemlich entfernt liegenden Wohnung an- treten konnte. Wir wissen nicht, ob dieses Verfahren, einen FortbildungSschüler durch Polizei dem Schulhause zuführen zu lassen, sich gleichfalls auf eine Ministerialverfiigung stützt. Die Schüler der Pflicht-Fort- bildungSschule stehen— so hat ein Reichsgerichtserkenntnis ent- schieden— noch unter derselben Schnlzucht, wie die Volksschul- linder. Danach könnte eS allerdings als konsequent erscheinen, wenn die Pfiicht- Fortbildungsschule ohne weiteres ebenso, wie die Volksschule es tut, die„Schwänzer" durch Polizei heranholen ließe. Wenn aber dieses Verfahren für zulässig gehalten und angewendet wird, dann sollte die Fortbildungsschule sich>v en ig st enS darum kümmern, in welcher Weise die Polizei den ihr erteilten Auftrag ausführt. Die Schule darf eS nicht dazu kommen lassen, daß ein junger Mann vormittags um 11 Uhr aus seiner Wohnung weg- geführt und nach Ablieferung an die Schule dort bis 4 Uhr nachmittags festgehalten wird, sodaß er ohne Mittagessen und ohne die Möglichkeit, irgend etwas zu ge- nießen, ausharren muß. Es wird noch zu untersuchen sein, wer es verschuldet hat, daß gegen M. so rigoros vorgegangen wurde. Die Hochbaudeputation genehmigte in ihrer Sitzung vom 17. August unter dem Vorsitz des Stadtrats NamSlau u. a. den Vor« entwurf zum Neubau einer Gemeindedoppelschule mit Straßen- reinigungsdepot an der Dunckerstraße nördlich der Ringbahn sKostenüberschlag 090 000 M.), die Voientwürse zur Errichtung eines PersonalwohngebändeS und eines Apothekengebäudes für das städtische Krankenhaus Am Urban(Kostenüberschlag 144 000 M. und 137 700 M.) und den Entwurf und Kostenanschlag<33 000 M.) zum Neubau eines Stalles für Versuchstiere beim Krankeiihaufe Moabit. — Das Straßenreinigungsdepot in der Diestelmeycrstraße soll zu ErweilerungSbautcn der vierten Realschule umgebaut werden. Ent- Wurf zum Umbau und Kostenanschlag<10 000 M.) fanden ebenfalls Genehmigung. Bon einem ButoomnibuS totgefahren. Ein schwerer Unfall, der einem jungen Manne das Leben kostete, ereignete sich gestern vormittag in der Friedrichstraße, unweit des Belle-Alliancevlatzes. Vor dem Hause Nr. 0 wollte der 18jährige Arbeiter Hermann Schar ff aus der Friedrichstraße 244 noch in letzter Minute vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie 90 E das Gleis kreuzen. Er kam aber nicht mehr schnell genug über die Gleise hinweg und wurde von dem Straßenbahnwagen umgestoßen. Im gleichen Augenblick kam ein AutomobilomnibuS ddr Linie 4 A angefahren. Ehe sich Scharff erheben und der Chauffeur des Omni- busseS bremsen konnte, war das Unglück schon geschehen. Der junge Mann geriet unter die Räder des schweren Omnibusses und wurde auf der Stelle getötet. Die Leiche wurde dem Schauhause zu-' geführt. 1 Brandstiftung und Selbstmord verübte vorgestern abend der Ar« beiter Glasier in seiner Wohnung in der Franscckhstr. 12. Nach einem Streit mit seiner Ehefrau, in dessen Verlauf die letztere mit den Kindern die Wohnung verließ, zerschlug Glasier die Möbel und türmte sie dann im Korridor auf. Hierauf steckte G. die Neste der Einrichtung an. Hausbewohner bemerkten die Gefahr und alarmierten die Feuerwehr. Diese war schnell zur Stelle. Sie drang in die verschlossene Wohnung ein und löschte die Flammen, die infolge der großen Verqualmung noch keine große Ausdehnung erlangt hatten. Bei der Durchsuchung der Wohnung fand man den Wohmmgsinhaber an einem Nagel erhängt vor. Es wurden sofort Wiederbelebungs- versuche angestellt, die ober erfolglos' waren. Ein Arzt stellte den Tod fest. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt. Zum Knabenmord im Grunewald. Der von seinem Bater er- mordete Knabe Schmalle wurde im Leichenschauhause zu Schildhoru durch den Kreisarzt obduziert. Zu der Obduktion wurde auch der Vater aus dem Charlottenburger Amtsgerichlsgefängnis vorgeführt. Eine Revolverschicßerei spielte sich in Zehlendorf ab. Im Ver- lauf eines Streites schoß der in der Glockenstraße 2/3 wohnhafte 18jährige Glockengießer Collier, der mit der Tochter eines Arbeiters ein Liebesverbältnis unterhielt, auf den Vater dieses Mädchens, als er ihm Vorhaltungen machte. Der Schuß verfehlte aber sein Ziel. Als dann andere Personen zu Hilfe eilten, feuerte Collier noch eine zweite Kugel ab, die einen unbeteiligten Knaben, den 14 jährigen Malerlehrling Richter in die rechte Wade traf. Der Täter wurde von der Polizei sistiert, aber vorläufig wieder entlassen. Collier entstammt einer achtbaren Familie. Ueber einen Mißstand im Zoologischen Garten beklagte sich ein Leser unseres Blattes in einer an uns gerichteten Zuschrift, der wir in der Nummer vom 11. August Raum gaben. Es wurde in derselben hingewiesen, daß am letzten billigen Sonntage bei der Fütterung der Raubtiere das Raubtierhaus überfüllt gewesen sei und ein gefahrdrohender Zustand geherrscht habe. Die Direktion des Zoologischen Gartens teilt uns hierzu mit, daß an dem frag- lichen Sonntag vier Aufseher, wie immer an solchen Tagen, um die Fütterungszeit zur Stelle waren, um den Verkehr zu regeln. Ein gefahrdrohender Zustand habe jedoch nicht geherrscht. Sie schließt ihr Schreiben mit der Mahnung, daß auch das Publikum nicht, wie dies oft geschieht, so rücksichtslos vorwärts drängen möge, nur dann könnten unliebsame Vorkommnisse verhütet werden. In der Franen-Erholungsstätte zu Pankow-Schönholz sind in diesem Sommer versuchsweise Einrichtungen getroffen worden, um gesundheitlich gefährdeten Frauen und Mädchen, welche während dcö Tages an ihrer Arbeitsstelle ihrem Berufe nachgehen, während der Nacht Kuraufenthalt nach amerikanischem Vorbilde zu gewähren. Die Arbeiterinnen bekommen für 00 Pf. ein warmes Essen und halten dann in offener Liegehalle die Nachtruhe. Bisher sind zehn Schlafplätze eingerichtet, 21 Patientinnen haben 700 Nächte im Freien verbracht. Der gesamte Aufenthalt