Ur. 204. Hbonncmcnts-Bedingungcn: BBonnementS- Preis pränumerando i «icrtcljährl. 3,30 Mk., monail. 1,10 Mk., wöchentlich 28 Pfg, frei ins HauS. Einzelne Nummer K Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg, Pojt- illbonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeilungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, S7. Jahrs- Criditint iSglich außer montags. Vevlinev Volkslilcltk. vle InleMonz-Lebüh? keirägt für die fechsgespaltene Kolonet- geile oder deren Baum 50 Psg„ fü« politische und geivcrlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 80 Pfg. „«leine Anreizen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis? Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „Sozialdeinolirat Ktt!!»". Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfcblands. Redahtiom SM. 68, Lindcnstraasc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Zwischen den Schlachten. Aus dem Ruhrbecken wird uns geschrieben: Um die Seele der bisher so getretenen Bergarbeiter für die preußische Regierung zurückzugewinnen und um sie günstig für die bürgerlichen Parteien zu stimmen, gab man den Bergarbeitern das S i ch e r h e i t s ni ä n n e r g e s e tz. Dieses Gesetz gibt den Bergarbeitern bekanntlich das Recht, aus ihren Reihen Leute zu wählen, die die Befugnis besitzen, die Abteilungen, in denen sie arbeiten, zweimal im Monat zu befahren und sie in bezug auf die Sicherheit des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter zu untersuchen. Diese Be fahrungen erfolgen in Begleitung eines Aufsicht s b e a m t e n. Die Ergebnisse der Untersuchung hat der so- genannte Sicherheitsmann in ein besonderes Fahrbuch ein zutragen. Wird hier die Besorgnis einer dringenden Gefahr ausgesprochen, so sind die Eintragungen unverzüglich zur Kenntnis der Bergbehörde zu bringen. Auch im übrigen ist der Sicherheitsmann verpflichtet, gefährliche Zustände in der Grube zur Kenntnis seiner Vorgesetzten zu bringen. Das sind die wichtigsten Bestimmungen des Gesetzes, die wenig- stens teilweise mit dem � alten vorherrschenden Prinzip brechen, daß der Arbeiter kein Recht habe, über Ort und Art seiner Tätigkeit mitzureden. Ein wirklicher Fortschritt wäre gemacht worden, hätte man bei Beratung des Gesetzes die alten langjährigen Forde- rungen der Bergarbeiter über die Grubenkontrolle, mehr als geschehen, berücksichtigt. Das ist wenig oder gar nicht ge schehen. Die übergroße Mehrzahl der Bergarbeiter, nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern, verlangen frei gewählte unabhängige Arbeite rkontrol. leure, die vom Staate oder eventuell von den Berg arbeitern besoldet werden. Denn von den Werksbesitzern ab hängige Kontrolleure, die mit solchen vcrkümniertcn Befug uissen, wie in dem neuen Gesetz, ausgestattet sind, können nur sehr wenig zur Sicherung der Arbeiter beitragen. Des- halb können die Bergarbeiter, mit Ausnahme der Führer des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter und eines Teils ihres Anhangs, dem Sicherhcitsmännergesetz keinen Geschmack ab gewinnen. Sie haben gegen das Gesetz protestiert, was auf die Regierung und die bürgerlichen Parteien im preußischen Landtag leider nicht den nötigen Eindruck ausgeübt hat. Nun haben die Nuhrbergleute der preußischen Regierung und den bürgerlichen Parteien, die das Gesetz geschaffen haben, bei den Sicherheitsmännerwahlen eine Antwort ge geben, wie sie sie wohl nicht erwartet haben. Von rund löllll Sicherheitsmänncrn, die im Ruhrbergbau gewählt wurden, gehören weit über lOOV dem Deutschen Bergarbeiterverbande an! Und kaum ZW gewählte Sicherheitsmänner(da die Polen ettva 1W Mandate er halten), können diejenigen zählen, die das Gesetz des Drei- klassenparlaments und seiner Regierung zu verteidigen ge wagt haben. Und auch von diesen 3W dürften sich viele nicht für ihr neues Anit begeistern. Ihre kommende Tätigkeit wird sie lehren, wohin sie gehören und waS sie zu tun haben, wenn sie etwas Ernstliches für die Sicherheit der Berg- arbeiter leisten wollen. Der Ausfall der Wahlen hat große Bestürzung aus- gelöst, vor allen Dingen bei den Erzfeinden der Bergarbeiter. Die Grubenbesitzer haben schon vor der Wahl durch Maß- regelungen und durch Verlegung der Sicherheitsmänncr- Kandidaten von einem Arbeitsrevier in das andere(um so ihre Wahl zu verhindern) alles getan, um die Bergarbeiter von der Wahl tüchtiger Vertreter abzuschrecken. Doch hat der Terrorismus, den die Zechen ausübten, nichts gefruchtet. Die Bergarbeiter sind dem Rufe des Bergarbeiter- Verbandes gefolgt und haben gegen den Werksherrenwillen votiert. Zwei Dinge waren es, die die stimmberechtigten Berg. arbeiter massenhaft an die Wahlurne riefen und auch hier jedem Terrorismus trotzend, die Verbandskandidaten wählen ließen. Erstens galt es, die Wahl von Werkskreaturen zu verhindern. Ist es schon mit dem Gesetz schlecht genug bestellt, so wäre es um so schlimmer für die Zukunft der Bergarbeiter bestellt, wenn man Leuten die Mitkontrolle über die Sicherung der Arbeiter gegen die Gefahren des Berg- baues in die Hand gäbe, die den Grubenbesitzern stets als getreue Schäflein dienen. Das Gesetz muß ausprobiert und seine Mängel gründlich offenbart werden. Und da es sich darum handelt, Leben und Gesundheit armer Arbeiter zu schützen, kann und darf man sich durch die bösen Eigen- schaften des Gesetzes nicht vom Ziele abhalten lassen. M i t und gegen das Gesetz müssen die Sicherheitsmänner alles tun, um die Kontrolle zu einer wirksamen zu gestalten. Das geht ohne Kämpfe nicht ab. Darum bedarf es rück- gratfcster Männer, die über die Sicherheit in den Gruben zu wachen haben. Zweitens galt es für die im Bergarbeiterverbande orga- visierten Bergleute, den Führern des„Gewerkvereins christ- licher Bergarbeiter" für ihr verräterisches Spiel, das sie mit der Bergarbeiterschaft treiben, eine Antwort zu geben, die sie längst verdient haben. Hat doch diese christ- liche Arbeiterführung der Welt das erbärmlichste Schauspiel geboten, das eine Arbeiterorganisation überhaupt zu bieten vermag. In Voraussetzung ihrer Niederlagen bei den Sicherheitsniännerwahlen und den am 17. September i folgenden K n a pp schaft swah l en hat der„Gcwerk- � verein christlicher Bergarbeiter" bczw. seine Führer eine Wahlhilfe bei den natürlichen Gegnern der Bergarbeiter, bei den Grubenbesitzern, nachgesucht und gefunden! Man hat mit den Zechen ein ebenso unehrliches wie wider- liches Kompromiß gegen den Bcrgarbeiterverband ab- geschlossen! Genau so ist es gekommen, wie wir seinerzeit im„Vorwärts" vorausgesagt haben. Der Gewerkverein ent- wickelt sich schamlos immer mehr und niehr zu einer gelben Gewerkschaft, zu einer Schntztruppe der rheinisch-west- fälischen Grubenbarone gegen die Bergarbeiter. Denn wer den Bergarbeiterverband bekämpft, be- kämpft die Bergarbeiter und ihre Forde- rungen. Und wie das gekommen ist? Die erste Schlappe holten sich der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter und die Zechen bei den allgemeinen Aeltestenwahlen im Jahre 1W4. Dann folgten die Niederlagen, selbst in den schwarzen Hochburgen bei den Nachwahlen. Im Jahre 1904 war es die wüste Bekämpfung des Verbandes durch den christlichen Arbeiterführer A u g u st V r u st, des jetzigen Zentrums- abgeordneten im preußischen Landtag. Die Kampfesart dieses Menschen, der im Auftrag„hoher Herren" yandelte, war so schlimm geworden, daß sich selbst weite Kreise der christ- lich.m Bergarbeiterschaft weigerten, die Agitationsarbeit zu leisten. Man hat es offen ausgesprochen, daß nur ein kaum Zurechnunsfähiger so kämpfen konnte, wie diese Perle der Zentrumsparteil Die Niederlagen, die sich der Gewerkverein dann später holte, waren gleichfalls in einer schoflen Kampfesweise des Gewerkvereins begründet, mehr aber noch in der ewig schwankenden Haltung des Gewerkvereins in Ar- beiterfragen. An Stelle Brust ist der Geist Behrens über die Gewerkvereinsleitung gekommen, was alles verstehen läßt. Dazu kommt der blinde Haß christlicher Bergarbeiter führer gegen alles, was sozialistisch angehaucht ist. Die Niederlagen bei den Nachwahlen blieben nicht un bemerkt auch bei der Führung der gesamten christlichen Ge wcrkschaftsbewegung. Von hier aus(Giesberts) wurde dem Gewerkderein der Rat erteilt, doch bessere Fühlung mit den konfessionellen Arbeitervereinen bei den Wahlen zu halten. Diese Vereine verfügen— ob evangelisch oder katholisch>— über tüchtige Agitationskräfte. Sie sind bei den Wahlen gut zu gebrauchen. Wer nun aber mit den konfessionellen Vereinen arbeiten will, der kann die hinter diesen Vereinen stehenden Parteien nicht umgehen. Für die katholischen Arbeitervereine steht das Zentrum und hinter den evangelischen die national- liberale Partei, die im Ruhr decken bekanntlich von den Geldern der reichen rheinisch-westfälischen Gruben und Hüttcnbarone ausgehalten wird; ebenso werden die politischen Wahlen im Ruhrbecken von den Großindustriellen bezahlt! Wer also die Hilfe der evangelischen Arbeiter- vereine fucht, der trifft unbedingt auf dem Wege dahin die Zechen und das Rudel angestellter nationalliberaler Parter sekretäre! Das weiß auch der Gewerkverein, aber die Angst vor der Niederlage dämpfte den alten Haß gegen die Nationalliberalen. Nicht lange dauerte es und der GeWerk- verein hatte Fühlung mit ihnen gesucht und gefunden. Das Kompromiß kam gegen den Vevband zustande. Viel zum Zustandekommen des Koinpromisses trug neben anderen Zentrumsblättern die„Kölnische Volkszei- t u n g" bei. In einem längeren Artikel legte sie dar, wie sich der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter in der Be- kämpfung der Sozialdemokratie verdient gemacht habe. So sei der große„W a h l r e ch ts r u m m e l" der Sozialdemokratie im Ruhrrevier an dem Verhalten des GeWerk- Vereins„gescheiter t". Bei einem politischen Massen- streik dürfte sich der Gewerkverein auch weiterhin bewähren! Dann ließ das Organ in versteckter Weise durchblicken, daß das Wahlrecht im Knappschaftsverein zu Bochum ein gar zu freies fei! Und dann hieß es weiter: „Würde der Sozialdemokratie eine größere Schlappe(bei den Sichcrheitsmänner- und Aeltestenwahlen) beigebracht, dann würde das zweifellos von Bedeutung sein für die fernere Ent- Wickelung der Verhältnisse in diesem größten deutschen Industrie- bezirk. Vielleicht würden sogar die nächsten Rcichstagswahlen davon günstig beeinflußt.... Der sozialdemokratische Berg- arbeiterverband ist im Ruhrrevier, man kann das ohne Ueber- treibung sagen, die beste Stütze der sozialdemokratischen Agi- tation. Ein Schlag, der ihn trifft, trifft auch die Partei!" Die„51ölnischc Volkszeitung" bittet dann die„Fehler" des Gewerkvereins ab! Die Nationalliberalen(lies Zechen!) sollten doch keinen Anstoß nehmen an der bisherigen Haltung und Taktik des Gewerkvereins, falls sie nicht immer ein- wandsfrei war! Gemeint ist damit natürlich das öftere Zusammengehen der christlichen Organisation mit dem Berg- arbeitcrverband. Immer- aber sei der Gewerkverein ein Bollwerk gegen die Sozialdemokratie gewesen. „Er hat deshalb auf die Hülfe aller derjenigen, welche nicht wollen, daß die Bergarbeiterschaft der Sozialdemokratie völlig überantwortet wird, berechtigten Anspruch!" Das war das Signal. Man ließ im Ruhrbecken das gegenseitige heimliche Locken beiseite und ging hin, für das Kompromiß öffentlich zu agitieren. Tie nationalliberalen Parteisekretäre sprachen als Referenten in christlichen wie in Expedition: SM. 63» k�indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. konfessionellen Arbeiterversammlungen. Höhere und niedrige Zechenbeamte forderten zum Eintritt in den GeWerk- verein auf und die Zechenverwaltungen sortierten mit Ge- werkvcreinsleuten die Kandidaten für die Wahlen! Der Gewerkverein trat gar mit seinen Kandi- daten zurück, wo es die Zechen wünschten und umgekehrt! Vornehmlich gilt das für die Acltestcn- Wahlen. Der„Bergknappe", das Organ des christlichen Ge- werkvcreins, fordert für die nächsten Reichstags- Wahlen vor allen Dingen die Beseitigung Hues aus dem Reichstag! Kurzum, das Kompromiß ist perfekt. Wenn es bei den nun hinter uns liegenden Sicherheitsmännerwahlen noch nicht klappte, so wird das vielleicht bei den nächsten Ael- testenivahlen besser gehen— wenn die Bergarbeiter den Herrschaften nicht auch hier noch gründlich die Rechnung ver- derben. Bei den bergmännischen Wahlen der Sicherhcitsmänner und der Aeltesten hat der christliche Gewerkverein ganz ver- gessen, daß es sich hierbei um eine Vertretung handelt, die erstens dafür sorgen soll, daß den Massenmorden und Massenverunglückungen im Bergbau Einhalt geboten werden soll, und ztveitens, daß die Opfer des Bergbaues in kranken und invaliden Tagen nicht am Hunger- tuche nagen. Der Haß gegen die sozialistische Arbeiterbewe- gung und ihre Fortschritte hat die nationalliberalen und zentrümlichen Parteimassen blind für diese Forderungen der Bergarbeiter gemacht. Ihre Parteisuppe wollen die bürger- lichen Parteien kochen. Gut, diese Suppe ist ihnen vorerst durch die Ruhrbergarbeiter versalzen worden. Die Sicherhcits» männerwahlen bedeuten nichts mehr als eine vernichtende Niederlage der Kompromißler. Und für den christlichen Ge- werkverein bedeuten sie den Anfang vom Endel Wer so frivol mit den Bergarbeitern zu spielen lvagt, wie diese christliche Organisation, der wird den Lohn einheimsen, den er verdient. Einen Sckstag, der ihn zu Boden streckte, hat der Gewerkverein schon erhalten. Am 17. Septeniber wird er den zweiten Schlag erhalten. Das steht heute schon fest. Und von dein Ausgang der kommenden Aeltestenwahlen im Ruhrbecken wird sich der Gewerkverein nicht mehr er- holen. Damit wird ihn das Schicksal ereilen, das schließlich noch alle volksvcrräterischen Organisationen ereilt hat. Für die nächsten R e i ch s ta g s w a h l e n braucht es der So- zialdemokratie im Ruhrbecken gewiß nicht bange sein. Die schwarz-blauen Herrschaften tragen gründlich dazu bei, daß schließlich auch dem blödesten ihrer Anhänger die Augen auf- gehen. Darum: Bei Philippi sehen wir uns Wiederl ver Hiailer des fchwarzblauen Blochs. Jubelhhmnen singt die Presse des schlvarzblaucn Blocks ihrem Wilhelm H Die„Kre»z-Ztg." kann den Herrscher, gegen den auch die konservative Parteileitung in den Novembertagen 1003 Front machen mußte, gar nicht genug preisen. Sie wettert gegen Parlamentsherrschaft und begeistert sich für den Absolutismus, daß man fast glauben könnte, sie wolle eine Kampagne für den Staats- streich beginnen. Der konservativen Presse steht die des Zentrums nicht nach und namentlich die„christliche" Marienburger Rede des Kaisers wird in den höchsten Tönen gepriesen. Und wirklich mit Recht! Hat doch in dieser Rede Wilhelm II. jene Parole ausgegeben, um die sich sein Bcthmann so lange vergebens bemüht: die Parole der Sammlung aller.staatSerhaltenden" Elemente gegen die Ar« bciter und ihre Partei. Daß dabei das„Christliche" so sehr betont wurde, soll wohl dem armen Freisinn zu verstehen geben, daß auf seine Mithilfe verzichtet werden kann. Da also Wilhelm II. sich selbst in den Dienst jener Politik ge- stellt hat, deren Durchsetzung BethmannS Unfähigkeit nicht verbürgte, ist die Begeisterung der Schwarzblauen ja ohne weiteres erklärlich. Die Volksfeinde waren ja stets für den Absolutismus, wenn er das Instrument ihres Willens war. Und daß das Zentrum im ByzantiniSnms die Konservativen noch bei weitem überbietet, kann nur den Einfältigen verwundern, der daS demokratische Gebahren, das einigen Zentrumsabgcordneten bisweilen gestattet wird, nicht schon längst als elende Bauernfängerei erkannt hat. Aber„Sammlnngspoliliker" gegen die Sozialdemokratie, daS sind ja nicht nur die Schwarzblaueu. Diese Sehnsucht lebt in jeder bürgerlichen Partei und jeder neue Wahlsieg der roten Rotte, um mit Wilhelm II. zu reden, läßt diese Sehnsucht stets brennender werden. Und in der Tat können wir sehen, daß auch die N a t i 0 n a l l i b e r a l e n sich von der kaiserlichen SammlungS- parole sehr befriedigt zeigen. Bereitwillig gehen sie auf den offiziösen Schwindel ein und sehen, nach offiziösem Geheiß, wenn auch nicht in der Bethmgnn-Erklärung der„Norddeutschen Allgcm. Zeitung", so doch in der Marienburger Rede eine Abschwächnng der Königsbergcr Kampfansage. Nun sind wir die letzten, die sich in den Streit um die Auslegung wilhelminischer Reden mischen wollen. Wir wissen, wie es gemeint ist und wem der Kampfruf gilt. Und daß die Massen die Rede verstanden haben, zeigen uns die Bolksversammlnngen dieser Tage. Auch meinen wir, daß es sich nicht bloß um die W 0 r t e handelt, sondern um die Tatsache, daß die berühmte„Errungenschaft" der November- tage, auf die die Bürgerlichen so stolz sind, vernichtet, daß die Erklärung vom 17. November heute, wie die klerikale„Märkische Volksztg." mit Jubel verkündet, ein«Fetzen Papier ist, der zer- rissen in die Luft flattert". Aber diesem Fetzen nachzujagen, überlassen wir gerne den bürger« lichen Parteien, die ihm einst so hohen Wert beigemessen haben. Wir Legnügen uns mit der Konstatierung, daß die kllraer« lichen Parteien in dem Kampf um die Ver- fassung vollständig versagen. Wir konstatieren, daß nicht nur die herrschende klerikalkonservative Reaktion geschlossen für den Absolutismus gegen das Recht deS Volkes steht, sondern daß auch die Nationalliberalen die Reden des Kaisers zum Anlaß nehmen, um seinem S a m m e l r u f z u folgen. Der Abmarsch der Nationalliberalen ins Lager der blau- schwarzen Reaktion als Wirkung der Kaiserrede— wir dürfen mit Wilhelm II. immer zufrieden sein. Die endgültige Cut- scheidung aber über seine Politik wird daS deutsche Volk bei den Wahlen fällen.__ Spahn junior Ist. d. R. Professor Martin Spahn, Sohn des alten Spahn, ist nun am vorläufigen Ziele seines politischen Ehrgeizes an- gelangt. Er ist— fragt freilich nur nicht wie— anstelle des verstorbenen Zentrumsabgeordncten Landrichters Otto Schmidz vom Wahlkreise Warburg-Höxter in den Reichstag entsandt worden. Er hatte die günstige Konjunktur benutzt, um sich in dem verwaisten, dem Zentrum absolut sicheren Wahlkreise aufstellen zu lassen. Die Zentrumsleitung des Wahlkreises war gerade(wie es in dem Schreiben einer Anzahl Zentrums- abgeordneter vom Katholikentag hieß, durch das Herr.Spahn noch in letzter Stunde vergeblich zum Verzicht auf seine Kan- didatur aufgefordert wurde) in Verlegenheit um einen Kan- didaten, und fiel deshalb auf eine dringliche Offerte des ehrgeizigen Spähnchens hinein. Allerdings wollte ein Teil der Zentrumswähler von der Kandidatur des allzu strebsamen Herrn nichts wissen, wie es denn auch in der Zen- trumspresse außerhalb des Wahlkreises nicht an Bedenken und Protesten gegen die Kandidatur des jungen Spahn fehlte. Herr Spahn hielt jedoch an feiner Kandidatur fest. So wurde er denn am Mittwoch gewählt, allerdings nur mit lOSOl) gegen 600 sozialdemokratische Stimmen, während sein Vorgänger Schmidt seinerzeit 15 000 Stimmen gegenüber 451 sozialdemokratischen Stimmen erhalten hat. 4500 Zentrums- Wähler verzichteten also auf die zweifelhafte Ehre, dem poli- tischen Ehrgeiz des politischen Strebers als Trittleiter zu dienen, ganz abgesehen von den 1500 konservativen Wählern, die diesmal von der Bildfläche verschwunden sind. Wes Geistes Kind Herr Spahn jun. ist, bewies der Artikel, den er im Juliheft der Zeitschrift„Hochland" ver- öffentlichte. In diesem Artikel sprach Herr Spahn in dürren Worten das aus, was die Zentrumsfraktion des Preußischen Abgeordnekenhauses dachte, als sie sich bei der Wahlreforni mit den Junkern verbündete, um selbst die dürftigsten Wahl- rechtszugeständnisse an die nichtbesitzenden Klassen zu hinter- treiben. Sagte er dock: „In Wahrheit stehen in Deutschland die erst im Beginn ihrer Anstrengungen, welche die Massen„politisieren", sie zur regelmäßigen und aufmerksamen Wahrnehmung der öffentlichen Pflichten anleiten wollen. Ihr Erfolg steht noch völlig in Frage. Ließen sie zurzeit durch die revolutionär Gesinnten Preuße» zertrümmern und hülfen ihnen aus falscher Wertschätzung bloßer Berfassungsresormen gar dabei, so würde das deutsche Volk, der echte Bürgcrsinn und das gleiche Recht aller den meisten Schaden davon leiden. Verfassungsformen gelten nur, wozu der Geist, der sie durchdringt, sie prägt. An dem starken und gerechten, dem politischen Geiste gebricht es der Demokratie des Zeitalters noch überwiegend.... Mit Preußen sänken alle Einzelstaate» in den Staub. Zwänge der Radikalismus heute dem preußischen Staat daS Wahlrecht des Reichstags im Sturme auf, erschütterte er ihn dadurch bis ins innerste Mark." Ein solches Ausplaudern der innersten Zentrums- gcdanken wurde natürlich von den Zentrumspolitikern sehr unangenehm empfuniden, denen die Legende vom d e m o- kra tischen Zentrum für den politischen Gimpelfang un- entbehrlich erscheint. So wetterte ein Zentrumsblatt gegen die Aufstellung Spahns, der sich„mit aller Schärfe gegen die llebertragnng des Reichstagswahlrechts ausgesprochen und sich so mit dem Programm des Zentrums in offenen Widerspruch gesetzt" habe. Die Auf- stellung Spahns sei unter solchen Umständen„ein Faust- schlag für die Partei." Ter Wahlrechtsfeind Spahn hat denn auch selbst in einem so überwiegend bäuerlichen und kleinbürgerlichen Wahlkreise, wie Warburg-Hörter, fast ein Drittel Stimmen weniger erhalten, als sein Vorgänger. Mit einer u n v e r- s ch l e i e r t reaktionären Politik vermag das Zentrum nicht einmal in seinen schwärzesten und unbestrittensten Wahl- kreisen Geschäfte zu machen! Um so dringlicher ist die Pflicht der Sozialdemokratie, die Zcntrnmswähler darüber aufzuklären, daß Herr Spahn keineswegs ein Eingänger innerhalb des Zentrums ist, sondern in seiner stroberhaften Sucht, sich bei der Reaktion anzubiedern, nur unverblümt ausgesprochen hat, was die schwarzen Jesuiten und Demagogen allesamt denkenl_ poUtlfcbe OebcrHcbt. Berlin, den 31. August 1910. Wieder ein„persönliches Bekenntnis". Das Organ der französischen Protestanten veröffentlicht, wie das„Berliner Tagebl." mitteilt, in seiner Nummer vom 27. August einen Brief Wilhelms II. an Papst Pius X. Das Blatt erzählt: „Wir hören von cmlonmtiver Seite, daß der beut ich e Kaiser am Tage der Ervfsnung des Berliner Kongresses für freies Christentum einen Feldjäger mit eine», Handschreiben an den Pap st nach Rom schickte. In diesem Brief— der, nebenbei bemerkt, in keiner Weise der Miß- stimmnng gedenkt, die durch die Enzyklika Editao saepe in Deutschland erregt wurde— versichert Wilhelm IL, daß weder er noch das'deutsche Volk die Angriffe des Kongresses gegen den Glauben an die Göttlichkeit Jesu billigten. Er erinnert an einen Ausspruch seine« Großvaters. Wilhelm« I., der bei Gelegenheit einer preußischen Generalsynode zu hohen Geistlichkeiten sagte, ohne diesen Glauben habe der Pro- testanlismnS keine feste BastS. DaS kaiserliche Schreiben schließt mit Wünschen für eine lange Dauer des glorreichen PontifikatS Pius' X. Der Abgesandte deS deutschen Kaisers wurde zuerst von, Kardinal Merry del Bal und bald darauf vom Papst selbst empfangen. In der Audienz erklärte PinS X., die Aufmerlsamkeit Seiner Majestät rühre ihn sehr; er iverde möglichst bald an den Kaiser schreiben. In den diplomatischen Kreisen, in denen diese wichtige Nachricht zirluliert, glaubt man, daß Wilhelm II. die Antwort des Heiligen Vaters mittlerweile bereits erhalten hat. Und da der Kaiser sich an, 2(1 August zur Einweihung des neuen kaiserlichen Schlosses nach Posen begeben wird, glaubt man in diesen Kreisen, daß die Polen, die ja ausgezeichnete Katholiken sind, ihn gnt empfangen werden. Man fügt hinzu, daß Wilhelm II. sogar allem Anschein nach den erwähnten Brief an Pius X. geschrieben hat, um bei dem poluischen Element in der Probinz Posen einen guten Empfang zu finden. Auf jeden Fall werden die Konservativen und da« Zentrum den Schritt des Kaisers sicher durchaus billigen, ohne sich um das Motiv, das ihn veranlaßt hat, zu bekümmern." Der Brief würde der Wesensart Wilhelms II. wirklich sehr gut entsprechen. Erblickt er doch von je seine Hauptaufgabe alle„Christen" zu eiuein K r e u z z u g gegen d e n„U m- st u r z" zu sammeln, ohne dabei auf die etwas ver- alteten konfessionellen Unterschieds zwischen Katholizismus und Protestantismus Wert zu legen. Weiß er doch, daß diese Unterschiede mehr für das Volk be- rechnet sind, daß sich aber die leitenden Kreise ihrer gemeinsamen Interessen, die allerdings weniger religiöser als sehr materieller Natur sind, stets bewußt sind. Auch hierin zeigt sich, wie sympathisch Wilhelm II. das schwarz-blane Bündnis zwischen der protestantischen und katholischen Religion sein muß. Zugleich ist der Brief, wenn auch eine unbeabsichtigte, so doch sehr treffende nachträgliche Kritik des Enzyklikarummels seligen Angedenkens. Wilhelm II. ist jetzt überhaupt sehr tätig. Auch darüber weiß das„Verl. Tagebl." eine kleine Geschichte zu erzählen, die also lautet: „Der Präsident des Hansabundes Dr. R i e ß e r wurde heute vormiltag vom Kaiser im Tiergarten in eine längere Unter- r e d u n g gezogen. Gehcimral Rießel hatte heute früh einen Spaziergang durch den Tiergarten unternommen. In der Nähe des Großen Sterns begegneten die Herren dem Kaiser, der einen Spazierritt durch den Tiergarten unternahm. Der Kaiser ritt an Geheimrat Nießer heran, begrüßte ihn freundlich und zog ihn vom Pferde aus in eine Unterredung, die länger als zehn Minuten dauerte. Der Kaiier und Geheimrat Nießer sprachen in sehr angeregtem Tone miteinander; über den Inhalt dieser Unterredung ist nichts bekannt geworden. Man gehl jedoch nicht fehl, wenn man annimmt, daß sie politischen Charakter hatte." Man sieht, Wilhelm II. stellt auch in der Kleinarbeit seinen Mann. Enttäusch ilng. Der„Rheinisch-We st sälischen Zeitung' hat die Königsberger Rede Wilhelms U. ganz gut gefallen. Die Stelle über die„lückenloie Rüstung" hatte es dem Organ der Panzer- platten-Jnteressenten angetan. Aber die Freude hat ihr Urteil nicht lange beeinflußt. Heute schreibt das Blatt: „Se. Majestät hat gestern� die zehnte Rede gehalten von der Einweihung des Posener Schlosses am 20. August ab ge- rechnet. Man mutz sich gewöhnen, Kaiscr-Reden nicht anders aufzufassen als die der gewöhnlichen Sterblichen. Als Wilhelm II. 1888 austrat, ging ein Sckilag durchs Volt. Er hielt eine Programmrede nach der anderen; das Volk war erfreut, erstaunt, besorgt und verletzt. Aber man merkte nllrnähliÄ, es folgte nichts, weder etwas Gutes, noch etwas Böses. Es war ein Donner ohne Blitz. Auf den Donner der Königsberger Rede ist nun eine sanfte Marienburgcr Sprache geregnet. In der Königsberger Rede war der erste Teil erfreulich. Das Heer soll gestärkt werden. Das Höchst«, was eine Frau bieten kann, soll»ach wie vor sein: Hausfrauenschaft und Mutterschaft. Ob den Worten einmal wider Erwarten Taten folgen, ob wir den Russen ihre sechs neuen Arnieekorps nachmachen oder die Frauenfrage kräftig anschneiden, das alles ist vorläufig unglaubhast. Der zweite Teil der Königsberger Rede würde die starke Besorgnis der Liberalen rechtfertigen— wenn ein Titan auf dem Throne säße. Der Kaiser sprach vom eigenen Recht«, vom Gottes- anadenirnn, wie sein Ahne aus eigener Macht und Recht die Krone sich aufs Haupt drückte und wie er selbst unbeirrt gehe und und ein Instrument deS Herrn sei. Wilhelm U. liebt diese Gedankengänge beinahe so wie G e o r g V. von Hannover, der unauf« hörlich auf seinem göttlichen Recht ritt bis zur Schlacht bei Langensalza. Es scheint, als ob Wilhelm II. besorgt sei, daß auf seiner Krone Flecken entständen, wenn die ihn» verliehen oder ihm bestätigt wäre. Und doch wird für die Taten unseres 20. Jahrhunderls es ganz gleichgültig sein, aus welchem Rechte einmal etwas entstanden ist: das sind alles Machtfragen; allerdings bedeutet auch die Anhänglichkeit eines Volkes Macht. „Ich war Ambassadeur", läßt Liliencron den von den Eisenbahnarbeitern herausgepuddelten Schädel sagen,„Ka- naillen, ich vermittelte den Frieden zwischen Holland und Dänemark." Da« hilft ihm nichts; die Arbeiter werfe» den Schädel in den Dreck. WaS half es Georg V., daß er die Welsen als das von Got) bevorzugte Haus hinstellte und unaufhörlich seine tausendjährigen Rechte betonte? WaS half eS Ludwig XVI., als er an der Guillotine stand, daß fast tausend Jahre vorher sein Ahne Hugo Capct ans eigenem Rechte sich die Krone von Frank- reich aufs Haupt setzte? Wenn neue Mächte wirklich konimen, so werden sie eben neues Recht schaffen. Und was soll es nutzen, mit historischen Erinnerungen und juristischen Schraubereien im 20. Jahrhundert anfznmarschieren? Da plötzlich erscheint WÜHel», II. in Marienburg und radiert niit einer neuen Rede die alte aus wie einen Bleistiftstrich: Wie er im Auftrage deL Herrn und Gottes arbeitet, so tut das jeder ehrliche Christ.„Alle Konfessionen und Stämme sollen zusammenhalten, die Berufsgenossen die Hände ineinanderschlagen und fürs Vaterland arbeiten. Leben heißt arbeiten, arbeiten heißt kämpfen, kämpfen heißt Schwicrigkeiten überwinden." So u n- gefähr sagt das der Herr Pfarrer auch. So ist die Königsberger Rede gefahrenfrei, aber sie ist auch deutungsfrei, fie ist gefahrlos und inhaltlos. Und der Herr Reichskanzler fügt noch einen kräftigen Spruch hintenan. Er läßt in der„Nordd. Allgem. Ztg." erklären, daß die Königsberger Rede ja ganz bedeutungslos sei; sie fordere jeden zur Mitarbeit auf und„ein Herrscher, der so viele Beweise gab, daß er fest auf dem Boden der Verfassung steht, sollte vor Miß- deutung geschützt sein."- Gewiß! Da seit 22 Jahren den gefähr- lichen Worten über Hcrrsein, Zerschmetterung und Goltcsgnadentum keine Taten gefolgt sind, so wolle» lvir uns nicht aufregen und mit Vertrauen schlafen legen und wieder auisteben. Und Herr von Bethmann Hollwcg geht in der Wegradierung der Königsberger Rede dem Kaiser noch um 24 Stunden voraus und behauptet, auch die Stelle, daß der Kaiser ohne Rücksicht auf Tagesmcinungcn seinen Weg gehen werde, sei ganz bedeutungs- los und inhaltlos, denn man könne doch nicht jeden Tag seine Ansicht ändern. DaS Ei des Kolumbus! Ganz ausgezeichnet! nämlich dann, wenn der eine auf dem richtigen Wege ist und die anderen,„die TageSmeinendcn", auf dem falschen. Die Nichtig- keit der Tagesineinung bestätigt also der Herr Reichskanzler am 2g. August in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" und--- am 30. Aniust folgt der Kaiser der erregten Tagesmeinung und radiert seine Königsberger Rede in Marien- bürg wieder aus. Jetzt sind wir so klug als wie zuvor!" lieber die Gefahrlosigkeit der Königsberger Rede ließe sich reden, stände nicht hinter dieser Kundgebung die Macht der kleri- kalen und junkerlichen Reaktion. Er schreibt nuch! Unser Kronprinz ist auch reich begabt. Wir lesen tn der „Täglichen Rundschau": „Mit Bezug auf die Königsberger Rede des Kronvrinzen wird uns über die Abneigung des Thronfolgers gegen die deutsche Ausländerei u. a. folgendes mitgeteilt: Was dem Kronprinzen widerwärtig ist, ist die aus den Zeiten der Kleinstaaterei und Kleinjtädterei herrührende Neigung der Deutschen zur Ueber- schätzung von Leistungen und Sitten des Auslandes auf Kosten deutscher Einrichtungen und Gewohnheiten. Niemand empfindet es peinlicher als er, daß Mangel an natio- nalem Selb st be wußtsein und würdelose Abhängigkeit vom Ausland dem Aufkommen einer eigentlich deutschen ge- seil schaftlichen Kultur so hartnäckig im Wege steht. Früher waren wir in gesellschaftlicher Beziehung von den Franzosen abhängig; heute sind wir es von den Engländern. Bei aller Wertschätzung der Leistungen der Engländer auf sportlichem Gebiet: weshalb schaffen wir uns nicht, statt immer und immer wieder Fremdes sklavisch nachzuahmen, einen deutschen Sport? Es ist fast unmöglich, Deutsche in der Diaspora des Auslandes gesellschaftlich zusammen zu halten; für zwar politisch deutsche, national aber umstrittene Gebiete, wie die Reichslande oder namentlich den deutschen Osten, gilt dasselbe. Hier könnte, nach des Kronprinzen Meinung, ein allgemein anerkannter und allgemein beliebter deutscher Sport vieles ändern. Bier und Skat allein tun es nicht. Dem Geschmack des Kronprinzen widerstrebt auch die gesellschaftliche Bevorzugung von Ausländern, wie man sie in Deutschland oft zu beobachten Gelegenheit hat. eine Bevorzugung, die sich selbst über gesellschaftliche Minderwertigkeit des Fremden unter Ilmständen hinweg- setzt. Was der Kronprinz daher u. a. mehr als einmal als ein Ziel aufs innigste zu wünschen bezeichnet hat, das ist eine nationale gesellschaftliche Kultur und ein nationaler Sport. Gedanken dieser Art sind vom Kronprinzen bereits vor längerer Zeit mit ausführlicher Be- gründung schriftlich niedergelegt worden." Schade, daß die Nachricht, Fürst Fürstenberg beabsichtige die Gründung eines Blattes, dessen Chefredakteur Wilhelm II. werden sollte, nicht wahr ist. Der Redakteur des Sportteils wäre ja schon gefunden. Wäre da übrigens nicht für Scherl oder Ullstein etwas zu machen? Der Protest gegen Absolutismus und Fleischwucher. Mit der Flcischtcuerung befaßten sich am Dienstag in Nürnberg fünf massenhaft besuchte Volks- Versammlungen, die sich zu einer eindrucksvollen Kund- gebung gegen die Volksauswucherische Agrarpolitik unserer Regierungen gestalteten. In einer einstimmig angenommenen Resolusion wird unter dem Hinweis darauf, daß die Ursache der Fleischtenernng in der Schutzzollpolitik liegt. das; durch diese Politik die Lebenshaltung des Volkes immer tiefer herabgedrückt wird, an die bayerische Staats- regierung die Forderung gerichtet, eine E r m ä ß i- g u n g der Eisenbahnfrachtsätze für den Trans- Port von Vieh und Fleisch vorzunehmen und ferner beim Bundesrat auf Aufhebung der Grenzsperre unter Aufrechterhaltung der Einfnhrbeaufsichtignng nach rein sanitären Gesichtspunkten. Aufhebung der Zölle auf die Lebensmittel des Volkes zu wirken. Auch die kaiserlichen Program in reden wurden von den Rednern niitbehandelt. Die Versammelten erhoben in einer Resolution scharfen Protest gegen die in dem Königsberger Trinkspruch enthaltene Acußerung der Gering- schätzung gegen die verfassungsmäßigen Einrichtungen und sprachen dem Reichskanzler ihr größtes Mißtrauen aus, weil er in seinem offiziellen Blatte diese Aeußernngen deckt und dadurch das persönliche Regiment stützt. Vom Reichstag wird erwartet, daß er diesen kaiserlichen Aeußernngen, die die Bestrebungen, die Verfassungen des Reiches und der Bundesstaaten in reaktionärem Sinne zu revidieren, unter- stiitzen, mit aller Energie entgegentritt und ihnen ein für alle- mal einen Riegel vorschiebt durch Schaffung eines Gesetzes, das den Reichskanzler für seine Person und alle politischen Handlungen und Unterlassungen des Kaisers verantwortlich niacht. Zugleich wird dagegen protestiert, daß dem Blutzaren Gastfreundschaft in Deutschland gewährt wird, den Kämpfern um die Befreiung des russischen Volkes wird vollste Sym- pathie ausgesprochen. In F r a n k f u r t a. M. finden am Donnerstag sechs sozialdemokratische Versammlungen statt mit der Tagesordnung: Aushungerung und Absolutismus. Ebenfalls für Donnerstag haben die Genossen in Halle a. S. eine Protestversammlung mit der Tages- ordnung:„Absolutismus und Demokratie, Lebensmittel- Wucher und Fleischnot" angesetzt. « Eine gewaltige Kundgebung war die große Volks- Versammlung, die am Dienstag in München stattfand. Genosse Landtagsabgeordneter Franz Schmitt referierte, oft von lebhafter Zustimmung unterbrochen, über die Fleischnot. Einstimmig wurde die folgende Resolution angenommen: „Unerträglich lastet auf der breiten Schickten des Volkes die zu einer gefährlichen Kalamität gewordene Fleischtenernng, die rn Verbindung mit'den aus die Spitze getriebenen Preisen der übrigen Nahrnngs- und Bedarfsartikel zur völligen Verelendung der Arbeiterbevölkerung führen muß. Die Reichsregiernng leugnet die Not und auch die bayerische Regierung weigert sich, durch- greisende Maßnahmen zur Linderung der Fleischtenernng zu treffen. Die Versammelten fordern daher im Namen des not- leidenden Volkes als Mittel gegen die maßlose Teuerung: Oeff» nnng der Grenzen für ausländisches Vieh, Minderung der Ein« fuhrSerschwernngen. Aufhebung der Viehzölle und der Zölle auf Futtermittel. Von der bayerischen Regierung verlangt die Versammlung, daß diese im allgemeinen Volkswohle liegenden Forderungen im Bundesrate nachdrücklichst unterstützi und auf deren Durchführung mit aller Energie besteht. Von der Stadtverwaltung München erwarten die Versammelten, daß sie bei der Reichs- regierung um Erlaß der genannten Maßnabmen zur Verminderung der Fleiichteuerung petilionieren und die Schlacht- und Viehhof- ordnung einer genauen Prüfung nach der Richtung unterziehe», ob nicht durch entsprechende Acnderungen eine Verbilllgung des Fleisch- Preises erzielt werden kann. Die Versammlung beaustragt das Bureau, diese Resolution den maßgebenden Kreisen zu übermitteln." Genosse Landtagsabgeordneter A u e r sprach sodann in kräftigen Worten unter lautem Beifall über die Kaiser» rede, dann wurde ebenfalls einstimmig die folgende Reso- lution angenommen: „Die Versammlung protestiert mit aller Schärfe gegen die absolutistische, die Verfassung verletzende und das Ansehen der deutschen Nation im Auslände so schwer sckädigcnde Rede deS Königs von Preußen. Sie fordert vom Deutschen Reichstag, daß nun endlich gesetzliche Mittel geschaffen werden, die es unmöglich machen, daß durch derartige zäsaristische Aeußerungen die Ver- fassung gebrochen und so der Umsturz von oben herbeigeführt wird. Bon der bayerischen Regierung verlangt die Versammlung, im Bundesrat mit aller Energie dahin zu wirken, daß künftig solche den Völkersrieden gefährdende und das Ansehen des deutschen Volkes herabsetzende Reden vermieden werden." Die Stadt Mainz gegen die Fleischnot. Bon dem Mainzer Stadtverordnetenkollegium wurde ein Antrag des Genossen Adelung, der die Bürgermeisterei ersucht, unverzüglich bei der Regierung Schritte zur Bekämpfung der herrschenden Fleischnot zu tun, einstimmig angenommen. Sie Hungerpeitsche bei der Gisenbahnverwaltuug. Die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. hat allen Hitfs- bediensteten und Arbeitern gegen Namensunterschrift eine Verfügung bekannt gegeben, worin sie vor dem Beitritt zumDeutschen Transportarbeiter-Verband warnt und den An- gestellte» mit Dienstentlassung droht, falls sie doch demVer- band beitreten._ Liberale Budgetverweigerer. Wir haben schon einmal daraus hingewiesen, daß sich bei den bayerischen Liberalen Unzufriedenheit damit kundgibt, daß die liberale Fraktion im Landtag für das Budget ge- stimmt hat. Die„Münch. Neuest. Nachr." veröffentlichen nun folgende Zuschrift: „Mir scheint der Kern der Frage der zu sein:„Bedeutete die Budgetbewilligung ein Vertrauensvotum der liberale» Partei für die Regierung nnd konnte sie von derselben als solches aufgefaßt werden?" Wenn„ja", dann hat die liberale Fraktion, die doch unmöglich Vertrauen zur Regierung haben kann— oder doch?—, wohl unzweifelhaft einen Fehler gemacht und sich eine kaum verzeihliche Inkonsequenz zuschulden kommen lassen, die ihrem Ansehen bei der Wählerschaft schweren Schaden tun muh. Zum mindesten wäre dann eine jener falschen Deutung vorbeugende Gesamlerklärung der Fraktion als Kommentar zur Budgetbewilligung nötig gewesen. Wenn„nein", dann war das Budget unzweifelhaft zu b e- willigen. Aber auch dann bleibt die Tatsache bestehen, daß gerade bei den denkenden und entschieden liberalen Elementen im Lande der vom Rechtsanwalt Kohl in seinen Artikeln dargelegte Widerspruch zwischen liberalen Worten und Taten je länger je mehr peinlich empfunden wird. Zum mindesten hätte man die Ablehnung des Gehaltes des Kultusministers erwartet, zumal nach dessen unqualifizierbarer Aeuherung gegenüber dem Ab- geordneten Miiller-Meiningen anläßlich der Besprechung des Bam- berger Falls. Die Frag«, ob und wie weit eine solche oppositionelle Haltung der Fraktion auf die Regierung Eindruck gemacht hätte, iritt wohl sehr zurück hinter der anderen, ob nicht die tatsäch- liche Haltung der Fraktion eiire direkte mora- lische Stärkung einer Regierung bedeutet, zu der doch die Fraktion ein Vertrauen unmöglich haben kann— sie müßte sonst in entsprechendem Sinn, also abwiegelnd aus die Wählerschaft einwirken. Das wäre geradezu ihre Pflicht." Die..Münchener Neuesten Nachrichien" sind über solchen „Radikalismus"— außerhalb Deutschlands ist die Budget- Verweigerung ein selb st verständliches Kampf- mittel auch der bürgerlichen Opposition— natürlich sehr ungehalten. Aber es ist imnierhin beachtenswert, daß das Verständnis für parlamentarische Kampfesmethoden gegen eine bureaukratische Regierung selbst den bayerischen Liberalen auf- zudämmern deginnt._ Der neueste Polizeistreich. Um Sitzungen der Partei- und Gewerkschaftsmitglieder abhalten zu können, wurde in Mikultschütz, Kreis Beuthen, Oberschlesien, eine kleine Wohnung gemietet. Monate hin- durch fanden in der Wohnung ohne Störung Sitzungen statt. Am 18. August erhielt der Vorsitzende des polnischen sozialistischen Vereins folgende Androhung: „Aus Grund des§ 59 der Kreisordnung vom 13. Dezember 1872/19. März 1831 und§ 10 II 17 Allgemeinen Landreckts, wird Ihnen vom heutigen Tage ab zur Abwendung der dem Publikum drohenden Gefahr die Benutzuna der im Vorreiterschen Hause Hierselbst Haldenstraße angemietete Wöhnüng zu Vereins» und Versammlungszwecken hiermit untersagt, da diese Räume den polizeilichen Vorschriften nicht entsprechen. Sollten Sie dieser Aufforderung nicht genügen, so haben Sie zu gewärtigen, daß auf Grund des§ 182 zu 2 des Gesetzes über die Allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883 gegen Sie für jeden Zuwiderhandlungsfall eine Exekutivstrafe von 30 M. festgesetzt wird, an deren Stelle im Unvermögensfalle eine Haft- strafe von drei Tagen tritt." Zu den Sitzungen kamen durchschnittlich 1l) bis 22 Personen._ In der Handabhackeraffäre hat jetzt Genosse Albert in Breslau, nachdem auch bürger- liche Blätter energisch gefordert haben, daß die Wahrheit unbedingt an den Tag kommen müsse, koste es. was es wolle, gegen die Verfügung des Regierungspräsidenten B e- s ch w e r d e eingelegt. Außerdem hat er— die Polizei kommt vom Regen in die Traufe!— die eidliche Vernehmung des Oberstaatsanwalts Müller zum nächsten Termin beantragt. Von ihm behauptet die Verteidigung, daß er die die Polizei 1906 schützenden Maßnahmen damals gebilligt habe, um den Polizeipräsidenten, der den Hand ab Hacker öffentlich belobigt hatte, nicht zu desavouieren. Die Mamrothschen Akten, die beweisen, daß die Staatsanwalt- schaft 1906 die Vernehmung der Polizisten abgelehnt hat, sind bereits an Gerichtsstelle geschafft worden. So wird's gemacht. In einer Großstadt des Ostens kam eines Nachts ein Arbeiter mit seinem Rade durch eine abschüssige Straße, die den Lauf seines Fahrrades mehr beschleunigte als ihm lieb war. Ein Schutzmann rief ihn an, weil er keine Laterne hatte. Während er sich noch im vollen Fahren umsah, sah er vor sich einen anderen Schutz- mann, der i»it gezücktem Säbel und ausgebreiteten Armen ihm entgegenlief und ihn derart gegen die Brust schlug, daß er mit ge- brochencm Schlüsselbein und anderen Verletzungen am Boden liegen blieb. Ohne seine Personalien festzustellen, gingen die Polizisten dann ihres Weges!! Wochenlang war der Arbeiter in ärztlicher Behandlung, weil die Wunden nur schwer heilten. Und dann stellte der Verletzte Strasiantrag gegen den säbelhauendcn Schutz- mann wegen Körperverletzung. Selbstverständlich fand die Staatsanwaltschaft„keine Schuld" an den Schutzleuten und wies die Klage ab. Auch die Ober st aatsan waltschaft schenkte nicht dem Verletzten, sondern den P o l i z i st e n Glauben, die da erklärten, sie hätten dem Manne die Verletzungen nicht bei- gebracht!! Und jetzt, nachdem der Verletzte völlig schutzlos dasteht, nachdem es ihm nicht möglich war, gegen die Polizisten zu seinem Rechte zu kommen, jetzt bekommt er zu allem, was er zu erleiden hatte, eine— Anklage wegen wissentlich falscherAn- schuldigung!!! Selbstverständlich einzig und allein auf Grund der Aussage des säbelhauenden Polizisten, der als einziger Zeuge zur Verhandlung geladen ist! Ist es notwendig, noch extra zu erwähnen, daß sich dieser echt preußische Vorfall in— Breslau abspielte? SesteireicK. Auslösung eines Grmeinderates. Laibach, 31. August. Die Landesregierung hat den Laibacher Gemeinderat aufgelöst und mit der einst- tveiligen Leitung der Gememdegeschäfte einen Beamten der Landesstelle betraut. OrKei. Fortdauer des Boykotts. Konstantinopcl, 30. August. Hier und in der Provinz zeigt sich seit einigen Tagen eine Verschärfung des gnti» griechischen Boykotts. Das Preßbureau der Pforte be- zeichnet die aus Athen stammende Nachricht, daß eine Beteiligung der türkischen Behörden des Wilajets Janina an der Boykott- bewegung erwiesen sei, als unrichtig. perNen. Unzufriedenheit. Teheran, 31. August. Die Unzufriedenheit der Bachtiaren mit Serdar Asfad, der augenscheinlich die Regentschaft oder eine Diktatur anstrebt, wächst. Jefrem und Serdar Assad haben eine Versammlung der Mullahs und Kaufleute einberufen und von dieser schriftliche Gutheißung der Handlungsweise der Regierung verlangt. Das Ministerium des Aeußern hat bei der russischen Ge- sandtschaft Einspruch erhoben gegen die Einführung des Auto- mobilverkehrs auf der Straße nach Täbris. Die Presse in der Hauptstadt agitiert gleichfalls dagegen, indem sie den Russen vorwirft, sie bestrebten sich, sämtliche Wege und Verkehrsmittel in Persien an sich zu reißen. Ckwa. Aenderung der inneren Politik? Peking, 3l. August. Die Regierung und die gegenwärtig in Peking befindlichen Vizekönige verhandeln eifrig über die ge- plante Wiedereinsetzung Auan-Shikais in das Amt eines Vizelönigs. Der Generalgouverncur der drei Ostprovinzen, Shiliang, empfiehlt furchtlos gründliche Wandlung in der Haltung des Regenten gegenüber den öffentlichen Angelegenheiten und in der inneren und der äußeren Politik. Es werden b e- deutende Personalveränderungen erwartet. In den amtlichen Geschäften herrscht völliger Stillstand. Klnierika. Rooscvelt gegen den obersten Gerichtshof. New N«rk, 31. August. Mit einer ungeheuren Verblüffung und einer Bestürzung ohnegleichen haben die Mitglieder der Gesetz- gebung des Staates Colorado Rooscvelt gestern den oberste» Ge- richtshof der Konföderation angreifen hören. Niemals hat em ExPräsident derartige Angriffe gegen die Ehre der Gerichts- Personen dieses obersten Gerichtshofes ausgeführt wie Roosevelt. Die Nachrichten hiervon verbreiteten sich mit unendlicher Ge- schwindigkcit in den gesamten Vereinigten Staaten und spalteten im Nu die Millionen in zwei scharf begrenzte Lager. Um die un- geheure Wichtigkeit dieser Angriffe zu verstehen, muß man wissen, daß in den Vereinigten Staaten die Regierungsmacht aus drei Hauptfaktoren besteht: aus der gesetzgebenden Macht, welche dem Kongresse zukommt, aus der exekutiven Macht, welche dem Prä- sidenten in die Hand gegeben ist, und aus der Justizmacht, die der oberste Gerichtshof vertritt. Sämtliche drei Faktoren sind gleichberechtigt. Ein Gesetz, welches durch den Kongreß votiert und durch den Präsidenten angenommen ist, hat noch keine Gültig- keit, so lange es nicht auch vom obersten Gerichtshofe ratifiziert wurde. So hatte z. B. das Gesetz über die Einkommensteuer, so wie eS der Kongreß beschlossen hatte, bereits die Unterschrift des Präsidenten Cleveland erhalten, ist aber niemals in Kraft ge- treten, weil der oberste Gerichtshof erklärte, daß diese Steuer der Verfassung nicht entspreche. Die Vorrechte dieses obersten Gerichts- Hofes sind ganz bedeutend. So hat diese Institution das Recht der absoluten Kontrolle und seine Mitglieder sind mit demselben Respekt umgeben, wie z. B. die Botschafter fremder Länder. Diese Gerichtspersonen und diese Institution waren es nun, die Rocssevelt gester» mit beispielloser Heftigkeit angriff, denen er Vorwürfe entgegenschleuderte, wie sie stärker noch kein Mensch ge- wagt hatte. So z. B. behauptete Roosevelt: Wir wissen sehr gut, daß alle diese Richter, obwohl sie sonst sehr ehrenwerte Leute sind, einen sehr fossilen G e i st an den Tag legen, daß sie völlig lebensunerfahren sind und daß die Mehrzahl ihrer Urteile in der Luft schwebt. Ist das Recht, wenn sie z. B. erklären, daß wir kein Recht hätten, eine Frau an einer viel stündigen entnervenden und zerrüttenden Arbeit zu ver. hindern, die ihre Gesundheit in kürzester Zeit völlig unter- gräbt? Später warf Roosevelt in dieser Rede dem obersten Ge- richtshofe eine große Subtilität in gewissen technischen Gesetzes- fragen vor und eine fürchterliche Abgewandtheit von dem Geiste und den Notwendigkeiten der modernen Zeit. Völlige Unkenntnis dieser Dinge, Weltunerfahrenheit und der Mangel an jeglicher Lebenspraxis nur können diese Urteile des obersten Gerichtshofes erklären. Die Nation und der Staat, so sagt Roosevelt weiter, dürfen ein derartiges neutrales Terrain nicht weiter e x i st i e r e n lassen, auf dem beide ihre Autorität nicht aus- zuüben vermögen und welches schließlich ein Zufluchtsort für die vornehmen Verbrecher und die Reichen ist. die gegen das Wohl der Allgemeinheit handeln wollen, geschützt von der Macht ihrer Millionen. Im Laufe dieser außerordentlich scharfen Attacke entwickelte Roosevelt auch seine persönlichen Er- innerungen. indem er an die Affäre des Z u ck e r t r u st e s er- innerte, bei der der oberste Gerichtshof sich gegen die Ein- führung einer Finanzkontrolle über die kom- merziellen Verbindungen zwischen den einzelnen Staaten aus- sprach. Ebenso erwähnte Roosevelt seinen Kampf mit dem obersten Gerichtshof in der Affäre der Bäcker. Hier untersagte der oberste Gerichtshof, daß ein Gesetz herausgegeben würde, welches die Arbeitszeit dieser Branche regelt und ver- hinderte so den Staat daran, das zu tun, was nur seine Pflicht war, nämlich für die hygienischen Arbeitsbedingungen der Bäcker zu sorgen. Roosevelt schloß, indem er die Hoffnung aus- sprach, daß bald ein Tag kommen möge, der diese wichtigen und für das Leben der gesamten Vereinigten Staaten so einschneidenden Entscheidungen des obersten Gerichtshofes bedeutend ein- schränken möge. Die Rede wurde von den Tausenden der Zuhörer mit einem unbeschreiblichen Enthusiasmus altgehört. Minutenlange, brausende Beifallssalven unterbrachen ihn wiederholt. Als man ihn später über diesen Tag befragte, sagte er selbst:„Das ist der be- deutendste Tag meiner Reise im Westen und einer der be- deutendsten überhaupt meines ganzen Lebens!" Der sozialdemokratische Bürgermeister von Milwaukee, Herr Seidel, der erst kürzlich sei» Amt angetreten hatte, und der' der einzige Sozialdemokrat unter sämtlichen Bürgermeistern der Vereinigten Staaten ist. weigerte sich, Roosevelt zu empfangen und erklärte das damit, Roosevelt sei nicht ein Mann, der aus Unkenntnis oder aus schlechter Information den Sozialismus bekämpfe, seine Attacken seien nur die Praktiken eine? li st igen und pfiffigen Politikers. e. Man kann die Handlungsgehilfen, die diesem Verbände unter Mißachtung ihrer eigenen Interessen noch immer nachlaufen, nur bedauern! Berlin und Qmgegend- Schiedsspruch des EinignngsamteS in der Frage der Tarifstrcitigkeiten in den Ladeneinrichtungs- tischlereien. Die Berliner Ladeneinrichtungsfabrikanten unterstehen als Mitglieder des Arbeitgeberschutzverbandes für die Holzindustrie dem im Frühjahr 1910 abgeschloffenen allgemeinen Tarifvertrage. Da darin auch die Bestimmung enthalten ist, daß für die einzelnen Spezialbranchcn, also auch für die Ladentischler, besondere Orts- tarife ausgearbeitet werden sollen, versuchten die Arbeitgeber in einen solchen Spezialtarif ungünstigere Bedingungen hineinzu- bringen, als wie sie im Hauptvertrage enthalten sind. Die Arbeiter lehnten den verschlechterten Tarif ab. Der Vorstand des Vereins der Ladeneinrichtungsfabrikanten gab seinen Mitgliedern deshalb die Anweisung, die Bestimmungen des allgemeinen Vertrages nicht einzuhalten, sondern die früheren Vertragsbestimmungen ln Anwendung zu bringen. Danach erhiel- ten die Arbeiter statt 1 M. nur 70 Pf, täglich Montagegeld. Es kam nun zu Verhandlungen in der Sck,lichtungs!ommission und am 18. Juli zu einer Entscheidung des Einigungsamtes, welches den Parteien den Austrag gab, innerhalb vier Wochen einen Spezial- tarif für die Ladentischler auszuarbeiten. Durch die Schuld der Arbeitgeber kam ein solcher Tarif nicht zustande, da sie die anbe- räumten Sitzungen wiederholt abbestellten. Darüber entrüstet, streikten die Arbeiter ab Montag in 13 Betrieben. Das Einigungsamt trat nun am Mittwoch zu einer VerHand- lung zusammen und fällte zur Tariffrage sowie über eine Be- schwerde der Unternehmer wegen Vertragsbruches Oer Arbeiter. den diese durch die Arbeitseinstellung begangen haben sollen, fol- genden Schiedsspruch:-.. I. Der Einstellungslohn beträgt SS Pf. pro Arbeitsstunld«, für solche Arbeiter, die nachweislich schön sechs Monate in der Branche ibeschäftigt sind, 60 Pf. Kann ein Arbeiter entsprechend seiner Lei- stungen einen höheren Lohn beanspruchen, so ist derselbe spätestens am 6. Tage zu vereinbaren und wird der vereinbarte höhere Lohn Kerantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: für die borgeleistete Arbeitszeit nachgezahlt. In Betrieben, in denen bisher bessere Arbeitsbedingungen bestehen, bleiben dieselben bestehen. II. Bei Montagearbeiten innerhalb Berlins und des Vorort- Verkehrs wird ein Montagezuschlag von 10 Pf. pro Stunde nebst Fahrgeld dritter Klasse bezahlt. III. Diese Vereinbarungen gelten als Teil des allgemeinen, in Gemäßheit des Schiedsspruches des Einigungsamtes vom 18. Juli 1910 zu vereinbarenden Ortstarifes im Sinne des§ 3e des Ar- beitsvertrages für die Berliner Holzindustrie. Ueber den Antrag der Arbeitgeber wegen der Arbeitsnieder- legung der Arbeiter entschied das Einigungsamt wie folgt: „Nach Fällung des heutigen Schiedsspruches des Einigungs- amtes hat die Organisation der Arbeitnehmer Sorge zu tragen, daß die streikenden Arbeiter unverzüglich die Arbeit wieder auf- nehmen. Das Einigungsamt erwanet, daß in Zukunft beide Par- teien streng nach den Bestimmungen des Arbeitsvertrages ver- fahren."_ Zum Streik der Herrenmaßschncider bei der Firma Jockey- Club haben die Vertrauensleute des Verbandes der Schneider gestern abend folgende Resolution beschlossen: „Die heute im Gewerkschaftshaus versammelten Vertrauens- leute der Herrenmaßbranche erklären nach dein Bericht der Orts- Verwaltung, daß sie nach wie vor in dem Vorgehen der Firma „Jokey-Club" einen groben Vertragsbruch erblicken. Sie billigen ausdrücklich alle bisher seitens der Ortsverwaltung und des Haupt- Vorstandes getroffenen Matznahmen und fordern die Streikenden auf, das von dem Arbeitgebcrverband gestellte Ultimatum ab- z u l e h n e n. Da der Vorstand des Arbeitgebervcrbandes sich weigert, die durch den Tarifvertrag vorgesehenen Schlichtungsinstanzen anzu- erkennen, somit für sich besondere Rechte verlangt und die Ver- Mittelung von Streikarbeit übernimmt, so fordern die Vertrauens- leute alle Kollegen auf, jede Streikarbcit zurückzuweisen und die Ortsverwaltung hiervon in Kenntnis zu setzen. Sollten sich hier- aus weitere Differenzen ergeben, so soll die Ortsverwaltung alle ihr geeignet erscheinenden Schritte unternehmen." Die genannte Firma hatte 9 Arbeiter entlassen, weil sie sich weigerten, sich eine Aenderung in der Entlohnung gefallen zu lassen. Hierauf hatten die übrigen Arbeiter die Arbeit eingestellt. Obwohl vom Verband der Schneider wiederholt die Einberufung der beiderseitigen Ortsvorstände verlangt wurde, lehnten die Arbeitgeber auch das Erscheinen vor dem Eini- gungsamt des Gewerbegerichts ab und verlangen nun durch ihren Hauptvorstand zu München die bedingungs- lose Ausnahme der Arbeit, also Anerkennung des Rechtes für die Arbeitgeber, sich über die tariflichen Schlichtungsinstanzen hinwegzusetzen und die Entlohnung der Arbeiter nach Willkür vor- zunehmen. Zur Lohnbewegung der Dachdeckerhilfsarbeiter. Der Stand der Bewegung ist als günstig zu bezeichnen. Dem Vorgehen der Kollegen von Horn u. Hummel haben sich am Montag früh die Kollegen von A. Christoph, Langestr. 50, Blank u. Riethmüller, Schöneberg, Hohenfriedbergstr. 22, und W. Neumeister, Inhaber Rödel, Charlottenburg, Sömmeringstraße, angeschlossen. Zur Arbeitseinstellung ist es sodann am 31. August bei der Firma Nielebock, Gaudystr. 14, gekommen. Herr Nielebock hatte seinen Hilfsarbeitern stets einen Stundenlohn von 60 und 6S Pf. pro Stunde gezahlt. Am letzten Sonnabend zog er den Kollegen Plötz- lich 5 Pf. pro Stunde ab. Die Arbeitseinstellung ist, soweit sich feststellen ließ, überall einmütig erfolgt. Die Werkstcllen sind von den Hilfsarbeitern aufs strengste zu meiden. Durch die Bewegung werden allerdings auch die Dachdecker in Mitleidenschaft gezogen, diese üben jedoch nach Möglichkeit Solidarität. Metallarbeitcrstreik. Am Mittwochabend waren die in den Metallwerken für gelochte Bleche beschäftigten Arbeiter im„Englischen Garten" versanunelt, um den Bericht über die letzte Verhandlung mit den Unternehmern entgegenzunehmen. Da irgendwelche Zu- geständnisse der Unternehmer nicht gemacht worden sind, be- schlössen die Anwesenden, am Donnerstag früh in den in Betracht kommenden Betrieben in den Ausstand zu treten. Lohnbewegung der Linoleum- und Tcppichleger. Am Mittwochabend berichtete Schulze, daß am Montag von den Unternehmern ein Gegentarif eingelaufen war, bei dessen Durchsicht der Verbandsvorstand jedoch sofort den Eindruck hatte, daß der Tarif in dieser Form einfach unannehmbar sei. Bei einer am Mittwoch nochmals einberufenen gemeinsamen Sitzung wurden die einzelnen Positionen durchberaten, und es war den Arbeitervertretern möglich, in den Hauptpunkten wesentliche Ver- besserungen zu erzielen. Eine Schlichtungskommission lehnten die Herren ab, worauf Schulze auf die hieraus erfolgenden Kon- seguenzen verwies. Desgleichen erklärte er, wenn die Freigabe des 1. Mai nicht aufgenommen werde, die Arbeiter trotzdem seiern würden. Die Versammlung stimmte den neuen Tarifbestimmungen e i n st i m m i g z u. Zu bemerken ist noch, daß bei dem Zwischen- meister Gebhardt von der Firma Fischer u. Wolf und dem Zwischenmeister Schäfer der Tarif noch nicht bewilligt ist und der Streik dort noch fortbesteht. Lohnbewegung der Laden- und Kontortischler. Am Mittwochabend nahmen die Arbeiter dieser Branche in einer vollzählig besuchten Versammlung den Spruch des Einigungs- amtes entgegen. Damit ist diese Tarifbewcgung mit erfreulichem Erfolg beendet, indem wesentliche Verbesserungen zu ver- zeichnen sind. Dies ist um so höher zu bewerten, als sich hier ein- mal der Unwille der Arbeiter energisch gegen die systematische Um- gehung der Tarifbestimmung seitens der Unternehmer Bahn ge- brachen hat und gegen den Willen der Verbandsleitung die Arbeit niedergelegt wurde._ Achtung, Leistcnvcrgolder! Der Streik in der Firma Kehrberg n. Co. in Hamburg-Altona dauert unverändert fort. Leider hat sich schon eine Anzahl Streik- brecher eingefunden. Unter anderen auch die Versilberer Holzmann sBater und Sohn). Der Vater soll indessen wieder verschwunden sein und es wird vermutet, daß er auf der Suche nach Streik- blechern in Berlin ist. Wir ersuchen daher alle Kollegen, auf der Hut zu sein und dem Streikbrecheragenten gründlich heimzuleuchten. Die Zentralkommission der Vergolder. Deutfcbeg Rcld). Brauer-Bewegung. Dle organisierten Brauereiarbeiter in Rheinland und Westfalen haben seinerzeit dem Verbände der rheinisch-west- fäliscken Brauereien Forderungen auf Neuregelung der Arbeit u.id des LobuverhältnisseS unterbreitet. Der Verband hat darauf der Organisation einen neuen Tarif vorgelegt, der aber von den Brauereiarbeitern für unannehmbar erklärt worden ist. Die Lohnbewegung der Bauschlosser in Frankfurt a. M. wurde mit gutem Erfolg für die Arbeiter beendet. Wenn auch die Forde- rungen der Bauschlosser nicht voll erfüllt wurden, so sind doch die ohne Kampf erzielten Erfolge ganz wesentliche. An Stelle der früheren Durchschnittslöhne wurden Minimal löhne fest- gesetzt und die früheren Lohnsätze um insgesamt 6 Pf. pro Stunden- lohn erhöht. Die 6 Pf. Lohnerhöhung verteilen sich folgender- maßen: ab 1. September d. I. steigen die bisherigen Durchschnitts- löhne um 3 Pf., am 1. Juli 1911 um 2 Pf. und am 1. April 1912 um einen weiteren Pfennig. Die Löhne sind entsprechend dem Alter der Gesellen festgesetzt. Ab 1. September erhalten nun frisch ausgelernte Arbeiter einen Mindestlohn von 38 Pf., Gesellen nach Uh, Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstalt ein Jahr beendeter Lehrzeit bis zu 21 Jahren 42 Pf., über 21 bis 24 Jahren 49 Pf. und über 24 Jahren 57 Pf. Bei den un- gelernten Arbeitern schwanken die Mindest-Stundenlöhne zwischen 34 und 41 Pf. Die wöchentliche Arbeitszeit wird am 1. September dieses Jahres von 57 auf 56 Stunden und am 1. September 1911 auf 55 Stunden reduziert. Der abgeschlossene Vertrag gilt bis 31. August 1913._ Maschinisten und Heizer. Zuzug ist fernzuhalten»ach den Jndustrieorten der Lausitz. Am 26. August haben sämtliche Maschinisten und Heizer von Sommer- feld(Lausitz) dem Vorstand des Fabrikantenvereins, sowie den einzelnen Unternehmern ihre Kündigung eingereicht. Es wird dringend ersucht, Arbeitsangebote nach Sommerfeld in der Lausitz zurückzuweisen und jeden Zuzug streng fernzuhalten. Streik der Lederarbeiter. Bei der Firma Emil Gebhardt in Pößneck(Thüringen) reichten sämtliche Lederarbeiter wegen Lohndifferenzen die Kündigung ein. Zuzug ist fernzuhalten._ Versammlungen. Mehr Schub vor Unfallgefahren bei der A. E. G. Diese Forde- rung wurde am Dienstag in einer zahlreich besuchten Versamm- lung erhoben, die im Lokale von Kramer in der Hussitenstraße stattfand. Es waren die Packer aus dem Maschinen- l a g e r der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft in der Brunnen- straße, die dort zusammengekommen waren, um sich darüber aus- zusprechen, wie den in dieser Betriebsabteilung allzu zahlreichen Unfällen vorgebeugt werden kann. Erst am vorigen Sonnabend hatten sie— soweit sie dazu Erlaubnis erhalten hakten— einen Kollegen zu Grabe geleitet, der bei der Arbeit sein Leben ein- gebüßt hatte. Es war der Kranführer Prenzel. In dem ziemlich niedrigen Schuppen war er mit den blotzliegenden Leitungsdrähte» in Berührung gekommen. Es fehlte an den hicr� äußerst not- wendigen Schutzvorrichtungen. Seitdem bat man solche Vorrich- tungen anbringen lassen, aber, wie in der Versammlung ausgeführt wurde, nicht an alle Leitungen, wo es nötig wäre, so daß die Ar- beiter noch immer in Lebensgefahr schweben. Erst kürzlich wieder war ein Arbeiter einem blotzliegenden Leitungsdraht so nahe ge- kommen, daß er nur durch den Zuruf„Nicht aufrichten" dem siche- ren Tode entging. Wer bei der Arbeit einmal auf eine Kiste steigen mutz, der kann nur zu leicht mit der elektrischen Leitung in Berührung kommen, und diese Gefahr ist um so größer, als eine übermäßig intensive Arbeit verlangt wird. Es soll im Ma- schinenlager ein unerträgliches Antreibesystem herrschen, und dazu kommt eine übermäßig lange Arbeitszeit von 12 bis 14 Stunden den Tag, 72, 79, 84 und 90 Stunden die Woche. Der Direktor Elfers hat zwar erklärt, daß er mit seiner ganzen Person dafür eintreten werde, daß der Zehnstundentag endgültig eingeführt werde, ja daß er auch den Neunslundentag anstreben wolle, aber darüber sind zwei Monate verflossen und man hat sich noch nicht veranlaßt gefühlt, den Arbeitern irgendwelche Erleichterung zu schaffen. Bei alledem ist die Bezahlung sehr schlecht; als An- fangslohn sollten 40 Pf. die Stunde gezahlt werden und danach sollte der Lohn auf 46 Pf. steigen, aber es sind Leute mit 33 Pf. Anfangslohn angestellt worden, die jetzt 40 Pf. haben und schon ein halbes Jahr lang dafür arbeiten müssen. Gearbeitet wird im Maschinenlager sogar Sonntags, und zwar von 7 bis 2 Uhr. In der Versammlung wurde es bezweifelt, daß die Polizei die Er- laubnis zu dieser Sonntagsarbeit gegeben habe. Bei dieser über- mäßigen Ausbeutung der Arbeitskraft ist es leicht erklärlich, daß eS mit dem Gesundheitszustand der Arbeiter im Maschinenlager sehr schlecht bestellt ist. Von den 300 bis 350 Beschäftigten stehen 28 bis 35 ständig auf der Krankenliste, eine außerordentlich HHe Kr�nk- heitsziffer, die die der anderen Betriebsabteilungen mehr öder minder weit übersteigt. Größtenteils sind die Kranken brüst-, lungen- oder nervenleidend. Auch in der Zahl der U n fa fMffoll das Maschinenlager an erster Stelle stehen. Ein Teil der Packer, diejenigen, die mit dem verunglückten Kranführer Prenzel zu- sammengearbcitet haben, wollten gern am vorigen Sonnabend sich die nötige Zeit frei machen, um an der Beerdigung teilnehmen zu können. Sie erklärten sich bereit, dafür die Nacht vorher durchzu- arbeiten, aber der Abteilungschef Jänicke gab hierzu nur einem die Erlaubnis und zeigte durch seine ganzen Redensarten, daß er gar kein Verständnis dafür hatte, daß Arbeiter das Bedürfnis haben können, ihrem verunglückten Kameraden die letzte Ehre zu erweisen. Nach dem Polizeibericht soll Prenzel an Herzschlag ge- starben sein, und im Totenschein heißt es, die Ursache des Todes fei„unbestimmt". Dabei war die Leiche sofort nach dem Schau» hause gebracht worden. Es wurde betont, daß ein starker Zusammenschluß der Arbeiter im Transportarbeiterverband erforderlich sei, um den nötigen Schutz vor Betriebsgefahren und überhaupt menschenwürdige Zu- stände zu schaffen. Wenn sich die Arbeiter durch solches Bestreben auch mißliebig machten bei ihren Vorgesetzten und auf Entlassung gefaßt sein müßten, so habe das gegenwärtig nicht viel zu sagen, da sowohl die A. E. G. wie auch andere große Unternehmungen Arbeitskräfte brauchen und es nicht so schwer fällt, anderswo Ar- beit zu finden._ Letzte jyaebnehten. Brand in einer Farbenfabrik. Feuer in der Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikatlon in der Lohmühlenstr. 65/67 alarmierte am Mittwoch abend die Feuerwehr. Als der achte Löschzug aus der Reichenberger Straße an der Brand- stelle, die auf Treptower Gebiet liegt, ankam, stand dort eine sogen. Farbenmühle in Flammen. Die Treptower Ortsfeuerwehr war ebenfalls zur Stelle und gab wacker mit einem Rohre schon kräftig Wasser. Es gelang, den Brand an weiterer Ausdehnung zu ver- hindern und dann auf seinen Herd zu beschränken. Die Entstehung wird auf Selbstentzündung zurückgeführt. Der Schaden ist voll durch Versicherung gedeckt. Eine Betriebsstörung wird nicht statt- finden. Einigungsverhandlungcn i» Sicht? Hamburg, 31. August.(W. T. B.) Nachdem die Orga- nisativnen der Werftarbeiter sich an die Werftbesitzer zum Zwecke der Gewährung einer Besprechung gewandt hatten, hat der Verein deutscher Seeschifsswerften beschlossen, dem Ersuchen Folge zu geben, und hat die Besprechung für An- fang nächster Woche in Aussicht genommen. Stand der Cholera in Italien. Rom, 31. August.(W. T. B.) In den letzten 24 Stunden sind in B a r l e t t a fünf Erkrankungen und fünf Todesfälle an Cholera festgestellt worden, in Trani ein Todesfall, in M o l s e t t a zwei Erkrankungen und ein Todesfall, in Spinazzola eine Erkrankung und ein Todesfall, in B i t o n t o eine Erkrankung, in Mar g Herita di Savoia eine' Er- krankung und vier Todesfälle, in Trinitapoli zwei Er. krankungcn und ein Todesfall und in Cerignola zwei ver» dächtige Erkrankungen und zwei Todesfälle. Krise in der indischen Baumwollproduktion. Bombay, 31. August.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Infolge der hohen Baumwollpreise und wegen des allgemein daniederliegenden Handels werden vom 30. September ab sieben Baumwollfabriken geschlossen werden. Von dieser Maßregel werden siebentausend Arbeiter betroffen. Dem Vernehmen nach wird noch ' eine Anzahl anderer Vaumwollfabriken diesem Beispiel folgen. Kaul Singer& Co., Berlin SW, Hierzu 3 Beilagen u.Unterhaltungstt. Nr. 204. 27. Jahrgang. 1. Seiislge des Jorniörta" lerlinet lollislilatt. Dounerstag, 1. 5kptrn>!itr 1910. Sitzung des Internationalen Bureaus. Kopenhagen, den 31. Augult. Die tschechische Frage. Nemec gibt im Namen der tschechischen Sektion folgende Er- klärung ab: »Die am Internationalen Sozialistenkongreh in Kopenhagen durch 37 Delegierte vertretene böhmische Sektion erklärt, daß sie von ihrem ursprünglichen Veschlnsz, betreffend die Nichtmierkeitmiug von sieben Delegierten als Mitglieder der böhmischen Sektion nicht Abstand nehmen kann. Falls das Internationale Bureau diesen sieben Delegierten, welche sich der rschecho-slawischen Geiverkschaftskonnnission in Prag nicht gefügt haben, gegen den Beschluß der böhmischen Sektion, ob provisorisch oder dauernd, die Stimmen zuerkennen oder sie als Unreriektion anerkennen würde, erklärt die tschechische Sektion, das; sie darin einen Bruch der bisherigen Einheitlichkeit der tichecho-slawischen Sozialdemokratie erblicken müßte, zu dem sie absolut ihre Sanktion nicht erteilen kann, und lehnt jede Per- anitvortung für die Konsequenzen, die ein solcher Beschluß des Internationalen Bureaus in der gesamten Sozialdemokratie in Oesterreich hervorrufen würde, ab." Nemec fügt hinzu, daß in der tschechischen Sektion allgemein die Ansicht ausgesprochen ivorden ist, daß die Tschechen, die als ein- heitliche Partei den Boden des Internationalen Kongresses betreten baben, diesen Kongreß unmöglich als gespaltene Partei verlassen können. Für die Entscheidungen des Bureaus seien sie nicht ver- antwortlich, nnterwerfen werden sie sich ihnen natürlich. JnnreS-Frankreich: Wir bedauern auf das lebhafteste, daß der Autrag Vandervelde aus Bildung einer Unterseklion von den Tschechen nicht angenommen Ivorden ist. Es ist uns einerseits un- möglich, einer Sektion Mitglieder aufzuzwingen, die sie nicht will. Andererseits aber können wir auch Delegierte, die nur den einen Fehler begangen baben, internationale Beziehungen zu pflegen, nicht ausschlichen. Der Vorschlag Vandervcldes, aus den Abgewiesenen eine tschechische Untersektion zu bilden, ist gut. Die Einheit der tschechischen Partei treffen wir damit in keiner Weise. Das würden wir eher tun, wenn wir die Abgewiesenen der Sektion aufzwingen oder ihnen die Auerkennimg versagen würden. Das Bureau will die volle Verantwortung für die Bildung der Unter- sektion auf sich nehmen. Bandervelde erklärt seinen Antrag so, daß die tschechische Unter sektion natürlich nur provisorisch für diesen Kongreß gedacht sei. Dr. Adler: Niemand mehr als wir Oesterreicher bedauern den Beschluß der tschechischen Genossen auf das lebhafteste. Aus der Erklärung Neniecs geht hervor, daß die Ansicht von Jaurös nicht ganz mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmt. Die Tschechen erklären, daß sie nicht als gespaltene Partei von hier fortgehen wollen. Daraus entnehme ich, daß sich eine Spaltung in der tschechischen Sozialdemokratie vermeiden lassen wird. Wir im Bureau wollten gar nichts tun, was nach außen hin diese Spaltung als vollzogen erscheinen lassen könnte. Wir Bureaumitglieder verstehen ja den Zusammenhang, aber die Außen- Welt wird die Bildung einer Untersektion als Trennung auffassen. Wir wollen in Betracht ziehen, daß die tschechischen Genoffen sich dem Beschluß des Bureaus fügen wollen. Deshalb bitte ich nochmals, die sieben Ausgewiesenen einer tschechischen Umcrsektion zuzuweisen. Wenn dies auch keine ideale Lösung ist, so ist sie doch die beste. Baillaut: Wir sollten den Vorschlag Adlers annehmen. Der böhmischen Sektion wird er am wenigsten Schwierigkeiten bereiten. Ich bitte die tschechischen Genossen zu erklären, welchen Vorschlag sie selbst für den besten halten. Nemec: Die Lösung Adlers. In vollem Einverständnis mit den böhmischen Genossen kann ich sagen, daß sie den Genossen in der Untersektion zwei Stimmen zu erteilen gewillt sind in jenen Fragen, bei denen sich keine Einigung erzielen läßt. Soukup: Was die Frage der Stimmen anbetrifft, wird natür- lich die tschechische Sektion allein die Entscheidung zu treffen haben. Der Antrag Adler wird darauf ein st im ni ig angenommen. Der Vorsitzende Vandervelde betont, daß die böhmischen Genoffen darin in keiner Weise eine Unfreundlichkeit des Bureaus ihnen gegen- über erblicken dürfen. Dem Bureau se» es darum zu tun, gute Be- Ziehungen zwischen den tschechischen und österreichischen Genossen herbeizuführen. Wenn später seine Dienste dazu nötig seien, wäre er gleichfalls dazu gern bereit. Adler- Wien erklärt sich mit Vandervelde darin einverstanden, daß das Bureau in Fragen der Stimmverteilimg nur dann eingreifen wird, wenn sich keine Einigung innerhalb der tschechischen Sektion herbeiführen läßt. Das Internationale Bureau vertagt sich hierauf auf morgen (Donnerstag) vormittag._ S. Internationaler Sozialistischer Kongreß. Erste Kominiljwll Mwsstiischastgmsen). Kopenhagen, 30. August. Die Debatte über die Beziehungen zwischen Ge« nossenstbaiten und Partei wird fortgesetzt. Karpeles beklagte sich über die Neutralität der deutschen Partei. Wir waren durchaus zufrieden mit der Hannoverschen Resolution. Neutralität ist kein guter Ausdruck, er macht Mihverständniffe möglich. Wir brauchen auch die Nicht- Parteigeuossen in den Genossenschaften. Wir brauchen kein Geld in der Partei von den Gewerkschaften und von den Genossenschaften. Wir haben unsere Parteigenossen erzogen, daß sie ihre Beiträge aus eigener Tasche geben. Wir wollen aber den ausländischen Genossenschaften keinen Stein in den Weg legen und darum soll man jetzt nichts fordern, was sie nicht erfüllen können. Neutralität bedeutet nicht Enthaltsam- keit von aller Politik. Neutralität bedeutet nicht Gegner- schaft gegen den Sozialismus. Der Kampf gegen die Preisver- teueruug usw. zwingt die Genossenschaften auch bei uns zur Politik. A n s e e l e hat gesagt, wenn ein Konsumverein Millionen habe und sie für einen Streik nicht hergebe, so sei das Verrat. DaS hat der Parteimann gesprochen, nicht der Ge- nossenschastler. Wie war es denn beim schwedischen Generalstreik? sAnseele: Belgien!) Ja, wir sind doch inter- national. Wir sind verpflichtet, jeden Streik als unseren anzusehen, wenn er von solch ungeheuerer Bedeutung ist. Es ist darum kein Verrat, wenn wir in solchen Fällen die Kassen der Genossenschaften nicht schwächen, die ihren eigenen Zweck erreichen müssen und die ihn ohne Mittel nicht erreichen können. Selbst die Partei gibt auch nicht ihr Geld für alle Zwecke her. V. Elm-Deutschland legt folgende Resolution vor: In der genoffenstbaftlichen Konsumentenorganisation erhalten die Konsumenten die Ware zum Selbstkostenpreis unter AuS- schaltung deS die Lebenshaltung verteuernden Profits des Zwischen- Handels, ebenso wie sie in der genossenschaftlichen Eigcnproduttion die Waren ohne den privaten Unternehmergewinn erhalten.|' Beide Organisationen sind auch geeignet, preistreibenden Tendenzen insbesondere der Kartelle und Trusts, entgegenzutreten. Alle ge« nossenschaftlichen Unternehmungen sollen in bezug auf Lohn- und Arbeitsbedingungen wie in gesundheitlicher Hinsicht vorbildlich ausgestaltet sein.— Sie haben die Pflicht, auch auf die Arbeits- bedingnngen ihrer Lieferanten in dieser Hinsicht zu wirken und dadurch die Arbeiter bei ihren wirtschaftlichen Kämpfen zu unter- stützen. Die genoffenschaftliche Koniumenienorganisation ist auch eines der Mittel, den Frauen den Wert der Organisation vor Augen zu führen, die Mafien zur demokraiislben Selbstverwalumg zu erziehen und die Organisation der Wareuverteilung wie der Produktion auf die höchste Stufe der Entwicklung zu bringen. Deshalb sind die genossenstbaftlicbe Konsumentenorganisation und die ihnen an- gegliederten Produktivgenossenschaften als ein Mittel zur Demo- kratisierung und Sozialisiernng der Gesellschaft zu erachten. Der Kongreß erklärt, daß im Kampfe gegen den Kapitalismus das ein- heitliche Wirken der politischen, gewerkschaftlichen und genossen- schaftlichen Organisation notwendig ist, wobei jedoch jede der drei Organisationen für sich besondere Aufgaben zu erfüllen hat und deshalb jede in ihren Entschließungen selbständig sein muß. Ob und inwieweit Genossenschaften die politische und gewerkschaft- liche Bewegung direkt ans ihren Mitteln unterstützen, ist ihrem eigenen Ermessen zu überlassen. Die genossenschaftliche Organisation kann den Zwecken der allgemeinen Arbeiterbewegung am besten dadurch dienstbar gemacht werden, daß die Ueberschiisse nicht in erster Linie zur Rückvergütung an die Mitglieder ver- wendet werden, sondern zur Ansammlung eigener Mittel für die Eigenproduktion und zur Bildung von Not- und Unterstützungs- sonds der Mitglieder. Ans allen diesen Gründen empfiehlt der Internationale Sozialistenkongreß in Kopenhagen allein politisch und gewerkschaft sich organisierten Genossen, die genossenschaftliche Konsumenten- organisation durch ihren Beitritt und ständigen Warenbezug zu fördern und aller Zersplitterung desselben nach religiöser, natio naler und politischer Richtung entgegenzuwirken." Bandervelde wendet sich gegen den Vorwurf, den v. Elm in bezug auf den schwedischen Genernsitreik gegen die belgischen Arbeiter ge- richtet habe. Dieselben hätten ihre Pflicht getan. Es muß aus- gesprochen werden, daß in allen drei Organisationen ein Gedanke herrschen muß, nicht ein organischer Anschluß, wohl aber mög- lichst enge Verbindung. Das ist noch nötiger bei den Konsumvereinen als bei den Gewerkschaften. In den Gewerkschaften können nur Ar- beiter aufgenommen werden. Sie treiben ohnehin Klassenkampf. In die Genossenschaften aber kann jedermann ausgenommen werden, auch bürgerliche Elemente, die nicht sozialistisch denken. Auf die Beiträge an die Partei verzichte er. Die gebe er preis, es seien nur 10 Cts. pro Jahr und Mitglied. Das entscheidende sei, daß die Konsnmvereine Organisationen des Klassenkampfes sein müssen. Die deutschen Arbeiter würden schon dafür sorgen, daß die Konsum- vereine sozialistisch bleiben, die deutschen Vereine treiben So- zialiSmus und sagen es nicht; die belgischen tun dasselbe, sagen es aber auch, in kleineren Ländern, wo die sozialistische Bewegung nicht so stark ist, muß der Klassenkampf stärker betont werden. Thomas- Frankreich: Gerade wenn' die Genossenschaften als solche nicht sozialistisch sind, müssen wir sie sozialistisch machen. In Frankreich würde der Weg der Belgier zu einer gefährlichen Zer- reißung führen. Er enipfiehlt Zdie französische Resolution, weil sie auch die Pflege der Interuationalität befürwortet. Guesde-Fraukreich spricht im Namen der französischen Minorität. Eroberung der politischen Macht ist nötig. Nur wenn die Genossen� schaft dies Ziel fördert, ist sie gut, das heißt sie nicht verneinen sondern ihr nur den richtigen Play anweisen. In Deutschland sind die Konsumvereine Aktiengesellschaften mit kleinen Aktien, v. Elm hat nicht mal den Versuch gemacht zu zeigen, worin der Sozialismus der Genoffenschaften besteht. Thomas hat aber gesagt, daß die Verteilung des Reingewinns nach dem Konsum geschieht. Das ist kapitalistisch. Wir müssen den Arbeitern nicht nur sagen, daß sie beitreten sollen, wir müssen ihnen auch sagen, daß sie die Vereine im Klassenkampf benützen sollen. Whiteley-England legt dar, daß auch die englischen Konsum- bereine sich ichon politisch betätigt haben, teilgenommen haben am parlamentarischen Komitee. Auch den Gewerkschaften wenden sie ihr Interesse zu. Andererseits haben aber die Sozialisten bisher nichts für die Konsumvereine getan. Das werden sie aber in Zukunft tun und dadurch Sozialismus in die Genossenschaft hinein- tragen. KarpeleS-Oesterreich: Wenn Genosse v. Elm gesagt hat, was denn das belgische System geleistet habe, so weise ich auf die österreichische Bewegung hin, die sich trotz ihrer Jugend bereits sehen lassen kann. Erst seit dem Tage, da die politische Partei erklärte, jeder Parteigenoffe habe Mitglied des Konsumvereins zu sein, seien die Genossenschaften zur Entwicklung gekommen. Allerdings sind die österreichischen Konsumvereine für jedermann zu- gänglich. Aber in der Parteivertretung sitzt ein Delegierter der Konsumvereine und umgekehrt. Die gesetzlichen Vorschriften sind bei uns wie in Deutschland! aber sie hindern uns nicht, bei der Wahl unsere Pflicht zu tun, auch mit Beiträgen an die Partei. Wir er- ziehen unsere Mitglieder dazu, daß sie nicht mehr auf die Dividende schauen. Wir erziehen sie im Geist des Sozialismus. Deshalb ver- langen wir nicht Beiträge von den Vereinen, aber im Geiste sind wir durchaus einig. Dies ist die Basis unseres Fortschritts. Wnrm-Dentschland: Die Erziehung zum Klassenkampf ist die Hauptsache. Wer da meint, daß das Geld der Konsumvereine oder einer Genossenschaft einer Partei nützen könne, ist im Irrtum. Wir können uns politische Siege nicht mit Geld erkaufen, darum sind wir gegen die Beitragspflichi der Konsumvereine für die politische Partei. Der einzelne Parteigenosse soll selber geben mit eigener morali- scher Zustimmung. Die Form ist abhängig in jedem Lande von dem Grad der politischen Erziehung, darum größte Bewegungsfreiheit notwendig. ES wäre ja ganz gut, wenn es nur eine Organisation gäbe, aber die Arbeiterklasse ist noch nicht einheitlich, darum müssen wir auf Trennung bestehen. die wir aber den andern nicht aufzwingen wollen. Unsere Genoffenschaften verdanken ihr Emporkommen nur der Sozialdemokratie. Wir dürfen nie aus dem Auge lassen. daß sie nur ein Mittel zum Klassenkampfe zu sein haben, daß sie nicht leistungsfähig sind ohne den Geist des Klassenkampfes. Ich habe die Empfindung, daß man bei den Vorschläge», die aus Belgien und Frankreich kommen, den Wunich hat, nicht der Genossenschaft, sondern der Partei zu helfen. Man will Ztvangsmitglieder für die Partei. Kauft man dort im Konsumverein, ist man Parteigenosse. Wir sind vorsichtiger, wir wünschen nur überzeugte Parteigenossen. Darum wollen wir uns auch keine Formeln aufzwingen lassen, die unseren Verhältnissen nicht angepaßt sind. Balabanoff- Italien tritt für die Trennung der drei Be- wegnngen ein. Ein norwegischer Delegierter teilt mit, daß die Genoffenschaften in Norwegen bisher im bürgerlichen Sinne arbeiten. Aber wenn sie im belgischen Sinne tätig wären, dann würden sich auch die Arbeiter daran beteiligen. Die meisten der Norweger stehen auf dem Stand- Punkt der belgischen Resolution. Mrdraszck-Böhmen stimmt für die französische Resolution. Er ist gegen die deutsche Resolution, weil diese zu Nkißverständnissen Au- laß geben könnte. Fjestern-Schiveden erklärt sich für die deutsche und gegen die belgische Resolution. Wibaut-Holland: v. Elm hat gesagt, die holländischen Genoffen- schaiten hätten deshalb keine guten Resultate, weil sie daS belgische System befolgen. Unsere Bewegung ist aber nur relativ klein und schwach, weil die Partei klein und schwach ist. Damit schließt die Diskussion. Es wurde eine Snbkommission gebildet, der u. a. angehören: v. Elm, J au res, Karpeles, »baut, Anseele, S i r o l a. Zürnte GeuikiMllfts-) Kommission. Kopenhagen, 30. August. Die Debatte über den tschechischen Streit wird fort- gesetzt. Der Vorsitzende B r a n t i n g teilt mit, daß noch 11 Redner eingezeichnet sind: schließen wir daher die Rednerliste. Bergmans-Belgien: Die Frage ist schon genügend geklärt; lassen wir noch einen Vertreter der Tschechen und der Reichskommission spretben und mackien wir dann Schluß. Viktor Adler: Wir haben ein Interesse daran, auch die Meinung der anderen Nationen zu hören, fahren wir noch eine Zeitlaug in der Debatte fort. Es wird nach Adlers, von Richard Fischer unterstütztem Antrag verfahren. Karski-Polen: Jeder Sozialdemokrat wird Legiens Grundsätzen zustimmen müssen. Wir können uns nicht in die österreichischen Intimitäten einmischen, dazu muß inan seit sieben Generationen Oester- reicher sein. sHeiterkeit.) Aber wir können die großen Prinzipien fest- legen. Die Tschechen sagen, daß in Oesterreich die Sozialdemokratie national organisiert ist, also müsse man auch die Gewerkschaften national organisieren. Das ist der Trugschluß: wenn man schon einen Buckligen in der Familie hat, so macht man nicht noch einem zweiten Familienmitglied auch einen Buckel.(Heiterkeit und Beifall.) Umgekehrt muß die höhere Einheit der Gewerkschaftsbewegung den politischen Föderalismus überwinden helfen. Hüten Sie sich, tschechische Genossen I Setzen Sie Ihren Föderalismus durch, so werden Sie trotz allen guten Willens der Polen in 3 Jahren eine polnische Gewerkschaftszentrale haben, in wenigen Jahren 10 oder 11 Gewerkschaslszentralen. Wie aber wollen Sie in Mährisch-Ostrau noch eine Lohnbewegung beeinflussen, wenn Sie mit vier Gewerk- schaftszentraleit zu rechnen haben. Schon darum, weil das Kapital einig ist, weil es der österreichischen Länderbank ganz gleichgültig ist, ob mit ihrem Kapital deutsche, tschechische, polnische oder slovenische Arbeiter ausgebeutet werden, darum brauchen wir die einheitliche Proletarierorganifation.(Zuruf: Sie hat schon bestanden, man hat sie zerrissen!) Wer die Gewerk- schaften gegenüber einem einheitlichen Unternehmertum zersplittert, begeht ein Verbrechen.(Lebhafte Zustinimuug.) Es i st möglich, die höhere Einheit zu schaffen; es i st möglich, daß die Gewerk- schaften zentral geleitet werden. Daß dabei die kulturellen Be« diirfitiffe, die sprachlichen Interessen aller Arbeiter berücksichtigt iverden, ist eine Selbstverständlichkeit.(Zuruf: Geschieht ja I Wider- sprach bei den Tschechen. Zuruf bei den Deutschen: Wenn wir einen Tschechen anstellen, sagt Ihr, er sei von den Deutschen ge« kauft!) Ohne alle Aminosität gegen die tschechischen Genossen müssen wir es durch Annahme der Resolution aussprechen: Ihr müßt den nationalen Separatismus in der gewerkschaftlichen Bewegung über- winden, damit die ganze proletarische Bewegung noch einheitlicher wird als bisher.(Lebhafter Beifall.) Zoulavski, Vorsitzender der polnischen Gewerkschafts- zentrale in Krakau, die der Reichskommission untergeordnet ist: Wir haben in Galizien, Mähren und Schlesien 30 000 organisierte polnische Arbeiter, nicht viel weniger als die Tschechen. Sollen wir uns nun der deutschen oder tschechischen Zentrale anschließen, oder sollen wir auch Separatisten werden? Wir mißbilligen auf das entschiedenste, daß die Präger Kommission die polnischen Arbeiter auffordert, sich von der Reichskommission zu trennen und sich der tschechischen Kommission anzuschließen.(Zurufe bei den Tschechen: Ist nicht wahrl) Ich will Ihnen gedruckt die Zirkulare und Flugblätter vorlegen, in denen die polnischen Arbeiter aufgefordert werden, sich an die Prager Kommission anzuschließen, weil dort mehr Geld pro Kopf vorhanden sei als in Wien.(Unruhe I) An alle polnischen Ortsgruppen der chemischen Branche ist ein Zirkular mit dem Stempel der tschechischen Organisation hinausgegangen, um sie zum Uebertritt nach Prag zu veranlassen.(Vielfache Plui-Rufe. Lebhafter Widerspruch bei den Tschechen.) Wenn Sie widersprechen, iverde ich Ihnen noch mehr sagen: Sie haben im rein polnischen Krakau eine tschechische Organi- sation der Lithographen gegründet.(Große Bewegung. Zurufe bei den Tschechen: Ein ganz alter Verein I) Nein, kein alter Verein! ich war selbst bei seiner Gründung anwesend. Ich bitte Sie, verschieben Sie die Entscheidung nicht. Treiben Sie nicht die Sache auf die Spitze I Zersplittern Sie nicht durch Ihren Separatismus die ganze österreichische Gewerkschaftsbewegung in lauter kleine Verbände. Entscheiden Sie sich heute für die Einheit. In drei Jahren wird uns keine Resolution mehr helfen.(Der tschechische Reichsrats« abgeordnete Moderatschek ruft: Eure Resolutionen helfen Euch heute auch nichts I— Großer Lärm. Zurufe: Das ist Euer Inter- Nationalismus I Jetzt habt Ihr Euch nackt gezeigt! Anhaltende, große Unruhe.) Baletzki- Polen: Die Stuttgarter Resolution ist von den Separatisten ganz verkehrt ausgelegt worden. Sie sollte durch den Einfluß der Sozialdemokratie die Einheit der Gewerkschaften fördern. Sie sollte durch den Höberen JntegraliSmns der Gewerkschaften die Streitigkeiten in der Sozialdemokratie überwinden. Statt dessen hat sie die schweren Krankhcitskeime politisch- sozialistischer Zer« splitterung in die Gewerkschaftsbewegung hineingetragen.r als drei Jahren abgespielt haben. Die Unterschriften lauten: Richard Fischer, Legien, Cohen, Stengel«."") Hieraus wird zur Abstimmung geschritten. Der tschechische Vertagungsantrag, der die Aiigelegenbeit an das Internationale Bureau zur nochmaligen Erörterung zurückverweisen will, wird mit 18b gegen 9 Stimmeü abgelehnt. Dafür stimmen nur die 7 Tschechen und 2 filmische Genossen. Hieraus kommt die Resolution der österreichischen ") Da« ist ein Irrtum. Wir können nur konstatieren, daß un» von tschechischen Genossen kein Artikel zugegangen ist; wir hätten unS sonst verpflichtet gefühlt, ihn abzudrucken. Red. d..Vorw.". "") Wir können nur wiederholen, daß uns von irgend einer Ein» sendung tschechischer Genossen nichts bekannt ist und hinzufüge», daß uns die Behauptung des Genossen Nemec vollständig unverständlich ist. da die Streitfrage vor drei Jahren noch gar nicht existierte. Red. d..Vorwärt»". R-ichSlommission zm TOIWmmvmfl. I5«m feen Itlgifgtn Genossen ist folgendes Amendement vorgeschlagen: „Das Jnlernationale Sozialistische Bureau und das Inter- nationale Gewerkschaftsselrelariat werden aufgefordert, jeder der beteiligten Parteien ihre Dienste anzubieten, um den vorhandenen Konflikt im Geiste der Verständigung und sozialistischer Brüderlich- keit zu schlichten.' vis zweites Amendemeut wird von V a l e z k i und P l e ch a- «off vorgeschlagen, zwischen den beiden Sätzen der österreichischen Resolution einzufügen: „In den vielsprachigen Staaten müssen selbstverständlich in der einheitlichen Gewerlschaftsbewegung den sprachlichen und kulturellen Bedürfnissen aller Mtglieder Rechnung getragen werden.' Beide Amendements werden von Oesterreich in seine Resolution aufgenommen, worauf die Tschechen erklären, daß sie bedauern müßten, dann gegen diese Amendements stimmen zu müssen, obwohl sie im übrigen mit ihnen einverstanden sind.— Von der Mehrheit der französischen Delegierten wird beantragt. nicht die Stuttgarter Resolution, sondern die Beschlüsse der früheren internationalen Sozialistenkongresse zu bekräftigen, weil sonst die von der französischen Mehrheit schon in Stuttgart abgelehnte Zu- sammenarbeit von Partei und Gewerkschaften erneut gefordert werden würde. Dies Amendement wird gegen die Stimmen der f r a n» zösis chen Mehrheit(Jaurösistens und gegen die Stimmen der russischen Sozialrevolutionäre abgelehnt. Hierauf wird die Resolution der öster« reichischen Reichskommission mit den beiden Zusätzen gegen die fünf Stimme il derTschechen angenommen. Die französische Mehrheit und die finnische Minder- heil(zwe, Stimmen) enthalten sich der Abstimmung. Zmn Referenten für das Plenum wird P l e ch a n o f f- Rutzland, zum Korreferenten N e m e c» Böhmen bestimmt. Flikdeus- nud SchiedsgerichtsKommission. Kopenhagen, 31. August. Heute vormittag gelangte die von der Subkommission aus- gearbeitete R e s o I u t, o n gedruckt zur Verteilung. Es wird be- schlössen, daß Deutschland über die Arbeiten der Subkommission berichten soll. Ledebour: Die Anschauungen in der Subkommission gingen ziemlich weit auseinander. Keine Mehrheit fand sich für den Vor- schlag Morgaris-Jtalien, der fordert, daß durch ständig wiederholte Anträge in den Parlamenten eine Einschränkung der Heere um 50 Proz. verlangt w,rd. Abgelehnt wurde ein Antrag Keir Hardics, der den Generalstreik als Mittel zur Verhütung der Kriege empfiehlt. Für nicht angebracht gehalten wurde es, einer Anregung WolkowSkis-Rutzland entsprechend in die Resolution die Forderung auf Aufhebung des besonderen Militärrechtes aufzu- nehmen. Für die vorgeschlagene Resolution sind zwei Drittel der Mitglieder der Subkommission. Die Einleitung stellt prinzipiell fest, dafi von Sozialdemokraten die Mittel für Kriegszwecke grund- sätzlich zu verweigern sind. Die Schiedsgerichte müssen als obli- galorische Institution gefordert werden. Grundsätzlich ist auf die allgemeine Abrüstung hinzuarbeiten. Natürlich ist kein Mittel zurückzuweisen, um diesem Ziel näherzukommen. Deshalb wird ausdrücklich zunächst der Abschluß einer Uebereinkunft gefordert, durch welche die Seerüstungen beschränkt und das Seebeuterecht beseitigt werden sollen. Werden doch z. B. in Deutschland die gesteigerten Seerüstungcn mit dem Hinweis auf den notwendigen Schutz der Handelsflotte begründet. Zwar ist ein solcher Schutz nicht möglich, aber mit der Beseitigung deS Seebeuterechts fällt ein Scheingrund für die Rüstuugen fort. Der englischen Resolution ist die Forderung nach Abschaffung der geheimen Diplomatie ent uommen. Die Forderung betreffend das Eintreten für das Selbst bestimmungSrecht aller Völker und der Protest gegen die gegen wältige Unterdrückung ging nicht von deutscher Seite aus, findet aber meinen vollen Beifall weil Deutschland an der Spitze der Länder steht, die die Volksminderheiten brutal unterdrücken. Von der direkten Aktion handelt der Schluß der Resolution. Positive Erfolge in den Parlamenten sind nur in ganz beschränktem Matze zu erzielen. Zu verwerfen ist der Parlamentarismus trotzdem nicht, er ist ein Mittel zum Eindringen in das Gefühl und zur Eroberung der Gedankenwelt der noch indifferenten proletarischen Massen. Bei der Formulierung der die Aktion behandelnden Sätze mußte Rücksicht genommen werden auf die Rechtszustände in den einzelnen Ländern. Es darf den Regierungen kein Scheingrund gegeben werden zu vernichtenden Schlägen gegen die Organisa- lionen. Die dem Internationalen Bureau zu erteilende An- Weisung, bei drohender Kriegsgefahr sofort Schritte einzuleiten zu einem Einvernehmen zwischen den Arbeiterparteien der be- treffenden Länder, um ein einheitliches Vorgehen zur Verhütung des Krieges herbeizuführen, ist notwendig. Dies zeigte sich, als anläßlich der Annexion Bosniens und der Herzegowina ein Krieg zwischen Oesterreich und Serbien auszubrechen drohte, so daß die Genossen beider Länder sich nicht verständigen konnten. Keir Hardie will bei Kriegsausbruch zwar nicht den Generalstreik, aber die Arbeiter, die die Kriegsmittel herstellen, sowie die Bergarbeiter und Transportarbeiter sollen die Arbeit niederlegen. Das käme in der Praxis auf den Generalstreik hinaus. Ein solcher Beschluß bätte gleich die Zertrümmerung der Organisationen zur Folge. Den klassenbewußten Arbeitern ihrer Länder muß überlassen bleiben, welche Schritte sie im gegebenen Augenblick zu unternehmen haben, um den Ausbruch des Krieges zu verhindern. Wolkowski wollte wenigstens für Rußland den Streik für den Fall eines Krieges vorsehen. Aber es geht nicht an, für ein einzelnes Land Sondervorschriften zu erlassen. Wollen die Russen mit Rücksicht auf ihre Rechtlosigkeit so etwas tun, so haben sie das für sich allein zu beschließen. Wie unser Kampf selbst in den Formen, die wir uns gewählt haben, wirkt, das zeigt der Aufschrei in der Königsberger Rede, die kürzlich unser bester deutscher Mitarbeiter gehalten hat, den ich um unserer zukünftigen Wahlerfolge willen an seinem Platz nicht missen möchte. Redner bittet zum Schluß seiner fast einstündigen Darlegungen unter Hinweis auf die Schwierigkeiten, die bei der Formulierung zu überwinden waren, um unveränderte Annahme der Resolution. Morgari-Jtalien vertritt den Antrag der Mehrheit der italie- nischen Partei, daß die Rüstungen nicht weiter ausgedehnt und daß alle Heere um 50 Proz. vermindert werden sollen. Prinzipiell bat er gegen die vorgelegte Resolution nichts einzuwenden, aber sie werde keine praktische Bedeutung haben. Die Anträge werden wohl keine Mehrheit haben, werden aber auf dem nächsten Kongreß wiederkehren. Laillant-Frankreich will der Resolution der Mehrheit zu- stimmen. Mit parlamentarischen Mitteln sei nicht genug zu er- reichen. Die Massenagitation müsse borgesehen und es dürfe vor keinem Opfer zurückgeschreckt werden, um den Krieg zu verhindern. Er schlägt vor, der Resolution anzufügen:»Um Kriegen vorzu- beugen und sie zu verhindern, ist ein Generalstreik der Industrien, die für den Krieg Mittel liefern, anzubahnen.' Die Verhandlungen werden hierauf auf Donnerstag Ü Uhr vertagt. Nirrte KllmmZsßstu lArbeitslostllvtrßchkruug uvd Arbeittrschnhgesttzgebuvg). Kopenhagen, 30. August. (flu? einer später erst übersetzten Rede der Genossin Hicks- England vom Montag geben wir wieder, daß man in England die Arbeitslosenfrage seit 1894 diskufiert. Genossin Hicks betont: Nicht die Arbeitslosenversicherung sei das Heilmittel, sondern die Organisierung aller Arbeiter. Diesen Weg zur Lösung des Problems habe man in England bereits beschritten. Wenn man vom Staate die Bereitstellung öffentlicher Arbeiten für die Beschäftigungslosen fordere, dann müsse gleichzeitig eine Entlohnung verlangt werden, die den karMtzen der Gewerkschaften entspreche. Zur Frage der Arbeitslosen Versicherung müsse erklärt werden, daß streitende nnd ausgesperrte Arbeiter für arbeitslos im Sinne der Versicherung gelten. In der heutigen Sitzung berichtet Dr. Braim-Oesiorreich für die lluterkommission, die folgende Resolution zur Arbeitslosenfrage vorlegt: Der Kongreß stellt fest, daß die Arbeitslosigkeit von der kapitalistischen ProduklionSweise untrennbar ist, insbesondere von der EntWickelung des Kapitalismus, der Industrialisierung der Frau und des Kindes, sowie von dem Ab- und Zuströmen in- folge der Wanderung der Arbeiter, und daß sie nur mit dem Kapitalismus verschwinden wird. Nicht die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, nur ihre Minderung und die Linderung threr Folgen kann erzielt werden, so lange der private Besitz an den Produktionsmitteln die Grundlage unseres Wirtschaftssystems bleibt. ES wird als unverschuldete Arbeitslosigkeit betrachtet jede von dem Willen der Arbeitslosen unabhängig- Ursache der Nicht- beschäitigung mit Ausnahme der Krankheit und deS Unfalls. Bis zur Verwirllichung der von den Arbeiterorganisationen verwalteten allgemeinen öffentlich-rechtlichen Archeitslosensürsorge, deren Kosten die Besitzer der Produktionsmittel zu tragen haben, fordert der Internationale Kongreß von den öffentlichen Gewalten die finanzielle Förderung jeder gewerlschafllichen Arbeitslosen- Unterstützung. Diese Unterstützung� darf die Unabhängigkeit der Gewerkschaften in keiner Weise mindern. Die Vertreter der Arbeiterklasse sollen von den öffentlichen Gewalten fordern: 1. genaue und regelmäßige statistische Feststellungen der Arbeite losigkeit; 2. in ihrem Umfange ausreichende Notstandsarbeiten für die Arbeitslosen mit Bezahlung der von den Gewerkschaften an« erkannten Löhne stair wages); 8. außerordentliche Unterstützung der ArbeitSlosenkaffen während der Krise; 4. Unterstützungen aller Arbeitsnachweiseinrichtungen, in denen die Interessen der Arbeiter gewahrt werden' 5. Verkürzung der Arbeitszeit durch gesetzgeberische Maßnahmen. Zur Begründung führte Braun aus: ES wird einige Genossen geben, die nicht vollständig mit der Resolution einverstanden sind, aber sie bringt das beste, was die Kommissionsmitglieder geben konnten. Die Kommission ist der Ueberzeugung, daß die Arbeitslosenfürsorge durch Staat und Gesellschaft unumgänglich ist. Es sind wohk jetzt alle Ge nossen einschließlich der von England von der Notwendigkeit über zeugt, einen Teil der Lasten für die Arbeitslosigkeit auf Staat und Bourgeoisie abzuwälzen. Die staatliche Arbeit» losenuntcrstützung ist, soweit sie nicht die Unabhängige keit der Gewerkschaften mindert, unbedingt erforderlich. Die Resolution, die die Mittellinie der verschiedenen Ansichten der Kommissionsmitglieder darstellt, bitte ich anzunehmen. Jede Di» knssion, die die Einschaltung der besonderen Wünsche der einzelnen Länder zum Ziel hat, wird zwecklos sein. Die Resolution ist eine allgemeine Darlegung der Forderungen aller Länder zur Frage der Arbeitslosigkeit. Genossin Dr. PhilliPS-England wünscht, daß in die Resolution verschiedene von ihr begründete Ergänzungen ausgenommen werden. Zu Punkt 2 fordert sie die Betonung, daß die Arbeitslosenuntev stützung nicht al» Wohltätigkeit gelten soll. In Punkt 5 muß nicht nur die Verkürzung, sondern auch die Reglementierung der Arbeit» zeir gefordert werden. Die Unterstützung der unorganisierten Arbeiter müsse man besonders betonen, weil sie am schwersten unter der Arbeitslosigkeit zu leiden haben. Weiter müsse das Recht auf Leben gefordert und die internationale Organisation der Arbeitsnachweise angestrebt werden. Simon-Deutschland beantragt, im dritten Absatz dir Worte:.Mit Ausnahme der Krankheit und des Unfalls' zu streichen. Für ihn sei die Resolution nur unter dieser Bedingung annehmbar. Redner spricht sich scharf gegen den Teil des englischen Amendements aus, der die Notwendigkeit der Arbeitslosenunterstützung für die Unorganisierten besonders betont. Diejenigen Arbeitsnachweise sollen nachdrücklich unterstützt werden, die unter Mitverwaltung der Arbeiter geleitet werden. Das müsse in Punkt 4 der Resolution mit zum Ausdruck gebracht werden. Troclet- Belgien macht darauf aufmerksam, daß die englischen Vorschläge zum großen Teil schon durch den Sinn der Resolution erfüllt sind. Er befürwortet aber, bei Punkt 5 hinter dem Wort „Verkürzung' einzufügen;.und Reglementierung'. Den Simouschen Aenderungsvorschlag lehnt er ab, ebenso daß die besondere Unter- stützung der von den Arbeitern mitverwaltelen Nachweise betont werde. Die Kommissionsfassung sei wesentlich besser. Schließlich beantragt er, bei Punkt 4 der Resolution hinter dem Wort»Interessen die Worte einzufügen:„und Freiheiten'. Molkcnbuhr-Deutschland findet auch nicht an der Resolution überall Erfreuliches, er wolle aber nur für Beseitigung einiger empfindlicher Unebenheiten plädieren. Die Worte im ersten Absatz: „sowie von dem Ab- und Zuströmen infolge der Wanderung der Arbeiter' sind am falschen Platze. Die Arbeitslosigkeit wird durch Ab- und Zuströmen der Arbeiter weder vermehrt, noch vermindert. Aber das Zuströmen von Arbeitern vermehrt die arbeitslosen Arbeiter. Die Worte sind also zu streichen. Ebenso müsse im Absatz 3 die Verschüldungsfrage ausgemerzt werden. Man ist sich einig, daß die Arbeitslosigkeit nicht ein persönliches Verschulden ist, sondern daß die kapitalistische Produktionsforin die Schuld trägt. Wir be- kämpfen mit aller Entschiedenheit die Aufwerfung der Verschuldungs frage in der Arbeiterschutzgesetzgebung, sie darf also hier nicht wieder hereingelassen werden. Der ganze Absatz ist daher zu streichen. Lmdhagen-Schweden hat auch verschiedene Bedenken gegen die Resolution. Er schlägt vor, ini ersten Absatz die für ihn unklaren Worte:.Judustiialisierung der Frau und des Kinde»' zu streichen. Er könne nicht verstehen, daß die Industrialisierung der Frauen und Kinder besonder» hervorgehoben werde. Reichcnspcrgcr-Schweiz vertritt besonders die Streichung des ganzen dritten Absatzes der Resolution. Punkt 4 soll durch die Ein- schaltung der Forderung„Errichtung paritätischer Arbeitsnachweise' ergänzt werden. Die Kosten der Arbeitslosenunterstützung muß der Unternehmer wie die Ausgaben für Arbeiterschutz mid Arbeiterver- sichernng als Betriebsunlostcn einstellen. Gosscp-England wünscht nicht, daß sich die Arbeitslosendersiche- rung nur auf die organisierten Arbeiter beziehe. Im übrigen ver- tritt er die Aenderuugsvorschläge der Genossin Philipps. Banek- Böhmen bemängelt, daß die Kosten der Arbeitslosen- fürsorge nicht schon von vornherein auf den Besitzer der Produktions- mittel abgewälzt werden sollen. Man dürfe nicht warten, bis dieser etwas für die Arbeitslosen getan habe. Die Unternehmer müssen sofort für die Kosten der Arbeitslosenunterstützung herangezogen werden. Dujs- Holland hofft, daß die Amendements der Engländer in allen Teilen abgelehnt werden. Aus den Vorschlägen spricht nirgends der Sozialismus. Die Forderung Reichenspergers, die Kosten der Arbeitslosenunterstützung vom Unternehmer zu fordern, der sie, wie die Beiträge zur Arbeileiversicherung als Betriebsunkvsten einzustellen habe, bekämpft er in ihrem letzten Teile, Die Arbeitslosigkeit sei mit den Anforderungen für Arbeiterschutz nicht in Vergleich zu setzen. Genossin Rcinstein-Anierika: Die Arbeitslosigkeit in Amerika werde durch starte Einwanderung fremder Arbeiter besonders ver- stärkt. Da in Amerika eine starke Strömung gegen die ein- wandernden fremden Arbeiter besteht, bittet sie, im ersten Absatz die Worte:.Ab- und Zuströmen infolge Wanderung der Arbeiter' zu beseitigen. Diese Worte würden die konservativen Elemente Amerikas zur Durchsetzung ihrer Forderung auf Ausschließung fremder Arbeiter agitatorisch ausnützen. Der Satz enthalte die Anerkennung, daß daS Zuströmen der Arbeiter ungünstig aus die Beschäftigung der in- ländischen Arbeiter einwirke.(Bravo!) Möller-DSneniark stimmt der Vorrednerin zu. Weiter wendet er sich gegen die englische Forderung einer Fixierung der Altersgrenze für erwerbstätige Kinder, Die Resolution wird sodan» an die llnterkoimnifston I»r Be« ratung der Aenderuugsvorschläge zurückverwiesen. Kopenhagen, 31. August. In der sozialen Kommission legte heute Adolf Brann-Oesterreich als Berichterstatter der Unterlommission eine ausführliche Resolution zur Arbeitslosenfrage vor: .Der Kongreß stellt fest, daß die Arbeitslosigkeit von der kapitalistischen Produttionsweise untrennbar ist. Innerhalb des ShstemS der kavitalistischen ProduklionSweise kann es sich daher nicht um Beseitigung der Arbeitslosigkeit, sondern nur um deren Verminderung und um die Milderung ihrer Folgen handeln. Der Kongreß verlangt Ausgestaltung der von den Arbeiterorganisationen verwalteten allgemeinen öffentlich recht- lichen Arbeitslosenfürsorge. Die Vertreter der Arbeiter- klaffe sollen fordern: 1. Statistische Mitteilungen über den Umfang der Arbeitslosigkeit. 2. Zahlung der von den Genossenschaften anerkannten Löhne. 3. Auherordent- liche Unterstützung der Arbeitslosen in Zeiten einer industriellen Krise. 4. Arbeiislvsigkeit darf keine Minderung der politischen Rechte zur Folge haben. 5. Errichtung und Unterstützung aller Arbeitsnachweis-Einrichinngen. 6. Behebung der Arbeitslosigkeit durch gesetzgeberische Maßnahmen. 7. Obligatorische Arbeits- losenunterstützung.' Braun führte dazu aus, daß die Kommission versucht hat, alle vorgebrachten Wünsche zu berücksichtigen, das habe sich aber als unmöglich herausgestellt. Mnfte Kommisfloa Gtsolutiontn). Kopenhagen, 30. August. Die deutschen Mitglieder der Kommission beantragen folgende Resolution zur Todesstrafe: .Die bürgerlich« Aufklärung hat an der Schwelle der nenzeit- lichen EntWickelung die Todesstrafe als ein barbarisches Erbstück des finsteren Mittelalters verbannt. Ter revolutionären Bourgevisie waren die Ideale des Forlschritts und der Humanität keine leeren Worte und daher proklamierten ihre besten Vertreter in allen Ländern den Kampf wider die Kulturschmach deS in Justizform gekleideten, kaltblütigen und systematischen Mordes eines Menschen. Seitdem hat sich auch in dieser Beziehung ein gründlicher Wandel vollzogen. Der immer gewaltigere und immer schärfere Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem modernen Proletariat, der immer mehr und mehr zur Achse des öffentlichen Lebens aller Staaten wird, hat bewirkt, daß die beutige verfallende Bour- geoifie mit den sonstigen demokratischen und freiheitlichen Zielen nunmehr auch den Kampf gegen die Todesstrafe preis- gegeben hat. Ja die herrschenden Klassen greifen jetzr selbst immer mehr zu der schmachvollen Waffe der Todesstrafe, sowohl um mit den Zersetzungsprodnkten der eigenen kapitalistischen Gesellschaft fertig zu werden, wie um das kämpfende Proletariat nieder- zudrücken. In Deutschland haben sich vor kurzem einige Korypbäsn der Wissenschast und Kunst, glänzende Vertreter der bürgerlichen Intelligenz für die Notwendigkeit der Todesstrafe ausgeiprochen. In der Republik Frankreich wurde in den letzten Jahren ein Gesetz« entwurf im Parlament abgelehnt, der die Abschaffung der Tode:« strafe forderte. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas wird die Todesstrafe als Waffe gegen das gewerkschaftlich kämpfende Proletariat angewandt. Den unvergleichlichen Opfern deS Chicagoer Justizmordes, die im Kampfe um den Achtstundentag gefallen sind, wären erst jüngst beinahe einige Vorkämpfer der um ihre Existenz ringenden organisierten Bergarbeiter gefolgt. In Spanien gebraucht ein reattionäreS Regiment den Justizmord als Kampfwaffe und Rachemittel gegen die freiheitlichen Bestrebungen des Proletariats, in Rußland endlich, einem Lande, wo die Todesstrafe für gemeine Verbrecher längst abgeschafft war, arbeitet der Henker seit der großen revolutionären Erhebung des arbeitenden Volkes, namentlich nach dem Siege der Konterrevolution, ohne Unterlaß. Tausende und Abertausende werden hier nach einer schnöden Komödie kriegS« gerichen Verfahrens hingerichtet. Ein Blutstrom ergießt sich über da« ganze russische Reich. Und das alles geschieht vor den Augen der gesamten zivilisterten Welt, ohne daß die Vertreter der bürger- lichen Intelligenz, der westeuropäischen Kultur irgend einen rat- kräftigen Widerstand wagen, ja unter der moralischen und finan- ziellen Unterstützung durch die Bourgeoisie Europas. Die nämliche bürgerliche Intelligenz, die sich über die Sache des Freidenkers Ferrer im höchsten Grade aufgeregt hat. siebt ruhig dem Massen- mord zu, durch den der korrupte russische Absolutismus die revo- lutionäre Erhebung des Proletariats zu ersticken sucht. Heute ist somit das sozialistische Proletariat der wichtigste und ziiverlässigste Träger des Kampfes wider die Barbarei der Todesstrafe. Nur die durch die sozialistischen Parteien verbreitete Aufklärung, nur die kulturelle Hebung der großen arbeitenden Massen durch die politische und gewerlschaftliche Aktion, nur die wachsende Macht des organisierten Proletariats aller Länder ver- mögen der Kulturschmach der Todesstrafe einen starken Damm entgegenzusetzen. Die Vertreter des politisch und gewerkschnfilich organisierten Proletariats aller Länder, die in Kopenhagen tagen, stellen die aktiven und passiven Anhänger des blutigen Justiz- mordes in allen Formen an den Pranger, sie fordern die parla- mentarische Vertmung der Arbeiterklasse in allen Staaten auf, bei geeigneter Gelegenheit die Abschaffung der Todesstrafe zu fordern. Sowohl ihr Vorgehen in den Parlamenten, wie alle anderen politischen Maßnahmen sollen aus Anlaß einer macht- vollen Agitation in Versammlungen und in der Arbeiterpresse für die Abschaffung der Todesstrafe benutzt werden.' Rakowsti- Rumänien beantragt, die Resolution nebst allen Amendements einer Subkommission zu überweisen. Ellenbogen- Oesterreich hält die Ueberweistmg an eine Sub- kommission für unmöglich, weil es sich noch um widersprechende Ansichten handelt, die nur durch Abstimmungen erledigt werden können. Die Wahl einer Subkommission wird abgelehnt. Varadian- Türk-Armenien wendet sich gegen das Streichen de» Wortes.demokratisch' aus der Resolution über die Lage in der Türkei. Die Weiterentwickelung der Demokratie sei von größter Bedeutung für das Aufkommen einer Arbeiterbewegung m der Türkei. Die demokratischen Jungtürken seien zwar faul, ader ihre Bedeutung sei doch unterschätzt worden. Die jungtürkische Be- wegung habe den Anstoß zu Lohnkämpfcn, sogar der Landarbeiter, gegeben und die Organisation der Arbeiter ermöglicht. Die Or- ganisation in Saloniki sei die beste auf dem Balkan und sie bedürfe der Sympathiebezeugung durch das internationale Proletariat. Sritz- Oesterreich glaubt, daß Meinungsverschiedenheiten nicht mehr vorhanden sind und die Resolution daher angenommen werden könne. Die Engländer bringen ein neues Amendement ein: .nur die volle Demokratie kann die politische Befreiung bringen.' Nach Zurückziehung aller anderen Amendements wird die Re- Solution zugunsten einer auf einer Verständigung unter den Balkan- staaten ruhenden Demokratie angenommen mit dem A m e n d e- ment Seitz, nachdem jede verwerfliche kapitalistische und koloniale Politik der europäischen Staaten zunächst nur wirksam zu bekämpfen ist durch eine gründliche demokratische Verfassnngsform in den Balkan« ländern und durch eine friedliche Verständigung der Völker dieser Staaten, wie sie heute allein die Sozialdcmokraiie im Gegensatz zu den Regierungen der Balkanländer und der übrigen Länder betreibt. Eine Sympathiekundgebung für die japanischen Sozialisten wird einstimmig ohne Diskussion angenommen, nachdem eine Mitteilung des Genossen Katayama bekanntgegeben war, daß die japanische Regierung ihm die Abreise zum Kongreß durch Paßverweigerung unmöglich gemacht hat. Protest gegen die Willkürherrschaft der argentinischen Oligarchie. Genossin Sorge-Franlreich fordert den Boykott der argentinischen Erzeugnisse. Dr. Juan i>e Inst»-Argentinien schildert die ungeheuerlichen Zustände in Argentinien, dessen scheinbar deniolratische Ber- sassung von de» rückständigen inländischen Arbeitern nicht genützt wird und die deshalb nur auf dem Papier steht. Die Slegierung zieht die Anarchisten gros;. Die Polizei hat am 1. Mai d. I. iii einer Anarchistenversanimlung blutig gehaust. Die sozialistischen Ar- beiler beantworteten diese Bluttat mit einem siebentägigen Streik. Das Bombenattentat eines russischen Anarchisten gab Anlaß zur Verhängung eines Belagerungszustandes. Die Regierung hat form- liche Pogroms gegen die Arbeiterbewegung beranlnßd Wie die Wilden hausten die Schergen in den Lokalen der Arbeiter.(Der Redner zeigt Photographien der Verwüstung vor.) Die Sozialisten werden mit den Anarchisten zusammengeworfen, obwohl sie gar nicht extrem sind und sogar an eine Entwickeluiig des Privateigentums glauben. Trotz alledem haben die Sozialisten Wahlerfolge erzielt. Heute herrschen Ausnahmegesetze und das Vereins- und Slreikrechr ist erheblich eingeschränkt. Der Redner widersprich! dem Boykott, der nur die Einfuhr von Lebensmitteln nach Europa hindern und damit die Lage der Arbeiter nur noch mehr verschlechtern würde. Genossin Sorge bcharrt leidenschaftlich auf dem Boykott. Eine Resolution biete nur Worte, die nichts nützen. Die Resolution zugunsten der Arbeiterbewegung wird e i n st i m m i g angenommen, die An- regung der Genossin Sorge gegen drei Stimmen ab- gelehnt. Kopenhagen, 31. August. Die russischen und finnischen Genossen reichen eine Resolution ein, die die z et r i s ch c Reaktiv,» in Finnland brandmarkt. Nulmnowitsch-Nußland beantragte einstimmige Annahme ohne Diskussion. La Montc-Amerika beantragt als Amendement, daß in allen Ländern in der ersten Oltoberwoche gegen den ZarrSmus in Finn- land demonstriert werden solle.— Die Resolution wird ein- stimmig a n g e n o in m e n.— Gegen das Amendement spricht Müller-Münchent Die Festlegung auf eine bestimmte Woche ist unmöglich, die Deutschen aber werden natürlich alles tun, um den Protest zum Erfolg zu ver- helfen. Tomatschek-Böhmen wendet sich gleichfalls gegen das Amende-, ntent. Longuet-Frankreich: Ein Eindruck kann nur erreicht werden, wenn die Demonstration an einem Tage stattfindet. Mail soll sich zwar nicht auf die erste Oktoberwoche festlegen, aber das Jnter- nationale Bureau beauftragen, sich über das Datum einer solchen Demonstration mit den Parteien zu verständigen. Damit ist La Monte einverstanden. Genossin Rosa Luxemburg wünscht die Formulierung, daß das Internationale Bureau auf ein« möglichst einheitliche Demonstration hinwirken solle.— Die Anregung wird in dieser Form beschlossen. Die letzte Resolution behandelte die Todesstrafe. Die polnische Delegation zieht ihre Resolution zugunsten der deutschen zurück, die folgenden Wortlaut hat: „Der Internationale Sozialistische Kongreß erhebt feier- lichen Protest gegen die kaltblütige Ermordung eines Menschen durch einen anderen und gegen die massenhaften Hinrichinngen, die von der russischen Regierung in Livlaud, Polen, Central- Rußland und anderen Provinzen des Zarenreiches tagtäglich ausgeführt werden. Der Internationale Sozialtstische Kongreß protestiert ferner gegen die Racheakte der spanischen Regierung, die sich in fort« dauernden Massacres der politischen Gefangenen äußern." In der D i s k u s s i o n wird besonders darauf hingewiesen, daß gerade in der modernen Rechtsschule Bestrebungen auf Wiedereinführung der Todesstrafe vorhanden sind. Mendels-Holland weist auf die Verhandlungen des letzten internationalen Kriminalistenkongresses in Brüssel hin, wo man versucht hat, durch Beseitigung des Ashlrechts die Todesstrafe auch in den Ländern indirekt wieder einzuführen, wo sie nicht mehr besteht. Redner wünscht folgende, gegen diese Bestrebungen pro- testierende Ergänzung der Resolution: „Hervorragende Vertreter der modernen Kriminalistik haben erst jüngst eine wesentliche Abänderung des Asylrechts besür- wortet, die in vielen Fällen, namentlich wo es sich um Flucht- lingc aus dem Zarenlande handelt, auf eine tatsächliche Wieder- cinfiihrung der Todesstrafe auch in solchen Ländern hinaus- lausen würde, in denen, wie in Holland, die Todesstrafe seit Jahrzehnten abgeschafft ist." Nubanowitsch-Rußlandt Als in der ersten Duma die Todes- strafe verhandelt wurde und alle Vertreter der Intelligenz für ihre Beseitigung eintraten, berief sich der russische Justizminisicr, auf das Gutachten des angesehenen deutschen Kriminalisten v. Liszt, daß bei den komplizierten Verhältnissen in Rußland die Abschaffung der Todesstrafe �wohl nicht möglich sei. Tie Duma nahm trotzdem die Abschaffung der Todesstrafe cm, wurde dann aber auseinandergejagt. Die Resolution wird einstimmig mit dem Am ende» ment angen»inmen. Schließlich wird noch eine Sympathiekundgebung für das spanische Proletariat, seine revolutionäre Er- Hebung, insbesondere auch ein Protest gegen den I u st i z m o r d an Ferrer durch Akklamation angenommen. Als Referent für das Plenum wird Ellenbogen-Oesterreich bestimmt. Die näcktste Plenarsitzung findet Donnerstag IM/z Uhr vormittags statt. Am Mittwortinnchmitiag fand ein Dampferausflug durch den Sund nach dem Seebnd Skordsbord statt. (Siehe auch 2. Beilage.) Hus der fraueiibeweguncu Aus der Schwitzindustrie. In Cradley Hcath, wo die Frauen für einen Lohn von 4 bis 5 Mark die Woche Ketten schmieden, sind ungefähr 500 Arbeite- rinnen ausgesperrt worden, weil sie sich geweigert haben, einen Kontrakt zu unterschreiben, nach dem sie sich verpflichten sollten, ans die Dauer von sechs Monaten auf die vom Lohnamt festgesetzten Löhne zu verzichten und zu den alten elenden Hungerlöhnen weiter- zuarbeiten. Die Kcttcnschmiederei in Cradley Heath ist häufig als das klassische Exempcl der Schwitzindustrie hingestellt worden. Was die Arbeitsverhältnisse in dieser Industrie besonders verwerflich macht, ist der Umstand, daß es Frauen sind, die mit Hammer und Zange am Amboß stehen und rußig und beschmutzt diese schwere, dem weiblichen Körper und Charakter nicht angepaßte Arbeit ver- richten. Die öffentliche Meinung begrüßte es mit Freuden, daß diese Industrie als eine der ersten den Bestimmungen des Gc- setze? über Lohnämter, das zu Anfang deS JahreS in Kraft trat, unterworfen werden sollte. Das Lohnamt der Kettenindustrie trat vor drei Monaten zusammen und beschloß, wie zur Zeit berichtet wurde, den Minimallohn auf 20 Pf. die Stunde festzusetzen, was für viele der Arbeiterinnen eine Verdoppelung des Wochcnvcr- dicnstes oder gar noch mehr bedeutete. Es ist bezeichnend für die Stupidität und Brutalität, mit der diese Schwitzindustrie bisher betrieben worden ist, daß keiner der beteiligten Fabrikanten während der Frist von drei Monaten, innerhalb welcher die Einwände gegen den Beschluß des Lohnamts gemacht werden können, gegen die vor- genommene große Erhöhung der Löhne Einspruch erhoben hat, ein Beweis, daß die bis jetzt bezahlten Hungerlöhne durch nichts ge- rechtfertigt werden. Das versichern übrigens auch die Händler, die den Kettenfabrikanten ihre Waren abkaufen und hauptsächlich in Indien losschlagen; nach den Angaben dieser Kauflew kommt kein anderes Land als ernsthafter Konkurrent in Betracht und die Ketten können einen beträchtlichen Preisaufschlag vertragen. Ein nettes Beispiel gemeinschädlicher kapitalistischer Produktions- anarchie! Der erwähnte, vom Lohnamt festgesetzte Minimallohn sollte in diesen Tagen nach Ablauf des dreimonatlichen Aufschubs in Kraft treten; aber die Sorge des liberalen Gesetzgebers um die Jnter- essen der Kapitalisten hat die Hoffnung der weiblichen Ketten- schmiede zerstört. Das Gesetz erlaubt außer dem Aufschub von drei Monaten noch eine wettere scchsmonatliche Verzögerung des Inkrafttretens der Lohnamtsbcschlüsse, wenn sich die Arbeiter schriftlich verpflichten, während dieser Zeit zu den alten Löhnen weiterzuarbeiten. Zu einer solchen. Verpflichtung wollten die Unternehmer die Arbeiterinnen zwingen. Viele von diesen weiger- tcn sich, den Kontrakt zu unterzeichnen und wurden etwa ölXZ an der Zahl ausgesperrt. Unter den Ausgesperrten befinden sich auch viele Frauen, die noch nicht der mit Hilfe der englischen Gewerk- schaften gebildeten Gewerkschaft der Arbeiterinnen angehören und denen es jetzt recht traurig geht. Man sammelt jedoch fleißig für sie; die Gräsin Beauchainp schickte gestern der Genossin Mac Arthur, der Führcrin der Frauen in diesem Kampfe, 100 Pfund Sterling für die Ausgesperrten. Die größte Schwierigkeit scheint die zu sein, daß einige Fabrikanten die dreimonatliche Frist dazu benutzt haben, um große Vorräte, zu billigen Arbeitslöhnen aufzuspeichern, so daß andere Fabrikanten sich jetzt benachteiligt fühlen und die zweite Frist von sechs Monaten verlangen. Drängen die Fabrikanten mit ihrer Forderung durch, so könnte das nur zu einer erneuten Uebcrproduktion und nach sechs Monaten unter der Herrschaft der erhöhten Löhne zu einer empfindlichen Arbeitslosigkeit führen, Protest gegen die Kaiserrcde. Der Preußische Landesverein und die Ortspruppe Berlin für Frauenstimmrecht veranstalten am Donnerstag, den 1. September, abends Z'/g Ilhr, in den Armin- hallen, Kommandantcnstraße 58, eine öffentliche Protestversammlung. Toni Breit slbeid und Frau Marie Stritt« Dresden sprechen über das Thema:„Die Kaiserrede und die Frauen". 'Amtlicher ÄKarktberictit der städtischen Marktballen-Dtreltion stber den Großbandcl m den flcntral-Marktballen. Dtarktlnge: Fleischt Zusuhr schwach, Geschäft still, Preise unverändert. Wild: Zusuhr nicht genügend, Geschäft lebhaft, Preise sest. Geslügel: Zusuhr reichlich, Geschäft lebhast, Preise wenig verändert. Fische: Zusuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise tcllweise etwas nachgebend. Butter und Eier: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Süd- s r ü ch t e: Zusuhr meist über Bedars, Geschäft wenig besriedigend, Preise schwankend. 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Sitzung der dentslhen Delegation. Kopenhagen, 31. August. Die deutsche Delegation hielt am Mittwochvormittag ihre dritte Sitzung ab. Beschlüsse der Kommissionen, zu denen Stellung genommen werden muh, liegen noch nicht vor. Dagegen bringt Lcipart �Verband der Holzarbeitcrl das belgische Amendement zur Svrache, das zu der schwedischen Resolution über die Organi- laiion oer internationalen Solidarität gestellt ist. Dieses Amen- dement lautet: 1. Das Internationale Sozialistische Bureau wird ermächtigt, im Falle eines politischen Streitfalles, eines Streiks, einer Aus- spcrrung oder eines anderen wichtigen Ereignisses, welches ein sofortiges Eiitgrcifen erfordert, von den angeschlossenen Parteien eiuen außerordentlichen Beitrag in der Höhe eines Zehntels des Jahresbeitrages einzufordern, als eine erste Hilfe; 2. dieser außerordentliche Beitrag kann nur einmal in einem Jahre erhoben werden; 3. die ins Ausland reisenden Genossen sollen eine Erkennungs- karte bei sich führen, welche ihren Herkunftsort und ihr Reiseziel angibt; die diesen Genossen ausbezahlten Unterstützungen sollen von den Parteien zurückerstattet werden, welche diese Erkennungs- karte ausgestellt haben. Lcipart führt aus: Was die.Belgier hier verlangen, geht viel zu weit. Es ist ganz unmöglich, daß das Internationale Bureau 10 Proz. der Jahreseinnahmen der Gewerkschaften erhält. Es muß davor gewarnt werden, durch Kongreßbeschlüsse die Gewerkschaften in der Betätigung der internationalen Solidarität festzulegen. Auch die schwedische Resolution kann so. wie sie jetzt lautet, nicht an- genommen werden. Es heißt darin:„Der Kongreß stellt den Ge- werkschasten der Internationale anHeim, die zweckmäßigsten Formen der internationalen Arbeitcrsolidarilät näher zu untersuchen und festzulegen." Wir müssen eS unbedingt ablehnen, daß der Kongreß die Ge- werkschaften festlegt. In Deutschland ist die gegenseitige Hilfe bei großen Kämpfen noch nicht reglementiert. Die Bildung eines all- gemeinen Streikfonds ist immer abgelehnt worden. Wenn wir nicht über diese Schwierigkeiten hinwegkommen, können wir uns umnög- lich auf irgendeine internationale Bindung einlassen, selbst wenn sie nur sporadischer Natur ist. Man weiß ja. wie es geht. Zuerst beißt es, der Internationale Kongreß hat beschlossen, der gewerkschaft- lichen Organisation das und das vorzuschlagen. Und schließlich fällt das„Vorschlagen" weg und es heißt: Der Internationale Kongreß hat einen Beschluß gesaßt. Richard Fischer hält diese Bedenken für unbegründet. Partei und Gewerkschaft sind in dieser Frage ganz einig. In dem Bericht des Parteivorstandes an den Kongreß wird diese Frage auch er- örtert:„Die Organisation der internationalen Solidarität betrachten wir als ein utopistisches Verlangen. Die Betätigung der inter- nationalen Solidarität hängt ab von dem Solidaritätsgefühl, das innerhalb der nationalen Organisationen vorhanden ist. Dieses zu wecken und zu pflegen ist eine Erziehungsfrage. Machen sich durch vorkommende Ereignisse Kundgebungen und Betätigungen der inter- nationalen Solidarität notwendig, so wird das von dem Geschick der Leitung der angegliederten nationalen Organisationen abhängig, daß diese rechtzeitig und wirsam zur Geltung kommen. Eine internationale Reglementierung ist unmöglich." Leipart will sich nun nicht festlegen lasien. Aber ein Vergleich zwischen der englischen und französischen Resolution ergibt, daß ein Festlegen in diesem Sinne gar nicht gemeint ist. Ich denke, daß Schweden ohne weiteres darauf eingehen wird, dem Satze etwa folgende Fassung zu geben:„Der Kongreß stellt der gewerkschaftlichen Internationale an- heim, Untersuchungen einzuleiten, in welcher Fonn die Betätigung der internationalen Solidarität möglich ist, und je nach deln Ergebnis dieser Untersuchung wird er dem nächsten Kongreß weitere Vorschläge unter- breiten." Freilich, soweit dürfen wir nicht gehen wie Lcipart. der es ver- hüten wollte, daß selbst die moralische Verpflichtung zur Betätigung der internationalen Solidarität ausgesprochen wird. Bei den gcwerk- schastlichen Kämpfen sind wir zur internationalen Unterstützung ver- pflichtet und diese moralische Verpflichtung ist bisher auch anerkannt worden, ohne daß die Gewerkschaften damit festgelegt worden wären. ES ist ganz naturlich, daß Schritte eingeleitet werden müssen, wn eine noch wirksamere Betätigung künftig zu ermöglichen. Legten: Leipart hat die von ihm beanstandete Stelle im Amendement falsch aufgefaßt. Es heißt natürlich nur, daß die dem Internationalen Bureau angeschlosienen Parteien einen außerordent- lichen Beitrag in der Höhe eines Zehntels ihres Jahresbeitrages für das Bureau, nicht ihrer eigenen Jahreseinnahme, leisten sollen dann, wenn das Bureau es verlangt. kleines feuilleton. AnS der Geschichte der Cholera. Die erste Bekanntschaft mit der Cholera machte ein Europäer am Morgen des 19. August 1817 in der indischen Stadt Jesiora. Es war der englische Arzt Robert Tytler, der an das Krankenbett eines unter ungewöhnlichen Symp- ttomen leidenden Mannes gerufen wurde. Schwer gepeinigt schrie der Kranke auf, der von einem stetigen quälenden Durst und den heftigsten Wadcnkrämpfcn heimgesucht war; seine Stimme hatte einen heiseren Klang; tief waren die Augen in die Höhlen ge- s linken. Der Puls war erloschen, der Herzschlag unfühlbar. Wohl aber empfand die betastende Hand eine Eiseskälte an der schiefer- grauen, mit spärlichem, kühlem Schweiß bedeckten Körperoberfläche des apathisch daliegenden Patienten. Daneben fiel>dem ärztlichen Beobachter auf, daß fast sämtliche Körpersekrete, Speichel, Tränen, Harn, längst versiegt waren. Und trotz aller dieser schweren Zeichen antwortete der Kranke, wiewohl langsam und widerlvillig, doch noch auf jede Frage des Arztes ganz klar, bis plötzlich der Atem stockte — für immer. Dieser erste Todesfall bedeutete nicht nur den An- bruch einer verheerenden Seuche, sondern anch den Ausgangspunkt für die europäischen Einfälle der Cholera, die das 19. Jechrhundert an Aufregung und Schrecken versetzten. Der erste dieser großen Seuchenzüge der Cholera, der von 1817— 1823 dauerte, blieb allerdings auf asiatischem Boden beschränkt. Gegen Ende des Jahres 1828 fing das Sterben in Indien wieder an und forderte dort auch im folgenden Jahre unzählige Opfer. 1828 klopfte der schwarze Todesengel wieder an die Pforten Europas. Aber beim Eintritt der Winterkälte mutzte er aus Orenburg, an der Pforte'Europas, weichen. 1839/31 ist dann die Epidemie in Moskau und haust zum erstenmal in furchtbarer Form auf europäischem Boden. Dieser zweite Seuchenzug der Cholera,.der von 1826— 1838 dauerte und auch Deutschland ergriff, drang 1831 von Rußland nach Polen und gleichzeitig von Persien nach Aegypten. 1832 erschien die Krank- heit in Nordamerika und überzog in den nächsten Jahren den ganzen Erdteil. Am 31. August 1831 hielt sie ihren Einzug in Berlin. Von 1838— 1846 hielt die Cholera Waffenstillstand, aber dann begann sie ihre dritte Invasion, die von 1846 bis 1861 währte. 1848 wütete sie in Berlin. Der vierte Choleraüberfall, der von tjigg— 1875 dauerte, zeichnete sich durch die Schnelligkeit der Aus- vreirung und die Zahl der Opfer aus. Ihren Höhepunkt erreichte die Pandcmie 1866 und tötete mehr preußische Soldaten als die Kugeln der Oesterreicher. Der fünfte Einbruch erfolgte in den Jahren 1882— 1887; er wütete in Aegypten, wo er in kurzer Zeit mehr als 39 999 Menschen tötete, und drang in Europa nur in Italien und Südfrankreich vor. Neben ihren furchtbaren Folgen zeitigte aber diese Phase der Cholera auch ein segensreiches Re- sultat, indem sie zu der Forschungsexpedition von Robert Koch nach Aegypten und Indien Anlaß gab, der hier im Jahre 1833/84 den Epreger der Cholera, den Cholergbazillus, faich. Damit war Nudolf-Frankfurt a. M.: Die englischen Gewerkschaften haben beim schwedischen Generalstreik vollständig versagt. Darüber herrscht mit Recht große Entrüstung. Wir werden in der Kommission eine passende Gelegenheit suchen, diese Stimmung den Engländern gegen- über zum Ausdruck zu bringen. sZustimmung.) Stciigcle- Hamburg: Der Stein des Anstoßes für Leipart ist leicht zu beseitigen. Wir brauchen ja nur die Streichung des Wortes „festlegen" zu beantragen. Im übrigen können wir der Resolution obne weiteres zustimmen. Die Engländer verschanzen sich immer hinter ihr Statut. Immer müssen zahllose Instanzen bei ihnen gefragt werden, bevor sie Geld schicken können. Diesem Mangel an Solidarilätsgefllhl muß durch die schivedische Resolution einmal ungeschminkt die Meinung des Internationalen Kongresses gesagt werden. Leipart erklärt sich mit Stengeles Vorschlag einverstanden. Lcgic»: Mit den Schweden werden wir uns über ihre Resolution sehr leicht verständigen, so daß wir sie annehmen können. Das belgische Amendement aber ist künstlich aufgepfropst, und das beste ist, es abzulehnen. Auch der weitere Vorschlag auf Einführung einer Legitimationskarte isr nicht glücklich. Er beruht darauf, daß die politischen Organisationen in den Grenzorten durch sogenannte politische Flüchtlinge gebrandschatzt werden. Aber eine solche Legitimationskarte würde das Hebel nur schlimmer machen. Ncuniann-Hainburg sHolzarbeiter): Auf dem Kongreß selbst muß eine Resolution eingebracht werden, hie die gewerkschaftliche Inter- nationale auffordert zu untersuchen, wie in Zukunft diejenigen Nationalitäten, die bisher ihre internationale Solidarität nur mit Worten beloiesen haben, zu Hilfsleistungen herangezogen werden können. Wenn im Plenuni gesagt wird, nicht alle Nationen haben bisher ihre Pflicht getan, so ist das wirksamer, als wenn es nur in der Kommission gesagt wird. Damit schloß die Beiprechung. Die gesamte Delegation war sich einig darüber, daß die Resolution der Reichs- kom miffion der Gewerkschaften Oesterreichs an- genommen werden muß. Nur meinte H u e, wenn man ohne Vorbehalt der österreichischen Resolution zustimmen würde, könnte die Auffassung entstehen, als ob die organische Verbindung zwischen Partei und Gewerkschaft, von der in dieser Resolution ge- sprochen wird, auch für Deutschland als mustergültig angesehen werde. Richard Fischer erwidert, daß man durch den Hinweis auf die sogenannte Neutralität der Gewerkschaften die Tschechen in ihren feparalistischen Tendenzen nicht bestärken dürfe. Eberl, Parteivorstand, hebt hervor, daß der Reichenberger Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie ausdrücklich beschlossen hätte, die Partei auch organisatorisch auf eigene Füße zu stellen, während bisher allerdings ein großer Teil der parteiorganisatorischen Auf- gaben in Oesterreich von den Gewerkschaften ausgeführt worden ist. Beschlüsse wurden auch in dieser Frage von der deutschen Delegation nicht gefaßt._' Hiiö der Partei. Genosse August Bebel hat an den Internationalen Sozialisti- scheu Kongreß zu Kopenhagen folgenden Brief gerichtet: Zürich, 27. August 1919. „Parteigenossen und Parteigenossinnen I Mein sehnlichster Wunsch, wieder an den Beratungen des Internationalen Sozialistenlongresses tätigen Anteil nehmen zu können, ist mir leider durch unüberwindliche Hindernisse unmöglich gemacht worden. So drängt es mich, wenigstens schriftlich aus- zudrücken, was mündlich zu sagen mir nicht vergönnt ist, meinen Herzlichsten' Dank, auszusprechen für die warmen und ehrenvollen Wünsche, die mir alle der Internationale angeschlossenen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen in Form von Adressen zu meinem 79. Geburtstage am 22. Februar d. I. in einzig da- stehender Weise überreichen ließen. Diese Adressen sind das denk- bar wertvollste Geschenk, das mir gemacht werden konnte, und es hat mich und die Meinen mit der größten Freude erfüllt. Diesen letzteren wird es ein stolzes Andenken in späteren Zeiten sein, in denen ich nicht mehr bin. Für mich» aber ist es ein neuer An- stoß, soweit meine Kraft es mir noch ermöglicht auch ferner unserer großen, die Menschheit befreienden Mission zu dienen. Mit dem Wunsche, daß auch die diesmalige Tagung der Internationale sich würdig ihren Vorgängerinnen anschließen und dem internationalen klassenbewußten Proletariat neue Kraft für den weiteren Kampf und für den Sieg geben möge, zeichne ich mit sozialistischem Gruß Euer unentwegter Kampfgenosse August Bebe l". Beim Internationalen Bureau sind aus Anlaß de? Kongresse? etwa 1999 Zuschriften und Depeschen eingetroffen. die Bekämpfung der Seuche auf eine wissenschaftliche Basis gestellt. Am meisten aber hat zu dem erfolgreichen Kriege gegen die Cholera die sechste Pandemie die Waffen in die Hand gegeben, die von 1892 bis 1896 dauerte, hauptsächlich in Rußland und Südfrankreich ver- breitet war und in Deutschland nur in Hamburg schwerere Formen annahm. Die Aufmerksamkeit wurde auf die Gesundheitspflege in den Großstädten gelenkt und unsere heutige Städtehygiene be- gründet. Bei der.Kürze der Seuche betrug die Zahl der Erkrankten und damit die Höhe der Verluste immer nur einen geringen Pro- zentsatz der Bevölkerung und war nie auch nur annähernd so groß wie bei andern Seuchen. Staatliche Briefmarkcnspekulation. Welch ausgezeichnete Ge- schäfte der Fiskus zuweilen dann macht, wenn er den Liebhabereien und Geschmacksrichtungen des Publikums entgegenkommt und dieses zu freiwilligen Kontributionen zu veranlassen weiß, zeigt das Bei- spiel der neuen österreichischen Jubiläumsbriefmarken, an denen der Staat bedeutende Summen fast ohne jede Gegenleistung verdient hat. Die kurzweg als„Jubelmarken" bezeichneten Post- Wertzeichen erschienen am 18. August, dem 89. Geburtstag Franz Josefs, mit der Bestimmung, daß ihr Verkauf nur bis 1. September fortgesetzt werden sollte. Beim Wiener Hauptpostamt war aber der ganze Vorrat schon nach wenigen Stunden ausverkauft, und ebenso verlief das Geschäft bei den Aemtern der meisten Provinzialstädte, wo der Ansturm des Publikums in kürzester Zeit mit den verfüg. baren Vorräten aufräumte. Eine nennenswerte Gegenleistung hatte die Post dabei in den meisten Fällen nicht zu gewähren, weil die Käufer die Marken sofort„obliterieren", d. h. mit dem Tagesstempel entwerten ließen, um sie den Sammlerzwecken dienst- bar zu machen. Es waren zum Verkauf gestellt: an 1, 2, 3. 6, 12, 29. 25. 39 und 35 Hellermarken je 199 999 Stück, an 5-Heller- marken 7 Millionen, an 19-Hellermarken 7 899 999, an 59- und 69-Hellermarhen und Marken zu einer Krone je 79 999, 2- und 5-Kronenmarken je 17 999 und 19-Kronenmarken nur 11 999 Stück, was dem durchschnittlichen Verbrauch von zwei Tagen entspricht und einen Wert von 1 641 999 Kronen darstellt. Außerdem standen Sätze der Jubfläumsmarken bis zu einer Krone und bis zu 19 Kronen zur Verfügung im Gesamtwert von 359 999 Kronen, so daß der Postfiskus, der dafür nur wenige Briese und Karten zu befördern hatte, dem Sammelsport eine Einnahme von rund zwei Millionen Kronen zu verdanken hat. Da die Briefmarken- sammler noch immer in ihrer überwiegenden Mehrzahl nur ab- gestempelte Marken sammeln, kommen die am besten auf ihre Rechnung, die ihre Marken nicht abstempeln ließen. Diese un- gebrauchten Jubelmarken sind für den Handel kaum erreichbar und haben schon heut einen bedeutend höheren Wert als die ab- gestempelten. Ter Fiskus aber hat mit der Spekulation auf die Briefmarken- narrstgi ein glänzendes Geschäft gemachst Zur Budgetfrnge. Die Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins Gießen nahm nach der Berichterstattung von der hessischen Landeskonferenz und ausgedehnter Debatte folgende Resolution an: Die Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen der Landeskonferenz einverstanden, mit Ausnahme der von Dr. David eingebrachten und angenommenen Resolution in der Frage der Wudgetbewilligung. Die Versammlung sieht in»der Budget- bewilligung ein Vertrauensvotum für die jeweiligen Regierungen unserer Klassenstaaten, die Sozialdemokraten als Bürger zweiter Klasse behandeln. Die Versammlung steht auf dem Standpunkt, daß die Budgetbelvilligung eine Frage des Prinzips ist und er- klärt sich einverstanden mit den Beschlüssen von Lübeck und Jtürn- berg. Die Versammlung verurteilt daher ganz entschieden die Bewilligung des Budgets und der Hofgängerei unserer badischcn Genossen. Die Versammlung erblickt in dem Verhalten der Badenser einen schweren Disziplinbruch, womit sie sich außer- halb der Reihen der Parteigenossen gestellt haben. Tie Veösamm- lung erwartet daher vom Parteitag, daß derselbe Vorkehrung treffen möge, damit derartige, die Partei und die allgemeine Arbeiterbewegung schädigende Vorkommnisse vermieden werden. Im sozialdemokratischen Verein Straß bürg- Stadt ergab die UrWahl des Delegierten für den Magdeburger Parteitage wie wir schon kurz meldeicn, die Wahl des Genossen Redakteur Max Schneider mit 216 Stimmen und die des Genossen Jacques Peirotes, Redakteur, als Ersatzmann mit 213 Stimmen. Die zwei Gegenkandidaten der radikaleren Richtung, die Gewerkschaftsbeamten Bürker und Voigt, erhielten 69 bezw. 76 Stimmen. In der Parteiversammlung, die der Wahl vorausging, waren zwei Resolutionen, die sich mehr oder weniger scharf über den badischen Disziplinbruch äußerten, mit großer Rtehrheit abgelehnt worden, um„die Eni- scheidung dem Parteitag zu überlassen"; der nun zum Delegierten gewählte Genosse Schneider In iß billigte jedoch das Vorgehen der Badenser als Disziplinbruch, wobei er allerdings hinzusetzte, er halte den Nürnberger Beschluß für nicht glücklich: ,.Bei der Gewinnung immer größeren Einflusses in den Landesparlamenten werde die Frage der Zustimmung zum Budget bald auch in n o r d- deutschen Staaten mehr in die Erscheinung treten, und da sei es wohl im Interesse der Partei und ihrer parlamentarischen praktischen Betätigung besser, Mittel und Wege zu finden, solche Konflikte, wie gegcnlvärtig in Baden, zu vermeiden." Der Redner stellte sich hiernach ausdrücklich auf den Boden der in Nürnberg eingebrachten Resolution F r o h m e, die die Landtags- fraktioncn und die Landesinstanzen beauftragt, vor solchen Eni- scheidungen mit dem Parteivorstande in Verbindung zu treten.— Bedingungslos verteidigt wurde die Budget bewilli- gung in der Versammlung nur von dem Reichstagskandidaten für Metz, Genossen Dr. W e i I l. der darin nur die Konsequenz der Erklärung der 66 in Nürnberg sieht und meint, die Stellung zum Budget sei„keine prinzipielle, sondern eine taktische Frage". Den Besuch bei Hofe verurteilte auch dieser Redner. Braunschweigischer Landesparteitag. Am Sonntag fand in Langelsheim a. H. der braun« schlvcigische Landcsparteitag statt. Nach dem Vorstandsbericht ist die Mitgliederzahl im letzten Jahre von 7395 auf 8416 gestiegen. Die Zahl der organisierten Frauen stieg von 1127 auf 1397. Die Einnahmen der Landeskasse beliefen sich auf 12 961 M.. die Aus- gaben aus 19 613,27 M. Der„Volksfreund" hat einen Abonnenten- zuwachs von über 2599 zu verzeichnen. Im Lande befinden sich zurzeit an drei Orten Jugendorganisationen: in Braunschwcig. Wolfenbüttel und Helmstedt. Bildungsausschüsse waren vier vor- Händen. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter be- trägt 74, davon sind 23 Genossen in Stadt- und 51 in Land- gemeinden tätig. Die Maikasse hatte eine Einnahme von 2579,43 Mark, eine Ausgabe von 58,95 M. Nach Erledigung der umfangreichen Geschäfte des Landes- Parteitages wurde eine Resolution gegen die Ver- schleppung der Wahlreform durch Regierung und Land» tag angenommen, und die energische Fortführung deS Wahlrechtskampfes beschlossen. Ms Sitz>des Landcsvorstandes wurde Braunschweia und als Vorsitzender Genosse R i e k e wiedergewählt. Zum Oktroistreit in Elsaß-Lothringen. In einer Partciversammlung der Genossen deS Wahlkreises Colmar i. Elf., in welcher der Bericht der Delegier- Notizen. — Die Wiedereröffnung de'S OperfthauseS soll am 1. Oktober erfolgen. — Das Programm der„Berliner Volksope r". In deni Repertoire der am 15. September dieses Jahres beginnen- den Opernspielzeit werden als Neueinstudierungen Rossinis „Wilhelm Tell" und Mozarts„Don Juan", Lortzings..Wildschütz". Boildieus„Die weiße Dame", Aubers„Stumme von Portici" und an Novitäten: Wendlands„Das kluge Felleisen" und Schattmanns „Die Freier" erscheinen. Als deutsche Uraufführung geht Usiglios „Das Pensionat von Sorrent" in Szene. — Die Neue Freie Volksbühne eröffnete am Dienstag in ihrem neuen eigenen Heim, dem früheren„Bunten Theater", das jetzt„Neues Volks-Theater heißt, ihre Wintertätigkeit vor geladenen Gästen mit einer Aufführung von Ibsens„Stützen der Gesellschaft". — Die nächste vollständige Sonnenfinsternis wird am 28. April 1911 stattfinden, aber wiederum nur in dem für die Beobachtung denlbar ungünstigsten Gebieten der Erde sichtbar sein, nämlich in dem Meeresraum zwischen Australien und Süd- amerika. In dem engen Band der vollständigen Verfinst»rung liegen nur wenige der zahlreichen Inseln des Stillen Ozeans und diese müßten also von den Astronomen, die von dem Schauspiel Nutzen zu ziehen wünschen, aufgesucht werden. — Das Telephon Paris-London. Die Versuche mit dem neuen Telephoukabel zwischen Dover und Kap GrieSnez haben nach einer Erklärung des englischen Hauptpostamts so befriedigende Ergebnisse gezeitigt, daß von der französischen Regierung in kurzem eine zweite Linie gelegt werden soll. Sie wird parallel mit der unlängst vollendeten laufen, die in wenigen Wochen dem Publikum eröffnet werden soll. Durch das neue Kabel sollen die Gebühren erheblich ermäßigt werden. Die neuen Versuche ermutigen auch zu der Hoffnung, daß die Telcphonvcrbindung zwischen England und Deutschland bald nicht mehr außer dem Bereich der Möglichkeit liegen wird. — Rückkehr der Expedition FilchnerS. Nach einem Telegramm des Oberleutnants Filchner aus Hamnrerfest ist die antarktische Vorexpedition dorthin zurückgekehrt, nachdem sie Spitz- bergen von West nach Ost, von Tempelhay bis Wichcbay durchquert hat. Die Teilnehmer befinden sich bei guter Gesundheit. — Der Erreger des Aussatzes entdeckt. Aus New Dork kommt die Meldung: Die drei amerikanischen Aerzte, die im Auftrage der amerikanischen Regierung die Lepra im Archipel von Havai auf der Insel Molokai studieren, haben in einer Mitteilung an die Regierung diese informiert, daß es ihnen gelungen ist, den Erreger des Aussatzes schon bis zu drei Generationen zu züchten.— Sollte sich die Nachricht bewahrheiten, so wird mit der Entdeckung des Erregers auch die Bahn zu einer auf wissenschaftlicher Basis ruhenden Bekämpfung der Krankheit eröffnet. ten zur L a n d eS kotl f ere n z vom 17. Juli«ntgege?- genommen Wunde, wandten sich mehrere Redner gegen die von dem Berichterstatter Genossen Hindelang vorgelegte Resolutton, die MS Einverständnis der Versammlung mit der Haltung der Delegierten und mit den Beschlüssen der Landeskon fe» renz ausspricht. Genosse Gerstler kritisierte die Bericht- erstattung als einseitig, da sie den Standpunkt der Oktroigegner nicht zum Ausdruck brächte, und beantragte, über die Resolu- tion zur Tagesordnung überzugehen; in demselben Sinne sprachen dre Genossen Weil!, Witzler und Büttner, die mit Gerstler den Standpunkt des Genossen Peirotcs und des Stratzburger Parteiblattes in der Oktroifrage(des ParteiblattcS für den Bezirk) schon früher bekämpft hatten. Genosse Hindelang zog darauf seine Resolution zurück.— Diese Haltung der Parteiversammlung bestätigt jedenfalls, datz der aus der Landeskonferenz gefaßte Mehrheitsbeschlutz den Oktroistreit auch in denjenigen Parteiorten nicht der Lösung näher gebracht hat, deren Delegierte für jenen Mehrheitsbeschlutz eintraten. Ein Achtzigjähriger. Am Montag beging in Raben stein bei Chemnitz der Genosse August C l a u tz seinen 80. Geburtstag. Von Begründung der Partei an betätigte er sich eifrig an der Parteiarbeit. Besonders während des Sozialistengesetzes war Vater Clautz äußerst rührig. Wenn es sich nötig machte, war der Alte selbst in der Nacht und bei Sturm und Wetter zur Stelle, um der Sache des Proletariats zu dienen. Möge ihm ein schöner Lebensabend beschieden sein. Em Induftm und Ftandd. Welternte.> DaS ungarische Ackerbauministerium veröffentlicht eine , Schätzung des Welternteertrages für das laufende Jahr. Danach beträgt das Gesamtergebnis der Welternte an Weizen 991,36 Mit- lionen Meterzentner(gegen 969,97 des tatsächlichen vorjährigen Ertrages), Roggen 467,19(gegen 473,49), Gerste 3SS,2Ej(gegen 371,68), Hafer 628,28(gegen 687,68), Mais 1979,55(gegen 971,71). Von den Weizen einführenden Staaten benötigt Großbritannien 57, Frankreich 12, Deutschland 22, Oesterreich 13. Italien 12 und Belgien 13 Millionen Meterzentner Weizen. Der Bedarf an Roggen»wird durch das eigene Erträgnis gedeckt. An Mais wird 'Großbritannien 22,59, Deutschland 9, Frankreich 3 Millionen Meterzentner einführen. Von den ausführenden Staaten der- zeichnen an Ucberschüssen Ungarn 29, Rußland 56, Rumänien 19, Ostindien 25, die Vereinigten Staaten 18, Argentinien 16 und Australien 14,59 Millionen Meterzentner Weizen. An Roggen besitzt Ruhland einen Ueberschutz von 12,59, Ungarn von etwa 4 Millionen Meterzentner. An Gerste dürfte Rußland einen Ueber- schütz für den Export von etwa 37,59 Millionen Meterzentner haben. An Mais besitzen Ueberschüsse Ungarn 11,59, Rußland 7, Rumänien 18,59, Bulgarien 3, die Vereinigten Staaten 45 und Argentinien 24 Millionen Meterzentner. Im Gesamterträgnis ist gegen das Vorjahr in sämtlichen Getreidegattungen ein Mehr von 31 Millionen Meterzentner zu verzeichnen. Die aus dem Vor- fahre vorhandenen Vorräte werden beziffert für Weizen auf 22,89, Roggen 14.11. Gerste 6,11, Hafer 13,13 und Mais 12.79 Millionen Meterzentner. Großzügige Plünderei. Der Reingewinn der ehemaligen Teilhaber deS BaumwollkönigS Palten, Brown, Scales und Hayne, infolge des von ihnen in- fzenierten BaumwollcorncrS wird auf 18 bis 20 Millionen Mark geschätzt. Man glaubt, datz die drei Grotzhändler noch etwa 199 999 Ballen Baumwolle in Reserve halten, wozu noch 299999 Ballen Neuernte kommen werden._ Liberaler Weihrauch. Als vor einigen Tagen der Geheimrat Isidor Loewe, der Leiter und erste Inhaber verschiedener Großbetriebe der Werkzeugmaschinen- und Waffenfabrikation, gestorben war, da wußte die liberale Presse sich keinen Rat, wie groß sie daS persönliche Verdienst dieses Mannes schildern sollte. DaS«Berliner Tageblatt' sprach von den durch Isidor Loewe geschaffenen hohen Dividenden des Unternehmens, die schon bis zu einem Viertel deS Aktienkapitals betrugen, und jetzt immer noch 16 Prozent betragen. Da hat man vergessen, datz.seine' Waffen- und KriegsausrllstungSfabrikation mit einer sehr geringen Konkurrenz zu rechnen hatte und im Deutschen Reiche einen stets sehr willige n Bezahler fand, der zudem immer größere Mengen der in den Loeweschen Unter- nehmungen fabrizierten Sachen brauchte. Das Haupltäligkeits« und Eewinngebiet ist für die Loeweschen Unternehmungen immer die Militär� und Marinelieserung geblieben. Die Mauserfabrik war in Loeweschen Händen, heute sind die Loeweschen Interessen der Mausersabril in die Deutsche Waffen- und MunitionS- fabrik übergegangen. Die Düren er Metallwerke, die hauptsächlich Patronenmaterial liefern, gehören auch in dieses Interessengebiet. In der Verwaltung der Köln-Rottweiler Pulverfabriken saß Loewe ebenfalls. Ganz abgesehen von den verschiedensten anderen Unternehmungen, zu denen auch die A. E.-G. und die Große Berliner Straßenbahn gehören. Elektrofusioncn. An der Börse wird eS nicht still auf dem Markte der Elektrizitätsaktien. Tag für Tag neue Kurssteigerungen. Wie verlautet, soll nun die A. E.-G. Felten-Guilleaume-Lahmeyer- Aktien auskaufen, um den 16 Millionenbesitz der Lahmeyer-Gesell- schaft, der jetzt in ihre Hand gegeben ist. zur Majorität zu ergänzen. Dann soll die Fusion der beiden FabrikationSgesellschaften erfolgen. Weiter werden die Bergmann-Elektrizitätswerke mit den ErweiterungS- Plänen der A. E.-G. in Verbindung gebracht. Die amerikanische Eisenindustrie Die amerikanische Eisenindustrie ist bisher keine Ausfuhr- industrie gewesen. Die riesige Produktion an Eisenwaren, be- sonders die ungeheuren Schienenmengen werden zumeist im eigenen Lande verbraucht. Soweit bis jetzt eine Ausfuhr dieser Produkte erfolgte, ging sie nach asiatischen, afrikanischen und australischen Gebieten. Der nie rastend». Kapitalismus hat aber die amerika- nische Produktion immer mehr gesteigert; größere Werke sind ge- schaffen worden, die aus dem Boden gestampfte Stahlstadt Gary ist ein Beweis dafür. Als die letzte Krise vorüber war, hoffte die amerikanische Eisenindustrie, wie ihre Geschwister in Europa, auf ein schnelles und fröhliches Wiederhineinwachsen in eine noch größere und noch gewaltigere Hochkonjunktur. 1997, daS Jahr der Hochkonjunktur, brachte eine Produktionsziffer an Roheisen, wie sie noch nie dagewesen. Die Vereinigten Staaten produzierten 25 781 999 Tonnen, die ganze Welt 69 189 099 Tonnen. 1998 zeigte einen starken Rückschlag. Die Weltproduktion bezifferte sich nur auf 48 175 999 Tonnen. Amerikas Erzeugung war auf 15 936 099 Tonnen zurückgegangen. Im Jahre 1999 ist die Weltproduktion, obwohl wir uns erst am Anfange einer neuen guten Konjunktur befinden, schon wieder auf 69 328 999 Tonnen, also über die alte Rekord- ziffer hinaus gestiegen. Amerika brachte eS auf eine Leistung von 25 795 999 Tonnen. Und im neuen Jahre ist die Roheisen- und Stahlproduktion weiter gestiegen. Amerika kann sich jetzt nicht anders vor einem neuen Rückschläge wie im Jahre 1998 retten, als datz es mit dem Ueberschutz seiner Eisen- und Stahlprodukte auf die Märkte geht, die bisher von Großbritannien, Deutschland und zu einem kleinen Teile auch von Belgien versorgt wurden. � Bot einiger Zeit ist für die Türkei mit amerikanischem Kapiiak die Ottoman-American-Development Co. gegründet worden. Sie hat die Aufgabe, Amerika an der wirtschaftlichen Erschließung KleinasicnS teilnehmen zu lassen. Die Amerikaner haben von der türkischen Regierung die Sicherheit erhalten, am Eisenbahnbau, der jetzt dort recht lebhaft in Fluß kommt, mit- beteiligt zu werden. Die amerikanischen Projekte zielen darauf hin, eine Bahn zu bauen, die das Mittelmeer mit Aleppo und dann die nördlichen und nordöstlichen Gegenden untereinander verbindet. Die ganze Arbeit wird auf einen Wert von 69 Millionen Dollar geschätzt. Die Unternehmer erhalten von der türkischen Regierung das ausschließliche Mutungsrecht für das ganze 1299 Meilen lange Eisenbahngebiet, und zwar für 29 Kilometer links und rechts von den Gleisen! Es sollen den Amerikanern sogar alle die Berg- werke zur Verfügung gestellt werden, die jetzt schon durch die Re. gierung in Betrieb gesetzt sind. Die Türkei hat sich dabei nur vor- behalten, datz sie nach 39 Jahren die ganze Bahn ratenweise den Amerikanern abkaufen kann. In der Leitung des amerikanischen Unternehmens sitzen auch Vertreter deS Stahltrusts. Auch hier wird die amerikanische Eisen- und Stahlindustrie in den nächsten Jahren ein neues riesiges Absahgebiet für ihre Produkte finden. Wenn sich auch heute noch nicht übersehen läßt, wie weit die amerikanischen Projekte gediehen sind, sie zeigen doch, wie das Land, das noch vor ganz kurzer Zeit nicht genug arbeiten konnte. um das eigene Gebiet zu versorgen, jetzt in die Reihe der für den Weltmarkt produzierenden Staaten einrückt. Semhts- Leitung. Einen Kampf gegen Mißstände im Jrrenkvcse» führt der Rechtsanwalt Dr. Gustav Ehrenfried, dessen unter recht eigentümlichen Umständen erfolgte Jnternierung in einer Irren- anstalt seinerzeit berechtigtes Aufsehen erregt hatte. Ein Nach- spiel zu dieser Affäre beschäftigte nunmehr gestern unter dem Vorsitz des Landgcrichtsrats Ellcndt die 2. Ferienstraskammer des Landgerichts II. Rechtsanwalt Dr. Ehrenfried trat unter Beistand des Rechtsanwalts Dr. Gräfe gegen den leitenden Arzt der Irren- anstalt„Berolinum' in Lankwitz, Dr. Otto Juliusburger in Steglitz, auf. der vom Justizrat Lconh. Friedmann verteidigt wurde. Die vorliegende Sache hatte schon einmal das Schöffen- gericht Berlin-Schöneberg beschäftigt. Dr. Juliusburger wurde seinerzeit wegen Beleidigung zu 109 Mk. Geldstrafe eventuell 29 Tagen Gefängnis verurteilt. Gegen dieses Urteil hatten beide Parteien Berufung eingelegt, der Beklagte, um seine Frei- sprechung zu erzielen, der Kläger, um eine Verurteilung des Dr. I. zu einer Gefängnisstrafe zu erwirken. Der Sachverhalt ist kurz folgender: Der Privatllägcr Dr. Ehrenfried war auf Veranlassung seiner Verwandten aus Anlaß von ErbschaftS- und anderen Streitigkeiten gegen seinen Willen gewaltsam in der geschlossenen Irrenanstalt „Berolinum' untergebracht worden. Die Jnternierung erfolgte auf das Gutachten des Dr. I. hin, der den Kläger als„gemein- gefährlichen Geisteskranken" bezeichnete. Dieses Gutachten wurde später durch weitere Gutachten der Mcdizinalräte Dr. Leppmann, Dr. Störmer und des Nervenarztes Dr. Frankel unterstützt. Der Kläger behauptet, datz alle diese Gutachten falsch sind, und hat zum Beweise hierfür zahlreiche Gutachten vorgebracht, die den ersten diametral gegenüberstehen. In diesen Gutachten, die von hervorragenden Autoritäten auf psychiatrischem Gebiete, so u. a. von Prof. Forel, herrühren, wird Dr. E. für völlig geistig gesund und geschäftsfähig erklärt. Aehn- lich lauten die Meinungen mehrerer Juristen, die dem Kläger nahestehen und diesen für geistig gesund und völlig geschäftsfähig erklären. Wie Dr. E. behauptet, habe man ihn auf Veranlassung seiner Verwandten in einer Irrenanstalt in der Schweiz ver- schwinden lassen wollen, wo er wohl nie wieder daS Licht der Welt erblickt hätte. Um diesem traurigen Schicksal zu entgehen, unter- nahm er bei Nacht und Nebel einen Fluchtversuch aus dem Berolinum, der auch glückte. Er verschaffte sich dann mehrere Gutachten von hervorragenden Psychiatern und kehrte dann nach Deutschland zurück, um die Aufhebung der Entmündigung zu be- treiben. Das Gericht hob auch die Entmündigung auf und be- zeichnete Dr. E. als völlig geschäftsfähig. Wie in dem schössen- gerichtlichen Urteil erwähnt wird, ist Dr. E. jedoch durch zene Zwangsinternierung aus seiner blühenden RechtLanwaltspraxiS herausgerissen worden und hat autzer großen Bermögenvoerlusten die schwersten seelischen Qualen erduldet. Er faßte deshalb den Plan, gegen jene Aerzte, die ihn als geisteskrank bezeichnet hatten, Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Diese Prozesse schweben augenblicklich noch. Als die Klage dem Dr. I. durch den Gerichts- Vollzieher Peters zugestellt wurde, äußerte der Beklagte zu diesem: „Ich verpflichte mich, den Kläger in 14 Tagen wieder dorthin zu bringen, wo er gewesen ist." Diese Aeutzerung wurde dem Dr. E. hinterbracht, der sofort die Beleidigungsklage anstrengte. In der gestrigen Verhandlung vor der Berufunysstrafkammer hielt Dr. Ehrenfried an der Hand von Beispielen eine wuchtige Philippika gegen die nach seiner Meinung bestehenden schweren Mißstände. Er wies ferner darauf hin, datz nicht umsonst in ge- wissen Kreisen der Spruch bestehe: „O lieber, guter Batrr, erhalt'«nS die Psychiater." Mit Rücksicht darauf, datz er durch das nach seiner Meinung zum mindesten fahrlässig abgegebene Gutachten des Dr. I. die aller- schwersten materiellen und moralischen Schädigungen erlitten habe, beantragte Dr. E., den Beklagten zu einer Gefängnisstrafe zu ver- urteilen. Justizrat Leonh. Friebmann vertrat die Ansicht, datz hier nicht zu prüfen sei, ob jene Gutachten richtig oder nicht seien, son- dein daß es lediglich darauf ankomme, nachzuprüfen, ob in jener Aeutzerung des Dr. I. eine Beleidigung zu erblicken sei. Dies sei schon mit Rücksicht darauf zu verneinen, da Dr. I. noch heute bei seiner in dem Gutachten abgegebenen Meinung über Dr. E. be- stehen bleibe. DaS Gericht kam zu einer Verwerfung der beider- feitigrn Berufungen und der Bestätigung deS ersten Urteils. Wie der Vorsitzende verkündete, habe daS Gericht nicht den geringsten Zweifel an der völligen Prozeßfähigkeit des Klägers. In jener Aeutzerung deS Beklagten liege eine gewisse Drohung in Verbindung mit einem abfälligen Urteil und einer Mißachtung gegenüber dem Kläger, die als formale Beleidigung anzusehen sei. DaS Gericht müsse jedoch bis auf weiteres annehmen, datz der Beklagte jenes Gutachten in gutem Glauben abgegeben habe, durch welches der Kläger allerdings moralisch und materiell auf daS schlimmste ge- fährdet worden sei._ Ein schwerer Eisenbahnunfall» bei welchem zwei Menschen zwischen den Puffer» zermalmt worden waren, beschäftigte gestern die Ferienstrafkammer des Land- gerichtS III. Wegen fahrlässsger Tötung war der Hilfsschirrmann Theodor Ziegenhagen angeklagt.— Am 18. April d. I. ereignete sich auf dem Rangierbahnhof Lichtenberg-Friedrichsfelde ein schwerer Betriebsunfall, durch welchen zwei Familien ihres Er- nährerS beraubt wurden. Die Kohlenlader Gburr und Jorotzki waren auf einem Nebengleise mit dem Ausladen von Kohlen beschäftigt. Als sie einen Waggon geleert hatten, schoben sie diesen auf den Schienen weiter. In demselben Augenblick stieß ein auf demselben Gleise in schneller Fahrt herankommender Waggon gegen den ersten. Die Folge war, datz die beiden Unglücklichen von den Puffern erfaßt und buchstäblich zerquetscht wurden. Für diesen bedauerlichen Unfall macht die Staatsanwaltschaft den jetzigen Angeklagten verantwortlich. Seine Fahrlässigkeit wird darin erblickt, daß er entgegen den für Rangierarbeiten erlassenen Besti-mmungen einen Waggon auf ein Gleise zurückgedrückt hatte, auf welchem gearbeitet wurde.— Vor Gericht bestritt der Ange- klagte jede Schuld und ließ durch Rechtsanwalt Dr. Puppe den Nachweis dafür erbringen, datz er die beiden Geröteten vorher ge- warnt hatte. DaS Gericht hielt«ine Fahrlässigkeit des Angeklagten mchk für Lorkiegenss ünB Srkarmke auf kos!enkl>se Freisprechung. Der Staatsanwalt hatte 5 Monate Gefängnis be- antragt._ Rezeptfälschungen in 100 Fällen hatte der Tischler Bogislaw Lenatorski verübt, der sich gestern unter der Anklage der schweren Urkundenfälschung, de» Diebstahls und des Betruges vor der 4. Ferienstrafkammer des Landgerichts I zu verantworten hatte.— Der Arrgeklagte stand als Krankenkassen- Mitglied in der Behandlung des praktischen Arztes Dr. Gold- schmidt. Anläßlich einer Konsultation entwendete er ein Palet, welches 299 Rezeptformulare enthielt und ferner einen Stempel. Die gestohlenen Formulare fälschte L. mit den Namen mehrerer Kassenärzte, nachdem er sie vorher mit der Anweisung von Wein und insbesondere Kognak versehen hatte. Um zu vermeiden, datz von den Apotheken auch noch der Stempel der einzelnen Kranlc-r. lassen verlangt wurde, versah der Angeklagte die gefälschten Zic- zepte mit dem Vermerk„cito", so daß er die angeblich von den Acrzten verschriebenen Spirituosen ausgehändigt erhielt. Au» diese Weise schädigte L. in 199 Fällen Apothekenbesitzer, dir er außerdem auch noch des NachtS herausgeklingelt hatte, an: de» Anschein zu erwecken, als handele eS sich um ein besonders schnell herzustellendes Rezept. Das Gericht erkannte mit Rücksicht darauf. daß der Angeklagte die Straftaten lediglich begangen habe, um seiner Trunksucht zu fröhnen, dem Antrags des Staatsanwalts gemäß auf 1 Jahr Gefängnis. Stadtrat und Schnapslieferan't. Holzminden, 39. August 1919. Die zweite Ferienstraflammer auS Braunschweig verhandelte hier in einer Angelegenheit, die schon lange alle Kreise der Stadt in Aufregung hält. Auf der Anklagebank sitzen die neuerdings in Konkurs geratene Besitzerin des bekannten Hotels„Buntrock", Witwe des Hotelbesitzers Louis Giebel und deren 16jähriger Sohn Hans. Es wird ihnen zur Last gelegt, mittels einer ohne Unterschrift abgesandten, an die hiesige herzogliche Kreisdirektion gerichteten Eingabe, den Gastwirt König, den Stadtrat Reuter, den hiesigen Magistrat und die hiesige Polizeibehörde beleidigt zu haben. Zur Verhandlung waren gegen 39 Zeugen geladen, darunter der Bürgermeister v. Otto. Die beiden Angeklagten behaupten, datz sie den Wahr- heitSbeweis für ihre Behauptungen führen können, auch wollen sie ihr Vorgehen aus§ 193 des Strafgesetzbuches(Wahrung be» rechtigter Interessen) entschuldigen. In der Eingabe, die unter- zeichnet ist„Mehrere Steuerzahler" heißt es u. a.:»Ich möchte die Herzogliche Kreisdirektion auf den Betrieb deS Gastwirts König aufmerksam machen. Derselbe wird meist nur von Bau« schülern besucht. Die minderjährige Tochter desselben mutz zur Unterhaltung und Fesselung Klavier spielen. Die hiesige Polizei scheint von dem Betriebe nichts zu wissen oder drückt ein Auge zu. Wenn die Bauschüler genug gezecht haben unl> die Kasse reicht nicht aus, so werden Ueberzieher und Uhren von dem Wirt äbge- nommen. Im Grunde genommen ist dies eine Animierkneipe, wie die Bauschüler ja selbst sagen. Der Gastwirt Geese wollte Bock- bicrfest mit Damenbedienung feiern. Um dasselbe gleich loszu- bekommen, ging derselbe zu Stadtrat Reuter, machte natürlich gleich einen großen Schnapsauftrag. ES ist eine große Schande, datz in Holzminden eine solche Schnapswirtschaft ist und datz der Stadtrat seine Stellung so ausbeutet. Hier mutz doch endlich einmal Wandel geschaffen werden, die Wirtschaften, die reell ge- führt werden, haben nichts zu tun."— Die Angeklagte Giebel be« hauptet, datz sie von niemandem zu ihrem Vorgehen beeinflußt worden sei. Sie habe ober die Wahrnehmung machen müssen, datz sie bezüglich ihres Wirtschaftsbetriebes ganz anders kontrolliert wurde wie andere Wirte. In dieser Beziehung sei ihr auch viel von anderer Seite zugetragen worden. Ein früherer Büffetiec habe ihr erzählt, im„Wilhelmsgarten" sei die Polizeistunde früher- auch so scharf überwacht worden und der Wirt habe mehrfach hohe Geldstrafen bezahlen müssen. Durch einen Gerichts schreiber sei er darauf gebracht worden, Schnaps bei Stadtrat Reuter zu be« stellen, und von da ab habe die strenge polizeiliche Kontrolle aus« gehört. Wenn sie, die Angeklagte, um 12 Uhr Feierabend bot, hätten ihr die Gäste den guten Rat gegeben: Sie müssen Schnaps beim Stadtrat bestellen. Die Angeklagte behauptet ferner, datz den polizeilicherseits im Asyl Untergebrachten Schnaps geliefert worden sei. der vom Stadtrat Reuter herstammte. Der als Zeuge vernommene Bürgermeister v. Otto bekundet, datz keine Uuregel« Mäßigkeiten vorgekommen seien. Zeuge Stadtrat Reuter be- streitet entschieden, irgendwie seine Amtsbefugnisse verletzt zu haben. Er habe als ältester Stadtrat den Bürgermeister in Be» Hinderungsfällen zu vertreteu gehabt. Jedoch habe er nur das Recht gehabt, Erlaubnisscheine für Verlängerung der Polizeistunde auszuschreiben, nicht aber Polizeistrafen zu verhängen. Im Falle Geese sei die Erlaubnis zurückgezogen worden, als sich heraus- stellte, daß in dem Lokal Damenbedienung war. Der Zeuge gib« zu, an einen Gastwirt Eikenbcrg Schnaps geliefert zu haben» den kein« Konzession hatte. Er, Zeuge, habe von dieser Tatsache aber keine Kenntnis gehabt. Bei der weiteren Vernehmung mutz der Zeuge zugestehen, datz er Eikenberg geraten habe, ein KonzessionS- grsuch einzureichen, damit er Schnaps ausschänken könne. Durch weitere Zeugenvernehmungen wird festgestellt, datz verschiedentlich die Ansicht herrscht, wenn man von Reuter Schnaps bestelle, werde man nicht so streng kontrolliert. Andere Zeugen wollen sich auf die den Zeugen Reuter kompromittierenden Behauptungen zu dritten Personen gegenüber nicht mehr erinnern. Der Staatsanwalt be- antragte nach zweitägiger Verhandlung gegen Fraw Giebel 199 Mark, gegen ihren Sohn, der den anonymen Brief nur abge« schrieben hatte, 19 Mark Geldstrafe. Der Gerichtshof sah aber den Wahrheitsbeweis als erbracht an und sprach beide Angeklagte frei. In der Privatklage des Baron t>. d. Ropp, Riga, gegen den verantwortlichen Redakteur des„Vorwärts" Hans Weber, Berlin, wegen Beleidigung, kam folgender Vergleich zustande. Der Angeklagte erklärt: Die Gerichtsverhandlung hat auf Grund der tn Rußland stattgehabten Zeugenvernehmung erwiesen, datz weder der Privatkläger noch ein anderer kurländischer Edelmann an der Tötung des Rolau teilgenommen hat. Ich kann daher die Behauptungen, die der„Vorwärts" in den von mir verantwortlich gezeichneten Artikeln vom 8. September und 1. Oktober 199? auf. gestellt hat, als irrtümlich nicht aufrecht erhalten und bedauere, die Beleidigungen im Vertrauen auf die Richtigkeit eines von mir für zuverlässig gehaltenen Berichtes veröffentlicht zu habe«, Em aller Melt» jMUonärmnen als Zolircbinugslef. Die Sucht vieler reicher Amerikanerinnen, ihre in Europa ein- gekauften Schmucksachen und WeNgegenstände bei der Ankunft in den heimatlichen Häfen unverzollt einzuschmuggeln, ist wieder einmal der Gattin eines reichen amerikanischen Millionärs, des Maschinenfabrikanten A d r i a n c e, zum Verhängnis geworden. Frau Adrianee und ihre erwachsene Tochter kamen am Montag auS Europa an Bord des Dampfers.Baltic' in New gork an. Beim Passieren des Zollamtes wurden sie gefragt, ob sie in ihrem Gepäck zollpflichtige Sachen hätten. Die vornehmen Damen verneinten das unter Zeichen lebhafter Entrüstung. Die Untersuchung deS Gepäckes der beiden Damen förderte nichts verzollbares zu Tage und schon wollte man die beiden Reffenden unbehelligt passieren lassen, als Frau Adriance ein kleines Stück Papier zerriß, auf dem sich die Firma eines bekannten Juweliers in Paris aufgeschrieben befand. Die Zollbehörden schöpften Verdacht und ließen schließlich durch Zoll- beamtinnen die beiden Damen einer gründlichen Leibesvisitation unterziehen. Dabei wurden unter dem Korsett der Tochter ein Perlenkollier im Werte von 89 0 99 Fr., unter dem Korsett der gnädigen Frau Diamantringe und Edelsteine im Werte von 80000 Fr., fet den Strümpfen, unter dem Hemd dem Haar und den Schuhen der beiden vornehmen Damen Edel- steine, Perlen und andere Schmucfsachen im Werte von über 250 000 F r. gefunden. Den smarten Amerikanerinnen wird durch die unangenehme Entdeckung ihr Schinuck recht teuer zu stehen kommen._ Heldenhafte Ordnungsstreiter. Aus Rom wird uns gemeldet: Der Justizminister hat dem SppellationsgerichtSrat de Rossi, sowie den Richtern M a c c h i a und L a v i a n i im Disziplinarwege ihr Gehalt entzogen, weil sie ihren Dienstort T r a n i ungerechtfertigter- vr.�ssen haben. Die drei Herren waren heldenmütig vor der Ehotera ausgerückt. Da der Richter Macchia, obwohl selbst krank, nach Trani zurückgekehrt ist, wird eventuell die Matzregel für ihn widerrufen. Auch der Bürgermeister von Trani ist nach Neapel ausgerückt. Zahlreiche Wähler haben ihn aufgefordert, sein Amt niederzulegen. Die Stratzenkehrer von Neapel, die seit langem eine Lohnbewegung planten, haben beschlossen, mit Rücksicht auf die Choleragefahr, die ihre Arbeit unentbehrlich macht. vorläufig vom Streik abzustehen. Dieses Verhalten demonstriert recht gegen das Verhalten der Kaufleute im Seuchen- gebiet, die sofort den Preis für alle DeSinsektionS- mittel verdreifacht haben. Die verstehen ihren Borteil! Gute» Appetit. In der.Vossischen Zeitung" Nr. 407, S. Beilage, ist unter den Eintragungen ins Handelsregister zu lesen: Nr. 8193. Harry Rothholz Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Sitz i Berlin. Gegenstand de» Unternehmens: Der Ein- kauf von Abfällen der Bäckerei und von gebrauchten Säcken sowie die Verarbeitung solcher Abfälle und die Verwertung derselben sowie der gebrauchten Säcke. Ferner ist Gegenstand des Untemehmens die Herstellung von Schiffsbrot usw._ Ein schwimmfähiger Aeroplan. Wie uns ein Telegramm aus London meldet, erklärte der Ingenieur Steffen MarpleS von der englischen Luftschiffliga in einem Interview, eS bestehe ein Flugapparat, über dessen Bau noch grötzteS Geheimnis beobachtet werde. Der Apparat soll im- stände sein, auf die Meeresoberfläche niederzu st eigen und schwimmfähig sein und sich auch von der Meeres- oberfläche wieder erheben können. Vielleicht besitzt der Aeroplan die Gestallt einer Ente! Billige Schleifenfahrten. Die Münchener Parseval° Luftschiffahrtgesell- s ch a f t, die mit ihrem„P. VI* täglich Passagierfahrten über München und dessen Umgebung unternimmt, ist auf einen neuen Trick verfallen, um ihre Einnahmen zu erhöhen. Sie läht sich nämlich die Fahrten nicht nur von den mitgenommenen Passagieren recht gut bezahlen— pro Mann und Stunde 200 M.—, sondern veranlatzt auch die Gemeinden OberbayernS, welche Sehnsucht nach dem Anblick des LuttungetümS empfinden, dafür einen entsprechenden OboluS in den Säckel der Luftschiff« aktionäre abzuführen. Wenigstens versucht fie es, die Gemeinden hierzu zu bewegen, scheint aber nicht viel Glück damit zu haben. So hatte sie der Gemeinde Tegernsee mitgeteilt, der ,P. VI' werde bei einer Fahrt dorthin über dem Sece zwei Schleisen fahren, wenn man dafür den Betrag von 400 Mark einsende. Die Gemeinde Tegernsee hatte aber für den in Aussicht gestellten Genutz so wenig Verständnis, datz sie daS Angebot gar nicht beantwortete was der„Parseval* damit strafte, datz er nur bis St. Quirin fuhr, dann umwendete und der hartleibigen Gemeinde Tegernsee ver« achtungsvoll seine Rückenansicht zukehrte.— 200 M. für eine Schleife ist ja ein sehr schöner Preis, aber vielleicht kommt doch»och eine Zeil, wo die Parsevalgesellschast es auch billiger macht. Kleine Notizen. Durch ein Feuer wurden gestern drei neuerbaute Magazin« für die Autzeitbefestigung der Festung Mainz vollständig z« r st ö r t. Sechs in der Nähe befindliche Magazine konnten ge- rettet werden. Die Cholera. Wie ein Telegramm aus Petersburg meldet. sind in den letzten 24 Stunden in der Stadt Petersburg 59 Personen an Cholera erkrankt und 19 gestorben. Die Zahl der Er- krankten beträgt zurzeit 651. Vom Zuge erfaßt und getötet wurden drei Strecken« a r b e i t e r, die in der Nähe der französischen Stadt M a r g u t ihrer Beschäftigung nachgingen.- De» Tod auf den Eisenbahnschienen suchte in G e n f der deutsche Major a. D. Gustav Fritz. Bei der Ankunft des Pariser Expretz- zuges warf er sich einige hundert Meter vor dem Bahnhofe auf die Gleise und wurde als schrecklich verstümmelte Leiche aufgefunden. In große Gefahr geriet auf der Fahrt von Buenos AireS der französische Postdampfer.Magelhan*. In der Nähe der Insel Palma brach die Schraubenwelle, das Wasser drang in den Laderaum ein. Durch herbeigeeilte Dampfer wurde das Schiff in den Hafen von Santos geschleppt. Paffagiere und Be- satzung sind wohlbehalten.__ für den 2. M. ReiciistäpaiH (Bezirk 149.) Am Dienstag, den 30. August, I verschied unser Mitglied, der Gast- I wirt fangen ILeiik. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am ! Sonnabend, den 3. September, nachmittags 3 Uhr, von der ! Leichenhalle deS alten ThomaS- i KirchhojeS, Rixdorf, Hermann- strusze, auS statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht > 210/20 Oer Vorstand. Deutscher Buchbinder- ¥erband. (Zahlstelle Berlin.) Am 30. August verstarb nach langer schwerer Krankheit unser langjähriges Mitglied tEuxen Lenk. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am SonnabendnachmiUag 3 Uhr von der Halle des alten ThomaS- KirchhoscS aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 24/14 vle Ortsverwaltung. SozialüeniokratlscherWatilyereiD des 6. Herl. Reiclistags- Wahlkreises. Todes- Anzeige. AmDienStag, den 30. August, ver- starb unser langjähriges Mitglied Augusi ICLmg Kastanienallee 12. Ehre feinem Andenke« k Die Beerdigung findet am I Sonnabend, den 3. September� nachinittags 41/« Uhr, von der 'Leichenhalle deS Gethsemane. l tirchhojes in Nicder-Schönhausen- j iordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 3 29/10 Der Vorstand. |2t?Dtral-?erliaii!l der Töpfer j ' ud Benifspossea Deulsetil. Filiale Berlin. Todes-An reim Montag, den I Jtitrb unser Mitglied, der Kollege zeige. 29. d. M.. ver- �lenngim Keichel (Bezirk Gesundbrunnen) im Alter von 58 Jahren an der Lungenschwindsucht. Zstre keinem Andenken! .i\t Beerdigung findet am Fre» B tag� den 2. September 1910, nack� miliagS 4 Uhr, von der Leichen-- habt: des Friedens- KirchhoseS in Nie» er-Schönhausen-Nordend aus statt Uiin rege Beteiligung ersucht Oer Vorstand. -fnaslriiMi—! miiiu——n i5 tealverliaml 1 Stukkateure ßeiitsehlaoils. Filiale Berlin. Ah?. Montag, den 29. August, fte-b. Lungenentzündung das Mitglied Itichard Heine im L stier von vierzig Jahren. Di» Beerdigung findet am Freitasg, de» 2. September, nachr rnittaifs 5 Uhr, aus dein Gemeinde». sriedhgs in Weigensee, Röik»< j trage 48—51. statt. Regp Beteiligung erwartet Die OrtsderwaltuuA. Deutscher Metallarbeiter-Verband! Verwaltungsstelle Berlin. lstachrnt. Dm Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Klempner Paul Anders am 25. August durch Absturz vom Bau gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Schlosser Msou Herrmann am 29. August an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 2. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Friedhofs«üd- West in StanSdorf bei Wannsee auS statt. Rege Beteiligung erwartet 120/19 Die OrtSverwaltnng. Verband der Gemeinde- lltid Staatsarbeiter. ------ Filiale Groll-Berlin.------ Den Mitgliedern zur Nachricht. daß am Montag, den 29. August, unser Mitglied, der Kollege Emil Böhme (Rev.-Jnsp.) gestorben Ist. 289/12 Die Beerdigung findet morgen, Freitag, den 2. September, nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- balle des Neuen Nazarcth-Kirch. Hofes in Rcinickendorf-West. Bcr> liner Straße, Eingang Kögei- ftratze, aus statt. Um zahlreiche BeteUigung ersucht Allen Verwandten, Freunden und Belannten die traurige Nach- richt, daß unser� treusorgendcr Vater, Bruder, Schwiegervater, Onkel und Großvater, der Putzer Heinrich Hopernicl! nach langer Krankheit im Alter von 7b Jahren verstorben ist. Die? zeigt tiefbetrübt mit der Bitte um stille Teilnahme an im Namen der Hinterbliebenen Albert Kopcrnlck. Die Beerdigung findet am Freitag, den 2. September, nachm. 5 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhoss in Friedrichs- s-lde au« statt. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß meine liebe Frau r�uxuste Brüter geb. Seltner am Montag, den 29. August, plötzlich verstorben ist. Tiesbetrübt zeigt dieS an Baumschulenweg Ornno Prüfer. Die Beerdigung findet am Freitag, den 2. September, nachmittags 4 Uhr, von der Leiche». balle deS Treptower Gemeinde- FriedhoseS, Neue Krug-Allee aus statt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner unvergeßlichen Frau HSd�viK Dürre sage allen Verwandten, Freunden. Genossinnen und Genossen, insbeson. dere meinem Cousin, dem Genossen Wilhelm Dürre, sür seine warm- empsundenen Worte, sowie dein Wahl- verein und dem Arbeitergesangverein Alt-GIinttcke, der Verwaltung der Konsumgenossenschast Adiershos und Arbeitergesangverein Frohsinn.AdlerS- hos, meinen innigsten Dan!. — IT"~ IHF Achtung! Rohtatoak! .TiMTÄS Brumienstraße«5. Durch die stetige Zunahme unserer geehrten Kundschaft sahen wir uns veranlaßt, ein bedeutend größeres Geschäfts- lokal einzurichten. �wirlämS� Tabake zur Zigarreufabrikation. Hoffend, dast auch im neuen Geschäftslokal die geehrten Interessenten uns mit ihre« Einkäufen berückfichttgen, wird es nach wie bor unser Bestreben sein, durch Läeferung koukurrenz- fähiger Ware unsere geehrte Kundschaft zufrieden zu stelle». Ifcinbiwger Hohtafeak-ftous Filiale: Berlin N, Brunnenstr. 25. Hetlgfoß& Maak, AltonarOttensen. Hauptgeschäft: Ottensen» Bismarckftr. 23. «: ReichSbani-Altona. Fernspreeber: Altona, Gr. 1, Nr. 3987. GglUt jollftrit«Mi: I« I Hainbnrg-St. Georg, Gnoße Allee 6, jJQjfJJI* Hnnibnrg-Ellbeck, Wandsbeker Chaussee 257, lllilrll Hamburg-Flmsbattel, Bartelsstraße 109 und IIUIUII. Altona, Reichenstraße 18. 296/13* Bankkonto: Teppich Thomas Aeltestcs und ver trauen swünH gutes für Teppiche, Gardinen, Portieren, Ilttbel- and Dekorationsstoire, lillnfer, Tisch*, Dlvan-, Stepp-, Heise- and Schlardocken. Berlin SV. 68, Granienstr. 126. Zn-eiggeschiift: Oranlenstr. ICO. Sqrantwortlicher Reöaktqur: HM» Wilhelm Ottrre.___ Meber, Für den Jnferateilteil verantv. fliteiter-Wamlerliiinil a»„Die Naturfreunde". Wanderfahrten am Sonntag, den 4. September: 1. Malchow(Nonnenfließ). Abfahrt: Stettiner Fernbahnhoj 6 Uhr vorm. 2. Sadowa-Hoppegarten. Absahrt: Schlesischer Bahnhos 7 Uhr vorm. 3. Halensee-Grunewaid. Tresspunlt: Bahnhos Haiensee 2 Uhr nachm. Gaste willkommen. 2/11 SW Ausführliche Programme bei Heyse, Boyenstr. 19, zu haben. Morgen Freitag: AbteilungSsitzung. Essig stets frisch und rein de- reitet man sich aus kviokvls Sssig-Sssenz Dieselbe gibt feinsten und msiden Linmaeke-u. Lpsise- Essig von unerreichtem Wohl- geschmack. Originalst. M. 1,10, >/, Fl.«0 Pf. Für leere Flaschen 10 oder 5 Pf. zurück. Erhältlr' in den Drogerien, wo nicht dur Otto Reichel, Berlin SO., EisenbahnstraBe 4. Man verlange und nebmo nur Reichels Essig- Essenz und achte genau aus unverl. I iehfltapT Verschluß mMarkehtt-lllUvrA. Es ist fetzt Zeit Wenn Sie noch von meinen Par- zellen w BOntgental kaufen wollen. Verlause noch s�s-Rute von 8 Mark an, Im nächsten Jahre das Doppelte und Dreifache. 20 Pfennig vom Gesundbrunnen. 7 Minuten vom Bahnhos. Geringe An- und Abz. Cr raff, Alt- Moabit 83b. 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Dng�r, fiuramiwareiiiabrik BftfUB NW- Friedrichsirw» e 91/9 An diesem Schild sind die Läden erkennbar, in denen S1NÖER Nähmaschinen verkauft werden. 1 iüastergilltlg tn Konstrahtlon and Aasflihrnng, gleich vorzagllch für Hausgebrauch n. Industrie. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. B BEREIX, I-eipzlgor Straße 98. Laden in den verschiedenen Stadtteilen. LvMärtI Kuchdruckerei u, VerlagSanftalt Paul Singer ät Co.. Berlin SW. der Firma H. GreMgen HotliL Brunnenstr. 17-18°°-, Veteranenstr. 1-2 Großer Extra-Verkauf zu herabgesetzten Preisen Heute, am 1. September, H. Greifenhagen Naehf. in meinen Besitz über. Ich gebe heute schon mein Versprechen dahin ab, dass ich das Geschäft mit so reicher Auswahl versehen, für zuvorkommende kulante Bedienung und so grosse Preiswürdigkeit sorgen werde, dass Niemand der verehrten Kundschaft grössere Vorteile bieten kann. Zu diesem Zwecke habe ich alle übernommenen Waren im Preise herabgesetzt und zum Teil bis zur Hälfte des Wertes zum Extra- Verkauf gestellt.— Inbegriffen sind alle Neuheiten für den Herbst. Das Lebensmittel lager die Auflösung dieser Abteilung die Möglichkeit gegeben wird, alle anderen Artikel billiger zu verkaufen, denn bekanntlich wird an Lebensmitteln beträchtlich viel zugelegt.— Zum Zwecke der Herabsetzung der Preise war mein Geschäft zwei Tage geschlossen. Die herabgesetzten Preise sind neben den früheren deutlich mit Blaustift vermerkt. x Der Verkauf beginnt heute Donnerstag, nachmittag 3 Uhr H. Greifenhasen Ifodif. Inhaber: Julius Fraenkel Auf alle Waren werden trotz der billigen Preise Rabattmarken verabfolgt. |r.204. 27. Jahrgang. 3. f fildje i>ts„öotmiiris" Kerlim WksdlR.tw-»« partei-?Zngelegenkeiten. - Nieder-SchSnhausen-Nsrdend. Am Dienstag, den 6. Sep- lember, 8� Uhr abends, findet im Restaurant„L i e d e m i t"(an der Kirche) eine Volksversammlung statt. Tagesordnung:„Das Instrument des Himmels." Referent: Genosse Max Grunwald. Hierzu findet am Sonntag, den 4. September, von früh 8 Uhr an eine Handzettelverbreitung von den be- kannten Stellen aus statt. Die Bezirksleitung. Bernau. Heute, Donnerstag, den 1. September, findet abends 8� Uhr im Restaurant Bellevue„Salzmann" eine Volksversamm lung statt. Tagesordnung:„Fleischnot, Lebensmittelteuerung und wie ist Abhilfe zu schaffen?" Referent: Genosse Schütte. Genossen. sorgt für Massenbesuch. Potsdam. Heute(Donnerstag) abends 8% Uhr große Protest Versammlung im Viktoriagarten, Alte Luisenstratze. Tagesordnung 1.„Die Fleischverteuerung, deren Abhilfe und die Königsberger Rede." Referent: Reichstagsabgeordneter Eichhorn. 2. Diskussion._ Berliner l�acbricbteno Keine Cholera in Berlin. Wenn auch die bakteriologischen Untersuchungen der als cholera verdächtig eingelieferten Personen in Berlin bis jetzt noch nicht endgültig abgeschlossen ist, so läßt sich jedoch bereits fast mit Sicher heit sagen, daß es sich bei keinem der Erkrankten um echte Cholera handelt. Fast alle der in den Krankenhäusern untergebrachten Personen sind an dem gewöhnlichen ungefährlichen Brechdurchfall erkrankt und ihre Ueberführung in die Hospitäler geschieht nur als Sicherheitsmaßregel. So scheint es sich auch in dem Falle des Arbeiters Paul Friedrich, Korsörer Straße 20 wohnhaft, der am Dienstag nachmittag als choleraverdächtig in das Rudolf-Virchow Krankenhaus eingeliefert wurde, nur um einen Brechdurchfall zu handeln. Als ansteckungsverdächtig wurde seine Familie, bestehend aus der Frau Marie Friedrich, vier Kindern im Alter von 1 bis 7 Jahren sowie die Schwägerin Friedrichs, Frau Auguste Unger- mann, Korsörer Straße 21 wohnhaft, und die 62 jährige Mutter des Arbeiters, Christiane Friedrich, Korsörer Straße 21, in einen Jsolierpavillon des Rudolf-Virchow-Krankenhauses eingeliefert. Die bakteriologische Untersuchung fand gestern im Laboratorium des Bakteriologischen Institutes statt. Nach den bisherigen Ermitte lungen dürfte es sich um eine schwere Magen- und Darmerkrankung handeln. Das Befinden der im Spandauer Krankenhause befindlichen Patienten Sarnow und Neumann ist zufriedenstellend. Die unter Quarantäne stehenden Familien Strunck und Mücke sollten im Laufe des gestrigen Tages noch einmal untersucht und dann ent- lassen werden. Hingegen bleiben die Familienmitglieder New manns auch fernerhin isoliert. Fräulein Elise Szweda, die am Dienstag vormittag in das Westender Krankenhaus eingeliefert wurde, befindet sich ebenso wie ihre fünf unter Beobachtung stehen- den Arbeitskolleginnen verhältnismäßig wohl. In die Isolierbaracken des städtischen Spandauer Kranken- Hauses wurden gestern zwei neue unter Choleraverdacht erkrankte Personen eingeliefert, der Arbeiter Karl Feig aus Neu- Staaken bei Spandau und der Kupferschmied G r u h l aus der Neuendorfer Straße 86. Die Tochter und Schwester des Hilfs rcvisors Sarnow wurden gleichfalls in das Krankenhaus gebracht, aber nur als ansteckungsverdächtig. Das Wölfische Bureau meldet: Wie wir von zuständiger amt- licher Stelle erfahren, hat sich bei sämtlichen Krankheitsfällen im LandeSpolizeibezirk Berlin der Choleraverdacht nicht bestätigt, auch bei dem Charlottenburger Fall scheint— wie mit ziemlicher Sicher heit angenommen werden kann— keine Choleraerkrankung vorzuliegen. Im übrigen wird jeder Meldung von einer cholera- ähnlichen Erkrankung sofort und auf das peinlichste nachgegangen, so daß zu einer Beunruhigung nicht der geringste Anlaß vorliegt. Die Angelegenheit Bock wurde von neuem in der gestrigen Sitzung der Schuldeputation mit Rücksicht auf die jüngsten An griffe einzelner Berliner Zeitungen besprochen. Es wurde fest gestellt, daß von keiner Seite dem Stadtschulrat Dr. Fischer oder sonst einem Mitgliede der Schuldeputation oder dem zuständigen Schulinspektor Gäding irgendwelche Mitteilungen über die Ver- fehlungen des Rektors Bock gegen Schulkinder gemacht sind und be- tont, daß es gerade der Initiative des Schulinspektors Gäding zu verdanken ist, daß die Staatsanwaltschaft die Prüfung des gegen Rektor Bock entstandenen Verdachtes aufgenommen hat. Die Schuldeputation nahm ferner Kenntnis von der mi nisteriellen Verfügung betreffend Einführung der dritten Turn stunde in den Gemeindeschulen. Es wurde beschlossen, beim Provinzialschulkollegium vorstellig zu werden, an Stelle der dritten Turnstunde nicht eine deutsche, fondern auf der Oberstufe der Knabenschulen eine Geometriestundö, auf der Oberstufe der Mädchenschulen eine Handarbeitsstunde und in der Mittelstufe eine Religionsstunde in Fortfall kommen zu lassen. Ferner beschloß die Deputation, von den zum 1. Oktober d. I. zur Einführung kommenden neuen Lesebüchern das von Fechner im Südbezirk, das von Berthold u. Reinicke(bearbeitet von Jahnke) im Nordbczirk und das von Gyczicki im Nordwestbezirk Vorbehalt- lich der Genehmigung des Provinzialschulkollcgiums einzuführen. Eine große öffentlich« Protestversammlung gegen die Lustbar ikeitsstcuervorlage des Magistrats der Stadt Berlin und gegen die Zensurverfügung des Polizeipräsidenten von Jagow findet statt an: Donnerstag, den 8. September, 8� Uhr, im großen Konzertsaal von Keller(Neue Philharmonie), Köpenicker Straße 96, zu deren Besuch die Mitglieder besonders aufgefordert werden. Das ein- leitende Referat hat Genosse Eduard Bernstein übernommen. (Näheres Inserate im„Vorwärts".) Groß-Berliner Straßcnbahn-Verkehr. Die landespolizeilichc Abnahme der neuen Strecke der Westlichen Berliner Vorortbahn von der Schloßstraße in Steglitz durch die Chausseestraße sowie der neuen Endhaltestelle am Händelplatz in Groß-Lichterfelde hat nun- mehr stattgefunden. Diese Endhaltestelle, die größte im Berliner Vorort-Straßenbahn-Verkehr, wird heute, am 1. September, dem Betriebe übergeben. Es werden die vier jetzt am Schloßpark in Steglitz haltenden Linien v,?, 59 und V bis dorthin durchgeführt. Gleichzeitig wird eine neue Verbindung unter dem Buchstaben„W", die vom Händclplatz über Schloßstraße, Kaiserallee, Hildegardstratze und weiter im Zuge der bisherigen Linie„V" über Wilmersdorf, Charlottenburg, Moabit, Jnvalidenstraßc bis zum Ringbahnhof Schönhauser Allee fübrt, eingerichtet. Eine besondere Nachtver- bindung bietet die Linie E, indem die letzten drei Wagen dieser Linie 2.16, 2.36 und 3.6 von der Linkstraße bis auf weiteres außer- fahrplanmäßig bis zum Händelplatz durchgeführt werden. Der Vorort Groß-Lichterfelde, der bisher nur mit der zu Beginn dieses Jahres eingeführten Linie 99 von Lichterfelde-Ost(Kranoldplatz) mit Berlin in direkter Straßenbahnverbindung stand, erhält nun- mehr auch vom Westen aus weitverzweigte durchgehende Ver- bindungen mit Friedenau, Schöneberg, Berlin� Wilmersdorf, Char- I(Ottenburg, Rixdorf, zugleich auch direkte Verbindungen mit den Hauptbahnhöfen: Anhalter Bahnhof, Alexanderplatz, Charlotten bürg, Zoologischer Garten, Lehrter und Stettiner Bahnhof. Welch leichtsinniges Spiel oft mit Menschenleben getrieben wirb, zeigt so recht ein Bauunfall, der sich vorige Woche am Donnerstag auf dem Bau Siegfried-Wagnerstraße in Lichtenberg ereignete. Am anderen Tage berichteten Blätter, daß auf diesem Bau der Klempner P. Anders durch eigene Schuld abgestürzt und getötet worden fei. Hierzu wird uns geschrieben: A. war bei dem Klempnermeister Laabs, Boxhagener Chaussee 11, auf dem be- treffenden Bau damit beschäftigt, die Mansardenfenster von außen mit Zink zu beschlagen. Da A. den Sicherheitsgurt bei der gefähr lichen Arbeit nicht benutzte, außerdem auch keine Schutzvorrichtung am Bau vorhanden war, stürzte er plötzlich aus der vierten Etage ab und war sofort tot. A. ist nichts anderes als das Opfer eines schädlichen Systems geworden. Will der Arbeiter bei einer solchen Arbeit den Sicherheitsgurt benutzen, dann dauert die Arbeit natur- gemäß länger, ein zweiter Mann muß den Gurt halten, was zur Folge hat, daß die Arbeit dem Unternehmer zu teuer wird. Will nun der Arbeiter nicht ständig der Arbeitslosigkeit ausgesetzt sein, so macht er bei der Ausführung einer solchen Arbeit schon gar nicht den Anspruch auf die nötigen Schutzmaßregeln. Dem Fehlen der Schutzvorrichtung an dem Bau ist es zu verdanken, daß auf dem- selben Bau bereits ein Maurer abgestürzt ist und dabei sein Leben eingebüßt hat. Als der Polier nach dem tödlichen Unfall des Klempners auf das Fehlen der Schutzvorrichtung aufmerksam ge� macht wurde, antwortete er, daß der Bau fertig sei und wenn die Klempner eine solche brauchten, müßte der Klempnermeister für eine Schutzvorrichtung sorgen. Sonderbarerweise wurde sofort nach dem Unfall zu jedem Fenster eine Rüstung gebaut. Ob die Staatsanwaltschaft in diesem Falle den Schuldigen finden wird, erscheint noch fraglich. Die Bauklempner waren bisher noch immer geduldig und in puncto Schutzvorschriften sehr anspruchslos. Dieser Vorfall beweist aufs neue, daß das eine Versündigung an Leben und Gesundheit ihrer Berufsgenossen ist. Zwingt die Behörde nicht die Bauherren zur Durchführung genügender Schutzmaßregeln gegen Leben und Gesundheit der Arbeiter, so müssen letztere selbst dafür sorgen, daß sie vor Unfällen der hier geschilderten Art beschützt werden. Zu der Schießaffäre in der Jungfeniheide, bei der der Arbeiter Schmiedecke so schwer verletzt wurde, daß er bald darauf starb, ver- breiten einige Blätter eine angeblich von militärischer Seite stammende Meldung, worin behauptet wird, daß sich Sch. innerhalb de« Drahtzaunes in gebückter Stellung auf den wachhabenden Unter offizier v. Viebahn zugehend befunden habe. Da Sch. nicht ge- antwortet und sich in der Richtung auf den Wachhabende» weiter- bewegt habe, hätte v. Viebahn einen Ueberfall befürchten müssen. Wir möchten hierzu nochmals bemerken, daß uns von Personen, die sich zu der ftaglichen Zeit in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem sich dieser traurige Vorgang abspielte, befanden, auf das be stimmteste versichert wird, daß sich Sch. außerhalb deS Schieß- standgeländeS auf dem Drahtzaun fitzend befunden habe. Dem Räuber vom Bahnhof Großgörschenstraße sollte nach Mit teilungen einiger Blätter die Kriminalpolizei auf die Spur gel kommen sein. Der Zigarrenhändler Hennig vom Markgrafen dämm 12 fand in seiner Ladenkasse mehrere versiegelte Geldrollen und glaubte, daß diese aus dem Raube stammen. Nach den Erl Mittelungen der Kriminalpolizei rührten die Rollen von einem Speisewagen-Kellner Shdow her, der im v-Zug Berlin-Köln fährt. Sydow ist jedoch ein durchaus einwandfteier Mann, und es ist auch bereits nachgewiesen, daß die Geldrollen, die er unterwegs von einem Reisenden bekommen hat, mit dem Raube nichts zu tun haben. Nach mehreren anderen Richtungen schweben noch Ermitte- lungen, indessen läßt sich noch keineswegs sagen, ob die Nach- forschungen hier zu einem Ergebnis führen werden. Durch Platzen einer Karbolflasche zog sich gestern der Arbeiter K o n r a d in der chemischen Fabrik von Schering erhebliche Ver- letzungen zu, so daß er nach dem Krankenhause Westend geschafft werden mußte. Dem Aermsten ist der ganze Unterleib verbrannt, auch wurden ihm die Hände durch die Glassplitter zerschnitten. Der Unfall dürfte im wesentlichen auf die mangelhaften Einrichtungen und die Gleichgültigkeit der Arbeiter selbst zurückzuführen sein, da die meisten Arbeiter des Betriebes nicht organisiert sind. Durch einen abstürzenden Drachen verwundet. Der 66 Jahre alte Lagerist Adolf Sonnenthal, Bornholmer Straße 16, ging mit seinem Sohn nach dem Feld an der Grünthaler Straße, um dort einen Drachen steigen zu lassen. Als der Drachen nun in be- deutender Höhe war, geriet das Seil mit einem anderen Drachen in Berührung und es wurde durchgerieben. Im nächsten Augen- blick sauste der seillose Drachen schräg in die Tiefe. S.. der sich etwas abseits niedergelassen hatte, wurde am Kopf getroffen und brach besinnungslos zusammen. Er hatte eine stark blutende Kopf- Verletzung erlitten und mußte nach der Unfallstation gebracht werden. Ein Betriebsunfall ereignete sich gestern mittag in der Buch- und Kunstdruckerei der Firma I. Harrwitz Nachf. in den Räumen der Handelsstätte Belle-Alliance. Dort geriet der Maschinenlehrling Max mit der rechten Hand zwischen Zylinder und Walzen einer kleinen Rotationsmaschine, wobei die Hand bis zum Gelenk zer- quetscht wurde. Der Bedauernswerte mußte unter furchtbaren Schmerzen längere Zeit in dieser schrecklichen Lage zubringen, bis ihn das Personal des Maschinenfabrikanten A. Scholz aus demselben Hause aus der Maschine befreite. Der Verunglückte wurde dann nach der Unfallstation am Tempelhofer Ufer übergeführt, wo ihm die erste Hilfe zu teil wurde. Im Tiergarten vom Tobe überrascht wurde vorgestern abend der 57 Jahre alte Kanzleigehilfe Robert Gnichwitz aus der Lehrter Straße 48c. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Die Freie Volksbühne eröffnet ihre neue Spielsaison am kommenden Sonntag nachmittags 3 Uhr mit einer Novität von John Galsworthy:„Kampf", in deutscher Uebersetzung von Wash- burn-Freund im Thalia-Theater. Gleichzeitig gelangt im Lessing- Theater zur Aufführung Hermann Vahrs Lustspiel:„Das Konzert." Im Neuen Schauspielhause geht am gleichen Nach- mittage in sorgfältiger Neueinstudierung für die erste Abteilung Björnsons„Ucber unsere Kraft", l. Teil, in Szene. Im Residenz- Theater ist eine Aufführung des Schwanks von Gavauld und Charvey„Die dreihundert Tage" angesetzt. Neue Mitglieder zu den Nachmittagsabteilungen können sich noch in allen Zahlstellen anmelden. Ein großer Brand kam in der gestrigen Nacht in einem Schuppen der Fouragehandlung von! Gustav Suchland am Küstriner Platz 8 zum Ausbruch. Als der 7. Zug um 3 Uhr an der Brandstelle ankam, stand der Schuppen mit seinem Inhalt an Stroh, Heu) Häcksel usw. schon in großer Ausdehnung in Flammen, o daß eine Brandstiftung angenommen wird. Die Feuerwehr griff gleich mit mehreren Schlauchleitungen wirksam ein. wodurch es schließlich gelang, den gefährlichen Brand auf den Schuppen zu beschränken. Kurz vorher hatte Snchland erst große Borräte von Häcksel emgesa�rem gleichzeitig mpßte ein Kellerbrond i» der Königgrätzer Straße 29/36 gelöscht werden, wo Preßkohlen u. a. brannten. Ein zweiter Kellerbrand beschäftigte die Wehr in der Jnselstraße 4. Ferner hatte die Feuerwehr in der Alvensleben- stratze 17, Winterfeldstr. 32, Greifswalder Straße 17/18 und an anderen Stellen zu tun. Dort brannten Schornsteine, Fleisch, Schleier usw._ Vorort- J�admchtem Charlottenburg. In der letzten Sitzung der Charlottenburger Gewerkschafts- kommission erstattete Genosse Billion den Bericht der Gewerbe- gerichtsbeisitzer. Er hob eingangs seiner Ausführungen hervor, daß die Klagen über die starke Belastung der einzelnen Spruchsitzungen, die im vorjährigen Bericht zum Ausdruck gebracht wurden, zu einer Besserung der Verhältnisse geführt haben. Vom Magistrat wurde einer der stellvertretenden Vorsitzenden damit beauftragt, allwöchent« lich eine Vergleichssitzung mit 16 Sachen abzuhalten. Leider sei diese Besserung nicht von Dauer. Durch Vermehrung der anhängig gemachten Klagen und der damit verbundenen größeren Arbeit sei es jetzt schon wieder so weit, daß bis IS Sachen in einer Spruchsitzung verhandelt werden. Durch Vermehrung der Sitzungs« tage ließe sich hierin leicht Abhilfe schaffen. In dem Geschäftsbericht des GcwerbegerichtS wurde darauf hingewiesen, daß eine erhebliche Anzahl Klagen sich vermeiden lassen würden, wenn die Arbeitgeber gedruckte Arbeitsverträge mit klaren, dem Gesetz entsprechenden Bestimmungen über Kündigungs- und Arbeitsbedingungen bei Abschluß der Verträge mit ihren Angestellten verwendeten. Auch Streitigketten wegen Zurückbehaltung der Arbeits- Papiere müßten vermieden werden können. Eine ganze Anzahl Arbeiter wisse leider immer noch nicht, wie sie sich bei Verweigerung der Papiere zu verhalten haben. Allerdings hat der Arbeitgeber bie Pflicht, die Jnvalidenkarte herauszugeben. Jedoch entscheiden die Gewerbegerichte meist so, daß der Arbeiter nur für die Zeit eine Entschädigung erhalte, für die er den Nachweis erbringen kann, daß er ohne Jnvalidenkarte keine Arbeit erhalten habe. Ferner soll eine Entschädigung nur für soviel Tage gewährt werden, als notwendig sind, um eine Ersatz« karte von der Polizei zu beschaffen. Es sei deshalb jedem Arbeiter zu empfehlen, bei Verweigerung der Herausgabe der Invaliden- karte zunächst die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen, sollte das ohne Erfolg fein, einen Antrag auf Ausstellung einer Ersatzkarte zu stellen. Aus dem Geschäftsbericht geht hervor, daß die Zahl der anhängig gemachten Klagen 1764 be« trug, gegen das Vorjahr ein Mehr von 16S. Am stärksten ist an den Klagen das Baugewerbe beteiligt. Hier zeigt es sich, welche Schiebungen auf den Bauten vorkomemen und in welcher Art und Weise fleißige Arbeiter um ihren sauer verdienten Lohn gebracht werden. Auch haben die Vergleiche gegen das Vorjahr zugenommen. Wohl seien die Herren Vorsitzenden ja durch daS Gesetz gezwungen, Vergleiche anzubahnen, es wäre aber zu wünschen, daß die Arbeiter an Stelle ihres Rechts nicht so leicht einen mageren Vergleich schließen.— An die Ausführungen des Genosten Billian knüpfte sich eine längere Diskussion, m der vor allein darauf hingewiesen wurde, daß es äußerst notwendig sei, die Arbeiterschaft über diese wichtige Institution aufzuklären. Dann beschäftigte sich die Gewerkschaftskommission mit der .Volkshausfrage". Die bei diesem Punkt der Tagesordnung einsetzende äußerst lebhafte Diskussion konnte nicht zu Ende geführt werden. Zur Frage der Volkshausbeiträge wurde von sämtlichen Rednern erklärt, daß sie mit allem Nachdruck in ihren Gewerkschaften dahin wirken wollen, daß pro Mitglied und Monat 16 Pf. an das VolkshauS ge- zahlt werden. Folgende Resolution, die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe be« treffend, fand nach kurzer Diskussion einstimmige Annahme: „Seit Jahren kämpfen die Angestellten und Arbeiter im Handels- gewerbe um Einführung der vollständigen Sonntagsruhe. Die Geschäftsinhaber sträuben sich dagegen und fast ausnahmslos mit der Begründung, daß im Interesse des kaufenden Publikums, ins- besondere der Arbeiterschaft, die Geschäfte an den Sonntagen auf« gehalten werden müssen. Die Delegierten der Charlottenburger Gewerkschaftskommission erachten die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe als dringend notwendig und weisen die Rücksichtnahme aus die Arbeiterschaft als Konsumenten ganz entschieden zurück. Die Delegierten fordern die Arbeiterschaft auf, keine Einkäufe an den Sonntagen zu machen, sie selbst ver- pflichten sich, in ihren Gewerkschaften darauf hinzuwirken, daß die Mitglieder und deren Familienagehörige ihre Einkäufe nur an den Wochentagen besorgen." Der neue Spielplatz an der Spandauer Chaussee wurde am letzten Sonntag der Oeffentlichkeit übergeben. Zu gleicher Zeit wurde aber, wie in jedem Jahre, vom Zentralausschutz zur Förde- rung der Volks- und Jugendspiele das neunte Charlottenburger Spielfest auf dem Spielplatz veranstaltet. Jeder Besucher nun, welcher an diesem Tage den Spielplatz betreten wollte, mußte an der Kasse erst ein Eintrittsgeld entrichten, er erhielt dafür ein Eestprogramm. Zu diesen Festspielen wird die Freie Turnerfchaft harlottenburgs natürlich nicht eingeladen. Wir meinen, daß, da der Spielplatz aus Allgemeinmitteln errichtet worden ist und die Arbeiterschaft ohne weiteres auch mit zu den Zahlenden gehört. bei Veranstaltungen wie am Sonntag das Betreten des Platzes vollständig unentgeltlich zu geschehen hat. Sollte es Gepflogenheit werden, daß Korporationen den Platz für sich allein beanspruchen können und beim Betreten des Platzes Eintrittsgeld erheben können, dann verliert der Platz ohne weiteres seinen Charakter; das war allerdings nicht die Absicht der Stadtverordneten. Hoffent» lich wird in Zukunft der Magistrat derartigen Eintrittszwang inhibieren. Rixdorf. Nicht gerade auf Ordnung bei der hiesigen Steuerbehörde läßt ein Vorfall schließen, von dem uns Mitteilung gemacht wurde. Am 13. August, also drei Tage vor dem letzten Termin, an dem die Steuern bezahlt sein müssen, begab sich ein hiesiger Einwohner W. auf das Bureau der VeranlagungSkommission in der Reuterstraße, um dort eine Stundung seiner Steuern nachzusuchen. Diese wurde ihm auch gewährt. W. war jedoch nicht wenig erstaunt, als er am 23. August einen Mahnzettel erhielt, worin er aufgefordert wird, die Steuern binnen drei Tagen nach der Kasse zu bringen. Da W. von dem Beamten der Steuerveranlagungskommisston nur eine münd- liche Zusicherung der Str ndung erhalten hatte, ging er nochmal» nach dem betreffenden Bureau und ließ sich auf der Rückseite deS erhaltenen MahnzettclS die gewährte Stundung bescheinigen. Diese Bescheinigung legte W. auch dem Stenerbeamten vor. Doch am 31. August fand W. abermals einen Zettel im Briefkasten vor. worauf er aufgefordert wird, sofort zu bezahlen, widrigenfalls zur Pfändung geschritten wird. W. kann nun nichts mehr tun, als dem Beamten, der die Pfändung vorzunehmen hat. die Be- stätigung der Steuerveranlaguiigskonimission, daß ihm die Steuer» gestundet worden sind, vorzeigen. Wir sind gespannt, ob nian bei W., der alles getan hat, um den Bummel, der von irgend einem Steuer« beamten gemacht worden ist. einzurenken, auch wirklich noch pfänden wird. In der Protestvcrsammlung am 36. August bei Hoppe wurde außer den beiden schon gestern bekanntgegebenen noch folgende Resolution unter stürmischem Beifall angelwmmen� .Die organisierte Arbeiterschaft RixdorfS erhebt energischen Protest gegen den Aufenthalt des russischen Zaren in �'(iLe0 betrachtet diesen Aufenthalt für eine ungeheure Schmach, die geeignet ist, das deutsche Volk in der Achtung aller freiheitlich gesinnten Menschen herabzusetzen. Sie ist empört, das; die deutsche Negierung dem Zaren ein Gastrecht gewährt, welches sie den übrigen Staatsbürgern Ruß- lands so oft verweigert. Indem die organisierte Arbeiterschaft Rixdorfs es aufs schärfste verurteilt, daß-der Unterdrücker Finnlands in Deutsch- lands Gauen Gastrecht genießt, entbietet sie dem russischen und finnischen Proletariat ihre Brudergrüße mit dem Wunsche, in dem Kampfe gegen das Unterdrückertum- nicht zu ermüden, sondern weiter zu kämpfen bis zum Sieg." Im Nixdorfcr Frvbcl-Jnstitut, Weserstr. 48, finden vom 1. Oktober er. wieder junge Mädchen, welche sich zu Kinder. gärtnerinncn 1. und 2. Klasse ausbilden wollen, Aufnahme. Dauer des Kursus Va resp. 1 Jahr. Schulgeld, 10 M. monatlich, wird besonders Befähigten auf Wunsch ermäßigt und auch Stellung be- sorgt. Bei der Anmeldung sind Schulzeugnisse vorzulegen. Auf- nähme täglich von S— 1 Uhr. Schöneber,,. Eine heftige Gasexplosion spielte sich vorgestern in dem Hause Hauptftr. 84 ab. In dem Laden des. Schlächtermeisters Eisen werden gegenwärtig uinfangreiche Reparaturen vorgenommen, bei denen auch die Beleuchtungsanlage demontiert werden mußte. Beim Entfernen einer an der Decke befindlichen Gaslampe war die Rohrleitung beschädigt worden, so daß sich der zwischen der Ladendecke und dem Fußboden der darüber liegenden Wohnung be. sindliche Raum mit Gas gefüllt hatte. Als ein Monteur den Schaden beseitigen, sollte, leuchtete er die betreffende Stelle mit einem brennenden Streichholz ab. In demselben Augenblick er- folgte eine furchtbare Explosion, durch die die Decke und die Ein- richtung des Ladens, erheblich beschädigt wurde. Wunderbarer- weise kamen die in dem Räume anwesenden Personen, der Monteur, der Schlächtermeister E. und eine Verkäuferin, mit leichteren Ver- lctzungcn davon, die sie durch umherfliegende Mauerstücke er- litten hatten. Ocffcntliche Fernsprechzellen sollen demnächst in den Stationen der neuen Schöncberger Untergrundbahn eingerichtet werden. Die Zellen werden vor den Sperren errichtet, um jede Be- Hinderung des Verkehrs zu vermeiden. Weiter plant der Magistrat die Aufstellung von Telephonkiosken in den Straßen, die auch nachts dem Publikum zur Verfügung stehen sollen. Zchlcndorf. Ein begehrter Posten. Für die Stelle eines besoldeten Schöffen für Zehlendorf' hatten sich 128 Bewerber gemeldet. Aps der Wahl ging in der Ecmeindevertretersitzung der Magistratsassessor Rohde- Schöneberg mit 12 Stimmen als gewählt hervor. 11 Stimmen erhielt der Bürgermeister Janke ans Treptow an der Rega. Die | vMd''....- � j genommen werden erhoben, m L noch nach Beginn der Wahl persönlich für den Magistratsassessor Rohde eingetreten ist, Herr Köppen fürchtet, und nach unserer Weinung nicht mit Unrecht, daß durch diese starke Parteinahme. des Bürger- meistcrs verschiedene Vertreter beeinflußt sein könnten. Tempelhof. Vom Herzschlag betroffen wurde vorgestern nachmittags 2 Uhr der 74jährige pensionierte Bahnbeamte Schmidt, als er die Treppe des Hauses Friedrich Wilhelmstr. 31 betreten wollte. Ein vom nahen Lazarett herbeigerufener Arzt stellte die Todesursache fest. Der berühmte offene Vretterwagen brauchte nicht erst in Funktion zu treten, da zwei Gemeindearbeiter den Verstorbenen auf einer Bahre nach seiner nahe gelegenen Wohnung, Moltkcstratze 17 trugen. Weiszeitsee. Eine von allen Fraktionen eingebrachte Petition an die Regie- rnng, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um die Fleischteuerung zu beseitigen, wurde in der letzten Sitzung der Gemeindevertretung einstimmig angenommen, nachdem dieselbe von unseren Genossen be- gründet worden war. Neinilkendorf. Ucber den deutschen Bauernkrieg referierte in der am 30. August stattgefundenen Mitgliederversammlung deS BezirkS- wahlvereins Genosse Block. Redner zeichnete in einem etwa zweistündigen Referat ein treffendes Bild von den Zuständen, unter denen die Bauern und Lohnarbeiter zur Zeit der Rc- farmation litten. Eingehend behandelte er die Erhebung der süd- deutschen Bauern und das tragische Ende der„Bauernrevolte". Reicher Beifall lohnte den Redner. Der Bericht von der General» Versammlung der Wahlvcreine Groß-Berlins wurde von der Tages- ordnung abgesetzt. Zum Gemeindevertreter-Kandidaten für das im 8. Bezirk durch den Tod des Genossen Gründer erledigte Mandat wurde der Genosse Adolf Domnick proklamiert. Mit gls WW»W»WWW�M»»»»WWWW»WWWW termins und protestierte dagegen, daß das elende Dreiklassenwahl recht zur Gemeindevertretung noch dadurch verschlechtert wird, daß die Wahltermine ungewöhnlich lange verzögert werden. Da der Genosse Gründer bereits vor 9 Wochen verstorben ist, hätte der Gcmeindcvorstand die Wahl längst ausschreiben können. Die Versammelten gelobten, dafür mit um so größerer Energie in den Wahlkampf zu treten, damit der Genosse Domnick mit imposanter Stimmenzahl gewählt werde. Zum Schluß forderte der Vor- sitzende die Anwesenden auf, zu der am Dienstag, den ö. September, abends 8 Uhr, im„Schützenhaus e", R e s i d e n z st r. 1/2, stattfindenden Volksversammlung eine rege Propaganda zu entfalten. Zu dieser Versammlung findet am Sonntag, den 4. September, früh, eine Flugblattverbreitung statt. Borstgwalde-Wittenau. AuS der Gemeindevertretung. Zunächst wurde Herr Gehricke als Schöffe eingeführt. Bei Verpachtung des Ratskellers erteilte die Vertretung dem Meistbietenden, einem Herrn Brandenburger aus Berlin, der für die drei Jahre, so lange der Pachtvertrag lautet, 17 000 M. geboten hat. den Zuschlag. Ein hiesiger Ein- wohncr hatte nur 350 M. weniger geboten, und es ist eigentlich zu verwundern» daß die bürgerlichen Vertreter, die ja bekanntlich immer die Ansicht vertreten, daß zunächst hiesige Steuerzahler berücksichtigt werden müßten, in diesem Fall einem Auswärtigen den Ratskeller verpachten wollen. Hierauf teilte der Baumeister Klinger mit, daß das Gutachten des Prüfungsamtes über den Zement des eingefallenen Abslußkanals noch nicht eingelaufen sei. Die Tischlerarbeiten für den Rathausneubau wurden an folgende Firmen vergeben: Fensterarbeiten zum Preise von 8957 M. der Firma Kiefer-Spremberg, Türarbeiten der Firma Perrin für 10 728 M. und die Jnnenholzarbeiten der Firma Südtle für 20 297 M. Nowatves. Am heutigen Tage beginnt im Lokal des Herrn Singer. Priester» straße 31, der zweite wissenschaftliche Vortragskursus mit Licht- bildern. Thema:„Vom Urtier zum Menschen". Vortragender Ge- nosse Engelbert Graf-Verlin. Die weiteren Vorträge finden am 8., 15., 20., 27. September und am 4. Oktober statt. Abonnements. karten zum Preise von 75 Pf. sind an den bekannten Verkaufs- stellen zu haben. Der BUdungsausschuß. Spandau. Die Entstehung der hiesigen Eholerafälle geben den Spandauer Tageblättern Veranlassung, auf den Auswanderer-Bahnhof bei Ruhleben hinzuweisen und dessen Verlegung zu fordern. Kein Mensch aber denkt daran, die Schuld auch dem Staat, der Kam- mune und den Privatkapitalisten zuzuschieben, die ja mit Vorliebe polnische und ruthenische Arbeiter nach hierher ziehen, um diese, weil sie ein billiges, auSbeutungSfähiges Arbeitermatcrial bilden, bei den. Bahn-, Hafen- und anderen Erdarbeiten, zu verwenden. In enge Löcher werden diese armen Menschen dann eingepfercht und leben unter den elendesten Verhältnissen. Hinterher wundert man sich dann, wenn solche Seuchen entstehen. Auch die Zu» schüttung der Festungswälle kann hierbei in Betracht gezogen werden, namentlich wenn man berücksichtigt, daß man nicht etwa von einer Seite die Zuschüttung begann und das Wasser nach der Havel abdrängte, sondern dieselbe von beiden Seiten in Angriff nahm, das Wasser vom Flußlauf absperrte und versickern ließ. Das Wasser ßat monatelang in einzelnen Tümpeln gestanden und stank schon förmlich, ehe man die Tümpel zuschüttete. Heute noch ist die Erde an verschiedenen Stellen feucht und sumpfig. Hierauf sollte die Untcrsuchungsbehörde auch ihr Augenmerk richten. Potsdam. Schwere Sorgen macht den hiesigen„Patrioten" schon jetzt der bevorstehende Scdanrummcl. Sie haben sich dazu 3590 M. aus den Steucrgroschcn des Stadtsäckels bewilligen lassen, davon sind 3000 M. für eine besondere„Veranstaltung" im Lustgarten mit anschließendem Fackelzug und 500 M. sind zur Verteilung an die Veteranen bestimmt. Da nun hiervon jeder 10 Mark erhält, so hat in der letzten Stadtverordnetensitznng der Stadtv. Bcccu beantragt, diese Summe zu erhöhen. Da bereits der Regierungs- Präsident in letzter Zeit zweimal Dringlichkeitsanträge Nachtrag- lich beanstandet hat, ließ man den Antrag fallen. Stadtv. Beccu ist Vorstandsmitglied des größten patriotischen Ver- eins am Ort. In diesem scheint er nicht so rührig für die Veteranen zu wirken; es müßte ihm doch ein leichtes sein, seine Freunde von solchen Bestrebungen zu überzeugen. Oder hört bei diesen der Patriotismus aus, wenn sie selbst zahlen sollen? Auf Kosten der Steuerzahler, die doch zum großen Teil nicht für den ganzen Rummel zu haben sind, sich patriotisch gebärden, ist wieder mal echt konservative Art. Die neuen Steuern sind dabei noch nicht einmal alle bezahlt. Was schadet es. Wenn's nicht reicht, werden wieder neue bewilligt. Die neue Linie der Potsdamer elektrischen Straßenbahn. die eine Fortsetzung der �.-Linie über Charlottcnhof hinaus dar- stellt und durch die Kastanienallee und Viktoria- und Auguste- Viktoria-Straße hindurchgeht, wurde gestern nachmittag dem Be- trieb übergeben. Die Eröffnung der neuen verlängerten �-Linie erfolgte beinahe um drei Jahre später als die Einführung der elektrischen Straßenbahn in Potsdam. Die neue Strecke ist eigentlich nur ein Notbehelf, der zur Bebauung der Länderccen an der schön gepflasterten Kastanicnallee beitragen soll und die Unternehmungslust der Bauherren anspornen soll. Die Linie fährt nämlich in der Kastanienallee an unbebautem Terrain vorbei und berührt erst wieder in der Viktoriastraße besiedelte Gebiete. Allerdings nimmt sie dann gleich den ziemlich regen Verkehr aus den Beamtcnkolonicn auf. Die Linie stellt den Ersatz für. die projektierte und beschlossene Straßenbahnverbindung Potsdam— Charlottenhof— Wildpark dar, die infolge des beharrlichen Wider- standes des Oberhofmarschallamtes ein vorzeitiges aktenmäßiges Ende gefunden hatte, da in der Nähe der Wildparkstation die Welt mit bureaukratischen Brettern vernagelt war. Jugendveranstaltungen. A» die Slrbeiter-Jngeud k Sonntag, den 4. September veranstaltet der JUgendauSschuß sür tSrosi-Berli» Ausflüge sür die einzelnen tSruppen. Wir bitten die Teil- nehnier, sich morgens 7 Ubr an nachfolgenden Treffpuni>n clnzusinden- Kruppe Norden: Nettrlbeckvlatz(an der GerM tstrasje), Schwedcnstravr, Ecke Exerzierstratze, Schönhauser Allee(Babnhos), Jugendheim, Brunnen. straße 115.— Gruppe Nordost-Ost- Landsberger Tor(JVvIegcrdenkmnli, Baltenplatz(Normaluhr), Schlesischcr Bahnhof(Koppenstraße).— Gruppe Südost:«chlesischrs Tor(Normaluhr). Kotlbnser Tor(Normaluhr). Görlitzer Bahnhof(Unsallstation).— Gruppe Süd-Südwest: Hohen. stauscnplatz, Moritzplatz,«lücherplatz.— Gruppe Moabit: Treflpuiitt Turmstraße, Ecke Stromstraße. Die Touren sür die einzelnen Ausflüge werden am Sonnabend noch näher bekannt gemacht. Alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen find zu dlefc» Ausflügen sreunolichst eingeladen. Der Jugendausschuß sür Groß-Berlin. Schöneberg. Freitag, den L. Scvtember, abends S Uhr, bei Porsch. mann, Vorbergstr. 9, Versammlung. Vortrag dcS Genosse» Kurt Hemig: -........— Macht.' deren Angehörige iverden um rege Anteil- Unsere Mitglieder- abendS 8>/, Uhr, Kollege Lupnitz wird über:»Freie Jugendorganisation oder christliche Jüngliiigsvereinc' sprechen. Erscheint in Massen. Auch das S, scheinen der erwachsenen Arbeiterschaft wird erwartet. »Der Staat als wirtschaftliche Macht.' Die Jugendlichen sowie nähme ersucht. Zentralverband der freien Händler, Hausierer und verwandte« Berufsgenossen Deutschlands. Sitz Essen« Ruhr, Verwaltungsstelle Berlin. Bezirk VI. Moabit. Heute abend Sh, Uhr, Versamlnlung hei Schröder, Stromstr. 36. Gäste willkommen. Lese- und DiStutierklub„Wilhelm Siebknecht'. Heute, Donners» tag. abend« 9 Uhr: Sitzung bei Karl Eichhorn, Danziger Str. 93, Vortrag. Gäste willkommen. WitternngSnderNih» vom 31. August 1910, morgens 8 Uhr. SwUieurbe. Hamburg Berlin Frnntt.a M München Wien h »=i 764® 765 S>vW 765 SW 766 SW 768 W 763 WNW Vetter 1 Dunst, 2 wollen! 1 bedeckt 3 Nebel «Regen 3 Regen »K K« »II i* wS> «tattonen Haparanda 770 SO Petersburg 770ONO i-c S= Sctllh Werde» Part» 771 WNW 761 W 770 SW Vetter 2 heiter 1 Regen «bedeckt Lhalbbd. 1 bedeckt C* 1- 11 12 14 13 18 Wetterprognose für DonnerStag, de« 1. September 1910. Zeitweise ausklareud, am Tage ziemlich mild, aber veränderlich mit etwas Regen und mäßigen südwestlichen Winden. Berliner W e t t er b u r e a ll. WnsierstandS-Nachrfchte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Weltcrbureau. Wasserstand Memel. TUM P r e g c l, Jnsterbnrg Weichsel, Thon, Oder, Rattbor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elb«, Leitmeritz , Dresden » Bardo . Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.•) Unierdegel. Besgu&me Hauskur okna DES! ,. ,<■» v-.■■'■■■»_ Apotheker ICumbier's feil SS Jahren von bewährter H-ilkraft bei Blutarmut, Bleichsucht, Nervenleiden, Magen-, Darm-, Leber-, Gallenstein-, Nieren- u. Vlasenleiden, Rheuma« tismus, Gicht, Ischias, Lungenkatarrh» Atembeschwerden,.Herzleiden, Leiden der Wechseljahre, Epilepsie, Schlagaver-Berkalkuna, Zuckerkrankheit. Anal]--«: Natriumchlorid 1.202, Natriumiulfat 2.920, Kalium lullat 0.172, Magnoalumaultat 1.190, Mangautullat 0.14, Elieoharbonat 2.187 In 10 000 Teilen. Preis» fflt Berlin-»O Fl. M. 20 Prüll. 00 Fl. S». 17 vräii. 120 FI. 9H.»O bräit. Fortsetzung: SO Fl. 2». 8: 00 FI.»I. 15. Siefetunä bei»Infifien für da» Stndtlmiere einzeln, küi da««tadtünhere uähevea Vororte 50 FI, zusammen(glaschin-Piairdl. � Nach«»SwäriS: tiilte 30 Iii. frei zui Balm M. Ii», 2 ttfstrn Ol.£7, Forifetznng! 1 Stifte IN. 13, gilt srantter» zutttdatianMe Litzen weidin 5 wt, 9fSerliner> Stahlbrunncn"(Apotheker Kumwer-s Erben) g. m. b. h.. Berlin MW, Marienstrasse 30. Slakrtk gegründet 1885» Fernsprech-Anschlüsse: Amt lll, Nr. 6631 und Nr.«832. und G« verzütet. Neueste Erfolge. ldr StahlbrunaoB hat rieh bei meinen rnervOBen Magenleiden and tiurinäckltior hliilitveralopt'iBti aufs beste bewahrt. Heine«ich\vl»!!t. M>r;j»ml»lti«i> u. HÄitiorrboldalbewchtwerden, was»ich In dieser Zelt deren ihren Brunnen ellcs rehessert hat, nn Üdrvergeinicht Hebt ich in tiefer Zeil 30 Pjund zngenenimen Aueh in den Wochwel|«hrcii bat der Brunnen mir rroiae Dienste geleistet. Frau Weinberg. «tri»» 8., 27. Juli»910, Präfestrade 3. va meine Free nach dem tpeiinnch« Ihres.Berliner StahIÜrunnent' sieh Tön Ihrem so»ohmeiabafte» Leiden(Koptwehnserzen, Nerven, nntl iWngcpechmer-zew) Jatat wieder solLsi&ndlg echmeizloe und wohl fühlt,(e laim ich ei Nicht utiteilatfnv Ihnen auindjUgfl zu danken und dies hell- Mensche» teilen* zu«mpiehien. lrastige Mittel auch anderen leidenden Berlin 80.. L0. Ju» 1910. Retchenderger Sie IM. B, Kllmpel. .... Ich litt vor etwa 10 Jahren an heltlgetw Khenm.-ilwmnw, Heraleldea end Blctarpint, hatte älter tieltlge Mehmeraew In der Brost uud aitlclie in der Unken Helte. Anseordein litt ich Jahre- law» an hellltieu Koplweheneraen. haeh" Oebraoeh ton 60 Flatchan ron Ihrem btablbrunnen bin leb nun gänzlich TO* meinen Schmerzen befreit. Berlin 0. 17, 0. illal 1010. (Jtudjtflt. 51. Iii. Otto Bergmr. 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Male: Tantris der Narr. berliner Tkester. Heule V/, Uhr: Gastspiel Hansi Niese: Zum ersten Male: 1»»» llriiMikuntenniadel, Neues Theater. AbendS 8 Uhr zum eisten Male: Ms gtimfft Etlims. Morgen und folgende Tage 8 Uhr: Das gewisse Ctwas. Ikeater äes>Vestens. Anfang 8 Uhr. Die$:enchtedeiie Frnn. Sonnt, 3'/, Uhr: Ein Walzertraum. Ncaeit Operetten-Theater. Heule und folgende Tage 8 Uhr: Der vlraf von Luxemburg. Operette in 3 Ait, von A, M, Willner u. R, Bodanskh, Musik v, Franz Lehstr. t-us-tspeslkaus AbendS 8 Uhr: Das Leutnantsmündel Friedrlcti-Wilhelmstadtisclies Schauspielhaus. Donnerstag, 1. Eevt,. abends 8 U.: EiösfnungS-Vorstellnng. FailSt. Tragödie v, Goethe. Freitag: Faust. Sonnab, z, t, Male: Biederleute. k�esiäen?»�iiester. Direktion: Richard Mexander. Ansang 8 Uhr. Groteske in 3 Alien von Davis und Lipjchntz. Morgen u, folg. Tage: Gretche». Mittwoch, den 7. Sept., z, erstenmal: Noblesse oblige. Metropol-Theater Hallo!!! Die grolSe Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. 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