Mr. 199. INionnetnentS'Bedlnsiingtn: BSonnementS, PrciZ pränumerando i Vierteljährp S,30 monoil. 1,10 SKI, wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-gciwngS- PrciSIifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, crlchtlnl täglich außer ntontagi. Vevlinev Volllsblakk. 87. Jahrg. vi« snIerNong-Sebahr Pelrägt für die sechsgespallene Kolonel« geile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschastliche Vereins- und VerfammlungS-Anzeigen 80 Pfg. „Alelne Snr-ig-n", das erste(fett. gedruckte) Wort 20 Psg„ jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen biS S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm. Adresse: „SozIaliUBiolirat BtrllD**. Zentralorgan der rozialdemokrati fchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1S83. Freitag» deu 26. August 1910. Expedition: 8M. 68, Lindenatrasac 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. Protdtwfammlungci) gegen die fleiWeuerung! Genossinnen, Genossen! Am Vlenstag, den 30. August, wird die Arbeiterschaft Berlins in zahlreichen Versammlungen gegen den Fleischwucher protestieren. Agitiere ein jeder für den Besuch dieser Versammlungen. Die Versammlungslokale werden am Sonntag und Dienstag im Inseratenteil des„Vorwärts" bekanntgegeben. Wir bitten die Partei- und Gewerkschaftsgenossen, für Dienstag keinerlei andere Veranstaltungen zu treffen. Der Nktionsausschuh. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission. Die Grenzen auf! Immer höher schnellen die Fleischpreise hinauf! Es ist bereits ein Notstand vorhanden, der die Ernährung des Volkes in schwerster Weise bedroht. Aber die Regierung trifst keinerlei Vorkehrungen, um der Misere zu begegnen. Kürz- lich machte allerdings der Landwirtschaftsminister einen schüchternen Versuch, etwas zu tun. Fast schien es, Herr von Schorlemer werde so mutig sein, mit den Junkern anzu- bändeln. Er debütierte mit einem Schreibebrief, in dem er die Herren Agrarier bat, die Viehprodukte möglichst zu steigern, damit nicht vielleicht später mal eine Erleichterung der Vieheinfuhr notwendig lverde. Der Kühne erfuhr, daß Junkersreundlichkeit allein nicht genügt, die Oertelgarde verlangt auch bescheidene Zurückhaltung von— anderen. Jedenfalls war der ministerielle Ukas nur als Beruh!- gungspille gedacht, als Blitzableiter für die Klagen über Hungerpreise und für die Forderungen auf Oeffnung der Grenzen. Unsere mit Sentimentalität nicht belasteten Junker haben für solche ministeriellen Uebungen kein Ver- ständnis.� Der Minister bekam in der agrarischen Presse einen Rüffel für seine Naseweisheit. Das hat ihm anscheinend das subalterne Verhältnis der Regierung zur Junkersippe ge- nügend klar gemacht. Man schweigt in allen Sprachen! Die Fleischnotfrage existiert für die Regierung nicht mehr. Sie, die Tapfere und Energische im Kampfe gegen die Arbeiter, ist die artigste und zahmste Behörde der Welt — wenn die Junker kommandieren. Und diese pochen auf ihr historisches Recht der Plünderfreiheit. Darin wollen sie sich auch nicht durch ministerielle Stilübungen stören lassen. Ge- wiß, die Formen der Plünderei haben sich geändert. Die Epigonen der Raubritter steigen nicht mehr einzeln auf die Straße, um den„Pfeffersack" zu plündern, als Gesehgeber bewuckiern und begaunern sie das ganze Volk. Das ist be- quemer und bringt mehr ein. Aber die moderne, gesetzlich legalisierte Plünderei ist verächtlicher als das Strauchritter- Handwerk der Vorfahren unserer Edelsten. Jene suchten sich wenigstens im allgemeinen begüterte Objekte für ihr„ritter- liches" Tun aus, diese bereichern sich durch Auspowerung der Armen und Aermsten, durch elenden Lebensmittelwucher. Und dabei heuchelt die habgierige Gesellschaft edle Motive. Angeblich ist die Junkersippe um die Gesundheit, um das Wohlbefinden des Volkes besorgt. Keck wird behauptet, die agrarische Zoll- und Grenzsperrpolitik sei eine nationale Tat — zum Schutze des Vaterlandes und des deutschen Schweines. Angeblich ist das Auslandsvieh durch und durch verseucht, darum müßten die Grenzen gegen die Einfuhr geschlossen bleiben. Die Entwickelung unserer Zoll- und Grenzsperr- Politik läßt solche Behauptung als bewußten Schwindel er- kennen. Sehen wir zu! Bis Ende der 70er Jahre waren unsere Junker extreme Freihändler, sie dachten an keine Grenzsperre! Brot und Fleisch zollfrei! Diese Forderung vertrat noch am 23. Mai 1873 Freiherr von Vehr im Reichstage und erntete lauten Beifall bei den Konservativen. Warum? Deutschland exportierte damals noch reichlich Agrarprodukte. Die zunehmende Jndustriealisierung Deutschlands in Ver- vindung mit der revolutionierenden Technik brachte einen Umschwung der Verhältnisse. Allmählich mußte Deutschland in gesteigertem Umfange Agrarprodukte einführen. Verbesse- rungen im Transportwesen, die Erschließung weiter Strecken jungfräulichen Bodens in anderen Ländern ermöglichte die Heranholung von Lebensmitteln zu billigeren Preisen. Gleich. zeitig hatte sich in Deutschland der landwirtschaftliche Betrieb durch Steigerung der Bodenpreise verteuert. Im Taumel des nach dem deutsch-französischen Kriege über Deutschland sich ergießenden Milliardensegens wurden auch die Güter- * preise in die Höhe getrieben. Demgemäß stiegen auch die Pachtmieten und die Zinsenlasten. Steigende Bodenrente erhöhte die Produktionskosten. Die Agrarier wurden Schutzzöllner. um sich die auslän» dische Konkurrenz vom Halse zu halten. Der Brot- und Fleisch. Wucher begann. Die Junker besannen sich auf ihre hi st arische Missioi�sich vom Volke ernähren zu lassen. Durch ein fein ausgeklügeltes System, das in einer Kom- bination von Zöllen und sanitären Maßnahmen(Grenzsperre) besteht, erreichten sie ihr Ziel. Die rheinisch-westfälischcn Großindustriellen forderten schon längst hohe Schutzzölle, um von keiner Auslandskonkurrenz gehindert zu werden, den deutschen Konsumenten willkürlich die Preise diktieren zu können. Von den gleichen Motiven beseelt, fanden sich so Junker und Scharfmacher zusammen. Sie bewilligten sich gegenseitig auf Kosten der heimischen Konsumenten Schutz- zölle. Für Schlachtvieh, das seit 1870 zollfrei eingeführt wer- den konnte, wurden im Zolltarif vom Jahre 1879 folgende Sätze festgelegt: Ochsen Stück 20 M., Stiere und Kühe 6 M., Kälber 2 M., Schweine 2V2 M., Schafe 1 M. Der getvünschte Erfolg blieb aus. Im Jahre 1882 wurden trotz der Zölle eingeführt: 59 786 Pferde, 70122 Stück Rindvieh, 59 953 Stück Jungvieh und Kälber, 1 272 816 Schweine und Span- ferkel und 177 256 Schafe, Länimer und Ziegen. Die Aus- fuhr stellte sich aus 17 983 Pferde, 115 692 Stück Rindvieh, 104 612 Stück Jungvieh und Kälber, 467 949 Schweine und Spanferkel und 1 258 144 Schafe usw. Bei Schweinen über- wog die Einfuhr die Ausfuhr ganz gewaltig. Die Agrarier murrten! Ihr Zollappetit war gereizt und schon im Jahre 1885 wurden auf ihr Betreiben die Zölle erhöht, und zwar für Ochsen auf 3V M., für Stiere und Kühe auf 9 M., für Kälber auf 3 M. und für Schweine auf 6 M. Im Jahre 1883 hatte man sich darauf beschränkt, die Einfuhr � von Schweinen und Schweinefleisch aus Amerika zu verbieten. Mit der Zollerhöhung im Jahre 1885 verband man dann das Verbot der Einfuhr von Ziegen, Sckzafen und Schaffleisch aus Rußland. Das System erwies sich als wohltätig für den— Geldbeutel der Junker. Im Jahre 1889 erhielten sie ein neues Geschenk: das Verbot der Einfuhr von Schweinen aus Rußland. Nur 70 000 Stück sollten in Zukunft zur Be- friedigung dbr deutschen Märkte in der Nähe der Grenze eingeführt werden. Wenn Gefahr für die Volksgesundheit be- stand, hätte man natürlich auch das begrenzte Kontingent nicht zulassen dürfen. Die Politik des Einfuhrverbots erwies sich als Hindernis des wirtschaftlichen Aufstiegs. Schwere Erschütterungen des gewerblichen Lebens, eine langanhaltende schleichende Krisis ließ die Gefährlichkeit der Schutzzollpolitik offenbar werden. Es kam die Aera Caprivi; die Zölle wurden etwas er- mäßigt. Wilhelm II. nannte den Abschluß der Caprivischcn Handelsverträge eine befreiende Tat! Worin bestand die befreiende Tat? Der Zoll für Ochsen wurde um 4,50 M., der für Jungvieh und Schweine um 1 M. herabgesetzt. Die Junker tobten! Von Volksgesundheit usw. war dabei keine Rede. Sie reklamierten ihr Recht auf hohe Stipendien aus dem Säckel des Volkes. Aus den Reihen der Borstenviehzüchter vernahm man schreckliche Drohungen. Thron und Altar sollten gestürzt werden, falls den adligen Liebesgabenempfängern die Alimente nicht wieder erhöht würdem Dem Aufrufe des Landwirts Rupprecht folgend, gründete man den Bund der Landwirte. Dieser stellte ein umfangreiches Programm agrarischer Forderungen auf und entfaltete eine wilde demagogische Agitation. Und die Re- gierung als geschäftsführender Ausschuß der Junker zeigte sich diensteifrig. Das Viehseuchengesetz bot ihr die Handhabe, den Krippenreitern wenigstens recht bald einige Happen zu- zuwerfen. Den agrarischen� Geboten gehorchend, verbot die Regierung 1893 die Einfuhr von Schafen aus Oesterreich und beschränkte die Einfuhr von Rindern dorther. Ferner verbot sie die Einfuhr von Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen aus Italien. Immer hermetischer verschloß sich dem ausländischen Vieh die deutsche Grenze. Schon im näch- sten Jahre folgte das Verbot der Einfuhr von Rindern, Ziegen, Schafen, SdHweinen aus Belgien und Holland. Und so ging es weiter. Zug um Zug schloß sich die Grenze! 1895 für Schweine aus Oesterreich, für Rindvieh aus Schwe- den und Dänemark, es folgte das Verbot der Einfuhr von Schweinefleisch aus Rußland, dann wurde dem frischen Rind- fleisch aus Belgien die schwarz-weiß-rote Grenze gesperrt. So ging es fort. Wo die Zölle keinen ausreichenden Schutz vor der Aus- landskonkurrenz sicherten, da mußte ein direktes Einfuhrver- bot den Riegel vorschieben. Zeigte sich irgendwo die wirt- schaftliche Möglichkeit, ausländisches Vieh nach Deutschland zu liefern, dann kamen die Junker mit unfehlbarer Sicher- heit dahinter, daß in dem betreffenden Lande die in Be- tracht kommende Viehgattung verseucht sei und dauernd verseucht bleibe. Die Einfuhr wurde wegen Seuchengefahr vor- boten. Von dorther, wo entweder kein Vieh zur Ausfuhr vorhanden ist oder von wo wirtschaftliche Gründe die Ein- fuhr nicht erlauben, dürfen wir Vieh einführen. Länder, die billiger Fleisch liefern könnten, sind für verseucht erklärt, ihnen bleibt die deutsche Grenze verschlossen! Da glaube noch ein Mensch an den agrarischen Schwindel von der Seuchengefahr. Aber die junkerliche Begehrlichkeit ist unersättlich. Der Ablauf der Caprivischen Handelsverträge kam heran. Der Mann der rettenden Tat war längst über Bord ge— warfen worden. Der Haß der Junker ist dem Manne ohne Halm und Ar treu geblieben. Nun war die Zeit ge- kommen, die ausMveifendcn agrarischen Zollforderungen durchzusetzen, lind der Wurf gelang! Der Zolltarif, von der Mehrheit des Reichstags in der Nacht zum 14. Dezember 1902 unter Bruch der Geschäftsordnung zu Gesetz erhoben, warf den Junkern neue und erweiterte Plünderrechte in den Schoß. Nach dem Zolltarif sollten die Zölle für Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen 18 M. pro Doppelzentner Lebendgeßvicht be- tragen. Durch die Handelsverträge find folgende Sätze fest» gesetzt: Rinder 8 M., Schweine 9 M. pro Doppelzentner, danach stellt sich der Zoll auf zirka 50 M. für Ochsen, 40 M. für Stiere und Kühe und 15 M. für Schweine. Der Erfolg der gekeniMichneten Politik ist die Fleischt euerung in Permanenz. Daß die Herr- schende Clique sich um die Not des Volkes nicht kümmert, hat sich schon im Jahre 1906 gezeigt. Der damalige besondere Notstand löste eine tiefgehende Protestbewegung aus. Trotz- dem: Regierung, Ritter, Heilige und Scharfmacher höhnten der Not des Volkes. Nur zu einer Scheinkonzession ließ man sich herbei. Die Einfuhr frischen Schweinefleisches aus Däne- mark, Sck)weden und Norwegen sollte unter den üblichen Er- schwcrungsbedingungen und den hohen Zollsätzen des Ver- trogstarifs(ISfy Pf. Zoll für ein Pfund Schlachtgewicht oder ungefähr 18—20 Pf. für ein Pfund Flcischgewicht) ge- stattet werden. Die Regierung erklärte nun, sie habe er- kannt, daß„veterinärpolizeilliche Bedenken" nicht mehr beständen. Das war eine ettvas Plötzliche Erkenntnis, denn noch wenige Wochen vorher versicherte die ganz- und halboffiziöse Presse, eine derarsige Zulassung be- deute die schwerste Gefährdung des gesamten deutschen-Vieh- standes. Außerdem sollten die hohen Gebühren fü-' die Unter- fuchung des aus dem Auslande hereinkommenden frischen Fleisches etwas ermäßigt worden,— um wieviel, blieb dem Ermessen der Regierung überlassen. Daß die Maßnahme den Junkern nicht gefährlich wurde, dafür sorgten schon die Umstände und das„Ermessen" der Regierung. Die Un- kosten sind so hoch, daß frisches Schweinefleisch aus den genannten Ländern kaum eingeführt werden kann. Die Grenz- sperre ist nicht gelockert. Wieder hat jetzt das deutsche Volk mit einem außerge- wöhnlichen Notstand zu kämpfen. Und es bedarf eines ener- gischen Ansturms, soll endlich dem gemeingefährlichen Lebens- mittelwucher gesteuert werden. Nach dem Willen der Herr- schenden Clique soll das Volk dauernd Notstands- preise zahlen, damit die raffgierige Junkersippe Milliarden an Liebesgaben einsacken kann. Gegen solche Alimen- tation der Nimmersatten protestiert das Volk. Grenze» auf! Das ist die nachdrücklichste Forderung des schamlos bewucherten Volkes! vie börgerliche prelle über ZlchopÄii- Ilizrienberg. Der Reaktion ist der neue glänzende Wahlsieg der Sozial- demokratie sehr auf die Nerven gefallen. Die»N 0 r d d euts ch e A l l g. Ztg." begnügt sich damit, einfach die Wahlziffern ohne jeden Kommentar wiederzugeben. Die„Deutsche TageS- z e i t u n g" glaubt an ihre Hintermänner die Mahnung richten zu müssen, nicht zu verzweifeln, sondern wieder und immer wieder zu arbeiten. Klarheit und Arbeit müsse die Losung für die Zukunft sein, denn sonst könne der„Vorwärts" damit recht be- halten, daß das Wahlergebnis von Zschopau-Marienbcrg vor« bildlich sei für die kommenden allgemeinen Wahlen. Und noch ein Trost hat sich daS Agrarierblatt ersonnen in dieser Zeit der schweren Not der Reaktion. Daß nämlich im Vergleich zu 1303 die konservativen Stimmen„nur" um 500 zurückgegangen seien und die sozialdemokratischen Stimmen„nur" um 1200 Stimmen zugenommen hätten. Das Oertel-Blatt vergißt da- bei nur, datz diesmal auch die 4700 Stimmen der Liberalen noch in Abzug zu bringen sind. Ohne die liberale Sonderkandidatur wäre sicherlich die Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen noch größer, der Rückgang der bürgerlichen Stimmen noch kolossaler gewesen. Denn Herr Brodauf, der Erkorene des Liberalismus, ging ja gerade mit dtt Opposition des Freisinns gegen die Reichssinanzreform hausieren l Die freikonserbative Presse bläst wieder mal zur Sanimlung aller bürgerlichen Parteien. Die.Po st* schreibt u. a.: „Unaufhaltsam geht der Zug nach linls weiter, Nachwahl auf Nachwahl bringt einen neuen Sozialdemolraten in den Reichstag. Sollte uns vor der Neuwahl noch eine Reihe Ersatzwahlen be- schert sein, so würden die Roten ihre fünf Dutzend voll be» kommen noch im alten Reichstag. Daß unter den obwaltenden Umständen ein ruhmreicher Sieg wie im Jahre IM? nicht zu er- warten war, wurde allgeinein angenommen. Aber selbst in links- liberalen Kreisen rechnete man doch damit, daß einer der bürger- lichen Kandidaten mit dem Sozialdemokraten noch in die Stich- Wahl kommen würde.* Auch die ultramontane„Germania* ruft zur Samm- lung aller bürgerlichen Parteien auf. Sie stellt es wieder einmal so dar, als ob eigentlich nur die Liberalen durch ihre Kritik der Schnapsblocktaten die Niederlage der Schnapsblockbrüder und die Triumphe der Sozialdemokratie verschuldet hätten: „Jedenfalls zeigt die Wahl wieder, daß die Liberalen nur für die Sozialdemokraten arbeiten und selbst immer leer ausgehen müssen. Wäre die von ihnen behauptete starke liberale Strömung im Lande vorhanden, so hätten sie es doch wenigstens zur Stichwahl bringen müssen. Wann soll denn der Aufschwung endlich kommen?" Dabei liegt es für jedermann klar zutage, daß der Liberalismus erst recht abgewirtschaftet hätte, wenn er sich mit der Steuer- ausplünderung und den sonstigen reaktionären Taten des Schnapsblocks solidarisch erklärt hätte I Die liberale Presse würdigt die Situation verständiger; doch kann sie es sich törichterweise nicht verkneifen, den neu- gewählten Abgeordneten Genossen Göhre als Revisionisten und quasi Bundesgenossen und Diilchbruder des Liberalismus zu charakterisieren. So schreibt das„Berliner Tageblatt*: „Der neue Abgeordnete Göhre gehört zu jenen Sozial- demokraten, die aus der nationalsozialen Bewegung in das sozialdemokratische Lager hinübergewechselt sind. Daß er ein Mann von Charakter ist, hat er auf dem Dresdener Partei- tage gezeigt, als er dem Parteipapst Bebel ein„Pfui* entgegen- schleuderte. Man wird ihn auch heute noch in die Reihe der r c v i s i o n i st i s ch e n Sozialdemokraten stellen müssen, und an sich ist es natürlich erfreulich, daß die revisionistische Richtung innerhalb der Sozialdemokratie verstärkt wird. Nur wird man wünschen müssen, daß die Revisionisten endlich aus ihrer Reserve heraustreten und auf dem Magdeburger Parteitage für eine positive Politik wirken. So groß immer die Erfolge der Sozialdemokratie sein mögen, so ist sie doch nicht aus eigener Kraft imstande, die herrschende Reaktion zu überwinden. Das ist nur durch ein taktisches Zusan, menarbeiten der Sozialdemokratie mit dem Liberalismus möglich. Dafür die nötigen Bor- bedingungen zu schassen, das ist die eigentliche Aufgabe des Tages.* Such die„V o s s i s ch e Zeitung' meint, daß die Wahl GöhreS eine Verstärkung des revisionistischen Flügels in der sozialdemokratischen Fraktion bedeute. Die liberalen Blätter be- gegnen sich in dieser Darstellung mit der alldeutschen„Täglichen Rundschau*, die da meint: „Ein Wermutstropfen fällt in den Freudenbecher des „Vorwärts* und der Seinen. Göhre ist Revisionist. Er hat sichnoch während deS Wahlkampfes ausdrücklich zum Revisionismus bekannt. Und das muß gerade jetzt schmerzlich sein für die Berliner und Leipziger Obergenossen, weil gerade jetzt die Auflehnung der süd- deuischen Fronde der denkenden Welt wieder einmal zeigt, wo die heimlich-, aber unheilbare innere organische Krankheit der Sozial- demokratie sitzt.* Wir wissen nicht, ob Genosse Göhre Anspruch auf die Ehre solch alldeutscher und liberaler Belobigung hat, ob er Revisionist ist oder nicht. Wir haben während der Wahlkampagne nicht danach gefragt, wie denn die Sozialdemokratie im Kampfe gegen die bürgerlichen Parteien stets in voll st er Geschlossenheit ge- kämpft hat. Und wir glauben, daß daS auch in Zukunft so sein wird! Auch halten wir eS wirklich für keine besonders schlaue Taktik der liberalen Presse, dem oder jenem Genossen gleich die lobende liberale Zensur aufzukleben, die dem Proletariat keineswegs als Empfehlung gilt. Wenn aber das„Berliner Tageblatt" die positive Arbeit der Sozialdemokratie im Sinne der Budgetbewilliger und Hofgänger gewissermaßen für die Vorbedingung eines taktischen Zusammenarbeitens zwischen Sozialdemokratie und Libe- raliSmus erklärt, so zeugt das von bemitleidenswerter politischer Kurzsichtigkeit. Denn wir sollten meinen, daß bei den allgemeinen ReichStagSwahlen Liberale und Sozialdemokraten bei den Stich- Wahlen— und nur darum kann es sich handeln!— sehr wohl zusammengehen könnten, ohne daß die Sozialdemokra- tte vom Liberalismus oder umgekehrt der Libe- ralismus von der Sozialdemokratie irgendein Opfer des Prinzips oder der Ueberzeugung ver» langte! Wir wenigstens verlangen vom Liberalismus kein solches Opfer. Wenn sich aber der Liberalismus einbilden sollte, daß die Sozialdemokratie ihm zuliebe solche Opfer zu bringen geneigt sei, so befindet er sich gründlich auf dem Holz- w e g e. Das wird ihm der Magdeburger Parteitag mit aller Deut- lichkeit beweisen. Sollte unter solchen Umständen aber der Liberalismus ein Bündnis mit der Rechten dem Zusammengehen mit der Sozial- demokratie vorziehen, umsoschlimmerfürihn! *• • Nach den letzten Meldungen wurden Stimmen abgegeben für unseren Genossen Göhre 14 831, für den Kandidaten der Fort- schrittlichen Volkspartei B r o d a u f 4717 und den Kandidaten der Reformpartei F r i t s ch e 4630. Im Jahre 1607 entfielen auf den Kandidaten der Reformpartei Zimmermann 14 237, auf die Sozialdemokratie 11231 Stimmen. Insgesamt wurden Stimmen abgegeben im Jahre 1607: 25 618, diesmal jedoch nur 24173. Die Wahlbeteiligung ging also um 1430 Stimmen zurück. DaS geschah aber nur zuungunsten der bürgerlichen Parteien. Die für die Kandidaten der bürgerlichen Parteien abgegebenen Stimmen gingen gegen 1607 um 4360 zurück, während für die Sozialdemo- kratie 3550 mehr abgegeben wurden. Ohne jeden Zweifel kann man also behaupten, daß die Sozialdemokratie ihren Stimmen» zuwachS von den Gegnern erhalten hat. ütigsdiitger tistholikentzg. (Telegrapchischer Bericht.) Gestern abend fand in Augsburg wieder eine öffentliche Ver- sammlung des Katholikentages statt. Auf der Vorstandstribüne hatten sich unter den Ehrengästen wieder die Bischöfe eingefunden, die von der Versammlung lebhast begrüßt wurden. Den Vorsitz führte der zweite Vizepräsident, Reichstagsabgeordneter Speck- München. Es sprach Dr. theol. Bernhart-München über die„Bil- dungSaufgaben" der deutschen Katholiken". Professor Dr. Maus- bach-Münster i. W. über„Frauenbildung und Frauenstudium*, Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Graf v. Pestalozza-Nürnberg über„Modernes KreidenkertuM". " Der Vortrag des Herrn Mausbach bot wenig Interesse; er wiederholte im wesentlichen nur, was er schon in früheren Jahren gesagt hat, daß der Schwerpunkt des Lebens der meisten Frauen im Hause liege, in der Familie, und deshalb die Ausbildung der Frau zuerst auf die tüchtige Ausrüstung für den Stand der Ehe und für die Mutterschaft gerichtet sein müsse. Interessanter waren die Ausführungen des Herrn Berhart. Er sieht in dem Suchen nach Gott die höchste Bildungs- und Kultur- arbeit. So sagte er z. B.: „Nur die gewaltige Spannung zwischen Mensch und Gott kann die höchste Kultur gebären. Sonst verfällt der Mensch der Unklarheit des Aesthetizismus, er klammert sich an den Schimmer von Geist, der ihm aus den Werken der Schönheit entgcgenleuchtet, die ihn aber nicht erlösen kann. Wir rufen ein unversöhnliches Nein, wenn die Kultur die Menschen auf sich selber stellen will und gottlos mit Prometheus trotzt:„Hier sitze ich, forme Menschen nach meinem Bild, ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, zu weinen, zu genießen und sich zu freuen und dein nicht zu achten wie ich!" Auch in der Kulturarbeit der Gegenwart Gottes werden die Kräfte lebendig. Der Grund- zug der Seele unserer Zeit ist das Suchen. Dem Suchen aber ist das Finden verheißen. Einer ehrlich ringenden Zeit können wir nicht fern stehen, denn der Katholizismus ist die göttliche Ant- wort auf die ewig unzerstörbaren Bedürfnisse der Menschenseele.* Und weiterhin: „Wir verachten den Aesthetizismus: es gibt einen ewig un- verrückbaren Vorrang des Sittlichen, und hinter dem Schönen ist sehr viel Häßliches, das nach Barmherzigkeit ruft. Wir grüßen jede starke Künstlerpersönlichkeit, die sich an christliche Stoffe wagt. Wir glauben an die Macht der Zeit, uns bald eine Kunst zu schaffen, vor deren Säulen und vor deren Bildern wir uns wie vor der alten Kunst zur Andacht sammeln." Der Vortrag des Grafen v. Pestalozza-Nürnberg war nur eine Fortsetzung dieses Gedankenganges. Er erklärte schlankweg:„Der Katholikentag ist der wahre, der hoch st e Kultur- t a gl,", »• * Augsburg» 25. August.(Telegr. Bericht.) In der heutigen letzten geschlossenen Versammlung beschäftigte man sich zunächst mit der Schulfrage, dann mit der „guten Literatur* und darauf mit den Anträgen, die sich auf die Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit beziehen. Der erste Antrag stammt vom Reichstagsabgeordneten Roeren und hat folgenden Wortlaut: „Die 57. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands ruft mit Nachdruck die Katholiken Deutschlands zur energischen Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit auf, wie sie sich ins- besondere in der Ausstellung und dem Vertrieb unsittlicher Bilder und Drucksachen zeigt. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Katho- liken auf die Bestrebungen und erfolgreiche Tätigkeit des Ver- bandes der Männervereine zur Bekämpfung der öffentlichen Un- sitlichkeit und befürwortet wärmstens für alle, namentlich für alle größeren Städte die Gründung solcher Vereine und den Anschluß an den Verband. Insbesondere weist sie auf die überhandnehmenden skandalösen Bühnenauffüh- rungen und kinematographischen Darstel- l u n g e n hin, die eine überaus große Gefährdung von Sitte und Tugend des ganzen Volkes, namentlich der Jugend, in sich schließen, und gegen welche nur ein energischer Zusammenschluß aller Gutgesinnten schützen kann." Ein weiterer Antrag des bayerischen Kammerpräsidenten Dr. v. Orterer empfiehlt allen deutschen Katholiken, die sich die Be- kämpfung der sich immer mehr aufdrängenden öffentlichen Unsitt- lichkeit zur Aufgabe gestellt haben, den Beitritt zu den SittlichkeitS- vereinen._> Ein dritter Antrag schließlich betonte, daß man die immer mehr um sich greifende und immer dreister auftretende P r o st i t u t i o n bekämpfen müsse. Die Begründung der Anträge übernahm Reichstagsabgeordneter Speck-München: „Wir haben leider durch unseren Verein zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit bis jetzt nicht die Erfolge erzielt, welche wir erwartet haben. Einerseits liegt die Schuld daran an den Gesetzen selbst, die keine genügenden Handhaben boten, um dem Staatsanwalt und der Polizei das Recht zu geben, überall da einzuschreiten, wo wir cS im Interesse der Oeffentlichkeit für notwendig hielten.(Sehr richtig!) Andererseits haben wir uns darin getäuscht, wenn wir annahmen, daß in Süddcutschland unsere Geschworenengerichte auf diesem Gebiete der öffentlichen Meinung mehr Rechnung tragen würden, als die juristisch gebil- deten Richter. Bedauerlicherweise haben wir die Erfahrung machen müssen, daß die Geschworenengerichte in Fällen auf Frei- sprechung erkannt haben, die direkt nach der öffentlichen allge- meinen Meinung als Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit an- zusehen waren. Was sollen wir nun tun? Der einzige Weg, den wir haben, ist der Weg der Selbsthilfe. Wir wollen einfach die Geschäfte, welche noch künftig Bilder ausstellen, die geeignet sind, das öffentliche Schamgefühl zu verletzen, boykottieren. (Lebhafter Beifall.) Wir sagen, in Geschäfte, die unser christ, liches Gefühl in dieser Weise verletzen und die in dieser Weise mit dazu beitragen, die Sittlichkeit aus dem Herzen unserer Jugend zu reißen, gehen wir nicht hinein.(Stürmischer Beifall.) Mit diesem Mittel hat man in Köln bereits sehr gute Erfolge erzielt." Alle drei Anträge wurden selbstverständlich einstimmig an- genommen. »» « Außerdem fand um 10 Uhr in der großen Festhalle d.ie letzte öffentliche Versammlung statt. An erster Stelle sprach der ReichStagsabgeortznete Gröber über den »Sozialen Klassenkampf". Er führte aus: „Klassenkämpfe hat es gegeben, solange die Welt steht. Die Klassenkämpfe selbst sind aber nicht naturnotwendig, sondern sie sind eine Krankheit des sozialen Lebens, die nach Heilung ruft.(Sehr richtig!) Alle Klassen sind auf gegenseitige Hilfe und Unterstützung angewiesen. Der ganze Organismus muß leiden, wenn auch nur ein Glied der Klasse krank ist. Nicht die Verstärkung der Klassengegensätze ist das Natürliche, sondern das Natürliche ist die Aussöhnung der Klassen und der Ausgleich der verschiedenen Interessen.(Lebhafter Beifall.) Nichts ist ver- kehrter und schädlicher als die systematische Verhetzung der Ar- bester durch die Sozialdemokraten.(Sehr richtig!) Eine solche Kampfmethode mag vielleicht geeignet sein, eine Partei zu- sammenzuhalten, die auseinanderzugehen droht, oder eine Masse von Mitläufern herüberzuziehen, aber zur Ueberwindung der äußeren wie der inneren Schwierigkeiten kann ein solcher Klassenkampf nicht führen.(Sehr richtig!) Im Gegenteil, die Schwierigkeiten werden vermehrt, die besitzenden Klassen werden verbittert, in denen doch viele wackere Arbeitgeber sich befinden, die eS mit den Arbeitern gut meinen und die für die Ar- beiter vielfach schwere Opfer bringen.(Beifall.) Aber durch den Klassenkampf wird solchen Leuten der gute Wille genommen, wenn sie sehen, wie alles, was sie für ihre Arbeiter tun. in der schmählichsten Weise verdächtigt, ver- unglimpft und in den Kot gezogen wird.(Sturmi- scher Beifall.) Den Koalitionen der Arbeitnehmer sind in letzter Zeit die Koalitionen der Arbeitgeber gegenübergetreten. Auch für die Arbeiter selbst wirkt der Klassenkampf aufs äußerste jchädltck. Die Ausstachclung oller Leidenschaft«» im Klasse»», kämpf korrumpier! die Arbeiter.(Sehr richtig!) Ich fitetse zum Beweise hin auf den Terrorismus gegen die christlichen Gewerk- schaften, gegen einzelne christliche Arbeiter, die nur ihrer Vater- ländischen Gesinnung Ausdruck gegeben haben. Das sind Scheußlichkeiten. Brutalitäten, die nur eine Schmach in der Geschichte der deutschen Arbeiter- Welt genannt werden können.(Minutenlange Bei- fallskundgebungen.) Unter diesem Terrorismus haben vor allem, wie gesagt, die christlichen Gewerkschaften zu leiden, weil in ihnen die Sozialdemokratie ihre gefährlichsten Gegner sieht. Ich glaube, es ist eine Pflicht für uns, daß wir gerade wegen dieses harten unausgesetzten Kampfes, wegen dieser bitteren Bedrückung so mancher Mitglieder der christlichen Gewerkschaften ihnen heute unsere Anerkennung und Dank aussprechen.(Stürmischer Bei- fall.)" Darauf folgte eine lange Philippika gegen Sozialdemokratie, Liberalismus, Unglauben. Geheimratsdünkel usw., bis schließlich das Gerede in ein Lob der arbeiterfreundlichen katholi- schcn Kirche ausklang: „In jahrhundertelanger Arbeit hat die Kirche die Arbeiter aus dem Zustand der Sklaverei zur Freiheit�geführt, zur völligen Gleichberechtigung mit allen anderen Ständen des Volkes.(Stur- mischer Beifall.) Wie einst die römischen Plebejer auf dem heiligen Berge ihre Rettung gefunden haben, so finden auch heute. die bedrückten Klassen der Handarbeiter Hilfe auf dem heiligen Berge, auf dem Felsen, auf dem Christus die Kirche gebaut hat. (Stürmische minutenlange Beifallskundgebungen.)" Dann erfolgte nach einem Vortrag des Realgymnasial» lehrers Bornewasser- Köln über die„Fürsorge für die schulentlassene Jugend" sowie Schlußansprachen des Vorsitzenden Dr. M a r x- Düsseldorf und des Bischofs von Augsburg, der allen seinen Segen erteilte, der Schluß des Katholikentages. poUtifebe öcberfkht. Berlin, den 25. August 1910. Die Ausweisung als Strafe für Arbeitersolidarität. Die Ausweisung dient in Nordschleswig nicht nur als Strafe für dänische Gesinnung, sie wird auch als Strafe benutzt für Be- tätigung der Arbeitersolidarität. Denunzieren die Hetzpresse und die nordschleswigschen Hakatisten jeden, von dem sie glauben, daß seine Gesinnung nicht preußisch gestempelt ist und der durch die Ausweisung getroffen werden kann, so tun die Unternehmer ein gleiches mit ihnen unbequemen Ar» b e i t e r n. Und die Behörden lassen sich nicht lange mahnen, sie sind den Hakatisten ebenso getreue Handlanger wie den Scharf- machern! Am Montag sind in Apenrade die dänischen Zimmerer Siasmussen aus Horsens, Ohlsen aus Skelskör und Nielsen aus Helsingör mit vierundzwanzig stündiger Frist aus- gewiesen worden. WaS Haben sie verbrochen? Während der Bauarb eiterauSsperrung weigerten sich einige Zimmerer, den Extrabeitrag zu zahlen und traten aus dem Ver- bände aus. Die drei oben genannten Zimmerer und noch ein vierter, der schon vor zirka acht Tagen nach Dänemark zurückgereist ist, lösten ihr Arbeitsverhältnis beim Bauunternehmer Clausen, weil sie mit den Kollegen, die wegen der Extrabeiträgs in kritischer Zeit dem Verband den Rücken gekehrt hatten, nicht zusammen- arbeiten wollten. Sie fanden anderswo Arbeit. Der Untev» nehmer Clausen aber, der noch vor wenigen Jahren Mitglied des Verbandes und der sozialdemokratischen Partei war, lief zur Polizei und meldete dort die Freveltat der Verbändler! Die Polizei wußte Rat; sie befriedigte daS Rachebedürfnis des Unternehmers und wies die drei Dänen aus, weil sie„lästig gefallen" seien. Wären die drei als Streik- b r e ch e r nach Deutschland gekommen, hätten sie sich wahrscheinlich der größten Aufmerksamkeit und Zuvorkommen- heit der Polizeibehörde zu erfreuen gehabt! Polizei und Staatsanwalt in Dortmund. Am Abend des 14. Februar d. I. war in Dortmund Stadt- verordnetensitzung. Unsere Genossen hatten eine Wahlrcchts-Juter- pellation eingebracht, die aber unterdrückt wurde. Draußen warteten einige hundert Arbeiter auf das Schicksal der Interpellation. Bald sprengten Berittene durch die Straßen und auch eine größere Ab« teilung Schutzleute zu Fuß erschienen, mn die Straßen zu. säubern. Infolge des Auftretens der Polizei sammelte sich immer mehr Volk an, die Demonstration war fertig. Auf dem Markt und auch an anderen Stellen der Stadt zogen die Schutzleute blank und hieben auf die Menge ein; es ist auch zu Verletzungen gekommen. Namentlich werden die Berittenen beschuldigt, von der Waffe Gebranch gemacht zu habe». Die Kritik der „Arbeiterzeitung" an diesen Vorgängen hatte einen Polizei- beleidigungSprozeß zur Folge, der mit der Ver- urteilung des verantwortlichen Redakteurs Genossen Beyer endete. In dem Prozeß haben sämtliche Beamten beschworen, es sei weder blank gezogen noch gehauen worden. Dies bekundeten insbesondere der Polizeiinspektor Richard, der Polizeikommissar Schrank, der Wachtmeister K e s s e l h u t und vier weitere berittene Schutzleute. Richard beschwor außerdem noch, daß keine Kriminalbeamten w Zivil tätig gewesen seien. Schrank beschwor, er sei mit aus- gebreiteten Armen seinen Schutzleuten vorauSgezogen, damit er die Gewalt über sie nicht verliere. Dagegen bekundeten eine große Zahl Zivilzeugen, daß doch mit blanker Waffe dazwischen gehauen worden sei. ES waren sogar Zeugen da, die Verletzungen erlitten hatten. Andere Zeugen bekundeten, daß Kommissar Schrank selbst über die Straße gelaufen sei mit halb aus der Scheide gezogenem Säbel. Nach dem Prozeß meldeten sich noch eine große Zahl Zeugen für die verschiedensten Einzelheiten. Es meldeten sich T e s ch ä s t S- leute, Reisende, Architekten. Techniker, Kellner ans den Wirtschaften am Markt, lauter unbeteiligte Zu- schauer, die der Sozialdemokratie fernstehen. Nun reichte Ge- »osse Beyer eine Meineidsanzeige ein gegen den Polizeikommissar Schrank und fünf berittene Schutzleute. 34 neue Zeugen sind allein dafür vorhanden, daß die Berittenen gehauen haben. Mehrere neue Zeugen sind dafür benannt worden, daß auch eine Menge Krimiualbeamter in Zivil dabei war. Wohl an 15 Zeugen sind für die Tatsache genannt worden, daß Kommissar Schrank mit halb gezogenem Säbel gelaufen ist. ESsindgerade vier Monate her. daß die An- zeige erstattet wurde. Nun endlich, nach wiederholter Mah» nung durch die„Arbeiterzeitung", ist der Bescheid der Staats- anwaltschaft gekommen: Das Verfahren ist in alle» Fällen eingestellt worden! Es ist kein einziger der ncnbcnannten Zeugen vernommen worden, die Strafverfolgung wird einfach abgelehnt. Der Herr Staatsanwalt meint, es seien im Prozeß gegen Beyer ja Zeugen vernommen, die bekundeten, die Polizisten hätten gehauen. DaS Gericht habe aber diese Aussagen gegen die Beamten nicht bewertet und eS sei nicht anzunehmen, daß das Gericht durch die Vernehmung der n e u b e n a n n t e n Zeugen zu einem anderen Resultat kommen werde I Das heißt mit anderen Worten: bringt Zeugen so viel ihr wollt, uns gilt nur daS Zeugnis der Beamten! Bei einer anderen Gelegenheit hat der Erste Staats- anwalt Friedheim zu einem bekannten Juristen, als dieser eine Straf« anzeige gegen einen Beamten einreichen wollte, geäußert:„Ich werde bei einem Dortmunder Polizeibeamten niemals das Bewußtsein der Nechtswidrigkeit annehmen." In diesen Worten liegt die Lösung für so manches Rätsel. Gegen die Polizei ist nichts zu machen! Wers mit der Polizei zu tun bekommt, steht schutzlos dal Dieses Bewußtsein greift über auch in weiten Kreisen deS Bürgertums. Man macht auch da seine Erfahrungen. Die.Arbeiterzeitung" ruft bei dieser Gelegenheit folgenden Fall In die Eriimernng. Jüngst wurde ein Polizeisergeant zum Wachtmeister befördert. Gegen diese Beförderung erhob ein nationalliberaler Stadtverordneter lebhaften Protest. Er selbst hatte einst mit diesem Wachtmeister Differenzen gehabt, die so weit gingen, daß er gegen den Beamten Strafanzeige erstattete. Aber nicht gegen den Be- amten, sondern gegen den jetzigen Stadtverordneten. den Strafantragsteller, wurde vorgegangen I Die Strafanzeige gegen den Beamten bildete die Grundlage zu einer Beamten- deleidigungsklage. Der Beamte trat nicht als Angelkagter, sondern als Zeuge auf und der Antragsteller wurde von der Dortmunder Strafkammer zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Nun wagte der Herr Stadtverordnete sein äußerstes. opferte 4000 M. und nahm sich Justizrat Dr. S el lo- Berlin zum Vertreter am Reichsgericht. Dr. Sello erzielte wirklich die Aufhebung des Urteils und die Verweisung der Sache zur Neuverhandlung an das Landgericht Bochum. Das Bochumer Landgericht erkannte denn auch tatsächlich auf Freisprechung. Der Freigesprochene kann von Glück sagen, daß er 4000 Mark opfern konnte, ein armer Teufel hätte die Strafe verbüßen müssen! Der Stadt- verordnete brachte nun vor, daß er trotzdem keine Ruhe habe, er werde fortwährend belästigt. Wenn er, der Stadtverordnete, über die Straße gehe und sich ein Schaufenster ansehe, plötzlich stehe der Beamte hinter ihm und flüstere ihm ein Schimpfwort ins Ohr. Man fragte dem Herrn Stadt- verordneten, warum er sich das gefallen lasse und keine Anzeige erstattet habe. Mit Recht konnte er antworten, er habe keine Lust, noch ein- mal eine Beleidigungsklage zu riskieren und 4000 M. zu opfern. Trotz dieses sehr begründeten Protestes billigte die über- wältigende Mehrheit des Kollegiums die Beför- derung des Beamten zum Wachtmeister. Wenn so etwas möglich ist, braucht man sich über die Dortmunder Polizei nicht weiter zu wundern! Genosse Beyer wird sich bei diesem Bescheid des Staatsanwalts nicht beruhigen, sondern Beschwerde beim Ober- staatsanwalt erheben. Opfer der schwarzblauen Steuerpolitik.__ Der katholische„Arbeiter", das Organ des Zentrums- abgeordneten Dr. Fleischer, teilt den Inhalt einer Pe- tition mit, welche die Zündholzarbeiter in Habelschwerdt an den Reichs- kanzler gerichtet hoben. In dieser Petition wird unter anderem gesagt. „Der Vorstand des katholischen Arbeitervereins hatte unterm' 21. Dezember v. I. eine Petition an den Reichstag eingereicht, worin gebeleir wurde, den durch das Zündholz st euergesetz vom Jahre 1909 schwer geschädigten Zündwarenarbertern eine linterstiitzung zukommen zu lassen. Die Angelegenheit ist dann auch in der 81. Plenarsitzung des Reichstages vom 9. Mai 1910 zur Sprache gebracht und deni Koinmissionsantrage entsprechend dem Herrn Reichskanzler zur Berücksichtigung überwiesen worden. In den in der Petition geschilderten Verhältnissen i st leider bis jetzt eine Besserung in teinerWeise eingetreten, weshalb die Not der bezeichneten Arbeiter und Arbeiterinnen einen erschreckenden Umfang an- zunehmen beginnt. Die Zahl der Arbeiter in der Aktien- gesellschaft Union ist von 15 9 nunmehr auf 30 reduziert worden; weitere Entlassungen stehen noch bevor. Die bisher beschäftigten Arbeiter haben vom 1. Oktober 1909 bis 15. Juli 1910 nur an vier Tagen in der Woche gearbeitet. Den dadurch herbeigeführten Lohn- ausfall hat die Firma bisher zur Hälfte ersetzt. Vom 1. August ab fällt auch diese Vergünstigung fort. Bei Karl Gräbel wurde vom 1. November 1909 bis April 1910 jede Woche fünf Tage gearbeitet, seit April aber nur noch vier Tage. In der Zündwarenfabrik„Union Karl Tieye" wird seit Oktober nur an vier Tagen gearbeitet. Daß diese Ar- beiter, deren Lohn ohirehin notdürftig zum Lebensunterhalt ausreichte, mit ihren Familien darbe» und an Unterernährung leiden müssen, ist eine traurige Tatsache und erheischt baldige Hilfe. Seitens der Arbeiter wird wieder- holt darauf hingewiesen, daß den Tabakarbeitern bereits einige Millionen an Unterstützung ausgezahlt worden sind, während dieZütldwarenarbeiter der bitter st enNot preis- gegeben bleiben. Der ergebenst unterzeichnete Vorstand des katholischen Arbeitervereins wendet sich daher an Eiv. Exzellenz mit der Bitte, baldmöglichst eine Unterstützung für die darbenden Zü nd wäre narbeiter gütigst flüssig machen zu wollen. Mit Rücksicht auf die beklagenswerten Kinder der notleidenden Familien geben wir unS der Hoffnung hin. recht bald wenigstens eine vorläufige Unterstützung zu er- halten, um der b i t t e r st e n Not einigermaßen Rechnung tragen zu können." Diese Bittschrift schreit zum Himmel. Sie klagt die Konser- vativen und das Zentrum an, den ohnehin schlecht entlohnten Zünd- Holzarbeitern ihr Brot genommen zu haben. Die Reichsregierung wollte bekanntlich voriges Jahr gar keine Besteuerung der Zünd- Hölzer, sondern schlug eine Besteuerung der Erbschaften im Betrage von mehr als 20000 M. vor. Die kleinen Erbschaften wären also unbesteuert geblieben. Aber die Zentnimspartei, die konservativen Junker und der antisemitisch- christlich- soziale Kuddelmuddel lehnten die Besteuerung der reichen Erben ab und beschloffen dafür die Besteuerung der Zündhölzer. Und nun mutz selbst das Organ des Zentrumsabgeordneten Dr. Fleischer, der am 6. Juli 1909 mit für die Zündholzsteuer, aber gegen die Entschädigung der Arbeiter stimmte, zugeben, daß durch diese himmelschreiende Steuerpolitik die ohnehin armen katholischen Zllndholzarbeiter in Habelschwerdt dem Hunger st erben nahegekommen sind. Wie ein Hohn auf die darbenden Arbeiter klingt eS, wenn der „Arbeiter" sagt: „Welche Antwort dem katholischen Arbeiterverein Habelschwerdt auf obige Eingabe geworden ist, ist unS zur Stunde noch nicht bekannt; doch dürfte dieselbe in einem für die Bittsteller g ü n st i g e n Sinne ausfallen, da ja im Reichstage seinerzeit unseres WiffenS nicht Klotz die Tabakarbeiter, sondern auch die Zündwarenarbeiter in die oben genannten Unterstützungen mit einbezogen worden sind." DaS ist echter ZentrnmSschwindel I Tatsächlich hat die sozial» demokratische Fraktion im Reichstag bei dem Steuergesetz be- antragt, den geschädigten Zündholzarbeitern Unterstützung zu zahlen. Aber da? Zentrum, die Konservativen und ihr An» hang- lehnten die Unterstützung der Hungernden ab! Die sogenannten.christlichnationalen" Arbeiterabgeordneten Schiffer, Behrens. Wiedeberg, Dr. Fleischer, Becker und Genossen stimmten mit den Junkern gegen die Unterstützung! Und daS Organ des Abg. Dr. Fleischer, der diese Niederträchtigkeit deS Zentrums mitgemacht hat, schämt sich nicht, den darbenden Arbeitern vorzulügen, daß zu- ihrer Unterstützung Mittel bewilligt worden seien l> Eine Meisterleistung der Hallesche» Justiz. Noch immer hat sich die Justiz in Halle mit Sündern von den gewaltigen Wahlrechtsdemonstrationen her zu beschäftigen. Das Reichsgericht hat mehrere Urteile der bekannten Schubertkammer, die alle ihr von der Polizei zugeführten Opfer zu harten Ge- fängnisftrafen verurteilte, zurückgewiesen. Einige dieser voll- kommen unveoständlichen Urteile sind bereits erneuert worden, denn die Halleschen Richter gehen nicht von ihrer seit Beginn der Wahlrechtsprogesse ausgiebig betriebenen Gepflogenheit ab, samt- liche von den Angeklagten gestellten Entlastungszeugen als der„Mittäterschaft" verdächtig zu bezeichnen und unvereidigt zu lassen. Dadurch wurde die Verteidigung der Angeklagten völlig illusorisch gemacht. In der letzten Verhandlung gegen einen Arbeiter unternahm nun der Verteidiger Genoffe Dr. Liebknecht einen Vorstatz gegen dieses System, die Verteidigung lahmzulegen. Er lehnte den Vorsitzenden der Ferienstrafkammer, Landgerichtsrat Böhm, wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Herr Behm hat nicht nur bei früheren Urteilen der Schubertkammer mitgewirkt, sondern ist auch Gerichtsvorsitzender in der Verhandlung gegen mehrere vom Reichsgericht der Strafkammer nochmals zugewiesene Angeklagte gewesen. In dieser Verhandlung ist die Nichtvereidigung der Eni- lastungszeugen ganz besonders auffällig gewesen, da absolut kein Grund vorlag, ihre Aussagen anders zu werten, als die der Belastungszeugen, die lediglich der Polizei angehörten. Ge- nosse Dr. Liebknecht konstatierte diese Tatsache und erklärte es als seine Pflicht als Verteidiger, den Vorsitzenden abzulehnen, da die Gefahr abermaliger Verurteilung des Angeklagten bestehe, obwohl dessen Sache günstiger liege als alle früheren. Das Gericht erklärte den Vorsitzenden für nicht befangen. Dieser selbe Vorsitzende aber eröffnete dem Genoffen Dr. Lieb- knecht, daß das Gericht beabsichtige, ihn in eine Ordnungsstrafe zu nehinen. Er habe in der Begründung seines Antrages dem bezeichneten Gerichtshof den Vorwurf syftomatifchcr Erschwerung der Verteidigung und der Rechtsbeugung gemacht. Genosse Lieb- knecht bestritt den Vorwurf der Rechtsbeugung, er wurde aber trotzdem vom Gericht in die höchste zulässige Ord- nun-gsstrafe von 100 M. wegen Ungebühr! g>e- nommen! Sofort ließ Genosse Liebknecht zu Protokoll nehmen, daß er bestreite, den Vorwurf der Rechtsbeugung erhoben zu haben. Der Vorsitzende gab auch zu, daß dieser Vorwurf nicht gefallen sei, nichtsdestoweniger blieb es bei der erkannten Unge- bührstrafe. Als nun in die eigentliche Verhandlung eingetreten werden sollte, lehnte Genosse Liebknecht den ganzen Ge- richtshof wegen Befangenheit ab, was er folgender- maßen begründete: Das Gericht habe ihn soeben in eine Ordnungs- strafe genonrmen, aus einem Grunde, der ihm die Annahme nahelege, daß dieser Gerichtshof jetzt nicht objektiv urteilen werde. ES sei ihm unterstellt worden, daß er den Vorwurf bewußter Rechtsbeugung habe erheben wollen. Etwas derartiges zu unterstellen, sei aber stets möglich. Jeder Verteidiger oder Angeklagte, der einen Gerichtsvorfitzenden ablehne, könne danach in eine Ordnungsstrafe genommen werden. Denn die Ab- lehnung müsse begründet werden und in dieser Begründung würden stets Momente zu finden sein, in denen das Gericht die Absicht des Vorwurfes bewußter Rechtsbeugung erblicken könne, wann es wie jetzt in einer objektiven Ehavakterisievung die subjektive Beleidigungsabsicht suche. Wenn das Gericht so die Unterscheidung zwischen der objektiven Beweisführung und der subjektiven Willensmeinung des Verteidigers vermissen lasse, sei nicht zu erwarten, daß es in der anstehenden Verhandlung die nötige Objektivität wahren werde. Deshalb sei eS wegen Be« fangenheft abzulehnen. Nunmehr blieb dem Gericht natürlich nichts anderes als Ber- tagung übrig._ Abgeblitzt. Der Berliner Polizeivräsident hatte bekanntlich ein Straf« verfahren gegen Genossen Mehlich, den Redakteur der„Dortmunder Arbeiterzeitung" veranlaßt wegen des Abdruckes zweier Gedichte in der Unterhaltungsbeilage� der bekannte Aufreizungsparagraph sollte wieder einmal seine Schuldigkeit tun. Doch der Dortmunder Staatsanwalt hat mit diesem Paragraph wenig Glück gehabt. Zweimal schon wurde Genosse Beyer von der„Arbeiterzeitung" wegen Aufreizung zum Klassenhaß unter Anklage gestellt und— freigesprochen. Dann erhielt Genosse Umbreit eine gleiche Anklage wegen des Maffenliederbuches. Resultat: Freisprechung. Diese Spuren schrecken. Zwei Tage nach der verantwortlichen Ver- nehmung Mehlichs verfügte der Staatsanwalt die E i n st e l l u n g des Verfahrens. Der Berliner Polizeipräsident wünschte bekanntlich über den weiteren Verlauf der Angelegenheit unterrichtet zu werden. Vom Bierkrieg. Bus der R h e i n p f a l z wird uns geschrieben: Nach langen Verhandlungen haben die pfälzischen Brauereien wegen des Vierkriegs sich endlich geeinigt. Sie teilen ihren Kunden mit, daß sie den Preis des Liters Bier um 1'/, Pf. höher berechnen und raten den Wirten, ihrerseits um 2 Pf. für das Liter aufzuschlagen. Ob die Bevölkerung der Pfalz sich die Schröpfung ohne weiteres ge- fallen läßt, bleibt abzuwarten._ Skandalöse Soldatenschinderei I Wegen Mißhandlung Untergebener standen der Vizefeld- webel Knebel und der Unteroffizier Hanke vom 102. Infanterieregiment in Zittau vor dem Dresdener Kriegsgericht. Ein besonders brutaler.Soldatenerzieher' ist Knebel. Am 4. Juni mußten eine Anzahl Soldaten nachexerzieren. Außer einigen anstrengenden„Hebungen" mußten die Soldaten an jenem Tage, an dem große Hitze war. auf Befehl Knebels einen viertelstündigen Laufschritt mgchen. Ohne auch nur einmal die Leute ausruhen zu lassen, ließ er sie fortgesetzt laufen und aufstehen und hinlegen. Da der 4. Juni schon am Vormittag und auch Nachmittag anstrengenden Dien st brachte, waren die Mannschaften ohnehin müde und ab« gespannt. Dazu kam, daß die zum Nachexerzieren befohlenen Soldaten keine Zeit zum Essen hatten. Hungrig mußten die Soldaten die Anstrengungen ertragen, so daß ein großer Teil der Leute er- schöpft und in Schweiß gebadet war und die Soldaten in- folge der Schwüle Hitzschlaganfälle erlitten. Bei weiteren 6—6 Mann trat vorübergehendes Unwohlsein und Bcwußtlosigleit ein. Als einem Soldaten während des Laufschrittes unwohl wurde, sagte Knebel zum Unter- osfizier:„Schnäuzen Sie den Kerl und wenn er liegen bleibt!" Mehrere Soldaten mußten 3—4 Wochen im Lazarett zubringen. Der ärztliche Sachverständige gab sein Gutachten dahin ab, daß die Anstrengungen in Verbindung mit der Hitze die Ursache der Hitz« schlaganfällc usw. seien. Auch gegenüber einigen Zivilpersonen hat Knebel seine Brutalität zu erkennen gegeben. Als er nachts mit mehreren Männern auf offener Straße in Differenzen geriet, zog er einfach seinen Säbel und schlug damit auf seinen Gegner ein! Selbst der Anklagevertreter war offen genug, die Handlungsweise Knebels als ein« absichtliche Schinderei zu bezeichnen, wofür er sechs Monate Gefängnis beantragte. Das Gericht erkannte aber auf— L Wochen gelinden Arrest!! In ähnlich roher Weise ging Hanke mit seinen Untergebenen um. Einen Soldaten, der seiner Anficht nach etwas nicht gut genug > machte, brüllte er an mit den Worten:„Du verflachter Strolch, hei nächster Gelegenheit schlag ich Dir ein paar in die Fresse; aber nur unter vier Augen, wenn Du keine Zeugen hast!" Außerdem erhielt der Soldat uichrcrc Stöße mit der Faust in dcn Leib. Obgleich der Miß- handelte beschwor, die Schläge erhalten zu haben, sah das Gericht Mißhandlung nicht für erwiesen an. Es erachtete nur vorschrifts- widrige Behandlung als vorliegend und erkannte auf fünf Tage mittleren Arrest! Solche Urteile sind die trefflichste antimilitaristische Propaganda, die sich denken läßt!_ fpankrneb. Verbrecherische Spekulanten. 1 Paris, 24. August. Der Minister des Innern und der Handels- minister hatten heute eine Unterredung und beschlossen, daß, wenn die Untersuchungen über die Preisbewegung gewisser Nahrungsmittel, des Getreides, Zuckers usw., ver- brecherische Handlungen bestimmter Spekulanten aufdecken würden, diese Handlungen unverzüglich vor die Ge- richte gebracht werden sollen.— Rußland. Dubrowins Rache. Das Ministerium Stolypin hat in letzter Zeit kein Glück mlk seinen„treuesten Mitarbeitern". Nachdem der frühere Moskauer Stadthauptmann General Reinbott in seiner Verteidigungsschrift hinter die Kulissen des Staatsstreichministeriums hineingeleuchtet, deckt nun der ExPräsident des russischen Volksverbandes, Dr. Dubrowin, der wegen seine? reaktionären„Radikalismus" kaltgestellt wurde, den intimen Zusammenhang auf, der zwischen der Regierung und dem Pogrom i st enverband be- stand. In seinem soeben erschienenen Buche:„Wohin führen die Usurpatoren den russischen Vollsverband?" schildert Dubrowin in der gründlichsten Weise, wie die Regierung, um die revolutionäre Bewegung niederzuknüppeln, den Pogromistenverband ins Leben gerufen, wie sie ihn weiter zum Kampf gegen die konstitutionellen Errungenschaften benutzt, ihn als Wahlmacher ins Feld geschickt und so weiter. Nach diesen Enthüllungen unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß nicht nur einflußreiche Personen(und in erster Linie der Z a r), sondern auch die Regierung den Pogromiften- verband regelmäßig subsidierten. In dem Buche wird eingehend dargelegt, wie die Stellung der Regierung zum Volksverband sich in dem Matze änderte, als man von offenen Straßenpogromen zn anderen Kampfmethoden Mergehen mutzte. Bei Beginn seiner Tätigkeit wurde der Pogromistenverband von der Regierung mit Freuden begrüßt, aber nach dem Staatsstreich vom 16. Juni 1907 sank er in der Gunst seiner hohen Auftraggeber, denen er bei der in der dritten Duma eingeleiteten konstitutionellen Komödie nur hinderlich war. Dubrowin erhielt eine„Entschädigung" von 20000 Rubel und dem Gcneralrat wurde eine monatliche Unterstützung versprochen, wenn Dubrowin von dem Posten eines Vorsitzenden zurücktreten würde.'Die Bedingungen wurden nach einigem Zögern angenommen; Dubrowin wurde entfernt, und die „Schmiergelder", die die Regierung lieferte, gelangten in die Hände des früheren Vizepräsidenten des Verbandes, Purifchke» witsch. Der VolksverbaM erhielt nun den Auftrag, die Wahlen für die dritte Duma zu machen. Purischkewitsch ver- sandte ein Scheinzirkular an die Verbandsfilialen mit dem Befehl. dieOktobristen bei den Wahlen zu unterstützen! Nachdem die letzteren,„mit Hilfe von Geld und der Beamten", die Mehrheit in der Duma erlangt, erhielten die Monarchisten, die für die Duma gewählt wurden,„die Unter» stützung der Regierung in ihren persönlichen Angelegenheiten"! Mit herzerfrischender Offenheit ist hier dargelegt, was sich hinter den Kulissen der Konterrevolution abgespielt hat. Neu ist vor allem die dokumentarische Bestätigung, daß die O ik t o b r i st e n» parte! mit Hilfe der von der Regierung ge, schmierten Pogromhelden in die Duma gewählt wurden, um dort vor der öffentlichen Meinung Europas in ihrem konstitutionellen Vcttlcrmantcl zu paradieren.— Eine neue Gelegenheit für Diebe. Petersburg, 24. August. Zum Zwecke schleunigster Wieder« Herstellung der russischen Flotte Und bestmöglicher Organisation des Schiffbaues ist ein allerhöchster Befehl erlassen worden, daß die Mitglieder des Reichsrats, die Generäle Röhrberg und Rödiger und der Geheimrat Dmitrijew, die wirtschaftliche und administrative Tätigkeit der Hauptverwaltung des Schiff- baues und die Lieferungen für die Kronwerften und Häfen zu prüfen und ihr Gutachten über Maßregeln zur Erreichung der genannten Ziele in kürzester Frist der allerhöchsten Sanktion zu unterbreiten haben,>- Soziales, Unterschlagung von JnvalibenversicherungSbeiträgen. Der Inhaber einer lithographischen Anstalt, Albert Mulack, Landsberger Allee 126, hat den bei ihm beschäftigten Gehilfen die Beiträge zur Alters- und Invalidenversicherung zwar regelmäßig vom Lohn abgezogen, hat aber seit Jahren keine Marken geklebt. Bei denen, die nur vorübergehend im Mulackschen Betriebe ar- beiteten, ließ sich diese Manipulation allerdings nicht durchführen. da sie ja bei der Entlassung ihre Karte mit den ordnungsmäßig ge. klebten Marken ausgehandigt erhalten muhten. Den Arbeitern aber, die jahrelang bei Mulack beschäftigt waren und nie nach ihren Karten fragten, ging über die Verwendung der ihnen abgezogenen Beiträge erst ein Licht auf. als sie die Arbeitsstelle wechselten. Ein junger Mann, der bei Mulack gelernt und nach Beendigung der Lehrzeit noch mehrere Jahre bei Mulack gearbeitet hat, bekam, als er vor einiger Zeit aufhörte, seine Jnvalidenkarte nicht ausgehän» digt. Angeblich, weil sie nicht zu finden war. In Wirklichkeit aber hatte Mulack noch nie eine Marke für diesen jungen Mann geklebt. obgleich er ihm seit seinem 16. Lebensjahr fünf Jahre lang die Bei- träge rcgelinätzig abgezogen hat. Es stellte sich nun heraus, daß Mulack, der 10, zeitweise bis 20 Gehilfen beschäftigte, sich innerhalb der letzten fünf Jahre in mehreren Fällen des gleichen Vergehens schuldig gemacht hat. Die Folge war eine Anklage gegen Mulack, die am Donnerstag vor der 6. Ferienkammer verhandelt wurde. Der Staatsanwalt bezeichnete die Handlungsweise des Angc» klagten, der den vorstehend geschilderten Tatbestand zugab, mit Recht als eine verwerfliche Bereicherung an den, dcn Arbeitern abge» zogenen Groschen und beantragte wegen der Bcitragsuntcrschlagung eine Gefängnisstrafe von drei Wochen, sowie eine Geldstrafe von 30 M. wegen Vorenthaltung der Ouittungskarte. DaS Gericht beurteilte die unlauteren Manipulationen des An» geklagten aber sehr milde. Es schenkte den Versicherungen MulackS, daß er nur aus Not gehandelt habe und bereit sei, die Beiträge nach- zuzahlen, Glauben und erkannte deshalb für beide Straftaten zu» sammen auf eine Geldstrafe von 59 M.. eventuell 5 Tage Haft. Die„Notlage" wird Herrn Mulack wohl nicht hindern, die 50 M Strafe zn zahlen, damit er sie nicht absitzen braucht. Eine andere Frage ist es, ob sich die„Notlage" nicht wieder einstellt, wenn ihn die geschädigten Arbeiter an seine vor Gericht abgegebene Vev« sicherung, die Mgrken nachzukleben, erinnern Verden. 0ewerkrcbaftUcbee« Vom Kampf auf den öeerdriffowcrften. Die Situation in Hamburg hat sich in den letzten Tagen insofern verändert, als im Städtekomplex Hamburg-Altona- Ottensen 300 Arbeiter in Landbetrieben die Arbeit eingestellt haben. Diese Arbeiter wollen sich nicht dazu mißbrauchen lassen, durch Anfextigung von Arbeiten für die Werften den streikenden Werftarbeitern in den Rücken zu fallen. Auf den Werften sind nur Leute in„gehobenen" Stellen beschäftigt, um mühsam einige notwendige Reparaturen schlecht auszuführen, während alle größeren Arbeiten, ganz vbgefehen von den Neubauten, gänzlich ruhen. In der Schar fmacherprcsse schreibt man sich die Finger wund, mn die Löhne der Werftarbeiter recht hoch erscheinen zu lassen, wie überhaupt bei Lohnbewegungen in Hamburg der Lohnlistenschtoindel immer in üppigster Blüte steht. Die „Hamb. Nachrichten" berichten breitspurig über eine See- fahrt nach Helgoland, die Metallarbeiter der Norddeutschen Armaturcnfabrik in Bremen unternonimen haben, obwohl sie sich im Streik befinden. Allerdings gibt das edle Blatt zu, daß diese Ausfahrt vor dem Streik beschlossen worden war. Tie„Deutsche Arbeitgeberzeitung" jongliert mit den„Durch- scknnttsverdiensten" der Arbeiter von sechs Hamburger See- schiffswerften, die, in Berufe geordnet, von 1237 bis 1882 Mark verdient haben sollen. Nur zwei Kategorien— Dreher und Maschinenschlosser— haben inklusive aller Akkord, und Mordarbeit etwas über 1800 M. verdient: wenn die An- gaben dieses Blattes richtig sind, während die anderen Kate- gcrien weit unter diesem„Durchschnitt" stehen. Bor wenigen Tagen hieß es noch, die Arbeiter hätten 1800 bis 2000 M. verdient. Jetzt muß also selbst das sonst immer mit Schminke arbeitende Organ der Arbeitgeber zugeben, daß die Löhne bedeutend niedriger sind. „Die Welt will betrogen sein." Ein verstorbener Ham- burger Großreeder hat einmal mit zynischer Offenheit erklärt, daß man aus Eins Aehn machen müsse, weil die Welt be- trogen sein wolle. Dieses Motto schwebt auch den an der Wasserkante maßgebenden Herren und deren Angestellten vor. Liest man die Elaborate dieser„Prominenten", so leuchtet daraus hervor, daß Schiffahrt und Schiffbau immer schlecht prosperiert haben. Als die Amerikalinie 12 Proz. und darüber an Entbehrungslohn an die Couponschneider auskehrte, hieß es, sie könne keine höheren Löhne zahlen, „von wegen der schlechten Konjunktur". Eine schlechte Konjunktur soll im deutschen Schiffbau herrschen. Im Geschäftsbericht der Firma Blohm u. Boß, der größten Hamburger Werft, wird behauptet, daß im Jahre 1909 der Betrieb nur„mit großen Opfern aufrechterhalten worden sei". Ja, die Kapitalisten haben große Opfer ge- bracht, denn sie erhielten„nur"— 6 Proz. Dividende für das letzte Jahr. So sehen die„Opfer" aus. Außer dem großen Turbinenkreuzer„von der Tann" ist nur das Schul- schiff„Prinzessin Eitel Friedrich" zur Ablieferung gelangt. Und trotzdem dieser„Entbehrungslohn"! Nun sind die Ab- lieferungsfristen sehr verschieden, weil die großen Schiffe nicht in einem Baujahr fertiggestellt werden können und off die Bauzeit bis zu zwei Jahren beträgt. In dem einen Jahre werden doppelt so viele Schiffe abgeliefert als in einem an- deren, ohne daß von einer besseren Konjunktur gesprochen werden kann, weil eben viele Aufträge zusammen zur Ab- lieferung kommen. Jetzt hat die Firma Blohm u. Voß viele Aufträge: außer drei großen Turbinenkreuzern für die Marine sind drei große Passagier- und Frachtdampfer und zwei große Segler im Bau. zusammen also acht große Schiffe. Ferner liegt eine Bestellung auf einen großen Dampfer für die Amcrikalinie vor, ganz abgesehen von den Reparaturen, „die nicht einmal die Unkosten decken", wie es im Bericht heißt. Diese Gesellschaft klagt auch über die große Fluktuation unter den Arbeitern: der Gesamtwechsel betrage 17 887 Personen! Weshalb dieser riesige Arbeiterwechsel zu verzeichnen ist, unterläßt der Bericht anzugeben. Aus Uebermut haben die Arbeiter sicher nicht den Arbeitsplatz verlassen. Auf keinem Arbeitsplatz Hamburgs ist der Arbeitswechsel so groß wie auf diesem. Den Ursachen kommt die Gesellschaft nicht auf die Spur. Wir kennen Unternehmungen in der Metallbranche Hamburgs, wo ein Platzwechsel zu den Seltenheiten gehört. Ein Arbeiter berichtet im„Hamb. Fremdenblatt"(er ge- hört also zu den„guten" Arbeitern), daß sein Verdienst nur 1480 M. betragen habe.„Hätten die Arbeiter 1800 M. und darüber verdient, so wäre sicher nicht gestreikt worden." Dieser Logik vermag sich auch das freisinnige„Hamb. Fremden- blatt", das beide Seiten zu Worte kommen läßt und, wie immer in solchen Fragen, hin- und herpendelt, nicht zu ent- ziehen. Es schreibt zu den beiderseitigen Feststellungen: „Diese Lohnfesistcllungen aus Arbeiter- wie aus Arbeit- geberkreisen sind an sich ja wertvoll; aber wir möchten wieder hervorheben, daß eigentlich nur ein unparteiischer Schiedsmann. dam genügende Grundlagen zur Verfügung stehen, ein Urteil abgeben kann über die Berechtigung der Arbeiterforderungen und über den Standpunkt der Unternehmer." Die Arbeiter scheuen einen solchen„Unparteiischen" nicht. verlin und Umgegend. Die Laden-«nd Kontortischler nahmen am Donnerstag Stellung zur Tarifsrage. Brase refe- vierte über die Verschleppungstaktik der Unternehmer bei den Tarifverhandlungen. Nach aller Voraussicht werden die Verhand- lungen scheitern, da eine Einigung mit den Arbeitgebern nicht zu erzielen ist. Diese wollen den bestehenden GesamAarif für die genannte Branche nicht anerkennen, da sie die Laden- und Kontor- tischler nicht aus die gleiche Stufe mit den übrigen Tischlern stellen wollen. Wie der Referent an verschiedenen Beispielen zeigte, sind die Unternehmer bestrebt, die Entscheidung in dieser An- gelegnheit nach Möglichkeit zu verschleppen, da sie erst die nötigste Arbeit fertigstellen möchten. ES sind sogar Mitglieder in der Schlichtungskommission der Unternehmer, die heute noch nicht die vor sechs Jahren tariflich festgesetzten Löhne zahlen. So z. B. zahlte der Stadtverordnete Brunzlow noch vor vier Wochen bv Pf. pro Stunde, und erst jetzt hat er 2 Pf. zugelegt. In der Diskussion vertraten die Redner energisch den Stand- Punkt, daß dahin gewirkt werden müsse, daß der Generaltarif auch für die Ladenbranche Geltung erhalte. Wenn die Meister mit ihrer schlechten Lage ihre Tarifbrüche begründen, so mögen die Meister einmal dafür sorgen, daß die weitverbreitete Schmußkonkurrenz beseitigt werde. Folgender Antrag wurde e i n st i m m i g an- genommen: "Perantw. Redakteur: HanS Weber» Berlin. Inseratenteil verantw.: „Der Hauplkanf ist den Unlertzehmern am nächsten Sonnabend zwecks Annahme vorzulegen, anderenfalls am Montag der Streik proklamiert wird." Am Sonntag vormittag 10 Uhr findet eine Versammlung im „Englischen Garten" statt. DeutTcbes Reich. Differenzen im Holzgewerbe. In Ziegenhals sind 12v Tischler in den Streik getreten. Die Unternehmer weigern sich, eine fünfprozentige Lohnerhöhung und die ötzstündige Arbeitszeit zu bewilligen. Einen diesbezüglichen Tarif wollen die Unternehmer nicht anerkennen. In Kattowiv O.-S. haben die Holzarbeiter ihre Kündigung eingereicht. Sie verlangen einen Tarif, wie er für die übrigen Städte des Jndustriereviers bereits besteht. Die Verhandlungen auf gütige Erledigung der Streitigkeiten scheiterten an dem starken Widerstand der Unternehmer. Es steht daher ein langer, hart- nackiger Kampf bevor._ Sichcrheitsmännerwahlen im Ruhrbecken. Am 27. und 29. August finden im Ruhrbecken die Wahlen der Sicherheitsmänuer statt. Am 17. September folgen die allgemeinen Knappschaftswahlen. Die letzteren sind insofern von größerer Bc- deutuna, als die Ruhrbergleute den Knappschaftswahlen ein größeres Interesse entgegenbringen als den Sicherheitsmännerwahlen. Auch wird bei den Wahlen der Sicherheitsmänuer nicht das Kräfte- Verhältnis der Organifationen der Bergleute� Jdic um die Mandate ringen, zum Borschein kommen. Erstens sind Ausländer nicht wahlberechtigt, zweitens können nur solche Berg- leute die Sicherheitsmänner wählen, die mindestens ein Jahr auf der Grube, für die die Wahl getätigt wird, beschäftigt gewesen sind. Das hat bei dem ungeheuren Belegschaftswechsel eine große Wirkung. Dahingegen rufen die Knappschaftswahlen alle aktiven Bergleute über LI Jahre auf den Plan. Hier wird sich also zeigen, wer die Bergarbeitcrmassen hinter sich hat, der Verband oder die übrigen Organisationen bezw. die Zechen. Muß das Sicherhcits- männergcsetz erst ausprobiert werden, weil das Gesetz selbst erst neu ist und ihm die Bergarbeiter mit größtem Mißtrauen ent- gegensehen, so weiß man die Bedeutung der Knappschaftsvertretung sehr Wohl zu würdigen. Es ist darum gut, wenn die Oeffentlichkeit in erster Linie zur Beurteilung der Stimmung der Bergarbeiter wie des Stärkeverhältnisses der Verbände die Knappschaftswahlen im Aug« behalten. Selbstverständlich wird ein sehr großer Teil, wenn nicht der größte Teil der Sicherheitsmänner dem Verbände zu- fallen.— Interessant ist, daß für die Aeltestenwahlen das seiner» zeit vom„Vorwärts" angekündigte Kompromiß zwischen dem christlichen Gewerkverein und den Zechen zustande gekommen ist! Die Quittung hierfür werden die Ruhr- bcrgleute dem christlichen Gewerkverein am 17. September geben. Wir kommen auf die Wahlen noch zurück. Klusland. Die Organisation der Bäcker Englands beschloß auf ihrem so- eben abgehaltenen Berbandstage, in eine Bewegung für die 48 stündige Arbeitswoche einzutreten und zu diesem Zwecke auch die zahlreichen Arbeiterinnen im Bäckereigewerbe zu organisieren.— Die Urabstimmung der auf den Werften beschäf- tigten Arbeiter ergab eine große Mehrheit für daS unbedingte Fest� halten an der verlangten Lohnerhöhung. Neue Verhandlungen der beiderseitigen Organisationsvertreter waren bisher erfolglos.— In London traten die Taxamctcrkutschcr in einen partiellen Streik ein, um Lohnerhöhung zu erwirken. Da die Pferdckutschcr und Motor- droschkenführer noch in besonderen Gewerkschaften organisiert sind, versuchten die Unternehmer, allerdings vergebens, die beidpn Ge- wcrkschaften gegeneinander auszuspielen. Da jetzt die Reisezeit in Betracht kommt, hoffen die Arbeiter auf baldigen Sieg. Die große Aussperrung der Textilarbeiter in Enschede(Holland) hat mit einem vollen Erfolge geendet. Die Absicht der Unternehmer. ihren Arbeitern das Koalitionsrecht zu rauben, die sie um so leichter durchsetzen zu können glaubten, als die Arbeiter in eine ganze Reihe freier, anarchistischer und konfessioneller Organisationen zer. splittert sind, ist gründlich vereitelt worden. Nicht nur mußten die Unternehmer mit den Organisationen direkt Frieden schließen und diese dadurch anerkennen, sondern auch alle Ausgesperrten wieder einstellen und eine Reihe wichtiger Zugeständnisse machen. In Bohain tFrankreich) streiken 500 Arbeiter der mechanischen Webereien, um eine ihnen von den Unternehmern aufgezwungene neue Arbeitsordnung abzuwehren.— In mehreren Städten sind Streiks der Wagenbauer ausgebrochen, die Abschaffung'der Stück- arbeit, des Zwischenmeistersystcms und des Kost- und Logiszwanges, weiter einen wöchentlichen Ruhetag, zehnstündigen Arbeitstag, Stellung des Werkzeugs dnrch den Unternehmer usw., verlangen. In Saunier streiken die Arbeiter der Korbwarenindustrie, deren jetzige Löhne zwischen 2,50 Frank und 4 Frank schwanken.— 670 Steiubildhauer und Arbeiter in den Werkstätten der Pariser Kirch- Höfe wurden infolge eines kleinen Streiks ausgesperrt. Der Streik der Bergarbeiter im Staate Illinois dauert unver- ändert fort. Der VcrbandSzentralvorftand war mit den Bergwerks- bcsitzcrn eine Einigung eingegangen, die aber von den beteiligten Mitgliedern glatt verworfen wurde. Zunächst wurde die betreffende Abstimmung vom Zentralvorstande für ungültig erklärt, dann auch die Unterstützung fast abgeschnitten, so daß die Streikenden jetzt einen Aufruf um Hilfe an die Gesamtarbeiterschaft erlassen mußten. Um den Widerstand der Bergarbeiter Illinois dennoch zu brechen, beruft der Zentralvorstand ihrer Organisation jetzt einen außerordentlichen Verbandstag ein, der darüber entscheiden soll, ob die vom Zentralvorstand mit der Oroanisation der vergwerksbesitzer getroffenen Vereinbarungen von den Bergarbeitern des Staates Illinois ohne weiteres akzeptiert werden müssen. Die letzteren ver- langen ihrerseits stürmisch den Rücktritt des Zentralvorstandes. Von den 72 000 Beteiligten arbeiten rund 30 000 zu neuen Be- oingungen.— Nach 14tägigem Streik kehrten 3000 Eisenbahner der Grand Trunk siegreich an ihre Arbeit zurück. Sie verlangten Gleich- stellung in der Lohnfrage mit besserzahlenden Linien, was eine Lohnerhöhung von 18— 30 Proz. bedeutete. Ihre Forderungen wurden jetzt glatt bewilligt.— In New Aork ist der alljährliche Streik der Friseure, die Anerkennung der Gewerkschaft und Lohn- erhöhung verlangen, ausgebrochen.— In Sandford, Me., erhielten rund 4000 Arbeiter des Papier-Trustes nach hartnäckigem Streik 0 und 7 Proz. Lohnerhöhung anstelle der anfangs verlangten 5 Proz. — Der Streik der New Iorler Mäntelmacher dauert unverändert fort. Bisher haben 600 Unternehmer die Arbeiterforderungen bc- willigt. Mit den anderen war eine Einigung nicht zu erzielen. Sie wollen vor allen Dingen von einer Anerkennung der Organi- sation nichts wissen.— Seit einer Woche befinden sich auch 18 000 Schneider in New Dork im Streik um Lohnerhöhung.— 3000 Lokomotivführer bei 62 Eisenbahngesellschaften sind in eine Lohn- bcwegung eingetreten. Die Arbeiter verfügen über eine starke Or- ganisation. Soziales. KnapPschaftSbcrufsgenossenschaft. Die Zahl der versicherten Personen betrug im Jahre 1909 818 989, etwa 20 000 mehr als im Vorjahre. Die von den Versicherten verdient« Lohnsumme be- trug 1084 Millionen Mark oder pro Kopf 1323,87 M. gegen 1399,26 im Vorjahre. Tie Verwaltungskosten berechneten sich auf 2,7 Prog., die Kosten der Unfalluntersuchungen, die Schieds- kh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagsanstaU gerichfS. unst lknfallberhütungSkosten uslü. zu 8,4 Proz. der Jahrcsumlage. Auf einen Versicherten entfallen 38,93 M. und auf 1000 M. Lohnsumme 29,44 M. Unfallkosten. Die Zahl der zur Anmeldung gelangten Unfälle hat verhältnismäßig mehr wie die Zahl der versicherten Personen zugenommen, dagegen sind die ent- schädigungspflichtigen Unfälle etwas zurückgegangen. Zur Anmeldung gelangten 109 489 Unfälle, von denen 12 621 oder 15,41 auf 1000 Versicherte gegen 16,03 im Vorjahre cntschädigungs- pflichtig waren. Tödlich verunglückten 1748 Personen gegen 2051 im Vorjahre. Die höhere Ziffer hat ihre Ursache im Radbod- Unglück. Durch die Gefährlichkeit des Betriebes entstanden 66,60 Unfälle, durch Mängel des Betriebes 1,07 Prog., durch die Schuld der Mitarbeiter 3,54 und durch Schuld der Verletzten selbst 28,79 Proz. Der Dienstag und Sonnabend weisen die meisten Unfälle auf, die geringste Zahl entfällt auf den Montag. Beim RcichsversicheNungsamt wurden im Berichtsjahre 2711 Rekurse neu eingelegt, davon entfallen auf die Verletzten 2380, auf die Berufsgenossenschaft 331. Von den 2474 Entscheidungen fielen 2001 oder 80,69 Proz. zugunsten der Berufsgenossenschast und 473 oder 19,07 Proz. der Verletzten aus. Nach dem Buchstaben deS Gesetzes. Vor dem Nürnberger Schöffengerickst stand eine gebrechliche 64jährige Frau. Sie hatte auf dem Eisenwerk Tafel im Schutt gewühlt und aus dem Schmutz und Unrat die weggeworfenen Eisenteile herausgesucht, um für den Erlös daraus ihren und ihres kranken Mgnnes Hunger zu stillen. Gegen den Strafbefehl von 10 M., den sie deswegen erhielt, hatte sie Einspruch erhoben. Der Richter dringt in sie, sie möge den Einspruch zurückziehen, sie sei wegen Schutt- wühlens schon oft vorbestraft, eS müsse nach den: Gesetz bei der Strafe bleiben und durch die Verhandlung entständen nur neue Kosten. Die gesetzesunkundige Alte bittet aber weiter, man möge sie doch freisprechen. Es nimmt sie niemand zur Arbeit, ihr Mann sei krank, Armennnterstützung bekomme sie nicht und„der Hunger tut so weh, meine hohen Herren". Schließlich wird ver- handelt. Es ist dem Richter sichtlich unangenehm, über die alte Frau Recht sprechen zu müssen. Ter Amtsanivalt führt ans: es besteihen nun eimnal die ortspolizeilichen Vorschriften, nach denen es verboten ist, im Schutt zu wühlen. Diese Maßregel ist aus hygienischen Gründen geboten, da durch daS Herumarbeitcn im Schutt allerlei Krankheiten verbreitet werden können. Obwohl nun die in dem Schutt Wühlenden in erster Linie selbst gefähvdet sind, kann es doch nicht geduldet werden. Der Amtsanwalt bc- antragt die geringste zulässige Strafe von 1 M. oder 1 Tag Haft, und das Urteil lautet demgomäß. Mit guten Ermahnungen, das Schuttwühlen nun endlich zu lassen, wird die Alte entlassen. �Jch will s probieren", meint sie. Versammlungen. Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschearbeiter. Die Filiale Berlin des Schneiderverbandes hielt am Dienstag im großen Saale des Gewcrkschaftshauses eine zahlreich besuchte Mit- gliederversammlung ab, in der der Bericht vom Verbands- tag in Hamburg auf der Tagesordnung stand. Kunze schilderte den Verlauf der Verhandlungen und die Beschlüsse des Verbandstages im allgemeinen, worauf Knoop besonders über die Lehrlingsfrage berichtete. Es entwickelte sich dann eine sehr rege Diskussion. Im großen und ganzen war man mit den Er» gebnissen des Verbandstages einverstanden, wenn auch an einzelnen Punkten Kritik geübt wurde. Einzelne Redner waren der Auf- fassung, daß die Forderung der Betriebswerkstätten nicht scharf genug hervorgehoben worden sei. Die Versammlung hatte sodann vier unbesoldete Mitglieder in den Hauptvorstand zu wählen; gewählt wurden H a a s e, ta n s m a n n, E d e r und A l d e.— Schließlich berichtete u nz e über den Streik bei der Firma Jockcyllub, Unter den Linden. Diese Firma wollte für ihre Tagschneider, denen sie bis dahin Wochenlöhne gezahlt hatte, das Stundcnlohnsystem einführen und hatte erklärt, wer nicht damit einverstanden sei, der werde ent- lassen. Man gewährte den Tagschneidern Bedenkzeit bis zum Freitag abend der vorvorigen Woche, verlangte dann jedoch schon im Laufe des Tages, daß sie eine bindende Erklärung abgeben sollten. Als die Firma damit keinen Erfolg hatte, inserierte sie gleich in den Zeitungen, um anderen Tages neue Leute ein- zustellen. Die gesamte Arbeiterschaft der Firma erklärte sich jedoch mit den Tagschneidern solidarisch und legte die Arbeit nieder. Inzwischen hat sich auch schon der Arbeitgeberverband mit der An- gelegenheit beschäftigt, aber statt anzuerkennen, daß die Firma nicht willkürlich und zwangsweise die Arbeitsbedingungen ver» ändern darf, erklärt der Arbeitgebervcrband, daß die Firma in dieser Hinsicht tun könne,>vas sie wolle, und daß die Arbeits- niederlegung als ein Tarifbruch anzusehen sei. Die Arbeitnehmer sind jedoch der Meinung, daß der Tarifbruch auf feiten der Firma liegt. Ebensowenig wie die Arbeiter plötzlich bei einer tariftreuen Firma die Arbeit niederlegen dürfen, um etwa statt bestehender Stundenlöhne Wochenlöhne einzuführen, kann es einem Arbeitgeber gestattet sein, durch Entlassungen die Einführung des Stunden» lohnfystems erzwingen zu wollen. Hält die Firma diese Verände- rung des Arbeitsverhältnisses für unbedingt notwendig, so bleibt ihr kein anderer Weg übrig, als der der friedlichen Vereinbarung. — Die Mitgliederversammlung erklärte sich mit dem Vorgehen bei der Firma Jockeyklub durchaus einverstanden und ermächtigte die Ortsverwaltung, in dieser Angelegenheit weiterhin die ge- eigneten Schritte zu tun. Uebrigens hat die Arbeiterschaft der Firma beschlossen, das Einigungsamt des Gewerbcgerichts zur Entscheidung der Streitfrage anzurufen. Letzte JSacbrlchtm Verhafteter Lustmörder. Essen-Ruhr, 25. August.(58. H.) Der Arbeiter Julius W i s b a r, der am 15. August in der Nachbargemeinde Borbeck an einem 9jährigen Knaben einen Lustmord beging, wurde heute Nachmittag in Herbesthal bei dem Versuch, die belgische Grenze zu überschreiten, verhaftet. Folgenschwere Explosion. Chalon-sur-Saone, 25. August.sten Waffe gegen die Unternehmer. Wir haben Gewicht darauf zu legen, daß wir uns als TranS- Portarbeiter fühlen. Nicht Eisenbahner, nicht Seeleute, sondern Transportarbeiter. Keine konfessionellen oder Rassenunterschiede dürfen uns trennen. Im Kampfe muh auch eine hinreichende Klug- heit Platz areifen. Vor allem zu verhüten ist eine Verzettelung unserer Kräfte. Wie die Aktion von den Seeleuten in England eingeleitet wurde, muß entschieden verurteilt werden. Die bürger- Ziehe Presse wurde mit Nachrichten über einen bevorstehenden Streik versehen. Resolutionen wurden beschlossen, doch die Organi- Kationen waren nicht über die Pläne Wilsons und seiner Freunde unterrichtet. Ein solches Verhalten muß jeden Rest von Ansehen einer Organisation vernichten. Die Situation ist ernst und unsere Ziele groß und schön. Nicht auf Augenblickserfolge, sondern auf die endgültige Entscheidung im Kampfe haben wir hinzuwirken. Unsere Feinde find mächtig und wohl auf ihrer Hut. Weshalb hat Wilson nicht die Organisationen von seinen Plänen unterrichtet� bevor er die Welt mit den Streiknachrichten in Aufregung hersetzte? Wir hätten uns verständigen können. War es nicht in diesem Jahre möglich, dann im nächsten. Eine Resolution zu beschließen, erscheint überflüssig. Wir müssen die Massen zusammenführen und sie nicht zersplittern. Ben T i l l e t(England) ist überrascht von dem Referat des Genossen Müller. Er vermißt darin die Angabe von Tatsachen. Das Referat sei in einem Tone gehalten worden, wie er auf Kon- gressen nicht üblich ist. Nicht welche Organisation die beste sei, wäre zu untersuchen. Die Rede Müllers sei für eine Volksversammlung, wo es sich darum handle, die Massen anzufeuern, aber nicht für einen Kongreß, wo durch Angabe von Tatsachen sich die Vertreter der Organisationen gegenseitig unterstützen sollen. Nur in dem stimme er dem Referenten zu, daß es nötig gewesen wäre und in jedem Falle nötig ist, die Organisationen von geplanten Aktionen rechtzeitig zu unterrichten. W e st p h a l(England) wendet sich gegen Müller, der mit seinen Artikeln im„Seemann" den englischen Seeleuten großen Schaden zugefügt habe. In längerer Rede wendet sich Wilson(England) entschieden gegen Müller. Er ist der Meinung, daß niemals die Einigkeit der Transportarbeiter mehr erforderlich gewesen sei, als jetzt. Müller habe dazu nicht beigetragen. Dagegen habe er selbst nichts unter- nommen, was verurteilt werden könnte. Wenn Müller ihn so bekämpfe, so finde er den Grund nur darin, daß Müller Sozial- demokrat sei und Wilson nicht. Er stehe seit 21 Jahren im Kampfe und, ohne Müller zunahe treten zu wollen, müsse er doch sagen, das, was Paul Müller für die Organisation getan habe, stehe in keinem Vergleich zu seinen Leistungen im Kampfe gegen die Unternehmer. Paul Müller sei nicht der Mann, Ratschläge hinsichtlich des Kampfes zu erteilen. Müller habe versucht, den Genossen Jochade über die Verhältnisse in England aufzuklären. Jochade sei ein Gentleman in jeder Beziehung, mit ihm sei zu arbeiten. Was seine Reise nach Amerika betreffe, so sei diese im Interesse der Or- ganisation erfolgt. Er habe in kurzer Zeit über 2000 Mitglieder gewonnen. Das konnte nicht geschehen, wenn er in Liverpool ge- blieben wäre. Die Seeleute warten auf den Kampf. Die Ver- Hältnisse seien günstig, ihn zu beginnen. Was Müller geschrieben habe, lasse den Glauben aufkommen, als hätten nur geheime Konserenzen stattgefunden, die gegen die I. T.-F. komplottierten. Müller hat nicht gehandelt, wie er als Gewerkschaftsführer hätte handeln müssen. Was zu geschehen habe, sei, daß die International Shipping Federation bekämpft werden müsse. Zum Kampf sei auch Geld nötig. Wenn man jedoch warten wolle, bis genügend Geld vorhanden sei, dann könne man noch 1000 Jahre warten. Eine stramme Organisation sei die Hauptsache, und die Seeleute fangen an, den Wert der Organisation zu erkennen. Er betone nochmals, daß er nichts getan habe, was das Vorgehen des.Genossen Müller gegen ihn veranlassen konnte. Schluß 6 Uhr. Geileralvtrsmmlnng des Verbandes der Ftthographev, Steindrucker nnd verwandteu Gewerbe. Hamburg, 24. August. NachmittagSfltzuug. In der weiteren Debatte über den Geschäftsbericht wurde von einem Redner die Haltung des Verbandsorgans zur Maifeier und zur Budgetbewilligung kritisiert. Redakteur B a r t h e l erwidert, daß er hinsichtlich der Maifeier die Ansicht vertrete, daß sie hochgehalten werden müsse, daß sie aber auch in anderer Form als durch Arbeitöruhe begangen werden könne, da diese in vielen Fällen eine schädigende Wirkung auf die GeWerk« schaften hervorgerufen habe. In der Frage der Budgetbewilligung gingen die Meinungen auseinander. Er habe im Blatte zum AuS- druck gebracht, daß dadurch die Einheit der Partei nicht in Frage gestellt werden dürfe. Redakteur Hansen von der technischen Bei« läge„Graphische Rundschau' erklärt, daß er sich die Ausgestaltung der Beilage stets angelegen sein lassen werde. Von den vorliegenden Anträgen wurden einige zurückgezogen, andere abgelehnt. Dem Vorstand zur Berücksichtigung überwiesen wird der Antrag:„Die„Graphische Presse' ist mehr mit lehrenden Artikeln auszugestalten.' Zur Annahme gelangt der Antrag:»Im Inseratenteil der „Graphischen Presse' dürfen nur Annoncen aufgenommen werden. die im Zusammenhang mit dem fachlichen Interesse stehen'. Beschlossen wird, daß die Extra st euer nur für ei« Jahr erhoben werden darf. Ueber die Stellungnahme zu den Gewerkschafts« kongressen referiert Hiekmann- Dresden. Er skizziert kurz die Beschlüsse des Hamburger Gewerkschaftskongresses und vertritt die Ansicht, daß bei größeren Aussperrungen, bei denen die General« kommission ein Eingreifen für nötig hält, eine wöchentliche Kopf- steuer für sämtliche organisierte Arbeiter ausgeschrieben werden müsse. Der Hamburger Kongreß habe zwar einen ähnlichen Antrag abgelehnt, aber es müsse eine Regelung in diesem Sinne erfolgen. Im Anschluß hieran referiert Mü l l e r- Berlin über die Reichsversicherungsordnung. Er ersucht um die An- nähme einer Resolution, welche vom Reichstage erwartet, daß die Arbeiterversicherung im Sinne der Beschlüsse des Gewerkschafts« kvngresseS ausgestattet werde, und welche gegen die geplante Ver- nichtung der Selbstverwaltung energisch Protest einlegt. Die Resolution wird einstimmig angenommen. Die zu den Gewerkschaftskongressen vorliegenden Anträge werden dem Vorstande zur Berücksichtigung überwiesen. Ferner gelangt dieser Antrag zur Annahme:„Der Verband hat die ihm zustehenden Vertretungsrechte auf den Gewerkschafts« kongressen in bezug aus die Zahl der Vertreter voll auszunutzen. Bei der Wahl der Vertreter sind neben dem Vorsitzenden und Redakteur des Verbandes auch befähigte Kollegen aus den Kreisen der Mitglieder zu berücksichtigen. Die Wahl erfolgt nicht durch die Generalversammlung, sondern direkt durch die Mitglieder des Ver- bandeS. Zu diesem Zwecke find, entsprechend der zu entsendenden Zahl der Vertreter. Wahlkreise einzurichten.' Ueber den Internationalen Kongreß der Lithographen, Stein- drucker usw. in Amsterdam referiert S i l l i e r. Der vor drei Jahren in Kopenhagen stattgefundene internationale Kongreß der Berufs- genossen habe den Sitz des internationalen Sekretariats nach Deutsch- land verlegt. Als Sekretär fungiere er. als Kassierer Brall und als Schriftführer Barthel. Redner schildert eingehend die Bedeutung dieser Kongresse und ersucht, daß neben den Sekretariatsmitgliedern drei andere Berufsgenossen nach Amsterdam entsandt werden. Redner geißelt das internationale Streikbrechertum und bedauert, daß Deutsche als Streikbrecher nach Oesterreich gegangen sind. Mühlberger- Wien bestätigt, daß jedes Land ein Streik- brecherkontingent stelle. Den Deutschen könne man daher keinen besonderen Vorwurf machen, weil eben auch österreichische Streik- breche?, die er nur als Lumpen bezeichnen könne, über die Grenze gingen. Neben den Sekretariatsmitgliedern Sillier und Brall sollen drei weitere Delegierte nach Amsterdam geschickt werden. Die Wahl fällt auf Haß-Berlin, Barth el«BerIK und Bauknecht- Köln. Die Anträge auf Anstellung von Gaubeamten in Süddeutschland rufen eine lebhafte Debatte hervor, weicuf sie mit großer Mehrheit abgelehnt werden. Am Donnerstag findet keine Sitzung statt, da die Delegierten zu einer Danipferfahrt nach Cuxhaven eingeladen sind. Hua der Partei. Das Wunderkräutlein. Unter' diesem Titel schreibt die „Franks. VolkSst.":„Im Munde unseres Genossen Dr. David und in seiner Verteidigung der Badener auf der hessischen Landeskonferenz ist die Budget« bewilligung für unS Sozialdemokraten zu einem Wunder« kräutlein geworden, mit dem wir überall tu den Parlamenten die Türe zum politischen Fortschritt öffnen und unsere Gegner matt setzen. Weit über den badischen Fall hinaus sieht er die Mög- lichkeit kommen, mit der Budgetbewilligung die geschlossenen Reihen unserer bürgerlichen und junkerlichen_ Gegner zu „sprengen". Wir genehmigen an Stelle der reaktionärsten bürger- lichen Partei dem Klassenstaate die Mittel, die er zum Fort« bestehen braucht; dann haben wir einen staatsmännischen Meister- streich gemacht, die bürgerlichen Parteien getrennt, die Reaktion ausgeschaltet und eine Machtstellung im Klassenstaate erobert, von der aus wir„Schritt für Schritt",„ohne Fliegen nnd Sprittgen" i nun er weiter vordringen werden. Und solcher politischen Kinderei haben auf der hessischen Landeskonferenz im proletarischen Kamvke ergraute Männer ruhig zugehört und dann für die Davidsche Resolution gestimmt, die über dan ganzen badischen Vorgang mit bezeichnendem Schweigen hin- weggeht, als wäre tx gar nicht in der Welt, und sich auf die for- melle Forderung der Freigabe der Budgetabstimmung beschränkt, obgleich doch ihr Urheber vorher mit der gleichen Virtuosität, wie er politisch zauberte, nachgewiesen hatte, daß der Nürnberger Be- schluß nicht einmal der badischen Budgetbewilligung entgegenstehe. Wozu dann die Aufhebung? Wir halten bekanntlich auch die Nürnberger Resolution schon seit ihrer Geburt nicht für der Weis- heit letzten Schluß. Aber solche logische Purzelbäume, wie David, sollte ein Genosse nicht schlagen, der die Dinge kennt. Der gleich- zeitige Verlauf des badischen Parteitags hat ja auch gezeigt, wie sehr sich die badischen Genossen bewußt waren, gegen den Partei- beschluß zu handeln. Die Wunderkraft, welche Genosse Dr. David der Budget- bewilligung durch die Sozialdemokratte für die freiheitliche Ent- Wicklung der deutschen Verhältnisse zuschreibt, ist zunächst schon deshalb eine Phantasie, weil wir in Deutschland gar keine bürgerlichen Parteien mehr haben, die jemals ernstlich an die Budgetverweigerung dächten und an deren Stelle wir uns deshalb als Budgetbewilliger setzen könnten. Weder in dem allen Gothaer Fall, wo unsere dortigen Genossen durch ihre Zustimmung zum Staatshaushalt ebenfalls einen fortgeschrittenen Minister vor dem Sturz bewahren wollten, noch in der neuesten badi scheu Affäre wäre es wohl dazu gekommen, daß die Reaktionäre wirklich gegen die Regierung und ihren Finanzabschluß stimmten. Sie sind ja durch ihr Klasseninteresse viel zu eng an die Regierung gebunden und zu stark bemüht, diese nicht aus ihren Fängen zu lassen, als daß sie es darauf arttommen ließen, das Tischtuch zwischen sich und ihren Regierungsbedienten zu zerschneiden. Man braucht nur daran zu denken, was alles schon aus den Gehei-mver- Handlungen der Großindustriellen über ihren Geheimverkehr mit den Ministern bekannt geworden ist, um den Gedanken einfach grotesk zu finden, daß selbst politisch linksstehende Kapitaliften einer deutschen Regierung das Budget verweigern könnten.... Die Budgetverweigerung ist eben für bürgerliche Parteien in Deutschland, und geschweige denn für reaktionäre, längst als Waffe aus der politischen Rüstkammer ausgeschieden, seitdem die preußischen Liberalen in den sechziger Jahren den letzten lahmen Anlauf gegen Bismarck genommen und nachher desto gründlicher nachgegeben haben. Und deshalb schwebt jede Spekulation völlig in der Luft, die auf solches Versagen bürgerlicher Parteien rechnen und die Sozialdemokratie dorthin zur Budget« bewilligung führen will, wo dann angeblich irgend ein politischer Fortschritt zu erzielen wäre. Nein— wo wir in Deutschland jetzt oder zukünftig einer Regierung das Budget bewilligen, bewilligen wir cs in der Rege! mit einer bürgerlichen Partei zusammen, die neben der Regierung ihre Hauptrechnung dabei findet. Wir werden dann lediglich ausgespielt und benutzt in dem parlamentarischen Kampfe um Macht und Einfluß, den die Regierungen und die bürgerlichen Parteien untereinander führen. Wir helfen in Baden das Zentrum mattsetzen, damit sich der National- liberaliSmus satt essen tom, und was für uns abfällt, ist sehr mager, wie der praktische Fall zeigt. Wir sichern unS durch die Teilnahme an solchen Händeln aber nicht einmal die freiheitliche Entwicklung, denn wir schaffen ja keine Gewähr für ein konstitutionelles Regime. Im Geyente, l, wir er- leichtern sogar der R egi er ungSb u r ea uk rat i e und dem Junkertum das bewährte Manöver, das in der Ausspielung der Bürger« und der Arbeiter- klaffe gegeneinander besteht und das schon so alt ist, als es diese Klassen gibt und als sie sich zum höheren Ruhme des herrschenden Feudalismus gerade in Deutschland haben miß- brauchen lassen. Bisher glaubten wir immer, es gehöre zu den Ruhmestiteln der Sozialdemokratie, daß sie neben die alten besitzenden Parteien eine neue Klafsenorgani» s a t i o n der unbestechlichen Arbeit gestellt habe, die ihren Weg abseits von der G e schä ftsge me in schaf t der aus- beutenden Klassen gehen und durch ihre Stärke und Reinheit dem ganzen politischen Leben allmählich gesündere Grund- lagen geben werde. Jetzt werden wir belehrt, daß in der Teil- nähme an den Tauschgeschäften zwischen Bürgertum und Re- gierung die neueste politische Weisheit und das Wunderrezept för allmählichen Erlösung für die kämpfende Arbeiterklasse bestehen soll. Als wenn eine soziale Klasse jemals dadurch gewinnen könnte, daß sie ihrem Gegner, wenn auch nur zeitweise und nur unter gewissen Bedingungen, die ihm aber offenbar nicht wehe tun, wirtschaftliche und politische Machtmittel in die Hand gibt, die er ganz sicher vorläufig gegen den Geber und Bewilliger ausnutzt I Die Empfehlung politischer Wunderkräutlein, wie sie auf der hessischen Landeskonferenz mit Erfolg versucht worden ist, kann nur zur Verwirrung, nicht zur Klärung unserer Meinung?- Verschiedenheiten in der Budgetfrage beitragen. Hoffentlich führt der gesunde Klasseninstinkt die Arbeiter wieder auSdem N ebel parlamentarischer GeschäftShuberei heraus und zurück zur klaren sozialistischen Gefecht?» stellung gegen die bürgerliche Gesellschaft." Pommerscher Parteitag. In Stettin tagte am Sonntag und Montag der Parteitag der pommerschen Genossen. ES hatten Delegierte entsandt die Wahlkreise Anklam-Demmin 8, Ueckermiinde-Wollin S, Randow-Greifenhagen 23, Stettin 13, Pyritz- Saatzig 2, Naugard-Regenwalde 3, Greifenberg-Kammin 3, Stolp- Lauenburg 3, Kolberg-Köslin 2, Biitow-Schlatve-Rummelsburg 3. Belgard-Dramburg-Schivelbein 2. Neustettin 3, Stralsund-Rügen 2 und Greisswald-Grimmen 3. Der Parteivorstand war durch den Genossen W. Pfanntuch- Berlin vertreten. Redaktion und Ge- sellschafter des„Volksboten' sowie die Preßkommission waren durch je ein Mitglied, die Kontrollkommission durch ihre vier, die Agitationskommission durch ihre neun Mitglieder vertreten. Zur Teilnahme sind außerdem noch erschienen Genossen S. Katzen- stein- Charlottenburg und G. Schmidt- Berlin als Referenten sowie die Genossen C r i S p i e n- Danzig als Parteisekretär für West- Preußen. Botzenhardt- Neubrandenburg als Gauleiter des Land- arbeiterverbandes und A. K ö r st e n- Berlin als ReichStagSkandidat für Randow-Greifenhagen. Den Bericht der Agitationskommission erstattete Gen. Horn- Stettin. Er konnte eine zwar langsame, aber nicht ganz unerheb- liche Zunahme der organisierten Genossen feststellen. In den Kreisen Stettin und Randow-Greifenhagen sind 2014 Neuaufnahmen erzielt worden, in den übrigen überwiegend ländlichen Kreisen S74 nz folgte eine eingehende Debatte über Organisation und Agitation. Zum Punkt„Presse" wurde beschlossen, daß die männlichen Mit- glieder der Kreiswahlvereine einen JahreSbeittag von 80 Pf. für den Preßfonds aufzubringen haben. Ueber den Magdeburger Parteitag referierte Genosse K a tz e n st e i n, der zur badischen Budgetbewilligung folgende Resolution vorlegte: Der Parteitag der sozialdemokratischen Partei der Provinz Pommern verurteilt die den Parteigrundsätzen und Parteitags- beschlüssen widerstreitende Bewilligung des Staatsbudgets durch die sozialdemokratische Fraktion- de? badischen Landtage». Er pro- testiert aufs schärfste gegen die Beteiligung an höfischen Kund- gedungen, als Verletzung der republikanischen Grundanschauung und der Würde der Partei. Der Parteitag erwartet, daß der deutsche Parteitag eS auS» spricht, daß durch Wiederholung solcher Vorgänge die betreffenden Genossen sich außerhalb der Partei stellen. Bei der Verhandlung über den preußischen Wahlrechts- kämpf sprach sich der Parteitag für die vorläufige Beibehaltung der bisherigen Taktik aus, für die Anwendung des Massenstreiks seien die Verhältnisse noch nicht reif. ReichstagSkandidatur im dritten Berliner Wahlkreise. gu unserem gestrigen Bericht über die Versammlung des dritten Berliner Wahlkreises, worin über die Reichstagskandidatur beschlossen wurde, teilt uns der Vorfitzende der Versammlung, Genoffe Pohl. mit, daß er nicht gesagt habe, am selben Tage, wo der„Vorwärts'' mitteilte, daß Heine als Kandidat in Dessau aufgestellt fei, habe er fPohl) einen Brief vom Genossen Heine erhalten, worin dieser er- klärte, daß er eine Kandidatnr im dritten Kreise nicht mehr an- nehme. Dieser Entschluß des Genoffen Heine war den Funktionären des Kreises schon lange vorher bekannt. In dem Briefe, der am Tage nach der Proklamation des Kandidaten für Dessau beim Genoffen Pohl einlief, teilte Genosse Heine mit, daß er die Kandi- datur in Dessau angenommen habe. Kreiskonserenzen. Die Generalversammlung des Sozialdemo- kratischen Vereins des Wahlkreises Gebweiler nahm zum Vorgehen der badischen Landtags» fraktion einstimmig die folgende Resolution an: „Die heutige Kreisgeneralversammlung des 4. els.-lothr. Reichstagswahlkreises gibt ihrem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, daß die Mehrheit der badischen Landtagsfraktion einen groben Disziplinbruch durch die Zustimmung zum Budget verübte und außerdem einen in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie unerhörten Verstoß gegen die alt- bewährten demokratischen Grundsätze, die uns stets die Richtlinien für unser Handeln gaben, beging, indem sie sich an monar. chistischen E r g e b e n h e i t s ku nd g e b u n ge n beteiligte. Die Kreisgeneralversammlung erwartet, daß der Magde. burger Parteitag die groben taktischen und grundsätzlichen Verstöße der Mehrheit der badischen Landtags fraktwn ganz ent- schieden verurteilt und entsprechende Maßnahmen trifft, die der- artige kleinbürgerliche Handlungen von Partei- genossen in verantwortungsvollen Stellungen für die Folge un- möglich machen." Ebenfalls einstimmig nahm die Generalversammlung nach längerer Diskussion, in welcher der Vorsitzende der Landesorgani- sation, Genosse P e i r o t e s- Straßburg, seinen entgegengesetzten Standpunkt persönlich vertrat, einen Antrag des Genossen Kühn. Gebweiler an, der die auf der Landeskonferenz vom 17. Juli d. I. zur Oktroifrage angenommen� Mehrheitsresolution als Programm, und grundsatzwidrig ablehnt und der Erwartung Ausdruck gibt, daß der Magdeburger Parteitag, der sich infolge eines Antrages des Wahlkreises Mülhausen damit befassen soll, diese Resolution ganz entschieden mißbilligt. In der Generalversammlung deS Wahlvereins Hannover, die sich über zwei Tage erstreckte, wurde nach sehr eingehender Debatte folgende Resolution angenommen: .Die Generalversammlung des Wahlvereins für den achten hannoverschen Wahlkreis verurteilt auf das schärfste die Budget- bewilligung durch die badische LandtagSfraktion als einen Akt der Disziplinlosigkeit, welcher geeignet rst, die Geschlossenheit der deutschen Sozialdemokratie zu erschüttern. Die Versammlung ist auch der Ansicht, baß die Hofgängerei mit der Gesinnung eines Sozialdemokraten unvereinbar ist. Eben- falls erklärt sich die Generalversammlung mit der Haltung des .Volkswillen' in dieser Frage durchaus nicht einverstanden. Der Parteitag in Magdeburg möge deshalb alle Mittel an« wenden, die geeignet sind, seinen Beschlüssen und den An- schauungen der großen Mehrzahl der Parteigenossen Gelwng zu verschaffen.'' Auf der Generalversammlung des dritten Württemberg i s ch e n Wahlkreises(Heilbronn-Reckarsulm) waren 22 Orte durch 50 Delegierte vertreten. Die Zahl der Ortsvereine beträgt jetzt 23. die Mitgliederzahl stieg von 1600 auf 18S2, weib- liche Mitglieder sind 106 da. Die Einnahmen betrugen 4589,88 M., die Ausgaben 4110,66 M. Die Abonnentenzahl des„Neckar-Echo" befindet sich in stetigem Suffteigen. Zur vadischen Affäre wurde eine die Budgetbewillrgung und Hofgängerei verurteilende Resolution eingebracht und von zwei Rednern begründet, angenommen wurde jedoch mit großer Mehrheit die Resolution des Landtagsabgeordneten Feuerstein: .Die Generalversammlung deS S. württembergischen Reichstags- Wahlkreises lehnt eS ab. über die Frage der Budgetbewilligung in Baden ein Urteil abzugeben, da die Frage der einzelstaatlichen Budgetbewilligung als eine taktische, von den jeweiligen politischen Verhältnissen der einzelnen Bundesstaaten abhängig, aufzufassen ist und daher logischerweise auch nur zur Kompetenz der einzelnen parteigenöffischen Landesorganisationen gehört. Die General- Versammlung hält aus gleichem Grunde die Aufhebung der in Frage kommenden Beschlüsse des Lübecker und Nürnberger Partei« tags für durchaus notwendig; insbesondere auch deshalb, weil dieselben durch ihre Unzweckmäßigkeit die agitatorische Tätigkeit der Partei wie deren politischen Erfolge in Frage stellen." Die Kieler Genossen zum badischen Disziplinbruch. Auf der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Ver- eins für den Wahlkreis Kiel, über die wir im allgemeinen berichtet haben, wurde bei der Besprechung der badischen Affäre auf Antrag deS Genossen Söhnker beschlossen, wegen der borge. rückten Zeit sich nur mit dem Disziplinoruch der badischen Genossen und nicht mit der prinzipiellen Frage der Budgetbewilligung zu be- Lchäftigen. Folgende Resolution wurde angenommen: „Die Generalversammlung des Zentralvereins für den 7. schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkrcis erachtet die Zu- stimmung der Mehrheit der badischen sozialdemokratischen Land- tagsfraktiou zum Budget und beabsichtigte Hofgängerei als eine bewußte Nichtachtung der Partcitagsbeschlüsse. Die General- Versammlung verurteilt daher entschieden diesen Angriff auf die organisatorische Einheit unserer Partei. Sie fordert vom Parteitag in Magdeburg, daß er der Partei- disziplin, zu der jeder Parteigenosse verpflichtet ist, ohne jede Rücksicht auf die Person Geltung verschafft." Genosse Karl Legren gab zu der Angelegenheit diese Er- klärung ab: Der Resolution stimme ich zu. trotzdem meine Auffassung noch weiter geht. Ich würde dem Vorschlage zustimmen, die Ba- denser auszuschließen. Der Nürnberger Beschluß ist gefaßt. Die Vadenser haben dagegen gehandelt und sich damit außerhalb der Partei gestellt. Zu dieser Auffassung bin ich aus rein organisatorischen Gründen gekommen. Die Einbcit der Partei muß hochgehalten werden. Deshalb müssen auch Parteitagsbeschlüsse innegehalten werden, sonst könnte ja jeder machen, was er will. Ueber das Thema„Sozialdemokratie, Budget und Monarchie" hält Genossin Rosa Luxemburg jetzt in Baden eine Reihe von Versammlungen ab, die außerordentlich stark besucht find. In Offenburg waren am Sonntag über 500, am Montag in Lahr noch mehr, am Dienstag in D u rl a ch an 800 Personen anwesend. Sn Offen bürg und Lahr suchte Genosse Parteisekretär n g l e r- Freiburg die Taktik der Mehrheit der badischen Land« tags fraktion zu verteidigen. In Durlach traten ihr die Genossen Kolb, Flohr, Marum und R ü ck e r t entgegen. Am Mitt- woch sprach die Rednerin in Pforzheim vor mehr als 1060 Zu- hyruo.,' �-----'" Der Bericht der Sozialistischen Partei in den Bereinigten Staaten an den Kopenhagener Kongreß bekundet mätzige äußere Erfolge, aber ein um so kräftigeres Wachstum und innere Festi- gung seit dem vorigen internationalen Kongreß. Dan! der „radikalen" Haltung der beiden großen Parteien, der Hearstschen Demagogie(„Unabhängigkeitspartci) und der„Volkspartei", ergab die Präsidentenwahl von 1908 trotz regster Agitation— ein Eisenbahnzug, der den Kandidaten Dcbs durch das ganze Land geführt liatte, kostete 35 000 Dollar— nur wenig Stimmen mehr als die Wahl von 1904: insgesamt 4 221500. Eine Reihe Siege wurden erfochten in mehreren Eingelstaaren, namentlich in Wisconsin (Milwaukee). auch in Massachusetts, Montana.Ohio, Illinois, Colorado, Pennsylvania. Ganz anders war das Wachstum der Organisation. Sie zählte Anfang 1907 39 Staatsorganisationen mit 1900 Ortsvereinen und 26 748 Mitgliedern— jetzt 42 Staats- organisationen, 3200 Ortsvereine und 53 375 Mitglieder: also eine Verdoppelung. Die Zahl der Zeitungen stieg von 50, wovon nur 1 tägliche, auf 70, darunter 3 Tageszeitungen,„New Fork Call", „Chicago Daily Socialist" und„New Dorker Volkszeitung". Ueber die Hälfte erscheinen in englischer Sprache, die übrigen Sprachen sind: Deutsch, Dänisch, Schwedisch, Jüdisch, Finnisch, Lettisch, Ruf- sisch, Polnisch, Slawisch(?), Magyarisch, Italienisch, Französisch. Eine Zeitschrift erscheint für die Frauen und eine für die Jugend. Gute Fortschritte machte die Bewegung unter den Gewerkschaftern. Man hat es aufgegeben, auf den Kon- ventionen des Gewerkschaftsverbandes Diskussionen über den Sozialismus zu veranstalten, und sich an die Einzelorganisationen gewandt. Im vorigen Jahr erklärte der Verband der Kohlengräber, mit dem westlichen Bergarbeiterverband, der sich jetzt mit ihm zu- sammenschließt, die stärkste Organisation, sich für das Ziel des Sozialismus. Eine Reiche Ortsverbände stehen gleichfalls auf dem Boden der Partei. Man rechnet auf etwa 200 000 Gewerk- schafterstimmen für die Partei. Auch unter den Farmern geht es voran; mitunter wurden in landwirtschaftlichen Bezirken mehr Stimmen für uns abgegeben als in industriellen. Planmäßige Propaganda wird durch ein National-Frauenkomitee betrieben. Ein Sonntag jährlich ist für FrauenwahlrechtL-Demonstration be- stimmt. Der Aufklärung der Jugend dienen zahlreiche sozia- listische Schulen._ Jugendbewegung. „Arbeiter-Jugend". Die soeben erschienene Nummer 18 hat unter anderem folgen- den Inhalt: Das Weltparlament der Arbeit.— Ein Jahr Jugendbewegung.— Mein Zimmeraquarium(illustriert).— Nach dem Sozialistengesetz(Schluß). Von Wilhelm Schroeder.— Für Mädchen schickt sich das nicht! Von Luise Zietz.— Aus der Jugend- bewegung usto. Beilage: Vagabunden. Von Moosegard.— Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens.(Schluß).— Wilhelm DittmerS Hamburger Hafenbilder(illustriert).— Was soll ich lesen? (Schluß). Von& Borchardt.— Aus meiner Lehrzeit. Von A. Whfocki.— Geißenhandel. Huö Industrie und Kandel. Die Versicherungsgesellschaften als Geldgeber.� Am Kapitalmärkte spielen die Versicherungsgesellschaften eine große Rolle. Sind in ihrem Besitze doch nicht weniger als 4-/2 Milliarden Mark, die angelegt werden sollen. Zumeist wird für die Anlage die Form der Hypothek oder Grundschuld gewählt. AuS einem einfachen Grunde. Diese Art von Kapitalsanlagen bietet eine große Sicherheit, bringt verhältnismäßig gute Zinsen und ist fast jederzeit zu erlangen. Nur einen Nachteil hat sie, nämlich den der Langfristigkeit. Doch kommt eS ja darauf gerade bei den Derficherungsgesellschaften weniger an. Ihre Prämienreserven kommen fast nie zur Auszahlung. Es müßte denn ein großes Sterben oder eine Unfallepidemie fein. Auch die am meisten gefährdeten Feuer- und Hagelversicherungen haben sich wieder untereinander durch Rückversicherung gedeckt, so daß selbst bei sehr großen Bränden auf die einzelne Ge- sellschaft ein geringes Risiko entfällt. Im Jahre 1909 verfügten die deutschen Versicherungsgesellschaften, soweit sie dem Aufsichtsamt für Privatversicherung unterstellt sind, nach dessen Jahresbericht über Kapitalsanlagen in Höhe von 4667 Millionen Mark. Gegen das Vorjahr ist diese Summe um 239 Millionen Mark gestiegen, und ungefähr der gleiche Betrag fließt ans dieser Quelle alljährlich dem deutschen Kapitalmarkt« zu. Zumeist sind die Gelder, wie schon er- wähnt, in Hypotheken angelegt; eS entfallen hierauf 3803 Millionen Mark gegen 3613 Millionen Mark. Bemerkenswert ist dabei, daß von den gesamten Hypothekenausleihungen der Versicherungen über 50 Proz. auf Groß-Berlin entfallen. Ernteschätzung. Nach den vom Königlich Preußischen Stattsttschen Landesamt in landwirtschaftlichen Kreisen eingezogenen Er- kundigungen wird sich der voraussichtliche Ertrag der Ernte im Königreich Preußen nach dem Stande um Mitte August 1910 belaufen für Winterweizen auf auf 2112 022 Tonnen gegenüber einem tatsächlichen Ernteertrag von 1 876 254 Tonnen in, Jahre 1909, für Sommerweizen auf 277 444 Tonnen(383 538), für Winterroggen auf 8 129 456 Tonnen(8 471 007), für Sommerroggen auf 69 372 Tonnen(70597), für Sommergerste auf 1 565 995 Tonnen(1935 891), für Hafer auf 5 290 231 Tonnen (6 050 504). Danach hat sich die Ernte an Wintcrroggen gegen das am 16. Juli dieses Jahres abgegebene Urteil um 132 095 Tonnen verschlechtert, auf die übrigen Früchte, besonder« auf die Sommerung, hat da? in ihre spätere Erntezeit fallende schlechte Wetter offenbar ungünstig eingewirkt. Die Bemühungen der Deutsch-Luxemburgischen BergwerkSgesellschaft, die auf den Erwerb der Zeche Kaiser Friedrich in Barop hinzielten, waren zwar anfänglich ohne Erfolg, denn die Generalversammlung der Gewerkschaft lehnte das Kaufangebot gegen eine starke Minder- heit ab. Mittlerweile ließ Herr Slinnes aber nicht locker. Er ver- stand es. dem Grubenvorstand von Kaiser Friedrich den Bank- kredit abzuschneiden und so sah sich denn der Vor- stand wohl oder übel gezwungen, auf den 9. September eine Generalversammlung einzuberufen, in der der Verkauf beschloffen werden soll. Dividendenerhöhung. Auch die Hasper Eisen- und Stahlwerke sind in der Lage, für daS letzte Geschäftsjahr eine höhere Dividende als im Vorjahre zu berteilen. Der BeiriebSüberschuß beläuft sich auf 2,79 Millionen Mark gegen 2,07 Millionen Mark im Vorjahre. Der Reingewinn erhöht sich von 401 000 M. auf 1 162000 M. Trotzdem diesmal das doppelte Aktienkapital von 10 Millionen Mark an der Dividende teilnimmt, kann diese von 5 Proz. auf 8 Proz. erhöht werden. Gerichts-Leitung. Der Krawattcn-Akademie-Direktor Steiuverg at wieder einmal einen gerichtlichen Erfolg erzielt. Be- anntlich unterhält Steinberg in der Scharrenstraße 9a ein sogenanntes Unterrichts-Jnstitut, das er hochtönend „Erste Berliner Krawattenakademie" betitelt. In diesem Institut werden Frauen und Mädchen im Anfertigen von Herren- krawatten unterrichtet. In demselben Hause, in den an das Unter- richtsinstitut anstoßenden Räumen, betreibt Steinberg mit seiner Ehefrau Gertrud eine Krawattcnfabrik unter der Firma„Offene Handelsgesellschaft A. u. G. Stcinbcrg". Welchen Zweck daS letztere Unternehmen hat, verraten schon die von diesem losgelassenen In- 'erste in den hiesigen Tageszeitungen. Da liest man: ..z i„Heimarbeit. Verlangt werden zur sofortigen Uebernahme prima Kra- tpcstteiwlbcit Damen jeden Altexs, MoKeuvepdienst 30,=-25., hei NichtkenntniS unentgeltliches Lernen. Krawattenfabrik Scharren. straße 9a(Petriplatz, Spittelmarkt), Potsdamer Straße 55 XBülowstraße)." Durch solche Inserate werden nun die Frauen und Mädchen herangelockt. Doch nicht um die Vergebung von Krawattenarbeit an bereits fachkundig ausgebildete Arbeiterinnen ist es dem Unter- nehmen zu tun. Diesem liegt vielmehr an den Frauen und Mäd- chen, die diese Arbeiten erst erlernen wollen. Bei ihrer Vorstellung werden sie ans das Unterrichtsinstitut verwiesen, ,n dem sie in wenigen Tagen gegen ein Lehrgeld von 15 M. bis 20 M. im Kra- Wattennähen perfekt ausgebildet würden, während das Erlernen der Arbeit in der Fabrik Monate in Anspruch nähme. Ein Prospekt der „Krawattenakademie", der selbstverständlich alles Beste verspricht, wird gelegentlich mitgegeben. Ter in Aussicht gestellte gute Wochen- verdienst von 30 M. und die kurze Lehrzeit von etwa zwei Wochen veranlassen leider viele der Frauen und Mädchen, einen„Unter- richtskursus" im Anfertigen von Krawatten in der„Akademie" durchzumachen. Dann geht es aber erst ans Vertragmachen, das jedoch nicht lange aufhält. Die gedruckten Vertragsformulare, die der„Krawattenakademiedirektor" Steinberg stets vorrätig hat, sind bald ausgefüllt und den„Schülerinnen" vorgelegt, damit sie ihren Namen und ihre Adresse daruntersetzen. Leider wird dieser Ver- trag fast nie von den Arbeiterinnen durchgelesen, denn sonst müßten sie sehen, daß der Herr Direktor im Vertrage für die Erfüllung der in Inseraten und Prospekten gemachten Versprechungen irgend- welche Verpflichtungen zu übernehmen ausdrücklich ablehnt. DaS Lehrmaterial, die Stoffe usw. haben die„Schülerinnen" mitzu- bringen oder zu kaufen. In der Regel kaufen sie dieselben in der im anderen Zimmer befindlichen Krawattenfabrik von A. und G. Steinberg. Die„Krawattcnakadcmie" verkaust nämlich, durch Er- fahrungen gewitzigt, keine Stoffe. Haben die„Schülerinnen" nun den Kursus hinter sich, so werden sie dann entweder gar nicht oder nur gaiaz kurze Zeit von der Krawattenfabrik mit Heimarbeit be- schäftigt. Um in anderen Betrieben der Krawattenbranche dem neuerlernten Gewerbe nachzugehen, sind diese Krawattenarbeite- rinnen einesteils an Zahl zu groß, anderntesis werden auch ihre Fähigkeiten und Leistungen von den Arbeitgebern nicht besonders hoch geschätzt. So merken die Arbeiterinnen sehr bald, daß die ge- machten Geldaufwendungenn fw den Kursus in der„Krawatten- akademie" nutzlos waren und die gehegten Hoffnungen auf eine einigermaßen auskömmliche Existenz nicht in Erfüllung gehen. Diese Erfahrungen hatten auch drei Frauen gemacht, die sich darum geschädigt fühlten. Sie klagten am Dienstag beim Gewerbe» gericht gegen die Krawattenfabrik A. u. G. Steinberg, weil eines- teils durch deren Inserate der Schaden entstanden sei und anderer- seits die Fruchtlosigkeit der Pfändung aus Grund eines etwaigen obsiegenden Urteils gegen den Herrn„Akademiedivektor" Steinberg zu befürchten sei. Die eine der Klägerinnen forderte das Lehrgeld von 20 M. und die Auslagen für das Lehrmaterial von 15 M. zurück. Die beiden anderen das Lehrgeld von je 16 M. und außerdem Entschädigungssummen für entgangenen Arbeitsverdienst. Die Beklagte ließ durch den Mitinhaber Adolf Steinberg zunächst den Einwand der»rangelnden Passivlegitimation erheben, mit der Be- gründung: nicht bei ihr, der Beklagten, sondern beim Direktor Steinberg hätten die Klägerinnen gelernt und gegen diesen seien die Klagen zu richten. Das Gericht behielt sich die Entscheidung über diesen Einwand vor und verhandelte zur Sache. Steinberg verlangte Klageabweisung; für die Rechtsfrage sei nicht der Prospekt der Akademie, sondern nur die von den Klägerinnen unterschriebenen Bertrüge maßgebend. Auch könnten die Klage- rinnen jetzt nicht behaupten, sie seien nicht genügend unterrichtet worden, denn sie hätten bei Beendigung des Unterrichtskursus aus- drücklich bescheinigt, daß sie mit dem genossenen Unterricht voll» ständig zufrieden seien. Die Prozeßvertreter der Klägerinnen mutzten zugeben, daß diese gedruckten Scheine, die dem Gericht vor» lagen, von diesen unterschrieben worden sind. Dies sei jedoch ge. schehen, weil sich die Klügerinnen die in Aussicht gestellte lohnende Heimarbeit nicht haben durch ihre Weigerung verscherzen wollen. DaS Gewerbegericht unter Vorsitz des MagrstratSassessorS Dr. Maguhn ließ den von der Beklagten erhobenen Einwand der mangelnden Pasiivlegitimation dahingestellt und erkannte durch Teil- urteil auf Abweisung des Klageanspruches auf Zurückzahlung des Lehrgeldes und der Ausgaben für die Lehrmittel. Die VerHand- lungen über den Entschädigungsanspruch wegen deS entgangenen Arbeitsverdienstes wurden vertagt. In der Urteilsbegründung sagte das Gericht, daß der AnfechtungSgründ der schriftlichen Zu« friedenheitSerklärungen mit dem Unterricht nicht stichhaltig sei., Hud aller Kielt. Die Cholera. Durch die große Verbreitung der Cholera in Rußland und die neuerliche Verseuchung einiger Provinzen Italiens wird die Gefahr einer Verschleppung in die Nachbarländer sehr verstärkt. Die Regierungen der in Betracht kommenden Staaten haben daher umfangreiche Maßnahmen getroffen. eine Weiterverbreitung der Cholera nach Möglichkeit zu ver- hindern. So ist unter anderem am Tiroler Grenzbahnhof in Grigno eine Cholerabaracke errichtet worden. ES wird die strengste Kontrolle der auS Italien kommenden Reisenden anbefohlen. Die rumänische Regierung hat wegen der von der russischen Grenze her drohenden Gefahr die alljährlich stattfindenden Königsmanöver verschoben. Einige Blätter hatten die Meldung gebracht, daß in einigen an der russischen Grenze gelegenen preußischen Orten Choleraerkrankungen vor- gekommen seien. Von amtlicher Seite wird die Meldung dahin berichtigt, daß die Untersuchung ergeben habe, daß nicht Cholera die Todesursache der Verstorbenen war. sondern daß in einem Fall der Betreffende an der Ruhr gestorben ist und daß es sich in den anderen Fällen um Darmkrankheiten handelte. Aus H e l s i n g f o r s meldet der Telegraph, daß unter denrussischen Dragonern in Willmannstrand ein Cholerafall festgestellt worden ist. In Rußland macht die Seuche immer weitere Fortschritte. Auch neuerdings sind wieder mehrere Gebiete für choleragefährlich, andere für cholerabedroht erklärt worden. '.« An der Pest sind in Odessa in den letzten vier Tagen 12 Erkrankungen festgestellt worden. Wie amtlich ge- meldet wird, beträgt die Zahl der Erkrankungen fest dem Anfang der Epidemie öl, die Zahl der Todcssälte 11. Schwere Eiscnbahnkatastrophe. In der Nähe von Durand im Staate Michigan(Ver- einigte Staaten) stießen in der Nacht zum Donnerstag zwei Eisenbahnzüge, die sich in voller Fahrt befanden. zusammen. Nach der Katastrophe spielten sich an der Unglücksstelle furchtbare Szenen ab. Eine große Anzahl der Passagiere war im Schlafe von dem Unglück überrascht worden, so daß an eine Rettung für viele nicht zu denken war. 18-Neisende eines Schlafwagens wurden getötet und 20 verwundet. Die Trümmer des Wagens fingen Feuer, so daß die Leichen der Verunglückten bis zur Unkenntlichkeit verbrannten. Das konfiszierte Bein. Echt russisch klingt eine Geschichte, die wir einem Petersburger Blatte entnehmen. Ein Eisenbahnpaffagier. ein kranklicher, junger Mann, der im Zuge der finnländischen Bahn, aus dem Sanatorium Hallila kommend, nachPete?ts Jorairts" Stiliiitt Ilollisliliitl. Freitag, 26. Anguß 1910. Nnlmild WMiMrMer Wahlmeinc Kerlins und ilingegead. ZentralxorTtznd, A. Aktionsausschuh: Eugen Ernst, Lindenstr. S9. erster Vorsitzender. Paul Hoffmann, Oppelner Str. 47, zweiter Borsitzender. Leopold Liepman», Schriftführer, Lindenstr. 69. Emil Boeske, Kassierer, Lindenstr. 69. August Täterow, Sebastianstr. 37/33. Fritz Schwemkc, Schönleinstr. 34. August Pohl, Naunyustr. 39. Willi Fricdlünder, Elsasser Str. �5. Richard Henschel, Ueckermünder Straße 17. Theodor Fischer, Neue Hochstr. 23. Max Groger, Rixdorf, Fuldastr. öS/S6. Alex Pagets, Charlotlenburg, Rostnenstr. 3. Margarete Wengels, Warschauer Straße 29. Anna Matschke, Vinetaplatz 4. Otto Wels, Lindenstraße 69, Obmann der Preßkommisflon. Leo Zucht, Jmmanuellirchstr. 13, Obmann der Agitationskommisston. Albert Hahnisch, Auguststr. 51, Obmann der Lokalkommisston. Emst Basncr, Prinzenallee 46 a, Obmann der Stadtverordneten und Gemeindevertreter. Gustav Schmidt, Kirchbachstr. 14, Obmann der Revisoren. Alle Briefe und Mitteilungen sind an Leopold Liep« mann(Berliner Verbandsbureau), 31V. 68. Littdeustr. 69, 3. Hos IV, alle Wert- und Geldsendungen an Emil Boeske (Berliner Verbandsbureau), 8W. 68, Lindenstr. 69, 3. Hof IV, zu richten. Telephon: Amt IV. 5023. B. Preßkommission: Richard Woldt, Elbinger Straße 83. Ferdinand Ewald, Schönleinstr. 6. Max Grunwald, Landgrafenstr. 3a. Robert Hintze, Petersburger Straße 11. Otto Büchner, Richthofenstr. 39. Wilhelm Mann, Petersburger Platz 4. Karl Bcthke, Am Ostbabnhof 6. Otto Wels, Lindenstr. 69. Adam Bittorf, Fehrbelliner Straße 26. Herm. Müller, Neue Hochstr. 23. August Hintze, Pankstr. 57. Gustav Heinrichs, Rixdorf, Niemetzstr. 2. Louis Brunner, Charlottenburg, Helmholzstr. 25» Otto Hoffmann, Nowawes, Turnstr. 28. Otto Schmidt, Pankow, Berliner Str. 24. Rud. Bühler, 0. 112, Kronprinzenstr. 49. Ottilie Baader, Lindenstr. 3. Alle Mtteilungen und eventuelle Beschwerden den»Vorwärts" betreffend sind an den Obmann der Pretzkoinmission Ott- Wels, 81V. 68, Lindenstr. 69, 3. Hof 4 Tr.. zu richten. C. Agitationskommission für die Provinz Brandenburg: Albin Schuster, Straßmannstr. 2. Fritz Zinke, Reichenbergerstr. 194. Oswald Atzsche, Slralauer Brücke 6. Richard Hackclbusch, Lansitzerplatz 14/16, Leo Zucht, Jminanuelkirchstr. 13. Gustav Laukant, Fehmarnstr. 3. Richard Herbst, Dunckerstr. 17. Sei mann Fischer, Schöneberg, Martin-Lutherstr. 69. einh. Kütcr, Schöneberg. Martin-Lutherstr. 51. Max Jacvbsrn, Ober-Schöneweide, Rathenaustr. 23. Frau Marie Thiel, Tempelhof, Friedrich-Wilhelm-Str. 29. Obmann: Leo Zucht, Jminanuelkirchstr. 13. M« Zuschriften sind an das Provinzial-Sckrrtariat zu Händen des Genossen Otto WclS, Berlin 81V. 68. Lindenstr. 69, zu richten. D. Lokalkommisston für Berlin und Umgegend: Jakob Ege, FriedrichSgracht 9. Heinrich Schröder, Bergmannstr. 96. Gustav Müller, Grünaner Str. 8. Karl Rott, Straßmannstr. 29. Albert Hahuisch, Auguststr. 51. Wilhelm Dams, Schlegelstr. 9. Karl Rohr, Rixdorf, Selchowerstr. 16/18. Hermann Elias, 0. 112, Blumenthalstr. 24. Martha Arcndsee, Tegel, Schloßstr. 22. Alle Mitteilungen. Zuschriften und Beschwerden in Lokal-An- gelegenheiten für Berlin und Umgegend sind nur an den Obmann der Lokal-Kommission Albert Hahnisch, C. 64, Auguststr. 51, QnergedSude 4 Tr., zu richten. Revisoren: Gustav Schmidt, Kirchbachstr. 14. Adolf Zeuuer, Ebertystr. 52. Paul Dobrohlaw, Schliemannstr. 39. Paul Weinmann, Britz, Rochowstr. 2. Ernst Wessel, 0. 17, Markgrafendamm 13. Obmann der Revisoren: Gustav Schmidt, IV. 57» Kirchbachstr. 14, Hochpart. Obmann der Kinderschutzkommission: Herm. Barenthin, 0. 17, Stralauer Platz 1/2. Obmann der Stadt- und Gemeindevertreter: Emil LaSnrr, N. 29, Prinzenallce 46a. Borsitzende und Kassierer der einzelnen Kreis- Wahlvereine: 1. KreiS: Vorsitzender August Täterow, 3. 14, Sebastianstr. 37/38. Kassierer Max Bolzmann, 81V. 29, Mittenwalder Str. 39. 2.» Vorsitzender Fritz Schwemke, 3. 59, Schönleinstr. 34. Kassierer Gustav Schmidt, IV. 57, Kirchbachstr. 14. 3.» Vorsitzender August Pohl, 30. 26, Naunynstr. 30. Kassierer Albert Harndt, 0. 19, Friedrichsgracht 22. 4.» Vorsitzender Paul Hvffmann, 80. 33, Oppelnerstr. 47. Schriftführer Hermann Barenthin, 0. 17, Stralauer Platz 1/2. Kassierer Wilhelm Jöchel, O. 17. Stralauer Platz 1/2, Wahlvcreinsbureau, Amt Vll 3759. 6.» Vorsitzender Willi Friedländer, ü. 24, Elsasserstr. 25. Kassierer Karl Kirste, 0. 54, Dragonerstr. 38/49 III. 6.„ Vorsitzender Richard Henschel, N. 58, Ueckermünder Str. 17. Schriftführer Theodor Fischer, N. 89, Neue Hochstr. 23. Kassierer Hermann Muller, N. 39, Neue Hochstr. 23, Wahl- vcreinsdureau, Aint III, 2137. keltow-Beeskow: Vorsitzender Paul Hirsch, Charlottenburg, Wallstr. 52. Schriftführer Max Groger, Charlottenburg, Rosinenstr. 3. Kassierer Alex Pagets, Charlottenburg, Rosinenstr. 3, Wahl- vereinSburcau, Amt Charl. 4696. Nieder-Barnim: Vorsitzender Paul Brühl, 0. 112, Scharnweberstr. 6/7. Kassierer Rudolf Bühler, O. 112, Kronprinzenstr. 49, Wahlvcreinsbureau, Amt YIJ 851. Partei-?Znge!egenkeiten. Zur Lokalliste. Am Sonntag, den 28. d. M., findet in Rosenthal daS übliche Erntefest statt, welches, wie immer, namentlich von Arbeitern des Nordens Berlins stark besucht wird. Wir weisen darauf hin, daß uns dort nur das Lokal„Gasthof zur Mühle" zur Verfügung steht Alle übrigen Lokale werden uns seit Jahre» ver- weigert, sie sind daher streng zu meiden. In Tegelort steht uns das Lokal.Strandschloß' Jnh. ZiebulSlh zu allen Veranstaltungen zur Verfügung. Die Lokallomiuission. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 23. August, findet von nachmittags 2 Uhr ab bei Rabe, Fichtestr. 29, großes Kinder- f e st statt. Jedes Kind erhält Mütze und Stocklaterne gratis. Ver- losung nur für Kinder. Kaffeekochen: 1 Liter 79 Pf.,'/z Liter 35 Pf. Tanz usw. Eintritt frei! Recht zahlreiche Betettigung erwartet Das Komitee. Baumschulrnweg. Heute abend 7'� Uhr wichtige Flugblatt- Verbreitung von den Bezirkslokalen aus. Schenkendorf bei Königs-Wusterhausen. Am Sonnabend, den 27. August, 8 Uhr abends: Außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins. Unter anderem stehen auf der Tagesordnung: Wahl des ersten Vorsitzenden. Berichte der Gemeindevertreter und Berichte von der Kreis-Generalversammlung und von Groß-Berliu. Weißeusee. Am Sonntag, den 28. August, vormittags 9 Uhr, findet eine Besichtigung der im Betrieb befindlichen Brauerei von Gabriel u. Richter in der Lichtenbergcr Straße statt. Die Teil- nehmer versammeln sich um 8 Uhr in ihren Bezirkslokalen, um von dort ab gemeinschaftlich abzumarschieren. Die Bezirksleitung. Bernau. Die Wahlvereinsversammlung findet umständehalber am Sonntag, den 23. August, vormittags 9>/z Uhr, im Lokal des Genossen Salzmann, Basdorser Straße, im"großen Saale statt. Die Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. _ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbten. Der Unterrichtsbeginn in den Gcmeindcschulcn Berlins, der früher für die Sommermonate im allgemeinen auf 7 Uhr morgens festgesetzt war, ist in diesem Sommer zum ersten Male für alle Klassen auf 8 Uhr verlegt worden. Diese Maßregel war als not- wendig angesehen worden, weil aus den Kreisen der Schulärzte mancherlei Bedenken dagegen laut geworden waren, schon um 7 Uhr morgens mit dem Unterricht anzufangen. Vielen Kindern sei selbst im Sommer ein so früher Unterrichtsbeginn schädlich, weil dann ihr Schlafbedürfnis, wie das Ergebnis einer Umfrage gezeigt hat, nicht voll befriedigt werden kann. Wolle man auf das Schlafbedürfnis der Kinder die gebührende Rücksicht nehmen, so seien bei einem auf 7 Uhr festgesetzten Unterrichtsbeginn viele Ellern genötigt, mit den Kindern auf den vollen Genuß der Sommerabcnde zu verzichten. Die Einführung des 8 Uhr-Beginns, die auf solche Erwägungen sich gründete, war zunächst nur als ein Versuch gedacht. Rascher aber, als man eS hätte erwarten sollen, scheint die Schuldeputation der Frage näher getreten zu sein, ob eS sich nicht empfiehlt, z u dem 7Uhr-Beginn zurückzukehren. Es wird berichtet, daß schon jetzt die Absicht bestehe, für den»ächsten Sommer wieder den früheren Zustand herzustellen. Eine Rundfrage bei den Eltern habe ergeben, daß die Kinder auch jetzt meist nicht länger als bisher schlafen, sondern mit den Eltern zusammen aufstehen. Auch komme es jetzt noch häufiger als bisher vor, daß Kinder vor dem Unterricht zu Botengängen und anderen Arbeiten benutzt werden. Andererseits werde es von vielen Eltern als unangenehm empfunden, daß die erst um 1 Uhr heimkehrenden Kinder nun das Mittagessen nicht mehr mit ihnen zusammen einnehmen können. Es trifft zu, daß solche Rundfragen veranstaltet worden sind bezw. noch veranstaltet werden. Wir vermuten aber, daß hinter ihnen nicht dieSchuldeputation steht, sondern die Lehrer- schaft. In einem Teil der Lehrerschaft war der 8 Uhr-Beginn von vornherein mit Verdruß und Widerspruch aufgenommen worden, und eS wurden sofort Versuche gemacht, diese Neuerung als ver- fehlt hinzustellen. Gewiß werden auch unter den Eltern manche seien, denen auS allerlei Gründen der 7 Uhr-Beginn für den Sommer lieber als der 3 Uhr-Veginn ist. Ob aber in den Kreisen der Eltern die Schwärmerei für den 7 Uhr-Begin» wirklich so groß ist. wie man glauben machen will, das möchten wir vorerst doch noch bezweifeln. Wenn die großen Vorteile, die ein später Unterrichtsbeginn den Kindern bringt, noch nicht von allen Eltern richtig anerkannt werden, so wird das zum Teil daran liegen, daß die Neuerung erst seit wenigen Monaten besteht. Man sollte in dieser Streitfrage mehr die A e r z t e als die Lehrer zu Schieds- richtern machen. Leider ist den meisten Eltern noch zu wenig be- kannt, wie wichtig für unsere Kinder ein aus« giebiger Schlaf i st. Für 6— 7jährige Kinder z. B. wird von Aerzten ein 11— 12stündiger Schlaf für nötig gehalten. Blumenansstellung von Gemeiudcschulkindern. Der Verein zur Förderung der Blumenpflege in der Schule kann auf eine recht erfolgreiche Tätigkeit zurück- blicken, wie die gestern mittag eröffnete Ausstellung deutlich beweist. In den Gewächshäusern des Humboldthains(Gustav- Meyer-Allee, in der Nähe der Hussitenstratze) sind gegen 50000 von Gemeindeschulkindern gezogene Blumen aus- gestellt, die Zeugnis ablegen von unendlicher Geduld und Sorgfalt, die Gemeindeschnlkinder der Blumcnpflege gewidmet haben. Der Verein hat 70000 Stecklinge ausgegeben, so daß das Ergebnis, das uns in der Ausstellung entgegentritt, ein sehr gutes genannt werden muß. Noch nicht in allen Schulen hat die Blnmenpflege Boden gefaßt, da ihre Förderung noch eine freilvillige ist. Immerhin sind gegen 170 Schulen in der Ausstellung vertreten; hoffent- lich regt die Ausstellung zum Nacheifern an. Die in Töpfen gezogenen Blumen sind mit Hilfe der Leitung unserer städtischen Parkverwaltung geschmackvoll zu- sammengestellt, teils nach Arten und teils nach Schulen. Alle möglichen Sorten sind vertreten, selbst die Linde fehlt nicht. Auf die sozialen Verhältnisse der Taufende in engen dumpfen Wohnungen hausenden Kinder weist eine kleine Myrthe hin, an der ein kleines Zettelchen angebracht ist. Auf diesem steht von Kinderhand der Vermerk, daß das Gewächs am ganzen Tage nur fünf bis zehn Minuten Morgensonne erhalte. Wir können den Besuch der Ausstellung nur empfehlen. Der Zutritt ist unentgeltlich. Rektor Bock. Die Nachprüfungen der Anzeigen, die nach und nach bei der Kriminalpolizei eingehen, hat ergeben, daß die behaupteten Tat- fachen über das Treiben des Rektors Bock und des Lehrer» Knvsel alle der Wahrheit entsprechen. Bock halte, wie jetzt bekannt wird, immer das Strafgesetzbuch zur Hand, kehrte den Beamten heraus und stellte gleich eine Beleidigungsklage in Aussicht, sobald Eltern ihm drohten. Ein großer Teil der Belastungszeugen ist auch gericht- lich vernommen worden. Die Zeugen haben ihre Aussagen auch persönlich den Beschuldigten gegenüber aufrecht erhalten. Trotz- dem bestreiten Bock und Knöfel nach wie vor die ihnen zur Last gelegten Straftaten. Es ist auch erwiesen, daß Bock sich Müttern von Schülerinnen unsittlich genähert hat, und daß er an Freunde, die nach den bisherigen Ermittelungen alle verheiratet sind, Schule- rinnen und ehemalige Schüleriunen regelrecht verkuppelt hat. Gegen die BersetzungSprüfnngen. Der Berliner Lehrerverein wird sich in seiner nächsten Sitzung am 26. August auch mit den Versctztiiigsprüfungen in den Berliner Geineindeschulen beschäftigen. Der Referent über diese Frage hat seinem Vortrage folgende Leit« sätze zu Grunde gelegt: 1. Die Ergebnisse einer Verietzungsprüfung bieten keinen sicheren Maßstab für die Versetzungsreife eines Kindes; wohl aber können sie von dem wirklichen Bildungsstande des Kindes ein falsches Bild entwerfen, da erfahrungsgemäß gut begabte, aber ängstliche Kinder bei derartigen Prüfungen nicht selten geringe Leistungen, lässige und unzuverlässige dagegen bessere aufweisen. Die PrüfungSergebnisse werden auch unter den jetzt bestehenden Verhältnissen durchaus nicht immer als maßgebend für die Versetzung angesehen. 2. Nur durch sorgfältige Beobachtung der mündlichen und schriftlichen Leistungen der Kinder von feiten der Lehrkräfte einer Klasse während des ganzen Schuljahres kann ein sicheres Urteil über die Versetznngsreife gewonnen und nach Austausch der Erfahrungen die Entscheidung über die Versetzung getroffen werden. 3. Der Berliner Lehrerverein hält deshalb die Versetzungs» Prüfungen für überflüssig und deren Beseitigung für geboten. So lange sie von der Behörde noch verlangt werden, erwartet er, daß es bei den Bestimmungen des GrundlehrplaneS in den Berliner Gemeindeschulen bleibt, wonach eine Störung des regelmäßigen Unterrichtsbetriebes zu vermeiden und von der Anfertigung schrift« sicher Arbeiten abzusehen ist. Der Ucberfall im Sudringzuge. Die Eisenbahndirektion Berlin hat die Belohnung für das Ergreifen des Räubers, der einer Wilmers« dorfer Dame in der Nacht vom 18. znm 19. August nn Südringzuge eine Handtasche entriß, auf 599 Mark erhöht. Nachdem die Untersuchung des Vorfalles abgeschlossen ist, weist die Elsenbahndireklioil jetzt darauf hin, daß sie nicht imstande ist, Straftaren wie die geschehene zu verhindern. In einer von ihr ver- anlaßtcn öffentlichen Erklärung heißt es: „Es sei darauf hingewiesen, daß im Direktionsbezirk Berlin an den Wochentagen 2199, an den Sonntagen etwa 2899 dem Personenverkehr dienende Züge befördert werden. Es liegt auf der Hand, daß eine ständige Ucbcrwachung aller dieser Züge— sei es durch Bahnpolizei— sei es durch Kriminalbeamte— ausgeschlossen ist. Bei verbrecherischen Anschlägen auf Reisende in fahrenden Zügen wird es deshalb immer das zweckmäßigste sein, sofort die Polizeibehörde zu benachrichtigen, falls es nicht gelingt, den Täter auf frischer Tat zu fassen. Diese Meldung an das nächste Polizeirevier, und zwar auf telegraphischem Wege, ist für den Bezirk Berlin den Stationen seit langer Zeit vorgeschrieben. Die An« ordnung ist unseren Bediensteten aus Anlaß des vorliegenden Falle» erneut in Erinnerung gebracht worden. Der bedauerliche Vorfall am 19. August hat uns ferner veranlaßt, auf eine verstärkte Polizei- liche Ueberivachung der Züge bedacht zu sein. Wir rechnen hierbei aus die verständige Mitwirlung aller Reisenden.' Ein neuer Streich des flüchtigen Zuchthäuslers Stoß. Der flüchtige Zuchthäusler Karl Stoß, der, wie wir schon gestern berichteten, auS dem Zuchthaus zu Somieuburg entwichen ist, hat wenige Stunden, nachdem er die Freiheit wiedergewonnen hatte, bereits einen neuen Streich vollführt. Er ist im Laufe des vor- gestrigen TageS nach Kottbus gewandert und hat dort in der ver- gangenen Nacht in der Villa des AmtSgerichtsrais Korn, den er schon einmal bestohlcn, einen schweren Einbruch verübt, bei dem ihm 599 Mark in barem Gelde, 299 Mark in Briefmarken und Silbergeräte im Werte von über 1999 Mark in die Hände fielen. Die Tat wurde erst gestern früh entdeckt, als der Verbrecher längst über alle Berge ivar. Stoß war früher vier Jahre lang in der Villa des AmtSgerichtsrais Korn in Stellung und kannte daher die Oertsichkeiten ganz genau. Die Villa ist vou einer großen Mauer umgeben. Da außerdem im Hofe bissige Hunde ihr Quartier haben, so ist es einem Fremden fast unmöglich, bei Nacht auf verbotenem Wege in das Grundstück einzudringen. Die ganze Sachlage deutete sofort darauf hin, daß nur Stoß als Täter in Frage kommen konnte. Die Kottbuser Polizei ergriff sofort alle Maßregeln, um den Verbrecher wieder hinter Schloß und Niegel zu bringen. Sie benachrichtigte vor allem die Berliner Polizei, da sie annimmt, daß Stoß die Silber- gerate in Berlin zu verlaufen versuchen wird. Ucber die Entgleisung eines Güterzuges am Stettiner Bahnhof wird amtlich folgendes gemeldet: Am Mittwochabend um 19 Uhr 32 Min. entgleiste der Ueberführungszug 8566 beim Stellwerk Htm aus dem Stettiner Bahnhof. Zuglokomotive und drei Wagen sind entgleist und teilweise stark beschädigt. Die entgleiste Lokomotive hat zwei Stützen der Grenzstraßenbrücke fortgerissen, so daß der Fnhriverksverkchr über diese Brücke vorläufig eingestellt werden mußte. Lokomotivführer, Zugführer und ein Schaffner sind un- bedeutend verletzt. Der Betrieb wird in vollem Umfange aufrecht- erhalten. Ein Elcndsbild. In dem Hause Wiesenstr. 19 spielte sich vor« gestern ein tragischer Vorgang ab. Der 45 Jahre alte, durch Krank- heit und Arbeitslosigkeit in eine elende Lage gekommene Arbeiter Karl Balzer bewohnte mit seiner aus acht Köpfen bestehenden Familie ein einziges Zimmer in genanntem Hause. Das Zimmer diente der Familie als Wohn- und Schlafraum. Nachbarn wandten sich an die Behörden, damit der Familie geholfen werde. Von den sechs Kindern sollten vier in einem Heiin untergebracht werden. Als vorgestern Beamte erschienen, um die Kinder abzuholen, leerte B. eine mit Lysol gefüllte Flasche. Auf dem Transport nach dem Krankenhause starb der Unglückliche. Die Verzweiflung darüber, daß ihm seine Kinder, die er doch sicher wegen unverschuldeter Not nicht ernähren konnte, weggeholt werden sollten, hat den BedaucriiSivertcn in den Tod getrieben. In diesem Vorgang liegt eine tiefe Tragik, die zugleich eine beredte Anklage gegen unsere so viel gepriesene GescllschaflSordnung ist. Ein Opfer der Treptower Bootskatastrophe, der 27jährige Kauf- mann Heinrich Jungbluth, wurde vorgestern von Stralauer Fischern nahe der Abtei gelandet. Die Leiche seines Freundes Wörsdörfer ist noch nicht gefunden. In den Luifcnkanal gesprungen ist gestern abend an der Bär. waldbrücke ein anscheinend 29 Jahre altes Mädchen. Ein Zivilist und ein Soldat der 2. Kompagnie des Kaiser Franz Grenadier- regiments holten die bereits besinnungslos Gewordene aus dem Wasser. Ein Schutzmann schaffte sie dann nach dem Urban» jranlenhaus, Zu dem Kapiiel der MassenimfSSe durch UmWaM der Rudet« Hoote wird uns noch von einem Leser geschrieben: Die Angaben, die der Einsender der gestrigen Notiz macht, sind tzweifellos richtig. Und doch glaube ich nicht, daß sein Vorschlag, die flachen Fischerkähne für die Sonntagsruderei einzuführen, Er- folg haben dürfte. Das Vorhaben wird bestimmt an dem Wider- stand der Bootsverleiher scheitern. Denn die schweren Fischer- Zähne werden naturgemäß keine Liebhaber finden. Eine Ruder- Partie darin ist sicher kein Vergnügen, sondern eine anständige Strapaze. Es dürfte wohl noch einen anderen Ausweg geben. Die WootSbauerei hat ja in den letzten Jahren so hervorragende Leistungen vollbracht, daß man wohl annehmer. kann, sie wird auch hier eine Lösung finden, die den Booten eine größere Sicherheit verleiht, ohne sie darum zu schwerfällig zu machen. Aber bei diesem Kapitel möchte ich noch eine andere Ursache der Unsälle streifen: Es ist das rücksichtslos e Fahren vieler Dampfer. Bereits im vorigen Jahre wurde an dieser Stelle darauf hin- tcwiefen, daß der Sonntags verkehr zwischen Tegel-Saatwinkel- ipandau zu einer wahren Hetzjagd geworden ist. Dort verkehren die Dampfer„Ottonie",„Charlotte" und„Erna". Von Hause aus sind sie: zu Echlcppzwccken gebaut, nur Sonntags dienen sie der „S t e r n"- Gesellschaft als Aushilfe. Die Bauart der Daxipjer macht sie zum Personenverkehr— wenigstens wie er auf der ge- nannten Strecke stattfindet— untauglich. Beim schnellen Fahren entwickeln sich dermaßen kurze und hohe Wellen, daß— wie man fast jeden Sonntag beobachten kann— zahlreiche Ruderboote ein oder zwei Eimer Wasser übernehmen. Wer die Boote kennt, wird wissen, welche Gefahr diese Wassermenge bedeutet. Aber auch zahl» reiche Kleidungsstücke, die die Insassen immer vorn in die Spitze legen, um sie zu schützen, werden auf diese Weise ruiniert. Den SchisfSführern soll eine äußerst knappe Zeit zur Zurücklegung der Strecke zugebilligt sein. Und dadurch sind die Kapitäne gezwungen. mit aller Kraft zu fahren. Räch der Veröffentlichung im vorigen Jahre konnte man deutlich wahrnehmen, daß die Schnelligkeit der Dampfer bedeutend gemäßigt wurde. Aber die Zeit ist vergessen und heute ist die Jagerei wieder so toll wie vorher. Originell ist, daß die hochwohllöbliche Polizei nichts davon sieht. Sie hat nämlich jju tun damit, die Insel Baumwerder zu beauf- sichtigen. Auf dieser Insel tummeln sich Sonntags vergnügte Menschen. Manchmal laufen sie sogar in der Badehose dort um- her. Da dies nach Meinung des Amtsvorstehers von Tegel höchst unsittlich ist, so ist die gesamte Gendarmerie von Tegel und Um- gcgcnd auf den Beinen, um den Badehoseträgern 3 M. abzunehmen. Dafür kann man aber fast alle Tage von Sittlichkeitsattentaten und Ueberfällen in der Fungfcrnhcide hören. Aber lvas macht das. Die Hauptsache ist doch, daß man den preußischen Untertanen zeigt, daß sie auch Sonntags nichts nach ihren WKnschen einzu- richten haben. Nicht einmal auf einer einsamen Insel dürfen sie ihren freien Tag verleben. Ein Unfall auf dem Flugplatz Johannisthal traf gestern früh den Äviatiker Grulich. Der junge Flieger unternahm zwischen 4 und V Uhr morgeuS einen Flugverstich mit seinem Eindecker eigener Konstruktion. AuS einer Hohe von 30 Metern stürzte plötzlich der Apparat mit seinem Führer auf den Boden. Die Maschine wurde zertrümmert. Grulich erlitt Verletzungen am linken Fuß und wurde nach der Unfallstation und von dort nach Anlegung eines Verbandes in seine Wohnung gebracht.— Der nach einer Blinddarmoperation genesene frühere Radrennfahrer Poulain begann gestern wieder mit seinen Flugübungen. Nachdem er einige Runden allein zurückgelegt hatte, nahm er den neunjährigen Sohn von Dr. Fritz Huth als Passagier mit. Beim Spaziergange vom Tode ereilt wurde gestern mittag der 60 Jahre alte Hauseigentümer Richard Hetzer aus der Grünthaler Straße 48. Er war etwas an die frische Luft gegangen und wurde bald darauf von Vorübergehenden an der Einfriedigung des un- bebauten Grundstücks Stralauer Str. 1 als Leiche aufgefunden. Ein aufregender Borgang spielte sich gestern auf der Oberspree ab. Auf einem hinter Köpenick vor Anker liegenden Frachtkahn hatte die Frau des Besitzers an-Z Ufer gehen wollen. Sie trug ihr zwei« jähriges Kind auf dem A-m und in dem Augenblick, als sie über das Verbindungsbrett fckintt. glitt sie aus und stürzte mitsamt der Kleinen in die Spree. Glücklicherweise war der Vorgang von einem anderen Kahne aus beobachtet worden. Zwei hinzueilende Schiffer machten sich sofort an die Rettung. Nach lebend wurde die Mutter, die ihr Kind fest an sich geklammert hatte, aus dem Wasser gezogen. Unter nächtlicher Ruhestörung durch die große Berliner leiden feit laiiger Zeit die Anwohner der Kaiser- und Schillingstraße. Dort herrscht bekanntlich bis spät in die Nacht ein reger Verkehr der Straßenbahn. Mehr wie anderswo macht sich daher auch eine Lockerung der Schienen bemerkbar, die von Zeit zu Zeit befestigt werden müssen. Und da diese Arbeit nur des Nachts ausgeführt werden kann, so herrscht bis früh morgens hier ein ohren- betäubender Lärm, der den Anwohnern fast allmonatlich zwei bis drei Nachte, so lange diese Arbeit dauert, den Schlaf raubt. Zwei bis drei Arbeiter sind, kaum daß der Riesenverkehr etwas zur Ruhe gekommen, ununterbrochen damit beschäftigt, durch wuchtige Hammer« schlage die Einbettung der Schienen zu zerstören. Der hier mitgeteilte Vorgang spielt sich in allen verkehrsreichen Straßen von Zeit zu Zeit ab. Und man muß sich eigentlich wundern, daß ein so großes kapitallrästiges VerkehrSunternehmeu noch kein anderes Verfahren der Schieiienbefeftigung ermittelt hat. Die Tatsache, daß durch diesen nur allzu oft wiederkehrenden nächtlichen Lärm vielen Bewohnern die Nachtruhe geraubt wird, hätte auch schon den für das Wohl der Einwohner so besorgten Berliner Polizeipräsidenten veranlassen sollen, nach Mitteln zu suchen, die den gegenwärtigen Zustand unmöglich machen. In der Werkstatt vom Tode überrascht wurde gestern der 30 Jahre alte Lithograph Wilhelm Jäntsch aus der Kochhannstr. 0. Der Mann erkrankte beim Auötrelcn, wurde von Arbeilsgcuossen nach der Werkstatt geleitet und verstarb hier nach wenigen Augen« blicken, wahrscheinlich an Herzschlag. Wegen eines gefährlichen TachstuhlbrandeS würbe am Mittwoch nachmittag di»' 1. Kompagnie nach der Oramenstraße alarmiert. Dort stand der Dachstuhl des Eckhauses Oranienstraße 110/111 und Alte Jakobstraße gegenüber der ReichSdrnckerei in Flammen. Diese hatten schnell Nahrung gefunden, so:daß der 1. Löschzug mit mehreren Schlauchleitungen kräftig Wasser geben mußte, um eine weitere Ausdehnung zu verhüten. Die Entstehung ist noch nicht aufgeklärt. Vor einigen Wochen hatte die Feuerwehr bekanntlich zweimal ganz in der Nähe, Alte Jakobstraße 23/L4, tüchtig zu löschen. Dort brannten mehrere Tachstühle von Seiten- und Quer- gebauten, ein großer Lagerleller usw. auf dem Grundstück„Jakobs- Hof". Die Ursache dieser Brände ist bis heute noch nicht ermittelt. Deutscher Arbeiter-SLngerbund, Gau Berlin und Umgegend. Die letzte AuSschußsitzung vom 21. August beschäftigte sich zunächst mit der Aufnahme des Vereins„Freier Männerchor" in Rathenow. Da kein Vertreter erschienen war, wurde die Aufnahme zurückgestellt. Die Maifeierstatistik ergab, daß die Beteiligung in diesem Jahre eine bessere war, wie im vorigen Jahre, wozu wohl beigetragen hat, daß der 1. Mai in'diesem Jahre auf einen Sonntag siel. AuSge- schlössen wegen zu geringer Beteiligung an der Maiseier wurden die Vereine„Licderlust" und„Hilarius".— Sodann forderte der Vorsitzende die Vereine auf, die Fragebogen wegen des gemischten Chores bis zur nächsten Ausschußsitzung einzusenden. Ebenso muß das Material gegen die Lustbarkeitssteuer, umgehend an den Vor- sitzenden gesandt werden, da die Vorlage.Anfang September zur Verhandlung kommst Gerügt wurde die laue Beteiligung der Ber- liner Sangesbrüder an dem Konzert der Leipziger und an den sonstigen Veranstaltungen. Es sei zu hoffen, daß anläßlich des ge. planten Besuches der Bremer SangeSbrÜder die Teilnahme eine bessere sei und auch die Gastfreundschaft hierbei mehr zur Geltung komme. Nach Annahme einiger Mitwirkungen beim JugendauS- jchutz unst Arbeiter-Abstinentenbund wurde die Sitzung geschlossen. Eine große Matinee beraustaktet am Sonntag, den 23. August, in der Brauerei Friedrichshain am Königtor der„Buchbinder-Männerchor"- Leipzig in Gemeinschaft mit dem Gesangverein.Liberts"-Berlin unter der Mitwirkung der Konzert- und Opernsängerin Frl. Lotti Eichstädt(Sopran) und Herrn Georg Maerdel(Orgel). Anfang 11>/„ Uhr. Einlaß IG/z Uhr. Der Eintritt kostet an der Kasse öv Pf., im Vorverkauf 40 Pf. Die Matineebillctls berechtigen auch zum Eintritt für das Nachmittagskonzert. Die Poststraße von der Molkcustraße bis zum Mühleudamm sowie die Barfusslraße von der Edinburger Straße durch den Schiller-Park bis zur Straße 40o sind gcsperrt. Zeugen gesucht. Autoführer, die am 3. Juni früh iM Uhr an der Friedrich- Ecke Jägerstraße den Zusammenstoß zweier Auto- droschken beobachtet haben, werden gebeten, ihre Adresse Engel. ufer 1b, 3 Treppen, abzugeben. Fcuerwchrbcricht. Wegen eines KellerbrandcS wurde die Feuer- wehr nach der Friedbergstr. 11 alarmiert, wo sich Preßkohlen ent- zündet hatten. In der Romintcner Str. 1 brannten ebenfalls Preß« kohlen, die in einem Laden aufgestapelt waren. Nach der Hochmeister« straße 32 wurde der 17. Zug gerufen, wo Papier in einem Keller angezündet worden war. Ein WobnungSbrand beschäftigte die Feuerwehr in der Lothringer Str. 26. In der Schliemannstr. 13 hatte der Ig. Zug einen Brand zu löschen, der durch Ueberkochcn von Teer in einer Waschküche ausgekommen war. Aus der Reichenbcrger Str. g6a wurde ein Schornstciubrand gemeldet. Ferner liefen Alarme aus Stargarder Str. 15, Badstr. 8 und anderen Stellen ein. Vorort- JVadmcbtern Rixdorf. Gegen die volksfeindliche Haltung des Magistrats protestierten am Dienstag, den 23. August, wie wir am anderen Tage bereits kurz mitteilten, in fünf überfüllten Versammlungen, bei Hoppe, Filsch, Wolf, im„Karlsgarten" und„Feldschlößchen", die Rixdorfcr Kommunalwähler. Die Referenten, Stadtverordnete Dr. Silber- st ein, Scholz, Heller, Conrad und Genosse Kunze. schilderten treffend die Entstehung des Wahlrechtsraubes vom 13. Dezember 1903 und wiesen nach, daß es die Sozialdemokratie gcivescn ist, welche seit dieser Zeit ständig im Kampfe mit der Stadtvcrordnetenmehrheit liegt, die durch die brutale Vergewaltigung ein Ortsstatut ins Leben rief, um die Wähler RixdorfS zu entrechten. Habe der Magistrat sich früher den Anschein gegeben, als habe er nichts mit dem WahlrechtSraub direkt zu tun, so stehe jetzt fest, daß unter ihm noch Leute sitzen, welche daS wenige Recht der Steuerzahler noch herabdrllcken wollen. Es sei sicher bedauerlich, anerkennen zu müssen, daß die Bewohner keiner Stadt so entrechtet seien, wie die Rixdorfs, denn eS bringt die I. Klasse 831 000 M., die E. Klasse 830000 M.. die IE. Klasse 1662 000 M. Steuern auf. In Charlottenburg dagegen verteile sich die Steuersumme auf die einzelnen Klassen wie folgt: I. Klasse 5 000 000 M., E. Klasse 5 000 000 M.. IE. Klasse nur 2 000 000 M. Während man vor dem Wahlrechtsraub mit dem Steuersatz von 62 M. in der zweiten Klasse wühlte, müssen jetzt 131 M. Seuern gezahlt werden. Rixdorf biete also das erhebende Schauspiel, die elende Dreiklassenordmmg, die die Sozialdemokratie laut Programm schon bekämpfe, noch mehr verschlechtert zu haben. Wären die bürgerlichen Stadtväter nicht mit Blindheit geschlagen, dann könnten sie nicht noch obendrein erklären, dem Mittelstand geholfen zu haben. Früher hätten sich die Stadtväter über den Ausdruck„Wahl- rechtSräuber" entrüstet und der Stadtverordnetenvorsteher habe Ordnungsrufe erteilt, wenn derselbe angewendet wurde; jetzt sei es dagegen ganz anders; diese Bezeichnung geht anstandslos durch— man habe fich daran gewöhnt. Man könne es der bürgerlichen Mehrheit nachfühlen, so lange als möglich den Termin hinaus- zuschieben, an dem eine sozialdemokratische Mehrheit ans Ruder gelangt. Die Erkenntnis breche sich jedoch auch in den eigenen Reihen der Wahlrcchtsräuber Bahn, daß sie im Unrecht find. Daß eS dem Magistrat auf eine Verschleppung ankam, als er die diesjährigen Listen wieder ungesetzlich ausstellte, ist bekannt, denn sonst wäre es nicht möglich gewesen, die Akten über die Wähler- listen vom vorige» Jahre dem Oberverwaltungsgericht anstatt schon im Januar erst im Juli einzureichen, um so zu ermöglichen, daß die Wähler der dritten Abteilung immer mehr entrechtet werden. Daher weiß die Wählerschaft, daß sie ihren Kampf gegen die Gruppe Rahmig auf den Magistrat auS- zudehnen hat. Bei den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen gelte es Abrechnung zu halten mit den Wahlrechtsränbern, damit die Sozialdemokratie, die Hüterin für Recht und Gesetz, den Kampf weiterführt bis das elende Dreiklassenwahlrecht zum Wohle der Gesamtheit verschwindet.— Die Referenten ernteten in allen Ver« sammlungen reichen Beifall. In allen Versammlungen nahmen die Vertreter des Demokratischen Vereins Rixdorf-Britz �daS Wort, um namens ihres Vorstandes eine Erklärung abzugeben, daß sie gewillt sind, mit den Sozialdemokraten den Kampf aufzunehmen, um die WahlrechtSräuber aus dem Stadtparlament zu entfernen. Genosse Kluß un Hoppeschen Lokale bemerkte, daß die vortrefflichen Zusicherungen der Demokraten nun auch in Erfüllung gehen müßten. Er führte ein markantes Beispiel an, wo vor ungefähr zwanzig Jahren auch hochtrabende Worte geführt, die Liberalen hernach aber elend zusammengebrochen sind, nämlich in Schleswig-Holstein I Diese Volksverräter, diese WahlrechtSräuber zu besiegen, lasse ihm jedes Bündnis gut erscheinen. Das Proletariat habe aber dessen ungeachtet seinem Ziel zuzustreben, um noch andere Mittel zu gebrauchen, die zu Ge- böte stehen, wenn die Landesgesetzgebung zum Wohle der Wahlrechts« räuber es wagen wollte, die entrechtete Masse noch mehr zu unter- drücken. Diese Aussührungen fanden ungeteilten Beifall. Nachdem die Versammlungsleiter noch auf die Notwendigkeit der politischen Organisation hingewiesen und zum Lesen der Parteipresse auf- fordert hatten, gingen die Versammelten nach Annahme der bereits mitgeteilten Resolution mit Hochs auf daS freie Wahlrecht und die Sozialdemokratie auseinander. Ein entsetzliches Brandiinglück hat sich gestern vormittag in ber zwölften Stunde in Rixdorf zugetragen. Die in der Steinmetz- straße 13 wohnhafte 53 Jahre alte Albertine Hoffinann hatte für ihr Enkelkind Milch kochen wollen. Sie benutzte hierzu einen Spirituskocher und beging dabei die Unvorsichtigkeit, die Spiritus- flasche dicht neben den Kocher zu stellen. Plötzlich kam die Flasche, die durch die Wärme erhitzt word-u war, zur Explosion und der ganze brennende Spiritus ergoß sich über die Frau hinweg. Im Nu standen die Kleider der Unglücklichen in hellen Flammen. Hinzu- kommende Nachbarn erstickten die Flammen schließlich durch Ueber- werfen von Tüchern. Inzwischen hatte Frau H. aber bereits furcht- bare Brandwunden erlitten. Sterbend wurde sie in das städtische Kcanlenhaus eingeliefert. Charlottenbnrg. Die Einweihung dcS auf Westend neu eingerichteten städtischen Spielplatzes siudet am Sonntag, den 23. d.M. anläßlich des g. Spiel- festes statt. Das Gelände liegt an der Spandaner Chaussee in un« mittelbarer Nähe der Stadt und wurde kürzlich für 2 Millionen angekauft. Für den efgentlichen Spielplatz sind 8 Heftar zur Verfügung gestellt worden. Seine Länge beträgt 450 Meter, die Breite 115 Meter. Er enthält eine 500 Meter lange Laufbahn mit erhöhten Kurven, besondere Plätze für Spiele, Wurf- und Springübungen, ferner ein Lichtluftbad und Fußballplatz, große Hallen, Umkleide- räume und Brausen und Geräteräume. Die EinrichtungSkosten betrugen 65 000 M. Der Platz liegt in der Nähe der zu errichtenden Bismarckwarte und hat eine prächtige Aussicht auf das breite Spreetal mit der im Hintergrunde liegenden Jungfernheide. Wilmersdorf. Die Liste der stimmfähige» Bürger ist nun aufgestellt und wird in der Zeit vom 1. bis einschließlich 15. September dieses Jahres an den Wochentagen von vormittags 8 Uhr bis nachmittags 2 Uhr und an den Sonntagen von vormittags 9 bis 12 Uhr in der Melde- und Wahlabteilung. Gasteiner Str. 11. 2 Treppen, zur Einsicht öffentlich ausliegen. Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wähler- liste sind während der Dauer der Auslegung bei dem Magistrat zu erheben. Die Gesamtsumme aller für die Abteilungsbildung maß- gebenden Steuern beträgt 4 674 650,17 M. ES gehören zur 1. Ab- teilung diejenigen Wähler, welche in der Liste mit einem Steuer- betrage von 1636,80 M. abschließen. Die 2. Abteilung beginnt mit dem Steuerbetrage von 1636,80 M. und schließt mit einein solchen von 292 M. ab. Die 3. Abteilung beginnt mit dem Steuerbetrags von 291,40 M. Es muß jetzt schon jeder Stimmberechtigte darauf aufmerksam gemacht werden, sich an einem der angegebenen Tage davon zu überzeugen, ob er auch in der Liste verzeichnet ist. Maricndorf. In dem Bericht über die letzte WahlvereinSbersammlung ist m- sofern ein Irrtum enthalten, als die vom Kreis beschlossene Er- höhung der Beiträge nicht gegen vier Stimmen, sondern mit einer Majorität von vier Stimmen angenommen wurde. Wernsdorf. Eiu Raub der Flammen wurde die bekannte Bauersche Schiffs- werft in Wernsdorf i. M. mit allen Vorräten, Baubuden usw. Die Entstehung konnte nicht aufgeklärt werden. Es wird Brandstiftung vermutet.— Auf dem Gute Röstenberg gingen zwei große gefüllte Scheunen in Flammen auf. Der Schaden ist ziim Teil durch Ver- sicherung gedeckt. Auch dieser Brand wird auf Brandstiftung zurück- geführt. Miserable Schulzustände herrschen nicht etwa nur in Ostelbien, sondern auch in unserem gar nicht so sehr weit von der Reichs« Hauptstadt entfernten Ort. Wernsdorf hat etwa 200 schulpflichtige Kinder, die von zwei Lehrern unterrichtet werden. Vor längerer Zeit wurde der erste Lehrer zu einer militärischen Uebung ein» gezogen; in dieser Zeit kam vom Nachbarort ab und zu ein Lehrer aushilfsweise herüber. Alsdann wurde der zweite Lehrer versetzt, so daß wieder nur ein Lehrer am Ort war. Jetzt ist auch der erste Lehrer nach Gosen versetzt worden, an seine Stelle ist ein junger Lehrer getreten, dem die Aufgabe, die 200 Kinder in drei Klassen zn unterrichten, zufällt. Unter diesen Umständen toird der Unterricht natürlich wesentlich gekürzt, denn eS hieße zu große Anforderungen an den Lehrer stellen, wollte man von ihm verlangen, daß er in jeder Klasse drei bis vier Stunden Unterricht erteile. Es fragt sich nur. wie lange dieser Zustand noch bestehen soll. Hat sich die Gemeindevertretimg noch nicht hiermit beschäftigt und baldige Ab» ändernng vorgesehen? Sind dem in Neu-Ziltau wohnenden, die Aussicht über die hiesige Schule führenden Pfarrer die trostlosen Ver- hältnisse unbekannt? Tpanda«. Ein Dachstnhlbrand kam am Mittwochnachmittag kurz nach VaS Uhr in der Kaserne des Garde-Grenadier-Regiments Nr. 5 aus. Der Brand wurde rechtzeitig bemerkt und konnte, ehe er einen größeren Umfang annahm, gelöscht werden. Die Entstehungsursache ist bis jetzt noch unbekannt. Die Leiche eines neugeborenen Kindes wurde gestern in der Nacht von einem Streckenwärter aus dem Bahnkörper zwischen Ruh- leben und Spandau aufgefunden. Jugendveranstaltungen. Wilhelmsruh. Sonnabend, den 27. August, abends S Uhr, findet für Reinickendorf und WilbelmSruh bei Kollmann, Seebad, Kronprinzenstr. 1 eine AgitationSverfammInna für Jugendliche statt. Wir bitten die Partei. genossen und Tenoffinnen, sich recht zahlreich mit ihren Söhnen und Töchtern daran zu beteiligen. Amtlicher Marktbericht der städtischen MarNhallen-Dtrektlon über den Grohhandel in den gentral-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geschäft schleppend, Preise für Hammel« und Schweinefleisch nachgebend, sonst unverändert. W i t d: Zusuhr genügend, Geschäsl sehr schleppend, Press« wenig verändert. G e s I u g e I: Zusuhr reichlich, Geschäft sehr schleppend, Preise wenig verändert. Fische: Zusuhr etwas retchllch, Gelchäit ziemlich rege, Preise wenig verändert. Butter und Käi«: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Süd- s r ü ch t e: Zusuhr meist über Bedars, Geschäft wenig besnedigmd, Preise weiter nachgebend. WitternngSüberstcht vom«8. August 1310, morgens 8 Uhr. Ctatfanctt °Ä Sa »=1 I Twwemde Hamburg Serim Frants.a v! 762 TW München 1765 323 Wien i7655S 763 SD 760 SSO 762® aetm S heiter 2 Regen 1 bedeckt 4 halb bd. 2 halb bd. 1 bedeckt w« e» *11 s? w* Ctatlonm Ii 4| Bf Haparanda 764 W Petersburg 764 N Sctllh: 758 353 tlberdeen Pari» 7582123 764® Vetter "f B"* t* 2 bedeckt 1 9 1 wölken! 10 3 halbbd. 16 2 halb bd. 11 2 wollig 14 Wetterprognose für Freitag, den SS. August 1010. Zeitweise ausllarend, am Tage ziemlich warm, vereinzelte Regensällc Zudlvestwtnde. Berliner W etterburea» WasierstandS.Nachricvte» der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgeUilt vom Berliner Weltcrbureau. vasserstand M e m e l. Tilstt V r e g e I. Jmterbilrg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen , Frankfurt Warthe, S-brimm . Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Letttncritz , Dresden , Barby , Magdeburg vasserstand Saale, Grochlltz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden . Minden Rhein, Maxt-ntlianSau , Knud «Sin Neckar, Heiibronn Main, Wcrtheim Mosel, Tri« -)+ bedeutet Wuchs.- Fall.*) Unterpegel. Lentralverband der freie« HS«dler. Hausierer und verwandten Berufsgenokscn Teutschlands. Sitz Esscn-Nubr. Verwaltungsstelle Berlin. Bezirk II Nordcw Heut abend 81/, Uhr bei Pctsch, Pappel-Allee 80 Versammlung. Gäste willkommen. Allgemeine Kranken- und Sterbekasie der Metallarbeiter (®. H. 29, Hamburg). Filiale Baumschulenweg. Slm Sonnabend, den L7. August, äbends 8'/, Uhr, im Lokal von Kädiug, Bauinlchulenstrajze 67: Mitgliederversammlung._ eingegangene Druckfchnften. Bon der»Neuen Zelt»(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 48. Heft des 28. Jahrgang» erschienen. ES hat solgenben Inhalt: DaS gleiche Urteil.— Der Kongreß von Kopenhagen. Von K. KautSkh.— Die politische Lage in Dänemark. Von Gustav Bang.— Der Parteitag von Chicago und die Kulisrage. Von Gustav Eckstein.— Parteiverhältnisse und Parteikämpse in Holland. Von Henriette Roland-Holst.— Notizen: Auch ein Beitrag zur Einwanderungssrage. Von Gl. E.— Literarische Rundschau: Engen v. Philippowich, Die Entwicklung der wirtschastSpolitijchen Ideen im neunzehnten Jahrhundert. Von G. Eckstein. Die»Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- bandwngen, Postaustallen und Kolporteure zum Preise von 3. SS M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Hejt kostet SS Ps. Probenummern stehen jederzeit zur Versügung. KiestlingS großer Verkehrsplan von Berlin mit Vororten, im Matz« stabe 1: 20 000. Mit Verzeichnis der Straßen und Sehenswürdigkeiten. Zwölfte Auflage. Preis S sarbig 2 M., bsarbig 1,öO M.. 4 farbig 1 M.— KiessltugS kleiner Berkchrsplan von Berlin mit Vororten im Matz« stabe 1: 20 000. Mit Verzeichnis der Straßen und Sehenswürdigkeiten. Sechzehnte Auflage. Preis 6 sarbig 1 M., ö sarbig 75 Ps., 4 sarblg 50 Ps. — Kießlings Wanderbuch sllr die Mark Brandenburg und angrenzende Gebiete. Von Prosessor Dr. E. Albrecht. Dritter Teil. Weitere Umgegend Berlins(östliche Hülste). Mit 26 Karten. Siebente Auflage. Preis ge« bunden 2,50 M. Verlag von Alexius Kießling, Berlin SW. 11, Klein» beerenstratze 26. Die Tomali. Mit Originalzeichnungen. Von G. Einbeck. Preis 70 Pj. Verlag von Maximilian Macht, Charlottenburg, Rankestratze 1. Theater und Vergnügungen Freitag, 26. August. Ansang 71/s Uhr. Neues königl. Opern. Theater. Margarete. jiönigl. Schauspielhaus. Bürgerlich und romantisch. Faust. Kammer spiele. LwbeSwalzer. Deutsches. Fi Ans. S Ansang 8 Uhr. Lesftng. DaS Konzert. Berliner. Taisun. Komische Oper. Tiefland. Kleines. Nur ein Traum. Neues. Kasernenlust. Residenz. Im Taubenschlag. Neues Sciiauspielliaiis. Rasfle». Westen. Die geschiedene Frau. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller«». iWallnei- tkealer.) Der Tromveter von Säcklngen. Schi Ue? Eharlottrudurg. Goldene Herzen. Berliner Volksoper. Alt-Hcidel berg.(Anfang 8'/, Uhr.) Luisen. Aus der Goldwage. Hebbel. Wem gehört Helene? Der Kutz aus der Nedoute.(An- fang 8»/. Uhr.) Neues Qverette». Der Gras von Luxemburg. LustspiclhauS. Da» Leutnants- Mündel. Herrufeld. Die Welt geht unter. Wenn zwei dasselbe tun. Note. Sin seltsamer Fall Trianon. Pariser Witwen. Folies Eaprice. Die böse 13.— Die feilsche Toinelte.(Ansang 8'/, Uhr) Voigt. Lebenswellen. Puhlman». Am Rande beS Ab- grunbs.(Ansang Uhr.) Mrtrovol. Hallohll— Die Revue. Apollo. Spezialitäten. Vasinge. Spezialitäten. Neichsballen. SteUiner Sänger. Walhalla. Svezmlttäien. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Havcrlnnd. Spezialitäten. Prater. SchützenliS'l. Schivrizer-Garteu. Spezialitäten� Elternlos. Mar flltcui. Spezialitäten. lkl~" grotze Volke garten. Der Zigeunerbaron. Urania. Ti>»l>e»siroße 4M'4«. Abend« 8 Uhr: In den Dolomiten. Sternwarte. Jnoalibenstr. 57— 62. Lessing-Theater. 8 Uhr: Das Konzert. Sonnabend 8 Uhr: Der Biberpelz. Sonntag 8 Uhr: Tantris d. Narr. Sommerpretse: Park. 5, 4u. 3 M. ic. berliner l'üeste!-. Heute 8 Uhr: TnIhlN« Morgen: Talfnn._ Neues Theater. Täglich: Kasernenluft. Ansang 8 Uhr. Berliner Volksoper. Heute>/,g Uhr: Gastspiel des Neuen Schauspielhauses: _ Alt-Hcidelberg. Theater des Westens. Anfang 8 Uhr. Dl« Keachicdcno Krnii. l�crelle von Leo Fall Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der«ras von Luxemburg. Operette in 3 Att. von A. M. Willner u. R.BodanSty. Musik v. Franz Lehär. l�esiäen?»Tkester. Direktion: Richard Alexander. Ansang 8 Uhr. Im Taubenschlag. Schwank in 8 Akten von Hennequln und Veber. Morgen und folgende Tage dieselbe Vorstellung. Sommer. Preise. lAlisen-Theater. Leute Woche k 8 u'w Auf der Goldwoge. Schauspiel ln 5 Alten. Sonnabend: Lena Warnstetten. Sonntag 3 Uhr: Der Graf von Monte Christo. AbendS 8 Uhr: Der stille See. Montag: Geschlossen. Die größten Schlager der lehtcn Saison: Die Welt geht unter! und Wenn zwei dosselde tun mit Aiitou und Do nat Herrnfeld. VActtvorvcrk. 11-3 Uhr. Ans. 8 Uhr. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: In den Dolomiten. Scliiller- Theater. Schiller-Theater Chtrlottenburg. Freitag, abend« 0 Uhr: Golden« Hcmcn. VolkSstück in 4 Akten von$. Karlwes. Ende 10'/, Uhr. GALTEN Täglich; Großes Militär- Doppel-Konzert Eintritt 1 Mark. von abend» S Uhr ab Sv Ps.� Ikinder unter zehn Jahren die Halste. Sohlller-Thestor 0.(Wallner-Theat.) Gottscheid-Oper. Freitag, abend» 8 Uhr: Der Trompeter von SäcMngen. Romantische Oper in 3 Akten von Viktor E. Netzler. Ende 10»/, Uhr. Sonnabend, nachm. 3Uhr, bei ermätzigten Preisen: Ulndin«. Sonnabend, abends 8 Uhr: Dl« Förstcr-Chrlstl. Sonntag, nachm. 3Uhr, bei ermäßigten Preisen: Zilnr nnd Xinin-et-iiinnn. Sonntag, abends 8 Uhr: vor Trompeter von Laclelngen. Täglich 6-11 Uhr: Riesen-Kineniatograpli. Passage-Panoptikum. 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Berliner Reichstags-Wahlkfeisas Sonntag, den 28. August 1910 1 Großes Sommer-Fest im Lokale von PfitZ Wilke. Brnnnenstr. 188 bestehend in Konzert, Gesang, Berliner Ulk-Trio, Volks- und Kinderbelustigungen alier Art Im Saale: Tanz. Herren, die daran teilnehmen, zahlen 30 Pf. naeh. Eröffnung 3 Uhr. Anfang 4 Ehr. Programme werden an der Kasse bezahlt. 228/8* Das Komitee. Konzert-Stablissement Jriedrichshain i�.oe m stor 9 Sonntag, den 88. August 1010: Grosse Matinee veranstaltet vom Juehhinder-Illinnereiior", Leipzig 1 Gesangrereln„Ubertfi". Berlin Ohorm. Herr Karl Sohiobold I Chonn. Herr P. A. Joseph Mitglieder des O Ä.-S.-B. Mitwirkende: Konzert- u. Opemsfingerin Frl. Lotti Eichstädt(Sopr.) Hei-r Georg Maerdel(Orgel). Anfang prSzise»/,12 Uhr, ElnltB 10'/, Uhr. 514b Eintritt 50 Pf., Vorverkauf 40 Pf., Progr. u. Liedertexte grat. - Rauchen nicht gestattet. Xlie Matinee-Billetts berechtigen auch zum Eintritt == für das Nachmittags• Konzert i........... Abende von 7 Uhr an: OROSSER BAIjE. Schloß Welssense©. Heute sifreitng, 26. August: Jnteniation. RiugkamPf Konfnrrenz. ES ringen: Madrailli. Armenien, gegen Manfred», Italien. Reck- ling, Hamburg gegen Saurer, Bayern. Michailoff, Rutzlanb, gegen Miftbach. Sachsen.— Sutschribungskampf: Roland. Deutschland, geg. Bellingroth. Hamburg. Vor den Ringkämpfen: Auftrete« der beliebten Hoffmanns Sänger. Ansang der Vorstellung 7'/, Uhr, der Ringkämple 3'/, Uhr. Auto-grei- fahrt vom Alexanderplatz(Tietz) 8'/, Uhr. Morgen Fortsetzung._ TERRASSEN HALENSEE GrSfiter VergnllgungeparK dee Kontinente. Sensationelle Attraktionen, Translateur- nnd Militär- Kapellen, Oberbayerische Sänger und Schuhplattler. Neu! Tanagra, Eintrittspreis 50 Pf. Sonnabend, den HZ. Angnat: das achte Weltwunder. Eliietag. Tausend und eine Nacht. _ Feenhafte Parkbeleuchtung durch 16 Schiffsscheinwerfer. (Magische Beleuchtung. O- Aladins Wunderlamne. Dirigentengastspiel von Viktor Holländer mit dem Translatenr-Orcbester. 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DonuerSt.: Gr. vrlllani-Feuerw. Für de» Iiihalt der Inserate Übernimmt die Redaktto» dem ublitum gegennber(cinevlil erantwortung. JerHoep Irtelter- Railfalirer-lffireiD4' Mitglied des Arbeiter» Radfahrer-Bundet .Solidarität". Touren zum Sonntag, 28. August. Sämtliche Abteilungen 12'/, Nhr nach Ober-Schöneweide Uotksftft. Sammelstart in Ober-Schöneweide 1'/, Uhr(Marktplatz, Edisonstraße). Starts an den bekannten Stellen. 11. Abt., Sektion der Gastwirts- gehilfen, am 1. September. 8 Uhr: Wendisch-Buchholz. Start: Gr. Ham- burgcr Str. 13. Lichtenberg. 5 Uhr: Buckow (Schweizcrhaus). i Uhr:„Hungriger Wolf". Start: Pfarrstr. 74. ■ZurMintiation ElnaegnnngB- Anzüge Einsegnnngs- Kleider PrUfnng«- Anzüge PrUfiingN Kleider Fertige Wüsche Kleiderstoffe auf nur wöchentlich Teilzahlung 1 Mk. II. Belker, Lothringer Str. 67, I. u. II. rw. llosentdalee- u. SedSndsus.roe. EiliftziiilligSliilßge sehr große Auswahl fertig 9,— an, nach Maß außergewöhnlich billig. Herren- Anziige 8,25 an. 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September, mittags 12 Uhr, an die Geschäftsleitung der Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer& Co., Hamburg 36, Fehlandstr. 11, einreichen.• Geldschrank-Schlosser, tüchtige, finden dauernde Beschäftigung bei Adolphs& Co., Ratingen bei Dfisseldorr. 5216 Achtung! Töpfer! Folgende Firmen sind gesperrt und zu meiden: Fi-nnt Ei, gier, Rixdors, Berliner Str. 83. wegen Nichtbezahlung des Tarifes. In Frage kommen die Bauten Berlin, Osener Sttaße und TranSoaalslraß«. Paul Sohalae, Rixdors, Bau JuliuS- Ecke Bendastraße in Rixdors, wegen rückständiger Löhne. Haxo Dctert, Berlin, Leipziger Str. IIS, wegen Beschäftigung von Wilden. Hier kommen die Bauten Jahn- Ecke Mommsenstraße, Steglitz, in Betracht. Weiter geben wir bekannt, daß die Leipziger Kollegen sich im Streik befinden. Die dortigen Unternehmer suchen unter Chiffre Töpfer, natürlich sollen diese RauSreißerdienste leisten. SÜfo gehe keiner nach Leipzig. 193/9_ Die Verbnndnleltnng. 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