Mr. SSV. nbonnemcnlS'Bcdingnng«H: LkonnementS> Prciz pränumerando: Bierteljährl. Z�o Mk, nionail. l.lll Md, wöchentlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntagsnummer mit illustrierter Sonntags- Bcilage.Die Neue Welt' lll Psa. Post- Nbonnement: l.IV Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisllsic. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postabonnemenis nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien. Lurcmburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 27. Jxlsrs. Crtitclnt lZgllch außer tContaat. �* Vevlinev Volksblclkt. Die Tn!«rtionS'Gebflf)f lelriigt sür die sechsgcspaltene Kolonel« zcile oder deren Raum BO Psg., sür poliiischc und gewcrlschasllichc Vereins- und Versanimlungs-Anzeigcn 80 Psg. „Meine Vlnreigen", das erste(selt- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- stcllen-Anzcigen das erste Wort lll Psg, jedes weitere Wort 8 Psg. Worte über Ik Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijk bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adresse: „SczialdciMlirat Rcrlla", Zentmlorgan der fozialdcmokratifcbcn Partei Deutfchlands. Kcdahtion: 8M. 68, Ltndcnstrassc 69, Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Dienstag, den 27, September 1910. Expedition: 8Al. 68, Lindcnstrasac 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1981. Der Zweiundfünfzigfte! Seelow, S«. September.en Wahlkreis auch ohne den rednerischen Sukkurs aus Königsberg erobert: aber auch wir schlagen diese unverhoffte Wahlunterstützung keineswegs gering an! Mag Bethmann Hollweg, mögen die bürgerlichen Par- teien sich den Kopf zerbrechen um eine packende Parole für die allgemeine Wahlschlacht im nächsten Jahre— die Sozial- demokratie hat ihre Wahlparole längst mit glänzendem Erfolge erprHt. So bedeutet der neueste Wahlsieg, die Entsendung des Zweiundfünfzigsten in den Reichs- tag, eine Vertrauenskundgebung des Volkes, die gerade recht gekommen wäre zur Eröffnung des sozialdemokratischen Parteitags, die aber auch nach Magdeburg noch hochwill- kommen und von größter Bedeutung ist. Die bürgerlichen Parteien haben abgewirtschaftet, auch der schwächliche, von Kompromißsucht total entnervte Liberalismus hat alles Ver- trauen unter den breiten Massen verloren. Nur der Sozial- demokratie, der einzigen aufrechten, kampfesfreudigen Partei der Opposition gegen die absolutistisch-agrarisch-kapitalistifche Mißwirtschaft, wenden sich die Sympathien der Ausgebeuteten und Entrechteten zu. Ter Parteitag seinerseits hat dazu mit- geholfen, daß die Massen immer fester zur proletarischen Klassenkampsarmee verschmolzen werden, damit auch bei den künftigen großen Entscheidungen derSieg hemVolkegehört! ver ViMnglche llorpsbefehl. Die reaktionäre Presse setzt ihre Taktik fort, den vom Genossen Limbertz auf dem Magdeburger Parteitag verlesenen Korpsbefehl des abgesägten Generals v. Bissing tot- zuschweigen oder ihn als etwas ganz Selbswerständliches hin- zustellen, gewissermaßen als einen Akt der Notwehr, der durchaus nicht den Bestimmungen der Reichsverfassung wider- spricht— und wenn tatsächlich gegen den§ 31 dieser Verfassung verstoßen sollte, doch aus Gründen der höheren Staatsräson völlig berechtigt sei. Ein anderer Teil, voran die„Köln. Ztg.", hilft sich damit, daß er erklärt, der Erlaß sei keineswegs eine Maßregel der Regierung, wie der„Vor- wärts" glauben machen wolle, sondern nur die Anweisung eines einzelnen Truppenführers. Das ist allerdings insofern richtig, als der Korpsbefehl, wie immer in solchen Fällen, vom Kommandeur eines Armeekorps ausgeht und von diesem unterzeichnet ist; aber glaubt denn die„Köln. Ztg." wirklich, daß der General von Bissing das Schriftstück auf eigene Hand, ohne Wissen und Zustimmung der Re- g i e r u n g, speziell des Kriegsministeriums, angefertigt hat und daßernichtvielmehrailsWeisungund im Auftrag einer anderen höheren Stelle handelte? Am possierlichsten gebärdet sich, wie ganz selbswerständ lich ist, das unfreiwillige politische Witzblatt des Bundes der Landnürte, die„Deutsche Tageszeitung". Sie schreibt: Es ist doch selbstverständlich, daß, wenn der Belagerstngs- zustand verhängt ist, wenn der blutige Aufruhr in den Straßen tobt, die aufrührerischen Blätter nach Möglichkeit unterdrückt, und die zum Aufruhr hetzenden Leute unschädlich gemacht und vev haftet werden. Die Immunität der Abgeordneten hört mit dem Belagerungszustande auf. Das ist längst bekannt und selbstver ständlich. Ebenso selbstverständlich ist, daß die Versammlungen verboten werden, und daß die Truppen alle wirksamen Mittel anwenden, um den Aufruhr möglichst bald zu unter- drücken und die Aufrührer niederzuzwingen. Es ist durchaus verdienstlich, daß den Truppenführern nach dieser Richtung hin bestimmte Anweisungen gegeben werden. Das gilt natürlich alles nur für den Fall des blutigen Aufruhrs und der dadurch veraw latzten Verhängung des Belagerungszustandes. Ist einmal dieser Zustand verhängt, dann mutz mit den Aufwieglern und Aufrührern, mögen sie nun die Flinten in der Hand tragen oder die Massen in den Aufruhr hineinhetzen, kurzer Prozeß gemacht werden. Die Veröffentlichung der Anweisung des kommandierenden Generals war also durchaus keine Sensation. Bedenklich daran ist nur die Tatsache, daß eine derartige Anweisung in die Hände eines Sozialdemokraten gelangen konnte. Auch die„Voss. Ztg." hat wenig gegen die sogen. Sicherheitsmaßregeln des Generals v. Bissing einzuwenden. Sie erinnert daran, daß 1878, nach dem Nobiling-Attentat, ebenfalls durch den Kriegsminister v. Kameke alle Maßnahmen zur Aderlassung der Berliner Arbeiter getroffen waren, und fügt hinzu: So gut wie dazumal ist natürlich auch seither für alle Fälle vorgesorgt gewesen. Deshalb bringt der Brief des Generals v. Bissing wirklich nichts Neues. Nicht einmal die Verhaftung von Abgeordneten, ohne Rücksicht auf ihre Immunität, ist schlechterdings neu. Ist doch einst, während des Kriege? mit Frankreich neben anderen Personen auch der Abgeordnete Jo- Hann Jacoby auf militärischen Befehl verhaftet und nach der Festung gebracht worden, llebrigens ohne, daß der Belagerungs- zustand verkündet war. Bismarck war von dieser Maßregel nichts weniger als erbaut. Er äußerte am 29. Oktober 1879 nach dem Zeugnss Moritz Büschs:„Ich freue mich darüber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil seine Rache- gcfühle dadurch befriedigt werden; der' politische Mann, die Politik kennt solche Gefühle nicht; die fragt nur, ob es nützt, wenn politische Gegner mißhandelt werden." Und am 24. No- vember sagte er, daß die Militärs ihn zu selten um seine Mei- nung befragten:„So war'S auch mit der Ernennung Vogels von Falckenstein, der jetzt den Jacoby gemaßrcgelt hat. Wenn ich mich vor dem Reichstag darüber aussprechen müßte, würde ich meine Hände in Unschuld waschen; man hätte mir nichts Unbe- quemeres einbrocken können. Ich bin militärfromm in den Krieg gekommen, künftig gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter ärgern, lasse ich mir einen Stuhl auf die äußerste Linke stellen." Dabei machte dem Kanzler nicht die Rechtswidrigkeit der Verhaftung Skrupel, er stieß sich nur an der Unnötig- keit, der politischen Schädlichkeit. Wenn er bei einer Revolution, noch dazu nach Verkündigung des Belagerungs- zustandes, Sicherheitsmaßregeln hätte anordnen sollen, wären ihm vielleicht Verfügungen, wie sie im Schreiben des Generals v. Bissing angegeben sind, ganz opportun gewesen. Die meisten dieser Verfügungen wären sogar durch das preußische Gesetz vom 4. Juni 1851 gedeckt gewesen. Jenes Gesetz gestattet, für die Zeit des Belagerungszustandes die Bestimmungen über die persönliche Freiheit, die Preßfreiheit und einejlleihe anderer Grundrechte außer Kraft zu setzen. Artikel 63 der Rcichsver- Verfassung hat diesem preußischen Gesetz über den Belagerungs- zustand Gültigkeit für das Reich gegeben. Das„infame Do- kument", wie der«Vorwärts" das Schreiben des Generals tituliert, enthält also nicht just in allen Teilen skrupellosen Verfassungsbruch." Aber wenn es wirtlich zu einer blutigen Revolution käme, wer hielte sich an Werfassungsparagraphen, wer auf der einen und wer auf der anderen Seite? Das«Berk. Tagebl." kommt in feiner„Pol. Wochenschau" nochmals auf den v. Bissigschen Korpsbefehl zurück und schreibt, indem es über die Auffassung spottet, die Sozialdemokratie gedenke durch die Inszenierung von Straßenkämpfen die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu> stürzen: Man er-sieht aus diesem Zirkular, das wohl in ähnlicher Weise sämtlichen Truppen zugegangen ist, daß die preußische Regierung sich tatsächlich auf etwaige Straßenkämpfe vorbereitet hat. Und noch mehr als über die drakonischen und mit den Verfassungs- bestimmungen unverträglichen Vorschriften, die sür den Fall von Unruhen in Aussicht genommen sind, wird man sich über die Auf- fassung der Regierung von der tatsächlichen Stimmung in der Be- völkerung wundern müssen Es spricht sich darin eine völlige Ver- kennung der Stimmung des Volkes aus. Die Massen denken gar nicht daran, im„Heugabelsinne der Gewalt" gegen die festen Mauern der bestehenden Staatsordnung Sturm zu laufen und sich dabei die Köpfe einrennen zu wollen. Nur aus der Stim» mung einer Kamarilla heraus, die ein Jnter- esse daran hat, die Ordnung und die Monarchie als schwer bedroht hinzustellen, sind solche VekB fügungen überhaupt erklärlich. Nur dürfte man sich auch wieder täuschen, wollte man an- nehmen, daß mit Maschinengewehren und Artillerie der Wille des Volkes niedergehalten werden könnte. Die zweifellos in weiten Kreisen des Volkes bestehende Mißstimmung und Verbitterung wird durch derartige Drohungen nnr verschärft. freiMerlum und Sozialdemokratie. Die politische Entartung des Bürgertums äußert sich unter anderem auch in dem Schicksal der Freidenkerbewegung. Sie hat ihre Heroen in der Zeit, wo es galt, den Kampf gegen Feudalismus und Kirche zu führen, wo die Bourgeoisie ihre revolutionäre Rolle auf dem Schauplatz historischer Kämpfe spielte. Gallilei und Giordano Bruno, Hume, Blunt und Tolaud, Rousseau und Voltaire sind die stolzen Namen, die dem Bürgertum aus jener Zeit al» Erbe zufallen. In Deutschland, wo es noch im neunzehnten Jahr- hundert galt, mit dem Moder einer überlebten Zeit aufzuräumen, glänzen die Namen eines Strauß, Feuerbach, Ludwig Büchner. Molleschott. Was ist heute aus dieser Bewegung geworden? Das Freidenkertum ist zu einer Sekte geworden, die an Intoleranz mit den Pfaffen wetteifert und die den revolutionären Kämpfen unserer Zeit mit dem Haß und Unverstand gegenübersteht. Wir haben während des Kulturkampfes viele dieser Pfäfflein des Atheismus im Lager der Nationalliberalen gesehen, wir haben sie mit gleicher Wut Ausnahmegesetze gegen die katholische Kirche wie gegen die Sozialdemokratie fordern hören. Die besten von ihnen stehen auch heute, wie Ernst Haeckel, der Ar» bciterbewegung fremd und verständnislos gegenüber. Das gleiche Schauspiel in Frankreich. Die Clemcnccau und �ochefort und Bourgeois, die dort im Kampfe gegen die Kirche toben, sind geschworene Feinde der proletarischen Bewegung. Wenn es ein» mal eine Ausnahme gibt, wenn ein„frendenkcrischer" Strohkopf, sich in das Lager des Proletariats verirrt, dann haben die Arbeiter alle Ursache, solchen Leutchen besonders wachsam auf die Finger zu sehen, wie die widerwärtige Gastrolle des seinerzeit aus der Partei ausgeschlossenen Dr. P. A. Rüdt in unserer Partei beweist. Es ist eben kein Zufall, daß das sogenannte Freidenkertum von heute verknüpft ist mit bourgcoiscn Klasseninteressen, und des- halb trotz des scheinbaren Berührungspunktes mit der Arbeiter» schaft, dem Kamps gcgen Klerisei und Muckertum, der sozial- demokratischen Weltanschauung fremd und feindlich gegenübersteht. Daraus erklärt es sich auch, daß nirgends die spzifische Freidenker- bcwegung Anhänger unter den Arbeitern gefunden hat. � Man sollte meinen, daß in Ländern, wo der Kampf gegen den Klcri- kalismus im Vordergrunde steht, wie z. B. heute in Spanien, der freidenkerische Gedanke genügend werbende Kraft besitzen müßte, um die Arbeiter ins Lager der Freidenker hinüberzuziehen. Trotz- dem sehen wir keine Spur davon. Man sollte meinen, daß in England, wo in allen Schichten der Bevölkerung ein eigcntüm- lichcr Hang zur Erörterung religiöser Fragen zu beobachten ist, die atheistischen Freidenker Scharen von Arbeitern beeinflussen müßten. In Wirklichkeit sehen wir aber Scharen von Arbeitern in den englischen religiösen Sekten aller Obscr- vanzen, nur die Sekte der Freidenker bleibt vollständig auf bour» geoise und kleinbürgerliche Elemente beschränkt. Der Vorgang ist indessen vollkommen erklärlich. Der Arbeiter, der sein Denken und Fühlen von den Schlacken der Religion freimacht, hat fast stets auch die geistige Kraft, sich zur sozialistischen Weltanschauung aufzuraffen. Er wirft mit dem religiösen Bekenntnis auch die kleinbürgerliche Denkweise von sich, und dann wird ihm auch sofort klar, daß das verödete Freidenkertum ihm nichts zu bieten hat, daß es ihm wesensfremd, ja feindlich ist, wie eben die Bour» geoisie dem Proletarit feindlich ist. Deshalb ist der freidenkende Arbeiter nur in ganz seltenen Ausnahmefällen Freidenker, sondern er wird Sozialdemokrat. Darin besteht eben die Evolution: die Massen zum politischen Kampfe gegen den Klerikalismus führen, kann heute nur die Sozialdemokratie, das Freidenkertum ist und bleibt eine durch und durch bourgeoise Sekte, wenn man will ein Rudiment aus einer Überwundenen Zeit. Wie der moderne Mensch das Schwanz, ButBcHjeit öl§ Stu&Tmelt! frühkrer UnlffildeTuttgSgetloScft»H sich schleppt, so schleppt die kapitalistische Gesellschaft daS Schwanz- wirbelchen des bourgeoisen Freidenkertums mit sich. Eine besondere Erscheinung können wir zurzeit in Russisch- Polen beobachten. Auch hier gibt es Freidenker, aber von ganz 'eigenartiger Spezies. Diese Leute verdanken es dem Helden- mutigen Kampfe des russischen und polnischen Proletariats, dasi sie ihre Propaganda entfalten können. Eine der Errungenschaften des revolutionären Kampfes ist eine etwas größere Bewegungs- freiheit der Presse. Freilich werden sozialdemokratische Blätter unterdrückt, aber die bürgerliche Presse hat bedeutend mehr Spiel- räum als früher, und das kommt ganz besonders den Freidenkern zugute. Ihr Blatt,„M y s l N i e p o d l e g l a"(Unabhängiger Ge- danke), das unter Redaktion eines gewissen Herrn Andreas Niemo- jewski in Warschau erscheint, benützt nun diese Freiheit vor allem dazu, die polnische Sozialdemokratie in unflätigster Weise zu be- schimpfen. Es werden da alle Register gezogen, die in Deutschland zum Böstande der landrätlichen Reptilblättchen niedrigsten Kalibers gehören, wie der Vorwurf, daß die geistigen Vertreter der klassen- bewußten Arbeiter sich vom Schweiße der Arbeiter mästen, daß sie durch die Arbeiterbewegung Karriere machen wollen(eine Anklage, die in Nußland, wo die„Karriere" in den meisten Fällen in den Zuchthäusern Sibiriens endet, besonders grotesk wirkt). Es wird der verlogenste persönliche Klatsch breitgetreten und die Ehre der Mitarbeiter der Arbeiterpresse in den Kot gezogen. Das Blatt schreckt selbst vor der Aufdeckung von Pseudonymen nicht zurück. Wem dadurch unter den russischen Verhältnissen ein Dienst er- wiesen wird, ist klar. Man muß sich fragen, ob es Gewissenlosig-- keit, mors! insanity oder Unzurechnungsfähigkeit ist, die in diesem Falle dem„freidenkerischen" Skribifax die Hand leiten. Ein Spezifikum dieses polnischen„Freidenkertums" ist krasser Chauvinismus und Antisemitismus. Die Sozialdemokratie sei „verjudet" und das sei eine Schande und Schmach. Aber auch liberale jüdische Schriftsteller werden in den Kot gezogen, nur weil sie Juden sind. Der Ton, der dabei angeschlagen wird, ist derart, daß unsere Ahlwardt und Stöcker im Vergleich damit als höchst an- ständig gelten müßten. Diese Merkmale sind um so befremdender, als das einzig gute am wirklichen Freidenkertum die Hochhaltung allgemein menschlicher Ideale ist. Die Freidenker, die diesen Namen wirklich verdienen, treten für die Idee des Weltbürgertums ein, wenden sich gegen den bornierten Chauvinismus und Rassenhaß. Wenn dieses Freidenker- tum in den Ländern des Westens auch wenig leisten kann für die Verwirklichung dieser Ideen, wenn es sich von der Arbeiterbewe- gung, dem einzigen Träger des sozialen Fortschritts, abwendet, so kommt ihm immerhin das Verdienst zu, daß es das Bürgertum an seine früheren Ideale erinnert. Das Freidenkertum in Polen da- gegen ist dermaßen entartet, daß sein Organ auf das Niveau eines antisemitischen Hetzblattes Herabfinken kann. Das ist jedenfalls idarauf zurückzuführen, daß die Unfreiheit jede soziale Klasse, die nicht gegen diese Unfreiheit kämpft, korrumpieren muh. Das „freidenkerische" Schmutzblatt spiegelt also nur den geistigen und moralischen Verfall der polnischen Bourgeoisie wieder. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die geistige Verwilderung, die aus diesem Blatte spricht, bei jedem zivilisierten Menschen Ekel hervor- rufen muß. Unter den Kanipfmitteln, dessen sich dieses Blatt gegen die Arbeiterbewegung bedient, spielt natürlich auch das bekannte Aus- spielen der Sozialisten fremder Länder gegen die des eigenen Landes eine Rolle. Für unsere Reaktionäre sind bekanntlich stets Jaures oder Vanderbelde Musterknaben, Bebel der schwarze Mann. Das polnische Freidenkerblatt lobt die deutschen Sozialdemokraten, um die polnischen beschimpfen zu können. Da auch der„Vor- wärts" bei diesem tölpelhaften Spiel jenes Blattes herhalten muß, so nehmen wir um so mehr Gelegenheit, unserem Abscheu gegen diese Art von„Freidenkertum" Ausdruck zu geben. «»• ♦ Es lag für uns ein besonderer Anlaß vor, uns mit dem Blätt- ichcn des Herrn A. Niemojewski zu befassen. Er schickte uns nämlich ein Heft zu, das von solchen Unflätigkeiten strotzt, mit einem Be- gleitschreiben, in dem er einen seit zwei Jahren in der deutschen Parteipresse tätigen polnischen Genossen moralischer Delikte an» klagt. Da er behauptet, hierbei auf Wunsch eines im Auslande er- scheinenden polnischen Parteiblattes zu handeln, so können wir nicht umhin, an die Adresse des letzteren folgende Be« merkungen zu richten: Ist unser Mitarbeiter wirklich so schlecht und unmoralisch, so war es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des betreffenden sozialdemokratischen Blattes, die Redaktion des„Vor- wärts", der„Leipziger Volkszeitung" und der„Neuen Zeit", wo dieser Genosse Artikel unter seiner Unterschrift veröffentlicht hat, bereits vor zwei Jahren über seine Person aufzuklären, zumal die angeblichen Delikte, laut dieser Anklage, mehrere Jahre zurückliegen. Ferner war dieser Genosse Delegierter auf dem Liapenhagener Kon. greß und die Vertreter des Blattes, das ihn jetzt anklagt, saßen mit ihm an einem Tische. Wie konnten sie es unterlassen, sofort das Bureau über die Qualifikationen dieses Delegierten zu informieren? Erst jetzt, nachdem der betreffende Genosse die Taktik dieses Blattes in Sachen der Grunwaldfeier neuerdings scharf angegriffen, erfolgt die Anklage, und zwar nicht in dem sozialdemokratischen Blatte selbst, sondern durch Vermittelung eines bürgerlichen Schinutz- blatteS. Diese Tatsachen werfen ein sonderbares Licht auf die An- klage. Das wird freilich den betreffenden Genossen nicht hindern, der Sache auf den Grund zu gehen. Zmiti; desavouiert die Budget- bewiiliger. Hebet den von uns schon in der Sonntagsnummer zitierten Artikel deS Genossen Jaures schreibt uns unser Pariser Korre- spondent: In seinem heutigen Artikel in der„Hümanite" polemisiert Jaures gegen die LieblingSargumente der Budgetbcwilliger. Er schreibt:„Vielleicht läßt sich sogar vom theoretischen sozialistischen Gesichtspunkt mancher Einwurf gegen die totale, ständige und systematische Ablehnung des Budgets erheben. Aber es ist natürlich, daß daS Proletariat, als es in die gesetzgebenden Körperschaften eindrang, durch alle ihm zur Verfügung stehenden parlamentarischen Mittel dem auf das kapitalistische Eigentum gegründeten sozialen System in seiner Gesamtheit seine fundamentale Opposition kundgeben wollte. Das ist eine Tradition. für die sehr starke Gründe sprechen und in keinem Fall ist es das klägliche Gezeter unserer Gegner, daS uns veranlassen könnte, auf sie zu verzichten. Wenn sie behaupten, daß wir durch die Ablehnung des Budgets das Recht verlieren, es zu diskutieren und zu kontrollieren oder daß wir, weil wir gewisse Partien des Budgets bewilligt haben, gehalten sind, für das Ganze zu stimmen, worin sie eingeschlossen sind, so sagen sie eine Ab- surdität und verneinen einfach daS ganze parla- mentarische Prinzip. In den freien Parlamenten ist es die ständige Praxis, zu diskutieren, zu verbessern und dann das Gesetz im ganzen abzulehnen, wenn die durch- gesetzten Amendements nicht genügen� den wesentlichen Mangel gut- zumachen. Waren die Gegsier der EmkoiUmensteu'et und der Trennung Von Kirche und Staat verpflichtet, für diese Gesetze im ganzen zu stimmen, weil es ihnen im Verlauf der Verhandlungen gelungen war, einige ihrer Anträge durchzusetzen? Ich wiederhole es, das ist ein absurder Einwand. Als in der letzten Legislaturperiode die radikale Mehrheit die Sozialisten unter diesem Vorwand systematisch aus der Budgetkommission ausschloß, hat sie einen Ge- waltakt begangen, den ein plumper Sophismus nicht decken konnte. Ilm eine alt« Praxis, die zumindest in der Periode der Formation des Sozialismus dem tiefen Instinkt der Arbeiterklasse entspricht und in unserem Einigungspakt steht, wieder inDiskussion zu zie hen, bedürfte es sehr dringender Gründe und ich sehe keine. Für uns französische Sozialisten war die Frage niemals wirklich gestellt, selbst nicht in der Zeit der Blockpolitik. Als K a u t s k y mich auf dem Parteitag in Nürnberg als ein Exempel der Disziplin hinstellte, indem er sagte, daß ich vor dem Amsterdamer Kongreß das Budget bewilligt und hernach, um mich den Beschlüssen der Internationale zu fügen, abgelehnt hätte, hat er mir ein Kompliment gemacht, das ich nicht verdiente. Denn niemals, selbst nicht in der Zeit, wo ich zur Rettung der republikant scheu Freiheit und für das große Werk der Trennung von Kirche und Staat die Blockpolitik mit Leidenschaft betrieb, habe ich für daS Budget gestimmt. Ebenso wie ich in jener Periode ohne Unterlaß meine sozialistische und kommunistische Ueberzeugung betonte, vor- mied ich mit Sorgfalt jeden unnötigen Konflikt mit den Traditionen der Partei." Jaures setzt dann auseinander, daß er das Budget bewilligt'hätte, wenn die Reaktionäre versucht hätten, die Opposition der Sozialisten zu einer Vereitelung der Trennung von Kirche und Staat und der antiklerikalen Gesetzgebung zu mißbrauchen. Die Ablehnung des Budgets sei kein unbeweglicher Ritus, kein ge- weihter Symbolismus, den unsere Gegner zu einer Gefahr für uns machen dürften. Aber die Frage war in Wirklichkeit niemals ge. stellt und wird es voraussichtlich nicht so bald werden. Man sieht, Genosse JaureS gibt seine reformistischen Anschau- ungen durchaus nicht auf, aber trotzdem lehnt er die Argumentation der Frank, Kolb, David und Genossen klipp und klar ab, den an, meisten beliebten Hinweis auf den angeblichen Widerspruch zwischen der Bewilligung der einzelnen Budgetposten und der Ablehnung des Gesamibudgets gar mit der verächtlichen Bezeichnung„sbouräe quereile". Jaures hält also die Ablehnung des Budgets für eine bedeutungsvolle Tradition, die er ohne dringende Gründe nicht aufgeben will, obschon die bürgerliche Republik für die parlamen- tarische Demokratie denn doch zweifellos ein freieres Feld darbietet als die Königreiche und Großherzogtümer der Budgetbewilfiger und obschon die französischen Radikalsozialisten das Recht hätten, sich eine Parallele mit deutschen Nationalliberalen entschieden zu verbitten. Wie Jaures beweist, verstehen die deutschen Budget- betvilligungspropheten weder den Parlamentarismus noch den— Reformisums. Der bedeutendste Vertreter der reformistischen Methoden in der Internationale lehnt das Budget ab und dieses nicht nur aus Parteidisziplin, sondern weil er die Ablehnung für einen durch seine Wirkung bewährten Akt hält, für den er nicht einen unnützen Konflikt mit den Traditionen der Partei eintauschen will. Wohl will er sich nicht für alle Zukunft binden. Wohl erklärt er, daß die parlamentarische Taktik unter der„sehr Ungewissen und jedenfalls sehr fernen Hypothese", daß sich der bürgerliche Radika- lismus ermannt und zur Durchsetzung des ihm mit dem Sozialis- mus gemeinsamen Reformprogramms der Hilfe der Partei bedarf, eine Veränderung fordern könnte, aber vorläufig sieht er keinen Grund, diese auch nur in Diskussion zu ziehen. Auf die konkreten Verhältnisse des Magdeburger Parteitages übertragen, besagen diese Ausführungen: Auf Jaures können sich weder die Gegner der Resolution des Parteivorstandes, noch die Anhänger der Resolution Braun berufen. politifebe GcbcrHcbt Berlin, den 26. September 1910. Das höchste Gebot agrarischer Ethik. Die„Allg. Fleischerztg." berichtete vor einigen Tagen, daß eine Gruppe Berliner Viehhändler die Absicht habe, die fünf Besitzer in der Graudenzer Gegend auf Schadenersatz zu verklagen, die den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche bei ihrem Vieh verheimlicht und dieses an Händler verkauft hätten, scr daß die Seuche nach dem Berliner Viehhof ver- schleppt worden sei. Das Hauptblatt des Bundes der Land- wirte, die„Deutsche Tagesztg.", die sonst immer die strengsten Maßnahmen gegen die Einschleppung von Viehseuchen aus dem Auslande fordert, ist wegen dieser Absicht der Viehhändler höchst aufgebracht und wendet sich in einer heftigen Notiz gegen den Versuch, die gewissenlosen Viehhalter zum Schaden- ersatz heranzuziehen. Das ehrsame Organ der Viehwucherer schreibt: „Nun, dasselbe Recht, wie diese Berliner Händler hätten dann auch alle Biebbesitzer, zu denen die Seuche aus jenen selben Ställen bei Graudenz angeblich eingeschleppt worden ist. Auch sie könnten Schadenersatzansprüche erheben. Ebenso müßte künftig jeder Händler aus Schadenersatz verklagt werden, der für Seuchenübertragung von dem Viehstande eines Gehöfts zum anderen verantwortlich gemacht werden könnte. Vollkommen berechtigte Ansprüche auf vollen Ersatz ihres Schadens müßte man auch den deutschen Biehbcsitzern zu- gestehen, denen bei der von Fleischern und Händ- lern geforderten völligen Freigabe der Vieh« einfuhr vom Auslände die Seuche in ihre Ställe geschleppt würde. Wir fürchten, dieser Schaden würde sich sehr bald als so groß herausstellen, daß er selbst die reichen Geldmittel der eben- genannten Gewerbetreibenden wesentlich überschreiten dürfte. Im Gedenken hieran sollten die Herren etwas zurückhaltender mit ihrem Ansturm gegen die Seuchengrenzsperre werden." Die Haltung des Agrarierblattes scheint auf den ersten Blick höchst widerspruchsvoll; denn man sollte meinen, ein Blatt, das die strengsten Grenzsperremaßnahmen zur Verhütung der Einschleppung von Viehseuchen ans dem Aus- lande fordert, müßte unbedingt auch die Verschleppung der Seuchen im Inlands bekämpfen und die schärfste Bestrafung jener inländischen Viehhalter fordern, die den Ausbruch von Seuchen auf ihren Gehöften verheimlichen und durch Verkauf erkrankten Viehes die Seuche verbreiten. Wer so folgert, verkennt jedoch, daß nach der Auffassung jenes Agrariertums, das die„Deutsche Tageszeitung" vertritt, wichtiger als alle Logik und Konsequenz der Profit i st. Das Oertelsche Blatt befindet sich mit seiner Inschutznahme der Viehhalter, die den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in ihren Stallungen verheimlicht haben, durchaus im Einklang mit der agrarischen Ethik. Nicht die Verhütung der Seuchenein- oder-Ver- schleppung ist nach dieser Ethik das wichtigste, sondern die Steigerung des eigenen Profits. Dieser hätte aber unzweifel- hast gelitten, wenn die Viehbesitzer die Setzche sofort angezeigt und den Verkauf des erkranktet! Viehes nnterkassen hätten. Deshalb ist ihnen uach den sittlichen Begriffen der„Deutschen Tageszeitung" durchaus kein Vorwurf zu machen, haben sie doch lediglich ihr heiliges Recht auf Profit geltend gemacht. Wenn dadurch anderen Leuten Schaden ver- ursacht wurde, so geht das doch die Viehbesitzer nichts an. Jeder ist sich eben selbst der Nächste. Besser als durch diese schöne Leistung der„Deutschen Tagesztg." kann gar nicht bewiesen werden, daß das Gerede der Agrarier, durch die Aufhebung der Grenzsperre würde das inländische Vieh verseucht werden, nur Mittel zum Zweck ist, nämlich zu dem Zweck, den Profit zu steigern. Der Kaiser und der Magdeburger Parteitag. lieber die Verhandlungen des sozialdemokratischen Parteitages in Magdeburg ist dem Kaiser, wie der„Nhein.-Westf. Ah." aus Berlin berichtet wird, laufend Bericht erstattet worden. Von einer den Parteitag besuchenden Vertrauensperson erhielt das Mi- nisterium täglich mehrere Male einen Auszug aus den VerHand- Handlungen, fast wörtlich wurden diese Berichte unverzüglich dem Kaiser mitgeteilt. Am Tage erfolgte dies durch chiffrierte Telegramme, den Nachmittags- und Abendbericht brachte der kaiserliche Kurier. Als anfangs der neunziger Jahre einmal der Kaiser aus den Tageszeitungen ersah, daß ein Bericht stark redigiert und frisiert war, hat er seinem Unwillen hierüber Aus- druck gegeben._ Die ironisierte Zivilliste. Hamburg, 26. September (Pribattelegramm des„Vorwärts".) Gegen die Anklage der Beleidigung des Königs von Preußen hatte sich am Montag vor der Straskammer III des Landgerichts Hamburg der Redakteur des„Hafenarbeiter", Genosse L i n- dow, zu verantworten. Im Nr. 13 dieses Blattes vom 18. Juni dieses Jahres erschien ein Artikel mit der Ueberschrift:„Aufruf zu- gunsten einer Nationalspende für den König von Preußen!" Der Artikel wendet sich„An alle Christen! An lüle Patrioten! An alle Nationalen!" Wie die Anklagebehörde behauptet, soll durch diesen Artikel die damals im preußischen Landtage eingebrachte Gesetzes- Vorlage wegen Erhöhung der Zivilliste des Königs durch Gegenüber- stellungen und Schlagworte verspottet werden. Der Angeklagte gebe sich den Anschein, als riefe er im Stile einer Aufforderung zur Spendung von Gaben für einen wohltätigen Zweck alle christlich, national und monarchisch gesinnten Bürger auf zu Spenden für den notleidenden König Wie der ganze Artikel ironisch und höhnisch gemeint sei, so auch sämtlich in ihm enthaltenen einzelnen Schlag- Worte. Der Artikel habe es aber ersichtlich in der Hauptsache nicht etwa auf eine Verspottung derjenigen, die geneigt sein könnten, der Gesetzesvorlage zuzustimmen, sondern auf eine_ Verunglimpfung des Königs abgesehen, den er als einen Ueber- reichen darstelle, der schamlos, trotz eigener Steuerfreiheit, dem Volke zu seinem Vorteil neue Steuern abpresse und nur die Reichen begünstige. Daneben werde der König von Preußen verspottet durch ironische Anführung von Eigenschaften und Aussprüchen, meint der Verfasser der Anklage. Auf die inkriminierten Stellen können wir aus naheliegenden Gründen nicht eingehen. In der Verhandlung stellte der Verteidiger Dr. Herz fest, baß die politische Polizei den Artikel zunächst nicht beanstandet hat. Erst auf ein Telegramm deS Berliner Polizeipräsidenten sei ein- geschritten worden. Der Antrag der Staatsanwaltschaft lautete auf sechs Monate, das Urteil auf drei Monate Gefängnis, weil der Artikel eine Herabwürdigung des Kaisers enthalte. Das preußische Klassenwahlrecht der stärkste Schutzwall des Absolutismus und Junkertums. „Wjenn wir erst Preußen haben, dann haben wir alles." Dieses, auf dem Magdeburger Parteitag gefallene Wort Bebels benützt die„Deutsche Tageszeitung"(Nr. 4SI vom 26. September), um die Notwendigkeit der preußischen Reaktion zu erweisen: „Es ist ein grundlegender Fehler der„öffentlichen Mek» nung" in Deutschland, daß sie in der Behandlung der preußischen Fragen gemeinhin zu wenig die Bedeutung der preiißi» scheu Verfassung für die ganze Reichsver- fassung in Betracht zieht. Um so mehr sollte man sich an den matzgebenden Stellen vor dem gleichen Fehler hüten. Es ist doch eine ganz oberflächliche Auffassung, wenn man behauptet, Preußen— was doch schließlich heißen muß: der Preuße— habe ein„unfreies" Wahlrecht. Das' preußische Volk besitzt doch in erster Linie daS Reichstagswahlrecht..... Dem preußischen Landtage kommt freilich eine gesamt- deutsch« Bedeutung von höchster Wichtigkeit und Notwendigkeit zu: Er füllt in gewisser Weise die Lücke aus, die im deutschen Verfassungsleben durch daS Fehlen eines deutschen Ober, Hauses gegeben ist. Es fehlt im Deutschen Reiche ein Organ, daS zwischen der monarchischen Spitze und der demokratischen Volksvertretung im Sinne einer besonderen Berücksichtigung der geschichtlichen Tra- dition, einer starken monarchischen und Staatsgewalt; des Besitzes und der organischen Gliederung der Gesellschaft aus- gleichend wirkt; das, obwohl eine Volksvertretung, die Dinge nicht nur von unten, sondern auch von oben zu sehen vermag. Diese Funktion übt der preußische Landtag, in dem die mittleren Schichten zusammen mit den oberen den Ausschlag geben, insofern aus, als es der preußischen Regie» rung, und damit direkt und indirekt dem stärksten Faktor ü» der„Reichsregierung", in der Art einer Ersten Kammer gegen- über der demokratischen Zeitströmung den Rücken st ä r k t. Würden die preußische Krone und die preußische Regierung, die zugleich die monarchische und ministerielle Spitze im Reiche ver- körpern, auch in Preußen einem demokratischen Parlamente gegenüberstehen, so würde es gar kein„Hindernis" mehr zwischen der monarchischen Regierung und einem demokratischen Par- lamentarismus geben. Damit aber wäre für die Demokratie in Deutschland, zunächst für das Streben nach der Umwandlung der konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie freie Bahn geschaffen." Diese durchaus zutreffende Darstellung der Verhältnisse kann als junkerliches Eingeständnis der Bedeutung, die daS Klassen- Parlament für die Reaktion in Preußen und Deutschland hat, im Kampfe um ein demokratisches preußisches Landtagswahlrecht gute Dienste leisten._ Fortschrittlicher Provinzialparteitag für Schlesien« In Breslau hielten die Fortschrittler einen Parteitag für Schlesien ab. Der Leiter des Parteitages, Justizrat Heilberg, er- klärte, daß die Liberalen die„S a m m l u n g s p o l i t i k' des Reichskanzlers nicht mitmachen würden. Mit den Konser- vativen und dem Zentrum könne man auf keinen Fall zusammen- arbeiten. In der Diskussion wurde der Gedanke eines Grotzblocks von Bassermann bis Bebel verworfen. Weiterhin beschäftigte sich der Parteitag mit der Anfrage über die Stellungnahme zu einer Re» form des Arbeiterrechts. ES gelangte eine Entschließung zur Annahme, in der erklärt wird, der Parteitag stände dem Ge- danken einer Reform des Arbeiterrechts sympathisch gegenüber und halte eS für zweckmäßig, daß die auf dem Delegiertentag der Gewerkvereine aufgestellten Grundsätze sobald als möglich von Partei wegen eine eingehende Erörterun a erfahren. — Der Parteitag nahm auch eine ähnlich verschwommene Resolution über die Stellung der Fortschrittler zu den Berufsorganisationen an. Vor allem soll nach der Resolution die Selbständigkeit der Par, tei gewahrt und ein„Interessenausgleich" unter den Stäfl« den angestrebt werden, Bluturteil im Brauuschweiger Wahlrechts« Demoustratiousprozeft bestätigt! Der Redakteur des Braunschweiger„Volksfreund' Genosse W e s e in e i e r, ist bekanntlich im Braunschweiger Wahl- rechts-Demonstrationsprozek zu der horrenden Gefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt worden. Die gegen das Urteil eingelegte Revision wurde vom Reichsgericht verworfen. Der Reichsanwalt führte in der Verhandlung aus: „Ein Arbeiterblatt-Redaiteur hat überhaupt nicht das Recht, die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen, imd die Presse hat nicht mehr Recht als wie jeder Privatinaim." Die Kieler Strafkammer und das Reichsvereiusgesetz. Am 30. Mai fand in Neumünster eine öffentliche Versammlung der Eisenbahner statt, zu der durch Flugblätter, die am Ausgang der Eisenbahnbetriebswerkstätte ver- teilt wurden, eingeladen wurde. In der Versammlung sprach Ge- ncsse B r u n n e r- Berlin über das Thema:„Standesorganisation oder wirtschaftliche Jntercssenvertretui'.z". Die Polizei bedachte darauf den Einberufer und Leiter der Versammlung, Stadtverord- ueten Hohns Kehn, mit einem Strafmandat von 3 Mark, weil sie die Versammlung als eine politische ansah. Das Schöffengericht Neumünster bestätigte die Strafe und bezeichnete es als gerichts- notorisch, daß die Gewerkschaften sozialdemokra- tische Organisationen seien, und da in der Versammlunlg für den Anschluß der Eisenbahner an den Handels- und Trans- portarbeitervcrband agitiert worden ist, seien damitauch poli- tische Angelegenheiten erörtert. H. legte beim Land- gericht Kiel Berufung ein und erklärte, cS seien lediglich wirtschaftliche Fragen erörtert worden. Ter Verteidiger ging scharf gegen die Auffassung des Vorderrichtcrs vor. So etwas dürfte nicht in einem Urteil niedergelegt werden. Es handle sich lediglich um ein Märchen, wenn gesagt wird, die Gewerkschaften seien sozialdemo- kratisch. Er beantragte, den Genossen Lcgien und ein Mitglied des Parteivorstandes zur Aeußerung hierüber zu laden. Z 6 des Weichs- vereinsgcsehes sage ausdrücklich, daß Gewerkschaftsversammlungen von der Anmeldepflicht ausgeschlossen sind. Das Gericht verwarf die Berufung. Es nahm an, daß die Versammlung einen öffentlichen Charakter trug und zur Erörterungpolitischcr Angelegenheiten diente. Es sehe davon ab. in welchem Verhältnis die Gewerkschaften zur sozialdemokratischen Partei stehen, es gehe vielmehr davon aus, daß die Eisenbahner sich dem Handels- und Transportarbeiterverband anschließen sollten, womit die Eisenbahnverwaltung nicht einverstanden ist. Bei dieser Gelegenheit wurden dann auch selbstverständlich die Verhältnisse der Verwaltung zu den Ar- b eitern erörtert und somit also politische Dinge. Deshalb mußte die Berufung verworfen werden. Eine halsbrecherische Logik, die natürlich wieder der Einschrän- kung des Versammlungsrechts dient! Später Neichstagsbeginn. Der Reichstag soll nun. wenn die„Freisinnige Zeitung' richtig informiert ist, erst am 22. November seine Arbeiten wieder auf- nehmen. Diese Hinausschiebung des Wiederzusammentritts des Reichstages mutz natürlich dazu führen, daß die Etatberatung n ieder überhastet wird, und daß vor allen Dingen die Fertig- stellung einer Anzahl wichtiger Gesetze überhaupt in Frage gestellt wird. Wie man Soldatenmifzhandlungcn ausrottet. Ein recht bezeichnender Fall dafür, wie wenig man vielfach in Offizierskreisen bestrebt ist, den Soldatenmißhandlungcn entgegen zu treten, spielte sich vor dem MarinekriegSgericht der Auskläruugs- schiffe in N i e l ab. Wegen Mißhandlung Untergebener war der Deckossizier N r ck e l vom Kreuzer.Stettin' angeklagt. N. ist schon viermal wegen des gleichen Delikts vorbestraft; trotzdem wurde er im April zum DeckSoffizier befördert. Nun hatte er wieder eine Anzabl Malrosen mit Schlägen und Fuß- t r i t t e n traktiert. Dem Obermatrosen Scheidereiter gab er einen Schlag an den Kopf, daß dieser gegen eine Koje fiel und zwar lediglich, weil er mit Erlaubnis des Wachoffiziers an einer für diese Zwecke sonst verbotenen Stelle Zeug wusch. Dann befahl er den Geschlageue» in seine Kammer, schickte zwei Matrosen, die vor seiner Kammer scheuerte», weg und verprügelte den Sch. regelrecht, so daß dieser laut um Hilfe schrie uud, als ein anderer Matrose hinzukam, auf dem Fußboden lag. Selbst der Anklagevertreter mußte zugeben, daß Nickel eine ge- wisse Neigung besitze, Untergebene zu mißhandeln, er beantragte aber trotzdem nur sünf Wochen gelinden A r r e st. Aber auch diese Strafe war dem Gericht noch zu hoch. ES erkannte nur auf — 25 Tage gelinden A r r e st. Abschreckend ist diese Strafe sicherlich nicht für einen Mann, der schon f ü n f m a l vor dem Kriegsgericht wegen Mißhandluizg Untergebener gestanden hat. Vorgesetzter bleibt der Mann auch, er hat also die Gelegenheit, auch in Zukunft Untergebene zu mißhandeln. Nachspiel znm Kieler Werftprozeh. Der Zivilprozetz des MarincfiskuS gegen den Magazindirektor Heinrich und die Erben des verstorbenen Kaufmanns Renenning auf Schadenersatz sollte am Sonnabend vor dem Kieler Landgericht verhandelt werden. Der Termin wurde auf Antrag beider Parteien vertagt. Die Werftverwaltung scheint übrigens eine gewisse Rcchtferti- gung notwendig zu haben. Eine Korrespondenz berichtet, daß eine Sonbcrkommission des Reichstages, bestehend aus den Abg. Weber, Nacken und Erzbcrger, eine Inspektionsreise nach Kiel gemacht habe und sich dort Vorträge über die Buchungs- und Vcrrechnungsart der Werft habe halten lassen. ES sei dabei festgestellt worden, daß jährlich 24 000 Kilo Prüfungsmaterial von der Werft an den Rech- nungShof geschickt werde.— Dazu ist zweierlei zu bemerken: Erstens gibt cS keine Reichstagssonderkommission, die Erzberger, Weber und Nacken werden sich wohl wieder einmal bei der Negierung ange- schmust haben, um sich wichtig zu machen und eine bequeme Ver- gnügungsreise nach Kiel machen zu können. Und zweitens würden die 24 000 Kilo Prüfungsmaterial auch noch nicht beweisen, daß bei der Werft die Althäudlcr keine guten Geschäfte machen können. Oesterreick. Gegen den Fleischwucher. Wien, 26. September. Die Vertretung der sozialistischen Landespartei kündigt für. Sonntag, den 2. Oktober große Massenversammlungen und Straßenumzüge an als Protest gegen den Brot- und Fleischwucher. j Stadt und Land. Die Angst vor den Folgen des Verrates, den die städtischen christlich-sozialen Abgeordneten zugunsten ihrer Agrarier stets übten, beginnt panikartig zu werden. Zunächst wurde dem Land- gemcindeklub der christlich-sozialen Vereinigung des niederöster- reichischen Landtags ein Städteklub gegenübergestellt. Masscu-Auswcisungen. Mährisch-Ostrau, 25. September. Im Ostrau-Karwiner Kohlen- revier wurden mehrere hundert auö Rußlandeinge- wanderte Arbeiter und deren Angehörige auS Gründen der öffentlichen Sicherheit ausgewiesen. fratikmcb. Die Marokkopolitik. Nach einer ZeitungSmeldung aus Tanger sollte sich der Ober- befehlshaber der französischen Bcsatzungstruppen, General Moinier, noch Paris begeben haben. NN TruppenverstärkLngen zu verlangen. bis angeblich infolge 8er bedrohlichen Haltung der Stämme asi der Schaujagrenze notwendig seien. Paris, 26. September. In einer offiziösen Note erklärt die französische Negierung, sie denke an keine Verstärkung der Truppen im S cha u ja- G e b i c t, da sie die dort vorhandenen Besatzungen für völlig ausreichend halte, Geräumt aber wird nicht!," Rußland. Gegen Finnland. Petersburg, 26. September. Der Staatssekretär für Finnland, General L a n g h o f erhielt einen vierwöchent- l i ch e n Urlaub. Man glaubt, daß dies ein Anzeichen einer Verabschiedung sei. Die„Notvoje Wremja* meldet aus HelsingforS, die russische Regierung werde den Landtag nicht auslösen, um den fiunländischcn Landtagsdeputierteu keinen Märthrernhmbus zu verleihen. Da der Landtag sich weigere, die ihm gestellten Aufgaben zu lösen, finde die Session naturgemäß ihr Ende. Aegypten. Ter Kongreß der natioual-äghptischen Partei ist am Sonnabend zu Brüssel geschlossen worden, nachdem in Resolutionen die Wünsche der Jungäghpter, welche auf die U n- abhängigkeit des Landes und seine Räumung durch dieEngländer hinzielen, einstimmig angenommen worden waren. Amerika. Die Leistungen der nenen Verwaltung von Milwankee. Im„Soz. Dem. Herald' gibt C. D. Thompson eine lieber- sich über die Reformen, die die neue sozialdemokratische Verwal- tung der Stadt Milwaukee bisher durchgesetzt hat. Alle Einkäufe für die Stadt werden fortan besorgt durch ein Einkqufsamt unter fachmännischer Leitung. Mit Aufwand von 5600 Dollar wurde ein wissenschaftliches Kostenberechnungsshstcm des gesamte» Bedarfs eingeführt. Schon in den beiden ersten Wochen wurden dadurch über 1000 Dollar gespart. Mangejhaste Straßen- bauarbeit wurde abgestellt durch Entlassung schuldiger Auf- seher. Das private Kontraktsystem bei öffentlichen Arbeiten wurde durch städtische Regie ersetzt. Auf jeder städtischen Drück- fache, einschließlich der Schuldverschreibungen, steht die Gewerk- schaftS- K o n t r o l l ma r k e. Ermunterung der GeWerk- schaften. Organisation der Arbeiterinnen der Braue- reien, starke Zunahme der Verbände der Bauarbeiter und der städtischen Angestellten. Urlaub von 24 Stunden alle vierzehn Tage für Polizisten. Vorkehrungen für Errichtung von A r- beiter Wohnungen durch Aufstellung eines umfassenden Stadtbauplans. Vorkehrungen zur Schaffung eines um- fassenden kommunalen Straße nbahnsy st eins. Kon- zessionierung einer neuen Straßenbahnlinie unter Sicherstellung des st ä d t i s ch e n Eigentums an den Straßenbahnen— der erste Fall derart in Amerika, ohne einen Pfennig Kosten. In den ersten zehn Tagen nach der Wahl erhöhte die Stratzenbahngesell- schaft freiwillig die Löhne um monatlich 3 bis 10 Dollar. Er- Höhung der Löhn« und bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeite- rinnen der Buchbinderei und die Angestellten der öffentlichen Bibliothek und Lesehalle. Schaffung eines städtischen Gesund- h e i t s a m t s und Sicherung gesundheitgemäßer Arbeitsbe- dingungen wenigstens in den Fabriken. Neue Politik im Verkehr mit den Aktiengesellschafte n. Die Gemeinde setzt die Steuern an und läßt jene sich dazu äußern, statt daß bisher sie selbst ihre Steuern ansetzten. Einleitung einer Klage gegen die Omnibusgesellschaft auf Nachzahlung nichtbezahlter Abgaben für zehn Jahre in Höhe von 72 000 Dollar. Ein erstes obsiegendes Urteil ist erzielt. Jährliche Ersparnis von 1200 Dollar durch Einziehung eines überflüssigen Postens auf der Stadtschreiberei. —„Naturgemäß sind viele dieser Dinge erst im Beginn. Viele werden Jahre zu ihrer Vollendung erfordern. Sie bezeichnen in- dessen die Richtlinien für die Tätigkeit der sozialistischen Ver- waltung. Diese und andere Aufgaben werden erfüllt werden, so- weit die Mittel der Stadt und die gesetzlichen Beschränkungen eS zulassen." Jedenfalls für eine Arbeit von vier Monaten nach jähr- zehntelanger Mißwirtschaft keine üblen Leistungen der„Umsturz- Partei"._ flus der WMoimM!»». Sitzung vom Montag, den 26. September. Um mit dem fünften Buch der Strafprozeßordnung in erster Linie fertig zu werden, fand heute eine Abendsitzung statt. Beim§ 484, der von dem Begnadigungsrecht des Kaisers in Sachen, die in erster Instanz vom Reichsgericht ent- schieden werden, handelt, stellten die Sozialdemokraten den Antrag, in diesem Paragraphen zu sagen:„Das Abolitionsrecht w i r d a u f g e h o b e n." Das Abolitionsrecht gestattet den Landes- fürsten, in schwebend« Prozesse einzugreifen und sie niederzuschlagen. In der Begründung des Antrages wiesen unsere Redner auf das Unhaltbare dieser veralteten Einrichtung hin. Der freisinnige Redner schloß sich der Forderung des sozialdemokratischen Antrages an, während der Regierungsvertreter darauf hinwies, daß ein« solche Bestimmung in die den Landesfürsten verfassungsgesetzlich gewähr- leisteten HoheitSrechte der Begnadigung eingreifen. Im übrigen sei von diesem Recht bisher kein unrechter Gebrauch gemacht worden. Diesen Ausführungen schlössen sich die Redner des Zentrums, der Nationalliöeralen und Konservativen an. Der Antrag wurde dann auch gegen die Stimmen der Konservativen, Nationallibevalen, Antisemiten und des Zentrums abgelehnt; dafür stimmten außer den Sozialdemokraten die Freisinnigen und die Polen. Der z w e i te Abschnitt handelt von den„K o st e n".— Da stellten unsere Genossen beim 8 485 den Antrag, zu bestimmen, daß die Koste», die zur Widerlegung einer Behauptung der Anklage aufgewendet werden, stets der Staatskasse aufzuerlegen sind, wenn die betreffende Anklagebehauptung als nicht erwiesen erachtet wird. Ein Antrag des Abg. Gröber verlangte, daß die Auslagen, welche durch Untersuchungshandlungen, die für die Verurteilung nicht in Betracht kommen, entstehen, von der Staatskasse zu über- nehmen sind. Der Entwurf will nur im allgemeinen dem Gericht das Recht geben, die Kosten teilweise auf die Staatskasse zu über- nehmen, um besondere Härten gegen den Verurteilten zu ver- meitzen.—, Der Rcgierungsvcrtretcr meinte, diese Pestimmung gnüge vollkommen, die Antrüge gingen zu weit. Der sozialdemo- kratische Antrag wurde gegen die Stimmen unserer Genossen und der Polen abgelehnt; der Antrag Gröber wurde mit 13 gegen 12 Stimmen angenommen. Im§ 487 heißt es. daß der Staatskasse, soweit es ange- messen erscheint, auch die notwendigen Auslagen des Frei- gesprochenen auferlegt werden. Dazu beantragten unsere Genossen, die betonten, daß mit dieser Bestimmung leicht zwei Sorten von Freigesprochenen geschaffen werden können, daß gesagt wird:„Der Staatskasse sind auch die notwendigen Auslagen des Angeklagten aufzuerlegen."— Die Nationalliberalen wollten, daß die Kosten auf die Staatskasse übernommen werden können, wenn es sich um die notwendigen Auslagen eines Verdächtigen oder seines gesetz- lichen Vertreters handelt Darüber hinaus ging ein Antrag Gröber, der einmal anstatt„können" im nationalliberalen Antrag die Muh- bestimmung setzt und der ferner auch die Kostenerstattung auf die günstig ausgegangenen Einsprüche gegen Strasbefehle Play greisen lassen will. Unter Ablehnung des sozialdemokratischen Antrags wird in den Paragraph eingefügt, daß auch dem gesetzlichen Ver- trcter die notwendigen Auslagen erstattet werden sollen. Zum§ 488 stellten unsere Genossen folgenden Antrag:„Ist eine Anklage grobfahrlässig erhoben, so sind die Kosten des Ver- fahrens dem Beamten, der die Anklage unterschrieben hat, sowie dem Beamten, dem die Fahrlässigkeit zur Last fällt, aufzuerlegen." Dieser Antrag wurde abgelehnt. Ein Antrag Gröber:„Ist anzu» nehmen, bah die Anzeige wider bessere» Wissen erstattet worden ist. so darf dem Deschuldigken die Bezeichnung LeS Anzeigers nicht der- sagt werden" angenommen. Dann vertagte sich die Kommission auf Dienstag. Hus der Partei. Achtung! Schrodcrprozeß betreffend! Wie bekannt sein wird, ist das Wiederaufnahmeverfahren in Sachen Schröder und Genossen(Essener Meineidsprozeß) beschlossen worden. Die Verhandlung dürfte noch im Herbst stattfinden. Nun sind von mehreren Zeugen, die für die Angeklagten Schröder und Genossen sehr wichtig sind, die Adressen bisher nicht zu ermitteln gewesen. Es sind dies: 1. Zeitungsausträger Karl Zeyka, früher wohnhaft gewesen! in Holsterhausen, Crangerheide 38; 2. der Erdarbeiter Peter Jürgensen, geboren am 29. März 1860 zu Schleswig, früher wohnhaft gewesen in Herne, Moni Cenis- straße 24; 3. der Klempnergeselle Max Pirk, früher wohnhaft gewesen in Herne; 4. der Schreiner Georg Meirich, geboren am 22. Juni 1333 zu Langefeld, früher wohnhaft gewesen in Herne, Haldenstraße 19, dann in Bochum, Ferdinandstraße 31; 6. der Bergmann Karl K e st e n, früher wohnhaft in Herne; Strünkederstvaße 10. Wir ersuchen die Genannten oder alle diejenigen, die über deren Aufenthaltsort irgendetwas wissen, unverzüglich ihre Adressen an den Verteidiger der unschuldig Verurteilten, Herrn Rechts- anwalt Dr. jur. Niemeyer. Essen a. d. Ruhr, gelangen zu lassen._ Parteiliteratur. Soeben erschien im Verlags der Buchhanölptng Vorwärts, Berlin: Die Arbeiterfrage von F. A. Lange. Mit Einleitung und Ani« merkungcn herausgegeben von Fr. Mehring. Broschiert 1,50 M.« gebunden 2,— M. Der Ausgabe ist die erste Auflage des Langeschcn Buche? zu- gründe gelegt. Der Herausgeber hat diese erste Ausgabe deshalb gewählt, weil sie am engsten mit den Anfängen der deutschen Sozialdemokratie zusammenhängt und das Bild Lange» am frische- sien widerspiegelt und weil in ihr das Wesentliche zusammengefaßt ist, was Lange als Sazialpolitiker zu sagen hatte. Olwohl Langes Buch niemals von entscheidendem Einfluß auf den Gang der deut- schen Arbeiterbewegung gewesen ist, und trotzdem Lange nie den Boden der bürgerlichen Gesellschaft verlassen hat, sichert ihm doch seine Tätigkeit in der deutschen Arbeiterbewegung in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein ehrenvolles Andenken in der deutschen Arbeiterklasse. Aus diesen und anderen Gründen erschien die Aufnahme der Schrift in den Sozialistischen Neudrucken geboten. Bei dieser Gelegenheit sei auch auf die früher im Rahmen der „S o z i a l i st i s ch c n N e u d r u ck e" erschienenen Schriften erneut hingewiesen Der Deutsche Bauernkrieg von Friedrich Engel». Mit Einleitung und Anmerkungen. Preis broschiert 1,50 M., gebunden 2,— M. Garantie» der Harmonie und Freiheit von Wilhelm Weitltng. Mit einer biographischen Einleitung und Anmerkungen. Preis broschiert 2,50 M., gebunden 3,— M. Gesammelte Schriften van Wilhelm Wolfs nebst einer Bio- graphie Wolffs von Friedrich Engels. Mit Einleitung und An» merkungen. Preis broschiert 1,50 M., gebunden 2,— M Im selben Verlag erschien DaS Fortbildungsschulwesen von Julius BruhnS erschien soeben als Heft 11 der unter Leitung von Paul Hirsch herausgegebenen kommunalpolitischen Whandlungen. Preis 1,— M. AgitationS- auögabe 50 Pf. Der Verfasser gibt zunächst einen Ueberblick über die Geschichte und die EntWickelung deS FortbildungsschulwesenS. Daran schließt sich die Erörterung der Aufgaben und Ziele und— nach eine« Schilderung der reaktionären Tendenzen— eine Darstellung der gesetzlichen und rechtlichen Grundlagen der Fortbildungsschulen Nachdem Bruhns dann die innere Organisation der FortbildungS- schulen, die ländliche Fortbildungsschule und die Mädchenfort- dildungsschule in den einzelnen Bundesstaaten besprochen hat; wendet er sich zur Darlegung der prinzipiellen Forderungen der Sozialdemokratie, um uns endlich unter Bezugnahme auf sozia- listische Schriftsteller wie den schweizerischen Lehrer Robert Seidel und auf die Beschlüsse des Mannheimer Parteitages da? sozia« listische Evziehungsideal vor Augen zu führen. Zum ParteitagSbericht wird uns geschrieben: Im Bericht über mein Referat zum Genossenschaftswesen Vird gesagt, daß der Konsumverein Leipzig-Plagwitz den größten Umsatz aller Konsunivereine der Welt habe. Tatsächlich habe ich ausgeführt, daß der genannte Verein den größten Umsatz aller Vereine von Waren der eiaenen Produktion hat.— Ferner soll ich nach dem Bericht atiSgeführt haben, in leitenden Konsumvereinen sei man„nicht mehr nervös" wegen der Unterstellung, die Konsumver« eine seien sozialdemokratisch. Ich sagte jedoch, man sollte diesen Behauptungen gegenüber in leitenden KonsumvereinSkreisen nicht mehr so nervös sein. H. F l e i ß n e r. Genosse Joseph Meyer, Berlin V, teilt uns mit. daß er nicht. wie eS in der Aksstimmungsliste heißt, gegen den Zusatzantrag Zubeil-Haase gestimmt hat. Genosse Meyer hat bei allen vier Abstimmungen in der Budgetdebatte mit j a gestimmt.— Go» nasse Katzen st ein legt Wert darauf, festzustellen, daß er in der Diskussion über die Genossen schaftsfrage nicht gesagt hat: ..Das Wesen der Genossenschaft ist so z i a l d e m o k r a t i s ch." Er habe vielmehr gesagt:„DaS Wesen der echten Konsumgenossenschaft ist sozialistisch." poUreMct,«», Gericvtlicves uftr. TchuhmaniiSbelcibigung. Die Strafkammer in Mühl hausen(Thüringen) verurteilte den Genossen Haas« vom dortigen„Volksblatt" zu sechs Wochen Gefängnis, weil durch eine Korrespondenz auS Langensalza zwei dortige Schutzleute angeblich beleidigt worden waren. Es handelte sich um ernrn Vorgang aus der Zeit der Bau» arbeiteraussperrung, wobei sich die Schutzleute als Hüter von Ar- beitswilligen betätigt hatten. Die Höhe des Urteils wurde damit begründet, daß eS die Tendenz unseres ParteiblattcS sei, die Autorität der Polizei zu untergraben; diese Autorität aber müsse geschützt werden. Straflonto der Presse. Wegen angeblicher Beleidigung eineS Lehrers stand Dienstag morgen Genosse Paul Löwigt vom „Lübecker Volksboten" vor dem Lübecker Schöffen- gericht. Da Genosse L. als Delegierter am Magdeburger Partei- tag teilnahm, so war ein Antrag auf Vertagung des VerbandlungS- tcrminS gestellt worden. Das Amtsgericht hielt aber die Gründe nicht für stichhaltig und so mußte der Sünder die unangenehme Reise von Magdeburg nach Lübeck unternehmen, um den ihm vom Gericht an» gedrohten Unannehmlichkeiten au? dem Wege zu gehen. Andernorts rst man in ähnlichen Fällen meist entgegeirkomineuder. Die Beweis« aufnahm« ergab die Richtigkeit der im„Volksboten" behaupteten Tntsachen. Trotzdem war der als Vertreter de» Staatsanwalt» er» schienene junge Her? so freundlich, einen Monat Gefängnis gegen den Angeklagten zu beantragen. Genosse Dr. Herz-Altoua zerpflückte in wirkungsvoller und geschickter Rede die Argumente der Anklage« behörde und beantragte die Freisprechung de» Klienten. Da» Urteil lautete auf Ivo Mark Geldstraf«. GewcrfcrcbaftllcbcB* Polizei gegen Hrbcitcr. DaS Eingreifen der Polizei in den Streik der Kohlen- arbekter bei der Firma Kupfer in Berlin hat zu einem förmlichen Belagerungszustand im Stadtteil Moabit geführt. Statt den Arbeitern das gesehlich durchaus unantastbare Recht zu lassen, mit den Arbeitswilligen zwecks Aufklärung derselben über die Ursachen der Bewegung in Verbindung zu treten, hat man das bekanntlich durch Polizeimaßnahmen der- hindert. Tic Arbeitswilligen, die eines solchen„Schutzes" gar nicht bedürfen, werden stets von einer größeren Zahl von Schutzleuten eskortiert. Dadurch wird in ängstlichen Ge- mütcrn natürlich erst das Gefühl irgend welcher möglichen Gefahren gelveckt und die mit Ztevolvern ausgerüsteten Ar- beitswilligen greifen nervös nach den Schußwaffen, wenn in ihrer Phantasie das Bild einer vermeintlichen Gefahr auf- taucht. Tie lebensgefährliche Knallmi, die von der Polizei in keiner Weise gehindert wird, erbittert natürlich die ge- fährdcten Passanten ebenso wie die durch das unnütze Polizei- aufgebot auf den Plan gerufenen Neugierigen; so kommt es dann zu Zusammenstößen, die bedauerlich sind, aber in dem- selben Augenblick aufhören würden, wo die Polizei das „Schlachtfeld" verlassen und den Streikenden in ihrem wirt- fchastlichen Kampfe nicht in die Arme fallen würde. Auch gestern kam es zu förmlichen Straßenkämpfcn, an denen polizeioffiziös und in der bürgerlichen Presse natürlich der den Streikenden sympathisch gesinnten arbeitenden Be- völkerung die Schuld aufgewälzt wird. Aber selbst in diesen Darstellungen muß zugegeben werden, daß unmittelbaren An- laß zu den Vorkommnissen auch diesiual wieder der Schuß eines Streikbrechers war. Dieser Streikbrecher, der Führer eines Kohlenwagens, schoß nämlich ohne jede Veranlassung auf eine Gruppe von Arbeitern der Löweschen Fabrik, die auf einem Transportwagen der Firma Ravenä standen. Das ließen sich die Arbeiter nicht gefallen und sie wollten dem Kutscher die Waffe abnehmen, sie mußten aber bald vor der Polizei flüchten, die so rücksichtslos vorging, daß sie heftige Erbitterung hervorrief. Die Löwesche Fabrik wurde von der Polizei förmlich gestürmt, was ihr freilich den mit Werk- zeugen versehenen Arbeitern gegenüber nicht so leicht wurde, wie die Attacken auf harmlose Straßenpassanten. Ter Revolverschütze soll ein Kutscher Kurt L i p o w s k i sein. Er gibt an, daß ihn ein Steinwurf, der seinen Nachbarn auf dem Wagen traf, zu der Schießerei veranlaßt habe. Von anderer Seite wird uns jedoch versichert, daß vor dem Schuß keinerlei Steinwürfe vorgekommen seien, so daß die angebliche Verwundung des Arbeitswilligen Max M e l z e r durch die erbitterte Menge nur n a ch der Schießerei erfolgt sein könnte. Die Firma Ludwig Löwe und die A. E. G. halten jetzt die nach der Sickingenstwße führenden Tore geschlossen. Eine polizeilich bediente Korrespondenz meldet folgende Schauergeschichte: „Um den Schutzmannschaften, die zum Teil weit über die ge- wohnliche Zeit hinaus im Dienst bleiben müssen, einen Unter- schlupf gegen einige etwaige Unbilden der Witterung zu gewähren, wandte sich Major Klein an die Hauswirte der Gegend für Unterkunftsräume. Dieser bedürfen die Leute um so mehr, als sie auch nachts auf Wache bleiben müssen, weil man auch mit einem nächtlichen Angriff der Streikenden und des Janhagels auf die bedrohte Kohlenhandlung rechnen muß. Die Räume waren auch schon gefunden, als die„Genossen" der Polizei wieder «inen Strich durch ihre Fürsorge für die Mannschaften machten. Man drohte den Wirten sogar, daß man sie totschlagen werde, wenn sie der Poliezi Unterkunft böten. Die geängstigten HauS- Wirte baten deshalb Major Klein, die Leute wieder heraus- zunehmen. Das geschah denn auch Jetzt wandte man sich an das 4. Garderegiment z. F. und dieses lieferte einige Zelte, die nun auf dem Hofe der Kohlenhandlung in der SickiiMenstraße aufgeschlagen und mit Tischen und Stühlen versehen worden sind." Vermutlich haben sich die Mieter der betreffenden Häuser die unheimliche Nachbarschaft von Polizeiwachen verbeten. Verdenken kann man ihnen das nicht, wenn man die Schil- derungen darüber hört, wie seitens der Polizei in Moabit gehaust wird. Gegen Ii/z Uhr abends„säuberte" die Polizei wieder die Nostockerstraße, indem eine Kette von Schutzleuten mit blanken Säbeln vorging, die Volksmassen in wilde Flucht jagend, auch in das Streiklokal, das sich m der Rostockerstraße befindet, war die Polizei am Nachmittag einmal ein- gedrungen. Die Polizeioffiziere schienen zuweilen alle Ruhe verloren zu haben und wurden sehr nervös. « Die Streikenden lassen sich durch diese Vorkommnisse durchaus nicht einschüchtern, sondern sind entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Es gilt jetzt, dafür zu sorgen, daß auf den übrigen Kohlenplätzen keine Streikarbeit verrichtet werde. Auf mehreren Plätzen ist bereits Streikarbeit energisch ver- weigert worden. Die Versuche von Kupfer, dringende Aufträge durch andere Firmen ausführen zu lassen, wurden mehrfach durchkreuzt. In einigen Betrieben hat man den Arbeitern Zulagen gewährt, wie in einer Streikversamni- lung bekanntgemacht wurde. Der Appell, keine Streikarbeit zu leisten, fand die allgemeine Zustimmung der Versammelten. Lerlin uncl Nrngegenck. Die Verhandlungen in der Metallindustrie. Die Verhandlungen mit dem Gcsamtvcrband der Metall- industriellen haben gestern von 5 bis Ist Uhr gedancrt, sind aber noch nicht zu Ende. Die Verhandlungen sollen Mittwoch nachmittag fortgesetzt wcrdrm Die fllnfprozentige Lohnerhöhung der Holzarbeiter, welche ver- tragsmäßig am 1. Oktober in Kraft tritt, wird natürlich auch von den Arbeitgebern verlangt, welche der vertragschließenden Arbeit- geberorganisation nicht angehören. Zu diesen gehören die Stuhl- Händler, welche in ihren Betrieben Polierer beschäftigen. Die bei organisierten Tischlermeistern beschäftigten Möbelpolierer haben ohne weiteres auf die Lohnerhöhung Anspruch. Die Spezialbranche der Stuhlpolierer aber muh dieselbe erst besonders durchsetzen. In der Stuhlbranche sind sowohl die Unternehmer, als auch ein erheb- licher Teil der Polierer nicht organisiert. Deshalb geht die Durch- etzung der Lohnerhöhung nicht ganz glatt vonstatten. Die Stuhl- irma Vogtländer, deren Arbeiter gut organisiert sind, hat die ünfprozentige Lohnerhöhung, sowie die Verkürzung der Arbeitszeit auf 51 Stunden wöchentlich bereits bewilligt. Sie will auch über die Erhöhung einiger früher herabgesetzter Akkordpositionen mit sich reden lassen. Die organisierten Polierer sind entschlossen, diese For- derungen auch bei allen anderen Stuhlhändlern durchzusetzen. Zu jstesem Zweck wurde am Sonntag eine öffentliche Versammlung der Etuhlpoliercr abgehalten. Sie setzte eine Kommission ein. welche den Auftrag erhielt, die Polierer aller in Frage kommenden Betriebe zur Einreichuug der Forderungen und erforderlichenfalls zum Ein- tritt in eine Lohnbewegung zu veranlassen. Der Streik bei der Firma Krüger«. Friedberg ist aufgehoben. ES ist der Firma leider gelungen, eine große Anzahl Arbeits- verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.; tvMlger zu bekommen, so daß eine Weiterführung de? Streiks nutzlos gewesen wäre. Zentralverband der Glasarbeiter. Für die Mehlkutscher hat der Deutsche Transportarbeiterver- band am Sonnabend einen Vertrag abgeschlossen, durch den seit dem Jahre 1903 zum erstenmal wieder ein festes Tarifverhältnis zwi- fchen den Kutschern und den Mehlfuhrherren geschaffen wird. Es handelt sich dabei um 16 Firmen mit 83 Kutschern. Von 1966 bis 1998 war schon einmal ein Vertrag in Geltung, der von den Unter- nehmern gekündigt wurde; die Kutscher zogen dann eine tariflose Zeit vor, da sie für ihre Wünsche kein Gehör fanden. Die wesent- lichen Bestimmungen des jetzt abgeschlossenen Vertrages lauten: Die Kutscher erhalten einen Lohn von 49 M. pro Woche. Für Reservekutscher, falls solche in den Betrieben beschäftigt werden, be- trägt der Lohn wöchentlich ebenfalls 49 M. Für das Verladen der Waggons erhalten die Kutscher für je 199 Zentner eine Extraver- gütung von 39 Pf. Für jede geleistete Fuhre Getreide, wofür der Empfänger eine Vergütung nicht bezahlt, erhält der Kutscher von seinem Arbeitgeber eine Extrabezahlung von 23 Pf. Kutscher, die Vorortstouren zu erledigen haben, dürfen an den betreffenden Tagen des Vormittags mit der Erledigung von Austrägen in der Stadt nicht beschäftigt werden. Seitens der.Fuhrhcrren ist Sorge zu tragen, daß die Kutscher nach Möglichkeit gleich frühmorgens mit solchen Touren zu fahren beginnen. Die Kutscher haben auf dem Speicher zu verlangen, daß ihnen das Mehl bis an die Luke ge- bracht wird. Sie sind nicht verpflichtet, sich dasselbe vom Speicher selbst herunterzutragen. Jeder Kutscher, der mindestens ein Jahr in einem Betriebe tätig ist, erhält einen Sommerurlaub von einer Woche unter Fortzahlung des Lohnes. Die Arbeitszeit dauert von 6 Uhr morgens bis 3 Uhr abends. Für das Füttern der Pferde an den Sonntagen nachmittags oder abends erhält jeder Kutscher eine Extravergütung von 2 M. Haben die Kutscher nach erledigter Tages- arbeit, nach 8 Uhr abends, noch einen dringenden Auftrag zu er- ledigen, erhalten sie dafür pro Stunde 1 M. Der Vertrag tritt am 1. Oktober in Kraft und hat Gültigkeit bis zum 1. Oktober 1912. Die Kutscher, die gut organisiert sind, erklärten sich mit diesen Abmachungen zufrieden. Was die Lohnhöhe von 49 M. anbetrifft, so wünschten sie diese Forderung noch besonders zu begründen durch die hohen Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit infolge des Mangels eines Zentralspeichers für den Mehlhandel, in erster Linie aber durch die schwere Arbeit, die wachsende Teuerung und die lange Arbeitszeit. Die Berliner Glasschleifer haben den Unternehmern Mindest- forderunaen überreicht. Da eine Verständigung nicht erreicht werden konnte, haben sie nunmehr die Unternehmer ersucht, die Antwort bis zum Dienstag, den 27. d. M. übersenden zu wollen. An diesem Tage werden die Glasschleifer endgültig entscheiden, ob es zum Kampf kommen soll oder nicht. Die Forderungen der Arbeiter sind sehr minimal. An Arbeitszeitverkürzung wird wöchentlich nur eine Stunde verlangt. Eine weitergehende Forde- rung haben die Arbeiter im Interesse einer Einigung fallen ge- lassen. Ferner wird gefordert: Minimallohn für Buchstaben- und breite Fassettcnschlcifer 70 Pf. pro Stunde, für Wogen., Walzen- und Moraschleifer 69 Pf. pro Stunde, wenn sie nachweislich zwei Jahre als Schleifer gearbeitet haben. Für Polierer 69 Pf. pro Stunde, wenn sie nachweislich ein Jahr als Polierer gearbeitet haben. Es wird der Abschluß eines bis 1. Oktober 1912 geltenden Tarifvertrages verlangt, in welcher Zeit der Minimallohn jähr- lich um 2 Pf. pro Stunde steigen soll. Die jetzt über den Minimal- lohn bezahjten Arbeiter sollen einen Zuschlag von 3 Pf. pro Stunde erhalten. Allen Arbeitern, die länger als 14 Tage im Betriebe beschäftigt sind, wird bei Akkordarbeit der Minimallohn garantiert. Sollten diese Forderungen, die von den Arbeitern im Laufe der Verhandlungen soweit reduziert worden sind, abgelehnt werden, so dürfte der Kampf unvermeidlich sein. Zuzug von Schleifern, Polierern und Belegern ist deshalb streng fern zu halten. Achtung, Tabakarbeiter! Der Zigarrenfabrikant G. W u st r 0 w in Woltersdorf bei Erkner sucht durch Annonce in der„Berliner Volks-Zeitung" Zigarren-Hausarbciter; die Meldungen sollen er- folgen bei der Rohtabakhandlung Friedrich Krause, Berlin, Am Friedrichshain 13. Da Herr Wustrow seine früheren Arbeiterinnen in rigoroser Weise aufs Pflaster warf, ist die Sperre über seine Firma verhängt. Wir ersuchen daher die Kollegen, diese Firma zu meiden. Die 13. Gauleitung des Deutschen Tabakarbeiterverbandes. Oeuvlcbes Reich. Der Streik der Lithographen und Steindrucker in der König- lichen und Großhcrzoglichen Hoflithographie und Steindruckerei von L. Keseberg in Hofgeismar bei Kassel wurde nach mehrmaligen Verhandlungen beigelegt, nachdem auch die Buchdrucker und das übrige Personal mit eingegriffen hatten. Die Arbeitszeit der Litho- graphen wurde um eine Stunde, die der Steindrucker und des gesamten übrigen Personals(gegen 149 Personen) um eine halbe Stunde pro Tag verkürzt. Für Ausgelernte wurde ein Mindest- lehn von wöchentlich 18 M. vereinbart, außerdem wurden eine Reihe Lohnzulagen und Ueberstundenzuschlag bewilligt. Die sechs- wöchentliche Kündigungsfrist wurde beseitigt und in sanitärer Be- ziehung sowie in bezug auf die Kontrolle verschiedenes gebessert. Wenn durch den Kampf auch die Forderungen nicht voll befriedigt wurden> so ist doch der moralische Erfolg um so größer. Denn es ist das erstenial, daß sich Arbeiter in dieser Firma, wie über- Haupt im Städtcben, um Verbesserung ihrer Lage rührten. Auf die übrige Arbeiterschaft hat das großen Eindruck gemacht, und wird deshalb diese Bewegung zur Besserung der OrganisationS- Verhältnisse dort viel beitragen. Sind doch jetzt dort Tagelöhne von 2 M. bis 2,59 M. gang und gäbe. Hoffentlich wird durch diese Bewegung der Anstoß gegeben, daß endlich mit diesen miserablen Löhnen aufgeräumt wird. Erfreulich war das Zusammenarbeiten der verschiedenen graphischen Berufe bei dieser Bewegung. Der Streik der Dresdener Bauschlosser ist durch Abschluß eineZ ihnen günstigen Tarifvertrages nunmehr beendigt. Lohnkampf in der Schmnlkiudnstrie. Der Verband der Arbeitgeber der Pforzheimer Gold-, Filigran». Tula- und Doubleketten-Jndustrie hat den ihn vom Deutschen Metallarbeiterverband übergebenen Vertragsentwurf als„un- annehmbar und unmöglich" und wegen der geforderten Lohn- erhöhung als„unberechtigt" abgelehnt. Tie Hamburger Eafehauskellner befinden sich im Stteik. Zuzug ist fernzuhalten. ES handelt sich um einen Kampf um den Arocitsnachweis. Hustand. Lohnbewegung in der dänischen Textilindustrie. Der Dänische Textilarbeiterverband hat den vor fünf Jahren mit der Textil» fabrikantenvereinigung abgeschlossenen Tarifvertrag zum 1. Januar gekündigt. Die Kündigung erstreckt sich auf 42 Fabriken. Der Vorsitzende der Fabrikanten erklärt jetzt bereits, daß eine Er- höhung der Weberlöhne undurchführbar sei, hofft jedoch noch auf eine friedliche Einigung._ Der Bergarbeiterstreik in Bilbao. Nach 64 Tagen ist der Bergarbeiterstreik von Bilbao durch einen Teilerfolg der Arbeiter beendet worden. Der General- kapitän daS ist der militärische Gouverneur der Provinz— hat die Grubenherren gezwungen, ein Abkommen anzunehmen, daß die Arbeitszeit der Bergleute auf 954 Stunden täglich verringert. Eine Erhöhung des Lohnes findet nicht statt, noch weniger eine offizielle Anerkennung der Vcrgarbeitcrgcwerkschaft, aber trotz alledem ist der Ausgang' des Streiks ein großer Sieg der Arbeiter. Er hat vor allem den Arbeitern die praktische Lehre gegeben, und zwar eindringlicher als die eifrigste Propaganda es hätte tun können, daß sie sich in der Gewerkschaft organisieren müssen; er Tb. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag:VorwärtSBuchdr.u.BerIag»ansta1l hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf� den traurigen un» un- gerechten Zustand gerichtet, in dem die spanischen Arbeiter leben. Er wird endlich die spanische Regierung zwingen, den Cortes bei ihrem Wiederzusammentritt einen Gesetzentwurf über die Be- grenzung der Arbeitszeit der Bergleute vorzulegen. Der Kampf ist lang und opferreich für die Bergleute gewesen, aber dank ihrer festen, unbeugsamen Energie und Entschlossenheit und dank der Solidarität ihrer Kameraden sind sie siegreich aus dem Kampfe hervorgegangen. Bravo unseren Kameraden von Bilbao! £his der frauendenegung. Hetze gegen Kellnerinnen. Brotneid und Borniertheit sind die Motive, welche teutonische Kellner und oft auch kleinlich gehässige Weiber fortgesetzt einen Verleumdungsseldzug gegen die Kellnerimien führen lassen. Diese Frage ist besonders für Süddeutschland von Interesse. Gefundenes Fressen für die Heiligen von München war nun ein Polizeibcricht, in dem es heißt: Am Schluß des Jahres 1999 gab es 149 Karlendamen, darunter waren 49 Kellnerinnen(im Vorjahre 27), 26 Dienstmädchen(27). 26 Fabrikarbeiterinnen(27) utw. Daraus folgerte man, daß die Miinchencr Kellnerinnen sich in der Hauptsache aus Prostituierten rekrutierten. Dazu schreibt das Unter» nehmerorgan„Der bayerische Gastwirt": „Seitdem bekannt ist, daß in den a»? Norddeutschland impor» tierten Aliimierkneipen die sogenamile Kellnerin nichts anderes ist wie ein verkapptes Freudenmädchen, das mit seinen weiblichen Reizen und einein guten Mundwerk die Gäste zur Vertilgung von möglichst großen und teuere» Onantitäten Alkohol aneifern muß, möchte man am liebsten olle Kellnerinnen Deutschlands mit diesen Reichsjnngfraiie» in einen Topf werfen. Selbstverständlich und mit Recht wehren sich unsere bayerischen Kellnerinnen und auch wir gegen diese Klassifizierung. Unsere bayerischen Kellnerinnen find nicht um ein Jota geringer in ihrem sittlichen Wert wie Dienstmädchen, Verläuferinnen und andere in gleicher sozialer Stellung. Wenn trotzdem in einer Statistik ausgeführt wird, daß die Kellnerinnen einen größeren Prozentsatz zu den Prostituierten stellen wie andere Kategorien, so liegt'es nur daron. weil öfter eine der leichtsinnigen Dirnen eine Kelliierinichürze umbindet und sich als Kellnerin ausgibt, um vor der Polizei ihre Ruhe zu haben. Wirk- liche, diensttuende Kellnerinnen sind diese»süßen Mädel" in den seltensten Fällen gewesen."_ Versammlungen. Zentralverband der Töpfer. Die am Freitag abgehaltene außerordentliche Generalversammlung der Filiale Berlin hatte Be- schlutz zu fassen über ein örtliches Statut, welches bereits in den Bezirksversammlungen beraten ist. Bisher hatte die Filiale kein Ortsstatut. Ein solches ist notwendig geworden, weil sich die Filiale immer mehr vergrößert hat und neuerdings auch die Vororte hinzu- gekommen sind. Das Statut sieht unter anderem eine Bezirks- einteilung mit Bezirksleitung vor. Den Bezirken wird die Erledi- gung gewisser Verbandsgeschäfte übertragen, auch können sie unter bestimmten Voraussetzungen Beschlüsse fassen und Abstimmungen über wichtige Angelegenheiten vornehmen, was bisher nur der Ge- samt-Filialversammlung zustand. Die Beschlüsse der Bezirksver- sammlungcn unterliegen der Bestätigung des Filialvorstandes bezw. der Filialversammlung. Ferner steht das Ortsstatut eine Per- mehrung des Filialvorstandcs um zwei Mitglieder vor und die An» stellung eines dritten besoldeten Vorstandsmitgliedes. Die Versammlung stimmte dem Ortsstatut zu. lehnte aber die Anstellung eines dritten Beamten ab. Ferner wurde eine Geschäfts- ordnung der Filiale angenommen. Zur statutenmäßigen Ver- stärkung des Vorstandes wurden die Beisitzer Hase und Wolf ge- wählt. Zur Feusterfrage beschloß die Versammlung, daß vom 17. Okto- ber ab nur bei verglasten Fenstern bezw. in zugdichten, aber ge- nügend hellen Räumen gearbeitet, und auf allen Bauten, wo diese Voraussetzungen nicht zutreffen, die Arbeit niedergelegt wird. Vom vierten Tage der Arbeitsniederlegung ab wird Streikunterstützung von 2,39 M. täglich und für jedes Kind 26 Pf. Zuschlag gezahlt, ZyCtzU ftacbrichtcn. v. Bodmans Stellung zur Sozialdemokratie. Karlsruhe, 26. September. Die amtliche„Karls- ruher Zeitung" schreibt: Eine vom Minister des Innern. jssreiherrn v. Bodman, am 13. Juli 1916 in der ersten Kammer getane Aeußerung ist von der Presse heftig er- örtert worden. Betrachtet man die Rede des Ministers ruhig in ihrem Zusammenhang und iin ganzen, so wird man ohne weiteres zugeben, daß sie mit früheren Ausführungen von ihm völlig übereinstimmt. Nachdem auch Bebel auf dem Magdeburger Parteitag den Tatsachen entsprechend bemerkt hat, der Minister habe mit seiner Aeußerung vom 13. Juli von seinen früheren Erklärungen gegenüber der Sozialdcmo- kratie kein Jota zurückgenotinnen, darf eripartet werden, daß der Mißbrauch aufhört, der mit den Worten des Ministers von sozialdemokratischer Seite getrieben wird, nicht minder aber darf erwartet werden, daß die Organe der rechtsstehenden Parteien bei ihrer Erörterung mehr als bisher auch den übrigen Inhalt jener Rede und die früheren Ausführungen des Ministers berücksichtigen. Danach kann kein Zweifel be- stehen, daß der Minister nach wie vor ein entschiedener Gegner der politischen Ziele der Sozialdemokratie ist. Scheußlicher Mord. KöSlin i. Po mm., 26. September.(W. T. B.) In einem Walde bei Z e w e l i n wurde der 13jährige Hütejunge erschossen aufgefunden. Als Mörder wurden sein 12jähriger Spiel- kamerad Tredcr und dessen 23jähriger Onkel verhaftet. Eine Schule gerichtlich geschlossen. Frankfurt a. M., 26. September.(B. H.) Die in Hanau seit vielen Jahren bestehende Grimm-Schule, die sich besonders mit der Vorbereitung auf Einjährigen-Prüfungen befaßte, ist, wie die staatliche Schulinspektion amtlich bekannt macht, auf ministerielle Verfügung geschlossen worden. Neue Cholerafälle. Rom, 26. September.(W. T. B.) Wie die städtische Sani» tätSbehörde mitteilt, sind hier bisher vier Cholerafälle festgestellt worden, und zwar je einer am 13., 23., 24. und 25. dieses Monats. Im letzten Falle ist die erkrankte Person g e st.o r b e n. Budapest, 26. September.(W. T. B.) In den letzten 4 3 S t u n- den sind im ganzen Lande 28 Cholcraerkrankungen und 11 TodeS» fälle gemeldet worden. Da die Erkrankungen zumeist längs der Donau vorkommen, liegt der Verdacht vor, daß das Donau- wasser infiziert ist und zur Verbreitung der Cholera beiträgt. Der Minister des Innern hat deshalb den Gebrauch des DonauwasserS streng verboten. Konstantinopel. 26. September.(W. T. B.) Seit gestern sind hier eine Erkrankung und ein Todesfall cm Cholera vorgekommen. in E r z e r u m am 23. September neun Erkrankungen und drei Todesfälle, am 24. September sieben Erkrankungen und drei Todes- fälle, in den vier W i l a j e t s der Landschast A e m e n sieben Er- kraakungen und drei Todesfälle. )aul Singer Lc Co„ Berlin SV/. Hierzu 3 Beilagen u. UnterhaltuagSdl, 8t. 226. 27. Zahrgang. tilUt iltS 27. Zeplemlier lAK. Sie ksttelprekke über Ksgüedurg. „Bolkswille"- Hannover. .Magdeburg I* Dieses Wort wird, so befurchten wir, in Zukunft nicht minder trübe Erinnerungen auslösen, als es bisher die recht unerquicklichen Vorgänge auf dem Dresdener Parteitage getan. So scharf und so heftig auch in Dresden seinerzeit die Geister aufeinander prallten: gegenüber Magdeburg wird Dresden verblassen. Prächtig lieb sich der diesjährige Parteitag an. Selbst der so bedauerliche Disziplinbruch wurde in den ersten Stadien der Verhandlung in einer Weise er- örtert, die bei aller sachlichen Schärfe das beiderseitige Be- mühen erkennen ließ, den Meinungsstreit so zu führen, wie er unter Partei- und Kampfgenossen, unter Männern, die trotz aller taktischen Meinungsverschiedenheiten einem groben Ziele zu- streben, üblich. Plötzlich änderte sich die Szene. Eine Erklärung. die Genosse Frank in seinem Schlubwort abgab, löste auf der Gegenseite eine ungeheure Aufregung aus, die zur Einbringung eines neuen Antrags und zum vorübergehenden Auszug der süd- deutschen Delegierten führte. Darob nun grotzer Jubel in der bürgerlichen Presse. Ein so gefundenes Fressen ist ihr lange, ja bisher überhaupt noch nickt geboten worden..Sturm auf dem Magdeburger Parteitag",«Die süddeutsche Sezession",„Der Magdeburger Bruderzwist",«Ein Krach in der Millionen-Partei",«Krach auf dem Magde- burger Parteitage",«Die Spaltung der Sozialdemokratie", «Der rote Krach von Magdeburg", so schallt es frohlockend aus dem bürgerlichen Blätterwald. Dieses Jndiauersiegesgeheul lägt uns freilich kalt, beweist es doch, dab alle diese Blätter auch nicht die leiseste Ahnung von dem haben. waS die sozialdeiuokratiscke Kämpfer- schar unlöslich zusammenkittet. Bedenklicher ist schon, das; bürgerliche Blätter und wirklich nicht mit Unrecht von einer Vergewalli- gungder Minderheit durch die Mehrheit sprechen, daß sie schreiben können:„Die sozialdemokratische Partei bat sich in Magde- bürg wieder als ein Hort derUnduldsamkeit und eine Stätte der Vergewaltigung gezeigt." An dieser Fest- stellung ändern auch die Entschuldigungsoersuche unseres Zentral- organs nichts. Niemand wird es ihm glauben, dab es sich bei dem mitleruäcktlichen Beschlub um einen Akt der Notwehr gegen Ver- gewaltigung und Verhöhnung durch die Minderheit gehandelt habe... Wenn derartige Szenen, wie am Mittwochabend in Magde- bürg, in einer Volksversammlung vorkommen, dann sind sie Nock erklärlich und verzeihlich, ein Parteitag, der sich aus den erfahrensten Genosien zusammensetzt, sollte darüber erhaben sein. Zur Znuehnltung der Grenzen parteigenössischer Kritik sind alle Parteigenossen verpflichtet, ob sie sich nun zufällig in der Mehrheit oder in der Minderheit befinden. Auch Parteitagsmandate sind ebensowenig Freibriefe, wie Redaktions- sessel. Nickt die S e l b st z e r f l e i s ch u n g. das wollüstige Stochern in den Wunden der Partei ist es, was uns bitter notlut, sondern, und hierin stimmen wir mit dem.Vorwärts" überein: der Kampf gegen den Feind." ,«Norddeutsche Volksst!mme"-Bremerhaven. «Auch der beste Bogen bricht, wenn man ihn überspannt! Auch die Frankschen Worte waren eine solche Ueberspannung in dieser Situation. Seit Jahren haben wir de» Budgetstreit in der Partei. Seit Jahren haben die Opponenten mit Gründen und Erwägungen in Wort und Schrift den sozialdemo kratischen Massen den Nachweis zu führen versucht, dab die Budget bewilligung für ihr proletarisches Seelenheil unbedingt notwendig ist. Trotz der jahrelange» Wiederholungen der Begründungen haben die Massen die Budgetbewilliger ablaufen lassen. Diese haben sich aber nicht daran gekehrt. Sie setzten ihre Trümpfe auf, in Nürnberg die Erklärung der.66". deren letzte Konsequenz am Ende doch die sein sollte, Parteibeschlüsse für opponierende Minderheiten zu wertloser Makulatur zu erklären und in Baden die voll- zogene Budgetbewilligung, die dann wieder zu den Auseinander- setzuiigen in eigenen Reihen führten, mit einer Kräfte- und Zeit- Vergeudung, die in dieser politisch und wirtschaftlich rcichbewegten Zeil besser gegen unsere Feinde zu wenden gewesen wäre. Die Massen der Partei sind dieses unfruchtbaren Streites in den eigenen Reihen herzlich müde. Wir gefährden unsere eigenen Erfolge in der für uns unglaublich günstigen Zeit, wenn wir nichts besseres zu ihrer Ausnützung verstehen. Daher kann man es auch begreifen, wenn die Mehrheit der Magdeburger Delegierten, nachdem die zweitägige Redeschlacht durch- gefochten und anscheinend Klarheit geschaffen worden war, durch die wiederholte Franksche Erklärung wie tjor den Kopf geschlagen sein mutzte. Man glaubte sich endlich kleines femUetcti. Wie Napoleon III. für seine Familie sorgte. Als im Jahre 1870 nach der Gefangennahme Napoleons die Kaiserin Eugeuie Paris verlietz, bemächtigte die Regierung der Nationalen Verteidigung sich des kaiserlichen Archivs und beauftragte eine besondere Kommission mit der Sichtung und Herausgabe der wichtigsten Dokumente. Das hatte zur Folge, datz bald darauf die«Korrespondenz der kaiserliche» Familie" erschien, ein Werk, das Anlatz zu heftigen Polemiken bot, und das heute nur noch wenige Sammler besitzen dürften. Ein Mit- arbeiter des„Giornale d'Jtalia" veröffentlicht aus der Schrift, die ihm vor kurzem erst vorlag, einige interessante Daten: Die jähr- liche Dotation lZivilliste) Napoleons III. belief sich auf dreitzig Millionen; er bezahlte von diesem Gelde Jahresapanagen an Mitglieder seiner Familie: diese Apanagen betrugen zuerst nur 100 000 Frank, stiegen aber allmählich auf 1810 975 Frank. Grotz war die Zahl der Schmarotzer, die aus der kaiserlichen Kassette ihre» Lebensunterhalt bezogen. So z.B. wurden für bestechliche Journale und Journalisten jährlich nicht weniger als 300 000 Frank aus- gegeben. An die Mutter der Kaiserin, die Gräfin von Moutijo, mutzte Rothschild im Laufe eines Jahres dreimal je 1 Million senden. Der Kaiser sorgte auch für Milgifteu und HeiralsauS- staitungen seiner Getreue»; so bekam die Herzogin von Moucky von ihm eine Mitgift von 1 733 062 Frank. Anlätzlich der Geburt und der Taufe deS kaiserlichen Prinzen wurden 898 000 Frank vergeudet: Medaillons in Diamanten 25 000 Frank; Honorar für die Aerzte 62 000 Frank; Honorar für die Hebamme 6000 Frank; Wäsche- ousstattung für das neugeborene Knäblein 100 000 Frank; Grati- fikationen für die Diener der Kaiserin 11000 Frank; Gratis« Vorstellungen in de» Theatern 44 000 Frank; Gratifikationen für die Eltern der am Tage der Geburt deS Kronprinzen geborenen Knaben 50 000 Frank: Medaillen für die Verfasser von Jubelhymnen und Kantaten, sür die Truppen, für die Schuljugend 85 000 Frank; Ee- schenke für die Eltern der Patenkinder deS KaiierpaareS 20 000 Frank; Tauffeierlichkeiten 172 000 Frank; Gratifikationen für die Beamten des kaiserlichen Hauses 160 000 Frank; dazu kamen noch Spenden an verschiedene Stiftungen und Vereine. Die kaiserlichen Blutegel verstanden,.ihr" Voll auszusaugen. Theater. Neues Theater:„Das Alter", Schauspiel von Feliz I o S k y. Der Titel läht ein Stück erwarten, das in seiner Hand- Ulng irgendwelchen typischen Zug des Alters charakteristisch heraus- arbeiten will. Eine Ankündigung, die zu der Fabel, die der Ver- fasser auftischt, in geradezu komischem Mitzverhältniffe sieht. Auch im Venedig des sechzehnten Jahrhunderts, das der Theaterzettel als Schauplatz angibt, dürsten die Gesetze menschlicher Psychologie, nach am Ende des Streites und neuer wird in Aussicht gestellt. Das war zuviel! Die einzige Antwort auf diese unverhohlene Ankündigung auch zukünftiger Diszipliubrücke war die A u f n a h m e des u ni- redigierten Antrags Zubeils. Man wird darüber streiten können, ob eS taktisch klug war, ihn in so später Stunde einzu- bringen, zu debattieren und abzustimmen. Aber man wird es b e g r e i s l i ch finden, wenn in der Erregung des Augenblicks die Mehrheit nach schon zweitägiger Debatte nicht noch einen dritten Tag vergeuden wollte, denn eine Zeitvergeudung mutzte der Parteitag bei der H a l s st a r r i g k e i t und U n b e l e h r b a r k e i t derer um Frank in einer nochmaligen Vertagung erblicken. AnS diesen Gründen heraus glauben wir die Haltung der Mehrheit er- klärlich zu finden. Nicht erklärlich finden wir aber das Vorgehen von Frank und Genossen mit ihrem mitzglückten Versuch, den Parteitag durch demonstratives Verlassen zu sprengen. Sie waren als Gegner des Antrages berechtigt, ihn zu bekämpfen und gegen ihn zu stimmen. da die Vertagung nicM zu erreichen war und hatten dann sich als echte Demokraten zu fügen. Sie taten es nicht, sondern trieben Obstruktion gegen die eigene Partei, die durch den inzwischen gemachte» Rechtfertigungsversuch in der an die Partei- presse versandten Erklärung nach unserem Empfinden keine Recht- sertigung findet." „Thüringer Volks freund"- Sonueberg. «Der Beschlub des Parteitages in Magdeburg, der nunmehr klipp und klar ausgesprochen hat, datz die Partei gewillt ist, a n der alten, bewährten revolutionären Taktik fest- zuhalten und die Prinzipien des Klassenkampfes nicht aufzugeben, wird im Reiche von den Parteigenossen ohne Ziveifel mit Freuden begrützt. Besonders wir Thüringer stehen ohne Aus- nahine hinter der Mehrheit des Parteitages und billigen dessen Beschlüsse vollständig. Wir geben uns absolut keiner Illusion hin, datz man im bürgerlichen Lager nicht etwa alles tun wird, um das Vertrauen der Massen zur Partei zu untergraben und die Mitläufer uns ab- spenstig zu machen. Im Gegenicil, wir sind sicher, datz man im bürgerlichen Lager von der äutzersten Linken bis zur äutzersten Rechten alleS Inn wird, um die Wähler 1911 abzuhalten, einen sozialdemokratischen Stimmzettel in die Wahlurne zu werfen. Wir sind aber auch sicher, datz es, abgesehen davon, datz uns zunächst unsere klaren Programmforderungen über alles gehen müssen, bei der allgemeinen Situation im Reiche vergebliche Liebesmüh' sein dürfte, den bedrängten Massen einreden zu wollen, datz die Sozialdemolratie, die seil über vier Jahrzehnten für das Wohl des Volkes gekämpft hat, nunmehr deshalb, weil sie dieselben Richtlinien>vie seither einhalten will, mit Mitziraucn bedacht werden mutzte. Mit Nichten. Wir betonen es nochmals mit aller Schärfe, wir begrüben es mit doppelter Freude, datz die Partei gewillt ist, an den revolutionären Ueberlieferungen festzuhalten." „Volksstimme"-Chemnitz. „Den Disziplin bruch hätten die Badener zu- gestehen muffen. Das bätte die Budgetfrage nicht grundsätzlich erledigt, aber das für Genossen Selbstverständliche getan: grund sätzlick den Parteitag als höchste Instanz anerkannt. Das tat Frank, der süddeutsche Wortführer, nicht. Darum mutzte der Parteitag eine scharfe Verurteilung deS b a d i s ch e n Disziplin- b ru ch e s aussprechen. Dielen Standpunkt nahm die«Volksstimme" in ihren schon erwähnten Artikeln vor Monaten ein und vertritt ihn auch jetzt. Aber der Parteitag— richtiger die Mehrheit— ging weiter Sie hat in einer Nachlsitzimg mit dem Fallbeil des Ausschlusses jeden Genossen bedroht, der bcwutzt gegen die Parteitagsbeschiüsse verstötzt. In diesem Falle bedeutele daS Aussprechen dieses an sich richtigen Gedankens nicht nur einen Schlag gegen die in der VorstandSreiolution schon gerügten Bndener, sondern sür die Budgetbewilliger die Drohung mit dem sofortigen Ausschluß. Mit diesem Bescklutz geht die Mehrheit über das vom Partei- tage beschlossene Organisationsstatut, über den Z 23 hinaus, ohne diesen Paragraphen zu ändern. Während jeder von seiner Organ! sation ausgeschlossene Genosse das Recht der Berufung an Komroll- kommission und— die höchste Instanz— den Parteitag hat. wird künftigen Budgetbewilligern das abgekürzte Verfahren angedroht. Halten wir diesen Beschlutz also für verfehlt, so kann doch nicht bestritten werden, datz ihn Frank im Schlutzworte durch seine Provo- kation der Mehrheit herbeigeführt hat. Der taklisch sonst so kluge Frank hatte das Augenmotz für das Gebot der Stunde verloren. Nach dem versöhn licke Ii SchlutzworteBebels, nachdem die Mehrheit ihren Antrag Zubeil zurückgezogen hatte, lag für Frank kein denen zwischen Wollen und Tun. Zweck und Mittel gewisse Zu sammenhänge existieren, trotz Herrn Josky ihre Geltung bewahrt haben. Der alte Andrea Bellomi produziert sich in den ersten Akten als ein Wunder versöhnlicher Langmut. Für alle Infamien des bösen Neffen, der darauf pocht, datz er des Oheims Reichtum erben werde, hat er Verzeihung, bis ihm der angenehme Jüngling einen Spietzgesellen mit der höhnenden Frage ins Haus stpickt, wann denn seine junge Frau ihm einen LeibeSerbcn schenken werde? Nun endlich bricht der Zorn in ihm loS. Er will Vergeltung, Strafe! Und er könnte sk in sehr bequemer Weise haben, er brauchte nur den Burschen zu enterben. Doch das „Alter" enlschlictzt sich, das simple Ziel auf einem hoch- dramatischen Umweg zu verfolgen. Weshalb halte auch Andrea in dem Stücke für sein Weib so viel Zärtlichkeit gezeigt, weshalb so eifersüchtig gegen einen Maler, in dessen VenuSbild er Züge ihrer Schönheit wiederfand, gewütet, wenn nickt zur Vorbereitung eines tragischen Konflikts? Enterben kann jeder Onkel; ein Venezianischer Patrizier mutz positiver und erhabener strafen. Der Leibeserbe, vor dem der Neffe sich so sicher dünkre, soll diesem zum Trotz nach» träglich mit fremder Beihilfe erscheinen! So führt der würdige Greis den Künstler selbst der Gattin zu und verschwindet dann diskret. Dem tragischen Verschulden folgt nach Gebühr poetische Gerechtigkeit. Der Greis erhält zu seinem grotzen Schmerz die Nachricht, daß der verHatzte Neffe just in derselben Nacht durch Mörderhünde fiel. Der projektierte LeibeScrbe also hätte den Beruf verfehlt. Indes, es ist auch keiner zu besürchten, wie die Gattin berichtet. Unberührt ver- Uetz sie der edelstolze Maler, dem ihre Liebe nun sür immer gehört. Andrea hcitzt sie gehen. Er bleibt vereinsamt. Die Schuld hat sich gerückt. Die Darstellung, in der die Herren Otto Stoekkel, Paul S ch m a i g e r. Paul Otto die Hauptollen Hutten, brachte, was das Stück an Bühnenesielten enthielt, geschickt heraus. dt. Modernes Theater: Die Beste der Frauen, Lust- spiel von H e n n e q u i n und B i l d h a u d. Die französischen Lust- spielfabrikanteu werden sentimental und— langweilig. Das loar der Eindruck, den man von der Premiere des ehemaligen Hebbel- Theaters mit heimbrachte. Wenn eine so bewährte Firma wie Henncquin u. Ko. versagt, da mutz wohl das Thema der schwank- hasten Ehebrüche zurzeit erschöpft sein. Hat das bourgeoise Amüsier- Publikum etwa wieder einmal«Gemiitsbedürfnisse"? Oder will der ausgelassene Schwank bürgerlich familiär werden? Genng. die aus- nahmsweise gut übersetzte(von Rudolf PreSber)„Beste Frau" ist auch, abgesehen von den fürchterlichen Längen, die eine gute Regie noch beseitigen mutz, durchaus rührseliger Art. Der Wohltätigkeitssport der vornehmen Welt— wann wäre von einer anderen Welt in Pariser Stücken die Rede?— dient zwar als Ein- kleidung der unvermeidlichen Ehebruchmathematik, gibt aber nur zu Grund vor, sie mit Hohn zu überschütten, sie mit dem höhnischen Beispiele der Nachtwächterhose zu provozieren. Nur daraus ist der Antrags der in der Nacht- sitzung von der Mehrheit mit gereizten, ausgepeitschten Nerven und starker Leidenschaft beraten und angenommen wurde, zu erklären. So wenig es zweierlei Genossen geben kann und geben darf m Fragen der Parteidisziplin, so wenig darf es zwei Arten von Aus- schlutzverfahrcn gebe». Wir sind überzeugt, datz die Erkenntnis von der Iluhaltbarkeit dieses Beschlusses um so schneller reifen wird, IS weiter wir uns von der Gereiztheit jener leidenschaftlich erregten Nachtstunden ciitfenien. Den bürgerlichen Parteien aber ist trotz allem schmerzlich klar, datz der Parteitag in Magdeburg sie nicht~ wie sie hofften— auS der Patsche herausgerissen hat. Die von ihnen o wie sehnsüchtig erwartete Spaltung ist nicht gekommen. � Die eine ungeteilte und darum mit mächtiger Stotzkraft ausgerüstete Sozialdemokratie zieht in den Wahlkampf von 1911. Und sie wird glänzende Siege erfechten." „Sachs. BolkSblatt"-Zwickau. „In Wirklichkeit richtete sich der ganze Kampf und Zorn gegen jene Unterströmung innerhalb der Partei, die nicht müde wird, dte Partei starken Erschütterungen auszusetzen, gegen daS Staats« m ä n ii ch e n t u in und den Snobismus, die sich seit Jahren breit zu machen suchen; kurz, gegen jene Unterströmung, die am liebsten gegen Kanonen Volksrechte eintauschen möchte. Mit Langmut und Geduld ohnegleichen hat bisher die Partei alles hiiigeiiommen, wenn sie es auch an nachdrücklicheu Ver- Warnungen durchaus nicht hat fehlen lassen. Es hat aber alles gut wie nichts genutzt. Immer von neuem hat man dem MehrheitS- willen innerhalb der Partei zu trotzen versucht— bis jetzt endlich der Krug der Geduld zerbrochen ist. Nachgerade war es die Partei ihrer Selbstachtung schuldig geworden, jenen loider« strebenden Parteimitgliedern ei» quos ego(ich will euch!) zuzurufen und alle Ausgänge zu verrammeln, durch welche die Wühlmäuse, die die Einheit und Einheitlichkeit der Partei zu benagen pflegen, noch immer entweichen konnten.... Es gibt so manchen, der sich Sozialdemokrat nennt, auch redlich überzeugt ist, es zu sein und in Wirklichkeit eS doch nicht ist, weil er noch lange nicht alle Eierschalen seiner bürgerlichen Ver- ganaenheit abgestreift hat. Und leider gibt eS solcher Genossen selbst in f ü h r e nd e n Stellungen in nicht geringer Zahl, wodurch das Uebel nur noch vermehrt wird. Der Rat Bebels, den Führern»n ehr auf die Finger zn sehen, sollte nicht leichtfertig in den Wind geschlagen werden. Denn hier ist tatsächlich bis zu einem gewissen Grade die 28 urz e l des Hebels zu suchen. „Leipziger Volksztg." „Und diese Entschlossenheit der Masorität war kein Zufall. Es wäre falsch, anzunehmen, datz sie lediglich durch die unbezahlbare Torheit Franks geweckt wurde. Sie war schon vorher da, sie beherrschte den ganzen Parteitag, durch den Hohn Franks kam sie nur zur Explosion. Und auch die Zurückziehung des Antrages Zubeil bedeutete nicht etwa eine Schwache. Sie wurde erst vollzogen, als der Parteivorstand sich durch den Mund Bebels ausdrücklich mit ihr sachlich einverstanden erklärt hatte, sie führte zu keiner Schwächung, sondern zu einer erheblichen moralischen Stärkung der Majorität. Denn als dann Frank durch sein Schlutzwort die Majorität zwang, die Resolution Zubeil in veränderter Form wieder einzubringen, da mutzte auch der gesamte Parteivor st and, soweit er anwesend war, dafür stimmen. Es war also von Frank nicht nur töricht, es war auch objektiv falsch, loenn er in der Zurücknahme des ersten Antrags Zubeil eine Schwäche der Majorität erblickte. Die Majorität holte sich ihre Wucht nicht ans den Zufälligkeiten der ParteitagSvorgänge, sondern aus der entschlossenen und er» bitterten Stimmung der Massen draußen im Lande." „Hamburger Echo". „Shmpaihieerklärungen süddeutscher Delegierter für die preußi« scheu Wahlrechtskämpfer eröffneten am Freitag auf dem Magde« burger Parteitag die Debatte über Methode und Taktik, die in diesem gewaltigen Ringen mit dem brutalen Junkertum und der von ihm usurpierten Macht eines durch und durch reaktionären Militär» und Bureaukratenstaates dem Proletariat am zweckdienlichsten er» scheinen. Der herzliche Ton der Anerkennung, die unseren preutzischen Genossen gezollt wurde, bewies, datz es sich mn mehr handelte als um eine foriuclle, zeremonielle oder nur demonstrative Aeützerung. DaS ist zu betonen, stark zu betonen nach den Vorgängen in der Mittwochnacht, nach der Entscheidung über die Budget» bewilligung und nach dem Exodus eines Teiles der Süd« einigen Ironien Anlatz. Die Vergnügungen im Barmherzigleits» spiel darf ein Schwankdichter natürlich nicht ernsthaft und satirisch anpacken. Die beste der Frauen sucht für das mangelude Liebes- glück— ihr Gatte ist ein Trottel und ihr letzter Liebyaber ver» abschiedet— Ersatz im Gutes tun. Sie füllt so als Präsidentin unzähliger Wohltätigkeitsklubs, darunter eines für Leute, die mindestens 80 Jahre im Elend sind, ihre Zeit gesellschaftlich an» genehm auS. Sie gilt als die tugendhafteste Frau. Aber schon der Schlug des ersten Aktes bringt die Erhörung eines neuen Lieb« Habers, der natürlich ihr zu Liebe ihren Sport mitmacht. Aber Wohltätigkeit und Liebe vertragen sich nickt. Der Lieb» Haber kommt dabei zu kurz und droht mit Abfall. Da entsagt die beste der Frauen kurzer Hand ihren« Sport, den nun ibr von seiner Geliebten Hintergangener Gatte zur Ablenkung und Abwechselung übernimmt. Aber sie bleibt— den Autoren zufolge— trotzdem die beste der Frauen. Ihrer Leidenschaft droht von einem jungen Mädchen Gefahr, das ihre Hilfe in Anspruch nimmt, um ihren Liebhaber zum Mann zu bekommen. Sie läßt ihre Gegen- niienen spielen. Aber schlictzlich entsagt sie edelmütig ibrer Leidenschaft und führt ihren Liebhaber selber dem jungen Mädchen als Gatten zu. So endigt alles in Bravheit. Adele H a r t iv i g, die als Gast mitwirkte, lieh der besten der Frauen bezaubernde Liebenswürdigkeit und einnehiiieude Wärme. Sie und ihr Partner, August Weigert, der den Liebhaber forsch und flott spielte, retteten den Abend. Als trottelhafter Ehemann bewies Herr SchLnfelder, daß dieses Genre immer noch ge« färbte Haars trägt._— r. Notizen. — Die Neue freie Volksbühne gah ihren Mitgliedern am Sonntaguachmittag im Metropol-Theater eine Aufsührniig von Offenbachs uuverwelklicher Operette„Pariser Leben". Die entzückende Musik und die drastische Darstellung besonders der Herren Giampietro(alS schwedischer Baron in Maske und Spiel un» vergleichlich) und P sann(als verwandliiiigSfähiger Schuster) gefielen allgemein. Dagegen lieg besonders die Handschuhmacheriu(Fräul. Nenreth) inairches zu wünschen. — Paul Dellinger. der Komponist der in den achtziger Jahren populärsten Operette«Don Cesar" ist im Alter von 53 Jahren in einer Dresdener Heilanstalt gestorben. — Ein neuer Erfolg des Syphilis m ittels. Mit Ehrlich-Hata 606 wurde in Kopenhagen ein interessanter Er» folg erzielt, nämlich die teilweise Heilung syphilitischer Taubheit. Ein junger Mann, der stocktaub war, erhielt nach halbjähriger Be« Handlung mit Quecksilber eine Einspritzung mit Ehrlich- Hata 606. Der Patient hört heute laute Anrede. Man hofft binnen kurzem eine vollständige Heilung. deutschsn und dem Votum verschiedener ihrer Gesinnungsfreunde aus Norddeutschlcwd. Am Freitag zeigte sich, daß die kühle lieber- leguug und das Zusammengehörigkeitsgefühl die Oberhand gewonnen halten über die zwar nicht zu billigende, aber immerhin zu ver- stehende Gereiztheit, die sich in einer schroffen Herausforderung des Parteitages Luft machte. Immerhin erscheint eS als Pflicht der sozialdemokratischen Presse, zurückzugreifen auf die Verhandlungen über die Budget- bewilligung und Stellung zu nehmen. ES ist nicht angängig, mit einigen VerlegcnheitSredensarten oder biedermännischen Belehrungen, man hätte eS auch anders machen können, an der Sache vorbei- zuschlüpfcn. Vielmehr muff e s a u S g e sp r o ch e n werden, daß in der Tat die Magdeburger Entscheidung ein Mark st ein in der Geschichte der deutschen sozial« demokratischen Partei ist. Hier ist das Wort kein traditionelles 5Hischee, sondern der genaue Ausdruck einer Tatsache.... In Magdeburg ist formell wohl nur die Nürnberger Resolution bestätigt und ihre Uebertretung unter die Strafe des A u L- fchlu'sseS aus der Partei gestellt worden. Aber in Wirklichkeit bedeutet der- Beschlust.mehr. Wie die Budget- bewilligung durch ihre entschiedensten Verfechter zum Symbol der Blockpolitik ausdrücklich gemacht worden ist, so ist sie im Komplex aller mit ihr zusammenhangenden Fragen und die Argumentation ihrer Verteidiger gewissermaßen die Standarte des Revisionismus gelvorden. Das ist auf beiden Seiten sehr gut erkannt und beachtet worden, und wenn auch möglicherweise einzelne, die sonst mit dem Revisionismus nicht zusammenzugehen gewohnt sind, aus in übertriebener Wertschätzung der parlamentarischen Arbeiten und Möglichkeiten liegenden Gründen oder aus allerhand formalistischen Bedenklichkeiten bei der Abstimmung sich gegen den entscheidenden ersten Punkt der Vorstandsresolution und weiter gegen den Autrag Zubeil-Haase erklärten, also die Genauigkeit des Resultats abschwächten, so kann doch gesagt werden, daß im all- gemeinen da» Kräfteverhältnis der beiden sich entgegenstehenden Tendenzen ziemlich sicher zum Ausdruck kam. Aber nur das Kräfteverhältnis nach dem Maßstab, den die Vertretung gibt I Läßt man selbst die ohne spezielles Mandat dem Parteitag angehörenden ReichStagsabgeordneten, von denen immerhin einige in der unmittelbar zur Entscheidung ge- komnienen Fragen durchaus nicht im Einklang mit der Parteiorganisation ihres Wahlkreises stehen, außer Betracht, so bleibt doch noch eine nicht ganz geringe Zahl von eigentlichen Delegierten, die in scharfem Gegensatz zu der An» schauung ihrer Auftraggeber gestimmt haben, was sie tun durften, da es imperative Mandate bei unS nicht gibt. Das liegt an der sozusagen.gewohnheitSrechtlichen" Entsendung von Reichstagskandidaten und anderen viel in der Oeffentlichkeit hervorgetretenen Genossen, ohne daß erst deren Stellung zu Partei» fragen geprüft wird. DaS alles in Betracht gezogen, kann ruhig gesagt werden, daß die nord» und mitteldeutschen Parteiorganisationen und weite süddeutsche Kreise, wie zum Beispiel Nordbayern und weiter bis in das Herz des SchwabenlandeS(Stuttgart!) hinein zu den alten Grundsätzen, zu der alten Taktik der sozialdemokratischen Partei stehen und von dem Evan» gelium des Anfreundens mit bürgerlichen Parteien, von der „Anpassung" an den Klassenstaat nichts wissen wollen. Das heißt: Die gewaltige Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie lehnt denRevisionismuS ab.... Wird die Magdeburger Entscheidung nun den gewünschten Erfolg auf die Dauer haben? Wir hoffen es! Denn die Partei- genossen, einmal zu entschlossenem Auftreten gegen Glieder der eigenen Partei gezwungen, werden dafür sorgen, daß die Uebelstäude, die zur Magdeburger Debatte genötigt haben, nicht wiederkehren. Auch hier ist eS ein Wort Bebels, das sich einzuprägen die Genossen gut tun werden. „Die.Konsuln, sagten die Römer, sollen sehen, daß dem Ge- meinwesen kein Schaden erwächst, und ich sage, die Partei- genossen müssen darüberwachen, daß die Partei« führer keinen Schaden tun. Demokratisches Mißtrauen. und nochmals demokratisches Mißtrauen gegen alle ohne Ausnahme, auch gegen mich. Seht den Führern auf die Finger, seht den Redakteuren ans die Fingert� Line Konferenz zur Bekämpfing der MeitsIofigM. Paris, 21. September.(Ctg. Set.) Vom Montag bis heute mittag hat hier die von einem fran- zösifchen Komitee unter dem Präsidium des bekannten radikalen Politikers Bourgeois einberufene internationale Kon- ferenz zur Bekämpfung der Arbeitslosiakeit getagt. ES war eine etwas bunte Gesellschaft, die sich da zusammengefunden hatte: Fachleute auS der Gelehrtenstube und dem Amtszimmer, mehr oder minder kompetente Repräsentanten von exotischen Regierungen. deren Interesse an dem in Verhandlung stehenden Problem etwas zweifelhaft scheint und deren AbgePndte denn auch vom Schauplatz verschwanden, Untenrehmerhäuptlinge und in stattlicher Anzahl auch Vertreter der organisierten Arbeiterschaft. So hatte die Generalkommission der deutschen GeWerk- s ch a f t e nf die Genossen Robert Schmidt und U m b r e i t delegiert, auS Belgien waren Anseele, Hector Denis und T r o c l e t, aus der Schweiz Greulich und S i g g, aris Italien E a b r i n i, aus Schweden B r a n t i n g erschienen. Die tschechischen Separansten vertrat der Reichsratsabgeordnele Dr. Winter. Auf der Teilnehmerliste standen aber auch Namen, deren Träger man bisher nichts weniger als in Kampfstellung gegen die Arbeitslosigkeit gesehen hat, vor allem der von der schwedischen AuSspcrrring her berüchtigte von Sydow und der des Aussperrungsgenerals des Pariser Baugewerbes B u i I l e m i n. Soll das auf der Konferenz eingeleitete Werk den — ja sicher beschränkt— Nutzen bringen, dessen es fähig ist, so wird den Leuten dieses Schlages klargemacht werden müssen, daß das Studium der technischen Details einer sozialen Reform nicht den Intrigen des Ausbentertums Vorschub leisten darf. Das gilt auch für Regierungen wie die argentinische, deren Vertreter — Dr. V e l t r a n heißt da? freche Subjekt— der Konferenz einen.Bericht" vorgelegt hat. worin er gegen den Achtstundentag mit dem Argument polemisiert, daß der Arbeiter seine freien Stunden versauft und verspielt und den er mit einer Ver- herrlich un g der„patriotischen Konterrevolution' krönt, der schwarzen Hunderte von Buenos Aires, die die Bewohner der Arbeiterviertel mißhandelten und die Lokale der Arbeiterpresse demoliert haben oder wie er sagt,„die Jugend der Gymnasien und der Hochschulen, die sich wie ein Mann erhob und unter dem Gesang der Nationalhymne aus die Straßen und Plätze drang, um die schlimmen Pläne der Sektenanhänger zu vereiteln". Ueber die Einzelheiten der Diskussionen der Konferenz zu be- richten, dürfen wir uns ersparen. Die VerhandlungSzcit für die drei Punkte: Arbeitslosenstatistik, Arbeitsvermittelnng und Arbeitslosenversicherung war gar zu knapp bemeffen, die Uebersetzung nahm auch viel Zeit in Anspruch. Bei einer Rede- zeit von 10 oder gar ö Minuten, auf die die Diskussionsredner be- schränkt waren, konnte kaum etwaS herauskommen, als eine Apho- rismensammlung über das Thema. Dast in einer so großen Versammlung— es waren etlva 200 Teilnehmer da— neben viel Gemeinplätzchen eine Menge interessanter Gesichts- punkte angedeutet wurden, ist selbstverständlich, aber im ganzen zeigte sich, dast auch über die fundamentalsten Fragen, wie die Definition des Begriffs des Arbeitslosen und die Organi- sation der Arbeitslosenversicherung auf obligatorischer oder fakul- ialive- Basis und die Funktion der Gewerkschaften und der ösfent- l en Körperschaften derzeit vollständige Uneinigkeit und Unklarheit herrscht. Die Vertreter der Arbeiterorganisationen bekamen einigemal Gelegenheit, in die Debatte mit glücklicher Polemik einzugreifen, so der Buchdrucker K e u f e r, neben dem Mechaniker C o u p a t der einzige Vertreter der französischen Gewerkschaften, der dens AnSsperrer BuiUemin, Welcher als Haupiursache der Arbeits- lofiakeit die schlechte Lehrlingsausbildung hingestellt hatte, treffend abfertigte und auch die Unmöglichkeit für die Arbeiterschaft darlegte, einen vom Unternehmertum beeinflustten gemischten Arbeits- Nachweis zu akzeptieren. In kenriger Weise charakterisierte Greulich die Untauglichleit einer amtlichen Organisation der Arbeitslosen- ftatistik, die aus die gerechlfertigten Bedenken der Arbeiter stöstt, als Vagabunden von der Polzei hoppgenommen zu werden. Mit Herrn Dr. Freund(Berlin), der die Landflucht der Arbeiter mit ihrer Vergnügungssucht in Zusammenhang gebracht hatte, rechnete ll m b r e r t so gründlich ab, dast Herr Dr. F i s ch b e ck sich bemüßigt fühlte, sofort mit einer Beschwichtigungsspritze aufzufahren. Umbreit legte auch in knappem Umriß die Ansfaflung der deutschen Gewerkschaften dar, die die Arbeitslosenversicherung zunächst durch die Arbeiterorganisationen mit öffentlicher Subvention ausbauen und erst hernach durch die Zwangsversicherung ausbauen wollen. Die eigentliche Leistung der Konferenz war die Konstituierung einer internationalen Vereinigung zur Be- kämpfung der Arbeitslosigkeit, die die Aufgabe hat, die in den verschiedenen Ländern unternommenen Bestrebungen zusammenzufassen. Dies soll durch folgende Mittel geschehen: a) Errichrung eines internationalen Sekretariats, das die in den verschiedenen Ländern gesammelten Dokumente und Auskünfte den Interessenten zur Verfügung stellt. b) Verunstaltung von periodischen internationalen Versamm- lungen— geschlossenen oder öffentlichen. o) Spezielle Forschungen über gewiffe Seiten deS Problems der Arbeitslosigkeit und entsprechende Anskunfterteilung. ä) Veröffentlichung von Studien und ev. eines Bulletins über die Arbeitslosigkeit. e) Schritte bei privaten Vereinen oder öffentlichen Behörden aller Länder zum Zweck der Vornahme vergleichbarer Statistiken oder gleichgerichteten Arbeiten, sowie gegebenenfalls von Ab- kommen oder Verträgen über die Arbeitslosenfrage. Die Mitglieder jedes Landes können sich zu nationalen Sektionen zusammenschließen. Das Komitee wird von den Mit- gliedern der einzelnen Nationen gewählt. Die Zahl der Vertreter ist verschieden angesetzt(Frankreich, England, Deutschland. Belgien 4, Schweiz 3, Oesterreich 2. Ungarn 2 usw.) Jeder Delegation steht weiter das Recht zu, je einen Vertreter der Arbeit- nehmer und der Arbeitgeber zu wählen und zwar ist dieser Vertreter jener Organisation zu entnehmen, die sich dem nationalen Komitee angeschlossen hat. Die Vereinigung wird mit dem ständigen internationalen Komitee für Arbeiterversicherung undmitder inter« nationalen Vereinigung für gesetzlichenArbeiter- schütz sowie mit allen verwandten Vereinigungen in Verbindung treten.__ Aus der Kelcl)$ver!icl)erungsordnung$- Kommiilloo des Kekhstages. Sitzung am Sonnabend, 24. September. KrankeuhauSpflege. Die BerufSgenoffenschaften können an Stelle der sonstigen Krankenpflege ebenso wie die Krankenkassen freie Kur und Ver- pflegung in einer Heilanstalt gewähre». Auf Antrag der Sozialdemokraten wurde hinzugefügt, dast— wiederum wie in der Krankenversicherung— in den wichtigeren Fällen die Kranken- pflege auch wirklich.möglich st" gewährt werden, und dast auch die Hauspslege zulässig sein soll. Nach der Vorlage haben die Berufsgenosseiischaflen daS Recht, jederzeit ein neues Heilverfahren eintreten zu lassen, wenn zu erwarten ist, daß es die Erwerbsfähigkeit deS UufallrentnerS erhöht. Die Sozialdemokraten wiesen darauf hin, daß eS selbst- verständlich am besten ist, wenn der Verletzte durch ein Heilverfahren wieder möglichst arbeitsfähig werde. Jedoch werde von manchen BerufSgenoffenschaften diese Bestimmung zur Belästiguug des Ber- letzten ausgenutzt, der Verletzte immer wieder mit ernein Heil- verfahren bedroht, von dem er sich nur Quälerei, aber keinen Erfolg verspreche. Daher sei es notwendig, dast dem Verletzten eine g e- wisse Ruhezeit gesichert werde. Deshalb beantragten sie. daß ein Heilverfahren nur m den zwei ersten Jahren nach dem Unfall jederzeit", später aber gegen den Willen deS Verletzten nur in eiträumen von mindestens einem Jahre zulässig sein oll.— Die Liberalen stimmten dem zu. Das Zentrum schlug vor. daß zwar die BerufSgenoffenschast daS Reckt, jederzeit ein Heilverfahren durchzuführen, haben solle, daß jedoch bei Weigerung deS Verletzten, sich dem Heilverfahren zu unterziehen, der Schadenersatz nach Ablauf der ersten zwei Jahre nur in Zeilräumen von mindestens einem Jahre verfügt werden darf. Demgemäß wurde zwar der Antrag der Sozialdemokraten ab» gelehnt, der Abschivächungsantrag deS Zentrums aber gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Konservativen angenon, men. Die Nationalliberalen wollten die Strafbefugnis der BerufSgenojjenschasten gegen die Verletzten, die einer Anordnung in bezug auf das Heilverfahren nicht nackgekommen sind, nock b e- deutend verschärfen. Außerdem wollten sie die Verletzten zwingen, sich einen„tiefgreifenden wundärztlichen Eingriff" gefallen zu lassen, wenn ihnen der Kreisarzt bestätigt, daß die Operation zur Wiederherstellung oder Hebung der Erwerbsfähigkeit notwendig und nach allgemeiner ärztlicher Erfahrung mit Lebensgefahr nicht verbunden ist. Abg. Dr. M ii g d a n belehrte den Antragsteller, Abg. Dr. Semler, daß kein gewissenhafter Arzt so etwas bescheinigen kann, weil bei derartigen Operationen es niemals auSgescklosien ist, daß lebens- gefährliche Folgeerscheinungen eintreten. Genoffen Hoch und Stadt- bogen wiesen an einzelnen Fällen nach, zu welchen nutzlosen Quälereien und iinveranlwortlicken Sckädigungen eine solche, geradezu unmenschliche Bestimmung führen müßte. Die Anträge wurden dann auch gegen die Stimmen einiger Nationalliveralen und Konservativen abgelehnt. Herabsetzung der Rente. Tritt in den Verhälwiffen. die für die Feststellung der Eni- schädigung maßgebend gewesen sind, eine wesentliche Aenderung ein, so kann eine neue Feststellung erfolgen. Diese ist geniäß dem geltenden- Gesetz in den ersten zwei Jahren, nackdem die Eni» schädigung durch endgültigen Bescheid oder rechtskräftiges Urteil zuerst festgestellt worden ist. jederzeit, später jedock nur in Zeiträumen von mindestens einem Jahre zulässig. Diese Vestimmimg war in der Vorlage derart verschlechtert, daß auch in den ersten zwei Jahren nach Abschluß eines Heilverfahrens jederzeit die Rente aufs neue festgestellt werden konnte. Auf Autrag der Sozialdemokraten wurde diese Verschlechterung gegen die Stimmen der Nationallibe« r a I e n und Konservativen gestrichen. Ein Bescheid, der die Rente herabsetzt oder entzieht, soll nach der Borlage mit Ablauf des Monats wirksam werden, in dem er zu« gestellt worden ist. Die Sozialdemokraten beantragten, daß dem Verletzten die höhere Rcuie noch einen Monat weiter gezahlt wird. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Konservativen ange- nommeu. Ausnahmegesetze gegen Ardeiter. Erhöhung und Wiedergewährnng der Rente kann nach der Vor» läge nur für die Zeit nach Anmeldung deS Anspruchs verlangt werden. In der Praxis ist eS dem Arbeiter gar nicht möglich, gleich bei Beginn der Verschlechterung seines Ziistandes den Antrag auf Erhöhung oder Wiedergewährung der Rente zu stellen. Er wird vielmehr eine Zeitlang warten, um zu sehen, ob sich sein Zustand nicht wieder bcffert und schließlich AnSkimst von seinem Arzte holen. Dadurch verliert er Wochen, bielleicht Monate, für die er auch später seine Rente nicht verlangen darf. Daher beantragte die Sozial» demokratle, daß dem Verletzten die Rente wenigstens fktr die letzten sechs Monate vor der Anmeldung, in denen er nachweislich bereits erwerbsunfähig war, die Rente gewährt werden muß. Den Antrag stimmte das Zentrum mit den Nationalliberalen und den Konservativen nieder. Auf Antrag der Nationalliberalen wurde mit Hilfe deS Zentrums und der Konservativen folgende Verschlechterung in die Vorlage eingefügt: Die Rente wird nicht ausgezahlt, wenn der Verletzte ein Ausländer ist und nicht im Jnlande seinen ge» wöhnlichen Aufenthalt hat. Diese Bestimmung kann durch Beschluß des Bundesrats für bestimmte Grenzgebiete oder für solche aus- wärtige Staaten, durch deren Gesetzgebung deutschen Arbeitern eine entsprechende Fürsorge gewährleistet ist, außer Kraft gesetzl werden. Diese Ausiiahmebeslimmiing ist im geltenden Gesetz. Die Re- gierungen aber haben sie nicht in die Vorlage übernommen, offen- bar, weil sie zu unerträglichen Härten gegen arme verunglückte Arbeiter geführt hat, die— als Ausländer— doch immer noch Menschen bleiben. Trotzdem erzwangen es die Mehrheitsparteien, daß die Bestimmung in das neue Gesetz kommt. .,. Sitzung am Montag. 26. September. Die Rechtlosigkeit der Arbeiter. In dem Kapitel über die„Genoffenschaftsorgane" hatten die Sozialdemokraten den Antrag gestellt, daß die Genoffen- schaftsversammlunaen aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der t*n ter nehmer und Arbeiter bestehen soll. In der Diskussion über den Antrag traten die Genossen Hoch und Molkenbuhr entschieden dafür ein, daß die Rechtlosigkeit der Arbeiter in diesem Punkte beseitigt werde.— Dem Zentrumsmann Hitze ging der Antrag zu weit; der Nationalliberale Hausmann sprach gegen den Antrag, weil nach seiner Ansicht die Unternehmer die Kosten der Unfallversicherung bezahlen. Nachdem auch M u g d a n noch gegen den Antrag gesprochen hatte, wurde er gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und des Polen abgelehnt. Für die Genossenschaftsbeamten beantragten die Sozialdemokraten, daß ihnen derselbe Schutz gewährt werde, wie dies für die Beamten der Krankenkasten geschehen ist. Auch dieser Antrag wurde in der Abstimmung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und deS Polen abgelehnt. Hebung des Kurswertes der EtaatSpapiere. Nach der Vorlage sollen in Zukunft die BerufSgenoffenschaften mindestens ein Viertel ihres Vermögens in Anleihen des Reiches oder der Bundesstaaten anlegen. Auf diese Weise soll der Kurswert der Slaatspapiere gehoben werden. Nach längerer Debatte wurde der Antrag gegen die Stiinmen der Sozialdemokraten und deS Zentrums angenonimen. Summarischer Lohnnachweis. Eine sehr bedenkliche Aenderung der Vorlage verlangten die Nationalliberalen: Die Satzung der BerufSgenoffenschast soll be- stimmen können, daß der Lohnnachwers statt der einzelnen Ver sicherten und deS Entgeltes, das jeder von ihnen verdient hat, die Zahl der Versicherten und die Gesamtsumme des Entgelts für das ganze Geschäftsjahr oder für kleinere Zeitabschnitte enthalten soll.(Summarischer Lohn« Nachweis.) Gegen diese die Arbeiter schädigende Bestimmung wandten sich die sozialdemokratischen Redner, doch wurde der Antrag, da auch ein Teil der Zentrumsvertreter für die Verschlechterung eintrat, mit IS Stimmen angenommen. Nächste Sitzung Dienstag. Voraussicht� Ertrag isio 2 097 131 276 875 8 131 869 69 911 1 678 609 6 265 307 80 276 074 Hus Induftne und Rande!. Ernteschiitznnge«. Das Königlich Preußische Statistische LandeSamt hat in diesem Jahre zum erstenmal versucht, von den landwirtschaftlichen Ver« trauenSmännern Angaben über den voraussichtlichen Körner- und Knollenertrag für die Feldfrüchte zur Zeit ihrer Reife in Kilogramm vom Hektar zu sammeln und daraus so schnell wie möglich Gesamt» ertrüge nach dem im Juni d. I. ortschaftsweise erhobenen Anbau zu berechnen und zu veröffentlichen. Von den bis zum 20. d. M. ein« gegangenen 4604 Berichtskarten enthielten 4273 Ertragsangaben. Verhältnismäßig nur wenige Angaben, hauptsächlich Schätzungen für Kartoffeln, hier und da auch für andere Fruchtarten find deshalb unterblieben, weil ein Urteil zurzeit noch zu unsicher sei. In der nachstehenden Ucbersicht folgen nun die Miste September wiederholten Schätzungen für die wichtigsten Körnerstüchte und ferner für Kartoffeln. Die Ziffern berechneten sich in Tonnen(1000 Kilo« gramm) wie folgt: Ernte 1909 Wlnterweizen... 1 876 254 Sommerweizen.. 383 538 Winterroggen... 8 47 1 007 Sommerroggen.. 70 597 Sommergerste... 1 935 891 Hafer...... 6 050 504 Kartoffeln.... 83719034 Da die Urteile für die Körnerfrüchte nach den seit August d. I. weiter erfolgten Probedrllschen erneut gebildet wurden, dürften die jetzigen Ziffern einwandfreie Geltung haben. Weitere vorläufige Schätzungen werden deshalb sowie mit Rücksicht auf die nahe bevor» stehenden endgültigen Ernteschätzungen, die in der ersten Hälfte deS Novembers für alle wichtigeren Fruchtarten und Futtergewächse ein» gezogen werden und Anfang Dezember zur Veröffentlichung ge» langen, in diesem Jahre nicht stattfinden. Wenn man berücksichtigt, daß die Erträge deS Vorjahres eine Rekordernte darstellen, so kann die diesjährige Ernte immer noch als gut bezeichnet werden. Eine gute Ernte garantiert aber keine niedrigeren Brotpreise; mußte daS Boll doch trog der vorjährigen Glanzernte im laufenden Jahre die höchsten Brotpreise bezahlen. Segen der Zollpolitik l_ Diskonterhöhung. Obwohl von einer Hochkonjunktur wahrlich nicht gesprochen werden kann, könnte man von den Verhältnissen am Geld- markt auf eine solche schließen. Besonders in den letzten Monaten nahm infolge starker Kreditansprüche die Versteifung erheblich zu. Die Neichsbank betrachtet die Verhältnisse an- scheinend als das Resultat einer ungesunden Entwickelung. Um ein Warnungssignal auszustecken, erhöhte sie am Montag, den L6. September, den Diskont gleich um 1 Proz., auf 5 Proz. Der Lombardzinsfuß für Darlehest bei Verpfändung von Wertobjekten wurde aus 6 Proz. festgesetzt. Keine Fleischnot. AuS Anlaß einer Eingabe deS Sozialdemo» kratischen Vereins in Bochum beschäftigte sich die dortige Stadt» verordneteiisitzung mit der Frage der Flciscknot. Der Oberbürger» meister Groff erllärte, von einer Fleiichnot könne zurzeit keine Rede sein, es existiere nur eine Fleisckteuerung. Wenn der LandwirlschastS- minister Bedenken gegen die Oeffuung der Grenzen habe, so müßten diese Bedenken respelriert werden. Der Stadtrat Stumpf. Dezernent des Schlachthofes, wies darauf hin, daß die Scklacktungen im letzten Jahre gegen das Vorjahr von 74 000 Stück auf 70 000 zuriickzrgange» seien. Die Fleischteuerung habe ihre Ursachen in der Absperrung der Grenzen. Eine Besprechung der An- aelegenheit wurde nicht beliebt, obwohl zwei Arbeitervertreter des Zentrums dem Kollegium angehören. ReucS Kruppwerk. Aus Jndustriekrcisen verlautet, daß die Firma Friedrich Krupp Akt.-Ges. in Essen in KoStuchna im Kreise Pleh ein für den Export bestimmtes großes Jndustrlewert zu er« richten gedenkt. Mir dem Fürsten Pleß sollen Verhandlungen im Auge sein._ Soziales. Wann ist der Zeitungsverkäufer Gcwerbegehilfe? Wegen einer Entschädigung von 6 M. klagte der ZeitungS- Händler K. gegen die Firma August Scherl G. m. b. H. beim Gewerbegericht. Die Beklagte wendet sachliche Unzuständigkeit des Gerichts ein. Der Kläger besorgte den Verkauf der Mittagsaus- gäbe des„Lokalanzeigers". Er habe aber dieselbe mit 3 Pf. das Exemplar von der Beklagten gekauft und für 5 Pf. wiederverkauft. Da der hieraus erzielte Gewinn jedoch ein zu geringer sei, ist ihm außerdem noch eine Vergütung von 6 M. pro Woch e gegeben worden. Der Kläger sei demzufolge als selbständiger Gewerbe- treibender zu betrachten. Das Gericht verwarf jedoch den Einwand der sachlichen Un- Zuständigkeit und verurteilte die Beklagte zur Zahlung der Klage- summe. Da der Kläger an bestimmten Tagesstunden beschäftigt wurde und ihm für die Ausübung seiner Tätigkeit ein bestimmter Platz von der Beklagten angewiesen war, uno da obendrein die Beklagte den Kläger auch noch kontrollieren ließ, war er nicht selb- ständig sondern Gewerbegehilfe. Eine musterhafte Ordnung. muß in den Bergmann-Elektrizitätswerken Akt-Ges. herrschen. Erlitt da der im Berliner Werk als Stanzer beschäftigte Arbeiter M. am 29. April einen Betriebsunfall, der eine längere Erwerbs- Unfähigkeit bis zum 1. Juni zur Folge hatte. Ihm wurde Weiter- Beschäftigung nach seiner Wiederherstellung zugesichert. Als er sich aber zum Wiederantritt meldete, wurde er mit der Wiederein. ftellung in einer anderen Abteilung mit leichterer Arbeit für den übernächsten Tag vertröstet. Der Obermeister schickte ihn nach dem Werk in Rosenthal. Dort wurde er abgewiesen, weil nichts für ihn zu tun fei. M. meldete sich wieder im Berliner Werk, wurde aber wochenlang immer wieder von einem zum anderen Tag ver- tröstet. Gegen Ende Juli wurde er von neuem nach Rosenthal verwiesen. DeS dortigen Meisters konnte er trotz stundenlangen Wartens vor dem Fabriktor nicht habhaft werden. M. ging Tags darauf wieder nach dem Berliner Werk, traf aber weder seinen vor- herigen AbteilungSmeister noch den Obermeister an. Des Warten» müde, forderte er im Lohnbureau seine Papiere, um sich ander- weitig um Arbeit zu bemühen. Da er aber keinen die Herausgabe anweisenden Zettel vom Meister hatte, wurden ihm im Lohnbureau die Papiere nicht ausgehändigt. Darauf ersuchte er den Ober- meister brieflich, doch die Zusendung der Papiere zu veranlassen. Der Obermeister aber war auf Urlaub. Inzwischen erwartete M. Tag für Tag sehnsüchtigst die Papiere. Sie persönlich nochmals abzufordern, hielt er nach den gemachten Erfahrungen für vergeb- lich. Nach einigen Wochen entschloß er sich, noch einmal zu schreiben. Er richtete seinen Brief jetzt an die Geschäftsleitung. Am nächsten Tage, dem 23. August, erhielt M. endlich die Papiere, die ihm die Firma schon im Juni auszuhändigen verpflichtet war, wenn sie ihn nicht beschäftigen konnte. Nun klagte M. beim Gewcrbcgericht auf eine Entschädigung von 369 M. für die so nutzlos verstrichenen zwölf Wochen. Dort kam es gestern zu einem Vergleich auf 159 M. „DaS ist kein Essen, das ist ein Fressen." Wegen Uebertretung des Gesetzes vom 24. April 1854 ivar der Dienstknecht Gustav Fischer, der bei dem Bauerngutsbesitzer Grote jn Alt-Töplitz sich verdungen hatte, vor dem Potsdamer Schöffen- gericht angeklagt. F. hatte im Juli den Dienst verlassen, während seine vertragliche Dienstzeit bis Mitte Dezember dauern sollte. Als Grund dafür gab er an, daß er die schlechte Beköstigung und lange Arbeitszeit von 4 Uhr morgens bis abends um 9 Uhr nicht vertragen könnte. Der Dienstherr erklärte als Zeuge, daß bei ihm die Bc- köstigung gut sei. Der AmtSanwalt hatte nun gegen F. 15 M. Geldstrafe beantragt. Auf die Frage des Vorsitzenden, was F. auf den Antrag erwidern wolle, erklärte F.:«Das ist kein Essen, das ist ein Fressen!" Der Vorsitzende entgegnete: Menschen fressen nicht, sondern effeik. F. ßnederhokte: DaS war ein Fressen. Darauf wurde er deshalb wegen Ungebühr vor Gericht z» 24 Stunden Hast verurteilt! Die Strafe wurde gleich vollstreckt. Wegen Dienstver- lassens erhielt F. 15 M. Geldstrafe. Krasser kann die Schutzlosigkeit des Gesindes und die Rechtlosig- keit der Staatsbürger vor Gericht kaum gekennzeichnet werden. Der Arbeiter erhält seiner Ansicht nach ein nicht für Menschen, sondern bielleicht für Vieh geeignetes Essen. Das führt er zu seiner Ver- teidigung an. Darauf wird allein der für die schlechte Beschaffen- heit des Essens verantwortliche Besitzer als eine Art Gutachter ver- nommen. Der Knecht bleibt mit allem Fug bei seiner Behauptung und gibt auf die Bemerkung, daß Menschen essen und nicht fressen, in prägnanter Kürze seiner Ansicht Ausdruck, es sei eben das ihm Vorgesetzte ein Futter für Tiere, nicht ein Essen für Menschen gewesen. Darin soll Ungebühr vor Gericht liegen. Danach liegt also eine Ungebühr vor, wenn ein Landarbeiter das, was er für wahr hält, zu seiner Verteidigung anführt. Einen tieferen Standpunkt kann die Klassenjustiz kaum erreichen. Gerichts-Deining. Polizeiverordnungen über das Halten von Laienreden am Grabe find nngültig. _ Mit der in letzter Instanz vom Kammergericht bestätigten Freisprechung endet« ein Strafverfahren gegen Lippmann und Genossen aus Hamborn, die das Vereinsgesetz durch Ver- anstaltung beziehungsweise Leitung eines nicht genehmigten ungewöhnlichen Leichenbegängnisses übertreten haben sollten und denen außerdem zum Vorwurf gemacht wurde die Ueber- trewng einer Polizeiverordnung, welche es den Laien ver- bietet, ohne Genehmigung auf Friedhöfen Reden zu halten. Vorausgesagt möge sein, daß im Vereinsgesetz ungewöhnliche Leichenbegängnisse wie öffentliche Aufzüge und öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel behandelt werden. Das heißt, sie bedürfen der Genehmigung und auf Zuwider. Handlungen finden die entsprechenden Strafbestimmungen der Vereinsgesetzes(§ 19) Anwendung. Der Tatbestand war hier folgender: Auf dem städtischen Friedhof in Hamborn wurde Herr Beier beerdigt, der Mitglied des Freidenker- Vereins und der Sozialdemokratie war. Der etwa 100 Pe» sonen starke Leichenzeug begab sich vom Trauerhause nach dem Kirchhof. Im Zuge wurde je ein Kranz mit roter, weißer und schwarzer Schleife getragen. Lippman trat auf dem Kirchhof an das Grab, in das die Leiche herabgcsenkt worden war, heran, legte den Kranz mit der weißen Schleife nieder und sprach die Worte:„Im Namer der Freidenker lege ich diesen Kranz nieder, leb wohl, treuer Kamerad." Und Groß- mann sprach beim Niederlegen des Kranzes mit der roten Schleife:„Im Namen des sozialdemokratischen Vereins sei dieser Kranz Dir gewidmet; leb wohl. Du treuer Kamerad." Dann wurde von mehreren Freunden des Verstorbenen ein Lied gesungen, das von der Grabesruhe handelte. Das Landgericht in Duisburg als Berufungsinstanz sprach die Angeklagten frei. Es war der Meinung, daß die mitangezogene Polizeiverordnung ohne weiteres ausscheide, weil derartige Polizeiverordnungen nach dem Inkrafttreten des Neichsvereinsgesetzes nicht mehr gültig seien. Aber auch das Reichsvereinsgesetz könne nicht Anwendung finden, weil verneint werden müsse, daß es sich um ein ungewöhnliches Leichenbegängnis handle. Dadurch, daß kein Geistlicher daran teilnahm, habe das Leichenbegängnis nicht aufgehört, ein gewöhnliches zu sein. Nun würden ja Grabreden von Laien an sich ein Leichenbegängnis zu einem ungewöhnlichen machen. Das Gericht meine aber, daß es sich bei den wenigen Worten, die hier gebraucht worden seien, überhaupt um keine Reden handle. Zwar sei nach der Judikatur eine Grabrede auch ein kurzer. 5en Gefühlen TrauersiersaMmlung Au?« druck gebender, an sie gerichteter Nachruf für den Toten. Hier seien die Worte aber gar nicht an die Trauerversamnllung gerichtet gewesen und hätten auch nicht den Ausdruck eines Gedankens enthalten, sondern es seien nur Erklärungen dessen gewesen, was die Angeklagten gerade taten. Also sei das Leickzenbegängnis auch dadurch nicht zu einem ungewöhnlichen geworden. Ebenso Verhalts es sich mit dem Singen, denn es sei üblich, daß am Grabe von Gesangvereinen einige Lieder gesungen würden, die einen unpolitischen Inhalt hätten wie das hier gesungene. Ferner entspreche es einer alten Sitte, daß bei Leichenbegängnissen Kränze getragen würden, die der Mitgliedschaft des Verstorbenen zu einer Partei Ausdruck gäben. Ein Unterschied zwischen bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie dürfe nicht gemacht werden. Deshalb sei gegen das Tragen und Niederlegen des Kranzes mit der roten Schleife nichts einzuwenden. Somit sei zu verneinen, daß das Leichenbegängnis in irgendeiner Hinsicht von anderen Leichenbegängnissen abwich. Es müsse als gewöhnliches an- gesehen werden. Das Llaulmergericht verwarf dieser Tage die von der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil eingelegte Revision mit folgender Begründung: Mit Recht gehe das Landgericht zu» nächst davon aus, daß Polizeiverordnungen, welche das Halten von Grabreden durch Laien von einer Genehmigung abhängig machen, nach dem Inkrafttreten des Reichsvereinsgesetzes, welches die Materie endgültig regle, ungültig seien. Denn solche Polizeiverordnung bedeute einen Eingriff in das Ver. eins- und Versammlungsrecht, wie er durch§ 1 Absatz 1 des Gesetzes ausgeschlossen sei, wonach dieses Recht polizeilich nur den in diesem Gesetz und ander enNeichsgesetzen enthaltenen Beschränkungen unterliege. Und was das Reichsvereinsgesetz angehe, so scheitere die Revision an den tatsächlichen Fest- stcllungen, die einen Rechtsirrtum nicht erkennen ließen. Es sei zwat nicht recht verständlich, weshalb sich die Worte der Angeklagten nicht an die Trauerversammlung gerichtet haben sollen. Gegen„tatsächliche Feststellungen" sei aber nichts zu machen. Deshalb müsse es bei der Vorentscheidung ver- bleiben._ Ein Pfarrer als Erbschleicher wegen FalscheibeS verurteilt- Die Strafkammer in Miiltzaufen i. Elf. verurteilte vergangenen Freitag nach mehrstündiger Verhandlung den 58jährigen katholischen Pfarrer August Schlieuger von Roppenzweiler im Kreise Altkirch wegen fahrlässigen Falscheides zu einem Monat Gefängnis. Es wurden 12 Zeugen vernommen. Ein AmtSbruder des Verurteilten, Pfarrer Schoepfer von Duripenach, hatte durch eigenhändiges Testament vom 5. Februar 1999 u. a. dem Fabrikanten Viktor Schlumberger, der ihm früher 19 999 M. gegeben hatte, sein Wohn- hauS mit Zubehör vermacht; durch notarielles Testament vom 19. Juni 1998 aber wurde das Vermächtnis abgeändert und das Wohnhaus der„Kirchenfabrik" Dürmenach, d. h. der OrtSkirche von Dürmenach vermacht. Dabei hat Pfarrer Schlienger nach der Aussage des beteiligten Notars und eines als Zeuge beim notari- ellen Akt zugezogenen Lehrers dem sterbend im Bette liegenden Pfarrer Schoepfer, dem der Notar sich nicht mehr hatte verständlich machen können, den Wortlaut der neuen letzllvilligen Verfügungen vorgelesen und dessen Zustimmung dazu eingeholt, worauf er am 2. Februar d. I. in einem wegen dieses Testamentes anhängig ge- machten Zivilprozcß vor dem Richter eidlich aussagte, daß er wäh- reud der Aufnahme des Testamentes am 19. Juni 1998„weder mit dem Notar noch mit dem Verstorbenen gesprochen habe". Bei dieser Aussage blieb der Pfarrer trotz Gegenüberstellung mit dem Lehrer Peter, der bei der Niederschrift des Testamentes Zeuge gewesen ivar, und nahm die Aussage als„irrig" erst nach Einleitung der Stvafuntersuchung wegen Falscheidcs zurück. Das Gericht nimmt mit der Anklagebehörde Fahrlässigkeit infolge GcdächtniSschwächv an. Als straferschwerend müsse aber die„vorbildliche Stellung des Augeklagten als Pfarrer" und sein»leichtsinniges Vorgehen" in Betracht gezogen werden._ SASSSSEHEEESS 5) jut Vermählung des 11256 Der Borstand. sucht L tand.| Dr«Si Spezial-Arzt' für Haut* und Harnleiden. Prinzensir. 41, CÄ 10—2, 5—7. ßonntaga 10— 12, 2— 1 Nerband der Waler, Lackierer, Anstreicher usiv. Filiale Berlin. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied, der Lackierer Aiberl Goyke am Sonntag, den 25. September >919 verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 28. d. MtS., nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhanse aus nach dem neuen Nazareili- Kirchhose, Reinickendors-West, statt. 129/19 Die Ortsverwaltung. iVerW der Bnira- id Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah am 25. September derKollege BctriebSarbeiter Erich Grau (Schultheitzbrauerei, Abi. II) plötzlich versterben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung ersolgt am Donnerstag, den 29. September. nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Heilig-Kreuz-KirchhoseS in Mariendors, Eisenacher Str. 62 auS statt. Rege Beteiligimg erwartet 43/9 nie Ortsverwaltung. Heute sriih entschlief nach schwerem Leiden mein innig geliebierMann und herzensgut r. Ireusorgender Vater, der Lichtwart der Schultheltzbrauerei in Nieder- Ichöneweide Max B u Iii im Aller vou 36 Jahren. Um stille Teilnahme bitten Die trauernden Hinterbliebenen Emilie Buhl und Tochter. Ober-Schöneweide, 25. Sept. 1919. Die Beerdig mg findet am Mittwoch, den 28. d. M., nach- mittags 4'/, Uhr. von der Halle des städtischen Fricdhoscs in der Müller- itiafec. Ecke Sceitratze auS statt. Allen Freunden und Bekannten 1 die traurige Nachricht, datz am 25. d. M.. nachmittags 2'/, Uhr, | unser lieber Sohn KBax Zirkel | im 18. Lebensjahre»ach kurzem, schwerem Leiden plötzlich ver- ! Horben ist. DieS zeigen tief- 1 betrübt an Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Mittwoch, I den 28. September, nachmittags | 31/, Uhr, von der Leichenballe des i Nixdorscr GemeiiidcsrledboseS am | Mariendorfer Weg aus statt. Danksagung. Für die überaus zahlreichen Be» weise herzllchster Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unseres guten VatcrS Wsx Nathow sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, dem Spar- u. Lotterie- verein„Grüner Zweig" sowie seinen Mitarbeitern der Firma Wuttig meinen herzlichsten Dank. Die trauernde Witwe Hartha Kattaow und Kind« Mllblenarbeiter S�s�no"««; Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. datz am Sonntag, den 23. Sep- tenrber der Kollege, Beleuchter Max Buhl (SchuIIHcitz 4) nach kurzer Kranlhcit vcrstorbenist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung ersolgt am Mittwoch, den 28. September, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenballe des Städtischen Fried- Hosts, Müllerstr. 42—43, aus statt Rege Beteiligimg erwartet 43/8 Oie Ortsverwaltung. wa l'iflf pnnifii und Htm» haben durch Berwenvuug meiner Schönheitsseife ihr giü* g«. macht. Böunderbare Wirkung. Stück 75 Pf.. 3 Stück 2,99, Dtzd. 7.59. Versandhaus Xeett, Berlin 463, Lichterstlder Str. 33.» iMaiil der Braiiirei- nd ImedirWerSl/ssr Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz am 2z. September der Kollege Mitfahrer Paul KleefeSJ (Brauerei Bötzow) nach kurzer Krankheit verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 28. September. nachmittags 4 Uhr, von der! Leichenhalle des Krankenhauses FriedrichShain auS nach dem Georgcuiriedhos, Weitzenjee, Nötte- stratze 93. statt. 43/19 Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. lmIiliüi-Ijiilci'sliitWijs�ssL ckAMMi.MoWbeii. Die Beerdigung des am 23. September verstorbenen Steln- druckcrs Blinanl Sinlilmann findet statt am Dienstag, den 27. September, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Elisabeth- KirchdostS, Prinzenallee. 11296_ Das Komitee. Höbel-Leehnerl *" R°"°; Briiimenslralie 7. CHARLOTTENSiiRG Uhren und Goldvvaren F. Stabenow, Berlinerstr. 146 Bedarliartllul. Neuail.Kataloj D. Eapfebl.Tiel. Aerzie u.Prol grat. tUl B. Bngsr, eummlaaremabriS Serlla NW. fnedhcbstiMsa 91/9 mit und ohne, auch mit €!ol/, Uhr, bei Jannaschk, Jnselstrahe 1V: Mliglleder-Versarnmlung. TageS-Ordnnng: 1. Berichterstattung über das Ergebnis der Bautenkontrolle am S. und gl September. 2. Stellungnahme zu dem Schiedsspruch des Einigung»- amtes wegen Bezahlung des Zuschlages sür Ueberstunden. S. Ver- schiedenes. Pflicht eines jeden Kollegen ist es, bestimmt zn erscheinen. Ausgabe der Tarifverträge.' 188/10_ Der DektionSvorstand. Piaiios-Gelegenheüs- fcbnro in gr Auswahl v. 300 bis 400 M., dar. 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Geöffnet von 8—8 Sonntags von 12—1._• r izar Verwaltung Berlin. Mii Mitglieder'Versammlungen Dienstag, den 37. September: filtzmöbeltifcbler 6I'» Uhr(gleich nach Feierabend) im Gewerk. t?U2.nivvrtI.tIt.t1trr. sch�ftoha,,�. Engclujer 14/15, Zimmer Nr. 4 (Arbeitslosenraum. Eingang B, parterre). Vertraucnsmännerversammluug. Rahtncnvcrgolder.®fecuf4/1ims®Ie,fcrIWafl85aa9' Tagesordnung: Bericht über die Verhandlung mit der Vergolder- Innung. Mittwoch, den 28. September: Kxmmxehe* 8 Uhr im Gewerkschaftshaus, Engeluser 14/15, Zimmer 4(Arbcitslosenraum) Eingang B. �aloufiearbcttcr«-/, Uhr bei Boeker. Weberstr. 17. Tagesordnung: Vortrag des Kollegen Langhauimer über»Orga- nisation und Verwaltung der Zahlstelle Berlin'. ßürftetimacbcr. S1/, Uhr abends bei Preust, Holzmarktstr.«5. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Lilltch über.Die Genossen- schajten und ihre Bedeutung sür die Arbeiter'. j>IodeU- und fabrifttifcbler und JModelldrecbricr. 8 Uhr bei Walt, Pflugstrahe 5. BertranenSmännerversammliing. Tagesordnung: 1. Bericht über die Verhandlungen mit dem Verein der Berliner Modelllischler- meister. 2. Die drohende Aussperrung in der deutschen Metall- wduftrie. Perlmutt-, ßorn- und SteinnulZlmopfarbelter. 6 Uhr(gleich nach Feierabend) im Gewerkschaftshaus, . Engeluser 14/15, Saal 5. Tagesordnung: Vortrag deS Genossen Jaeck über.Wirtschaftliche Kämpfe srüher und jetzt'. 90/10 auf mmi Einrlehiunien. [ Ausstellung einfacher u. eleganter | Schlaf«, Herren' und Speizezlmmcr. Mod. farbige KücheivEinrichtungen auf Abzahlung und auch ge?en Bar. Eimelne Mslülicks und Polsterwaren bei kleinster fiozotiiung evtl. ohne Anzahlung Ferner empreble: Teppichs, Portieren, Gardinen, Steppdecken, Bilder, Uhren, Gat- u. Petroleum- Kronen, Fertige Betten, l.el!> und Bettwäsche. Sport- und Kinderwagen Gardsrobe für Herren, Damen und Kinder Gröute Autwahl. Billigste Preise. Neuester Schnitt. 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Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein mit Tanz. Entree inklusive Garderobe 20 Pf. Herren, welche am Tanz teil- nehmen, zahlen 30 Pf. nach. Schöncbcrg. Heute, Dienstag, den 27. September, abends 8% Uhr: Wahlvereinsversammlung in den„Neuen Rathaussälen' (Grosser), Meininger Straße 8. Zur Tagesordnung stehen die Bc- richte vom Parteitag, von der Kreis-Gencralversammlung sowie der Verbands-Generalversammlung von Groß-Berlin, wie ailch Vereins- angelcgenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Steglitz. Heute. Dienstag, den 27. September, abends 8Vz Uhr Mitgliederveriammlnng. Tagesordnung: 1. Bericht vom Magde- burger Parteitag. Referent Genosse Stieffenhofer. 2. Diskussion. ö. Verschiedenes. Der Vorstand. Lichtenberg. Heute abend, pünktlich 8Vz Uhr, findet im Lokale von Schwarz, Möllendorfstr. 2ö/26, die Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Ersatzwahl eines ersten Vorsitzenden. 2. Stellungnahme zur Kreis-General- Versammlung. 3. Geschäftliches. Das Mitgliedsbuch legitimiert. Groß-Lichterfelde. Am heutigen Dienstag, abends S'/a Uhr, bei Richter, Chousseestraße 104, Wahlvereinsversammlung. Tages- ordnung: Bericht vom Parteitag. Vereinsangelegenheiten. Der Vorstand. AdlerShof. Heute Dienstag, den 27. September, abends 8'/z Uhr, findet im Lokale des Herrn Eschner, Bismarckstr. 60, eine große Volksversammlung für Männer und Frauen statt. Tagesordnung: Maschinengewehre gegen das eigene Volk. Mariendorf, Südende. Am Montag, den 3. Oktober findet die Ersatzwahl für die dritte Wählerklasie statt. Hierzu wird am Donnerstag, den 29. Septeniber eine öffentliche Wählerversammlung bei Preuß, Äursürsleustr. 44 Stellung nehmen. Tagesordnung: 1. Die bevorstehende Genwindelvahl. Referent Genosie R e i ck a r d t. 2. Diskussion. 3. Aufstellung des Kandidaten.— Am Mittwoch- abend 7 Uhr hierzu Flugblattverbreitung von den bekannten Bezirks- lokalen aus. Der Vorstand. Tempclhof. Heute Dienstag, den 27. September, abends 8'/z Uhr. im„Wilhelmsgarten", Berliner Str. 9: Mitgliederversaminlung. Bericht vom Parteitage. Refevtnt: Gen. Ulni. Verschiedenes. Bohnsdorf. Am Mittwoch, den 28. d. M., findet bei Mentel die Fortsetzung der letzten Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: 1. BercinSangelegenheiten. 2. Neuwahl der Revisoren. 3. Verschiedenes. Der Vorstand. SönigS-Wustcrhausen. Mittwoch, den 23. d. M.. abends 8 Uhr findet im Wcdhornschen Lokale unsere Wahlvereinsversammluug statt. Tagesordnung: 1. Bericht vom Magdeburger Parteitag. Bericht- erstatter Gen. Wenzel« Groß-Lichterfelde. 2. Bericht und Kassen- obrechnung von unserem Sommerfest. 3. Parteiangelegenheit und Verschiedenes. Der Vorstand. Reinicke»dorf-Ost. Heute, abends 8 Uhr. findet bei Ramlow, Schönholz 14, eine Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Bortrag des Genossen Stoermer: Arbeiter- schafl und BildungSfragen. Parteiangelegenheiten(Beitragserhöhung in Groß-Berlinl. Gleichfalls findet heute abend für den 3.. 4., 5., S. und teil- weise für den 1. und 1a. Bezirk von den bekannten Stellen aus zur morgen nachmittag stattfindenden Gemeindevertreterwahl eine Flugblattverbreitung statt. Nieder-SchSnhausen. Nordend. Die heute Dienstag, den 27. Sep- tember fällige Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet erst am Dienstag, den 4. Oktober statt. Berliner JVacbncbten. Um das Tempelhofer Feld. Eine starkbesuchte Protestversammlung nahm am Sonntagmittag in Tempelhos im Wilhelmsgartcn zu der wichtigen Frage Stellung. Stadtv. O b st- Schöneberg behandelte das Theniä:„Das Terrain- und Bauspekulantentnm und die Interessen Tempelhofs". Der Referent zeigte in seinem Vortrage, wie kurzsichtig die Gemeinde- verttetung handelt, wenn sie dieiem Projekt die Zustimmung gibt. Außer dem Ankaufspreis von 72 Millionen würden der Gemeinde noch etwa 80 Millionen für andere Verpflichtungen erwachsen. Es scheine, als ob fich die Gemeindevertreter der Tragweite ihrer Hand- lung nicht b e w u ß t seien. Durch die kolossalen Mehrausgaben würden die Kommunalsteuern sofort in die Höhe gehen. Trage die Gemeinde Tempelhof bei der Bebauung den modernen Verhältnissen nicht mehr Rechnung wie bisher, so werde sie niemals auf ihre Kosten kommen. Tempelhof stehe dann in Abhängigkeit des Finanz- konsortiums und dürfte wahrscheinlich die ganze Zeche bezahlen, während das Konsortium nur verdienen will. Die Eimvohner Tempelhofs hätten das allergrößte Interesse daran, der Großstadt angeschlossen zu werden. Darum: Augen auf!(Stürmischer Beifall.) In der lebhaften Diskussion wurde das Verhalten der Gemeinde- Vertretung allseitig verurteilt. Schöler-Charlottenburg wies darauf hin, daß die Gcsamtkosten sich noch bedeutend höher stellen dürften. Die Ouadratrute käme inklusive sämtlicher Herstellungskosten auf annähernd 2500 M.. dies sei ein Preis, der selbst in Berlin nirgends bezahlt würde. Das ganze Terrain sei um das doppelte zu teuer. Das Interesse des Kreises erklärt sich daraus, neue steuerkräflige Gegenden zu bekommen.— Der Gemeindevertreter Radbruch. aufgefordert, feine Meinung zu sagen, erklärte, nicht sprechen zu dürfen.— Einer der Deputierten(Herr Kauf- mann Kranz- Tempclhof). die beim Berliner Magistrat waren. brachte der Versammlung die Mitteilung: Auf ein Schreiben des Berliner Magistrats an ,den Gemeindevorstand betreffs Ein- aemeindung sei bis heute noch keine Antwort erfolgt. Dürste dk! Eingemeindung zustande kommen, würden unter anderem auch die Verkehrsverhältnisse bedeutend bessere werden. So könnte z. B. die Rord-Süd-Untergrundbahn durch Tcmpelhof geführt werden. Pastor a. D. Koetschke meinte, daß der Vertrag Tempelhofs mit dem Konsortium nur ein provisorischer wäre; es handele sich hier um fiskalisches Terrain, das letzte Wort hätte der Reichstag zu sprechen. Dr. Gott'chalk betonte: Bei dieser Sache mache fich die agrarische Faust bemerkbar; ein Landkreis solle künst- lich erhalten werden. Tempelhof könne ebenso gut vom Alexanderplatz als wie von der Viktoriastraße aus regiert werden. Als letzter Diskussionsredner sprach der sozialdemo- kralische Gemeindevertreter Schmidt. Er brachte die UngültigkeitS- erklärung der drei sozialdemokratischen Mandate im Frühjahr in Zusammenhang mit den jetzigen Verhältnissen, da die drei sozial- demokratischen Vertreter daS Interesse der Allgemeinheit wahr- genommen hätten. Redner warf den zahlreich erschienenen Bürger- lichen vor, daß sie nicht beizeiten für die Soeialdemokraten ein- getreten seien uud hofft, daß auch dieser Fall für sie eine wirksame Lehre sein möge.— Nack einem k Ästigen Schlußwort des Referenten wurde folgende Resolutton neost Zusatzanttag einstimmig an- genommen:„Die Versammlung protestiert energisch gegen die Behandlung der Frage des Kaufs des Tempelhofer Feldes sowie der Eingemeindung TcmpelhofS durch Gemeindcvorstand und Gemeindevertretung. Sie hätte erwartet, daß bei einer so wichtigen Frage die Ansicht der Einwohnerschaft Tempelhofs gehört worden wäre. Die Versammlung protestiert deshalb gegen die Behandlung. der Angelegenheit hinter verschlossenen Türen. Sie erwartet, daß die Gemeindevertretung dem Vorschlage des Berliner Magistrats, die Eingemeindung betreffend, näher tritt und während der Zeit die Verhandlungen ruhen läßt. Die Versammlung ist der Meinung, daß die Eingemeindung i» Verlin im unbedingten Interesse der Gemeinde und ihrer Einwohner liegt. In einem Znsatzantrage wird die Ge- meindevertrctung von Tcmpelhof aufgefordert, den Kauf des Tempel- hoscr Felde« nicht hastig abzuschließen, vielmehr mit der Stadt Berlin wegen der Eingemeindung zu unterhandeln— mit derselben einen vierwöchentlickcn Waffenstillstand in dem Sinne einzugehen, falls diese Frist ergebnislos verstreichen sollte, Berlin sich verpflickten soll, als Mitbewerber des Tempelhofer Feldes gutwillig auSzu- scheiden. Der Kreistag von Teltow hat gestern beschloffen, die vom Militärfiskus verlangte Garantie für die Zahlung von 72 Millionen zu übernehmen. Dieser Beschluß ist gegen die Stimmen des Stadtv. Herbst uud des Berliner Stradtrats Marggraff gefaßt worden und gleicht dem in der Vorbesprechung zum Ausdruck gekonnnenen Er- gebuis. Wie wir schon bemerkten, stehen hinter dem ganzen Unternehmen Terrainspekulanten; vor allem soll die Deutjche Bank die Sache finanzieren. » Der Ankauf von der Tempelhofer Gemeindevertretung beschlossen. In der gestrigen außergewöhnlichen Sitzung des Gemeinderates wurde der Vertrag mit dem FiSkuS und der Deutschen Bank betr. Ankaufes des westlichen Teiles des Tempelhofer Feldes gegen zwei Stimmen angenommen. Dagegen stimmten nur die Gemeindevertreter R a d b r u ch und T i e d e ck e, die namentlich die kolossale Eile beklagten, mit der die Angelegenheit ihre Erledigung finde. Die Diskussion war ziemlich lebhaft. Ein Versuch, wegen der Eingemeindung mit Berlin in Verhandlungen einzutreten, scheiterte. *•* Der Gcmeinderat besteht zurzeit in Tempelhof nur aus 16 Vertretern. Die dritte Abteilung ist nur durch einen Herrn vertreten, dessen Mandat angefochten lvorden ist und wahrscheinlich für un- gültig erklärt werden wird. Drei Sozialdemokraten, die im Früh- jähr gewählt worden sind, hat man gar nicht erst eingeführt, die Klage hierüber schwebt noch. Von den übrigen bürgerlichen Ver- tretern sind zwei, die die gesamte Einwohnerschaft hinter sich haben, für die Eingemeindung nach Berlin. Diese beiden Vertteter haben gegen die geheime Behandlung der Sache protestiert und schließlich an den Beratungen hinter verschlossenen Türen nicht mehr teilgenommen, weil sie der Ueber- zeugung sind, daß Beratungen, bei denen egoistische Interessen im Spiele sein müssen, zwecklos sind. Umsonst haben diese Herren Verhandlungen mit dem Magistrat Berlin verlangt, umsonst haben sie öffentliche Beratungen beantragt, vergeblich sind ihre Hinweise auf die große Verantwortung gewesen. die jeder Gemeinde- Vertreter auf sich nimmt, vergeblich ist ihr Verlangen geivesen, die Einwohnerschaft aufklären zu dürfen, zurückgewiesen ist ihr Antrag, die Schreibe» des Magistrats Berlin und des Vürgcrmeisters Dr. Reicke in Erwägung zu ziehen, entrüstet sind diese Herren den Schlußberaiungen ferngeblieben, die stntt einer solchen Eile betticbcn wurden, daß alle Welt, nur die Drahtzieher nicht, über- rascht wurden. Ganz unverholen wird ausgesprochen, daß man Zwischenfälle befürchtet, daß man deshalb vollendete Talsachen schaffen müsse. Aus diesen Gründen sollen auch die Schreiben des Berliner Magistrats nicht beantwortet, die Amtsverschwiegenheit allen Vertretern zur Pflicht gemacht und die drei sozialdeino- kratischen Gemeindevertreter nicht in ihre Aemter eingeführt worden sein._ Einweihung der neuen Urncnhalle. In feierlicher Weise erfolgte Sonntagmittag auf dem alten Friedhof der Stadt Berlin in der Gerichtstratze die Einweihung der neuen Urnenhalle deS Vereins für Feuerbestattung. Fast alle Kommunen Groß-Berlins hatten zu dem Festakt Vertreter entsandt. Außerdem waren Deputationen von fast sämtlichen deutschen Feuerbestattungsvereinen anwesend. Die Feier wurde mit Harmoniunispiel und Gesang eingeleitet. Dann hielt der Vorsitzende deS Berliner Vereins, Geheimer SanitäiSrat Dr. Herzberg eine Begrüßungsansprache und Dr. Müllendorff die Festrede. Außerdem sprachen noch Vertreter von den Vereinen in Hamburg, Breslau und Erkürt. Erneuter Gesang beschloß den Festakt.— Die neue Urnenhalle ist von dem Architekten William Müller erbaut worden und kann etwa 1200 Unten ailfnchmeu. Die Selbstmordchronik der letzten Tage ist eine ungemein reich- haltige. In der vergangenen Nacht machte der 24 Jahr alte Hand- lungSgehilfe Artur Möller aus der Kleinen Hamburgerstr. 10/11 seinem Leben durch Erschießen ein Ende. Nach einer schweren Krankheit konnte der Mann keine Stellung finden.— Gestern morgen sprang der 28 Jahr alte Schneider Alois Slöcker aus der Forster- straße 1 ans dem Fenster. Der Schädel wurde zerschmettert, nach wenigen Minuten war St. tot.— Mit Leuchtgas suchte sich die 63 Jahre alte Schneidersrau Albertine Schulze aus der Marien- straße zu vergiften. Hausgenossen sande» die' Frau besinnungslos und ließen sie nach der Charits bringen. Widrige Familienverhältnisse waren die Ursache zu dem Schritt.— In seinem Bureau vergiftet hat sich der 41 Jahre alte Prokurist Voigt aus der Sybelstr. 43 in Charloitenburg. V. hatte Lysol getrunken und starb bald nach seiner Auffindung. Der Grimd ist nicht bekannt.— In einem Anfalle von Schwermut hat der 39 Jahre alte Rohrleger Robert Gmndmann aus der Zwinglistr. 33 Hand an sich gelegt. Grundmann grämte sich über die Krankheit seiner Frau, die seit zwei Jahrcnk lungenleidend ist, und seines fünfjährigen einzigen Sohnes, der seit einem halben Jahre an einem veinschaden leidet, so sehr, daß er lebcnS- überdrüssig wurde. In einem Anfalle erhängte er sich ans dem Hans- boden.— Ein vierjähriges Nervenleiden hat den 63 Jahre alten Tischler Adolf Funke aus der Franzstr. 6 in den Tod getrieben. Während seine Frau gestern nachmittag einholte, erhängte sich der Kranke, der jetzt allein war in der Wohnung.— Ins Wasser ge- gangen war die 49 Jahre alte Zcituiigsauöträgerin Ernestine Elgert vom Kottbuscr Damm SS, die seit 3 Tagen vermißt wurde. Bon einem Polizeihunde arg zugerichtet wurde dieser Tage ein obdachloser Arbeiter, der das„schwere Verbrechen" begangen hatte, im Friedrichshain in die Anlagen zu treten, um hier ein Bedürfnis zu verrichten. Ein Schutzmann vom 61. Polizeirevier, der mit einem Polizeihunde des Weges kam, hetzte den Hund mit den Worten: „Faß an l" auf den annen Menschen, der in der gräßlichsten Weise von dem Tiere zerfleischt wurde. AuS dem Beine waren Fleisch« stücken herausgerissen, auch der Arm zeigte schwere und tiefe Biß- wunden. Da der Mann keine Wohnung hatte— er hielt sich hier seit 14 Tagen arbeitsuchend auf— wurde er nach der Wache gebracht, mußte aber erst im Friedrichshain verbunden werden. Da Obdachlose stets sofort abgeurteilt werden, wurde der arme Teufel wegen dieser unerheblichen Ucbertretung zu zwei Tagen Hast verurteilt, die er im Gefängnislaztzrett verbüßen mußte. Nach seiner Entlassung muß nun dieser Aermste sich weiter ambulatorisch be handeln lassen und kann erst recht nicht arbeiten. Es ist unerhört, in welcher Weise mit den Polizeihunden Miß- brauch getrieben wird. Wird gegen den schuldigen Schutzmann ein- geschritten werden, auch wenn es sich um einen arnien obdachlosen > Menschen handelt? Oder sind diese Aermste» vogelfrei? Die Offlzicrstragödie in der Scharnhorststraße. Das Liebes- drania des Gardeieuluants und Adjutanten von LiereS und Wilkau vom Garde-Füsilierregiment, der am Sonnabend nach- mittag, wie berichtet, in seiner Wohming Sckariihorststr. 27 seine fciibere Geliebte, die Schneiderin Anna Grabow aus der Stein« metzstr. 63 zu erschießen versuchte und sich dann selbst durch einen Revolverickuß in die Schläfe lebensgesährlich verletzte, hat überall großes Aufsehen hervorgerufen. Die Militärbehörde wird eine genaue Untersuchung über den Fall einleiten und wahr- scheinlich auch schon das verletzte Mädchen im Augusta-Hospital ver- nehmen, da die Schußwunde ganz leichter Natur ist und sich die Patientin von der Aufregung bereits wieder erholt hat. In dem Befinden des Gardelcutuanis, der iin Garuiionlazarett I liegt, ist bisher keinerlei Besserung zu verzeichnen. Der junge Osfizier ist gestern seinen Verletzungen erlegen. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern im Laboratorium der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie, Tempelhofer Ufer 9. Der dort augestellte Dr. ing. Sulobke experimentierte mit einem Hock« spauilungs-Trausformator. Durch Ueberlaitung platzte dieser, die zerschmolzene Jsolationsmasse ergoß sich über das Gesicht des Ingenieurs. Der dabei stehende Monteur wurde leichter verletzt. Der schwerverletzte Ingenieur wurde nach der Unfallstation Tempel« hofer Ufer übergeführt. Dem Huugertode nahe. In bejammernswertem Zustande wurde der 67jährige Arbeiter Franz Schumann aus Magdeburg am Schön- holzcr Wege aufgefunden. Sch. war ohne jegliche Barmittel von Magdeburg nach Berlin gewandert. Er bekam unterwegs so gut wie gar nichts zu essen, und alS er am Schönbolzer Wege an der Reinickendorfer Grenzgemarkung anlangte, brach er vor Hunger cnt« kräftct zusammen. Passanten nahmen sich des Kermfien an und ein herbeigerufener Schutzmann brachte ihn nach dem Krankeiihause, wo er bedenklich daniederliegt. Von der Schöucbergcr Krnninalpolizei wurde Sonntagabend der Diener des BanldirektorS Moßler, Verndt, verhaftet. Er wurde in Friedenau im Kaiier-Wilhelm- Garten, Ecke Rhein- und Ringstraße. wohin er mit seiner Braut zum Tanze gegangen war. von einem Kriminalbeamten erkannt und festgenoinmen. Berndt versuchte bei seiner Verhaftung sich zu erschieße», der Beamte entwand ihm jedoch die Waffe. Er wurde sodann nach dem Polizeipräsidium gebracht, von dem Gclde hatte er nur noch wenige Marl bei sich. Berndt hatte bei dem Bankdirekror für 36 000 M. Juwelen und Silberzeug gestohlen. Todessturz von der Straßenbahn. Ein schwerer Unfall ereignete sich vorgestern abend in der Berliner Straße zu Pankow. Aus nicht auigeklärter Ursache stürzte dort der 46jährige Arbeiter Albert Rasch aus der Adolfstraße während der Fahrt von dem Vordcrperon eines Anhängers der Straßenbahn(Linie 4715) auf das Straßenpflaster. Der Verunglückte blieb neben dem Wagen bewußtlos liegen und wurde sofort nach der näcksten Unfallstation geschafft. Auf dem Wege dorthin starb aber Rasch an den Folgen eines komplizierten Schädel- brnches. Die Leiche kam nach dem Berliner Schauhause. Unter den Rädern der Straßenbahn.. Ein aufregender Straßen- bahnunfall ereignete sich gestern auf dem Wedding. Vor dem Hause Reinickendorfer Straße 80 hatte der siebenjährige Schüler Hans Frebe aus der Reinickendorfer Straße 77 mit anderen Knaben gespielt. Im Eifer des Spiels rannte der Kleine anf den Fahrdanim und lief gegen einen entgegenkommenden Straßenbahnwagen der Linie 32. Passanten, die den Vorgang mit ansahen, warnten das Kind durch Zurufe, doch war es zu spät. Mit voller Wuckt prallte der Motor- wagcit gegen F. und riß ihn zu Boden. Mit ichweren Verletzungen am Kopf und im Gesicht wurde das verunglückte Kind nach der Unfallstation in der Lindower Straße gebracht. Im Bureau vergiftet. In dem Geschäftsbureau der Firma Grinuell Sprinller, G. m. b. H., am Schiffbauerdamm 15, wurde Sonntagvormittag der 46jährige Burcauchcf Vogt aus der Sybel« straße 43 zu Charlotteuburg bewußtlos aufgefunden. Obgleich schnell ärztliche Hilfe zur Stelle war, starb Vogt doch schon auf dem Transport nach der Charitö. Anscheinend hat sich Vogt, der ver« heiratet und Familienvater ist, mit einem Schlafmittel vergiftet. Bolkslicderabend. Eine vom Wahlverein für den sechsten Wahl» kreiö am letzten Sonnabend in den Gcrmania-Prachtsälcii veranstaltete musikalische Unterhaltung galt dem deutschen VolkSliede. ES wird ja seit Jahren über den Niedergang des Volksgesanges geklagt. Und über eine immer bedenklicher einreißende„Verrohung" nicht minder. Die Gelehrten zerbrechen sich ihre Köpfe ob dieser Er« icheinungen. Daß vornehmlich im Bürgertum, nicht im arbeitenden Volke die Ursache zu suchen ist, scheinen die Herren stets zu über- sehen. Im kapitalistischen Klaffeiistaat kann schlechterdings von Kultur wenig die Rede sein. Alle Instinkte in der Bourgeoisie sind auf Geld« erwerb und aus oberflächlicke Vergnügungen gerichtet. Das Arbeiter» Proletariat hinwiederum befindet sich in zu trauriger ökonomischer Lage, um jene geistigen Schätze durch neue dichierische Gemüts- offenbaruugm zu bereichern. Obenein lebt in seinen Reihen ein ganz anderes Ziel, eine ganz andere Anschauung. Sein Geist ist längst über die primitiven Verhältnisse, aus denen die ältere Volks- Poesie erwachsen ist, hinausgehoben. Wenn je eine neue Bliiie des VolksgesangeS emporsprießen sollte— vorläufig muß hieran ge- zweifelt werden— dann wird sie kaum die geringste Verwandtschaft mit der VolkSpoesie früherer Jahrhunderte auf- iveisen. Nun bestrebt man sich, das Juteresse für die Überkoinmenen Schätze wieder zu beleben. Alles Herumdoktern wird aber wenig helfen, sosern man daS rettende Heil vom schlaf- mützigen, jeglichen Bildungsregiingen total abgeneigten Bürgertum erwarten z» sollen glaubt. Lediglich in der fozialdeniokratiichen Arbeiterschaft— Tatsachen beweisen es— können jene auf die Pflege und Wiedererweckung des Bolksgesangs abzielenden Bestrebungen Grund und Boden gewinnen. Und hiervon gab denn auch die Menge der zu dem obenerwähnten Bolksliederabende Herbei- gekommenen beredtes Zeugnis ab. Leo K e st e n b e r g, der künst- leriscke Leiter dieses Konzerts, hatte ein reiches und zugleich sehr lehrhaftes Programm aufgestellt, daS Volkslieder aus nlehreren Jahr- Hunderten für Chöre und für Eiuzelgesaug unter Begleitung von Klavier und Laute umfaßte. Herr Dr. Hugo Leicht entritt, der bekannte Musikgelehrte, hielt einen kurzen prägnanten Vortrag über Wesen, Entstehung und EntWickelung deS Volksliedes. Ihm, ivie insbesondere den außer Kesteuberg mitwirkenden Künstlern: der Lautensäugerin Fräulein Mananne G e y e r und Herrn Kammersänger Ferdinand K a l w e i t, dann aber auch dem ganz vorzüglich geschulten Männerchor Wedding unter seinem Dirigenten Herrn Emil Thilo gebührt höchste Aiierkcnming und aufrichtiger Dank für die wirklich erlesenen musikalischen Geuüffe, die hier in verschwenderischer Fülle und Abwechslung geboten wurden I Die Freie J«gcndorga»isatto>» von Berlin, über der daS DamokleS- schwert der gerichtlichen Auflösung schwebt, beging am Sonnabend ihr sechstes Stiftungsfest. Das Arrangement des Festes zeigte, daß der Verein bestrebt ist, seine jugendlichen Mitglieder zum Genuß künstlerischer Geselligkeit zu erziehen. Und die dem Verein bei dieser Erziehungsarbeit behilslichen Kräfte: das Neue Tonkünstler-Orchester. der VolkSchor und Herr Reichard vom Deutschen Theater, die alle in ihrem Teile Vortreffliches lessteten, fanden bei den zahlreich er- schienenen Festteilnchmern(der große Saal der Neuen Welt erwies sich als viel zu klein) Verständnis und Beifall. Die Auswahl der rezitierten Gedichte, die Herr Reichardt in geradezu vollendeter Dar- stellung zum Vortrag brachte, hätte etwas sorgfältiger getroffen werden können. Es gibt Produkte poetischer Knust genug, die für die proletarische Jugend weit geeigneter sind al» z. B.: AuS einer Tiroler Bauernbibel von R. Greinz und Vom lieben Gott von Peter Rosegger. Denn dn Fest für die arbeitende Jugend soll nicht allein der an« genehmen Unterhaltung, fondern zugleich der Belehrung dienen. Bon diesem Gesichtspunkte ouS betrachtet, gehörte ein Teil der Rezitationen nicht in den Rahmen des Festes hinein. Der Fest- redner des Abends, Genosse Ed. Bern st ein schilderte die Stärke und die Bedeutung der proletarischen Jugendbelvegung. Auf die nach den Freiheitskriegen entstandene Jugendbewegung der akademischen Jugend hinweisend, schloß er unter stürmischem, andauerndem Beifall seine Ausführungen mit dem Ausdrucke der Er- Wartung, daß nach dem Buchstaben des Gesetzes die Jugend- organisation als ein politischer Verein nicht erklärt werden könne. Aber auch eine andere Entscheidung würde nicht gefürchtet werden. Die Saat sei bereits aufgegangen.' Die Tatsache, daß die Jugend- organisation ein Produkt der sozialen Verhältnisse sei, verleiht uns den Mut, zuversichtlich auszurufen: Ein Hau? mag zerfallen Durch Polizeiverbot; Der Geist lebt in u»S allen, Den kriegt ihr nicht tot. Im Gebrüder Herrufeld-Theater wurden am Sonnabend zwei neue Schlager:„Eine verlorene Nacht" und„Derby-Sieger* auf dir Bühne gebracht. Der erster« ist ein Zweiakter. Verloren hat dir Nacht Herr Salomon Seidenplüsch(Donat Herrnfeld) der unter der Vorspiegelung, seineu Onkel Rohrstuhl in der Provinz zu be- erdigen, sich auf dem„Bösen Bubenball" begibt und dort von seiner maskierten Gattin beobachtet wird. Schon diese Andeutung mag genügen, um daraus die übliche Verwechselung zu folgem. Neben den beiden Herrnfelds spielte besonders Jacques Morway als Onkel Rohrstuhl aus Benschen seine Rolle sehr gut. Auch der den Berlinern bekannte Originalkomiker Martin Bcndix ist in dem lustigen Trauer- spiel vertreten. „Der Derbh-Sieger" ist ein Einakter des HausdichterS Ncidhart, eine Sportszene, die im Reimstall spielt. Radrennen in Treptow. Das etwas reichhaltige Programm am Sonntag konnte durch eine lange Unterbrechung und wegen der dann hereinbrechenden Dunkelheit nicht zu Ende geführt werden. Das Stundenrennen der Dauerfahrer wurde in zwei Läufen über je eine halbe Stunde ausgefahren und sah Demke, Hugo Przhrmbel, Schulze und Miller am Start. Den ersten Lauf gewann Demke. der vom Start weg die Führung übernahm und sämtliche Bahn- rekords veebesserte. Von seinen Gegnern war nur Przhrembel im- stände, das Tempo des Siegers innezuhalten, die beiden anderen blieben zurück. Der zweite Lauf brachte gleich beim Ablassen der Motoren eine unliebsame Störung, da die Maschine von Przhrembel in den Demkeschen Motor hineinfuhr und diesen beschädigte. Nach langem hin und her entschließt sich Demke hinter fremder Führung zu fahren, doch bleibt er gleich zu Anfang zurück. Später erleidet auch Przhrembel Motorschaden, so daß diesen Lauf, der bei 20 Minuten wegen völliger Dunkelheit abgebrochen werden muß, Schulze auf sein Konto bringen kann. Im Endresultat erringt Demke den erste» Platz.— Ein Stunden- Prämienfahren ohne Führung vereinigte 22 Fahrer; Lorenz und F. Stellbrink erringen alle Prämien, kommen aber zum Schluß durch Sturz bezw. Defekt aus dem Rennen.— Der Besuch war bei dem schönen Wetter ein guter. Stundenrennen. 600, 500, 300 und 100 Meter. I.Lauf: 1. Denike 86,180 Kilometer; 2. H. Przhrembel 35.060 Kilometer; 3. Schulze 33,360 Kilometer; 4. Miller 31,800 Kilometer.— 2. Lauf: 1. Schulze 22,180 Kilometer; 2. Miller 21,800 Kilometer; 3. Demke 21,030 Kilometer; 4. Przhrembel 18,500 Kilometer. Gesamtresultat: 1. D e m k e 57,210 Kilometer; 2. Schulze 55,840 Kilometer; 8. Przhrembel 54,460 Kilometer; 4. Miller 58,550 Kilometer.— Stunden-Prämienfahren: 1. Pawke 80,400 Kilometer; 2. Saldow; 3. Götze; 4. 28. Theis; 5. Gehrke.— Vorgabefahren: 1. Birkholz. 2. ginn, 8. Abraham. 4. Stephan. Dachstuhlbrand in Charlottenburg. Ein größerer Dachstuhlbrand kam Sonntagnachmittag gegen 3 Uhr in der Potsdamer Straße 20 zu Charloitenburg zum Ausbruch. Als die Charlottenburger Wehr mit der Südwache anrückte, stand der Dachstuhl des Vorderhauses in erheblicher Ausdehnung in Flammen. Branddirektor Bahrdt, der gleichfalls herbeigeeilt war, ließ sofort mit zwei Schlauchleitungen Wäsier geben. Nach halbstündiger Löschtätigkeit konnte„Feuer aus" gemeldet werden. Der Dachstuhl ist teilweise zerstört. Die Auf- räumungSarbeiten hielten die Wehr noch bis um 5 Uhr- auf der Brandstelle fest. Ueber die Ursache des FeuerS konnte noch nichts ermittelt werden.— Die Berliner Feuerwehr hatte Montag früh in der Mühlenstraße 73 einen größeren Brand in einer Wäscherei zu löschen. Zcngengesuch. Personen, welche gesehen haben, wie am 8. August, abends 7 Uhr, ein Mann in der Senefelderstratze von einem Schutzmann arretiert wurde, werden höflichst gebeten, ihre Adrefle abzu- geben bei Weiß, Dunckerstr. 83, II, Seitenflügel m. Zeugen gesucht. Personen, die am 22. August abends gegen 7 Uhr gesehen haben, wie auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Wedding ein Arbeiter von einem Schutzmann verhaktet wurde, werden um Angabe ihrer Adressen an Laube, Kösliner Straße 2 vorn l gebeten; insbesondere die beiden Arbeiter, die den Verhafteten bis zur Wache des Polizeireviers begleiteten, im Hause aber vom Schutzmann zurückgewiesen wurden._ Vorort- JVacbncbtem Die Gedenkfeier, die am Sonntag von den Hohen-Neuendorfer Parteigenoffen zum Gedächtnis des im September 1006 durch den Gendarmen Jude erschossenen Genosien Adolf Herrmann veranstaltet wurde, ge- staltete sich zu einer grandiosen Protestkundgebung. Eine unübersehbare Menge von Parteiangehörigen beiderlei Geschlechts, wohl an 10 000 Personen, hatten sich eingefunden. Ihnen gesellten sich zirka 1000 Radfahrer und Radfahrcrimien zu, deren Bundesgenosse der Verstorbene war. Gegen 2 Uhr nachmittags war der Saal bereits gefüllt. Eine Stunde später glich das Lokal und die Stolper Straße einem Heer- lager, das im Sonncnglanze eines außerordentlich schönen TageS und in seiner bunten Mannigfaltigkeit von Männern, Frauen, Kindern, Radfahrern und Arbetter-Wanderern ein interessantes Bild bot. Die Versammlung wurde im Saal eröffnet und nach dem Garten verlegt. Hier bestieg Genosse Reichstagsabgeordneter Stadthagen eine improvisierte Rednertribüne. Kopf an Kopf. in„drangvoll fürchterlicher' Eltge lauschte man seinen kurzen, aber zu Herzen gehenden Worten. Stürmische Zwischenrufe ertönten, als er noch einmal ein wahrheitsgetreues Bild der Bluttat entwarf. Laute Zustimmung erscholl, als er die Straflosigkeit deS Täters und das Eingreifen der Behörden zugunsten der Gendarmen daraus zurückführte, daß der Erschossene Sozialdemokrat gewesen sei. Tränen glänzten in vielen Augen. Groß war die Entrüstung, als Referent die Verhüllung deS Denksteins erwähnte, und groß die Begeisterung bei der Ermunterung im Andenken an Herrmann, wie dieser opferbereit und unverdrossen agitatorisch und organisatorisch für die Befreiung der Arbeiterklaffe tätig zu sein, und bei dem Hoch auf die Befreierin Sozialdemokratie, mit dem die Versammlung ge- schloffen wurde. Kurz nach 4 Uhr setzten sich die Maffen, unter Vorantragung eines Kranzes, gewidmet vom Bezirk Waidmannslust und Umgegend, nach dem Friedhof in Bewegung. Mehrere Stunden waren zur Be- sichtigung des verhüllten Denksteins notwendig. Auf dem Friedhofe zeigte sich eine neue Ueberraschung. Auf dem behördlichen Holzkasten prangten in roten Riesenbuchstaben die Worte „Die verhüllte Wahrheit« ein allgemeines verständnisinniges Lächeln hervorrufend. Ob diese Aufschrift ebenso wie der Holzkasten im Auftrage unserer Behörden angebracht worden ist? Wir wissen es nicht. Aber das wiffen wir bestimmt, daß die Wahrheit trotz der Verhüllung eines TageS doch zum Siege gelangt. Rixdorf. Ein Großfeuer kam gestern nachmittag durch Ueberkochen von Wachs in einem einstöckigen Fabrikanbau der Berliner Zeresinfabrik von Graab u. Kranich in der JulinSstr. 11/10 zum Ausbruch. Als die Rixdorfer Feuerwehr mit beiden Löschzügen anrückte, stand der Anbau schon vollständig in Flammen. Die Wachsvorräte boten dem Feuer überreichliche Nahrung, so daß von dem Gebäude trotz aller An« strengungen der Löschmannschaften nichts gerettet werden konnte. ES brannte bis auf die Umfassungsmauern nieder. Die vollständige Ab- löschung und Ausräumung der Brandstelle war erst gegen Abend be- endet. Während der Löscharbeiten verunglückte ein Feuerwehrmann dadurch, daß er in siedende WachSmasse trat und sich schwere Brand« wunden an den Füßen zuzog. Da der Brand eine koloffale Rauch- entwickelung hervorgerufen hatte, war auch die Britzer Feuerwehr zu Hilfe geeilt. Sie brauchte jedoch nicht in Tätigkeit zu treten. Der Brandschaden ist beträchtlich. Wilmersdorf. DaS Wilmersdorfer Theater, WilhekmSaue 114/115(Dir. Leonor Fiebag), eröffnet seine erste Saison am heutigen Dienstag, den 27. September, mit.Johannisfeuer' von H. Sudermann. Weistenfee. Der Kohlenhändler Angustin aus der Falkenberger Straße, über deffen widerrechtliche Verschleppung nach dem Irrenhaus« wir be« rickteten, ist aus der Provinzialirrenanstalt Eberöwalde wieder ent- lassen worden, nachdem die dortigen Aerzte erkannt hatten, daß Augustin nicht geisteskrank ist und somit ein Mißgriff der Weißenseer Polizeibehörde vorliegt. Immerhin hat Aliaustin zwanzig Tage in der Irrenanstalt zubringen müssen, da wegen der Entlassung die bekannten zeit- raubenden bureaukratischen Verhandlungen zu führen waren. Wer entschädigt nun den Vergewaltigten? Seine Freilaffung hat er neben seinem klugen Verbalten den Aerzten gegenüber hauptsächlich dem scharfen Protest der Alt-Weißenseer Bevölkerung gegen die wider- rechtliche Jnternierung zu danken. Die Haupffchuld liegt wieder mal an dem oft beklagten Polizeisystem, daß ein einziger beamteter Arzt da? Recht hat, einen der Geistesstörung verdächtigten Menschen für geisteskrank zu erklären und nach dem Jrrenhause schleppen zu lassen. AuZ der Gemeindevertretung. Die Bürgersteigregulierung in der Sedanstraße wird auf Beschluß jetzt ganz durchgeführt. Der von dem Zentralverband der Handlungsgehilfen gestellte Antrag auf Ein- führung der gänzlichen Sonntagsruhe fand dahin seine Erledigung, daß der Gemeindevorstand beauftragt wurde, mit den Gemeinden Groß-Berlins in Verbindung zu treten,� um gemeinsam die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe herbeizuführen. Die Gemeinde- Vertretung faßte diesen Beschluß nach kurzer Diskussion einstimmig. Seit dem 25. Juli 1910 ist die Gemeinde m die ServiSklasse B. versetzt worden, eS müssen daher erhöhte Mietsentschädigungen an die Leiter. Lehrer und Lehrerinnen der Gemeindcschulen. sowie an die der höheren Lehranstalten gezahlt werden und zwar rückwirkend bis zum 1. April 1910. Die hierfür aufzuioendende Summe be- trägt 22 000 M.— In der geheimen Sitzung wurde wiederum ein Grundstück der ehemals Hoffmannschen Gärtnerei an den Bamiuternehmer Meier für den Preis von 1100 M. die Ouadratrute verkauft, so daß die Lücken der Könia-Chauffee ganz verschwinden. Da der Ausbau der Kanalisation seinem Ende zu- geht, wurde bereits die Enziehung einer Jngenieurstelle zum 1. Januar 1911 beschlossen. Die Herren Hausbesitzer sprachen bei dieser Gelegenheit den Wunsch aus, noch mehr überflüssige Stellen einzuziehen. Britz-Buckow. Ueber Kirche und Staat referierte in einer gut besuchten öffent- lichen Versammlung Genosse U n g e r. Am Schluffe seines mit Beifall aufgenommenen Referats forderte der Redner diejenigen, die innerlich mit der Kirche gebrochen, auf, aus derselben auszutreten. Am Schlüsse der Versammlung ersuivte der Vorsitzende, unablässig für die Stärkung des Wahlvereins tätig zu sein. Reinickendorf.' Morgen, Mittwoch, 28. September, nachmittag» von 4 vi« 8 Uhr. findet in den H u�b e r t u S s ä l e ns, P r o v i n z st r. 77—79. die Gemeindevertreterwahl statt. Unser Kandidat ist der Ge- noffe Chemigraph Adolf Domnick, Amendestr. 89. Wahl- berechtigt ist, wer bei AuSliegen der Wählerliste— 15. Januar 1910 — ein Jahr in Reinickendorf und zwar an diesem Tage im zur Dahl stehenden 8. Bezirk Reinickendorf-Ost(Probknz« und Reben« straßen) wohnte, auch diejenigen, welche inzwischen auS diesem Bezirk oder auS der Gemeinde verzogen find. Genoffen, wir erwarten, daß Ihr alle Eure Pflicht erfüllt und dafür sorgt, daß unser Kandida mit imposanter Stimmenzahl gewählt wird. Die Bezirksleitung. 14 Genessen und 2 Genossinnen hatten sich in der letzten Mit« gliederversammlnng des Wahlvereins zur Ausnahme gemeldet. tierauf entspann sich eine längere DiSlussion über eiqe von den eitungSfrauen vorgebrachte Beichwerde. Es gelangten zwei Anträge zur Annahme, wonach jedes Jahr ein neuer Obmann der Zeitungs« kommission gewählt und die Zeitung wieder in Rel»icken-West ab- geladen werden soll. Die Abrechnmig vom StiftungSsest ergab einen Ueberschuß von 73,30 M. Nieder-Tchonhause«. In der letzten Gemeiudcvertreterfitzurg wurde der hiesigen Firma Pieckenhagen die Lieferung deS FutterS für die Gemeindepferde auf ein halbes Jahr zum Preu'e von 2747,15 M. übertragen. Trotzdem noch billigere Angebote vorhanden waren, vertrat die Vertretung bei der Vergebung die Meinung, daß die hiesigen Steuerzahler etwas mehr berücksichtigt werden müßten. Gegen den Antrag des Deutschen Vereins„Arbeiterheim"(Gründung von Eigenheimen nach dem Muster des verstorbenen Pastor v. Bodelschwingh) wandte sich der Vertreter A. Kuhlmann; die Gelder der Steuerzahler könnten am Orte bester verwendet werden. Nachdem von anderer Seite be- tont war, daß die Bodelschwinghschen Gründungen sich in jeder Beziehung segensreich bewährt hätten, wurden 20 M. bewilligt. Eine längere Debatte zeitigte der Antrag des BerkehrSverbandeS an der Stetliner Bahn, um Gewährung einer Beihilfe von 100 M. zur Herausgabe eine� Fahrplanbuches. Da durch die Herausgabe des Fahrplanbuches ein größerer Zuzug doch nicht zu erwarten ffei, wurde der Antrag abgelehnt. Hierauf folgte eine nichtöffentliche Sitzung. Mühlenbeck. Einen schreckliche« Tod fand das sechsjährige Töchterchen Helene der Arbeiterwitwe Müller von hier. Die Kleine hatte mit andere« Kindern in der Nähe der Liebenwalder Bahn gespielt. Sie achtete dabei nicht auf das Herannahen einer Rangierlokomotive und rannte unmittelbar von der heransausenden Maschine auf die Gleise. Bevor der Führer sie noch zum Halten bringen konnte, war das Mädchen unter die Räder gerissen worden. Dem bedauernswerten Geschöpf wurden beide Arme und Beine buchstäblich vom Körper abgetrennt. Auf dem Transport nach dem Kreiskrankenhaus erlag die Kleine de« furchtbaren Verletzungen. Solche Unglücksfälle könnten verhütet werden, wetttt für tie nötige Einzäunung der Bahnlinie gesorgt würde. Bernau. Die Stadtverordnetenversammlung beschloß, die Ausführung der Malerarbeiten im alten Schulhaufe bis zu den großen Ferien de» nächsten Jahre» zurückzustellen. Der betreffende Malermeister, welchem die Arbeiten für dieses Jahr schon zuerkannt waren, hatte sich bei Abgabe seiner Offerte gehörig verrechnet. Unsere Genosien Helbig und Krüger verlangten, daß bei Submissionen nur solche Unternehmer Berücksichtigung finden sollen, welche die zwischen Unternehmer- und Arbeiterorganisationen vereinbarten Löhne zahlten. Hiervon wollten aber die Bürgerlichen nichts wissen. Ein Antrag des Genossen Heibig, den Submittenten schärfere Bedin- fangen aufzuerlegen, wurde angenommen. Der Vertrag mit der iesigen Gasanstalt wegen Lieferung von Gas zum Betrieb der WasserwerkSmotoren wurde von der Versammlung gutgeheißen. Da» zu liefernd« Gas wird von der Gasanstalt zum Preise von 8 Pf. pro Kubikmeter an die Stadt abgegeben. Eine lebhaste Diskussion rief die Magistratsvorlag« betreffend die Vermietung de» alten Krankenhauses zum Preise von jahrlich 600 M. an den Leiter dev. hiesigen höheren Knabenschule hervor. Genosse Helbig beantragte« den Magistrat zu ersuchen, der Versammlung eine Borlage zn unterbreiten, wonach die Räume im alten Krankenhause an armo alte Leute zu mäßigen Preisen vermietet werden sollen, damit die- selben aus den meistens sehr schlechten Wohnungen, welche sie zu bewohnen gezwungen sind, herauskämen. Dabei erlaubte sich der Bürgermeister die Geschmacklosigkeit, zu betonen, daß er nicht willens sei, für Strolche und Bummler zu sorgen, welche durch den Soff heruntergekommen seien. Genosse Helbig erwiderte ihm hier- auf. daß eS unter den Besitzenden prozentual mehr Strolche und Bummler gebe als unter den Besitzlosen und sein Antrag doch ver- lange, an arm« alte Leute die Räum« zu vermieten Der Antrag Helbig wurde mit 14 gegen die 8 Stimmen unserer Genoffen ab- gelehnt. Desgleichen auch die Magistratsvorlage gegen 8 bürge» liche Stimmen. Die nächste Magistratsvorlage verlangt«, daß für die Kinder der städtischen Schul« die Turnhalle des Turnklubs fü« eine JahreSmiete von 800 M. gemietet werden soll. Auch hierüber war die Diskussion eine sehr lange und lebhafte. Außer unseren Genoffen war auch einem Teil der Bürgerlichen der Preis zu hoch. Vom Genossen Krüger wurde das von einigen städtischen Vertretern dem Turnklub auf seinen Festen gegebene Versprechen, wonach man demselben wohl wegen seiner Bereitivilligkeit als Paradesteher ent. gegenkommen wolle, kritisiert. Auch diese Vorlage wurde abgelehnt und der Magistrat beauftragt, für dieses Jahr mit den beiden Rostaurateuren, welche Turnhallen besitzen, sowie mit dem Turn- klub zu verhandeln, um einen anderen Preis zu erzielen. Unsere Genossen verlangten die Erbauung einer städtischen Turnhalle für das nächste Jahr. In der letzten WahlvereinSversammlung hielt Genosse Curt Heinig ein mit großem Beifall aufgenommenes Referat über»Di« wirtschaftliche Lage Preußen-DeutschlandS". Nach einer kurzen Diskussion hierüber ersuchte der Vorsitzende die Genosse«, für fleißigen Vertrieb der Programme zum 20. Stiftungsfest deS Wahl. Vereins, welches am 22. Oktober bei Salzmann stattfindet, Sorge zu tragen. Spandau. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich vorgestern avend in der Klosterstraße. Dort sprang der Steinlräger Ranke au» Tiefen- werder auf einen in voller Fahrt befindlichen Wagen der elektrischen Straßenbahn der Linie Spandau— Pichelsdorf. Ranke kam dabei zu Falle und geriet unter den Anhängewagen, so daß ihm beide Beine überfahren wurden. Außerdem hatte Ranke noch schwer« innere Verletzungen erlitten. Besinnungslos wurde er dem Krankenhause Span da n zugeführt. r Sunlichr Seife IsrfürWollfabrikcrte unersetel ich. Gestrickte Wollsochen und Decken schrumpfen in der Wäsche nicht' ein.gemusterte und farbechte Stücke vertieren nichfdie frische der färbe, wciir? sie mit" Sunlicht" Seife nach Vorschrift gewaschen werden SunlichtSeife wird vielfach nachgeahmt�aber io der Qualität niemals errei#. Theater und Vergnügungen Idd Dienstag, 26. September. Anfang 7-/, Uhr. Neues königl. Qpcru-Theater. Der Waffenschmied. Königl. Schauspielhaus. Lulws Cäsar. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Die Romantischen. K�mmerspiele. DaS Kloster. Leffing. Emsame Menschen. Komische Over. Tosca. Berliner. Musikantenmädel. NeucS. DaS Alter. Steves SchaulvielbauS. Tartuffe. Herr v. Pourceaugnae. Refidenz. I�odlssso oblige. Kleines. Die verflixten Frauen- zimmer. l. Klaffe. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller O.. Waltnei- ibtniet.) Zärtliche Verwandten. In Zivil. Sch'Uei Sbarlottendurg. Die Kreuzelschreiber. Friedrich- WilhclmstädtischeS. Biederleute. Berliner BolkSoper. Zar und Zimmerinann.(Ansang 8>/, Uhr.) Luiseu. Durchgegangene Weiber. Westen. Die schönste Frau. Modernes. Die beste der Frauen. Trianon. Pariser Witwen. Neues Qt eretten. Der Gras von Luxemburg. piclhauS. Der Feldherrn» Rächt. SuftiVielhauS. Hügel. Herrnfeld. Eine verlorene Der Dcrbhsieger. Role. Othello. Fo lies Cnprice. Der schwarze Schimmel.— Volle Pension. (Ansang 8'/, Uhr.) Metrovoi. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Rudolf. Apollo. Svezialitäten. Baiiage. Spezialitäten. Rrichsballrn. Steltmer Sänger. Walballa. Svezialilölen Wintergarten. Spezialitäten. Karl Havcrland. Svezialitäten. Schtveizer-Garten. Spezialitäten. Urania. Tonveniirnste»«/««. Abends 8 Uhr: Im Lande der Mitternachtssonne. Steriiivaree.walidenstr. 67— 62. Lessing-Theater. Dienstag 8 U: Einsame Menschen. Mittwoch 8 Uhr: Das Konzert. Donnerst. 8U: Einsame Mensche«. berliner Hieater. Heute 8 Uhr: Gastspiel Hansi Niese. Das MlljZkantkllmSdel. km Theater. Heute Dienstag: Das Alter. Ansang H Uhr._ Theater des Westens. Ansang 8 Uhr. Die Bcbttniite Kran. Sonnt. S1/. Uhr: Ein Walzartrauni. Modernes Theater (lrliher Hebbeltheater). Heule und täglich 8 Uhr: Die beste der Frauen. Berliner Volksoper Belle-Alliance-Strahe 7/8. Abend? Uhr: Zar und Zimmermann. Menca Opercttcn-Thenter. Heute und folgende Tage 8 Uhr:, Der Graf von Luxemburg. Operette in 3 Att. von A. M. Wlllner u. R.BodanSkh. Musik o. Franz Lehdr. Friedrich-Wilhelmstailtisches Schauspielhaus. Dienstag, 27. Seplbr., abends 8 Uhr: Biederleute. Mittwoch nachm. 3>/, Uhr: Kriem- hildS Rache. Abend» 8 Uhr: Faust. Donnerstag: Kletten. Riobe. Urania, Wissenschaftliches Theater Taubenstrauße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Im Lande der Mitter* nachtssonne. Lusispielhaus. Heute abend 8 Uhr: Der Feldherrtchngel. l�esidenx-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Noblesse oblige. Schwank in 3 Akten von Hennequln und Vebcr. Morgen und folgende Tage 8 Uhr: Robleaae oblige. Sonntag, den 2 Oktober, 8 Uhr: _ Die 800 Tage._ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Kean. Schauspiel in 5 Aufz. v. A. DumaS, bearbeitet von Ludwig Barnah. Mittwoch: Die schöne Ungarin. Donncrslag: Othello. Freitag: Durchgegangene Weiber. osc-inc/lic Grotze Franlsurter Str. l32. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Othello. Trauerspiel in 6 Akten von Shakespeare. Mittwoch: Die gute Partie._ Metropol-Theater. Kurraü! Wir leben noehü! Grosie Ausstattungsrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. V. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang 8 Rauchen gestattet. 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