Ur. 223. Hboimemenk-IkcklligUMn: KbonnementS- Preis pränumerando: Liertcljährl. 8�0 Ml., monatl. l,I0 Ml., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Morl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. "nien, Schweden und die Schweiz. 27. Jahrg. CrtdWnt lZglich außer IHontast. Verlinev Volksblnkt. Zcntralorgan der rozialdcmohratifchen Partei Dcutfcblands. Die TnfertlonS'GebOfsr Lelrägt für die sechsgespaltene Kolonek« zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen 80 Pfg. „Kleine Snreigen", das erste sselt- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Run.nier müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „SozialdemoKrat ßerliot Rcdahtiom 8Ö3. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Freitag, den 23. September 1910. expeditton: 801. 68, Lindenstraasc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. An unsere Leser! Mehr und mehr wird die tägliche Zeitung zum Haupt mittel, das dem heutigen modernen Menschen sein Wissen seine Kenntnis der gesellschaftlichen Zustände beschafft. In dem Hasten und Jagen des kapitalistischen Erwerbs- und Kon kurrenztreibens verliert er immer mehr die Zeit, Ruhe und Spannkraft, dicke Bücher zu studieren. Jeder Tag bringt ihm eine solche Fülle neuer und verschiedenartiger Eindrücke, daß er nur noch liest, was kurz und aktuell ist, was ihn in knapper Fassung über das ihn umgebende soziale Getriebe informiert. In Anbetracht dieser stetig steigenden Bedeutung der polt tischen Tagespresse ist es um so nötiger, daß die Organisationen wie die einzelnen Mitglieder unserer Partei alles aufbieten, die sozialdemokratische Prejse zu unterstützen und unablässig für ihre Verbreitung zu sorgen. Jeder neue Abonnent, der gewonnen wird, bedeutet eine Ver- stärkung der sozialdemokratischen Reihen, eine Schwächung der Widerstandskraft unserer Gegner. Wir richten deshalb an alle bisherigen Leser unseres Blattes, die sich den un gestörten Fortbezug des„Vorwärts" sichem wollen, nicht nur die dringende Mahnung, ohne Verzug ihr Abonnemeut zu erurueru, fondern auch im Kreise ihrer Freunde und Bekannten, in der Werkstatt und Fabrik wie im Bureau, neue Abonnenteu für de«„Vorwärts" zu werben. Noch immer zählt die sogenannte„unparteiische", tatsächlich aber trotz aller scheinbaren Arbeiterfreundlichkeit lediglich die Interessen der Unternehmerschaft vertretende Presse in der Arbeiterklasse gar manche Leser. Diese Leser gilt eS vor allem heranzuziehen, sie zur Abbestellung des bisher von ihnen gelesenen Blattes und zum Abonnement auf den „Vorwärts" zu bewegen— und sie damit einzureihen in die Kadres der sozialdemokratischen Arbeiterarmee, damit sie nicht mehr bei politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen ihren Arbeits' genossen in den Rücken fallen und zu getäuschten, unfrei willigen Verrätern an ihrem eigenen Lebensinteresse werden Und gerade jetzt ist eine sehr günstige Zeit für die Werbung neuer„Vorwärts�-Abonnenten. In fast allen Volksschichten gärt's und brodelt's. Die Trost losigkeit unserer politischen Zustände, das schwere Bleigewicht feudaler Herrschaft, das trotz setner schnell zunehmenden In dustrialisieruug das neue Deutsche Reich preußischer Nation mit sich schleppt, die riesig steigende Last eines auf die Spitze getriebenen Militarismus und einer Welt- und Flottenpolitik, die für fast wertlose Kolonialgebiete immer neue, größere Opfer an Blut und Geld fordert; dazu eine Wirtschafts' und Steuerpolitik, die nicht nur den ärmeren Volksschichten die notwendigsten Lebens- und Genußnnttel maßlos verteuert, sondern den Großagrariern obendrein auf Bolkskoste« enorme Staatsnnterstutznngen an Liebesgaben, Zollprofiten, Ausfuhrprämien usw. gewährt: alle diese Schönheiten des preußisch-deutschen Regierungssystems haben, wie die letzten Reichstagsersatzwahlen beweisen, selbst in bürgerlichen Kreisen eine derartige hochgradige Unzufrieden- heit und Verbitterung hervorgerufen, daß sich einer energischen Agitation für die sozialdemokratische Presse ein ganz prächtiges Werbefeld bietet. Diese günstige Gelegenheit muß nach Kräften ausgenutzt werden! Wie bisher, wird auch ferner der „Korwärts� bemüht fein, tn dem Kampf der unterdrückten Volksschichten gegen den Kapitalismus seine Pflicht zu tun: die politische Lage zu kennzeichnen, über die wichtigsten Vorgänge auf sozialem Gebiet kritisch zu referieren, die Stellung der Gegner aufzudecken, ihre Schachzüge und Ausflüchte darzulegen und die Schwäche ihrer Beweisführung zu enthüllen. Vornehmlich wird dem immer größere Bedeutung gewinnenden Kampf auf gewerkschastlichem Gebiet die volle Aufmerksamkeit des„Vorwärts" gewidmet sein. Daneben wird unser Unterhaltungsteil, der aus dem täg- ltchen .�kleinen Feuilleton" und„Unterhaltnngsblatt" sowie der reichillustrierten Wochenbeilage „Die JVeuc Melt" besteht, fortlaufende Berichte bringen über alle wichtigen Vor- gänge aus den Gebieten der Wissenschast, Literatur, Kunst, Technik, Theater, Musik usw., sowie ferner sorgfältig aus- gewählte Romane. Novellen und Skizzen. klare Lntlcheiäung. Magdeburg, 22. September. Die bürgerliche Presse ist also trotz unseres Optimismus, will sagen unseres Vertrauens auf das politische Takt- und Pflichtgefühl des revisionistischen Teils unserer süddeutschen Genossen, nicht um die hcißersehnte Sensation gekommen. Dank der bedauerlichen Rücksichtslosigkeit dieser Genossen kam es zu Vorgängen, die bis jetzt noch kein deutscher Parteitag erlebt hat und hoffentlich auch nicht wieder erleben wird. Der extreme Flügel der Budgetbewilliger, der durch seine Provokationen die Mehrheit selbst gezwungen hatte, aus der beabsichtigten und unzweideutig be kündeten Zurückhaltung herauszutreten, verließ, als der geschäftsordnungsmäßige Verlauf der durch ihn doch erst provozierten erneuten Verhandlung nicht nach seinem Be lieben ausfiel, einfach den Parteitag mit der Erklärung, daß er an der ferneren Verhandlung nicht mehr teil nehmen wolle l Doch der Parteitag knickte vor dieser erneuten Provokation keineswegs zusammen, sondern brachte mit der Entschlossenheit, die als Antwort auf eine solche Herausforderung einzig am Platze war, die Ver Handlungen trotz der vorgeschrittenen Zeit zu Ende. Trotz des Exodus der Unentwegten des Revisionismus, trotz des Fehlens einer Anzahl von Gcnoffen, die für diesen Abend als Versammlungsredner verpflichtet waren, wie z. B. der 6 nossen Antrick, Liebknecht und Zubeil, wurde nach 11 Uhr abends mit 228 gegen 64 Stimmen beschlossen, die Dekla ratton des Parteivorstandes, wonach ein emeuter Verstoß gegen den erneut bestätigten Beschluß des Nürnberger Parteitages als hinreichender Grund zum Ausschluß aus der Partei zu betrachten sei, zum Parteitagsbeschluß zu erheben. Damit war das geschehen, was der Zusatzantrag Zubeil ursprünglich beabsichtigte, wovon aber die Parteitagsmehrheit, die ihn unterstützt hatte. weniger aus parteigenössischer Rücksichtnahme auf die formalen Einwendungen, als auf die Empfindungen der Minderheit in unbegrenzter Nachsicht verzichtet hatte. Man vergegenwärtige sich nur die Situation. Im ganzen Lande hatte man gefordert, daß endlich den gröblichen Ver stößen gegen die Parteibeschlüsse durch eine Radikalkur ein Ende gemacht werde. Dem Empfinden der Masse der Ge nossen hätte eS entsprochen, wenn über die deS Wiedel' holten bewußten Disziplinbruchs Schuldigen ohne weiteres die gebührende Sühne verhängt worden wäre, da doch viel geringfügigere, viel ent schuldbarere Verstöße„gewöhnlicher" Parteigenossen in Hunderten und Tausenden von Fällen mit dem AuS schluß aus der Partei geahndet worden sind l Aber die Mehrheit glaubte im Interesse der Parteieinheit und des so dringend gebotenen gemeinsamen Kampfes wider die Gegner auf jede solche Maßregel verzichten zu sollen. Sie be- gnügte sich mit der d e n k b a r m i l d e st e n, v e r s ö h n- l i ch st e n Forderung. Damit, daß in der neuen Re- solusion ausgesprochen werde, daß künftig jeder derartige Verstoß gegen die zum vierten Male von einem Parteitag beschlossenen Richtlinien das Ausschlußverfahren nach sich ziehen werde. Ja sogar von dieser bescheidenen Forderung ließ die Mehr- heit sich noch abmarkten. Sie verzichtete auS Rücksicht auf die fadenscheinigen, formalen Bedenken und auf das in Partei- fragen so überaus zart besaitete Gemüt der Minderheit sogar darauf, daß diese Meinungsbekundung zum Bestandteil der Resolution gemacht wurde, und erklärte ausdrücklich, daß sie sich mst einer Deklaration des Sinnes der Re- solution durch den Antragsteller» den Partei- vorstand, zufrieden geben werde! Wie aber wurde diese Zurückhaltung, diese— fast möchten wir sagen— sträfliche Nachsicht der Mehrheit gelohnt? Durch demagogische Angriffe in der Schlußrede Franks, durch die geradezu unbegreifliche Erklärung Franks, daß die Budgetbewilliger ihr ferneres Verhalten nicht von dem Ultimatum des Parteitages, sondern von den Ver- h ä l t n i s s e n abhängig machen würden. Das war eine unumwundene Kriegserklärung an die Partei und ihre Beschlüsse, die gar keine andere Antwort zuließ, als sie dann der Parteitag tatsächlich gegeben. Sonderbarerweise fanden sich dennoch am Mittwochabend Genossen, die das Vorgehen Franks und seiner Anhänger verteidigen zu sollen glaubten. Sie deduzierten, daß Franks Erklärung mißverstanden worden sei, daß sie nur den Zweck gehabt habe, sich den bürgerlichen Parteien gegenüber nichts zu vergeben, die sie sonst als die Gefangenen des Parteitages verspotten würden. Eine rätselhafte Anschauung! Dem Parteitag darf man in die Zähne hinein trotzen! Ihm darf man jede demo- kratische Kompetenz, jede Urteilsfähigkeit absprechen. Aber den uralten, abgeschmackten, selbst von wirklich demokratischer Seite als albern gebrandmarkten Redensarten der Gegner will man sich nicht preisgeben! Man will nicht zugeben, daß in der Sozialdemokratie die Vertretung der Masse zu entscheiden hat, nicht die erhabene Selbstherrlichkeit etlicher Parlamentarier oder sonstiger Funktionäre. Mit Recht er- klärte es diesen schnurrigen Beschönigungsversuchen gegenüber Genosse Hoch als demokratische und erst recht sozial- demokratische Auffassung, daß die Ausübung des Volkswillens nicht eine Erniedrigung. sondern eine Tugend und eine Ehre seil Unglaublich nur, daß die Feststellungen solcher Axiome, die vom Wesen jeder Demokratie untrennbar sind, auf einem sozialdemokratischen Parteitage überhaupt not- wendig wurden! Und noch eins: die Erklärung Franks war eine vom Zaune gebrochene Provokation. Konnten die Budget- 'bewilliger nicht parteigenössifches, sozialdemokratisches Pflicht- gefiihl genug aufbringen, ihr E i n v e r st ä n d n i s mit dem Parteitagsbeschluß zu erklären, so hatten sie wenigstens die Pflicht, zu schweigen, den Parteitag nicht zu ver- höhnen! Die Partei hätte dann ruhig die kommenden Dinge abgewartet. Aber Frank schwieg nicht nur nicht, sondem erklärte mit dürren Worten, die trotz der abenteuer- lichsten Jnterpretattonsversuche keines Doppelsinnes fähig sind, daß der erneute Parteitagsbeschluß das Verhalten der Frattionen zur Budgetfrage nicht entscheidend bestimmen werde! Da blieb denn dem Parteitag nichts anderes übrig, als unmittelbar im Anschluß an solche Provokationen seinen Willen nunmehr ganz unzweideutig zu manifestieren. Und daß das in so imposanter Weise geschehen ist, sollte allen denen, die bisher der unerschütterlichen Langmut der Partei- Mehrheit alles bieten zu können glaubten, eine heilsame Lehre sein! Natürlich wird der Revisionismus jetzt verkünden, daß er„vergewaltigt" worden sei. Ach nein, der Mehrheit lag von Anbeginn jedes schroffe Vorgehen fern. Aber sie hatte es satt, sich selbst noch länger vergewaltigen und verhöhnen zu lassen I Oder entspräche es etwa den Grundsätzen der Demokratte, daß sich die große Mehrheit von der Minderheit fortgesetzten Bruch von Parteitags- beschlüssen gefallen lassen soll, die diese Mehrheit aus festester, heiligster Ueberzeugung heraus für unbedingt innezuhaltende Richtlinien hält? Oder soll etwa die Vergewaltigung darin liegen, daß der Parteitag trotz aller Spiegelfechtereien der Minderheit darauf bestand, noch gestern abend die Sache zur Entscheidung zu bringen? Man hat zu behaupten g-wagt. den badischen Genossen habe es an Zeit gefehlt, zu dem letzten Antrag der Mehrhett Stellung zu nehmen. Nun: erstens bedeutete dieser Antrag in seinem Wesen absolut nichts anderes, als was dem Sinne nach der erste Anttag Zubeils bezweckte, der doch zwei Tage lang zur Debatte stand. Und zweitens bot die namentliche Abstimmung den badischen Ge- nossen mehr als eine Stunde Zeit, um sich über eine Er- klärung schlüssig zu werden. Daß es aber die badischen Ge- nossen und ihre Freunde bei der nackten Wiederholung der provokatorischan Erklärung Franks bewenden ließen, zwang den Parteitag, aus Gründen der Selbstachtung und wirklichen Parteiinteresses auf sofortige Entscheidung zu dringen. Oder hätte am Ende gar der letzte rücksichtslose Pressionsversuch der Badener, ihr Verlassen der Tagung, die Genossen zu einer Nachgiebigkeit veranlassen sollen, die doch bisher so arg miß- braucht worden war?! Und dann: Was hat denn der Parteitag beschlossen? Nichts als die selbstverständliche, angesichts des wiederholten Disziplinbruchs gar nicht zu vermeidende Erklärung, daß abermalige Verstöße die im Organisationsstatut vorgezeichneten Konsequenzen nach sich ziehen würden. Daß diese Erklärung zum Beschluß erhoben werden mußte, haben die badischcn Genossen aber einzig und allein sich selbst und ihrer Provo- katton durch Franks unglückselige Erklärung zuzuschreiben. Aber trotzdem: wenn die Genossen der Minderheit nur gewillt sind, den Nürnberger Beschlutz zu respettieren, wozu dann die Entrüstung über den»Galgen"? Endlich: man macht so großes Geschrei davon, daß die Budgetbewilliger nunmehr als die Opfer des Parteitags- beschlusses dem Spott und Hohn der Gegner preisgegeben wären, daß sie nun nicht mehr als freie mündige Männer selbst entscheiden dürften. Nun, den Spott wird jeder ver- nünftige Genosse mit aller Gelassenheit zu erttagen ver- mögen! Als ob es zudem bis zum heuttgen Augenblick den Gegnern so gänzlich unbekannt gewesen wäre, daß die Sozial- demokratte ihrem Namen und ihren Prinzipien gemäß aller- dings fordert, daß sich jeder einzelne selbst im Falle einer dissentterenden Auffassung dem Mehrheitsbeschluß unter- ordnet! Und als ob nicht jede Partei Disziplin forderte, als ob nicht selbst die Nationalliberalen darauf hielten! Was aber das Gerede anlangt, der Parteitag habe immerhin den Gegnern diese Waffen gegen die eigenen Parteigenossen ge- liefert, so braucht demgegenüber nur auf das unerschöpfliche Arsenal verwiesen zu werden, das unsere Revisionisten den schmunzelnden Gegnem gefüllt haben und täglich emsig bereichern! Bei ruhiger Ueberlegung werden sich also unsere badischen Genossen sagen müssen, daß sie sich ganz ohne Grund auf- geregt haben. Und wenn sie auch nur den zehnten Teil der Friedensliebe und Nachgiebigkeit beweisen wollen, die die Mehrheit so lange bekundet, so werden sie jetzt wenigstens jeden weiteren Eklat vermeiden und sich mit der Partei- Mehrheit dem zuwenden, was uns so bitter Not tut: dem Kampf gegen den Feindl Der parlamentarische Bericht vor dem Parteitag. Magdeburg, 22. September. Die Lücke, die gestern abend durch den Auszug der badischen Gruppe entstanden war. ist heute morgen wieder ausgefüllt. Ueber- Haupt verrät nichts mehr den heftigen Meinungsstreit, der gestern entbrannt war. Gegner und Anhänger der Budgetbewilligung sprachen auch heute, aber diesmal in einmütiger Geschlossenheit gegen den genieinsamen Feind. So wird es hoffentlich bald wieder drautzen im Lande fein, sobald erst die unvermeidliche Aussprache über die Ergebnisse des Parteitag« vorüber sein wird. Zur Verhandlung stand heute der Bericht über die parlamen- tarische Tätigkeit, den N o s k e in gedrängter Form und mit scharfer Kennzeichnung der reaktionären Zustände im Reiche erstattete. Das Fiasko des Bülow-Blocks. die öde Talent- und Charakterlosigkeit der neuen Regierungsspitze, die Nichtswürdigkeiten der Finanzreform des Schnapsblocks, kurz das ganze Elend des letzten Jahres fand in NoSkes Rede die gebührende Würdigung. Mit einer kräftigen Ant- i wort auf die Proklamation des GottesgnadenwmS und einem Aus- blick auf die kon, Menden ReichstagSwahlen schloß der Referent unter starkem Beifall seine wuchtigen Anklagen. Die Diskussion ergab interessante Ergänzungen und Anregungen. Dann trat bereits um 11 Uhr die Vertagung des Parteitages auf Freitag ein. Der Rest de» TageS ist dem Ausflug nach Thale ge- widmet. Hoffentlich hält sich das Wetter, ist doch den Delegierten nach der gestrigen strapaziösen Dauersitzung eine Erholung in der frischen GebirgSlust des Harzes von Herzen zu gönnen. Zxa Stichwahl in Frankfurt- Ccbus. Aus Kottbus wird uns geschrieben: Als es am 16. September, dem Wahltage für Frankfurt- Lebus, zur mitternächtigen Stunde ging, ereignete sich ein kleines Satyrspiel. Freund und Feind hatten nach den ein- gelaufenen Hauptwahlergebuissen einen Sieg für unseren Ge- nossen Faber herausgerechnet und mit großen Lichtbilder- buchstaben verkündete sogar die nationalliberale Frankfurter „Oder-Zeitung", daß der Sozialdemokrat Faber mit einer Mehrheit von 1600 Stimmen den Wahlkreis erobert habe. Herr Dr. Winter, der nationalliberal-antisemitisch-konservativ- freisinnige Kandidat, legte sich vor Schreck ins Bett und tat es jenem nationalliberalen Abgeordneten gleich, von dem Bassermaun auf einem nationalliberalen Parteitag erzählte, daß er sich stets ins Bett zu legen pflegt, wenn im Reichstage eine brenzliche Abstimmung in Aussicht stand. Aber die voreilige Siegesnachricht war einem Rechenfehler entsprungen, und unsere Genossen in Frankfurt, die alle Ursache hatten, sich des vermeintlichen WahlerfolgeS zu freuen, mußten gegen Mitternacht erfahren, daß es zu einer Stichwahl zwischen ünS und den Nationalliberalen kommen werde. Die amtliche Auszählung des Wahlresultats hat am Mon- tag auf dem Landratsamt in Seelow stattgefunden; es stellte sich heraus, daß der Sozialdemokrafte lumpige 39 Stimmen an der Majorität gefehlt haben. Von 36 771 Wahlberechtigten übten 288»2 ihr Wahlrecht aus. 137 Stimmen waren un- gültig, so daß im ganzen 23696 gültige Stimmen abgegeben wurden, von denen 14 319 auf unseren Genossen F a b e r, 7764 auf den nationalliberaleu Kandidaten Dr. Winter und 6598 auf den konservativen Arbeitersekretär Dunkel entfielen. Ein polnischer Kandidat erhielt 20 Stimmen und zersplittert waren 7 Stimmen. Es trifft also zu. was wir in Nr. 214 des„Vorwärts" über die Wahl in Frankfurt-Lebus schrieben: daß das Wahl- crgebnis auf des Messers Schneide balancieren wird. Wegen dieser 39 Stimmen, die unseres Erachtens nach mit Glanz aus unseren eigenen Reserven auszubringen ye- Wesen wären, wenn die in Berlin arbeitenden und in den ein- zelnen Ortschaften des Wahlkreises wohnenden Bau- a r b e i t e r zur Wahlurne gegangen wären, muh es nun zur Stichwahl kommen. Wie unS aus Hein Wahlkreise berichtet wird, haben eS eine Anzahl gewerkschaftlich organisierter Bau- orbeiter nicht über sich vermocht, von ihrer Berliner Arbeits- stelle aus auf einige Stunden nach Hause zur Wahl zu reisen. So hat der Ort Müncheberg, in dem im Jahre 1907 für uns 297 bezw. 303 Stimmen fielen, diesmal nur 224 sozialdemo- kratische Stimmen aufgebracht, Wir wollen dringend hoffen, daß die im Baugewerbe tätigen Arbeiter, die am Hauptwahltage so gröblich ihre proletarische Pflicht verletzten, am Montag, den 26. Sep- tember, ihr Wahlrecht bei der Stichwahl ausüben. Der festgesetzte Stichwahltag ist für uns nicht gerade ungünstig. Eine große Anzahl von Arbeitern, die des Sonntags ohnehin Ju Hause weilen, werden nunmehr anstatt Montags früh erst es Mittags nach Berlin fahren und dazu beitragen, daß uns der Sieg trotz des vereinbarten Zusammengehens aller bürger- lichen Parteien gegen die Sozialdemokratie zufällt. Das Wahlergebnis von Fürstenwalde kann auch nicht voll befriedigen. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß durch Arbeitsmangel bei der Firma Pintsch einige hundert Arbeiter die Stadt verlassen mußten, so ist doch die Wähler- zahl um 380 gegen 1907 gestiegen. Eine nicht geringe An- zahl von Fabrikarbeitern und Handwerker«, die in Fürstenwalde wohnen, sind auch in Berlin tätig, und. ob diese Leute ihr Wahlreckt ausgeübt haben, muß nach dem geringen Zu- wachs von 169 Stimmen in Zweifel gezogen werden. Wenn alle in Frage kommenden freigewerkschaftlich organisierten Arbeiter am Hauptwahltage zur Wahlurne ge- schritten wären, dann wäre die Stichwahl am 26. September Überflüssig gewesen. Es kann an dieser Stelle nicht eindrtuglich genug geraten werden, die in Berlin beschäftigten und imWahlkreiseFrankfurt-Lebus wohnenden Arbeiter mit allen nur erdenklichen Mitteln zur Teilnahme an der Stichwahl zu ver- anlassen! Diese Mahnung ist um so nötiger, als nach unserer Kenntnis der Verhältnisse die Konservativen auf dem Lande eine Verminderung der sozialdemokratischen Stimmen durch einen vermehrten Druck auf die Arbeiter herbeiführen wollen. Dem gilt es, ein Paroli durch Heranholung der sozialdemo- kratischen Reserven zu bieten. Es ist nicht ausgeschloffen, daß unser Stimmenergebnis in der Hauptwahl ein besseres gewesen wäre, wenn man die Aufstellung der Wählerlisten in den Städten mit größerer Sorgfalt vorgenommen hätte. JnFrankfurt a. O. sowohl als auch inFürstenwalde haben sich am Dienstag die Stadtverordnetenkollegien mit den Mängeln der Wähler- liste beschäftigt. Die Schlamperei in den städtischen Verwal- tungen scheint nach den mitgeteilten Proben nicht geringer als auf dem Lande zu sein. In Frankfurt stellte der Genosse Stadtverordneter M e t h n e r fest, daß mehr als tausend Namen von Wählern in denListen stehen, die tot oder verzogen sind. Bürgerliche Stadtverordnete bestätigen die sehr mangelhafte Listenführung. Ganze Häuser mit ihren Bewohnern sind fortgelassen worden. Wähler, die seit zwölf Jahren verzogen, andere, die seit acht Jahren tot sind, standen in den Listen. Ein Wähler, der in der ausliegenden Liste richtig vermerkt war, wurde nicht zur Wahl zugelassen, weil in der offiziellen Liste des Wahlvorstandes sein Name mit Bleistift ausgestrichen und mit dem Vermerk„tot" versehen war I Andere Wähler konnten nicht wählen, weil die Einladung nicht die richtige Nummer aufwies. Der Oberbürgermeister mußte die Be- schwerden als berechtigt anerkennen; er führte die haar- sträubenden Mängel der Wählerlisten auf die Mißstände im Einwohnermeldewesen zurück. Aehnliche Mißstände hinsichtlich der Aufstellung der Wählerlisten wurden in der Stadtverordnetensitzung zu Fürstenwalde von unserem Genossen F e l l e r und einigen bürgerlichen Stadtverordneten zur Sprache ge- bracht. Auch hier erkannte die Stadtverwaltung die Klagen als gerechtfertigt an. Auf eine weitere Anftage des Genossen Feller, wieso es komme, daß die städtischen Schul- beamten und Lehrer jiit die bürgerlichen Parteien Schlepper- dienste verrichten mußten, hüllte sich der Führer der Fürsten- waldcr Nationalliberalen, Gymnasialprofessor Breitenbach, in Stillschweigen. Er bemerkte nur, daß diese Arbeit„freiwillig" verrichtet worden sei, und unsere Genossen den städtischen Beamten den„kleinen Nebenverdienst" Wohl nicht gönnten! Was hätten die nationalliberalen und konservativen Herren gesagt, wenn die unteren Beamten sich für die Sozialdemo- kratie zur Verfügung gestellt hätten? Es ist ohne Frage, daß die Mängel in der Aufstellung der Wählerlisten auch der Sozialdemokratie zum Schaden aus- geschlagen sind und daß mancher Wähler, der für uns seine Stimme abgegeben hätte, sich unverrichteter Sache vom Wahl- tisch entfernen mußte. Wie jetzt noch bekannt wird, hat der Vorstand der kon- servativen Partei in seiner Sitzung am 20. September be- schlössen, bedingungslos für den nationalliberalen Kandidaten Winter einzutreten. Der Versuch deS zu einer gewissen Berühmtheit gelangten Herrn v. Stünzner-Karbe, den Nationalliberalen als Gegenleistung für die konservative Stich- wahlhilfe ein Landtagsmandat abzuknöpfen, scheint demnach als vorläufig undiskutabel angesehen zu werden. In einer gemeinsamen Sitzung der nationalliberalen und konservattven Wahlvereinsvorstände ist, wie die konservative Berliner Presse mitteilt, völlige Uebereinstimmung in der bis zur Stichwahl notwendigen Agitation erzielt worden. In einem konservativen Flugblatt sollen alle Wähler auf dem Lande„energisch" aufgefordert werden, am 26. September für den nattonalliberalen Kandidaten einzutreten. So ist denn auf gegnerischer Seite scheinbar alles vor- bereitet, um den Sieg des Genossen Faber zu verhindern. Aber wir haben alle Ursache anzunehmen, daß einmal der konservative Stichwahlbrei von den Wählern nicht so heiß gegessen wird. als er gekocht wurde und daß dann die Sozialdemokrafte mit ihrer rührigen Agitatton auch noch da ist, um den Herrschaften das Konzept gründlich zu verderben. Es wäre freilich verkehrt, sich auf die wahrschein- lich bis zu einem gewissen Grade vorhandene Abneigung der konservattven Wähler gegen den nattonalliberalen Kandidaten zu verlassen. Wir müssen aus eigener Kraft unsere Stimmenzahl erhöhen, niüssen aus eigenen Reserven so viel Wähler heranholen, um den Genossen Faber mit einem respektablen Mehr an Sttmmen wie bei der Hauptwahl zum Siege zu verhelfen. Die von der Sozialdemokratie arrangierten Wahlver- sammlungen erfreuten sich eines recht guten Besuches und was bis zum Stichwahltage in der Kleinarbeit noch geleistet Werden kann, wird sicher geschehen. DaS Strafgericht, das' schon in der Hauptwahl über die Gegner hereingebrochen ist. muh am 26. September vollendet werden. Es steht mehr aus dem Spiele als das Mandat. Es gilt den in Bildung begriffenen Bethmann-Block zu zertrümmern und zu zeigen. daß das Volk es satt hat. sich zum Spielball konservattver und nationalliberaler Brotverteuerer und Hochschutzzöllner machen zu lassen. Deshalb, Ihr Arbeiter von Frankfurt-LebuS. die Ihr in Berlin schafft, eilet am 26. Sep» tember nach Hause und helfet das Werk vollenden, das am 16. September so glänzend begonnen wurde I Wir müssen am Montag den Wahlkreis erobernl_ politifcbe dcberficbt. Berlin, den 22. September 191V. Getäuschte liberale Erwartungen. Seit in der deutschen Sozialdemokratie der„RevisioniS- mus" auftauchte, fand er in der liberalen Presse zärtliche Be- Musterung und Unterstützung. Das ist leicht begreiflich. Jeder hält den, der seine Ansichten teilt oder diesen am nächsten steht. für den Gesckieidtesten: und da der liberale Durchschnitts- Politiker glaubt— ob mit Recht oder nicht, kann hier uner- örtert bleiben— daß der Revisionismus den„öden Revo» lutionarismus" und das„Klassenkampf- g e s ch r e i" der marxistischen Sozialdemokratie überwinden und sich zu einer radikal-liberalen parlamentarischen Reform- Partei durchmausern werde, mit der sich einst leicht paktieren lasse, so ist ganz selbstverständlich, paß er den Revisionisten seine gütige Fürsorge zükven??se, ünt» Mär Seiest äfft meisten« die innerhalb der revisionisstschen Gruppe auf dem äußersten Flügel stehen. Es hat uns deshalb auch immer heiter ge- stimmt, wenn die liberalen Blätter, voran das allerwelts- Politische„Berliner Tageblatt", erklärten, alle Intelligenz und alles Verständnis für die gegenwärtige polistsche Lage sei bei den Führern der Revisionisten, und Dr. Joseph Bloch von den„Sozialistischen Monatsheften" hätte eine weit gründ- lichere Einsicht in die Bedingungen einer erfolgreiche Ar- beiterpolitik, als alle marxistischen Theoretiker zusammenge- nommen. Besonders aber amüsierte es uns, wenn sie sogar in ihttr Vorliebe für die Gedankenwelt des Revisionismus Schippelsche Angriffe auf die„freifinnigen A-B-C-Schützen des Freihandels" oder die„unwissenden Freihandelshausier- burschen" als geistige Offenbarungen aufnahmen, obgleich sie sonst selbst die englische Freihandelsdoktrin als höchste Weis- heit verkünden. Sie messen eben die angeblichen und wirk- lichen revisionistischen Anschauungen an ihrem eigenen Maß. Da uns das als etwas ganz Natürliches erschien, haben wir nur ganz gelegentlich über diese Pflegefürsorge gespottet— macht doch das Gebaren der liberalen Blätter auf den denkenden Arbeiter gerade den entgegengesetzten Eindruck, den die liberalen Journalisten mit ihrem Geschreibsel beabsichtigen; denn dieser Arbeiter sagt sich, wenn meine liberalen Gegner, die sonst meine Forderungen so rücksichtslos bekämpfen, an der revisionistischen Politik so großes Gefallen finden, dann muß diese Politik auf schmähliche Abwege geraten sein. Es war uns deshalb auch keineswegs eine große Ueber- raschung, als die liberalen Blätter für die sogenannten„An- geklagten" in Magdeburg eine große Sympathie bekundeten, ihre staatsmännische Bildung priesen und prophetisch ver- kündeten, daß wahrscheinlich zwar die Radikalen bei der Ab- sttnunung die Oberhand behalten würden, daß aber der große moralische Erfolg und politische Sieg selbstverständlich auf der Seite der Revisionisten sein werde. Nun es anders geworden ist, zittert durch die Spalten der liberalen Blätter von der rechts-nationalliberalen Couleur bis zur äußersten linksliberalen Schattterung blinde Wut, die Radikalen werden begeifert und die schrecklichsten Unglücksprophezeiungen verkündet. Voran marschiert natürlich wieder das ehrsame„Ber- liner Tageblatt". Hat es bisher von den großen Gegensätzen zwischen den Anschauungen der Radikalen und Revisionisten gesprochen, so erklärt es nun, nachdem es sich in seinen schönen Hoffnungen auf den großen Reichsblock nach badischem Muster so schmählich getäuscht sieht: „Man wird sich keinen Augenblick darüber täuschen können, daß eS sich hierbei nicht etwa um Prinzipien, sondern zum allergrößten Teil um kleinliche persönliche Zänkereien und Verstimmungen handelt. Auch in den Reihen der Vertreter der Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit geht es mensch- lich, allzu menschlich her. Dieser und jener will dem Rivalen, der ihm unsympathisch ist, eins auswischen und ruiniert die Partei. DaS sind Dinge, die den Außenstehenden nichts an- gehen, die aber bei der Beurteilung der ganzen Situation nicht mit Stillschweigen übergangen werden können.„Ein Reich, das in sich selbst uneinS ist, zerfällt", diese alte Wahrheit wird durch die jetzigen Kämpfe innerhalb der sozialdemokratischen Partei von neuem bestätigt....." Die sozialdemokratische Partei befindet sich offenbar in einer gefährlichen Selbsttäuschung über die Fähigkeiten ihrer Gegner. Gewiß. Herr v. Bethmann Hollweg hat sich bisher nicht gerade als ein Mann von großem staatsmännischen Blick erwiesen. Aber so weit reicht? bei ihm doch noch, bah er bei der Magdeburger Budgetdebatte eingreifen wird. Er braucht ja nur die Reden des Fürsten Bülow nach dem DrSdener Parteitage zu lesen, um zu wissen, wie es gemacht werden muß, damit dem Spießbürger die Gänsehaut über den Rücken läuft. Und die Parteien des blauschwarzen Blocks werden natürlich erst recht mit der Magdeburger Budgetdebatte operieren, um die Wähler gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen und auf die reaktionäre Seite zu ziehen. Wirklich, den Zubeil, Liebknecht, Haase, Ledebour, Stadt- Hägen undGenossen gebührt in dieserZeit der Ordensdekoration eine ehrende Anerkennung in Gestalt eines königlich preußischen Ordens. Sie haben ihn mit ihrer Dummheit verdien t." Das„Berliner Tageblatt" droht sogar damit, daß die Freisinnigen sich bei der Stichwahl in Frankstirt-LebuS rächen und gegen den Genossen Faber sttmmen werden. Es schreibt: „ES ist nicht unmöglich, daß die Wirkung sich bereits bei der Stichwahl in Frankfurt an der Oder zeigen wird. In der Haüptwahl wäre der sozialdemokratische Kandidat um ein Haar gewählt worden. Nur ein paar Dutzend Stimmen fehlten ihm zur absoluten Mehrheit. Wir sind sehr gespannt darauf, wie er nach dem Magdeburger Parteitag bei derStichwahl ab» schneiden wird. Jedenfalls, der gestrige Tag kostet der Sozialdemokratie Hunderttausende von Stimmen, die ihr sonst bei den nächsten allgemeinen Wahlen zugefallen wären." Der Mosseschy Moniteur sollte sich dergleichen alberne Mätzchen ersparen. ES ist in Frankfurt-Lebus schon im ersten Wahlgana der Freisinn noch rechts abgeschwenkt und für die Stichwahl hat das„Berliner Tageblatt" selbst seinen Ge- sinnungsgenossen eindringlich die Abstimmung für den Geh. Archivrat Winter empfohlen. Seine Besorgnis um den sozial» demokratischen Wahlsieg ist also nichts als Heuchelei. Auch im Aerger soll man nicht lächerliche Kapriolen schießen. „Ghetto-KatholtztSmus." Der Streit, ber seit einigen Jahren im Lager de» deutschen Klerikalismus geführt wird über die wahr« Natur des Zentrums, über da» Verhältnis von Partei und Kirche, von Glaub« und Wissenschaft, über Modernismus, JnterkonfeffionaliKmus und ähnliche Dinge, hat zu einer ansehnlichen Bereicherung des Sprach- schätze» geführt. In dieser Zeit ist zu dem älteren Begriff des „Taufscheinkatholiken" der de» Margarinvkatho- l i k e n hinzugekommen, der sich mit dem elfteren deckt und seinem Träger den Makel de» Unechten und Trügerischen anhängt. Die „Kölnische V o l k S z e i t u n g", die in der Erfindung derarti» gcr Bezeichnungen ihr» Stärke sucht, brachte neulich die Sorte der „praktizierenden Katholiken" auf den Niarkt, worunter jene Glaubigen verstanden sein sollen, die ihren religiösen Pflichten genügen, aber deshalb nicht ganz koscher sind, weil sie es an dem nötigen Eifer für das Zentrum fehlen lassen. Jetzt hat das genannte Blatt einen neuen Begriff aufgebracht, den „Ghetto-KatholtzismuS" und zwar geschieht das aus Aw- laß einer in diesen Tagen erschienenen Schrift„Das alte und das neue Zentrum", deren Verfasser unter dem Decknamen MontanuS auftritt. Es ist der rückständigste Teil deS Zentrum». der hier zu Wort kommt; der Standpunkt des hinterwäldlerischen Bauernpastors, der kein Heil sieht, weder i« wirtschaftlichen und sozialen noch in politischen Dingen, auher im steten Zusammen- hang mit der Kirche; der im Mittelstand, im biederen Bauern und Zünftler die Stütze der Gesellschaft erblickt, die unter allen Um- ständen vor dem Kapitalismus der Großen wie vor dem Sozialis- mus der Arbeiter geschützt werden mutz. Das Zentrum hat nach seinem Kritiker MontanuS den großen Sündcnfall»*er alles weitere Unheil nach sich zog, als es der Sozialreform Bismarcks zustimmte und damit dem Staate Aufgaben zuerteilte, die der freiwilligen Selbsthilfe, der christlichen Nächstenliebe im Zusammenwirken mit der Kirche vorbehalten sein sollten. Durch die Sozialreform werde einerseits die Begehrlichkeit der Masse geweckt, dann aber auch die Meinung großgezogen, daß das herrschende Wirtschaftssystem in seiner Grundlage richtig, und nur im einzelnen zu verbessern sei, ivährend es doch nach der christlichen Soziallehre darauf ankomme, Omnia instaurare in Christo: Alles in GHtisto zu erneuern, Staat und Gesellschaft wieder in engen und ständigen Zusammenhang mit der Kirche zu bringen und in der bewährten Art der alten Stände und Zünfte eine neue Ordnung der Dinge herbeizuführen. Weg mit der Sozialreform, soweit nicht die Kirche sie leitet; weg mit der Gewerbefreiheit und Freizügigkeit; weg mit dem Schulzwang und der Volksbildung, die über dem Katechismus, über ein wenig Lesen und Schreiben und Rechnen hinausgeht— das sind die Hauptforderungen, die der Kritiker des Zentrums stellt. Und weil diese Forderungen von dem jetzigen Zentrum schnöde verleug- net werden, weil die Parteihäupter durch ihro Politik das Herr- schende System, statt cS von Grund auf nach christlichen Prinzipien umzuwandeln, nach Kräften fördern und festigen, deshalb hält MontanuS ein fürchterlich Gericht über die Vertreter des heutigen Zentrums. Immer mehr sehe man im wirtschaftlichen und sozialen Leben den Unterschied zwischen Katholiken und Nichtkatholiken schwinden; kaum noch finde man im katholischen Lager grundsätz» liche und entschiedene Gegner der heutigen Wirtschaftsordnung: „Selbst da, wo die Katholiken die Mehrheit haben, fichden wir keine sozialen Rücksichten im Erwerbsleben. Der Konkurrenzkampf unter ihnen und die Anbetung des goldenen Kalbes ist hier so groß wie da. Religiöse Motive spielen im Erwerbsleben immer weniger eine Rolle. Wir sehen darum katholische Groß- Unternehmer und Kom m«rz i e n r äpe� Waren« Hausbesitzer und Börsenspekulanten skrupel- los die kleineren Konkurrenten, selb st Christen, zugrunde richten, Syndikate und Ringe bilden ohne Rück. ficht auf gerechte Höchst»- und Mindestpreise, Löhne drücken — kurz, allo Allüren des jüdisch-liberalen Wirt- scha fts shste m S sich aneignen. Wir sehen, wie sie von den also erbeuteten Millionen Zins und ZinseszinS nehmen und dann gelegentlich Tausende stiften oder Wohltatigkeitsfeste ver- anstalten, um die Not zu lindern, die sie selber schaffen halfen, oder um einen Orden zu bekommen. Wer ernstlich von den Herren veriangen wollte, sie sollten sich beschränken, daß auch ihre Glaubensgenossen zu einer gleichen Stellung gelangen könnten, liefe Gefahr, als Sozialdemokrat tituliert zu werden." Lln einer anderen Stelle ist die Rede von den paar„Journa- listen und Politikern", die jetzt„mit religiösen Schlagworten und Phrasen diekatholischenMassenansichgezogenund nach ihrem persönlichen Willen und ihren Wün» schen, unabhängig von Staat und Kirche geleitet haben", die„jeden, der eine offene und freie Diskussion der sozialen Prinzipienftagen anstrebte, mit wahrhaft virtuo» fer Tyrannei unterdrückten und durch die an der Partestkrippe stehende Pressse tot>sch,weiig>en ließen", die»jeden, der sich erkühnte, ihren persönlichen Wünschen entgegenzuhandeln und anderer Meinung zu sein, beim Volke mit geheimnisvollem Augenverdrehen aW Feind des Zentrums, und damit der katholischen Kirche hinstellten". Diese Vorwürfe richten sich gegen die„Kölner Richtung" im Zentrum, gegen die Bachemleute, aus deren Kreise der Ruf nach„mehr katholischen Kommerzienräten" erscholl. Die„Kölnische Volkszeitung" erwidert den Angriff, indem sie den Verfasser der Schrift als„politischen Konfusionarius", sein Programm als „Ghetto-KatholiziSmus" bezeichnet und seinen Anhängern den Rat gibt, außerhalb d«S Zentrums zu zeigen, was sie können, denn zur Partei gehörten sie längst nicht mehr! Im Zentrum krachts an allen Ecken und Enden. Vorläufig keine neuen Steuern. Der Reichskanzler hat seit seiner Rückkehr aus Hohenfinow verschiedentlich Konferenzen mit seinen Ministerkollcgen und den Staatssekretären abgehalten, über deren Resultat bisher noch nichts an die Oeffentlichkeit gedrungen war. Wie die Scherlpresse jetzt aus zuverlässiger Ouclle zu melden weiß, soll das Ergebnis der vielstündigen Besprechungen sein. »daß von dem Versuch, neue Reichssteuern auszuschreiben, mindestens vor den ReichStagSwahlen des nächsten Herbstes Abstand genommen wird. Man wird mit der größt- möglichsten Sparsamkeit auszukommen suchen. Die Bor» arbeiten zur Aufstellung de» nächsten Reichsetats sind noch nicht abgeschlossen. Gegenwärtig sind erst die einzelnen Etats mit den vom Reichsschatzamt vorgenommenen Abstrichen an die betreffenden ResiortS zurückgelangt, die nun ihrerseits dazu noch Stellung zu nehmen, die Abstriche entweder zu genehmigen oder sie ganz oder teilweise zu bekämpfen haben. Dann erst, wenn dieses Stadium durchlaufen ist, kann der ReichShauShaltSetot für 1311 endgültig aufgestellt und an den Bundesrat gebracht werden. SS läßt sich alio gegenwärtig die Gestaltung des neuen Etats noch nicht mit Sicherheit übersehen. Da« Bestreben des Reichsschatzamts soll nach wie vor dahin gehen, eine Balanzierung deS Etats herbeizuführen. Ob die» möglich sein wird, ist ja allerdings höchst fraglich. Für schlechthin un» möglich hält man eS aber im ReichSichatzamt noch immer nicht. Sicher sei also vor der Hand nur soviel: Neue Reichssteuer- vorlagen sind bis auf weiteres nicht zu erwarten und nahezu aus- geschloffen." Möglich, daß es gelingt, bis nach den ReichStagSwahlen ohne neue Steuern auszukommen. Der Steuerzahler ge- winnt dadurch jedoch rein gar nichts, denn um so größer werden nach den Wahlen die Nachforderungcn sein. Alle Be- schönigungen helfen nicht darüber hinweg, daß b e- reits wieder eine neue Reichsfinanzreform nötig i st._ Die Pole« und die Reichstagstvahle«. Der polnische„GornoSlazak" leitartikelt über die vorausficht- lichen Parteikämpfe, die sich bei den kommenden ReichStagSwahlen entspinnen werden. Von dem Ausgange der Wahlen für die Polen scheint sich das Blatt aber nicht viel zu versprechen, denn eS rechnet vorläufig nur damit, daß, wenn auch kein neues Mandat gewonnen wird, doch wenigstens der alte Bestand den Polen erhalten bleiben werde. Es schreibt: „Es bleibt noch die Frage offen, welche Folgen die Wahlen für uns Polen haben werden, ob wir gewinnen oder wenigsten» die bisherige Anzahl polnischer Abgeordneten zu erhalten im- stände sein iverdeü. Es ist schwer, nach dieser Richtung etwas mit aller Bestimmtheit sagen zu können; wir erwarten jedoch, daß, wenn wir auch keinen neuen Abgeordneten gewinnen, der Verlust eines der bereits in unseren Händen befindlichen Mandate nicht zu befürchten ist, sobald wir nur die Birnen in der Asche nicht verschlafen und rechtzeitig an eine entsprechende Agitation denken. Wir Polen haben mehr wie jede andere Partei ein besonderes Interesse daran, möglichst viele Ab- geordnete nach dem Reichs- und Landtage zu entsenden, denn das hilft uns im Kampfe um unsere nationale Existenz." In Schlesien setzt die polnische Wahlagitation bereits ein. Für den kommenden Sonntag sind drei große Wahlversammlungen einberufen. In der radikalpolnischen Presse wird einem Zentrums- polnischen Kompromiß mit aller Entschiedenheit entgegen- gearbeitet. Der„Kurier Slaski" meldet, daß der Kompromiß- abgeordnete Pfarrer Glowatzki ein Mandat nicht mehr annehmen wolle und warnt bor dem in Aussicht genommenen Nachfolger, dem Pfarrer Ganczarski-Gr.-Strehlitz, weil dieser ein versteckter „Germanisator" sei. Inzwischen hat Pfarrer Ganczarski öffent- lich erklären lassen, daß er ein Wahlmandat nicht anzunehmen ge- denke und der radikale Korfanthsche„Kurier" bemerkt dazu:„Allem Anscheine nach sind Ganczarski und Glowatzki zu der Ueber- zeugung gelangt, daß die Zentrumstrauben in jenem Wahlkreise (Kosel-Gr.-Strehlitz) nicht mehr reifen und zu sauer sind." Grundbesitzerwerb der Polen. Nach einer Mitteilung des.Osten" sind seit dem lt. April, also in fünf Monaten, bOOOO Morgen Land im Werte von 17—18 Mill. Mark in polnischen Besitz übergegangen. Darunter befinden sich 22 große Güter, die sich auf die 4 Ostprovinzen ziemlich gleichmäßig verteilen, mit im ganzen 36 000 Morgen. Von den 49 großen Bauerngütern von 80 bis 800 Morgen entfallen je 17 auf West- preußen und Posen; es sind zusammen 13700 Morgen. Der Rest besteht aus kleinen Gütern und Parzellen. Freifinnige Sozialpolitik. Ein Teil der Wähler der Fortschrittlichen BolkSpartei besteht leider noch immer aus Arbeitern. Das trifft besonders in jenen Gegenden zu, wo die gewerkschaftliche Organisation noch nicht Ein- gang gefunden hat. Der Kapitalismus bläut aber auch ihnen sozio- listische Lektionen ein. Auf dem Bezirkstag der Fortschrittlichen Volkspartei in Nord- Hausen stellten die freisinnigen Arbeiter deS Wippertales(Wahlkreis Nordhausen) Forderungen, die zwar den Drang nach Besserstellung bekunden, aber keine feste, bestimmte Normierung darstellen. Die Leute sind nicht klar über das, was sie fordern und so machen sie eS ihren freisinnigen Führern leicht, den Antrag, der als Material der Fraktion der Fortschrittlichen Volkspariei überwiesen wurde, ab- zumurksen. Erst wenn diese freisinnigen Arbeiter zu klarer Er- kenntnis kommen, werden sie finden, daß mit solch unklaren Forderungen nichts auszurichten ist. Der Antrag lautet: Die fortschrittlichen Abgeordneten werden ersucht, in nach- folgendem Sinne sozialpolitisch zu wirken: 1. Festsetzung eines auskömmlichen ortsüblichen TagelohnS, der in der Landwirtschaft, in Fabriken usw. auch ordnungsmäßig ausgezahlt werden muß. 2. Bessere Aussicht in den Fabriken und anderen Betrieben. Ordnungsmäßige Behandlung der Arbeiter und Arbeiterinnen. 3. Vergebung der staatlichen und kommunalen Arbeiten nur an solche Unternehmer, welche Gewähr leisten, daß sie so viel wie möglich nur inländische Arbeiter beschäftigen und auskömmliche Löhne zahlen. 4. Keine Ausbeutung der Arveiter durch die Untemehmer durch Ueberbürdung der Arbeitskraft. ö. Besteuerung der ausländischen Arbeiter resp. der Unter- nehmer, welche ausländische Arbeiter beschäftigen. 6. Bessere Regelung und Beschränkung der Kinderarbeit. 7. Bezeichnung der Waren, ob Fabrik» oder Handarbeit. Haupt- sächlich in der Textilindustrie. Wa« heißt heute»Festsetzung eine» auskömmlichen ortsüblichen TagelohneS, der in der Landwirtschaft, in Fabriken usw. auch ordnungsmäßig ausgezahlt werden muß?" Soll die Regierung nach dem Muster für die Verpflegungssätze der Krankenversicherung die ortsüblichen Löhne diktieren? Wenn man schon Minimallöhne will, dann können eS doch nur die sein, die von beruflichen Organisationen festgesetzt sind. Die Antrag- steller rekrutieren sich zum großen Teile auS Textil- arbeitern und Kaliarbeitern. Diese sollten sich ihren Gewerk- schaffen anschließen, dann würden sie bald solche undefinier- baren Anträge fallen lassen und, gestützt auf ihre Organisation, be- stimmt formulierte Forderungen stellen können. DaS gilt sowohl für die in Fabriken, wie auch in der Hausindustrie der Textilbranche Tätigen. UebrigenS. wie kann man die Erfüllung solcher Forderungen von den Freisinnigen verlangen, denen in wirtschaftlichen Dingen jede Einrichtung deS Staates ein Greuel ist, wo bliebe denn der Grundsatz des„laisso? faire". Glauben denn die Antragsteller wirk- lich, die fteisinnigen Führer würden sich in sozialpolitische Experimente einlassen, mit denen sie ihre Hauptgefolgschaft— die keine gesetzlichen Beschränkungen will— vor den Kopf stoßen? Da müßte der Druck schon sehr stark sein. Und das ist er nicht, denn die Arbeitergefolgschast de» Freisinns ist nicht so groß, als baß sie ein Machtwort sprechen könnte. Die sozialpolitischen Forderungen der Sozialdemokratie hat der Freisinn bisher nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, in geringem Maße unterstützt, um nur vor ihren Arbeiteranhängern renommieren zu können: Seht, wir find auch für Sozialpolitik! Zum größten Teil sind noch immer die Freisinnigen bezw. Fortschrittler der entschiedenste Gegner wirklich sozialpolitischer Forderungen._ Polizeiinspektor Schubert rektifiziert. Am 6. August hatte der Polizeiinspektor Schubert in Eisleben als stellvertretender Amtsanwalt in einer Berufunassache die Aeuße- rung getan,- die Sozialdemokratie betrachte den Eid nur als leeren Wortschwall, weöhalb er auch die Parteigenössischen Zeugen für unglaubwürdig halte. Eine überaus stark besuchte Versammlung protestierte gegen die Anmaßung und beschloß, den Justizminister von dem Vorgang in Kenntnis zu setzen sowie zu veranlassen, daß der Herr nicht mehr in seinem Amte fungiere. Jetzt»st nun vom Oberstaatsanwalt in Naumburg als Beauftragten de» Justiz- minister« die Beschwerdeantwort zurückgekommen. Hierin wird der Vorgang alS ziemlich harmlos hingestellt, aber zugestanden, daß die Schubertsche Aeußerung nicht angebracht gewesen sei. Er solle des- halb dieser entsprechend instruiert«erden. Also doch! SS ist wenigstens etivaS._ Aus der Hamburger Bürgerschaft. In der ersten Sitzung nach den Ferien, am Mittwochabend, liefen mehrere Anträge ein, welche die Einleitung geeigneter Schritte zur Beseitigung der Fleifchnot und Ver- billigung des Fleisches bezw. Aufhebung der Grenzsperre unv Lebensmittelzölle verlangen. Ein weiterer Antrag forderte, daß die Quarantäne und Tuberkulin- impfung für aus Dänemark eingeführtes Schlachtvieh aufgehoben und dafür angeordnet werde, daß diese» Vieh unter den erforder- lichen Vorsichtsmaßregeln direkt auf die Schlachthöfe zur alsbaldi- gen Abfchlachtung überführt werde. Die Anfrage gelangen in einer ded nächsten Sitzungen zur Verhandlung. Da die neue Beamtengehaltsvorlage im Schöße der Kommission ruht und noch geraume Zeit vergehen dürfte, bis die Sache an das Plenum zurück gelangt, beantragte der Senat, bis zur definitiven Regelung, allen Beamten und Angestellten mit einem Jahresgehalt von weniger als 3000 M. eine jährliche Ge- Haltszulage von 100 M. zu gewähren. Auf Antrag der Linkslibe- ralen wurde die Grenze auf 4000 M. festgesetzt und mit dieser Modifikation der Antrag angenommen. Obwohl schon früher die Bürgerschaft sich gegen die Vor« schulen zu den höheren Schulen ausgesprochen hat, be- antragte der Senat den Bau einer neuen Realschule mit Vor- schule. Die Linke wandte sich entschieden gegen den Antrag, während der Vertreter der Patrizierpartei die Abneigung dieser auf Demolratisterung des Schulwesens abzielende Beseitigung der Vorschulen in vie Worte kleidete:„Nach meinem Geschmack ist es nicht gut, die Eltern zu zwingen, ihre Kinder in die Volksschule zu schicken, wenn sie sie dorthin gar nicht haben wollen." Mit 63 gegen 60 Stimmen wurde die Realschule ohne Vorschule bewilligt, doch Hat noch eine zweite Lesung stattzufinoen. Oberbürgermeister Cuno, der bisherige Vertreter de» ReichStagSwahlkreiseS Hagen- Schwelm, will bei der nächsten Reichstagswahl nicht wieder kandidieren. Sein Rücktritt von der Kandidatur wird damit be- gründet, seine halbamtliche Tätigkeit ermögliche ihm nicht eine uneingeschränkte Wahrnehmung des Mandats. Amtsmüde. Der Oberpräsident der Provinz Pommern, streiherr V. Maltzahn-Gültz, wird am 1. April auS seinem Amte scheiden. Der Mann hat in der letzten Zeit bekanntlich dadurch von sich reden gemacht, daß er die Behauptung aufstellte, die deutsche Presse werde zum größten Teil von jungen Leuten re- digiert, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken seien. Sonst ist Wissenswertes über ihn nicht bekannt. Oeftemich. Parlamentarisches. Wien, 22. September. Im heutigen, unter dem Vorsitz des Grafen Aehrenthal abgehaltenen gemeinsamen Ministerrat wurde beschlossen, die Delegationen am 12. Oktober zusammentreten zu lassen. Sie werden, wie verlautet, ein begrenztes Arbeitsprogramm haben, doch wird Graf Aehrenthal in derselben ein ausführliches Expos« geben, welche» einen Einblick in die politischen Ereignisse der letzten Zeit geben wird. Der Böhmische Landtag wurde für den 30. September ein». berufen. fi-ankmcft. Die Regierung deS ehemaligen Sozialisten. Ein Telegramm aus Paris meldet: Die Direktion der West- bahn hat entsprechend dem Beschluß des DiSzipliinarausschusseS den Syndikatssekretär Renault aus dem Dienst ent» lassen. Dieser erhob gegen seine Entlassung Einspruch und ver. weigevte die Annahme des ihm angebotenen RestgeHalteS. Das Syndikat der Eisenbahnangestellten beschloß, in den nächsten Tagen große Protestversammlungen zu veranstalten. Renault ist der Verfasser einer Broschüre:„Der Syndikalismus auf den Eisenbahnen", in der er unter anderem ausführt, daß als letzte Waffen den Eisenbahnern nichts anderes übrig bleibe gegen die Ausbeutung und Bedrückung, als der Stveik. Wegen dieses „Verbrechens" hat ihn die staatliche Eisenbahnverwaltung vor das Disziplinargericht gestellt. Hier fielen zehn Stimmen gegen die Dienstentlassung, zehn dafür, die Stimme des Präsidenten ent- schied für. Die„Humanitt" schrieb, als die Anklage erhöben wurde: Die privaten Eisenbahngefellschaften lauern nur auf da» Beispiel des Staates und werden, im Falle man Hand an den Führer der Eisen- bahner legt, mit doppelter Brutalität vorgehen. Die Regierung deS Herrn Briand weiß genau, daß die Stim- mung unter den Eisenbahnern aufs äußerste erregt ist, und daß diese Matzregelung deS beliebten Führer» leicht den Stein ins Rollen bringen kann. Herr Briand will offenbar der Bourgeoisie sich als der„Mann- der starken Hand" anpreisen und es auf die Kraftprobe ankommen lassen. ES kann leicht die Welt das Schau- spiel erleben, wie der ehemalige rrrevolutionäre Sozialist auf die Arbeiter schießen läßt. Sclwecleti. Die ersten Sozialdemokraten in der Ersten Kammer. Das Landsthing von Gäflcborgslän hatte am Dienstag die Wahlen zur Ersten Kammer zu vollziehen und S Abgeordnete zu wählen. Gewählt wurden zwei Sozialdemokraten, nämlich der Ge- nosse Ernst Blomberg, der bereits Mitglied der Zweiten Kammer des Reichstag»»st, und Genosse I. O. Oedlund, Vorsteher der Ge- nossenschaftsbäckerej in Gäfle; außerdem zwei Liberale und zwei Moderate oder Konservative. Bei der Wahl kamen nur zwei Parteibezeichnungen vor: die„Freisinnigen" und die„Moderaten". Die Sozialdemokraten stimmten unter moderater Parteibezeich« nung. Da» war ein Coup, durch den eS ihnen bei dem propor- tionalen Wahlsystem möglich wurde, statt ein«» zwei Genossen in die Kammer zu bringen. Sie hatten vor der Wahl versucht, ein ehrliches Wahlbündnis mit den Liberalen abzuschließen und wollten diesen drei Mandate zukommen lassen unter der Bedingung, daß ein wirklich zuverlässiger liberaler Mann darunter sein sollte, sich selbst aber mit einem Mandat begnügen. Aber die Liberalen von Gäflciborg sind mehr antisozialistisch al» liberal gesinnt und lehnten das ab. Mit den Moderaten hatten unsere Genossen keinerlei Ab- machungen getroffen, sie haben ihnen aber durch die unevlvartete Uebernahme ihrer Partetbezeichnung einen Streich gespielt, der der Sozialdemokratie ein Mandat brachte, als sie nach der Zahl ihrer Landsthingsvertreter erhalten konnte. Japan. Die NnSschlachtung der„Berschwörung". An» London werden weitere Einzelheiten über die verschwä- mng gemeldet: Der Kaiser sollte ermordet werden im Laufe eine» Besuche» der Militärschule, die sich in einem Vorort von Tokio befindet. Man ist überrascht, daß man der japanischen Presse die Veroffent- lichung einer derartigen Nachricht gestaltet hat, weil bisher solche Veröffentlichungen in der Presse streng unterdrückt wurden. Worauf es ankommt, sieht man au» der Auslassung des„Daily Expreß":„Die Japaner"— heißt es da~„haben von�jeher dem Mikado große Verehrung und Treue entgegengebracht. Seine Person war rhnen geheiligt, da sie als Verkörperung Japan? galt. Di« Nachricht von einer Verschwörung gegen sein Leben muß daher um so seltsamer erscheinen. Nur Japaner, die«narchi- stische Bestrebungen Europas kennen gelernt baden, können die Urheber des verwerflichen Planes fein." Man sieht, man hat dt« Nachricht nicht umsonst in die Press« ebracht: es gilt, gegen die„Anarchisten" und natürlich auch gegen ie Arbeiterbewegung scharf zu machen. 6ewerf?rchaftl!cbe� Romtnt es zur Husfpcrrung? Der Ausschuß des Gesamtverbandes der Metallindustriellen hat in seiner Sitzung am 22. September beschlossen, zur Unter- stützung der Seeschiffswerften im Kampfe gegen die Gewerk- schaffen eine Aussperrung vorzunehmen. Am 8. Oktober nach Arbeitsschluß sollen 60 Proz. der Belegschaften der Vereins- Mitglieder ausgesperrt werden. Die Aussperrung soll solange aufrecht erhalten werden, bis die Sympathiestreiks gegen die Werften aufhören. Die Einstellung der Ausgesperrten erfolgt je nach den Betriebsverhältnissen. Vorher sollen jedoch mit dem Vorstand des Metallarbeiter- Verbandes Verhandlungen gepflogen werden und falls diese Verhandlungen zu einem Resultat führen, unterbleibt die Aus- sperrung. Die Verhandlungen werden wahrscheinlich am Mon- tag, den 26. September, beginnen. » Die Vorbereitungen znr Anssperrnng. Der Verband der Metallindustriellen Leipzigs beschloß mit Rücksicht auf die in Aussicht stehende Aussperrung der Metallarbeiter, sofort Erhebungen darüber anzustellen, welchen Organisationen die Arbeiter angehören. Die den Arbeitern vorzulegenden Fragen lauten: 1. Sind Sie Mitglied irgend einer Arbeiterorganisation? 2. Welchem Verband gehören Sie an? Wer von den Arbeitern ungenügende Angaben macht, soll ohne weiteres dem Deutschen Metallarbeitcrverbande zugezählt werden und soll die hieraus ent- stehenden Konsequenzen tragen. Die Antwort der Arbeiter. Stettin. 22. September.(Privattelegramm des„Vorwärts".> Eine machtvolle Straßendcmonstration veranstalteten heute mitlag die ausgesperrten und streikenden Werftarbeiter. Sie versammelten sich in drei verschiedenen Lokalen in den Vororten Zabelsdors und Grabow und marschierten durch die Stadt nach dem Gesellschasts- Haus, in dessen geräumigen Garten sich 4000 Personen versammelten. An dem polizeilich genehmigten Umzüge hatten sich 3olX) Personen beteiligt. Der Bezirksleiter des Metallarbeiterverbandes Genosse Rohlaff hielt eine kurze kernige Ansprache, in- dem er den neuen Anssperrungsbeschluß der Metallindustriellcn mitteilte, welch letzterer mit lebhaften Pfuirufen aufgenommen wurde. Um ihren nach fünflvvchigem Kampfe noch ungebrochenen Mut zu bekunden, blieben die Demonstranten mit ihren Familien« angehörigen zu einem Instrumental- und Vokalkonzert beisammen, so zeigend, daß die Werstarbeiter auch die neue Drohung der Unter- nehmer nicht fürchten._ Berlin und Ilm gegen d. Die fünfprozentige Lohnerhöhung der Holzarbeiter. Die Vertrauensmänner des Holzarbeiterverbandes waren am Mittwoch in Kellers Saal versammelt, um die Durchführung der Lohnerhöhung von 5 Proz., welche vertragsmäßig vom 1. Oktober ab eintreten muß, zu besprechen. Der Referent Glocke führte unter anderem auss: Wegen der großen Zahl von Branchen mit verschiedenen Verhältnissen und wegen der abweichenden Auslegung, welche der Vertrag bei den Unternehmern findet, sei es notwendig, sich ganz genau darüber klar zu werden, wie die Lohnerhöhung ourchgeführt werden muß. In den Lohnwerkstätten mutz selbst- verständlich der bisher gezahlte Lohn vom 1. Oktober ab um 5 Proz. erhöht werden. In den Branchen Jnnenbau und Möbel nach Zeich- nung, wo größere Akkorde vor dem 1. Oktober angefangen sind, mutz auf den Teil der Arbeit, der nach dem 1. Oktober fertiggestellt wird, ein Zuschlag von ö Proz. gezahlt werden. In den Branchen, wo feste Akkordtarife bestehen, müssen diese vom 1. Oktober ab um S Proz. erhöht werden. Die Stockarbeiter und die Treppen- geländerarbeiter sind mit der Aufstellung der erhöhten Tarife bereits fertig. Bei den Bautischlern und den Einsetzern sind die neuen Tarife noch nicht abgeschlossen, weil die Unternehmer noch wegen einzelner Positionen verhandeln wollen. Bei den Maschinen- arbeitern, die ja meist in Lohn arbeiten, wird es wegen des Auf- schlags keine Differenzen geben. Die Ladentischler haben erst kürz- lich die Durchführung des vertragsmäßigen Montagegeldes und des Einstellungslohnes erreicht. Jetzt müssen sie dafür sorgen. daß ihnen auch der fünfprozentige Aufschlag gewährt wird. Bei den Drechslern könnte es vielleicht zu Differenzen wegen des Auf- schlags kommen, denn ehe der jetzt von den Meistern gewünschte Tarff aufgestellt werden kann, müssen die jetzigen Löhne um 5 Proz. erhöht werden. Die Möbelpolierer verhandeln wegen eines Akkord- tarifs und Festsetzung eines Mindestlohnes.— Es ist anzunehmen, daß die Unternehmer, wenn die Erhöhung am 1. Oktober von ihnen verlangt wird, zu feilschen anfangen und Verhandlungen mit der Schlichtungskommission verlangen. Darauf dürfen sich die Kollegen nicht einlassen. Die 6 Proz. müssen unbedingt auf die bisherigen Löhne aufgeschlagen werden. Wo das nicht glatt von- statten geht, muß es der Verwaltung gemeldet werden, damit sie den Kollegen zu ihrem Recht verhelfen kann. In den Werkstätten, die nicht unter den Vertrag fallen, muß ebenfalls der Zuschlag von 5 Proz. verlangt werden. Wenn das durch Verhandlung nicht erreicht werden kann, dann muß durch Arbeitsniederlegung nachgeholfen werden.— Weiter machte der Redner darauf auf- merksam. daß die Vertragsbestimmungen über die Lohngarantie und die Vesperpause strikt durchgeführt werden müssen und daß ins- besondere die Bestimmungen und Beschlüsse über die Benutzung des paritätischen Arbeitsnachweises streng innegehalten werden, damit das Obligatorium des Arbeitsnachweises durchgeführt werde. Die Versammlung stimmte einer mit den Arbeitgebern ge- troffenen Vereinbarung zu, welche besagt: Wenn ein Unternehmer durch den Arbeitsnachweis die gewünschten Arbeitskräfte nicht be- kommt und solche deshalb durch Inserat sucht, dann haben die Kollegen, welche auf diese Weise Arbeit annehmen, sich beim Arbeitsnachweis zu melden und dort eine Karte in Empfang zu nehmen._ Die Arbeitszeit in der Dekatnrbranche. Eine bemerkenswerte Rolle in der Berliner Konfektion spielt das Dekaturwesen, ohne welches der Konfektionär nickt auskommen könnte. Das Dekatieren soll den Zweck haben, ein Einlaufen der Ware nach der Verarbeitung zu verhindern sowie dieselbe durch Ab- ziehen des in der Appretur künstlich erzeugten Glanzes tropfenecht zu machen. Diese Präparation geschieht mittels Dampf. Arbeilsräume und Ventilation entsprechen jedoch nicht dem Bedürfnis. Es ist kein Wunder, wenn durck eine unmenschliche Hetzarbeit in einem mit Dampf und Staub erfüllten, allen hygienischen Anforderungen Hohn sprechenden Räume verbunden mit einer überaus langen Arbeitszeit geradezu die Grundbedingungen zur Schwindsucht gegeben werden. Und da der Herd einmal geschaffen, so können sich die KrankhcitSkeime in der Ware festsetzen, um ihre Wanderung in die Konfektion, zum Schneider bis zum Träger der Kleidung fortzusetzen. Sind es hauptsächlick Lungenkrankheiten, welche den innerhalb der Fabrik beschäftigten� Arbeiter heimsuchen, so ist für den Außen- arbeiter, welcher den Transport der Ware von und zu den Kon- fektionShäusern besorgt. Rheumatismus eine alltägliche Krankheits- erscheinung. Bei der Ablieferung der Ware mutz er Arbeiten ver- richten, um dann erhitzt. Wind und Wetter, Regen, Schnee und eisiger Winterkälte ausgesetzt, auf dem Wagen Platz zu nehmen. Die Dekatur ist eine Saisonarbeit. Ist die Konjunktur zu Ende, so werden eine Anzahl Arbeiter entlassen.__ Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.! Die Arbeitszeit in den Dekaturanstakten ist eine zehnstündige, in der�Hochkonjunktur jedoch ist eine 13— löstündige keine Seltenheit. Für eine Verkürzung der Arbeitszeit, welche die Arbeiterschaft vor Jahren schon anstrebte, haben die Unternehmer sehr wenig Ver- ständnis, obwohl eine Verkürzung nicht nur in sozialer Beziehung, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen dringend not täte, nicht nur im Interesse der beteiligten Arbeiterschaft allein, sondern auch im Interesse des gesamten kaufenden Publikums. Achtung, Asphaltarbeiter! Seit Freitag, 16. September, stehen die Arbeiter der Firma I. I e s e r i ch, Aktiengesellschaft, Charlottenburg, Salzufer, im Streik. Diese Weltfirma, die ihren Aktionären fette Divi- d enden zahlt, speist ihre Arbeiter mit 46 Pf., als Anfangslohn sogar mit 37)4 Pf. ab. Die Arbeitszeit ist eine derartig lange, daß bis zu 166 Arbeitsstunden die Woche gearbeitet werden. Dabei ist die Arbeit außerordentlich schmutzig und da die Nachtarbeit gang und gäbe ist, auch sehr gesundheitsschädlich. Die Verhandlungen mit den Organisationsvertretern wurden, abgelehnt. Der Arbeiter- ausschutz verhandelte nun, indessen auch dies scheiterte, weil die Direktion nur den in der Fabrik tätigen Arbeitern eine Zulage von 1 Pf., nach zwei Jahren 2 Pf. und nach 6(!?) Jahren 3 Pf., den Straßenarbeitern dagegen nichts bewilligen wollte. Weitere Verhandlungen scheiterten an dem starren Verhalten der Direktion. Einmütig haben die Streikenden ausgeharrt. Streikbrecher fanden sich so gut wie gar keine. Die Absichten der Direktion, einen Keil in die Reihen der Streikenden zu treiben, sind fehige- schlagen. Jetzt versuchte die Direktion ein neues Manöver, den Streikenden wurde gestern früh die Entlassung in die Wohnung geschickt. Gleichzeitig werden in der„B e r l i n e r M o r ge n p o st" und der Charlottenburger„N e u e n Z e i t" von der Firma Jeserich mehrere hundert Arbeiter als Streikbrecher gesucht. Die Firma sucht krampfhaft nach Ersatz für die Streikenden, ihr Bemühen wird vergeblich sein, wenn Ihr auch Eure Arbeiter- ehre wahrt und Euch nicht zum Streikbruch hergebt. Die Firmen Reh u. Co., Kopp u. C t e., W a i ß u. Frey- tag, Neuchatel, führen für die gesperrte Firma Jeserich Stvaßenarbeiten aus. Die Arbeiter dieser Firmen werden also gezwungen. Streikbrecherarbeit zu verrichten. Dort, wo die Ar- bciter sich weigerten, die Streikarbeit zu verrichten, wurden sie von ihren Firmen ohne weiteres entlassen. Der Prokurist Z. fährt nachts mit dem Auw von einer Baustelle zur anderen und macht die Sckmtzlcute auf die Streikposten aufmerksam, um dieselben von ihren Standorten wegzubringen. Natürlich ist bisher alle Liebes- mühe vergebens gewesen. Mit den paar Streikbrechern kann die Weltfirma Jeserich nichts anfangen. Arbeiterl Kollegen! Nehmt bei Jeserich keine Arbeit an. Werdet nicht zum Streikbrecher. Werdet nicht zum Verräter an Euren kämpfenden Brüdern. Macht keine Streikarbeitl Unterstützt uns in diesem Kampf, damit die Solidarität keine leere Phrase bleibt. Unser Sieg ist auch Euer Sieg. _ Die Ortsverwaltung. Zum Streik der Chauffeure, Packer, Hausdiener, Radfahrer usw. bei der Firma Handelsgesellickast Deutscher Apotheker, Dortmunder Straße 11/12 und Levetzowstraße 16b, wird berichtet, daß die Firma krampfhafte Anstrengungen macht, die notwendigen Arbeitskräfte zu bekommen. Gestern enthielten die„Morgenpost" und der„Lokal- Anzeiger" Streikbrecherinserate. Oberscharsinacher Bolle hat alle Hände voll zu tun, um die brachliegende Arbeit zu erledigen. Trotz- dem sind Streikbrecker bis jetzt nicht-zu verzeichnen. Daß bei allen Kämpfen im Handelsgewerbe die kaufmännischen Angestellten Arbeitswilligendlenste leisten, ist der Arbeiter- schaff sattsam bekannt. Auch hier scheuen sie sich nicht, ihr bei sonstigen Gelegenheiten zur Schau gettageneS Standes- bewußtsein an den Nagel zu hängen und die„allergewöhnlichste" Arbeit zu verrichten, die sonst von Arbeitern erledigt wurde. Den Weiblichen hat man versprochen, so lange der Streik dauert, pro Woche 2 M. extra zu zahlen, außerdem konnten sie gestern auf Kosten der Firma Mittag und Vesper genießen. Am Donnerstag früh wurden sie unter Polizeibegleitung nach dem Geschäftslokal geleitet. In der Donnerstagnummer der„B. Z. am Mittag" be- findet sich eine Notiz, überschrieben:„Schwerer Streikexzeß". Es wird darin behauptet, daß die Stteikenden einen Kutscher mißhandelt und das Auto zur Flucht benutzt hätten. Später soll es aus der Charlottenburger Chaussee total demoliert auf- gefunden worden sein. Wahr ist. daß ein Führer der Kraftdroschke Nr. 9664, welcher Kisten und Pakete mit seinem Auto beförderte, auf die Situation aufmerksam gemacht wurde. Der Herr, der wohl be- sonders nervös veranlagt ist, zog sofort einen Revolver und schoß blindlings nach allen Seiten um sich. Der Passanten bemächtigte sich begreiflicherweise ob dieses Streiches eine Erregung, die sich in der Verabreichung einer gehörigen Tracht Prügel an den Revolverhelden Luft machte. Streitende waren an der Sache in keiner Weise beteiligt. Sie werden ohnehin schon hart genug von der Polizei bedrängt. Die Dortmunder Straße, eine Sockgasse, und die breite mit Promenade versehene Levetzowstraße sind ihnen verboten zu betreten. Möge Polizei und Geldsack vereint alles versuchen, die Streikenden werden sich dadurch von ihrem gerechten Kampfe nicht abhalten lassen. Sie wissen, sie kämpfen für eine gute Sache und find gewiß, daß sie hierbei die Unterstützung der gesamten Arbeiterschaft haben werden. Nützliche Elemente. Bei dem Spandauer Klempnerstreik haben sich auch einige Klempner, die in dortigen Staatswerkstätten, namentlich in der Munitionsfabrik arbeiten, rühmlichst hervorgetan, indem sie nach Beendigung ihrer Arbeit in der StaatSwerkstätte RauSreißerdienste bei einigen Meistern verrichten. Die Streikleitung läßt eS sich angelegen sein, die Namen dieser Musterarbeiter zu erforschen. Oeutfeffe» Reich. Tarifbewegung der Buchbinder in Hannover. Eine von über 1500 Buchbinderei- und Kartonnagen-Arbeitern und«Arbeiterinnen besuchte Versammlung beschäftigte sich am 19. d. M. mit den Zugeständnissen der Prinzipale zu der ein- gereichten Tarifvorlage. Diese Zugeständnisse sind so gering, daß die Verhandlungskommission erklärte, sie der Arbeiterschaft zur An- nähme nicht empfehlen zu können. In einer angenommenen Reso- lution wird gesagt, daß, wenn bis 23. d. M. keine Einigung erzielt ist, die Arbeiter die Kündigung einreichen werden. Lohnbewegung in der Dresdener Schuhindustrie. Die Lohnbewegung der Schuhfabrikarbeiter hat eine Ver- schärfung dadurch erfahren, daß der Verband der Schuhfabrikanten die Forderungen der Arbeiter abgelehnt hat, mit der Begründung. daß sie durch Lieferungsverträge auf längere Zeit gebunden seien, gelegentlich seien sie nicht abgeneigt.„Lohnvorichläge" entgegen zu nehmen, eventuelle Lohnerhöhungen könnten erst am 1. April 1911 in Kraft treten. Die Löhne, die sie zahlten, seien aber höher als irgendwo in Deutschland. Dieses provozierende Verhalten der Fabrikanten in Deutschland hat dazu geführt, daß in zwei Fabriken die Arbeiter die Kündigung einreichten. Eine Aussperrung ist nicht unwahrscheinlich, Zuzug von Schuhfabrikarbeitern aller Art ist streng fernzuhalten._ Die in der Eisenberger Etuiindustrie beschäftigten Etui- und Holzarbeiter befinden sich seit dem Ib. bezw. 22. August in einem heftigen Lohnkampfe, an dem insgesamt 356 Arbeiter und Ar- beiterinnen beteiligt sind. Der Streik erstreckt sich über 15 Be- triebe, während mit 7 Betrieben, in denen 126 Personen beschäftigt werden, ein Tarifvertrag abgeschlossen werden konnte. Gefordert wird eine 55)- stündige Arbeitszeit, Einführung von Minimal- löhnen, höhere Entschädigung der Ueberstunden, eine 16prozentige IZ, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanftall Erhöhung der Akkordpositionen und Abschluß eines TarifeS auf die Dauer von fünf Jahren. Der Kampf ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Schutzverband der Etuifabrikantcn Deutsch- lands auf seiner diesjährigen Generalversammlung in Eisenach einen Beschluß gefaßt hat, nach welchem Tarifverträge mit Arbeit- nehmerverbänden nicht einzugehen sind und bestehende Verträge nicht erneuert werden dürfen. Trotz dieses Beschlusses sahen sich jedoch die Hanauer Fabrikanten kurze Zeit nach der Unternehmer- tagung genötigt, in einen Tarifvertrag mit dem Buchbinderverband zu willigen, und jetzt setzen die Fabrikanten alle Hebel in Be- wegung, um Eisenberg bor dem Schicksal Hanaus zu bewahren. Die Dauer des Kampfes ist noch nicht abzusehen; die Arbeiterschaft wird sich aber ihr Recht, aus die Lohn- und Arbeitsbedingungen einen mitbestimmenden Einfluß auszuüben, von den Unternehmern nicht nehmen lassen. Der Streik hat sich also zum Prinzipien- kämpf ausgewachsen, der mit aller Energie zu Ende geführt werden muß. Zuzug nach Eisenberg ist streng fernzuhalten. Auch in Ruhla haben die Etuiarbeiter bei zwei Firmen die Kündigung eingereicht._ Der Streik der Mühlcnarbeiter in den Hildebrandschen Mühlenwerken in Döllberg bei Halle a. d. S. endete mit einem Erfolg der Arbeiter. Die Direktion verhandelte mit dem Streik- komitee unter Zuziehung des Verbandsvorstandes und machte dabei Zugeständnisse, die von den Streikenden akzeptiert wurden. Im untcrsränkischcn Muschelkalkgebiet wurde soeben ein umfang« reicher Lohntarif zum Abschluß gebracht. Der Tarif selbst weist mehr wie 166 Positionen aus und erstreckt sich ans 29 Ortsckaflen, in welchen über 666 Verbandsmitglieder beschäftigt sind. Bisher be« stand in diesem großen Steinbruchsgebiet das sogenannte wilde Atkordsyi'tein und im Winter wurden die Kubikmelerpreise immer stark herabgesetzt. Die Steinarbeiler reichten sckon im Jahre 1966 eine Tarifvorlage ein. Es kam zum Streik, der verloren ging pud dem Steinarbeilerverband zirka 116 666 M. kostete.— Durch den jetzigen Tarifabschluß ist nun mit einem Schlage das Lohnverhältnis in vernünftige Bahnen gelenkt. Die Steinbruchsbesitzer wehrten sich auch dieses Mal gegen einen Tarifabschluß, aber die ausblühende Muschelkalkindustrie konnte eine solche Betriebsstörung wie 1966 nicht ohne weiteres ver- tragen, zudem lagen große Aufträge vor.— Der Ausgang dieser Lohnbewegung wird weiter zur Folge haben, daß die zwölf Zahl- stellen, welche beim Tarifabschluß in Frage kommen, zu einem Ver» waltuugsbezirk verschmolzen werden sollen. Die strenge Durch- führung des TarifeS macht eine solche organisatorische Neuerung dringend nötig. £[usl»nd. Die Streikbewegung in Rustland im Jahre IVOS. Nach den Berichten der Fabrikinspektion betrug die Zahl der Ausstände 346 gegen 892 im Jahre 1968. Die Zahl der Aus- ständigen fiel von 176 666 auf 64 666; insbesondere ist die Zahl der politischen Ausstände gefallen. Zumeist fielen die Ausstände mit der Feier des 1. Mai zusammen. Die erste Stelle nimmt in bezug auf Ausstände der Warschauer Rayon ein, dann folgen Grodno und Astrachan. Unter den Streikenden sind die Metall» arbeiter an erster Stelle, dann die Holzarbeiter und Manufak- turisten. Vorherrschend waren kurze Ausstände, die zehn Tage nicht überschritten. Insgesamt wurden auf diese Weise 417 768 Arbeitstage verzettelt. Ursachen der Ausstände waren in erster Linie erhöhte Lohn» forderungen, in zweiter Versuche der Arbeitgeber die Löhne zu drücken; während die Dauer des Arbeitstages nur in 26 Fällen zu Ausständen führte. Die Streiks verliefen zu 25 Proz. zugunsten der Arbeiter, in allen anderen Fällen zugunsten der Arbeitgeber- In 13 Fällen wurden Ausständige verhaftet und abgeschoben� in 16 Fällen wurde Polizei oder Militär requiriert. Im großen und ganzen ersieht man daraus, daß die Arbeiter trotz aller Drangsalierungen und Vergewaltigung seitens der russischen Regierung den Klassenkampf zu führen gelernt haben. letzte ftachnchtcn. Ein«euer Polizeistreich. Mit allen Mitteln— guten und schlechten—- suchen in Preußen Polizei und Staatsanwaltschaft die freie Jugendbewegung und im besonderen die Aufklärung derselben zu unterdrücken. Ueber ein neues Musterstückchen der Polizei wird uns spät abends auS Lichtenberg gemeldet: Genosse Graf sollte einen Lichtbildervortrag für den Jugend- auSschuß Lichtenberg-FriedrichSfelde abhalten; dies wurde ihm untersagt, da er nach einer verstaubten Bestimmung von 1834 einen L e h r s ch e i n haben müsse. Statt dieses Vor- träges sollte gestern abend im„Schwarzen Adler"(Frankfurter Chaussee) eine öffentliche unpolitische Versammlung für jugend» liche und erwachsene Personen stattfinden. Die Polizei wollte je- doch anders. Nachdem Genosse Graf einige einleitende Worte an die Versammlungsbesucher gerichtet hatte, betraten 2 Polizei- beamte den Saal und forderten den Referenten auf, eine Er» klärung abzugeben, ob er weiter sprechen wolle. Genosse Kliem. als Einberufer der Versammlung erklärte, daß hier er und nicht die Polizei zu bestimmen habe, was geschehe. Die bewaffnete Macht forderte kurzerhand den Genossen Graf auf, mit zur Polizei zu gehen, um die Personalien festzustellen. Jeder Einwand half nichts, Graf wurde von dem Wachtmeister gleich am Arm gefaßt und zur Wache geführt. Genosse Schwenk, der gegen das un- gesetzliche Verhalten der Polizei protestierte, wurde ebenfalls mit zur Wache geführt. Auf der Polizeiwache wurde erklärt, daß die Genossen Graf und Schwenk solange in Polizeigewahrsam bleiben, bis die Versammlung aufgelöst sei.— Währenddessen war vor dem Versammlungslokal ein starkes SchutzmannSaufgebot er- schienen. Die zahlreich erschienenen Versammlungsbesucher wurden aufgefordert, ruhig nach Hause zu gehen und sich nicht provozieren zu lassen. Auch einige Jugendliche wurden von der Polizei fest- genommen. Wie lange die Genossen Graf und Schwenk auf der Wache festgehalten wurden, konnten wir noch nicht ermitteln. Vom Einbrecher ermordet. Bunzlau, 22. September.(W. T. B.) Bei Verfolgung eines Diebes wurde die Frag Stellenbefitzer W i n k l e r aus dem nahen Zühlsdorf in den Possener Büschen vom Einbrecher ermordet. Die Person des Mörders ist noch unbekannt. Großfeuer. Neumünster, 22. September.(W. T. B.) Im Dorfe Gabe- lanb fielen heute drei Gehöfte mit zwölf Gebäuden, das alte SchulhauS und große Getreidevorräte einem Großfeuer zum Opfer. Das Feuer war durch Kinder entstanden, die mit Streich- hölzern spielten._ Feuer im Hafen von Amsterdam. Amsterdam, 22. September.(Preß-Tel.) Beim Löschen seiner Ladung geriet der Dampfer„Cclebes" in Brand. Trotz des so- fortigen Einschreitens der Hafenfeuerwehr ist es bisher nicht ge» lungen, des Feuers Herr zu werden. jgul Singer& Co, Berlin S W. Hierzu 3 Beilage»«.UnterhaltüngLbl, Kr. 233. 27. Jahrgang. 1. MlP des Jotin W Serlim öallisliliitt. km>«g, 23. Zeplmbn 1910. Parteitag der deutschen Sozial- demoiiratie zu Magdeburg. Dritter Verhandlungstag. Infolge der Ausdehnung der Mittwochsitzung bis in die späten Nachtstunden waren wir gezwungen, den Schluß der Sitzung in stark verkürzter Form zu geben. Wir holen daher vom Schluß- wort des Genossen Dr. Frank ab den Bericht nach. Dr. Frank: Genosse Antrick hat mir mitgeteilt, daß er nicht zu den- jenigen gehört habe, die persönliche Angriffe gegen die badische LandtagSfraktion gerichtet hätten. Ich nehme deshalb gern Ge° legenhcit, hier zu erklären, daß meine Ausführungen über ihn nidst zutreffen. Ich freue mich, daß er Wert darauf legt, daß das hier konstatiert wird. Stadthagen hat in einer persönlichen Be- merkung seine Ausführungen im wesentlichen zugegeben. Er hat mitgeteilt, daß er tatsächlich von dem Benehmen der badischen Landtagsfraktion gesagt habe, sie sei nicht sozialdemokratisch, son dern bündisch. Er hat mit der Beweiskraft und Ueberzeugungs kraft, die ihm innewohnt, dann ausgeführt, er habe mit dem Wort .hündisch" etwas anderes sagen wollen.(Stadthagen: Nein, neinl) Er sei bereit, es dahin zu ändern, daß er sage, natio- nalliberal oder kompliziert. Genosse Stadthagen, Sie dürfen die Versicherung von uns annehmen, die Empfindung, die wir über Sie, über Ihre Erklärung und Ihre Rede haben, reicht an Empörung nicht heran. Es kann sein, daß unsere Gründe nicht neu waren, aber wir legen mehr Wert auf Wahrheit als auf Neuheit. Im übrigen haben wir doch auch Neues vorgebracht. In Nürnberg beriefen wir uns auf den Inhalt einzelner Budgctposten, namentlich auf die Erhöhung der Arbeiterlöhne und der Beamtengehälter. Dies- mal gaben wir die politische Situation als Grund an. Das sind, wie Bebel zugeben wird, verschiedene Dinge. Ich freue mich darüber, daß Bebel im Gegensatz zu so vielen Rednern von gestern und heute in seinem Schlußwort gezeigt hat, in wie vielen großen Fragen ivir im Grunde e i n i g s i n d. Er hat erklärt, daß er die Bedeutung der kleinen Konzcssionen nicht unterschätzt. Mit uns ist er der Mei- nung, daß zu Unrecht der Sozialdemokratie Ne- gation vorgeworfen wird. ES kommt der Zeitpunkt, wo sich durch das Wachstum einer Partei neue Pflichten ergeben, wenn wir infolge unserer Größe die Macht haben, die von uns kritisierten Zustände zu ändern und zu bessern. Wann dieser Zeit- punkt gekommen ist, darüber können wir uns in Ruhe und Kamerad. schaftlichkeit unterhalten. Bebel hat auch noch einmal die m on a r- chische Frage gestreift, und ich freue mich ausrichtig, daß sein Kaiserkandidat Prinz Ludwig von Bayern noch nicht alle Hoffnung aufzugeben braucht.(Heiterkeit.) Ich bitte aber, uns Badenser nicht zu benachteiligen und, damit es wenigstens zur Stichwahl kommt, auch den badischen Thronfolger Prinz Max zu berücksich- tigen.(Große Heiterkeit.) Denn der hat sich auch für ein besseres Wahlrecht ausgesprochen, ist für Berücksichtigung der unteren Klassen eingetreten und hat sich sozialer er- wiesen als Zentrum und Liberale, aber diese Dinge sind nicht so unbedingt aktuell, daß wir wegen dieser Alternative uns gegenseitig Unannehmlichkeiten zu sagen brauchten.(Heiter- keit.) Ich freue mich weiter darüber, daß Bebel die Nürnberger Resolution nicht auf die Gemeinden ausdehnen will. Nur gab er eine falsche Begründung für eine richtige Taktik. Sind die Gemeinden wirklich nur ein Anhängsel des Klassenstaates, wäre es für uns ein doppelter und dreifacher Grund, ihre Etats abzulehnen. (Sehr richtig! bei den Süddeutschen.) Es gibt übrigens große Blätter, die in der Gemeindefrage anders denken als Grosse Bebel. Die„Leipziger V o l k s z e i t u ng" zum Beispiel. Neulich erfuhr ich von einem charakteristischen Fall aus der nächsten Nähe von Berlin, wo man doch nicht mehr nötig hat, Studien zu machen.(Heiterkeit.) In Werder erwies sich die Not- wendigkeit, für ein Organ des Klassenstaates, den Polizeidiener, eine neue Hose anzuschaffen(Heiterkeit), wofür 6 M. gefordert wurden.(Erneute Heiterkeit.) Und die braven Genossen, die in diesem Rathaus tätig sind(Ledebour: Das ist ja ein Hohn auf diese Debatten!)— Lassen Sie mich doch aussprechen! — die braven Genossen also haben die 6 M., natürlich mit schwerem Herzen, bewilligt und der Polizeidiener hat die neue Hose bekommen. Und nun das prinzipielle Nachspiel, Genosse Ledebour. Im Wahlverein sagten die Genoffen, Ihr habt gegen die Nürn- berger Resolution verstoßen. Sie sehen, zu welchen Konsequenzen wir kommen, wenn wir uns an den Wortlaut halten, und man sieht, daß die Aufklärung über diese Frage doch nicht ganz so gegenstandslcs ist. In Dänemark können unsere Genossen nicht den gewaltig feierlichen Akt der Ablehnung des Budgets durchführen, weil es nämlich dort gar keine Gesamtabstimmung gibt. In England nehmen sie es an, in B e l g i e n werden sie es wahrscheinlich annehmen, wenn sie mit den Liberalen die Mehr- heit haben, in Oe st erreich lehnen sie es ab, aber sie stimmen für die Dringlichkeit, damit die anderen es annehmen können.(Hört! hört! bei den Süddeutschen.) Nachher schicken sie dann eine schön marxistische Begründung. Ja der Adler, der fehlt uns.(Heiterkeit und Zustimmung.)— In der Schweiz, die Bebel doch so gut kennt, stimmen die ganz be° sonders radikalen Berner Genossen für das Budget.(Hört! hört!) Bebel hat jetzt erwähnt,, daß wir, um die Caprivischen Handels- Verträge zu retten, für die in ihnen enthaltenen Zollsätze gestimmt haben, ohne damit unsere prinzipielle Haltung gegenüber den ganzen Zöllen aufzugeben. So haben wir die Verbesserungen des Klasscnwahlrechts in den Gemeinden akzeptiert, ohne darum auf unsere Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts zu verzichten. Die erdrückende Mehrheit ge- rade der geordneten Vertretung unserer Genossen hat sich in Baden auf unsere Seite gestellt und das waren die Ge- nossen, die die Verhältnisse kennen, die am eigenen Leibe erfahren werden, ob unsere Politik aufwärts oder abwärts in den Sumpf führt.(Sehr gut! bei den Süddeutschen.) Bebel meint, wir oürfen das nicht überschätzen, denn wir hätten in Baden d i e Presse zur Verfügung. Da kann man erwidern: in Berlin werden Hunderttausende allein durch den„Vorwärts" über unsere Parteiverhältnisse orientiert. Wenn Bebel glaubt, die Badener Arbeiter dadurch umzustimmen, daß er nach Baden kommt, unterschätzt er ihre Urteilsfähigkeit.(Sehr richtig! bei den Süddeutschen.) In Berlin hat einmal über dieselben Partei- streitfragen eine Versammlung mit 5000 Zuhörern einem der Jungen— ich glaube es war Bruno Wille— zugejubelt, und dann hat eine andere Versammlung mit 6000 Teilnehmern Bebel zugeiubelt.(Bebel ruft: Da war aber Wille dabei!) Im stillen Kämmerlein wird auch der Radikalste zugeben, daß es nicht an den Personen, sondern an den Verhältnissen liegt, wenn die Süddeutschen mit solcher Einmütigkeit anderer Meinung sind, als Sie.(Ruf bei den Norddeutschen: Die Ein- mütigkeit ist ja gar nicht vorhanden!) In Baden erkennen selbst die Gegner der Budgetbewilligung im übrigen die Haltung der Fraktion an. Q u a r ck wirft uns ungenügende Agitation gegen- über der Gemeinde- und Städteordnung vor. Nach meiner Meinung ist diese Agitation energisch, planmäßig und erfolgreich betrieben worden. Was würde man sagen, wenn wir den preußischen Ge- nossen ihre Agitation vorschreiben wollten? Wer solche Rüffel erteilt, wie Genosse Quarck, der muß erst den BefähigungS- (Nachweis dafür erbringen, daß er selbst die rich- tige Taktik einzuhalten weiß.(Sehr gut! bei den Süddeutschen.) Von den Bemerkungen Lehmanns will ich nur einen Punkt hervorheben, damit nicht morgen schon in der Zen- trumspresse daraus eine Kette von Verleumdungen erwächst. Er ist das Opfer eines boshaften Klatsches geworden, wenn er be- hauptet, es sei schon ausgemacht gewesen, daß die Nationalliberalen später die Budgetablehnung rechtfertigen würden. Dies zu sagen halte ich mich von dieser Stelle aus, auch den Gegnern gegenüber für verpflichtet.(Sehr richtig! bei den Badensern.) Es liegt uns wahrlich fern, unsere Erfolge heraus- zustrcichen. Wir befinden uns infolge der Debatten in der Zwangs- läge, diese Sachen vorzutragen und wir haben uns auf das Rot- wendigste beschränkt. Das Grotzblockabkommen bei den Wahlen ist von keiner Seite bemängelt worden. Für den Reichstag existiert diese Frage ja nicht. Bebel hat der Meinung Ausdruck gegeben, es können Fälle eintreten, wo trotz der Nürnberger Resolution eine Fraktion gezwungen ist, sich der Stimme zu enthalten, weil sie glaubt, daß sie sonst die Interessen der Partei schädigt. Ich nehme gern Kenntnis davon, daß Bebel zugibt, es kann zwingende Fälle geben, in denen man das Bekenntnis zum Kampf gegen den Klassenstaat, wie es in der Budgetverweigerung liegt, nicht zum Ausdruck bringt.(Sehr gut! bei den Süddeutschen.) Es ist natürlich auf aller Lippen die Frage, was soll ge- schehen, wie soll die Lösung der Dinge sein? Da will ich vor allem an die Spitze setzen das eine, daß in der ganzen Debatte gestern und heute weder vom Korreferenten, noch von einem Dis- kussionsredner, weder versteckt noch offen eine Dro- hung ausgesprochen ist(sehr wahr! bei den Süddeutschen), und wenn We st meyer hierher gekommen ist in der Absicht, gegen Drohungen zu polemisieren, dann hat er sich an die falsche Adresse gewandt.(Zuruf: Ouessel hat gedroht.) Wenn Sie aus den s a n f- ten Worten von Ouessel eine Drohung herausgehört haben (Heiterkeit), dann sind Sie wirklich viel sensibler als wir Süd- deutschen alle. Von einer Seite habe ich allerdings eine Drohung gehört, ich nehme an, daß Westmeyer ein treuer Leser der„Neuen Zeit" ist, und dort hat der Pfeil-Artikler allerdings davon geredet, daß man vom Gesamt st amm der Partei einen Zweig loslösen müsse.(Hört, hört! bei den Süddeutschen.) Das wird wohl Westmeyer vorgeschwebt haben. Wir dagegen halten es für selbstverständlich, daß die verantwortlichen Personen in der Partei alles t u n w e r d e nt, um zu vermeiden, daß unsere herrliche Bewegung solche Rückschläge erleidet.(Leb- hafter Beifall.) Nun ist nur ein Weg gezeigt, der eventuell mal zum Frieden führen könnte und der sicher auch jeßt sofort den Waffenstillstand gewährleistet hätte. Das war der Vorschlag auf Einsetzung einer Kommission. Man hat den Vorschlag verlacht, aber die Debatte hat soviel Beweise dafür erbracht, daß noch keine Klarheit über diese Dinge herrscht, daß ich mit Spinoza sagen möchte: ignorantia non est argumentum— Unwissenheit ist kein Beweismittel.(Sehr gut! bei den Süddeutschen.) Wenn Bebel meint, wir können doch nicht jetzt nach 16 Jahren erst an die Untersuchung der Frage herantreten, dann sage ich: Sie haben heute ein Beispiel aus dem Leben gehabt, aus dem hervorgeht, daß die nächstliegenden Dinge am leichtesten zu übersehen wären. Sie haben gesagt, daß der Inhalt der Äer- fassungen der Staaten nicht allen Genossen bekannt ist. Haben wir es nicht erleben müssen, daß 208 Genossen über die Verfassung der eigenen Partei im Unklaren sind(sehr gut! bei den Südd.), haben wir nicht gesehen, daß die, die uns über die Pflichten der Disziplin belehren wollen, selbst mit einem Antrag gekommen sind, der mit de? Pflichten der Disziplin, wie wir sie verstehen, nicht in Einklang zu bringen ist.(Erneutes sehr gut! bei den Südd.) Bebel hat Ihnen das viel besser und klarer bewiesen, als ich es tun könnte.(D i t t- mann: Er hat es nicht bewiesen.) Ja, Dittmann, wenn Sie nicht durch Bebel zu überzeugen sind, durch mich lassen Sie sich nicht überzeugen.(Heiterkeit.) Aber ich nehme dann wenigstens an, daß Sie, ohne überzeugt zu sein, im Sinne von Bebel stimmen werden.(Große Heiterkeit.) H a a s e hat erklärt, es werde Ein- druck machen, daß feststeht, wieviel Genossen im voraus diesen An- trag unterschrieben haben. Da muß ich doch feststellen, daß der weitaus größte Teil der Unterschriften unter dem Antrag stand, bevor Bebel als Vertreter der Anklage und bevor einer der badischen Genossen zu seiner Verteidigung das Wort bekommen hat.(Sehr richtig! bei den Südd.) Nun frage ich Sie, es waren ja, glaube ich, mit Ausnahme von mir, alle Parteijuristen unter diesem Antrag.(Heine: Ich nicht!— Heiterkeit.) Nein, Sie kommen nicht in diesen Verdacht.(Heiterkeit.) Was würden Sic von einem bürgerlichen Richterkollegium halten, das in den Gerichtssaal kommt, nicht bloß mit einem fertigen, sondern auch mit einem formell unterschriebenen Urteil?(Große Unruhe bei der Mehrheit.— Ledebour ruft: Lag etwa die Resolution Bebel nicht vor?) Was würden Sie davon halten, wenn der geist- volle Begründer dieses Antrages zugeben müßte, daß der Dolus eventualis eine Rolle gespielt habe. Wenn Sie einen der Süd- deutschen gefragt hätten, bevor Sie Ihren Antrag unterzeichnet haben, dann hätte er förmlich Sie angebettelt, Sie sollten ihn unterschreiben, weil nach außenhin nichts die Situation so beleuchtet, als wie die Tatsache, daß ein großer Teil des Parteitages, ohne die Angeklagten zu hören, das schärfste Urteil über sie ausspricht.(Lebhafte Zustimmung bei den Süddeutschen.) Sie haben sich jetzt bei dem Rückzug, den der Ge» nosse Haase zu decken'»ersuchte(Haase: Es war doch kein Rückzug!), es war ein Rückzug des Antrages, was haben Sie denn gemeint, Genosse Haase?(Heiterkeit bei den Süddeutschen. Dittmann: Wir können den Antrag ja wieder aufnehmen! Beifall.) Ich weiß, daß Sie den Antrag wieder einbringen können. lDittmann: Provozieren Sie doch nicht!) Soll denn die ganze Tätigkeit auf dem Parteitage darin bestehen, imß Sie in Situationen, wo«die Parteigenossen einig sind, dann wieder alt« Anträge einbringen.(Große Unruhe. Zuruf: Wir haben den Antrag eben nur aus Disziplin zurückgezogen.) Wenn Sie sich dadurch provoziert fühlen, daß ich in schlichter, einfacher Weise die Tat- fachen erzähle, dann kann ich Ihnen allerdings nicht helfen. Haase hat sich darauf zurückgezogen, daß ja der Parteivorstand mit der Tendenz des Antrages einverstanden sei. Was will denn das besagen? Glauben Sie, daß es in der Welt jemals eine Situation gibt, die genau der anderen gleich ist. Glau- ben Sie, daß eine Budgetabstimmung von heute unbedingt der iis zwei Jahren gleichen muß.(Dittmann: Hört! hört!) Ach, Dittmann. Sie klammern sich in Ihrer rein äußerlichen Auffassung der Dinge an die Frag«, ob ein ja oder ein nein ertönt. Was jetzt die Lage nach Zurückziehung des Amendements entscheidet, das ist die Tatsache, daß die Genossen, die das Unglück haben, in den Land- tagen zu sitzen, wieder unter dem gleichen Recht stehen, wie die an- deren Parteigenossen. Stellen Sie sich die Verhältnisse vor, wenn Ihr genialer Zusatzantrag angenommen würde. Die statutari- schen Bestimmungen würden zur Farce herabgewürdigt.(Beifall bei den Süddeutschen.) Die klugen Genossen, die den Antrag zurück- gezogen haben und die damit die Abgeordneten wieder auf den Boden des allgemeinen Parteirechts gestellt haben, haben sich das Verdienst erworben, daß sie die Partei vor einer Bla- magc bewahrt haben.(Lebhafter Beifall bei der Minder- heit, Gelächter bei der Mehrheit.) Wir wollen Recht und keine Gnade. Wir denken wie jene Frau, die wegen Holzdiebstahls vor den Amtmann geführt wurde. Der sagte: Ich will Dich nicht be- strafen, aber das nächste Mal kostet es 5 Rubel.— Nichts da, sagte die Frau, ich stehle mei Holz und zahle mei Straf'.(Heiterkeit und Unruhe. Dittmann ruft: Was soll das heißen?) Das soll Ihnen deweisen, daß Sie nicht sagen sollen, wir haben die. Leute diesmal geschont, sie hätten eigentlich hinausgeworfen werden müssen. Wir wollen, daß Sie uns recht geben.(Große Unruhe bei der Mehrheit.) Wir wollen, daß Sie uns Recht sprechen, will ich sagen, das erste war natürlich au(richtiger ge meint. Im Verlaufe seiner Ausführungen hat Haase in seiner liebens- würdigen bestrickenden Art uns gesagt, man habe auf eine Er- klärung von unserer Seite gewartet. Ich habe mit meinen Freunden nicht darüber geredet. Vielleicht wären sie Haases Liebenswürdigkeit erlegen, wenn ihnen Haase nicht mit der gezückten Resolution der 200 entgegengetreten wäre. Von diesem Augenblick an war eine solche Erklärung natürlich eine Unmög- lichkeit. Heute sage ich Ihnen im Namen der Süddeutschen: Selbst- redend haben wir das allergrößte Interesse an der Einigkeit und Geschlossenheit der Partei.(Beifall.) Wir werben in dieser Nich- tung das unferige tun, aber keiner von uns kann Ihnen heute er- klären, was geschehen wird in den Bndgctabstinimunge» der nächste» Jahre. Das ist eine Frage der Verhältnisse.(Große Unruhe.) Das ist die Erklärung, die ich Ihnen ab zugeben habe. Ich hoffe, daß die Genossen, denen es ernst ist mit der Einigkeit der Partei, nunmehr zur Arbeit gegen den Feind übergehen!(Lebhafter Beifall bei den Süddeutschen.) Haase- Königsberg(zur Geschäftsordnung): Ich beantrage, die Abstimmung auf niorgen früh zu vertagen. Frank hat sein Schlußwort zu Angriffen auf Zubeil und andere benutzt. Diesen muß Gelegenheit zur BeratungüberdieSchritte zur Nichtig st ellung gegeben werden. Mit Einlvilligung des Parteitages gibt Vorsitzender Dies dem österreichischen Genossen Schrammet das Wort zu einer Rich- tigstellung. Schrammet: Wir haben, wenn wir für die Dringlichkeit des Budgets gestimmt haben, nur für die Vornahme der Abstimmung, aber nicht für das Budget selbst gestimmt. Im österreichischen Reichsrat wird das Budget, so wie bei Ihnen, in drei Lesungen verhandelt. Die dritte Lesung des Budgets kann aber nur dann sofort nach Erledigung der zweiten Lesung vorgenommen werden, wenn für die sofortige Vornahme der dritten Lesung eine Zwei« drittelmehrheit vorhanden ist. Es ist also selbstverständlich, daß wir nur für sofortige Verhandlung gestimmt haben, das ij� etwas ganz anderes, als für das Budget zu stimm«». Ich erkläre! bei dieser Gelegenheit, daß die Genossen ganz beruhigt sein können über unsere Haltung im österreichischen Parlament(Zurufe: DaS sind wir auch!), daß wir auf keinen Fall für ein Budget stimmen würden, ohne die Zustimmung unserer Genossen im Reiche zu. haben. Wir werden nicht selbständig handeln, sondern unS immeck den Beschlüssen der Gesamtheit fügen, die für die Angelegenheit ge- faßt worden sind.(Beifall.) Persönliche Bemerkungen. PeuS- Dessau: Bebel hat heute aus einer Nummer deö Volksblatts für Anhalt" eine Aeußerung von mir entnommen, in der ich anerkenne, daß auch die Demokratische Vereinigung für die Arbeiter eintritt, wenn man es im weitesten Sinne des Wortes faßt. Gerade Bebel selbst hat übrigens den Dr. Breit» scheid sehr herausgestrichen, und man hat sich in mehreren Wahl« kreisen und in Berlin selbst die Wahlhilfe von Breitscheid sehr gern gefallen lassen. Ich habe im Volksblatt so gut wie in Branden- bürg erklärt, daß ich einen Block von Bebel bis Bassermann für Blödsinn halte. Bebel hat dann seiner Meinung für mich als Kandidaten für Brandcnburg-Wosthavelland Ausdruck gegeben. Bebel mag mancher Kandidat nicht gefallen. Vorsitzender Dich: Das geht uns gar nichts an, ob dem oder jenem die oder jene Kandidatur gefällt oder nicht. Pens(fortfahrend) Wenn in meinem Wahlkreise nach meiner offiziell aufgestellten Kandidatur ein Genosse sick herausnehmen würde, öffentlich so über mich zu sprechen, wie Bebel das getan bat, so würde das im Wahlkreise als g r o b e T i s z i p l i n l o s i g» keit empfunden werden.(Zustimmung und Widerspruch.) Vor» läufig haben nur die Wahlkreise über die Kandidatur zu entscheiden. � e b e l: Sehr richtig!) Und ich habe viel zu großen Respekt vor der Demokratie der Sozialdemokratie(Sehr gut! und Wider- spruch.), als daß ich annehmen könnte, daß die Aeuherungen Bebels irgendwelchen Erfolg haben könnten auf die Stimmung des Wahlkreises, in dem ich seit 20 Jahren arbeite und seit vier- zehn Jahren kandidiere. Braun- Königsberg: Ich weiß nicht, ob ich zur Kategorie der Dummen oder der Schlauen unter den Unterzeichnern der Reso- lution 94 gehöre. Ich möchte ja sonst lieber in die Kategorie der Schlauen eingereiht werden, aber in diesem Zusammenhange muß ich dieses Kompliment als sehr zweifelhaft mit allem Nachdruck ablehnen. Zählt B e b el mich auch zu denen, die die Leimrute ausgelegt haben?(Vorsitzender: Erkundigen Sie sich doch bei Bebel privatim!— Große Heiterkeit!) Hätte es Bebel privatim gesagt, hätte ich ihm privatim meine Meinung gesagt und so muß ich auf öffentliche Richtigstellung dringen. Ich kann in meinem und in Katzensteins Namen erklären, daß wir nicht im entfernte st en daran denken, uns etwa mit unserem Vorschlage in Gegensatz zum Vorstand __ u stellen oder die Entscheidung zu verschleppen. Ich will viel- mehr über die Vorstandsresolution hinausgehen und in Zukunft solchen Debatten vorbeugen. Die Auseinandersetzungen werden selbst mit der Abstimmung über die Vorstandsresolution noch nicht beendet sein.(Rufe: Sie reden ja zur Sache!) Die Studienkom- Mission soll dafür sorgen, daß spätere Erörterungen fruchtbarer werden. Gehen Sie heute nicht darauf ein, vielleicht später ein- mal.(Beifall.) Haase-Königsberg: Frank hat den Unterzeichnern der Re- solution 93, also auch mir vorgeworfen, daß wir bereits mit einem fertigen Urteil in den Saal gekommen wären, bevor noch die Referenten ihre Ausführungen gemacht hatten. Frank muß wissen, daß diese Darstellung der Wahrheit widerspricht, und er hat diese Bemerkungen auch nur gemacht, weil er sich davon ge- wisse Wirkungen nach außen hin verspricht. Unser Antrag ist nicht anders zustande gekommen, wie der Min- derheitsantrag und die Vorstandsresolution. Für den Antrag auf Einsetzung einer Studienkommission wurden auch Unterschriften gesammelt, bevor der Gegenstand in VerHand- lung gezogen wurde.(Karl Liebknecht: Bevor wir mit dem Untcrschriftensammeln begonnen haben.) Ich kann beweisen, daß wir uns vorher nicht gebunden haben, Frank kann sich erkundigen und er wird das bestätigt finden. Unser Antrag ver- stößt nicht juristisch und technisch gegen das Organisationsstatut. Er ist der Ausspruch einer moralischen Verurtei- lung, aber er fordert keinen Ausschluß. Wir tun, was zuletzt die Nationalliberalen in Sachsen taten und sagen: Wvnn Ihr Partcitagsbeschlüsse nicht achten wollt, dann könnt Ihr Euch selbst nicht mehr als Parteigenossen betrachten. DaS ist ja das große Unglück, daß wir eine so große Anzahl von Leuten haben ich meine hier nicht unsere badischen Freunde—, die immer noch Parteimitglieder bleiben, obwohl sie zur Freude der Gegner An- schauungcn propagieren, die alles andere eher alS fozialdemo- kratifch sind.(Demonstrativer Beifall, Händeklatschen. Ruf: DaS ist nicht persönlich, das ist Wiedereröffnung der Debatte!) Um seine schwache Stellung zu verdecken, hat Frank die Behauptung aufgestellt, wir hätten mit der Zurückziehung unseres Antrages einen Rückzug angetreten. Frank hat dabei übersehen, daß Bebel in der von ihm verlesenen Erklärung an uns die Bitte gerichtet hat, unseren?lntrag, der nur die moralische Ver- u r t e i l u n g ausspricht, nicht aufrecht zu erhalten, weil der ge- samt« Parteivorstand sachlich mit uns einig und derselben Mei- nung sei, und daß es in derselben Erklärung im Anschluß dar«» fflüct ffsW. Saß 5ie Voraussetzungen 5e5§ 23 gegeben fcäreft. wenn die Genossen sich noch einmal über Parteitagsbeschlüsse hin- wegsetzen. Wir haben also weder einen Rückzug angetreten, noch trefsen uns die eingangs besprochenen Bemerkungen Franls. ,(Beifall bei der Mehrheit.) Bebel: Peus hat gemeint, es sei eine Disziplinwidrigkeit von mir, wie ich mich in bezug auf seine Person als Kandidat für Brandenburg ausgesprochen habe. Ich habe nicht die Kandi- dierung getadelt und den Genossen natürlich nicht das Recht abgesprochen, den Genossen Peus als Kandidat aufzustellen. Ich habe nur mein persönlich es Urteil ausgesprochen und dies darf ich doch wohl abgeben.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn die Genossen eines Kreises einmal einen Mann aufstellen würden, von dem im Falle seiner Wahl die Möglichkei tanzunehmen wäre, daß er der Partei Verlegenheiten bereiten oder sie in pein- liche Situationen bringen könnte, dann hat jeder Partei- genösse das Recht, dies öffentlich auszusprechen. Dies trifft aber für Peus nicht zu. Ich habe meine Objek- tivität gegen Peus unter anderem dadurch bewiesen, daß ich 1889 und 1993 eine Reihe Versammlungen in seinem Wahlkreise ab- gehalten habe.— Dem Genossen Braun kann ich erklären, dah ich bei meinen Ausführungen an seine Person gar nicht ge- d a ch t h a b e. Ich weist, dast er aus ganz korrekten Ursachen heraus seinen Antrag stellte. Ich habe ja auch nur gesagt, dast ein Teil der Unterzeichner wirklich sich etwas von der Studienkom- Mission verspricht. Ein anderer Teil denkt allerdings durch den Antrag die Entscheidung über die Vorstandsresolution beiseite zu schieben und dann schön heraus zu sein.(Heiterkeit.) Aber das ist doch keine Beleidigung, sondern sogar ein Kompliment (Heiterkeit), das soll doch bedeuten, daß die Genossen geriebene Burschen seien.(Erneute Heiterkeit.) Dr. Frank: Es tut mir leid, dah sich H a a s e aus der Ruhe, die ich sonst an ihm schätze, durch mich hat bringen lassen. Er hat zwar nicht mit meiner Genehmigung, aber mit meiner hiermit erteilten nachträglichen Erlaubnis gesagt, dast ich blauen Dunst nach austen hin machen will, weil ich gesagt habe, dah der größte Teil der Unterschriften unter seinen Antrag gesetzt worden sei, ehe ich gesprochen habe. Er hält uns vor, dast die Stimmen für unseren Antrag auch im voraus gesammelt wurden. Ueberlegen Sie sich, ob es dasselbe ist, ob Sie eine Studienkommis- swn verlangen oder einen Antrag stellen, durkch den schon heute eine bedeutende Anzahl Parteigenossen um die Achtung der übrigen gebracht werden sollen. Ich habe ein Interesse daran, den falschen Glauben bei den Delegierten und vor der Oeffentlichkeit zu zer- streuen, als ob die Delegierten, nachdem sie Bebel und uns gehört hatten, es noch für notwendig gehalten hätten, den Antrag zu stellen, der uns moralisch verurteilen sollte. Wenn der Antrag eingebracht wäre, um kundzugeben, dast wir im Irrtum auf faü schem Wege gegolten seien, dann hätte ich gesagt: Sie vergessen, dah wir doch später wieder hinausgehen müssen, um Schulter an Schulter mit den anderen Genossen zu arbeiten, dast wir gemein- sam weiterkämpfen müssen und dast wir einen Bruch nicht wollen. Genosse Haase, ehe man die moralische Verurteilung von Parteigenossen beantragt, muh man diese doch erst fragen: Was wollt Ihr tun? Ich weist nicht, wie die Ant- wort gelautet hätte, aber das weist jeder, daß unter uns ebenso Genossen sind wie unter Euch, die den allerdringendsten Wunsch haben, der Partei solche Debatten zu ersparen und die entschlossen sind, alles zu tun, um das zu erreichen. .(Bewegung und Beifall.) Haase: ES gibt keinen besseren Weg, als dast Frank daS tut, was alle Demokraten tun, nämlich dast er sich fügt. Nachdem Bebel und Frank gesprochen hatten, haben die Antragsteller aufs sorgsamste beraten, ob ein Grund vorliegt, von dem Antrag abzugehen. Wir haben unS die freie Entschliehung vorbehalten und in mehreren Besprechungen auf Grund Ihrer Dar- legungen unsere Entschlüsse gefaht. Bebel: Warum sollen wir die Abstimmung nicht vornehmen, zvir wollen doch endlich mit der Sache zu Ende kommen. Vorsitzender Dietz: ES liegt der Antrag vor, die Abstimmung auf morgen zu verschieben. Es find zwei namentliche Ab- stimmungen vorzunehmen. Trotzdem empfehlen wir, die Ab- stimmung noch heute zu vollziehen, weil Bebel und noch mehrere andere morgen abreisen. Ich werde eine Pause von Id Minuten eintreten lassen und dann die Sitzung wieder eröffnen. Da von verschiedenen Seiten eine längere Pause verlangt wird, werden die Verhandlungen von 7)i Uhr bis auf TU Uhr vertagt. Die Nachtsitzung. Um 3� Uhr eröffnet der Vorsitzende Dietz wieder die Verhand- langen. Durch das Zurückziehen der Anträge 7, 27, 47, ö7, 60 und 67, die alle auf die A u f h e b u n g d e s N ü r n b e r g e r B e- s ch l u s s e S hinauslaufen, ist eS jetzt möglich geworden, die Reso- lution des Parteivorstandes vorweg zur Abstimmung zu stellen. Es werden drei namentliche Abstimmungen stattfinden. Zunächst wird über den ersten Absatz des Antrages 90 nament- lich abgestimmt werden, dann über den Rest des Antrages und ferner über die Resolution, wie sie sich nach diesen beiden Ab- stimmungen gestattet hat. Dann ist noch über Nr. 94 abzustimmen. Klilh-Magdeburg: Von dem Genossen Z u b e i l ist folgender Antrag eingelaufen: „Angesichts der Erklärung des Genossen Frank in seinem Schlußwort, dah er sich und seinen Freunden die Stellungnahme zu den Beschlüssen des Parteitags vorbehält, beantragen wir folgenden Satz der Erklärung de? Genossen Bebel, die Bebel namens deS Parteivorstandes abgegeben hat. zum Beschlüsse zu erheben: „Wir sind der Meinung, dast falls die Resolution deS Partei- Vorstandes angenommen w:rd, und abermals eine Mist- a ch t u n g dieser Resolution vorkommt, alsdann die Voraus- fetzungen d-s Ausschluhverfahrens gemäß§ 30 Des OrganisationSstaturs gegeben find."(Bewegung.) Dietz: Wir haben die Debatte geschlossen, haben die Schluß- Wörter entgegengenommen und sind in die Abstimmung eingetreten. Nun ist es Sitte, daß in der Abstimmung neue Anträge nicht gestellt werden können. Da wird mir jeder ein- zelne Parteigenosse recht geben.(Sehr richtig!) Wenn nach Schluß der Abstimmung ein solcher Antrag gestellt würde, läge es ja in der Hand des Parteitags selbst, ihn zuzulassen, dann müßte aber darüber eine Diskussion eröffnet wer- den. Das kann man ohne eine Diskussion nicht machen.(Rufe: Einverstanden.) Es folgt nun die namentliche Abstimmung über den ersten Absatz des Antrages 9 0. Er wird mit 266 gegen 106 Stimmen angenommen. Dagegen stimmen: Auer- München, Beims- Magdeburg, Binder-Ludwigshafen. Therese Blase- Mannheim, Böhle-Straßburg, Böhmer- Löbau, Böttger- Mannheim, Bohl- Nürnberg, Brey- Hannover, Cohn- München, Eduard David-Berlin, Diener-Mühlheim a. M., Dietz- Stuttgart. DreckShage-Bielefeld, Engler-Freiburg, Ernsting-Mtnden, EverS-Hildesheim, Faitzt-Hornburg, Fischer-Hannover, Edmund Fischer-Dresden, Dr. Frank-Mannheim, Gaitz-Mannheim, Göhre- Berlin, Gölzer-Kempten, Frau Grahn-Hannovcr, Helene Grünberg- Nürnberg, Hasenzoll-Erbach, Haugenstein-Nürnberg, Hauschildt- Kassel, Heine-Berlin, Heilmann-Chemnitz, Held, Hildenbrand- Stuttgart, Hörsing-Beuthen, Hoffmann-Celle, Hoffmann-Bielefeld, Hoffmann-Breslau, Huber-Ludwigshafen, Huber-Landshut. Hug- Bant, Jung-Rüsselsheim, Kahn-Mannheim. Keil-Stuttgart, Kluß- Magdeburg, Knapper- Heilbronn, Knieriem- München. Korn- Singen, Körner-Ludwigshafen, Kolb-Karlsruhe, Dorothee Kaßner- Magdeburg, Leinert-Hannover, Leppert-Ettlingen, Lesche-Hamburg, Levi- Mannheim, Loch- Worms, Maier- Heidelberg, Mauerer- München, Mey-Hannover, Mitz-Mühlheim, Möller-Harburg, Müller- Karlshorst-Berlin, Müller-Schopfheim i. W., Müller-München, Neu-Lambrecht, Neukirch-Breslau, Peus-Dessau, Pfeiffle- Mann- bejM. Profit-Ludwjgshafen, Dr, Ouarck-Frankfurj g. M-. Quessel-, Darmstabk, Reese-Nnben, Riem-DreSden, Rößker-Nlkenburg, Seek- Mainz, Severing-Bielefeld, Süßkind-Mannheim, Schneider-Straß- bürg, Spindler-Döbeln, Stolpen-Hamburg. Stockinger-Pforzheim. Sturmfels-Groß-Umftadt, Schlicke-Stuttgart, Schliestedt-Linden, Schmitt-München, Schmidt(Fritz), Scholich-Breslau, Dr. Sude- kum-Berlin, Timm-München, Thielemann-OSnabrück, Töneböhn- Recklinghausen, Treu-Nürnberg, Ulrich-Frankfurt a. M., Ulrich- Offenbach, Vogel-Fürth, Vogt-München, Walter-Höchst a. M., Wasner-Stuttgart, Weill-Strastburg, Wetzker-Bochum, Willi-Karls- ruhe, Witti-München, Wittich-Frankfurt a. M., Ziemer-München, Zorn-Fürth. Vors. Dietz: Die absolute Mehrheit nach der Präsenzliste be- trägt 19 8. Ich bemerke, daß einige Delegierte wegen dringender Geschäfte, zum Teil weil sie Versammlungen abhalten müssen, heute nicht hier sind, diese Genossen können nachträg- lich zu Protokoll erklären, wie sie gestimmt haben würden. Nunmehr wird die namentliche Abstimmung über die Absätze 2, 3 und 4 der Resolution des Partei- Vorstandes und der Kontrollkommission borge- nommen. Diese drei Absätze werden bei 372 Abstlmmenden mit 301 gegen 71 Stimmen angenommen. Mit ja stimmten: Albrecht, Apel, Arendsee, ArnSwald, Baader, Bahrdt, Bartel, Bartels-Wernigerode, Bartels-Hamburg, Baudert, Bebel, Beckmann, Beeck, Beims, Bethke, Beyer, Bielgk, Biniszkiewicz, Bischoff, Blumtritt, Bock, Böhm, Böhme, Böhmer, Bohl, Böhm, Borgmann, Braun, Brecour, Bromme, Brühne, Brückner, Busold, Bühler, Bull, Bunge, Castan, Dautz, David söhn, Deutsch. Diefenbach, Diener, Dietz. Dietze, Dißmann. Dittmann, Diettrich, Dobrohlaw. Döhnel, Donaties, Drescher, Dröhner, Ebert, Eckardt, Eichhorn- Berlin, Emmel, Ernst, Eschke, Faure, Fauth, Fahrenwald, Feld- mann, Ficker, Richard Fischer-Berlin, Fischer-Hannover, Fischer- Duisburg, Fischer-Gera, Fleißner, Focke, Frank-Berlin, Fritzsch, Geck, Geyer, Gewehr. Giebel, Goeldner, Gottleber, Grohn, Grauer, Graupe, Greiner, Grenz, Große. Gruner, Grütz, Haase, Haberer, Hackelbusch, Haenisch, Hahn, Hanisch, Hasenzoll, Hang, Haugen- stein, Hauschild, Haußmann, Heckel, Heinrich, Heinrichs, Hengsbach, Henke, Hennig, Hense, Hentsch, Hetzschold, Hoch, Hönich, Hörsing, Hoffmann-Hamburg, Hoffmann-Celle, Hoffmann-Breslau, Hof- mann-Saalfeld, Hopfe, Horn-Stettin, Horn-Lindenau, Hübener, tunschede, John, Jakobsen, Jung, Jungnickel, Jürgensen, Kaden, atzenstein, Kern, Keil-Wilkau, Kiß, KleeS, KlühS, Klement, Knauf, Knoth, Koenen, Köpke, Knoche, Kraußer, Kröger. Krüger-Wandsbek, Kaßner, Krause, Krüger-KönigSberg, Kunert, Lachenmaier, Lach- mann, Langer, Lex, Leber, Ledebour, Lehmann-Mannheim, Lehmann-Leipzig, Leid. Leopold, Lepitz, Leutert, Lewerentz, Limbertz,. Linde, Liepmann, LipinSki, Lippold, Litfin. Löwigt, Luscher, Lüth, Luxemburg, Martin, Mucker, Mantke, Mann, Meisel, Maehrens, Mende, Metzger, Meyer, Michelsen, Milow, Mittag, Möller, Möglin, Mücke, Müller-Berlin(Parteivorstand), Müller-Leipzrg, Müller-Plauen, Müller-Berlin III, Muth, Neu- kirch, Niendorf, Oertel, Olien, Paetzel, Pannekoek, Panzer, Pappen. heim, Pawera, Pfannkuch, Peter. Pötzsch, Pollender, Ouarck, Rauch, Raute, Reeber, Reese, Reiwand, Reitze, Rieke, Ritter, Ritzert, Rohleder, Roth-Hamburg, Roth-Werdau, Rosenfeld, Roeßler, Rudolph, Ruhl, Rhssel» Sachse, Sailer, Sauer, Seel, Seelmann, Seidel, Süßheim, Sperke, Spindler, Staad, Starosson, Stegner, Steinsöhr, Stiefenhofer. Stalten, Stolle, Stolpe, Ströbel, Stubbe, Stadthagen, Schadow, Schmalfeld, Scharfer, Schliestedt, Schulten, Schmidt-Herford. Schmidt-Viibel, Schmidt-Berlin VI, Schmidt- Linden. Schnelle, Schnirch, Schoenfelder, Scholich, Schöckel, Schöbel, Schindhelm, Schulz-Berlin, Schulz-Wittenberge, Schumacher, Schwarz, Schwartz, Schwemke, Schopflin, Teichmann, Tehlen, Thiele-Guben, Thiele-Halle, Thiel-Tempelhof, TönnieS, Thielmann. Treu, Ulm, Ulrich-Frankfurt, Umland, Vogel, Vogtherr, Wagner- Mölln, Wagner-Braunschweig, Walter-Höchst, Walter-Laubegast, Wassermann- Fürstenwalde, Wassermann- Schöningen, WaSner, Weber, Wellmann, WengelS, Wenzel, Werner, Westkamp. West. meyer, Wicklein, Wiese, WieSner, Wilde, Wilck, Winter, Wittich, Witzke, WiserowSki, Woldt, Wurm, Zietsch, Zentgraf, Zetkin, Zieh, Zorn, Zubetl. Mit nein stimmten: . Auer, Binder. Blase. Böhle, Böttger, Dreh. Cohn, David, DreckShage, Engler, Ernsting, EverS, Faißt, Edmund Fischer- Briesnitz, Frank, Ludwig, Gaiß, Göhre, Gölzer, Grünberg. Heine, Heilmann, Held, Hildenbrand, Hoffmann-Bielefeld, Huber- LudwigShafen, Huber-Landshut, Hug, Kahn, Keil-Stuttgart. Knapper, Knieriem, Korn, Körner, Kolb, Leinert, Lesche, Levi, Loch, Maier, Mauerer, Mey, Müller-Dithmarschen, Müller- Schopfheim, Müller-München, Neu, Nimmersall, PeuS, Pfeiffle, Profit, Quessel, Riem. Severins, Süßkind. Schneider, Stockinger, Sturmfels, Schlicke, Schmitt-Munchen, Schöne, Südekum, Timm, Tönneböhn, Ulrich-Offenbach, Vogt, Weill, Wetzker, Willi, Witti, Ziemer. Es folgt die namentliche Abstimmung über die u n» veränderte Resolution im ganzen. Sie wird mit 289 Stimmen gegen 80 angenommen. Das Resultat wird von der Mehrheit mit lebhaftem Beifall begrüßt. Von den Delegierten, die bei der Abstimmung über den ersten Absatz mit nein gestimmt haben, stimmen nunmehr mit ja: Äöhmcr-Löbau, Diener-Mühlheim, DietzuZtuttgart, Engler- Freiburg, Gustav Fischer-Hannover, Frau Grahn-Hannover, Hasen- zoll-Erbach, Hörsing-Beuthen, August Hoffmann-Zelle, Paul Hoff- mann-Breslau, Jung-Rüsselheim, Dorothee-Magdeburg, Möller- Harburg, Dr. Ouarck-Frankfurt, Reese-Linden, Rößler-Altenburg, Secl-Mainz, Spindler, Stoltvn-Hambuvg, Schliestedt-Linden, Fritz Schmidt, Vogel-Fürtlh, Walter-Laubegast, Wittich-Frankfurt am Main. Hierauf wird der Antrag 94(Einsetzung einer Studien- kommission mit großer Mehrheit abgelehnt. Um 10� Uhr schlägt Dietz Vertagung vor, der Partei. tag beschließt aber, nachdem Emmel und Haase dies befür- wortet haben, den Antrag Zubeil noch zu erledigen. Dr. Frank: Meine Freunde find bereit. Ihnen jedes Eni- gegenkommen zu zeigen und keinerlei formelle Schmie- rigkeiten zu machen, wir sind aber der Auffassung, daß die Behandlung des Antrage» Zubeil im Widerspruch mit der Geschäftsordnung, mit den bisherigen Gepflogenheiten und mit dem Parteistatut steht. Der Antrag des Herrn Zubeil(Zu- rufe: Herrn?) würde sich erübrigen, wenn Sie von folgendem Notiz nehmen. Der Ankrag beginnt mit den Worten:„Angesichts der Er- klärung des Genossen Frank in dem Schlußwort, der sich und seinen Freunden die Stellungnahme zum Beschluß des Parteitages vor- behält". Diese Erklärung habe ich niemal« abgegeben, ich habe vielmehr gesagt:„Wir haben selbstverständlich daS allergrößte Interesse daran, daß die Partei einig und geschlossen bleibt. Wir werden nach jeder Richtung das unferig« tun, um oafür zu sorgen. daß das geschieht, aber keiner von uns kann Ihnen heute erklären, was geschehen wird in Budgetabstimmungen der nächsten Jahre". (Rufe: Na also!) Ich sagte weiter:„DaS ist eine Frag« der Ver- Hältnisse". Ich hoffe nun, daß die Genossen, denen eS ernst ist mit der Einigkeit der Partei, nunmehr zur Arbeit übergehen gegen den Feind. W,r sind der Auffassung, dah unsere Worte n i cht, m Widerspruch stehen mit der Nürnberger Partei- tagsresolution.(Bravo! bei den Süddeutschen, Lachen bei der Mehrheit. Vorsitzender Dietz: Nach der Geschäftsordnung muh der Antrag Zubeil zur Verhandlung kommen, wenn er von mindestens 20 Dele- gierten unterstützt ist. Ich stelle die Unterstützungsfrage.— Die Unterstützung reicht au». Es würde nun zu entscheiden sein, ob der Antrag sofort beraten werden soll. Die Mehrheit entscheidet sich für sofortige Beratung. Frank beantragt Vertagung auf Donnerstag. Vorsitzender Dietz macht darauf aufmerksam, daß ebm die sofortige Verhandlung beschlossen ist. Frank: Wenn Sie darauf bestehen, dann tverden meine Freunde an einer Verhandlung dieses Antrages, der nur eine Wieder» holung deS zurückgezogene» Antrags Znbäl ist.{ich nicht beteiligen. Wie Süddeutschen verlasse»«nter großer Anruße des Parteitages den Saal.) Haase- Königsberg begründet den Antrag Zubeil: Die letzte Aeußerung von Frank ist überaus wertvoll zur Klärung der Situation.(Lebhafte Zustimmung.) Frank hat jetzt selbst zum Ausdruck gebracht, daß diese Aeußerung des Parteivorstandes, die wir in einen Antrag umwandeln wollen, identisch ist mit dem von uns zurückgezogenen Antrag. Es steht also fest und ist uns auS seinem eigenen Munde bestätigt worden, daß die Antrag- st eller niemals einen Rückzug angetreten haben. (Sehr richtig!) WaS die Antragsteller getan haben, war ein Akt des Entgegenkommens. Wir versteifen uns nicht auf eine bestimmie Form. Die von uns gewählte Form war durchaus korrekt. Da sie aber an einigen Stellen mißdeutet zu werden schien, haben wir uns als vernünftige Leute gesagt: uns kam es auf die Sachs an, nicht auf die Form. Weshalb ist denn nun dieser Antrag von neuem notwendig geworden? Genosse Frank hat eben die ent- scheidende Stelle zur Verlesung gebracht. Er wurde in den letzten Tagen immer wieder von uns um eine klare Erklärung, ich möchte sagen, angefleht, und darauf kam nun in seinem Schlußwort, als man ihm sachlich nicht mehr antworten konnte, der Passus, was in der Budgetabstimmung im nächsten Jahre geschehen wird, ist«ine Frage der Verhältnisse. Die Erklärung war allerdings in Friedens- beteuerungen eingekleidet, aber in ihrer ganzen Kraßheit muß diese Erklärung als Faustschlag ins Gesicht der großen Parteitagömehr- heit empfunden werden. Daß unfere Parteigenossen erklärten, sie werden ihre Stellung zur Budgetabstimmung von den Verhältnissen abhängig machen und nicht von den Bestimmungen des P a r t e i t a gS. mußte hier und im Lande große Erregung hervorbringen. Wir mußten deshalb Klarheit schaffen, damit nicht der Anschein entstände, als ob der Parteitag die Erklärung des Parteivorstandes lediglich zu den Akten genommen habe, und als ob ein verbindlicher Beschluß in dieser Richtung nicht vorliege. Jeder mußte wissen, daß der Parteitag sich einen neuen Disziplin- bruch nicht gefallen lassen wolle» komme er von welcher Seite yp wolle.(Beifall.) Bogtherr- Wiesbaden(zur Geschäftsordnung) beantragt na» mentliche Abstimmung, um festzustellen, welche Genossen es vorgezogen haben, den Verhandlungen fernzubleiben.(Bravo!) Richard Fischer: Der von Zubeil eingebrachte und von Haas« begründete Antrag ist tief bedauerlich.(Lachen.) ES ist kein erfreuliches Schauspiel, daß die, über die Sie zu richten entschlossen sind, den Saal verlassen haben.(Lebhafte Unterbrechung.) Die Erklärung Franks mußte genügen.(Stürmischer Widerspruch.) Die Majorität wollte die Gewißheit, daß die süd- deutschen Genossen sich den Beschlüssen deS Parteitags fügen. Was hat Frank nun gesagt?(Zuruf: Das Gegenteil!) Wenn Frank daS Gegenteil gesagt hätte, stände ich nicht hier. Frank hat offen erklärt, dah sich die Süddeutschen über die Abstimmung in den Einzellandtagen jetzt nicht äußern können. Das liegt in den Verhaltnissen, bedeutet aber keinen Wider» p r u ch zu dem Nürnberger Parteitagsbeschluß. Die Erklärung er 66 kann man damit nicht in Parallele stellen.(Widerspruch Ledebour S.) Diewar einProtest, die Erklärung Franks aber nicht. Frank hat auch nicht ein Wort d«S Vor. behaltS gesagt. Er hat nur gesagt, er könne heute nicht sagen, wi« sie die Abstimmung in den nächsten Jahren vornehmen werden. DaS können Sie auch nicht sagen, und dabei eben haben Sie in Lübeck und Nürnberg einen Ausnahmeftill konstruiert. ES ist doch politische Kinderei, von jemand zu verlangen, er solle in seinem ganzen Leben nicht für daS Budget stimmen. Der Antrag ist auch fach» l i ch u n m ö g l i ch. Er vindiziert dem Parteitag ein Urteil über alle künftigen Fälle.(Widerspruch Ledebour S.) LAebour, Sie können mich wirklich ungestört reden lassen und nicht so rum» zapp e In w i e e i n Po ja z.(Unruhe.) Wenn aber der Parteitag das beschließt, dann bindet e» bereits alle Schiedsgerichte, die sich mit einer solchen Sache zu befassen haben, präjudiziell, denn er hat bereits ein Urteil gesprochen. Ich bitte Sie, lassen Sie den Antrag nicht zur Abstimmung kommen. Sie sprechen damit indirekt aus, wir glauben einander nicht mehr.(Widerspruch.) In dieser Situation können wir doch nickt verhandeln, das sollte Ihnen die Vernunft sagen. Sie haben den Genossen von oer Minderheit, denen Sie jetzt den Stempel der Unterwerfung aufdrücken wollen« keine Gelegenheit gegeben, sich zu beraten. Da» kann den Anschein erwecken, als ob Sie Ihre Majorität mißbrauchen wollen. Es sind doch bei Ihnen selbst Verhandlungen gepflogen worden: Wenn von Seiten der Minderheit eine Erklärung vor» liegt, die Sie befriedigt, dann sollten Sie auf den Antrag ver» zichten. War denn überhaupt die Möglichkeit, daß die Bayern, die Württemberger, die Badenser zu einer vernünftigen Besprechung und zur Formulierung einer Erklärung zusammentreten konnten, die Sie und uns beiriedigte und deren Tragweite sie ermessen konnten. Das SolidaritätSgefühl und das Gefühl für da» Ansehen deS Parteitages auch nach außen sollte Sie dazu bringen, jetzt von einer Beschlußfassung abzusehen und der Minderheit Gelegenheit zur Aeußerung zu geben. Stimmen Sie nicht heute abend ab, wo die Genössen wegae» gangen sind, und mit Recht, denn man wollte ihnen oen Stempel der Unterwerfung aufdrücken. Nicht wie Genossen, mit denen man zusammen kämpft, sondern wie Feinde, die man besiegt hat, so wollen Sie die Genossen vom Parteitag weggehen lassen.(Beifall und Zischen.) Dittmann erklärt zur Geschäftsordnung, dah die Antragsteller, bereit seien, den Wortlaut der Erklärung von Frank in ihre» Antrag aufzunehmen. Die Erklärung lautet:„Keiner von uns kann Ihnen heute erklären, was geschehen wird in den Budgetabstimmungen der nächsten Jahre. Das ist eine Frage der Verhältnisse. Da» ist die Erklärung, die ich hier abzugeben habe." Katzenstein: Frank hat noch hinzugefügt:„Wir find über- zeugt, daß unser Verhalten nicht im Gegensatz zur Nürnberger Resolution stehen wird."(Sehr richtig!) Damit haben die Süd- deutschen erklärt, daß sie sich an die Nürnberger Res». lution zu binden gedenken.(Widerspruch.) Wenn Frank erklärt hat, daß daS von den Verhältnissen abhängt, so liegt das an der Nürnberger Resolution selbst, wonach gewisse Verhaltnisse eintreten können, die eine Ausnahme von dem allgemeinen Verbot der Budgetannahme gestatten. Um eine andere Fassung der badi- schen Erklärung zu ermöglichen, bitte sich Sie im Einverständnis mit Fischer die Sache auf morgen früh zu vertagen. (Widerspruch.) Vors. Dietz: Ich bitte nochmals, es mir zu überlassen, die Sache später auf die Tagesordnung zu setzen. Ich besitze z. B. in diesem Moment nicht einmal das Manuskript des ersten Antrags Zubeil, geschweige denn die Zusätze. Man sollte doch eine so schwerwiegende Frage wenigstens im Druck vor sich haben. Also überlassen Sie mir die Sache.(Lebh. Zurufe: Nein, nein!) Dittmann(�ur Geschäftsordnung): Ich stelle fest, daß der An- trag Zubeil die ganze Zeit auf dem Bureau ge» Wesen ist.(Dietz: Ich habe gesagt, im Augenblick habe ich ihn nicht.) Im übrigen warne ich Sie dringend vor einer Vertagung auf morgen.(Leinert: Ihr habt wohl Angst, daß noch etwas geschieht!) Die Genossen sind es satt, sich fortgesetzt ein, seifen zu lassen.(Sehr richtig!) Vors. Dietz: DaS wären doch merkwürdige Delegierte, die sich einseifen lassen.(Heiterkeit und Sehr gut!) Dazu schätze ich die Delegierten zu hoch ein.(Bravol) Lehmann-Mannheim(zur Geschäftsordnung): Ich glaube, daß wir bei der gewissen Erregung, in die wir nach dem Exodus der Badenser und Bayern gekommen find, ferner da die Ver- Handlung über Gebühr ausgedehnt worden ist und der Vorsitzende erklärt, daß ihm die Uebersicht fehlt, daß wir uns vertagen. Unser Beschluß könnte sonst als trotz seiner Wichtigkeit in Eile gefaßt, im Lande draußen viel angefeindet werden. Wir haben Zeit(Ohol), denn die gleiche Mehrheit ist morgen auch noch da. Hoch-Hanau polemisiert gegen Richard Fischer. Die Er, klärung von Frank kann uns nicht genügen, weil wir die kr» flStung verlangen muhten, vah auch vle Badenser Beschlüsse des Parteitags auch für sich als maßgebend anerkennen. Die Genossen im ganzen Lande verlangen, dah der Parteitag feststellt, daß seine Beschlüsse nicht nur für gewöhnliche Arbeiter gelten, sondern für jeden Genossen. Daß die Badenser Bedenken hatten, auszu- sprechen, daß sie sich fügen, ist das entscheidende.(Leine rt: Den Kotau müssen sie machen.) Ist denn das Kotau, wenn ich sage, da ich der Partei angehöre, habe ich mich auch zu fügen? Gerade vor den Gegnern wollen wir dartun, dah es in der Partei wohl volle Meinungsfreiheit gibt, dah aber die Parteitagsbeschlüsse von jedem einzelnen hochgehalten und durch- geführt werden müssen. Wir erkennen für niemanden Freiheit an, sich über die Parteitagsbeschlüsse hinwegzusetzen. Wenn Fischer auf das jederzeit mögliche Eingreifen des Parteivorstandes hinweist, so berufe ich mich darauf, dah Bebel uns geraten, in der Politik Mihtrauen zu haben. Wenn die Genossen die Erklärung, dah sie sich fügen, nicht geben können, dann haben sie ihre Ma ndate niederzu- legen.(Lebhafter Beifall.) Der Vertagungsantrag Lehmann wird abgelehnt. Bogtherr-Wiesbaden: Wir stellen fest, dah nicht die Majorität die Minorität veranlasst hat, sich zu entfernen. Es handelte sich für die Badenser nur darum, ob sie sich noch im letzten Augenblick dazu verstehen wollten, eine runde Zustimmungs- erklärung zur Forderung des Parteitags zu geben. Die Erklärung Franks war verklausuliert. Wir sind von einer Nachgiebigkeit zur andereen geschritten, bis uns die Geschichte zu dumm geworden ist. Dr. Rosenfeld-Berlin beantragt Schluh der Debatte. Katzeustcin verlangt Aussetzung der Abstimmung auf morgen, eS sei sehr wahrscheinlich, dah die Süddeutschen morgen eine befriedigende Erklärung abgeben. Schluh der Debatte wird angenommen. Ein weiterer, auch vom Bureau gestellter Vertagungsantrag wird abgelehnt. 0 Haase-KönigSberg zieht den Antrag auf namentliche Abstim- mung zurück, Hoch-Hanau nimmt ihn zedoch wieder auf. Während der namentlichen Abstimmung wird eine Dele- tziertin ohnmächtig, erholt sich aber bald wieder. Die Abstimmung ergibt die Annahme deS Antrags mit 228 Stimmen gegen 64. Dagegen stimmen: Bahrdt, Bartel, Bartels, BeimS, BiniSkiewicz, Böhmer, Brey, Brückner, Bromme, Diener, Dietz, Dietrich, Dreckshage, Ernsting, Fischer Richard. Fischer Gustav, Fritzsch, Göhre, Gruner, Grohn, Haasenzoll, Hauschild, Heckel, Held, Hoffmann August, Hoffmann Karl, Hoffmann Paul, Jung, Katzenstein, Keil-Stuttgart, KlühS, Klement, Knoche, Leinert, Levi, Mücke, Meyer Joseph, Neukirch, Peus, Reese, Ritter, Rözlxr, Ruhl, Sailer, Seel, Severing, Schneider, Steinföhr, Stalten, Schlicke, Schliestedt, Scholich, Schöne, Thiele. Halle, Töneböhn, Ulrich-Ofsenbach, Walter-Höchst, Wasner, Weber, Wenzel, Wetzker, Wicklein, Witti, Wittich. Vorsitzender Dietz: Ich denke, daß wir jetzt vertagen.(Heiter- keit.) Die Sitzung ist geschlossen. Schluß M Uhr._ Hus der sRelchsverncherungsordnungs- Kotmnitfion des Reichstages. Sitzung vom Donnerstag, den 22. September. In die Vorlage ist die Bestimmung des geltenden Gesetzes auf- genommen worden, dah die Satzung der Berufsgenosienschaften die Versicherungspflicht auf Betriebsunternehmer ausdehnen kann, deren JahreSarbeitSverdienst nicht 3666 Mark über» steigt, oder die regelmässig keine oder höchstens zwei VersicherungS- Pflichtige gegen Entgelt beschäftigen. Diese Bestimmung wollte das Zentrum streichen, da die kleinen Unternehmer in den Berufsgenosienschaften dort nicht ein massgebendes Wort gegenüber den Grossunternehmern mitsprechen können und für sie die ZwangSverstchcrung teurer komme als die freiwillige Versicherung bei einer privaten Unfallversicherung. Darauf wurde erwidert, dah auch den Kleinunternehmern die Entschädigung deS Schadens infolge eines Unfalls möglichst gesichert werden mutz. Das kann nur durch den Versicherungszwang erreicht werden. Um die Verwaltungskosten der Versicherung zu vermindern und die Uebermacht der Grohunternehmer in den BerufSgenossenschasten zu beseitigen, müsse die Organisation der BernfSgenossenschaflen ge- ändert werden. Der Antrag wurde gegen die Stimmen des Zentrums abgelehnt. Eine bezeichnende Aenderung bringt die Vorlage in bezug auf die vorsätzlich herbeigeführten Unfälle. DaS gegenwärtige Gesetz entzieht den Anspruch auf Unfall- entschädigung dem Verletzten und seinen Hinterbliebenen, wenn der Verletzte den Unfall vorsätzlich herbeigeführt hak. Dies ist in der Vorlage dahin verschärft worden, dass der Anspruch auf Unfall- entschädigung auch dann sortfällt, wenn der Unfall von den Hinterbliebenen vorsätzlich herbeigeführt worden ist. Die Sozialdemokraten stellten fest, dass solche Fälle, in denen eine Frau den Unfall ihres ManneZ oder Eltern den Unfall de» sie ernährenden Sohnes— denn nur um diese Fälle handelt es sich hier— vorsätzlich herbeigeführt haben, niemals vorgekommen seien. Aber auch die Fälle, in denen der Verunglückte selbst— wenn er nicht geisteskrank ist— vorsätzlich seinen Tod durch einen Betriebsunsall herbeigeführt habe, kommen wohl kaum vor. Jedoch ist es für die Angehörigen des Getöteten sehr schwer, nachzuweisen, daß der Verunglückte geisteskrank ge- Wesen ist. Deshalb beantragten die Sozialdemokraten, daß in der- artigen Fällen den Hinterbliebenen die Unfollentschädigung nicht entzogen werden soll. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Freisinnigen, de» Polen und der Wirtschaftlichen Vereinigung abgelehnt. Unfälle durch verbotswidriges Handeln. Die Sozialdemokraten beantragten, dass in dem Gesetz ausdrücklich vorgeschrieben wird: Fahrlässigkeit, selbst grober Art, oder verbotswidriges Handeln, schließt den Ersatz des Unfallschadens nicht auS. Gen. Hoch wies eingehend nach, dass die Berufsgenosienschaften immer wieder den Versuch machen, die Unfallentschädigung unter dem Borwande zu verweigern, dass der Verunglückte selbst sich durch grobe Fahr- läsfigkeit oder durch verbotswidriges Handeln den Unfall zugezogen Siabe. Eine solche Beschränkung der Versicherung stehe im Wider- prnch mit dem Grundgedanken der Unfallversicherung, der den Geschädigten gerade die Unfallentschädigung für alle Betriebs- Unfälle mit der einzigen Ausnahme der vorsätzlich herbeigeführten Unfälle sichern will. Das Reichs-VersicherungSamt fei dennoch jenen Bestrebungen nur zu oft entgegengekommen. Deshalb müsse dem durch eine ausdrückliche Bestimmung im Gesetz ein Riegel vor- geschoben werden. Den entgegengesetzten Standpunkt nahmen die National- liberalen� ein. Sie beantragten, daß den Berufsgenosienschaften das Recht gegeben werde, die Unsallentschädigung dann zu ver- weigern, wenn der Verunglückte den Unfall durch ein verbotswidriges Handeln verschuldet hat, das nicht den Zwecken des Betriebes dient. Sie stellten es als ganz unberechtigt hin, daß die Unternehmer dem Verunglückten den Schaden ersetzen sollen, den er sich durch eine verbotswidrige, mit den Interessen des Unternehmer« in gar keinem Zusammenhang stehende Handlung zugezogen habe. Dabei ließen sie ganz unbeachtet, daß solche Unfälle nur dann in die Ersatzpflicht der Unfallversicherung fallen, wenn sie mit dein Betnebe tatsächlich in Verbindung stehen. Die Debatte ergab denn auch, daß durch die Annahme deS national- liberalen Antrages ein großer Teil der Unfälle aus der Entschädigungs- Pflicht der Unfallversicherung herausfallen würde, für deren Schaden ixe Berufsgenossenschaften nach dem geltenden Gesetz Ersatz zu leisten haben. Da« wäre eine so große Schädigung der Arbeiter, daß fie in gar keinem Verhältnis zu dem angeblichen oder tatsächlichen Verstoß der Verunglückten gegen ein Verbot stehen würde.— Der Antrag der Nationalliberalen wurde gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Deutsch- konservativen abgelehnt und der Antrag der Sozialdemokraten gegen die Stimmen dieser Parteien und der Freikonservativen angenommen. Jedoch stimmte Abg. Irl vom Zentrum für den arberterfeindlichen An- trag der Nationalliberalen. Eine«uSuahmebestimmung gegen die Berg- a r b e i t e r. AuS dem geltenden Gesetz ist die Besiimmung übernommen worden, daß der Schadenersatz ganz oder teilweise versagt werden kann, wenn der Verletzie sich den Unfall beim Begehen einer Hand- lung zugezogen hat, die nach strafgerichtlichem Urteil ein Verbrechen oder vorsätzliches Vergehen ist. Die Sozialdemokraten beantragten, daß diese Beslimmung nur für ein Verbrechen, nicht aber für ein Vergehen gelten soll. Gen. Molkenbuhr legte dar, daß in einzelnen Bundes- staalen die Zuwiderhandlungen gegen bergpolizeiliche Schutz- Vorschriften mit Geldstrafe von mehr als 150 M. bedroht sind. Solche Handlungen find aber nach dem Strasgeietzbuch als Vergehen anzusehen. Demgemäß werden die verunglückten Bergarbeiter bei derartigen Zuwiderhandlungen nicht nur mit der Geldstrafe, sondern auch mit der Entziehung der Unfallrente bestraft. Wie aber aus der Petition des Verbandes der Bergarbeiter zu ersehen ist, können solche Zu- widerHandlungen bei den oft traurigen ArbeitSverhällnissen der Berg- arbeiter auch ohne ein gar zu grobes Verschulden der Verunglückten vorkommen. Deshalb sei die Entziehung der Rente in solchen Fällen ganz unberechtigt.— Der Vertreter der preußi- ichen Bergwerksverwaltung versicherte, daß die be- stehende Vorschrift ganz unenibehrlich sei. Darauf erwiderten ihm die Sozialdemokraten, daß in anderen Bundesstaaten. z. B. in Sachse», die Zuwiderhandlungen mit Geldstrafen unter 150 M. bedroht sind, also auch nicht als Vergehen gelten, und daß infolgedessen die Bergwerksverwaltung hier ohne Entziehung der Rente auskommt.— Der sozialdemokratische Antrag wurde zwar abgelehnt, dagegen ein AbschwächungSantrag des Zentrums angenommen, nach dem die Verletzung berg« polizeilicher Verordnungen nicht als Bergehen ün Sinne dieser Bestimmung gilt. Gegen diesen Antrag stimmten die Kon- servativen und Nationalliberalen. Ferner beantragten die Sozialdemokraten: Die Unfall- entschädigung soll nicht erst vom Beginne der 14. Woche nach dem Unfall ab gewährt werden, sondern vom Tage nach dem Unfall, oder mindestens vom Beginne der 5. Woche ab. Die Vollrente soll nicht nur zwei Drittel des Jahresverdienstes, sondern den ganzen Ar- beitSverdienst betragen. Die Soziatdemokraten erinnerten daran, daß das Zentrum früher für diese Forderungen, wenigstens zum Teil, ejn- getreten fei und damit die Berechtigung der Forderungen anerkannt hätte. Das Zentrum erwiderte, daß es auch jetzt noch für jene Forderungen.im Prinzip" sei: es könnte aber nicht wagen, den Anträgen zuzustimmen, da dann die Regierungen daS ganze Gesetz scheitern lassen würden. DaS Zentrum stimmte dann mit den Konservativen und Nationalliberalen die Anträge der Sozialdemokraten nieder. Auch gegen den Antrag der Sozialdemokraten, daß die Berufsgenossenschasten nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben sollten, die Teilrente eines Verunglückten bis zur Vollrente zu erhöhen, so lange der Verunglückte infolge deS Unfalles unverschuldet arbeitslos ist, erklärte sich das Zentrum zusammen mit den Konservativen und Nationalliberalen. Darauf schlugen die Sozialdemokraten eine solche Fassung der Bestimmung vor, daß die Schiedsgerichte und das Reichs-Versicherungsamt das Recht haben sollten, nachzuprüfen, ob die Berufsgenossenschaften die Er- höhung der Rente mit Recht verweigert haben. Auch diese Ver- besserung stimmte das Zentrum zusammen mit den Konservativen und Rationalliberalen nieder. Fortsetzung Freitag. Hus der ZiittizssominWou. Sitzung Donnerstag, 22. September 19IV. Der fünfte Abschnitt de? vierten Buches handelt von der Strafverfügung und dem Strafbescheid. Nach Z 431 aben die Polizeibehörden das Recht, in Uebertretungssällen Straf- «fehle zu erlassen. Dazu liegt ein Antrag unserer Genossen vor, der fordert, dah Polizeibehörden gegen minderjährige Per- sonen keine Strafbefehle erlassen dürfen, ferner darf ein Verweis in einem polizeilichen Strafbefehl nicht enthalten fein.— Trotz der eingehenden Begründung wurde der Antrag mit allen gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Eine interessant« Debatte entspann sich auch beim Z 432, zu dem ein sozialdemokratischer Antrag vorlag, der verlangte, daß ein polizeilicher Strafbefehl von einem verantwortlichen Beamten unterzeichnet sein muß. Hierbei kam namentlich die Ge- wohnheit der Berliner Polizeibehörde zur Sprache, die drei Arten von Strafbefehlen zu erlassen pflegt, von denen keiner den gesetz- lichen Vorschriften entspricht.— Ein konservativer Antrag bezweckte, daß, wenn ein Strafbefchl sich gegen einen Jugendlichen richtet, der Strafbefehl auch dem gesetzlichen Vertreter des Jugendlichen zuzustellen ist. Die Freisinnigen beantragen, daß das Landesgesetz bei den allgemeinen Vorschriften über den Strafbesehlerlaß be- stimmen mutz, welche Beamten einen Strafbefehl zu unterzeichnen haben. Die Regierungsvertreter wendeten sich gegen die Anträge, insbesondere richteten sie ihre Ausführungen gegen den freisinnigen Antrag, der in das Beamtenorganisationsrecht der Einzelstaaten eingreifen würde. Ferner erklärte ein RegierungSvertret«. daß sekbstverständlich Strafbefehle von einem verantwortlichen Be- amten unterzeichnet sein müssen. Demgegenüber heben unsere Genossen hervor, daß erst vor wenigen Tagen ein Berliner Amts- geeicht entschieden hat, baß die im Schmiedestreik in Menge gegen Streikposten erlassenen Strafbefehle gültig seien, trotzdem sie nicht unterzeichnet waren.— In der Abstimmung wurden die Anträge der Konservativen und Freisinnigen angenommen. Durch die Annahme des letzten Antrages war der sozialdemokratische Antrag erledigt. Zu längeren Auseinandersetzungen führte ein sozialdemo- kratischer Antrag zum Z 435. Nach dem Bestimmungen deS Paragraphen ist die Beschwerde gegen einen Strafbefehl bei dem zuständigen Amtsgericht einzulegen. DaS kann bei der Kam- plizierung der Bestimmungen über die Zuständigkeit der Gerichte häufig dazu führen, daß ein Bestrafter feine» Beschwerderechts allzu leicht verlustig gehen kann. Unsere Genossen beantragten deswegen, zu bestimmen, daß die Beschwerde bei jedem Gericht eingereicht werden kann. Trotz des Widerspruches der RegierungS- Vertreter wurde der sozialdemokratische Antrag fast einstimmig angenommen. Ohne wesentliche Aenderung wurde der 8 436 angenommen. Beim§ 437 beantragten unsere Genossen, daß die Bestimmung im Entwurf gestrichen wird, nach der die Zurücknahme des Straf- besehls von der Zustimmung der Staatsanwaltschaft abhängig ist. Der Antrag wurde abgelehnt. Ebenfalls abgelehnt wurden die von unseren Genossen zu den.. 88 438, 439 gestellten Anträge. Zum 8 440 forderte ein weiterer sozialdemokratischer Antrag, daß Strafbefehle, die nach den gesetzlichen Bestimmungen als unvoll. ständig ausgestellt zu betrachten sind, zurückgenommen werden müssen. Der Antrag wurde abgelehnt; dagegen nahm die Kommission einen Antrag G r ö b e r an, nach dem mit Zustimmung des Beschuldigten ein in sich nicht zuständiges Gericht über einen Strasbefehl entscheiden kann, wenn der Strafbefehl für eine Tat erlassen worden ist, für welche der erlassenden Behörde eine Strafbefugnis nicht zustand. Der 8 443 enthält die Bestimmung, daß, wenn ein Strasbefehl der von einer Behörde erlassen worden ist, die dazu nicht befugt war. vollstreckbar geworden ist, der Täter noch einmal im Wege des ordentlichen Verfahrens verfolgt werden kann. Unsere Genossen beantragten, diese Neuerung glattweg abzulehnen und das Gegenteil in das Gesetz aufzunehmen. Hierzu kommt, � daß die weitere Verfolgung in das Belieben der Staatsanwaltschaft gestellt wird.— Die Regierungsvertreter sprachen sich gegen den Antrag aus, der gegen die Stimmen unserer Genossen und eines Polen abgelehnt wurde. Dann wurde der Rest des Abschnittes bis zum§ 448 unverändert angenommen. Auch die 88 mit dem der 6. Abschnitt,„Verfahren gegen Wehrpflichtige", beginnt, bis 455 wurden ohne Dis- kussion angenommen. Beim 7. Abschnitt,„Einziehung und Vermögens- beschlagnahm e", wurden die zu den§8 456, 457 und 458 gestellten sozialdemokratischen Anträge abgelehnt. Die folgenden Paragraphen bis zum§ 461 wurden dann ohne Debatte angenommen. Damit ist das vierte Buch der Strafprozeß- ordnung erledigt. Beim 1. Abschnitt des fünften Buches,„V 0 l l st r e ck u n g", entspinnt sich beim§ 466 eine Debatte über die Todesstrafe. Von unseren Genossen war beantragt, in der Strafprozeßordnung zu sagen, daß die Todesstrafe nicht vollstreckt werden darf.— Die Freisinnigen und der Regierungsvertreter betonen, daß diese Frage nur im Strafgesetzbuch geregelt werden kann, nicht in der Straf- Prozeßordnung. Der Antrag wurde abgelehnt und die Weiter- beratung auf Freitag vertagt. Eins der Partei. Ein neuer Frank? DaS„Berliner Tageblatt" vom Donnerstagabend bringt eine Magdeburger Korrespondenz vom 22. September, in der sein L.-Korrespondent, der offenbar von den Stimmungen unserer Ge- nossen so viel weiß wie die Kuh von der Geometrie, zunächst von einer. Katzenjammerstimmung" der Radikalen phantasiert. DaS Vergnügen, sein Blatt durch solchen Blödsinn zu täuschen, soll dem Herrn unbenommen bleiben— stünde nicht weiteres in seinem Schreiben, wir hätten deswegen keinen Federstrich getan. Was unS aber dazu zwingt, ist die Behauplung des Herrn, daß ihm Genosse Dr. Frank eine längere Unterredung gewährt habe. die er folgendermaßen darstellt: .... Auch Dr. Frank fürchtet keinen Augenblick eine Trennung der Partei, etwa in einen norddeutschen und einen süddeutschen Flügel— daran dächten selbst die extremsten Elemente in beiden Lagern keinen Moment. Dr. Frank berief sich für seine Auf- fassung der Situation zunächst auf die Erklärung, die er selbst gestern in seinem Schlußwort abgegeben und wo er zwei Dinge festgehalten habe. Erstens, daß gegen die Großblockpoliiik bei den Wahlen sowohl in Baden wie im Reiche, wie er sie verlangt habe, in den ganzen Debatten sich auch nicht eine einzige Stimme gemeldet habe, daß die sozialdemokratische Partei sich vielmehr nach wie vor einig sei, diese Art der Großblockpolittk insbesondere auch bei den Reichstagswahlen zu erstreben. In der Budgetftage, so fuhr Dr. Frank'fort, hat man gestern mitten in der Nacht noch unter Nichtbeachtung der Geschäftsordnung und der Kameradschaft nachträglich einen Be» schluß gefaßt, der nur als eine Drohung für künftige Budget- abstimmungen aufgefaßt werden kann. Auch dieser Beschlutz steht im Widerspruch mit unserem«iaenen Parteistatut. In unserer Parter« Verfassung ist bestimmt, daß nur die Bezirks- und Landes- organisationen über den eventuellen Ausschluß eines Mitgliedes zu entscheiden, aber auch diese allein einen Antrag auf Ausschluß zu stellen haben. Nach dem Parteistatut kann ferner ein solcher Be« schluß in Frage kommen, wenn durch beharrliche Nichtbeachtung von ParteitagSbeschlüssen die Partei geschädigt wird. Es ist natürlich ein völliger logischer Unsinn, wenn eine Korporatton wie der Parteitag heute schon wissen und entscheiden will, ob in zwei Jahren unter Umständen durch eine Abstimmung die Partei geschädigt werden wird und kann. Durch die Zurückziehung de» ersten Antrages Zubeil hat ja auch die Mehrheit selber anerkannt, daß ein solches Vorgehen taktisch und politisch unmöglich sei. Die» selben Herren haben ein paar Stunden später zugegeben, daß der neue An'.rag, wenn auch in anderer Form, eine Wiederholung des Antrages Zubeil war. Damit ist die politische Bedeutung dieses Vorganges genügend gekennzeichnet. Er wird keine direkten politischen Folgen habe». Er war vielmehr nur eine Ausgeburt der Uebermüdüng und der Leidenschaft, die bei der Mehrheit herrschte." Auf meine Frage, ob auch Dr. Frank die Befürchtung teile, daß die gestrigen Vorgänge auf die W a h l e r f 0 l g e der Sozialdemokratie, insbesondere aber auf ein Zusammen- gehen mit der bürgerliche» Linken nicht ohne Einfluß bleiben werden, erklärte Dr. Frank:„Ich teile diese Befürchtung nicht. Für den deutschen Süden zum Beispiel glaube ich bestimmt ver- sichern zu können, daß diese Befürchtungen unbegründet sind." Nach der.KatzenjammerstlmmungS"- Leistung deS Herrn 3. könnte man zu der Vermutung kommen, daß er auch diese Unter- redung, wenn auch nicht ganz erfunden, so doch erheblich enlsiellt wiedergegeben hat. Denn daß ein Genosse vor einem Vertreter eines bürgerlichen Blattes sich derartig über innere Angelegenheiten unserer Partei ausgesprochen hat, daS vermögen wir erst dann zu glauben, wenn er der Darstellung nicht widerspricht. Hätte Genosse Dr. Frank sich wirklich so vor einem bürgerlichen Journalisten ausgelassen, so hätte er nicht nur eine grobe Geschmacklosigkeit begangen, sondern auch ein eines Partei- genossen unwürdiges Verhalten gezeigt, daS auf das schärfste ver- urteilt werden müßte!_ Die Stuttgarter Genossen und daS„Neckar-Echo". DaS„Neckar-Echo" von Heilbronn, dessen häßlichen Ausfall gegen den Genossen Kinkel und gegen die Stuttgarter Genossen wir dieser Tage tiefer gehängt haben, hatte inzwischen einen neuen Ausfall desselben Kalibers gebracht. Darauf antwortet jetzt in der Schwäbischen„Tagwacht" der Genosse B u l l m er mit folgen- der Erklärung: „Unter der Stichmarke„Allzu scharf macht schartig" richtet das„Neckar-Echo" vom Dienstag einen zweispaltenlangen Angriff gegen die jetzige Stuttgarter Parteileitung, der augenscheinlich von einem Stuttgarter Genossen ausgeht. In diesem Artikel wird behauptet, daß eine„kleine Gruppe" von Stuttgarter Partei» genossen unter Führung des Genossen Westmeyer durch die Art, wie sie die Parteidiskussionen pflegt, oie Meinungsfreiheit unterdrücke. Ferner sagt der Artikelschreiber, daß diese Gruppe in der Stuttgarter Parteiversammlung am Samstag durch Ueberrumpe- lung der Parteigenossen versucht habe, ein Mißtrauensvotum gegen die Landtagsfraktion durchzusetzen. Zum Beweis dafür wird u. a. gesagt, daß die Genossen Westmeyer und Bullmer für lyre Angriffe gegen die Landtagsfraktion das„wohlgeordnete Material zur Hand hätten". Genosse Westmcyer ist gegenwärtig auf dem Parteitag zu Magdeburg, so daß ihm eine rasche Antwort auf diese unqualisi- zierten Angriffe unmöglich ist. Ich hingegen erhebe mit aller Entschiedenheit Einspruch gegen diese Verdächtigung. Das er- wähnte„Material" bestand in einem Brief des Genossen Kinkel- Göppingen an die Parteileitung und den uberall bekannten Ver- sammlungsbeschlüssen der Stuttgarter Genossen zur Budgetfrage, von denen der eine nach dem Nürnberger Parteitag mit einer Majorität von 600 gsgen 13 Stimmen gefaßt wurde. Wie man da von einer kleinen Gruppe von Parteigenossen reden kann, ist mir unerklärlich. Von„einer Ueberrumpelung und Vergewaltigung unbequemer .Parteigenossen" kann um so weniger die Rede sein, als ich und sicherlich auch 5er Eenosse Westmeyer keine KenniniS von 5er Absicht des Genossen Schuhmacher hatten. Wohl aber ist es er- klärlich, dah die Genossen, nachdem Genosse Keil in der„Tagwacht" dem Bezirk Westen das Recht abgesprochen hatte, im Namen der Stuttgarter Genossen zu sprechen, das Bedürsnis fühlten, sich auch zu dem Vorgehen der Landtagsfraktion zu äußern. Wenn schließlich in dem Artikel gesagt wird, daß durch das Vorgehen dieser„Gruppe Genossen" der bürgerlichen Presse ein gefundenes Fressen vorgesetzt wird, so wüßte ich nicht, was der bürgerlichen Presse mehr behagen konnte, als diese fortgesetzten Angriffe des„Neckarecho" auf die Stuttgarter Parteileitung und die im Vordergrund der Organisation stehenden Genossen. Die„persönlichen und gehässigen Auseinandersetzungen, die das Parteileben vergiften", sind, wie auch dieser Artikel zeigt, doch ganz wo anders zu finden als bei der dem„Neckarecho" so un- bequemen„kleinen Gruppe von Genossen". Daß deren Arbeit der Stuttgarter Parteiorganisation nicht zum Schaden gereicht, be- weist der große Besuch der stattfindenden Parteiversammlungen und die stattliche Zahl der Neuaufnahmen. Das sind Tatsachen, die diese Angriffe aufs treffendste widerlegen. H. Bu l l m e r, 2, Vorsitzender des Sozialdemokratischen Vereins Stuttgart. Eue Induftnc und Handel. Die Rentabilität im NahrungS- und Gennsiniittelgewerbe. DaS große und wichtige Gebiet des NahrungS- und Genuß» Mittelgewerbes hat in den letzten beiden Jahren nicht nur infolge der sinkenden Kaufkraft, sondern auch unter der Steuerbelastung, von welcher eine Reihe wichtigster NahrungS- und Genußmittel be» troffen wurden, schwer gelitten. Wird doch der Konsum gerade der begehrtesten NahrungS- und Genußmittel nicht allein durch die je» weilige Richtung der allgemeinen wirtschaftlichen Entwickelung, sondern auch in recht einschneidender Weise durch die Preisgcstaltuug beeinflußt. Daß die Rentabilität des im Nahrungs- und GeuußmittelgewerbeS investierten Kapitals sich im allgemeinen in letzter Zeit trotzdem wieder in der aufsteigenden Linie bewegt, daS zeigen die finanziellen Erträgnisse der Aktiengesellschaften dieser Branche. Insgesamt haben in den ersten acht Monaten des laufenden JahreS 320 Aktiengesellschaften deS NahrungS- und Genußmittel« gewerbeS, die in der Hauptsache dem Müllerei- und Brauereigewerbe sowie der Zuckerindustrie angehören, ihre Bilanzen bekannt gegeben, aus Grund deren sich ein Vergleich der Renrabilität der betreffenden Gesellschaften in den beiden letzten Geschäftsjahren ermöglichen läßt. ES ergibt sich dabei folgendes Bild: o M Akt.-Kap.in 1<1ach>> steuer. Von Theodor Lorentzen. Preis 1 M. Verlag von LipsiuS u. Fischer, Kiel und Leipzig. Ueber krankhafte moralische Entartung im KindeSalter und über de» Hetlwert der Assektc. Bon Prof Dr. G. Anton. Einzelpreis 4 M. Karl Marhold Verlagsbuchhandlung Halle a. S. • Amtlicher Marktbericht der städtischen Marttdallen-Dlrektton über den Großhandel in den Zentral-Martthallen. Marktlage: Fleisch» Zufuhr stark, Geschäft schleppend, Preise unverändert, jür Kalbfleisch an- ziehend. Wild: Zufuhr nicht genügend, Geichäsl lebbast. Preise wenig verändert. Geilügel: Zufuhr genügend, Geschäft ziemlich rcgc, Preise schwankend.. Fische: Zufuhr knapp, Geschäft ziemlich lebhaft, Preij« wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise un» verändert. Komüs«, Obst und Südfrüchte: Zufuhr reichlich, Geschäft sehr flckll, Preis« wenig verändert._ vuchdruckerei u, Verlagsanstalt Paul Singer& Eo„ Berlin SW» it. 223. 27. Jahrgang. 2. Snltze des Jonuirts" Krlim MM Freitaz. 23. Zepteulbet!9ly. pztteilzg äer deutschen Sozial- Semoki'atie zu liiagdeburg. Vierter Berhandlungstag. Magdeburg, den 22. September. Vorsitzender Klühs eröffnet die Verhandlungen um 9f4 Uhr. Auf Ul.r Tagesordnung steht der Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der Rcichstagsfraktion. Berichterstatter ist Abg. Noske. Ich habe nur über eine kurze Tagung des Reichstages Bericht zu erstatten. Viel Gutes können wir Ihnen über die Verhandlungen des letzten Jahres nicht mitteilem Wenn die sozialdemo- kratischen Abgeordneten vor ihren Wählern in den letzten Monaten Bericht erstattet haben, dann werden sie ohne Ausnahme erklären müssen, daß sie aus dem Reichstage fast mit ganz leeren Händen wieder heimgekommen sind. In dieser Tagungsperiode vom 30. November bis zum 10. Mai stand fortgesetzt noch die Frage der sogenannten Finanzreform im Vordergrund des Interesses. Der skandalöse Plünderungszug auf die Taschen des deutschen Volkes hat zur Folge gehabt, daß ein wahres Tohuwabohu zwischen den bürgerlichen Parteien eingerissen ist. Die Erbitterung der bürgerlichen Parteien auf- einander ist immer noch außerordentlich groß. Abgesehen von son- stigen Meinungsverschiedenheiten sind die Parteien des neuen fchwarz-blauen Blocks erbost darüber, daß von den Libe- ralen fortgesetzt die Stcuerfragen bei der Agitation in den Vordergrund des Interesses gezogen werden. Die Liberalen sind empört und wütend darüber, daß ihre Bülow--Block- Herrlichkeit ein Ende erreicht hat, und daß sie im wahren Sinne des Wortes von den Konservativen mit Fußtritten aus dem Block herausgeworfen sind. Auch wir wollen dem fchwarz-blauen Block seinen Raubzug nicht vergessen. Aber wir werden uns natürlich auch daran erinnern, daß die Liberalen bereit waren, ebenfalls 400 Millionen indirekte Steuern zu bewilligen. Auch Bülow ist mit seinem Block in den Abgrund gefallen. Neue Männer sind gekommen. Die Rück- ständigkeit der politischen Zustände ist daran sehr deutlich zu er- kennen, daß es den neuen Männern möglich war, 5 Monate ohne jede Kontrolle der Volksvertretung die Geschäfte zu führen. Selbstverständlich hat die Fraktion bei der ersten Gelegen- iheit gegen diese unhaltbaren Zustände Protest erhoben. In der bürgerlichen Presse stellt man den neuen Reichskanzler als einen weltfremden Mann hin. Aus der Entfernung sehen Weltfremdheit und Unfähigkeit einander außeroroent- lich ähnlich.(Zustimmung.) Wir wissen, daß eS bei allen Maß- nahmen des Reichskanzlers immer anders gekommen ist, als er selbst erwartet hat. Bethmann wollte abwarten, bis Beruhigung bei den bürgerlichen Parteien eingetreten sei. Deshalb hat er die Einberufung des Reichstags nach Möglichkeit verschoben. Die zur Verfügung stehende Zeit wurde dadurch aufs äußerste beschränkt. Wer einen anderen an einer freiwilligen Arbeit hindert, sollte nach dem Willen des Kaisers zu Zuchthaus verurteilt werden. Die Regierung hätte daher unmittelbar nach Zusammentritt des Reichs- tags zum Teufel gejagt werden müssen. Den bürger- lichen Parteien war das nicht unangenehm, daß der Reichstag so spät zusammentrat, weil sie dann unangenehmen Erörterungen zu- nächst noch aus dem Wege gingen. Die Fortschrittler haben im Reichstage Unzufriedenheit gezeigt wegen des späten Zusammen- tritts. Sie gebärden sich jetzt nach dem Zerschellen des Bülow- blocks radikaler als in den letzten Jahren. Daß dieser RadikaliS- muS vorhält, daß er echt ist, daran ist schwer zu glauben, wenn man sich erinnert, wie würdelos vielfach die Haltung der Fortschrittler gerade während der Dauer der Blockherrlichkeit ge- Wesen ist. An Sensationen hat es während der diesmaligen Tagung des Reichstages nahezu vollständig gefehlt. Die Finanz- resorm sollte im Zeichen der Sparsamkeit stehen. Von Sparsam- ikeit ist denn auch fortgesetzt im Reichstag geredet worden, heraus- gekommen ist aber dabei verteufelt wenig. Lediglich einzelne Kasernenbauten. Exerzierplätze und andere Dinge sind vorüber- gehend zurückgestellt worden. Sie werden aber nachkommen, und werden dann den Etat schlimmer belasten, als wenn sie in regelmäßigem bisherigen Turnus beschlossen worden wären. Da wo Sparsamkeit kleines Feuilleton. Der Laubfall. Daß gelbe und rote Blätter von Baum und Strauch fallen, daß raschelndes Laub die Erde bedeckt, dient nicht nur dazu, in poetischen Seelen wehmütige Gedanken hervorzurufen. Der Laubfall hat vielmehr sehr wichtige ökonomische Funkionen im Haushalte der Natur. Ohne weiteres leuchtet ein, daß die dürren Blätter dem Boden einen Teil der mineralischen Substanzen wieder- geben, die ihm durch das Wachstum der Pflanzen entzogen wurden. Niedere Pilze, Bakterien, Insekten und vor allem, wie Darwin gezeigt hat, die Regenwürmer Helsen dazu mit, das Laub zu Humus zu machen, der den Wurzeln Nahrung spendet. Ferner aber versorgen die wockenen Blätter den Boden mit Humusbakterien, die sie aufspeicherten, als fie noch grünes Laub waren. Der wichtigste Zweck des Laubsalles jedoch ist. den Blattknospen Licht zuzuführen, damit sich neue Blätter bilden können. Eine entlaubte Baumkrone empfängt vielleicht zwanzigmal so viel Licht als eine belaubte. Jedes Blatt hat eben eine bestimmte, begrenzte Lebensdauer, nach deren Ablauf es un- bedingt verwelkt. Würden nun die dichtstehenden Blätter zu ver« schiedenen Zeiten absallen, so käme nie so viel Licht in die Krone, daß die zukiir.fttge Laubgeneratton gedeihen könnte. Der rasche gleich- zeitige Laubfall ist demnach«ine Anpassungserscheinung. So er- erklären sich auch gewisse interessante Erscheinungen. Der Strauch Eupeetorium adenophonun behält sein Laub, wenn alles ringsum kahl ist. Der Grund für diese Ausnahme ist, daß seine Blätter zerstreut, durch große Zwischenräume getrennt sitzen, fie entziehen also kein Licht und dürfen noch sitzen bleiben. Der schnellst« T«lrgraph. Vor einigen Jahren gelang eS zwei ungarischen Ingenieuren. Anton Pollack und Joseph Virag. einen Telegrapbcnapparat zu konstruieren, der an Schnelligkeit, Sicherheit und Billigkeit alle bisher gebräuchlichen Shsteme in den Schatten stellt. Dieser Schnelltelegraph ist nämlich im stände, in einer einzigen Stunde IKCXXX) Worte zu übermitteln. Zur Bewältigung von 4600 Depeschen in einer Stunde find nur zwei Drähte und neun Beamte nötig. Während die Kosten anderer Systeme(Morse, HugHeS) sich um 100 000 M. gruppieren, verlangt der neue Apparat nur zirka 27 000 M. Es ist einleuchtend, daß die Einführung eines so wohlfeile- System« eine Revolutionicrung in der Benutzung des Telegraphen nach sich ziehen würde. Nach dem Urteil der Fachleute stellt der Schnelltelegraph den be- deutendsten Fortschritt des Telegraphenwesens fett Erfindung des Typendruckes dar. Der Kern des neuen Systems liegt, wie die Monatsschrift.Himmel und Erde' mitteilt, in einer Verbindung von Telephonie und elektrischer Photographie. Die zeitraubende Klopftätigkeit, vermittelst derer die anderen Apparate in Gang gesetzt werden, unterbleibt vollkommen. Die zu depeschierende Botschaft wird von einer Hilfskraft auf einen endlosen Papierstreifen eingelocht oder eingestanzt. Darauf wird der Apparat eingeschaltet. Der Streifen läuft mit rasender Geschwindigkeit von 70 bis 220 Buchstaben in der Sekunde an zwei Bürsten vorbei, schließt und öffnet dadurch einen geübt worden ist, ist es zum Teil zum direkten Schaden von Handel und Verkehr und nicht zuletzt auch der Arbeiter geschehen, wie zum Beispiel beim P o st e t a t, wo zum Beispiel große Beträge bei den ehemaligen Ausgaben zur Ausdehnung des Telegraphen- und Telephonnetzes abgesetzt worden sind, worunter der Verkehr leidet und eine ganz erhebliche Anzahl von Arbeitern der Telegraphen- Verwaltung auf die Straße gesetzt worden sind. Recht er- heblich gesteigert sind von der bürgerlichen Mehrheit abermals die fortlaufenden Ausgaben für Heeres- und Marinezwecke. Es kann den bürgerlichen Parteien offenbar das Heer gar nicht teuer genug werden, sie Häven es ganz be- sonders ins Herz geschlossen mit Rücksicht auf die Verwendung, die es im Lande selber gegen die arbeitende Bevölkerung finden kann. Ist doch während der Dauer des Reichstages not- wendig gewesen, mit allem Nachdruck Stellung dagegen zu nehmen, daß ein Teil des Heeres dazu Verwendung fand, die st r e i k e n d e n Mansfelder Arbeiter zu Paaren zu treiben. (Hört! Hört!) Die Idee der Verständigung zwischen den ein- zelnen Völkern über die Beschränkung der Rüstungen hat bei der Regierung nach wie vor keine Gegenliebe gefunden. Natürlich ist sie von der sozialdemokratischen Fraktion mit allem Nachdruck propagiert worden. Mit einer gewissen Genugtuung können wir darauf verweisen, daß allerdings bei den Verhand- lungen über die Frage besonders einer Verständigung mit Eng- band wegen der Flottenrüstungen auch bürgerliche Redner der An- ficht Ausdruck gegeben haben, daß wie bisher das Tempo der Rüstungen nicht fortgesetzt werden könne, daß der Idee der Ver- ständigung über die Beschränkung der Flottenrüstungen näher- getreten werden müsse. Bei der Steigerung der Flottenausgaben ist man zum Teil sogar über das Flottengesetz hinausgegangen, durch größeres Deplacement, stärkere Armierung, als vorgesehen war. Selbswerständlich sind die Schulden des Reiches durch die bürger- i lichen Parteien abermals g e st e i g e r t worden. Die fünfte Milliarde Schulden wird im Reich in gar nicht allzu langer Zeit voll gemacht werden. Gespart wurde bei Kulturausgaben und bei all den Ausgaben, bei denen es sich um die Interessen der Aermeren, der Arbeiter handelte. So hatte man zum Beispiel bei Erhöhung der�Besoldung der Offiziere in Aussicht gestellt, auch den Sold für. die Soldaten um 8 Pf. erhöhen zu wollen. Dann hatte man aiber kein Geld dazu, und lediglich dem Drängen der sozialdemokratischen Fraktion ist es zu verdanken, daß in einem Nachtragsetat für 1009 3 Millionen gefordert wurden, I für die in Zukunft den Soldaten Putzzeug geliefert wird. Welche Blamage ist das für das Reich, daß es noch immer seine Kriegs- Veteranen hungern läßt. Man hat aus Anlaß der vierzigjährigen Wiederkehr der Schlachten auf den französischen Feldern wieder in den höchsten Tönen die Kriegsveteranen gefeiert und hat erleben müssen, daß in diesen Festtagen hungernde Veteranen Selbstmord verübt haben.(Hört! hört!) Der neue Schatzsekretär Mermuth ist ein Gemütsmensch. Er hat die Veteranen dadurch getröstet, daß er in den letzten Tagen in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" schreiben ließ, daß itt anderen Ländern die Veteranen noch mehr und noch zahl» reicher hungern.(Hört! hört!) Ein geradezu unerhörter Skandal ist, wie die Reichstagsmehrheit und die Regierung mit den bedauernswerten Opfern ihrer Steuergesetzgebung, mit den auf die Straße gesetzten Streichholzarb eitern umspringen. Ob- gleich durch eine Resolution Unterstützung gefordert worden ist, zahlt die Regierung keinen Pfennig. Sie vertritt offenbar den Standpunkt, mögen sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind. Nach diesem Grundsatz handelt der Reichsschatzsekretär Mermuth auch in der Frag« der Unterstützung der durch die Steuerreform des Schnapsblocks auf die Straße geworfenen Tabakarbeiter. Die Arbeitslosigkeit ist infolge der Steuererhöhungen viel größer geworden als zuerst angenommen worden war. Es war trotz aller Mühe nur zu erreichen, daß mit einem ganz kleinen Betrage über die doch ohnehin so geringe gesetzliche UnterstützungS- summe von 4 Millionen Mark hinausgegangen wurde. Mermuth steht auf dem Standpunkt, daß der arbeitslose Tabakarbeiter, wenn er unterstützt würde, die Lust zur Arbeit ganz ver» lieren würde, und er schlägt deshalb das kürzere Verfahren ein, die außerordentlich billige Radikalkur anzuwenden, daß man die Arbeiter einfach verhungern läßt. In der Sozialreform sind wir fast gar nicht voran» gekommen. Der neue Staatssekretär des Innern, Delbrück, elektrischen Strom, der in den Apparat geht, um dann durch den Leitungsdraht an die Empfangsstation zu gelangen. Hier tritt er in ein Telephon ein und bewegt dessen Schallinembren. Mit dieser hängt durch einen Magneten ein kleiner Holzspiegel zusammen, auf den sich die Bewegungen der Membren übertragen. Auf diesen Spiegel fallen nun die Strahlen einer kleinen Glühlampe und werden zurückgeworfen. Da der Holzspiegel in kleinsten Bewegungen, etwa ein Tausendstel Millimeter, schwingt, tanzt das Licht auf dem Spiegel. Die reflektierten Strahlen fallen auf lichtempfindliches Papier, vor dem sich eine Zylinderlinse befindet, die das Schrift- bild zu einem glänzenden Punkte zusammenzieht. Dieser Punkt bewegt sich genau so fort wie der Spiegel und erzeugt photographisch treue Zeichen. Wenn die Depesche ab- telegraphiert ist, hört der Spiegel auf sich zu bewegen, das Licht tanzt nicht mehr. Dies beachtet der empfangende Beamte durch ein rotes Fenster, das in den Aparat sieht,„stellt ab" und schneidet automatisch die fertige Depesche ab, die nun noch durch ein Fixier- und Entwickelungsbad gezogen wird, um schließlich durch einen Schlitz der Kaftenwand hinauszugleiten. Trotz seiner überall— auch von der deutschen Postverwaltung anerkannten Güte ist das System noch nirgends eingeführt worden, sei es, weil die Anschaffungskosten zu groß sind, sei es. weil die Verwaltungen das Uinlernen der Beamtenschaft scheuen. Die größte Bctonbrücke der Erde ist eben in der Umgebung von Philadelphia fertiggestellt worden. Sie ist nicht nur ein Wunderwerk der Technik, sondern auch von einer erstaunlichen Leichtigkeit und Eleganz des Schwungs und übertrifft fast in jeder tinsicht noch die berühmte ähnliche Brücke von Luxemburg. Die pannweite der beiden mittleren Bogen beträgt über 70 Meter, und an diese setzen sich nach dem Ufer des TaleS hin noch zwei kleinere Bogen an. Der Bau hat volle zwei Jahre gedauert bei einer Durch- schniltszahl von 300 Arbeitern. Zur Herstellung des HolzgerüsteS, über dem die eigentlichen Bogen errichtet werden mußten, waren 10 800 Kubikmeter Holz und 20 Tonnen eiserne Schrauben und Bolzen notwendig. Der Bedarf an Beton erreichte 14 260 Kubikmeter, die ein Gewicht von fast 87000 Tonnen darstellen. Eine ErspanriS ist die Wahl dieses Materials keineswegs gewesen, sondern die Brücke hätte ans Stahl billiger sein können. In Amerika kann man sich aber solche Merkwürdigkeiten wohl leisten, wenn sie auch einige Tausende Dollars mehr kosten. Die größte Schwierigkeit bei», Bau war vielleicht die Verschiebung des Zimmerwerkes, das nicht weniger als 6 Stockwerke trug. Um diese umfangreiche und kostspielige Arbeit nicht zweimal ausführen zu müssen, wurde der ungeheuere Holzbau so montiert, daß er verschoben werden tonnte. Zu diesem Zweck war eine Art von Schienenweg auf Betonpfeilern geschaffen worden, worauf das Zimmerwerk mit Stahlrollen ruhte. Zur Fortbewegung dienten 24 Winden, an denen gleichzeittg 30 Mann drehten. Welch außerordentliche Arbeit diese Verschiebung bedeutete, geht aus der Angabe hervor, daß die ganze Masse in drei Tagen nicht viel mehr als zehn Meter weit gebracht werden konnte. «IS Entgelt für diesen ungewöhnlichen Aufwand haben die Bewohner ist noch mehr wie sein Vorgänger ein Staatssekretär gegen die Sozialreform. Es ist aus dem letzten Winter überhaupt nur über einen einzigen nennenswerten Fortschritt der Sozialreformgesetz- gebung hinzuweisen, nämlich auf das Stellender m itt- lungsgesetz, dem wir zustimmen konnten, nachdem es durch die Arbeit unserer Genossen in der Kommission einige Verbesse- rungen gegenüber dem jetzigen Zustande bringt. Wo die bürger- lichen Parteien zur Sozialreform Stellung nehmen müssen, werden sie sich auch weiter bemühen, das RezeptderweißenSalbe anzuwenden.(Sehr richtig!) Wenn es gelingen sollte, bei den weiteren sozialpolitischen Vorlagen, insbesondere bei der Reichs- Versicherungsordnung, Verbesserungen zu erreichen, so wird das nur der Furcht der bürgerlichen Parteien vor den nach» st en Reichstagswahlen zu verdanken sein. Die mir zur Verfügung stehende Zeit gestattet nicht, daß ich hier darüber be» richte, wie die Fraktion zu den einzelnen auftauchenden Fragen sich gestellt hat. Ich glaube behaupten zu können, daß die Fraktion ihre Pflicht nach bestem Wissen und Gowissen getan, daß sie aus eigener Jnitia» tive eine ganze Reihe notwendiger Aktionen eingeleitet hat; aber die von uns eingebrachten Anträge und Gesetzentwürfe kommen fast gar nicht mehr zur Verhandlung, da von den Schwerins» tagen beinahe gar nicht mehr Gebrauch gemacht wird. In einer ganzen Reihe von Interpellationen haben wir die Regie» rung vor dem Forum des Reichstages und damit des Volkes zur Rechenschaft gezogen. Wir haben insbesondere nichts unversucht gelassen, um auch im Reichstage den Wahlrcchtskampf unserer preußischen Genossen zu unterstützen. Daß wir fleißig gearbeitet, erkennen selbst unsere Gegner an. Ich habe auch in der Parteipresse eine Kritik'der Tätigkeit der Fraktion nicht ge- funden. Wenn so wenig für das arbeitende Volk erreicht wurde, dann sind nicht wir daran schuld, sondern die Verantwortung tragen restlos die bürgerlichen Parteien. Selbst Mermuth mußte aus» sprechen, daß die Arbeiter verstanden haben, sich inner- und außer- halb des Reichstages eine starke, wirkungsvolle Ver» tretung zu verschaffen. Es liegt an den Arbeitern, diese Vertretung so stark zu machen, daß sie unwiderstehlich wird. ES dürfte vielleicht zum letzten Male vor den Neuwahlen dies- mal der Fraktionsbericht erstattet werden, wenn auch die Mandats» dauer des Reichstages erst im Januar 1912 endet. Die Regierung betrachtet den Reichstag als ein lästiges Uebel; seine Auf« gäbe soll in der Hauptsache sein, Geld zu bewilligen, denn Geld beschaffen, das können die gekrönten Instrumente des Him- mels nicht.(Sehr gut!) Die Männer von Gottesgnaden ver« stehen Geld zu nehmen, selbst in den Zeiten, in denen die Massen des Volkes allen Schäden der Unterernährung preisgegeben sind, die durch die ungeheuren Preise des Fleisches und aller Lebens- mittel in Deutschland verursacht wird.(Lebhafte Zustimmung.) Es ist nichr wahrscheinlich, daß der Reichstag seine Lebenszeit auslebt, sondern es ist viel wahrscheinlich;!, daß schon vorher, zwar nicht der Leutnant mit den 10 Mann, wie uns Herr v. Ol» d e n b u r g ankündigte, sondern der Major v. Bethmann Hollweg dem Reichstag ein Ende machen wird. Bethmann Hollweg läßt einen Sammclruf um den anderen an die bürgerlichen Parteien ergehen und auch der Kaiser stimmte in seiner Marienburger Rede ein. Man sucht nach einer Wahlparole. Wie ein Blinder mit dem Krückstock sucht Bethmann Hollweg zu erkunden, wie die Stimmung im Lande und wie die Absichten der bürgerlichen Parteien sind. Aber wir müssen gestehen, man zeigt da viel Sinn für das, was dem deutschen Volke not tut, denn in den Tagen, wo wie jetzt wütende Empörung über den Mangel an Nahrung die Massen erfüllt, läßt der Reichs» kanzler seine Presse diskutieren, ob die Frage der Aufrechterhaltung und womögl'ch noch der Steigerung der Hochschutzzölle zur Wahlparole gemacht werden könnte.(Hört! hört!) Das könnte uns gewiß recht sein, wenn der Großgrund» besitzer von Hohen-Finow versuchen würde, unter dieser Parole das Bürgertum gegen uns zusammenzufassen. Aber er wird gar nicht nötig haben, sich zu strapazieren, wir selbst werden dann die Schutzzollfrage zur Wahlparole machen, aber wir werden rufen: Nieder mit den Wucherzöllen(Bravo I), die dem Volke den kümmerlichen Ertrag seiner Arbeit zugunsten der Junker und Großkapitalisten rauben und daS ganze Volk in die schweren gesundheitlichen Folgen der Unterernährung stürzt.(Lebhafter von Philadelphia nun in ihrer Rachbarschaft einen Punkt von ungewöhnlicher Schönheit, da die Prachtbrücke über ein tiefes Tal mit üppigster Vegetation führt. Theater. Deutsche? Theater:„Die Romantischen', verS- lustspiel von Edmond Rost and. RostaudS in der Erfindung gekünstelt«, aber dennoch sinnvoll ainnutige Verskomödie, die in Fuldas gewandter Uebersetzung schon von verschiedenen Berliner Bühnen gegeben wurde, fand auch in der Aufführung des Deutschen Theaters beifällige Aufnahme. Daß zwei befreundete Väter, die Sohn und Tochter miteinander verheiraten wollen, auf. die Idee verfallen, grimmige Familienfeindschast zu markieren, um die ro- mantisch angelegten Kinder durch Borspiegelung von interessanten Widerständen desto nachdrücklicher zur Liebe zu ermuntern, ist eine ziemlich harte Zumutung an die Gutgläubigkeit des Publikums. Zumal die Alten im Stücke sonst sich keineswegs als philosophisch überlegene, heiter spottende Betrachter menschlicher Torheit, vielmehr als eingefleischte Philister und Gewohnheitsmenschen zeigen. Aber die Jronisierung der grünen großsprecherischen Jugendschwärmerei hat so liebenswürdigen Witz und so viel kein gesehene psychologische Nuancen, daß die Mißstimmung über solcherlei Unmöglichkeiten kaum zu Wort kommt. DaS Liebespärchen erhielt durch Harry Liedtke, ein junges, bis- her in Episodenrollen beschäftigtes Mitglied des Ensembles, und Lude Höflich eine sehr glückliche, die Innigkeit der Empfindung, wie die prahlende Ueberspanni heit der Phantasie treffsicher herausarbeitende Dar» stellung. Der Höhepunkt lag in dem zweiten Akte, wo die stolzen Jllufionen der eben Verlobten jäh zusammenbrechen und sich heraus» stellt, daß sogar der furchtbare Ueberfall, bei dem der Jüngling heldenhaft die Feinde in die Flucht schlug, ein von den Vätern be» stelltes und bezahltes Schaustück war. Die gekränkte Eitelkeit bei diesem Absturz aus erhabenen Höhen, die erboßte Stichelei, da» Zankduett der Düpierten kam außerordentlich drollig in diesem lebensvollen Spiel heraus. Glänzend war die groteske Komik von BienSfeld und Frl. Höflich in der räuberromantischen Eni» führungsszene. durch die die erschrockene Dame von dem Geschmack an«benteuer außerhalb des wohlumhegten Reichs der Poesie definitiv kuriert wird. Auch Jakob Tiedtkes sanftmütig phlegmatischer Berganiin verdiente alles Lob. Notizen. — Ausfuhrverbote für prähistorische Menschen. Der französische Unterstaatssekretär der Schönen Künste hat einen Ausschuß beaufttagt, einen Gesetzentwurs auszuarbeiten, durch den verhindert werden soll, daß wichtige geschichtliche Funde aus Frank- reich ins Ausland geschafft werden. Ferner wurde beschlossen, ver» schiedene Grotten im Dordogne-Departement, die an solchen Funden besonders reich sind, alS geschichtliche Baudenkmäler erklären zu lassen. Diese Maßregel richtet sich gegen den Schweizer Hauser, der für deutsche Museen Nachgrabungen in großem Umfange veranstaltet und zahlreiche Grundstücke angekauft hatte.(Seine beiden wichtigsten Funde hat bekanntlich das Berliner Museum für Völlerkunde zu einem allerdings beispiellos hohe« Preise angekauft.) Beifall.)' Mit dieser Wahlparole, dal glaube ich Sohl, Serbe'» Sir ein lautes Echo finden. Bethmann Hollweg überlegt zweifellos und mit ihm die bür- gerlichen Parteien, wie man mit einer hurvapatriotischen Wahl- Parole bei den nächsten Wahlen Geschäfte machen könnte. Herr v. Bethmann Hollweg hat allerdings einmal gesagt, dah er kein Freund der hurrapatriotischen Phrase sei, aber schließlich gibt nur ein Schelm mehr, als er hat. Eine neue Militärvorlage wird zurechtgebraut oder ist fertiggestellt und wird zweifellos dem Reichstage bei seinem Zusammentritt zugehen. Wie die höheren Militärausgaben bezahlt werden sollen, ist absolut unerfindlich. Bringen doch die neuen Steuern bei weitem nicht soviel Ertrag, wie nian in Ausstcht genommen hat. Zwar wird erklärt, daß die sogenannte Reichsfinanzreform nicht«in vollständiges Fehlergebnis ergeben habe, aber immerhin sei doch damit zu rechnen, dah der Ertrag um 120 Millionen geringer ausfällt. Der Staatssekretär hat während des letzten Winters kein Hehl daraus gemacht, daß er damals noch völlig unklar war, wie der Etat für 1911 zu balancieren sei. Auch 1910 ist der Etat nur dadurch mit Ach und Krach zur Balancierung gebracht, daß man abermals zu großen Anleihen seine Zuflucht nahim Wir sind uns darüber klar, daß wir angesichts der Geschäftigkeit unserer Gegner und der Bestrebungen der Regierung und des Kaisers die bürger- lichen Parteien zusammenführen, allen Anlaß haben, auf der Hut zu sein, und darauf zu achten, daß nicht wieder wie 1906 ein Handstreich gegen uns versucht wird. Allerdings bin ich überzeugt, daß wir uns nicht nur nicht überrumpeln lassen werden, sondern daß ganz allgemein in der Partei der Wunsch rege ist, daß der Tag d«r Abrechnung mit den bürgerlichen Parteien s o rüh al» möglich kommen möge. Ganz gleich, welcher rt die Parole ist, wir vertrauen auf die wachsende Einsicht der PolkSmafsen. Das deutsche Volk ist seit 1907 zu sehr gebüttelt und betrogen worden. Den Wählern, die auf den Hottentotten- schwinde! hineingefallen sind, sind als Lohn Prügel aus den Magen versetzt worden wie noch nie. Man kann daher wohl annehmen, daß das Volk von jeder Besinnung verlassen sein müßte, wenn es abermals auf einen Wahlschwindel hereinfallen würde. Durch Schaden mutz doch sogar der deutsche Spießbürger klug werden. Gibt eS doch außer den Agrariern und Panzerplattenfabrikanten keine Bevölkerungsschicht, deren Erwartungen nicht auf das schmählich st e getäuscht worden sind. � Keine der letzten Wahlversprechungen ist gehalten worden. Auch in der letzten Tagung deS Reichstages ist nichts geschehen, was geeignet wäre, den Unwillen der Massen über die Taten der Mehrheit zu verringern. Was ist aus den Versprechungen in bezug auf die Sozialreform, hinsichtlich der Privat- b e a m t e n. die unter der Teuerung und unter der Unsicherheit ihrer Existenz schwer zu leiden haben, geworden. Als 1907 bekannt wurde, daß die sozialdemokratische Fraktion fast auf die Hälfte zu- sammengedrückt sei, da erklärte man: nun erst recht Sozialreform, um den Arbeitern zu zeigen, daß auch ohne eine starke sozialdemo- kratische Fraktion im Reichstage etwas für die Arbeiter getan wird. 1907 und 1908 ist aber nicht? für die Arbeiter geschehen. weil man wie in einem Taumel Geld mit vollen Händen heraus- warf, das noch dazu gepumpt war. Man hat 1909 keine Zeit gehabt, andieArbeitcr zudenken, weil man die Kassen des Reiches durch de.n großen Steuerraub füllen mußte, unter dem auch die bürgerlichen Parteien zu leiden haben. 1909 wurde ein- geleitet dadurch, daß man beschloß, die Witwen- und Waisenversichcrung nicht in Kraft treten zu lassen. Besonders das Zentrum betrog die Arbeiter. Für alles andere war Geld zu haben, bloß nicht für die Witwen und Waisen. Mit den hungernden Witwen und Waisen darben die Massen deS Volkes infolge jener unheilvollen Zollgesetzgebung, und kommt die Witwen- und Waisenversicherung zustande, dann werden die Arbeiter zu der Schädigung durch die Teuerung auch noch höhere Beiträge für die Sozialgesetze zu zahlen haben. Und da stellt sich der Staatssekretär gegen Sozialreform, Delbrück, im Reichstage hin und stöhnt darüber, daß eS leider durch die soziale Gesetz- gebung noch immer nicht gelungen sei, die Arbeitermit der bestehenden Gesellschaftsordnung auszusöhnen! Eine sonderbare Art der Versöhnungspolitik ist eS auch, daß die Regierung jetzt keinen Finger rührt, um dafür zu sorgen daß die Fleischteuerung gemildert wird, weil die Agrarier es ihr verbieten.(Sehr wahr!) iuf unsere Interpellationen hat die Regierung immer erklären lassen, die Teuerung sei eine vorübergehende Erschei- n u n g, und mit derselben faulen Redensart begründet man auch jetzt, baß Abhilfemaßregeln nicht geschaffen werden sollen. Es ist ein verteufelt schlechter Trost für die Hungernden, daß sie die Aussicht haben, in absehbarer Zeit wieder zu erträglichen Preisen Nahrungsmittel kaufen zu können, aber lebendig werden dadurch die Kinder nicht gemacht, die infolge der mangelnden Ernährung zugrunde gehen.(Sehr gut» Wieder gut gemacht werden kann nicht das Unrecht, das an denen begangen wird, die i n f ol g e der Teuerung zu Eigentumsvergehen gedrängt werden und die Gefängnisse und Zuchthäuser füllen.(Sehr gutl) Wenn der Regierung daran läge, daß dem Volke geholfen wird, dann würde jetzt der Reichstag tagen, um Maßregeln zu beraten, wie es der armen, besitzlosen Masse leichter gemacht werden kann, sich satt zu essen.(Lebhafte Zustimmung.) Der Reichstag müßte in dieser Zeit auch deswegen tagen, um erneut Stellung zu nehmen gegen das persönliche Regimen». Parteigenossen, der Kaiser redet wieder. Erneut rief Wilhelm II. Beunruhigung dadurch hervor, im Jnlande sowohl wie im Aus- lande, daß er entgegen der Zusicherung, die Reichskanzler Bülow im Dezember 1908 gegeben hat, abermals einwirkt auf die politi- fchen Ereignisse durch feine Reden, daß er dadurch, wenn auch un- gewollt, Erregung und Unsicherheit hineinträgt in die deutsche Politik. Durch seine KönigSberger GotteSgnadenrede hat der Kaiser erneut daS Bekenntnis zum Absolutismus abgelegt: unbeirrt uni die Meinung des Volkes, um die Tagesan- sichten will Wilhelm II. seine Wege gehen. Wir werden den Rat. den er uns vor Jahren gegeben hat, niemals befolgen, den Staub von den deutschen Pantoffeln zu schütteln. (Bravol) Wir werden allerdings nicht unversucht lassen, um dafür Sorge zu tragen, daß den Vertretern der Gottesgnadenideen die Luft drückend wird im deutschen Vaterlande.(Lebhaftes Bravol) Und wenn sie den Staub von den Pandtoffeln schütteln würden, würde ihnen sicher die große Masse des deutschen Volkes keine Träne nachweinen.(Bravol) Vor 20 Jahren hat Wilhelm II. dem deutschen Volke zugerufen: Herrlichen Tagen führe ich Euch entgegen. Wir-haben endlich genug von dieser Sorte von Herrlichkeit, die uns beschert worden ist (Bravol) und die darin besteht, daß breite Bevölkerungskreise hungern, daß die Ausgaben für Heer und Flotte ständig wachsen, die Schuldenlast deS Reiches sich ungeheuerlich vermehrt, das Reich nahezu an den Abgrund des Bankrotts getrieben hat. Zu den schweren Verschuldungen der bürgerlichen Parteien gehört nicht zuletzt, daß sie in jenen Novcmbertagen aus Anlaß der Kaiserdebatten nur redeten, anstatt hinterher auch zu handeln. Sie haben eS versäumt, damals dem persönlichen Regiment in Deutschland ein für allemal ein Ende zu bereiten. (Sehr wahr!) Die sozialdemokratische Fraktion hat es damals wie im letzten Winter nicht an der Forderung fehlen lassen, durch Aenderung der Verfassung endlich auch aus dem Deutschen Reiche ein moderne? frei- Zeitliches Land zu machen. Das Bürgertum- hat dabei der- sagh. trotzdem die Regierung damals in ihrer Fina'rtzttot bollständig abhängig war von der Volksvertretung und alles hätte zu- gestehen müssen. Wir sind uns darüber klar, daß auch, wenn eS zu neuen Kaiserdebatten im Reichstage kommen wird, sobald der Reichstag zusammentritt, wir durch nennenswerte Unterstützung durch die bürgerlichen Parteien kaum zu rechnen haben werden. Es wird der Arbeiterklasse vorbehalten bleiben, Deutschland zu einem freiheitlichen, einem demokratischen Lande zu machen. Dem Bekenntnis deS Kaisers zum GotteS- gnadentum und Absolutismus setzen wir bei den kommenden Wahlen entgegen die Forderung nach der Republik. (Lebhafter Beifall.) Wir werden bei den kommenden Wahlen das Volk dazu aufrufen, daß es nicht länger seine Geschicke den ge- krönten Instrumenten des Himmels anvertraut.(Bravo!) DaS deutsche Volk ist mündig geworden und muß das bei den nächsten Wahlen zum Ausdruck bringen. Das deutsche Volk kann sich das absolutistische Regierungssystem nicht länger gefallen lassen. Die nächsten Wahlen werden wir unter der Parole führen, daß endlich in Teutschland der Wille des BolkeS höchstes Gesetz werde.(Lebhafter Beifall.) Und wir sind sicher, dah bei diesem Kampfe, bei diesem Streben auch in Zukunft die deutsche Sozial- demokratie, die deutsche Arbeiterklasse einig und geschlossen wie ein Mann den Kampf führen wird.(Stürmischer Beifall.) Mit zur Debatte stehen die Anträge 38, 39, 49 und 84"), die sämtlich unterstützt werden. Bromme-Lübcck: Mit dem Antrag 84 soll durchaus nicht gesagt sein, daß unsere Fraktion nicht zu jeder Zeit ihre Pflicht und Schuldigkeit getan hätte. Seit Jahren betrachten die Schergen des Blutzaren auch das Land innerhalb der schwarz-weiß-roten Grenz- pfähle als ihre Satrapie und häufen dort Verbrechen auf Verbrechen, sie find aber niemals von der Regierung angehalten worden, den an Leib und Leben Verletzten genügende Entschädigung oder Genugtuung zu leisten, sie sind es eben ge- wöhnt, ihre Hausknechte und Stiefelputzer mit Fußtritten zu regalieren. Es wird endlich Zeit, daß bei der nächsten Grenz- Verletzung der Regierung das Rückgrat ge st eist und sie aufgefordert wird, ihre ReichSangehörigen zu schützen. Ich bitte Sie deshalb, den Antrag der Fraktion zu überweisen. Dittmann-Solingen begründet den Antrag 40. Der Antrag spricht ja eigentlich etwas Selbstverständliches aus, und jeder von uns wird wohl annehmen, daß die Fraktion eine eingehende und gründliche Kritik an der W a h l r e ch t s j u st iz und der Streik- justiz üben wird, auch ohne daß sie dazu aufgefordert wird. Wenn trotzdem der Antrag gestellt ist, so vor allem, damit hier vor dem Parteitag aufgefordert werden kann, daß alle Parteiorte, in denen während des letzten Jahres in bezug auf Streik, und Wahl- rechtsprozcsse besonders Hahnebüchenes geleistet ist, das nötige Material an die Fraktion einsenden, um sie in den Stand zu setzen, auch wirklich gründliche Abrechnung mit der Klassenjustiz zu halten. Ich glaube es mir ersparen zu können, im einzelnen noch viel Sachliches zur Begründung zu sagen, denn die Strafprozesse, die seit Beginn dieses Jahres aus Anlaß unserer imposanten Wahlrechtsdcmonstrationen in Preußen, Braunschweig und anderen Bundesstaaten auf unsere Genossen geradezu herab- geprasselt sind, sind Ihnen allen bekannt. Mit Gefängnis und mit G e l d st r a f e n hat man versucht, unsere Wahlrechts- bewegung zu ersticken und uns die Lust zu neuen Vor- stöhen zu nehmen. Sie kennen ja die Urteile gegen Wahlrechts- demonstranten, gegen Versammlungs. oder Organisationsleiter und gegen Redakteure. Sie werden jedenfalls auch gelesen haben, in welch flagrantem Widerspruch in diesen Prozessen meist die eidlichen Aussagen der Polizeibeamten zu den eidlichen Aussagen der Zivilzeugen gestanden haben, und wie andererseits von den Gerichten in fast allen Fällen direkt oder indirekt die eid- lichen Aussagen der Zivilzeugen für unglaubwürdig und die der Polizeizeugen ohne weiteres für absolut glaubwürdig erklärt sind. Den Richtern dabei immer den guten Glauben zuzu- erkennen, ist mir nicht möglich gewesen, und Ihnen wird eS gerade so gegangen sein.(Zustimmung.) Ich habe oft den Ein- druck, daß nach dem Grundsatz verfahren ist: Legt ihr nicht aus, so legt ihr unter. Die Justiz scheint geradezu an manchen Orten in manchen Fällen unter Polizeikommando zu stehen, und die PolizeiüberRechtundGesetz. Kein Wunder, daß da die Polizisten gegen die Wahlrechts- demonstranten vielfach gehaust haben wie die Kosaken. Ein krasses Beispiel aus der Streikjustiz will ich erwähnen. Mir ist bekannt, daß der oberste Leiter der Polizeibehörde, der Polizei- inspektor, an die Leiter des betreffenden Verbandes, in deren Hand die Leitung des Streikes lag, einen Brief schrieb, in dem es hieß:„Ich werde nicht dulden, daß hundert Schritt auf. und abwärts der Fabrik Streikposten stehen." Das Recht auf Streikpoftenstehen ist also virekt außer Kraft gesetzt worden. Vor Gericht erklärte nun der Herr unter seinem Eide, er hätte keinen Befehl gegeben, Streikposten nicht zu dulden. Das war ein krasser Widerspruch, der durch keine Logik und Sophistik auS der Welt zu schaffen ist. Trotzdem erklärte das Gericht in seiner Urteilsbegründung: zwischen dem Schreiben des Polizei- inspektorS und seiner eidlichen Aussage besteht keinerlei Wider- spruch. Solche Beispiele könnten zu Hunderten aus dem Lande angeführt werden. Ich bitte Sie, derartiges Material zu sammeln und der Reichstagsfraktion zu überweisen.(Beifall.) Klara Zetkin: ES liegt ein Antrag vor, der Reichstagsfraktion nahezulegen, nach dem Muster Italiens einen Gesetzentwurf ein- zubringen gegen die mißbräuchliche Zuführung von Altohol an Kinder. Ich bitte Sie dringend, diesen Antrag der Fraktion zur Berücksichtigung zu überweisen. Ich weise nur auf die Berge von statistischem Material und Zahlen, auf die un- anfechtbaren wissenschaftlichen Tatsachen hin, die beweisen, daß der Alkoholgenuß durch Kinder zum körperlichen Ruin führen muß. Mit der körperlichen Gesundheit wird aber auch die g e i st i g e und sittliche Gesundheit der Jugend vernichtet. Jede Gesellschaft, die ein gesundes Geschlecht heranziehen will, mutz mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln g« g e n den Alkoholgenuß der Jugend austreten. Die rapitalistische Gesellschaft tut das ja nicht, weil sie den Prosit einiger weniger, die an der Produktion und an dem Verkauf von Alkohol inter- essiert sind, nicht hindern will. Die Arbeiterklasse aber, die eine Klasse der Zukunft ist, kann diesen Dingen nicht ruhig zusehen. Die körperliche, geistige und sittliche Gesundung der Jugend ge- hört zu den wichtigsten Faktoren, die den Sieg des Proletariats für die Zukunft verbürgen.(Lebhafter Beifall.) Hackelbufch-Berlin: Auch ich bitte, den Antrag als Material zu überweisen. In einem Artikel der„Pädagogischen Zeitung" wird die schädliche Wirkung des Schnapses auf Kinder in krasser •) 38. Berlin 4. Kreis, Genosse KulzinSki: Da eS ein Verbrechen ist, Kindern Schnaps, Wein oder Bier zu geben, beschließt der Parteitag, die Reichstagsfraktion zu beauftragen, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, entsprechend dem neuen italie- nischen Gesetzentwurf, um die Jugend gegen den Alkoholismus zu schützen. 39. Berlin 8. Kreis, Genosse Hallbauer: Der Parteitag beauftragt die ReichstagSfraktion, einen Antrag einzubringen, in dem der Sonntag als Wahltag für den Reichstag und die Landtage gefordert wird. Im Falle der Ablehnung des Antrages beauftragt der Parteitag den Parteivorstand, mit der Generalkommission die Frage der Arbeitsruhe an den Wahltagen zu erörtern und eventuell die Arbeitsruhe zu beschließen. 49. Solingen: Der Parteitag criucht die Reichstags- fraktion, bei der Beratung des Justizetats die Wahlrechtsjustiz und die Streikjustiz einer eingehenden und gründlichen Kritik zu unter- ziehen. 84. Lübeck: Die Reichstagsfraktion ist zu ersuchen, die Re- gierung wegen der immer hausiger vorkommenden russischen Grenzübergriffe zu interpellieren, was sie zu tun gedenkt, um für die Zukunft die Mißgriffe der zarischen Soldateska zu verhindern. Weise geschilderk. Danach erhielten im Kreise RummelS» b u r g in Pommern die K i n d e r. die bei einem Gutsbesitzer arbeiteten, zum F r ü h st ü ck, zum Mittag und zur Vesper Schnaps. Jedesmal erhielt ein Kind ein kleines Matz. Das ging so vier bis sechs Wochen lang. So wird das Fundament zum späteren Säufer gelegt. Der Schnaps gilt dabei als ein Teil der Entlohnung und wird auf den Lohn angerechnet.(Hört! hört!) Solchen Mißständen muß entgegengetreten werden. (Beifall.) Engler-Freiburg: In der Schweiz ist vor zwei Jahren ein Ab- sinthverbot erlassen worden. Das war notwendig wegen einiger grausamer Verbrechen, die nach starkem Absinthgenuß begangen wurden. Nun haben die Absinthfabriken ein großes Absatzgebiet verloren. Daher versuchen sie nun, in S ü d d e u t s ch l a n d ihr Gift abzusetzen.(Hört! hört!) Dagegen müssen wir einschreiten, ehe dieses Gift seine stetige Wirkung ausübt.(Sehr richtig!) Es ist auch unsere verdammte Pflicht, die Genossen daraus hinzu- weisen, daß Sonntags nachmittags, wenn sie im Biergarten sitzen, die lieben Kinder nicht von jedem Glase Bier oder Schnaps etwa? abhaben müssen.(Beifall.) Ollon-Aachen: Nehmen Sie Antrag 33 einstimmig an. Speziell in Aachen herrschen noch Mißstände. Unsere Jugendorganisa- tionen werden vom Zentrum, der Klerisei und den „Chri st lichen" aufs schärfste bekämpft. Vor drei Wochen hat sich etwas ganz Unglaubliches ereignet. Im katho- lischen Verein wurde eine Verlosung von— sechs Litern Schnaps veranstaltet.(Lebhaftes Hört! hört!) Und die Mitglieder des christlichen Jünglingsvereins gingen in die Fabriken und Häuser, um die Lose an den Mann zu bringen. Es waren 200 Lose a 10 Pf. Wir kamen dabintcr und ließen in der„Rheinischen Zeitung" einen Artikel los, ver natür- lich erzieherisch wirkte insofern, als die Jünglinge nicht weiter mit den Losen herumgeschickt wurden, sondern daß die Verlosung in einem katholischen Verein stattfand. Das geschah in Aachen a m Tage St. Peter.(Stürmisches Hört! hört!) So wird die katholische Jugend mißbraucht, um Lose für eine Schnapslotterie zu verkaufen. Ich möchte auch deshalb ersuchen, den§ 38 bestimmt anzunehmen.(Beifall.) Wurm-Berlin: Im engen Zusammenhange mit unseren Be- strebungen, die Jugend gegen die alkoholische Vergiftung zu schützen, stehen die Bestrebungen, die ganze Bevölkerung überhaupt vor der Alkoholvergiftung zu bewahren. Wir wissen ja nicht genau, oder können nicht zahlenmäßig feststellen, wie der Aufruf der Partei an die Arbeiter, sich des Schnapskonsums unbe- dingt zu enthalten, sowohl aus gesundheitlichen Gründen, als auch, um den Junkern nicht die Tasche zu füllen. Wirkung getan hat. Aber wenn auch die Statistik deS Branntweinverbrauchs mit Hilfe der Spirituszentrall verschleiert wird, so ist doch zweifellos der Schnapskonsum bedeutend zurückgegangen, und daß dieser Rückgang N.cht unbeträchtlich sein muh, wird dadurch be- wiesen, daß sich die Junker und ihre Regierung anschicken, einen- heimtückischen Streich gegen die Schnapsboykottbewegung zu führen.(Hört! hörtl) Sie wissen, der Profit der Junier entsteht! dadurch, daß die Menge des trinkbaren Branntweins gesetzlich be- schränkt und kontingiert wird. Dieses Kontingent, das mit einem niedrigeren Steuersätze belegt ist, wird stets so festgesetzt, daß es den Verbrauch nicht deckt. Nun wirkt natürlich der über das Kon» tingent hinausgehende Verbrauch preisbildend auf den gesamten Spiritusabsatz. In dem Augenblick, wo der Konsum herabsinkt auß das gesetzlich festgestellte Kontingent mit dem niedrigen Steuer- sah. verschwindet der Extraprofit der Junker, die Liebesgabe. Durch unseren Aufruf an die Arbeiter ist der Schnapsverbrauch so weih zurückgegangen, daß er dieser Grenze sich offenbar nähert, so daß es möglich erscheint, das Volk von der aufreizenden Liebes- gäbe, von der Sonderabgabe an die Junker, zu befreien. In dem Augenblick, wo nun das Volk Anstalten macht, sich diese Befreiung durch die Enthaltung vom Schnaps zu verschaffen, beschäftigt sich der Bundesrat mit dem Plane, die Liebesgabe herabzusetze»(Stür- misches Hört! hört!), damit der Rückgang des Konsums den Profiti nicht schädigt und das Volk auch weiter so ausgebeutet werden kann. Das wurde ausgeplaudert von einem jener Brenner, die mit der geplanten Herabsetzung des Kontingents unzufrieden sind. Die Spirituszentrale, diese Riesenmacht von Junkern. Banken, Kapitalisten, hat längst großen Einfluß auf die Regierung und den Bundesrat. Voraussichtlich wird schon in der nächsten ReichstagSsession ein solches Vorgehen des Bundesrats zu erwarten sein. Dabei ist noch zu betonen, daß jene agrarischen VolkSvergifter und Volksausräuber den Konsum im Jnlande dadurch künstlich ver- tcuern, daß sie fast mit Schaden und unter dem Preise nach dem Auslände verkaufen. Dieselben Herren, die sich nicht genug tun können in Beleucrungen ihres Patriotismus, sorgen so mit Unterstützung der für die Volksgesundheit verantwortlichen Re- gierung für ihre Tasche, indem sie den Markt von dem Schnaps be- freien, den die Arbeiter nicht mehr trinken, um den Preis noch weiter hinauftreiben zu können. In dreifacher Weise plündern sie die Elendesten und Aermften, und wir protestieren hier auf da? energischste dagegen, daß dieser Wucher, diese Ausbeutung mit Zustimmung aller einzelstaatlichen Regierungen in Nord und Süd fortgeführt wird(Lebhafter Beifall), und wir ersuchen die Fraktion. diese Angelegenheit im Auge zu behalten.(Allseitiger lebhafter Bei. fall.) Geck: Der Reichstag hat sich bereits mit der Frage der Gefahr des erhöhten Absinthgenusses beschäftigt, allerdings nur in der Petitionstommission. Ich kann im Augenblick nicht bestimmt sagen. welches das Resultat der Beratungen war. Ich weiß nur, daß es uns nicht gelungen ist. die Angelegenheit vor das Plenum zu bringen. So viel ich weiß, ist die Kommission über die Petition zur Tagesordnung übergegangen, weil eine Mehrheit der bürgerlichen Abgeordneten gegen die Absinthindustrie nicht Stellung nehmen wollte und,� wenn ich mich recht erinnere, auch die Regie- rungSvertreter� erklärt haben, daß die Gefahren noch nicht hin» reichend festgestellt seien. WaS die Vergiftung- durch Alkohol be- trifft, so bekommen in bäuerlichen Gegenden bereits Kinder zu ihrer angeblichen Beruhigung Schnaps. Ich weiß auch, daß Kirschwasser in sogenannten Schnullern von Hebammen zu diesem Zwecke verordnet wird.(Hörtl hörtl) ES mutz also dahin gewirkt werden, daß in den Lehrkursen der Heb- ammen die Gefahr geschildert und ein Verbot der Verabreichung von Schnaps an Kinder herbeigeführt wird.(Bravol) Katzenstrin-Stralsund: Die Bekämpfung des Alkoholgenusses der Jugend mutz durch verschiedene Mittel geschehen. Die Jugend muß planmäßig durch die Schule aufgeklärt werden, und im übrigen werden Maßnahmen zu treffen sein, die im Rahmen der Gewerbeordnung liegen. Daß hier eine besondere Notwendig- kcit besteht, das beweist da? reiche Material über die ungeheure Ausdehnung des Alkoholzcnusses in der Jugend. ES sind darüber in einer ganzen Reihe von Schulen Erhebungen veranstaltet worden. In dem Buch von Hirsch über„Verbrechen und Prosti- tution" finden Sie derartiges Material aus Braunschwcig und einer Reihe anderer Städte. Daraus ersehen wir. daß in geradezu ungeahntem Umfange den Kindern bis herab zum jüngsten Bier, Wein und sogar Branntwein zu trinken ge- geben wird, und daß das in körperlicher und geistiger Hinsicht auf die Kinder von allerschlimmstem Einfluß ist. In einer Reihe von Städten, wie z. B. in W i e n, ist der Zusammenhang zwiMn Alkoholismus und Betragen der Kinder untersucht, und es hat sich gezeigt, daß in demselben Maße, wie den Kindern Alkohol gegeben wird, ihre Leistungen herabgesetzt werden und ihr Betragen sich verschlechtert. Es handelt sich also um eine ganz be- sonders wichtige Frage; ich möcbtc die Aufforderung von Engler unterstreichen. ES ist eine wichtige Pflicht jedes Parteigenossen und jeder parteigenössischen Mutter, nicht selbst zur Vergiftung der Kinder beizutragen.(Sehr richtigl) WaS nun die Frage des Absinthverbotes anbetrifft, so liegen so schlagende Erfahrungen aus dem Ausland, auS Frankreich und der Schweiz vor, daß wir nicht nötig haben, erst noch die gleichen schlimmen Erfahrungen zu sammeln. Wir warten ja auch nicht ab. bis die Cholera Hunderttausende von Opfern bei uns ge- fotSetl Hak, sondern kreffen vorher unsere Vorkehrungen. sSehr gut!) Gerade in den politisch freien Völkern, der Schweiz und den skandinavischen Ländern hat man sich mit Be- wußtsein bindende Beschränkungen gegen die Ver» alkoholisierung des Volkes geschaffen, während in den absolutistisch regierten Staaten, Rußland und Preußen, der Alkoholismus verhe.erend wirkt,— Nun noch ein Wort zum Branntweinboykott. Auf dem vorigen Partei- tag ist er einstimmig mit großer Begeisterung beschlossen worden. Er hat auch gewisse Wirkungen ausgeübt, aber diese Wirkungen sind weit hinter dem zurückgeblieben, was geschehen kann, wenn der ernste Wille vorhanden ist, und das hängt wesentlich von dem Verhalten der matzgebenden Parteiorgane ad. In Breslau ist durch Erhebungen festgestellt, daß in den Arbeiter- kneipen der Brannlweingenutz außerordentlich zurückgegangen ist, in den Wirtschaften, wo andere Kreise verkehren, nicht(Hört! hört!) Die Breslauer„Volkswacht" hat auch ihre volle Schuldig. keit bei der Propagierung des Branntweinboykotts getan, ebenso wie die Dortmunder„Ardeiterzeitung" und andere Parteiblätter. Es gibt aber auch Parteiorgane, die genau entgegengesetzt gehandelt habän. Ich erinnere an den Artikel Mehrings in der„Neuen Zeit" und an die Bremer„Bürgerzeitung", die den Beschluß nicht durchzuführen, sondern abzuschwächen versucht haben. In Bremen soll denn auch von den Wirkungen des Boykotts so gut wie nichts zu spüren sein. Wir haben gestern mit großer Mehrheit beschlossen, daß eS kein schlimmeres Vergehen gibt, als bewußte Auf- lehnung gegen einen Parteitags beschluß.(Sehr gut!) Das gilt auch für den Schnapsboykott. Ich bitte Sie, dahin zu wirken, daß auch in den Jnseratenspalten der Parteiblätter die Konsequenzen aus diesem Parteitagsbeschlutz gezogen werden, damit der Beschlutz so durchgeführt wird, wie es von segensreichen Ab- sichten, von denen er ausgegangen ist, entspricht.(Lebhafter Beifall.) Henke- Bremen: Daß von den Wirkungen des Branntwein- boykotts in Bremen nichts zu spüren sein soll, ist eine Unwahr- h e i t. Die Behauptung Katzensteins in bezug auf die Stellung der Bremer„Bürgerzcitung" stimmt insofern, als diese Zeitung dem Artikel des Genossen Mehring, wonach der Schnapsbohkott nicht in der Lage sei, die Wirkungen zu zeitigen, die man sich von ihm versprochen habe, zugestimmt hat. Es ist selbstverständlich er- laubt, an einem Parteitagsbeschlutz Kritik zu üben. Der Jrchalt des Artikels war, daß, wenn es richtig ist. datz die Trinlsitten, Volkskrankheiten, wie AlkoholiSmuS eine Wirkung der jeweiligen ökonomischen Zustände einer Zeit seien, wie daS die materialistische Geschichtsauffassung behauptet, selbstverständlich nicht von oben herab durch einen Beschluß des Parteitages die Wirkungen erzielt wetfbcn können, die man sich vielfach in Abstinentenkreisen davon versprochen hat. Ich gebe durchaus zu, dah der Trinkbranntwein infolge des Boykotts zurückgegangen rst und ich kann Ihnen als Redakteur der Bremer„Bürgerzeitung" versprechen, daß dieses Organ, wie bisher, dem Beschluß des Parteitages die größtmögliche Wirkung zu verschaffen suchen wird. ES ist nicht wahr, daß die Bremer„Bürgerzeitung" sich um diesen Beschluß nicht gekümmert 'hat. Wenn sie auch ihre gegensätzliche Meinung zum Ausdruck ge- bracht hat, so hat sie doch, genau wie andere Parteiblätter die Auf. forderung zur Befolgung dieseS Beschlusses ver. schiedene Male bei passenden Gelegenheiten, Gewerkschaftsfesten, Maifeier usw. gebracht. Seien Sie überzeugt, datz die Bremer ..Bürgerzeitung" und die Bremer Parteigenossen Parteitagsbeschlüsse achten und ausführen. Wir dachten nicht daran, die Wirkung des Schnapsboykotts abzuschwächen. Vorsitzender KlllhS: Ich schlage jetzt Vertagung vor. Es ist noch ein Antrag Baumann und Genossen eingegangen, der sich ebenfalls gegen die Steuer- und Zollpolitik und die da- durch hervorgerufene künstliche Teuerung der Lebensmittel wendet. Katzenstein-Stralsund(persönlich): Ich habe erklärt, datz die Bremer Bürgerzeitung die Wirkung des Schnapsboykotts abgeschwächt hat. Das ist eine Tatsache. Gewiß, sie hat nachher die Aufforderung gebracht, den Boykott zu befolgen. Wie kann das aber wirksam sein, wenn vorher die Unwirksamkeit des Boykotts dargelegt wird und zwar auf Grund der materialistischen Geschichts- auffassung, die zu allem herhalten muh. Vorsitzender KlllhS: Die Geschichtsauffassung ist nicht persönlich. Henke-Bremen(persönlich): Ich mutz ganz entschisden be- streiten, datz durch uns die Wirkung deS Boykotts verringert worden ist. Kritik hat die Bürgerzeitung geübt, und dos wird sie auch weiter tun. Fleißner-DreSden erhält daS Wort zu einer berichtigenden ErNärung: Der Parteitagsdelegierte Heil mann aus Chemnitz, Redakteur der Chemnitzer„Volksstimme", hat jn diesem Blatte einen Artikel über die Budgetdebatte des Parteitages gebracht. Er hat in diesem Artikel meine Ausführungen in folgendem Satz besprochen:„Nur auf eine Bemerkung aus der Debatte möchten wir besonders hinweisen. Es ist die satte Selbstzufrieden» h e i t, mit der Genosse Fleißner-DreSden rühmte, daß die Stellung der sozialdemokratischen Fraktion auch im sächsischen Landtage wesentlich besser geworden sei." Ich möchte sachlich richtigstellen, datz ich weder von Errungen. schaften unsererseits im sachsischen Landtage gesprochen habe, noch viel weniger davon, datz es sich um rühmliche Errungenschaften handeln könne. Ich verwahre mich gegen diese ganz Willkür- liche und völlig unmotivierte Unterstellung. Ueber die durchaus verletzende Form des Angriffs verliere ich kein Wort.(Beifall.) Darauf werden kurz vor 11 Uhr die Verhandlungen auf Freitag vertagt. Am Nachmittage unternimmt der Parteitag einen Ausflug nach Thals, » Resolutio» zur Fleischteueruug. Parteiborstand und Kontrollkommissio« be- antragen folgende Resolution: Der Parteitag erblickt in der herrschenden Fleischteuerung einen unerträglichen Notstand, der durch die Zoll- und Agrarpolitik des Reiches hervorgerufen ist. Die künstliche Verteuerung des Getreides durch die Zölle, die in Zeiten hoher Auslandspreise noch gesteigert wird durch die Einsuhrscheine, bedingt neben der Brotteuerung die Verteue- rung der Futter st offe und damit die Preissteigerung des Viehes und des Fleisches. Dies« Preissteigerung wird weiter verschärst durch die Vieh, und Fleischzölle und die schikanösen Einfuhrbestimmungen. Die hohen Fleisch- und Brotpreise verschlechtern die LebenS» Haltung der ärmeren Voltsklassen, schädigen ihre Ge» s u n d h e i t auf das schlimmste und führen zu ihrer De- generat.on. Der Parteitag verlangt daher von der Regierung, daß un- verzüglich alle Zölle und zollpolitischen Matz- regeln, die eine künstliche Verteuerung deS Fleisches herbeiführen, beseitigt werden; er fordert weiter die Partei- organisationen auf, den Kampf gegen die Lebensmittelteuerung mit aller Schärfe weiterzuführen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Magdeburg, 22. September 1210. Werte Redaktion! Die bis zur Entstellung der Tatsachen einseitige Schilderung der Parteitagssitzung vom 21. September Igll) in der Nr. 222 des „Vorwärts" nötigt uns, Sie zu ersuchen, zur Steuer der Wahr- heit Ihren Lesern die nachfolgende objektive Darstellung des Sach- verhalt? und der Gründe der Minderheit in der nächsten Nummer des„Vorwärts" mitzuteilen. Mit Parteigruß I. A.: S. Auer- Die„Mektive" Darstellung- bes Sachverhalts lautet wie folgt: Durch da? Verhalten der Mehrheit des Parteitags hat sich eine Anzahl von Delegierten und Abgeordneten genötigt gesehen, ihre Teilnahme an der Verhandlung über den Antrag Z u b e i l und Genossen Nr. 97 abzulehnen, weil die Mehrheit die einfachsten For- derungen der Kameradschaftlichkeit und Loyalität verletzt hat. Dieser Antrag Zubeil und Genossen war sachlich und parla- mentarisch völlig unzulässig. Der erste Antrag Zubeil Nr. 93 war zurückgezogen worden, nachdem Genosse Bebel in einer jeden Widerspruch ausschließen- den Weise dargelegt hatte, datz er mit dem Organisationsstatut un- vereinbar sei. Als die Debatte über die Budgetfrage schon geschlossen war und die Abstimmung vorgenommen werden sollte, hat die Mehr- heit die Verhandlungen des Parteitags eine Stunde lang unter- brechen lassen, um unter sich in getrennter Sitzung dem Antrag die neue Fassung zu geben. Darauf hat sie ihn wieder eingebracht, obgleich er zu diesem Zeitpunkt weder beraten, noch zur Abstim- mung gestellt werden konnte. Es ist zum mindesten unloyal, nach ordnungsmäßiger Erledi- gung eines Punktes der Tagesordnung ihn von neuem in die Debatte zu ziehen, sei es auch unter der Maske eines neuen Antrages. Vermittelungsversuche, die bis zum letzten Moment von Mit- gliedern des Parteivorstandes unternommen wurden, und denen die Minderheit bereitwillig entgegenkam, hat die Mehrheit abgelehnt. Die Mehrheit hat darauf nach Annahme der VorstandSresolu- tion die Beratung des Antrages Nr. 97 erzwungen, obgleich der Vorsitzende sie bat, davon abzustehen, und obgleich zu der borge- schrittenen Nachtstunde eine gründliche Verhandlung ausge- schlössen war. Daß der neue Antrag Zubeil nichts ist, als eine in andere Form gekleidete Wiederholung des Antrags Nr. 93, und datz er mit diesem sachlich identisch sein soll, hat Genosse Haase ausdrücklich erklärt. Der Antrag will feststellen, datz jede künftige Zuwiderhandlung gegen die Resolution des Parteitags über die Budgetbewilligung den Fall des Ausschlusses aus der Partei bedeutet. Nach Z 23 des Organisationsstatuts aber ist selbst bei beharrlicher Zuwiderhand- lung gegen Parteitagsbeschlüsse der Ausschluß nicht vorgeschrieben, sondern nur für zulässig erklärt und auch nur für den Fall, daß diese Zuwiderhandlung eine Schädigung der Interessen der Partei bedeutet. Ob dieser Fall vorliegt, kann nur nach Prüfung der be- sonderen Umstände und nur durch die Organe festgestellt werden, denen das Statut die unabhängige, unbeeinflußte Entscheidung an- vertraut, ob sie den Ausschluß für berechtigt und angemessen halten. Nicht aber darf der Parteitag für alle Zeit und für alle Fälle, deren Umstände noch gar nicht übersehbar sind, den Ausschlutz vor- schreiben. Darin liegt eine grobe Verletzung der grundlegenden Verfassung der Partei. Obgleich die Minderheit aus diesem Grunde gegen die Ver Handlung des Antrags protestiert hat, und obgleich der Vorsitzende sich außerstande erklärt hat, den Antrag, der nicht einmal in zweifelsfreier Form vorlag, zur Abstimmung zu bringen, hat die Mehrheit ihre Absicht zu erkennen gegeben, den Antrag ohne ernst hafte Beratung durchzupeitschen. Dies hätte zu Erörterungen und Auftritten führen müssen, die die Minderheit angesichts der allgemeinen politischen Lage im Interesse der Partei vermeiden wollte. Deshalb blieb nichts übrig, als der Mehrheit die Verhandlung ihres Antrage? und die Ver antwortung für die Folgen zu überlassen. Magdeburg, 22. September 1919. E. Au er-München. Keitz-Mannheim. Die„objektive" Darstellung ist so objektiv, daß sie zu- nächst völlig verschweigt, was zwischen dem Schlußwort Bebels und dem Einbringen des neuen Antrags Zubeil-Haase ge- schehen ist, daß sie verschweigt, was die Mehrheit in die Zwangslage versetzte, nach Schluß der Debatte den Antrag einzubringen: die provozierende �Erklärung Franks in seinem Schlußwort! Gegen den Vorwurf, die Mehrheit habe die einfachsten Forderungen der Kameradschaftlichkeit und der Loyalität ver. letzt, brauchen wir sie nicht in Schutz zu nehmen. Zu der Be- hauptung aber, daß die Mehrheit Vermittelungsver- suche des Parteivorstandes abgelehnt habe, denen die Minderheit bereitwillig st ent- gegengeko-mmen sei, wollen wir doch bemerken, daß nach unseren Informationen die Mehrheit nicht in der Lage war, darauf einzugehen, weil die Minderheitsichweigerte.eineklareundun- zweideutige Erklärung darüber abzugeben, ob sie künftig den Parteitagsbeschluß zur Budgetfrage beachten werde! Das Gerede von der rechtlichen Unzuläsfigkeit des An- träges, von der groben Verletzung der grundlegenden Ver- fassung der Partei ist absolut hinfällig. Der Parteitag ist die oberste Instanz der Partei und ist. selbstverständlich durch. aus befugt, zu bestimmen, daß die Zuwiderhandlung gegen einen bestimmten wichtigen, gnmdsätzlichen Beschluß die Ein- leitung des ordnungsmäßigen Ausschlußverfahrens nach sich ziehen muß. Die„objektive" Darstellung behauptet, man könne heute noch nicht wissen, ob eine solche Zuwiderhandlung in dem Zeitpunkte, wo sie erfolge, eine Schädigung der Partei- interessen bedeuten werde. Solche Behauptung können die Verfasser der Darstellung nur aufstellen, weil sie außer acht lassen, daß solche Zuwiderhandlung ein D i s z i p l i n b r u ch wäre! Falsch ist es natürlich auch, daß die Mehrheit den An- trag ohne ernschafre Beratung durchpeitschen wollte. Das widerlegen die Verhandlungen. Schließlich waren die ganzen zweitägigen Debatten über die Budgetbelvilligung Material zur Beurteilung des Antrags. Kläglich mutet endlich die Ausrede an, daß die Minder- heit den Saal verlassen habe, um„Erörterungen und Auf» tritte"„angesichts der allgemeinen politischen Lage im Jnter» esse der Partei zu vermeiden". Diese Befürchtung von„Er. örterungen und Auftritten", die die Partei hätten schädigen können, ist deshalb ganz unbegründet, weil in den ganzen zweitägigen Berhandlungen über das Kampfobjekt bei aller inneren Leidenschaftlichkeit die parlamentarische Form stets güvahrt blieb. Die Darstellung der Genossen Auer und Geiß ist also alles andere, denn objektiv. Em der frauenbenegung. WaS der Kaiser wissen müßte. Also sprach Wilhelm EL in Königsberg von der Königin Luise, diesem„Engel in Menschengestalt":„Was sollen unsere Frauen von der Königin lernen? Sie sollen lernen, datz die Hauptaufgabe der deutschen' Frau nicht auf dem Gebiet deS VeriammlungS- und VereinswesenS liegt, nicht im Erreichen von vermeintlichen Rechten, in denen sie eS den Männern gleichtun können, sondern in der stillen Arbeit im Hause und in der Familie." Dieser Ausspruch zeugt nicht nur von einer ausgewachsenen Weltfremdbeit, er steht auch mit den geschichtlichen Tatsachen nicht im Einklang, Selbst die byzantinischen Geschichtsschreiber rechnen es der gerühmten „LandeSmutter" als höchste Tat an, datz sie ihre„Hauptaufgabe" nicht nur in der„stillen Arbeit im Hause und in der Familie" gesucht hat. sondern tatkräftig— und nebenbei bemerkt unheilvoll— in die Welthändel und öffentlichen Vorgänge eingriff. Sie verstand es auch ganz gut, Staatsmänner, die sich ihrer königlichen Huld nicht mehr erfreuten, zu stürzen. Der Passus von der Hausfrau in der Königsberger Rede hat denn auch ein lautes Echo in der Frauen- weit aller Kulturländer erweckt. Zeugt sie doch von einer völligen Unkenntnis der Lebenslage weiter Volksschichten. Datz die gewerbliche Stellung der heutigen Frau vom ehernen Gesetze der Entwickelung diktiert wird, beweisen folgende statistische Feststellungen: Die am 12. Juli 1997 in Preutzen vorgenommene Be- triebszäblung ergab, datz von der Gesamtzahl der gewerblich tätigen Per- soncn 73,95 Proz. männlichen und 26.95 Proz. weiblichen Geschlechts waren. Die Sieigerung zeigte seit 1895 bei den Männern 38,75, bei den Frauen 54,2t Proz. Die Zunahme der Frauenarbeit erstreckt sich über ganz Deutschland. Nach den Berechnungen des kaiserlichen Stattstischen Amtes vom Jahre 1997 wurden in Deutschland beschäftigt in 89 211 Fabriken 449 236 jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren, darunter 13 954 Kinder unter 14 Jahren! 285 999 waren männlichen, 159 847 weiblichen Geschlechts. Von den Kindern waren 7295 Knaben, 5759 Mädchen. Die Zahl der Fabriken war seit 1996 um 5259 gestiegen, die der jugendlichen Arbeiter um 24 735, darunter 1149 Mädchen und 5522 Arbeilerinnen bis zu 16 Jahren. Autzerdem wurden gezählt 449 436 Arbeiterinnen von 16 bis 21 Jahren, und 696 999 Arbeiterinnen über 21 Jahre. Das ist eine Zunahme von 49 636 Arbeiterinnen über 16 Jahre oder 2,3 Proz. binnen zwölf Monaten bei einer Bevölkerungszunahme von nur etwa 9,5 Proz. auf weiblicher Seite! Im ganzen sind in Deutschland zirka 9'/z Millionen Frauen und Mädchen, gleich 39,37 Proz. der weiblichen Bevölkerung beschäftigt. Jn Oesterreich beträgt die Zahl der erwerbstätigen Frauen 6 Millionen. Jn Dänemark umfntzt die Zahl der arbeitenden Frauen Söslt0, in Schweden 233/jo Proz. Denlschland hat ungefähr 1 Million mehr Frauen als Männer und 5 Millionen unverheirateter Frauen, von denen 3 999 999 sich durch ihrer Hände Arbeit ernähren müssen. In den Altersklassen von 39—59 Jahren sind 77 Proz. Frauen verheiratet, vom 59. Jahre ab ist jedoch die Mehrheit ohne Er- nährer. Die Ehe bildet, wie ja das Leben täglich zeigt, leine sichere Versorgungsanstalt. Es gibt heute Berufe, wie die Textilindustrie, mit über- wiegender Frauenarbeit. Aber auch andere Gewerbezweige sind stark auf weibliche Arbeitskräfte angewiesen. So unter anderem die Metallindustrie, wo Teilarbeit und sinnreich erfundene Einrichtungen die Anstellung von Frauen begünstigen. Jn zwei Jahrzehnten ist die Entwickelung so weit vorgeschritten, datz z. B. in Riesenbetrieben wie die Allgemeine Elektrizitätsgesellschast, die Siemens-Schnckert- Werke, Siemens u. Halske usw. die Arbeitsstile für Massenfabrikation fast auSschlietzlich von Frauen besetzt sind. Jn Oester- reich waren nach einer Zusaminenstellnng von Dr. Franz von Meinzingen auf Grund der Bernfszählung vom 3. Juni 1992 in der Metallindustrie einschlietzlich der Maschinenfabrikation und Metallverarbeitung in Betrieben und in der Heim- arbeit über 39 999 Arbeiterinnen beschäftigt. Nach dem allgemeinen Bericht der Gewerbeinspektoren vom Jahre 1998 waren in der„Metallverarbeitung" und„Maschinenfabrikation" und so weiter, und zwar nur in den inspizierten gewerblichen Betrieben allem 27 781 weibliche Arbeiter unter 14 Jahren, unter 16 Jahren und über 16 Jahre. Dabei sind Arbeiterinnen in den von den Gewcrbeiuspektoren im Berichtsjahre nicht besuchten Be- trieben und die Zahl der in der Heimarbeit beschäftigten Metall- arbeiterinnen nmürlich nicht mitinbegriffen. Jn der oberschlesischen Berg- und Hüttenindustrie bilden die Frauen zirka 9 Proz. der Belegschaft und sie erhalten den horrenden Lohn von 1,24 M. bis 1,39 M., obgleich die Frauen vielfach mit den oberirdisch beschäftigten Männern die gleiche, ja oft noch be- schwerlichere Arbeit leiste» müssen. Die Berliner GewerbeaussicktSbeamtcn haben bor einigen Jahren festgestellt, datz die Berliner Arbeiterin im Durchschnitt 11 M.„ver- dient". Dieselben Beamten haben aber auch ausgerechnet, datz eine alleinstehende Arbeiterin, wenn sie nur notdürflig leben will und ihre Bedürfnisse aufs äutzerste einschränkt, also auf dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung steht, eine regelmätzige wöchentliche Einnahme von 11,65 M. zum Unterhalt bedürfe. Die Verbältnisse sind mittlerweile noch weit ungünstiger geworden. Mit der enormen Verteuerung der Lebensmittel und aller Bedarfsartikel sowie der Mieten haben die Löhne der Arbeiterinnen keineswegs gleichen Schritt gehalten. Angesichts all dieser Zustände mutet die Kaiserrede wie der Hauch eines vergangenen Jahrhunderts an. Man weitz nicht, ob man lächeln oder sich entrüsten soll ob der Zumutung, die Frau solle im Hause bleiben und sich nicht um Versanimlungen und öffentliche Angelegenheiten kümmern. Die arbeilenden Frauen wären nicht wert, ein besseres LoS zu erringen, wen» sie nicht mit aller Macht ihre Stimme erhoben gegen ihre Lohnsklaverei und gegen die Klassenherrschaft. Die arbeitende Frau hat an allen, aber auch allen öffent« liche n Angelegenheiten das grvtzte und lebhafteste Interesse. ES gibt gar keine Frage, zu der die denkende Frau nicht Stellung nehmen mützte, im eigenen Interesse oder im Interesse ihrer Kinder. Ihrer Kinder, die sie nicht zu Heloten, sondern zu Rebellen gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung und ihre Sliitzen erziehen soll. DaS sei die vornehmste Aufgabe der Fruul „Berliner Meiler- BMrer-Verein" Milglicd des Arbeite»' Radsalirer-Bunde« »Solidarilät-. Touren zum Sonntag, 2b. September. 1. bis 10. Abt.: 12'/- Uhr: Hohen- Ncnendors. Sainr.iclslait: Punkt 2 Uhr in Gllenicke bei Schulz. Nach- dem die geraden Abteilungen: HennS- dors(ForslbauS); die ungeraden Ab- teilungen: Stolpe(Dergeinaiin). 11. Abt.(Sektion der Wastlviris« gehiisc»): Arn 28. ö Uhr: Pserdebucht. tnrts: An den bekannten Stellen. Lichtenberg: 25.9. 8 Uhr: Schnihcl- jagd, Eichwaide(Witte). Start: Psarrstr. 74. AMier-Wanderbiini! H„Die Naturlreunde". Wanderfahrten am Sonntag, den 25. September: Gemeinsame TÜanderfahrt nach Hohen-Neuendorf. 1. Treffpnukt 8 Uhr vorm. Endstation der Straßenbahn in Tegel. 2. Treff- Punkt 12 25 Uhr nachm. t Stelliner Borort-Bahnhos nach Frohnau. S. Treff- punkl 2'/, Uhr: Stolpe bei Vergemann. Gaste willtomme». 2/13 Aussühiliche Programme bei Heyse. Voycnstr. 19, zu haben. . JÖcrutur—--■ unisr-HuäNe» 0. Creuer. Kaetanten-RlUe«o Teilzahlung llofert auf bequeme bei kleinster Anzahlung in bekannter Gute (mit grüGtsr Rücksicht bei Krankheil und Arbeitslosigkeit) E.Cohn,Gr.FräDklurterstr.58 SozialilemokFatiscIierWatitoreiD für den i Berl. Reielislägs-Walillam Stralauer Viertel. (Bezirk 3S1d. Teil I) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Maler Ntax Lindner KoliernikuSstr. 20 gestorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Freitag, den 23. September, nach- mittags 2'/, Uhr, vom Trauer- Hause aus nach dem ZUrchhos in Wilhelmsberg statt. Um rege Beteiligung ersucht 220/20 Der Vorstand. Hierdurch die traurige Mit- teilung, daß mein lieber Mann, unser guter Vater 9SSL Max Nathow am 22. September nach langem, schweren Leiden im Alter von 36 Jahren verschieden ist. Dies zeigen tiesbetrübt an die trauernde Witwe Zlsrtli» STathow, Kind, Mutter u. Verwandte. Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 24. September, nach- mittags 2'/, Uhr, vom Trauer- hause schwedter Str. 80 aus statt. SozialileniokratjselierValilvereiD des 6. Berl. Reichstags-Wahlkreises. Todes- Anzeige. Am 22. September verstarb unser Mitglied, der Schneider Max Nathow Schwedter Str. 80. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 24. September, nachmittags 2'/, Uhr, vom Trauer- hause aus nach dem Gethsemane- tiirchhos. Nieder» Schönhausen- Nordend, statt. Um rege Betelligung ersucht lvei- Torstand. Deulscher Kolzarbeiter-Yerband Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Kollege, der Bodenleger Randler am 20. September gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 24. September. nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle des 2. Schönebergcr Ge- meindesriedhofS, Slldostgelände (Blanke Hölle) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 90/5 Die Ortsverwaltung. Hierdurch die traurige Mit- teilung, daß meine Frau /Nana Winzer am Mittwoch, den 21. September, verstorben ist. Um stille» Beileid bittet €>. Hlnzcr, Gatte. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 24. September, nachmittags 4 Uhr, von der Halle der Heilandsgemeinde, Plötzensee, aus statt. 989L Danksagung. Für die herzliche Teilnahme sowie die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau Slartlia Klos sagen hiermit unseren herzlichsten Dank. S87L Hans Klos u. Eltern. Danksagung. ür die Beweise herzlicher Teil- nähme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, Bruders, Schwagers und Onkels Karl Jdnsch sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, sowie dem Verein der Berliner Zimmerer und den Zim- merern der Zahlstelle Wedding und Gesundbrunnen meinen herzlichsten Dank. 9852 Die trauernde Witwe _ Angnste Jänsch. Dr.Simmel Spezial-Arzt fSr Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, 10— 2, 5—7. Sonntags 10—12, 2— 4 Danksagung. Für die überaus herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines innig- geliebten Mannes, unseres guten Vaters sprechen wir hierdurch allen Verwandten, Freunden, Bekannten, sowie dem Personal und Kollegen des Hauses Ullstein u. Co. und dem Ver band der Maschinisten und Heizer unseren ttesgesühltcstcn Dank aus. Wtse A. Wittbrodt nebet Kindern. »»»«««»»»««»««««»»»» Kaulsdorf und Mahlsdorf. Nur 20 Pf.-Fahrtv. Zentrum Berlins, trotzdem billig, als weiterv.Berlin gelegene Orte, wie Hoppegarten, euenhagen usw.Mäß. Änzanlung, besten. Pläne gratis. Manlsdorf Im Paeillon. 678L* J. Rieger, Berlin, Oontardstr. 5. Ion gl. Hypotheken. Pläne Verkäufer ständig am Bhf. ist er ott Vcrwaltnng Berlin. Heute Freitag, abds. 8'/z Uhr, im GcwerkschaftShaust» Engelufer 14/15, Saal 1(Arbeitslosensaal): Sifciing der Ortsverwaltung. Achtung! Vertrauensleute. Die Zahlstelle 58 ist von Stralauer Allee 32 nach Wühlischstraße 21 inS Lokal von Otto Deut verlegt worden. Montag, den 26. September: Mitglieder- veriamwlungev der Bezirke und Branchen. Die Lokale werde« in der Sonntagnnmmer bekannt gegebe». Polierer! Sonntag, de» 25. September, vormittag» 10 Uhr: Oeffentllche Vcrlammluna der Pallerer auf Stühle und geschveiste Arbeit im Königstadt-Kastno, Hokzmarktstr. 72. TageS- Ordnung: 90/S 1. Gedenken die Kollege» am 1. Oktober S Pro», auf ihren Zeit, oder Akkordlohn»«forder«? Reserent: Kollege Albert Bedrelber. 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes. Pflicht jedes einzelnen Kollegen ist e». w dieser Versammlung zu er- schemen. Die Branehenleltang. Arbeitsnachweis: Hos l. Amt 3. 1239. Verwaltungsstelle Berlin. Hanptbureau: ChariMstraSe 3. Hos HI. Amt 3, 1987. Sonntag, den SS. September, vormittags 10 Uhr, im Englischen «arten, Alexanderstr. 27 c(großer Saal): Branchen- Uersammlung aller in der Metallindustrie beschäftigten Maschinenarbeiter und-Arbeiterinnen. Tage»-Ordnung: 1 Branchen- und VerbandSangelegenhelten. 2. Vortrag deS praktischen Arztes Herrn Dr. PleBner über:„Nervenkrankheiten als BerusSkrank- heuen". 3. Diskussion. Zu dieser Versammlung sind alle w der Melallindustrle beschästigten Hobler, Bohrer, Fräser, Stoßer, serner die in den Betrieben der Gelb- Metallindustrie beschästigten Schnittarbeiter, an Ziehpresien und Stoßwerken Beschästigte, serner alle an Maschinen tätigen Arbeiterinnen freundlichst ein- geladen. 182/4 Die Ortsrcrwaltnng. Verantwortlicher VitMlmt Richgrd Borth, Berlin. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Groll-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- führer Karl Kandix am 21. September im Alter von 43 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung sindet morgen Sonnabend, den 24. d. M.. nach- mittags 2>/, Uhr, vom Trauer» Hause Heidenseldslr. 13>>uch dem Zentral-Friedhose'~- in Friedrichs 51/5 selbe statt. Ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter Vruno LcTiröder am 21. September im Alter von 37 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 24. d. M., nach- mittags 4'/,Ubr, von der Leichen- Halle des Virchow-Krankenhauses nach dem neuen Pauls-Kirchhos Plötzensee aus statt. Ehre ihrem Andenken! Die Bezirksverwaltung. Oeffenlliche politische VersamntliingeiL Oeffentliche Versammlung. Die„gottgewollten" Abhängigkeiten und das Volk der Junker Vortrag des Landtags-Abgeordneten Adolf Hof f UlSflTI Dienstag, den 27. Sept., abends 8 Uhr, in Hoppes Festsälen, Rixdorf, Hermannstr. 49. Diskussion. Eintrittspreis 10 Pt 57/5« Eintrittspreis 10 Pf. Der Einberufer: A. Hnrndt, Pappel- Allee 15. Zcutralmbllid»« iMdiiiiillcn«nb Krher fiotoik Kttiisggtiiosse« MilWaiid» VerwaltnngssteHo OroB-Bcrlln. Sonnabend, den 24. September 1910, abends 8 Uhr: Versammlung in de» Arniinhallcn. Kommandantenstraße 53/59. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Jng. Victor i Die Eni- stehung der Braunkohlenbriketts und ihre Verwendung im Dampf- kesselbetrieb. Stellungnahme zu dem Bericht Köpenick. 145/19 PW" Mitgliedsbuch tegitimiert."MG Das Erscheinen sämtlicher Kollegen ist dringend notwendig. Die Verwaltung. Uorwarts- gesetzlich Cigarette« geschah» Das belte an Qualität zurzeit 1 9732« Reine Husftattung— dafür Qualität 1 JVur echt mit zwei roten Fahnen! Dandarbelt! piur organlflerte Hrbdtcr! sondern müssen, bevor Sie Ihren Bedarf«utTeiliahlung decken das Waren- und Möbel-Kredlthaus Hugo Udo Cohn |No. 13 Kottbuser Damm No. 13 j aufsuchen, wo Ihnen bezüglich Anzahlung:, Abzahlung und grosser Auswahl Vorteile geboten werden, wie Sie solche wohl kaum In einem anderen Kredltgesch&tl finden. 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Wahlkreis an den Genossen Jakob Ege, C. 19, Roststratze 31. Für den II. Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder, 8. ö3, Bergmannstrahe 95, II. Für den Hl. Wahlkreis an den Genossen Gustav Müller, 30. 36, Grünauer Straße 3, V. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, 0. 34, Slrastmannstrahe 29. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Albert Hahnisch, 0. 54, Nuguslstrasze 51, Ouergeb. IV. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Wilhelm DamS, N. 4, Schlegelstrahe 9. Für Nieder-Barnim an den Genossen Hermann Elias, 0. 112, Blumenthalstrahe 24. Für Teltow-BeeSkow an den Genossen Karl Rohr, Rixdorf. Selchower Strohe 15—16, IV. Für Potsoam> Osthavelland an den Genossen Emil Schubert, Spandau, Kurstrahe 21. Für alle übrigen Orte der Provinz sind Mitteilungen zur Lokal- liste durch die Vorsiveuden der Kreise an den unterzeichneten Ob- mann der Kommission zu richten. Um das rechtzeitige Erscheinen der Lokalliste zu ermöglichen, ersuchen wir die Parteigenossen dringend, alle Mit- teilungen in Lokalangelegenheiten für Groh-Berlin dem zu- ständigen Kommissionsmitgliede, für die übrigen Orte der Provinz dem Vorsitzenden des betreffenden Kreises zu übermitteln.— Ferner weisen wir wiederholt auf den in den Lokalkouferenzen der Lokalkreise so oft gefaßten Beschluß hin, wonach die örtlichen Kommissionsmitglieder unbedingt verpflichtet sind, vor dem Erscheinen jeder neuen Liste rechtzeitig an den Obmann ihres Kreises einen Bericht einzusenden, gleichgültig, ob Veränderungen vor. gekommen sind oder nicht. Orte, aus denen kein Bericht kommt, werden in der Liste nicht weiter aufgeführt und haben sich die betreffenden Genossen die etwa hieraus entstehenden unangenehmen Folgen selbst zuzu- schreiben. Alle nach dem 28. September einlaufenden Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden und ersuchen wir, dies zu beachten. DeS weiteren ersuchen wir wiederholt, alle Mitteilungen in Lokalangelegenheiten nur durch die oben genannten Kommissions- Mitglieder an den Obmann der Kommission zu richten und nicht direkt an den„Vorwärts". Es entstehen hierdurch nur unnötige Verzögerungen, und da die meisten Einsendungen immer erst in letzter Stunde einlaufen, ist, wenn eS sich um eine Sperrnotiz handelt(Vergnügen in einem gesperrten Lokal), eine Publikation nicht mehr möglich. Der Obmann der Lokalkommission: Albert Hahnisch, 0. 54, Auguststrahe 51. �« Lokalliste. Am Sonnabend, den 24. September veranstalten »er Sparverein Lankwitz 1910 in DohnS Restaurant, Kaiser« Wilhelmstr. 34. sowie der Gesangverein Lieder« kränz, ebenfalls in Lankwitz, im Restaurant Gutsche, Kaiser« Wilhelmstr. 20—31 Festlichkeiten. Desgleichen feiert der Raucher« verein Bruderbund in Zehlendorf im Kaiferhof fein Stiftungsfest. Da alle oben genannten Lokale der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung stehen, so bitten wir die eventuell angebotenen Billett« zurückzuweisen. Die Lokalkommission. Charlottenburg. Die ParteitagSliste Nr. 8523, auf der 1,10 M. gezeichnet waren, ist verloren gegangen. Wir ersuchen die Liste an- zuhalten, falls sie vorgelegt werden sollte. Der Vorstand. Erkner. Sonnabend, den 24. September, öffentliche Versamm- lung. Genosse U ck o spricht über Nahrungsmittelteuerung und Kaiser« reden. Hierzu am heutigen Freitag Flugblattverbreitung von Dege- brodt aus. Der Vorstand. Bernau. Die WahlvereinSverlammlung findet am Sonnabend, 24. d. M., abends 9 Uhr, im Restaurant Bellevue, Jnh. Salzmann, statt. Tagesordnung: Die wirtschaftliche Lage. Referent: Genosse Kurt Heintg._ Die Bezirksleitung. Berliner JVaebriebten. Der Kampf um das Tempelhofer Feld, der zwischen der Swdtgemeinde Berlin und der Dorfgemeinde Tempelhos geführt wird, ist noch nicht entschieden, aber die Aussichten auf Erfolg find jedenfalls für Tempelhof sehr viel günstiger als für Berlin. Das Natürliche wäre ja, daß dieses Terrain zu dem Gebiete Berlins geschlagen, durch die Stadt er- warben und von ihr bebaut würde. Das sogenannte Tempelhofer Feld ist zwar ein Teil des Gebietes von Tempelhof, seiner Lage nach muh man eS aber zu Berlin rechnen, dem eS sich eng angliedert. Der Stadt Berlin wär'S auch ein Leichte», die Mittel zum Ankauf des Terrains herzugeben, während da» kleine Tempelhof sich in schwere verbind» lichkeiten stürzen mutz. Der blohe Kaufpreis für den westlichen Teil des Feldes— nur dieser wird vom MilitärfiskuS zuckt Verkauf an- geboten— beläuft sich, wie schon mitgeteilt, auf 72 Millionen Mark, zu denen noch ein reichliches Dutzend Millionen für Strahenbau. Eisenbahnunterführungen usw. hinzukommen. Um den Kaufpreis aufzubringen, muh die Gemeinde Tempelhof sich mit Terrain- gesellschasten und Banken verbrüdern, die im Hinblick auf den winkenden Profit da» nötige Kleingeld liefern wollen. Und weil der MilitärfiskuS nicht ganz das Vertrauen hat, daß die Zahlung in der ausbedungenen Frist zustande kommt, soll auch der Kreis Teltow mithelfen uud erst die Garantie übernehmen. Man sieht, für Tempelhof ist das Geschäft nicht so ganz einfach. Doch, wie gesagt, Berlin hat wenig Aussichten, und wahr- scheinlich wird nicht das Natürliche, sondern das Unnatürliche zur Wirklichkeit werden: Der Ankauf des Riesenterrains nicht durch Berlin, sondem durch Tempelhof. In den bisher geführten Verhandlungen hatte der Vertreter des Berliner Magistrats denselben Preis geboten, den Tempelhof mit Hilfe kapitalkräftiger Spekulantengruppen zahlen zu können meint. Aber für Berlin wurde zugleich als etwas Selbstverständliches ge- fordert, dah das Tempelhofer Feld, wenn der Ankauf durch die Stadt zustande käme, auch in das Stadtgebiet«ingemeindet wird. Der Magisttat hatte nicht Lust, mit Mitteln Berlins einem Vorort zu einem Wohnviertel zu verhelfen, das vielen Wohlhabenden ein neuer«nlah werden könnte, den Zug in die Bororte mitzumachen und so den Steuersäckel Berlins zu schädigen. Die Eingemeindung war unerlähliche Bedingung, aber sie) ist nun zu dem Stein deS Anstoßes geworden, an dem die Pläne Berlins zerschellen sollen. Für Eingemeindungen nach Berlin, Eingemeindungen umfangreicher Teile von Vorortgebieten ist vor allem die Regierung schon längst nicht mehr zu haben. Eine Eingemeindung dx» Tempelhofer ' Feldes nach Berlin ginge aber auch dem Kreis Teltow wider den Strich, Ida eS für ihn durch die bauliche Erschließung zu einer ergiebigen Steuerguelle wird. Das aus demselben Grunde die Gemeinde Tempelhof ebenso wenig Neigung hat, just diesen fetten Happen den Berlinern zu überlassen, dah kann man sich denken. Für eine Eingemeindung von ganz Tempelhof nach Berlin wäre in Tempel- Hof wohl mehr Stimmung vorhanden, aber der Kreis würde einem solchen Plan erst recht seinen Beifall versagen und Schwierig- leiten machen. Das Kriegsministerium weih, wie der Wind weht, und sieht daher in den Tempelhofern die aussichtsvolleren Be- Werber, hinter denen Berlin zurückstehen muh. Im übrigen liegt dem Kriegsministerium offenbar auch an einen baldigen Abschluh des Geschäfts, der aber ist nur zu erwarten, wenn an Tempelhof verkauft wird. Einem Verkauf an Berlin mühte erst die gewünschte Sicherstellung der Eingemeindung vorangehen— und das kann Jahre erfordern. Darüber, dah das Rennen zuungunsten Berlins enden soll, hat in bürgerlichen Blättern sich ein lauteS Klagen erhoben. Man will es noch immer nicht begreifen, dah die Stadt Berlin bei der Regierung unbeliebt ist und unbeliebt bleibt, trotz aller«Pflege persönlicher Beziehungen", durch die der Berliner Stadtfreisinn„oben" sich Erfolge zu erschmeicheln versucht. Bürgermeister Reicke, der in dem Handel um das Tempelhofer Feld den Magistrat von Berlin vertritt, wird gewiß„sich die Hacken abgelaufen" haben, um etwas zu erreichen. Aber es scheint, dah alles Umherstehen in Minister- Vorzimmern, alles Dienern vor Regierungsgewalthabern wieder mal nichts genutzt haben soll. Wer übrigens, wie wir, in dem Plan der baulichen Erschliehung des Tempelhofer FeldeS eine Gelegenheit steht, endlich einmal mit einer vernünftigen Boden« und Wohnungspolitik der Kommune den Anfang zu machen, der hat von Berlin ebensowenig wie von Tempelhof eine Erfüllung solcher Wünsche zu erwarten. In dieser Hinsicht ist eS ziemlich gleichgültig, ob Berlin oder Tekupelhof das umstrittene Terrain kriegt. Schließlich ist'S doch immer wieder und überall nur das Terrain« und Bauspekulantentum, dem die Gemeinden die Wege ebnen._ Aus der HeimstSttenverwalttmg. Der„Vorwärts" hatte vor einiger Zeit eine berechtigte Beschwerde von Besuchern der Heimstätte Buch veröffentlicht, denen eines Sonntags nachmittags trotz strömenden Regens verwehrt worden war, vor Beginn der Besuchszeit die Anstalt zu betreten. Sie waren daher genöttgt, einen benachbarten— Kuhstall aufzusuchen, aus dem sie dann von den Pfleglingen herübergeholt wurden. Die Heimstätten- Verwaltung hat nunmehr der Leitung der Anstalt auf- gegeben, künftig die Warteräume bei ungünstiger Witterung zu öffnen, sobald das besuchende Publikum sich einfindet. Bei der Erörterung dieser Angelegenheit konnte Genosse Dr. Wehl darauf hinweisen, dah eine ahn- liche Verfügung schon im September 1901 an die Direttionen der städttschen Krankenhäuser ergangen sei. Sie ist im Publikum wenig bekannt und besagt im wesentlichen. daß die Warteräume für das besuchende Publikum bereits eine Viertelstunde vor dem Beginn der festgesetzten Besuchs- stunde zur Benutzung zu öffnen sind; ferner sei nach Maß- gäbe deS festzustellenden Bedürfnisses für eine ausreichende Vermehrung der Sitzgelegenheit zu sorgen. Auch in den Krankenhäusern hat bei ungünstiger Witterung die Eröffnung der Warteräume zu erfolgen, sobald das besuchende Publikum sich einfindet._ Der große Einbruch in Dahlem, bei dem dem Täter für 88 000 Mark Juwelen und Silberzeug in die Hände fielen, ist jetzt ganz aufgeklärt. Die reiche Beute wurde am Mittwoch fast ganz von der Kriminalpolizei ermittelt und dem beswhlenen Bankdirektor Mosler wieder zugestellt. Gleich nach dem Einbruch stand es fest, dah der Diener Berndt, der schon früher alS Diener Einbrüche ausgekundschaftet und später ausgeführt hatte, der Täter war. Berndt war in Begleitung eines anderen Mannes am Weddiny gesehen worden. ES wurde auch ermittelt, dah er ein Paket nach Paris auf die Post gegeben hatte. Bei den weiteren Nachforschungen ergab sich, daß Berndt öfter den Besuch eine? gewerbsmäßigen Ein» brecherS, eines 26 Jahre alten Arbeiters Karl Lietz, eines Be« kannten von Plötzensee her, erhalten hatte und mit ihm bei Ver» gnügungen gewesen war. Vorgestern nachmittag sahen die Kriminalbeamten Lietz plötzlich mit einem Paket zu dfem Alt- Händler Leo RaczynSki in der Puttkamer Strafte 3 gehen. Nachdem er wieder weggegangen war, traten sie überraschend ein und fanden RaczynSki dabei, wertvolle Steine auS ihrer Fassung zu brechen. Hierbei fanden sie fast alles, was dem Bankdirektor Mosler ge- stöhlen worden ist. RaczynSki gab zu, daft schon am Sonnabend« mittag, nachdem in der Nacht der Einbruch verübt worden war, Lietz ihm einen kleinen Teil der Sachen angeboten und verkauft habe. Auf seine Frage, woher die Sachen stammten, habe der Ver- käufer erwidert, er habe sie von einem Bekannten, der Diener sei, von auswärts erhalten. Die Sachen stammten daher, wo fein Be- iannter als Diener in Stellung gewesen sei. RaczynSki laufte hierauf die angebotenen Sachen für 300 M. Für die anderen, die Lietz vorgestern brachte, zahlte er noch 950 M. RaczynSki wurde festgenommen und nach dem Polizeipräsidium gebracht. Lietz wurde im Laufe deS Abends in seiner Stammkneipe überrascht und eben. falls hinter Schloß und Riegel gebracht. Er hatte den Kaufpreis gleich ausgezahlt erhalten, befaß aber fast nichts mehr davon. Der bestohlene Bankdirektor wurde von dem Ergebnis der Nach- farfchungen in Kenntnis gesetzt und erhielt das beschlagnahmte, ge- stohlene Gut noch gestern zurück. Einen Prügelknaben sucht die Deputatton für das städtische Jrrenwesen wegen der abfälligen Kritik, die kürzlich Hermann Heijermans nach dem stundenlangen Besuch der von Geheimrat Moeli geleiteten städtischen Irrenanstalt Herzberge am modernen Jrrenwesen geübt hat. Man hat sich den Assistenzarzt Dr. B. her- ausgegriffen, der gerade Wachdienst hatte, als Heijermans„revidierte". Und min möchte man wohl gern annehmen, daft der psychiatrische Sündenbock den Journalisten in Dinge eingeweiht habe, die strengstes Geheimnis bleiben sollten. Als ob nicht alles, was Heijermans schrieb, längst bekannt gewesen wäre! Selbstver- ständlich hat doch Heijermans die Genehmigung der AnstaltS- direktwn oder eines MagistvatSmitgliedeS zu seinem ausdauernden Besuche gehabt. Oder hat man sich etwa in den schönen Traum gewiegt, dah sich ein anständiger Journalist finden würde, der das moderne Jrrenwesen im allgemeinen und unsere städtischen Irren- anstalten im besonderen von den vielen Sünden mit Drucker. schwärze reinwäscht? Die übrigen Assistenzärzte in Herzberge haben sich mit Dr. B., der am Mittwoch in der DeputationSsitzung verantwortlich vernommen wurde, solidarisch erklärt, und so kann die Angelegenheit noch recht weite Kreise ziehen. Da nun der Aerztestand selbst der leidende Teil ist, wird man sich wohl auch auf dem bevorstehenden PsYchiMischen Kongreft. dessen Hauptleitung in den Händen des Herrn Moeli liegt, gütigst herablassen, über Irren- Hausmißstände ein Wörtchen mitzureden. Vorausgesetzt, daft die gelehrten Herren den Mut dazu finden! Arbeitcrzügr auf der Nordbahn. Die in den letzten Jahren in großer Zahl an der Stettiner resp. Nordbahn errichteten Fabrik« anlagen haben auf dieser Strecke einen so bedeutenden Arbeiter« verkehr gezeitigt, dah die gegenwärtig verkehrenden Züge bei weitem nicht ausreichen. Namentlich in den Morgenstunden ttitt diese Kalamität besonders deutlich zutage, wenn die Arbeiter sich zu ihren Arbeitsstellen begeben wollen. Wie eine Korrespondenz meldet, be- absichtigt die Eisenbahnverwaltung nunmehr eine Besserung der Verkehrsverhältnisse zu schaffen. Da der Stettiner Bahnhof schon jetzt überlastet ist und neu einzulegende Züge nicht mehr aufnehmen kann, sollen besondere Arbeiterzüge eingestellt werden, die von der Station Gesundbrunnen aus bis Wittenau laufen. Statistische Fest« stellungen sollen ergeben haben, dah mehr als 75 Proz. der diese Strecke befahrenden Arbeiter vom Bahnhof Gesundbrunnen die Bahn benutzen und kaum 25 Proz. schon vom Slettiner Bahnhof aus abfahren. Auch auf der Kreinmener Bahn sollen Arbeiterzüge eingelegt werden, die statt wie früher bis zum Stettiner Bahnhof von Tegel aus nur noch bis zur Station Gesundbrunnen fahren. Der Zustand deS Rektors Bock, der vorgestern von der Irren- abteilung der neuen Charitö nach der Gefangenen-Abteilung zurück- überführt wurde, soll sich nunmehr so weit gebessert haben, dah er heute vormittag in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert werden soll. Um dem Verfahren schleunigen Fortgang zu geben, soll auf Verlangen der Staatsanwaltschaft sofort mit den Zeugenvernehmungen und den Konftontationen begonnen werden. Keine Cholera in Rcinickendorf-West. Vorgestern abend wurden in das Pankower Krankenhaus der 30jährige Arbeiter Karl Schütze und feine Ehefrau Charlotte aus der Schillingstr. 22 in Reinickendorf unter Choleraverdacht eingeliefert. Obwohl die inzwischen ein- geleitete bakteriologische Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist, hat der klinische Befund doch bereits mit Sicherheit ergeben, daß das Ehepaar nicht an der Cholera, sondern an einer Fleischvergiftung erkrankt ist. Die Familie hatte am Dienstagabend Schabefleisch ge- gessen und war nach dem Genuh desselben in der Nacht ertrankt. Das Befinden der beiden Patienten, die hochgradiges Fieber haben, ist besorgniserregend. Mitglieder des Berliner Magistrats besichtigten gestern vormittag die im großen Festsaale des Rathauses aufgestelllen Entwürfe für die vor einiger Zeit stattgefundene Konkurrenz zur Beschaffung eines großzügigen Bebauungsplanes für Groh-Berlin, Die Führung hatte der Geheime Baurat Krause übernommen, der über die prämiierten Entwürfe den Herren einen Vortrag hielt. Nach seinen AuS« führungen dürfte voraussichtlich keiner von den Entwürfen Aussicht haben auf Verwirklichung; wohl aber könnten einige gute Ideen aus den Entwürfen entnommen und ausgeführt werden. Da der Festsaal demnächst für die Abhaltung eines Kongresses gebraucht wird, so müssen die Entwürfe schleunigst entfernt werden. Für 12 000 Mark Wert- und Schmucksachen fielen Einbrechern in die Hände, die in Dresden ein Uhren- und Goldwarengeschäft heimsuchten. Die unbekannten Einbrecher werden wahrscheinlich ver- suchen, ihre Beute, darunter viele goldene Herrenuhren, Kettenarm» bänder, Borstecknadeln und Trauringe in Berlin an den Mann zu bringen. Warnung vor einer Privatkrankcnkassc. Der RegierungS» Präsident in Potsdam warnt in einer öffentlichen Bekanntmachung vor dem Beitritt zur„I u st i t i a", Kranken- und Begräbnis- lasse für Deutschland in Breslau, die unter dem 16. Oktober 1906 als eingeschriebene Hilfskasse zugelassen worden ist. Nach den der Aufsichtsbehörde eingereichten Rechnungsabschlüssen der Jahre 1908 und 1909 hat die Kasse nur einen unverhältniS- mähig geringen Teil der vereinnahmten Beiträge und Eintritts- gelber, nämlich 20,1 Prozent im Jahre 1903 und 21,4 Prozent im Jahre 1909 zur Ersiillung der ihr obliegenden Leistungen, dagegen 70,7 Proz. bezw. 70,8 Proz. für Verwaltungskoslen auf« gewendet. Die Verwaltungskosten bestehen vorwiegend in Ausgaben für den Geschäftsführer, die Kasienbeamten, Kasienkontrolleure und sonstige Kassenvertreter. Durch den Hinweis auf dem Titelblatt deS Statuts, dah sie unter staatlicher Oberaufsicht stehe, sucht die Kasse nach Auhen hin den Anschein zu erwecken, dah die Versicherungs- bedingungen günstige sind, während die Statuten in Wirklichkeit derart scharfe Bedingungen enthalten, dah die Kasse fast in jedem Falle die Erfüllung ihrer Verpflichtungen verringern kann. Bei der Arbeit vom Tode überrascht wurde vorgestern der 59 Jahre alte Karl Lemin aus der Hennigsdorfer Str. 2, der im Schillerpark beschäftigt war. Der Mann brach plötzlich bewußtlos zusammen. Seine Arbeitsgenossen brachten ihn nach der Rettungs« wache in der Müllerstrahe, wo ihm ärztliche Hilfe zuteil wurde. Er starb jedoch, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben. Selbstmord eines Referendars. Am gestrigen Donnerstagvormittag hat sich der 2bjährige Referendar Emil Plonz, Sohn des Direktors der FriedrichSberger Genossenschaftsbank erschossen. Der junge Mann, siand unmittelbar vor dem Assessorexamen. P.. der sich am gestrigen Vormittage in seiner in der Feilnerstrahe 12 belegenen Wohnung allein befand, schoß sich eine Kugel in das Herz. Erst einige Stunden später, als die Wirtin, von einem Ausgange kommend, nach Hause zurückkehrte, wurde der Selbstmord entdeckt. Der hinzugerufene Chefarzt der Unfallstation in der Kommandanten« sttahe konnte nur noch den Tod des Lebensmüden feststellen. Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem folgende Worte standen:„Eine lange zurückliegende Tat hat mein Leben verbittert und ruhelos ge» macht. Ich scheide deshalb freiwillig aus dem Leben." Ein aufregender Borfall ereignete sich vorgestern abend auf dem Bahnhof Jungsernbeide. Der Arbeiter Adolf Schofft auS der Kaiser-Friedrich-Sttahe 19 in Charlottenburg hatte einen Nordring» zug zur Heimfahrt benutzt, war aber eingeschlafen und statt auf der Station Gesundbrunnen auszusteigen, bis zum Bahn» Hof Jungfernheide gefahren. Als er hier den Zug verlassen wollte, stolperte er in der Schlaftrunkenheit und geriet mit den Beinen zwischen den Bahnsteig und die Trittbretter des bereits in Bewegung befindlichen Trains. Glücklicherweise war der Unfall von Bahnbeamten und anderen Personen bemerkt worden, die das sofortige Halten deS Zuges veranlahten. Sch. war so fest ein- geklemmt, dah die Trittbretter abgesägt werden muhten, um ihn aus seiner entsetzlichen Lage befreien zu können. Der Verunglückte, der etwa vier Meter weit mitgeschleift worden war, hatte an beiden Beinen schwere Quetschwunden davongetragen, die seine Ueber» führung in das Krankenhaus Moabit erforderlich machten. Deutscher Arbeiter- Sängerbund, Gau Berlin. In der AnS- schuftsitzung am 18. September standen zwei Vereine zur Auf- nähme. Der Arbeitergesangverein..Niederlehme" wurde einsiimmtg aufgenommen. Ueber die Aufnahme des Vereins„Freier Dkänner. chor" in Rathenow entspann sich eine längere Debatte; die Auf» nähme desselben wurde, da er die gestellten Bedingungen nicht an- nehmen wollte, abgelehnt. Der Ausschluh de? Vereins„Hilaritas" wurde zurückgenommen, demselben aber eine scharfe Rüge erteilt. Zur Lustbarkeitssteuer lag dem Ausschnh eine vom Vorstand ver- faßte gedruckte Petition mit erläuternden Beispielen vor; dieselbe wurde gutgeheißen. Zum Stiftungsfest wurde beschlossen, dasselbe in ähnlicher Weise wie im vorigen Jahre zu feiern. Die näheren Arrangements wurden dem Vorstand überlassen. Vereine, die hierbei mitwirken wollen, müssen sich bis zum 25, September beim Vorsitzenden, Paul Kupfer, melden. Der Besuch der Bremer Sangesbrüder findet zu Ostern 1911 statt; dieselben veranstalten zwei Konzerte und zwar am 1. Feiertag in der Brauerei Friedrichs- 'Ijain ein Abendkonzert und am 2. Feiertag eine Matinee in der Neuen Welt. Da der„Volkschor" am 24. September bei der »Freien Jugend" mitwirkt, soll Beschwerde an zuständiger Stelle eingelegt werden, weil derselbe sein bei den Verhandlungen ge- gebenes Versprechen nicht gehalten habe. Billetts zum Kunstabend des Vereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse am 13. November sind beim Kassierer, A. Seikrit, Rixdorf, Hobrecht- straße 8, I, zu haben. Die Vereine, welche noch nicht ihre Billetts vom Sängerfost und vom Konzert der Leipziger abgerechnet haben, werden ersucht, dieselben spätestens bis zum 28. September beim Kassierer. A. Seikrit, abzurechnen. Die Adresse des Vorsitzenden ist vom 1. Oktober ab: Paul Kupfer, Landsberger Allee 58. Im Luisenthcatcr wurde am Mittwochabend die Posse:„Durch- gegangene Weiber" aufgeführt. Obwohl das Stück schon etwas ältlich ist, fanden die Witze ein dankbares Publikum. Herr Ober regisseur Wald hatte sein möglichstes getan, die Posse recht reizvoll zum Vortrag zu bringen. Ihm half dieses Bestreben Fräulein Marga Oberreich als Dienstmädchen Nanni aus Pillkallen durch ihren Pillkallner Dialekt sowie durch ihre drastische Komik zu ver- wirklichen. Auch die übrigen Mitwirkenden, die Herren Karl Elres, Eströe und Scheibach, sowie die Damen Weinberg und Hüftel spielten ihre Rollen vorzüglich. Das Ballettarrangement im Narren- klub war mit Sorgfalt von der Ballettmeisterin Elise Melanie arrangiert. Eine öffentliche Pächtervcrsammlung der Laubenkolonisten findet am Montag, den 2S. September, im„Elysium", Landsberger Allee 40—41, statt. Herr Johannes Reim wird das Thema:„Misv stände in den Laubenkolonien und wie kann Abhilfe geschaffen werden?" behandeln. Auf der Trcptow-Sternwarte findet am Sonntag, den 25. Sep tember, nachmittags 5 Uhr, ein Vortrag über:„Ein Ausflug in die Sternenwelten" statt. Abettds 7 Uhr lautet das Thema:„Saturn und sein Ringsystem" und Montag, abends 9 Uhr:„Die Bewohn- varkeit der Welten". Die Vorträge werden gemeinverständlich ge- halten und mit zahlreichen Lichtbildern ausgestattet.— Mit dem großen Fernrohr wird jetzt allabendlich ein Fixstern und nachher der Planet Saturn mit seinen Ringen gezeigt. Den Besuchern der Treptow-Sternwarte stehen kleinere Fernrohre zur Beobachtung beliebiger Himmelsobjekte gratis zur Verfügung. Die Wcgclystraßc von der Bachstraße bis zur Porzellan- Manufaktur wird bis auf weiteres für Fuhrwerke, Fußgänger und Reiter gesperrt._ Vorort-]Vacbricbtem Charlotteuburg. Die am Mittwoch, den 21. September, stattgehabte Stadt- verordnctenversammlung war eine außerordentliche, auf deren Tagesordnung jedoch keine besonders wichtigen Punkts standen. Vielmehr fand die außerordentliche Sitzung einer Sache wegen statt, die in nichtöffentlicher Beratung erledigt wurde. Von den in öffentlicher Sitzung behandelten Punkten heben wir die Mitteilung des Vorstehers hervor, aus der sich ergab, daß der in der zweiten Abteilung gewählte bürgerliche Stadtverordnete Rentier B a r n e w i tz sein Mandat niedergelegt hat. Barnewitz ist über 80 Jahre alt und hatte sein Mandat über 32 Jahre inne. Nach Erledigung einiger kleineren Vorlagen stimmte die Ver- sammlung der Verstärkung der Mittel für die Unterbringung von unheilbaren Lungenkranken in Anstalten zu. Die Mehraufwendung beziffert sich bis auf weiteres auf 13 500 M. Es handelt sich hierbei in erster Linie um die Unter- bringung von lungenkranken Personen in Anstalten auf Kosten der Stadt, wenn der Kranke in seiner Wohnung von den übrigen Familienmitgliedern nicht isoliert werden kann. Des weiteren beschäftigten sich die Stadtverordneten mit der Magistratsvorlage für die Straßen-GaSbeleuchtung die Fernzündung einzuführen. Der liberale Stadtverordnete Dr. Frentzel beantragte kommissionslose Annahme dieser Vorlage. Demgegenüber betonte unser Genosse Gebert, daß die nicht ganz be- friedigenden Erfahrungen mit der Fernzündung vor der glatten Annahme der Vorlage warnten, zum anderen müßte aber auch die Frage in einem Ausschuß näher geprüft werden, was mit den 60 durch die Neueinrichtung beschäftigungslos werdenden Laternen- Wärtern geschehen soll. Der Redner des Magistrats wie der Re- ferent wandten sich gegen die Ausschußberatung. Nach ihrer Auf- faffung sei die Angelegenheit genügend geklärt. In bezug auf eine eventuelle Weiterbeschäftigung der überflüssig gewordenen Laternenwärter bemerkte der Magistratsvertreter, daß die Laternenwärter, die auf eine volle Beschäftigung bei der Stadt rechnen, nach Maßgabe ihrer bisherigen Dienstzeit von der Stadt weiter beschäftigt werden sollen.— Der Antrag unserer Genossen. einen Ausschuß einzusetzen, wurde gegen die Stimmen unserer Vertreter und des Stadtv. Zander abgelehnt. Die Magistrats- Vorlage wurde darauf angenommen. Zum Bau einer neuen Brücke über den Landwehr- kanal im Zuge der Marchbrücke bewilligte die Stadtverordneten- Versammlung den Betrag von 658 000 M. Die Mittel dafür sollen aus Anleihebeträgen entnommen werden. Der mit der näheren Prüfung dieser Vorlage beauftragte Ausschuh empfahl einstimmig die Annahme der Vorlage, da weder an der Höhe der Bausumme noch an dem Projekt selbst Aenderungen vorgenommen werden konnten. Darauf trat die Versammlung in die geheime Beratung ein. Tchöneberg. Wegen Entführnng einer Minderjährigen ist der 81 Jahre alte Zahnarzt Wilhelm Prinz aus der Neuen Bahreuther Str. 3 ver- haftet worden. Prinz betörte ein 16 Jahre alles Fräulein M. K.. die Tochter wohlhabender Eltern aus dem Westen der Stadt und entführte sie am vergangenen Sonnabend. Schon am nächsten Tage schrieb die Entführte ihren Eltern, daß sie mit Prinz bereits englisch getraut sei. Da« läßt darauf schließen, daß der Entführer der Betörten über den Charakter der Eheschließung irgendwas vor- geschwindelt hat. Das Paar wollte dann eine„Hochzeitsreise" nach der Schweiz machen, kam aber nur bis Halle. Dort wurde eS er- mittelt und angehalten. Das Mädchen wurde in Schutzhaft genommen und wird jetzt von den Eltern nach Hause zurückgeholt. Prinz wurde verhaftet. Rixdorf. Die Rixdorf« Kommunalwähler nahmen am Dienstag in vier öffentlichen Versammlungen, welche bei Hoppe, Felsch, Wolf und im „Feldschlößchen" stattfanden, den Tätigkeitsbericht der Sozialdemo- kratie im Rathause entgegen. Es referierten die Stadtverordneten Groger, Heller. Jaeck und T h u r o w, die darauf hinwiesen, daß durch den Wahlrecvtsraub, den die bürgerliche Mehrheit mit- samt dem Magistrat beging, die Kräfte der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion ganz besonders in Anspruch genommen wurden. Sowohl die vielen Klagen und Proteste gegen diese Ungesetzlichkeit wie auch die stürmischen Sitzungen im Rat- Hause legten dafür beredtes Zeugnis ab. Schien es anfangs so. als ob der Mogistrat nichts mit dieser Gesetzesverachtung zu tun habe, indem Erhebungen angestellt werden sollten, um festzustellen, ob die Annahme des Ortsstatuts wirklich solche Verschlechterung mit sich bringe, so habe die ein halb Jahr spätere Akteneinlieferung an daS Oberverwaltungsgericht das Gegenteil bewiesen. Schlimmer habe man die Bürger nicht verhöhnen können, als daß man es gegen Recht und Gesetz fertig brachte, auch die diesjährigen Wählerlisten entgegen dem Schiedsspruch des Oberverwaltungsgerichts nach dem ändert- halbfachen Durchschnitt aufzustellen. Alsdann gingen die Redner auf die Debatte in der letzten Stadtverordnetenversammlung ein, in der die sozialdemokratische Fraktion dem Magistrat sür sein Vorgehen ein. Mißtrauensvotum aussprach. Herrn Oberlehrer Rosenows Ausspruch „Recht und Gerechtigkeit bedingen das Bestehen des Ortsstatuts" kennzeichne diese Edlen. Auf die Dauer sei es indessen unmöglich, solche Machtproben gegen die Wähler anzuwenden. Auch das Ver- halten der Polizei, die, aus kommunalen Mitteln besoldet, während der letzten Stadtverordnetenversammlung im Amtsgerichtsgebäude zum eventuellen Dreinschlagen auf die empörten, entrechteten Bürger aufgeboten war, wurde schärf kritisiert. Alsdann zeigte der Redner, daß alle kommunalpolitischen Verbesserungen einzig und allein dem Drängen der Sozialdemokratie zu verdanken seien. In der Diskussion kam zuin Ausdruck, daß die Fraktion in diesem Kampfe ihre Schuldigkeit getan habe. Auch ein Vertreter der Demo- traten erklärte im Hoppeschen Lokal, daß der Fraktion wegen der Führung im Wahlrechtskampse Anerkennung ausgesprochen werden müsse, weil sie die Interessen der Rixdorf« Wählerschaft wahr genommen habe. Am Schlüsse der Versammlung forderten die Versammlungsleiter die Versammelten auf, bei den bevorstehenden Wahlen ihre Schuldigkeit zu tun. Auch müsse es sich jeder zur Pflicht machen, Mitglied des Wahlvereins sowie Abonnent auf den„Vor wärts" zu werden. Wilmersdorf. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Gar manche seit- same Begebenheiten ereignen sich; aber daß in Wilmersdorf der Magistrat in einer bedeutungsvollen politischen Frage an der Spitze der Kultur marschieren würde, hätte doch niemand für möglich ge halten. Auf Anregung des Demokraten Moll hatten elf Statit verordnete dem Plenum einen Antrag unterbreitet, wonach die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat ersuchen sollte, wegen der sich immer mehr steigernden Lebensmittelteuerung, insbesondere wegen der F l e i s ch n o t, bei der Staatsregierung vorstellig zu werden. In der Begründung des Antrages wies Moll auf die „unwürdige Abhängigkeit" von den Agrariern hin, in der sich die Regierung befinde, ein Ausdruck, der dem Vorsitzenden Dr. Leidig zu der etwas wunderlichen Mahnung Anlaß gab, das politische Gebiet nicht zu berühren. Nachdem Moll seine Darlegungen be- endet hatte, erwartete jedermann eingehende Erörterungen über die angeschnittene Frage. Es kam aber anders Stadtrat Stein- dorn erhob sich, um die Erklärung abzugeben, daß der M a g i st r a t bereits in der vorigen Woche eine im Sinne der Antragsteller gehaltene Eingabe an die Regierung ab- gesandt habe. Damit ist Wilmersdorf in Grotz-Berlin voran- geeilt, denn in allen anderen Gemeinden hat die Verwaltungs- körperschaft erst den Anstoß der Gemeindevertretung abgewartet. Der Fortschritt ist um so höher zu bewerten, als vor einigen Jahren noch in Wilmersdorf die ganze bürgerliche Mehrheit sich vor einem aus gleichem Anlaß gestellten sozialdemokratischen Antrage entsetzt bekreuzigte, alldieweil es der Gemeinde nicht zustehe, die Staats- behörde wegen der Fleischteuerung an ihre Pflicht zu erinnern. Durch die Erklärung vom Magistratstisch waren die Antragsteller befriedigt, so daß jegliche weitere Erörterung unterblieb. Um so eingehender wurde ein Magistratsantrag behandelt, wonach von der Berlinischen Bodengesellschaft ein an der Prinz- Regentenstrahe belegenes Schulgrundstück sowie ein Stück Fenngelände erworben werden soll. Das Schulgrundstück ist 360 Quadraten groß und kostet 1000 M. die Ouadratrute, wohin- gegen das 823 Quadratruten große Sumpfgelände am Seepark für 360 M. die Ouadratrute erworben werden soll. In der aus- führlichen Erörterung zeigte sich, wie man,„dem Zuge der Zeit folgend", eine Wertzuwachs st euer beschließen kann, ohne den Grundstücksspekulanten irgendwie zu nahe zu treten. Der Ertrag dieser Steuer ist in Wilmersdorf mit 200 000 M. in den Etat eingestellt worden; wie aber der Stadtkämmerer Roh de mitteilte, sind bis jetzt nur ganze 6000 M. an Wertzuwachs- steuern eingenommen worden. Die Ursache eines so er- heblichen Rechenfehlers ist eine sehr einfache. Die Stadtverordneten- Versammlung war von Anfang an dieser Neuerung spinnefeind, und als sie schließlich doch nicht umhin konnte, die Wertzuwachs- steuer zu beschließen, fügte sie in die Steuerordnung die Be- stimmung ein, daß die U m s a tz st e u e r beim Verkauf auf die Wertzuwachs st euer anzurechn-n ist. Nach langen Aus- einandersetzungen genehmigte die Stadtverordnetenversammlung den Ankauf der genannten Grundstücke. Eine besondere Magistratsvorlage will 23 neue Stellen für Gemeindebeamte schaffen und insbesondere 12 Assi- stentenstellen in Sekretärstellen umwandeln. Während in Wilmers- darf zurzeit 5 Assistenten auf einen Sekretär kommen, ist in Schöneberg da? Verhältnis 1 zu 1 und in Charlottenbura 3 zu 2. Besonders die Stadtverordneten Dr. Edel, Dr. Leidig und Büchtemann beschäftigten sich hierbei eingehend mit der Frage, wie am besten die Tüchtigkeit der Beamten zu prüfen sei, wie die Arbeitslast zweckmäßig in den Bureaus verteilt werden könne und wie die Stadtverordnetenversammlung das Recht, bei den Examina vertreten zu sein» auszuüben habe. Die Vorlage ging an einen Ausschuß. Ein Antrag, der die Verlegung der Haltestellen von Kraft. droschken in Halensee bezweckte, löste nur zu begreifliche Klage- lieber über den Lärm aus, den der L u n a p a r k bis in die späte Nacht hinein mit sick bringt. Die Stadtverordnetenversammlung überwies die Sache dem Magistrat zur Erledigung. Friedenau. Am Sonnabend, den 24. d. M. veranstaltet die hiesige„Freie Tnrnerschaft" eine Rckniten-AbschiedSfeier verbunden mit turne- rischen und humoristischen Borträgen. Da die genannte Turnerschaft sich bei allen Arbeitervergnügungen zur Verfügung hält, so ersucht der Vorstand deS Wahlvereins die Arbeiterschaft, sich recht zahlreich zu beteiligen. Ober-Schönetveide. Gcmeindevertretersibung. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Gemeindevorsteher in ehrenden Worten des ver- storbenen Gemeindeschöffen Friesecke. Der Ausbau des Real- gymnasiums durch Schaffung der Obersekunda zeitigte eine ausgedehnte Debatte. Herr Herwig legte den ablehnenden Standpunkt der Grundbesitzer dar, und für unsere Genossen ent- wickelte Genosse Grunow die Stellung unserer Partei zur Frage der höheren Schulen, zu deren Besuch heute nicht Fähigkeit, son» dern bloßer Geldbesitz maßgebend sei, was die Schule, abgesehen von sonstigen Einrichtungen, zur Klassenschule herabwürdige. Nichtsdestoweniger werden unsere Vertreter nicht der Bildungs- Möglichkeit hinderlich sein, sondern überall, wo sie Bedürfnis und praktische Durchführbarkeit«kennen, die Sache fördern; wenn sie in diesem Falle sich ablehnend verhalten, so geschehe eS aus der Einsicht heraus, daß man der Allgemeinheit nicht zumuten könne, für zwei oder drei Schüler solche Aufwendungen zu übernehmen. Bis zu einem günstigeren Zeitpunkte v«schlage eS gar nichts, wenn diese Schüler Anstalten der Nachbarorte besuchten. Die Vorlage wurde schließlich in namentlicher Zlbstimmung mit 11 gegen 9 Stim- men abgelehnt. . Die im Dezember vorigen Jahres beschlossene Besoldung S- ordnung der Volksschullehrkräfte ist durch eine von der Regierung vorgenommene anderweitige Festsetzung der MictS- entschädigung einer Aenderung zu unterwerfen. Die den Lehr- Personen dadurch zugeflossene Aufbesserung, welche bei den Lehrern 250 M. und bei den Lehrerinnen 130 M. beträgt, wird nach der neuen Ordnung mit 150 bezw. 100 M. auf die Ortszulage ange- rechnet. Bei der vorgängigen Regelung ist diese Maßnahme vor» gesehen gewesen. Vom Vertreter Benz wurde ein Antrag gestellt, den K r i e g S- teilnehmern. soweit sie nicht über 3000 M. Einkommen haben, einen Ehrensold zu zahlen. Nachdem Genosse Grunow die blamable Tatsache gegeißelt, daß in der jetzigen Zeit des Luxus- schloßbauens arme Kriegsveteranen auf Almosenbettelei angewiesen seien und die Erkläung abgab, daß in dieser Form der Antrag keine Zustimmung finden dürfte, indem hier nur die Bedürftig- keit entscheiden könne, wurde ein Antrag angenommen, allen Teil- nehmern, welche ein Einkommen bis zu 2100 M. haben, efltt einmalige Zuwendung von 30 M. zukommen zu lassen. Dem Verein für Milchausschank wurde auf seinen Antrag die Genehmigung erteilt, auf einem Gemeindegrundstück an der Treskowbrücke in einer Halle einen Milchausschank einzu- richten. Bei der Neuwahl der Armenkommissionen wurde von unseren Vertretern der Genosse Imberg gewählt. Der Müllabladeplatz wird dem bisherigen Pächter für den jährlichen Preis von 750 M. bis 1013 verpachtet, desgleichen wird die demselben zu zahlende Gebühr für Abfahren des Straßen- mülls von 2500 auf 2750 M. erhöht. Ein Dringlichkeitsantrag, den Gemeindebeamten die den Lehrern gewordene Aufbesserung ebenfalls zuteil werden zu lassen, fand keine Mehrheit. Treptow-Baumschulenweg. Der Tunvcrcin„Jahn" hält am Sonnabend, den 24. September, in Speers Festsälen sein 26. Stiftungsfest ab, ver- bunden mit Konzert, ausgeführt vom Neuen Tonkünstler-Orchester unter freundlicher Mitwirkung der Violin-Virtuosin Fräulein E l s e M a l o w. Da die Turner immer bestrebt sind, unsere Arbeiterfeste zu verschönern, werden auch die Genossen ersucht, für regen Besuch des Festes zu agitieren. Weistensee. Für Hundeliebhaber von Interesse ist die am 12. Septemb« in Kraft getretene Polizeiverordnung, wonach in den Parkanlagen Hunde an der Leine geführt werden müssen. Der Z 2 der Polizei- Verordnung lautet: Im Trianonpark, in den Anlagen am Kreuz- Pfuhl und vor dem Schloß und in den Parkanlagen an der Ufer» strahe und am Säuglingstrankenhause— in diesen nach ihrer Herstellung— müssen Hunde an der Leine geführt werden. Auch darf niemand Hunde auf den Rasen-, Blumen- und Schmuckanlagen der öffentlichen Plätze und Straßen umherlaufen lassen. Ueber- tretungen dieser Verordnung werden bis zu 9 M. bestraft. Eingefangene Hunde werden gegen eine Gebühr von 3 M. und der Füttcrungskosten innerhalli 5 Tagen ausgelöst, anderenfalls findet die Tötung statt. Hermsdorf i. M. In der letzten Gemeindevertteterfitznng teilte der Amtsvorsteher mit, daß die Eisenbahnverwaltung beabsichtigt, die Unterführung der Bahn im Zuge der Schulzendorfer Straße gradlinig durchzuführen. Dadurch tritt für die Gemeinde ein günstiger Geländezuwachs ein. Zur Geschäftsordnung fragte ein bürgerlicher Vertreter an, ob nach der Landgemeindeordnung zu den Sitzungen jedermann Zutritt Härte und ob nicht jemand der Zutritt verwehrt werden könne. Der Amtsvorsteher antwortete, er würde es nicht gut fertig bringen, einen jeden Besucher nach der Berechtigung zu fragen. Denn hier werde nichts verhandelt, was nicht jedermann hören könne. Im Gegen- teil, er würde es sehr gern sehen, wenn sich immer viel Zuhörer sehen ließen. In der vorletzten Sitzung hatte sich nämlich ein Lehrer erdreistet. über die Dummheit eines Bürgerlichen zu lachen, und nun bat ein anderer Bürgerlicher den Amtsvorsteher, den Zuhörern in Zukunft das Lachen zu verbieten und dafür zu sorgen, daß sie sich an- ständiger benehmen mögen. Ein Vertrag betreffend Abgabe von Gas an die Gemeinde Glienicke wurde einstimmig angenommen, und zwar auf die Dauer von 13 Jahren. Unser Genosse Sohrauer sprach seine Befriedigung über den Abschluß aus, da durch denselben xndlich der Teil Neu-Hermsdorf mit Gas versehen wird. Ferner wurde beschlossen, für das hiesige Wasserwerk eine neue Maschine aufzustellen._ Jngendveranstaltungen. Lichtenberg-Friedrichsfelde. Am Sonnabend, den 24. September« Vllnktlich?'/, Uhr, findet eine Jugendseier im Lokal des Herrn Paul schwarz« Lichtenberg, Möllendorssw. 26, statt. Mitwirkende: Streichquartett unter Leitung des Horrn Kapellmeister» Franz Hollselder. Rezitatton: Herr Ludwig Hardt. Der Lichtcnberger Männerchor unter Leitung deS Chor- meisterS Herrn Eugen Jischke. Billett 10 Ps. Deutsch« Arbeit«> Abstinentenbund. Ortsgruppe Berlin Freitag, 23. d. MtS., abends S Uhr, im �cwerkschaslshause. Engelufer 15, Saal 7: Oesfentkiche Verlammlung. Genosse Dr. Zadel spricht über das Tbema:„Warum erkranken und erliegen Atkoboltrinkende häusiger als Ab- stwenten?" Eintritt 10 Ps. Allgemeine Kranken« und Sterbekaffe d« Metallarbeiter (S. H. 29, Hamburg). Ftltale Baumschulenweg. Sonnabend, 24. September, abends S>/, Uhr, im Lokal von Käding, Baumschulenstt. 67: MttgUederversammlung._ Eingegangene Druchfchnften. von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben da« 52. Hest des 28. Jahrgang? erschienen. ES hat solgenden Inhalt: Ein Fürst der Gecken.— Die Stellung des marxistischen MinderheitS. organs der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Holland. Von F. M. Wibaut(Amsterdam).— Probleme der gewerklchasllichen Tattik. Von JulluS Deutsch.— Die Getreidceinsuhrscheine. Von Kurt Heinig(Berlin). Literarische Rundschau: Alfred Weber, lieber den Standort Oer Industrien. Von Richard Woldt. Dr. Heinrich Reicher, BIllographie der Jugeudsürsorge. Von Julius Deutsch. A. Huggler, Teuerung in der Schweiz. Von M. J. B. — Zeilschristenschau. Feuilleton der„Neuen Zeit" Nr. 32: Toulouse-Lautrec. Von Wilh. Hauscustein. Geschichte der Technik. Von Rich. Woldt.— vücherschau: Ernst Untermann, Die logischen Mängel des enteren Marxismus. Henriette Roland-Holst, Joseph DictzgenS Philosophie. Stephan Großmann, Herz- liche Gruße. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch. bandlungen, Postanstalten und Kolporleure zum Prelle von S.Äa M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Pf. Probenummem stehen jederzeit zur Verfügung. «ttterunqsüderlick,» vom SS. September 1010, morgen» 8 Nbr. ~ S §" s= «2 =£ Bf Swmemde 7S8N> Hamburg 770 NNW verftn 1 767 3t Fratikfa v! 769 KD München j 769 NW Wien 1764»KB Setter I 3 wolkig 2wolken1 4 bedeckt 2 Nebel 3 bedeckt 4 Regen XiS ä* s". 5? w* Ctationen Sg Bf Setter »Zi t* Haparanda 750 B Petersburg 765 SB Sctllh llderdeen Paris 774 NO 770 SB 772 NO 4woMg 1 bedeckt 2 heiter 3 wolkig 1 wolkig 10 b 11 9 10 BSrttrrprognose kür Freitag, den SS. September>910. Veränderlich, vorherrschend wolkig mit Regensällen und mäßigen West- llchen Binden; zunächst etwas wärmer, nachher wieder Abkühlung. Berliner Betterburea«. ESafferstandS.Nachricbte» d« LandeSanstalt für Gcivässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Betterbureau. Wasserstand M e m e l. Tilfti P r« g e 1. Jnsterburg Weichsel. Thoru Oder, Rattbor » ftrofien . Frankfurt Warthe, Scbrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Lettmeritz , Dresden 0 Barby , Magdeburg Wasserstand Saal«, Grochlitz Havel, Svandausi 0 Rathenow') Spree, Svremberg') , BeeSIow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximllianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Bertheim Mosel, Trier 0+ bedeutet Wuchs.- Fall.*) Unterpegel. ßrfefltalten der Redaktion. H. H. 34. 1. Nein. 2. Versagung der Meisterprüfung. Nusäpigkeit »Ur Ausblldung von Lehrlingen. 3. Keine.— G. H. 18. Ihre Fragen find unverständlich. Kommen Sie in die Sprechstunde.— Th. W. Ri. Sie sind an die Bestellung gebunden.— C. S. W. Wenn Ihr Sohn ohne Ihr Einverständnis sortgelausen ist. sind Sie nicht inhiimgspflichtig. — F. G. 25. Sie sind nicht zahlungspflichtig.— Kairo 60«. 1. Nur dann, wenn der Lohn laufend mehr als 23,8S M. pro Woche übersteigt. 2. Ja. 3. Bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk der Schuldner wohnt.- ZL. A. 15. Das ist möglich, soweit das Landtags- und Kcmcindcwahlrecht in Frage kommt.— Seufert. Naturalisiert kann ein Ausländer ivcrdcn. bei einem Inländer, der nicht preußischer Staatsangehöriger ist, kann die Ausnahme in den Staatsverband gewährt werden.— 21. Hi. 71. Die §rau hastet nur dann, wenn die Ware m ihrem Geschäft verwendet ist. ine strafbare Handlung liegt nicht vor.— At. K. 100. 1. Die Billetts nicht, wohl aber die Erlaubnis zur Abhaltung der öffcnt- lichen Lustbarkeit. 2. und 3. Nein. Es kann aber Strase folgen. — P. 99. 1. DaS ist möglich, wenn durch das Heilversahren Aushebung der Invalidität zu erwarten ist. 2. Berlw, Mattbaikirchstr. 19 3. ES kann gegen die Frau geklagt werden.— Charlottenbnrg 48. 1. Sie können, wenn der Zunge Mann im April großjährig war, demselben den Anzug zur Verfügung stellen und den vereinbarten Kaufpreis fordern, Vollstreck» bare Urteilsansfertiglmg, die im Termin— falls erfolgt— auch später beantragt werden kann.— I. P. 31. Vwrzehiitägige Kundi- gungsjrist ist gesetzlich. Die Einbehaltung des Lohnes war unzuiäisig. Klagen Sie beim Gewcrbegericht.— 3. 12. Amtsgericht Bcrlin-Schöne- berg, Gruncwaldstr. 91/95.— Streithammel, l. Das hängt von der Thcntcrdirektion ab. 2. Berufung ist gegen daS erstinstanzliche Urteil in Zivil- und Strafprozessen, außerdem gegen die Bescheide der Berufs- genosfenschasten und LandesvcrsichcrungSanstalten, Revision gegen das Urteil zweiter Instanz in Strafsachen sowie bei einem Teil der Zivilprozesse und gegen Urteile zweiter Instanz in Streitigkeiten mit den Ver- sichcrungsanstaltcn, Rekurs in solchen mit den Berussgenossenschaften zulässig. 3. Kündigung durch eingeschriebenen Brief genügt.— — Christine 12, 21. Die Kündigung halten wir sür wirksam. Die errschast muh sosort Kenntnis erhalte».--®. T. 100. Es muh durch achsrage beim Einwohnermeldeamt und durch nochmalige Anfrage bei der teimatbchörde versucht werden, die Adresse des Mädchens zu ermitteln. st dies gelungen, so muß das Mädchen unter Setzung einer Frist zur Ab» holung ausgefordert werden. Nach Ablauf der Frist oder, falls die Adresse nicht zu ermitteln ist, kann der Gegenstand auf Lager gegeben werden. — D. IvOl. Wir raten, bei der Technischen Hochschule anzufragen. — H. M. 54. Der„Abonnementsvcrein sür Dienstherrschaften für kranke Dienstboten" übernimmt die den Herrschasten, soweit sie Mitglieder sind, auf Grund des Gesetzes kranken Dienstboten gegenüber obliegende» Bicrpflichtungen.— Giiterbodcn 1911. Das märe möglich.— O. K., Rixdorf. 1. Ja. 2. Als ScheidungSgrimd. sosern die Ehegatten nicht getrennt leben, in sechs Monaten von dem Tage ab, an dem der anders Teil Kenntnis erhalten hat; strafrechtlich in drei Monawn nckch rechts« kräftig geschiedener Ehe.— K. I. 100. Senden Sic uns das Statut ein — H. G. 40. Die Frage läßt sich nur beantworten, wenn wir wissen, ob Sie verhindert sind und ob uno wieviel Kinder Sie haben, serner in welchem Verhältnis der Forderungsberechtigte zu Ihnen steht. Freitag, 23. September, Ansang VI, Uhr. Neue? königl. Opern-Theoter. Oavallsria rnstioaua.— Der Barbier von Sevilla. Königl. Schauspielhaus. Wilhelm Teil. Ansang 8 Uhr. Deutsches. Die Romantischen. Kammerspiele. Das Kloster. Lessing. Das Konzert. Römische LPcr. Hoffmanni Er- zählungen. Berliner. Musikantenmädel. Neues. Die goldene Ritterzelt. Neues Ichauipieldaus RasfleS. Residenz. Noblssss oblige. Kleines. Die verflixten Frauen- zimmer. 1. Klasse. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller>». Wattuer» idealer.) Wallensteins Tod. Sch'tlei Charlotteuburg. Die Kreuzelschreiber. Friedrich< Wilhelmstädtisches. Berliner Volksoper. I,a Draviata. (Ansang 8>/, Uhr.) Luisen. Durchgegangene Weiber. Westen. Die schönste Frau. Modernes. Die Wespe. Trianon. Pariser Witwen. Neues Lveretten. Der Gras von Luxemburg. Lnsttpielhaiiö. Der Feldherrn- Hügel. Herrnfeld. Wenn zwei daSscwe tun. Das starke Stück. Role. Othello. FolicS Caprice. Der schwarze Schimmel.— Voll« Pension. (Ansang 8'/, Uhr.) Metroool. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Rudolf. Apollo. Spezialitäten. tvaiiaae. Spezialitäten. Reichsballen. Steitiner Sänger. Walhalla. Sveziatitnen. Wintergarten. Spezialitäten. Kart Haderland. Spezialitäten. Prater. Der Bettelftüdent von Berlin. Tchweizcr-Garten. SpezlalUSten. Urania. Tnnoe»tlr»hk lt«i4t». Abends 8 Uhr: Weltausstellung in Brüssel. Steruwiirte, Jnvaltdenstr. 57— 62. Lessing-Theater. Freitag 8 Uhr: Das Konzert. Sonnab. 8 U.: Einsame Menschen. Soimtag8Uhr: Einsame Menschen. berliner T'Kester. Heute 8 Uhr: Gastspiel Haust Nieset Das Mnßdautkumädtl. Neues Theater. Freiing: Die goldene Ritterzeil. Ansang 8 Uhr. Sonnabend z. I.Male: Das Alter. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Heute u. täglich: fllg WCSpß. Berliner Volksoper Belle-Alliance- Ztraye 7/8. ./?ühr: La Travtata. Theater des Westens. Anfang 8 Uhr. Die 8chUn»to Fran. Sonnt. 31;, Uhr: Ein Walzertraum. \'ene8 Opepetten-Thenter. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Gras von Luxemburg. Operette in 3 AU. von 41. M. Willnet u. R. Bodansky. Musik v. Franz Lehär. l�esidenx-Theater. Direktion: Richard Alexander. ZlbendS ö Uhr: Noblesse oblige. Schwank in 3 Akten von Henneguln und Bcber. Morgen und folgende Tage 8 Uhr: Ükedleüse obHge._ Reiciisiiallen-Tlieater. Stettiner Sänger, um Schluß, neu: in nunseloch". lit. Humor, v. Meysel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 18/49. Heute abend 8 Uhr: Die Weltausstellung� In Brüssel. LOGISCHER GAIRTEW Täglich: Großes Militär- Konzert. Eintritt 1 Mark, von abends 0 Uhr ab 50 Ps., Kinder unter zehn Jahren die Hülste. AuZStklhmgsyienMKoo Riesen-Kineniatograpb. 6-11 Uhr. Ranchcn überall gestattet Passage-Panoptikum. Boddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Vou�~7 Yitaskop- Theater llquanoptikum Experiment aus der 4. Dimension Alles ohne Extra-Entree!| Passage-Theater.> Da« ErOITunngs» Progr. der Winter-Saison!» Abends 8 Uhr: Ciaire Waldoff � mit ihren neuen Schlagern von Walter Kollo. Collins 10 eng« lisch. Backfische. Polmey u. May, unerr£cehten. George Barrington! und IL Starnummern.{ Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Freitag, 23. September, abends 8 Uhr: Faust. Sonnabend nachm. 31/, Uhr: Vor- stellung d. Klass. Theat.: Kriemhilds Rache. Abds. 8 Uhr: Bicdcrlcute. OSE=ThEATE Große Franksurter Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Othello. Trauerspiel in 5 Akt. von Shakespeare. Sonnabend: Die gute Partie. Collins and Hart die Urkomischen sowie das von Publikum und Presse glänzend beurteilte Eröffnungs-Progranim! Der Gipfel der illustren Variete-Kunst! 8 Uhr: Das sensationeile Programm. 9'/, Uhr: Das Dagesgrsprach Berlin? Verbotene Brncbt. Annle Vara, Ludwig Mertens a.®. Ferner: 4 Slsters Amatis. Gisela Schneider- Bfissen. Das verrückte Hotel usw. SteMIIvr-TTRvutvK'. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.) Freitag, abends�! Uhr: Wallenisteln« Tod, Trauerspiel in 5 Auszügen von Fr. Schiller. Ende 10'/, Uhr. Sonnab end, abends 8 Uhr: ILaplkenstrelch. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Ken« Jagend. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Bibliotliehar. Schiller-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: Dl« KreaiEelwehrelher. Bauernkomödie mit Gesang in 3 Akten von L. Anzengruber. Ende t0'/, Uhr. Sennabend, abends 8 Uhr: Die Krensielfiehrelber. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Egnioat. Sonntag, abends 8 Uhr: Robert and Bertram. Brauerei Friedriclishaln Am Königeitor. Größter Konzertsaal Berlins! Vom 28. September bis 2. Oktober 1910 täglich: Gastspiel- Konzerte von JotlBllt] SlfBUÖ aus Wien mit seiner gesamten Kapelle. Anfang Wochentags 7 Uhr, Sonntags ♦ Uhr. Entree Wochentag 50 Pf., reserv. Platz 75 Pf., Sonntags 1 M.— Billetts im Vorverkauf zu ermäßigten Preisen(Entree 40 Pf., reserv. Platz 60 Pf., Sonntags 75 Pf.) in den„Vorwärts''-Speditionen Zucht, ImmanuelkirchstraCe 12, Hahnisch, Auguststraße 50 und Mann, — Petersburger Platz 3. ER9BHBßB9(BBBl Freitag. 23. September, abends 7V, Uhr. Besonders hervorzuheben: Xpacben zu Pferde geritten von Frl. Bora Schumann und Herrn Karl Heß. Brothers Miranoslü Der Kreisel-Globus. Neueste Kreation dcS DirestorS A. Schnniana. SW 4 Arkonis"VL Schleuderbrett-Akrobaten. Hlle. Bellonfs dressierte Kakadaa. Luitpotpourri der 10 Personen Leplcq. Antonet& Qrock somit die übrigen für Berlin neuen Spezialitäten. 33SSSXZ Sozialdemokratischer Wahlverein für den sechsten Berliner Reichstags-Wahlkreis. ■■■ Volkslieder- Abend am Sonnabend, den 24. September, in den„Germania-Festsälen"', Chausseestr. HO. Mitwirkende: Vortrag:„Die Entstehung und Entwickelung des Volksliedes*. Herr Dr. Hugo Leichtentritt. Fräulein Marianne Geyer. Herr Kammersänger Kaiweit. Herr Leo Kestenberg. Dirigent Herr Emil Thilo. Aafaag abends 8'/, Uhr. X Eintritt SO Pf. X Tanz 50 Pf. Billetts sind zu haben bei Heyse, Boyenstr. 19; Baumann, Bernauer Str. 9; Wahlverelnsbureau Neue Hochstr. 23.[229/18*] Das Komitee. Lieder zur Laute: Lieder für Tenor: Klavier: Sängerchor Wedding: Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Pariser Witwen. Lustspielhaus. Heute abend 8 Uhr: Der Feldl/errnhugel. Metropol-Ibester. Kurvaü! Wir leben noch!!! Große Ausstatlungsrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. V. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang ll..8 Uhr. Rauchen gestattet. vssüno-Theatei* Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Die urkomische Posse Der schneidige Rudolf. Rudels Pimpelmann: Dir. H. Berg. Vorher das glänzende bunte Progr. Nur Attraktionen ersten Ranges. Sonnt. 31/, Uhr: Der Hochmutsteufel. Folies Caprice. Heute: Premiere Volle Pension Posse von Satyr. bleuer buuter Teil. Der schwarze Schimmel Posse von Glinger u. Tausfig. Vorverkaus 11—2, abends ab 6 Uhr. IM ü Alt-noablt 47/48. Hans Reit?> Eusembte. Frtiftjjj, den 23. September 1910: Kyritz-Pyritz. Posse mit Gesang in drei Auszügen von H. Willen und O. JusttnuS. Musik von G. Michaelis. Nach der Vorstellung: Taae. Kasseneröstnung 7 Uhr, Ans. 8'/, Uhr. 6r55Ier TergnSgungsparK des Kontinents. Sonnabend, den 24. September: ?opulSrer Slite-Jlbend. Eintrittspreis 60 Pf.-MM Fest der Luna. Feenhafte Illumination des Parks und Sees. 3 Kapellen 3 Konfettiechlacht Luitschlangen. Progr ammänderungen vorbehalten. Luisen-Theater. Anfang 8 Uhr. Durchgegangene Weiber. Posse mit Gesang u Tanz v. A. Berta, bearbeitet von Jacobson und Witten. Sonnabend: Die schöne Ungarw. Sonntag 3 Uhr: Im Spätsommer. 8 Uhr: Durchgegangene Weiber. Montag: Die schöne Ungarin. Heute zum letzten Male: Veaa swol dasselbe tnn, Das starke Stück mit Anton und Donat Hcrrnfeld. Ans. 8 Uhr. Vorverkaus 11—2 Uhr. Morgen Tonnadend, 21. September: Doppel-Pre, niere der Novitäten Eine verlorene Nacht. Ein lustiger Traucrsall in 2 Akten von Anton und Donat Herrnscld. Der Terby-Sicger. Sportkomödie von August Ncidhardt. Karl Haverland- Ansang Thnifnn Kommandanten. pröz. 8 Uhr. lUclUCr, straße 77/79. Hugo Römer prolongiert. BS aihalla Theafer 1 Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. Anfang S1/. Uhr. Die 3SP- großen-H Burgtheater- Kinematograph vorm. Groterjan, Jnhab.: Rud. 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SM- Die Soldatenbraut. Ludolj Mädicke, Mechan.: Dir. E. Reich. ffttr den Inhalt der Inserate «ibernimmt die Redaktion dem Publikum gegenitb« keinerlei Verantwortung. Ä Das Ludwigsburger Kaffeerezept ist in Berlin zwar schon lange zu Hause. Trotzdem sei es gestattet, es jetzt, gelegentlich des Auftauchens billiger Nachahmungen, in Erinnerung zu bringen, damit jede Hausfrau künftighin für ihren Kaffee nur noch das Prädikat „wirklich gut" in Anspruch nehmen darf... I. Das Geheimnis des voiimundenden, gewürzigen Kaffees liegt einfach in der Verwendung des„Aechten Pranck'Qiies mit der Kaffeemühle!"* Geben Sie,— Ihrem Geschmack entsprechend,- etwas„Franck- Gries" zu den gemahlenen Bohnen, und..... Geschmack und Gehalt Ihres Kaffees verändern sich zu ihrem Vorteil 1 • Fabrikanten: Helnr. Fruick Sühne, Lndwlgsburg. IHARLOTTEHBURG Uhren und Qoldwaren / F. 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