Ar. 303. HbonncmentS'Bcdtogungcn: «Bonnemcntä> PrciS pränumerando i Bierteljährl. 3,30 SKf., monatl. 1,10 füll., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags« nummcr mit Mustricrter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Psa, Post« tlbonnement: l.l0 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für daS übrige Ausland Z Marl pro Monat. PoftabonnemcntS nehincn an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, nänicn, Schweden und die Schweiz, S?. Jahrg. CrHDdnt täglich außer mentagt. ____ � ♦ Berliner Volksblnkt. Die Tnferflons-Gcbübr veträgt für die fechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerlschastliche Percins- And Vcrsammlungs-Anzcigcn S0 Pfg. „Ulelne Pln-eig-n". das erste csett« «-druckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slcllen-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg.« jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über Zö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis s Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „Ssaialileiliolii'at Nttlio". Zcntralorgan der rozialdemokrati leben Partei Deutfcblands. Redaktion: 8 Tl. 68, Llndcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: 8M. 68, Lindenstrasae 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Der Lchnapsblocli für den Hbfolutismus. Nicht nur die Konservativen, sondern auch die Herren vom Zentrum finden an der Köuigsberger Kaiser- rede, dieser Proklamation des persönlichen Re- giments, nichts auszusetzen. Bei den Junkern nimmt das nicht Wunder. Ihr altes Losungswort ist ja: der König absolut, dainit er uns den Willen tut. Die Junker sind seit je Gegner der Verfassung, der Volksrechte ge- Ivesen. Sie wissen, daß ihre Interessen, die ja denen des Volkes diametral zuwiderlaufen, niemals durch- gesetzt werden können bei einer wirklichen Volks- Vertretung, der das Wohlergehen des Volkes das höchste Gesetz ist. Die Junker können nur gegen das Volk, gegen ein modernes parlamentarisches Regime ihre Sonder- Privilegien zu vertreten hoffen. Deshalb ihre Begeisterung für den Absolutismus, für die Alleinherrschaft eines Monarchen, in dem sie den Ober st en der Junker erblicken, den Vorkämpfer der F a m i l i e n i n t e r e ss e n des Herrscherhauses und des mit ihm verbündeten Junkertunls. Daß also die Konservativen mit der Königsberger Proklamation des Absolutismus, mit dem Beiseiteschieben von Parlament, Volksversammlungen und politischen Tagesstimmungen von ganzem Herzen einverstanden sind, ist das natürlichste Ding von der Welt. Weit b e- fremdender könnte es für den ersten Augenblick erscheinen, daß auch das Zentrum an der Königsberger Rede nicht nur nichts Anstößiges, sondern im Gegenteil sogar mancherlei Hocherfreuliches zu entdecken vermochte! Behauptete doch das Zentrum stets, eine demokratische, für die Erweiterung der Volksrechte eintretende Partei zu sein. Hat doch im November 1908 der Fraktionsredner des Zentrums, der Freiherr v. Hertling, gleich allen übrigen Rednern entschiedenen Protest erhoben gegen die Be- kundungen des persönlichen Regiments. Hatte Herr v. Hertling es damals doch ausdrücklich als eine Zwangs- läge auch für die m 0 n a r ch i s ch Gesinnten bezeichnet, an den Handlungen der Krone scharfe Kritik üben zu müssen. Hatte er damals doch mit unverkennbarer Anspielung hervor- gehoben, daß die Tage des französischen Sonnen- königs und der englischen Stuarts längst hinter uns l ägenl Und jetzt, wo Wilhelms II. in Königsberg die Erklärung des„Staatsanzeigers" mitten durch gerissen, wo er in ostentativster Form das Bekenntnis eines mystischen Absolutismus abgelegt hat, wie er selbstherrlicher sich auch nicht im Hirn eines Ludwigs XIV. oder eines Stuart spiegeln konnte, gehört das Zentrum nicht nur zu den B e- schönigern dieses Rückfalles Wilhelm II. in seine alten selbstherrlichen Gepflogenheiten, sondern das Zentrum spricht dem Kaiser geradezu seinen Dank aus für diese absolutistische Kundgebung I Den deutlichsten Ausdruck findet diese eigenartige Stellung- nähme des Zentrums in einem Artikel des Herrn Erzberger im roten„Tag". Herr Mathias Erzberger höhnt geradezu über die Proteste der Presse gegen die Königsberger Kaiser- rede. Er spricht von der Sensattonslüsternheit der pro- testierenden Presse. Er behauptet, eine solche ganz unmoti- vierte Erregung sei kein Zeichen der politischen Gesundheit und dem Volksleben nicht nützlich. Er spricht von den„über- hitztcn roten Köpfen", die den„unsinnigen Ruf nach einer sofortigen Einberufung des Reichstages" ausgestoßen hätten. Er sagt wörtlich: .Vielfach wird zugegeben, daß nach der staatsrechtlichen Seite hin nichts Erhebliches auszusetzen sei, wohl aber nach der allgemein politischen; der Kaiser habe seine Zusage vom 17. November 1908 nicht gehalten, und man droht mit einem neuen Novembersturm. Nichts aber ist mehr de- placiert und innerlich unwahrer als ein Vergleich zwischen dem Noveinbervorkommnis und der Königsberger Rede: dort Angelegenheiten der a u S- wältigen Politik, wobei die Masse deS Volkes und der Reichstag zudem in ganz unverantwortlicher Weise getäuscht worden sind— hier ein programmatisches Bekenntnis deS Kaisers über seine Aufgaben, was das Ausland keinen Deut angeht. Aber die Erklärung voin 17. November 1998? Es hat uns noch kein Mensch gejagt, waS sie eigentlich bedeutet, wohl aber weiß man, datz sie durch ein Unrecht zustande kam, und„unrecht Gut gedeiht nicht gut"— auch im politischen Leben nicht. Die Rede selbst läßt nicht erkennen, daß der Kaiser unter Beiseitelassung der„verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten" die Politik des Reiches zu führen entschlossen sei. und die gleichfalls zugesagte „Stetigkeit" ist gerade in dieser Rede gegeben. Wer die Natur des Kaisers und die 1998 er No- vemberereignisse kennt, der wußte ganz be- stimmt, daß der Kaiser einmal reden mußte, um das allseitige Ende der Bülow-Aera vor aller Welt zu dokumentieren. Das ist in der alten Königs- und Krönungsstadt geschehen; mehr nicht; gerade daher kann diese Rede auch im Parlament ihre Wellen schlagen." Und Herr Erzberger steht im Zentrum keineswegs allein. Die„Kölnische Volksztg." sagt mit anderen Worten dasselbe. Und die„Tremonia" findet durch die Königsberger Rede gleichfalls ihren sehnlichsten Herzenswunsch erfüllt, sieht �in ihr„ein Desaveu der Blockpolitik", wie es schärfer nicht ausgesprochen werden könne! Also auch das Zentrum, das 1908 durch Herrn v. Hertling so tapfer gegen das mittelalterliche Gottesgnadenbcwußtsein Wilhelms II. gesprochen hatte, freut sich dieses Absolu- tismus, sobald es nur hoffen darf, daß diese selbstherrlichen Regungen den Interessen des blauschwarzen Blockes günstig sind! Denn das und nichts anderes besagen ja die Aus- führungen des Herrn Erzberger. Was soll es heißen, daß 1908 ein Protest gegen die kaiserliche Sclbstherrlichkeit not- wendig geivcsen sei, weil damals die auswärtige Politik in Frage gekommen sei, diesmal aber nicht, da es sich ja „nur" um die Frage der inneren Politik handle I Gewiß, im Jahre 1908 handelte cS sich uni eine persönliche Politik Wilhelms IL, die Deutschlands Ansehen im Auslande in der ärgsten Weise gefährdete, die, wie Herr B a s s e r m a n n damals sagte, eine beispiellos günstige Konjunktur für die Witzblätter des In- und Auslandes schuf. Aber handelt es sich diesmal etwa um etwas minder Wichtiges? Handelt es sich nicht um mindestens ebenso bedeutsame Volksrcchte? Hat Wilhelm II. nicht eine Politik des Wettrüstens, also eine Steuer- bclastung der Massen proklamiert, während die Masse des Volkes die Abrüstung, eine i n t e r- nationale Verständigung verlangt? Hat Wilhelm II. nicht für die Frauenfragc und Jugenderziehung Grundsätze proklamiert, die jeder modernen Kulturauffassung aufs schärfste widersprechen? Und ein Absolutismus, der auf dem Gebiete der inneren Politik die reaktionär st en, kultur- feindlich st en Grundsätze ankündigt, soll nicht ebenso verwerflich sein, wie jener Akt des Absolutismus, der 1908 das allgemeine Kopfschütteln erregte? Nein, die Zufriedenheit, ja der I u b e l des Zentrums entspringt lediglich der Hoffnung, daß der kaiserliche Absolu- tismus oer Politik des blauschwarzen Steuerplünderungs- und Autiwahlrechtsblocks günstig sein werde I Was gelten da dem Zentrum alle deniokratischen„Grundsätze," wenn ihm die Aus- ficht zu winken scheint, gemeinsam mit den ostclbischcn Junkern in Preußen und im Reiche allen Kultnrfortfchritt lähmen und nicdertrampeln zu können I Junker und Zentrum betrachten die Königsberger Rede als Richtschnur der künftigen Politik, als Parole für die Reich stagsivahll Unter dem Schutz und Schirm Wilhelms II. und seines Handlangers Bethniann Holliveg, der ja mit seiner Erklärung zur Kaiser- rede den Befähigungsnachweis für jeden Handlangerdienst glänzend erbracht hat, glauben sie die Wahlschlacht bestehen zu können! Die Königsbcrgcr Rede eröffnet also für den Schnapsblock, für den blauschwarzen Block der Wahlrcchtshintcrtreibcr die Wahlkampagne! Wenn der Liberalismus noch ein Fünkchen von Verstand hätte, müßte er gemeinsam mit der Sozialdemokratie die sofortige Einberufung des Reichstages fordern, um nunmehr nachzuholen, was er aus dem Optimismus seiner kindlichen Blockphantastereien heraus im Jahre 1908 so sträflich versäumt hat? I Tut er es nicht, ist es seine Sache. Bei den Wahlen sehen wir uns wieder! llrtellZlprüche. Die„Nord. Allg. Ztg." ist in letzter Zeit sehr be- müht, Wilhelm II. Weihrauch zu streuen. Je ruppiger und unanständiger das Blatt nicht nur über die deutschen Arbeiter, fondern überhaupt über alles herfällt, was nicht in Bewunderung und Ehrfurcht von der Regierung Bethmann Hollwegs und seines Herrn erstirbt, desto byzantinischer und kriecherischer werden die Lobpreisungen für Wilhelm II. Da kann es nichts schaden, jene Urteile wiederzugeben, die in den Novembertagen 1903 über diese gepriesene Politik ab- gegeben wurden. Damals schrieb in einem„Fehler über Fehler" übcrschricbcnen Artikel das „Berliner Tageblatt". „Wohin man auch blicken mag, überall muß dieses Interview unsere Beziehungen stören. Misere Bestrebungen in ein schiefes Licht rücken, unsere Freundschaft als unzuverlässig, unsere Ziele als irr- lichtcrierend erscheinen lassen... Man muß leider hinzufügen, daß auch keine der früheren kaiserlichen Kundgebungen so gefährlich und so grenzenlos verfehlt war wie diese allerncueste." „Tägliche Rimdschan" spricht von einer„Lohengrinpolitik, die für alle Welt sorgen will und wenn sie Unruhe stiftet und Mißtrauen erntet, über Verkemuing klagt". Der Eindruck der kaiserlichen Auslassung sei:„Laßt fahren dahin alle Hoffnung auf endliche Stetigkeit und Ruhe unserer Politik, auf eine Einheitlichkeit des Kurses, für den der verantwortliche Staatsmann und vor dem deutschen Volke allein einzustehen hat". „Nhcinisch-wcstsälische Zeitung": „Aufs tiefste aber wird es die deutsche Volksseele treffen, daß sein Kaiser den Kriegsplan ausgearbeitet hat, mit dem da? tapfere stammverwandte Burenvolk vernichtet worden ist. Den deutschen Kaiser als unerbeteneir Strategen gegen ein niederdeutsches Volk, das ist ein Bild, das Jahrzehnte nicht verwischen können.... Ist das Neutralität? Ist das die Hilfe, die dem ollen Krüger 1898 angeboten wurde?. Wir können und wollen eS trotz der halb- amtlichen Bestätigung der Meldung nicht glauben. Denn so hat nie ein deutscher Kaiser bisher gehandelt, und so darf ein deutscher Kaiser niemals handeln. Durch nichts ist das Bild Wilhelms II. in dem Herzen seines Volkes so entstellt worden als durch diese Ver« öffentlichnng. Wenn sich die Meldung bewahrheitet, dann müssen wir gestehen, daß wir unseren Kaiser nicht nur nicht mehr verstehen, sondern seine Handlungsweise aufS tiefste beklagen und bedanern! Und bot späterer Gelegenheit: „An: 4. November tritt der Reichstag zusammen. Vielleicht gibt Fürst Viilow dort eine Erklärung ab, die als„authentische Interpretation" seiner Worte von vor acht Jahren angesehen werden kann. Vielleicht wird im Reichstage dann anch von einer Seite des Hauses eine Aenderung der Reichsverfassung beantragt, die darin gipfelt, daß die auswärtige Politik vom Reichs- kanzler unter größerer persönlicher Verantwortung geleitet wird, als dies bisher der Fall ist. Die Bestimmungen der Verfassung möchten genügen für einen Bismarck und dem verehrten alten Kaiser, in deren beider Politik das deutsche Volk unbegrenztes Vertrauen haben konnte. Heute liegen die Verhältnisse anders. Lebten tvir in einem parla- mentnrisch regierten Smale, dann würde der leitende Minister sich bald seiner Verantwortlichkeit bewußt werden. Als in: Jahre 1898 die Ablehnung der Erneuerung des sogenannten Rückversicherungs- Vertrages mit Rußland bekannt wurde, da schrieb der„Reichs- anzeiger" am 27. Oktober in amtlichem Auftrage, diplomatische Borgänge gehörten ihrer Natur nach zu den strengsten Staatsgeheim» nissen; sie gewissenhaft zu wahren, beruhe auf einer internationalen Pflicht, deren Verletzung eine Schädigung wichtiger Staatsintercssen bedingen würde." Der„RcichSbote": „Wird man sich wundern dürfen, wenn jetzt im Reichstag Ein- richtungen verlangt werden, welche die deutsche Politik gegen persönliche Neigungen schützen, da die deutsche Nation die Folgen einer fehlerhaften Politik zu trage» hat und sie seit Jahren trägt!" „Gcrimmia". „Seit langem ist der deutschen Politik kein so schwerer Schlag versetzt worden. Der Kaiser hat im Laufe seiner Regierung manches Wort öffentlich gesprochen, das nach der Ucberzeugung der Mehrheit des deutschen Volkes besser nicht gesprochen worden wäre. Aber waS der englische Diplomat da verraten hat, läßt alles weit hinter sich. Allgeincin ist die Bestürzung über diese Eni- hüllung, die daS Vertrauen auf die deutsche Politik, die ohnehin nicht stark war, bei allen Mächten gründlich erschüttern muß. Keine offiziöse Schönfärberei wird den niederschmetternden Eindruck ver« wischen können I" Einige Tage später sagte das klerikale Blatt: „Wir brauchen einen Reichskanzler, der nicht mit Worten, sondern in der Tat für die politischen Borgänge verantwortlich ist, nicht bloß einen P r ü g e l j n n g e n, der für die Sünden von Generaladjutantcn und sonstigen Unverantwort- lichen, selbst wenn sie„Diplomaten" heißen sollten, zu büßen hat. Wir brauchen eine:: Reichslanzlcr, der eine feste politische Ueber- zengung und ein klares politisches Ziel hat, und jeden Augenblick bereit und entschlossen ist, seine Person und sein Amt dafür einzu- setzen. Mit einem Kanzler, der zu allem Ja sagt und cher sich gefallen läßt, von den folgenschwersten Vorgängen ohne Kenntnis zu bleiben(kommt es übrigens öfter vor, daß Fürst Bülow hoch- loichtige Aktenstücke nicht liest?), der aber doch für alles die„volle Verantwortung" übernimmt und mit beschönigenden Reden Fehler wieder gut machen will, kommt Deutschland in der Welt immer mehr hintenan. Noch glauben wir, stolz und zuversichtlich auf unsere Armee pochen zu können. Aber sind wir bor Niederlagen ans dem Schlacht- selde mehr als vor solchen in der Diplomatie gesichert, wenn unsere Heerführer ebensowenig den Mut ihrer Ueberzeugung haben sollten, wie so häufig unsere Stoatsmänner?" Heute freilich sind die ZentrumslcutesTeilhabcr des schwarz- blauen Byzantinerblocks und wollen es nicht wahr haben, wie alles, was da über Bülow gesagt wird, erst recht für seinen Nachfolger zutrifft. „Deutsche Tageszeitung": „Das Unheil ist geschehen. Wir stehen nicht an. offen zu sagen, daß wir seit der Gründung des Deutschen Reiches kaum ein pein- licheres Vorkommnis erlebt haben. Wie sich die Schuld daran verteilt, das soll unerörtert bleiben! Mag man auch überall den guten Glauben annehmen, so ist eine solche Annahme durchaus keine Entschuldigung." „Kreuz-Zcitung": „ES muß„schmerzlich berühren, wenn dersKaiser, wenn anch in vertrautem Privatgospräch, seine persönliche politische Stellung England gegenüber als in: Gegensatz zu der die Mehrheit des deutschen Volkes beherrschenden Stimmung bezeichnet". „Tägliche Rundschau": «DaS offiziöse Aktenstück, da« uns das betrübliche Vorkommnis in mildcrem Lichte zeigen soll, wird auf die meisten nicht tröstlich wirken, sondern sie entmutigen, ja fassnngSloS machen darüber, daß so etwas bei uns möglich I Es ist vielleicht der bitterste Tropfen auS dem Kelche dieser schwarzen Wockie; aber er muß hinunter. Und dann gilt es auS der bitteren Erfahrung die Lehre zu ziehen und aus dem Unglück daS Beste herauszuholen. DaS aber ist und kann nur fein: Die Erzwingung einer von persön» lichen Stimmungen und Empfindlichkeiten un» beirrten verantwortlichen, einheitlichen, stillen und tapferen deutschen Politik." „Welt am Montag": „Fürst Bülow ist der Hauptschuldige. Er kennt den Kaiser wie kaum ein anderer. Er weiß, wie unheilvoll schon oft das per- sönliche Eingreifen des Kaisers gewirkt hat. Er weiß, welcher Unbesonnenheit man sich vom Kaiser zu gewärtigen hat. Wenn er trotzdem dem ihm zugestellten kaiserlichen Artikel nicht las, so trifft ihn die volle Verantwortung für die verhängnisvollen Wirkungen dieses Artikels. Mit verbrecherischem Leicht- sinn hat er die Interessen des deutschensVolkes gefährdet. DaS AuS- wärtige Amt ist würdig in die Spuren des Chefs getreten. Dort hat man zwar die Artikel gelesen» aber seine Bedeutung nicht kapiert. Natürlich entlasten die Sünden Bülows und des Auswärtigen Amtes den Kaiser nur zum kleinsten Teile. Gewiß, durch den Gang der Ereignisse ist er in dieser Afsäre zur Nebenfigur geworden. Aber er ist doch der Urheber der ganzen Geschichte." „Münch. N. Nachrichten": „Welche Maßnahmen sind getroffen, um solche Dinge für die Zulun st zu verhüten?! Darüber wird auch der Reichstag, so hoffen wir, klipp und klar Antwort verlangen, und Sicherung, daß solche Dinge sich nicht wiederholen können I Sonst wäre das Entlassnngsgesuch des Reichskanzlers und seine Ablehnung ein T a s ch e n s p i e l e r st ü ck. um die Schuldigen verschwinden zu lassen." „Breslaucr Morgenzeitung": „Werden wir gut regiert? Nein! Wir werden schlecht regiert, ungeschickt, selbstherrlich. Die rudimentären Formen des Absollitismus, die Wilhelms II. Selb st herrlich- t e i t im Innern und im Aeußeren zu schädlichen Irr- tümern sich betätigen läßt, werden durch die beschämenden Miß- erfolge der deutschen Politik auf allen Gebieten als unheil- st i f t e n d jetzt endlich erkannt werden müssen. D i e Zeiten sind vorbei, in denen ein gekröntes Genie die Geschicke von Millionen zum Gegen st and seiner politischen Experimente machen durfte. Aber niemals sind gewesen und werden kommen die Zeiten, in denen ein politisch nicht begabter Fürst jeden sein Hirn zufällig kreuzenden Frenndschafts- oder Feindschaftsgedanken kritiklos in die Tat umsetzen darf." Wenn die„Nordd. Allg. Ztg." wünscht, kann die Liste auch noch fortgesetzt werden. sticht intereiielo!- aber volksfeindlich. Ueber die Stellungnahme der preußischen Regierung zur Frage der Fleischnot schreibt die Korrespondenz Woth: Die Tatsache, daß seit Wochen eine erhöhte Steigerung der Jleischpreise eingetreten ist, läßt sich nicht bestreiten. Die Annahme aber, daß die preußische Regierung den veränderten Verhältnissen gegenüber interesselos gegenüberstehe, trifft keineswegs zu. Das zuständige Ministerium hat die Entwickelung verfolgt und auch Er- wägungen angestellt, ob eine Milderung der hohen Fleischpreise durch Regierungsmaßnahmen möglich sei und wo die Gründe für die Fleischteuerung zu suchen seien. Das Ergebnis ist folgendes: Eine Fleischteuerung besteht nicht allein in Deutschland, sondern in ganz Mitteleuropa, vor allem auch in Oesterreich, der Schweiz und in Holland. Der Grund ist wahrscheinlich in der schlechten Futterernte des Vorjahres zu suchen, die viele Vieh- besitz« veranlaßt hatte, ihre Bestände zu verringern, uni nicht mit großen Unkosten später Futtermittel kaufen zu müssen. Eine Herabsetzung des deutschen Viehbestandes aus speku- lativen Gründen zur Erzielung höherer Fleischpreise dürfte nicht erfolgt sein, weil eine>olche Maßnahme kaufmännisch unklug wäre, überdies läßt sich schlachtreifes Vieh nicht längere Zeit zurückhalten, weil das Risiko der Erkrankung für dieses Vieh bei Ueberfüttcrung zu groß ist. Nachdem der letzte Winter bei verstärktem Angebot die Preise reduzierte, trat aus oben- genannten Gründen im Frühjahr eine Verminderung des Viehbestandes ein. Erst nachdem die Fnttcrernte dieses Jahres befriedigend ausgefallen ist, wird der Viehbestand vergrößert werden und das herangewachsene Vieh möglichst schnell schlachtreif gemacht werden. Ein Heruntergehen der jetzigen Fleischpreise darf also in den nächsten Monaten erwartet werden und zwar auf daS Niveau der letzten Wintcrpreise. Es ist eine Oeffnung der Grenzen in der Presse ge- fordert worden. Eine solche Maßnahn, e wird keine Besserung bringen, denn in den Nachbarstaaten besteht auch Fleischnot aus den gleichen Gründen wie bei uns. Das Ausland würde selbst bei einem Ueberschuß an Schlachtvieh unter den gegebenen Verhältnissen die Konjunktur ausnutzen und hohe Preise fordern. In sanitärer Hinsicht könnten aber leicht schwere Schäden durch eine spontane Grenzöffnung entstehen. Es bestände auch die Ge- fahr, daß durch zu scharfe Auslandskonkurrenz, man sprach von argentinischer Vieheinfuhr, die Rentabilität der deutschen Viehzucht sehr in Frage gestellt wäre und die heimische Viehzucht stark der- nachläsfigt würde. I Eine Herabsetzung der Eisenbahntarife wäre ein anderes Mittel, der Staat würde dieses Opfer bringen, wenn dadurch eine Vcrbilligung der Preise eintreten würde, was immerhin zu bezweifeln wäre, denn eS ist beobachtet worden, daß die Aufhebung der städtischen Schlachtsteuer die Fleischer nicht veranlaßt hat, die Preise um diesen Betrag zu vermindern, sie haben den Profit eingesteckt. Eine Tarifherabsetzung würde ihren Zweck nur erreichen, wenn sie eine Preiskontrolle im Gefolge hätte. Die Fleischteuerung ist aber nur vorübergehend und eine Besserung der Verhältnisse bald zu erwarten. Preußen leidet unter der Teuerung viel weniger als die süddeutschen Staaten, die weniger Viehzucht betreiben als Preußen. Im allgemeinen ist der Aufschlag im preußischen Westen nur minimal, im Osten kaum spürbar. Vtan hört aus allem nur das Nein! Aber viel Geisteskraft haben die Fabrikanten der Epistel nicht aufgeboten. In gewissen Kreisen ist der Mangel an Intelligenz eben so groß, wie beim Volke der Mangel an Fleisch. Erst behauptet man keck und munter: in den Nachbarländern besteht auch eine Fleischnot, sie können uns kein Vieh liefern, darum hat das Oeffnen der Grenze keinen Zweck. Dann erklärt man pfiffig: Die Grenzen müssen geschlossen bleiben, weil sonst die Viehseuche hereinkommt vielleicht gar ohne Vieh— und dann kommt der geistige Clou: wir dürfen die Grenzen nicht öffnen, weil sonst eine scharfe Auslandskonkurrenz die heimische Viehproduktion unrentabel machen würde. Man könnte glauben, drei Kapazitäten hätten sich da ber- schworen, nachzuweisen, wieviel ungereimtes Zeug man in wenigen Zeilen als— Regierungsweisheit verzapfen kann. Gegen das Sammelsurium von Unsinn, das die Regierung auf Ge- heiß der Junker dem Volke serviert— als Ersatz für Fleisch— kann man sich jede Argumentation ersparen. Es genügt, die Ver- höhnung der Bewucherten niedriger zu hängen. Der Landeskultnrrat für das Königreich Sachsen macht sich die Sache leichter.. Er bestreitet einfach das Vorhandensein einer Fleischnot. Fertig ist die Laube I Auch diese„Lösung" des Problems wirkt wie eine beabsichtigte Verhöhnung beS Volkes im Interesse der Fleischwucherer. Zusammenbruch. Noch nie ist im Ruhrkohlenrevier einer Wahl soviel Interesse entgegengebracht, ist ihrem Ausgang so fympto- matische Bedeutung beigelegt worden wie den jetzigen Sicherheitsmännerwahlen. Denn diese sollten nicht nur das Vorspiel zu den bevorstehenden Knapp- schaftsältestenwahlen bilden, sondern auch die Vrobe dafür geben, wie das B ü n d n i s zwischen der nationalliberalen Zechenpartei und dem im Zentrumsfahrwasser segelnden Christlichen Gewerk- verein, das auch für die kommenden Reichstags- wahlen Geltung haben sollte, von den Bergarbeitern aus- genommen wurde. Wie ein verzweifelter Spieler setzte der Gewerkverein alles auf eine Karte und suchte als letzte Rettung Arm in Arm mit der Kohlenjunkerpartei, die sich unter den DeAmantel der evangelischen Arbeitervereine verkrachen hatte/ noch einmal die Gunst der Bergleute zu erringen. Man glaubte, die Bergleute hätten doch wieder alle Schuld vergessen, die in den letzten Jahren Zentrum und National- liberale auf sich gehäuft hatten, und würden noch einmal willig ihre eigenen Metzger wählen. Ein bißchen Pfaffen- fegen, ohne den die Mllnchen-Gladbacher Zöglinge keine Wahlen machen, und dazu eine verlogene Hetze gegen die Sozialdemokratie, diese so oft bewährten Allheilmittel sollten auch jetzt wieder ihre Wirkung tun. Aber es ist anders ge- kommen, und der Ausgang der Wahl hat unsere kühnsten Er- Wartungen übertroffcn. Nachdem das Gesetz, das angeblich das gefahrvolle Leben der Bergarbeiter schützen sollte, eine so große Enttäuschung gebracht hatte, war das Interesse an den Wahlen zuerst sehr gering. Aber wer hätte wohl erwartet, daß die Bergleute dieses Machwerk, das die klerikalen und nationalliberalen Arbeiterfeinde so sehr verhunzt hatten, ihren Feinden so um die Ohren schlagen werden, daß ihnen Hören und Sehen vergehen würde? Der Gewerkverein ist schlecht beraten gewesen, als die Behrenscligue das Zusammengehen mit der Kohlenjunker- Partei durchsetzte.„Sage mir, mit wem Du umgehst.. Das erkannten die Bergleute, und die Frucht der bösen Tat ist gereift. Da die Zechenherren sich Wahlen ohne Terrorismus nicht vorstellen können, so versuchten einige Zechen, durch die Form und Farbe der Stimmzettel, die Abstimmung zu kontrollieren. Doch scheint das wenig geholfen zu haben. Zwar liegt zur Stunde noch kein endgültiges Resultat vor, aber die bis jetzt eingelaufenen Meldungen lassen erkennen, daß der Verband einen glänzenden Sieg errungen hat. Ob das die Nachläufer der Christlichen zur Vernunft bringen wird? Vorerst bedeutet aber der Ausgang dieser Wahlen, daß auch die Koalition der schwarzen und blauen Volksfeinde keinen Schutz gegen den gerechten Zorn der Masse mehr bietet. Die bevorstehenden Knappschaftsältestenwahlen wer- den nun sicherlich den Sieg noch vervollständigen. Mögen dann nur bei den koinmenden Reichstagswahlen Zechenherren und Zentrumsleute die Koalition fortsetzen, das Volk wird die Antwort nicht schuldig bleiben. Glück auf zu neuen Siegen! Bochum, 30. August.(Privattelegramm des„Vorwärts''.� Bei den Sicherheitsmännerwahlen wurden von den Kandidaten des Deutschen Bergarbeiterverbandes 1001 ge- wählt. Von den von dem christlichen Gewerkverein aufgestellten Kandidaten sind 213, Polen 91. Hirsch-Dunckersche 7 und von den Zechenverwaltungen Aufgestellten 38 gewählt. 259 Resultate stehen noch auS._ poUtifche Geberltcbt. Berlin, den 30. August 1910. Des Volkes Antwort. Nachdem Wilhelm II. die Kampfrede in Königsberg gehalten, begab er sich für den 26. bis 29. August nach Danzig. Diese einst blühende Handelsstadt ist wirtschaftlich der glorreichen deutschen Zollpolitik zum Opfer gefallen. Trotzdem überschlug sich die byzantinische Lokalpresse in einem künstlich aufgebauschten Hurra- rummel. Deshalb unternahmen es unsere Genossen, auch die wirkliche Stimme des Volkes zu Gehör zu bringen. Sie veranstalteten am Sonntag, den 28. August, nachmittags 3 Uhr, eine öffentliche Volks- Versammlung mit dem Thema:„Millionen für den König— Fuß- tritte für das Volk". Deren Bekanntmachung stellten sich aber auch selbst für ostelbische Verhältnisse nicht alltägliche Schwierigkeiten entgegen. Der Verlag der freisinnigen„Danziger Zeitung" hat die städtischen Plakatsäulen gepachtet und schlägt schon seit langer Zeit sozialdemokratische Plakate nur dann an, wenn dazu die gesetzlich nirgends geforderte polizeiliche Erlaubnis beigebracht wird. Der Vertreter des Polizeipräsidenten ver- weigerte diesesmal die Erlaubnis aus dem Grunde, weil „Majestät schließlich selbst die Plakate sehen könnte". Der freisinnige Verlag lehnte denn auch wieder prompt den Anschlag ab,„weil er dazu keinen Platz mehr zur Verfügung hatte". Die unabhängig gesinnungs- losen„Danziger Neueste Nachrichten" verweigerten nicht nur die Aufnahme eines Inserates, sondern erklärten sogar, daß sie auch in Zukunft niemals wieder sozialdemokratische Anzeigen publi- zieren würden! Die Bekanntmachung der Versammlung durch Handzettel war ebenfalls nur unter mancherlei Schwierigkeiten möglich, An der kaiserlichen Werft bezeichnete ein Schutzmann die Genossen, die sich dieser Pflicht unterzogen, sogar als„elende Zuchthäusler" und„Schweineband e". Gerade zur Zeit der Versammlung war die zur Vorstadt Schidlitz, in der sich das einzige, den Danziger Genossen in dieser echt freisinnigen Stadt zur Verfügung stehende Saallokal befindet, führende Straße wegen eines Besuches der Kaiserin längere Zeit polizeilich gesperrt. Alle diese Umstände konnten aber nicht verhindern, daß die Versamm- lung stark besucht war. Nach dem beifällig aufgenommenen Referat des Genossen Crispien wurde einstimmig die folgende Resolution beschlossen: „Die Versammelten erheben Protest gegen die in Preußen- Deutschland herrschende Dekorationspolitik. Sie erheben energi- scheu Einspruch gegen die uferlose militärische Rüstungspolitik. die das Volk durch die Blutsteuer und den indirekten Steuer- Wucher aüfs schwerste bedrückt und die friedliche Kulturarbeit der Völker ständig bedroht. Die Versammlung fordert die friedliche Verständigung der Regierungen zur endlichen Einschränkung der Rüstun- gen; sie verlangt von der Regierung schleunigst wirksame Maß- nahmen zur Behebung der drückenden F l e i s ch n o t. Alle Angriffe auf die Verfassung und die Rechte des Volkes weisen die Anwesenden aufs schärfste zurück. Sie fordern dringend endlich auch die Selbstbestimmung des preußischen Volkes durch die längst versprochene Ein- führung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für alle mündigen Staats- bürger ohne Unterschied des Geschlechts. Die Versammelten geloben, unermüdlich für die Ausbreitung der sozialdemokratischen Grundsätze zu arbeiten. Darin liegt die beste Gewähr für die Sicherung der Kultur, des Völker- friedens und der Volkswohlfahrt." Der Referent hatte auch besonders dagegen Einspruch erhoben, daß die Stadtverwaltung 21 999 Ma rk aus allgemeinen Steuermitteln zur Dekoration einiger Straßen ausgab, während man für soziale Zwecke nie einen Pfennig übrig hat. Gegen die Kaiserrede. In einer vom Demokratischen Verein Verlin- Wilmersdorf einberufenen Versammlung sprach gestern vor mehr als 1999 Personen, darunter auch zahlreichen Frauen, Herr v. Gerlach über„Die neueste Kaiserrede und kommende Wahl» Parolen". Die Meinungen des Kaisers kommen nicht von oben, sondern sind irrtümlich, ja sogar potenziert irrtümliche Denn mehr Irrtümer in einer Rede zu begehen, sei schlechthin unmöglich. Aeußerungen wie die des Kaisers über die„Lückenlosigkeit unierer Rüstungen" höre man sonst eigentlich nur aus dein Aöunde eines Generals oder AdmiralS a. D. Es ist wahrlich kein Kunststück, mittels lückenloser Rüstungen den Frieden zu wahren; schwieriger schon, ihn durch eine gute auswärtige Politik zu erhalten. Das sind Waffen für die Chauvinisten aller Länder. Das ist die Ant- Ivort auf die Unterhausrede des englischen Ministerpräsidenten Asquith. Nicht Abrüstung, sondern Fortsetzung des Wettrüstens mit England!„Aus eigenem Reckst" ließ Eromwell einem Könige den Kopf abschlagen, aus eigenem Recht erhob sich Napoleon I. über die anderen Fürsten von Gottes Gnaden und wurde dann selber Fürst von Gottes Gnaden, aus eigenem Recht sind alle Revolutionen entstanden.— Freiherr vom Stein war wohl doch etwas wichtiger für den preußischen Staat als die Königin Luise, aber freilich, in der Siegesallee sind auch die faulsten Monarchen Hauptfiguren, während die größten Philosophen und Staatsmänner zu Neben- figuren herabsinken. Gegen den Geist der Kaiserrede müsse Mann und Frau in gleicher Weise aufgerufen werden. Ja, eine derartige Rede sei direkt eine Kriegsgefahr! Und diese Kaiserrede wird von Herrn von Bethmann Holllveg in der„Nordd. Allg. Ztg." ver- teidigt! Was habe demgegenüber der Reichstag zu tun? ES müßten Garantien geschaffen werden, die eine Wiederholung der- artiger Dinge absolut ausschlössen. Aber wird der jetzige Reichs- tag diese Garantien durchsetzen? Das glaube wohl kein politisch denkender Mensch. Darum: Nieder mit der jetzigen Reichstags- Mehrheit, nieder mit der Reaktion! Die Demokratie werde nicht eher rasten und ruhen, als bis das Wort in Erfüllung gegangen sei:„Es lebe Seine Majestät das Voll!"(Stürmischer, anhalten- der Beifall!) Nachdem dann noch Frau Regine Deutsch ihr Erstaunen über die Wcltfremdheit des Kaisers ausgedrückt und insbesondere auch die pädagogischen Anschauungen der Kaiserredc als vollkommen ver. altct zurückgewiesen hatte, wurde einstimmig die folgende Reso- lution angenommen:„Die vom Demokratischen Verein Berlin- Wilmersdorf einberufene öffentliche Versammlung erhebt den schärfsten Widerspruch gegen die von dem Kaiser in Königsberg verkündete politische und staatsrechtliche Privatmeinung. Sie stellte dem Bekenntnis zum persönlichen Regiment die Forderung des Hcrc- lamentarischcn Regiments, des Ausdrucks der Volkssouveränität entgegen. Dringendste Aufgabe des Reichstages sei es, umgehend vcrfassungrechtliche Schutzwehren gegen das persönliche; Regiment zu schaffen,"_ Der Protest gegen die Kaiserrede. Die Protestaktton im Lande setzt bereits kräftig ein. Die Leipziger Genössen haben für Freitag drei Volks- Versammlungen angesetzt und die Breslauer Sozialdemokratie beruft auf Donnerstag eine öffentliche Protestversammlung gegen die Königsberger Rede ein. So etwas sagt man nicht! Die Nationalliberalen lassen jeden Tag. den Gott gibt, ihren Angstschrei vor der„roten Flut" ertönen und wimmern Herrn v. Bethmann an, doch etwas gegen das An- wachsen der Sozialdemokratie zu tun. Dieses Angstgeschrei ist dem Zentrum unbequem und veranlaßt die„Kölnische Bolksztg." zu folgenden amüsanten Ratschlägen: Auf der and«en Seite hat es doch erhebliche taktische Bedenken, wenn die„Nat.-Ztg." die„Angst vor der roten Flut" als das Charakteristikum der politischen Lage bezeichnet. Eine Annee, die laut proklamiert, daß sie„Angst" habe, ist schon halb (geschlagen, darum wird der Sozialdemokratie nicht? lieber ein, als dieses nicht gerade heldenmütige Bekenntnis von dem nationalliberalen Organ zu hören. Umso HoffnungSsreudiger und siegeszuversichtlicher werden die roten Scharen singen:„Wir sind die Kraft, wir hämmern jung, das alte morsche Ding, den Staat." Die Geschichte lehrt uns, daß schon der Schrecken, welcher den Gothen, Hunnen und Pandalen voraufging, ihren Kolonnen siegend die Bahn ebnete. Der Ruf von der Unwiderstehlichleit Napoleons I. hat in mancher Schlacht bewirkt, daß die Reihen der Gegner gleich dem ersten Anstürme der Franzosen nicht standhielten. Wenn die Sozialdemokraten in dasselbe Renommee kommen, mag die nächste Reichstagswahlschlacht das größte SiegeSfest werden, welches ihre Partei jemals zu verzeichnen hatte. Da sollte man nicht schon ein oder anderthalb Jahre vorher verraten, daß eis- kalte Angst vor dieser roten Flut das„nationale" Heldenwerk erstarren mache. Und wenn der Tag des Kampfes anbräche. würde es schwerlich einen imponierenden Eindruck machen, falls dann der Generalissimus der Ordnungsmänner seine Truppen er- munterte, zu kämpfen und ihre„Angst" möglichst zu verbergen. Im Felde soll man keine Slng st haben, und wenn man sie hat, sagt man eS wenigstens nicht." Na also, jetzt wissen die Nationalliberalen, was sie zu tun haben: ihre Angst verbergen und muttgen Eindruck schinden. Für Nationalliberale wirklich eine ausreichende und angemessene politische Beschäftigung. Das Reich war in Gefahr! In einer Zeit, wo die Regierungen zweier großer Kulturstaalen keinen größeren Ehrgeiz kennen, als den Wettlauf im Bau von Riesenpanzern, blüht natürlich die Spionenriecherei und nimmt ständig die Furcht zu, ein Staat könne dem andern militärische Ge- hcimnisse ablauschen. Diese Furcht zeittgt sonderbare Resultate. Der„S chl e Sw ig- H o l ste in i sch e n V o l k s z t g." war aus Friedrichsort mitgeteilt worden, daß auf dem Schießplatze bei Schilksee Versuche mit Riesentorpedos angestellt worden seien, und daß die beschäftigten Arbeiter dabei Ueberstunden machen müßten. Es sei aber gar kein zwingender Grund für die Ueber- stunden zu ersehen, wahrscheinlich würden sie nur gemacht, um dem Reichstage als Material für eine Vergrößerung des Schietz- Platzes vorgelegt zu werden. In der nackten Mitteilung, daß Ber- suche mit Riesentorpedos gemacht worden— von der Tatsache konnte sich übrigens jeder Spaziergänger am Schilkseer Strande überzeugen— sah die Marinevcrwaltung eine schwere Gefahr für das Deutsche Reich. Könnten die Engländer das nicht erfahren und dann noch größere Riesentorpedos herstellen? Zwar war in der Notiz weder die Größe der Riesentorpedos angegeben noch irgendetwas über ihre Konstruktion gesagt. Aber traue einer diesen Engländern! Und nun gar die„SchleAvig-Holst. Volksztg."! Hat sie sich doch schon dadurch übermäßiger Engländer- freundlichkeit verdächtig gemacht, daß sie die durch die deutsche Re- gierung erfolgte Ablehnung des von England vorgeschlagenen Ab- kommens über das Tempo des Flottenbaues kritisierte! Die Ma- rineverwaltung verständigte die Staatsanwaltschaft und diese leitete ein Strafverfahren gegen den verantwortlichen Redakteur der „Schleswig-Holst. Volksztg.", den Genoffen Herm. Brecour, ein wegen„Verrats militärischer Geheimnisse"! Er und zwei Arbeiter, die der Staatsanwaltschaft verdächtig waren, die Notiz eingesandt zu haben, mußten ein hochpeinliches Verhör bestehen. Drei Monate sind seit der Vernehmung ins Land gegangen. Endlich ist jetzt dem Genossen Brecour von der Staatsanwaltschaft die Mitteilung zugegangen, daß das Strafverfahren niedeirge- schlagen worden ist. Ein netter Rcinfall! Eine Maffenpetition der Kriegsveteranen. Eine am Sonntag in N e u st a d t a. d. H. tagende, von 2999 Kriegsveteranen besuchte Versammlung hat beschloffen, den Reichs- tag in einer Ma s s e n pe t i t i o n um angemessene Unterstützung der bedürftigen Veteranen zu bitten. Gleichzeitig erfährt man, daß der Bundesrat sich mit der Frage befaßt habe, ob man den b e- dürftigen Veteranen nicht aus etatsmäßigen Mitteln in diesem Jahre eine einmalige Zuwendung machen könne. Man sei aber von diesem Gedanken abgekommen, weil zu eiyex solchen Aysgqhc die Zustimmung des TkWjagS erforder- tief) gewesen wäre und ferner, weil man daS Entstehen einer Miß'- stimmung unter den Veteranen verhüten wollte, die entstanden wäre, wenn nur ein Teil der Veteranen etwas bekommen hätte. Einfach köstlich! Tamit bei den Veteranen keine Mißstimmung entsteht, kriegt keiner was! Und diese peinlich ängstliche Wahrung dcS Etatsrechtes des Reichstags! Demgegenüber muß doch ein- mal festgestellt werden, daß es den bürgerlichen Parteien keines- Wegs e r n st i st mit der Veterancnsürsorgc, sonst hätten sie den Gehalt des Reichskanzlers nicht eher bewilligen dürfen, ehe nicht diese Frage zufriedenstellend erledigt worden wäre. So aber beschließt man die Unterstützung der Veteranen am Ende' der Ta- gung des Reichstags, in der stillen Hoffnung, daß die Regierung 'den Beschluß schon im Papierkorb unterbringen werde. Die Bauernparade von Tuntenhausen. Der Bayerisch-patriotische Bauernverein, dem zurzeit 7000 Zentrumsbauern angehören, hielt am Sonntag seine diesjährige Generalversammlung, wie üblich in dem obcrbayerischen Wallfahrtsorte Tüntenhausen, dem„bayerischen Delphi", wie es einmal genannt worden ist. ab. Im Gegensatz zu den früheren Tuntcnhausener Paraden, bei denen die Führer des bayerischen Zentrums große programmatische Reden vom Stapel ließen, hatte die regierende Partei diesmal gar nur ihre dritte Rcdnergarnitur vorgeschickt, und wenn der alte„Papa Dalle r", der langjährige Vorsitzende des Vereins, zu Beginn den Pressevertretern zurief: „Heunt plagt's Enk umasunst. Heunt is nix los!", so gab der Verlauf der Versammlung ihm durchaus recht. Der erste Redner, Landtagsabgeordneter G i e h r l, suchte die Bauern mit dem Hansa- bund graulig zu machen und meinte, wenn dieser mit seinen reichen Mitteln bei den nächsten Reichstagswahlen eine Mehrheit zu- sammenbekomme, die nicht banernfreuirdlich sei, dann würden die Schutzzölle heruntergehen und dann verliere der Bauernstand in Bayern allein 70— 80 Millionen. Daß der Kaiser in Königs- berg sein Gottesgnaden tum betont habe, sei hocherfreulich; er habe damit offen ausgesprochen, daß über dem höchsten irdischen Herrn ein göttlicher sitzt, von dem alle Macht kommt. Er wisse aber nicht, obes im Interesse des monarchischen Prtn- z i p s gelegen sei, wenn die Allerhöchste P c r s on immer in die öffentliche Debatte gezogen werde und gezogen werden müsse. Dem zweiten Redner, Abg. Steiniger, hatten es besonders die F i l s e r b r i e f e des S i m p l i c i s s i m u s angetan, auf die er ein Diktum Dr. Heims antvandte: es gebe Leute, die meinten, der bayerische Abgeordnete, und speziell der bäuerliche, sei„ein Eckstein, an dem jede Sau ihren Hintern wetzen kann." Im übrigen hielt Herr Steiniger die Rede noch einmal, die vor einem Jahre der Abgeordnete Dr. Schädler an derselben Stelle über die Reichsfinanzreform gehalten hatte. Die Regierung gegen die Ortskrankenkassenverbände! Die Tagungen des Zentralverbandes der Ortskrankenkassen sind der Regierung schon lange unbequem. Durch die scharfe Kritik am Entwurf der Reichsverficherungsordnung wurde man vollends so auf- gebracht, daß Mittel und Wege gesucht werden mußten, um den Kritikern den Mund zu stopfen. Jetzt glaubt man endlich gefunden zu haben, wie den Krankenkassen das Reden verboten werden kann. In Mühlhausen(Thüringen) sind mehrere Teilnehmer des vorjährigen Berbandstages von der Aufsichtsbehörde aufgefordert worden, die erhaltenen Delgiertenkosten an die Kassen zurückzuzahlen. Als Grund wird angegeben, daß auf dem Verbandstage leine Gegenstände behandelt worden sind, die zu den Aufgaben der Kassen gehören! Aber der Verstoß wird von der Erfurter Regierung, welche die Verfügung angeordnet hat, gleich noch weiter ausgedehnt. Diese Regierung hat nämlich sämtlichen Kassen in Mühlhausen, die dem Zentralverband und dem Unterverband Sachsen-Anhalt angeschlossen sind, fernerhin unter- sagt, Beiträge aus Kassen Mitteln an dlieseVor- bände abzufübren.—------■— So entledigt sich die preußische Regierung lästiger Kritiker, die an ihrer reaktionären Arbeit etwas auszusetzen haben! Unternehmungslustige Politiker. Die Christlichsozialen haben auf ihrer Bezirks- konferenz für Westfalen beschlossen, in allen 12 Krei- s e n des Bezirkes eigene Kandidaten für die kommende Reichstagswahl aufzustellen. Diese unternehmungslustige Partei besitzt gegenwärtig im Reichstag zwei Mandate, die beide auf sehr wackeligen Füßen stehen._ Fürsorge im Reiche des Herrn Kraetke. Die Oberpostdirektion Düsseldorf hat angeordnet, daß jeder Postbote, der sich verheiraten will, dies vorher seiner vor- gesetzten Postbehörde zu melden hat, die dann in eine Prüfung dar- über eintreten wird, ob der Postbote in der Lage ist, eine Familie ernähren zu können. Auf den Gedanken, die Postboten so zu be- zahlen, daß sie auf alle Fälle eine Familie unterhalten können, sind die Postgewaltigen offenbar noch nicht gekommen. Jedenfalls steht nun aber fest, daß die Postverwaltung selbst die Bezahlung der Post- boten für unzureichend hält._ Der„Wahre Jacob" beschlagnahmt. Die B o ch u m e r Polizei hat die Nr. 17 des„Wahren Jacob", die den Pfaffen gewidmet war, in den Räumen des „Bochumer Volksblattes" beschlagnahmt. Es fielen ihr nur wenige Exemplare in die Hände. Die militärische Bestie. Vor dem Obcrkriegsgericht des fünften Armeekorps in Posen hatte sich dieser Tage der Sergeant OkoniewSki von der 0. Kompagnie des in Wreschen garnisonierenden 46. Infanterie- Regiments wegen Mißhandlung von Untergebenen vor der Be- rufungsinstanz zu verantworten. Der saubere Patron ist im Juli eines Sonntags betrunken nach Hause gekommen, dabei in eine Mannschaftsstube getreten und hat hier, wo schon alles schlief. Streichhölzer begehrt. Ein Musketier reichte ihm dienstbeflissen Streichhölzer und erhielt zum Dank dafür sechs Ohrfeigen und einen Stoß vor die Brust. Einem anderen Soldaten befahl der Herr Stellvertreter, aus dem Bett zu steigen und versetzte diesem gleichfalls mehrere derbe Ohrfeigen, so daß dem Manne das Blut aus Nase, Mund und Ohren schoß. Hierauf riß er einen dritten Soldaten so lange am Ohr, bis dieses einriß. Darauf entfernte er sich. Die Ge- quälten schlössen nun die Tür ab, da OkoniewSki bereits wieder der- suchte, aufs neue einzudringen. Vor Gericht entschuldigte er sich mit Trunkenheit. Vor der erste» Instanz hatte er für seine erzieherischen Taten drei Monate Gefängnis und Degradation erhalten. Das Ober- IriegSgericht änderte das Urteil dahin ab, daß eS die Degra- dation aufhob und es nur bei den drei Monaten b eließ. Die Bestie dient bereits im zehnten Jahre, in zwei Jahren wird er abgehen und dann unter die Bethmannschen Kultur- träger eingereiht werden._ Todesmärsche. Von den Mannschaften des IS. Infanterieregiments, das zurzeit in M ü n ch e n untergebracht ist, erkrankte am Montag auf dem Rückwege von einer längeren Hebung eine größere Zahl von Soldaten infolge der Hitze. Ein Einjährig-Freilvilligcr, der anscheinend noch gesund in die Kaserne zurückkehrte, ist während der Nacht gestorben; zwei Reservisten sind ernstlich erkrankt.— Zu den Erkrankungen wird amtlich mitgeteilt, daß etwa 60 Mann, m e i st Reservisten, aus dem Rückmarsch vom Exerzierplatze erkrankt sind. Bei einem großen Teil handelt es sich um Wundlaufcn der Füße, bei den übrigen um Erschöpfung. An hitzschlagähnlichen Erscheinungen ist ein Mann erkrankt. Die Obduktion des in der Nacht an Herzschwäche der« st o r b e n e n Einjährigen, der den Marsch ohne Anzeichen be- sonderer Anstrengung mitgemacht hatte, ergab eine ausgedehnte be- ginnende Lungenentzündung._ Zwei Militärgerichtsurteile. In der letzten Sitzung des Oberkriegsgerichts für das 0. Ar- meekorps(Altona) gelangten zwei Fälle zur Verhandlung, deren bloße Gegenüberstellung eine Wirkung ausübt, wie sie unsere Militärpsychologen wohl kaum ahnen dürften. Wir berich- teten vor einiger Zeit über die Verurteilung des Sergeanten V o ß vom 8S. Infanterieregiment zu Rendsburg wegen Mißhandlung eines Untergebenen zu acht Tagen Mittelarrest. Voß hatte nämlich einem revierkranken, am Kopfe verbundenen und vom Feldwebel zum— Hühnerhüten beauftragten Soldaten eine heruntergehauen, daß diesem die Mütze vom Kopf flog. Der Gerichtsherr hatte auch herausgefühlt, daß die unter den genannten Umständen begangene Roheit viel zu niedrig geahndet sei. Seiner Berufung wurde stattgegeben und Voß erhielt einen Tag drauf- gelegt! V. muß also ganze neun Tage Mittelarrest verbüßen. Unter dem Gesichtswinkel der gefährdeten Militär- d i s z i p l i n, wie die Formel lautet, wurde die sich als Ungehorsam und Beharrens im Ungehorsam bezeichnete„Straftat" des Muske- tiers H. von demselben Regiment behandelt. H. war von der ersten Instanz zu 6 Wochen 1 Tag Gefängnis verurteilt, weil er nach Angabe seines Wachunteroffizicrs nicht sofort Order pariert haben soll. Des Angeklagten Helm war vertauscht worden und der andere Helm drückte ihn. Hierauf machte H. den Unteroffizier einige Male aufmerksam, aber dieser reagierte nicht, er erblickte vielmehr in dem Verhalten des Soldaten eine Gehorsams- Verweigerung. Der Soldat erklärte vor beiden Instanzen, er habe nur eine Meldung über die Beschaffenheit des Helms ge- macht. Das nützt ihm aber nichts, das Urteil hlejht beste h e n, franhmeb. Die Pariser Korruptionsaffäre. Paris, 80. August. Die Summe, um welche die Stadt durch das unredliche Gebaren von Akzisebeamten geschädigt ist. wird nunmehr auf etwa fünf Millionen Frank geschätzt. Auch gegen einen Großverfrachter, der an dem betrügeri- schen Vorgehen der Akzisebcamten beteiligt ist, ist die st r a s r e ch t liche Untersuchung eingeleitet worden.. Belgien. Bürgerliche Friedensspiclerei. � Brüssel, 30. August. Die Konferenz der Jnterparla- m c n t a r i s ch e n Union ist heute vormittag im Sitzungssaal der Deputiertenkammer durch Professor Eickhoff eröffnet worden, auf dessen Vorschlag Staatsminister Beernaert zum Vor- sitzenden der Tagung ernannt wurde. In seiner Eröffnungsrede stellte StaatSminister Beernaert fest, daß die Interparlamentarische Union sich immer mehr durchsetze, so daß ihr schon offizielle budgetäre Staatsuntcrstützungen(!) zuteil würden. Der Union gehörten jetzt 3000 Mitglieder von 21 Staaten an. Minister Davignon begrüßte im Namen der belgischen Re-, gierung die Versammlung. Auf Antrag des Engländers Lord W e a r d a l e wurde sodann ein Begrüßungstelegramm an K ö n i g Albert abgesandt. In der Nachmittagssitzung erstattete Dr. P ach nicke Bericht über die N e u t r a l i s a t i o n der Meerengen und der inter- ozeanischen Kanäle. Es wurde eine Resolution angenommen, in der verlangt wird, daß im Interesse der Allgemeinheit und des Handels alle M e e r e n g e n und interozeanischen Kanäle nach Möglichkeit unter das gleiche Regime der Neu- t r a I i s a t i o n gestellt werden wie der Suezkanal, der Panama- kanal und die Magelhaenstraße. Sodann wurde eine Kommission eingesetzt, welche diese Frage prüfen. Vorschläge ausarbeite»; und der nächsten Konferenz darüber Bericht erstatten soll.=j Portugal. Die Wahlen.' Lissabon, 30. August. Mit Ausnahme einiger leichter Störungen in Covilhao, Braga und Sabgal, wo mehrere Wahl- urnen verschwanden und andere umgestürzt wurden, was Un- gültigkeit der Wahl zur Folge hatte, sind die Wahlen im all- gemeinen ruhig verlaufen. In Sabugal wurde ein Geist- I i ch e r. der Wähler beeinflussen wollte, verhaftet. Die Ge- richtsbehörden werden noch die Gesetzmäßigkeit gewisser Wahlen zu prüfen haben. Die amtliche Stimmenzählung ist noch nicht ab- geschlossen.— Wahlresultate. Lissabon, 30. August. Bis abends lagen folgende Wahl- resultate vor: 90 Ministerielle, 40 konservative Monarchisten und 14 Republikaner: von diesen wurden Z9 in Lissabon, 3 in Setubgl und einer in Beja gewählt. � Hus der Partei. i» Zum Parteitag. In S t r a ß b u r g i. E. ist in Urabstimmung Genosse Redakteur Max Schneider als Delegierter gewählt Ivorden. ReichStagSkandidaturen. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Mainz-Oppenheim stellte den bisherigen Vertreter des Kreises, Genossen Dr. David, als Kandidaten für die kommende Reichstagswahl auf. Für den ReichstagSwahlkreiS Kaufbeuren-Mindelheim (Schwaben S) beschloß die Kreiskonferenz, den Genossen Ulrich Z i t t, Drechslernieister in Jrsee, als Kandidaten für die kommende Reichstagswahl aufzustellen. KrciSkonferenzen. Auf der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Wahlvereins für den Wahlkreis H a m m- S o e st lourde be- richtet, daß im Kreise 24 Filialen mit 1887 Mitgliedern(1417 männ« lichen und 470 weiblichen) vorhanden sind. Diese Ziffern entsprechen den Kassenverhältnissen, jedoch ivaren im zweiten Quartal schon 2017 Mitglieder vorhanden. Die schlechte Konjunktur wirkte hemmend auf die günstige Weiterentwickelung der Organisation. Etwa 90 Proz. der Mitglieder sind Bergarbeiter. Im vorigen Jahre beteiligten sich die Genossen in zivei Städten und 13 Landgemeinden an den Kommunalwahlen. Ueberall war bei diesen Wahlen großer Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Im ganzen Wahl- kreise besitzt die Partei in 16 Orten 23 Gemeindevertreter. Im letzten Jahre fanden in, Kreis« 235 Agitationen für die„Arbeiterzeitung" statt, die einen guten Erfolg erzielten. Die Maifeier hat Fortschritte gemacht. In organisatorischer Hinsicht war leider kein Fortschritt zu verzeichnen. Abgelehnt wurde ein Antrag. den Beitrag der Mitglieder auf 40 Pf. zu erhöhen. Ebenso wurde ein Antrag abgelehnt, eine WahlfondSinarke von 50 Pf. zu be- schaffen.__ Redakteurfreuden. Genosse Schiller von der BreSkauer „Volksmacht" hat aufs neue das Wohlauer Strafgefängnis bezogen, um weitere vier Monate Gefängnis zu verbüßen. Hoffentlich hat die Kritik in der Parteipreffe bewirkt, daß die mehr als kleinliche Behandlung, die Genosse Schiller beim ersten Ausenthalt erfuhr, sich nicht wiederholt. Hus Industrie und Rande!. / w Fürstentrust. Die Deutsche Palästinabank will, wie verlautet, ihr Kapital von 5 Millionen Mark auf 20 Millionen Mark erhöhen. Diese Bank wurde im Jahre 1800 mit einem Kapital von 450 000 M. gegründet, zum Zwecke der Betreibung von Handelsgeschäften in Palästina. Schon im folgenden Jahre erfolgte eine Erhöhung des Stamm- kapitals auf 800 000 M. Die letzte Ausdehnung brachte vor zwei Jahren das Kapital von 1 Million Mark auf S Millionen Mark. Seit noch nicht einem halben Jahre sind die Aktien auch an der Berliner Börse eingeführt. Hinter der Bank stehen die beiden Fürsten von Fürstenberg und von Hohenlohe-Oehringen, die zu den reichsten Magnaten Deutschlands gehören. Beide sind durch ihre General- bevollmächtigten auch im Llufsichtsrate vertreten. Diese enge Ver- knüpfung mit den beiden Fürsten hat der Bank auch den Namen der Kavalierbank, Fürstentrust, Magnatenbank und andere ähnliche Bezeichnungen eingetragen. Die zahlreichen der Bank nahestehen- den industriellen Unternehmungen haben einen bedeutenden Kapi- talsbedarf. Die Struktur des Fürstenkonzerns ist verschleiert. Eine Menge verschiedenartiger Unternehmungen hängen da zu- sammen. So die aus der Madeiragesellschaft, die auf der portugie- fischen Insel ein Sanatorium errichten wollte, hervorgegangene Handelsvereinigung, die Berliner Terrain- und Baugesellschaft und, mit ihr zusammenhängend, daS PassagekaufhauS und das Waren- Haus W. Wertheim. Ferner sind zu dieser Gruppe die Niederlau- sitzer Kohlenwerke, die Hohenlohewerke und die Kaliinteressen des Fürsten Hohenlohe zu rechnen. Im besonderen der Palästinabank attachjert erscheinen das Levantekontor G. m. b. H., das den Handel Mi der Levante vermittelt, die Levantelinie in Hamburg, die Unionreederei und die Seetransportgesellschaft. Allem Anschein nach tragen sich die Hintermänner der Bank mit großen Plänen, die auf eine Beherrschung oder doch wenigstens auf eine starke Beeinflussung des Geldmarktes hinzielen. Planmäßige Wucherei. Unter der Stichmarle:„Wer ist an der Viehknappheit schuld schreibt die„Fleischer-Ztg.": „Das Schlachtvieh im Stalle zurückzuhalten, fordern Ver- trauenömänner des Bundes der Landlvirte Bleckede(Regierungs- bezirk Lüneburg) die Landbevölkerung auf. Die Viehzüchter werden direkt gewarnt, schon jetzt schlachtbare Tiere zu verkaufen, da eine »veitere Steigerung der Preise zu erwarten sei. Bei dieser Hand- lungSweise der Agrarier glaubt die Reichsregierung genug zu tun. wenn sie behauptet, es sei Hinreickend schlachtreifes Vieh vor- Händen? Sie kann die Viehzüchter natürlich nicht zwingen, ihr Vieh zu den jetzigen hohen Preisen abzugeben und deshalb bleibt kein anderer Weg übrig, als die Oeffnung der Grenzen, die mit Recht und mit Nachdruck von allen Seiten gefordert wird." Es ist wahrlich die höchste Zeit, dem gemeingefährlichen Treiben der Fleischwucherer das Handwerk zu legen. Hanssetumnlte au der New I orker Börse. An der New Dorker Baumwollbörse gelang es den Haussiers am Montag ein Spekulationsfieber zu entfesseln, das zu tumultarischen Szenen führte. Von dem Fieber nach Gewinn aufgepeitscht, setzte man die Fäuste in Bcivegung, als die Hälse nicht mehr ausreichten. Wahre Schlachten wurden geliefert. Der Preis der Baumwolle stieg von 16,82 auf 20 Cts. für daS Pfund, oder um über 15 Dollar pro Ballen. Es ist dies der höchste Preis, der seit dem Bürgerkrieg für Baumwolle je gezahlt»vurde. Angeblich hat die Firma William Brown, Heyn und Eugen ScareS, die die Hausse organisiert hatte, bei dem Geschäft 30 000 000 Fr. gewonnen. Schließlich fiel der Preis wieder auf 13 Cts. (Siehe auch 1. Beilage.) Soziales. Finanzielle Unterstützung der öffentlichen Arbeitsnachweise Vürch den preußischen Staat. Durch die bürgerliche Presse ging kürzlich eine(wahrscheinlich offiziöse) Notiz, in der mitgeteilt wurde, daß die preußische Re- gierung schon bisher die Förderung der öffentlichen Nachweise sich sehr habe angelegen sein lassen. Die Fonds erwiesen sich aber als„nicht ganz ausreichend" und»vürdcn deswegen im nächsten Etat erhöht. Wie bescheiden in dieser Beziehung die Ansprüche der preußischen Regierung sind, geht daraus hervor, daß für die Unterstützung von ArbeitsnachweiSverbänden vom Staate im ganzen jährlich die Summe von 100 000 Mk. aufgewendet wird. Zurzeit kommen bei insgesamt 400 öffentlichen deutschen Arbeitsnachweisen auf Preußen nur 157. Sodann heißt es aber weiter:„Eine Zwangsorganisation für öffentliche Arbeitsnachweise für die ganze Monarchie einzuführen, ist nicht beabsichtigt, obgleich diese Einrichtung sich in kleinen Staaten bewährt hat. In Preußen, das vorwiegend ländlichen Charakter in gewissen Teilen aufweist, liegen die Verhältnisse so, daß eine Zentralisation nicht für geboten erachtet tvird, Weil die Landflucht dadurch neue Nahrung gewinnen Würde." Der Gedanke, daß die„Landflucht" hervorgerufen Wird durch die jammervollen Arbeitsbedingungen, die brutale Behandlung der Landarbeiter durch die Junker, kommt der hochweisen Regierung nicht. Sie will die agrarischen Interessen, will heißen die Aus- beutungsfreiheit der Junker auch fernerhin auf diesem Gebiete unterstützen, denn sie will in Zukunft besonders solchen Nach- weisen Zuwendungen machen,„die die Bcrmittelung für das Land betreiben". Scharfe Maßnahmen gegen Stcllenvermittler werden in Vor» schriften getroffen, die der preußische Handelsminister erlassen hat. Die Stellcnvermittler müssen Geschäftsbücher führen, die von der Behörde vor dem Gebrauch abzustempeln sind. Wenn dem Stellenvermittler nachteilige Tatsachen über ein Unternehmen, das Arbeitskräfte sucht, bekannt geworden sind, so muß er diese Tat- fachen dem Stellungsuchendcn mitteilen. Die Vermittler dürfen künftig auch keine sogenannten Fachschulen betreiben, die meist nur den Vorivand für intensivere Ausbeutung der Stellcnsuchendcn gebildet haben. Auch die stille Beteiligung an solchen„Schulen" ist strengstens verboten, desgleichen das Halten von„Schleppern", die bisher auf Bahnhöfen, auf den Straßen usw. den Stellung- suchenden aufgelauert haben, um sie den Vermittlern zuzuführen. Zweiggeschäfte dürfen nicht mehr errichtet werden. Hoffentlich sieht man sich auch die Gebührensätze recht genau an, die einzelne Vermittler aufgestellt haben. Die Eiiikommcnsverhnltuisse im Königreich Sachsen. Nach der letzten Einkommenstatistik hatten von der 4?� Millionen Köpfe umfassenden Bevölkerung Sachsens nur etwa 2 Millionen ein steuerpflichtiges Einkommen. Von diesen wiederum hatten run!» 1190 000, also weit mehr als die Hälfte, nur ein Einkommen zwischen 400 und 1100 M. jährlich. Dieser große Teil der Be- völkerung hat also nicht einmal ein Existenzminimum. Leider gibt die Statistik nicht an, wieviel sich darunter Familienväter befinden. Die Leute mit dem Einkommen von 1100 bis 4800 M. zählten etwas über 600 000. ZZOOO Personen hatten ein Einkommen von 4800 bis 10 000 M.. 12 500 von darüber bis 25 000 M.. 5000 bis zu 1 Million M. Unser letzteren befinden sich allerdings 535 nicht- physische Personen(Aktiengesellschaften usw.), 11(daruntcp 9 juristische) Personen hatten über 1 Million Mark Einkommen. Man sieht, welches immerhin kleine Häuflein die Besitzenden darstellen, nach deren Köpfen, im Staqt"und in der Geipeinde alles geht.-' Der Reicfcfyauptftadt Protest gegen Absolutismus und Volksauswucherung. Aufgepeitscht don der GotteSgnadentumSrede Wilhelms II., in der sie einen Angriff auf die Verfassung erblickt, empört über den schamlosen Lcbensmittelwncher, der sie in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, strömte die Bevölkerung der Reichshauptstadt und ihrer Vororte gestern abend in hellen Scharen den 33 Lokalen zu, in denen Protestversammlungen gegen den Absolutismus und die Fleischnot anberaumt waren. Wie vom Sturm gepeitschte Wasser- wellen den Strand überfluten, so schoben sich die Menschenwogen in immer neuen Massen dahin. Männer und Frauen strömten herbei. Ruhige Entschlossenheit prägte sich in dem ganzen Aufmarsch aus: Wir sind keine Sklaven, keine Untertanen; wir dulden keinen Absolutismus mehr; wir zer- brechen die»gottgewollten Abhängigkeiten"; wir fordern das dcmo- kratische Selbstbestimmungsrecht! Des Joches der Ritter, Heiligen und Scharfmacher, der Brot- und Fleischwucherer sind wir endlich überdrüssig; wir bieten Trotz nun jeder Tyrannei und Ausbeutung! Solche Gedanken sprachen deutlich aus den Mienen der Pro- testler. Jeder wollte dabei sein. Hieb es doch des Volkes Rechte laut und vernehmlich zu betonen, das feierliche Bekenntnis zur Demokratie abzulegen, die Rechte zu verteidigen, die unsere Vorfahren kämpfend errangen, Angriffe auf die Konititution abzuwehren. Ja man wollte dabei sein, wo es galt, alle, die es wagen, des Volkes Rechte anzutasten, in ihre Schranken zu verweisen, wo es galt, den Volksbedrückern und Plünderpolitikern den Kampf an- zusagen. Kampfesstimmung, hervorgerufen durch die Kaiserrede, die Er- regnug in den Massen als Folge des Lebensmittelwuchers, das sind Fastoren von unvergleichlich aufrüttelnder, agitatorischer Wirkung. Sie peitschen das Volk auf zu dem Wollen, die Ge- staltnng seiner Geschiad energischer denn je selbst in die Hand zu nehmen. Darum strömte» sie herbei, die Männer und Frauen der Arbeit, darum demonstrierten sie. Lange, lange vor Beginn der Versammlungen waren die meisten Lokale überfüllt. Ungezählte mußten umkehren. Sie füllten die angrenzenden Straßen und unterstützten den scharfen, entschiedenen Protest, der in den Lokalen oft stürmische Kundgebungen auslöste. Besonderer Hervorhebung wert ist der Umstand, daß zum erstenmal seit Erlaß des neuen Vereinsgesetzes in Berlin die Versammlungen polizeilich überwacht wurden. Diese Rückkehr zu den alten schlechten Polizeigewohnheiten ist für die Aera Bethmann recht bezeichnend. Den Versammelten wurde so plastisch vor Augen gestellt, daß die Reaktion immer unverschämter, der Kampf um die Demokratie immer dringender wird. Der Geist, der die Versammlungen beherrschte, die Stimmung, die die Ereignisse in den Massen auslöste, das Wollen des werk- tätigen Volkes ist aus den nachfolgenden StimmungS berichten beut- lich vernehmbar: Die Versammlung des I. Kreises tagte im großen Saal bei D r ä s e l. Der Saal war schon um Uhr überfüllt. Etwa 800 bis 1000 Personen waren erschienen, darunter viele Frauen. Referent war Genosse Kubig. Zum Kliemschen Lokal in der Hasenheide strömten die Arbeiter und Arbeiterinnen und andere, die sich gleich. ihnen durch die heutigen Zustände bedrückt und unterdrückt fühlen. Es war noch nicht ein Viertel nach 8 Uhr, da schritt die Polizei bereits zur Ab- sperrung. Hunderte und Aberhunderte fanden keinen Einlaß mehr. Wenn auch ganze Trupps sich entfernten, zeigte die Straße noch lange ein anderes Aussehen wie gewöhnlich, und mancher in- differcnte Vergnügungsbummler wurde dadurch angeregt, sich mit der Angelegenheit doch etwas zu befassen, die das Volk in solchen Massen zusammengeführt hatte. Genosse Heinrich Schulz hielt das Referat. Stürmischer, nicht endenwollender Beifall er- tönte, als er mit Anlehnung an die zweite Rede des Kaisers schloß. In H a b e l s B r a u e r e i in der Bergmannstraße füllten über 1000 Versammlungsbesucher den Saal, während die gleiche Anzahl draußen bleiben mußte. Referent war Genosse W o l d t. Seine einstündige Rede erntete lebhaften Beifall. Die Resolutionen wurden beide einstimmig angenommen. Auch hier war die Vcr- sammlung polizeilich überwacht. In„N i ß l e s F e st s ä l e n" sprach vor überfüllter Versamm- lung und unter polizeilicher Aufsicht Genosse Peterhansel. Der große Saal des Gewerkschaftshauses war bald nach 8 Uhr gefüllt, so daß trotz engen Zusammenrückens lange nicht alle, die noch hinein wollten, das begehrte Stehplätzchen erobern konnten. Referent war hier Genosse Stück len. Seine Worte, die den Kern der Sache trafen, lösten begeisternde Zu- stimmung aus. Die Versammlung in den A r m i n h a l l e n war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Behörde hatte 2 Ordnungshüter entsandt. Genossin Friedländer erntete mit ihren Ausführungen reichen Beifall. In L i t f i n S Lokal, wo Genosse Mücke sprach, hatten sich an 1000 Personen, davon mindestens die Hälfte Frauen, einge- funden. Die Urania in der Wrangelstraße, wo Genosse U ck o unter rauschendem Beifall sprach, sah eine selten starke, über 2000 Personen zählende Versammlung. Die„M a r k g r a f e n- S ä l e" füllten zirka 700 Personen, darunter viele Frauen. Genosse U n g e r behandelte das Thema des Tages und geißelte unter großem Beifall den Fleisch- und Brot- Wucher und ging auch eingehend auf die Kaiserreden ein. Das„E l y s i u m" erfreute sich natürlich wie alle anderen Versammlungn der polizeilichen Ueberwachung. Wegen des kolossalen Andranges mußten Tische und Stühle aus dem Lokal entfernt werden. Genosse F e n d e l sprach in dieser Versammlung, die von zirka 3000 Personen besucht war. ES hatten sich besonders stark die Frauen eingefunden. In den„P r a ch t s ä l e n des Osten s", Referent� Adolf Zeunsr, hatten sich ebenfalls große MasseK Protestier eingefunden. An der Diskussion beteiligte sich auch der Demokrat Dr. Bab. der im Sinne des Referenten sprach. Graumanns Lokal mußte schon frühzeitig abgesperrt werden. Hunderte von Nachzüglern fanden keinen Platz mehr. Der Referent, Genosse Nathow, geißelte in scharfen Worten die politische und wirtschaftliche Situation. F r e y e r s F e st s ä l e in der Koppenstraße, einer der größten Berliner Säle, wurde wegen Ueberfüllung schon bor 8 Uhr von der Polizei gesperrt. Der Andrang zu dem Lokal war aber auch nach- dem dauernd ein außerordentlich starker. Sehr viele kehrten um und machten sich auf den Weg nach anderen Versammlungsstätten. Andere verweilten in der Nähe auf der Straße, um so durch ihre Anwesenheit zu zeigen, daß sie auch da seien, um zu protestieren. Ein bewegtes, vielsagendes Straßenbild l Eine Mahnung an die Herrschenden! Inzwischen lauschte eine dichtgedrängte Menge im Saal den.überzeugenden, das Thema des Abends mit kritischer Schärfe behandelnden Ausführungen des Genossen Eichhorn. die die Hörer oft zu den lebhaftesten Beifallskundgebungen hin- rissen. Lipps großen Saal am Friedrichshain hatten sich die Genossen und Genossinnen des fünften Reichstagswahl- kreises zum Ziel ausersehen. Der riesige Raum war schon früh- zeitig so stark besetzt, daß er niemand mehr zu fassen vermochte. verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin, Inseratenteil verantw.; Fortwährend kam noch neuer Zuwachs. Man mußte sehen, noch irgendeinen Winkel auf der Galerie zu erhaschen. Der Ab- geordnete des Kreises, Genosse Robert Schmidt, ging hier mit den Brot- und Fleischvertcuercrn und mit dem absolutistischen Regime in Prcußcn-Deutschland kräftig ins Gericht, unter der vielfachen Zustimmung und dem brausenden Beifall der ver- sammelten Taufende. Im Norden Berlins folgte die arbeitende Bevölkerung in im- panierenden Massen dem Rufe zum Protest. Mit starkem Beifall wurde jedes Wort der Kritik an des Kaisers Rede begrüßt und je schärfer die Kritik, desto lauter der Beifall. Der Andrang zu den Versammlungen war außerordentlich stark. Auf dem Gesundbrunnen sah man schon um 8 Uhr große Scharen von Besuchern aus Frankes Festsälen zurückkehren, sie fanden keinen Platz mehr und füllten die Straße vor dem Lokal, von den Schutzleuten stetig aufgefordert, tvciter zu gehen. Die Polizei war überall stark vertreten, sie sperrte die Lokale schon zeitig ab und war sehr besorgt darum, daß sich die übrige Menge möglichst schnell zerstreute. In den..Pharussälen", weit draußen in der Müllerstraße, wo eine Doppelversammlung stattfand, waren alle Räume, auch der Garten, von den andrängenden Besuchern besetzt und große Mengen promenierten draußen auf der Straße. Schutzleute sah man dort überall, draußen sowohl als auch im Garten und sogar auf den Trcppenflurcn. Auch die„Germania- säle" waren überfüllt und abgesperrt. Die Erwartung auf einen Massenbesuch der Versammlungen war glänzend gerechtfertigt. Die Versammlung bei Franke in der Badstraße war voll- ständig überfüllt. Im Saal waren ungefähr 1000 Personen an- weseud. Mehrere Hundert hielte» den Garten besetzt und eine nicht zu schätzende Menschenmenge promenierte während der Tagung der Versammlung vor dem Lokale auf und ab. DaS Referat hielt Genosse Otto Büchner. Von der Polizei waren zwei Beamte zur Ueberwachung erschienen. Der Prater war um �>8 Uhr abgesperrt; die ausströmenden Massen füllten hierauf den großen Garten bis auf den letzten Platz. Der Referent Genosse T h. Fischer zeichnete in knappen Strichen die heutige Situation und das Hervortreten des pcrsön- lichen Regiments. Im Saale und den Nebenräumen waren min- bestens 3000 Personen anwesend, im Garten die doppelte Anzahl. Tische und Stühle waren aus dem Saal entfernt worden. Seit den glänzenden Wahlrechtsdemonstrationen hatte Moabit noch nicht wieder eine solche Versammlung gesehen, wie die, welche gestern abend im„M oabiter Gesellschaftshaus" tagte. Nur einen kleinen Teil der andrängenden Proletariermassen ver- mochte der gewaltige Raum des großen Saales zu fassen. Auch der große Garten war von einer Kopf an Kopf gedrängten Menge be- setzt. So konnten an dieser Stelle zwei Versammlungen zugleich abgehalten werden. Eine kernige Ansprache des Genossen Dr. Moses leitete die untere Versammlung ein, während oben im Saale der Referent, Genosse S t r L b e l, brausende Beifalls- stürme entfesselte durch seine Rede, welche klar und scharf zum Ausdruck brachte, was gegenwärtig das Empfinden der politisch denkenden Proletariermassen bewegt.— Auch in der im Garten ab- gehaltenen Versammlung sprach Genosse Ströbel. Charlottenburg hatte im Volkshause eine selten imposante Kundgebung. Viele Protestier mußten sich mit einem engen Stehplätzchen auf dem Hofe begnügen. Genosse Katzen st ein referierte. In der Diskussion sprach Herr Paul Gerlach. Beide Redner fanden Worte der schärfsten Kritik gegen das persönliche Regiment und die agrarische Ausbeutungspolitik. Auf dem Hofe sprachen die Genossen Doose, Gehrke und Reitzke. Weit über 2S00 Personen beteiligten sich an der Demonstration. Bei Hoppe in Rixdorf war die Versammlung schon um 8 Uhr polizeilich abgesperrt. Sämtliche Ncbeugäuge deS Saales waren dicht gedrängt voll von Menschen. Das Referat des Genossen Barth wurde mit Beifall aufgenommen. Die Besucherzahl schätzte man auf über 2000. In der nahe gelegenen Vereinsbraucrei hatte die Polizei eine starke fliegende Wache. In Schöneberg im Lokale von O b st hatten sich etwa 1600 Per- sonen, darunter sehr viele Frauen, eingefunden. Mit Begeisterung wurde das Referat des Genossen Faas entgegengenommen. In Wilmersdorf im Gesellschaftshause sprach Ge- nasse H o r l i tz unter stürmischem Beifall der zahlreich erschienenen Männer und Frauen. In Treptow,„N ad r e n.n bah n". sprach Genossin Wulff vor einer Menge, die das Lokal vollständig füllte. Die Referentin schilderte besonders in anregender Weise die Leiden, denen die Frauen unter der Schnapsblockregierung ausgesetzt sind. In Pankow waren im Lokal von Ebersbach über 800 Per- sonen versammelt, die das Referat des Genossen Piek unter stür- mischen Beifallskundgebungen anhörten. Das Lokal war überfüllt. Oberschöneweide. In Moerners Blumengarten be- suchten 1600 Personen die Versammlung. Referent war Genosse Schneider. Das Lokal war überfüllt. Lichtenberg. Der große Saal im„Schwarzen Adler" war schon lange vor 8 Uhr ziemlich gefüllt und doch begann erst jetzt der Massenstrom nach dem Versammlungslokal. In dichten Scharen drängten sich Frauen und Diänner in den Raum, der bald bis in den äußersten Winkel dicht besetzt war. Was die empörten Massen bewegte, das sprach der Referent aus, und daß er die richtigen Worte gefunden hatte für die Empfindungen. die in der gegenwärtigen Situation das Volk beherrschen, das zeigte der brausende Beifall, den seine treffenden Ausführungen fanden, sowie die einstimmige Annahme der Resolutionen. Weißensee. Eine riesige Halle ist es, welche den Versamm- lungssaal im„Schloß W e i ß e n s e e" bildet, doch sie reichte kaum aus, um den Massen der Besucher Platz zu bieten, die herbei- geströmt kamen, um Protest einzulegen gegen die verderbliche Politik, welche den Proletariern den Bissen vom Munde stiehlt, die Taschen der unersättlichen Junker füllt und zu alledem das ausgeplünderte Volk für unmündig erklärt. In sachkundiger Rede zeigte der Referent D ü w e l l die wirklichen Ursachen der Fleisch- not, die von der tausendköpfigen Zuhörerschaft mit vollem Ver- ständnis gewürdigt wurden. Brausenden Beifall fanden die treffenden Kennzeichnungen der Proklamicrung des Gottesgnaden- tums.— Tie Versammlung in Steglitz im„B i r k e n w ä l d ch e n", wo Genosse Lehmann referierte, war von über 1000 Personen be- sucht, die den Ausführungen des Referenten begeisterten Beifall zollten. Im„Cafe Belevue" in Rummelsburg nahmen an der Versammlung zirka 2000 Personen teil, die dem Referenten Paul L i t f i n aufmerksam zuhörten und seine Darlegungen durch kräftigen Beifall unterstrichen. Tegcl-Borsigwalde hatte gestern die stärkste Versammlung, die bisher stattgefunden hatte. Sie war von über 1200 Personen be- sucht. Das Referat hielt Genosse S p i e k e r in a n n. Spandau. Im B ö h l e f ch e n Lokale drängten sich zirka 1200 Personen zu der Versammlung. Das Referat hielt Genosse Wilhelm Schcnk-Berlin. Die Resolutionen fanden einstimmige Au- nähme. Stimmung ausgezeichnet. In sämtlichen Versammlungen wurden die nachfolgenden Reso- lutionen angenommen: Gegen das persönliche Regiment Die Arbeiter Berlins sehen in der Königsberger Rede Wilhelms II. eine Proklamicrung des persönlichen Regiments, die mit den ver- fassungsmäßigcn Grundlagen des Deutschen Reiches im unverein- baren Widerspruch steht. Sie erklären die sofortige Einberufung des Deutschen Reichs- tage« als eine unbedingte Notwendigkeit und fordern von der Vertretung des deutschen Volkes die Zurückweisung des persön- Utz�Glockc, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdc, u. BxrlagSanjtgtt lichen Regiments in die Schranken der Verfassung und deren Sicherung durch Schaffung verfassungsmäßiger Garantien gegen absolutistische Uebergriffe. Die Arbeiter Berlins protestieren auf das nachdrücklichste gegen die Fortdauer des unsinnigen Wettrüstens zu Lande, zu Wasser und zur Luft und bekunden aufs neue ihren unerschütter- lichen Friedenswillen. Als wichtigste Voraussetzung der Erhaltung des Weltfriedens betrachten sie ein Uebereinkommen mit England zur Einschränkung der Flottcnrüstungen und zur Abschaffung des Seebeutcrechts. In der Rede Wilhelms II. erblickt die sozialdemokratische Arbeiterschaft nur einen Grund mehr, mit aller Kraft an der Stärkung ihrer Organisation zu arbeiten und alle Macht ein« zusetzen, die nächsten Reichstagswahlen zu einer gewaltigen Kund- gebung für die demokratische Selbstregierung zu gestalten und in Preußen durch die Erneuerung des Wahlrechtskampfes das wichtigste Bollwerk des Absolutismus, das Dreiklassenwahlrecht, zu zerstören. Gegen den LebenSmittelwucher. Der Wucherzolltarif, der dem deutschen Volke zu Weihnachten 1S02 beschert worden ist, hat zu einer Politik geführt, die, im einseitigen Interesse der Agrarier gelegen, auf eine schwere Schädigung der Masse des deutschen Volkes hinauslaufen mußte. Die schlimmsten Befürchtungen, die an diesen Zolltarif geknüpft ivurden, sind durch die Wirklichkeit weit übertroffen worden. Neben höchst ungünstigen Handelsverträgen, die die deutsche Industrie in ihrer Entwickel'ung hemmen, haben, durch die Unterbindung der Lebensmittelzufuhr, die Preise der notwendigsten Lebensmittel eine Höhe erreicht, daß mit Fug und Recht von Notstandsprcisen ge« sprochen werden kann. Die Fleifchpreise sind für weite Kreise des deutschen Volkes geradezu unerschwinglich geworden. Die dadurch erhöhte Nach- frage nach anderen Lebensmitteln hat auch für diese eine Preis- stcigcrung nach sich gezogen. Was in schweren wirtschaftlichen Kämpfen errungen wurde, ist der Arbeiterklasse von den Agrarierir wieder abgenommen worden. Die VolkSgcsundheit wird durch die Verteuerung und dadurch bedingte Erschwerung des Lebensunter- Haltes in der bedenklichsten Weise untergraben. Hohnlachend stehen die Agrarier, untätig und unfähig die Re« gierung deS Schnapsblocks diesem Notstand gegenüber. Die Versammlung protestiert gegen die Wucher- und Raub- Politik der Agrarier. Sie verlangt die Oeffnung der Grenzen, die sofortige Aufhebung der Vieh- und Getrcidczölle, die llnterlassung der heute beliebten Schikanen bei der Vieheinfuhr. Die Versanimlttng benutzt diese Gelegenheit, der Regierung deS Herrn v. Bethmann Hollweg ihr unbegrenztes Mißtrauen aus- zusprechen, und gelobt, mit aller Kraft, insbesondere auch durch die Wahl von Sozialdemokraten in die gesetzgebenden Körper- schaften, dieser Politik der Auspowerung des werktätigen Volkes ein Ende zu machen. Stürmischer Beifall erscholl. Brausend erklang ein Hoch au die Sozialdemokratie, wenn alle Hände sich emporstrecken, gleich- sam als Schwur, für deS Volkes Rechte bis zum letzten Atem- zuge zu kämpfen. Vielfach unter Absingen der Marseillaise gingen die Versammelten auseinander. Sicherlich alle in dem Bewußtsein f mögen Stürme komme», wir werden kämpfen und— siegen! Letzte JMachrichtm Eingeschlichen. Frauksurt n. M., 30. August.(B. H.) Die„Kleine Presse" meldet aus Fricdberg, bei der Ankunft des Zarenpaares hatten die spalicrbildenden Feuerwehr- und Krieger. vereine sowie das Militär mit abgewandtcm Gesichte Auf. stellmig nehmen müssen. Ein schmächlichcr Feigling' Ein komischer Zwischenfall. Kopenhagen, 30. August.(Preßtelcgraph.) Großes Aufsehen erregte auf dein Sozialistenkongreß ein heute eingelaufenes Schreiben des französischen Ministerpräsidenten Briand, in dem er erklärte, er werde andauernd für das Gedeihen des Sozialismus arbeiten, und hoffe, daß der Kongreß feine Sympathie für die Politik der französischen Regierung aussprechen werde. Unter den Kongreßteilnehmern hatte man vermutet, daß eine Mystifikation vorliege, dagegen erklärte Jules Guesde, daß dieses Schreiben bei der Charakterveranlagung des Ministerpräsidente» wohl von ihm stammen könne. Eine internationale Kundgebung. Frankfurt a. M.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Wie die heutige Nummer der„Volksstimme" mitteilt, wird am kam- inenden Sonntag in der Frankfurter Fe st Halle eine große internationale Kundgebung stattfinden. Als Redner sind Vandervelde- Brüssel, Keir Hardh- London, I a u r e s, Paris, C a p r i n i- Rom und V a h l t e i ch- New Dork vorgesehen, Der Beginn der Versammlung ist nachmittags 3 Uhr. Gegen Meischnot und Absolutismus. Dessau, 30. August.(B. H.) Die sozialdemokratische Partei- leitung des Herzogtums beruft allerorts Volksversammlungen ein, in denen gegen die Flcischtcucrung protestiert werde» soll. Wiesbaden, 30. August.(B. H.) Die hiesige sozialdemokratische Partei hat zum nächsten Montag eine öffentliche Versammlung einberufen, um in dieser gegen die Königsbcrger Rede deS Kaisers Protest einzulegen. Das Thema, über das in dieser Versammlung gesprochen werden wird, lautet:„Die Königsberger Kaiserrede und der Dank für die 3� Millionen Mark Zulage", Die Eholera. Rom, 30. August.(W. T. B.) In den letzten 24 Stunden sind in San Ferdinands, Cerignola und Margherita di S a v o i a je eine Erkrankung an Cholera, in Trinitapoli drei Erkrankungen und zwei Todesfälle, in Barletta fünf Er» krankungen und zwei Todesfälle, in Trani ein Todesfall, in Molfetta eine Erkrankung und ein Todesfall vorgekommen. Preßburg, 30. August. Die an Cholera erkrankte, auf dem Dampfer„Regensburg" bedicnstete Antonie Truka ist im hie» sigcn Epidcmichospital gestorben. Wien, 30. August.(W. T. B.) Das Ministerium des Innern richtete an das Ministerium des Aeußeren und an das ungarische Ministerium des Innern die Mitteilung, daß in den mehr als fünf Tagen seit der im Franz Josef-Hospital erfolgten Isolierung zweier Cholcrakranken ein neuer Cholerafall nicht aufgetreten. daher jede Gefahr einer Wciterverbreitung der Krankheit be, seitigt sei. Schweres Bauunglück. Gyula(Ungarn), 30. August. Beim Neubau des Hospitals ist das Eisenbctondach des chirurgischen Pavillons eingestürzt. Ein Arbeiter wurde getötet, sechs sind schwer verletzt; ein Arbeiter liegt; noch unter den Trümmern._ Paul Singer Lc Co., Berlin LW, Hierzu 3 Beilagen u.UnterhaltungSdl, Kr. 203. 27. Jahrgang. 1. frilnp des Jotiuätts Mmch,A.zvßlgl». Sitzung des linternationalen Bureaus. Kopenhagen, den 30. August. fietr Hardie- England und Jaurds-Frankreich schlagen eine Re- solution zugunsten des indischen Revolutionärs Saverlar vor. Saverkar ist bekanntlich von Frankreich, nachdem er französischen Boden betreten hatte, an die englischen Agenten ausgeliefert worden. Die Resolution verlangt, daß die englischen Behörden den Ge- fangenen an Frankreich zurückgeben. I a u r v s teilt mit, daß die französische Regierung ihm diesen Sachverhalt bestätigt hat. Es wird einstimmig beschlossen, der Resolutiouskommission diese Re- solution zur Annahme zu empfehlen. Der tschechische Streit nahm wieder einen großen Teil der Sitzung in Anspruch. Soukup-Tscheche: Die tschechische Sektion steht mit ihren Beschlüssen auf dem Boden einer Resolution, die von der tschechischen Sozialdemokratie angenommen worden ist und die bestimmt, daß nur die Gewerkschaftszentrale in Prag für die Schechen maßgebend sein soll. Das Bureau kann keine Sektion zwingen, irgendwelche Mandate anzuerkennen. Wir bedauern, daß Adler die Sache der Abgewiesenen so leidenschaftlich vertreten hat. Ncmec nimmt zum zweiten Male das Wort. Wenn die tschechische Sektion die sieben Mandate anerkennen muß, so wäre das ein Eingriff in ihre Selbständigkeit. Die Frage ist. ob die Ber- tretung der tschechischen Sozialdemokratie das Recht hat, Mandate anzuerkennen oder nicht. Die Anerkennung der Mandate durch das Bureau würde unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen. Jede Sektion muß das Recht haben, autonom in ihren Beschlüssen zu sein, solange die Internationale keine bestimmte Regel dafür auß gestellt hat. Adler: Es könnte so aussehen, als ob die sieben Abgewiesenen unbekannte Leute wären. Tatsächlich aber handelt es sich um sehr bekannte Genossen, die vor allem der tschechischen Partei angehören. Unter den 400 000 tschechischen Wählerstimmen befinden sich auch die Mandatgeber der sieben Abgewiesenen. Niemand wird mich im Verdacht haben, daß ich eine Spaltung wünsche. Aber Sie können die Vertretung der zentralistisch organisierten Gewerkschaften, die an die internationale Gewerkschaftszentrale in Wien angeschlossen sind und deren Alter höher ist als das der separatistischen tschechischen Zentrale in Prag, nicht ausschließen. Es ist ganz falsch, zu sagen, daß die sieben sich durch eine Hintertür ein schleichen wollten. Ihre legale Delegation ist vielmehr er- wiesen. Wenn wir in der deutschen Partei Oesterreichs das Un« glück haben würden, eine solche Spaltung zu haben wie die tschechischen Genossen jetzt, so würden wir sicher trotzdem keinem Delegierten, der zu unserer Nation gehört, das Mandat aberkennen. Die Gefahr, von der gesprochen wurde, ist vorhanden. Aber sie würde noch verschärft werden, wenn da? Bureau der tschechischen Sektion Recht geben würde. Im Interesse der Möglichkeit eines Friedens zwischen Tschechen und Deutschen möchte ich nicht, daß so viele brave Genossen disqualifiziert werden. Je entgegenkommender die Tschechen sein werden, um so leichter wird die Verständigung sein. Brechen Sie nicht alle Brücken ab!(Zu den Tschechen gewendet.)(N e m e c ruft: Das haben Sie getan!) Ich bitte das Bureau, die Abgewiesenen als Böhmen anzuerkennen und sie der tschechischen Sektion zuzuweisen. Vandcrvelde: Die Schwierigkeit, die wir vor uns haben, hat sich schon in der belgischen Sektion in Stuttgart gezeigt, als die Vertreter der Antwerpener Diamantarbeiter mit Mandaten erschienen, obwohl ihre Gewerkschaft vorher mit großem Krach aus der GewerkschastSkommission ausgetreten war. Da sie sich auf den Boden des Klassenkampfes stellten, zögerten wir keinen Augen- blick, sie anzuerkennen als Angehörige der belgischen Delegation. Dadurch entstand ein Kontakt zwischen den einzelnen Delegierten, der für die Lösung des Konflikts die besten Folgen hatte. Ich möchte in der tschechischen Frage dieselbe Prozedur angenommen sehen, die sich bei uns damals als möglich erwiesen hat. Ich will betonen, daß wenn wir als Bureau prinzipiell darüber zu entscheiden hätten, ich dafür stimmen würde, daß die Abgewiesenen der tschechi- schen Sektion zugewiesen würden. Natürlich verkenne ich nicht, daß es eine sehr delikate Sache ist, von unserer Seite etwas aufzu- zwingen. Als Ausweg, glaube ich, könnten wir erstens grundsätzlich beschließen, daß die sieben Abgewiesenen das Recht haben, dem Kongreß beizuwohnen; zweitens, daß die Genossen, gegen die in der tschechischen Sektion eine unüberwindliche Abneigung zu bestehen scheint, eine tschechische U n t e r s e k t i o n mit zwei Stimmen und je einem Delegierten in der Kommission bilden sollen. Nach- drücklichst will ich betonen, daß ich für den Fall, daß die Tschechen diesen Versöhnungsvcrsuch ablehnen, dafür sein würde, daß da? Bureau die betreffenden Genossen der tschechischen Sektion zuweist. Rubanowitsch-Rußland: Ich bin mit Vandervelde einverstanden, nur möchte ich nicht haben, daß sein Vorschlag als Ermunterung zur Abtrennung auch in anderen Ländern aufgefaßt wird. Ich glaube, daß der Kopcnhagener Kongreß die Pflicht hat, für eine Einigung zu sorgen. Ncmcc-Prag: Wir können angesichts der Wichtigkeit der Sache nicht früher unsere Zustimmung geben, als bis wir unsere Sektion befragt haben. Das kann heute noch geschehen; bis dahin bitten wir das Bureau, die Entscheidung zu vertagen. Dr. Ndler-Wien: Den Wunsch von Nemec begreife ich, anderer- seits dürfen wir nicht vergessen, daß diese selben Delegierten in der zweiten Kommission, wo man sich mit dem Kern dieser Sache be- schäftigt, eine bestimmte Mission zu erfüllen haben. Bis zur Ent« scheidung sind sie ausgeschlossen und deshalb wünsche ich, daß die Entscheidung niöglichst schnell herbeigeführt wird. Am liebsten wäre eS mir natürlich, wenn die tschechische Sektion sich ent- scheiden könnte, die sieben aufzunehmen. Wenn nicht?, so mag eben die Untersektion, so wie sie schon in der russischen, englischen und holländischen Partei besteht, gebildet werden, aber nur in dem Sinne, daß sie als Einteilung�innerhalb der Sektion, nicht als Neu- gründung in der Internationale betrachtet wird. Troclstra-Holland: Da um 3 Uhr die zweite Kommission zu- sammentritt, schlage ich vor, einen provisorischen Beschluß zu fasten, der den sieben Delegierten das Recht gibt, schon heute einen Ver- trcter in die Kommission zu entsenden. TroelstraS Vorschlag wird einstimmig angenommen, die Entscheidung über die Frage selbst wird aus morgen vertagt. Die amerikanische Frage. De Leon lsozialistische Arbeiterpartei. Amerika) versucht an der Hand von Zahlenmoterial.nachzuweisen, daß die Sozialistische Arbeiter� Partei Amerikas nicht so schwach sei, wie eS die Sozialistische Partei darstellt. Auf Grund der Stuttgarter Resolmion habe die Sozia- listische Arbeiterpartei eine Einigung herbeiführen wollen, aber die Sozialistische Partei habe das abgelehnt. Man hat uns geantwortet, daß man nur individuell mit jedem Einzelnen von uns verhandeln könne. Die letzten Wahlen haben gezeigt, daß die Sozialistische Partei selbst sich im Stadium des Verfalls befindet. Da der Redner auf alle möglichen Einzelheiten einging, unterbrach ihn der Vorsitzende Van der- Velde mit der Frage, wie viel Mitglieder denn seine Partei habe, worauf De Leon erwiderte, daß er es nicht sicher wisse, daß er aber glaube, es seien 3000. Wenn man seiner Partei die Stimmen im Bureau nehme, werde man die sozialistische Vorhut Amerika?, die im Einklang mit den Beschlüssen der Internationale arbeitet, strafen. Eine Partei, die ein Tageblatt aus eigener Kraft unter- halten könne, sei noch nicht am Ende ihres Daseins. Er bitte um Aufrechterhaltung des Status quo. Vandervelde schließt sich zunächst diesem Vorschlage an, um Zeit zu gewinnen. Da jedoch Hillquit als Vertreter der Sozialistischen Partei widerspricht, wird ein Vorschlag angenommen, weiter zu diskutieren mit fünf Minuten Redezeit. Hillquit- Amerika: Für die Frage der Vertretung auf dem Kongreß und die gesamte sozialistische Bewegung in Amerika ist diese Sache sehr wichtig, und ich bedauere, daß ich mich so be- schränken muß. Es ist nötig, daß endlich eine definitive Regelung getroffen wird. DaS Bureau muß beiden Seiten nach ihrer Stärke gerecht werden. Es genügt nicht, daß man sagt: lassen wir eS noch einmal so, wie es ist. Es muß endlich ein Zustand herbeigeführt kleines feuiUeton* Der Schmied von Aachen. In der alten Stadt Aachen wurde dieser Tage ein von dem Bildhauer Karl Burger geschaffenes Denk- mal enthüllt, das einen alten, schon an das Gebiet der Sage streifenden Vorgang verewigen soll. Wie in früherer Zeit die märkischen Städte unter den räuberischen märkischen Junkern zu leiden hatlen, so auch die ehrwürdige deutsche Kaiicrstadt unter den Grafen von Jülich. Wie berichiet wird, hatte Wilhelm v. Jülich einmal längere Zeit versucht, die befestigte Stadt zu stürmen, da ihm aber dieses im offenen Kampfe nicht gelang, beschloß er, Aachen des NachtS zu überrumpeln. Durch eine List hatte er den Torwächter genötigt, das Tor zu öffnen. Dieser ließ den Grafen nebst seinen 3 Söhnen hinein, verrammelte aber hierauf das Tor, sodaß die Heercsmacht draußen blieb. Die wenigen Angreifer sprengten mit Halloh in den Straßen der Stadt umher, in dem Glauben, ihre ganze Mannschaft folge ihnen. Plötzlich Ivurde es in allen Häusern lebendig. Die Bürger waren vorbereitet, und die einsamen Reiter versuchten nun möglichst schnell wieder das rettende Tor zu erreichen. Dieses war aber verschlossen. Der Graf und seine drei Söhne sprangen von den Pferden, um das Tor zu öffnen. In der Nähe lag eine Schmiede. Aus dieser stürmte jetzt ein nerviger Schmied mit einem schweren Hammer be- waffnet heraus und schlug mit gewaltiger Faust den Grafen von Jülich nebst seinen drei Söhnen ztt Boden. Aachen war von seinem schlimmsten Feinde gerettet. Der Name des Schmiedes ist nicht er- halten. Jetzt ist auf einem hohen Sockel, aus dem plätschernde Wasserstrahlen in ein Marmorbecken fließen, die reckenhafte Figur des Schmiedes, mit dem schweren Hammer in der Faust, von der Stadt Aachen verewigt worden. Das Denkmal steht an derselben Stelle, an der sich der Vorgang abgespielt haben soll. Bor nicht langem ist einmal— ob von höchster oder allerhöchster Stelle, ist uns nicht mehr geläufig— das Wort gefallen, daß man in unserer Zeit der Vorbilder bedürfe. Vielleicht haben wir in vierem Schmted ein solches Vorbild. Robinson auf dem Index. Die klerikale Presse hat sich jetzt das Buch zur Abschlachtung genommen, mit dem wir alle aufgewachsen find, das zu dem Dutzend Bücher der Weltliteratur gehört, die wirk- lich ins allgemeine Bewußtsein gedrungen sind: Robinson Crusoe. In den„Stimmen aus Maria Laach" erklärt der Jesuiienpater Acker das Buch zur Jugendlektüre nur unter starkem Vorbehalt für geeignet. Schon wegen der„widerwärtigen Angriffe auf die Religion", die sich in solchen Aeußerungen finden:„Hierdurch erfuhr ich lRobinson), daß sich sogar unter den unwissendsten Götzendienern der Welt eine Priesterkasie findet, und daß die kluge Politik, aus der Religion ein Geheimnis zu machen, um der Geistlichkeit die Ver- ehrung des Volkes zu erhalten, sich nicht nur in der katholischen. fondern vielleicht in allen Religionen der Welt und sogar bei den rohesten und wildesten Barbaren findet." Oder:„Lieber will ich noch mich den Wilden überliefern und von denen fressen lassen, als in die unbarmherzigen Hände der Priester und der Inquisition fallen." Dennoch kann sich Acker den Wirkungen der Dichtung nicht entziehen und so verlangt er schließlich einen klerikalisierten Robinson als eine für die Jugend geeignete Schrift. Eine solche Bearbeitung aber ist schlimmer als ein Verbot; denn sie ist eine Vergewaltigung des Dichters und eine Umkehrung des Werks in. sein Gegenteil. Eine zerstörte Legende. Man schreibt uns ans St. Petersburg: Nach Beendigung des für Rußland so schmachvoll verlaufenen japa- nischen Krieges suchte man mit heißem Bemühen nach glanzvollen Taten, die als Balsam in die brennenden Wunden des tödlich ver- letzten Nationalstolzes geträufelt werden konnten. Man bekam nicht viel zusammen. Die bemerkenswerteste, wirklich heldenhafte Episode blieb die Versenkung des Torpedobootes„Stereguschtschi" durch zwei unbekannt gebliebene Matrosen. Als die ganze Besatzung des „Stereguschtschi" von den Japanern zusammengeschossen worden war, da öffneten die zwei letzten lleberlebenden die Ventile und sie gingen mit ihrem Schiff vor den Augen der staunenden Japaner zu gründe. Die Kunde von dieser Heldentat soll von dem Admiral Togo stammen. Die Helden des„Stere- guschtschi" waren in aller Leute Mund, man pries sie und tröstete sich an ihnen über das sonstige jammervolle Benehmen der russischen Flotte. Ein unternehmender Dekorationsmaler in Petersburg be- geisterte sich in so hohem Maße, daß er ein Hnutrelief schuf, das die namenlosen Helden im Schiffsräume, in den das Wasser einströmt, zeigt. Sie sterben in recht theatralischer Weise. Der Dekoralions- maler hatte sich nicht verrechnet. Der Zar kaufte den Entwurf und beauftragte den Autor mit der Ausführung eines Denkmals, das demnächst in Gegenwart des Zaren enthüllt werden soll. Nun veröffentlicht der Fregattenkapitän Shelegki, Kommandant eines Frachtdampfers, der vier Tage vor Eröffnung der Kriegs- operationen von den Japanern als gute Prise genommen wurde. ein Buch, das u. a. auch eine Darstellung des Unterganges des „Stereguschtschi" enthält. Aus dieser Darstellung ergibt es sich, daß der einzige unverwundete Mann die Signalbücher und Schiffsflaggen versenkte, dann die Kingstons öffnete und sich ohne Widerstand ge- fangen gab. Der„Stereguschtschi" sank im japanischen Schlepptau. Shelegki, der beinahe zwei volle Jahre in japanischer Gefangenschast war, legt seiner Darstellung die Aussagen der vier letzten Ueber- lebenden vom„Stereguschtschi" zugrunde, die in Sasebo interniert waren. Wie die Legende entstehen konnte, die zur Errichtung deS Denk- mals für die„zwei unbekannten Helden" führte, ist eines der kleinen Geheimnisse des russischen Marinemimsteriums. Es ist abzuwarten, wie es sich aus der recht peinlichen Situation helfen wird. Der Held vom„Stereguschtschi" lebt. Er wird also bei Lebzeiten ein Denkmal erhalten. Sonst hat er nichts bekommen, obwohl nach dem Kriege ein Wolkenbruch von Tapscrkeitskrcuzen auf Armee und Marine herabprassclte. Die Kleiberrechnung eines französischen Prinzen vor der Re- volution. Es ist bekannt, daß der Graf von Artois, der Bruder Ludwigs XVI. und spätere König Karl X. von Frankreich, kurz vor Ausbruch der Revolution das Reich der Mods unuItschränkt werden, der den tatsächlichen Verhältnissen entspricht. Ich habe in der amerikanischen Sektion versucht, diese unerquick« liche Debatte unmöglich zu machen, aber ich bin von meiner Partei einstimmig beaustragt worden, die Rechte der Sozialistischen Partei hier im Bureau energisch zu vertreten. Was die Einigungsversuche anbetrifft, so wurden sie so gemacht, daß die Sozialistische Arbeiterpartei zu einer Konferenz einlud, bei der unsere viel größere Organisation als eine Art Untersektion er- schienen wäre. Die Sozialistische Arbeiterpartei bestand früher ein- mal, heute existiert sie nicht mehr, abgesehen von dem Genossen De Leon, der hier anwesend ist. Je„fortgeschrittener" die Sozialistische Arbeiterpartei wurde, desto geringer wurde allmählich ihre Zahl, desto weniger Mitglieder hatte sie. Es hat lange Zeit gekostet, bis wir es fertig brachten, daß die Arbeiter Amerikas den bitteren Beigeschmack der Sozialistischen Arbeiterpartei vergessen hatten. Heute können wir auf Grund der beitragzahlenden Mitglieder und der bei den Wahlen abgegebenen Stimmen die Zahl der Vertreter festsetzen. Während die Sozialistische Arbeiterpartei seit neun Jahren keine Berichte mehr veröffentlicht hat, veröffentlicht der Sekretär unserer Partei allmonatlich eine Statistik. Selbst wenn die An- gaben De Leons, daß seine Partei 3000 Mitglieder hätte, richtig wären, so beträgt das nur 6 Prozent unserer Mitgliederzahl. Tat- sächlich aber sind eS nur 2 Prozent. Man spricht davon, den Status quo aufrechtzuerhalten. Den hat die Sozialistische Arbeiterpartei aber selbst nicht aufrecht erhalten können. Ihren einzigen Kredit, den sie noch hat, borgt sie sich hier auf dem Internationalen Kongreß. Das Bureau hat nicht das moralische Recht, einer Scheinpartei diesen Kreditbrief mitzugeben, auf Grund dessen sie dann ihre die sozialistische Bewegung Amerikas schädigende Tätigkeit fort« setzen kann. Rosa Luxemburg-Polen: Ich maße mir nicht an, über die Interna dieser Affäre zu urteilen. Wenn wir aber den Status quo für die Amerikaner brechen, können wir ihn auch für andere Länder nicht bestehen lassen. Ich sehe einen kleinen Widerspruch darin, daß Hillquit sagt, die Sozialistische Arbeiterpartei bestehe nicht mehr, und dann, sie bedeute eine Gefahr für den amerikanischen Sozialismus. Wir können nicht nur nach den bei den Wahlen abgegebenen Stimmen urteilen. So haben zum Beispiel die russischen Sozial- revolutionäre, die in der zweiten Duma 40 Mitglieder hatten, in der dritten Duma gar keinen Vertreter. Deswegen können wir ihnen doch nicht ihre Vertretung im Internationalen Bureau nehmen. Ich spreche mich deshalb für die Aufrechterhaltung des Status quo aus. Vandervelde macht darauf aufmerksam, daß zwei kleine amerika- nische Gruppen, die vertreten sein könnten, nicht anwesend sind, und daß man den Konflikt vielleicht dadurch lösen könnte, daß man ihre Stimmen für diesen 5tongreß der Sozialistischen Partei zuweise. Hillqutt erklärt, daß die eine Stimme dem Vertreter der 600 000 organisierten Brauereiarbeiter übergeben worden sei und daß eine Anzahl kleinerer Organisationen ebenfalls eine Stimme bekommen hätten, so daß nur noch die zwölf anderen übrig bleiben. Im übrigen habe der Kongreß das Recht, jedesmal eine neue Verteilung der Stimmen vorzunehmen. Vandervelde läßt über den Vorschlag abstimmen, den Status quo aufrechtzuerhalten. Der Vorschlag wird mit 13 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Der Vorschlag, der sozialistischen Arbeiterpartei nur eine Stimme auf dem Kongreß zu geben, wird angenommen. Die englische Vertretung im Bureau. Vandervelde verliest eine Eingabe der Mitglieder der eng- lischen S. D. P., in der dieselben wegen ihrer Ausschließung aus dem Bureau protestieren. Er macht darauf aufinerksam, daß statutengemäß jede der beiden englischen Parteien das Recht auf eine Vertretung im Bureau habe. Wenn gestern bei der Ab- stimmung in der englischen Sektion Queich, der Vertreter der S. D. P. mit 36 Stimmen gegen 42 Stintmen, die auf Mac- d o n a l d als Vertreter der L. P. fielen, unterlegen sei, so wäre das wohl darauf zurückzuführen, daß die eine Partei auf dem Kongreß mehr Delegierte habe, als die andere. Dem Bureau aber fei es unmöglich, diesen Beschluß anzuerkennen. ES sei beherrschte. Es ist daher nicht ohne Interesse, aus einem in dee Pariser Nationalbibliothek aufbewahrten Schriftstück des Marquis ide Thianges, dem die Sorge für die Garderobe seines prinzlichen Herrn oblag, einen Ueberblick über die Toilettengegenstände des Grafen von Artois und die dafür gezahlten Preise zu gewinnen. Das Schriftstück trägt das Datum des 16. Juni 1789— genau einen Monat später, am 14. Juli, wurde die Bastille erstürmt, und die Revolution begann. Der Aufstellung Thianges' zufolge hatte der Pariser Schneider Le Normand dem Prinzen drei Frühjahrs- und drei Sommeranzüge für die bescheidene Summe von 2006 Livres, also über 40 000 Mark geliefert. Man muß freilich dabei bedenken, daß die Anzüge, deren Grundstoff aus dem feinsten Seidensamt bestand, reich mit echtem Gold und Silber gestickt waren und statt der Knöpfe Edelsteine trugen; mit diesen drei Frühjahrsanzügen begnügte sich der Prinz nicht; er hatte außer- dem noch eine Anzahl weiterer seidener Röcke für den Frühjahrs- gebrauch, die er sich bei Le Normand hatte anfertigen lassen, ab« gesehen von den zahllosen weißen Batistwesten, die ebenfalls reich gestickt waren. In dem gleichen Jahre hatte sich der Prinz neue Wäsche anfertigen lassen, die unzählige Hemden, Strümpfe und Nachtgowändcr umfaßte, dafür aber auch nicht weniger als 7000 Livres gekostet hatte. Er trug ausschließlich weitzseidene, durch. brochene Strümpfe, die eigens für ihn angefertigt wurden, und die er nur einen halben Tag. ähnlich wie seine Unterwäsche, zu tragen pflegte. Nur daraus erklärt sich der ungeheure Wäschcverbrauch und die ungeheueren Kosten. Für einen Muff aus russischem Bärenfell hatte � er 1000 Livres bezahlt, und geradezu zahllos waren die Krawatten, Handschuhe und Ordensbänder des Prinzen, der niemals ausging, ohne daß sein Diener von den Kleidungs- stücken, die leicht zu wechseln waren, wie etwa Krawatten und Handschuhe, eine große Anzahl in einer besonderen Tasche bei sich trug._ Notizen. Für ein neue? Berliner Opernhaus wird von den zuständigen Ministerien ein Preisausschreiben erlassen werden, zu dem nur einige bestimmte Architekten eingeladen werden. DaS neue Opernhaus soll sich an der Stelle des Krollschen Etablissements erhebet:, doch sind auch andere Vorschläge zulässig.(Berlin aber— das ist die Hauptsache— darf die Zeche zahlen,'indem eS sich das alte, ramponierte und entstellte Opernhaus aufhalsen lassen soll.) — Der Abbruch des LessinghauseS am Königs« graben wird, nachdem alle Bemühungen der Gesellschaft zu seiner Erhaltung gescheitert sind, mit dem 1. Oktober beginnen. Das Musenm, für daS Herr Tictz in seinem Neubau besonoere Zimmer herstellen lassen will, siedelt zunächst in daS mit den Gedenktafeln für Nicolai und Theodor Körner geschmückte Haus von LessingS Freund(Brüder st r. 13, Nicolaische Buchhandlung) über, wo in größeren und vermehrten Räumen die auf Lessing und die Geschichte deS Theaters bezüglichen Sammlungen in erweitertem Maßstäbe Aufstellung finden. Nach der Neuordnung soll das Museum täglich geöffnet sei«, nötig und selbstverständlich, daß die S. D. P. einen Ver« treter im Bureau habe. Macdonald sei schon Vertreter der parlamentarischen Gruppe des englischen Sozialismus im Jnter- nationalen Bureau und könnte unmöglich neben dieser Gruppe nun auch noch die L. P. vertreten, so daß zwei Mandate in seiner Person vereinigt wären. Macdonald bedauert, daß die S. D. P. nicht die LiebenS- Würdigkeit gehabt hat, die anderen englischen Fraktionen von ihrem Protest zu unterrichten. Die Frage in der englischen Gruppe stand so, daß drei selbständige Untersektionen an- erkannt werden mußten: L. P., I. L. P. und S. D. P. Die I. L. P. hat die Majorität unter den Delegierten des Kongresses. Dafür sei die L. P., die vielleicht 100 oder 200 Delegierte schicken könnte, so gut wie gar nicht vertreten. Die Sektion hat nun ent- schieden, daß es sehr wünschenswert wäre, wenn für die kommenden Beratungen der englischen Frage im Bureau die L. P. mit vertreten sein würde. Was seine Person anlange, so würde die parlamentarische Gruppe sofort nach dem Kongreß einen neuen Vertreter wählen, so daß er dann nicht mehr als Parlamentarier dem Internationalen Bureau angehören würde. Macdonald beantragt, die gesamte englische Frage an die englische Sektion zurückzuverweisen und in der nächsten Sitzung noch einmal gründlich zu diskutieren. Vandervelde bemerkt, daß die gründliche Diskussion nach dem Kongreß stattfinden könne. Hier handele es sich darum, daß während des Kongresses im Internationalen Bureau Macdonald, Keir Hardie und Queich ihren Sitz behielten. Queich entgegnet. daß die S. D. P. keinen formellen Protest eingelegt, sondern nur das Internationale Bureau über die unzu- länglichen Beschlüsse der englischen Sektion informiert habe.— Es sei nicht ganz richtig, wenn man von drei englischen Parteien spreche. Das sei wie mit der heiligen Dreieinigkeit, die eigentlich auch keine Drei sei. ES gebe nur zwei englische Parteien. Macdonald und Keir Hardie gehörten sowohl der L. P. wie der I. L. P. an. Die S. D. P. sei die einzige offene und erklärte sozialistische Partei Englands und es wäre ungerecht, wenn man gerade ihr die Ver- tretung im Internationalen Bureau nehmen wollte. Die I. L. P. hat auch durchgesetzt, daß innerhalb der englischen Sektion die Stimmen neu verteilt würden und daß sie 6 und die L. P. 14 von den 20 Stimmen erhielten. Es sei nicht zulässig, daß die Rechte der S. D. P. immer weiter beschränkt würden. Keir Hardie weist darauf hin, daß in England wirklich drei vollständig getrennte selbständige Organisationen bestehen: die S. D. P. und die I. L. P. als sozialistische Parteien und die L. P. als eine Zusammenfassung von Partei und Ge- werkschaften(Queich: Nicht sozialistischen Gewerkschaften!), die Ge- werkschaften und die I. L. P. hätten sich auf Grund der Stuttgarter Beschlüsse geeinigt und wenn die S. D. P. jetzt über ihre Zurück- sctzung klage, so geschehe ihr Recht, weil sie sich den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses nicht gefügt habe und ihre eigenen Wege gegangen sei. Keir H a r d i beantragt gleichfalls, die Frage an die englische Sektion zurückzuverweisen. Er sei aufs höchste überrascht zu hören, daß Macdonald als Vertreter der parlamentarischen Gruppe der L. P. ohnedies einen Sitz mit vollem Stimmrecht im Internationalen Bureau habe. Der internationale Sekretär Huysmans erwidert, daß eS bedauerlich sei, daß Mitglieder des Internationalen Bureaus selbst die Statuten des Bureaus nicht kennen. Die Frage der englischen Ver- tretung sei schon zum dritten Male beraten worden und endgültig sei in Stuttgart beschlossen worden, daß England drei Vertreter habe. Unter diesen Umständen sei eS das beste, wenn die englische Delegation noch einmal zu dieser Frage Stellung nimmt. Aber solche Debatten könnten vermieden werden, wenn die Mitglieder des Bureaus sich genauer über seine Statuten unterrichten würden.— Es wird beschlossen, die Frage der englischen Vertretung noch einmal an die englische Delegation zurückzuverweisen.— Der fünften Kommission wird überwiesen die Resolution über die Unter- drück clng der japanischen Sozialdemokratie. Die nächste Sitzung des Internationalen Bureaus findet morgen (Mittwoch) vormittag 9 Uhr statt. 8. Kntenmfloiislei' Sozialistischer Kongreß. Kopenhagen, 29. August. Erste ioiiiniiffion(Genosstnschaftsmsell). Die Kommission wählte den Genossen A n s e e l e zum Vor- sitzenden und v. Elm zum Schriftführer. Bertrand-Belgien begründet die von der belgischen Sektion vor- gelegte Resolution. Die belgische sozialdemokratische Partei habe Gewerkschaften und Genossenschaften gegründet und dadurch große Fortschritte gemacht. Sie erkennen die Verschiedenartigkeit der Ver- Hältnisse mit anderen Staaten an, verstehen besonders die Entwicklung in Deutschland, wo die Genossenschaften durch das Gesetz verhindert find, sich der Partei anzuschließen. Aber die Belgier glauben, daß für alle Staaten ihr Vorgehen erstrebenswert sei und daß ihr Vorgehen deshalb durch Annahme ihrer Resolution gefördert werden sollte. v. Elm führte auS: Wir Deutschen halten das belgische Bei- spiel sür uns nicht für nachahmenswert. In Deutschland sind die drei Bewegungen Partei. Gewerkschaft und Genosienschaft getrennt. Bei dem Versuch, Partei und Genossenschaften zu verbinden, würde die Partei zweifellos in eine Abhängigkeit von der Genossenschaft geraten, was sicher nicht im Interesse der Partei gelegen wäre. Es würde aufhören, daß jeder Arbeiter sich verpflichtet fühlt, für alle drei Bewegungen finanzielle und ideelle Opfer zu bringen. Die Arbeiter müssen erzogen werden, daß sie die politische Partei nach jeder Richtung zu unterstützen haben, um dieselbe unabhängig und stark zu erhalten. Die Genossenschaften haben ein Interesse daran, alle Konsumenten ohne politische, Wirt- schaftliche und religiöse Unterschiede in sich zu vereinigen. Wir sind allerdings der Meinung, daß die Genossenschaften soweit wie möglich für die Arbeiterbewegung dienstbar gemacht werden müssen, und wenn die Arbeiter das wollen, können sie das auch. In Ham- bürg z. B. tut die„Produktion" für die Arbeiterbewegung und für die Arbeiter mindestens soviel wie die Genossenschaften in anderen Staaten. Wir wollen gewiß die belgischen Verdienste keineswegs herabsetzen, aber der Kongreß sollte für die einzelnen Länder in Detailfragen keine bindenden Beschlüsse fassen. Es gilt die Richtlinien für das gemeinsam zu erstrebende Ziel zu schaffen. Karpeles-Oesterreich: Obwohl wrr das belgische Beispiel nicht nach Oesterreich übertragen können, stehen tvir nicht an, die Ver- dienste der Belgier in hohem Grade anzuerkennen, und die Genossen Bertrand und Anseele dürfen heute darin eine Genugtuung erblicken, daß der Internationale Kongreß die Genossenschaftsfrage diskutiert, wegen welcher sie jahrelang verspottet wurden. Wir haben auf dem Kongreß dafür zu sorgen, daß in erster Linie die Arbeiter aufgefordert werden, in die Konsumvereine zu gehen, nicht ihres persönlichen Vorteils, sondern der großen Sache ihrer Bestrebungen wegen. Vorher können wir nicht unseren Konsumvereinen Vor- schristen niachen, die sich das auch gar nicht gefallen lassen würden. ES ist unmöglich, nach der deutschen Hannoverschen Ne- Elution zu verlangen, daß die Genossenschaften ein Teil der Vartei- wegung sein soll. Wir müssen zuerst dafür sorgen, daß die So- zialisten in den Konsumvereinen ihren Bestrebungen Eingang ver- schaffen. Dann werden wir auf einem späteren Kongreß auch weiter- gehen können. Fliese- Frankreich ist mit v. Elm einverstanden. In Frankreich war die Genossenschaft von der Partei gegründet, daher ist die Ent- Wickelung in Frankreich eine andere wie in Belgien. Mau sollte deshalb seitens des Kongresses für alle Staaten außer Belgien die ferneren Wege freigeben. Anseele- Belgien: Es sei nicht richtig, daß die Belgier die Autonomie der Genossenschaften beschränken wollen. In Belgien sind die Genossenschaften autonom. Es muß Klarheit geschaffen werden über die Frage: was ist Neutralität? In Streiks, wirtschaftlichen und politischen Kämpfen müssen die Genossen- schaften für die Arbeiter Partei ergreifen, das heißt die Neutralität aufgeben. Der Kongreß hat das Recht, auch den Genossenschaften die zu gehenden Wege zu zeigen. Die Genossenschaft ist nicht an sich Sozialismus, sie ist in finanzieller, industrieller und kommerzieller Beziehung nichts als kapitalistische Einrichtung. Wir müssen deshalb zum Ausdruck bringen, daß die Beziehungen mit den Genossenschaften und Partei, wenn auch nicht organisatorische, so doch mindestens intime sein müssen. Das zu formulieren sei eine Frage der Redaktion und man werde einer Kommission die Ausarbeitung eineZ Vorschlages zu übertragen haben. Spargo- Amerika: In Amerika war die Genossenschaftsfrage lange eine Frage der Theorie. Das hat sich seit dem Stuttgarter Internationalen Kongreß geändert. Aber es ist in Amerika noch keine große Konsumgenossenschaft fortgekommen. Es gelang bis jetzt nur, Vereine gleich sprechender Einwanderer, Neger usw., zu halten.— Für Amerika sollte eine organische Verbindung zwischen Partei und Genossenschaften nicht vorgeschrieben werden, sondern eine Kombination der belgischen und französischen Resolution erstrebt werden. Kopenhagen, 30. August. Die Debatte über die Beziehungen zwischen Ge- nossenschaften und Partei wird fortgesetzt. In einer Inständigen Rede legte v. Elm den Standpunkt der deutschen Ver- tretung klar. Zunächst polemisiert er gegen den Holländer W i b a u t. Nicht um der Gesetze willen, sondern aus Grund- s a tz sind wir neutral. Mit der französischen Resolution können wir im großen und ganzen einverstanden sein. Wir müssen hier aussprechen, was uns eint. Die holländischen Delegierten haben geglaubt, sagen zu müssen, daß die Genossenschaft nicht der Sozia- lismus sei und auch nicht zum Sozialismus führe. Wir fordern in Deutschland kein sozialistisches Glaubensbekenntnis für die Zu- lassung zu Konsumvereinen. Niemals haben wir nur Genossen- schaftler sein wollen. Die Genossenschaft ist nur e i n Mittel neben den anderen. (Die Debatte wird fortgesetzt.) Zmeite(Gemrkschasts-) Kommisfion. Kopenhagen, 30. August 1910. Die Debatte über den tschechischen Streit wird unter Vorsitz von Branting fortgesetzt. Beer, Metallarbeiter(Oesterreich) verweist auf die Stuttgarter Resolution. Nemec als Vertreter der Tschechen ist nicht legitimiert, im Namen der ganzen tschechischen Arbeiterschaft zu sprechen. Er spricht eigentlich nur im Namen einer Minderheit von Gewerkschaftlern. In der zentralistischen Organisation, die auf dem Boden des Klassen- kampfes und dem Boden des Internationalismus steht, befinden sich, obwohl wir eine schwere Spaltung durchmachen, noch immer 113 000 Tschechen, während die Separatisten nur 45 000 betragen. Ihr Bericht spricht freilich von 61000, aber diese hohe Ziffer konimt nur dadurch zustande, daß»leben den Gewerkschaften auch solche Organisationen»nitgezählt worden sind, die eigentlich keine gewerk- schaftlichen Aufgaben zu erfüllen haben. Der österreichischen poli- tischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung droht eine S pal« tung, so daß dann später in jedem Beruf soviel Organisationen entstehen, als Nationalitäten vorhanden sind, unter der Boraussetzung, daß der Internationale Kongreß diese Bestrebungen sanktionieren sollte. Ich hoffe, daß der Kongreß uns Recht gibt und die Stutt- garter Resolution dahin abändert, daß von der Notwendigkeit einer einheitlichen GcwerkschaftSorganisation nicht„in Ländern' ge- sprockien wird, sondern daß dafür gesetzt wird,„in Staaten". Damit würde der österreichischen Bewegung und dem internationalen Sozialismus ein großer Dienst erwiesen werden. Der Vorsitzende der Generalkommission Belgiens BcrgmanS führt aus, daß Nemec nicht das gering st e Recht gehabt habe, sich auf das belgische Beispiel zu berufen, um seine Zer- splitterungStendenz zu rechtfertigen. Nemec scheine zu glauben, daß in Belgien zwei nationale Gewerkschastskommissioneu beständen. Aber dem»st nicht so. Differenzen zwischen Flämen und Wallonen haben in der belgischen Gewerkschaftsbewegung niemals eine Rolle gespielt. Die Krise, die namentlich vor zwei bis drei Iahren sehr scharf war, beruhte auf der Anschauung der Diamautarbeiter Anl- werpenS und anderer Gewerkschaften, daß die Beziehungen zwischen der Arbeiterpartei und der Gewerkschaftskommission zu eng seiei». Nur diese Differenzen über die Organisationsform haben bewirkt, daß nicht alle belgischen Gewerkschaften der Generalkommission angeschlossen sind. Aber auch diese Verschiedenheiten werden im lvachsenden Maße überwunden. Uebcrhaupt kann ich von Neinecs Argumenten nicht eines stichhaltig finden. Die Stuttgarter Resolution fordert Einheitlichkeit der Aktion von Partei und Gewerkschaft. Aber höher stellt sie die Einheit der gewerkschaftlichen Belvegring selbst oder vielmehr sie macht diese Einheit zur Grund- läge der höheren Einheit von Partei und Gewerkschaft. So muß eS artch seil». Selbst wenn die Unternehmer national organi- siert wären, würden sie sich im Falle eines Lohnkampfes sofort zusammenfinden. Man sagt uns, daß in Wien 300 000 tschechische Arbeiter leben. Wie soll da ein Streik geführt werden, wenn zwei GewerkschaftSkoinmissionen sich streiten. Der Jnter- nationale Kongreß muß unbedingt die Einheitlichkeit der GeWerk- schaftsbeloegung hochhalten. Ich bitte deshalb alle Nationen, die separatistischen Bestrebungen aufs schärffte zu verurteilen und die Resolutionen der Reichskommission anzunehmen. Ha>>wood-Ainerika fragt zur Geschäftsordnung an, ob die Stutt- garter Gewerkschaftsresolution mit zur Debatte steht. Als der Vor- sitzende dies verneint, weil es sich nur um die Auslegung dieser Resolution handelt, kündigt Hahwood einen Antrag auf Revision der Stuttgarter Resolution über Einheit zwischen Partei und Gewerk- schaften an. S»»kup-Prag: Wir Tschechen haben vollkommen korrekt nach dem Prinzip der Internationale und der gewerkschaftlichen Einheit- lichkeit gehandelt. Ueber 40 000 Mitglieder wurde von der Reichs- koinmission gesagt, daß sie diese Arbeiter als unorganisiert betrachte und jeden Verkehr mit ihnen abbreche. Auf diesen Standpunkt konitte sich die tschechische Sozialdemokratie unmöglich stellen. Denn diese 40 000 sind treue Sozialdemokraten, und die besten Kräfte der tschechischen Sozialdemokratie. Wir haben mit allen Kräften, mit Gut und Blut sür die internationale Sozialdemokratie in Oester- reich gearbeitet und sind auch in Zukunft bereit, alles zu tun, um diese Internationale(Zuruf: zu zerstören)— nein, zu förderi». Auch die autonomen Gewerkschaften haben die Notwendigkeit intcr- nationaler Solidarität stets auf das schärfste betont. Sticht um das Prinzip»vollen wir hier streiten, sondern mn die formale Eingliederung der Stuttgarter Resolution in taktische Gewerkschaftssragen. ES handelt sich hier um die taktische Ge- Werkschaftsfrage: Verlangt die Einheitlichkeit der Gewerkschafts- bewegung, daß alle Arbeiter eines Berufes einer Gewerkschaft über das ganze Reich angehören oder ist in vielsprachigen Ländern eine sprachlich getrennte, aber ökonomisch zusammenwirkende Gruppen- bildung niöglich? Wir wollen die Internationale stärken durch Stärkung ihrer nationalen Bestandteile. Wir stehen in Oesterreich vor dein ungeheuer schivierigen P r o b l e in der acht Nationen. Wir weisen Ihnen den einzigen Weg, um sozial und politisch vorwärts zu kommen. Prüfen Sie genau diese Frage, die von ungeheuerer Tragweite ist. Weil wir das Recht aller Nationen und aller Arbeiter in Oesterreich fordern, bitten wir Sie. auf diesem Kongreß noch k e r n U r t e» l auszusprechen. Lassen Sie die Frage durch das Internationale Bureau genau untersuchen und»venn dieses eine Einigung nicht zustande bringt, dann mag der nächste Jnter- nationale Kongreß endgültig entscheiden. Lcgien: Mit Ausnahme der Tschechen wird keineNation dem Antrage der Reichskommission lvidersprechen können. Wir sind der Meinung, daß der Antrag noch lange nicht weit genug geht. Wir fragen: Haben nicht unsere tschechischen Genossen mit der Desorganisierung der österreichischen Gewerkschaften etwas getan, was gegen das Prinzip der Internationale ver- st ö ß t?(Sehr gut!) Haben sie nicht iin Prinzip alle bisherigen Beschlüsse der internationalen Sozialisten- und Gewerkschaftskongresse über die Einheit der Geiverkschaftsbewegung verletzt? Sourup sprach begeistert vom internationalen Zusammemvirkeli aller Nationen und dabei können sie nicht mit den Arbeitern im eigenen Lande Frieden halten. Wir müssen die Frage durchaus nicht formell, sondern scharf prinzipiell fassen. In Stuttgart haben wir über die Einheit von Partei und Gewerkschaften verhandelt. Aber die Frage der absoluten Einigkeit der Gewerkschaften ist schon vor 14 Jahren, im Jahre 1896, in London entschieden worden. Diese Resolution von London ordnet die gelverkschaftliche Einigkeit ganz be- dingungSlos und allgemein. Sie verbietet die lokale Organisation, sie fordert Zentralverbände und deren internationalen Zusammenschluß. Auf Grund dieser Resolution müssen»vir den tschechischen Separatismus a u s S s ch ä r f st e verurteilen. Die gewerkschaftliche Organisation kann nicht national gegliedert sein, darf es nicht sein. Wenn»vir das nationale Prinzip in die Gewerkschaftsbewegung tragen, gibt es kein Land mehr, wo die gewerkschaftliche Organisation nicht zersplittert wird. Sollen wir auch in Deutschland polnische, dänische, französische und vielleicht auch holländische Gewerkschaften haben?!(Lebhafte Zurclfe: In der Schweiz! Fn Amerika 33 ver« schiedene nationale Gelverkschaften I) Genossen, ich spreche nur von Deutschland, einem Einheitsstaat. Nicht einmal bei uns könnte das nationale Gewerkschaftsprinzip ohne den schwersten Schaden durch- geführt werden. ES ist falsch, wenn behauptet worden ist. daß in Stuttgart die Gewcrischaftsinternationale den Prager Separatismus anerkannt habe. Auf Grund einer Einigung zwischen den Vertretern der Reichskommission und der Prager Zentrale ist diese zugelassen worden »nit der Maßgabe, daß sie die Agitation vertrete, die Reichskommission aber die Repräsentation. Nachdein die tschechischen Genossen diese Grenzen überschritten haben, haben sie sich selbst aus der gewerk- schastlichen Jnternatiouale ausgeschlossen. So lange die gelverksckiast- liche Internationale besteht, ,st fiir sie allein die Reichskommission für Oesterreich anerkannt und wird es bleiben. Denn die gewerk- schaftliche Internationale beruht auf dem Grundsatz, daß, wo die Bewegung ui»d die Verwaltung gleich siicd, auch alle Arbeiter ohne Rücksicht auf Nationalität und Sprache sich in einer Organisation zu vereinigen haben. Nur wo, wie in Finnland, Ungarn und Kroatien gesetzlich diese Möglichkeit nicht besteht. dürfen besondere Gewerkschaftszentralen gebildet werden, so lange eben diese Verschiedenheiten im Bereiche der Gesetzgebung bestehen. Das trifft auf die tschechischen Genossen in keiner Weise zu. Wir Deutsche geben den Hunderttausenden von Italienern, die zu uns kommen, ein besonderes italienisches Blatt und besondere italienische Agitatoren. Aber eine besondere italienische Organisation dürfen sie nicht bilden, sie gehören in unsere deutschen Zentralver- bände. WaS die Ausländer bei uns können, können die Tschechen bei den Oestcrreichern erst recht.(Zuruf bei den Tschechen: Wir sind keine AuS- länder in Oesterreich.) Unser Kongreß muß mit aller prinzipiellen Schärfe den internationalen Gesichtspunkt betonen. Wir würden deshalb auch einer viel schärferen Resolution als der der Reichskommission zustimmen, aber weil die Reichskommission nicht mehr fordert, stiminen wir dem Antrag zu. Der nächste Kongreß wird sich nicht mehr mit diesem Antrag befassen, sondern damit, ob die tschechischen Separatisten noch in die Jnter- »rationale gehören.(Stürmischer Beifall.) Heute begnügen wir uns noch»nit dem harmlosen Antrag der ReichSkonrmisston als dem letzten Versuch,«ine Einigung herbeizuführen.(Lebhafter wiederholter Beifall.) Nach Legien sprachen Vittor Adler und sodann die Vertreter der Polen, der Schweiz, Ungarn, der Vereinigten Staaten von Nordamerika und Belgien, sämtlich gegen den Stand- Punkt der Tschechen. Hierauf wurde die Diskussion auf Antrag von Frankreich ge« schlössen. Morgen erhält zu Beginn der Sitzung noch einer der tschechischen Genossen das Wort. Dann wird über die vorliegenden Resolutionen abgestimmt werden. Militiirkommisfiou. Kopenhagen, den 30. August 1910. Die Subkommission der Schiedsgerichtskommission wurde am Dienstagvormittag mit ihren Arbeiten nicht fertig. Die Voll- koinmission»vird daher erst Mittwochvormittag wieder zusainmen- treten. Die Subkommission verständigte sich nur über die Grund- züge der vorzulegenden Resolutioir. Morgari-Jtalien hatte sich dahin ausgesprochen, daß man in der Resolution nicht allzu viel sagen solle. Aus einen Punkt sollen alle Kräfte konzentriert werden: in allen Parlamenten sollen die Ver- treter deS Proletariats immer wieder Anträge einbringen, den Stand der Heere durck internationale Abkommen zunächst auf die Hälfte zu reduzieren. Zur Pro- pagierung dieser Ideale soll eine besondere Organisation eingesetzt Ivcrden. WaS man an theoretischen Darlegungen in die Resolution hineinbringen werde, werde nur sür jeden den Kern der Sache verdunkeln. Diesen Darlegungen hielten Renner-Oesterreich und andere ent« gegen, daß bei einem solchen Verfahren die Propaganda gegen den Militarismus und für den Frieden in unerträglicher Weise eingeengt würde. Der Kern der auszuarbeitenden Re- solution soll, wie durch Beschluß der Mehrheit festgestellt wird, enthalten: 1. Einleitung: Die Arbeiter aller Länder haben keine Z w i st i g k e i t e n, die zu Kriegen führen könnten. Es»nüssen die Beschlüsse der früheren internationalen Kongresse über die Solidarität aller Proletarier hervorgehoben werden und daß die fortgesetzte Steigerung der Ausgaben für die Rüstungen oft in Gegensatz stehen zu den FriedeitSversicherungen aller Regierungen und der Haager Friedenskonferenz. Die Rüstungsausgaben führen zur Berinehrung der indirekten Steuern, verhindern den Ausbau der Sozialreform und treiben die Staaten zum finanziellen Bankrott. An positiven Maßnahmen wird vorgeschlagen: 2. Fortgesetzte Aufklärung über das Wesen des Militarismus und der Kriegsgefahr. 3. Die sozialistischen Fraktionen fordern in allen Parlamenten Schiedsgerichte für alle Konfliktsfälle. 4. Propaganda für die A b r ü st u»» g zu Land, Wasser und Luft. Anträge sind in allen Parlamenten zu stellen über die Beschränkung der Seerüstungen und die Abschaffung deS Seebeuterechts. 5. Zu fordern ist die Veröffentlichung aller zwischen den Ländern ab- geschlossenen Geheimverträge. 6. Garantie des Bestandes der Staaten. 7. Angaben über die Aktion bei drohender Kriegsgefahr. Dr. Renner-Oesterreich»vird beauftragt mit der redattionellen For»nulierung dieser Resolution, die morgen der Volllommisfion vor- gelegt werden soll. Vierte Kommisßlm (Arbtltslosettverjilhernllg uud Arbeiterschuhgesetzgebnug). Kopenhagen, 30. August. Die Verhandlungen leitet der dänische Abgeordnete Olsen. Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte wird beschlosieir, über die Arbeitslose»frage besonders zu beraten. Die Debatte hier- über eröffnet Molkenhuhr- Deutschland: Wir in Deutschland haben bereits zlvei ArbeitSlosenzählunaen erlebt, eine im Juli bei der Berufszählung und eine im Dezember anläßlich der Volkszählung 189ö. Dabei ergab sich, daß im Sommer die Zahl der NrdeitSlosen 200 000 betrug, während im Winier 800 000 1 gezählt wurden. Durchschnittlich haben wir in Deutschland also etwa 300 000 Arbeitslose. 1898 war ein Krisenjahr. Da trat also die Arbeitslosigkeit besonders empfindlich hervor. Damals habe ich einmal Berechnungen angestellt, ob wohl in Deutschland eine Arbeitslosenversicherung möglich wäre. Ich bin zu dem Entschlusi gekommen, daß, wenn wir jedem unserer Arbeitslosen täglich 2 M. bezahlen würden, wir im Jahre etwa 280 Millionen Mark auszubringen hätten. Das ist zwar eine große Summe, aber wenn wir bedenken, daß unsere Arbeiterversichernng 000 Millionen jährlich erfordert, dann ist die Summe auch aufzubringen. Die Last niüßte eben entsprechend geteilt werden: der Staat und das Unternehmertum müssen herangezogen werden. Wenn die Unternehmer mit bezahlen müssen, dann werde» sie sich hüten, in Zeiten der Hochkonjunktur Ueberstunden auf Ueberstunden und SonntagSarbeit zu häufen, sie werden die überschüssige Arbeit besser auf die magere Zeit verteilen. Das Reich aber kann auf gesetzlichem Wege für die Arbeitszeitverkürzung wirken. Auch wird es die Erlaubnis zu Ueberstunden usw. einschränken, wo es diese zu erteilen ernrächtigt ist. Auch als Unternehmer und Arbeitgeber wird das Reich dann die Arbeiten, die eine Vertagung vertragen, auf eine Zeit verschieben, wo die Arbeit allenthalben knapp wird. Solange den Unternehmern und dem Staate die Arbeitslosigkeit nicht? kostet, werden sie keinen Finger für ihre Beseitigung rühren, denn die Arbeitslosigkeit bringt ihnen doch erhöhten Gewinn. Wenn wir die Statistik verfolgen, dann können wir feststellen, daß im Jahre 1903, im Krisenjahre, rund 600000 Arbeitslose mehr vorhanden waren als 1907. Daran kann man die Wirkung der letzten großen Krise ermessen. Auf etwa 30 Arbeiter kam ein Arbeitsloser. Nun, diese Last kann auch getragen werden. Wir in Deutschland haben schon in der Praxis den Anfang der gesetzlichen Arbeitslosenfürsorge. Das K a l i g e s e tz, durch das die Differenzen im vormals privaten Kalishndikat durch das gesetzliche Zwangs- syndikat beseitigt wurden, enthält die Bestimmung, daß bei Still- legung kleinerer Werke die von den syndizierten Werken ge- schiebt, um die Beteiligungsquote auf die größeren Werke über- tragen zu können— die arbeitslos werdenden Arbeiter von den betreffenden Werken auf die Dauer eines halben Jahres unter- stützt werden muffen. In unseren Forderungen an die Arbeits- loseuversicherung findet sich ein Passus, der die staatliche Arbeits- losenversicherung fordert; über die Einzelheiten gehen allerdings die Meinungen auseinander. Mit den Einzelheiten kann sich aber auch der Internationale Kongreß nicht befassen. Die besonderen Verhält- nisse der einzelnen Länder müssen respektiert werden. Das Recht auf Arbeit ist mit Recht von verschiedenen Seiten angegriffen worden. Wir wiederholen es nicht in der früheren Form, aber den guten Kern halten wir fest: Wenn der Arbeitsmarkt eine Krise, Arbeits- losigkeit meldet, dann müssen öffentliche Arbeiten in Angriff ge- nommen werden. Trochct-Belgien will nicht auf die vielen Seiten der Frage ein- gehen. Bor allem seien die Gewerkschaften an der Lösung des Problems der Arbeitslosenfürsorge interessiert. Die Be- dingungen hierfür gehen in den verschiedenen Ländern aus- einander, das muß bei Beratung der Vorschläge für die Milderung und Beseitigung der Arbeitslosigkeit erwogen werden. Wir müssen den Weg gehen, auf dem wir den wenigsten Widerstand finden. Tie Gewerkschaften allein können unmöglich das Problem bewältigen. In der Provinz Lüttich z. B. nehmen die Gewerkschaften 18 000 M. an Beiträgen ein, dagegen erfordert die Unterstützung der Arbeits losen über 90 000 M. In Brüffel mußten nur für die Handschuh- macher in einem Monat 10 000 Frank aufgebracht werden. Das können die Arbeiter allein nicht leisten. Die öffentliche Gewalt muß hier einspringen. Dabei muß natürlich die Freiheit der GeWerk- schaften erhalten bleiben. Die französische Resolution ist von hohen Gedanken getragen, aber wir rückhaltlos zustimmen. Die deutsche ist für dingungslos annehmbar. Lrauu-Oesterreich: Die Leistungen der GeWerk« schaften für die Unterstützung der Arbeitslosen sind das einzige bisher nennenswerte für die Unterstützung der industriellen Reservearmee, die mit derEntwickelung des Kapitalismus unzerreißbar verbunden ist. Die Gewerkschaften leiden aber nicht nur unier der Arbeitslosigkeit ihrer Mitglieder, sie werden auch gehemmt in allen ihren Känchfen um Lohnerhöhung und'Arbeitszeitverkürzung durch die Arbeitslosigkeit der Unorganisierten. Deshalb ist es auch ein gewerkschaft licheS Interesse, daß die Eigner der Produktionsmittel, die für die Arbeitslosigkeit verantwortlich sind, als Individuen zum Teil, immer aber als Glieder der herrschenden Klasse auch die Kosten der Arbeitslosenunterstützung zu tragen haben. Formell soll die Arbeitslosenversicherung eine öffentlich rechtliche sein. Eine möglichst weitgehende Einwirkung auf die Verwaltung soll den Arbeiterorganisationen gesichert sein. Die Kosten der Arbeits losenversicherung sollen progressiv den Unternehmern auferlegt werden unter Berücksichtigung der Verursachung der Arbeitslosig- keit. Betriebe mit regelmäßiger Beschäftigung einer während des ganzen JahreS gleichen Anzahl Beschäftigten sollen am niedrigsten, Betriebe mit kurzer Saison- und mit unregelmäßiger und zeitweilig übermäßig langer Arbeitszeit, mit Uebcrstundenbewilligung, mit überniäßiger Verwendung von Lehrlingen sollen am höchsten bc� steuert werden. Dadurch würde schon eine gleichmäßigere Verteilung der Arbeit über das ganze Jahr erzielt und die Arbeitslosigkeit ver- mindert werden. Als gewerkschaftliches Kampfmittel wird aber die Arbeitslosenunterstützung noch immer eine bedeutsame Aufgabe der Fachorganisation sein. Die Kommission setzte die Debatte für die Arbeitslosen- Versicherung fort. Die Abänderungsvorschläge waren aber so zahlreich und die Streitpunkte, namentlich über die Behandlung Streikender und Ausgesperrter durch die Arbeitslosenversicherung so verschiedenartig, daß die vorliegende Resolution an die Sub- kommission zurückverwiesen werden mußte. können ihr nicht uns auch nicht be der Mnfte Kommission sLesolutioneu). Kopenhagen, 30. August. Die Erörterung beginnt mit der persischen Frage. Eine Resolution von Armenien über die Lage in Persien, die gegen die Unterdrückung der Revolution und der konstitutionellen Bewegung in Persien protestiert, lautet: .In Anbetracht, daß gleich zu Anfang der persischen Revolution in Konsequenz des englisch-russischen Vertrages die zarische Re- gierung alle Mittel angewendet hat, um die konstitutionelle Be- wegling zu vereiteln; daß sie zu wiederholten Malen sogar mit bewaffneter Macht eingeschritten ist unter dem Vorwand, die Ordnung an der Grenze und das Leben ihrer eigenen Untertanen in Persien zu schützen, in Wirklichkeit aber, um die Bestrebungen der persischen Demokraten zu hemmen; daß diese Truppen, sowie die russische Polizei, in der Provinz Adcrbeidjan(Täbris) offen gegen die Aufständischen und ihre Führer, welche der Partei .Daschnaktzoutioun" angehören, mit aller Strenge verfahren sind; daß heute noch die russische Regierung durch ihre zahlreichen verkappten Agenten ihre Intrigen und Provokationen in P ersten fortsetzt; daß ein beträchtlicher Teil der Truppen sich noch auf persischem Boden befindet, trotz der wiederholten Proteste von feiten der Regierung von Teheran; in Anbetracht ferner: daß die nämliche russische Regierung sehr tätig in der Türkei„arbeitet", namentlich in türlisch Armenien; daß sie beständig Emissäre hinschickt, um die Feudal- Kurden, welche das reaktionärste Element in der Türkei sind, gegen die Armenier aufzureizen und so die Unruhen zu unter- halten und die Gegenrevolution zu provozieren; daß der russische Gesandte in Konstantinopel, Tcharikoff, und der russische Konsul in Erzerum in diesem Sinne ganz spezielle Instruktionen bekommen haben; in Anbetracht, kurz: daß der Zarismus, welcher auf seinem freiheitsmörderischen Marsch im Innern seines Reiches siegreich ist, die an seinen beiden Grenzen eingeführte konstitutionelle Ordnung nicht leiden kann, systematisch und mit aller Beharrlichkeit darauf ausgeht, das Willkürshstem in Persien und in der Türkei ivieder herzustellen: in Anbetracht dieser bedenklichen Tatsachen, welche für die beiden jungen Demokratien des Orients eine beständige Gefahr sind, ersucht die sozialistisch-revolutionäre Partei„Daschnaktzoutioun", welche ihre Verzweigungen in den drei Reichen(Türkei, Rußland, Persienj hat, die sozialistischen Parteien in Europa aufs dringendste, alle in ihrer Macht stehenden Mittel anzuwenden, um dem reaktionären Treiben des Zarismus ein Ende zu machen." Die Resolution wird debattelos angenommen. ES folgt die Resolution der Arveiter von Saloniki über die Lage in der Türkei. Sie lautet: „In Anbetracht der von den kapitalistischen Staaten Europas der Türkei gegenüber gemachten Kolonialpolitik, der Verkündigung einer Verfassung, die jedem Bürger die Menschen- und Bürger rechte gewährte, der Verletzung des Rechtes der Berufsvereinig'ung und des Streikes durch die türkische Regierung und der Verhängnis vollen Folgen einer autokratischen Politik gegenüber der Arbeiter klaffe der Türkei, erklärt der Internationale Sozialistische Kongreß von Kopenhagen, daß einzig und allein eine auf einer Ver ständigring unter den Balkan st ante n beruhende Demokratie gegen die kapitalistische und koloniale Politik der europäischen Staaten ankämpfen kann; daß einzig und allein die Gewährung weitgehender Freiheit die Entwickelung der Neuen Türkei zu fördern vermag und begrüßt die in der Türkei ent- stehende sozialistische Bewegung." Paus Louis beantragt, im zweiten Teil zu setzen statt„Demo kratie"„soziale Demokratie". Rakowski-Rumänien widerspricht dem Amendement. Die Arbeiter in Saloniki hätten die Resolution im Einverständnis mit den sozial demokratischen Parteien gefaßt. Man will zunächst den Versuch einer Demokratisierung unternehmen. Burrow-England: Welche Anzeichen hat Rakowski, daß eine demokratische Verständigung möglich ist? Seitz-Oesierreich: Das Amendement, daß in der sozialen Demokratie die Lösung liegt, können wir in allen Fragen für alle Dinge annehmen, denn nach unserer Grundanschauung ist ja der Kapitalismus für alle Uebelstände verantwortlich. Hier handelt es sich aber darum, einen Weg zu finden, und den glaubt man in der demokratischen Verfassung zu finden. Rakowskis Einwand gegen das Amendement ist also richtig, nur muß man dann die mißver ständlichen Worte„einzig und allein" streichen, damit nicht der An schein erweckt wird, als ob in der politischen Demokratie schon die ganze Lösung gefunden sei. Paul LouiS-Frankreich hält sein Amendement aufrecht, weil man nicht durih eine diplomatische Verständigung zu einer bürgerlichen Demokratie gelangen könne, deren Bedeutung er ja nicht verkenne. Deshalb ist eine Fassung notwendig, die jedes Mißverständnis aus schließt. Ellenbogen-Oesterreich: Wir können nicht erwarten, daß in der Türkei die sozialistische Gesellschaft in nächster Zeit schon entsteht. Aber eine Demokratie ist möglich und dies verlangen die Genossen in Saloniki schon deshalb, um den schlimmsten Feind der Demokratie in Europa, Rußland und seinen Einfluß in der Türkei zu brechen. Deshalb fordern wir die türkische Bourgeoisie auf, zunächst einmal die Demokratie zu schaffen. Was wir dann mit der Demokratie an- fangen, ist unsere Sache. Deshalb rufen wir der türkischen Bour geoisie zu: Vorwärts I Kanaillen! Rappaport-Frankreich: Es handelt sich um eine sozialistische und demokratische Verständigung. Er beantragt eine Aenderung dahin, daß nur eine demokratische und sozialistische Verständigung möglich sei, gegen die kapitalistische und koloniale Politik der europäischen Staaten zu kämpfen. Rakowski: Wir müssen protestieren gegen die reaktiv- näre Politik der Jungtürken, die in der europäischen Demokratie überschätzt wird. Wir müssen ihr klar machen, daß sie nur dann auf Sympathie rechnen kann, wenn sie nicht die Arbeiterkoalitionen mißhandelt. Eine weittragende Demokratie ist ein Schutzwall gegen die kapitalistische Politik Europas. Von Seih- Oesterreich ist folgendes Amendement eingelaufen: „Daß jede verwerfliche kapitalistische und koloniale Politik der euro- päischen Staaten zunächst nur wirksam zu bekämpfen ist durch eine gründliche demokratische VerfassungSreform in den Balkanländern und durch friedliche Verständigung der Völker dieser Staaten, wie sie heute allein die Sozialdemokratie im Gegensatz zu den Re gierungen der Balkanländer und der übrigen Länder betreibt." Die Kommission stimmte nach längerer Debatte der Resolution mit dem Amendement Seitz zu. Ohne Diskussion wurde sodann einstimmig eine Sympathieerklärung zugunsten der unterdrückten Sozialdemokratie in Japan an- genommen, nachdem die Kommission die Mitteilung entgegen� genommen hatte, daß Kataya ma infolge der Weigerung der japanischen Regierung, ihm einenPaß auszustellen, an derTcilnahme am Kongreß verhindert worden ist. Eine weitere Resolution, die ebenfalls einstimmig Annahme fand, protestiert gegen die Greuel der Ausnahmegesctzgebung in Argentinien durch die dort herrschende Oligarchie. Ein von der Genossin Sorge beantragter Boykott der argentinischen Waren wurde gegen drei Stimmen ab- gelehnt. Die weiteren Verhandlungen wurden auf Mittwoch vertagt. Heute abend 8 Uhr findet eine Sitzung der Vertreter der Zentralverbände statt, die Stellung zu der Frage der Beteiligung an der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden nehmen soll. Sitzung der dkutschen Dtlegutiou. Kopenhagen, 30. August. Die deutsche Delegation hielt am Diensiag ihre zweite Sitzung ab. Die Kommissionen haben Beschlüsse noch nicht gefaßt, zu denen Stellung genommen werden könnte. Richard Fischer fragt an, ob sich nicht in der Genossenschaftsfrage Meinungsverschiedenheiten zwischen den deutschen Delegierten herausgestellt hatten. v. Elm: In der Kommission selbst sind sehr viele Differenzen vorhanden, die weder heute noch morgen behoben werden können. Die Beschlüsse der Internationalen Kongresse sind immer Kompromiß- beschlüsse. Wahrscheinlich wird auch hier ein vcrmsttelnder Beschluß angenommen werden. Wurm: Meine Anschauungen von der Genoffenschaftsfrage und dem Verhältnis der Genossenschaften zur Partei haben bisher mit denen Elms nicht gerade harmoniert. Wahrscheinlich werden wir uns aber doch auf eine gemeinsame Resolution einigen können.— Die Delegation sieht daraufhin von einer weiteren Be- sprechung ab. Legien macht Mitteilung über den tschechischen Streit und die Gewerkschaftsverwickelung in Oesterreich. Unsere österreichischen Freunde haben den Wunsch, daß der Kongreß die Einheit der Ge- werkschaftsbewegung ausdrücklich für notwendig erklärt. Wir hoffen davon einen günstigen Einfluß auf die Verminderung der Trennung. Es ist kein Zweifel, daß wir in dieser Frage durchaus auf dem Standpunkt der de utfch-ö st erreichischen Genossen stehen.(Allseitige Zustimmung.) Ebcrt-Bcrlin: Der tschechische Streit beschäftigt leider auch daS Internationale Bureau. Bekanntlich haben die Tschechen acht Man- date von tschechischen Vertretern der zentralen Gewerkschafts- organisation für ungültig erklärt. Sie wollen nur die Man- date derjenigen zentralen Gewerkschaften anerkennen. die für ihre tschechischen Mitglieder Beiträge an die neue Ge- Werkschaftszentrale in Prag zahlen. Die ausgeschlossenen Ge- »offen sind Mitglieder der böhmischen Parteiorganisation. Sie sind in Böhmen gewählt. Einer der acht Ausgeschlossenen hat auf sein Mandat verzichtet, weil er aus der tschechischen Partei ausgeschlossen ist. Das Bureau hat den Streit vorläufig noch nicht entschieden. Wahrscheinlich wird folgender Ausweg gewählt werden: die acht Ausgeschlossenen bilden die böhmische sozial- demokratische Sektion, die ihre Vertretung auf den» Kongresse und in die Kommission über die GeiverkschaftSfrage entsenden. DaS Internationale Bureau ist sich darin einig, daß diese acht Genossen absolut zugelassen werden müssen. ES 'ollen ihnen zwei Stimmen im Kongreß und eine Stimme im Internationalen Bureau überwiesen werden. Damit schließt die Besprechung der deutschen Delegatio». Nächste Sitzung morgen S Uhr.| nationalen Hygiene-AuLstellung in Dresden. Em Indurtm und Kandel. Justiz und Bücherrevisoren. Der jetzt verhaftete Bücherrevisor und Handelsschuldirektor Hartwig in Dortmund ist ein Schulbeispiel dafür, welch bescheidene Ansprüche die Gerichte an vereidigte Bücherrevisoren stellen. Hartwig, der Hauptmacher der Gründungen der„Nieder- deutschen Bank", war zum Liquidator einer in Konkurs erklärten Firma ernannt. Aus dieser Tätigkeit war gegen Hartwig eine Strafanzeige erfolgt, weil er die Liqui- dation in seinem eigenen Interesse über Gebühr verzögert und sich auch so n st ige Unregelmäßigkeiten hatte zu- schulden kommen lassen. Die Strafanzeige stützten die Gutachten von zwei Sachverständigen. Das Strafverfahren wurde aber ein- gestellt. In seinem Schreiben vom 13. April 1909 sagt der Staats- anwalt über die Liquidationsbuchführung des Hartwig folgendes: „Daß die Bücher unordentlich geführt sind, unter- liegt keinem Zweifel. ES ist aber nötig, daß die nachlässige Buchführung keine Ucbersicht des Vermögensstandes der Kommanditgesellschaft gewährte. DaS wird aber vom Gutachter verneint, der nur erklärt, durch mehrere Unrege l- Mäßigkeiten in der Buchführung werde die Nach- Prüfung der Geschäftsvorgänge außerordent- lich erschwert." Also war Hartwig noch nicht strafrechtlich zu fassen, aber man hoffte doch seiner Laufbahn als vereidigter Bücherrevisor ein Ende zu bereiten. Es wandten sich Dritte an den Präsidenten des Land- gerichtS zu Dortmund und forderten auf Grund des Gutachtens der Sachverständigen die Streichung Hartwigs von der Liste der vereideten Bücherrevisoren. Der Präsident antwortete unterin 3. November 1909 wörtlich folgendes: „Auf Ihre Eingabe eröffne ich Ihnen, nach eingehen- der Prüfung der Sachlage, daß ich es ablehne, die Streichung des Sachverständigen Hartwig im Verzeichnis der im allgemeinen beeidigten Sachverständigen anzuordnen. Ihre Ausführungen ergaben nicht begründete Bedenken gegen die Zuverlässigkeit und Sachkunde des Herrn Hartwig als Sachverständigen." Daß die Bedenken danach begründet waren, haben der Staats» anwalt und die Herren vom Landgericht nun wohl erkannt, mutzte doch Hartwig als Hauptschuldiger an der Millionenpleite neben Ohm im Untersuchungsgefängnis Quartier bezichen. *• « Die Untersuchung der Geschäftspraxis bei der Niederdeutschen Bank hat zu einer neuen Verhaftung geführt. Montag abend wurde Direktor Schmitt der Niederdeutschen Bank nach mehrstündigem Verhör durch den Untersuchungsrichter Schauer im Bankgebäude der Niederdeutschen Bank wegen Untreue und Vergehens gegen das Depotgesetz festgenommen und in die gerichtliche UntersuchungS- Haft abgeführt._ Gerichts-Zeitung Wegen unbefugter Ausübung der Schankwirtschaft war der Schmiedemeister Adami angeklagt worden, weil er regel- mäßig seinen Kunden, wenn sie ihn besuchten, einen Schnaps ver- abfolgte. Das Schöffengericht verurteilte ihn auch zu einer Geld- strafe. Es ging davon aus, daß A. mit jener unentgeltlichen Ab- gäbe von Schnäpsen an die Kunden die Absicht verfolgt habe, sich dadurch dauernde Einnahmen zu verschaffen, denn die Absicht sei dahin gegangen, sich durch die kleinen Liebesgaben die Kunden zu erhalten und sie zu bewegen, ihm neue Kunden zuzuführen. Des- halb sei eine gewerbsmäßige Ausübung der Schankwirtschaft an- zunehmen.— Auf seine Berufung hob das Landgericht Stade daS Urteil auf und sprach den Angeklagten frei. Es legte entscheidenden Wert darauf, daß es bei den Meistern der ganzen Gegend üblich sei, den Kunden ein Schnäpschen zu verabreichen.— Das Kammergericht als Revisionsinstanz hob aber daz landgerichtliche Urteil auf und verwies die Sache an daS Landgericht zurück. Das Land- gericht habe den Begriff der Gewerbsmäßigkeit verkannt. Wenn ein Gewerbetreibender an seine Kunden dauernd Schnaps un- entgeltlich verabreiche, um fein Geschäft dadurch zu fördern, also um einen dauernden Gewinn zu erzielen, so könne darin die ge» werbsmäßige Ausübung der Schankwirtschaft gefunden werden- Die Tausenbmarkscheine des Zuchthäuslers. Wegen wissentlich falscher Anschuldigung und verleumderischer Beleidigung mußte sich gestern der Arbeiter Wilhelm Schult vor der 10. Ferienstrafkammcr des Landgerichts I verantworten. Der Angeklagte verbüßt zurzeit in dem Zuchthause Sonnenburg eine mehrjährige Strafe. Wahrscheinlich um aus dem eintönigen Einerlei herauszukommen und sich gleichzeitig an dem Kriminal- schutzmann Kendzierski, der ihn seinerzeit verhaftet hatte, zu rächen, erstattete er eines Tages gegen diesen eine Anzeige wegen Diebstahls, der er folgende völlig aus der Luft gegriffene Be» hauptung zugrunde legte. Der Kriminalbeamte habe bei einer Haussuchung in seiner Wohnung unter anderem auch eine Bilder- bibel beschlagnahmt, in welcher er zwei Tauscndmarkschcine der» steckt habe. Diese Scheine seien, als ihm die Bibel zurückgegeben wurde, spurlos verschwunden gewesen, so daß sie sich nur der Kriminalbeamte angeeignet haben konnte.— In der Beweis- aufnähme stellte es sich heraus, daß diese Beschuldigung vollkommen erfunden war. Der Angeklagte, welcher mit den Gesetzes- Paragraphen nur so umhertoarf, verlangte unter anderem vor Eintritt in die Verhandlung die Namen sämtlicher Richter zu wissen. Da dieses Verlangen nach dem Gesetz zulässig war, er- folgte erst eine allgemeine„Vorstellung".— Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf die überaus gemeine Handlungsweise des An- geklagten auf ein Jahr Zuchthaus zusätzlich. Rentiere und WarenhauSdicbin. Seiderauschend und brillantcngeschmückt betrat gestern die Rentiere Klara Geyer die Anklagebank der 0. Ferienstrafkammer des Landgerichts I, uin sich unter der Anklage des Diebstahls an— einem Paar Strümpfen zu verantworten.— Das Schöffengericht Berlin-Mitte hatte die Angeklagte wegen Diebstahls zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Gegen dieses Urteil hatte die G. Berufung eingelegt.— Die Angeklagte, die sich Rentiere nennt, wurde eines Tages in dem Warenhaus Tietz in der Leipziger Straße von der Verkäuferin Lücker beobachtet, wie sie in ausfälliger Weise wieder- holt an dem Trikotagenlager vorüberging. Als die Verkäuferin sah, wie die Angeklagte mit schnellem Griff sich ein Paar Strümpfe von der Auslage anneigncte und verschwinden ließ, teilte sie diese Wahrnehmnug dem Abteilyngschef mit. Dieser verfolgte die An- zeklagte, die, als sie dies merkte, die gestohlenen Strümpfe auf wr Treppe fallen ließ.— Vor Gericht bestritt die Angeklagte ganz energisch, sich eines Diebstahls schuldig gemacht zu haben. Ihr Verteidiger, Justizrat Lconh. Friedman», beantragte zum mindesten auf Grund eines non liquet die Angeklagte freizusprechen, da die vorhandenen Beweismittel zu einer Verurteilung nicht ausreichend eien. Die Berufunasstrafkammer hielt die Angeklagte jedoch des Diebstahls für überführt und erkannte unter Bestätigung deS ersten Urteils M Berwckfgng der Berufygz. I Sozialdemokratischer Wahlm Charlottenburg. 3. Gruppe. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser langjähriges Mitglied, der Genosse (M? Neumann verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 31. August, nach- mittags S Uhr, von der Leichen- Halle des Luisen-Kirchhoss, Fürsten- brunner Weg, aus statt. 250/ U Der Vorstand. Sozialderaökrat. ffablverein Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Genosse frai» Krettek am Sonntag, den 23. d. M., ge- starben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. September, nachmittags 5 Uhr, von der'Halle des Friedhofes aus statt. 238/13 Der Torstand. Deutseber Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß am Sonntag, den 28. August, unser Mitglied, der Kollege franz Krettek gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. September, nachmittags 5 Uhr, von der Halle des Friedhofes aus statt Um zahlreiche Beteiligung ersucht 89/1 Die Lokalverwaltung. Verdaad der freien Oast- und Sebankwirte Deutseblands. Zahlstelle Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß ani Somitag. den 23. August unser Mitglied und Kollege Franz Krettek gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. September, nachmittags 5 Uhr, von der Fried- hosshalle aus statt. Die Kollegen versammeln sich um t'/j Uhr beim Kollegen Israel, Berliner Strage Um zahlreiche Beteiligung ersucht 75/15 via Ortsverwaltung. Todcs-Anzclge. Montag, den 29. d. M., verstarb nach langer Krankheit meine liebe Frau und gute Mutter Uiise Rabe geb. Steinack. DicS zeigt ticfbctrübt an Restaurateur HVtliioIni Rabe Buckowcr Str. 10. Die Beerdigung findet morgen, Donnerstag, nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle dcS Luisen-Kirch- hoscs. Rixdors, Hermannstr. 190, auS statt. Dr.Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und%Harnleiden. Prinzenstr. 41,„X™*, 10—2. 5— 7, SonntaRS 10—12, 2—4 Verleih-Institut; Friedrichs!. 1 15/1, a.Orabg. 'Tor. Elcg. Frack, Gebrock 1.50, Hose 1.00, Weste 50Ps. teM der Enrei-nil MüenarWer SXZZX. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß anr 27. August der Kollege, Hosarbciter Wilhelm Kelch nach schwerer Krankheit der- storbcn ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung erfolgt heute I nachmittag» 6 Uhr, von der Halle I der Scgcnsgemcinde in Weisjen-i see, Gustav-Adols-Str. 67—74. j Rege Beteiligung erwartet 43/2 Uie Ortsverwaltung. Am Dienstag, den 30. August, verstarb nach langem Leiden mein lieber Mann, unser Vater, der Schankwirt 638b Lugen Lenk. Dies zeigen tiesbetrübt an Frau Lenk geb. Neumann und Kinder. �Die Beerdigung findet am Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des alten ThomaS-Kirchhoscs aus statt. Am Montag, den 29. August, früh 1 Uhr, starb nach langem schweren Leiden mein lieber Mann, unser guter Vater, der Molkerei- besitzer, frühere Krcissägcnschneidcr Ferdinand Bernard. Dies zeigen tiesbetrübt an llmma Bernard geb. Kteemann und Kinder. Die Beerdigung findet am 1. September, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Rixdorscr Friedhofes, Rudower Straße aus statt. rür Danksagung. die Beweise herzlicher Danksagung. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme, sowie diezahlrcichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner leider zu früh dahingeschiedenen lieben Frau, unserer unvergeßlichen lieben Mutter sagen wir allen, besonders dem Verband der Gast- und Schank- Wirte, den Genossen des VI. Berliner Wahlkreises sowie dem Gesangverein „Nordwacht" unseren herzlichsten Dank. Älbert Seidel, Schankwirt, 636b nebst 7 Kindern Danksagung. Für die vielen Beweise aufrichtiger Teilnahme und zahlreichen Kranz- fpendin bei der Beerdigung unserer lieben Tochter und Schwester Emma Xcumann sagen wir allen Verwandten, Genossen und Bekannten, besonders dem Ge- Nossen Manasse für seine eindrucks- vollen Worte am Grabe der Ent- schlasenen, dem Gesangverein„Wach aus", dem Metallarbeiterverband und den Meistern, Kolleginnen und Kollegen der A. E.-G., Schlcgclstraße, aus diesem Wege unseren herzlichstcn Dank. 635b Familie Albert Ncumaun, Töpfer, Französisch-Buchholz�_ MmannsTrauermagazin Extra- Abteilung I. 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Verantwortlicher Redakteur; Hans Weber, Berlin. Für denLnserateMeilverantw.i Ttz. Glocke, Berlin, Krück a. Verlag: Lonvärl« Buchdruckerei u, Berlagsqnstalt Kaul Kinger Zk So* Kerlin iW. Nr.M. 27. Jahrgang. 2. Stilnjt ki Jitmirts" Iniinn lolliüblntt. WMoch. 31. ZliM 1910. Internationaler Schuhmacherkongrek. Im sozialdemokratischen Volkshaus in Kopenhagen wurde am 26. und 27. August der 4. internationale Schuhmacher kongretz abgehalten, der von 28 Delegierten aus Deutschland, Dänemark, Nor- wegen, Schweden, Oesterreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, der Schweiz und Finnland besucht war; nur die finnische Organisation gehört noch nicht der internationalen Schuhmacherunion an. Letz- tere zählte Ende 1909 insgesamt 12 Landesorganisationen mit . 59 619 Mitgliedern. Die Einnahmen dieser Verbände betrugen 1999: 1 148 469 M.. die Ausgaben 1 119 632 M., wovon 158 273 M. für die Streiks und Aussperrungen und 567 891 M, für die der- schiedenen Unterstützungszwecke waren. Die Berichte des Sekretärs Simon, wie der meisten Verbände, lagen schriftlich vor; sie wurden zum Teil auf dem Kongreß durch weitere mündliche Mitteilungen ergänzt. Erwähnt sei davon, daß bis jetzt die Bemühungen des Sekretärs, die Franzosen. Engländer und Amerikaner zum Anschluß an die internationale Schuhmacher- union zu veranlassen, erfolglos waren. Gegen die tjchechisch-slawische Sonderbündelei in Oesterreich richteten sich zwei Resolutionen. Die eine lehnt jede Gemeinschaft mit ihnen sowie die Unterstützung ihrer Mitglieder ab. Die andere fordert den allgemeinen internationalen Arbeitcrkongreß in Kopen- Hagen auf, entscheidende Beschlüsse gegen diese schwere Schädigung der Arbeiterbewegung zu fassen. Beide Resolutionen wurden an- genommen. Die Drucksachen der internationalen Schuhmacherunion sollen in Zukunft in deutscher und schwedischer Sprache hergestellt werden. Die internationale Schuhmacherunion wird erweitert zur„Jnter- nationalen Schuhmacher- und Loderarbeiterunion". Ein Antrag des ungarischen Delegierten auf Aufnahme der Budapester Lokalorganisation der Schäftemacher in die internatio- nale Schuhmacherunion wurde mit allen Stimmen gegen die des Antragstellers abgelehnt. Als Sekretär wurde einstimmig Simon wiedergewählt und ebenso Nürnberg als Sitz der internationalen Schuhmacherunion bestätigt. Nach einem feurigen Schlußworte des Präsidenten Simon wurde der Kongreß am Sonnabend abend geschlossen. I erklärt, daß die Arbeiter voll beschäftigt werden können, wenn sie sich Lohnabzüge oder sonstige Verschlechterungen gefallen lassen würden. Die Arbeiter lchliten dies Ansinnen ab; darauf wurde ein Teil der Arbeiter entlassen.— Als am Freitag wiederum 39 Arbeitern gekündigt wurde, erklärten sich die noch verbleibenden Arbeiter mit den Entlassenen solidarisch und reichten ebenfalls die Kündigung ein. Die Zigarrenarbeiter der Firma F. C. Wiendiek in Neuen- k i r ch e n bei Melle sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Zuzug ist fernzuhalten. Hust&nd. Ein Urteil gegen Streiks. New Jork, 29. August. Der Richter Golf hat gestern ein sehr rigoroses Urteil gegen die Arbeiterunion in bezug auf den Streik der Schneider ausgesprochen. Die Arbeitcrunion verlangte, daß der Arbeitgeber nicht das Recht habe, sein Personal außerhalb des Syndikats zu rekrutieren und fügte hinzu, daß diese Forderung Anlaß gegeben habe zu dem Streik der Closed Shop. Das Urteil des Richters war für die Streiks im allgemeinen geradezu ver- nichtcnd und lautete in seinen Hauptstellen folgendermaßen: An- genommen, daß der erste Zweck des Streiks, wie überhaupt eines Streiks, der wäre, die Arbeiter, die nicht im Syndikat vereinigt sind, an der Arbeit zu verhindern, so würde damit nur bewiesen, daß der Streik dem öffentlichen Interesse ganz und gar zuwider und somit ungesetzlich sei.— Das Urteil fährt dann weiter fort: Der wesentlichste Zweck des Streiks ist also nicht der, die Bc- dingungen der Arbeiter zu verbessern, sondern einzig und allein nur der, andere Menschen, die doch auch ein Recht haben, ihrer Profession nachzugehen und durch ehrliche Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen, aus dem ganz einfachen Grunde von der Arbeit fernzuhalten und ihnen jede Existenz zu verweigern, nur weil sie nicht dem Syndikat angehören.— Dieses Verdikt bedeutet einen direkten Schlag gegen die Arbeitersyndikate. Wenn das die Harmonieduselei nicht tötet, dann ist diese schlimmste der sozialen Krankheiten für den Arbeiter überhaupt kaum ausrottbar. Gegen Unternehmer wird ein solches Urteil sicher nicht gefällt, Gewcrk fcbaftlicbee. Vom Kampf auf den deutfeben Seeschiffs- werften. Nach einer Zusammenstellung beträgt die Zahl der streikenden und ausgesperrten Werftarbeiter aller Branchen in allen Werft- orten 22 112. Anspruch auf absolute Genauigkeit können die aus den einzelnen Orten gemeldeten Zahlen nicht erheben. Viele Strei- kende und Ausgesperrte, die abgereist und in anderen Orten oder sonstwo in Arbeit getreten sind, haben sich nicht zur Kontrolle ge- meldet. Die Gesamtzahl dürfte sich nicht unbeträchtlich erhöhen. zumal auch Unorganisierte in Frage kommen, die sich nicht zur Kontrolle eingefunden haben. In Hamburg haben sogleich 7976 Organisierte die Arbeit niedergelegt; hinzugekommen sind in den letzten Tagen— am Dienstag morgen stellten 89 Mann der Eisengießerei von Zeise in Ottensen die Arbeit ein. weil sie keine Streikarbeit machen wollten— etwa 799 Metallarbeiter; abgereist und anderwärts in Arbeit getreten sind etwa 1499 Mann, so daß zurzeit in Hamburg 6499 Streikende in Betracht kommen. Flensburg weist 1251 Ausgesperrte auf, Lübeck 1221, Rostock 795, Stettin 3238, Vegesack 1988, Bremerhaven-Einswarden 1492, Bremen 2373 und Kiel 2878. In einer allgemeinen Mitgliederversammlung des Metall- arbeiterverbandes, Verwaltungsstelle Hamburg, die am Montag- abend im größten Saale Hamburgs tagte, hielt Genosse I h l e eine gründliche Abrechnung mit der verlogenen bürgerlichen Presse, die, um die äußerst bescheidenen Forderungen der Arbeiter in Mißkredit zu bringen, die geforderte 19prozentige Lohnerhöhung in eine solche von 59 Proz. umgeschwindclt hat. Ferner geißelte er den von den Unternehmern beliebten Lohnlistenschwindel, wie wir ihn schon in der vorigen Woche unter die Lupe genommen haben. Durch die in die Presse lancierten Ausspcrrungsandrohungcn von 399 999 Mann ließen sich die Arbeiter nicht verblüffen, kühle Ruhe und Besonnenheit würden nach wie vor beohachtet werden. Beschlossen wurde, die Nichtbezugsberechtigten von der dritten Woche ab nach den üblichen Sätzen zu unterstützen. Mit einem dreifachen Hoch auf den guten Ausgang der Werft- arbcitcrbewegung wurde die von 7999 Personen besuchte Versamm- lung geschlossen. Berlin und Qmgegend. Linolenmlcgrr und Teppichnäher! In den Zwischenmeister- betrieben von Franz Pannier, Neue Grünstr. 38; Fritz Gebhardt, Kaiscr-Wilhelm-Straße 39; Ludwig Schäfer, Reinickendorfer Straße Nr. 99, und Emil Goldbeck, Prinzessinnenstr. 18, haben die dort be- schäftigtcn Linoleumlcger und Teppichnäher wegen Nichtbewilligung unserer Forderungen die Arbeit eingestellt. Der Zuzug nach diesen Betrieben ist unbedingt fernzuhalten. Die Ortsverwaltung Berlin des Verbandes der Sattler und Portefcuiller. DeutTcbes Reich. Unter der Zechenfnchtel. DaS Zusammengehen des Christlichen Gewerkvereins mit den Zechen anläßlich der bevorstehenden Knappschaftsältestenwahl wird nicht nur jeden Tag offenkundiger, sondern für die Christen immer blamabeler. Die Zeche Friedrich d. Große in Herne präsentiert den Christen jetzt sogar einen Arbeitswilligen vom großen Streik 1995 als Kandidaten, den sie Wohl oder übel und wenn auch mit Augcnverdrehcn schlucken müssen. Aber sie sind ja vom Zentrum nicht verwöhnt worden; warum sollen die nationalliberalen Zechenbesitzer ihnen nicht mal Pillen ver- schreiben?_ Lohnbewegungen im Tabakgcwerbe. Die im Tagelohn beschäftigten Tabakarbeiterinncn Nord- Hausens, die gezwungen sind, bei einem Wochenlohn von 6 bis 8,49 Mark ihre Existenz zu fristen, sind in eine Lohnbewegung ein- getreten. Sie verlangen einen Anfangslohn für die im Tabak- gewerbc noch nicht beschäftigt gewesenen Arbeiterinnen von 13 Pf. pro Stunde, gegen 19 Pf. bisher und eine monatliche Steigerung von 1 Pf. pro Stunde, bis der übliche Lohn der übrigen Arbeite- rinnen erreicht ist. Der Stundenlohn der zurzeit im Betrieb be- schäftigten Arbeiterinnen, soweit sie als Lernende nicht zu betrachten sind, soll von 14 Pf. auf 18 Pf. pro Stunde erhöht werden. Auch sollen Schcucreimer und Tücher von den Fabrikanten geliefert werden. In der Zigarrenfabrik von E. Heymann(Sitz Zwickau) haben die Tabakarbeiter seit 15. August v. I. bis jetzt mit ganz ein- schneidender verkürzter Arbeitszeit gearbeitet, um die Folgen der Tabaksteuer dadurch zu überwinden. Wiederhöst hatte die Firgig Industrieller Despotismns. Die Trusts tyrannisieren nicht nur ihre Konkurrenten und den Konsum. Auch der Arbeiter im Betrieb muß ihr willenloses Opfer werden. 1991 erllärte Morgan, in vier Jahren werde die Macht der Getvcrkvcrcine in den Betrieben des S t a h l t r n st s gebrochen haben. Es hat freilich nenn Jahre gedauert, aber er kann sich nun rühmen, daß der Trust 139 999 Arbeiter beschäftige darunter keinen organisierten. Daö bedeutet zugleich den Bankrott der„alten" Methoden der einst so stolzen und noch jetzt gegen Nicht-Znnftgcnossen so hochmütigen Branchenvcrbände der Ge- lernten. Der englische„Morning Leader" betont, daß dieses Er- gebnis einer durch rücksichtslose Schutzzollwirtschaft geförderten Be- triebspolitik die englischen Arbeiter um so entschlossener in ihrer Ablehnung der verlockenden Geschenke des Schutzzolles machen werde. Die amerikanischen aber werden, so weil sie nicht ganz niedergetreten find, sich doch z» neuen gewerkschaftlichen Methoden im Sinne der Betriebsverbände und zu einer energischen Arbeiter- statt der überlieferten Schwanzpolitik bekehren müssen. Der Streik in Bilbao. Madrid, 29. August.(Eig. Ber.) Der Graf Zuhiria, ein Hochofenbesitzer in Portugalete bei Bilbao, verlangte und erhielt auf sein Verlangen von der Regierung einige Kompagnien S o l- baten, die die Ausschiffung von Kohle für seine Hochöfen über- wachen und unterstützen sollten. Diese Provokation führte zu einem Zusammenstoß. Die Truppe gab mehrere Salven ab und viele der Streikenden sind verwundet worden. Man er- innert sich, daß die Regierung die Arbeiter ihres Wohlwollens ver- sichert und ihnen die moralische Unterstützung zugesagt hat. Man sieht daraus wieder einmal, welchen Wert solche Versprechungen besitzen. Am 28. August fand eine Versammlung der Arbeitervereini- gungen der Provinz Biskaha statt, an der auch die Delegierten von Madrid teilnahmen. Mit 17 gegen 13 Stimmen wurde be- schloffen, den Generalstreik in diesem Zeitpunkt nicht zu erklären. Hiiö der frauenbcweöfun� Die weibliche Arbeitskraft in der Textilindustrie. In der Textilindustrie kann man nicht mehr von einem starken Eindämmen der weiblichen Arbeitskraft reden, hier muß man für die Kennzeichnung der sozialistischen Erscheinung sdhon die Formel wählen: Znrückdrängung der männlichen Arbeitskraft. Die Weib- liche Arbeitskraft überwiegt hier nämlich schon bei Iveitcnr. Nach- stehende Znsammenstellung nach den Angaben der Gcwerbeinspektoren veranschaulicht das. Die Berichte geben die Zahl der in der Textilindustrie be- schäftigten Arbeiter, nach Geschlecht und Alter getrennt, wie folgt an: Männliche Arbeiter über 16 Jahre.... 376729 Arbeiterinnen von 16 bis 21 Jahren 140 871 i über 21„ 266 570/ 411 Jugendliche Arbeiter von 14 bis 16 Jahren: männlich».....»» 39 o42 1 7aq weiblich........ 49 207 J'ü Kinder unter 14 Jahren: männlich....»««» 1 379 1 n nin weiblich......... 2 368/ Ö'4'• 498 631 männliche, 459 916 weibliche Arbeitskräfte sind demnach in der Textilindustrie beschäftigt. Die Zahlen sind charakteristisch für jene Tendenz der gesamten kapitalistischen Großproduktion, die aus steigende Verwendung der willigeren Frauenarbeit hinziclh wo immer cS die Umstände erlauben. Die große, stetig wachsende Zahl der Textilarbeiterinnen bc- deutet für die männliche Arbeiterschaft in der Textilindustrie Wirt- schaftliche Schädigung, so lange die Frauen unorganisiert sind und durch Schmntzkonknrrcnz die Lohne der Männer herabdrncken. Es liegt daher im ureigensten Interesse der Textilarbeiter wie der Arbeiterschaft Wrhaupt, auf die Organisierung aller ihrer weiblichen Berufsgenossinnen hinzuarbeiten. Jedoch noch eine andere Not- Ivcndigkeit ergibt sich aus der Tatsache, daß große Scharen Frauen gleich dem Manne selbständig am gesellschaftlichen Produktionsprozeß teilnehmen. Den Frauen muß die Möglichkeit gegeben werden, ihre Interessen selbständig im politischen Leben zu vertreten. Diese Möglichkeit gibt ihnen daS politische Wahlrecht, daS die Frauen auf Grund ihrer gesellschaftlichen Arbeit erkämpfen müssen. Hus aller Melt. Im Zeichen der fleifchnot In Sodingen bei Bochum sind infolge Genusses verdorbenen Fleisches 99 Personen erkrankt, ein Kind i st bereits gestorben. Am Montag wurde dem Mctzgermeister Schlüter der Laden geschlossen und daS übrige Fleisch beschlagnahmt. In einer Familie sind die Eltern und neun Kinder erkrankt. Zwei aus Berlin zu Besuch weilende Frauen befinden sich unter den Erkrankten. Mehrere andere Personen schweben in Todesgefahr. Auf den Zechen war Lohntag gewesen, weshalb mehr Fleisch als sonst gegessen wurde. Der Metzgermeister bezog ausgelöstes Fleisch aus dem Osten, welches oft unreif und gesundheitlich wenig einwand- frei ist. Die Familie des Metzgermeisters selbst ist nicht erkrankt, wohl aber das Dienstmädchen und der Lehrling. Es wird daraus geschlossen, daß Schlüter die Beschaffenheit des Fleisches gekannt und sich vor dem Genuß desselben gehütet hatte. Drei Aerzte und mehrere Diakonissinnen sind am Orte zur Pflege tätig. Interessant ist, daß das Fleisch aus de nx agrarischen Osten stammt. Daß solches Fleisch überhaupt vertauft werden konnte, hat seine Ursache in der herrschenden Fleischnot, die eS ermöglicht, auch das ekelhafteste Zeug auf den Markt zu bringen. Erdbeben i» Kalavricn. Ein sehr heftiger Erdstoß ist am Dienstag früh gegen 3 Uhr 15 Minuten in der Provinz Kalabrien verspürt ivorden. Die Bevölkerung lagert im Freien. Auch in Mcssina, Gerace, Monteleone, Gallina, Milazzo und Mileto ist der Erdstoß ver- spürt worden. Die Instrumente des Observatoriums zu Mileto, die außer dem Hauptstoß drei leichtere Erdstöße ver- zeichneten, wurden beschädigt. Soweit bekannt, ist kein Schaden angerichtet worden. Im Dienste des Zaren. Die Gespensterfurcht, die die hessischen Behörden seit der An« Meldung des unangenehme» Gastes aus Rußland ergriffen hat, ist bereits vor der Ankunft des Blutzarcn zu recht bedenklicher Höhe angewachsen. In der ganzen Umgebung des zu einer Festung um- gewandelten Friedberger Schlosses schnüffelt die zu einer kleinen Armee angewachsene russische Spitzelgarde herum; müssen diese Gesellen ihrem Herrn und Gebieter doch beweisen, wie unentbehrlich die gewaltigen Ausgaben Rußlands für die russische Geheimpolizei ist. Auch auf die deutschen Behörden scheint sich die Furcht vor etwaigen Attentaten auf den Zaren bereits übertragen zu haben, denn aus Bad Nauheim meldet ein Telegramm, daß dort ein Russe Mandelbcrg unter dem Verdachte, der anarchistischen Partei an- zugehören, festgenommen worden ist. Als er sich bei der Polizei nicht genügend ausweisen konnte, wurde er in Haft be« halten und wird sofort ausgewiesen werden. Was doch nicht alles ein„lieber Besuch" zuwege bringt; sässon der Verdacht, daß jemand„Anarchist" sein könnte, genügt, um ihn des Landes zu verweisen._ J�eue Erfolge der Hviatth. Wir wir bereits in unserer gestrigen Nummer meldeten, gelang es aus dem Flugplatze von Le Havre dem Flieger Moräne. den bisherigen Weltrekord im Höhenflüge zu überbieten. Offiziell wird bekannt gegeben, daß Moräne eine Höhe von 2949 Metern erreicht und damit den Welthöhcnrekord geschlagen habe. Der Schotte Drexel soll in Wirklichkeit eine Höhe von 2989 Metern er« reicht haben, doch ist dieser Rekord nicht bestätigt worden. Wie der kühne Aviatiker nach seiner glücklichen Landung erklärte. stellte er, nachdem sich der Apparat in 2949 Meter Höhe befand, den Motor ab und begann den Abstieg. ES waren 29 Minuten vergangen, seit ich den Boden verlassen hatte. In neun Minuten langte ich im Gleitfluge unten wieder an. Fast gleichzeitig mit Moräne hat in Lille der Flieger Brey» et im Passagier fluge einen neuen Welt» rekord aufgestellt. Es gelang ihm, am Montagabend mit seinem Zweidecker einen Passagicrflug mit fünf Passagieren an Bord auszuführen, bei dem er nach einer kurzen Fahrt glatt landete. DaS Gesamtgewicht der Passagiere und des Gepäckes be» trug 41SKilogramm._ Des Priesters Liebesabenteuer. Unter dem Titel„Triumph der Pricstermoral" veröffentlicht die „Vita" aus einer Gerichtsverhandlung in Florenz folgende Ge« schichte: In Trcvi war ein wunderhübsches 24jährigcS Mädchen namens Michclina R o s i ch e t t i mit Guiglelmo P i e t r o, dem Bruder dcS OrtSpfarrerS, verlobt. Der Priester aber, GniglelmoS Bruder, verliebte sich in die schöne Michelina. Er beschwatzte und verführte sie schließlich, nachdem er ihr versprochen hatte, sein geistliches Gewand abzulegen und sie zu heiraten. Beide entflohen dem Zorn des betrogenen Verlobten nach Florenz. Hier aber bekam der Pfarrer Don Michele Gewissensbisse. weil er die Messe nicht mehr lesen konnte. Er wandte sich an die kirchlichen Behörden und bat um seine Wiedereinsetzung. Diese waren gern bereit, dem reuigen Sünder wieder eine Scelsorge zu übertragen, falls er die über ihn verhängte Kirchenstrafe in einem Kloster abgebüßt hätte. So geschah es, und der Priester war von diesem Augenblick an spurlos ver- sch wunden, mit ihm aber auch 499 Lire ans dem Besitze der Geliebten und ihre goldene Uhr. Die Betrogene zeigte den Diebstahl an und erklärte dabei, Don Michele habe sie m'i t dein Revolver in der Hand gezlvungcn, ihm zu Willen zu sein. Don Michele, der unauffindbar ist, tynrde tu coutumaeiaill zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Kleine Notizen. Begnadigt. Ein hochbetagtcs Ehepaar K u z n i k aus R a t i- bor, das wegen Ermordung seines Schiviegersohncs zum Tode verurteilt war, ist zu lebenslänglichem Zuchthaus bc- g n a d i g t worden. Der Ehemann zählt 73 Jahre, die Ehefrau 63 Jahre. Bei einer Rcgiincntsiibnng stürzten in Colmar am Montag sechs Soldaten des 14. Dragonerregiments vom Pferde. Einer brach das Genick und war sofort tot, drei sind schwer verletzt worden. Ein Brandstifter hat in der letzten Nacht im Orte Sülldorf bei Blankenese an verschiedenen Orten Feuer angelegt. Drei Anwesen sind mit der gesamten Ernte und sämtlichem Bich verbrannt. Jin Verdacht des Raubmordes. In Hannover verhaftete die Polizei drei galizischc Arbeiter unter dem dringenden Verdachte, in der Provinz Posen einen 18jährigen galizischcn Arbeiter durch zahlreiche Messerstiche ermordet und beraubt zu haben. Die Täter waren nach der Tat ins Ausland geflüchtet und später nach Deutschland zurückgekehrt. Einer der Verhafteten hat bereits ein Geständnis abgelegt. Durch Einsturz deS Fusibodens eines Versteigerungslokals fielen bei einer Versteigerung in L a n c e st c r fEngland) viele An- wesende in den Keller. Zwei von ihnen haben schwere, mehrere andere leichtere Verletzungen erlitten. Heftige Regengüsse haben in W e st s ch o t t l a n d großen Schaden angerichtet. Aus vielen Gegenden kommen Berichte, daß die Ernte v o l l st ä n d i g vernichtet ist. Mehrere Teile von Glasgow sind überschwemmt; das Wasser steht an einigen Stellen der Straße vier Fuß tief. Aus einzelnen Teilen des nördlichenEngland kmmen Nachrichten über schwere Wetter- schäden. Die Pest. In einem Regiment der Odessacr Garnison ist ein .M tW! Puböllenpest tarMsjBM«. Zentral-Verband der Zimmerer Zablftelle Berlin und Umgegend. Mittwoch, den 31. August, und Donnerstag, den 1. September, abends 8% Uhr, finden im Berliner Lohngebiet 32 Bezirks'VerfammluDgen in den schon durch Handzettel bekanntgemachten Lokalen statt. Tages-Ordnung: l. Kericht der Delegierteil von der Zahlstellen-Nersommlung; 3. Vortrag über:„Die Ätnation in unserem Kerns". Referenten die Kcimeraden kluäsu, Dittmann, R. Engelhardt, Golze, Hauffe, Hinrichsen, Klanle, Klossowski, Knüpfer, Licht, W. Schäfer, Schindler, Scbönbeck, R. Schröder, IL Schultz, F. Schulze, Wellsow, Witt, Ziege. 255/2 ,,: Das Erscheine» aller Mitglieder ist Pflicht. vor Vorstand. Slrliettdilartnveis: Hoj 1. Amt 3, 1239. AerwalruiigSslelle Berlin. Hauptbureau: LhsritüetraSs 3. Hoj III. Amt 3. 1987. Donnerstag, den t. September tvttt, abends 8 Uhr: Allgemeine Versammlung aller ln 6«I/z Uhr: Mitglieder-Versammlnng der Klempner in den Musiker-Festsiilen, Kaiser-Wilhelm-Straße 18m. Tages-Ordnung: in unserem Berus, und was gedenlen Die gegenwärtige Siluation wir zu tun? IW Mitgliedsbuch legitimiert. WO Kollegen I Agitiere ein jeder sür einen zahlreichen Besuch, um auch den lehte» Mann zu informieren. 120/ i?___ Plc Ortsvcvwaltnng. Ter waltnngs» teile Berlin. Mittwoch, den 31. Augnst. abends 9 Uhr, im Eiiglischeii Garten, Alexanderstrabe 27 e Ta 88/10 Urtfatitmliing der Fedenlisdsler. igesordnung: Bericht von den Einigungsveryandlungen. Pie Bmnekenleitnnir. Verband der Maler, Laebierer, Anstreieber sie. Relchiorstrabe 23. Part. Filiale Berlin. FernsPr.: Amt 4, 4737. Mtion der Lackierer. Donnerstag, den 1. September, abends B'/a Uhr, im Gewerkschaftshans, Engelufer tS: Selllians-Nrrsaimnlnng der Lailiiem. ]. Borlra Ta wlrag dcS Genossen Kien«»: „Das persönliche Regiment". jcsordnung: lolr»: >. Diskussion. S. VerbandSangelegenheiten. hlreicheS Erscheinen erwartet_ Zahlreiches Gegen Brechdurchfall und 139, IS Die Sektionsleitung. die Eäug W Darmkatarrh schützt man linge am besten, wenn man sie mit.Ku s eke" und Milch ernährt. Beides zusamnien wird im Magen gut verdaut und geht im Darm weniger leicht wie Kuhmilch allein zur Gärung über.„Kuseke" verleiht der Milch einen höheren Nährwert, wird von allen Kindern gern genommen und ermöglicht einen rationellen Ucbergang zur sesten Nahrung. 2/1 Zepernick-Bernau. ! Parzelle von 390». an(ca 90nR.) ( Kleine Anzahlung«■ langjährige( > Hhpotheken. Pläne gratis. Ver-, > kiiufer ständig am ß'1'- Zepernick.< jj. Bieger. Berlin, Gontardstr. ö.i tiroAe 7irms°°.gibt löppivllg, k3ll!illöli, 8t0lS8, 8töppllöl!lsöil. k'olliösöil auf Teilzahlung ohne Anzahlung. Keine Kassierer.» Chiffre 3. 100,„Vorwärts'-Spedition Anguststr. 50. (s Haben Sie Stoff? ich jerUse davon Anzug od. Paletot nach Mass, schick, dauerh. Zutaten, von 20 M ark an. 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Beman, Btfntgental, Zepernick, Schönow und Schön« brück: Heinrich Brost, Hohefteinstr. 74, Part. Bohnsdorf und Falkenherg: Alois Laus, Bohnsdors, Ge» nossenschastshaus„Paradies". Eharlottenharg: Gustav Scharnberg, Sesenheimerstratze 1. Ecke Goethestratze, Laden. Elchwalde. Zcnthen, Ullersdorf und Hankels Ablage: DSIar Mahle, Eichwalde, Stubenrauchftr. 99. Erkner: Ernst H v f f m a n n, Friedrichshagener Chaussee. Fredersdorf-Petershagen; E. Höselbarth, PeterZhage». Frledenan-Stegllts- Südende: H. Berns ee, Schlotzstv. 119, Sos I, in Sieglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: . Mohr, Duppelstr. 32. und Fr. S ch eil h a s e. Ahornstr. 15». Friedrichshagen: Emst W e r t m a n n, Köpenicker Straße 13. Ctrünau; Franz Klein, BaHnHosstr. 6 III. J ohannist hal: Pielicke, Kaiser-Wilhelm-Platz 4. Karlshors t: Richard Küter, Rödelsir. 9, II. Bönigs- W nsterhaiisen: sfriedrich Baumann, BaHnHosstr. 13. Böpenlek: Emil W i ß l e r. Kletzerstr. 6, Laden. 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Aahrgaag. 3. Skilme des Joiiitfs" Kllim UcksblR Piftiroil;, 31. Z>»Mß 1910. flnter Lholersverclscht. Neue Erkrankungen in Berlin. Während die Cholera in dem benachbarten Spandau einKand» frei festgestellt worden ist, haben die Untersuchungen der Berliner Fälle glücklicherweise bis jetzt keinen Anhalt dafür ergeben, daß die Cholera in Berlin ihren Einzug gehalten hat. Außer der Ehe- frau des verstorbenen Hausdieners Vogt, ihrer bei ihr wohnenden Schwester und ihrer beiden Kinder ist auch noch eine Frau Schulz aus demselben Hause unter Choleraverdacht dem Rudolf» VirchMvkrankenhauZ zugeführt worden. Indessen scheint auch hier keine Choleraerkrankung vorzuliegen. Unter dem dringenden Verdacht der Cholera» erkrankung ist gestern abend in der sechsten Stunde der 31jährige Arbeiter Paul Friedrich, Korsörer Straße 20. in die Baracken des Virchow-Krankenhauses ein- geliefert worden. F. war in der Munitionsfabrik in Spandau beschäftigt. Bekanntlich ist dort der erste Cholerafall aufgetreten und es ist nicht ausgeschlossen, daß sich F. auch dort die Keime für die Choleraerkrankung geholt hat. Er erkrankte gestern mittag unter äußerst verdächtigen Er» fcheinungen und ein aus der Nachbarschaft hinzugezogener Arzt stellte fest, daß Choleraverdacht vorlag. Starkes Er. brechen bildete die Hauptgrundlage für diese Konstatierung. Unter den notwendigen Vorsichtsmaßregeln wurd F. in einem Kranken» wagen des Verbandes für erste Hilfe sofort nach den Cholerabaracken des Virchow-Krankenhauses gebracht und in Behandlung genommen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man es hier tatsächlich mit der epidemischen asiatischen Cholera zu tun hat. Gleichzeitig wurde auch die aus vier Köpfen bestehende Familie des F. nach den Isolierbaracken gebracht. Sie werden dort vorläufig unter Quarantäne bleiben. Der Zustand de? erkrankten F. ist äußerst kritisch und man glaubt nicht, daß er dem Leben erhalten bleibt. Die Symptome sprechen ganz dafür, daß er an Cholera erkrankt ist. Auch aus dem Hause KorsörerStraßeLI mußten gestern abend um 8 Uhr zwei Choleraverdächtige in die Baracken de? Virchow-Krankenhauses eingeliefert werden. ES handelt sich um die beiden Kinder des Portiers E n g c m a n n. Die Kleinen hatten sich am Tage in der Wohnung des Arbeiters Friedrich, über dessen Erkrankung wir oben be- richteten, aufgehalten. Im Laufe des Nachmittags stellten sich bei ihnen sehrverdächtigeErkrankungserscheinungen ein, so daß man eS für angebracht hielt, beide nach den Cholera» ibaracken zu schaffen. Amtlich wird gemeldet: Der Verdacht, daß der Hausdiener Qlto Vogt, Oderberger Straße 47, an Cholera gestorben sei, ist durch die bisherigen Untersuchungen, die allerdings noch nicht ganz abgeschlossen sind, nicht bestätigt worden. Vogt war ein schwächlicher Mensch, der seit einiger Zeit an einem Darmloiden litt, an dem er gestorben sein dürfte. Die Familienmitglieder des Verstorbenen werden bis zum Abschluß der Untersuchung im VirchowkrankenhauS verbleiben. Die in vergangener Nacht unter choleraverdächtigen Erscheinungen erkrankte 42 Jahre alte Ehefrau Berta des Ar- ibeiters Robert Schulz, ebenfalls im Haufe Oderberger Straße 47 wohnhast, befindet sich im Virchowkrankenhause verhältnismäßig wohl. Auch hier dürfte sich der Verdacht auf Choleraerkrankung nicht bestätigen. Der Berliner Polizeipräsident «erläßt folgende Mitteilung: „Da in Spandau zwei Fälle von Cholera festgestellt worden sind, sehe ich mich veranlaßt, die Herren Aerzte und die zur An- zeige von Cholcraerkrankungen sonst verpflichteten Personen an die Borschristen in den ßz 1 bis b des Reichsgesetzes über die Be» tämpfung gemeingefährlicher Krankheiten vom 80. Juni 1900 (Reichsgesetzblatt S. 306) zu erinnern und sie zu ersuchen, vor» kommcndenfalls dieser Pflicht in sorgsamster und schleunigster Weise zu entsprechen. Nach jenen Bestimmungen ist jede Erkrankung und jeder Todesfall an Cholera(asiatischer) sowie jeder Fall, der den Verdacht dieser Krankheit erweckt, der für den Aufenthaltsort der Erkrankten oder den Sterbeort zuständigen Polizeibehörde unver» züglich mündlich oder schriftlich anzuzeigen. Wechselt der Erkrankte den Aufenthaltsort, so ist dies sofort bei der Polizeibehörde des bisherigen und des neuen Aufenthaltsortes zur Anzeig« zu bringen. Zur Anzeige sind verpflichtet: 1. der zugezogene Arzt, 2. der Hausha l tu ngsvorstand, 3. jede sonst mit der Behandlung oder Pflege des Erkrankten beschäftigte Person, 4. derjenige, in dessen Wohnung oder Behausung der ErkrankungS- oder Todesfall sich ereignet hat, b. der Lvichenbefchauer. Die Verpflichtung unter Nr. 2 bis b genannten Personen trifft nur dann ein, wenn ein früher genannter Verpflichteter nicht vorhanden ist. Für Krank- heitS» und Todesfälle, welche sich in öffentlichen Kranken-, Ent- bindungS», Gefangenen», Pflege» und ähnlichen Anstalten er- eignen, ist der Vorsteher der Anstalt oder die von der zuständigen Stelle damit beauftragte Person ausschließlich zur Erstattung der Anzeige verpflichtet. Auf Schiffen oder Flößen gilt als HauS» Haltungsvorstand(siehe Nr. 2) der Schiffer oder Floßführer oder deren Stellvertreter. Die Herren Aerzte sowie die Vorstände der obengenannten Anstalten bitte ich, die etwaigen schriftlichen An» zeigen bei Cholcraerkrankungen und choleraverdächtigen Fällen nicht auf den in ihrem Besitz befindlichen Kavtenbriefen zu er» statten. Die Anzeiger selbst ersuche ich, wie schon aus der Adresse kenntlich gemacht worden ist, gleich den übrigen KrankheitSmel» düngen der Sanitätskommission ungesäumt in jedem einzelnen Falle einsenden zu wollen. Die übrigen außer dem behandelnden Arzte zur Anzeige verpflichteten Personen ersuche ich dagegen, vorkommenden Falls die Anzeige bei dem zuständigen Polizeirevier unverzüglich mündlich oder schriftlich zu erstatten. Bei Erkran- kungen auf Schiffen oder Flößen ist die Anzeige von dem Schiffer oder Floßführer dem der Anlegestelle zunächst gelegenen Polizei» revier zu machen. Ich weise schließlich darauf hin, daß als choleraverdächtige Erkrankungen insbesondere hef. tige Brechdurchfälle aus unbekannter Ursache anzusehen find." •• * Neben den an Ort und Stelle getroffenen Vorsichtsmaßregeln find weitere für den unwahrscheinlichen Fall getroffen worden, daß in Berlin doch noch ein Cholerafall vorkommen könnte. DaS Depot des Verbandes für erste Hilfe in der Bclle-Alliancestraße ist seit gestern nur für Transporte verdächtiger Kranker reserviert worden. Ebenso wie in dem vorletzten Jahre wurde das Depot sofort bei Bekanntwerden des ersten verdächtigen Falles für alle anderen Transporte geschlossen. Die Transporteure werden beim Elbliefern der Erkrankten im VirchowkrankenhauS sofort deSinfi- Giert, und auch bis Wage» wurden einer Desinfektion unterzogen. Neue Erkrankungen in Spandau. Aus Spandau kommt die Meldung, daß zwei weitere Per- fönen an Brechdurchfall erkrankt sind. Gestern vormittag erkrankte der neunzehnjährige Schreiber Willy Buchholz aus der Hamburger- straße 95. Der junge Mann fühlte sich bereits am Montag den ganzen Tag über unwohl und blieb deshalb dem Geschäft, in dem er angestellt ist, fern. In der Nacht zum Dienstag stellten sich bei ihm heftiger Brechreiz verbunden mit Durchfall ein, so daß heute vorniittag ein Arzt zu Rate gezogen' wurde. Da sich bei dem Patienten bisher noch keine ausgesprochenen Symptome von Cho- lera gezeigt haben» konnte der Kranke vorläufig in seiner Wohnung verbleiben. In dem zweiten Fall handelt es sich um die 20 Jahre alte Arbeiterin Elise Schweder, Lhnarstraße 35 in Spandau wohnhaft. Das Mädchen befand sich feit Sonntag in einem Zustand nervöser Ueberreizung. Als die Schweder am gestrigen Nachmittag auf dem Treppenflur des Hauses Lynarstratze 35 einem städtischen Desinfektor begegnete, der mit einem weißen Mantel, weißer Mütze und einer Schutzbrille bekleidet war, fiel sie in eine schwere Ohn» macht. Heute früh begab sich Fräulein Schweder nach ihrer Ar- beitsstätte in Charlottenburg, wo sie in den städttschen Werken be- schäftigt ist. Gegen 10 Uhr vormittags wurde das Mädchen von Erbrechen und Durchfall befallen und sofort nach dem Kranken- hause Westend übergeführt, w» sie in einer Isolierbaracke Aufnahme fand. Der Vater der Schweder, der als Arbeiter in dem könig- lichen Feuerwerkslaboratorium in Spandau angestellt ist, wurde sofort von seiner Arbeitsstelle nach dem städttschen Hospiz über» geführt, wo er und seine Frau unter Quarantäne gestellt wurden. Die Wohnung der Familie Schweder wurde sofort desinfiziert und ein Kriminalschutzumnn an dem Hauseingang postiert. « Der Glasermeister Wachtel, Spandau, Pichelsdorfer Straße, bittet uns um die Veröffentlichung der Mitteilung, daß er nicht, wie der„Berliner Lokal-Anzeiger" in seiner Abendausgabe von gestern berichtete, unter Choleraverdacht erkrankt und nach den Jsolierbarackten gebracht worden sei. Auch seine Familie ist nicht unter Quarantäne gestellt worden. Herr Wachtel befindet sich vielmehr mit seiner Familie ganz wohl. In den Isolierbaracken. Das Befinden des am vorgestrigen Tage in das Spandauer Krankenhaus eingelieferten Desinfektionsarbeiters Neumann ist ein außerordentlich ungünstiges. Dagegen ist in dem Befinden des Hilfsrevisors Barno eine leichte Besserung zu verzeichnen. Der Patient schwebt zwar noch immer in Lebensgefahr, doch haben sich bei ihm bisher keine weiteren Anfälle der Cholera wiederholt. Die Aerzte sprechen die Hoffnung auS, den S. am Leben erhalten zu können. Die in den Isolierbaracken des Spandauer Kranken- Hauses internierten Personen befinden sich wohl und munter. Bis. her hat sich bei keinem ein Symptom der Krankheit gezeigt, so daß, falls nicht Komplikattonen eintreten, die Entlassung sämtlicher unter Quarantäne stehender Personen bereits am heuttgen Mittwoch, also am fünften Tage erfolgen kann. Die Untersuchungen über die Entstehung der Cholera in Spandau sind noch in vollem Gange, doch hat man bisher immer noch keine sicheren Anhaltspunkte finden können. Das Haus Weißenburgerstraße 16a ist inzwischen von der Polizei freigegeben worden. Nur die Wohnungen der Familien Sttung und Mügge verbleiben immer noch unter polizeilichem Siegel, bis die Bewohner aus dem Krankenhause entlassen sind. Wie die Cholera verhütet wird. Die Cholera tritt in Europa zumeist in der wärmeren Jahres» zeit auf, wenn sie überhaupt bis in das kulttvierte Mittel- oder Westeuropa vorzudringen vermag. Aber auch im Winter erlischt die Seuche oft nicht ganz, wenn sie auch da bei starker Kälte sehr bedeutend zurückgeht. Ihre Uebertragung erfolgt nicht etwa durch persönliche Ansteckung oder durch Berührung von Personen, fondern nur, wenn durch Wasser, Nahrungsmittel oder Gegenstände, die von einem Cholerakranken verunreinigt wurden, der Krankheitserreger in den Mund gelangt. Ost wurde bei Epidemien bemerkt, daß sich die Krankheitskeime durch das Grundwasser von einem Brunnen in den anderen verbreiteten oder daß sie durch schlechte Kanalisa- tum verschleppt werden konnten. In Zeiten, während deren einzelne Cholerafälle vorkommen, genieße man nie rohes Obst, nie ungekochte Milch, auch keine saure Milch, trinke nur Hochquellenwasser oder, wo dieses nicht zu haben ist, abgekochtes Wasser, das gekühlt wurde, dem überdies ein kleiner Zusatz von Zitronensäure oder Salzsäure zugesetzt ward. Eine leichte Ansäuerung deS Wassers verbessert die Verdauung. Man vermeide auch, durch übermäßigen Genuß von Speisen, von Obst oder von Gurken sich eine Magenverstimmung zu holen. Der Magen soll immer in Ordnung sein. Gurkensalat soll gar nicht gegessen werden, auch vermeide man, Obst und Bier zusammen in den Magen zu bringen. Vor allem ist große Reinlichkeit die Hauptsache. Nach dem Angreifen schmutziger Wäsche oder von Sachen von zweifelhafter Herkunft wasche man die Hände gründlich mit Essig und Seist, eventuell mit DeSinfekttonSmitteln, also einprozenttger Lysol» lösung. Vor jeder Mahlzeit sind die Hände gründlich mit Seist zu waschen, ebenso nach der Berührung von Marktobst. Mit ungereinigten Händen komme man nicht dem Munde nahe. Da auch durch Fliegen die Krankheit von den Verunreinigungen auf Milch und andere Nahrungsmittel übertragen»erden kann, muß Milch immer unmittelbar vor dem Gebrauch abgekocht und nicht etwa roh genossen werden. Die Frist von der Erwerbung der Cholera bis zu ihrem AuS- brach beim Menschen dauert in der Regel fünf Tage. Zuerst erfolgt einige Tage lang ein Durchfall, der nicht abnormal ist. Erst gegen den fünften Tag, manchmal auch früher, steigern sich die Durchfälle in enormem Maße. Sie werden flüssig, eS tritt Erbrechen ein, der Stuhl gleicht dem Reiswasser. Die Kranken haben starken Durst, behalten aber keine Flüssigkeit, verfallen rasch, werden heiser, bekommen Krämpfe, der Puls ist nicht zu fühlen und sie sterben zumeist innerhalb ein bis zwei Tagen. Viele er- holen sich wieder. Die Hälfte der Cholerakranken fttrbt aber, Partei- Mgelegenbeiten. Zweiter Wahlkreis. Am Sonntag, den 4. September, findet in den Gefamttäumen der Berliner Bockbrauerei unser dies» jähriges Volksfest statt. Billetts im Vorverkauf 20 Pf., an der Kasse 30 Pf. Anfang des Konzerts 4 Uhr. Siehe Inserat in heutiger Nummer. Daö Komitee. Lankwitz. Heute Mittwoch, den 31. August, abends 8'/, Uhr: Sitzung des Wahlvereins im Restaurant Ebel, Mühlenstraße. Vortrag des Genossen Kali Ski;»Wilhelm das Instrument des Himmels". Erkner. Heute abend v Uhr Lese» und Diskutierabend des Wahlvereins. Der Vorstand. Friedrichshagen. Heute Mittwoch, den 81. August er» abends SVa Uhr, findet bei Witwe Lerche, Friedrichstr. 112, unsere Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: 1. Bortrag des Ge» nossen Dr. Alfred Bernstein über:„Die öffentlicheGe» sundheitspflege". 2. DiSlusfion 3. Vereinsangclegenheiten und Verschiedenes. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. _ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbten. Der Ruf«ach dem Schutzmann. Heber die„Unsicherheit in Berlin" wird wieder mal in der bürgerlichen Presse gejammert. Weil in der letzten Zeit zufällig rasch hintereinander mehrere Ueberfälle vorgekommen sind, wird in sinnloser Uebertreilbung be» hauptet, daß man geradezu schon von Berliner„Apachen" reden könne. Der Name ist importiert ans Paris, wo die gewerbsmäßigen Straßenräuber nach einem durch seine Grausamkeit berüchtigten Jndianerstamm als„Apachen" be- zeichnet werden. Das Tollste an Geschrei über die„Apachen"-Gefahr in Berlin und die hier angeblich immer mehr zunehmende Un- sicherheit wird jetzt im„L o k a l a n z e i g e r" geleistet, der bisher stets bemüht gewesen war, die Berliner Polizei als eine der tüchtigsten zu preisen. Unter Hinweis auf den räuberischen Ueberfall, der auf dem Bahnhof Großgörschen- straße ausgeführt wurde, wird da— man traut seinen Augm nicht, wenn man es liest— folgendermaßen geklagt: „Das Verbrecher- und Rowdytum Berlins wird von Tag zA Tag frecher! Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht Ein- brüche, Ueberfälle im Tiergarten, auf öffentlichen Straßen, im Eisenbahnwagen mit der größten Dreistigkeit ausgeführt werden. Es vergeht fast kein Tag, an dem man nicht von Mord- versuchen und anderen Gewalttaten hört, und die Sicherheit in Berlin ist derartig zurückgegangen, wie man dies vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren in der Hauptstadt deS Deutschen Reiches und in der Residenzstadt der preußischen Könige für unmöglich gehalten hätte." Was ist der Zweck dieser sonderbaren Stilübung deS sonst so polizeifrommen Scherlblattes?„Die Polizei ist," so werden wir belehrt,„ohnmächtig: sie hat zu wenig Menschen, um dem Verbrecher- und Rowdywm endlich Schranken zu setzen." Und dann wird erzählt, in Berlin könne man nicht mal alle im Etat vorgesehenen Schutzmanns- stellen besetzen, es seien hier NX) Mann zu wenig vorhanden, aber man kriege nicht genug Bewerber, weil in Bertin der Dienst zu anstrengend und auch gefährlich fei, während an Gehalt nicht mehr als in Provinzstädten gegeben werde. Diese Klage über Unsicherheit in Berlin und Mangel an Schutzleuten läßt bald aus diesem, bald aus jenem Blatt sich vernehmen. Man gewinnt geradezu den Eindruck, daß von einer bestimmten Stelle aus ganz planmäßig die Bevölkerung bearbeitet werden soll. Daß diese Absicht besteht, darauf deutet auch der folgmde Satz des er- wähnten„Lokalanzeiger"-Klageliedes hin: „So liegen die Tatsachen und so werden sie vorläufig liege» bleiben, wenn nicht das Publikum selbst energisch bei den Be- Hörden vorstellig wird, damit Berlin wieder in den Ruf kommt, eine Stadt zu sein, in der man abends sicher über die Straße gehen, in der man einen Spaziergang oder eine Eisenbahnfahrt unternehmen kann, ohne Leib und Leben zu riskieren." Also darum die Grauligmacherei mit den„Apachen". Das Publikum soll„energisch bei den Behörden vorstellig werden", soll einstimmen in den Ruf nach dem Schutzmann, nach mehr Schutzleuten. Richtig ist, daß man in der Tat nur zu oft keinen Schutzmann findet, wenn man ihn braucht, richtig auch, daß in Berlin die Schutzleute einen schweren Dienst haben und zeitweise überbürdet sind. Aber ist es denn nötig, daß sie jeder harmlosen Ungehörigkeit nach- laufen, einen umständlichen Bericht nebst Strafanzeige zu Papier bringen und dann vor Gericht als Zeugen einen halben oder ganzen Vormittag sich auf den Korridoren des Moabiter„Justizpalastes" umherdrücken? Und ist es nötig, daß bei jeder Versammlung, durch die das arbeitende Volk seinen Willen kundgibt, ein Heer von Polizisten mobil gemacht wird, die sich bereit halten müssen, gegebenen- falls die heimziehenden Verfammlungsteil- nehmer zu attackieren? Doch hinter diesen immer wiederholten Rufen nach dem Schutzmann steckt anscheinend gerade der Wunsch, gegen den„inneren Feind" noch schneidiger als bis- her vorgehen zu können. Auch die Leute des Herrn Scherl dürsten sehr wohl wissen, warum sie sich dazu her- geben, mit solchem Geschrei über„Apachen" die Bevölkerung zu bearbeiten und sie in einer Weise zu beunruhigen, die man einem sozialdemokratischen Blatt sicherlich als groben Unfug ankreiden würde. Man faßt sich an die Stirn, wenn man da liest:„ � „So geht es nicht weiter, unter keinen Umstanden! Die Bürgerschaft Berlins, die jährlich Millionen und abermals Millionen für die Polizei aufweichet, kann verlangen, daß diese Millionen nicht zum Fenster hinausgeworfen werden und daß die Sicherheit Berlins nicht soweit herabgeht, daß schließlich auch die Fremden aus dem Ausland und aus der Provinz fernbleiben werden, weil sie nicht Lust haben, in Berlin ihr Eigentum und ihre Haut zu Markte zu tragen." Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode I Zum Schluß leistet das Scherlblatt sich noch die Dreistigkeit, zu versichern, daß das alles keine Uebertreibungen seien._ .Ein Stticklein Kulturarbeit." Vor einigen Wochen erhielten wir Kenntnis von der Existenz eines KnabenchoreS auS Berliner Gemeindeschul- lindern, der öffentliche Kongerte gegen Entgelt veranstaltet und in den diesjährigen Sommerferien sogar eine KonAertrei.se nach dem Harz gemacht hat. Man übersandte unS einen der„Nordhäuser Zeitung" entnommenen Ausschnitt, eine Besprechung des Konzerts, das der Chor auf feiner Heimfahrt aus dem Harz noch in Nordhausen gegeben hatte. Ein Begleitschreiben an unS, das die schwungvolle Ueberschrift„Ein Stücklein Kulturarbeit" trug, sprach die Bitte aus, den Bericht zu benutzen und der Berliner Bevölkerung zu erzählen,„ioie Jung- Berlin seine Volkslieder in die deutschen Lande hinausfingt". Wir lasen da, daß aus der Berliner 13 6. G e m e i n d e s ch u l e (P f l u g st r a ß e) 66 Knaben mit ihrem Chordirigeutcn G e- meindeschullehrer Schwarzmeier am 4. Juli von Berlin aufgebrochen waren, in Quedlinburg, Blankenburg, Ilse- bürg, Kleinwerther, Nordhausen konzertiert hatten und nach einem letzte» in Lelbva zu gebend«!» Konzert«it erheblichem Ucberschuß nach Hause zurückkehren würd'en. GeffaAer als durch jenen Bericht, den wir samt dem Begleitschreiben unbenutzt beiseite legten, sind wir jetzt von anderer Seite über Herrn Schwarzmeier und sein Unternehmen informiert worden. Unsere Aufmerksamkeit wurde erneut auf ihn gelenkt durch die uns zugehende Mitteilung, in der 186. Gemeindeschule habe Herr Schwarzmeier einen Schüler W. im Gesangunterricht so ausgiebig geprügelt, daß die Eltern es für geboten hielten, ihren Sohn durch einen Arzt untersuchen zu lassen. Der Junge ist von seinem entrüsteten Vater sofort auch mehreren anderen Personen gezeigt worden, und ebenso haben auch wir Gelegenheit gefunden, ihn zu besichtigen. Wir müssen sagen, daß wir verblüfft waren über die Spuren, die die an dem Jungen vorgenommene Züchtigung auf seinem Körper hinterlassen hatte. Der eine Arm, die Schulter und der Rücken, ja der Hals und das Ohr wiesen breite Striemen und blaugrüne Verfärbungen auf, aus deren Zahl auf eine sehr reichliche Menge von Stockhieben ge- schloffen werden mußte. Und welches war der Frevel, den der Gesanglehrer Schwarzmeier mit Prügel ahnden zu sollen ge- glaubt hatte? Bei der Einübung der Loreley hatte W. nicht geradeaus auf die Wandtafel geblickt, an die Herr Schw. die Noten geschrieben hatte, sondern gegen das Verbot in sein Liederbuch geguckt, weil er den Text nicht ganz sicher konnte. Die Schläge, die er dafür bekam, verdrossen ihn so, daß er zunächst nicht weitersang. Dafür nahm dann Herr Schtv. ihn noch einmal vor und gebrauchte gegen ihn seinen Stock mit zornigem Eifer. Jener Bericht über das Schwarzmeierssche Konzert in Nordhausen rühmte:..Man merkte den technisch abgerundeten Vorträgen die mühsame Schulung nicht an, die sie verursacht haben." Auch von den Prügeln, die Herr Schw. im Gesangunterricht seinen Schülern verabreicht, und von den Schcltworten, die er ihnen gibt, wird wohl keiner der Zuhörer seiner Konzerte eine Ahnung gehabt haben. Bezüglich des Schülers W. hat Herr Schw. inzwischen selber erkannt, daß das„Stücklein Kulturnarbei t", daS fein Stock da geleistet hatte, doch ein bißchen zu arg war. Er hat sich zu den Eltern bemüht, hat sie dringend gebeten, aus der Sache nichts zu machen, und die Eltern sind daraus eingegangen. Wir haben bei unseren Ermittelungen über diese Prügel- affäre uns auch nach Herrn Schworzmeiers Konzert- Veranstaltungen erkundigt. Ueber die Reise nach dem Harz wurde uns gesagt, jeder Teilnehmer habe 16 Mark Beitrag zu leisten gehabt, wofür dann die Fahrt samt Quartier und Ver- pflegung gewährt worden fei. In den meisten Orten sei es vielen Familien ein Vergnügen gewesen, die Jungen aufzunehmen und sie umsonst oder höchstens für Freibilletts zu beherbergen und zu verpflegen. Aus dem Ertrag der Konzerte sei den Jungen zunächst nichts gezahlt worden, doch habe. Herr Schw. versprochen, 5 Mark pro Kopf zurückzugeben. Wir erfuhren weiter, daß er auch in Berlin mit seinem Knabenchor sich an öffentlichenKon» zerten beteiligt hat, die gegen Entgelt gegeben wurden, z. B. in den Pharussälen, in der Bockbrauerei, in der Concordia, auch m der Philharmonie und in der Hochschule für Musik. Manchmal seien da die Teilnehmer erst am späten Abend heim- gekommen, nach 10 Uhr, ja nach 11 Uhr; auch seien sie stark in Anspruch genommen worden durch Proben, für die sie sogar an manchem Sonntag noch ein paar Vormittagstunden hergeben mußten. Eine Vergütung soll aus diesen Konzerten den Chor- Mitgliedern nicht immer gewährt worden sein. Dem Schwarzmeier schen Chor gehören Knaben der 1. bis 3. Klasse an, und selbst Knaben der 4. Klasse wurden schon zu den Konzerten mit herangezogen. Ob es unbedenklich ist, solche Kinder in öffentlichen Vergnügungslokalen bis in die Nacht hinein kon- zertieren zu lassen, das sollte einmal von der Schulvevwaltung er» wogen werden. Uns will scheinen, daß das Schwarzmeier- sche„Stücklein Kulturarbeit" schlecht mit den Grundsätzen des Kinderschutzes in Einklang zu bringen ist._ Bor den Augen des Vaters ertrunken. Ein trauriger Vorgang spielte sich gestern in Neue Schleuse ab. Der zwölfjährige Sohn des Kutschers Hendreschke hatte mit einem jüngeren Schulkameraden am Ufer der Spree gespielt. Dabei stürzten die beiden Knaben ins Wasser. Der ältere sechzehnjährige Bruder des H. sprang ihnen sofort nach und versuchte sie zu retten. In diesem Augenblick kam auch der Vater des H. hinzu. Er sah gerade noch, wie sein jüngster Sohn in den Fluten verschwand. Nur den Schulkameraden vermochte der Retter auö dem Wasser zu holen. Die Leiche des ertrunkenen Knaben konnte noch nicht geborgen werden. Ein Bootsunfall, bei dem Personen glücklicherweise nicht ver- letzt wurden, ereignete sich am Sonntag nachmittag auf dem Stvrkowsee. Zu der Wertungsfahrt des Deutschen Motorboot- Klubs über die Strecke Grünau-Scharmützelsee und zurück waren acht Boote gestartet, darunter auch das bOpferdige Schnellboot „Alrune II". Als das Motorboot sich mitten auf dem See be- fand, schlugen plötzlich auS dem Motor helle Flamme» empor. Die Insassen des Bootes ließen trotz der drohenden Gefahr daS Boot am Ufer auflaufen und retteten sich dann durch Abspringen. In die das wertvolle Fahrzeug vollständig vernichtete. Die beiden Herren kamen, abgesehen von einigen geringfügigen Brandwunden, der nächsten Sekunde erfolgte die Explosion des Benzinbehälters, ohne Schaden davon. Auf der Straße vom Tode überrascht tvurde vorgestern mittag der 69 Jahre alte Pädagogiumsdirektor August Müller aus der Riemeisterstraße zu Zehlendorf. Der Mann brach gegen 111h Uhr vor dem Potsdamer Bahnhof gegenüber dem Postamt plötzlich zu- sammen und wurde besinnungslos nach der Rettungswache in der Köthcnerstraße gebracht. Dort starb er. ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Der diensthabende Arzt konnte die Todes- Ursache nicht mehr bestimmt feststellen, glaubt jedoch, daß Müller einem Gehirnschlag erlegen ist. DaS Kasinotheater hat seine Pforten wieder geöffnet und damit seine zehnte Spielsaison begonnen. Wie früher, wechselt auch dies- mal ein bunter Teil mit einem Theaterteil ab. Der dreiaktige Schwank„Der schneidige Rudolf" von Alexander Engel und Julius Horst ist so recht geeignet, das Publikum in die heiterste Laune zu versetzen. In dem Stück wird in geradezu grotesker Weise dargestellt, durch welche Mittel heut« zutage ein Beamter Karriere machen kann. Fähigkeiten spielen nur eine untergeordnete Rolle noch. Die Komödie fand in dem Direktor Berg als schneidigen Rudolf einen Darsteller, wie er nicht besser gewünscht werden kann. Das Publikum war außer sich und über- schüttele den langjährigen Direktor Berg mit Ovationen, für die dieser sichtlich gerührt dankte. Der bunte Teil enthält einige recht gute Nummer», aus denen besonders die Vorträge der deutsch- schwedischen Sängerinnen Schwestern Clarence hervorzuheben wären. Im Wissenschaftlichen Theater der Urania wird am Freitag zum erstenmal ein Vortrag über„Die Weltausstellung in Brüssel" ge- halten werden, der unter Berücksichtigung der großen Brand- katastrophe in Wort und Bild das Ausstellungsgelände mit seinen Bauten, seinen industriellen Anlagen und Erzeugnissen und seinen Kunstschätzen schildert. Eintrittskarten sind von heute ab für diesen Vortrag an der Kasse der Urania erhältlich. Der Zirkus Busch wird seine diesjährige Saison bereits am 10. September eröffnen. Wer ist die Tote? In der Nacht vom 26. zum 27. August d. I. sprang eine etwa 26 bis 25 Jahre alte unbekannte, anscheinend dem Arbeiterstande angehörende Frauensperson gegenüber dem Grundstück Kronprinzenufer Nr. 1 in selbstmörderischer Absicht in die Spree. Die Leiche befindet sich im Leichenschauhause. Sie ist 1,55 groß, schlank, hat dunkelblondes Haar, dunkelbraune Augen und kleine, dicke Nase. Auf dem rechten Ringfinger befand sich ein silberner Ring. Bekleidet war sie mit dunkelbraunem Rock, schwarzer Bluse und Gürtel, schwarzen Strümpfen und Schnür- schuhen sowie blauen Strumpfbändern. Ein weißes Taschentuch »st mit J oder I gezeichnet. Sachdienliche Angaben nimmt jedes , Polizeirevier«n5 die Kriminalpolizei Zimmer 343, III 73 enk- gegen. Jr. 3663 IV 55. 16. In der Blumenausstellung im Humboldthain ist am Sonntag ein Schirm verloren gegangen. Der ehrliche Finder wird gebeten, denselben in der Spedition von Baumann, Bernauerstr. 9, ab- zugeben. Ein Opfer patriotischen Ncbereifers. Dienstagvormittag wurde in Charlottenburg eine Wirtschafterin K. sistiert, die dem Kaiserpaare eine Huloigung auf eigene Faust bereiten wollte. Als das kaiserliche Automobil an ihr vorüberfuhr, warf sie einen R o s e n st r a u ß, den sie kurz vorher gekauft hatte, in der Richtung des Kraftwagens. Sie verfehlte aber das Ziel und der Straub fiel hinter dem Automobil zu Boden. Auch die Würfe mit Rosen sind polizeilich verboten, wenn sie kaiserliche Wagen zum Ziel haben, da befürchtet wird, daß eine Rose einmal einen leibhaftigen Hohenzollern treffen könnte; die Frau wurde deswegen durch einen Schutz»rann nach dem Polizeirevier ge- bracht, nach Feststellung ihrer Personalien aber wieder ent- lassen. Zeugen gesucht! Personen, welche gesehen haben, daß am Montag abend kurz vor 6 Uhr ein Radfahrer in der Linienstraße, zwischen der Schönhauserstratze und Dragonerstratze, geschlagen worden ist, werden höflichst gebeten, ihre Adresse an Hcns Kupfer, O. 34, Petersburger Str. 56, I, gelangen zu lassen. Feuerwchrbericht. Preßkohlenbrände beschäftigen jetzt un- unterbrochen die Feuerwehr. Gestern mußten wieder mehrere in der Holzmarktstraße 14aflerftandS'Vachrtchte» der LandeSanstali für Gewässerkunde, mitgeteM vom verlteer Welterbureau. Wasserstand M e m e l. TIM B r e g e l, Jnsterbmg Weichsel. Thor» Oder, Rattbor , Jtroffen » Frankturt Warthe. Schrtmm , Landsberg Retz«, Vordamm S l b e, Lettmerttz , Dresden , varbtz . Magdeburg am 29. 8 orn 262 53 124 130 120 125 —8 —25 —8 — 36 —149 90 94 seit 28. 8. ora') +4 —15 —8 —2 +13 —3 +2 —1 -4 —12 +2 -4 +2 Wasserstand Goal«, Grochlttz Havel, Spandau») , Rathenow«) Spree, Svremberg') , veestow Leser, Münden , Minden Rhein, MaximlltanSau , Kaub Köln Neckar, Hetldrona Main. Wertheim Mosel. Trier am 29. S. om 96 76 77 126 174 —50 14 500 295 302 110 147 77 lest 28.& orn1) +i0 — 1 —4 +3 +16 —4 +1 —8 —-8 -33 »)+ bedeutet Wuchs,— Fall.*) Unlerpegel. Bnefharten der Redaktion. Tie svristisch« eprcAftnnve finde« LIadeaftraste Ar. 09, vor» vier Treppen- Aabrflulil-. woweneSgli» vo« 4'/, dt»?-/, Übt abend», Sonnabend» von 4>/, bis 0 Uhr nachmittag» ftae». Jeder für de» Brief- tasten bestimmten Aufrage ist ein Buchstabe and etu« Zabl al» Merk» , eiche» berxutiigea. Brieflich« Antwort wirb»ich« erteilt, Etltg« Jraaen»rage man in der Sprech ftund« vor. Hildegard, Potsdamerstrafte. Ihr Vater hat Ihren Ausenthall zu bestiuunen. Wir raten, sich mit den Eltern zu einigen. Aus deren Antrag kann Zwangzerziehung angeordnet werden.— P. I. 50. 1. und 2. Leider nicht.— A. B. 100. 1. Wenn sich der Nachweis erbringen lätzt, ja. 2. Polizeibehörde.— Britz 101. Ersuchen Sie um Nachiieserung bei Ihrem Spediteur oder bei der Expedition.— E. B. 12 Rixdorf. Nicht bekannt. Fragen Sie beim Stammgefchäst an.— Nr. 81. t. Ja. Eine bestimmte Grenze ist nicht gesetzt. Das Recht aus Rentenbezug ist ab« hängig von ärztlichen Gutachten. 2. Ja.—®l. Ct. a) Notwendig nicht, aber zweckmätzig. b) Ja; es empfiehlt sich aber die Ewreichung vor dem Termin, o) Ja. d) Nein.— Genosse Q. 1. Das amerikanische Konsulat wird Ihnen aus Anfrage hin die zweckmätzigste Auskunst erteilen. — B. B- 17 und O. F. 7. Nein.— M. G. 33. Adoption ist un- ulässig. Sie können aber durch ErNärung dem Standesbeamten gegen- der dem Kinde Ihren Namen geben.— W. 137. Haarfärbemittel aus lutzschalcn kennen wir nicht.— 20,®. 3. 1. und 3. Ja. 2. Nein.— A. R. Ja, sofern nicht aus die Erbschaft verzichtet wird.— G. D. M. 15. So allgemein lätzt sich die Frage nicht beantworten. Komm«. Sie in die Sprechstunde.— L. L. 15. DaS Sosa ist in diesem Fall un- pfändbar. Im übrigen müssen Sie die Höhe Ihre» Lohnes und die Au- ahl der Kinder mitteilen, bevor die Frage beantwortet werden kann.— Jf. S. 79. 1. Ja, jedoch nicht, wenn dt« Krankheit eine verhältniSmätztg erhebliche Zeit dauert. 2.§ 616 B. G. B. 3. Amtsgericht, in dessen Bezirk die Firma ihren Sitz hat.— G. 100. Bei derartigen Unternehmern ist in der Regel nichts zu holen. Im übrigen ist Ihre Annahme richtig. —«. Th. Berlin 2115 000. Hamburg 893 000, Dresden 550 000.— Wahlverei« Werder. 1. und 2. Leider ja.— H. B. 100. 1. Ja. es inutz aber eine Anmeldung auf dem Polizeirevier ersolgen. 2. Nicht er- forderlich.— B.®. Str. Stellen Sie den Sachverhalt, unter Betonung der Interessen deS KwdeS, dem LormundschastSaericht vor.— E. B. 83. Daraus haben Et« leinen Anspruch.-»> K. S. Dt« Eisenbahnbehörd« kam» S5nen«uSfmtft erteilen.— K.®. Nr. 37. Ja, wenn ibr eigenes Einkommen oder Vermögen daS gestaltet.— Rechtlos<>. Ein entsprechender Antrag ist an das Polizeipräsidium zu richten. Die Behörde befindet nach eigenem Ermessen über den Antrag.— H. B. Es kann auf Gesängnisstrafe erkannt werden. Die Be» stellung eines Rechtsanwalts empfiehlt sich.— W. Z. 1. Nicht notwendig. 2. Nein, Sie können aber als Beistand erscheinen. — B. 100. Ja, der§ 29 des Handelsgesehbuches schreibt das vor.— G. 955. N.. Zitralsunder. 1. Ein Zeugnis der Heimatbehörde, daß nach den dortigen Gesetzen ein Ehehindernis nicht bekannt geworden ilt, außer- dem elterliche Genehmigung, wenn diese nach dem Alter Ihrer Braut noch nötig sein sollte. 2. Es muß als Uebersiedelimgsgul ausgegeben werden. 8. Bescheinigung der Polizeibehörde, daß die Verlegung des WobusitzeS erfolgt 03 empfiehlt sich, mit dem den Transport siesorgenden Spediteur vorher zu sprechen. 4. An das Amtsgericht Berlin» Mitte. 5. Noch für das nächste Kalenderjahr.— L. K. 15. Ansiedelungskommission für die Provinz Posen in Posen.— X. Nein. — I. 54. Nein.— B. I. 48. 1. Das ist kaum anzunehmen. 2. Be» leidigungsklage beim Schöffengericht.— P. H. T. B. Wenden Sie sich an einen Fachmann.— ElSbcth 36. Wenn keine neuen Gründe be- wiesen werden können: nein.— Richthosenstraste 12. 1. Es wird Ihnen vorher ein Kostensestsetzungsbeschluß zugestellt sein. Ist dies der Fall, so haben Sie kein Rücksorderungsrecht. 2. Die Urkunde muß Ihnen ans Antrag zurückgegeben werden.— Beil 35. 1. Nur durch einen Anwalt. 2. 1.S0 M.— E. 100. 1. Nein. 2. Kniprodestraße.— R. 250. Mit Auskünften über private Angelegenheiten können wir uns nicht befassen. ZetitraMand der Mdeeker ====== VepwaltnnRSBtelle Berlin. Donnerstag, den 1 September 4010, abends 8 Uhr, bei Grande, Weinstraße 11: Acchminlung der Dachdeckerhilfsarbeiter. 54/5 Tagesordnung: Bericht über den Stand der Lohnbewegung. Die Kommissto». Theater und Vergnügungen □□□ Mittwoch, 31. August Ansang VI, Uhr. NeueS königl. Opern-Dbeaeer. Die lustigen Weiber von Windsor. Königs. Schauspielhaus. Bürger- lich und romantisch. Lesftng. Penthesilea. Ansang e Uhr. Deutsches. Simson und Delila. Kommers viele. Liebeswalzer. Vrrliner. Taisun. Komische£per. Figeunerliebe. Kleines. Nur ein Traum. Neues. Kasernenlust. Residenz. Im Taubenschlag. 9t. aes Seliauivieldnus Raffles. Westen. Die geschiedene Frau. Thalia. Polnische Wirtschaft Schiller>>«aUnel. ioeatei.) Der Freischütz. Schiue. Vbarlottenburg. Die»iri- lichen Verwandten. In Zivil Berliner Volköoper. Alt-Heidel» berg.(Ansang 8'/» Uhr.) Luisen. Geschlossert Hebbel. Wem gehört Helene? Der Kuß aus der Redoute.(An- sang 8'/. Uhr.) Neues Lveretteu. Der Graf von Luxemburg. Luftspielhaus. DaS Leutnants» Mündel. Herrufeld. Die Welt geht unter. Wenn zwei dasselbe tun. Rote. Ein seltsamer Fall. Drianon. Pariser Witwen. Kolies Eapeiee. Die böse 13.— Die keusche Toinette.(Ansang 8'/. Uhr.) Puhlman». Genießet daS Leben. tAnjang 1lfi Uhr.) SUetrui.oi. Halloh II— Die große Revue. Kasino. Der schneidige Rudolf. Ap• l(o. Spezialitäten. Vaiiage. Spezialitäten Reichsbnlle». Steitinee Sänger. Walhalla. Svezmtilälen Wintergarten. Spezialitäten. Karl Hoverland. Spezialitäten. Prater. SchitzenIiS'l Boigt. Lebenswellen. Schweizer-Gartru. SpeztaNtiten. Elternlos. Max Kliem. Spezialitäten. Bolksgarteu. Die Else vom Erienhos. Urania. Tanbenstraste 48/49. Abend» 8 Uhr: Im Land« der Mitternachtssonne. Sternwurre, Jnoaltdenstr. 57— 62. Lessing-Theater. 8 Uhr: Sondervorstellung d. Literari» scheu Gesellschaft Zum erstenmal: Tenthesilea. Tragöd.v.H.v. Kleist. Donnerst., 7>/, U.: Rosmersholm. Freitag 8 Uhr: Das Konzert. berliner Tüester. Heute 8 Uhr: TsiLllll. Morgen: Gastspiel Hansi Niete: Das Slaslkantennittdel. Neues Theater. Abend» 8 Uhr: Kasernenlnfl. Donnerstag zum erstenmal: Das gewisse Etwas. Nenes Operetten-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Operette in 3 Akt. von«. M. Willner u. R. BodanSky. Musik v. Franz Lehär. Ideater ctes Westens. Ansang 8 Uhr. Die geschiedene Frau. Sonnt 3'/, Uhr: Ein Walzertraum, Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Das Leutnantsmundel Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Ansang 8 Uhr. Im Taubenschlag. Schivank w 3 Akten von Hennequin und Veber. Ab Donnerstag, 1. September: Gretchen. Groteske w 3 Akten. Zu Sommerpreijen. In Vorbereit.: ttodioeio obligo. Schwank in 3 Akten. Riöllrieh-WIhöUlMss Schauspielhaus. Donnerstag, 1. Sept., abend» 8 U.: Eröffnungs-Vorstellung. FaUSt» Tragödie v. Goethe. tzreitag:_ sonnab. z. 1. ale: Biederleute. Luisen-Theater. DM- Heute geschloffen. �WD Donnerstag: Eröffnungs-Borstellung. Fgmont. Nmersplel in 5 Akten v. W. v. Goethe. Musik von Beethoven. Sclilller-Tlieater. Schiller-Theater Charlottenburg. Mittwoch, abend« 8 Übt: Die zärtlich. Verwandten. Hieraus: In ZItII. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.) €>ottschcid-Oper. Mittwoch, abend« 8 Uhr: Der Vrelsehlltz. Donnerstag, abend» 8 Uhr: ÜVallenstelns l axer. Die Plccolomlnl. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Dlhllnthelrar. TERRASSEN HALENSEE GrSBter TergnOgungspark dei Kontinents. SensationeUe Attraktionen, Translateur- und Militär- Kapellen, Oberbayerieohe Sänger und Schabplattler. Neu! das achte Weltwunder. Tanagra, Eintrittspreis 50 Pf. Sensationelle Attraktionen Translateur- und Franzer-Konzert. Oberbayerische Sänger u. Schuhplattler. Freitag;, den 2. September: PSOF" Sedan-Feier. Großes militärisches Doppelkonzert. Urania. Wissenschaftliches Theater. Tanbenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Im Lande der Mitter« nachtssonne. Berliner Volksoper. Heute»/f9 Uhr: Gastspiel des Neuen Schauspielhause»: _ Alt-Heidelberg. Metropol-Thealer Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schnitz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet Hente: Letzter Tag: des unübertroffenen tomische» .ikntpnst- Hroxramms. Morgen, Donnerstag. 1. September; Große Premiere. Verbotene Frucht. Komödie in 1 Akt v. Michael Provins. Anale Vera— Ludwig Mertens o. G Revue d. Humer», neueste Ereignisse. U. a, Rajah die unvergleichliche ägyptische Tänzerin. MsMI» Die größten Schlager der letzten Saison: Mtuu zwei dusstlbt tun und Die Melt geht unter mit Anton und Donat Herrnfeld. Vorverkauf 11—2 Uhr. Ans. 3 Uhr. Sonntag, 4. Sep., nachm. 4 Uhr: Wen» zwei dasselbe tun. OSE=THEATE Große Kranksurter Str. 132. Em seltsamer Fall. mt Ans.g 8 Uhr. Ende 101/, U Donnerstag u. Freitag(letzte Aufführungen): Ein seltsamer Fall. Auf der Gartenbühue: Ansang 4'/, Uhr. Theatervorjl., Spezialitäten. Neues Programm b. IS. September. 1 Passage-füeater. I Anfang 8 Uhr. 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Feldwebel abwärts halbe Preise. Abends volle Preise. " TernrüT�"] A. Pankow 421 KSnigntadt- Kasino. Hohmarktstr. 72, Ecke Alexanderstraße. Inhaber: dla» Schindelhauer. Im herrlichen Naturgarten(bei un» günstiger Witterung im Theatersaal). hea Fleur», Hand- n. Kopsequilibrist. Kio? de« Teufel» Würfel. The Willuhu«, Champion-Mal-Akt. Mittwochs; Freitunz. Ansang wochentags 7'/, Uhr. . Smmtags 5, Cr. Berliner Kunstaussieiluni 1910 30. April bis 2. Oktober. Im Park täglich Doppel-Konzert. Eintritt: 10-6 Uhr 1 M.. v. 6 Uhr ab 50 Ps., Sonntag« 50 Ps. Dauert. 6 M. jlusstellungshallenamZoo Blesen-Kinematograpb. 6-11 Uhr. Hänchen liberall gestattet "�1 G»k, LOCISCHER GARTEN Täglich: Großes Militär- w Doppel-Konzert «m Eintritt 1 Mark, von abend» 0 Uhr ab 50 Ps., Kinder unter zehn Jahren die Halste. Karl Haverland- Ansang 77/79 Theater präz. 7>/, U. Kcknmandantenstraße 77/79. Das wunderschöne U vsslm»-Theatsn Lothringer Straße>7. Täglich 8 Uhr. Die urkomische Posse Der schueidigt Rudolf. Rudolf Pimpelmann: Dir. H. Berg. Vorher das glänzende bunte Progr. Nur Attraktionen ersten Ranges. Sonnt. 3'/, Uhr: vor Hochmutstoufel. fuhltnanns Theater Schünh. A. 148— Kastanien-A. 97/99. Wenn schön— im Garten l Wenn Regen— im Saall Zum letzten Male 8 Uhr: Genießet das Leben. Vor» und nachher: Spezialitäten. Ansang des Konzerts'1,5 Uhr. , bei Vorstellung'1,5 Uhr. Donnerstag und folgende Tage: Verheteae Wege. Dazu: Neue Spezialität««. Lclmehier Garten Am Könlgator— Am Frledrichthain. Täglich abends V.IO Uhr: elternlos oder: Berlin arm and reich. Volksstück mit Ges. in 2 Akt. Vorher: Spezialitäten. Volksbelustigunges. Tanz. Anfang 5 Uhr. Entree SO Pf. Volksgarten- Theater früher Weimann. Badstr. 8, Bchm- u. Bellermann straße. Heute Mittwoch, den 31. August 1910: Große Gala-Benefiz-Borftellung sür die Balleltmeisterin älise Melani und Kapellmeister Roh. ZieBnltz. ur Aufführung gelangt: e Else vom Erlenhof. Große Musik- und Ballettaufführung. und Festsale. Inh.: Rudolf Krüger. Hasenheide 13/16, vis-ä-vis v.Xumpl. Tügllch: Große Theater- d. Spezialitöten- Artiot. Leitung: Walter Grllvenitz, Kapellmeister: Max Wolffheim. Jeden Donnerstag: Elite-Tag! Anfang: Wochent.6Uhr, Sonnt.'/jeUhr. Kerlinkr Pruler-Thtattr Kastanienallee 7—9. Heute: Schutztlllis'l. Spezialitäten, Konzert nnö Ball. Anfang 41/, Uhr. Entree 30 Ps. 3. Sept.: Or. Kinderfreudenfest. Trianon-Theater. Heute u. folgende Tage(Ans. 8 Uhr) Pariser Witwen. Gesundbrunnen Badstr. 58 Mittwoch, den 31. August.>,,8 Uhr: Große Elite-Borstellung l Lebenswellen. Dr. Lebensbild mit Gesang und Tanz in 4 Akten von H. Willen. Das gross« Angustprogramm. Kasseneroffnung 2 Uhr. Ans. 4'/, Uhr. Burgtlieater- Kinematograph vorm. Greterjan, Jnbab.; Rud. Merz, Schönhauser Allee 140. Tel. 3, 9353. Lebende Photographien. Während der Sommermonate nur Tonnabend. Sonntag u. Montag. Eintritt 39 u. 49 Ps., Kinder dieHälfte. Ans.7 U., Sonnt. 4 U. Verzugsharten, nur wochent. gültig, 25 Ps. aus allen Plätzen. StetS wechs. Progr. 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