Wr. SIS. klbonnements-IZeckiNgungeni Iwonneincnts< Preis pränumerando: Pierteljähri. 3�0 Mr, nionatf. 1,10 Mk., »vöchciUIich 23 Pfg, frei ins HauS. Einzelne Nununcr 5 Pfg. Sonntags. Nummer nut illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Pretslisle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, Crldbelnt täglich auGer montags. S7. Jahrg. Vevlinev Volksblakt. Die Tnlerflons-Gebflljr betrügt für die sechsgcspaltene Kolonel- zeile oder deren Raum eo Pfg., für politische und gcwcrlschaslliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigcn 30 Pfg. „Kleine Hnsrigcn", das erste(feit« gedruckte) Wort 20 Psg., jedes Weiler- Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramni. Adresse: „Sozialdemofcrat Rcrlln". Zentralorgan der rozialdemohratifchen Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Linden Strasse 69« Fernsprecher, Amt IV, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» fleiichivucher und agrarische Husfliichte. Alls alle Klagen über die Fleischteuerung und auf die Forderung der Oeffnung der Grenzen antworten die Agrarier mit der stereotypen Behauptung, die Oeffnung der Grenzen und die Abschaffung der Zölle würde nichts nützen, da auch im Auslande das Vieh teuer ist; ferner wiederholen sie die alte Leier von dem unentbehrlichen Schutz gegen die Ein- schleppung der Seuchen, drittens schieben sie die Schuld auf die Händler. Prüfen wir diese Einwände. Vor allem das Argument der Seucheneinschleppung. Wenn man's so hört, könnte man glauben, daß Deutschlands gesegnete Gefilde frei sind von den bösen Bakterien, daß die deutschen Wiederkäuer und Borstentiere unter besonderem Schutze des Himmels stehen und nur erkranken, wenn die Seuche eingeschleppt wird. An alledem ist kein wahres Wort. In den Grenzländern, in Oesterreich, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland und Dänemark sind die veterinärpolizei- lichcn Vorschriften nicht minder streng wie in Deutschland und Seuchenherde bestehen dort nicht in höherem Maße wie hier. Die Sache ist so klar, daß man darüber eigentlich kein Wort zu verlieren braucht. Die Verschleppung von Seuchen findet innerhalb eines Landes ebenso statt, wie über die Grenze, die Gefahr wird durch den Grenzverkehr mit den genannten Ländern überhaupt nicht vergrößert. Die einzige Grenze die gefährdet ist, ist die russische Grenze. Jenseits dieser Grenze sind die Zustände tat- sächlich schlimm, weil die verlotterte russische Verwaltung nicht imstande ist, eine erfolgreiche Veterinärpolizei zu handhaben. Die Bevölkerung aber kann nichts tun, weil die Selbstverwaltung fehlt. Hier ist also eine scharfe Kontrolle notwendig. Sobald aber diese Kontrolle nicht der Schikane, sondern dem tatsächlichen Schutz dienen soll, ist sie unbedingt sicher durchzuführen. Heute ist die Einfuhr von Rindvieh aus Rußland gänzlich untersagt, während die Einfuhr von Schweinen„kontingentiert" ist: es dürfen wöchentlich 2500 Stück nach bestimmten Schlachthöfen in Oberschlesien eingeführt werden. Warum nur nach Oberschlesien, warum nicht auch nach den Grenzstädten in den Provinzen Posen, West- und Ostpreußen? Nur deshalb, weil es sich eben nicht um die Kontrolle, sondern um Schikane handelt. Die Re- gierung mußte die Einfuhr nach Oberschlesien gestatten, weil hier der Fleischmangcl bereits in den neunziger Jahren zu einem unerhörten Skandal wurde, sie sträubt sich die gleiche Maßnahme für andere Grenzstriche zu gestatten, einzig, weil sie den Agrariern die Konkurrenz fernhalten will. Und dann! warum 2500, warum nicht 3000, nicht 5000 Stück wöchentlich? Kann man 2500 Stück kontrollieren, so kann man auch die doppelte Zahl kontrollieren. Nun sagt man: es wird auch dieses Kontingent nicht ausgenützt; im letzten Jahre sind statt 130000 nur 119000 Stück Schweine aus Rußland ein- geführt und 1908 nur 95 000 Stück. Sehr erklärlich I Die polnischen Landwirte längs der preußischen Grenze können gut und leicht viele Hunderttausende von Schweinen liefern; wenn aber die Tiere, statt ein paar Meilen nach den deutschen Grenzorten gebracht zu werden, einen Transport von 100 und mehr Meilen zurücklegen n'üfien, um auf großen Umwegen nach Oberschlesien z i■ wngen, so ist die Einfuhr praktisch unmöglich, die Transporllei.cu werden zu hoch. Deshalb kommen für die Einfuhr nach Deutschland nur die Gegenden jenseits der oberschlesischen Grenze in Betracht. Aber hier liegt das polnische Jndustrierevier von Dombrowa-Sosnowice, das gleichfalls einen starken Bedarf an Schweinefleisch hat. Es ist daher ganz natürlich, daß dieser Rayon nicht das zulässige Kontingent liefert. Manrichte in d en G r en z 0 rten der Bahn- strecken, in Eyd�t kühnen. Lyck, Soldau, Thorn, Ostrowo die Schlachthäuser in der gleichen Art wie in Oberschlesien ein und der Bedarf an Schweinen wird sicher gedeckt. Aber wenn nun die Einfuhr von Borstentieren unter solcher Kontrolle möglich ist. warum nicht auch die Einsuhr von Rindvieh und Schafen? Es würde bei Oeffnung der Grenze sofort auch eine starke Lieserung dieser Schlachttiere aus Rußland stattfinden. Man sieht— das Gerede von der Seuchengcfahr fällt in nichts zusammen, wenn man die Tatsachen Prüft. Dabei stellt sich jetzt auch heraus, daß die Maul- und Klauenseuche, die zurzeit in West- und Ostpreußen grassiert, keineswegs vom Auslande eingeschleppt ist. Die amtliche Untersuchung hat ergeben, daß sie anläßlich eines Marktes in Tuchel verbreitet wurde, aus den Viehbeständen eines deutschen Händlers. Dieser hatte Vieh nicht vom Auslande bezogen, sondern aus deutschen Orten, wo die Seuche verheimlicht worden war. Es liegen demnach der- brechcrische Verheimlichungen deutscher Landwirte und Unter- lassungsgründe deutscher Behörden vor. Also: das Gerede über die Scuchengefahr ist eine lügnerische Ausrede; das Vieh in den Grcnzstaatcn ist nicht mehr verseucht, als in Deutschland; die einzige Ausnahme ist Rußland, aber hier liegt es nur an dem guten Willen der deutschen Behörden, bei entsprechender Kontrolle die Einfuhr zu ermöglichen. Nun zu dem zweiten Einwand: es sei auch im Auslande das Vieh teuer und daher der Bezug vom Auslande nicht möglich. Diese Behauptung ist nur zu einem kleinen Teil richtig. Es sind die Preise im Auslande wohl gestiegen, aber lange nicht in dem Maße wie in Deutschland. Die Ursachen viescr allgemeinen Teuerung sind an sich sehr interessant. In erster Linie sind sie darauf zurückzufiihren, daß auch in anderen Staaten die gleiche lvahnsinnige Zoll- und Absperrungspolitik getrieben wird. So ist z. B. die enorme Verteuerung des Fleisches in Oesterreich darauf zurückzuführen, daß die österreichische Regierung seit Jahren die Grenze gegen die Balkanländer absperrt. Früher wurden ip Massen Schweine und Ochsen aus Serbien und Bulgarien nach Oesterreich aus- geführt, hier gemästet und auf den Markt gebracht. Diese Zufuhr fehlt, die österreichischen Agrarier haben deshalb die Möglichkeit, die Preise zu steigern, unerhörten Wucher zu treiben. Ebenso ist die enorme Fleischteuernng in Nord- amerika, die bekanntlich zu einem Fleischboykott geführt hat, künstlich hervorgerufen: es hat der Fleischtrust die Herrschaft über den Markt erlangt und den unverschämtesten Waren- Wucher getrieben. Es scheint daher in der Tat die. Einfuhr aus Oesterreich für die nächste Zeit nicht sehr steigerungsfähig, wohl aber ist sicher aus der Schweiz, aus Holland, Dänemark und Rußland eine sehr starke Einfuhr zu erwarten, wenn die Grenzen frei- gegeben und der Zoll aufgehoben wird. Um wie viel billiger das Fleisch im Auslande ist, ergibt sich aus einem Vergleich zwischen den Viehpreisen in Kopen- Hägen und in Berlin. Der Vergleich ist deshalb besonders interessant, als es sich in Dänemark nicht um extensive Weide- Wirtschaft handelt, sondern um eine bei sehr intensiver Land- Wirtschaft durchgeführte Viehzucht. Bei dem Vergleich können wir uns auf� amtliches Material stützen, nämlich auf die Zahlen, die in den„Vierteljahrcsheftcn zur Statistik des Deutschen Reiches"(I. Heft 1910) enthalten sind. Danach war der Preis in Mark für den Doppelzentner Schlacht- gelvicht für Tiere bester Qualität(wobei die Qualität in Dänemark sogar höher ist, da dort unter Qualität I nur Tiere in Vollmast zu verstehen sind): Man sieht: die Auf- und Abbewegung vollzieht sich gleich- zeitig an beiden Märkten, aber die Preisschwankungen sind in Berlin bei weitem größer. Der höchste Preis für Ochsen— in Berlin 172 M.— ist um rund 24 Proz. höher als der niedrigste— 139 M., während in Kopenhagen die Differenz 10 Proz. beträgt; bei Schweinen ist die Differenz in Berlin 43 Proz., in Kopenhagen nur 20 Proz. Diese größere Stetigkeit der Preise hat bei Versorgung des Marktes sehr große Bedeutung. Die Hauptsache ist aber, daß alle drei Vieharten in Berlin ganz enorm teurer sind als in Kopenhagen. Im Jahre 1909 waren Ochsen um fast 50 Proz., Kälber um 48 Proz., Schweine um fast 44 Proz. in Berlin teurer; Auch im Jahre 1902 war die Differenz groß: bei Ochsen 26 Proz., bei Kälbern 45 Proz., bei Schlveincn 22 Proz., aber sie ist jetzt bei weitem größer. Der Grund ist sehr einfach: seit 1906 ist der erhöhte Zoll in Geltung und verteuert in Deutschland den Preis in horrender Weise. Es bleibt also dabei: durch die Grenzsperre und den Zoll wird der Bevölkerung Deutschlands das Fleisch in horrender Weise verteuert. Schließlich die Frage: wer hat die Schuld an der gegen- wältigen Teuerung? Die Agrarier behaupten— die Viehhändler; diese wieder beschuldigen die Landwirte, die angeblich das Vieh absichtlich zurückhalten. Behauptung steht also gegen Behauptung. Notorisch ist, daß bei der Versorgung der großstädtischen Märkte mit Schlachtvieh die Händlerringe eine immer größere Rolle spielen. Das ist sehr erklärlich. Bei dem Vieh Handel, wie er sich hier gestaltet hat. werden die kleinen Händler gänzlich ausgeschlossen. Das Vieh muß in großen Par- tien geliefert werden. Der Händler muß also inistande sein, das Vieh aufzukaufen, entsprechend große Stapel an einem Orte zusammen zu bringen und dann in ganzen Wagen- ladungen— oft sind es ganze Güterzüge— nach den Hauptmärkten zu versenden und zwar oft auf beträchtliche Ent- fernungen. Dazu bedarf es natürlich sehr bedeutender Kapitalien und es ist selbstverständlich, daß die wenigen Firmen, die hier in Betracht kommen, Ringe untereinander bilden und„die Preise halten". Daß diese Ringe nicht zimperlich sind und wo sie können den.Preis in die Höhe treiben, versteht sich am Rande. Aber diese Praktiken können um so erfolgreicher betrieben werden, je beschränkter der Markt. Wäre die Zufuhr vom Auslande frei. so würde beim Steigen der Preise sofort eine scharfe Konkurrenz einsetzen, es würden Händler außerhalb des Ringes in kurzer Zeit vom Auslande Vichtransporte auf den Markt werfen. Bei der Grenzsperre und dem enormen Zoll besteht diese Gefahr der Konkurrenz für die Ringe nicht. Sie können getrost für eine Zeitlang den Markt sperren, indem sie die Viehstapel zurückhalten, die Zufuhr zum Markte unter- binden und so eine„Schwänze", eine künstliche Preis- stcigerung herbeiführen. Denn ehe die Konkurrenz größere Transporte zusammenbringt und auf den Markt wirft, ver- gehen Wochen. Ob bei der gegenwärtigen Teuerung solche„Schwänzen" eine Rolle spielen, iväre zu untersuchen. Worauf es ankommt. ist, daß nur die Oeffnung der Grenzen und die Aufhebung des Zolles solchen Praktiken vorbeugen kann. Es ist denn auch sehr charakteristisch, daß die Viehhändler gegen die Oeffnung der Grenzen sind. So wird berichtet, daß der Bund deutscher Viehhändler auf seiner von 300 Mitgliedern besuchten Jahresversammlung am 31. August in Husum sich gegen die Oeffnung der Grenzen aussprach, weil diese schließlich zur Einfuhr von gefrorenem Fleisch führen würde, und davor haben die Herren eine Heidenangst. Das Geplänkel zwischen Agrariern und Viehhändlern bestätigt daher nur von neuem die Berechtigung des Rufes nach Oeffnung der Grenzen. Keine Milderung der Fleischnot! Der Vorstand des Deutschen Fleischerverbandes war am Dienstag- mittag bei dem preutzischen Landwirtschaftsminister und überreichte eine Denkschrift mit einer Reihe Vorschlägen zur Bekämpfung der Vieh- und Fleischot. Der Minister sagte„wohlwollende Er» w ä g u n g" der gemachten Vorschläge zu. In einigen Tagen werde er schriftlichen Bescheid geben. Daß die Viehpreise als u n- gewöhnlich hoch bezeichnet werden könnten, gab er zu, doch sei an eine Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr lebenden ViehcS zurzeit nicht zu denken, weil dies nach seiner Ansicht dem Notstand nicht abhelfen würde. Schon diese Nachrichten über den Empfang des Fleischer» Verbandsvorstandes lassen erkennen, daß die preußische Negierung sich nach wie vor beharrlich weigert, irgend welche Schritte zur Be- Hebung der Fleischnot zu tun l Der lvürttembergische Minister des Innern Dr. v. P i s ch e k hat auf einem landwirtschaftlichen Gaufest auch Stellung zur Fleischteuerung genommen und, wie das der Gesellschaft an» gemessen erscheint, in der er seine Rede hielt, natürlich im agrarierfreundlichen Sinne. Von Oeffnung der Grenzen will er nichts wissen; die Suspendierung der Futterzölle habe keinen großen Wert, eS bleibe nur das„allmählich wirkende Mittel zur Herabsetzung der Flcischpreise: die Vermehrung des eigenen' Viehbestandes." Es sei eine dringende und im eigenen Interesse der deutschen Landwirtschast gelegene Aufgabe, der Auszucht des Viehes, selbst wenn dies wegen der notwendigen Vergrößerung der Futter- bauflächen nur mit einer gewissen Einschränkung des Getreidebaues erreichbar fein sollte, in erweitertem Maße sich wieder hinzugeben. Die Herren Minister leiden ja am wenigsten unter der Fleischnot und Fleischteuerung. Sie können es ruhig abwarten. und wenn es Jahrelang dauerte, bis durch die Aufzucht im Lande sich das Angebot mehrt und die Fleischpreise infolgedessen wieder etwas fallen. Aber das Volk, der gewerbliche Mittel» stand, in erster Linie natürlich die Arbeiterklasse, können nicht so lange warten, für sie ist die Fleischnot höchst aktuell, so daß sie sofortiger Lösung bedarf I Bon den„wohlwollenden" Redensarten der Herren v. Schar» lern er und P i sch ek hat daS unter den Notstandspreisen schwer leidende Proletariat nichts! Es verlangt Taten, unmittel« bare Maßnahmen! � Die Düsseldorfer Fleischerinung hat eine Eingabe wegen Abhilfe der Fleischteuerung direkt an den Kaiser gerichtet- Zu den Ministern haben die Düsseldorfer Fleischermeister offenbar kein Vertrauen mehr. Eine Versammlung in S t 0 l p protestierte gegen Fleischwuchcr und Kaiserrede». « Rcgrcßaiisprüche. Die Viehhändler, die nach dem Berliner Vieh- hos Vieh liefern, werden morgen unter der Leitung des ersten Vor- sitzenden des Vereins der Vereinigten Viehkonunissionäre Berlins Franz Rahm zu einer Sitzung zusammentreten, in der, wie die „Allgemeine Fleischer-Ztg." mitteilt, beschlossen werden soll, die Be- fitzer der fünf Gehöfte in Rehden(Kreis Graudenz), aus denen die Maul- und Klauenseuche nach dem Berliner Viehhofe verschleppt worden ist, für den dadurch ertstandenen enormen Schaden(wie be- hauptet wird, über IVO 009 M.) verantwortlich zu machen. Die Be- sitzer dieser Gehöfte haben nämlich, wie amtlich festgestellt worden ist, unter Verletzung der ihnen gesetzlich obliegenden'Anzeigepflicht die Seuche verheimlicht und dadurch verschuldet, daß die Seuche sich weiter verbreitet hat und so auch nach dem Berliner Viehhof ge» kommen ist. Der Anspruch der Händler stützt sich auf den§ 823 des B. G.-B., weil die Gehöftbesitzer durch die Verheimlichung der Seuche fahrlässigerweise daS Eigentum der Händler widerrechtlich verletzt haben. Der Schaden, der durch die Verheimlichung weiter angerichtet worden, ist sehr bedeutend, da noch eine große Anzahl von Ortschaften dadurch verseucht worden sind. Dss Ende eines Reaktionärs. Dresden, den 12. September. WaS in Sachsen seit Jahren immer und immer wieder an- gekündigt und erhofft wurde, aber immer wieder nicht zutraf, wird sich endlich erfiillcn: der 73 Jahre alte Finanzmini st er Dr. v. R ü g e r wird am 1. Dezember seinen Posten einem Nach» folger überlassen. In den letzten fünf Jahren, seit dem Abgang des Herrn v. Mctzsch, war Dr. Rüger weit mehr als sächsischer Finanz- minister. Er war die Seele der Reaktion in der sächsischen Regierung und der wichtigste Stützpunkt der konservativen Partei. Mit seiner Hilfe besonders blieb die konservative Clique in der zweiten Kammer des Landtages noch immer die ausschlaggebende Gruppe. Ihre Politik war die Re- giertlngspolitik, nnd der Widerstand, den sie jedem Fortschritt ent- gegensetzte, fand seinen Rückhalt in der Regierung. Rüger war ein leidlich gewandter Redner, aber alles andere eher als ein Diplomat. Seine Ministerlaufbahn ist gekennzeichnet durch eine lange Reihe rednerischer Hetzleistungen, die oft von solchem Ungeschick waren, daß sie stürmische Entrüstungsszenen hervorriefen, und zwar nicht nur bei den Sozialdemokraten, sondern ebenso häufig auch bei den Nationalliberalen. Sein galliges Temperament spielte ihm in solchen Fällen oft böse Streiche; was ihm an diplomatischem Geschick abging, ersetzte er durch Rücksichtslosigkeit, die seine ebenso engherzige wie rückständige Auffassung scharf hervortreten ließ. Kenn- zeichnend für seine Art ist ein Ausspruch, den er tat, als bei der letzten Neuregelung des Einkommensteuergesetzes Steuererleichterungen für kinderreiche Familienväter gefordert wurden. Er versuchte dieses zeitgemäße Verlangen mit der Bemerkung abzutun:„Wem der liebe Gott Kinder gegeben hat, der soll sie auch erhalten." Jahrelang, bevor er Minister wurde, hat Rüger als Vertreter der sächsischen Regierung im Bundesrat die sächsische Ver- folgungs- und Nadelstichpolitik gegen die Arbeiterbewegung durch Dick und Dünn verteidigt. Bei den stürmischen Debatten über das Löb- taucr Zuchthausurteil rief er den sozialdemokratischen Rednern zu: „Ihre Reden werden nicht Ire wirken, daß sich die Türen des Zuchthauses für die Verurteilten auch nur eine Stunde eher öffnen." Die EntWickelung der Dinge hat ihm unrecht gegeben. Er konnte natürlich mit all seinem reaktionären Eigensinn auch sonst die EntWickelung nicht aufhalten. Wie alle Finanzminister in Sachsen, so war auch Dr. Rüger der oberste Leiter des Eisenbahnwesens, also Verkehrs- minister. Seine reaktionären Anschauungen machten ihn indes zum Minister gegen den Verkehr. Das„viele Reisen" hielt er für ein volkswirtschaftliches Unglück; besonders bedauerlich fand er, daß an Sonntagen mit Hilfe der Eisenbahn Ausflüge unternommen werden. Darin erblickte er eine Ursache der Verarmung. Er war daher nur äußerst schwer zu Verkehrserleichterungen zu bewegen. Mit geradezu bösartigem Eifer ging er mit Maßregelungen gegen organisierte Eisenbahner bor. Rücksichtslos warf er sie selbst zur Weihnachtszeit hinaus. Das ärgste Stück leistete er als er im Frühjahr d. I. in Chemnitz 19 Eisenbahner allein deshalb aufs Pflaster warf, weil sie eine Versammlung besucht hatten, in der ein sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter über den Eisenbahn- , etat sprach. Eisenbahnermaßregelungen waren auch die Ursache heftigster Zusammenstöße zwischen Dr. Rüger und den Sozial- d e m o k r a t e n in der Zweiten Kammer. Höhnisch erklärte dabei der Minister, die Eisenbahner hätten ja die Wahl zwischen einer gesicherten Stellung und dem Versuche, ob ihnen die Sozial- demokraten Brot geben würden. Im Februar dieses Jahres führte dieses provozierende Verhalten des Finanzministers zu scharfem Konflikt. Als einige sozialdemokratische Abgeordnete durch Zurufe gegen sein koalitionsfeindliches Reden protestierten, be- zeichnete er das als Ungezogenheit, worauf eine stürmische Protestszene folgte, bei der der alte Herr blaß vor Erregung den Präsidenten um Schutz ersuchte. Mehrmals noch hat der Minister durch sein provozierendes Verhalten solche Szenen heraufbeschworen. Mit giftigem Hasse trat er überhaupt stets den Sozial- demokraten gegenüber. Niemal» konnte er sich zu einem sachlichen Eingehen auf unsere Forderungen und Darlegungen ver- stehen, fast immer brachte er dagegen nichts vor als bissige und provozierende Bemerkungen, die ihm natürlich entsprechend zurück- gegeben wurden. Auch gegen die Liberalen ging er in derselben provo- zierenden Weise vor. Einmal bezeichnete er die Etatsrede des Abg. Hettner als hohle Phrasen, ein andermal sprach er davon, die Liberalen könnten siebenmal siebzigmal solche Reden halten, ohne daß sie nur ein Jota erreichten. Einmal nahm er die beleidigenden Ausdrücke zurück. Jedesmal mußte er bittere Wahrheiten hören, die ihn oft in die größte Aufregung versetzten. Dann stand er auf und verlieb schleunigst den Saal. Das war immer sein Ausweg; wenn er sich nicht zu helfen wußte, riß er aus. Von bürgerlicher Seite werden ihm große Verdienste um die sächsischen Finanzen nachgesagt. Es ist zuzugeben, daß er eine etwas besiere Ordnung hineingebracht hat, aber im Grunde war feine Politik eine engherzige, echt kleinliche Sparerei auf Kosten der Kulwraufgaben und des Verkehrs. Der Eisenbahnbau ist unter seiner Leitung- fast ganz zum Stillstand gekommen, Rechtspflege, Schulen, Verwaltung— alles hatte unter seinem Sparsystem zu leiden. Daß es maßgebend wurde, dafür hatte er durch ein be- sonderes Gesetz gesorgt, das ihm bei allen Ausgaben ein Vetorecht sicherte. Jetzt geht der alte Reakttonär. Vielleicht verschwindet mit ihm auch die reaktionärste Note aus dem sächsischen System. Doch auf einen wesentlichen Umschwung wird niemand rechnen.- Das verhindern schon die übrigen Rückschrittler im sächsischen Ministerium. die nicht so knorrig wie Rüger sein mögen, deswegen aber doch nicht besser sind. Als Nachfolger Rügers wird der Ministerialdirektor v. Sehdewitz bezeichnet, der des Ministers rechte Hand war, die auch bei den Eisen- bahnermaßregelungen stark zu spüren war. So macht der alte Reaktionär einem neuen Platz. Die Reaktion wird vorerst noch in Sachsen Trumpf bleiben._ Codesstrafe und yandlungsgeWenrecht auf dem Deutschen furiftentag. Die Abteilungen des Juristentages verhandelten gestern und vorgestern über die einzelnen Punkte der Tagesordnung. In der dritten Abteilung trat der erzreaktionäre Charakter der jetzigen Juristen bei der Beratung über die Beibehaltung der Todesstrafe im Vorentwurf zum Strafgesetzbuch, über dessen Bestimmungen wir seinerzeit referiert hatten, hervor. Während u. a. Professor L i e p m a n n- Kiel die Todesstrafe verwirft und das Ausweichen vor einem Protest gegen die Beibehaltung der Todesstrafe für eine Alterserscheinung des Juristentages anspricht, traten andere Redner, so der Kriegsgerichtsrat Elsner v. Gronau und der bekannte Oberreaktionär Professor Kahl und auch der Senatspräsident O l s h a u s e n für die Todesstrafe ein. In der sehr komplizierten Abstimmung wurde zunächst der prinzipiell gegen die Todesstrafe gerichtete Antrag des Justizrats Fried mann- Glogau mit fünfzig gegen vierundzwanzig Stimmen abgelehnt. Abgelehnt wurde indessen auch gegen wenige Stimmen der Antrag des Ober- staatsanwalts v. Prittwitz, der die Todesstrafe beibehalten Will' über den Rahmen des Vorentwurfs hinaus. An- genommen wurde der erste Satz des Antrages W i n ck l e r: .die Androhung der Todesstrafe ist nicht über das geltende Recht hinaus auszudehnen", in Verbindung mit dem Antrage G o l d s ch m i d t, daß dem Richter beim Vorliegen mildernder Umstände ein allgemeines Strafmilderungsrecht einzuräumen sei. Hinzugefügt wurde aus dem Antrage A s ch r o t t der Wunsch, daß der Vollzug der Todesstrafe für das Reichsgebiet einheitlich geregelt werden solle.— Dadurch wurden alle anderen Anträge zur These„Todesstrafe" hinfällig. Der Passus über die Todesstrafe wird daher folgenden Wortlaut erhalten: „Die Androhung der Todesstrafe ist nicht über das geltende Recht hinaus auszudehnen. Beim Vorliegen mildernder Umstände ist dem Richter allgemein ein nach dem ordentlichen Strafrahmen abgestuftes Mildernngsrecht einzuräumen. Der Vollzug des Todes- strafe ist für das Reichsgebiet einheitlich zu regeln. Mit der Todesstrafe soll der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte von Rechtswegen verbunden sein." Prof. Liepmann-Kiel behielt sich vor, im Plenum anzuregen, daß die Frage der Beibehaltung der Todesstrafe aus dem nächsten deutschen Juristentage auf Grund von aus- führlichen Gutachten und Referaten erneut verhandelt werde. In der ersten Abteilung, die sich mit der Frage eines sozialen Schutzes der Privatangestellten befaßte, fand eine Rede eines Vikt. B l o b e l vom deutschnationalen Handlungsgehilfen- verband den schärfsten Widerspruch. Er wendete sich gegen ein einheitliches Privatbeamtenrecht und gegen einen gleichen sozialen Schutz der Privatangestellten, wie ihn die Handlungs- gehilfen haben. Nach lebhaften Debatten kam folgender, sich an den Antrag des früheren österreichischen Justtzministers Klein und an einen Anttag Saul-Jaffe anschließender Vor- schlag zur Abstimmung. „Die für die Handlungsgehilfen bestehenden sozialen Schutz- vorschnften sind als zwingendesRecht auf allePrivat- ange st eilten auszudehnen, die höhere Dienste zu leisten haben. Hierbei empfiehlt eS sich, betreffs der Fürsorge für den Fall unverschuldeten Unglücks oder Erkrankung an der Nicht- anrech nu ng der Beträge festzuhalten, die dem Dienst- nehmer für die Zeit seiner Verhinderung aus seiner Kranken- oder Unfallversicherung zukommen, Die Ausdehnung der Vorschriften des Handelsgesetzbuches über die 5! o n k u r r e n z I l a u f e l wird mit dem Vorbehalt empfohlen, daß Verbesserungen dieser Vorschriften sich auf alle im ersten Satz bezeichneten Angestellten zu erstrecken haben. Die ständige Deputation wird ersucht, auf die Tagesordnung des nächsten Juristentages die Frage zu setzen, welche sonstigen sozialen Schutzvorschriften gleichnräßig für alle im ersten Satz bezeichneten Privatangestellten zu treffen seien, um die Schaffung eines einheitlichen Rechts für den Dien st vertrag der Privatange st eilten vor- zubereiten." Seine Annahme erfolgte mit großer Mehrheit. Zum Berichterstatter für das Plenum wurde Justtzminister Dr. Klein bestellt. Das Plenum tritt morgen zu seiner Schlußsitzung zusammen._ Die internationale Demonstration in Frankfurt a. ist. Zu der internationalen Kundgebung am letzten Sonntag werden unS aus Frankfurt a. M. noch folgende Einzelheiten gemeldet: Dem gewaltigen Meeting wurde durch die Frankfurter Polizeibehörde auf die übliche Art ein dekorativer Rahmen gegeben. Während aus allen Teilen der Stadt und der nahen und weiteren Um- gebung die Maffen herbeiströmten, eilten auf Mobilmachung der Herren an der Neuen Zeil auch die Polizei- Mannschaften herbei, kampfeslustig oder verärgert ob des verlorenen Sonntages. Ganze Bataillone wurden an der Untermain- und Obermainbrücke ausgepflanzt. In verschiedenen Standquartieren saßen die Helden, gewärtig kommender Taten. Das liebevolle Bestreben des Polizeipräsidenten um die Sicherheit der Stadt war durchaus überflüssig, die Anwesenheit der Beamten unnötig, lächerlich und gefährlich. Unnötig, weil alle fozia- listischen Veranstaltungen, bei denen sich die Polizei im Hinter- grund hält, dieselbe stiedliche EntWickelung nehmen wie das Meeting am Sonntag. Lächerlich aber, weil der Schutz- wall der schwerbewaffneten Recken auf die Angst deutet, die jeder Aufmarsch sozialistischer Massen dem Polizeipräsidium bereitet. Gefährlich endlich, weil die um ihre Sonntagsruhe gebrachten Mannschaften nervös und mißgestimmt werden und ihren nervösen Grimm bei der nächsten Gelegenheit an den De« monstranten auslasten können. Welcher Gegensatz zwischen dem Aufmarsch der bewaffneten Polizeimannschasten und der stiedlichen Kundgebung für die inter- nattonale Solidarität I Hier da» erhebende hoffnungsfrohe Bewußt- sein, für eine bessere GesellschaftSordnurig zu leben und zu arbeiten, dort das niederdrückende Gefühl, eine SiaatSform zu stützen, an deren Erhaltung der Einzelne durchaus kein Jntereffe hat. Freudiges ZukunftShoffen leuchtete klar und deutlich aus den Augen der vielen Tausende, die gekommen waren, um mit ihren Klassengenoffen zu demonstrieren für die Knlturgemeinschaft des internationalen Pro- letariatS. Wie schon mitgeteilt, sprachen infolge des Verbotes die Genossen I a u r ö S und Vandervelde in deutscher Sprache, ihre Reden haben wir im Auszüge bereits wiedergegeben. Auch Genosse Keir Hardie. der auf der vierten von den Massen dicht umlagerten Tribüne sprach, begann seine Rede in deutscher Sprache, fuhr aber dann in seiner Muttersprache fort. Der Redner schilderte zunächst den Entwickelungsgang der englischen Arbeiter, die in der Vergangenheit glaubten, durch nur gewerkschaft- liche Betätigung ihre Lage verbessern zu können. Wenn auch das zunächst gelang, hat die gewaltige EntWickelung der Ringe und Trusts sie in neuerer Zeit eines Besseren belehrt. Wenn die politischen Organisationen der englischen Arbeiter noch nicht heranreichen an die Organisationen, die sich das deutsche Proletariat gegeben hat, so sei das englische Proletariat doch emsig bestrebt, dem deutschen Vorbild nachzueifern. In allen Kulturländern sei unter den Arbeitern das gleiche Streben zu beobachten, wenn auch infolge der verschieden- artig gelagerten Verhältnisse in den einzelnen Ländern eine andere Taktik eingeschlagen werde. Das kl a s se nb e w u ßt e P r o l e- tariat kämpft nicht mehr für seine Anerkennung, es kämpft um den Sieg. Während wir das Kommen deS Sozialismus erwarten, können wir viel tun, einander zu helfen. So im Kampfe gegen den Krieg. Ich selbst bin nicht nur ein ausgesprochener Feind des Krieges, sondern auch des Militarismus in allen seinen Formen. Internationale Streitfälle sollten durch die Vernunft und nicht durch Massenmord und Plünderung ausgetragen werden. D i e Arbeiterklasse st eilt die Soldaten und pro- duziert die Mordwerkzeuge. Und doch haben die Arbeit« eine? Landes keinen Zwist mit den Arbeitern eines anderen Landes. Warum sollten sie nun gegen diese die Kämpfe ihrer Herren auöfechten? Wer den Krieg wünscht, der soll auch selbst kämpfen und ihn durchfechten. Ich spreche hier als Abgesandter der klassenbewußten Arbester Englands an die Proletarier Deutschlands. Ich stehe hier, um ihnen zu sagen: zwischen Euch nnd uns gibt eS keinen Streit. Ihr seid nicht unsere, wir sind nicht Eure Feinde. Wir alle sind Glieder einer Klasse und haben nur einen gemeinsamen Feind: die kapitalistische Ordnung. Vereinigen wir uuS. auf daß wir sie vernichten. Genossin Klara Zetkin übersetzte die mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede ins Deutsche. Danach nahm sie noch einmal das Wort, um, anknüpfend an die Königsberger Kaiserrede, den Frauen vor Augen zu führen, daß sich ihr Lebensinhalt nicht in Strümpfestricken und Kartoffelschälen erschöpfen könne. Unter jubelndem Beifall übte sie scharfe Kritik an dem Inhalt der Kaiserrede und schloß mit einem begeisterten Bekenntnis zur Republik. Nach Schluß der Demonstration füllten die Massen wie eine starke Flutwelle die Straße, die ans beiden Seiten von Zuschauern dicht besetzt war. Weithin tönten wiederholte Male die Hochrufe auf die ausländischen Gäste. Die dielen Schutz- leute aber konnten, nachdem sich die Teilnehmer des Meetings zer- streut hatten, in ihre Quartiere abrücken, ohne irgendwie vorher für die»Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung" sorgen zu brauchen._ poUtifebe Gebcvlicbt Berlin, den 13. September 1910, Ultramontane Wertung der Arbeiterversichernng. Das christgewerkschaftliche Verbandsblatt der'„Holz- arbeit er" bringt in seiner letzten Nummer einen Artikel mit der Ueberschrift„Deutschland voran!" Dann wird nach einem im Kriegervereinsstile gehaltenen Rückblick auf die Waffen- taten im deutsch-französischen Kriege und die sich daran knüpfenden geschichtlichen und wirtschaftlichen Vorgänge begeisterten Schwunges gerühmt, was dann in der Folgezeit alles in Deutschland für die Arbeiter getan sei. Gewiß harre noch mancher Wunsch der Er- füllung, aber es stehe fest, daß in keinem Lande Europas seitens der Gesamtheit, des Staates, soviel auf mate- riellem Gebiet für die Arbeiter geschehe, als im Deutschen Reiche. Das sei eine Tatsache, die ehrend für das deutsche Volk und die gesetzgebenden Körperschaften sei. Möge auch das Arbeiterrecht in anderen Ländern besser ausgebildet fein, auf dem Gebiete des A rb e i t e r s ch u tz e S und der Ar- beiterversicherung st ehe Deutschland einzig da. Natürlich fehlt bei diesem Lobliede nicht der Hinweis auf die Sozialdemokratie, die das alles nicht gelten lasse und nichts anderes könne, als das Erreichte herunterzureißen. Und wenn wir in unserem Vaterlande bezüglich der praktischen Gleichberechtigung des Arbeiterstandes noch zurück seien, dann sei diese Tatsache nicht allein auf das Konto der Regierung und der Parlamente zu setzen, sondern auch auf die maß- und ziel- lose Schürung des Klassenhasses, der Klassenkämpfer auS dem Arbeiterlager. Da wäre es der ewig nörgelnden und„hetzenden" Sozial- demokratie mal wieder ordentlich gegeben! Es ist leider wahr, daß die„hetzende" Tätigkeit der Noten nicht ohne Einfluß bei den Arbeitermassen, selbst bei den gutgesinnten, bleibt. Denn wir er- innern uns, vor etwa zwei Jahren in einem Arbeiterblatt zwei Artikel gelesen zu haben, worin untersucht wurde, inwieweit die Industrie durch die' Arbeiterversicherung belastet werde. Dabei tau daß Blatt zu folgendem Ergebnis: Alles in allem: durch die von Unternehmerseite betriebenen ahlenspielereien kann höchstens in denkfaulen reisen Eindruck gemacht werden. Denkende Arbeiter dagegen erwägen das Für und Wider, das Woher und Wohin genau und kommen ganz sicher zu dem Schlüsse, daß von einer Ueberlastung der deutschen Industrie durch die Kosten der sozialen Fürsorge nicht geredet werden kann. Es wird sodann dargelegt, daß die Heranziehung der In» dustrie zu den Lasten der Sozialversicherung auf wohlbegründeten Pflichttiteln beruhe, denn: Wer soll' sich des Arbeiters, dessen Lohn gerade für die Be- dürfnisse der gesunden Tage hinreicht, annehmen, wenn infolge der vielgestaltigen Gefahren der Industrie kranke Tage kommen oder die A r b e i t s k ra f t geschwächt ist? Wer soll dieohnemateriellenHaltdastehendenFamilien- angehörigen des Arbeiter? über Wasser halten, wenn dieser im Dien st e der Industrie verunglückt? Wer anders als die Industrie, die Industriellen, denen in aus- giebigster Weise die materiellen Segnungen der heutigen Wirtschaftsordnung zugute kommen. Zum Schluß erörtert das Blatt die Beweggründe, dem nach langen Sträuben die Arbeiterversicherung entsprang. In dieser Beziehung heißt es: Das Motiv der Arbeiterversicherung ist kein rühmliches. Die Arbeiterfrage wurde mit jedem Tage brennender. Es mußte etwas geschehen. Und als der Uebelkleinsteszog schließlich die Industrie die Uebernahme von verhältnismäßig nicht sehr hohen materiellen Lasten vor und bot auf der anderen Seite hilfreiche Hand, um jede freiheit- liche Regung zur Selbständigkeit innerhalb des Arbeiter st andes niederzuhalten. Zuckerbrot und Peitsche! Der christliche„Holzarbeiter" wird zugeben, daß das arg nach „Verhetzung" schmeckt und auch kaum von einem sozialdemokratischen Blatte überboten werden könnte. Und will das christliche Blatt wissen, wo solche Verhetzung zu finden ist, so möge es in seinen eigenen Jahrgängen nachschlagen, wo es in zwei Nummern vom November 1998 dies lesen kann. Wissen möchten wir nur, welches die wirkliche Meinung des„Holzarbeiters" über den Wert der Ar- beiterversicherung ist, die vom September 1919 oder die vom November 1998? Handwert und Hansabund. Bund der Landwirte und Hansabund laufen einander momentan den Rang ab, um der Handwerker willen, die jeder der beiden Bünde vor seine Karre spannen möchte. Der Hansabund hat zu diesem Zweck den Taler rollen lassen, indem er 18 999 M. spendierte, die zu Beihilfen an Handwerker verwendet werden sollten, die der Weltausstellung zu Brüssel einen Besuch abstatten wollen. Die deutsche Mittelstandsvereinigung hat das Geld narürlich mit ver- gnügen angenommen, trotzdem aber auf ihrer jüngsten Tagung erkennen lassen, daß man sonst nicht viel Sympathie für den Hansabund übrig habe. Bei der Verteilung seiner Gaben hat der Hansabund über- sehen, daß es noch eine Handwerkerorganisatton gibt, die die Finna „Bund der Handwerker" führt und vom Bund der Landwirte finanziell unterstützt wird. Dieser„Bund der Handwerker' ist eine Schöpfung deS Schneidermeisters Voigt- Friedenau, die an sich völlig bedeutungslos ist und zunächst nur ihrem Gründer Vorteile bietet. Dieser Bund will vom Hansabund absolut nichts wissen, und die„Deutsche Tageszeitung" druckt denn auch mit Ver- gnügen einen Artikel nach, in dem sich Voigt-Friedenau scharf gegen den Hansabund wendet, der sich mit der Spende von 15 990 M. Tausende von Handwerkerstimmen sichern wollte. Die Hansabündler werden diesen Erguß natürlich nicht tragisch nehmen, denn die Ge- winnung des„Bundes der Handwerker" ist lediglich eine Geldfrage. Offenbar mißt man aber dort diesem Bund nicht die mindeste Be- deutung bei, denn er ist in der Tat nur ein Aushängeschild des Bundes der Landwirte. Freie Hilfskrankenkassen gegen die ReichSverficherungS- ordnnug. Sonntag tagte in Elberfeld ein.Kongreß der freien Hilfskassen Deutschlands", der von zirka 400 Dele- gierten, zumeist aus dem Bergischen Lande; zum Teil aber auch aus Düsfeldorf, Köln, Essen, Hannover, Hamburg, Leipzig usw. be- schickt war. Der nationalliberale Redakteur Schmidt-Solingen sprach über das Thema:„Sind die freienHilsskassen existenzberechtigt? Bureau- Vorsteher Köster-Elberfeld besprach die Maßnahmen, die zu ergreifen seien, um die Schäden der neuen Reichsversicherungs- Ordnung abzuwenden.— Die Tagung entwickelte sich schließlich zu einer elenden Komödie. Durchaus ungenügende Vorbereitungen und die Unkenntnis der Materie, die insbesondere bei dem zweiten Referenten geradezu verblüffend war, machte eine erfolgreiche Arbeit von Anfang an unmöglich. Gleichzeitig trat im Laufe der Verhandlungen immer deutlicher hervor, daß der„Kon- greß" von den Vertretern kaufmännischer und ähnlicher Hilfs- lassen dazu ausgebeutet werden sollte, für deren Sonder- bestrebnngen zu wirken. Die Vertreter der freien Hilfskassen des bergischen Landes, die gekommen waren, für die Jnteresien ihrer seit geraumer Zeit bestehenden Hilfskassen zu sprechen, konnten dabei natürlich nicht mitmachen.— Der Kongreß endete damit, daß am Nachmittage,«ach etwa vierstündiger Verhandlungsdauer, und nach- dem sich etwa neun Zehntel der Teilnehmer entfernt hatten, eine Kommission eingesetzt wurde, die eventuell eine Petition an den Reichstag ausajjjeiten soll._ Ein Unzufriedener. Fürst R a d o l i n, der bisherige Botschafter in Paris, der seinen Posten dem früheren Staatssekretär v. S ch o e n überlassen muß, hat bei einer Abschiedsfeier, die ihm zu Ehren veranstaltet wurde, seiner Unzufriedenheit misi seiner Kalt- stellung unverhohlen Ausdruck gegeben. Mit aufrichtigem Schmerze, sagte der Botschafter, scheide er von der Kolonie, mit um so größerem Schmerze, als er mitten aus seiner Tätigkeit in etwas unerwarteter Weise von seinem Po st en abberufen worden sei, obwohl er sich noch r ü st i g genug fühle, das begonnene Werk fortzusetzen. Man sieht, es wird jetzt allmählich Sitte, daß die»Hand- langer" gegen die Abhalfterung protestieren. Ein klerikales Urteil über die spanische» Klosterschulen. Die»Trierische Landeszeitung", ein rheinisches Zentrumsblatt, veröffentlicht eine Reihe spanischer Briefe„von einem besonderen Mitarbeiter". In einem dieser Briefe, der in Nr. 208 dieses Blattes an leitender Stelle veröffentlicht wird, findet man dieses vernichtende Urteil über die Klosterschulen in Spanien: Der Radikalismus in Spanien macht gewaltige Fortschritte. Die Klosterschulen haben gewiß ihr Gutes, aber im allgemeinen entsprechen sre nicht mehr den modernen An- forderungen. Die oberen Stände sind in Spanien durchweg streng katholisch. Diejenigen klösterlichen Erziehungsanstalten, welche für diese Klassen in Betracht kommen, sind besonders für die weibliche Jugend ungemein kostspielig, so daß diese Häuser den mittleren Ständen verschlossen find. Die Klosterschulen für die Armen und das niedere Volk nun, die fast oder ganz unentgeltlich die Kinder erziehen, find mehr als dürftig. Wenn man diese Art von Schulen genauer betrachtet und Unterricht und Erziehung vom vernünftig pädagogischen Standpunkt aus beschaut, dann können einem die spanischen Kinder dieser Schulen herzlich leid tun. Von eigentlichen, geregeltem Unterricht ist gar keine Rede. Auch hier muß man ehrlich bei persönlicher Inaugenscheinnahme sagen: Neben den religiösen Uebungen etwas mehr solides, wenigstens allerclemen- tarstes Wissen. Dieser Brandmarkung aus der Feder eines Klerikalen halte man die Glorifizierung der kirchlichen Schulen gegenüber, wie sie bei den Ultramontanen gang und gäbe ist. Die Schilderung läßt uns weiter ermessen, was uns blühen würde, wenn die Klerikalen bei uns zu Lande die Macht hätten, die sie haben möchten. Sttchwahttakttk der sächsischen NationaMberalen. Nach einer Erklärung deS nationalliberalen Generalsekretärs für Sachsen, Dr. Brüß, werden die Nationalliberalen Mann für Mann für jeden bürgerlichen Kandidaten eintreten, der in die Stichwahl mit einem Sozialdemokraten kommt. Also ein Rechtsabmarsch in aller Form. Dieser Beschluß ist offenbar das Resultat der Drohungen und Werbungen, mit denen die National- liberalen dem schwarzblauen Block zugetrieben wurden. Erst dieser Tage wurde auf der deutschsozialen Landesversammlung in M e i ß e n gedroht, die Rechtsparteien würden überall Gewehr bei Fuß stehen, wo die Nationalliberalen mit den Sozialdemokraten zu kämpfen hätten, wenn die ersteren ihre Taktil gegen die Parteien der Rechten nicht änderten. Die Konservativen lassen sich übrigens durch das nationalliberale Entgegenkommen nicht abhalten, mit eigenen Kandidaten gegen die Nattonalliberalen vorzugehen. In der„Kreuz-Ztg." wird z. B. die„Notwendigkeit einer konservativen Sonderkandidatur im Wahlkreise Löbau(2. sächsischer Reichstags- Wahlkreis) betont mit dem Beschluß der Liberalen dieses Kreises, an der Kandidatur des jetzigen Vertreters Dr. Weber festzuhalten. Die„Kreuz-Zeitung" sagt:„Wir zweifeln daran, daß es möglich sein würde, auch nur den größeren Teil der konservativen Wählerschaft zu bewegen, diesem Herrn ihre Stimme zu geben. Kein nationalliberaler Parlamentarier hat wohl in der Finanzreformkampaane eine so unheilvolle Rolle gespielt wie der Abg. Dr. Weber. Ohne seinen Einfluß würde eS nach unserer Ueberzeugung zu dem scharfen Bruch mit der Rechten nicht gekommen sein. Bezeichnenderweise hatte er auch bei dem bekannten ExoduS des Gesamtliberalismus und der Sozialdemokratie aus der Finanzkommission die Führung. Eür so— selbstlos sollten denn doch die Nationalliberalen die onservativen nicht halten, daß sie einem»intimen" Feinde die Kastanien aus dem Feuer cholen möchten." Eine wichtige Entscheidung. Man schreibt uns aus Baden: In zwei Instanzen sS-böffengericht und Strafkammer) hat in Karlsruhe das Strafgericht entschieden, daß für die Ein- fuhr des Wildprets keine städtische Verbrauchs- steu er zu bezahlen ist. Es gründet sich dieses Urteil auf den bekannten Artikel des Zolltarifs, der für das Jahr 1910 das Oktroi auf Fleischwaren usw. aufhebt. Zur Jnter- prewtion dieser gesetzlichen Bestimmung wurde bekanntlich geltend gemacht, daß Geflügel und Wildpret in diesem Ausnahmegesetz nicht inbegriffen sein könnten, weil der Begriff Fleischtvare steuertechnisch auf solche Körper keine Anwendung fände. Die gerichtliche Entscheidung wurde provoziert durch eine Klage der Karlsruher Interessenten. In ihrem Auftrage verweigerte der Ge- flügel- und Wildprethändler V i e f e l d(Firma C. F. Frey, Hof« lieferant) die Bezahlung der Verbrauchssteuer für eine Sendung Rehwild. Die Stadtbehörde ließ durch das Bezirksamt eine Geld- strafe wegen Vergehens gegen das OrtSstatut der Verbrauchssteuer ausspreche»; so konnte die Sache ihren Weg der Offizialklage gehen. Der dabei erzielte Erfolg ist von allgemeiner Bedeutung. Ein Kasernenbild häßlichster Art wurde durch eine Verhandlung vor dem Kriegsgericht der 15. Division enthüllt. Ein Musketier von der 12. Kompagnie des Infanterie- Regiments Nr. 68 in K o b l e n z kam eines Sonntags nach Zapfen- streich beinmken in die Kaserne. Zur„Strafe" hierfür wurde sämtlichen Musketieren der ganzen Kompagnie am folgenden Sonntag der Urlaub verweigert. obwohl sie an den Verfehlungen des Kameraden nicht den alker- mindesten Anteil hatten. Diese unerhört ungerechte Behandlung der Kameraden des Soldaten wurde von diesen, wie es ja traditionell in der Armee ist und was sich die Vorgesetzten daher vorher sagen mußten, so aufgefaßt, als ob man nun»erzieherisch" auf den Sünder einwirken müsse. Und das geschah in folgender Weise: Mit Klopf- peitschen, Schemelbeinen und anderen gefährlichen Gegen- ständen überfielen die Kameraden nachts den Mann. Einer kniete sich auf ihn und bedeckte sein Gesicht, die anderen aber hieben in der fürchterlichsten Weise auf ihn ein, so daß er am ganzen Körper Verletzungen erlitt. Damit noch nicht genug, kamen nachher nochmals vier Mann und schlugen den Schwerverletzten derart über den Kopf, daß er bewußtlos wurde. Drei Wochen lang mußte das Opfer jener sinnwidrigen Anordnung eines ungerechten Vorgesetzten im Lazarett liegen. Von den brutalen Kameraden konnten nur fünf ermittelt werden. Sie erhielten je 14 Tage Gefängnis. Was geschieht mit dem wirklichen Schuldigen? I_ Oeltemicb. Die Fleischeinfuhr aus Argentinien. Der Wiener Gemeinderat hat einen Antrag des Stadt- rats angenommen, der die Regierung auffordert, die Einfuhr argenttnischen Fleisches sofort zu gestatten, da dies das e i n z i g e M i t t e l ist, der Fleischnot zu steuern. Die Re- gierung habe die Verantwortung für die Folgen fernerer Weigerung zu tragen. Wenn dieselben Christlichsozialen, die im Parlament stets die Anttteuerungsanträge unserer Genossen niederstimmten, dies erklären, werden selbst die Agrarier und die von der Fleischnot ausgenonimenen Bureaukraten nicht länger an ihren Behauptungen festhalten können. Ein Be- richt der Approvisionierungsabteilung des Magistrats zu diesem Gegenstand enthält manche auch für Deutschland interessante Mitteilung, so zum Beispiel über die vorzüglichen Veterinär- Polizeilichen Verhältnisse in Argenttnien, deren Organe aus zwei ausgezeichneten Veterinärhochschulen hervorgehen. An der Spitze des Veterinärdepartements im argenttnischen Ackerbauministerium steht der als Autorität geltende Professor Ligniöres— allerdings ein Wissenschafter und weder ein Junker, noch ein alter Herr der Bonner Borussia. Fleischbeschau findet vor und nach der Schlachtung statt. Auch die Zuchttiere werden sorgfältig untersucht. Das Schlachthauspersonal wird regelmäßig auf ansteckende Krankheiten untersucht. Kein Stück Fleisch wird ohne ärztliche Kontrolle ausgeführt. Selbst mit dem enormen Zoll von 30 Heller(25 Pf.) pro Kilogramm und den teuren Frachtgebühren der Südbahn von Trieft nach Wien und den Manipulations-, Kühl- und Oktroi(städtische Verzehrungssteuer) Gebühren würde das argenttnische Fleisch in Wien um 30—50 Heller billiger sein als das heimische! Schon mit der Seefracht würde das Fleisch in Trieft Prc Kilo 58—66 Heller kosten. Bei solchen Verhältnissen die Einfuhr argenttnischen Fleisches nicht zu gestatten, ist natürlich eine unverhüllte Dienstleistung der vom Volke bezahlten Minister für die Hand- voll Interessenten der Wucherpreise— in Oesterreich ebenso wie in Deutschland. In Wien finden bereits allabendlich mehrere Volks- versanimlungen zur Unterstützung des nun auch vom christlich- sozialen Gemeinderat gestellten Begehrens statt. Eine Stndienkommission. Wien, 12. September. Das Ministerium deS Innern hat im Einvernehmen mit dem Ackerbauministerium beschloffen, eine K o m- Mission zum Studium der Frage der Einfuhr argentini- schen Fleisches nach Argenttnien zu entsenden. Die Kommission wird bereits mit der nächsten Schiffsgelegenheit die Reise nach Argentinien antreten. frankreick. Die Beruhigungspoliti?� Aus Pari? wird uns geschrieben: Wie üblich ist auch diesmal die stille Zeit des politischen Sommers mit unoffizieller und offi- zieller Kannegießerei ausgefüllt worden. Die offizielle war sogar ausgiebiger als sonst. Wenn das Volk von billigen Redensarten leben könnte, wäre der Teuerung vollständig abgeholfen. Eine Ueberraschung war die rednerische Geschäftigkeit des Präsidenten der Republik, der, ohne formell aus seiner verfassungsmäßigen politischen Neutralität herauszutreten, sich in einen Wanderredner für die Briandschen Regierungsmethoden verwandelte. Allerdings wird das, was Briand bedeutet, im gouvernementellen Argot „Gambetta" ausgesprochen:„Mit der eigenen Partei für das ganze Land regieren"— dieses Wort deS demokratischen Tribunen, das seinerzeit die Illusionen einer politisch noch nicht verbrauchten Klasse ausdrücken mochte, ist jetzt nur die Bezeichnung für die Zweideutigkeit eines grundsatzlosen Ministeriums. Welches ist denn die Partei, mit der Briand regieren will? Die Radikalsozialisten um Combes und Pelletan, die noch immer nicht verstanden haben, daß die besitzenden Klaffen eine geschickte, starke und im Bedarfsfall gewalttätige Verwaltung der Beglückung durch die großen Phrasen und die kleinen Schmutzereien der parlamentarischen Klüngel vor- ziehen, haben ohne Effekt eine klare Antwort auf diese Frage ge- fordert. Schließlich wollte die„Lanterne" von der demokratischen Allianz eine ausdrückliche Auskunft darüber haben, wie sich diese großbürgerliche Mittelpartei zum Eintritt der erzreaktionären, klerikalen und manchesterlichen Progressisten in die Majorität stelle. Die Antwort lautet, daß in der Mehrheit jeder Platz habe, der für die Republik, die weltlichen und demokratischen Reformen sei. Da die Progressisten die Wiedergewinnung der politischen Macht nicht um einer klerikalen, die revolutionären Traditionen neu belebenden Kampfpolitik preiszugeben Lust haben, ist in der Tat ihre Mit- Wirkung an einer Politik, die auf die Beilegung aller Konflikte zwischen den großen bürgerlichen Parteien gerichtet ist, ganz natür- lich. In den großen parlamentarischen Schlachten der letzten Zeit haben ohnehin die Progressisten fast immer ministeriell gestimmt. Ob ihr Einfluß schließlich wieder in einer Teilnahme an der Re- gierung zum Ausdruck kommen wird, hängt hauptfächlich von der Art und vom Tempo des Zerfalls der radikalen Partei ab. Aber in der Tat besorgt die Regierung schon heute die Geschäfte der Klasse, die hinter den Progressisten steht. Mian nennt das die Politik der Beruhigung, des„apsizement". Die besitzenden Klassen kommen zur Einsicht, daß der große pathe» tische, im Rausch der Dreyfus-Revolution verkündigte Kampf zwischen Licht und Finsternis auf das Maß eines nüchternen Jnteressenstreits zurückgeführt und zum Heil der bürgerlichen Ord- nung abgeschlossen werden muß.„Beruhigt" muß aber die Bour- geoisie auch in dem Sinne werden, daß ihr der regierende Radi- kaliSmuS feine Energie in der Bekämpfung des Proletariats ver- bürgt. Briand ist sicher zu diesem Geschäft ganz besonders be- fähigt. Sogar daß er formell nicht zur radikalen Partei gehört, kommt ihm zugute, da diese unter seiner Regierung die Preisgabe ihres Programms weniger auffällig vollziehen kann. Die demo- krattfche Allianz sieht in ihm den willfährigen Verhinderer der dem Axoßlgpiigl vprWten Finanzre�oxmen. die Progressisten v?r. krauen auf fekffl! ffickfeftn WaMustM. Vis kn fike tN'offaÄhlMche Presse reicht der Kreis seiner Protektoren und Lobredner. Der Spießbürger schreibt seiner Geschicklichkeit und Festigkeit die durch eigene Fehler verschuldete Erschlafsimg der Gewerkschaftsbewegung und das Ausbleiben des Eisenbahnerstreiks zu. So scheint seine Regierung den Anschlägen der radikalsozialistischen Opposition entrückt. Die Sicherheit, einen rücksichtslosen Bekämpfer dex Ar- beiterbewegung die Staatsgeschäfte leiten zu sehen, ist für eine beunruhigte Bourgeoisie das entscheidende Argument einer Beruhi- gungspolitik. Amerika. Erfolge der Demokraten. Augusta(Maine), 12. September. Die ersten über die heutigen Gouverneurs- und Legislatur wählen eingelaufenen Nachrichten, die etwa ein Sechstel des Gesamtresultats darstellen, lassen einen demokratischen Stimmenzuwachs von 12 Prozent und einen republikanischen Stimmenverlust von 6 Prozent erkennen. Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen der Wahlen im Staate Maine, der bisher eine Hochburg der Republikaner war, ist der demokratische Kandidat für den Gouverneurs- Posten Plaisted gegen den bisherigen republikanischen Gouverneur Fernald gewählt worden, und zwar, wie das demokrattsche Komitee behauptet, mit einer Mehrheit von 5000 Stimmen. Ferner sind— nach der eigenen Aussage des Vorsitzenden des republikani- schen StaatskomiteeS— drei demokratische Kandidaten für die Staatslegislatur gewählt worden. New Jork, 13. September. Im Staate Maine find von 31 gewählten Staatssenatoren 21 Demokraten. Die Demokraten hatten bisher nur 8 Sitze. Präsident Taft soll wegen der politischen Lage beabsichtigen, die Reist nach Panama aufzugeben. Die Republikaner sind geneigt, das Wahlresultat in Maine den strikten Temperenzgesetzen zuzuschreiben, die seit Jahrzehnten und zuletzt gegen wachsen!« Opposition von der republikanischen Majorität anstecht erhalten wurden. Die demokratische Presse er- klärt, die allgemeinen politischen Fragen seien entscheidend gewesen und sie hält den demokratischen Steg bei den allgemeinen Wahlen für gesichert. Die Volksabstimmung in Arcansas und Arizona er- gab große Mehrheiten für die Einführung der Initiative und des Referendums._ Eine Anklage gegen den Fleischtrnst. Chicago, 13. September. Die Federal Grand-Jurh hat gegen hohe Beamte der Fleischverpackungsfirmen Armour, Swift und Morris die Anklage wegen Ausübung ungesetzlichen Monopols und gesetzwidriger Verabredung ein» geleitet. Mxiko. Sklaverei. In den Enthüllungen, die L. Turner unter dem Titel: Das barbarische Mexiko in dem amerikanischen»Fry Magazine" ver» öffentlicht, wird ein furchtbares Bild von dem Treiben der mexika» nischen Großgrundbesitzer und ihres Vertrauensmannes, des in unserer bürgerlichen Presse vielgefeierten und auch von Taft geehrten blutdürstigen Präsidenten D i a z gegeben. Besonders traurig ist das Schicksal der Jndianerbevölkerung, die großenteils in völliger Sklaverei, im strengsten Sinne des Wortes, gehalten wird. Turner erzählt:. Uucatan. ein mexikanischer Staat(südwestlich, im Golf von Mexiko) gehört fünf Königen, die den Handel mit Menschenfleisch treiben. Dort gibt es, neben 3000 Chinesen, 3000 Aaki aus Sonora und 100000 bis 125 000 Maya (beides Jndianervölkcr). Der Sklave von Ducatan erhält keinen Lohn und fast keine Nahrung. Man hungert ihn aus und prügelt ihn. Nachts sperrt man ihn in einen Pferch, der einem Kerker gleicht. Krank sein darf er nicht. Er muß trotzdem arbeiten. Diemannbaren Frauen werden gezwungen, Männer ihrer Rasse zu heiraten, um Nachwuchs zu bringen. Eine Schule gibt es nicht. Alle Sklaven hängen ganz von der Laune des Herrn ab, der sie straflos töten kann. Alls Sklaven arbeiten von morgens 4 Uhr bis in die tiefe Nacht. Sie erhalten nur eine Mahlzeit am Tage, bestehend aus Saubohnen, Fischen und Maiskuchen."— In den Lobliedern, die unsere bürgerliche Presse den„geordneten Verhältnissen" Mexikos und seinem„tat» kräftigen" Präsidenten widmet, hört man von diesen Scheußlichkeiten freilich nichts._______ Sozialem (Siehe auch 1. Beilage.) Kinderschutz im Fürstentume Reus? j. L. Die Beschäftigiung von Kindern in gewerblichen und lanbwirt- schaftlichen Betrieben in Reutz j. L. hat zu Verstößen gegen die Kinberschutzbestimmungen geführt, so daß sich das Fürstliche Mini- sterium veranlaßt sah, die Schulvorstände aufzufordern, eine Ucber- ficht über die Beschäftigung von Kindern in gewerblichen Betriebe« aufzustellen. In der Begründung wird betont, daß Schulkinder mit gewerblichen und landwirtschaftlichen Arbeiten, namentlich vor Beginn deS Vormittagsunterrichts, befchäfttgt werden, so daß sie infolge Abspannung und Ermattung dem Unterricht nicht zu folgen vermögen. Die Schulvorstände werden daher veranlaßt, darüber zu wachen und dafür zu sorgen, daß Kinder in der Landwirtschast nicht vor Beginn deS Vormittagsunterrichts und in gewerblichen Betrieben nur innerhalb der im Rcichsgesetze gezogenen Grenze» beschäftigt werden. Bezüglich der Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben gelten als eigene Kinder solche, die mit dem Unternehmer oder dessen Ehegatten bis zum dritten Grade verwandt sind oder die von dem Unternehmer oder dessen Ehegatten an KindeSstatt angenommen oder bevormundet sind, oder die dem, der sie zugleich mit Kindern der vorher bezeichneten Arten beschäftigt, zur gesetz- lichen Zwangserziehung überwiesen sind, sofern alle diese Kinder zu dem Hausstande des Unternehmers gehören. Alle anderen Kinder gelten als fremde Kinder.— Werden Mißstände wahr» genommen und sind die vorgenommenen Maßregeln ohne Erfolg» so ist von den Echulvorständen an die vorgesetzte Behörde zu berilbten. Die Aufftellung der Uebersicht über die Zahl der gewerblich beschäftigten Kinder, die von den Schulvorständen verlangt wird, zu geben, wäre eigentlich Sache des Gewerbeinspektors. In desse« Berichten, die sich durch das auszeichnen, was nicht drin steht, findet man aber eine solche Uebersicht nicht. Aber das geht aus seinen Berichten hervor, daß gegen die Uebertreter der Schutze bestimmungen für Kinder und Jugendliche nicht so vorgegangen wird, wie es nötig ist, wenn die Unternehmer von Uebertretungen abgeschreckt werden sollen. Nach dem Berichte für 1908 wurden in 112 Betrieben 126 Uebertretungen der bezeichneten Art ermittelt; nur 3 Unternehmer wurden gerichtlich bestraft. Wegen Ucber- tretungen der Bestimmungen des KinderschntzgesetzeS insbesondere wurden 15 Anzeigen erstattet und 13 Personen gerichtlich bestraft. Im Jahre 1909 wurden in 94 Betrieben 114 Zuwiderhandlungen gegen die Schutzvorschriften für Jugendliche festgestellt; bestraft wurden nur 4 Unternehmer. Wegen Verstößen gegen die Be- stimmungen des Kinberschutzgesetzes wurden 16 Anzeige» erstattet, 10 Personen geriHtlich bestraft, GewerklcbaftUcbee. Das Ergebnis der 8icbcrhdtomänii erwählen im Ruhrbecken liegt immer noch nicht vollständig vor. Das liegt daran, daß die verschiedenen Zechenverwaltungen die Bekanntgabe des Stimmenresultates verweigern. Gegen einige Zechenverwaltungen ist Beschwerde bei der Bergbehörde erhoben worden. Für die beiden großen Organisationen wurden bisher gezählt: Verband 42527 und Gewerkverein christlicher Bergarbeiter 19 998 Stiinmcn. Das Resultat aus 95 Zechen steht noch aus. Hier wurden 131 Vcrbändler und 70 christliche Gewerkvereinlcr als Sicherheitsniäuner gewählt. Im ganzen dürfte der Verband rund 50 000, der Gewerkverein 25 000 Stimmen erhalten haben, die Polen, Zechen und der Gewerkverein dcrVergarbeitcrHirsch-Duucker9—10000Stimnien. Viele Zechenstimmen haben sich gleich auf die christlichen Orgauisationskaudidaten vereinigt. Das ist die Folge des Kompromisses zwischen Gewerkverein, christlichen Bergarbeitern und Zechen für die kommenden Aeltestenwahlen! Die Ar- beiterausschußwahlen sind überhaupt noch nicht alle vollzogen, vorgenommen sind sie worden nur von den Bergarbeitern über Tage und einem geringen Teil der Bergarbeiter unter Tage, die übrigen, und zwar der größte Teil der Arbeiter- ausschüsse werden von den Sicherheitsmännern und den Zechen bestimmt. Wie stark die Organisationen sind und welchen Einfluß sie auf die unorganisierte Belegschaft des Rnhrbeckens haben, das wird sich bei den Aeltestenwahlen am 17. September zeigen. Hier werden mindestens 160(X)0 bis 180000 Berg- arbeiter ihren Stimmzettel abgeben. Alle Leidenschaften, wie sie bei Parlamentswahlcn auftreten, bemerken wir bei den Bergarbeitern auch jetzt im Knappschaftskampfe. Von dem Ausfall dieser Wahlen wird im Ruhrbecken vieles abhängen, worüber später noch zu sprechen ist. Berlin und Umgegend. Die Hoch- und Untergrundbahu-Gesellschaft gegen die Arbeiterorganisation. In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung von Arbeitern und Nngestellten der Hoch- und Untergrundbahn kam unter anderem folgendes zur Sprache: In den letzten Monaten hat die moderne Gewerkschaftsorganisation im Betriebe der Hoch- und Untergrund- bahn viele Mitglieder gewonnen. Nachdem dies der Betriebsleitung bekannt geworden war, wurden die Gewerkschaftsmitglieder nach und nach gemaßregelt, andere, die ihre Maßregelung sicher zu erwarten hatten, kündigten selber. Trotzdem zählt die Organisation unter den Angestellten der Hochbahn noch eine ansehnliche Reihe von Mit- gliedern. � Wenn auch gegenwärtig angesichts der Maßregelungen ein gewisser Kleinmut unter den Arbeitern und Angestellten ein- getreten ist, so wird es der Betriebsleitung doch nicht gelingen, die Orga- nisation aus dem Betriebe auszurotten. Im Gegenteil. Es wird dafür gesorgt iverden, daß die Organisation so erstarkt, um mit Nachdruck für die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse sorgen zu können. Eine Aufbesserung ist dringend notwendig. Werden doch die Arbeiter mit einem Stundenlohn von nur LS Pf. eingestellt und müssen täglich 12—13 Stunden arbeiten. DaS Bahnpersonal be- kommt Anfangslöhne von 3,20 M. täglich und hat eine tägliche Dienstzeit von 12, 16, ja 18 Stunden. Wenn bei Betriebsunfällen Materialschaden entsteht, so mutz der Angestellte, den die Betriebs- leitung als den Schuldigen erklärt, den Schaden ersetzen. Der Betrag wird vom Lohn abgezogen. Die Schadenersatzansprüche. welche die Direktion an die Angestellten stellt, belaufen sich oft auf mehrere Hundert Mark, ja in einem Falle wurden sogar Ivb» M. verlangt. Daß bei solchen Verhältnissen lebhafte Unzufriedenheit unter den Angestellten und Arbeitern herrscht und das berechtigte Verlangen nach Verbesserung sich bemerkbar macht, ist selbstverständlich. Die Direktion weiß natürlich, daß sie sich diesem Verlangen nicht mehr widersetzen kann, wenn Einigkeit unter dem Personal herrscht. Sie weiß deshalb Un- einigkeit und Gegensätze zu schaffen, indem sie gewisse Kategorien mit Lohnzulagen bedenkt oder doch solche in Aussicht stellt. Durch diese Taktik werden Streber herangezogen, die sich nicht nur von ihren Kollegen und ArbeitSbriidcni trennen, sondern sogar noch bei der Unterdrückung der Gewerkschaft hilfreiche Hand leisten. Doch, trotz aller dieser gewiß nicht schönen Matznahmen ist ein fester Stamm von Gewerkschaftsmitgliedern im Betriebe der Hoch- und Untergrundbahn vorhanden. Er wird weiter wachsen und dann wird es gelingen, den berechtigten Forderungen der Arbeiter Anerkennung zu verschaffen._ Die Rsphaltarieiter der Firma Hein u. Andrö(Tempelhof und Berlin IV.. Kalckreuthstraßc) haben die Arbeit niedergelegt, weil ihre Forderungen nicht anerkannt sind. Herr Hein lehnte bis« her �ede Verhandlung ab. Den Arbeitern blieb daher nichts anderes übrig als durch Arbeitsniederlegung eine Aufbesserung ihrer geradezu erbärmlichen Löhne zu erringen. Wir erwarten von den Steinsetzern ganz besonders, daß sie nicht etwa die liegengebliebene Arbeit fertigmachen oder der Firma Hein». Andrü mit Arbeitern aushelfen. Sämtliche Arbeitsplätze der Firma Hein u. Andrö sind bis auf weiteres gesperrtl_ Tue Ortsverwaltung Berlin. Strafferer Zusammenschluß. Die Verschmelzung der Zahlstellen Berlin, Charlotten- bürg, Rixdorf, Schöneberg und Weißensee stand auf der Tagesordnung der am Montag abgehaltenen Generalversamm- lung der Zahlstelle Berlin des Holzarbeiter Verbandes. — Bereits im Jahre 1906 hat der Verbandstag beschlossen, daß Zahlstellen, die in einem abgeschlossenen Industrie- oder Lohngebiet bestehen, sich zu vereinigen haben.— Während die Vorortsgebiete anderer Großstädte diesem Beschluß nachgekommen sind, hielten die Zahlstellen der genannten Berliner Vororte an ihrer selbständi- gen, von Berlin unabhängigen Verwaltung fest. Dann hat Berlin bei dem Vcrbandstage von 1998 beantragt, daß die Berliner und die genannten Vorortszahlstellen sich zu vereinigen haben. Dieser Antrag wurde dem Vcrbandsvorstande zur Erledigung überwiesen. Einen Zwang zum Zusammenschluß hielt der Vorstand nicht für ratsam, deshalb suchte er durch gegenseitige Verständigung den Zusammenschluß herbeizuführen. Im April 1919 fand eine Kon« ferenz von Vertretern der betreffenden Zahlstellen mit dem Ber- bands- und dem Gauvorstande statt. Dort wurde eine Kommission eingesetzt, welche die für den Zusammenschluß maßgebenden Be- dingungen aufzustellen hatte. Das ist denn auch geschehen. Die Vorschläge der Kommission gehen im wesentlichen Sahin, daß der Zusammenschluß zu vollziehen ist, daß aber zur besseren Erledigung der Geschäfte in Rixdorf, Weißensee und Berlin W. je eine Ge- ischäftsstelle bestehen soll, wo den Mitgliedern in den betreffenden Bezirken die Unterstützungen ausgezahlt werden. Neben der Kartothek im Hauptbureau sollen für die genannten Bezirke be- sondere Mitgliederlisten geführt werden. Die Agitation in den Bezirken geschieht durch die Kontrollkommission unter Mitwirkung der Angestellten. Beschlüsse über Streiks führt die Gesamtverwal- tung herbei. In den Vororten sollen Arbeitsnachweiskontrollstcllen errichtet werden. Die Angestellten von Rixdorf und Weißensee bleiben unter den bisherigen Bedingungen angestellt. Die Ver- tretung der Bezirke Rixdorf, Weißensee und Berlin W. soll außer durch die Obmänner durch die Angestellten in der Verwaltung ge- fchchen. In der Versammlung berichtete Glocke über die Verschmel- zungsverhandlungen. Unter anderem bemerkte er, daß nur die Zahlstelle Weißensee sich für den Zusammenschluß erklärt hat, während Charlottenburg, Rixdorf und Schöncberg den Zusammen- schluß mit Berlin ablehnen. Der Redner betonte die Notwendigkeit Oerantw. Redalt.: Richard Vorth, Berlin. Inseratenteil verantn�� des Zusammenschlusses kllchk nur aus b'etkvaltungstechnischen Gründen, sondern auch deshalb, weil ja der Tarifvertrag für das Gebiet aller dieser Zahlstellen gilt und eine einheitliche Durch- führung des Vertrages nicht denkbar sei, wenn mehrere voneinander unabhängige Zahlstellen im Vertragsgebiet bestehen. Nach längerer Diskussion, in der auch Vertreter von Char- lottenburg, Rixdorf und Schöneberg sprachen, stimmte die Ver- sammlung den Einigungsbedingungen zu. Der Streik in ber Möbelfabrik von Heim u. Gecken dauert fort. ES ist der Firma nicht gelungen, in Berlin geeignete Arbeits- kräfte für ihren Bedarf zu finden, wcshasb sie jetzt für völlig un- geeignete Kräfte 7S Pf. Stundenlohn zahlen mutz. In der Haupt- fache sind es die„Gelben", die sich dort breit machen., Der dort beschäftigte Arbeitsvermittler dieser„nützlichen Herren", ein Herr Schleinitz, gibt sich die größte Mühe, seine Kollegen, die wo- möglich noch in anderen Betrieben in Arbeit stehen, dort hinaus? zuziehen und in die bestreikte Werkstatt zu dirigieren. Auch am Donnerstag hatte ein Polizist mit seinem Hunde an der Ecke der Wilhelm-Stolze-Straße Posto gefaßt, um die„bedrohte Sicherheit" aufrechtzuerhalten, während am Sonntag Kriminalbeamte die Gegend besetzt hielten. Die Firma selbst vermeidet es, in den von ihr erlassenen Annoncen ihre Namen bekanntzugeben. Die Firma schickt uns folgende kuriose Zuschrift: Auf Grund des§ 11 des Preßgesetzes ersuchen wir Sie hier- mit um gefl. Richtigstellung der in dem Artikel„Bluthunde gegen Streikende" enthaltenen Behauptungen über unsere Firma. 1. Es besteht bei uns kein Streik, ebensowenig ist unsere Fabrik seitens des Holzarbeiterverbandes gesperrt. 2. Wir haben den paritätischen Arbeitsnachweis durchaus nicht übergangen, sondern erst, als derselbe nicht in der Lage war, uns für bestimmte Arbeiten geeignete Kräfte zu überweisen, machten wir von unserem im Vertrag vorgesehenen Recht Ge- brauch, uns solche auf anderem Wege zu beschaffen, nicht aber, um billigere Arbeitskräfte heranzuziehen. Es ist bekannt, daß solche auch entsprechend weniger leisten, für uns also kein Vorteil darin liegt. Es erhält jeder leinen Lohn nach Vereinbarung. 3. Handelt es sich nicht um die Entlassung eines Vertrauens- mannes, da uns noch nie die Zugehörigkeit eines Arbeiters zum Holzarbeiterverbaüd als Grund zur Entlassung diente, sondern es handelt sich um einen im Verhältnis zu seinem im neuen Betrieb gestiegenen Lohn zu schwachen Tischler. Trotzdem war dem Werkstattausschuß bei Rücksprache die Wiedereinstellung desselben zugesagt worden. 4. Haben wir bis gestern nicht 18, sondern 66 neue Arbeiter eingestellt. 5. Sind nicht die Arbeitswilligen zu Tätlichkeiten über- gegangen, sondern es haben die auf ihr Verlangen entlassenen Arbeiter erstere beim Nachhausegehen angegriffen. Den Beweis werden die gerichtlichen Vernehmungen ergeben, welche die Folgen dieses Verhaltens sein werden. Hochachtungsvoll H e i m u. G e r k e n. Dazu bemerken wir: sck 1: Die Firma wird den Streik nicht durch Erklärungen aus der Welt schaffen. Es ist Sache der Arbeiter, ob sie seine Be- endigung beschließen wollen oder nicht. In, übrigen spricht die Firma selbst ja von den bei ihr tätigen„Arbeitswilligen". ad 2; Leute, die vom Nachweis kamen, wurden als„zu teuer" zurückgewiesen, andere aber eingestellt. Als die Arbeiter das Eini. gungseimt anriefen, erklärte der Vertreter der Firma dort, daß diese sich auf keinerlei Verhandlungen einließe. ad 3: Der„zu schwache" Tischler war 6 Jahre lang bei der Firma beschäftigt, bis man seine„Schwäche" entdeckte. ad 4: Die Ziffer der Arbeitswilligen soll unS gleichgültig sein. ad 5: Die Firma„berichtigt" hier etwas, wovon ihr aus Eigenem nichts bekannt ist. Die Verhaftung eines„Arbeitswilligen" kann sie nicht aus der Welt schaffen. Der Streit dauert fort. Vor Zuzug werden ehrliche Arbeiter gewarnt. Achtung, Töpfer! Die Firma Krätschmann aus Leipzig soll zurzeit in Berlin Arboiten ausführen. Sollten Kollegen wissen, wo die Arbeiten ausgeführt werden, so müssen sie dies umgehend dem Berliner Filialbnrcau, Engeluser 15, Telephon Amt 4, 9897, melden. Leipzig ist nach wie bor wegen Streik für Ofensetzer gesperrt. Die Verbandsloitung. Im Kraftdroschkenbetrieb L. Fabisch, Reinickendorfer Str. 23, ist die Sperre mit dem heutigen Tage aufgehoben. Bezirtsverwaltung Groß-Berlin''des Deutschen Transportarbeiter- - Verbandes., Deiitlcbes Reich. Aus dem roten Sumpf. Im vergangenen Fahre erschien im Verlage von Fritz Kater- Berlin die bekannte Broschüre„Aus dem roten Sumpf" oder:„Wie es in einem nicht ganz kleinen Zentralverbande hergeht", verfaßt von Karl Roche, früherem Hilfsarbeiter im Zentralvorstande des Verbandes der baugewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands. Diese von Beleidigungen und groben Anschuldigungen gegen die Vor- standsmitglieder Behrendt, Toepfer und Wrede wimmelnde Broschüre wurde von der bürgerlichen Preßmeute, vor allem von der„Freisinnigen Zeitung" in einem langen Leitartikel gierig be- schnuppert und von, Reichsverband bei der ReichStagsnachwahl in Halle, bei den Stadtverordnetenwahlen in Wandsbek usw. als Waffe gegen die Sozialdemokratie benutzt. Das Manuskript zu seinem Sudelwerk bot der wegen seines„Idealismus" zum Mär- threr gewordene Roche, der aufs Trockene gesetzt worden war, so daß er nicht weiter in dem roten Sumpf plätschern konnte, bürger- lichen Verlangen an, die aber bedeutende Streichungen verlangten, worauf er sich an die richtige Schmiede wandte: an den anarcho- sozialistischen Verlag von Fritz Kater. Die drei Genannten gaben Roche Gelegenheit, seine Behauptungen unter Beweis zu stellen, aber das Schöffengericht VI zu Hamburg erklärte den Wahrheitsbeweis für vorbeigelungen und verurteilte, wie seinerzeit berichtet, Roche zu einer Geldstrafe von 299 M. und Kater zu einer solchen von 59 M., während die Widerbeklagten freigesprochen wurden, weil sie in ihrer im„Bauhilfsarbeiter" veröffentlichten„Bekanntmachung" berechtigte Interessen wahrgenommen hätten. Roche legte Beru. fung ein, einige Tage später die Privatkläger, während Kater sich bei dem Urteil beruhigte. Die Angelegenheit gelangte am Sonnabend nachmittag bor der fünften Strafkammer des Landgerichts Hamburg zur Verhand- lung. In mehr als fünfftündiger Sitzung wurde abermals in den „roten Sumpf" hineingeleuchtet, aber für die den VorstandSmit- gliedern vorgeworfen«„Unehrlichkeit".„Aufgeblasenheit",„Wursch- tigkeit",„Trägheit",„Rücksichtslosigkeit",„Unfähigkeit" usw. wurde nicht das geringste vorgebracht, dagegen wurde festgestellt, daß Roche in schlimmer Weise, als er noch im„roten Sumpf" watete, gegen die drei Genossen intrigiert hat. Zu einem Zeugen hat er in bezug auf den damaligen Redakteur und jetzigen zweiten Vorsitzenden Toepfer gesagt, dieser sei ein Schwindsuchtskandidat und müsse bald sterben, dann würde er Redakteur, den anderen(VorstandSmit- gliedern) würde er eS zeigen. Alles, was Roche vorzubringen wußte, war, daß nicht jeder Hilfsarbeiter„kommandierender Gene- ral" war, daß nicht in der Verwaltung„Freiheit und Gleichheit" herrschte. Mit Bezug hierauf hatte die Vorinstanz ausgeführt:„In jedem größeren Betriebe, auch in sozialdemokratischen, müsse eine Leitung sein und Ordnung herrschen, könne nicht jeder tun, was er wolle". Zu denselben Feststellungen gelangte das Berufungsgericht, daS den Angeklagten Roche, der nur noch„Sozialist" fem will,„weil die Demokratie des Individuum unterdrückt", wieder zu 299 M. Geldstrafe verurteilt, während die Widerbeklagten, die in Wahr- nehmung berechtigter Interessen gehandelt hätten, freige» sprachen wurden. Das Urteil erster Instanz bleibt bestehen. Die bürgerliche Presse vom Schlage der„Freisinnigen Zeitung" dürfte wohl kaum von der Trockenlegung des„roten Sumpfes" Notiz nehmen. Die Lohnbewegung der Nordhäuser Tabakarbeiterinncn konnte mit Erfolg beendet werden. Die von den Unternehmern gemachten Zugeständnisse betragen für die ausgelernten 16 Jahre alten Arbeiterinnen 2'/z Pf., für Lehrmädchen 2 Pf. und für männliche Hilfsarbeiter 3 Ps. pro Stunde. Eine Versammlung der beteiligten Arbeiterinnen beschloß, sich mit dieser Lohnzulage zufrieden zu geben. Die Arbeiter der Gelbmctallindustrie in Düsseldorf sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Obwohl sich die Forderungen der Arbeiter in mäßigen Grenzen bewegen und es zunächst den Anschein hatle, als ob es zu einer Einigung kommen würde, stellt sich mm- mehr doch heraus, daß die Unternehmer Hintergedanken haben, denn sie suchen in auswärtigen Blättern, unter andern in Mainz, Gürtler usw. Zuzug ist natürlich fernzuhalten. Lohnbewegung im Kartonitagegewerbe. In Würzen befinden sich zwei große Kartonnagefabriken, die 499 Personen beschäftigen. Eine gut besuch? Versammlung befaßte sich mit der Dnrchbcratung eines Tarifcs und beschloß, den Tarif sofort an die Fabrikanten einzureichen. Gefordert wiro Verkürzung der Arbeitszeit um drei Stunden pro Woche, Fest» legung von Garantielöhnen— weil Akkordarbeit und bei dieser ständiger Mustertvechsel— und für Heimarbeiterinnen für Oel, Licht, Feuerung usw. 29 Prozent Lohnzuschlag. Husland. Wie der Kopenhagencr Beschluß wirkt. Noch ehe der tschechische Separatismus sozusagen osfiziev auf- trat, bestand er schon bei den Handlungsgehilfen, wo der tschechische .Zentralverband" der wirklichen Reichsorganisation, dem „Z e n t r a l v e r e i n der kaufmännischen Angestellten", mit dem Sitz in Wien entgegen. Der Kern jenes„Zentralverbandes" nun ist die Reisendenunion. Der gemeinsame Austritt von 159 Mitgliedern aus dieser scheint die separatistischen Handlungsgehilfen aufs Aeußerste gereizt zu haben, um so mehr, als die Einverleibung des Vermögens der Reisendenunion durch die separatistische Organisation nicht vollzogen werden konnte. Die loütenden Separatisten sprengten deshalb durch rohe Krawallszenen eine von der Zentralorganisation der Handlungsgehilfen einberufene Versammlung in Prag am 9. d. M. Die Verlesung einer Stelle des Berichtes der Separatisten an den Kopenhagener Kongreß gab den Anlaß.„Wir lassen uns weder von Wie» noch von Kopenhagen kommandieren I" ist die Parole._ Ein erfolgreicher Streik von Thcaterarbeliern. Nach mehrtägigen fruchtlosen Verhandlungen traten Freitag früh die Arbeiter bes Wiener„Theaters an der Wien" in den Streik, der nach sechs- stündiger Daner mit Abschluß eines Vertrages endete, der eine Reihe ansehnlicher Verbesserungen brachte. Die Lohnerhöhungen betragen 19, 29 und 39 Kronen pro Mann und Monat. Das bisher zehn- monatige Engagement ist aus elf Monate verlängert. Ueberstunden und Nachmittagsvorstellungen werden mit 2 Kronen bezahlt. Die Arbeiter des Raimund-Thcaters erhielten die gleichen Zugeständnisse. Sie alle find in der Bühnenpersonalunion organisiert. Eine Wendung in der englischen Schiffsarbeiter» bewegung. Die Arbeiterkrisis, welche seit einigen Tagen England bedroht, scheint in ein günstiges Stadium getreten zu sein. Was die Arbeiter der Schiffswerften betrifft, von denen 69 999 durch die Aussperrung betroffen werden, so haben die syndizierten Arbeiter beim Verbände der Schiffsbauer beantragt, eine Konferenz mit den Leitern des ArbcitersyndikatS zu vereinbaren. In dieser Konferenz würde dann die Lage einer Beratung unterzogen werden. Die Konferenz wird wahrscheinlich Ende dieser Woche stattfinden. Auch die Angestellten der Great Siorthern scheinen geneigt, in der Frage des Zehnstunden- tages nachzugeben._ Die römischen Droschkenkutscher gegen den Taxameter- Rom, den 12. September. Die römischen Kutscher sind in hohem Grade mit den Ergeb» nissen unzufrieden, die die Anfang dieses Jahres erfolgte Einfüh- rung des Taxameters gezeitigt haben. Da das Publikum ebenfalls mit den heutigen Zuständen unzufrieden sein soll, haben die Kut- scher beschlossen, eine öffentliche Abstimmung unter der Bürger- schaft zu provozieren. Es steht sehr dahin, ob die Stadtverwaltung sich die Unkosten eines Referendums in der Frage machen will. Daß die Organisation der Droschkenkutscher imstande wäre, selbst ein gültiges Referendum zu organisieren, kann man kaum annehmen. Letzte JNtacbncbtcn. Die Cholera in den Donaugebieten. Budapest, 13. September.(Preß.-Tel.) Aus etwa zehn an der Donau belegenen Bezirken sind hier Meldungen über neue Choleraerkrankungen eingetroffen. Die Cholera breitet sich mit großer Schnelligkeit aus, und es scheint, daß in einigen Orten Cholcraherde bestehen, von wo aus die Seuche weiterverschleppt wird. Einzelnen Ortsbehörden wird es zum Vorwurf gemacht, daß sie Choleraerkrankungen der Bevölkerung gegenüber vertuscht hätten. Von amtlicher Seite wurden aus den choleradurchseuchten Gegenden bisher 80 Fälle gemeldet._ Raubmord? Burgstädt, 13. September.(W. T. B.) Heute nachmittag ist in Burkersdorf das in den sechziger Jahren stehende Ehepaar G ö l I e r in seiner Wohnung erschlagen aufgesunden worden. An- scheinend liegt ein Raubmord vor, der wahrscheinlich um die Mittagszeit verübt worden ist. Verurteilter Wechsclfälscher. Hanau. 13. September.(B. H.) Die Strafkammer verurteilte den Kaufmann C. Hestermann, den Inhaber einer in Konkurs geratenen Kolonialtvaren-Grotzfirma, wegen Wechselfälschungen zu 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis. Unter Anklage standen 282 Fälle von Wechselfälschungen im Betrage von 48 299 M. Guben, 13. September.(V. H.) Die hiesige Strafkammer ver- urteilte den Bankier Büro wegen Unterschlagung und Betrug in dreizehn Fällen zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis. Büro war von der Schweiz ausgeliefert worden. Schiffskollision. Toulon. 13. September.(W. T. B.) Das U n t e r s e e b o o t „Monde" stieß heute mit einem Schleppdampfer zusammen und bohrte sich etwa einen Meter in den Rumpf des Dampfers ein. Es entstand eine Panik, doch ist niemand verlctzs worden. DaS Unter» seeboot soll keinen Schaden erlitten haben. C|.Gl»dt, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.«.verlaa»miftgll Paul Singer Sc Co., Berlin L1V. Hierzu 3 Beilage»».vuterhaltungSbl, 81.215. N.zchMü. 1. �dldjjf Öfö Jonitto" Pfilinet Polbliliitt. Ww-ch.it.s.vimwM«. 5. Verblllldstag des Verbandes der Knch- und Stein- druckerel-Hilfsarbtiter u. Arbeiterinuen Deutschlands- Bremen, 12. September 1910. Der Verbandstag wurde gestern abend durch die Verbandsdor- fitzende Thiede- Berlin eröffnet. Anwesend sind 51 Delegierte, davon 7 weibliche. Der Hauptvorstand ist durch 3 Mitglieder, da- von 2 weibliche, vertreten. Als Gaste sind Vertreter der verwandten Verbände in Deutschland— Buchdrucker, Buchbinder und Litho- graphen und Steindrucker— und vom österreichischen Senefelder- bund anwesend. Die Generalkommission vertritt Sabath- Berlin. In der heutigen Sitzung wurden gleich die Geschäfts- berichte entgegengenommen. Die Vorsitzende Thiede- Berlin verweist auf den gedruckten Bericht— den wir schon besprochen haben— und macht dazu kurze Bemerkungen. Den Kassen- b e r i ch t gibt L o d a h l- Berlin, der einige Erläuterungen macht. Die wichtigsten Zahlen haben wir bereits veröffentlicht. Redakteur P u ch e r- Berlin verzichtet auf einen mündlichen Bericht. In seinem schriftlichen Bericht klagt er über Mangel an Mitarbeit auf beruflichem, innerorganisatorischem und hauptsächlich tariflichem Gebiete. Die Redaktion habe ihr Hauptaugenmerk auf die EntWickelung der jungen Tarifgemeinschaft gerichtet, und ver- schiedentlich sei sie gezwungen gewesen, Angriffe von Unternehmer- seite in der schärfften Weise zurückzuweisen. Der Bericht der Redaktionskommission liegt ebenfalls schriftlich vor und wird mündlich nicht weiter ergänzt. Die einzelnen Beschwerdefälle, mit denen sich die Kommission zu befassen hatte, sind nicht von Allgemeininteresse. An die Berichte schloh sich eine längere Debatte, die sich Haupt- sächlich um eine vom Vorstand kurz nach dem letzten Verbandstage herausgegebene Umrechnungs tabelle für das Unterstützungs- wesen drehte. Der Vorstand wollte mit der Umrechnungstabelle eine einheitliche Grundlage schaffen für die Ausbezahlung von Unterstützungen. Durch diese Tabelle fühlten sich eine Reihe Mit- glieder und besonders ältere geschädigt. Sie erblickten in ihr eine Aenderung des Statuts und protestierten dagegen. Mit Ausnahme von Berlin ist aber die Tabelle doch überall eingeführt und nach ihr ausbezahlt worden. In der Debatte wurde nun der durch die Umrechnungstabelle hervorgerufenen Mißstimmung Ausdruck ge- geben. Die Vorsitzende Thiede betonte, die Einführung der Tabelle sei notwendig gewesen; man habe dadurch den Verband vor den Kassenmardcrn schützen wollen. Im übrigen war man mit der Tätigkeit des Vorstandes und auch der Redaktion im allgemeinen «inverstanden. Gauleiter Krumpfert- Köln verlangte, daß den Gauleitern mehr Spielraum bei der Agitation gelassen werde; sie würden in ihrer Tätigkeit zu sehr vom Hauptvorstand beschränkt. — Dem gesamten Vorstand wurde schließlich Entlaswng erteilt. Ebenso wurde noch besonders die Herausgabe der Umrechnungs- tabelle gegen eine starke Minderheit gutgeheißen. In geschlossener Sitzung wurde dann in die Beratung de? Punktes 2: a)«Die Lehren der Tarifabschlüsse und unsere Taktik zur Tarifbewegung 1911", d)„Unsere Taktik bei Lohnbewe- gungen in Steindruckereien" und„Unsere Stellung zu den anderen graphischen Verbänden" eingetreten. Vom Zeutralverband der Handelsleute n. Kerufsgenossen Deutschlands(Sitz Derlin) erhalten wir folgende Zuschrift: Fast in der ganzen Arbeiterpresse erschien vor kurzem ein „Aufruf an die organisierte Arbeiterschaft", unterzeichnet vom Ausschuß des Zentralverbandes der freien Händler. Hausierer und verwandter Berufsgenossen Deutschlands, Sitz Essen(Ruhr). Eingangs dieses Aufrufs wird betont, daß besagter Verband auf dem Boden der„modernen Arbeiterbewegung" stehe. Was dies bedeuten soll, ist nicht recht klar. Wenn es heißen soll, daß alle anderen Verbände und Vereine, außer dem Essener Verband, mit der Arbeiterbewegung nicht im Einklang zu bringen sind, sehr häufig im schroffsten Gegensatz dazu ständen, so ist das unhaltl-ar. Gerade hier in Berlin, sowie in vielen anderen Orten Deutschlands, bestehen Sektionen des Zentralverbandes der Handels- leute und Berufsgenossen Deutschlands(Sitz Berlin), die mit den Arbeiterverbänden in engster Fühlung stehen. Der Berliner Verband erstrebt die Hebung der materiellen und geistigen Interessen seiner Mitglieder. Er gewährt Rechts- schütz in allen gewerblichen Streitfragen, Kranken- und Sterbegeld, Kleines Feuilleton. Bismarck. Daß der„große" Bismarck gar manches Kleinliche an fich hatte, zeigt H. v. Gerlach im„Freien Volk" in einer Reihe von Artikeln(„Erinnerungen eines VcrwaltungSbeamten"), deren achtem wir folgende Einzelheiten entnehmen: Oberförster Lange verwaltete die Bismarckschen Forsten so geschickt, daß er den Ertrag aus dem Sachsenwald verdoppelte und durch Anlage industrieller Werke, durch Einführung wichtiger Neuerungen und Erfindungen, durch Erschließung immer neuer Absatzmärkte für die Bis- marckschen Fabrikate, durch Abschluß einträglicher Pacht- Verträge, durch An- und Verkauf zu vorteilhaften Bedingungen wahre Goldströme in die Taschen des Kanzlers leitete. Trotzdem durfte Lange auch nicht den geringsten Widerspruch gegenüber dem Eisernen" wagen, und— was besonders bezeichnend ist für Bismarck— der tüchtige Oberförster mußte sich mit einem geradezu miserable» Gehali— Lange selber nannte eS einmal ein Lum pengehalt"— begnügen. Jeder Versuch, eine Gehalts- erhöhung zu erzielen, stieß bet Bismarck auf absolute Harthörigkeit! (Nach Bismarcks Tode mußte Lange schließlich die reichen Erben verklagen!), Geschektke liefen unaufhörltch und von allen Seiten em. da man wohl wußte, wie gern der alte Geizhals nahm. Es regnete form- lich Wein. Likör, Schinken, Wurst und sonstige Lebensmittel, so daß der Fürst manches(z. B. Wein)„trotz des großen Konsums" überhaupt nicht mehr zu kaufen brauchte! Gegen- gcschenke machte Bismarck nie. Darüber sagte Lange:„Den Menschen soll man erst auftreiben, der sich rühmen könnte, von Bismarck ein Geschenk erhalten zu haben. Rein, dafür und für Wohltätigkeit darf kein Pfennig ausgegeben werden. Als ihn ver- fchiedene Vereine um ein Andenken baten, da bat er mich ein für allemal angewiesen, nur Eichen aus dem Sachsenwalde für solche Fälle zu versenden. Aber recht kleine Bäume, und von solchen Stellen, wo fie so eng stehen, daß sowieso welche entfernt werden müßten.".. �„ „Einmal trug Lange dem Fürsten vor, daß er zur rationelleren Bewirtschaftung des Sachsenwaldes unbedingt neues Kartenmaterial brauche. Der Fürst erklärte, daß er dafür kein Geld habe. Ein zweiter Versuch, auf denselben Gegenstand zurückzukommen, trug Lange eine so unzweideutige Antwort ein, daß er schleunigst ab- brach. Also waS tun? Die Karten mußte et haben. Kurz ent- schloffen, legte er sie dem Fürsten als fein Geschenk unter den Weihnachtsbaum."(!)„ �. „Die schwierigste Sache von der Welt war. Bismarck zur Aus- gäbe von barem Gelde zu veranlassen. Bei dem großen Wildstand im Sachsenwald mutzte im Winter stark gefüttert werden. Die Futtermittel wurden natürlich aus den fürstlichen Besitzungen Unterstützung in besonderen Notfällen, ebenso die kostenlose Liefe- rung des Verbandsorgons„Der deutsche Händler und Hausierer". Der Verband sucht alle Verufsgenossen, ganz gleich welcher poli- tischen Richtung, auf gewerkschaftlicher Grundlage zu vereinigen. Freilich ist der Kampf um die Existenz bei Händlern und Hausierern ein ungleich anderer als bei gewerblichen oder anderen Arbeitern. Arbeitslosenunterstützung, Streik usw. wäre bei crsteren doch geradezu lächerlich. Ter Kampf der Händler und Hausierer richtet sich in erster Linie auf Gleichberechtigung mit jeder anderen Er- werbsgruppe, gegen willkürliche Auslegung der das Wandergewerbe betreffenden Gesetzesparagraphen, gegen Einführung das Wander. gewerbe schädigender Verordnungen und Gesetze seitens der Be- Hörden und Regierungen und dergleichen. Es steht jedem Mitgliede frei, sich der ihm zusagenden poli- tischen Organisation anzuschließen. Als Erkennungszeichen tragen die Mitglieider des Berliner Verbandes die Verbandsnadel bei Ausübung ihres Gewerbes. Zentralverband der Handelsleute und Berufsgenossen Deutschlands(Sitz Berlins I. A.: Hans Reich', Berlin N. Hus der Partei. Genosse E. Aucr-München ersucht uns um Aufnahme folgender Zeilen: „In Nr. 213 des„Vorwärts" ist ein Bericht über eine Nürn« berger Versammlung, die zum Parteitage in Magdeburg Stellung genommen, enthalten. Nach diesem Bericht hat der Gausckretär Walther erklärt:„Ich gehöre zu denjenigen, die die Erklärung der ö6 mitunterschrieben haben unter dem Eindruck der bewegten und erregten Kämpfe. Heute stehe ich auf einem anderen Standpunkt. Als Mitglied des bayerischen Landesvorstandes war mir Ge- legenheil geboten, einen tiefen Einblick in die Landespolitik der Partei zu tun und gerade das hat in mir den Um« schwung bewirkt." Da diese Erklärung des Genossen Walther geeignet ist. Verdacht zu erwecken, als ob sich inner- halb des Landesvorstandes Dinge ereignet hätten, die das Licht der Parteiöffentlichkeit zu scheuen hätten, wurde Genosse Walther im Auftrage der in München anwesenden früheren und jetzigen Landesvorstandsmitglieder aufgefordert, die sachlichen Unterlagen für obige in der Versammlung aufgestellten Be- hauptuogen beizuschaffen. Da Walther auf den Parteitag in Er- langen, der am 13., 14. und 15. August stattgefunden hat, über diese angeblichen Erfahrungen vollständig geschwiegen hat, ist sein Verhalten jetzt um so eigenartiger. Die erwähnten Mitglieder des Landesvorstandes bestehen darauf, daß Walther mit klaren Angaben dient. München, den 13. September 1919. E. Auer. Wir finden diese öffentliche Aufforderung etwas seltsam und meinen, daß durchaus kein zwingender Grund vorliegt, den Worten des Genossen Walther den ihnen von den Münchener Landes- Vorstandsmitgliedern imputierten Sinn unterzulegen. Na als- k Man schreibt uns aus Baden: Unser Mannheimer Parteiorgan, die. V o l k S st i m m e", sprach dieser Tage ein großes Wort gelassen aus, indem sie das berühmte Bodman-Sprüchlein üöer die ethische Bedeutung der Sozial- demokratie auf seinen reellen Wert zurückführt. Es sind, sagt sie, „die wenigen Worte, die Freiherr v. Bodman kurz vor Schluß des letzten Landtages in der Ersten Kammer der Sozial- demokratie widmete, für vernünftige Leute eigentlich selbst- verständlich." Zu den nichtvernünftigen Leuten rechnet die .Volksstimme" zunächst die Zentrumspresse, welche diese Minister- Worte parteieaoistisch ausnutze. Deshalb belehrt die„Volks- stimme" das Zentrum, daß es lange vor dem badischen Junker v. Bodman der bayerische ZcntrumSprofessor Reeb war, der 1399 in der bayerischen Kammer die Sozialdemokratie als eine Partei zur Verbesserung der Lebensstellung des vierten Standes bezeichnete und daß Kanzler B i S m a x ck 1884 die deutsche Sozialresorm als einen aus der Furcht vor der Sozialdemokratie hervorgegangenen Fortschritt kennzeichnete. Wer wollte sich mit dieser nüchternen Beurteilung der gegneri- scheu Elogen über unsere Partei durch unser Mannheimer Schwester« blatt nicht zufrieden geben? Die Genossin Luxemburg hat in ihren Reden in badischen Versammlungen dasselbe ausgeführt, um zu zeigen, daß dieser„für vernünftige Menschen eigentlich selbslver- ständiger Worte" wegen die Mehrheit der sozialdemokratischen LandtagSfraktion den DiSziplinbruch hätte nicht begehen dürfen. selbst gebaut. In einem besonders harten Winter reichte jedoch das selbstgewonnene Futter nicht aus. Lange kam deshalb zum Fürsten und bat ihn, etwas Lupinen und Kleeheu kaufen zu dürfen.„Nein!" Die Fürstin stand dabei und sagte:„Bitte, Otto, erlaube es doch. Sieh einmal, die armen Tiere kommen ja vor Hunger bis an den Gartenzaun."„Nein!' Und dabei blitzten seine großen Augen in der bekannten Weise, die jedem, auch jedem Familienmitgliede, eS geraten sein ließ, das Thema zu verlassen." In Bismarcks Wappenschild hätte sehr wohl der Spruch gepaßt: «Nehmen ist seliger denn Geben!" AuS dem italienischen Klosterlcben des 16. Jahrhunderts. In der„Rivista d'Jtalia" erzählt Antonio Pilot nach bisher noch nicht veröffentlichten Dokumenten, wie es im 16. Jahrhundert in den italienischen Klöstern zuging. ES herrschte in den Frauenklöstern ein lockeres Leben und Treiben, das geradezu einen Hohn auf dU angebliche klösterliche Abgeschlossenheit und auf die vielgepriesene strenge Klosterzucht bildete. Die jungen Mädchen, die hinter den Klostermauern weilten, glaubten sich keinerlei Zwang auferlegen zu müssen, weil sie sichzum großen Teil nicht freiwillig in die Gefangenschaft begeben hatten; viele von ihnen waren Kinder reicher Eltern, die ihr großes V«rmögen den erstgeborenen Söhnen oder Töchtern un« geteilt erhalten wollten und deshalb jüngere Töchter in die Klöster abschoben. Wie sehr diese Nonnen wider Willen über idie Stränge geschlagen haben müssen, ergibt sich aus zahlreichen Straf- und Fluchdekreten, die von geistlichen und weltlichen Behörden gegen sie und ihre„Mitsünder" erlassen wurden. Vor auem sind da die Dekrete der Patriarchen und der Regierung von Venedig zu erwähnen. Am 29. Juni 1599 wurde in Venedig kundgetan, daß alle diejenigen, welche mit den Klosterfrauen Ver- kehr und Umgang gehabt hätten, auf Lebenszeit verbannt seien; die« jenigen, welche aus irgendeinem Grunde in die Klöster eingedrungen seien oder sich auch nur in der Nähe der Klöster zu schaffen gemacht hätten, seien aus zehn Jahre verbannt. Vagabundierende Nonnen wurden, wenn man sie wieder einfing, dem Patriarchen übergeben und für ihre Abenteuerlust aufs strengste bestraft; wer thnen während ihrer.Strolchzeit' Unterkunft gewährt hatte, wurde für fünf Jahre in die Verbannung geschickt. Gondelsührer, die den aus den Klöstern entflohenen Nonnen ihre Gondeln zur Verfügung gestellt hatten, sollten„sechs Monate gefesselt im Gefängnis schmachten und dann von S. Marco bis zur Nialtobrücke gepeitscht werden." Strenge Strafen gab eS auch für Dienst« mägde, die sich im Auftrage verliebter Herren in die Klöster schlichen und„mit ihren Kuppeleien viel Unheil stifteten". Sie bekamen die Peitsche zu spüren' und wurden verbannt, wenn sie nicht inner- halb einer Frist von 16 Tagen freiwillig die Stadt verließen. Alle diese Maßregeln müssen aber wenig genützt haben; man kann das aus dem Umstände schließen, daß an, Ende des 16. Jahrhunderts ein Patriarch das Bedürfnis fühlte, ein fürchterliches Fluchdekret zu erlassen, in welchem er nach einer Aufzählung Genossin Dr. Rosa Luxemburg hat ihre Agitationsreise in Baden nach dem Jnternatio« nalen Kongreß wieder aufgenommen. Am Sonnabend sprach sie in Schopfheim, am Sonntag in Lörrach. Beide Versamm- lungen waren von Angehörigen der Textilarbeitcrorganisation ein- berufen worden. In der„Lörracher Volkszeitung" war daher am Sonntag folgender bezeichnender redaktioneller Hinweis zu lesen: „Frau Dr. Rosa Luxemburg, Berlin, wird sprechen am Sonntag, den 11. September d. Js., nachmittags t Uhr, im „Markgräfler Hof" in Lörrach, über:„Monarchie. Kaiserreden und Sozialdemokratie."— Freie Diskussion!— Arbeiter, Bürger» Arbeiterinnen I Erscheint in Massen in dieser Versammlung I Der Einberufer: Ad. Kieslich, Lörrach-Stetten. Zu obiger Einladung gibt die Kreisleitnng. die Vorstondschaft des hiesigen sozialdemokratischen Wahlvereins sowie der Gewerk- schaftSkarlellvorsitzcnde bekannt, daß Frau Luxemburg nicht in ihrem Austrage spricht.— Die politische Leitung der hiesigen Partei hat gegen das Thema selbst nichts einzuwenden." Dieser eigenartige Hinweis hatte nicht zu verhindern vermocht, daß die Versammlungen außerordentlich stark besucht wurden. Die Wiesenthaler Proletarier hatten sich von nah und fern in hellen Scharen eingefunden. Hunderte, die keinen Platz mehr fanden, mußten wieder umkehren. Die Referentin behandelte in ihrem Vortrage die badische Budgetbewilligung. Ihre Ausführungen fanden dabei öfter demonstrative Zustimmung der Zuhörer. So war denn der Satz:„Die Proletarier haben trotz aller Beschönigungen keinen Grund, das Musterländchen Baden als Paradies auf Erden an« zusehen" mit tosendem Beifall aufgenommen, ebenso der Hinweis darauf, daß die Lebensarbeit der Bebel, Liebknecht, Auer, die nie ein Budget bewilligt haben, doch nicht bloße Negation sei. Die Nednerin schloß in Lörrach mit den Worten: «Wenn die Einheit in der deutschen Sozialdemokratie nicht aufrecht erhalten würde, so wäre eS auch mit der Einheit der badischen Sozialdemokratie vorbei. Deshalb müsse das Bestreben aller Genossen und Genossinnen sein:-Hoch die Einheit, hoch die Entschlossenheit der Gesamtpartei!"(Stürmischer, nicht enden- wollender Beifall.) In S ch o p f h e i m trat Genosse Landtagsabgeordneter Müller der Referentin in halbstündigen Ausführungen entgegen. Eingehend entgegnete ihm Genossin Luxemburg. In Lörrach blieben die Landtagsabgeordneten Rösch und Breitenfeld der Versammlung fern. Beide Versammlungen hinterließen einen starken Eindruck. Am Montag sprach Genossin Luxemburg in Mannheim. Der ersten redaktionellen Ankündigung in der.Volksstimme" war ebenfalls die Bemerkung hinzugefügt, daß die Versammlung weder vom Sozialdemokratischen Verein noch vom Gewerkschaftskartell ein« berufen worden sei. Dazu wird uns mitgeteilt, daß im Mann« heimer Gewerkschaftskartelle die Einberufung mit Stimmen« gleichheit abgelehnt wurde. Nachträglich scheint eine andere Regelung stattgefunden zu haben. In der Sönnabendnummer der„VolkSstimme" war folgende Ankündigung zu lese»: Sozialdemokratischer Wahlverein Mannhein. Dr. Rosa Luxem- bürg, Berlin, wird in einer am Montag, 12. September, abends Z'/z Uhr, im Saale des Gewerkschaftshauses,? 4, 8, stattfindenden außerordentlichen Mitgliedervers amnrlung einen Vortrag halten über:„Streifzüge durch die Nationalökonomie." Die Parteimitglieder werden ersucht, für zahlreichen Besuch zu agitieren Zutritt haben nur Partei nritglieder, ivelche am Saaleingang ihre Mitgliedsbücher vorzeigen. Der Metallarbeiterverband in Pforzheim und die badische Budgetbewilligung. Wir hatten seinerzeit zur Erklärung des Genossen Hamann in Nr. 295 des„Vorwärts" bemerkt, daß wir den Verfasser der Notiz, gegen die sich Hamann wendete, sofort aufgefordert hätten, sich zu der Sack)« zu äußern. Diese Aeußerung erfolgt erst jetzt, weil der betreffende badffche Genosse erkrankt war und erst in diesen Tage» das Bett verlassen hat. Er schreibt uns: „Es kann nicht behauptet werden, daß die Budgetfrage in Vezirksversammlungen des Metallarbciterverbandes (Ortsverwaltung Pforzheim) auf der Tagesordnung war und von Referenten behandelt wurde. Die gegenteilige Behauptung stützt sich aber auf folgende Tatsachen, weldbe den Irrtum erklärlich er- scheinen lassen. Als gegen Ende Juli der Streit wegen der Budget» bowilligung der LandtagSfraktion in den Parteikreisen ausge» tragen wurde, verlangte ein Mitglie� der Ortsverwaltung der Me- tallarbeiter(Parteigenosse K.) im Sedan-Bezirk eine Versammlung diverser Klosterskandale gegen die Störer des klösterlichen Friedens folgendermaßen loswetterte:„Sie seien verflucht im Hause und außerhalb des Hauses. Sie seien verflucht, wenn sie schlafen, wenn sie wachen, wenn sie gehen, wenn sie stehen. Verflucht seien ihr Fleisch und ihre Gebeine, und von der Fußsohle bis zum Scheitel sei an ihrem Körper nicht eine heile Stelle. Sie seien vor Gott gleich geachtet dem Brudermörder Kain und den Frevlern Dathan und Abiram, und sie seien verschlungen vom ewigen Feuer mit dem Teufel und den Engeln der Hölle!" Ob nach dieser Verfluchung die Tugend der Klosterfrauen größer geworden ist, wird nicht an» gegeben. Humor und Satire. Die Woche. DaS„Väterchen" in Friedberg sitzt, Die Polizei in Darmstadt schwitzt. Herr Scherl in seinem Wonnekleister Erzählt genau: was säuft und beißt er; Er will uns menschlich näher bringen Den Mann der tausend HenkerSschlingen Und harrt mit Hangen und mit Bangest» Wie Sonntags es verlief in Langen. Dann bringt er drüber keinerlei, Nicht mal'ne Holzbock-LHanei. Die OrdenSlöcher wollen sprießen. In Frankfurt wird fest ausgewiesen; Der Russe freut sich drob und grient: .Wie gut der deutsche Dwornik dient!" Paulchen. DiejungeFirma.„Furchtbar langweilig sind die Hand« werker... jetzt habe ich schon Pleite gemacht, und die Ladenein« richtung ist»och nicht fertig." Alifschriften an ländlichen Pensionen und st ä d t i s ch e n G a st h ö f e n. Grüß Gott, tritt ein, Bring 12 Mark 59 täglich herein! Zimmer für Monate, Wochen, Tage und schwache Stunden. Der Schlachtendenker. Serenissimus nimmt an einer Gefechtsübung teil. Am Ufer eines Flusses läßt er sich über die augenblickliche Situation Vortrag halte». Nachdem er durch mehr« maligeS Neigen des Kopfes angedeutet hat, daß ihm alles klar ist, wendet er sich an Kindermann und flüstert ihm ins Ohr:„Sagen Sie mal, Kindermann, sind wir hier eigentlich diesseits oder jenseits des Flusses!"(»Lustige Blätter".) ffft Seit 96. JuN Tff S?ft„SoTeh�etlier". Der Parleiausschutz wünschte die Tagesordnung kennen zu lernen. Die Angabe wurde verweigert. Darauf wurde im Bureau des Metallarbeiter» Verbandes eine Einladung zur sozialdemokratischen Bezirks- Versammlung auf den 2S. Juli gedruckt und zur Vevbreitung ge° geben. Das Zirkular besagte: Die Tagesordnung wird im Lokal bekanntgegeben. Am 28. Juli wurde in der Versammlung verkündek, daß als erster Gegenstand die Budgetfrage behandelt wird. Dagegen wurde von mehreren Mitgliedern der Pforzhcimer Parteileitung namens des Gesamtausschusses protestiert. Es bezog sich der Protest zunächst darauf, daß über den Kopf des Bezirks- leiters hinweg diese Sache arrangiert wurde, daß ferner die Budgetfrage in einer von der Parteileitung zum 3. August im „Bürgerbräu" anberaumten Parteiversammlung durch Referat und Gegenreferat ausführlich erörtert werden sollte, und eine einseitige Behandlung vorher in Bezirksversammlungen als eine St im- mungsmuche erscheinen würde. Der Genosse K.(Veranlasser der Versammlung) ließ dann auf Grund eines Mehrheitsbeschlusses die Budgetfrage behandeln; das Referat erstattete der Geschäftsführer des Metall- arbeit erVerbandes, Schöttle. Der Bezirksvorsitzende, Genosse A., legte Verwahrung dagegen ein. daß man ohne seine Zustimmung diesen Abend arrangierte; er hätte bisher die viele Arbeit geleistet und sähe sich nun zurück- gesetzt. Der Genosse A. wurde bei der folgenden Wahl des Bezirks- borsitzenden nicht wiedergewählt." Dir Fürther Genossen zur badischen Bubgetbewilligung. Der badische Konflikt wurde auch in einer Parteiversamm- lung in Fürth behandelt, wobei der Referent Zorn sich gegen das Verlangen wendete, die Badener auszuschließen, was zu einer folgenschweren Spalwng führen würde. Die Badener wolle er nicht verteidigen, sie hätten den Nürnberger Be- schluß einhalten müssen, doch hätten sie geglaubt, im Interesse der Partei zu handeln, als sie im letzten Augenblick sich für die Zustimmung zum Budget entschlossen. Schiller be- zeichnete den Nürnberger Beschluß als unhaltbar, deshalb müsse er aufgehoben werden; Zweckmäßigkeitsgründe könnten zuweilen es notwendig machen, für das Budget zu stimmen. Zwiebel er- klärt, die Budgetfrage seine keine taktische, sondern eine prinzipielle Frage. Wer für ein bürgerliches Budget stimme, sein kein Sozial- demokrat. Segitz bemerkt, die Frage sei eine rein politische Frage, keine Frage des Sozialismus. Die Frage sei deshalb schwierig, weil in den norddeutschen Parlamenten eine Budget- atstimmung nicht stattfindet(?) und da sei es schon den sächsischen Genossen passiert, daß sie die Gehälter von Ministern mit be- willigten. Redner glaubt nicht, daß die Badener ausgeschlossen werden, auch der Nürnberger Beschluß werde nicht aufgehoben werden. Am besten wäre es, wenn die Badener erklären würden, daß sie in Zukunft die Parteibeschlüsse Kessar einhalten wollen. Vogel erklärt. Beschlüsse müßten unter allen Umständen einge- halten werden. Eine Spaltung in eine nord» und eine süddeutsche Partei werde nicht eintreten, denn im Süden seien die Genossen über die Budgetfrage auch geteilter Meinung. Der Gesamtinhalt der Diskussion ging dahin, daß zwar der Nürnberger Beschluß als unhaltbar angesehen, aber das Vorgehen der Badener nicht gebilligt wird. Eine Resolution wurde nicht gefaßt. Soziales. Vom Arveiterinnenschutz in der Konfektiott. Die BundeSratsverordnung vom 3k. Mai 1897(neue Fassung vom 17. Februar 1904) hat' die Schutzbestimmungen der§§ 135 bis 139 und 139b der Gewerbeordnung mit einigen Abänderungen aus- gedehnt auf die Werkstätten der Wäsche, und Kleiderkonfektion. Der§ 1 sagt, welche Betriebe er dabei im Auge hat, und rechnet dazu u. a. nach Ziffer 2 auch„Werkstätten, in welchen Frauen- und Kinderkleidung(Mäntel, Kleider. Umhänge und dergleichen im großen oder auf Bestellung nach Maß für den persönlichen Be- darf der Besteller angefertigt oder bearbeitet wird". Diese Schutz- bestimmungen sollte Herr Neumann übertreten haben, der in seinem Ladengeschäft fertige, von ihm gekaufte Damenkonfektion feilhält. Soweit den Käufern die Sachen nicht passen, werden sie ihnen auf Wunsch von zwei Mädchen in einem zum Geschäft ge- hörenden Raum unter Benutzung von Nähmaschinen geändert. Bezüglich dieser Mädchen waren die Vorschriften nicht beachtet worden. Sie mutzten Sonnabends noch nach 5% Uhr tätig sein, ohne daß die Zeit auf einer Tafel als Ueberzeit vermerkt wurde. Auch hatte N. der Behörde keine Anzeige gemacht, wie sie die Ver- ordnung vorschreibt, sowie eine Tafel mit den Bestimmungen nicht ausgehängt. Das Landgericht Berlin sprach ihn frei, weil es die Verordnung hier nicht für anwendbar hielt. Eine Anfertigung oder Bearbeitung im großen liege hier zweifeNos nicht vor. Aber eS müsse auch verneint werden, daß es sich um eine Bearbeitung nach Maß für den persönlichen Bedarf der Besteller handele. Das könne in der Abänderung der gekauften Sachen nicht gesehen werden. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein und machte geltend. daß eine Bearbeitung nach Maß für den persönlichen Bedarf der Besteller vorliege, wenn fertige Sachen, die dem Käufer nicht paßten, nach seinem Wunsch und Bedürfnis abgeändert würden. Daß diese Bestellung der Abänderung im Zusammenhang mit einem Kauf erfolgt sei. habe keine Bedeutung. Das Kammergericht hob, dem Gesetz entsprechend, das frei- sprechende Urteil am Sonnabend auf und verwies die Sache zu anderweiter Entscheidung an das Landgericht zurück. Die An- fertigung oder Bearbeitung im großen scheide hier nach den Fest- stellungen allerdings aus. Es frage sich aber, ob es sich hier nicht handele um eine Werkstatt, wo entsprechende Kleidung„auf Be- ftellung nach Maß für den persönlichen Bedarf der Besteller be- arbeitet" werde. In der Beziehung irre das Landgericht. Denn nach Meinung des Kammergerichts könnte die Abänderung auf Bestellung für das persönliche Bedürfnis des Käufers als eine der- artige Bearbeitung angesehen werden. Deshalb, müsse die Vor- «ntscheidung aufgehoben und die Sache an das Landgericht zurück» verwiesen werden. Die Entscheidung ist recht beachtenswert, weil über ähnliche Versuche, Arbeiterinnen-Schutzbestimmungen zu durchbrechen, oft geklagt wird. In Sachen der Konkurrenzklausel hat die Freie Vereinigung von Handlungsgehilfen-Beisitzern der Kaufmannsgerichte von Groß-Berlin in ihrer letzten Mitglieder- Versammlung folgenden Beschluß gefaßt: „Die am 6. September 1919 in Stevens Hotel, Berlin, Niederwallstratze, tagende Versammlung der„Freien Vereinigung von Handlungsgehilfen-Beisitzern der Kaufmannsgerichte von Groß-Berlin" lehnt entschieden die Borschläge des Königl. preuß. Minister? für Handel und Gewerbe zur Neuregelung der Kon-. kurreuzklaufel ab, da diese Vorschläge keinesfalls geeignet er- scheinen, die mit der Konkurrenzklausel für die Angestellten verbundenen Schädigungen zu beheben, vielmehr eine Verletzung des Vereinigungsrechtes und eine. Verschärfung der bisherigen Bestimmungen einschließen. Die versammelten Handlungs» gchilsenbeisitzer halten im Interesse einer günstigen Entvickelung des Handels und der Industrie das Derdoi der Konkurrenzklausel für erforderlich und richten an den Gutachterausschuß des Kauf» mannsgerichts Berlin die Bitte, dem Herrn Handelsminister das verlangte Gutachten m diesem Sinne zu erstatten. Gleich- zeitig geben die versammelten Kaufmannsgerichtsbeisitzer ihrem lebhaften Erstaunen darüber Ausdruck, daß bisher der Gutachter- ausschuß des Kauftnannsgerichts nicht einberufen ist, trotzdem nicht nur das vom Handelsminister verlangte Gutachten bis zum 16. September erstattet werden soll, sondern auch noch andere Anträge seit mehreren Monaten der Erledigung durch den Gut- achterausschuß harren."_ Berginvalidität. Eine in Knappschaftssachen wichtige Entscheidung wurde vor dem Oberlandesgericht Hamm zum Austrag gebracht. Der Platz- meister Sch. in Dahlhausen klagte gegen den Allgemeinen Knapp- schaftsverein Bochum um Zahlung der Knappschaftsrente. Sch. war seit 1879 bis 1893 ununterbrochen im Bergbau beschäftigt und war eingeschriebenes Mitglied des Knappschaftsvereins. Als er 1897 er- krankte, nahm er nach seiner Wiederherstellung die Arbeit nicht wieder auf, sondern nahm den Posten eines Platzmeisters auf einem Eisenwerk an. Seine Ansprüche beim Knappschaftsverein hielt er durch Zahlung des satzungsmäßigen Feierschichtengeldes aufrecht. Er beabsichtigte in Hinblick auf seinen körperlichen Zustand, der die Grubenarbeit nicht mehr zuließ, sich invalidisieren zu lassen. Doch wurden seine Anträge mehrfach in allen Instanzen abgelehnt. Sch. strengte nun Klage beim Landgericht Bochum an. Der Knapp- schaftsverein vertrat hier den Standpunkt, daß der Kläger sehr wohl noch in der Lage sei, eine bergmännische Arbeit zu verrichten, sei es Lampenputzer, Maschinist oder Markenkontrolleur. Diese Arbeit strenge nicht mehr an und sei ebensogut auszuführen wie die Tätigkeit ejnes Platzmeisters auf der Fabrik. DaS Landgericht Bochum wies die Klage ab, weil nach den Satzungen des Vereins der Rechtsweg ausgeschlossen sei. Das Oberlandesgericht in Hamm verurteilte jedoch auf die Berufung des Klägers den Knappschasts- verein zur Zahlung der Knappschaftsrente. Es heißt in der Be- gründung unter anderem: Es bedarf nicht der Feststellungen, welche Arbeiten den wesentlichen bergmännischen Arbeiten für die Entscheidung der Frage der Arbeitsfähigkeit gleich zu erachten sind, und ob eine Invalidität im Sinne der Statuten dann nicht vorliegt, wenn das Mitglied eine dieser Arbeitsstellungen noch ausfüllen kann. Hua der frauenbewecfung* Sozialdemokratische Frauenkonferenz in Schleswig-Holstein. .Eine von der Agitationskommission für den Agitationsbezirk Schleswig-Holstein einberufene Konferenz der weiblichen Mitglieder der sozialdemokratischen Vereine tagte am Montag, den 11. Sep- tember in Neumünster. Sie war von 39 Delegiertinnen aus den einzelnen Kreisen beschickt. Außerdem waren anwesend 9 Ver- treter der Agitationskommission und der Kreisleitungen und vom Parteivorstand in Berlin Genossin Z i e tz. Genossin Z i e tz be- wnte in ihrer Ansprache, daß der Parteivorstand im Gegensatz zum deutschen Kaiser die Meinung vertrete, daß es außerordentlich not. wendig sei, daß sich die deutschen Frauen an der politischen Be- wegung beteiligen.— Die vor der Konserenz von manchen Seiten ausgesprochene pessimistische Ansicht über den Wert der Konferenz ist durch den Verlauf glänzend widerlegt worden. Die Verhand- lungen wurden sehr sachlich geführt, standen auf einem Verhältnis- mäßig hohen Niveau, und eine Fülle von Anregungen für die Agitation unter den Frauen wurde gegeben. Genossin Baumann- Altona berichtete über die VerHand- lungen der Internationalen Frauenkonferenz in Kopenhagen. In der Diskussion wurde besonders der Beschlutz der Internationalen Frauenkonferenz, alljährlich in allen Ländern einen Frauentag zur Propagierung des Fvauenwahlrechts zu veranstalten, beifällig auf- genommen. Die Konserenz beschloß dazu folgende Resolution: „Die Konferenz hat Kenntnis genommen von dem in Kopen- Hagen beschlossenen Frauentag zur Propagierung des Frauen- Wahlrechts und hofft, daß dieser Beschluß überall zur Durch- führung gelangt." Das Referat der Genossin B a u m a n n- Altona über„Organi- sation und Agitation" und die dem Referat folgende Diskussion brachten viele beherzigenswerte Anregungen. ES dürfe kein Flug- blatt ins Land gehen, so wurde ausgeführt, das sich nicht auch an die Frauen wende, keine Versammlung abgehalten werden, zu der nicht die Frauen noch besonders eingeladen worden seien. Bei der Agitation seien besonders die Programmforderungen über Ar. beiterinnenschutz, Schutz für Mutter und Kind und nicht zuletzt die Forderung des gleichen Wahlrechts für beide Geschlechter zu betonen. Bei der Durchführung des Kinderschutzes und in der Jugendbewegung müßten die Frauen ganz besonders tätig sein. Vor allem aber müßten sich die tätigen weiblichen Mitglieder der sozialdemokratischen Organisationen gründlich mit den Forderungen und Prinzipien der Sozialdemokratie vertraut machen, nur dann könnten sie ersprießlich agitatorisch unter den Frauen tätig sein. Besonderer Wert wurde auf die besonderen Veranstaltungen für die weiblichen Mitglieder der sozialdemokratischen Vereine gelegt. in denen die weiblichen Mitglieder in die Gedankenwelt des Sozialismus eingeführt und für die Agitation geschult werden, wie das in Kiel mit Erfolg gemacht worden ist. Auch die in Kiel und Gaarden mit großem Erfolge betriebene persönliche Agitation für die Organisation und die„Gleichheit" von Haus zu Haus wurde warm zur Nachahmung empfohlen. Die Frauen müßten sich überhaupt an den Aktionen der Partei(Flugblatwerbreitungen usw.) mehr beteiligen, eine Delegiertin verlangte die Beteiligung der Frauen an der Landagitation. Schließlich wurde auch der Wunsch ausgesprochen— und von dem Vertreter der Agitations- kommission Berücksichtigung zugesagt—, daß in der nächsten zur allgemeinen Verbreitung kommenden Agitationsnummer der „SchleSwig-Holsteinischen Landpost" auch ein Artikel aufgenommen werde, der sich besonders an die Land-Proletarierinnen wendet.— In einer von der Konferenz beschlossenen Resolution wird empfohlen, die Verbindung zwischen dem Frauenbureau tn Berlin und den tätigen Genossinnen wieder herzustellen, dadurch, daß dem Frauenbureau die Möglichkeit gegeben werde, das vom Partei- vorstand an die Bezirks- und Kreisvorstände zu versendende Material, besonders an die weiblichen Mitglieder der Bezirks« und Kreisvorstände überweisen zu können. Eine weitere Resolution fordert die baldige Veranstaltung der von der Internationalen Frauenkonferenz in Kopenhagen beschlossenen Agitationsversamm- lungen unter den Frauen Deutschlands und Oesterreichs wegen der Lebensmittelverteuerung._ Leseabende. Gr. Lichterfelde, Freitag, den 19. September, abends 8% Uhr, bei Wahrendorf, Bäkestr. 22: Vortrag„Fleischnot, Steuern und die Fvauen". Referentin: Frau Schulte, Rixdorf. Martendorf. Donnerstag, den 15. September� abends 3 Uhr, bei Paul Lucgs, Königstr. 14. Hu9 aller Sielt. J�eue Cboleraberde. Wie ein Telegramm aus Marienburg s.Westpr. meldet, ist durch bakteriologische Untersuchung festgestellt worden, daß es sich bei dem in der Stadt unter cholera- verdächtigen Erscheinungen verstorbenen Ziegelstreicher Lange um einen Fall von odolora asintio» handekk. Ms jetzt sind von den unter Choleraverdacht Eingelieferten zwei erwachsene männliche Personen und vier Kinder ihrer Krankheit erlegen, vier Per- s o n e n befinden sich im hiesigen Diakonissen-Krankenhause; einhundert Personen sind unterQuarantäne gestellt.— Die zweijährige Tochter des Arbeiters Dom- browski ist heute mittag unter choleraähnlichen Er- scheinungen verstorben. In Ungarn wird die Gefahr einer Choleraepidemie immer drohender. Während noch in den letzten Tagen von den Be- Hörden betont wurde, daß es sich nur um vereinzeltes Auf. treten der Seuche handle, wird jetzt zugegeben, daß die Gefahr des epidemischen Auftretens der Cholera nahe liege. Mit Rücksicht darauf wurde durch eine Verfügung des Handels- Ministers der für heute anberaumte Jahrmarkt in MoharS verschoben. Im Laufe des Montags und Dienstags find in vier Gemeinden des Moharser Bezirks Neuerkrankungen an Cholera zu verzeichnen, von denen eine tödlich verlaufen ist. Auch in Preßburg wurden vier unter cholera- verdächtigen Erscheinungen Erkrankte in das Epidemiehospital eingeliefert. Aus Gran und der Umgegend von Stuhlweißen- bürg wird je ein Cholerafall gemeldet. Ein weiterer Fall wird aus Marmarad Sziger berichtet. Dort ist die Inhaberin eines öffentlichen Hauses unter verdächtigen Erscheinungen erkrankt. Das Bordell wurde gesperrt. In Wien sind bei den Kindern des an Cholera gestorbenen Gärtners Gasselhuber durch bakteriologische Untersuchung Cholerabazillen nachgewiesen worden. Die Kinder be- fanden sich die ganze Zeit w o h l und hätten gestern mittag entlassen werden sollen, da dann die Jnkubationsftist abgelaufen gewesen wäre. Infolgedessen wurden die übrigen internierten Personen auf der Beobachtungsstation zurückbehalten, obgleich die bakteriologische Untersuchung ein vollständig negatives Resultat ergeben hat. Die Kinder GasselhuberS wurden in da? Cholera- Hospital gebracht. Ein auS Ungarn zugereister Arbeiter mußte in das Krankenhaus eingeliefert werden, da er unter choleraverdächtigen Erscheinungen erkrankt ist. Mit Rücksicht aus die bestehende Choleragefahr hat der rumS- nische Minister deS Unterrichts eine Beiordnung erlassen, durch welche die Einschreibungen an Volks- und Mittel- schulen Rumäniens bis zu einem unbestimmten Termin verschoben werden._ Den Vogel abgeschossen! Die preußischen„Untertanen" werden von ihren Ver- waltungskörperschaften wahrlich nicht verwöhnt. Manche Musterleistung der Bureaukratie hat in weiten Kreisen großes Staunen und lebhafteste Befrenidung erregt. Das unglaub- lichste jedoch hat sich der Land rat des hannoverschen Kreises Rotenburg geleistet. Am 23. Dezember v. I. fuhr bei S ch e e ß e l in Hannover infolge falscher Weichen- ftellung ein O-Zug auf einen Güterzug auf. Bei dem Unglück wurde der Privatdozent Dr. Kölpin ans Bonn und der Rittmeister v. Maltzahn getötet. Unter den Leicht- verwundeten befand sich auch die Frau des Dr. Kölpin. Wie die„Weser-Ztg." berichtet, hat nun der Landrat des Kreises Rotenburg von der Witwe des Dr. Kölpin auf polizeilichem Wege acht Mark für Reinigung und Säubern der Kegelbahn in Scheeßel von Blutspuren, die beim Aufbahren der Leiche entstanden waren, einziehen lassen. Im Falle der Nichtbezahlung war die Zwangsvollstreckung angedroht worden._ Cm cbrirtUchcr Cotfchlagcr. In Neumarkt(Oberpfalz) wurde vor einigen Tagen morgen? ein Arbeiter mit eingeschlagenem Schädel auf der Straße tot aufgefunden. AIS Täter wurde nunmehr der Maurer H e r b i g eruiert, der den Arbeiter ohne Grund überfallen und niedergeschlagen hat. Herbig ist der Begründer und eifriger Agitator der Zahlstelle des christlichen Bauarbeiter« Verbandes in Neumarkt. Durch seine Verhaftung wurde wieder die Erinnerung an eine Reihe nächtlicher räuberischer Ueber- fälle geweckt, die in den letzten Jahren öfters in der genannten Stadt verübt wurden, ohne daß es gelang, den Täter zu ermitteln. Nunmehr ist solch schwerwiegendes Beweismaterial angesammelt worden, daß der christliche Führer auch in dieser Hinsicht als sicher überführt gelten kann. Wenn ein sozialdemokratischer Arbeiter sich irgendwie gegen die Strafgesetze vergeht, so beeilt sich die Zentrumspresse, den„Fall" politisch auszuschlachten und von den „Früchten sozialdemokralischer Erziehung" oder Von dem„verrohenden Einfluß der sozialdemokratischen Agitation" zu sprechen. Sind nun die Taten dieses christlichen Führers vielleicht„Früchte der schwarzen Erziehung'?_ Ein meineidiger Ordnungshüter. Während einer Gerichtsverhandlung wurde am Montag in Bremen ein Schutzmann unter dem Verdacht des Mein» eids verhaftet. Auf der Anklagebank mußte ein unter sitten- polizeilicher Kontrolle stehendes Mädchen Platz nehmen, das wegen Be- leidigung des Schutzmanns angeklagt war. Das Mädchen hatte von dem Ordnungshüter behauptet, daß er seine Amtsgewalt den Prostituierten gegenüber mißbraucht habe. Die Beschuldigungen wurden von dem Schutzmann unter seinem Eide bestritten, das Mädchen war aber in der Lage, durch zahlreiche Zeugen den Wahrheitsbeweis für die aufgestellten Be- hauptungen zu erbringen. Die Angeklagte wurde daraufhin frei- gesprochen, der Schutzmann wegen dringenden Verdachtes des Meineides verhaftet. Die Entlastungszeugen müssen schon sehr zahlreich gewesen sein, um einen Schutzmann meineidig zu machen! Kleine Notizen. TyPhuSepidemie. Unter den Schülerinnen eines Klosters in S ch i l t i g h e i m ist eine Typhusepidemie ausgebrochen. Um weiterem Umsichgreifen der Seuche vorzubeugen, sind 99 Kinder in einem Krankenhause in Sttaßburg isoliert worden. Bei 88 vonihnen wurde bisher Typhus fe st gestellt. Die Seuche ist bisher sehr milde verlaufen, kein einzelner Todesfall hat sich ereignet. Ein verklagter Aviatikcr. Die Großgrundbesitzer von Ver« s a i l l e s haben gegen den Flieger Maurice F a r m a n, der in der Nachbarschaft ein Flugfeld eingerichtet hat, einen Prozeß auf Schadenersatz angesttengt. Farnian soll durch die dicht über den Feldern ausgeführten Flüge die Ernte schädigen und das Wild verscheuchen. Durch Kentern eines BooteS, in dem sich 1« Arheiter befanden. sind auf dem Flusse Maras in Ungarn vier Männer er» trunken, mehrere andere wurden verletzt. Im Hafen von Neapel ist gestern der ttanSatlantische Dampfer „Nordamerika" mit dem Dampfer„Cersea" zusammengestoßen. Der zweite Dampfer wurde Is ch w e r b e s ch ä d i g t. Ein Aiatrose erlitt durch den Zusammenstoß erhebliche Verletzungen. Am S. d. MlS. verschied nach kurzem, aber schwerem Leiden mein inniggellebter Mann Lodert Uetz im 43. Lebensjahre. 8632 Um stille Teilnahme bittet die ticftrauernde Gattin. Die Beerdigung findet Mittwoch um 5 Uhr von der Leichenhalle deS Zentral-Friedhoses, Friedrichsseide, aus statt. ZliMlleiiillllMeti.VMei'eiiiZ für den! UerlinerReiclistags Wahlkreis. Görliver Viertel. (Bezirk 221, Teil n.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Fenster- Putzer Robert Lietz Reichenberger Str. 116 gestorben ist. 220/17 Ehre seinem Zlndenke»! Die Beerdigung findet am Mit- woch, den 14. September, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des JentralsriedhoseS in Friedrichs- selbe auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand Oeutsclier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, dafi unser Mitglied, der Metall. arbeiter Uotisrm Qruber | am 11. September an Rheuma | gestorben ist. Die Beerdigung findet am I Donnerstag, den 15. September, I nachmittags 4 Uhr, von derLeichen- | Halle des Emmaus-KirchhofeS in I Rixdorj, Hermannstrabe, aus statt. Ferner starb unser Mitglied, | der Schmied Otto Prüfer am 10. September infolge Unfall. Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 14. September, nachmittags 5'/, Uhr, von der Leichenhalle deS RummelSburger KirchhoseS in Rummelsburg aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 121/14 Dt« OrtSverwaltung. SozialtakratiMahlvereiii Rummelsburg. Den Mii gliedern zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Schmied Otto Prüfer infolge UngliicksfalleS am Sonn- abend, den 10. September, im Alter von 43 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 14. September, nachmittags 5'/. Uhr, von der Leichenhalle des Rummelsburgei Gemeinde-FttedhoseS(Lückstratze) aus statt. 8/6 Um rege Betelligung ersucht Die Bezirksleitung. lllpeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter (ffi. H. Nr. 29, Hamburg). Filiale Rummelsburg. Den Mitgliedern hiermit die traurige Nachricht, dag daS Mitglied Otto Prüfer infolge eine» bei der Arbeit er« littenen Unfalles plätzlich per- starben ist. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigmig findet heute Mittwoch, den 14. September, nachmittags 5llt Uhr, von der Leichenhalle des Rummelsburger Gemeinde-FriedhojeS(Lückstrage) aus statt. Um rege Betelligung ersucht ö82b vi« Ortsverwaltung. Berliner üMbrer (Mitgl. d. Arb-Radf.-B. Solidarität.) Den Mitgliedern zur Nachricht, dab unser Sportgenosse Rodert Lintz (3. Abteilung) Reichenberger Str. 116 am 9 September verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral-Fried- hoses in Friedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 12/7 Der Vorstand. Von der Reise zurück. Dr.Oeorx Friedländer S., Schlegetstr.$8. Todes-Anzeige. Allen Freunden und Bekann- 1 ten hierdurch die traurige Nach- richt, daß mein lieber, guter | Mann, der Lagerhalter Gustav Krause | am Montag früh>/,4 Uhr nach kurzem Krankenlagerim4g.Lebens- jähre verschieden ist. Die zeigen ttesbetrübt an Die trauernde Witwe Fr. Anna Krause u. Mutter. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. September, nachm. 4 Uhr, von der Leichen- Halle des alten Rlxdorser Fried- Hofes in der Rudower Strabe, Britz, aus statt. SeMemolll'atmberWsblmeii!! Brto-Budcow. Den Patteigenossen zur Nach- richt, daß am Montag unser Mit- giied, der Lagerhalters Gustav Krause I im Alter von 48 Jahren an der | Lungenentzündung verstorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet morgen I Donnerstag, den 15. September, nachmittags 4 Uhr, vom Ripdorf er Friedhos in Britz, Rudower Straße, j au» statt. 203/16 Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Kaufemrein Britz. I Den Käufern zur Nachricht, daß am Montag srüh>/,4 Uhr unser Lagerhalter Gustav Krause im Alter von 48 Jahren an der Lungenentzündung verstorben ist. Wir verlieren in dem Ver- storbenen einen tüchtigen, zuver- lässigen, braven Beamten. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. d. M., nach- mittags 4 Uhr, vom Rixdorser Fttedhos, Nudower Straße, Britz, aus statt. 106/12 Der Vorstand. Verband der Lagerbalter n. Lagerhalterinnen Oentsehl. OrtSvcrwattung Berlin. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß unser lieber Kollege Gustav Krause am Montag, den 12. September, nach kurzem Krankenlager ver- starben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstagnachmittag 4 Uhr aus dem alten Rixdorser Kirch hos. Rudowerstraße, statt. 290/7 Zahlreiche Beteiligung erwartet ���Di�LrrSverwalniu�� AIloemKranken-u. Sterbekassel dieulsehen Drechsler gen»;, E. H. 86. VerwaltungSst. Berlin B. Am 11. September verstarb unser Mitglied dodann Klopsch. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. September, nachm. 4 Ubr. vom Trauerhause, Rixdors, Okcrsttaße 11, aus nach dem katholischen Kirchhos Marien- dorser Weg statt. 290/6 voi' Vorstand. Deutscher Transportarbeiter-Verband, Beairksverwaltung Groll-Berlin. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachttcht, dab unser Kollege, der Roll- kutscher 71/20 Fritz Wüst am 9. September im Alter von 40 Jahren verstarben ist. Ehre seinem Andenken! Bio Bozirkavorwaltung. Am Montag abend«ntschltes sanst nach langem Leiden meine liebe Frau, Schwester und Schwägettn 864L iVtartka Mintze geb. Mager im 37. Lebensjahre. Die trauernden Hinterbliebenen Mldelm, Lottchen und Helmut Hintze, Berlin. Max Mager, Hamburg. Paul Mager, Huschberg. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. September, nachmittag» 5 Uhr, von der Leichenhalle des Auserstehung«. Kicchhoses in Weißensee aus statt. Danksag»! enjenigen, die ung. Allen denjenigen. Tue meiner Frau die letzte Ehre erwiesen haben, mrinen besten Dank. Anton Huxol nebst Kindern. V crleih- Institut: Friedrichst.1 15/1, a.Orabg. "Tot. Tieg. Frack, Gehrock 1,60,901« 1,00, Weste 60Pj. Verband der JAaler, Sackterer, Unstreieher Melchiorstraße 28, Part. Tiliale Berlin. nsro. Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Donnerstag, den IS. September, abends 8'/a Uhr, im„G e w e r k s ch a f t s h a u s", Engcl-Ufer 15: Mttglieder-Uersammwng. TageS-Ordnung: 1. Unsere gesamte Politische Lage. Referent: Mnx Schütte, Oberlehrer«. D. 2. Abrechnung vom 1. und 2. Quartal 1910. 3. Verbandsangelegenheit. 129/17 Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortaverwaltang. Wir machen die Kollegen darauf aufmerksam, daß die M a r k e n für die A r b e t t S l o s e n u n t e r- st ü tz u n g bis zum 30. September geklebt sein müssen; nach diesem Datum werden keine Marken mehr verkaust. ___ D. O. Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Filiale Groß-Berlin. Freitag, den 16. September, abends 8'/, Uhr, im großen Saale des Gewerkschaftshauses, Engelufer Nr. 15: Mitglieder- Uersammlnng. TageS-Ordnung: 290/4 I. Berichterstattung des Kollegen Wutzky über den internationalen Kongreß und die internationale Konferenz der Arbeiter öffentlicher Betriebe. 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. Im Hinblick aus die wichttge Tagesordnung erwarten wir zahlreiches werden abgestempelt! einen. Mitgliedsbacher ie Ortsvcrwaltnng. Dr. Siitimel Spezial-Arzt" für Haut- und Harnleiden. 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September, abends 8 Uhr: Mitglieder-Nersammlung in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58/56. TageS-Ordnung: Der Stand nnserer Lohnbewegung und unsere weitere Stellungnahme. SV Mitgliedsbuch legitimiert."MU Um pünktliches Erscheinen aller organisierten Kollegen ersucht 172/3» Die Ortsverwnltnng. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Donnerstag, 15. Sept., abends 5'/, Uhr, im Gewerkschaftshause (Saal 1). Engelufer 15 t Kranchen Versammlung der Etuis-Arbeiter und-Arbeiterinnen. TageS-Ordnung: t. Der Stand unserer Lohnbewegung. 2. Verschiedene». Vollzählige» Erscheinen erwarten 24/16 Brancbenleltang and Tarif kotnmlsslon. IM Iii IW M Vi MUli leutscb andS.(Zahlstelle Berlin.) Sezirksuersammlungen: Bezirk 1: Donnerstag. Jben 15. September, bei PiotrowSky, Berlichingen|tr. 14. Donnerstag, den 15. September, bei Kramer, Hulsitenstr. 40. Freitag, den IS. September, bei Wollenberg, Naunpnstt. 6. Donnerstag, den 15. September, bei Albert. Hagclsbergcrstr. 52. Freitag, den 1«. September, bei Reimann, Wein- bcrgsweg 8. DM Sämtlich nachmittags 5 Uhr.-MG 75/17 In allen Versammlungen werden Beiträge einkasstett und neue Mitglieder aufgenommen. Die OrtzTerwaltnug. Bezirk 8: Bezirk 4: Bezirk 6; Bezirk 6: Hobel, Spiegel n. Polsterwarcn Julius Krause Kastanien-Allee -------- Xo. 40.------ Karl Schneidt terausgeber der eit am Montag" und„Tribüne" spricht hente, abends 8V2 Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29, über daS Thema: 290/5 Die jüngsten HaiFcrrcdcn. Eintritt frei! Franen willkommen t Zentralverband m Dachdecker Verwaltnngsstelle Berlin.====-> Donnerstag, den 15. September, abends 8 Uhr: Versammlung der Dachdecker-Hilfsarbeiter bei Grande, Weinstraffe 11. TageS-Ordnung: Bericht über den Stand der Lohnbewegung. Zahlreiches Erscheinen erwattet Die Kommission. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Verwaltung Berlin. Treppengeländerbranche Donnerstag, den 15. September, abends S1/. Uhr, im Königstadt- Knsino, Holzmarltstraße Nr. 72. TageS-Ordnung: 1. Die letzten Borgänge und Verhandlungen in der Treppengeländer- blanche. 2. Wie führen wir die neuen Spezialrattse in den einzelnen Werk- statten durch 1 3. VerbandSangelegenhciten._ 89/16 Kompl. Wohnungseinrichtungen zu anerkannt soliden Preisen - Teilzahlung gestattet..- Maßanzüge sehr elegant, 32-85 M.. serttge Herrenanzüge 8,25, Einsegnungs. auzüge 9 M. an. Engl. Tuche sehr billig. Gern schicken wir untere Vertreter mit Muster ohne Kausver» pslichtung. Tnebgeftielliiiebaft Kottbuserdamm 16—17(Hochb.) Vor. zeiger d. Inserats erhält 5°/g Rabatt. Schicke KoslOme, fesche Mintel! neuesten Genres l z» Cxtrapreisen"MU| Baitliinorhistoiinabeay.17.Mr. GuteStoftol Schneldersrbeltl Moderne Fasionsl KostUme r. 15.— M. an, 18.—, kla OCA 24.-, 82.-, 40.-. 55.- usw. Ol) JJÜ.— Mintel v. 12.— M. an, 15.—, 18.—, 22.—, 28—, 34.—, 88.—, 45—, 56.— usw. usw. Elegante Pelz-Konfektion! Paletots, Abeud-MUntel. 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L6Lb Verantwortlicher Redakteur Richard Marth, Kerlin. pi den Lni-ratenteilserauswu Th. Glocke, Kerlty. KruS u. Verlag: Bsisärtä SuchhlM�i u. BttlagSgnjjiilj Kgul Singer& Kerlig LW ft 215. 27. Aahrgavg. 2. KciliM Ks Jocniätlf{itiliiitt WsbIM Mütivoch. 14. Aepttlltber 1910. Hua Induftric und Kandel. LiebcZgabcuPolitik. Für die nach der Formel von der Not der Landwirtschaft kon- struierten Bedürfnisse der Agrarier haben � alle Behörden ein feines Verständnis. Solches Verständnis findet selbstverständlich auch in der Eisenbahntarifpolitik seinen Niederschlag. Die Erzeugnisse der „nationalen" Agrarkultur erfreuen sich durchweg billiger Inlands- tarife. Anders gestellt sind ausländische Produkte und solche Lebens- mittel, die nicht direkt von unseren Agrariern auf den Markt ge- bracht werden. Und mit starrem Konservatismus verteidigt die Eiseubahnverwaltung vorhandene Unsinnigkeiten und Ungerechtig- keitcn. Die Margarinefabrikanten können ein Liedchen zu dieser Melodie singen. Seit ca. 11 Jahren streben sie dahin, für ihre Er- Zeugnisse den Eilgutspezialtarif zu erlangen. Vergeblich I Für einen grohen Teil der Bevölkerung ist Margarine ein fast unentbehrliches Nahrungsmittel geworden. Viele tausende Prole- tarierfamilien müssen sie, wirtschaftlich betrachtet, sogar als— Genufimittel ansehen, weil oft genug der knappe Lohn nicht einmal für Kuustbutter ausreicht. Während die Naturbutter trotz Tarif- Vergünstigung fortgesetzt teurer wird, und daher immer mehr aus dem Arbeiterhaushalt verschwindet, sorgt die Eiseubahnverwaltung durch eine weife Tarispolitik für eine künstliche Verteuerung der Kunstbutter. Die Butterpreise zeigten seit dem Jahre 1903 folgende Ent- wickelung.(Berliner Notierung für 50 Kilogramm): 1903.... 199,87— 112,20 M. 1905.... 116,37—119,96„ 1907.... 115,71—118,80„ 1900.... 119,90—122,47„ Diese mit Recht als ganz anbergewöhnlich zu bezeichnende Preissteigerung konnte vor sich gehen, obwohl die Buttereinfuhr sich stark vermehrt, die ButtcrauSfuhr sich dagegen bis auf ein Minimum verringert hat. Es betrug: 1895 die Einfuhr 68 900, die Ausfuhr 66 570 Doppelzentner 1897„„ 100 860,„„ 86 040 1899.„ 125 240,„„ 26 220 1901„„ 180 800,. 24 660 1903„, 233 878,.„ 12 588 1905.„ 369 369,„ 8 440 1907„. 388119,„ 2 465 1909.. 447 675,„„ 2101 Die heimische Butterprodultion ist also schon seit Jahren nicht mehr in der Lage, den Bedarf zu decken. Dadurch finden die hohen Butterpreise— in Verbindung mit dem hohen Einfuhrzolle— ihre Erklärung. Eine auf die Befriedigung der Bedürfnisse der breiten Masie bedachte Regierung müsse selbstverständlich dafür sorgen, daß den Konsumenten, soweit diese sich den LuxuS des NaturbuttergenusieS nicht erlauben können, Buttcrersatz möglichst billigst zugeführt werden könnte. Die Eisenbahnverwaltung tut das Gegenteil I Margarine hat wie Naturbutter untcr der Hitze zu leiden und verwägt im Sommer keinen langen Transport. Butter geniesit nun den Vorzug des SpezialtarifeZ, während man die Margarine davon auSschliestt. Diese mutz daher bei warmer Temperatur zu den teueren Eilgut- tarifen versandt werden, was den Verkaufspreis natürlich stark be einflutzt. In welcher Weise die Butter des armen ManneS im Ver- gleich mit der Naturbutter durch die Tarifpolitik benachteiligt wird, veranschaulichen folgende Angaben: Es kosten 100 Kilogramm brutto — 80 Kilogramm netto— an Fracht: V Butter... Margarine.. Demnach lastet auf der Butter bei dem Transport von Köln nach Breslau eine Fracht in Höhe von 3,375 Proz. des Wertes; dagegen mutz die Margarine eine Last von 15,44 Proz. ihres Wertes wagen. Ein Kilogramm Butter kostet 6,25 Pf. Fracht, ein Kilo gramm Margarie 16,87 Pf. I Selbstverständlich müssen die Konsumenten der Margarine deren höhere Frachtbelastung durch entsprechend gesteigerte Preise büßen; sie sind das Opfer der Eisenbahntarifpolitik nach agrarischen Rezepten! Wie die obige Aufstellung zeigt, ist dabei in diesem Falle die Konkurreuzfurcht der nationalen Naturbutterproduzenten ganz unnötig, denn die horrende Preissteigerung war möglich, trotz stark wachsender Zufuhr ausländischer Butter. Aber in der Vorsorge um das Wohl der Agrarier glaubt man anscheinend gar nicht vor- fichtig genug sein zu können. Auch dieser Beiwag zu dem Kapitel von den„gottgewollten Abhängigkeiten" wird nicht verfehlen, dem Volke die Augen zu öffnen über unsere Klassenregierung und agrarische LiebeSgabenpolitik— genannt: Schutz der nationalen Arbeit l_ „Die Gasversorgung der Gemeinden und die kapitalistischen Monopolbestrebungen." Mt vorstehendem Problem beschäftigte sich eine am 11. Septbr. in Elberfeld abgehaltene, von 115 Gemeindevertretern besuchte Kon- ferenz. Der Referent Genosse Limbertz-Essen führte dazu u. a. aus: Die Auffaffung, daß alle für das Gemeinwesen wichtigen Betriebe, Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerke, Stratzeubahnen, in die Hände der Gemeinden gehörten, habe sich nach langem Kampfe durchgesetzt. Nun werde sie wieder durch die Monopolpläne eines hochemwickelten kapitalistischen Konsortiums aufs neue gefährlich bedroht. Die Wasser- Vers orgung habe in Deutschland ziemlich überall von Anfang an in den Händen der Gemeinde gelegen, während die Gas- t e ch n i k aus England zu uns kam und Privatgesellschaften jähr- zehntelang das Gasmonopol innehatten. Erst nach und nach sei die Verdrängung dieser Monopolisten durch die Gcmeinderegie ge- lunge». Auf dem Gebiete der Elektrizitätsversorgung seien die Gemeinden rascher vorgegangen! sie gründeten eigene Werke, versäumten aber, früh genug die hohe Wichtigkeit des Zusammen- ch l u s s e s zu erkennen. Hauptschuld an diesem Zustand sei unsere Gesetzgebung, die für die Kreisgemeinden die Allmacht der Landrats« bureaukratie aufrechterhalten und auch den Städten eine wirkliche Selbstverwaltung nicht gestatte. Die neue,r Pläne der Ruhrmonopo- listen Stinnes und Thyssen betreffend die Elektrizitäts- und Gasfernversorgung bedeute die Auslieferung eines ge- wältigen Gebietes an die Monopolisten. Auch ihnen gegenüber blieben die Gründe, die wir für die Gemein deregie an- führen, bestehen! sie hätten nicht nur Geltung für Einzel« gemeinden, fondern auch für Zweckverbände in Kreis und Provinz. Das Privatmonopol beute stets die Ge- meinden aus und sein oberster Grundsatz sei: Verdienen! Das Streben der privaten Elektrizitätswerke, die Gemeindebewiebe zu verdrängen, würde begünstigt durch den Umstand, daß die öffenr- lichen Elektrizitätswerke meist klein seien. Redner führte dafür eine Reih« Beispiele an. Die Gemeinden hätten hier also zienilich ver- sagt; der eigentlich ihnen zugehörenden Aufgabe, große Zentralen zu gründen und weite Gebiete mit Elektrizität zu versorgen, hätten sie sich nicht gewachsen gezeigt. Es sei eine eigen-' (tümliche Ironie, daß der heutige Monopolist, das Rheinisch- Westfälische Elektrizitätswerk, eigentlich als Kommunalwerk gedacht war. Auf Beweiben der Stadt sei dasselbe 1898 von den Lahmeyer- Werken mit 2V2 Millionen Aktienkapital gegründet worden und sollte die Essener Stadtzenwale werden. Thyssen und StinneS hätten die Aktienmehrheit erworben und heute schon gelte daS mit 60 Millionen Mark arbeitende Werk als der„Elcktrizitätsbankier" des Jndustriebezirks. Der � Plan des Rheinisch- Westfälischen Elekwizitätswerkcs ginge dahin, das ganze Industriegebiet. daS Bergische Land usw. in die Hand zu bekommen. StinneS habe sich schon 1905 persönlich in der Presse dafür ins Zeug gelegt und sei von vielen Seiten, die mit dem Industriekapital ver- sippt und verschwägert seien, unterstützt worden. Die Angebote des Rhein.-Westf. Elektrizitätswerkes seien sehr verschieden, aber fast alle sehen eine Bindung der Gemeinden auf 25 bis 30 Jahre vor. Die Preise für Stroni seien zwar billig, dafür seien sie aber auch gleich für ein Vierteljahrhundert und auf längere Zeit festgelegt. Im Falle eines Streiks höre die Lieferungsverpflichtung auf und wenn die Gemeinden sich auch noch der Gasfernversorgung anschließen würden, für die dieselbe Klausel gelte, so könnten sie eines Tages schön im Dunkeln sitzen. Redner besprach dann noch die übrigen Nachteile, die den Gemeinden aus einem Vertrags- Verhältnis mit dem Rhcinisch-Wcstsälischeu Elektrizitäswerk erwachsen lonrden. Der Gasüberschutz im Ruhrgebiet sei sehr groß! täglich blieben fünf Millionen Kubikmeter Koksgas unbenutzt. Bei ver- nünftiger Organisation könnte jeder Weg in der kleinsten Gemeinde des Ruhrgebiets sein elekirisches Licht haben; die Straßen- und Vollbahnverhältuisse könnten revolutioniert, systematisch in den Dienst des Volkswohls gestellt werden, aber für den Kapitalprofit sei es vorteilhafter, weitab liegende Bezirke zu unterjochen und die Zustände im Ruhrgebiet so elend zu lassen wie sie seien. Der Essener Gasvertrag mit Stinnes sei am günstigsten, er setze einen Preis von 2'/� Pf. pro Kubikmeter fest, er könne nach zehn Jahren aufgelöst werden und sehe weitgehende Schutzbestimmungen für die>vtadt vor, die in anderen Verträgen fehlten. Der Referent führte eine Anzahl Beispiele dafür an, wie sich Gemeinden bei Abschluß der Verträge haben über's Ohr hauen lassen. Für die Gemeinden, die noch Lust hätten, sich der Ferngasversorgung anzuschließen, gelte deshalb der Grundsatz eines Fachmannes:„Zäh bleiben bis zum äustersten!" Dann könne nian bei der Preisfestsetzung etwas herausschlagen. Jetzt habe das entweichende Koksgas gar keinen Wert für die Monopolisten; bei den Preisen, wie sie Barmen eingegangen, er- zielten die Monopolisten Riescnprofite. Wo das Monopol Formen annehme, wie im Industriegebiet, wo es Gebiete mit vielen Millionen Einwohnern von sich abhängig mache, da müsse der Abwehrkampf um so energischer geführt werden. Die Bindung der Gemeinden auf 25. 30, 60, 75 Jahre, die sie hindern, Fortschritte der Technik für sich auszunutzen, könne nirgends die Zustimmung von Sozial- demokraten finden. Die Diskussion über den Vortrag war äußerst lebhaft. Die Ansicht der Konferenz wurde niedergelegt in nachstehender R e s 0- l u t i 0 n, die dem niederrheinischen Agitationskomitee und von diesem dem demnächst stattfindenden niederrheinischen Parteitag als Stimmungsäußerung der Konferenz vorgelegt werden soll. Sie lautet: „Der grundsätzliche Standpunkt der Partei zur Gemeinderegie erleidet durch die neuere Eutivickelung, die Monopolbestrebungen der Stinnes und Genossen keine Aendcrung. Die Gründe für die Gemeinderegie bleiben nach wie vor für die Gemeinde wie für den Zweckverband ausschlaggebend. Des Studium« bedürfen aber die neueren Erscheinungen, daß Kreis-Elektrizitätswerke usw. neue Formen annehmen, indem sie nicht mehr selbst produzieren, sondern das Produkt kaufen und sich nur die Verteilung vorbehalten. Diese Form wie auch Verträge von Geineiuden, nach denen die letzteren Gas und Elektrizität beim Eintritt in die Gemeinden brauchen und selbständig die�Verteilung vornehme», können von uns nicht unter allen Umständen verworfen werden, sondern diese Frage ist in der Regel vom Standpunkt des k l e i n e r e n U e b e l s zu entscheiden. Die Elektrizitäts- und GasversorgungSvcrträge, wie sie bis jetzt bekannt sind, enthalten Bestimmungen, Bindung auf lange Jahre usw., denen kein Genosse zustimmen kann. Das Agitationskoinilee wird beauftragt, das in Frag? kommende Material den Gemeindevertretern zuzustellen. Die Genieindevertreter in den Orten, in denen die Beratung solcher Verträge bevorsteht, haben das Hauptgewicht darauf zu legen, Zweckverbände zur Gründung von Kouknrrenzunternehmungen gegen SlinneS und Genossen zu schaffen. Bei Beratung der Verträge selbst ist die sogenannte„Vertrau- lichkeit" aufs schärfste zu bekämpfen und eine gemeinsame Beratung der Vertreter verschiedener Gemeinden vorzuschlagen, um die Be- nachteiligung einzelner Gemeinden durch die Monopolisten zu ver- hüten. Lassen sich Verträge mit Stinnes und Genoffen nicht verhindern, so haben unsere Genossen nach Kräften für die Beseitigung bedenk- sicher Vertragsbestimmungen zu sorgen." Der Stromabsatz des Rheinisch-westfälischen Elektrizitätswerkes stieg nach dem Geschäftsbericht für 1909/10 von 56 000 000 auf 69 000 000. Kilowattstunden, die Einnahmen hierfür auf 5 743 660 M. oder um 21 Vg Proz. Die Steigerung des Absatzes für Kraftstrom betrug 24 Proz., für Lichtstrom 17 Proz. Auch für das neue Jahr gehen die Aufträge für Lichtanschlüffe erheblich ein. Neben dem Abschluß einer Reihe von Verträgen mit neuen Großabnehmern wurden im Laufe des Jahres bedeutsame Ver- Handlungen mit den fünf niederrheinischen Kreisen Moers, Kempen. Geldern, Kleve, Rees geführt und zum Abschluß gebracht. Die Verträge sichern der Gesellschaft die Versorgung fast des gesamten niederrheinischen Gebietes auf eine Dauer von 30 Jahren. Erhöhter Gewinn. Auch der Lothringer Hüttenverein Aumetz- Friede kann für daS letzte Geschäftsjahr einen glänzenden Abschluß vorlegen. Bei einem Betriebsüberschuß in Höhe von 10 012 972 M. (im Vorjahr 7 510 537 M.) und einem Nohgewinn von 8 407 620 M. (im Vorjahr 6 446 235 M.) verbleibt nach Absetzung der Abschreibungen von 2 772 374 M.(im Vorjahr 2 571 595 M.) ein Reingewinn von 5 635 246 M.(im Vorjahr 3 874 689 M.). Der Hauptversammlung soll vorgeschlagen werden, eine Dividende von 10 Prozent(im Vor- jähr 7 Prozent) zu verteilen. Solche Abschlüsse charakterisieren die Lamentationen der Eiscukönige über sozialpolitische und steuerliche Belastung als Flunkereien. Sembts- Zeitung« Die Helgoländer Kinderverwüstung, Wie unseren Losern erinnerlich, wurde im Juni wegen Kinder- schändung der vor etwa 12 Jahren nach Helgoland eingewanderte Gold- und Silberwarenhändler Beckers verhaftet, und hat seinem Leben durch Gift(Zyankali) im Gefängnis ein Ende gemacht. Gleichzeitig war gegen eine Reihe höherer Militärs, einen Ober- lcutnant Neubauer» einen Oberstabsarzt, einen Obermaat und einen Maat, sowie gegen 5 Helgoländer das Verfahren wegen Ver- brechens gegen Kinder eingeleitet. Das Militärverfahren wurde unter strengstem Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt. Es sickerte nur durch, daß der Oberleutnant Neubauer im August vom Kriegsgericht freigesprochen ist. Ihm sei in der Verhandlung zwar nachgewiesen worden, daß er ein Kind mehrere Nächte in seinem Zimmer gehabt hatte, es habe aber das Kriegsgericht angenommen, ein Beweis für Vornahme unzüchtiger Handlungen an dem Kinde fei nicht erbracht. Ob Berufung eingelegt ist oder ob die Anklage« behörde sich mit der Entfernung des Oberleutnants aus der Helga- länder Garnison begnügt habe und insbesondere, ob sie das Ver- fahren gegen die übrigen bezichtigten Militärpersonen, zu denen auch der frühere Admiral Ernsmann(jetzt in Groß-Berlin) ge- hörte, abgeschloffen hat, ist nicht mitgeteilt. Von den 5 beschuldigten Helgoländcrn gestanden zwei, die Gebrüder Kröger, ihre Ver- fehlungen ein. Sie blieben in Haft. Gestern wurde gegen sie vor dem Altonaer Landgericht verhandelt. Die drei weiter beschuldigten Helgoländer waren gegen Kaution mit der Untersuchungshaft ver- schont. Die Verhandlung gegen Kröger wurde unter strengstem Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt. Sie endete mit der Ver- urteilung der Gebrüder Kröger. Der eine wurde zu zweieinbnlb Jahren, der andere zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht billigte beiden Angeklagten mildernde Umstände zu, weil die meisten der kleinen Zeugen und Zeuginnen nach Ansicht des Gerichts nicht mehr zu verderben waren, als sie in die Hände der Angeklagten fielen. Bekanntlich hätte die Kinderverwüstnng nie einen so großen Umfang annehmen können, wenn vor acht Jahren gegen Beckers vorgegangen wäre. Damals behaupteten zwei Helgoländerinnen, daß er derartige Verbrechen an Kindern begangen habe. Das wurde auch in der Verhandlung von einem Kiiwe bestätigt. Das Gericht nahm aber an, daß dem„patriotischen" Beckers mehr zu glauben sei. Die Frauen wurden verurteilt. Dadurch ist denn für die Lüstlinge der Weg zu ihren weiteren Verbrechen geebnet. Davon, daß die Staatsanwaltschaft das Wiederaufnahmeverfahren in jenem Beleidigungsprozeh zugunsten der schuldlos Verurteilten eingeleitet habe, verlautet nichts. Wann endlich wird offiziell klargestellt werden, ob und welchen Anteil an den Kinder» Verheerungen Marineoffiziere und Unteroffiziere gehabt haben? Die an Mord grenzende Tat einer Mutter, die ihr lebendes Kind in den Müllkasten geworfen hatte, beschäftigte gestern hinter verschlossenen Türen die 3. Ferienstrafkammer des Landgerichts I. Wegen fahrlässiger Tötung mußte sich das Dienst- mädchen Emma Lintz vor dem Strafrichter verantworten. Es hau- delte sich um die Verzweiflungstat eines jungen Mädchens, welches die Frucht der verbotenen Liebe beseitigt hatte und nun ihre Tat vor dem Strafrichter büßen mußte. Die 19jährige L. war bei einem Restaurateur in der Linkstraße als Dienstmädchen beschäftigt. Ein Liebesverhältnis mit einem jungen Manne, den sie auf dem Tanz- boden kennen gelernt hatte, blieb nicht ohne Folgen. Als dann ihre schwere Stunde nahte, hatte sie keinerlei Vorbereitungen getroffen, da die Dienstherrschaft sonst Verdacht geschöpft hatte. Kaum war das unglückliche kleine Wesen zur Welt gekommen und hatte den ersten Schrei ausgestoßen, als es von der Mutter in Lumpen gehüllt und in den Müllkasten auf dem Hofe geworfen wurde, wo es bald erstickte. Die Kindesleiche wurde am Tage darauf von einem Müll- kutscher aufgefunden. Die Kriminalpolizei ermittelte noch an dem- selben Tage die Mutter in der Person der jetzigen Angeklagten. Die Strafkammer nahm an, daß die Tat zwar hart an der Grenze von Kindesmord stehe, jedoch mangels anderer Beweise als fahrlässige Tötung anzusehen sei. Das Urteil lautetö deshalb auf nur 6 Monate Gefängnis, außerdem wurden der Angeklagten auch noch drei Monate der Untersuchungshaft als verbüßt angerechnet. Unterschlagungen in Höhe von 63 566 M. hatte der Prokurist August Linger begangen, gegen den gestern die 3. Ferienstrafkammer des Landgerichts I untcr Vorsitz des Land» gerichtsrates Grodle eine Anklage wegen Unterschlagung in Ideal, konkurrcnz mit Untreue zu verhandeln hatte.— Der Angeklagte, der in Wien geboren ist, hat schon ein sehr schicksalsreiches Leben hinter sich. Sein Vater bekleidet einen Beamtenpostcn an dem kaiserlichen Hofe in Wien. Er selbst ist Offizier der österreichischen Armee und fand ebenfalls nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst eine Anstellung als Hofbeamter. Durch eine Heirat mit einer Schauspielerin geriet er in finanzielle Schwierigkeiten, die schließlich seinen Zusammenbruch zur Folge hatten. Er verließ Wien mit einer Schuldenlast von etwa 8000 Kronen und kam nach Berlin, wo er von einem Landsmanns, dem Kaufmann Spitzer, dem Inhaber eines bekannten Konfektionsgeschäfts in der Mohrenstraße. mehr aus Mitleid aufgenommen wurde. In unglaublich kurzer Zeit brachte er es durch eminenten Fleiß und kaufniännische Tüch- tigkeit bis zum Prokuristen. Trotzdem er in einem fast freund- schaftlichen Verhältnis zu seinem Chef stand, bekam er es fertig, das ihm geschenkte Vertrauen in der schändlichsten Weise zu miß- brauchen. Da alle Eingänge durch seine Hände gingen, verstand er es in geschickter Weise, innerhalb zweier Jahre die Summe von 63 500 M. in seine Taschen fließen zu lassen. Erst durch einen Zu- fall kamen die Veruntreuungen des Angeklagten zur Entdeckung. Um den angerichteten Schaden zu decken, war Linger noch zu allerletzt auf den sonderbaren Einsall gekommen, für 6000 M. Lot- terielose zu kaufen, in der Hoffnung, einen größeren Gewinn zu machen.— Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf den ganz unerhörten Vertrauensbruch des Angeklagten dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf 2 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehr- vertust. Ein Bürgermeister wegen Verleitung zum Betteln bestraft. In Haundorf bei Feuchtwangen kam ein Handwerksbursche zum Bürgermeister und beantragte, ihm eine Armenunterstützung anzuweisen. Da dem Bürgermeister die Schreiberei zu viel war. gab er dem Mann ein kleines Geldgeschenk und riet ihm, er solle schauen, daß er noch etwas dazu bekomme, dann werde es schon zum Nachtquartier reichen. Der arme Reisende ging hin und tat desgleichen, aber unglücklicherweise wurde er von einem Gendarm boim Bettel erspäht und arretiert. Das ltzericht verurteilte jedoch nur den Bürgermeister wegen Verleitung zum Bettel zu einem Tag Haft, der Handwerksbursche wurde freigesprochen« vlasserstandS-Rnclirtciiten der Laudesanstalt sür Gewässerkunde, mitgetellt vom Berliner Wettcrbureau. Wasserstand M-mel, Tllstl P r e g e l, Jnfterbmg Weichsel, Thoru Oder, Nallbor „ Kroilen . Frnnknirl Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , DreSdeu , Bardo . Magdeburg Wasserstand Saale, Krochlttz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Svrembcrz') , BeeSkow Weser, Münden , Minden Rhein, Ma�nniliauSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Wcrlheim Mosel, Trier »)+ bedeutet Wuchs.— Fall.•) Unterpegel.•) höchster Wasserstand am 11. mittags 415 ein. Die obere Oder und Glatzer Reihe sind weiter ge- lallen. Der S ch e i t e I d e s O d c r l, 0 ch w a s s e r s befand sich von gestern 1 Uhr nachmittags bis heule srüh 6 Uhr bciStcinau, wo seine Höhe: 510 cm, um 47 cm untcr dem höchsten Wasserstand vom Luit 1303 geblieben ist. Heutiger Wasserstand bei Ratibor: 383 cm. — Möbel billig wenn Sie mein seit 38 Jahren bestehenden! Geschalt benutzem Möbel-Yersand-Haus Wilhelm Hamann BERLIN N. 58 Schönhauser Allee 42. Kassa 60/o Teilzahlung. Fahrgeld vergütigt. i I»»»»»»»»»»»»»»»»»»R 1 w i BerUner------- um9r°@uartett V. Creutr. KaatanUn-HlUc äo 4Ä eigene Dampfer. Seefische hoi™ Nährwert! Seefische sind billiger wie Fleisch. 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Freitag: Biederlente. Sonnabend z. erstenmal: Klette«. Hieraus: Niobe. Berltacr Volksoper Belle Alliance-Straße 7/8. Heute-/,g Uhr: Eafispicl des Neuen Schauspielhauses! Alt-Heidelberg. Urania. �isssnsohaktUohss Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Im Lande der Mltter« nachtssonne* Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Noblesse oblige. Schwank in 3 Akten von Hennequin und Veber. Morgen und folgende Tage 8 Uhr: _ Moblegge oblige. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Das Leutnantsmündel Luisen»Tkeaier. Abend» 8 Uhr: Egmont. Trauerspiel in 5 Akten v. SB. v. Goethe. Donnerstag: Die schöne Ungarin. Freitag Premiere: Krau oder: Genie und Leidenschaft. Sonnabend: Im Spätsommer. Sonntag nachm.: Die schöne Un< garin. 8 Uhr: Kean._ OSE=THEATE Große Frankfurter Str. 132. Ansg. 3 Uhr. Ende 11 Uhr. Dorf und Ztodt. Schauspiel in 5 Akten von Charlotte Btrch-Pseiffer. Mttw., Donnerst.: Dorf und Stadt. Freitag: Othello. 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Freitag, abends 0 Uhr: Der Bibliothekar. Thoaf«!'. Schiller-Theater Charlottenburg. Mittwoch, abends 8 Uhr: Sfene Jagend. Schauspiel in 3 Allen v. Tor Hedberg. Deutsch von Hermann Blocher. Ende 10'/, Uhr. Donnerstag, abends 8 Uhr: Die Uehe wacht. Freitag, abends 8 Uhr: Robert and Bertram. Brauerei Friedrichshain Am Königstor. Heute und folgende Tage: Inpil Riln MsH Jilll Oberlandler Kapellen 4 Klrchweih- und Schützenfest. Bei nngüngtiger Witterung Im Saal. Abonnenten des„Vorwärts" haben wochentags freien Eintritt. _ Diese Annonce ist am Eingang vorzuzeigen._ TERRASSE» HALENSEE 6r8Bter TargnDgungtparK des Kontinents. Eintrittspreis 50 Pf. Heute Hlttwoch: Sensationelle Attraktionen SÜHtärhonzert$ SomaUdorf Ab 3 Uhr geöfinet Tanagra- Theater □ Mon Plaislr. METBOPOld- THEATER. Wegen Vorbereitung zur neuen Jahres- Revue geschlossen. nsrnr Dag ErOffhungg» Progr. der Winter-Saison! Abends 8 Uhr: Ciaire Waldoff mit ihren neuen Schlagern von Walter Kollo. . Collins 10 eng» I lisch. Backfische. 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Mildt, A., Charl., Krummenstr. 14. Nahr, Gust., Gr. Frankf. Str. 91. Nolte, Karl, Simon-Dachstr. 13. Osterloh, M., Gr. Frankft. Str. 136. Pfandleihe, Petersburgerstr. 37. iiiiN PIudz, BniDcenstr. 112. Oultzow, Joh., Müllerstr. 1». Rampmaler, F., Skalitzerstr. 23. Rapp, Chr.. WtiieDs.e.üDiLAdollsL 1 57 Karl Reichel Rudol ph, H., Joh. Schallau, Schönh. Allee 186 a. Tor. Alfred Scheer, Turmstr. 40. Schönemann, ö., Ri., Berl.-Str. 73. 8e!lrader.Vtto.""N?«'!aa°a Rieh. Schramm, Turmstr. 32 P-Schuch.CharL,Knoheisd.-3tr.40. Sdiulz, 0»»., Frankf. Allee 24. Schumacher, 0.,Tegel,BerL-St.5a. T. Stolz, Chausseestr. 83. Carl Stuhr, Drosdnerstr. 134. Sturm, Erich, Tegel, Hermsd.-St.l Bettinger, Eug., WMd-Eek., WieUcf. Denuhardt&Schultze.Brunncnst.äS. I F.ilc ni.Wcylc, Likörfabr., Gerichtatr. 16. | Herm.Friedlünder, Prenzlauer 8tr.25 Special-Likör„Baribal". Großd.»ZurSonne*, P. Freudenberg. I Krüger, Brunnenst.188, Ka£tAllce84. i Jlerten, Louis, Belle- Alliance3t.l9. � im« ür.-Dcst. �charrea- ! 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Parteigenossen, die mit Wählern aus dem Kreise Frankfurt-Lebus zusammen arbeiten, werden gebeten, ihre Mitarbeiter auf ihre Pflicht aufmerksam zu machen und sie zur Ausübung ihres Wahlrechtes zu veranlassen. Nach Bekanntmachung der königlichen Eisenbahndirektion find die Arbeiter-Nückfahrtkarten am Mittwochabend gültig. Am heutigen Zahlabend wollen die Genossen, die am 1. Oktober aus ihrem Bezirk der- ziehen, dem Bezirksführer von dem Umzug Mitteilung machen. 2. Wahlkreis, Fricdrichftadt. Zahlnacht für Buchdrucker. Stereotypeure usw. am Mittwoch, den 14. September er., abends 11'/z Uhr bei Julius Meyer, Oranienstr. 103. Die Vertrauensleute. Wilmersdorf. Sozialdemokratischer Wahlverein. Der neunte Bezirk hält seinen Zahlabend bei Selke. Brandenburgische Strahe 11 ab. Ebenso wird der Frauen-Leseabend fortan in diesem Lokale stattfinden. Der Vorstand. Lankwitz. Der Zahlabend findet besonderer Umstände wegen für unseren Ort acht Tage später, also Mittwoch, den 21. September statt. Der Vorstand. Erkner. Heute Mittwoch, den 14. September, abends 8>/g Uhr: Mitgliederversammlung und Zahlabend. Die Bezirksleitung. Eichwalde, MierSdorf, Zeuthen. Mittwoch, den 14. September, 8»/. Uhr. in den bekannten Lokalen. Tagesordnung: Trennung unseres Wahlvereins? Der Vorstand. Neuenhagen a. d. Ostbahn. Zwecks Aufnahme einer Statistik hat dem heute abend S'/j Uhr im Lokale des Herrfi Wortmann, Bahnhofstrahe. stattfindenden Zahlabend jeder Genosse das Mitglieds- buch seiner Gewerkschaft mitzubringen. Der Bezirksleiter. ßerllmr JVacbncbtcn. Einträgliche„Nebengeschäfte". In der städtischen Verwaltung der Stadt Berlin sind viele Tausende von Beamten beschäftigt. Im allgemeinen sind diese Beamten auf ihr Einkommen angewiesen, das von den städtischen Behörden nach einem besonderen Besoldungsplan festgesetzt ist. Ncbengeschäften sollen die Beamten sich eigentlich nicht hingeben; ihre Arbeitskraft sollen sie ihrem Amte widmen. Das finden wir auch ganz richtig. Die Stadt soll darauf sehen, ihre Beamten an. ständig zu besolden und sie nicht auf Nebenbeschäftigung verweisen, die nur dazu führt, anderen Leuten das Brot wegzunehmen, die Beamten vorzeitig ihre Kräfte aufbrauchen zu lassen und den PensionSetat der Stadt unnötigerweise zu belasten. Von dieser Regel wird aber hin und wieder abgesehen und in bestimmten Fällen werden Ausnahmen zugelassen. Dann aber müssen die Beamten einen besonders begründeten Antrag stellen, der, wie wir wiederholt aus dem Munde des Herrn Oberbürgermeisters gehört haben, sehr sorgfältig geprüft wird, bevor die Genehmigung erteilt wird. In den Rahmen dieser städtischen Verwaltungsgrundsätze paßt nun gar nicht die Verwaltung der Jnspektorstelle des städtisckicn Friedhofes in Friedrichsselde. Diese Stelle ist dotiert mit einem AnfangSgehalt von 2800 M. und einem Endgehalt von 3900 M. (zu erreichen in 18 Jahren) einschliesslich 300 M. Emolumente, bestehend aus freier Wohnung. Die Besoldung ist eine solche, wie sie Tausende städtischer Beamten nicht haben und kein Stellen- inhaber in der gesamten Verwaltung bezieht so hohe und umfang. reiche Nebeneinnahmen wie gerade der Verwalter der Inspektor- stelle des städtischen Friedhofes in Friedrichsfelde. Nach der für den Verwalter des Friedhofes geltenden Dienstordnung hat der Beamte keine Befugnis, auf eigene Rechnung auf dem städtischen Friedhofe Nebengcschäfte zu betreiben; allein vieles steht heut- zutage auf dem Papier, in der Praxis ist es aber oft anders. In Friedrichsfelde ist die Ausschmückung der Leichenhalle bezw. der Kapelle Privatsache des Friedhofsverwalters, die ihm Tausende von Mark einbringt. Die Pflanzen und Lorbeerbäume, die hierzu nötig sind, hält sich der Verwalter selber. Die Stadt kümmert sich nicht darum. Es fragt auch niemand danach, dass diese Pflanzen in den städtischen Räumlichkeiten untergebracht sind. Jeder Privatmann, der städtische Räume benutzt oder in städtischen An- stalten Geschäfte betreibt, müsste für eine solche Erlaubnis Pacht und Miete zahlen. Der Friedhofsverwalter von Friedrichsfelde braucht daS nicht. Natürlich wandern die Pflanzen n i ch t a l l e i n aus dem Keller, wo sie aufbewahrt werden, nach der Kapelle, die sie schmücken sollen. Der Friedhofsvevwalter ist zu bequem, diese Arbeit selber über Feierabend zu übernehmen. Eigene Leute für diesen Transport zu halten, ist aber zu kostspielig. Was liegt näher, als die städtischen Friedhofsarbetter zu dieser Arbeit heran- zuziehen. Wenn daS nach Feierabend geschieht, so kann man auch da noch Einwendungen dagegen erheben; es sind aber seit Jahre» städtische Arbeiter während ihrer Arbeitszeit zu diesen Arbeiten herangezogen worden. Der Verwalter steckte das Geld ein, die Stadt Berlin zahlte die Arbeitslöhne. Was über die Dekorierung der Kapelle gesagt ist, trifft in gleichem Masse auf die Gräber- pflege bezw. die Ausschmückung der Gräber zu. Auch in diesem Falle führt der Friedhofsinspektor Aufträge in seinem Privat- interesse aus. Von Leuten, die einen Einblick und ein Urteil in diesen Geschäftsgang haben, werden die aus diesen Ncbengeschäften bezogenen Einnahmen auf das drei- und vierfache des jährlichen von der Stadtgemeinde gezahlten Gehalts geschätzt. Das ist ein Zustand, der mit den in der städtischen Verwaltung sonst herrschenden Grundsätzen gänzlich iunvereinbar ist und dessen Abhilfe die Bürgerschaft dringend ver. langen muss.. Wie kommt ein einzelner städtischer Beamter dazu, auf eigene Faust auf städtischem Grund und Boden, in städtischen Räumlich- leiten Privatgeschäfte zu machen? DaS ist in keinem städtischen Betriebe, in keinem städtischen Institut zulässig. ES handelt stch um nicht mehr und nicht weniger als um einen vollständigen lGkwer bebe trieb innerhalb einer städtischen Einpichtung und man muß die Frage aufwerfen: Wer trägt die Schuld, daß der von uns gekennzeichnete Zustand auch nur einreißen geschweige denn lange Jahre bestehen konnte, ohne dass auch nur das geringste da- gegen geschehen ist. Jeder andere städtische Beamte, der eine Nebenarbeit an- nehmen will, muss genau angeben, welcher Art dieselbe ist und wieviel Entschädigung er aus derselben erhält, nur der Inspektor des städtischen Friedhofes brauchte das nicht. Dabei hat sich sein Nebengeschäft zu einer Art Monopol ausgewachsen, aus welchem er allein den Nutzen zog. Die städtischen Behörden müssen schleunigst eine Aenderung eintreten lassen. Schon sind Private an die Stadt herangetreten um die Erlaubnis, auf unserem Fried- Hofe den Verkauf von Blumen und Kränzen zu übernehmen. Ein Bewerber wollte dafür jährlich 200 M. an die Stadt zahlen, da kam ein anderer, der bot 1000 M., ein dritter hat 1S00 M. ge- boten. Dem letzteren will man unter gewissen Bedingungen die Genehmigung erteilen. Die Ausschmückung der Leichenhalle möchte man gar stillschweigend dem neuen Friedhofsinspektor überlassen. Das ist ein Verfahren, gegen das entschieden protestiert werden muß. Unsere städtischen Einrichtungen sind nicht dazu da, um die Privatinteressen eines von der Stadt bezahlten Beamten zu för- der» und einzelne Leute auf städtische Kosten zu bereichern. Was aber bisher ein städtischer Beamter ausführen konnte, eigentlich gar nicht durfte, muß die Stadt schon lange können und unserer Parkverwaltung trauen wir sehr wohl zu, daß sie die Gräberpfleg» wie die Dekoration der Leichenhalle übernehmen kann. Geschieht das, so wird endlich ein Zustand beseitigt, der in der städtischen Verwaltung als ein unerhörter bezeichnet werden muß. Viele Tausende von Mark Einnahmen sind bisher stillschweigend in die Taschen eines Beamten geflossen, die der Stadt gehört hätten. Im KindcrhauS Blumenstr. 78(Bureau v. ptr. l.) wird jetzt nach dem Grundsatze„aus wenig wird viel" gespart. Wir werden um Be- kanntgabe folgender Mitteilungen gebeten:„Die Sparkasse im Kin. derhaus ist, wie alle Einrichtungen des Hauses, nur für Unbe- mittelte. Sie kommt den Sparern weit entgegen, da ihr einziges Ziel ist, die Gesundheit und das Gedeihen des kommenden Ge- schlechtS zu fördern. Zunächst wird den Sparern unentgeltlich sachverständige Aus- kunft in allen Fragen des Mutter- und Kinderschutzes gegeben(z. B. Belehrung in Armen- und Rechtssachen, über Vormundschaft, Nach- weis erprobter, guter Pflegestellen). Wird für Kuraufenthalte, Ferienkolonien, Schülerwanderungen, Turnfahrten, Laubenkolo- nien und ähnliches gespart, so werden die hierfür nötigen Schritte unterstützt. Besondere Vorsorge ist für die Zeit vor und nach der Entbindung und für die Entbindung selbst getroffen. Man kann vorher z. B. Unterricht in Säuglingspflege nehmen und für die Ent» bindung die nötigen Ausgaben rechtzeitig sparen. Die geeignete An- stalt wird für die Entbindung nachgewiesen; bei'der Entbindung wird gegen 1 Mk.„eine Wochenausrüstung" geliehen, die folgendes enthält: Säuglingswanne mit Schüssel, Bürste, Seife, Unterlagen, Watte, Binden, Handtücher; wenn nötig Laken, Bettbezüge und Leibwäsche. Für die Zeit des Wochenbettes selbst wird Hauspflege vermittelt und werden die Säuglingsfürsorge und andere ein- schlägige Einrichtungen herangezogen. Weiter werden den Sparern besondere Vorteile bei der Anschaffung der Erstlingsausstattung, von Kinderwagen, Betten und anderen Möbeln, sowie bei der Be- kleidung der grösseren Kinder, z. B. bei Beschaffung von Wäsche, Kleidern, Stiefeln gewährt. Kurzum, es werden die Sparer nicht nur zur rechten Zeit daS nötige Geld haben, sondern sie werden es auch besonders sparsam und zweckmässig zum eigenen Nutzen und zum Nutzen ihrer Kinder verwenden. Die Sparkarten werden im Bureau des Kinderhauses, Blumen- strasse 78, vorn parterre links«Sprechstunde 2— 5 Uhr,«Sonnabends 2— 7 Uhr), ausgegeben. Die Sparmarken von 20 Pf., 50 Pf. und 1 Mark werden bei Vertrauenspersonen in allen Stadtgegenden zu haben sein. Wer sich fiir diese neue Wohlfahrtseinrichtung inter- essiert, erhält bereitwilligst Auskunft im Bureau des Kinderhauses." Aufstellung einer Stempelmaschine für Postanweisungen. Eine Stempelmaschine für Pastanweisungen ist nach den Angaben des Reichspostamts hergestellt und jetzt bei dem Postamt W. 8 in Berlin aufgestellt worden. Sie wird dort am Mittwoch, den 14. September in Betrieb gesetzt. Die Maschine ist in einem kleinen, handlichen Kasten eingeschlossen, der auf dem Tische neben dem annehmenden Schalterbeamten Platz findet. Der Beamte steckt die Postanweisung in einen«Schlitz, dreht eine Kurbel und die Anweisung kommt mit allen notwendigen Stempeln und Nummern aus der Maschine wieder. Der Aufgabestempel des Postamts mit Tag und Stunde wird an drei verschiedenen Stellen abgedruckt, auf dem Abschnitt für den Empfänger, der Stammkarte der Postanweisung selbst und endlich auf dem angehängten Posteinlieferungsslhein. Ausserdem sind die Freimarken durch«Striche, ähnlich wie bot den grossen Stcmpelmaschinen, entwertet. Die Aufgabenummer ist auf der Stammkarte und auf der Quittung aufgedruckt. Die Stammkarte enthält ausserdem noch den Ort, die Nummer des Postamtes und des Schalters. Die Aufgabcnummern der Maschine gehen von 1 bis 9999. Die Maschine ist für die neuen Postanweisuiqzsformulare mit angehängtem Einlieferungsschein eingerichtet, kann aber mäh- rend der Ucbergangszeit auch für Postanweisungen ohne diesen Schein benutzt werden. Die für diese bestimmten Stempel können dann ausgeschaltet werden. Die neue Maschine erleichtert und beschleunigt nicht nur sehr wesentlich das Annahmegeschäft, sondern sichert auch die genaue Uebereinstimmung der verschiedenen Stempel, die sich auf den drei einzelnen Teilen der Postanweisung wieder- holen. DaS erste Muster der Maschine gilt zunächst als ein Versuch. Wenn es sich bewährt, dürfte die Maschine bei den grösseren Post- ämtcrn mit lebhaftem Anwcisungsverkehr Verwendung finden. Die städtische Wnisen-Deputation beschloß in ihrer gestrigen Sitzung, sich an den Kosten'der bei Einleitung der Fürsorgeerziehung bereits vorzunehmenden ärztlichen Untersuchungen des Gesundheits- zustandes der Jugendlichen zu beteiligen und diese Kostenlast auch in solchen Fällen mitzutragen, in denen es demnächst zur Ein- leitung der Fürsorgeerziehung nicht kommt. Zu den im Herbst d. I. geplanten Ausbildungskursen in der Königlichen Erziehungsanstalt Hardehausen für im Fürsorge- erziehungswesen tätigen Erzieher und Erzwhungsgehilfen sollen nach Entschließung der Waisen-Dcputation ein Lehrer und ein Er- ziehungsgehilfe entsandt werden. Verbrannte deutsche Briefpost. Deutsche Briefposten sind, wie berichtet, beim Brande des peruanischen Postdampfers„Hullaha" an der Küste von Peru am 26. Juli zugrunde gegangen. ES hat sich inzwischen herausgestellt, daß ausser den Briesbeuteln von Bremen auch solche von der Bahnpost Cöln-VervierS für Lima, Areguipa und Callao in Peru sowie La Paz in Bolivien vernichtet worden sind. Man vermutet, daß die Beutel die Briefsendungcn enthielten, die zur Beförderung über Colon-Panama nach Peru und Bolivien bestimmt waren und in der Zeit zwischen dem Postschlüsse für den Dampfer der American Line von Cherbourg nach New Vork am 2. Juli sowie für den deutschen Dampfer„Kronprinzessin Eecilie" ab Cherbourg nach New Jork am 6. Juli sich angesammelt hattep. Mordversuch und Selbstmord. Eine blutige Liebestragödie spielte sich Dienstag abend gegen 7 Uhr in der Willibald-Alexis-Strasse 14 im Südwesten Berlins ab- AuS verschmähter Liebe suchte dort der 31 jährige Friseur G. Schneider seine Geliebte, die Arbeiterin M. Eiserbeck durch einen Revolverschuss in den Kopf zu töten und brachte sich dann selbst einen Schuß in den Mund bei. Während das Mädchen noch lebend nach dem Krankenhause geschafft werden konnte, erlag Schneider seiner Verletzung nach kurzer Zeit. Die Leiche kam nach dem Schauhause. Seil mehreren Jahren betrieb der Friseur Schneider in dem Hause Arndtstratze 9 ein Friseurgeschäft. Er war mit der Arbeiterin Martha Eiserbeck bereits verlobt und wollte demnächst heiraten. In den letzten Monaten kam es aber zwischen den Liebesleuten zu einem Zerwürfnis, so dass daS Mädchen die Verlobung aufheben wollte. Gestern abend erschien plötzlich Schneider vor der Wohnungstür seiner Braut Willibald-Alexis-Strasse Nr. 14 und begehrte Einlaß. Dieser wurde ihm auch gewährt, und nun hatte daS Paar eine heftige Unterredung. Als da§ Mädchen wieder ablehnte, zog dann Schneider einen Revolver aus der Tasche und feuerte ihn auf die Geliebte ab. Die Kugel drang in die Stirn ein. Auf die Hilferufe des Mädchens eilten andere Hausbewohner herbei. Ehe sie jedoch in die Wohnung eindringen konnten, hatte Schneider schon eine zweite Kugel auf sich selbst abgeschossen. Die Kugel war in den Mund eingedrungen und wirkte tödlich. Das Mädchen wurde nach Anlegung eines Notverbandes nach dem Urbankrankenhause transportiert, wo es Aufnahme fand. Das Befinden war gestern abend recht bedenklich._ Heisermans Jrrenhausbesuch. In einem zweiten Artikel über seinen einer städtischen Irrenanstalt abgestatteten Gelegenheits- besuch nimmt tzeijermans eine starke Schwenkung vor und setzt auf das anfängliche Lob für die„aufopferungsvollen" Irrenärzte eine höchst abfällige Kritik der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der modernen Psychiatrie im allgemeinen und unserer städtischen Psy- chiater im besonderen. Herr Hcijernrans ist zunächst im Irrtum. wenn er glaubt, dass unsere Irrenärzte sich im Amte ein Bein aus- reißen. Von solcher bewundcrswerten Hingabe kann gar keine Rede sein. Auf fast allen Stationen unserer städtischen Irrenanstalten und auch anderwärts findet täglich einmal oder höchstens zweimal eine Visite des«Stationsarztes„im Laufschritt" statt. Allenfalls in. den Lazaretten des Aufnahmehauses, wo die frisch eingelieferten Kranken liegen, verweilt der Arzt eine halbe Stunde. Der Ober- arzt kommt nur einmal täglich, aber auch nicht immer, und der Herr Direktor mit seinem Dutzend Nebenpöstchen ist so vielbeschäftigt, dass er sich den Patienten persönlich überhaupt nicht widmen zu können glaubt. Es gibt Anstaltsdirektoren, die sich den ganzen Monat über kaum einmal auf irgend einer Station blicken lassen, und dann auch nur aus besonderer Veranlassung eines sie interessierenden Spezialfalles. Aufbewahrungsanstalt, nicht Heilanstalt— das ist der Grundton, der aus dem gesamten heutigen Jrrentvesen heraus- klingt. Nur sehr wenige Irrenärzte, die es mit der Vcrantwort- lichkeit ihrer Stellung ernst nehmen, vertiefen sich verständig und menschenfreundlich in die Seele ihrer Patienten. Wenn es an Be- Werbern um irrenärztliche Stellungen manchmal fehlt, so liegt eS an der mangelhaften Besoldung und an der geringen Aussicht, eS bald zum Oberarzt zu bringen. Die Aerzteverhältnisse liegen in dieser Beziehung nicht viel besser als die vielerörterten leidigen Pflegerverhältnisse. Daß die Stadt Berlin in den Irrenanstalten junge Aerzte einstellt, die absolut keine psychiatrische Vorbildung zu haben brauchen und trotzdem 190— 200 Patienten zugewiesen e» halten, nennt Heijermans mit Recht einen schweren Missstand, eine unerhörte Rückständigkeit, eine Parodie auf die vielgcrühmte mo- derne Jrrenpflege. Er erklärt, was allen Vernunftbegabten längst kein Geheimnis ist, daß das System der Jrrenpflege in Dalldorf» Herzberge und Buch in der Theorie„wissenschaftlich" sein mag, in der Praxis aber das System eines grossen Gefängnisses ist. Der wirklich wiffenschaftliche Betrieb liege durch das Gefühl der Miss- Wirtschaft, das sich der Aerzte bemächtigt habe(?? Die Red.), völlig danieder. Im Laboratorium wird nicht gearbeitet, Sektionen sin- den immer seltener statt, die notwendigsten medizinischen Instrumente sind nicht vorhanden. Dafür übermässig viele Einzelzellen. unzureichende Badeeinrichtungen, statt der früheren eisernen Wand» ketten(und Zwangsjacken) betäubende Einspritzungen, die den Körper verhunzen. Also wissenschafilichir Verfall ärgsten GradeS. Soziale Rückständigkeit und ein unserer ganzen reaktionären Zeitrichtung angepaßter Kasernismus.„Und die Kranken, die bei dein Kapitel nicht mitzureden haben, sind die Düpierten." Mit erfreulicher Schärfe geißelt Heijermans die skandalösen Verhältnisse, unter denen daS Pflegerpersonal leidet und die wir wiederholt in unserm Blatte gekennzeichnet haben. Die Gehalts- Verhältnisse seien miserable; eine Kochin oder ein Hausmädchen in einer Berliner Familie verdienen gewöhnlich mehr bei besserem Leben und mehr freier Zeit. Heijermans glaubt, daß seine Enthüllungen, die uns und an- deren Wissenden wenig Neues melden, auf die Verhandlungen des Anfangs Oktober in Berlin stattfindenden psychiatrischen Kongresses von Einfluß sein werden. Wir möchten das hoffen, glauben es aber nicht. Bei diesen in ihre sogenannte Wissenschaft vernarrten Jrrenhaussouveränen mutz viel schwereres Geschütz aufgefahren werden— der energische Wille des Volkes, auch die Irrenhaus- rcaktion zu brechen. Achtung, Strasienbahn! Warnungsschilder mit dieser Inschrift sind jetzt endlich auf dem«Seneselder Platz an dem westlichen Unter- grundbahn-Bauzaun angebracht worden, neben dem unmittelbar die Strassenbahngleise vorbeiführen. Dieser kaum meterbreite Weg zwischen Bauzaun und Gleisen wird namentlich von Kindern viel benutzt. Es muss als ein Wunder bezeichnet werden, dass hiev noch kein Mensch überfahren wurde. Ob das blosse Warnuugsschild den Zweck erfüllt, kann zweifelhaft sein. Bei dem unweit davon gegenüber dem jüdischen Kirchhos angelegten Uebcrgang über den offenen Untergrundbahntunnel fehlen gleichartige Warnungs- schilder. Sie sind auch hier notwendig, wo die Straßenbahn ebenfalls dicht am Bauzaun und somit auch am Uebergang vorbeifährt- Eine dritte Verhaftung zum Fiirftenwaldcr Mord. Die von neuem eingeleitete Untersuchung über den Raubmord, dem in der Nacht zum' 23. Oktober 1906 der Kutscher Haase der Schultheiß- brauerei bei Fürstenwalde zum Opfer fiel, hat zu einer neuen Ver« Haftung geführt. Wie aus Müuchchcrg gemeldet wird, wurde dort gestern auch die ehemalige Geliebte des ermordete» Kutschers Haase wegen Meineids in zwei Fällen verhaftet. Die Verhaftete ist voll- ständig geständig; sie gibt an. von dem bereits verhafteten Arbeiter Conrad zum Meineid angestiftet worden zu sein. Im Zusammen- hang mit der Mordaffäre sind von dem Berliner Kriminalkommissar TreSckow II, wie bereits gemeldet, die Arbeiter Conrad und Busse zunächst wegen Meineid? verhastet. Ein fingierter Nanvgnfall. In einem Abteil dritter Klasse des SüdringzugeS 2038 der gestern vormittag um 9 Uhr auf der Station Schmargendorf eintraf, wurde der 19 Jahre alte Kausmannslchrling Bruno Meyer, Stolpifche Strasse 41 bei den Eltern wohnhaft, in bewußtlosem Zustande auf einer Sitzbank liegend, mit einem Damentaschentnch im Munde und entleerten Taschen aufgefunden. Nachdem er sich erholt hatte, gak er an, er sei zwischen den Stationen Lehrter Bahnhof und Bellevue durch einen Schlag auf den Kopf betäubt und seiner Barschaft in Höhe von 27 M. beraubt werden. Bon dem angeblichen Täter konnte er nur angeben, daß er schwarzes Haar und einen starken Schnurbart habe. Bekleidet sei er mit einem blauen Jackettanzug gewesen. Nach einer neueren Nachricht hat sich der Raubanfall alZ er- funden herausgestellt. Die Angaben Meyers schienen schon von vornherein als nicht wahrscheinlich. Meyer war eine kleine Summe anvertraut worden. Diese hatte er in der Nacht zum Dienstag in verschiedenen Cafvs und Nestaurants mit weiblicher Bedienung aus- gegeben. Dann hatte er gegen Morgen einen Siidriugzug bestiegen und den Ueberfall erdacht. Nachdem er von der Kriminalpolizei eingehend vernommen wurde, legte er schließlich ein Geständnis ab. Eine teure Zeche. Mit einem nächtlichen Abenteuer hat sich die Kriminalpolizei schon wieder einmal zu beschäftigen. Ein Kauf» mann besuchte mit einer„Dame", die er auf der Straße kennen lernte eine italienische Weinstube im Westen der Stadt und sprach mit ihr dem feurigen Nebensafte wacker zu. Er glaubte, daß die Dame der Wirkung des Alkohols auch noch mit einem Schlaf- oder Betäubungsmittel nachgeholfen habe. Das Ende war jedenfalls, daß er, als er mit der Zechgenossin um drei Uhr früh aufbrach, so gut wie sinnlos betrunken war. Was mit ihm seit jener Stunde geschehen ist, weiß er nickst mehr. Als er aber morgens wieder zu sich kam, entdeckte er zu seiner nicht gerade angenehmen Ueber- raschung, daß ihm die Brieftasche mit S60 Mark fehlte. Er zweifelt nicht daran, daß seine„Dame" sie ihm abgenommen hat, und das wird wohl auch so sein. Auf die Wiederbeschaffung der ganzen Summe oder eines größeren Teiles hat er eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt. Die Untersuchung der großen Schwindeleien, die der verhaftete Geldvermittler Joses Margolin verübt hat, zieht immer weitere Kreise. Jetzt ist auch ein Helfershelfer, der Graf de la RamS, in Wirklichkeit Bela Klimm, im Haag bereits festgenommen. Der an- gebliche Graf bewohnte dort mit seiner Gattin und Dienerschaft seit einiger Zeit im Hotel de Bille drei Zimmer. Er er- regte dort durch seine ganze Erscheinung einiges Auf- sehen in der Gesellschaft, besonders unter den anderen Hotelgästen. Den Bormittag pflegte der stattliche Aristokrat im seidenen Schlafrock auf den Hotelfluren zuzubringen. Biel bemerkt wurde sein großer Wappensiegelring, den ein eingravierte? A (Adalbert heißt der Graf mit Bornamen), darüber eine platzende Bombe und die Grafenkrone zieren. Das gleiche Wappen trug die »Gräfin" auf ihrer goldenen Handtasche. Ueberfahren und getötet wurde gestern nachmittag der drei Jahre alte Sohn Gustav des Arbeiters Müller aus der Ackerstr. 93. Das Kind geriet beim Ueberschreiten des FahrdamrmeS an der Ecke der Gartenstraße und des Gartenplatzes unter einen zweispännigen Arbeitswagen und wurde so schwer verletzt, daß eS schon auf dem Wege nach dem Lazaruskrankenhause starb. Der Kutscher entfloh und konnte nicht festgestellt werden. Bei einer Partie der Freien Jugendorganisation(Abt. I) am 23. August nach den Rüdersdorfer Kalkbergen hat ein Teilnehmer auf dem Nachhausewege in der Gegend der Liebesquelle in Wolters- dorf seine Uhr mit Kette verloren. Die Uhr trägt die Nummer 160 994 und ist ein Andenken. Sollte ein Leser unseres Blattes der Finder sein, so wird derselbe um Abgabe an W. Mühl, Thuruehsier straße 7, 0. Aufgang, vorn II, gebeten. Vorort- Nadmcbtem Schöneberz. AuS der Stadtverordnetenversammlung. Der stellvertretende Borsteher Genosie Molkenbuhr teilte zunächst mit. daß zur Ein. weihung der Urnenhalle in der Gerichtstraße eine Einladung erfolgt sei. Hierauf berichtete der Ausschuß für die«enderung der Grundsätze zur Bewilligung schulgeldfreien Unterrichts auf den städtischen höheren Lehranstalten. Der Ausschuß hatte beschlosien, die Angelegenheit nochmals an den Magistrat zu verweisen und ihn zu ersuchen, noch weitere Feststellungen über die Verteilung der Stellen zu treffen. ES lag folgender Antrag der sozialdemokratischen Fraktion vor: a) Bei der Festsetzung der Zahl der Freistellen an den höheren Lehranstalten sind die auswärtigen Schüler mitzuzählen. b> Die Zahl der Freistellen, nach der Gesamtschülerzahl be> rechnet, ist von der Deputation für das höhere Schulwesen auf die einzelnen Anstalten zu verteilen. Da dieser Antrag den Herren nicht recht behagte, so mußte die Angelegenheit nochmals zurückverwiesen werden. Alsdann erfolgte der Bericht über die Genehmigung der Dienstanweisung für Schul- ärzte. Der Bericht zeigt, daß das nebenamtliche Schularztsystem die gestellten Aufgaben nicht so eingehend zu erledigen im Stande ist, wie Aerzte die im Hauptamt beschäftigt werden. Stadtverordneter Dr. Frieden! ann(lib.) sprach sich gegen die Anstellung der Schulärzte im Hauptamte aus, es käme vielmehr auf die Person als auf das System an. Genosse Bernstein widersprach dem. Es kömite bei den Kindern die Tuberkulose viel besser beobachtet und sofort dementsprechende Maßregeln ergriffen werden, wenn die Schul- ärzle angestellt würden. Angenommen wurde der Antrag: Die Versammlung erklärt sich mit der Anstellung von Schul- ärzten im Hauptamte sowie für die organische Verbindung des Schularztwesens mit anderen hygienischen Einrichtungen der Gemeinde prinzipiell einverstanden und erwartet eine entsprechende Vorlage des Magistrats. Die hiesigen Oberlehrer petitionierten um Ergänzung der Deputation für das höhere Schulwesen um einen Oberlehrer. Der Ausschuß ersuchte um Ablehnung, da augenblicklich eine derartige Stelle nicht zu besetzen ist. Genosse B e r n st e i n meinte, daß, wenn eine Stelle zu besetzen ist, man auch eine Oberlehrerin berücksichtigen sollte, da der Deputation genügend Herren angehörten. Für diese Ausführungen fehlte verschiedenen bürgerlichen Vertretern das richtige Verständnis, denn sie hatten nur ein Lachen dafür. Man verständigte sich dahin, bei eintretender Vakanz die Petition in Wiedererwägung zu ziehen. Die Laternenanwärter petitionierten um Einstellung in städtische Dienste, da durch die Einführung des elektrischen Lichts die Gas- laternen abgeschafft und sie überflüssig würden. Die Direktion der Englischen Gasanstalt hatte den seit Jahren bei ihr beschäftigten Laterneiianwärtern mitgeteilt, daß mehrere entlassen werden müßten, da die Stadt weniger Gas für ihre Straßenbeleuchtung entnehme. Von dieser strengen Maßregel werden Leute getroffen, die bis 20 Jahre bei der I. C. G. A. beschäftigt sind. Die Genosien Hoffmann und Obst hielten es für eine moralische Pflicht der Stadt. diese Leute zu übernehmen. Der Kämmerer Machowiez wies die Einstellung der Laternenanwärter ent- schieden zurück; er meinte, soweit dürfe nicht gegangen'werden, denn sonst hätten die Arbeiter anderer Betriebe das Recht in ähn- lichen Fällen das gleiche zu verlangen. Von liberaler Seite wurde für Ueverweisung der Petition an den Magistrat als Material be- fürwortet. Damit glaubten die liberalen Vertreter ihren Liberalis- MUS zur vollen Geltung gebracht zu haben. Die Sozialdemokraten beantragten: Die Petition dem Magistrat als Material zur wohl- wollenden Berücksichtigung zu überweisen. Hierfür stmunten außer der sozialdemokratischen Fraktion nur die Liberalen Dr. Engel, Eottheiner, Hartmann und v. Olzewski. Durch die stärkere Inanspruchnahme der SSugltngSfursorge ist eine Nachbewilligung von 6000 M. erforderlich. Die Summe verteilt sich auf Stillprämien KOO M., Milchlteferung für Mütter 4000 M.. Unterstützung der Mütter zur Ermoglichiing des Selbst- pillens, Geld- und Stärkungsmittel bOO M. Diese Betrage wurden ohne Debatte bewilligt..... Nunmehr kam folgender von allen vier Fraktionen unterzeichneter Dringlichkeitsantrag zur Debatte: »Die Stadtverordnetenversammlung ersucht den Magisttat, schleunigst an den maßgebenden Stellen vorstellig zu werden, um Maßregeln zur Beseitigung der Fleisch not zu ergreifen, insbesondere Aufhebung der Zölle für Vieh, Fleisch und Futter- mittel." Nachdem die Stadtverordneten Meyer und L u l a h(lib.) sich dafür ausgesprochen, meinte Stadtv. H e p n e r(wild), daß sich auch die Landwirtschaft dafür interessieren müsse, indem ganz besonders für die Ermäßigung der Futtermittelzölle eingetteten werde. v. Olzewski(lib.) meinte, das Seuchengesetz müßte aufgehoben werden, dann würde die Fleischnot nicht so scharf auftreten. Genosse Bernstein wies nach, wie der Fleischbedarf gestiegen sei' es müsse daher dafür gesorgt werden, daß genügend Fleisch eingeführt werde. Dies könne nur durch die Beseitigung der Einfuhrzölle ge- schehen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Damit war die öffentliche Sitzung beendet. Wilmersdorf. Seht die Wählerlisten nach! Nur zwei Tage noch liegen die Wählerlisten zu den Stadt- verordnetenwahlen öffentlich aus. Sie sind einzusehen bis zum 15. September von vormittags 8 Uhr bis nachmittags 2 Uhr in der Melde- und Wahlabteilung des Ma- gistrats, Gasteiner Straße 11, 2 Treppen. Da es bei den im November dieses Jahres stattfindenden Wahlen darauf an- kommt, endlich auch die Arbeiterinteressen in der heute von einer reaktionären Mehrheit beherrschten Stadtverordnetenversammlung zur Geltung zu bringen, so erwächst den Einwohnern doppelt die Pflicht, darauf acht zu geben, ob sie auch in der Wählerliste stehen und somit ein Recht haben, ihre Wahlpflicht auszuüben. Jeder über 24 Jahre alte preußische Staatsangehörige muß, wenn er ein Jahr in Wil- Wersdorf wohnt und in dieser Zeit keine Armenunterstützung erhalten hat, in der Liste verzeichnet stehen. Diejenigen Parteigenossen, denen eS an Zeit m a n g e l t, die Liste selbst nachzrisehen, werden ersucht, mündlich oder schriftlich ihre Adresse an eine der folgenden Stellen abzugeben: Goddäus, Augustastr. 23, Hth. I; Hauboldt, Pariser Str. 60; Frau Markewitz, Weimarsche Str. 12; Pieper, Zigarrenhandlung, Berliner Str. 46; Schröder, Heidelberger Platz 2, III-, Schubert, Wilhelmsaue 26; in Halensee bei Kempfer, Joachim-Friedrich-Str. 29, vom IV. Rtxdorf. Eine Revolveraffärr spielte sich vorgestern nacht in der Julius- straße ab. Dort versuchte der 23jährige Gelegenheitsarbeiter Richard Martin die 17jährige Anna Waldow, mit der er ein Verhältnis unterhielt, zu erschießen. Die W., so wird berichtet, hatte vor einigen Tagen den Entschluß gefaßt, sich von M., der sie zu unlauteren Zwecken benutzen und ausbeuten wollte, loszusagen. M. geriet hier über in heftige Erregung und er begab sich nach dem Hause, wo daS Mädchen wohnte. Hier feuerte er, als er sie unter einem Vor- wand ans Fenster gelockt hatte, einen Schuß auf dieselbe ab. Zum Glück verfehlte die Kugel ihr Ziel. M. floh in der Meinung, die W. getroffen zu haben, wurde aber bald ergriffen und verhaftet. Charlottenburg. Die Charlottenburger Feuerwehr hatte gestern vormittag um 9 Uhr einen gefährlichen Kellerbrand in der Rankestraße 24 zu löschen. Als die Feuerwehr dort ankam, stand der Keller schon m Flammen. Durch schnelles Löichen gelang es indes, die Gefahr, die vermutlich durch in der Nähe lagernde Heizrohre entstanden war, bald zu beseitigen. Die Ausräumung nahm dann nur kurze Zeit in Anspruch, so daß der Zug auS der Ostwache nach 10 Uhr wieder abrücken konnte. Der Charlottenburger BildnngSauSschuß veranstaltet am Donner? tag, den 22. September, abends S'/s Uhr, im großen Saale deS „Volkshauses" eine Aufführung von Ma; Halbes„Jugend". Hierzu sind namhafte Schauspieler des Deutschen und Berliner Theaters gewonnen, so daß die Bewähr gegeben ist, daß den TeUnehmern etwas wirklich Gutes geboten wird. Der Einheitspreis beträgt 50 Pf. inkl. Garderobe und Theaterzettel. Billetts find zu haben bei den Zahlabendleitern des Wahlvereins, ferner bei A. Will, Kirch- straße 30, A. Weisheit, Rosinenstr. 3(Stehbierhalle), G. Scharnberg, Sesenheimer Straße 1, sowie in den Niederlagen deS Konsumvereins: Wallstraße 23, Tauroggener Straße 10, Potsdamer Straße 12 und Weimarer Straße 29. Steglitz. Im Bett erstickt ist vorgestern daS einjährige Töchterchen deS in der Hubertusstraße wohnhaften Kaufmannes Hoffmann. H. war mit seiner Ehefrau in Berlin gewesen, und als das Paar heim- kehrte, fand eS zu seinein Entsetzen daS einjährige Töchterchen als Leiche im Bett auf. Mit dem Gesicht lag das Kind auf dem Kiffen. Wahrscheinlich ist die Kleine im Schlaf erstickt. PeterShagen b. Fredersdorf. Ihre Gesetzesunkenntnis hat die hiesige Gemeindeberketung jetzt vom Ausschuß de? Kreises Nicderbarnim schriftlich bestätigt er. halten. Der Grund war folgender: Bei der Gemeindewahl wurde der Genosse Franz Stimming mit einer Stimme Majorität ge- wählt. Da unser Genosie bei den Bauern sowohl wie bei einem der hiesigen Grundbesitzerverein« nicht gerade beliebt ist, wurde nach Gründen gesucht, um die Wahl für ungültig zu erklären. Die Gründe, warum die Wahl ungültig sei, teilte man aber Stimming nicht mit. Als derselbe nun beim KreiLauSschuß Klage erhob, er- hielt er auf seine Anfrage vom Gemeindevorsteher folgenden Be- scheid: 1. Seien die Wähler der 1. und 2. Abteilung zugegen ge- Wesen; 2. hätten nicht wahlberechtigte Personen sich im Wahllokal aufgehalten; 3. hatte ein Wähler nochmals nicht wahlberechtigte Personen mit in das Lokal gebracht z 4. stand ein nicht in die Wählerliste gehöriger Einwohner darin, ein anderer, der wähl- berechtigt war, aber nicht. Stimming widerlegte die Gründe in seinem Schreiben an den Ausschuß. Der als Vertteter der Gemeinde beim Ausschutz gewählte Gemeindevorsteher wußte in der Sitzung nichts mehr davon, es wurde daher der Einbringer des Protestes, Herr Lange, dazu gewählt. Da nun die Herren wohl sahen, daß ihre vermeintlichen Gründe nicht ausreichen wurden, um das gesteckte Ziel zu erreichen, so ließen sie die Gründe fallen; nach vier Monaten fanden sie einen anderen. Er war zwar von A bis Z erlogen, doch was schadets. Jetzt sollte mit einem Male ein Wühler und zwei zu ihm gehörige Freunde im Lokale agitiert haben. Wie erlogen die ganze Geschichte ist, geht schon daraus bervor, daß dieser hier angeführte Wähler erst zeh»i Rcinuten vor Schluß das Wahlaktes das Wahllokal betreten hat. D-r Kreis- ausschuh erklärte nach Prüfung des Sachverhalts die Wahl für gültig. Leider ist durch die Willkür und GesetzeSunkenntms der Gemeindevertretung unser Genosie ein halbes Jahr gehindert worden, sein Amt als Gemeindevertreter auszuführen. Kalkberge- Rüdersdorf. Eine imposante von etwa 400 Männern und Frauen besuchte Versammlung tagte am Sonntagnachmittag im„Gasthaus zur Linde". Genosse Mermuth behandelte das Thema„Kaiserreden, Fleischnot und Lebensmittelverteuerung". Die Versammelten bekundeten durch ihren Beifall während und am Schlüsse des Referates, daß auch sie der staatsfeindlichen Politik der Regierung sowie der bürgerlichen Parteien müde sind. In der Diskussion ermahnte ein Genosse die Anwesenden, sich der Organisaton anzuschließen. Genosie Schulze- Rummelsburg führte in packenden Worten den Versammelten gleich- falls vor Augen, daß sie nur dadurch eine Besserung unserer elenden Zustände herbeiführen helfen können, wenn sie sich eingliedern in die Armee des organisierten Proletariats. Eine Anzahl Versammelter erklärten ihren Beitritt zur Organisation. Der zufällig auf einer Partie befindliche Arbeitergesangverein von Friedrichshagen trug vor und am Schiuffe der Versammlung mehrere stimmungsvolle Lieder vor. Dabendorf bei Zoffen. Mit der Gründung eines sozialdemokratischen WahlvereinS be» schäftigte sich am Sonntag, den 11. September, eine im Hakerschen Lokale stattgefundene Versammlung. An Stelle des verhinderlen Genossen Z u b e i l hatte Genosse Pagets das einleitende Referat übernommen, der in einstündiger Rede den Versammelten die Not- wendigkeit der Organisation vor Augen führte. Besonders unterzog per Redner unter dem Beifall der Versammlung die letzten Kaiser- reden einer scharfen Kritik. Der Erfolg war, daß sich 20 neue Mitglieder in den Wahlverein aufnehmen ließen, so daß mit den 15 alten Mitgliedern der neue Wahlverein 35 Mitglieder zählt. In den Vorstand wurden folgende Genossen gewählt: Karl W e n d o r f. erster Vorsitzender; Ernst Seile, zweiter Vor» sitzender; Paul Binder, Kassierer; Walter Schunack, Schriftführer; Rudolf Lau, Beisitzer. Nachdem der Vorsitzende noch mitgeteilt, daß zu einer nächsten Versammlung der Genosse Zubeil gewonnen werden solle, wurde die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen. Schöneiche(Nieder-Barnim). Ein verhängnisvoller Zusammenstoß zwischen einem Straßendayn- wagen und einem Kremser ereignete sich vorgestern aus der Schöneicher Chaussee. Ein mit zwei Damen und einem Herrn be- setzter Kremser wurde beim Kreuzen der Gleise auf der Chaussee zwischen Friedrichshagen und Schöneiche von einem herankommenden Straßeubahnzug so heftig angefahren, daß er fast vollständig zer- trümmert wurde. Die drei Insassen flogen im großen Bogen auf die Chaussee und erlitten alle Verletzungen, sodaß dieselben sofort in ärztliche Behandlung genommen werden mußten. Spandau. Ei» schwerer Betriebsunfall ereignete sich vorgestern vormittag in der Fabrik von Orenstein u. Koppel, Hamburger Straße. Durch eine umstürzende, mehrere Zentner schwere Elsenplatte wurde ein Arbeiter derartig gequetscht, daß er in fast hoffnungslosem Zustand nach dem Krankenhaus geschafft werden mußte. „Stteilposten in einer Stärke von zwei Mann zogen beute früh pünktlich um sli7 Uhr in der Breiteuslraße, zwischen Markt und Charlottenstraße, auf Wache. Stundenlang verrichteten sie diese Arbeit." Diese Notiz bringt in seiner gestrigen Nummer der„An- zeiger für das Havelland", ein freisinniges Organ. Was das Blatt mit dieser Notiz bezwecken will, ist wohl unschwer zu erraten. Die hiesigen Klempner stehen im Streik, und eS ist ja eine bekannte Talsache, daß bei Streiks die Polizei immer die Interessen der Arbeitgeber wahrnimmt. Der Zweck der Notiz kann also kein anderer sein, als die Polizei aus die Streikposten aufmerksam zu machen. Der Anzeiger, der ja schon verschiedentlich Proben seiner Arbeiterfeindlichkeit gegeben hat, trotzdem der größte Teil seiner Leser leider aus Arbeitern besteht, ist hier wieder mal seinem Prinzip treu geblieben._ Jngendveranstattungen. Tchöneverq. Freitag, den 16. September, abends 8'/, Uhr, bei Poschmann, Vorbergstraße 9: Reuier-Abend, bestehend auS Vortrag und Rezitation._ Amtlicher Marktbericht der städtlichen Marktballen-Dtrektton über den Großbandel w den Zenttal-Marktballen. Marktlage: FI ei ich: Zufuhr reichlich, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr mäßig. Geschält lebhast, Preise fest. Geslügel: Zusuhr ausreichend, Gelchäst reger, Preise wenig verändert. Fische: Zufuhr mäßig, Geschäst etwa» lebhafter, Preise wenig verändert. Sutter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüie, Obft und Südsrüchte: Zufuhr reichlich, Geschäst sehr still, Preise schwer behauptet. AHtterungsüberflcht vom 18. September 1910. morgen« S llbr. 8 a A S C« i« SwMemde. 762 NNO Hamburg 763 NNW Berlin I761N jJrantlaM 760 NO München 1760 23 Wien 1760 Still Setter 3 wolkig 2 bedeckt 2 bedeckt 3 bedeckt 1 Nebel bedeckt a« 5" ß? Mi Ctaftdittn ** CS'* t* ak Havaranda 765 SSS Petersburg 771 SW Scillt» 768 NNO elberdeen 763 NW Part» 764 N l 4 bedeckt! 12 Iwoltenl 11 1 beiter 13 2 Dunst| 8 2 wolle, il 10 Wetterproguole kür Mittwoch, den 14. September Ivlv. Vorherrschend wolkig, am Tage etwas kühler mit Regensällen und meist schwache« südöstlichen Winden; später wieder austlarcnd. Berliner Wetterbureau. -3� Salem Äieikum- Cigareiten. Zur Verbilligung der Verpackung wird dsese Cigarette, auler in Carton* 4 100, auch in seichen ä 500 Stück Inhalt geliefert •■■muiauaauiiuiiiiiuHHiiuiiiuiiuin Reste DametHaekae,«chwarz und CMtames-BtWlo, neuosU) Musttr. Tricofc-BtoUe, Sellien' Phlich. ßanunete, Seide etc. Co» fccüciQ Paletots, __ Jacketts, Repen- mintel, Oostnmes«od Co« tum- rCfk« in groflssr Imswakl. C. 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