Kr. 207. UtionnementS'lkdtogungen: WomiementS- PrciZ pränumerando; Lierlcljährl. 3£0 mt, monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 2tS Pfg, frei WS Hau». Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nunimer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Di- Neue Welt" 10 Psa. Post- Nbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- PrelSIilte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, S?. Jahrg. CrMjelnt täglldj auGcr montags. Vevltnev Volksblntt. Die Tnlerflons'Gebflljr debSgt für die sechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewerlschastliche Vereins- And Bcrsanunlungs-Anzcigcn SO Pfg. „Kltwe Hmcsgen", das erste(feit- gedruiltc) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf- slcllen-Anz eigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhrnachmittagsinder Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Soaialiieiiioükal Berlinw, Zentralorgan der fozialdemokrati leben partes Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Lindcnstraaac 69. Fernsprecher: Amt LF, Nr. 1983. Sonntag, den 4 September 1010. Expeditisn: SM. 68, t-lndenstrasve 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984» Die Dreadnougti)» altes Ciieo? Man schreibt uns von unterrichteter Seite: Die Fortschritte, die in neuester Zeit in dem Kriejssschiffbau ge- macht worden sind, lassen deutlich erkennen, das; sowohl in technischer als auch in finanzieller Hinsicht die Grenzen des Möglichen und Er- trägltchcn erreicht sind. England macht die verzweifeltste» An- strengnngen, die führende Seemacht zu bleiben und baut in letzter Zeil Kreuzer, die sogar unsere Schnelldampfer an Länge, Schnellig- keil und Deplacement übertreffen. Gleichzeitig hat man aber auch jenseits deS Kanals eingesehen. dah eine weitere Vergrösteruug der Schiffskörper sich verbietet, denn ein solcher Kreuzer repräsentiert einen Werl, dessen Höhe eine rück- fichtslose Einsetzuitg deS Fahrzeugs in der Schlacht verbietet. Zu derselben Erkenntnis ist aber gelangt. Sie ist deshalb bestrebt, Sci)Iußiitziiu§ der Internationale. Kopenhagen, 3. September. Die Zeit drängt. Will der Kongreß heute am letzten Sitzungstage die vorgelegten Resolutionen erledigen, muß er notgedrungen seine Arbeiten beschlennigen. Zuerst gelangte die von der zweiten Kommission vorgc- legte Resolution über dieinternationaleSolidari- tat zur Beratung. Zum Referenten ist der Genosse H u g- l e r- Schweiz berufen, der die Gelegenheit benutzt, den eng- lischen Trabes Unions eine kleine Vorlesung über inter- nationale Solidarität zu halten. Er weist auf den schwe- dischen Generalstreik hin. Deutschland, Dänemark, Norwegen, Oesterreich und Finnland hätten nach besten Kräften gegeben, auch die deutsche Marineveiwaltung' Frankreich. Belgien und Großbritannien hätten versagt Für strebt, eine Schisssform.„ I ftrwdmch und SScIgicn gäbe es immerhin einige Entschuldt- finden, die den Vorzug scharfer Kampfkraft mit geringeren Baukosten verbindet und trotzdem geeignet ist, die Rieseiischiffe wirksam zu bekämpfen. Wie immer, wenn schon längere Zeit in Marine- oder Militär» kreisen eine einschneidende Neuerung geplant wurde, ist auch dies- mal. als Kleinigkeiten an die Leffentlichkeit durchsickerten, das Gegenteil versichert worden. Es ist eine Tatsache, daß sowohl in Eng- laud wie auch in Deutschland seit einiger Zeit mit fieberhaftem Eifer an der Konstruktion eines kleinen Panzerschiffes gearbeitet wird, das als Zerstörer den großen Kreuzern gegenübertreten soll. Der Plan dieser Zerstörer zeigt folgende Abmessungen: Bei einer Länge von 96 Metern und 14 Meter Breite hat das Schiff einen Tiefgang von ö,S Meter und ragt nur!>/, Meter über den Wasserspiegel entpor. Die Panzerung ist auch aus dem Deck der- art. datz ein Durchschlagen der Steelgeschosse ausgeschlossen erscheint, Das Schiff hat nur einen Geschützturm, der in der Mitte plaziert ist und zwei Riesengeschütze von großer Feuergeschwindigkeit birgt. Diese Geschütze haben ein Kaliber von 43 Zentimetern und ver- mögen ein Geschoß von 2700 Kilogramm zu schleudern, und zwar mit einer derart schnellen Folge der einzelnen Schüsse, daß sie alles bis heute Geleistete in Schatten stellen. Die Geschütze haben Waffer- kühlung und ein auswechselbares Seelenrobr. Der Geschützturm ist vollstäudig drehbar, wird durch Druckwasser bewegt und ist durch walzenartige Unterlagen leicht und schnell beweglich. Der Geschüyturm dreht sich gleichsam um eine vertikale Mittel- achse, welche zu einem schwer gepanzerten Mäste von geringer Höhe ausgebildet ist; von hier aus erfolgt auch die Lenkung des Schiffes Diese Bauart ermöglicht sich nur durch da? Fehlen der Dampfmaschinen und Kesselanlagen. Als treibende Krast dienen vier ExplosionSmotore von je acht Zylindern und(5000 Pferdestärken. Jede Maschine hat gesonderte Oclbehälter und ist eine Energiceinheit für sich, ohne von einer anderen Anlage irgendwie abhängig zu sein, jede wirkt auch auf eine besondere Schraube. Trotz sozusagen gewaltsamer Ableugniingen hinsichtlich der Verwendung von Explosionsmotoren ist sie dennoch Tatsache, die Dementis bezwecken lediglich die gegenseitige Beruhigung. Die Geschwindigkeit kann rechnerisch bis zu 27 Seemeilen gesteigert werden. Als normale, also dauernde Schnelligkeit sind 19 Seemeilen vorgesehen. Die ganze Bauart dieser gleichsam wieder auf- gelebten Monitore ist so, daß sie zu rücksichtslosem Airgrisf auf große Schiffe geeignet sind und auch einen derben Ranr m stoß nicht zu scheuen brauchen. lieber die innere Einrichtung ist noch zu sagen, daß die Maschinen- räume einem fortwährenden Luftzuge, der durch elektrisch betriebene Ventilatoren erzeugt wird, ausgesetzt sind, alle freigewordenen Gase werden hierdurch sofort abgesaugt. Bei langer Fahrt in bewegter See kann vor den Turm ein starler Wellenbrecher gesetzt werden, der sich bei der niedrigen Bauart des Schiffes als sehr nützlich erweisen wird. Dieser Schiffstyp, an welchem fieberhaft gearbeitet wird, dürfte eine gewaltige Umwälzung hervorrufen, weil kaum eines der jetzigen Panzerschiffe dem flinken und energischen Angreifer widerstehen könnte. Die Hoffmingen, welche auf Aeroplane und Luftschiffe gesetzt wurden, die mit ihren Wurfgeschossen Verheerungen unter den Schiffen anrichten sollten, werden sich aus einfachen technischen Gründen nie �erwitllichcn, gegen den neuen, völlig ge« panzerten Schiffstyp würde aber eine Schleuderbombe ohne alle Wirkung sein, wenn sie den Schiffskörper tatsächlich träfe, was aber auch noch vom Zufall abhängt. «» • Soweit unser Mitarbeiter. Sollte eS wirklich, was gar nicht unwahrscheinlich ist, gelingen, diese?-.tcuen Monitortyp zu schaffen, so wären unsere sämtlichen Linienschiffe und Panzerkreuzer, auch die enorm ko st spieligen, riesenhaften Dreadnoughts und JnvinciblcS altes E i s e n I Die Milliarden, die sie innerhalb weniger Jahre gelostet haben, wären im wortwörtlichsten Sinne i»S Wasser geworfen I Riese nsumnten mensch- licher Arbeitsleistung wären total nutzlos ver» g e u d e t worden l Das Wettrüsten aber ginge munter weiter I Gälte es jetzt doch, in dem neuen Schiffsiy eine möglichste Ueberlegenheit zu gewinnen I Jede neue Erfindung auf dem Gebiete deS Kriegsschiffs- baucS vernichtet deshalb nicht nur Milliardenwertc, sondern sie regt gleichzeitig zu neuer Milliardenvergrudung aul gungsgründe, nicht aber für die Trades Unions, deren Kassen teilweise reich gefüllt gewesen seien. Als Grund führten die Leiter der englischen Gewerkschaftsorganisationen an, daß deren Satzungen eine schnelle Hilfe nicht gestatteten. Wäre dem so, dann müßten die Satzungen unbedingt abgeändert werden. Er mache der englischen Delegation keinen'Vorwurf, sie wäre nicht identisch mit der Leitung der Trades Unions. Aber sie müßten mit aller Energie ihren Einfluß auf die englischen Gewerkschaften geltend machen. Den englischen Arbeitern müßte die Notwendigkeit internationaler Solidari- tät deutlich auseinandergesetzt werden. Denn der Moment werde kommen, wo im Kampf gegen den Kapitalismus noch etwas mehr gefordert werden würde, als bloße Geldunter- stützungen. Andersen(Englische I.-L.-P.) gibt zu, daß die eng- lischen Gewerkschaften beim schwedischen Generalstreik es an Solidarität hätten fehlen lassen. Er sucht das aus der histo- rischen EntWickelung der Trade Unions. ihren Statuten und dem Mangel einer aufklärenden sozialistischen Presse in Eng- land zu erklären. Erst neuerdings gewinne der Sozialismus in England größeren Einfluß auf die gewerkschaftliche Be- wegung. Auch er sei der Ansicht, daß die Satzungen, die einer sofortigen Unterstützung entgegenständen, geändert werden müssen. Cohen(Deutschland, Metallarbeiter) erklärte sich mit Hugler einverstanden, aber er wünschte zu wissen, ob Andersen, als er die Notwendigkeit einer Aenderung der Satzungen der englischen Trade Unions anerkannte, nur für sich oder im Namen der englischen Gelverkschaften gesprochen hat. Hätten die englischen Gewerkschaftsführer ernstlich gewollt, würden sie auch die nötige Zeit zu der in den Satzungen vorgesehenen Urabstimmung gehabt haben. Allerdings hätten die Trade Unions damals 5 bis 6 Proz. Arbeitslose gehabt. Aber die Deutschen hätten vielfach bis 12 Proz. Arbeitslose gezählt und doch mit Unterstützung der schwedischen streikenden Genossen nicht gekargt. Die Abstimmung über die Resolution ergibt ihre ein- st i m m i g e Annahme. Darauf hielt Molkenbuhr eine schlichte und doch in ihrer Einfachheit eindringliche, mehrfach stürmischen Beifall auslösende Begründungsrede zur Resolution über die Ar- beiterschutzgesetzgebung. Oft haben wir im Reichstag und in Volksversammlungen Molkenbuhr sprechen hören. Selten hat er uns als Redner so gut gefallen wie heute im Kongreß. Im Laufe seiner Rede wurde er wärmer und wärmer. Die sonstige Bedächtigkeit schlug in eine tempera- mentvolle Leidenschaftlichkeit um. Er schilderte in knappen Worten den Stand der Arbeiterschutzgesetzgebung und die Notwendigkeit, mit dem Fortschreiten des Kapitalismus zu- gleich die Arbeiterschutzgesetzgebung auszubauen, gab dann einen interessanten Ucberblick über die Entwickelung der eng- lischen Arbeiterschutzgesetzgebung und die deutschen Ver- sicherungsgesetze und begründete im einzelnen mehrere der in der vorliegenden Resolution aufgestellten Forderungen.� Mit großem Beifall wurde ohne weitere Debatte die Re- solution durch den Kongreß angenommen. Keir Ha r die beantragte dann unter Bezugnahme auf den Fall des Letten Jules Wezozol und des indischen Revolu- tionärs Savarka gegen die Verletzungen des A s Y l r e ch t s zu protestieren. Der Antrag wird ein st i m- m i g angenommen, ebenso ein von dem Führer der spanischen Partei, dem Genossen I g l e s i a s beantragter P r 0 t e st gegen die Marokkoabenteuer. In der Nachmittagssitzung gelangte die von der ersten Kommission ausgearbeitete Resolution über das G e n 0 s s c n- schaftswcsen zur Verhandlung. Das Referat hat Ge- noffe Karpeles-Wien übernontmcn, der eingehend darlegt, daß das Genossenschaftswesen als ein bedeutender Faktor im Klassenkampf betrachtet werden müsse. Es sei eine Schule der Administration und der praktischen Ockonomie. Es gilt nicht nur für das Endziel zu wirken, sondern auch Gegen- wartsarbeit zu leisten. Gerade die Genossenschaften müßten mit sozialistischem Geiste erfüllt werden. In der Diskussion ergriffen nacheinander verschiedene Genossen das Wort, die sich, wenn sie auch im einzelnen etwas auszusetzen baben, doch im ganzen mit der Resolution einverstanden erklärten. Besonders Genosse Irving(Sozial- demokratische Partei Englands) hatte manches an der Reso- Elution auszusetzen, Sie ist ihm nicht revolutionär genug. Er ersähe aus der Fassung der Resolution, daß die sozia- listische Bewegung seit 20 Jahren nicht vorgeschritten wäre. Er müsse gegen eine solche Art der Resolutionsmacherci pro- testieren als einer bloßen Zeitverschwendung. Dagegen ver- teidigte Genosse von Elm- Hamburg in eindringlicher Weise die Bestimmungen der Resolution. E i n st i m m i g wurde die Resolution akzeptiert und dann nach einer herz- lichen, humorvollen Rede Victor Adlers Wien als Tagungsort für den nächsten Internationalen Kongreß be- stimmt. Molkenbuhr sprach zum Schluß in lminigcn, oft von Beifall unterbrochenen Worten den dänischen Genossen den aufrichtigen Tank der deutschen Delegation für die herz- liche Aufnahme aus. Ihm folgten gleichfalls mit DankeS- Worten an die dänischen Genossen und den internationalen Sekretär Huysmans als Redner ihrer Delegationen Hill- q ui t- Amerika und Jan rds, dessen mächtige Rede in einer Verherrlichung der Arbeiterintcrimtionale und der internationalen Einigkeit ausklingt. B r a n t i n g, Klausen und Vandervelde richten an die Versanim- lung kraftvolle begeisterte Worte, und mit einein Hoch auf den internationalen Sozialismus schließen die Abschieds- reden. Begeistert erheben sich die Delegierten und Tribünen- befucher, und mächtig erschallten ans tausend Kehlen die Internationale, der Sozialistenmarsch, dänische, schwedische und englische FrciheitSlicder. Noch einmal� braust gewaltig die Internationale durch den Saal. Dann ein kräftiges drei- maliges Hurra der Skandinavier, und der Kongreß ist ge. schlössen. Die Massen verlassen langsam den rotgcschmückten Raum._ eine Blamage der Folizelbureaukratie. In Frankfurt am Main sollte im Anschluß an den Internationalen Kongreß eine große sozialistische Manifestation stattfinden, bei der Jaurss, Vandervelde und andere ausländische Genossen sprechen sollten. Der NegiernngS- Präsident von Wiesbaden gibt nun bekannt, daß er die gesetzlich vorgeschriebene Erlaubnis zum Gebrauch der n i ch t.d e u t s ch e n Sprache bei dieser Veranstaltung nicht erteilen könne I Dies Verbot des Gebrauchs einer fremden Sprache trägt den objektiven Charakter einer kleinlichen Schikane. Bei an- deren Gelegenheiten, etwa bei polnischen oder italienischen Versammlungen im Reichsgebiet, läge doch wenigstens die Möglichkeit vor, daß die Redner in fremder Sprache ihren fremd- sprachigen Vcrsammlungsbesiichern gegenüber Ausführungen machen könnten, die von dem der fremden Sprache unkundigen oder doch nur mangelhaft kundigen überwachenden Polizei- organen nicht kontrolliert werden könnten. Natürlich ist auch eine solche Ausnahmebestimmung ganz ungerechtfertigt. Haben doch die polnischen Bcvölkerungselemente das unbedingte Recht auf den Gebrauch ihrer Muttersprache. Und wenn Italiener oder sonstige fremdsprachige Elemente vom Unternehmer- tum als Ausbeutungsmaterial herangeholt worden sind, wäre es eine selbstverständliche Anstandspflicht deS Deutschen Reiches und nur eine Konsequenz des Koalitions- rechtes, daß in Versammlungen solcher Ausländer von Rednern auch in d e r Sprache gesprochen werden darf, die den Ver- samntlungsbesuchern v c r st ä n d l i ch ist! In Frankfurt aber handelte es sich nicht einmal um etwas Derartiges. Dort sind die Vcrsammlungsbcsuchcr in ihrer übergroßen Mehrheit nur der deutschen Sprache mächtig. Sie sind gar nicht in der Lage, den in französischer Sprache gehaltenen Reden folgen zu können, sie lvürdcn deren Inhalt erst aus der Verdolmetschung erfahren. Es ist also von vornherein ganz ausgeschlossen, daß durch den Gebranch der französischen Sprache irgend- welches Unheil— selbst im Sinne polizeilicher Zwangs- Vorstellungen— angerichtet werden könnte. Der Gebrauch der französischen Sprache bei Jaurös und Vandervelde ergäbe sich lediglich aus der Nationalität dieser Genossen, denen zwar die deutsche Sprache keine fremde ist, denen aber natürlich der Gebrauch ihrer Muttersprache ihre rednerische Aufgabe außerordentlich erleichtern würde. Die Polizei aber will, daß der französische und belgische Redner nur in deutscher Sprache sprechen sollen l Wir haben es nie fertig gebracht, das in Zeiten des Hottentottenblocks geschaffene Vereinsrecht gleich unseren be- schcidcnen Liberalen als großen Fortschritt zu bezeichnen. Aber das müssen wir doch feststellen, daß selbst dies Vereinsrccht der Polizei keinerlei Hand- habe bietet I Denn die berüchtigten nnd verwerf- lichen Ausnahmebesttmniungen sollten doch nur dann in Anwendung gelangen, wenn eS sich um ein fremd- sprachiges Publikum handelte, nicht aber auch dann, wenn der Referent genötigt war. sich einer fremden Sprache zu bedienen, die erst durch die Uebertragung der Versammlung zugänglich gemacht wird. Der Regiernngspräsi- dcnt in Wiesbaden jedoch will die ausländischen Redner nur dann sprechen lassen, wenn sie sich der deutschen Sprache bedienen. Bei anderen Gelegenheiten, z. B. bei dem kürzlich abgehaltenen Kongreß für freies Christentum, war von solcher Beschränkung der Redefreiheit der ausländischen Ver- saninilungsteilnehmer keine Rede. Nur wenn p r 0 l e t a- rtsche Schichten deS Volkes eine internationale Kundgebung veranstalten wollen, macht sich die Polizei unangenehm be- mcrJBnr, wahrscheinlich, um der Sozialdemokratie niemals den Agitationsstoff ausgehen zu lassen! Wahrscheinlich werden die ausländischen Genossen, falls nicht der Regierungspräsident doch noch zu einem Einsehen gebracht wird, sich nunmehr der deutschen Sprache bedienen. Auf keinen Fall aber wird die geplante Kundgebung unserer Frankfurter Genossen minder imposant ausfallen, als sie gedacht war. Das hätten unsere preußischen Behörden doch schon von der Berliner Demonstration lernen sollen, die seinerzeit durch das Verbot der Rede des Genossen Jaurös nicht im nundesten beeinträchtigt, sondern im Gegenteil zu einem Triumph der Sozialdemokratie wurde! politiltöe OcbcrHcbt. Berlin, den 3, September 1910, Kaut und Schiller über die Königsberger Reden. Zu den erlauchtesten Geistern Deutschlands, deren Geistes- taten der deutschen Nation noch Achtung verschaffen werden. wenn die marmornen Hohenzollcrndenkmäler längst der Zeit und dem guten Geschmack zum Opfer gefallen sein werden, gehören in erster Reihe auch Kant und Schiller. Es liegt nahe, Kant, den Königsberger Philosophen, und seinen großen Schüler Friedrich Schiller über die Grundsätze zu hören, die in Königsberg unlängst verkündet worden sind, Kants Urteil über den Absolutismus war dies: „Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohl-- Iv o l l e n s gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d. h. also eine väterliche Regie- r u n g, wo also die Untertanen ab? unniündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaft nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, um, wie sie glücklich sein sollen, blotz von dem Urteil des Staatsober-- Hauptes, und daß dieser eS auch wolle, bloß von seiner Gütig- keit zu erwarten, ist der größte denkbare Despotismus, ist eine Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen aushebt." Ueber das Idol einer völkischen Politik aber äußerte sich Friedrich Schiller: „Wir Neueren haben ein Interesse in unserer Gewalt, das kein Grieche und kein Römer gekannt hat und dem das Vater- ländische Interesse bei weitem nicht beikommt. Das letzte ist überhaupt nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt. Ein ganz anderes Interesse ist es, jede merkwürdige Begebenheit, die mit Menschen vorging, dem Menschen wichtig darzustellen. Es ist ein armseliges, kleinliches Ideal, für eine einzige Nation zu schreiben; einem philo- sophischen Geiste ist diese Grenze durchaus un- erträglich. Dieser kann bei einer so wandelbaren, zufälligen und willkürlichen Form der Menschheit, bei einem Fragmente— und was ist die wichtigste Nation anderes?— nicht stillestchen. E r kann sich nicht w eiter dafür erwärmen, als so- weit ihm diese Nation oderNationalbegebenheit als Bedingung für den Fortschritt der Gattung wichtig i st. Ist eine Geschichte, von welcher Nation und Zeit sie auch sei, dieser Anwendung fähig, kann sie an die Gattung an- geschlossen werden, so hat fie alle Erfordcrniffe, unter der Hand des Philosophen interessant zu werden." Man wird es begreiflich finden, daß die Sozialdemokratie die geistige Gemeinschaft mit Deutschlands ersten Philosophen und Dichtern selbst der Uebereinstimmung mit Wilhelm II. und dem kronprinzlichen Ractor magnificentissirnus vorzieht! Die Politik des Hansabundes. Die Leitung des Hansabundes be st reitet die Mitteilung der„R h e i n i s ch- W e st f ä l i s ch e n Z e i- tun g", wonach plötzlich eine Umkehr der Hansabund- Politik erfolgt sei. So lange die durch den Bund der Land- Wirte verkörperte einseitige Interessen- und Boykottierungs- Politik nicht aufgegeben sei, die bewußt die Lasten und Rechte im Staat ungleich verteile und dem in Industrie, Gewerbe und Handel tätigen Bürgertum die seiner Bedeutung ent- sprechende Stellung in der Gesetzgebung. Verwaltung und Leitung des Staates versage, werde der Hansabund diese Politik bekämpfen, wo immer sie vertreten werde. Es wird ausdrücklich konstatiert, daß in der Stellung des Hansa- bundes zur Sozialdemokratie zwischen dem Präsidenten und der Geschäftsführung vollständige Uebereinstimmung vor- handen sei._ Fleischpreiserhöhungen. In nicht weniger als 23 Städten sind, wie die„Deutsche Fleischer-Zeitung" meldet, in der letzten Woche Fleisch- erhöhungcn erfolgt, nänilich in Altona, Bamberg, Diez, Ems, Gardelegen, Gimbsheim, Guntersblum. Hof, Jena, Lampert- heim, Mainz, Nienburg, Osnabrück, Pforzheim, Rothenburg an der Tauber, Saarbrücken. Schramberg, Schwarzenbach a. S., Schwetzingen, Tübingen, Wiesbaden, Würzburg und Zwei- brücken. Gegen Fleischwucher und Absolutismus. Ueber 7000 Stettiner Arbeiter und Arbeiterfrauen Nemon- strierten am Freitag abend in sechs überfüllten Äcklksversamm- lungen gegen den schamlosen F l e i s ch w u ch e r d-er Junker und die absolutistischen Wünsche des persönlichen Regiments. Die scharfe Kritik unserer Redner fand demonstrativen Beifall. Eine Resolution, ähnlich der in den Berliner Versamm- lungen angenommenen, wurde in allen Versammlungen einstimmig angenommen. Die Leipziger Genossen protestierten Freitagabend in mehreren Versammlungen gegen das persönliche Regiment und forderten gegen eine Wiederholung absolutistischer Uebertritte die sofortige Einberufung des Reichstages. » In drei überfüllten Versammlungen protestier- tcn am Freitag abend die Arbeiter von Dresden. Neustadt und Löbtau gegen die Lebensmittelwuchecpolitik als die erste Ur- fache der Fleischnot. Die Referate der Genossen Flcihner, Riem und Sindermann wurden mit großem Beifall aufgenommen. In allen drei Versammlungen wurden gleichlautende Protestresolu- tionen angenommen. In den drei Versammlungen waren 6000 Menschen versammelt. Viele fanden wegen Ueberfüllung keinen Zutxitt._ Veteranenelend und Kaiserparade. Gelegentlich der Kaiserparade am 24. August in Königsberg, war von einem Komitee hochpatriotischer ostpreußischer Junker mit hohen Titeln und Ehren ein Veteranenappell arrangiert, der vom Kaiser abgehalten werden sollte. Durch Ausrufe und rührige Agitation der Krieger- und Militärvereine waren von den in Ostpreußen noch lebenden 10 000 Kriegsveteranen 7000 auf ihre altersschwachen Beine gebracht und zum großen Teil mit Sonderzügen nach Königsberg befördert worden. Daß der übergrößte Teil dieser 7000 Veteranen in den dürftigsten Verhaltnissen, ja vielfach sogar in Not und Elend dahinvegetiert, war dem feudalen Komitee wohl bekannt. Für diese armen Kriegshelden mußten daher die Mittel zur freien Bahnfahrt und für notdürftige Verpflegung beschafft werden. Bekanntlich reicht der Pairiotis- mus unserer hochgeborenen„VaterlandSfceunde" nicht bis an ihre Geldbörse, sie betätigen ihren monarchischen Sinn und ihre Vater- landsliebe auf Kosten anderer Leute. So auch bei dem Arrangement des Velcranenappells. 1000 M. bewilligten sie sich aus der P r o V i n z i a l l a s s e und schnorrten überall in Kreisen nach Geld, die sonst nicht als standesgemäß betrachtet werden. Aus GeschäftSrücksichten spendeten Brauereien das nötige Bier, Fleischer die Würstchen, Bäcker das Brot und Meiereien und K a u f l e u te Butter und sonstige Genuß- und Nahrungsmittel. Für die alten Kameraden, die wegen der weiten Entfernung ihre» Wohnortes genötigt waren, in Königsberg zu übernachten, war bei dem Besitzer eines Gartenetablissements für zirka 200 Mann ein Strohlager besorgt. In ihrer kindlickien Naivität hatten nun diese ostpreußischen Veteranen unter Ent- behrungen und Strapazen die Reise nach der entlegenen Residenzstadt in begeisterter Erwartung der ihnen verbeißencn Darbietungen und Genüsse gemacht. Aber nach der Kaiserparade und nacki dem Veteranenappell, da entfuhr manch altem Krieger ein derber Fluch und eine Verwünschung. Da standen sie nun in Reih und Glied inmitten militärischen Glanzes und höfischen Prunks und„Hurra" schreiender Bürger und bildeten Spalier. In Ermangelung eines auch nur halbwegs brauchbaren RockcS waren viele Veteranen trotz der drückenden Hitze des Hochsommers im abgeschabten Winterpaletot erschienen. Und recht eigenartig nahmen sich darauf die zur Schau befestigten Madnillen, Orden und Ehrenzeichen aus. Tausenden dieser Greise sah man eS an, daß nicht so sehr das Alter, als schwere Arbeit, Not und Entbehrung ihren Rücken gebeugt und tiefe Furchen in das Gesicht ge- graben hatten. Sogar auf Krücken humpelnde Greise sah man, die entweder auf dem Schlachtfelde des Krieges oder dem der Arbeit ihre gesunden Glieder eingebüßt hatten. Mitleid erregend, nicht aber an ruhmvolle Kriegstaten erinnernd, zogen dann die Veteranen nach erfolgter Spalierbildung zum weit entfernten Tiergarten zum Veteranenappell. Dann gab es Butterbrot und Bier, das sich aber die alten Krieger in sürchter- lichem Gedränge erst erkämpfen mußten. Schließlich überließ man sie ihrem Schicksal. Enttäuscht und abgespannt trollten die einen durch den lebensgefährlichen Großstadtverkehr zum Bahnhof; andere suchten Destillen auf, um sich durch einige Schnäpse für die aus» gestandenen Strapazen zu entschädigen. Ermüdet und ge- langweilt erwarteten dann ganze Scharen dieser alten Proletarier, auf Steintreppen und Bordsteinen in der Nähe des Bahnhofes hockend, den Abgang ihrer Eisenbahn- züge. In patriotischer Begeisterung mögen wohl wenige zu Hause angelangt sein. Indessen„sorgt" unsere herrliche christliche Weltordnung in be- kannter Weise weiter für die alten Kriegsveteranen. Aus dem Rittergute Labagienen bei Bartenstein wurde vier Landarbeitern zum 1. Oktober dieses Jahres gekündigt. Darunter befinden sich zwei Kriegsveteranen, von denen der eine IS Jahre, der andere seit Beendigung des deutsch- französischen Krieges ununterbrochen dort be- s ch ä s t i g t war. Die alten Leute mögen jetzt sehen, wo sie bleiben I Im Dorfe Schlapschill, Kreis Memel, wohnt ein 77 Jahre alter Krieasveteran. der die Feldzüge 1366 und 1870/71 mitgemacht und sich dabei ausgezeichnet hat. Er bekommt monatlich 10 Mark Invalidenrente, wovon er noch seine alte Ehefrau und eine erwerbsunfähige Tochter ernähren muß. Daneben erhält er als Armenunterstützung Land zu 4 Scheffel Kartoffeln und 4 Scheffel Gerste zur Aussaat. Trotz diesem mehr als dürftigen Einkommen wurde der alte Mann zur Einkommensteuer herangezogen. Als seine letzten Spargroschen aufgezehrt waren, konnte er die Steuer nicht mehr zahlen. Er reklamierte gegen seine Ein- schätzung. Die Einschätzungskommission zu Memel unter dem Vorsitz des Geheimen Regierungsrats und Landrats Cranz erließ dem alten Landarbeiter jedoch die Steuer nicht ganz, sondern setzte die- selbe nur herab. Und da eine Beschwerde nicht mehr zulässig war, erhielt er vom Gemeindevorsteher Anfang August d. I. die Aufforderung, die halbjährliche Steuerrate im Betrage von 2, SO M. binnen 3 Tagen zu zahlen, widrigenfalls zur Pfändung geschritten werde. So danken die Stützen von Thron und Altar den alten Veteranen für ihre Treue und Hingebung zum Herrscherhause l Die Wurst der reichen Leute. Das Landgericht in G log au hat ein Urteil gefällt, dessen Begründung geeignet ist, einiges Aufsehen zu erregen. Ein Fleischermeister war angeklagt, in die Wurst schlechtes Fleisch und ganz besonders viel Wasser hineingearbeitet zu haben. Wie die„Berliner Morgenpost" erfährt, heißt es in der Begründung des Urteils, das auf eine Gefängnisstrafe von vier Monaten lautete: „Bei der Abmessung der Strafe hat das Gericht in Betracht gezogen, daß derselbe(der Schlächtermeisters ein gutgehendes, in bester Lage Glogaus belegenes Fleisch- und Wurstgeschäst hat, daß er sich auch nicht nur des Zuspruches von Kunden aus niederen Kreisen, sondern aus den besten Kreisender Stadt erfreut, daß er aber daSfihm von seinen Kunden geschenkte Vertrauen in schnödester Weise gemißbraucht und lediglich aus niedrigster Gewinnsucht gehandelt hat. Nuo mit Rücksicht' auf seine bisherige Unbescholtenheit hat es daher das Gericht gegen ihn bei einer Gefängnisstrafe von vier Monaten bewenden lassen...." Der Verurteilte legte gegen das Urteil Revision ein, die er darauf stützte, daß vor dem Gesetz alle gleich sind und Standesunterschiede nicht stattfinden. Es sei deshalb ein un- zulässiger StrafverschärfungSgrund, wenn Gewicht darauf gelegt wird, daß die Mettwurst auch in die b e st e n Kreise der Stadt Glogau kommen kann. Die Revision wurde aller- dings verworfen, aber es entsteht doch die Frage, mit welcher Strafe der Fleischer davon gekommen wäre, wenn sich seine Kundschaft etwa nur aus Arbeitern zusammengesetzt hätte! Die Tatsache, daß der Umstand strafverschärfend wirkte, daß die Wurst auch von besseren Kreisen verzehrt worden ist, läßt die Justiz wieder einmal in ganz b e- sonderem Lichte erstrahlen I Der huldvolle Zar. Die«Kieler Neuesten Nachrichten" melden aus Berlin: Der Zar hat anläßlich seiner Durchreise durch preußisches Gebiet auf der Fahrt nach Friedberg dein Deutschen Kaiser von Halle a. S. aus ein BegrützungLtelegramm gesandt, in welchem er die guten Beziehungen zwischen der deutschen Regierung und dem russischen Staate als traditionell und unwandelbar bezeichnet und dem Wunsche nach einer Zusammenkunft mit dem Kaiser ausspricht._ Russische Greuel. Unter den Delegierten des Internationalen Sozialistischen Kon- gresses zu Kopenhagen hat sich die Kunde von einer neuen Grau- s a m k e i t der russischen„Rechtspflege" verbreitet, die großes Auf- sehen erregt. Der Geisteskranke Terpetrow.der von der B e r- l i n e r P o l i z e i in die Hände der russischen Schergen ausgeliefert wurde, stand Anfang Mai vor dem Kriegsgericht in Tiflis. Dieses beschloß auf Grund des vom Verteidiger eingereichten Gut- SZtens der deutschen Uerztöt TergetrM dem IipjlgerW zu überweisen, damit er zur Untersuchung seines Geisteszustandes In eine Krankenanstalt übergeführt werde. Der Untersuchungsrichter des Zibilgcrichts ließ diesen Beschlutz unausgeführt. Erlegte den Geisteskranken in Ketten und scheint ihn langsam zu Tode quälen zu wollen. Die Bitten und Proteste der Verwandten und des Verteidigers� Rechtsanwalts Oskar Cohn, bleiben ohne jede Wirkung. Preußen in Altenburg. Die altenburgische Regierung hat folgende Verfügung erlassen: „Die Aufgabe der Volksschule besteht nicht bloß darin, der heranwachsenden Jugend ein bestimmtes Maß von Kenntnissen zu verschaffen, sondern sie soll nicht minder ihre Anbefohlenen aus der Grundlage des Christentums heranbilden zu sittlich- religiösen und vaterlandsliebenden Persönlich- ketten. Die Schulvorstände sind berufen, hierbei mitzuwirken und die neuere Gesetzgebung lenkt die Wahl vorzugsweise auf solche Schulgemeindemitglieder, welche an der Entwickelung des Bolksschulwcsens als Väter ein eigenes Interesse haben oder des VolksschulwcsenS besonders kundig sind. In mehrfachen Erlaffen haben haben wir die Wahl von An- gehörigen der sozialdemokratischen Partei in die Schulvorstände für nicht u»gedingt unzulässig erklärt und nur auf die Möglichkeit einer Enthebung vom Amt im Falle der Pflichtverletzung hingewiesen. Wenn indes neuerdings auch Führer und berufs- mäßige Agitatoren der Sozialdemokratie in Schul- vorstände gewählt sind, so müssen sich dagegen ernste Be- denken erheben. Die sozialdemokratische Partei bezeichnet sich selbst als eine revolutionäre. Das hiesige sozialdemokratische Blatt fordert in Nr. 109 auf, daZ Kaisertum zu beseitigen und eine deutsche Republik zu errichten. In ihren Kundgebungen, ihrer Presse und ihren Versammlungen schmäht und verletzt die sozialdemokratische Partei alles patriotische Empfinden. Im Gegensatz zu ihrem eigenen Programm verbreitet sie Haß und Verachtung der ch r i st l i ch e n Religion. Personen, welche berufsmäßig solche Anschauungen vertreten, sind nicht geeignet, die eingangs bezeichneten Aufgaben der Volksschule auf dem Gebiete der Erziehung zu fördern. Aehnliche Bedenken machen sich geltend bezüglich der Wahl von Gottesleugnern. Wir erwarten, daß die zur Wahl der Schulvorstandsmitglieder berufenen Körperschaften im Bewußtsein ihrer Berantwortlicfileit für die Zusammensetzung der Schulvorstände die vorstehend oar- gelegten Gesichtspunkte bei Vornahme der Wahlen berücksichtigen." So wird die Gleichheit vor dem Gesetz zerstört und die Volksschule zur Gesinnungsdressuranstalt degradiert. Uebrigens erwirbt sich die altenburgische Regierung durch ihre Leistung noch nicht einmal die Zufriedenheit der preußischen Junker— die„Deutsche Tageszeitung" bemängelt an dem Erlaß, daß er nur die Wahl von sozialdemokratischen Agitatoren, nicht von Sozialdemokraten überhaupt für unzulässig erklärt. Von den badischen Freischärlern. Man schreibt uns aus Baden:■" Der soeben verstorbene Mannheimer Geh. Kommerzienrat Eckhard wird im Organ des nationalliberalen Führers Baffer- mann eines ehrenvollen Nachrufes gewürdigt. In diesem Lob- gesange des Mannheimer«Generalanzeigers" befindet sich folgende Stelle: �„Carl Eckhard verkörperte ein Stück badischer Geschichte. Sein Name ist mit den Tagen der erwachenden politischen Freiheit Badens aufs engste verknüpft. Lameh und Eckhard! Das waren mit die bedeutendsten Repräsentanten der stürm- beivegtcn Jahre, in denen Badens politische Freiheit begründet wurde. Schon in der creignisvollen Zeit von 1848/40 stand Carl Eckhard im politischen Leben. Wie oft erzählte er in Freundeskreisen mit dem ihm eigenen Humor, daß er in jener Periode mit knapper Not dem Schicksal entgangen sei, das so manchen andern von Idealen erfüllten Freiheits- Helden beschieden war. Wer die traurigen Erfahrungen jener Zeit ließen in ihm keine Verstimmung zurück." Vom„eigentlichen Vater der nationallibcralen Partei Ba- dens", der in den sechziger Jahren im badischen Landtage der po- litische Gesellschafter und Berater des Staatsrats Lamey war, er- fahren wir durch den letzten Nachruf, daß Eckhard sich d-ünkte, ein den preußischen Standrechtsopfern gleichwertiger Verfolgter ge« Wesen zu sein. Hätte der damalige Rechtsanwalt Eckhard nicht ein rechtzeitig schützendes Ashl jensei!? der rotgelben Grenzpfähle ge- funden, so wäre er vielleicht in Mannheim neben Trützschler er- schössen worden als ein vaterlandsfeindlicher Freischärler. Nach dieser eigenen Einschätzung des nationalliberalen Führers Eckhard mit der Bassermannichen Beglaubigung gereicht es in den Kreisen der regierungsfreundlichsten Partei heute keinem zur Unehre, im Jahre 1840 reif gewesen zu sein für die Todesernte, welche die standrechtlichen Mörderkugeln vor 61 Jahren unter den Revolu- tionären hielten. Und doch duldet die„liberale" badische Oiegie- rung nicht, daß man den standrechtlich erschossenen„Repräsentanten der sturmbcwegten Jahre" und den heutigen Verehrern jener„an- deren von Idealen erfüllten Frciheitshelden" die historische Gerechtigkeit nach 60 Jahren zuteil werden läßt. Auf dem großen Denkstein des Rastatter Friedhofes, an den unsere Genossen alljährlich den erschossenen Freiheitshelden der 1840« Volkserhebung die Ehre bezeugen, fehlt immer noch die vom Denkmal- komitee vorgesehene Widmung s- Inschrift! Die Groß- herzoglich badische Regierung gestattete es nicht, bei der Aufftellung dieses Denkmals die Worte„Den Standrechtlich erschossenen Frei- heitskämpfern" auf die Widmungsstclle einzumeißeln. Dieses Ver» bot besteht heute noch!_ Eine furchtbare Strafe für die Verfehlungen eines betrunkenen Reservisten sprach das Chemnitzer Kriegsgericht aus. Gegen die ge- heiligte Disziplin hatte sich in der Trunkenheit der Maurer Kurt Schott in Plauen i. V. vergangen. Zu einer Reserveübung-hatte er sich am 23. April beim Bezirks- k o m m a n d o P l a u e n z u st e I l e n. Er kam betrunken. Beim Anstellen ließ er es an der militärischen Haltung fehlen. Trotz mehrmaligen Befehls änderte er seine Haltung nicht — es fehlte ihm infolge seines Zustandes die Fähigkeit— und auch seinen Namen nannte er trotz wiederholten Befehls nicht. Er wurde deshalb'in Arrest abgeführt. Dort ver- langte er zu essen und bemerkte, er sei ein freier Mann und befinde sich doch nicht im Zuchthause. Daß er sich in der militärischen Gewalt befand und als Soldat den unVerhältnis- mäßig strengen Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches unterstand, dies Bewußtsein fehlte ihm eben in seinem Zu- stände. Wegen„beharrlicher Gehorsam sver- Weigerung" wurde er unter Anklage gestellt. Zur Inempfangnahme der Anklage mußte er nach dem Bezirks- kommando kommen— warum wurde ihm das Schriftstück nicht zugeschickt?— und da trank sich Sch. wieder er st Mut a n. Mit großer Verspätung und betrunken kam er an. Wieder benahm er sich unmilitärisch und wieder gings in Arrest. Unterwegs beschimpfte er die ihn transportierenden Unteroffiziere. Die Anklage wurde entsprechend erweitert. Vor Gericht erklärte Sch., daß er sich auf die Vorgänge nicht besinnen könne, da er sinnlos betrunken gewesen sei. Dem widersprach das Gutachten eines ärztlicheii Sachver- ständigen, der Schutz des Z 51 des Reichsstrafgesetzbuches < Strafausschließungsgrund wegen Willensunfreiheiit) wurde ihm nicht zugebilligt. Auf neun Monate Gefängnis xrkgnnte das Gericht i �_ Oellterreicb-CliigaMi, Ein Dynamitatteutat. Budapest, 3. September. Ein Semaphor in der Nähe des Staatsbahnhofes ist gestern nacht durch Dynamit in die Luft gesprengt worden. Der Bahnkörper wurde beschädigt. Die Polizei untersucht gegenlvärtig. ob es sich um einen Anschlag handelt, der gegen einen bestinimten Zug gerichtet war. Portugal. Das Wahlergebnis. Madrid, 3. September. Wie aus Lissabon unter dem 1. September gemeldet wird, beträgt nach Annullierung einiger Wahlen die Majorität.der ministeriellen Deputierten etwa 30 Mandate. Smcbetilauck. Tie ersten Sozialisten im Parlament. Atheu, 3V. August.(Eig. Ber.) Endlich ist es auch dem griechischen Volk gelungen, Sozialisten als Vertreter in das Parlament zu entsenden. An den am 21. August statt- gefundenen Wahlen zur Nationalversammlung wurden vier Soziali st en gewählt und zwar drei in der Hauptstadt. Zwei gehören der sozialistischen„Soziologischen Gesellschaft" an. Pa panasta siu. Vorsitzender derselben, und Petmesas, Privatdozent an der Universität Athen. Der dritte Vertreter der Hauptstadt ist der bekannte in Oxford lebende Sozialist D r a k u l i s. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich noch vor dem Zusammentritt der Nationalversammlung einige andere Deputierte, besonders aus der Ackerbau treibenden Provinz Thessalien, der jungen sozialistischen Fraktion an- schließen werden, so daß also dieser Erfolg der sozialistischen Idee, besonders in einem Lande, in dem noch vor wenigen Jahren der Sozialismus fast ganz unbekannt war, nicht zu unterschätzen� ist. Außerdem bürgen die Namen der drei Athener sozialistischen Vertreter dafür, daß nunmehr für das griechische Proletariat bessere Tage anbrechen werden. Abgesehen von diesem Triumph des Sozialismus sind die letzten Wahlen auch dadurch'zu einem Sieg des Volkes ge- worden, daß endlich durch die Wahl von neuen unabhängigen Männern— an ihrer Spitze der liberale Staatsmann Kretas Venizelos— dem Draufloswirtschaften der alten„persönlichen" Parteien ein Ziel gesetzt werden wird. Somit hat auch die am 23. August v. I. stattgefundene Militärrevolte ihren Zweck erreicht, die durch die Grimdung der im Februar dieses Jahres wieder aufgelösten Militärliga die Vernichtung ber persön- lichen Parteien und an deren Stelle die Schaffung einer wirk- lichen Volksvertretung erstrebte. Charakteristisch für die un- entwickelten Verhältnisse Griechenlands ist die Tatsache» daß die Liga, als sie noch auf dem Gipfel ihrer Macht stand, zum Landwirtschafts- und Handelsminister den Vorsitzenden der „Soziologischen Gesellschaft". Genossen Papanastasiu. vor- schlug. Iwtvegeu. Gegen den Alkohol. Der Kampf gegen den Alkohol hat in Norwegen beachtenswerte Erfolge erzielt. Galt früher das norwegische Bolk als eines der am meisten zur Trunksucht neigenden, so hat die vor etwa 30 Jahren begonnene planmäßige Bekämpfung rasch eine starke Verbrauchs. Verminderung herbeigeführt. Man rechnete dort im Jahre 1833 einen Branntwein verbrauch von rund 16 Litern auf den Kopf, 1843 noch 10; 18ö3 6; 1883 3—4 Liter. Seitdem ist der Rückgang langsamer. Im Durchschnitt von 1361— 1905 waren es noch 2,34 und 1306—1339 2,72 Liter. Der Bier verbrauch ist von 22,3 Liter (6831—1835) auf 18,35 Liter(1336—1339) zurückgegangen. Der Weinverbrauch ist minimal: 1336— 1939: 1,11 Liter. Daneben nehmen sich die deutschen Zahlen: 1335—1333 auf den Kopf 6,3 Liter Branntwein und 116,5 Liter Bier(ungerechnet den gegen Norwegen weit höheren, aber statistisch nicht erfaßten Wein- und Obstweinverbrauch) nicht sehr ruhmvoll aus. Der Verbrauch an absolutem Alkohol betrug nach den Berechnungen des Statistischen Zentralbureaus auf den Kopf in den Jahren 1891—1835 i. D. 2.35. 1836—1333 2,74, 1331—1335 2,53 und 1336—1333 2,18 Liter; noch nicht ein Viertel des deutschen Verbrauchs. DaS ist eine Wirkung der planmäßig einschränkenden VerwaltungSmaßrcgeln, die das flache Land ganz branntwein- und fast alkoholfrei überhaupt gemacht haben und den Städten die Eni- scheidung einräumen, ob der Branntweinverkauf ganz eingestellt oder unter einschränkenden Vorkehrungen einer gemeinnützigen Ge- sellschaft übertragen werden soll. Und es ist eine der Ursachen der hohen Volksbildung und demokratischen Unabhängigkeit im Lande. 8. Internationaler Sozialiftliciier Kongreß. (Schluß aus der 1. Beilage.) Molkenbuhr: Der Kongreß nähert sich seinem Ende und da ist eS unsere Pflicht, auch derer zu gedenken, die sich soviel Mühe und Arbeit mit diesem Kongreß gegeben haben. Wer von Deutschland nach Kopenhagen gekommen»st, ist gewiß in dieser Beziehung an- genehm überrascht worden. Wenn in Griebens Fremdenführer sieht, daß in Kopenhagen 3 Monate Winter und 3 Monate kein Sommer ist, so mutz das ein unheilbarer Hypochonder und gewerbs- mäßiger Verleumder geschrieben haben. So viel schöne Sonnen- tage wie hier haben wir sonst in diesem ganzen Sommer noch nicht gesehen.(Große Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Also ich darf wohl sagen, daß diese heitere Natur in der Kunst, die uns hier cnt- gegengetreten»st, ihr Gegenstück gefunden hat. Die Cantate, mit der am Sonntagmorgen der Kongreß eröffnet wurde und die das harmonische Zusammenwirken der Proletarler aller Länder so Herr- lich dargestellt hat, hat wohl nicht ihresgleichen auf einem inter- nationalen Kongreß�gehavt. Der angenehmen, schönen Eröffnung folgten Schlag auf Schlag angenehme Erscheinungen, überraschende Darbietungen der dänischen Parteigenossen, vor allem der Festzug. der bekundete, wie viel organisierte Arbeiter es in Kopenhagen gibt. (Lebhafter Beifall.) Die große Anzahl der verschiedenen Organisa- tionen, ine unter ihren Bannern aufmarschierten, bezeugte, auf welcher Höhe haB dänische Proletariat steht und daß es heute das Recht für sich in Anspruch nehmen kann, ein Bataillon der Avant- garde in der großen Armee des internationalen Proletariats zu (fein.(Stürmischer Beifall.) Wir haben die Woche hier sehr angenehm verlebt und danken Ihnen für all das, was Sie uns dargeboten haben. Im Namen der deutsch-sprechenden Delegationen lassen Sie mich also den dänischen Genossen danken. Lassen Sie uns aber weiter gedenken des Mannes, der in der Jukernationale das bindende Glied ist, unseres Sekretärs Huysmans.(Stürm, langanhalt. Beifall.) Er hat in harter Arbeit hier bewiesen, welcher Arbeitsleistung ein Mensch fähig ist, wenn er getragen wird von der Begeisterung und ds® festen Wisteji, Grpßes zu leisten.(Lebh. Beifall.) Lsisen Sie mich auch die Dankbarkeit den Uebersctzern ausrichten, die cs ermöglicht Hecken, daß wir alle einen vollständigen Ueberblick über die ganzen Verhandlungen gewonnen haben. Einst wurden die Völker des Nordens, die hier wohnen, von den anderen ge- fürchtet, wenn sie auf Eroberungszüge auszogen. Bon der alten Wikingerart ist auch im heutigen Dänentum noch etwas erhalten. Sie haben sich die Zuneigung aller erobert, die hierher nach Kopenhagen gekommen sind.(Stürm. Beifall.) Wie wir von den Dänen als Borbildern noch an organisierter Kraft gelernt haben, so wollen wir ihnen Dank dadurch alfftatten, daß wir in unserer Heimat in gleichem Sinne weiterarbeiten. Damit streuen wir eine Saat, die in ferner Zukunft Früchte tragen wird und wenn diese Früchte reifen werden, dann wird auch der Name Kopen- Hägen nicht fehlen, weil hier ein starkes, zielbewußtes Proletariat mitgewirkt hat, die internationale Bewegung vorwärts zu bringen. (Lebh. stürm. Beifall.) Die Schlußreden werden nicht in die drei Kongreßsprachen übertragen, sondern werden nur von Branting in je einer der skandinavischen Sprachen wiedergegeben. Im Namen der englischen Delegationen spricht, ebenfalls stür- misch begrüßt, Hillquit-Amerika. Die englischen Delegationen seien durch die Lage ihrer Länder mehr als die anderen Völker vom persönlichen Verkehr mit den Genossen aller Länder ausgeschlossen. Für sie hat daher der Internationale Sozialistenkongreß noch eine größere Wichtigkeit und höhere Bedeutung, nicht durch die Beschlüsse und praktische A Maßnahmen, sondern durch den Geist der prole- tarischen Brüderlichkeit, durch das persönliche Wiedersehen mit den Genossen aller Länder. Darum haben sie die weite Reise bis zu 4333 Meilen gemacht, aber sie hätten auch eine dreimal größere Strecke zurückgelegt, um sich wieder einmal eins zu fühlen mit dem gesamten internationalen Proletariat. Wenn wir den Blick richteten auf jene Versammlungen, die 33 bis 43 Millionen organisierter Arbeiter und Arbeiterinnen ans �Gewerkschaft, Genossenschaft und politischer Organisation darstellten, und wenn wir dann den Blick zurücklenkten auf die Geschichte der Bewegung und ihr unaufhalt- sames Wachstum trotz aller Verfolgungen, dann müssen wir uns sagen, daß diese Bewegung selbst eine Garantie für unseren sicheren Triumph ist. Die Geschichte kann nicht eine Bewegung, wie die unfrige schaffen, so allumfassend, so einig, so unwiderstehlich vorwärts� schreitend, um sie dann resultatlos im Sande verlaufen zu lassm Der Kopenhagsner Kongreß bedeutet einen Markstein in der Ge� schichte des Sozialismus. Daß er diese Bedeutung erlangt hat. danken wir vor allem den dänischen Genossen, die uns das Ge- lingen dieser Zusammenkunft ermöglicht haben. Im Namen der englisch sprechenden Delegation sage ich daher den dänischen Ge- nossen unseren wärmsten Dank.(Lebhafter Beifall.) Ein Worh des Dankes müssen wir dann auch an den Genossen Huysmans' richten, der gerade von der amerikanischen Delegation und ihren ? ahlreichen Gästen am schlimmsten drangsaliert worden ist. Für eine gutmütige Behandlung aller Quälgeister sind wir ihm zu be- sonderem Danke vervflichtet. Lassen Sie uns schließen mit einem Dank an den Vorsitzenden unseres Bureaus, der in seiner auf- opfernden, immer liebenswürdigen Weise unsere Verhandlungen geleitet und zu diesem Ende geführt hat, an den Genossen Banden Velde.(Mehrfacher, wiederholter, stürmischer Beifall.) JaureS(mit jubelnden Hochrufen begrüßt): Iii allen Formen des Empfanges haben die dänischen Genossen uns fühlen lassen nicht nur die Kraft der internationalen Solidarität, sondern auch die fesselnde und packende Liebenswürdigkeit des dänischen Volkes. Neu- lich, als wir den'wunderbaren Festzug am Sonntaßnachmittag durch die Straßen von Kopenhagen ziehen sahen, so mächtig zugleich und so lebendig, so farbenfroh pittoresk mit den vielen farbigen Bannern und bunten Blumen, übersät vom frischen Grün der Zweige, da habe ich mir gesagt, daß wir den Kapitalisten zurufen könnten die Worte, die in Shakespeares Macbeth stehen: Du wirst fallen, wenn dieser Wald sich gegen dich bewegt(Stürmischer minutenlanger Bei- fall). In der Tat hat sich ein Wald von Proletariern gegen den herrschenden Kapitalismus hier in Bewegung gesetzt und in be- wunderungswürdigem Kampfe marschiert die dänische Partei vor- wärts, von der freieniiVeveinignng aller Formen der Organisation und Aktion auf gcuossenschaftlichem, gewerkschaftlichem und politischen Gebiet geeint in einer großen Partei unter dem Geist der Demo- kratie und des Sozialismus.(Stürmischer langanhaltender Bei- fall.) Dieser dänische Geist der Einigkeit hat auch die ganze Arbeit des Kongresses durchdrungen, und darum ist niemals ein Sozia- listenkongreß so sehr vom Geist der sozialistischen Einigkeit bc herrscht worden wie der Kongreß von Kopenhagen. In der Gewerb schaftsfrage haben wir an die Tschechen und die Deutschösterreicher den dringenden Wunsch gerichtet, daß ihr Streit nicht das Band der Einheit lösen möge. Und wenn Genosse Adler gesagt hat, daß wir in drei Jahren in Wien eine völlig einheitliche sozialdemo- kratische Partei Oesterreichs wiederfinden werden, so hoffen wir, daß sein Wort bald Wahrheit werden wird. Wir wollen nicht, daß die tschechischen Genossen von hier mit irgendeinem Gefühl der Bitterkeit weggehen, denn wir haben hier ihre Kraftt ihre Frische, ihr klassenbewußtes Empfinden und ihre internationale Gesinnung bewundert und möchten keine internationale Kraft in der Inter- nationale missen.(Beifall.) Wir haben lvciter die Einigkeit» be- stätigt bei den genossenschaftlichen Arbeiten, indem wir allen an- geschlossenen Ländern empfohlen haben, die Genossenschaften mit dem Geist des Sozialismus zu erfüllen. Eindringlich haben wir den Ruf der Einigung aller sozialistischen Parteien erschallen lassen. Es war in jenem Jahre, als in Amsterdam viele Nationen ihre Zuneigung zu Frankreich dadurch bezeugten, daß sie die Eini- gung beschlossen, bevor wir sie selbst geschaffen hatten.(Heiterkeit.) Wir sind Ihnen dankbar für diesen Sympathiebeweis und haben Ihren Beschlutz durchgeführt mit der Autorität der freien Disziplin. Mit dieser Autorität der freien Disziplin mögen sich auch die Par- teien aller der Länder erfüllen, die heute noch nicht geeinigt sind, damit die Proletarier der ganzen Welt geeinigt dastehen. Schließlich aber haben wir die Einigkeit der Völker, die Einig- keit der Nationen aus aller Welt hier kraftvoll zum Ausdruck gebracht. Die Internationale hat gestern gezeigt, daß sie es ernst nimmt mit den Resolutionen von Amsterdam und Stuttgart, und daß sie bereit ist, gegen alle kriegerischen Ablenkungsversuche der Regierungen und der Bourgeoisie, die unö sicher nicht erspart bleiben werden, mit allen Mitteln, wie Branting gesagt hat, auch mit den aller- schärfsten Mitteln vorzugehen. Wir sind uns klar darüber, daß uns auch aufgeregte Fiebcrzustände der Völker nicht erspart bleiben werden, um den nationalistischen Taumel zu bekämpfen. Aber wir wissen auch, daß die wachsende Macht des Proletariats, das sich immer besser organisiert in den Parlamenten und Syndikaten, in allen Ländern immer mehr in den Stand kommt, den Ausbruch des Krieges durch den Schrei nach der sozialen Gerechtigkeit zu ver- mindern.(Lebhafter Beifall.) Genosse Ledebour hat gestern an den 43jährigen Gedenktag der Schlacht von Scdan erinnert und die tragischen Erinnerungen geweckt, die dem deutschen und dem franzö- fischen Volke gemeinsam sind. Wir können ohne Verlegenheit und Scham von diesem Gedenktag sprechen. Ich kann wiederholen, was ich schon so oft an anderer Stelle gesagt habe, daß im Jahre 1873 beide Völker unterlegen sind, weil die Demokratie beider Länder nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe stand. Wir Franzosen sind besiegt worden, aber auch Ihr Deutschen leidet noch heute unter den Folgen des Sieges von 1873, der ein brutales Säbelregiment über Deutschland herbeigeführt hat. Der Krieg mußte ausbrechen, weil die französische wie die deutsche Bourgeoisie vollkommen versagt hatten: die französische Bourgeoisie im Jahre 1851, als sie im ersten Schrecken über die selbständige Regung des Proletariats sich Napoleon III. in die Arme warf; die deutsche Bourgeoisie, als sie sich außerstande gezeigt hatte, die deutsche Revolution von 1848 zur Einigung Deutschlands durchzuführen. Darum mußte Bismarck mit Blut und Eisen verwirklichen, was die Demokratie in Deutschland nicht halte leisten können. Die Proletarier beider Länder aber werden nicht versagen, wie die Bourgeoisie beider Länder es getan hat. Geeint sind wir entschlossen, alles daran zu setzen, um den Sieg der sozialen Gerechtigkeit und der Emanzi»> pgtivL der Arbester der gypzen West zu errejAej. AtMstffM> sind wir entschlossen, den Schrei der ausgebeuteten Völker, der auch von hier wieder erklungen ist, fortzupflanzen bis zum vollständigen Sieg des Sozialismus.(Minutenlang anhaltender, stürmischer Beifall und Hochrufe auf Jaures.) Von diesem Geist der Einigung durchdrungen, danken auch wir Franzosen noch einmal unserem Sekretär HuhsmanS und den dänischen Genossen für die freundliche Aufnahme. Es lebe das dänische Proletariat, cs lebe die dänische Sozialdemokratie, hoch die Internationale!(Stürmischer Beifall.) Branting-Schweden dankt dem Kongreß im Siamen der nor- ivegischen, finnischen und schwedischen Delegation für die freund- liche Aufnahme, für die vielen Liebenswürdigkeiten, die sie ihnen Ivährend des Kongresses erwiesen haben. Die drei Völker hätten nicht recht in einer der Kongrcßsprachen den Verhandlungen folgen können, aber nur um so enger seien sie zusammengedrängt worden in den ihnen gemeinsamen skandinavischen Staaten. Neben der großen Internationale und in der großen Internationale gäbe es noch eine besondere skandinavische Verbrüderung. Je besser die skandinavischen Völker gesammelt würden, um so leichter wird es ihnen sein, ihre Bedeutung als geistige Macht zur Geltung zu bringen, und als geistige Niacht würden sie in der Internationale ihr Recht finden. Hoch die kandinavische Einigkeit des gesamten Proletariats!(Stürmischer Beifallü Vorsitzender Knudscn: Wir stehen im Begriff, den 8. inter- nationalen Sozialistenkongretz zu schließen. Die Delegierten werden von hier fortgehen und weiter arbeiten an dem Werke der Auf- klärung und der Organisierung, jeder in seinem Lande. Der Kampf für die große Sache des Sozialismus wird nach diesem Kongreß noch energischer fortgeführt werden als vor ihm. In diesem Augen- blicke lassen Sie mich Ihnen im Namen der Kopenhagener Arbeiter, die noch nie einen so großen, machtvollen Kongreß in ihren Mauern gesehen haben, herzlichsten Dank für Ihr Kommen aussprechen. Lassen Sie mich Ihnen Dank aussprechen für die Sozialdemokratie Dänemarks, die ermutigt worden ist und sich immer dieser Tage mit freudigem Stolz erinnern wird. Ich hoffe, daß Sie mit dem Empfang, den Sie hier gefunden haben nach Maßgabe unserer Kräfte zufrieden sein werden. Wir hoffen, daß Sie an den Aufent- halt in unserm Lande immer mit freundlichen Gesinnungen zurück- denken werden. Die Nationen sind durch vieles getrennt, durch Sprache, Sitte, Staat und Religion. Aber wir alle sind einig in dem Entschluß immer weiter zu wirken und zu kämpfen für den Sieg des Proletariats aller Länder.(Stürmischer Beifall.) Bandervelde: In diesem Augenblick, wo der Kongreß zu Ende geht, will ich die Gefühle ausdrücken, die mich be- seelen, weil ich weiß, daß sie von Ihnen allen geteilt werden. Wir haben hier unvergeßliche Tage verlebt. Eben noch, als Jaures in seinen machtvollen Worten die Arbeit des Kongresses vor unseren Augen vorüberziehen ließ, ist mir zum Be- wußtsein gekommen, daß wir hier eine Woche der Freundschaft, der Arbeit und des Kanipfes durchlebt haben, eine Woche der Freund- schaft, die uns verbunden hat mit unseren dänischen Gastgebern, und die nach Jahren wieder alle Vorkämfper der Internationale zusammengeführt hat. Wenn wir uns von drei zu drei Jahren treffen, immer stärker und mächtiger wie wir werden, dann sehen wir auf den Gesichtern der 5tnmpfgenossen die Spuren der Prü- fungen und Kämpfe, die die Parteien in den drei letzten Jahren durchgemacht haben. Wir haben eine Woche der Arbeit durchlebt, ernster angestrengtester Arbeit, offenster Aussprache, um unserem Ziele immer näher zu kommen, unsere Bewegung immer mehr zu fördern und unsere Aktion immer machtvoller zu gestalten. Und wir haben eine Woche des Kampfes erlebt, eine Woche des edelsten Kampfes, den es gibt, eine Woche des größten heiligsten Streites. Wir haben gestritten über die Art, wie wir die Befreiung des Proletariats am besten för- dern könnten. Aber in dem Ziele, die Erlösung der ganzen Menschheit zu fördern, sind wir uns jederzeit einig ge- Wesen.(Stürmischer Beifall.) Die zurückgebliebenen Völker haben mit Stolz auf die Völker gesehen, in denen der Kapitalismus schon mächtig ist und eine geivaltige sozialdemokratische Armee er- zeugt hat, die Völker, in denen die Sozialdemokratie stark ist. Das aber haben wir auch auf diesem Kongreß gelernt, daß alle Stärke der Organisation nichts ist ohne die begeisternde Kraft des revolutionären Sozialismus, ohne die Hingabe an unsere große Sache und ohne den Opfermut, alles daran zu setzen für ihren Sieg. Darum rufen wir, wenn wir uns jetzt trennen: Es lebe der Sozialismus, es lebe die befreiende Inter- nationale des Proletariats!(Stürm, langanhaltendcr Beifall.) Baiibervelde: DerS. JnternationaleSozialisten, kongreßistgeschlossenl Die Franzosen stimnien die Internationale an, danach die O e st c r r e i ch e r das Lied der Arbeit, die Deutschen den Soziali st enmarsch, die Schweden. Dänen, Norweger und Engländer ihre Kampflieder an. Zum Schluß singt der ganze Kongreß im Sturme der Begeisterung die Internationale und geht mit dem Ruf: Hoch die Inter- nationale der Arbeit! Hoch die revolutionäre Sozialdemokratiel auseinander. Am Abend fand das A b s ch i e d S f e st im Kopenhagener Nat- haus statt._ Dirrte Komimsßon sArbrltsloflgkelt, SoKlpolitik). Kopenhagen, 1. September. In der Schlußsitzung der Kommission legte Molkenbuhr- Deutschland nack kurzer Begründung eine Resolution vor, die die Arbeiterschutzsoroernngen des Stuttgarter und des Amsterdamer Kongresses erneuert. In dieser Resolution heißt es, daß durch die Arbeiterschutzgesetzgebung in keinem Lande irgendein Industrie- zweig geschädigt werden soll, vielmehr habe durch Hebung der Gesundheit der Arbeiter die Leistungsfähigkeit der Arbeiter erhöht zu werden. Ferner fordert die Resolution das Selbstverwaltungs- recht der Arbeiter, ausreichende Arbeitslosenunterstützung, Unter- siützung der Witwen und Waisen. Bei einigem Drängen der Ar- beiter könne auf dem Gebiet der Arbeiterschutzgesetzgebung und der Arbeiterversicherung viel mehr erreicht werden.— Hcck-Velgieu beantragt, den Absatz zu streichen, der bestimmt, daß durch die Ar- beiterschutzgesetzgebung keine Industrie geschädigt werden solle. Man müsse das Hauptgewicht darauf legen, daß durch zielbewußtes Drängen der Arbeiterschaft auf dem Gebiet der Arbeiterschutzgcsctz- gebung viel mehr erreicht werden könne.— Ncichenbcrger wünscht auch eine Aenderung der Resolution. Die Gesetzgebung habe die Forderungen der Resolution tcilweisc bereits überholt. Wir müssen in der Resolution fordern das Verbot der Nachtarbeit der Frauen und der jugendlichen Arbeiter unter 18 Jahre. Auch die Haus- arbeit ist in dieser Resolution nicht erwähnt.— Molkenbuhr- Deutschland führt aus, daß die Resolution nur für Fabrikarbeiter. nicht aber für das Handwerk und die Landwirtschaft gelte. Wir könnten noch eine Reihe Forderungen aufnehmen, haben jedoch davon Abstand genommen, damit die Resolution nicht zu umfang- reich werde. Der erste Absatz der Resolution bezwecke, daß den Einwendungen der Gesetzgebung entgegengetreten wird, die In- dustrie könne einen weiteren Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung nicht ertragen. Wenn die Unternehmer uns vorreden, es würden 333 Millionen Mark für die Arbciterschutzgesetzjjebung ausgegeben, o muß den Unternehmern entgegengehalten werden, daß dies« Summe von ihnen nur ausgelegt wird und daß sie sich diese 333 Millionen Mark schon wieder zurückholen.— Rothcnstein-Ungarn: Sämtliche Forderungen der Resolution sind auf Grund früherer Beschlüsse der Kongresse auf besonderen Wunsch der Kommission wieder eingefügt worden. Darum ist es unverständlich, daß jetzt diese Punkte angefochten werden. Wenn in der Jetztzeit einige dieser Forderungen schon erfüllt sind, so könne doch in den gerade zum Schluß für alle Länder geltenden Forderungen nicht die Forde-' rungen eines einzelnen Landes berücksichtigt werden. Die Kommission beschließt, da über die Resolution keine Einigung zu erzielen war, diese an eine Untcrkom- Mission zurückzuverweisen, die eine endgültige Fassung der Nesoluffon direkt dem Momn voxsegen W., (Scwcrkfchaftlicbe**. Die Rfrfcbe bekennen öffentlich den Streikbruch in Damburg I Das ist das Neueste, aber auch das Unverschämteste, was die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinler bisher fertig gebracht haben. Ein vom Zentralrat und der Verbandsleitung der deutschen Gewerkvereine(H. D.) unterzeichnetes Flugblatt wird gegenwärtig verbreitet, das die Ueberschrift:„Arbeiter gegen Arbeiter, ein Appell an die gesunde Vernunft", trägt. In diesem Flugblatt wird als„dos traurigste Kapitel in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" der Kampf „Arbeiter gegen Arbeiter" bezeichnet. In dem Flugblatt wird unter anderein gesagt: Die Verschiedenheit der Interessen ist im Unternehmertum ungleich größer als in der Arbeiterschaft. Die Unternehmer aber kommen über diese Verschiedenheiten hinweg und bilden eine einheitliche Organisation, wenn es gilt, die gemeinsamen Unter- nehmerinteressen durchzusetzen." Warum das iin Arbciterlager nicht geschieht, vergißt der Gewerkverein diesen nur zu wahren Worten beizufügen. An- statt die Wahrheit zu bekennen, zetert man„über den blinden Haß der Gewerkschaften sozialdemokratischer Richtung gegen die Mitglieder anderer Organisationen" und führt als Bei- spiel den Streik der Brauer in der Schweiz an, wo die Hirsche Streikbrecher vermittelten, ferner den Kamps bei „Steimvay u. Sons in Hamburg", wo das gleiche geschieht. Frohlockend wird dann ausgerufen: „In Hamburg find die Plötze der Ausständigen zum großen Teil von Gewerkvereinler» und zum anderen Teil von aus dein Holzarbciterverband ausgeschiedenen und von bis dahin un- organisierten Holzarbeitern besetzt worden." Also das glatte Bekenntnis:„Die Plätze der Ans- ständigen sind von Gcwcrkvcrcinlern besetzt worden." Wie tief muß doch eine Arbeiterorganisation— denn als solche bezeichnen sich die Gewerkvereine immer noch— gesunken sein, wenn die Leitung sich in der breiten Oesfentlichkeit hiermit noch brüstet.—■ Der Kampf bei der Firma Steinway ist für die„Verbändler" noch lange nicht verloren, wie es die Hirsche darzustellen belieben. Das geht auch aus einem Schreiben hervor, das der Ortsverein Hamburg an den Ortsverein Siegen gerichtet hat. In diesem Schreiben heißt es: „... Wenn sich auch der Sieg uns zuneigt, so müssen wir, um die Verbändler endgültig zu schlagen, noch mindestens 100 Kollegen heranziehen. Wir bitten deshalb die Vorstände drin- gend, dafür zu sorgen, daß Kollegen hergeschickt werden, eventuell auch Unorganisierte, die wir dann gewinnen können.... Die Kollegen, die herkommen, müssen uns mittmlen, wann sie hier eintreffen, wir sind dann am Bahnhof, Erkennungszeichen: Ge- werkvercinsabzeichen. An andere Leute dürfen die Kollegen sich unter keinen Umständen halten. Arbeiten Sie mit, Kollegen, tragen Sie mit dazu bei, den Uebermut der Verbändler zu strafen, ermuntern Sie die Kollegen herzukommen. Wir hoffen nicht vergebens zu appellieren. Besten Gruß Gustav M e u t h e n, Hamburg, Sillemstr. 70, III. Wie sagt doch der Gewerkvereiii in seinem Flugblatt? „Das traurigste Llapitel iu der Geschichte der deutschen Ar- beiterbewcgung ist der Kamps der Arbeiter gegen Arbeiter." Dieses Kapitel ist nun durch die„Hirsche" um einige weitere Beiträge bereichert. Darauf stol� zu sein, heißt: jedes Scham- gefühl verloren zu haben. Zuzug von Tischlern und Pianosortem-beitern nach Steinway u. Sons in Hamburg ist weiter streng fern- zuhalten. Berlin und Umgegend. Achtung! Anschläger und Schlosser! In hiesigen bürgerlichen Zeitungen sowie auch durch Annoncenbureaus werden Anschläger und Schlosser nach Budapest verlangt. Da die Anschläger und Schlosser in Budapest seit 12 Wochen im Streik stehen, so erwarten wir, daß derartige Angebote von den Kollegen nicht beachtet werden. Budapest ist für Anschläger und Schlosser gesperrt. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Marmvrarbeitcr! Die Tarifbewegung macht stetig Fortschritte. Rund 230 Kollegen arbeiten zu den neuen Bedin- gungen. Demgegenüber will es fast wie ein Scherz erscheinen, wenn der Verband der Steinmetzgeschäfte von Groß-Berlin Zirkulare an seine Mitglieder und NichtMitglieder versendet, in denen folgender Verbandsbeschluß verkündet wird: „Die MinimallLHne werden wie folgt festgestellt: s) für die Steinmetzen 721/a Pf.(80) pro Stunde in der Werk- statt, 77>3 Pf.(85) außerhalb derselben. d) für die Schleifer 57% Pf.(68) pro Stunde in der Werk- statt, 62% Pf.(73) außerhalb derselben. Diese Löhne werden ab 3. September in allen Marmor- geschäften unseres Verbandes bezahlt." (Die eingeklammerten Zahlen stellen unsere, Forderungen dar.) Gleichzeitig wird uns anheimgestellt, auf Grund obiger Mini- MÄlöhne nochmals mit dem Unbernehmerverbande in Verhandlungen zu treten, zwecks Schaffung eines einheitlichen Marniortarifs für Groß-Berlin.— Was in letzter Hinsicht von uns geschehen konnte, ist bereits geschehen. Wenn die erstmaligen Verhandlungen schei- tcrtcn, so. deshalb, weil die leitenden Personen des Verbandes der Steinmetzgeschäfte(soweit die Marmorindustriellen in Frage kommen) sich den bestehenden Verhältnissen nicht anpassen konnten oder wollten und Zustände ins Leben rufen wollten, die vor einem Jahrzehnt beständen haben. Zeugen obige„Zugeständnisse" auch nicht von einem Verstehen der Zeitersordernisse, so haben wir uns doch zur Wiederaufnahme der Verhandlungen bereit erklärt, mit dem unzweideutigen Hinweise, daß die festgesetzten Löhne fiir uns nicht annehmbar sind. Vorläufig geht also der Kanipf um die von uns geschaffene Grundlage weiter. Im Streik befinden sich die Kollegen der Firmen K i n z e, Steglitz, Bergstr., W e d i g, Mariannenstr. 31. Sponar u. Küpper, Schöneberg, Königsweg. Wegen Maß- rcgelung gesperrt ist die Firnia Herm. Stanke, Manteuffelstr. 60. Zentralverband der Steinarbeiter, Ortsverwattung Berlin. Achtung, Hausdiener, Packer usw.! Bei der Firma Regel er u. Co., Ritterstr. 71, ist die Situation noch unverändert. Die Firma macht die größten Anstrengungen, um Arbeitswillige zu bekommen, indem sie verspricht, daß sie bis 27 Mark verdienen können. Allerdings vergißt nian wohlweislich, zu sagen, daß dieser Lohn mit äusserst seltenen Ausnahmen und nur unter Zuhilfenahme der Nacht verdient worden ist. Der reguläre Lohn ist für Hausdiener 10— 23 Mark. Die Packer müssen Akkord arbeiten und erhalten pro Kiste 55 Pf. Um nun die Arbeiter trotz dieser Löhne an seinem Betrieb zu fesseln, hat Herr Morgenstern, der Inhaber des Geschäfts, ein wundersames System erdacht. Die Packer erhalten außer dem festen Satz pro Kiste 6 Pf., der jedockx nicht zur Auszahlung gelangt. fondern bis zum 31. Dezember aufgespart wird. Den Hausdienern werden ebenfalls pro Woche 50 Pf. bis 1,50 M.„gespart", die gleich- falls erst am Jahresschluß zur Auszahlung gelangen. Um nun Ge- werbegerichtsklagen auf Herausgabe des den Arbeitern„gesparten" Goldes, bevor das Jahr abgelaufen ist, aus dem Wege gehen zu können, läßt sich die Firma von jedem Neueintretenden folgenden Revers unterschreiben: Für den Fall, daß ich am 31. Dezember im Geschäft der Firma Regeler u. Co. bin, ist mir eine Gratisikation von wöchent- lich... Pf. zugesichert worden. Diese Gratifikation ist erst am 31. Dezember, keinesfalls früher zahlbar._ Lerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw. Erfolgt mein Austritt oder meine Entlassung, gleichviel aus welchem Grunds es auch immer sei, vor dem 31. Dezember eines Jahres, so habe ich keinen Anspruch auf diese Gratifikation. Ich erkenne ausdrücklich an, daß diese Gratifikation nicht zu meinem Lohn gehört. Diese Zusage der Gratifikation hat für die Dauer meiner Dienstzeit Gültigkeit. Datum: Name: Auf Grund dieser Unterschrift wurden die Kollegen des öfteren vor dem Gewerbegericht abgewiesen. Bemerkenswert ist ferner, daß Herr Morgenstern auch für die Kutschier ein besonderes Prämien- fystem erdacht hat. Die Emaillewaren zeigen sehr oft Fehler, die durch Bcstoßen usw. verursacht werden. Diese beschädigten, also minderwertigen Gegenstände werden nun nicht ettva ausgemerzt, sondern unter die guten Gegenstände gemischt und je nachdem der Kutscher es versteht, diese ramponierten Gegenstände unterzubringen, erhält er Prozente, d. h., je weniger Rctourwaren er bringt, je mehr verdient er. Wenn sich die Arbeiter gegen ein solches System aufbäumen, kann man nicht wunder nehmen. Die Firma sucht jetzt unter Deckadresse Streikbrecher in bürger- lichen Zeitungen. Am Sonnabend enthielt der Arbcitsmarkt des „Berliner Lokalanzciger" folgendes Inserat: Hausdiener und Packer, außer Verband, für dauernde Stellung, mit besten Zeugnissen, möglichst Glasbanche. Zu melden heute Sonnabend%4— t%5 bei Küssner, Lindcn- straße 29. In dem Vcreinsziminer vorstehenden Lokals saß Herr M o r g e n st e r n, der Inhaber des Geschäfts, und Herr L i e s k e, seines Zeichens, wohlbestallter Expedient bei Rcgeler, und cnga- gierten, unter dem Versprechen, daß sie für Hausdiener und Packer 27 Pf. und mehr zahlen, bis ein Verbandsvertreter erschien und den Arbeitswilligen mitteilte, daß sie als Streikbrecher engagiert werden sollten. Herr Morgenstern machte ein ziemlich verdutztes Gesicht, als alle Mann, bis auf zwei, Kehrt machten und die Herren allein ließen. Ter Restaurateur K ü s s n e r ersuchte dann die Herren, ihr Streikbureau in seinem Lokal aufzuheben. Die sich Meldenden erhielten einen Zettel, welcher besagte, daß sie sich am Montag früh bei dem Verwalter des Hauses Ritter- chraße 71/75, Igel, melden sollten. Also Hausdiener und Packer, AuHpn auf! Deutscher Transportarbciterverband, Bezirk Groß-Berlin. Achtung, Schuhmacher! Bei der Firma Schwartz, Kraut- straße 14, sind sämtliche Arbeiter infolge Lohndifferenzen entlassen worden. Wir warnen die Kollegen, bei dieser Firma in Arbeit zu .treten. Die Ortsverwaltung. Achtung, Fleischer! Die Firma A. Müller, Neue König- straße 65, hat, wie wir schon meldeten, sämtliche organisierte Ge- fellen ausgesperrt, weil dieselben beabsichtigten, einen Tarifvertrag einzureichen. Diese Aussperrung benutzt die„Allg. Fleischer-Zei- tung", die die Organisation von jeher mit den schmutzigsten Mit- teln bekämpft hat, um über einen Gewaltakt des sozialdemo- kratischen Zentralverbandes zu schreien. Ucber die Ausgesperrten verbreitet sie die gehässigsten Verdächtigungen. Die Polizei stellt sich auch hier als Schutztruppe des Unternehmertums ein. Sechs bis acht Schutzleute halten Wache. Auch auf den Kundschaftswagen, die bis in die entferntesten Vororte fahren, sitzen Schutzleute. Warum, wissen sie wohl selbst nicht. Trotzdem faselt eine gewisse bürgerliche Presse bei jeder Gelegenheit von zu wenig Schutzleuten. In dem Moment, wo es gilt, die Arbeiter niederzuknütteln, wenn sie mal das ihnen gesetzlich gewährleistete Recht ausüben, hat man Schutzleute gleich engros zur Verfügung.— Die Firma ist für unsere Mitglieder gesperrt. Zentralverband der Fleischer und BcrufSgenossen Deutschlands, Ortsverwaltung Berlin. In ein Tarifverhöltnis mit dem Transportarbeiterverband ge- treten ist auch die Mineralwasserfirma Artur Unger, Cöpenick. Es sind nnn in dem Agitationsbezirk Cöpenick und Umgegend die Verhältnisse sämtlicher Minevalwasserbetriebe als geregelt anzu- sehen. veutlcbes Keieb. Zur Bewegung der Werftarbeiter. Der Vulkan sucht Streikbrecher, und da es nicht so leicht ist, Streikbrecher zu finden, wird auch ein kleiner Schwindel nicht ge- scheut. Die Hamburger Niederlage des Vulkans beauftragte einen Agenten, in Rheinland und Westfalen Streikbrecher anzuwerben. Der Streikbrecheragent warb denn auch am Donnerstag in Barmen 20 Leute an, denen er natürlich nicht sagte, daß Streik- brecherdienste von ihnen in Hamburg verlangt werden, viel- mehr redete er ihnen vor, daß die Reise nach Mailand gehen sollte. In der Nacht wurden die Angeworbenen zur Bahn befördert, und als sie anderen Morgens ausstiegen, waren sie nicht im son- nigen Italien, in Mailand, sondern in W i l h e l m s b u r g bei Hamburg, am nebeligen Ufer der Elbe. Die ausständigen Werft- arbeiter haben dem Vulkan einen Strich durch seine betrügerische Rechnung gemacht und den Angeworbenen reinen Wein eingeschenkt, wodurch verhindert wurde, daß sie Streikbrecherdienste leisten. Der Agent weigert sich noch, den angeworbenen Arbeitern die Invaliden- karten zurückzugeben. ■*» Stettin, 3. September.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Heute fanden hier drei gut besuchte Versammlungen derjenigen Arbeiter statt, die noch auf dem Stettiner Vulkan arbeiten. Die Versammlungen beschlossen gegen 25 Stimmen, die Arbeit am Montag niederzulegen. Die Gründe dafür sind erstlichmal die Anfertigung von Streikarbeit für die übrigen Werftbetriebe und speziell den Hamburger Vulkan. Außerdem kam in Frage die einheitliche Führung des Kampfes, daß also alle Werften stilliegen, und auf dem Stettiner Vulkan auch nicht weiter gearbeifet werden kann. Am Schluß der Versammlungen traf die Nachricht ein, daß die Direktion des Vulkan am Montag früh aus sich selbst heraus den Betrieb schließen wollte. Der Deutsche Metallarbeitervcrband hat beschlossen, auch den jetzt neu in den Streik eintretenden Nicht- organisierten Unterstützung zu gewähren. Auf dem Wege zur gewerkschaftlichen Einheit. In Dortmund fand die 9. Konferenz des Verbandes der Isolierer und Steinholzleger statt. Anwesend waren 15 Delegierte, welche 17 Zahlstellen mit 765 Mitgliedern vertraten, außerdem der Geschäfts« leiter Hermann Lange und als Vertreter des Zentralverbandes der Maurer der Genosse Theodor Bömelburg. Drei Zahlstellen mit 45 Mitgliedern waren nicht vertrete». Der Geschäftsbericht ergab, daß die Mitgliederzahl um zirka 100 zurückgegangen ist und zwar ist dieses darauf zurückzuführen, daß einige süddeutsche Zahlstellen wie Stuttgart, Mühlhausen und Straßburg im Elsaß gäuz- lich eingingen, während die Münchencr sich der Freien Vereinigung deutscher Gelverkschaften angeschlossen. Die Einnahme betrug 30 071.81 M. und die Ausgabe 30 481,50 M. Davon ent- fallen 18 620.60 M. auf Unterstützung bei Streiks und Aussperrungen. Der zweite Punkt der Tagesordnung lautete:„Die Verschmelzung mit dem Zcutralverband der Maurer resp. mit dem Deutschen Bau- arbeiterverband." Die Diskussion über diesen Punkt nahm die ganze Vormittagssitzung in Anspruch. Von allen Rednern wurde die Ver- schmelzung als eine Naturnotwendigkeit anerkannt. Die Abstimmung, welche eine namentliche war, ergab dann die einstimmige An- nähme der vorliegenden Uebertriltsbedingungen und die Ver- schnrelzung mit dem Deuschen Bauarbeiterband zum 1. Januar 1911._ Die Heizungsmonteure in Rheinland«nb Westfalen sind in eine Lohnbewegung eingetreten und haben verschiedene Forderungen rh.Glocke.BerIin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanftÄI gestellt. Die Unternehmer haben Stellung dazu genommen und eine Kommission von Mitgliedern aus ihren Reihen gewählt und den Arbeitnehmern aufgegeben, ebenfalls eine solche zu wählen. Da wahrscheinlich ein korporativer Tarifvertrag abgeschlossen wird ,er- suchen wir, daß die Heizungsmonteure unter keinen Umständen Einzelverträge mit den Unternehmern abschließen. Arbciterfteund- liche Blätter werden um Abdruck ersucht. Bezirksleitung des 7. Bezirks des Deutschen Metallarberterbandes. Kuslancl. Eine grohe englische Werftarbciter-Lkussperrung hat gestern begonnen. Die Ausgesperrten verließen die Werften unter Hurrarufen. Die Ursache dieser Aussperrung ist ein un- bedeutender Streit, der sich vor einiger Zeit in der Werft von Walker in New Castle ereignet hat. Die Besitzer dieser Schiffswerft behaupteten, seit Beginn dieses Jahres hätten die Arbeiter ver- schiedene Male den Tarifvertrag verletzt. Nicht weniger als 27 partielle Streiks seien ausgebrochen. Sie wollen die Arbeit nicht eher ausnehmen lassen, als bis die Union Maßnahmen getroffen hat, daß der Tarifvertrag in Zukunft respektiert werde. Die Bc- wcgung ist um so interessanter, als die Union, welche im Jahre 1832 gegründet ist, eine der bestorganisierten und disziplinierten von England ist. Lange Zeit hindurch wurde sie als das Beispiel für die Seltenheit von Streiks hingestellt. Dieses glückliche Resul- tat, so erklärte vor einigen Jahr�r Sidney Webb, beruhe nicht allein auf der finanziellen Stärke der Vereinigung, sondern vor allem auf dem unbedingten Gehorsam aller Mitglieder und den großen disziplinaren Machtbefugnissen des Exekutivkomitees. Kommt die Aussperrung voll zur Durchführung, so würden von derselben 60 000—70 000 Arbeiter betroffen. Nach Depeschen aus Glasgow ist jedoch eine baldige Beilegung der im Schiffbaugewerbe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgebrochcncn Streitigkeiten zu erwarten. In Carlisle wird wahrscheinlich in der nächsten Woche, vielleicht am Freitag, eine Konserenz zwischen Werftbesitzern und Werftarbeitern stattfinden. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung und die Geistlichkeit. Am nächsten Montag, dem ersten Montag im September, ist in den Vereinigten Staaten gesetzlicher Feiertag, der Nationalfeiertag der Arbeit, der weit mehr als der 1. Mai gefeiert wird, schon da- durch, daß überall die Ruhe des Sonntags herrscht. Die Amts- stuben, die Bureaus, die Banken, die Geschäfte haben geschlossen. Die organisierten Arbeiter halten eine große Parade ab, zu der sich Bürgermeister und bekannte Politiker einfinden, um stch bcnn Bruder Arbeiter für die nächsten Wahlen in empfehlende Erinnc- ruug zu bringen.— Auf dem letzten Kongreß des amerikanischen Arbeiterbundes wurde, wie auch im..Vorwärts" berichtet worden ist, der sonderbare Beschluß gefaßt, daß der Sonntag vor dem ersten Montag im September als..Arbeitersonntag" in den Kirchen gefeiert werden sollte. Man wollte die Geistlichkeit dafür gewinnen, daß sie von allen Kanzeln auf den Nationalfeiertag der Arbeit hinweisen und den Segen der fleißigen Arbeit rühmen sollte.— Das war ein gefundenes Fressen für die Pfaffen. Wie das offizielle Organ des Arbeiterbundes kürzlich mitteilte, sind aus über 700 Städten Zustimmungsschreiben der Geistlichkeit eingelaufen, die gern ihren Predigttext am nächsten Sonntag so einrichten wollen, daß die For- derungen der Arbeiter und der Feiertag der Arbeit besprochen werden. Sie erwarten natürlich den Gegendienst, daß die Gcwerk- schaften die Arbeiter in die Kirchen senden. Der schwache Kirchen- besuch ist auch in dem frommen Amerika eine ständige Klage der Geistlichkeit, und gerade die Arbeiter gehen am liebsten nicht in die Kirche. Da ist die angebotene Hilfe der Gewerkschaften ganz an- nehmbar._ Letzte JVacbncbtm Zur Lage in der Baumwollindustrie. Köln, 1. September.(W. T. B.) Die„Köln. VolkSztg." meldet. daß die neuesten Bemühungen, eine wohlgeordnete Betriebs- einschrünkung aller deutschen Baumwollspinnereien herbeizuführen, gescheitert seien. Fall River(Massachusetts), 3. September.(W. T. 83.) Sechsundvierzig Baumwollspinnereien sind bis zum 12. September, eine Anzahl weiterer Betriebe bis zum 7. September geschlossen worden. Hierdurch wird die Produktion von Kattun eine Verminderung um 175 660 Stück erfahren. Vom Eisenüaljllzilst überfahren. Mainz, 3. September.(83. H.) Heute nachmittag wollte ein ein- spänniges Fuhrwerk den Bahnübergang bei der Gustav-Burg über- schreiten, als ein Personenzug daherkam. Der Bahnwärter Kuhn versuchte das Fuhrwerk zurückzuhalten» wurde aber samt dem Pferde vom Zuge erfaßt und mit diesem getötet. Dem Kutscher gelang es, vom Bock zu springen und sich zu retten. Verhaftete Raubmörder. München, 3. September.(W. T. 33.) Amtlich wird gemeldet: Die Täter, die den Raubmord an der verwitweten Kaufmanns- gattin Ida F e l t m e i e r am 16. August in der Frauenhoferstraße verübt haben, sind ermittelt worden und bis auf einen Teilnehmer, dessen Festnahme bereits eingeleitet ist, verhaftet. Die an der Tat beteiligten Männer sind der verheiratete Monteur Anton Ule- r i ch von hier und der verheiratete Metzger Ludwig Asch- b e r g e r von hier. Das angebliche Dienstmädchen M a r i a ji i n k ist die Frau Karoline Illerich, welche auch diejenige Wrson ist, welche am 2. August bei einem Privatier an der Brudermühl- straße als Maria Klein in Dienst getreten ist und dort mit Ludwig Aschberger einen Diebstahl begangen hat. Die falschen Zeugnisse sind von Ludwig Aschberger angefertigt. Mit Ausnahme von Anton Illerich sind sämtliche Täter verhaftet und im wesentlichen geständig. Die Lage in Saragossa. Madrid, 3. Septeniber.(B. H.) In Saragossa ist das öffentliche Leben teilweise vollständig lahmgelegt. Die Kaufläden, Cafes usw. sind geschlossen. Nur die Apotheken bleiben ge- öffnet. In amtlichen Kreisen herrscht lebhafte Unruhe. Von der Cholera. Rom, 3. September.(W. T. B.) In den setzten 24 Stunden sind in M o I f e t t a 6 Erkrankungen und 7 Todcsfätle an Eholcra festgestellt worden, in Barletta ein Todesfall, in Trani 4 Erkrankungen und 3 Todesfälle, in Margherita di Savoia eine Erkrankung und ein Todesfall, in Trinitapoli 8 Erkrankungen und 5 Todesfälle, in San F e r d i n a n d o eine Erkrankung. Konstantinopel, 3. September.(W. T. B.) Heute hat auch der zweite der beiden am� 30. August gemeldeten choleraverdächtigen Fälle einen tödlichen Ausgaug genommen. Brand eines Schulgebändes. Stockholm» 3. September.(Preß-Tel.) Die ncugebaute Schule im Söndfjord ist ein Raub der Flammen geworden. Sie ist heute nacht bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die im Schul- hause wohnende Lchrerfamilie wurde im Schlaf von dem Feuer überrascht. Der Lehrer und seine Frau kamen mit dem Leben davon. Ihre drei Kinder und die Schwiegermutter des Lehrers kamen in den Flammen um. Paul Singer& Co., Berlin SW� Hierzu 7 Beilagen. Nr. 207. 27. 1. KtW ki.Hmiills"{ittliiirt SoiliDliInlt. SoiintaS, 4. Zeptmlitt 1910. Sitzung des Internationalen Bureaus. Kopenhagen, 3. September 1010. Arbeitslosenfrage. Huysmans gibt folgende Zusatzresolution über die Arbeits- losigkeit bekannt, die von der englischen Sektion ange- nommen wurde: „Angesichts des am Donnerstag von der britischen und von anderen Abteilungen auf dem Kongreß erhobenen Protestes, dem- zufolge die Resolution über die Arbeitslosigkeit nicht befriedigt in ihrer Auffassung des Problems und in ihren praktischen Vorschlägen nicht weitgehend genug ist, unterbreiten die Unterzeichneten im Auftrag ihrer nationalen Abteilung dem Kongreß folgende Er- klärung: 1. Die Arbeitslosigkeit ist eine Folge der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und untrennbar von derselben. 2. Solange der Kapitalismus besteht, miisien jedoch Maß- regeln getroffen werden, die sich mit dem Problem befasien. 3. Diese Maßregeln dürfen nicht bloß vorbeugend sein, sondern müssen den Keim der sozialistischen Gesellschaftsordnung enthalten, den Anfang der endgültigen Organisation der gesell- schaftlichen Produktionsmittel bilden sowie der industriellen und landwirtschaftlichen Produkte auf genossenschaftlicher Grundlage. 4. Staatliche Notstandsarbeitseinrichtungen, die nur bei akuter Arbeitslosigkeit fungieren und in normalen Zeiten auf- gehoben werden, sind zu verwerfen. S. Die staatliche Tätigkeit gegen die Arbeitslosigkeit sollte bei Anerkennung des Rechts auf Arbeit auf folgender Grund- läge beruhen: a) amtliche genaue Statistik über die Arbeitslosig- keit, b) Einteilung der staatlichen und städtischen Arbeiten mit dem Zweck, die Arbeitsnachfrage möglichst zu organisieren und auf festen Fuß zu bringen, c) eine Gesetzgebung, die die Arbeits- zeit verkürzt mit einem Maximum von 8 Stunden täglich oder 43 Stunden wöchentlich und die soweit als möglich das Schwitzsystem ausschaltet, ebenso die Kinderarbeit und andere Konkurrenzformcn, die die Armut steigern, ci) nationales System von Arbeiterbörsen, von den Gewerkschaften kontrolliert, e) staat- liche Versicherung, k) Einrichtung von Staatsämtern, die sich im Interesse des Gemeinwesens mit der Entwickclung aller Arten von Nationalreichtum beschäftigen, der jetzt vernachlässigt oder ungenügend ausgebaut wird. 6. Eine Bedingung aller Staatshilfe, die den Arbeitslosen gewährt wird, muß sein, daß damit kein Verlust politischer Rechte verbunden ist und daß sie allen Abteilungen der Arbeiterklasse und beiden Geschlechtern zugänglich sein soll. Dazu erhält das Wort Km Hardie, der erklärt, daß die Mit- glieder der englischen Sektion in der Arbeitslosenkommission den Verhandlungen nicht folgen konnten, weil sie die Sprache nicht verstehen. Als die Engländer die Resolution genauer ansahen, entdeckten sie eine Reihe von Forderungen darin, deren Verwirk- lichung sie verweigert hätten.„In unserem Lande sind wir einer vernünftigen Lösung der Arbettslosenfrage nahe. Gegenüber der englischen Regierung würden wir in eine schwierige Lage kommen, darum bitten wir Sie, den Kongreß zu veranlassen, die etwas über eilt angenommene Resolution zurückzuziehen und sie durch die eng- fische zu ersetzen." Bandervelde meint, daß das Bureau dazu nicht kompetent sei, die Erklärung könnte lediglich zu Protokoll genommen werden. Irving: Wir verlangen nicht, daß das Bureau den Beschluß Umstößt, sondern daß sie dem Kongreß Gelegenheit geben soll, ihn zu berichtigen. Unsere Resolution entspricht nicht nur dem Wunsche der englischen Sektion, sondern auch dem der amerika- Nischen Mehrheit und der französischen. JaureS: Zwei unüberwindliche Schwierigkeiten stehen diesem Versuch entgegen: erstens ist es unmöglich, diese Frage am letzten Tage vor dem Kongreß aufzurollen, und zweitens ist der Text der englischen Resolution bisher den nationalen Sektionen nicht mit- geteilt worden. Um das noch zu tun, dazu fehlt es an der nötigen Zeit. In Keir Hardies Vorschlag ist zweifellos sehr viel Nichtiges enthalten, daß unseren Anträgen im französischen Parlament ent- spricht. Aber wir haben uns in keiner Weise in der französischen Sektion darüber unterhalten, und es würde über die Einzelheiten sicher zu großen Debatten kommen. Aus dem Zwischenfall können wir jedoch zwei Dinge folgern: Er war nur möglich, weil in der Kommission ein Uebersetzer fehlte. Weiter müssen Fragen dieser Art ganz anders vorbereitet werden. Es wird sich als notwendig erweisen, nattonale oder internationale Kommissionen zu schaffen, die für die Vorarbeiten die Verantwortung haben. Das Bureau sollte diese Frage in einer seiner nächsten Sitzungen auf die Tages- ordnung setzen. Dem Wunsche der Engländer könnte insofern nachgekommen werden, daß auf dem Kongreß gesagt wird, die Frage der Arbeitslosigkeit bleibe offen, und die Einzelheiten der Frage müßten genau geprüft werden. Vaillant: Ich bin einer Ansicht mit Jaures. Die Lage der Engländer erfordert, daß man Rücksicht auf sie nimmt. Das Bureau könnte veranlassen, daß die Erklärung dem Kongreß wenigstens bekanntgegeben wird. Huysmans: Das kann heute morgen bei der Berichterstattung über die Arbeitergesetzgelmng geschehen, ohne daß jedoch die Debatte darüber wieder aufgerollt wird. Branting: Ich bin im großen und ganzen mit Jaures und Vaillant einverstanden, nur erscheint es mir notwendig, im Bureau festzustellen, daß eine Entscheidung des Kongresses vorliegt, die nicht disqualifiziert werden darf. Die Engländer haben ja schon nach der Abstimmung sofort einen energischen Vorbehalt gemacht. HuySmans: England ist das einzige Land, aus dem ich keinen Bericht über diese Frage erhalten habe. Ich stimme nicht nur Jaures bei. was die Vorbereitung solcher Fragen betrifft, sondern ich möchte betonen, daß die einzelnen Sektionen auf die Auswahl der Delegierten, die sie in die Kommissionen senden, mehr Wert logen müssen, als bisher geschehen ist, und diese Frage nicht dem Zufall überlassen dürfen. Troclstra ist einverstanden mit dem Vorschlage Brantings. Jaures: Es ist nötig, daß das Bureau für jede große Frage, die auf der Tagesordnung des nächsten Kongresses steht, Kom- Missionen bildet, die verpflichtet werden, für die Debatte fertige Berichte vorzulegen. Was die englische Angelegenheit betrifft, so darf natürlich in keiner Weise die Entscheidung der Internationale disqualifiziert werden. Aber ich glaube, daß das nicht geschieht, wenn die Internationale erklärt, daß die Frage der Arbeitslosigkeit eine außerordentlich schwierige ist, die einem unausgesetzten Stu- dium offenbleiben muß. Rosa Luxemburg: Wenn ich Branting richtig verstanden habe, so möchte er vor allem verhindern, daß ein Präzedenzfall geschaffen wird, daß also die Erklärung der Engländer den Charakter eines Ausnahmefalles erhalten würde. HuySmans teil, mit: Die sozialistischen Delegierten Frank- teichs und Spaniens auf dem Äopenhagener Kongreß schlagcy ge- «einschaftlich folgende Resolution vor: Indem der Kongreß an die vom Stuttgarter Kongreß mt genommene Entscheidung erinnert, welche die spanischen Unter nehmungen in Marokko betrifft, in Erwägung ferner, daß die französischen Sozialisten gegen die Uebergriffe gewisser Generale auf marokkanischem Territorium protestieren mußten und daß von spanischer Seite militärische Vorbereitungen für einen neuen Feldzug getroffen werden, daß die den Völkern auferlegten Lasten infolge der kapitalistischen Wirtschaftspolitik stetig wachsen, fordert der Kongreß die sozialistischen Parteien aller Länder und besonders die Frankreichs und Spaniens auf, die energische Aktion, welche von den sozialistischen Parteien beider Länder gemeinsam unternommen und durch das Vorgehen der Revolu- tionäre in Barcelona und anderen Städten verstärkt wurde, zu unterstützen und sich aufs allerschärfste einem neuen Feldzug zu widersetzen. Ort des nächsten Kongresses. Adler-Wien: Ich bin von der österreichischen Delegation be- auftragt, das Bureau einzuladen, als Ort des nächsten Kongresses Wien zu bestimmen. Wir haben in unserem Lande noch keinen internationalen Sozialistcnkongreß gehabt. Was den Zeitpunkt des nächsten Kongresses anlangt, möchte ich bemerken, daß im Jahre 1013 bei uns die Wahlen stattfinden werden. Es wäre eine Er- leichterung für uns, wenn der Kongreß auf das Jahr 1014 ver- legt würde. Dadurch würde gleichzeitig das 25jährige Jubiläum des Pariser Kongresses begangen werben können. Wenn das Bureau jedoch beschließt: im Jahre 1013 die Tagung abzuhalten, dann werden wir natürlich auch in diesem Jahre unser Bestes tun. Baillant-Frankreich: Ursprünglich hat der Kongreß alle zwei Jahre stattgefunden: Für uns Franzosen war es eine Ent- täuschung, als die dreijährige Pause festgesetzt wurde. Eine weitere Verschiebung ist für uns unannehmbar. Branting-Schweden: Ich bin beauftragt mitzuteilen, daß die skandinavischen Delegierten beschlossen haben, sich für die Ver fchiebung des Kongresses auszusprechen und denselben, wenn nwg lich, nur alle fünf Jahre abzuhalten. Einstweilen würde sich empfehlen, den Adlerschen Vorschlag anzunehmen. Auch muß untersucht werden, ob es möglich ist, die große Teilnehmerzahl der einzelnen Nationen, die heute in keinem Verhältnis zur ge- leisteten Arbeit steht, zu verringern. Man könnte sich darüber in einer späteren Sitzung des Bureaus verständigen. Ebert-Deutschland: Im Namen der deutschen Delegierten spreche ich mich für das Jahr 1914 aus. Wir können ja dazu auch beschließen, es dem Bureau zu überlassen, den Kongreß einzu- berufen, wenn es notwendig sein würde. Auch der Anregung Brantings auf Beschränkung der Teilnehmerzahl stimme ich zu, da die ganze Maschine dadurch beweglicher werden würde. Bandervelde-Belgien: Ich bin mit Branting im Prinzip ein- verstanden. Aber die Frage kann jetzt nicht geregelt werden. Ich bin mit den französischen Genossen gegen eine Verschiebung des Kongresses. Dan Jrving-England spricht ebenfalls dagegen. Baillant-Frankreich: Im Einverständnis mit den englischen und belgischen Genossen bin ich für die Aufrechterhaltung des Jahres 1913 für die Tagung des nächsten Kongresses. Die Be- schränkung der Delegierten lasse sich durchführen. Moor-Bern spricht sich gegen eine Verschiebung des intev nationalen Kongresses aus. Adler-Wien: Wir glaubten, da die Skandinavier und Hol ländcr die Verlängerung der Zeit, die zwischen zwei Kongressen liegt, wünschten, einen Vermittelungsantrag gemacht zu haben. Da wir aber sehen, daß dieser Bermittelungsvorschlag so intcr pretiert werden könnte, als ob wir gegen das öftere Zusammen� treten der internationalen Kongresse seien, ziehen wir unseren Antrag zurück. Ich betone, daß die deutsch-österreichischen Dele gierten im Einverständnis mit den Polen und Tschechen die Ein- ladung ausgesprochen haben. Ich hoffe, daß der Kongreß in drei Jahren eine völlig einige Partei in Oesterreich treffen wird. Hierauf beschließt das Bureau, den nächsten internationalen Sozialistenkongrcß im Jahre 1913 in Wien abzuhalten. Jugendorganisation. Folgender Antrag, der von Adler und Eberl unterzeichnet ist, wird angenommen: „Das Internationale Sozialistische Bureau erklärt sich mit der Angliederung des Bureaus der sozialistischen Jugendorgani- sation in Wien an das Internationale Sozialistische Bureau einverstanden und beauftragt die Vertretungen der Landes- Jugend-Organisationen, in dieser Angelegenheit rechtzeitig Vor- schlage zu unterbreiten, so daß darüber in der nächsten Sitzung des Bureaus verhandelt werden kann." Das Bureau vertagt sich hierauf auf 3 Uhr nachmittags. 8. Internationaler Soziaiiitiicher Schluß der Frcitagzsitzuug. Kopenhagen, 2. September. Die Einheit der Gewerkschaftsbewegung und der tschechische Streit. Im Auftrage der Kommission berichtet Plechanoff-Rußland: In der Kommission standen sich zwei Auffassungen gegenüber: die tschcchoslawische und die aller andern Mitglieder der Kommission. Die Hauptzüge des Gegensatzes sind folgende: die Tschechoslawen verlangen das uneingeschränkte Recht über ihre eigenen politischen und gewerkschaftlichen Organisa- tionen. Die Ausübung dieses Rechtes sei ihnen dadurch crschivert, daß ihre Parteiorganisation national und autonom, die Ge- Werkschaftsorganisation aber international ist. Die Tschechen vertreten den Standpunkt, daß ihre Partei nicht in der Lage sei, das Selbstbestimmungsrecht über ihre Gctverkschaftsorganisationen auszuüben und daß sie daher in die Notwendigkeit versetzt wären, sie selbständig zu organisieren, wie schon ihre politische Bewegung selbständig organisiert ist. Den anderen Standpunkt vertreten die Oesterreicher. Sie wiesen daraufhin, daß Oesterreich abgesehen von den kleineren Nationen 8 größere Nationen umfaßt. Wenn dort das Prinzip der gewerkschaftlichen Organisation nach Nationen-, durchgeführt werden sollte, so müßte man mindestens 8 verschiedene Gcwerk- schaften jeder Jnduftricgruppe haben. Dabei würden sich diese Gewerkschaften nicht auf örtlich abgegrenzte Gegenden beschränken, sondern, da die österreichischen Völker in bezug auf den Wohnort untereinander vermischt sind, und eine ständige und lebhafte Fluktuation namentlich der Arbeiter der verschiedenen Nationali- täten stattfindet, würden sich in den verschiedenen großen In- dustriebczirken 8 verschiedene nationale Gewerkschaften bilden müssen, wenn die tschechische Idee durchgeführt werden sollte. Das käme wirklich einem Selbstmord der gewerkschaftlichen Organ!» sationen gleich. Aus diesem Grunde glauben die österreichischen Genossen, daß die Gewerkschaften international sein müssen, daß sie nicht auf der Grundlage der Nationalität, sondern auf der des einheitlichen Wirtschaftsgebietes stehen müssen. Das sei um so notwendiger, als sich die Arbeitgeberorganisationen immer enger Mb enger zusammenschließen und die Verschärfung deS gewer!» fchaftlichen Kampfes mit Notwendigkeit den immer engeren Zu- sammenschluß der Arbeiter fordere. Die eigentümliche Situation war dabei, daß beide Teile sich auf die Stuttgarter Resolution beriefen, die Tschechen, weil sie die enge Verbindung von Partei und Geüverkschaften empfehle und darum die Gewerkschaften ebenso national autonom sein müßten wie die Partei, die Oesterreicher, weil der wichtigste Teil der Stuttgarter Resolution ausdrücklich und nachdrücklich betone, daß die enge Verbindung zwischen Partei und Gewerkschaften sich nicht auf Kosten der gewerkschaftlichen Einigkeit vollziehen dürfe. Die Stuttgarter Resolution hat in der Tat diesen letzten Sinn, wie Genosse Beer, der diesen Passus verfaßt hat, ausdrücklich be- stätigt hat. Die österreichischen Genossen haben ferner darauf Gewicht gelegt, daß es sich nicht um den Konflikt eines Teils der Tschechoslawen mit den internationalen Gewerkschaften handelt. In der Kommission hat denn auch ein polnischer Vertreter der Gewerkschaften erklärt, daß die anderen österreichischen Nationen in den Gewerkschaften vollständig den Standpunkt der deutschen Genossen teilen, und mit der NcichSkommission der Gewerkschaften Oesterreichs auf dem Boden der internationalen Gewerkschaften stünden. Diesem Standpunkt haben sich prinzipiell die Vertreter aller Nationen angeschlossen. Die Franzosen haben kleine Vorbehalte gemacht, die mit der Streitfrage selbst nichts zu tun haben, sondern sich nur darauf beziehen, daß sie ausdrücklich die Stuttgarter Rc» solution über die Einigkeit von Partei und Getverkschaften be- stätigen wollten. In der Grundfrage selbst war sich die ganze Kommission einig und es wird kaum ein anderes Beispiel einer solchen Einmütigkeit der Auffassung in der Internationale geben. (Lebh. Beifall.) Die Kommission hat die Frage mit aller Ge« wissenhaftigkeit gründlich geprüft und die Interessen der gesamten Arbeiterbewegung gründlich ins Auge gefaßt. Die Kommission hatte ganz allgemein den Eindruck, daß die nationale Zcrsplitte- rung der Gewerkschaften ihren Selbstmord bedeuten würde. Selbst in Deutschland müßten dann neben den deutschen auch polnische. dänische/ französische, italienische und ruthenische Gewerkschaften bestehen, und Rußland hätte nicht 5, oder 8, wie in Oesterreich, sondern viele Dutzende von gewerkschaftlichen Nationalitäten. Solche Situation wäre eine Unmöglichkeit. Die Wirkung der Durch- führung dieser Beschlüsse würde ganz Osteuropa aufs schwerste treffen. Das ist besonders wichtig deshalb, weil, wie das Kapital vom Westen nach Osten wandert, eine fortgesetzte Auswanderung der Arbeitskräfte von Osten nach Westen stattfindet, und somit die tschechische Zersplitterung auf alle Länder übertragen werden würde. Das gäbe ein wahres Tohuwabohu und eS wäre den ge- wcrkschaftlichen Organisationen unmöglich, weiter zu kämpfen. Die Nation als Grundlage der Gewerkschaftsbewegung kann nicht ein ethnischer, sondern nur ein politischer Begriff sein. Dabei würde aber nicht herauskommen, was die tschechischen Genossen wollen, sondern wiederum, was die Neichskommission beantragt, die einheitliche Gewerkschaftsorganisation für den ganzen Staat. (Beifall.) Als Erkenntnis der Kommissionsberatungen ist noch- mals festzustellen, daß mit Ausnahme der Tschechen einstimmig als Grundlage der gewerkschaftlichen Organisationen nicht die Rasseneinheit, sondern die Einheit des wirtschaftlichen und Staats» gebicts proklamiert wurde. In diesem Sinne wurde die Resolu- tion der Reichskommissim, angenommen und ich bitte den Kongreß mit derselben Einmütigkeit zuzustimmen. Als Korreferent erhält das Wort: Rcmcc-Prag: Zum ersten Male stehen die tschechischen Sozialdemokraten als Angeklagte vor dem Forum der Internationale. Man hat zwar gesagt, es handele sich nicht um eine Anklage, sondern bloß um die strittige Auslegung der Stuttgarter Resolution. Aber wir haben auf internationalen Kongressen schon sehr viele Resolutionen gefaßt, und niemals ist so ungestüm ihre Auslegung umstritten und be- trieben worden, wie in diesem Falle. Die Maifeierresolution wird z, B. gar nicht mehr eingehalten und kein Mensch fragt danach. (Lebhafte Zustimmung.) Niemand wird zur Verantwortung ge- zogen, wie es jetzt bei uns geschieht. Es handelt sich eben bei dem Borgchen gegen uns um etwas ganz anderes. Im Bureau hat einer der Genossen auf die Frage, was jetzt auf die Tagesordnung käme, gesagt, die böhmische Frage. Aber das ist nicht richtig. Zur Debatte steht eigentlich die Frage der Beziehungen der Jnternatio- nale zur Nationalität. Das ist der Untergrund des Problems, ist die eigentliche Frage, um die es sich handelt. Man macht den Ver» such, das Wort„national" mit dem Worte„nationalistisch" zu idcn- tisizieren, und dann das Wort„Nation" in einen Gegensatz zur Internationale zu bringen. So kann aber die Internationale nicht ausgelegt werden, so darf sie nicht ausgelegt werden, daß sie in einem Gegensatz stünde zu den Lebensbedürfnissen der Nationen, zu den Lebensbedürfnissen der Arbeiter der einzelnen Völker. Wenn Sie sich die Stuttgarter Resolution näher ansehen, so zeigt Ihnen schon die Uebcrschrift, daß es sich um etwas weit Wichtigeres hau- delte, als um die bloße Form der Organisation, nämlich um die Beziehungen zwischen der politischen Partei und den Gewerkschaften. Die Resolution forderte, daß die Sozialdemokratie und die Gewerk- schaften aller Nationen einmütig vorgehen sollten. Das ist unbc- dingt ausgesprochen, nur bedingt ist die Einheitlichkeit der GeWerk- chastsbewegung hinzugefügt. Jetzt fordert man die unbedingte Einheitlichkeit der Gewerkschaften in jedem Staatsgebiet, und klagt uns wegen eines Verbrechens an, das wir gar nicht begehen konnten» weil ein solches Gesetz bisher gar nicht bestand. Wollten Sic folge- richtig handeln, müßten Sie zunächst die Stuttgarter Resolution ändern. Gibt es denn in den anderen Ländern überall nur eine Gewerkschaftszentrale? Gibt es nur eine Gewerkschaftszentrale in den Vereinigten Staaten, in Belgien, in Frankreich?(Zurufe bei den Franzosen und Belgiern: Jawohl.) Eine einheitliche Zcn- tralisation gibt eö dort nicht.(Zurufe: Doch, doch!) Die Einheit- lichkeit in Oesterreich wäre schwer durchzuführen, aber ihre not- wendige Voraussetzung wäre die vollkommene Neutralisicrung der Wiener Gewerkschaftskommission, die ganz und gar unabhängig von all dem werden müßte, womit sie heute zusammenhängt. Sic dürfte keinerlei Beziehungen mehr zu einer politischen Organisation. haben.(Lebhafter Widerspruch bei den Oesterreichern.) Die heutige Wiener Gcwerkschaftskommission ist weit davon entfernt, international oder neutral zu sein. Wenn behauptet wird, daß wir die Zersplitterung in jedem Betrieb haben und dadurch Selbst- mord an den Arbeiterorganisationen verüben wollten, so ist das nicht unser Wunsch und unser Wille. Das ist nur ein Vorwand, den man vorgeschoben hat. um zu beweisen, wie schlecht unser Vorgehen ist.(Zuruf: Das ist die notwendige Folge Eures Vorgehens!} Gewiß schließen sich die Unternehmer in Verbänden zusammen; aber auch wir wollen uns in Verbänden zusammenschließen, gerade so wie sie.(Gelächter.) Wir haben doch auch noch in Oesterreich Or- ganisationen, die keine Reichsvereine bilden und doch zusammen- geschlossen sind, wie die Buchdrucker und Eisenbahner. Alle Achtung vor den Worten des Kommunistischen Manifests. Aber Marx hat dabei schwerlich an die heutige Form der Gewerkschaftsbewegung gedacht. Unter der Vereinigung der Proletarier aller Länder hat er gewiß die Nationen verstanden. Weder das Beispiel Rußlands noch das Englands noch das der Schweiz paßt auf unsere Verhält- nisse. Jene Völker haben niemals staatliche Selbständigkeit bc» essen und kämpfen auch nicht dafür wie wir Böhmen.(Heiterkeit.) Wir haben schon lange den Bruch mit allen bürgerlichen nationa- listischen Parteien vollkommen durchgeführt. Wir müssen aber doch den tschechischen Arbeitern sagen, was wir eigentlich wollen, und da tehcn wir ganz auf dem Boden des Brünner Programms für die Erringung eines Nationalitäten-BundcSstaats in Oesterreich.(Zu» ruf: Politisch.) Gewiß politisch, aber wir müssen doch unsere Organisationen diesen Bestrebungen anpassen. Auch die kleinere» Nationen müssen in der Internationale ihr Recht finden. Es ES geht nicht an, daß man die Stuttgarter Resolution im Sinne der österreichischen Genossen auslegt; ihnen selbst würde das am schlechtesten bekommen. Sie müßten ja folgerichtig die Finnen jetzt, wo sie ihre nationale Selbständigkeit verloren haben, zwingen, sich der russischen Gewerkschaftsbewegung anzuschließen. Niemand hat den Beweis dafür erbracht, daß wir jemals etwas gegen die Internationale unternommen hätten. Die Stuttgarter Resolution proklamiert die Einheitlichkeit der 8 Millionen organisierter Prole- tarier in Partei und Gewerkschaft. Die Formen, in denen diese Einheit verwirklicht wird, sind ganz nebensächlich. Die Jnter- nationale des Proletariats muß Schutz gewähren und freie Ent- Wickelung bieten, nicht nur jedem Individuum, sondern auch jeder Nation. Unser wirtschaftliches Ziel, die Sozialisicrung der Pro- duktion, darf nicht unser politisches Ziel, das Selbstbestimmungs- recht der Völker und Individuen, verschlingen. Es ist besser, daß die Tschechen sich stramm organisieren, als daß Sie uns einen Boden vorschreiben, auf dem wir nicht gedeihen können. Das tschechische Proletariat hat mit seinem Blut den Beweis erbracht, daß es treu und fest zur Internationale steht, und deswegen kann uns dieser Kongreß nicht als Verräter an der Internationale brandmarken. Ein solcher Beschluß wäre ungerecht, würde unsere Aktion lähmen, unsere Stoßkraft vernichten. Wir wissen, welch ernste Folgen es haben muß, wenn wir als Verräter in die Heimat zurückkehren. Die Zusätze, die Sie zur Resolution der Reichs- kommission beschlossen haben, beweisen, daß Sie selbst das Gefühl haben, daß etwas anderes geschehen mutz als die bloße Ver- urteilung. Sie können nicht eine an die Internationale ange- schlosscne Sozialdemokratie bloß deswegen verurteilen, weil sie anderer Ansicht ist über eine Organisationsform, sonst aber in den Grundprinzipien des Sozialismus und in der proletarischen Taktik vollkommen einig ist mit dem Proletariat der ganzen Welt.(Bei- fall bei den Tschechen.) Ein Schlußantrag von Brucköre-Belgien wird auf dringenden Wunsch des Vorsitzenden zurückgezogen. Wir dürfen auch nicht den Schein erwecken, als sollte die Minorität unterdrückt werden. Jura(Tscheche, Zentralist): Ich bin hier als Vertreter der tschechischen Delegierten, die hier in ihrer Nationalität in der Minder- heit sind, in Wirklichkeit aber in Böhmen, Mähren und Schlesien die Mehrheit der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter hinter sich haben.(Beifall; Widerspruch der Tschechen. Ruf: Er lügt!) Branting: Solche Beschimpfungen sind unter Genossen nicht am Platze. Ich bitte, die Würde des Kongresses nicht zu ver- letzen.(Beifall.) Jura(fortfahrend): ES ist unrichtig, hier von einem Streit zwischen Deutschen und Tschechen zu reden. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Streit unter der gesamten Arbeiterschaft selbst. Je einheitlicher die Gewerkschaftsorganisation ist, desto besser kann sie gegen die Unternehmer kämpfen.(Bravo I) Gegen den Kapitalismus brauchen wir aber nicht bloß eine einheitliche Organisation, sondern auch einheitliche Geldmittel, die nur eine Zentralisation liefern kann. Die 40 000 tschecho-slawischcn Arbeiter in der separatistischen Organisation sind den Zentralorganisationen genommen worden. Die Neugründung hat durchaus nicht etwa bisher unorganisierte Arbeiter herangezogen. Die tschechischen Ar- beiter sollten nicht unter sich, Genossen gegen Genossen, sondern gegen die Unternehmer fechten.(Bravo I) Der Korreferent hat mir gesagt, daß in England und Belgien verschiedene Gewerkschafts- organisationen nebeneinander bestünden, die nicht in einer Zentrale vereint seien. Ich frage ihn: Waren die englischen Gewerkschaften etwa früher einig und haben dann die Einigkeit zerschlagen? (Sehr gutl) Oder wollen Sie nicht jetzt die vollständige Einigkeit?(Beifall.) Es ist ganz falsch, wenn behauptet wird. daß die tschechische Arbeiterschaft ftlbst die nationale Autonomie ihrer Gewerkschaften verlangt habe. Nicht die Arbeiterschaft hat dies Verlangen zuerst aufgestellt, sondern einzelne Genossen, Redakteure. Männer der Parteileitung. Jahrelang haben sie in den Blättern für die Autonomie geschrieben, dadurch erst sind die Genossen bewogen worden, aus der Zentralorganisation auszutreten. Unsere 2 Stimmen werden wir für die Resolution der Reichskommission abgeben.(Leb- hafter Beifall.) Schaschck(Tscheche. Separatist) macht darauf aufmerksam, baß zwischen dem deutschen und dem französischen Text früherer Kongretzbeschlüsse über die Gewerkschaften Verschiedenheiten be- stehen und legt den französischen Text dieser Beschlüsse für feine Ausführungen zu Grunde. Er sucht daraus nachzuweisen. daß in den Beschlüssen der Internationalen Kongresse zu London 1896, von Paris 1389 und von Zürich beständig die Forderung ausgesprochen sei, die Gewerkschaften sollten nattonal organisiert sein. Die Beschlüsse der Internationale gewährleisten uns also unser Recht. Sie haben ja die Macht, uns niederzustimmen, aber das moralische Recht ist auf unserer Seite. Wir gehen von diesem Kongreß nicht als Besiegte, mit der Zuverficht, daß wir unsere Sache nicht verloren haben. In der Debatte ist indirekt zu uns gesagt worden: Ihr seid Verräter.(Lebhafter Widerspruch.) Verräter an der Arbeiterschaft würden wir erst in dem Augenblick werden, wenn wir den Weg einschlagen wollten, zu dem Sie uns zwingen wollen. Wir werden auf unserem Wege weiterarbeiten, bis sich unter den Parteigenossen der Internationale eine bessere Anschauung bildet und unsere Ansicht Ihre Zustimmung und Ihr Einverständnis findet.(Bravo I bei den Tschechen.) Vorsitzender Branting: AIS Vorsitzender der zweiten Kommission stelle ich fest, daß das Wort Verräter von einem nicht zur Kom- miision gehörenden Mitglied der Internationale als scharfer AuS- druck, aber nicht in beleidigendem Sinne gebraucht worden ist. Greulich-Schweiz(mit stürmischem Beifall begrüßt): Daß ich zu dieser Frage das Wort ergreife, hat mehrere Gründe, einmal bin ich feit mehr als vier Jahrzehnten gewerkschaftlicher Organisator, und zweitens bin ich Delegierter eines Landes, in dem mehrere Nationa- litäten und Sprachen nebeneinander bestehen. Ich verstehe also auch etwas von der Nationalitätenfrage. Ich bin endlich am Streit persönlich unbeteiligt. Und da sage ich: ich glaube, es ist ein Irrtum, wenn mein lieber Freund Nemec sagt, daß es sich hier um Anklage und Verurteilung handelt. ES handelt sich nur um die Interpretation der Beschlüsse deS Jnter- nationalen Sozialistenkongresses, nicht um eine Verurteilung, sondern um einen Schiedsspruch zwischen zwei streitenden Parteien.(Lebhafte Zustimmung.) Es hat mir Leid getan, wenn hier mehrere Genossen mit wahren Wundern von Rabulistik einen Standpunkt vertreten haben, der von einem Gewerkschaftler und Sozialdemokraten nicht vertreten werden kann.(Stürmischer Beifall.) Man hat die Autonomie der Nationalitäten hervorgezogen. Vor bald fünfzig Jahren, als der polnische Aufstand von 1868 war. bin ich für das Recht der Narionalität eingetreten, ihre Selbständigkeit und ihr kulturelles Leben zu verteidigen. Wenn es sich bei den Tschechen darum handelte, würde ich energisch für sie eintreten.(Zurufe: Wir alle I Lachen bei den Tschechen.) Aber in der GewerkschaftSftaae handelt eS sich um etwas ganz anderes(Sehr wahr I>. um die Lebensbedürfnisse deS Proletariats, und dieses Lebensbedürfnis ist präzis da» gleiche, ob der arme Teufel ein Tscheche oder ein Deutscher ist.(«türmischer, lang- anhaltender Beifall.) Die Beschlüsse der internationalen Kongresse von Zürich usw.. die hier verlesen worden sind, sind doch nur auf- zufassen unter dem Gesichtspunkt, daß man etwa, Vernünftiges be- schlössen hat.(Große Heiterkeit und Beifall) Gehen Sie einmal Mit herüber nach Amerika. Ich habe Ihre LandSleute den tfchech.ichen Quartieren New UorkS und Chicagos besucht, wo n® thre Muttersprache auch hochhalten. Aber sie lassen es sich nicht tm Traume einfallen, selbständige tschechische Gewerkschaften zu stründen.(Leb- hafter Beifall.) Nicht als Tschechen, sondern alS Arbeiter suchen sie ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Ich habe in dem uns vorgelegten Bericht der tschechoslawischen Gewerkichaft<-komn,li>ion und der tschechoslawischen Sozialdemolratie Oesterreichs mit Entsetzen bemerlt, daß 39 unabhängige tschechische Gewerkschaften existieren. Da hört der gewerkschaftliche Spaß aufl Bei der eigen- «rtigen Bölkermischung in Oesterreich sitzen die Natlonalllaten nur zum Teil in bestimmten geschlossenen Gebieten,, die fie ausschließlich bewohnen. In der Regel wohnt der tschechische Bruder nebe» dem deutschen Bruder, geht neben ihm in die Fabrik und wird mit ihm ausgebeutet.(Stürmischer Beifall.) Wenn nun der eine Hunger hat und geht mit seinem Verband zum Fabrikanten und fordert besseren Lohn, der andere aber macht nicht mit. dann hungert der Arbeiter weiter und der Fabrikant lacht.(Lebhafter wiederholter Beifall.) Wir sind noch lange nicht auf der Höhe der gewerkschaftlichen Organisation.(Sehr wahr!) Wir sind noch immer beim Suchen nach der besten Organisationsform und unser alter Lehr- meister England ist mit seinen vielen Fachverbände» vielleicht am meisten zurückgeblieben.(Zustimmung.) Auf dem Festlande breiten sich die großen Jndustrieverbände.die gelernte und ungelernte Arbeiter umfassen, immer mehr aus. Aber auch hier haben wir noch Grenzstreitigkeiten, die auch ohne nationale Differenzen die Gewerkschaftsbewegung schwer schädigen. Wer gewerkschaftlich ernst denkt, kann keinen Augenblick im Zweifel sein, daß eine Scheidung der Gewerkschaftsbewegung unter allen Umständen zu Reibungen und Schädigungen führt. Wenn daher der Kongreß in seiner Resolution ausipricht: Liebe Freunde. Ihr seid auf dem Holzweg I Ihr nützt nichts, Ihr schadet nur, geht in Euch und tut den unbesonnenen Schritt zurück I, so solltet Ihr tschechischen Genossen dieser Mahnung folgen I(Slür- mischer, langanhaltender, oft wiederholter Beifall.) Dr. Adler-Wien: Ich werde nicht reden, Parteigenossen. Ich glaube, die Frage ist genügend klar, so klar, daß ich, daß auch unsere tschechischen Genossen, mit denen wir verschiedener Ansicht sind, erkennen müssen: hier handelt es sich nicht um eine Verurteilung, sondern darum, daß Sie sich davon überzeugen, daß in dieser Lebensfrage des österreichischen Proletariats die ganze Internationale auf dem Boden der Einheit der Gewerkschaftsbewegung steht.(Stürmischer Beifall.) Wir haben diese Meinungsäußerung deS Kongreffes_ herbeigeführt, nicht um unS von unseren tschechischen Genossen, mit denen wir Jahrzehnte gemeinsam gekämpft haben, schon zu einer Zeit gekämpft haben, wo:hr Blut sich mit unserem Blut vermischte, nicht um uns von ihnen zu trennen, sondern um uns zum besten des öfter- reichischen Proletarials mit ihnen zu vereinigen.(Lebhafter Beifall.) Wir wollen nicht, daß sie als die Gekränkten diesen Kongreß ver- lassen, sondern als die Ueberzeugten. Sollte der nächste Kongreß in Wien sein, so hoffen wir, ihm das Schauspiel der Einheit der gesamten österreichischen Arbeiterbewegung bieten zu können. (Stürmischer Beifall.) Es folgen die Schlußworte der Referenten. Plechanow: Nemec hatte Unrecht, als er von einer Tendenz zur Verurteilung der Tschechen sprach und behauptete, daß die Belgier ihr Amendement nur deshalb eingebracht hätten, um diese Tendenz abzuschwächen. Diese Darstellung ist schief, da« Amendement trägt die Unterschriften de Broucksre, Karski, Plechanow und Adler und ist einstimmig angenommen worden. Wir glauben, daß die Tschechen im Irrtum sind und wollen sie überzeugen. Nicht am Platze war der Versuch SchaschckS, wieder mit einem Wortspiel zu operiere» und das Wort„Nation" dazu zu benutzen. Es ist llar, daß in den Beschlüssen der Internationalen Kongresse das Wort„Nation" mit dem Worte„Staat" sich deckt. Derselbe Redner meinte weiter, moralisch seien sie im Recht. Wenn die Tschechen durchaus auf dem Wege bleiben wollen, den sie jetzt be- treten haben, so haben wir ja keine Zwangsmittel dagegen. Wir haben keine Kanonen, wir haben keine Bajonette, aber wir verfügen über eine größere Macht, über eine moralische Macht, über die Meinung der Internationale, der keine Macht widerstehen kann.(Lebhafter Beifall.) Wenn die� Tschechen dagegen rebellieren wollen, dann wird das tschechische Proletariat sich selbst gegen ihre Taktik auflehnen. Wir haben uns geftcnt, von einem tschechischen Proletarier hier zu hören, daß ein großer Teil seiner Landsleute nichts mitmacht und daß er und seine Genossen, die hier die Minorität in ihrer Sektion sind, die Mehrheit der tschechischen Arbeiter hinter sich haben. Mit diesem Teil der Tschechen stimmt die Internationale vollständig überein. Wenn Sie sich dagegen auflehnen und ihre Beschlüsse mit Füßen treten, so wird dieser Teil der tschechischen Arbeiter, der nichts von autonomen Gewerkschaften wissen will, beständig wachsen. Diese Entwickelung ist unvermeidlich, denn das Klassenbewußtsein wächst vermöge der ökonomischen Entwickelung von selber.(Lebhafter Beifall.) Korreferent Nemec: Es wird hier der Versuch unternommen, nachzuweisen, daß wir nur eine Minorität der tschechischen Gewerk- schaftcn darstellen. Das ist nicht wahr. Genossen, das konstatiere ich. Genosse Greulich behauptete, wir hätten mit Rabulistik unsere Angelegenheiten verfochten. Ich weiß nicht,... wir haben Argu- menten Argumente entgegengesetzt. Wenn das Rabulistik heißt, so werden auf dem nächsten Kongreß nur diejenigen nicht Rabulisten heißen, die der Ansicht der Mehrheit sind. Genosse Adler sagt, wir wollen ja keine Verurteilung. Nun ja, wir wissen schon, daß wir hier nicht justifiziert werden können. Aber bitte, lesen Sie die Be- gründung der Resolution und halten Sie sich vor Augen, was man unS alles gesagt hat auf diesem Kongreß, dann werden Sie finden, daß es einer Verurteilung sehr nahe kommt. Nun sagt Dr. Adler. wir wollen die Einheit herbeiführen. Ja. wenn man die Jntro- duktion zu dieser Einheit in dieser Weise bewerkstelligt, dann behält man niemand, denn dann heißt es zu schweigen und zu dienen. Dazu geben wir uns nicht her. Ich habe mich durchaus nicht au das Amendement der belgischen Genossen berufen, um daraus au eine Tendenz des Kongresses, uns zu verurteilen, zu schließen. Ick habe nur gesagt, auch die belgischen Genossen sind der gleichen Aw ficht wie wir, daß nämlich die Sache noch untersucht werden muß. Genosse Plechanow hat zum Schluß vom Klassenbewußtsein ge- sprachen. Ich möchte nur eines wünschen, daß in allen Ländern und Staaten das Proletariat so vom Klassenbewußtsein durch- drungen, so treu der Internationale und so einig wäre, wie es die tschechische Arbeiterschaft ist.(Stürmischer Beifall der Tschechen.) Wir halten fest an der Solidarität, wir wollen sie weiter halten, aber nur unter solchen Bedingungen, die uns eine Entwickelung ermöglichen, nicht aber unsere Stroßkraft lähmen. Das wollen wir, weiter nichts. Wollten wir tun, was die deutschen Genossen von uns verlangen, dann mühten wir in die Liquidation unserer Partei eintreten. Wir könnten nicht mehr existieren, wir müßten uns auf- lösen. Das werden Sie nicht verlangen und das werden wir nicht tun.(Stürmischer Beifall der Tschechen.) Damit s ch l i e ß t d i e D e b a t t e. Der Antrag der Tschechen auf Vertagung der Frage und Untersuchung durch das Jnternatio- nale Bureau wird gegen ein Dutzend Stimmen abge- lehnt. Ueber den Antrag der Kommission wird nations- weise abgestimmt. Alle Nationen mit 222 Stimmen stimmen dafür, darunter sind auch die 2 Strmmen der tschechischen Minorität. Dagegen werden die fünf Stimmen der tschechischen Mehrheit abge ge b e n. 7 Stimmen enthalten sich, und zwar: S von Finnland(3 waren dafür abgegeben) und 2 von Türkei» Arme- nie n. Das Ergebnis der Abstimmung wird mit lebhaftem Beifall begrüßt. • Berichtigung! In der Donnerstag-Nummer des„Vorwärts" ist in dem Bericht über die Sitzung der ersten Kommisston(Ge- nossenschaftswesen) der Name deS ersten Redners v. Elm aus- gefallen und dafür Karpeles, dessen Name das erste Wort in der Wiedergabe der Elmschen Rede war. als Redner genannt. 4. Plenarsitzung. Kopenhagen, 3. September. Den Vorsitz führt I e p p e sen. Norwegen. Er eröffnet die Sitzung um 10� Uhr und erteilt daS Wort zum Bericht der 2. Kommission(Gewerkschaftskommission) über die Frage der Betätigung der internationalen Solidarität bcm_ Vorsitzenden der Schweizer Generalkommission der Gewerk- schaften Hugler.— Hierzu liegt die von der Kommission ein- stimmig angenommene Resolution der Schwedischen Arbeiterpartei, die in Erinnerung an die Traditionen seit den Tagen der ersten Internationale die Arbeiter auffordert, wenn ein Kampf mit dem Kapital solche Dimensionen angenommen hat, daß die Arbeite» I schaft eines Landes aus eigener Kraft ihn nicht mehr durch- 'führen kann, die Pflicht der Arbeitersolidarität durch die Tat zu erfüllen. Die zweckmäßigsten Formen dieser internationalen Ar- beitersolidarität näher zu untersuchen und festzulegen, soll den Gewerkschaften der. Internationale überlassen bleiben. Weiter liegt hierzu vor ein Antrag Belgiens, der in sehr eingehenden Einzelanweisxmgen Regeln für die Unterstützung großer gewerkschaftlicher Kämpfe durch das Internationale Bureau aufstellt. Hugler führte aus: Der Kommission haben in der Hauptsache zwei Re- solutionen vorgelegen, eine der schwedischen und eine der deutschen Genossen. Beim letzten schwedischen Generalstreik haben sich die schwedischen Genossen an ihre Kameraden gewendet. An matc- rieller Unterstützung und an Sympathiekundgebungen der Ar- beiterschaft hat es auch nicht gefehlt. Wenn aber 300 000 Arbeiter auf der Straße liegen, so reicht eine moralische Unterstützung nicht aus, um sie zu ernähren(Sehr wahr), sondern es sind vor allem auch Geldmittel notwendig. In dieser Beziehung aber kam die Internationale Solidarität bei den einzelnen Nationen sehr verschieden zum Ausdruck. Die nordischen Länder, Norwegen, Dänemark, Finnland, und vor allem auch Deutschland machten geradezu übermenschliche Anstrengungen, ihren schioedischen Käme- raden hilfreich zur Seite zu stehen. Auch die ferner liegenden Länder zeigten schöne Resultate, dagegen mußte die Kommission konstatieren, daß andere Lander, vor allem Frankreich, Belgien und Großbritannien sich in einer Weise benommen haben, die schwer zu verstehen ist. Frankreich hat nur 7000 Kronen geschickt. Das ist auf i4 Million Mitglieder der Confederation du Travail sehr wenig, wenn man damit vergleicht, daß das klein« Norwegen über 300 000 Kronen, Finnland über 43 000 Kronen und die Schweiz etwa 60 000 Kronen nach Schweden geschickt hat(Beifall). Belgien hat zwar 60 000 Kronen geliefert, aber auch daS ist zu wenig im Verhältnis zu der Zahl der Organisierten. Nun sind aber von seiten Belgiens und Frankreichs in der Kommission Gründe vor- gebracht worden, die sich hören lassen. Die belgischen Genossen haben darauf aufmerksam gemacht, daß sie nach einer schweren Krise gerade selbst in einer großen Aussperrung verwickelt waren, die an ihre Kraft ungeheure Anforderungen stellte. Die französischen Kameraden haben auf die geringe materielle Leistungsfähigkeit der nach dem syndikalistischen Prinzip organisierten Gewerkschaften überhaupt hingewiesen, die sie nicht ohne weiteres umformen könnten. Man kann auch den Engländern zugeben, daß für sie praktische Gründe maßgebend waren, und daß ihre Statuten eine rasche Hilfe erschwerten. Aber in einer so außerordentlichen Situation, wo das ganze Unternehmertum eines Landes sich darauf versteift, der Arbeiterschaft die Organisierung unmöglich zu machen, muß sich ein Weg finden lassen, über alle Bedenken hin- aus Hilfe zu bringen(Lebh. Zustimmung). ES fällt uns nicht ein. den hier anwesenden englischen Delegierten auch nur den ge- ringsten Vorivurf zu machen. Die Resulotion hat vielmehr den Zweck, die englischen Delegierten aufzufordern, wenn sie nach England zurückgekehrt sind, ihren Landsleuten zu sagen, daß der Internationale sozialistische Kongreß nicht hat verstehen können, daß die englischen Gewerkschaften bei der internationalen HilkS- aktion für Schweden so sehr zurückgeblieben sind. Sie müssen die englische Arbeiterschaft zu überzeugen suchen, daß, wenn daS international organisierte Unternehmertum den Arbeitern eine» Landes die Koalierung unmöglich machen will oder die Möglichkeit der Verbesserung der Arbeitsverhältnisse verhindern will, wie es in Schweden geschehen ist, dann auch die englische Arbeiterschaft davon mit betroffen wird. Die Haltung der englischen Arbeiter- schaft beim schwedischen Kampf ist um so unverständlicher, weil bei früheren Anlässen, wenn die englischen Gewerkschaften ange« griffen waren, wie z. B. beim Kampf der Maschinenbauer ganz Europa sich angestrengt hat, den Engländern zu helfen. Deshalb müssen die Engländer die Pflicht der internationalen Solidarität den anderen Nationen gegenüber in gleicher Weise erfüllen. Wir hoffen, daß die englischen Delegierten in diesem Sinne wirken werden und daß künstig auch die englischen Arbeiter mitmachen. Bloße Resolutionen reichen nicht aus, unser soziales Ideal muß in Wirklichkeit umgesetzt werden(Sehr wohl). Mehr und mehr kommt der Moment, wo wir von der Arbeiterschaft vielleicht mehr verlangen müssen als bloß Geld, wo auch an die englische Ar. beiterschaft vielleicht Riesenforderungen gestellt werden müssen zur Unterstützung der kontinentalen Organisationen. Di« prakti- sche Regelung der Einzelheiten dieser Frage überlassen wir am besten der internationalen Gewerkschaftkonferenz. Wir können hier nicht in die Details eintreten, wie der belgische Antrag es verlangt. Wir müssen unS damit begnügen, allgemein Richtlinien aufzustellen. Deshalb haben wir mit einer kleinen, von den schwedischen Genossen selbst beantragten Aenderung zum 4. Ab- schnitt die Resolution der schwedischen Arbeiterpartei einstimmig gutgeheißen. Die Kommission war einstimmig der festen Ueber- zeugung, daß das BefretungSwerk der organisierten Arbeiterschaft der ganzen Welt nur gelöst werden kann, wenn die internationale Solidarität aufgehört hat, bloß Theorie zu sein, wenn auch die britischen Arbeiter und Gewerkschaften die Pflicht der inter- nationalen Solidarität voll erfüllen(Lebh. Beifall). Noch ein Wort zur belgischen Resolution, die mit Ausnahme der belgischen Genossen, die ein imperatives Mandat hatten, ebenso einmütig abgelehnt worden ist, wie wir die schwedische angenommen haben. ES handelt sich dä um eine Frage, die die gewerkschaftliche Jnter- nationale zu regeln hat. Die belgischen Genossen h->ben nun aber erklärt, daß sie vor allem auch die Unterstützung politischer Flucht- linge im Auge behalten, weil Belgien ganz besonders von den flüchtigen russischen Revolutionären stark in Anspruch genommen würde. DaS trifft aber auf alle Länder zu und eS müßte dann einmal untersucht werden, wie die verschiedenen Landeszentralen das gegenseitig aufrechnen können. Wir haben deshalb diesen Teil der belgischen Resolution an das Internationale Bureau zu- rück verwiesen(Beifall). Andersen, Vorsitzender der I. L. P.: Die englische» Delegierten stehen vollkommen geschlossen auf dem Boden der Reslütion, die die Kominission vorgeschlagen hat und unterstützen sie auf das Wärniste. Sie sind einmütig bereit, zum Ausdruck zu bringen, daß der enge Zusammenschluß der Arbeiter aller Länder und eine Organisation der internationalen Solidarität eine Notwendigkeit ist. Die Resolution hat höchstens den Fehler. noch etwas zu unbestimmt zu sein. Aber das mußte sie wohl, um sich den Verhältnissen aller Länder anzupassen. Ich habe aber be- sonders deshalb das Wort ergriffen, um die Tätigkeit oder besser gesagt, die Nichttätigleit der englischen Gewerkschemen zur Zeit des schwedischen Kampfes, wenn auch nicht zu entschuldigen, so doch wenigstens zum Teil zu erklären. Ich muß zugeben, daß die Unter- ftützung der Engländer nicht ganz auf der Höhe war. Aber ich muß auf zwei Punkte hinweisen, die in Betracht gezogen werden müssen, um Mittel und Wege für eine Besserung zu zeigen. Die englischen Gewerkschaften sind zu einer Zeit gegründet worden, wo der Sozia. lismus und der Geist des Internationalismus auf die Arbeiter noch so gut wie gar keinen Einfluß gehabt hat. Auf jene Zeit ist eine gewisse Abneigung der englischen Gewerkschaftsbewegung gegen internationale Hilfaktionen zurückzuführen und erst in neuerer Zeit ist der Einfluß auf die englischen Gewerksefoften größer geworden. Damit wird aber auch stärker der Geist der intcrnatio- nalen Solidarität. Ein zweites Moment ist das, daß die englische Arbeiterbewegung nicht über die mächtige sozialistische Tagespressc verfügt, die den Arbeitern der anderen Länder zur Verfügung steht. Es ist den englischen Trabes Unions nicht möglich gewesen, ihre Mitglieder zu informieren über das, was in anderen Ländern vor- geht. DaS ist einer der Hauptgründe, weshalb wir nichts haben tun können. Noch ein Wort über die Haltung der englischen Gewerk- schastSvorstände. Früher waren die Statuten so abgefaßt, daß die Borstände weitgehende Vollmacht hatten, und auch über große Summen verfügen konnten. Jetzt ist daS ohne Zustimmung der Mitglieder nicht mehr möglich, die durch eine Urabstimmung einge» holt werden muß. In Fällen, wo die Not drängt, wie beim schwedischen Generalstreik kann daher Hilfe nicht so gebracht werden, tt)Te«8 notwendig wäre. Die Gewerkschafiskommission Groh- britannienS wird aber jetzt beraten und Borschläge ausarbeiten, wie die Statuten eingerichtet werden können, damit unüberlegte Aus- gaben vermieden werden, aber damit mub die Pflichten der inter- nationalen Solidarität in jeder Weise erfüllt werden können. Alle britischen Delegierten sind damit einverstanden, dah diese Diskussion in England diese Wirkung haben möge. Barnes, der Vertreter der englischen Amalsated Society Jngeniers, einer der größten eng- lischen Gewerkschaften, der Kopenhagen leider schon früher hat ver- lassen müsien, hat mich gebeten, dem Kongreß mitzuteilen, daß er bereits an seine Organisation geschrieben und ihr Vorschläge gemacht habe, um im Sinn der Resolution eine Besserung zu schaffen. In vielen Berufen geht jetzt die Entwicklung der englischen Gewcrk- schaftsbewegung im wachsenden Maße zum Zentralismus über. Und die englischen Arbeiter schließen sich den internationalen Fördera- tionen ihrer Gewerbe an. Das geschieht bei den Metallarbeitern und Textilarbeitern und Bergarbeitern. Mit dem Ausbau der internationalen Beruföverbände wird sich dann aber auch auto- matisch die internationale Hilfsaktion entwickeln, und an die Stelle des Appells an die Solidarität die Verpflichtung zur Beitrags- leistung setzen. Diese Lehren wollen wir der Resolution entnehmen und wir stimmen ihr zu mit der Zuversicht, unsere Organisationen so auszubauen, daß solche Debatten nicht mehr notwendig sind. Jedenfalls werden wir künftig unsere Pflicht ans dem Gebiete der internationalen Solidarität voll erfüllen.(Lebhafter Beifall.) Cohen-Berlin: Genosse Huggler hat in seinem Referat bereits erwähnt, daß die gesamte deutsche Delegation die mangelhafte praktische Betäti- gung der internationalen Solidarität der Engländer beim Kampf der schwedischen Kameraden verurteilt hat. Was Andersen gesagt hat. war das beste, was er sagen konnte. ES wäre ans aber lieb, wenn wir erfahren hätten, ob er seine Erklärung nur im eigenen Namen oder im Namen und Auftrag der englischen Gewerkschaften abgegeben hat. Tann erst hätte diese Erklärung den richtigen Wert. Wir haben mit einigem Staunen die Redewendung gehört, daß der Gedanke des Sozialismus sich erst jetzt in England durchsetzt, und daß die Engländer auf diesem Kongreß viel gelernt hätten. Sie nehmen ja schon seit langem an den Internationalen Kongressen teil, und da haben wir diese Redewendungen schon recht oft gehört. Deshalb sollte man endlich einmal erklären, daß die englischen Gewerkschaften mit den notwendigen Reformen Ernst machen wollen.(Sehr wahr!) Andersen hat bewiesen, daß in den meisten englischen Gewerkschaften für größere Geldausgaben die Urab- stimmung gefordert wird. DaS war uns sehr wohl bekannt. Aber die englischen Gewerkschaften sind gleich zu Beginn des Kampfes durch Delegierte der schwedischen Arbeiter über den Stand der Dinae unterrichtet worden und hätten sehr wohl die Möglichkeit gehabt, während des wochenlangen Kampfes die Urabstimmung vorzunehmen. Bei einem so ausgedehnten Kampf ist weitgehendste Unterstützung notwendig. ES scheint aber hier und da an dem guten Willen gefehlt zu haben. Andersen hat sich darüber beklagt, daß die Resolution nicht ganz klar und deutlich gehalten wäre. Aber wenn wir Deutschen gesprochen hätten, dann hätte die Rcsolu» tion sich ganz wesentlich mit den Verfehlungen der englischen Gc- nassen beschäftigen müssen. So wurde nur von einem bedauerlichen Vorkommnis gesprochen. In der Kommission hat Andersen das Ausbleiben der englischen Hilfe auch damit entschuldigt, daß damals in England selbst große Arbeitslosigkeit geherrscht habe. Dcmgegen- über muß festgestellt werden, daß damals in England etwa b— 6 Prozent der Arbeiter ohne Arbeit war, während in Deutschland die Arbeitslosigkeit gleichzeitig bis auf 12 Proz. stieg. Trohalledem haben wir unsere Schuldigkeit gegenüber den schwedischen Genossen erfüllt und können daher diese Entschuldigung der Engländer nicht gelten lassen. Bei den bekannten hohen Kassenbeständen der eng- lischen Gewerkschaften wäre es ihnen doch leichter als unS gewesen, ihre Schuldigkeit zu tun. Wir verlangen deshalb mehr als eine unpersönliche verbindliche Erklärung des Genossen Andersen, damit wir wissen, daß endlich die englischen Verhältnisse sich in dieser Beziehung gebessert haben.(Glocke des Präsidenten.) Meine Redezeit ist zu Ende; ich muß daher abbrechen, ohne den französi- schen Genossen ein paar Liebenswürdigkeiten zu sagen. Nun, das nächste Mal.(Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Damit ist die Debatte zu Ende. Das Schlußwort erhält Huggler-Schweiz: Gegen die Resolution sind von keiner Seite Einwendungen erhoben worden. Die englische Delegation hat er- klärt, daß sie ihr möglichstes tun werde, um dem Beschluß nachzu- kommen. Ich kann mich daher auf die Bemerkung beschränken. daß alle Nationen, die für die Resolution stimmen, auch verpflichtet sind, für ihre Ausführung Sorge zu tragen.(Lebhafter Beifall.) Die Resolution wird hierauf unter lebhaftem Beifall einstimmig angenommen. E» folgt der Bericht der Vierten Kommission(soziale Kom- Mission). Ueber die Ergebnisse der Arbeiterschuhgesetz'gebung berichtete Molkcnbuhr. Der Gedanke, auf internationaler Grundlage die gesamten Forderungen der Arbeiterschaft auf dem Gebiet der Arbeiterschutz- gesetzgebung festzulegen, wurde 1899 in Paris gefaßt. Seitdem haben sich die Gegensätze in manchen Ländern sehr verschärft. Mit um so größerer Entschiedenheit müssen wir unsere Forderungen immer aufs neue erheben. Nun haben auch eine Reihe bürgerlicher Sozialpolitiker eine Anzahl Arbeiterschutzforderungen erhoben. Ihr Hauptfehler ist der, daß sie die Arbeitersreundlichkeit der Kapita- listen als hervorragenden Faktor in Rechnung stellen. Die Ar- beiterfreundlichkeit der Kapitalisten ist eine sehr schöne Sache. In Wirklichkeit ist aber davon nicht» zu sehen. An die Stelle des persönlichen Kapitals treten immer mehr Kartelle und Trusts, von denen die Arbeiter ausgebeutet werden. An der Spitze unserer Forderungen steht die Forderung nach Hebung der Gesundheit der Arbeiter. Wir verlangen den Achtstundentag. Wir fordern ferner das Verbot der Kinderarbeit, das Verbot der Nachtarbeit und die Sonntagsruhe. Unter dem Deckmantel der Wohlfahrtseinrichtungen schafft das Kapital„Segnungen" für die Arbeiter, so Arbeiterwohnungen, um die Arbeiter an den Arbeitsort zu fesseln, so PensionSkassen, um die Arbeiter an ein und demselben Betrieb festzuhalten und ihnen den Gebrauch des Koalitionsrechtes unmöglich zu machen. Wir fordern, daß das Koalitionsrecht vollständig sicher- gestellt wird gegenüber den Uebergriffen des Kapitals, um so mehr, als die Arbeiter nicht mehr einzelnen Kapitalisten gegen- überstehen, sondern einer Koalition des Kapitals. Alle diese Forde- rungen werden von uns als Mindestforderungen erhoben und zwar als Forderungen für alle Arbeiter. Dadurch unter- scheiden wir uns von den meisten bürgerlichen Sozialpolitikern, die nur den Fabrikarbeiter schützen wollen und den Handwerker und den Landarbeiter außerhalb deS Schutzes der Arbeiter- fchutzgesetzgebung stellen. In die L a n d w i r t s ch a f t dringt die Maschine immer weiter ein. Um so notwendiger ist ein Schutz der Landarbeiter. Dort, wo besondere Gefahren vorhanden sind, in den Betrieben, die unter Staubentwickclung, Gift und Hitze zu leiden haben, stellen wir weitergehende Forderungen. Dem Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung wird immer ent> gegengehalten, daß die Konkurrenzfähigkeit deS Landes unter einer solchen Einführung leiden würde. Selbst wenn das wahr wäre: steht nicht die Gesundheit der Arbeiter höher als der Profit?(Leb- hasie Zustimmung.) Als der Anfang mit der englischen Arbeiter. fchutzgesetzgebung gemacht wurde, da erklärten verschiedene Stim- men. die englische Industrie würde zugrunde gehen, wenn der Zehnstundentag eingeführt werden würde. Das war zu derselben Zeit, als England zum Freihandel überging. Ist etwa die eng- lische Industrie am Zehnstundentag zugrunde gegangen? Nein. auch die deutschen Fabrikanten haben wie geprügelte Knaben ge- jammert, sie könnten der englischen Konkurrenz nicht standhalten und dabei beuteten sie ihre Arbeiterinnen IS und 16 Stunden täglich auS. töW.79 fetzten fie dann auch einen Schutzzoll durch. Als der Elfstundentag 1999 eingeführt wurde, erklärte die deutsche Industrie, eine derartige Verkürzung der Arbeitszeit nicht ertragen zu können, und die deutschen Textilarbeiter hatten 1993 einen großen Kampf zu führen. Genau dieselben Einwände, die früher in England erhoben wurden, wurden auch jetzt wieder laut, als auf Grund der Berner Konvention der Z e h n st u n d e n t a g einge- führt wurde. Es ist immer dieselbe Geschichte. Weiter erheben wir in- unserer Resolution die Forderung der Arbeiterversicherung gegen unvermeidliches Unglück, Schutz und Hilfe für die Kranken, Invaliden und Alten, für die Arbeitslosen, die Witwen und Waisen. Auch hier heißt es immer, daß die Industrie eine derartige Belastung nicht ertragen könne. Aber ich frage: Trägt nicht jetzt schon jedes Land Lasten für Krankheit, Unglücksfälle und Invalidität? Jedes Land muß auch heute schon zahlen,'aber es bürdet die Lasten jetzt den Aermsten und Elendesten auf.(Lebhafte Zustimmung.) Was wir jetzt tragen müssen, das soll die ganze Gesellschaft nicht tragen können?(Erneuter Bei- fall.) Das ist ein lächerlicher Einwand. Sehen wir uns einmal an, welche gewaltigen Opfer auf dem Schlachtfelde der Arbeit fallen. In einem Jahre sielen in Deutschland 7999 Tote und S18 099 Verwundete.(Lebhaftes HörtI hörtl) Sollen deren Witwen und Waisen, die Krüppel und Verletzten ohne Hilfe bleiben? Die Frage stellen, heißt sie beantworten. Dasselbe gilt für die Alten und Invaliden, für Schwangere, Wöchnerinnen und Arbeitslose Die deutschen Kapitalisten jammern, daß sie 375 Millionen Mark für die Arbeiterversicherung ausgeben. Das ist gewiß eine große Summe, und wenn man bei der Einführung der Arbeiterversicherung gewußt hätte, daß sie in L9 Jahren vier Milliarden dafür aufwenden mühten, dann hätten sie sich vielleicht noch heftiger dagegen gesträubt. Aber hat die deutsche Industrie diese vier Milliarden nicht ruhig bezahlt, ohne daran zugrunde zu gehen?(Sehr richtig!) Ja, kein Land hat einen solch gewaltigen Aufschwung seiner Industrie in diesem Zeitraum erlebt wie gerade Deutschland. Und die Arbeiter» Versicherung hat dazu wesentlich beigetragen. Die Kapitalisten be< zahlen ihre Kosten nicht selbst, sondern stellen sie den Käufern mit in Rechnung. Sie nehmen jährlich für die Arbeiterversicherung 429 Millionen Mark ein und geben 375 Millionen Mark dafür aus. Den Unternehmer kostet die Versicherung für jeden Arbeits- tag eines industriellen Arbeiters 12 Pfennige. Das macht, wenn wir so rechnen, im Jahre bereits 819 Millionen Mark aus. Für den Landarbeiter bei 299 Arbeitstagen kostet die Versicherung 5 Pf. pro Tag. so kommen wir auf 112 Millionen Mark. DaS gibt zusammen 422 Millionen Mark, also erheblich mehr, als die Kapitalisten tatsächlich gezahlt haben. Wir können auch sehr wohl annehmen, daß sich auch die Kosten eines weiteren Ausbaues der Arbeiterversicherung sehr bequem tragen lassen werden. Eine besonders dringende Notwendigkeit ist der Schutz der Schwangeren und Säuglinge. Wissen wir doch, daß die Industrie einen Kindeimord betreibt, gegen den der bethlehemitische KindeSmord eine Spielerei ist. Schließlich hat auch der Kapitalist einen Vorteil von dem weiteren Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung, weil damit die Gesundheit der Ar- beiterklasse gehoben wird. Dort aber, wo die Kapitalisten die gesündesten und kräftigsten Arbeiter zur Verfügung haben, werden sie im Konkurrenzkampf siegen.(Lebhafte Zustimmung.) ES ist vielleicht kein Zufall, daß seit der Einführung der Kranken- Versicherung die Todesziffer in Deutschland von 28 auf 29 vom Tausend im Jahr zurückgegangen ist. Und auch ein direkter Vor- teil für die Kapitalisten stellt sich dabei heraus, denn die Unfall- Versicherung ist nichts anderes als die Ablösung ihrer früheren Haftpflicht. Gewiß, der Kapitalismus setzt unseren Forderungen einen großen Widerstand entgegen. Aber das geeinigte und klassen- bewußte Proletariat ist eine stärkere Macht. Die Teilnahmlosig- keit ist unser schlimmster Gegner. Sie zu brechen/ aufklärend zu wirken, die Werbe- und Alarmtrommel zu schlagen, ist die dringendste Aufgabe jeder Arbeiterorganisation. Immer wieder müssen die Fragen international besprochen werden. Das fördert die Verbrüderung aller Länder. Wenn die Nationen im ge- einigten Streben zusammenstehen, wenn die Arbeiter aller Länder sich vereinigen, dann werden sie ihrem Ziele näher kommen und die Ideale verwirklichen, die heute als Phantastereien erscheinen. (Stürmischer Beifall.) Huysmans teilt im Auftrage des Internationalen Sozialistischen Bureau? eine von den Engländern in der heutigen Sitzung eingelaufene Resolution über die Arbeitslosigkeit mit und bittet die Delegierten, sie genau zu prüfen, damit auf dem nächsten inter- nationalen Kongreß die Frage von neuem behandelt werden kann. (Die Resolution selber ist im Wortlaut im heutigen Bericht der Sitzung deS Internationalen LurcanS enthalten.) Da die Zeit vorgerückt ist, beantragt die belgische Sek tion Schluß der Debatte. Die englischen Delegierten, für die Mac- donald zum Wort gemeldet ist, protestieren sehr lebhaft. Der An- trag auf Schluß der Debatte wird mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Engländer angenominen. Die vom Referenten vorgelegte Resolution über die Arbeiter- Versicherung wird mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Engländer angenommen. Die Resdlution lautet: „Die mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion ge- steigerte Ausbeutung der Arbeiter führte Zustände herbei, die ein Einschreiten der Gesetzgebung zum Schutz von Leben und Gesund» heit der Arbeiter dringend notwendig machen. In keinem Lande erreichen die Schutzgesetze das, lvaS auch nur annähernd im Inter- esse der Arbeiter dringend geboten ist, und was ohne Schädigung der Industrie gegeben werden kann. Der Kongreß erinnert daher an folgende, im allgemeinen schon durch den Pariser Kongreß von 1889 für alle Arbeiter ohne Unterschied des Geschlechtes erhobene Mindestforderungen: 1. Eine höchstens achtstündige Arbeitszeit. 2. Verbot der ErwcrbSarbeit für Kinder unter 14 Jahren. 3. Verbot der Nachtarbeit, außer, wenn sie durch die Natur der Sache aus technischen Gründen oder aus Gründen der öffent- lichen Wohlfahrt geleistet werden muß. 4. Eine ununterbrochene Ruhepause von mindestens 36 Stunden in jeder Woche für jeden Arbeiter. 5. Verbot des Trucksystems. 6. Sicherung des Koalitionsrcchtes. 7. Eine wirksame und durchgreifende Inspektion der ge- werblichen und landwirtschaftlichen Betriebe unter Mitwirkung der durch die Arbeiter gewählten Personen. Zwar hatte der Pariser Kongreß zur Folge, daß im Jahre 1899 in Berlin und 1999 in Bern Arbeitcrschutzkonferenzen der Regierungen zusammentraten und internationale Verbindungen für Arbciterschutz gebildet wurden. Aber trotz der vielen Per- Handlungen wurden sehr wenig positive Leistungen durch die Ge» setzgcbung geschaffen, weil die herrschenden Klassen in der Bc- fürchtung, geschadigt zu werden, dem Arbciterschutz entgegen- wirken, obwohl durch den Arbeiterschutz in keinem Lande irgend ein Erwerbszweig geschädigt ist, vielmehr die Hebung der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit der Arbeiter der allge- meinen Kulwr und auch der Unternehmerklasse einen Vorteil bringt. Um ein Versinken der Arbeiter in Pauperismus zu ver- hindern, forderte der Kongreß zu Amsterdam 1994, daß unter voller Selbstverwaltung durch die Arbeiter und bei gleichartiger Behandlung der Angehörigen der verschiedensten Nationen in allen Ländern Einrichtungen geschaffen werden sollen, die ausreichende Subsiftenzmittel und ausreichende Heilmittel den Kranken, Ver- letzten, Invaliden und Alten gewähren, die den Schwangeren und Wöchnerinnen diejenige Hilfe bringen, die für das Gedeihen des Säuglings und der Mutter geboten sind und die Witwen und Waisen sowie die Arbeitslosen� vor Not bewahren. Die bestehenden Arbeiterschutz- und Arbeiterversicherungs- gesetze genügen keineswegs den ebenso notwendigen wie bcrcch- tigtcn Anforderungen der Arbeiter. Insbesondere schutzlos sind die in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigten Arbeiter. Nur durch nachhaltiges Drängen der Arbeiter kann mehr erreicht werden. Der Kongreß fordert deshalb die Arbeite« aller Länder auf, sie mögen in der Industrie, im Handel, in der Landwirtschast und in anderen Arbeitszweigen tätig sein, den Widerstand der Herr- schcndcn Klassen zu brechen und wirksamen Arbeiterschutz durch unablässige Agitation und durch den Ausbau der klassenbewußten Organisationen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet zu erobern." Es folgte die Beratung der Resolution über daS Asylrecht: „In der letzten Zeit haben sich in verschiedenen Staaten Fälle gehäuft, wo unter nichtigen Vorwänden das Asylrecht für politische Flüchtlinge verletzt wurde. Insbesondere ist es der Einfluß Rußlands, der sich auch bei dieser Frage unheilvoll gel- tend macht. So geschah cs zuletzt im Fall des Letten Wczosol, der in den Vereinigten Staaten verhaftet wurde und der nun- mehr ausgeliefert werden soll. Aber auch England verleugnet seine alten guten Traditionen, wie im Fall des indischen Revo- lutionärs Savarka, der unerhörterweise auf französischem Boden verhaftet und ohne weitere gesetzliche Formalitäten ausgeliefert wurde. Der Kongreß protestiert auf das energischste gegen diese verbrecherischen Verletzungen des Asylrechts und fordert das internationale Proletariat auf, sich mit allen Mitteln der Agi- tation gegen dieses Attentat aus die Würde und Unabhängigkci des eigenen LanveS, sowie auf die Bewegungsfreiheit deS Pro- letariats selbst in seiner internationalen Geschlossenheit zu widersetzen." Keir Hardie-England: Die britische Sektion hat die Resolution eingebracht und bittet um ihre Annahme. Die Vorgeschichte der Verhaftung Savarkas ist bekannt. Er floh, als er von England nach Indien gebracht werden sollte, in Marseille von dem englischen Schiff, wurde aber auf französischem Boden von französischen Gendarmen verhaftet und den britischen Autoritäten ohne weiteres ausgeliefert. Jaurös hat darüber in der französischen Kammer interpelliert und mit dem großen Gewicht seiner Persönlichkeit in völkerrechtlichen Fragen auf die Ungesetzlichkeit des Verfahrens an der Hand von Präzedenzfällen hingewiesen. Die britische Sektion wird allen Versuchen entgegen- treten, das Asylrecht anzutasten, das die glorreiche Tradition ihres Landes ist. Haben doch Garibaldi, Mazzini, Kossuth und Karl Marx als Verbannte in England unangefochten gelebt. Wenn Savarka vor ein indisches Gericht gestellt würde, so ist zu be- fürchten, daß das Verfahren gegen ihn nicht einmal öffentlich sein wird. Denn Indien steht unter einem Ausnahmezustand. Alle Zeitungen sind den Jndiern verboten. Die englische Sektion ist nicht mit allem einverstanden, was die indischen Revolutionäre ge- sagt und getan haben. Aber sie ist eine entschiedene Gegnerin aller UliterdrückungSmaßregeln, mit denen die Regierung sie jetzt be- kämpft, und will ihnen unter allen Umständen die Freiheit des Wortes sichern. Deshalb muß die ganze Internationale hier Pro- test erheben und fordern, daß Savarka wieder den französischen Autoritäten ausgeliefert werde.(Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Branting: Die Resolution erfährt auf Vorschlag Keir HardieS eine kleine Aenderung. Es soll in ihr nicht von dem „Revolutionär" Savarka", sondern vom„politischen Flüchtling" Savarka gesprochen werden. Mit dieser Aenderung wird die Resolution einstimmig unter lebhaftem Beifall angenommen. Es folgt die Mlirokkoresolution. Der Wortlaut ist im Bericht über die Sitzung des Jnternatio- nalen Bureaus mitgeteilt. Sie wird begründet von Pablo Jglestas, der mit stürmischem Beifall begrüßt wird und in spamscher Sprache auf die Eroberungs- absichten der französischen und spanischen Kapitalistenklasse in Ma- rokko hinweist. Unter der Regierung Maura hat der EroberungS- feldzug nach Marokko stattgefunden, der außer zahllosen Toten und Verwundeten Spanien 90 Millionen Pesetas gekostet. Ein neues Armeekorps von 95 999 Mann ist geschaffen worden, so daß die dauernden Armeeausgaben sich um 49 Millionen Pesetas erhöhen, obwohl jetzt das neue liberale Regiment die Absicht leugnet, ist es doch Tatsache, daß ein neuer Feldzug mit Marokko vorbereitet wird. So wie wir gegen die frühere Expedition protestiert haben, werden wir auch dem neuen Feldzug den Widerstand der Arbeiterklasse ent- gegenstellen. Die Resolution wird hierauf unter großem Jubel ein» st i m m i g angenommen. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen von HuYSmans vertagt sich der Kongreß auf nachmittags 3 Uhr. Nachmittagssitzung. Den Vorsitz im Plenum führt K n u d f e n- Dänemark. HuySmanS teilt mit. baß eine Reihe weiterer BeArüßungS- tekegramme beim Kongreß eingelaufen sind. Als letzter Punkt steht auf der Tagesordnung Die GenossenschaftSfrage. Dazu liegt die schon mitgeteilte Resolution vor. Berichterstatter Dr. Karpeles.Oesterreich: Die Kommission hat sich nicht darauf beschränkt, die Be- Ziehungen zwischen Konsumvereinen und politischen Organisationen zu untersuchen, sondern sie hat auch geprüft, welche Bedeutung den Konsuckvereinen für den proletarischen Kampf überhaupt zukommt. Sie hat dabei anerkannt, daß die Konsumvereine nicht nur ihren Mitgliedern direkte Vorteile gewähren, sondern auch durch die Art ihrer Organisation eine Waffe im Befreiungskampf der Ar» heiter darstellen. Besonderen Wert legt sie darauf, daß die Zbonsum- vereine die Arbeiter zur selbständigen Leitung ihrer Angelegenheiten erziehen und dadurch die Demokratisierung und Sozialisierung der Produktion vorbereiten. Als Produzent ist der Arbeiter häufig dem Kapital unterworfen, aber als Konsument genießt er eine gewisse Freiheit. Von dieser Freiheit soll er Gebrauch machen. Wenn er schon gezwungen ist, einen Teil seines Lohnes an das Kapital ab- zugeben, so kann er doch wenigstens nicht gezwungen werden, den Teil des Lohnes, den er erhält, mit dem Händler zu teilen. Daraus erwächst den Arbeitern die Pflicht gegen sich selbst, die Verwaltung seines Lohnes in dje eigene Hand zu nehmen. Er ist nicht dazu berufen, durch Verwendung des Lohnes den Kapitalismus zu stärken und die Zahl der Kapitalisten zu vermehren, sondern ihn zu schwächen. Die Resolution will daher in den Arbeitern keines- wegS die Illusion erwecken, als ob die Genossenschaftsbewegung allein die Produktion demokratisieren und sozialisieren könne. Wie es auf der einen Seite aus diesem Kongreß niemand einfallen wird, die Konsumvereine als das allein brauchbare Mittel für die Befreiung der Arbeiter hinzustellen, will die Resolution auch die nicht minder gefährliche Illusion unterdrücken, als ob ohne eine tägliche unermüdliche Kleinarbeit eine bessere Zukunft erreicht werden könne. Die Arbeiterklasse muß selbst Stein auf Stein schichten, um sich fähig zu machen, den Sieg zu erringen.(Beifall.)! Wenn aber die KonsumvcreinSbcwcgung eine wirklich wirksam« Waffe im Kampf für die Befreiung der Arbeiter ist, so haben auch alle Genossen die Pflicht, ihre tätigen Mitglieder zu werden. Die Kommission hat das nicht in der Form eines verpflichtenden Be- fehls ausgesprochen, aber sie legt Wert darauf, mit allem Nach- druck zu erklären, daß es dringend wünschenswert ist, daß alle Getverkschaftler und Parteigenossen ihre Pflicht gegenüber den Konsunivereinen erfüllen. Die Konsumvereine enthalten natürlich manche Tendenzen, mit denen die svzialistischen Arbeiter nicht immer einverstanden sein können. Die Arbeit der Sozialisten in den Konsumvereinen mutz darauf gerichtet sein, diese Tendenzen zu unterdrücken und aus den Konsumvereinen ein wirklich wirk- sameS Kampfmittel zu machen. Sie müssen aus den Konsum- vereinen etwas anderes machen als bloße Marenverteilungsstellen. Sic können ihre Pflicht als Sozialisten erfüllen, wenn es sich um die Verteilung des Reingewinns handelt, weiin eS nötig ist, zur Selbstprodultion überzugehen oder eine höhere Forni der Produk- tion anzustreben. Die Frage, welche Stellung die Konsumvereine zur tjjdrfci und Gew'ttksch�st eTäneTjmeft sollen, Ist in deL Konr- Mission keineswegs leicht zu beantworten gewesen. Nicht wenige Mitglieder hatten die Meinung ausgesprochen, daß zwischen Partei und Konsumvereinen ein organisches Band bestehen müsse. Bon der anderen Richtung wurde mit allem Nachdruck gefordert, daß die Genossenschaften ihre volle Selbständigkeit bewahren müssen. Wir haben uns schließlich auf die Formulierung geeinigt, die Ihnen vorliegt. Wir haben darin ausgesprochen, daß es den Genossen- schaften eines jeden Landes überlassen bleiben muß, zu entscheiden, ob und inwieweit sie die politische und gewerkschaftliche Bewegung direkt aus eigenen Mitteln unterstützen wollen. Mir sind weit da- von entfernt, daS belgische System oder das deutsche System der Verteilung des Reingewinns und der Beziehungen zwischen Partei und Genossenschaft irgendwie zu kritisieren oder zu verurteilen. Im Gegenteil, wir wissen, daß gerade die unermüdliche Arbeit der Belgier seit 30 Jahren erst dazu geführt hat, daß die Internationale sich mit dieser Frage beschäftigt. Wir bringen unseren Tank diesen Sozialisten dar, die die Welt nicht bereichert haben um eine neue Ftormel, sondern um eine Tat des täglichen Anschauungsunter- richts. Aber neben den belgischen Betspielen sehen wir auch das der Hamburger„Produktion", die indirekt den Kampf des Prole- taviatS forderb, und das gleiche erreicht wie die belgische Methode, auf einem Wege, der dem deutschen Geist verwandter und an- gepgßter ist. Wir können daher weder das belgische, noch das deutsche System verdammen, sondern müssen aussprechen, daß jede Genossenschaft jedes Landes, in der der sozialistische Geist herrscht, in der Internationale willkommen ist. Den Genossen des einzelnen Landes muß überlassen bleiben, je nach ihrer Meinung und nach der Entwickeluug der politischen und Konsumentenorganisation, wie ihnen die Regelung am besten erscheint. Wir sprechen deshalb aus, daß wir, sowohl direkt als notwendig anerkennen, daß die Genossen- schaft ihre volle Selbständigkeit bewahrt, wie wir wünschen, daß die Beziehungen zwischen genossenschaftlicher, gewerkschaftlicher und politischer Organisation immer fester werden. Wenn alle sozial- demokratischen Arbeiter Mitglieder ihrer Gewerkschaft, alle Gewerk- schaftlcr Mitglieder des Konsumvereins werden, werden wir das organische Band zwischen Konsumvereinen, Gewerkschaften und politischen Organisationen ganz von selbst hergestellt haben. So- lauge wir das noch nicht erreicht haben, müssen wir uns darauf beschränken, zu wünschen, daß die Beziehungen immer inniger Werden. Jedenfalls erfchsint uns als Widerspruch, wenn gerade jene Genossen, die von Hause aus die organische Verbindung von Genossenschaft und Partei fordern— ich meine die Richtung Guesde— sich nicht genug darin tun können, den Wert der Ge- nossenschaften in den Parteiorganisationen herabzusetzen. Mit dieser Methode wird man eine organische Verbindung nicht herbei- führen.(Sehr wahr!) Die Resolution betont endlich, daß die Genossenschaften eines jeden Landes, die auf dem Boden dieses Beschlusses stehen, ein- heitliche Verbände bilden sollen. Damit ist keineswegs ausgeschlossen, daß sich zur Verfolgung rein genossenschaftlicher Zwecke auch andere größere genossenschaftliche Verbände, große Einkaufsverbände usw. bilden. Aber zunächst sollen die Genossen- schaften, die auf dem Boden dieser Resolution stehen, diese ein- hettlichen Verbände bilden und damit die Genossenschaften zu ge- m einsamer Arbeit verbinden. Unser Beschluß soll sein, den Kon- sumveretnen die Anerkennung des internationalen Sozialismus zu gewähren, die wir ihnen so lange vorenthalten haben, und wir sind überzeugt, daß danach die sozialistischen Genossenschaftler mit neuer Arbeitskraft und neuem Arbeitseifer in allen Ländern darangehen werden, die Genossenschaftsbewegung zu einem wirksamen Mittel zum Befreiungskampf zu machen. Jrving-England(S. D. F.): Heute früh ist über die englischen Gewerkschaften geklagt wor- ffen, daß sie die Pflichten der internationalen Solidarität nicht erfüllen, weil sie nicht von dem Geist des Sozialismus erfüllt sind. Mit vollem Recht. Aber noch tausendmal mehr trifft es auf die englischen Genossenschaften zu. Diese haben nicht daS mindeste VcrstäichniS für den Sozialismus, und soweit wir überhaupt etwas von ihnen spüren, ist es ihre Feindschaft. Die Masse ihrer Mitglieder besteht aus liberalen und konservativen Arbeitern, die gerade auch durch die Genossenschaften mit antisozialistischem Geist erfüllt werden. Wir werden daher gegen den Satz der Resolution, daß die Konsumvereine ein wertvolles Mittel zur Erziehung der Arbeiter und zur Sozialifierung der Produktion sind, von vorn- herein Protest erheben, weil die englischen Genossenschaften nie- mals vom Geiste der proletarischen Solidarität erfüllt waren. Natürlich find wir mit dem allgemeinen Sinn der Resolution ein- verstanden.(Beifall bei den Mitgliedern der S. D. F.) Das gleiche trifft sur die Resolution über den Arbeiterschutz zu. Wir haben am Vormittag nicht das Wort erhalten, trotzdem die eng- lischen Delegierten es dringend verlangt haben.(Sehr wahr! bei den Engländern.) Die Resolution steht ganz auf dem Standpunkt jener„staatsmännischen Politik", die auch h?ute früh kritisiert worden ist, weil sie das Resultat von Kompromissen ist und in keiner Weise über das hinausgeht, was ein ganz gewöhnlicher Kon- greß bürgerlicher Sozialpolitiker beschließen könnte. ES kommt mir so vor, als ob wir hier viele große Kanonen aufgefahren haben, aber nicht mit Kugeln, sondern mit Kuchen schießen.(Heiterkeit und Zustimmung bei den Engländern.) In unseren Forderungen für den Kinderschutz bleiben wir auf diesem Kongreß hinter dem zurück, was wir in England seit LS Jahren verfechten. Wie un- sinnig ist es, daß wir in der Resolution über den Arbesierschutz betonen, daß er aüch für den Kapitalismus vorteilhaft ist. Als ob wir hier versammelt wären, für die Interessen der Kapitalisten zu sorgen und nicht, um den Kapitalismus zu zerstören. Wir er- heben Protest dagegen, daß über den Geist der Kompromisse unser Endziel in den Hintergrund getreten ist. Kompromißarbeit ist völlig wertlos, und da hätten wir nicht nötig, die Sozialisten aller Länder nach Kopenhagen zu bringen. Wir werden gegen die Reso- lution stimmen, wie wir gegen die Arbeiterschutzresolution gestimmt haben. Wir protestieren gegen das ganze Borgehen des Kongresses. (Beifall bei der S. D. F.) WiLaut-Holland: Wir schließen uns der Resolution der Kommission an. Ich möchte aber doch in einigen Worten die besondere Stellung Hol- läudS, Frankreichs und Belgiens zur Frage der Genossenschaften noch darlegen. Die Deutschen und Oesterreicher haben uns erklärt, daß die Ablieferung der Beiträge der Genossenschaften an die Partei wegen der gesetzlichen Hindernisse bei ihnen nicht möglich {ei, ober auch nicht möglich wegen der geschichtlichen Stellung, ie die Genossenschaften in der Arbeiterbewegung gehabt haben. Wir haben uns diesen Gründen gefügt, erklären aber, daß wir in unserer Taktik fortfahren und sie für die beste Form der genossen- schaftlichen Aktion halten. Der Berichterstatter hat auch die Auf- fassung GucSdeS von der Genofscnschaftsfrage nicht richtig wieder- gegeben. Auch er legt den Genossenschaften einen großen Wert im proletarischen Emanzipattonskampf bei, unter der Bedingung, daß sie die Partei direkt unerstützen. Wir sind der Ansicht, daß eine kleine Genossenschaft aus Sozialisten besser ist, als eine große Ge- nossenschaft aus Leuten, bei denen man auf den Sozialismus bis zum St. Nimmerleinstag warten kann. Wir wollen deshalb, daß die Genossenschaften einen Teil ihres Gewinnes an die politische Or- ganisation statutarisch abliesern.(Beifall bei den Belgiern.) Justo-Argentinien: Obwohl die Resolution einen Fortschritt darstellt, ist sie theoretisch nicht richtig. Es wird darin die Erobe- rung der polrtischen Macht als einziges Ziel bezeichnet. In Wirk- lichkeit gehen aber die Ziele der Arbeiterbewegung viel weiter. Und dabei spielen die Genossenschaften ein« große Rolle. Sie können sie ,ß durch die Errichtung von Wehren oder Staudämmen die Wanderungen der Fische stromaufwärts zeitwet'-», verhindert würden, mutz die Zeit lehren. Theater. Neues Theater. Das Bedürfnis nach französischen Komödien scheint neuerdings bei uns so groß zu sein, daß sie gleich in Deutschland angefertigt werden und sich nur als Uebersetzungen maskieren. Wenigstens machte das Eröffnungsstück des Neuen Theaters(Das gewisse Etwas) stark den Eindruck, als ob feine Verfasser in Bentschen daheim wären. Ihre Komödie gehört zu dem einzigen Genre, das unverzeihlich ist: dem langweiligen. Dem alten Thema(Gegenüberstellung der echten Liebe und des koketten Flirts, den die Welt der Uebcrflüssigen bevorzugt) und dem abgenutzten Milieu der französischen aristokratischen Lebewelt werden keine neuen Reize abgewonnen. Der Witz fehlt, und die aufgepfropfte Moral ist aufdringlich. Die Hauptperson, die amerikanische Milliardärstochter(von Meta Jäger mit wahr- hafter Aufopferung gespielt) vermag die Liebe ihres aristokratischen Nichtsnutzes von Gatten nicht zu behaupten, weil ihr das pariserische gewisse Etwas fehlt. Das arme Ding, das als eine Naive vom Lande erscheint(die Slmerikanerinnen flirten offenbar nicht) und durch ulkig« Sprachderwechselungen unterhalten muß. geht schließlich bei der„echten Pariserin" in die Schul« und beschließt thränenden Herzens, ihren Gatten zu betrügen, wie er sie betrügt. Sie hat Aussicht, jetzt das gewisse Etwas zu erwerben.,— r. Humor und Satire. .Das Leben für den Zaren/ Ein feste Burg ist Friedeberg, Ein gute Wehr und Waffen! Es fehlt ihm nur zum FesimtgZwerk Daß rings Kanonen klaffen. Es zieh'» um das Revier Gendarmen ein Spalier.. � Soldaten überall Auf Mauer und auf Wallt Das Leben für den Zaren! Und kommt ein Fremder angereist, Ist's schon ein Anarchiste, I O bschon er sich nachher erweist Als simpler Poliziste. Man wittert Attentat Mit Bomben und Verrat, Und geht die Sache schief, Riskiert der Detektiv Da? Leben für den Zarm. Ach I konnte die Zariza nicht Daheim in Rußland baden!? Wir leisten ja so gern Verzicht Aus die„von Gottes Gnaden". Wir haben hier im Land Genug von diesem Stand! Was kümmert uns der Zar! ES gäbe nur ein Narr Da» Leben für den Zaren. Ländern schon gute Verbände oder Vereine aufzuweisen. Einer Schilderung in der„Glaser-Zeitung" über den Festzug in Kopcn« Hägen anläßlich deS Internationalen Kongresses entnehmen wir folgende Stelle: „Die Frauen trugen ebenfalls mitunter sehr schwere Fahnen. Die organisierten Dienstmädchen, Schneiderinnen, Büglerinnen, Strickerinnen, ZeitungSlrägerinnen, alle Fahnen und Standarten tragend, wo die Forderungen auf den Achtstundentag usw. in dänischer Schrift eingestickt waren, befanden sich im Zug. Demnach sind in Kopenhagen schon ganz ansehnliche Organs- sationen vorhanden. Hoffentlich spornt das hier zur Nachahmung an. Hinein in die zuständige Organisation! Das muß für jede Proletarierin heilige Pflicht sein. Eine Abstimmung über das Francnstimmrecht. Der Anti-FrauenstimmrechtSverein für HaSlemere(England) und Um- gebung teilte kürzlich mit, eine von ihm unter den Frauen von drei Orten veranstaltete Abstimmung habe eine überwältrgende Mehrheit gegen das Frauenstimmrecbt ergeben. Der FrauenstimmrechtSverein für den Bezirk hat durch eine korrektere Abstimmung diese Be- bauptnng richtiggestellt. Bon den steuerzahlenden Frauen (nur dieje wurden befragt!) erklärten 61. sie seien bei der ersten Ab- stimmung übergangen worden. Jetzt war das Ergebnis: SS für, 40 gegen das Stimmrecht, 4S neutral. Doch erklärte eine Anzahl der letzteren, durchaus keine Gegnerinnen des Stimmrechts zn sein. Diese Art der Agitation soll nun fortgesetzt werden. Leseabende. Zehlendorf(Wannseebahn). Mittwoch, den 7. September, 8 Uhr, bei Benno Mickley, Potsdamer Str. 25, Vortrag. St. Oergker. Notizen. — Neue Beweise für das Vorhandensein von Wasserdun st und Sauer st off in der MarS-Atnro- f p h ä r e hat, wie in später Stunde telegrophisch gemeldet wird, das Lowell-Observatorium entdeckt. — Eine Urkunde über die Belagerung von Je- rusalem. Eine bedeutsame archäologische Entdeckung ist nach einem Bericht der„Revue" in Oberäghpten gemacht worden. Es handelt sich um«ine lateinische Inschrift auf einer Holzfüllung, die 50 Zeilen umsaßt; 35 davon sind deutlich lesbar. Es ist, abgesehen von den aus Pompeji stammenden Ta solchen, das schönste Beispiel lateinischer Schrift, das man bisher gefunden hat. Eine besondere Wichtigkeit erhält der Text dadurch, daß er die Belagerung von Jerusalem unter der Regierung des Titus erwähnt. Er stellt die erste authentische Urkunde über daS Ereignis dar und bestätigt in allem die Erzählung des Josephus und der anderen alte» Historiker. Älocken- Spielplan cler Lerliner �Keaten Köuigl. OPernbouS. Geschlossen. Königl. Schauspielhaus. Sonntag: Maria Stuart. Ans. 7 Uhr. Montag: Der Familicntag. Dienstag: Die Rabenstcinerin. Mittwoch: Strandkindcr. Donnerstag: König Richard lll. Freitag: Die Welt, in der man sich langweilt. Sonnabend und Sonntag: Moliöre nnd die Seinen. Der Tartüffe. Montag: Götz von Berit ch in gen.(Ansang 7 Uhr.) Neues königl. OPcrn-Theater. Sonntag: Marie, die Tochter des Regiments. Die Puppcnsee. Montag: Die Walküre.(Ansang 7 Uhr.) Dienstag: Madania Lulterflh. Mittwoch: La Traviata. Donnerstag: Sicgftied.(ZUisang 7 Uhr.) Freitag: Don Juan. Sonnabend: Mignon. Sonntag: Die Meistersinger von Nürnberg.(Ansang 7 Uhr.) Montag: Fidelio.(Ansang 71/, Uhr.) Trutschco Theater. Sonntag: Faust.(Ansang 7'/, Uhr.) Montag: Amphitrhou.(Ansang 3 Uhr.) Dienstag: Faust. Mittwoch: Amphitryou. Donnerstag: Judith. Freitag: Amphitrhon. Sonnabend: Faust. Sonntag: Amphitryon. Montag: Faust. Deutsches Theater(Kammerspiele). Sonntag: Der gul« König Dagobert. Montag: Der Arzt am Scheidewege. Dienstag: Die Letzten. Mittwoch: Der Gras von Gleichen. Donnerstag: Die Letzten. Freitag: Simson und Dcllla. Sonnabend: Der gute König Dagobert. Sonntag: Die Letzten. Montag: Der gute König Dagobert,(tzlns. 8 Uhr.) Lessiug-Theater. Sonntag: Hedda Gabler. Montag: Das Konzert. Dienstag: Roscnmontag. Mittwoch: Nora. DonnerStan: Das Konzert. Freitag: TantriS der Narr. Sonnabend und Sonntag: Einsame Menschen. (Ansang 7>/. Uhr.) Montag: Die versunkene Glocke.(Ansang 8 Uhr.) Kleines Theater. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Ein idealer Gatte. Abends: Luxuszug. Montag bis Mittwoch: LuxuSzug. Donnerstag: Nur ein Traum. Freitag: LuxuSzug. Sonnabend: Die verflixten Frauen- »immer. Erster Klasse. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Ein idealer Gatte. Abend und Montag: Die verflixten Frauenzimmer. Erster Klasse.(Ansang 8 Uhr.) Neues Schauspielhaus. Sonntag und Montag: NafileS. Dienstag: Ihr letzter Brief. Mittwoch: NasfleS.(Ansang 8 Uhr.) Donnerstag und folgende Tage: Unbestimmt. verliner Theater. BtS auf wettere» täglich: DaS Musikanten- mädcl.(Ansang 8 Uhr.) Neues Theater. Sonntag bis Donnerstag: Das gewisse Etwa». Ab Freitag: Die goldene RilterSzett.(Ansang 8 Uhr) Modernes(Hebbel-) Theater. Sonntag bi« Mittwoch: Die Wespe. Donnerstag und Freitag: Der Wert des Lebens. Sonnabend: Die Wespe. Sonntag: Der Wert des LebenS. Montag: Unbestimmt.(Ansang 8 Uhr.) Komische Over. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Zigeunerliebe. AbendS: Der Arzt wider Willen. Montag: Zigcunerltebe. Dienstag und Mittwoch: Der Arzt wider Willen. Donnerstag: HossmannS Erzählungen. Freitag: "igennerliebe. Sonnabend: Der Arzt wider Willen. Sonntaa nachmittag Uhr: HossmannS Erzählungen. Abend»: Der Arzt wider Willen. Montag: Zigeunerliebe.(Ansang 8 Uhr.) Thalia-Theater. Allabendlich: Polnssche Wirtschaft.(Ansang 8 Uhr.) Schiller- Tbeater O. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Bibliothekar. AbendS: W.rllensteinS Tod. Montag: Die Liebe wacht. Dienstag: Der Bibliothekar. Mittwoch: Neue Jugend. DonnerSkag: Die Liebe wacht. Freitag: Goldene Herzen. Sonnabend: Die Welt, in der man sich lang. weil«. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Der Bibliothekar. Abend»: Di- Welt, in der man sich langweilt. Montag: Wallenstrins Lager. Die Piccolomwi. �'sAlllct'.'itjcnter«harlottenburg. Sonntagnachmittag l 3 Uhr: Egmont. Abends: Der Bibliothekar. Montag: Bresters Millionen. DienStag: Goldene Herzen. Mittwoch u. Donnerstag: Bresters Millionen. Freitag: Di« Liebe wacht. Sonnabend: Robert und Bertram. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Egmont. Abend»: Robert und Bertram. Montag: Die Liebe wacht.(Ansang 8 Uhr.),„._. t Friedrich-Wilhelmii idtischeS Schauspielhaus. Sonntag: Bieder. Icut«. Montag: Faust. DienStag: Biederleute. Mittwoch: Faust Donners- tag und Freitag: Biederleute. Sonnabend: Faust Sonntag nachmittag: Faust. Abends und Montag: Bicderleute.(Ansang 8 Uhr.) Neue» Operette»- Theater. Täglich: Der Gras von Luxemburg. (Ansang 8 Uhr.) Nächsten Sonntag nachmittag 8 Uhr: Die Glocken von Corneville. Rcstdenz-Theater. Sonntag bis Dienstag: Gretchm. Mittwoch und folgende Tage: Noblssss oblige.(Ansang 8 Uhr.) Theater 6c» Westens. Sonntag nachmittag 3'/, Uhr: Ein Walzer. träum. Allabendlich: Die geschiedene Frau.(Ansang 8 Uhr.) Nächsten Sonntag nachmittag 8'/, Uhr: Ein Walzertraum. Trianon-Theater. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Pariser Witwen. AbendS bis Donnerstag: Pariser Witwen.(Ansang 8 Uhr.) Freitag und Sonnabend: Unbestimmt. Nächsten Sonntag nachmittag 3 Uhr: Pariser Witwen. Berliner BollS- Oper. Sonntag, Montag und Dienstag: Alt- Heidelberg. Mittwoch: Der Flieger. Donnerstag:««Heidelberg. Freitag nnd Sonnabend: Der Flieger. Sonntag und Montag: Alt-Heldelberg. nfang 8>/, Uhr.) LutseniTheater. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Die Else vom Erlenhos. AbendS: Die schöne Ungarin. Montag: Egmont. Dienstag: Im Spät- sommer. Mittwoch:. Die schöne Ungarin. Donnerstag: Egmont. Freitag und Sonnabend: Die Brüder vom St. Bernhard. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Egmont. Abend»: Die Brüder vom St. Bernhard. Montag: Egmont.(Ansang 8 Uhr.) Lustspiclbauö. Allabendlich: Das LeulnantSmündel.(Anfang 8 Uhr.) Heute und nächsten Sonntag nachmittag 3 Uhr: DaS Leuwantsmundcl. Herrnfeid-Theoter. Täglich: Wenn zwei dasselbe tun. DaS starke Stück.(?Insang 8 Uhr.) «asino-Tlieater. Täglich: Der schneidige Rudols.(Ansang 8 Uhr.) Heute und nächsten Sonntag nachmittag 3'/, Uhr: Der Hochmutiteusel. Rose-Theater. Heute nachmittag 3 Uhr: Em seltsamer Fast Abends täglich: Dorf und Stadt.(Ansang 3 Uhr.) Apollo-Tbcater. Allabendlich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) JolicS Eaprice. Allabendlich bis aus weitere»: Der schwarze Schimmel. Das alte Ghetto.(Ansang 81/, Uhr.) Mrtropol. Theater. Allabendlich: Hallo l Die große Nevuel (Ansang 3 Uhr) Passage- Theater. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Spezlalttäten. Allabendlich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Wintergarten. Allabendlich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr) Ncickishallen- Theater. Täglich: Stetliner Sänger.(Ansang 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr.) Walhalla. Theater. Allabendlich: Spezlalttäten.(Ansang 8'/. Uhr.) Prater-Theatcr. Täglich: Der Bettelftudent von Berlin.(Ans. 8 Uhr.) Earl-Haverland-Theater. Täglich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr) Urania• Theater. Taubcnttr. 48/49. Sonntag und folgende Tage abends 8 Uhr: Die Weltausstellung in Brüssel. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—32. Eingegangene DrucUrcbriftcn. Agenda für den achten Internationalen Geuoflenschafts- kongres«. Hest 1 und S.— Jahrbuch der internationalen Genossen- schaftSdewegung. 233 Seiten. H. Kausmann u. Co., Hamburg 1. 1,—. ßrtefharten äer Rcdahtfom Hnnisch 100. Der Abzug ist unzulässig. ES müiztc der Anspmch ausgeklagt werden. Der Verein als solcher ist, sttlls er nicht eingetragen ist, zur Klage nicht legitimiert.— G. 80. 1. Ja, wenn der Mietsvertrag »ichls anderes besagt. 2. Ja.— P. Z. 1878. Cjie können die Vertragsstrafe auch für den von Ihnen erwähnten Fall verlangen, wenn Sie nach- weisen können, dab die Frau nur vorgeschobene Person ist.— P. 100. 1. Bei einem Anwalt 15 bis 20 Mark. 2. Nein. 3. Sie nicht, wohl aber Ihre Frau,— H. G. 0. Ja, da der Stempel für jedes Kalenderjahr, das mit dein Micisjahr nicht zusammenfällt, berechnet wird.— E. 30. 1. Ja. 2. Nur dann, wenn Sie Beseitigung crsolgloS gefordert haben.— — F. B. S3. Kennen Sie die Adresse der Schuldnerin oder läßt sich die Adresse ernulteln, so fordern Sie unter Setzung einer Frist Einlösung des Psandcs unter der Androhung, dag nach Älblaui der Frist Versteigerung erfolgt. Ist die Aufforderung erfolglos, so können Sie einen Gerichts- Vollzieher mit der Vcrstcigcrnng bcaustragcn. Zwischen dem Tage dcS EmpsangcS der Aufforderung und dem Tage der Versteigerung muff ein Zeitraum von mindestens einem Monat liegen. Bon dem VersteiaerimgZ- termin ist Schuldnerin in Kenntnis zu setzen.— H. B. 1885, Brüssel» Fragen sie beim Kunstlvart-Dresden an.— K. R., Schweiz. Der Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, dem Schreiben stattzugeben. Die Gemeinde muffte erst das schweizerische Gericht in Anspruch nehmen. Daff sie dies tun wird, hallen wir für ausgeschlossen.— fi. 30. Kommen Sie init dem Mietsvertrag in die Sprechstunde.— ll. E. 50. Sie sind an den Vertrag gebunden._____ ISozialdeoiokrsiiscliefWaliii'Ereiii des 6. Herl. Eeiclistags- Wahlkreises, Todes- Anzeige. , Am Donnerstag. 1. September, r erstarb unser Mitglied der Tischler I Ulbert Ltsklielclt Seelower Straffe 7. Ehre seinem Andenken k , Die Beerdigung findet morgen «Montag, den 5. September, nach- i mittags 3 Uhr. von der Leichen- l halle des Städtischen Friedhoses 1 in Friedrichsseide aus statt. Um rege Bclciligung ersucht ! 220/11 lief Vorstand. Deutscher Holzarbeiler-Yerband Den Mitgliedern zur Nachricht, daff unser Kollege, der Tischler Ulbert 8taklkelä am 1. September gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 5. September, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des S Zentral-Friedhoses in Friedrichs- selde aus statt Um rege Beteiligung ersucht 30/5 Tie Ortöverwaltung. Beckto fransportarlieiter- Vertäut Bezirksverwaltung GroB- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daff unser Kollege, der Hausdiener SYKsZs Jacob am 2. September im Alter von 20 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Montag, den 5. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Bartholomäus-Kirchhoses in Weiffensee, Falkenberger Weg, aus statt. 71/13 Um rege Beteiligung ersucht Die BezirkSverwaltung. Todes- Anzeige. Am Freitag, den 2. September, ! starb nach kurzem Krankenlager mein lieber Mann, der Schuh. | machet Gustav Bauschke. Dies zeigt tiesbetrübt an Anna Hansel, Ire. Die Beerdigung findet Diens- I tag, den ö. d. Mts., nachmittags I l>/, Uhr, vom Trauerhause lRo> I stocket Str. 43) aus statt. Um j 4 Uhr in FriedrichSselde._ iSczialileffiökratiseliJalilvereifl Nieder-Barnim. Bezirk NummelSburg. Den Mitgliedern zur Nachricht, j daff unser Genosse, der Tischler lGdiard Schirmer lam 1. September plötzlich ver- j starben ist. Ehre seinem Andenken! , Die Zeit der Beerdigung wird noch bclannt gegeben. 238/16 Tic Bezirksleitung. f Deutsclier Metailarbeiier-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes• Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daff I unser Mitglied, der Metallarbeiter iWHKoIm Koch am 1. September an Lungenleidcn | gestorben ist. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Monlag, den 5. September, nach- i mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Rixdorser Gemeinde- FricdhoscS, Mariendorfer Weg, | aus statt. Rege Beteiligung erwartet 1 121/6 Die Ortöverwaltung. Zentralverband der Töpfer Deutschlands Filiale Berlin. Todesanzeige. Am Freitag, den 2. September, verschied nach langer Krankheit im Aller von 59 Jahren der Kollege Budwix Kernn (Bezirk Gesundbrunnen). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 5. September, nach, mittags 1 Uhr, vom Trauerhause, Bernaucr Str. 14, aus nach dem städtischen Friedhof in der See- straffe. Ecke Miillerstraffe, daselbst um 2 Uhr statt. 103/11 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. i Am Freitag den 2. September, abends 8 Uhr, verschied nach langen. schweren Leiden mein lieber Mann, unser inniggcliebter Vater, Schwieger- und Groff- vater, der Töpfer Budwix Kernn im 60. Lebensjahre. Dies zeigen um stilles Beileid bittend tiesbctrübt an im Namen der trauernden Hinterbliebenen: V/wo. Klars Kernn nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Montag, den 5. September, mittags l Uhr, vom Trauerhause, Bernauer Straffe 14, aus nach dem Städtl- scheu Friedhos, Müller-, Ecke See- straffe, statt. Am 31. August verstarb nach langem, schwerem Leiden»icinc liebe Frau, unsere gute Mutter Klara Karnisck geb. Sinnig. 736S Die Beerdigung findet am 5. d. MIS., nachmittags 3 Uhr, vom Luisen-Kirchhos auS statt. Der trauernde Gatte »ugust Rainisch nebst Kindern. llanksugung. Für die Beweise herzlichster Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Franz lirettelr sage ich hiermit allen lieben Kollegen herzlichsten Dank. Fra» Mathilde Krettek. Danksagung. Für die vielen Beweise Herzitcher Teilnahme bei dem Begräbnis unseres lieben Sohnes, Bruders und Schwagers Ködert Baader Dreher wie für die zahlreichen Kranzspenden von seinen Freunden, Bekannten, seinen Arbeltskollegen der Allgemeinen ElertrtzitälSwerte. sowie allen, die ihm die letzte Ehre erwiesen, sprechen wir unsere» herzlichen Dank auS. Hambach-LudwigShafen, 2. September 1010. 606b Tamilie_Baader. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Gatten und Vaters, des Arbeiters Qustav �teuniatm sagen wir hierdurch allen Beteiliglcu unseren tiefsten Dank. Frau Fmma kVenmann nebst Kindern. Von der Reise zurück j2l4/13 Frauenarzt Br. Frankensteln Alepandcrplatz.(12—1, 5—6.) PoliH.: Schönhauser Allee 55.(3—4.) 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Nicht mit der eingetretenen Besserung zugleich waren die für die Arbeiter so überaus schädlichen Folgen der Krisis überwunden, welche sich besonders durch die bis Ende des Jahres andauernde starke Arbeitslosigkeit und ein damit verbundenes Ucberangebot von Arbeitskräften bemerkbar machten. Die von der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands heraus- gegebene Statistik über:„Die Lohnbewegungen, Streiks und Aus- sperrungen des Jahres 1999" bietet uns deshalb im allgemeinen ungefähr das gleiche Bild wie die Statistik des Vorjahres. Die Zahl der Bewegungen ist zwar gestiegen, aber nicht die Ziffer der an den Bewegungen beteiligten Personen; diese hat im Gegenteil eine Verminderung erfahren. Beide Erscheinungen stehen lediglich mit den Bewegungen ohne Arbeitseinstellung in Verbindung; sie sind auch nicht von solcher Bedeutung, daß daraus weitgehende Schlüsse gezogen werden könnten. Betrachtet man jedoch das Ergebnis der Statistik in ihren einzelnen Teilen, so ist man geneigt, anzunehmen, daß die eingetretene Besserung der wirtschaftlichen Lage doch nicht ganz ohne Einfluß auf den Verlauf der Bewegungen gewesen ist. Die Erfolge und Resultate der Bewegungen sind günstiger, als sie im Jahre 1998 erzielt wurden. Es fanden insgesamt 6796 Bewegungen ohne und mit Arbeits- einstellung statt; daran waren 489 295 Personen beteiligt. Das Jahr 1998 wies dagegen 5837 Bewegungen mit 576 317 Beteiligten auf. Die Zahl der Bewegungen ist um 959— 16,4 Proz. gestiegen, und die Zahl der Beteiligten hat sich um 96 112— 16,7 Proz. verringert. Von den 6796 Bewegungen des Jahres 1999 verliefen 4597— 66,3 Proz. mit 348 961 beteiligten Personen— 72,7 Proz. ohne Arbeitseinstellung; 1998 fanden 3697 derartiger Bc- wegungen statt, woran 449 434 Personen beteiligt waren. Die Zahl der Bewegungen ist um 999— 25,9 Proz. gestiegen; jedocb hat sich die Zahl der Beteiligten um 199 473— 22,4 Proz. verringert. Die Bewegungen waren wohl zahlreicher, aber von geringerem Umfange; eö entfielen im Durchschnitt auf jede Bewegung 1998: 125 und 1999: 77 Beteiligte. Der Erringung besserer Lohn- und Arbeits- beding ungen dienten 3227 Bewegungen— 71,6 Proz. mit 288 327 Beteiligten— 82,6 Proz. und 1289— 28,4 Proz. mit 69 634 Beteiligten=: 17,4 Proz. wurden veranlaßt durch b e a b- sichtigte Verschlechterungen der Lohn- und Ar- beitsbedingungcn seitens der Unternehmer. Die Angriffsbewegungen endeten in 2243 Fällen— 69,5 Proz. mit 169 993 Beteiligten— 58,9 Proz. erfolgreich, in 556 Fällen— 17,2 Proz. mit 73 165 Beteiligten— 25,4 Proz. teilweise erfolgreich und in 321 Fällen mit 27 564 Beteiligten erfolglos. 197 Bewegungen mit 17 695 Beteiligten waren am Jahresschlüsse nicht beendet. Unter letzteren befinden sich 48 Bewegungen des Brauereiarbeiter- Verbandes und 46 Bewegungen des Verbandes der Gemeinde- arbciter. Von den Abwehrbewcgungcn war der Ausgang in 989 Fällen— 77,3 Proz. mit 49 357 Beteiligten— 66,6 Proz. erfolgreich, in 171 Fällen— 13,4 Proz. mit 17 869 Beteiligten— 29,4 Prozent teilweise erfolgreich und in 119 Fällen mit 1872 Beteiligten erfolglos; eine Bewegung mit 545 Beteiligten war am Jahresschluß nicht beendet. Der Ausgang der Angriffbcwcgungen war günstiger als im Jahre 1 9 98; die mit teilwcisem Erfolg beendeten Ve- wegungen sind zurückgegangen, dagegen haben sich die erfolgreich beendeten Bewegungen absolut und prozentual erheblich vermehrt. Das Gleiche kann leider nicht auch von den Abwehrbcwegungen gesagt werden. Bei diesen sind die erfolgreich beendeten Be- wegungen gegen das Jahr 1998 noch etwas weiter zurückgegangen. Daß sich die Zahl der mit teilweisem Erfolg beendeten Bewegungen erhöht hat. will nichts besagen, denn bei den Abwehrbewegungen bedeutet„tcilwciser Erfolg", daß die in Frage kommenden Arbciter mit einer teilweise« Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsbedin- gungen fürlieb nehmen mußten. Die Bewegungen ohne Arbeitseinstellung verursachten eine Ausgabe von 113152 Mk.; es waren daran beteiligt 47 Verbände. Arbeitskämpfe, ihre Ursachen und Verlauf. Weder in der Anzahl noch in dem Umfang der Arbeitskämpfe — Streiks und Aussperrungen— haben sich gegenüber dem Vor- fahre wesentliche Veränderungen ergeben. Es fanden statt 2945 jdämpfe, an denen 131244 Personen beteiligt waren; im Jahre 1998 betrug die Zahl der Kämpfe 2952 mit 126 883 Beteiligten. Die Zahl der Kämpfe hat sich um 7 verringert und die Ziffer der Be- teiligten um 4361— 3,4 Proz. erhöht. Diese Veränderungen sind so unerheblich, daß sie zu einer abweichenden Beurteilung der Ver- Hältnisse nicht dienen können. Gleich wie im Jahre 1998 waren auch im Berichtsjahre die Kämpfe in ihrer Mehrheit nach den daran beteiligten Personen vom geringeren Umfange, es entfallen auf jeden Kampf im Durchschnitt 64 Beteiligte. Von den 2945 Arbeitskämpfen waren Angriffstreiks 832— 49,7 Proz., Abwehrstreiks 1997— 49,2 Proz. und Aussperrungen 296— 19,1 Proz. Im Jahre 1998 fanden dagegen statt: 678 An- grisfstreiks— 33,1 Proz., 1117 Abwehrstrciks— 54,4 Proz. und 257 Aussperrungen= 12,5 Proz. Das prozentuale Verhältnis der Angriff- und?sbwehrftrciks und der Aussperrungen hat sich gegen das Jahr 1998 etwas ver- schoben. Die im Vorjahr enorm gestiegene Zahl der Abwehrstrciks ist zurückgegangen, allerdings nicht in dem Maße, daß die Tendenz dct Unternehmertums, die Zeiten wirtschaftlicher Depression zur Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsbedingungen auszunutzen, zu verkennen wäre. Denn trotz ihres Rückganges überwiegen die Aowebrstreiks an Zahl noch ganz bedeutend die Angriffstreiks, ob- schon bei letzteren eine Vermehrung eingetreten ist. Auch die Zahl der Aussperrungen hat sich verringert. An den 332 Angriffstreiks des Jabres 1999 waren 54 939 Per- soncn beteiligt. In 517 Fällen mit 35 893 Beteiligten wurde ge- kämpft um Lohnerhöhungen zu erreichen. Wegen Ver- kürzung der Arbeitszeit und Lohnerhöhung fanden 293 Streiks mit 15 637 Beteiligten statt. 22 Streiks mit 389 Be- teiligten wurden geführt um Verkürzung der Arbeits- zeit allein. Der Ausgang der Angriffstreiks war günstiger als der im Jahre 1998 geführten; es endeten erfolgreich: 454= 64,6 Proz. mit 27 359 Beteiligten— 56,6 Proz., teilweise erfolgreich: 173— 29,8 Proz. mit 14 547 Beteiligten= 26,8 Proz. und erfolglos: 173— 29,8 Proz. mit 9185 Beteiligten— 17,9 Proz. Die Abwehrstrciks haben sich gegen das Jahr 1998 um 119 ver- mindert, jedoch ist die Zahl der daran Beteiligten um 6699 ge- stiegen; es waren an den 1997 Abwehrstreiks des Jahres 1999 42 799 Personen beteiligt. Die Steigerung der Beteiligtenziffer ist auf den vom Bergarbeiterverband im Mansfelder Revier durchgeführten Abwehrstreik, an welchem 8149 Personen beteiligt waren, zurückzuführen. Dieser Kampf entspann sich durch fort- gefetzte Maßregelungen der Vertrauensleute des Verbandes und mußte nach sechswöchiger Dauer leider erfolglos beendet werden Von den Abwehrstreiks des Jahres 1999 wurden 499 mit 17 939 Beteiligten geführt, um Lohnrcduktionen abzu- wehren. In 181 Fällen mit 13 421 Beteiligten fanden Streiks wegen Maßregelungen statt. 26 Streiks waren notwendig, um eine Verlängerung der Arbeitszeit abzuinchren; daran waren 445 Personen beteiligt. In 21 Fällen mit 559 Be- tciligten mußte gegen den vom Unternehmer verlangten Aus tritt aus der Organisation gekämpft werden. Von den insgesamt stattgefundenen Abwehrstreiks endeten erfolgreich: 593— 58,9 Proz. mit 18 559 Beteiligten— 43,4 Proz., teilweise erfolgreich: 123— 12,2 Proz. mit 8946 Beteiligten~ 18,8 Proz. und erfolglos: 243— 24,1 Proz. mit 14 718 Beteiligten— 34,5 Prozent. Ter Prozentsatz der erfolgreichen Streiks hat sich gegen das Jahr 1998 von 47,9 auf 58,9 erhöht. Im Jahre 1999 wurden seitens der Unternehmer 296 Aus- sperrungen vollzogen. Im Vorjahre fanden dagegen 257 statt, so daß eine Verminderung der Aussperrungsfälle um 51— 19,8 Proz. eingetreten ist. In einem noch stärkeren Verhältnis ist die Zahl der von den Aussperrungen betroffenen Arbeiter gegenüber dem Jahre 1998 zurückgegangen. Während 1998 an den Aussperrungen 69 576 Personen beteiligt waren, erstreckten sich die des Jahres 1999 nur auf 34 494 Personen. Es ist demnach eine Abnahme der Beteili gungSziffcr um 26 982— 43,1 Proz. crfo'gt. Unter den Aussperrungen des Jahres 1999 ragt besonders die von den Bauunternehmern Hamburgs und Umgegend vollzogene Aussperrung der Bauarbeiter durch ihren Umfang hervor. An dieser Aussperrung waren 16 Verbände durch ausgesperrte Mit- gliedcr beteiligt und wurden davon insgesamt 19 999 Personen betroffen. Die Aussperrung lourde unternommen, um den Maurer verband zur Aufgabe eines Lohnkampfes zu zwingen. Die Umer nchmer erreichten jedoch nicht das gewünschte Ziel, die bedingungs lose Unterwerfung der Arbeiter, und mußten schließlich, um eine Beendigung des Kampfes herbeizuführen, Lohnerhöhungen be willigen. Ihren Ursachen nach verteilen sich die Aussperrungen des Jahres 1999 folgendermaßen: In 43 Fällen mit 3969 Beteiligten lagen denselben Forde rungen der Arbeiter zugrunde. Wegen Nichtannahme verschlechterter Arbeitsbedingungen wurden 42AuS- sperrungen verhängt, die sich auf 4957 Personen erstreckten. In 17 Fällen mit 7911 Beteiligten war ein Angriff streik und in 12 Fällen mit 4496 Beteiligten ein Abwehrstreik die Ur- fache der Aussperrungen. 16 Aussperrungen, an welchen 324 Per- sonen beteiligt waren, dienten dem Koalitionsraub. Wegen Verweigerung von Streikarbeit wurden 5 Aus- sperrungen verhängt, woran 524 Personen beteiligt waren. Aus ?lnlaß der Maifeier fanden 25 Aussperrungen statt, die 6963 Personen in Mitleidenschaft zogen. Von den Aussperrungen ins- gesamt endeten für die Zlrbeiter erfolgreich: 85— 41,3 Prozent mit 19 999 Beteiligten— 31,9 Proz., teilweise erfolgreich: 32— 15,5 Proz. mit 11 592 Beieiligten— 33,3 Proz. und erfolglos: 69— 33,5 Proz. mit 9269 Beteiligten— 27,9 Proz. Der Prozentsatz der erfolgreich beendeten Aussperrungen hat sich gegen das Jahr 1998 um das Doppelte von 21,9 auf 41,3 erhöht, und noch günstiger liegt das Verhältnis bei den an diesen Aussperrungen Beteiligten. Von den Kämpfen insgesamt endeten erfolgreich: 1132— 55,4 Prozent mit 56 917 Beteiligten— 43,4 Proz., teilweise erfolgreich: 328— 16,9 Proz. mit 34 995 Beteiligten— 25,9 Proz. und erfolglos: 485— 23,7 Proz. mit 33 263 Beteiligten— 25,3 Proz. 51 Kämpfe mit 4139 Beteiligten waren am Jahresschluß nicht be- endet und von 49 blieb der Zlusgang unbekannt, an letzteren waren 2929 Personen beteiligt. Gleich wie die Angriffbewegungen ohne Arbeitseinstellung endeten auch die Arbeitskämpfe günsti- g e r als die im Jahre 1993 geführten. An den Kämpfen waren 46 Verbände beteiligt; davon hatten mehr als 59 Kämpfe folgende Verbände durchzuführen: Maurer 433, Holzarbeiter 289, Bauhilfsarbeiter 224, Metallarbeiter 298, Zimmerer 134, Fabrikarbeiter 97 und Transportarbeiter 71. Das sind zusammen 1447 Kämpfe:= 79,8 Proz. der Gesamtzahl. Auf die übrigen 39 Verbände entfallen 598 Kämpfe— 29,2 Proz. Mehr als 5999 Beteiligte hatten im Kampfe zu stehen folgende Verbände: Maurer 24 827, Holzarbeiter 18 221, Bauhilfsarbeiter 15161, Metallarbeiter 13 927, Bergarbeiter 9419, Fabrikarbeiter 7972, Zimmerer 6939, Schneider 5891 und Textilarbeiter 5485. Von diesen 9 Verbänden waren zusammen 196 834 Personen= 81,4 Proz. der Gesamtzahl an den Kämpfen beteiligt. Die Ausgabe für die Kämpfe betrug insgesamt 5 934 453 M., und wurden von dieser Summe 5 993 144 M. aus den eigenen Mitteln der Verbände geleistet. Von der Ausgabe entfielen auf die Angriffstreiks 2 293 817 M., auf die Abwchrstreiks 1 749 444 M. und auf die Aussperrungen 1 793 939 M. Es wurden im Jahre 1999 1457 414 M. mehr für die Durchführung der Arbeitskämpfe aus- gegeben als 1998. Auf jeden an den Kämpfen des Jahres 1999 Beteiligten entfällt eine durchschnittliche Unterstützungsrate von 45,22 M. 1998 betrug die Durchschnittsrate nur 35.28 M. Die ziemlich bedeutende Steigerung des Anteils pro Beteiligten ist ein Beweis dafür, daß die Kämpfe des Jahres 1999, in ihrer Mehrheit, von längerer Dauer als wie im Vorjahre gewesen sind. Von den an den Kämpfen beteiligten Personen konnte für 121 171 der VerUist an Arbeitszeit und Arbeitsverdienst festgestellt werden. Der Verlust an Arbeitszeit betrug insgesamt 2 247 512 Tage. Davon entfielen auf die männlichen Personen 2 148 999 und auf die weiblichen Personen 99 422 Tage. Der Verlust an Arbeitsverdienst betrug bei den männlichen Personen 19 969 827 Mark und bei den weiblichen Personen 168 198 M., zusammen 19237 935 M. Von den insgesamt an den Kämpfen beteiligten Personen waren 199 882 männliche und 6492 weibliche in den Streiklisten eingetragen. Von diesen eingetragenen Personen ge- hörten bei Beginn der Kämpfe 94 924 männliche und 4846 Weib- lichc Personen der Organisation an. Von den am Schluß des Jahres beendet gewesenen Kämpfen wurden 1434— 68,5 Proz. durch Verglcichsverhandlungen beendet. Was durch die Lohnkämpfe erreicht wurde. Der günstigere Ausgang der Lohnbewegungen und Arbeits- kämpfe findet auch seinen Niederschlag in den erhöhten Resultaten, welche durch die Bclvegungen in bezug auf Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhungen und sonstigen Verbesserungen erzielt worden sind. Es wurde durch die Bewegungen ohne und mit Arbcitsein- stellung erreicht insgesamt: eine Arbeitszeitverkürzung für 66 794 Personen in Höhe von 215 313 Stunden pro Woche und Lohn- erhöhungen für 243 499 Personen im Gesamtbeirage von 445 545 Mark pro Woche. Für jeden Beteiligten betrug im Durchschnitt die Arbeitszeit- Verkürzung pro Woche 1995: 39i Stunden, 1996: 3% Stunden, 1997; 314 Stunden, 1998: 3 Stunden und 1999 31� Stunden. Die Lohnerhöhung betrug für jeden Beteiligten 1995: 2,98 M., 1996: 1,86 M., 1997- 1,92 M.. 1998: 1.55 M. und 1999: 1,83 M. Die Durchschnittsraten oes Jahres 1999 haben sich im Vergleich zu denen des Jahres 1993 gehoben, ein Resultat, das nach der wirt- schaftlichen Struktur des Berichtsjahres kaum erhofft Wersen konnte, uns aber in bezug auf die zu erwartenden Erfolge in den nächsten Jahren als ein gutes Vorzeichen gelten kann. Es wurden dann noch außer den vorstehenden Resultaten für 136 293 Personen sonstige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erzielt. Die Feinde der modernen Arbeiterbewegung pflegen u. a. auch darauf hinzuweisen, daß der Schaden, welchen die Arbciter bei Streiks erleiden, die Erfolge der Kämpfe weit überrage. Dem- gegenüber kann nicht oft genug betont werden, daß die bei den Kämpfen errungenen Resultate nicht von denen getrennt werden können, welche auch durch die Bewegungen ohne Arbeitseinstellung erreicht werden. Erst von dieser Grundlage aus ist es möglich, die Erfolge der wirtschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter richtig ein« schätzen zu können. Ter Streik dient den Gewerkschaften nur als das letzte Mittel zur Durchsetzung berechtigter Forderungen, wenn alle anderen Mittel zur Erreichung dieses Zieles versagen. Hat die Arbeiterschaft aber erst einmal zu der Waffe des Streiks ge- griffen, so weiß sie auch, daß es sich dann nicht mehr allein um die Erreichung materieller Erfolge handelt, sondern auch um die Niederzwingung eines Teiles jener Macht, die sich dem kulturellen Aufstieg der Arbeiterklasse feindlich gegenüberstellt!— Die gewerkschaftliche Strcikstatistik weist seit dem Jahre 1995 nach, welchen großen?lnteil gerade die friedlich verlaufenden Be- wegungen an den Errungenschaften hahen, und dieses Moment tritt auch wieder bei den Resultaten der Bewegungen des Jahres 1999 hervor.> Bon den oben angegebenen Resultaten entfallen auf die Be» wegungen ohne Arbeitseinstellung: eine Arbeits- zeitvcrkürzung für 49 692 Personen � 74,4 Proz. in Höhe von 168 587 Stunden pro Woche— 78,1 Proz. und Lohnerhöhungen für 178 971 Personen— 73,2 Proz. im Betrage von 394 567 M. pro Woche— 68,4 Proz. Die Resultate der Bewegungen kommen aber nicht allein in dem Erreichten zum Ausdruck, sondern auch in dem, was an be- absichtigten Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen abgewehrt werden konnte. Es wurden abgewehrt: eine Arbeitszeitverlängerung für 4123 Personen in Höhe von 15 853 Stunden pro Woche, ferner Lohn- reduzierungen für 31 479 Personen im Gesamtbetrage von 66 213 Mark pro Woche. Sonstige Verschlechterungen der Arbeitsbedin- gungen wurden abgewehrt für 46 718 Personen. Dagegen traten Verschlechterungen ein: eine Arbeitszeitvcrlängcrung für 323 Per- soncn in Höhe von 1498 Stunden pro Woche, serner Lohnrcduzie- rungen für 3952 Personen im Gesamtbetrage von 7763 M. pro Woche. Sonstige Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen traten ein für 2521 Personen. So bedauerlich es ist, daß Arbeiter, in den Zeiten ständig steigender Lebensmittelpreise noch Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen müssen, so muß doch bei dem Vergleich der vorliegenden Resultate anerkannt werden, daß die Arbciter auch bei den Abwehrbcwegungen den erheblichsten Erfolg auf ihrer Seite hatten. Es muß. dieses Resultat um so Höher eingeschätzt werden, als die Arbciter bei den Abwehrbewegun- gen von vornherein mit ungünstigeren Chancen zu rechnen haben. Es wäre jedoch zu wünschen, daß die Gewerkschaften in Kürze so erstarken, daß von eingetretenen Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht mehr die Rede ist. Von den Errungenschaften entfallen auf die Aussperrungen: eine Arbeitszeitvcdkürzung für 3589 Personen in Höhe von 19 379 Stunden, ferner Lohnerhöhungen für 17 965 Personen im Gesamt- betrage von 37 793 Mark. Des weiteren wurde abgewehrt: eine Arbeitszeitverlängerung für 182 Personen in Höhe von 546 Stun- den, ferner Lohnkürzungen für 2236 Personen im Gesamtbetrags von 5188 Mark. Es trat ein: eine Arbcitszeitverlängerung für 48 Personen in Höhe von 144 Stunden, serner Lohntürzungen für 194 Personen im Gesamtbetrage von 439 Mark. Ein Vergleich der Resultate zeigt, daß auch bei den Aussperrungen die Unternehmer herzlich schlecht abgeschnitten haben. Das, Ivos an Verschlechte- rungen eingetreten ist, kommt gegenüber dem Erreichten und dem Abgewehrten kaum in Betracht. Bei den Bewegungen insgesamt wurden 1913 korporative Ar- beilsverträge für 159 628 Personen abgeschlossen. Inwieweit die Abschlüsse von Tarifverträgen als Erfolge der Arbeiter zu bewerten sind, kann nur bei näherer Kenntnis der Vertragsbestimmungen beurteilt werden. Durch die borliegende Statistik ist der Nachweis erbracht worden, daß die Erfolge und Resultate der Lohnbewegungen und Arbeitskämpfe günstiger waren, als sie 1993 erzielt mtrden. Dieses Ergebnis ist erfreulich, jedoch kann es uns nicht vollständig befric- digcn, steht doch das Errungene hinter dem, tvas in früheren Jahren erreicht wurde, zurück. Auch kernn das Errungene selbst, soweit es sich um Lohnerhöhungen handelt, nur als ein Ausgleich gegenüber den Lasten angesehen werden, die durch eine unglückliche Steuerpolitik des Staates der deutschen Zirbeiterschaft aufs neue auferlegt wurden. Aber gerade diese Aufbürdung neuer Lasten wird für die deutsche Arbeiterschaft, in Verbindung mit einer mifsteigenden wirtschaftlichen Konjunktur, einen mächtigen Ansporn bilden, in den� nächsten Jahren umfangreiche Lohnaufbesserungen in dem Mlaße anzustreben, daß durch diese nicht nur ein Ausgleich in der Lebenshaltung, sondern eine Verbesserung derselben erreicht wird. Das Ergebnis der Bewegungen des Jahres 1999 scheint unS für die erfolgreiche Durchführung künftiger umfangreicher Bcwe- gungen ein gutes Vorzeichen zu sein. Welch ein erheblicher Unter- schied besteht nicht in dem Stand der Gewerkschaften und ihren Kämpfen während der jüngsten Krisenperiode, gegenüber der in den Jahren 1999 bis 1992 stattgefuudencn!— Wohl ist auch die jüngste 5irisenzcit nicht ganz spurlos an den Gewerkschaften vor- übergegangen, sie unterbiW) vorübergehend das Wachstum der- selben, aber nicht im geringsten wurde ihre Aktionskraft geschwächt, dafür hat die Statistik der Lohnbewegungen, Streiks und AuL- sperrungen einen deutlichen Beweis erbracht. Nock? unter der ungünstigen Einwirkung einer daniederliegen» den wirtschaftlichen Konjunktur und ungeachtet der schädlichen Nach- wehen derselben, stellt sich das gewerkschaftlich organisierte Prole- tariat seinem wirtschaftlichen Gegner zu neuen hartnäckigen Kämpfen, die von Erfolgen für die Arbciter begleitet sind. Wir lernen aus diesen Erschunungen, daß in erster Linie die Gestaltung der Lebenslage des Proletariats abhängig ist von der Stärke und Leistungsfähigkeit der Gewerkschaften. Das soll uns ugleich eine ernste Mahnung sein, in nie ermüdender Tätigkeit das Proletariat in den Gewerkschaften zu vereinigen. Die vorwärts drängende Zeit ruft die Arbeiterschaft auf zu neuen Kämpfen—, neue Erfolge werden die Früchte dieser Kämpfe sein! Keine Msrfinsl durch Gebrauch der t0tlCtl-M((on- (Siehe Wochen- Spielplan.) Sonntag, den 4. September, nachmittags 3 Uhr: Freie VolkSbnpne i ReucS Schauspielhaus. 1. Abteilung (Gruppe 1— t): Heber unsere Krast. Thalia- Theater. S./Il). Wteilung (Gruppe 40—13): Kampf. Lessing- Theater. 3. Abteilung (Gruppe 9— 13): DaS Konzert. Residenz-Theater. 6./9. SIbteilung. (Gruppe 3S-38): Die 300 Tage. 1.(14.) Abendabteilung: Neues Schau« spiclhaus. Montag, 5. September, 8 Uhr: NafsleS �essinF-Ikeater. 8 Uhr: Hrdda Gabler. Montag 8 Uhr: Das Konzert. Dienstag 8 Uhr: Roienmontag. berliner Tftester. Heute 8 Uhr: Gastspiel Hansi Niese: Das Müßkanttnmiidt!. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Das gewisse Etwas. Montag bis DoimerStag: Das gewisse EtwaS. Feitag: Die goldene Ritterzeit. Moctefnes Theater (friiher Hebbellhealer), Heute u. täglich: JJjg WCSPB. Theater des Westens. Anfang 8 Uhr. Die seschiedene Fran. Sonnt. 3'lt Uhr: Ein Walzertraum. Slenes Opcrctton-Thcatcr. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Operette in 3 Alt. von Ä. M. Willner u. R.Bodansky. Musik v. Franz Lehhr. Berliner Volksoper. Heute-,-9 Uhr: Gastspiel des Neuen Schauspielhauses: _ Alt-Heidelberg. Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Ansang 8 Uhr. CnTvtvltvI». Groteske in 3 Akten von Davis und Lipschütz. Morgen u. solg. Tage: Gretchen. Freitag, den 9. Sept., zum erstenmal: Noblesse oblige. Luisen-Theater. Nachmittags 3 Uhr: Else vom Erlenhof. AbendS 8 Uhr: Die schöne Ungarin. Montag: Egmout. Dienstag: Im Spätsommer. Friedrich-Wiilielnistädtisclies Schauspielhaus. Sonntag, den 4. Sept., abends 8 U. Biederlente. Montag: Faust. Dienstag: Viederleute. Mittwoch: Faust._ LustspieBhaus. Abends 8 Uhr: Das Leutnantsmündel OSE=THEATE 1 Grohe Frankfurter Str. 133. Nachm. 3 Uhr, halbe Preise: Jditi seltsamer Fall. Abends 8 Uhr: Dors und Stadt. Auf der Gartenbühne: Anfang 4 Uhr. Theatervorst., Spezialitäten. Neues Programm._ Trianon-Theater. Heute u. folgende Tage(Ans. 3 Uhr) Pariser Witwen. Metropol-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Bich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet 8 Uhr: Die»«««» Spezialitäten. 9h, Uhr: Verdoteav Frucht. Komödie in 1 Akt v. Michel Probins. Annie Vara— Ludwig Mertens a.®. (In Hamburg seit S Monaten vor ausverkausten Häusern u. Stadtgespr.) Ferner 8 weitere für Berlin voll« stündig neue Attraktionen. Karl HaveiiamI- Ansang Theater präz. 7h, U. 77/79 Kommandantcnstrahe 77/79. DaS wunderschöne »UW-kkMW. 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Sonntag, abends 8 Uhr: Der Blbllothekor. Schwank in 4 Akten v. G. v. Moser. Ende Ivh, Uhr. Montag, abends 8 Uhr: Dresters lUlIlloucu. Dienstag, abends 8 Uhr: Doldcne Berken. Gas'ans Panopiikiiift Größtes Schau-Etablissement Berlins. O OroSles SCünstSer-iCoBizepti. ß Täglich geöffnet von 9 Uhr vorm. bis 10 Uhr abends. Fintritt 50 Pf. Mil. ohne Charge u. Kinder 85 Pf.» XUI. Raison. Zirkus Busch Sonnabend, lo. September abends 8 Uhr: Gala-Premiere. Die Zirkuskassen sind täglich van 10 Uhr an geöffnet. Billetts sind ferner zu haben beim Invalidendank, Unter den Linden 24 und in der Billett-Abteilung des Warenhauses A. Wertkeim, Leipziger Straße 132/133.* TERRASSEN HÄLENSEE Größter TergnllgungsparK j des Kontinents. das achte Weltwunder. Neu! Taraag/ra, Sensationelle Attraktionen Translateur- und Franzer-Konzert. Oberbayerische Sänger u. Schuhplattler. Eintrittspreis 50 Pf. Heute Sonntag: Passagier-Faliften im Fessel-Ballon. Blon Plalslr. ISeeterrasse Siehtenberg ROderstraBo 11—1». 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Abs. 2 Uhr nachm., hin u. zurück 50 Ps. Avis: Am Mittwoch, den 7. Sept., teilte diesjähr. Fahrt nach Deupih. Abfahrt 7�/, Uhr morgens. Fahrpreis hin und zurück SM.-MF MwM tetausslelung 1818 30. April bis S. Oktober. Im Park täglich Doppel-Konzert. Eintritt: 10-6 Uhr 1 M.. V. 6 Uhr ab 50 Ps., Sonntags 50 Ps. Dauert. 6 M. Burgtiieater-Kinematoppti vorm. Groterjsn, Jnhab.; Rud. Merz, Schönhauser Allee IS9. Tel. 3, 9353. Lebende Photographien. Während der Sommermonate nur Sonnabend, Sonntag u. Montag. Eintritl 30 u. 40 Ps, Kinder dieHäljte. Ans.7 U., Sonnt. 4 U. Verzugskarten, nur wochent. gültig, S» Ps. ans allen Plätzen, Stets wechs. Progr. Jed. Sonnt, i. Obersaal: Knnstlcrkvnzert. Entree 15 Ps. Garderobe 10 Ps. N. d. Konzert: Famrlien-Kränzcben. Täglich: Freikonzert. II/sihslls TT �riGe Theater Weinbergswag 19-20, Rosenth.Tor. Anfang 81/« Uhr. Die aiuilsauten Spezialitäten. KöDigstadt-Sasiuo. Holzmarttstr. 72, Ecke Alexanderslraße. Wiederanstreten von Franz Sobanski. Dazu das auserlesene Sept.-Progr. Der Herr Bankier. Volksstück in 1 Akt von Mar Leuth er, Vsstao-Theaier Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Die urkomische Posse Der schneidige Rudolf. Rudolf Piinpelmann: Dir. H. Berg. Vorher das glänzende bunte Progr. Nur Attraktionen ersten Ranges. Sonnt. S1/, Uhr: Der Hochmutsteutel. CIRCUS Cyrill Hatte I Pankow, Bs£zr Ecke Binzstraße. nächst Schönhauser Allee. Soontag, 4. Septetuher, nachm. 4 n. abds. 81/, Uhr: 2 Gala-forstellnnges 2 Nachm. 1 Kind frei. Kinder unter 12 Jahren u. Militär v.Feldweb. abw. nachm. halbe Preise. Abends volle Preise. Volksgarten- Theater früher Weimann. Badstr. 8, Behm- u. Bellennannstrabe. Täglich: l�osea aus demSädeii. Poffe mit Gesang und Tanz von W. Gehricke. Spezialitäten ersten Ranges»sw. Alt-Hoablt 47/40. Täglieh: Konzerl, Theater, Spezialitäten. Kerliner Prater- Theater Kastanienalleo 7—8. Heute: ier Betlelstudeut m Berlin. SpeziallläteD, Konzert unil ßaö. Anfang 4'/, Uhr. Entree 30 Ps. unN Eestsüte. 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I. feierte das Göttinger Korps„Saxonia" fein Stiftungsfest, zu dem unter zahlreichen anderen alten Herren auch der Berliner Polizeipräsident v. Jagow erschienen war. Dieser erfreut sich bekanntlich seit dem Wahlrechtsfeldzuge bei den Genossen grosier Unbeliebtheit. In der Absicht, gegen ihn, wenn möglich. Material zu sammeln, reisten sechs Berliner Genossen nach Gölttngcn, um bei den dortigen Korpsfcierlichkeitcn eifrigst zu spionieren, regelmäßig Posten zu stehen, die Ausflüge zu über- wachen und dergleichen. Sie mußten jedoch zu ihrem lebhaften Bedauern nach Berlin zurückkehren, ohne die gewünschten Be- obachtungen gemacht zu haben. Der Vorfall ist bezeichnend für die sozialdemokratische Kampfesweise, insbesondere für ihr häufiges Geschrei über Spitzeltum, und ferner für die Vergeudung, die mit den Beiwagen sozialdemokratischer Arbeiter getrieben wird. DaS„Reich" enthüllt damit nur einen Teil des schwarzen Planes. Da das Gelingen desselben durch die Veröffentlichung endgültig mißglückt ist. wollen wir aus unserer Kenntnis auch das Fehlende bekannt geben. Vom Oberrevolutionslribnnal waren die sechs Emissäre entsandt worden, um den Berliner Polizeipräsidenten nicht nur zu beobachten, sondern, wenn irgend möglich, gefangen zu nehmen. Auf einem eigens gecharterten Dampfer sollte der Acrmste nach der Teufelsinsel gebracht werden, wo man ihn durch andauerndes Lesen deS»Reich" langsam zu Tode quälen wollte. S6VV Meter hoch im Aeroplan. Wie von dem Flugmeeting bei Havre'gemeldet wird, ist es dem Bleriotpiloten Moräne, der in der letzten Zeit eine ganze Reihe glänzender Flugleistungen vollbracht hat, am Sonnabend gelungen, den von ihm selbst erst vor einigen Tagen ausgestellten Welthöhenrekord erheblich zu überbieten. Während Moräne vor ein paar Tagen die Höhe von 2150 Meter erreichte, gelang es ihm diesmal, bis zu der schwindelnden Höhe von 2582 Meter emporzuklimmen. Beim Abstieg setzte in 2500 Meter Höhe der Motor ans. doch konnte der kühne Flieger im Gleitflug niedergehen, ohne den geringsten Schaden zu nehmen._ Airs dem russischen Sumpf. Umfangreichen Durchstechereien, bei der die Marineverwaltung beteiligt ist. kam, wie der.L.-A." meldet, die Petersburger Geheim- Polizei auf die Spur. Bei der infolge einer Denunziation vor- genommenen Untersuchung der Geschäftslager des Kaufmannes G a d a u l i n fand man mehrere hundert neue Matrosenbeinkleider. Mäntel, Röcke usw. Sämtliche Sachen entstammen dem Kronstädter Depot, wo sie systematisch entwendet und dann von Beamten verkauft wurden. Ferner fand man im Landhaus GadaulinS in der Um- gegend von Petersburg eine enorme Niederlage gestohlener Matrosenkleider. Wie festgestellt wurde, hat man vor zwölf Jahren bereits in demselben Geschäft fünftausend gestohlene Marinemäntel gefunden, vor drei Jahren 2000 Kilo Schrapnells und Kronstadt stammten. andere Artilleriegeschosse, die ebenfalls«ms Der Schutzengel hat ihn verlassen. Der Schreinermcister Schratzen st aller in München war früher mehrere Jahre F rater in einem Kapuzinerkloster. Er hing dann die Kutte an den Nagel, verheiratete sich, blieb aber trotzdem ein sehr frommer Moml. Das zeigte er, als er dieser Tage von der 4. Strafkammer des Landgerichts München I zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, weil er in sechs Fällen an Knaben und Mädchen im Alter von 4 bis 13 Jahren schamlose Handlungen verübt halte. Vor Gericht leugnete er zuerst hartnäckig jede Schuld; in die Enge getrieben gab er aber schließlich die Möglichkeit seiner schweren sittlichen Verfehlungen zu und meinte, da müsse ihn wahr- schcinlich der Schutzengel verlassen haben. Hartnäckige Mahner. Ein jüngerer auf der Wanderschaft befindlicher Tischlergeselle kam auf seinen Kreuz- und Ouerfahrlen auch nach dem Orte V ö l k- l i n g e n a. d. Saar, wo er bei einem biederen Krauter in Arbeit trat. Nach einiger Zeit wurde die Arbeit knapp, nebenbei lockten den jungen Mann auch die Schweizer Berge, so daß er eines Tages auf die Bürgermeisterei ging und sich einen Reisepaß nach der Schweiz ausstellen ließ. Nachdem er noch als ordnungsliebender Staats- bürger seine polizeiliche Abmeldung besorgt hatte, zog er lustig seines Wege?. Nur eines hatte er vergessen: in freventlicher Weise war erderGe- memde Völklingen mit 3,6b M. rückständiger Steuern aus- gerückt. Wir wissen zwar nicht, ob die Bürgermeisterei ihre Mannen zusammenberufen hat, um über den verübten Frevel NatS zu pflegen, jedenfalls war man aber eifrig bemüht, den Aufenthalts- ort des Sünders zu ermitteln. Freilich war guter Rat teuer, denn auf Schweizer Gebiet habe» preußische Steuereintreiber nix to seggen und freiwillig— sürchteten wohl die Völklinger— werde der Schuldner nicht zahlen. Aber man fand einen Ausweg. Eines Tages erhielt der Arbeitgeber des Schuldners folgenden Schreibe- brief: Geineindekasse Völklingen. Völklingen, den LS. August 1910. An Herrn Nutichinann, Baugeschäft, Bözingen b. Biel. Der bei Ihnen in Arbeit stehende Schreiner R.... schuldet hier die Steuer während seines hiesigen Aufenthalts von 3, öS M. Um dem genannten R.... weitere Unkosten zu ersparen, werden Sie höflich gebeten, die fälligen Steuern dem genannten R. mit S,6S M. am Lohne in Abzug zu bringen und dann gefälligst hierher übermitteln zu wollen. SchulteS. Im Sprichwort heißt es:„hilft es nicht, dann schad'ts auch nicht" und so wird es auch wohl den Völklingern gehen. Schmeichelhafte Einschätzung. Im Handbuch des größeren Grundbesitzes, herausgegeben vom bayerischen Landwirtschastsrat, findet sich aus Seite 387 bei Be- schreibung der Besitzungen der Freiherren August und Oskar v. Feilitzsch folgende Stelle: »Der Viehstand zählt 2 Pferde und zirka 16 Stück Rindvieh (solange die Besitzer nicht selbst auf dem Gute wohnen). Vom»König der BoHöme". Danny Gürtler, der große Reklameheld, veröffentlichte gestern in den hessischen Zeitungen in riesengroßen Lettern folgendes Inserat: Danny Gürtler, der unermüdliche Romkämpfer, wird heute nachmittag gegen Uhr mit seinem Kampfgenossen Naturphilosophen Karl Waßmann vor dem großh. ArresthauS im Viergespann eintreffen, um eine vierwöchentliche Kerkerstrase wegen Papstbeleidigung anzutreten. Sollten während der kommenden Tage Düten mit Romgedichten erscheinen, bei denen die Ware durchfällt, so sind sie Gürtlers Produkt. Spießbürger und Mucker, die Holz zu sägen, Teppiche zu klopfen. Schuhe zu flicken haben, wollen den König der Boheme mit Aufträgen be- glücken. Es wird alles prompt besorgt. Meschugge I_ Kleine Notizen. Unglücksfahrt im Automobil. Auf der Fahrt von Leipzig nach Dresden stürzte in der Nähe von Choren ein Automobil an einer Kurve einen Steinbruch etwa zwanzig Meter tief hinab. Dem Chauffeur wurde die Hirnschale zerschmettert, er war sofort tot. Der Besitzer des Automobils trug außer einem Beinbruch schwere innere Verletzungen davon. Die Bergung der Opfer. Von den am 23. März IVOS auf der Grube Glückauf bei B ö l p k e verunglückten acht Bergleuten sind gestern vier Leichen gefunden worden. Einer der Verunglückten ist vier Wochen nach der Katastrophe geborgen worden, die Leichen der übrigen drei Verunglückten sind noch nicht gefunden. Vom Unwetter in Ungarn. Nach den vorliegenden Meldungen hat das gestern abend gemeldete Unwetter hauptsächlich im Klausen- burger Komitat große Verheerungen angerichtet. Die Bahndämme sind an vielen Stellen unterspült, so daß der Verkehr mit der Hauptstadt völlig stockt. Viele Häuser sind eingestürzt, bisher find fünf Leichen geborgen lvorden. Ein bequemer Leichenträger. In dem Garten eine? HaufeS in S w a n f e a bei London wurden sechs kleine Särge mit neugeborenen Kindern entdeckt. Die Polizei hat ermittelt, daß in dem Garten 1ö Kinderleichen begraben waren. ES handelt sich um ein Haus eines Leichenträgers, der sich die Mühe sparte, die Kinder bis nach dem Kirchhof zu bringen und sie in feinem Garten verscharrte. Attentat gegen einen Eisenbahnzug. Unbekannte Täter haben am Freitagabend etwa vier Kilometer vom Budapester Zentral- bahnhof entfernt den Bahnkörper mittels Dynamit in die Luft gesprengt. Die Explosion war so heftig, daß die Schienen 80 bis 60 Meter weit in die Felder geschleudert wurden. Die Polizei glaubt, daß es sichum ein Attentat gegen den nachts die Strecke passierenden Zug des Erbprinzen Boris von Bulgarien handelt. Ein furchtbarer Orkan richtete in dem russischen Gouvernement Pleskau großen Schaden an. Ganze Dörfer sind vernichtet, eine große Anzahl Menschen find dabei umgekommen. Die Getreide- und Baumwollernte wurde meilenweit zerstört. SSitternngSüberttldt vom».September liMO. morgens 8 Ubr. 11 13 15 12 15 Wetterprognose für Sonntag, den 4. September 1910. Ziemlich kühl, zeitweise heiter, jedoch unbeständig mit einzelnen Regelt- schauern und irischen westlichen Winden. Berliner W e t t erb ur e an. c* tri M* ßinfegnmgs ßniäge Moderne Grzeugniffe fn wigewSUnPc/i ru'c66aUigta Wcisrfto, VonügticAe Abarbeitung Gigene Qferftettung Htut ü adelt-Taff ans a, efm oting� Toffons. n 10.— 12.— 14.— 15.- 18.— n. 21.— 22.— 24.— 26.— 30.— n. 32.— 34.— 36.— 39.— 42.— 1 3eder3(äuferTnlaugEJsiX7eme| reizende beigäbe| fPrüfungs-flnsüge efeßr moderne eftoffe n. 9.— 12— 16.— 19.— n. 24.-27.-30.-36.— dfläfeße, SHüie, dCrawotien, dfofenträger, gfandfcßuße ufw, I �Vergrößerung unferer Schneiderei' ZDefriebs• i - d£lerkßati zur größten die/er Sdri in ehabt habe, nunmehr betgelegt sind. Es wird mein Bestreben vor wie nach sein, gute und schmackhafte Ware zu liesern und den Tarif jetzt einzuhalten. Achtungsvoll 720b HaSpßl, Boxhagcu. Grünbergcr Strafte 29. Achtung! Bewilligte Bäckerei! Achtung i Teile dem verehrten Publitum und Nachbarschaft mit, daß die Differenzen, die ich mit dem Vertrauensmann des Bäcker- und Konditorenverbandes hatte, die durch mein Verschulden entstanden sind, beigelegt find; eS wird mein Bestreben vor wie nach sein, gute Ware zu liefern und den Tarif jetzt ein« zuHallen. Achtungsvoll Heinrich Schahert, Rummelsburg'Boxhage», Boxhagener Chaussee 5/6. Achtung! ZgMllgte Säckereien, �ch�"«' Teile dem verehrten Publitum und Nachbarschaft mit, daß die durch mein Verschulden entstandenen Differenzen mit dem Vertrauensmann des Bäcker- und Konditoren-Verbandes beigelegt sind. ES wird mein Be- streben sein, nach wie vor gute Ware zu liefern und den Tarif jetzt einzuhalten. Achtungsvoll 7igb Franz Sandmann, Rummelsburg> Borhagen, Grünberger Strafte 12. Achtung! _ Seuriiligte Säckerei. 2Id>t'IM8| Teile dem verehrten Publikum und Nachbarschaft mit, daß ich unten genannte Bäckerei iäuslich übernommen habe und zugleich die Forderungen des Bäcker- und Kondiloren-Velbandes anerkannt habe. Es wird mein Bestreben sein, gute Ware zu liefern uud den Tarif einzuhalten. Achtungsvoll 723b_ Panl KendoTr, Teestrafte 68a. Orts-Krankenkaffe der Maschinenbauarbeiter n. Venu. Gewerbe z« Berlin. Am Montag, den 19. Septem- der 1919, abends 8'i, uhr. findet eine austerordentliche General-Versammlung der Bertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer tn«chala' Prachtsäleu, am Königsgraben 14a, statt. TageS-Ordnung: 1. Verlängerung deS Aerztever- träges mit dem Verein der frei- gewählten Kassenärzte.. 2. Statutenänderung. 3. Bericht vom ZlrankenkaffeN-Kon- greß zu Regensburg. 4. Verschiedenes. Ansragcn und Beschwerden, zu welchen die Einstibt in die Kaffen- bücher notwendig ist, müffcn münd- lich oder schrisllich behufs Beantwortung derselben in der Generalver- iammiung bis zum 17. September dieses Jahres dem Vorstanoe mit- geteilt werden. Pünktliches Erscheinen der Herren Vertreter ist unbedingt«rtoroerlich. Nach Schluß dieser außerordentlichen Generalversammlung findet in dem- selben Lolal eine außerordentliche Generalversammlung der Vertreter der arbeitnehmenden Mitglieder be- husS Vornahme einer Ersatzwahl für daS autgeslbiedene Vorstandsmitglied Herrn Karl Schaub statt. Das Mandat legitimiert. Berlin, den 3. September 1910. Der Borstand: 724b Fr.«chnldt.__ W. Heldenhain Bekanutmachnng. Orts- Krankenkasse der Büddauer, Stukkateure und verwandten Gewerbe. le am 27. April d. I. beschloslene neunte Statutenänderung(Nicht- erhebung von Eintrittsgelds dur Streichung des§ 28 unseres Statuts hat am 27. Juli 1910 die behördliche Genehmigung erhalten und tritt am 5. Seplember d. I. in Kraft. Berlin, den 4. September 1210. Der Borstaud. I. A.: Fritz Waldeyor, Vorfitzender. Grumilfme Orts-Krankenkaffe für Dt.-Wilmrrsdorf and Umgegend. Einladung zur Wahl von Vertretern der Arbeitgeber und Kaffenmitglieder zu den Generawersammlungen obiger Krantenkasse. Die Wahl findet am Montag, den 12. September 1919, tm Biktoriagartrn, Wtlhelmsaue 111/112, aus Grund der Bestim- mungen deS§ 49 des KaffenstatutS (11. Nachtrag) statt. Für die Kassen- nütglieder von 5—8 Uhr abends, für die Arbeitgeber von 7—9 Uhr abends. ES sind zu wählen 14 Vertreter der Arbeltgeber und 37 Vertreter der Kassenmitglieder. Die Namen der in der Generalversammlung vom 29. August zehn ausgelosten Ver» treter find durch Aushang tm Kaffen- lokal bekannt gegeben.— Wahlberech- figt und wählbar find nur die- jenigen Arbeitgeber und Kaffen- Mitglieder, welche großjährig und im «csitz der bürgerlichen Ehrenrechte find. 277/11 Für die Mitglieder genüg! zur Legitimation eine Arbeitsbescheinigung, welche mit der Unterfchrist und dem Stempel deS Arbeitgebers versehen ist oder der Meldeabfchnitt; auch find Legitimationstarten, welche zur Teilnahme berechtigen, im GeschäsiSIokal, Kaiferallee 173», am Schatter 1 und in den bekannten Meldestellen zu haben. Für die Arbeitgeber, welche der Person nach nicht betannt find, legitimiert die letzte BcttragSrechnung. WilmerSdorf-Berttn, d. 2. Sept. 1910. Ber Vorstand. Riedel, Borfitzender. Tuckermann, Schriftfahrer. Gnelsenaustraße 10,, 8» Gran, billigste u. beste| Bezugsquelle für• JKCäbel jeder ilri| Eass» and Teilzahlung. Verleih-Inatltnt: FriedrichsU tS/l, a.Orabg. "Tor. Elcg. Frack, Gihrock 1,50, Hofe 1,00, Weste 50 Pf. 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Saucieren.......... 1.60 Terrinen........... 4.10 Kartoffclschüssdn..... 2.50 Platten ovu... 1.25, 2.50, 4.75 Senfgefäße.......... 80 w. Salzgefäße.......... 48 1 (Tassen mit Untertassen, nejie Dekore, ftetanßnörtitc�er'T�ibaflcur Richard Barth, Berlin. Für den gnscraZ enteil verantw Ttz. GUcke. Berlin. Druck u. Verlag iDorwört««Vuchdcuiferei u. Verlagj�mSalt Wml WiNget» So.»ezlin S«. Hr. 207. 27. Z.|fj|(||Jf Igllllllltg" Kttlilltt AlliSllllltt.» 4 ,9W Partei- Hngckgenbeiten. Zur Lokalliste. Im Albrechtshof in Steglitz feiert am 10. Sep- tember der Fußballklub Hellas und am 24. September der Fußball- klub Stern Rekrutenabschiedsball. Da dieses Lokal der Arbeiter- schaft nicht zur Verfügung steht und versucht wird, zu obigen Ver- gnügungen Billetts in Arbeiterkreisen umzusetzen, so bitten wir, die Billetts zurückzuweisen. In Südende sind die Lokale von Dahl und Schultheß und in Mariendorf Graßls Gesellschaftshaus nach wie vor gesperrt und daher streng zu meiden. Die Lokalkommission. Zweiter Wahlkreis. Heute Sonntag, den 4. September, findet in den Gelamtränmen der Berliner Bockbranerci unser diesjähriges Volksfest statt. Billetts im Vorverkauf 20 Pf., an der Kasse 30 Pf. Anfang des Konzerts 4 Uhr. Siehe Inserat in heutiger Nummer. Das Komitee. Charlottcnburg. Dienstag, denS. September, abends 8'/z Uhr. findet im großen Saale deS„Volkshauses" die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: t. Vortrag: Die Aufgaben der Sozialdemokratie in den Kommunen. 2. Diskussion. 3. Aufstellung des Kandidaten für die Wahl im fünften Kommunalwahlbezirk. 4. Parteiangelegenheitcn. Der Vorstand. Stcglitz-Friedenau. Der nächste FamilienanSflug der Wahl- Vereinsmitglieder findet am Sonntag, den 11. September statt. Treffpunkt um 2 Uhr nachmittags an der Westseite der Bahnhöfe Steglitz und Friedenau. Fahrt bis Zehlendorf bei Mickley, PotS- damer Straße 2b. Dort Kaffeekochcn, dann im Walde Gesell- schaftSspiele. Reigen und Fackelzug der Kinder. Desgleichen weisen wir auf den L i ch t b i l d e r v o r tr a g s ku r su s des Genossen Engelbert Graf über.Die Entstehung der Erde" schon jetzt hin. Kursuskarten sind am nächsten Zahlabcnd bei allen Be- zirkssührern zu haben. Der Bildungsausschuß. Dcmpelhof. Mittwoch, den 7. d. M., abends 8>/z Uhr. findet im Wilhelmsgarie», Berliner Straße V, eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen statt, in der Reichstags- abgeordneter D. Stückten einen Vortrag über»Feischnot und Kmserreden" halten wird. Die Parteigenossen werden ersucht, für diese Versammlung recht rege zu agitieren. Die Bezirksleitung. Stralau. Am Donnerstag, den 8. September, abends 8l/t Uhr, findet bei Steinicke, Alt-Stralau b, die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Pankow. In unserem Ort gibt sich ein Privatspediteur als organisierter Parteigenoffe auS und versucht, unsere Abonnenten für sich zu gewinnen. Wir machen daraus aufmerksam, daß für Pankow. Nieder- S»önhausen und Franz. Bnchholz nur eine Parteiipedition besteht, dieselbe befindet sich in Pankow. Mllhlenstr. 30. Die Partei- genossen wollen ihren Bedarf an Büchern und Zeitschriften nur von dort decken. Die Bezirksleitung. Nrinickendorf-Ost. Eine öffentliche Versammlung mit dem Thema: .Der König von Gottes Gnaden I Das Volk von Gottes Zorn I* (Referent Genosse Georg Ucko) findet am Dienstag, den 8. September, abends 8 Uhr im Restaurant»Schützen- Haus", Refidenzstr. 12 statt. WilhelmSriih-Niedcrschönhauscn-Wcst. Die Mitglicderversamm- lnng am DienStag, den S. September, fällt aus, dafür findet eine öffentliche Versammlung an demselben Tage in Riederschönhausen im Lokal des Herrn Licdeniit, abends 8 Uhr. statt. Vortrag des Genossen Max G r u n w a l d über.Das Instrument des Himmels". Die Genossen aus allen fünf Bezirken treffe» sich zum genieinsamen Abmarsch im Lokal deS Genossen Juncker, Sachieiistraße 13, abends 7»/, Uhr._ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbteno Vorbeugung bei Seuchcngcfahr. Das Schreckgespenst der asiatischen Cholera spukt wieder nial herum. Ein einziger Fall von sicherer Feststellung dieser menschenmordenden Krankheit genügt, um das gesamte Leben einer Millionenstadt wie Berlin innerlich stark zu beein- flussen. Glücklicherweise haben die meisten Vcrdachtsfälle sich als verhältnismäßig harmlos erwiesen. Man hat bei den betreffenden Erkrankten die um diese Jahreszeit regelmäßig vereinzelt auftretende heimische Cholera, die gewöhnlich durch Genuß schlechten Obstes oder schlechten Trinkwassers entsteht, festgestellt. Jmmeichin ist bei der Bevölkerung ein Quentchen Sorge sitzengeblieben. Zunächst liegt kein Anlaß vor, sich von dem in solchen gefahrdrohenden Zeiten verständlichen„Angst- bazillus" befallen zu lassen. Man darf die Ueberzeugung haben, daß wenigstens im Zentrum des Cholerahcrdes alle Vorsichtsmaßregeln getroffen würden, wclck)« nach mensch- lichem Ermessen die Weiterverschleppung der Seuche zu ver- hindern geeignet sind. Die Herrschenden und Besitzenden wissen aus den trüben Erfahrungen früherer Unglücksjahre nur zu genau, daß solche Seuchen auch vor dem Reichtum und selbst vor den Stufen der Throne nicht Halt inachen. Freilich bezahlt die Haupt- zeche immer das niedere Volk. Nicht wie die Begiiterten mit ihren Geldmitteln kann es sich flüchten vor der schrecklichen Gefahr. Es muß ausharren aus der Scholle, muß das Un- heil Schritt für Schritt heranschleichen sehen und ihm unter- liegen. Die unverkennbar größere Gefahr, unter der beim Einbruch einer Seuche die Minderbemittelten stehen, fordert gebieterisch, irgendeinen Ausgleich zu finden.. Man sollte ihn sehen in der Schaffung besserer Wohnungsverhältnisse für die arbeitenden Klassen und vor allem in der gründlichen Aus- merzung jener noch außerordentlich zahlreichen Großstadt- Wohnungen, die mit dem Ausdruck menschenwürdig durchaus nicht richtig bezeichnet werden. Nicht die Cholera allein kommt dabei in Betracht, sondern jede andere Art ansteckender Krankheiten, die erfahrungsgemäß durch enge und schmutzige, an Luft und Licht arme Wohnungen in der schnellen Weiter- Verbreitung umgemein begünstigt werden. Es ist ein Irr- tum, wenn angenommen wird, daß verpestete, mit Krankheits- erregern übersäete oder solchen doch überaus leicht Zugang gewährende Kleinwohnungen sich nur in Gegenden von der Art des ehemaligen Schcuncnviertels befinden. Abgesehen davon, daß wir Häuser, die dem Scheunenviertelmilieu innerlich und äußerlich in nichts nachgeben, noch recht zahl- reich in Berlin haben, gibt es ebensoviele oder vielleicht noch mehr kleine Wohnungen in sogenannten besseren Häusern, deren inwendiger Zustand der Aufmerksamkeit der Gesund- heitspolizei nicht entgehen dürfte. Erst, sobald eine Seuche vor der Tür steht oder gar erst, wenn sie in dem betreffenden Hause ein Opfer gefordert hat, wird die Behörde hellsehend. Was jahrelang seinen Schlendrian ging, kommt nun mit einem Male unter die behördliche Lupe, oft viel zu spät und in einer Form, die vielleicht das Gute will, aber das Böse Vicht mehr bannt. Wie man also sieht, kann die Politik der Vorbeugung noch ein gutes Stück weiter getrieben werden, zum Nutzen gerade der sozial am schlechtesten gestellten Be- völkerungsklassen. Mit der Wohnungsfrage ist natürlich die Besorgnis nicht erschöpft. Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Eine Seuche wie die Cholera sucht sich mit Vorliebe ihre Opfer unter den am wenigsten widerstandsfähigen, am schlechtesten genährten Körpern, also ebenfalls wieder in den unteren Volkskreisen. Gerade die heutigen Zeiten, in denen agrarisch-konservative Unersättlichkeit das Volk um sein Not- wendiges betrügt, sind nicht angetan, die wirklich schassenden und dabei doch oft genug darbenden Volksstände gegen Seuchen stark zu machen._ Berliner Storche. Vor dreißig Jahren gab es auf den Berliner Wiesen noch leibhaftige Störche. Auf den weiten Flächen, die heute fast alle bebaut sind, stolzierten sie gravitätisch einher und niachten dem Geschlecht derer von Frosch das quakende Leben sauer. Die Berliner Jugend jubelte, wenn sie Bruder Lang- bein auf den Feldern bei den Toren der Stadt antraf. Heute müssen unsere Kinder nach dem Zoologischen Garten gehen, wenn sie ein Storchenehepaar beobachten wollen, oder nach gewissen Vororten, die seit langer Zeit als Brutstätten der „Berliner Störche" bekannt sind. Im Dorfe Stralau heißt eins der ältesten Gebäude„Zum Storchnest", aber den früheren Bewohnern der Sommerresidenz hoch oben auf dem Dachfirst ist es hier schon längst zu unruhig geworden, seit- dem die Elektrische vorbeirattert und von der Wasserscite der Lärm Zelmtausender vergniiglicher Berliner herüberschallt. In den Reinickendorfer und Rosentaler Storchnestern sind Generationen groß geworden, und auch in den Dörfern des Berliner Südens trifft man noch Störche an. Ein imnier weiteres Abrücken von Berlin ist aber unverkennbar. Mit der fortschreitenden Modernisierung der meisten Vororte wurden auch viele seit Jahrzehnten vorhandene Storchnester zerstört, und als im Frühjahr die aus dem warmen Süden anfliegenden Storchenpaare ihre angestammte Heimat nicht mehr vorfanden, flogen sie ängstlich klagend wohl noch stunden- lang um die licbgewordene Niststätte herum, um dann weiter ins stille Land hinein zu streichen und eine neue Niederlassung zu gründen. Das Brutgeschäft beginnt fast unmittelbar nach dem Frllhjahrseinzug und dauert vier bis fünf Wochen. Wenn dann im Wonnemonat Mai die Nestjungen aus der Schale krieckien, wird es dort oben bei Storchens ungeinein interessant. Ein Storchenmagen ist unergründlich. Man weiß nicht, was nian mehr bewunder» soll, den schier unersättlichen Appetit der Jungstörck>e oder die rührende Sorgsalt von Vater und Mutter, die aus Teichen und Seen, aus Wiesengräben uiüi Mooren unermüdlich die schönsten Leckerbissen herbei- schleppen. In dieser Zeit ist vor dem die ewig hungrige Nach- kommenschaft betreuenden Storchenehepaar nichts sicher, was auf der Wiese und an Wassersrand kribbelt. Jeder einzelne Schwarzfrack mit der weißen Weste und den roten Strümpfen vertilgt Frösche und Mäuse, Käfer und Heuschrecken, Insekten- larvcn, Molche, Eidcckffen, Schlangen, Maulwürfe zu ungezählten Tausenden. Aber auch auf die Jungen unserer Singvögel, die auf der Erde brüten, machen die alten Störche Jagd, und honigschwere Bienen und Hummeln, die sich in die Nähe der roten Stelzbeine wagen, gelten ihnen als ganz besonders bevorzugte Leckerbissen. Der Flugunterricht der jungen Störche macht vielen Spaß. Wochenlang wird mit den Flügeln geschlagen und init den Schnäbeln geklappert, allmählich wird die kleine Gc- sellschaft dreister. Mit unbeholfenem, komischem Tapsen gchts nach deni anderen Ende des Daches, bald nach benachbarten Gebäuden. Ungefähr vom 24. August ab, dem Datum der be- riichtigten Bartholomäusnacht, beginnt der Abstrich der Storchfamilicn. Wochenlang vorher sind die Jungstörche zu ihrer ersten Weltreise durch weite, stundenlange Ueberland- flüge angelernt worden. Und wie auf geheime Verabredung finden sie sich plötzlich an einem bestimmten Punkt zu Hunderten zusammen, um noch eine Weile eine Art Musterung zu halten, und dann in wohlgeordnetem Zuge, mit Vorposten und Nachhut, die Reise nach dem fernen Süden anzutreten. Die Protestbewegung gegen die geplante Lustbarkcitsstcuer ist nach Schluß der Stadtvcrordnctenferien wieder von neuem aufgenommen worden. Anfang nächster Woche wird der von der Stadtverordnetenversammlung zur Beratung eingesetzte Ausschuß seine Arbeiten beginnen. Es ist deshalb ganz selbst- verständlich, wenn die Interessenten, die von der neuen Steuerordnung betroffen werden, sich von neuem rühren. Die Zahl der Petitionen und Eingaben an die Stadlver- ordnetenversammlung ist so umfangreich, die Begründungen der einzelnen Proteste so eingehend und durchschlagend, daß nian wirklich gespannt sein kann, ob die Stadtverordneten so ohne weiteres auf die ungeheuerlichen Vorschläge des Magistrats einzugehen, den Mut finden werden. Eine be- sonders gut ausgearbeitete Denkschrift gegen die Steuer ljat der Vorstand der Freien Volksbühne eingereicht. In der- selben wird in schliissiger Weise der Nachweis geführt, welch kolossale Kulturarbeit die Freie Volksbühne seit ihrem Be- stehen geleistet hat, weiter wird an der Hand der Kassen- abschlüsse nachgewiesen, daß Ueberschüssc nicht gemacht wer- den. Die durch die Steuer cntstchende Belastung könne die Freie Volksbühne nicht tragen, sie bedeute eine Erdrosselung der Bildungssbestrcbungen der breiten Massen der Berliner Bevölkerung. Am Freitag hielten die Tanzlehrer und Tanzmaitre eine gut besuchte Protcstvcrsamnllung ab. In einem sachkundigen Vortrage besprach Stadtverordneter Sassenbach die Steuer- vorläge und zeigte, wie ungünstig diese Steuer, wenn sie be- schlössen werden sollte, auf die Erwcrbsverhältnisse ver- schiedener Berufe wirken würde. � Wie insbesondere die Tanzlehrer und Tanzmaitre von der Lustbarkeitsstcuer be- troffen würden, das wurde von mehreren Diskussionsrednern treffend dargelegt. Sie füchten, daß man den Tauznnter- richt auch als Lustbarkeit erklären und besteuern würde, was natürlich die Einkünste der Tanzlehrer erheblich schmälern würde. Auch bei der Veranstaltung von Vergnügungen, die nach der Größe der Säle besteuert werden, würden die Tanz- maitre empfindlich betroffen werden. Nach Schluß der Dis- kussion wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammelten erheben entschieden Protest gegen die geplante Lustbarkeitsstcuer, da dieselbe eine kulturfeindliche, so- wie unseren Aeruf schtper belastende und Merschipingliche Steuer ist. Die Versammelten erwarten von der Stadtverord- netenversammlung die einstimmige Ablehnung der Vorlage." Die Resolution soll allen Stadtverordneten zugestellt werden._ Eine mcliimworiene Stelle ist die Jnspektorstelle für den städtischen Friedhof in Friedrichsfelde. Der bisherige Friedhofs- Verwalter Herr Protz hat die Stelle gekündigt, seine Person und seine Amtsführung werde» die Ocffentlichkcit noch beschäfiige». Für den Posten hatten sich 47 Bewerber gemeldet, so daß die AnSivahl* keine leichte war. Viele Bewerber hatten sich alle möglichen Empfehlungen und Protektionen verschafft. Die höchste Protektion hatte ein Wachtmeister von den Gardcdukorps in Potsdam. Dieser Mann verfügte nicht nur über Empfehlungen seiner Vorgesetzten. Generalleutnants, Rittmeister, Grasen, Majore, er war auch in der Lage, ein Handschreiben des Kronprinzen zu pro- duzieren. Man mutz sich wundern, um welche Sachen der Kronprinz sich kümmert. Ob der Bewerber sich für die Stelle eignet, kann der Kronprinz übrigens nicht beurteilen. Trotz dieser hohen Empfehluilg konnte der Bewerber keine Berücksichtigung finden, weil es sich um eine sehr selbständige Stelle handelt, die man nur einem bereits in der städtischen Verwaltung tätige» und bewährten Beamten übertragen konnte, so sehr man im Rathause geneigt schien, einen mit so hoher Empfehlung versehenen Bewerber gern zu berücksichtigen. Aus der Wahl ist ein städrischer Beamter namens Hartmann als Sieger hervorgegangen, der bisher als Diener beim Oberbürgermeister beschäftigt wurde. Hoffentlich werden nunmehr die vielen Klagen verstummen, die aus dem Publikum über die unterosfiziermätzige Behandlung durch den bisherigen Friedbossinspektor laut geworden sind. Verlegung von lg Straßenbahnlinien. Die Straßenbahn muß wegen Auswechselung der Gleise an der Kreuzung der Leipziger und Jerusalemcr Straße in den Nächten vom 5. bis zum 6. und 8. zum 9. von 12.30 an folgende Linien verlegen: 6, 9, 83, 87 und 88 gehen statt Leipziger Straße, Spittelmarkt, Scydel-, Alte Jacob-, Köpc- nicker Straße über Jerusalemcr, Obcrwall-, Jägerstraße, Schloßplatz, Breite Straße, Mühlendamm, Molkcnmarkt. Stralauer, Neue Frie- drichstraße, An der Stralauer Brücke, Holzmarltstraße oder Brücken» und Köpcnicker Straße sowie umgelehrt. Die Linien 8, 38, 59, 62, 64, 66. 67, 69, 71, 74, 76, 78 und 99 gehen nicht durch die Leipziger und Gcrtraudtcnstraß«, sondern über Jerusalemer, Oberwall-, Jägerstraße, Schloßplatz, Breite Straße, Mühlendamm und umge- kehrt. 91 geht nicht über den Spittelmarkt, sondern über Jerusa- lcmer, Oberwall-, Jägerstraße, Schloßplatz. Breite Straße, Roß-, Neue Rotz-, Dresdener Straße und umgekehrt. Die Nachtwagen dieser Linien, die zum Teil nur bis zum Spittelmarkt gehen, werden über Jerusalemcr, Obcrwall- und Jägerstroße bis zum Schinkel- platz geführt. Für Führer von Kraftfghrzcngen. Das Polizeipräsidium teilt mit: Die Beieiligten werden hiermit darauf aufmerksam gemacht. daß nach Z 49 der BundcSratSverorvnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen vom 3. Februar d. I. alle vor dem 1. April d. I. ausgestellten Zeugnisse zum Führen von Kraflfahrzeugen nur noch bis zum 1. April 1911 Gülligkeit beHallen. Die Inhaber solcher Zeugnisse haben jedoch bis zum 1. O k I o b e r d. I. die Erteilung eines neue» Führerscheines bei der zuständige» höhere» Berwaltungs- behörde zu beantragen. Der Antrag ist bei der für den Wobnort des Antragstellers zuständigen Polizeibehörde(in Berlin beim Ver- kcbrskoimmssariat) aiizubriiigen. Dabei sind vorzulegen: I. eine Photographie(Brustbild i» Visitformat, uiiaufgezogcn): 2. ein Zeugnis eines beamteten ArzleL(Kreisarztes), daß der Autrag- stcller keine körperliche Mängel hat, die seine Fähigkeit, ein Kraft- fahrzeug sicher zu führen, beeinträchtigen können, insbesondere Mängel hinsichtlich deS Seh- und Hörverinvgens; 3. das Führer- zcugnis, das nach Aufnahme eines Vermerks über seinen Inhalt dem Antragsteller sofort zurückgegeben wird: 4. beglaubigte Abschrist der polizeilichen Bescheinigung über die Zulassung deS zurzeit von dem Antragsteller geführten Kraflfahrzeugcs.— Wird der Antrag nicht bis zum 1. Oktober d. I. eingereicht, so mutz der Antragsteller behufS Erlangung eines neuen Führerscheines eine Prüfung vor einem amtlich anerkannten Sachverständigen ablegen, in gleicher Weise, wie solche Personen, die zum erstenmal die Erteilung eines Führerscheines beantragen._ Ein Bcilchc», das im Verborgene» blüht. Die königliche Sanitätskommission für Berlin trat gestern nach langer Zeit aus Anlaß der Cholcragefahr unter dem Vorsitz des OberrcgierungSratS Friedhcim im Polizeipräsidium zusammen. Der RegierungS- und Sanitätsrat Dr. Ncesemann berichtete über den jetzigen Stand der Gesundhcitsverhältnisse in Berlin. Die Mit- glieder der Kommission waren übereinstimmend der Ansicht, daß lcinerlei Gefahr für Berlin bestehe, daß aber trotzdem Vorsichts- maßregeln geboten sind. ES sollen zu diesem Zlvcck die Bezirks- konimisfioiien mit Anweisungen versehen werden. Ausdrücklich wurde aber betont, daß keinerlei Befürchtungen oder ein Anlaß zur Be- nnrnhigung der Berliner Bevölkerimg vorliegt. Choleranachrichte» auS Spandau. Ans Spandau wird berichtet, datz bei dem Arbeiter Karl Feig ans Ncu-Stanken, der am Donners- tag als cholcravcrdächtig in das Spandaucr Krankenhaus eingeliefert worden ist, durch das bakteriologische Institut in Berlin K o m m a« b a z i l l e n festgestellt worden sind. Ain Mittwoch dieser Woche erkrankte Feig, der in der Maschinenfabrik von Ohrcnstein u. Koppel in Staaken angestellt ist, nach dem Genuß von rohem Obst an einem heftigen Brechdurchfall. Trotz seiner Erkrankung begab sich der Arbeiter am DomicrSIagmorgcn an feine Arbeitsstätte, wo er am Vormittag von einem schweren Ohnmachtsanfall befallen wurde. Ein hiiizugcnifcner Arzt stellte bei dem Metallarbeiter Brechdurchfall fest und ließ ihn nach Spandan überführen. Auf die Meldung des bakteriologische» Instituts, datz in den Dcjcktcn des Feig Cholcrabazillen festgestellt worden seien, wurde am gestrigen Bormittag der ArbcitSsaal der Ohrcnstciiischcil Fabrik gründlich deS- infiziert und die beiden Arbeitskollegen des F. nach Spandan über- geführt, wo sie als anftecknilgsverdächtig i», Krankenhanse isoliert wurden. Das Befinden Fcigs ist befriedigend und gibt zu Be- sorgnissen keinen Anlaß. Auch die beiden anderen Cholera« kranken, Ncumann und Sarnow, befinden sich autzer Ge- fahr. Im Laufe deS gestrigen Nachmittags wurden die Eltern und die Großmutter der Arbeiterin Elise Swcda, die schon am Donnerstag aus dem Krankenhaus Westend zurückgekehrt war, sowie zwei Arbeiterinnen der Munitionsfabrik ans der Quarantäne cnt- lasten. Dagegen wurde vormittags die 20 jährige Arbeiterin Else Röpert, Mollkcstr. 2 wohnhaft, in da» Spandauer Krankenhaus ein- geliefert. Fräulein R., die sich noch am Morgen wohl und munter fühlte, wurde im Laufe des Vormittags auf ihrer Arbeitsstelle in der königlichen Munitionsfabrik von einem heftigen Brechdurchfall und Herzschwäche befallen. Auf Anordnung des ArzteS wurden das junge Mädchen sowie zwei ihrer Arbeitskolleginnen in die Isolierbaracken des Spandauer Hospitals übergeführt. Auch die Familiciiangehörigen der Röpert wurden sofort unter Ouarantäne gestellt. Auf Anordnung der Behörde lornden der ArbcitSsaal der Munitionsfabrik und die Privatwohnung der Röpert des« infiziert. Ob bei der Erkrankten Cholera oder nur ein Brechdurch« fall vorliegt, wird die Untersuchung des bakteriologischen Instituts am Montag ergeben. Vor dem Bagger auf dem GroßschiffahrtS- kanal Berlin— Stettin. auf dem der erkrankte Baggermeister Kreuzinger arbeitete, ist ein Militärposten aufgestellt worden, um daS Betreten des Schiffes durch Unbefugte zu verhindern. Kreuzinger selbst befindet sich auf dem Wege der Besserung. Ihren Brandwunden erlegen ist die 14 Jahre alte Tochter Ella des Arbeiters Koch aus der Anklamer Strafie 44. die vor einigen Tagen beim Plätten verunglückte. Das Mädchen nahm einen glühenden Bolzen mit dem Feuerhaken aus der Kochmaschine heraus. Der Bolzen glitt ihm so unglücklich von dem Haken ab, daß er die Kleider streifte und in Brand setzte. Am ganzen Körper verbrannt, wurde die Nnalückliche. nachdem eine Frau aus dem Hause die Flammen gelöscht hatte, nach dem LazaruS-Krankenhause gebracht. Dort konnten die Aerzte sie nicht mehr retten. Ein Opfer des Straßenverkehrs ist gestern morgen der 4S Jahre alte Händler Ferdinand Fischer aus der Lychener Str. 17 geworden. Der Mann war früher Tischler, verunglückte in seiner Fabrik und ernährte sich seitdem durch Hausierhandel in Gast- und Schank- wirtschaften. Gestern morgen wurde er an der Ecke der Noch- und Münzstrafie von einein Schlächterwagen, der sehr schnell aus der Rochstrafie herauskam, umgefahren. In demselben Augenblick kam von der Weinmeisterstrafie her ein Omnibus. Dieser ging ihm über den Leib hinweg und verletzte ihn so schwer, daß er schon auf dem Wege nach der Hilfsioache in der Keibelstraße, wohin ihn ein Schutzl mann mit einer Droschke brachte, starb. Einen»»heimlichen Fund machte gestern nachnnttag ein Strecken arbeiter auf dem Gesundbrunnen in der Nähe der Behmstratze. Der Mann brachte einen Papierkorb, der auf dem Bahnsteig der Station Gesundbrunnen stand, nach der Strecke, um den Inhalt an einer geeigneten Stelle zu verbrennen. Als er ihn ausschüttete, fand er unter dem Papier die schon etwas verweste Leiche eines neugeborenen Knaben. Sie war in mehrere Beilagen der„Berliner Morgenpost' vom 17. v. M. eingewickelt und hat wahrscheinlich schon mehrere Tage in dem Papierkorb auf dem Bahnsteig gelegen. Die Leiche wurde beschlagnahmt und von der Revierpolizei nach dem Schau- Hause gebracht. Die Kriminalpolizei leitete die Ermittelungen nach der Mutter ein. Eine teure Nacht verlebte zu gestern ein Kaufmann, der den Luna-Park besuchte. Mit 34 800 Mark, 30 Tausend- und 48 Hundertmarkscheinen in der Tasche, besuchte ftr abends den Vergnügunspark in Halensee und lernte dort ein Mädchen kennen, das sich Gleichen nannte und angab, Verkäuferin in einem Waren- hause zu sein. Die beiden verließen nach geraumer Zeit den Luna-Park, gingen nach dem Grunewald und tauschten dort auf einer Bank Zärtlichkeiten aus. Dann trennten sie sich. Wo Gleichen geblieben ist, weiß der Mann nicht. Er selbst fuhr nach Berlin. Dort traf er um 2 Uhr nachts in der Iriedrichstraße zwischen der Kronen!» und Leipziger Straße ein zweites Mädchen. Mit diesem besuchte er den Klosterkeller und, nachdem der Sekt ihn etwas trunken gemacht hatte, ein Hotel in der Jnvalidenstraße oder in einer Nebenstraße von dieser. Als er am nächsten Morgen erwachte, war das Mädchen verschwunden. Er ging nach Hause und entdeckte erst dort, daß ihm seine grüne, krokodillederartige Tasche, die er in der inneren Westentasche getragen hatte, mit den 34 800 Mark verschwunden war. Wer von den beiden Mädchen sie ihm abgenomnien hat, läßt sich nicht sagen. Eine Massenversammlung von Laubcnkolonistcn beschäftigte sich dieser Tage mit dem jetzt üblichen Verpachtungssystem � an so- genannte Generalpächter. Diese Art der Verpachtung läuft auf eine schwere Ausbeutung der einzelnen Laubenkolonisten hinaus, die in Verbindung mit der herrschenden Kantinenwirtschaft den Kalo- nisten das Leben oft recht sauer macht. Nach einem Referat des Stadtverordneten Grauer und nach lebhafter Diskussion wurde eine Resoluttvn angenommen, in der von den Land verpachtenden Grund- besitzcrn, wie von den Gemeindebehörden gefordert wird: Absolute Abschaffung des Generalpächtersystems. Verpachtung der Ländereien an die Kolonisten direkt resp. an die von ihnen beaus- tragten Vertreter. Aufhebung aller Feldkantinen. Die Versamm- lung erblickt in der Organisation der Laubenkolonisten, d. h. in der Gründung von Vereinen und durch sie im Anschluß an den Bund der Laubeickolonisten das einzige Mittel zur Befreiung vom Joch der Generalpächter. Wegen eines grossen Dachstuhlbrandes wurden in der vorletzten Nacht mehrere Löschzüge der 3. Kompagnie nach der Dennewitz- straße 30 gerufen. Dort stand der Dachstuhl des Vorderhauses mit dem Seitenflügel, der an die Potsdamer Eisenbahn grenzt, in großer Ausdehnung in Flammen. Das Feuer wurde erst be- merkt, als es schon an mehreren Stellen auf dem Dache hell emporloderte. Die Hausbewohner lagen schon im tiefen Schlafe, als die Feuerwehr erschien und von mehreren Seiten gegen den Brandherd vorging. Da die Treppenaufgänge bereits total ver- qualmt waren, wurden zwei mechanische Leitern aufgerichtet, über die vorgegangen wurde. Die Dächer wurden an mehreren Stellen eingeschlagen, um Luft zu machen. Mit vier Schlauchleitungen von Dampsspritzen wurde längere Zeit unausgesetzt Wasser ge- geben, bevor es gelang, eine Wirkung zu erzielen. Tie Flammen hatten besonders an Brennmaterialien und dem Hausrat der Mieter reiche Nahrung gefunden. Leider ist der Brand nicht go- löscht, ohne daß Personen verletzt wurden. U. a. erlitt ein Maschinist so schwere Verletzungen, anscheinend mehrere Arm- brüche, daß er gleich nach dem Elisabeth-Krankenhause in der LützÄvstraße gebracht werden mußte. Der alte, 72jährige Mann war auf der Flucht vor den Flammen im Dunkeln die Hinter- treppe hinabgestürzt und dann ohnmächtig gelvorden. Haus- bewohner fanden ihn dort und benachrichtigten die Feuerwehr. Der Schaden ist sehr erheblich. Außer den beiden Tachstühlen sind eine Menge Bodenverschläge mit Inhalt verbrannt, auch haben die oberen Stockwerke durch Wasser etwas gelitten. Die Eni- stehung des Feuers konnte bis jetzt nicht aufgeklärt werden. Erst nach fünfstündiger Tätigkeit konnte das Gros der Feuerwehr gestern vormittag wieder abrücken. Die Arbeiter- Samariterkolonue beginnt jetzt in allen fünf Unter- richtslokalen neue Kurse zur Ausbildung m der ersten Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen und Erkrankungen. Für den ganzen Kursus wird eine einmalige Gebühr von 2 M. erhoben. Zur Ergänzung des Unterrichts ist eine Bibliothek vorhanden, welche den Teil- nehmern unentgeltlich zur Verfügung steht. Die Kolonne bezweckt durch diese Kurle den Arbeitern und Arbeiterinnen Gelegenheit zu bieten, sich im Samariterwesen auszubilden. Viele werden es schon an sich selbst erfahren haben, was es heißt, bei einem Unglücksfall dabei stehen zu müssen und nicht helfen zu können. Dagegen kann ein Unterrichteter oft mit den einfachsten Mitteln und mit'wenigen Handgriffen viel zur Linderung der Sckimerzen eines Verletzten beitragen und weitere Gefahren von ihm abwenden. Die erste Hilfe bei Unglücksfällen ist deshalb�so wichtig, weil gerade von dieser das weitere Schicksal eines Verletzten abhängig ist. Wundkranlheiten und deren weitere Folgen können vermieden werden, wenn sofort etwas geschieht.„, Es ist wichtiger, Krankheiten und Verletzungen zu verhüten, als solche zu heilen. Auf diesem Standpunkt steht wohl die gesamte medizinische Wissenschaft und sollte jeder einsichtige Mensch stehen. Deshalb müßte jeder Arbeiter im Samanterwcien ansgebitdet fein, weil gerade er den Unfallgefahren am meisten ausgesetzt ist. Wenn auch Unfallstationen. Rettungswache» und elne große Zahl von Aerzten vorhanden sind, um den Verletzten mogllchst Ichnell Hilfe zu bringen, so dauert es oft genug eine lange Zelt, bis solche zur Stelle ist. Diese Zeit im Interesse des Erkrankten atlSzunutzen. soll Sache des Samariters sein.,..... ES beginnt in dieser Woche der Unterrrcht m der 3., 4. und 6. Abteilung mit einem einleitenden Vortrage über Zweck und Ziele des Kursus und über Anatomie(Bali dcS menschlichen Körpers). Die Teilnahme an dem ersten Abend steht jedem a.S Galt frei. Versäume deshalb niemand, sich an den Kursen zu beteiligen. Lehrpläne werden aus Wunsch zugesandt. Alles Wettere siehe Heutiges Inserat. Die Arbeiterbildungsschule beschließter an Fleischmann. Von einem glatten Erfolge des Abends läßt sich eigentlich nicht reden; so bei- fällig der„Bunte Teil" aufgenommen wurde, die beiden Einakter fanden mehr oder weniger stark ausgesprochenen Protost. DaS Publikum benahm sich vielfach in recht eigenartiger, störender Weise. Das Apollv-Thcater hat seinem Septemberprogramm einige neue Nummern eingefügt, in deren Mittelpunkt eine einaktige pikante französische Komödie von Michel Provins gerückt ist. Der Polizei- liche Rotstift hat erst von wegen der bedrohten Sittlichkeit manche Streichungen bewirkt, ehe die verbotene Frucht gezeigt werden konnte, man wird also nicht schamrot. Als echte Künstlerin erweist sich Annie Vara, die als Sängerin mit einem in sie verliebten aber ver- heirateten Provinzler in ihrer Garderobe nach Verabredung mit dessen Ehefrau ein Rendezvous hat, um im geeigneten Moment zu verschwinden. An ihre Stelle tritt die im Nebenzimmer harrende Frau, ohne daß der Mann etwas merkt und er dann die verbotene Frucht genießt. Als allsgezeichnete Piano- und GesangS- Virluo- sinnen treten die vier Schwestern Amatis auf, die an einem Flügel achthändig spielen. Eine eigenartige Nummer ist„La busto Jules Ossär". Der Zuschauer sieht zunächst nur eine Büste. die von Mlle. Marguerite zur Darstellimg verschiedener»berühmter Männer" benutzt wird. Schließlich ergibt siH, daß hinter der Büste sich eine lebende Person verbirgt, die über eine gute Mimik verfügt. AIS eine unserer besten BortragSkiinstlerinne» offenbart sich Frau Gisela Schneider- Nissen. Aus dem früheren Programm sind ver- schiedene Nummern herübergenommen. Als geschmacklos muß eS be- zeichnet werden, daß auf dem Programm die radelnde Schinipansin Grete als der»Liebling Berlins" bezeichnet wird. Im Luifenthcater ging am Freitag ein dreiattigeS Lustspiel von Fritz Lunzer„Im Spatsommer" bei guter Besetzung zum erstenmal in Szene._ Vorort- IVacbnchtem Lichtenberg. Dir Stadtverordnetenversammlung hatte in ihrer Sitzung vom 25. August auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion eine Reso» lution einstimmig angenommen, in der der Magistrat ersucht wird, im Namen der städtischen Körperschaften bei der Regierung vor- stellig zu werden, um in der gegenwärtigen Fleischnot Abhilfe zu schaffen. Der Magistrat ist am 2. September diesem Beschlüsse bei- getreten. Ober-Tchöneweide. Die Liste der Gewimmummern aus der beim Volksfest ver- anftalteten Verlosung ist im Zigarrengeschäft von Muth, Wilheftninen- hofstraße 82b, und im Konsumgeschast in der Edisonstraße 43 ein- zusehen. Kalkberge- Rüdersdorf. An den Folgen eines Insektenstiches gestorben ist die 21jährige Frau des Bergarbeiters Marek aus Kalkbergc-RüderSdorf. Am txrgangenen Donnerstag wurde Frau M. von einer Fliege ge- swchen, doch legte sie der Sache weiter kein« Bedeutung bei. Aber schon nach einigen Stunden stellten sich bei ihr VergiftungSer- scheinungen ein. Die Bedauernswerte mußte nach einem Berliner Krankenhaus gebracht werden, wo sie vorgestern abend den Folgen deS Fliegenstiches erlag. Adlershof. Ans unserem Gcwerkschaftsfeste fielen zwei Gewinne auf die Nummern 107 und 394, dieselben sind beim Genossen Feyerstein, Bismarckstr. 28, in Empfang zu nehmen; desgleichen auch ein Schlüssel, der gefunden wurde. Weihensee. Für Krankenkassenmitglieder von Interesse ist die am Montag. im Prälaten, Lehderftratze 122, stattfindende öffentliche Versamm- lung der Ortskrankenkasse für Weißensee und Umgegend, in der vom Krankenkassentag in Rcgensburg Bericht gegeben wird. Bernau. Eine gut besuchte Volksversammlung nahm am Donnerstag, den I.September, Stellung zu der gegenwärtigen Fleischnot. Nach einem Referat des Genossen Schütte über das Thema:»Fleischnot, LebenSmittelteuerung. und wie ist Abhilfe zu schaffe» V uahm die Versammlung zwei Resolutionen einstimmig an, deren eine sich gegen den Lebensmittelwucher, die andere gegen das persönliche Regiment richtet. Tegel. Beim Durchqueren deS Tegeler Sees ertrunken. Mit dem Tode gebüßt hat vorgestern ein unbekannter junger Mann, der quer durch gebüßt hat vorgestern ein unbekannter junger Mann den Versuch, quer durch den Tegeler See zu schwimmen. Als er etwa über die Hälfte in den See hineingeschwommcn toar, verließen ihn plötzlich die Kräfte und er sank unter. Die Bedienungsmanenschaft eines vor- überkommenden Motorbootes hatte noch im letzten Augenblick Ret- tungsvcrsuche unternommen, die aber leider erfolglos blieben. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Im Vordergrund deS Jnter- esses stand diesmal von der 68 Nummern umfassenden Tagesord- nung ein von dem Stadtverordneten Dr. Kantorowicz(freis.) und Gen. eingebrachter Antrag, den Magistrat zu ersuchen, wegen der Choleragefahr bei der Eisenbahnverwaltung um Verlegung des Auswandererbahnhofs bei Ruhleöcn vorstellig zu werden. Der An- tragsteller befürwortete in längerer Rede seinen Antrag ohne eigentlich einen bestimmten Anhaltspunkt, daß die aufgetretene Seuche von diesem Bahnhof aus verschleppt sein könnte. Der Oberbürgermeister K o e l tz e gab dann die Erklärung ab, daß zu Beunruhigungen keine Veranlassung vorliege. In der Debatte wurden dann noch einige andere Zustände beleuchtet, die ergaben, daß von den Staats- und Gemeindebehörden noch recht viel ge- sündigt wird. So befindet sich in der Birkenstraße ein städtischer Müllabladeplatz. Es ist dies ein Platz an einer sehr bewohnten Gegend, dort wird der Straßenkchricht abgeladen. Vor den Wassergrundstücken am Damm hat die Wasserbauverwaltung eine Insel aufschütten lassen. Dort sind die Arbeiter des Schleusen- baues, auch meist ausländische, untergebracht. Auch ein Abort mit Tonnensystem ist dort errichtet und alle Sonnabende erscheint eine Kolonne Arbeiter, welche den Inhalt der Tonnen in die Erde ver- gräbt. Auf der Bötzowbahn bleiben die Wagen, auf denen sich Charlottenburger Müll befindet, sehr lange stehen, wodurch sich eine mächtige Fliegenplage eingestellt hat. Der schlangengraben ist zu einem Teile zugeschüttet. Der übrige Teil ist mit stinkendem Wasser angefüllt. Der Oberbürgermeister versprach, für schleunige Abhilfe dieses Zustands Sorge zu tragen. Gen. Pieper wies darauf hin, daß auch durch die ausländischen Arbeiter, die von den Unternehmern gern und viel herangezogen werden, die Seuche ein- geschleppt worden sein kann. Er ersucht, auch hier Abhilfe zu schaffen. Auf diesen Hinweis wußte der Oberbürgermeister weiter nichts zu antworten, als daß die Massenschlafstellen dieser Arbeiter mehr in Observanz genommen werden sollen. Zur Sprache wurde auch noch gebracht, daß die Staatswerkstätten, die doch Muster- institute sein sollen, bis jetzt ihre Aborte noch nicht an die Schwemm- kanalisation angeschlossen haben, und daß man die Fäkalien auf nicht immer ganz dichten Wagen durch die Stadt fahren lasse. Diese Unterlassung wurde von allen Stadtverordneten und auch von den Magistratsvertretern einmütig verurteilt. Der Antrag gelangte dann einstimmig zur Annahme.— Bemerkenswert aus der Ver- sammlung ist noch die Behandlung verschiedener von Arbsitern eingegangener Anträge durch den 7. Ausschuß. Die Arbeitnehmer- beisitzer des hiesigen Gewerbegerichts hatten den Antrag eingereicht, die Mittel zur Entsendung eines Arbeitgeber- und eines Arbeit- nehmerbeisitzers zur Verbandsversammlung des Verbandes deutscher Gewerbe- und Kaufmannsgerichte zu bewilligen. Gleich- zeitig war der Abeitnehmeroeisitzer Otto Schulze als Delegierter vorgeschlagen. Der 7. Ausschutz empfahl die Ablehnung dieses An- träges und empfahl, nur den Vorsitzenden des GewerbegerichtS, Assessor Voigt, zu entsenden. Die Stadtverordneten Töpfermeister Weber und Gen. Pieper traten lebhaft für den Antrag der Arbeitnehmerbeisitzer ein. Auch die Stadtverordneten Neusch und Dr. Kantorowicz sprachen für eine Entsendung. Eigentüm- lich war das Verhalten des Stadtverordneten Schlosser Kirch (Zentrum). Dieser Zentrumsmann erklärte, er wäre eigentlich für eine Beschickung, da aber die freien Gewerkschaften schon eine Per- son als Delegierten in Vorschlag gebracht, somit keine gemeinsame Wahl der Beisitzer vorliege, könne er dem Antrage nicht zustimmen. Bei der Gewerbegerichtswahl hat nämlich die Liste der freien Ge- werkschaften gesiegt. Nur einer der Hirsch-Dunckerschen Liste ist gewählt worden, und nun verlangt dieser Stadtverordnete Kirch, daß dieser Hirsch-Dunckersche Arbeitnehmerbeisttzer von den freien Gewerkschaften als Delegierter gewählt wird, sonst könne er nicht für den Antrag stimmen. Der freisinnige Stadtverordnete e b e r hielt diesem Zentrumsjünger denn auch vor, daß er wohl vom Rotkoller befallen sei. Trotz aller eindringlichen Ermahnungen einsichtsvoller Stadtverordneter lehnte die Versammlung jedoch den Antrag der Arbeitnehmerbeisitzer ab und beschloß, nur den Vor- fitzenden deS Gewerbegerichts zu entsenden. Ueber die Richtigkeit der Abstimmung entstanden schließlich Zweifel. Der stellvertretende Vorsteher H ü l s e b e ck. der die Versammlung leitete, hatte näm- lich erklärt, daß der Antrag der Arbeitnehmerbeisttzer mit 18 gegen 18 Stimmen abgelehnt sei. Es wurde durch den Stadtverordneten Weber aber festgestellt, daß nur 34 Stadtverordnete anwesend sind. Der Stadtverordnete Hülsebeck, der sich als ein wenig fähiger Versammlungsleiter entpuppte, blieb aber bei seiner Ansicht, wes- halb diese Angelegenheit schließlich noch in geheimer Sitzung weiter erledigt wurde.— Gleich interessant war die Behandlung der Reso- lution der Volksversammlung vom 31. Mai 1910, betreffend die Ueberlassung der Jubiläumsturnhalle an die Freie Turnerschaft zu turnerischen Uebungen. Die Versammlung hatte sich vor dieser Volksversammlung mit einem Vorschlage des 7. Ausschusses, betreffs Ueberlassung der Turnhalle an die Freie Turnerschaft zur Tages- ordnung überzugehen, einverstanden erklärt. Hiergegen protestierte die Volksversammlung und sprach dies in einer Resolution, welche dem Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung zugestellt wurde, aus. Diese Resolution wurde abermals dem 7. Ausschutz überwiesen. Der Magistrat hatte inzwischen aber schon auf die ihm zugesandte � Resolution den Bescheid erteilt, daß er der Freien Turnerschaft die Jubiläumsturnhalle mit Rücksicht auf die Bestim- mung der Turnhalle nicht zur Verfügung stellen könne. Ter 7. Ausschuß beantragte durch den Referenten, Stadtverordneten Herzberg, abermals Uebergang zur Tagesordnung. Hiergegen pro- testierte ganz energisch der Genosse Pieper. Es nutzte aber nichts. Die Versammlung stimmte gegen die drei sozialdemokra- tischen Stimmen auf Uebergang zur Tagesordnung. «»asserstand».Rachr«ch»en vasserstand M e m e l. TUM P r e g e l, Jmterburg Weichsel, Thor» Oder, Ratitor , Krossen , grankiurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netz«, Vordamm Elbe, Leitmeri, , Dresden , Sarbo , Magdeburg vassertoid Saal«, Grochlttz Havel, Svandau . Ratbenoio') Spree, Svremberg') , veeSlow Weser, Münden , Minden Rhein, MaftmUianSan , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main. Werthenn Mosel, Trier + bedeutet Luchs.- Fall.») Unterpegel. SI«tl«»er Marktbericht der städltschen Marttballen.DlrcNton über den Großhandel in den Zentral.Rarttballen. Marktlage: Fl-i Ick- Zusnhr schwach. Geschiist still, Preise mivcrändcrt. Wild: Zufuhr knapp, Geschält lebhast. Preise gut. Ge i l ü g c l: Zufuhr nicht genügend, Geickmit rege, Prelie bcsricdiaend. Fische: Zufuhr besonders in Aalen reichlich, Geschält ruhig, Preise ohne wesentliche Aenderuna. Butter und Käse: Gelchäft ruhig, Preis« fest. Gemüse, Obn und Südsrüchtei Zusuhr«ichlich, Geschäft ziemlich«ge, Preise behauptet. / Offener Brief an die Berliner Hausfrauen! Sie können Nachahmungen des„Aechten Franck- Gries mit der Kaffemühle" billiger im Preile eritehen, als das echte Franck- Fabrikat koktet 1(Nachahmungen lind ja meiitens billiger als die Originalware. Würden(ie tonlt wohl Käufer finden?.....) Sie Iparen alfo icheinbar beim Einkauf! ____ Auch im Gebrauch?.... Würden rechnende Hausfrauen wohl allgemein und überall ihre Sympathien dem„Aechten Franck- Gries" zuwenden, wenn fie lieh nicht lagen müßten, daß wahre Billigkeit einzig und allein in der großen Ausgiebigkeit des echten Fabrikates liegt?... Kartons ohne den Namen„Franck" und die „Kaffeemühle" find Nachahmungen!.... Heinr. Franck Söhne, Ludwigsburg, Halle a. S,, Linz a. D., Bukareit, Bafel, Mailand, New-York-Flushing etc. etc.::::: Kenner verlangen stets ausdrücklich Marke Grimm&Triepel■ und überzeugen sich von dem Vorhandensein des in jeder Rolle befindlichen Zettels in Rotdruck: 8p(zi«titSt: Kau-'Cabait. 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Von Krise Im althergebrachten Sinne kann man im allgemeinen auch nicht reden; es ist eine schleichende Krankheit, die mehr oder minder starke Schwächezustände im Gefolge hat, von denen die einzelnen Glieder des Wirtschaftskörpers verschieden betroffen und in un- gleichem Grade in Mitleidenschaft gezogen werden. Leider fehlt es uns an einer brauchbaren Produktions- und Konsumtions- ftaiiftik, um die Bewegungen in der Warenherstellung sowie die �Schwankungen und Verschiebungen im Verbrauch einwandfrei dar- stellen zu können. Di- Matzstäbe, auf die wir heute bei der Beurteilung des Wirtschaftslebens angewiesen sind, lassen leicht Irrtümer und falsche Schlußfolgerungen zu. Auf jeden Fall geben sie nur Aufschluß über das jeweilige Verhältnis am Arbeitsmarkt, nicht aber über die Ur- fachen der Hemmungen in der Warenherstcllu:�. Wenn z. B. von mangelnder Untcrnehlnungslust gesprochen wird, dann hat man damit kein- Ursache der andauernden Stockung in der Produktion konstatiert, sondern nur eine Folge der tieferlicgenden Ursache her- vorgehoben. Und diese Ursache ist die agrarische Wirtschaftspolitik. Ohne diese wäre Deutschland natürlich nicht von dem Uebel der Wirtschaftskrisen befreit. Wer graduell beeinflußt die agrarische Zoll- und Steuerpolitik die gewerbliche Konjunktur, und zwar in durchaus ungünstiger Weise. Sie schädigt, indem sie den inlän- dischen Arbeitsmarkt verschlechtert und die Konsumkraft des inländischen Marktes in erheblicher Weise dauernd herabmindert. Das geschieht, indem diese Politik den Absatz deutscher Gcwerbccrzeug- nisse auf dem Außenmarkt beeinträchtigt, dadurch die Arbeits- gclegcnheit und die Einkommensverhältnisse ungünstiger gestaltet. Von größerem Einfluß auf die heimische gewerbliche Tätigkeit ist jedoch die durch die agrarisch- Wirtschaftspolitik hervorgerufene erhebliche Verschlechterung der Konsumkraft aller derjenigen, die nicht aus den Wirkungen jeuer Politik größere Einnahmen"schöpfen, als die Verteuerung der Lebenshaltung ausmacht. Die Zahl derer, die mehr aus der Verteuerung einnehmen, als sie dadurch ausgeben müssen, ist aber nur verhältnismäßig gering, während die von ihnen erlangte Summe ganz bedeutend ist. Die Erlangung dieser Summe bedeutet nun nicht etwa nur eine für die Volkswirtschaft in ihrer Gesamtheit bedeutungslose Verschiebung in den Konsumkräften, sie bedingt vielmehr eine erhebliche Veränderung für unser ganzes Wirtschaftsleben. Ein kleines Beispiel möge das illustrieren! An- genommen, SO Personen haben zusammen ein Einkommen von 50 000 M.; jeder von ihnen bekommt davon 1000 M. Von diesen 1000 M. gibt jeder 400 M. für Kleidung, Möbel, HauSgeräte, überhaupt für dergleichen gewerbliche Erzeugnisse aus. Aus diese ent» fallen mithin von der Gesamtsumme 20 000 M. Nun tritt eine Vcr. ändcrung in der Verteilung ein. Zwei der Beteiligten nehmen jeder 5000 M., zusammen 10 000 M. Die 8000 M., die sie mehr erhalten, verwenden sie für Luxus, der wenig gewerbliche Arbeit erheischt und bei der nur ein verhältnismäßig geringer Anteil von der Kaussumme auf Löhne entfällt. Im übrigen konsumieren die beiden wie früher für 400 M. allerhand gewerbliche Erzeugnisse. Die anderen 48 Personen erhaften nun jeder nur noch 833)� M. Sie müssen aber nach wie vor je 600 M. für Ernährung, Woh. nungsmiete, Steuern usw. ausgeben. Für die übrigen acwerb- lichcn Erzeugnisse verbleiben nur noch 233� M. pro Kopf oder zu- sanimen 11 200 M. Hinzu kämen noch die 800 SSL der beiden Bevorzugten, insgesamt also 12 000 M. Die für die erwähnten ge- werblichen Erzeugnisse zur Verfügung stehende Summe ist um 8000 M. geringer geworden. Die Produktion dieser Erzeugnisse muh eingeschränkt werden, Arbeitslosigkeit ist die Folge.� Eine ähnliche Veränderung von gewaltigem Ausmaß hat nun tatsächlich die agra- rische Zoll- und Steuerpolitik hervorgerufen. Der großen Masse der Konsumenten sind taufende Millionen Mark entzogen worden. Zum größten Teil fließen diese in die Taschen einer kleinen Zahl Grundbesitzer, die nicht in demselben Verhältnis ihren Verbrauch an gewerblichen Erzeugnissen steigert. Daß die gekennzeichnete Veränderung die Nachfrage nach gewerblichen Erzeugnissen und damit auch nach Arbeitskräften erheblich herabmindert, liegt auf der Ha�d. Die große Masse der Konsumenten kann eben den Teil ihres Eülkommens, den sie in Gestalt erhöhter Lebensmittelpreise an die Agrarier abgeben muß, nicht für Gewcrbeerzeugntsse aus- wenden. Und da der Entzug eines Teiles der Einkommen für er- höhte Lebensmittelpreise zu einem dauernden Zustand geworden ist, sind auch die schädigenden Wirkungen für das gewerbliche Heben in Permanenz erklärt. Das macht ein kräftiges Wiederaufleben der gewerblichen Tätigkeit bei uns so schwer. Die agrarische Wirtschaftspolitik lastet wie, ein Alp auf unserem gewerblichen Leben. Leider versagt auch hier die amtliche Statistik. Die hemmenden Wirkungen unserer agrarischen Wirtschaftspolitik kn ihrer ganzen Größe kann man nicht erfassen. Wer einen sehr interessanten Beitrag zu dieser Frage hat der Münchener National- ökonom Lujo Brentano in einer kürzlich erschienenen Denkschrift über„Die deutschen Getreidezölle" geliefert. Er berechnet z. B. als Wirkung der ZollpoStik für das Jahr 1007 allein für Roggen, Weizen und Hafer eine Verteuerung von 032 V- Millionen Mark. Von dieser Summe flössen Q8V2 Millionen Mark als Zölle in die NeichSkassen. Somit resultiert ein Betrag von 834 Millionen Mark. der in die Taschen der Junker geflossen ist. Für 1008 berechnet Brentano diesen Betrag auf 830 Millionen Mark, für 1009 auf 812sh Millionen Mark. Danach sind in den drei Jahren insgesamt 2485% Millionen Mark infolge der künstlichen Verteuerung des Getreides den Konsumenten entzogen und einer kleinen Schar Nutz- nießer zugeführt worden. Wäre diese enorme Summe den Konsu- menten verblieben, dann hätte die gewerbliche Gütererzeugung daraus sicherlich erheblichen Vorteil gezogen. Die Hälfte der von der Lebensmittelverteuerung absorbierten Beträge für Kleider, Schuhe. Haushaltungsgcgcnstände usw. ausgegeben, hätte viele Ge- werbe stark befruchtet, dem Arbeitsmarkt eine freundlichere Gcstal- tung gegeben, kurzum: die ganze gewerbliche Tätigkeit wäre viel lebhafter gewesen; die wirtschaftliche Depression hätte nicht so lange angehalten, nicht so tiefe Furchen ziehen können. Man muß nun aber weiter berücksichtigen, daß die von Brentano errechneten Summen nur einen, wenn auch wohl den größten Teil der den Kon- sumenten durch Lebensmittelverteuerung entzogenen Mittel aus- macht. In welcher Weise zuni Beispiel die Flcischvcrteuerung, die auch eine Folge der agrarischen Wirtschaftspolitik ist, die Konsu- menten in Anspruch nimmt, darüber hat ja der„Vorwärts" noch in seiner Nummer vom 30. August, eine Berechnung aufgestellt. Weiter sind aber auch noch viele andere Agrarproduftc mit Zöllen belastet, so daß die der gewerblichen Warenherstellung auf die geschilderte Weise entzogenen Summen sicherlich weit mehr als eine Milliarde Mark pro Jahr ergeben. Daß die wenigen Nutznießer, die vorwiegend an dieser Summe beteiligt sind, nicht den Verbrauch von Massenartikeln der Bevölkerungstreise übernehmen, deren Konsumkraft sie schwächten, bedarf keiner weiteren Erörterung. Man könnte nun einwenden: die künstliche Verteuerung der Lebens- mittel ist notwendig, damit die Landwirtschaft existieren kann. Das ist ein Fehlschluß, der von falschen Voraussetzungen ausgeht. Die künstliche Verteuerung der Lebensmittel verschließt nicht die Quelle der„Not der Landwirtschaft", sie verkleinert das Uebel nicht ein- mal, sie inacht es im Gegenteil nur immer größer. Die höheren Preise kommen nämlich in der Hauptsache nicht den eigentlichen Produzenten zugute, fondern den Grundrentenempfängeni. Brentano schreibt darüber folgendes: „Der Vorteil von Rußland, von Nord- und Südamerika bei der Getreideproduktion ist der niedrige Bodenwert. In den Ge- treibe ausführenden Gouvernements Rußlands kostet der Hektar zwischen 10 und 224 M., in Argentinien zwischen 17 und 80 M., in den Vereinigten Staaten zwischen 64 und 690 M., in Deutschland dagegen kostete gleichzeitig der Boden selbst da, wo er am billigsten war, das drei- bis hundertfache. In diesen hohen Bodcnpreiscn wurzelt der Mangel an Konkurrenzfähigkeit der deutschen Land- Wirtschaft mit derjenigen Nordamerikas, Argentiniens und Nuß- lands. WaS aber ist der Zweck des Gctreidezolls? Er soll den Ge- treidcpreis steigern. In dem Maße, in dem dieser Zweck erreicht wird, steigt die Gcldrente, welche der Boden abwirft. Der Minimal- preis des Bodens aber ist gleich der Geldrcnte, die er abwirft, kapi- talisiert mit dem herrschenden Zinsfuße. Entsprechend der gestei- gerten Geldrcnte steigt also dcr Bodcnwert. Der Landwirt, der dann sein Grundeigentum verkauft— und je höher er verschuldet war, desto größer ist für ihn die Versuchung, zu verkaufen— hat, wenn er sich vom weiteren Landwirtschaftsbetriebe zurückzieht, vom Getreidezoll allerdings großen Skutzen; er wird von aller Not be- freit und macht vielleicht noch darüber einen Vermögensgcwinn. Wein der Geircidczoll soll ja nicht denen helfen, die sich aus der Landwirtschaft zurückziehen, sondern denen, die dabei bleiben. Und der Nachfolger dessen, der, sei es verkauft, sei es sein Gut über- geben hat, ist alsbald wieder in derselben Lage wie sein Vorgänger vor Einführung des Zolls, Er hat den Boden um den Kapitalwert der durch den Zoll bewirkten Steigerung des Geldertrages teurer .gekauft oder übernommen, und ist bei jeoem Sinken dcr Getreide- preise davon bedroht, den Zins des gesteigerten Bodenpreises nicht hcrauswirtschaften zu können. Die Folge des Getreidesolls, dcr seinen Zweck, die Steigerung der Getreidepreise, � wirklich erreicht, ,st also die Steigerung eben des Teils der landwirtschaftlichen Pro- duktionSkosten, wegen dessen Höhe das Inland mit dem Ausland nicht konkurrieren kann. Dq dcr Getreidczoll das Verhältnis des Boden- ertrages zum Bodenwert nicht verändert hat, bleibt der Getreidebau nach wie vor unrentabel. Bleibt der Landwirt, gleichviel ob Käufer oder Erve, beim Getreidebau, so ist er notwendig alsbald wieder notleidend. Dann erschallt auss neue der Ruf nach abermaliger Erhöhung dcS Getreidesolls. Und so geht es fort. ES ist eine Schraube ohne Ende.". Einen Maßstab dafür, wie die Grundeigentümer eS verstanden haben, die durch die Zollcrhöhungcn in Aussicht stehenden Mehr- ertrage vorweg zu kapitalisieren, indem sie ihren Besitz zu ent- svrechcnd höheren Preisen losschlugen, bieten die Ziffern über den Bcsitzwcchsel ländlicher Grundstücke. Im Juli 1010 veröffentlichte die„Statistische Korrespondenz für Preußen" die entsprechenden Angaben. Gezählt sind nur Besitzungen in der Größe von über 2 Hektar oder veräußerte Teile solcher Besitzungen.„Im Durch- schnitt des Jahrfünfts 1003/07 haben 137 064 solcher Grundstücke im Jahre den Besitzer gewechselt, und zwar ist die Zahl von Jahr zu Jahr größer geworden: 1003 waren es 122 733, 1004: 131 087, 1005: 141 023. 1006: 145 131 und 1007: 148 052; in den fünf Jahren zu- stimmen haben also 689 826 ländliche Grundstücke einen neuen Be- sitzer erhalten." Und von dieser Gesamtzahl entfallen 77,6 Proz. aus den Besitzwechsel durch Verkauf an Fremde bei Lebzeiten des Eigentümers. Bon je 1000 dcr überhaupt in Preußen vorhandenen ländlichen Besitzungen wechselten den Eigentümer durch Verkauf: Durchschnitt 1903 1904 1905 1006 1907 1903/07 ' 38,9 33,5 41.5 43.6 41,9 40,9 Mit der Liebe zur heimatlichen Scholle ist eS demnach bei unseren Agrariern nicht n>cit her. Welche Gewinne die Schützer der nationaken Arbeit erzielten, das mag an einigen Beispielen veranschaulicht werden: „Das Gut Ouirren. etwa 1000 Margen groß, wurde im Jahre 1391 für den Preis von 70 000 M, an die Herren Schirrmann und Gallenkamp verkauft. Diese veräußerten es 1891 für 120 000 M, an einen Herrn Oelrich, dcr es 1905 schon für 160 000 M. an einen Herrn Schröder weitergab. 1007 erstanden zwei Herren ans Allenstein genanntes Gut für 106 000 M. und überließen es endlich 1009 an einen Herrn v. Rogowski für 240 000 M-, der es vor wenigen Wochen mit einem weiteren Aufschlag von einigen tausend Mark losgeschlagen haben soll. Innerhalb 17 Jahren.hat also in diesem Falle eine Preissteigerung von mehr als 170000 M. statt- gefunden oder um das Zwcicinhalbfache. Das Gut Windeck, 1050 Morgen groß, kaufte im Jahre 1891 ein Herr Marx für 76 000 M., gab es aber schon nach einigen Fahren an einen Herrn Nehring für 160 000 M. weiter. Dieser veräußerte es kurze Zeit daraus an einen Herrn Krause, wobei eS schon 200 000 M. einbrachte. Nach einem Zwischenbesitzcr er- stand es ein Herr Jahn für 250 000 M., der es 1007 für 310 000 "st weitev verkaufte. Bei dem vor erzielte dcr bisherige Inhaber Mark an einen Herrn v. Laschcwski weiter verkaufte. Bei dem vor wenigen Tagen, erfolgten Verkauf 330 000 M. Das Gut ist also seit 1891 um nicht weniger als �54 000 M. gestiegen. Auch das Gut Stein, daZ 1891 erst 120 000 M. kostete, bei einem Flächeninhalt von 1100 Morgen, brachte 1004 schon 90 000 M. mehr, in 13 Jahren also eine erhebliche Steigerung. Das 1400 Morgen große Gut Wonno kostete 1897 114 300 M. Bei dem soeben stattgcfundcncn Weiterverkauf wurden nicht weniger als 370 000 Mark dafür bezahlt. Diese Kaussumme ist demnach in der kurzen Zeit um das Dreifache gestiegen; die Differenz zwischen dem Preis von 1897 und heute beträgt 255 700 M." Von der Schraube ohne Ende werden die Arbeiter, wie oben- dargelegt, doppelt schmerzhaft getroffen. Sie vermindert ihnen die Arbeitsgelegenheit, indem sie Deutschlands Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt unterbindet, ynd sie schränkt in empfindlicher Weise ihre Konsumkraft ein, was wiederum ungünstig aus die gchwrbliche Tätigkeit zurückwirkt. So erweist sich die agrarische ,W,irtschasts- Politik als der größte Schädling für Deutschlands wirtschaftliche Enkwickelung; sie-ist das schwerste Hindernis für einen neuen ge- werblichen Aufschwung. l). Zuieüer InternMoualer Mer- und KolidtiortN- Kongreß in Kopenhagen. Am 26. und 27. August tagte in Kopenhagen der zweite Jnkcr« nationale Kongreß der Bäcker, Konditoren und verwandten Berufs- genossen. Vertreten waren sieben Länder durch ,20 Delegierte mit 40 249 Mitgliedern, darunter Deutschland(6 mit 24 000), Oesterreich(2 mit 7049), Schweden(4 mit 3300), Dänemark(5 mit 2100), Zuckerwaren- und Schokoladenarbeiter(1 mit 150), Norwegen(1 mit 900), Schweiz(1 mit 550); nicht vertreten sind: Amerika, Holland, Oesterreich(Zuckerbäcker), England Frankreich, Ungarn, Italien. Als Gast ist anwesend I i s a r e k- B ö h m e n. Zur Leitung dcr Verhandlungen wurden A l l m a n n- H a m- bürg und Zipper-Wien, als Protokollführer Kahl und Lankes-Hamburg bestimmt. Das Internationale Sekreia- riat wurde auf dem ersten Kongreß 1907 in Stuttgart mit All- mann-Hamburg als Sekretär eingesetzt. Zum ersten Male war es möglich, ein anschauliches Bild über die EntWickelung der dem Sekretariat angeschlossenen Organisationen geben zu können. Die Mitglicderzahl beträgt in diesen Verbänden 40 674 bei einer Ge- samtemnahme von 2,03 Millionen Mark und einem Vermögens- bestmid ultimo Dezember von dreiviertel Millionen Mark. Dcr tschecho-slavische Verband der Bäckereiarbeiter Oesterreichs mußte aus dem Sekretariat ausgeschlossen werden, weil er entgegen den getroffenen Vereinbarungen den Zusammenschluß mit dem Zentral- verband der Bäcker Oesterreichs nicht vollzog, sondern die böhmi- scheu Fachvereiye dcr Bäcker in eine Zentralorganisation um- wandelte. Der erste Kongreß in Stuttgart hat-in dieser Beziehung Normen getroffen, daß von einem Land nur eine Organisation einer Branche dem Sekretariat angeschlossen sein kann. Ter Ver- treter der tschecho-slavischen Ssparatisten verteidigte das Verhalten dcr Organisation und motivierte die Gründung des Nationalver- bandes mit den allgemein vorherrschenden Ansichten der böhmisch- separatistischen Gewerkschaftsführer. Der Kongreß befürwortete jedoch den Ausschluß aus dem Sekretariat. Silberer-Wien hatte das Referat zur Gründung einer internationalen Vereimgung der Bäcker, Konditoren und ver- wandten Berufsgenossen übernommen. Dazu lag dem Kongreß ein Reglement vom österreichischen Bäckerverband vor. in welchem die näheren Bestimmungen über die Vereinigung, die Aufgaben des Sekretariats, die Obliegenheiten dcr Verbände, Regelung zur Verhinderung des Zuzuges von Arbeitskräften bei Streiks und Aussperrungen, sowie die finanzielle Unterstützung bei den Kämpfen vorgesehen ist. Das Reglement wurde einstimmig angenommen. Uebcr die Streiks und Aussperrungen referierte Kahl- Hamburg. Er empfahl die Errichtung eines Beirates, der bei großen Kämpfen mit dem Sekretär die Unterstützungsfrage zu regeln hat. Hierzu beantragten die skandinavischen Organisationen: Wenn 25 Proz. der Mitglieder eines Landesverbandes im Streik oder in einer Aussperrung sind, so hat der Sekretär mit den Bei- rätcn die für solche Kämpfe notwendigen Unterstützungssummen festzusetzen. Der Kongreß stimmte der Anregung des Referenten zu. Als Beiräte wurden von den Skandinaviern S j ö st e d t» Stockholm, von Oesterreich Silberer-Wien bestimmt. Die Arbeiterschutzgesetze behandelte Lankes-Hamburg. In den- letzten drei Jahren seil in dieser Beziehung von den Landesregierungen nichts geschehen, um die BerufSangehörigen wie die Konsumenten zu schützen. Die Forderungen, welche von den .Berufsangehörigen erhoben werden, liegen nicht nur im Interesse dieser, sondern weit höher in dem der Konsumenten. Eine Resolution, in welcher die Programmforderungen an die Unternehmer und die Regierung niedergelegt sind, fand eiut> stimmige Annahme. AIImann-Hamburg besprach die Stellenvermittelung. Der Kongreß erklärte sich mit dem Vorschlage einverstanden, daß in den Fachbläitern Aufklärung über solche Firmen und Orte ge- geben wird, Nphin mit besonderer Vorliebe Ausländer in den llnternehmerzeitungen gesucht werden. Ferner sollen die einzelnen LandeSorganifationen dabin streben, paritätische Arbeitsnachweise unter Anschluß an die städtischen Arbeitsnachweise zu errichten. Dcr Veitrag pro Mitglied und Jahr, welcher bisher 2 Pf. betrug, wurde auf 3 Pf. festgesetzt und ist derselbe nach Schluß des ersten Halbjahres an das Internationale Sekretariat abzuliefern. Als Sekretär wurde einstimmig Allmann- Hamburg gewählt. Die Bestimmung des nächsten Kongrcßortes wird dem Sekretär mit den Beiräten überlassen. Im Schlußwort wies All- mann darauf hin, daß die Beschlüsse alle einstimmig gefaßt wurden; er erwartet daher, daß die dem Sekretariat angeschlossenen Ver» bände alles daran setzen werden, um dieselben auch zur Aus- führung bringen zu können. Unsere internationale Vereinigung sei eine der jüngsten in der großen Arbeiterbewegung; sie habe aber in der kürzest Zeit rüstig gestrebt, den übrigen Bcrufsvercini- Olingen nachzueifern, und in einem gewissen Grade fei eS auch gelungen. Der Kongreß wurde mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Arbeitcrbcivcgung geschlossen. . ßj}*.' MölÄülS Möbel-Schmidt Tlacblenneister 80 Bernauer Straße 80 a. d. Brunnenstraße. __■ Verlangen Sie bitte Haupt-Katalog V. gratis. Verkauf 95 komplett aufgestellte Zimmer. iWP .... JMlr. FabnkJlioni- undVrkeirfirtem» nur 89 U. Ti«( n. Hdtbod. u 5t 89 M. m. gecobl Glas 3 ß M. 4.75 M. m. gut. Plüsclibcz. 58 M' syvnil-cl m.e ÄulzUjenUU M. m. 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Nein, wenn der Verdienst regelmäßig ist. 2. Die Zmückbeholtung iü gerechtfertigt, wenn es sich um entbehrliche Sachen handelt und die Fo/dcrung zu Recht besteht. Ob dies beides der Fall ist, können wir aus J'hrem Schreiben nicht entnehmen.— E. B. 100. Leider ja, jedoch nur unter Jnnehaltung der gesetzlichen oder vertraglichen Klindigungssrist.— H. L. 100. Wetten entscheiden wir nicht.— H. Tch. 1884. Die Klage wird kaum durchführbar sein. Wenden Sie sich an den Zentralverband der Hausangestellten, Bureau Michael- kirchplatz 1 II.; Vorsitzende: Ida Baar.— L. O. 1. Ja. 2. Ja. falls nachweisbar. Sie inüsscn sich der Hilfe eines Rechtsanwalts bedienen. — K. B. 5. I und 3. In der Sache läßt sich kaum etwas tun. Vielleicht kunncn Sie Jbren Mann veranlassen, einen anderen Arzt— vielleicht Dr. Silberstcin, Ripdorf, Berliner Str. 93— zu konsultieren. Auch ist eine Besprechung mit dein Vorsitzenden der OrtSkrankcnknssen, Simanowski, Eltgeluscr 15, zweckmäßig. 2. Ja, wenn Ansteckungsgefahr nachweisbar ist. 4. Zulässig wohl, wird aber am zweckmäßigsten vermieden.— E. B. 100. IS bis 39 M., je nach den Einkommensverhältnissen des Vervslichteten, außerdem sür jeden nicht außergewöhnlichen Besuch 1 bis 2 M.— — W. St."'"' eine der pt. Mich.— Hertha. Schliemannstrafic. Es handelt sich um Säuglingssürsorgestcllen, deren Leistungen nicht als Armenuntcr» ltützung gelten.— E. G. 27.„Allgemeen Handelsblad, Het NieuwS van den Dag, Het Volk'.— Bergbau. Fragen Sie beim Mctallarbeitcr-Vcr- band, Charitöstr. 3, an.— V. L. 1K20. In den genannten Zeitungen sind östers gute Stellungen inseriert. Im übrigen cinpsehlen wir, sich an den Zcntralverband der Handlungsgehilsen, Neue Königslr. 3S, zu wenden — Gusti 99, Fragen Sie bei der Direktion, Unterwafferstr. 2—4, an.— Zossen. Der Vorsitzende des Jugendansschusses, Dr. Kurt Rosenscld, an der Spandauer Brücke 1a wird Ihnen aus Anfrage hin Aus- lunft erteilen.— F. W. 3. 1, Königl. Bibliothek, Dorotheenstr. 97. 2. Ja.— I. H. 4. Die Kasse ist nicht"zu cmpsehlen.— I. 81. Nein O. S. 09. Zur Hergabe des Geldes halten wir Ihre Eltern sür vcr» pflichtet..Das Testament kann geändert werden.— A. R. 39. 1. Ja. 2. Gcmeindcvorstand. 3 und 4. Nur dann, wenn mindestens 1599 M. jährliche Einnahme oder wenn das Anlagekapital wenigstens 3999 M. erreicht. Anderenfalls sind Sie von der Steuer befreit. Die Anmeldepflicht bleibt bestehen. plstten- vurckmesser 29 cm Bestellschein«p,. Hierdurch ersuche ich die firma Bial Ct Freunö In Breslau II mir den angebet. Luxus-Sprechapparat mit editer Path6-SchallÖose u. ....Stücken auf doppelseitig bespielten Path6- Platten »um Cesarotprelse von............ Mit.— ohne Anzihlun;, ohne Nachnahme, ohne Embanafeberechnuns, insbesondere ohne Jede Kaufverpfliditung— zuzusenden. 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