Pr. 20». nbonnementS'Redlngandfcn: BBonnemenW. Preis pränumerando: Piertoljährl. SLll SRI., nionatl. 1,10 Ml., wöchenllich 28 Pfg. frei inS HauS. Einzelne Nummer k Pfg. Sonntags. nummcr mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post» �Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen>n die Post-ZcitungS» Prcislisis. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PostabonnemeMS nehmen an: Belgien. Dänemark. Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 87. Jahrg. CfMülnt tZsIIch außer GIontisA Vevlinev VolKsblnkl. B!e TnlcrfionS'Gcbflfjr velrägt für die fcchSgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum 50 Psg., für politische und gewerkschaftliche BercinS. und Bersammlungs-Anzeigen 80 Psg. „Uleine?nreigen", das erste tsclt- «edru-ktc, Wort 20 Pfg., jedcS weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnicr müssen pi. k>Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adreffe: „SozialdtDioKrat RcrllBt Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfcblands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasae 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. ejcpcditions SAl. 68, Lindcnatraaac 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. fürwahr, lie treiben; toll! Herrn v. Bethmann Hollweg, dem vcrantwort- lichen Minister des Deutschen Reichs ist endlich die Zunge gelöst worden. Die„Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht nach- folgende Kundgebung: „Die Königsberger Rede Seiner Majestät des Kaisers und Königs hat in einem Teil der Presse starken Protest hervor- gerufen. In der Rede soll eine Verkündung des ÄbsolutismuS, eine Geringschätzung des Volkes und der Volksvertretung ent- halten sein. Demgegenüber stellen wir zunächst fest, dah die Rede kein Regierungsakt, sondern ein persönliches Be« k e n n t n i S des Monarchen war. Als solches atmet es den Geist des auf religiösem Grunde ruhenden Pflichtgefühls, den der Kaiser wiederholt bekundet und bei Ausübung seines Herrscher» berufs stets betätigt hat. Als Unterlage für jene Behauptung dient hauptsächlich die Stelle, welche besagt, daß Seine Majestät ohne Rücksicht auf Tagesmeinungen seinen Weg gehen werde. Ter wäre ein schlechter König, der die Ansichten des Tages zur Richtschnur seines Handelns nähme. Der Kaiserliche Redner soll sich aber mit jenem Wort in Gegensatz zur Verfassung gestellt haben. Die Folgerung läßt sich nur aus der Fiktion einer von schwankenden Stimmungen abhängigen Parlamentsherrschaft oder gar eines Absolutismus der Masse erklären, wovon die Verfassung nichts weiß. Ebensowenig liegt in der Erwähnung der historischen Tatsache, daß die Könige von Preußen die Krone nicht auS der Hand von Parlamenten empfangen haben, eine Mißachtung von Volksrechten und Volksbeschlüssen. Damit war es auch nicht in Einklang zu bringen, daß die Königsberger Rede einen jeden im Lande zur Mitarbeit an der Wohlfahrt und friedlichen EntWickelung des Vaterlandes auffordert. Ein Herrscher, der so viel Beweise davon gegeben hat, daß er. fest auf dem Boden der Verfassung stehend, die schaffenden Kräfte deS Volkes zu fördern und zu achten weiß, sollte vor solcher Mißdeutung geschützt sein. Hiernach ist endlich die Frage, was der Reichskanzler tun werde, leicht zu beantworten. Der Reichskanzler weiß, wie fern eS dem Kaiser und Könige gelegen hat, sich in den aktuellen Streit der Parteien zu stellen und seiner Rede den absolutistischen Sinn zu geben, der zu Agitationszwecken künstlich hineingelegt und herausgelesen worden ist. Er wird daher Seine Majestät gegen willkürliche Auslegungen und bösartige Verdrehungen verteidigen und die Geschäfte wie bisher in voller Uebereinstimmung mit der Krone unter Wahrung aller verfaffungsmäßigen Rechte führen." Die Presse des schwarzblauen Blocks hat wirklich recht: die Aera Bülow ist endgültig vorüber. Herr v. Bethmann Hollweg ist ein gewiffenhafter Totengräber. Der liberale Firnis, mit dem Fürst Bülow seine reaktionäre Politik zu überstreichen liebte, wird sorgfältig abgekratzt und die Errungenschaft, die am stolzesten gepriesen wurde, die Eindämmung des persönlichen Regiments, ist heute nicht mehr wert als das Stück Papier, auf dem das feierliche Versprechen Wilhelms II. geschrieben lvar. Wir stehen wieder dort, wo wir vor den Novcmbcrtagen 1908 gestanden haben, nur mit dem Unterschied, daß heute der Kanzler des schwarz- blauen Blocks mit Hurra schluckt, was damals niemand herunterwürgen wollte. Freilich, an Herrn v. Bethmanns Stellungnahme durste man von Anfang an kaum zweifeln. Ohne jeden Halt und ohne jedes politische Ansehen im deutschen Volke verdankt er sein Amt und sein Verbleiben im Amte ja wirklich nur dem Gottesgnadentum Wilhelms ll., verdankt es nur dem Jim- stände, daß Deutschland eben noch halbabsolutistisch regiert werden kann. Denn wenn der Deutsche Reichstag Einfluß auf die Besetzung des wichtigsten Amtes hätte, sogar die schwarzblaue Majorität, unter der wir bis zu den Wahlen leiden müssen, würde sich einen fähigeren Geschäftsführer aus- suchen. Und Herr v. Bethmann ist auch wirklich das einzige Exemplar eines europäischen Ministers, das geeignet erscheint, die Verantwortung für diese Proklamierung des Gottes» gnadentums und des Absolutismus zu übernehmen. Der Mann der gottgegebenen Abhängigkeiten weiß ja selbst. daß er, weit sicherer als Wilhelm II. ein Instrument Gottes, selbst nur ein Instrument Wilhelms II. ist, ein Instrument, das sofort aufhört zu tönen, wenn sein Herr die Lust verliert, darauf weiterzuspielen. Und dem Feind des gleichen Wahlrechts, dem Hasser jeder demokratischen Entwicklung sind ja die Gedankengänge, die Wilhelm II. bewegen, sicher sehr sympathisch. So ist's eigentlich nicht verwunderlich, daß das Instrument wiedertönt, wie der Herr spielt. Freilich allzuwohl ist es Herrn v. Bethmann nicht zu Mute. Er läßt zunächst feststellen, daß die Rede kein Regierungsakt, sondern nur ein„persönliches Bekenntnis" war. Damit soll Wohl ausgedrückt werden, daß man die politische Bedeutung der Rede nicht über- schätzen solle. Ein„persönliches Bekenntnis", also bloße Worte, denen kein Akt, keine Taten entsprechen werden. Nun ist gewiß, daß von Worten zu Taten ein großer Schritt ist, und gerade bei Wilhelm II. sicher kein geringerer als bei anderen Menschen. Aber Herr v. Bethmann vergißt, daß gerade diese Entschuldigung zu einer neuen An klage wird. Denn aus dieser Feststellung muß man folgern, daß der gute Bethmann von dieser Rede ebenso überrascht worden ist wie alle Welt sonst, daß der Kaiser eine immerhin politisch stark wirkende Rede gehalten hat, ohne sich vorher mit dem Kanzler ins Ein vernehmen zu setzen. So aber ist das Versprechen Wilhelms H. und die Erklärung Bülows, daß Wilhelm!I. sich auch in Privatäußerungen künftighin mehr Zurückhaltung auferlegen werde, nirgends im deutschen Volke aufgefaßt worden. In dem Bethmann Hollweg die untergeordnete Stellung, die das persönliche Neginlent aufs neue dem Kanzler anweist, bedingungslos und ohne Einschränkung akzeptiert, tritt er selb st auf die Seite des Absolutismus und gibt das Recht preis, das die Verfassung der Stellung des der antwortlichen Ministers einräumt. Damit aber gibt Herr v. Bethmann natürlich auch jede Selbständigkeit preis und wird zum Höfling, der unter allen Umständen seinen Herrn zu entschuldigen und zu verteidigen sucht. Freilich mit sehr Ivenig tristigen Gründen. Die Rede, erzählt uns Herr v. Bethmann, sei ja gar nicht so schlimm gemeint gewesen; Wilhelm II. habe doch schon so viele Beweise davon gegeben, daß er fest auf dem Boden der Per fassung stehe. Wir unterlassen die nähere Untersuchung dieser vorgeblichen Beweise. Aber wer bürgt uns denn dafür, daß Herr v. Bethmann ein richtiger Interpret der kaiserlichen Aeußerungen ist? Wilhelm II. hat sein Gottesgnadentum in den schärfsten Gegensatz zu Parlaments- und Volksbeschlüssen gestellt; das war deutlich und klar. Herr v. Bethmann sucht die schneidende Schärfe der Rede abzustumpfen. Mit welchem Recht? In der Tat, ohne jede Berechtigung! Das fühlt er auch selbst. Kaum hat er den Versuch gewagt, die Worte des. Herrn auszulegen, so erschrickt er selbst über sein Unterfangen und verschärft fast in dem entscheidenden Punkt die Worte Wilhelms II. Es ist übrigens sein alter Kniff, den er immer wieder anwendet, wenn vom Recht des Volkes gesprochen wird: sorgenvoll legt er dann das Gesicht in Falten und warnt vor der„Herrschaft der Massen". Wilhelm ll. spricht von seinem Gottesgnadentum, das unabhängig von Parlamentsbeschlüssen bestehe, und Herr v. Bethmann Hollweg erzählt uns, daß die Verfassung nichts wisse von der Fiktion einer von schwankenden Stimmungen ab- hängig enParlamentsherrschaftundeinemAbsolutismus der Masse. Was soll diese Erinnerung in Deutschland und in dem Preußen der Dreiklassenschmach? Was soll sie vor allem in dem Mlinde eines Ministers, von dem, wenn über- Haupt etwas, das eine sicher ist, daß er gegen den Willen der Masse des deutschen Volkes in seinem Amte ist? Herr v. Bethmann Hollweg hätte überhaupt besser daran getan, das Wort von den schwankenden Stimmungen in einer Verteidigung Wilhelms II. ungesagt zu lassen. Nicht der deutsche Reichstag, sondern Wilhelm II. sah sich zur Erklärung genötigt, daß er seine vornehmste Auf- gäbe darin erblicken werde, die„Stetigkeit der Politik des Reiches unter Wahrung der verfassungs- mäßigen Verantwortlichkeiten zu sichern". Diese Er- klärung hätte ja nicht abgegeben werden brauchen, wenn die kaiserliche Politik immer schon stetig gewesen wäre. In Wirklichkeit bricht in diesen Worten von der von schivanken- den Stimmungen abhängigen Parlamentsherrschnft nur wieder die alte unversöhnliche Feindschaft des Volks- fremden Bureaukraten gegen den Reichstag des gleichen Wahlrechts hervor. So ist die Erklärung Bethmann Hollwegs in ihrem entscheidenden Punkt nur eine Verschärfung der Kaiserrede. Wir beklagen das nicht und bedauern es nicht. Im Gegen- teil! Durch diese Solidaritätserklärung wird dem deutschen Volke die ganze Gefahr enthüllt, die den spärlichen konstitutionellen Rechten von den Gewalthabern oben droht. Herr v. Bethmann Hollwcg schimpft über willkürliche Aus- legungen und bösartige Verdrehungen der Kaiserrede. Sein eigener Kommentar verstärkt und stützt die Aus- legungen, die die Kaiserrede in der sozialdemokratischen Presse gefunden hat, auf das wirkungsvollste. Sie beweist, daß die parlamentsfeindliche Strömung in dem Kanzler des Deutschen Reiches auf willige Mithilfe zu rechnen hat. Um so wichtiger ist es, daß den Herrschenden gesagt wird, daß Volksbeschlüsse denn doch eine andere Bedeutung gewinnen können, als die da oben wähnen. Der Kanzler des Reiches hat gesprochen und dringend not täte die Antwort. Der Reichstag ist vertagt. Wenn aber die bürgerlichen Parteien ihre Pflicht täten, dann müßte die Regierung bald gezwungen werden, an dem gehörigen Orte Rechenschaft abzulegen und den Reichstag einzuberufen. Unterlassen die bürger- lichen Parteien ihre Pflicht, überlassen sie wieder der Sozialdemokratie allein, für die bedrohte Ver- fassung und die Rechte des Volkes gegen das Gottesgnaden- tum den Kampf aufzunehmen, dann werden sicher nicht w i r es sein, die das zu bedauern haben werden. Denn eines ist sicher: Bei den nächsten Wahlen macht d a s V 0 l k die Zeche! englische Stimmen über Sie KaiierreSe. London, 27. August.(Eig. 33er.) Bei dem großen In- teresse, das das englische Publikum seit Jahren an allem hat, was deutsche 3Zerhälwisse und Politik betrifft, kann es einen nicht wundernehmen, wenn die hiesigen Zeitungen jetzt viele Spalten lange Berichte über die Königsberger Kaiserrede und deren Beurteilung in Deutschland bringen. Einige der großen Londoner Tageblätter haben bis jetzt noch kein Urteil ab- gegeben; ihnen scheint vor Erstaunen der Verstand still zu stehen. Andere nehmen kein Blatt vor den Mund und geben der englischen Ansicht über das Gottesgnadentum in charakteristischen Worten Ausdruck. So schreibt zum Beispiel die konservative„Daily Mail": „Königsberg ist die Wiege des deutschen Imperialismus, denn dort war es, wie uns der Kaiser sagt, wo Wilhelm I er- klärte, daß ihm die Krone Preußens durch Gottes Gnade und nicht durch Parlamente, Nationalversammlungen oder die Stimme des Volkes versiegen worden sei. An dieser Ueber- Stimme des Volkes verliehen worden sei. An dieser Ueber- zeugungstreue fest, die erstaunenswert scheinen mag zu einer Zeit, in der man sich des Gottesgnadentums der Könige Haupt- sächlich in Verbindung mit dem unglücklichen Schicksal Karls des Ersten und einiger seiner kaum weniger un- glücklichen Muster und Nachahmer auf dem Festland erinnert." Der liberale„Morning Leader" äußert sich wie folgt: „Das„Gottesgnadentum der Könige ging in Groß- britannicn im Jahre 1649 und in Frankreich im Jahre 17L9 unter. Im übrigen Europa wankte es während der Napolconi- scheu Kriege und b ra ch im Jahre 1848 gänzlich zu- s a m m e n.... Daß der Kaiser in dieser eigentümlichen Ton- art redet, während die Sozialdemokraten die industriellen Kreise im Reichstage gewinnen, das hat den Geschmack einer komischen Oper. Aber es ist eine sehr ernste Au- gelegen heit für einen Mini st er, dessen schwierige Aufgabe durch solche Aeußerungen in kaum zu fassender Weise verwickelt wird. Dem Fürsten Bülow, so glaubte man wenigstens, gelang es, dem Kaiser nahezulegen, daß er nicht die Autorität eines absoluten Monarchen annehmen dürfe, und er(Bülow), nachdem er seinen Herrn in generöser, aber lahmer Weise ver- teidigt, gab dem Reichstage eine Art Versprechen, daß es nicht wieder vorkommen sollte. Es ist schade, daß der Kaiser den auferlegten Zwang als zu unbequem emp- f u n d e n hat und daß er heute so wenig wie ehedem verstehen kann, was man in einer Gesellschaft, die auf dem Bildungsniveau der Deutschen steht, sagen und nicht sagen darf. Es bedarf einer Anstrengung, um sich die Atmosphäre eines europäischen Hofes zu vergegenwärtigen, in der ein solcher Aberglaube über die eigene Person fortbestehen kann, besonders bei einem Herrscher, der wie der deutsche Kaiser in jeder anderen Hinsicht ein Mann der Welt ist." Die liberale, der Regierung nahestehende„ZLestminster Gazette" sagt: „Noch braucht man nicht zu zittern, wenn er spricht. Denn es gibt Parlamente und Volksversamm- l u n g e n, die die Entscheidung zu fällen haben. Noch hat Deutschland eine Preffe, die ein freies, männliches Wort führt und noch ist eine nicht zu unterschätzende s 0 z i a l i st i s ch e Partei vorhanden. Aber noch eins kommt hinzu. Würde Wilhelm II. die Welt der Rhetorik verlassen und in das Gebiet der scharfen Wirklichkeit herabsteigen, das Heer von Beamten und Bureaukraten, das ihn umgibt, würde ihn bald die G r e n z e seiner Macht fühlen lassen." Die liberale„Daily Nelvs" ist etwas skeptisch in Bezug auf die Urheberschaft der Rede und meint: „Man nimmt an, daß seine Majestät sein Versprechen ge- brachen hat; aber die Möglichkeit, daß er es nicht getan, ist nicht ganz ausgeschlossen. Es ist kaum möglich, daß sich der jetzige Kanzler für die Königsberger Erklärung verantwortlich gemacht hat, und dennoch ist es in Anbetracht dessen, was über die innere Politik und die Neigungen des Herrn Bethmann Hollweg bekannt ist, denkbar, daß dieser eine erneute Darlegung der seit- samen Prätension, die sich noch als einsam verlassenes Ueber- hleibsel in Preußen vorfindet, sanktioniert hat." Aus diesen Proben wird man sehen, wie perplex die Königsberger Kaiserrede das englische Publikum gemacht hat. Seit langen Jahren gilt Deutschland in England als das Land mit dem besten Erziehungswesen und das deutsche Volk als das gebildetste und am blfften unterrichtete Volk der Welt— und nun auf einmal wirft uns der Kaiser plumps zurück ins Mittelalter! 461 098�9 lllark Prclsaufkljlag. Die herrschende Fleischteuerung drückt naturgemäß den einzelnen mehr oder minder scharf, je nach seiner sozialen Lage. Die auf ihrer Hände Arbeit angewiesenen Pro- letarier, die auf Fleischnahrung nicht verzichten können ohne schwere Gefahren für die Gesundheit, müssen trotzdem den Konsum � einschränken oder andere Ausgaben unterlassen. Notwendige Schuhe oder Kleider werden nicht gekauft, sonstige Anschaffungen unterbleiben, oder: Frau und Kinder müssen noch mehr hungern und sich einschränken als vordem! Belegte Stullen sind für ungezählte von ihnen nur noch Festtagsgelcgenheiten. Bei den enorm hinauf- getriebenen Preisen mit dem bisherigen Wirtschaftsgeld aus- zukommen, ist den Hausfrauen einfach unmöglich. In Davidis' Kochbuch heißt es: Man nehme> Aber woher nehmen und nicht stehlen? Vorläufig allerdings kann man noch die Hoffnung hegen, daß die hochweisen Mitglieder des Berliner MagistratZ am Dienstag m dm Versammlungen die Fraum Eeteljfen, Fal Mr keine Teuerung Eeffefie.- Wir fürDen ic doch, die Herrschaften haben selbst schon den Appetit auf die Suppe verloren, die sie einbrockten. Na, man wird ja sehen! Die Fleischnotfrage hat nun aber nicht nur eine individuelle, sondern auch eine hervorragend Volkswirtschaft liche Bedeutung. Die jetzt für Fleisch mehr aufgewendeten Summen werden zum größten Teile anderen Zirkulations ädern entzogen. Die Konsumeinschränkung, die vorwiegend gewerbliche Erzeugnisse betrifft, bedingt weiterwirkend eine Stockung in der Warenherstellung. Die Fleischteuerung ver- schlechtert somit auch die Lage am Arbeitsmarkt, Die Ar- bester sind die zweifach Leidtragenden! In welcher Weise die Teuerung die Gesamtwirtschaft belastet, das ganz einwandfrei festzustellen ist bei der Rück- ständigkeit der amtlichen deutschen Statistik ausgeschlossen. Man muß sich damit begnügen, auf Grund der Rcichsstatistik Schätzungen vorzunehmen. Das geschieht in der nachfolgen- den Berechnung auf folgender Basis: Unter Ausschaltung der Hausschlachtungen, die für die Preissteigerung nicht in Betracht kommen, berechnen wir nach den Resultaten der Schlachtvieh- und Fleischbeschau und den vom preußischen Landwirtschaftsminister angenommenen Durchschnittsgewichten den Fleischkonjum im Jahre 1909. Bemerkt sei dabei, daß der Konsum in diesem Jahre schon geringer war als im Jahre vorher. Auf die Einbeziehung der Pferde und Hunde verzichten wir. Damit ist schon einem Minderverbrauch im laufenden Jahre Rechnung getragen. Die vorjährigen Berichtszahlen dienten als Maßstab für die Berechnung der Verteuerung im laufenden Jahre. Schwierigkeiten macht die Festlegung' eines durchschnittlichen Preisaufschlages. Dieser ist bekanntlich in den verschiedenen Orten sehr verschieden; auch geht die Preiskurve im Laufe eines Jahres oft stark auf und ab. Wir suchen eine mittlere Linie und unterstellen die vom königlichen Polizeipräsidium in Berlin fiir den Monat Juni gegenüber April 1910 ermittelte Preisdifferenz als Reichsjahresdurchschnitt. Danach beträgt der Aufschlag für Rindfleisch 20 Pf., für Schweinefleisch ebenfalls 20 Pf. und für Hammelfleisch 30 Pf. pro Pfund; für Kalbfleisch käme demnach ein Aufschlag überhaupt nicht in Frage. Diese, unserer Ansicht nach sehr vorsichtige Berechnungsart. die von der Wirklichkeit wohl nicht unerhebliM. übertroffen werden dürfte, ergibt folgende Resultate: Zahl der be- Gesamtgewicht Lerteuerung schauten Tiere in Kilogr. Mark Rinder l... 412t54g SöS 554 015 193 712 803 Kälber.... 5 136 768 205 470 720— Schweine... 15 530 775 1 242 462 000 248 492 400 Schafe und Ziegen 2 982 211 59 644 220 17 893 266 Insgesamt 461 098 469 Fast eine halbe Milliarde mußte das Volk im Jahre 1910 für den Fleischwucher opfern. Man mag einige Be- denken haben, die Berliner Preisaufschläge als Jahresdurch- schnitt für das Reich gelten zu lassen, für Berlin sind sie sicher ein geeigneter Maßstab. Versuchen wir nun, für die Reichshauptstadt allein die Summe der Aufschläge nach dem obigen Berechnungsmodus zu ermitteln, dann erhalten wir, nach den Fleischbeschauzahlen aus dem Jahre 1909, diese Zahlen: Zahl der be- Gesamtgewicht Verteuerung schauten Tiere Kilogramm in M. Rinder..... 155 644 36 576 340 7 315 268 Kälber..... 173 272 6 930 880— Schweine..... 1085 820 86 866 400 17 873 280 Schafe und Ziegen. 513 093 10 261 860 3 078 553 Insgesamt 27 767 106 Die Stadt Berlin hätte also im Jahre 1910 27 767 106 Mark für ihren Fleischkonsum mehr aufzubringen, wenn der tatsächliche Aufschlag pro Pfund für Rind- und Schweine- fleisch nur 10 Pf., für Kalb-, Hunde- und Pferdefleisch 0,00 Pf. und für Hammelfleisch 15 Pf. betrüge, �ede Haus- frau weiß jedoch, daß diese Sätze tatsächlich weit überholt werden. Um schließlich noch die Belastung der Stadt Berlin im zweiten Quartal des laufenden Jahres festzustellen, legten wir der folgenden Berechnung die Beschauzahlen des ersten Quartals zugrunde und kamen dabei zu folgendem Ergebnis: Rindvieh Kälber Schweine Zahl der Tiere.. 41 864 45 873 283 985'l31 082 Gewicht Kilogramm. 9 833 040 1834 920 22 713 800 2 621640 Preisaufschlag in M. 1 967 608— 4 543 760 786 492 Insgesamt hat die Stadt Berlin infolge des Preisauf- schlages rm zweiten Quartal nach dieser Rechnung 7 237 863 Mark für Fleisch mehr bezahlen müssen. Nach dem Be- Völkerungsstande vom 1. Februar 1910 berechnet, ergibt sich folgende Belastung pro Kopf de_r Bevölkerung: im 2. Quartal 1910 nach der Schätzung für daS ganze Jahr 3,43 M. 13,06 M. VN sozialistische VolksfeR In Sünder- marken. Kopenhagen, den 28. August 1910. Im Polizeistaat Preußen galt bis in die jüngste Zeit als Der- mächtnis eines absolutistischen Zeitalters das heilige unverbrüchliche Gesetz, daß die Politik nicht auf die Straße getragen werden dürfe und deshalb alle politischen Aufzüge polizeilich verboten und der- hindert werden müßten. Erst dadurch, daß die Berliner Sozial- demokratie sich an diese heilige Tradition nicht kehrte, sondern, als Berlins genialer Polizeipräsident ihr die öffentlichen Massenver- fammlungen im Treptower Park untersagte, ihre Wahlrechts- demonstration in den Tiergarten verlegte, hat sie sich das Recht auf Politische Massenkundgebungen unter freiem Himmel erobert. Dem von der Kopenhagencr Parteileitung aus Anlaß des Jnter- nationalen sozialistischen Kongresses geplanten Massenzug nach dem südwestlich von Kopenhagen gelegenen prächtigen Sondermarken- Park drohte zwar kein polizeiliches Verbot; dafür stellte sich aber am Sonnabend ein anderes Hindernis ein: der Regen. Man behauptet scherzweise von Kopenhagen, daß es neun Monate Winter und in den übrigen drei Monaten keinen Sommer hat. Auch der Be- ginn der Tagung des internationalen Arbeiterparlaments schien durch Regen eingeleitet werden zu sollen; denn am Sonnabendnach- mittag öffnete plötzlich der Himmel seine Schleusen und sandte mit kurzen Unterbrechungen ganz respektable Regenmengen herab, so daß an manchen niederen Strahenstellen sich hübsche Pfützen bil- beten. Doch Jupiter pluvius hat mehr politische Einsicht als ein preußischer Polizeipräsident. Heute, am Sonntag, waren zwar in ,der Frühe die Straßen meist noch naß, aber die um 8� Uhr durch- brechende Sonne trocknete schnell die letzten Spuren der sonnabend- lichen Sintflut; und wenn sich auch seitdem wieder dunkles Gewölk am Himmel zusammengezogen hat, ist doch das Volksfest von neuen Regenfluten verschont geblieben. Schon bald nach Mittag belebte sich die Gegend in der Nähe des alten Kopenhagener Volksvergnügungsparkes, des TivoliS. Teils in geschlossenen Reihen mit Fahnen und Standarten, teils in losen Trupps zogen die vielfach mit roten Blumen und Vereinsabzeichen geschmückte Kopeuhggexc Allster he.M und nshWn ngch bm M NeHnek nlan eins fünfköpfige Familie als drei Vow Personen, dann hätte sie pro Jahr eine Belastung von 39,18 Mark durch die Fleffchteuerung zu tragen. Da zeigt sich die gemeingefährliche argrarische Politik in ihrer Plünder Wirkung! Soweit die Arbeiterschaft an der Belastung beteiligt ist, muß sie den Ausfall durch Lohnerhöhung auszugleichen suchen. Geschieht das, dann jammert das Scharfmachertum über Schädigung der Volkswirtschaft und was dergleichen Sentiments mehr sind. Eine Hemmung der gewerblichen Tätigkeit wird aber zweifellos durch den Lebensmittelwucher herbeigeführt. Da hätten die Industriellen und Gewerbe treibenden berechtigten Anlaß, über Schädigungen zu lamen- tieren. Aber sie haben die Zoll- und Grenzsperremißwirt' schaft gefördert; sie ernten nun, was sie gesät. Ein energi- scher Widerstand gegen die agraische Wirtschaftspolitik ist daher nicht nur im Interesse der Konsumenten, sondern auch in dem aller Gewerbetreibenden dringend erforderlich. Wehrt sich das Volk aber nicht, dann wird es immer noch mehr bedrückt, immer noch mehr ausgebeutet. Der unersättliche Militarismus, der unverschämte Lebensmittelwucher saugt und zehrt an seinem Marke. Sich dieser unheimlichen, ver wüstenden Schmarotzer zu erwehren, ist des Volkes heilige, anabwendbare Pflicht. Wie notwendig das ist. hat die Erfahrung gelehrt, In den Tagen der Fleischnot des Jahres 1905 wehrte der lustige Tippelskirch-Podbielski die Klagen des Volkes ab mit der wegwerfenden Bemerkung, es handele sich um keinen JUlifilfi! Jlnrieipolfdi! Erscheint IfClttC HÖCttb m Mafien zn den von der Berliner Arbeiterschaft einberusenen DlchechlMlmp! Notstand, sondern nur um eine vorübergehende Erscheinung. Der Landwirtschaftsminister und Schweinezüchter dachte, wie der fidele Schweinezüchter im„Zigeunerbaron" sang: „Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweine- speck". Und die Viehproduzenten erfreuten sich reichen Segens. Immer höher schnellten die Preise hinauf. Anfang Novmeber 1906 sah sich die Berliner Fleischerinnung ver- anlaßt, dem Landwirtschaftsminister folgende Resolution zu widmen: „Wir bedauern es auf daS tiefste, daß der Ratgeber der Krone auf die wiederholten Notrufe des Berliner Fleischer- gewerbes, welche im Interesse der Bevölkerung und im schweren Ringen um unsere Existenz erhoben worden sind, sich bisher nicht einmal veranlaßt gesehen hat, eine Antwort zu erteilen; wir meinen als Staatsbürger das Recht zu haben, auf unsere Ein- gaben und Bitten auch einer Antwort gewürdigt zu werden. Ew. Exzellenz haben durch die nicht in Erfüllung gegangene Voraussage in bezug auf Beendigung der Schweineteuerung den unwiderlegbaren Beweis gegeben, baß Ew. Exzellenz nicht in der Lage sind, die Verhältnisse auf diesem Gebiete richtig zu beurteilen, um danach geeignete Maßregeln ergreifen zu kSnnen. Ew. Exzellenz halten nach wie vor in unberechtigter Weife die Hand über einen Stand, welcher nun schon seit mehr denn zwei Jahren in bezug auf Viehproduktion den berechtigten Forde- rungen der Konsumenten nicht nachgekommen ist. Jeder Ber- liner Biehmarkt ist eine Bankrotterklärung der für diesen Vieh- markt in Betracht kommenden Landwirtschast. Im Interesse des konsumierenden Publikums und in Wahrung unserer eigenen Existenz erheben wir daher von neuem nicht mehr die Bitte, sondern die Forderung, daß sofort Maßregeln zur Oeffnung der Grenzen getroffen «erden und ersuchen Ew. Exzellenz um Bescheid, tvann diese für die Volksernährung so dringend nötigen Anordnungen zu er- warten sind." Sonnabend von unserem Kopenhagener Parteiblatt„Sozialdemo- kraten" veröffentlichten Plan Aufstellung. Gegen 4 Uhr fanden sich auch auf dem den Hafen mit dem Rathausplatz verbindenden Bester Boulevard die ausländischen Kongreßdelegierten als ihrem Samm- lungsplatz ein, während in den zum Boulevard führenden Neben- straßen sich die verschiedenen politischen Arbeitervereine und Ge- werkschaften aufstellien, meist mit ihren Fahnen und Emblemen. Eine fröhliche, heitere Menschenmenge, im Sonntagsstaat. Durch- weg kernige Gestalten mit intelligenten, selbstbewußten Gesichern. Kurz nach 4 Uhr setzt sich unter Kanonendonner der Zug in Be- wogung. Voran ein Musikkorps, dann die sich am Zuge beteili- genden Delegierten, darauf die politischen Vereine und die GeWerk- schasten, jede größere Abteilung unter Begleitung eines Musikkorps, Unter den Klängen der Musik und dem Gesang dänischer Arbeiter- und Freiheitslieder geht es zwischen einer Spalier bildenden viel- tausendköpfigen Zuschauermenge hindurch die Tietgensgade und den breiten Sönder-Boulevard entlang nach dem südlich von Frederiks- berg Have(Friedrichsberger Schloßpark) und dem Zoologischen Garten gelegenen„Sondermarken" s Südfeld), den vielfach an den Treptower Park erinnernden großen Lusthain Kopenhagens mit herrlichen Baumgruppen, schattigen breiten Alleen, grünen Rasenplätzen und großen Springbrunnen— an schönen Sonntagnachmittagen der Tummelplatz des ftöhlichen Kopenhagener Volks- lebes. Immer größer wird der Zug. Rechts und links schließen sich neue Teilnehmer an, und als er den breiten Sönder Boulevard ent- langzieht, schweift der Blick über eine fast unübersehbare Menschen- menge, aus deren Mitte ein Wald roter Fahnen und Banner empor- ragt. Für den Fremden ist dabei interessant, mit welcher erficht- lichen Sympathie die Spalier bildende Bevölkerung, auch die klein- bürgerliche, und selbst ein Teil des zuschauenden wohlhabenden bürgerlichen Publikums den Riesen-Demonstrationszug aufnimmt. Kein Wunder, denn der Sozialdemokrat hat sich im kommunalen Leben Kopenhagens eine angesehene Stellung erobert. Von den 42 Mitgliedern der Stadtveroronetenversammlung gehören 20 der Sozialdemokratie an, 5 den Sozialradikalen, die übrigen 17 den gegnerischen Parteien. Und dem entspricht auch die Vertretung der Partei in dem aus 4 Bürgermeistern und 4 Beisitzern bestehenden Kopenhagener Magistrat. Zwei der Bürgermeister und ein Beisitzer find SozigldMokrstcn, ein BürgVMijtLx ujst» ein B�isstW WMW So stand' es damals. Heists wäre zu nocf) enerMHMn Worten Anlaß vorhanden. Ein Vergleich der Preise von damals und heute zeigt das. Nach den Zusammenstellungen der amtlichen„Statistischen Korrespondenz" kostete jm August ein Kilogramm Pfennig: 1906 1910 Letzet höher Rindfleisch von der Keule 164 175,8 11,3 Rindfleisch vom Bauch. 140 146,1 6,1 Kalbfleisch..... 165 183.9 18,9 Hammelfleisch.... 164 174,3 10,3 Schweinefleisch war im August dieses Jahres noch mcht wieder ganz so teuer als im August 1906, aber im Vergleich mit früheren Jahresdurchschnitten ergeben sich die folgenden Zahlen. Es kostete ein Kilogramm Schweinefleisch Pfennig: 1901 1902 1903 1904 1905 �ust 141 150 139 132 156 162,1 Das sind unheimliche Preissteigerungen. Und die Auf- lnärtsbewegung ist noch nicht zum Stillstand gekommen. Trotzdem, die Regierung bleibt untätig. Um so nachdrück- lichex muß das Volk sich vernehmen lassen. Darum, auf zum Protest! Hinein in die Versammlungen! Sern ßlutzaren zum Gruß! Heute trifft der Zar in Hessen ein, um auf Schsoß Friedberg Woh- nung zu nehmen. Alle Vorbereitungen und Schutzmaßregeln find bereits getroffen und außer einem Heer von deutschen und russischen Polizeikommissaren und Spitzeln und deutschen Gendarmette- und Militärabteilungen, find auch schon Polizeihunde nach Fttedberg ge- schafft, um daS kostbare Leben des Blutzaren zu schützen. Der jetzige Zarenbesuch in Deutschland ist der erste längere Besuch, den Nikolaus II, nach der Revolution im Auslande unter- nimmt. Sowohl die vorjährige Englandsrcise des Zaren, wie sein Zusammentreffen mit dem italienischen König in Racconigi, trugen, obwohl sie politisch weit bedeutsamer waren, eiuen flüchtigen, vorübergehenden Charakter. Auch das„freundnachbar- liche" Zusammentreffen Nikolaus II. mit Wilhelm II. in Kiel diente nur dem Zweck, den deutschen Kaiser zu begrüßen und die„traditionellen" Freundschaftsbande zu festigen, die die russische und preußischdeutsche Reaktion aneinander ketten. Dann trug die Zarenjacht den Zaren weiter an die Küsten Frankreichs und Eng- landS, damit in strengster Abgeschiedenheit ein neues politisches Ränkespiel— auch gegen Deutschland— eingeleitet werde. Erst jetzt wagt der Zar, einen längeren Aufenthalt in einem europäischen Kulturstaat zu nehmen, sund eS ist höchst bezeichnend und tief be- schämend für die politischen Zustände in Deutschland, daß der Zar, trotz der bestehenden Spannung zwischen der deutschen und russischen Politik, sgerade den deutschen Boden mit seiner Anwesenheit zu belästigen wagt. Er weiß, daß den Gefühlen des Volkes in Deutschland nicht Rechnung getragen wird, und daß seine Anwesenheit der deutschen Junkerkaste nur willkoinmen ist. Er weiß auch, daß nirgends das Geld der Steuerzahler in so ausgiebigem Maße wie in Deutschland zu seinem Schutze verwendet werden wird, und daß keine Polizei so eifrig seine Spuren bewachen wird, wie die vom Spitzelgeneral Harting erzogene deutsche Polizei. Die byzantische Presse ist schon seit Wochen bemüht, für den Zarenbesuch in Deutschland Stimmung zu machen. Dieselben Organe. die in letzter Zeit bemüht waren, eine Kriegshetze gegen Rußland ein- zuleiten, um eine Wahlparole für die deutsche Regierung zu sichern, faseln nun von den„Pflichten internationaler Höflichkeit", die auch die sozialdemokratische Presse während des Zarenbesuches beachten möge. Diese Heuchelei ist höchst bezeichnend für jene Kreise, die sich als Vertteter der öffentlichen Meinung des deutschen Volkes auf« spielen. Das deutsche Volk hat keine Veranlassung, diesen Stimmen Gehör zu schenken. Mit dem größten Nachdruck und in der schärfsten Weise protestiert es dagegen, daß dem Verbrecher auf dem Throne in Deutsch« land Gastfreundschaft erwiesen wird. Der Zar kommt zu uns, belastet mit der Blutschuld seiner Schergen, verfolgt von den Flüchen und dem Haß der Völker, die unter seinem Szepter stöhnen. 3000 Hingettchtete, 6000 zum Tode Verurteilte, 75 000 Verbannte, 200 000 Gefangene, darunter 20 000 Katorgagefangene, mit solcher Schuld belastet erscheint der Zar vor dem deutschen Volke. Ein verwüstetes Land, in dem die Cholera und die Pest täglich Tausende von Opfern fordert, eine diebische verlotterte Regierung, die dem Volk die Haut über die Ohren zieht, eine Karikawr auf ein Parlament, die die Todesstrafe und die Willkürherrschast gutheißt, völlige Wiederherstellung der schlimmsten Seiten des Absolutismus. künstliche Entfachung der ärgsten Leidenschaften des Volkes. Verfolgung der Fremddölker, Niederwerfung aller freiheitlichen Bestrebungen deS Volkes— das sind die Früchte der Politik, zu den Sozialradikalen. Mit den letzteren hat also in der Stadt- verordnetenversammlung wie im Magistrat unsere Partei die ent- schiedene Mehrheit. Geradezu enthusiastisch gestaltet sich die Begrüßung des ZugeS, als er einige hauptsächlich von Arbeitern bewohnte Straßen passiert. Die Bewohner haben es sich nicht nehmen lassen, die Häuser mit Guirlanden zu schmücken und quer über die Straßen Seile mtt bunten Flaggen zu ziehen. Alle Fenster sind mit winkenden Frauen und Kindern besetzt, und als die Spitze des Zuges herannaht, ergießt sich über die Marschierenden ein Blumenregen. Um 6zh Uhr langt der erste Teil LeS Zuges, dessen Teilnehmer auf mehr als 50 000 geschätzt werden, auf dem Festplatz in Söndermarken an, begrüßt von den dort mit Spannung Harrenden. Der Zug lößt sich auf. Die Teilnehmer sammeln sich um die unter mächtigen Bäumen errichtete, mit rotem Fahnentuch drapierte Sängerfribüne. Und kräftig erschallt, von 500 Sängern mit Or- chesterbegleitung gesungen, die vom Genossen A. C. Meyer dem inter- nationalen Kopenhagener Arbeiterparlament gewidmete, von F. Hemme komponierte Festkantate durch den Patt, die unter ge- schickter Anlehnung an verschiedene Volksliedermotive den Kampf der Völker um die Freiheit preist. Begeistert horcht die Masse den trutzigen Klängen und eilt dann nach dchr auf verschiedenen Rasen- Plätzen errichteten Rednertribünen, von denen herab die bedeutend» sten Redner der internationalen Sozialdemokratte Ansprachen halten: Molkenbuhr, Legten, Ledebour, Victor, Adler, Pernerstorfer. Nemec, Keir Hardie, Macdvnald, Vandervelde, Anseele, Leon Four- nemont, Mora, der Nestor der spanischen Sozialdemokratie, Jaures, Baillant, Guesde, Hillquit, Troelstra, Nielsen, Lian, Branting und andere. Leider fehlen, durch Krankheit verhindert, die Altmeister der deutschen Sozialdemokratie: Bebel und Singer. Unterdessen beginnt in den an anderen Stellen aufgeschlagenen Bierzelten, sowie bei den Karussels, Schaukeln und Verkaufsbuden ein lustiges Volksfesttreiben, das sich noch steigert, als die Dunkel- heit heraufzieht und nun in den Parkwegen zwischen den alten Bäumen rote und gelbe Flammen auftauchen, bis schließlich die Alleen im bunten Lichtergewirr prangen. Gerne wär ich noch ge- blieben, um das große Feuerwerk zu sehen, das um 10h-, Uhr abge- brannt werden soll; doch- die Zeit drängt. Soll dieser Brief noch mit der Post fort, muß er schnellstens nach dem Kopenhagener Haupt- k.oiMÜ besorgest öKiiXfl. ,< die Nikolaus IL, an der Spitze seiner Pogromhelden, unterstützt von den Junkern und Pfaffen, in den letzten Jahren durchgeführt. Und zu all dem kommt das Verbrechen gegen Finnland, dessen Freiheit und Selbständigkeit auch dieser Zar beschworen; die Vernichtung der Existenz eines ganzen Volkes, das vor den Pforten des Zarenreiches, nur äußerlich mit ihm verbunden, die Kultur und den Fortschritt verkörpert. Es ist vollkommen begreiflich, wenn die junkerliche und ein großer Teil der bürgerlichen Presse der Ankunft des Zaren ehr- fürchtig entgegensieht. Verkörpert doch der Zar den siegreichen „Helden", der den Drachen Revolution mit eiserner Hand nieder- gernngen. In ihm, dem despotischen Träger der russischen Krone, der die Gegensätze der europäischen Politik ausnutzt, um seine parasitäre Existenz fortzuführen, sieht die bürgerliche Welt, auch wenn sie sich zuweilen in heuchlerischer Weise gegen die blutigen Ausschreitungen seiner Untergebenen ausspricht, den Schützer des„Friedens" und der„Ordnung", den Hort, an dem die revolutionäre Stunnflut, die das kapitalistische Europa bedrohte, zerschellte. Trotz aller Wechselfälle dor auswärtigen Politik und des SäbelraffelnS der alldeutschen und der panslawistischen Expansions- Politiker, fühlt sich daS Preußen-Deutschland beherrschende Junkerregiment innig verknüpft mit dem Regiment des blutigen Zaren. Um so mehr hat die deutsche Arbeiterklasse Veranlassung, dieser Schande Europas ihren Protest entgegenzuschleudern und sich solidarisch zu erklären mit dem revolutionären Proletariat Ruß- lands, das mit ungebrochenem Mut gegen die Schreckensherrschaft des Zarismus ankämpft._ politifcbe GeberHcbt Berlin, den 29. August 1910. Staatsstreichgelüste? Die Junker sind von der Kaiserrede entzückt. Die„Kreuz- Zeitung" spricht von der F r e u d e, die die Proklamation des Gottesgnadentums bei den Konservativen erweckt habe und fällt noch nachträglich über B ü l o w her, der— kein zuverlässiger Steuermann— in den Novembertagen den Kaiser in Stich gelassen habe. Daß die Konservativen damals halb und halb mitgetan haben, möchte das konservative Blatt noch nachträglich als ein Mißverständnis entschuldigen. Die„Kreuz-Ztg." ist überhaupt wieder sehr monarchistisch, bei den hohen Getreide- und Ueischpreisen kein Wunder. Dabei macht sie auch ein paar ganz charakteristische prinzipielle Ausführungen: „Wo es sich um die Treue zum Könige handelt, da gibt es keine Opportunitätsfrage; da heißt eS ehrlich sagen, was man ist: Monarchist oder nicht! Muß sich jemand zu letzlerer Klasse bekennen, so kany er als Beamter oder Offizier an einer Stelle, für die die erstere Eigenschaft Bedingung ist, ehr- licherweise nicht stehen; denn er hat den Eid der Treue geleistet; und gegen den darf er, auch in Meinungsäußerungen, und seien sie auch dem besten Fmind gegenüber, nichts tun. Und auch für alle, die nicht an solcher besonderen Stelle stehen, für jeden Privat« mann, ist es dann nur ehrlich zu sagen:„Ich stehe nicht auf dem heutigen Stand der Verfassung; ich strebe die Beseitigung der Monarchie an." Wer das glaubt sagen zu müssen und es offen sagt, ist ein ebrlicher Mann; wer etwa heuchelt, waS er nicht ist, ist ein Schuft." Und dann erörtert das Blatt die Frage, ob die Lage der Monarchie wirklich so bedenklich sei, daß es die halben und versteckten Republikaner nicht abstoßen könne. Siegessicher versichert es, daß man auf diese Halben nicht angewiesen sei: Wenn dabei freilich die Bemerkung fällt, auch heute ist die überwältigende Mehrheit unseres Volkes bis weit in die organisierte Sozialdemokratie hinein durchaus t a i s e r- und königstreu; unser ganzes Volk weiß, was es an seinem Kaiser und seiner Monarchie hat," so stimmt ja der zweite Teil dieses Satzes, wie die Novembererörterungen beweisen, wenigstens teilweise, sicher aber nicht der erste. Die„Kreuz-Zeitung" sagt das alles aber auch nur, um ihren Zweck zu erreichen und dieser ist, Wilhelm tt. scharf zu machen und ihn in seinen absolutistischen Ideen zu bestärken. Die Junker fürchten die Wahlen und den künftigen Reichstag. Deshalb suchen sie jetzt schon eine spätere gewalttätige Lösung vor- zubereiten. Wilhelm II. hat geredet, die Junker wittern .Morgenluft._ Stets dieselben. Der Berliner Vertreter der„Daily Mail" hat Genoffen Bebel und Herrn v. Bethmann Hollweg um ihre Meinung über die Kaiser- rede befragt. Lethmann Hollweg telegraphierte, daß er in der An- gelegenheit keine Erklärung abzugeben habe. Bebel antwortete:„Ich habe soeben die Rede des Kaisers gelesen. Ich kann nur erklären:„Die Hohenzollrrn ändern sich niemals."._ Der Bund der Landwirte als Lebensmittelwucherer. Unserem Frankfurter Parteiblatt, der„Volks st imme" ist «in Schreiben in die Hände gekommen, das von Mitgliedern des Bundes der Landwirte aus der Umgebung Frank- furts versandt worden ist. In diesem Schriftstück heißt es: „Die Knappheit der Milch hält an. Die Milch- Händler suchen fortwährend Milch. Wir legen Ihnen im eigenen Interesse und in den, der Gesamtheit(I) nahe. Ihren Abnehmern einen höheren Preis und zwar siebzehn Pfennige frei Frankfurt abzuverlangen und bitten Sie, Ihrerseits nicht dazu beizutragen, daß der Milch markt für uns verschlechtert wird, indem Sie weitere Milchkühe einstellen. Wir müssen unbedingt zu vermeiden suchen, daß größere Mengen Milch nach Frankfurt a. M. . kommen! Wir bitten Sie, dieses Schreiben vertraulich zu behandeln." Will man angesichts dieses Schreibens noch immer bestreiten, daß der Bund der Landwirte sein Hauptaugenmerk auf die Verteuerung der Lebensmittel lenkt? Der Bund der Landwirte hat es in zäher, skrupellos betriebener Arbeit erreicht, daß die landwirtschaftlichen Zölle heute eine Höhe erreicht haben, wie nie zuvor. WaS nicht durch Zölle erfaßt worden ist. das versucht man mit angeblich sanitären Maßnahmen von der Ein- fuhr nach Deutschland fernzuhalten. Seit Jahren verlangen die Agrarier einen Zoll auf Milch und Rahm, ein Verlangen, das nur deshalb nicht erfüllt werden konnte, weil die bestehenden Handelsverträge nicht einseitig abgeändert werden können. Sobald das vom Reichstag angenomniene Viehseuchengesetz in Kraft tritt, ist diesem„Uebelstand" gleich abgeholfen. Die Einfuhr von Milch und Rahm kann dann nämlich sofort verboten werden, weil beide Produtte Träger von Ansteckungsstoffen sein könnten I Die Fleischer behaupten, daß die Fleischnot noch dadurch ver- schärft wird, daß die Agrarier absichtlich möglichst wenig Vieh auf den Martt bringen, um die Preise noch mehr in die Höhe zu treiben. Vielleicht handelt man hier auch nach einer geheimen An- ordnung des Bundes der Landwirte. Dem Volke die Lebensmittel künstlich verteuern, ist geradezu ein Verbrechen an dem Staate, als deffen treueste Stützen die Agrarier sich stets gebärden. Die i Tätigkeit des Bundes der Landwirte verstößt- also gegen daS' „Staatswohl", das man stets so eifrig verteidigt gegenüber der— Sozialdemokratie. Dieser verbrecherische Drang des Bundes der Landwirte kann in seiner Wirkung nur dann beeinträchtigt werden, wenn sämtliche Zölle auf Nahrungsmittel durch die Regierung so- fort suspendiert werden. Jeder Tag der Verzögerung be- deutet einen weiteren Schritt zur Verelendung des Volkes. Die jetzt im ganzen Lande einsetzende mächtige Protestbewegung muß so ge- staltet werden, daß sie selbst von der Regierung eines Bethmann Hollweg nicht ignoriert werden kann. Der preußische Vogel Strauß. DaS offiziöse Wolffsche Depeschenbureau tut pflichtgemäß das seinige, um die Sozialdemokratie zu bekämpfe». Aus Anlaß des Internationalen Sozialistenkongresses zu Kopen- Hägen hat es dem Bureau Ritzau, das ihm die dänischen Depeschen liefert, angewiesen, unter keinen Umständen über den Kongreß zu berichten. So sucht das offiziöse Bureau die telegraphische Bericht- erstattung über den Kongreß für die deutsche Presse zu unterdrücken. Ueber dem Lächerlichen an der Sache ist nicht zu ver- geffen, daß das Bureau Wolff zu anständiger objekliver Bericht- erstattung verpflichtet ist. Wenn ein fürstlicher Säugling Darm- katarrh hat, so überschüttet dieses ehrenwerte Jnstimt die Welt mit Telegrammen, wenn die Proletarier aller Kulturländer ihren Kongreß abhalten, so verstopft es die Ohren und steckt die Augen in den Sand l..._ Hansabund und Mittelstandsvereinigung. In Berlin tagte am Sonntag die Generalversammlung der deutschen Mittelstandsvereinigung, zu der die Freikonservativen, die Nationalliberalen und die Freisinnigen Abgeordnete als Vertreter entsandt hatten. Der Führer dieser Vereinigung, der Landtags- abgeordnete R a h a r d t. sprach über die Forderungen der Mittel- standsvereinigung an die Gesetzgebung. Die Klagen der Haus- besitzer behandelte der Hofbäckermeister I a e d e- Berlin, dessen AuS- führungen unterstützt wurden durch den Generalsekretär B e h t i n- Hannover, der sich zu der Aeußerung verstieg, daß die Haus- besitzer heute fast nur noch auf den großstädtischen Mob als Mieter angewiesen sind. Dann kam der Clou des Tages, der Direktor des Hansabundes, Oberbürgermeister a. D. K n o b l o ch. Er sprach über Mittelstandsfragen und Hansabund. Er betonte zunächst, daß für den Mittelstand bisher so gut wie nichts geschehen sei. Deshalb bliebe kein anderer Ausweg übrig, als im kommenden Wahlkampf eine Reihe Personen in den Reichstag zu bringen, die mittelstandsfreund- lich sind. Der Hansabund sei ganz besonders mittelstandsfreundlich, denn er habe bereits Erhebungen über die Mißstände im Sub- missionswesen veranlaßt. Der Hansabund ist ein Gegner der Beamten, Konsumgenossenschaften, wie auch ein Gegner der Beamtenkolonien. Der Zusammenschluß der Beamten zu solchen Zwecken müßte einfach verboten werdenl Trotzdem der Hansabnndsdirektor Knobloch den Mittelständlern in jeder Weise um den Bart ging, erlebte er noch einen furchtbaren Reinfall. In der Diskussion wurde nämlich die Frage angeschnitten, wie sich der Hansabund zu den Warenhäusern stelle, deren Inhaber dem Hansabund angehöre. Bon anderer Seite wurde betont, daß der Hansabund gegründet sei vom Zentralverband der Banken und dem Zentralverband Deutscher Industrieller. Schon deshalb sei es höchst verwunderlich, daß dieser Hansabund nun auf einmal ein warmes Herz für den Mittelstand haben sollte. WaS Direktor Knobloch gesagt habe, seien Lockartikel nach Art der Waren- Häuserreklame gewesen. Auch die Frage:„Wie hält es der Hansa- bund mit der Sozialdemokratie", ist dem Direktor vor» gelegt worden, außerdem wünschte man eine klare Antwort über die Stellung des Hansabundes zur Warenhaussteuer, zur Börsensteuer und zur Rcichsfinanzreform. Dem so ins Gedränge geratenen Hansabnndsdirektor sprang sodann sein getreuer AdlatuS Obermeister Rahardt bei, der sich durch eine besonders eifrige Agitation für den Hansabund hervor- getan hat. Er hielt den Mittelftändlern vor, daß sie vermutlich gar nicht wissen, wo sie sich befinden; sie müßten sich schämen, in Gegen- wart der Abgeordneten verschiedener Parteien hier Parteipolitik zu treiben. Dieser dreiste Ausfall wurde von der Versammlung mit stürmischen Unterbrechungen beantwortet. Schließlich meinte Herr Rahardt noch, die Mittelständler seien auf die Unterstützung aller Parteien angewiesen und wären dumme und undankbare Kreaturen, wenn sie das Gute nicht nehmen, wo sie es finden.— Der Hansabunds- direktor Knobloch, der dann wieder zum Worte kam. gab seiner Ueberraschung Aushruck darüber, daß die Angriffe so überaus scharf waren und erklärte dann: «Der Hansabund ist ein Vertreter der bürgerlichen Parteien und hat noch niemals die Sozialdemokratie zu den bürgerlichen Parteien gerechnet. ES ist eine Lüge, daß jemand eine Parole in irgend einer Stichwahl zugunsten der So�zialdemo» kratie ausgeben würde." Danach wäre also der Hansabund für Großkapital und Mittel- stand, aber auf alle Fälle gegen das Proletariat! Aus dem Wahlkampf in Frankfurt a. O.« Lebus. Aus dem Wahlkreise wird uns geschrieben: Der Herr Amtsvorsteher v. Stünzner- Karbe« Sieversdorf, der sich vor kurzem durch das geniale Verbot der sozialdemokratischen Versammlung in Briefen, die er dann doch nicht verhindern konnte, mit unsterblichem Ruhm bedeckt hat, betätigt sich jetzt eifrig als konservativer Agitator im Wahlkampfe und hat tn diese» Rolle dem ersten Sieg von Briefen noch einen zweiten hinzugefügt, der womöglich noch glorreicher als der erste ist. Mit dem ersten ist der Herr offenbar nicht ganz zufrieden, wie wohl daraus hervor- geht, daß er nach der vergeblich verbotenen sozialdemokratischen Ver- sammlung nicht weniger als 25 Strafmandate versandt hat wegen — Betretens des Zugangsweges zum Ver- sammlungöplatzl Daß diese Strafmandate einer gerichtlichen Nachprüfung nicht standhalten können, versteht sich von selbst. Zu Sonntag hatte nun der Herr Aintsvorsteher als Vorsitzender de? konservativen Vereins eine Wählerversammlung nach Briefen be- rufen. Offenbar sollte der böse Einfluß der sozialdemokratischen Versammlung wieder gutgemacht werden. Damit die Wirkung des Gegengiftes recht viele erreiche, lud der Herr Vorsitzende die Wähler der Orte Vricscir, Kerstorf, Alt- und Neu-Modlitz per Postkarte ein. Er hatte Erfolg, eine ganze Anzahl Wähler folgte der Einladung. Herr v. Stünzner übernahm die Leitung der Versammlung und er- öffnete sie stimmungsvoll mit der Drohung, daß er jede» Friedens- störer auf Grund seines Hausrechts aus dem Saal bringen lassen lvcrde. Und dann nahm die Karitur einer politischen Versammlung ihren Anfang. Nach einer Verherrlichung der Königin Luise und deS tohenzollernhauses brachte der Vorsitzende das übliche Hoch auf den aiser aus, mit den Augen den Saal absuchend, ob nicht jemand sitzen geblieben wäre, und einige Nachzügler ermahnend, sich schneller zu erheben. Im weiteren forderte er die Sozial- de molraten auf, den Saal zu verlassen, weil sie sich in diesem Wahlkampfe als P ö h e l betragen hätten. Daß die Mehrzahl der Versanimlungsbesucher diese Beschimpfung nicht ruhig hinnahm, sondern durch Zwischenrufe ihrcin Unwille» AuS- druck gab. ist selbstverständlich. Jetzt gingS an die Wahrung des Hausrechts, das Hinauswerfen begann in grotesker Weise. Folgendes Frage- und Antwortspiel entwickelte sich: Wo sind Sie her? Aus Fürstenwalde.— Ich fordere Sie auf den Saal zu verlassen I Auf die Entgegnung:„Wir sind Wähler des Wahlkreises und als solche berechtigt an der Versammlung teilzunehmen", schnarrt eS durch den Saal:„Gendarm bringen Sie den Mann rausl� Das war Nr. 1, und dann gabs unter ungeheuerem Hohngelächter die Fortsetzung, bis acht Genossen aus dem Saale befördert waren. Der Beamte konnte garnicht schnell genug seines Amtes walten. Dann war es genug des grausamen Spiels. Ein donnerndes Hoch auf die Sozialdemokratie und der Herr Amtsvorstehcr und der bedauernswerte Kandidat, der Auch- Arbeiter und Vorsitzende des evangelischen Arbeitervereins. Herr Dunkel, waren mit ihren Getreuen allein. Auch ein Teil Bürger» licher folgte den Sozialdemokraten, angewidert von dem, nun sagen wir einmal, forschen Auftreten deS Vorsitzenden. Unter Absingen der Strophe: Nicht zählen wir den Feind I erfolgte der Abzug. Der Herr Amtsvorsteher mag nur so weiter für die Sozialdemokratie agitieren I_ Das amtliche Wahlresultat für Zschopau-Marienberg lautet folgendermaßen: Wahlbrcchtigt 29213, abgegebene Stimmen 24 323, gültige Stimmen 24 179. Hiervon haben erhalten: Paul G ö h r e(Soz.) 14 831, Freisinniger V r o d a u s 4706, Refornier F r i t s ch e 4641. Eine Stimme zersplittert. Die bayerische Regierung gegen die Feuerbestattung. Die städtischen Kollegien in Nürnberg haben vor einigen Wochen beschlossen, mit dem notwendig gewordenen Neubau einer Gedächtnis- Halle auf dem Westfriedhofe auch den Bau eines Krematoriums zu verbinden. Man will das Krematorium erbauen und in Betrieh setzen, ohne erst um die Genehmigung der Regierung nachzusuchen. Die Zentrumspresse geriet darüber außer Rand und Band und schrie Zeter und Mordio. Nun ist an den Stadtmagistrat Nürnberg eine Entschließung des Ministeriums des Innern ergangen, in der es heißt, daß„nach Zeitungsmeldungen" der Bau und die Jnbetrieb» »ahme eines Krematoriums beabsichtigt sei. Die städtischen Kollegien seien anscheinend der Meinung, daß es dazu der Polizei- lichen Genehmigung nicht bedürfe. Die Regierung stehe aber auf dem entgegengesetzten Standpunkte. Für die Zulassung der Feuer- bestattung seien keinerlei gesetzliche Grundlagen gegeben. Sollte trotzdem die Absicht der Kollegien ausgeführt werden, so werde die Regierung den Betrieb des Krematoriums polizeilich einstellen lassen. Der Magistrat hat hierauf beschlossen, die Frage erneut durch einen Ausschutz vorberaten und dabei prüfen zu lassen, ob es sich nicht empfehle, auf dem Beschluß zu beharren und, wenn die Regierung dagegen einschreite, einen Prozeß anzustrengen. fpankreicd. Städtische Korruption. Paris, 2S. August. Der Seinepräfekt hat dreizehn aktive Beamte abgesetzt, welche die Stadt durch b e» trügerisches Vorgehen um eine halbe Million geschädigt haben. Es heißt, daß das Treiben der unredlichen Beamten, die von mehreren großen Verfrachifirmen bestochen seien, seit fünf Jahren angedauert habe. Gleichzeitig wurde gegen die Be» amten strafrechtliche Untersuchung eingeleitet. Portugal. Die Wahlen. Madrid. 29. August.„Journal" meldet aus Lissabon-: Briefe auS Gibraltar sagen, daß die Mobiliation der Truppen in Portugal vor allen Dingen seinen Grund darin hatte, daß die Re» gierung bestrebt war, aus der Hauptstadt des Königreiches und aus einigen strategischen wichtigen anderen Städten des Landes gewisse Chefs und Offiziere der Armee und zwar sowohl der Landmacht als auch der Marine zu entfernen, deren Loyalismuö zweifel» Haft erschien und die sich v e r d ä ch t i g gemacht hatten. Mehrere Regimenter haben ihre Garnisonen gewechselt und verdächtige Poli» zeibeamte sind durch andere, deren patriottsche Gesinnung und Treue über jeden Zweifel erhaben ist, ersetzt worden. Es steht jetzt nach den bisherigen Ergebnissen der Untersuchungen außer allem Zweifel, daß eine milit arische Konspiration vorbereitet worden war. Aufgefundene Pläne verrieten, daß das Haus des Minister- Präsidenten in die Lust gesprengt werden sollte. Die Polizei hat alle revolutionären Plakate abreißen lassen, welche das Ende des gegenwärtigen Regimentes anzeigten und die Bevölkerung zum energischen Handeln aufforderten. In diesen Plakaten wurde dem Volke mitgeteilt, daß es von der Regierung nichts zu fürchten habe. da die Armee und die Marine auf seiner Seite stünden. Sämtliche Depeschen an die großen Zeitungsbureaus wurden von der Regie» rung angehalten und entweder völlig unterschlagen oder völlig ver- stümmelt weitergegeben._ Republikanische Erfolge. Lissabon, 23. August, 12. Uhr nachts. Die Republikaner haben beidenhentigenWahlenin verschiedenen Bezirken von Lissabon und Oporto Mehrheiten erzielt.— Soweit bis jetzt bekannt, haben sich die Wahlen in voller Ordnung vollzogen. Lissabon, 28. August. Außer in Lissabon und Oporto haben auch in B e j a die Republikaner bei den Wahlen Majori» täten erzielt. Die Wahlen werden nicht vor dem 20. d. M. be- endet sein. Die voraussichtliche Regierungsmehrheit wird auf W bis 45 Abgeordnete geschätzt._ Weitere Wahlresultate. Lissabon, 29. August. Die Mehrzahl der Stimmen in der Stadt Lissabon ist bisher auf die zehn republikanischen Kandidaten entfallen. Die Monarchisten sind in Ministerielle und Oppositionelle gespalten und bekämpfen einander. Die Wahlen werden heute in Lissabon und in der Provinz fortgesetzt. Zu wählen sind 165 Abgeordnete. Bisher sind 136 Wahlergebnisse bekannt, und zwar wurden 90 ministerielle. 33 oppositionelle Monarchisten und 12 Re» publikaner gewählt. Montenegro. Firmenänderung. Wie aus C« t i n j e telegraphiert wird, wird der bis» herige Fürst Nikolaus künftighin als König firmieren. Die feindlichen Serben. Belgrad, 28. August. Während der heutigen Aufführung der von dem Fürsten Nikolaus von Montenegro verfaßten dramatischen Dichtung„Die Balkanzarin" im Serbischen Nationaltheater er- eigneten sich stürmische Demonstrationen gegen den Fürsten. Als der Vorhang aufging, wurden auf der Galerie Pfuirufe laut; gleichzeitig begann ein Schreien und Pfeifen. Trotz des Einschreitens der Polizei dauerte der Lärm während der ganzen Vorstellung an und setzte sich nach ihrer Beendigung auf den Straßen fort. Japan. Die Annexion Koreas. Tokio, 29. August. Die Annexion Koreas ist öffentlich bekanntgegeben worden; die neue Kolonie wird den Namen C h o S e n führen. Der neue M i n i st e r r e s i d e n t V i c o m t e T e r a u- cht erklärt, es sei der Wunsch des Kaisers von Japan, daß alle Anstrengungen gemacht würden, die Koreaner fühlen zu lassen, daß in der Annexion Koreas durch Japan keine Erniedrigung, sondern vielmehr eine Erlösung liege. Die japanische Politik würde auf die Förderung und Ent» Wickelung der koreanischen Hilfsquellen gerichtet sein. Außerdem kann auf Grund guter Informationen fest- gestellt werdejp daß, obwohl mit der Annexion die H a n d e l s- Verträge mit den fremden Mächten hinfällig werden, eine Aenderung des Zolltarifs für absehbare Zeit nicht beabsichtigt ist. Auch werden Ausländer tn Korea dieselben Rechte genießen wie im übrigen Japan« 6cwerhrcbaftUcbeg. Berlin und Qmgegend. Die Tariffrage im Speditionsgewerbe beschäftigte am Sonntag eine, vom Zentralverband der Transportarbeiter einberufene große Versamm- lung der Rollkutscher, Begleiterund Spedi- tionsarbeiter Berlins, die bei Freyer in der Koppenstraße tagte. Für die Lohnkommission berichtete August Werner über die neuen Tarifverhandlungen, die auf Grund der Be- schlüsse vom Sonntag, den 21. August, erfolgt sind. Nach längeren Verhandlungen machten die Vertreter der vereinigten Spediteure in einer Sitzung folgende Zugeständnisse, die auf der Voraussetzung einer fünfjährigen Vertragsdauer beruhen: Es sollen die in bahn- amtlichen Betrieben tätigen Kutscher und Begleiter vom 1. Sep- tember Iglll bis zum 28. Februar 1913 einen Lohn von 26,59 Mark erhalten. Das bedeutet eine Lohnerhöhung von 2,59 Mark bis 3,59 Mark, denn bisher betrug der Anfangslohn 23 Mark, der nach halbjähriger Beschäftigung auf 24 Mark stieg. Dieselben Kutscher und Begleiter sollen vom 1. März 1913 bis zum 31. August 1915 einen Lohn von 28,59 Mark erhalten, also eine weitere Zulage von 2 Mark.— Die Kollegen in den Stadtbetrieben sollen erhalten vom 1. September 1919 bis zum 28. Februar 1913 einen Lohn von 39,59 Mark.(Bisher Anfangslohn 25 Mark, nach einem halben Jahr 28 Mark.) Vom 1. März 1913 bis zum 31. August 1915 soll ihr Lohn 32,59 Mark betragen. Der Referent betonte, daß hier- mit für die erwähnten Kollegen der langersehnte Ein- h e i t s l o h n zugestanden sei.— Für die Bodenarbeiter konnte das nicht erzielt werden Bisher erhielten sie 24 Mark und nach einem halben Jahr 26 Mark. Nach den Zugeständnissen der Speditionsvertreter sollen die Bodenarbeiter vom 1. September 1919 bis zum 28. Februar 1913 erhalten als Anfangslohn 26,59 Mark und nach vierteljährlicher Tätigkeit 28,59 Mark, und vom 1. März 1913 bis zum 31. August 1915 sollen sie erhalten als Anfangslohn 28,59 Mark und nach vierteljährlicher Tätigkeit 39,59 Mark.— Den Mitfahrern(Jugendlichen), die in einer be- sondern Versanimlung tagen, werden ebenfalls Lohnerhöhungen zugestanden, von denen Redner meint, daß es für die Mitfahrer nicht zu unterschätzende Verbesserungen seien.— Die Arbeitszeit der Kutscher in bahnamtlichen wie in den Stadtbetrieben soll dauern von 6(4 Uhr morgens bis 7(4 Uhr abends, in welcher Zeit aber 2(4 Stunden Pausen eingeschlossen sind. Das bedeutet gegen- über dem jetzigen Zustand eine Verkkirzung von einer Stunde. Für Ueberstunden sind 69 Pfennig vorgesehen. Wenn morgens eine halbe Stunde früher begonnen wird, wird sie mit 39 Pfennig der- gütet.— Für Bodenarbeiter soll die wirkliche Arbeits- zeit 19(4 Stunden innerhalb einer Bruttoarbeitszeit von dreizehn Stunden betragen.(Pausen also 2(4 Stunden.) Bisher betrug die Arbeitszeit der Bodenarbeiter 11 Stunden innerhalb einer un- begrenzten Bruttoarbeitszeit, die nach dem Ermessen der Betriebs- leiter ausgedehnt wurde. Beginnt die Arbeitszeit der Boden- arbeiter 7 Uhr morgens, so soll sie 8 Uhr abends enden; beginnt sie 6 Uhr morgens, so endet sie 7 Uhr abends. Die darüber hinaus geleistete Arbeit wird als Ueberstunde mit 59 Pf. bezahlt.— Als Urlaub soll gewährt werden nach einjähriger Tätigkeit eine Woche, nach 3 Jahren 19 Tage, nach 5 Jahren 12 Tage, nach 19 Jahren 14 Tage.— Für Streitfälle ist eine Schlichtungskommissum vorgesehen.— Redner empfahl die Annahme des Zugestandenen, ebenso Schumann namens der Organisationsleitung.— Es entspann sich eine sehr lebhafte Diskussion, in der verschiedene Redner gegen und andere für die Annahme der Zugeständnisse der Unternehmer sprachen. Die geheime Abstimmung ergab die Ablehnung der Vorschläge mit 372 gegen 343 Stimmen, also mit einer Mehrheit von 29 Stimmen.— Die Kommission und Leitung macht unter diesen Umständen den Vermittelungsvorschlag, die Zugeständ- nisse der Spediteure anzunehmen unier der Be- d i n g u n g, daß die Spediteure statt mit einem fünfjährigen sich mit einem vierjährigen Vertrag einverstan- den erklären, sowie damit, daß die zweite Zulage von zwei Mark statt nach 2>j Jahren bereits nach zwei Jahren eintritt. Dem stimmte die Versammlung zu. »» » Die jugendlichen Mitfahrer aus den Speditionsbetrieben hatten ihre besondere Versammlung bei Merkowsky in der Andreasstraße. Hier nahmen sie den Bericht der Lohnkommission entgegen. Da- nach haben die Spediteure den jugendlichen Mitfahrern folgende Zugeständnisse gemacht: Der Einstellungslohn für jugendliche Ar- beiter im Alter bis zu 17 Jahren beträgt 13 Mark, für solche über 17 Jahre dagegen 16 Mark. Nach halbjähriger Beschäftigung er- halten diese Arbeiter eine Zulage von einer Mark, sofern die In- gendlichen unter 17 Jahren den Lohn von 15 Mark und die über 17 Jahre alten den Lohn von 18 Mark iwch nicht erreicht haben.— In der ausgodehnten Diskussion erklärten die meisten Redner die Zugeständnisse für nicht genügend und verlangten Ablehnung.— Mit Rücksicht darauf, daß die Versammlung der Rollkutscher und Bodenarbeiter ihren Beschluß noch nicht gefaßt hatte, setzte schließlich die Versammlung der Jugendlichen ihren Beschluß aus bis zu einer späteren Versammlung._ Lohnbewegung der Fahrstuhlmonteure und Helfer. Die Fahvstuhlmonteure und ihre Helfer sind in eine Lohn- bewegung eingetreten. Sie hielten am Sonntag im großen Saale der Bockbrauerei in der Chausseestraße eine sehr zahlreich be- suchte Versammlung ad, in der über die Einreichung der Forde- rungen und die weiter notwendig werdenden Schritte beraten und beschlossen wurde. Wenn die Bewegung unter den Fahrstuhl- Monteuren und Helfern jetzt mit so großer Kraft einsetzt, so hat das seine Ursache in den außerordentlich traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnissen ihrer Branche. Das Publikum bildet sich meist ein, diese Monteure, die eine sehr verantwortungsvolle Ar» beit auszuführen haben, die gründlich gelernt sein will und von deren gewissenhafter Ausführung Leben und Gesundheit des Publikums abhängt, müßten doch recht hohe Löhne bekommen und wohl mindestens 1 Mk. die Stunde verdienen. Aber die Dinge liegen ganz anders. Man zahlt den Monteuren 59 Pf. Stunden- lohn oder noch weniger und wenn sie jahrelang tätig gewesen sind, haben sie es vielleicht auf 58 bis 69 Pf. gebracht, und den Helfern werden 35, ja sogar nur 32 Pf. Stundenlohn geboten für die schwere Arbeit. Daß die Fahrstuhlmonteure und Helfer so elend entlohnt werden, ist um so empörender, als sie ja ihre Arbeit nicht in der Werkstatt verrichten können, sondern in weitem Um- kreis bald hier bald dort zu tun haben, wodurch die Lebenshaltung bedeutend verteuert wird. Uebrigens läßt auch die Behandlung oft sehr viel zu wünschen übrig. Ungerechte Entlassungen und Maßregelungen kommen häufig vor. Namentlich zeichnet sich darin die große Firma Karl Flohr aus, die erst kürzlich aus ganz nichtigen Gründen einen Monteur, der 19 Jahre bei ihr tätig war, plötzlich entlassen hat. Von dieser Firma wurde auch mit- geteilt, daß sie, die ihre Arbeiter seinerzeit nötigte, der gelben Organisation beizutreten, den Arbeitern jetzt, nachdem sie längst aus diesem Streikbrccherverband ausgetreten sind, fortlaufend die Beiträge dafür abzieht. Die Forderungen, die nun an die Unternehmer gestellt werden, sind in den Hauptpunkten: Festsetzung der täglichen Arbeitszeit auf 9 Stunden; Sonnabends soll 1 Stunde früher Feierabend sein, an den Vorabenden der Festtage um 2 Uhr mittags. Der Mindestlohn der Monteure soll für den Anfang auf 79 Pf. fest- gesetzt werden, nach 3 Monaten der Beschäftigung auf 75 Pf., nach 6 Monaten auf 89 Pf. steigen; für die Helfer werden als Mindest- lohn für den Anfang 45 Pf., nach 3 Monaten 59 Pf., nach sechs Monaten 55 Pf. verlangt. Für Ueberzeitarbeik, die nur in dringenden Fällen zulässig sein soll, wird für die ersten 2 Stunden ein Zuschlag von 25 Proz., für die folgenden 2 Stunden von 59 Proz. verlangt, für Nacht- und Sonntagsarbeit 75 Proz. Bei � verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantwH Reparaturen soll die Ueberzeikarlleit die ersten? SkrmKen mst 59 Proz. Zuschlag gezahlt werden. Tarifbewegung der Kistenmacher. Die Kisten- und Koffermacher hatten an ihre Arbeitgeber Lohnforderungen gestellt, worüber es am letzten Freitag zu Ver- Handlungen zwischen den beiderseitigen Vertretern kam. Mit dem Ergebnis beschäftigte sich am Sonntag eine stark besuchte Ver- sammlung, zu der sich auch ungeladen mehrere Fabrikanten ein- gefunden hatten. Da die Arbeitgeber ihre Versammlungen hinter verschlossenen Türen abhalten, wünschten auch die Arbeiter unter sich zu sein. Die Arbeitgeber verließen darauf die Versammlung. Merten gab dann den Bericht über die gepflogenen Unterhand- lungen. Darnach haben sich die Arbeitgeber, die sich im Laufe der letzten Jahre organisierten und dem Arbeitgeberschutzverband für die Holzindustrie anschlössen, mit der Schaffung eines Tarifver- träges einverstanden erklärt. Es kam jedoch auf der Grundlage des von der Arbeiterschaft aufgestellten Entwurfs nicht zu einer Verständigung. Die Fabrikanten wollen ihrerseits einen Entwurf ausarbeiten. Am nächsten Mittwoch sollen erneut Verhandlungen stattfinden. Die Kommission empfahl deshalb, nicht wie bei früheren Lohnbewegungen, nach Ablauf der den Arbeitgebern ge- setzten Frist mit dem Streik sofort vorzugehen, sondern zunächst das Ergebnis der für Mittwoch angesetzten Verhandlungen abzu- warten. Ein großer Teil der Diskussionsredner bekämpfte den Vorschlag. Die Arbeitgeber wollen nur Zeit gewinnen, um die eiligen Aufträge fertigzustellen. Wenn sie ernstlich gewillt wären, den Wünschen der Arbeiter entgegenzukommen, so ljatten sie auch den von diesen aufgestellten Tarif als Grundlage bei den Ver- Handlungen benutzen können. Eine Verschleppung der Angelegenheit dürfte man sich nicht gefallen lassen, sondern müßte mit sofortiger Arbeitseinstellung antworten. Andere Redner erklärten, man müsse der Kommission schon das Vertrauen schenken, daß sie sich eine weitere Verschleppung nicht gefallen lassen werde. Die Kam- missionsmitglieder versprachen alles zu tun, um die VerHand- lungen noch in dieser Woche zum Abschluß zu bringen, anderen- falls würden sie den Streik nicht mehr aufhalten. Nach längerer Debatte wurde dem Kommissionsvorschlage zugestimmt. Tarifbewegung der Laden- und Kontortischler. Am Sonntag fand eine stark besuchte Versammlung statt, in Ur Obmann Horn Bericht erstattete und im Namen der Orts- Verwaltung des Verbandes den Anwesenden empfahl, keine vor- eiligen Beschlüsse zu fassen, sondern sich bis Mittwoch zu gedulden. Dann müsse die Entscheidung sowieso fallen. Diese Ausführungen losten große Erregung aus, da das Hinausschieben von den be- treffenden Arbeitern als Verschleppungstaktik der Unternehmer angesehen wird. Sie sind der Meinung, daß ein Tarif, der von beiden Parteien abgeschlossen ist, auch gehalten werden mutz. Die nachfolgende Debatte war demzufolge sehr lebhaft. Zum Schlüsse wurde ein Antrag aus der Versammlung einstimmig angenommen, daß am Montag in allen Betrieben, wo der Tarif nicht bewilligt wird, die Arbeit niederzulegen ist. Tarifbewegnng der Linoleumleger und Teppichnäher. In der am Sonntag stattgefundenen Versammlung konnte Schulze für die Akkordwerkstätten noch keine endgültige Ant- wort mitteilen, da dieselbe erst zu Montag erfolgen sollte. Die Vertrauensmännersitzung schlug aus diesem Grunde der Versamm- lung vor, die endgültige Abstimmung über die eventuelle Arbeits- niederlegung bis zu einer am Mittwochabend stattfindenden Ver- sammlung zu vertagen. Nach scharfer Auseinandersetzung, wobei der strikte Standpunkt vertreten wurde, nicht länger zu warten, wurde der Vorschlag angenommen. Für die bei den Zwischenmeistern beschäftigten Kollegen wurde der Beschluß gefaßt, in einer am Montag abend stattfindenden Ver- sammlung die Verhandlungen fortzusetzen. In der betreffenden Versammlung war das Resultat zu verzeichnen, daß ein Teil der in Betracht kommenden Betriebe bewilligt hat, während bei den anderen am Dienstag früh die Arbeit eingestellt wird. Achtung, Klempner und Rohrleger! In Spandau streiken die Klempner und Rohrleger zwecks Anerkennung deö Tarifs. Spandau ist für Klempner und Rohrleger gesperrt. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. veurkcbes Kxicti. Zum W erftarbeiterkampfe. Dem Deutschen Flottenverein, der unter alldeutscher Flagge segelt, und durch die Leute, die der Waffenfabrikation nahe stehen, gern und gut unterstützt wird, kann sicher nicht nachgesagt werden, daß er arbeiterfreundlich sei; umsomohr verdient es Beachtung, wenn sogar die Leitung des Flottenvereins dem Werftarbeiter- kämpfe nicht die eigentliche Scharfmacherfteude entgegen bringen kann. In den Mitteilungen des Flottenvereins liest man: „Wenn daher nunmehr die Schiffe(nach dem Programme des Flottengesetzes) nicht fertig werden, so treten nicht nur militärisch schwerwiegende Folgen ein, es wird vielmehr auch die Vergebungspolitik der Flottenverwaltung durchkreuzt, für die es sehr wesentlich ist, daß ausreichend viel Hellinge auf den in Betracht kommenden großen Werften zu ihrer Verfügung stehen. Wenn jetzt die deutschen Werften für eine Weile still gelegt werden, wird die Folge sein, daß unsere(Handels-) Reederei »auf die Heranziehung der überzähligen englischen(Handels-) Schiffe Bedacht nehmen mutz, so daß den deutschen Werften auch nach Wiederaufnahme des Betriebes die Aufträge fehlen werden. Höchst eigenartig gestalten sich die Verhältnisse der Arbeiter- schaft... die Werkleute an den Eisenschiffen können(heute) mit wenigen Ausnahmen auch in anderen Branchen der Metall- Industrie Beschäftigung finden. Dies gilt in erster Linie für die Maschinenbauer und Kesselschmiede, aber auch für die Ge- samtheit der Schmiede und Schlosser, der Nieter und der zahl- reichen Hilfsindustrien. Hier findet schon in guten Zeiten ein fortgesetztes Hin- und Herströmen der Leute statt, dergestalt, daß bei gutem Geschäftsgange in den übrigen Zweigen, in der Schiffsbauindustrie zuerst Arbeitermangel eintritt. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, daß eine Anzahl der ausgesperrten Werkleute längst wieder anderweitig Beschäftigung gefunden hat." Also ganz so wohl, wie man es in Unternehmerblättern so gern hinstellt, fühlen sich gerade in diesem Kampfe die Unter- nehmer nicht. Allmählich sind so ziemlich alle Betriebe in Hamburg, die irgend wie mit dem Schiffbau und der Schiffsreparatur in Vev- bindung stehen, vom Streik der Hamburger Werftarbeiter in Mit- leidenschaft gezogen worden. Die Parole der Arbeiter, Ver- Weigerung jeglicher Streikarbeit, ist strikte befolgt worden. Alle Täuschungsversuche mißlingen. Busland. Schuhmach erstreik in Warschau. Vor einigen Tagen brach in Warschau unter den Schuh- machern, die für die zentralen Gouvernements arbeiten, ein Riesenstreik aus. 19 999 Arbeiter traten am Morgen des 19. August zu gleicher Zeit in den Ausstand, indem sie eine Reihe gleichlautender ökonomischer Forderungen aufstellten. Kein Generalstreik. Bilbao, 28. August.(W. T. B.) In einer Delegiertenver- sammlung des Arbeiterverbandes, der auch Delegierte aus Madrid beiwohnten, wurde mit 17 gegen 13 Stimmen beschlossen, den Generalstreik nicht zu proklamieren._ Letzte JVadmcbtcn und DepcFcben. Wieder eine Kaiserrede. Am Monsagabend bat Wilhelm II. bei einem Diner in Ma- rienburg seine Königsberger Rede unterstrichen. Nach einigen einleitenden Sätzen führte Wilhelm II. folgendes aus: Eines Punktes hat der Vorredner keine Erwähnung getan, und den möchte Ich nachholen: Daß Ich Mich ganz besonders stolz und glücklich fühle, daß Ich auch als Gutsbesitzer unter Ihnen residiere und mit Ihnen alle Freuden und alle Sorgen des Landwirtes mit- empfinden kann(lebhafter Beifall!) und so in der Lage bin, mich über die Gedanken und Gefühle Meiner Nachbarn zu orientieren... Sie sind hier versammelt in der alten Marienburg. Dieses ge- waltige Bauwerk, ein äußeres Zeichen der Macht und Fülle, dig in dem Deutschen Orden sich ausdrückte, die große Quelle, von der aus die deutsche Kultur über die Ostlande sich ergoß. Fürwahr, eine staunenswerte Arbeit unter unendlichen Schwierigkeiten. Das lehrt uns die Marienburg und der Deutsche Orden, der un- serem Königreich das ragende Panier mit dem Schwarzen Adler auf silbernem Felde gab! Durch feierliches Gelöbnis waren sich die Ordensbrüder zugetan und stellten ihr Werk unter die Obmacht eines Höheren. Durch diese einheitliche Geschlossenheit hat der Orden diese unerhörte Leistung zuwegegebracht. Das soll für uns ein Vorbild sein! Das Kreuz auf seinem Gewände bedeutet die Unterordnung unter des Himmels Willen. Es bedeutet, daß Deutschtum und Christentum untrennbar von einander sind. Was sollen wir daraus lernen? Daß dies eine Illustration für das Wort ist, was Ich neulich in Königsberg gesprochen habe: So wie j Mein seliger Großvater und wie Ich uns unter der höchsten Ob- Hut und dem höchsten Auftrage unseres Herrn und Gottes arbei- tend dargestellt haben, so nehme Ich das von einem jeden ehr- lichen Christen an, wer es auch sei. Wer in dieser Gesinnung arbeitet, dem wird es aber klar, daß das Kreuz auch verpflichtet! Wir sollen in brüderlicher Liebe zu- sammenhalten, die Konfessionen und die Stämme. Wir sollen einem jeden Stamme seine Eigenheit und Eigenart lassen. Es sollen die Stämme und die Berufsgenossenschaften die Hände in- einanderschlagen zu gemeinsamer Arbeit, zur Erfüllung der staat- lichen Notwendigkeiten. Der Landwirt schlage in die Hand des Kaufmanns ein, dieser in die Hand des Industriellen. Der Zuge- hörige einer Partei ergreife die Hand des Andersgesinnten, wenn es darauf ankommt, Großes für unser Vaterland zu leisten; und eine Konfession trage die andere mit Liebe. Dann werden wir dem Vorbild der großen deutschen Männer, die hier einst gestanden und gearbeitet haben, nachkommen. Dann werden wir die Schwierig- leiten, die sich uns entgegentürmen— und wo werden sich die nicht finden— überwinden. Leben heißt arbeiten, arbeiten heißt kämpfen, kämpfen heißt Schwierigkeiten überwinden, und die wer- den mit gegenseitiger Achtung und mit gegenseitiger Hilfe über- wunden, wenn man sie als von oben uns in den Weg gelegte Prüf- steine ansieht. Daß Ich hier von Ihnen verstanden werde, das ver» bürgt Mir die Gesinnung der Provinz, und von ihr hoffe Ich, daß Mir ihre Mitarbeit zuteil wird. Das Gelöbnis nehme Ich von Ihnen mit, genau in demselben Wortlaut, wie einst das alte Leib- Grenadier-Regiment, als es in die Freiheitskriege ausrückte:„Das soll ein Wort sein!" Die Provinz Westpreußen hurra, hurra, hurra! Siegreiche Wahlen. Bochum, 29. August.(Privattelegramm des ,,V o r w ä r t s".) Nach den bis 19 Uhr abends eingelaufenen Resultaten bedeutet der Ausfall der Sicherheitsmännerwahlen einen über alle Maßen günstigen Sieg für den Bergarbeiter- verband. Von den vom Deutschen Bergarbeiter- verband aufgestellten Kandidaten waren bis 19 Uhr ge- wählt 433, vom chri st lichen Gewerkverein 83» Polen 18, Hirsch-Dunckersche 3 und von den K a n- didaten der Zechen K. Ein Ort, aus dem ein für den Bergarbeiterverband günstiges Resultat noch zu erwarten ist, steht noch aus. Die Stimmung unter den Bergarbeitern ist eine begeisterte._ s Um der Liebe des Volkes zu entgehen. Friedberg, 29. August. Wenn man sich das Bild außerhalb der Burg am Eingange des südlichen Burgtores betrachtet, so glaubt man sich in die Zeiten des Mittelalters zurückversetzt. Vor und hinter dem Tor. hinter dem Schlagbaum wandern unaufhör- lich Soldaten und Polizeibeamte in Zivil auf und ab. Vor dem Toreingange steht ein Doppelposten, dem gleichfalls P-lizeibeamte in Zivil zugeteilt sind. Auch in der Burg und im Schlosse weist alles darauf hin, daß man für die Ankunft des Zaren vorbereitet ist. Sämtliche Wachtlokale sind besetzt worden und die Wachen sind aufgezogen. Zugleich ist im Vorbau eine große Anzahl Kriminal- beamte stationiert. Bezüglich des Eintrittes in das Schloß selbst haben die Posten die Weisung bekommen, niemand durchzulassen, der nicht eine besondere vom Hofmarschallamt schriftlich ausgestellte Erlaubnis dazu hat. Der Posten darf nicht einmal einen Offizier seiner eigenen Truppe durchlassen, der nicht im Besitze eines solchen Ausweises ist. Wie verlautet, ist auch die Waschküche des Schlosses vollständig renoviert worden, damit allen Anforderungen entsprochen werden kann. Die Leibhosenwäscherin Nikolaus II. soll bereits ein- getroffen sein. Explodiertes Geschoß. Hammelburg i. d. Rhön, 29. August.(B. H.) Auf dem Truppenübungsplatze Hammelburg fanden Soldaten des 17. Infanterieregiments einen Zünder. Sie beschäftigten sich damit so lange, bis er krepierte. Bier Mann wurden schwer der- letzt, zweien von ihnen wurde je ein Arm abgerissen. Ein neuer Welthöhenrekord. Havre» 29. August.(W. T. B.) Der Flieger Moräne hat heute mit seinem Eindecker eine Höhe von 2199 Meter erreicht und damit den Welthöhenrekord des Schotten Drexel geschlagen, Ausdehnung des Streiks in Bilbao. Bilbao, 29. August.(W. T. B.) Die Deckarbeiter und Fuhr- leute haben sich mit den ausständigen Minenarbeitern solidarisch erklärt und ebenfalls die Arbeit niedergelegt. Die Arbeit auf dem Kai ist infolgedessen vollständig lahmgelegt. Blutige Wahlen. Lissaboa, 29. August.(W. T. B.) Im Bezirk C a st e l l o branco haben sich Wahlzwischenfälle ereignet. Ein Wahlagent wurde auf der Rückkehr vom Dorfe Paul mit Revolverschüffe« angegriffen, dabei soll es Tote gegeben haben. «. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Veilagsanftalt Paul Singer Sc Co., Berlin SW, Hierzu 4 Beilage««. UntrehaltungSbk. Ar. 202. 27. IahtMg. i KeilM Ks J Aieustag, 30. Anguß 1910. 8. Internationaler Sozialiftikljer Kongreß. Kopenhagen, den 28. August. ErZffnungSsitzung. Der prächtige Saal des Konzertpalastes ist die Stelle, wo die Internationale tagt. Beinahe ist er zu klein für die ungeheure Menge von Delegierten, die aus allen Teilen der Welt zusammen- gekommen find. Die Säulen, die den Eingang des Gebäudes flankieren, find rot umwunden. Ein breites Banner trägt die dänische Inschrift: Achder Internationaler Socialist Kongres. Der Saal selber hat eindrucksvollen sozialistischen Schmuck angelegt. Die Wand der Rednertribüne zeigt auf einer Niesenkarte die beiden Hennsphären, die durch ein Band mit dem alten Kampfruf der Internationale: »Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" verbunden sind. Links und rechts davon hängen im Kuppelraum die dänischen Partei- und Gewerkschaftsfahnen herab. An den Galerien sieht man zwölf Banner in den Farben und mit den Wappen der groben Nationen. Für Deutschland ist schwarz-rot-gold gewählt. In vier Sprachen: dänisch, deutsch, englisch und französisch sieht man das auf kurze Formeln gebrachte Programm der internationalen Sozialdemokratie. Diese Inschriften lauten: Die Arbeit ist die Quelle des Reichtums! Wir bauen an der Solidarität! Wissen ist Macht! Religion ist Privatsache! Aufhebung der Klassen- unterschiede! Keine privaten Monopole! Des Volkes Wille ist das höchste Gesetz! All gemeines, für alle gleiches Wahlrecht! Acht stündiger Maximalarbeitstag! Die Abrüstung bedeutet den Frieden! Dasselbe Recht für Frau und Mann! Freiheit. Gleichheit. Brüder- lichkeit! Die Delegierten sind an neun, immer durch einen Quergang geschiedenen Tafeln untergebracht. Die erste Tafel links vom Präsidium wird von der schwedischen Delegation eingenommen. Deutschland besetzt die zweite und dritte Tafel, Oesterreich die vierte. Die fünfte Tafel in der Milte ist für folgende Nationen bestimmt: Serbien, Türkei, Rumänien, Argentinien, Spanien, Portugal, Japan, Griechenland, Südafrika, Australien. Luxemburg, Italien, die Schweiz, Rutzland und Polen. Die sechste Tafel gehört Belgien. Ungarn- Kroatien und Böhmen. An der siebenten Tafel liegen die Plätze für Holland und Frankreich, an der achten die für Finnland, die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Norwegen, während die letzte, neunte Tafel von Großbritannien eingenommen wird. Die große dänische Delegation hat unten leinen Platz mehr gefunden Sie nimmt daher die Galerre rcckits ein. während die Galerie links für die 125 Pressevertreter, die sich zur Tagung eingestellt haben, reserviert ist. Die vollkommen überfüllte Mitteltribüne ist für die Zuhörer bestimmt. Um'MI Uhr wird der Kongreß mit dem Vortrage einer Kantate eröffnet, die vonA. P. Meyer, dem bekannten sozialdemokratischen Schriftsteller, Agitator. Dichter und Abgeordneten verfaßt und von S. H e n d, einem Kopenhagener Kapellmeister, komponiert ist. In der Kantate finden sich die Nationen zu einem Bölkerreigen der Freiheit und des Friedens zusammen. Die Motive nationaler Freiheitslieder erklingen, von Solis unterbrochen, bis sich das Ganze zum mächtigen Massenge sang der Internationale der- einigt. Der erste Teil der Kantate endete mit der Marseillaise. In der Pause der Musik betrat Dr. Gustav Bang, Mitarbeiter des .Sozialdemokraten" und Folkethingsabgeordneter, die Rednertribüne. und, indem er selbst seine Worte französisch, deutsch und englisch über setzte, führte er das Folgende aus: Genossen! Wir haben in dieser Kantate versucht das Gefiihl auszudrücken, das uns beseelt und daS den Boden bildet, auf dem wir hier zusammentreten, daS Gefühl internationaler Solidarität dek- kämpscnden Proletariats aller Länder der Welt. Dieses Gefühl hat in der dänischen Sozialdemokratie innner gelebt und ist, wie das bei einem so kleinen Lande natürlich ist, besonders stark hervor getreten hier, wo es von der äußersten Wichtigkeit ist, bei den Bewegungen der großen Kulturländer Belehrung und Kräftigung zu suchen. Von den allerersten Anfängen an war die dänische Sozial- demokratie eine Sektion der internationalen Arbeiterassoziation. Während eines 40jährigen steten und ununterbrochenen Wachstums haben wir in Dänemark immer die enge Verbindung mit den Genossen der fremden Länder zu pflegen gesucht. ES gehört zu unseren schönsten und erhebendsten Parteierinnerungen, daß wir vor 27 Jahren, im Jahre 1883, der deutschen. unter der Verfolgung des Sozialistengesetzes stehenden Sozial- demokratie eine Freistätte bieten konnten. Und eine reiche Quelle der Kräftigung hat der revolutionäre Geist in unseren Reihen gefunden im Verkehr mit den Hunderten russischer Parteigenossen, die nach der Revolution, flüchtend vor dem Terrorismus der Konterrevolution, Dänemark durcheilten und denen wir freudig Beistand geleistet haben, soweit eS möglich war.(Lebhafter Beifall.) Auch in anderer Weise haben wir nicht in einzelnen Ausnahmefällen, sondern ständig jähr- aus, jahrein daS Band gefühlt, das uns mit den fremden Bruder- Parteien verknüpft. In Dankbarkeit gedenken wir der moralischen und materiellen Unterstützung, die uns bei der großen Aussperrung von 1899 gewährt wurde. Und wir selbst haben UNS immer be- strebt, nach bestem Vermögen unsere Schuldigkeit zu tun, wenn in fremden Ländern große Kämpfe zwischen Arbeit und Kapital aus- gefochten wurden. schaftsfrage. 2 für die G e w e r I s ch a f t S f r a g e, für die VerivirNichung der internationalen Solidarität und die Einigkeit der Gewerkschaftsbewegung in Oe st erreich; 3. für Antimilitarismus, Schiedsgerichte und schnelle Ausführung der internationalen K o n g r e ß b e s ch l ü s s e für den Frieden. 4. für die A r b e i t e r sch n tz g e s e tz g e b u n g, ihre Resultate in den einzelnen Ländern und die Frage der Arbeitslosig» keit. 5. für die Resolutionen, die französische Resolution über die s o z i a l i st i s ch e Einigkeit, die Resolution über die Todesstrafe, über Finnland, Persien, Argentinien usw. Die interparlamentarische Kommission behält als selbständiger Körper ihre Tagesordnung bei. Abgesetzt von der Tagesordnung ist die Resolution Grob« britannienS über die Einwanderungsfrage, weil diese erst in Stutt- gart eingehend erörtert worden ist. Weiter liegen dem Kongreß alle von dem Internationalen Bureau seit 1907 gefaßten Resolutionen zur Bestätigung vor. Zum Schluß macht H u y S m a n s Mitteilung über die Zuteilung der Stimmen an die einzelnen Länder(Holland, Ltalien). lieber Amerika wird erst das Internationale Bureau ent- scheiden, dessen Sitzung heute ausgefallen ist.— Widerspruch wird gegen diese Vorschläge nicht erhoben. Der Vorsitzende Bandervelde erklärt sie für angenommen und schließt hierauf die erste Plenarfttzung. Schluß gegen 1 Uhr.� � Kopenhagen. 28. August. Fchug mib Nolksftj! m Zollderniarktu. Der Sonntagnachmittag gehörte dem Festzug und dem Meeting in Sondermarken, einem städtischen Park. Der Park war von der Kopenhagener Partei für diesen Tag gemietet worden und nur die Teilnehmer mit den roten Festzeichen hatten Zutritt. Um 1 Uhr setzte sich der Zug am Wester-Boulevard in der Nähe deZ Bahnhofs in Bewegung und marschierte in unübersehbarer Fülle den fünfviertel« stündigen Weg zu dem herrlichen mit alten Laubbäumen be- standenen Park. Voran schritten die Bürgermeister von Kopenhagen Jensen und K n u d s e n mit ihren Frauen. Magistralsmitglieder, Stadtverordnete und Abgeordnete der Partei. alle blumcngeschmückt, folgten dann dem Zuge. Auf drei weißen Bannern, die an der Spitze des Zuges getragen wurden, standen die Inschriften: Es lebe die Internationale! Es lebe das internationale Proletariat! ES lebe die internationale Verbrüderung der Arbeiter gegen den Kapitalismus! 15 MusikkorpS schritten im Zuge. und unzählige rote Banner leuchteten über ihm. Schutzleute be- gleiteten ihn und bahnten ihm einen Weg durch die auf beiden Seiten der Straßen entlang gedrängten Menschen, die auch von den Fenstern herab winkten und grüßten. Fast alle Teil« nchmcr des Zuges waren mit frischen Blumen geschmückt oder trugen Stäbe in den Händen, die an der Spitze mit Sträußen umwunden waren. Für einen Deutschen besonders auffällig war die stattliche Abteilung der s o z i a l i st i s ch e n Postbeamten in ihren Sonntag'suniformen, deren Scharlachrot weithin brannte. Sie trugen Blumen und grüne Sträucher. Frauen mit phrygischen Mützen sah man. die Schnüre eines gewaltigen Banners haltend. Eine große Abteilung von Frauen wurde von der Gewerkschaft der Maschinenstickerinnen KopenhageS eröffnet. Auf dem weißen Banner der Metallarbeiter ver« kündete eine Inschrift, daß die Internationale dieser Gewerkschaft 800 000 Mitglieder zählt. An der Spitze dieser Abteilung, die allein 22 Banner mit sich führte, gingen die Delegierten der deutschen Metallarbeiter, unter ihnen S e v e r i n g, S ch e r m und Wissel. Zahlreich sah man auch Soldaten mit F e st z e i ch e n am Rande der Straßen und im Zuge. Die Straßen am BolkshauS und in der Nähe des Parks waren mit Triumphbogen, Bannern und Kränzen geschmückt. Bildungs«, Sport- und Vergnügungsvereine, Straßenbahner, Feuerwehrleute. Seeleute marschierten vorüber. Ueberall wehte die rotweiße Fahne der skandinavischen Demokratie, die auch von der Partei geführt wird. Schon lange vor dem Eintreffen des Zuges drängten sich auf dem feuchten Boden des Parkes ungezählte Menschen und es ent« wickelte sich das Treiben eines ungezwungenen Volksfestes. Die Familien waren vollzählig erschienen und die jüngsten Spröß« linge im Kinderwagen waren mitten hinein in die sich drängenden Massen gestellt worden. Die Sonne stand schon tief am Himmel, als die Spitze des ZuaeS im Park erschien, und in wenigen Minuten waren die Massen so dicht gestaut, daß kein Durchgang mehr zu finden war. Vier Tribünen waren im Park errichtet worden, die erste zugleich für daS Orchester und die Sänger. Noch stand draußen der größte Teil des Zuges, Einlaß begehrend, als mit dem Klang deS dänischen SozialistenmarscheS die Cantate an- gestimmt wurde, mit der schon am Vormittag der Internationale Kongreß eröffnet worden war. Dann sprachen die Redner der Internationale zu der ungeheueren Menschenmenge, die gar nicht zu schätzen war. die 100000 betragen haben mag, vielleicht aber auch 150 000. Auf der e r st e n Tribüne, wo LandthingSmann P. T. A n- d e r s e n den Vorsitz führte, sprach JaurdS i Bürger und Bürgerinnen, Freunde! Wie sehr bedauere ich, daß ich nicht in Euerer Sprache reden kann. Aber aus Herzensgrund spreche ich meine Bewunderung auS für die großartige Demonstration. Der Sozialismus gibt dem Menschen Freiheit und Würde. daS habt Ihr heute bewiesen. Jedes Volk hat seine Eigentümlich« keit, seinen Genius. Jedes Volk muß feine Freiheit haben. um seinen Volkscharakter zu entwickeln. DaS wird geschehen unter dem Schirm und Schutz des internationalen Sozialismus. Der Sozialismus legt uns eine ungeheuere Ver- antwortung auf. Wir sollen eine neue Gesellschaft hervorrufen. Laßt unS von heute an mit doppelter Kraft gegen den neuen Feudalismus des Kapitals kämpfen, dagegen, daß wenige Kapita- listen sich gegen alle menschlichen und göttlichen Autontäten, die diese Gesellschaft aufrecht erhalten, in den Alleinbesitz der Arbeits- mittel setzen. Es lebe der internationale Sozialismus! Molkenbuhr i Die deutschen Arbeiter fühlen sich eins und solidarisch mit den dänischen Arbeitern. Zu Beginn der siebziger Jahre, als der dänische Sozialistenmarsch auch in Holstem erklang, fühlten wir, daß die deutschen und dänischen Arbeiter die gleichen Interessen haben. 1883 mußte unter dem Sozialistengesetz die deutsche Sozialdemokratie nach Kopenhagen ziehen, um hier ihren Kongreß abzuhalten. ES war Bismarcks Werk. Er glaubte, mit brutaler Hand den Sozialismus unterdrücken zu können. Aber al» der Sozialismus wuchs, ward Bismarck politisch bankrott. Der Sozialismus ist die Brüderlichkeit unter den Völkern, während der Militarismus die Länder gegeneinander hetzt. Der SoziallsmuS muß doch schließlich siegen. Der deutsche Kaiser hat jetzt wieder eine Rede vollerKampfeSworte gegen die Volksrechte gehalten. Die deuffchen Arbeiter müßten ein Volk von Idioten sein, wenn sie nicht gerade mit Hilfe solcher Reden ihre Sache zum Siege brächten. Keir Hardie(England) brachte den dänischen Arbeitern den Gruß der Parteigenossen von der anderen Seite der Nordsee. Dänemark hat den Engländern einen Thorwaldsen gegeben. Zwei solche Länder sollten vereint gegen de» Kapitalismus für die Kultur kämpfen. Der Internationale Kongreß soll dazu beitragen, eine Nation über die ganze Welt zu schaffen. Denn„jetzt tagt's, Ihr Brüder, e» leuchtet im Osten I* Ungeheurer Geisall lohnte dieses Zitat aus dem dänischen Sozialistenmarsch. Dr. Adler(Wien): Wir haben heute mit eigenen Augen gesehen, welche mächttge vrganisationSarbeit hier von der Sozialdemokratie verrichtet worden ist. Oesterreich ist in der ganzen Welt als reaktionär bekannt. Aber auch dort arbeitet die Sozialdemokratie mit aller Kraft und hat sich das gleiche Wahlrecht erobert. Dänemark soll uns in politischer und gewerkschaftlicher Hinsicht ein Vorbild für unsere weitere Arbeit sein. Die Sozialdemokratie muß sich in den Besitz der ganzen Kultur setzen, um den letzten Widerstand zu überwinden, der sich gegen sie auftürmt. Wir sind nicht wie der deutsche Kaiser, der sich nur allein die Krone aufs Haupt setzen will, wir wollen sie jedem Menschen aufs Haupt setzen. Haltet darum fest an der Organisation zur Befreiung der Arbeiterklasse. Die Befreiung kann nur geschehen durch die Arbeiterklasse selbst. (Stürmischer Beifall.) Aiisccle- Belgien: Kopenhagen hat uns mit einer Demonstration empfangen, die beweist, daß cS ein Vorort des internationalen Sozialismus ist. Männer, welche imstande sind, den Kapitalismus zu überwinden, leben in allen nationalen sozialistischen Parteien. Aucki die Gewerk- schaften und Genossenschaften kämpfen für die Verwirklichung des Sozialismus. Wir müssen diese Waffen schmieden und ausbilden, damit, wenn wir die politische Macht erobert haben, auch imstande sind, sie sozialistisch auszunutzen. Der Kongreß von Kopenhagen soll die genossenschaftliche Bewegung mächtig fördern. Der Redner, der bis hier französisch gesprochen hatte, schloß auf dänisch mit einem Hoch auf die rote Fahne. Lindquist(Stockholm): schilderte den großen Generalstreik der schwedischen Arbeiter. Die Kerntruppen deS Sozialismus sind die Gewerkschaften. Das wissen unsere Gegner und deshalb bekamen die schwedischen Gewerkschaften die Aussperrung zu kosten. Aber der Feind hat uns nicht nieder- geschlagen. Wir leben und kämpfen weiter. Nur noch fesler haben loir uns zusammengeschlossen. Wir danken den dänischen Arbeitern und der Internationale für die große Hilfe. Was auch geschehen wird, wir werden jederzeit zur Gegenleistung bereit sein. Es lebe eine starke Gewerkschaftsbewegung.(Stürmischer Beifall.) Plrchano»(Rußland): Die russische Sozialdemokratte wird niemals die Sympathien vergessen, welche ihr die dänischen Arbeiter während der russischen Revolution in allen ihren Phasen bewiesen haben. Die Kapitalisten aller Länder haben den gleichen Haß gegen die Revolution. Nur mit Hilfe deS Geldes der reaktionären französischen Bourgeois« republik konnte das Henkerregiment des Zaren aufrecht erhalten werden. Wir fordern vom Kongreß eine Agitation für die Ab- schaffung der Todesstrafe. In jeder Stadt Rußlands liegen die Leichen der Gemordeten. Das ist die Arbeit der Büttel, die von Europas Gold ernährt werden. Das russische Volk ist im Erwachen, die Bajonette beginnen zu denken und sie werden den Sieg der Revolution erfechten. Andersen schloß hierauf diese Versammlung mit einem Hoch auf die Durchführung deS Sozialismus und die Solidarität der Arbeiter. Aus der zweiten Tribüne, die am Rande, des Waldes stand, sprach als erster Legien, der darauf hinwies, daß die deutsche Sozialdemokratte keine künst« lichen Grenzen anerkenne, auch keinen äußeren Feind, sondern nur einen inneren Feind, die Bourgeoisie. Wir blicken nicht mit kriege« rischcn Absichten über die LandeSgrenzen hinweg, sondern in dem Bedürfnis der notwendigen Bereinigung des Proletariats aller Länder. Stürmischer Beifall folgte den kurzen Worten. Der Eng- länder Macdonald betonte dann, daß die wahre Triplealliance heute abend vertreten sei durch Legien-Deutschland, Vaillant-Frankreich und ihm selbst als Engländer. Der Tscheche Nemec wie? darauf hin, daß die Arbeiter aller Länder durch den Kampf gegen ihre Unterdrücker geeinigt wurden und daß gegen diese Macht keine andere auf die Dauer standhalten könnte. Pablo JglesiaS, der zum erstenmal als Mitglied des spanischen Parlaments auf den Internationalen Kongreß kommt, erinnerte an die unerhört schweren Kämpfe, die daS spanische Proletariat zu bestehen hat und die Um- wälzungen in der Politik Spaniens, die durch die Ermordung FerrerS hervorgerufen wurde. Die Tausende, die diese Tribüne umstanden, brachten dem greisen Führer der spanischen Sozialdemokratie eine begeisterte Ovation dar. Baillant sprach sein Bedauem darüber aus, daß die Sprachverschiedenheiten die Verständigung erschwerten und sagte, daß eS ein herrliches Zeichen für den Geist fei, der die internationale Arbeiterbewegung beseele, daß sie trotz dieser großen Schwierigkeiten eine solche Denionstration organisieren könne, auf der die Redner aller Nationen sprechen. Der beste Beweis dafür, wie richtig eS gewesen sei, den Internationalen Kongreß abzuhalten, sei die gigantische Größe dieser Demonsttation. Branting war der erste Redner, der dänisch sprach. Er erhielt den stärksten Beifall. Nachdem noch Rubanowitsch, der Führer der russischen Sozialrevolutionäre, den Kampf des russischen Proletariats in kurzen Strichen gekennzeichnet hatte und GronSki den Kampf der polnischen Arbeiter, die in einem Jahr über 150 Opfer für den Galgen deS Zaren hergeben mußten, schloß der Vorsitzende die Reihen der Ansprachen. Der auf der Tribüne anwesende Kopenhagener Bürgermeister Jensen dankte den Rednern. Herzliche Händedrücke wurden auS« getauscht, Musikkapellen spielten die Internationale und langsam strömten die Massen wieder der Stadt zu. Auf Tribüne drei wurde um'/J Uhr die Versammlung mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratte eröffnet. AIS erster Redner wurde Genosse Ledebour mit stürmischem Beifall begrüßt. Er führte auS: Niemals sind wir so erfüllt von der Erhabenheit unserer Bewegung, als wenn wir heute sehen, wie die Massen des Volkes in allen Ländern denselben Kampf führen für die Befreiung der Menschheit. Wir Sozialdemo- kraten lernen von den Genossen jedes anderen Landes. Fehler machen wir alle. Aber wenn wir in Deutschland einmal eine Dummheit gemacht haben, dann kommt fast jedes Mal vom hohM Postament eine Rede, die uns mehr nützt als unsere besten Reden daS tun könnten. Darin sind wir deutschen Sozialdemokraten Euch dänischen Genossen über, daß unsere Gegner törichter sind als Eure. Wir deutschen Sozialdemokraten kämpfen gleich Euch gegen den Militarismus, der, wenn er die Waffen gegen das eigene Volk führen will, vom Frieden redet, während er das Schwert in der Hand hat. Wir kämpfen gegen jede Unterdrückung, gegen die Niederhaltung der Volksminderheiten, der Polen und Dänen, gerade weil wir internationalen Sozialdemokraten die Nation nicht negieren, sondern für jede Nation Freiheit und Selbst- bestimmungsrecht erstreben. Wir bringen auch den Frauen die politische Gleichberechtigung, die ihnen das Bürgertum versagt. Ledebour schließt mit einem Hoch aus die revolutionäre Sozial- demokratie, in das die Menge begeistert einstimmt. Hillquit(Amerika): 4000 Meilen find wir amerikanische Delegierten nach Kopenhagen gereist, nicht um wie vor wenigen Monaten Präsident Roosevelt die Völker Europas zu belehren, sondern um von ihnen zu lernen. Amerika ist das Land der schärfsten Kontraste. Multimillionären steht gegen- über das Heer der im tiefsten Elend lebenden Proletarier. Ainerika ist das Land raffiniertester Ausbeutungsmethode und der klassischen Ausbeutung; das ist daS freie Amerika. Glänzend steht die sozial- demokratische Partei dort noch nicht da, aber die Arbeiter deS ganzen Landes sind nicht mutlos, die nächsten Wahlen werden unS, das wagen wir zu prophezeien, auch in Ainerika einen gewaltigen Sprung vorwärts bringen. Ueberall geht eö vorwärts in der Welt, das lehrt auch dieser Kongreß. Die Befreiung der Rassen und Völker steht bevor. Deshalb rufe ich Euch zu: ES lebe die internattonal« Solidarität, hoch der Befreier Sozialismus!(Stürmischer Beifall.) Troelsira(Holland) spricht in dänischer Sprache. Anders als in meinem Lande ist Eure Sprache, aber die gleichen Gefühle beseelen uns, und unter dem gleichen Uebel der kapitalistischen Wirtschaft haben beide Völker zu leiden. Der Internationalismus des Kapitals ist aufs äußerste ausgebildet. Nur dem Beispiel ihrer Ausbeuter folgen die Arbeiter aller Länder, wenn sie im internationalen Zusammenschluß ihre Befreiung erstreben. Dreiteilig ist die Waffe des Proletariats: Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft. Mit ihnen müssen wir den Militarismus und Kapitalismus überwinden und den Sozialismus als Friedensbringer über die ganze Welt verbreiten.(Lebhafter Beifall.) Bandervclde(Belgien): Daß in Belgien die sozialdemokratische Bewegung so stark ist, beruht auf der großen industriellen Enlwickelung des Landes. Däne- mark ist vorwiegend ein Agrarstaat. Um so bewunderungswürdiger ist die Aufklärung der dänischen Arbeiterschaft, die an Organisation Belgien voransteht. Mit flammenden Worten fordert Genosse Vandervelde zum Schluß zur Fortführung des Befreiungskampfes des Proletariats auf.(Stürmischer Beifall.) Lian, Vorsitzender der norwegischen GewerkschaftSIommission, erinnert an das viele Gemeinsame der nordischen Staaten. Sogar einen König habe sich Norwegen aus Dänemark geholt. Diese engste Solidarität der nordischen Völker sollte auch weiterhin hochgehalten werden. Sirola(Finnland) spricht dänisch. Er überbringt die Grütze des finnischen Volke?, das kulturell alles von den Dänen gelernt habe. Die Hoffnung der kleinen Völker sei der Sozialismus. Das fühlt das finnische Volk am besten, weil ihm soeben der Zarismus den letzten Nest der Selbstbestimmung genommen hat. Die Sympathieerklärungcn der bürgerlichen Parteien haben wenig Wert, weil die Bour- geoisie fast aller Länder die Minderheiten unterdrückt; selbst müssen sich die Völker befreien, nach Lassalles Rat: Dem Feinde den Daumen aufs Auge! Redner schließt mit einem Hoch auf den völkerbefreienden Sozialismus, womit die Versammlung ihr Ende erreicht. Auf Tribüne vier führte Genosse Christiansen den Vorsitz. Pernerstorfer(O e st e r r e i ch) hielt die erste Ansprache. Noch stehen wir unter dem gewaltigen Eindruck der imposanten Demonstration, die die sozialistische Par- tei Kopenhagens der Internationale zu Ehren veranstaltet hat. Auf unS hat diese Demonstration, die sich vor der ganzen Welt sehen lassen dürfte, um so tieferen Eindruck gemacht, als wir in einem Lande leben, das von Ihren demokratischen Freiheiten noch weit entfernt ist. Bei uns in Oesterreich hat jahrhundertelang daS absolutistische Regiment der Krone geherrscht, verstärkt durch den Einfluß des römisch-katholischen Jesuitismus.(Pfuil-Rufe.) Gewiß gibt eS auch im Protestantismus genug Muckerei, aber von den entsetzlichen Verheerungen des römisch-katholischen Klerikalis- mus können Sie sich kein Bild machen. Sein Hauptbcstreben ist, jede geistige Bewegung der Massen niederzuhalten. Sie in Däne- mark kämpfen den reinen Klassenkampf der ökonomisch Unter- drückten gegen die wirtschaftliche Ausbeutung. Wir in Oesterreich müssen kämpfen nicht nur gegen das Kapital, sondern auch gegen die römischen Pfaffen, gegen einen hochmütigen Adel und gegen den fürchterlichen Militarismus. Unser Kampf ist nicht nur öko- nomisch, sondern auch kulturell ein Befreiungskampf der Völker des Landes. Unsere acht Nationen machen uns das Leben nicht be- haglicher und angenehm. Aber wir haben den schweren Kampf seit Jahrzehnten gekämpft und werden ihn weiter kämpfen in dem Be- wußtsein, daß wir durch diesen Kampf verbunden sind mit den Sozialisten der ganzen Welt. Mit besonderer Freude begrüßen wir Deutschen Oesterreichs, daß die stammverwandten Skandi- navicr an der Spitze der sozialistischen Bewegung marschieren. Wir kämpfen in dem Bewußtsein unserer absoluten Unbesieglichkeit. Wir kommen vorwärts in unserem Lande und in der ganzen Welt. Nicht nur der Tag ist unser, wie eS heute in der Begrüßungs- anspräche hieß, wir sind vielmehr von der fröhlichen Zuversicht erfüllt: Die Zukunft ist unser, die Zukunft ist unser! Unser der Sieg!(Stürmischer Beifall.) Van Kol(Holland): Zum achten Male haben sich jetzt die organisierten Proletarier der ganzen Welt versammelt, um sich stark zu machen für den Kampf gegen das Kapital. Jeder Kongreß legte Zeugnis ab von der wachsenden Macht und dem steigenden Einfluß der sozia- listischen Internationale. Ihr Land ist noch kleiner als meine schöne holländische Heimat, aber eS wäre der Stolz meines Lebens, wenn ich noch, bevor mein Ende gekommen ist, sagen könnte, daß wir Ihr Vorbild erreicht haben. Angesichts der Zehntausende, die heute unter der roten Fahne durch die Straßen gezogen sind. würde Ihr alter Sagenheld Holder DanSke wiederum gesagt haben: Es gibt noch Männer in Dänemark!(Stürmischer Beifall.) Wie schnell wächst doch die Internationale! Als Jüngling im Jahre 1871 wurde ich zuerst ihr Mitglied. Es war damals, als der große Pariser Kommuneaufstand in der gräßlichen Rache der herrschenden Klassen ersttckt wurde. Ein Jahr später im Haag versetzte der Anarchismus und die Zwietracht der alten Jnter- nationale den Todesstoß. Die stolze Hoffnung unserer Jugend war tot. Aber siebzehn Jahre später wurde der Mahnruf Karl Marx wieder aufgenommen. Und wenn die erste Internationale die Hoffnung war, so ist die zweite Internationale von 1839 die Erfüllung. Die Befreiung der Arbeiter geht vorwärts. Der Ar- beiter von heute ist nicht mehr derselbe, wie der Arbeiter vor 40 Jahren. Er ist ein stolzer Kämpfer geworden, der weiß, daß durch ihn eine neue Menschheit wirkt. Hinter uns liegt daS Dunkel, vor uns die helle Zukunft, der unausbleibliche Sieg un- seres unwandelbaren Kampfes für Freiheit, Gleichheit und Brüder- lichkcit! Arbeiter jeder Religion, Hautfarbe und Rasse find hier versammelt als Brüder für den Kampf um die Freiheit der Menschheit. Im Reiche des Sozialismus geht die Sonne nicht mehr unter. Dieser Kongreß wird unS ein Ansporn sein, noch eifriger als bisher unsere Pflicht zu tun. Es lebe der SozialiS- mus, cS lebe die internationale Arbeit!(Großer Beifall.) be la Porte(Frankreich): Im Namen der französischen Partei und der Kammerfraktion soll ich an Stelle unsere? erkrankten Freundes JuleS Guesde, des hqchangesehenen alten Vorkämpfers der Internationale, unsere tiefste Sympathie für das dänische Volk aussprechen. Die Demon- stration, die wir soeben gesehen haben, war überwältigend durch ihre Größe und Ruhe. Damit sind Sie auf dem besten Wege zur Ueberwindung des Kapitalismus, zur Unterdrückung der Aus- bcutung deS Volkes und zur Gründung der neuen Gesellschafts- ordnung. Nur die Organisation kann dieses gewaltige Werk voll- enden. Die höchste Anstrengung von Geist und Willen im Dienste der Organisation ist der heiligste, wahre und echte Revolutio- niSmuS. Wenn die Organisationen der Arbeiterklasse stark und reich genug sind, werden wir in allen Ländern zugleich die Morgenröte der Freiheit begrüßen.(Stürmischer Beifall.) Barandian(Armenien): Wir sind ein kleines, altes Kulturvolk, das gleich den Polen unterdrückt ist durch drei mächtige Reiche, durch die Türkei, durch Persien und Rußland. Aber jetzt sind wir im Beginn, die Wieder- erhebung unseres Volkes zu erzwingen. Wir haben in der Türkei daS verabscheuungswürdige Regime Abdul Hamids gestürzt im Bunde mit der jungen Türkei und mit dem revolutionären Maze- donien. An allen Errungenschaften der persischen und türkischen Freiheit, an allen revolutionären Taten im Kaukasus sind wir be- teiligt. Meine Gedanken schweifen auch jetzt nach dem fernen Orient, der erwacht ist auS schwerster Sklaverei. Ich kann Ihnen VW dort vsch nicht vW Sozialismus und Demokratie berichten, aber Re elemenforen Freiheiten ftn5 bereits erobert. Die erste Etappe der politischen Evolution ist erreicht. Das Volk regiert heute, wo gestern über 30 Millionen eine kleine Kamarilla herrschte. Das Erwachen Persiens und der Türkei ist von allgemein menschlicher Bedeutung für die ganze Welt, vor allem für Indien, Marokko und alle Länder, die bisher entweder in der mohammedanischen Reli- gion oder in der aggressiven Arroganz des Panslavismus befangen waren. Noch sind wir Armenier sozial unterdrückt, aber der Sozia- lismus wird auch uns die Freiheit bringen und uns den Zu- sammenhang mit der großen Kulturmenschheit sichern. Darum sind wir froh, daS Banner der Sozialdemokratie und seiner Ideale entfalten zu dürfen.(Stürmischer Beifall.) Buchinger(Ungarn): Versichern kann ich dem internationalen Proletariat, daß, ob- fecchl in Ungarn die Gewalt der Bajonette und die Konsignierung des Militärs die meisten Organisationen zerstört hat und der So- zialismus zurückgedrängt worden ist. das ungarische Proletariat eingedenk ist des Jahres 1848. Wir werden auf dem nächsten Jntcr- nationalen Kongreß berichten können, daß auch in Ungarn sich die Freiheit wieder vorwärts gerungen hat. Es lebe der revolutionäre Sozialismus!(Stürmischer Beifall.) Nachdem noch Magnus Nielsen der Versammlung die Grüße Norwegens überbracht hat, schließt der Vorsitzende auch dieses Meeting kurz vor 8'A Uhr. Nach Schluß der Versammlungen blieb eine freudig erregte Menschenmenge in festlichem Treiben noch bis in die späten Abend- stunden jn dem illuminierten Park beisammen. Sitzung des Internationalen Bureaus. Kopenhagen, 29. August. (Telegraphischer Bericht.) Am Sonntagvormittag um}Ü10 Uhr trat das Internationale Bureau noch zu einer kurzen Sitzung zusammen. Vorsitzender Vandervelde: Die einzige Frage, die wir heute zu erledigen haben, besteht darin, ob der Kautskysche Antrag zum Zulassungs- modus endgültig vertagt ist oder ob wir ihn in einer unserer Sitzungen noch behandeln sollen. Da Kautsky erkrankt und ab- gereist') ist. sind Zweifel darüber entstanden und wir müsien ent- scheiden.— B r a n t i n g will den Vertagungsantrag nur so ver- standen haben, daß man den Vorschlag Kautskys nach einigen Tagen wieder aufnehmen soll, etwa Mittwoch oder Donnerstag.— Vaillant hält den Kautskyschen Antrag in seinen Grund- gedanken für unannehmbar und unvereinbar mit den geltenden Statuten des Bureaus. Ich glaube, daß wir die Frage nicht für die nächsten Tage, sondern für längere Zeit vertagen sollen. Da- gegen werden wir nach meiner Meinung sehr gut Hillquits Re- solution annehmen können, die allgemeine Zustimmung gefunden hat.— Adler schließt sich Vaillant an. Ob man im Laufe des Kongresses noch zur Besprechung der KautSkhschen Resolution kommen werde, werde sich im Laufe der Tage noch zeigen.— Molkenbuhr möchte einen so wichtigen Antrag, wie den von Hillquit, gedruckt vor sich sehen, da dieser doch eine dauernde Ein- richtung bezweckt. ES habe sich schon oft gezeigt, daß einen Antrag alle richtig verstanden zu haben glauben, während man nach der Annahme entdeckt, daß er einen ganz anderen Sinn enthält, als man �ursprünglich annahm. Es wird beschlossen, den Antrag Hillquit in der Donnerstag- sitzung gedruckt und übersetzt vorzulegen. Vandervelde teilt mit. daß ein junger indischer Agitator Krishna ihn gebeten habe, zum Schluß des Kongresses das Wort ergreifen zu dürfen mit dem Hinweis darauf, daß auch in Stuttgart eine Jndierin, die kein Delegiertenmandat besaß, das Wort erhalten habe.— Van Kol, der den Agitator persönlich kennt, warnt davor, ihm das geringste Vertrauen zu schenken.— Keir Hardie, der in Indien war, schließt sich Van Kol an. Vandervelde schlägt darauf vor, daß das Bureau be- schließen möge, daß in Zukunft nur diejenigen auf dem Kongreß Reden halten können, die ein regelrechtes Mandat haben. Der Vorschlag wird angenommen. Auf Vorschlag von JaureS und Adler wird sowohl die Sitzung der Interparlamentarischen Kommission als auch die Journalistenkonferenz, die heute stattfinden sollten, vertagt, um eine Ueberlastung zu vermeiden. Zur Prüfung der Berufungen. die eventuell gegen Entscheidungen der nationalen Sektionen ein- gelegt werden, beschließt daS Bureau, sich noch einmal heute nach- mittag zu versammeln. Die Kommissionssitzungen beginnen nach- mittags 4 Uhr. Am Vormittag tagen die nationalen Sektionen. NachmittagS-Sitzung. Die tschechische Sektion hatte beschlosien. einer An- zahl von Delegierten die Mandate abzuerkennen. Da- gegen haben die betreffenden Genossen folgenden Protest ein- gebracht: »Die tschechische Sektion der Internationale hat in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, die Mandate folgender Genossen. die von der Internationalen Gewerkschaftskommission Oester- reichs zum Internationalen Sozialisten- und Gewerkschafts- kongreß entsandt worden find und der tschechisch-slawischen sozialistischen Arbeiterpartei in Oesterreich angehören, nicht an- zuerkennen. Diese Genossen sind deswegen auz der tschechischen Sektion ausgeschieden.(Folgen 8 Namen.) Dieser Beschluß wurde damit begründet, daß die Organisationen, die diese Ge- noffen delegiert haben, nur der Gewerkschaftskommission in Wien, nicht aber der tschechisch-slawischen Gewerkschaftskommission in Prag angehören. Den der Internationalen.Gewerkschafts- kommission Oesterreichs angeschlossenen Organisationen gehörten am 31. Dezember 1309 an: 318 719 Deutsche» 118 380 Tschechen, 21 350 Polen. 6200 Italiener, 3800 Slowenen und 1000 Ruthenen. Die Delegierten dieser großen internationalen Gesamtorgani- sation müssen zu den nationalen Sektionen, denen sie ihrer Nationalität nach angehören, zugelassen werden, wenn nicht diese internationale gewerkschaftliche Organisation jeder Vertretung auf dem Kongresse beraubt werden soll. Jn der Tat erkennt die österreichische Sektion die Mandate der von den internationalen Gewerkschaften gesandten Delegierten an, gleichgültig, ob die Delegierten polnischer, italienischer, slowenischer oder ruthenischer Nationalität sind. Ebenso haben die Genossen Zularski, Siertz und Klemen. die gleichfalls Delegierte der internationalen Ge- werkschaften Oesterreichs sind, in der polnischen Sektion Sitz und Stimme. Nur die tschechische Sektion erkennt die Mandate derjenigen Delegierten nicht an, die nicht der tschechisch- slawischen Gewerkschaftskommission in Prag angeschlossen sind. Die Konferenz der internationalen Gewerkschaftskommission hat beschloffen, als Landeszentrale für die Arbeiten aller Nationen Oesterreichs nur die Gewerkschaftskommission in Wien, aber nicht die tschechisch-siawische Gewerkpchaftskommission in Prag anzuerkennen. ES ist unmöglich, daß die von der gewerkt schaftlichen Internationale anerkannten internationalen Ge» werkschaften vom Internationalen Sozialisten- und GewerschaftS- kongreß ausgeschlossen sind, die von der gewerkschaftlichen Jnter- je. •) Wie wir erfahren, handelt eS sich bloß um eine leichte und im sich unbedeutende Indisposition, die den Genossen Kautsky indes leider verhindert, an den Arbeiten des Kongresses teilzunehmen, Nationale äEee ausgeschlossenen separatistischen Organisationen zugelassen werden. Die 118 380 tschechischen Arbeiter, die der internationalen Gewerkschaftskommission angehören, vertreten innerhalb der tschechischen Arbeiterpartei das Prinzip der inter- nationalen Organisation gegen alle nationalen Absonderungs- tendenzen. Es wäre undenkbar, daß von der Internationale die- jenigen ausgeschlossen werden, die innerhalb der tschechischen Arbeiterschaft die Sache der Internationale führen. Wir legen daher auf Grund der Geschäftsordnung der Internationalen Kongresse gegen den Beschluß der tschechischen Sektion Berufung an das Bureau ein und stellen den Antrag, das Bureau möge unsere Mandate anerkennen und uns der tschechischen Sektion zuweisen. Kopenhagen, den 29. August 1910." (Folgen 8 Namen.) Als erster ergreift das Wort Nemec-Prag: Es muß schwer sein, die Entscheidung zu fällen, ohne den Kern des Streites selber zu kennen. Die betreffenden Genossen sind nicht von uns aus- geschlossen worden, sondern wir erkennen ihnen die Mandate ab, weil sie überhaupt nicht bei uns angemeldet waren. Ihre Mandate haben sie in Wien erhalten, wo die deutsche Parteiorganisation die Herrschaft hat. Den besten Beweis dafür, daß wir nicht allen Zen- tralisten die Mandate qberkennen wollen, bildet die Tatsache, daß wir welche anerkannt haben. Unter den protestierenden Genossen sind zwei, die früher aus der tschechischen Partei ausgeschlossen wurden, weil sie ein Blatt gegen diese redigiert haben. Es sind andere darunter, die systematisch in Wort und Schrift gegen die tschechische Partei arbeiten. Warum haben sie noch nötig, sich der tschechischen Sektion anzuschließen, wenn sie schon bei den Deutschen Oesterreichs sich gemeldet hatten? Da muß etwas dahinterstecken. Wir als nationale Sektion sind berechtigt, die Mandate derjenigen, die unsere Partei angreifen, nicht anzuerkennen. Wenn Sie den Antrag nicht annehmen, könnte das für uns die schlimmsten Folgen haben. Es wäre der Zentral- kommission in Wien, die mit unserer Partei keine Verbindung hat, ja leicht möglich, hundert Delegierte hierher zu senden und uns da- mit die Leitung der Partei einfach aus der Hand zu nehmen. Nehmen Sie deshalb unseren Antrag an. Keir Hardie(England) fragt an, ob die Delegierten, wenn sie sich bei der Prager Kommission gemeldet hätten, von der tschechischen Sektion anerkannt worden wären.— Nemec-Prag: Die Frage läßt sich nicht so einfach beantworten. Sie gehören nicht zu uns. Dr. Adler-Wien: Ich bin verpflichtet, die Sache der tschechischen Genossen, die hier nicht vertreten sind, zu führen. Die Situation ist für jeden Ausländer sehr schwer verständlich. Auf diesem Kongreß sind wir ja nach Ländern organisiert mit zwei Ausnahmen: Die erste Ausnahme bilden die Polen, die seit 1889 als Angehörige einer bestimmten Nation anerkannt werden, die zweite sind vom politischen Standpunkt aus die Tschechen, die eine besonders autonome Vertretung verlangt haben. Die Schwierigkeit besteht darin, daß wir in Oesterreich eine politische Organisation haben, die jeder Nation ihre politische Autonomie gibt. Während wir nun glauben, daß der politische Kampf nur auf einer nationalen Basis geführt werden kann, sind wir der Ansicht, daß der Wirtschaft- liche Kampf international geführt werden muß. und darum ist die gewerkschaftliche Bewegung in Oesterreich heute noch zentralisiert. Würden hier auf dem Kongreß nur politische Parteien vertreten sein, dann wäre die Sache einfach. Aber wir bilden doch auch einen gewerkschaftlichen Kongreß. Ueberall ist das Prinzip anerkannt worden, daß die einer bestimmten Nation angehörigen Delegierten der betreffenden Sektion zugewiesen werden. Die Delegierten haben das Recht, von der Nation aufgenommen zu werden, zu der sie gehören. Die polnischen Gewerkschaftler gehören zum Beispiel zu ihrer nationalen Sektion. Die tschechischen Gewerkschaftler, gleich- gültig, welcher Organisation sie angehören, müssen also zu den Tschechen gehören. Wir Oesterreicher waren es ja nicht, die die Gründung einer eigenen politischen Organisation billigten. Nach- dem sie aber nun einmal besteht, können die Delegierten durch die tschechische Organisation nicht national disqualifiziert werden vor ihrem Volke. Man täte ihnen damit Unrecht an. das sie nicht ver- dienen. Die betreffenden Delegierten sind Tschechen und gehören der tschechischen Sektion an, die nicht das Recht hat, däe Vertreter von 180 000 organisierten tschechischen Arbeitern nicht anzu- erkennen. Die Delegierten aller Nationen gehören zu gleicher Zeit ihrer nationalen Sektion an. Nemec sagt, daß sie keine Beziehung zur tschechischen Partei hätten, stellt aber zu gleicher Zeit fest, daß sie der Partei angehören. Außerdem sind sie organisierte Gewerk- schaftler, und als solche haben sie Mandate. Zwei der Betreffenden sollen aus der teschechischen Partei ausgeschlossen sein.; der eine, der mit Recht oder Unrecht tatsächlich ausgeschlossen ivurhe, hat den vorliegenden Protest nicht unterschrieben, um die Angelegenheit nicht zu erschweren. Was den Mitherausgeber der von Nemec erwähnten Zeitung betrifft, die gegen die tschechische Partei arbeiten soll, so kann ihm wohl niemand daS Recht bestreiten, die Sache von seinem Standpunkt zu vertreten. Wenn die Sektion deswegen die Man- date nicht anerkennen wollte, käme manche natiouale Sektion, wo drei Strömungen vorhanden sind, nicht zustande. Wenn Nemec dann darauf hinweist, daß die Gefahr einer Ma- jorisierung durch die Deutschen bestehe, so glaube ich. daß keiner weniger an diese Gefahr glaubt als die tschechischen Genossen selber. Und selbst wenn diese Gefahr bestände, so ließen sich sehr leicht ge- nügende Vorsichtsmaßregeln treffen. Wir können doch nicht hier plötzlich eine exterritoriale Sektion schaffen. Das würde eine direkte Umwälzung in der Vertretung der Gewerkschaften hervorrufen. Die Genossen sollten auch als Böhmen anerkannt werden. Wir haben jahrelang mit den tschechischen Genossen friedlich zusammen- gearbeitet und bedauern den entstandenen Konflikt aufs tiefste. DaS Bureau würde die gesamte Gewerkschaftsbewegung schwer schädigen, wenn eS den Fehler der tschechischen Sektion durch An- nähme ihres Antrages noch verstärken würde. Da die Kommissionen für 4 Uhr einberufen sind, beschließt das Bureau, die Fortsetzung der Diskussion auf morgen vormittag 3 Uhr zu vertagen. Die morgigen VormittagSsitzungen der Kom- Missionen werden dafür ausfallen, und die Kommissionen werden ihre Arbeiten erst nachmittags 3 Uhr wieder aufnehmen. Adler macht darauf aufmerksam, ohne damit gegen den Ver- tagungsantrag protestieren zu wollen, daß in der zweiten Kom- Mission, die sich mit dem tschechischen Konflikt zu beschäftigen hat, die tschechischen Zentralisierten nicht vertreten seien. Zu Beginn der Sitzung gab der Sekretär HuhSmans bekannt, daß die Journa- listenkonferenz am Dienstagabend, 8 Uhr, in einem Saale im »Tivoli" stattfinden wird. Kovenhagen, 29. August. Sihmig der deutslhen Deleptidii. (Telegraphischer Bericht.) Die deutsche Delegation hielt am Montag ihre erste Sitzung ab. Den Vorsitz führten Ebert und Legten, als Schriftführer fungierten Dittmann und Knoll. Es wurde beschlossen, daß nur Delegierte der Partei und der Gewerkschaften zuzulassen sind und als Gäste die Vertreter der deutschen Parteipresse. Den Partei- vorstand vertrete» Molkenbuhr, E b e r t und Frau Z i e tz. Die Vertreter der Reichstagsfraktion sind Ledebour, Richard Fischer und Südekum, der Generalkonmiission Legten, Sabath. Knoll, Bauer und Gertrud Hann a. Den„Vorwärts' vertritt Genosse Cunow. Ihm wird Sitz und Stimme ein« geräumt, ebenso dem Vertreter des Deutschen Sozialistischen Lese- klubs in Paris S ch r e y e r. Von der Einsetzung einer Mandats- Prüfungskommission wird abgesehen, und die Mandate werden durch den Parteivorstand und die Generalkommiision als ausreichend geprüft betrachtet. Jn die fünf Kommissionen entsendet jede Nationalität vier Mitglieder. Deutschland je zwei der Partei und der Gewerkschaften. Die Vertreter Deutschlands in de» Kommisionen sind: Jn der Kom- Mission für das Genossenschaftswesen V.Elm, Wurm, S tu hm er und Bauer, in der Kommission für die internationale Solidarität und die gewerkschaftliche Einheit Richard Fischer, Legren, Stengele und Cohen, in der Kömmission für Schiedsgerichte und Abrüstung Ledebour, Haase, Wagner und Sachse, in der Komniission kür die Arbeitslo'cnversichming Molkenbuhr, Sradthagen, Simon und Brey und in der Kommission gegen die Todesstrafe und für die Resolutionen zu- gunsten Frankreichs, Finnlands, Persiens und Argentiniens Klara Zetkin, Adolf Müller- München, Paul Müller« Berlin und Frau Ihrer. Auf Antrag von W e l S- Berlin wird von einer Diskussion über die der Kommission überwiesenen Gegenstände Abstand genommen. Es sollen erst die Beschlüsse der Kommissionen abgewartet und erst dann soll endgültig Stellung genommen werden. Der Antrag Berlin VI aus Einschränkung der Seerüstungen wird der dritten Kommission überwiesen. Der Antrag H a m- b u r g III- B a r m b e ck, der Kongreß möge die Möglich- keit der Einführung einer internationalen Hilfs- spräche als Verstandigungsmittel erwägen, wird durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt, weil diese Frage bereits den Stuttgarter Kongreß beschäftigt hat. Dasselbe geschieht mit einem Antrag H a nr b u r g III- H a m m, der für die neugegründete Marxistische Partei in Holland nicht nur Zulassung zum Kongreß, sondern auch Sitz und Stimme im Internationalen Bureau verlangt. Ebert teilte mit, daß die alte holländische Partei von ihren acht Stimmen eine der neuen Partei übergeben hat. Ob sie im Bureau eine Vertretung erhalten wird, steht noch nicht fest. Aus Antrag Cohen(Berlin) wird schließlich noch festgesetzt, daß möglichst keine Delegationssitzungen stattfinden sollen, wenn die Kommissionen tagen. Damit hatte die Sitzung ihr Ende erreicht. Abriistullgs- und Frikdenskmissidn. Vorsitzender ist van Kol, Schriftführer Gerson Trier» Dänemark. Der Kommission sind zwei Beratungsgegenslände überwiesen, Punkt 3 der Tagesordnung des Kongresses: Das Schiedsgericht und dieAbrüstung, sowie Punkt 6: DaS für die rasche Ausführung der Beschlüsse der inter- nationalen Kongresse einzuschlagende Verfahren. Vaillant- Frankreich regt an, den zweiten Punkt zuerst zur Beratung zu stellen. — Hillquit- Amerika und Perner st orfer- Oestererich betonen, daß ein solches Verfahren ganz unlogisch wäre. Erst müsse man sich über die Stellungnahme zur Abrüstung klar werden, und erst, wenn das geschehen sei, könne man sich üoer die Durch- sührnng etwaiger Beschlüsse zu verständigen suchen. Vaillant- Frankreich führte aus: Es handle sich bei meinem Vorschlag nicht nur um die jetzt zu fassenden Beschlüsse, sondern um alle Beschlüsse, die schon vom Kongreß gefaßt worden sind. An- gesichts der laut gewordenen Opposition stelle ich den Vorschlag noch eine Weile zurück. Es wird in die Beratung der Abrüstungsfrage eingetreten. Es stehen Resolutionen zur Beratung und zwar die Resolution der I. L. P. von Großbritannien, der S. D. P. von Großbritannien, der P. S. von Frankreich und der Sozialistischen Partei Italiens. Ledebour- Deutschland: Ich weise darauf hin, daß eine fünfte Resolution zur Beratung steht, die von der sozialdemokratischen Fraktion des Deutschen Reichstags eingebracht und am 29. März 1909 beraten worden ist. Es wird vorgeschlagen, allen sozial- demokratischen Fraktionen zu empfehlen, diese Resolution mit ent- sprechenden redaktionellen Aenderungen in allen Parlamenten ein« zubringen. Vaillant(Frankreich): Im Prinzip sind sich wohl alle Genossen einig, so daß sofort eine Subkommission eingesetzt werden kann, um eine gemeinsame Resolution auszuarbeiten. Die Abschaffung des Krieges wird allerdings erst der Sozialismus möglich machen. Darauf kann man natürlich nicht warten, sondern es ist erforderlich, durch Stellung von Anträgen in den Parlamenten den Kriegsrüstungcil und dem Militarismus entgegenzutreten. Keir Hardic-England: Wenn jetzt die deutsche und englische Regierung sich wegen der Beschränkung der Rüstungen verständigen würden, so geschieht das nicht aus Friedensliebe, sondern weil die Länder die Last der Rüstungen nicht mehr zu tragen vermögen. Die Arbeiter sind stark genug, den Krieg zu verhindern. Es heißt, hier entfalten wir die lebhafteste Agitation gegen den Krieg. Am Tage der Kriegserklärung müssen die Arbeiter aufhören zu arbeiten. Das ist kein Generalstreik. Den Treibereien der kapitalistischen Presse muß ebenfalls nachdrücklicher entgegengetreten werden. Diskutieren wir jetzt die Frage noch nicht, die Subkommission können wir erst später einsetzen. Bruce Glasier von der I. L. P.(England): DaS Christentum hat sich als ganz unfähig erwiesen, den Krieg aus der Welt zu schaffen. Auch Sozialisten gibt es jetzt schon, die bereit sind, ihre Friedensprinzipien preiszugeben. Die Neigung zum Dreinschlageu steckt unzweideutig in manchem Sozialdemokraten. DaS ist der tierische Instinkt, der überwunden werden muß. Entfalten wir die nmfangreichste Agitation für den Frieden, dann werden die ver« einigten Staaten von Europa leicht zur Tatsache geworden sein. Radce(Polen): Die Haltung, die von der deutschen sozialdcmo» kratischen ReichstagSfraklion in der Sache der Bekämpsung der Rüstungen eingenommen wird, ist mit sozialdemokratischen Argu- menten nicht zu begründen. Die Forderunge» nach einer Ver- ständigung über den Umfang der Rüstungen sind zwecklos, so lange eS ail einer internationalen Exekutivgewalt fehlt, die den Ab- machungen unter allen Umständen Geltung zu verschaffen vermögen. Nur die Finanzmisere würde vielleicht die deutsche Regierung veranlassen, ein Abkommen init England zu treffen. Dann müßten wir die Massen sofort aufklären, daß es sich nur um eine vorüber- gehende Maßregel handelt. Außerdem würde eine Beschränkung der Flottenrüstungcn wahrscheinlich eine Steigerung der Ausgaben der HeereSrüstirngen zur Folge haben. Die Haltung des„Vorwärts" und der sozialdemokratischen ReichStagsfraktion in Sachen des deutsch-englischen Abkommens ist nichts Iveiter als ein Gegenstück zu der Verteidigung der Flottenrüstungen durch Hyndman, die all- gemeine Verurteilung gefunden hat. Als der Vorsitzende den Redner wiederholt auffordert, sich mög- lichst kurz zu fassen, verzichtet er auf weitere Ausführungen unter Protest dagegen, daß ihm die Redefreiheit beschränkt wird. Hillquit(Nordamerika): Von der Hauptsache ist bisher noch mit keinem Wort gesprochen worden. Die Debatte war bisher nur eine Fortsetzung der Stuttgarter Erörterung über Militarismus und Antimilitarismus. Um nicht zu einer Rederei ins Blaue hinein- zukommen, empfiehlt es sich wohl doch, von einer Subkommission eine Resolution ausarbeiten zu lassen, damit eine bessere Grund- läge für die Debatte geschaffen wird. Die Subkommission könnte aus stoben Genossen gobildet werden. Es folgte eine längere Geschäftsordnungsdebatte. Der Vor- ätzende empfahl, zur Begründung jeder der vorliegenden Resolu- tionen noch je einen Redner sprechen zu lassen, dann die Verhand- lungen abzubrechen und eine Subkommission einzusetzen, die eine neue Resolution vorlegen könnte. lliadec(Polen) fordert, daß ein Redner der Polen da? Wort erhalten soll zur Begründung einer Resolution, die noch eingebracht worden wird. Diese Resolution soll der Subkommission mit über» reicht werden, Lebcbour: Wir sind mit den Resolutionen der anderen Lander einverstanden und ich brauche dazu nicht zu sprechen. Zurückweisen muß ich aber den Vorwurf des Genossen Radec, daß die Haltung der deutschen Reichstagsfraktion als unvereinbar mit den sozialistischen Grundsätzen angesehen werden müsse. Radec hat gegen einen„Vor- wärts"-Artikel polemisiert. Ich lehne es ab. alles zu vertreten, was im„Vorwärts" geschrieben wird. Aber dieselbe Haltung, wie die deutsche Neichstagsfraktion und der„Vorwärts" haben die englischen Genossen dreimal eingenommen und dieselbe Resolution zweimal eingebracht. Im jetzigen Staat können wir nicht Anträge fordern, die rein sozialistisch sind. Radec kennt die Vorgänge nicht genau. (Radec: Ich kenne den Hergang sehr wohl und habe seinerzeit in der„Leipziger Volkszcitung" die Neichstagsfraktion angegriffen!) Die politische üage 1909 gebot, wie Redner ausführlich darlegt, das Vorgehen der Neichstagsfraktion, die damit eminent praktische Ar- beit geleistet hat. Bülow und Tirpitz sind bei dieser Gelegenheit von uns wiederum der Lügenhaftigkeit überführt worden. Die Idee dincr Verständigung über die Flottenrüstungcn hat infolge unseres Antrages in Deutschland unstreitig wesentliche Fortschritte gemacht. Auch die bürgerlichen Kreise fangen allmählich an, sich dem Gedanken sympathisch gegenüber zu stellen. So haben wir, ohne eine reinsozialistische Forderung zu stellen, was nach Lage der Dinge gar nicht angängig war, zur Bekämpfung des kapita- listischen Staates auf einem wichtigen Gebiet auch bei dieser Ge- lcgenhcit beigetragen. Dessin(England) begründet die Resolution der sozialistischen Partei von Großbritannien. Kriege haben gewiß lange vor der kapitalistischen Periode stattgefunden. Jetzt aber haben sie Wirt- schaftliche Ursachen. Wir müssen also den Kapitalismus beseitigen, um den Frieden zu sichern. Zur Verminderung der Kriegsgefahr können wir schon jetzt beitragen. Unsere Resolution weist den Weg dazu. Vaillant begründet oie französische Resolution. WaS wir trollen ist, die antimilitaristische Propaganda weiterzuführen. In Stuttgart haben wir uns über die Grundprinzipien geeinigt. Jetzt gilt es, die Mittel zu finden, um die Ideen zu verwirklichen. Wir können genug tun zur Bekämpfung des Militarismus und des Krieges. Die größte Gefahr für den Frieden bildet die Spannung zwischen England und Deutschland. Ein Krieg würde das Pro- lctariat auf lange Zeit vom Wege zum Ziele zurückwerfen. Wie die englischen und deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten haben auch die Genossen in den anderen Parlamenten ihre Pflicht getan und gegen die Fortführung der Rüstungen protestiert. Das Hoch- schutzzollsystem hat die Spannungen noch verschärft. In der Zeit der Teuerung ist es jetzt besonders notwendig, den Schutzzoll zu bekämpfen und zu beseitigen. Wir müssen die Arbeiter über die direkte Aktion aufklären. Kcir Hardie hat gesagt, es empfehle sich für den Fall des Krieges die allgemeine Arbeitseinstellung, das sei kein Generalstreik. Wir wollen den Generalstreik. Die Arbeiter sollen bei Ausbruch eines Krieges die Arbeit niederlegen. Sie sind nicht mehr so dumm, sich zum Kanonenfutter des Kapitalismus her- zugeben. Die Kommission muh sich für den Generalstreik im Fall oer Kriegserklärung entscheiden. In Deutschland ist wieder in den letzten Tagen die Gefahr der kriegerischen Verwickelung an die Wand gemalt worden. Wenden Sie die letzte Kraft daran, jeder kriegerischen Verwickelung vorzubeugen. In die Subkommission zur Vorbereitung einer Resolution werden gewählt Ledebour(Deutschland), Dr. Renner(Oesterreich), Keir Hardie(England). Vaillant(Frankreich), Klausen(Dänemark), Hillquit(Amerika), Morgan(Italien), Gonniaux(Belgien) und Wolkowsky(Rußland). Die Verhandlungen werden am Dienstag- vormittag fortgesetzt. � � Erste fioniniifjlou sEkuosstuschaftsmsell).• Den Vorsitz führt Anseele- Belgien. LouiS Bertrand- Belgien begründet den belgischen Standpunkt einer eügeren Ver- bindnng von Partei und Genossenschaften, v. E l m spricht vom deutschen Standpunkt aus dagegen. K a r p e l e s- Oesterreich nimmt eine Vermittelnde Stellung ein. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen haben, wird die Debatte auf Dienstag nachmittag vertagt. Kopenhagen, 29. August. Ilveite(GmerKschüsts-) ioiinnifston. (Telegraphischer Bericht.) Deir Vorsitz in der Gewerkschaftskommission führen B r a n t i n g(Schweden) und Troelstra(Holland). Auf Antrag der französischen Sektion wird beschlossen, zuerst die Frage der g e- werkschaftlichen Einigung in Oesterreich zu be- raten. Hierzu liegt folgende Resolution der ReichSkommission der Gewerkschaften Oesterreichs'vor: „Der Internationale Sozialistische Kongreß zu Kopenhagen erneuert seine iit Stuttgart beschlossene Resolution über die Be- zichungen zwischen der politischen Partei und den Gewerkschaften, insbesondere in dem Pmilte, daß die Einheitlichkeit der Gewerkschaftsorganisation in jedem Staate ini Auge zu behalten und eine weseniliche Bedingung des erfolgreichen Kampfes gegen Ansbcutlnig und Unterdriickling ist. De?- Kongreß erklärt ferner, daß jeder Versuch, internationale einheitliche Gcwcrlschaftcn in national-separatistische Teile zu zerschlagen, der Absicht dieser Resolution des Internationalen Sozialistenkongresses widerspricht". Die Resolution begründete Hurbcr(O e st e r r e i ch): Bevor wir uns beschwerdeführend an den Internationalen Kongreß wenden, muß ich unser Bedailern darüber aussprechen, daß sich die Verhältnisse in Oesterreich so gestaltet haben, daß wir gewungen sind, eine unserer Bruderpartcien hier zu verklagen. Aber die Frage hat nicht nur eine Bedeutung für Oesterreich, sondern für alle Staaten, die ans verschiedenen Nationalitäten zu- sammengesetzt sind.(Sehr richtig I) Wir würden vielleicht mit dieser Beschwerde auch jetzt noch nicht an den Internationalen Kongreß gekommen sein, wenn nicht offiziell mit allen ihr zur Verfugung stehenden organisatorischen Mitteln sich eine Gruppe der inter- nationalen Sozialdemokratie in den österreichischen Gewerkschafts- streit eingemischt hätte. Der österreichische GeiverkschastSstreil wird in verschärfter Form schon seit 6 Jahren geführt. Wie haben gehofft, die Internationale mit der Anklage wegen unserer tschechischen Genossen nicht belästigen zu müssen, weil wir noch immer die Hoffnung hatten. die Schwierigkeiten, die unzweifelhaft vorhanden find, in Oesterreich selbst überbrücken und überwinden zu können durch die sozialen Empfindungen, durch die großen Aufgaben, die die Sozialdemokratie gegenüber der Arbeiterklasse ohne Rücksicht auf die Nationalität zu erfüllen hat. Aber unsere Hoffnungen sind immer mehr cnt- täuscht worden. In letzter Zeit hat die tschecho-slawische sozialdemokratische Partei mit aller Energie versucht, die Ge- wcrkschaften zu zertrümmern und zu zersplittern und in die acht Nationen zu trennen, aus denen Oesterreich zusammen- gesetzt ist. Dabei bleibt die Arbeiterschaft der verschiedenen Nationen nicht einmal in festen Territorien, sondern fluktuiert von einer Fabrik in die andere und in den Fabriken der Großindustrie können wir heute alle acht Nationen vertreten sehen. Wollen wir wirtschaftliche Rechte, den Lohnsklaven bessere Arbeits- und Lohnbedingungen vom Kapital erobern, so ist eine einheit- liche Oraanisatioil gegenüber den unmittelbaren Ausbeutern eine unbedingte Notwendigkeit. Wir können vielleicht die Ge- werkschaften in 8 Gruppen zersprengen, aber nicht die Groß- industrie. Jeder Lohnlampf wird unmöglich und der Kapitalist triumphiert, wenn die Arbeiterorganisationen zersplittert sind, während die Unternehmer einheitlich straff organisiert sind. Die tschccho- slawische Partei hat aus nationalistischem Separatismus eine Be- wegnng unter den tschechischen Arbeitern hervorgernfe», die nicht nur für die gewerkschaftlichen Organisationen, sondern in weiterer Folge auch für die ganze sozialistische Arbeit eine große Gefahr ist. Die Internationale hat in Stuttgart erklärt, daß der gewerkschaftliche Kampf um so erfolgreicher sein wird, je einheitlicher die gewerkschaftlichen Organisationen. Wir richten heute an Sie die Frage, ob Sie diesen Grundsatz aufrecht erhalten, und damit die Einheitlichkeit der Gewerkschaften in einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet, in einein einheitlichen Staate, unter einheitlicher Gesetzgebung im Interesse der Arbeiterschaft sichern wollen, oder ob Sie zulassen wollen, daß die Gewerkschaften national zerrissen und zersplittert werden. Wir glauben nicht, daß unsere tschechischen Genossen aus Haß gegen die Deutschen so handeln, aber sie befinden sich in einer Verwirrung, die daraus entstanden ist, daß sie ihre Kraft in den nationalistischen Streitigkeiten zer- splittert und darüber unser großes Ziel aus dem Auge verloren haben. Hoffen wir, daß sie zurückkehren werden zu der alten Wahrheil Marx', daß auch ihnen das Wort„Proletarier aller Länder vereinigt Euch" mehr als eine Phrase sein wird. Befinden wir uns im Irrtum, so wollen wir die Belehrung der Internationale gern eut- gegennehmen. Im anderen Falle aber soll sie den Tschechen be- stimmte Direktiven geben.(Lebhafter Beifall.) Neuicc(Prag): Man wirft uns vor, daß wir die Gewerkschaftsbewegung ans separatistischen Gründen schwächen und die Einheit der Organisation sprengen wollen. Aber diese Anklage trifft nicht die Wahrheit. Bei uns in Oesterreich wohnen viele Nationen, und die Entwickelung ist dahin gegangen, daß die Partei im Laufe der Zeit der nationalen Gliederung Rechnung getrageit hat. Die Partei ist in selbständigen nationalen Sektionen organisiert. Nun haben wir aber nicht dieselbe Leitung in der Gewerkschaftsbewegung und in diesen Organisationen, daher haben wir immer dahin getrachtet, auch die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen unter einheitlicher Leitung zu bringen. Das ist aber vollkommen unmöglich, wenn die tschechische Partei von Prag und die Gewerkschaften von Wien geleitet werden. Die österreichische Gewerkschastskommission ist im Jahre 1893 gegründet worden. Sie hat den Wünschen der tschechischen Sozialdemokratie niemals entsprochen, und wir haben daher eine besondere tschechische Gewerkschafts- konintission in dem Jahre 1896 und 97 in Prag gegründet, die ein- trächtlich neben der Wiener GewcrkschaftSkonimission Jahre hindurch gearbeitet hat und die Gewerkschastskommission in Wien hat bei den großen Lohnkämpfen des Jahres 1900 ausdrücklich anerkannt, daß die tschechische Gewerkschastskommission in vollem Umfange ihre Pflicht getan hat. Auf dem Internationalen Gewerkschafts- kongreß in Amsterdam hat man jener tschechischen Gewertschafts- kommission das Vertretungsreckt genommen und in Oester- reich hat man immer mehr und mehr zu einer straffen Zentralisation von Wien aus gedrängt. Wir haben den Versuch gemacht, der tschechischen Sozialdemokratie auch ihren Einfluß auf die Gewerkschaften zu erhallen, aber alle unsere Forderungen sind abgelehnt worden, und so ist es gekommen, dost einzelne Organi- sationen, welche unter dieser straffen Zentralisation sich nickt eniwickeln konnten, die Verbindung mit der Wiener Gcwcrk- schaftSkommission abgebrocken haben. Diese Organisationen hat man auS der Gewerkschaftsbewegung und aus der Partei auS- zuscheiden gesucht, man hat sie als schlechte Gewerkschaftler und schlechte Sozialdemokraten hingestellt, weil sie sich den von der Wiener GeivcrkschaftSkommission propagierten Grundsätzen nicht fügen wollen. Ist es aber möglich, daß eine große politische Partei wie die tschechische bestehen kann, wenn sie in zwei Teile geteilt ist. einen Teil der politischen und einen'.Tcil der gewerkschaftlichen Bewegung? Das haben wir in Stuttgart nicht gewollt; in Stuttgart haben wir beraten über die Einhcitlichkeil von Partei und Gewerkschaft und be- schlössen, daß ihre Aktion um so erfolgreicher sein wird, je mehr Partei und Gewerkschaft zusammenwirken, das sollte man nicht unmöglich machen. Man sollte uns einen Weg freigeben, um ohne übertriebene Zentralisation Partei und Gewerlschaft zusammenzuführen. Dann sind wir jederzeit bereit, mitzuarbeiten, und es fällt unS gar nicht ein, gegen die deutschen Genossen irgend etwas zu nnternehmen. Sie werden keinen Fall anführen, wo wir in einem Streik oder in einer sonstigen gewerkschaftlichen Bewegung gegenüber den deutschen Genossen nicht voll unsere Pflicht getan hätten. Die Majorität der tschechischen Arbeiter gehört schon heute nicht mehr der Wiener, sondern der Präger Gewerkschastskommission an. Wenn» Sie das absolute Prinzip der Vereinheitlichung der Gewerkschaftsbewegung aufstellen wollen, warum tun Sie das dann nicht in Belgien, wo die Minderheit der Arbeiter einer Zentral- stelle angeschlossen ist, in Frankreich, Italien und England, wo die gewerkschaftliche Bewegung lange nicht so straff zentralisiert' ist wie bei uns. Und doch wäre die Zentralisation dort viel leichter durchzuführen als bei uns. Bedenken Sie unsere Lage. Die politische Organisation hat keine Mittel. Keine politische Organisation außer der deutschen hat in absehbarer Zeit Aussicht, irgend welches finanzielle Rückgrat aus eigenen Kräften zu erlangen. Die Gewerkschaft aber, die dieses Rückgrat bilden sollte, können wir Tschechen nicht heranziehen, weil sie total zersplittert und abhängig ist. Das ist für nnS ein prekärer Zustand, der unbedingt be- seitigt werdM muß. Da müssen die deutschen Genossen auch auf die Bedürfnisse der tschechischen Sozialdcmokralie Rücksicht nehmen. Der Kampf des Proletariats gegen den Kapitalismus kann nur in einer Organisation geführt werden, die allen Zweigen der Bewegung die Möglichkeit freier Entwickelung gibt. Wir haben seit Jahren darauf hingewiesen, daß die stärkste österreichische Organi- salion, der Buchdruckerverband, nicht so scharf zentralisiert ist, wie der Reichsverband von Wien aus zentralisiert wirken will, sondern daß er aus Landcsvereinen besteht. Nach diesem Muster werden wir auch die übrige Gewerkschaftsbewegung organisieren müssen, wenn wir den Ansprüchen der einzelnen Nationen Genüge leisten wollen. Die ReichSkommission in Wien ist ongeblich international, aber sie hat stets Beziehungen zur deutschen Partei unterhalton, die in Wien eine Reichsvertretung hat. Heber kurz oder lang muß das anders werden. Wir müssen eine neue Form der gewerkschaftlichen Organisation finden. Die tschechischen Arbeiter in ihrer Mehrheit sagen: die Sache wird in Wien gemacht, vielleicht ganz gut gemacht, aber sie wird doch eben in Wien gemacht.(Schallende Heiterkeit.) Das kam man den tschechischen Genossen nicht vorwerfen, denn vor ihnen haben die deutschen Genossen in Böhmen gesagt: das wird in Prag gemacht, und was auch immer in Prag gemacht wird, wir geben keinen Pfennig Geld für Prag, wir haben ja unser Wien und bleiben bei unserem Wien.(Erneute Heiterkeit.) So hat sich dieser Antagonismus der Volker natürlich entwickelt. Er ist nicht ans der Welt zu schaffen, so sei denn durch die Organisation, ivelche den Interessen aller Beteiligten entsprechen und welche die volle EntwickeltiiigSfähigkeit aller Nationen ermöglichen würde. Wenn das nicht geschieht, so helfen alle Resolutionen nichts, dann läßt sich ein einheitliches Vorgehen von Partei und Gclverk- schaft im Sitine der Resolution nicht erzielen. � Lehnen Sie eS ab, die tschechischen Gcttossett zu verurteilen und beschließen Sie die Re- solution der Wiener Reichskottttttission dem Internationalen Bureau zur Untersuchung und Berichtcrstaltnitg an den nächsten Kongreß zu überweisen.(Beifall und Widerspruch.) Die Verhandlungen wurden dann auf Dienstag nachmittag vertagt. Uierte Koulmiffiov (Albtltsiostuvtrßchtruug und Arbeittrschutzgesetzgebuitg), Den Vorsitz führte ReichstagSavgeordneter Olsen- Dänemark. Nach längerer Debatte wird beschlossen, die Arbeitslosen- frage getrennt von den Fragen der übrigen Arbeiterschutz- gesetzgebung zuerst zu behandeln. ES wird eine Unter- kommission eingesetzt, die eine Nesoluiiou über die Arbeits- loscnfrage ausarbeiten soll. In die Koinmission wurden von Deulschlaud gewählt Molkenbuhr und S t a d t h a g e n. lieber die Arbeitslosettversicherttttg und ihre Aussichten erstatten Bericht für Deutschland Molkenbuhr und für Oesterreich Adolf Braun, der besonders die Wichtigkeit der ArbeitSlosenttitterstützuttg für die Kampfesfähigkeit der Gewerkschaften betont. Die Kontmission tagt Dienstag vormittag 10 Uhr weiter. Zunächst sollen nun die all- gemeinen Fragen der Arbeiterschtttzgesetzgebuttg erörtert Iverden. Fünfte Kottitnisjfo« AesMionen). Den Vorsitz führen Ellenbogen-Oesterreich, Longuet« Frankreich und Frau Ihrer- Berlin. Die Kommission beschäftigt sich mit einer Resolution Paul Louis- Frankreich, die in Bestüti- gung der Amsterdamer Einigungsresolution für Frankreich von neuem den Wunsch ausspricht, daß die gespaltenen Frak- tionen sich einigen möchten und daß das internationale Bureau zu diesem Einigungswirken seine Dienste anbietet. Die Resolution wird unter großem Beifall ein st immig an- genommen. Die Koinmission setzt am Dienstag ihre Beratungen fort. )Zus InÄultrie unä k)anÄel. Flcischteucrung. Seit Beginn dieses Jahres zeigte das Warenpreisniveau im Großhandel eine sinkende Richtung: Monat für Monat brachte eine Ermäßigung, so daß sich für das erste Halbjahr eine beträchtliche Senkung ergab. Mit dem Monat Juni aber hörte die Senkung auf: der Monat Juli brachte eine plötzliche und scharfe Wendung nach aufwärts. Berechnen wir für 17 Waren, deren Preis im Verhält nis zu ihren Kon summengen gesetzt wird, die Indexziffer, so erhalten wir folgende Bewegung: die Index- ziffer betrug in Mark: Januar Februar März April 1910...... 5 922 5 838 5 824 5 816 Gegen 1909 in Proz.+ 3,30+ 1,26+ 0,16— 1.43 Mai Juni Juli 1910...... 5 711 5 677 5 815 Gegen 1909 in Proz.— 3,82— 5,81— 3,32 Wie gestaltete sich nun aber die Bewegung der Viehpreise im Großhandel? Ein Blick aus sie lehrt, daß sie den Hauplanteil an der schroffen Aufwärtsbewegung deS Gesamtindcx haben. Während nämlich der Index für Schlachtvieh im Juni immerhin erst um 7,69 Proz. über den deS Vorjahres hiitauSgiitg und von Juni auf Juli 1909 einen Rückgang erfahren hatte, stieg er im Juli d. I. plötzlich so stark, daß er so hoch st eht wie in keinem Vor- monat und um 15,85 Proz. über den vom Juli 1909 hinausgeht. Für Schweine, Rinder, Kälber und Hammel spiegell sich die Be- wegung der Großhandelspreise in folgender Indexziffer wider: Januar Februar März April 1910...... 1 941 1907 1 921 1927 Gegen 1909 in Proz.+ 3,61-j- 3,73+ 6,82-j- 7,72 Mai Juni Juli 1910...... 1910 1920 2 016 Gegen 1909 in Proz.+ 7,94+ 7,69+ 15,85 Eine Ermäßigung der Schlachiviehpreise im Großhandel im Ver« gleich zum Vorjahre hat mithin noch kein Monat des laufenden Jahres gebracht. Ganz besonders scharf ist der Index für Schweins und Rinder von Juni auf Juli in die Höhe gegangen: bei Schweinen ging er von 860,23 aus 904,54 M. hinauf gegen 794.92 M. tm Juli 1909, bei Rindern betrug er im Juni 821,80, im Juli aber 864,64 gegen 730,24 M. im Juli v. I. Kapitalistische Moral. Bei einer Besprechung deS Zusammenbruchs der Niederdeutschen Bank schreibt die Fachzeitschrift„Die Bank" unter anderm:„Es gibt Banken und Bankgeschäfte, die im Rufe stehen, schlechte Gründungen in nicht geringerem Maße zu betreiben als die Niederdeutsche. Aber sie nehmen nur selten Schaden an ihnen. Das Engagement löst sich für sie vielmehr in einen Gewinn auf, sofern es ihnen gelingt, die Aktien in das Publikum zu bringen, bevor der wahre Charakter der Gründung sich offenbart. Der Verlust, den irgend jemand an solchen skrupellos überkapitali. sierten Unternehmungen früher oder später erleiden muh, wird durch eine geschickte Emissionstechnik von der Banik auf den» jenigen abgelenkt, der ihr die Mtten abnimmt. Es kommt also vom Standpunkt der Bank weniger auf die Qualität der Grün» dtmgs- und Emissionsobjekte an, als auf die Geschicklichkeit, sie an den Mann zu brittgetr.... Erleidet die Bank an den Gründungen Verluste, so sind letzten Endes nicht die Gründungen schuld, sondern lediglich die Unmöglichkeit, sich ihrer rechtzeitig zu eitt- äußern.. Für den speziellen Fall der Niederdeutschen folgt hieraus:„Gewiß, es spricht auch mit, daß ihre Gründungen und Beteiligungen spottschlecht waren. Aber das Wesentliche ist, daß die Bank auf ihnen sitzen geblieben ist. Jede wibklich potente und zweckmäßig geleitete Bank wird in 9 von 10 Fällen aus einer noch so üblen Gründung ein halbwegs rentables Unternehmen machen... Bei allen Bartken befinden sich unter den industriellen Engagements auch solche bedenklicher Art, und in einzelnen Fällen mögen sie an Zahl nicht hinter denen der Nieder- deutschen zurückbleiben. Aber sie belasten die Institute immer nur kurze Zeit, reifen eines nach dem andern ihrer Bestimmung, nämlich der Abwanderung auf den Anlagemarkt entgegen... Die Niederdeutsche, die weder Anschluß an die eigentliche Hochfinanz noch wertvolle industrielle Verbindungen hatte, komtte ihre hervorragend schlechten Beteiligungen nicht derartig heraus- putzen(!), daß sie auf Käufer außerhalb des eigenen Kunden» kreises einen Reiz ausübten... Hätte die Bank, statt mit ihrer Unabhängigkeit von Berlin und von den Großbanken zu renom- micren, in innigem Konnex mit einem leistungsfähigen Bank- konzern gestanden und sich besten industrielle Beziehungen und speziell seine Vertriebsorganisation zu Nutze gemacht, so hätten sich bei ihr nach tind nach die faulen Wechsel und Schuldforderungen in Aktien und schlecht fundierte Obligationen verwandelt; Wirt- schafts- und finanztechnische Maßnahmen hätten diese Papiere bis zur Emissionsfähigkeit veredelt(!), die Effekten hätten sich auf den Markt ergossen, und die Liquidität wäre hergestellt gewesen, ohne daß deshalb auch nur ein einziges fragwürdiges Geschäft hätte unterlassen werden müssen.(!) Die Hauptschuld an der Kala- strophe trugen Selbstüberschätzung und technisches Ungeschick. In dieser Beziehung hat sich die Niederdeutsche wesentlich von an» deren Banken unterschieden. In sonstiger Beziehung leider nicht ganz in dem Maße, wie diejenigen annehmeii, die den Fall Niederdeutsche Bank als eineit krankhaften Auswuchs am gesunden Stamm des deutschen Bankwesens angesehen wissen wollen." ES ist für die Oeffcntlichkeit jedenfalls außerordentlich intcv- cssant zu vernehmen, daß im Grunde bei allen Banken dieselbe Wirtschaft herrscht wie bei der Niederdeutschen, nur mit dein Unterschiede, daß die anderen„Geschicklichkeit" genug besitzen, die Verluste„auf diejenigen abzuleuken, die ihr die Aktien abnehmen." Ein netter Beweis, wie tief die Unehrlichkeit und der Betrug mit dem kapitalistischen System verwachsen ist. Bei dieser Gelegenheit macht übrigens„Die Bank" mit Recht darauf aufmerksam, daß bei solchen Pleiten die Schuldner des falliten Instituts eigentlich viel schlimmer daran sind als die Gläubiger:„Kredite, an die man sie gewöhnt, die mar, ihnen viel» leicht gar aufgedrungen hat, kommen plötzlich zur Kündigung. Die Schuldner, denen schon durch die Tatsache ihrer Verbindung mit einer insolventen Bank jeder Kredit abgeschnitten ist, sind außer- stände, zu zahlen, gehen in Konkurs und reißen andere Existenzen mit sich." Von besonderer Wichtigkeit ist aber noch, daß den Schuldnern schon dann Kreditentziehung droht, wenn die glück- forderungcn bei einer Bank sich häufen, ohne daß deren Existenz deshalb in Frage gestellt ist. Die rigorose Kündigung der Kredite ist ja gerade das Mittel, mit dem die Banken sich im Notfall zahlungsfähig erhalten.„Unter den Ziffern der Konkursstatistik befinden sich zahllose Leichensteine solcher still verbluteten Opfer einer falschen Bankpolitik, die nur auf den Gläubiger und nicht auf den Schuldner Rücksicht nimmt."__ Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Kerlin. Für denJnseratenteilveranftv.: Th. Glocke, Berlin, Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckcrei u. VerlagSgnstalt Paul Singer Li Co.. Berlin SW- 2. DtilM d«s Jotrairts" Sttlintt JolWlirtt. ilMiig, 30. Jnpl 1910. 7. Internationaler Cransportarbciter« Kongreß. Kopenhagen, den 26. August 1910. Hebet den Antrag der österreichischen Transportarbeiter ent- spinnt sich eine längere Diskussion, deren Ergebnis die Zurück- zrehung des Antrages Ivar. Die Resolution Brcmconi bezüglich die Herausgabe des Corre- spondenzblattes in italienischer Sprache wird dem Zentralrat zur weitgehendsten Berücksichtigung überwiesen. Der Antrag, die Berichte in Zukunft mindestens 2 Monate vor Stattfinden des Kongresses den Organisationen zuzustellen, wird an- genommen.— In der Angelegenheit betreffend den Vertreter des norwegischen Se-emannsverbandes Olaf Barstad berichtet die zur Untersuchung eingesetzte Kommission, daß sich nichts Belastendes gegen Barstad ergeben habe.— � Kopenhagen, den 27. August 1910. Fnruseth(San Franeisco), Vertreter der Internationalen Seemanns-Union von Amerika, der schon dem Internationalen Transportarbeiter-Kongreß in Wien 1908 eine längere Resolution zur Beschlutzfassung unterbreitet hatte, die folgende Forderungen enthielt:„1. Abschaffung aller Gefängnisstrafen für Verlassen des Schiffes im sichern Hafen; 2. Abschaffung aller Gefängnisstrafen für die Verweigerung, Befehlen zu gehorsthen, während das Schiff im sicheren Hafen liegt, an Stelle dieser Strafen Zahlung solchen Be- träges, wie er demjenigen bezahlt wenden mutz, der engagiert wird, um die verweigerte Arbeit zu verrichten 3. Abschaffung aller Ent- lassungs-Zcrtifikate, die im Besitz des Führers bleiben. An Stelle derselben ein Befähigungsnachweis, der im Besitz des Seemanns bleibt; 4. Abschaffung aller Vorauszahlungen auf die Löhn«, sowohl direkt wie indirekt; S. Abschaffung aller Ueberweisungen von Löhnen mit Ausnahme näher abhängiger Verwandten; 6. Einführung eines Fähigkeitsgrades für die Seeleute, der wenigstens drei Jahre See- dienst auf Deck fordert; 7. Einführung eines Fähigkeitsgrades für die Heizer, der wenigstens eine sechsmonatliche Tätigkeit als Trimmer fordert; 8. Bemannungstabelle, nach welcher wenigstens 75 Proz. der Deckmannschaft, mit Ausnahme der Offiziere, gelernte Seeleute sein müssen, die die Sprache der Offiziere genügend ver- stehen, um deren Befehlen gehorchen zu können" hat seinem Referat über„Stand, Anwendung und Einfluß der Jnter- nationalen Gesetzgebung ans die soziale und rechtliche Lage der Seeleute" dieselbe Resolution zu Grunde gelegt. Der Kongreß in Wien hatte von der Beschlutzfassung Abstand genommen. Obgleich keiner der Diskussionsvedner sich grundsätzlich gegen die aufgestellten Forderungen wandte, stellten sie sich doch alle auf den Standpunkt, daß der Resolution in der vorliegenden Form nicht zugestimmt werden könne. Die Abstim- mnug über die Resolution ergibt die Annahme des zweiten Teils, der die Forderungen enthält. Mit 19 gegen 17 Stimmen wird be- schlössen, daß es jeder Nation überlassen bleiben soll, diese Forde- rungcn nach ihrem eigenen Ermessen zu begründen. lieber„Stand, Anwendu ng und Einfluß der Internationalen Gesetzgebung auf die soziale Lage der Hafen» und Transportarbeiter" referiert L i n d l e y- Stockholm. Eine im Sinne des Referates gehaltene Resolution fand Annahme. In Anbetracht der vorgeschriMnen Zeit verzichten Dreher- Berlin und B r u n n e r- Berlin auf ihre Referate. Sie werden dieselben schriftlich niederlegen, so daß sie dem Protokoll beigesiigt werden können. Die Resolutionen beider Referenten werden ver- lesen. Die Resolution Dreher lautet:„Der siebente Jnternatio- nale Transportarbeiter-Kongretz in Kopenhagen, die rechtmäßige Vertretung einer halben Million organisierter Transportarbeiter in Anierika und Europa fordert die Parlamente und Regierunyen der zivilisierten Staaten auf, zwecks der überall stets notwendiger werdenden erhöhten Verkehrssicherung und zum Schutze der Ver- kehrsarbeiter eine gesetzliche Regelung der Verhältnisse im Verkehrs- gewerbe herbeizuführen. Die Arbeitszeit ist gesetzlich zu normieren: auf 9 Stundn für erwachsen«, im Fuhrgewerbe tätige Arbeiter und Kutscher, auf 8 Stunden für Arbeiter und Kutscher im Fuhrgewerbe unter 18 Fahren, auf 8 Stunden für Kraftwagenführer, auf 8 Stunden für Stratzenbahnführer und Schaffner. Der Kongretz fordert ferner von der Gesetzgebung gesetzliche Festlegung eines Ruhetages von 36 Stunden in der Woche und Einsetzung von Auf- fichtsbehörden zur klebe rwachung der Verkehrsbetriebe analog den Grubeninspektoren. Zur Erreichung dieser Ziele fordert der Kon» gretz alle Verkehrsarbeiter auf, bei Parlamentswahlen nur der- jenigen politischen Partei ihre Stimme und ihre Unterstützung zu gewähren, die dafür Garantieen bietet, daß ihr« Vertretung im Par lament für die gesetzliche Verwirklichung unserer Forderungen va tiert". B r»nne r beantragt folgende Resolution:„Die Gesetzgebung fast aller Länder und Staaten hat, um die angebliche Streikgefahr kleines feuilleton. Eine Gartenstadt mit gemeinschaftlichem Haushalt. Ein inter- essantes Unternehmen wird in kurzer Zeit im Nordwesten Londons in Angriff genommen werden. Es handelt sich um die Errichtung einer Gartenstadt, in der der Haushalt der Familien von einer Zentralstelle aus besorgt werden soll. Die Genossenschast, die diesen Plan zur Ausführung bringen will, hat zu diesem Zweck schon das Gut Brent Lodge, das etwa 9,6 Hektar grotz ist, gekauft. Sie be- absichtigt hier ihren Teilhabern Häuser zu errichten zu einer jährlichen Miete von 700— 1200 M. Außerdem sollen drei Wohnungshäuser errichtet werden. Große Flächen bleiben als Spielplätze frei. Brent Lodge ist eins jener herrschaftlichen Güter, von denen man in dem schönen Brenttale eine ganze Reihe findet. Die großen Häuser sind jetzt leer, da seine wohlhabenden Bewohner vor der heranrückenden Großstadt geflohen sind. Das große Haus, das.sich aus dem Gute Brent Lodge befindet, soll stehen bleiben; es soll in ein Klubhaus mit großem Speisesaal verwandelt und durch einen bedeckten Gang mit allen Häusern verbunden werden. In diesem Hause können alle Bewohner der Gartenstadt ihre Mahlzeiten einnehmen, oder sie können fich von hier die Mahlzeiten ins HauS schaffen lassen. Die Gartenstadt beherbergt auch eine Anzahl häus- licher Arbeiter, die stunden- oder tageweise von den Bewohnern zur Verrichtung häuslicher Arbeiten beschäftigt werden können. Diese Angestellten sollen eine regelmäßige Arbeitszeit<10 Stunden täglich) haben und sich abivechseln. UeberdieS soll die Gartenstadt mit allen modernen hygienischen und arbeitsparenden Einrichtungen versehen werden. Die Kosten der Errichtung werden sich auf 1600 000 M. be- laufen. Frau Alice Melvin, die die Idee schon seit vielen Jahren verbreitet hat und nun praktisch durchführen wird, bemerkt oei der Schilderung der Vorteile, die eine gemeinschaftliche Haushaltung bietet, unter anderem:„Wir kaufen im großen anstatt im.kleinen", schalten Verschlveudung und überflüssige Arbeit aus und sparen der Hausfrau unsägliche Sorge und Plage." Wenn auch das Unter- nehmen mehr den Bedürfnissen der unteren Mittelklasse als denen der Arbeiterschaft zugeschnitten zu sein scheint, so ist dennoch nicht zu verkennen, daß es die Möglichkeit erfreulicher sozialer Entwicke« lungen birgt. Die Befreiung der Frau von ihrer vielfach un- produktiven häuslichen Arbeit und der Aufstieg der Dienstboten in eine höhere Arbeiterkategorie mit geregellen Arbeitsverhältnissen Wird dadurch nnt ein beträchtliches Stück WegeS uähergerückt. Mautegazzas populäre Schriften. Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, in der die populären sexualhygienischen Werke Paolo von den Betrieben der Eisenbohnen, der Licht- und Wasserversorgung und von den sonstigen öffentlichen und gemeinnützigen Betrieben fernzuhalten, seit Jahren eine Tendenz verfolgt, die erkennen läßt. daß die gesetzlichen Matznahmen der Regierungen darauf gerichtet sind, den Arbitern und Bediensteten der Eisenbahnen und aller son- stigen öffentlichen und gemeinnützigen Betrieb« die Wahrnehmung ihrer beruflichen Interessen unmöglich zu machen. Der siebente Internationale Transportarbeiter-Kongretz in Kopenhagen verur- teilt entschieden diese Maßnahmen und erklärt, daß die Einschrän- kung aper gänzliche Entziehung des Vereinigungs- und Streikrechts der in staatlichen und gemeinnützigen Betrieben tätigen Arbeiter und Bediensteten ungerecht und nicht geeignet ist, den Streik unter allen Umständen von den Betrieben fernzuhalten. Die beste Ge- währ für die Fernhaltung von Streiks und ähnlicher Kampfmittel erblickt der Kongreß in der gesetzlichen Anerkennung der gewerk- schaftlichen Organisationen, die in dem Mitbestimmungsrecht bei der Festsetzung und Regelung der Lohn- und Arbeitsbewegungen ihren beredtesten Ausdruck bietet, und in der Freiheit der Betäti- gung jeder politischen Ueberzeugung. Der Kongretz erachtet es als die Pflicht aller in Frage kommenden Organisationen, dahin zu wirken, daß den Organisationen der Eisenbahner und der sonstigen staatlichen und gemeinnützigen Betrieben das Recht der Mitbestim- mung bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen einge- räumt und ihnen gesetzliche Anerkennung garantiert wird. Gleich- zeitig empfiehlt er, nur der politischen Partei Sympathie und Unter- stützung zuzuwenden, die dafür die Garantie bietet, daß ihre Ver- treter im Parlament gegen Entrechtng der Arbeiterklasse votieren". — Beide Resolutionen wurden einstimmig angenommen. In den Zentralrat wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Der nächste Kongretz wird 1913 in London stattfinden. Z. Internationale Konferenz der Maurer- und Bauhilfsarbeiterorganilationen. Die Konferenz wurde am Sonnabennd in Kopenhagen eröffnet. Anwesend waren 23 Delegierte aus 11 Ländern, die 13 Organisa- tionen mit 450 005 Mitgliedern vertreten. Aus dem von dem inter- nationalen Sekretär Bömelburg erstatteten Bericht ist zu er- wähnen, daß sich seit der letzten Konferenz im Jahre 1907 die Orga- nisationen in Kroatien, Bosnien und Frankreich der Internationale angeschlossen haben. Dagegen ist es bisher nicht gelungen, auch England zum Beitritt zu bewegen. Im großen ganzen hat das internationale Zusammenwirken in der letzten Periode ganz wesettt- lich zur Stärkung nicht nur der Maurerbewegung, sondern der Ar- beiterbewegung im allgemeinen beigetragen. Nach kurzer Debatte, in der sich alle Redner mit der Tätigkeit des Sekretärs einverstanden erklärten, wurde der Bericht zur Kenntnis genommen. Der zweite Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung zu den Bestimmungen des internationalen Vertrages. Hierzu lag ein Antrag Oesterreich vor, der die Konferenz ausfordert, Stellung zu der separatistischen Bewegung zu nehmen. Die separatistischen Be- strebungen, deren Ursachen und Verlauf Tete nka- Wien ein- gehend schilderte, fanden allseitige Verurteilung. Das Resultat der Erörterungen war die Annahme einer Resolution, die dem Inter- nationalen Kongreß unterbreitet werden soll. Da von verschiedenen Rednern Abänderungen des internatio- nalen Vertrages gewünscht wurden, wurde eine Kommission mit der Aufgabe der redaktionellen Umgestaltung des Vertrages beauf- tragt. Ein Antrag Ungarn, zu prüfen, ob es nicht möglich sei, die Unterstützungseinrichtungen aller Verbände gleichmäßig zu ge- stalten, wurde von Bömelburg bekämpft und durch seine Aus- führungen als erledigt betrachtet. Eine längere Debatte rief ein Antrag Holland hervor, der den internationalen Sekretär beauftragt, dahin zu wirken, daß für alle baugewerblichen Organisationen eine einheitliche Internationale gegründet wird. Clement änderte den Antrag schließlich dahin ab, daß dem internationalen Sekretariat angeschlossen werden können: 1. alle Arbeiter des Baugewerbes, für die ein internationales Se- kretariat nicht besteht, 2. alle die, für die ein internationales Sekre- tariat wohl bestanden, sich aber inzwischen aufgelöst hat.— Die Redaktionskommission erhielt den Auftrag, den Kartellvertrag in diesem Sinne zu ändern. Charakteristisch für die Gegensätze zwischen der französischen Organisation und den Organisationen der übrigen Länder ist ein Antrag Clement, der die Bestimmung im Vertrage gestrichen haben will, daß die internationalen Konferenzen in Verbindung mit den internationalen sozialistischen Arbeiterkongressen stattfinden sollen. Demgegenüber betonte Bömelburg mit allem Nachdruck die engen Berührungspunkte zwischen beiden Zweigen der Arbeiterbewegung. Dem schlössen sich die Vertreter der übrigen Länder an; der Antrag wurde gegen die Stimme von Frankreich abgelehnt. Schließlich wurde noch grundsätzlich beschlossen, daß in Zukunft die internationale Berichterstattung organisiert und daß von den einzelnen Ländern Beiträge erhoben werden sollen. Mautegazzas, des italienischen Physiologen und Anthropologen, der am Sonntag gestorben ist, zu den gangbarsten Objekten des Buch- Handels gehörten. Bücher, wie seine„Hygiene der Liebe",„Physio- logie der Liebe", seine„Physiologie des Weibes",„Physiologie des Genusses", seine„Studien über die Geschlechtsverhältnisse" usw. lagen in den Schaufenstern, mit pikanten Titelbildern versehen, an bevorzugter und auffallender Stell« und wurden besonders von jugendlichen Personen verschlungen, die in diesen Werken gewisse pikante Situationen suchten. Dabei war ein großer Teil dieser billigen Uebersetzungen der populär-wissenschaftlichen Werke Manie- gazzas in ein miserables Deutsch übertragen und ähnelte in seiner ganzen Aufmachung nicht wenig gewissen Erzeugnissen der Sen. sations- und Hintertreppenlektüre. Das ist die Ursache, weshalb der italienische Gelehrte, der in wissenschaftlicher Hinsicht durchaus ernst zu nehmen ist, bei uns vielfach völlig falsch beurteilt wurde. Räantegazza, der sich in seinem Hauptwerk„Elemente der Hygiene" als scharfsinniger Gelehrter gezeigt hat, wandte sich in seinen popu- lären, mit starker Bildkräftigkeit und viel italienischem Feuer ge- schriebenen Büchern vor allem an seine Landsleute, wie er auch durch unzählige Artikel in der Presse und in Zeitschriften das Volk in hygienischer Beziehung zu beeinflussen suchte. Diese verdienst- volle Tätigkeit wurde in seinem Vaterlande auch anerkannt. Er war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Korporationen, und er gehörte mich dem italienischen Gesundheitsamt an. Von großer Bedeutung waren seine Vorschläge, die er nach der großen Cholera- epidemie des Jahres 1884 zur Sanierung der verseuchten und aller Hygiene hohnsprechenden Viertel Neapels machte. Sehr wenig be- kannt sind in Deutschland seine schöngeistigen und seine Reise- werke. Mantegazza, der 1831 zu Monza geboren war, hatte als junger Arzt ganz Europa bereist, war auch in Indien gewesen und hatte mehrere Jahre in Argentinien praktiziert, bevor er, im Jahre 1861 als Professor der pathologischen Anatomie an die Universität Pavia berufen worden war, von der aus er 1869 als Professor der Anthropologie nach Florenz ging. Er begründete dort ein anthro- pologisch-ethnographisches Museum. Zu den LieblingSbeschästi- gungen des Gelehrten gehörte die Gärtnerei. Ihr widmete er sich, wenn er während des Sommers auf seinem Landgut in San Te- renzo am Golf von Spezia weilte, wo den Neunundsiebgigjährigen nunmehr der Tod ereilt hat. Humor und Satire. Auf der Berliner Stadtbahn raubte während der Fahrt ein Strolch einer Dame das Handtäscbchen, in dem sich unter anderem auch ihr Billett befand, und sprang vom Zug ab. Die Dame brachte den Zug durch Ziehen der Notleine zum Stehen» die Gentralversilmmlung des Vtrbandes der Fithsgraphea, Sttiudrucker und verwaudten Gtwcrbe. Hamburg, 27. August. Nachmittagssitzung. Nach beendeter Statutenberatung wird beschlossen, daß alle Aenderungen des Statuts sowohl für die Gesamtheit der Mit- glieder als auch für sämtliche schon vorhandenen Invaliden und Witwen ab 1. Oktober 1910 Geltung haben sollen. Beim Lehrlings st atut wird der Beschluß gefaßt, den Bei- trag auf 10 Pf. pro Woche zu belassen.(Der Hauptvorstand halte 15 Pf. beantragt, um das Defistl in dieser Ableilung zu decken.) Es werden noch folgende Anträge erleoigt: (Dem Vorstande zur Beachtung überwiesen): Der Hauptvorstand hat eine Statistik über die sanitären Verhältnisse im Berufe auf« zunehmen; das gewonnene Material ist zu verarbeiten und dem Bundesrate zuzuleiten mit dem Antrage, Vorschriften über sanitäre Einrichiungen in unserem Gewerbe zu erlassen. Heber die Frage der Zugehörigkeit der Tapetendrucker soll mit dem FabrikarbeNer-Verbande Rücksprache genommen werden. Die Namen der Ausgeschlossenen sind, auf einer Liste vereinigt, fortlaufend vierteljährlich den Verbandsfunktionären zur Kenntnis zu bringen. Die nächste Generalversammlung findet in Stuttgart statt. Die Geschäftsleitung wird einstimmig wiedergewählt. Bezüglich der Gehaltsfrage wird der Beschluß gefaßt, die jetzige Gehaltsstaffel weiterlaufen zu lassen bis zur nächsten General- Versammlung, wo die Angelegenheit endgültig geregelt lverden soll. Der Sitz des Verbandes bleibt in Berlin, der des Ausschusses in Dresden. Damit sind die Arbeiten der Generalversammlung erledigt. Nach einem Resümee des Vorsitzenden über die Arbeiten der Generalversammlung wird diese mit einem Hoch auf den Verband geschlossen._ Hus der Partei. Zur Budgetfrage. Man schreibt uns aus Baden: Die hocherfreuliche Datsache, daß sich die Genossen in den G e» Werkschaftsleitungen mit tiefem Ernste gegen den Diszi- plinbruch der badischen Kammerfraktion«enden, wirkt aufklärend in den Reihen der badischen Arbeiterschaft, die leider nur zu wenig über die Bedeutung der gegenwärtigen Streitfrage aufgeklärt worden ist. In schroffem Gegensatz zu dieser Haltung der Gewerkschaftsführer steht die der meisten Gewerkschaftsleiter in Baden. In Baden betätigen sich vorwiegend Gelverkschaftsbeamte, insbesondere Angestellte des Me t a l l a r b e i t e r V e r ba n d e s, als Verteidiger der 17 Budgetbewilliger. Bezeichnend dafür ist das Vorgehen im Deutschen Metallarbeiterverbande in Pforzheim. Die Leitung der Pforzheimer Zahlstelle der ge» nannten Gewerkschaft setzte auf die Tagesordnung ihrer B e« zirksversammlungen das Thema: Die badische Bud- get frage! Dabei vertrat der jeweilige Referent, ohne daß ein aufklärendes Gegenreferat störend wirkte, jeweils die Sache des Disziplinbruches. Die Folgen zeigten sich denn auch auf der Wahl» kreiskonferenz des 9. Kreises zu Jspringen, wo die Resolution Ha» mann für den Disziplinbruch mit großer Mehrheit angenommen wurde. Derselbe Genosse und Gewerkschafter, der jene Referats hielt, verwahrte sich aber am Mittwoch abend in der Volksversamm» lung zu Pforzheim gegen eine Diskussion über den sachlichen Vortrag der Genossin Luxemburg zur Budgetfrage und Hof- gängerei; ex begründete das Schweigegebot, das zu einer badischen Spezialität in der Partei zu werden scheint, mit der An- Wesenheit einer Anzahl Zuhörer, welche der Partei nicht ange» hören. Dieses Verhältnis war bei den einseitigen Darlegungen in den Bezirks Versammlungen der Metallarbeiter noch viel ungünstiger, während in der Volksversammlung durch die Diskussion die Frage allseitig und objektiv beleuchtet werden konnte. Leider war es der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Stock inger (Pforzihcim-Land), einer der drei Nichtbudgetbewilliger, welcher durch heftige Zwischenrufe während der Rede der Referentin Dr. Luxemburg ihre Begründung der B u d g e t v e r lv e i g e r n n g störte, um ihr zu ividerspreche»; nachher aber verschanzte er sich hinter die Unzulässigkcit einer Diskussion, weil auch Gegner der Sozialdemokratie im Saaljp anwesend seien. Gerade er war es. der hierauf die Referentin aufforderte, darzulegen, wie sie sich die letzte Konsequenz der proletarischen Taktik im preußischen Beamten weigerten sich aber, die Verfolgung des Räubers auf« zunehmen. Hingegen wurde die Dame beim Aussteigen notiert, weil sie kein Billett mehr batte. Um dem Ganzen die Krone auf» zusetzen, erklärte auch die städtische Polizei, sie könne in der Sache nichts tun, weil der Fall Angelegenheit der Bahnpolizei sei und hier ein Kompetenzkonflikt vorliege. Wir haben diesen Vorfall dem Bürgermeister von Schilda zur Begutachtung vorgelegt, der folgendes Urteil fällte:.Die Dame ist noch sehr gut weggekommen. Eigentlich hätte sie wegen Ziehens der Notleine, Störung des Verkehrs und Belästigung von Beamten in Haft genommen werden sollen. Da sie aber leider entwischt ist, sollte man wenigstens den Redakteur, der die Geschichte in die Zeitung gebracht hat, ein bißchen einsperren. Was nun den Dieb anbetrifft, so ist ihm, da er abgesprungen ist, der Fahrpreis für den unbenutzten Teil seines Billetts herauszubezahlen. Der Kompetenzkonflikl zwischer den Behörden wird dahin entschieden, daß sowohl die Bahnbeamlen als die städtischen Polizisten eine Aus» Zeichnung für ihr tatkräftiges und vorsichtiges Verhalten bekommen. Um schließlich die Lehren aus der Affäre zu ziehen, ist eine Ver- fügung zu erlassen, daß die Stadtbahnzüge künftig langsamer fahren, damit abspringende Räuber sich nicht verletzen." In K ö l n- B i ck e n d o r f soll ein Lehrer an der Volksschule angestellt werden, der früher wegen Sittlichkeitsvergehens an Schul« mädchen angeklagt, wegen Geisteskrankheit aber in eine Irren» anstalt gebracht worden war, aus der et nach erfolgter Heilung entlassen wurde. Auf die Bemühungen der Schulbehörde, den An» stellungsvertrag des Lehrers rückgängig zu machen, erklärte der Kultusminister, eine einmal von der Regierung genehmigte An» stellung könne nicht annulliert werden. Den Eltern, die besorgt sind, ihre unmündigen Kinder diesem Pädagogen anzuvertrauen, bleibt demnach nur noch ein Mittel übrig: sie müffen den Nachweis liefern, daß der Lehrer einmal eine sozialdemokratische Zeitung ge» lesen hat._(»Jugend.") Notizen. — Photographische Skulptur? Ein römisches Blatt erfährt aus Bologna, daß ein italienischer Arbeiter der Siemens- werke in Mailand ein Verfahren erfunden hätte, das erlaube, in zwei Stunden die Büste einer Person herzustellen. Es soll sich da» bei um ein System von Linsen handeln, durch das der Lichteinfall den Ton beeinflusse und modelliere, wie der Druck der Hnnd. Die ersten Experimente sind in Venedig in dem photographischen Institut von Scoilola gemacht worden. Die Erfindung ist schon patentiert worden und es hat sich eine Akliengesellschast zu ihrer industriellen Verwertung gebildet. Eine Büste würde LO M. kosten. Wahlrechts kämpf vorstelle, Das zMgle zMt Mindestem nlchk von Konsequenz. �# ♦ Im Wahlkreis Recklinghausen-Borken nahm die Monatsversammlung des Bezirks Reckling Hausen des sozialdemokratischen Kreisvereins folgende Resolution an: „Die Versammlung bedauert die Zustimmung der badischen Landtagsfraktion zum Budget, ein Beschluh, welcher eine Locke- rlung der notwendigen Disziplin und eine arge Schädigung der Einheitlichkeit der Partei bedeutet. Sie verurteilt weiter die Teilnahme der badischen Fraktion an höfischen Kundgebungen, welche geeignet ist, den republikani- schen Charakter der Partei zu verhüllen und das demokratische Gefühl der Genossen zu empören. Die Genossen Necklinghausens erwarten von den badischen BudgetbewilligerN, daß sie in ihrem wie im gesamten Partei- interesse auf dem Magdeburger Parteitag eine �Erklärung dahin abgeben, dah sid den Disziplinbruch bedauern und von der Be- teiligung an höfischen Kundgebungen absehen. Die Genossen Recklinghausens erwarten weiter vom Parteitag, daß er mehr wie die Vadenser die Einheit der Partei im Auge hat und den häuslichen Streit beseitigt."_ ' i �Sozialdemokratischer" Tanzunterricht. Einem furchtbaren sozialdemokratischen Komplott ist die Ne- gierung von Schleswig auf die Spur gekommen. In der„Schleswig- holsteinischen Landpost", dem Agitationsblatt der schleswig-holstei nischen Genösset», ist darüber folgendes zu lesen: Das Auge der Regierung wacht. Sie ist entschlossen, dem sozialdemokratischen Komplott in der energischsten Weise entgegenzutreten, ja, wenn es sein mutz, auch die gesamte bewaffnete Macht gegen— rote Tanzlehrer mobil zu machen. Wie ernst es ihr damit ist, das geht aus folgendem Erlatz der Regierung in Schleswig hervor, den uns ein vaterlandsloser Wind auf den Redaktionstisch geweht hat: 22. Januar 1910. J.-Nr. 116. Schleswig, 7. Januar 1910. Zu den Berichten vom 29. 10. 06— 6906 I und vom 23. 12. 07 — 3443 l a. Unter Bezugnahme auf obige Berichte ersuchen wir ergebenst um Aentzerung, ob und gegebenenfalls welche auf Tatsachen ge- stützten Gründe für die Annahme vorliegen, datz die Sozial- demokratie nunmehr auf dem Wege der Er- teilung von Tanzunterricht Einflutz auf die Schuljugend zu gewinnen sucht. Möge es mit Hilfe der Götter unserer weisen Regierung ge lingen, das neue, unsagbar entsetzliche Tanzkomplott der„Elenden' zu unterdrücken. DaS ist der heitzest« Wunsch aller staatserhaltenden Elemente... Soziales. Das Liebesverhältnis als EntlassungSgrunb. Vov lder ersten Kammer deS Berliner Kaufmannsgerichts stand gestern die interessante Frage zur Entscheidung, ob der Prinzipal berechtigt ist, zwei Angestellte sofort zu entlassen, wenn ihm zu Ohren komint, dah sie ein Liebesverhältnis untereinander unterhalten. Die beiden Kläger, der Kontorist Max L. und die Kontoristin Vera F., waren beide in der Buchhalterei der beklagten Aschinger-Gesellschaft beschäftigt gewesen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen den beiden an einem Pulte arbeitenden Angestellten eine Freundschaft, die aber im Geschäft vorerst nicht bemerkt wurde. Erst die Frau des Klägers, der mit dieser in Scheidung lebt, wurde beiden zum Verhängnis. Die Ehefrau denunzierte ihren Mann, von dem sie damals noch nicht geschieden war. und dessen Kollegin bei der beklagten Gesellschaft, und die gewünschte Wirkung blieb auch nicht aus. Beide Angestellte er- hielten ihre sofortige Entlassung. Wie der Vertreter der Firma in der Verhandlung ausführte, ist der Kläger mit seiner Kollegin auch von einem Kassenbeamten der Gesellschaft auf der Straße gesehen worden. DaS Verhältnis der beiden sei unter dem Per- sonal bekannt geworden, und im Interesse der guten Sitte könne die Firma im Hinblick auf das gemischte Personal, unter dem fich allein 30 Kontoristinnen befinden, Liebespaare im Geschäft nicht dulden. Als besonders erschwerend sieht eS die Beklagte für beide Kläger an, daß eS sich hier um ein Verhältnis zwischen einem jungen Mädchen und einem jungen verheirateten Manne handelte. Auf Befragen mutzte aber der Vertreter der Firma zugeben, datz im Geschäft nichts Unziemliches zwischen den Klä- gern vorgekommen sei. Das Kaufmannsgericht verurteilte die beklagte Gesellschaft, beiden Klägern ihr Restgehalt �u zahlen. Die von der Beklagten vorgebrachten Momente seien mcht ausreichend, eine fristlose Ent- lassung gerechtfertigt erscheinen zu lassen. 6encbt9- Zeitung* Wie Eisenbahnunfälle entstehen. Die Schuld an dem Zusammenstoß zweier Güterzüge auf dem Lahnhof Frankfurter Allee, der sich am 22. April d. I. ereignete, wurde behördlicherseits den Weichenstellern Rudolf Driiger und Alois Hofmann zur Last gelegt. Diese hatten sich gestern wegen Transportgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung vor der 2. Ferienstrafkammcr des Landgerichts I zu verantworten. Beide Angeklagte stehen schon zehn Jahr« im Dienst und haben noch nie- mals Anlaß zu Klagen irgendwelcher Art gegeben. Am Abend des 22. April hielt auf dem Güterbahnhof Frankfurter Allee ein dort eingetroffener Güterzug, der rangiert wurde. Als dairn fahrplan- mätzig kurz hinter diesem ein Güterzug aus der Richtung von Wustermark her gemeldet wurde, gab der Fahrdienstleiter den Be- fehl an Draeger, diesen Zug auf das freie Gleis 3 zu dirigieren. Draeger, der den Blockapparat zu bedienen hatte, vergriff sich aber in der Taste und so wurde durch ihn der Weichensteller Hof» W. wzug auf. war so heftig, datz nwhrere Wagen entgleisten. Der angerichtete Materialschaden war nicht sehr grotz. Dagegen erlitt der Schaffner Löchel, der bei dem Anprall vom Wagen geschleudert wurde, einen Arnchruch, der ihn bis zum heutigen Tage dienstunfähig gemacht hat. Draeger war ehrlich genug, zuzugestehen, daß er sich in der Taste vergriffen habe. Mildernd für dieses Versehen kommt in Betracht, datz nach den Darlegungen des Sachverständigen, Geh. Daurats WambSgans der Blockapparat dort etwas unbequem an- gelegt ist und die Gleise 3 und 4 in dem Apparat gerade in unr- ekehrter Reihenfolge verzeichnet sind, als sie in Wirklichkeit liegen. lach der Ansicht des Sachverständigen ist auch der zweite Ang«. klagte für den Unfall mit verantwortlich, da er hätte wissen müssen, datz das Gleis 4 unmöglich schon frei sein konnte. Der Staats- anivalt war gleicher Meinung und beantragte gegen beide Angc- klagte, denen er mildernde Umstände ohne weiteres zubilligte, je 100 Mark Geldstrafe. Rechtsanwalt MargoninSki verwies darauf. daß wie bei fast allen solchen Unfällen, so auch hier ein Mangel der Anlage die Hauptschuld trage. Jedenfalls müsse der zweite Angeklagte freigesprochen werden, da dieser durchaus nach seiner Dienstanweisung verfahren sei. Der Gerichtshof erkannte auch auf Freisprechung deS Angeklagten Hosmann und verurteilte den An- geklagte». Draeger zu 60 M. Geldstrafe eventuell 6 Tagen Gefängnis. Unter der Anklage der fahrlässigen Tötung stand gestern der Chauffeur Siegan vor der Ferienstrafkammer des Lgudgenchts I. Schapplatz des Unglücksfalles, ba ihm zur Lgst gelegi wurde, tvä-r wieder einmal die Königgrätzer Strasse, Ecke der Lennestrasse, wo der Kraftwagenverkehr schon so manches Opfer gefordert hat. Als der Angeklagte am 12. April mit seinem Kraft- wagen, vom Potsdamer Tor kommend, kurz vor der Einmündung der Lennestratze in die Königgrätzer Strasse angelangt war, fuhr er an einer Droschke und einem Arbeitswagen vorbei, nachdem er mehrmals das Hupenzeichen gegeben hatte. Eine junge Dame, die jedenfalls mit ihren Gedanken ganz wo anders war, als bei dem gefahrvollen Verkehr in den Berliner Strassen, überschritt in diesem Aligenblick den Stratzeildamm kurz vor dem Automobil, wurde von diesem erfaßt und zu Boden geworfen und erlitt einen Schädel- bruch, der den sofortigen Tod zur Folge hatte. Nach den Aussagen der vernommenen Zeugen ist der Unglücksfall zum guten Teil auf die eigene Unaufmerksamkeit der Verunglückten zurückzuführen, doch hätte ihn der Angeklagte durch vorsichtigeres Fahren vermeiden können. Der Staatsanivalt beantragte 6 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof erkannte aber auf nur 1 Monat Gefängnis, da der'Ge- töteten selbst die Hauptschuld an dem Unfall beizumessen sei. Wie der Voi-sitzende hervorhob, wisse jeder, datz man in Berlin beim Ueberschretten eines Stratzendamines die allergrößte Vorsicht ivalten lassen»nutz und an einer so gefahrvollen Stelle, wie sie hier in Frage steht, diese Vorsicht verdoppeln müsse und den Fahrdamm »rieht vielleicht in musikalischen Träumereien versunken überschreiten dürfe._ In der Privatklagesache des Direktors M. Fabifch in Berlin, Privatklägers gegen den Redakteur Hans Weber daselbst, am 3. Juni 1874 in Berlin geboren, Dissident, Angeklagten, wegen öffentlicher Beleidigung hat die 9. Strafkainmer des kgl. Land- gekichts I in Berlin am 9. April 1910 für Recht erkannt: Das an- gefochtene Urteil wird aufgehobei». Der Angeklagte ist der Beleidi« gung durch die Presse schuldig jund wird deshalb zu 100 M. Geldstrafe, im Nichtbeitreibungsfalle für je fünf Mark zu einem Tage Gefängnis verurteilt. Eue aller Melt. Die Cbolcra. Die aus Oesterreich vorliegenden Nachrichten über die Cholera besagen, daß Wien nunmehr wieder cholerafrei zu sein scheint. In den letzten Tagen ist kein neuer Fall angezeigt worden. In Pretzburg hat die bakteriologische Untersuchung ergeben, datz daS von einem Donauschiffe ins Spital geschaffte Dienstmädchen an asiatischer Cholera erkrankt ist. Weitere Cholerafälle sind auch hier nicht zu verzeichnen.— In der T ü r! e t sind im Wilajet Erzerum acht neue Cholera fälle festgestellt worden, von denen fünf tödlich verlaufen srnd.— In Italien fordert die Cholerq in den durchseuchten Gebieten immer noch neue Opfer. In den letzten 24 Stunden sind in B a r l e t t a sechs Erkrankungen und sechs Todesfälle vorgekommen, in Tran» ein choleraverdächtiger Fall und zwei Todesfälle, in Molfetta drei Erkrankungen, in Andria ein cholera- verdächtiger Fall, in Spinazzola zwei Erkrankungen und zwei Todesfälle, in C a n o s a eine Erkrankung und ein Todesfall,»n Ruvo, Bisccglie, Corato und anderen Gemeinden der Provinz Bari sind keine weiteren Fälle vorgekommen. In S a n Ferdinando sind eine Erkrankung und zwei Todesfälle, in T r i n i t a p o l» sieben Erkrankungen und ein Todesfall, in Margherita di Savoia drei Erkrankungen und zwei Todesfälle, in Cerignola und den anderen Gemeinden der Provinz Foggia sind keine weiteren Fälle vorgekommen.— Um einer Verschleppung der Cholera vorzubeugen, hat das GefunbheitS- amt in Antwerpen strenge sanitäre Matznahmen getroffen. Alle Paffagiere und Matrosen der ankommenden Schiffe werden von Aerzten genauestens untersucht und die Schisse des- infiziert._ Unwetter in England. Seit drei Tagen wütet ein fürchterlicher Sturm an der englischen und i'r i s ch e n K ü st e, durch den zahlreiche Schiffe zum Sinken und Stranden gebracht wurden. So wird genieldet, dass das Bagaerschiff„Walter Glynn" mit Mann und Mausges u'n'k e n i st. Das Torpedoboot Nr. 13 aus Portsmouth ist bei Firth of Clyde g e st r a n d e't, eben- so der Torpedobootszerstörer„S u c c e s" an der Küste der Grafschaft Dumbarton. Der Dampfer„Cambria", der den Personenverkehr zwischen England und Irland vermittelt, ist durch den hohen Wellengang und den starken Sturm schwer b e s'ch'ä d i g t worden. Ein Matrose wurde über Bord ge- spült und ist ertrunken.— Ueber Irland sind heftige Regengüsse niedergegangen, an mehreren Stellen haben in- folgedessen E'rdrutsche stattgefunden. Der Material- schaden ist ganz enorm, zum Teil ist die Ernte vollständig vernichtet worden._ Auf den Sand gesetzt. Ein böseS Malheur ist dem frommen„Bayrischen Kurier" passiert, der auSzog, die gottlosen Sozialdemokraten zu verleuii»den und daneben auch ein bißchen zu denunzieren. Seinen Lesern tischte daS ZentruinSblatt folgende Schauermär auf: „Die verfluchten Katholikem" In den sozialdemokratischen Vereinslokalen«Löwengrube" (München) tritt allwöchentlich ein Redner auf, der kolossale Weisheit und Wissenschaft verzapft. Meist spricht er, nicht wie man meinen könnte, über sozialdemokratische Dinge, sondern über„Katholisches", weil ja bei den Sozialdemokraten Religion Privat- und Herzenssache ist. Die katholische Beichte liegt ihm arg im Magen, von der Mutter Gottes spricht er geschmackvoll und anständig nur von„der Marie", die letzte Männerwallfahrt nach Altötting hat seinen Zorn entfacht. Darüber kann er nun denken wie er will und wie er es versteht. Aber was unseren Protest erregen mutz, ist daS, daß er jüngst an einem einzigen Abend mehr als zehnmal sprach von den„verfluchten Katholiken" und der„verfluchten katholischen Kirche". Dabei brüllte er so laut und so heftig, datz die meisten Inwohner des HauseS es hörten und auch sofort, soweit sie noch Sinn für Religion und Rechtlichkeit haben, AerqerniS nahmen. So sehen sie aus, diese famosen sozialdemokratischen„Religionsfreunde". Sie dürfen sich auch etwas herausnehmen, denn im Beamtentum haben sie manchen stillen, eifrigen Helfer, und anderen fehlt jene Eigen- schaft, die man für gewöhnlich„Schneid" nennt. Je dicker sie'S treiben, desto ängstlicher und tiefer kriechen manche königliche Leute ins Mauseloch. Soviel Behauptungen das Blatt aufstellte, soviel Verleum- düngen waren auch in der Notiz enthalten. Wenn auch sehr u»»- gern, mutzte der„B. K." einige Tage später eine Berichtigung deS Arbeiterbildungsvereins„Vorwärts", der in der Löwengrube seinen Sitz hat, abdrucken. In der Berichtigung heißt es. datz seit dem fünfjährigen Bestehen des Vereins in dem Vereil»slokal niemals ein Redner aufgetreten ist, der in irgendeiner Weise über Katholiken, über die katholische Kirche, über Einrichtungen der katholischen Kirche oder über die katholische Religion im allgemeinen ein Wort gesprochen hätte. An dem fraglichen Abend fand ein Vortragsabend statt, bei dem Hein es che Gedichte rezitiertwurden. Wahr ist, datz sich über diesen BildungS. gbM im Mfss WölblickM MMeKS in dem K,sse eiMs AsZ. bargtundstückeZ zur Nachszsik in kallkester Weise aufhielk. Wahr ist aber auch, datz diese Person die rezitierte Wallfahrt nach Keblaar des Dichters Heinrich Heine mit der letzten Männerwallfahrt nach Altötting und die Marie des Heineschen Gedichtes„Ratcliff" mi-d der Mutter Gottes verwechselte. Der geliuigene Reinfall wird jedoch das Zentrumsblatt nicht abhakten, bet nächster Gelegenheit neue Lügen über die verhaßten Roten zu verbreiten. Kleine Notizen. Beim Bersetze« wertvoller Schmuckstücke wurden in einer Pfandleihe in Köln ein Kaufmann, ein Drogist und eine Plätterin verhaftet. Durch eine Leibesuntersuchung wurde festgestellt, daß alle drei Personen im Besitze vieler Brillanten, Ringe, goldenen Uhren und einer großen Geldsumme waren. Auch fand man auf andere Namen lautende Papiere. Die Per- hafteten verweigern die Auskunft darüber, wem die Schmucksachen» gehören. Panik in der Peterskirche. Am Sonntagabend während der Abendmesse feuerte ein früherer Franziskanermönch in der Peters- kirche in Rom drei Revolverschüsse in die Luft und verursachte dadurch eine Panik, so datz der Gottesdienst abgebrochen» wurde. Der Franziskaner wurde verhaftet und gab vor dem Polizeikommissar an, datz er durch feine Tat die Aufmerksamkeit habe auf sich lenken wollen. Er erstrebe die Wiedererlangung seiner geistlichen Würde, die ihm unrechtmäßigerweise ent- zogen sei. Bier Personen vom Blitze erschlagen. Während eine? schweren Gewitters wurden in der belgischen Gemeiirde Thisselt ein 4Sjähriger Ackerbürger, seine ISjährige Tochter, sein dreijähriger Sohn und eine Magd, die gegen den wolkenbruchartigen Regen unter einem Heuschober Schutz gesucht hatten, vom Blitz er- schlagen.> Durch den Einsturz eines Ziegeleischuppens wurden in Serku-» litz in Böhmen 12 Arbeiterinnen verschüttet. Von diesen wurde eine getötet und eine tödlich verletzt. Vier andere erlitten schwere, die übrigen leichtere Verletzungen. Aufhebung einer Spielhölle. Am Sonntagabend stattete der Polizeikommisiar, begleitet von mehreren Agenten, dem Kursaal! des belgischen Luxusbades Middelkerke einen Besuch ab. Im Saale vergnügten sich etwa 500 Spieler mit dem P f e r b ch e n- sp i e l, einer Art Roulette. Die sehr hohen Einsätze sowie die Spielutensilien wurden durch die Polizei beschlagnahmt., Die glückliche Geburt eines Sohnes zeigen hocherfreut an Emil Liidke und Frau Franziska geb. Zubeil. Baumschuleuweg, d. 28. 8. 10. ß l................ t Zentral-Ferliaiiil der Maurer Deutschlands Zweigverein Berlin. Sektion der Pntzer." Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied 134/3 Gusto? Pippow am Freitag, den 26. v. MtS. im Alter von 61 Jahren plötzlich ver- starben ist. Die Beerdigung findet am MIll. woch, den 81. d. M., nachmittags 5 Uhr, aus dem Gemeindesriedhos in Weitzensee, Röltcstrahe, statt. Um rege Beteiligung ersucht Die örtliche Verwaltung. illpenLKranl(en-u.SterMasse dieutselenDreehslerSenoMeS: S. Q. 86. VcrwaltungSst. Berlin B. Nachruf. Am 25. August verstarb unser Mitglied 28g, 10 Hsnnznn Wassermann. Ehre seinem Andenken! Der Vorstand. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß am 26. August, nachmittags 3'/, Uhr,.mein lieber Mann, unser trcusorgender Vater (Zustav pippo�v nach kurzem Krankenlager sanst entschlasen ist. 6196 Dies zeigen tiesbetrübt an Paultne Pippow geb. Kirateln und Kinder Marlenburger Straße 8. Die Beerdigung findet am Mittwoch, nachmittag» 5 Uhr, von der Halle deS Gemeinde-Fried- hoseS in Weifcensee, Roikestraße auä statt. Am Sonnabend, den 27. d. M., oerstarb nach kurzer Krankheit meine liebe Frau Gmnia Oslertog geb. Bertram . DIeS zeigt tiefbelrübt an CK. Osterlag, Richthofenstr. 30. Die Beerdigung findet Dtens- tag nachmittag» 5 Uhr von der Halle de« AujefttihungSktrchhose» m Weihensee auS statt. 6076 iiilmien- und Kranflilnderri 00« Roberl Meyer,' um Mattaluitn-Swßt 2. Danksagung. Jür die Beweise herzlicher Teil- nähme bei der Beerdigung unseres ältesten Sohnes, de» SchristsetzerS Karl Heydgen sowie sür die reichen Kranzspenden, Herrn Manasse sür seine inhaltsvolle Rede, dem Gesangverein Thpographia, dem Sparverein Phönix sowie.son- stigen Freunden und Bekannten sagen wir hiermit unseren innigsten Dank. Jos. Heydgen und Familie._ 6066 Von der Reise zurück. 192/3 J. Kallmann. Zahnoperationen mit örtlicher Be- MsL��>WWW> mein Atelier nur Miinzeir. 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Zum Beispiel ist unter Bahnhof Zoologischer Garten auf Seite 59 des Textbuches angegeben: Der letzte und erste Wagen der Großen Berliner Straßenbahn Linie Nr.\0CB'üEt« I Linie Nr "Wochen ig, S..iiiuag Von in Bahnhoff Zoologischer Garten nach Wer den Wifarioli-Plan besitzt, spart Zeit und Geldl Der Wifarich-Plan ist der PragerPL-Kreuzbg. 4 Moabit........ 4 Luisenplatz..... 64 Landsberger Allee 64 Eingb.Landsb.AJlee 82 ßcblesisches Tor.. 82 Rixd., Wildenbrstr. 89 Mansteinstraüe... 89 Amtsger. Cbarlottb. 93 Amtsger. Cbarlottb. 88 Gttrlitzer Bahnhof. 83 10.15 7.15 10.26 7.11 12.04 6.04 12.39 6.39 12.39 6.39 12.25 5.55 11.35 7.05 12.05— 11.06'6.21 • bis 12.69 6.14 11.54 7.09 12.47 6.01 1.30 9.29 1.41 9.39 12.03 7.03 12.40 7.40 12.40 7.40 12.25 6.25 11.35 7.05 12.05— 1.06*8.21 Witzleben 11.5» 6.14 1.39 9.09 12.02 6.17 Steglitz....... D ....... P Wilmrsd.,Wilh.-Auo<1 Schönebg, Goltzstr. Ii Wilmsd.- öchönebg. Ii Westend....... P Straßenbahnhof.. P Westend....... R Charlb.jStraßenhhf. 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Zu der Frage dcS FrauenstimmrcchtS legte Genossin Zetkin folgenden Antrag bor: „Um die Einführung de? politischen Frauenwahlrechts zu beschleunigen, ist es die Pflicht der sozialistischen Frauen aller Länder, den obcnstehcndcn Grundsätzen entsprechend eine unermüdliche aufklärende Agitation über die soziale Berechtigung und Bedeutung der politischen Emanzipation des weiblichen Gc- schlcchts in Wort und Schrift unter die breitesten Massen zu tragen und jeoe sich darbietende Gelegenheit zu diesem Zwecke auszunutzen. Insbesondere müssen sie Wahlen zu politischen und öffentlichen Körperschaften irgendwelcher Art dieser Agita- tion dienstbar machen. Im Falle, dag dem weiblichen Geschlecht das Wahlrecht zu solchen Körperschaften zusteht— Kommunal- und Prpvinzialveriretungcn, Gcwerbegerichte, Krankenkassen usw. — müssen die Frauen veranlagt werden, dieses ihr Recht restlos und einsichtsvoll zu gebrauchen, im Falle, dag die Frauen dabei ganz oder teilweise Rechtlose sind, müssen sie von den Sozia- listinnen zum Kampfe für ihr Recht gesammelt und geführt werden; unter allen Umständen ist bei dieser Betätigung auch die Forderung des vollen politischen Frauenwahlrechts nachdrück- lich zu vertreten. Bei der allsährlichen Maifeier— ganz gleich, in welcher Form sie stattfindet— muß die Forderung der vollen politischen Rechts- gleichheit der Geschlechter betont und begründet werden. Im Ein- vernehmen mit den klassenbewuhten politischen und geiverkschaft- lichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande, veran- stalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauen- Wahlrecht dient. Die Forderung mutz in ihrem Zusammenhange mit der ganzen Fraucnfrage der sozialistischen Auffassung gcmätz beleuchtet werden. Der Frauentag mutz einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten/' In der Abstimmung wird die deutsche, von Genossin Zietz begründete Resolution, erweitert durch die Zusätze der österreichi- schcn Delegation, mit allen gegen 10 Stimmen unter langandauern- dem Händeklatschen angenommen. Die Zusätze fügen das passive Wahlrecht und das Wahlrecht für die Einzellandtage ein. Die Resolution lautet: „Zur Frage des Frauenwahlrechts bekräftigt die II. Jnter- nationale Konferenz Sozialistischer Frauen die Oiesolution, welche die erste Konferenz zu Stuttgart 1907 beschlossen hat. Angesichts der fortgesetzten Versuche, die grosse Mehrheit deS weiblichen Geschlechts durch Einführung eines beschränkten Fraucnlvahlrcchts zu prellen, und gleichzeitig damit dem Proletariat in seiner Gesamtheit den Weg zur politischen Macht zu verlegen, betont die Konferenz insbesondere nochmals diese Grundsätze: Die sozialistische Frauenbewegung aller Läirder weist das be- schränkte Fraucnwahlrecht als eine Verfälschung und Verhöh- nung des Prinzips der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts zurück. Sie kämpft für den einzig lebensvollen konkreten Ausdruck dieses Prinzips; das allgemeine Frauen- stimmrecht, das allen Grotzjährigen zusteht und weder an Besitz noch Steuerleistung noch Bildungsstufe oder sonstige Bedingungen geknüpft ist, welche Glieder des arbeitenden Volkes von dem Ge- nutz des Rechte? ausschlichen. Sie führt ihren Kampf nicht im Bunde mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, sondern in Gemeinschaft mit den sozialistischen Parteien, welche das Frauen- Wahlrecht als eine der grundsätzlich und praktisch wichtigsten For- derungen zur vollen Demokratisierung des Wahlrechts überhaupt verfechten. Angesichts der steigenden Bedeutung, welche der politischen Emanzipation des weiblichen Geschlechts für den Klassenkampf des Proletariats zukommt, erinnert die Konferenz des weiteren an folgende Richtlinien: Die sozialistischen Parteien aller Länder sind verpflichtet, für die Einführung deS allgemeinen Frauenwahlrechts energisch zu kämpfen. Daher sind insbesondere auch ihre Kämpfe für Demokratisierung des Wahlrechts zu den gesetzgebenden und der- waltenden Körperschaften in Staat und Gemeinde als Kämpfe für das Frauenlvahlrecht zu führen, das sie fordern, und in der Agitation wie im Parlament mit Nachdruck vertreten müssen. In Ländern, wo die Demokratisierung dcS Männcrwahlrcchts bereits weit vorgeschritten oder vollständig erreicht ist, haben die sozia- listischen Parteien den Kampf für die Einführung des allge- meinen Frauenwahlrechts aufzunehmen und in Verbindung mit ihm selbstverständlich all die Forderungen zu verfechten, die wir im Interesse vollen Bürgerrechts für das männliche Proletariat etwa noch zu erheben haben. Pflicht der sozialistischen Frauen in allen Ländern ist eS, sich an allen Kämpfen, welche die sozialistischen Parteien für die Demokratisierung des Wahlrechts führen, mit höchster Kraftent- faltung zu beteiligen, aber auch mit der nämlichen Energie dafür zu wirken, datz in diesen Kämpfen die Forderung des allgemeinen Frauenwahlrechts nach ihrer grundsätzlichen Richtigkeit und prak- tischen Tragweite ernstlich verfochten wird." Einstimmig angenommen wird noch die Resolution Zetkin- Duncker und die der Krakauer Parteigenossinnen. Der allgemeine Fraucnklub Stockholm hat seine Wahlrechtsresolution zugunsten der deutschen zurückgestellt. Der nächste Punkt der Tagesordnung bringt die soziale Fürsorge für Mutter und Kind. >Es liegen dazu 7 Resolutionen vor, darunter eine deutsche, die die Forderungen an die soziale Fürsorge für Mutter und Kind im einzelnen bezeichnet. Die Resolution verlangt von der Arbeiter- Schutzgesctzgcbnng den gesetzlichen Achtstundentag für alle Arbeite- rinnen über 18 Jahre, den Sechsstundentag für die Arbeiterinnen von 16—18 Jahren, den Vierstundentag zwischen 14— 16 Jahren. Kindern unter 14 Jahren soll die Erwcrbsarbcit verboten werden. Ferner Verbot der Beschäftigung von Frauen in besonders gesund- heitSschädlichn Betrichen, die nach der Beschaffenheit und der Mc- thode der Arbeit nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind schä- digen. Schwangere sollen das Recht haben, 8 Wochen vor der Niederkunft die Arbeit ruhen zu lassen, ohne gekündigt zu werden. Bei Wöchnerinnen wird die Arbeit bis 8 Wochen nach der Ge- fort verboten. Endlich wird die Errichtung von Stillstuben in Fa. briken verlangt.— Eine zweite Reihe von Forderungen richtet sich an die staatliche Kranken- oder Mutterschaftsversicherung: Oüliga- torischc Schwangerschaftsunterstützung, Wöchnerinnenunterstützung, in der Höhe des vollen durchschnittlichen Tagelohnes, Gewährung der Hebammcndicnste, der ärztlichen Behandlung der Hauspflege; Ausdehnung dieser Matznahmen auch auf Land- und Heimarbeite- rinnen und Dienstmädchen sowie auf alle Frauen, deren Familien- einkcmmen 6000 Mk. nicht übersteigt.— Die Gemeinden sollen Entbindungsanstalten errichten, Schwangeren-, Wöchnerinnen- und Säuglingsheime; Organisation der Wöchncrinnen-Hauspflege; Still- Prämien, Beschaffung von guter Säuglingsmilch— vom Staat wer- den Zuschüsse an die Kranken- und Mutterschaftsversorgung gefor- dert sowie gesundheitliche Aufklärung durch Merkblätter, und Unter- richt in den Fortbildungsschulen. Für das Kind wird ausser der einheitlichen unentgeltlichen weltlichen Arbeitsschule gefordert: Pflege und Erziehungsanstalten für daS borschulpflichtige Alter, Schülerspcisung(auch während der Ferien), Schulheime; Fericnspicle und Ferienkolonien, Bäder, Schwimmanstalten, Schul- gärten; Schulärzte, Schulzahnkliniken, Sanatorien und Wald- schulen. � Eine Resolution des Sozialistischen Frauenbureaus für Pflege der internationalen Solidarität der Genossinnen in London bc- sagt: «Da diese Konferenz national und international die Uebcr- führung aller Produktions- und Verkehrs- bczw. AuStauschmittel in den Besitz der Gesellschaft fordert, erklärt sie es für eine Pflicht der Allgemeinheit, schwangere Wöchnerinnen, Säuglinge und Schulkinder zu erhalten." Die Ligua für die Interessen der gewcrbstätigen Frauen Gross- britanniens erklärt es für wünschenswert, die Erziehung für Knaben und Mädchen bis zum 18. Jähre auszudehnen und für den Unter- halt der Heranwachsenden Vorkehrungen zu treffen. Von derselben Seite wird die staatliche Fürsorge für die ärztliche Behandlung in Krankenpflege sowie Errichtung von Schulklinikcn, Hospitälern, Sanatorien und Erholungsheimen gefordert, sowie die Witwcnver- sicherung. Der Allgemeine Fraucnklub Stockholm verlangt ins- besondere die staatliche obligatorische Mutterschaftsversicherung, nämlich das Recht der unverheirateten Mutter und ihres Kindes auf tatsächliche Unterstützung von feiten des Vaters während der Zeit der Schwangerschaft und für die Erziehung des Kindes. Schliesslich weist der Fraucnklub Stockholm-Süd auf die in Schweden eingerichteten Erzählungsstunden hin, in denen die Kinder erziehe- risch zusammengeschlossen werden, und die der Klerikalisierung und der Militarisierung der Jugend entgegenwirken. Während der Verhandlungen liefen noch zwei dänische Resolu- tionen ein, eine gegen das Verbot der Nachtarbeit für Frauen und eine für das Verbot der Heimarbeit. Die deutsche Resolution begründet Genossin Duncker- Stuttgart: Die Mutterschaft ist in der kapitalistischen Welt nur eine schwere Sorge. Jedes neue Kind vermehrt nur die Konsump- tionsmehrhcit der Familie um einen unwillkommenen Esser. Das Erwerbsleben gönnt weder den Schwangeren noch den Wöchnerinnen und Müttern Ruhe. Die ungeheure Säuglingssterblichkeit in Deutschland— 18 Proz. durchschnittlich— ist zurückzuführen auf die grosse Anzahl erwerbstätiger Frauen: 9>- Millionen unter 31 Mil- lionen Personen weiblichen Geschlechts überhaupt. Die Rednerin wendet sich entschieden gegen das vollständige Verbot der eheweib- lichen Erwcrbstätigkeit, die einmal die uneheliche Mutter nicht schützen würde, und dann gegen das Interesse der Frauen im all- gemeinen ist. Ein derartiges Verbot wäre ein Unsinn, da die Wirt- schaftliche EntWickelung die frühere HauSarbeiterfrau wirtschaftlich bedeutungslos gemacht hat. Die Reserentin begrützt dann die ein- zelnen Forderungen, insbesondere das Verbot der Arbeit in ge- wissen Betrieben und unter gewissen Bedingungen, die nicht nur die Mutter schädigen, sondern auch das Kind im Mutterleib und die Muttermilch vergiftet. Es sind das freilich Ausnahmebestim- mungen zugunsten der Frauen, aber die Frau befindet sich ja auch durch die Mutterschaft in einer Ausnahmestellung. Im Wöch- nerinncnschutz genügt keine private Fürsorge. Staat und Gemeinde müssen eingreifen, damit die Frau wirklich befähigt wird, ihren Wöchnerinnenpflichten zu genügen. Der wirkliche volle Arbeits- verdienst muh jeder Unterstützung zugrunde gelegt werden. Für stillende Mütter sind 13 Wochen Schutzzeit die grundsätzliche For- dcrung. Stillprämien und Stillstubcn sollen eingerichtet werden. All das sind nur Mindestforderungen, denn ein wirklicher Mutter- schütz wird erst in der sozialistischen Gesellschaft möglich sein, die die Produktion gesunder Menschen als die höchste menschliche Leistung wertet. Genossin Nielsen- Dänemark berichtet über die danische Mutter- und Kindfürsorge durch Staat und Gemeinde. Der Wöch- nerinncnschutz ist jetzt eingeführt, aber es ist noch nichts von feiten des Staates für die Witwen- und Waiscnversorgung geschehen. Die Witwen und Waisen verfallen noch der Armenpflege. Nur die Kopenhagen benachbarte Gemeinde Friedrichsberg ist vor zwei Jahren, als erste und einzige Gemeinde Dänemarks, mit einer kom- munalen Witwen- und Waisenvcrsorgung vorangegangen, die an die Bedingung einer dreijährigen Ansässigkeit des Mannes und die Zugehörigkeit einer gewerkschaftlichen oder sonstigen UnterstützungS- kasse geknüpft ist. Für jedes Kind werden jährlich 120 Kronen be- zahlt. Zu verlangen aber sei eine staatliche Unterstützung der Witwen und Waisen.(Lebhafter Beifall.) Nach längerer Debatte werden alle Anträge betreffend den Schutz von Mutter und Kind zugunsten der deutschen Grundsätze zurückgezogen, nur ein Antrag der englischen Womens Labour League, dass die Gesellschaft prinzipiell die Verpflichtung habe, für Mutter und Kind zu sorgen, wird vorausgeschickt. Uebcr den dänischen Antrag auf Aufhebung des Verbots der Nachtarbeit für Frauen entspinnt sich eine lebhafte Diskussion. Die Mehrheit der dänischen Genossinnen wünscht kein besonderes Ver- bot der Nachtarbeit für. Frauen, sondern entweder ein allgemeines Verbot der Nachtarbeit oder gar keins. Der Antrag wird besonders lebhaft von den Vertreterinnen des dänischen Buchdruckerci-Hilfs- arbeitcrinnenverbandes vertreten, die durch ein Verbot der Nacht- arbeit schwer geschädigt werden würden. Der dänische Parteivor- stand und die dänische Parlamentsfraktion haben sich jedoch für das Verbot der Fraucn-Nachtarbcit entschieden. Für Deutschland gibt Genossin Hanna- Berlin die Er- klärung ab, dass es den jahrzehntelangen Kampf des Proletariats für den gesetzlichen Schutz der Frauen verleugnen hiesse, wolle man gegen das Verbot der Frauen-Nachtarbeit Stellung nehmen. Der däniscbe Antrag wird mit 13 Stimmen der übrigen Nationen gegen die Stimmen von Dänemark und Schweden abgelehnt. Zu dem dänischen Antrag aus lebhaftere Agitation für das Verbot der Heimarbeit stellt die deutsche Delegation den Abände- rungsantrag, statt des Verbots der Heimarbeit nur ihre gesetzliche Regelung und Sanierung zu fordern. Die dänische Delegation zieht hierauf ihre Resolution zurück. Es folgt Punkt 5: Verschiedenes. An erster Stelle wird folgende Resolution gegen den Krieg ein- stimmig angenommen: Die zweite Internationale Konferenz sozialistischer Frauen zu Kopenhagen stellt sich in der Frage des Kampfes gegen den Krieg auf den Boden der Beschlüsse der Internationalen sozia- listischen Kongresse zu Paris, London und Stuttgart. Sie er- blickt die Ursache des Krieges in den durch die kapitalistische Produktionsweise hervorgerufenen sozialen Gegensätzen und er- wartet daher die Sicherung des Friedens nur von der tatkräf- tigen zielbewußten Aktion des Proletariats und dem Siege des Sozialismus. An dieser Sicherung im Geiste der Beschlüsse des Jnter- nationalen sozialistischen Kongresses zu Stuttgart mitzuarbeiten, ist die besondere Pflicht der Genossinnen. Zu diesem Zwecke haben wir die Aufklärung des weiblichen Proletariats über die Ursachen des Krieges und ihre Grundlage— die kapitalistische Ordnung— und die Ziele des Sozialismus zu fördern und daher in der gesamten Arbeiterklasse das Bewußtsein der Macht zu stärken, die sie dank ihrer Rolle in der heutigen Gcsellschast unter bestimmten Umständen zur Sicherung des Friedens ein- fetzen kann und einsetzen muß. Zu diesem Zweck haben sie auch durch die Erziehung ihrer Kinder zu Sozialisten dafür zu sorgen, dass das kämpfende /Proletariat, diese Armee des Friedens immer grösser und zahlreicher wird. Zwei weitere Anträge der englischen Fraucnliga fordern staatliche Fürsorge für die Witwen und Waisen und für die ar- beitsloscn erwerbstätigen Frauen. Sie werden einstimmig angc- nommen. Auf Antrag der polnischen sozialdemokratischen Partei Schlc- sienS und Galizicns wird an alle Prolctaricrinncn der Aufruf gerichtet� sich ohne Rücksicht aus ihre momentanen und besonderen Interessen den Organisationen der allgemejyen Arbeiterbewegung anzuschließen. Auf Antrag des Allgemeinen Frauenkdibs zu Stockholm er- klärt die Konferenz, daß alle politischen und gewerkschaftliche» Frauenorganisationen und Frauenzeitungen, so weit sie auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, ein Anrecht auf die materielle und moralische Unterstützung der Sozialdemahratie haben. Die österreichische Delegation legt dem Kongreß eine Protestresolution gegen die allgemeine Lebensmittelteuerung vor. In der Begründung verweist Genossin Freundlich besonders auf die grope Rolle, die die Genossenschaften im Kampf gegca den Lebensmittelwucher spielen können. In diesem Sinne soll der einstimmig ge- faßte Beschluß der Frauenkonferenz dem Internationalen Kon- gress überwiesen werden. Als Zentralstelle der internationalen Fraum«rganisation wird wiederum die Redaktion der„Gleichheit", als internationale Sekretärin die Genossin Zetkin durch Zuruf wiedergewählt. Die dritte Internationale sozialistische Frauxnkonferenz soll durch eine Besprechung der internationalen Koyrespondentinnen der einzelnen Länder vorbereitet werden, auf der die Tagesord- nung festgesetzt und Rcfercntinncn zu den einzelnen Punkten be- stellt werden. Damit sind die Arbeiten der Konferenz erledigt. Genossin Zetkin schließt die Konferenz mit einem Dank an die Kopcnhagener Genossinnen und die übrigen Teilnehmer, in der Zuversicht, dass ihre Beratungen die Genossinnen aller Länder angefeuert haben, noch besser und kräftiger als bisher im Sinne des völkerbefreienden revolutionären Sozialismus zu wirken. Genossin Mac bringt ein Hoch auf die Genossin Zetkin auS. Damit hat die Zweite Internationale sozialistische Frauen- konferenz ihr Ende erreicht. Em der frauenben>egung. Der Franen Antwort. Ihr Frauen, die Ihr abseits steht, Ein stummes Heer von will'gen Sklaven, Im Joche Eurer Feinde geht— Wollt Ihr auch jetzt noch weiter schlafen? Für all die Last, für all das Leid, Das Euer Leben hat zerschlagen, Das Euch geraubt die beste Zeit— Wollt Ihr die Last noch länger tragen? Die neue Zeit, sie reißt uns fort, Empor zum Licht. Doch uns'rem Feinde Gilt seit Jahrtausenden das Wort: „Es schweig' das Weib in der Gemeinde". Sie müh'n sich fruchtlos ab, zu dreh'n Rückwärts das Rad der Weltgeschichte. Sie wollen nicht nach vorwärts sehn Und lernen nichts aus der Geschichte. Wir sind da grad noch gut genug, Um neue Sklaven zu erziehen, Die beugen sich dem alten Spruch Und weiter ihre Stränge ziehen. . Sie möchten uns als Bleigewicht Den Männern an die Arme hängen, Wenn die empor nach Luft und Licht, Nach Menschenwert und Freiheit drängen. Wir aber sagen: Längst vorbei Ist jene Zeit mit ihren Rechten. Wir steh» nicht willenlos dabei, Wenn sie uns Sohn und Gatten knechten. Grad' weil wir fühlen unfern Wert, Verachten wir die Schmeichelspenden, Und wenn man unser Recht uns wehrt, So nehmen wir's mit starken Händen. Gespenster längst gestorb'ner Zeit Soll'n wahrlich uns den Mut nicht dämpfen. Ist's nicht die höchste Weiblichkeit, Für uns'rer Kinder Glück zu kämpfen? Drum Arbeitsfrauen, kommt und zeigt: Ihr laßt Euch Euer Recht nicht nehmen. Ihr müßt, wenn Ihr auch jetzt noch schiveigt, Euch einst vor Euren Kindern schämen! Eingegangene Vrucklckrifren. Von der„Gleichheit«, Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul«Niger), ist uns soeben 9h. 24 deS 20. Jahrganges zugegangen. Sie hat folgenden Inhalt: Die internationalen Tagungen zu Kopenhagen.— Die ökonomische Lage der russischen Arbeiterinnen. Von Alexandra Kollontay.— Die Arbeiterin in der Gewerlschaftsstatistik sür 1907 und 1903. II. Von B. S.— Der Kamps auf den deutschen SeeschiffSwersten. Von g. b.— Vom Spinnen und Weben in alter Zeit. IV. Bon H. Jäckel.— Fort mit den Gesindeordnungen. Von M. Kt.— AuS der Bewegung: Anträge deutscher Genossinnen zur Frage deS Frauenwahlrechts an die Jnter- nationale Sozialistische Frauenkonscrenz zu Kopenhagen.— Delegierte zur Zweiten Internationalen Frauenlonferenz in Kopenhagen.— Zehnter bayerischer Parteilag.— Jahresbericht der Kinderschutzlommisston in Ottenseu.— Politische Rundschau. Von II. B.— Kewerlschaslliche Rundschau.— Genossenschastliche Rundschau. Von II. F.— AuS der Textil- arbeiterbewegung. Von II. 3.— Nolizentcil: Frauenarbeit aus dem Gebiet der Industrie, dcS Handels- und Verkehrswesens.— Fürsorge sür Mutter und Kind.— Francnstimmrecht.— Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Für unsere Mütter und HaitSsrauen: Kleidung und Gcwandstosfe in alter Zeit. II. Von Hannah Lcwin-Dorsch.— WaS heißt Stil? Von Wilhelnr Hauscnstcin.— Die Mutter als Erzieherin.— Für die Hausfrau.— Feuilleton: Banncrspruch. Von Ferdinand Freiligrath.— Wie der Hnber-DrcS zu Ehren kam? Von Ernst Zahn. Für unsere Kinder: Die Fichte. Griechisches Gedicht.— Vom Fichtenbamn, dem Teiche und den Wolken. Von Goltsrled Keller.— Wie das Ncmilicr ein Haustier geworden. Von Roland.— Ein Bildchen. Von Karl Spiltcler(Gedicht.)— Fasanenmutter. Von E. S. Thomson.(Fort- sctzuiig.)— Von den Schildbürgern: Der Salznckcr.— Guter Rat. Von Emma Döltz.(Gedicht.) Die„Gleichheit' erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der AbonncmcntSpreiS vierteljährlich ohne Bestellgeld 65 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahrcsaboimement 2,60 M. Dem Internationalen Sozialistenkoiigrest ist die soeben er- schicncne Nummer 020 des„Wahren Jacob« gewidmet. AuS ihrem reichen, 10 Seiten uliifassendcn Inhalt heben wir solgcnde Beiträge hervor: Bilder: Der Morgen. Von Erich Schilling.— Kopenhagen. Von Rata Langa.— Edle Seelen finden sich. Von R. Wolf— Ein un- ivillkomnicncr Mitesser. Von M. Engert.— lieber allen Gipscln ist Ruh. Von Emil Erl.— Wie lange noch..? Von Fr. HorSly.— Aus der Zeit sür die Zeit. Von Emil Erl.— Die richtige Antwort. Von H. G. Jenhsch.— Berliner ZulunstSbild. Von P. Müller.— Im Notsall. Von G. Koch.— Die Freiheit im Dollarlande. Von Leo.— Der Staatsverbrecher. Von P. Thesing.— Aus einer Petersburger Spelunke. Von R. Wolf.— Die Balkanhähne. Von Leo.— Flitterwochen im sernen Osten. Von Leo. Text: Kopenhagen. Von Tobias.— Das beste Schloß sür den Zaren. Von R. IV.— Päpstlicher Stuhl-Gaiig. Von HI.— Im Ztvischcndeck. Von F. F.— Fern im Süd das schöne Spanien. Von II. FI.— Freie VolkSbühnc.— Lieber Jakob 1 Von Jotthiis Nauke.— Ferien. Von Paul Endcriing.— Splitter und Wortspiele. Von Ep.— v. Arnim-Schnodder- Heim an v. Beloiv-Pleiienburg.— Ein nationaler Gentleman.— Basscr- mann. Bon F. E.— Vom Wert und Nutzen der Luftschiffe. Von Balduin. Die Strcikkugcl. Von Ep.— Schreckliche Geschichten. Von L. FI.— Prens-sen. Von Li-Fi-Tsu.— Usw. usw. Der Preis der Nummer ist 10 Ps. 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Partei- 5Zngelegenkeiten. Achtung! Auf die heute abeub 8 Uhr stattfindenden 33 Volksversammlungen »vetsen wir noch besonders hin und erwarten regen Besuch. Im vierte» Berliner Wahlkreise findet außer den am Sonntag angezeigten Versammlungen noch eine weitere Veranstaltung in den Prachtsälen des Ostens, Frankfurter Allee 151/152, statt._ Schöneberg. Die Wahlvereinsversammlung fällt diesen Monat auS; die Mitglieder werden ersucht, für die heutige VolkSversamm« lung rege zu agitieren. Der Borstand. Wilmersdorf-Halensee. Die Parteigenossen und-Genossinnen werden ersucht, für einen zahlreichen Besuch der heute abend 8>/, Uhr im Gesellschaftshause, Wilhelmsaue 112 stattfindenden Protest- Versammlung gegen die F l e i s ch t e u e r u n g zu sorgen. Bor allem werden die Hausfrauen auf die Bedeutung dieser Bersamm- lung hingewiesen. Die Wahlvereinsversammlung fällt auS. Lichtenberg. Heute abend 8'/, Uhr findet im Lokal»Schwarzer Adler", Frankfurter Chaufie« 6/8 eine große Volksversammlung statt. Der äußerst wichtigen Tagesordnung wegen werden die Partet> «enofien aufgefordert, für den Besuch der Versammlung eine rege tropaganda zu betreiben. Adlershof. Den Genossinnen und Genofien zur Kenntnisnahme, daß wir uns an der Protestversammlung in Köpenick beteiligen. Treffpunkt pünktlich?>/, Uhr an der Waldecke bei Wöllstein. Sorgt für Mafienbeteiligung. Der Vorstand. Schmargendorf. Die Mtgliederversammlung des hiesigen Wahlvereins fällt am heutigen Dienstag wegen der stattfindenden Protestversammlung aus. Stralau. Heute Dienstag, den 30. August, abends 8'/, Uhr findet in den Markgrafen-Sälen, Markgrafendamm 84,«ine große Volksversammlung statt. Die Genofien werden ersucht, rege für den Besuch dieser Versammlung zu agineren. Die Bezirksleitung. Rieder-Schönhausea-Nordend. Heute Dienstag, den 80. August, abends Sllt Uhr, findet im.Lindengarten", Lindenstraße 43, die Mit- gliedervevsanimlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Vor- trag des Arbeitersekretär» Genossen Fretter über: ,D a S Familtenrecht'. 2. Bericht von der Generalversammlung von Groß-Berli». 8. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedene». Die Bezirksleitung. HennZdorf. Mittwoch, den 81. August, abends 8>/, Uhr findet im.ForsthauS', Auguste-Vittoria-Sttaße eine Versammlung de» Wahlvereins statt. Genosse Zimmermann-KarlShorst spricht über: Ferdinand Freiligrath. FriedrichShagcn. Morgen Mittwoch, den 81. August et.. abend» 8»/, Uhr, findet bei Witwe Lerche, Friedrichstr. 112, unsere Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genofien Dr. Alfred Bernstein über:»Di« öffentliche Ge- sundhettspflege'. 2. Diskussion. 8. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. ________ Die Bezirksleitung. Bertiner JVaAriebten» Choleraerkrankungen in Spandaa. In Spandau herrschte am Sonntag eine große Errvgung durch die Nachricht, daß im Laufe des Sonnabends und Sonntags mehrere Personen an der Cholera erkrankt und eine der von der schrecklichen Krankheit befallenen Personen gestorben sei. Tat sächlich wurde" am Sonntag mittag der HilfSrevisor Sarnow au» der Weißenburgerstraße 18» unter cholercwerdächtigen Erschei. Itungen in das Spandauer Krankenhaus eingeliefert, nachdem am Freitag nachmittag seine Ehefrau Anna Sarnow an einer der Cholera gleichenden KrurtTheit verstorben war. Am Donnerstag mittag begab sich Frau Sarnow in die Spandauer Munitionsfabrik, um ihrem dort beschäftigten Mann da» Mittag- essen zu überbringen. Auf dem Rückwege bekam die Frau Schwindelan fälle und Erbrechen und wurde von einer so großen Müdigkeit befallen, daß sie eine ihr bekannte Frau aufsuchte, um sich von dem Unwohlsein zu erholen. Da sich jedoch der Zustand der Frau S. im Verlauf einer Stunde nicht besserte, begab sich die Erkrankte auf den Heimweg und langte vollständig erschöpft in ihrer Wohnung an.-Ein hinzugerufener Arzt stellte Fleisch. Vergiftung fest. Am Freitag mittag starb Frau S. unter cholera- verdächtigen Erscheinungen und der behandelnde Arzt verständigte sofort den stellvertretenden Kreisarzt Dr. Aust, sowie die Polizei und Staatsanwaltschaft. Diese ließ die Leiche mit Beschlag belogen und nach einer am Sonnabend stattgefundenen Obduktion wurden einzelne Leichenteile an das bakteriologische Institut in Berlin zur Unter suchung gesandt. Am Sonntag morgen erkrankte nun der Ehe- mann unter denselben Erscheinungen, die cholera asiatica hervor. zurufen pflegt, und auf Anordnung der Lerzte wurde sowohl er, wie sein erwachsener Sohn und drei Töchter in-die Isolier baracke de» Spandauer Krankenhauses eingeliefert. Zwei im Hause wohnende Familien Strung und Mügge. insgesamt neun Personen, Frau Lewandowski und zwei Krankenschwestern, die Frau Sarnow gepflegt hatten, wurden in Isolierbaracken unter Quarantäne gestellt. Da» Haus Weißenburgerstraße löa wurde bis zur Desinfektion polizeilich gesperrt. Am Sonntag mittag erschien in Spandau eine Kommission, bestehend auS dem Ge. Heimen Medizinalrat Abel vom Kultusministerium, dem Ab- teilungSvorstcher deS bakteriologischen Institutes Professor Lenh und dem Geheimen Medizinalrat Dr. Roth, und trafen sofort die nötigen Borbeugungsmaßregeln. Gegen 8 Uhr abends wurde daS Haus Weißenburgerstraße 16a nach erfolgter Desinfektion wieder freigegeben, doch blieben die Wohnungen der Familien Strung und Mügge noch bis auf Weiteres gesperrt. Der erkrankte S. hak' die Nacht verhältnismäßig gut verbracht. Einer weiteren Meldung zufolge hat die bakteriologische Unter. suchung im Berliner Institut für Infektionskrankheiten ergeben, daß bei der verstorbenen Frau Sarnow wie bei ihrem Manne asiatische Cholera borliegt. Der Ansteckungsherd konnte noch nicht festgestellt werden. Es werden umfassende Nach. forschungen in dieser Hinsicht angestellt; auch sind bereit? gestern alle Vorkehrungen getroffen worden, um weiteren Ansteckungen vorzubeugen. Der Abteilungsvorsteher der bakteriologischen Abteilung im Institut für Infektionskrankheiten Professor Dr. Lentz bestätigt, daß es sich sowohl bei der verstorbenen Frau Sarnow wie auch bei dem erkrankten Ehemann um ettolera aiiatica handelt. DaS Befinden des erkrankten und in der Isolierbaracke deS Spandauer Krankenhauses untergebrachten Ehemannes Sarnoi« ist ziemlich unverändert; er schwebt noch immer in Lebensgefahr. Ein dritter Fall betrifft den DeSinfekteur Nau- mann auS Spandau. Er hatte die Desinfektion der dem Ehe- paar Sarnow gehörigen Sachen vorgenommen, die in die Cholera- baracken des Spandauer KrcmkmchauseS eingeliefert wurden. Nau- Mann erkrankte gestern früh unter choleraverdächtigen Erscheinungen und wurde sofort in den Isolierbaracken interniert. Sein Zustand gibt zu Besorgnissen Anlaß. *•* Nach vorstehenden Meldungen haben Arzt, Polizei und Staats- anwaltschaft bald nach dem Tode der Frau die Ueberzeugung ge- habt, daß dieselbe an Cholera verstorben ist. Dafür spricht auch, daß bei der am Sonnabend stattgefundenen Beerdigung bereits die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Da die Frau in ihrer Wohnung, nicht, wie mehrfach berichtet wird, im Krankenhause verstorben ist, wäre es doch dringend nötig ge- Wesen, daß man auch die Wokmung der Sarnowschen Eheleute sofort bis nach völliger Desinfektion verschlossen hätte. Dem war leider nicht so. Wie uns von Bewohnern des Hauses mitgeteilt wird, sind die Kinder der Verstorbenen vom Friedhof aus wieder in die Wohnung zurückgekehrt. Und da laut anderer Darstellung die Desinfektion der Wohnung erst später erfolgt ist, so hätte die Krankheit noch auf weitere Kreise übertragen weiden können. » Die Ehokera i« Berli» t Nachdem in Spandau tödliche Cholerafälle vorgekommen sind, müssen wir nun auch über einen choleraverdäch- t i g e n Fall aus Berlin berichten. Im Norden der Stadt, in der Oderbergerstraße 47, ist gestern der Haus- diener Otto Vogt unter choleraverdächtigen Erscheinungen gestorben. Ueber den Fall, der noch sehr der Unter- suchung bedarf, wird uns folgendes berichtet: In dem Hause Oderbergerstraße 47 wohnt der Hausdiener Otto Vogt, der in einem Wäschegeschäft Unter den Linden beschäftigt war, mit seiner aus zwei Kindern im Alter von ein und zwei Jahren, der Frau und einer unverheirateten Schwester bestehenden Familie. JnderNachtzumMon- tag erkrankte V. ganz plötzlich, und morgens in der s i e'b e n- ten Stunde war er bereits tot. Man rief nun einen Arzt herbei, doch vermochte dieser die Todesursache nicht mit Bestimmtheit festzustellen. Erst abend« gegen sechs Uhr tauchte der Verdacht aus, daß hier Cholera vorliegen könne. Es wurde nun dieLeichesofortvon derPolizei be- s ch l a g n a h m t und unter den nöttgen Vorsichtsmaßregeln nach dem Schauhause gebracht. Die Angehörigen des V. wurden m zwei Krankenwagen des Verbandes für erste Hilfe nach den Isolierbaracken des Virchow-Krankenhauses übergeführt. Eine Erkrankung konnte bei ihnen aber glücklicherweise noch nicht festgestellt werden. Die vier Personen stehen unter strengster Quarantäne. Auf Veranlassung der Polizei wurde die Wohnung der V.sck>en Ehepaares eiw gehend desinfiziert und im übrigen alles nur er dcnkliche veranlaßt, um einer etwaigen Weiterverbreitung der gefährlichen Krankheit vorzubeugen. Ob es sich bei V. tatsächlich um die asiatische Cholera handelt, wird erst die weitere Untersuchung ergeben. Man muß abwarten, wie die Untersuchung der Exkrements und der Leichenteile ausfällt. Mit dem Ausbau der Berliner Wasserwerke beschäftigte sich der Magistrat in seiner letzten Sitzung E» wird hierül'er aus dem Nachrichtcnamt geschrieben: Während der ungeiiwhnlich heißen Witterung trn Juni a. e. haben die städtischen Wasserwerke eine so unerwartete Verbrauchs- zunähme erfahren, daß sie nur mit äußerster Anstrengung und unter Zuhilfenahme aller Reserven imstande waren, dem gesteigerten Wasserbedarf gerecht zu werden. Die bisherige größte LerbrauchSziffer hatte der 1. Juli 1806 mit 277 000 Kubikmeter aufzuweisen. In diesem Jahre ist der Ver. brauch am II. Juni,(wie der 1. Juli 1806 ein Sonnabend, an welchem der Wasserverbrauch erfahrungsgemäß am größten ist) auf 288 000 Kubikmeter gestiegen. Diese Wassermcnge stellt nach der diesjährigen Erfahrung die Grenze der Leistungsfähigkeit der derzeitigen Anlagen dar. Die Deputation für die städtischen Wasserwerke ist daher mit entsprechenden Vorschlägen an den Magistrat herangetreten, die einem etwaigen Wassermangel vorbeugen sollen. Daß dies erst jetzt geschieht, hat darin seinen Grund, daß das Grundwasserwerk Müggelsee bei Ausstellung des Bauprogramms im Jahre 1806 erst fertig geworden war und noch keine Erfahrungen darüber vorlagen, was es auf die Dauer leisten würde. Jetzt ist diese Frage geklärt und CS köimcn demnach bestimmte Vorschlage gemacht werden. Um schnell die nöttgen Wassecmengen zu beschaffen, kann eS sich nur darum handeln, die Leistungen der vorhandenen Werke zu erhöhen. Bei den Wasserwerken in Tegel läßt sich nichts weiter als die beschleunigte Erschließung der Brunnengalerie bei Saatwinkel, welch« auf Grund des Gemeindebeschlusses vom 3. Februar 1810 be. reits im Frühjahr in Angriss genommen ist, durchführeit. Diese Anlage bildet bereits einen Teil deS Heiligenseeer Projektes; sie wird nach Fertigstellung die Leistungen der vorhandenen Tegeler Brunnenamagen beträchtlich erhöhen. Zur vollen Ausnutzung dieser Brunnengalerie ist der Anschluß derselben an diH Schöpfmaschinen Abteilung A in Tegel nach Her- stellung entsprechender neuer Maschinen notwendig. Außerdem muß, um das Werk leistungsfähig zu erhalten, ein schleuniger Ersatz der alten Schöpfmaschinen der Abteilung A und gleichzeitig die Ein- schaltung eines Sammelbrunnens in die Saugleitung dieser Ab- teilung erfolgen. Diese Ausführungen erfordern einen Kostenauf» wand von 7-20 000 M. Die in Aussicht genommenen Aenderungen passen vollständig in den Rahinen dei mit dem Bau deS Heiligenseeer Wasserwerkes m Aussicht genommenen UmbauS deS Tegeler Werkes in ein sogenanntes Stadtwasserwerk. Bei dem Müggelseewerk kommt zunächst die Vermehrung der Brunnen in Frage. Diese ist möglich durch eine Verlängerung der an der Chaussee FriedrichShagcn— Erkner gelegenen Galerie und durch Anlage von Brunnen auf dem Ufcrgelände. Diese Arbeiten sind aber außerordentlich zeitraubend und können bis zum nächsten Sommer nicht fertig gestellt werden. Außerdem würde ihr Ertrag nicht so groß sein, daß man auf weiter« Wasserquellen verzichten könnte. Als einziges Mittel, schnell und nachhaltig den ersvroer- lichen Mehrbedarf an Wasser zu erhalten, muß die Erweiterung der noch bestehenden Seewafferabteilung bezeichnet werden. Di« Verwendung von Secwasser ist, wie bekannt, bei dem Müggelwerk bisher noch in beschranktem Umfang beibehalten, weil die vorhandenen Gnmdroasseranlagen allein nicht imstano« sind, den Gesamtbedarf zu decken. Die jeweiligen Grundwassermengen sind stände ausbleiben; die Grundwassergalerien sind dann im wesent lichen auf die unterirdische Infiltration von Seewasser angewiesen und bleiben infolgedessen in ihren Leistungen zurück. Die Erkenntnis dieser Tatsachen zwingt dazu auf die dauernde Erhaltung einer genügenden Seewasserreserve Bedacht zu nehmen. In Grundwasseraufschlüssen kann man eine solche Reserve in er- reichbaver Nähe bei Berlin nicht gewinne» In neuerer Zeit hat sich auch bei den Hygienikern immer mehr die Ueberzeugung Bahn gebrechen, daß die Bedenken, welche gegen die Verwendung von Oberflächenwasscr geltend gemacht worden sind und seinerzeit zu dem Verlangen der Umwandlung der städtischen Anlagen in Grundivasserwerke geführt haben, nicht in dem Maße zutreffen, wie das früher wohl angenommen wurde. Es wird viel- mehr jetzt von zuständiger hygienischer Seite anerkannt, daß ein aus einem geeigneten Fluß oder See gewonnenes Oberflächenwasser durch eine sorgfältige Sandfiltration so gereinigt werden kann, daß man es in hygienischer Beziehung als einwandfrei bezeichnen kann. Durch die Seewasserverwendung soll natürlich nicht die Erbau» ung der neuen Grundwasserwcrke eingeschränkt werden. Die Vor- teile der Grundwasserversorgung sind so erheblich, daß die geplanten neuen Werke Wuhlheide und Hciligensoe in vollem Umfange zur Ausführung kommen müssen. Das Seewasser soll einerseits über einen etwaigen Mangel an Wasser während des Baues der neuen Werke hinweghelfen und außerdem eine dauernde Reserve bilden für die Zeiten hohen Ver- brauch» in den heißen Sommermonaten und Lei etwaigem teilweisen Versagen der Grundwasseranlage. Es kommt immer nur als Zu» satz zum Grundwasser und für gewöhnlich in so geriu�m Prozent- sah zur Verwendung, daß eS sich in der Temperatur des Wassers nicht bemerkbar macht. Außer der Vergrößerung der Schöpfanlagen ist auch eine Er- Weiterung der Förderanlagen, welche das Reinwasser vom Werk Müggelsee nach dem Zwischenwerk Lichtenberg schaffen, erforderlich. Hierzu tritt als größte und wichtigste Ausfuhrung die Her- stellung eines dritten Druckrohrstranges zur Förderung des Wassers von den Filtern im Müggelsee auf die Rcinwasserbehältcr deS Werkes Lichtenberg, da die beiden vorhangenen Rohre nur für die Höchstleistung von 178 000 Kubikmeter berechnet waren und durch Inkrustieren inzwischen sich bereits verengt haben; auch würde ein Rohrbruch die gleichmäßige Wasserversorgung der Stadt gefährden. Diese Arbeiten erfordern einen Kostenaufwand von 8 6 6 0 0 00 Mark. Mit den Arbeiten auf dem Werke Müggelsee und der dritten Druckrohrstrecke von dort nach Lichtenberg hängt auch eine Erweite» rung deS Werkes Lichtenberg zusammen. Dort ist u. a. ein weiterer Reinwasserbehälter und der Anschluß an die Eisenbahn erforderlich. Die Kosten hierfür belaufen sich auf rund 1 160 000 Mark. Der Magistrot beschloß entsprechend den Vorschlägen der Dcpu- tatton für die städtischen Wasserwerke eine Vorlage an die Stadt- verordneten-Versammlung zu machen, in welch« die Mittel zu diesen Erweiterungsbauten der städtischen Wasserwerke gefordert wenden. Die Frage, ob Grundwasser- oder Oberflächenwasserversorgung dürfte in der Stadtverordnetenversammlung noch zu lekchaften Er- örterungen führen._ Seinen Verletzungen erlegen ist gestern früh der von dem Fahnenjunker v. Viebahn in der Jungfernheide angeschossene Arbeiter Otto S ch m i« d i ck e, wohnhast Kameruner Str. 66, im Rudolf« Bir'chow-Krankenhause. Eine Vernehmung hat nicht stattfinden könne». Schmiedicke hinterläßt eine Witwe und zwei Kinder. Die Straße dient nicht dem verkehr, wie der Polizeipräfident v. Jagow au» Anlaß der am 1. September d. I., vormittag? 8 Uhr, auf dem Tempelhofer Felde stattfindenden Parade in Erinnerung bringt. Die Tempelhofer Chaussee wird von etwa 8 Uhr bis zur Beendigung der Parade für jeden Verkehr gesperrt. Die Belle- Alliancestraße und die Lichte rfelder Straße dürfen von Lastwagen während der Zeit vom Ausrücken der Truppen bis nach deren Ein- marsch in die Stadt nicht befahren werden. Nur den mit Passagier- scheinen versehenen Personenwagen ist das Befahren der Belle, Alliancestraße bis zum Steuerhaus gestattet. Alle übrigen Personenwagen haben bei dtt Kreuzbergstraße in die Lichterfelder Straße einzubiegen und durch diese auf daS Tempelhofer Feld westlich der Chaussee zu fahren. Der Betrieb der Straßenbahn- linien wird auf der Tempelhofer Chaussee und den aus Berlin nach dem Tempelhofer Felde führenden Straßen mit dem Beginn des Ausmarsches der Truppen(etwa von 7 Uhr ab) bis zur Auf- Hebung der Absperrung abgelenkt, eingeschränkt oder ganz ein» gestellt. Der Betrieb der OmnibuSlinien wird erst mit dem Be- ginn de» Einmarsches der Truppen eingeschränkt oder abgelehnt. Ei» vootSunfall, der glücklicherweise ohne schlimmen Folgen blieb, ereignete sich am Sonntagnachmittag kurz nach 6 Uhr auf dem Langen See. In der Gegend der Insel, am Karolinenhof, fuhr ein Segelboot neben einem Schleppdampfer her, als plötzlich aus dem Boot ein Mann ins Wasser fiel. Glücklicherweise vermochte dieser sich einige Zeit über Wasser zu halten. Trotz der gellenden Hilferufe des mit dem nassen Element Ringenden war es den zahl- reich in der Nähe befindlichen Segelbooten nicht möglich, schnell an den Verunglückten heranzukommen. Dieser wurde schließlich vo» einem herbeieilenden Ruderboot den Welle» entrissen. Der Rcmbanfall auf dem Bahnhof Großgörscheustraß«. Trotz aller Bemühungen ist eS noch nicht gelungen, den Mann, der den Raubanfall auf dem Bahnhof Großgörschenstraße verübte, z» er- mittel». Einige Personen find bereits verhaftet worden, aber es erscheint fraglich, ob sie als Täter in Frage kommen können. Mehr Anhalt scheinen zwei Spuren zu bieten, deren eine nach den vor- orten Berlins, die andere nach Moabit führt. Beide werden eifrig verfolgt. Nach den bisherigen Ermittelungen kommen zwei Täter in Betracht. Beide find etwa 1,70 Meter groß und haben blondes Haar. Der eine hat eine etwas gebückte Haltung. Eine Revolverschießerei spielte sich am Sonntagvormtttag um 10 Uhr an der Ecke der Wald- und Turmstraße ab. Dort gab der 23 jährige Kontrolleur einer Wach- und Schliehgesellschast, Willi Knochen auS der Turmstraße 63, mehrere Schüsse ab. K. war in angetruulenem Zustande bereits in einer Destillation mit einem anderen Gaste in Streit geraten. Dieser Streit setzte sich bis auf die Sttaße fort. A» der Ecke der Turm- und Waldstraße schoß er schließlich au« seinem Revolver aus da» inzwischen angesammelte Publikum, verletzte dabei einen vorübergehenden Mann leicht am linken Bein und traf sich selbst in die rechte Seit«. Knochen erhielt von dem Publikum für sein gefährliches Verhalten eine Tracht Prügel und wurde blutüberströmt nach dem Moabiter Krankenhause gebracht. Ein Kampf zwischen Einbrechern und Angestellten der Berliner Wach» und Schließgesellschaft spielte sich gestern nacht in dem Hause Seydel» straße 29 ab. Als der Wächter gegen 2 Uhr nachts auf fernem Rundgang an der Kontortür der Federnfabrik Schultze, Sehdelstr. 29, vorüberkam, hörte er innen ein verdächtiges Geräusch. Der Beamte öffnet« die Entreetür und näherte stch leise dem Kassenraum, au» dem ein matter Lichtschein in den dunklen Korridor drang. Da die Tür zu der Kasse nur angelehnt war, sah der Wächter zwei Ein- brecher, die gerade im Begriff waren, einen großen eisernen Tresor mit Hilfe eines Sauerstoffgebläses.aufzuknacken'. Der Wächter gab daraufhin ein Notsignal.ab, um seinen in dem Hause an- wesenden Kollegen herbeizurufen. Sobald die beiden Verbrecher jedoch den Pfiff gebört hatten, zogen sie Revolver hervor und löschten ihre Lampen au», um in der Dunkelheit unbemerkt entkommen zu können. Der Beamte hatte jedoch seine elektrische Laterne entzündet und versuchte die beiden Burschen mit vor- gehaltenem Revolver zum Stehen zu bringen. Während nun der eine Dieb sich stellte, als ob er sich dem Wächter ergeben wolle, führte der zweite mit einer eisernen Brechstange«inen Schlag gegen den Wächter, so daß dieser zurücktaumelte und die Schußwaffe fallen ließ. In diesem Augenblick kam jedoch der zweite Wächter hinzu und machte den Einbrecher durch einen Säbelhieb unschädlich. SchlieWch gelang eS auch den zweiten.Knacker' zu iiBerwZltigen. Die beiden Einbrecher wurden nach de», nahegelegenen Polizeirevier gebracht. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich am Sonntag- abc�i an der Ecke der Gneisenau- und Belle-Alliancestrahe. Als die R jährige Frau Caspary, Arndtstrabe 23, die Strabenbahngleise überschreiten wollte, wurde sie von dem Motorwagen 2017 der Linie 14 erfaßt und bei Seite gestoßen Die Verunglückte erlitt einen doppelten Oberschenkelbruch sowie eine leichre Gehirn. erschütterung und wurde in einer Droschke nach dem Krankcnhause ' am Urban gebracht. Ausgesehter Knabe. Einen vierjährigen Knaben zum Pfand gelassen hat eine Frau in einem Hotel der Friedrichstadt. Die- selbe kehrte am Mittwoch dort mit ihrem Kinde ein und gab sich für die Ehefrau eines Eisenbahnschaffners Ortmann aus Königs-� berg aus. Sie erzählte, sie sei mit ihrem Mann in Hamburg zum Besuch gewesen, ihr Mann würde am nächsten Tage eintreffen, um sie nach der Heimat abzuholen. Sie bezahlte weder Zimmer noch Kost, ging am Donnerstagabend fort unter dem Vorwand, ihren Mann vom Bahnhof abholen zu wollen und kam nicht wieder. Den Knaben hatte sie zurückgelassen. Aus dem Jungen ist weiter nichts herauszubringen, als daß er Emil heiße. Der Knabe wurde nach dem Waisenhause gebracht. Die Tat eineS lebensmüden Soldaten vom 4. Garde-Regiment rief gestern unter den Bewohnern des Hauses Stendaler Str. 17 Erregung hervor. Der bei genanntem Regiment dienende, bei einer Frau B. wohnende Unteroffizier Musiker Faust aus Rabenau bei Dresden hatte sich an, Sonntag mittag die Pulsader geöffnet. Als Hausbewohner sich gewaltsam Eingang in das Zimmer des Lebens- müden verschafft halten, sahen sie F. bereits im Blute schwimmen. Ein sofort herbeigerufener Arzt legte dem Lebensmüden einen Ver- band an und ließ ihn in bedenklichem Zustande nach demZ�Lazarett bringen. In einem an seine Eltern gerichteten Brief bittet F. um Verzeihung seiner Tat. Spaziergang im Adamsgcwande. Gestern mittag gegen 1 Uhr spielte sich in der Holzmarktstraße eine peinliche Szene ab. Aus dem Hause Holzmarktstraße, Ecke Raupachstraße, stürmte ein voll- ständig nackter junger Mann, lief in schnellem Tempo die Holzmarkt- straße hinauf und wandte sich dann zu der Michaelkirchbrücke. Hinter ihm eilte eine große Menschenmenge her, die sich vergeblich bemühte. den jungen Mann zu sangen. Endlich sprang der Unglückliche auf einen Omnibus, von dem er aber sofort wieder herunlergewiese» wurde. Dann kam ein Bierkutscher und band dem Nackten seine große Lederschürze vor. Inzwischen war ein Schutzmann eingetroffen, der ihn in einer Droschke nach dem Polizeirevier 84 brachte. Dort Wurde festgestellt, daß es sich um de» achtzehnjährige» Gelegenheits- arbeiter OwastowSki aus der Holzmarktstr. 4S handell, der schon seit längerer Zeit geisteskrank ist. Ueber die Unsauberkcit in einem Borortzug schreibt unZ ein Leser unserer Zeitung folgendes: „Als ich am Sonntag den Vorortzug nach Erkner, vom Schlesischen Bahnhof früh 8.84, benutzte, fand ich das Coupü in einem ganz schmutzigem Zustande. Abgesehen davon, daß am Fuß- boden Zigarrenreste, Streichhölzer und Speichel lagen, waren auch die im Coupö befindlichen Reklameschilder vor Schmutz kaum ernennt- lich. Der ganze Zustand ließ erkennen, daß eine Reinigung des Wagens sehr lange ausgeblieben war. Daß der Wagen einer Revision und Reinigung nicht unterzogen worden war, bewies außerdem, daß die Coupötür sich schwer öffnen ließ, so daß Damen gar nicht, und Herren nur unter größter Anstrengung im stände waren, das Coups zu verlassen. ES war also die Gefahr vor, daß der Reisende ent- gegen seinem Willen weiter fahren mußre, als sein Reiseziel lautete." Soweit die Zuschrift. Auch wir sind der Ansicht, daß bis kurz vor S Uhr früh ein CoupS noch nicht so beschmutzt sein kann und daß ein noch nicht gereinigter Wagen in Betrieb genommen worden sein mutz. Andererseits aber muß auch darauf hinaewiesen werden, daß, wer die Bahn benutzt, soviel Rücksicht aus seine Mitmenschen übe» muß, daß er das Coupö nicht, in so ekelerregender Weise be- schmatzt. Das Allgeincinimereffe erfordert es geradezu.» daß solche Schmierfinken aus dem Coupü gewiesen werden. Oeffrutliche Belobigung eines Lebensretters. Der Polizeipräsident teilt mit:»Der Arbeiter Friedrich Schiller. Blücherstr, 13 wohnhaft, hat am 2. August 1910 den fünfjährigen Knaben Karl Krupkaih, der beim Spielen in den Landwchrkanal gefallen war, aus dem Wasser gezogen und vom Tode des Ertrinkens gerettet. Ich bringe diese von Mut und Entschlossenheit zeugende Tat mit dem Ausdruck der besonderen Anerkennung zur öffentlichen Kenntnis." Wer ist der Tote? Am 26. August 1910 ist am Stolper See bei Wannsce die Leiche eines unbekannten etwa 30 Jahre alten Mannes mit einer Schußwunde in der rechten Schläfe gelandet worden. Ter Tote ist zirka 1,78 Meter groß, kräftig, bartlos, hat schwarze Haare und war bekleidet mit grauem Gummiregenmantel, graukaricrtem Jakettanzug, weißem Oberhemd, Maccounlerwäsche, grauen Handschuhen und braunem Bindeschlips, Bei der Leiche wurden ein Portemonnaie mit 8,42 M., ein Kreifer, eine Damen- stahluhr mit unechter Kette und ein paar unechte Manschetten. knöpfe gefunden.— Mitteilungen über die Persönlichkeit dei Toten nehmen die Kriminalpolizei, jedes Polizeirevier und der Amtsvorsteher in Wannsee entgegen. Feurrwchrbericht. Ein größerer Kellerbrand beschäftigte vi? Feuerwehr längere Zeit in der Alexandrinenstr. 8. Die Flammen hatten reiche Nahrung gefunden, es mußte deshalb kräftig Wafier gegeben werden, um eine weitere Ausdehnung zu verhüten. Zwei. mal hatte die Feuerwehr in der Claudiusstr. 13 zu tun. Erst in der Nacht zum Sonntag und dann in der Nacht zum Montag. Beide Male brannten dort Preßkohlen im Keller. Preßkohlen- brändc wurden außerdem noch aus der Pankstr. 72, Feilnerstr. 12, Schrödcrstr. 14, Paulstr. 23, Lausitzer Platz 16 und anderen Stellen gcmeledct. Heute früh wurde der 12. Zug wegen Kurzschluß nach den Ausstellungshallen am Zoo alarmiert. Die Gefahr wurde schnell beseitigt. In der Potsdamer Privatstraße 121 brannten Gardinen und gleichzeitig in der Wullenwebe rstr. 10 Wäsche usw. in einem Badezimmer. Der 19. Zug rückte nachts nach dem Exerzierplatz an der Schwedter Straße au». Dort hatte man ein altes Sofa und anderes angezündet. In der Goßlerstr. 10/11 mußte ein Kellcrbrand gelöscht werden, der durch Umfallen einer Petroleumlampe entstanden war. Am Sonntagmittag hatte die Feuerwehr einen gefährlichen Kellerbrand in der Ritterstr. 77/78 und gleichzeitig die Rixdorfer Feuerwehr einen Kellerbrand in der Birtner-, Ecke Hvbrechtstraße zu löschem In der Rittcrstratze brannten mehrere Räume. Die Oualmcntwickclung war so groß, daß die Feuermänner nur mit Rauchschutzapparatcn ausgerüstet vordringen konnten. In beiden Fällen gelang eS, durch kräftiges Löschen die Flammen auf die Keller zu beschränken. Ueber die Entstehung beider Brände schweben die Ermittelungen noch. Vorort- Nachnchtcn. Schöneberq. Der Stock in her Hand des Lehrers soll, so hört man off sagen, unentbehrlich sein als«in letztes Mittel, das gegen schlimme Ver. , fehlungen anzuwenden sei, wenn mildere Strafen wirkungslos geblieben sind. Wer an diesem Grundsatz die Prügelleistungen mißt, die so mancher Lehrer fertig bringt, der wird nicht wenig darüber staunen, was da alles als schlimme Verfehlung angesehen wird und mit Stockhieben gebüßt werden muß. Aus Schöne» berg wird uns ein merkwürdiger Fall bekannt, den wir der zu» ständigen Behörde zur Beachtung und Nachprüfung empfehlen. In der 12. Gemeindeschule(Hohen st aufenstraße) hatte ein Schüler C. der Klasse IVo an einem Tage den Unter. I richl versaumk. Als er am anderen Tage tvieder zur Schule glffg, verspätete er sich. Dem Lehren Albrecht wies A. einen Zettel vor. durch den die Mutter bat, zu entschuldigen, daß der Sohn gestern wegen eines Unwohlseins nicht.zur Schule geschickt worden und heute zu spät aufgestanden sei. Herr Albrecht aber griff zum Rohrstock und verabreichte dem Jungen eine Anzahl Hiebe, mindestens sechs, wie nach dem Wortlaut eines uns vor» gelegten ArztattesteS geschlossen werden mutz und auch der Augen- schein es uns bestätigte. Den Eltern ist nicht recht klar geworden, warum Lehrer Albrecht ihren Sohn schlagen zu sollen geglaubt hat, und auch wir haben nichts Sicheres darüber zu ermitteln ve» mocht. Uns wurde gesagt, Herr Albrecht habe, als der Junge ihm den Zettel überreichte, gerufen:„Ich weiß schon, was drin steht!" Auch habe er, so wurde uns nicht bloß von dem geprügelten Jungen versichert, den Zettel gar nicht gelesen. Das wird ein Irrtum sein, aber Tatsache ist, daß der Junge den Zettel wieder mit nach Hause gebracht hat. Die Schulverwaltung unserer Stadt Schöneberg sollte zunächst einmal festzustellen versuchen, warum Herr Albrocht den Schüler, der am Tage vorher gefehlt hatte, mit Stockhieben bewillkommnet hat. Wenn sie dann pflichtgemäß die Angaben des Entschuldigungszettels über die Gründe der Versäumnis und der Verspätung ,n ihrem genauen Wortlaut wird kennen lernen wollen, so werden wir ihr diesen Zettel, den die Eltern unS als Beweisstück überlassen haben, gern zur Kenntnisnahme vorlegen. Nur noch am heutigen Tage liegt die Wählerliste öffentlich auS. Wer noch nicht Einsicht in dieselbe genommen hat, der komme dieser Pflicht noch schleunigst nach. Nur der kann vom Wahlrecht Gebrauch machen, dessen Name richtig eingetragen ist. Die Liste liegt von vormittags 9 Uhr bis nachmittags 2 Uhr im Magistratsbureau dl., Feurig straße 63, Vorder- haus 1 Treppe links, zur Einsicht aus. Außerdem find bereit einzusehen die Genossen Andreas, Feurigstr. 8, Dombrowski, Leuthenstraße, und Rethfeldt, Königsweg 42. Für den 7 Uhr- Schulanfang hat sich der Schönebcrger Lehrer- verein in seiner letzten Versammlung entschieden. Es wurde die nachstehende Resolution einstimmig angenommen: Der Schöneberger Lehrerverein spricht sich aus erzieherischen und unterrichtlichen Gründen mit Rücksicht auf die häuslichen Verhältnisse der meisten der Volksschüler entschieden dafür aus, daß im Sommer der Unterrichtsbeginn für die Unterklasie nicht vor 8 Uhr erfolgt, daß für die übrigen Klasien aber der 7 Uhr-Schula»fang bestehen bleibt und daß die maßgebenden städtischen Körperschaften an dieser er- probten Maßregel festhalten mögen. Friedenau. Aus der Gemeindevertretung. Auf Vorschlag des Gemeinde- Vorstandes werden für das an Steglitz angrenzende Gebiet hinter der Kaiserallee folgende neue Straßenbezeichnungen vorgenommen: Die Straße 1 erhält den Namen GulS-Muts-Slrahe. Die Straß« A Maßmannstraße, während die neue Straße zwischen Lefövre- und Rheingaustraße Retzdorf-Promenade genannt wird. Auf Antrag des Genosien Richter wurde der Punkt: Einbau von Gullys, dessen Be- Handlung in geheimer Sitzung vorgesehen war, öffeiutich verhandelt. Die Zimmerarbeiten für die höhere Mädchenschule sollen der Firma Gustav Müller» Tegel als Mindestfordernde übertragen werden. Mit dem Hinweis, daß diese Firma den Arbeitern in beziig aus die Jnnehaltung des Tarifs stets Schwierigkeiten bereite, ersuchte unser Genosse Richter, die Arbeiten einer anderen Firma zu über- tragen. Nachdem der Bürgermeister den Baurat ersucht halte, bei Ausführung der Arbeiten daraus zu achten, daß die Firma Müller die Tarifsätze zahle, zog Genosse Richter seinen Antrag zurück. Es wurde der Firma Müller bei eitlem Angebot von 22 882,80 M. der Zuichlag erteilt. Die Ausführung der Dachdeckernrbeiten wird zum Preise von 12 973,80 M. der Firma Lcmilitzer-Friedenau über« tragen. Beim Punkt Grenzregulierung wurde beschlossen, das Grundstück Rheinstr, 67, das von der Gemarkungsgrenze schräg durchschnitten wird, soll nach Schöneberg eingemeindel werden. Dafür wird das Schöne» berger Grundstück Hauptstr. 78 nach Friedenau eingemeindet. Zwecks Beitritts des Reatresormgymnasiums zum Schülerrudelverein„Wann- see" wurde die Bewilligung eines jährlichen Beitrage? von 1420 M. gefordert. Genosse Richter gab seiner Genugtuung darüber Aus- druck, daß die sportliche Betätigung der Jugend aus diese Weise ge- fördert werden solle, doch solle man nicht vergessen, daß die Ge- meinde auch gegenüber den Volksschulen dieselbe» Pflichten habe. Die Summ« wurde bewilligt. Für Straßenbeleuchtung wurden 20320 M. gefordert. Hierbei bemerkte Genosse Huhn, daß die Beleuchtung in den dichtbelaubten Nebenstraßen durchaus unzulänglich sei, und daß dadurch den Belästigungen und Ucbersällcn aus Passanten, wie sie in der letzten Zeit so häufig vorgekommen find, direkt Vorschub ge- leistet werde. Man solle einmal verluchen, die Lampen mit einer höheren Spannung brennen zu lassen. Schöffe Dräger gab tm wesentlichen den Ausführungen des Genossen Huhn recht und ver- sichert, so gut eS gehl Abhilfe zu schaffen. Da die Anwohner in der Umgegend des Friedrich- Wilhelm- Platzes in dem letzten Sonnner sehr durch Ueberschwemmungen zu leiden hatten, sollen in dieser Gegend noch GullyS angelegt werden. Hierfür wurden 2000 M. bewilligt. Beschlossen wurde außerdem die Asphallierung der Wies- badeuer, Schwolbucher, Blantenberg- und Odenwaldstraß«. Auch find noch in verschiedenen dieser Straßen die Entwässerungstanäle zu legen. Insgesamt wurden hierfür 64 000 M. bewilligt. Für hilssbedürslige Veteranen wurde eine einmalige Unterstützung von 30 M. beschlossen. Die Mitglieder der Kriegervereine erhalten dieselbe durch den Berein, diejenigen, welche nicht einem derartigen Vereine angehören. durch die Gemeiudekusse ausgezahlt. ES werden zu diesem Zwecke vorläufig 1300 M. bewilligt. Ober-Schöneweide. Der SomartterkursuS findet diesen Donnerstag abends 8 Uhr im Hackepeter. Siemensstr. IS. statt. Interessenten können noch beitrete». KaA dem Vortrag: Hebungen. Nikolassee. SuS der Semeindeverttetmtg. Die veratnng der von der- schiedenen Eigentümern gewünschten Erweiterung deS KabelneycS im Wannseedreieck wurde vertagt bis nach Eingang der Abrechnung mit dem EteklrizitätSloert der Gemeinde Zehlendorf. Mit dem Forst- fiskuS soll auf weitere drei Jahre«in Pachtvertrag aus Benutzung des sogenannten schwarzen WegeS abgeschlossen werden. Die Be- dingungen sollen dieselben bleiben wre in dem bisherigen Vertrag mit der Heimstättengesellschaft, die Pachtsumme aber 6 M. jährlich bettagen. Neu aufgenommen werden soll die Bestimmung, daß der Vertrag bei einer etwaigen Erklärung deS Weges zum öffentlichen Weg sofort erlischt. Die Rechte und Verpflichtungen der Heim- siättengesellschast an der Benutzung deS Wannseer Eisenbahn- tunnels werden von der Gemeinde übernommen. Von größerer Wichtigkeit find die Verhandlungen, die zwischen der Heimstätten-Aktiengesellschaft und dem Eisenbahndircktorium über die Erhaltung de? am Bahnhof Nikolassee gelegenen SchmnckplatzeS gepflogen worden find. Im Jahre 1900 war der zirka 16»? Quadrat- mcter große Dreilindenplatz zum Bau der Bahnhofsgebäude über- eignet worden. Der Platz war jedoch nicht hierzu verwandt worden und sollte mit Deamtenhäusern besetzt werden. Inzwischen ist er von der Hckmstätten-Aklicngesellschast als Schmuckplay hergerichtet worden; es hat darauf eine Bewegung eingesetzt, den Platz für die Gemeinde zurückzucrwerbcn. Der FiSkuS will aber nicht: wenigsten» nicht so ohne weiteres. Er stellt zur Bedingung, daß erstens der Eisenbahndireltion bei dem Tausch mit einem für den Platz an- gebotenen gleichwertigen Gelände am Bahnhof Wannsee keinerlei Kosten entstehen. Ferner verlangt der FiSlus, daß der Dreilinden- platz dauernd als Schmuckplatz erhallen bleibt. Mit welchem Recht, wenn er Gemeindeeigentum geworden ist, ist Ge- heimniS des FiSkuS. Ferner wird verlangt, daß die Eisenssahnberwaktung für alle Zukunft von allen Snkieger» beittägen. die infolge des Baues von Beamteuhäusern in der Nibelungenstraße entstehen können, befreit ist, und daß ihr keine Vorschriften über die äußere Ansicht der Fassaden gemacht werden dürfen. Die Heimstätten-Aktiengesellschaft sollte die Gewähr für die Erfüllung des Vertrages übernehmen. Die Verttetung war geneigt, auf die Vorschläge einzugehen, eS sollen jedoch noch einmal Verhandlungen gepflogen werden, um die Eisenbahnverwaltung zur Beseitigung eineS den Platz verunzierenden Stalles zu veranlassen. Auch wird der Austausch weiterer Flächen zur Verbesserung des Platzes gewünscht. Der FiSkuS wird schon, wie das oben Dar« gelegte zeigt, seine Genenrechnung machen. Wetstensce. Die Einwohnerzahl hat im letzten Jahre nicht viel über 1000 zugenommen, worüber nunmehr allerlei Betrachtungen angestellt werden. Die einen meinen, es läge an den fortwährenden Ge- zänken in den maßgebenden Hausbesitzerkreiscn, die dem besseren Bürger und Arbeiter das Wohnen am Orte verleiden, andere sagen wieder, die Gemeinde leiste nicht genügend, um die Be- wohner an den Ort zu fesseln. Die letzteren sind es nun aber gerade, die sich verschworen haben, keinen Pfennig mehr für soziale Zwecke auszugeben. Ein Hausbesitzer macht noch den Vorschlag, das Schloßrestaurant nicht zu verpachten, sondern als Bürgerpark i la Pankow mit besonderen Bestimmungen über Kleiderordnung und dergleichen für das bessere Publikum zur Verfügung zu stellen. dann wurde sich auch die Einwohnerschaft vermehren. Wie wäre es denn, wenn der neu zu gründende Bürgerpark durch eine G. m. b. H. gefördert wird mit der Bestimmung, daß nur die Mitglieder und Anhänger der Alten Fraktion und allenfalls noch die Abonnenten des G.-m.-b.-H.-Organs sich in dem Park ergehen dürften. Mit solchen Kinkerlitzchen gewinnt man keine Zunahme der Bevölkerung; hierzu gehört eine umfangreiche Bessergestaltung der jetzigen Ver- Hältnisse, insbesondere auf sanitärem Gebiete, eine vernünftige Wohnungshygiene, Ausbau oer schon bestehenden sozialen Ein- richtungen usw., die jedermann zugute kommen. Der Wohlfahrts- etat verlangt in diesem Jahre einen Zuschuß von 30 Pf. pro Kopf der Bevölkerung und da glaubt man in gewissen Kreisen schon ein Halt gebieten zu müssen. Solange die alteingesessenen Hütten» besitzer sich von ihren spießbürgerlichen Anschauungen nicht trennen können, solange wird man auf einen stärkeren Zuzug verzichten müssen; jedes neu erbaute Haus, jede neu anzulegende Straße ist für diese Herren ein Greuel, leben sie doch in der Befürchtung, daß ihre alten Hütten leer bleiben. • Bei dieser Gelegenheit möchten wir auf einen von vielen Passanten empfundenen Mißstand aufmerksam machen, den wir der Gemeindeverwaltung einmal zur Beachtung empfehlen. ES betrifft den am Bahnhof Prenzlauer Allee nach Weißensee zu gelegenen Straßengraben, der infolge der letzten Unwetter bis an den Rand mit Regenwasier gefüllt ist. Mangels eines Abflusses bildet dieses Wasser, wie unS Passanten, die diesen Weg täglich zur Arbeit machen müfien, milteilem eine schwarze schlammige Masse, auf welcher Tausende von Bläschen schwimmen, die die Fäulnis emporgetrieben hat und die nun einen pestilenzialischen Gestank verbreiten. Seit Jahrzehnten hat man die Rinnsteine beseitigt in der Erkenntnis, daß sie im höchsten Grade gesundheitsschädlich sind; hier läßt eine Ge- meinde einen ganzen Straßengraben von fauligem Wafier die Lust verpesten und weist der Sonne eine Ausgabe zu. die eine Jauche« puulpe in einem Tage vollenden würde. Kaulsdorf. Ueber:„Die Vorbereitung der Regierung und der dürgerlicheu Parteien zu den kommenden Rcichstagswahlen" sprach am Sonnabend Gen. Heinig in einer im Kobeltschen Lokale abgehaltenen öffentlichen Versammlung. An der Diskusfion beteiligten sich die Genoffen Käming und Müntner. Ecsterer zeigte den Anwesenden den Reichslügen« verband, den Flvttcnverein und die Regierung im Bunde im letzten Wahlkampse gegen die Soziatdemokralie. Genosse Müntner ver» urteilte erst die Haltung der bürgerlichen Presse zur Königsberger Kaiserrede und ging dann auf die Bülowsche Politik und den Einfluß derselben aus die Wahlen von 1907 über. Beide Redner forderten zum Schluß ihrer Ausführungen zum Eintritt in den Wahlverein auf. Spandau. Arbeiter-Samariter-Lund,«bt. Spandau,«m Mittwoch, avend» 8>/, Uhr. findet bei Bühle, Havelstr. 20, ein UebungSabend statt, an dem ein Berliner Leiter teilnimmt. In Anbetracht bei bevorstehenden Prüfung müssen alle Mitglieder erscheinen. Jugeudveranstaltnngen. Freie Iugendorgauisatton Dreptow. Abteilung vaumichnlen, weg. Mittwoch, den 31. August, abendS S Uhr, bei Erbe, Bamnlchulen- stratze 14, AbteiluiwSvei sammlung. Vortrag des Kollegen Künstler-Berll» über i.Die dnillche Revolution." Jedermami. besonders jugendlich« Arbeiter und Arbeiterinnen find hierzu Ungeladen. »aufmSnnilche«ranke»' und Sterbekasse von 188».<«. ft. 71.) Dienstag, den 80. August, abend» 9 Uhr, im Restaurant xL Landre, stralauer Str. 86/37: Sitzung. BtttterunaSUberlich, vom SD. Bugn» 1910,«ora-u» 8 IN». ii tü 3 c. LZ L» II ü? enrtnrmd«. Hamburg Perlte Ftanfl.a W. Rünche» Wie» 763 SO 760 OSO 762 SO 788 S •ei?® 763 Still »et»«. 3 wolkig 6 woINg 2 dedeiä 1 Nebel 2 beiler Mebel ** d« »II h Ctaflontn Ii Cf Haparanda 768 Still Petersburg 788 NW Scill, 1748 JB 'idetbeen Bart» 747 OSO 768@5© Setiti tt t* bedeckt 1 bedeckt »wolkig 7 Regen 3 bedeckt IV 12 13 13 14 ffvetterpr-gnole Für Dienstag, de» 30.«luguft 1910. ... Luniichfl etwa« wSrmer, veränderlich, vielfach«otkig mlt leichten Regen. fallen und mätzigen südwesUtchen Winden: später wieder etwas kühler. verltuer»etterburea» eSasserstandS'Nachrtchten der LandeSanflall für Gewässerkunde, mitgeteilk vom Berliner Wetlerbureau. Wasserstand M« m« i. TUM V r« g e I, Jnfterburg Weichsel, Thorn Oder, Rattbor » Krossen » Frankwrt Warthe, Sckrimm » Landsberg R e tz e, Vordamm E l>>«, Leilmeritz , Dresden S Bardo , Magdeburg Wasser(laut Saal«, Grochlitz Havel, Spandaus . Rathenow') S p r««, Svremberg') . veeskow Weser. Münden , Minden Rhein, MarimllianSau , Kaub Köln R e?ae, Heilbron» Main. Werthruu M o f«l, Trier am 23. 8. cm 86 76 78 130 171 —66 teil 27.8. cm1) —6 —4 0 —8 +2 66«42 18 ir-2 488 298 310 143 181 —3 -11 +5 0+ bedeutet Wuchs,— Fall.•) Uniervegel. Amtlicher Marktbericht der städtischen MarNhallen-DtreMim wer den Grohbandel in den Zenttal-Marttballen. Marktlage- Fleifch- Zufuhr stark, Geschäft etwas reger, Preise anziehend. Wild: Zusiihr in sftnF»hrrfmpm rrfrfiltrfi«UilS___ v � wenig verändert. Butter und Käi«: Geschäft ruhig, Preise unver» ändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft w Obst befriedigend, fönst still, Preife unverändert. ttr MAilrtf ArbeitönactiwriS: BerwalttingSstelle Berlin. Hauptburea«: Hoj l. Amt 3. 1239. CharltistraSe 3. Hos HI. Amt 3, 1987, Mittwoch, den 31. August, abends 6 Uhr, im Englischen Garte» Alexauderstr. 27o: PF* Vensammlnnff"Ä für alle in gelochten Blechen beschäftigten Arbeiter Tages-Ordnung: I. Bericht Wer die letzte Verhandlung mit den Arbeitgebern. 2. Be- schlutzjaiiung Wer die weitere Stellungnahme. —»» Zahlreicher Besuch wird erwartet.— Mittwoch, den 31. , abends 6 Uhr, im Roseuthaler Hof, osenthalerstr. 11/12: UM" Versammlung'PS aller in der lhirargischkn Krauche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Tages-Ordnung: t. Vortrag deZ Kollegen W u s ch i ck über: Genoflenschastswesen und Arbeiterbewegung. 2. Diskussion. 3. Ersatzwahlen zur Agitationskommission, 4. Branchenangelcgenheiten und Verschiedenes. �SSSÜ?'* Kollegen I Da wichtige Branchenangelegenheitm erörtert werden, mutz ein jeder erscheinen. Mittwoch, 31. August, abends 8'/, Uhr, in de« Koroua-FestsSle«, Kommandantenstr. 72: Versammlung"PS der Crraveure und Ziseleure. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen M. S ch ü t t e: Vor hundert Jahren. 2. DiZ- tussion, 3. Verschiedenes. Regen Besuch erwartet 120/16 Die Ortsvcrwaltnng. r ii- Verwaltung Berlin. Einsetzer. Mittwoch, de« S1. August, abends S'/, Uhr, im GewerkfchaftS- Hause,(Lngel-Ufer 15, Saal 1: MK Branchen-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Bortrag deS Kollegen Nitschte: Aus wa» beruht die Unzusrieden best vieler Arbeiter mit ihrer Gewerkschast. 2. Branchenangelegcnheüen und Veischiedeiie«. Die Kollege« der Borortzahlstelle« find hier»« besonders ei«. gelade«._ Die Kommission. Pianomechanik-Arbeiter und-Arbeiterinnen. Mittwoch, de« 31. August, abends 8 Uhr, im Englische» Garte». Mexanderstratze 27 o: Krauchen- Kersammlung 1. Sieserat de« Kollegen Wir unsere Interessen?- 2. TageS-Ordnun Leopold über das Thema:.Wie wahren SerbandS- und Branchenangelegenheiten. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist daS Erscheinen sänitlicher Kollegen und Kolleginnen aus der Pianomech anik-Branche dringend not- wendig.— Mitgliedsbuch legitimiert. Um pllnlUiches Erscheinen ersuch t Die Branchenleitung. 88/8 w»«»! gnnjltlrft, tojnmiltt. Mhhl Am Freitag, den 2. September 131(1, abeudö 9 Uhr, findet ein« deklenMeks Versammlung der Tsiuldhrer— Tanzmaitre in den Musik er>Sälen. Kaiser-Wilhelm-Straste 18«, Mi» solgcnder Tagesordnung statt t i. Die geplante Fufldarkritsjtener im Stabtparlamevt. Referent: Stadtverordneter Herr ,1» Sassenbach. 2. Diskussion. 200/3 Der wichtigen TageSorduung wegen ist e« notwendig, das» aNe Kollegen dafür Interesse haben und die«ver- fammlung besuchen, um geschlossen dagegen Protest zu erheben. Der Einberufer. Illel»ar und HilfS-Krankenkassen. 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Kreis.• Iffoabiter Gesellsehaftshans Wiclefftraße 24. S�hams-Säle, Mau-rstr. 142. Germania-Säle, Ch-uss-estr. 110. Später-ThCater, Kastanienalle- 7/g Trankes Testsäle, B-dstr. 19. I. Kreis. Oräsels Testsäle, Neue Friedrichstraße 35. II. Kreis. Kliems Testsäle, Has-nh-id- 13-15. Kabels Sranerei, Bergmannstr.s/7. Kißles Testsäle, DemewihsK. 13. III. Kreis. Gewerksehaftshaus, Engewfer 15. Krmin-Kallen, Kommandantenstraße 58/59. IV. Kreis. Kellers Testsäte, K°pp-nstr. 29. Slysium, Landsberger Alle- 40/41. Teltow- Beesko w. Charlottenburg: Volkshans, Rofin-nsttaße 3. Köpenick: Kaiserhof,.Grünstraße. RIxdorf: Koppes Testsäle, Herm-nnstr-ß- 43/49. Schöneberg: Kene Kathanssäle, M-mmg-r Straß- s. Steglitz: Sirhenwäldchen. Treptow= Baumschulen weg: Radrennbahn. Wilmersdorf: Gesellsehaftshans, Wuh-lmsau- 112. Niederbarnim. Lichtenberg: Schwarzer Udler(Gebr. Unhold). Rummelsburg: Cafä Bellctme(Tempel). Weißensee: Schloji Weijiensee. Pankow: Zum Knrffirsfen, Berliner Straße 102. TegebBorsigwalde: Trapps Testsäle. Stralau: Zlarhgrafensäle, Markgrafend-mm. ObersSchöneweide: Jtloemers Blumengarten. Spandau: Säble, H-v-lstraß- 7. Tages-Ordnung: fleilchnot, Cebcnsmittelteucrung und wie ist Abhilfe zu ichaffen? 2. Diskussion. Referenten: Barth, Brückner, Büchner, Düwell, Eichhorn, Paaß, Pendel, Theodor Pischer, Regina Friedländer, Grauer, Grunwald, Horlitz, Katzenstein, Kubig, Lehmann, Litlin, Berta Lungwitz, Mücke, Nathow, Peterhansel, Piek, Schenk, Robert Schmidt, Franz Schneider, Heinr. Schulz, Schumann, Spiekermann, Ströbel, Stücklen, Ucko, Unger, Woldt, Frida Wulff, Zeuner. 1. Wir rechnen auf Massenbesuch dieser Versammlungen. Für die Einbcrufer: Leopold Liepmann, Heinersdorfer Str. 10. Ztr. Bettfadons und Daunen im Jahre 1909 also 400 Zentnef mehr als im Jahre 1908 hat umgesetzt die Erste Bettfedern- Fabrik mit»lekt rlschem Betrieb, Gustav Lust) Berlin Prinzenstr. 46 und 47. 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