Nr.S24. Bbonnetnent$'Bcdingungv e s e n fei. Innerhalb der preußischen Landcskommission sei lediglich die Ansicht vertreten worden, daß der Augenblick für eine Massen st rcik-Dis- kussion ungeeignet sei, das Proletariat könne davon überzeugt sein, daß alle zur Leitung des Wahl- rechtskampses berufenen Körperschaften ailch den ferneren Kampf mit allem Nachdruck vis zum siegreicheu Ende führen würden. Genosse D i ß m a n n wies die irrige Auffassung der Ver- Wahrung der 28 zurück, als ob irgend jemand die selbst- verständliche Mitwirkung der Gewerkschaften bei Aktionen des Wahlrechtskampses in Frage stellen wolle. Kein Mensch sei so naiv, sich einzubilden, ein General- streik könne ohne das volle Einverständnis der GeWerk- schaften durchgeführt werden. Die Genossin Luxemburg fordere lediglich eine Erörterung des Massenstreiks zur Auf- klärung der Lolksniassen. Eine solche Erörterung sei aber nach den Beschlüssen der Parteitage nicht nur zulässig, sondern geradezu den Genossen zur Pflicht gemacht. Genossin Zetkin entkräftete gleichfalls die Annahme, als verberge sich hinter der Resolution Luxemburg die Absicht, für eine unmittelbare Aktion Propaganda zu machen. Die Diskussion solle lediglich der Schulung der Massen, die Entflammung des Willens zur Tat, der Erziehung zu Idealismus und O p f e r ni u t dienen. Sie solle ihnen aber auch klar vor Augen führen, welche schwere Opfer, ja eventuell sogar welche zeitweiligen Rückschläge derMassenstreik kosten könne. Nicht blindlings sollten die Massen in die Schlacht geführt werden, sondern im vollen Bewußtsein der Verantwortung, die sie auf sich nehmen, in der klaren Erkenntnis alles dessen, was auf dem Spiele stehe; denn nur eine solche von höchstem Opfermut aber auch klarster Einsicht erfüllte Volksmasse könne die schweren Kämpfe durchführen, könne selbst Niederlagen er- tragen, die unter solchen Umständen nur die Gewähr des end- lichen Sieges seien. So ergab die Aussprache, daß mindestens unter der übergrosieir Mehrheit der Partei voll st e Einmütigkeit in der Frage des Massen- st r e i k s bestand. Einhellig wurde dann auch die R e- slo?ution des Referenten anig e n o m m e>n, die alsdann von einer erheblichen Mehrheit auch durch den erstell Teil des Antrages Luxemburg ergänzt wurde, nachdem der zweite Teil von der Anträgst e I l e r i n selbst zurückgezogen worden war. Zu Anfang der Diskussion hatte Genosse L i m b e r tz» Essen ein interessantes Dokument zur Kenntnis gebracht. Cr teilte den wesentlichen Inhalt eines Erlasses init, der von einem kommandierenden General an die unter- geordneten Stellen ergangen war, eines Erlasses, der sich aus V orke hriin gen zur Unterdrück ungvonVolks- unruhe n bezog. Dies Zirkular sah die Maßnahme:: vor, die sofort nach Verhängung des Belagern ngs- z u st a n d e s zu treffe» seien. Es empfahl das f o r s ch e st e DraufgängertunrnachdemHerzendesJanu- schauers, Unterdrückung der Organisa- tioilen, der Presse, der Versammlungen, Gefangensetzung aller Führer ohne Rück- ficht auf die parlamentarische Immunität, sogar eine bis ins Detail ausgearbeitete Strategie bei Straßenkämpfen. Der Parteitag nahm diese Enthüllung der Absichten des Säbelregime ntS ohne sonderliche Erregung auf. Die Sozialdemokratie weiß ja längst, welcher Aktionen sie sich von unserem herrlichen Militärstaat zu gewärtigen hat. Sie ist der un erschütter- lichen Zuversicht, daß sie auch des preußischen Junker. und Militärstaats Herr werden wird durch die unablässige Arbeit der Agitation und Organisation, durch die unbesieg- lichen Waffen des Geistes, an deren diamantener Härte auch preußische Säbel und Bajonette sich abstumpfen. Daß aber der Kampf um das gleiche Wahlrecht mit eiserner Beharrlichkeit fortgeführt wird, das be- zeugte die durch das Schlußwort Borgmanns noch einmal inhaltlich, zusammengefaßte einmütige Willenskundgebung des Parteitages! Der Parteitag nahm zum Schluß noch ein treffliches Referat des Genossen F l e i ß n e r über die Genossen» schaftsfrage entgegen und vertagte sich dann auf Sonn- abend. HligeielrllchKeit über llilgeistzlichkeit! Unter„Letzte Nachrichten* haben wir gestern noch den Polizei st reich in Lichtenberg gegen die freie Jugend- bewegung melden können. Trotz des zweifelsfreien Urteils des höchsten Gerichts des Reiches also, welches unzweideutig festgestellt hat, daß die alten preußischen Verordnungen über die Erteilung von Privatunterricht jeglicher Art sich nur auf die Schuljugend, nicht aber auf die schulentlassene Jugend beziehen, daß also keinerlei gesetzliche Unterlage vorhanden ist für das Verlangen, daß Leute, die der schulentlassenen Jugend Kenntnisse vermitteln wollen, einen königlich preußischen Unterrichtsschein vor- legen sollen, hat sich die Polizei zu Lichtenberg zur Voll- streckerin solchen ungesetzlichen Verlangens, zur Vollstreckerin der ungesetzlichen Verfügung der Potsdamer Regierung, Abteilung für Schulangelegenheiten gemacht. Und hat zugleich dabei das Bereinsgesctz auf daS Schwerste verletzt. Trotz der klaren rechtlichen Sachlage hatten bekanntlich die Leiter der Lichtenberger Jugendbewegung, um der Behörde auch den leisesten Vorwand zur Stöning der Veranstaltung zu nehmen, auf die Abhaltung des angekündigten Kursus des Genossen Graf ver- zichtet und eine unpolitische Versammlung für die Jngendleiter ein- berufen, in der Genosse Graf referieren sollte. Selbst wenn also die preußische Verwaltung auf dem unhaltbaren Standpunkt stände, daß sie auf die Reichsgvichtscntscheidung pfeifen dürfe, so hätte sie, nachdem der Kursus abgesagt und eine einfache Versammlung einberufen war, nicht eine Spur von Recht gehabt, die Abhaltung der Versammlung zu verhindern. Ihr Vor- gehen ist eine eklatante Verletzung des dem Bürger und auch dem jugendlichen Bürger gesetzlich gewährleisteten Versammlungsrechts! Besonders bemerkenswert ist bei alldem noch die Art, in der die Lichtenberger Polizei ihre ungesetzliche Aktion vollführte. Genosse Graf schildert uns die Vorgänge und seine besonderen Erlebnisse wie folgt: „Ich hatte vielleicht fünf Minuten gesprochen, als cm Leutnant und ein Wachtmeister geräuschvoll durch den Saal schritten. An der Rednertribüne angekommen, wandte sich«der Leutnant an mich: „Im Namen der Königlichen Staatsregierung zu Potsdam fordere ich Sie auf, diesen natur- wissenschaftlichen Vortragskursus zu unter- lassen!* lWohlgemerkt, der Leutnant fragte nicht, wer ich bin, ob ich überhaupt über naturwissenschaftliche Tinge rede, und er stellte nicht fest, ob hier überhaupt ein naturwissenschaftlicher Vor- tragskursus in der von der Königlchen Staatsregierung bean- standeten Form stattfand.) Der Leutnant fuhr fort:„Ich frage, ob Sie mit dem Vortrag fortfahren oder auf- hörenwollcnzu reden?*„Selbstverständlich," erklärte ich, „höre ich auf und füge mich der bewaffneten Macht, aber ich hoffe, daß man mich nicht bestrafen kann, wenn ich Ihnen die Rechts- belehrung erteile, daß Sie hier eine ungesetzliche Hand- lang begehen. Hier findet eine öffentliche Versamm- lung statt und Sie haben sich an den Einberufer zu wenden." Der Leutnant:„Das geht mich nichts an. Wollen Sie aufhören?" Ich packte darauf mein Manuskript zusammen. Währenddem teilte der Eiwerufer der Versammlung mit, daß eine Pause von 5 Minuten eintreten würde. In diesem Moment sagte der Leutnant zum Wachtmeister, auf mich deutend:„Führen Sic den Mann ab!"(Ich hatte seinem Befehl gehorcht und trotzdem ließ er mich abführen!) Der Wachtmeister faßte mich nun, obwohl ich ihn darauf aufmerksam machte, daß ich freiwillig mitgehen würde, wiederholt am Arm. Auf mein Angebot, mich zu legitimieren, wurde mir erwidert, „hier sei k e i n P latz d a f ü r!" Ein anwesender Genosse, der den Wachtmeister ersuchte, mich nicht anzufassen, wurde eben- falls mit zur Wache genommen und dann ging es. wie schwere Verbrecher eskortiert von zwei mit Brownings bewaffneten Schutzleuten, den langen Weg durch die Hauptstraße zur Wache. Dort legitimierte ich mich sofort; es wurde mir aber erwidert, dah ich hier zu bleibe» habe, bis der Leutnant weiter ver- fügt! Der Wachtmeister fuhr mich, als ich mich mit meinem Leidens- genossen unterhielt, in lauter Weise an, wir sollten ruhig sein, wir seien in Haft(sie!), sonst kämenwir indieArrestzelle. War ich nun eigentlich in Haft oder nicht; wenn ja, warum? Wenn nein, warum die Beleidigung des Wacht- Meisters und warum hielt man mich zwei Stunden lang fest? Doch offenbar nur, um den Vortrag über die Entwickelung des Planeten- systems unmöglich zu machen! Bis 11 Uhr wurde ich fest- gehalten. Als ich dann entlassen wurde, gab ich eine Be- schwcrde zu Protokoll über die Behandlung, da ich den Herren gar keine Peranlassung gegeben hatte, mir gegenüber unhöflich zu sein. Tie Polizeibeamten waren überhaupt unnötig erregt, weder Leut- nant noch Wachtmeister konnten sich beherrschen." Der zweite Verhaftete, Genosse Schwenk, schreibt uns: „Meine Verhaftung erfolgte lediglich, weil ich wiederholt und nachdrücklch den Wachtmeister auf die Ungesetzlichkeit seiner Hand- lungsweise aufmerksam machte. Dies geschah in der Absicht, den Vorwand des guten Glaubens zunichte zu machen. Die Sistierung erfolgte zu Unrecht, da ich für die Namensfeststellung, um die es sich doch nur handeln konnte, L e g i t i ina t i o n bei mir führte. Aber auch mein Verlangen, Hut und Ueberzieher mitnehmen zu dürfen, wurde barsch abgelehnt, so daß ich bar- ha u p t in der Nachtkühle den etwa 10 Minuten langen Weg zurück- legen mußte.— Nach beendeter Personalfeststellung wurde ich eben- sowenig fortgelassen, wie Genosse Graf, sondern mußte noch bis Z.,11 Uhr auf der Wache bleiben, ohne daß ein ersichtlicher Grund vorlag!" ES versteht sich von selbst, daß alle Rechtsmittel gegen daS ungesetzliche Verfahren der Lichtenberger Polizei ergriffen werden müssen. Da es sich um eine polizeiliche Verletzung des Vereins- gesetzes handelt, so ist eS möglich, die Sache im Beschwerdewege und VerwaltungSstreitverfahren durchzufechten. Das Vorgehen der Polizei hat die formale Unangreif- barkeit der Maßregeln der Schulaufsichtsbrhörde zerstört! Ein Effekt ihrer Handlung, über den sich die verantwortliche Stelle wohl vorher nicht klar gewesen ist! Daß die freie Jugendbewegung durch solche ungesetzliche Maßnahmen, unbeschadet des Ausgangs der Beschwerde» und Klage- aktion, nicht einen Augenblick aufgehalten wird, darüber werden die Herren von der preußischen Verwaltung bald inS klare kommen l politische Cleberlicbt. Berlin, den 23. September 1910. Die Regierung spart. Die Regierung will, wie die„vaterländischen" Blätter zu melden wissen, bei den Reichsausgaben sparen und vorläufig versuchen, ohne die Forderung neuer Steuern mit den jetzigen Einnahmen auszukommen. Das ist, wenn sie damit auch nicht auf ihre geplanten Neuforderungen verzichtet, sondern sie nur bis nach der nächsten Reichstags- wähl zurückschiebt, recht lobenswert; aber, wie daS von vornherein in Anbettacht des feudal- bureau- kratischen Charakters unserer einsichtsvollen Regierung kaum anders zu erwarten war, will sie nicht bei den Ausgaben für Flottenbauten, Kanonen. Paraden usw. sparen, sondern bei solchen Ausgaben, wo sich am allerwenigsten sparen läßt. So soll z. B.. wie bekannt wird, die geplante, vom Reichstag geforderte und von derRegierung versprochene Erhöhung der Soldaten- löhnung unterbleiben. Eine gewöhnlich gutunter- richtete halboffiziöse Korrespondenz weiß nämlich zu melden: „Wie wir hören, werden aus Sparsamkeitsgründen auch im Reichsetat für Ivll keine Mittel zur Erhöhung der Löhnung für Gemeine eingestellt werden. Nachdem bereits bei allgemeinen Etatspositioncn Abstriche nötig geworden sind, um die Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang zu bringen, hat sich die Erhöhung der Mittel für Soldatenlöhnung nicht durchsetzen lassen, obwohl die Heeresverwaltung ihr im Reichstage gegebenes Verspreche» gern eingelöst hätte." Es ist doch etwas Schönes um die Hochwohlweise vaterländische Regierungssparsamkeit. Endlich! Endlich holt die preußische Regierung ihr unentschuld- bares Versäumnis nach und geruht der Ocffentlichkeit mitzu- teilen, daß das Dienstmädchen Josepha CiastonauS der Haft entlassen ist. In der Scherlpresse wird gemeldet: Ueber das Schicksal der galizischen Dienstmagd Josepha Ciaston, die in Fehmarn monatelang in Polizeihaft ge- halten worden ist, erfahren wir, daß die Ciaston seit länger als Monatsfrist bereits aus der Polizeihaft entlassen ist. Regierungsseitig wird anerkannt, daß hier ein bedauerlicher Mißgriff vorliegt, und es wird Sache der bekanntlich schon eingeleiteten Untersuchung sein, festzustellen, welcher Instanz die Schuld an dem Vorgang beizumessen ist. An den einschlägigen Bestimmunzen selbst dürfte infolge dieses Vor- kommnisscS' nichts geändert werden, da die Bestimnmngen nicht nur aus nationalen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen erlassen sind, um den deutschen ArbeitSmartt nicht durch seßhaft werdende billigere ausländische Arbeitskräfte drücken zu lassen. Also seit einem Monat ist das unglückliche Mädchen schon aus der Haft entlassen worden. Und das konnte die amtliche Berliner Korrespondenz, als sie am 30. September ihre Erklärung über den Fall brachte, nicht mitteilen! Ist daS Gedanken- losigkeit oder Herzlosigkeit? Glaubten die Herren an den grünen Tischen, daß sich kein Mensch daflir interessiere, ob das Mädchen noch in Hast sei? Glaubten sie, daS fei der Oeffentlichket ganz gleichgültig, da eS sich doch nur um ein Dienstmädchen handelt. Oder interessiert sie das Schicksal des bedauernswerten OpferS der preußischen Bureankratie so wenig, daß sie sich bei der Abfassung jener Notiz gar keine Gedanken darüber gemacht haben, ob für das Publikum nicht daS Wichtigste die Haftentlassung sei?' Acht Monate hat also die Haft des Dienstmädchens gedauert! Hoffentlich wird nun die Untersuchung einigermaßen beschleunigt, damit die Schuldigen wegen Freiheitsberaubung ihrer ver- dienten Sttafe überantwortet werden können. Zu demjschluß der Scherlpressennotiz ist zu bemerken, daß eS blanker Schwindel ist, wen» da behauptet wird, daß die Bestimmungen über die zeitweise Rückkehr der ausländischen Wander- arbeiter in ihr Heimatland auch deshalb erlassen seien,„um den deutschen Arbeitsmarkt nicht durch seß- Haft werdende billigere ausländische Arbeits- kräfte drücken zu lassen". Gerade dieser Zwang zur zeitweisen Rückkehr ins Heimatland hält die aus- ländischen Arbeiter in nationaler Absonderung und Bedürfnis- losigkeit, verhindert ihre Gewinnung fiir gewcrlschaftliche Organi- sationen und erhält sie so als Lohndrückerl Ausländische Streikbrecher und Lohndrücker sind der preußischen Re- gierung stets willkommen und ihre Organe betätigen sich oft genug gegenüber Ausländern als Streikbrecheragenten, wie erst in diesen Tagen wieder ein Fall in Berlin bewiesen hat, wo ein russischer Arbeiter ausgewiesen würde, nachdem er den bezeichnenden Rat eines Polizeibeamten, nach Kiel zu gehen, um den ausgesperrten Werftarbeitern in den Rücken zu fallen, nicht befolgt hat! Die Berliner Handelskammer und die Fleischnot. In einer am Freitag abgehaltenen Sitzung nahm die Berliner Handelskammer Stellung zur Frage der Fleischnot. Dabei wurden dem Minister v. Schorlemer einige derbe Nasenstüber erteilt. In einer ausführlich begründeten und angenommenen Resolution wurde die ministerielle Berechnung über die im Inlands zur Verfügung stehenden Fleischmeugen geweitet: „... Insbesondere sind die Berechnungen über die Gesamt- menge des erzeugten Fleisches und den auf den Kopf der Bevölke- nmg entfallenden Verzehr ohne Beweiskraft." Weiter wird gesagt, daß, wen» die bestehenden Zoll- und Grenz- sperrverhältnisse in Wirksamkeit bleiben, die Teuerungsperioden sich in kurzen Fristen wiederholen werden. Darin liege eine Gefahr für die sozialen Verhältnisse. Weiter heißt es dann: „Eine für die Dauer wirksame Milderung der Fleischteuerung ist nur zu erwarten, wenn mit dem System der Sperre gegeii ausländisches Vieh gebrochen wird. Zu unserem Be- dauern hat der Herr Minister für Landwirtschaft ein Entgegen- kommen in dieser Beziehung neuerdings abgelehnt. Der Einwand. daß das Ausland selber hohe Viehpreise habe, somit kein Vieh abgeben könne, ist nicht durchschlagend. Allerdings konnte es nicht ausbleiben, daß. nachdem Deutschland den Import aus fast allen Ländern verboten hatte, diese sich zu einer Aenderung ihrer Pro- duktionsverhältnisse veranlaßt sahen: indes unterliegt es keinem Zweifel, daß Gebiete wie Holland, Belgien, Frankreich, Schweden, Norwegen sich auf die Beschickung des deutschen Marktes wieder einrichten werden, sobald dieser ihnen geöffnet sein wird." ES werden sodann die Einfuhrschikanen besprochen. Zum Schluß formuliert die Handelskammer ihre Forderungen wie folgt: �„Eine Aufhebung des Verbots der Einfuhr von frischem Fleisch aus Rußland. Belgien, Amerika usw. ist schon deshalb gerechlferugt, weil hierbei die Gefahr der An- steckung des heimischen MehstandeS entfällt. Auf eine erhebliche Steigerung der Einfuhr von frffchem und zubereitetem Fleisch wird aber so lange nicht zu rechnen sein, als die gegenwärtigen hohen Zölle bestehen. Die Ermäßigung dieser Zölle wie der Zölle auf lebendes Vieh ist neben der Aufbebung der Einfuhrverbote eine der Voraus- setzungen für die Milderung des Fleischmangels. Die Möglichkeit, durch die einheimische Vieherzeugung den Fleischbedarf der Bevölkerung zu decken, wäre näher gerückt, wenn die Einfuhr von Jung- und Magervieh erleichtert werden würde. Mehrere Staate», beispielsweise Holland sind besähigt. der deulschen Viehmast geeignetes Material zu liefern. Eine derartige Erleichterung würde auch der deutschen Landwirtschast Nutzen bringen."_ Schwierige Etatsaufstellung. Die Aufstellung des Etars 191l/12 scheint auf ganz erhebliche Schwierigkeiten zu stoßen. Offenbar weiß der Schatzsekretär Mermuth beim besten Willen nicht, wie er eS machen soll, Einnahmen und Ausgaben in Einklang miteinander zu bringen. Wie die„Magdc- burger Zeitung" erfährt, ist es besonders das KriegSministerium, daS mit seinen hohen Anforderungen dem Schatzsetretär die gute Laune verdirbt. Daß die Ausstellung des Etats so umständlich vor sich geht, ftihrt dieses Blatt ans die Art des Geschäftsganges zurück, den es in folgender Weise schildert: „Die Neuforderungen werden vom August an schriftlich an- emeldet und dann im Reichsschatzamt eingehend geprüft, worauf en einzelnen Verwaltungen ei» schriftlicher Bescheid erleilt wird; diese antworten wieder, beklagen die gemachten Abstriche, halten ihre Forderungen zum Teil aufrecht und begründen sie wo- möglich noch ausführlich— so geht eS etwa zwei Monate hin und her, bis dann endlich erst mündliche Verhandlung über die strittigen Forderungen stattfinden. Damit wird viel unnütze Schreibarbeit geleistet. Würde auf sie verzichtet und gleich nach den Anmeldungen daS mündliche Verfahren beliebt, so könnte auch eine Menge von Beamten erspart iverden. Das ist schon richtig, aber da» Beamtenheer ist nun einmal da und muß beschäftigt werden, deshalb wird an diesem bureau- kratischen Zug auch nichls geändert. Das Magdeburger Blatt stellt dann weiter fest: „Die Mililärvorlage ist noch nicht endgültig festgestellt, viel- mehr dauern die Verhandlungen darüber noch fort. Die Frage des EhrensoldeS für diejenigen KriegSveteranen, die nicht infolge von Verivundungen, Krankheiten usw. schon mit Pensionen oder Reichs- beihilfen bedacht sind, ruht vollständig, und es läßt sich zurzeit auch nicht absehen, woher die Mittel für den Ehrensold genommen werden könnten. Dem Reichstag wird es überlassen bleiben, den Weg dazu zu zeigen, nachdem die Besprechung mit Parka- mentariern. die im Sommer im Reichsschatzamt stattfand, ergebnis- los verlausen ist." Was von bürgerlicher Seite bisher über die Militärvorlage der- breitet wurde, war halllose Kombination, denn daS Kriegsministerium bewahrt strengstes Stillschweigen, und letzterer Umstand läßt darauf schließen, daß es sich nicht nur um kleine Aenderungen in den Fonnationen handeln wird. Tie Lans im nationalliberalen Pelz. Die Presse des Schnapsblocks schöpft eifrig aus der„Korrespondenz für nationale Politil", die unter nationalliberaler Flagge segelnd den Redaktionen zu völlig kostenloser Benutzung zugeht. Dieses Organ des Abg. Frhrn. Heyl zu Herrnsheim teilt mit, daß dafür gesorgt ist, daß auf dem nationalliberalen Parteitag in Kassel folgende Punkte erörtert Iverden: In wirtschaftlichen Fragen darf künstig ein Fraktionszwang nicht ausgeübt werden.— Die Preßhetze gegen die rechtsstehenden Parteien'muß unterlassen iverden.— Die Vckämpfung der Sozial- demokratie wird als die wichtigste Ausgabe allen anderen voran- gestellt.— Demgemäß ist jeder die Sozialdemokratie einschließende Großblock gegen die Rechte und da? Zentrum unzweideutig zurück- zuweisen.— Ein generelles BünduiS mit dem Freisinn wird ab- gelehnt. Die Jungliberalen dürfen keine Partei in der Partei bilden und ebensowenig eine selbständige Polittk treiben. DaS ist in der Tat das Programm des Lederkönigs von Worms, der die Nationalliberalen unter ollen Umständen in dir Arme des Schnapsblocks treiben will. �_ Keine Zentrumstreue«— keiue Seelsorge. Die„Germania" macht ihrem gepreßten Herzen über den Ausgang der KnappschaftZwahlen im Ruhrgebiet in einem zornigen Artikel Luft. Am meisten zürnt das fromme Blatt den polnischen Arbeitern, bon denen diele sozialdemolratisch gestimmt haben, andere für polnische Kandidaten. Erbost schreibt daZ Blatt: „Wenn die Polenführer sozialdemolratische Politik treiben und der Sozialdemokratie nützen und ihre einzigen wirklich guten Freunde schädigen wollen, dann mögen sie sich nicht immer als gute Katholiken hinstellen, denen an einer besonderen Polenseel- sorge gelegen ist.... Möchten die Polen bedenken, dah sie dauernd nicht ungestraft auf Kosten ihrer katholischen Mitbürger sündigen können." Der Sinn dieser feinen Auslastung kann nur der sein, dast die Polen die Unterstützung deS Zentrums bei ihrem Bestreben um polnische„Seelsorge" verlieren, wenn sie nicht stramm für die Zentrumspartei stimmen. Dast man mit der„Seelsorge" so offen politischen Schacher treibt, ist neu. Eine militärische Reform, allerdings nur in ganz bescheidenem Umfange, wird nach einer Meldung der„Täglichen Rundschau" nunmehr eingeführt. Es sollen nämlich gegen Mannschaften des Beurlaubtenstandes künftig auf leichtere Vergehen Geldstrafen statt Arreststrafen verhängt werden. Wenn dies zutrifft, dann gibt hier die Heeresverwaltung nur einer sozialdeinokratischcn Anregung Folge. Oesterreich. Passibe Resistenz ans den bosnischen Bahnen. Sarajewo, 23. September. Eine Sonderausgabe der Eisen- bahnerzeitung„Signal" forderte gestern in einem Aufruf alle Angestellten der bosnischen Landesbahnen auf, um Mitternacht in die passive Resistenz einzutreten. Infolge dieses Aufrufs hat heute am frühen Morgen die passive Resistenz auf den Landesbahnen eingesetzt. Bisher hat sie sich erst in ge- ringen Zugverspätungen bemerkbar gemacht; doch werden bei längerem Anhalten schwerwiegende Folgen nicht ausbleiben. Rollaiid. Berichtigung. Von Genossen I. T. Ankersmit, Amsterdam, geht uns folgende Berichtigung zu: Die Mitteilung, die der„Vorwärts" über die Amsterdamer Wahlrechtsdemonstration vom 21. September bringt, bedarf in einigen Punkten der Berichtigung. Ihr Korrespondent teilte mit, datz„die Leitung der S. D. A. P. jeden marxistischen Redner aus ihren Reihen und gewohnheits- mäßig auch Redner der S. D. P. ferngehalten hatte". Wahrheit ist, daß von den sieben Rednern zwei sich der in engerem Sinne marxistischen Richtung zurechnen,_ nämlich der Genosse Henri Polak und die Genossin Helena Ankersmit, während die„Fernhaltung" von Rednern der S. D. P. sich wohl aus der Tatsache erklärt, daß diese Partei bei den Wahlen nur S42 Stimmen erzielte, die S. D. A. P. aber 82 793. Tie Mitteilung Ihres Korrespondenten,„selbst Genosse Troelstra erwähnte als schärferes Mittel(der Eroberung des all- gemeinen Wahlrechts) den Massenstreik'', macht den Eindruck, als sei dies eine Neuerung in Troelstras Auftreten. Wahrheit ist aber, daß Troelstra schon vor einigen Jahren dies schärfere Mittel zu diesem Zwecke erwähnt hat und er sogar der erste war. der dies in Holland tat. Dänemark. Tic Lnndsthingswahle». Am Dienstag fanden die Neuwahlen zum Laudsthing statt, dem Oberhaus des dänischen Reichstags, das aus 66 Abgeordneten besteht, von denen 12 durch den König ernannt sind. Von den 54 gewählten Abgeordneten scheidet die Hälfte alle vier Jahre aus. so daß also die Wahlperiode selbst acht Jahre beträgt. Diesmal kam noch eine Ergänzungswahl im 1. Kopenhagener Landsthings- Wahlkreis hinzu, an der sich die Sozialdemokraten, sowie auch die Radikalen nicht beteiligten, da hier nach den obwaltenden Um- ständen ein Erfolg nicht zu erwarten war. Die Wahlen zum Lands- thing sind indirekte, und für die Wvhlmännerwahlen ist ein Zwei- oder vielmehr Dreiklassenrecht maßgebend. Auf dem Lande hat in jeder Gemeinde d:e allgemeine Wählerklasse einen Wahlmann zu wählen, und dazu kommt eine ebenso große Anzahl„selbst- geschriebener" Wahlmänner. Diese Leute sind die Höchstbesteuerten aus jeder Landgemeinde, die nicht gewählt werden, sondern allein auf Grund ihres großen Geldsacks oder Besitzes zu Wahlmännern ausersehen sind. In den Stadtgemeinden, die ebenso viele Wahl- männer zu stellen Hachen wie die Landgemeinden, wird die eine Hälfte durch die allgemeine Wählerklassc gewählt, die andere Hälfte .durch die�Höchstbesteuerten, die nebenbei auch zur allgemeinen Wählerklasse zählen, also zweimal zur Wahl berufen sind. Tie Wahlmännerwahlen haben bereits in der vorigen und in der vorvorigen Woche stattgefunden. Es wäre der„Linken", wie sie sich nennt, der Regierungspartei möglich gewesen, die geringe Mehrheit der Konservativen und Frcikonservativen im Landsthing zu beseitigen. Aber die Partei, die ein Menschenalter lang die Reaktion bekämpft hat, w o l l t e d i es m a l n i ch t s i e g e n l Sie wäre sonst genötigt worden, ihr immer noch ziemlich demokratisches Parteiprogramm durchzuführen, das� unter anderem die Wieder- Herstellung der demokratischen Verfassung von 1849 vorsieht. Darum schloß sie von vornherein fast in allen Wahlkreisen Bünd- niste mit den Konservativen ab, und demgemäß hafet auch ihre Wählmänner bei den Abgcordnetenwahlen gestimmt. Das Ergebnis ist. daß die Konservativen zum ersten Male seit dem Jahre 1886 wieder einen Zuwachs an Mandaten zu verzeichnen haben, während sie bisher immer mit Verlusten zu rechnen hatten. 1886 hatten sie 59 Mandate, 1899 sank die Zahl auf 43, 1894 auf 46, 1898 auf 42, 1992 auf 39, 1996 auf 29, und vor der nun vollzogenen Mahl waren nur noch 27 konservative Landsthingsmänner vorhanden. Aber jetzt ist ihre Zahl, dank der Wahlhilfe der„Linken", wieder auf 39 gestiegen. Die Zahl der freikonservativcn Abgeordneten ist von 8 auf 6 zurückgegangen und die der sogenannten Linkenmänner von 24 auf 21. Die Radikalen haben mit Hilfe der Sozialdemokratie 2 Mandate gewonnen, so daß sie jetzt 4 Landsthingsmänner haben, oder 5, denn es sitzt noch ein Wilder im Landsthing, der auf ihrer Seite steht. Die Zahl der sozialdemokratischen Mandate, von denen keines zur Wahl stand, ist sich gleich geblieben; es sind wie bis- her 4. Im Jahre 1899, als zum ersten Male Sozialdemokraten in das Landsthing einzogen, waren ihrer 2, 1992 ging eines der beiden Mandate verloren, 1996 stieg ihre Zahl auf 4, und dabei ist /es geblieben. Bei dem durchaus plutokratischen Klastcnwahlrecbt ist es ja nicht zu verwundern, daß die Arbeiterklasse Dänemarks trotz ihrer politischen Meise und Machtentfaltung zu keiner starken Vertretung im Landsthing gelangt ist. Das Charakteristische an den Wahlen ist, daß die„Linke". die ihre reaktionäre Gesinnung und Handlungsweise bisher immer noch zu verschleiern suchte, sich nun offen mit ihren alten Erz- feinden, den Konservativen, verbündet hat und so dafür sorgte, daß die konservativ-freikonservative Mehrheit es von 35 auf 86 Mandate brachte. Sieht sich nun die Regierung auf Grund ihres Parteiprogramms genötigt, irgendwelche demokratischen Reformen, vlellcicht aar eine Reform des Landsthingswahlrechts vorzuschlagen, so kann sie sicher sein, daß alle schönen Beschlüsse des Folkethings vom Landsihing nach wie vor schön eingepökelt werden und vor- läufig keine Gesetzeskraft erlangen.. Das ist auch der Zweck, wes- halb die Regierungspartei nicht siegen wollte. Rumänien. Neue Vergewaltigung der Arbeiter. In ewiger Erinnerung wird diese Regierung der ehemaligen Sozialisten den Arbeitern bleiben.� Keine Gelegenheit, die Ar- beiter zu schikanieren, läßt die Regierung vorübergehen. Sie übt Rache dafür, daß es ihr nicht gelungen ist. die Arbeiter zu Ver- rätern ihrer eigenen Sache und zu Nachläufern einer Partei zu machen, welche den Arbeitern das Koalitionsrecht geraubt hat. � ' Jedes Mittel ist diesen Renegaten recht. So wird jetzt die. Eholeragefahr zum Vorwand genommen, um jede Arbeiterver- sammlung zu verbieten und selbst das Arbeiterhaus zu schließen, rn dem sich die Lokale verschiedener Arbeitervereine befinden. Ar- beiter, die sich Auskunft in Rechtsfragen holen oder Vereinsbei- träge bezahlen wollen, werden von den Polizisten in brutaler Weise am Betreten des Hauses gehindert. Die verdächtigsten Spelunken können offen bleiben, nur vom Arbeiterheim droht an- geblich Choleragefahr. Diese Gaunerei müßte selbst das Bürgertum, soweit noch an- ständige Elemente darunter sind, aufrütteln gegen das Regime einer Bande, die das Recht des Volkes mit Füßen tritt.- Aegypten. Der Kongreß der national-ägyptischen Partei. Brüssel, 22. September. Der in Paris verbotene Kongreß der n a t i o n a l- ä g Y p t i s ch c n Partei ist heute nachmittag durch Mohammed Bey Farid eröffnet worden. Zu dem Kongreß, der drei Tage dauern wird, sind Vertreter aus Frankreich, Deutsch- land, Irland, Indien und Rußland anwesend. Zweck der Tagung ist, Europa auf die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ver- hältniste in Aegypten aufmerksam zu machen. Indien. Das Schicksal Sabarkars. Wie erinnerlich, wurde der indische Revolutionär Savarkar, der in einem französischen Hafen von einem englischen Schiffe floh, von der französischen Regierung an die Engländer ausge- liefert. Der internationale Kongreß in Kopenhagen protestierte gegen diese Verletzung des Asylrechtes. Jetzt wird aus Paris folgendes zu der Sache berichtet: Die Meldung eines in Bombay erscheinenden Blattes, nach der die französische Regierung die Forderung auf Auslieferung des indischen Revolutionärs Savarkar fallen gelassen habe, wird halbamtlich als unrichtig bezeichnet. Die Verhandlungen hierüber zwischen Frankreich und England dauern noch.fort. Farteitag der deutschen Sozial- demohratie zu Magdeburg. (Schluß auf der 2. Beilage.) Fleißncr(fortfahrend): Die Ad eck le Verwandtschaft zwischen Konsum- verein und P a r t e i ist g r o tz. Es ist nicht wahr, daß die Konsumvereine keine Partei bevorzugen oder kein Gewicht auf eine Partei zu legen hätten. Die Konsumvereine haben alle Ver- anlassung, sich umzusehen, wer sie in ihrem Kampfe schützt, ihre materiellen und politischen Interessen decken sich durchaus mit denen der sozialistischen Partei, Unsere Partei hat überall ihre ganze Macht und Bedeutung in die Wagschale gelegt gegen die den Konsumvereinen feindlichen Mächte. Die Konsumvereine müssen also auch ein Interesse daran haben, mit der Partei min- destens in freundnachbarlichem Verhältnis zu leben. Bürger- liche Organisationen, von denen man es nicht erwartet hätte, sogar der Hansa b und und verschiedene Handels- k a m m e r n. haben gegen die Konsumvereine Stellung genommen. Die bürgerlichen Kreise bekämpfen die Konsumvereine nicht zuletzt aus politischen Gründen, um die M i t t e l st ä n d l e r zu gewinnen. Einzig und allein die Sozial- demokratie stützt die Konsumvereine. Man braucht sich deshalb nicht zu sehr darüber aufzuregen, wenn daraus der Schluß gezogen wird, die Konsumvereine seien sozialdemokratische Organisationen. Das wird immer behauptet, wenn man eine Ge- fährdung der bürgerlichen Interessen befürchtet. Das Odium, daß sie sozialdemokratisch sind, werden die Konsumvereine nicht IoS werden. Man ist auch in leitenden Konsumvereinskreisen dieser Tatsache gegenüber nicht mehr nervös. Die Aererne des Zentralverbandes bestehen heute zu etwa 85 Proz. aus Lohnarbeitern. Sie sind also Arbeiterorgani- s a t i o n e n und die Konsumvereinsbewegung ist eine proletarische Massenbewegung. Fe mehr wir sie dazu machen, desto mehr werden sie nützen dem einzelnen Mitglied und den Angehörigen, ein Nutzen für die Allgemeinheit im wahren sozialdemokratischen Sinne. W i r werdenalsounsereReservedenKonfum vereinen gegenüber aufzugeben haben.(Lebhafter Beifall.) Wir müssen sagen, was ist: Daß die Partei alle Ursache hat, die Vereine zu fördern, und daß die Konsumsvereine anzuerkennen haben, daß die Sozialdemokratie ihre größte Freundin ist. Sorgen wir dafür daß die Konsum. vereine wirtschaftliche Organisationen in unserem Sinne werden.(Lebhafter Beifall.) Wenn gefragt wird, ob die Konsumvereine nicht der Partei und Gewerkschaftsarbeit wertvolle Kräfte entgiehen, so haben wir es ja in der Hand, das zu ändern. Man vergesse nicht, daß unsere Parteigenossen gerade als Konsumvereinsongestcllte infolge ihrer Unabhängigkeit sehr wertvolles für die Partei leisten können. Unsere Genossen müssen es auch als Konsumvereinsbeamte als ihre Aufgabe betrachten, für die Interessen der Partei tätig zu sein. Der gute Wille ist in den Konsumvereinskreisen zweifellos vorhanden, mit der Partei zu wirken, und wir haben dafür zu sorgen, daß die Bewegung nicht in falsche Bahnen ge- leitet wird.(Lebhafte Zustimmung.) Noch ein Wort über die Verwendung der Dividende: Wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir gegen die hier und da noch herrschende Dividendensucht mit aller Energie ankämpfen müssen.(Lebhafte Zustimmung.) Und daß wir die erzielten Gewinne nützlicher anwenden, damit die Konsumvereine leistungsfähiger werden und gegen Zufälle geschützt sind.(Sehr richtig!) Die Genossen in den Konsumvereinen sollten für die Zurückdrängung des rein egoistischen Moments sorgen. � sie sollen dahin wirken, daß das in den Konsumvereinen erzielte Geld nutzbar gemacht wird für die Arbeiterinteressen. Es kommt darauf an, was wir als Parteigenossen aus den Konsumvereinen machen. I n die Konsumvereine muß der Geist einziehen, der sie zu einem guten brauchbaren Hilfsmittel der Arbeiterbewegung macht.(Lebhafter Beifall.) Die Weiterverhandlung wurde hierauf auf morgen(Sonn- abend) vertagt. Schluß 7% Uhr. An der Abstimmung über den Antrag Zubeil-Haase (Zusatzantrag zur Resolution des Parteivorstandes über die badische Budgetbewilligung) haben nicht teilgenommen: Antrick-Braunschweig, Johanna Arnswald-Oberhausen, Auer- München, Linchen Baumann-Hamburg, Bebel, Bcims-Magdeburg, Berard-Hamburg, Bielgk-Freiburg, Binder-Ludwigshafen, Therese Blase-Mannheim, Böhlc-Straßburg, Böttger-Mannheim, Bohl- Nürnberg, Cohn-München, David-Berlin, Eichhorn-Dreöden, Engler- Freiburg, Evers-Hildesheim, Faitzt-Hornburg, Edmund Fischer- Dresden, Fleitzner-Dresden, Franz-Dresden, Dr. Frank-Mannheim, Geiß-Mannheim, Gebhardt-Burg b. Magdeburg. Helene Grünberg- Nürnberg, Haugenstein-Nürnberg, Haupt-Magdcburg, Heilmann- Chemnitz, Hildcnbrand-Stuttgart, Hörsing-Äeuthen/ Huber-Lud- wigshafen, Huber-Landshut, Hug-Bant, Kahn-Mannheim, Kern- Würzburg. Linapper-Heilbronn, Knoth-Grabow, Knieriem-Münchetz, Korn-Singen, Körner-Ludwigshafen, Koch-Magdeburg, Kolb-Karls- ruhe, Dorothee Kaßner-Magdeburg, Kühn-Dresden, Lehmann- Mannheim, Lehmann-Leipzig, Lcppert-Epplingen. Lesche-Hannover, Lebi-Mannheim, Dr. Karl Liebknecht-Berlin, Loch-Worms, Ludwig- Olvenstedt, Ernestine Lutze-Dresden, Maier-Heidelberg, Mauerer- München, Mey-Hannover; Miß-Mühlheim, Molkenbuhr-Berlin, Möller-Harburg, Paul Müller- Berlin, Adolf Müller- München� Mstt Müller-Schopfheim i§§., Emst Muller-WMeth Gustav Muth- > Oberschöneweide, Neu- Lambrecht, Nimmerfall- Pasing, Noske- Chemnitz, Pfeiffle-Mannheim, Profit-Ludwigshafen, Dr. Ouarck- Frankfurt a. M., Dr. Quessel-Darmstadt, Riem-Dresden, Sachse- Bochum, Silberschmidt-Berlin, Süßkind-Mannheim, Sperka-Stutt- gart, Stockinger-Pforzheim, Stolle-Gesau, Sturmfels-Groß-Umstadt. Schmalfeld- Bremerhaven, Schmidt- München, Schneppenhorst- Nürnberg, Schönfelder, Schumann-Berlin, Schöpflin-Leipzig, Dr. Südekum-Berlin, Timm-München, Thieleinann-Osnabrück, Treu- Nürnberg, Vogel-Fürth i. Bayern, Vogt-München, Weill-Stratzburg, Willi-Karlsruhe, Witti-München, Wizorowski-Staßfurt, Ziemer- München, Zietsch-Charlottenburg, Zorn-Fürth i. B. und Zubeil- Berlin. Von den namentlich aufgeführten Genossen haben sich ver- schiedene jedoch nicht an dem Vorgehen der Minderheit beteiligt, sondern sie waren aus anderen Ursachen verhindert, an der Sitzung teilzunehmen. Zum Abstimmungsrcsultat im Bericht über die Nachtsitzung vom Mittwoch zu Donnerstag ist nachzutragen: Zu- den Genossen, die bei der Abstimung über den ersten Teil der Vorstandsrcsolution zur Budgetfrage mit Nein, bei der Gesamt- abstimmung aber mit Ja'stimmten, gehört auch Genosse Hau- s ch i l d t- Kassel. Auch Paul Hoff mann- Hamburg hat nicht gegen, sondern für den Antrag Zubeil seine Stimme abgegeben. » Berichtigung. In dem Bericht über die Ausführungen des Genossen Wurm vom Donnerstag soll es nicht heißen:„daß der Bundesrat sich mit dem Plan trägt, die Liebesgaben herabzusetzen", sondern„daß der Bundesrat sich mit dem Plan trägt, das Kon- tingent herabzusetzen, um die Liebesgaben aufrecht zu erhalten". » Genosse Mehring sendet uns folgende Zuschrift: Nach dem Bericht deS„Vorwärts" hat Genosse Frank in der Mittwochsitzung des Magdeburger Parteitages folgendes gesagt: „Von einer Seite habe ich allerdings eine Drohung gehört; � ich nehme an, daß Westmeyer ein treuer Leser der„Neuen Zeit" ist, und dort hat der Pfeil-Artiller allerdings davon geredet, daß man vom� Gesamt stamm der Partei einen Zweig loslösen müsse." Sollte Genosse Frank wirklich so gesprochen haben, so hat er eine Unwahrheit gesagt. In einem Artikel, der im übrigen die Entgleisung der badischen Landtags- fraktion nicht allzu tragisch genommen wissen wollte, habe ich tat- sächlich geschrieben:„So ist die Hoffnung gestattet, daß die proletarischen Wähler in Baden die Politik ihrer Erwählten zu berichtigen wissen werden. Sollte diese Hoffnung dennoch trügen, so wird der badische Zweig der. Sozialdemokratie zwar auch die Gesamtpartei, aber noch vielmehr sich selbst schädigen; der Baum kann eher eines Reises entbehren, als ein Zweig deS Baumes. Aber wir glauben nicht daran, daß die badischen Partei- genoffen noch nach bald vierzig Jahren das bisher nur lächerliche Hohnwort Treitschkes zur traurigen Wahrheit machen werden:,... daS Zusammenwirken der Sozialdemokratie mit dem Partikularismus berechtigt uns zu guten Erwartungen"; eine der Zukunft sichere Macht verbindet sich nicht mit einem Leichnam." Steglitz, 23. September 1910. F. M e h r i n g. Bus der Partei. Nochmals der Karlsruher Arbeiterdiskussionsklub und der. „Volksfreund". � Im Karlsruher Parterblatt wendet sich Genosse W e iß mann in einer Erklärung gegen die letzte badische Zuschrift des„Vor- wärts" in dieser Angelegenheit. Wir entnehmen der Erklärung folgende tatsächliche Angaben: Um gleich bei der letzten Behauptung anzufangen, bemerke ich, daß ich vor etwa zwei Jahren im Arbeiterdiskussionsklub auf die Bemerkung eines Pfarrers, in den Arbeitermassen stecke ein tiefreligiöser Kern und es seien Anzeichen dafür vorhanden, daß sie sich auch wieder stärker religiös betätigen, erwiderte: Davon sei gar keine Rede. Wenn von einer religiösen Betäti- gung der Arbeiter überhaupt gesprochen werde, käme sicherlich keine der jetzt bestehenden Konfessionen in Frage. Di« Arbeiter würden sich dann eine neue Religion schaffen und zwar die Re- ligion der Modernen ans der Grund lag«, wie sie der sozialdemokratische Pfarrer Pflüger aus Zürich wiederholt i» Karlsruhe dargelegt hat. Wie man sieht, ist das etwas ganz anderes, als die Worte. die mir der Verfasser des„Vorwärts"--Artikels in den Mund legt. Noch eine zweite Behauptung müssen wir auf ihren wahren Wert zurückführen. Es heißt, wir hätten Artikeln die Aufnahme verweigert, welche die Arbeiterbildung des Arbciterdisknssions- klubs kritisiert hätten. Das ist wieder unwahr. Ein Karlsruher Parteigenosse hat uns einen Artikel übergeben, der den Arbeiterdiskussionsilnb kritisierte. Wir haben seine Auf- nähme abgelehnt, aber nicht um deswillen, weil er sich gegen den Klub wandte, sondern weil Form und Inhalt in keiner Weise die Aufnahme des Artikels rechtfertigteu. DaS ist aber auch schon zwei Jahre her... Endlich ist es unwahr, doß der„Volksfreund" von allen Karlsruher Zeitungen die stärkste Agitation für den Arbeiter- diskussionsklnb gemacht hat. � Wir haben' kurzen redaktionellen Notizen- des-Klubs Aufnahme gewährt, wie wir das bezüglich der Veranstaltungen vieler anderer Körperschaften auch tun und tun müssen, da der„Volksfreund" nicht nur Parteiblatt. sondern auch Nachrichtenorgan ist und sich keineswegs in seinem Inhalt nur auf Parteivorkommnisse beschränken darf--- Das letztere ist schon richtig— aber unrichtig ist es auf alle Fälle, Einladungen zu einem Arbeit er-Diskussionsklub in derselben neutralen Weise zu be-handeln, wie solche zu einm Kanarienvogelzüchterverein. Womit wir übrigens noch nicht sagen wollen, daß der von uns kritisierte bewußte Bericht ein neutrales Referat gewesen sei. Kein Dementi! Bis Freitagabend ist weder ein Dementi noch eine Erklärung des Genossen Frank zu der gestern von uns wiedergegebenen Magde- burger Korrespondenz des„Berliner Tageblatts" erfolgt. ES trifft aber zu, daß Genosse Frank dem Vertreter eines bürgerlichen Blattes gegenüber sich eine Kritik der Mehrheit deS Parteitags und ihrer Beschlüsse geleistet hat. Was zu solchem Verfahren zu sagen ist, haben wir gestern schon gesagt. Uebrigens hat auch der Genosse K o l b einem Vertreter eines bürgerlichen Blattes, und sogar einein der allerverächtlichsten Sorte, dem des.Lokalanzeigers", eine Unterredung gewährt, die der Korrespondent also wiedergibt: „Der Abgeordnete K o l b, für die Radikalen der EWU noir ber Revisionisten, von dem ich zu ecfahreu versuchte, was die Süddeulschen tun werden, meinte vorsichtig, das könne er jetzt noch nicht sagen, denn wenn jemand ihnen mit Ausschlußandrohungen kommen sollte, dann hätten ja zuerst noch ihre heimischen Organi- satjonen ein Wort zu sagen, und er glaube sie in Ruhe abwarten zu können. Der Nürnberger Beschluß gestatte ja immer noch Aus- nahmen von der Budgctverweigerung. Sie würden natürlich in jedem Falle auf das ernstlichste prüfen, ob sie ihre Abstimmungen über das Budget mit diesen Bestimmungen in Einklang bringen könnten..." Auch Genösse Kolb hat diese Darstellung nicht bestritten, also stillschweigend ihre Richtigkeit- zugegeben. Er hat sich freilich weit zurückhaltender ausgedrückt, als Frank, indes ist sfen Verhalten grundsätzlich ebenso zu bewerten, wie das seines Kollegen. Gewcrklcbaftltcbee. Die drohende Generalauefperrung in der JVIetalUndurtrie. Der Generalsekretär des Verbandes der Berliner Metall industriellen hat dem„Berliner Tageblatt" über den Umfang einer etwaigen Aussperrung der Metallarbeiter folgende An gaben gemacht: In Berlin dürften etwa 86000, in Hamburg 14000, in Stettin 12 000, in Chemnitz 22 000 Arbeiter be troffen werden. Die Unternehmer berechnen, daß der Kampf den Arbeitern jede Woche eine Last von 2 Millionen Mark auferlege. Es soll versucht werden, die„national" und„christs lich" Organisierten von der Aussperrung zu verschonen. Der Sitzung des Ausschusses des Gesamtverbandcs der Metallindustriellen war am Mittwoch eine Sitzung des Verbandes der Berliner Industriellen voraufgegangen. In dieser Sitzung waren sämtliche 34 Bezirke des Verbandes vertreten, die 1572 Firmen mit über 400000 beschäftigten Arbeitern umfassen. Den Vorsitz führte Kommerzienrat M e n ck- Altona. Die großindnslriellen Berliner Betriebe waren zumeist durch ihre Leiter selbst vertreten; so waren anivesend Komnierzienrat Borsig, Direktor Payers vom Knbelwerk Oberspree (A. E. G.), Konimerzieurat M. F l o h r, Direktor Brandes, Direktor Brückmann(Firma Schivartzkopff), Baurat D i h l mann(Siemens-Konzern) usw. Die Sitzung war nur der hältnisniäßig kurz, obgleich die Erstattung des Berichts der Vertrauenskommission geraume Zeit in Anspruch nahm. Der Antrag, die Sceschiffswerften in ihrem Kampf durch eine Gesamtausspcrrung zu unterstützen, war rasch erledigt: man war darüber einig, daß man den Werften Helsen müsse, und keine Stimme sprach sich dagegen aus • Der Zentralrat der Hirsch-Dunckerschen Gcwerkvereine hat oeschlossen, die ferneren Maßnahmen der zur Beobachtung dieses Kampfes eingesetzten Kommission zu überlassen, in der Vertreter aller beteiligten Gewerkvereine sitzen. Der Vor sitzende erklärte, daß bei erfolgter Aussperrung der 60 Proz. von den übrigen 40 Proz. in Arbeit Verbleibenden keiner ohne Zustimmung der Organisationsleitung die Arbeit nieder legen darf. Ter christliche Verband und der Zentralverband haben noch nicht Stellung genommen. Berlin und Umgegend. Mit dem Streik bei der Firma Krüger und Fricdeberg befaßte sich eine öffentliche Versammlung der Glasarbeiter. Der Unter- nehmer war zu dieser Versammlung eingeladen, hatte es aber vor- gezogen, fern zu bleiben. Jedenfalls sagte sich der Herr, daß er seine Beschuldigungen gegen die Organisation der Streikenden nicht hätte aufrecht erhalten können. Es wurde nachgelviesen, daß 'der Unternehmer in den letzten Monaten bewußt darauf hinaus gearbeitet hat, die Organisation der Arbeiterinnen im Betriebe zu vernichten, um zu erwartenden Kämpfen aus dem Wege gehen zu können. Herr Friedeberg hat es mit seinem Empfinden von Treu und Glauben vereinen können, gegen dieselbe Organisation vor- zugehen und deren Vernichtung in seinem Betriebe anzustreben, mit der er im tariflichen Verhältnis steht, und diese dadurch in den Kampf hinein gezwungen. Der Unternehmer hat auch in den letzten Wochen vor dem Ausbruch des Streiks die Lohnvcrhältnisse einiger Arbeiterinnen bedeutend verschlechtert, indem er eine ge- ringe technische Aenderung in der Arbeitsweise schuf, und dann die Akkordpreise willkürlich änderte. Mit der Aufforderung, sich auch durch das sattsam bekannte Vorgehen der Polizei nicht in der Pflichterfüllung beim Streikposten abhalten zu lassen, erfolgte Schluß der Versammlung._ Die Lohubewegnng der Holzbildhauer. In der am Donnerstag abgehaltenen Versammlung berichtete Aßmann, daß, gemäß dem Beschluß der vorigen Versammlung, die Forderungen den Arbeitgebern zugeschickt worden sind und zwar den beiden Organisationen Freie Vereinigung der Holzindustriellen und Verein selbständiger Bildhauer, sowie 330 einzelnen Arbeit- gebern. Die beiden Arbeitgeberorganisationen haben sich zu Vcr- Handlungen bereit erklärt, die aber erst in den nächsten Tagen stattfinden können. Auch von einem Teil der einzelnen Arbeit- geber sind Antivorten eingegangen, die sich meistens entgegen- kommend aussprechen, doch wollen sie den Beschluß Ihrer Organi- sation abwarten. Der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein hat mit- geteilt, daß auch er bereit ist, sich an der Bewegung zu beteiligen. Die Kommission wird deshalb eine Sitzung mit der Leitung des Gewerkvereins abhalten/ Der Referent faßte das Ergebnis der von den Arbeitgebern eingelaufenen Antworten dahin zusammen: Ein ablehnendes Verhalten gegen eine Aufbesserung der Verhält- nisse sei nicht hervorgetreten, einige Arbeitgeber hätten die Forde- rungen mit Rücksicht auf die teuren Lebensverhältnisse für be- gründet erklärt. Alan müsse nun abwarten, wie die Vorhand- lungen ausfallen. In der nächsten Woche wird jedenfalls ein Re- sultat derselben vorliegen. Dasselbe wird dann einer erneuten Versammlung unterbreitet werden. Bis dahin nehmen die Bild- Hauer eine abwartende Stellung ein. Die Sektion der Nohrer vom Verband der baugewerblichen Hilfsarbeiter hat im vorigen Jahre mit den Unternehmern des Rohrdeckengewerbes einen Tarif abgeschlossen, welcher zum 30. Sep- tember 191(1 abläuft. Dieser Tarif ist am 28. Juni von Seiten der Sektion der Nohrer vom Bauhilfsarbeiter-Verband gekündigt worden. Es haben nun mit den Unternehmern Verhandlungen stattgefunden zwecks Abschluß eines neuen Vertrages. � Am Donnerstag fand deshalb im Gcwerkschaftshaus eine Mitglieder- Versammlung der Sektion der Rohrer statt, in welcher die Schlich- tungskommission den Mitgliedern über die gepflogenen VerHand- lungen Bericht erstattete. Aus dem Bericht war zu entnehmen, daß die Unternehmer zwar gewillt sind, einen neuen Vertrag ab- zuschließen, jedoch von einer Erhöhung der Preise wie sie von den Arbeitnehmern gefordert werden, nichts wissen wollen. Die Unter- nehmer wollen einzelne Forderungen nur dann zugestehen, wenn der Vertrag mit ihm auf zwei Jahre abgeschlossen würde. � Die Schlichtungskommission ersuchte die Versammelten, ihre Meinung hierüber zu äußern und ihr eventuell eine Richtschnur zu ihrem weiteren Verhalten mit auf den Weg zu geben. In der Diskussion vertraten sämtliche Redner den Standpunkt, daß die Kommission von den gestellten Forderungen nicht abweichen solle und wenn ein Vertrag auf zwei Jahre abgeschlossen würde, soll vom 1. Ol- tober 1911 1 Pf. mehr pro Quadratmeter gezahlt werden. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: Die heutige Mitgliederversammlung des Verbandes der bau- gewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands, Zwcigverein Berlin und Umgegend. Sektion der Rohrer, nimmt Kenntnis von den Verhandlungen, welche von der Schlichtungskommission mit den Unternehmern geführt worden sind. Die Versammelten können sich jedoch mit dem Angebot der Unternehmer nicht einverstanden erklären, sondern beharren nach wie vor auf ihren aufgestellten terderungen und beauftragen die Kommisston, nur in diesem inne weiter zu verhandeln. Der Streik der Kohlenarbciter und Kutscher bei der Firma Kupfer u. Co., Sickingen- und Bautzencr Straße, dauert unverändert fort. Der„Lokal-Anzeiger" brachte am 22. eine Notiz über an- gebliche Exzesse der Streikenden in einer Form, von der die Leser dieser Zeitung annehmen mußten, die Firma hätte nur Rowdys und Totschläger beschäftigt. Der Fall hat sich denn doch etwas anders zugetragen. Die Streikposten hatten dem fahrenden Kutscher nur erklärt, daß fie sich bei der Firma Kupfer im Streik befinden. Dein Kutscher ist nichts geschehen, auch ist er nicht vom Wagen ge- zerrt worden, sondern ist selbst abgestiegen und hat erklärt, daß er unter diesen Um ständen nicht mehr weiterfahren würde. Auch ist von keiner Seite ein Schuß gefallen. Die Polizei hat natürlich Fürsorge getroffen, daß zu jedem Wagen genügend Bedeckung vorhanden ist. Sogar die Wasser straße, wo von � der Firma die Kahnladungen entleert werden, ist dem öffentlichen Verkehr entzogen worden. Daß auch Herr Bolle als Helfer in der Not die Firma Kupfer unter- stützt, haben wir nun schon zum zweiten Male feststellen müssen. Nicht genug� damit, daß er Arbeitswillige vermittelt, er geht sogar so weit, daß er jetzt schwarze Listen herausgegeben hat, worauf sämtliche Arbeiter und Kutscher, die bei der Firma Kupfer beschäftigt waren, verzeichnet sind. So soll es den um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen kämpfenden Arbeitern unmöglich gemacht werden, anderwärts Stellung zu erhalten. Mit diesen Mitteln glaubt man zu erreichen, daß die Arbeiter zu Kreuze kriechen werden. Die Streikenden werden sich auch dadurch nicht einschüchtern lassen und alles daran setzen, die Arbeitswilligen fernzuhalten. Arbeiter aller Branchen, unterstützt die streikenden Kohlenarbeiter und Kutscher der Firma Kupfer in ihrem schweren Kampfe. Branchenleitung der Kohlenarbeiter. Oentkcbes Reich. BertragSabschllch in der Thermometcrindustrie. Die Arbeiter der Firma Gebr. Bergmann. Thermometer- fabrik in Mellenbach(Thür.) reichten am 19. September er. eine Lohnforderung ein, da ihr bisheriges, durch Vertrag festgelegtes Lohnverhältnis am 1. Oktober er. ablief. Die Firma bewilligte die von den Arbeitern eingereichten Forderungen mit einigen unwesent- lichen, materiell belanglosen Abänderungen. Es wurde ein neues, bis 1. Oktober 1914 laufendes Lohnvertragsverhältnis eingegangen, das für die Arbeiter drei Lohnzulagelerminc vorsieht, die am 1. Oktober 1910, 1. Oktober 1911 und 1. Oktober 1912 in Kraft treten._ Wie auf preußischen Eiseubahne» die Löhne aufgebessert werden, das haben die Lohnarbeiter in Oeynhausen(Westfalen) er- fahren. In der Badestadt Oeynhausen sind die Beamten in der ersten Servisklasse, die Bahnarbeiter erhalten aber nur einen Aiifaugstagelohn von 2.S0 M.. steigend in neun Jahren auf 2,89 M. Höchstlohn. Dieser für die örtlichen Verhältnisse traurige Lohn wurde dazu erst im vorigen Jahre festgesetzt; bis dahin betrug der Anfangslohn 2.29 M. Die Arbeiter wandten sich damals an die Betriebsinspektion um Lohnerhöhung. Von dieser wurde das Bedürfnis zu einer Lohnerhöhung nicht anerkannt. Nunmehr wandten sich die Arbeiter an die Eisenbahndireklion. Diese gab den Bescheid, die Eingabe sollte geprüft werden. Anfangs Januar kam ein Sekretär der Direktion Hannover, der Informationen einzog. Am 1. Mai trat dann die Lohnerhöhung in Kraft. Der AnfangSloHn stieg von 2,29 M. auf 2,39 M. und der Höchstloh» von 28 Silbergroschen wird lticht mehr in zwölf Jahren, sondern in neun Jahren erreicht. Die Rotlenarbeiter erhielten den gleichen Lohn. Früher wurde aber zwei Sonntage hintereinander Dienst gemacht und diese Sonnlage voll bezahlt. Nunmehr wird ein Sonntag Dienst gemacht und der andere ist dienstfrei. Dadurch haben die älteren Arbeiter anstatt Lohnaufbesserung einen Lohnausfall zu verzeichnen. So sieht die Lohnerhöhung für die Arbeiter auf den preußischen Eisenbahnen aus._ Militärische Strcikbrechervermittelung. Auf dem Bezirkskommando Bochum I ist ein Plakat zum AuS- hang gebracht, wonach arbeitswillige Klempner und Installateure nach Essen gesucht werden. In Essen be- Inden sich die Klempner in Streik. Hoffentlich wird die Militär- Verwaltung ob dieser einseitigen Einmischung in Lohnstreitigkeitcn dem Bezirkskommandeur in Bochum baldigst entsprechende An- Weisung, erteilen.(?? Red.)_ Hafenarbeiterstreik. Köln, 23. September.(Privaltelcgramm de»„Vorwärts".) Bei der Rhein- und Seeschiffahrtsgesellschaft in Köln traten die Hafen- arbeiter in den Ausstand. Gencbts-Deining. Ein klassischer Fall von Streikjustiz. Eine wuchtige Anklage lvar es, gegen die sich der Schmied Eisenblätter am Freitag vor dem Schöffengericht Berlin-Schöne- berg zu wehren hatte. Hausfriedensbruch, Drohung, Nötigung und Vergehen gegen§ 153 der Gewerbeordnung legte ihm die Anklage zur Last. Eisenblätter arbeitete beim Schmiedemeister Lüttschwager in Friedenau und legte beim Ausbruch des Streiks die Arbeit nieder. Später kam er in die Schmiede um sein Werkzeug zu holen. Ein verloren gegangenes Stück des Werkzeuges fertigte er mit Er- laubnis des Meisters nun an, wobei er einige Male die Werkstatt verließ und wieder zurückkehrte. Schließlich wies ihn der Meister hinaus. Eisenblätter wollte aber erst sein Werkzeug fertig machen und ging nicht sogleich. Dieser Tatbestand wurde durch die Aus- sage des Schmiedemeisters Lüttschwagcr festgestellt. Damit war der Hausfriedensbruch erwiesen.— Weiter behauptet die Anklage, Eisenblätter habe den bei Lüttschlvager arbeitenden Schmied Fölske zur Niederlegung der Arbeit zu veranlassen gesucht, indem er ihm drohte, er werde die Schmiede nicht lebendig verlassen, sondern hinausgetragen werden, wenn er die Arbeit nicht niederlege.— Der Zeuge Fölske, der diese Behauptung der Anklage stützen sollte, wußte nichts von einer Bedrohung. Er konnte nichts weiter an- geben, als daß Eisenblätter ihn ersucht habe, die Arbeit niederzu- legen und hinzugefügt habe, sonst kämen morgen andere und brächten ihn hinaus. Der Zeuge hat am folgenden Tage die Ar- beit aufgegeben, aber, wie er auf mehrfache Fragen des Vorfitzen- den ausdrücklich angab, nicht aus Angst vor den Streikenden, son- dern aus freiem Willen, weil ihm die Arheit nicht patzte. Nach diesem Ergebnis der Beweisaufnahme war von dem wuchtigen Gebäude der Anklage nichts weiter übrig geblieben, alS höchstens der Hausfriedensbruch, der aber so milde lag, daß kein unbefangener Zuhörer etwas anderes als eine geringe Geldstrafe erwartet hätte. Doch der Amtsanwalt beantragte wegen Haus- friedensbruch und Vergehen gegen Z 153 eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten und zwei Tagen. Das Gericht erkannte zwar an, daß die Sache lange nicht so schlimm sei, als wie es nach der Anklage schien, aber trotzdem fällte das Gericht ein Urteil, welches sowohl hinsichtlich der Würdigung des Tatbestandes als auch hinsichtlich des Strafmaßes berechtigtes Erstaunen erregen mutz. Hausfriedensbruch hielt das Gericht für erwiesen, aber schlimm sei er nicht. Auch ein Vergehen gegen 8 153 der Gewerbeordnung hielt das Gericht für vorliegend. Das soll der Angeklagte dadurch begangen haben, daß er zu Fölske sagte, wenn er nicht aufhöre, dann iverde er hinausgetragen. Das Gericht folgert: Das Hinaustragen könne nicht ohne Anfassen, also nicht ohne körperlichen Zwang geschehen, somit sei also der Tat- bestand des§ 153 gegeben und gleichzeitig der einer versuchten Nötigung. In solchen Fällen, wo durch ein und dieselbe Handlung zwei Strafparagraphen verletzt werden, muß nach dem Gesetz die Strafe aus dem Paragraphen erkannt werden, welche die härtere Strafe androht. Das ist nach der Rechtsprechung des Kammergerichts in solchen Fällen wie dem vorliegenden der§ 249 des Strafgesetz- buchcs(Nötigung), der ein weitergehendes Höchstmaß von Ge- fängnisstrafe festsetzt als wie 8 153 der Gewerbeordnung. Anderer- feits kennt dieser nur Gefängnisstrafe, während tz 249 dem Richter die Wahl zwischen Gefängnis- oder Geldstrafe läßt. Nach Gesetz Bahnbrückeweg _____________________________ ges pül t war. Mehr als 20 Leichen wurden geborgen. Berantkv. Rkdakt.: Richard Larth, Berlin. Inseratenteil verantw.;«.Glocke, Berlin. Drgck».Verlag-Vorwärts Buchdr.u.verlagSanstaU Paul Singer Lc Co., Berlin LW. Hierzu 5 Beilagen u.NnterhaltungSbl.' und Judikatur hätte im vorliegenden Falle§ 249 angewandt wer- den müssen, und da, wie das Gericht ausdrücklich anerkannte, die Sache milde aufzufassen ist, hätte es auf eine nicht erhebliche Geldstrafe erkennen müssen. Aber das Schöffengericht setzte sich über den Standpunkt des Kammcrgerichts einfach hinweg. Es schloß sich, wie der Vorsitzende sagte, der Auffassung des Kammer- gerichts an und erklärte im Gegensatz zu diesem den Z 153 der Gewerbeordnung als den schwereren, weil er nur Gefängnisstrafe zuläßt. Auf diese Weise hat sich das Schöffengericht die Möglichkeit geschaffen, den Angeklagten, der nach den Feststellungen des Gc- nichts nichts Schlimmes getan hat, unbedingt ins Gefängnis zu schicken. Das Urteil lautete auf 5 Tage Gefängnis wegen Ver- gehen gegen§ 153 und 3 Tage wegen Hausfriedensbruch, zu- sammengezogen auf 7 Tage. Gegen dieses Strcikurteil wird selbstverständlich Berufung eingelegt._ Beleuchtungsstreitigkeiten. Durch Vertrag vom Jahre 1867 ist der Neuen Gas-Akticn- gesellschaft(vormals Wilh. Nolte in Berlin) das Monopol der Be- lcuchtung der Stadt Maricnwcrder zugestanden worden. Di? Gas- anstatt verpflichtete sich, die Leitung der Rohre nach allen Plätzen und Straßen zu übernehmen, wo die Stadt auf 199 Fuß eine Flamme garantiert; die Stadt begab sich jedes Rechtes, eine Gas- bcleuchtung von anderer Seite zu erlauben. Trotzdem sollte von feiten der Stadtgemcinde im Jahre 1997 ein Elektrizitätswerk zu Beleuchtungszweckcn(öffentlichen und privaten) eingerichtet wer- den. Diesem Begehren trat die Neue Gas-Aktiengcsellschaft ent- gegcm Infolgedessen erhob die Stadtgemeinde Maricnwerder Klage aus Feststellung, daß ihr dos Recht zur elektrischen Beleuch- tung selbst zustehe. Sie beruft sich darauf, daß das Monopol der Gas-Akticngesellschaft nur für die Gasbeleuchtung Geltung habe. Das Landgericht Graudenz wies die Stadgemeinde Marien- Werder mit ihrem Älagebegehren ab. Das Landgericht erklärt, daß der Sinn des Vertrages dahin gegangen sei, jede andere Be- leuchtungSmethode auszuschließen, um dem Gaswerk allein das Beleuchtungsmonopol zu sichern. Wichtige Rückschlüsse dafür ließen sich aus dem Nachtragsvertrage ziehen. Auf die Berufung der Stadtgemeinde wurde das landgerichtliche Urteil vom Oberlandes- gcricht Marienwerdcr aufgehoben und nach dem Klageantrage der Stadtgemeinde Marienwcrder erkannt. In den Entschcidungs- gründen des Oberlandesgericht wird unter anderem dargelegt, daß die Klägerin zweifellos verpflichtet sei, der Beklagten weder durch eine eigene Gasanstalt Konkurrenz zu machen, noch anderen Unter- nehmern das Recht der Gasbeleuchtung einzuräumen. Von einer anderen Art der Beleuchtung, sowie von einem Rechte auf elektri» sehe Beleuchtung sei nirgend in dem Vertrage die Rede. Zurzeit der Entstehung des Vertrages habe niemand daran gedacht, die Elektrizität nutzbar zu machen. Wenn man Rückschlüsse aus dem Nachtragsvertrage ziehen wolle, so sei das nicht angängig, weil zu jener Zeit andere Vertreter der Stadtgemeinde dem Gaswerk gegenüber gestanden hätten. Die gegen dieses Urteil von der beklagten Neuen GaS-Aktien- gefellfckmft beim Reichsgericht eingelegte Revision ist vom 6. Zivil- fenat des höchsten Gerichtshofes zurückgewiesen worden. Der höchste Gerichtshof legt kurz begründend dar, daß wohl der Revision darin beizutreten sei, es sei bei Auslegung von Verträgen sinngemäß vorzugehen und der wahre Wille der Parteien zu erforschen. Je- doch sei dem Oberlandesgericht darin beizutreten, daß keinerlei Parteiwille vorhanden gewesen sei, über die Gasbeleuchtung hin- aus das Monopol auszudehnen, denn es habe seinerzeit niemand an eine andere Beleuchwngsart gedacht. Das seien rein tatsäch- liche Feststellungen._ Kautionsschwindclelen. Daß trotz aller Warnungen durch die Presse das Kautions- schwindelgeschäft immer noch blüht, zeigte wieder einmal ein Fall, mit welchem sich die 7. Strafkammer des Landgerichts 1 zu bs- schäftigen hatte. Aus der Untersuchungshaft wurde der Agent Fritz Rauhut vorgeführt, um sich wegen versuchten und vollendeten Be» truges in sechs Fällen und wegen schwerer Urkundenfälschung in zwei weiteren Fällen zu verantworten. Der Angeklagte, welcher schon eine schwere Vorstrafe erlitten hat, betrieb in der Pestalozzi- straße in Charlottenburg ein Agentur- und Versicherungsbureau, welches nach jeder Richtung hin von Anfang an auf den Kautions- schwindet zugeschnitten war. Seine Opfer suchte er sich aus nahe» liegenden Gründen in der Provinz, wo er in kleinen Zeitungen Kassenboten, die Kaution stellen konnten, suchte. Den Bewerbern spiegelte er vor, er sei Generalagent der Versicherungsgesellschaft „Urania" in Dresden und nahm ihnen je 1999 M. als Kaution ab mit der Zusicherung, daß ihnen der Depotschein von der General- direktion zugestellt werde. Als zwei der �Hereingefallenen nach längerer Verzögerung darauf drangen, endlich den Depotschein zu erhalten, fälschte der Angeklagte den Namen des Generaldirektors von GerSdorf.— Der Vertreter der Anklage beantragte mit Rück- ficht auf die Gemeingcfährlichkeit des Angeklagten unter Vcrsagung mildernder Umstände 2)4 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Das Urteil lautete aus 2 Jahre Gefängnis und 4 Jahre Ehrverlust. Rnmfasson. Aufklärungen über die Beschaffenheit eines billigen Grog lieferte eine Verhandlung vor dem Schöffengericht in Hannover. Weinhändler M. hatte sich wegen Vergehens gegen das Nahrungs- mittclgesetz zu verantworten. Er sollte§ 19, Ziffer 1 und 2 dieses Gesetzes zuwider, Rum nachgemacht und verkauft haben. Er hat ein Produkt hergestellt, das er unter der Bezeichnung:„Fein- feinster Rum-Fasson" verkaufte, welches aus Wasser, Altohol und Teerfarbstoffen bestand. Der Angeklagte verteidigte sich damit, daß ein solches Produkt seit erdenklichen Zeiten unter der Bezeichnung „Rumfaffon" allgemein in den Handel gebracht werde. Er habe nur das getan, was andere auch täten und habe unter einer falschen Be» Zeichnung nichts in den Handel gebracht. Auch der Sachverständige, Direktor Dr. Schwarz, mutzte bestätigen, daß die Bezeichnung „Rumfasson" für diesen Kunst-Rum durchaus handelsüblich und keine zur Täuschung geeignete Bezeichnung sei. Der dazu verwen- dete Teerfarbstoff sei auch in keiner Weise als gesundheitsschädlich zu bezeichnen. Die Herstellung eines Kognaks dieser Art sei nach dem neuen Weingesetz verboten, Rum sei aber von dem neuen Weingesctz überhaupt nicht betroffen. Da dem Angeklagten weder eine Verfälschung, noch eine Täuschungshandlung nachgewiesen wer- den konnte� mußte dessen kostenlose Freisprechung erfolgen, &ctztc ftacbriehtctn Der Feldwebel als Mörder. Frankfurt a. M., 23. September.(B. H.) Zeugfeldwebel Müller von der Hanauer Pulverfabrik, der auf der Brucköbeler Landstraße kürzlich seine Braut erschoß, weil sie nichts mehr von ihm wissen wollte, ist in allen Punkten geständig. Er gibt auch zu, daß er mit Vorsatz und Ueberlegung gehandelt hat. Trotzdem ist die Untersuchung noch nicht abgeschlossen, weil die An- klagebchörde das Bestreben hat, den Betveis für die Ueberlegung bei der Tat unabhängig von dem Geständnis des Mörders zu führen._ Zur Resistenzbewegung. Wien, 23. September.(W. T. B.) Die Landes- regierung hat die fünf Eiscnbahncrvcreine aufgelöst, die die passive Resi st enz organisiert haben. Schwere Eisenbahnkatastrophe. Clayton(Kansas), 23. September.(W. T. B.) Ein Zug der Rock-Jsland-Bahn ist in einen Flnsi abgestürzt, da durch einen W o l k e n b r u ch die |r.224. 27. Jahrgang. 1. Seiinge des Jorafirls" Setlinet Soltelilnlt, Sonnabend, 24. September 1910. Die Parteitag der deutschen Sozial- demoltratle zu liiagdeburg. Fünfter Verhandlungstag. Magdeburg, 23. September 1910. Vormittagssitzung. Vorsitzender Klühs eröffnet die Verhandlungen um Uhr. Diskussion über den Parlamentarischen Bericht wird fortgesetzt. Schöne-Zschopau: Wir stehen durchaus auf dem Standpunkt der Redner, die gegen den Mißbrauch des Alkohols gesprochen haben. Wir haben das bekannte Plakat mit der Schnapsflasche in großer Zahl verbreitet. Wir sind an die Gemeindekrankenkassen, Fabriken und Schulen gegangen und haben die Genehmigung nachgesucht, das Plakat aushängen zu dürfen. Erst nach uns hat sich die Schul- behörde mit dieser Frage beschäftigt. Auch im Gemeindeamt hängt das Plakat öffentlich aus. Wir empfehlen diese Maßnahmen den anderen Organisationen.(Beifall.) Genossin Zieh begründet den gestern im Wortlaut niitgeteilten Antrag über die F l e i s ch t e u e r u n g. Der schwere Druck, unter dem vor allem die Arbeiterschaft, aber auch weite Kreise des Bürgertums leiden, und der durch die agrarische Zoll- und Protektionspolitik hervorgerufen worden ist, ist geradezu unerträglich geworden. In der gegenwärtigen Zeit ist es vor allem die F l e i s ch t e u e r u n g, die in allen Gegen- den des Reiches zum schärfsten Protest gegen diese Politik heraus- gefordert hat. Die ungeheure Verteuerung des Fleisches, des Brotes und unserer Nahrungsmittel überhaupt führt dazu, daß die Arbeiterschaft um die Früchte ihrer jahrelangen gewerkschaftlichen Kämpfe betrogen wird. Sie führt weiter dazu, daß die Lebenshaltung der Arbeiter herabgedrückt, daß ihre Gesundheit auf das schwerste geschädigt wird, daß die Sterblichkeit und vor allem die Kinder st erblichkeit außerordentlich zunimmt. Das führt im weiteren Verfolge geradezu zur Degeneration. Wir müssen infolgedessen verlangen, daß alle die zollpolitischen Maßnahmen beseitigt werden, daß auch der schlimmste Auswuchs des agrarischen Protektionssystems, die Einfuhrscheine, aufgehoben werden, daß alle die schikanösen Ausführungsbestim- mungen, die hinsichtlich der Einfuhr von Vieh und Fleisch bestehen, aus der Welt geschafft werden. Es klagen an alle diejenigen Männer, die infolge dieser unge- Heuren Teuerung der Nahrungsmittel an ihrer Gesundheit gelitten haben und in ihrer Leistungsfähigkeit an der Arbeits- statte herabgedrückt sind. Es klagen an die Mütter, die ge- zwangen sind, ihre Kinder zu Hause ohne Aufsicht zu lassen und hinauszugehen, um das Brot mitzuverdienen. Es klagen an alle jene Mütter, deren Kinder Hunger leiden müssen. Es klagen an alle Mütter, deren Lieblinge infolge der furchtbaren Teuerung frühzeitig ins Grab sinken müssen, weil sie infolge der Unterernährung vorzeitig gestorben sind. Es klagen an alle diejenigen Personen, die infolge der wirtschaftlichen Not- läge auf den Weg des Verbrechens und vor allem des Eigen tumvergehens gedrängt worden sind und die die Gefängnisse füllen. Es klagen an alle jene Frauen und Mädchen, die infolge der wirt- schaftlichen Notlage auf den Weg der Schande getrieben worden und der Prostitution anheimgefallen sind. Das Volk hat es satt, sich ausbeuten und unterdrücken zu lassen im Interesse der Krautjunker und Ochsengrafen, im Interesse derjenigen, die politische Hausknechte der Bourgeoisie gegen- über der Arbeiterschaft sind. Ich verweise darauf, daß den Großgrundbesitzern die Taschen gefüllt werden nicht durch die Zollpolitik, sondern vor allem auch durch dieses Protektionssystem und die Einrichtung der Einfuhr- scheine. Das System der Einfuhrscheine führt in dieser Zeit der hohen Fleisch- und Brotpreise zur Ausführung des Brot- getreides, damit zur Entblößung des inländischen Marktes mit Brotgetreide, zur Verteuerung des Brotgerreides und der Futterstoffe und damit auch zur Verteuerung von Vieh und Fleisch. «Sehr gut!) Ist das nicht geradezu ein Skandal, daß in der Zeit, wo die Regierung Umschau hält, um wiederum auszuklügeln, was für neue Steuern in Zukunft in Aussicht genommen werden sollen, in der Neichskasse, in der die Steuern ein Loch füllen sollen, schon im Juli dieses Jahres für 32 Millionen Mark Einfuhr- scheine zu finden waren anstatt des baren Geldes. (Hört! Hört!) Die Folge ist nicht nur die, die NoSke gestern ge- schildert hat, daß man deshalb für die Witwen- und Waisenversiche- rung kein Geld übrig hat, sondern wir haben weiter damit zu rechnen, daß man uns auch noch neue Steuer» zu den alten aufzu- erlegen gedenkt. Auf der einen Seite wird unsere Lebenshaltung berabgedrückt infolge dieses Wirtschaftssystems und auf der anderen Seite werden den Leuten, die unsere schlimmsten politischen Gegner sind, die Taschen gefüllt, und wird ihre wirtschaftliche, soziale Macht, ihr politischer Einfluß gestärkt, den Leuten, die in erster Linie die Schuld trifft, daß wir bisher als Staatsbürger zweiter und dritter Klasse im größten deutschen Bundes- staate, Preußen, behandelt werden. Es ist gewiß das Geringste, wenn in der Zeit der allgemeinen Teuerung, in der Zeit, in der selbst der König 3%. Millionen Mark Zulage bekommt, weil er infolge der Teuerung seinen Haushalt nicht mehr so auf- recht erhalten kann(Sehr guäl), die Arbeiterschaft verlangt: fort mit diesen Maßnahmen, die und in unserer Lebenshaltung, in unserer Leistungsfähigkeit an der Arbeitsstätte und im politische» und wirtschaftliche« Kampf herabdrücken.(Sehr wahr!) Es genügt aber nicht, daß wir hier diese Forderung erheben, fondern wir haben auch dafür zu sorgen, daß die am meisten Jnter- essierten, die großen Volksmassen, in immer weiterem Umfange die Träger dieser Forderungen werden, daß sie von selbst erklären: wir haben es satt, daß unsere politischen Feinde auf Grund unseres Hungers ihre Machtstellung aufrecht erhalten. Darum ersucht der Parteivorstand und die Kontrollkommission Sie in der vorliegenden Resolution, daß Sie, nachdem wir hier die Forderung erhoben haben, nachher draußen mit aller Schärfe den Kampf gegen dies System fortsetzen. Es ist das gleichzeitig die beste Gelegenheit, um die indifferenten Massen, die Männer und Frauen zu politischem Leben zu erwecken, sie politisch zu organisieren, und sie damit einzureihen «i das große Heer der proletarischen Klassenkämpfer, die in der Sozialdemokratie ihre politische Vertretung finden. Genossen und Genossinnen! Da ich hier nicht nur als Partei- Mitglied, sondern als weibliches Parteimitglied spreche, möchte ich bitten, daß Sie diese Bewegung ganz besonders zur Agitation unter dem weiblichen Proletariat ausnutzen. Gewiß ist es Sache des Volkes, gegen den Lebensmittelwucher zu kämpfen, aber in erster Linie Sache des weiblichen Teiles des Volkes, der am schwersten darunter zu leiden hat.(Sehr richtig!) Wenn Sie unsere Resolution annehmen und nach ihrem letzten Absatz ver- fahren, wenn Sie dafür sorgen, daß die Massen mehr und mehr Träger des Protestes werden, wenn Sie den roten Zorn ent- Jl a m m e n gegen die Auswucherung und ihre Träger, dann sind ie Vorbedingungen geschaffen, daß endlich einmal gründlich tsbuls rasa gemacht werden kann mit diesem System!.(Lebhafter Keifall.) Linchen Bauin ann begründet den Antrag 98.') Selbst in der bürgerlichen Presse mutz die Fleischteuerung und die damit ver- bundene Not der breiten Massen des Volkes zugegeben werden. Im „Berliner Tageblatt" wurde erst dieser Tage gemeldet, daß in Sachsen der Fleischkonsum bedeutend niedriger ist, als der Reichsdurchschnitt ausmacht. Die sächsische Re- gierung hat den Landeskulturrat nach Maßnahmen gegen die Fleischteuerung befragt. Dieser Landeskulturrat aber besteht fast ausschließlich aus Mitgliedern des Bundes der Land- Wirte. Was die Leute vorschlagen mögen an Maßnahmen, wird keine Beseitigung der Teuerung mit sich bringen, sondern eine Verstärkung der Fleischnot. Die Grenzsperren werden ganz ungeheuer rigoros gehandhabt. Jedes Stück Fleisch, das bei Reisenden im Koffer an der deutsch-dänischen Grenze gefunden wird, wird konfisziert und einfach v e r b r o. n n t, damit um Gottes willen niemand der Wohltat teil- haftig wird, ein Stückchen dänisches Fleisch in den Topf zu be- kommen. Die Wucht der letzten großen Agitationsversammlungen gegen den Fleischwucher wurde durch die Verguickung mit dem Pro- test gegen die Kaiserrede abgeschwächt. In Zukunft muß die Teuerungsagitation gesondert geführt werden. Wir möchten wünschen, daß das von uns geforderte Flugblatt des Parteivorstandes an die Frauen illustriert würde. Solche Jllu- strationen verstärken sehr die Wirkung. Wir haben bereits 82 000 weibliche Mitglieder in unseren Organisationen. Eine kraftvolle Agitation gegen den Lebensmittelwucher wird in nächster Zeit diese Zahl noch steigern. Der Eintritt der Frauen in die sozialdeino- kratische Partei ist der wirksamste Protest gegen das System der Vollsauswucherung.(Beifall.) Kunert-Berlin: Noske bezog sich in seinem vorzüglichen Refe- rat bei seinen Darlegungen über die ungeheuren Kosten des Milita- rismus lediglich auf die durch den Etat bewilligten Ausgaben. Auf Grund von Material, das ich später veröffentlichen werde, will ich darauf hinweisen, daß nebenbei der Militarismus noch durch Ge- Heimfonds, schwarze Fonds in den Händen sogenannter hoher nnd allerhöchster Personen gespeist wird. Diese meine Ausführung soll ein Lllarmruf sein für die, die es zunächst angeht, für unsere parla- mentarischen Vertreter in den Bundesstaaten, und wir haben ganz besonders ein Musterland— nicht Baden, sondern ein anderes—, wo dieser ungesetzliche und verfassungswidrige Zustand aufs stärkste ausgebildet ist. H e i l m a n n hat bei einer früheren Debatte eine Schilderung der Abstimmung über den Etat gegeben, die kein wahres Bild, sondern eine Karikatur war. Und doch müssen wir ihm dafür dankbar sein. Bebel hat idealisierend er- klärt, daß bei der Budgetablehnung efn feierliches Moment in Be- tracht kommt. Ich stehe jetzt zwanzig Jahre im Parlamentaris- mus und habe bei keiner Abstimmung den Eindruck gehabt, daß wir wirklich vor einem großen oder feierlichen Moment stehen. Das liegt an dem furchtbaren Durcheinander bei der Ab- st i m m u n g, so daß kaum ein Mensch weiß, was geschieht.(Teil- weise Zustimmung.) Natürlich handelt es sich nicht um den Inhalt, sondernum die Form, und die können wir dadurch ändern, daß wir eine schriftliche Erklärung über unsere prinzipielle Stellung im Budget und über die aktuellen Vorgänge des letzten Jahres abgeben. Ich stehe im übrigen nicht auf dem Standpunkt, daß die Form ausschlaggebend ist, nicht einmal, daß der Parlamentarismus in künftiger Zeit ausschlaggebend sein wird; sondern wenn wir das Pro- letariat befreien wollen, dann werden wir es schließlich vom Parlamentarismus emanzipieren und drastische Mittel anwenden müssen.(Lebhaftes Bravo!) Genossin Zieh: Der Vorstand schlägt vor, daß das von den weiblichen Parteitagsdelegierten gewünschte Flugblatt finanz- schwachen Kreisen unentgeltlich geliefert wird, während die finanzstarken Kreise zu zahlen hätten. In dieser Form empfiehlt der Vorstand einstimmige Annahme des Antrages. Heilmann-Chemnitz: Ich bin ganz Kunerts Meinung, daß die Form der Vudgetablehnung im Reichstag wirkungsvoller ausge- staltet werden soll. Ich meine aber, daß unsere Gründe für die Ablehnung des Budgets bereits in der ersten Lesung des Etats in feierlicher Weise dargelegt werden. Auf diese Erklärung in erster Lesung hört die ganze bürgerliche Welt, und auf diese müssen wir doch wirken, weil wir aus ihr unsere neuen Anhänger gewinnen wollen.(Sehr richtig!) In dieser Beziehung habe ich gemeint, daß die schließliche Budgetabstimmung nicht die ihr zugeschriebene Be- deutung hat. Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Der Berichterstatter Noske verzichtet aufs Schlußwort. Die Anträge 38 und 39 werden der Reichstagsfraktion überwiesen. Die Anträge 40 un� 84 werden angenommen, ebenso die Resolution 98 des Partei- Vorstandes und der Kontrollkommission. Angenommen wird weiter der Antrag 98 mit der von der Genossin Zietz beantragten Aende- rung. Auf Antrag Liebknecht wird nunmehr mit Rücksicht auf die Anwesenheit eines Vertreters der finnischen Partei der An- trag 7b"). Slimpathieknndgebnng für Finnland, zunächst verhandelt. Dr. Liebknecht begründet den Antrag und bittet zunächst, am Schluß dieses Antrages hinzuzufügen, der Parteitag brandmarkt das Verhalten der preußischen und der hessischen Regierung, die den Repräsentanten einer barbarischen, gesetzlosen und hochverräteri- schen Willkürherrschaft gegen die Empörung des deutschen Volkes zu schützen versuchen, wobei die deutschen Gesetze rücksichtslos mit Füßen getreten und so auch in Deutschland eine barbarische Will- kürherrschaft etabliert wird.— Seit sechs Jahren hat sich die deutsche Sozialdemokratie Jahr für Jahr mit irgendwelchen russi- schen Angelegenheiten zu befassen gehabt, bald hatten wir es mit der russischen Revolution selbst zu tun, die von 1904 bis 1906 unsere Hoffnung war, bald mit Hoch Verratspro- z e s s e n, bald mit Ausweisungsskandalen, bald mit Geheimbundsprozessen und anderen Liebedienereien *) 98. Von der durch die Steuer- und Zollpolitik hervor- gerufenen künstlichen Teuerung sämtlicher Lebensmittel, besonders durch den durch die skrupellose Raubpolitik der agrarischen Clique entstandenen Fleischwucher werden in erster Linie die Frauen der Arbeiterklasse getroffen. Der Parteitag beschließt deshalb, noch in diesem Herbst die proletarischen Frauen im ganzen Lande zu ener- gisthem Protest gegen die verbrecherische Politik aufzufordern. Zu diesem Zwecke sind öffentliche Frauenversammlungen zu veranstalten, für die eine umfassende Agitation entfaltet werden mutz. Der Parteivorstand wird beauftragt, ein Flugblatt heraus- zugeben, das sich besonders an die proletarischen Frauen richtet. Dieses Flugblatt wird den einzelnen Organisationen unentgeltlich geliefert. ") 75. Osthavelland: 1. Der Parteitag wolle gegen die infame Vergewaltigung Finnlands durch den Zarismus prote- stieren; dem um seine Freiheit und sein Recht kämpfenden finni- schen Volke seine brüderliche Sympathie aussprechen und ihm für diesen Kampf die opferbereite Unterstützung durch das klaffen- bewußte deutsche Proletariat zusichern. 2. Der Parteitag möge aufs schärfste dagegen protestieren, daß der russische Zar, der Mitschuldige an allen Gräueln und Infamien der Gegenrevolution, der Auftraggeber und Schirmherr der Azew, Harting und sonstigen Lockspitzelschurken, der Mitverantwortliche auch der neuen niederträchtigen Judenverfolgungen, das Haupt jener verbrecherischen Verschwörung gegen die finnische Freiheit und Selbständigkeit als gefeierter Gast den deutschen Boden hat betreten dürfen, und daß deutsche Beamte und Soldaten zum Schutze des gekrönten Verbrechers kommandiert, die Steuergroschen deutscher Steuerzahler für ihn verschleudert werden konnten und damit die Ehre des deutschen Volkes, das in seiner übergroßen Mehrheit diesen -Gast" verabscheut, tief herabgewürdigt worden ist. unserer Regierung gegen den Zarismus. Im vorigen Jahre ist der Zar durch Deutschland hindurch geflüchtet. In diesem Jahre müssen wir es erleben, daß der Zar von einem deutschen Fürsten in prunkvoller Weise empfangen wird, daß zu seinen Ehren beut- sches Militär und deutsche Polizei requiriert wird, daß zu Ehren des Repräsentanten des Systems, unter dem die Schändung der Spiritonowa die gesamte Kulturwelt empört hat, Ehrenjungfrauen aufgestellt wurden. Unter dem Schutze der deutschen Polizei bewegt sich der Zar so frei in Deutschland, wie er niemals in Rußland selbst sich bewegen kann. Weder in Frankreich, noch in Italien ist so etwas möglich, und daß in Deutschland der Mann, der in seinem eigenen Lande unstet, flüchtig hin und her reisen muß, sich allenthalben verbergen mutz wie ein Verbrecher, die Möglichkeit hat, sich frei und offen zu be- wegen, wie ein Mensch, der Anrecht auf die Achtung der Mitmenschen hat, das ist eine Schmach für Deutschland.(Sehr wahr!) Es ist eine ganz törichte Senti- Mentalität, den Zaren für persönlich unschuldig zu halten. Er hat sich bekanntlich ganz offen für die Schwarzhunderter ausge- sprachen, hat das Abzeichen der Schwarz Hunderter bis vor kurzem auf seiner Brust getragen.(Pfuirufe.) Bekanntlich hat F ü r st B ü l o w vom Verband echt russischer Leute ein Gratulationstelegramm bekommen, und Oldenburg-Ja- n u s ch a u ist von dem berüchtigten Purischkewitsch, dem Führer der Schwarzhunderter, als sein lieber Freund und Bruder be- zeichnet worden. Die russische Reaktion ist eben deutsche Reaktion, die zaristische Reaktion ist mit der borussischen Reaktion auf Gedeih und Verderb verbunden. Die russische Gegenrevolution hat zurzeit wieder einmal ganz besonders bösartige Dimensionen angenommen. Es wird mit Blut und Gewalt gearbeitet, wie niemals in früheren Jahren. Eins aber veranlaßt uns heute, ganz besonders unseren Protest mit aller Leidenschaftlichkeit zu erheben, als Pflicht der internationalen Solidarität des Proletariats. Das so außer- ordentlich sympathische f i n n i s ch e V o l k, so verdient um Kultur und Literatur, ist seit langer Zeit dem Zarismus ein Dorn ün Auge und ein Stachel im Herzen. Schon früher machte man den Versuch, dem finnischen Volke ein neues Militärgesetz ge- setzwidrig aufzuzwingen, das durch den W e h r p f l i ch t st r e i k abgeschlagen wurde. Dann kam die Reaktion, die durch die Namen P I e h w e und B o b r i k o w gekennzeichnet worden ist. Die Er- regung des finnischen Volkes gegen dies System gipfelte in �dem Attentat des S ch a u m a n n, dein der Terroroist Bobrikow(Sehr gut!) erlag. Das war eins der Signale der russischen Revolution, ein Signal, das in der ganzen Welt mit Freude begrüßt wurde. Dann trat eine Periode größerer Freiheit und Beweglich- keit für das finnische Volk ein. Nachdem aber die russische Re- volution niedergeworfen war, begann sofort wieder die Reaktion und der Kampf gegen die finnische Freiheit einzusetzen. Gesetz- widrig und verfassungswidrig wurde der finnische Senat m i t russischen Generälen und Admirälen besetzt und zum gefügigen Werkzeug des Zarismus gemacht. Und schließlich kam darin der berüchtigte Gesetzentwurf, den die russische Duma mit den Stimmen der Oktobristen und der Rechten annahm, in dem die gesamte Reichsgesetzgebung auch aus Finnland er- streckt w i rd. Der finnische Landtag hat erklärt, daß er hon Gesetzentwurf für ungesetzlich und Verfassungswidvig hält, und daß er es ablehnen müsse, ihn zu beraten und zu be- schließen. Damit ist die finnische Frage in ein akutes Stadium eingetreten. Die finnischen Genossen haben ein besonderes Recht darauf, daß wir in diesem Moment unseren Protest aussprechen gegen die verfassungswidrige Vergewaltigung des finnischen Volkes. 73 Etatposten für Kulturzwecke hat die russische Regierung aus dem finnischen Etat gestrichen, um Geld für das Militär f l ü sts i g z u machen. Vergessen wir auch nicht, daß Finnland Wohl die freieste Verfassung auf dem ganzen europäischen Kontinent hat, daß es ein glänzend organi- siertes Proletariat hat, daß eine gewaltige sozialdemokratische Fraktion in seinem Landtage sitzt, daß es eine Oase war bisher in der blutgetränkten Wüste der russischen Reaktion und ein Asyl für die russische Revolution. Die schnöde Behandlung der Proteste deutscher und auswärtiger Parlamentarier gegen die Vergewalti- gung Finnlands darf uns nicht abhalten, unsere Stimme immer und immer wieder zu erheben. Und wenn in Frankfurt und in Langen die deutschen Gesetze mit Füßen getreten werden, wenn versucht wird, die russische Willkürherrschaft auch in Deutschland zu etablieren, so haben wir gleich- zeitig mit ihr auch die preußische und die hessische Reaktion an den Pranger zu stellen. Unmöglich kann der Zarenbesuch in Deutschland noch weiter ruhig hingenommen werden. Die allgemeine Em- pörung des deutschen Volkes muß den Vertreter des verbrecherisch- steu Regierungssystems, das jemals auf der Erde herrschte, nötigen, den deutschen Boden ferner nicht mehr durch seine Anwesenheit zu besudeln.(Stürmischer Beifall-X Der Vorsitzende gibt darauf dem Vertreter der finnischen Bruderpartei, dem Genossen Wiik, das Wort. Wiik- Finnland: Ich überbringe Ihnen den herzlichsten Dank ter finnischen Bruderpartei dafür, daß Sie diese Frage auf Ihrem Parteitage hier erörtern. Wir Finnländer sind uns unserer Kleinheit und Schwäche genügend bewußt und sind für jede Sympathieäußerung des Auslandes dankbar. Besonders freudig berührt uns Ihr Interesse, die Sie an der Spitze der Jnter- nationale marschieren und die Sie die kleine Schar nicht ver- gessen, die im äußersten Norden Europas unter dem roten Banner kämpft. Wir führen einen schweren Kampf gegen die russische Reaktion. Von feiten der finnischen Bourgeoisie ist keine Hilfe zu erwarten, obwohl der russische Despotis- mus auch mit dem bürgerlichen Konstitutionalismus nicht verein- bar ist. Aber in wenigen Ländern ist die Sozialdemokratie so stark und der Klassenkampf so heftig wie in Finnland. Vor 10 Jahren gab es in Finnland nur drei wenig verbreitete Arbeiterzeitungen, heute zählt unsere Partei 70 900, die Gewerkschaften 30 000 Mitglieder. Wir haben 20 Zeitun- geil mit 40 000 und 10 Fachblätter mit 20 000 Abonnenten. Tausende von Arbeitern haben ungebeugt durch einen rasch empor- sprießenden Großkapitalismus und unter dem Druck alter feudaler Gesetze geknebelt, ein Ziel gefunden. Diese Tatsache schon mußte der Bourgeoisie unangenehm werden, die noch immer bestrebt war, die Fiktion der patriarchalischen Zustände aufrecht zu erhalten. Die Bourgeoisie hat sich den Generalstreik von 1905 zunutze ge- macht. Nach dem Siege über die russische Reaktion war es ihr unangenehm, wieder in einen neuen Kampf mit uns verwickelt zu werden. Wir weigerten uns, in die bürgerliche Regierung einzutreten und errangen bei den letzten Wahlen 4 0 Proz. aller Stimmen. Das zwang die Bour- geoisie, ihre Maßnahmen zu treffen. Die Folge war die Ver- söhnung der verschiedenen bürgerlichen Parteien, was noch zwei Jahre früher jeder bürgerliche Politiker für unmöglich gehalten hätte. Die Bürgerlichen kamen jetzt auch den Wünschen der russischen Reaktion entgegen. Die finnischen We- Hörden lieferten zahlreiche russische Revolutionäre den russi- schen Henkern aus. Wir allein protestierten dagegen. Erst in der letzten Zeit sind die Bürgerlichen wieder gezwungen worden, einen entschiedenen oppositionellen Standpunkt einzunehmen. Wir haben in Finnland zur Genüge erfahren, daß daS Parlament für die Befreiung des Proletariats nur in dem Maße von Bedeutung i st, wie das Proletariat außerhalb des Parlaments Kräfte zu dessen Unterstützung hat.(Sehr richtigl) Wir Sozialdemokraten haben eingesehen, daß der Konflikt mit der russi- scheu Regierung nicht zu vermeiden ist, denn er hat tieferv.ölono- mische Ursachen. Wir sind auch davon überzeugt, daß die Reaktion sich a« entschiedensten gegen uns richten wird, denn wir sind ihre entschiedensten Gegner. ES besteht die Aussicht, daß unsere Organisationen aufgelöst und unsere Presse der» n i ch t e t wird. Vielleicht muh sich unsere Bewegung neue Formen suchen, aber dah eine so starke Bewegung, wie die des finnischen Proletariats nicht mit einem Federstrich vernichtet werden kann. das dürfte einleuchten.(Sehr richtig!) Als man 1902 ein in gesetzwidriger Weise entstandenes Militärgesetz durchführen wollte. da brach ein großartiger Wehrpflicht st reik aus und doch ging man damals nur von dem Gesichtspunkt der Gesetz- Widrigkeit aus. Jetzt haben sich die Zustände insofern geändert. als wir eine starke Arbeiterbewegung besitzen, deren Anhänger auch prinzipiell antiniilitaristisch gesinnt sind. Ich er- innere weiter daran, daß die Aufgabe der Reaktion immer schtvie rigcr wird. Man kann wohl einige widerspänstige Beamte ihres Amtes entsetzen, man kann eine Menge reaktionärer Verändc rungen in der Verwaltung durchführen, aber man kann zum Bei spiel nicht eine gesetzwidrige Steuer einnehmen Der erste Versuch der Reaktion, ihre Pläne auszuführen, ist denn auch kläglich gescheitert. Es handelte sich um die Reformic rung des Lotsenwesens, ober die Regierung hat ihren ganzen Plan aufgeben müssen, weil die finnischen Küsten doch nicht ohne Lotsen gelassen werden konnten. Wir finnischen Sozialdemokraten sind überzeugt, daß die Zukunft der Arbeiterklasse gehört und daß das Schicksal Finnlands in erster Linie von der Arbeiterklasse abhängt. Ob und in welchem Maße wir mit der bürgerlichen Opposition zusammenwirken können, das «hängt von ihrer Standhaftigkeit ab.(Sehr richtigl) Unsere Brüder in Rußland haben während der langen Jahre er fahren müssen, sowohl was der russische Despotismus als auch was eine engherzige Bourgeoisie ist. Mit den russischen Arbeitern können wir ohne weiteres zusammengehen, und weiter richten wir unsere Hoffnung auf den Beistand der klassenbewuß ten Proletarier aller Länder, den wir auch bisher schon erhalten haben. DaS internationale Proletariat hat er- kannt, daß der russische Despotismus nicht nur für Rußland und Finnland, sondern für die ganze Kulturwelt und besonders für das klassenbewußte Proletariat eine Gefahr ist, daß die reaktiv- nären Bestrebungen in allen Ländern eine sichere Stütze im rufst fchen Despotismus haben, und daß deshalb die Bekämpfung dieses Despotismus eine der wichtigsten Auf gaben des internationalen Proletariats ist. Wir .Finnländer sind überzeugt, daß wir in unserem Kampf gegen die Reaktion Ihre Sympathien genießen werden, und Sie, Genossen, können Ihrerseits davon überzeugt sein, daß das finnische Prole- tariat seine Pflicht erfüllen wird.(Lebhafter Beifall.) Ulrich- Frankfurt a. M.: ES hieße unsere kostbare Zeit ber- schwenden, wenn man sich bemühen wollte, erst noch den Beweis dafür zu erbringen, welche Feste wir in der Person des Zaren zu erblicken haben, und daß es notwendig ist, gegen seine Anwesenheit in Deutschland zu protestieren. Gerade wir wissen ein Lied von dem Gefühl der Empörung darüber zu singen, daß die Steuer. groschen des deutschen Volkes benutzt werden im Interesse des Zaren und daß deutsche Proletarier die Wache für ihn stellen müssen. Wir müssen dem Gefühl unserer tiefsten Empörung darüber Ausdruck geben. Ich begnüge mich mit den Worten: Hinaus mit diesem Mordinstrument aus dem deutschen Vaterlande.(Bravo I) DaS wird jedenfalls der schärfste Protest sein.(Erneuter Beifall.) Hiermit schließt die Debatte. Der Antrag 75 wird mit dem Zusatzantrag Liebknecht ein- stimmig angenommen. ES folgt die Wahlrechtsvorlage. Borgmanu- Berlin: Im letzten Dezennium hat die Wahlrechtsfrage die der- fchiedenen Völker Europas auf das tiefste bewegt, eine Erregung hervorgerufen, die weite Schichten der Bevölkerung ergriffen hat. und politische Konstellationen über den Haufen geworfen und wieder neu aufgebaut. Auch in Deutschland stehen die Wahlrechts- kämpfe unausgesetzt auf der Tagesordnung, und in manchen Bundesstaaten haben sie bereits zu Erfolgen geführt. Namentlich sind uns in dieser Beziehung ine süddeutschen Bundesstaaten mit gutem Beispiel vorangegangen, es ist mit großem Erfolg die Wahlvechtsfrage gelöst in Bayern. Württemberg und Baden. Andere Staaten, wie Hessen, Elsaß-Lothringen, Bremen, Braunschweig. Preußen stehen noch jetzt mitten im Wahlrechtskampf. Ob Sachsen und Hamburg, wo die Frage einer gewissen Lösimg entgegengeführt ist, sich damit zufrieden geben werden, das scheint mir allerdings zweifelhaft. Entsprechend unserem Programm haben wir zu fordern die Ein- führung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Staatsbürger über 29 Jahre ohne llnterschied des Geschlechts. In den hauptsächlichsten deutschen Bundesstaaten besteht ein Zweikammersystem, ein System, das keinerlei Berechtigung hat und nur einen Hemmschuh für die EntWickelung bildet und dessen Beseitigung wir unter allen Umständen fordern müssen.(Bravo!) Namentlich in denjenigen Staaten, wo die sog. Volksvertretung auf dem Wege des Dreiklassenwahlsystems ge- schaffen wird, ist die Epistenz einer ersten Kammer geradezu eine Ungeheuerlichkeit, denn diese ersten Kammern setzen sich gewöhnlich zusammen aus Grundbesitzern, aus Ver. tretern altadeliger Geschlechter, die entweder durch ererbtes Recht oder durch Vertrauen des LandeSoberhaupteS berufen werden, da- -neben auch aus einigen Vertretern der Städte und der hohen Geistlichkeit. Die Majorität einer solchen Körperschaft befindet sich fast ausnahmslos in allen Ländern in schroffem Gegen- satz zu den Bedürfnissen, den Wünschen und den Rechten des Volkes, sie ist lediglich darauf bedacht, ihre Privilegien zu behaupten und zu erweitern. In einigen Staaten treten die ersten Kammern geradezu als Etädtefeinde auf. So hat zum Beispiel das preußische Herrenhaus die Dreistigkeit besessen, den Städten zu verbieten. um ein besseres Wahlrecht zu petitionieren.(Hört! hört!) Dabei kann den Städten dies Recht gar nicht bestritten werden.(Sehr Urteil, das vor langen Jahren über die Bedeutung des preußischen Herrenhauses gefällt ist. möchte ich, obwohl es schon oft zitiert ist, auch bei dieser Gelegenheit wieder zitieren. Der preußische Hofhistoriograph von Treitschke hat 1867 über das preußische Herrenhaus gesagt: „Einem kräftigen Staate steht es übel an, diese verdutzte und entwürdigte Versammlung als ein totes Glied am Leibe fortzuschleppen, eine allgemein für notwendig erachtete Reform, wie die Zahlung eines bösen Wechsels, immer wieder hinauszuschieben. Die Fortdauer des Herrenhauses gefährdet den festen und folgerechten Gang der Gesetz- g e b u n g, sie erschüttert die konservative Gesinnung der Nation." Wenn von einem hochkonservativen Mann, wie Treitschke, 1867 ein solches Urteil gefällt ist, so muß man sich geradezu wundern. daß dies Haus heute noch besteht und heute noch wagen kann, eine so reaktionäre Stellung einzunehmen und einen Hemmschuh für die EntWickelung zu bilden.(Sehr richtig!) Wenn in einer Reih« von Einzelstaaten, namentlich in Preußen, die Steuerlefftung die Grundlage des Wahlrechts bildet, so nmß demgegenüber darauf hingewiesen werden, daß im preußischen Herrenhause Leute sitzen, die überhaupt keine Steuern bezahlen, die steuerfrei sind,. oder deren Steuerfreiheit durch hohe Summen abgelöst ist, sodaß sie zu den Lasten des Staates nichts beitragen.(Hört! hört!) Eine solche Körperschaft hat heute keine Existenzberechtigung» und daß selbst in den fortgeschrittenen süddeutschen Bundesstaaten sich mitunter dieselbe Rückständigkeit zeigt, das beweist ja, daß Prinz Ludwig von Bayern sich genötigt gesehen hat, der rs- aktionären Mehrheit im ReichSrat ernstlich ins Gemüt zu reden, weife weiter darauf hin, daß in H e s s e n der Freiherr von Hehl versucht hat, die Rechte des Herrenhauses noch zu erweitern. Auch unsere württembergischen Genossen befinden sich heute im Kampf gegen die Herrschaft der ersten Kammer. Die Herrfchaften in den ersten Kammern sind teilweise inter- national, in einer Reihe von Herrenhäusern sitzen Männer. die auch im Auslande die gleichen Gerechtsame haben, eine Sonder- barkeit, die nur unter so reaktionären Zuständen möglich ist.(Sehr richtig!) � Zwei Kammern haben außer Preußen noch Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, alle übrigen Staaten kommen mit einer Kammer aus, es geht also auch so. Das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht allerdings nur für Männer haben Bayern, Württemberg und Baden. Thüringen hat ein Pluralwahlrccht mit 4 Stimmen, aber der Erfolg der sächsischen Wahlrechtsreform ist wahrlich nicht so aus gefallen, wie die Schöpfer dieses Wahlrechts es im Auge hatten. Eine Kammer haben durchlocg die kleineren Staaten Der Landtag in B r a u n s ch w e i g, wo wir ja auch im h e f- t i g st c n Wahlrechtskampfc begriffen sind, besteht aus 48 Mitgliedern, von denen 15 die Städte, 15 die Landgemeinden und 18 durch besondere Berufsstände gewählt werden. Vom eigent liehen Volke wird überhaupt nicht' geredet. Besondere Verhältnisse bestehen aber in den außerdeutschen Staaten. Oester- reich und Belgien besitzen die W a h l p f l i ch t. In U n g a r n beginnt das Wahlrecht so früh wie nirgends, nämlich beim 2 9. Lebensjahre, aber es besitzen doch nur 5,7 Proz. der gesamten Bevölkerung das Wahlrecht. In Großbritannien, Jtali en, Schweden beginnt das Wahlrecht mit 21 Jahren. In Portugal wird von den Wählern auch Lesen und Schreiben verlangt. Belgien hat Proportional- Wahlrecht und Wahlpflicht, aber auch Pluralwahl recht. In Norwegen und Finnland sind die Frauen wahlberechtigt, in Finnland können sie auch gewählt werden. Aber wie lange wird das noch dauern. Der blutige Zarismus hat schon seine Klauen in die Flanken geschlagen, und wahrscheinlich wird es auch mit dem borgeschrittenen Wahlrecht bald zu Ende sein. Diese Buntscheckigkeit der Wahlrechte ist auf den Widerstand der herrschenden Klassen gegen das gleiche Wahlrecht zurückzuführen In Deutschland hat man sogar versucht, die Verschiedenartigkeit des Wahlrechts auf Stammesverschiedenheiten zurückzu führen. Das ist natürlich um so mehr eine verlogene Ausrede, als z. B. Preußen aus einer ganzen Reihe der verschiedensten Stämme zusammengesetzt ist. Man könnte sich nun darüber wundern, daß in Preutzm die Arbeiter erst sehr spät ihr Interesse dem Wahlrecht zugewandt haben. Mehrere Ursachen wirken dabei zusammen. Die Kämpfe im Reichstage und die Kämpfe gegen das Schand- g e s e tz nahmen die Kräfte unserer Genossen ausreichend in An spruch. Der Einfluß der Einzelstaaten auf die Reichsgesetzgebung begann eigentlich erst nach Bismarcks Sturz hervorzutreten, wozu Bismarck selbst aus Haß gegen seinen Nachfolger beitrug. Natürlich äußerte sich dieser Einfluß durchweg im reaktionären Sinne. Gleichzeitig wuchsen die wirtschaftlichen Unternehmungen der Staaten. Preußen besitzt das größte Eisenbahnnetz der Welt. ES beschäftigt ein Heer von 126 009 kleinen Beamten, die nach ihren wirtschaftlichen Verhältnissen mit zum Proletariat gehören. Alle diese Umstände veranlagten die Partei, ihre Aufmerksamkeit in immer höhcrem Maße den Landesangelcgenheiten zuzuwenden. Mehr und mehr setzte sich die Einsicht durch, daß die Acnderung der Reichspolitik nur auf Grund einer Aenderung der Verhältnisse in Preußen möglich sei. Nachdem einmal die Notwendigkeit erkannt war, Einfluß in Preußen zu gewinnen, da-waren die Differenzen über diese Frage in der Partei sehr schnell verschwunden. Die Erfolge unserer süddeutschen Genossen haben uns auch in Deutchland ein gutes Stück vorwärts gebracht. Welchen Eindruck die süddeutsche Wahlrechtsbewegung aus unsere Scharfmacher gemacht hat, sieht man an einigen eklatanten Bei- spielen. Als die bekannte Rede des Prinzen Ludwig von Bayern in die Oeffentlichkeit kam, erklärte der Junker Oldenburg- Januschau, wenn das in SüddeutschlaiÄ so weiter gehe, müsse man dort einmal mit den preußischen Bajonetten Ordnung nmchen.(HörtI hört!) Diese preußische Junkerfrechheit kann nicht oft genug angenagelt werden. kann kein Zweifel sein, daß die preußischen Junker, um ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten, auch vor dem Bürgerkrieg nicht zurückschrecken werden. (Lebhafte Zustimmung. Zuruf eines bayerischen Delegierten: Sie sollen nur kummal Heiterkeit.) Oldenburg-Januschau macht aus seinem Herzen keine Biördergrube, die anderen sind aber verschwiegener, denken aber in ihrem Herzen dasselbe. Während in Süddeutschland die Wahlrechtsiämpfe im allge- meinen ruhig Verliesen, führten sie in Norddeutsch- land selbst in den kleinsten Bundesstaaten zu blutigen Zu- sammenstößen. Ich erinnere an die empörenden Vorgänge in Braunschweig. Schon seit vielen Jahren haben unsere braun- schweigischen Parteigenossen in Wort und Schrift, in der Presse und in Versammlungen auf die schreiende Ungerechtigkeit des Wahl- rechts hingewiesen, aber Regierung und Landtag blieben taub. Massenpetitionen blieben unberücksichtigt. Was sollte da das Boll anderes tun, als auf die Straße gehen? (Zustimmung.) Wenn die Arbeiter bei den Demonstrationen von hinten und von vorn attakiert wurden, wird die Blutschuld ewig auf den Machthaber» lasten.(Lebhafte Zustimmung.) Das glaubt doch keiner auch von den herrschenden Klassen, daß bei der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts der Staat Braunschweig, diese bedeutungslose Monarchie ohne Monarchen, aus dem Leim gehen wird.— In den bürgerlichen Republiken Nord- deutschlands halten sich die herrschenden Klassen nicht anders als in den monarchischen Staaten. Die liberalen Pfeffersäcke remens halten an dem Achtklassenwahlrecht ihrer Republik ebenso starr fest, wie die preußischen Junker am Drei- klassenwahlrecht.— Sehr schwere Arbeit wird in den nächsten Jahren auch unseren elsaß-lothringischen Parteigenossen bevorstehen. Unsere Parteigenossen haben autonome Verwaltung, republikanische Verfassung, allgemeines gleiches Wahlrecht mit der Verhältniswahl gefordert. Ter Transvaal st aat hat längst eine freie Verfassung, und die Besiegten von-damals sind am Ruder. Aber ob Elsaß-Lothringen auch nur einen schivachen Ab- glänz von den fteiheitliihen Einrichtungen bekommen wird, wie sie in Südafrika das Burenvolk durch die englische Regierung erhalten hat, ist sehr zweifelhaft.(Sehr gut!) In Sachse n ist bekanntlich nach langen Kämpfen ein Pluralwahlrecht Gesetz geworden. Unsere Genossen haben unter diesem Gesetze schöne Erfolge erzielt. Das wird sie natürlich nicht abhalten, sondern anspornen, nun- mehr alle Kraft an die Eroberung des uneinge- 'chränkten allgemeinen Wahlrechts zu setzen. Sehr richtigl) Der Erfolg unserer sächsischen Genossen mit dem Pluralwahlrecht hat die Abneigung der Junker gegen jede Wahl- änderung in Preußen bedeutend gesteigert, sie fürchten, daß bei einem Pluralwahlrecht wie in Sachsen vielleicht 129 Sozialdemo- kraten in den preußischen Landtag einmarschieren könnten. Daher ist jede Wahlrechtsänderung für die Junker ein Sprung ins Dunkle, sie fühlen schon das rote Meer über ihren Häuptern zu- ämmenschlagen. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man die preußischen Minister alsdieHandlangerundKommisderJunker- c l i q u e kennzeichnet.(Sehr richtig!) Da nun aber nicht ein ein- ziges Gesetz heute mehr ohne Zustimmung der preußischen Ministerien vor den Bundesrat gelangt, kann man sich ungefähr ein Bild von dem unheilvollen Einfluß ber Junker auf die Reichs- Politik machen. Im Jahre 1993 beteiligte sich die Sozialdemokratie zum ersten Male an den preußischen Landtagswahleu. Wir erhielten 32 999 9 Stimmen, aber kein Mandat. Das mutzte aufreizend wirken bei der Wählerschaft. Die Wahlrcchtsbewegung war durch diesen ersten Versuch lebhast in Gang gekommen. Schon die ersten Wahlrechtsdemonstrationen waren von einem glänzenden Er gl?(9 sich um die Schaffung eines freien Wahlrechts handelte. Ichs fo lg e begleitet. Die Polizei sperrte die tonere Stgdt ab, Mb bürgerliche Blätter, selbst das„Berliner Tagebka! höhnten über die angebliche Feigheit der Arbeiterklassen. Als dann wirklich Demo» st ratio nen veranstaltet wurden, war es den bürgerlichen Blättern auch wieder nicht recht. Man warf uns vor, die Politik auf die Straße getragen und dadurch der Wahlreckstsbetvegung geschadet zu haben. Aber gerade durch die Demonstrationen auf der Straße wird der allergrößte Eindruck hervorgerufen. Bis tief in das Bürgertum hinein wurde die Auf- merksamkeit daraus gelenkt. Vor allem wurde den Machthabern in Preußen gezeigt, daß Hunderttausende sich nicht scheuen. auf die Straße zu gehen, um für das gleiche Wahlrecht zu dcmon- striercn. Tann kam es zu den heftigsten Zusammenstößen mit der Polizei auch in Preußen. Es ist in bürgerlichen Kreisen aner- kannt worden, daß die Demonstranten zu diesem Vorgehen nicht den gering st en Anlaß gegeben haben. Die Arbeiter haben von ihrem staatsbürgerlichen Recht, zu demonstrieren, Gebrauch ge- macht, wie auch die sogenannten Patrioten nach den Wahlen von 1997. Jedenfalls waren die Demonstrationen von-der Arbeiter- schaft so eingeleitet, daß es mit der Polizei zu keinem Konflikt kommen sollte. Unsere Genossen S t r ö b e l und Hirsch haben im Landtag festgestellt, daß elende Subjekte gedungen waren, die in die Züge sich einschlichen und die Menge versuchten zu Unvorsichtig- leiten zu verleiten. Kriminalbeamte fanden sich da, die das Volk aufreizen sollten zu ungesetzlichen Taten.(Pftiirufe.j Wenn die preußische Regierung mit solchen Mitteln eine Volksbewegung unterdrücken zu können glaubt, so beweist sie nur ihre elende Kurzsichtigkeit.(Zustimmung. Ruf: Ihre Dummheit!) Nie ist es der Arbeiterschaft in den Sinn gekommen, Ausschreitungen zu begehen, wie die Polizei sie anzetteln wollte, weder in Berlin noch in Frankfurt a. M. noch im Ruhrrevier ist es zu Ausschrei- tungen gekommen. Ueberall ist es ruhig und glatt abgegangen, wo nur die Polizei ihre Nase aus dem Spiele ließ. (Sehr richtig!) Bei der Landtagswahl von 1998 sind auf offenem Wahltisch 660 990 Stimmen für uns abgegeben worden(Beifall), wenn auch nur sieben Sozial- demokraten gewählt wurden. Am 29. Oktober 1998 wurde der preußische Landtag dann mit jener Thronrede eröffnet, in der von der organischen Fortentwickelung des Wahlrechts die Rede war. Die Fortentwickelung sollte der wirtschaftlichen Eni- Wickelung, der Ausbreitung der Bildung und des politischen Verständnisses Rechnung tragen. Die Ankündigung der Thronrede rief einen Sturm der Entrüstung unter den Reaktio» nären hervor. Der Redner der Konservativen gab schon bei der Etatberatung seinem Unwillen im Namen seiner Freunde Ausdruck. Es war derselbe Abgeordnete Frhr. v. Richthofen, gegen den neuerdings eine schwere Bezichtigung erhoben worden ist. Er soll in den letzten zehn Jahren 399 999 M. bei der Steuer nicht dekla- riert haben, und dieser Mann wagt es zu sagen, daß da? Maß der Pflichten, zu den Staatslasten beizutragen, die Unterlage des geltenden preußischen Wahlrechts sei. Am 25. und 26. Januar fan- den Verhandlungen über Wahlrcchtsanträge im preußischen Abge- ordnetenhause statt. Das„VolkShauS" war von Polizei u m st e l l t, damit das Volk die Volksvertreter nicht in ihrer Tätig- keit genieren könne.(Hört! hört!) Die Schutzmannschast ist aber allein auf der Straße geblieben. DaS Volk hat die Herrschenden völlig unter sich gelassen. Wenn wir demonstrieren wollen, machen wir die Dinge gewöhnlich ganz anders, als unsere Gegner, die Gelegenheit zu neuen Attacken haben müssen. Der schroff ablehnende Standpunkt der konservativen Partei eaen jede Wahlreform wurde auch durch eine Herrenhausrede des ekannten Grafen Mirbach charakterisiert. Er feierte es, daß die konservative Partei im Reichstage die Erbschaftssteuer und im Land- tage die Aenderung des„bewährten" Dreiklassenwahlrechts hindere. Wenn es sich bei den Herren um ihre Macht handelt, pfeifen sie auf das Königswort.(Sehr richtig!)— Inzwischen war denn Bülow gegangen worden, und eS kam der unglückliche Schulmeister Beth» mann(Heiterkeit). Ich weiß nicht, wie eine Bülowsche Wahlrechts- Vorlage ausgesehen hätte, ich kann aber nur erklären, daß es eine elendere Spottgeburt auf eine Wahlrechtsvorlage nicht gibt, als die Bethmannsche. Wir haben die Vorlage mit Pfuirufen emp- fangen und mit einem Bravo zu Grabe getr a g e n. Sie verdiente nichts anderes. Keine Neueinteilung der Wahlkreise, Beibehaltung des Klassenwahlrechts. Von der geheimen Wahl wollte die Regierung nichts wissen. Es sollte dabei bleiben, daß nicht bezahlte Grund- und Gewerbesteuern voll in Anrechnung gebracht werden. Was will dagegen die sogenannte Maximierung besagend Dann sollten sogenannte Kulturträger eingeführt werden. Die UrWahlbezirke sollten vergrößert werben, was die Beseitigung der paar gewählten Sozialdemokraten bedeutet Hütte. Die einzige wirkliche Verbesserung war die von der Regierung vorgeschlagene und mit guten Gründen belegte Einführung der direkten Wahl an Stelle der indirekten. Was tat nun der Landtag? Er krempelte die Vorlage einfach um. Die direkte Wahl wurde wieder beseitigt. Die Wahlmänner sollten geheim, aber die Abgeordneten öffentlich gewählt werden. Und für die letzte Bestimmung hatte ein Arbeiter- Vertreter des Zentrums, Herr GiesbertS, die Stirn, einzu- treten.(HörtI hört!) Privilegierte Kulturträger sollten nur noch die Abiturienten sein. Im Jahre 1592 hat der preußische Minister Herfurth er- klärt, das preußische Wahlrecht könne man nicht reformieren, son- der» nur beseitigen.(Sehr richtigl) Und das Zentrum hat so und so oft durch seine Führer W i n d t h o r st, Graf H o m- pesch. Lieber sich für Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen aussprechen lassen. Auch Herr P o r s ch hat früher dieselbe Erklärung abgegeben.(HörtI HörtI) Jetzt aber, wo die Regierung eine so erbärmliche Vorlage einbringt, verbünden sich Kon� servatioe und Zentrum zu ihrer weiteren Brrschlechtrrung.(Hört! hört!) Diese verlogene, jesuitische Politik des Zentrums müßte doch auch den Zentrumsarbeitern die Augen öffnen. Teilweise scheint diese Wirkung eingetreten zu sein, wie aus den Wahlen der Sicherheitsmänner und Knappschastsältesten her- vorgeht. Das Zentrum suchte seinen Volksverrat durch Hinweis auf das Herrenhaus zu bemänteln. Gewiß nimmt das Herrenhaus aus freien Stücken kein demokratisches Wahlrecht an. Es kann nur gezwungen werden durch den Willen einer ge- schlossenen Mehrheit im anderen Hause und durch den ernsten Willen der Regierung. Das jammervolle Verhalten des Zentrums aber war geradezu eine Einladung an das Herrenhaus, etwaige fortschrittliche Bestimmungen aus der verschlechterten Vor- läge wieder herauszubringen. Im Herrenhause fielen einige sehr interessante Be- merkungen. Der frühere Hausminister v. Wedel, der lange Jahre das Ohr des Kaisers hatte, bezeichnete es als gar nicht wünschenswert, daß die Wahlbeteiligung sich erhöht, und der Exminister Köller meinte, es genüge, wenn der Guts- be sitzer und sein Kutscher zu Wahlmännern gewählt werden, weil der Kutscher ja doch mitfahren müsse. (Große Heiterkeit.) Herr v. Burgsdorsf feierte die öffentliche Wahl als notwendig, um zu verhüten, daß der kleine Bc- amte den König betrügt.(HörtI hört!) Der oben genannte Herr v. Wedel wandte sich dagegen, daß die Lehrer, die eben erst die hohe Gehaltszulage bekommen haben, auch noch zu Kulturträgern gemacht würden. Gegen den Antrag deSPrinzenSchönaich- Earolath, auch die KriegSveteranen zu Kulturträgern zu machen, wandte sich der HauSminister v. Wedel mit Ausführungen, aus denen hervorgeht, daß der siegreiche Soldat, nachdem er den Rock ausgezogen hat, ein verdächtiges Subjekt ist. das man zurückwirft in da? Elend des Dreiklassenwahlrechts, wo seine Stimme keine Geltung mehr hat.(Hört! hört!) Man mag ja allerdings Besorgnis hegen vor dem Mehrstimmenrecht der Veteranen, wenn man in der Zeit der Erhöhung der Zivillistc kein Geld für sie übrig hat.(Sehr wahr!) Die Landtagsverhandlungen über das Wahlrecht haben bewiesen, daß die Minister nichts sind als die K ommis d er herrschenden Klassen. Das Wort vom ungekrönten König iL P.renßen ist die reine Wahrheit. Jei der Einbringung der Wahlrechtsvorlage hat sich Beth marin HollEeg, Sen eine unglückliche Laune auf den Reichskanzlerposten berufen hat, einen schweren Angriff auf das Reichstagswahlrecht zuschulden kommen lassen. Er hat ihm nachher eine andere Deutung gegeben, aber diese Deutung war so ungelenkig wie seine Arme. Er sprach von den gerechten Steuern in Preußen. Der preußische Arbeiter wird für jeden Heller und Pfennig seines knappen Ein- kommens zur Steuerleistung herangezogen.(Dr. S ü d e k u m ruft: Damit die Agrarier Abzüge machen können! Zustimmung.) Wenn Bethmann die Behauptung aufgestellt hat, daß das preußische Staatswesen seine Existenz nicht aus den Mitteln der besitzlosen Klassen ziehe, ist das eine n a ck t e U n w a h r h e i t. Es kann gar nicht von den lumpigen 280 Millionen existieren, die die Ein- kommensteuer aufbringt. Armee und Flotte werden zwar vom Reiche bezahlt, belasten aber jeden einzelnen preußischen Staats- dürger mit 25 M. im Jahr, und das Reich ist hier nur eine andere Etikette für Preußen. Tausend Millionen hat das preußische Volk jährlich für Marinismus und Militarismus aufzubringen. In einer Polemik mit dem freisinnigen Abg. Pachnicke er- klärte Bethmann Hollweg, daß die Staatsregierung mit ihrer vollen Verantwortung hinter der Vorlage stehe. Als die Kommission dann die bekannten einschneidenden Aenderungen vornahm, da klang es schon wesentlich anders. Die Regierung, sagte Bethmann Hollweg.„vinkuliert" sich nicht. Wiederum nach vier Wochen gab Bethmann eine Erklärung ab des Inhaltes, daß die Regierung von der Auffassung ausgegangen sei, daß an dem System des abgestuften Wahlrechts grundsätzlich festgehalten werden müsse, und das direkte und geheime Wahlrecht nicht gleich- zeitig gegeben werden könnte. Die Regierung sei für die Kom- bination von öffentlicher und direkter Wahl, wenn aber die Mehr- heit des Abgeordnetenhauses die Kombination von geheimer und indirekter Wahl vorziehe, so werde die Regierung das akzeptieren. Diese Schwankungen sind bezeichnend für da? niedrige Niveau, auf dem unsere Regierung steht. Wie Himmel- hoch stehen doch die Reden des Freiherrn v. B e ck h, des Freiherrn v. G a u t s ch und des Prinzen Hohenlohe im österreichischen Parlament und des ungarischen Ministerpräsidenten Barons Geza Fejervary über diesen Reden BethmannS. Geza Fejervary sagte unter anderem:„Die auf einem schmalen Stimm- recht beruhenden Parlamente sind überall, auch in England, in die Sünden der oligarischen Herrschaft ver» fallen." Die österreichische Regierung hat Einsicht genug be- sessen, um zu erkennen, daß gegenüber der„Los-von-Rom- Bewegung", die in Wirklichkeit eine„Los-von-Oesterreich. Bewegung" war. das allgemeine, gleiche Wahlrecht eine Be- festigung des österreichischen StaatSgebildcs bedeute. Wenn bei uns in Süddeutschland die Wahlbewegung glatt vonstatten gc- gangen ist, so ist das nicht zum wenigsten darauf zurückzuführen, daß die übrigen Bundesstaaten die große, ihnen von Preußen drohende Gefahr erkannt haben, und daß sie eingesehen haben, daß dieser Gefahr nur begegnet werden kann dadurch, daß die ganze staatliche Organisation auf der aller- breitesten Basis aufgebaut ist.(Sehr richtig.) Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, daß die süddeutschen Machthaber � sich völlig klar darüber sind, daß die Modernisierung der preußischen Verhältnisse von der Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts in Preußen abhängt.(Sehr richtig!) Die Resolution des Parteivorstandcs und der Kontrollkonr. Mission entspricht anscheinend nicht der Ansicht einiger Genossen. Die Anhänger des Zusatzantrages Luxemburg scheinen der Meinung zu sein, daß mit dem preußischen Wahlrechtskampf nicht genug Erfolge erzielt sind, und daß man darum zu anderen Mitteln greifen müsse, weil die bisherigen versagt haben. Dem muß ich entschieden widersprechen. Es handelt sich bei Preußen um kein Kartenhaus, das auf den ersten Ansturm umgestaltet werden kann.(Lebhafte Zustimmung.) Die preußischen Junker sind über das Maß ihrer Machtverhältnisse durchaus im klaren. (Sehr richtig!) Und haben wir denn wirklich keine Erfolge erzielt? Wir haben die Regierung genötigt, eine Vorlage anzukündigen, wir haben sie genötigt, eine Vorlage einzu- bringen, wie erbärmlich sie auch aussehen mochte. Erst durch unsere Demonstration ist die Wahlbewcgung in Fluß ge- kommen und hat bis tief in das Bürgertum hinein Eingang gefunden. (Sehr richtig!) Im Abgeordncienhause, im Herrenhause haben Leute, die früher so verächtlich über die Wahlrechtsvorlag« gesprochen haben, auf einmal angefangen, aus den Ernst der Situation hinzuweisen, Pappenheim, Zedlitz, Heydebrand. Der Frhr. b. Zedlitz hat sogar den alten Attinghausen gespielt und seinen Parteigenossen zugerufen: Seid einig, einig, einig— einig allerdings nur gegen das eigene Volk. Das beweist doch, daß die Herren den Ernst der Situation erkannt haben, und das ist ihnen eingebläut worden durch die Demonstrationen. Wir können im Grunde genommen mit diesen Erfolgen zufrieden sein. Es bedarf nur eines Zeichens, um die Massen wieder auf die Straße marschieren zu lassen, und dieses Marschieren ist von der allerhöchsten Bedeutung. Im Gegen. satz zu den auf dem Jenaer Parteitag geäußerten Befürchtungen haben wir bewiesen, daß die Massen in ruhiger, macht- voller Weise ihren Willen zum Ausdruck bringen. Zu Hunderttausenden haben wir unsere Leute im Feuer exerzieren lassen. Die herrschenden Klassen in Preußen werden es nach meiner festen Ueberzeugung nicht wieder auf eine solche Kraftprobe ankommen lassen, sollten sie cS aber doch tun, dann werden auf unseren Ruf wieder alle unsere WahlrechtSkümpfer auf der Bildfläche erscheine» und die Demonstration wird»och machtvoller und wuchtiger werden als bisher.(Stürmischer Bei- fall.) Nun sind der LandeSkommission wie der Fraktion der Abge. ordneten eine Menge von Ratschlägen erteilt worden. UnS ist ge- sagt worden, wir hätten Mindestforderungen ausstellen müssen und unS über sie mit anderen Parteien verständigen müssen. Im Namen der gesamten Landtagsfraktion habe ich hier zu er- klären: wir hätten keinen größeren Fehler machen können, als wenn wir diesen Ratschlägen gefolgt wären. Durch Festlegung auf Mindestforderungen hätten wir unsere ganze wuch- tige Kampfestätigkeit lahmgelegt. Unsere Fraktion wäre der Lächerlichkeit anheimgefallen, wenn sie auch nur den mindesten Versuch nach dieser Richtung hin gemacht hätte. Wegen dieser Vorlage, die, wenn es nach uns gegangen wäre, der Regie- rung zerrlssen vor die Füße geworfen worden wäre, uns mit anderen Fraktionen in Verbindung zu setzen. wäre eine so vollendete taktische Ungeschicklichkeit gewesen, daß ich nur bedauern kann, daß überhaupt ein Genosse diesem Gedanken Raum gegeben hat.(Sehr richtig!) Wir müssen unsere Organi- sation immer weiter ausbauen. Wenn es auch nicht im ersten An- stürm gelungen ist. schließlich werden wir doch die preußische Festung über den Haufen werfen können.(Lebhafte Zustimmung.) Die preußische Wahlrechtsfrage ist eine deutsche Frage, und dir Genossen in den übrigen Bundesstaaten werden uns zur Seite stehen.(Bravo!) Darum ist auch die Tribüne unseres deutschen Parteitages der geeignete Ort zur Erörterung dieser Frage. Ich für meine Person lehne die Resolution der Genossin Luxemburg wenigstens im zweiten Teile ab. Den ersten Satz könnte ich annehmen, aber ich halte ihn nicht fürnotwendig. Was über die Frage gesagt worden ist. ist schon in Jena gesagt. Dort hat sich die Partei die Richtlinien gegeben, die sie innehalten muß.(Sehr wahr!) Ich bitte Sie im Namen der Parteileitung um Annahme unserer Resolution, die Sie allenfalls durch Ein- ftigung des ersten Satzes der Resolution Luxemburg erweitern mögen. Ich schließe meine Ausführungen mit dem Rufe: Nieder mit dem elenden schmachvollen Dreiklassenwahlrccht, her mit dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht. (Stürmischer Beifall.) Vorsitzender Klühs: Der Antrag 74 ist zurückgezogen worden Mit der Begründung, daß die Antragsteller sich überzeugt haben. daß die Meinungsfreiheit IS der-Neuen Zeit" stets gewährleistet ist.(H eine: Wenigstens für die eine Seite!) Weiter liegt bor außer der(von uns bereits mitgeteilten) Resolution der Partei- leitung und dem Antrag IVO der Antrag 8£r) und ein Antrag Vogtherr, der die Reichstagsfraktion ersucht, in jedem Jahre einen Antrag auf Einführung des allgemeinen Wahlrechts, wie wir es fordern, für alle Bundesstaaten im Reichstage einzubringen. Alle diese Anträge sind genügend unterstützt. Sympathickundgebungcn. Zu einer Erklärung erhält das Wort: Mlillcr-München: Parteigenossen und Parteigenossinnen! Meine bayerischen Parteifreunds haben mich beauftragt, den preußischen Partei- genossen ein paar schlichte Worte tatbereiter Sympathie auszusprechen für die tapferen Kämpfe gegen den inneren preutzi- schen Feind des Reiches(Sehr gut!), gegen den Feudalstaai Preußen, in denen sie stehe» und denen sie noch weiter cnt- gegengehen. Ich bedauere es außerordentlich, daß unser verehrter Genosse v. Wollmar verhindert ist, diese Erklärung persönlich abzugeben. Aber ich darf sagen, ohne von ihm dazu ausdrücklich autorisiert zu sein, daß es ihm jedenfalls eine ebenso große Ehre sein würde wie mir, die Bereitwilligkeit des ganzen werktätigen Volkes Bayerns zu proklamieren, mit Rat und Tat bei diesem großen Kampfe zu helfen.(Bravo!) Ich darf wohl behaupten, daß diese Kampf- bereitschaft in Bayern über die Kreise des werktätigen Volkes hinaus bis in die Zirkel des wirklich liberalen Bürgertums sich erstreckt(Hört! hört!), denn sogar ein Teil der sonst gewiß politisch fragwürdigen nationalliberalen Presse in Bayern hat mit Bewunderung die Disziplin und Entschlossenhei t verzeichnet, mit der Sie in Preußen die Provokation der Wahlreform des Leibwehphilosophen(Heiterkeit) Bethmann Hollweg beantwortet haben. DaS eine ist sicher, die Resolution hat recht: �>ie verfassungswidrigen Zustände des Eeudalstaates Preußen sind der Angelpunkt für die reaktionäre ntwickelung im Reiche, und wenn jetzt 40 Jahre nach Beschluß der Reichsverfassung im Ueberschwang der rückwärts schauenden Siegesfeiern ein Teil des Bürgertums vergißt, daß es die h i st o- rische Mission versäumt hat, die Reichsver- fassung demokratisch zu begründen, und wenn es jetzt die Aufgabe der Arbeiterklasse geworden ist, diese Mission der Bourgeoisie zu erfüllen, so bezweifele ich keinen Augenblick, daß auch Sie in Preußen bereit sein werden, die Teile des wirklich liberalen Bürgertums, die auf dem Gebiete deS Wahlrechtskampfes sich noch nachträglich auf ihre Pflicht besinnen würden, ohne weiteres bei diesen Kämpfen als Bundes- genossen zu akzeptieren.(Bravo!) Wir in Bayern haöen daS Wahlrecht errungen, nicht leicht, wie man hier und da gemeint hat, sondern nach vierzehnjährigen schweren Kämpfen, und wir in Bayern, mit einem Verfassungsleben seit dem Jahre 1318, mit politischen Reminiscenzen des Bürgertums an die Einflüsse der französischen Revolution, wir in Bayern mit dem demokratischeren Zuge im Volke und der größeren Vertrautheit mit dem politischen Leben überhaupt, haben es schwer gehabt, zunächst die Massen für den WahlrechtSkampf zu interessieren.(Sehr richtig!) Erst allmählich, durch immer eindringlichere Vorhaltungen, durch immer schärfere Wiederholung unserer Wahlrcchtsforderungen im Parlament, in das wir endlich trotz eines schlechten Wahlrechts 1893 eingedrungen waren, ist es gelungen, das Interesse an der Wahlreform zu verallgemeinern und zu vertiefen und dann aller- dings der Forderung die Durchschlagskraft zu verleihen, die sie endlich zur Verwirklichung gebracht hat Um wieviel mehr werden Sie in Preußen mit dem militärisch absolutistischey Einflüssen, mit dem angeborenen Kadavergehor- sam eines großen Volks teils, es schwer und mühsam haben, die Massen lebendig zu erhalten für diese Forderung, und um wieviel bcwunderungSwerter sind die Erfolge, die Sie trotzdem in der Massenbewegung bereits erreicht haben.(Sehr richtig!) Zweifellos: wenn es irgendeinem Volksteil gelingen wird, das Postulat der Wahlrechtsreform in Preußen zur Verwirklichung zu bringen, so wird es nur der Arbeiterklasse möglich sein, mit ihren festen Organisationen, mit ihren geschlossenen Bataillonen, aber daS darf ich Ihnen aus linserer bayerischen Erfahrung heraus sagen: lassen Sie sich nicht durch Wider- stände in Ihrer Bewegung beeinträchtigen, die in einem gewissen natürlichen Beharrungsvermögen der Zustände überhaupt liegen, sondern arbeiten Sie mit der Entschlossenheit und den Mitteln, die Sie für gut halten, weiter. Wenn die Resolution darauf hinweist, daß die Diktatur der Junker die Stellung Preußens im Reick jeden ernsten kulturellen und demokratischen Fortschritt im Reiche verhindert und eine ständige Gefahr für das Reichstagswahlrecht bildet, so gehe ich darüber hinaus und sage: die Diktatur der Junker in Preußen, die Stellung, die verfassungswidrig die Zentralmacht Preußen sich errungen hat, hindert nicht nurjeden weiteren Fort- schritt, sondern stellt das bißchen Demokratie, daS wir im Süden haben, in Frage, bedeutet eine Ge- fahr für das bereits Errungene(Lebhafte Zustimmung bei den Süddeutschen.) Aus dieser in das gemeinsame Gefühl Süddeutsch- landS übergegangenen Ansicht heraus läßt es sich erklären, daß in der großen Demonstrationsversammlung in München, die aus Anlaß des Widerwillen? gegen den Wechselbalg der Wahlrechts- reform, die man sich erlaubt hat, Ihnen in Preußen vorzulegen, abgehalten worden ist, auf eine einzige Konstatierung von mir hin, daß der preußische Gesandte in Bayern es im preußischen Auf- *) 100. Rosa Luxemburg und Genossen. Der Parteitag erklärt in völliger Uebereinstimmung mit dem jüngsten preußischen Parteitag, dessen Auffassung durch die Lehren der Wahl- rechtskämpfe dieses Frühjahrs vollauf bestätigt worden ist, daß der Wahlrechtskampf in Preußen nur durch eine große entschlossene Massenaktion des arbeitenden Volkes zum Siege geführt werden kann, wobei alle Mittel, darunter auch der politische Massenstreik, nötigenfalls zur Anwendung gebracht werden müssen. Angesichte dessen erklärt der Parteitag für notwendig, im Hinblick auf die künftige Wiederaufnahme der Wahlrecktskampagne die Erörterung und Propagierung des Massenstreiks m der Parteipresse und in Versammlungen in die Wege zu leiten und so in den breitesten Schichten des Proletariats das Gefühl der eigenen Macht sowie das politische Bewußtsein zu schärfen, damit die Massen den großen Aufgaben gewachsen sind, wenn die Situation es erfordert. 80. Straßburg-Stadt(Resolution): Der Parteitag wolle beschließen: Der verfassungsrechtliche Zustand Elsaß-Loth- ringenS als Reichsland ist in der barbarischen Anschauung be- gründet, daß die ohne Rücksicht auf ihren eigenen Willen der franzö- fischen Republik im Jahre 1871 abgenommenen Provinzen die Kriegsbeute der deutschen Bundesstaaten waren und geblieben sind. Wenn jetzt die Reform des Wahlrechts und der Verfassung sich einer Wendung nähert, so lehnt der Parteitag, getreu der bisherigen Haltung der Sozialdemokratie, jeden Vorschlag ab, der irgendwie an dem gegenwärtigen Wesen der Verfassung und des Wahlrechts festhalten oder gar bezwecken wollte, Elsaß-Lothringen einer voll- ständigen Vcrpreußung zuzuführen oder im Land eine unberechtigte Vorherrschaft der bisher im LandeSausschuß maßgebenden Reaktion zu begründen. Der Parteitag spricht sich demzufolge mit aller Wucht gegen die Einrichtung oder die Vorbereitung einer Dynastie aus, die er beispielsweise in der Schaffung einer lebenslänglichen Statthalter- schaft erblicken würde. Mit derselben Energie wendet er sich gegen die Absicht, durch ein Zweikammersystem die Volksvertretung der Kontrolle eines Oberhauses zu unterwerfen und die Volksver- tretung selbst durch ein Pluralwahlfystem oder ähnliche reaktionäre Maßnahmen zu fälschen. Der Parteitag folgt den demokratischen Grundsätzen der Sozial- demokratie, wenn er die volle Gleichberechtigung Elsaß-Lothringens mit den deutschen Bundesstaaten und innerhalb der Landesver- fassung die poste Meichberechtigung gstex S.tggtMrger verMgt, trage versucht hat, in die Entwicklung der bayerischen Wahk- rechtsfrage einzudringen(Hört! hört!), damit nicht das böse bayerische Beispiel die guten Preußen verderbe(Heiterkeit)— auf diese einzige Koilstatierung hin hat eine Volksmenge von Tausenden, nicht nur bestehend aus Arbeitern, sondern auch aus bürgerlichen Elementen, sich bewogen gefühlt, eine spontane Demonstration vor der Wohnung des preußischen Gesandten zu veranstalten(Bravol), die dieser preußische Gesandte allerdings verschlafen hat.(Heiterkeit.) Sie sehen aus diesem Vorgange, daß eS mehr als Sympathie, daß cS in Wirklichkeit tatkräftige Sympathie ist, was wir Ihnen aus Süddcutschland entgegen- bringen können. Wenn wir mit Bedauern die Tatsache verzeichnen müssen, daß bei unserer Wahlreform der bayerische Liberalismus nicht nur abseits, sondern hindernd im Wege gestanden ist(sehr wahr!), so darf ich für die Verhältnisse in Preußen konstatieren, daß der Volksteil, der, gezwungen von der öffentlichen Meinung, in Bayern für das Wahlrecht nach und nach eingetreten ist, in Preußen wohl kaum in Betracht kommen kann, nachdem das jüngste ReichZtagsimtglivd des Zentrums, Herr Dr. Spahn jun., es für notwendig gehalten hat, in einer süddeutschen katholischen Zeitschrift zu erklären, er betrachte eS als eine Mission deS Zentrums, die feudalen preußischen Zustände aufrechtzuerhalten, um ein andauerndes Gegengewicht gegen den demokratischen Süden zn haben. Nach diesem Bekenntnis des Dr. Spahn werden Sie gern darauf verzichten, von jener Seite Hilfe zu haben. Parteigenossen, die Zeit, die mir gestellt ist und die Enthalt- samkeit, die die Situation mir auferlegt, bestimmen mich, so ver- lockend eS wäre, von weiteren allgemeinen Auseinandersetzungen abzusehen. Stur kurz gestatten Sie mir hinzuweisen auf den Zu- sammenhang des Antrags 80 mit der preußischen WahlrechtSbewe- gung und den Zuständen, die herbeigeführt sind durch die Prä- ponderanz Preußens im Reiche. Dieser Antrag verlangt, daß der Parteitag sich mit aller Wlucht yegeii die Einrichtung und die Vor- bereitung einer Dvnastie in Elsaß-Lothringen a u s s p r i ch t, die er beispielsweise in der Schaffung einer lebens- länglichen Statthalterschaft erblicken würde. Wir bitten Sie, auch von Bayern aus, diesen Antrag m ö g l i ch st e i n st i m m i g an- zunehmen, denn eS wäre verhängnisvoll auch für die Entwicke- lung in Süddeutschland und namentlich in Bayern, der Pfalz usw., wenn aus dem Reichsland Elsaß-Lothringen ein Preußen- landElsaß-Loth ringengemacht Würde,(Sehr gut!)! wenn aus dem Reichsland Elsaß-Lothringen eine weitere Domäne des monarchistischen preußischen Junker- tu ms stipuliert würde.(Sehr gutl) Parteigenossen, wir maßen uns nicht' an, ein Urteil zu fällen oder Ihnen Ratschläge zu er- teilen über die Taktik, die Sie einzuschlagen haben, über die Or- ganifation, die Sie zur Durchführung der für daS ganze Reich, für die gesamte Arbeiterbewegung, ja, ich behaupte für die i n t e r- nationale Sozialdemokratie wichtigen Bewegung (sehr wahr!) schaffen wollen. Aber eines darf ich Ihnen als ge- schlossene Meinung unserer bayerischen Parteifreunde übermitteln: Rufen Sie unS, und wir werden mit Rat und mit Tat kommen, um Schulter an Schulter mit Ihnen gegen den Feind einer Demo- kratisiming des Reichs, gegen den Feind jeder vernünftigen sozialen und demokratischen EntWickelung zu kämpfen..(Stürmischer Bei- fall.). Hildcnbrand-Stuttgart: Im Namen der sozialdemokratischen Landesorganisation Württemberg habe ich auch heute, wie schon bei verschiedenen Prcußentagen, die Aufgabe, den preußischen Genossen und Ge- nossinncn für ihre seitherige energische und keineswegs erfolglose Tätigkeit auf dem Wege zur Erringung des allgemeinen, gleichen. direkten und geheimen Wahlrechts in Preußen unseren Dank zu sagen.(Bravol) Wir werden bis zur völligen Erreichung diese? Zieles alles tun, was in unseren Kräften steht, um unseren Kameraden in jeder Situation dieses Kampfes brüderlich zur Seite zu stehen, in dem Bewußtsein, dadurch der gesamten Arbeiterklasse zu dienen.(Bravol) Die Art des Kampfes zu bestimmen, ist der Preußen Sache; im Ziel des Kampfes sind wir alle einig, und diese Einigkeit verbürgt den Sieg, denn er ist der Sieg der Gercchtig- keit.(Lebhafter Beifall. Bravol) Frank-Mannheim: Die badischen Parteigenossen haben mich beauf- tragt, Ihnen das gleiche zu erklären, was unsere Freunde aus Bayern und Schwaben Ihnen gesagt haben. Bei den schweren 5lämpfen der nächsten Jahre wollen und werden die badischen Kameraden nicht fehlen. Sie werden an Eurer Seite stehen und mit Euch kämpfen.(Bravol) Wir betrachten die preußischen Wahl- rechtskämpfer als die wirklichen Kulturträger in Deutschland— nicht im Sinne von Bethmann Hollweg(sehr gut!), und wir sind überzeugt,— wir hoffen es und wollen mit dabei fein— daß dem tapferen Anfang ein glückliches Ende beschied«» wird.(Stür- Mischer Beifall.), Ulrich-Offenbach: Auch wir in Hessen, die wir um ein anderes Wahlrecht kämpfen als wir eS gehabt haben, haben mit Bewunderung auf die Kämpfe und die KampfeSrcihen der preußischen Genossen geblickt. Wir haben nicht bloß den Einfluß der preußischen Regie- rung auf die hessische Verwaltung beobachten können, wir haben auch beobachten können, wie selb st der hessische Libe» ralismus unter der preußischen Verknöcherung leidet.(Sehr richtig I) Wir ha.ben gerade in Hessen die Wahr- nehmung gemacht, daß die preußische innere Politik für die Klein- staaten am allergefährlichsten ist, und wir sind überzeugt, daß gerade in dieser Richtung das gesamte Proletariat Deutschlands zusammen kämpfen muß. Ich darf daher mit Recht mich den Aeuße- rungen der anderen Genossen aus Süddeutschland anschließen und sagen: Auch wir, die hessischen Klassenkämpfer, die Vertreter des Proletariats von Hessen, werden Schulter an Schulter mit den preußischen Genossen dafür kämpfen, daß eS gelingt, Preußen vorwärts zu drängen, in Deutschland allen anderen zum Muster. Preußen zu einem wirklich demokratischen Land zu machen!(Bravol) Ohne daß es gelingt, in Preußen eine Demokratisierung des Verwaltungswesens, eine Demokratisierung des gesamten Staats- Wesens durchzuführen, ohne dos werden wir in Süddeutsch- land fortgesetzt vor der Gefahr st ehe n, daß wir zurückgedrängt und von d«n preutzischen Eigentümlichkeiten aufgesogen werden. Deshalb sagen wir in Süddeutschland: Preußens Forderungen sind unsere Forderungen! Mit Ihnen ge- mcinfam vorwärts zum Siege.(Stürmischer Beifall.) Hug-Bant: Ich komme aus Oldenburg, einem der kleinsten Bundes- staaten« die wir haben. Er liegt ja nicht in Süddeuischland, sondern in Norddeutschland. Wenn auch unsere politischen Einrich- tungen wesentlich freier sind, als die in Preußen und ähnlich denen in Baden, Bayern und Württemberg, s o ist bei uns der preußische Einfluß doch unverkennbar. Es gibt kaum eine politische Maßregel, die nicht mit Rücksicht auf Preußen vorgelegt, untersucht und begründet wird. So klein der Staat ist, so groß ist auch der Einfluß in der Verwaltung und in seinen politischen Einrichtungen. Und ob schon das Volk, da« schon eine ruhmvolle demokratische Geschichte hat, alles andere ist, nur nicht anti-demokratifch, so kann von einer Fortentwicklung, wi« wir sie wünschen, keine Rede sein, solange Preußen so ist, wi« wir es kennen. Daher bin ich beauftragt, Ihnen den besten Erfolg in Ihren: Wahlrechtskampfe zu wünschen, Da wir mitten darin liegen, werben wir nach wie vor tun, was wir können. Mag die Hilfe»och so klein sein, wir werden Ihnen bei Ihrem großen gewaltigen Wahlrechtskampfe nach Möglichkeit helfen.(Lebhafter Beifall.) Starosson-Rostock: Die Freundlichkeit, mit der Sie mich begrüßen, spricht dafür, daß Sie den Genossen in Mecklenburg eine Sympathie cnt- gegenbringen, auf die tä allerdings gereSaet baba. Die Gefühle Rnb aber auch gegenseitig. Wir in Mecklenburg lebenden Sozial. demokraten haben mehr wie alle anderen Parteigenossen in den einzelnen Bundesstaaten ein Interesse daran, daß der preußische Vcrfassungskampf siegreich vom Proletariat durchgeführt, wird. Kein anderes Proletariat in den einzelnen Bundesstaaten i st u n- mittelbarer an dem Ausgange dieser Verhält- nisse in Preußen interessiert, als die mecklen- burgischen Proletarier. Die mecklenburgischen Prole- tarier leben sa noch unter viel elenderen Verhältnissen, als die preußischen. Es läßt sich in der Geschichte nachweisen, wie an das „Aus" der revolutionären Bewegung in Preußen sich das..Auf" der Volksbewegung in Mecklenburg anschloß. Und als die Erfolge durch die Feigheit des preußischen Bürgertums verloren gingen, so zeigte sich auch das„Ab" in Mecklenburg. Mecklenburg hatte auch ein Wahlrecht zum Landtage. Junker und Pfaffen vereint, haben es dem mecklenburgischen Volke in der Form eines Privatprozesscs wieder gestohlen.(Hört! hört!) Jetzt 60 Jahre nach der Revolution von 1848 haben wir genau den- selben staatsrechtlichen Zustand, wie er 1755 stipuliert ist. Bei uns ist nur Landtagsabgeordncter, der sich ein Rittergut kaufen kann, er mag das Geld haben, woher er will. Man fragt nicht danach, man fragt nur, ob er ein Rittergutsbesitzer ist. Dann sind noch die Bürgermeister da, die aber in Wirklichkeit nur die willenlosen Sklaven der Ritter- gutsbesitzer sind, der Maltzahn usw. Sie können sich denken, daß wir unter diesen Umständen mit Begeisterung erfüllt wurden, mit- zuwirken an dem preußischen Kampfe. Daß wir bei der ganzen Struktur unseres Landes nicht große Arbeiterbatailloue mit in die Reihe stellen können, ist selbstverständlich, aber mit unserem ganzen Herze» sind wir bei der prcnsiischcn Bewegung. Nicht als Ver- treter einer großen mächtigen Sozialdemokratie, sondern als Bittender stehe ich hier. Wir erwarten von den Preußen, daß sie noch viel ersclgreicher wie bisher, noch mit größerem Nachdruck den preußischen Wahlrechtskampf führen, der gleichzeitig auch ein mecklenburgischer Wahlkampf ist. Nur wenn in Preußen ein Fortschritt zu verzeichnen ist, werden auch wir Erfolg haben. Sie können sich denken, wie wir mit dem Herzen dabei sind, wenn Sie kämpfen. Wir hoffen, daß es gelingen wird, möglich st bald Mecklenburg durch Preußen zu er- lösen.(Anhaltender Beifall.) Vorsitzender Klllhs: Ich schlage jetzt Vertagung vor. Wir werden nachmittags mit der Diskussion beginnen. Schluß 1 Uhr. Nach mittagssitzung. KlühS eröffnet die Verhandlungen um 3V-i Uhr. Auf der Tagesordnung steht die Diskussion über die Wahlrechtsfrage. Genossin Luxemburg begründet den Antrag 100. Eine Reihe von Delegierten, die unseren Antrag nicht unterschrieben haben, haben erklärt, daß sie sachlich vollkommen damit über- e i n st i m m e n, daß sie aber Bedenken tragen, daß ein Wort in unserem Antrage Mißverständnis in bestimmten Kreisen der Partei hervorrufen könnte und zwar das Wort„Propagierung". Wir sind damit einverstanden, daß dieses Wort im Antrage g e st r i ch e n wird, wir haben unseren Antrag als notwendige Ergänzung zur Resolution des Partcivorstandcs eingebracht. Die Vorstandsrcso- lution faßt die preußische Wahlrechtsfrage von der allgemeinen Seite auf. Wir möchten die aktuelle Seite, die politischen Richtlinien für den Kampf mehr hervorheben. Das vermissen wir in der Vorstandsresolution, weil sie bei allem richtigen, das sie aus- spricht, dem nicht genügend gerecht wird, daß wir seit dem preu- ßischen Parteitag m unserem preußischen Wahlrechtskampfe ein gewaltiges Stück vorwärts gekommen sind. Wir haben seitdem im preußischen Abgeordnetenhause die Posse des Bethmann Hollweg mit ihrem vollkommenen Bankerott zum Schluß erlebt. Auöererseits haben wir in den Situationen Veränderungen erlebt, wie sie Deutschland und Preußen noch nicht gesehen hat. Dieses Ergebnis, einerseits der Zusammenbruch der p a r- l a m e n t a r i s ch e n Aktion der Regierung und der bürgerlichen Parteien, andererseits das machtvolle Anschwellen der Massenaktion hat nicht bloß die Auffassung des preußischen Parteitags in glänzender Weise bestätigt, sondern es hat auch den Losungen, die auf dem Parteitag formuliert worden sind, eine viel konkretere aktuelle Bedeutung gegeben, als es zu Weihnachten der Fall war. Das bezieht sich namentlich auf die Losung des poli- tischen Massenstreiks. Schon der preußische Parteitag hat ihn ein- st i m m i g als Mittel empfohlen, das evtl. zur Anwendung kommen kann. Auch im Referat und in den Reden ist darauf nachdrücklich hingewiesen worden. Aber die Ereignisse selbst haben dieser Losung Leben und praktische Bedeutung gegeben. Parteigenossen! Seit der machtvollen Massendemonstration im Frühjahr für das preußische Wahlrecht ist die Massenstreiislosung in den Vordergrund des Interesses unserer proletarischen Massen getreten Schon 1906 haben die Hamburger Parteigenossen einen wohlgelungencn Versuch mit der Anwendung des Massen- strciks als einer politischen Demonstration gemacht In diesem Jahre folgten glänzende D e m o n st r a t i o n s m a s s e n st r e i k S in Kiel, Flensburg und Hanau. Anderswo, in B r e s- lau. Halle, Hessen- Nassau. Rheinland. Bremen. haben sich die Parteigenossen in lebhafter Weise mit der Idee des Massenstreiks befaßt. Dies ist auch in einer lebhaften Diskussion in unserer Parteipresse im Frühjahr zum Ausdruck gekommen. Das konnte nicht anders sein. Naturgemäß entsteht bei den Demon- strationen die Frage: Was werden wir weiter machen? Höchstwahrscheinlich werden wir mit der bloßen Demonstration den Zweck unserer Wahlrechtskämpfe nicht erreichen. Auf die bloßen Kundgebungen des proletarischen Willens hin werden die herrschen- den Reaktionäre Deutschlands kaum auf ihr stärkstes Bollwerk ver- zichten. So entsteht die Frage: Haben wir noch andere Mittel und Wege? Da ist es unsere selbstverständliche Pflicht, auf diese Frage der Massen die klare Antwort zu geben: Ja, ihr habt ein s o l ch e s M i t t e l. das ihr nötigenfalls ins Werk setzen könnt, und dies Mittel istdieArbeitsverweigerung.derMassen- streik. ES kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: das Verhalten unserer Gegner. Wir wissen alle, wie die herrschende Reaktion unseren ersten Massendemonstrationen begegnet ist. Wir haben in frischer Erinnerung die Säbelattacken und Provokationen der Poli- zei, wir kennen die bis jetzt unwidersprochen gebliebene Nachricht des„Berliner Tageblatt", daß bei der großen Demonstration am 6. März die Kaserne des 1. Feldartillerie-Ncgimcnts in ein Kriegs- lagcr verwandelt worden ist, daß man nur auf einen V o r w a n d lauerte, um die friedlich demonstrierenden Massen in ihrem eigenen Blute zu ersticken. Bisher haben wir eS erreicht, daß diese Drohung ohne Wirksamkeit blieb und die Polizei wieder ihre Säbel in die Plempe steckt. Aber wer möchte uns dafür bürgen, daß wir nicht in Zukunft mit neuen Provokationen zu rechnen haben, wenn wir wieder die Massen auf den Plan rufen? Angesichts der ganzen Unberechenbarkeit, Kopflosigkeit und Schrullenhaftigkeit des Herr- schenken politischen Systems in Deutschland müssen wir als ernste Politiker mit allen Eventualitäten beim preußischen Wahlrechtskampf rechnen. Wir müssen den Massen, die w,r zur Demonstration auf die Straße rufen, von vornherein die ruhige, klare Sicherheit geben: Ihr seid nicht wehrlos den schamlosen Pro- vokationen der säbelfuchtelnden Reaktion preisgegeben, Ihr habt ein Mittel, auf solche Provokationen zu antworten, das Mittel der ruhigen Arbeitsverweigerung, des politischen Massenstreiks. Augen» blicklich haben wir eine Pause im Wahlrechtskampf, die� Aktuellität dieser Frage ist ein wenig zu rückge- treten. Aber ich hoffe und erwarte ein machtvolles Wiederauf- leben des preußischen Wahlrechtskampfes. Von unserem Referenten erwarte ich in seinem Schlußwort den machtvollen Ruf, den ich ein wenig in seinem Referat vermißt habe. In den leitenden Kreisen unserer Partei und namentlich unserer Gewerkschaften besteht eine st a r k e Ab- Neigung gegen die öffentliche Erörterung der Frage des Massen- B teils namentlich während des WahlrechtSkampfeS. Man faßt da « Erörterung der Frage des Massenstreiks, die Propaganda deS " Lcranuvortlicher Redatleur Richard Barth» Berlin. Für dm Massenstreiks, gewissermaßen als ein Spiel mtt dem Feuer auf. Es ist die höchste Zeit, diese total falsche Auffassung des Massenstreiks zu beseitigen, die Befürck'tung zu bescitiaen, als ob die Erörterung der Frage des Massenstreiks für sich allein und künstlich den gelegenen ooer ungelegenen Massenstreik provozieren könnten. Diese Auffassung sollen wir überwinden, wie die anarchi- stische Ausfassung vom Generalstreik längst begraben ist. Ein poli- tischer Massenstreik wird nicht künstlich dadurch herauf- beschworen, daß man von ihm redet oder diese Waffe propagiert. Nur aus historischen Bedingungen, aus der Reife der politischen und wirtschaftlichen Situa- t i o n kann sich ein Massenstreik ergeben. Die Geschichte der Idee des Generalstreiks beweist, daß man ins unendliche von Massen- streiks reden kann, ohne den geringsten praktischen Erfolg. Jahr- zehntelang haben die Anarchisten den Generalstreik als Allerwelts- Heilmittel gepredigt, aber kein Mensch hat sich darum gekümmert. Das Land, wo der Generalstreik am wenigsten Grund und Boden hat, ist Frankreich, wo ihn die Syndikalisten stets im Munde führen. Erst im letzten Jahrzehnt, seitdem durch den machtvollen Zusammenschluß des Kapitals zu Kartellen, durch die Ausspcrrungs- Politik die beispiellose Verschärfung der Klassen- g e g e n s ä tz e, die Vorbedingungen geschaffen worden sind, brechen in einem Lande nach dem anderen Massenreiks aus. Für uns in Preußen ergibt sich die Logik des Massenstreiks aus der einfachen Tatsache, daß das Proletariat einzig und allein auf seine eigene Kraft angewiesen ist; als schärfste Form der selbstän- digen politischen Agitation des Proletariats ist der Massenstreik bei uns in Deutschland zugleich ein Produkt der Verschärfung der Klassengegensätze, ein Produkt der ganzen geschichtlichen Entwicke- lung der Jahrzehnte, cso aufgefaßt, auf eine solche Basis gestellt, bedeutet die Erörterung des Massenstreiks nicht das künstliche Her- vorzaubern eines solchen Gewaltstreiis, sondern ein hervor- ragendes Aufklärungs mittel für die Massen.(Sehr richtig!) Nicht als wundertätiges Mittel, das nur aus der Tasche ge- zogen zu werden braucht, um uns sichre Siege zu bringen, wollen wir den Miassenstreik erörtern und feine Idee vorbereiten. Mit B o r g in a n n. bin ich darin ganz einverstanden, daß wir der Masse klaren Wein enschenkeu sollen und sie darüber nicht täuschn sollen, daß wir nicht auf einen Hieb enen Kampf wie den preu- ßischn Wahlrechtskampf siegreich beenden können. Wir müssen die Massenaufeinelange Reihe schwerer Kämpfe vorbereiten. Aber gerade'dadurch, daß wir die Massen auf die ganze Schwere des bevorstehenden Kampfes im Zusammenhang mit der Erörterung des Massenstreiks hinweisen, erfüllen wir gegen- über der Arbeiterklasse ein Werk der politischn Aufklärung, der moralischen und sittlichen Erziehung zu Idealismus und. Opfer- frcudigkeit.(Sehr richtig!) Ebenso hinfällig wie die Befürchtung, als ob ein Massenstreik, bloß weil wir davon reden, unzeitig aus- brcchn könnte, ist die Ansicht, daß mit der Propagierung bereits die Festlegung auf einen Termin gegeben ist. Darüber, wann wir in Preußen-Deutschland einen politischen Massen st reit machen müssen, bestimmen doch nicht wir allein. Ein politischer Massenstreik kann in ein, zwei, drei Jahren, vielleicht aber auch schon nach den nächsten Wahl- rcchtsdemonstrationen nötig sein. Außer unserer Taktik kommt d i e Taktik der Gegner, das Verhalten der Reaktion, die allge- meine Stimmung, die wirtschaftliche Lage in Betracht. Wenn tvir aber zugeben, daß ein dassenstreik vielleicht schon in sehr kurzer Zeit notwendig werden könnte, ergibt sich daraus die klare Pflicht, die Massen auf ihre Aufgaben vorzubereiten, damit sie nicht im Affekt der Erbitterung zum Massenstreik greifen, sondern als eine politisch geschulte«char von Klassenkämpfern unter Füh- rung der Sozialdemokratie ins Feld ziehen. (Bravo?) Der politische M a s s e n st r e i k läßt sich nicht auf Kommando hervorrufen, läßt sich aber auch nicht auf Kommando a b b e st e l l e n. wenn die Zeit d a f ii r reif i st.(Sehr wahr.) Wenn wir es unterlassen, die Massen durch eine eingehende Erörterung des politischen Massenstreiks im Zusammenhang mit der historischen und politischen Entlvickelung vorzubereiten, dann werden wir nur erreichen, daß gegebenenfalls die Massen sich nicht unter unserer Führung, sondern in chaotischer Verwirrung in den Massenstreik stürzen. Nickt wir, sondern die Massen selbst sind die entscheidenden, wenn die Zeit reif ist, und unsere Pflicht ist es, ihnen die geistigen Waffen zu geben, die klare Einsicht in die Tragweite des Kampfes, in die Größe der Aufgaben und in die damit verbundenen Opfer. Denn hier, wie in jedem anderen poli- tischen Kampfe heißt es: bereit sein, i st a l l e s.(Lebhafter Beifall.) Vorsitzender AliihS teilt mit, daß der?lntrag des Vorstandes Nr. 91 insofern geändert worden ist, daß es im ersten Satze heißen muß an Stelle des Wortes„wurzelt in"—„hängt auf das innigste zusammen mit". Limbcrtz-Essen erhält auf Wunsch außer der Reihe das Wort zu einer besonderen Mitteilung: Ich möchte Ihnen einen Auszug aus dem Zirkular eines kommandierenden Generals mitteilen, das alle Anweisungen an die Truppen giebt, wie sie sich im Falle von Unruhen. Belagerungszuständen. Straßenkämpfen usw. verhalten sollen.(Leb- Haftes Hört! hört I) Das Zirkular, daS ich aus ver- ständlicheit Gründen nicht hier im Original mitgebracht habe, ist vom Freiherrn von Bissing unter- zeichnet, dem kommandierenden General des 7. Armee- korps in Münster. Der Herr ist bekanntlich vor 2 Jahren bei Wilhelm II. in Ungnade gefallen. Das Schriftstück stammt nicht aus dem gegenivärtigen Wahlrechtskampfe, aber das ist ja�unwesentlich. Es heißt da:„Die ersten Maßregeln, diegleich- - zeitig mit der Bekanntmachung des Belagerungszustandes getroffen werden müssen, sind die Unterdrückung aller auf- rührerische Tendenzen verfolgenden Blätter und die Ber- Haftung der Redaktcure(Bewegung und lebhaftes Hört l hört I), sowie überhaupt aller als Führer und Agitatoren bekannte» Personen(Erneute Bewegung und stürmische Hört-, Hörtruse), ohne Rücksicht auf die Indemnität der RcichStagsabgcordncten.(Lebhafte Belocgung und stürmische Entrüstungsrufe. P f a n n k u ch ruft: Habt Ihr daran ge- zweifelt?) Die Festnahme dieser Personen wird vielleicht noch von der Polizei durchgeführt werden können, wahrscheinlich wird sie zum nnudesten durch Militär gedeckt werden müssen. Jedenfalls müssen die Fest- genommenen der Militärbehörde übergeben und von dieser so bald wie möglich in Sicherheit gebracht werden. (Heiterkeit.) Alle Versammlungen werden verboten und gerade beim Beginn aufrührerischer Bewegungen müssen alle Versuche zur Widersetzlichkeit im Keime erstickt werden. Nichts ist gefährlicher, wie zögernde Maßnahmen. Abwarten bringt auch den Geist der besten Truppen ins Wanken, während Angriff und Kampf ihre Ge- sinnung befestigt."(Hörtl hört!) Es folgen»vettere Vorschriften zur Sicherung der Truppentransporte. Es heißt da:„Für den Fall des EisenbahnerausstandeS find ja Vorkehrungen bereits ge troffen".(Bewegung.) Für die Verwendung der Truppen im Straßen- k a n» p f e gelten folgende Bestiinmungen:„Infanterie soll zusammen mit Kavallerie vorgehen. Ein frontaler Sturm auf Barrikaden ohne nachdrückliche Vorbereitung durch Artillerie soll ver- mieden werden, weil er sehr oft fehlschlägt. Die Infanterie soll schrittweise vordringen, und zwar durch die Häuser nach Einschlagen der Wände, durch Höfe. Gärten, über Dächer. Beim Marsch in den Straßen ist es zweckinäßig. in Reihen- kolonnen auf beiden Seiten der Straße zu marschieren. Gewandte Schützen sind vorzunehmen, um nötigenfalls Feuern ans den Fenstern heraus wirksam erwidern zu können. Maschinengewehre und Artillerie sind stets Zugwcise, etwa jedem Bataillon ein Zug zuzuteilen." Ferner folgen Vorschriften über die Ausrüstung der Pioniere mit Sprengstoffen usw. Soweit das Zirkular. Ich will sachliche Ausführungen dazu nicht machen, aber gerade diese Vorbereitungen belvciscn, wie not- wendig die Schulung der Massen ist. weil man versuchen will, ihr die Führer wegzuschnappen.(Lebhafte Zustimmung.) Dr. Wrill-Straßburg bittet um Annahme des Antrage» 8S. Wir im RcichSlande erwarten von dieser Kundgebung des Partei» tages eine Unterstützung in unserem schweren Kamps um eine moderne Verfassung. Wir wenden uns gegen den Vor- schlag, ein Oberhaupt einzuführen oder ein Pluralwahlrccht, oder aus die eine oder andere Weise das Reichsland zu einer preußi- scheu Filiale in Süddcutschland zu machen. Man hat vor- geschlagen, den Kaiser zum Landesherren zu ernennen oder eine neue Dynastie zu errichten und sozusagen in Straßburg ein Asyl für obdachlose Prinzen zu errichten.(Heiterkeit.) Auch die direkte Einverleibung des Reichslandes in Preußen ist vor- geschlagen. Solange Preußen die Hochburg der Junker ist, er- fordert es das Interesse der Demokratie, daß wir uns jedem Versuche einer preußischen Einverleibung wider- setze n. Borgmann hat direkt darauf hingewiesen, daß England den besiegten südafrikanischen Staaten eine freie Verfassung ver- liehen hat, während wir Elsaß-Lothringer seit 30 Jahren nur eine embryonale Verfassung besitzen. Wir verlangen das allge- meine, gleiche, ge Heime und direkte Wahlrecht zum Landesausschuh. Wir bestreiten dem jetzigen Aus- schuß, der ein Notablen-Ausschuß ist, das Recht, sich Volksver- tretung von Elsaß-Lothringen zu nennen. Wir haben nicht daS geringste Vertrauen zur Regierung oder zu den bürgerlichen Parteien, mögen sie auch alle sich bisweilen demo- kratisch verbrämen. Für die Klerikalen ist der NationaliS- mus nur ein Vorwand, der für Herrn Wetterle sogar zur Be- mäntelung der Reichsfinanzreform hat dienen müssen. Die Kleri- kalen schlachten die Anhänglichkeit der Elsaß-Lothringer an franzö- fische Erinnerungen für sich aus. Diese Erinnerungen sind sehr be- greislich und erhalten durch die Vergleichung der reaktionären deutschen und der demokratischen französischen Politik fortgesetzt neue Nahrung. Jenseits der Vogcsen werden Kulturreformen durchgeführt, wie die Trennung von Kirche und Staat. und diesseits der Vogesen nistet sich die preußische Reaktion immer mehr ein.(Sehr wahr!) Nichts be» fördert in Elsaß-Lothringen mehr das Protestlertum. als die gegenwärtige Junkcrpolitik. Wir in Elsaß-Lothringen können eS so recht verstehen und würdigen, was selbst der geringe Rest von südlichem Partikularismus in Deutschland noch bedeutet.(Leb- hafte Zustimmung.» Und im Namen der clsaß-lothringischen Ge- nassen will auch ich hier betonen, welch ungeheuren Wert die Demokratisierung des preußischen Wahlrechts für Preußen- Deutschland, ja ganz Europa be- deutet. Helfen Sie uns, durch eine möglichst geschlossene Kund- gebung des Parteitages, aus Elsaß-Lothringen ein freies Land zu schaffen.(Lebhafter Beifall.) Tlntrick-Braunschweig: Die braunschweigischen Ge- nossen haben nicht nur mit Herzen und Worten, sondern auch mit Taten den preußischen Genossen im Wahlrechtskampf zur Seite gestanden. Der preußische Wahlrechtskamps war gleichzeitig ein braunschwcigischer Wahlrechtskampf. Eigent- lich hat Braunschweig gar keine parlamentarische Vertretung. Der Landtag hat nur das Recht der Begutachtung, und dieser braun- schweigische Landtag, diese Spottgeburt von Dreck und ohne Feuer, diese braunschweigischc Bauern- si u b e. ist so beschaffen, daß man nichts von ihr erwarten kann. Nicht einmal Rußland oder die Türkei haben solche elenden parlamentarischen Zustände wie Braun» schweig. Da wählen zuerst die Großgrundbesitzer ihre Ab- geordneten, dann kommen die Gewerbetreibenden, dann die Rentiers, und darauf die sogenannte Wissenschaft, wohlverstanden nur die offiziell abgestempelte Wissenschaft. Der berühmte Mathe- matiker Gcheimrat Prof. D e d e l i n d wurde aus der Wählerliste gestrichen zur selben Zeit, als die Akademie der Wissenschaften zu Paris ihn zu ihrem Mitgliede er» klärte.(Heiterkeit und Hört! hört!) Dann kommt die evan- gclische Geistlichkeit, und dann kommt erst das übrige Volk, aber die Arbeiter auch noch nicht. Nämlich die nicht von den Berufs- ständen getvählten Abgeordneten werden auf Grund deS infamen Dreiklassen Wahlrechts gewählt. Die Großgrundbesitzer, Großkapitalisten usw., die schon für sich ihre Abgeordneten gewählt haben, wählen nun noch einmal als Wähler er st er Klasse mit. Ein Wähler der ersten Klasse hat 15 mal soviel Wahlrecht wie ein Wähler der dritten, und ein Wähler der zweiten Klasse viermal soviel tvie ein Wähler der dritten. Wir sind gegen dieses elende Wahlsystem Sturm gelaufen. wir haben Petitionen über Petitionen eingereicht, sie sind in dxn Papierkorb gewandert. Wir sind in großen Massen- Versammlungen zusammengekommen. Wir haben Straßen- dcinonstrationen veranstaltet und man hat vom Radau der Massen gesprochen. Schließlich hat man einfach mit dem Säbel eingehauen. Wir Braunschwciger haben noch früher als die preußischen Genossen den Polizcisäbcl zu kosten be- kommen. Aber ungeachtet der Opfer, die am 23. Januar in Braunschweig gefordert wurden, zogen wir bereits am 8. Februar in viel größerer Zahl am hellichten Sonntag auf die Straße. Dieselben Polizisten standen da. ausgerüstet mit ihren Mordwaffen, aber sie hatten doch nicht den Mut. bei Hellem Tage auf die Arbeitcrschar einzuschlagen.' Wir sind dann weiter in großen Massenmeetings von ungefähr 30 990 Personen zusammen gewesen und wieder durch die Straßen gezogen, und der Erfolg war. daß man, wenn auch nicht offiziell, eine Wahl- rechtsvorlage in Aussicht stellte. Aber in demselben Augenblick. als in Preußen die Wahlrechtsvorlage zurückgezogen wurde, hörte auch bei uns das Gerede über daS Einbringen einer W a h l r ech t s v o r l a g e auf. Nun haben wir uns in Braunschweig ganz fest engagiert. Wir haben erklärt.� daß wir nicht ruhen und rasten werden, bis wir ein beffe- res, möglichst das gleiche, allgemeine, direkte Wahlreicht erreichen werden. Wir können aber in Braunschiveig allein nichts machen, wenn nicht in Preußen gleichzeitig vorgegangen wird. Nicht mit Worten nur, sondern zur Tat bereit stehen unsere Arbeiterbataillone, aus die Parole wartend: wir werden kämpfen, wir werden Opfer bringen, aber wir werden auch schließ» lich siegen.(Lebhafter Beifall.) _(Schluß in der 2. Beilage.)_ gnieratcntetl vcrantw.: Td.GIscke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Luchdruckerei u. VerlagSanftatt Paul Singer& Co.. Berlin SW, 8r.224. 27. Iahrgaug. 2. Dtilm ilts.Armck" Dlllim WKMM Zovnabeud. 24. September M. Parteitag der deuticljen Sozial. demokratie zu Magdeburg. (Schluß aus der 1. Beilage.) Wagner-Braunschweig: Wir konnten uns in Braunschweig die heutigen Zustände nicht länger gefallen lasten. Wir haben es da nicht allein mit Wahlrecht und Verfassung, sondern mit einem Metternich schen Bureaukratenregiment. mit einer Vettern, und Cliquenwirtschaft zu tun. Erst als wir auf die Straße gingen, erst als ein Blutbad veranstaltet war, wurde die Regierung gezwungen, Farbe zu bekennen und hat sich dabei grenzenlos blamiert. Der Minister Otto erklärte, er habe sich schon längst auf ein neues Wahlrecht besonnen, er habe alle Wahlgesetze studiert, aber sei sich noch nicht klar geworden. (Hört! hört!) Wir Braunschweiger müssen unseren Jellatchich schlagen.(Sehr richtig!) Die Resolution muß so scharf wie mög lich gefaßt und die Erörterung des Massenstreiks darin aufgenommen werden. Die Wendung, mit allen Mitteln, haben wir schon oft genug angewandt, und wir müssen endlich ein Verstärkungsmittel unserer Demonstrationen anwenden. Wir haben in unserem Waffenarsenal nur den politischen Massen st reik— über den wir uns ja in Jena klar geworden sind. Ich habe allerlei Be denken gegen den Mastenstreik, er muß aus der Masse heraus� kommen, denn die Opfer haben die kleinen Leute zu bringen, die uns. wenn wir den Massenstreik predigen, einfach sagen: Ja, ihr Parteibeamte, ihr Redakteure, ihr kommt wieder in eure Stellun- gen, aber wir müssen die Opfer bringen. Um so notwendiger ist es, die Arbeiter aufzuklären. Wohl weiß ich, daßderMassen st reik der Begeisterung entspringen mutz. Aber das darf uns nicht zu dem Irrtum verleiten, daß er nur das Werk plötzlicher Begeisterung sein könnte. Wenn die Stunde der Be geisterung über den Künstler kommt und er hat kein Motiv, so ver flattert die Begeisterung leicht. Hat er aber einen Plan im Kopf, und es kommt die Begeisterung über ihn, dann gibt es ein gutes Werk. Aehnlich in der Politik. Die Stunde der Begeisterung, die die Massen zu Mastenstreiks bringt, wird schon kommen; aber wenn sie dann nicht völlig sich darüber klar sind, kann es geschehen, daß sie nicht wissen, womit sie beginnen sollen. Wir haben in Jena den Massenstreik in unser Waffenarsenal eingestellt, aber er ist verrostet. Wir müssen den Massen zeigen, wie sie ihre Em pörung ausdrücken können, um so mehr, nachdem uns Limbertz die Pläne des Militärs verlesen hat. Ich nehme das nicht ernst, aber gerade auf diese Drohungen würde der Parteitag keine bessere Antwort geben, als eine möglich st scharfe Fassung der Resolution. Auch diejenigen, die gewisse Bedenken gegen den Massenstreik haben, könnten für die Resolution Luxemburg stimmen.(Lebhafter Beifall.) Eugen Ernst-Berlin: Ich glaube im Namen aller norddeutschen Parteigenossen, speziell der preußischen Genossen, unserer Freude Ausdruck geben zu sollen über die Unterstützung unserer süddeutschen Genossen.(Bravo!) Wir sind stets davon überzeugt gewesen, daß sie auch in Zukunft uns in unserem Kampf Beistand leisten werden und sind erfreut über den besonderen Aus- druck der Smpathie, den wir hier vernommen haben.(Beifall.) Es zeigt sich bei dieser Gelegenheit, daß wir einig sind in dem Kampf gegen den gemeinsamen Feind(lebhafter Beifall), daß wir immer zusammenstehen. Schulter an Schulter, verbunden durch dasselbe Ziel, dasselbe Streben.(Erneuter lebhafter Beifall.) W i r sind uns über den Ernst der Situation voll ständig klar, wir wissen, welchen Widerstand wir namentlich in Preußen zu brechen haben, aber wir wissen auch, welche B deutung der preußische Wahlrechtskampf nicht nur für Preußen. sondern für die demokratische Bewegung in ganz Deutschland hat.(Sehr wahr!) Wir geben Ihnen infolge dessen auch von dieser Stelle aus das Versprechen: Der Wahlrechts: kämpf in Preußen hört nicht auf, ehe nicht unser Ziel, das freie allgemeine Wahlrecht auch in Preußen errungen ist.(Lebhafter Beifall.) Der Kampf hört nicht auf, ehe nicht auch Preußen in die Reihen der Kulturländer mit demokratischer Verfassung gedrängt ist.(Wiederholter Beifall.) Es ist gesagt, daß eine gewisse Abneigung in den leitenden Kreisen von Partei und Gewerkschaften gegen die Erörterung des Massenstreikes vorhanden ist. Ich leugne nicht, daß hier und dort jemand vorhanden ist. der der Erörterung dieser Frage nicht sympathisch gegenübersteht, aber man darf solche einzelnen Vor- lkommnisse nicht verallgemeinern. In den leitenden Kreisen von Partei und Gewerkschaften bestehen keinerlei Be- denken, daß der Massenstreik angewendet werden mutz indem Augenblick, wo die politischeSituation uns das Mittel aufzwingt. Bedenken bestanden nur dagegen, daß der Massenstreik erörtert werden solle zu einer Zeit, wo wir mitten im Wahlrechtskampf standen. Wir sagten uns. wenn jetzt die Frage erörtert wird, dann kann man auch diejenigen, die mit der An- Wendung dieses Mittels nicht einverstanden sind, nicht hindern, ihre Meinung öffentlich zu sagen, und dann erleben wir das Schauspiel, daß wir mitten in der Aktion eine weitschweifende Diskussion haben, daß zur Freude unserer politischen Gegner von uns erörtert wird, ob unsere Macht ausreicht, dies Mittel zu gegebener Zeit anzuwenden.(Sehr wahr!) Diese Mei- nung kann nur entstanden sein aus einer mißverständlichen Auf- fassung des Beschlusses der Landeskommission. In der Landes- kommission ist ausdrücklich gesagt: Wir verwerfen das Mittel des Massenstreiks nicht, wir müssen aber von Fall zu Fall Stellung nehmen, ob er möglich ist oder nicht. Wir haben ihn nicht für den ganzen Wahlrechtskampf abgelehnt, sondern nur in dem damaligen Augenblick für unzweckmäßig gehalten. Es ist auch die Meinung laut geworden, als hätten wir der Presse verboten, irgendwelche Erörterungen anzustellen. Auch das ist nicht der Fall. In der Sitzung der Landeskommission hat ein Mitglied ausdrücklich gesagt: „Nun zur Presse. Bisher ist hier nicht entschieden daß die Presse gar nichts über den Massenstreik bringen soll. Wir können nicht Zensoren sein, die die Redakteure als Kulis behandeln." Weiter weise ich darauf hin, daß die preußische Parteileitung immer und immer wieder die Frage erörtert hat: Ist es angebracht, irgend welche schärferen Maßregeln jetzt zu ergreifen, ist die politische Situation so. daß wir notwendigerweise einen Schritt weitergehen müssen? Ich glaube ohne Ruhmredigkeit konstatieren zu können. daß von Seiten der preußischen Parteiorgani- fationen auch nicht ein einziger Vorwurf gegen die preußische Parteileitung erhoben ist.(Sehr richtig!) Das beweist, daß innerhalb der Organisationen die Meinung vorhanden war, unsere Vorschläge sind gut, um das Wahlrecht zu erringen. Also, es waren für uns lediglich p r a k- tische Erwägungen maßgebend, ob gerade die Zeit des Kampfes angebracht ist, die Frage zu erörtern. Nun ist gesagt, die Resolution des Vorstandes lasse vermissen, baß der politische Massenstreik auch als Mittel im Wahlrechtskampf gilt. Das ist eine Verkennung. Es ist in der Resolution ausdrück- lich die Rede davon, daß die Genossen den Kampf mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln werterführen werden. Darunter ist auch zu verstehen, daß, wenn die politische Situation es gebietet, wenn alle die Umstände, die Rosa Luxem- bürg angeführt hat, vorliegen, auch dies Mittel s e l b st v e r- stänolich angewandt werden mutz. Da spricht die poli- tische Situation, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Stimmung der Massen usw. mit. Wir sind aber der Meinung, daß dies Mittel nicht blindlings angewendet werden darf.(Sehr richtig!) Dazu hat es doch eine viel zu große Bedeutung. Weiter sind wir der Meinung, daß vor seiner Anwendung eine Aussprache mit den Gewerkschaften gepflogen werden mutz.(Sehr wahr!) Die Annahme der Resolution Luxemburg würde eine Unfreundlich- keit gegenüber den Gewerkschaften sein.(Sehr richtig!) Als die Gewerkschaften in Köln ihren bekannten Beschlutz über den Massenstreik gefaßt haben, da ist von feiten der politischen Organi- sation mit Recht darauf hingewiesen, daß sie sich in einer solchen Frage mit der politischen Partei hätten verständigen müssen.(Sehr richtig!) Aber was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Wollen wir dieses Mittel anwenden, dann müssen wir die Ueberzeugung haben, daß die Gewerkschaften mit uns gehen.(Lebhafte Zustimmung.) Gerade mit Rücksicht dar- auf, daß wir auf alle Eventualitäten gefaßt sein müssen, bitte ich, die Resolution Luxemburg abzulehnen, wir wollen uns nicht auf ein Mittel festlegen.(Sehr richtig!) Wie die politische Situation ist, wie die Gegner uns angreifen, so muß geantwortet werden, und da können Sie sicher sein, daß weder das Drohen mit der gepanzerten Faust, noch Schmeicheleien, uns auch nur um Haaresbreite von unserem Weg abbringen wer- den.(Bravo!) Wenn die preußische Parteileitung es wagen wollte, gegen die Fortsetzung des Wahlrechtskampfcs Stellung zu nehmen, dann ginge die Masse über sie hinweg. Dazu sitzt der Masse die Erbitterung über die Dreiklassenschmach viel zu tief im Herzen. Diese Erbitterung wird dafür sorgen, daß zu gegebener Zeit auch das richtige Mittel angewandt wird.(Sehr wahr!) Nun hat die Genossin Luxemburg eigentlich den entscheidenden Teil aus ihrer Resolution herausgestrichen; wie die Resolution jetzt besteht, ist es nur eine Umschreibung der Resolution der Parteileitung mit einigen unfreundlichen Bemerkungen, die daraus resultieren, daß sie glaubt, daß bisher die Diskussion unterbunden war. Ich ersuche sie deshalb, ihre Resolution zurückzuziehen.(Zustimmung.) Sollte sie das nicht tun, dann bitte ich, im ersten Teil statt„durch eine große entschlossene Massenaktion" zu sagen:„durch große cnt- schlossene Massenaktionen". Den zweiten Absatz der Resolution bitte ich abzulehnen. Ich wiederhole, was der geschäftsführende Ausschutz für Preußen im Auftrage der Landeskommission immer und immer wieder gesagt hat: wir werden den Kampf führen mit allen Mitteln, die der Arbeiterschaft zu Gebote stehen, mit all der Erbitterung, mit all der heißen Leidenschaft, weil wir wissen, es ist unsere Pflicht, er st die Dreiklassenschmach hinwegzu- fegen, ehe Preußen in die Reihe der Kulturstaaten gedrängt werden kann. Weil wir wissen, daß Preußen eine stete Gefahr für den demokratischen Gedanken in Deutschland ist, deshalb werden wir nicht eher ruhen, als bis das Ziel erreicht ist.(Lebhafter Beifall.) Vors. Klühs: Folgende Erklärung ist eingelaufen: „Die unterzeichneten Parteitagsdelegierten legen die ent schiedenste Verwahrung ein gegen die Einbringung des Antrags der Genossin Luxemburg(Bewegung und Unruhe), der die Er- örterung und Propagierung des Massenstreiks in der Parteipresse und Versammlungen fordert. Der D Massenstreik, gleichviel aus welchen Gründen und zu welchen Zwecken er geführt werden soll, bedarf zu seiner wirksamen Durchführung der Beteiligung aller Organisationen der deutschen Arbeiterbewegung, insbesondere der Beteiligung und Unterstützung der gewerkschaftlichen Verbände. Von diesen Erwägungen aus- gehend, sind bisher alle Vorberatungen über die Anwendbarkeit dcS Massenstreiks als Kampfesmittel zur Erringung eines freien preußischen Wahlrechts geführt worden zwischen der obersten Ver- tretung der Partei, dem Parteivorstande, und der obersten Ver: tretung der gewerkschaftlichen Organisationen, der General: kommission der Gewerkschaften. Auch Angelegenheiten von minder wichtiger Bedeutung, welche die Interessen beider Zweige der Arbeiterbewegung berührten, wie die Unterstützung der Maifeier-Gemaßregelten, sind durch gemein schaftliche Beratungen zwischen Parteivorstand und General kommission geregelt worden. Es ist deshalb unerläßlich, daß auch die Frage der Erörterung und Propagierung des Massenstreiks zuvor zwischen Parteivorstand und Generalkommission beraten wird, ehe sie an den Parteitag zur Entscheidung gelangt. Die Unterzeichneten halten darum die Einbringung des An- trags Nr. 100 für verfehlt, weil er nur die Wirkung haben kann. das erfreuliche Einvernehmen zwischen den beiden Vertretungen der deutschen Arbeiterbewegung zu stören."(Bewegung und einzelne Oho-Rufe.) Severing-Bielefeld. Paul Müller-Berlin. Lesche-Altona, Sachse: Bochum, A. Ärev-Hannover, Töneböhn-Recklinghausen, Ritzert: Iserlohn, Wittich-Frankfurt a. M.. Schumann-Bcrlin, Thielemanw Osnabrück. Georg Ulrich-Frankfurt a. M., Adolf Ritter-Berlin, Karl Giebel-Berlin, Fritzsch-Berlin, Eugen Brückner-Berlin, Mey- Hannover. Hetzscholl�Berlin, Heldt-Chemnitz, Silberschmidt-Berlin, Koch-Magdeburg, Tönnies-Hamburg, Hoch-Sorau-Forst, Alexander Schlicke-Stuttgart. Rößler-Altcnburg, Evers-Hildcsheim, Schmidt- Herford, Ernsting-Minden, Schmidt-9. Hannoverscher Wahlkreis. Goldner-Meißen. Hoffmann-Bielefeld, Dreckshage-Bielefeld. Spind- ler-Döbeln, Knieriem-München und Bohm-Vörd'e. Vogtherr-Wiesbaden: Unser Antrag betrachtet die Frage des Wahlrechts als eine Reicksfrage. Wie ja schon Limbertz gesagt hat, macht auch die Militärverwaltung die Frage z u e in er Reichsfrage. Unfraglich geht man darauf aus, alle Einzelstaatcn zu verpreußen. Die reaktionäre Presse des preußischen Junkertums machte auch ihrerseits die Wahlrechtsfrage zu einer Reichsfrage, als sie sich einmischte in die Regelung des Wahlrechts in den Einzelstaaten. Die Eigenart der Einzelstaaten liegt lediglich in der Verschiedenartigkeit der wirt- schaftlichen Struktur. Bei uns in Preußen herrschen die Junker, anderswo herrschen die Großindustriellen, aber in der Verneinung der Volksrechte sind sie einig In diesem Sinne ver- langt mein Antrag regelmäßige Inangriffnahme der einzelstaat- lichen Wahlrechtsfrage durch unsere Fraktion auf dem Wege von selbständigen Initiativanträgen. Unsere Gegner im Reich müssen gezwungen werden, zu der Wahlrechtsfrage Stel- lung zu nehmen. Mit solchen Zlnträgen erhöhen wir auch die Stoßkraft unserer Agitation.(Lebhafter Beifall.) Disiinann-Hanau: Wir sind uns einig darüber, daß die sieg- reiche Durchführung des Wahlrechtskampfes in Preußen gewaltige Kraftanstrengung und Opfer erfordern wird. Die Resolution des Vorstandes dürste einstim/niae Annahme finde». Im wesentlichen handelt es sich um die Annahme des Antrages der Genossin Luxemburg. Laut dem Referenten ist der erste Teil von Vorstand und Kontrollkommission akzeptiert worden. Mit dem Antrage des Genossen Ernst ist Genossin Luxemburg einverstanden. Von einem Teil der Genossen, insbesondere aus leitenden Gewerkschafts- kreisen ist eine Erklärung zum Antrag Luxemburg vorgelegt wor- den, die leider eine Verwahrung enthält. Es heißt in der Er- klärung, daß der Wahlrechtskampf in allen seinen Phasen gemein- sam von Partei und Gewerkschaften vorbereitet und durchgeführt werden soll. Genossen, das ist« t w a s S e l b st v e r stä n d l i ch e s. (Sehr richtig I) Niemand, am wenigsten die Genossin Luxemburg. hat jemals das Gegenteil verlangt. Selbstredend müssen im Wahl- rechtskampfe Partei und Gewerkschaften Schulter an S ch u I t e r m a r s ch i e re n. In allen Orten haben Partei und Gewerkschaftsgenossen ihr Bestes getan, um den Wahlrechtskampf vorwärts zu bringen.� In Jena hat die deutsche Sozialdemokratie den Massenstreik in ihr Programm aufgenommen. Der Jenaer Beschluß bringt zweifellos zum Ausdruck, daß die Erörterung des Massenstreiks nicht nur nicht verboten ist. sondern die Genossen verpflichtet sind, bei der Frage der Waffen, die im Wahlrechtskampf zur Anwen- dung gelangen sollen, auch die Beschlüsse von Jena in Erinnerung zu behalten.(Sehr richstgl) Auf dem letzten preußischen Partei- tag ist beschlossen worden, daß der politisch: Massenstreik eines jener Mittel ist, die wir eventuell zur Anwendung bringen wollen,(Zu- ruf: Was beschlossen ist, braucht doch nicht noch einmal beschlossen zu werden!) Wir haben oft Resolutionen gefaßt, die eine Be- tonung früherer Bestimmungen bedeuten.(Zustimmung.) Auch wenn Sie die Resolution Luxemburg in ihrem zweiten Teil ab- lehnen, werden Sie an der Sache nichts ändern, weil Sie eben gar nichts daran ändern können. Darüber sind wir uns alle einig, daß wir beim Wiedereintritt in den Wahlrechtskampf nicht etwa sagen können: jetzt haben wir wieder angefangen und das Nächste ist der politische Massenstreik. Wir sind uns darüber einig, daß nach der politischen Situation Verfahren werden muß. Genosse Limbertz hat uns da ein militärisches Prachtstück verlesen. Die blutigen Polizeiattacken sind uns ja genügend be- kannt, und ich erinnere an die letzte große Frankfurter inter- nationale Kundgebung, wo in Mainz und Hanau Extra- züge für das Militär bereit standen. Der Kampf muß uns einig finden, und darum bitte ich, verständigen wir uns wenn möglich über die Resolution Luxemburg und seien wir einig, die Organisation von Gewerkschaften und Partei zu stärken, bis zum äußersten alle Kräfte zusammenzufassen. Denn alle Kräfte sind notwendig in den schweren Kämpfen der Zukunft und Einigkeit ist nötiger denn je.(Lebhafter Beifall.) Leinert-Hannover: Da sich die Genossin Luxemburg bcdauer- licherweise nicht zur Zurückziehung ihrer Resolution verstanden hat, bin ich in die unangenehme Lage versetzt, mich weniger mit der Wahlrechtsvorlage als mit dem Antrage Luxemburg zu beschäftigen. Im Interesse der ganzen Agitation ist eine einheitliche Kund- g e b u n g viel wichtiger als eine Erörterung der Masscnstreikfrage. Auf diesem Parteitage ist doch festgestellt, daß jeder Disziplin zu üben hat. Daher bedaure ich, unter dem Antrag die Namen Liebknecht und Rudolf zu finden, die beide in der prcußi- schen Landeskommission die Debatten über die Wahlrcchtskampf- maßregeln mitgemacht haben.(Sehr richtig!) Dort waren wir der Meinung, daß der gegenwärtige Zeitpunkt zur Erörterung dcS Massenstreiks der allerungeeignetstc ist. Der Antrag Luxemburg bedeutet tatsächlich einen Disziplinbruch.(Lachen.) In Mannheim ist festgelegt worden, daß unter Umständen der Massen- streik zur Anwendung gelangen soll, und auch, wann er ausgeführt werden soll. Auch die Methode der Ausführung ist genau festgelegt worden, denn es ist bestimmt: soweit der Parteivorstand die Not- wendigkeit eines politischen Massenstreiks für gegeben erachtet, hat derselbe sich mit der Generalkommission in Verbindung zu setzen und alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Unter diesen Umständen ist eine Erörterung darüber, ob wir den Massenstreik ergreifen wollen oder nicht, sicher nicht von Nutzen. Ich mache auch darauf aufmerksam, welchen Eindruck es machen muß, wenn wir in eine Erörterung eintreten, wenn wir große Versammlungen abhalten, wenn, die Genossin Luxem- bürg in ihrer Art die Massen für den Massenstreik begeistert und wenn dann nachher die auch auf diesem Parteitag schlecht weggekommenen Führer der Gewerkschaften kommen und sagen: Das geht nicht unter diesen Umständen.(Hört! hört!) Was wird dann aus einer solchen Aktion? Genossin Luxenckurg stellt ihren Antrag zum Punkt„Preußische Wahlrcchtsfrage", um den eS sich hier gar nicht handelt. Warum soll der Parteitag über eine rein preußische Frage entscheiden, die die preußische Parteiinstanz schon den ganzen Winter und den ganzen Sommer beschäftigt hat. Einer großen Organisation wie die preußische es ist. einen Parteitagsbeschluß aufzuzwingen, ist nicht im Partei- interesse gelegen. Wir müssen diesen Antrag ablehnen, weil wir mit ihm ja nichts anfangen können. Die Leiter der Organi- sationen, der Parteivorstand und die Generalkommission wissen den Zeitpunkt nicht, wann der Massenstreik kommt. Wenn die Genossin Luxemburg sagt, nur die Massen können entscheiden, so ist das ein Appell an die Massen in dem Gegensatz zu den Führern, der auf diesem Parteitag schon einmal zum Ausdruck gekommen ist und gegen den wir protestieren.(Lebhafter Beifall bei den Süddeutschen.) Wir sollen zurzeit an die nächsten Reichs- tagswahlen denken, nicht an den Massenstreik.(Sehr richtig!) Wir offenbaren mit der Annahme des Antrages unseren Gegnern von vornherein unsere Taktik. Liebknecht sagt, er habe die Dis- ziplin mit der Muttermilch eingesogen und achte deshalb alle Beschlüsse. Aber sein Vater hat einmal gesagt, wenn in 24 Stun- den die politische Situation sich 24mal ändert, ändert sich auch 24mal unsere Taktik.(Lebhafter Beifall bei den Süddeutschen.) Die Genossin Luxemburg spricht von eventueller Kopflosigkeit der Massen. Das beweist nur ihre Unkenntnis von der Organisation. Müßten lvir in 24 Stunden den Massenstreik d u r ch f ü h rcn und wäre die berufene Instanz einig, dann würde niemand kopflos sein. Dafür bürgt das Klassengefühl und die Organisation unserer Partei und der Gewerkschaften.(Lebhafter Beifall.) Es wäre eine große Dummheit, heute unsere Taktik festzulegen. Wir sind jeder Agitation gewachsen und haben nicht nötig, Resolutionen anzunehmen, die nichts nützen und nur zu unfruchtbarer Diskussion führen.(Lebhafter Beifall.) Wolfgang Heine-Berlin: Als Mitglied der Reichstagsfraktion wende ich mich zunächst gegen den Antrag 101, der vollkommen über- flüssig ist. Vogtherr als früherer und Lehmann als jetziger Reichs- tagsabgeordncter sollten doch wissen, daß sie der Reichstagsfraktion nicht noch in einer Forin, die cincnr Tadel wegen Pflichtverletzung gleichkommt, einen Auftrag geben sollten, den sie läng st er- füllt hat.(Heiterkeit.) Natürlich können wir nicht in jedem Kalenderjahr den Antrag zur Erörterung bringen, das hängt von den Schwerinstagen und der Geschäftslage ab. Aber wir haben die Sache beim Etat und in Form von Interpellationen erörtert.(Be- stätigende Zwischenrufe Fischers und Ledebours.) Man kann doch solche Dinge nicht mit der Regelmäßigkeit von Kirchcnfcsten betreiben, ich bitte also um Ablehnung des Antrags. Die VorstandSrcsolution über die Wahlrcchtsfrage kann ich nur empfeh- len. Ueber daS preußische Wahlrecht brauche ich kein Wort zu ver- lieren. Nun zum Antrag 100. Ich möchte mich nicht einmischen in den heutigen Streit zwischen den Mitarbeitern der„Neuen Zeit" und des„Vorwärts". Meine Meinung darüber ist bekannt. Ich habe nichts gegen eine Erörterung des Massenstreiks, wenn es eben eine Erörterung ist. Aber für Frau Luxemburg ist die Erörterung gleichbedeutend mit Propagierung, auch wenn sie den Ausspruch verständigerweise hat fallen lassen. Ich bin durchaus der Meinung des Vorredners und des Redners vom Parteivorstand, daß eine solche Erörterung, die zu einer Prüfung der uns zur Verfügung stehenden Machtmittel führen muß, in einem solchen Kampf"nicht angebracht ist. Wenn wir das erörtern wollen, wollen wir es in einem geschlossenen Kreise tun. Frau Luxemburg hat von den französischen Genossen gesprochen, die den Massenstreik ständig im Munde führen, ohne daß es dazu kommt. Sorgen wir, daß man uns nicht denselben Vorwurf macht.(Lebhafter Beifall.) Klara Zctkin-Stuttgart: Ich bin hier entgegengesetzter Mei» nung wie Genosse Heine. Wollen wir, daß die Massen reif sind für den Gebrauch des Massenstreiks, so müssen wir im Bewußtsein der Massen die geistige Vorbedingung dafür schaffen, nur darum handelt es sich jetzt.(Lebhafter Beifall.) Die besten Vor- bebingungen für die Erörterung der Frage sind gerade in dem Zeitpunkt gegeben, wo eine gewaltige Bewegung die Massen selbst auf den Plan ruft. Gerade dann ist eine Empfänglichkeit vor- handen, die die Massen befähigt, unsere Anregungen aufzunehmen. (Sehr richtig!) Diese Begeisterung müssen wir ausnutzen, um den Massen das Verständnis für die komplizierten Tatsachen zu ver- schaffen, innerhalb deren sich der Kampf abspielt. Ich würde es für frivol halten, wollten wir den Gedanken des Massen- streiksunterdaserwachendeProletariathinaus- tragen, ohne es überdie Tragweite, die Gefahren und Opfer zu unterrichten.(Sehr richtig!) Nur wenn diese Gefahren und Opfer ganz erfaßt sind, dürfen wir unsererseits die Bergntlvvrtung auf uns nehmen, de» Mellen den neuen Weg öu zeigen. Ich müßte an unserer starken organisatorischen Tis- ziplin, an der geistigen und sittlichen Selbstzucht der Sozialdemo- kratie und der Gewerkschaften verzweifeln, wenn ich fürchten müßte, wir könnten vor den Massen nicht �tas Wort Massenstreik aussprechen, ohne zugleich che» Massen- sager, zu können, heute ist der Moment noch nicht da, wo die Vo ra u s s eh u ng en �für den Massen st reik gegeben siiid. Es haiUrelt sich also absolut nicht darum, den Massenstreit für einen bestimmten Zeitpunkt oder überhaupt anzukündigen. Wer das glaubt, hat überhaupt das Wesen des Massenstreiks noch gar nicht verstanden.(Sehr richtig!) In der Resolution Luxemburg ist nicht die Rede davon, daß die Massen irgendwie angereizt werden sollen, zu einem b e st i m m t e n Zeitpunkt zur Waffe des Massenstreiks zu greifen. Aber weil wir mit der Tatsache rechnen müssen, daß in dem Proletariat einmal das Bewußtsein einer Mackzt erwacht und das Bewußtsein des Ein. flusscs, den es eines Tages durch die gekreuzten Arme in die Wag- schale werfen könnte, so gilt es, gerüstet zu sein, damit die Organi- sationcn immer das Rückgrat jeder künftigen Massenstreikbewegung sein können. Unsere Resolution soll nur die Ermutigung sein, den Gedanken des Massenstreiks immer mehr dorthin zu tragen, wo eines Tages die Entscheidung über seine Möglichkeit und Rotwen- digkeit.fallen muß, nämlich unter die Massen selbst. Selbstredend geht daneben die Notwendigkeit einher, immer besser in unablässiger Arbeit unsere politischen und gewerkschaftlichen Or- ganisationen auszubauen, sie, die eines Tages Herz und Hirn der Massenstreikbewegung sein werden. Ich bitte Sie deshalb dringend, die Resolution Luxemburg in der veränderten Fassung anzunehmen, nachdem das vollkommen harmlose Wort„propagieren" ausgemerzt stst, über das ich im übrigen anders denke wie Heine. Propagieren sagt nichts als Verbreiten eines Gedankens ohne jeden anderen Beigeschmack. Wir empfehlen die Resolution auch, um in den Massen den Aberglauben zu zerstören, als ob der preußische Wahl- rechtstampf, der ein Kampf von- lauger Dauer sein wird, in einer einzigen siegreichen Entscheidungsschlacht glänzend zu Ende geführt werden könnte. Wir wollen die Massen darüber nicht täuschen, daß der preußische Wahlrechtskampf noch viele Etappen auf- weisen wird, darunter vielleicht auch Niederlagen, aber solche Niederlagen, deren Hauptresultat nach den Worten des kommu- nistischen Manifestes die immer größere Vereinigung der A rb eit e r ma s s en ist, einer Vereinigung, die den - künftigen Sieg vorbereitet.-(Lebhafter Beifall.) Förster-Hamburg: Darüber-sind wir uns alle einig, daß unser schlimmster' Feind Preußen ist. Ich kann Leinert nicht zugeben, daß es ausschließlich eine preußische Frage ist.(Leinert: Die Taktik!) Dann braucht sich der Parteitag überhaupt nicht damit zu befassen. Ist es uns gelungen, in Preußen die Verhältnisse zu ändern, dann haben die anderen kleinen reaktionären Bundes- staaten keinen Rückhalt mehr. Der Massenstreik ist seit langem unserem Waffenarsenal eingereiht. Er ist eine der schärf- sten Waffen, aber auch eine zweischneidige Waffe. Wir müssen die Parteigenossen über die Handhabung dieser Waffe auf- klären. Wenn es-die anderen Genossen Nicht getan haben, so haben sie etwas durchaus- Notwendiges unterlassen.(Sehr richtig!) Ich denke, daß in der Vorstandsresolution sachlich dasselbe gesagt ist, wie in der Resolution Luxvmburg, man soll nicht gar zu viel Resolutionen annehmen, sonst vergessen wir sie schließlich.(Sehr richtig!) Die Hamburger halten die Vorstandsresolution für aus- reichend. Zum Ueberfluß mag man noch den ersten Teil des An- träges Luxemburg hineinnehmen, aber der zweite ist überflüssig und unangebracht.(Bravo!) Severing: Die Gewerkschaftsführer gelten draußen im Lande als Bremser. Sie werden bei der Führung des Massenstreiks eine wichtige Funktion zu übernehmen haben, vielleicht auch eine Funktion des Bremsens. Da müssen auch die Gewerkschaftsführer heute reden, wo nicht gebremst, sondern vorwärts getrieben werden soll. Durch die Annahme der Resolution Luxemburg würden Sie ist Widerspruch mit der Mannheimer Resolution die General- kommission der Gewerkschaften vor eine vollendete Tat- s a ch c st e l I e n. Der zweite Absatz der Resolution Luxemburg ist ganz unfraglich keine akademische Diskussioii mehr, sondern die 'Aufforderung, daß die Erörterung des- Massenstreiks gepflogen werden soll zur Erringung des preußischen Wahlrechts. Weder die Gewerkschaften noch die Pattei können einseitig die Frage drS politischen Massenstreiks regeln. Ich bin der Meinung, daß die Erörterung des politischen Massenstreiks an sich nicht Begeisterung in den Massen zu wecken imstande ist. Begeisterung ist keine Hcringsware, die sich einpökeln und vielleicht jahrelang aufbe- wahren läßt.(Sehr gut.) Wenn die Situation kommt, wird gehandelt. Entweder will die Resolution Luxemburg dasselbe, wie die Resolution des Parteivorstandes, dann ist sie über- flüssig, oder sie will etwas anderes, dann ist sie schädlich. Wir sollen nicht viele, sondern klare und durchführbare Resolutionen schaffen. Auch ich bin der Meinung, daß Bereitschaft alles ist. aber dazu bedarf es keiner neuen Resolution, sondern Ausbau der Organisation.(Beifall.) Karl Liebknecht: Leinert hat eS für zweckmäßig gehalten, mich persönlich anzugreifen und zu ironisieren. Seine gänzlich vom Zaun gebrochenen Angriffe dagegen, daß ich als Mitglied der preu- ßischen Fraktion den Antrag Luxemburg unterzeichnet habe, schüttele ich mit einer Aandbewegung von mir ab, ebenso die nicht gerade geschmackvolle Bemerkung über meinen Vater. Hat mein Vater jemals gesagt, er sei bereit, innerhalb 24 Stunden 24mal gegen grundlegende Parteitagsbeschlüsse zu ver- stoßen?(Zuruf: Taktik zu ändern!) Ich habe nicht die lächerliche Aeußerung getan, daß ich die Disziplin mit der Muttermilch eingesogen habe, sondern die Worte meines Vaters angeführt, daß die Disziplin das Heiligste der Partei sei. Ganz unzweifelhaft können wir hier über den preußischen Wahlrechtskampf wie über alle Wahl- rechtskämpfe sprechen. Die Angriffe auf, die Kompetenz des Partei- tagcs sind gänzlich deplaciert. Es dürfte sich empfehlen. daß sich bei künftigen Kämpfen die Organisationen der Bundes- staaten, in denen ungefähr gleiche politische Verhältnisse existieren, in engere Verbindung und Fühlung setzen, um den Kampf g e- m e i n s a m zu führen. Die Hauptsache ist, daß aus den Erörtc- rangen des Parteitages mit einer nichts zu wünschen übrig lassen- den Deutlichkeit das möglichst große Maß von Entschlossenheit hervorgeht, den Wahlrechtskampf zu einem guten Ende zu führen, wenn der Weg dahin auch etwas bitter vorkommen mag. Darum ist auch die Resolution Luxemburg nicht so abfällig zu kritisieren. Der Antrag ist nicht anders gemeint, wie cS die Genossin Zetkin in wahrhaft klassischer Weise klargelegt hat. Der Antrag ist in dem Sinne gemeint, daß wir den Boden lockern, die DiS- z i pfl i n schaffen sollen. Dagegen sollte doch' nichts einzu- wenden sein. In keiner Weise denkt die Genossin Luxem- bürg daran, den Gewerkschaften und der Generalkommission ihre Kompetenz zu beschneiden. Eventuell lassen sich ja formelle Bedenken, wenn sie auch nicht zutreffen� durch eine andere Fassung aus dem Wege räumen. Es ist ganz selbstverständlich. daß jvder von uns durch die Beschlüsse von Jena und Mannheim zur Propagierung des Massenstreiks legitimiert ist. Das einzige ist, ob der Parteitag empfehlen soll, in eine solche Er- örterung einzutreten. Man mag den Antrag für überflüssig halten, weil jeder das Recht zur Propagierung hat. Man mag auch der Meinung sein, es sei besser, wenn es' von unten kommt, als wenn es von oben suggeriert und oktroyiert wird. Diese Bedenken bewegen mich am ehesten, für die Streichung des ? weiten Absatzes zu stimmen, jedoch unter der Voraus- etzüng der ausdrücklichen Feststellung, daß jeder heute das Recht hat, in einer ihm angemessen erscheinenden Weise' ihre Propaganda zu' betreiben.'* Leinert meint, Parteivorstand und Generalkommission wissen, wan» der Generalstreik kommt. Aber das wäre eine schöne Form von Massenstreik, der in dieser Weise von oben herab suggeriert werden könnte. Niemand denkt daran, b\i Taktik für die Zukunft festzusetzen. Wir wollen nur Freiheit nach allen Rich- jungen haben. Wir wollen in jeder Situation die Waffe ergreifen können� die am geeignetsten ist, endlich Bresche in die Junkcrseste schießen, damit auch einmal ein Preuße, ivenn er sagt: Ich bin ein Preuße, einen gewissen Stolz dabei empfinden kann, während er gegenwärtig Schamgefühl empfinden muß. (Bravo!) Auf Antrag Mücke-Brandenburg wich die Debatte geschlossen. Das Schlußwort hat Borgmann: Ich enthalte mich jeder Auseinandersetzung darüber, ob die Resolution Luxemburg notwendig ist. Ich beschränke mich daraüf, aus die Aeußerung der Genossin Luxemburg zu antworten, daß ich nicht zum Ausdruck gebracht habe, wann wir den nächsten Wahl- rechtskampf beginnen werden. Da hat sich die Genossin Luxemburg au die falsche Adresse gewendet.(Heiterkeit.) Ich bin nicht in der Lage, Auskunft zu geben, aber selbst wenn ich es könnte, würde rch es hier auf dem Parteitag nicht tun.(Sehr gut!) Ich habe keine Veranlassung, den Gegnern die Art des Kampfes und den Zeitpunkt zu offenbaren.(Sehr richtig!) Wir müssen in dieser Beziehung das vollste Vertrauen zu den leitenden Instanzen haben. Die von Limbertz erwähnte Instruktion scheint nicht Pribatarbeit des betreffenden Generals zu sein, sondern eine Arbeit, zu der ihm vielleicht von recht hoher Stelle der Auftrag gegeben worden ist. Diese Instruktion be- weist die tiefe Kluft zwischen Volk und Regierung in Preußen. (Sehr richtige) Das Volk wird sich durch die Erkenntnis, daß seine Gegner es mit allen Machtmitteln unterdrücken wollen, nicht eine Minute seinen Weg beirren lassen. Ich halte nach wie vor die Vorstandsresolution für ausreichend. Wenn Sie aber wollen, fügen Sie den ersten Satz der Resolution Luxemburg hinzu. Die Wahlrechtsdebatte wird weit hinausklingen ins ganze Land und unsere Genossen werden allen denen, die mit uns in dieser Frage sympathisieren bezeugen, mit welchem Ernst der deutsche Parteitag dieser Frage gegenübersteht.(Lebhafter Beifall.) Vor der Abstimmung erklärt im Namen der Unterzeichner der Resolution Luxemburg Klara Zetkin:'Wir ziehen den zweiten Absatz zurück, weil wir der Ansicht sind, daß durch die Resolution des ersten Absatzes die Verbindung mit der Vorstandsresolution das Ziel er- reicht wird, das wir im gegenwärtigen Augenblick ins Auge gefaßt hatten. Hierauf wird die Resolution des Parteivorstandes in Verbin- dung mit dem ersten Satz der Resolution Luxemburg in folgender Weise angenommen: „Der in Deutschland herrschende scheinkonstitutionelle Militär- absolutismus hängt aufs innigste zusammen mit den reaktionären Verfassungsverhältnissen Preußens. Während in einer Anzahl süddeutscher Staaten das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht zu dem Landtag eingeführt ist, bestehen in Preußen, Sachsen und den norddeutschen Kleinstaaten Wahlgesetze, die mit ihrer auf dem Geldsack beruhenden Klasseneinteilung oder der Gewährung von mehr Stimmen und sonstigen Privilegien an die Besitzenden ein Hohn auf die staatsbürgerliche Gleichberechtigung sind. Besonders das Dreiklassenwahlshstem in Preußen mit seiner öffentlichen Stimmabgabe bedeutet eine Diktatur der Großgrund- besitzer und Großkapitalisten in dem größten deutschen Bundes- staat und damit im Reich. Ihre skrupellose, lediglich der eigenen Bereicherung dienende Politik hindert jeden ernsten, kulturellen und demokratischen Fortschritt und bildet eine steigende Gefahr für das Reichstagswahlrecht. Der Parteitag protestiert gegen diese Verfassungszustände, die in schroffem Gegensatz zur wirtschaftlichen EntWickelung stehen und die schaffenden und politisch reifen Bolksmassen aufs tiefste empören. Er spricht seine Genugtuung aus über die mit großer Energie geführten Wahlrechtskämpfe tn den einzelnen Bundesstaaten. Der Parteitag fordert für alle über 20 Jahre alten Staatsbürger beider Geschlechter das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht auf Grund des Verhältniswahl- shstems für die Wahlen zu allen öffentlichen Körperschaften und Einteilung der Wahlkreise nach jeder Volkszählung. Der Parteitag erwartet, daß in Preußen und den- anderen Bundesstaaten die Genossen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln den Wahlrechtskampf bis zur Erringung der vollen poli- tischen Gleichberechtigung weiterführen. Der Parteitag erklärt in völliger Uebereinstimmung mit dem jüngsten preußischen Parteitag, dessen Ausfassung durch die Lehren des Wahlrechtskampfes dieses Frühjahres vollauf bestätigt worden ist. daß der Wahlrechtskampf in Preußen nur durch große entschlossene Massenaktionen dcS arbeitenden Volkes zum Siege geführt werden kann, wobei alle Mittel, darunter auch der politische Massenstreik nötigenfalls zur Anwendung gebracht werden müssen". Der Antrag 86 wird einstimmig angenommen. An- trag 101 wird abgelehnt. Die Genoffenschaftsfrage. Referent Flrihner: Der Internationale Kongreß in Kopenhagen hat in einer ziemlich ausführlichen Resolution die Stellung zu den Konsum- vereinen festgelegt. Die Kvpenhagener Resolution stellt erstens die Nützlichkeit der Konsumvereine in materieller, sozialer und poli- tischer Beziehung für die allgemeine Arbeiterbewegung fest und konstatiert zweitens, daß die Konsumvereine nur dann einen wesentlichen Wert für die allgemeine Arbeiterbewegung haben, wenn sie mit sozialem und sozialistischem Geist ver- knüpft werden. Das ist die wichtigste Feststellung der Resolution. Die Reso lution sagt weiter, daß wir infolgedessen engere Be- ziehungcn zwischen Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft herbeiführen müssen. Sie betont aber auch, daß man nicht die Anschauung auskommen lassen darf, daß etwa die Konsumvereine allein imstande wären, die Arbeiter aus dem kapitalistischen Joch zu befreien. Andere Punkte, namentlich die Frage der rechtlichen Stellung der Konsumvereine, überläßt die Resolution der Entscheidung der genossenschaftlichen Organisationen in den einzelnen Ländern. Die Produktivgenossenschaften und die Bau- und Wohnungsgenossenschaften sind nicht als selbständige EenossenschaftSarten zu behandeln, sondern sie haben in den Konsumvereinen möglichst aufzugehen. Es ist durchaus falsch, daß die sozialdemokratische Partei sich nie um die Genossenschaft be> kümmert habe. Marx und Lassalle haben den Produktivgenossen- schaften eine nicht unwesentliche Rolle in der EntWickelung der modernen Arbeiterbewegung zugedacht. Die Konsumvereine schieden fast völlig aus dem Kreise ihrer Betrachtungen aus oder man stellte sich ihnen ablehnend gegenüber. Marx hat an mehreren Stellen im„Kapital" darauf hingewiesen, daß die Produktiv- genossenschaften Triebkraft zur Umwandlung der bürgerlichen Ge- sellschaftsleitung sein sollen und sein können, während, da die Aus- beutung der Arbeiter durch die Händler eine sekundäre sei. die Konsumvereine und alle Organisationen, die sich auf den Handel beziehen, nicht in Betracht kommen können für die moderne Ar- beiterbewegung. Aehnlich äußerte sich Lassalle in seinem offenen Antwortschreiben, wo er ausführte, daß es falsch sei, den Arbeitern als Konsumenten helfen zu wollen, man müsse ihnen von der Seite helfen, wo sie der Schuh drückt, als Produzenten. Auch seine Theorie des eherneit Lohngesetzes führte ihn zu einer Ablehnung der Konsumvereine. Der Genfer Kongreß der Internationale von 1866 empfahl den Arbeitern, sich eher auf Prvduktivgenoffenschaften als auf Konsumgenossenschaften einzulassen. Die letzteren berühren nur die Oberfläche des heutigen ökonomischen Systems, die elfteren greifen«S in seinen Grundfesten an. Auch der liberale Schulze- Delitzsch hielt die Produktivgenossenschaften für den Schlußstein des ganzen Genossenschaftsgebäudes, wenn er natürlich auch in der GenossenschastSbewegung ein.Mittel zur Festigung, nicht zur Auf- Hebung der bürgerlichen Gesellschaft sah. Die Sozialdemokratie dagegen betrachtet, wie der Kopenhagener Kongreß wieder beweist, die Genossenschaften hauptsächlich als Mittel zur Beseiti- gung der herrschendes GesellschaftSordnjlng. Freilich find cS jetzt nicht mehr die Produktiö« genossenschaften, sondern die K o n s u mg e ns sf-e n- schaften, die mit dazu beitragen, die Arbeiterschaft bis zu 'einem gewissen Gvade in ihrem Kampfe zu unterstützen. Die Praxis hat ergeben, daß die P r o d u k t i v g e n o s s e n s cha f t e u nicht die' ihnen zugedächte Rolle spielen konnten. Bisher ist die' Genossenschaftsfrage noch nie selbständig auf einem deutschen Parteitag behandelt' worden. 1892 in Berlin nahm man lediglich zu den Produktivgenossenischaften Stellung. Die Konsumvereine hatten allerdings damals noch nicht entfernt die Bedeutung, den Umfang und Einfluß wie heute. Von den HSV Konsumvereinen des Zentralberbandes Deutscher Konsumvereine haben 1892 erst 199 bestanden. 1899 auf dem Parteitag in Hannover wurden einige recht eigenartige Anschauungen über die Bedeutung der Ee- uossenschaften von einflußreichen Genossen vorgetragen. ES wurde behauptet, man könne sie zum Klassenkampf nicht ge- brauchen, die Arbeiter würden Selbstmord begehen, wenn sie diese Waffe benutzen würden. Nun, in neuester Zeit haben die Arbeiter erfreulicherweise den genossenschaftlichen Gründungen mehr Interesse entgegengebracht. 1999 gab eS etwa 1 450 000 Konsumvereinsmitgliedcr, davon eine Million im Zentralverband. Die„Produktion" in Ham« bürg, die 1899 gegründet wurde, zählt heute 28 999 Mitglieder. Aus der bürgerlichen Gcnossenschaftsbewegung sind leider eine Menge Fehler übernommen. Früher war in der Hauptsache der Gesichtspunkt maßgebend, den Leuten einen wirtschaftlichen Vorteil, eine Dividende zu ver- schaffen. In Sachsen hat zur Zeit des Sozialistengesetzes viel der Umstand zur Begründung von Konsumvereinen geführt, daß der ganze Mittelstand im antisemitischen Fahrwasser segelte und daß viele Arbeiter sich die Frage vorlegten, wie sie dazu kämen, ihren ärgsten politischen Feinden, die ihnen die Lokale abtrieben und ihnen jede Gleichberechtigung absprachen, am Sonnabend ihr schwer verdientes Geld in den Laden zu tragen. Die leistungsfähigsten Konsumvereine sind aus den kleinsten Anfängen hervorgegangen. Der Konsumverein Leipzig-Plagwitz wurde 1885 mit 78 Personen gegründet, heute hat er 49 695 M i t g l i e d e r, lö'ch. Millionen Mark Umsatz, den größten Umsatz aller Konsumvereine in der Welt, 76 Verkaufsstellen und zahlt an Löhnen 1 399 999 M. Wenn man sagt, die moderne Arbeiterbewegung hätte sich früher um die Konsumvereine kümmern sollen, so halte ich es gerade für ein Glück, daß die Arbeiter Deutschlands zunächst ihr Hauptaugenmerk auf die politische und gewerkschaftliche Organisation gerichtet haben. Das hat uns vor all den Fehlern und Uebertreibun- gen geschützt, die wir in anderen Ländern in bezug auf die Bedeutung oer Konsumvereine für die Arbeiterklasse wahrnehmen dürfen. Sie haben uns vor einer gefährlichen Ueberschätzung der Konsumvereine bewahrt. Auch heute ist ja diese Ueberschätzung vor allem in leitenden Kvnsumvereinskreisen noch hier und da vorhanden, wenn man z. B. davon spricht, daß die Konsumvereine, überhaupt die Wirtschaftsgenossenschaften, einen wesentlichen Faktor zur Lösung der sozialen Frage bilden könnten. Das Beispiel Englands be- weist, daß das völlig ausgeschlossen ist. Wir haben in England die größte und leistungsfähigste Konsumvereinsbewegung der Welt, aber es gibt nichts davon zu spüren, daß die Konsum» vereine dort einen wesentlichen Einfluß auf die kapi» talistischen Verhältnisse ausgeübt hätten. Die Arbeiter haben dort unter den kapitalistischen Verhältnissen als Produzen- ten genau so zu leiden wie bei uns. In Sachsen hat man zuerst erkannt, daß die Konsumvereine ihre eigenen Wege gehen müssen, wenn sie sich richtig entwickeln wollen. Dort hat sich zuerst ein besonderer Verband abgezweigt von dem allgemeinen Verband Crügerscher Richtung. Von sächsischen Konsumvereinen wurde auch die Großeinkaufsgesellschaft in Hamburg gegründet. Erst die eigene Organisation, der Zentralverband Deutscher Konsumvereine, hat die Konsumvereine lebensfähig gemacht. Die Gefahren der Konsumvereine will ich nicht verschweigen. Die Zu- aehörigkeit zu ihnen geht aus egoistischen Motiven hervor. Aber die Konsumvereine sollen mit sozialem und sozialisti» s ch em Ge i st e r f ü l l t s e i n. Das wird nur möglich sein, wenn die Konsumvereinsmitglieder aufgeklärte Genossen.sind. Darum müssen wir gerade die organisierten Genossenschaftler zum Ein- tritt in die Konsumvereine auffordern. Dann werden sie nicht mehr zu klagen brauchen, daß die Konsumvereine nur Dividenden- pressen sind. Eine große Rolle in der Konsumvereinsliteratur spielt das Schlagwort vom gleichen Interesse aller Konsumenten. Rein akademisch ist das richtig.. Aber ein richtiges und dringendes Jnter- esse an den Wirtschaftsgenossenschaften haben nur die besitz- losen Klassen, die kleinen Reichsbeamten natürlich ebenso wie die Fabrikarbeiter. Dem Besitzenden soll der Konsumverein nicht verschlossen sein. Aber die Interessen der Besitzlosen müssen über- wiegen. Diese Erkenntnis ist wichtig für den Streit um die söge- nannte Neutralität. Die Resolution des Kopenhagener Kongresse» wird hier hoffentlich auf beide Teile erzieherisch wirken, so daß cS nicht für alle Zukunft bei bloßen Sympathieresolutionen zwischen den Genossenschaften und dem Sozialismus bewenden mutz. Die Redensart, daß durch die Konsumvereine der Kapitalismus ausge- höhlt und unterwühlt werden könnte, ist allerdings nicht einmal ein schöner Traum. Es wäre doch ganz sonderbar, wenn die bürgerliche Gesellschaft in dem Augenblick, wo sie sehen würde, daß ihre ganze Existenz durch die Konsumvereine in Frage gestellt werde, ruhig zusehen und nicht politische Mittel in Anwendung bringen würde, um diesen Prozeß zu unterbinden und aufzuhalten. Die Konsumvereine können sehr verschieden wirken, je nachdem die Leitung ihre Aufgabe auffaßk. Selbst Unternehmer haben früh schon Konsumvereine gegründet, um die Arbeiter von Lohnforde- runaen abzuhalten. Partei und Gewerkschaft sind berufen, die Konsumvereine zu dem zu machen, was sie sein sollen und können. Das ist ja überhaupt der Grund, aus dem die Partei offiziell zur Genossenschaftsftage Stellung nimmt. In der Resolution heißt es ganz richtig, daß die Konsumvereine unter den dort näher dar- gelegten Voraussetzungen gute Hilfsmittel für die Bestre- bungen der modernen Arbeiterbewegung sein können. Das ist die richtige Anschauung, die fern ist von Ueber- oder Unterordnung. Von dieser Auffassung aus können wir die Konsumvereine in den Rahmen der modernen Arbeiterbewegung einpassen. Die Kopen- Hagener Resolution läßt die Frage offen, ob die Konsumvereine politische Vereine. Teile der Partei oder gar wie in Belgien die Partei selbst sein sollen. In Deutschland wäre es ganz falsch. die Konsumvereine in ein Abhängigkeitsverhältnis von der Partei zu bringen oder umgekehrt. Alles spricht dafür, daß sie wie bisher ihre volle Selbständigkeit wahren. Ganz unabhängig davom wie die Konsumvereine �ur politischen Bewegung stehen, kommt es lediglich darauf an, tn welchem Geist die in den Konsumvereinen tätigen Genossen wirken. Allerdings tun auch viele Parteigenossen ihre Pflicht hierin nicht, sondern bleiben aus Furcht, daß der Konsumverein von den Gegnern zu einem sozialdemokratischen ge- stempelt werden könnte, ihm fern, oder verleugnen in ihm ihre Zu- gehörijzkeit zur Partei. Eine andere Frage ist die: Ist der Konsumverein geeignet, in den Klassenkampf der Arbeiter selb st positiv einzugreifen oder wenigstens seinen Mitgliedern im Kampfe beizuspringen?) (Siehe auch Hauptblatt.) Eingegangene Drnchfchini'ten. Bericht dcS Instituts für Gemeinwohl zu Frankfurt a. M. Wer das vierzehnte Geschäftsjahr 1909/19. Druck von G. Aoelmann, Frankfurt a. M. Borbericht zur gesetzlichen Regelung der Akkorvarbeit� Bon MaglstratSret P. Wölbing Separatabdruck aus Gewerbe- und ktaiismaniiZ- geeicht 15. Jahrgang. Nr. IL. 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Mm. 3. jeiidjje des„UmlÄs" Kerliner UgllisdlM. 24.s-Mbtt.M. ver englische LmeMhgstsIiongrek. Man schreibt uns aus Sheffield nach Schluß des Kongresses: In dem großen Victoria-Saale, wo sonst fromme Gemeinden den sektierischen Predigten weslehanischer Pfarrer lauschen, ist das Parlament der Arbeit versammelt. Das sind keine.idealistischen Träumer" oder politische Abenteurer, die in der Arbeiterbewegung ihr Glück versuchen, sondern lauter praktische, lebenserfahrene Männer, die entweder noch jetzt in den Fabriken und Werkstätten arbeiten oder viele Jahre ihres Lebens dort verbracht haben und jetzt die oft nicht minder prosaische BerwaltungSarbeit gewerkschaftlicher Organi- sationen versehen. Die.sozialistischen Agitatoren" sind hier nicht, Wenigstens nicht als solche, vertreten. WaS auch die Borzüge oder die Mängel der hier Versammelten sein mögen, das sind die Leute, von denen das Wohl und Webe der englischen Arbeiterbewegung, ja die Zukunft des ganzen englischen Volles ab- hängt. Blickt man im Saale umher, dann fällt einem die außer- ordentlich große Zahl grauhaariger Gestalten auf. Man merkt gleich, daß man es hier nicht mit einer kürzlich entstandenen Bewegung, sondern mit Organisationen zu tun hat, die viele Jahrzehnte wechselvoller Schicksale hinter sich haben. Die fast grenzenlose Loyalität der englischen Arbeiter zu ihren alten Führern, auch wenn diese hinter der Gedankenwelt der neuen Generation etwas zurück- bleiben, zeigt sich so im kleinen wie im großen, in den einzelnen Organisationen wie in der nationale» Führer- schaft. Sieht man sich die Delegierten etwas genauer an, dann gewahrt man, daß fast die ganze Rechte von Berg- arbeitern und fast das ganze rechte Zentrum von Textil- arbeitern, genauer von Baumwollspinnern und Baumwolllvebern besetzt sind. Die Bergarbeiter zählen 129 Delegierte, die Spinner und Weber 78. Diese beiden Arbeiterlategorien bilden also zu- sammen nahezu die Hälfte des Kongresses, und wo sie einig sind, da müsten sie ihn beherrschen. Die organisierten Bergarbeiter und Textilarbeiter sind aber die klassischen Vertreter der sogenannten Aristokratie der Arbeit, jener Proletarier, die sich eine leidliche Existenz für sich selber zu sichern gewußt haben und sich, wie ihnen oft vor- geworfen wird, sehr wenig um das Schicksal der schlechter gestellten Lohnarbeiter kümmern, vielmehr auf den Schutz ihrer Vorrechtstellung bedacht sind. Bergarbeiter und Textilarbeiter sind auch jene Arbeiter- kategorien, deren Führer bis zum heutigen Tage dem Sozialismus ferngeblieben sind. Unter diesen Umständen sollte man erwarten, daß der Kongreß ein vornehmlich konservatives Gepräge tragen würde. Wenn dies trotzdem nicht der Fall ist, und eS war sicherlich nicht der Fall. so liegt daS hauptsächlich an dem Umstände, daß die beherrschende ilrbeiterkategorie des KongresteS, nämlich die Bergarbeiter, sich selber inmitten einer überaus stürmischen EntWickelung befinden. Sie haben sich erst vor zwei Jahren, und zwar gegen den verzweifelten Widerstand mancher ihrer parlamentarischen Führer, der Arbeiter- Partei angeschlosien. Sie haben sich seitdem in wahrhaft erstaunlicher Weise vorwärts entwickelt und heute bilden sie wirtschaftlich und politisch beinahe schon die Vorhut der ganzen organisierten Arbeiter- schaft Englands. Wie die Bergarbeiter, so kennzeichnet auch den ganzen Kongreß ein fast elementares Hinausstreben aus veralteten Anschauungen in eine klarere, von erwachtem Klassenbewußtsein ge- leitete Zukunft. Aufsallend ist die Klarheit und Intelligenz, mit der die Dele- gierten ihre Angelegenheiten und Argumente vorbringen. In dieser Beziehung ist der englische Gewerkschaftskongreß jedem Arbeiter- kongreß der Welt ohne Zweifel zumindest ebenbürtig, und mancher Gelehrtcnprofessor. um von Parlamenten zu schweigen, könnte sich in dieser Versammlung die Regeln klarer und bündiger Ausdrucksweise holen. Hier hört man keinen konfusen Wortschwall, ja kaum eine überflüssige Phrase, nach streng wiflenschaftlicher Methode baut jeder einzelne Delegierte, WaS auch seine Ansichten seien, seine Arguniente auf, ruhig und sachlich, doch nicht ohne Temperament, und in so vollkommener Form, daß ein wörtliches Stenogramm sich ohne die geringste Aenderung als durchaus druckfähig erweist. Hier zeigt sich offenbar die geistige Frucht eines Jahrhunderts unbeschränkter Ver- sammlungs- und Redefreiheit. Eine andere auffällige Erscheinung ist die staunenswerte Toleranz, mit der die Delegierten der ihrigen widersprechende Meinungen ruhig anhören und sie sachlich zu prüfen sich bemühen. Diese Duld- samkeit geht so weit, daß sogar Unternehmer den Standpunkt ihrer Klaffe am Kongreß vertreten können, daß ein liberaler Parlaments- l— Bethmann am JMontag, Uns wird geschrieben: Die emporziehenden Kräfte der preußischen Dreiklassenlultur Wollen sich mit der Rinnsteinkunst verbinden, das ist die einstweilen neueste Blockbildung, mit der die Regierenden sich zu den Wahlen rüsten. Bethmann sucht Publikum, er steigt von seinem aristo- kratischen Stühlchen herunter und buhlt um die öffentliche Meinung. Die Beobachtung, daß am Montag alle Blätter in der Reichshauptstadt mit radikaler Opposition arbeiten, hat einen Pfisfikus auf den Gedanken gebracht, durch eine Nachahmung dieser Preßerzcugnisse wenigstens einen Tag in der Woche Bcth- mann zum Volke reden zu laffen. Man weiß, daß ein Teil der Anziehungskraft der Berliner Montagsblätter durch das Feuilleton bewirkt wird. Also will das Bethmannsche Montagsblatt feuille- tonistisch glänzen. Da aber die Literatur des Schnapsblock dem Berliner Publikum ungenießbar ist, so wird man die notwendigen Literaten aus dem Geschmackslager des äußersten Westen holen. Alles, was Namen hat, soll herangeholt werden. Ueber dem Strich Rcichsverband, unter dem Strich Gerhart Hauptinann— das Bindeglied märchenhafte Honorare. Durch die Rinnsteinkunst zur Anbetung des Königsbcrger Gottcsgnadentums, das ist die Losung. Auch dieser Gedanke, durch Anpassung an den literarischen Geschmack des Publikums für die reaktionärste Politik zu werben, ist nicht original. In den Lebenserinnerungcn des deutschen Diplomaten Julius v. Eckhardt, die jüngst aus seinem Nachlaß ver- öffentlicht worden sind, konnte man za schon die erbauliche Ge- schichte lesen, wie er während seiner Tätigkeit im Preßbureau der Regierung die Mission ausführte, Romane der beliebtesten Schrift- steller für hohe Honorare anzukaufen, um durch dieses Lockmittel eine kleine Bismarcksche Reptilicnkorrespondenz schmackhaft zu machen; und Eckhardt versicherte mit ironischem Behagen, daß die Poeten auf den Handel eingingen, ohne auch nur nach dem Zweck zu fragen Die geheimen Beziehungen der preußischen Regierung zu heliebten Schriftstellern sind überhaupt enger als immer öffent- lich bekannt wird. Von de» intimen Beziehungen der reaktionären Romantiker zu den preußischen Machthaber» weiß man. Aus unserer Zeit mag man an Gustav Freytag erinnern. Die Pflege einer offiziösen Poesie gehört durchaus zu den Mitteln preußischer RcgierungSkunst, und ze moderner oder doch modischer die be- gönnerten Dichter äußerlich sich gaben, umso brauchbarer wurden sie für die Absicht der Regierung. Gegen die radikalsten Prinzipien einer gelehrt exklusiven Philosophie, j>:gen die künstlerische Gcstalwng geistiger Schrankenlosigkeit hatte man nichts einzuwenden, aber dix freie Erörterung der kleinsten politischen Tagesfragen war als abgeordneter, ein Aucharbeiter, der sich vom revolutionären Sozial- demokratcn zum liberalen Gegner unabhängiger Arbeitervertretung .entwickelt" hat und am Kongreß eine„Gewerkschaft" vertritt, die nur auf dem Papier existiert, die Sozialisten in unverschämter Weise angreifen darf— ein Vorfall, der jedem unter anderen Verhältnissen Aufgewachsenen das Blut in Wallung bringt; die Delegierten aber hören ihm ruhig und aufmerksam zu, begnügen sich mit einem ge- linden„No, No l", wenn er handgreiflich falsche Behauptungen auf- stellt, und enthalten ihm nicht ihren Beifall vor, wenn auch er ein- mal etwas Treffendes sagt. ES ist dicS das englische„Fiur play", daS sich in der Denkweise auch des Gegners einzuleben bemüht und ungeachtet begründeten Verdachts an den guten Willen und die Ehrlichkeit eines jeden glaubt, bis nicht überwältigende Beweise sür das Gegenteil erbracht sind— vortreffliche Eigenschaften an sich, die aber gcwiffen Einzelpersonen und den herrschenden Klassen im all- gemeinen nicht selten die Möglichkeit bieten, die englischen Arbeiter mitunter recht lange an der Nase Herumzuführen. Wer den Kongreß ausschließlich nach festländischen Maßstäben beurteilen wollte, der würde ihn wahrscheinlich allzu leichtlviegend finden. Man muß jedoch einmal die E n t w i ck e l u n g in den letzten Jahren in Rechnung ziehen und ferner beachten, daß man über die äußeren Formen der Bewegung ihr sachliches Wesen nicht mißdeuten darf. Die soziale Exklusivität der Arbeiterbewegung des Festlandes hat in England kein entsprechendes Gegenstück. Or- ganisierte Arbeiter, und zumal solche, die sich zu leitenden Stellungen in ihren Organisationen aufgeschwungen haben, sind in bürgerlichen Kreisen gesellschaftlich willkommen. Dies ist daS soziale Seiten- stück zu den Versuchen der herrschenden Klaffen, die Arbeiterbewegung durch kleine Konzessionen politisch zu entwaffnen. Der Erfolg ist ohne Zweifel ganz beträchtlich. Es gibt so manche Gewerkschaftsführer auf diesem Kongresse, in denen man keinen Funken revolutionären Klassenbewußtseins entdecken wird. Sie sind stolz auf ihre Klasse, nicht wegen der Wirt- schaftlichen und kulturellen Bedeutung, die sie für diese und jede denkbare Gesellschaft hat, sondern wegen der respektablen Stellung, die sie oder der organisierte Teil derselben sich innerhalb der heutigen Gesellschaft erobert hat. Der Klongreß läßt sich die Gastfreundschaft der organisierten Unternehmer Sheffields ohne jeden Nebengedanken bieten und nimmt auch die Einladung eines konservativen Parlaments- Mitgliedes und Grubenbesitzers ohne Zögern an. Aber schon werden Stimmen laut, die auch gegen diese formale Trübung des Klassengegensatzes protestieren. Namentlich jüngere Deputierte warne« unter dem stürmische» Beifall des Kongresses, Unternehmern und Pfaffen über die Schwelle zu trauen, und erst recht nicht dann, wenn sie sich als fortschrittlich gebärden. Eine Resolution wird eingebracht, die Einladungen bürgerlicher Personen und Körperschaften künftig abzulehnen, und sie erhält mehr als ein Drittel der Stimmen. In der Sache selbst hat der Kongreß längst alle Illusion be- graben. Hier und dort mögen noch einzelne Personen von sozialer Harmonie unter dem Kapitalismus träumen, aber sie wagen es kaum mehr, ihre Ansichten offen zu verkünden. Alte Vorurteile haben ein zähes Leben in der englischen Arbeiterbewegung und es ist ungemein schwer, den Gewerkschaftskongreß zur Aufnahme eines neuen Gedankens zu bewegen. Unduldsame, heftige Redensarten niachen die Sache fast stets noch schlimmer und die einzige erfolg- reiche Methode ist, die überzeugende Wucht der Tatsachen immer und immer wieder wirken zu lassen. Ist der Kongreß so von der Richtigkeit einer neuen Idee oder eines neuen Grundsatzes endlich überzeugt worden, dann macht er sie oder ihn sofort zu seinem unwiderruflichen Besitzstand, und dann gibt es kein Zurück mehr. Dies läßt sich an dem Schicksal zahlloser Resolutionen verfolgen. Die Forderung der Vergesellschaftung der Produktionsmittel wurde anfangs jedes Jahr wütend bekämpft und mit stets sinkenden Mehrheiten abgelehnt. Ende der 90 er Jahre wurde sie endlich zum ersten Male angenommen, dann mehrere Jahre hintereinander ohne Widerspruch passiert, bis sie schließlich als eine erledigte Angelegenheit überhaupt von der Tagesordnung verschwand. Aehnlich ging es mit der Forderung des Achtstunden- tages. Vor nicht sehr langer Zeit noch konnte man die Annahme eines Beschlusses verhindern, wenn man als Sozialismus und Revolntionarismns es verschrie. Heute schreckt der Kongreß vor diesen Dingen nicht mehr zurück, ja selbst der„industrielle UnioniSmuS' und der Gedanke des Generalstreiks chokiert ihn nicht mehr. Er ist vielleicht die wertvollste Leistung des Shesfielder Kongresses, daß er der jämmerlichen gewerkschaftlichen Zersplitterung den Krieg erklärt hat und den Zusammenschluß in Jndustrieverbände und einen National- Verbrechen wider die Obrigkeit verpönt, wie man unter Frie- brich II. zwar den lieben Gott auf alle Weise kritisieren durfte aber nicht den siebenjährigen Kieg und die Hiebe des königlichen Polizeistocks. Die Männer der Wissenschaft, die in Deutschland außerhalb der Universitäten kaum eine materielle Dascinsmöglichkeit hat, sind durch ihre Bcamteneigenschaft in den Regierungsdienst ein- geschirrt; man erlaubt ihnen nicht nur, sondern verlangt von ihnen einen bescheidenen Freimut, der den Schein wissenschaftlicher Un- abhängigkeit wahrt, niemals aber über die Grenzen hinausgehen darf, die ihnen der jeweilige Kultusminister setzt; das ist die preußische Lehre von der„tunlichsten" Freiheit der Wissenschaft. Für die Dichter ist eine ähnlich« Organisation noch nicht geschaffen. Hätten wir eine deutsche Akademie nach dem Muster der französi- schen Unsterblichen oder die Einrichtung von Staatspensionen für hervorragende Schriftsteller, so würde es leicht sein, auch die un- beamteten Intellektuellen in dieselbe Hörigkeit zu bringen wie die Gelehrten. Wenn man bisher das Unternehmen einer deutschen Akademie nicht gegründet hat, so teils deshalb, weil die preußische Bureaukratie eine unsägliche Verachtung für alles Literatentum hat, teils weil man die Herren, wenn man sie brauchte, auch so zu finden wußte. Auch die Praxis, durch reaktionäre Zeitungs- Unternehmungen markante Schriftsteller einzufangcn, ist nicht neu. August Scherl hat das Geschäft gleich im Großen betrieben, nur hat er die Sammlung der geistigen Größen der bürgerlichen Welt mit der Propaganda politischer Entfärbung verbunden, so daß aus seiner Erziehung zwar politische Ignoranten und Indifferente hervorgingen, nicht aber Gläubige und Helfer der Berliner Politik. Nun wollen die Wahlmacher das Seherische System vervollkommnen. Die berühmtesten Geister sollen für die geistloseste Politik der Welt werben. Im Gefolge Bethmanns traben die In- tellcktucllen, die Modernen, die Goethcbündlcr, die Monisten, die Sezessionisten, kurz alles, was eben noch Rinnsteinkunst und Um- stürz genannt wurde. Fast scheint es, als ob man Deutschland gleich an allen Ecken geistig anzünden will, um die rote Flut ver- dampfen zu machen. In Berlin wandelt am Montag Bethmann den Weg der gottgewollten Abhängigkeiten, und hinter ihm die freien und modernen Köpfe, strahkend von fabelhaften Honoraren. In München geht das Kaiscrblatt ernsthaft um, und Fllrstenbergsche Millionen sollen vom Süden aus für das Wilhelminische Zeitalter sorgen. Schon spricht man von der Auferstehung der ewig stcrb- lichcn„Allgemeinen Zeitung", an der selbst Scherl nichts zu ver- dienen verstand. Die Gefahren dieser papiergen Gründungen sind nicht groß. Mit Honoraren lassen sich die bürgerlichen Intellektuellen zur Mit- arbeit gewinnen, gbex Leser und AbonneM« sollen doch zahlen, verband in greifbare Nähe gerückt hat. Gleichzeitig damit ist be- schloffen, Mittel und Wege zu suchen, um die Tarifverträge in allen Industrien an demselben Zeitpunkt in jedem Jahre abzuschließen. Das hieße das Ende der langfristigen Tarifverträge, die eben jetzt in der Vauinwollindustrie, im Bergbau und im Schiff- bau elend zusammenbrechen. DaS sind Beschlüsse von der denkbar größten revolutionären Bedeutung, und schon ihretwegen wird der Sheffielder Kongreß denkivürdig bleiben. Gewiß hat die gerade jetzt sich offenbarende Macht und Gemciugcfährlichkcit der erst jüngst erstarkten Scharfmacherverbände mächtig zu diesen Be« schlüffen beigetragen. Aber einmal gefaßt, werden sie wie alle anderen Beschlüsse zum unverlierbaren Gemeingut der organisierten Arbeiter- schaft bleiben und sehr bald in die Praxis umgesetzt werden. Nicht unerwähnt darf der überaus wohltätige Einfluß bleiben, den Mitglieder der sozialistischen Organisationen am Gewerkschafts« kongreffe ausüben. Vor allem verdienen die Mitglieder der S. D. P. unter den Kongreßdelegierten uneingeschränktes Lob. Die Erfahrungen der letzten Woche haben jedenfalls gezeigt, daß eS im Jntcreffe der Vorwärtsenttvickelung der englischen Arbeiterbewegung unschätzbare Dienste leistet und einen Einfluß ausübt, der ihre numerische Stärke um ein Vielfaches übersteigt. Die Mitglieder der S. D. P. stellen in der Tat den revolutionären Sauerteig in der Gewerkschaftsbewegung dar. Fast in jeder Frage, sei sie der Sozial« reform, der Organisation, der allgemeinen Politik oder der Er« ziehung, waren es Mitglieder der S. D. P., die ohne Aufdringlich- keit, mit Geschick und UeberzeugungSkraft und fast durchweg mit Er« folg den revolutionären Klaffeustandpunkt vertreten und den Kongreß einen Schritt vorwärts brachten. Der Gesamteindruck des Kongresses ist ein durchaus günstiger. Diese£»09 Gewerkschaftsvertreter, in die das organisierte Proletariat sein Vertrauen gesetzt, stellen eine hochintelligente und hochentwickelte, aber trotzdem außerordentlich entwickelungs- und aufnahmefähige Masse dar, die niemand Besorgnis zu verursachen braucht. Aeußerlich schleppen sie noch manchen alten, unbrauchbar gewordeneu Ballast mit sich herum, in der Form gehen sie zuweilen Wege, die einen festländischen Sozialisten stutzig inachen kö/men, aber sieht die Sache selbst zur Entscheidung, dann sind sie so gesund und sattelfest wie nur einer. Hier und da mag eS eiuein alten Führer gelingen, nicht durch Vernunftgründe, sondern durch Erwcckung halbvergeffener Vorurteile einen schwachen Nachhall alter, trauriger Zeiten im Kongreß zu erwecken- Die Gegenwart und die Zukunft gehören aber unwiderruflich dem entschlossenen Kampf, um neue, höhere Ziele. Die englischen Arbeiter haben schon heute die Macht, ihre Emanzipation durchzusetzen, und sie fangen an, sich ihrer Macht bewußt zu werden. Sie werden im Alltagskampfe oft mit Glacehandschuhen umgeben, wo ihre kontinentalen Brüder Stöcke und Schinne anwenden. Kommt es aber einmal zum Gebrauche ernsterer Waffen in großen Eut« scheidungskämpfen, dann werden die Engländer hinter der Arbeiter« schaft keines Landes zurückbleiben. Versammlungen. Der sozialdemokratische Verein für den fünften Wahlkreis hielt am Dienstag eine Versammlung ab, wo Genosse Düwell über die Wirtschaftspolitik der Parteien sprach. Die Grundgedanken des mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrages sind ungefähr folgende: Wenn man die bürgerlichen Parteien der Programme und Devisen, in die sie sich hüllen, entkleidet, dann sieht man, daß sie nichts sind, als Vertreterinnen der wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Parteien be- kennt sich die Sozialdemokratie offen als Vertreterin der Wirt- schaftlichen Interessen der Arbeiterklasse. Sie will die Ausbeutung und Lohnsklaverei beseitigen, während die bürgerlichen Parteien im Interesse ihrer Mitglieder die Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiter durch die herrschenden Klassen erhalten wollen. Daß alle bürgerlichen Parteien trotz ihrer gegenteiligen Versicherungen wirtschaftliche Interessenvertretungen gewisser Gruppen sind, daS sieht man unter anderem an ihrer Stellung zu den Fragen der indirekten Steuern und der Zollpolitik. In eingehenden Dar« lcgungen zeigte der Redner, wie sich seit 1879 in Deutschland die Schutzzollpolitik in immer steigendem Maße entwickelt hat und welche Stellung die verschiedenen Parteien zu dieser Politik ein- nehmen. Gegenwärtig liegen die Dinge so, daß der Bund der Landwirte, die Antisemiten, die Konservativen, die Ultramontanen und die Nationalliberalen unbedingte Schutzzöllner sind. Das Zentrum ist nach der Art seiner Entstehung eigentlich keine Wirt- schaftliche, sondern eine kirchliche Partei und weiß die katholischen und keine Macht der Erde kann sie gewaltsam zwingen, ihre Lektüre sich von Bethmann vorschreiben zu lassen. Der Versuch selbst aber, auf solche Weise die öffentliche Meinung zu gewinnen, ist ein Kulturbild von starkem Reiz. In welchem politisch zivilisierten Lande würde man auf den Einfall kommen, daß eine Regierung, die tief im Mittelalter klerikalen und feudalen Geistes steckt, Erfolg haben würde, wenn sie um die Wahlhilfe der radikalsten Jntcllck« tuellen sich bemüht? Wo ist dieses Nebeneinander von reaktionärster Politik und revolutionärster Gcistigkeit denkbar? Doch nur in einem Lande, wo die Politik das gcwerblick)e Monopol einer stumpfen Bureaukratie und eine versorgende Agentur einer Erbkaste ist. Der deutsche Minister ist weder Schriftsteller, noch Künstler, noch Ge- lehrter, er ist zumeist ein ehemaliger Landrat, fast immer ein alter Herr scudaler Korps. Kaum einer wäre imstande, einen an- ständigen Zeitungsartikel zu schreiben, nicht einmal ein ernstes wissenschaftliches Buch verständnisvoll zu lesen. Ein Reichskanzler gar, der von Beruf ein Theatcrstückschrciber wäre, ist undenkbar. Ist so die Regierung losgelöst von aller höheren geistigen Kultur, so sind die Vertreter von Kunst und Wissenschaft von aller Politik losgetrennt. Daß nur der in der Welt, in dem lebendigen Dasein der sozialen Kämpfe handelnde Mensch ein großer Künstler nnd Gelehrter werden kann, ist in Deutschland ein ebenso fremder Ge- danke wie der, daß nur der das Anrecht auf einen Posten im Staatsdienst hat, der sich auf geistigem Felde vor aller Ocffcntlich« keit bewährt hat. Diese staatsbürgerliche Durchdringung der In- tellcktuellen fehlt bei uns völlig. Nur wegen dieser Spaltung ist die Möglichkeit nicht nur denkbar, sondern auch unmittelbar leicht auszuführen, daß man die reaktionärste Politik durch unsaubere Verkuppelung mit moderner Kunst zu fördern sucht. Wir können in Ruhe abwarten, ob Bethmann am Montag ziehen wird, ob feuilletonistische Seifenblasen eine Gondel cmporzu- tragen imstande sind, in der die Ritter und Heiligen schwerfällig und plump sitzen, geschart um ein verfallenes GotteSgnadentuni. Aber die Herrschaft, die der bürgerliche Radikalismus am Montag in der Reichshauptstadt ausübt, sollte überwunden werden. Die An- regung des Parteitages verdiente schnelle Verwirklichung, den „Vorwärts" durch eine Montagsausgabe auszu- bauen. Ehe noch Bethmann am Montag erscheint, könnte bereits der„Vorwärts" am Montag auf dem Platze sein. Wir denken uns nicht nur eine gewöhnliche Montagsnummer, sondern eine in sich selbständige MontagSausgabe des Zentralorgans, die aufs reichste ausgestattet, in vollkommener Zcitungstcchnil die Tri» büne d er Internationale werden sollte, auf der allwöchcnt» lich die Wortführer des Sozialismus aller Clünder in einem Welt. Meeting zu den Massen sprächen. Dann mag getrost Bethmann am Montag die Honorarmoderne um sich sammeln, Arbeiler unlec Hinlveis auf kirchliche Interessen an seine Fahne zu fesseln. Jetzt sehen wir, daß-das Zentrum sogar auf ein Kom- promitz mit den Nationalliberalen hinarbeitet, welches in irgend einer Form wahrscheinlich auch zustande kommen wird. Vielleicht werden bei den nächsten Reichstagswahlen viele katholische Arbeiter, einsehend, daß das Zentrum ihre Jnteresien verrät, von dieser Partei abschwenken und zur Sozialdemokratie übergehen. Aber der Kern der katholischen Arbeiter hält vorläufig noch fest zum Zentrum. Tie Freisinnigen, früher unbedingte Freihändler, neigen jetzt auch zum Schutzzoll, weil viele ihrer Anhänger mehr und mehr als Aktienbesitzer an industriellen Schutzzöllen interessiert sind. Im weiteren behandelt der Redner die EntWickelung der in- bhviten Steuern und die Stellung der Parteien dazu. An der Zucker- und Branntweinsteuergesetzgebung veranschaulichte er die Liebesgabenpolitik. Nach Berechnungen, die Düwell aufstellte, ent- fiel auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1878 aus den Zoll- betrügen und den indirekten Steuern eine Belastung von ü,3 M.; im Jahre 1910 war diese Last auf 18,6 M. angewachsen. Zusammen mit der Verteuerung des inländischen Getreides infolge der Zölle ergebe sich für das letzte Jahr pro Kopf der Bevölkerung eine Belastung von 18,7 M., ungerechnet der Verteuerung, die aus den Fleisch-, Gemüse- und anderen Zöllen resultiere. Der neu zu wählende Reichstag hat Stellung zu nehmen zur Frage der Handelsverträge. Auch eine neue Finanzreformvorlagc ist sicher zu erwarten, ebenso neue, weitgehende Forderungen für den Militarismus. Wahrscheinlich wird im neuen Reichstage eine schutzzöllnerische Mehrheit zustande kommen, die alles versuchen wird, ihre Pläne zu verwirklichen und dem Volke neue Lasten auf- zubürden. Doch deshalb dürfen wir nicht etwa glauben, daß die Bekämpfung dieser Strömung keinen Zweck hat. Wir werden an- gcsichts einer starken Gegnerschaft nicht die Flinte ins Korn werfen. Im Gegenteil. Ein guter Kämpfer hat dann erst rechte Freude ain Kampf, wenn es gilt, starke und mächtige Gegner zu über- winden. Wir werden im neuen Reichstage zunächst alle Kraft daran zu setzen haben, um Zustände herbeizuführen, wie sie in der Aera Caprivi Herrschten. Das erreichen wir nicht etwa durch einen Block von Bebel bis Bassermann. Wir werden nicht auf dem hölzernen Pferde, welches der Freisinn bisher geritten hat, gegen den Schutzzoll losziehen. Unsere Sache ist es vielmehr, den Be- völkerungsschichten, die der Freisinn verlassen hat, nachzuweisen, wie sehr sie durch die Schutzzollpolitik in ihren wirtschaftlichen Interessen geschädigt werden. Ten K l e ingew erbet r erb enden muffen wir nachweisen, daß sie vom Hansabunde nichts..zuerwarten habe», da er ja auch im Fahrwasser des Schutzzolles schwimmt. Wir müssen den Kleingewerbetreibenden klar machen, datz sie durch den Schutzzoll nicht nur als Konsumenten belastet werden, sondern daß die Arbeiter durch die Verteuerung ihrer Lebenshaltung gezwungen sind, als Ausgleich Lohnerhöhungen zu fordern, durch welche die Kleingewerbetreibenden empfindlich getroffen werden. Auf diese Weise müssen wir den Kleingewerbetreibenden begreiflich machen. daß sie in ihrem eigensten Interesse für die Sozialdemokratie zu stimmen haben, die ja nicht nur eine Arbeiterpartei, sondern eins Partei der Arbeit ist. Praktisch muh dahin gearbeitet werden, in der Handelspolitik zunächst wieder auf Caprivi zurückzukommen. Dafür läßt sich eine Mehrheit zustande bringen.— Es gibt schwere Kämpfe bei der nächsten Reichstagswahl. Unsere Gegner rüsten gewaltig. Doch wir nehmen den Kampf unverdrossen auf. Wissen wir doch, daß die Gegner ihre Kräfte um so mehr anspannen, je mehr wir vorwärts kommen. Deshalb kann uns die Machtent- faltung der Gegner nicht entmutigen, sondern sie spornt uns an, auch auf unserer Seite alle Kraft im Kampfe zu entfalten und kämpfend zu siegen. Eoniiabenö, 21. September, Anfang VI, Uhr. NeueS königl. Lperu-Theater. Madame Bultersly. König!. Schauspielhaus. Molierc und die Seinen. Tartuffc. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Tic Nomaniischen. Kammer spiele. Gawän. Lefsing. Einsame Menschen. Komische Lpcr. Tosca. Berliner. Musikantenmädel. Neues. Das Aller. Neues Schaiillnclhaus. Wann kommst du wieder. Residenz. Nodlosss oblige. Kleines. Die verflixten Frauen- zimmer. 1. Klasse. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller«>.«Wallner- Theater.) Zapfenstreich. Schmer Chnrlottcnburg. Die Kreuzelschreiber. Friedrich- Wilheluistädtischcs. Biederleute. Berliner Volksoper. Der Trau- badour.(Ansang 8'/, Uhr.) Luisen. Die schöne Ungarin. Westen. Die schönste Frau. Modernes. Di- beste der Frauen. Triaiiv». Pariser Witwen. Neues Overette». Der Gras von Luxemburg. LuftspielhariS. Der Fcldherrn- Hügel. Hcrrincld. Wenn zwei dasselbe tun. Das starke Stück. Rose. Die gute Partie. FolicS Caprice. Der schwarze Schimmel.— Volle Pension. (Ansang H1!, Uhr.) Metronot. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Rudolf. Apollo. Spezialitäten. Baiiage. Spezialitäten. RcichSballe». Steltiner Sänger. Walhalla. Svezialitäien. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Svezialitäten. Prater. Der Bcttelstudent von Berlin. Schweizer-Garten. Spezialitäten. Urania. Dnuvenstrnhe Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Sternniaree, Anvalwenstr. 57—62. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: In den Dolomiten. Lusispieihaus. Heute abend 8 Uhr: Der Feldherrnhügel. DiöliriMlglmslalltisiZliss Sonnabend, 24. Sept., abends 8 Uhr Biederleute. Sonnabend nachmittag 3>/, Uhr: Kriemhilds Rache. Sonntag 3 Ubr: Kriemhilds Rache Abends 8 Uhr: Faust._ Luisen»Theater. Anfang 8 Uhr. Die schöne Kugarm. Sonntag 3 Uhr: ßm Spätsommer. 8 Uhr: Durchgegangene Weiber. Montag: Die schöne Ungarin. Dessinx-Tkeater. Sonnab. 8 lt.;(rinfatne Menschen. Sonntag 8 Uhr: Einsame Menschen. Montag 8 Uhr: Hcdda Gabler. EJerliner Theater. Heute 8 Uhr: Gastspiel Haust Niese Zum Ü3. Male: Pas Jlnslkuntciuuttdel. Neues Tlieater. Zum ersten Male: Das Alter. Ansang 8 Uhr. Sonntag und solg. Tage: Das Alter. Theater des Westens. Anfang 8 Uhr. Die scliOnütc Fran. Sonnt. 31/, Uhr: Ein Walzertraum. Modernes Theater (trülier Hebboltheater). Heute u. täglich: Djg VöLpö. Derliner Volksoper Belle-Allialice-Strasie 7/8. .,?K: Der Troubadour. Ä'cnc« Operetten-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: 'Der Graf uo» Luxemburg. Operette in 3 Alt. von ül. M. Willner u R.Bodansky. Musil v. Franz Lehar. I�esidenx-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abends 3 Uhr: Noblesse oblige. Schwan! in 3 Alten von Hcnnequi» und Leber. Morgen und folgende Tage 3 Uhr: sRohleane ohllgc._ Metropol-Theater. Kurraü! Wir leben noch!!! Graste Ausstattungsrevue!» 7 Bildern v. I. Freund. Musil v. L. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. stanz 3 Uhr. Rauchen gestattet. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Pariser Leben, OSE=THEATE Graste Ans. 8 Str. 132. hr. Ende 10'/, Uhr. � Die gute Durtie. L Lustspiel in 3 Alien von A. Lippschütz Sonntag 3 Uhr(halbe Preise) Othello. 8 Uhr: Die gute Partie. 3 Uhr: Daa sensationelle Programm. 9'/, Uhr: Das Tagesgespräch Berlins Verbotene Frucht. Annle Vara, Ludwig Mertens a. G. Ferner: 4 8!sters Amatls. Gisela Schneider- Xishch. Das verrückte Hotel usw. Dorothy Toye singt wie Caruso und wie die Patti sowie das von Publikum und Presse glänzend beurteilte Erinungs-Programm! Passage-Theater.- Das ErttlTnDngs» Progr. der Winter-Saison! Abends 8 ühr: Ciaire Waldoff mit ihren neuen Schlagern von Walter Kollo. Collins 10 eng? lisch. Backfische. Poltney u. May, George Barrington* und 13 Starnummern. J Sclilllei» Schüler-Theater 0.(Walliier-Theat.) Sonnabend, abends 3 Uhr: �aplenstrelch. Drama in 4 Aufzügen von Franz Adam Beyerlei». Ende 10'/, Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Nene Jagend. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Bibliothekar. Montag, abends 8 Uhr: Der Bihiiothekar. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Sennabend, abends 8 Uhr: Die Krenrieisehreiher. Bauernkomödie mit Gesang in 3 Akten von L. Anzengruber. Ende 10'/, Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Bgmont. Sonntag. abendS 8 Uhr: Robert und Bcrtruiu. Montag, abends 8 Uhr: Robert und Bertram. Passage-Panoptikum. Boddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! youht"7 Vitaskop- Thealer Hquanoptikum Experiment aus der 4. Dimension. Alles ohne Extra-Entree! Gastans Panopiikoiii Fr%d.ri±ir,ale.,}.65 Größtes Schau-Etablissement Berlins. I Großes Künsiler-SConzert. K Täglich geöffnet von 9 ühr vorm. bis 10 Uhr abends. Eintritt 50 Pf. Mli. ohne Charge n. Kinder 85 FE j W Brauerei Friedriclisliaiii Am KOnig�tor. Größter Konzertsaal Berlins I Vom 28. September bis 2. Oktober 1910 täglich: Gastspiel- Konzerle von JotlBiin StfällB aus Wien mit seiner gesamten KapeUe. Anfang Wochentags 7 Uhr, Sonntags 4 Ühr. Entree Wochentag 50 Pf., reserv. Platz 75 Pf., Sonntags 1 M.— Billetts im Vorverkauf zu ermäBigten Preisen(Entree 40 Pf., reserv. Platz 60 Pf., Sonntags 75 Pf.) in den„Vorwärts''-Spe(litionen Zucht, Immanuelkirchstraße 12, Hahnisch, Auguststraße 50 und Mann, Petersburger Platz 3. TERRASSEN HALENSEE Grfi6ter TergnDgungspark des Kontinents, Heute Sonnabend: populärer Süte-Hbend. Eintrittspreis 50 Pf. Fest der Luna. 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Willen und O. JustinuS. Musik von G. Michaelis. Nach der Vorstellung: Tante. Kaflencröstnung 6 Uhr. Alst. 7 Uhr. Giirolhoalgr-KiliomalODraph Bonn. Graterjan. Jnhab.: Rud. Merz, Schöuhauser Allee 129. Tel. 3, 9353. Lebende Photographien. Eintritt 30».»0 Ps., Kinder dieHSlst«. Ans.7 U., Sonnt. 4 U. Verzugsharten, nur wochent. gültig, 25 Pf. auf alle« Plätzen. Stets wechf. Programm. Dienstag u. Freitag v. 4— L'/,Uhr Kindervorstellung. Kinder 40 Pf., Erwachsene 20 Ps. Jeden Sonntag im Obersaal: Kiiustlerfonzert. Entrce 15 Ps. Garderobe 10 Ps. KstI Haverland- Ansang ThcnfoP Konimandanten« präz. 3 Uhr. lutlllul straste 77/79. Hugo Römer prolongiert. » WVllMlUMUUs Sonnabend, 24. September, abends 7'/, Uhr: ?. Grand Soiree high Lite, Besonders hervorzuheben: Der Kreisel-Globus. Neueste Kreation des Direltors A. 8cbnniann. Bclionis wunderbar dressierte Kakadns."TBS Apachen zu Pferde geritten von Frl. Bora Schumann und Herrn Karl steB. Brothers Tllranos. 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Da cS sich um eine wichtige Gemeindeangelegenheit handelt, werden die Genossen ersucht, für zahlreichen Besuch Sorge zu tragen. Dienstag, den 27. September, abends S'/a Uhr, im.Wilhelmsgarten": Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Ulm. Verschiedenes. Rudow. Am Sonntag, den 23. September, abends 6 Uhr findet im Lokal Rolle, Köpenicker Straße die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Dieselbe beginnt pünktlich. Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Borstand. Mahlsdors(Ostbahn). Der sozialdemokratische Wahlverein hält seine Mitgliederversammlung heute abend S'/a Uhr im Lokal des Herrn Linke, Grunowstraße ab. Tagesordnung: 1. Bericht vom internationalen Kongreß in Kopenhagen. Berichterstatter Genosse G. Sabath- Berlin. 2. Bericht von der Generalversammlung für Groß-Berlin. Berichterstatterin Genossin M. Buchmann. 3. Ver- schiedenes. Die Bezirksleitung. Reinickendorf-Ost. Morgen(Sonntag) früh findet für den 3., 4., 3., 6. und teilweise sur den 1. und 1a Bezirk von den bekannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung zur Gemeindevertreterwahl statt. Da die Arbeit sehr gewissenhast erledigt werden muß, er- warten wir, daß auch die Genossen der anderen Bezirke sich daran beteiligen. Die Bezirksleitung. Bernau. Die Wahlvereinsversammlung findet heute, Sonn- abend, 24. d. M., abends 9 Uhr, im Restaurant Bellevue, Jnh. Salz- mann, statt. Tagesordnung: Die wirtschaftliche Lage. Referent: Genosse Kürt Heinig._ Die Bezirksleitung. Berliner JNfacbricbten* Im Spandauer Forst. Vom Lehrter Hauptbahnhof oder von der Stadtbahn über Charlottenburg fahren zahlreiche Vorortzüge nach Spandau. Unterwegs haben wir Gelegenheit, die fortschreitende Wald- Verwüstung im nördlichen Teile des Grunewalds an neuen Bildern kennen zu lernen. Weite Sandflächen zeigen hier, was man unter dem„Aufschließen" eines Waldes zu verstehen hat. Glücklicherweise sind wir trotz der Vermehrung der Haltepunkte, die sich auf dieser Strecke eingestellt hat, bald in Spandau. Hier fahren am Bahnhof die„Elektrischen" vor- über, von denen wir diesmal die mit dem Endziel Hakenfelde wählen. Sie hat eine Weile zu tun, bis sie die langen Vor- stadtstraßen Spandaus und, hinter den niedergelegten Festungswällen, ein ganz hübsches Villengelände hinter sich bekomnit. Dafür steigen wir aber auch unmittelbar am Rande des Waldes aus. In gleicher Richtung gehen wir geradeaus weiter. Was früher aber ein Waldweg war, ist nun in eine Villenstraße, der die Villen noch fehlen, zurechtgestutzt, und man ist froh, wenn nach einigen Minuten der Weg sich wieder als unverfÄschte Waldstraße gibt. Wir konnten hier früher rechts zur Havel abschweifen. Aber der neue Schiffahrtskanal würde uns jetzt den Weg verlegen, sodaß wir auf unserem Wege bleiben müssen, bis wir den Kanal und damit die über ihn weiter führende Brücke erreichen. Es ist eine recht weite Lichtung, die der Kanal hier in den Wald geschlagen hat: es soll aber nicht geleugnet werden, daß der Blick von der Brücke auf die Wasserfläche und den Wald umher recht reizvoll ist. Nach einigen Minuten können wir nun nach rechts gchen, um das Havelufer zu gewinnen. Keine Chaussee trnnnt hier, wie so häufig bei Potsdam, den Wasd vom Ufer und nur die mächtig entwickelte Vegetation hindert bisweilen den Blick und zwingt den Fuß zu kleinen Umwegen. Bald läßt der ebene Boden nach und hübsche Bodenwellen treten auf, die so- genannten Papenberge. Die Kiefern treten mehr und mehr zurück und ein schöner Eichenforst nimmt uns auf. An seinem nördlichen Ende liegt Nieder-Neuendorf(wo kein Lokal frei ist), vorher kommt«andhausen(mit dem Waldschloß, frei) am Waldrande. Man hat Gelegenheit, nach der Tegeler Seite mit dem Dampfer zu fahren, um auf der anderen Seite der Havel durch den Wald nach Tegel und von hier nach Berlin zurückzukehren. Ist das Wetter weniger einladend für eine Dampferpartie, so bleiben wir im Walde, indem wir den Eichenwald jetzt nach Westen durchstreifen und in dieser Rich- tung bleiben, bis ein nach Süden abzweigender Weg uns wieder gen Hakenselde leitet. Tie Wege sind allerdings hier etwas mannigfaltig und verschlungen. Das erhöht aber nur den Reiz der Wanderung im schönen Spandauer Forst, und Kompaß und Karte führen uns schließlich sicher an den Süd- rand des Waldes. Ob wir dabei Hakenfelde oder Johannis- stift erreichen, ist gleichgültig, denn an beiden Punkten stehen die Elektrischen bereit, die uns zum Bahichof zurückbringen. Der Magistrat stimmte in seiner gestrigen Sitzung dem von einer besonderen dazu aus Vertretern des Staates und der Stadt eingesetzten Kommission ausgearbeiteten Entwurf für die Aufstellung der Königskolonnaden am Eingang zum alten Botanischen Garten zu. Der Entwurf hat bereits die königliche Genehmigung gefunden.— Es wurde zur Kenntnis gebracht, daß der Stadt Berlin für ihre auf der Welt- ausstellung in Brüssel in der Halle für Deutsche Ingenieur- werke ausgestellte Abteilung der Llranä Prix zuerkannt worden. — Der Magistrat wählte zum pädagogischen Direktor des Waisen- und Fürsorgeerziehungswesens den Leiter der staat- lichen Erziehungsanstalt zu Hardehausen(Westfalen). Direktor Knaut, und an Stelle des verstorbenen Direktors Gutzmann der städtischen Taubstummenschule den Direktor Schorsch der Taubstummenanstalt zu Ratibor. � Zur Frage des Tempelhofer Feldes. In weiten Kreisen der Tempelhofer Einwohnerschaft, nament- lich bei den dortigen Hausbesitzern, ruft die Tatsache, daß die Gc- meinde das Tempelhofer Feld erwerben will, erhebliche Bedenken hervor. Es hat sich auch bereits ein Komitee gebildet, das jetzt das Ziel verfolgt, zunächst mit der Stadt.Berlin wegen der Ein- gemeindung von ganz Tempelhof zu verhandeln, bevor dem Ankauf des Tempelhofer Feldes seitens der Gemeinde Tempel- Hof nähergetreten werden soll. Der Wortlaut der Petition, die gestern dem Gemeindevorstand überreicht worden ist, ist folgender: „Die unterzeichneten Bürger der Gemeinde Tempelhof haben mit größtem Bedauern davon Kenntnis genommen, daß in der letzten Sitzung der Gemeindevertretung Tempelhof sich die Ma- jorität der Herren Gemeindevertreter unter Zustimmung des Herrn Bürgermeisters dahin ausgesprochen hat, den Ankauf ldes westlichen Teiles des Tempelhofer Feldes in Größe von rund 100 000 Quadratruten zu einem Preise von ungefähr 74 Millionen Mark brutto unter Mitwirkung einer Berliner Finanzgruppe, an deren Spitze der bekannte Berliner Stadtverordnete und Terrainhändler Herr Georg Haberland steht, in kürzester Frist zu bewirken, und sich gleichzeitig dagegen ausgesprochen hat, einen letzten Versuch zu machen, um sich mit der Stadt Berlin über die Eingemeindung des gesamten Ortsteils Tempelhof nach Berlin zu verständigen. Diese verdächtige Eile scheint den unterzeichneten Bürgern der Gemeinde Tempelhof nicht geboten zu sein, wo es sich um Beschlüsse von großer Tragweite handelt, die die Kommunalpolitik der Gemeinde Tempelhof auf Jahrzehnte hinaus festlegen. Es ist absolut nicht zu verstehen, warum die Gemeindevertretung in Tempelhof nicht den Versuch macht, sich zunächst mit der Stadt Berlin, welche ein dies- bezügliches schriftliches Gesuch an die Gemeinde Tempelhof ge- richtet hat, zu verständigen und die dargebotene Freundes- Hand zu ergreifen, bevor sie sich in ein derartiges Ricsengeschäft von 74 Millionen stürzt. Die unterzeichneten Bürger sehen mehr Vorteile darin, daß der ganze Ortsteil Tempelhof nach Berlin eingemeindet wird, als darin, daß die kleine Gemeinde Tempelhof einen so kolossalen Terrainkomplex erwirbt. Diese Vorteile, in die große Kommune Berlin aufzugehen, sind für jeden Bürger der Ge- meinde Tempelhof derartig in die Augen springend gegenüber dem Risiko einer großen Terrainspekulation, daß man nicht begreifen kann, weshalb eine Verständigung mit der Stadt Berlin abgelehnt wird, umsoweniger, als sich die Stadt Berlin bereit erklärt hat, mit dem Kriegsministerium so lange nicht zu verhandeln, bis eine Verständigung mit der Gemeinde Tempelhof wegen der geplanten Eingemeindung stattgefunden hat oder nicht. Die Gerüchte, wonach die Eingemeindung des Ortsteils Tcmpelhof nach Berlin unübeo- windlichen Schwierigkeiten bei den betreffenden Regierungs- instanzen begegnen soll, beruhen nach unseren Informationen auf Irrtum. Die Regierung wünscht vielmehr, daß von der Gemeinde Tempelhof eine Anregung an den Minister des Innern gelangt, wonach die Gemeinde Tempelhof ihren Wunsch, nach Berlin ein- gemeindet zu werden, zum Ausdruck bringt. Es ist>daher nicht ein- zusehen, weshalb die Gemeindvertretung dieses Gesuch' an den Minister des Innern nicht abgehen lassen will, sondern sich Hals über Kopf in ein gar nicht zu übersehendes Riesenterraingeschäft einläßt." Die Petition hat schon in der ersten Stunde der Zirkulation über 200 Unterschriften erhalten. » Der Berliner Magistrat soll sich, wie gemeldet wird, infolge der jüngsten Nachrichten über das Tempelhofer Feld in seiner gestrigen Sitzung erneut mit der Frage der Eingemeindung von Tempelhof und dem Tempelhofer Felde beschäftigt haben. Ein Be- schluß wurde nicht gefaßt, doch war man sich darin einig, daß Berlin alles getan habe, um mit Tempelhof zu einem Ergebnis zu gelangen. Auf der Schöncbcrger Untergrundbahn fand gestern vormittag zum ersten Male ein Probebetrieb mit Zügen, bestehend aus zwei Wagen, statt. Der Betrieb hat sich als vollkommen einwandfrei er- wiesen. Die Treppenausbauten sind schon ziemlich vollendet, und die EingangSschilder sind bereits angebracht. Der interessanteste Teil der Schöneberger Untergrundbahn wird zweifellos die Ueber- führung des Stadtparkes sein. Die Parkanlagen liegen in einer Talsenkung, deren Ränder durch eine Betonbriicke verbunden sind. Der die Parkanlage schneidende Straßenzug wird von dem Oberbau dieser Brücke getragen, während die Galerien den Bahnkörper in sich bergen. Der Bau macht, da er in sehr einsacken, aber dem Zweck dienlichen Linien gehalten ist und sich der Umgebung vortrefflich an- paßt, einen ausgezeichneten Eindruck. Im 4. Landtagswahlkreis fanden am Mittwoch, und Donners- tagabend öffentliche Wählervcrsammlungen statt und zugleich wurden die als Ersatz benötigten 160 Wahlmänner aufgestellt. Am Mittwochabend referierte Genosse Paul John in Habels Brauerei, Bergmannstraße, über die auf dem 3. Oktober angesetzte Nachwahl, zu der von unserer Seite Max Grunwald kandi- diert, während die Freisinnigen sich noch nicht auf einen Kandidaten geeinigt haben. Am Donnerstagabend sprachen Georg Ucko bei Gliesing, Wassertorstraße, und Wilhelm Siering bei Rabe, Fichtcstraße, vor gutbesuchten Versammlungen. Die Redner kenn- zeichneten die preußisch-deutsche Politik und ihre Früchte, den wachsenden Steuerdruck, die Fleischnot, die Entrechtung-der Volks- massen, die Niederdrückung aller freien Regungen. Sie forderten zu starker Beteiligung an der Wahl auf, denn daß es sich„nur" um eine Nachwahl handelt, dürfte für uns nicht mitsprechen. Wir sollten nach Kräften agitieren, damit das Volk jede Gelegenheit wahrnimmt, seine Meinung zu sagen. Hier könne dies am>deut- lichsten geschehen durch die Erwählung zahlreicher sozialdemokrati- scher Wahlmänner. Jede Wahl müsse zu einem Protest gegen das volksverräterische Treiben der preußischen Junker werden, wenn auch das Dreiklasscnwahlrecht verhindert, daß ein Protest zu seinem vollen Ausdruck gelangt. Das sollte uns nur noch ein Sporn sein, dieses Wahlrecht zu stürzen.— Die Reden wurden sehr beifällig aufgenonimen. Wichtig für Führer von Kraftfahrzeugen. Das Polizei- Präsidium macht auf folgendes aufmerksam: Etwa 4000 Führer von Kraftfahrzeugen des Landespolizeibezirks Berlin haben bis jetzt unterlassen, den Antrag auf Erneuerung ihres Führerscheins zu stellen. Die Beteiligten werden hiermit darauf aufmerksam gemacht, daß nach 8 40 der Bunidesratsverordnung über den Ver- kehr mit Kraftsahrzeugen vom 3. Februar d. I. alle vor dem 1. April d. I. ausgestellten Zeugnisse zum Führen von Krastfahr« zeugen nur noch bip zum 1. April 1911 Gültigkeit behalten. Die Inhaber solcher Zeugnisse haben jedoch bis zum 1. Oktober d. I. die Erteilung eines neuen Führerscheins bei der zuständigen höheren Verwaltungsbehörde zu beantragen. Der Antrag ist bei der für den Wohnort des Antragstellers zuständigen Ortspolizei. behörde(in Berlin bei den Polizeirevieren) anzudringen. Dabei sind vorzulegen: 1. eine Photographie(Brustbild in Visitformat, unaufgezogen); 2. ein Zeugnis eines beamteten Arztes(Kreis- arztes), daß der Antragsteller keine körperlichen Mängel hat, die seine Fähigkeit, ein Kraftfahrzeug sicher zu führen, beeinträchtigen können, insbesondere Mängel hinsichtlich des Seh- und Hörver- mögens; 3. das Führerzeugnis, das nach Aufnahme eines Wer- merks über seinen Inhalt dem Antragsteller sofort zurückgegeben wird; 4. beglaubigte Abschrift der polizeilichen Bescheinigung über die Zulassung des zurzeit von dem Antragsteller geführten Kraftfahrzeugs. Wird der Antrag nicht bis zum 1. Oktöber o. I. eingereicht, so muß der Antragsteller behufs Erlangung eines neuen Führerscheines eine Prüfung vor einem amtlich anerkannten Sachverständigen ablegen, in gleicher Weise, wie solche Personen, die zum ersten Mal die Erteilung eines Führerscheines beantragen. Einem„großen" Pelzwarendieb nebst Gehilfen, deren Beute im ganzen 18 0 0 0 0 Mark wert ist, ist die Kriminalpolizei jetzt auf der Spur. Seit Februar d. I. wurden die hiesigen Pelz- Warengeschäfte von Einbrechern arg heimgesucht. Dieselben schlichen sich in den Mittagspausen und abends nach Schluß der Geschäftszeit irgendwie ein und begannen, sobald die Geschäfts- leute und die Angestellten die Räume verlassen hatten, mit ihrer „Arbeit". An der Spitze der Bande stand der 34 Fahr« alte, aus Berlin gebürtige Geschäftsreisende und Agent Karl Göbel, der sich auch Karl Pflug nennt und zuletzt in der Christinenstraße wohnte. Dieser hatte seine beiden Spießgesellen, den 24 Jahre alten Arbeiter Oswald Holzt und den Schirmmacher Hermann Schröter, vollständig in der Hand. Er selbst suchte in Geschäften Fühlung, um die Gelegenheiten auszubaldowcrn. Wenn er so weit war, so holte er Holzt und Schröter, bestimmte die Zeit, wann der Einbruch fallen sollte, ließ in der Regel ferne Spieß- gesellen„arbeiten" und sorgte dafür, daß eine Droschke oder ein Automobil zur Stelle lvar, um die Beute gleich wMuschaffen. Göbel erbeutete so viel und verschärfte die Beute mit so gutem Erfolg, daß er ein flottes Leben führen konnte. Wie beschlag- nahmte Briefe und Ansichtskarten zeigen, bereiste er in der Regel mit einem von seinen Verhältnissen die Sächsische Schweiz, da» Riesengebirge und Tirol. Seinen beiden„Arbeitern" gab er nur sehr wenig ab. Meistens verschob er die Beute gleich nach dem Auslande. Durch kleine Geschenke, die Holzt und Schröter ihren„Bräuten" aus der Beute machten, kam die Kriminalpolizei durch fortgesetzte Beobachtungen der Bande auf die Spur. Nach einer Haussuchung bei den Mädchen wurden die beiden Ein» brechen festgenommen, dem Führer der Bande aber gelang es, noch im letzten Augenblick zu entkommen. Jetzt hat man in Brüssel seine Spur wiedergesunden. Seiner Frau, die er mit ihrem 13 Jahre alten Sohne hat sitzen lassen, hatte Göbel vor der Flucht vorgeschwindelt, er fahre zu Verwandten nach Leipzig zur Kindtaufe und werde in den nächsten Tagen zurückkehren. Er ließ dann aber nichts mehr von sich hören. Auch der Haupthehler ist vorläufig entkommen. Es ist ein 33 Jahre alter Kürschner- meister Paul Krowina aus der Fehrbelliner Straße, dessen Auf- enthalt man in Brüssel vermutet. Während sich seine Frau bei Verwandten in Schlesien aufhielt, verschwand Krowina mit einer geschiedenen Frau Möhring, die in der Christinenstraße eine Plätterei betrieb. Auch eine 12 Jahre alte Tochter dieser Frau nahm das Pärchen mit. Krowina betrieb eine Kürschnerstube mit vier Arbeitern. Unter den Hehlern waren ein Händler Robert Kramer aus der Prinzenstratze und eine Geliebte Göbels, eine Margarete Reppenhagen, die zunächst die gestohlenen Waren in ihrer Behausung verbarg und auch dem Göbel dort Unterschlupf gewährte. Nach jedem größeren Zug begab sich Göbel mit einer seiner Geliebten auf die Reise, uni irgendwo Absatz für die Beute aus dem nächsten geplanten Einbruch zu suchen. Seine„Arbeiter". Holzt und Schröter, haben jetzt ein umfassendes Geständnis ab- gelegt. Aus dem Untersuchungsgefängnis entwichen ist der Heirats- schwindler Maximilian Witanski. Man hat von dem Flüchtigen noch keine Spur gefunden. Witanski ist am 9. Oktober 1880 in Dirschau geboren. Eine zweite Omnibusverbindnng für den Gesundbrunnen. Am 1. Oktober d. I. wird neben der bestehenden Omnibuslinie 44„Ge- sundbrunnen(Ecke Badstraße und Prinzenallee)— Bahnhof Friedrichstraße" eine zweite Omnibusverbindung geschaffen. Die neue Linie trägt die Nummer 23 und beginnt in der Prinzenallec an der Pankower Grenze(Wollankstraße). Damit erhält die gesamte Prinzenallee die fehlende Verbindung nach der Brunnenstrahe. dem Rosenthaler Tor, der Elsasser Straße, dem Oranienburger Tor und der nördlichen Friedrichstraße bis zum Bahnhos Friedrich- straße. Zu dem Dahlemer Einbruch wird noch mitgeteilt, daß der ver- haftete Arbeiter Karl Lietz, der bisher hartnäckig leugnete, jetzt ein Geständnis abgelegt hat. Ein unglücklicher Zufall, dem beinahe ein blühendes Menschen- leben zum Opfer gefallen wäre, ereignete sich gestern vormittag in der Alexandrinenstr. 83. Als daS dreijährige Töchterchen Ruth des Schneidermeisters G. während des Umzuges der Familie einige Minuten lang unbeaufsichtigt geblieben war, fand die Kleine eine Medizinflasche, in der eine scharfe Arsenlösung enthalten war. Das Kind trank etwa die Hälfte dcS Inhalts aus und sank wenige Minuten später bewußtlos zu Boden. Auf der Unfallstation in der Kommandantenstraße wurde der Kleinen schleunigst der Magen aus» gepumpt, worauf das Kind nach dem Krankenhanse am Urban über« geführt wurde. Beim Spielen auf dem Treppengeländer schwer verunglückt ist vorgestern nachmittag der acht Jahre alte Sohn Osia des Händlers Ringelheim aus der Grenadierstratze 16. Der Knabe war von Nach- barskindern zum Spielen nach dem gegenüberliegenden Hause mit- genommen worden. Beim Abrutschen vom zweiten Stock fiel er von dem Geländer der Wendeltreppe in den Hausflur hinunter und zog sich eine klaffende Stirnwunde und eine Gehirnerschütterung zu. Hausbewohner, die aus das Geschrei der Kinder herbeiliefen, brachten den Verunglückten mit einer Droschke nach dem jüdischen Kraukenhause. Sein Zustand ist bedenklich. Jm>Bcrnhard-Rosc-Theatcr spielt man zurzeit:«Die erste Partie", ein Lustlpiel in drei Allen von Artur L i p p s ch ü tz. Der Dichter schürft nicht tief. Die Fabel ist einfach. Der Agent M u n k e I bewohnt in der Potsdamer Straße mit Frau, zwei Töchtern und einem Sohne eine hochvornehme Wohnung, die ihm nichts kostet, weil er sie mit dem gesamten Mobiliar von einem früheren reichen Mieter übernommen hat, der, dienstlich abberufen, alles liegen und stehen lassen und die Miete für eine beträchtliche Kündigungsfrist erlegen mußte. Jeder hielt die Familie für reich, die in Wirklichteit vom Pump lebt. M u n k e l versucht nun, einen reichen Schwiegersohn in dem Tapetenfabrikanten Karl Förster zu ergattern, der feiner- seits in M u n k e I eincii reichen Schwiegervater zu finden hofft, weil er selbst arg in der Klemme steckt. Als Bewerber um die jüngere Tochter tritt dann noch der Einjährige Heidemann, ein Freund F ö r st e r s auf, deaschwcrreich ist, von Munkel aber für arm gehalten und entsprechend behandelt wird. Aus dieser Summe von Täuschungen ergibt sich dann die Fülle der komischen Situationen, die boni Autor dann noch mit altbewährten Wortspielwitzen und Theatertricks ge« würzt werden. Schließlich kriegen sich alle. Das Publikum klatschte dankbar lachend Beifall.— Im Bernhard-Rose-Theater kommt nicht nur das Gemüt aus die Kosten, sondern auch der Magen. Jede der beiden Pausen wurde derart lauge ausgedehnt, daß auch, wer von Natur kein Gierscklund ist, im Theaterrestaurant pro Pause sich be» quem je zwei Maß Bier und zwei Salzstangen einverleiben konnte. Kein Wunder, daß die so genährte Muse dieses Theaters etwas weniger ätherisch in die Erscheinung tritt, als Thalia in dem sich für vornehmer einschätzenden Westen. Ein Arbeiter hat in der Straßenbahn, Linie 49, ein Buch mit Holzberechnungen liegen gelassen. Da dasselbe für den Finder nutzlos ist, für den Verlierer aber ein erhebliches Hindernis in seinem Erwerbe bedeutet, wird ersucht, das Buch an Jmlau, Schönhauser Allee III, abzugeben. Vorort- JVacbricbtem Charlottenburg. Die Charlottenburger Polizei bereitete der vom Bildungsausschuß für Donnerstag vorbereiteten Aufführung von Halbes„Jngentz" eine kesondere Ueverraschung. Kurz t>or der festgesetzten Aufführung im Vollshcmse legte ein Schutzmann ein schriftliches Verbot der Auf- führung seitens des Polizeipräsidiums vor. lieber die Gründe blieb man in, Unklaren und die in letzter Stunde erfolgte Untersagung machte eine erfolgreiche Bekämpfung des Polizeiverbots unmöglich. Auf den, Polizeipräfidiun, scheint nian bei dem Umzug in das neue Dienstgebäude und den Einmcihimgsfestlichkeiien manches vergessen fu haben. Denn wie wir hören, hat man auf dem Polizeipräsidium ogar die Vorlegung des Textbuches von Halbes.Jugend" verlangt, die gewiß schon an 1000 Aufführungen in Groß-Berlin erlebt haben mag. Daß man den Bildungs- und Kunstbestrebungen der Arbeiterschaft Hindernisse in den Weg legt, ist nichts neues. Trotz dieser Hindernisse wird natürlich die Aufführung stattfinden, da das Verbot unhaltbar ist. Wir hoffen, die am Donnerstag zahlreich er- schienenen Genossen und Genossinnen bereits am Dienstag, den 27. September, für die bittere Enttäuschung entschädigen zu können und bitten die Inhaber von Eintrittskarten unter den Vorort- Nachrichten die Sonntagsnummer des.Vorwärts" daraufhin genau zu lesen. Weitere Billetts stehen den Parteigenossen zum Preise von 60 Pf. einschließlich Garderobe und Theaterzettel bei den Zahlabend- leitern, ferner bei A. Will, Kirchstr. 30, A. Weisheit, Rofinenstr. 3, G. Scharrnberg, Sefenheimer Str. 1 zur Verfügung. Schimebecß. Die Laternenwürter der I. C. G. A. waren vor einigen Tagen versammelt, um weitere Berichte in ihrer Angelegenheit entgegen zu nehmen, lieber die Verhandlungen berichtete Füllert. Die Ver- waltung habe ihn, F., in der Annahme, daß er der Spiritus rector der ganzen Sache sei, zu sich geladen. Obwohl diese Annahme durchaus nicht zutrifft, sollte F. die Verantwortung für alles über- nehmen, was in dieser Sache geschehen ist und vor allem auch geschrieben wurde. In einem Bericht der.Morgenpost" über die Verhandlungen des Schöneberger Stadtverordneten- Parlaments war geschrieben worden, daß 28 Laternen- U'ärter entlassen seien. Das entspreche nicht den Tatsachen. Bis he.'ite sei niemand entlasten worden. Es sei aber total verfehlt, ihn für die falschen Mitteilungen der„Morgenpost" verantwortlich zu machen, da er keinen Einfluß und auch keine Verbindungen mit dieser Zeitung habe. Für die Mitteilung der Gewerkschaft über- nehme er aber die Verantwortung. Die Aeußerungen über Eni- lastungen in der Sitzung des Arbeiterausschusses entsprechen den Tatsachen. Er(Füllert) könne sich dabei auf das Zeugnis der übrigen ArbciterauSschußmitglieder berufen. Seitens der Verwaltung wurde ihm vorgehalten, daß im Artikel der Gewerkschaft nichts über die Aeußerungen der Verwaltung, die überflüffigen Laternenwärter in anderen Vororten, speziell in Wilmersdorf zu beschäftigen, enthalten sei. Mit Recht habe er darauf hingewiesen, daß es sich bei der Eingabe doch darum handelte für die Laternenwärter, die geschäftlich in Schöneberg inter- essiert seien, am Ort zu bleiben. Von dem Laternenwärtergehalt könne man nicht leben. In der lebhaften Diskussion wurde be- sonders auf das Schicksal der Laternenwärter in Weißensee hin- gewiesen. Durch Einführung der Fernzündung wurden dort zirka zehn Mann überflüssig, darunter Leute, die über zehn Jahre ihren Posten versahen. Die Leute wurden mit einer geringen Entschädigung ein- fach entlassen. Die Lateruenwärter haben also alle Ursache, aus der Hut zu sein und sich nicht auf die schönen Worte der Verwaltung zu verlassen, um dann eines schönen TageS auf der Straße zu stehen. Bezüglich der Einstellung in Schöneberg wurde berichtet, daß im Elektrizitätswerk bei Neueinstellungen Laternenwärter in erster Linie berücksichtigt würden; desgleichen lag auch ein Schreiben der Schöne- berger Straßenreiniguugsdeputation vor, aus dem hervorgeht, daß man auch hier die Einstellung von Laternenwärtern in Betracht zieht. Eine Anzahl Kollegen schlössen sich dem Verbände an. Wilmersdorf. Die Stadtverorbnetenwahlen werden nach einem Beschluß des Magistrats in der dritten Wteilung am Donerstag, 3. No- vember, vormittags von k>— 2 und nachmittags von 4— 8 Uhr stattfinden. Am 4. November wählt die zweite, am S. November die erste Abteilung. Wie wir kürzlich mitgeteilt haben, handelt es sich in der dritten Abteilung um die Neuwahl von 6 Stadtverord- neten; welche von den Kandidaten Hausbesitzer sein müssen, will der Magistrat in seiner am nächsten Dienstag stattfindenden Sitzung entscheiden. Erwähnt sei, daß wie bei früheren Gelegenheiten so auch dies- mal zwischen den unter reaktionärer Leitung stehenden Bezirks- vereinen und den Anhängern der bürgerlichen Linken aus Anlaß der Wahlen ein lebhafter Streit ausgebrochen ist. Im Bezirksverein„Nheingau" glaubte der stellvertretende Vor- sitzende der Stadtverordnetenversammlung und Direktor des Mosse- stifts Dr. Stei nitz bor der roten Gefahr warnen zu müssen; schon ein einziger Sozialdemokrat kann nach seiner Meinung dem reaktionären Sumpf verhängnisvoll werden. Einige Mitglieder erlaubten sich bei dieser Gelegenheit, den rechtsnationafliberalen Redner darauf zu verweisen, daß der Verein nach dem Statut die Politik aus seinen Verhandlungen ausschließe und daher die von Sozialistenfurcht erfüllte Rede gar nicht in die Versammlung . gehöre. In seiner Verlegenheit machte Herr Dr. Steinitz sich das bekannte Kriegervereinsargument zu eigen, daß die Be- kämpfung der Sozialdemokratie mit Politik nichts zu tun habe. Im Nordverein, an dessen Spitze der gleichfalls zu den Scharf- mache rn zählende Professor Dr. Leidig steht, möchte man die Fortschrittler gleich für den ersten Wahlgang an die Reaktion ketten. Vorab wollen diese Herren jedoch noch nicht mitmachen, denn in einer Versammlung des fortschrittlichen Be- zirkSvlereiins Wilmecsdorf-Nord nahm man gegen eine Stimme eine Resolution an, worin der Verein der Ucberzeu- gung Ausdruck gibt, daß er bei den kommenden Wahlen seine Kan- didaten aus eigener Kraft zum Siege führen könne, und erklärt, daß deshalb auf das entschiedenste jedwedes Zusammen- gehen mit dem Nordverein oder mit rechtsstehenden Vereinen abzulehnen sei. Vom Vorstande und Wahlausschuß wurde ausdrücklich verlangt, daß diesem Beschluß unbedingt ent- sprachen werde. Diese energische Absage wird man sich merken müssen. Auch bei früheren Wahlen geschah es, daß die Liberalen der konser- vativen„Rathauspartei" Fehde ansagten. Dasin fügte es sich aber doch immer wieder so, daß die Herren sich zum Schluß der Reaktion gefällig zeigten. Es braucht nur an die vor zwei Jahren erfolgte Stichwahl erinnert zu werden, in der Zwnservative und Freisinnige einhellig dafür sorgten, daß der Sozialdemokrat Riedel in der Minderheit blieb. Sonntag, den 25. d. M., hält die„FreieTurnerschaft Wilmersdorf" ihr diesjährige? Abturnen auf dem Platz, Mannheimer. Ecke Berliner Straße, ab. Ausmarsch ll3S Uhr vom „GesellschaitshauS", WilhelinSaue. Einmarsch Va8 Uhr vom Platz nach Halensee(Fohann-Georg-HouS). Daselbst Familien- abend. Eintritt frei. Rixdorf. Eine gut Lesuchte Volksversammlung im Lokal von Hoppe be- schäftigte sich mit der 3'/, Millionen-Mark-Zuloge sowie mit der Königsberger Rede des KafierS. Das Referat hierzu hatte Genosse Mermuth übernommen, dessen Ausführungen bei den Ver- sammelten des öfteren lebhaften Beifall auslösten. In der Diskussion iprachen der Genosse Franke und der Vorsitzende der Ver- ammlung, Genosse Holland, im Sinne des Referats. Am Schlüsse der von drei Bezirken des Wahlvereins einberufenen Ver- fammlung konnte eine Anzahl Neuaufnahmen für den Wahlverein verzeichnet werden. In den Vorträgen des Genossen Graf hat sich eine Aenderung in den Tagen notwendig gemacht. Der Vortrag am 27. September fällt fort, dafür findet am 27. Oktober ein Vortrag statt. Die Daten der weiteren fünf Vortragsabende sind also: 3., 10., 17., 20. und 27. Oktober; der nächste Abend ist also am 3. Oktober. Wir bitten die Teilnehmer, dies zu beachten, eventuell auf den Eintrittskarten oder Programms sich dies zu vermerken.— Eintrittskarten sind im Lokal bei Hoppe und in der Parteispedition noch zu haben. Der Bildungsausschuß. Ober-Schöneweide. Die Absicht der Gasanstalt Oberspree, ihren bis zum Jahre 1949 laufenden Monopolgaslieferungsvertrag um weitere 20 Jahre zu verlängern, dürfte zuschanden werden an dem ablehnenden Beschluß der Gemeindevertretung. Im übrigen haben sich zwischen der Gesellschaft und der Gemeinde wegen Berechnung der fünfprozentigen Gewinnabgabe Differenzen ergeben. Nach den Bestimmungen des Vertrages sind ab 1909 von den Bruttoein- nahmen des im Gemeindebezirk konsumierten Leuchtgases 5 Prozent an die Gemeinde zu entrichten. Die Gesellschaft weigert sich nun, auch das durch Automaten bezogene Leuchtgas zur Be- rechnung zu stellen. Wenn auch hierbei eine genaue Teilung von Leucht- und Kochgas nicht möglich ist, entspricht es doch der Billig- keit, im Sinne des Vertrages einen Ausgleich zu schaffen. Es wird Sache der Gemeinde sein, hier Klarheit zu schaffen, denn auf Ent- gegenkommen von der anderen Seite ist nicht zu rechnen. Am heutigen Sonnabend, den 24. September, feiert der Arbeiter- Radfahrerverein„Oberspree" in Mörners Blumengarten sein zehntes StistungSfest. Genannter Verein stellt sich der Arbeiterschaft zu allen Veranstaltungen zur Verfügung, weshalb der Vorstand des Wahlvereins wünscht, daß ihm die Unterstützung der Parteigenossen zuteil wird. Teltow. In der Sllitglicberversammlung beS Wahlvereins erstattete. nachdem vier Neuaufnahmen vollzogen worden, Genosse Sachs den Bericht von der Verbands-Generalversanimlung Groß-Berlins, der ohne Diskussion gutgeheißen wurde. Anschließend daran berichtete Genosse Marx von der Bezirkskonferenz. Am Sonntag, den 9. Oktober, soll eine Versammlung unter freiem Himmel statt- finden. Die Vorarbeiten zur nächsten Reichstagswahl übernimmt vorläufig Genosse Wilhelm Bonow, bis er mehr Genossen dazu braucht. Genosse Gustav Franke soll in vorkommenden Fällen Auskunft erteilen über die Erwerbung der Staatszugehörigkeit. Alsdann wurde ein Brief vom Zehlendorfer Konsumverein ver- lesen, wonach dieser beabsichtigt, in Teltow eine Verkaufsstelle zu errichten; zugleich wird um Unterstützung der hiesigen Arbeiter- schaft ersucht. Das Vorhaben wurde von der Versammlung mit Freuden begrüßt. Zum zweiten Kassierer wurde Genosse Ohr ge- wählt. Der Vorsitzende machte noch darauf aufmerksam, daß das Lokal„Deutsches Wirtshaus" der Arbeiterschaft nicht zur Ver- fügung steht. Pankow. Die Wählerlisten zu der am 16. November d. I. statt» findenden Neuwahl von sechs ausscheidenden Beisitzern zum hiesigen Gewerbegericht liegen bis inklusive 1. Oktober im hiesigen Rathause, Breitestr. 26/26, 1 Treppe, Zimmer Nr. 43 Wochen� tags von 8 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags, Sonntags von 9—12 Uhr vormittags aus. Da nur wahlberechtigt ist, wer seine Eintragung in diese Liste beantragt hat, ersuchen wir die'Arbeiter, die entweder in Pankow wohnen oder aber beschäftigt sind, ihrer Pflicht nachzukommen. Als Legitimation dient Jnvalidenkarte oder eine Bescheinigung des Arbeit geberS oder der Polizei. In größeren Betrieben empfiehlt eS sich, eine Liste für alle Ar- bester anzulegen, diese vom Arbeitgeber unterzeichnen zu lassen und sie dann dem Gewerbegericht zur Eintragung zu überreichen. Spandau. Eine außerordentliche Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins wurde am Dienstagabend im Lokal von Böhle, Havel- straße abgehalten. Zunächst erstatteten die Genosten P. Schmidt und Sz i or Bericht über die Kreis-Generalversammlung. An diesen Bericht knüpfte- sich eine lebhafte Debatte, in welcher das Verhalten des Kreisvorstandes gegenüber den Spandauer Anträgen einer abfälligen Kritik unterzogen wurde. Den Bericht über die Provinzialkonferenz gab Genoge Szior. Die Versammlung be- schloß dann, am 12. November cr. in Gemeinschaft mit dem Bil- dungsausschutz in der Pichelsdorfer Brauerei ein Winterfest zu veranstalten. Das Arrangement wird dem BildungsauSschuß und dem hinzugewählten Komitee überlassen. Da der Genosse Rabe krankheitshalber sein Amt als Revisor niedergelegt hatte, wurde eine Neuwahl erforderlich. Die Wahl fiel auf den Genossen Wolter. Die Genossin Wegener wurde in den Borstand und der Genosse Beck- meyer in den Jugendansschuß gewählt. Unter Verschiedenem brachte Genosse Szior zur Kenntnis, daß die Lokalkommission ihre Aemter niedergelegt hat. Die Neuwahl dieser Kommisston wurde bis zur nächsten Generalversammlung vertagt. Die hiesige WalderhslungSstatte ist jetzt geschlossen worden. Am Mittwoch wurden sämtliche Utensilien nach einem Stadthause zur Aufbewahrung gebracht. Bei der Wiedereröffnung im nächsten Jahre werden jedenfalls die hiesigen Aerzte entsprechende Vorschläge zu Verbesserungen eventuell zur Verlegung der Anstalt machen. Potsdam. Der Tod im Schlaf. Wenige Tage vor seiner Entlassung zur Reserve wurde der bei der 4. Eskadron des 3. Garde-Ulanenregi- ments dienende Ulan Bussian vom Tode überrascht. Als am Morl gen die Wache die Mannschaftsstube passierte, fand man den B. neben seinem Bett als Leiche. Die erste Vermutung, es handele sich um einen Gcnickbruch durch Sturz aus dem Bett, wurde fallen gelassen. Man glaubt jetzt, daß B. vom Herzschlag gerührt worden ist. Um alle Zweifel zu beseitigen, wird die Leiche obduziert. B. war 23 Jahre alt und diente im dritten Jahr. Jugendveranstaltungen. Die„Freie Jugendorganisation Berlin» veranstaltet heute Sonn- abend in der„Neuen Welt", Hascnheide 108, ihr sechstes Stiftungsfest. Mitwirkende:„Neues Tonkünstller-Orchester", Direktor F. Hollselder. V o I k s ch o r, Direktor Dr. Zander. Festrede: Genosse Eduard Bernstein. Rezitationen: Herr Fritz Richard vom Deutschen Theater.— Nach dem Konzert: Ball. Eintrittspreis 39 Pf Beginn V,ö Uhr. Reger Besuch wird erwartet. Johannisthal. Der Jugendansschutz veranstaltet am Sonntag, den 26. September, einen Ausflug nach RüderSdorser Kallberge unter sach- kundiger Führung. Tresspunkt 8 Uhr früh bei Senstleben, Friedrichstr. 43. Teilnehmer, besonders die schulentlassene Jugend, erwünscht. Freie Jugendorganisation Degel und Umgegend. Am Sonntag, den 26. September, findet unsere Elternpartle nach Heiligensee-Sandhausen statt, zu der wir auch die erwachsene Arbeitmch-st willkommen heltzen. Abmarsch 1 Uhr mittags vom Bahnhossplatz. Für Nachzügler Tresspunkt: Restaurant Waldschlotz. Sonnabend, den 22. Oktober er., findet im Etablissement von Gamm unser 2. Sttstungssest in Gestalt eines Festabends statt. Gegeben wird: �Nemesis", ein Drama tu 6 Akten von Ernst Söhngen. Em der frauenbewegung. Bom Elend der Krankenpflegerinnen. Wir erinnern uns, daß die bürgerliche Presse bei Betrachtungen über die Frauenfrage den Beruf der Krankenpflegerin als einen Erwerb angepriesen hat, der seinen Angehörigen eine zwar mühe- volle, aber doch von pekuniären Sorgen befreite Existenz sichere. Daß an die Krankenpflegerin Anforderungen gestellt werden, die selbst eine eiserne Körperkonstitution binnen wenigen Jahren zu Grunde richten können, ist richtig, aber ebenso unrichtig ist, daß die Darbietung eines solchen Opfers belohnt wird durch eine Sicher- stellung vor den niedrigsten Sorgen ums Dasein. Pielyiehr hsüht. auch in diesem Beruf eine Ausbeutüng der Arbeitskraft, wie sie ärger kaum in der Heimarbeit üblich ist; und zwar unter der Flagge der Frömmigkeit und des Patriotismus, besonders von feiten der „Wohltätigkeitsorganifationen", in deren Dienst die Krankenpflege- rinnen zu fronden haben. Wie schlimm es in dieser Hinsicht be- stellt ist, zeigt eine Broschüre von Charlotte Reichel, die mit dem Titel:„Der Dien st vertrag der Krankenpflege, r in" im Verlage von Gustav Fischer in Jena erschienen ist. Die Schwierigkeit, über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Krankenpflegerinnen erschöpfende statistische Mitteilungen zu machen, ist schon aus dem Grunde nicht gering, weil manche An- stalten ihren Schwestern ein direktes Schweigegebot aufer- legen, das sich zuweilen sogar auf das Verbot, mit Angehörigen oder befreundeten Personen der Verpflegten in ein engeres Ver- hältniS zu treten, erstreckt. Die Arbeitszeit für alle Kategorien ist gesetzlich so gut wie unbeschränkt und praktisch für die Angestellten meist überlang. Nach den Mitteilungen aus der Statistik der Stadt Düsseldorf, in denen 19 größere Krankenanstalten Deutschlands kritisch behandelt werden, befindet sich unter diesen keine einzige, in der die Schwestern weniger als 14 Stunden Dienstzeit haben, abgerechnet die Essens- oder Ruhepausen von durchschnittlich zwei Stunden. Hierzu kamen in vielen Fällen noch Nachtwachen, die im Rahmen des gewöhnlichen Dienstes zu machen sind. So laufen z. B. die Dienststunden des Elisabethkrankenhauses in Aachen von 6 Uhr morgens bis 9 Uhr abends; dazu kommt noch jeden dritten bis vierten Tag eine dreistündige Nachtwache; Erholungsurlaub wird „nach Bedarf" erteilt. Im Nürnberger städtischen Krankenhause laufen die Dienststunden von 6 bis 9 Uhr; dort müssen die Schwestern alle drei bis vier Tage eine fünfstündige Nachtwache leisten. In dem bekannten städtischen Krankenhause zu St. Jacob in Leipzig existierte bis zum Jahre 1909, und existiert vielleicht noch, in der Woche einmal eine Arbeitsbereitschaft von 36 Stunden für die Lehrschwestern. Wenn man eine gute Oberschwester hatte. konnte man einige Stunden auf einer harten Badebank ruhen. Früher, als das Haus noch mit Diakonissinnen besetzt war, schloß sich an den Sechsunddrcißigstundentag ohne Ruhepause eine Relegionsstunde an., Nicht minder arg steht es um die Entlohnung. Als günstigere Entlohnung für vollständig ausgebildete Krankenpflege- rinnen, die also bereits einige Probejahre hinter sich haben, werden bereits Jahresgehälter von 300 bis 610 M. genannt. Das Diako- nissenhaus zahlt nach erfolgter Ausbildung drei Jahre lang monat- lich 10 M. und dann 17,50 M. Der Verein vom Roten Kreuz prangt auf der Liste mit Jahresgehältern von 216 bis 233 M.. der Vaterländische Frauenverein mit solchen von 240 bis 460 M. Andere Diakonissenanstalten zahlen 144 und 160 M., und die Anstalt Kaiserswert gar nur 106 M. Dazu kommt manchmal, aber nicht immer, freie Kleidung. Ab- zuziehen sind je nach der Art des Hauses hohe Beiträge für den P c n s i o n S fond s, die sich zwischen 4 und 16� Proz. des Gehalts bewegen, sowie Steuern und Jnvalidenversicherungsbeiträge. Nicht minder groß muß teilweise das Elend der Gemeinde- schwestern sein. Das eine Mal wird das Problem, wie die Schwester mit 660 M. jährlich und freier Wohnung auSlommen soll, nach der Zeitschrift„Unterm Lazaruskreuz" wie folgt gelöst: „Sie ißt nur jeden zweiten Tag richtig zu Mittag uns kauft ihre Kleider auf Abzahlung." Natürlich wird die unwürdige Stellung der Krankenschwestern auch in den Vertragsbestimmungen, die die frommen Vereine mit ihnen abschließen, offenbar. Konkurrenzklauseln, mit zwei- bis zehnjähriger Bin- dung bei Konventionalstrafen von 60 bis 690 M., auf ganze Stadt» und Landkreise ausgedehnt, finden sich bei Rote Kreuz-, Vaterlän- dischen Frauenvereinen und anderen Anstalten. In einem Falle sollte an ein Rotes Kreuzhaus eine Gemeinde für die Schwester 300 M. Konventionalstrafe zahlen, da diese selbst unbemittelt war. Ein Diakonisscnhaus verlangte beim Uebcrgang in die erwerbs- mäßige Krankenpflege 600 M. von der Schwester, selbst wenn sie etwa zur Unterstützung ihrer Angehörigen dazu gezwungen wäre. Ein Rotes KreuzhauS schließt sogar folgenden Vertrag ab: „Jede berufsmäßige Schwester, welche im Verein, wenn auch nur auf Probe, angestellt war, ist verpflichtet, während eines zehn- jährigen Zeitraumes vom Tage ihrer Ausscheidung aus dem Verein gerechnet, innerhalb des Kreises...... weder die Kranken- oder Wochenpflege auszuüben, noch sich zur Ausübung der Kranken- oder Wochenpflege niederzulassen." Unter solcher Vergewaltigung ist eS kein Wunder, wenn die Krankenpflegerinnen auch von dem ihnen formell durch das Gesetz gewährleisteten Koalitionsrecht nur unter Hindernissen Gebrauch machen können. Die Broschüre nennt das Recht des Zu- sammenschlusses eine der Freiheiten, die nur auf dem Papier stehen.„Manche Städte verbieten ihren Schwestern den Anschluß an die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands. Andere geben ihrem Mißfallen gegenüber der Organisation unver- hohlen Ausdruck. Die Glieder der Mutterhäuser dürfen in der Regel auch nicht beitreten." Es versteht sich, daß unter solchen Sklavenfesseln auch die Ge- sundheit der Krankenpflegerinnen schwer beeinträchtigt wird. Auf Grund siebenjähriger Beobachtung einiger tausend Mitglieder kon- statierte die Vorsitzende der„Berufsorganisation der Krankenpflege- rinnen Deutschlands", daß das Durchschnittsalter bei Todesfällen höchstens auf das 36. Lebensjahr zu verlegen ist. Lungenleiden sind besonders häufig. Auch abgesehen von der frühen Sterblichkeit wird der Pensionsanspruch nur Verhältnis- mäßig selten erreicht. Von 120 Rote Kreuzschwestern in einem Verbände waren nach 10 Jahren nur noch 12 vorhanden, die übrigen waren aus verschiedenen Gründen vorher ausgeschieden. Hoffentlich fuhrt der hier geschilderte Jammer die Kranken- Pflegerinnen dahin, daß sie gleich den anderen gewerblichen Ar- beitern und Arbeiterinnen die Notwendigkeit der Organisation voll begreifen lernen und dann die öffentliche Meinung aufrütteln, damit die Gesetzgebung endlich der oft unter dem Deckmantel der Frömmigkeit betriebenen Ausnutzung in Rücksicht auf das Ge- meinwohl entgegentritt. DaS ist um so notwendiger, als der schwere Beruf der Krankenpslege nur dann mit voller Hingebung geübt werden kann, wenn seine Trägerinnen von dem Gefühl, Objekte krasser Ausnutzung zu sein, befreit sind. tversammlnngen— Veranstaltungen. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Sonntag, den 26. September, abends 6 Uhr. in den Corona- Festsälen, Kommandantenstraße 72: Geselliges Beisammensein und Tanz. Mitwirkende: Herr Tobias, Klavier; Frl. Woytich, Violine; Frl. Kussel, Rezitation; Frl. Lorenz, Gesang. Zentralvcrband der Hausangestellten. Sonntag, den 23. September. in Beckers gestsälen(Jnh. Zemter), Kommandantenstraße 62: Dienstboten- Versammlung. Anfang 6 Uhr. Vortrag. Herr Redakteur Paul John:„Wie können sich Dienstboten Rechte ver- schaffen?" Freie Aussprache. Nachdem Tanz. Die Arbeiterschaft wird ersucht, alle ihr bekannten Dienstboten auf diese Bersamm- lung aufmerksam zu machen. Leseabende. Britz-Bucko«. Montag, den 26. September,'/»S Uhr, im Lokal des Genossen Rahn, Bürgerstr. 4. DtUtschtlKuchblndtrvtlblllld (Zahlstelle Berlin.) Wegen tarislicher Disserenzm ist die Finna stezendarlltscd« Verlagsanstalt, Schöneberg. Bahnstr. 19 20, sür unsere Mitglieder gesperrt. Etwaige Angebote von Arbelten dieser Firma in anderen Werkstätten sind zurückzuweisen. Die Ortsverwaltnng. tFH�Krucd-pollmsan ■? empfiehlt sein Lager in Bruch- bandagon, Leibbinden, Geradehaltern, Spritzen, Suspensorien sowie«amtliche Artikel zur Kranken- pflege. Eigene Werkstatt. Lieferant sür OrtS- und Hilss-Krankenkassen. Berlin NT.,• jetzt l-othrinecr Straße OO. 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K Unserem Zahlabendleitcr, den� Genossen k'i-tti Ulanlt, und seiner Braut, der Genossin IHnna Biemann, zur Vermählung unsere besten Glück- wünsche. lOIIL Deutscher Metallarbeiter-Verbandl Verwaltungsstelle Berlin. Todes•Anzeige. Den Kollege�ur Nachricht, datz unser Mitglied, der Metall- arbcitcr �cloli(ZolämÄNn am 21. b. MtS. an Herzleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Tonnabcud, den 21 Sept., nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Lazarus-Krankenhaujes aus nach dem Elisabeth-Kirchhos, Wollankstrasje, statt. 122/5 Rege Beteiligung erwartet Die Ortövertvattnng. Deutscher Metallarbeiter-Verband Benvalinngsstelle Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser Mitglied, der Dreher flennsiiu Brandt am 21. September an Lungen- leiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25. September, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des neuen Pauls- Kirchhoses in der Seestrabe aus statt._ Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Monteur ätfred Bergemann am 22. d. MtS. an Bauchfell- enlzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Sonntag, den 25. Seplbr., nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Rummelsburger- Fried- hoseS in RummelSburg aus statt. Rege Beteiligung erwartet 122/6 Die Ortöverivaltung. zierband dkl Mater, Lackierer, Attstreicher usw. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Maler Kar! Sammler am 22. September verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25.. September. vormittags 3 Uhr, aus dem Philippus-Apostel-Kirchhof, Müller- strafie. Ecke Seestrabe, statt. 122/18 Die Ortsverwaltung. BenlscKer Holzarbeiter- Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Vergolder Ulbert kecker am 20. September gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25. September. nachmittags 4 Uhr, von der Halle teS SImconS-KirchhoseS in Britz, Tempelhoser Weg, auS statt. 0018 Die Ortöverwaltnug. Danksagung. Fllr die liebevolle Kranzspende bei der Beerdigung meines guten MauneS sage ich hiermit den Hamaunschen Ackerpächtern meinen innigsten Dank. 1038b Anna Ihwe. Zentralhaiisinoiiierrenliekleidiioi X e u e Feledi'iclistr. 35 neben Zeniral-Markthalle liefert an jedermann elegante Herren-Larderoben fertig und«ach Mast unter Ga- rantie für tadellosen Sitz gegen wüolientl. Teilzahlung von 1 M. an. Zuschueiderei u. Werkstatt im Hause. Aus Wunsch Besuch des Reisenden mit neuesten Stoffmustern. Gonutagö geiisfuet. 101(32 f* erregen die gewaltigen Läger des in Berlin einzig dastehenden allergrößten Kredit- Hauses M. Glojgau Alte Jakobstr. 73,'•> iv-.v- vi- Etage Möbels Läger In 0 Etagen in jeder Stil and Holzart. JA. Sehulmeister BERLIN SO-, Dresdener Str. 4. HÄterstT«?n Herbst= n. 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Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den gnftratenteil»rrantw: Ttz.Gl«cke, Berlin. Druck n. BeriaglPorwärtH puchdruckerci g. BerlagSanstait Paul Singer& Bezlw SW, Nr. 221. 27. Jahrgang. 5. MW des Jnraiiiite" Kcrlim DolksM Sonnabend, 24. September 5Zus Induftrie und ftandcL Börse uub Aussperrung. Die Börse bat die Ankündigung der eventuellen Aussperrung von zirka 400000 Metallarbeitern anscheinend nicht ernst genommen. Sie reagierte kaum darauf. Die Stiminung flaute nur unmerklich ab. Hätte man dem Beschluß praktische Bedeutung beigemessen, dann mutzte eine scharfe Baisse einsetzen. Wenn die angedrohte Aus-" sperrung perfekt würde, bliebe die Arbeitsruhe, die Produktions- slockung nicht auf den Kreis der betroffenen Arbeiter beschränkt Möglicherweise erklären sich die nicht Ausgesperrten mit den von der Unternehmcrfuchtel Betroffenen solidarisch. Aber auch ohne dem wäre der Einfluß auf die Gesamt- Wirtschaft von kaum berechenbarer Trogweite. Bei den schon vorhandenen gewaltigen Lagcrbeständen mutzte die Kohlenproduktion fast unmittelbar mit der Aussperrung der Metallarbeiter inS Stocken geraten, die Förderung eingeschränkt werden. Das vielleicht not- wendig werdende Ausblasen von Hochöfen, das Stillegen von Stablwerken usw., wäre für das Unternehmertum ebenso wie Fördercinschränkungen im Kohlenbergbau, von großer finanzieller Bedeutung. Gewaltige Summen gingen den Kapitalisten ver- loren. Und auch in anderen Gewerben würde sich die diktatorisch von den Metallindustriellen erzwungene Arbeits- ruhe sehr unangenehm bemerkbar machen. Die direkt und indirekt mit der Eisenindustrie in Verbindung stehenden Gewerbe- gruppen erlitten ebenfalls bedeutende Ausfälle, besonders auch das Transportgewerbe hätte mir empfindlichen Rückwirkungen zu rechnen. Weiter aber auch das gesainte Klein- und das Handels- gewcrbe. Die Streikunterstützung reicht natürlich nur für das Aller- notwendigste. Das Brachlegen der Produktion in so gewaltigem Umfange als das Androhen der Mctallindustriellen eröffnet, würde tauscitdcn kleinen Existenzen das Grab schaufeln. Gerade die Wirkungen der angekündigten Matznahmen, die nicht die kämpfenden Arbeiter, sondern Unbeteiligte treffen und bei diesen Hätz tind Empörung gegen die Gewallaktcure auslösen, nüssen, lätzt den Glauben an eine ernsthafte Durchführung der Aussperrandrohung nicht recht stark werden. Man konnte auch die Ansicht vernehmen, die Unternehmer wollen mit dem Beschluß nur eine Pression auf die Arbeitervertreter ausiiben. In der Spekulation auf solche Wirkung haben die Herren den Bogen aber doch wohl über- spannt. Die Arbeiter wissen die für das Unternehmertum und die gesamte Arbeiterschaft unvorteilhafte Wirkung der angedrohten Aus- sperrung wohl abzuschätzen; sie loissen, daß ihre eigenen Kampfopfer in gar keinem Verhälwis stehen zu dem Vorteil moralischer und materieller Natur, der ihnen aus einer Riesenaussperrung, die unter keinen Umständen längere Zeit aufrecht erhalten werden könnte, er- wachsen müßte. ES kann deshalb bei ihnen auch keine Neigung be- stehen, zur Abwehr der Aussperrung ihre Forderungen zu redu- zieren. Andererseits sind die Unternehmer gezwungen, die Aus- sperrung vorzunehmen, wenn keine Einigung erfolgt. Jedenfalls können die Arbeiter mit dieser Wendung der Dinge zufrieden sein. Die Flieischpreise steigen. Wie die amtlichen Nachweisungen über die Durchschnittspreise an SO preußischen Marklorten ergeben, sind die Fleischpreise im September gegen August dieses Jahres wiederum gestiegen. Die Zusammenstellungen zeigen das folgende Bild. ES kostete 1 Kilo- gramm Pfennige: Rindfleisch von der Keule.. vom Bug... vom Bauch... im Durchschnitt. Kalbfleisch von der Keule.. vom Bug... im Durchschnitt. H ammelfleis ch von der Keule vom Bug... » im Durchschnitt. Sch w ein e fle i sch von der Keule vom Bug... Kopf, Bein... Rückcnfett... im Durchschnitt. Rotzfleisch....... Der LandwirtschaflSministcr redet von mätzigen Preisen und von unberechtigten Klagen über Flcischnot. DaS darf nicht ver- gessen werden. •• • Die Handelskammer Frankfurt Main) bat an den Magistrat der Stadt die Aufforderung gerichtet, bei den Behörden wegen Er- leichterung der Flcischeinfuhr vorstellig zu werden. In ihrer Ein- gäbe sagt sie u. a.:..... nicht nur die Einfuhrverbote und-Er- schwerungcn wirken in ungünstigem Sinne auf die Einfuhr aus- ländischen Viehes und Fleisches ein, sondern in ähnlicher Weise geschieht dies durch die feit 1906 in Kraft befindlichen hohen Vieh- und Fleischzöllc. Lebendes Vieh unterliegt mit Ausnahme der Schweine, die 9 M. Zoll zahlen müssen, einem Eingangszoll von 8 M. für 100 Kilogramm Lebendgewicht. Frisches und gekühltes Fleisch wird mit einem Zollsatz von 27 M. für 100 Kilogramm belegt. Gefrorenes und gepökeltes Fleisch zahlt 35 M. für 100 Kilo- grainm; Schweinespeck, frisch oder gepökelt, 36 M. für die gleiche Gcwichtsmenge. Die Zollbclastnng des Fleisches ist mithin eine sehr erhebliche. Wie jedoch bereits oben erwähnt, ist die Einfuhr von frischem Fleisch aus bestimmten Ländern verboten... In wie einschneidender Weise diese Abspcrrungsmatzrcgeln auf die Gestaltung der Viehpreise einwirken, zeigt die EntWickelung der Großviehpreise auf dem hiesigen Viehmarkt seit 1901. Es kosteten im Durchschnitt der letzten Vierteljahre hier pro 100 Kilogramm: 1901. 1902. 1903. 1901. 1905. vollfleischige Ochsen . 139,3 M. . Ul,9„ . 116,3„ . 115,3„ . 163,0„ Kühe 121,1 M. 126,3„ 131,1„ 135.2„ 112.7„ 1906... 175,8„ 158,0, 1907... 161,0„ 116,8, 1908... 159,5„ 111,3, 1009... 163,0„ 115,3, Als unmittelbare Folge der Einführung des Fleischbeschaugesetzes im Jahre 1902 zeigt sich eine Aufwärtsbewegung der Viehpreise, die mit dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifgesetzes zu dauernden Teuerungspreisen führt._ Wissenschaft«nd Industrie. Auf dem dieser Tage abgehaltenen Kangretz deutscher Natur- forscher und Aerzte hat man sich auch über das von Professor Ehr- lich erfundene Mittel zur Bekämpfung der Syphilis unterhalten und das Hata-Präparat günstig beurteilt. Die Folge davon war. daß die Aktien der Höchster Farbwerke, die, wie un- scren Lesern bereits bekannt ist, die wirtschaftliche Ausbeutung dieses Präparats erworben haben— Professor Ehrlich soll an dem Werke übrigens auch sehr stark beteiligt sein— um zirka 20 Proz. im Kurse stiegen. Für die Aktionäre bedeutet die Erfindung ein feines Geschäft. Der Gc- fühle llcberschwang war so stark, daß die Begeisterung für Höchster Aktien sogar die Kurse der Papiere anderer chemischer Werke mit in die Höhe ritz.. Schmiergelder. In der„Neuen Freien Presse" ist das folgende Inserat zu lesen: Persönlichkeiten, Einkänfer von Kohle, welche bei� ihren industriellen Unternehmungen den Schluß auf eine erstklassige oberschlcsische Kohle von besonderer Heizkrast per- fettioiüeren, erhalten von oberschlesischer Grube nach je 100 Waggons 1000 Kronen als Honorar. Zuschriften unter„Größte Diskretion gegenseitig". Der Export Oberschlesiens nach Oesterreich ist wegen der geo- graphischen Lage bis zu einem gewissen Grade berechtigt. Doch gehen die oberschlesischen Zechen weit über dieses Matz hinaus. Sie haben besonders in den letzten Jahren ihre Produktion direkt in Oesterreich verschleudert. Sie verkaufen in das öfter- reichische Freilandgebict zu Preise», die nur 60 Proz. der iw Jnlande geforderte» betragen. Dazu zahlen sie jetzt noch etwa den sechsten Teil des Erlöses als Schmiergeld wieder zurück. Die Abstotzung großer ProdutlionSincngcn über die Grenze macht den deutschen Markt frei. Das Verfahren ermöglicht der Oberschlesischen Kohlcnkonvcntioit. die inländischen Preise auf ihrem höchste» Niveau zu halten. Was in Oesterreich darauf geht, wird in Deutschland zehnfach ivieder hereingeholt, und die kleine Ausgabe an VcstechnngSgcldcrn für die Beamten der österreichischen Industrie macht sich zuletzt noch sehr gut bezahlt. In Deutschland aber jammern die oberschlesischen Werke über die hohen Frachten, die ihnen einen Wettbewerb mit der englischen Kohle in Berlin unmöglich inachten. Sie sollten zu den Preisen nach Abzug der Schmiergelder verkaufen, wie sie es im Frciland tu», so würden sie jeder Kon- kurrenz überlegen sein. Aber um die inländischen Konsumenten schröpfen zu können, pfeife» sie auf den„Schutz der nationalen Arbeit". Elektrizität in Norwegen. Die norwegische Aktiengesellschaft für elektrochemische Industrie, die zurzeit ein Kapital von!>/» Millionen Kronen besitzt und kürzlich die Patente des schwedischen Ingenieurs Grönwald zur Herstellung von Stahl auf elektrischem Wege erworben hat, will die Herstellung von Stahl und Eisen durch elektrische Schmelzung aufnehmen. An allen Plätzen der Küste, wo die Verhältnisse günstig sind, sollen Stahlwerke errichtet werden. Die Kommunalverwaltmig der Stadt Bergen hat nach dem„Hbg. Korr." mit der Äkticnselskab- Norsk Elektrisk u. Brown, Bovert». Co. in Christiania einen Ver» trag auf Lieferung einer elektrischen Kraftübertragungsanlage beiden Samnager-Fällen abgeschlossen. Die Anlage wird vorläufig auf 10 500 OL ausgebaut, kann später aber auf 28 000 PS erweitert werden. Die Fernleitung ist 35 Kilometer lang, die Spannung be- trägt 50 000 Volt. Ferner hat die genannte Gesellschaft mit dem kommunalen Elektrizitätswerk der Stadt Hamor die Lieferung von elektrischen Kraftmaichinen abgeschlossen. Weiter wurde kürzlich bei der Gesellschaft eine KraftübertragungSanlage von Skollenborg nach Sande zum Betrieb einer Holzschleifcrei und die elektrische Kraft- onlage dazu bestellt. Die Anlage ist auf 6000 PS bemessen. GEGRÜNDET 1867 Jerusalem er Str. 38-39 Friedrich-Straße 75 Potsdamer Straße 2 Tauentzien-Straße 19 a König-Straße 25-26 Schöneberg, Hauptstr. 146 Oktober 1910: RIXDORF. Bergstraße 25-26 Zentrale und Versand: Jerusalemer Str. 38-39 Für die Herbst-Saison Die diesjährige Herbstmode bringt wiederum eine Fülle von Neuheiten, die in den Stillerschen Geschäften in unübertrefflicher Reichhaltigkeit vertreten sind. Erstklassige Qualität, vorzügliche Paßform und konkurrenzlose Preiswürdigkeit bilden auch hier die Eigenschaften, die den„Stiller-Stiefel" charakterisieren. 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Danach können Renten in Höhe von ein Fünftel der Vollrente oder weniger ans die voraussichtliche Dauer der Einbuße an Er- tverbstätigkeit gewahrt werden. Nach Abla>.f dieser festgesetzten Zeit hört ohne weiteres die Rentenzahlung auf. Der Verletzte hat dann das Recht, eine neue Feststellung der Rente zu verlangen; jedoch kann er die neue Rente nur für die Zeit nach Anmeldung des Anspruchs erlangen. Unsere Genossen Hoch und Molkenbuhr wiesen nach, daß kein Mensch mit völliger Gewißheit die Dauer der Einbuße an Erwerbssähigkeit in allen Fällen voraussehen kann. Die Be- russgcnossenschaften werden daher die Renten nur für kurze Zeit bewilligen, obgleich der Verunglückte länger in seiner Arbeits- fähigkeit beschränkt ist. Wenn dann der Verletzte nicht beizeiten die neue Feststellung der Rente beantragt, verliert er die ihm nach seiner tatsächlichen Einbuße an Erwerbsfähigkeit eigentlich zukommende Rente für einige Zeit, wenn nicht für immer. Denn es wird dem Verletzten oft genug nicht möglich sein, den neuen Nachweis der Erwerbsbeschränkung gegenüber den einseitigen Gut- achten mancher Vertrauensärzte der Berufsgenossenschaften zu liefern. Demgemäß beantragten unsere Genossen, daß die neuen Bestimmungen gestrichen werden. Diesen Ausführungen stimmten die Abgeordneten Becker und Dr. H i n tz e vom Zentrum sowie Abg. Dr. M u g d a n von den Liberalen zu. Dagegen traten die Regierungsver« t r e t e r lebhaft für die Bestimmungen ein. Schließlich wurde der Antrag der Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen ange- ti 0 m m e n. Die Berechnung der Rente erfolgt nach dem Jahrcsarbeitsverdienste, den der Verletzte während des letzten Jahres im Betriebe bezogen hat. Soweit der Jahresarbeitsverdienst 1500 M. übersteigt, wird er nur mit einem Drittel angerechnet. Tie Sozialdemokraten beantragten in erster Linie, daß diese Bestimmung gestrichen wird. Für den Fall aber, daß dieser An- trag nickt angenommen werden sollte, forderten sie, daß der Jahresarbeitsverdienst erst, soweit er höher als 2500 M. ist, nur mit einem Drittel angerechnet werden soll. Sie legten eingehend dar, wie ungerecht es ist, daß den verunglückten Arbeitern mit einem Jahresarbcitsverdienjt von mehr als 1500 M. für die Bc- rcchnung ihrer Rente ein verminderter Betrag zugrunde gelegt und dadurch die Rente erheblich vermindert wird. Die b ü r g e r- l i ch e n Parteien lvolltcn jedoch den Unternehmern nicht eine größere Last als bisher aufbürden. Daher st i m m t c n sie beide Anträge der Sozialdemokratie nieder. Dieselben Nationalliberalen, die es für selbstverständlich bc- trachteten,. daß den Arbeitern der Jahresarbeitsvcrdienst gc- kürzt wird, beantragten, daß der Jahresarbeitsvcrdienst nicht gc- kürzt wird, tvenn es sich nicht um Arbeiter, sondern um „bessere" Personen handelt, die nicht im Betriebe beschäftigt sind, aber im Interesse der Betriebsunternehmer oder der Be- russgenosienschaft die Betriebsstätte besuchen oder auf ihr ver� kehren und deshalb versichert worden sind. Diese Leute, so führte Abg. Dr. S e m l e r aus, hätten ein recht hohes Einkommen und sie würden schwer geschädigt, wenn man ihnen die Rente in der- selben ungünstigen Weise berechnete wie den Arbeitern.— Unsere Genossen antworteten ihm, daß das, was diesen„Herren" nicht recht ist, auch für die Arbeiter nicht billig sein darf. In beiden Fällen sei die Kürzung des Jahrcsarbeitsverdienstes ungerecht. Deshalb niüßtc sie in beiden Fällen beseitigt werden. Wenn sie aber für die Arbeiter bestehen bleibt, könne man sie nicht für die „besseren" Herren beseitigen.— Der Antrag der National- liberalen wurde dann auch gegen ihre Stimmen und die der Konservativen abgelehnt. Als Jahresarbeitsvcrdienst gilt daS Dreihundertfache des durchschnitlticheu Tagesver- dienstes im letzten Jahre vor dem Unfall. War der Ver- letzte noch kein volles Jahr vor dem Unfall im Betriebe beschäftigt, dann wird in gewissen Fällen der Jahresarbcitsverdicnst so berechnet, daß zunächst festgestellt wird, wieviel der Verunglückte in dem Betriebe du r ch s ch n i t t l i ch pro Arbeitstag verdient hat, und dieser Betrag wird für alle Tage des ganzen Jahres ange- vommen. Die Sozialdemokraten beantragten, daß hier nicht der durch- schnittliche, sondern der höchste Tagesverdienst maßgebend sein soll. Wenn ein Arbeiter noch nicht ein Jahr im Betriebe be- schäftigt war, wird er sich während eines Teiles dieser Zeit ein- gearbeitet und dann bei Stücklohn einen außergewöhnlich gc- ringen Lohn gehabt haben, der nur allmählich bis auf seine normale Höhe angewachsen ist. Daher nähert sich in dieser Zeit nicht der durchschnittliche, sondern der höchste Tagesverdienst am meisten dem normalen Verdienst des Verunglückten. Der Antrag tvurde jedoch gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Die Krankenkassen sind verpflichtet, dem verunglückten Arbeiter für die statutengemäße Zeit, also mindestens 26 Wochen laug, Krankcnhilfe zu leisten, wenn nicht die Berufsgcnosseuschaften selbst die Fürsorge für den Verletzten übernehmen. Die Berufsgenossen- schaften müssen dann den Krankenkassen Ersatz zahlen, soweit die Unfallversicherung zur Fürsorge verpflichtet ist. Da aber die gesetz- lichen Voraussetzungen für das Krankengeld und die für die Un- sallrentcn sich nicht decken, sind Streitigkeiten darüber aufgetaucht, ob in solchen Fällen die Bcrufsgenosscnschaften für die Zeit, in der der Verletzte als erwerbsunfähig krank von seinem Kassen- arzt erachtet wurde, die Vollrentc oder eine geringere Rente zu gewähren hat. Um diese Streitigkeiten zu vermeiden und die Krankenkassen vor Schaden hieraus zu bewahren, wurde auf An- trag der Sozialdemokraten, aber gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen die Bestim- mung in die Vorlage aufgenommen, daß für diese Zeit die Voll- rente bezahlt werden muß. Die Witwenrente soll, wie bisher, ein Fünftel des Jahrcsarbeitsverdienstes bc- tragen. Die Sozialdemokraten beantragten die Erhöhung der Rente auf ein Drittel des JahresarbeitSverdienstes. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten Und des Polen abgelehnt. Heiratet die Witwe wieder, so erhält sie drei Fünftel beS Jahresarbeitsverdienstes als Abfindung. Die Sozialdemokraten beantragten die Erhöhung der Abfindung auf den vollen Jahres- betrag des Arbeitsverdienstes. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Witwe soll keinen Anspruch auf eine Unterstützung haben, wenn die Ehe erst nach dem Unfall geschlossen ist. Es sind aber Fälle vorgekommen, in denen der verunglückte Arbeiter scheinbar wieder ganz hergestellt war und soätcr nach vielen Jahren erst ein« solche Verschlimmerung seines Zustandes eintrat, daß der Verunglückte daran gestorben ist. tlm jolche Fälle zu vermeiden, in denen weder der Verunglückte selbst noch seine Frau bei Ein- gehung der Ehe an einen so unglücklichen Ausgang haben denken können, beantragten die Sozialdemokraten, daß die Be- stimmung über die Entrechtung der Witwe nur dann gelten soll, wenn der Tod des Verunglückten innerhalb des ersten Jahres nach dem Unfall eintritt. In solchen Fällen wird der Zustand des Verunglückten so sein, daß die Ehefrau auf den früh- zeitigen Tod des Mannes und die sich hieraus ergebenden Folgen gefaßt sein mußte. Auf diese Weise konnten wenigstens die schlimmsten Ungerechtigkeiten vermieden werden. Trotzdem stimmten auch diesen Antrag das Zentrum, die Kon- servativen und die Nationalliberalen nieder. Die Waisenrente soll, wie bisher, nur an die ehelichen Kinder und für die Kinder einer weiblichen Person, die nicht Ehefrau ist, gewährt werden. Auf Antrag der Sozialdemokraten, aber gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen wurde die Waisenrente auch für die unehelichen Kinder vor- geschrieben, zu dessen Unterhalt der Verunglückte gesetzlich ver- pflichtet war. Die Waisenrente wird für die Waisen nur bis zum vollendeten 15. Lebensjahr gewährt. Die Sozialdemokraten beantragten daß die Rente bis zum vollendeten 18. Lebensjahr gewährt werden soll. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemo- kraten abgelehnt. Die Rente für die Eltern soll nach wie vor zusammen ein Fünftel des Jahresarbeits- Verdienstes betragen. Wenn beide Eltern noch leben, bekommt jeder von ihnen nur die Hälfte von dem, was die Kinder unter 14 Jahren bekommen. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Rente wenigstens auf den Betrag erhöht werde, den die Kinder unter 14 Jahren bekommen, also auf ein Fünftel für jeden. Auch dieser Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Strafe für zuviel Kinder. Die Renten der Hinterbliebenen dürfen zusammen drei Fünftel des Jahrcsarbeitsverdienstes nicht übersteigen; sonst werden sie gekürzt. Hat also ein Verunglückter außer seiner Frau mehr als zwei Kinder unter 14 Jahren hinterlassen, dann be- kommen die Hinterbliebenen doch nur die Rente für drei Personen l3 X%), für die übrigen gibt es nichts. Die Sozialdemo- kraten wollten den Höchstbetrag auf den vollen JahreS- arbeitsverdienst, der Pole auf vier Fünftel erhöht haben. Beide Anträge wurden gegen die Stimmen der Antragsteller ab- gelehnt. Nächste Sitzung morgen. /tos der ZultiMmmiMoi». Sitzung am Freitag, 23. September 1910. Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärte der polnische Ab- geordnete Waida, daß er Gegner der Todesstrafe sei.— Zum § 467, der die Ausübungsbestimmungen über die Todesstrafe entz hält, liegt ein freisinniger Zlntrag vor, der verlangt, daß Zu- schauer, die kein berechtigtes Interesse an der Hinrichtung Haben, bei der Hinrichtung nicht zugelassen werden dürfen. Ferner soll die vollzogene Hinrichtung nicht mehr öffentlich bekannt gemacht werden.— Unsere Genossen beantragten, daß dem Todeskandi. doten nur der gewünschte Geistliche geschickt wird, des weiteren soll die Bestimmung gestrichen werden, nach der der Hin- gerichtete nur einfach und ohne jede Feierlichkeit destattet werden darf. Unser Genosse wies darauf hin, daß von der Härte jener Bestimmung auch ein„Hochverräter" getroffen werden könnte, der doch wahrhaftig kein ehrloser Mensch zu sein braucht; denn immer, wenn der Hochverrat gelungen ist, wurde er als eine verdienstliche Tat gehalten. Diese simple Wahrheit brachte einige national liberale und konservative Herren gewaltig auf.— Die Regierungs- vertretcr wendeten sich gegen die Anträge. Nach längerer Debatte wurden alle weitergehenden Anträge mit knapper Mehrheit ab- gelehnt und nur beschlossen, daß außer dem Geistlichen und dem Verteidiger nichtamtliche Personen bei der Hinrichtung nicht zu» gelassen werden dürfen. Ein Antrag Gröber forderte die Einschaltung eines§ 4712, der folgenden Wortlaut hatte: „Gegen Mitglieder gesetzgebender Versamrn l u n g e n des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates darf während der Sitzungsperiode der Versammlung nur mit deren vorheriger Genehmigung eine Freiheitsstrafe in Vollzug gesetzt werden. Jede gegen ein Mitglied solcher Versammlungen vor deren Zusammentritt begonnene Vollstreckung einer Freiheitsstrafe wird auf Verlangen der Versammlung für die Dauer der Sitzungsperiode ausgesetzt." Die Regierungsvertreter wiesen auf die schon frühere Er- örterung dieser Frage hin, bei der der Bundesrat dazu eine ab- lehnende Stellung eingenommen habe. Die Stellung des Bundes- rats dürfte jetzt noch dieselbe sein, so daß an eine Annahme dieses Paragraphen nicht gut zu denken sei. ,Jm übrigen greife dieser Antrag in die Materie der Verfassungsbestimmungen ein und könnte die Frage in der Strafprozeßordnung nicht geregelt werden. — Unsere Genossen traten diesen Einwänden aufs entschiedenste entgegen, und sie forderten auf das energischste die Erfüllung dieser selbstverständlichen Forderung. Diesem Verlangen der sozialdemokratischen Mitglieder schloß sich der freisinnige Abge ordnete Traegcr voll und ganz an, während die Rationallibe- ralcn wieder allerlei formale Bedenken geltend machten und so um eine klare Stellung herumkamen. Die Konservativen waren natürlich auch dagegen. Zur Ergänzung„warnte" noch der Staats sekretär L i s c o vor der Annahme des Antrages Gröber, der eventuell das ganze Gesetz gefährden würde. Fn der Ab st im mung wurde der Antrag Gröber mit 14 Stimmen gegen 11 angenommen! Dafür stimmten die Zentrums- abgeordneten, der Pole, die Freisinnigen und unsere Genoffen, dagegen Konservative, Nationalliberale und der Antisemit. Beim 8 476 forderte Abg. Gröber dunh die Einbringung eines§ 4762, daß dem Verurteilten, der in eine Strafanstalt untergebracht ist, gegen den dem Gesetz oder der Hausordnung nicht entsprechenden Strafvollzug ein Recht der Beschwerde an das Oberlandesgericht zusteht.— Dagegen wendete sich der Regie- rungsvertreter, verkauf den späteren Erlaß eines Gesetzes über einen einheitlichen Strafvollzug hinwies. Unsere Genossen hielten die Anrufung des Oberlandesgerichts nicht für günstig. Mit der Tendenz des Antrages erklärten sich unsere Genossen selbstver- ständlich einverstanden, ebenso die Polen und die Freisinnigen. Den letzteren schien jedoch auch die Strafprozeßordnung nicht die geeignete Stelle dafür zu sein. Der Antrag wurde abgelehnt. — Beim§ 479 wurde angeregt, ob eine Geldstrafe von dem Ver- urteilten nicht abgearbeitet werden kann. In der zweiten Lesung soll dieser Gedanke weiter verfolgt werden. Ohne Aenderungen wurden die 88 480 und 481 angenommen, die dazu gestellten sozialdemokratischen Anträge wurden abgelehnt. — Die weiteren Verhandlungen wurden auf den nächsten M o 1- tag vertagt._"-—' Genchtö- Zeitung« Die schwere Einsturzkatastrophe, die sich am 19. August 1909 auf der Ringbahn zwischen den Stationen Schvueberg und Ebers- straße ereignete, unterlag gestern der Nachprüfung der 4. Straf- kammer des Landgerichts II unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Seligmann. Auf die Beschuldigung, gegen anerkannte Regeln der Baukunst gefehlt und dadurch die Körperverletzung dreier Per- sonen verschuldet zu haben, hatten sich der Ingenieur Georg Noack und der Ingenieur Franz Reinseld zu verantworten. Im Sommer 1909 erbaute die Englische Gasgesellschaft einen Gasometer auf Schöneberger Gebiet. Zur Hochführung der Eisenteile diente ein 85 Meter hoher Montagekran. Dieser Gerüstturm war von der Berlin-Anhalter Maschinenbau-Aktiengescllschaft aufgeführt, deren Bauleiter der Angeklagte Noack war. Dieser befand sich in der Zeit vom 6.— 15. August auf Reisen, während dieser Zeit hatte der zweite Angeklagte selbständig die Bauleitung unter sich. Dieser Gerüstturm, der in geringerer Höhe schon bei verschiedenen Bauten verwendet worden war, stürzte am 19. August um die Mittags- stunde plötzlich um und fiel der Länge nach über die Gleise der Ringbahn. Die Spitze des Gerüstbaues siel auf einen gerade vor- überfahrenden Siidringzug und zertrümmerte die zwei letzten Ab- teile des ersten Wagens hinter der Lokomotive. Die letztere selbst blieb unbeschädigt. Bei der Katastrophe erlitt eine Dame einen Ncrvenchok, drei andere Fahrgäste des Südringzuges wurden ver- letzt, ohne glücklicchrweise dauernden Schaden an ihrer Gesundheit erlitten zu haben. Der ganze Vorfall hatte unter den Fahrgästen eine furchtbare Panik hervorgerufen, denn die Insassen des Zuges nahmen deutlich wahr, wie der hohe Kran sich zur Seite senkte, einen Augenblick schief in der Lust zu schweben schien und dann herniedersauste. Es ist als ein wahres Wunder zu betrachten, daß durch die Katastrophe nicht unsägliches Unglück angerichtet worden ist. Ucber die Ursachen des Zusammensturzes sind eingehende Er- Mittelungen in die Wege geleitet worden, die das Ergebnis gehabt haben, daß die beiden Angeklagten die Verantwortung für den Unfall, der seinerzeit großes Aussehen erregt hat, aufgebürdet be- kamen. Das Konstruktionsberccknungsbureau, welches unter Lei- tung des Oberingenieurs Bergstld stand, hatte mit größter Vorsicht die statischen Berechnungen angestellt, aus Grund deren der Kraiw bau errichtet wurde, auch das verwandte Material soll einwandfrei gewesen sein. Der Turm war aber ursprünglich mir 67 Meter hoch, und es wird behauptet, daß bei der Aufsetzung von noch 18 Metern nicht genügende Sicherung durch Verstrebungen in An- Wendung gekommen sei. Die Angeklagten, die durch Justizrat Hoffstardt, Dr. Frhr. v. Liebenstein und Justizrat Dr. Eannedt verteidigt wurden, bestritten entschieden jede Schuld. Als Sach- verständige waren Ingenieur Georg Rascher, Privatdozent Carl Bornhardt und Ingenieur Victor Kahn geladen, die sich über die entscheidenden technischen Fragen und etwa in Betracht kommende Konstruktionsfehler eingehend äußerten.— Staatsanwalt Eorwcgh hielt die Angeklagten nach einer mehrstündigen Beweisaufnahme im Sinne de, Anklage für überführt und beantragte eine Geld- strafe von je 300 M. Die Verteidiger plädierten auf Freisprechung, da das Unglück durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ent- standen sei, welche von de», Willen der Angeklagten völlig unab- hängig waren. Das Gericht kam nach längerer Beratung in später Nachmittagsstunde zu einer Verurteilung beider Angeklagten wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von je 200 M._ Uniformierte Arbeitswillige. Wegen einer Notiz mit-der Ueberschrift Gendarmen als Streikbrecher" berichtete das polnische Blatt„Seele" kürzlich, daß die Gendarmen in Moschin anläßlich eines Maurerstreiks selbst die Karren zur Hand nahmen und Ziegelsteine fuhren usw., und durch diese Handlungsweise das Volk aufgereizt hätten. Es hieß ferner darin, daß. falls die vorgesetzte Behörde nicht in anderer Weise die Gendarmen von ihrer„Langeweile" befreien könnte, sie dieselben von ihrem Posten entheben müßte. Wegen Beleidigung wurde der verantwortliche Redakteur des Blattes. Karprerski, zu 300 M. Geldstrafe, im Nichtbeitreibungsfalle zu 50 Tagen Ge- fängnis verurteilt. So, nun ist die Ehre der— arbeitswilligen Genfcarmen«pariert und das Volk ist noch mehr aufgereizt, f...... Huö aller CHclt. Im Heroplan über die Hlpcn. Seit Beginn bteser1 Woche sind in B r i g'(Kanton Wallis) zahlreiche Aviatiker und Sportsfreunde versammelt, um dem kühnen Unternehmen— einer Flugfahrt nach Mailand— beizuwohnen. Im Laufe dieser Woche wurden wiederholt Versuchs unternommen, den Flug zu vollführen. doch die unberechenbaren Witterungsverhälstlisse, Stürme, Regen und Nebel, bildeten schier unüberwindliche Hiudenüsse. Am Freitag, dem sechsten Tag der Flugkonkurrenz, ist es nun gelungen, zum ersten Male den Kamm der Alpen rn einem Aeroplan zu überfliegen. Während auch heute früh— so wird aus Brig berichtet— die Witterungsverhältnisse ziemlich ungünstig waren, und vom Simplou starker Wind gemeldet wurde, hatte sich gegen Mittag fast völlige Windstille einge- stellt. Der Aviatiker W e y m a n n stieg kurz nach 1 Uhr auf, um den Flug über die Alpen zu versuchen, er landete jedoch bereits nach einigen Minuten wieder, da sein Apparat in Unordnung geraten war. Gegen ls/2 Uhr stieg auch C h a v e z auf, erhob sich schnell und überflog 20 Minuten später den Simplonkulm. Sein Apparat hatte einen sehr regelmäßigen Gang, entschwand schnell den Blicken der Zuschauer und überflog den Paß. Chavez landete nach Ueberwältiguna der Gebirgszüge in D 0 m 0 d 0 s s 0 l a. Leider wurde sein Apparat beim Landen von einem Windstoß erfaßt, durch welchen der Aeroplan voll- ständig zerstört wurde.' Auch Chavez erlitt einige Ver- l e tz u n g e n. Nach einem späteren Telegramm wurde Chavez mit verschiedenen Quetschungen und Bruch beider Beine unter den Trümmern hervorgezogen und nach dem Krankenhaus gc- bracht. Mailand, 23. September. Der Aviatiker Wey mann ist in Brig 3 Uhr 43 Minuten nachmittags zum Fluge über den Simplon aufgestiegen. Mailand, 23. September. Nach Meldungen aus Brig ist der Aviatiker W e y m a n n nach einem Fluge von dreizehn Minuten gelandet. Er gedenkt heute nicht mehr auszusteigen und hat seinen Aeroplan in den Schuppen bringen lassen. „Es hängt Gewicht sich an Gewicht". Am Dienstagabend tvnrde die Verhaftung des Direktors Kohl- l e p v e l von der durch die Niederdeutsche Bank gegründeten Aktiengesellschaft Brauerei Allemannia in Uem» mingen vorgenommen. Die Festnahme steht mit dem Konkurs der Niederdeutschen Bank in Verbindung. So sind nun bereits sechs Personen wegen des ungeheuerlichen Dortmunder Bankkrachs verhaftet worden und innner ist die Reihe noch nicht abgeschlossen. Einer der Prokuristen der Niederdeutschen Bank, S ch w e d l e r, hat sich der Verhaftung durch die Flucht nach der Schweiz entzogen. von diesem Manne wird jetzt folgende Geschichte erzählt: Bor einigen Jahren wurde von einer eleganten„Dame", als sie in einem Goldwarengeschäst ein Armband laufte. eine Brillantbrosche im Werte von 6000 Mark gestohlen. Anderen TageS erschien in einem anderen Gold- Warengeschäft S ch w e d l e r mit der Dame und wollte das gestohlene Stück, das als.altes Erbstück" bezeichnet wurde, nmarbeiten lassen Da der Goldarbeiter von dem Diebstahl wußten erfolgte die Sistierung Schwedlers, der die.Dame" als seine Haushälterin be- zeichnete. Die Diebin bekam von der Strafkammer sechs Monate Gefängnis, Schwedler aber, der schon bei der Niederdeutschen Bank und nach dem Vorfall suspendiert morden war, wurde, als er nicht selbst wegen Hehlerei angeklagt wurde, bei der„Niederdeutschen" bald wieder eingestellt und brachte es rasch zum Prokuristen. Die Geschichte mit der Niederdeutschen Bank wird immer mistiger. Die bürgerlichen Lokalblätter haben auf unsere schweren Borwürfe, daß sie sich durch Wissen und Schweigen mitschuldig an dem Zusammenbruch gemacht haben, noch kein Wort erwidert. Jedes Kind, hieß es und heißt es noch, habe in Dortmund wissen können, wie eS um O h m und die„Niederdeutsche" stand. Die ultramontane „Trenionia" erklärte, sie habe jedem» der es wissen wollte» gesagt wie es mit Ohin gewesen sei. Also gibt die.Tremouia" damit auch zu, öffentlich nicht gewarnt zu haben. Und die arglosen Landleute, deren politischer Vertreter die.Tremonia" doch ist, die katholischen Bauern im Münsterlande, die gar nichts zu wissen begehrten, weil sie gläubig waren und darum jetzt schwer geschädigt sind, sind also mit Absicht in der Dummheit erhalten worden. Die.Tremonia" hat die Zweifler vor Schaden behütet und die gläubig Dummen, Frommen geschädigtl Ihrem eigenen Geständnis nach._ Grohfeuer in Oberschlesien. Die Stadt O s w i e c i m wurde gesteru von einem schweren Brandnnglnck heimgesucht. Während ein großer Teil der Einwohnerschaft iin benachbarten B i a l l a den Markt besuchte, entstand an mehreren Stellen gleichzeitig Feuer» das durch den herrschenden Wind rasch Verbreitung fand, lieber 30 gefüllte Scheunen und mehrere Besitzungen sind abgebrannt, ein Feuerwehrmann sowie der Besitzer Halat stürzten durch das Dach einer Scheune und verbrannten. Auch viel Vieh ist in den Flammen umgekommen. Der Triumphzug der Technik. Das unbemannte Elektromotorboot„Prinz Ludwig", daS durch Hcrtzsche Wellen vom Leuchtturm Dutzendteich bei Nürnberg aus gesteuert wird, hat, da das Wasser wegen Erweiterung des Schwimmbades in den nächsten Tagen abgelassen wird, gestern für dieses Jahr die Schlußfahrren auf dem Dutzendteich vorgenommen. Von viereinhalb Uhr bis sieben Uhr abends — bis zum Einbruch der Nacht— fuhr das Schiff ohne jede Störung nur durch elektrische Wellen dirigiert unbemannt in den verschieden st en Richtungen durch die Fluten. Vorwärts- und Rückwärtsfahren, Rechts- und Links st euern konnte mit größter Sicherheit vorgenommen werden; wohl einige hundert mal wurde der Kurs des Schiffes gewechselt und der Schiffsmotor dreißig bis vierzig mal in und außer Betrieb gesetzt. Die Versuche wurden von einem elektrophysikalischen Laboratorium in Nürnberg mit seinen Apparaten ausgeführt. Ein Bier-Ukas. Am Eingang zur Schenke und zur Küche des Gasthauses„Loth- ringer Hof" in M ü n ch e n ist folgender UkaS zur Beachtung für die Mieter des fraglichen Anwesens angeheftet worden:_ Jmmobiliengesellschaft Leistbräu, München G. m. B. H. München, den 9. September 1910. Herrn Jos. Hartl, Gastwirt, Lothringer Str. 10. Bezugnehmend auf Ihren letzten Besuch ersuchen wir Sie Höf- lichst, uns gef. die Namen derjenigen Mieter mitteilen zu wollen, welche ihr Bier nicht bei Ihnen, also außer dem Hause holen und überhaupt kein Bier holen. Ihrem baldigen Bescheid entgegensehend zeichnen wir Hochachtend Jmmobiliengesellschaft Leistbräu, München, G. m. b. H. WaS die Mieter des Hauses aus diesem Anschlag entnehmen sollen, ist nicht schwer zu erraten: entweder ihr trinkt Leistbräu, oder ihr werdet an die Luft angesetzt! Man muß die Münchener Woh- »ungsnot kennen, um die Wirksamkeit dieser Alternative ganz würdigen zu können. Der Wohnungsmangel hat in München ja schon manche eigenartigen Blüten gezeitigt, aber mit dieser.Leistung' des„Leistbräus" dürfte das Hauspaschatum wohl den Gipfel seiner bisherigen Ruhmestaten erklommen haben. Kleine Notizen. Die Cholera. In A pulten sind in den letzten 24 Stunden elf Personen an Cholera erkrankt und zwei gestorben. Genickstarre. An einem auf dem Borsigwerk in Kattowitz beschäftigten Kranführer wurde Genickstarre festgestellt, der Erkrankte wurde dem Krankenhaus zugeführt. Unwetter im Hafen von Fiumc. Gestern wütete in F i u m e und Umgegend ein großes Unwetter. Im Hafen ereigneten sich mehrere Unfälle. Ein beladenes Segelschiff wurde vom Sturm um- geworfen,«in anderes kenterte. Beide Schiffe sanken. Die Mann- schaft konnte nur mit großer Mühe gerettet werden. Ein Ncberfall auf der Landstraße wird aus Rom gemeldet. 5 Karabineri von A l c o m o in Sizilien sind gestern von einer Bande überfallen worden. Bei dem stattfindenden Kampfe wurde ein Karabiner! getötet, sämtlche andere verletzt. Die Karabineri töteten einen Räuber und konnten die übrigen in die Flucht schlagen. Es handelt sich um die Bande des Räuberhauptmaims Ballo, welche seit Monaten die ganze Gegend trrorisiert. Tragisther Tod eines Ehepaares. Auf dem Rückwege von der Fiodlcrsglückgrube bei Beuthen, wohin sie ihrem ihr vor zwei Mo- naten angetrauten Ehegatten das Mittagessen gebracht hatte, stürzte die Frau des Grubenarbeiters Czapla aus Scharley in einen tiefen, dicht an der Grube gelegenen Teich. Czapla, der den Vor- gang beobachtet hatte, wollte seine Frau retten, ertrank aber mit dieser. Ein Greis als Sittlichkeitsverbrecher. Das schamlose Treiben eines Greises beschäftigte die Strafkammer in Schweidnitz. Der 83 Jahre alte Weber Riedel aus Langenbielau verübte an nicht weniger als 6 Schulmädchen Sittlichkeitsverbrechen. Er wurde zu 2 Jahren Gefängnis und 3 Jahren Ehrcnverlust ver- urteilt. Schwere Explosion. In der Rottweiler Pulverfabrik explo- Vierten gestern nachmittag mehrere Trockenschränke, wodurch das Trockenhaus vernichtet wurde. Zwei Arbeiter wurden getötet. Mehrere Personen erlitten schwere Verletzungen. Ein Arbeiter wird noch vermißt. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 25. September, vormittags 1» Uhr:„Jugendweihe" in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29. Festrede von Dr. B. Wille._ Bmffearten der Kedahtion. XU jnvIftUrfit svrechftunde finde» Linden strafte Sir. SS, dorn vierTrcdveo— Fadrstnlil—, wvidentäglich von4'/,bts?hz»dr abend», Sonnabend» von 4'/, 619 6 Uhr nachmitiaas flu««. Jeder für den Briefkasten bestimmten Anfrage ist ein Bnihftade nnd eine Zadi al» fviert- »idicn beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Eilige Frage»»rage man in der Evrechstuude vor. B. Die Frau ist nur verpflichtet, den Uebergang des GeschästsantcUS, unter Beibringung dcS Nachweises dafür, bei der Gesellschaft anzumelden. — P. 25. 100. Wir raten, bis zuin Ablaus der Vertragsdauer wohnen zu bleiben.— P.®. 99. 1. Die im Vertrage enthaltene Künbigungsfrift ist maßgebend. Ist eine solche nicht vereinbart, so ist die von Ihnen ge- nannte Kündigung rechtzeitig. 2. Ja, ivenn die Frau zur Bezahlung der Kosten außerstande ist.— A. K. N. W. 87. Es kommt aus den Inhalt des GrundbuchblatteS an. Lassen Sie sich einen Auszug aus dem Grund- buche kommen.— H. H. 40 und F. 5£. 20. Wir raten von dem Beitritt zu der genannten Kasse ab. ES lausen sortgcsetzt Beschwerden bei uns ein. —®. 23. 1. In drei Monaten. 2. Ja, wenn aus den Umständen zu eutnehmen war, daß die Aeußerung dem Beleidigten galt. 3. Die Frage ist unverständlich,— AH. 3. 29. Untersagen Sie das Oeffnen sür die Zukunft. Geschieht es dennoch, so lönnen«ie Strasanzeige erstatten. — Walter 08. A. u. B. Berliner Baedeker. Preis l M., erhältlich in der Buchhandlung Vorwärts. C. Sic sind zahlungspflichtig.— C. 135. Falls Ihre Darstellung im Prozeß bewiesen ivird, können Sie nicht verurteilt werden.— K. H. 20. Nein.— A. H. 51. 1. a. 2. Nein. 3. Unbekannt.— H. R. 1000. Sie können noch jetzt, und zwar binnei» längstens drei Monaten von dem Tage ab, an dem Sic Kennlnis erhalten haben, Klage erbeben.— A. W. 33. Die länger als vier Jahre zurück- liegenden Ansprüche sind verjährt.— H. K. Wir halten Sie nicht sür zahlungspflichtig. Beantragen Sic die Entscheidung des SladtauSjchusses. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-DIrektion über den Großhandel in den Zentral-Marktballen. Aliarktlage: Fleisch: Zufuhr genügend, Geichnsl ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufubr nicht genügend, Geschäft rege, Preise fest. Geslügel: Zufuhr reichlich, Geschäft lebhaft, Preise befriedigend. Fische: Zusuhr mäßig, Gelchäit ziemlich iebhajt, Preise wenig verändert. Butter nnd Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obü und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft fast leblos, Preise gedrückt. LSttterungSüberstcht vom 23. September 1910, morgens S«br. Stationen t! S 2« II Bf Setter abcheckt b bedeckt 2 bedeckt Nebel 4 Regen 4 Regen >*£ »II t? wSi Swtnemde."6533 Hamburg 768SS33S S-rltn 7673!» Krankf.a M. 770 Still München i77 Gen.-Vertrieb Carl RÖckeP, Grüner Weg 112.; Wir empfehlen t Arlieilcr- Gtsiiildhtilsliilililiihck Heft 11. Frliiitilltideii u. dcrcii Nerhniiing. Nebst einem Anhangs Die Verhütung der Schwangerschaft. Von Hr. J. Kadek. Preis SO Pf. 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