N,. m. Maimmniv�Knguazm: ItJonntmeBli• Prri» pränmnki-ndo S SZiertcljichrl. 8,S0 SKI, monoll. 1,10 SKt, wöchentlich 28 Pfg. frei ins H-luS. einzeln- Kummet 5 Pfg, Sonntags. Nummer mit illufitieriet Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Nbonncment: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Posi-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PosMbonnemenlS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 27. Jahrs» CrfchtlBt lZgllch außer tnontagt. Vevlinev Volksblakk. Die Insertion;-Seböh? velrägt für die sechSgespallene Kolonel« geile oder deren Raum 50 Pfg,, für politische und gewerlschasillche Vereins- und BerfammlungZ-Slnzeigen 30 Pfg. „Uleine Snreigen". das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Jnferatc für die nächste Nummer müssen bis SUHrnachmittagSindcr Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: ,,S»a!a!ilt»i»ßkat Bulii". Zentralorgan der fozialdcmohratf feben Partei Deutfehtandd. Redahtion: 8 Cd. 68, Ltndcnatraase 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983, Freitag, den 9. September 1910. Expedition: 8M. 68. Lindenstrasöc 69* Fernsprecher: Anit IV, Nr. 1984. Stidwabltaktlk. In der voraufgegangenen Betrachtung haben wir ge- sehen, daß die Verhältnisse zur Demokratisierung des ge- samten Staatswesens in Deutschland drängen, daß das un- sühige, vermorschte und gemeinschädliche Regiment der der- junkerten Bureaukratie abgelöst werden muß durch weit- gehendste Selbstverwaltung in Reich und Staat und Gemeinde, und daß schließlich die Bürgerklasse annähernd das nämliche Interesse hat. wie das Proletariat an dem Bruch mit der volksausbeuterischen agrarischen Jnteressenpolitik. Zur Durchsetzung aller dieser großen und bedeutsamen Ziele wäre ein Zusammenivirken der Parteien des liberalen Bürgertums mit der Sozialdemokratie also durchaus geboten. Um an einer solchen großzügigen Politik in Reich und Staat aber ihren gebührenden Anteil zu nehmen, hat die Sozial- demokratie nicht um Haaresbreite ihre Taktik zu ändern. Sie hat sich von jeher den Kampf für alle die hier skizzierten Forderungen angelegen sein lassen; höchstens schärfer, noch wuchttger und leidenschaftlicher als bisher könnte sie sich in den Kampf stürzen, um die Entscheidung früher herbei- zuführen. Also nicht die Sozialdemokratie, der Liberalismus ist es, der umzulernen, der eine Revision seiner Taktik vorzunehmen, der Sünden der Vergangenheit auszulöschen hat, wenn es zu einem wirklich erfolgreichen gemeinsamen Vorstoß von Bürger- tum und Sozialdemokratie gegen Junkertum, Klerisei und Bureaukratie kommen soll. Trotzdem erleben wir das erbärmliche Schauspiel, daß die Großblockfreunde in den liberalen Reihen unablässig der Sozialdemokratie zureden, mit ihrer bisheriger Taktik zu brechen und sie auf das Niveau der bescheidenen Untertänig- keit der bisherigen liberalen Opposition herabzudrücken, um den Liberalen ohne Bruch mit ihrer bisherigen Taktik ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie zu ermöglichen. Der Widersinn dieser Zumutung wird noch dadurch ver- stärkt, daß außer jenen Fragen, in denen ein Zusammengehen zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie möglich wäre. noch andere wichtige Fragen bestehen blieben, in denen Libe- ralismus und Sozialdemokratie sich nach wie vor bekämpfen müssen. Denn auf die Bewilligung der Forderungen für Heer, Marine und Kolonien sind die Liberalen aller Schattierungen heute genau so eingeschworen wie Konservative und Zentrumspartei. Es gibt allerdings auch in unseren Reihen Revisionisten, die die deutsche Sozialdemokratie auch in bezug auf die Bewilligung der imperialistischen Forderungen auf das nationallibcrale Niveau herunterrevidieren möchten. Indes finden diese Bußprediger glücklicherweise keinen Anklang bei der großen Masse der Parteigenossen. Wie also die Dinge einmal liegen, würden auch bei einem Zusammengehen zwischen Sozialdemokraten und Liberalen in Verfassungsfragen und in der Bekämpfung agrarischer Volks- ausbeutung imperialistische Fragen stets wieder eine Trennung der Verbündeten bewirken. Denn daß das Bürgertum auf seine imperialistischen Illusionen Verzicht leisten sollte, um sich auch da der Sozialdemokratie anzupassen, kann nicht ernsthaft w Rechnung gestellt werden. Im Hintergrunde der revisionistischen Mahnungen, die aus den Spalten liberaler Blätter der Sozialdemokratie ent- gegenschallcn, wird nun aber noch eine andere Forderung bald schüchtern, bald zudringlich laut. Sie wird ermahnt, „falsche Stichwahlen" zu vermeiden. Es handelt sich dabei nicht etwa um die Forderung, überhaupt einen Liberalen, der in die Stichwahl mit einein Konservativen oder Zentrunismann geraten sollte, in der Stichwahl heraus- zuhauen. Das hat die Sozialdemokratie wiederholt getan, selbst noch bei den Vlockwahlen des Jahres 1907. Das kann bei den kommenden Wahlen in noch höherem Maße der Fall sein, sofern die Liberalen nur halbwegs sich als Oppositions- Partei gegenüber dem bestehenden Regierungssystem betätigen. Bei der Mahnung, falsche Stichwahlen zu vermeiden, handelt es sich vielmehr um. folgendes: Es ist iviedcrholt vorgekommen, daß Wahlkreise, in denen früher Liberale, die mit einem Koilservativen in die Stich- wähl geraten waren und dann durch sozialdemokratische Unterstützung den Sieg errangen, an die Konservativen ver- loren gingen, weil der Sozialdemokrat schließlich den Liberalen aus der Stichwahl verdrängte und dann die Liberalen insgesamt für den Konservativen stimmten, oder doch den Sozialdcniokraten nur teilweise unterstützten. Da sagen nun die Revisionstheorctiker: daS war eine „falsche" Stichwahl. Die Stimmung des Wahlkreises ist offenbar antikonservativ. Wäre der Liberale, wie früher, in die Stichwahl gekommen, so wäre er sicher durch die ver- einigten Liberalen und Sozialdemokraten auch gewählt worden. Für einen Sozialdemokraten zu stimmen, dazu sind nun ein- mal die liberalen Wähler nicht zu bringen. Will also dte Sozialdemokratie nicht die Schuld auf sich laden, daß schließ- lich ein Reaktionär gewählt wird, so muß sie auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten verzichten, oder muß doch etwa durch die Ausstellung je eines Kandidaten in zwei ver- schiedenen Teilen des Wahlkreises dafür sorgen, daß keiner ihrer Kandidaten in die Stichwahl kommt. Man brauchte sich mit einer Bekämpfung dieser schnurrigen Zumutung kaum zu befassen, wenn nicht selbst solches Zeug in einigen für liberale Insinuationen besonders empfänglichen� Revisionistenseelen wohlwollende Zustimmung ausgelöst hätte. �So muß die Sache immerhin erörtert werden. Zunächst haben wir an die Liberalen die Forderung zu stellen, daß sie für den Fall, daß sie überhaupt auf sozial- demokratische Stichwahlhilfe rechnen, dann mich ihre Wähler so weit erziehen, daß sie ihrerseits einen Sozialdemokraten in der Stichwahl gegen einen Konservativen oder Zentrumsmann unterstützen. Sind sie nicht dazu zu bringen, so beweist das, daß die Liberalen überhaupt keine zuverlässigen Bundes- genossen für die Sozialdemokratie sind. Im Interesse solcher Leute noch obendrein auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten zu verzichten, das ist eine Zumutung, die bei Leuten von proletarischem Selbstgefühl glücklicherweise wirkungslos abprallen wird. Sollten die Sozialdemokraten irgend eines Wahlkreises aber wirklich eine solche gräuliche Torheit begehen, so würden sie obendrein die Entwickelung der sozialdemokratischen Be- wegung schwer schädigen. Das läßt sich an einem praktischen Beispiel trefflich zeigen. Der Wahlkreis Usedom-Wollin in Poinmern war ein solcher, in dem nach liberaler Auffassung die Gefahr einer „falschen" Stichwahl bevorstand. Bei den Hauptwahlen 1907 hatten dort sich die Stimmen so verteilt: Konservative 8156, Freisinn 6353, Sozialdemokratie 6113. In der Stichwahl siegte dann der Freisinnige mit 11011 Stimmen über den Konservativen mit 9415 Stimmen. Die Sozialdemokratie hatte also zugunsten des Freisinns den Ausschlag gegeben. Als der Abgeordnete Delbrück durch einen bedauer- lichen Unglücksfall zu Tode kam, war es angesichts des auch bei anderen Nachwahlen zutage getretenen starken Anwachsens der Sozialdemokratie höchstwahr- scheinlich, daß der Sozialdemokrat den Fortschrittler aus der Stichlvahl verdrängen würde. Damals wurde in freisinnigen Kreisen das als ein solcher Fall angesehen, in dem eine falsche Stichwahl voraussichtlich zur Wahl eines Konservativen führen mutzte.. Hätte nun, den freisinnigen Ratschlägen folgend, die Sozialdemokratie die Selbstverleugnung geübt, durch Aufstellung ziveier Kandidaten es zu bewirken, daß keiner von ihnen, sondern der Liberale in die Stichwahl kam, so wäre dieser vielleicht gewählt worden. Sicher war das auch noch nicht einmal. Unter allen Umständen hätte damit die Sozialdemokratie nicht nur diesmal den Wahlkreis preisgegeben, sondern wahrscheinlich dauernd damit auf dessen Eroberung verzichtet. Die Sozialdemokratie kroch natürlich nicht auf den Leim der falschen Stichwahl, sondern stellte unbekünimert ihren Kandidaten auf. Und was war das Resultat? In der Hauptwahl gewann der Sozialdemokrat gegen 1907 über 2000 Stimmen und wurde dann in der Stichwahl mit einer Mehrheit von mehr als 1000 Stimmen trotz ungenügender Stichwahlhilfe der Liberalen gewählt. Es lohnte sich, einmal an der Hand dieses Beispiels die völlige Abgeschmacktheit der Zuniutung, wir müßten„falsche Stichwahlen" vermeiden, unseren Revisionisten klar zu machen. Hoffentlich bleiben wir nun künftig damit verschont. Die Sozialdemokratie kann sich bei Wahlen stets nur von dem Bestreben leiten lassen, in jedem Wahlkreise Kandi- daten aufzustellen, um den Kreis entweder sofort zu erobern oder für künftige Eroberungen vorzubereiten. Kommen ivir nicht in die Stichwahl, dann haben wir zu entscheiden, welchem der Stichwahlkandidaten wir als dem kleineren Uebel unsere Stimme geben wollen. Das wird, wie jetzt die Verhältnisse liegen, voraussichtlich in den meisten Fällen ein Liberaler sein. Mit solcher Hilfe können die Liberalen zufrieden sein. Wir vertrauen überhaupt nicht auf die Hilfe anderer Par- teien, sondern setzen die Hoffnung auf den endgültigen Sieg unserer Sache in die eigene Kraft. Die fleisch»»! im Koten lhzuie. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung hatte sich gestern abend in ihrer ersten Sitzung nach den Ferien mit einem dring- lichen Antrage der sozialdemokratischen Fraktion zu beschäftigen, der Maßnahmen gegen die Fleisch- t e u e r u n g verlangt. Zu gleicher Zeit wurde auch ein später eingegangener ähnlicher Antrag der bürgerlichen Fraktionen be- handelt. Zur Begründung des sozialdemokratischen Antrages führte Genosse Borgmann folgendes aus: Weite Kreise unserer Bürgerschaft befinden sich in Erregung wegen der eingetretenen Fleischteucrung. Nicht bloß in Berlin, son- dern in allen Städten im ganzen Reiche ist diese Fleischnot einge- treten, die Fleischpreise steigen dauernd und ununteo- brachen. Die Ursache davon ist ja bekannt. Der Magistrat muß aufs dringendste ersucht werden, alle möglichen Schritte zur Milde- rung dieses Notstandes zu tun. Die jetzigen Fleischpreise gehen er- heblich über diejenigen hinaus, welche 1996 in diesem Saale zu den Klagen über die Fleischnot Veranlassung gaben.(Redner gibt eine spezialisierte Tabelle der Preise für die verschiedenen Fleisch- sorten.) Gegenüber der Steigerung von 16— 12 Proz., selbst gegen- über den Notstandspreiscn von 1966 ist nur bei Schweinefleisch eine kleine Ermäßigung zu konstatieren, die aber, absolut genommen, nicht ins Gewicht fallen kann. Schon 1966 hat die Berliner Fleischerinnung eine sehr scharfe Eingabe an den Landwirtschaftsminister über die Fleischteuerung abgehen lassen; in diesem Jahre hat die Innung nachgewiesen, dgß das Fleisch eine derartige Teuerung erfahren hat, daß es für viele Taufende von Arbeitern und selbst für die mittleren Schichten de» Bevölkerung nicht mehr als Nahrungsmittel gelten kann, sondern nur noch als Genußmittel anzusehen ist. DaS ist eine schwere, eine außerordentliche Gefahr für die Bevölkerung, wenn der Ein- zelne trotz seiner schweren Arbeit derart sich in seiner Lebens- Haltung einschränken muß. Für eine Familie mit drei Kindern beträgt die F l e i s ch pre i s ste ige r u ng 46 Mark, sie allein absorbiert bereits die ganze zugestandene Lohnaufbesserung. ES ist also ganz klar, daß auf diese Weise für die gesunldheitlichen Verhältnisse der Bevölkerung schwere Schädigungen herbeigeführt werden. Die Protektionistische Wirtschaftspolitik der letzten 86 Jahre läuft ja darauf hinaus, mit Hilfe der Gesetzgebung die not- wendigsten Lebensmittel zu verteuern, namentlich seitdem sämtliche Grenzen für die Einfuhr von lebendem Vieh geschlossen worden sind. Als Motiv hat stets der Schutz gegen die Verseuchung durch ausländisches Vieh her- halten müssen; aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß das, was heute bei uns geübt wird, nicht sowohl den Viehstand schützen, als vielmehr den Preis des Viehes in die Höhe treiben soll. Bei der großen Ausstellung in Argentinien ist ja unser dorthin als Ausstellungsobjekt geschicktes Vieh als tuberkulös verseucht erkannt worden! Für einen wirk- samen Schutz gegen Verseuchung sind wir auch; aber was darüber hinausgeht, daS Streben nach einer unberechtigten Steigerung der Biehpreise, verdammen wir unbedingt. Der Hinweis auf das Vorhandensein der Teuerung auch in den übrigen Ländern trifft nur teilweise zu. DaS dänische Vieh ist, wie ich mich in diesen Tagen persönlich überzeugen konnte, ganz vorzüglich, und Dänemark versorgt ja zum großen Teil das sehr anspruchsvolle England. DaS dänische Vieh ist auch weit besser ernährt als daS unselige, daS in großem Um- fange auf Stallfüttcrung verwiesen wird. Die Möglichkeit, gutes und billiges Vieh aus Dänemark einzuführen, besteht; sie wird verhindert aus Rücksicht auf den Profit der heimi» scheu Viehzüchter. Auch Südamerika könnte erst- klassiges Vieh nach Europa senden. Aus der Viehzählung von 1969 geht zudem deutlich hervor, daß die deutsche Landwirtschaft das für das Volk erforderliche Vieh nicht zu produzieren imstande oder vielleicht nicht gewillt ist. Die Bevölkerung steigt jährlich um 8—966 666 Seelen, die Viehhaltung aber ist tatsächlich zurückgegangen. Es ist ja auch öffentlich von interessierter Seite aufgefordert worden, die Viehhaltung nicht zu sehr zu steigern. sondern mit Rücksicht auf die Hochhaltung der Preise zurückhaltend zu behandeln. Dazu kommt die Ausnutzung des Systems der Einfuhrscheine, die gewissermaßen eine Prämie auf jede ausgeführte Tonne Getreide setzen. Die Regierung befindet sich ja in absoluter Abhängigkeit von diesen Jnter- essentenkreisen; das kann uns aber nicht abhalten, alle Mittel in Bewegung zu setzen, der Regierung zu sagen, daß wir uns diese Behandlung der großstädtischen Bevölkerung nicht länger gefallen lassen können. Die Grenzen müssen geöffnet werden auch für lebendes Vieh; die Schikane, wie man sie in Kiel mit der Quarantäne übt, mutz wegfallen. Den Interessen der breiten Masse des Volkes mutz Rechnung getragen werden. In Oberschlesien ist Rußland lange Jahre der Hauptlieferant für Schlachtvieh gewesen; auch dieser Zustand ist durch einen Feder st rich der Regie- rung beseitigt worden in der Absicht, die Preise im Lande zu heben. Aufgabe der städtischen Verwaltungsbehörden mutz es fein, einheitlich der Regierung gegenüber zu dieser Notlage Stellung zu nehmen I » Nach der Debatte, die unsere Leser im Bericht über die Stadt- verordnetenversammlung— 2. Beilage der heutigen Nummer—« finden, zog die sozialdemokratische Fraktion ihren Antrag zu- gunsten des freisinnigen Antrages zurück. Dieser lautet: „Die Stadtverordnetenversammlung ersucht den Magistrat: 1. mit ihr in gemischter Deputation schleunigst über die an- läßlich der bestehenden Fleischteucrung notwendigen Matznahmen zu beraten; 2. die Reichsregierung zu ersuchen, alle zur Milderung der Fleischteuerung sofort durchführbaren Mittel unverzüglich zu ergreifen." Der Antrag wurde e i n st i m m i g angenommen. vom Kampf gegen«He freie fugend- bemgung. Die freie Jugendbewegung macht unseren Herrschenden arge Kopfschmerzen. Alles wird aufgeboten, um sie zu unter- drücken. Polizei und Staatsantoalt, Großunternehmer und Handwerksmeister, Kirche und Schule reichen sich in diesem Feldzug die Hände. In den letzten Tagen ist es in zwei Orten zu auffälligen polizeilichen und richterlichen Aktionen gegen zwei Leiter von Jugendorganisationen ge- kommen. Aus Johannisthal wird uns berichtet: Ende April d. I. fand hier eine große öffentliche Jugend« Versammlung statt, deren Einberufer ich war. Vor der Eröffnung erschien im Auftrage des AmtSvorftcherS in AdlcrShof ein Gendarm und erklärte mir, datz die Versammlung eine politische sei, die angemeldet hätte werden müssen. Alle Personen unter 16 Jahren müßten den Saal verlassen. Dem widersprach ich ganz entschieden und erreichte, dasz sich der Gendarm mit Feststellung meiner Personalien begnügte und dag die Versammlung ohne weitere Zwischenfälle verlief. Wenige Wochen darauf wurde ich vor den AmtZvorstehcr in Adlershof geladen, vor welchem ich jede Auskunft verweigerte. Es folgten darauf noch zwei Vorladungen vor den Untersuchungsrichter in Köpenick; dort verweigerte ich ebenfalls jede Aussage mit der Bemerkung, dag ich nur im Termin Erklärungen abgeben würde. Zu meinen, größten Erstannen erschienen nun aber vorige Woche in meiner Wohnung ein Gendarm und ein Polizist mit dem Auftrag vom Untersuchungsrichter aus Köpenick, bei nur eine Haussuchung vor- zunehmen. Selbstverständlich erlebten sie einen bösen Nein- fall. Es kam ihnen hauptsächlich auf Adressen und Protokolle an, wie mir der Gendarm sagte. Sie haben derartiges nicht gefunden, ließen sichs aber nicht nehmen, meine Mitgliedskarte, eine Kassenaufstellung und einen Brief, welcher privater Natur ist, mit Beschlag zu belegen und mit- zunehmen. Ich habe diese Sachen auf dem schnellsten Wege zurückerbeten, aber bis heute noch nicht erhalten. Zu gleicher Zeit geht uns aus Gelsenkirchen(West- falen) folgende Meldung über einen ähnlichen Vorgang zu: Bei dem Obmann der Jugendorganisation in Gelsenkirchen fand auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft in Essen eineH a us- such un g statt. Beschlagnahmt wurden 11 Briefe, ein Tagebuch, sowie eine Mappe mit Schreibpapier, ferner ein Exemplar der Agitationsschrift„Die Wahrheit". Auf der Z o l l- b e h ö r d e wurden ferner 20 Exemplare der Schrift:„Die Jugendbewegung der sozialistischen Jnter- nationale" beschlagnahmt. Nicht minder tätig als Staatsanwaltschaft und Polizei sind die Handwerksmeister. Auf dem 11. Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertag, der am 6. September in Stuttgart zusammentrat, wurde nach einem Referat des Architekten K o e f t- München über Für- sorgefür die gewerblicheJugend folgende Resolution angenommen: „1. die Schäden, die die heranwachsende Jugend durch eine s o z i a l i st i s ch e E r z i e h u mg erfährt, sind aufzudecken und in allen den Handwerkern zugänglichen Blättern ist fortwährend darüber in aufklärender Weise zu berichten, womit auch Eltern, Lehrer und Lohrmeister, demnach also auch die Negierungen und die gesetzgebenden Körperschaften über diese Vorgänge genau unterrichtet werden; 2. alle Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, die Erziehung der Lehrlinge in moralischer und sittlicher Weise zu fördern, sind zu unterstützen; 3. es ist darauf hinzu» arbeiten, daß die sozialistischen Jugendvereine oder wie sie sonst heißen mögen, für politische Vereine erklärt und nicht geduldet werden; 4. es ist den Lehrmeistern zur Pflicht zu machen, die Lehrlinge mit allen gesetzlichen Mitteln von dem Beitritt zu solchen Vereinigungen fernzuhalten. Dieses Verbot ist auch schon obligatorisch in die Lehrver. träge aufzunehmen, wie dies teilweise bereits geschehen ist." Alle diese Angriffe werden für die proletarischen Eltern und für die zum selbständigen Denken erwachte proletarische Jugend natürlich nur ein Ansporn mehr fein, mit allen Kräften für die Ausbreitung der freien Jugendbewegung zu wirken. Es foll allen Mächten des Klassenstaates nicht ge- lingen, dem klassenbewußten Proletariat die Jugend zu rauben!_ politifcbc GebctTicbt Berlin, den 8, September 1910. Noch eine kaiserliche Demonstration gegen das Volk! Der Eindruck der demonstrativen Ordens- Verleihungen an Polizeibeamte, die sich in den Schlachten gegen friedliche Wahlrechtsdemonstranten durch be- sondere„Schneidigkeit" hervorgetan haben, wird noch vertieft durch den Umstand, daß bei der Ueberreichung den Deko- rierten der besondere Dank des Kaisers aus- gesprochen Ivurde! Wie wir bereits gemeldet haben, ist bei� der Uebergabe der Auszeichnungen mitgeteilt worden, der Kaiser Hab« Anlaß genommen, durch die Orden den Beamten für ihre Tätigkeit und ihr Verhalte» während der schwere» Zeit der Wahlrechts- demonstrationeu seine Anerkennnng zum Ausdrucke zu bringen I Dieser kaiserliche Dank wird die Beamten natürlich an- spornen, womöglich noch„schneidiger" dreinzuhauen, wenn der Wahlrechtskampf das preußische Proletariat wieder auf die Straße führt. Handeln sie doch unter ausdrücklicher Billigung ihres Fürsten l Freilich hat das imposante Auf- treten der Arbeiterschaft die Straßenschlachten stark eingedämmt, wie das Verhalten der Polizei im weiteren Verlauf des Wahlrechtskampfes in den größten Orten gezeigt hat. Und wenn das preußische Proletariat den Wahlrechtskampf wieder aufnimmt, wird der Eindruck auf die Herrschenden nicht kleiner sein. Aber bei den Zuständen in Preußen und bei der blutdürstigen Hetze der Junker sind Kopflosigkeiten in einzelnen Orten trotz alledem nie ausgeschlossen und bei solchen Gelegenheiten kann die Wirkung der kaiserlichen An- erkennung sich in böser Weise zeigen. Aber das wird natürlich das Proletariat Preußens nicht einen Augenblick in seinem Entschluß wankend machen, den Wahlrechtskampf mit aller Entschiedenheit weiter zu führen. « �» Aus Frankfurt a. M. schreibt man zu der Ordensverleihung an dortige Polizeibeamte: Der Wahlrechtskampf hatte bekanntlich hier besonders hohe Wogen geschlagen. Und Frankfurt a. M. gehört auch zu den Orten, wo die Polizei am rigorosesten gehaust hat. Zuerst waren es nur Polizeisäuste und die Hufe der SchutzmannSgäule, mit denen fried- liche Demonstranten in unsanfte Berührung kamen, dann aber traten Polizei s äbel und Polizeibrowning in Aktion. Die Frankfurter Blut nacht vom 18. auf IS. Februar kann in der Geschichte von, preußischen WahlrechtSlampf nicht ausgelöscht werden. Niemand dürfte eS daher überraschen, daß die Polizisten in Frankfurt a. M. bei der allgemeinen Verleihung von Orden an die polizeilichen Helden der WahlrechtSschlachten nicht vergessen wurden. Ein reicher Ordenssegen ist über die Frankfurter Polizei nieder- gegangen. Höhere Orden bekamen jene Beamten, die sich durch be- sonderS schneidiges Vorgehen im Wahkrechtskampf auszeichneten. So erhielt der Kommissar, der in der Frankfurter Blutnacht mit seiner Mannschaft zuerst mit blankem Säbel aus die Masse einhieb, den Kronenorden vierter Klassel Die Wahlrechtsdemonstranten bekamen neben Säbelhieben zum Teil noch harte Gefängnisstrafen— die Schutzleute Auszeichnungen. Für die Arbeiterschaft wird dies ein weiterer Ansporn sein, mit allen Mitteln für ein freies Wahlrecht in Preußen zu kämpfen I Der Protest gegen Absolutismus nnd Fleischwucher. In 21, zum Teil uberfüllten öffentlichen Volksversanim- lungcn nahm am Sonnabend, den 8. und Sonntag, den 4. September, die sozialdemokratische Arbeiterschaft des XI. badischen Reichstagswahlkreises gegen unsere sinnlose Agrarpolitik und die neueste Rede Wilhelms H. Stellung. In allen Versammlungen wurden Protestresolutionen ein- stimmig angenommen. In Mannheim, wo Genosse Adelung-Mainz das Referat übernommen hatte, protestierten die LAX) Versammlungsbesucher außerdem gegen den Besuch des Galgenzaren. Die Chemnitzer Arbeiterschaft nahm am Mittwoch abend in sechs nach den größten Sälen einberufenen Ver- sammlungen Stellung zu der Königsberger Rede Wilhelms II. Der Andrang zu den Versanmilungen war so gewaltig, daß sie zum Teil polizeilich abgesperrt wurden. Insgesamt mögen trotz strömenden Regens etwa 10 000 Personen dem Rufe gefolgt sein. In allen Versammlungen wurde eine Protestresolution unter stürmischer Zustimmung einstimmig an- genommen. In einer von etwa 600 Personen besuchten Protest- Versammlung in Sommerfeld sprach Genosse Grauer über„Volksentrechtung und Volksausbeutung". Die Berliner Resolution fand einstimmige Annahme. Zur Fleischteuerung. Die bürgerliche Presse weiß zu melden, daß der neue Land- wirtschaftSminister v. Schorlemer der gegenwärtig wieder ein- setzenden Fleischteuerung und deren Ursachen große Aufmerksamkeit zuwenden soll. Im Landwirtschaftsministerium wird eifrigst Material ge- sammelt über die einzuschlagenden Wege, um dem Notstand abzu- helfen. Demnächst dürften Vertreter des deutschen Fleischerverbandes vom Landwirtschaftsminister empfangen werden, die bereits vor längerer Zeit eine Audienz nachgesucht haben. In dieser Woche wird sich weiterhin noch eine Anzahl westdeutscher Städte mit der Fleischteuerung befassen und in Eingaben an die Regierung um Wegfall der Tuberkulinimpfung und Oeffmmg der Grenzen ersuchen. Das Stadtverordnetenkollegium zu Leipzig beschloß auf Antrag unserer Genossen einstimmig, den Rat zu ersuchen, ge- meinsam mit den Stadtverordneten bei der NeichSregierung vor- stellig zu werden, daß die Grenzsperre für die Einführimg von Bich und Fleisch auf da? für den Seuchenschutz unumgängliche Matz herabgesetzt und die Vieh- und Futtermittelzölle aufgehoben werden. Ferner soll die sächsische Staatsregierung die Schlacht st euer und die Uebergangsabgabe aufheben und die Frachtsätze ermäßigen. Auch die Stadtverordnetenversammlung in Lüdenscheid sWestf.) nahm eine von unseren Genossen eingebrachte Resolution an, in der der Magistrat ersucht wird,„mit Rücksicht auf die enorme Preissteigerung der Fleisch- und Wurstwareu unverzüglich bei der Reichsregierung um geeignete Abhilfe maßregeln vor« stellig zu werden". Auch in B a y e r n übt die Fleischnot immer verheerendere Wir- kungen aus. In Regensburg und anderen Städten mußte eine Reihe kleiner Fleischermeister, die von der arbeitenden Bevölkerung abhängig sind, ihre Geschäfte schließen, weil der Verbrauch auf ein Mininnnn herabgesunken ist. In D eg gendorf ist der Fleischermeister Schiller durch die hohen Schlachtviehpreise und den verminderten Verbrauch in Schwermut geraten und hat in diesem Zustand sich in selbstmörderischer Absicht die Pulsadern geöffnet. Fast über- all geben die Fleischermeister eine neuerliche Erhöhung der Fleischpreise bekannt, auch mit den Preisen der geringen Wurstwaren wird allgemein aufgeschlagen. Die Presse des Zentrums, daS an diesen Zuständen mitschuldig ist, hat für die Not des Volles nur Spott und Hohn. So rät daS Blatt des Abgeordneten Gerstenberger den Konsumenten, sie sollten einfach weniger Fleisch essen, während daS Nürnberger, von Geistlichen redigierte Zentrumsblatt zynisch erklärt, der unleugbare Rückgang des Fleisch- konsumS rühre daher, daß„einige Leute von umfangreicher Leibesbeschaffenheit infolge der großen Hitze ihren Fleischverbrauch eingeschränkt hätten". Wider de« Mammonismus in nnserer Volkserziehung. Die„Korrespondenz desDeutschenLehrer- Vereins" schreibt: „DaS Geld ist mehr und mehr zu einer Macht geworden, der sich so ziemlich alles beugt. DaS mag bedenklich stimmen, ist aber fürs erste nicht zu ändern. Das aber müßte versucht werden und bei ernstlichem Bemühen wohl auch gelingen, die Macht des Geldes dort zu brechen, wo eS am allerwenigsten Machtmittel sein sollte: im Erziehungswesen unseres Volkes. Zur Zeit sind wir freilich von der Einsicht in diese Notwendigkeit noch recht weit entfernt; auch im Gebiet der Schule ist da? Geld eine Macht. In den w e i t a u S meisten Fällen entscheidet daS Ein« kommen des Vaters darüber, welche Schule ein Kind be- suchen kann. Die höheren Lehranstalten sind nicht die Schulen der höher begabten, sondern— die Schülcrlisten weisen das aus— im großen und ganzen die Schulen für die Kinder der begüterten Kreise unseres Volkes, �ja, selbst in den Volksschulen, die doch nach ihrem Wesen und Zweck Schulen fir alle, für das gesamte Volk sein sollten, übt das Geld einen unheilvollen Einfluß aus. Unsere Volks- schulen haben sich fast überall da, wo es die größere Schülerzahl zuließ, in verschiedene Arten gegliedert, die gegen ein ver- schieden hohes Schulgeld zuganglich. also ebenfalls in der Hauptsache nach der wirtschaftlichen Lage der Eltern abgestuft sind. Auch hier öffnet der größere Besitz den Weg zu einem größeren Maß von Ausbildung. Diese Herrschaft des bloßen Geldes im Bereiche der geistigen Kultur verdient die ernsteste Beachtung des gesamten Volkes. Viele Knaben, die wohl die erforderlichen Geldmittel, nicht aber die vor allem nötigen Fähigkeiten haben, werden den gelehrten Berufen zugeführt; wertvolle Intelligenzen der unteren Stände gehen dem Dienste an einer ihren Fähigkeiten ent- sprechenden Stelle verloren und müssen schließlich unter dem Drucke des Alltagslebens, das ihrer harrt, verkümmern. So reich an Intelligenzen in den führenden Schichten ist aber kein Volk, auch daS Volk der Denker und Dichter nicht, als daß eS sich für die Dauer ein solches Brachfeld an guten Köpfen ohne Nachteil leisten könnte. Nur durch Ausschaltung deS MammoniSmuS aus dem Bildungs Wesen kann das anders werden. Mit einem Schlage geht das freilich nicht; aber ein Anfang muß gemacht lo erden, und zwar von unten her. Die Volksschule mutz einheitlich organisiert und zur allgemeinen Grund- läge aller weiterführenden BildungSanstalten gemacht werden, und es müssen reiche Mittel zur Verfügung ge- stellt werden, um begabte, aber arme Kinder der Volksschule höheren BildungSzielen zuzusühren. Daran hat der Staat das allergrößte Interesse. Alle Kräfte, die auf diese Weise ausgelost werden, kommen vor allem ihm zugute; und dem Staatskörpcr beständig neues Blut nnd frische Säfte zuzusühren, ist daS wirk- samste Mittel, ihn gesund zu erhalten. Der Kampf gegen die Berquickung von Bildung und Besitz ist in allererster Linie Sache des Staates. Er muß durch seine Schulgesetzgcbung die einheitliche und für alle allgemeine Volksschule sichern, und er muß in seinem Etat die Mittel bereit stellen, um den wenig begüterten Talenten aus der Masse des Volkes den Weg zur Höhe zu bahnen." Es ist erfreulich, daß auch in den Lehrcrkrelsen immer energischer die Forderung nach einer einheitlichen Grundlage unseres gesamten staatlichen BildungSwesens erhoben wird. Ebenso erfreulich ist es, daß die verheerenden Wirkungen unseres Kapitalismus auf das Schulwesen von den Lehrern selbst v t e l k l a r e r epkaynt werden, als von den freisinnigen Parlamentariern im preußischen Dreiklassenhause, wo beispielsweise Herr Cassel Ansichten entwickelte, über deren Rückständigkeit man in vorgeschrittenen Lehrerkreisen erstaunt den Kopf g e s chül t e lt haben wird! Je mehr sich freilich die Lehrer mit dem Problem einer wirklich sozialen Pädagogik beschäftigen werden, desto deutlicher wird ihnen zum Bewußtsein kommen, daß alle Reformen innerhalb unseres heutigen Gesellschaftssystems nur un- zulängliches Flickwerk sind! Die„Macht des Mammonismus" kann eben erst in einer Gesellschaft gebrochen werden, wo der„Mammon" nicht mehr das Privileg der sozialen Ausbeutung und der politischen Knechtung sichert! Demokratie und Nationalliberale. Die verwaschene und im Dienste der Freisinnigen äußerst fadenscheinig gewordene demokratische Ueberzeugung des Pfarrers Naumann gibt der„Nationallibcralcn Korrespondenz"(Nr. 133 vom 7. September) Anlaß, mit hörbarem Ruck von Demokraten dieser Sorte abzurücken. Naumann hatte in einer zu Stuttgart gehaltenen Rede über die Königsberger Kaiserrede gesagt: Nun- mehr bleibe dem deutschen Volke nichts anderes übrig, als ohne Rücksicht auf kaiserliche Aussprüche seinen Weg zu gehen. Ganz entsetzt bemerkt hierzu die„Nationatliberale Korrespondenz": „Das ist die nackte Empfehlung der Politik einer reinen und rücksichtslosen Demokratie, die in dem Staatsorganismus keinen Raum läßt für die lebendige Persönlichkeit eines Monarchen. W i r wollen uns aber weder die Institution der Monarchie rauben lassen, noch wollen wir, bei aller gewünschten und gebotenen Zurückhaltung des Monarchen, den Träger der Krone zu einem blutleeren Schemen herabsinken lassen.... Wir wünschen zur Monarchie und zum Monarchen in einem Herzensverhältnis zu stehen und lehnen es ab, es uns durch Naumann und die Demokratie zu einem reinen Verstandesver- hältnis machen zu lassen. Hier liegt mit die Grenze zwischen uns und der Demokratie, eine Grenze u n- ü b c r b r ü ck b a r, auf die mit voller Schärfe hinzuweisen hohe Zeit war. Denn immer mehr droht die radikale Welle, die durch Deutschland schlägt, alle Begriffe zu ver- wischen, und die radikale Phrase verwirrt viele Köpfe. Welch eine Schuld lastet doch auf den Parteien der Mehrheit, die diese Lage schufen. Und wie häuft sie jetzt neue Schuld zur alten. Es scheint fast ein Verbrechen an der Monarchie, wenn Parteien nach einer kaiserlichen Rede, die so die Gemüter erhitzte, den Kaiser als ihren Mann in Anspruch nehmen und so den Träger der Krone dem jetzigen, so großen Unwillen im Volke als Parteigenossen und Fürsprecher von Parteien darstellen, die unser Volk für all das heutige Unheil verantwortlich macht." Wenn nach solchen Leistungen Bethmann Hollweg kein Ein- sehen hat und die braven Nationalliberalen schleunigst in den Be- reich der wärmsten Regierungssonne versetzt, dgnn hilft nichts mehr!_ Infame Rekrutenbehandlung. In zweitägiger Sitzung verhandelte das Kriegsgericht der 17. Division(Hamburg) gegen den Gefreiten Rix und den Jäger Flemming vom 9. Jäger-Bataillon in Ratzeburg, angeklagt einer langen Reihe militärischer Vergehen. Der angehende Stell- Vertreter Rix(Kapitulant) war Stubenältester und Rekruten- driller, Flemming stellvertretender Stubenältester. Durch ihr forsches Auftreten haben beide die Rekruten derart e i n g e- schüchtert, daß niemand von dem Beschwerderecht Gebrauch zu machen wagte. Während Rix und sein sauberer Stellvertreter im Bett liegen blieben, wurden die Rekruten lange vor Re- veille aus den„Fallen" gejagt, um allerlei Arbeiten auszuführen. In einem Falle mußten die Rekruten sogar— es war zur Winterszeit— um 3 Uhr morgens aufstehen. Nachdem sie sich angekleidet hatten, durften sie sich auf den kalten Fußboden niederlegen. Unbekleidet wurden die Leute in die Winterkälte hinausgejagt, um auf dem Hof Spucknäpfe, Bratpfannen usw. zu scheuern. Hatten sie ihre Betten gemacht, so wurden diese, weil angeblich schlecht„aufgebaut", wieder auseinandergerissen. So wurden die Rekruten— auch Sonntags— ständig in Bewegung gehalten bis über den Zapfenstreich hinaus. Den Kaffee und das Mittag- essen mußten sie kalt genießen, wenn sie es nicht vorzogen, das Essen fortzuschütten. Als Führer einer Schießabteilung ließ Rix die Leute mit dem Gewehr in Anschlagstellung stehen—„bis zur völligen Erschlaffung", wie es in der Anklage heißt. Ein Soldat mußte sich mit dem Gewehr im Anschlag bis zur Ermattung abwechselnd niederwerfen, dann aufstehen und über einen Chausseegraben springen. Dies tolle Treiben währte über ein halbes Jahr. Ferner sollen beide ver- botene Sammlungen zum Ankauf von Petroleum, Besen, Bürsten usw. borgenommen haben; sie selbst beteiligten sich nicht an den Sammlungen, dagegen speisten sie ihre Privatlampen aus der Petroleumkanne. Hierin wird auch eine Annahme von Geschenken erblickt. Endlich wurden dem Rix noch mehrere Wachbergehen zur Last gelegt, indem er eigenmächtig die Wachstube verließ. Hierdurch sind noch zwei Gefteite und ein Unteroffizier in Mitleidenschaft gezogen, weil diese keine Meldung erstattet haben. In scharfer Weise charakterisierte der Verhandlungsleiter. KriegSgerichtSrat Dr. R e u t t e r, das Treiben der beiden rohen Burschen, die in der Hauptsache wohl geständig sind, aber die Angaben der etwa 20 von ihnen malträtierten und schikanierten Rekruten als übertrieben bezeichneten. Alle Fälle einzeln zu behandeln, verbietet sich auS räumlichen Gründen. Die geladenen Zeugen, 20 an der Zahl, be- stätigen den geschilderten Tatbestand. Das Kriegsgericht verurteilte Rix zu 2 Monaten 18 Tagen Gefängnis, Flemming zu drei Wochen Mittelarrest, den Unter- offizier zu drei Tagen gelinden Arrest, während die weiteren An- geklagten freigesprochen wurden. Versklavung der katholischen Priester. Der„Reichsanzeiger" deö Papstes, die„»et»»postoUoao ssäis" (Akten des heiligen Stuhles), veröffentlichen ein Dekret der Kon- sistorialkongregation, die die Absetzung von Pfarrern auf administrativem Wege, ohne kirchliches disziplinares Gerichtsverfahren regelt. Neun Gründe für solche Absetzung werden angeführt. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, Schweincpfaffcn rasch verschwinden zu lassen— aber auch Abneigung deS Voltes, wenn auch ungerecht und nicht allgemein, doch so. daß sie das seelsorgerliche Wirken hindert, Verlust des guten Rufes, Un- gehorsam gegen den Bischof können den Pfarrer die Stelle kosten. Seine Berufung entscheidet— derselbe Bischof, der ihn abgesetzt hat. Natürlich wird man gegen jeden oben mißliebigen Pfarrer leicht solche allgemeinen Stimmungen bei den„Gutgesinnten" er« zeugen können. Nach dieser Probe kann man sich vorstellen, wie der jetzt in Bearbeitung befindliche allgemeine Kodex des kanonischen Rechts aussehen wird. Ein Massenhinansschmitz von Pfarrern scheint als nötig erkannt worden zu sein, denn wie daS sehr genau informierte Wiener seudalklerikale„Vaterland" erklärt, hat man diesen Teil des neuen Gesetzwerkes wegen der praktischen Wichtigkeit der Sache schon jetzt veröffentlicht und in Kraft gesetzt!_ Das Zentrum und die nächsten Wahlen. DaS führende Organ deS bayerischen Zentrums, die„Angsb. Postzeitung", bestreitet, daß gelegentlich des Augsburger Katholikentages die Vertreter der Z e n tru m s pr e sse von den Parlamentariern angewiesen worden seien, auf ein K o m p r o m i ß aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozial- demokratie hinzuwirken. In Einzelfällen, so meint daS Zentrumsblatt, ließe sich ein Kompromiß„sehr wohl machen", aber Kompromisse von Partei zu Partei seien un» Möglich. Axjn ZkftruMMWN ffiüite z. B. den Abg. Dr. Müller» Meiningen oder den Abg. Dr. Q u i d d e kvabken, da- gegen sei gar keine Frage, dah die Wahl deS linkSliberalcn Abg. Dr. Günther bei Stadtwählern des Zentrums nicht auf Hindernisse stoßen würde. Aehnlich sei das Verhalten zu den Nationalliberalen.„Man würde den Abg. Buhl unter den heutigen Umständen vielleicht wählen können, aber nicht den Abg. Schubert"(den Führer des liberalen Bayerischen Lehrer- Vereins).„Die Personenfrag e," so erklärt daS Blatt,„ist trennend aufgerichtet und läßt Partei kompromisse nicht zu." Und außerdem: ohne Gegenseitigkeit seien Bündnisse nicht möglich._ Die Kieler Blamage. Zu dem Verbot der dänischen Sprache in der Versammlung der Kieler Arbeilerabstinenten wird uns noch aus Kiel geschrieben: Die erste Wirkung des Verbots war ein glänzender Besuch der Versammlung. Die zweite die, daß der Herr Regierungspräsident sich unsterblich blamiert hat und daß alle Welt über ihn lachen wird. Der Herr Regierungspräsident hat nämlich nicht verhindern können, daß daS, was die dänischen Genossen S a b r o e jund I a c o b s e�n sagen wollten, doch der Versammlung gesagt worden ist: Sie haben nämlich ihre Gedanken schriftlich fixiert und der Genosse Adler-Kiel hat sie der Versammlung vorgetragen. Wenn die dänischen Genossen in ihrer Muttersprache gesprochen hätten, würden sie vielleicht von zwanzig Personen in der Vcrsamm- lung verstanden worden sein, da? aber schien dem Regierungs- Präsidenten gefährlich. Daß die Gedanken der dänischen Gäste im Deutschen vorgetragen wurden, erscheint ihm ungefährlich. Der Polizeipräsident in Kiel scheint eine vernünftigere Auf- fassung von der Sache gehabt zu haben. Er erklärte dem Ein- berufer, da es sich in der Versammlung nicht um politische An- gelegcnheiten handeln werde— das Vorlragsthema lautete:„Der internationale Aufmarsch gegen den Alkohol"— sei gegen die Zu- lassung der dänischen Sprache in der Versammlung nichts einzuwenden und er werde sie beim Regierungspräsidenten befürworten. Der dachte aber anders und verbot den Gebrauch der dänischen Sprache. Vielleicht dachte er, daß die dänischgesinnten Bewohner Nordschles- wigs, denen er seine ganz besondere Fürsorge zugewandt hat, wild werden würden, wenn in einer Versammlung in Kiel dänisch ge- sprachen wird. Es ist nicht das erste Mal, daß die Negierung solche Streiche macht und damit ganz Deutschland vor dem Auslande blamiert. Vor Jahren sollte einmal der Genosse Fröhlich aus Oesterreich in Kiel in einer Versammlung über die Gefahren des Alkoholismus sprechen. Als er die Rednertribüne betrat, wurde ihm. vom überwachenden Polizeioffizier der Ausweisungsbefehl überreicht. Das Verfahren gegen Genossen Macdonald-England, Meyer-Däne- mark und Niellson-Schwedcn bei der internationalen Friedens- dcmonstration ist noch in frischer Erinnerung. Die Regierung in Schleswig lernt nichts, ihr Vorgehen gegen alles, was nur irgendwie mit der Arbeiterbewegung zusammenhängt, ist genau so plump und schlägt immer genau so inS Gegenteil um, Ivie ihr Kampf gegen die Dänen in NordschleSwig. Die Arbeiterbewegung kann sich eine solche Agitation der Regierung für ihre Sache schon gefallen lassen und in den Ruf des Genossen Adler einstimmen, den dieser am Schlüsse seiner mit stürmischem Beifall aufgenommenen AuS- führungen ertönen ließ: Arme Regierung I Ein Eulenburgskandal in Ostafrika? Der Redakteur der„Deutsch-ostafrikanischen Zeitung" van Roh wurde wegen Beamtenbeleidigung zu vier Monaten Gefängnis ver- urteilt, weil er in seinem Blatte einen Artikel veröffentlicht hat, in welchem der Satz vorkam: «Ferner könnte ein Eulenburgskandal in Dar es Salam unschwer seine Kreise ziehen." Diese Bemerkung ist auf höhere Beamte des Gouvernements bezogen worden. Der Angeklagte hat gegen das Urteil Berufung eingelegt, er will den Beweis der Wahrheit für den erwähnten Satz erbringen, bestreitet aber, daß er an die gegenwärtig in der Kolonie tätigen höheren Beamten gedacht habe. Noch ein Opfer der Zivillistenerhöhnng. Wegen Majestätsbelcidigung hatte sich in Konstanz der Tagelöhner Paul K o h l e r zu verantworten. Er hatte eine Vorladung zum Steueramt erhalten; dabei ist ihm der Gedanke an die Zivilltstencrhöhung des Kaisers durch den Kopf geschossen und er hat sich geäußert:„Dem Kaiser langt es nicht mehr, er will mehr Geld von mir haben. Er.. (folgt die angebliche Majestätsbeleidigung).— Das Gericht hat angenommen, daß er den Ausspruch in der Erregung getan habe, und hat ihm mildernde Umstände zugebilligt. Er bekam die zulässige Mindeststrafe von einer Woche Ge- f ä n g n i s._ Privatbeamtenversicherung. Der Gesetzentwurf betreffend die Pensions- und Hinterbliebenen- Versicherung der Privatangestellten ist jetzt soweit fertig, daß dem- nächst die Beratungen mit den preußischen Ressorts beginnen können. Die Verhandlungen sollen so gefördert werden, daß die Vorlage noch im Herbst an den Bundesrat gelangt. Nach Möglichkeit wird der Entwurf noch vor den Beratungen des Bundesrats veröffentlicht werden, pm den beteiligten Kreisen Gelegenheit zu geben, dazu Stellung zu nehmen. Die Grundzüge der kommenden Vorlage bauen sich in allen wesentlichen Punkten auf der zweiten Denkschrift über die PensionS- und Hinterbliebenenversicherung der Privat- angestellten auf. Daß die Borlage den Reichstag in seiner nächsten Session beschäftigen wird, ist als sicher anzunehmen. Reichstagskandidatur. Wie die„Pommersche Reichspost" mitteilt, wurde in einer konservativen Vertrauensmänner-Versammlung zu Greifenberg der bisherige RcichStagSabgeordnete des Wahlkreises Greifenberg- Eammin. Oberstleutnant v. N o r m a ii n, der Führer der kon- servativen Fraktion, wiederum als Kandidat aufgestellt. Er erklärte sich zur Annabme der KandldaNir bereit, was um so verständlicher erscheint, als Normann in diesem Wahlkreise nicht der Gefahr ausgesetzt ist, aus dem Reichstage hinausgewählt zu werden. Mancher seiner Fraktionskollegen wird weniger zuversichtlich den kommenden Wahlen entgegen sehen. Fakultative Feuerbestattung in Preusten. Die Frage der fakultativen Feuerbestattung in Preußen hat bereits einmal den Landtag beschäftigt; er sprach sich einmütig für die Einführung aus. Wie jetzt von unterrichteter Seite gemeldet wird, hat die Regierung einen entsprechenden Gcsetzenlwurf auS« gearbeitet, der dem Abgeordnetenhause in der nächsten Session zu- gehen wird._ Italien. Der Kampf gegen den Modernismus. Rom, g. September. Heute wurde ein Motuproprio des Papstes veröffentlicht, durch welches praktische Maßnahmen gegen die fort- dauernde Ausbreitung der m o d e r n i st i s ch e n B e w e g u n g er» griffen werden. DaS päpstliche Schriftstück erinnert an alle Ver- ordnungen, die bisher gegen den Modernismus ergangen sind, und fügt ihnen solche über die Studien in den Seminaren, über die Wahl der Rektoren und Lehrer in den Seminaren und katholischen Univer- fitäten hinzu, ferner über die Bedingungen der Beförderung der Geist- lichen zu den höheren Weihen und zum theologischen Diplom, weiter über die U e b« r w a ch u n g und die Z e« s u r, die gegenüber moder- mstische» Schriften zu beobachten sind. Nach Zitierung der Enzyklika PaScendi empfiehlt der Papst den Bischöfen und den vorerwähnten Oberen angelegentlichst, die Ausbildung des jungen Klerus aufinerk- sam zu überwachen, damit sich dieser gut zum Kampf gegen die Irrlehre vorbereite und damit die jungen Schüler nicht durch andere Studien abgelenkt iverden. Die Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften wird ihnen verboten. Kelgien. Unabhängige Politik. Gegen ein Wahlbündnis hat sich die Bezirkskonferenz der Sozialisten des Bezirke« Soignies(Hennegau, Gegend von Brüssel) ausgesprochen. Der Beschluß, der mit allen gegen vier Stimmen gefaßt wurde, betont, daß auf die Liberalen in ihren doktrinären(rechtsstehenden) Elementen lein Verlaß sei; daß durch eine intensive Propaganda und grenzenlose Hingabe eS möglich sei, den Mut der Arbeiter zu festigen(das Mandat war früher sozio- listisch und ist an die Klerikalen verloren gegangen), den Geist der Landbevölkerung zu erwecken und der gesamten Demokratie Sicher- heiten zu gewähren, die eine Partei von Kapitalisten infolge der Einwirkung ihrer Umgebung und der verderblichen Rolle, die sie in unserer Gesellschaft spielen, nie bieten könne; daß noch eine Masse proletarischer und demokratischer Stimmen von den bürgerlichen Parteien zu gewinnen sei. Ume,'!Ka. Panamokanal lind Militarismus. Das gewaltige Friedenswerk, das an der Meerenge von Panama unter Opferung ungezählter Millionen und Menschenleben errichtet wird, scheint auch der Ausgangspunkt für eine gewaltige Steigerung der Kriegsrüstungen werden zu sollen. So will es der Geist unseres kapitalistischen Imperialismus. In einer Rede in Omaha hat Roosevelt die Befestigung des Kanals verlangt, die Amerikas Kriegsmacht verdoppeln würde. Der Verzicht auf die Befestigung, der im Kriegsfall den Kanal der Flotte der Vereinigten Staaten versperren oder gar einem Feinde in die Hände liefern würde, bedeutete den Verzicht auf die Monroe-Doktrin und würde das Land der Verachtung aussetzen. Man muß dabei daran denken, daß im vorigen Jahre eine Vorlage des Präsidenten, die für Befestigungszwecke dort zunächst 4 Millionen, bis zu einem Höchstbetrag von 1ö Millionen Dollars, forderte, vom Kongreß abgelehnt wurde: teils, weil die Befestigung eine Verletzung der internationalen Verständi- gung über die Frage bedeute, teils auch, weil sie vom militärischen Standpunkte nutzlos fein würde. Es wird erwartet, daß Taft mit einer gleichen Vorlage wieder an den Kongreß herantreten wird. Die Befürwortung RooseveltS wird ihm dabei zugute kommen. Die Regierung der Vereinigten Staaten steht auf dem Stand» Punkt, daß internationale Verpflichtungen der Besestigung nicht ent- gegenständen. Im Jahre ISOO war zwischen dem amerikanischen Staatssekretär H a y und dem englischen Botschafter Lord Pauncefote der Pauncefote-Hah-Vertrag abgeschlossen worden, inhaltlich dessen die Vereinigten Staaten sich verpflichteten, den zu erbauenden Kanal als neutral zu behandeln. Der Kanal dürfe nie blockiert und es dürften keine den Kanal oder die angrenzenden Gewässer beherrschenden Befestigungen errichtet werden. Damals lehnte der Senat die Genehmigung des Vertrages in dieser Form ab, beschloß vielmehr einen Zusatz, der den Vereinigten Staaten ausdrücklich freie Hand gab, im Kriegsfall den Kanal mit bewaffneter Hand zu schließen. Den so abgeänderten Vertrag lehnte wieder England ab. Ein Jahr später schlössen beide Staaten einen neuen Vertrag, der auch in Kraft getreten ist. Darin sind nicht mehr beide, sondern die Vereinigten Staaten allein als Garanten der Neutralität des Kanals genannt. Und von der BefestigungS- und Blockadefrage ist gar nicht die Rede. Mag nun auch ein Teil der englischen Presse über die militärischen Absichten der Vereinigten Staaten schreien, so dürfen diese fich jedenfalls auf das beredte Schweigen jenes maßgebenden Vertrages berufen. Und vor allem: sie werden heute genau so auf englische Wünsche und Bedenken pfeifen, wie sie das immer mit gutem Erfolge getan haben. Und andere europäische Staaten, die gleichfalls an der Offenhaltung jenes Verkehrsweges ein Interesse haben, werden sich in die Streitfrage erst recht nicht einmischen. ES begreift sich auch, daß die Vereinigten Staaten keine Lust haben, den Kanal, für dessen Erbauung sie die Revolution in Panama angezettelt haben und für den sie 300 Millionen Dollar ausgeben wollen, im Kriegsfall einer stärkeren Seemacht als Stütz- punkt zu überlassen. Haben sie doch in dem Vertrag mit der Republik Panama sich ausdrücklich die Herrschast über einen Streifen von je zehn englischen Meilen auf beiden Seiten des Kanals auSbedungen: samt dem Rechte, dort Befestigungen an« zulegen. Auch damals hat weder England noch sonst ein Staat protestiert. Indessen sieht es aus, als sollte der Kanalbau Anlaß zu noch viel weitergehenden Flottenplänen geben. So erklärt der Admiral Mahan, daß der Kanal, der die amerikanische Westküste auch in den Machtbereich europäischer Seemächte bringe, geradezu verderblich für die Vereinigten Staaten in dem heutigen Zustand ihrer militärischen und Flottenrüstungen sei. Er betont, daß Befestigungen allein hier nicht« bedeuteten. Vielmehr sei entscheidend die Herrschaft zur See. Für diese aber habe England neben seiner allgemeinen Ueber- lcgenheit in seinen westindischen Besitzungen einen Stützpunkt, der ihm eine Blockierung des Kanals im Kriegsfall, also die Ver- Hinderung gerade des militärischen Zwecks: der Vereinigung der beiden Flotten der Vereinigten Staaten, der für die Erbauung des Kanals mit ausschlaggebend ist, erleichtere. So darf man erwarten, daß die nächste Präsidentschaft Roose- velts eine neue gewaltige Steigerung des Flottenwetteifers bringen wird.— Gaynor als demokratischer Kandidat. New Uork, S. September. Bürgermeister Gaynor, welcher sich überraschend schnell von seiner Verletzung erholt hat, hat die Kandi- datur angenommen, welche ihm seitens der demokratischen Partei fiir den Posten eines Gouverneurs von New Uork angeboten worden ist. In demokratischen Kreisen äußert man sich sehr be- stiedigt und ist auch überzeugt, daß die Kandidatur Gaynors einen vollen Erfolg haben werde. Gegen einen Feind RooseveltS. MinncaPoliS, 7. September. Die Versammlung des Kongreß- komiteeS. das im letzten Winter dazu bestimmt worden war, die Arbeiten des Departements deS Innern einer Nntersuchimg zu unter- ziehen, hat eine Resolution angenommen, in welcher die Ab- s e tz u n g deS Kabinettssekretärs deS Innern B a l l i n g e r empfohlen und erklärt wird, daß die Anklagen gegen sein Departement begründet seien. Der Vorsitzende stellte jedoch fest, daß nicht die nötige Anzahl von Mitgliedern vor- Händen sei und vertagte die Versammlung bis Freitag, wo eine ähn- liche Resolution dem Gesamtkomitee unterbreitet werden wird. Die angenommene Resolution war von einem dem fort- schrittlichen Flügel der republikanischen Partei angehörenden Mttgliede des Repräsentantenhauses eingebracht worden, nachdem vorher ein demokratischer Senator eine fast ähnliche Resolution vor- gelegt hatte._ Huö der partei« Zu», Bericht über die sächsische Landeskonferenz senden uns die Genossen LandtagSabgeordnetcn R i tz s ch e und Riem längere Berichtigungen, die ganz abzudrucken unsere Raum- Verhältnisse uns nicht erlauben. Wir entnehmen ihnen daher die wesentlichsten Punkte. Genosse N i tz s ch e wendet sich zunächst gegen folgende Stelle unseres Berichts: Der Alles-oder-Nichts-Standpunkt müsse aufgegeben werden. die Höst scheu Verpflichtungen müsse der Vize- Präsident erfüllen. An Stelle der Beseitigung der Ersten Kaminer müsse die Reform angestrebt werden. Fiir die erste Ausfassung berief sich der Redner auf die Resolution des Dresdener Parteitagesdas mit Beifall akzeptiert.— Nein, das große Grundgesetz der Demokratie ist, bei jeder Handlung das Interesse der S a ch e im Auge zu haben, und wenn esdiernnereUeberzeugung gebietet, im Inter- essse der Sache auch die formale Disziplin zu brechen. So handelte der„Disziplinbrecher" Bebel im Jahre 1303, und er handelte so als guter Demokrat. Von diesem obersten Gesichtspunkt aus muß auch die Frage des badischen„Disziplinbruches" beurteilt werden, wenn anders wir keine Schein demokraten, sondern wirkliche Demokraten sein wollen. Das Bewußtsein, im Interesse unserer Sache so und nicht anders handeln zu müssen— trotz eines entgegenstehenden ParteitagSbeschlusses—.das ist es, was meiner festen Ueberzeugung nach auch unsere badischen Genossen leitete. Und deshalb wandte ich mich scharf gegen den Versuch, diese ganze Sache unter den Gesichtspunkt der Heiligkeit der Disziplin zu rücken. Genau mit demselben Recht wie die„Disziplinbrecher" in den oben- erwähnten Fällen können die badischen Genossen verlangen, daß man auch sie nach dem Motiv und der sachlichen Be- gründun g ihres Handelns ruhig und leidenschaftslos beurteilt und nicht mit dem zornigen Argument: Disziplinbruch I anschreit und abtut. Letzteres ist von zahlreichen Versammlungen und Presseäutzerungen geschehen. Und das ist's, was ich als„Disziplin- bruchsgeschrei" bezeichne und in meinen Artikeln in die gebührende Beleuchtung gerückt habe. Wenn der„Vorwärts" seiner demokratischen Pflicht genügt haben wird, den Aufsatz des Genossen Frank- Mannheim in der „Neuen Zeit", wie er das mit den Kautskyschen Artikeln getan hat, seinen Lesern ungekürzt znr Kenntnis zu bringen, dann hoffe ich, daß auch viele Berliner Parteigenossen mir in der Beurteilung der sachlichen Beweggründe der badischen Genossen zustimmen werden. 5. Der Verfasser der„Vorwärts"-Artikel tut meine Aus- führungen über die Wertung und Entfaltung der Persönlich- keit durch die Demokratie mit einigen billigen Witzchen ab. Er glaubt das Ideal der Persönlichkeitskultur vernichtend kritisiert zu haben mit dem Hinweis auf die„zahllosen Festreden deutscher Philisterveranstaltungen, wo stets unfehlbar einer aufsteht und begeisternd skandierend deklamiert: Höchstes Glück der Erden- linder ist doch die Persönlichkeit".— Leider wird in Deutschland gewöhnlich auf ganz andere Dinge gefestredet als auf das Ideal der Persönlichkeit. Mit Toasten darauf sind unter einem konservativ-klerikalen Regiment weder Geschäfte zu machen, noch Aemter und Ehren zu erlangen. Die wenigen bürgerlichen Ideologen aber, die so„unpraktische" Ideale öffentlich feiern, verdienen wahrhaft nicht wegen des Gegen- kleines Feuilleton. tdle Tllbvol-Expebition hat eine vorbereitende Reise nach dem Nordpol zu(Spitzbergen) unternommen, um sowohl in diesem ver- hältnismäßig rasch erreichbaren Gebiete die Expeditionsteilnchmer mit den Eisverhältnissen bekanntzumachen, als auch praktische Er- fahrungen mit einer möglichst zweckmäßigen Ausrüstung zu sammeln. Die Expedition ist nach einer sehr anstrengenden Durch- guerung Spitzbergens jetzt nach Deutschland zurückgekehrt. Sie be- stand aus sechs Mitgliedern, dem Leiter, Oberleutnant Wilhelm Filchner, ferner dem Geographen Dr. Seelheim, dem Geologen Dr. Philipp, dem Astronomen Dr. Przybhllck, dem Meteorologen Dr. Barkow und dem Arzt Dr. Potpeschnigg. Als Transportmittel für wissenschaftliche Instrumente, Zelte, Schlafsäcke, Proviant, Waffen usw. kamen nur Schlitten in Betracht, und zwar wurden Nansenschlitten benutzt, unter deren Hickoryholz-Kufen hoch besondere, in wenigen Minuten auf- und abzumontierende, ver- hältnismäßig leichte Stahlkufen airgebracht waren; sie haben ausgezeichnete Dienste geleistet und den auf sie gesetzten Erwar- tungen entsprochen. Die Größenverhältnisse waren bei beiden Schlitten: 3,63 Meter Länge, fünfzig Zentimeter Breite und fünf- zehn Zentimeter Höhe. Die Schlirten konnten im Notfalle(der wirklich eintrat), auch von den Expeditionsteilnehmern selbst gezogen werden. Um die Elastizität zu erhöhen und Brechen und Splittern des Holzes möglichst zu verhindern, waren beim Zusammensetzen der einzelnen Schlittenteile alle Schrauben, Nägel und Nieten ver- mieden. Nur Drahtwickelungcn und Verschnürungen aus Schweinslederriemen hielten Kufen, Stützen und Obergestcll zu- fammen. Wie wertvoll das war, zeigte sich jedesmal bei schwierigem, unebenem Gelände, wie Bächen und Wasserlöchern an der Ober- fläche des Eises, bei den zahllosen Spalten, die überschritten werden mußten, beim Uebergang über Moränen usw., wo die bei der schweren Belastung wuchtigen Stöße wie durch Puffer und Federn abgeschwächt wurden. „Israelitische Abstammung herrschender Monarchen." Der .Vossischen Zeitung" hat ein gewisser(oder eine gewisse) E. E. L. einen wunderschönen kleinen Artikel versetzt, in dem daran er- innert wird, daß die schwedische Königsfamilie(durch die fran- zösischen Bernadottes) von Juden abstammt und daß Englands Fürstenfamilie ihren Stammbaum in direkter Linie vom Harfen- spieler und-sänger König David herleitet, weshalb der gegenwärtige Kronprinz von England auf Wunsch seiner Großmutter mütterlicherseits den Vornamen David erhielt, wie denn auch Eduard VII. unter anderen den Vornamen David führte. Die alte Viktoria soll auf ihren jüdischen Urahnen geradezu st o l z ge-! wesen sein, und man sagt, daß die derzeitige Königin(Marie) den, jetzigen König heiratete, trotz ihrer deutschen Herkunft und' trotzdem ihr feine jüdische MtamPU-na vgn Po.ru.hi;kcin bekannt E. E. L.'s„Untersuchungen" sind sehr nett, aber zum Teil unvorsichtig, zum Teil lückenhaft; denn da bekanntlich in das Blut der Herrscherhäuser all' die Jahrhunderte hindurch in unkontrollierbarer Weise hineingemantscht worden ist, so kann man nicht wissen, ob nicht aus der englischen, der schwedischen KönigLfamilie usw. schon längst der letzte jüdische Blutstropfen hinausgeschwemmt ist. Andererseits—: wer bürgt dafür, daß in die von E. E. L. nicht aufgeführten Königsfamilien im Laufe der Zeit irgendwann, irgendwo, irgendwie nicht'mal Judenblut hinein geschwemmt ist? Denn da lassen die Dokumente und Familienpapiere den Forscher gänzlich in Stich. Ein Frcidcnker-Waiscnhauö. Von einem Besuch im Brüsseler Orxbolinat Eationalisto(Freidenker-Waisenhaus), einer Schöpfung Adolphe Delucs, eines Flüchtlings des zweiten Kaiserreichs(Ehren- Präsident der Anstalt ist Genosse H e c t o r Denis), gibt Rachel Davignon im„Penple" eine anziehende Schilderung. In grüner Umgebung wachsen da 73 Knaben und Mädchen auf, freundlich ge- kleidet, frei von Zwang, in Lebensfreude und Lebcnslüchtigkeit. Ihr Unterricht ist aufgebaut auf Beobachtung und Arbeit. Grund- satz des Lernens ist die stufenweise Entwickelung auf der Basis der Erfahrung. Praktische Arbeit wird in Werlstätten(Tischlerei, Schneiderei, Wäscherei usw.) geübt. Turnunterricht und Gesang spielen eine wichuge Rolle. Religion wird gelehrt als eine wichtige, im Entwickelungsgange der Menschheit notwendige geistige Kund- gebung, die nun aber überwunden ist. 1891 sprach Dcluc das Programm folgendermaßen aus:„Unser Waisenhaus wird auf der Grundlage der Vernunft ruhen. Die Moral wird dort be- gründet werden auf der unausweichlichen Macht der Naturgesetze und der ausgedehntesten Nächstenliebe. Was wir zu bilden uns vor- setzen, sind Brüder, Menschen, Bürger". Die Milch im Kinematographcn. Die Art, wie in Amerika der Kinematograph für wissenschaftliche Zwecke und für die Volks- aufklärung verwandt wird, ist höchst bezeichnend, wie ein Beispiel lehrt, das im Journal der Amerikanischen Medizinischen Vcreini- gung erwähnt wird. Es handelt sich um eine kinematographische Vorführung zur Veranschaulichung der Gefahren unreiner Milch. Die Pioniere der Kamera haben zu diesem Zweck Meiereien auf- gesucht, die ihnen wahrscheinlich ihre Pforten nicht geöffnet haben würden, wenn sie die Enthüllungen hätten voraussehen können, die von den Photographen beabsichtigt wurden. Die erste Szene des Schaustücks führt den Sohn eines altmodischen, auf die Bakterien mit Verachtung herabsehenden Farmers ein, der gerade mit seiner Frau und seinem kleinen Kinde in die alte Heimat zurückkehrt. Die schmutzigen Äuhställe und die offenen, für Staub und Fliegen zu- gänglichcn Milchhehälter werden getreulich zuv Darstellung ge- bracht. Der Sohn, der etwas von der Hygiene gelernt hat, erhebt leidenschaftlich Einspruch gegen diesen Zustand, stößt aber auf den unüberwindlichen Widerstand des alten Farmers, worauf das junge Paar alsbald seine Koffer wiedeo packt und den alten Großvater wfcinejid an deig lic.wn KiMxwaW, seinxs Eirkejs zurückläßt. Dis standes ihrer Begeisterung Spott, sondern allenfalls deswegen, weil sie nicht entschlossen daran mitarbeiten, die wirtschaftlichen und politischen Hemmnisse zu beseitigen, die der Verwirklichung des geseierten Ideals für 39 Proz. der Menschen im Wege stehen. Die Sozialdemokratie ist weit davon entfernt, das Ideal der Persönlichkeitskultur zu verwerfen. In ihm gipfelt vielmehr ihr eigenstes höchstes Streben. Nach ihrem Programm will sie Zu- stände schaffen, die„die allseitige harmonische Ver- vollkommnung" aller Menschen ohne Unterschied des Ge- schlechts und der Rasse ermöglichen. Ich dächte, das wäre die Proklamierung der höchsten„Persönlichkeitskultur" für.alle. Stimmt das, so darf die Sozialdemokratie sich aber auch keiner Mittel und Methoden bedienen, die die innere Kultur der Persön- lichkeit in der Wurzel treffen. Das würde sie aber tun, wenn sie Disziplin im absolutistischen Sinne ihren Mitgliedern auf- zwingen wollte. 3. Als logische Konsequenz meiner Anschauungen verkündet der Genosse im„Vorwärts" folgendes:„Die Demokratie, wie sie Genosse David versteht, bedeutet auf der einen Seite den A b- s o l u t i s m u s der Parlamentarier, der auf der anderen Seite notwendigerweise nur eins bewirken würde, die Anarchie innerhalb der Partei. Es ist das alte Ideal der französischen „unabhängigen Sozialisten", die auch nur die Verantwortung vor ihrem Gewissen und vor ihrem Wahlkreis anerkennen wollen, zu dem Genosse David flüchten muß, um den badischen Disziplinbruch zu rechtfertigen." Die Glcichsetzung meiner Auffassung mit derjenigen der un- abhängigen Sozialisten in Frankreich ist eine grobe Entstellung. Ich bezeichne in meinem zweiten Artikel ausdrücklich„d i e organisierte Parteigenossenschaft des be- treffenden Landes" als die beaufsichtigende In- stanz für die Landtagsfraktion. Ist das für die Abgeordneten dasselbe wie„nur die Verantwortung vor ihrem Gewissen und vor ihrem Wahlkreis?"— Heißt das dem„Absolutismus der Parlamentarier" und der„Anarchie in der Partei" das Wort reden? Oder ist es die Meinung des„Vorwärts", die organisierten Parteigenossen der Einzelstaaten seien nicht befähigt, die Haltung ihrer Vertreter in den Landesparlamenten zu beaufsichtigen und zu beurteilen? Es scheint fast so. Dementgegen beharre ich allerdings auf der ketzerischen Meinung, daß der betreffende Landesparteitag die einzige vom demokratischen Standpunkt aus anzuerkennende kontrollierende und richtende Instanz ist. Denn sie allein setzt sich aus Genossen zusammen, die das Wirken der Landtagsabgeordneten laufend verfolgen, die alle für die landes- politische Situation in Betracht kommenden Verhaltnisse, Kräfte und Personen genauer kennen. Es ist ein durchaus u n demokratisches Gerichtsverfahren, eine Sache Richtern zur Aburteilung zu überweisen, die in ihrer über- wiegenden Mehrheit nur aus der Ferne durch eine überaus kümmerliche Information über die Angelegenheit orientiert sind. Und noch u n demokratischer ist es, wenn solche Richter auf Grund ihrer durchaus mangelhaften und einseitigen Information ihr Urteil schonvorher öffentlich abgeben, um dann als Beauftragte von lokalen Vorgerichten und durch deren Beschlüsse im voraus festgelegt zum Reichsparteitag zu erscheinen. Das ist meiner Meinung nach, ich wiederhole das: ein Hohn auf alle Demokratie! Warum die Budgetabstimmung in den Landtagen meiner Ueberzeugung nach nicht eine prinzipielle, sondern eine taktische Frage ist und in die Kompetenz der Landesparteitage fällt, will ich hier nicht nochmals entwickeln. Daß damit die Gesamt- Vertretung der Partei nicht„abzutreten" hätte, wie mein Gegner phantasiert, braucht wohl nicht ernsthaft bewiesen zu werden. Es bleibt wahrhaftig noch genug Gemeinsames, was Nord und Süd, Ost und West aneinandcrbindet und was naturgemäß der Gesamtvcrtretung zukommt. Die Angst, die Partei könnte aus- einanderfahren, wenn man den Landesinstanzen die einzelstaat- liche Budgetfrage überläßt, ist einfach kindisch. Die Ueberweisung der Budgetfrage an die Landesinstanzen würde die Einheit der Partei nicht erschüttern; sie würde sie festigen. Denn sie würde endlich den periodischen inneren Er- schütterungen und Verbitterungen ein Ende machen, die der Partei aus dieser leidigen Sache seit anderthalb Jahrzehnten erwachsen sind. sind. Aus der Ueberzeugung heraus, daß dies der einzige Weg zu einer sachgemäßen und versöhnlichen Regelung der Streitfrage ist, ist der Beschluß der hessischen Landeskon- f e r e n z gefaßt worden. Diesen zu rechtfertigen und damit der zweite Szene spielt in einer Stadt. Das früher so glückliche Heim des Ehepaars ist durch eine Krankheit des kleinen Kindes verdüstert. Der Hausarzt schüttelt den Kopf und zeigt auf die Milchflasche. die er als Ursache der Krankheit anklagt. Der Sohn schreibt in seiner Angst an seinen Vater, der eilends angereist kommt und zu seiner Bestürzung findet, daß die schlechte Milch von seiner eigenen Farm stammt! Das Ganze führt selbstverständlich zu einem glück- lichen Ende: der Enkel wird gesund, und der Großvater läßt, wie im letzten Bilde gezeigt wird, seine Kuhftälle und sämtliche dazu gehörigen Vorrichtungen nach den Geboten der Hygiene einrichten. — Die Amerikaner können zum mindesten geltend machen, daß solche Vorführungen mehr Nutzen stiften als das meiste, was in unseren Großstädten in dergleichen Theatern zu sehen ist. Notizen. — Die zwanzig größten Städte. Nach den neuesten Statistiken der versckiiedcnen Länder ergibt sich für die zwanzig größten Städte der Welt folgende Reihe. An erster Stelle steht London mit 7 453 333 Einwohnern, darauf folgt New Jork mit über 4 533 333. Hieran schließen sich Paris mit 2 745 333, Chicago mit 2163 333 Bewohnern. Berlin kommt mit 2 133 333 Menschen erst an fünfter Stelle(würde aber mit seinen Vororten die dritte einnehmen). Daran reihen sich Wien mit 2 321 333, St. Petersburg mit 1 553 333, Philadelphia mit 1 533 333, Moskau mit 1 412 333, Buenos Aires mit 1 147 333 Einwohnern. Von den Großstädten, deren Bevölkerung die Million nicht erreicht, steht Kalkutta mit 333 333 voran. Darauf folgen Bombay mit 378 333, Birmingham mit 875 333, Hamburg mit 866 333, Glasgow mit 863 333, Budapest mit 312 333, Liverpool mit 763 333, Kairo mit 633 333, Manchester mit 649 334 und Rio de Janeiro mit 636 333 Bewohnern. — Eine Papier-Kolonie. Das größte ZeitungS-Nnter» nehmen Europas, die„Amalgamated Preß", die etwa vierzig Zeitungen und Magazine in England herausgibt, darunter„Daily Mail" und„Daily Mirror", hat vor nicht langer Zeit mit einem Stammkapital von 24 Millionen Mark eine riesenhafte Papierfabrik- aulage aus der waldreichen Insel Terranova im Norden Amerikas begründet, um ihr eigener Papierlieferant zu sein. Sie hat 833 333 Hektar Wald erworben und hydraulische Papiermühlen mit 33333 Pferdekrästen aufgestellt, die demnächst auf 83 333 erhöht werden sollen. Zweitausend Tonnen Papier, genügend um vierzig Millionen Exemplare einer zwölfseitigen Zeitung darauf zu drucken, sind jüngst als erste Ladung nach London abgegangen. Amerika- nischem Brauch gemäß ist bei der gewaltigen Fabrikanlage im Nu eine kleine Stadt entstanden, die bereits 3333 Kolonisten zählt. Das Fällen der Bäume besorgen die auf der Insel ansässigen Kabeljaufischer den Winter über, während die Fischerei des Eises wegen ruht. gemeinsamen Sache nach Eesteni Wissen OTnii GeMsseii zu bic'fteti, war der Zweck meiner Artikel. Darum treffen mich auch Bemerkungen meiner Gegner, wie die folgenden, nicht:„verbissene Wut" hätte mich auf den Plan gerufen;— ich wolle als„ein Fraktionsführcr innerhalb der Partei, die Revisionisten scharf machen";— ich argumentiere so, „um die süddeutsdhen Genossen gegen die norddeutschen in unver- antwortlicher Weise aufzuhetzen";— ich unternähme den Versuch, „die Forderung der Einhaltung der Disziplin als„„preußische Eigenart"" den süddeutschen Genossen zu denunzieren";— meine Polemik drohe,„einen ernsten und sachlichen Meinungsstreit durch Appell an landsmannschaftliche Instinkte und fraktionelle Sonder- intcressen zu vergiften". Solche Albernheiten und beleidigenden Unterstellungen können mich in dem, was ich zu tun für meine Pflicht halte, nicht beirren. Ich glaube aber auch nicht, daß sie dem Verfasser der„Vorwärts"°Artikel zur Ehre gereichen oder daß sie das leichte Gewicht seiner Argumente erhöhen. Soweit Genosse David. Wir begnügen uns mit folgenden kurzen Feststellungen: Die Behauptung, die Genosse David im Ein- gang seines Artikels aufstellt, ist unrichtig. Es ist uns nicht ein- gefallen, ihm„parteischädigende Motive" unterzuschieben. Unsere Bemerkungen richteten sich gegen seinen politischen Takt, der ihn gerade in einer Zeit eine unserer Meinung überflüssige Polemik heraufzubeschwören erlaubt, in der die Protestaktion gegen das persönliche Regiment alles andere in de» Hintergrund drängen müßte. Dann nötigt«nS die Frage nach dem Verfasser der Artikel in der Wiener„Arbeiter-Zeitung" zu der Bemerkung, daß die Ueber- tragung des berüchtigten Zeugniszwangsverfahrens aus dem Gebiete der preußischen Justiz auf das der Parteipolemik kaum Anklang finden wird. Da Genosse David aber so leicht eine Ver- dächtigung seiner Motive annimmt, möchten wir ausdrücklich hervor- heben, daß Genosse David vielleicht nur die Absicht hatte, die Autorität dieser Artikel zu erhöhen. Denn Genosse Adolf Braun ist nicht nur als Oesterreicher über den Verdacht der Ueberspannung des preußischen Disziplinbcgriffes erhaben, er ist auch als langjähriger Redakteur der„Fränkischen Tagespost" sozusagen gelernter Süddeutscher ebenso wie die Genossen Ad. Müller und Timm. In dieser doppelten Eigenschaft könnte er für seine Artikel gerade bei unseren süddeutschen Genossen besondere Beachtung erwarten. Leider ist Gen. Braun, der zu jener Zeit als Lehrer an der Parteischule in Bodenbach wirkte, nicht der Verfasser. Im übrigen wollen wir Gen. David nicht selbst antworten. Die„Mainzer Volksztg." veröffentlicht in ihrer Dienstagnummer als Antwort auf die ersten Artikel Davids einen Artikel, den der Vorstand der Bretzcuheimer Organisation durch eines seiner Mit- glicder ausarbeiten ließ. Dieser prächtige Artikel, der alles sagt, was vom proletarischen Standpunkte zu sagen ist, hat folgenden Wortlaut: „Nachdem Genosse Dr. David mit seinen beiden Artikeln »Demokratie und Disziplin" die Diskussion auch in unserer Zeitung eröffnet hat, möchten wir mit aller proletarischen Bescheidenheit uns einige Einwendungen erlauben. Es ist ja zunächst für den Leserkreis der„Voliszeitung". die in einseitigster Weise nur über die Argumente der Freunde der Budgetbcwilliguug berichtete, recht schwer, sich ein Bild über die Stellungnahme der großen Mehrheit der Genossen im Reich zu machen. Zwar hat die »Volkszeitung" am 27. Juli den Artikel„Demokratie" aus dem „Vorwärts" übernommen, der so ziemlich das gerade Gegenteil der Davidschen Ausführungen enthält, auch dabei erklärt, nicht mit allem darin Gesagten einverstanden zu sein, ohne aber die betreffenden Punkte zu verraten. Wenn man nun der Logik der Leser zumutet, sich selbst das Richtige zu suchen, so finden wir es angebracht, auf die beiden Artikel etwas näher einzugehen. Ge- nosse Dr. David erklärt ja, gleich eingangs zwischen den Zeilen. was ihn veranlaßte. feine Artikel zu schreiben. Die Gewerkschafts- führer. die noch in Nürnberg für die Budgetbewilligung zu haben waren, und die nun. die Konseguenzen revisionistischer Politik vor Augen, zur Verurteilung des Disziplinbruchs kommen, will er zu seiner eigenartigen Anschauung von Demokratie bekehren. Die Genossen v. Clin, Hue, Bömelburg und besonders der Vor« fitzende der Generallommission der Gewerkschaften, Reichstags- abgeordneter Legten, der auf einer Konferenz seines Reichstags- Wahlkreises erklärte:„Er würde aus organisatorischen Gründen einer Resolution zustimmen, die den Ausschluß der Badenser fordert." Alle diese Gewerkschaftsführer fühlen und sehen die Notwendigkeit der Unterordnung der Einzelnen unter den Gesamtwillen als einzige Möglichkeit zum erfolgreichen Wirken großer Organisationen, was sich recht augenfällig und wohl noch jedermann in Erinnerung, erst bei_ der großen diesjährigen Bauarbeiteraussperrung zeigte. Nach einer Aufzählung von „DiSziplinbrücheu", von denen der betreffend die Breslauer Agrar- resolution jedenfalls ein Hauptverdienst des Genossen David ist, kommt er dahin, zu erklären, daß ein Beschluß irgend einer Partei- instanz dann durchbrochen werden muß, wenn das„höchste Gebot", Durchsetzung der politischen und wirtschaftlichen Eman- zipation det Arbeiterschaft, verwirklicht werden kann. Kluger- weise vermeidet er, hier an den konkreten Fall heranzugehen, denn von der„Befreiung der Arbeiterklasse" ist im badischen Budget nichts zu bemerken, vielmehr ist durch die Großblockpolitik den Arbeitern manche Schädigung auf den Hals geladen und unseren Abgeordneten die im Interesse der Arbeiterklasse gebotene Stellungnahme erschwert worden. Wir verweisen nur auf die Ablehnung des Zentrumsantrages auf Herab« fetzung der direkten Steuern der Einkonimen unter Zvvo M. und entsprechende Steigerung der höheren Einkommen. Unsere Genossen in Baden haben im Interesse des Großblocks gegen diesen Antrag gestimmt, wohl um eine Schädigung der Arbeiter mit Einkommen über 3000 M. zu vermeiden, und nach unserer unmaßgeblichen Ansicht, das oben angeführte höchste Gebot— verraten. Es würde zu weit führen, wollte man auf alle Vorkommnisse in Baden eingehen, nur so viel sei gesagt, baß der Artikel des Genossen Dr. Frank alles beschönigte, wie in einer VcrteidigungS- rede, und die offenkundigen schwachen Stellen mit Schweigen itberaing. Wir kämen dann auf die Disziplin zu sprechen, die Genosse Dr. David im Sinne blinder Befolgung gegebener Befehle. als Prinzip des Absolutismus bezeichnet. Wn sind nun weit entferut.' und mit uns die große Mehrzahl der Genossen, die Parteitagsbeschlüsse als unabänderliche„Befehle" anzusehen, deren„blinde Befolgung" verlangt würde: man braucht sich nur das Zustandekommen dieser Beschlüsse vor Augen zu führen, um die UnHaltbarkeit dieser Fiktion einzusehen. Wenn aber. wie im Falle der Budgetfrage, auf mehreren Parteitagen tagelang der Austausch und Kampf der Meinungen hin- und herwogt, und dann mit überwältigender Mehrheit ein Beschluß zustande komnit. so hat dieser nichts Absolutistisches mehr an sich, sondern er ist von Freien und Gleichen beraten und be- schlössen, für jeden, der dieser Gemeinschaft Freier und Gleicher angehören will, bindend. Wo ist denn der Zwang, den Genosse David, der von Untergeordneten und Uebergeordneten spricht und den er in seiner„klaren Sprache" als„Kadavergehorsam" be- ?eichnet, zu entdecken? Einem jeden, dem die Forderungen und siele der Parlei am Herzen liegen, steht der gutritt offen, und nie- mand, der erkannt hat. daß die Partei etlvaS anderes will, als er alaubte bei ihr zu sinden, ist gehalten, ihr auch nur einen Tag langer anzugehören. Im zweiten Artikel mahnt Genosse David zu größerer Vorsicht beim Fassen allgemeiner Beschlüsse und betont, daß die Fassung von ParteiragSresolutionen mit schnellfertiger Oberflächlichkeit betriebe» werde. Ob nun der Antrag David, der hessischen Landes- konferenz, in dem die Budgetbewilligung gegen eine beträcht- liche Minderheit_ als Frage der Taktik bezeichnet wurde, weniger oberflächlich begründet und diskutiert wurde, darüber haben schon eine große Anzahl der Genossen im Lande ihr Urteil dahin abgegeben, daß sie nach wie vor die Beschlüsse der Parteitage von L ü b e ck und Nürnberg als bindend an- sehen. Siehe die Stellungnahme der Gießener Genossen. deren einstiger Berater wohl Genosse David war. Hiermit ist auch schon der Versuch, die Autonomie der Kreise oder Landesorganisationen einzuführen_ und diese als letzte entscheidende Instanz auf- zurichten, mißglückt, denn die Gießener Genossen haben, in arger Verkennung des neuesten Disziplinbegriffs, sich dem Beschlnffe der Laudeskonferenz nicht gefügt. Das Schlagwort„Selbstverwaltung" muß dazu herhalten, die„Wertung und Entfaltung der Persönlich- keit" als„Prinzip der Demokratie" zu bezeichnen. Wohin dieses neue Prinzip und die Autonomie der Kreise führt, haben wir in Italien und Frankreich reichlich Gelegenheit zu be- obachten. Die Zersplitterung der Partei. AuSeiuauderstrebcn und letzten Endes Kirchturms- und Wahlkreispolitik in Verbindung mit dein Brudcrkampf der als Proletarier ziisammengehörigen Arbeiterklasse, sind die traurigen Folgen der Wahlkreisaulonomie und Persönlichkeitskultur der dorligen resormistischen Führer, die zunächst auch nur das Beste für die Arbeiter wollten, aber als Minister der Bourgeoisregierung und Gegner der Arbeiterklasse endeten. Zur Frage der Budgeivewilligung selbst wird betont, daß nur die„genaueste Kenntnis aller in Betracht koinmenden Verhältnisse und Faktoren" die Möglichkeit der Entscheidung geben; diese Kenntnis wird dann den norddeutschen Genossen kurzerhand ab- gesprochen. Die„»nerfahreren Norddeutschen" wollen die„erfahrenen Siiddeutschen" führen. Abgesehen davon, daß man mit solchen � Argumenten nur die bedauerliche partiku- laristische Zerrissenheit, die für uns als Arbeiter gar nicht existieren dürfte, for- dert, ermangelt diese Beweisführung auch der sochlicken Wahrheit. Was zunächst die Kenntnisse der Verhältnisse betrifft, so sind die Norddeutschen durchweg durch ihre Parteipresse prinzipieller und objektiver unter- richtet als die Süddeutschen; ferner ist der künstlich scharf hervor- gekehrte Gegensatz zwischen Norddeutschen und Süddeutschen gar nicht zu verzeichnen, denn gerade in der Budgetfrage haben wir gesehen, daß eine große Zahl Norddeutscher für die mildere Auslegung zu haben war, und umgekehrt eine ganze Anzahl Süddeutscher Gegner jeder Budgetbewilligimg waren. Ebenso haben in fast allen süddeutschen Kreisen beträchtliche Minderheiten ihre Stimmen anderen Genosse» zggelvandt, ohne es möglich machen zu können, daß auch ihre Ansicht vertreten war. Genosse Dr. David nennt dann die Entscheidung der Partei- tage, weil sie von einer angeblich kenntnislosen Mehrheit er- folgt, einen„Hohn auf alle Demokratie". Wenn aber Demo« t r a t i e, die man bis heute noch als„Volksherrschaft" übersetzte, auch rhreit Sliui und Inhalt behalten soll, so muß not- wendigerweise der Mehrheit und nicht den Einzelnen die Ent- scheidung überlassen bleiben. Und da Demokratie Volksherrschaft ist, so müßte für jeden ihrer Anhänger jeder Gedanke an die lächerliche Hofgängerei der badischen Genossen, die wahrscheinlich auch auf diese Art die„Befreiung der Arbeiterklasse" bewirken wollen, ausgeschlossen sein. Warum Genosse David auf diese Seite der Frage nicht eingeht, ist nicht recht ersichtlich. Womit wollte man nach alledem noch von der herrschenden Klasse Rück- sichten auf Massenwünsche abttotzen, sie werden sich stets auf ihre bessere Einsicht und Kenntnis der Verhältnisse berufen, z. B.: Beim B e st ä t i g u n g s r e ch t sagt man der Wählermasse,„euch fehlt die genaueste Kenntnis aller in Betracht kommenden Faktoren", und mit unserer eigenen Begründung brächte man uns um unser Recht. Man sieht, u»sere gesamten Waffen zur Befreiung der Arbeiterklasse, Protestversainniluiigen, Straßen- demoustratioiten und Massenstreik einschließlich Parlamentarismus lvcrden stumpf und unbrauchbar, wen» uiisere Gegner sich die Davidsche Begründung genauester Kenntnis zu eigen machen. Wir kommen zun, Schlüsse: lins erscheint als Zweck der Artikel da? sogenannte„Diszipliiibruchsgeschrel". durch das„Kadaver- gehorsamsgeschrei" zu übertönen, mn auf diese Weise den irregehenden Badenseru den Rücken zu stärken und zugleich die abweichenden Gewerkschaftsführer wieder zu Mitkämpfern gegen die Einheit der Partei heranzuholen. Wenn Genosse Dr. David die Demokratie, wie sie seither in der Partei ausgelegt wurde, als Sozialdespotie bezeichnen zu müssen glaubt, so geht aus seinen Artikeln hervor, daß sein Ideal demokratischer Persönlichkeitskultur, zur Auto- kratie, zur Herrschaft der Führer hinneigt, die, nach berühmtem Muster als„Instrument des Herrn" ohne Rücksicht auf Meliiungen und Ueber- zeugungen der Masse ihren Weg gehen." Alhier Internatloualer Gtnosseuslhchstag in Hlmbnrg. Zu dem Bericht über den crm Mittwoch geschlossenen Genossen. schaftstag tragen wir noch den Wortlaut folgender vom Kongreß angenommenen Erklärung über die Konsumgenossenschaften nach: „Die Konsumentengenossenschaften, die außer den eigentlichen Konsumvereinen auch die Wohn- und Baugenossenschaften um- fassen, haben in den kapitalistisch entwickelten Ländern von allen Genossenschaftsarten die größte Bedeutung für die Wahrnehmung der Interessen der Arbeit in der Volkswirtschaft, und zwar sowohl wegen des unmittelbaren großen praktischen Nutzens, den sie für die Mitglieder im Gefolge haben, als insbesondere auch wegen der ihnen zugrunde liegenden Wirtschaftsprinzipien, durch deren allgemeine Ailsbreitung und Anwendung die Umbildung btS kapitalistischen Wirtschaftssystems befördert wird. Die Konsumvereine bezwecken, ihre Mitglieder bei dem Ein» kauf und der Beschaffung von Gütebn aller Art bor jeglicher Ueber- Vorteilung dadurch zu schützen: a) daß sie ihnen die Güter in guten, rellen Qualitäten liefern, b) daß sie den Profit des Unternehmers, der die Güter zum Verkauf bringt, nach Möglichkeit eliminieren. Die VorauLsetzulig für die Erreichung dieser Zwecke ist, daß eine möglichst große Anzahl von Konsumenten ihren Bedarf in möglichst weitem Umfange von der Konsumgenossenschast bezieht. In dem Maße, als die Konsumenten sich zu Konsumgenossenschaften zusammenschließen, wird eine Oraanlsatioil der Kaufkraft des Ar- beitseinkommenS geschaffen, die die arbeitenden Klassen in den Stand setzt, in weitem Umfange auch ihre Arbeit selbst genossen- schaftlich zu organisieren und sich in eigenen Produktionsbetrieben zu besckKiftigen. Die durch die Konsumgennossenschaften herbeigeführte Organi- sation der Kaufkraft kann erfahrungsgemäß nur dann mit dauern- dem Erfolge durchgeführt werden, wenn an den Grundsätzen der demokratischen Selbstverwaltung, der Barzahlung, der unbe- schränkten Mitgliederzahl, der Anlehnung der Bezugspreise an die ortsüblichen Tagespreise und der Rückvergütung des infolge dieser Praxis entstehenden UeberschusseS nach Maßgabe des Bezuges fest- gehalten wird. Im weiteren ist ihnen zu empfehlen, auf die An- santmlung eines unbegrenzt anwachsenden und unteilbaren Ge- nossenschaftsvermögens Bedacht zu nehmen und'den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, ihre Ersparnisse in der Genossenschast anzu- legen. Außerdem hat der Konsumverein die Mitglieder mit seinen Grundsätzen vertraut zu machen und sie zu genossennschaftlicher Treue zu erziehen. Jede Konsumgenossenschaft hat-ihr Wirkungsgebiet zu begrenzen und dasjenige anderer Konsumvereine zu re- spektieren. Eine Konkurrenz zwischen Konsumvereinen wider» spricht ihrem Wesen als Organisationen, die nicht Erwerbszwecke verfolgen, sondern wirtschaftliche Funktionen für einen bestimmten, territorial begrenzten Kreis von Konsumenten erfüllen sollen. Die von den Konsumgenossenschaften gebikdeten Verbände zum Großeinkauf und zur Produktion von Massenartikeln, die Gross- cintaufSgesellschafte», sind nicht nur geeignet, die Wirksamkeit und Ausbreitung des ÄonsumvereinswesenS in nachhaltiger Weise zu unterstützen, sondern auch die konsumgenossenschaftlichen Grundsätze auf dem Gebiete der Volks» und Weltwirtschaft erfolgreich zur An- wenung zu bringen. Sie sind imstande, auf einer großen Anzahl von Produktionsgebieten die Arbeit genossenschaftlich zu organi» sieren und produktive Musterbetriebe ins Leben zu rufen. Tie teils neben den Großeinkaufsgesellschaften entstandenen, teils in organischer Verbindung mit ihnen wirkenden Konsum- genossenschaftsverbände dienen zur Wahrnehmung und Vertretung der Rechte der Konsumvereine, zur Abwehr aller gegnerischen An- griffe, zum Ausbau und zur Vervollkommnung der genossenschaft- lichen Arbeitsmethoden und zur Pflege und Organisation des ge- nossenschaftlichen Erziehungs. und Bildungswesens. Durch die Entwickelung ihrer kommerziellen und produktiven Betriebe gelangen die Genossenschaften aller Art dazu, in wachsen- dem Umfang Arbeitskräfte zu beschäftigen. Es ist ihre Pflicht, den Angestellten und Arbeitern, die in ihren Diensten stehen, vor- bildliche Lohn- und Arbeitsbedingungen zu gewähren sowie deren Kvalitionsrecht rückhaltlos anzuerkennen. Insbesondere ist ihnen der Abschluß von besonderen Tarifverträgen mit den Gewerk- schaften zu empfehlen, soweit nicht allgemeine Tarife zwischen diesen Gewerkschaften und den Unternehmern vorliegen. Wo solche all- gemeinen Tarife vorhanden sind, sind sie von den Genossenschaften anzuerkennen und die Durchführung derselben zu unterstützen. Die Genossenschaften erwarten andererseits, daß die von ihnen geschaffenen vorbildlichen Lohn- und Arbeitsverhältnisse durch eine gleichwertige Arbeitsleistung und mustergültige Pflichterfüllung gerechtfertigt werden. Die Genossenschaftsverbände und einzelnen Genossenschaften haben sich zur Fortbildung der genossenschaftlichen Theorie und Praxis dem Internationalen Genossenschaftsbunde anzuschließen. Mit dem Zusammenschluß der Gcnossenschaftsbewcgung der ganzen Welt zu einer großen internationalen Organisation schafft sie sich in allen ihren Verzweigungen einen universellen Mittelpunkt, wo. durch die Gemeinschaftlichkeit ihrer Interessen zum Ausdruck ge- bracht und wodurch ferner auf die genossenschaftliche Entwickelung selbst anregend und befruchtend eingewirkt wird. Die Vereinigung aller Genossenschaften zu einem internatio- nalen Genossenschaftsbunde bildet auch ein wertvolles Gegengewicht gegen die vielen Differenzen unter den verschiedenen Völkern. Sie führt zu einer allgemeinen Verständigung der Völker auf Grundlage der Gleichberechtigung und Solidarität und dient in- sofern auch dem hohen schönen Ziele, die Kulturmenschheit für einen allgemeinen Weltfrieden reif zu machen." Internationnler Holznrbtiier- Kongreß. Kopenhagen, 7. September 1910. Die Kommission, die über die Streitigkeiten der Organisation in Bulgarien zu entscheiden hatte, schlägt folgende Resolution vor: „Der Kongreß spricht sein tiefitcs Bedauern aus über die Uneinigkeit in der Organisation der Holzarbeiter Bulgariens. Da jedoch die Trennung in die beiden Verbände schon vor mehreren Jahren erfolgte und die Schuldfrage nicht vom Kongreß geprüft werden kann, außerdem aber die Vertreter beider Ver- bände in der Kommission des Kongresses ihre Bereitwilligkeit erklärt haben, für eine baldige Vereinigung zu wirken, beschließt der Kongreß: Um die Vereinigung beider Verbände zu fördern, soll auch der zweite Verband zur Aufnahme in die internatio. nale Union zugelassen werden. Der Kongreß erwartet jedoch, daß die Vorstände beider Verbände die EiniguwgSverhandlungen rechtzeitig aufnehmen und sie dermaßen fördern, daß die Ver- einigung spätestens bis zum nächsten internationalen Holz- arbciterkongreß vollzogen ist." Diese Resolution wird einstimmig angenommen, nachdem Sackasoff erklärt hatte, er würde sich bemühen, in Verhandlungen zwecks Verschmelzung einzutreten. Eine gleichlautende Erklärung hat der Führer der anderen Gruppe, Karoloft, in der Kommission abgegeben. Ueber die Agitation in den Grenzgebiete» referierte Kaysec- Berlin(Holzarbeiterverband): Der weitere Ausbau der internationalen Verbindung der Holzarbeiter, der zweifellos kommen werde, dürfe nicht überstürzt werden. In Stuttgart sei vor drei Jahren beschlossen worden, daß die Mitglieder der ange- schlossenen Organisationen ohne weiteres in die Organisation ihres Ausenthaltslandes übertreten. Das sei ein großer Fortschritt gewesen. Demgegenüber sei die Frage der Regelung der Agitation in den Grenzgebieten von geringerer Bedeutung, aber es sei zweckmäßig, beizeiten dafür zu sorgen, daß Grenzstreitigkeiten, wie wir sie zwischen den deutschen Gewerkschaften des öfteren erleben, in der internationalen Union der Holzarbeiter vermieden werden. Eine lebhafte Agitation in den Grenzgebieten müsse planmäßig von den beteiligten Organisationen in die Hand genommen werden. Die Mitglieder sollen in der Regel der Organisation des Landes zugewiesen werden, in welchem die Arbeitsstätte liegt. Die Diskussion ergibt Uebereinstimmung mit diesen Sätzen. Angenommen werden folgende Anträge des deutschen und des schweizerischen Holzarbeiterverbandes: „In den Grenzorten, welche ein Industriegebiet bilden, haben die in Frage kommenden Landesorganisationen die Agitation ge- meinsam zu betreiben. Zur besseren Wahrung der Berufsinter. essen haben sich die Mitglieder der internationalen Union in den Grenzgebieten, die jenseits der Landcsgrenze ihres Arbeitsortes wohnen, innerhalb ö Wochen der Landesorganisation ihres Ar- beitsorteS anzuschließen. Außergewöhnliche Fälle bleiben der Regelung der beiderseitigen VerbandSvorstände überlassen." Der nächste Punkt der Tagesordnung ist: Erfahrungen mit der Gegenseitigkeit betr. den Uebcrtritt pnb die Unterstützung der Mitglieder im Ausland. Hierzu bringt Lei pari eine Reihe von Mängeln zur Sprache, die zu seiner Kenntnis gekommen sind. Nach den Be- schlüssen des Stuttgarter Kongresses sollen Mitglieder der ange- schlossenen Oraanisatione», wenn sie ins Ausland gehen, ohne Bei- trittsgeld in die Organisationen ihres Aufenthaltslandes oufge- nomnien werden und die gleichen Unterstützungen erhalten wie die Mitglieder dieser Organisationen. Mitglieder des Deutschen Holz. arbeiterverbandeS beschweren sich nun darüber, daß sie in ver- schiedcnen Ländern, besonders in England und Schweden, nicht nach diesen Beschlüssen behandelt worden sind. Hierüber entspinnt sich eine ausgedehnte Debatte, in der fest- gestellt wird, daß diese Klagen zum größten Tejl auf Mißverstand- nissen beruhen. Wo die Stuttgarter Beschlüsse noch nicht vollständig durchgeführt sind, wird von den Vertretern baldige Besserung ver- sprochen. Eine erhebliche Rolle spielt in der Diskussion auch ein Antrag des dänischen Holzarbeitersekretariats aus einheitliche Reiselcgitimation in vier Sprachen. Der Gedanke de? Antrages wird allseitig sympathisch begrüßt, doch wird seine Durchführbarkeit bezweifelt, besonders deshalb, weil die Einrichhungen der Verbände zumal auf dem UnterstützungSgebiet noch zu verschieden sind. Es wird angeregt, hierin eine größere Gleichmäßigkeit anzustreben. Als sehr notwendig wird es auch bezeichnet, der Ausfüllung des Vordruckes in den Mitgliedsbüchern größere Aufmerksamkelt zu schenken. Häufig ist aus den Büchern, das gilt namentlich von her französischen und der schweizerischen Organisation, die Beitrags- leistung und der Unterstützungsbezug des Mitgliedes nicht mit hin- reichender Deutlichkeit zu ersehen. Besonders lebhaft wird die Reisekegitimation von den Skandi- naviern und den französischen Delegierten befitrivortet. während die Deutschen und Ocsterreicher auf die entgegenstohenden Be- denken hinweisen und die endgültige Beschlußfassmig bis zum näch- sten Kongreß zu vertagen empfehlen. Schließlich wird aber der auf die Einfuhrung dieser Einrichtung gerichtete Antrag des dänischen Holzarbeitersekretariats mit 21 gegen 20 Stimmen angenommen. Die Durchführung dieses Beschlusses soll jedoch noch nicht sofort erfolgen. Vielmehr stimmt der Kongreß folgender von Leipart eingebrachten Resolution zu, die zugleich zu den anderen Fragen, die die Diskussipn berührt hat. Stellung nimmt. „Der Kongreß sßr?cht sich für die Ztoeckmäßigkeit einer internationalen Reiseleyitimation aus und beauftragt den inter- nationalen Sekretär, einen Entwurf herzustellen-und den Vor- ständen der angeschlossenen Verbände zur Prüfung zu übersenden. Die Beschlußfassung über die event. obligatorische Einführung der internationalen Legitimation soll dem nächsten Kongreß vor- behalten sein.— Der Kongreß fordert den englischen Möbel- arbeiterverband und alle anderen Verbände auf, ihre statutari- schen Bestimmungen mit den Vorschriften des Statuts der inter- nationalen Union in Uebereinstimmung zu bringen, damit der .freie Uebertritt und die Unterstützung der Mitglieder im Aus- land unter voller Wahrung der Gegenseitigkeit gesichert wird. — In Anerkennung des hohen Wertes der Reise- und Arbeits- losenunterstützung sowie der sonstigen Unterstützungseinrichtungen für die Erfüllung der allgemeinen Aufgaben der Gewerkschaften empfiehlt der Kongreh allen Verbänden die Einführung dieser Unterstützung und deren möglichst einheitlichen Ausbau." Angenommen wird ein von den Oesterreichern eingebrachter Antrag, wonach die in einen anderen Verband übergetretenen Mit- glieder ihre Mitgliedsbücher abzugeben haben. Diese Bücher werden dem Zentralvorstand des Verbandes zugestellt, der sie aus- gefertigt hat. Zugleich wird den Vorständen empfohlen, in die Mitgliedsbücher einen Vermerk aufzunehmen, wonach sie Eigentum des Verbandes bleiben, der sie ausgestellt hat. Ein Antrag des norwegischen Holzarbeiterverbandes will da? Statut der internationalen Union dahin ändern, daß die Rechte der aus ausländischen Organisationen übergetretenen Mitglieder an event. Versicherungskassen von der gegenseitigen Verpflichtung ausgenommen werden. Zur Begründung wird darauf hingewiesen, dah die norwegische Organisation ein sehr hohes Sterbegeld, bis zu 500 Kr., zahlt, das den Hinterbliebenen der übergetretenen Mitglieder, die noch keine entsprechenden Beiträge an die Organi- sation geleistet haben, nicht gewährt werden könne. Die Aenderunz des Statuts wird aber al'gelehnt. Doch werden die eigenartigen Verhältnisse in Norwegen anerkannt und der Organisation wird empfohlen, den Zweck ihres Antrages durch den Abschluß besonderer Verträge mit den übrigen Angehörigen der internationalen Union zu erreichen, ein Weg, der ohne Aenderung des Statuts gang- bar ist. Zum internationalen Sekretär wird Leipart einstimmig wiedergewählt und seine Wahl mit lebhaftem Beifall be- grüßt. Es liegen dann noch Anträge der französischen und der belgischen Organisation bor, die die Aufnahme statistischer Er- Hebungen über die Lohn» und Arbeitsverhältnisse in allen der Union angeschlossenen Ländern verlangen. Aus der Begründung, die diesen Anträgen gegeben wird, ist zu ersehen, daß die Antrag- steller keinen rechten Begriff von den Schwierigkeiten haben, die sich der Aufnahme einer brauchbaren Statistik entgegenstellen. Sie versprechen sich aber von einer solchen Statistik großen agiiaton- schen Erfolg. Von deutscher Seite, besonders von R a i t h(Müncheni wird sehr deutlich darauf hingewiesen, daß die Voraussetzung aller solcher Pläne eine tüchtige Organisation ist, und daß man in Belgien und Frankreich gut daran täte, zu allererst dem Ausbau der Organisation die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Einen, Antrag, über die beiden Resolutionen zur Tagesordirung überzugehen, wird von Leipart widersprockien. Er empfiehlt im Gegenteil im Sinne der Franzosen und Belgier zu beschließen. Tie Kollegen in diesen Ländern sind dann verpflichtet, an die Auf- nähme einer solchen Statistik zu gehen, und das dürfte von einigem Einfluß aus ihre gewerkschaftliche Erziehung sein. Diesem Vor- schlag stimmt der Kongreß zu. Damit ist die Tagesordnung dcS Kongresses erledigt. Der nächste Kongreß wird voraussichtlich im Anschluß an den Inter- nationalen Sozialistenkongreß in Wien stattfinden. Auf Antrag eines norwegischen Delegierten wird noch be- schloffen, mit diesem Kongreß eine Ausstellung der VerbandSdruck- fachen der angeschlossenen Organisationen zu verbinden. Mit einem Hoch auf die internationale Union der Holzarbeiter wird dann der Kongreß geschlossen. Am plttriachilHschtn ArbkitsverlMms auf dem Laude. schwärmte vor einiger Zeit auch das freisinnige„Berliner Tage- liliiU". Es schrieb: „ES ist nicht zu leugnen, daß dielfach auf dem Lande ein gutes Verhältnis zwischen landwirtschaftlichen Arbeitgebern und ihren Arbeitern besteht. Insbesondere ist die Lage der bodenständigen Arbeiter, der Jnstlente, durchaus nicht immer so beklagenswert, wie sie von sozialdemokratischer Seite hingestellt wird. Das alte patriarchalische Verhältnis ist noch vielerorts vorhanden, und die Arbeiter sind mitsamt ihren Familien zufrieden und glücklich Die Leute sind besser daran als ein großer Teil der gelvcrblichen und industriellen Arbeiterschaft. Arbeitslosigkeit kennen sie nicht. Mangel ist ihnen freiud. Zu Zeiten der Krankheit und Arbeits- Unfähigkeit sorgt der Arbeitgeber für sie." Wie dieses gute Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter auf dem Lande in Wirklichkeit aussieht, haben wir häufig be- leuchtet. ES wird auch durch nachfolgendes illustriert: 42 Roheitsakte ostprenßischer Gutsbesitzer innerhalb vier Monate» gegenüber Landarbeitern sind dem Parteisekretariat für Ostpreußen durch ratsuchende Landarbeiter und durch Gerichts- berichte der Partei- und bürgerlichen Provinzpresse bekannt ge. worden. Sie bestanden in mehr oder minder schweren Körperver- letzungen und Mißhandlungen, gemeinen Beschimpfungen, wider besseres Wissen erstatteten Strafanzeigen und sonstigen von rohen und gefühllosen Gutsbesitzern und Inspektoren verübten Gewalt- tätigkeiten gegenüber wehrlosen Arbeitern. Unter den Mißhan- delten befanden sich auch Frauen. Begangen wurden die Straf- taten in den Monaten April, Mai, Juni, Juli, also in der Zeit, >in der von den Landwirten am meisten über Leutenot geklagt wird. In acht von diesen Fällen erfolgte wegen Körperverletzung und Mißhandlung gerichtliche Verurteilung der Rohlinge zu Geld- strafen von 20 bis 100 M. In zwei Fällen wurde durch die Be- rufungsinstanz die Strafe von 00 auf 50 resp. von 50 auf 20 M. ermäßigt. Nur in einem Falle erfolgte Verurteilung z» einer Woche Gefängnis. Jn ö Fällen lehnte die Staatsanwaltschaft ein Vorgehen im öffentlichen Interesse ab und verwies die Straf- antragsteller auf den Weg der Privatklage. In 6 Fällen wurde die Klage gegen die Mißhandelnden zurückgestellt, weil von diesen Strafantrag gegen die Gemihhandelten auf Grund der Ausnahme- gesetze gegen die Landarbeiter gestellt war. In 11 Fällen schweben die Prozesse noch, während in allen übrigen Fällen aus den ver» schiedensten Gründen überhaupt keine Strafanträge gestellt resp. Klagen angestrengt wurden. Sehr selten wagen es die angegriffenen Arbeiter, sich zur Wehr gu setzen. Tun sie es aber und es sind bei dem Vorfall keine zu- verlässigen Zeugen zugegen gewesen, dann wird in der Regel der Epiesi umgedreht. Der Gutsbesitzer oder Inspektor stellt schnell durch den Amtsvorsteher Strafantrag wegen Widersetzlichkeit, Ver- Weigerung der Arbeit und de» Gehorsams und der verprügelte Landarbeiter ist vor Gericht der Angeklagte, während der als Zeuge auftretende Besitzer sich angeblich in Notwehr gegen den ihn an» greifenden Arbeiter befunden hat. Im Urteil heißt es dann oft: Durch das durchaus«inwandSfreie Zeugnis des Gutsbesitzers ist festgestellt usw. und der geprügelte und auf die Straße geworfene Arbeiter erhält eine Geldstrafe oder gar noch eine Gefäirgnisstrafs dazu. Von den seltenen Fällen, in denen angegriffene Arbeiter sich gegen ihre gutsherrlichen Peiniger verteidigten und die letzteren dabei den kürzeren zogen, sind zwei erwähnenswert. Auf dem Gute P. im Kreise Labiau schikanierke ein Besitzer seinen alten Arbeiter beim Pflanzensetzen so lange, bis dieser sich mit einigen Redensarten verteidigte. Darauf drang der Besitzer mit seinem Eichenstock auf den alten Mann ein. Das ver- anlaßte den in der Nähe ein Gespann führenden Sohn des alten ManneS, zum Schutz feines Vaters dem Besitzer mit dessen eigenem Stock eine gehörige Tracht Prügel zu verabfolgen. Vater und Sohn mußten natürlich sofort den Dienst verlassen. Bald darauf erhielten sie eine Anklage. Ter Prozeß schwebt gegenwärtig noch. Der zweite Fall, der vor einigen Wochen sein Nachspiel vor dem Königsberger Gericht hatte, ist noch drastischer. Ein streitsüchtiger Gutsbesitzer Büchter aus Amalienhof, Kreis Königsberg, beleidigte seinen Kutscher unter anderem dadurch, daß er ihm ohne jede Veranlassung zurief:„Ihr seid besoffen". Der Kutscher erwiderte darauf prompt:„Ihr seid besoffem" Darauf fielen sowohl der Besitzer und auch dessen Sohn über den Arbeiter her und mißhandelten ihn. Erst wehrte der Kutscher sich die beiden so gut es ging ab. Als sie aber nun auch noch den großen Hof- Hund auf ihn hetzten, packte ihn die Wut. Er entriß den beiden Herren die Stöcke und versetzte ihnen nun derartige Hiebe, daß sie keinen weiteren Angriff mehr wagten. Aber alle drei waren so zugerichtet, daß sie ärztliche Hilfe nachsuchen mußten. Alle dre? mußten sich aber auch vor Gericht verantworten. Der Besitzer wurde zu 60, sein Sohn zu 20 M. Geldstrafe, ersterer noch zur Zahlung von 30 M. Schmerzensgeld verurteilt. Bei dem Kutscher wurde Notwehr angenommen und er deshalb freigesprochen. Unzählich sind die Prozesse, die Landarbeiter wegen Vorent- Haltung ihres verdienten Lohnes und Deputats gegen ihre Arbeit- geber vor Gericht führen müssen. Und in vielen hundert Fällen verzichten die betrogenen Landarbeiter der damit verbundenen großen Schwierigkeiten wegen gegen ihre Ausbeuter gerichtliche Klage anzustrengen. Sie erleiden dadurch ungeheure Wirtschaft- lich« Verluste, die oft zu ihrem Ruin führen. Sind dem„Berliner Tageblatt", auf dessen oben wieder- gegebener Notiz sich die o-stpreußi schen konservativen Zeitungen be» rufen, um unsere Klageir wegen schlechter Behandlung der Land- arbeiter zu widerlegen, diese Zustände wirklich nicht bekannt? Sind seine Redakteure so Welt» oder landfremd? Gembtg- Deining» Kuppelei. Trübe Sittenbilder werden in einer Verhandlung aufgerollt, die gestern vor der 10. Ferienstrafkaminer des Landgerichts I unter Vorsitz des LandgerichtSvirektorS Dr. Röchling begann. Es handelte sich um die aufsehenerregende Kuppeleiafsäre, in welcher die angeb- liche AmtSgerichtSrätin und Rechtskonsulentin Helene Schönciiiann die Hauptrolle spielt. Gegen die schon wegen Betruges vorbestrafte Schönemann lautet die Anklage auf schwere Kuppelei, während sich die Mitangeklagten, die Frau Anna Meyer, geb. Lehmann aus Rixdorf und die ledige Berta Zellmcr wegen Beihilfe zu diesem Verbrechen und außerdem wegen einfacher Kuppelei zu verant- Worten haben.— Die Verteidigung der Angeklagten führt Rechts- anwalt Dr. Joffe.— Der Anklage liegt im einzelnen folgendes zu- gründe: Die Angeklagte Schönemann hatte erst in der Elsasser Straße 40, dann in der Fricdrichstraße 131 und zuletzt in der Oranienburger Straße 32 eine mit einer gewissen Eleganz möblierte Wohnung inne, in der es, nach Beobachtungen der Kriminalpolizei wie in einem Taubenschlag zugegangen sein soll. In der Oranienburger Straße teilte die Sch. die Wohnung mit der schon wiederholt wegen Sittenpolizeiübertretungen vorbestraften Mitangeklagten Meher, die jede Nacht ihre Spaziergänge in der Friedrichstraße unternahm. Wie die Anklage behauptet, sollen sich in der Wohnung der Sch. häufig dje tollsten Orgien abgespielt haben, an welchen auch die beiden 14 bezw. Ikjährigen Töchter Melanie und Hildegard teilgenommen haben sollen. Den in der Friedrichstraße und Unter den Linde» postierten Beamten der Sittenpolizei fiel wiederholt die Angeklagte Schönemann auf, daß sie in Begleitung der beiden Mädchen dort nächtliche Spaziergänge unternahm. Beide Mädchen waren stets sehr auffällig gekleidet, sie trugen Pelzjacketts und Pelzmützen und trotz der strengsten Winterkälte nur halbe Wadenstrümpfe. Von den Beamten wurde beobachtet, daß die Angeklagte sich in auffälliger Weise an Herren herandrängte, einige Worte sprach und dann gewöhnlich verschwand. Die Herren bestiegen dann mit den Mädchen eine Droschke, mit der sie eine längere Spazierfahrt durch den Tiergarten unter- nahmen. Wiederholt endeten diese Fahrten auch in der Wohnung der Sch. Wie aus beschlagnahmten Briefen hervorgeht, hat die Angeklagte das unsittliche Treiben ihrer Kinder nicht nur gekannt, sondern diesem sogar Vorschub geleistet. In einem Briefe, den ein gölvisser Brenz an die Sch. gerichtet hatte, spricht dieser die Hoff- nung aus, sie bald wieder in ihrem„Paradies" besuchen zu können. In einem anderen Briefe fragt ein gewisser Theodor M. an, welche Farbe sich ihre Tochter zu einer seidenen Bluse wünsche. Ferner Ivurde eine von der Angeklagten selbst angefertigte unzüchtige Photographie ihrer Kinder beschlagnahmt, die vermutlich von ihr als Lockmittel benutzt wurde. Als die Angeklagte eines NachtS wieder mit ihren Töchtern die Fricdrichstraße entlangging, wurde sie von dem Kriminalschutzmann Berndt verhaftet. Die 14jährige „Mela" wurde von der Behörde in dem Zellehaus in Moabit unter- gebracht, wo sie sich noch jetzt befindet.— Die Angeklagte bestreitet jode Schuld, ebenso ihre beiden Mitangeklagten, die ebenfalls mit den Mädchen nächtliche Spaziergänge unternommen haben sollen. Bald nach Eintritt in die Verhandlung wurde die Ocffcntlichkeit ausgeschlossen. Auf Grund der umfangreichen Beweisaufnahme beantragte der Staatsanwalt gegen die Angeklagte Schönemann 3 Jahre Zucht. haus, gegen die Angeklagte Meyer 1 Jahr 0 Monate Gefängnis und gegen die Angeklagte Zellmer 4 Monate Gefängnis. Das Urteil lautete gegen die Schönemann aus 2 Jahre Zuchthaus und L Jahre Ehrverlust und gegen die Angeklagte Meyer auf 1 Jahr K Monate Gefängnis. Die Zellmer wurde freigesprochen. Abtreibung. Unter Ausschluß der Oesfentlichkeit verhandelte gestern die 4. Ferienstrafkammer eine Anklage wegen Abtreibung. Der Kauf- mann Erdmann Jeßnitzer und die Putzmacherin Ella Fiuzelberg wurden beschuldigt, am 23. Juli an der Löjährigcn Engländerin May Byaß Handlungen vorgenommen zu haben, die unter§ 213 des Strafgesetzbuches fallen und den Tod der Byaß zur Folge ge- habt haben. Der Angeklagte, der jetzt noch Reserveoffizier ist, war früher Leutnant in einem Artillerieregiment. Nach seiner Ver- abschiedung hielt er sich längere Zeit in England auf und lernte dort die bildschöne Tochter deS Hotelbesitzers Byaß kennen. ES entspann sich zwischen beiden«in sehr intimeS Verhältnis, welches nach der Absicht des Angeklagten auch zur Ehe führen sollte. Alz das Mädchen sich Mutter fühlte, geriet sie in helle Verzweiflung, aus der sie auch der Angeklagte durch alle Trostesworte und das wiederholte Versprechen, sie heiraten und das etwa zu erwartende Kind legitimieren zu wollen, nicht herauszureißen vermochte. Einer sofortigen Heirat standen gewisse Schwierigkeiten entgegen, die darin bestanden, daß sich I. um eine Diceklorstclle in einem großen industriellen Werke beworben hatte, die zunächst nur auf einen unverheirateten Mann zugeschnitten war. Da daS Mädchen nicht gn beruhigen tvar und wiederholt mit Selbstmord durch Strychnin drohte, bewog er sie endlich, nach Berlin zu gehen und dort die Angeklagte F., die er aus früherer Zeit kannte, aufzusuchen und diese um einen Rat zu ersuchen. Frl. Byaß reiste auch hierher, die Sache scheitert« aber daran, daß die Fingelberg kein Wort englisch und Frl. Byaß kein Wort deutsch sprechen konnte. So blieb dem Angeklagten nichts übrig, als selbst nach Berlin zu kom- wen Md die Bermittelung zu übernehmen. Mit dein Ngt, den ihr die F. gab, war Frl. Bhaß. die hier mit dem Nngeklagten gu- saminen in einem Pensionat in der Dessauer Straße wohnte, durch- aus einverstanden. Sie hat aber die Bereitwilligkeit, mit der sie sich der Hilfeleistung durch die Angeklagten überließ, mit dem Tode büßen müssen. Unmittelbar nach Verlesung des Erösfnungs« beschlusses beantragte Staatsanwalt Heinsmann den Ausschluß der Oesfentlichkeit, den das Gericht auch eintreten ließ. Der Staatsanwalt beantragte gegen beide Angeklagte je 1 Jahr Gefängnis. Der Gerichtshof sprach die Angeklagten nur der Bei- Hilfe zur versuchte» Abtreibung in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung schuldig. Bei der Strafabmessuug erwog das Gericht, daß den Angeklagten wesentliche Milderungsgründe zur Seite standen, daß sie in einer gewissen Zwangslage gehandelt haben und der An- geklagte Jeßnitzer durch jedwede Strafe schon an sich sozial per« nichtet ist. Das Urteil lautete unter diesen Erwägungen gegen Jeßnitzer auf sechs Monate, gegen die Finzelbcrg auf drei Monate Gefängnis._ Das Ncvolverattentat zweier Fischräuber beschäftigte gestern unter Vorsitz deS Landgertchtsdircktors de la Fontaine die 1. Ferienstrafkammer des Landgerichts II. Wegen schweren Diebstahls, Bedrohung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt waren der Arbeiter Hermann Wedlcr und der Dreher Hermann Biclow angeklagt.— In der Nacht zum 27. Mai d. I. ruderten die beiden Angeklagten mit einem Kahn an die in dem Wernsdorser See liegenden Fischkästen der Fischermeistcr Lucas und Acrger heran, erbrachen diese und entwendeten daraus etwa 30 Pfund Fische- Bielow führte bei dem Diebstahl einen geladenen Revolver bei sich, um gegen alle Eventualitäten gesichert zu sein. Als sich die beiden Fischräuber auf dem Heimwege be-> fanden, wurden sie von dem Nachtwächter Fmnz Fischer angehalten, da ihm die beiden verdächtig vorkamen. Auf seinen Anruf er» griffen die beiden Angeklagten die Flucht. Als sie von dem Nacht- Wächter verfolgt wurden, zog Bielow den Revolver hervor und gab auf den Beamten drei Schüsse ab.— Die Staatsanwaltschaft leitete gegen die beiden Angeklagten ein Ermittelungsverfahren wegen versuchten Totschlags ei�, ES wurde das Verfahren wegen Tot» schlags wieder eingestellt, da sich die Behauptung des Bielow nicht widerlegen ließ, daß der Revolver nur mit Platzpatronen geladen war.— Der Staatsanwalt beantragte gegen Wedler einen Monat und gegen Biclow vier Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte gegen Wedler auf 2 Wochen und gegen Biclow auf 4 Monate Ge-i fäiignis. Die Strafe des Wedler wurde durch die erlitten« Unter- suchungshaft als verbüßt erachtet, dem Angeklagten Bielow wurden drei Monate der Untersuchungshaft angerechnet, außerdem wurden beide aus der Haft entlassen. Hus aller Melt. Rocbwaffer m SckleNen. Die anhaltenden Regengüsse der letzten Tage haben, wie bereits gemeldet, in S ch l e s i e n zu einem Hochwasser geführt, das die Tälinederungen überschwemmt und große Verheerungen anrichtete. Während die Oder oberhalb RatiborS in langsamem Fallen begriffen ist, ist sie in Ratibor selbst seit gestern nach- mittag um fünfzig Zentimeter gestiegen. Der Höchststand des Hochwasserjahres 1907 ist damit um zehn Zentimeter überschritten. Im Unterlauf deS Flusses ist überall steigendes Wasser. Auch die Nebenflüsse steigen noch. Bei Oppeln und Ratibor stehen die Gebiete der Oderniederung unter Wasser. Einzelne Nebenflüsse der Oder haben die Dämme durchbrochen und überfluten die Wiesen und Aecker. In der Stadt Schweidnitz hat das Hochwasser mehrere Laufstege weggerissen und an den Ufer- besestigungen großen Schaden angerichtet. Bei LandeShut sind Wiesen und Felder und in Straub» itz die Dorfstraßen überschwemmt. Mehrere Brücken sind dem Einsturz nahe.— Auf der eingleisigen Strecke Dittersbach-Glatz haben die anhaltenden Regengüsse der letzten Tage in der Nähe deS Bahnhofes Ludwigsdorf einen D a m m» rutsch verursacht. Der Damm hat sich in einer Länge von etwa 40 Meter mehr als drei Meter gesenkt. Der Güterzugverkehr ist eingestellt, der Personenverkehr wird durch Um» steigen aufrechterhalten. Sehr trostlos lauten die Nachrichten über das Hochwasser in Mähren. I» der Gemeinde K un o w i tz sind zehn Per» sonen beim Ein st urz von Häusern umS Lebenge» kommen. Etwa 100 Häuser sind eingestürzt, weitere 100 drohen einzufallen. In dem mährischen Bezirk U n g a r i s ch O st r a sind 50 Häuser eingestürzt und eine große Anzahl gilt als unrettbar verloren. In der Gemeinde O d e r f u r t sind 50 Häuser durch das Hochwasser überschwemmt. ES wird Steigen des Hoch» Wassers erwartet, da der Regen fortdauert. Pionier« abteilungen sind in das vom Unglück heimgesuchte Gebiet abgesandt. 80 Kinder auf einem Karussell verunglückt. Wie uns ein Telegramm meldet, hat sich auf einem VergniigungSPlatze in dem pfälzischen Orte Albersweiler ein schweres Unglück ereignet. Während der Fahrt ist dort ein Karussell, auf dem sich 80 Kinder v ergnügten, ein» gestürzt. Sämtliche Kinder wurden mehr oder weniger schwer verletzt._ Drei Cholerafälle in Wien. DaS Sanitätsdepartemcnt des österreichischen Ministeriums de> Innern gibt amtlich bekannt, daß durch gestern abgeschlossene bakteriologische Untersuchungen festgestellt worden ist, daß in Wien drei Erkrankungen an asiatischer Cholera zu ver» zeichnen sind. Es handelt sich um die Mitglieder einer Familie, die ein einzeln gelegenes Haus im 12. Wiener Bezirk bewohnten. Einer der Erkrankten, der Blumengärtner Gasselhuber, ist ge» storben, seine Frau und seine zehnjährige Tochter befinden sich vollkommen isoliert im Kaiser-Franz-Josephs-Spital in Wien. Die Sanitätskommission hat umfangreiche Maßnahmen getroffen, um ein Weitergreifen der Seuche zu verhindern. » Während der letzten 24 Stunden sind in Apulien elf Er» krankungen und sechs Todesfälle an Cholera amtlich festgestellt worden.— In S o m i n i t in Bulgarien er« eignete sich an Bord eines dort eingetroffenen ungarischen Dampfers ein Todesfall unter choleraverdächtigen Er» scheinungen. Die Sanitätsbehörden haben die Ausschiffung der Passagiere wie die Ausladung der Waren verboten. Auch ein Unzufriedener. Bei allen möglichen Gelegenheiten strömt auf Militär, Beamten und Bürgertun, ein so reicher Ordensregen hernieder, daß es manch» mal schwer fällt, in diesen Kreisen einen Menschen zu finden, dessen Knopfloch nicht irgendein Piepvogel höheren oder niederen Grades ziert. Ob eine Prinzessin in Wochen kommt oder anderswo eine Kirche feierlichst eingeweiht wird, keine Gelegenheit ist unwichtig genug, um einige hundert glitzernde Spielzeuge für große Kinder zu verleihen. So wurde vor kurzem in der Stadt K u l», b a ch die hundertjährige Zugehörigkeit zu Bayern festlich be- gangen; unter denen, die in froher Erwartung der Ver- leihimg einer Zierde für das leere Knopfloch entgegensahen, befand sich auch der dortige Stadtschulrat Sörgel. In begreis. sicher Spannung harrte er bei dem Festessen, aus dem die Aus» Zeichnungen BeTannt gegeben und überreicht werden sollten, deS großen Momentes. Aber mit schnödem Undank wurden die un- zweifelhaften Verdienste des Schulgcwaltigen gelohnt. Bei ihm hatte es nur zu einer bronzenen Prinz-Luitpold- Medaille gelangt, einer Auszeichnung, die bei irgend welchen Negimentsjubiläen jedem Kanonier zuteil wird. Voll Grimm über die ihm angetane Schmach verließ der Stadtschulrat das Festessen. Ob man den an dem Herrn begangenen Frevel nachträglich noch gut machen wird, steht dahin, jedenfalls muß Herr Sörgel aber vorläufig mit verwaistem Knopfloch durch die Welt laufen. Vermieter Dampfer. In großer Besorgnis ist man in L o n d o n um das Schicksal des englischen Dampfers„Klara", der am 21. August Or a n verlassen hat und in seinem Bestimmungsort Lissabon bisher noch nicht eingetroffen ist. Die Zeit, in der das Schiff feine Fahrt hätte zurücklegen müssen, ist seit mehreren Tagen verstrichen. Da über den Verbleib des vermißten Dampfers bisher keine Nachrichten vorliegen, wird befürchtet, daß er mit Mann und Maus untergegangen ist. Die„Klara" hatte einen Laderaum von 6000 Tonnen und trug eine Besatzung von 80 Mann, Kleine Notizen. Drei Berglente, die am Sonntag auf der Zeche Zollverein bei Essen verschüttet wurden, konnten gestern geborgen werden. Zwei von ihnen wurden lebend, der dritte tot zutage gefördert. Nach dem Genuß verdorbener Lebensmittel erkrankte in Dort- m u n d ein Ehepaar. Bald nach der Einlieferung in das Kranken- haus ist die Frau gestorben, der Mann liegt hoffnungslos danieder. Eine TyPhuScpidcmie ist in Brüssel ausgebrochen. Bisher wurden 100 Kranke in das Krankenhaus eingeliefert. Zwei von ihnen sind bereits gestorben. Die Epidemie wird auf den Genuß roher Seemuscheln zurückgeführt. Bei einer Kcssclexplosion in dem spanischen Orte G a n d i a wurden drei Arbeiter getötet und mehrere schwer verletzt. Ein Orkan hat in San I u a n(Portoriko) großen Schaden an- gerichtet. Durch den Sturm wurde der Telegraphen- und Bah»verkehr lahmgelegt. Singegangene DriicKfcKHftew Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 50. Heft des 28. Jabrgangs erschienen. Es hat folgenden Inhalt: Königsberg und Marienburg.— Die Entwickelungstendenzen der russischen Sozialdemokratie. Von N. Trotzky.— Kapitalskonzentration und Gewerk» schastskainpf. Ein Hinweis von Wilh. Diltmann.— Nochmals die badische Taktik. Eine Entgegnung und Ergänzung von G. A. Lehmann-Mannheini. — Tcchnisch-wirtschastliche Rundschau. Von Richardt Woldt.— Literarische Rundschau: Grete Meisel-Heß, Die sexuelle Krise. Bon Oda Olb erg.— Zeitschristenschau.„„ Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch» Handlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von S.Äö M. pro Quartal zu beziehen i jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hcst kostet 2ö Ps. Probcnummern stehen jederzeit zur Verfügung. Siiddeutiche Monatshefte(Septcmberhest). Herausgegeben von P. N. Coßmann. Einzelheit 1,50 M. Verlag in München. Konservative Monatsschrift für Politik, Literatur und Kunst. Heft 12. Preis pro Quartal 3 M. Verlag Reimar Hobbing, Berlin SV. 11. Jahrbuch der Fürsorge ISIS. Herausgegeben von der Zentrale sür private Fürsorge. 182 Seiten. O. V. Böhmers, Dresden. Protokoll der neunten Geueralversamniliing des Zentral- Verbandes der Töpfer und BcrufSgenossen Deutschlands 1910. 300 Seiten. Selbstverlag in Berlin. Statt besonderer Meldung. Am S. September früh verschied plötzlich und unerwartet mein lieber Mann, unser guter Vater, der Gasiwirt ICarB ürneSt im vollendeten 15. Lebensjahre. Die trauernden Hinterbliebenen. Kugulte Brndt geb. vetjen 783b nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 10. September, nachmittags VI, Uhr. vom Trauerhause Pdlisadenstr. 52 nach dem Zentral-Fricdhos in Friedrichsseide statt. mmmrnm ! SozlaidetDokraüsctier WaMyerela i für den |4. Kerl. Keielistai� Walreis,| Frankfurter Viertel. (Bezirk 313.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Gastwirt Karl Arndt Palisadenstraße 52 [ gestorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet amj I Sonnabend, den 10. September, nachmittags VI, Uhr, vom Trauer-! Hause aus nach dem Zentralsried- hos in Friedrichsselde statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. ItfeM der freien Gast- und Schankwirte Geutselilands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, | daß der Kollege KaH Arndt Palisadenstr. 52(Bezirk 3) gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, nachmittags 1>/, Uhr, vom Trauerhause aus nach dem städtischen Friedhoj in Friedrichs- selbe statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Div Ortsverwaltung. Am Dienstag, den 6. i tembcr, verschied nach langem, schwerem Leiden mein innigst- geliebter Mann, unser guter Vater, der Stukkateur Ott« Prüfer im 36. Lebensjahre. DieS zeigt im Namen der fies- betrübten Hinterbliebenen mit der Bitte um stille Teilnahme an Ida Prüfer geb. Köhlrnann nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 10. September, nachmittags 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des Nixdorser Ge- mcindesriedhoseS, Maricndorser Weg. aus statt. j Sozialdemokrat. Wahiverein Kixdorf. Am Dienstag, den 6. Scp- tembcr, verstarb unser Mitglied, der Stukkateur Ott« (Kaiser-Friedrich-Skr. 3. Bezirk). Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 10. d. M.. nach- mittags 2'!, Uhr, von der Leichen- Halle des Rixdorser Gemeindesricd- hoss, Mariendorser Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 235/13 Der Borttaiid. Prüfer 233, Evirm'iwci Danksagung. Für die Beweise herzlichster Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres BaterS und Bruders Josef Stander sagen wir Allen, insbesondere dem Sozialdemokratischen Wahlverein Rix« dors, dem Deutschen Transport- arbcitcr-Verbanbe sowie dem Sänger- chor der Transportarbeiter unseren herzlichsten Dank. 776b llnrie Stünder. Karl und Paul Stünder. Gharlottenburg und Frankfurt a. M. Familie Vt'lelnnitnn._ ! Zentralverliand d. Stukkateure! Deutseiilaiids. Am 7. b, Mts. verstarb nach> langem Leiden der Kollege Ott« Prüfer im 36. Lebensjahre an derProle- tarierkrankhcil. Die Beerdigung findet am Sonnabend, nachmittags'/,3 Uhr, von der Halle des Rixdorser Ge- meinde-FricdhoseS, Mariendorser Weg, aus statt. 173/11 Um zahlreiche Beteiligung bittet Die Ortsverivaltung. Transportarlieitep-Iferliand. Bezirksverwaltung GroB- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht.! daß unser Kollege, der Kohlen- arbeiler 71,16 s Hermgim Stahn am 3. September im Mer von 12 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Frei- tag, den 9. September, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Kirchhofes der Heilands. gemeinde in Plötzensee aus statt. Die Bezirksvertoaltnng. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau, unsere sorgende Mutter WUdelimne Berg geb. HtUsekopf im 16. Lebensjahr sanft ent- schlasen ist. Die Beerdigung findet am Montag, den 12. d. M., nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Zentral-Fricdhoses in Friedrichs- selbe aus statt. Oie trauernden Hinterbliebenen. August Berg, Samariterstr. 10. # „Berliner irteiter- Radfahrer-fereif Mitglied des Arbeiter» Radsahrer-Bundes „Solidarität". Touren zum Sonntag, 11. September. 1. Abt.: 1 Uhr: Freienwolde. 12 Uhr: Werneuchen,«tart: Bü- lomstraße 58. 2.'Abt.: 7 Uhr: Löwendorf bei Trebbin. 1 Uhr: Groß-Lichterselde- Ost(Kaiserhos). Start: Fontanc-Pro- menade 18. 3. Abt.: 6 Uhr: Wandlitz, und Liepnitzsee. 1 Uhr: Waldkater bei Bernau. Start: Marianuenplatz. 1. Abt.: 7 Uhr: Hohenbinde(Zum Gutenberg). 1 Uhr: Müggelheim (Alter Krug). Start: Küstriner Platz. 5. Zlbt.: 6 Uhr: Teupitz(Tornows Idyll). 1 Ahr: Elchwalde. Start: Elvsium. 12,5 6. Abt.: 5'/. Uhr: Teupitz. 12'/, Uhr: Eichwalde(Witte). Start: Oder- bergcr Straße 23. 8.'Abt.: Sonnabend, nachts 1 Uhr: Sprcewald. Sonntag. 6 Uhr: Teupitz. 12'/zUhr: Krünau(Köpcniller Str. 79). Start: Waldstr. 8. 9. Abt.: 12'/, Uhr: Schnitzeljagd: Pserdcbucht bei Sadowa. Start: Schillingstr. 15. 10. Abt.: 6 Uhr: Tenpltz. lUhr: Eichwalde. Start: Weberftr. 6. Lichtenbera: 6 Uhr: Teupitz(Tor- now). 1 Uyr: Schmöckwitz(Palme). Start: Psarrstr. 74. Tischler= Verein (B. H. 89.) Sonntag, den 11. September: Herrenpartie nach Blumenthal, Ticfensce. Abfahrt 8llt Uhr, Wriezcncr Bahnsteig, Frucht- straße.[199/2] Der Vorstand. e©os0«9®»«e«S® Kaulsdort und Matilsdort. Kur 20 Pf.-Fahrtv.ZontnunBerlins, trotzdem billig, als weiterv.Berlin gelegene Orte, wie Hoppegarten, Keuonhagon usw.Mäß. Anzahlung, längs. Hypotheken. Pläne gratis. Verkäufer ständig am Bhf. Mahlsdorf im Pavillon. 678LS J. Rieger, Barlin, Gontardstr. 5. ■nBaiiiisBB9Bae„a«EIS9BllasiBSB3BaaiaaiBa>aaiB»B«» �Saleml iiilM-l Cigaretten.| 5 Zur Verbilligung der Verpackung wird dies« S - Cigarette, auGcr in Cartons ä 100, auch in 3 solchen ä 500 Stück Inhalt geliefert ■filJllBUHBUaillHSIMHlBliaiSBIIBBBaiBaBBlUHHMIlä Karl SefinsMi terausgefier der ett am Montag" und„Tribüne" spricht heute, Freitag, den 9. Zeptember) abends 9 Uhr, in der Brauerei Königstadt, Schönhauser Allee 10-11. über das Thema: 289/20 MI Die neuen Kaiserreden. W Blntrltt frei! Frauen willkommen! Ein einziger Freudenschrei besagt,„Hitmor" das Beste sei. Humor putzt alle Metalle sauber und geruchlos. Zu haben in großen Flaschen von 10 Pf. an. Daiijor-Werlie©. m. b. H., Berlin BfO. 18. Heute Freitag, alids. 8'/z Uhr, im Gcwcrkschaftshause, Engckuser 14/15, Saal 4(Arbeitslosensaal): Sitzung den Ortsverwaltung. Elensetzer. Sonntag, 11. September, vormittags 9 Uhr, finden die Bezirks- Versammlungen in folgenden Lokalen statt: 1. Bezirk: Merkowski» Andreassttaße 26. S.„ Gliesche» Kopenhagener Straße 74 3.„ Sauer, Levetzowsttaße 21. 4.„ Preil, Rixdorf, Rosenstraße 24 S.„ Wiemer, Bülowstraße 53. 6.„ Mix, Skalitzer Straße 59. 7.„ Charlottenburg, Rosinenstraße 3. 8.„ Melzer, Wiesenstraße 29. Di« Kollegen au3 den Vororten find besonders dazu eingeladen. Die Branchenbommls.lon. Tischbranche. Sonntag, den 11. September, vormittags«'/- Uhr: Kranchen-Uersamminng in den Andreas-Festsälen, Andreasstt. 21. Tagesordnung: Bericht der Branchenkommission. Branchenangekegenheite» 89/10 Die Ortnver n»t tnngx. Sitzmöbeltischler. Sonntag, den 11. September, vormittags IV Uhr, bei Glleslng, Wassertorstraße 68: Brancbcn-Versainnilung Tagesordnung: Der Tarifvertrag und seine Bedeutung sür d!« SItzmöbclbranche. 2. Branchenangelegenheiten. Arbeitsnachweis: Hos I. Amt 3. 1239. BerwaltungSftelle Berlin. Haiiptbureau: ChariissiraBe 3. Hos m. Amt 3, 1987. Sonntag, den 11. September, vormittags 10 Uhr: Mitglieder-Versammlung der Elektromonteureu. Helser Berlins und Umgegend in KellerS„Neue Philharmonie", Köpenicker Str. 96/97. TageS-Ordnnng: 1. Bericht der Kommission. 2. Diskussion. S. Branchcnangckegen- Helten. ' BSF* Ohne BUgllcdsbiicb kein Zutritt."TgBg Kollegen I In dieser Versammlung soll über wichtige Angelegenheiten beraten und besprochen werden. Deshalb ist es notwendig, daß all« Elcklromonteure, soweit dieselben unsere Mitglieder sind, In dieser Ver» sammkung erscheinen. Bcrgesse niemand sein Mitgliedsbuch! 121/11_ Die Ortsverwaltnne. Dr. Rad. Wells zeichnet sich hervorragend aus durch höchsten Nährwert und Wohlgeschmack. Aerzilich empfohlen bei schwacher Verdauung, Blutarmut, allen Schwächezuftänden, Nervosität und sür Kinder. Ferner bei Nierenleiden und Tuberkulose. k786L Paket—'/, Pnnd 1 Mark, 5 Pakete 1,7» Marl In Berk!» und Vororten Zusendung frei HauS. D. Mader, Berlin S., Prinzenstraße 37. Erklärende Druckschrist bitte zu verlangen. Lik«ntNoUl>.ch?k Mdgiteur StiKgrd ZjgkG Virlig. Liir iseo LnjekgtWtili eecsL/p.1 Th.fLtpcke, Pepsin, Aruck lt, Vertag! Vorwärts Buchdruckerej u. BttlagSanitalt Baul Singer Li So« Berlin SW. 8,.211 27.mw 2. Ktllllge des Jormirts" Ktlliittt iolblilstt. 9 Stadtverordneten �erfammlung. 24. Sitzung vom Donnerstag, den 8. September, nachmittags S UHr. Mit dem heutigen Tage nimmt die Vertretung der Berliner Bürgerschaft ihre seit dem 30. Juni durch die Sommcrferien unter- brachen gewesene Tätigkeit wieder auf. Auch diesmal ist die Tages- ordnung für die erste Arbeitssitzung nach der g-meiipause eine besonders reichhaltige; sie umsaht ciiischliehlich zweier dringlicher. erst gestern eingebrachter Anträge 8ö Nummern davon 19 Nechnungs- fachen und 21 Angelegenheiten, die der Erörtening in geheimer Sitzung vorbehalten sind. Vor Beginn der öffentlichen Sitzung hat die Wahl von drei Ausschüssen stattgefunden, die die Vorlagen 1. wegen Ve- willignng von 50 000 M. für das Reinickendorfer Seerestanrations- grundstück. 2. wegen Abschlusses eines Vertrages mit den Albumin- werken, 3. betreffend die bauliche Erschliehung des Geländes zwischen Bornholmer Slrahe, Straßen 3a und Üb, Abt. XI B.-Pl. und Weichbildgrenze, vorberaien sollen. Der Vorsteher Michclct eröffnet die Sitzung nach b'/z Uhr mit Worten ehrenden Nachrufs für eine Reihe um die Stadt verdienter, inzwischen gestorbener Männer. Die Versammlung ehrt ihr An- denken in üblicher Weise. Eingegangen ist ein dringlicher Antrag Modler sA. L.), Unterstützt von allen bürgerlichen Fraktionen: .Die Stadtverordnetenversammlung beschließt, den Magistrat zu ersuchen, mit ihr in gemischter Deputation zu beraten, in welcher Form den orlsangehörigen Kriegsveteranen von 1861, 1866, 1870 und 1871 eine Zuwendung gewährt werden kann." ES wird zunächst eine Reihe von Vorlagen untergeordneter Bedeutung fast ohne Debatte durchweg nach den Magistratsanträgön erledigt. Gegen die Richtigkeit der Gemeindcwählcrlifie sind in diesem Sommer innerhalb der Einspruchsfrist 25 Einwendungen erhoben worden. Die Prüfung der Einwendungen wird durch den Wahl- Prüfungsausschuß erfolgen. Zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Verlincr Wasserwerke sind in Tegel, am Müggelsee und in Lichtenberg Erneucrungs- und Erweiterungsbauten geplant, die eine» Kostenaufwand von 5 400 000 Mark beansprischen. Stadtv. Dr. Pank sN. L.) beantragt Ueberweisnng der Vorlage an einen Ausschuß von 15 Mitgliedern. Bon der ausführlichen Be- gründung dieses Antrages ist auf der Znhörerlribüne so gut wie nichts zu verstehen. Stadtv. Dr. Wepl(Soz.): Auch wir beantragen Ausschuß- b e r a t n n g. Der Kollege Paul hält die Uebcrivcisung schon des- halb für notwendig, weil diese Vorlage in der zuständigen Deputation keine eingehende Prüfung erfahren hat. Hieran anknüpfend teile ich mit, daß diese Vorlage eigentlich keine Vorlage der Verwaltung unserer Wasserwerke ist. wenn sie auch unter dieser Flagge segelt. Die Wasserwerksverioaltung hat mit der Vorlage wenig gemein. Am 18. Juli in den Ferien wurde das Kuratorium zusammcnberufen und diesem von der Vorlage Mitteilung gemacht, aber kein Material unterbreitet. Die Deputation vertagte sich bis zum 1. August, um dann m den üblichen Formen die Vorlage zu verabschieden. Eine iveitcre«itzung hat aber überhaupt nicht stattgefunden(Hört! hört!); es ist viel- mehr schriftliche Zustimmungserklärung erbeten worden.(Er- ncutes Hört! hört I) Ich nieinersciis habe diese Zustimmung nicht geben können und habe das eingehend motiviert; andere haben mit oder ohne Vorbehalt ihre Zustimmung gegeben und so ist die Borlage an die Bersaiumlung gelangt. Dieser Modus der Bchand- lnng lchlägt allen konstitutionellen Gepflogenheiten ins Gesicht und erscheint uns unerhört; die Verwaltung der Wasserwerke, das ver- langt meine Fraktion ausdrücklich vom Obcrbürgcrineister, muß an Haupt und Gliedern eine gründliche Reorganisation er- fahren. Wir glauben nicht an die gottbegnadete Unfehlbar- keit der Magistratsmitglieder in der Wasserwerksverwaltung. Was die Sache selbst betrifft, so sind wir außerordentlich erstaunt gewesen, daß man an eine Erwerterung unseres See- Wasserwerke« denkt. Noch vor fünf Jahren haben wir aus Grund des Gutachtens des Professors Bcyschlag erfahren, daß der Grundwasserstrom am Müggelsee durchaus ausreicht. Jetzt hat man sich an den Geheimral Proskauer als Gutachter gewendet. Ohne dessen bona Odos anzuzweifeln, hebe ich hervor, daß sein Gutachten a»S dem März, die Vorlage aber aus Juli und August datiert; wie steht Herr Proskauer zu der Vorlage, in welcher nicht mehr von der Beibehaltung, sondern von der Erweiterung des See- Wasserwerkes die Rede ist? Ein gewichtiges Wort hat auch die Regierung hier mitzureden. Bis 1911 ist die Erlaubnis erteilt; wie steht es mit der Erlaubnis nach 1911? Erst in diesen Tagen ist da« betreffende Gesuch an den Obcrpräsidentcn abgegangen; wäre das schon vor 4 Wochen geschehen, so könnten wir heute schon mit der Genehmigung rechnen. Was wird ferner aus der W n h l h e i d e. was aus Heilige nsee? Die Verhandlungen bezüglich der Wuhlheide sind nicht zum Abschluß gckoinmcn, und so kommen wir in Verlegenheit; bei Heiligensee sitzen wir fest, weil die Führung der Röhrenleitung über die Inseln im Tegeler See erst durch einen langwierigen Prozeß gegen Frau von Heinze erkämpft werden soll. Ich glaube, die Vergrößerung des Secwasserwerkes ist nicht nur bedenklich, sondern auch gar nicht nötig. Schon vor Jahren hat mein Freund Zadel die Anregung gegeben, ejn städtisches Reservcwasscrwcrk zu schaffen; dieser Idee muß nachgegangen werden. Andererseits gehört zu den allergrößten Konsumenten der Wasserwerke die Stadt s e l b st. die jährlich nicht weniger als vier Millionen Kubikmeter für Straßenbesprengung. Kanal- spülung usw. verbraucht. Diese vier Millionen Kubikmeter stellen zirka 15 000 Kubikmeter täglich dar. also noch 4000 mehr, als jetzt die Erweiterung des Seewasserwerkes liefern soll. Das Grundwasser ist so vorzüglich, ivie es besser nicht sein kann; wir haben gar nicht nötig, emen Schritt rückwärts z» tun. Ich bitte den Magistrat, nicht nur Techniker, sondern auch einen Hygieniker und einen geologisch vorgebildeten Fachmann zu den Ausschuß- bcratungen zu entsenden. Stödtv. Sökcland(A. L.) tritt ebenfalls für AuSichußbcratung ein. Gegen die Erweiterung des S-ewasserwerkeS habe auch seine Fraktion die erheblichsten Bedenken. Stadtv. Hcrzbcrg(Fr. Fr.) tritt dem Anlrage der Ausschuß- beraiung nur der Form nach bei, da er nicht glaubt, daß ans dem Ausschüsse etwas anderes als die Vorlage herauskommen wird. Wie die Verhältnisse bezüglich der Wuhlheide und Heiligensees sich ge- stalten würden, habe niemand voraussehen können. Das Grundwasser sei das beste, aber seine Menge sei nicht konstant. Oberbürgermeister Kirschner: Im Ausschuß wird der Ort sein, die technischen Fragen eingehend zu prüfen. Das Vorgehen der Wasserwerksverwaltung hat auf einem Kollegialbeschluß be- ruht, wonach von weiterer Beratung Abstand genommen werden sollte. Diesen Modus halte ich für bedenklich und für prinzipiell nicht richtig(Zustimmung); es ist wahrscheinlich veranlaßt worden durch die Geschäftslage in den Ferien. Die städtische Verwaltung beabsichtigt keineswegs, das Shstem der Wasserversorgung zu ändern; soweit es irgendwie möglich ist, soll die Versorgung mit Grundwasser auch weiter erfolgen. Neben dieser Versorgung soll für den Fall der Not, der Verlegenheit eine Reserve durch Müggel- seewasscr geschaffen werden. Stadtv. Dr. Zadel(Soz.): Ich freue mich, daß der Ober- bürgermeister das Verfahren der Deputation gemißbilligt hat. Aus der Vorlage habe ich den Eindruck bekommen, daß doch nicht mit der nötigen Entschiedenheit der Vorzug des Grund- Wassers vor dem Oberflächenwasser betont worden ist. sonst hätte ja auch niemand auf den Gedanken kommen können, daß der.Magi- strat vielleicht beabsichtigte, allmählich wieder zur Oberflächen- Wasserversorgung zurückzukehren. Gewisse städtische Kreise scheinen noch immer das Bestreben zu verfolgen, die reine Grundwasser- Versorgung möglichst lange hinauszuschieben. Bequemer ist ja die Oberfiächenwasserversorgung und technisch auch sehr viel einfacher. Die Vorlage stellt den Techniker in die erste, den Hygieniker erst in die zweite Reihe. Die Oberflächenwasserversorgung hält nicht im entferntesten den Vergleich mit der Grundwasserversorgung aus. Warum sind wir denn dazu gekommen? Wir hatten 1889 und 1893 Typhusepidemien, deren Verbreitung unzweifelhaft auf die Stralauer Wasserwerke zurückzuführen war. Berlin hesitzt in seinem ganzen Untergrunde ein vorzügliches Grund- Wasser, das ja auch einige unserer Badeanstalten speist. Stadtv. Dr. Wehl: Tie Behauptung des Kollegen Herzberg, daß ein ordnungsmäßiger Beschluß in der Deputation gefaßt worden ist, wird nicht nur von mir, sondern auch von anderen Mitgliedern bestritten; Tatsache ist jedenfalls, daß die Sitzung nicht stattgefunden hat, sondern schriftliche Abstimmung vor- genommen worden ist. Ordnungsmäßig ist es also bei dieser Vor- läge nicht zugegangen. Auch heute glänzt bei der Beratung einer so wichtigen Vorläge der Ehef der Wasserwerksverwaltung, Ge- hcimrat Rnmschöttel, wieder durch Abwesenheit. Stadtv. Vutzke(Fr. Fr.) bezeugt, daß ein solcher Beschluß wie der erwähnte gefaßt worden ist. Die Vorlage geht an einen?l u s s ch u ß. Zur Kenntnisnahme hat der Magistrat der Versammlung zu- folge ihres Beschlusses vom 2. Juni am 23. Juni eine Ueber- ficht über diejenigen Lohnerhöhungen vorgelegt, welche auf Grund des Etats für 1919 an einzelne Kategorien städti- scher Arbeiter und Ange st eliter bewilligt worden sind. Stadtv. Dr. Weist: In der Hoffnung, daß unser Antrag auf Ausschußberatung Ihren Beifall finden wird, fasse ich mich recht kurz. Das uns vorgelegte Material bestätigt, daß die von mir am 2. Juni vertretene Auffassung zutrifft, daß nur ganz beschränkte Kategorien von Zlrbeitcrn ganz unzulängliche Lohnerhöhungen cir- halte» haben, nämlich nur etwa 3000— 3300 eine Lohnaufbesserung von etwa 200 000 M. Wir erhalten nur die nackten Zahlen, keinerlei Begründungen dafür, warum nur diese Kategorien be- rücksichtigt und nur diese Erhöhungen bewilligt worden sind. Es sind im einzelnen fürstliche Erhöhungen um 15 Pf. täglich erfolgt, der Minimallohn von 4 M. wird vielfach noch immer nicht erreicht, während eine große Zahl von Vororten schon zu einem höheren Minimallohn gelangt ist. Die Rieselfelderavbeiter, das Wartepersonal in den Krankenhäusern, die Markthallen» und Friedhosarbciter und zahlreiche andere Kategorien sind leer ans- gegangen. Die Beamten und Lehrer haben l'/h Millionen Gehaltserhöhung davongetragen; die Arbeiter haben, auch bei Berücksich- tigung der schon vorher erfolgten Lohnerhöhungen, keineswegs den notwendigen Ausgleich für die Verteuerung ihrer Lebenshaltung durch die neuesten Gesetzmahnahmen erfahren. Wir bitten Sie, die Forderungen der Arbeiter in dem Ausschüsse an der Hand dieser Vorlage zu prüfen. Stadtv. Goldschmidt(N. L.) hofft, daß die Ausschußberatung ergeben wird, daß doch wohl etwas mehr werde geschehen können, als die Vorlage gebracht habe. Stadtrat Fischbeck: Es darf hier nicht übersehen werden, daß wir fast in jedem der letzten Jahre bestimmten Kategorien der städtischen Arbeiter Zulagen gegeben haben. Das ist insbesondere auch 1908 und 1909 geschehen.(Redner zählt die betr. Aufbessc- rungen einzeln auf.) Eine Zulage von 15 Pf. täglich hat auch ihre Bedeutung; ist uns doch erst vor kurzem in einer Eingabe gegen die Lustbar- kcitssteuer dargetan worden, wie stark eine Belastung von 15 Pf. für den Arbeiter ins Gewicht fällt.(Lachen bei den Sozialdemo- Iraten.)— Der Redner gibt dann eine Uebersicht in der Eni- Wickelung der Löhne in der Zeit von 1900 bis 1910. Stadtv. Hinhe(Soz.): Wenn sich herausstellt, daß die jetzt gezahlten Beamtcngehälter. nicht ausreichen, dann müssen Zu- lagen gegeben werden, auch wenn die Mittel dafür nicht flüssig sind. Das ist den Beamten gegenüber auch geschehen; erst nach- träglich hat man versucht, die Mittel dafür aufzubringen, und noch jetzt ist mau auf der Suche nach neuen Steuerquellen. Für die Beamten mar auch eine Mindestaufbcsserung von 10 Proz. als not- wendig anerkannt, daß sich die Ausgaben für dir Beamtcngehälter in den 10 Jahren fast verdoppelt haben, hat der MngistratSvcr-' treter nickst hervorgehoben.(Zurufe.) Gewiß haben wir jetzt mehr Beamte als vor 10 Jahren; aber auch absolut sind die Gehälter, insbesondere einzelner Magistratsbeamter, stark gestiegen, zum Teil um mehr als ein Drittel. Die Antwort darauf, warum nur 3000 städtische Arbeiter herausgegriffen worden sind von 16 000, ist der Magistrat dem Kollegen Wehl schuldig geblieben. Daß die Gaswerksarbeiter fortgesetzt ausgebessert worden wären, trifft nicht zu. Die Markthallenarbciter haben allerdings 1901 eine Aufbesserung ihres erbärmlichen Anfangsstnndenlohnes von 2,50 ans 3 M. und später auf 3,50, 1907 auf 3,75 M. erhalten. Die Aufbesserung von 1907 war die Folge der allgemeinen Steigerung der Lebensmittelpreise, die seitdem ununterbrochen angehalten hat. Mit so erbärmlichen Lohnsätzen von 21—24 M. die Woche kann ein Arbeiter eine Familie nicht erhalten. Die Lohnaufbesserungen in der Privatwirtsckxrft, insbesondere auf dem Wege der Tarifverträge, sind ganz erheblich höher ausgefallen; der N o t gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, haben die Arbeitgeber sich zu diesen Konzessionen entschließen müssen. Es hat eine generelle Regelung der städtischen Arbeiterlöhne stattzufinden: zu dieser Erkenntnis müssen wir uns in der Ans- fchußberatung durcharbeiten. Stadtv. Cassel(A. L.): Der Stadtrat hat zutreffend auSge- führt, daß die Lohnerhöhungen, die in früheren Jahren stattge- funden haben, hier nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Es war ja feine Pflicht, darauf hinzuweisen. Wir können nicht dulden, daß systematisch unbeachtet bleibt, was in dieser Beziehung schon geschehen ist, weil dadurch das Urteil der Bevölkerung irregeführt wird. Für die Beratung im Ausschusse werden auch wir stimmen, da es unmöglich ist, im Laufe der jetzigen Diskussion festzustellen, ob die erhobenen Klagen berechtigt sind. Die Uebersicht wird einem Ausschuß überwiesen. Hierauf beantragt Stadtv. Cassel, die Anträge wegen der Fleischteuerung zu beraten, da sie trotz der späten Stunde(8 Uhr) heute noch erledigt werden müßten. Stadtv. Borginann(Soz.) schließt sich diesem Antrag an; die Versammlung ist damit ein- verstanden. Am 31. August haben die Stadtvv. Dr. Aron s u. Gen.(Soz.) folgenden Antrag eingereicht: ..Die Versammlung ersucht den Magistrat,«nverzllglich Schritte zur Bekämpfung der Fleischnot zu tun." Denselben Gegenstand betrifft ein gestern eingegangener dring- sicher Antrag, der vom Stadtv. Stadtältesten Kämpf eingereicht und von der Fraktion der Linken, der Freien Fraktion und der Neuen Linken unterstützt ist: „Die Versammlung ersucht den Magistrat: 1. mit ihr in gemischter Deputation schleunigst über die anläßlich der be- stehenden Fleischteuernng notwendigen Maßnahmen zu beraten: 2. die Reichsregierung zu ersuchen, alle zur Milderung der Fleischteuernng sofort durchführbaren Mittel unverzüglich zu ergreifen." Das Referat des Genossen Borgmann zur Begründung des sozialdemokratischen Antrages finden unsere Leser im Hauptblatt in dein Artikel:„Die Fleischnot i v Roten Hause." Stadtv. Kaempf(A. L.): Nach dem Antrag Arons würde die Angelegenheit mit der heutigen Debatte für uns erledigt sein; wir wünschen das nicht, daher unser etwas abweichender Antrag. Beide Anträge zusammengenommen, entsprechen der Wichtigkeit der Sache; die Freunde des Antrages Arons werden sich dem unsri- gen auch wohl anschließen können. Die Wohlhabenden werden durch die Fleischteuernng als durch eine Unbequemlichkeit betroffen; die Unbemittelten leiden unter der Teuerung wie unter cinem Notstand.(Zustimmung.) Die Aeußerungen des Unmutes da- rüber häufen sich; ich wundere mich nur darüber, daß die ex» tremlon?lgrarier sie als„Fleischiiotrummel" bezeichnen. Unangenehme Wirkungen ihrer Politik sind ja in ihren Augen immer ein„Rummel"; es liegt damit ebenso, wie mit dem „Boykottrummel", von dem die agrarischen Organe sprachen ange- sichts des tatsächlichen Boykotts, den die Agrarier ihren Wirtschaft- lichcn Gegnern gegenüber durchführen. Ein Mangel an Vieh ist in Deutschland vorhanden. Die Viehzählung von 1909 hat eine Herabminderung des Viehstandes, namentlich beim Rindvieh, er- geben; der Landwirtschaftsminister hat den Landwirtschaftskam- mern nahegelegt, diesem Uebelstande abzuhelfen; er erkennt also den Uebelstand als solchen an. Aehnlich in Bayern. Natürlich schiebt man wieder dem Zwischenhandel und dem Detailhandel die Schuld an den hohen Preisen in die Schuhe; aber auch nicht den Schatten eines Beweises hat man dafür anzuführen vermocht. Wir würden solche Machinationen, wenn sie erwiesen wären, selbst- verständlich aufs schärfste verurteilen. Die jetzige Fleisch« tcuerung soll dann ein Naturereignis sein, gegen das man ohn- mächtig sei; die Ursache sei die schlechte Heuernte des vorigen Jahres. Es steht damit gerade so wie mit der Behauptung des internationalen Charakters dieser Ersck)einung, die schon Kollege Borg mann als unzutreffend nachge- iviesen hat; sie beschränkt sich auf Mitteleuropa und auf die Länder mit hohen Zollschutzmauern und Veterinären Abschlußmaß- regeln, wenn auch eine gewisse Steigerung auch anderswo cinge- treten ist. England schließt sich gegen Seuchengefahren genau so ab wie wir; aber überall da, wo solche Seuchengefahr nicht vor- liegt, hat man der FIcischeinfuhr keine Schwierigkeiten gemacht. Wir müssen Fleisch importieren, darüber besteht kein Zweifel. Auf den großen Besitzungen wird verhältnismäßig viel weniger Vieh gehalten und geniästet als auf den kleinbäuerlichen. Den Bedürfnissen der Konsumenten muß in höherem Maße Rech» nung getragen werden, als es bisher der Fall gewesen ist. (Beifall.) Stadtrat Fischbeck: Der Magistrat hat zu den Anträgen noch keinen Beschluß fassen können, aber er wird ihnen zweifellos bei- treten. Ich benutze die Gelegenheit, um Angriffen in der Presse gegen den Magistrat entgegenzutreten, wonach er beschlossen hätte, in der Frage überhaupt nichts zu tun. Diese Behauptungen der Presse haben keinerlei sachliche Unterlage. Im Juli hat der Bich» Hofsdirektor auf Erfordern des Bürgermeisters einen Bericht er- stattet, der damals zunächst nur eine Abnahme des RinderauftricbS konstatieren konnte; die Sache ist dann aber weiter verfolgt worden, weil der Magistrat eben weiteres Material sammeln wollte, und ein neuerer Bericht des Schlachthofdirektors stellt fest, daß der Fleischmangel sich inzwischen auch für Berlin ganz erheblich ver- schärft hat. Das Minus an geschlachteten Rmdern im ganzen Deutschen Reiche beträgt 121 090 Stück, dem nur eine Zunahme von 12 500 Schweinen gegenübersteht. Damit ist auch für die speziellen Berliner Berhältnisse die Unterlage gegeben. Die Viehzählung von 1909 ergab ein M-inuS von zirka 300 000 Stück Rindvieh im Deutschen Reich. Die Vertröstung, daß die Lage sich bald verbessern wird, können wir nur sehr skeptisch aufnehmen». Der Magistrat wird mit Ihnen bereit sein, mit Vorstellungen an die Reichs- regierung vorzugehen. Von einer einseitigen Wirtschaftspolitik im Interesse des Gros�rundliesitzes, der mehr und mehr zur viehlosen Wirtschaft übergeht, müssen wir mit allen Mitteln loszukommen versuchen.(Beifall.) Stadtv. Goldschmidt verzichtet mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit und die volle zutage getretene Uebereinstimmung zwischen Ver- sammlung und Magistrat aufs Wort.(Beifall.) Stadtv. Dr. Kuhlmann(Fr. Fr.) tritt ebenfalls in längerer Ausführung für den Antrag Kaempf ein, ebenso Stadtv. Dr. Friedemann(soz.-fortschr.), der ausführt, daß es sich hier um eine Frage von eminenter humanitärer Be- d e u t u n g handle, und daß es für die kommenden Reichstags- wählen gar keine bessere Propaganda geben könne, als wenn sich die Regierung auch diesen Klagen gegenüber wieder taub ver- halten würde. Damit schließt die Diskussion. Im Interesse eines einheitlichen Votums der Versammlung zieht Stadtv. Borgmann den Antrag AronS zurück, wo- rauf der Antrag Kaempf einstimmig angenommen wird. Die Versammlung wendet sich dann nach%10 Uhr noch zur Beratung des oben mitgeteilten dringlichen Antrages Modler de- treffend die Unterstützung der Veteranen. Nachdem der A n t r r a g st e l l e r seinen Antrag kurz be- gründet hat, spricht Obcrbürgerrneister Kirschner der Tendenz desselben seine Sym- pathie aus und stellt die Mitwirkung des Magistrats bei der näheren Prüfung in Aussicht. Stadtv. Solmitz(Fr. Fr.): Eigentlich wäre es Aufgabe deS Reiches gewesen, unseren Veteranen die schuldige Anerkennung zu- teil werden zu lassen. Mangels einer Leistung von Reichs wegen billign auch wir aber die Tendenz des Antrages durchaus. Die cnt- gegenstehenden Schwierigkeiten, namentlich inbetreff der Feststellung der Bedürftigkeit, verkennen wir kcinesivegS; sie werden sich aber überwinden lassen. Stadlv. Borgmann: Auch wir sind durchaus für die Unter, stützung der Veteranen, aber nicht für eine einmalige, sondern mit Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse für eine dauernde Fürsorge für ihre letzten Lebensjahre. Wenn man einmal das Bedürf- nis der Unterstützung anerkennt, dann darf der Rahmen nicht zu eng gezogen werden. Man sollte bei den Recherchen das statistische Groß. Berlin zusammenziehen. Der Antrag Modler gelangt darauf einstimmig gur An, nähme. Nachdem noch die Vorlage wegen Umgcmeinbnng des städtischen Grundbesitzes in der Gemarkung Schönoiv nach kurzer Debatte erledigt ist, kommt die Sitzung um �10 Uhr infolge eingetretener Beschlnßnnfähigkeit zum Abschluß. Huö Induftm und Ftandd* Ziittzdwarc» und Lcuchtmittel. In den Bierteljahrshesten zur Statistik des Deutschen Reiches wird zum ersten Mal eine Statistik der Herstellung und Besteuerung von Zündwaren und Lenchtmüteln im deutschen Zollgebiet, und zwar für die Zeit vom 1. Oktober 1909 bis 31. März 1910 veröffentlicht. Es ivaren 74 Betriebe vorhanden, welche zusammen durchschnitllich 2183 männliche und 2660 weibliche Arbeiter beschäftigten. An Zündhölzern wurden 47 941 Millionen Stück, an Zünd» spänchen 295 Millionen Stück hergestellt. Vom Auslände Ivurden 109 Millionen Stück Zündhölzer und 3 Millionen Stück Zündkerzchen eingeführt. Der Ertrag an Znndwarensteuer ergab für Zündhölzer 7 068 771 an., für Zündkerzchen 10 237 M.. insgesamt 7 079 008 M. für die sechs Monate. Für die Fabrikation von Leuchtmittcln waren 175 Betriebe vor- handen, in denen 13 994 323 Kohlenfaden-Glühlainpen, 17 828 730 Metallfaden-Glühlampen. 253 456 Nernstbreimer, 4541 Brenner zu Ouecksilverdampflampiin, 61 380 188 Stiick" Glühkörpsr für GaZ- lampen, sowie 4 360016 Kilogramm Brennstiste für Bogenlampen aus Steinkohle und 1032 972 Kilogramm Brennstiste für Bogenlampen mit Leuchtzusätzen hergestellt wurden. Vom Auslände wurden eingeführt 566 115 Kohlenfaden- und 141 407 Metallfaden-Glühlampen. 418 Nernst- brenner, 70 Brenner zu Ouecksilberdampf-Lampen, 20 784 Glüh- körper für Gaslampen, 11 751 Kilogramm(darunter 2111 Kilogranim Rückware) Brennstifte für Bogenlampen aus Reinkohle und 6936 Kilo- gramm(darunter 3699 Kilogramm RückWare) mit Leuchtzusätzen. Die Einnahmen aus der Leuchtinittelsteuer in den sechs Monaten beliefen sich für Kohlenfaden-Glühlampen auf 945 029 M., für Metallfäden-Glühlampen, Nernstbrenner usw. auf 1 571 239 M., für Brenner zu Ouecksilberdampf-Lampen auf 11 141 M., für Glühkörper zu Gaslampen auf 1526 952 M., für Brennstifte zu Bogenlampen aus Reinkohle auf 723 143 M. und für solche mit Leuchtzusätzen auf 411 835 M., insgesamt auf 5 194339 M. Kohlenwucher. In Anbetracht der Tatsache, daß die Kohlenpreise bereits im vergangenen Winter relativ hoch waren, find die Aussichten für den diesjährigen Winter nichts weniger als er- freulich. Denn nur in wenigen Städten stehen die Detailpreise unter denen vom vergangenen Jahre, in den meisten sind sie ebenso hoch und in einigen gehen die diesjährigen Preise sogar noch über die des Vorjahres hinaus. Greifen wir diese zuerst heraus, so erhalten wir für nachstehende Städte folgenden Vergleich der Preise für einen Doppelzentner in Mark: 1309 1910 Berlin, oberschl. Stück-, Würfel-, Nußk. I 3,00 8,20 „, Anthrazit..... 4,80 5,00 Braunkohlenbriketts..... 1,78-2,10 1,92-2,28 Stettin..,..... 1,70 1,80 Magdeburg, schles. Steinkohlen... 2,60—2,60 2,60—2,70 Altona, Anthrazit-Ziußkohle..... 4,20 4,40 München, Braunkohlenbriketts.... 2,70 2,76 Lübeck, westfäl. Steinkohlenbriketts.. 2,50 2,60 Bremen, engl. Anthrazit-Nußkohle.. 3,30—4,60 3,85—4,85 In den verschiedenen Gegenden finden sich demnach Großstädte, in denen die Preise sogar höher sind als 1909, und es kann wohl behauptet werden, daß diese Städte für die Bewegung der Preise in den umliegenden Ortschaften tonangebend sind. Zum Fleisch- und Brotwucher auch noch ein Kohlenwucher I Das sind die Segnungen der SchnapsblockwirischaftSordnung für den armen Teufel, der immer nur das Objekt der Wucherei ist. Wagenstandsgeld. Die Vergünstigung der Zurückzahlung deS Wagenstandgeldes, wodurch den Zechen erhebliche Summen erspart wurden, ist vom Eisenbahnminister aufgehoben worden. Die Zechen ließen einen Teil der von der Staatseisenbahnverwaltung verlangten Kohlentransport- wagen kürzere oder längere Zeit hindurch bis zum Abruf durch den Empfänger beladen stehen. Für jeden Wagen erhebt die Eisenbahn- Verwaltung ein Standgeld von 2 M. für den ersten, 5 M. für den zweiten und 9 M. für den dritten Tag, für jeden folgenden Tag werden 4 M. mehr erhoben. Einzelne Zechen, so zum Beispiel die Zeche Konstantin der Große bezahlt jährlich rund 200 000 M. Stand- geld. Bisher wurde den Zechen zwei Drittel der Summe zurück- gezahlt. In Zukunft wird nun der volle Betrag des Wagenstand- geldes erhoben werde». Wenn einzelne Zechen so enorme Beträge zahlen müssen, dann beweist das übrigens aber auch, daß sie den Umschlag sehr zögernd vollziehen und in der Anforderung der Wagen wohl über das Be- dürfnis hinausgehen. Die Klagen über den Waaenmangel werden dadurch als übertrieben charakterisiert. Daß die Eisenbahnverwaltung gerade jetzt, wo die Landwirtschaft erhöhte Anforderungen an den Wagenpark stellt, das Material möglichst auSzumitzen sucht, ist ein durchaus berechtigtes Bestreben. Eine BereinSfabrik. Der Verein deutscher Oelfabriken in Mann- heim erwarb auf der Veddel bei Hamburg 25 000 Quadratmeter Terrain, woselbst eine FabrikationSanlage für Speiseöl errichtet werden soll. Die Gesamtkosten betragen 2 Millionen Mark. Die deutschen Aktiengesellschaften im 2. Bierteljahr 1910. Nach den Ermittelungen des Kaiserlichen Statistischen Amtes auf Grund der Bekanntmachungen der Gerichte im„Reichsanzeiger" wurden im 2. Vierteljahr 1910 54 Gesellschaften mit einem nomi- nellen Aktienkapital von 61,92 Millionen Mark neu gegründet gegenüber 89 Gesellschaften mit 46,13 Millionen Mark im ersten Vierteljahr. Die gesamte GründungStätiakeit im vergangenen Halbjahr belief sich somit auf 93 Geiellschaften mit einem Nomuialkapital von 103,05 Millionen Mark. Im 1. Halb- jähr 1909 war die Zahl der gegründeten Gesellschaften dieselbe, je- doch ihr Kapital 129,48 Millionen Mark. Von den 54 Gesellschaften des 2. Vierteljahrs 1910 wurden 23 mit 29,78 Millionen Marl unter Einbringung bestehender Unternehmungen gegründet, für die Sach- einlagen bei diesen Umwandlungen wurden 24,50 Millionen Mark in Aktien gewährt. Bemerkt sei, oaß das Kaiserliche Statistische Amt nur diejenigen Sacheinlagen feststellen kann, welche unter Beobachtung der Schutzvorschrift deS§ 186 Abs. 2 de? Handelsgesetzbuches eingebracht werden. Kapitalerhöhungen erfolgten im 2. Vierteljahre 1910 bei 96 Ge- sellschaften um 166,14 Millionen Mark, während 27 Gesellschaften Kapitalherabsetzungen um 10,71 Millionen Mark vornahmen. Im felben Zeitraum traten 24 Gesellschaften mit einem Aktienkapital von 15,29 Millionen Mark in Liquidation. Bei 2 Gesellschaften mit 1,2 Millionen Mark Kapital wurde da» Konkursverfahren eröffnet. Trustpolitik. Die Deutsch-Amerikanifche Petroleumgesell» schaft fühlt sich schon als Herr des deutschen Marktes und der deutschen Konsumenten. Die LieferungSverträae, die sie, als deutscher Ableger des PetroleumtrustS. den Detailhändlern neuerding« vor- legt, beweisen das. Die neuen Lieferungsverträge laufen bis Mitte 1913. Eine Kündigung derselben soll nur mit sechs- monatlicher Frist erfolgenl Der Käufer muß seinen Gesamtbedarf von den Amerikanern beziehen und sich für die ganze Zeit auf ein Mindestquantum festlegen! Der Käufer ist auch dann gezwungen, eine Konventionalstrafe zu zahlen, wenn er Petroleum österreichischer oder ungarischer Herkunft bezieht. Dazu kommt noch, daß er nicht einmal amerikanisches Petroleum beziehen darf, wenn es durch eine Firma geliefert werden sollte, die dem Trust nicht irgendwie nahe steht. Die Amerikaner wollen sich davor sichern, daß plötzlich irgendwo einmal ein amerikanischer Konkurrent auftaucht und ihnen ins Geschäft pfuscht. Eine weitere interessante Neuerung gegenüber den früheren Verträgen ist auch der Passus, daß die Detailabnehmer der Deutsch-Amerikanischcn Gesellschaft bei Petroleumbezügen von anderer Seite Rechnung über etwaige Bestellungen ablegen müssen! Der preußische Staat und die Großkapitaliste» der Deutschen und Dresdner Bank haben dem Trust seine Eroberungspolitik leicht gemacht._ Soziales» Der Kampf um die Rente. � Der Oberheizer Friedrich F. in Ch. hat am 28. Oktober 1907 durch Betriebsunfall eine Verletzung des linken KnieS erlitten. Seit dein 28. Januar 1908 wurde ihm von der Berufsgeiiossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik eine Rente von 15 Proz. ge- währt. Mit Ablauf des Monats November 1908 wurde ihm die Rente entzogen. Nach dem ärztlichen Gutachten des Vertrauens- grzte? D.r. R- sollten die erwerbsbeschränkendep Folgen d?S lln» falleZ beseitigt sein. Die Klagen des F., daß er im verletzten Knie stechende Schmerzen habe, wurden als nicht glaubhaft bezeichnet Die von F. gegen den Rentenaufhebungsbescheid eingelegte Berufung wurde vom Schiedsgericht für Arbeiterversicherung für den Regierungsbezirk Potsdam am 30. Januar 1909 zurück- gewiesen.„Durch den Augenschein und die Untersuchung des Ver- trauensarztes des Schiedsgerichts Sanitätsrat Dr. H. ist der von Dr. M. erhobene Befund," heißt es im Urteil,„bestätigt worden. Die Bewegungen des linken Kniegelenks sind innerhalb der nor- malen Grenzen ohne krankhafte Geräusche ausführbar. Im Knie- gelenk besteht kein Erguß. Es ist auch keine wesentliche Abmage- rung der Beinmuskulatur vorhanden. Nach diesem Befunde be- stehen jetzt„keine wesentlichen" Unfallfolgen mehr. Außerdem ver- dient der Kläger wie vor dem Unfälle 6,32 M., während gleich- artige unverletzte Personen nur 5,50 M. erhalten. Die Renten» aufhebung ist somit zu Recht erfolgt." Gegen dieses Urteil legte F. beim ReichsbersicherungSamt Rekurs ein. Er bestritt, daß eine Besserung" eingetreten sei. Im Vovdergrund der Beschwerden standen die Klagen über stechende Schmerzen im linken Knie. Das Reichsversicherungsamt ließ den Kläger vom stellvertretenden Kreisarzt SanitätZrat Dr. P. unter- suchen. Dieser Sachverständige gelangt bei den sich immer gleich- bleibenden glaubwürdige» Aussagen des Untersuchten zu dem Er- gebnis, daß noch Folgen des Unfalls bestehen. Allem Anschein nach ist seiner Ansicht nach bei dem Unfall ein Knochenstückchen abge» sprengt worden. Die 15 Proz. seien weiter zu gewähren, da eine Befferung nicht eingetreten ist. Der Gutachter empfiehlt Röntgen. durchlcuchtung, dieselbe werde seine Ansicht bestätigen. Darauf wurde F. auf Veranlassung des Reichsversicherungsamts im Krankenhause W. vom Oberarzt Dr. N. am 15. März 1910 unter- sucht. Die Röntgendurchleuchtung ergab, daß im Weichteilinnern ein Stück einer Nadelspitze steckte. Durch Operation wurde der Fremdkörper entfernt! Nun entstand die Frage, ob dieses Nadelstück überhaupt ge- legentlich des Unfalles vom 28. Oktober 1908 eingedrungen sein könne. Der Vertreter des Verletzten bezeichnete es unter Berück- sichtigung der Art des Unfalls als durchaus wahrscheinlich, daß das Nadelstück bei dem fraglichen Unfall in das Knie gelangt ist. Da- für sprächen die konstanten Beschiverden des F. über stechende Schmerzen im linken Knie. Er ersuchte um Verurteilung der Be- rufsgenossenschaft. Der Vertreter der Berufsgenossenschaft bestritt diese Annahme und beantragte, den Rekurs des Klägers zurück- zuweisen. Der Rekurs hatte Erfolg. Der erkennende Senat deS Reichs- versicherungSamteo verurteilte die Berufsgenossenschaft der Fein- medhanik und Elektrotechnik zur Weiterzahlung der Rente von 15 Proz. In den Gründen des Urteils des esttennendcn Senats heißt es u. a.:„Ein sicherer Beweis, wie der Fremdkörper in das Knie des Klägers gelangt ist, ob durch den Unfall oder bei einer anderen Gelegcnhelt, ist nicht erbracht und war nach Lage der Sache auch nicht zu erbringen. Aus den näheren Umständen des Unfalls, aus der Tatsache, daß der Verletzte nach glaubhafter An» gäbe seit dem Unfälle stets über stechende Schmerzen im Knie ge- klagt hat, sowie aus der Art der erlittenen Beschädigung deS Knies hat aber das Rekursgericht in Uebereinstimmung mit dem ärzt- lichen Sachverständigen Dr. N. die Ueberzeugung gewonnen, daß mit überwiegender Wahrscheinlichkeit der Unfall vom 28. Oktober 1907 für das Eindringen des Nadelstücks in das verletzte Knie ver» antwortlich zu machen ist." Warum ließ sich das Schiedsgericht und sein Vertrauensarzt, der in wenigen Minuten mit seinem falschen Urteil fertig war, von der geradezu krankhaften Manie leiten, den Angaben des Ver. letzten keinen Glauben zu schenken? Weshalb� nahmen das Schieds- gericht und sein„Vertrauensarzt" keine Nontgenstrahldurchleuch- tung vor? Die Kosten für den Vertrauensarzt und den Vorsitzen. den sollen doch nicht aufgewendet werden, um das Recht des Ver- letzten zu brechen, sondern um ihn zu seinem Recht zu verHelsen. Die Simulationsschnüffelei hat in diesem Fall zwar nicht end- gültig dem Arbeiter sein Recht entziehen können, hat es ihm aber über l'/h Jahre vorenthalten. Preisdrllckerei verstößt gegen die guten Sitten. Das Landgericht Elberfeld hat als Berufungsinstanz dieser Tage ein Urteil des Solinger Gcwerbegerichts bestätigt, das einen Arbeitsvertrag, durch den sich ein Schleifer verpflichtet hatte, weit unter den Lohnsätzen des Preisverzeichnisses(Stücklohntarif) zu arbeiten, als gegen die guten Sitten verstoßend bezeichnete. Die Firma Gebrüder Flocke schloß im vorigen Jahre mit dem Schleifer E. einen schriftlichen Vertrag ab, durch den sich E. verpflichtete, mindestens bis zum 1. Juli 1910 ausschließlich für die Firma Gebrüder F. in einer von dieser zu stellenden Schleifstelle zu arbeiten, und zwar zu einem Lohnsatze, der durchweg um fünfzig Prozent niedriger war als die Sätze des Preisverzeichnisses (Tarif) der Tafelmesserbranche. E. konnte hierbei nichts ver- dienen, stellte die Arbeit ein und wurde darauf von der Firma auf Zahlung eines Schadenersatzes in Höhe von 700 M. verklagt. Das Gewerbegericht Solingen erkannte auf Abweisung der Klage, in- dem es den Einwand des Beklagten, der Vertrag sei nichtig, weil er gegen die guten Sitten verstoße, als zutresfend bezeichnete. Fest stehe, daß der Beklagte schon vor dem Abschluß des schriftlichen Vertrages mehrere Monate für die Firma zu dem recht niedrigen Lohne gearbeitet habe. Unter diesen Umständen habe kein Grund vorgelegen, den Beklagten, einen Hausgewerbetreibenden, der für eine Reihe von Firmen arbeiten konnte, für die verhältnismäßig lang Zeit zu binden durch einen ganz einseitig zugunsten der Klägerin aufgestellten Vertrag, dem der Beklagte zweifellos in einer gewissen Notlage, unter dem Drucke der ungünstigen Wirt- schaftlichen.Verhältnisse' zugestimmt habe. kommunales. Die Stadtverordneten hatten gestern in ihrer ersten Sitzung nach den Sommerferien sogleich ein sehr reichliches.Arbeitspensum zu erledigen. Daß eine �roße Sitzung erwartet wurde, zeigte schon die Tribüne, die bis zum letzten Platz besetzt war. Abwehr der Fleischnot, Aufbesserung der Gemeindearbeiterlöhne, Beseitigung der Turnhallensperre, das waren hauptsächlich die Beratungs- gegenstände, denen das Interesse das Tribünenbesucher galt. Zu einer Debatte führte zunächst die Vorlage, durch die eine Erweiterung der Wasserwerke gefordert wird. Der Plan, die Entnahnie von Wasser aus dem Müggel- sec beizubehalten, stieß ziemlich allgemein auf Bedenken. Ge- nasse Wehl schilderte die höchst sonderbare Art. in der diese Vorlage zustande gekommen war. Der dafür verantwortliche Stadtrat Runischöttel, Vorsitzender der Wasserwerks- Verwaltung, glänzte leider durch Abwesenheit. Wey! hob hervor, daß nur Brunnenwasser hygienisch einwandfrei ist, und zeigte, daß der Gefahr des Wafsermangels auch anders als durch Mitbenutzung des hygienisch bedenklichen Müggel- secwassers begegnet werden kann. Ein einziger Redner, Stadtverordneter Herzberg, wagte es, für die Vorlage einzutreten. Auch Oberbürgermeister K i r s ch u e r suchte die geäußerten Befürchtungen zu zerstreuen. Im übrigen aber schüttelte er Herrn Rumschöttel, der in der Wasserwerks- Verwaltung den Selbstherrscher spielen zu dürfen meint, sehr deutlich ab. Genosse Z a d e k wies darauf hin, daß über die Frage der Versorgung Berlins mit Grundwasser nun schon seit Jahrzehnten gestritten worden ist und die Entscheidung immer wieder hinausgeschoben wird. Er erinnerte daran, daß es eine Typhusepidemie war, die im Jahre 1893 zu so Plötz. l scher Schließung des aus der Spxee schöpfenden Wasserwerkes an der Wralauer Äflce zkvang. Äuch er zeigfe, eS noch mancherlei einwandfreie Mittel gibt, dem Wassermangel abzuhelfen. Das Projekt wurde schließlich einem Ausschuß überwiesen. Die Vorlage über Erhöhung von Gemeinde- a r b e i t e r l ö h n e n, die der Versammlung zur Kenntnis- nähme mitgeteilt wurde, gab unserem Genossen Wey! An- laß zu der Feststellung, daß von einer gründlichen Aufbesse- rung wieder mal keine Rede sein kann. Ein Ausschuß, dein die Vorlage zu überweisen sei, werde hoffentlich zu dem Er- gebnis kommen, daß die Geineindearbeiter mit Recht ei« Mehr fordern dürfen. Auch Stadtv. Goldschmidt fand, daß„etwas mehr" doch wohl geschehen könne. Aber Stadtrat F i s ch b e ck, der Spezialist für„Ärbeitrrfürsorge", wie der Berliner Stadtfreisinn sie meint, schilderte mit beredtem Eifer. wieviel im Laufe der Jahre für die Arbeiter der Stadt getan worden sei. Ihm antwortete Gelächter, das von den Plätzen der sozialdemokratischen Fraktion sich erhob und auf der Tribüne bei den Gemeindearbeitern seinen Widerhall fand. Durch einen sehr wirksamen Zwischenruf unseres Genossen Pfannkuch wurde er vollends aus dem Tert gebracht. Die verdiente Abfuhr holte sich dann Herr Fischbeck bei unserem Genossen Hintze so gründlich, daß noch Herr Cassel für den Bedrängten einspringen zu sollen glaubte.� In dem Aus- schuß, dem die Vorlage überwiesen wurde, wird noch weiter ein Wörtchen mit den freisinnigen„Arbeiterfreunden" zu reden seim Der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion, der den Magistrat aufrief. Schritte zur B e- kämpfung der Fleischnot zu tun, hatte den Stadt- freisinn ermuntert, einen gleichen Antrag einzubringen. Tie begründenden Ausführungen des Genossen B o r g m a n n geißelten die Flcischwuchcrpraktiken der Junker und die Ab- sperrungspolitik der Regierung. Vom Stadtverordneten K ä ni p f wurde der Antrag der Freisinnigen begründet.� Der Magistrat will, wie aus der Erklärung des Stadtrats Fisch- deck als des Vorsitzenden vom Viehhofskuratorium hervor- ging und im übrigen selbstverständlich war, der durch die Anträge gegebenen Anregung Folge leisten. Die sozialdemo- kratische Fraktion willigte schließlich ein, ihren Antrag zurück- zuziehen und dem Antrage der Freisinnigen beizutreten, so daß mit seiner einstimmigen Annahme eine einheiiltche Willensäußerung der Versamnilung zustande kam. Zu einem Antrage auf Ä e t e r a u e u f ü r s o r g e durch die Stadt, den der Stadtv. M o d l e r begründete, äußerte Oberbürgermeister K i r s ch n e r sich mit einer Er- klärMg, die nicht darauf schließen ließ, daß der Magistrat sehr begenrert für diese Idee wäre. Die sozialdemokratische Fmk- tion stimmte dem Antrage zu mit der Bedingung, daß die Fürsorge, wie Genosse B o r g m a n n hervorhob, eine dauernde sein müsse. Eine genüschte Deputation soll, falls der Magistrat mitmachen will, die Frage prüfen. Die Beratung des Antrages der sozialdemo» kratische n Fraktion, der die Aufhebung der Turn hallensperre gegen den Turnverein „Ficht e" fordert, mußte in vorgerückter Stunde vertagt werden, zur großen Enttäuschung der vielen auf der Tribinie sitzenden„Fichte"Äürner. Wir erfahren übrigens� daß in der Schuldepütation bereits Neigung vorhanden ist, dem Verein die Turnhallen der Stadt wieder zu überlassen, Eingegangene vruclifckriften. Der Fall Simson. Ein Opser jesuitischer Ränle. 50 Ps. Freideuischer Verlag, DreSden-A. Der Mensch und die Erde. Liefer. 106— 110. Herausgeber: H. Kraemer. 120 Liefer. a 60 Bong u. Co.. Berlin IV. 5� Rapunzel. Bon L. Finckh.(HauSbucherei Bd. 3o.) 1 M. Deutsche Dichter-GedächtniSstislung, Hamburg-Grobborstel.„ Ans dem Regen t» djtz Traufe. Von O. Ludwig. 2» Pf, geb. 55 Pf.(Volksbücher-Hest 28.) Deutsche Dichter-GedächtniSstistung, Ham» burg-Grobborstel. �, Jahrbuch für ISOS— 10 und Protokoll des stevente» Perbands. tages deS ZcntralverbondeS der seemännischen Arbeiter Deutsch- lends. 269 Seiten. P. Müller, Berlin 30. 16. KmkKaften der Redahtion. Sie surlftUlbe SUrritiftunve flnbet Lindenftrahe Ar. 00, dorn vier Zrevvrn— Fnbrstubl—, wochentäalia, do» 4>/> btt Ilde abend», Eoiiuabcnd» von 4'/, bis 0 Uhr nachmitragS ftait. Jeder für den Arles- kosten bestimmten Aufrage ist«in Buchstabe und eine Zabi alS wi-rk- »eichen bei»nfüoen. Brieflich« AntNior« wird nicht erteilt. Stltoe Fraa-u trage mau in der Sdrechstundc vor. R.. Tegel. 1. Wenn der Bowel« erbracht werden kann: ja. L. Ja, sallS Sie für allein schuldig erllärt werden, für dielen Fall 3. Nein. 4. Für beide Kinder. 5. Etwa 5 M. 6. Ja, sosern Sie für allein schuldig erllärt find und die Frau sich nicht allein ernähren kann. 7. und 8. Die zur Führung eines gesonderten Haushalt« nötigen Sachen kann die Frau berauZsordern, sosern ihr ein ScheidungZgrund zur Seite steht. 9. Ja.— P. St. 100. Sie haben, soweit aus Ihrer Darstellung ersichtlich, keinen Anspruch aus Ersatz der Kosten sür die Treppe.— A. 1». Da« ist nicht notwendig, aber ziveckmäbig.— B. 13. Die vertragliche Kündigungssrist ist maßgebend.— Bö. ft. LI. 1. Unverständlich. 2. Ja. 3. Nach Abiaus eine« Jahre« nach Aufhebung de« Verlöbnisse».— E. H. Pesh. 1. Antrag an da« VormundschastSgericht. 2. Ja, sosern die Arbeiterin in Berlin wohnt. — F. R. IS. Wir raten, sich an die Gerichtskorrespondenz von �Clat Thiele, Ealvlnstr. 14, von der die meisten Redaktionen derartige Gericht«- berichte beziehen, zu wenden, auch an die In Frage kommenden Redaktionen zu schrewen.— E. K. Nr. 22. Sie können den Wunsch der Mutter er» füllen.— H« 4. 1. Ja. Die Kosten sind verschieden, je nach dem Um- sang de« Gewerbe«. 2. Ja, sofern Sie Wert aus Erhaltung der Staats» zugehörigkeit legen. 3. Ja.— H. 1LS. Jbre Anfrage ist m der Nr. 201 des„Vorwärts- vom 28. August beantwortet. Wenn die gurückbehaltuna nicht im Interesse deS Sohne» liegt, lo muß beim Vormundschastsaerichr beantragt werden, daß der Vater zur Herausgabe anzuhalten ist.— M. F. Bereit» am 13. August(Nummer 188 de» .Vorwärts-) haben wlr Ihre Anfrage beantwortet.— C. I. G. Nein. — Ausland»00. 1. Wenn in Preußen wohnhast, ja. Die Scheidung ist aber nur möglich, wenn die Gesetze de« Heimalsstaatc« da« zulassen. 2. New.— N. T. 70. Sie sind erst dann zur Herausgabe an die Ehe- leute verpflichtet, wenn Sie vollständig befriedigt sind. Zinsen stehen Ihnen. von dem Zeitpunkt der Hingabe deS Darlehns nur dann zu, wenn daS vereinbart ist. Ist nichts vereinbart, so habe» Sie 4 Prozent vom Tage der Fälligkeit zu beanspruchen. An den angeblichen Käuser dürfen Sie die Pfandscheine nur mit Zustimmung desjenigen, aus dessen Namen sie au«- gestellt find, übermitteln.— A. G. 82. 1. Die gesetzliche Kündigungsfrist beträgt 6 Wochen vor jedem OuartalSersten. 2. Auch mündlich« Vereinbarung einer kürzesten« cinmonailichen Kündigungsfrist ist zulässig. 3. Nach Ihrer Darstellung erst zum 1. Oktober. 4. Nein.— 301 Weißen» see. 1892.— de I. 60. Sonntag vormittag D— 12, Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag abends 7—10. Meldungen beim Dirigent W. Peschel, Kanoiiierstr. 12.— K. W. 100. 1. Nein. 2. E« kau» Strafanzeige erstattet werden.— W. W. WUHelmstrasie. 1. und 2. Ja. — A.(i. M. 3X8. 3. Januar bis lg. Februar 1000.— E. D. 22. Die Verpflichtungen sowohl der OrtSIrankenkasse al« auch der HilsSkasse gehen aus die Versicherungsanstalten über.— ft. 20. Falls der Mann vor den Eltern verstorben ist: nein, Bestrafung zu erwarten. Die Minde 3. Die Gemeinde Ober-Schöneweide Sie sich in Chemnitz abgemeldet, onst ja.— H. B. 3. 1. Sie haben tstrase ist ein Tag Gefängnis. 2. und 'ann die Steuern beanspruchen. Habe» rellamieren Sie. Die Anficht der Chemnitzer.Volksstimme- ist insofern richtig, als c» sich um einen Lelm von unter 28,85 M. wöchentlich handelt.— A. M. 05. Der Lohn für Juni stelzt Ihrer Schwester unseres Erachtens zu. Zuständig ist das Ge- werbcgcricht, wenn Ihre Schwester überwiegend sür da» Gewerbe des Schuldners beschäftigt war. Wurde sie überiviegend in der Häuslichkeit be» schastigt, ist da« Amtsgericht zuständig.— S.®. III. Die Ladung der Zeugen muß rechtzeitig vor dem HauptverhandwngStermt» bei dem er, kennenden Gericht beantragt werden, unter Angabs der Tatsachen, die die Zeug« destätigen sollen. üs ,,SiIesia=Bad"i 552* Schleslsche Str. 31 £V Alle Arten medizinische Bädce. 1 Lieferant aller Kassen. | Begründet 1873*1 I Begründet 1873] Engros Spezialhaus für Neuheiten e*?01* in Fllzbttten, ZyliuderhUten, Chapeau claques, Strohhüten echten Panamas. 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Der schwarze Schimmel.— DaS alte Ghetto. (Anfang 8'/, Uhr.) Friedrich. Wilhelmstädtisches. Biederleute. Puhlmann. Verbotene Wege. (An. c�lirztmutucu~ipJ Uhr.) Halloh II— Die große sang der Spezialitäten Metroaol Revue. Kasino. Der schneidig« Rudolf. Apollo. Spezialitäten. Daüage. Spezialstätm. ReichsbaHen. Sleliiner Sänger. Walhalla. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Havcrland. Svczlalitäten. Brater. Der Bettelswdent von Berlin. Voigt. Vater und Sohn. Schweizer-Garte«. Spcztalitätm. Max Kliem. Spezialitäten. Volksgarten. Die Anna-Lise. Neues Schauspielhaus. Ge. schloffen. Urania. Taudeuftrahe 4814». Abends 8 Uhr- Die Weltausstellung in Brüssel. Stern», arte, Jnvaltdenstr. 67— 62. Lessing-Theater. 8 Uhr: Tantris der Narr. Sonnabend 7'/, Uhr zum erstenmal- Einsame Menschen. Sonntag 8U.! Einsame Menschen. berliner Tkenter. Heute 8 Uhr:(Saftspiel Hansi Niete: Neues Theater. Täglich: Die goldene Ritterzeit. Ansang 8 Uhr. (Sommerpreis« Parkett M. 3,10 usw.) Ideater des Westens. Ansang 8 Uhr. Die geschiedene Fran. Sonnt. 3'/, Uhr: Ein Walzertsaum. Itfcues Operetten-Theater. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Operette in 3 Att. von Ä. M. Willner u. R.BodanSky. Musik v. Franz Lehär. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Heule u. täglich: gjg WßSPB. Lusispieähaus. Abends 8 Uhr: Das Leutnantsmündel Friedrich-Wiiiielnistädtiscim Schauspielhaus. Freitag, den 9. Sept., abends 8 Uhr: Biederlente. Sonnabend: flaust. Sonntag nachm. 3 Uhr: Faust. Abends 8 Uhr: Biederlent«. Rontag: Biederlente. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Die Weltausstellung in Brüssel. Berliner Volksoper Belle Alltancestrage 7/8. Heute'/,9 Uhr: Gastspiel des Reuen Schauspielhauses: _ Ter Flieger._ Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Anfang 8 Uhr. Die 300 Tage. Schwan! in 3 Akten von Gavault- Charvey. Dienstag, 13. Sept., zum erstenmal: Noblesse oblige. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr Premiere: Die Kriider o.A. Kenchard. Schauspiel in 5 Auf», v. 91. Ohorn. Sonnabend: Tie schöne Ungarin. Sonntag nachm. 3 Uhr zu er- mähigten Preisen: Egmont. Abend« 8 Uhr: Die Brüder v. St. Bern- harv. Montag: Egmont._ 0SE=THEATE 1 Große Frankfurter Str. 132. Ansg. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Dorf und Stadt. Schauspiel in 6 Allen von Charlotte Birch-Pseister. Morgen: Dorf und Stadt. Auf der Gartenbühne: Theater- Vorst., Spezialttälen. Gr. Konzert. Ansang 4'/, Uhr. Hetropoi-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Faul T.incko. In Szene gesetzt vom Dir. Bich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. 9'/, Uhr: Verbotene Frucht. (In Hamburg seit 6 Monaten vor auSverkausten Häusern u. Stadtgespr.) CUsela Schneider- Missen. Das verrückte Hotel sowie 8 für Berlin vollständig neue Attraktionen. des von Publikum und Fresse glänzend beurteilten WWMMVi Der Gipfel der illustren Variete-Kunst! 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Iahrgans. 3. Dtilagc kf„ Freitag. 9. Septembtt l9W. Partei- Hngelegenbcitcn» V. Wahlkreis. Die Genossinnen der I. und II. Abteilung werden gebeten, am Sonntag, den 11. September, nach- mittags 3 Uhr in �riedrichsfelde, Linde»park zu einem gemütlichen Kasfeekochen zu erscheinen. Zahlreiches Erscheinen der Frauen wird erwartet. Steglitz. Die Bibliothek des WahlvereinS ist morgen, Sonn- abend abend Von 8—9 Uhr geöffnet. T Dabendorf bei Zossc». Am Sonntag, den 11. September, nach- mittags 3 Uhr, findet im Lokal Herkers Wald- und Seeschlosz eine Volksversammlung statt. Tagesordnung:„Die arbeitende Bevölke- rung im stampfe gegen die bürgerliche Gesellschaft". Referent: Reichstagsabgcordnerer Fritz Z ub e il. Diskussion. Gründung eines sozialdemokratischen Wahlvereins. Wamisce. Morgen Sonnabend, abends'/e�llhr, im Restaurant Fürstenhof, Wahlvereinsversammlung. Weissensce. Am Sonntag, den 11. September, findet eine Agitationspartie nach den zu unserem Bezirk gehörenden Landortcn statt. Wir bitten die Genossen, die sich bereits gemeldet haben, pünktlich und vollzählig zu erscheinen. Aber auch die Anwesenheit anderer Genossen ist erwünscht, da sie dazu beiträgt, die Arbeit schnell und gewissenhaft zu erledigen. Alle Teilnehmer treffen sich morgens 7 Uhr beim Genoffen Peukert. Die Bezirksleitung. Borsigwalde. Am Sonnabend, den 19. September, abends pünktlich 8 Uhr, beginnt in Trapps Festsälen, Tegel, der Lichtbilder- Vortrag des Genossen Graf über die Geschichte unserer Erde. Ein- trittskarten sind beim Kassierer, bei den Bezirksführenr und an der Kasse zu haben. Die Bezirksleitung. Tegel. Morgen Sonnabend, den 19. September, abends 8 Uhr pünktlich, beginnt in W. Trapps Festfälen, Bahnhofstr. 1, der Licht- bildervortrag deS Genossen Graf über:„Die Geschichte unserer Erde." Eintrittspreis für alle vier Abende 59 Pf. Billetts sind bei den BezirkSführern und an der Kasse zu haben. _ Die Bezirksleitung. Berliner J�acbricbten. Eine Galerie deS Elends. Was ist los? Die Leute bleiben in der vom dichtesten Verkehr durchzogenen Straße stehen, schauen, lächeln, gehen weiter, bleiben wieder stehen, lächeln wieder... Ein seltsamer Zug naht sich, im wahrsten Sinne ein Zug „schwankender Gestalten". Nicht schwankend von Trunkenheit. wohl aber geduckt, gebeugt von Krankheit. Sorge und Elend. Eilt Zug Männer ist es. der sich langsam und schwerfällig auf dem Asphalt hart am Bordschwellcnrand hinschiebt, alle in gleichem Abstand. Jeder der Männer trägt eine Stange mit einer Holztafel, auf der in großen grellen Lettern steht: „Venushallen. Elegantestes Variete der Residenz. Treffpunkt allerFremden." Eine Reklame also, die durch ihre Massenhaftigkeit aitPsallen soll und in der Tat auffällt. Der Unternehmer, der den Freniden der Residenz wohl einmal amerikanisch kommen wollte, ist aber doch nicht amerikanisch genug. Denn der Jankee hätte dazu hübsche junge Mädchen genommen. Unser Mann aber ist sparsam, mehr als das. knauserig und nimmt Männer. Sehen wir zu. was für Männer. Den Zug eröffnet ein großer breitschulteriger Mann mit einem martialischen Schnurrbart. Sein Rock ist von der Sonne ausgeblichen und fadenscheinig. Im Knopfloch baumelt ihm so'nc kleine Kupfcrmedaille, Gott weiß für welche „Verdienste." Im ganzen der Typ des ehemaligen alten Kriegers. Seine stolzen Blicke, fein gewollt militärischer Gang sagen dem Vorübergehenden: Eigentlich habe ich's ja noch nicht so nötig, aber man nimmt es doch mit. Der zweite ist ein noch junger Mann, lang, schmal, mit flacher Brust; aber das Gesicht! Es ist erdfahl, die Knochen springen weit vor und die dunklen, schönen Augen sind von tiefen Schatten umrandet. Er versucht, den Gang seines Vordermannes nachzuahmen, aber es gelingt nicht. Er ist zu müde. Er müßte weit hinaus ins Land, wo sonniger Wald der wunden Brust Genesung spendet. Um ein paar Groschen muß er sein Elend in Staub, Gestank und Lärm schleppen. Der dritte ist ein kleines Kerlchen, dem ein dünnes Schnurrbärtchen melancholisch über die Mundwinkel hängt. Sein Hut hat wohl schon hundert Regengüsse abbekommen und seine„Trittlinge" sind irgendwo aus einer Müllkute auf- gelesen. Seine Blicke musteril initunter spöttisch das Publikum. als Ivenn er sagen wollte:„Rutscht niir den Buckel runter. Ich muß was verdienen, gleichviel wie". Er trottet daher wie einer, dem alles schon Wurscht ist. � Der vierte eine richtige Asylgestalt, dessen einztger Trost auf dieser Welt die Flasche ist. Das Gesicht breit, ausdrucks- los, aufgedunsen, verschwommen. Die Nase bläulichrot. Kleine, blinzelnde, wässerige Augen, die stumpfsinnig vor sich Hinblicken und nur nütunter ängstlich und schüchtern zur Seite schielen, wo das Publikum steht und sich erbarmungslos über den Aermsten amüsiert. Der fünfte ein untersetzter, verwegen aussehender Mensch. Er trägt ein altes grünes Filzhütchen keck auf einem Ohr und kaut an einem Strohhalm. Sein Zeug weist Spuren einer ehemaligen Eleganz auf. Aber— er hat nur einen Arm. Ter leere Rockärmel schlottert um seine Lenden. Und nun der s e ch st e! Das ist ein kräftiger. stämmiger Mann mit derben, ausgearbeiteten Fäusten. Sein Anzug ist alt, schäbig und vielfach geflickt, aber peinlich sauber. Drei tiefe Falten graben sich über der Nasenwurzel tief in die Stirn ein und die Augen, die von starken Brauen beschattet werden. sind beharrlich und trotzig auf den Asphalt gerichtet. Aber der Gang dieses Menschen ist unsicher, tappend, zögernd. Es ist. als wenn ihm eine unsichtbare Geißel im Rücken sitzt, die ihn wieder und wieder antreibt. Es ist, als müßte dieser Mann jeden Augenblick, von einer tiefen heiligen Scheu über- mannt, die Tafel mit stolzer Gebärde hinwerfen:„Da, macht euch cuern Bettel allein." Und wir alle kennen ihn, diesen Mann. Es ist derselbe, der abends zu Tausenden die Ver- sammlungen bevölkert und mit fieberhafter Spannung an dem Munde des Redners hängt, dann zwar ein anderer, stolz und siegesbewußt, zukunftssichcr. Dieser Mann ist der moderne Proletarier, der arbeiten möchte, aber keine Arbeit findet, und nun für Schandlohn Schanddienste tun muß. Man möchte zu ihm treten und seine Hand drücken: „Sei stille. Mann! Es wird die Zeit kommen, wo deine und all' der vielen anderen Schande gerächt wird"--- Und der siebente ein zitternder Greis, dessen gichtige Hand kaum noch die Stange halten kann. Der achte ein 'Krüppel, der sich mühsam fortschleppt. Weiter, immer weiter j geht der Zug, wohl an die vierzehn Mann. Jeder trügt ein Schild, darauf prangt in großen grellen Lettern:„Venus- Halle». Elegantestes Variete der Residenz." Das Publikum geht vorüber, bleibt stehen, lächelt, ulkt, reißt Witze, während den Männern im Rinnstein der Hunger an den Gedänuen zerrt. Vor unserm innern Auge aber entsteht ein Zug, ein unabsehbarer lauger Zug. Rote Fahnen flattern im Wind, darauf steht:„Freiheit! Freude! Gleichheit! Gercchtig- keit! Brüderlichkeit!"_ Diebesorgauisatio» in Alt-Bcrliu. Die Berliner tvurdcn nach den Freiheitskriegen ungewöhnlich stark durch Verbrechen gegen das Eigentum beunruhigt. Einen ivahrhaft erschreckenden Charakter nahmen diese nnt dem Beginn des Jahres 1826 an. Dabei waren die verwegensten Einbrüche, sogar diejenigen in gutbewachte öffentliche Kassen, von so auffallender Gleich- Mäßigkeit, daß auf eine wohlorganisierte Diebesbande ge- schlössen werden mußte. Erst im Jahre 1831 gelang der Polizei, die also damals ebenso langsam wie die heutige gearbeitet hat, die Entlarvung der Verbrecher. Die Führer wohnten in Berlin, mehrere hundert Mitglieder in den Pro- vinzen verstreut, zumeist im danialigeu Großherzogtum Posen und zwar in dem kleinen Diebesnest Betsche. Die Berliner baldowerten die Gelegenheit aus, die auswärtigen Mit- glieder vollbrachten die Tat, um dann sofort wieder zu ver- schwinden. Die Ermittelung gelang erst, nachdem ein ver- hafteter berüchtigter Verbrecher gegen die damals noch mög- liche Zusicherung eigener Straflosigkeit„gepfiffen" hatte. Nun stellte sich heraus, daß nicht weniger als 520 Personen zu der Bande gehörten. In die Untersuchung, die drei Jahre dauerte, wurden 197 Diebe und Betrüger hineingezogen. Etwa 150 Haupttäter, von denen III ein Geständnis ab- legten, sind zu Freiheitsstrafen von verschiedener Dauer ver- urteilt worden. Unter den 17 Berliner Dieben waren be- sonders zwei Brüder von Bedeutung, Männer von hervor- ragendem Verstand. Sie hatten ihr znsammengestohlenes Geld so gut verborgen, daß es trotz aller Bemühungen der Polizei nicht aufgefunden werden konnte. Wahrscheinlich legte es später, als die beiden Gauner ihre Zuchthausstrafe verbüßt hatten, den Grund zu dem bedeutenden Vermögen, daß sie sich er- warben. Die Brüder sind in späterer Zeit in Berlin stadt- bekannte Männer geworden. Nur ivenige Berliner wußten, daß die beiden reichen Bankiers und Häuserspckulanten der- einst als Führer der großen Gaunerbande im Zuchthause ge- sessen und aus einer echten Verbrecherfamilie stammten. In den sechziger Jahren hat einer der beiden Brüder durch allzu kühne, aber nicht allzu gewissenhafte Häuserspekulationen einen großen Teil seines Vermögens verloren. Mit dem Rest ist er unsichtbar geworden. Er soll nach Amerika geflüchtet sein. „Der wahre Jacob"(628) ist nachgedruckt worden und gelangt von heute früh ab in der Buchhandlung Vorwärts Lindenstratze 69, erneut zur Ausgabe. Uebcr die mangelhafte Bahnverbindung nach dem Zentral friedhof in Stahnsdorf laufen bei der Berliner Stadtsynode fortwährend Klagen und Beschwerden ein. Wie bekannt, wurde seinerzeit von Wannsee aus nach dem neuen Friedhof Automobilomnibusverkehr geschaffen, doch sind nur drei der- artige Vehikel in Betrieb, die im ganzen 45 Personen bei einer Fahrt befördern können. So kommt es häufig vor, daß nur ein Teil des Trauergefolges dem Beginn des Leichenbegängnisses beiwohnen kann, während der Rest der Trauergäste in Wannsee warten muß, bis die Automobile zurückkommen. Die Stadtsynode wollte für Stahnsdorf eine Bahnverbindung von Wannsee nach dort gebaut wissen; dieser Verkehrsweg ist inzwischen auch vollendet worden, endet aber in einer Sackgasse. Für die Bewohnet des Ostens, Nordens und des Zentrums, welche einen: Leichenbegängnis in Stahns- dorf beiwohnen wollen, bedeutlGdie Fahrt nach dem Zentral- friedhof eine mehrstündige Reise. Das fehlende Gemcindesiegel. Die Gemeinde Zchlendorf hat einen Prozeß gegen die Zehlen- dorfer West-Terrain-Gcsellschaft durch alle Instanzen verloren, weil einem Vertrage mit dieser Gesellschaft das Gemeindcsiegel nicht bei- gedruckt war. Dadurch wurde der Vertrag hinfällig. Auch die gegen daS Kammergerichtsurtcil eingelegte Revision ist vom Reichsgericht zurückgewiesen worden. Im April 1997 schloß die Gemeinde Z., ver- treten durch den Gemeindevorsteher und den Gemeindcschöffen, mit der genannten Gesellschaft einen Vertrag über die Festsetzung von Bau- fluchtlinien für bestimmte Straßen usw. Die Gesellschaft verpflichtete sich u. a., die Kosten für eine Entwässerung usw. zu tragen und Sicherheit hierfür zu leisten. Als diese verweigert wurde, erhob die Geineinde Klage. Die Terraingesellschaft wandte ein. daß der Vertrag nichtig sei, weil das Gemcindesiegel fehle und daher die er- forderliche Form nicht gewahrt sei. Alle Instanzen erkannten an, daß die Bcidrückung des Siegels eine wesentliche Form sei, von deren Beobachtung die Gültigkeit deS Vertrages abhänge. DaS Ober- Verwaltungsgericht hat in einem anderen Falle eine fast gleichlautende Entscheidung gefällt._ Zum Nachfolger des ärztlichen Direktors der inneren Abteilung deS Rudolf-Birchow-KrankenhauseS, Geh. Med.-N. Prof. Dr. G o l d- s ch e i d e r, der die Konigl. Klinik übernimmt, ist der dirigierende Arzt der inneren Abteilung derselben Anstalt, Prof. Dr. Kuttner, vorgeschlagen worden. Die Cholcragcfahr gänzlich beseitigt. Aus Berlin und Spandau liegen vom gestrigen Tage so günstige Nachrichte» über daS Befinden der unter Quarantäne stehenden choleraverdächtigen Personen vor, daß man die Choleragefahr als völlig beseitigt betrachten darf. Weder in Spandau noch in Berlin sind Meldungen über Neu- einlieferungen von choleraverdächtigen Personen zu verzeichnen. Ans der königlichen SanitätSkommission. Man schreibt uns: Mit vollem Recht hat jüngst der„Vorwärts" die Wirksamkeit der Berliner SanitätSkommission, die dieser Tage nach längerer Pause im Berliner Polizeipräsidium eine Sitzung abhielt, um über Sicherheitsmaßregeln gegen die Cholera zu be- raten, mit dem Veilchen verglichen, das im Verborgenen blüht. Hat sie doch das letzte Mal getagt am 13. September 1995, als auch wieder mal das Schreckgespenst der Cholera hernmspukte. Nach einem besonderen ministeriellen Erlaß ist für Berlin die Einrichtung der SanitätSkommission bestehen geblieben, während sonst für Preußen nach dem Gesetz vom 16. September 1899 über die Bildung von GcsnndheitSkommisfioncn die SamtätSkommissionen aufgehoben sind. Zu dieser Kommission gehören der Polizeipräsident und sein Vertreter, mehrere Kreisärzte, die vom Polizeipräsidium in die Kommission abgeordnet sind, ein Vertreter des In- stituts für Infektionskrankheiten, der Platzmajor von Berlin und der erste Garnisonarzt als Vertreter der Militär« behörde, endlich die Vertreter der Stadt Berlin, ein Magistrats- Mitglied und acht Stadtverordnete. Die sozialdemokratische Fraktion ist nur durch ein Mitglied, den Genossen Dr. Wehl, vertreten.— Die Kommission war nicht etwa zusammenberufen worden, weil zurzeit die Choleragefahr eine besonders drohende ist, sondern ledig« lich im Hinblick auf die Möglichkeit einer Einschleppung der Seuche. Unter diesem Gesichtspunkt wurden verschiedene VorbeugungS- maßregeln beschlossen. So sollen die Revier-Sanitätskommissionen sofort feststellen, welche sanitären Mißstände auf den einzelnen Grundstücken bestehen und Abhilfcmaßnahmen erfordern. Die Wirt- schaftSgenossenschast Berliner Grundbesitzer, die die Abfuhr deS Mülls für den größten Teil der Berliner Grundstücke übernommen hat, soll schleunigst ersucht werden, gerade jetzt eine sorgfältige und häufige Abfuhr des Mülls eintreten zu lassen. Unter anderem wurde auf Vorschlag deS Genossen Dr. Wehl beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, für die schleunige Entfernung der Nahrungs- und Genußmittelreste aus den Markthallen sowie von der Straße in gesundheitlichem Interesse Sorge zu tragen. Bemerkenswert ist schließlich noch ein Antrag unseres Genossen, wonach die Sanitäts- kommission künftig öfters zusammcnberufen werden soll, u m z u allenFragen sanitären Interesses, die in denRahmen ihrer Befugnisse fallen, gutachtlich Stellung zu nehmen und durch die ihr zu Gebote stehende Exekutive für Beseitigung von Mißständen Sorge zu tragen. Die Behörde dürfe nicht erst eingreifen, sobald eine Seuche vor der Tür steht oder gar erst, wenn sie ein Opfer ge- fordert hat. Vorbeugen ist mehr wert als Heilen. Neben der Er- nährung spielt hier zum Nutzen der wirtschaftlich am schlechtesten gestellten Bevölkerungsklassen die Wohnungsfrage die wichtigste Rolle. Dies wurde des näheren ausgeführt und fand den Beifall der Kommission. Insbesondere unterstützte, wie loyaler- weise anerkannt werden muß, der Stellvertreter des Polizeipräsidenten Herr Geheimrat Friedheim diesen Antrag recht lebhaft, der dann auch gegen vereinzelte Stimmen zum Beschluß erhoben wurde. Es ist also zu erwarten, daß die SanitätSkommission von Berlin dank sozialdemokratischer Initiative nicht mehr ein stilles, beschauliches Dasein führen, nicht mehr dem Veilchen gleich im Verborgenen blühen wird. sondern, soweit dies heute und bei ihrer eigenartigen Zusammensetzung überhaupt möglich ist, zur Vergesundheit- lichung Berlins beitragen wird. Zu der gemeldeten Senchensperre auf dem Berliner Viehhof ist noch zu bemerken, daß eine Desinfektion des Viehhofes nicht an» geordnet worden ist, sondern lediglich eine gründliche Reinigung, da die von der Seuche befallenen Tiere— zwei Rinder und ein paar Schweine— nicht erst auf dem Viehhof ausgeladen, sondern sofort nach dem Seuchcnhof gebracht worden sind. Die Tiere stammen aus der Schlawer und Stolper Gegend, wo plötzlich die Seuche ausgebrochen ist. Für Sonnabend bleibt der Viehexport noch ver- boten, es besteht jedoch Hoffnung, daß für Mittwoch, den nächsten Markttag, die Ausfuhr freigegeben werden wird. Uebcr eine Verschärfung der Ueberwachnng von Stadtiahnzügen wird berichtet: Aus Veranlassung der Eisenbahnberwaltung hat die Polizei angeordnet, daß die geheimen Patrouillen, welche die Züge deS Süd- und Nordringes begleiten, in erheblichem Maße zu ver- stärken sind. Dieselben haben die Wagen während der Fahrt zu kontrollieren. Die Maßnahme ist auf die mehrfachen Ueberfälle zurückzuführen, die in letzter Zeit das Publikum so sehr beunruhigt haben. Eine ausgedehnte Straßenbahnbetricisstörung ereignete sich am Mittwochmittag gegen 2� Uhr in der Hasenheide. Dort versuchte ein scknver beladener Gerüsttvagen der Firma E. Arndt, Prenzlauer Allee 193, die Straßenbahngleise zu kreuzen. Dabei war der Wagen mit einem Hinterrad in die Schienenrinne geraten, und bei dem Versuche, das Gefährt freizumachen, brach das Rad ab. Da die Auf- räunmngöarbeiten etwa eine Stunde und zehn Minuten dauerten, mußten die Wagen der Linien 5 und 89 durch die Hermannstraße, die der Linien 7 und 15 durch die Wißmann-, Hermann- und Steinmetzstraße und die der Linien 53 und 55 durch die Wißmann- und Hermannstraße abgelenkt werden. Ueberfahre» und tödlich verletzt wurde daS 5 Jahre alte Mädchen Charlotte Klimpe! aus der Guineastr. 38. Das Kind wurde am Dienstag vor dem Hause Müllerstr. 123 von einem zweispännigen, beladenen Heuwagen, der in den Torweg einbog, überfahren und schwer verletzt. Im Paul-Gerhardstift, wohin das Kind gebracht wurde, starb eS gestern. Ein Opfer der Eifersucht ist nach langem Krankenlager der 27 Jahre alte Schriftsetzer Bernhard Wiek aus der Prinz- Albert- Straße zu Rummelsburg geworden. Der junge Mann hatte l'/z Jahre lange ein Verhältnis mit einer 19 Jahre alten Buchhalterin Fräulein Helene F. aus der Gartenstraße. Diese löste die Beziehungen, nach- dem gegenseitige Eifersucht öfter zu heftigen Austritten geführt halte. Das veranlaßte Wiek sich am 19. Juni in der Gartenstraße auf dem Treppenflur vor der Wohnung der Geliebten eine Revolvcrkugel in die rechte Schläfe zu schießen. Gestern starb er im Lazarus-KrankcnhauS an den Folgen der Verletzung. Eine Bande von„Flatterfahrern" treibt in den südöstlichen Stadtteilen ihr Unwesen. Täglich gehen den dort belegenen Polizei- revieren Meldungen über Bodcneinbrüche zu und die Art der Aus- sührung der Diebstähle deutet mit Sicherheit darauf hin, daß cS sich stets um ein und dieselben Täter handelt. Hauptsächlich haben es die Einbrecher auf Wäsche abgesehen. Auch die Waschbödcn er- brechen die Diebe und hierbei suchen sie wertvolle kupferne Wasch- kessel zu erbeuten. Leider wird den Flatterfahrern dadurch, daß die Vorbodentürcn zumeist nicht verschlossen sind, das Handwerk sehr er« leichtert. Unangenehm überrascht wurden Donnerstag früh gegen 4 Uhr zwei Einbrecher, die in der„Apothckcrbanl", Lindenstr. 74, ihr Heil versuchten. Der Wächter deS Hauses bemerkte die Diebe und schloß sie ein. Eine vorübergehende Frau machte der Polizei Meldung, worauf sechs Schutzleute erschienen, die die Einbrecher, welche gerade im Begriff waren, das Geldspind aufzubrechen, verhafteten. Der„Bund der Laubcnkolonistcn Berlins und Umgegend" hält seine achte allgemeine Ausstellung von sclbstgczogencn Gemüsen, Blunien, Früchten, Hühnern. Tauben und Kaninchen am Sonntag, den 11., und Montag, den 12. September, in den„Sophiensäleu", Sophienstr. 18, ab. Die Ausstellung ist am ersten Tage von 12 Uhr mittags bis 11 Uhr abends, am zweiten Tage von 1 vis 9 Uhr ge- öffnet. Der Eintrittspreis beträgt 49 Pf. Vorort- l�acbriebten. Wilmersdorf. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Das Hastptintereffe der am Mittwoch abgehaltenen ersten Stadtverordnetensitzung nach den Ferien nahm die Auslosung der Ende dieses Jahres ans- scheidenden Stadtverordneten in Anspruch. In der dritten Abteilung haben folgende Stadtverordneten für den Fall, daß sie bei den Wahlen im November nicht wiedergewählt werden, das LMl zu verlsffeo� Pulver, als Vertreter des 1. Wahlbezirks(Halensee, Friedrichsruher Straße, Bornimer Straße, Joachim-Friedrichstraße usw.); Busch, als Vertreter des 8. Bezirks(Alter Ortsteil, Ml- Helmsaue, Augustastraße usw.); Menzel und Schulze, als Vertreter des 9. Bezirks (Güntzelstraße, Holsteinische Straße usw.): Lange, als Vertreter des �0. Bezirks(Ringbahnstraße, Kaiserplatz, Hildegardstraße usw.). Verschiedene dieser Bezirke sind für die Sozialdemokratie durchaus g ü n st i g, so daß es bei intensiver Agitation gelingen muß, unserer Partei endlich die im allgemeinen Interesse dringend notwendige Vertretung zu erobern. In der zweiten Wählerabteiluna wurden die Stadtverordneten Dröse, Leidig, Müller, Mittag, Rosenbaum und Zimmermann, in der ersten Abteilung die Stadtverordneten Hebe- brand, Koch, Hollmann, Waldschmidt und Zicchmann ausgelost. An der Auslosung nahm die Stadtverordnetenversammlung recht lebhaften Anteil. Als der Name des Stadtverordnctcnvorstehers Dr. Leidig unter den Ausgelosten genannt wurde, hörte man einzelne Bravorufe. Sehr geschmackvoll war das eben nicht. Herr Leidig ist als Scharfmacher wahrlich nicht unser Freund- aber was die zum Stadtverordnetenamt erforderlichen Kenntnisse betrifft, so zeichnet er sich in dieser Hinsicht zu seinem Vorteil vor einer Anzahl seiner gegenwärtigen Kollegen aus. Unter den übrigen in der Sitzung verhandelten Gegenständen heben wir zunächst einige Mitteilungen des stellvertretenden Stadt- verordnetenvorstehers Dr. Heinitz hervor. Danach will der Magistrat hinfort jedes Jahr Koei Wohnungsaufnahmen veranstalten; ferner hat der Magistrat für die im städtischen Dienst tätigen Arbeiter eine neue Arbeitsordnung erlassen sowie die Wahlen zu einem ArbeiterauSschutz ange- ordnet. Auf eine Beschwerde, die der Magistrat im Einverständnis mit der Stadtverordnetenversammlung dagegen erhoben hat, daß 1 Proz. Zuschlag zur Einkommensteuer statt der bisher erhobenen 90 Proz. angeordnet wurden, ist vom Ministerium ein Bescheid eingetroffen, der in zwar kurzer, aber von beträchtlicher Sach- Unkenntnis zeugender Begründung den Aufsichtsbehörden recht gibt. Eine recht beachtenswerte Auseinandersetzung gab es aus Am laß einer vom Stadtverordneten Moll an den Magistrat gerich� tetcn Anfrage wegen Vermehrung der Zahl der Stadt- verordnetenmandate. Würde dem Sinne der Städtcord- nung gemäß die Einwohnerzahl der Stadt als Maßstab gelten, so mühten statt der bisher 46 fortan 60 Stadtverordnete über das Ge» schick des Ortes beraten. Stadtrat Hcbebrand erklärte sich im Namen des Mag! strats gegen die Vermehrung der Stadtverordnetenmandate, solange nicht durch eine neue Volkszählung die Einwohnerzahl von Wilmersdorf festgestellt sei. � Die Stadtverordneten Dr. W o l f f und Dr. Edel wiesen aus der Städteordnung nach, daß die Vermehrung der Stadtverordneten� Mandate von dem Resultat der Volkszählung unabhängig ist, so- bald anderweitig einwandfrei die erforderluhc Vermehrung der Einwohnerzahl festgestellt werden kann. Der Mehrheit war aber augenscheinlich nicht viel an einer Erörterung dieses heiklen Gegen. standcS gelegen, denn die Debatte wurde nach Beendigung � der eben erwähnten Ausführungen geschlossen, ohne daß der Magistmt «ine weitere Entgegnung für nötig hielt. Eine Anfrage, die sich auf Unterschlagungen in der Stadtkasse bezog, richtete der Stadtverordnete Cohn an den Magistrat. Sie wurde vom Stadtkämmerer Roh de mit der Versicherung beant- wortet, daß die Kontrolle fortan verschärft werden solle. Bei der Erörterung einer Magistratsvorlage über die Ausi teilung des früheren Meyers chen Grundstücks an der Augustastraße und Wilhelmöaue regte Stadtverordneter Pulver an, einen Teil des Grundstücks als Spielplatz zu reservieren. Herr Pulver betonte, daß die MlmerSdorfer Schulgrundstücke nicht mehr den heutigen Anforderungen ent- sprechen, und er wies dabei auf das von der Stadt C h a r- lottenburg gegebene Beispiel hin, die ein Grundstück im Werte von L Millionen Mark niit einem Kostenaufwande von 6B 000 Mark kürzlich als Spielplatz hat Herrichten lassen. Für diesen Antrag bekundeten die übrigen Stadtverordneten jedoch keinerlei Interesse. Sie waren von der für sie viel schwerer wiegenden Sorge geplagt, ob der Magistrat, der einen beträchtlichen Teil des genannten Grundstückes an Spekulanten verkaufen will, auch zu hohe Preise angesetzt haben könnte. Herr Hesse inalte aus, daß ein Spielplatz an der erwähnten Stelle die übrig- bleibenden Parzellen deS Grundstücks unverkäuflich machen würde, und Herr Müller empfand ein lebhaftes Mitgefühl mit den Steuerzahlern, deren Interesse durch den Antrag Pulver verletzt würde. So war es denn kein Wunder, daß die von Herrn Pulver zur Förderung seines Antrages gewünschte AuSschußberatung ab- gelehnt und der Magistratsantrag angenommen wurde. Bei der Beratung eines MagistratSantrageS betr. Nachzahlung der erhöhten Remunerationsbeiträge an die Hilfslehrkräfte der höheren Schulen für 1908 und 1909 wurde ein Zusatz- antrag Pulver angenommen, wonach auch den Hilfskräften an den Volksschulen, soweit sie heute noch im Dienste der Stadt tätig sind, die Beträge nachgezahlt erhalten sollen. Die n ä ch st e Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wird sich mit einem Antrage des demokratischen Stadtverordneten Moll zu befassen haben, wonach der Magistrat aufgefordert wer- den soll, wegen Maßnahmen gegen die F l e i s ch t e u e r u n g be: der Regierung vorstellig zu werden. Die Liste der stimmfähigen Bürger wird bis einschließlich 15. September dieses Jahres an den Wochentagen von vor- mittags 8 Uhr bis nachmittags 2 Uhr und an den Sonntagen von vormittags 9 bis 12 Uhr in der Melde- und Wahlabteilung, Gasteiner Str. 11. 2 Treppen, zur Einsicht öffentlich auSliegen. Ein- spräche gegen die Nichtigkeit der Wählerliste sind während der Dauer der Auslegung bei dem Magistrat zu erheben. Die 8. Abteilung beginnt mit dem Steucrbetrage von 291,40 Mk. Diejenigen Parteigenossen, denen es an Zeit mangelt, die Liste selbst nachzusehen, werden ersucht, mündlich oder schriftlich ihre Adresse an eine der folgenden Stellen abzugeben: GoddäuS, Augusta. straße 23, Hth. I; Hauboldt, Pariser Straße 60; Frau Markewitz, Weimarsche Str. 12; Pieper, Zigarrenhandlung, Berliner Str. 46; Schröder, Heidelberger Platz 2, III; Schubert, WilhelmSaue 26; in Halen see bei Kempfer, Joachirn-Friedrichstr. 29, vorn IV. Charlottenburg. In der Mitglicderversammlunn deS WahlvcreinS, die am 6. d. M. im„VoUShause" stattfand, sprach Genosse G r o g e r- Rixdorf über:»Die Aufgaben der Sozialdemokratie in de» Kommunen." In anschaulicher Weise gab der Referent ein Bild von den gegenwärtige» traurigen Verhältnissen in fast allen preußischen Gemeinden, die ihren Grund haben in dem elenden Dreiklassenwahlsystem. Dann schilderte der Referent die Tätigkeit der sozialdemokratischen Gemeindevertreter und legte dar, daß die kleinen Verbesserungen für die unteren Schichten, die einzelne Konimunen hier und da einführen, fast ausschließlich auf das Wirken der sozialdemokratischen Vertreter in den Gemeindekörper- schaften zurückzuführen sei. Redner schloß mit der Aufforderung an die Versammelten bei den kommenden Wahlen womöglich noch mehr als bisher für die sozialdemokratischen Kandwaten zu werben.— Für die im fünften Kömmunalwahlbezirk stattfindende Ersatzwahl wurde der Genosse W i l h e l m R i ch t e r als Kandidat ausgestellt. — Zun, Schluß teilte Genosse G e r l a ch noch das Wmterprogramm des Bildungsausschusses mit und wies insbesondere auf die am 22. September im„Bolkshause" stattfindende Auffuhrung von Max Halbes„Jugend" bin.— In der Versammlung wurden 146 neue Mitglieder in den Wahlverein aufgenommen. Ober-Schöneweide. Schulbäder. In Verfolg eines von einem Rektor an die Ge- meindevcrwaltung gelangten Antrages werden jetzt Erhebungen ver- anstaltet über die Zweckmäßigkeit und Durchführbarkeit der Benutzung der Schulbrausebäder während der ganzen Jahreszeit. Bisher konnten die Bäder nur in der warmen Jahreszeit in Gebrauch ge» nommen werden; es soll nun sowohl eine Erwärmung des Brause Wassers, als auch eine Durchheizung der Baderänme stattfinden. Die Badegelegenheit ist in drei Schulgebäuden eingerichtet. Markgrafpieske. Ein sozialdemokratischer Gemeindevorsteher. In der hiesigen Gemeinde, in der bekanntlich unsere Genossen bereits die Mehrheit in der Gemeindevertretung haben, wurde unser Genosse Otto GraSnick mit 11 gegen S Stimmen zum Gemeinde» vor st eher gewählt. Da MarkgrafpicSke aber zu Preußen gehört, dessen reaktionäre Regierung— jeden Sozialdemokraten zur Aui Übung eines solchen Amtes für untauglich erklärt, so dürfte die Gemeindevorsteherherrlichkcit Wohl nicht allzu lange dauern. Weiszensee. Ei» neues Diszivlinarverfahrcn auf Dienstentlassung ist gegen den besoldeten Schössen Dr. Pape eingeleitet worden; es finden bereits Vernehmungen vor dem DiSziplinarkommisiar statt. P. soll in verschiedenen Artikeln der cingegaiigcnen„Bürgerpost" die Gemeindeverwaltung herabgesetzt, das Dienstgeheimnis verletzt sowie noch andere Verfehlungen sich zu schulden gemacht haben. Trcptow-Baumschnlenlveg. Die Gcmeindewahl für daS ungültig erklärte Mandat unseres Genossen H e n s e l ist, wie amilich bekannt gemacht wird, auf den 20. September von 1—7 Uhr nachmittags festgesetzt. Bruchmiihle-Radebrück. Daß unsere Gegner bei der bevorstehenden Gcmcindevertreter- wähl alles aufbieten, um den Sieg zu erringen, zeigte eine von einigen Mitgliedern deS Vororlvereins einberufene öffentliche Versammlung, die am Sonntag bei Nagel in Bruchmühle stattfand. Herr Lehrer Struve betonte in seiner Ansprache, die wie eine Er- Mahnung an Schulkinder gerichtet, daß in die neue Gemeinde nur charakterfeste, unpolitische Männer zu wählen sind und gab auch gleich die Liste der Kandidaten bekannt, natürlich nur Hausbesitzer. In der Diskussion gingen die Herren au? wohlweiSlichen Gründen auf die Ausführungen unserer Genossen nicht ein, sondern sprachen immer nur von den großen Opfern, die der Verein gebracht hätte. Mit rührender Stimme führte Herr Gleiche die Summen an, die einzelne Mitglieder gegeben. Daß ihr Opferbringen aber bloß auf eine Jnteressenpolitil hinausläuft und die übrigen Steuerzahler auch Siechte zu beanspruchen haben, wollte den Herren absolut nicht in den Sinn. Unsere Genossen werden alles daran setzen, um den Herren einen Strich durch die Rechnung zu machen. Spnnvan. Am Sonntag, den 11. September, findet auf dem großen Ererzierplatz ein Fußballwettspiel zwischen der Freien Turnerschaft Charlottenburg und der Freien Turnerichaft Spandau statt. Die Wctlspiele beginnen nachmittags um 8 Uhr. Nach den Wettspielen werde» noch verschiedene Gesellschaftsspiele vorgeführt, an denen sich die Arbeiterschaft beteiligen kann. Jngendveranstnltungen. Freie Jugendorganisation Berlin, slbt. XVI. Sonnabend, den 10. September, abends 8 Uhr, bei C. Remu». Markushof, Marius. straße 18- Versammlung. Vortrag deS Herrn P. Neumann. Gäste will- kommen..„_.. Freie Jugendorganisation Steglitz und llmgegrud. Sonnabend, den 10. September, abends 3 Uhr, findet bei Stein, Friedenau, Handjery- straße, Ecke Rönnebergsiraße, unsere Milgliedervcrsammlmig statt. Vortrag des Herrn Jesertch-Maricndorf:„Wanderung durch die Natur". Wir ersuchen hiermit die Arbeiterschaft von Steglitz und Friedenau, ihre Söhn«, Töchter und auch jugendliche Bekannte aus die Versammlung ausmerksam zu machen._ Hirn der frauenbewegung. Inserate. Man schreibt uns: Das Studium der Inserate sollte ernstlicher betrieben werden. ES eröffnet einen tiefen Blick auf kaum geahnte Gefilde. Daß sich z. B. unter den Heiratsannoncen, Stellungsannoncen in bürger- lichen Blättern oft die scheußlichsten Angelegenheiten verbergen, ist eine bekannte Tatsache. ilber auch Annoncen wie nach- stehende verlangen Vorsicht. Ich hatte gleich über diese Annonce und meine damit gemachten Erfahrungen schreiben wollen, kam aber durch angestrengte Arbeit darüber fort. Erst als ich vor einiger Zeit vom Ausheben eines Spielklubs in der W i I h e I m st r a ß e las, fielet mir die durch die Annonce der- lorenen Stunden wieder ein. Die Annonce erschien am 1. Juli, ein Termin, zu dem sicher viele Stellen ausgeschrieben werden, im „Berliner Tageblatt" und lautete: Verwitwete, geschiedene und alleinstehende Frauen finden selbständige Tätigkeit mit gutem festem Gehalt und Pro- Visionen, wenn sie imstande sind. Kundschaft zu besuchen. Ausführliche Offerten unter I. V. 622 an Rudolf Mosse. Berlin SW. Auf die Annonce meldete ich mich. Darauf erfolgte die prompte Antwort:„Auf Grund Ihrer geschätzten Offerte beab- sichtige i ch Sie zu engagieren und bitte um Ihren gefl. pünkt- lichen Besuch am 5. Juli cr., vormittags 12 Uhr. Hochachtungsvoll Matikke. Auf der Rückseite der kurzen Mitteilung waren 22 Routen an- gegeben, die alle zum Bureau MatiSke führen. Natürlich schlug ich(und wieviel andere wohl?) nach Empfang der Mitteilung daS Adreßbuch auf, zu sehen, wer der Herr MatiSke sei. Direktor, meldete eS lakonisch. Also warten. Zum festgesetzten Termin begab ich mich in die elegante zweite Etage, Wilhelmstraße 19. Ich wurde in ein kleines Kontor geführt, wo schon zwei„geschiedene" Frauen warteten, eine fesche Wienerin und eine Inhaberin eines Berliner Schneiderateliers.„Haben Sie eine Ahnung, um was es sich handelt?", fragten sie mich.„Nein", mußte ich sagen, ent- deckte aber im selben Augenblick einige„Tätigkeitsberichte" auf dem Schreibtisch, wie sie die Versicherungsgesellschaften jju verwenden pflegen.„Es scheint mir,....."-Ja. es scheint uns auch," fielen sie mir beide inS Wort,„als ob wir hereingefallen sind!" Wir warteten trotzdem, hätten unS ja täuschen können, bis 12 Uhr 20 Minuten. Dann wurden wir in ein sehr großes und feines Zimmer geführt, ich könnte mir denken, daß es als Spiel- salon sehr gut zu benutzen wäre. Dort empfing unS ein Herr in den Fünfzigern. Er lud uns höflichst ein, Platz zu nehmen und entwickelte uns in einem eine halbe Stunde währenden Vor» trag die Herrlichkeiten der Versichcrungsbranche.„Nicht wahr, meine Damen," so begann er:„wenn Sie gewußt hätten, daß eS sich um die Versichcrungsbranche han» deltc, würden Sie wahrscheinlich alle nicht cr- schienen sein?"—„Nein," riefen wir alle drei. Die imaginären Verdienste, die uns dieser Vertreter der„ V i c t o r i a denn um diese handelt es sich, ausmalte, will ich hier natürlich nicht wiederholen. In Sonderheit schien dem Herrn die sogenannte „Volksversicherung" der Victoria am Herzen zu liegen. Das gute feste Gehalt und Provisionen standen vorläufig im Monde, die Kundschaft, die zu besuchende, sollten wir selbst erst anwerben. Wir sollten schon vom nächsten Morgen an zu den Einweihungsstunden des Herrn Matiske erscheinen, sollten in die Interna des Vcrsicherimgsgeschäftes der Victoria eingeweiht werden und falls nian unS dann im Verlaus einer Woche oder so für diese Sache, wofür Herr MatiSke plötzlich sein frauenrechtlerisches Interesse entdeckt hatte, geeignet befände, dann sollten wir nicht etwa mit einem festen Gehalt bezahlt werden, son fiern für den Fall, daß wir fest angestellk würdetk, sollten wir so viel Provision erwerben, daß diese 120 Mk. ausmache, was, immer wohlgemerkt, bei fester Anstellung daran fehle, das lege die noble Gesellschaft zu. Ich glaube gern, daß es schwer hält, noch Leute in die Äersicherungsbranche zu bekommen, der VolkSmund behauptet ja, das Versicherungsengagement käme gleich nach dem Pferdestchlen, daß aber eine so große Gesellschaft mit solchen Finten arbeitet, um fleißige, besonders schwer um ihre Existenz ringende Frauen um Stunden ihres Daseins zu bringen, denn mit der Vorstellung bei Herrn MatiSke gehen außer dem Fahrgeld, Stunden verloren, und daß eine solche Gesellschaft er- werbende Frauen auf diese Weise in die unsichere Existenz einer Versicherungsbranche zu lotsen sucht, muß doch sehr" befremden. Denn auf meine Frage an den Herrn Matiske:„Werden wir während der„Einwcihungstage" salariert?" erfolgte ablehcnder Bescheid. Ja, ja, die Versicherungsgesellschaft scheint wenig mann. liches Personal für Volksversicherungsfang bekommen zu können, nun sucht sie d u m m e F r a u e n für den Posten. Herr Matiske muß uns am anderen Morgen vergeblich erwartet haben und viel- leicht auch noch an den nächstfolgenden Tagen, trotzdem wir nicht zu kommen versprochen hatten. Wenigstens empfing ich noch ein- mal am 15. Juli daS untenstehende Schreiben: „Sie haben sich bei uns um Stellung beworben, haben sich die Bedingungen angehört und haben zugesagt, demnächst zu erscheinen, was bis zetzt nicht geschehen ist. Sie hätten unS doch wenigstens den Grund sofort angeben sollen, damit wir nicht erst mit der Direktion wegen Ihrer Anstellung verhandeln brauchten. Ihrer Anstellung steht nichts im Wege und haben Sie besondere Wünsche, so wollen Sie uns diese mitteilen, aber persönlich, nicht schriftlich. Wir glauben. Ihre Ansprüche und Wünsche werden nicht so groß sein, als daß wir sie zu befriedigen nicht imstande sein werden. Ihr recht baldiger Besuch, zwischen 9—10 Uhr vormittags, wäre uns angenehm. Hochachtungsvoll Die Generalagentur Matiske." Wo bleibe ick nur mit den vielen Versicherungspapieren, die unS Herr Matiske als sein„Evangelium" beim Abschied in die Hände drückte?_ Hilfe gegen häufigen Dieustbottiiwechsel. Nach bekanntem Muster klagen auch die Charlottenburger Dienstherrschaften vielfach über unbotmäßige Dienstboten und häufigen Stellenwechsel. Da kamen Mitglieder des Charlotten. burger Sparkassenvorstandes auf den pfiffigen Gedanken, die Dienstboten dadurch mehr an eine Dienststelle zu fesseln, indem man ihnen als Belohnung für längeren Verbleib bei einer Herr- schaft Sparprämicn in Aussicht stellte. Der Gparkassenvorstand sei ja berechtigt, von dem Ueberschuß der Kasse Aufwendungen „für gemeinnützige Zwecke" zu nmchen. Ter Regierungspräsident werde dazu die Genehmigung jedenfalls nicht versagen. Es wurde im Vorstande ein Antrag eingebracht, Dienstboten, die nachweislich während der letzten fünf Jahre bei ein und derselben Herrschaft gedient und während der Zeit Spareinlagen bei der Sparkasse ge- macht haben, Prämien von 10, 15 und 20 M. zu ihrem Sparkonto zuzuschreiben und für diesen Zweck 3000 M. auszusetzen. Zwar machte ein Mitglied des Sparkassenvorstandes darauf aufmerksam, daß dieser Antrag nur die Wirkung haben könne und solle, Dienst» boten längere Zeit an ihre gegenwärtige Dienststelle zu fesseln, was man nicht immer für einen gemeinnützigen Zweck erachten könne. Das erwünschte Ziel könne man durch bessere Bezahlung und Behandlung der Dienstboten einwandfreier erreichen. Aber der Antrag wurde gegen diese eine Stimme angenommen und zum Beschluß erhoben. Nun können sich etwa 150 bis 200 Charlottenburger Dienstherrschaften freuen, daß der Sparkassenvorstand mit seinem lob» lichen Streben, den Spareifer anzufeuern zugleich auch sie vor dem so unangenehmen häufigen Dienstbotenwechsel zu schützen sucht. Manche Sparer werden sicherlich keine Lust verspüren, die Kasse in dem Bestreben, für reiche Leute dillige Dienstboten zu sichern� durch Einlagen zg Unterstützen._ Deutscher Arvriter• Abstinentenbund. Ortsgruppe verlia. Heute abend pünktlich g Uhr im«ewerkschastShause, Engelufer 15, Saal 9: Bortrag deS Genossen Lenzner über»Städtebau". Gäste willlommen. «mtltche» Marktbericht der«tädtifchen Martthallen-DtreMon«wer den Großhandel In den Zentral-Marttballen. Marktlage: Fletsch: Zufuhr stark, Geschäft etwa? reger, Preis« für Schwetnefleifch nachgebend, onst unverändert. Wild: Zufuhr nicht genügend, Geschäft lebhaft, vretle fest. Geflügel! Zufuhr tn Gänsen reichlich, sonst nicht genügend, Geschäst lebhaft, Preise befriedigend. Fifch«: Zufuhr mäßig. Geichäst ruhig, Preis« wenig verändert. Butter und Käse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Ob» und Südsrüchte: ftulu&r meist über Bedarf, Geschäft leblos, Preise gedrückt. «tttteruugSüberNcht vom S.September Igt», morgen«» uvr. Ttatwuen Ilvtnemde. Hamburg jjranfl.a W.: 763 NO München 1764 SHO Wie» 1762® 761 N 764 NNO 761 NW «elter t 3 wolkig 3 bedeckt 3 bedeckt 3 wolkig bedeckt 2 wolkig <«« ri» ill m Stationen i| ii »f Haparanda 771N Petersburg 766 ONO Sctllh tlberdeen Part« 76g O 771 WSW 766 NNO «eUer 2halbbd. Lbedeckt 1 wolkig 1 heiter 1 wolkig Ä H 7 13 13 7 18 Wetterprognose für Freitag, den S. September 1910. Nacht» etwa» kühler, am Tage ein wenig wärmer, zeitweise heiter, aber noch veränderlich bei mäßigen nordwestlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WasierftandS.kstackrttbteu der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m- l. TUss« P r e g ei. Jnsterdmg Weichsel, Tborn Oder. RaNbor , tkrossen . Franklurt Warth«, Schrtmm , Land»berg Netz«, vordanun Elbe, Leilmeritz » Dresden » Barbe . Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Spandau') , Narbenow') Spree, Svremberg') . Beeskow Weser, Münden » Minden Rhein, Maxiiniliansan , Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main. Dertheim Mosel. Trier am 7. V ein 04 LI 86 120 175 -33 22 505 329 336 165 145 170 fett 6.3. on>') -1-8 "f � +0 — 1 +4 -2 -27 +5 +9 — 10 — 2 +56 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.•) Unterpegel. DaS Hochwasser im Odergebiet hat weiter zugenommen: der Strom selbst ist von gestern bis heute morgen bei Ratibor noch um 62 em aus 658 cm gestiegen und stieg noch. Die A l a tz e r R« i II e, die nächst den Ouellflüssen von besonders entscheidender Bedeutung sür die Größe des Oderhochwassers ist. hat bei Wartha am Ausgang au» dem Glatzcr Kessel gestern den höchsten bekannten Wasserstand um 18 onr überschritien und lag heute bei Sicisse nur noch 20 cm unter dem allerhöchsten bekannten Wasserstand«, der dort Juli 1303 eingetreten ist, wobei sie noch stieg.— DaS Hochwasser ist bedeutender als dasjenige vom Juli 1307. Zu der Be» sürchtung. daß eS ähnlich verheerend werde» könnte wie da» vom Juli 1303, ist bi» jetzt noch kein Anlaß; die endgültige Sntwickelung läßt sich aber noch nicht übersehen, da daS Wasser heute morgen an der oberen Hotzenplotz ausS neue stieg. Verantwortlicher Redakteur Richard Barttz, Berlin. Ar bis Lnierstente»! vergntw»; Td,Gi«l»k.Lerlm. Druck u.Bttlgg:Vorwäit» Luihdruckerei u-PerlagSanslait Paul Singer&