Mr. 233. RtonnementS'Redlngungtn: MonnemcntS> Preis pränumerando: Kiertcljährl. S3a Ml., monatl. 1,10 M?., wöchentlich 28 Pfg, frei ins HauS. Einzelne Nummer k Psg, Sonntags- nunmicr mit Mustriertcr Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mari pro Monat, Postabonncmcnts nehmen an: Belgien. Dänemark, Solland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 37. Jahrg. vlchtlut Wich ar.Ccr montagi. Vevlinev Volksblatt vle Inlertionz-Lebilhi' beträgt für die scchsgcspaltenc Kolonel- geile oder deren Raum CO Psg,, für politische und gcwcrljchastlichc Vereins- und Vcrsamnilungs-Anzcigcn 30 Psg. „Utelne Anreizen", das erste lseit- gedruckte) B-orl 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- slellcn-Anzcigcn daZ erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUHrnachlnittagS in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biö 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm, Adresse: „5S!li)!lUil!SMt RcrUll* Zcntralorgan der rozialdemohratifcbcn parte! Deutfcblande. Redaktion: 8Al. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IT", Nr. 1983. Mittwoch, den 5. Oktober 1910. Expedition: 85CI. 68, Lindenstrasse 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» 1 Die Dntcrieeboote altes Cifen. Vor einem Monat veröffentlichten wir die Zuschrift eines Aachmannes über neue Umwälzungen im Schiffbau, die dazu führen, daß die Dreaduoughts überholt und bald zum alten Eisen geworfen werden müssen. Die Ausführungen unseres Gewährsmannes sind bisher von keiner Seite widerlegt worden. Jetzt bringt das Oktoberheft der„Deutsche n Revue" den Artikel eines Fachmannes, dessen Kompetenz wohl von keiner Seite bezweifelt werden kann, nämlich des Konter-Admirals z. D. K a l a u vom Hofe, in dem nicht weniger als folgendes behauptet wird: „Die Zahl der vorhandenen Unterseeboote erlaubt lediglich einen Schluß darauf, micvicl Altmaterial demnächst auf den Werften der betreffenden Marinen zur Verfügung stehe» werde." Der Verfasser ist nämlich zu der Ueberzeugung ge- kommen, daß die Unterseeboote absolut unbrauchbar für den Seekrieg sind, sowohl für den Angriff, wie für die Verteidi- gung. Er tritt daher für internationale Ab- schaffung der Unterseeboote ein. Ein solcher Plan ist nicht neu. Der Konter-Admiral er- innert zunächst daran, daß bereits im Programm für die erste Haager Friedenskonferenz(1899) eine Forderung des Verbotes der Unterseeboote und ähnlicher Zerstörungs- Maschinen in Verbindung mit der Forderung der endgültigen Abschaffung des Rammsporns bei den Kriegsschiffen zu finden war. Ter Rammsporn fiel ganz von selber der mo° deinen Schiffskonsiruktion zum Opfer, das Unterseeboot aber „wuchs und gedieh". Die Forderung auf seine Abschaffung verschwand sang- und klanglos bereits auf jener ersten „Friedenskonferenz" im Schöße der Subkommission; kein Protokoll kündet von der Forderung, und auf der Z w e i t e n Haager Friedenskonferenz(1997) wurde das Wort„Unter- feeboot" überhaupt nicht mehr ausgesprochen! An diesem Stande der Dinge ist auch durch die entsetzlichen Unfälle der Unterseeboote(Untergang des französischen Unterseebootes „Pluviose", das am 29. Mai 1919 voin Dampfer„Pas de Calais" überrannt wurde, u. dergl.) nichts geändert. Durch internationale Verträge hat man die Verwendung von Waffen und Geschossen verboten, die nicht nur ver- wunden und töten, sondern die Qualen des Betroffenen ver- schlimmern. In dieselbe Kategorie zählt Konter-Admiral z. D. Kalau vom Hofe das Unterseeboot, das im Krieg wie im Frieden nicht nur dem Feind, sondern auch dem Neutralen, ja sogar dem Freunde sehr leicht verderblich werden kann! Die Wiege des Unterseebootes ist Frankreich, das seit 29 Jahren mit ihm experimentiert, bereits an 199 Boote, von den kleinsten Dimensionen bis zur Größe der stärksten Torpedoboote, im Werte von 299 999 bis zuletzt fast 3 Mil- lionen Mark pro Stück erbaut und im ganzen bisher 199 Millionen Mark in seine Unterseeboote gesteckt hat. Trotz alledem ist das Unterseeboot unvollkommen geblieben: ein Kriegsinittel,«dessen Verwendungsfähigkeit durch natür- liche Umstände immer beschränkt bleiben muß". Auf die Einzelheiten, die der Konter-Admiral gegen das Unterseeboot vorzubringen weiß, können wir hier nicht näher eingehen, genug: er kommt zu einer völligen Ablehnung dieses Zerstörungsmittels, für das die„Kulturnationen" ins- gesamt bisher fast eine halbe Milliarde Mark rausgeworfen haben I Grauenerregend ist folgende Zusammenstellung des Ver- fassers: An Menschenopfern hat das Unterseeboot, diese „überflüssige militärische Spielerei, allein in den letzten sechs Jahren 299 gefordert, und das im F r i e d e n! Jene 299 Menschen sind umgekommen: durch Ertrinken, durch giftige Dämpfe im Innern der Boote oder durch Explosionen. Die Katastrophe des„Pluviose" allein kostete 27 Menschen- leben! Der Untergang des englischen Unterseebootes„C 11" brachte dreizehn Menschen den Tod, der des Unterseebootes „Kambala" im Schwarzen Meer gar dreißig, des englischen „A 1" elf, des russischen„Delphin" sechsundzwanzig, der französischen„Fourfadet" und„Lutin" vierzehn und fünf- zehn, des Unterseebootes„A 8" im Hafen von Plymouth fünfzehn, des italienischen„Foca" vierzehn usw.— Die Zahl der schweren Kollisionen und Explosionen, bei denen es ohne Tote abging, ist außerordentlich groß, und die Zahl der„bloß" schwer Verletzten ist weil größer als die der Getöteten. Kalau vom Hofe führt dann die Gründe am warum das Unterseeboot für die Leistungsfähigkeit der Marine keine Bedeutung haben kann, und seine Erwägungen schließen mit dem oben wiedergegebenen Satze. Noch vor kurzem wurde von den uferlosen Marine- schwärmern ein Mordsgeschrei erhoben:„wir brauchen mehr Unterseeboote", und jetzt erklärt ein Konter-Admiral:«die Unterseeboote gehören zum alten Eisen." Wenn Kalau vom Hofe den Glauben an den guten Willen der Regierungen zu internationalen Vereinbarungen über die Beschränkung der Rüstungen und über die Ab- schaffung solcher gefährlichen Mordwaffen, wie der Unter- seeboote, noch nicht aufgegeben hat, so ist er um diesen Opti- mismus zu beneiden. Seine Ausführungen beweisen in- dessen von neuem, wie berechtigt der Kampf gegen den Rüstungswahnsinn ist und bleibt. Krieg dem Kriege, bleibt die Losung. Daß diese Losung einzig und allein beim Proletariate Gehör findet, ist nur ein neuer Beweis für die zersetzenden Einflüsse des Kapitalismus auf das Bürgertum. Deshalb ist zu befürchten, daß auch der offenherzige Konter-Admiral ein Rufer in der Wüste bleiben wird, daß noch manche Million für die Unterseeboote ausgegeben, daß noch manches blühende Menschenleben in diesen„schwimmen- den Särgen" ein frühzeitiges Ende finden wird, ehe sie als Altmaterial den Werften überwiesen werden. Der Rüstungs- Wahnsinn dauert fort und nur das Werktätige Volk kann ihm den Todesstoß versetzen._ Der Kudt der liationalliberalen nach recht; und fein£cho. DaS Resultat der Kasseler Tagung der Nationalliberalen ist ein noch größerer Kuddelmuddel in der Partei Drehscheibe und was die Mannen des Herrn Basiermann wollen, wissen sie heute weniger denn je. Zwar ist ein hörbarer Ruck nach rechts erfolgt. Man hat den Zungliberalen den Mund verboten und die Auslassungen der „Kölnischen Zeitung" deuten darauf hin, welche Folgerung die leitenden Kreise der Partei aus dem Verlauf des Parteitages ziehen. Von einem Anschluß an die Freisinnigen ist nicht mehr die Rede, die Sehnsucht nach dem Bülow-Block beherrscht das Sinnen und Trachten der Basiermänner. und sie suchen sich in freundliche Er- innerung zu bringen, indem sie gegen die Sozialdemokratie hetzen. Doch das genügt denen, die die Partei in der Tasche haben und deshalb die entscheidende Rolle spielen noch immer nicht. Sie wissen wohl, daß die liberalen Phrasen Bassermamis nur Aufputz sind, aber sie wollen ihm auch dieses Vergnügen nicht mehr gönnen, sondern verlangen nach wie vor deutliche Preisgabe aller liberalen Allüren und den Marsch ins„freikonscrvative" Lager. So erklärt die„Rheinisch-Westfälische Zeitung". das Organ der Schlotbarone, sich durchaus nicht befriedigt. Sie konstatiert mit Befriedigung die Rechtsschwenkung, das Resultat ist ihr aber zu mager und sie wird weiterhin nach rechts drängen. Und auf die Zustinnnung dieser Kreise kam es Herrn Bassermann doch— ach so sehr!— an. Im eigenen Lager aber wird dem Leiter der Partei hohnlachend zugerufen, alles Gerede helfe darüber nicht hinweg, daß die Partei im Fahrwasser dcS Freiherrn v. Hehl bleiben oder draufgehen müsse. Während die„Hamburger Nachrichten" achscl- zuckend erklären, man habe Bassermann gehalten— weil ein Besserer nicht zu haben ist. Zufrieden ist natürlich das Scharfmacher- blatt mit der Hetze gegen die Sozialdemokratie, aber auch ihm geht der Ruck nach rechts noch nicht weit genug. Rührend ist dafür die Bescheidenheit der Linksliberalen. Die „Frankfurter Zeitung" läßt sich nicht dadurch zurückstoßen, daß die Junglibcralen sich auch hier eine geradezu kindische Rolle spielten und freut sich, daß es nicht schlimmer gekommen, daß Herr Basier- mann Sieger geblieben. Zwar sei dieser Herr Bassermann etwas ramponiert, er sei nicht mehr der brave Mann,„der im heißen Sommer der Finanzrcform entschlossen den Zusammenhang mit der Linken des Reichstags aufrecht erhielt", aber er ist halt doch der Basiermann und—„das ist in der Zeit, die alle Hoffnungen bescheiden macht, iminerhin etwas". Auch die„Frei- sinnige Ztg." hofft noch auf eine liebliche Waffenbrüderschaft mit den Nationalliberalen. Nun, wir köimcn'S nicht ändern. Der NationalliberaliSmuS ist rettungslos dem reaktionären MaraSmuS verfallen, und die Frei- sinnigen, die sich nicht von ihm lossagen wollen und können, werden von der gleichen Fäulnis zerfressen. V Berechnung oder flngft? Ist es Berechnung oder Angst, was die Reaktionäre tosten läßt? So muß man sich fragen angesichts der tollen Orgien der Wut und der Verleumdung, deren Schauplatz auch heute wieder die Spalten der„nationalen" Organe sind. Fast er- scheint es unglaublich, daß halbwegs vernünftige Menschen den frechen Blödsinn selbst glauben können, den diese Blätter ihren unglücklichen Lesern jetzt tagaus, tagein in übervollen Schüsseln servieren. Es wird fast zur Gewißheit, daß die Scharsmacherpresse und die Junkerblätter mit kaltem Blut die hirnverbranntesten Tollheiten aussinnen und veröffent- lichen, um die öffentliche Meinung auf den Sozialdemokraten zu dressieren, daß sie eine Schlammflut von Dreck und Unflat loslassen, um im Trüben fischen zn können, um die Stimmung zu erzeugen, die ihnen erlauben soll, den deutschen Arbeitern ihre spärlichen Rechte'zu rauben. Man lese nur den folgenden Ausbruch der„Post", die heute unter der stimmungsvollen Stichmarke„Das Einexerzieren der Revolution" schreibt: ..... Schließlich zeigte sich als springender Punkt: die Rc- gierung wagte nicht, von ihren Machtmitteln Gebrauch zu machen. Damit ist der Zweck des Putsches vollkommen erreicht. Nunmehr haben wir im kommenden Winter mit Sicherheit die Fortführung des Dramas durch einen dritten Akt zu er- warten: Interpellationen im Reichstage über Gottcsgnaden- tum und Fleischprcise, im Landtage über das Wahlrecht, gleich- zeitig bewaffnete Massendemonstrationen und Straßen- schlachten im Innern Berlins. Wer darüber den Kopf schüttelt, oer mache sich nur klar, wie leicht es ist, das? jeder der huiidcrttansciid Demonstranten mit einem schweren Stock ver- sorgt wird, wieviel Totschläger und Schies'waffen unbemerkt in den Kleidern mitgefllhrt werde» können. Die Revolutionäre Wissen jetzt ganz genau, wie es gemacht werden muß, sie werden nicht mehr Manöver gegen markierten Feind aufführen, sondern sie werden die Masien zum Sturm auf die ihnen verhaßte Staatsgewalt führen und gründlich von den Waffen Gebrauch machen. Sehr bemerkenswert ist die Teilnahme der Bürger an den Straßenkämpfcn von Moabit; denn man darf doch an- nehmen, daß in den Vorderwohnungen nach der Straße heraus bürgerliche Familien wohnen. Von dort her aber sind die Schutzleute nicht nur mit Blumentöpfen beworfen, sondern auch beschossen worden. Der von der Berliner radikalen Presse seit einem Jahre gepredigte Fanatismus trägt somit seine Früchte. Was gedenkt der Reichskanzler gegen die Wiederkehr ähn- licher Vorfälle zu tun? Bislang hat die Regierung alles der Polizei überlassen. Das ist sehr bequem, aber es will dem an Ordnung gewöhnten preußischen Staatsbürger vorläufig noch nicht in den Sinn, daß Berlin zu einer Revolutionsstadt a la Paris werden soll, daß Geschäft und Verkehr unter viertägiger Störung leiden. Die Regierung hat weder den Belagerungszustand verhängt, noch das Militär eingreifen lassen<2 Maschinengewehre am Kreuzpunkt der Hutten-«nd Bcusiclstras?e hätten den ganzen Krawall sofort erstickt, und dann hätte man die Häuser einzeln ab- gesucht und einzeln ausgeräumt), noch macht die Regierung An- stalten, ein neues Sozialistengesetz vorzulegen. Die„Deutsche Volkswirtsch. Korrespondenz" vom 30. September druckt für alle Fälle die Bestimmungen des Sozialistengesetzes von 1878 ab, ein Zeichen, daß man sich an verschiedenen Stellen für jenes Gesetz interessiert, das damals eine so niederschmetternde Wirkung auf die Umsturzpartei ausübte. Die Staatsregierung trägt die volle Veranttvortung für alle der Stadt Berlin drohenden Revolutionstage. Eine stärkere Warnung als die Septembertage von Moabit dürfte kaum mög- iich sein. Geschieht jetzt nichts, läßt man alles Wie bisher Weifer laufen, ohne die schleifenden Zügel wieder aufzuraffen, so müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, daß uns die Wiederkehr des 18. März 1848 unmittelbar bevorsteht, und daß Preußen wieder unter das Joch der Revolution sich beugen muß. In den zwei Jahrzehnten von 1870 bis 1890 hatte man eine solche Möglichkeit für ausgeschlossen gehalten. Seit dem Rück- tritt des Fürsten Bismarck ist leider die Autorität der Staats- regicrung mit jedem Jahre gesunken, bis sie jetzt auf dem Null» Punkt angelangt ist." 4 Diese Leistung dürfte nicht mehr zu überbieten sein. Maschinengewehre in den Straßen Moabits— das hatte gerade noch gefehlt. Die Bürger von Moabit mögen sich merken, wie das Organ der Scharfmacher bedanert, daß die Passanten der Moabiter Straßen nicht gleich zu Hunderten niedergeschossen worden sind! Mehr Angst als Berechnung spricht dagegen aus den folgenden Sätzen eines rechtsnationalliberalen Organs, der„Neuen Hessischen Volksblätter". Sie schreiben: „Es sind nicht talentlose Pessimisten, nicht Trübsinnige, nicht Graulichkeitsmacher, sondern ernste, scharfsinnige Männer mit einer heißen Liebe zum Vaterlandc, Männer voll Schöpferkraft, die meinen, Deutschland st ehe im Beginn einer Rc- Volution. Offen: auch wir sind dieser Meinung. Die Zeichen einer Lockerung der den Staat zusammenhaltenden Bande sini� unverkennbar. Man spreche mit erfahrenen, der Pshche ihrer Leute nachforschenden Offizieren; sie werden gestehen, daß bei der aus den Industriezentren usw. kommenden Jugend ein Geist passiven Trotzes, der stillen Mißachtung der Autorität unver- kennbar ist. Nur die eiserne Militärdisziplin, die zu mildern— Menschlichkeit ist trotzdem möglich— Frevel wäre, hält alles � zusammen. Und man spreche Geistliche, man spreche Handwerks- mcister.... Es vollzieht sich eine„Umwertung aller Werte". Aber jede Revolution ist besiegbar." Also ans den Anzeichen, daß sich die Arbeikerklasse geistig � ans den Banden des Militarismus und der herrschenden Klasse befreit, sieht das Blatt angstbebend die blutige Revo- lution auftauchen! Die Leute können sich keine andere Ueberwindung ihrer Herrschaft denken, als durch die Greuel des Bürgerkriegs. Sie sprechen sich selbst ihr Urteil nud wissen es nicht! Ver field von JMoabit, Welch ein Gesindel es ist, das die Polizei in Moabit an» geblich gegen die streikenden Kohlenarbeiter schützen mußte, das zeigt in grellen Farben eine Sclbstschilderung, die der Kommandeur der„nützlichsten Elemente", der süßen Arbeitswilligen in der„Morgenpost" gibt. Ein Mit- arbeiter dieses Blattes hatte eine Unterredung mit diesem S t r e i k b r u ch u n t e r n e h m e r e n gros, der den Namen Friedrich H i n tz e führt— ein Name, der uns nicht irnbe- kannt ist. Nach einem Streik in Delmenhorst ist dieser Hintze schon durch eine Schimpferei auf die schlappe Polizei des Ortes bekannt geworden. Herr Friedrich Hintze hat sich also vor dem Vertreter des Ullsteinblattes zynisch seiner Taten gebrüstet. Wir entnehmen seinen im Jargon der niedrigsten Kaschemmen gehaltenen Nenommistereien das Folgende: „Ja, det werden Se mir kaum ansehen, ick bin erst eenund- zwanzig Jahre alt. Ick habe frihcr bei Müllers in Hamburg je- arbeilet, aba Se wisi'n ja, mit de Weiber iS et nischt und ick habe mir selbständig jcmacht, kurze Zeit nachdem der olle Müller jestorben is lind die Witwe det Jefchäst ihanommen hat. Det Jeschäft is jut, aber se is zu««Sberschämt mit de Preise. Ick bin reeller und deS- wegen jeht mein Fcschäft ooch jetzt janz jut. Ick breche jeden Streik. In achi Dagen kann ick sechsdauscnd Bkann uff de Beene bringen. Meine Leite können allet. Heite arbceten se als Schlosser, morjen als Litojrasen und übermorgen laden se, wie hier, Kohlen. Sehen Se, hier die dreißich Mann, die ick im Stall habe bei de Zossen, sind Schloffer, aber wenn se morgens ihre Ferde putzen, denn jeht det mit viermidzwcnizig Strich so scheen, als ob se ihr Leben lang»lischt änderet jedahn hätten, wie sverde striejeln. Wenn ick mir meine Leite aussuche, seh' ick erst dniff, det se »le'jute Handschrift schreiben mit de Ballkelle, det is die Hauptsache, denn keff und kiebig missen wir sind. Seh'n Se sich da öriben det Siebenmonatskijcd au," sagte er, auf einen Riesen von mindestens sieben Fug deutend,„wenn der eenen'ne !£Zucht jibt, denn bleibt koen Ooge drocken. Wir missen so'ne Leute haben, denn wir werd'U selbstmurmelnd innner aujejriffen von de Orjanisierten, und da ist eS denn besser, wenn»vir selbst anfangen und die Bande vertobacken. Mir kribbclts in alle» Finger, wenn ick dreschen seh', na, ick habe in de Rosticker Straße mich schlecht gewichst. Kicke» Se, sich mal die Hand an, niit die schlag' ick einen sünfzölligen Nagel durch den Tisch, janz ohne Hninmer..... Hier habe ick mehr als fufzich Leite, in Fall aber, det mehr jebraucht wer'n, bin ick jleich mit vierhundert da, die sosort an de Arbeit sehen. Meine Hauptaufgabe iS ja nich Streik zu brechen, sondern Streik z u verbieten. Det wird so gemacht: Man heert wat munkeln von son Streck, jeht bei de Fabriekleitung und fracht se, ob se det Ding jeschobcn haben wollen. Sehn se, denn wer'» ma erst zehne, zwölfe von meine Leite injcstellt und die ajitieren unter de niidern Arbecter, von den' immer eu jroffen Prozentsatz vor den Streik nriefe is, weil se det Arbeitslohn nctich brauchen. Meine Leite suchen sich nu.den VatrauenSmann von de Jewerkschast aus uu denn loird er ransjebracht. Det machen wa sehr vor- nehm.. Der Mann wird nich jemaffregclt, det Wirde ja bcese.S Blut mächen. Er kriegt nur plötzlich eenS in de Fresse jrsch lag en. Wenn er denn looft und sich beschwert, wird ihm jesagt:„Mensch, det jeht uns nischt an. det iS ecn tichtijer Arbecter, den kennen wa nich cntlaffeu. weil er Dir cene jeklcbt hat." Jehl dum der Vertrauensmann nich von selba,. denn jibt'S noch �ene von e n ander», wenn er die aber sitzen hat, d e n n l o o f t e r." „Ick Hab," so fuhr Hintze fort,„meinen Stamm Leite, uff die ick mir valaffen kann. Ick Weeg ja, det et manchmal ooch nich Ilappt, un det man selbst Senge bezieh» kann. Wie wa uff die Automodilfabrik jearbeitet haben in Delmenhorst, haben se eenen von meine Leite erschossen, dadruf sind wa alle vorbereitet, det een ma wat passiert dabei. Aber det is jleich, wir machen det zum A m c s c m a n g. De Kerls kriegen nich mehr bezahlt, als wie een jewöhnlicher Arbecter bezahlt kriejen wurde, aber die I e f a h r. der reizt s-, u n die U f f r e j u n g n n det Wichsen diesen und det se«ujcstraft loShaucn kennen, det de Fetzen siiejcn, det reizt sc. Bon fufzehn Streiks, die ick ffemacht habe, habe ick nur zwee balorn, det war in Sachsen. I n Sachse nisdePolizeizuschlapp.... Sehn se, hier kennen se meene Zeichnisje sehn. Allet habe ick besorjt, Schlosser, Schmiede. Schtellmacher. Lackiera und� Tischla... Ick krieje zehn Mark pro Mann, den ick schtrlle, aber ick mache ja ooch noch mehr als bloß Leite besorjen. Ich verproviantiere hier allet, Schntzmannschaft und meine Leite. Ick habe hier drei AutoS, die Schofföhre find allet kiebige Kerls, die sansen wie der Blitz, det se die Nummer nich erkennen kennen. De kriejen denn nachher och ne andre vtiiuwicr, wennt hier zu Ende is, sonst kennen sie doch an Im Stand ranfahren, denn dann kriejen se doch de Jacke voll. Hier in Mojabit bakoofcn se nnS nischt. Na, ick sause bis zum Oranjenburjer Tor und hole in.... Ja. wenn ick jetzt'neu Kapitalisten vor meine Sache interessieren keimte, der so ranjeht, mit bOOO Märler, denn keimte ick cn Bombcnjeschäft machen...." Ein zuckersüßes Brüderlein l konnte man angesichts dieser schamlosen Sclbstentblößung einer schuftigen Seele ausrufen I Das sind die Rcnisreißer des Unternehmertums, das sind die armen, verfolgten, des erhöhten Gesetzesschuhes bedürftigen Llrbeitstvilligen! Und um solcher Kerle willen werden anständige Arbeiter und friedliche Bürger unter das Schreckensregiment der Polizei gestellt. Und um solcher Kerle»villen stürzen sich die Staatsanwälte in die Unkosten amtlicher Anklagen im „öffentlichen Interesse" I Fürwahr die Firma Kupfer u. Ko. und der Zechengewaltige Stinnes können stolz sein auf solche Bundesgenossen. Daß der edle Herr Hintze in seinem „Interview" furchtbar aufgeschnitten hat, sieht jeder, der die Dinge-kennt, auf den ersten Blick. Aber die Gemeinheit der Gesinnung ist echt, grundecht und wahr und kann zeigen, auf welches Niveau die Arbeiterklasse zurücksinken würde, wenn, wie unsere Negierenden und Unternehmer wünschen, Gesellen tvie Hintze der Normaltyp der deutschen Arbeiter werden»vürden. Das ist freilich ausgeschlossen— die Hintze und Konsorten»verden nie 'mehr als Schmeißfliegen am Leibe des Proletariats. Ein Wort gebührt nach Herrn Hintze noch der„Morgen- past". DicS Blatt hat, wie die ganze„linksliberale" Presse, tu den Tagen der Polizeischlachten eine Haltung ein- genommen, die ihm zahlreiche Abonnenten gekostet hat. An- scheinend soll das„Interview" das Blatt bei seinen Lesern wieder etivas rehabilitieren. Dazu paßt aber die höchst bc- denkliche Kritik, die die„Morgenpost" den Bekenntnissen deS Herrn Hintze anhängt, sehr schlecht. Wer zu solchen Dingen nichts anders zu sagen tveiß, der bekundet damit auf das deutlichste, wie weltenfern er dem Empfinden der Arbeiterschaft steht! « Uebrigens ist Herr Hintze der Polizei sehr gut bekannk, Sie vuS folgender Meldung hervorgeht. In der Montagsversammlung der Demokratischen Bereinigung, über die wir weiter unten be- richten, wies einer der Redner, Herr Stribny. auf den Streik- bruchunternohmer hin. Dieser Hintze wird, wie Herr Stribny er- zählte, von der Polizei gesucht, weil er sich w i d e r r e ch t- -lich dem Militärdienst entzogen hat. Herr Stribny hat sich nun zum Polizeibureau begeben und dort gemeldet, der Aufenthalt Hintzeö sei ihm bekannt. Als er dann aber weiter aussagte, Hintze sei„A r b e i t s w i l lt g e n v e r m i t t l e r" und befinde, sich- gegenwärtig auf dem Kohlenplatz der Firma Kupfer iu C o. in Moabit, hat— wie er erklärt— der' Wachtmeister den Zettel, auf dem er die Angaben notiert hatte, zerrissen, und Herr Stribny wurde aus dem Polizeibureau hinaus- gewiesen. So habe also die Polizei einem polizeilich gesuchten Menschen ihren Schutz angedeihen lassen, nur weil er sich und seine Leute in den Dienst der Firma Kupfer u. Co. gestellt. Herr Stribny hat sich bereit erklärt, diese Angaben jederzeit «eidUZ zu bekräftigen. Ein zweites Ccdeeopfen Im Kranken hause Moabit ist DienStagvormittag der Ar« beiter Robert Hermann aus der Wiclefstr. 31 gestorben. Nach Polizeioffiziösen Angaben hatte er sich an den Tumulten beteiligt, war bei einer Attacke durch Säbelhiebe schwer verletzt worden und hatte außer einem Schädelbruch eine Hirn- Hautentzündung davongetragen. Besonders hervorgehoben wird wieder in btt pollzeioffiziösen Notiz, daß Hermann organisierter Arbeiter war. Das Befinden des im Krankenhaus Moabit befindlichen Schutz- m a n n S Köppen, der von Exzedenten verletzt wurde, ist nach An- gäbe aUS derselben Öuclle zufriedenstellend. Vreiunäfünfzig Verkaftungen. Die Polizei läßt mitteilen, daß durch einige Festnahmen am Dienstag die Zahl der Verhafteten auf 53 gestiegen ist. Ein großer Teil von ihnen soll geständig, die anderen der Teilnahme am Landsriedcnsbruch und' Aufruhr„über- führt" sein. BtigUfcbe Stimmen über die Unruhen in JMoabit London, 2. Oktober. Die Londoner SonntagSblätter berichten heute des längeren über die Unruhen in Moabit. Von besonderem Interesse ist der Bericht deS Berliner 5korrespondenten des konservativen„Observer". Er schreibt:„AuS persönlicher Beobachtung in der Gegend der Tumulte kann ich bezeugen, daß die Polizei in vielen, wenn nicht in den m eä st en Fällen die wirkliche und ein- zige Anstifterin der Unruhen gewesen ist. Sie hat mit gänzlich überflüssigem Eifer und Brutalität ihre mörderischen Säbel gegen harmlose Männer, Frauen und Kinder gebraucht. Moabit bot in der Tat den Anblick eines großen Jagdreviers, wo das Wild menschliche Wesen waren und die uniformierten Jäger, mit Säbeln, Browningpistolen und Karabinern belvaffnet. auf jeden unb alles, was ihnen in die Schußlinie kam, loSpfcfferten. Wo immer sich zwanzig bis dreißig Personen anzusammeln wagten, wurde un- barmherzig eine Säbelattacke der Polizei befohlen und die Straßen wurden lebendig von den Bürgern, die sich vor den wütenden Schützern de» Gesetzes und der Ordnung flüchteten. Der Angriff auf die vier englischen Jo urnali st en am Mittwoch war äußerst charakteristisch für die Methoden der preußischen Polizei. Solch ein m u t- williger und unprovozierter Angriff auf wehrlose Menschen, die mit der gesetzlichen und friedlichen Ausübung ihres Berufe« beschäftigt sind, ist in irgendeinem anderen Lande, das beansprucht, zu den zivilisierte» Nationen zu zählen, undenkbar. Der Angriff war eine Gewalttätigkeit von der Art, wie sie friedliche Per- sonen erdulden müssen, so oft in Preußen die„Revolution" in der Luft liegt. Es kann nicht der geringste Zweifel darüber bestehen, daß die große Mehrheit der Männer und Frauen, die diese Woche, von Säbelhieben blutend, zum Hospital gc- schickt worden sind, sie ebenso unverdient und un- gerechtfertigterweise erhalten haben wie die englischen Journalisten am Mittloochabend. So lange dieses System des Angriffs auf Bürger ohne Unterschied der Person geduldet wird— und eS wird schon seit Jahren von den preußischen Autoritäten geduldet— kann ich nur denjenigen, die Berlin besuchen wollen, raten, entlvcder fern zu bleiben oder für den Fall der Selbstverteidigung bis an die Zähne bewaffnet zu kommen, oder sich darauf vorzubereiten, von dem ersten Polizisten, dem sie begegnen, getötet zu werden. Die Geschichte der Moabiter „Revolution" vom Jahre ILIO ist im wesentlichen eine Geschichte der Brutalität der Polizei. Ihr Echo wird noch lange widerhallen. Wenn hei den kommenden Reichstagswahlen die Stimmen gezählt werden— das wage ich vorauszusagen—, so wird man finden, daß Herrn v. Jagoivs Säbelmänncr der Sozialdemokratie Tausende und Taufende von Stünmen gegeben haben, die sie für den Verlust der Wähler entschädigen wird, die sie durch die„Spaltung" auf dem Magdeburger Kongreß in der letzten Woche entfremdet haben mag." Man muß bei der Beurteilung dieser Ausführungen eines kon- servativen Blattes nicht außer acht laffen, daß die Leser des „Observer" nicht etwa dem Arbeiterstande, sondern vornehmlich der Aristokratie und dem reichen Bürgertum angehören. Die englischen Journalisten und der Reichskanzler. Vom Verein der ausländischen Presse geht uns folgende Mit- teilung zu: In der Angelegenheit der während der Streikunruhen in Moabit verletzten amerikanischen und englischen Berichterstatter hatte sich der Vorstand des Vereins der ausländischen Presse zu Berlin am 1. Oktober mit einer Eingabe an den Reichskanzler gewandt. Dem Vorstand ist im Auftrag des Reichskanzlers vom Unterstaatssekretär Wahnschaffe eine Erklärung zugegangen, in welcher mitgeteilt wird, daß auch der Reichskanzler die Erlebnisse der betroffenen Herren bedauert. Der Vorfall werde durch den Minister des Innern geprüft, der dem Vorstand von dem Ergebnis Mitteilung machen werde. Besondere Mahregeln zum Schutze der Pressevertreter unter- lägen zurzeit der Erörterung, und der Polizeipräsident, dem bereits Anregungen aus journalistischen Kreisen in dieser Richtung zu- gegangen seien, werde etwaigen Vorschlägen des Vereins der auö- ländischen Presse gern entgegen nehmen. •- Es fcheinf also, daß dem Reichskanzler die kategorische Be- hauptung des Herrn v. Jagow, die Journalisten hätten gegen den § 125 des Strafgesetzbuchs verstoßen, nicht gerade einleuchtet. Herr v. Jagow hatte erklärt: er halte ein Vorgehen gegen die schuldigen Polizisten nicht für angebracht. Der Reichskanzler da- gegen spricht von einer Prüfung der Sache; er desavouiert also den übcrschneidigen Polizeipräsidenten in aller Form. Wird nun Herr v. Jagow die Konsequenzen ziehen?, �loch ein Zeugnis wider die Polizei. Unter der verlegenen Ucberschrift„Mißgriffe bei den Moabiter Tumulten" brachte das„Berliner Tageblatt", das vorher die Polizeitaten nach Kräften zu beschönigen versuchte, am Sonnabend das folgende Schreiben, das ihm von dem Assistenten eines großen wissenschaftlichen Instituts zuging: „Ich kam wenige Minuten nach 10 Uhr die Turmstraße herauf von der HeilandSlirche her und bog hinter einem Schutzmanns- kordon in die Stromstraße nach Alt-Moabit zu. In der Turmstraße waren Menschenansammlungen, aber keineswegs so, daß irgendwie der Verkehr gestört ivorden wäre. Das Publikum bestand wohl ausschließlich aus harmlosen Neugierigen, Ivar durchweg mittleres Bürgertum, und nur ganz vereinzelt konnte man fauch fragwürdigere Gestalten sehen. Das Vor- halten war tadellos, cS fiel nicht ein lautes Wort. Sotveit aus gelegentlichen Gesprächen herauszuhören war. war die Stimmung eher gegen die Ruhestörer. Plötzlich attackierte ein großes Polizeiaufgebot aus der Bredow- oder einer anderen Seitenstraße heraus die völlig ruhige Menge im Lauf- schritt und mit blanker Waffe, ohne zum AuS- einandergehen aufzufordern. Ich sah selbst, wie nicht weit von mir ohne jede Veranlassung eingehauen wurde und hörte die Schläge klatschen. Die Menge floh; B e» rittene tobten du rch dre Straßen. Ich selbst ging meinen Weg rubig und ohne zu laufen und blieb persönlich unbehelligt. AIS ich gerade in die Stromstraße einbog, stand dort eine größere Anzahl Schutzleute, davon hatten zwei blank gezogen. Ich L>ng ruhig hinter diesem Trupp durch und drehte mich zufällig um. nachdem ich«ur wenige Meter davon entfernt war. Etwa 100 bis 150 Meter davon entfernt war die Schutz Mannschaft gerade in der eingangs erwähnten sinnlosen und provokatorischen Räumung der Straßen begriffen. Vorsichtige und Unbeteiligte, die sahen, daß weiter unten.ein- geschritten wurde, suchten jetzt schon sich zu entfernen. So kamen etwa ein Dutzend Herren angelaufen, durchweg gut ge- kleidet und von tadellosem Benehmen, und wollten ebenfalls hinter dem Schutzmannskordon, der den Fahr- dämm einsäumte, durch. Da versperrten ihnen die beiden Schutzleute, die blank gezogen hatten, den Durchgang so. daß jeder an ihnen vorbei mutzte. Und jeder der Herren bekinn seine Schläge mit der scharfen Klinge, wie ich genau beobachtete; wahrscheinlich nur, weil die Herren Mäntel trugen, kam es nicht zu Verletzungen. Der vorderste der geschlagenen Herren, der, wie alle anderen, den Schlag von hinten erhielt, drehte sich ganz erstaunt um, da er offenbar gar keine Ahnung hatte, woher und warum er geschlagen wurde. Da stürzte ihm der Schutzmann uack) mit den Worten:„WaS, Du Aas d r e h st Dir noch um!" und führte einen so heftigen Hieb nach dem Herrn, daß er selbst von der Wucht fast umgerissen wurde. Glücklicherweise traf er gerade um Haaresbreite daneben. Keiner der Herren kam ungeschlagen davon. Ich selbst stand keine zehn Schritt davon entfernt und fixierte den Tatbestand unmittelbar danach; ein Irrtum meinerseits ist ausgeschlossen. Es ist dringend nötig, daß der Polizei eingeschärft wird, sich zu mäßigen, sobald kein Widerstand geleistet wird. Heldentaten an Fliehenden und Wehrlosen sind eine gefährliche Sache: eS könnte leicht passieren, daß bei einem Vorgehen, wie ich eS eben geschildert habe. Kreise in die Bewegung hincingezozen werden, die vorher gar nicht daran dachten, sich zu beteiligen. Es war so augensällig, daß. wie im vorliegenden Falle, ganz unbeteiligtes, besseres Publikum-durch das Vorgehen der Polizei erbittert wurde, daß man derartige Zeichen nicht übersehen sollte." Die JMoahiter„Ordnunga-Rltederherftellung14 wurde von der„Demokratischen Vereinigung" am Montag in einer P r o t e st v e r s a m in l u n g erörtert. Die Bc- teiligung war sehr zahlreich, in dem Lokal„Arminhallcn" war der Saal samt Galerien uberfüllt. Auf der Straße sah man ein großes Schutzmaimsaiifgebot, und starke Reserven steckten in einem benachbarten Lokal. Auch die Versammlung selber wurde von Polizei„überwacht", von einem Leutnant, der mit einem Wacht- mcister erschien und sich breit am Vorstandstische niederließ. AIS der Versammlungsleiter Dr. Glaser die Vertreter der Polizei an ihren Nebentisch wieS, wollte der Herr Leutnant remonstrieren. Ans der Versammlung antworteten stürmische Zurufe:„Moabit! In Moabit ist Platz für Siel" Das Referat wurde von Dr. B r e i t s ch e i d gegeben. Er be- gann mit einem Hinweis auf die in der Bevölkerung herrschende Erregung über die Vorgänge, die die Polizei in Moabit zustande gebracht hat, und über die Irreführung durch die Zeitungsnachrichten. die von der Polizei selber herrührten. Nach einem Rückblick aus die Entstehungsgeschichte, aus den L o h n k a m p f bei der Kohlen- Handlung Kupfer u. Co.. auf die Unzugänglichkeit der von dem Schlot- Herrn Stinnes beherrschten Firma gegenüber allen VermiUelungS- versuchen, schilderte der Redner die Parteinahme derPoliz.ei für die Firma und ihre bewaffneten Arbeits- willigen. Angeblich im StaatSintereffe, d. h. im Interesse de» Kapitals(lebhafte Zustimmung), suche man Arbeitswillige vor Streikenden zu„schützen", damit sie nicht über den Lohnlampi auf- geklärt werden können. Gegenüber der Behauptung, z. B. der .Kreuzzeitung", daß die Arbeitswilligen„leider keinen gesetzlichen Schlitz genießen"(Heiterkeit), zählt Breitscheid eine lange Reihe drakonilcher Gerichtsurteile auf(«türmische Zurufe der Entrüstung), die man nur als Klassenjustiz auffassen könne. Ein Arbeitswilliger gelte als höchsten Schutzes wert, und ihn zu kränken, seimige fähr so schlimm, wie Majestä'.öbeleidigung oder Gotteslästerung. In dem Lohn- kämpf bei Kupser u. Co. habe die Parteinahme der Polizei Mißstimmung geweckt, so daß eS zu allerlei nicht zu billigenden Zurufen aus dem Publikum gekommen sei. Allmählich habe Janhagel sich hinein- gemischt, dazu sei dann die Schar der Neugierigen gelommeu. Und nmr habe die nervös werdende Polizei mit ihren Säheln geradezu die Bevölkerung provoziert, deren Sympathie für die Polizei ohnedies von jeher nicht groß gewesen und durch die noch erinnerlichen Säbelattacken gegen Wyhlrechts- spaziergänger gewiß nicht größer geworden sei. Die Polizei habe sich unfähig gezeigt, die Menschenmassen ruhig zu zerstreuen, der „schneidige" Herr v. Jagow habe die Räumung der Straßen so be- trieben, wie man ein FestiingSglacis vom Feinde säubert. Redner geißelt dann— unterbrochen bald von Ausbrüchen der Heiterkeit, bald von sich immer wiederbolenden Zurufen der Entrüstung— die Irre- führung durch die Presse, die von der Polizei bedient worden war. Er nennt neben dem„Lokal-Anzeiger" be« sonders das„B c r li ner T a g e bl a t t". das gleichfalls die blöd- sinnigsten Phantasicstücke verbreitet habe. Sie seien inzwischen widerlegt worden. Dagegen häufe sich Beweis auf Beweis, daß die Polizei, vie uniformierte und die nichtuniformierte, in wildem Dreinfchlagcn auf harmlose Passanten schlimmste Ensschreituiigcn bc- gangen habe, die das„Berliner Tageblatt" zartfühlend als bloße Mißgriffe bezeichne. Mancher uniformierte Polizist habe selber die Säbel seiner uniformierten Kol- legen zu fühlen gekriegt— stürmische Acußerungen der Genugtuung unterbrachen hier den Redner— und andererseits fei sogar ein Briefträger in Uniform verwundet ivorden, der aber nichts darüber laut»verden lassen dürfe, um nicht obenein noch bestraft zu werden. Das„Berl. Tagebl." habe Mitteilungen genug erhalten, sie aber fast sämtlich nicht veröffentlicht. Der Letter eines großen Blattes in Berlin— war wieder das„B. T." ge- meint?— habe erklärt, sein Pult sei voll von Zuschriften, veröffentlichen werde er sie aber— erst später. Die liberale Presse habe sich geradezu als polizeioffiziös gezeigt. Wie die Polizei ür- bettele, das lehre ja die Attacke auf die englischen Journalisten. Es sei fast ein Glück, daß es s i e traf, denn ein Engländer lasse sich Ivcniger gefallen als ein Deutscher. Vielleicht schlimmer noch als diese Attacke sei die Antwort JagowS und die Haltung deutscher Zeitungen, deren eine schrieb, daß die Polizei die englischen Jour- nalisten—„weggelviesen" habe. Fort mit diesem Polizeipräsidenten. fort mit dem Minister des Jnneni, der mitschuldig ist. fort mit dem ganzen System I(Stürmischer Beifall.) Lachen müsse man über den Unsinn, daß eS ein„Aufruhr" gewesen sei, den „die Soziaide in olratie organisiert" habe. Die Sozialdemokratie sei die letzte, einen Ausstand zu organisieren, ihr sei mit einem solchen ganz und gar nicht gedient. Aber kein Unsinn sei hirnverbrannt genug, wenn er dazu dienen solle, der Reaktion in ihrer verzweifelten Lage daS Zünglein der Wage noch einmal zu ihrem Gunsten zu lenken. Aach allem Rezept suche sie„Verschwörungen" zu eittdecken, Moabit solle von ihr für die nächsten Reichstagswahlen ausgenutzt werden. Bei diesen aber müsse das deutsche Volk zeigen. daß es gewillt sei. die Pläne der Reaktion zu durchkreuzen.(Lang- anhaltender Beifall.) Die Diskussion, die vis nach Mitternacht dauerte, brachte noch manches zur Vervollständigung der Moabiter SchrcckenSbilder. Da gab ein Redner an, daß auch eine schwangere Frau von einem Krimina lschutzmann einen Fuß- tritt bekommen habe; ein anderer, daß eine aste gebrechliche Frau angebrüllt worden sei:„Mistsau. mach' daß Du reinkommst!", ein dritter, von Schutzleuten seien ihre Fahrräder den Fliehenden entgegengeworfen worden, so daß diese stürzten. Ein Redner rief, man solle mal die ruhigen Bürger Moabits srage», ob sie zufrieden seien mit dem„Schutz", die ihnen zuteil geworden sei, mit den Attacken auf Wehrlose, mit den Salven von Revolverschüssen, die gegen Wohnhäuser abgefeuert wurden. Nur ein Freund der Polizei hatte sich zum Wort gemeldet, ein Nationalliberaler. Er meinte, die Polizei müßte. toeiitt attackiert werde, auf jeden losschtageu und könne nicht Leailimationen prüfen. Die Versammlung antwortete ihm mit ent- rüsteten Zurufen. Eine erheiternde Episode war die Schilderung eine? Arbeiters, der den Schutzleuten der Absperrungslinie in seiner Ratlosigkeit sich als einen„Arbeitswilligen für Kupfer u. Co." vorgestellt hatte und überall mit einem höflichen«Bitte, gehen Sie nur da entlang!" durchgelassen worden war. Nach einem Schlußwort Dr. Breitschcids beschloß die Versamm- luiig nahezu einstimmig folgende Resolution: „Die von der Demokraiischen Vereinigung am 3. Oktober ein- berufene öffentliche Volksversammlung verurteilt aufS schärfste die Art und Weise, wie die Polizei die Ordnung in Moabit wieder herzustellen gesucht hat. Bei aller Anerkennung der Notwendigkeit, zweifelhafte Elemente im Zaun, zu halten, ist die Versammlung überzeugt, daß die Polizei durch ihre ostentative Vcschiitzuug der Arbeitswilligen lebhafteste Mißstimmung erregt hat. Diese Miß- stimmung ist dann durch ihr unerhörtes Vorgehen gegen Wehr- lose und durch die an russische Vorbilder erinnernde Methode der Säuberung der Straße bis zur Entrüstung gesteigert worden. Die Versammlung spricht den deutschen und ausländischen Journa- listen, die bei Ausübung ihrcS Berufes von Organen der Polizei mißhandelt worden sind, ihre Sympathie aus und protestiert aiifS entschiedenste gegen die Auffassung des Polizeipräsidenten, wo- nach ein Journalist, der im Dienste seiner Pflicht sich von dem Charakter eines Zusammenstoßes zwischen Polizei und Publikum Kenntnis zu verschaffen sucht, sich der Teilnahme an einem Verbrechen schuldig macht. Sie bedauert, daß die deutsche liberale Presse nicht weit energischer als es ge- fchehen ist, da-Z Interesse ihrer Kollegen wahrgenommen hat. Die Versammlung, die in den Versuchen, die Moabilcr Vorgänge im Interesse der politischen Reaktion gegen eine bestimmte Partei auszubentcu, nur die Angst der Regierung und der ihr nahestehenden Parteien vor der Abrechnung deS kommenden t�bres erblickt, gibt sich der Hoffnung hin, daß auch die jüngsten reignisse dazu beitragen werden, den Widerstand gegen die Re- aktion und eine ihr auf Gnade und Ungnade ausgelieferte Re- gierung zu verschärfen."_ poUtifcbe debcrHcbt. Berlin, den 4. Oktober 1910. Der Termin der Reichstagswahlen. Die konservative Presse bestreitet, daß bereits in Jahres- frist die Reichstagswahlen vorgenommen werden. Man weist darailf hin, daß die gegenwärtige Zusammensetzung des Reichstages es keineswegs geboten erscheinen läßt, die Reichs- tagswahlen wesentlich früher, als es eigentlich erforderlich ist, vornehmen zu lassen. Demgegenüber sei betont, daß in derTat der Ge- danke erwogen wird, den Reichstag so zeitig auf- z u l ö s e n, daß die Wahl noch vor dem Beginn der großen Ferien stattfinden kann. Auch ein Angstsymptom! Von gewisser Seite wird angeregt, im Reichstag möge auf den Erlaß eines Gesetzes hingewirkt werden, durch welches das Waffentragen verboten werden soll, lvenn eine besondere behördliche Erlaubnis nicht erteilt ist. Eine solche Vorschrift besteht bereits für das Königreich Bayern, wo schon viele Leute wegen unbefugten Waffentragens bestraft worden sind. Diese Praxis will man nun anscheinend auf das ganze Reich übertragen und um den Waffenverkauf zu regeln, plant man außerdem, die Waffen- händlerkonzessio n.L p f l i ch t i g zu machen. Königliche Domänen und Fleifchversorgung. Der preußische Ackerbauminister hat bekanntlich die Landwirte sehr eindringlich ermahnt, möglichst bedacht zu sein ans die Fleisch- Produktion. ES scheinr, daß der Herr Minister allen Grund hat in seinem llteffort den Anfang damit zu machen, indem er nämlich da- für sorgt, daß in den Domänen die Viehzucht nicht vernachlässigt wird. Auch wenn diese Domänen in Pacht gegeben werden, kann zweifellos die Verwaltung Einfluß auf die Art der Bewirtschaftung üben. Daß aber die Viehzucht hier nicht floriert, dafür führt die „Deutsche Flcischerzeitung" folgendes Beispiel an: In Clöden an der Elbe existiert eine löniglich preußische Domäne mit 2600 Morgen gutem Boden und Elbwiesen, die seit ungefähr vier Jahren für�den lächerlich geringen Preis von 0 M. pro Jahr und Morgen verpachtet ist. In diesem Zeitraum, also seit vier Jahren, ist in dieser königlichen Domäne nicht ein einziges Kalb aufgezogen und nicht ein einziges Stück Vieh zur Mast angekauft worden. Ein Kommentar hierzu ist wohl überflüssig? Ein bayerischer(»eheimerlatz gegen die „Arbciter-Jugend". Der„Nürnberger Anzeiger" veröffentlicht folgenden Geheimerlaß der Kreisregierung von Mittelfrankeu: Ansbach, den SS. August 1910. Kgl. Regierung von Mittelfrankeu, Kammer des Innern. An sämtl. Distriktsverwaltungsbehörden und Distrikts- schuliuspektionen des Regierungsbezirks. Verbreitung schädlicher Lektüre unter der schulpflichtigen Jugend. Bei der Beratung des K u l t u S e t a t S in der Kammer der Abgeordneten ist im Zusammenhang mit der allgemein gebilligten Forderung, Parteipoliiik jeder Art von der Jugend- erziehuug in Volks« und Fortbildiiiiasschulen feruzuhalte», nach- drückiichst aus die Gefahren hingeiviejen worden, die der heran- wachsenden Jugend durch die Verbreitung der im Verlage der Buchhandlung„Vorwärts" in Berlin erscheinenden Halbmonats- schrift„Arbeiter-Jugend" drohen. Dabei ist mehrfach betont worden, daß jene Schrift den ErziehnngSgnmdsätzen der Volksschule auf religiösen,, sittlichem und sozialein Gebiete systematisch entgegenarbeite. Auch konnte ohne jeden Widerspruchs!) festgestellt werden, daß in der„Arbeiter- Jugend" ein Ton rücksichtslosester Verhetzung und Verspottung angeschlagen werde, der in jugendlichen Köpfen schweres Unheil anrichte. Da schon mehrfach versucht worden ist, die„Arbelter-Jiigeno" selbst öffentlich unter der schulpflichtigen Jugend zu verbreiten. werden die örtlichen Schulaussichtsbehörde» und das Lehrpersonal der Volks-» n d Fortbildungsschulen angewiesen, der drohenden Schädigung der Schuljugend eifrig entgegenzuwirken und namentlich stete Ausmerksamkeil auf etwaige Versuche zur Verbreitung der„Arbeiter-Jugend" zu richten. Wo solche Versuche wahrgenommen werden oder zu gewärtigen find, haben die SchulaufsichlSbehördeii der schulpflichtigen Jugend unter entsprechender Verwarnung s ch u l a u s s i ch t t i ch zu ver- bieten, sich in den Besitz jener Zeitschrift zu setzen oder sie an andere Schulpflichtige weiterzugeben. Der schulpflichtigen Jugend ist auch der Verkehr und die Mitglied schast in Vereinen zu untersagen, in denen die»Arbeiter-Jugend" zugänglich gemacht wird. Die Polizeibehörden werden angewiesen, öffentlicher Ver- breitung von Aufforderungen zum Bezüge der„Arbeiter-Jugend", vor allem der Verteilung solcher Aufforderungen vor den Schul- Häuser» und per den Turn- und Spielplätzen der Schuljugend gemäß Art. 12 deS AusfuhnmgZgesches zur Reichs-Strafprozeß- ordming ciitgegenznireten. Hiernach ist des weiteren zu verfügen; jedoch ist von Be- kanntmachungen in den öffentlichen Blättern abzusehen. Dr. v. Blaul.' Es handelt sich um einen vom Zentrimi diktierten Vorstoß gegen die freie Jugendbewegung in ganz Bayern, denn lürzlich wurde von ähnlichen Anweisungen aus München berichtet. Die„Arbeiter-Jugend". unser trefflich geleitetes Jugendorgan. brauchen wir gegen die unwahren Anwürfe des Erlasses nicht zu verteidigen. Es ist nur bedauerlich, daß die Regierung sich infolge der Haltung unserer bayerischen Landtagsfraktion in der betreffenden Debatte darauf berufen kann, daß diese angeblichen Feststellungen über den Charakter der„Arbeiter-Jugend" ohne Widerspruch erfolgt sei._ Moabit in Köln. Wie bürgerlichen Blättern mitgeteilt tvird, kam es am Montagabend in Köln zu einem schweren Zusammenstoß zwischen der Polizei und streikenden Erdarbeitern. Auch hier wurde die Polizei dazu benutzt, den Arbeitswilligen als Wache zu dienen. Die Polizei soll nun, als sie am Abend die so sorgfältig bewachten„nützlichen" Geschöpfe heim- begleitete, von Streikenden angegriffen und mit großen Pflastersteinen beworfen worden sein. Die Polizei griff zur Waffe mit dem Erfolg, daß etwa 30 Personen verletzt worden sind. Auch ein Schutzmann soll erhebliche Verletzungen davongetragen haben. Wie sich die Sache in Wirklichkeit abgespielt hat, zeigt die folgende Meldung: Am Neubau eines Postgebäudes in Köln-Deutz kam es am Montagabend zu Zusammenstößen zwischen Publikum und Polizei. Die Polizei wollte angeblich die Arbeitswilligen schützen und dabei kam es zu den Zusammenstößen. Die Polizei hieb blindwütig auf die Passanten ein. Es kehrten gerade Arbeiter aus den benachbarten Fabriken heim. Ein Bureaubeamter und mehrere Arbeiter wurden schwer mit Säbeln miß- handelt, obwohl sie von den ganzen Vorgängen nicht das mindeste wußten. In einer amtlichen Erklärung gibt die Polizei selbst zu. daß Unbeteiligte verletzt worden sind. Der Bauhilfsarbeiterverband erklärt, daß die Ausständigen mit der Sache nichts zu tun haben._ In der Frage, was eine politische Versammlung ist, fällte das Oberlandesgericht Breslau eine beachtenswerte, wenn auch nur negative Entscheidung. Der Bezirksleiter des Fabrik- arbeiterverbandeS in Bcuthen(Oberschles.) hatte für die Arbeiter der„Laurahütte" eine Werk st attbe sprechung einberufen, in der er über den Wert der gewerkschaftlichen Organisation mit besonderer Berücksichtigung des FabrikarbeiterverbandeS referierte. Die Polizei überwachte die Werlstattbesprechung trotz deS Protestes des Einberufers, weil sie der Meinung war, der Fabrikarbeiter- verband sei eine politische Organisation. Ein Straf- mandat gegen den Einberufer war die Folge, und auf die bean- tragte richterliche Entscheidung bestätigte das Schöffengericht den Strafbcfchl. weil es auch der Meinung war, der Fabrik- arbeitervcrband sei eine«politische" Organisa- tion. Die Beweise hierfür glaubte das Schöffengericht in dem Statut des Verbandes zu finden, weil es in demselben heißt, daß die Maifeier mit Vierfünftel-Majorität beschlossen werden könne, daß die weiblichen Mitglieder ans Wunsch die„Gleichheit" haben können, deren Herausgeberin eine Führerin der Sozialdemokratie sei, und endlich, weil das Verbandsorgan im Verlage eines sozial- demokratischen Reichstagsabgeordneten erscheine. Gegen dieses Urteil legte der Verurteilte beim Oberlandes- gericht Breslau Revision ein mit dem Erfolge, daß die Sache zur anderweitcn Entscheidung an die Vorinstanz zurückverwiesen wurde. Begründend wurde ausgeführt: „Es genügt nicht, daß der Gegenstand der Erörterung unter gewissen Umständen und Bedingungen in die Interessen und Auf- gaben des Staates hinübergreifen könnte, die Erörterung politischer Gegen st ände muß vielmehr der Zweck der Anberaumung der Versammlung ae° Wesen sein. Auch wenn im Berufungsurteil gesagt wird, daß der Angeklagte dadurch neue Mitglieder hätte werben können, daß er den Erschienenen die Ziele und Zwecke des Verbandes schilderte, so ist hierin die Feststellung, daß er auch tatsächlich die politische Stellung des Verbandes zu erörtern beabsichtigt habe, noch nicht zu finden." Warum bei dieser Auffassung das Oberlandesgericht die Sache erst nochmals an die Vorinstanz zurückverweist, nicht ejstsach das Urteil aushebt, ist nicht recht verständlich. Zwei Bezirkstagsnachwahlen haben am Sonntag in Lothringen stattgefunden. Bei der einen im Kanton Saaralben griff unsere Partei, da eS ihr bort noch an jedem organisatorislben Stützpunkt fehlt, nicht ein: gewählt wurde der Kandidat des„Lothringer Blocks", Bürgermeister B o u r, der sich auch die Zentrumsstimmen durch das Versprechen sicherte, bei den LandesauSschußwahlen im Bezirkstage nur für Kandidaten einzutreten, die für die konfessionelle S ck> u l e sind. Auf 1040 abgegebene gültige Stimmen fielen diesem ZentruinShandlanger 1026 zu.— Im Kanton Metz-Land muß am nächsten Sonntag ein zweiler Mahlgang stattfinden, bei welchem das relative Mehr entscheidet. ES erhielten hier: der Kandidat des zentrumsfreiindlichen Flügels deS Lothringer Blocks Bertrand 204S, der wildliberale Hültendirektor Miethe 1841 und der Sozialdemokrat Reinhard 62S. Die sozialdemokratischen Stimmen sind hier gegen 1909, wo der Parteikandidat 780 Stimmen erhielt, zurückgegangen, die gegnerischen Stimmen sind, infolge lebhafterer Agitation unter Anwendung des äußersten wirtschaftlichen Druckes, gewachsen. Die Partei wird sich, wie das Straßburger Parteiblatt mitteilt, an der Nachwahl vom nächsten Sonntag nicht beteiligen._ Rückwärts in Bayern. Die Negienina von Mittelsranken hat eine Verfügung ergehen lassen, die sich auf den Religionsunterricht für Frei- religiöse bezieht. Bisher wurde an der S i m u l t a n v o l k s- schule zu Nürnberg»ach Anordnung der Stadtgemeinde auch für die Freireligiösen ei» gesonderter Religionsunterricht(wie für jede Konfession) erteilt. Die Regierung hat nun bestimmt, daß der freireligiöse Religionsunterricht nicht mehr als öffentlicher Unterricht anzuerkennen sei; der betreffende Unter- richt sei nur als Privatunterricht anzusehen. Die gepfändete Eisenbahndirektko«. Die Eisenbahndirektion Essen schulbete einem Bochumer Rechtsanwalt eine Gebührenzahlung. Da trotz wieder- holten und eindringlichen Mahnungen die Schuldnerin nicht zur §ahlung zu bewegen war, so sah sich der Rechtsanwalt am letzten „de gezwungen, das äußerste zu versuchen und der Direktion einen Gerichtsvollzieher auf die Bude zuschicke», der mm, weil immer noch keine Zahlung erfolgte, zur Pfändung schreiten muß'.e. Dann erst bequemte sich die Direktion zur Zahlung. Eine Zeitlang nachher hatte derselbe Rechtsanwalt wieder eine Forderung an die Eisenbahndirektion Essen. Wiederdenselben kostspieligen Weg, ehe er zu seinem Gelbe kommen konnte. Der Gerichtsvollzieher mußte aufs neue in Tätigkeit treten. Wenn ein Privatmann sich solche Dinge leistet, dann ist das seine Sache und hat er es mit seinem Geldbeutel selbst abzumachen, anders ist die Sache allerdings bei einer staatlichen Behörde. Wenn hier aus Regimentsunkosten unnütze Kosten verursaciil werden, so müssen die in Frage kommenden Beamten zur Rechenschaft gezogen werden. Erledigte Landtagsmandate. Der polnische LandtagSabgeordnete für den Wahlkreis S ch r i m m- S ch r o d a- W r e s ch e n, Dr. Heinrich S z u m a n n, hat mit Rücksicht auf sein hohes Alter sein Mandat niedergelegt. Bei der Wahl 1903 erhielt der Pole Szmnami 383, der konservative Kandidat 110 Wahliiiänncrstiininen. Der Wahlkreis ist also sicherer Besitz der Polen. Der Landtagsabgeordnete AmtSgerichisrat Wagner, fort- schritilicher Abgeordneter für den Wahlkreis Hirschberg« S chönau, ist ani Dienstag in Hirschberg im Alter von 44 Jahren gestorben.— Der Wahlkreis Hirschberg-Schonau ist ein zweimänniger Kreis. 1908 wurden die Forlschritller Büchtemami und Wagner mit 192 Wahlmämierstimmen gegen 180 gewählt, die auf einen national- liberalen und einen freikonservativen Kandidaten fielen. 3l,tch ein Soldatenerzieher. Ein widerliches Kasernenbild, das zugleich zeigte. Me eS mik dem Beschwerderecht der Soldaten bestellt ist, entrollte eine Ver- Handlung vor dem Dresdener Kriegsgericht. Am 8. September war der Unteroffizier Börner voni Train-Bataillon Nr. 12 damit beschäftigt. Heu an die Mannschaften auszuteilen. Der Sol» bat Schubert wollte sich ebenfalls Heu holen, wurde aber vom Unter- offizier zurückgewiesen, weil angeblich für ihn schon welches aus- gegeben war. Weil der Soldat sich nicht sofort entfernte, erhielt er vom Untcroffizicr drei heftige Schläge ins Genick, wovon der Soldat längere Zeit Kopfschmerzen hatte. Dann wurde der Soldat an der Kehle gepackt und nach rückwärts„geschoben", daß er gegen den Pferdestand taumelte. Damit noch nicht genug. Der„Stell- Vertreter" tat vielmehr noch die Aeußerung:„Du rot angehauchter Hund denkst wohl, Du kannst hier die rote Fahne schwingen." Als der Unteroffizier erfuhr, daß der Gemitzhandelte die Sache zur Meldung bringen wollte, bestellte er ihn zu sich und versuchte bei zwei verschiedenen Gelegenheiten, auf den Soldaten einzuwirken- „Mach das nicht" und„iiimmS zurück", diese und ähnliche Aeuße- rungcn hat der Unteroffizier dem Gemißhandelten gegenüber ge-, tan. Als schließlich der Soldat erklärte, daß er die Sache unter' allen Umständen zur Meldung bringen werde, sagte der Unteroffi- zier:„Warten Sie nur, ich werde Sie schon kriege n." Der Soldat meldete dann die Mißhandlung und Beleidigung dem Oberleutnant; dieser aber erklärte, er solle sich die Sache noch einmal überlegen. Schubert hat sich aber trotzdem nicht von einer Meldung abhalten lassen. 'Wegen Mißhandlung. Beleidigung und Abhaltung eines Unter- gcbcnen von einer Beschwerde angeklagt, erklärte der Unteroffizier vor Gericht, daß er die beleidigende Aeußerung nicht getan habe. Er habe hin und wieder die Leute„rote Hunde" genannt« sich aber bei diesen Worten nichts gedacht und nur Scherz gemacht. Die Mißhandlung bestritt er ebenfalls. Der Gemißhandelte habe, meinte er, den ganzen Vorgang ja auch nur als Spaß aufgefaßt, sei dann aber später aufgehetzt worden, die Sache zu melden. Schubert dagegen bekundete mit Bestimmtheit, daß er geschlagen und beleidigt worden sei. Lkutzerdem erklärte er, daß die Soldaten sehr oft vom Unteroffizier„roter Hund" und Idiot ge- nannt worden sind. Seit der Meldung ist Schubert seiner Angabe nach vom Unteroffizier sehr streng behandelt worden. Das Gericht erkannte auf die unglaublich gelinde Strafe von 10 Tagen mittleren Arrest. Es nahm nur„vorschrifts- widrige Behandlung" an und berücksichtigte, daß sich der Angeklagte in einer gewissen Erregung befunden habe, Oeslerreick. Vauernrevolte in Bosnien. Scrajcwo, 4. Oktober. Unter den Knieten jBauern) des Kreises Banja Luca herrscht eine erregte Stimmung. Die Bauern ver« weigern den Grundeigentümern die denselben gebührenden Ab- gaben zu leisten und verweigern auch jedwede Arbeit. In Doboje soll eS bereits zu einem Zusammenstoß zwischen Bauern und Gen» darmerie gekommen sein. Zur Unterdrückung der Bewegung treffen die Behörden umfassende militärische Maßnahmen. Die österreichische Regierung hat die Bauernregulierung in Bosnien, wo bic Bauern unter der furchtbarsten Ausbeutung der Grmidherren seufzen, einem Konsortium von Kapitalisten überwiesen, das die Sache verschleppt und zum Teil mit den Grundherrcn gemein- same Sache macht. In ihrer Verzweiflung greifen die Bauern zur Notwehr und die Regierung als„Kulturträger"— schickt Militär! frankreick. Antimilitaristische Kundgebungen. Paris, 4. Oktober. Wie aus Brest gemeldet wird, haben auf dem dortigen Bahnhof bei der Abreise der Rekruten anti- militaristische Kundgebungen statigefunden, wobei mehrere hundert Revolutionäre vor dem Abgang deS ZugeS die Internationale sangen und riefen: Nieder mit der Armee, die Fahne aus den Mist- Haufen I Die Polizei, die einschreiten wollte, wurde verhöhnt. Ein Matrose der Kriegsflotte, der angeblich an der Kundgebung teil- genonmien hatte, wurde verhaftet. Italien. Polizciattacken. Rom, 4. Oktober.(Privattelcgramm des„Vorwärts".) Dem „Avant i" zufolge griff die Polizei in Torre Annunziata bei Neapel eine ruhig demonstrierende Volksmenge an, verwundete mit Säbeln und Revolvern 40 Personen, davon 4 schwer. In der Arbeitskammer wgrdx Haussuchung abgehalten und die Kasse kon- fisziert..—- Englanck. Das Schicksal SavarkarS. AuS Paris wird gemeldet; Aus den in der Angelegenheit des indischen Revolutionärs Savarkar gepflogenen Verhandlungen gebt hervor, daß sowohl hin- sichtlich des Tatbestandes wie der Schlußfolgerimgcn zwischen der englischen und der französischen Regierung MeinniigSverschiedenheiten bestehen; doch werde eine Berstäudigimg immerhin für möglich ge« halten, zum mindesten in dem Sinne, daß die Angelegenheit gegebenenfalls dem Haager Schiedsgericht unterbreitet wird. Rußland. Asew gerichtet? AuS Petersburg wird unter dem 4. Oktober berichtet, daß Asew, der berüchtigte Lockspitzel getutet worden sei. Die Meldung stammt aus dem„N o w o j e W r e in j a", einem Negicrungsorgmi und ist daher mit Vorsicht aufznnehmen. Für den Schuft sist eS vielleicht bequem, die Todesnachricht verbreite» zu lasse», um bei neuen Schandtaten weniger Gefahr zu laufen. Grieckenland. Die griechische Grenzbevölkerung bewaffnet sich. Nanina, 4. Oktober. Man bestätigt, daß sich die griechische Grenzbevölkming nunmehr zu bewaffnen beginnt. In Arta ist in «mein dortigen Hause eine große Anzahl Soldaten untergebracht worden. In mehreren Qkenzorlen arbeitet man Tag und Nacht an der Erbauung von Blockhäusern. Gewerfercbaftlichc� Heb tun g, JMctallarbeiter und-Hrbcitcrinnen I Wie am Sonntag schon mitgeteilt, findet am Donners- tag, den 6. Oktober, abends 8 Uhr, eine Bcr- fammlung der Vertrauensleute für die in der Metallindustrie zuständigen Organisationen in der„Neuen Welt" statt. Unsere Vertrauensleute werden ausdrücklich darauf auf- merksam gemacht, daß zu dieser Versammlung Einladungs- karten nicht versandt werden. Legitimationskarte und Mitgliedsbuch ist am Eingang des Saales vorzuzeigen. Unsere Kollegen werden crsuchr, den Vertrauensleuten von dieser Bekanntmachung Mitteilung zu machen. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Lerlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Die Firma Piechatzeck, Seestrahe, bei welcher die Fahrstublnwnteure und Helfer seit dem 8. September im Streik stehe», sucht, da ihre Hoffnung, die Streitenden würden zu Kreuze kriechen, zuschanden wird und auch die Arbeitswilligen nach Aufklärung durch die Streikenden zum Aerger der Firma ihre Papiere zurückverlangen und den Betrieb wieder verlassen, auf dem Wege durch chiffrierte Annoncen Ersatz für die Ausständigen. Durch die Annoncenexpedition von Rudolf Mosse sucht di« Firnia Monteure und Helfer. Melden sich nnnmchr Arbeitslose, so erhalten diese den Besuch eines sich unter dem Namen.Fischer" vorstellenden Herrn. welcher sie auch sogleich einstellt und zum anderen Tage auf irgend eine Baustelle hinbestellt. Hier erst erfahren die Eingestellten, dah sie als Streikbrecher für die Firma Piechatzeck tätig sein sollen. Selbstverständlich wird dieses von jedem anständigen Menschen mit Entrüstung zurückgewiesen. Wir machen nunmehr die arbeitslosen Kollegen darauf aufmerksam, besagtem Herrn Fischer, welcher ein Beauftragter der Firma P i e ch a tz e ck ist, klar zu machen, dah er sich seine Arbeitswilligen bei der LebiuSschen Garde suchen möge. Es scheint jedoch, als wenn man selbst mit dieser„Arbeitervermittelüngsstelle" so güte Erfahrungen genracht hat, datz man ihr möglichst weit aus dem Wege geht. Sollte in anderen Betrieben Streikarbeit von der Firma !Z i e ch a tz e ck angeboren werden, so ersuchen wir die Kollegen, so- ortige Miiteilung an unser Bureau gelangen zu lassen. Der Betrieb ist nach wie vor für Metallarbeiter streng gesperrt. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS. Zur Lohnbewegung der Holzbildhauer. Eine gut besuchte Versammlung der Holzbildhauer nahm am Montag im Gewerkschaftshause den Bericht ihrer Kommission über die Verhandlungen mit den Arbeitgebern entgegen. A tz m a n n lietz sich eingehend darüber aus. Nach den Ausführungen der Ver- treter der Holzindustriellcn und der Bildhauermeister ergab sich bei den Verhandlungen, datz sie die Forderung einer Lohnerhöhung an sich begreiflich finden- Zehn Prozent wollen sie aber nicht bewilligen. Nur 5 Proz., die den Holzarbeitern jetzt tariflich zu- kommen, will man auch den Holzbildhauern zugestehen, wenn sie sich dem Vertrag in der Holzindustri'e. der noch 2% Jahre läuft, anschlietzen. Gegen die Erhöhung sollen aber die von den Bild- Hauern seit dem Februar in einzelnen Betrieben generell durch- gesetzten Lohnerhöhungen aufgerechnet werden.(Lebhafte Be- wegung.) Die obligatorische Durchführung der Arbeitsvermitte- lung des Vildhauerverbandes wurde abgelehnt. In der Zwischen- meisterfrage wurden nur sehr bedingte Zugeständnisse gemacht. Eventuell soll eine Kommission geschaffen werden, die in Fällen schlimmster Ausartung des Schwitzsystems eingreifen soll. Fahr- geld wurde zugestanden. Bezüglich der Montagezulage wurden aber allerlei Vorbehalte gemacht. Die Versicherung des Werkzeugs gegen Feuer und Diebstahl wollen die Arbeitgeber übernehmen.— Die Kommission der Gehilfen war nicht in der Lage, den Unter- nehmern gegenüber sich irgendwie auf das Wenige festzulegen, was mit der Bedingung des Anschlusses an den allgemeinen Vertrag zugestanden wurde. Vielmehr erklärte die Kommission, die Eni- scheidung ganz ihrer Kollegenschaft überlassen zu müssen. Das Ergebnis soll den Industriellen und Bildhauerprinzipalen bis Donnerstag mitgeteilt sein, wo eventuell weitere Verhandlungen erfolgen sollten. Welker, der auch an den Verhandlungen teilgenommen hat, teilte für den Zentral vor st and mit, datz dieser nicht den geringsten Anlatz habe, der augenblicklichen Lohnbewegung Einhalt zu tun. Die finanziellen Verhältnisse des Verbandes hätten sich soweit gebessert, datz kein Anlatz vorliege, sich Bedingungen zu fügen, die man nicht für annehmbar halte. Vorschläge mache die Kommission nickjt. Die Versammlung möge nach ihrer Ueber- zeugung entscheiden, ob sie die Zugeständnisse annehmen und die Kollegenschaft auf 2'� Jahre binden wolle, oder ob man es auf einen Kampf ankommen lasse. Nach einer Diskussion, in der unter lebhafter Zustimmung der sofortige Streik befürwortet wurde, wurde abgestimmt, ob ein Vertragsverhältnis unter den Bedingungen der Jndu- striellen und der Bild Hauerprinzipale abgeschlossen werden soll. Die Versammlung lehnte dies fast einstimmig a b. Darauf wurde einstimmig beschlossen: Die Kommission hat beiden Unternehmerorganisationen mitzuteilen, datz die sogenannten Zugeständnisse nicht akzeptiert werden und die Kollegenschast bei Abschlutz eines Vertrages unbedingt auf eine zehnprozentige Lohn- erhöhung besteht. Sie wünscht neue Verhandlungen bis einschlietz- lich Donnerstag, so datz eipe Gehilfenversammlung am Freitag endgültig Stellung nehmen kann. Die Modell- und Fabriktffchler fallen nicht unter den allgemeinen Vertrag derHolzarbeilcr, da ihre Arbeitgeber'der vertragschließenden Unternehmerorganisation nicht angehören. Die öprozentige Lohn- erhöhung, welche für die Vertragsparteien seit dem 1. Oktober in Kraft getreten ist, wird natürlich auch von den Modelltischlern ge- fordert. Als sie diese Forderung erhoben, schlugen die Arbeitgeber den Abschluß eines Tarifvertrages bor. Die Arbeiter erklärten sich damit einverstanden und stellten ihre Forderungen auf. die im wesentlichen dahin geben, datz nur in Lohn gearbeitet und ein Durchschnittslohn von 84 Pf. pro Stunde gezahlt werden soll. In den ersten drei Jahren nach der Lehrzeit sollen etwas geringere Lohnsätze zulässig sein. Auch die Einführung esner Lehrlingsskala wurde gefordert. Es haben Verhandlungen mit dem Verein der Modelltischlermeister stattgefunden, deren Resultat ain Montag einer Branchcnversannnlung der Modell- und Fabriklischler vorgelegt wurde. Die LehrlingSskala haben die Meister abgelehnt. Bezüglich der Lohnarbeit schlagen sie vor, daß dieselbe allgemein gellen soll, wenn kein Akkord vereinbart ist. Hinsichtlich der Höhe des Lohnes soll im ersten Gesellenjahr die freie Vereinbarung Platz greifen. Vom 21. Lebensjahre ab soll ein Mindesilobn von 75 Ps. gezahlt und am 1. April 1911 eine Zulage von 2 Pf., am 1. Ja- nuar 1912 wieder eine solche von 2 Pf. gewährt werden. Der Ver- trag soll bis 15. Februar 1913 abgeschlossen Iverden.— Die Vor- fchläge der Arbeitgeber wurden in der Versammlung eingehend diskutiert. Besonders lebhaft wurde das Angebot der Lohnhöhe bekämpft. Die Kommission erhielt den Auftrag, bei den weiteren Verhandlungen unbedingt auf der allgemeinen Lohnerhöhung von 6 Proz. zu bestehen. Auch eine Regelung der Lehrlingsfrage soll versucht werden. Die dreijährige Vertragsdauer fand ebenfalls Widerspruch. Die Kisten- und Kosfermacher, organisiert im Deutschen Holz- arbeiterverband, versammelten sich am Montagabend in den Andreas-Festsälen, um das Verhalten der Fabrikanten zu dem jüngsten Vertragsabschluh zu besprechen. In der Vereinigung der Fabrikanten hak man eS mit einem sehr minderwertigen Kontra- henten zu tun, der in keiner Weise die Mitglieder der Vereinigung zur Beachtung der Vertragsbestimmungen anhält. Es ist die Auf- gäbe der Arbeiter allein, dafür Sorge zu tragen. Eine ständige Kommission der Arbeiter ist fortgesetzt in Tätigkeit, um die aus- brechenden Differenzen in den einzelnen Betrieben auf Grund des Tarifvertrags zu regeln. Das ist um so schwerer, als das Or- ganisationsverhältnis unter den Arbeitern oft noch viel zu wünschen übrig lätzt. In einigen Betrieben mutzte sogar zur Niedcrlcgung der Arbeit geschritten werden. Manche Fabrikanten versprechen allerlei, um ihre Zusagen später nicht zu halten; fast jeder versucht, im Trüben zu fischen; der eine umgeht den Arbeitsnachweis, der andere verlängert die Arbeitszeit, oder er bezahlt nicht nach dem Tarif. Die Arbeiter sollten daran denken, datz sie auf dem Gewerbe- gericht, wo der Tarifvertrag niedergelegt ist,'ihre Aussprüche ein- klagen können, datz sie aber vor allen Dingen sich der Organisation zu Wahrung ihrer Interessen anschließen müssen. Es kommt auf die Arbeiter an, datz die Arbeitszeit von 8V2 Stunden nicht über- schritten wird, und daß die Preise für die Ware Arbeitskraft nicht herabgedrückt werden. Die Arbeiter müssen auch für strikte Be- achtung der Bestimmungen über den Arbeitsnachweis eintreten. Es gilt mehr Aufklärung in die Reihen derjenigen Arbeiter zu tragen, die den anderen in dem Kampfe um die Erringung besserer Arbeitsbedingungen noch hinderlich sind, anstatt solche Bestrebungen zu fördern. Vom Streik der Ehauffeurc, Packer, Hausdiener und Radfahrer bei der Handelsgesellschaft Deutscher Apotheker, Dortmunder Straße 11/12, wird berichtet, daß die Autodroschken nach ivie vor die von Streikbrechern hcrgerichteten Pakete und Kisten, die sonst durch die eigenen Automobile befördert lourden, zur Kundschaft be- sorgen. Solidarität scheint diesen Chauffeuren ein böhmisches Dorf zu sein. Der Rollkutscher Schivarz von der Speditionsfirma Warmuth leistet ebenfalls ArbeitSwilligcndicnste. Am Montag fuhr er eine ganze Ladung Pakete zum Postamt. Am Dienstag fuhren wieder folgende Autodroschken: I.A. 9717, 8633, 9711(dieie seit 21. September!>. 8540, 8714, 9872, 8819, 8410, 8162, 9501, 8361. Wir ersuchen die Berliner Arbeiterschaft, nach wie vor die vollste Solidarität zu üben und hauptsächlich die Autodroichkenführcr darüber zu belehren, daß die Droschken nur zum PersoncniranSport da sind!_ Die Streikleitung. Lohttbewegnng der Rahmenvergolder. Der von der Ortsverwaltung den Unternehmern unterbreitete Tarifvertrag ist in seinen wesentlichsten Punkten von diesen akzeptiert worden. Nach dem alten Tarif betrug der Stundenlohn 65 Pf., nach dem neuen Vertrag 70 Pf. Bestehende Löhne werden um 5 Pf. erhöht. Bei Montagearbciten über den Vorortverkehr hinaus kommen die Bedingungen des Gcneraltarifs der Holz- arbciter in Betracht. Die Arbeitszeit wird von 51 auf 50 Stunden festgesetzt. Bestehende günstigere Lohn- und Arbeitsbedingungen werden von diesem Vertrag nicht berührt. Für ausgelernte Ver- goldcr werden, sofern dieselben beim Lehrmeister arbeiten, 24 M. Lohn gezahlt. Die Erhöhung tritt vom 1. Oktober in Kraft. Der Tarif tritt vom 1. Oktober 1910 in Kraft und gilt bis zum 30. September 1912. Er gilt jeweils ein weiteres Jahr, wenn er nicht 6 Wochen vorher gekündigt wird. In den Bestimmungen über die Verkürzung der Arbeitszeit macht die Firma lliöh lich, die im alten Vertrag ebenfalls eine Extrabcstimmung durchgesetzt hatte, eine Ausnahme, indem bei ihr bis 1911 noch weiter 51 Stunden und erst von da ab 50 Stunden gearbeitet wird. Dieser Punkt löste eine lebhafte Debatte aus, doch stimmte die Versammlung dieser Ausnahme und ebenso dem Vertrag im ganzen zu. Achtung, Töpfer! Wegen Beschäftigung von Unorganisierten ver- hängen wir hiermit über die Firma A. R ü st e m e y e r und G. Carls die Sperre. In Frage kommt zurzeit der Bau Lichter- felder Straße in Südende. Die Lokalistcn arbeiten weiter. Die Verbandslcitung. Die Kohlcufirma Schneidemühl erklärt uns, daß sie für die Firma Kupfer u. Co. keinerlei Streiklieferuug ausführe. Sie mache nur Geschäfte für eigene Rechnung und mit Firmen, mit denen sie auch bisher schon in GcschäftSbeziehinigen stand. Sie habe natürlich keine Veranlassung, die Möglichkeit zur Ausdehnung ihrer geschäftlichen Beziehungen von der Hand zu weisen. Deutlcbes Reich. Tie Verhandlungen zur Beilegung des Werftarbeiter- streiks. Hamburg, 4. Oktober.(Privaltelegramm des„Vorwärts".) Wie bereits in der Versammlung der Metallarbeiter bekanntgegeben. sollten heute, am 4. Oktober, die Verhandlungen zwischen den Ver- tretern des Gesamtverbandcs deutscher Metallindustrieller und den Arbeitervertrctern weiter fortgesetzt werden. Das ist geschehen. DaS Ergebnis der Verhandlung soll einer morgen, am 5. Oktober, in Hamburg stattfindenden allgemeinen Werftarbeiterkonferenz unterbreitet werden. Die Weiterverhandlungen zwischen den oben- genannten Verftetern sind gleichfalls morgen abend 8 Uhr angesetzt. Die durch das Wölfische Bureau verbreitete Nachricht, wonach die gestern, 3. Oktober, abends in Hamburg ftatlgefundene Versammlung der Metallarbeiter und deren Stellungnahme für weitere VerHand- lungen mit dem Gesamtverband deutscher Metallindustrieller ent- scheidend sein sollte, ist falsch. ES handelte sich dort nicht um Stellungnahme zu dem Ergebnis der gestrigen Verhandlungen, sondern um gegen die angedrohte bevorstehende Aussperrung zu treffende Matznahmen. Der Zentralvorstand des MetallardeiterverVandeS erläßt in der neuesten Nummer der„Metallarbeiter-Zeitung" eine Publikation an die Mitglieder, in der nach einer kurzen Sach- darstellung der Differenzen und der Forderungen der Werftarbeiter die vom Borstand beschlossenen außerordentlichen Maßnahmen für die bevorstehende große Anssperrung bekanntgegeben werden. Es wird die Erhebung eines Extrabeitrages ausgeschrieben. Dieser soll im Grundbetrag 20 Pfennig pro Woche betragen. Die Verwaltungen, die es ohne Gefahr für den Mitglieder» bestand können, sind verpflichtet, zu diesem Grundbeitrag lokale Zuschläge, deren Höhe örtlich einheitlich geregelt wird, zu erheben. Der lokale Beitrag(Grundbeitrag und lokaler Zuschlag) ist unverkürzt an die Hauptkasse abzuführen. Die Unter- stütznngen sollen in der Art geregelt werden, daß die von der Aus- fperrung betroffenen Mitglieder für die ersten 14 Tage auf Unter- stützung aus Verbandsmitleln zu verzichten haben. Streiks, die während der Aussperrung entstehen, werden ebenso behandelt. Die Mitglieder erhalten für die ersten 14 Tage des Streiks keine Unter- stützung. Während der Aussperrung dürfen örtliche Zuschläge zu den VcrbandSunterstützungen nicht gezahlt werden. In dem Aufruf wird sodann gesagt: „Die Arbeitsbedingungen der deutschen Werftarbeiter find während der letzten Wirtschaftskrise vielfach verschlechtert worden. Sie wieder in Einklang zu bringen mit den Erfordernissen der gegenwärtigen Zeit, einen Ausgleich zu schaffen zwischen den Preissteigerungen aller wichtigen VolksnahrnngSmittel und der dadurch gesunkenen Kaufkraft des Arbeitslohnes sowie eine Siche- rung der Arbeitsverhältnisse gegen Willkür und Zufälligkeiten herbeizuführen, das ist der ausschließliche Zweck dcS Werft- arbeiterftrerks." Mit einem Appell an die Einigkeit und Geschlossenheit und mit der Aufforderung zur tatkräftigen finanziellen und moralischen Unter- stützung schließt die Publikation dcS Zentralvorstandes. Eine Metallarveiterverfammlung in Halle wurde polizeilich überwacht. Nach einem ergebnislosen Protest deS Einberufers gegen diese ungesetzliche polizeiliche Ueberwachung zog es die Versammlung vor, nicht zu tagen. Beschwerde ist ein- gelegt. In Nürnberg befaßte sich eine von etwa 2500 Arbeitern und Arbeiterinnen be- suchte geschlossene Mitgliederversammlung der Verwaltung Nürirberg deS Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS mit der drohenden Metall- arbeiter-Aussperrung. Die Versammlung nahm schließlich mit allen gegen 10 Stimmen die Resolution an, welche die Verantwortung für die etivaige Aussperrung dem llnteruehmertum zur Last legt und erklärt, dessen Maßnahmen mit Ruhe entgegenzusehen sowie den An- ordnungen der GewerkschaftSvorstände im Falle der Aussperrung Folge leisten zu wollen. Die Versammlung erklärte es ferner für Ehrensache, daß alle Arbeiter und Arbeiterinnen jener Betriebe, welche von der 60prozenligcn Anssperrung betroffen werden, diese Betriebe vollständig zu räumen. Militärbehörden als Strcikbrccher-Vcrmittelnngsstellcn. In den Räumen der BczirkökommandoS Essen, Elberfeld uft». hängen Bekanntmachungen, durch die die Essener Klempnerimumg Klempner sucht. Da die Essener Klenipner seit Wochen im Streik stehen, wandte sich die Ortsleitung Essen des Metallarbenerverbandes unter Darlegung dcS Sachverhalts an den zuständigen Generalmajor v. Asch, der auf die Eingabe unterm 29. September antwortete: „Auf Ihr Schreiben vom 23. September er. erwidere ich Ihnen, daß der Aushang deS Klempners Schneltker im Gebäude des Bezirkskommandos I niit dem Lohnkampf der Klempner nicvts zu tun hat. Es bandelt sich vielmehr um eine Betätigung der Fürsorge durch die MiliilirbeHörde für Reservisten, welcbe bei ihrer Entlassung nach beendeter Dienstzeit Arbeit suchen. Diesen soll der Ucbergang nach Möglichkeit erleichtert werden. ES liegt also keine Veranlassung vor, das Bezirkskominando I Essen an- zuweisen, den fraglichen Anschlag zu entfernen. v. d. Asch. Generalmajor. Die Information deS Herrn Generalmajors, daß der Anschlag nichts mit dem Lohnkampf zu tu» habe, ist absolut falsch, Herr Schnettke ist Führer der JnnungSmeister im Streik. Einigungsverhandlungen zwischen Ansständige» und dem Bnnarbcitgcbervcrband in Köln. Wie uns aus Köln telegraphiert wird, finden gegenwärlig Verhandlungen zwischen den ausständigen Erdarbeitern und dem Arbeitgeberverband statt, die zu einer Einigung führen dürften. Bon angeblichen Streikkrawullen der Banarbeuer in Ratingen wußte die bürgerliche Presse eine Schaudermär zu berichten. Unter dein sensationellen Titel:„Kampf zwischen Italienern und Deutschen" wurde mitgeteilt, daß 150 Maurer und Bauhilfsarbeiter der Firma Franz S ch l ü t e r- D 0 r t m u n d, die in Natingen einen Erweiterungsbau der Rhein. Spiegelglasfabrik ausführt, beschlossen hätten, falls die Firma die geforderte Lohnerhöhung ablehnt und die ircgen dieser Forderung bereits entlassenen Arbeiter nicht wieder einstellt, ausständig zu werden. Danu hieß es: „Nach der Versanimlung kam es zu einem bliitigen Kampf mit den gleichfalls ailf dein Bau beschäftigteii 200 Italienern, die an der Versammlung uicvt leilgenommeu hallen. Dabei spielte daS Messer eine große Rolle. Zwei der Beteiligten wurden lödlich, eine ganze Anzahl mehr oder minder schwer verletzt. Die Polizei- beamten mußten mit blanker Waffe einschreiten und zahlreiche Personen verhaften, ehe die Ruhe wieder hergestellt werden konnte."' An der ganzen Sache ist kein wahres WortI Tatsache ist nur, daß der betreffende Bau der Firma Schlüter gesperrt wurde. weil die Firma sich weigert, die tarifmäßige» Löhne zu zahlen und auch die 9>/zslüiidige tarifmäßig vorgeschiiebene Arbeitszeit nicht an- erkennen wollte. Darauf fand eine Versammlung statt, an der fast alle italienischen Arbeiter teilnahmen. An der Arbeitseinstellung be- teiligten sich sämtliche italienischen Arbeiter, so daß die Sperre nach eintägiger Dauer mit vollem Erfolge beendigt werden konnte. Weder die Bauleitung weiß von einer Schlägerei,»och die OrganisationS» leitungen, die während der Sperre bis 7 Uhr abends auf ver Baustelle anwesend waren.__ letzte ftacbrtcbtcm Grofifcuer kam gestern abend in Hohenschönhausen-WilhemSberg angeblich durch Brandstiftung aus. In der Ouitzowstratze stand eine große, dem Restauratcur Sicbenwirth gehörige, voll mit Erntevor- raten gefüllte Scheune in Flaminen. Die Feuerwehren waren auS der Umgegeird und dem Ort schnell zur Stelle, konnten aber die Scheune nicht mehr retten; sie brannte total nieder� Der Fcncr- schein war weithin sichtbar, sodatz selbst aus Berlin Personen herbei- eilten. Gegen 9 Uhr bildete' die Brandstelle einen rauchenden Trümmerhaufen. Ein starker Regen löschte dann auch noch die glimmenden Reste. EiscnbahnlinfaK im Rheinland. Wermelskirchen, 4. Oktober. Zwischen WcrmclSkirchen-Tanke und Hilgen hat sich gestern abend ein Eiseiibahmiiiglück ereignet. Ein Güterzug fuhr auf zwei mit Baumaterialien beladeue Güterwagen, die an der Unfallstelle hielten. Die Lokomotive wurde zertrümmert, der Lokomotivführer und zwei Heizer erlitten Verletzungen, davon der Lokomotivführer schwere Kopf- und Brandwunden. Der den Güterzug führende Heizer bcfuhr die an der Unfallstelle unüdcrsscht- liche Strecke zum erste» Male, worauf das Unglück angeblich zurück- zuführen ist._ Strandnng eines deutschen Schiffes. Emde», 4. Oktober,(v. H.) Da, deutsche Schiff„Adolf' ist in der Nähe von Norderney gestrandet. Laduug und Schiff find verlöre», die Mannschaft gerettet. Ans Unvorfichtigkeit feine Mutter erschossen. Innsbruck, 4. Oktober. kB. H.) Der Sohn des Gutsbesitzers Nervo in Tesino crschotz auS Uiivoisichtigkcit seine LOjährlge Mutter. Der junge Mann ist wahnsinnig geworden. Bom Netenbiihler erstochen. Müldorf(Oberbahern), 4. Oktober.(B. H.) In der Orkschaft Neufahrn wurde der Sohn des Ockonomen Scheithauuner am Kammerfenster von einem Ncbrnbnhler erstochen. Ein TonristenhauS niedergebrannt. Graz, 4. Oktober.(B. H.) Das bekannte TonristenhauS in CamS ist uicdcrgcbranut. Eine Frau fand unter den Trümmern den Tod. Berantw.Redakt.: CarlWermulh, Berlin-Rixdorf. Inserate verantw.: LH. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:LorwärtSBuchdr.u.BerlagSanstaU Paul Singer Sc Co., Berlin LW, Hierzu 4 Beilagen u-UnttrhattungSbl, St. 233. 27. IahtMg. 1. Keilm des Jsrwris" Kerlim Jlolliöliliitt. Mittttioch, 5, Oktobet 1910. SozialdmoKratifcher Parteilllg ftr Schleswig-Solstein uud Fmstentum Lübeck. Altona-Ottensen, 2. Oktober. Am Sonntagvormittag wurde in dem alten Parteiort O t t e n- s e n der zahlreich besuchte Provinzialparteitag mit einer herzlichen Begrüßungsrede durch den Parteisekretär Bartels erösfnet. Das Andenken des um die Provinz hochverdienten verstorbenen Ge- Nossen Albert Roeske wird in der üblichen Weise geehrt und zu der am Sonntagnachmittag erfolgten Beisetzung eine Deputation entsandt. Pom Parteivorstand in Berlin ist der Genosse Müller erschienen. Den gedruckt vorliegenden Bericht der Agitationskom- Mission erstattet Bartels. Wir entnehmen demselben fol- gende, die Gesamtpartei interessierende Daten. Die Mitglieder- zahl im Bezirk stieg im Geschäftsjahr um 2166, von 38356 auf 46 516, darunter 5882 weibliche Mitglieder. In den 26 Ortsvcr- einen des 6. Kreises wie in einem Ortsverein des zum 1. oldcn- burgischen Wahlkreise gehörenden Fürstentums Lübeck wird ein Wochcnbeitrag von 16 Pf. erhoben, in allen übrigen Ortsvereinen (Gescuntzahl 163) beträgt der Monatsbeitrag 46 Pf. Im 5. Kreise lJtzehoe) wird außerdem ein Sckretariatsbeitrag für das neuge- fchaffene Kreispartei- und Arbeitersekretariat von monatlich 5 Pf. gezahlt. Sehr groß ist die Zahl der zur Verbreitung gelangten Broschüren. Das Kieler Parteiorgan hat annähernd 24 666 Leser gegen 21 679 im Vorjahre, während das„Hamburger Echo" im Agitationsbezirk in 14 729 Exemplaren gelesen wird gegen 13 564 im vorhergehenden Iabre. Außerdem hat der„Lübecker Voltsbote" 745, die„Neue Zeit" 258, die„Gleichheit" 3623 und die„Arbeiter- Jugend" 1663 Leser. Die„Schleswig-holsteinische Landpost" wurde in 26 456 Exemplaren verbreitet, die dänische Ausgabe dieses Or- gans im April 1916 in 16 166. Der Landarbeiterverband zählt zurzeit etwa 466, die 21 Jugendsektionen weisen 1857 Mitglieder auf. Trotz hohem W a h l z e n s u s und Wahl- rechtsraubes haben wir in einer Anzahl Städte 36 sozial- demokratische Stadtverordnete, in den Landgemeinden sind 147 so- zialdemorralische Vertreter tätig.— Die Agitationskommission vereinnahmte 23 655,83 M. und verausgabte 26 223,33 Mark. Die Einnahmen des Kreisvereine befragen 216 645 M., die Ausgaben 176 612 M., so daß ein Kassenbcstand von 33 433,72 M. vorhanden ist.— Wie Bartels hervorhebt, sind 36 992 M. a n d e n Parteivorstand abgeführt worden. Für die„Freisinnigen" die Kastanien aus dem Feuer zu holen, sei in der Provinz keine Stimmung vorhanden, weil der schleswig-holsteinische„Freisinn" ein ganz besonderes Gewächs sei. Er brauche nur an das Verhalten der„liberalen" Stadtkollegien in der kommunalen Wahlrechtsfrage zu erinnern. Bei der vorigen ReichStagswahl haben wir in der Provinz drei Freisinnige her- ausgehauen, während wir oei den Stichwahlen auf uns allein an- gewiesen waren. Den Worten des Genossen Dietz am Schlüsse des Parteitages in bezug auf das„Heraushauen" von Freisinnigen vermöge er ohne Einschränkung nicht zuzustimmen. Redner er- örtert sodann eingehend die M a i s o n d s f r a g e. Die an Ham- bürg grenzenden großen preußischen Orte, die zum Bezirk ge- hören, bilden mit Hamburg ein Wirtschaftsgebiet und haben sich einen gemeinsamen Maifonds geschaffen. Da dadurch aber nach dem Leipziger Beschluß die Einrichtung von Maifeierbezirköfonds für größere zusammenhängcirde Wirtschaftsgebiete getroffen werden soll und durch den Entzug leistungsfähiger Orte der Pro- vinz(Altona, Wandsbek) nun in dieser Hinsicht zu Hamburg ge- hören, habe man eine Regelung mit der Hamburger Bruder- organisation angestrebt, die aber an deren Widerstand scheiterte. Die Kommission schlage die Regelung auf folgender Grund- wge vor: „Der Provinzialparteitag erklärt sein Einverständnis, daß für die ganze Provinz Schlcswig-Holstcin, eingeschlossen das Fürstentum Lübeck, jedoch mit Ausschluß der mit Hamburg eng- verbundenen preußischen Orte e i n Bezirks-Maifeierfonds ge- schaffen wird, dessen Zentralstelle Kiel ist. Da zur endgültigen Schaffung die Zustimmung der Gewerkschaftsorganisationen nötig, wird die Agitationskonnnission beauftragt, baldigst eine Konferenz der Geioerkschaften zu veranlassen. Der Parteitag wählt vier Genossen zu einer Kommission und ersucht die Ge- werkschaftskonferenz, das gleiche zu tun. Diese acht Gewählten und sieben Mitglieder der bestehenden Maisondskommission für den 7. Wablkreis haben bis zum nächsten Parteitag« über Ver- waltung und Speisung des Fonds wie über eventuelle Unter- Mtzungsfragen zu beschließen. Die endgültige Regelung dieser Kleines feiiilleton. Jubiläums- Exzesse.„Zur Zentenarfeier der Berliner Universität" leitartikelt im Okloberhest der„Deutschen R un d sch a u" Professor Adolf Lasson, dem trotz seiner 78 Jahre die Weisheit des Aliers immer noch versagt ist. Der Professorale Hymnus gipfelt in folgenden Behauptungen: Die Berliner Universität blüht in Kraft und Herrlichkeit. Sie ist getragen von der Liebe und Verehrung aller Stände. Sie ist„eine Burg des freien Geistes". Ihre Autonomie ist stets»uaugetastet geblieben. Das Prinzip der— Freiheit der Forschung hat sich in allen Fakultäten siegreich durchgesetzt. Die akademische Freiheit der Studierenden ist„zur an- erkannten Institution" geworden. Die Berliner Universität ist eine„volkstümliche Veranstaltung" geworden. Mit diesen geheimrätlichen Entdeckungen, denen die sonstigen wissenschastlickien Leistungen des Herrn Lasson durchaus nicht nach- stehen, vergleiche man einige Tatsachen. Die Universität Berlin steht auf vielen wissenschaftlichen Ge- bieten(besonders naturwissenschaftlichen) seit langem hinter anderen Hochschulen zurück. Sie ist ein reines Klasseninstitut. daS wesentlich der Heran- züchtnng eines auS den besitzenden Klassen hervorgehenden und deren Zwecken dienenden BeamteinumS dient. Sie stellt die wissenschaftliche Leibgarde der Hohenzollern. Ihre Autonomie ist seit je ein hohler Schein uud seit langem eine offen- kundige Ironie.(Die Fälle Schwenninger und Bernhard. Das System Althost.) Die Freiheit der Forschung wird u. a. durch die Maßregelung Diihrings und Arons demonstriert und durch den kleinen Neben- umstand, daß lein Sozialist in diesen heiligen Hallen geduldet wird.„.. Die akademische Freiheit wird durch fortgesetzte Gangelung und Unterdrückung aller freieren Regungen illustriert. Ihr zu Ehren beteiligt sich die Finkenschaft überhaupt nicht am Jubiläumsrummel. Ausländische Studenten werden bespitzelt. Die Volkstümlichkeit der Universität Berlin besteht darin, daß sie mit dem Volke weder Fühlung hat noch sticht. Von aus- ländischen Universitäten zu schweigen, die jedem Bürger ostenstehen, wird Berlin sogar in der bescheidenen Einrichtung der volkstümlichen Kurse von den kleinsten deutschen Universitäten übertroffen. Herr Lasson weiß offenbar von all dem nichts und verdient nicht weiter ernst genommen zu werden. Aber gegenüber der un- erhörten Entstellung der Tatsachen, die in diesen.Jubel"tagen zum System gehört, sollten einmal die Dinge gezeigt werden, wie sie in Wirklichkeit sind. Eine Märztage-Ermncrung. In der„Franks. Ztg." wird ein Brief des ehemaligen Direktors des eingegangenen Berliner Viktoria- Fragen geschieht mit Einverständnis der Gewerkschaften durch den nächsten Provinzialparteitag." In der lebhaften Debatte wird die Haltung der Hamburger Genossen iu der Maisondsfrage beklagt, weil die beste Lösung der- selben die Zusammenlegung Hamburgs mit dem„Hinterlande" gewesen wäre. Müller- Berlin begrüßt den Parteitag im Namen des Parteivorstandes und schildert die Stimmung der Genossen im Lande, die überall dahingehe, daß dem gemeinsamen Feinde die geschlossene Partei cntgegenmarschicren müsse. Würden alle Kräfte angespannt, dann würden die gewünschten Erfolge bei den nächsten Neichstagswahlen nicht ausbleiben. Was die Bildung oer Maifondsbczirke wnlangt, so gebe es da viele Schwierigkeiten zu überwinden. Die Einteilung dieser Bezirke könne von Berlin aus nicht geschehen. Hainburg könne nicht gezwungen werden, einer von den Genossen der Provinz gewünschten Regelung sich zu fügen. Hamburg, Altona und Umgegend seien ein Wirtschaftsgebiet im Sinne des Leipziger Beschlusses. Deshalb seien die gegen Ham- bürg gerichteten Vorwürfe nicht gerechtfertigt. Die Einführung obligatorischer Beiträge würde zu Differenzen führen, die der Maifeier nicht förderlich sein würden. Der alte Idealismus, die bewährte Opferwilligkeit der Genossen werde uns auch auf diesem Gebiete vorwärts bringen. Unter Ablehnung der weiteren Anträge wird'der Antrag der Kommission angenommen. Der Antrag:„Tie dänische Zeitung„Det rode Postbud" erscheint vom 1. Oktober an, eventuell während der Vorbereitung zur nächsten ReichStagswahl, monatlich, wird der Agitationskom- Mission zur Erwägung überwiesen. Die allgemeine Verbreitung der„Landpost" soll im Mai und Oktober erfolgen. Der Etat der Agitationskommission für den Bezirk wird für das Jahr 1916/1911 auf 29124 M. festgesetzt gegen 26223 M. im letzten Jahre. Um 7 Uhr abends wird der Parteitag auf Montag vertagt. » Altoua-Ottensen, 3. Ottober. Der Parteitag, der von 117 Delegierten, Parteifunktionären usw. besucht ist, setzte am zweiten Tage die Debatte über die „Presse" fort. Gewünscht wird schon seit geraumer Zeit ein Parteiorgan für den nördlichen Teil der Provinz. Da dies bislang an den finanziellen und sonstigen Voraussetzungen scheiterte, ver- langen nun die Genossen des 1. und 2. schleswig-holstcinschen Wahl- kreiscs, daß dem nächsten Provinzialparteitag« die Kostenberechnung einer eigenen Zeitung bezw. eines Kopfblattcs der„Schleswig-Hol- st� mischen Volkszeitung" vorgelegt würde. Es wird so beschlossen und das Kieler Parteigeschäft mit dieser Berechnung beauftragt. Die prinzipielle Haltung des Kieler Parteiorgans wird im all- gemeinen gutgeheißen, nur wird von dem Vertreter der Preß- kommission, Adam- Kiel, bemängelt, daß in der Frage der Budget- debatte die Gründe der Badenser nicht genügend hervorgehoben worden seien. Redakteur Brecour- Kiel weist diese Ansicht zurück, die Stellungnahme der Badeuser sei genügend hervorge- hoben worden. Den„Neue Zeit"-Artikel des Genossen Frank zum Abdruck zu bringen, habe keine Ursache vorgelegen, weil darin ab- solut nichts Neues enthalten sei, und für den Revisionismus Propa- ganda zu treiben, lehne die Redaktion ab. Aus einem Artikel der „Schleswig-Holstcinischen Volkszeitung" will Genosse Adam eine Propaganda für den Luftmilitarismus herausgelesen haben, was Redakteur Adler-Kiel in längeren Ausführungen entschieden in Abrede stellt. Die Frage des Luftmilitarismus sei unter dem Ge- lichtswinkeli des kapitalistisch- militaristischen Staates behandelt, o e s s e n Gründe erörtert worden, wobei gesagt wurde, dieser Staat werde sich anstrengen müssen. Versäumtes nachzuholen. Die Sozialdemokratie bekämpfe den Gesamtmilitarismus, tvorüber doch kein Zweifel bestehen könne; die Tendenz des Artikels richte sich mit aller Entschiedenheit gegen den Militarismus zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Ueber Wahlrechtsfrage und ReichStagswahl referierte Adler- Kiel, der in kräftigen Strichen die politische Situation skizziert und, entsprechend dem Magdeburger Beschluß, die schärfere und rücksichtslosere Fortführung des Wahlrcchtskampfes fordert. Der Kampf müsse unter Umständen auch auf Wirtschaft- lichem Gebiete erfolgen, Drohungen mit Polizeisäbeln und Kanonen würden ihn nicht eindämmen. Wir lassen den Ruf an die Partei- genossen ergehen: Haltet Euer Pulver trocken, fiihrt den Kampf mit der größten Rücksichtslosigkeit! Bei den bevorstehenden Reichs- tagswahlen könne von einem 5lompromisseln keine Rede sein. Im zweiten Wahlgange werde selbstverständlich die Parole des Partei- Theaters, JnIiuS Cornet, veröffentlicht, in dem eine lebendige Schilderung der Vorgänge vom 21. März 1348 gegeben wird. Der Brief, der auf Grund eigener Eindrücke kurz nach den Ereignissen geschrieben ist, veranschaulicht die Szenen vor dem Schloß also: „Als jüngst die Toten bei dem königlichen Schloß in Verlin vorbei- gefahren wurden, die klaffenden Wunden recht geflissentlich auf- gedeckt, daß der Herr und Meister sehen möge daS wohlgefällige Werk, was et angerichtet— da schrie das ganze Volk— „Heraus Lügeukönig I Heraus Hanswurst I" Nach einigem Zögern kam er dann auf den Balkon gegenüber der Breite- straße und winkte und arbeitete mit den Armen und warf Kußhände hinunter! Da schrie das ganze Volk:„Mütze ab! Niederknien! Abbitte, Komödiant!" Wa-5 sagen Sie dazu?— Zugleich erschien eine Karikatur; ein Galgen, woran ein Gehängter mit einer Krone auf dem Kopf uud dariiber geslbrieben:„Mißverständnisse".(Aus „Mißverständnisse" hatte der König den Ausbruch der Straßen- kämpfe in Berlin am 18. März zurückgeführt.) Wir glauben hier, daß der König von Preußen unmöglich geworden ist, denn die Ver- achtung, die gegen ihn gehegt wird, ist allgemein." Eine Pyramide— r'mhmidertscchzig Millionen Mark— so lautete der Kostenüberschlag, den sich ein Forscher in jüngster Zeit von einem deutschen Baumeister in Kairo stellen ließ. Die Transportkosten für daS Material, das etwa 6'/., Millionen Tonnen wiegt, sind mit inbegriffen. Dieses Material müßte auf dem Nil herbeigeschafft werden. Dazu brauchte man eine Flotte von un- gefähr sechshundert der allergrößten Transportschiffe. Eine Ueber- »ahme des Auftrages wäre eine», Baumeister bei noch so großem Geldaufwand nicht möglich. Es wird von Herodot berichtet, daß hunderttausend Menschen, die alle Vierteljahre ausgewechselt wurden, dreißig Jahre lang an einer Pyramide gebaut haben, und selbst in damaliger billiger Zeit soll die Rechnung für Vikmalien, die dabei an die Arbeiter verteilt wurden, sich auf etwa 7 Millionen belaufen haben. DaS alles leisteten sich damals die allerhöchsten Herrn, um bei Lebzeiten sich schon ein würdiges Grab zu errichten, daS ihren Namen in die späteste Nachwelt tragen»mßte. Auch ihre balsa- mierten Leiber hofften sie über Jahrtausende hindurch zu retten. Tief im Herzen des von Menschenhand geschaffenen BergeS sind die Grabgewölbe. Ganz enge Gänge von nur einem Meter Höhe, gerade so viel wie der mächtige, aus allcrhärtestcn Steinen hergestellte Sarkophag maß, führten erst schräg abwärts, dann aufwärts dorthin. Als der Leichnam dort beigesetzt war, ließ mau don oben, aus dem Innern der Pyramide her einen mächtigen Fallstein den Gang hinabgleiten, der sich unten festklemmte, wo der Gong wieder nach oben einknickte. Den Stein konnte sicher niemand wieder fortschleppe», und der könig- liche Leichnam schien für immer von der Menscheiiwelt abgeschlossen. — Aber viele Arbeiter wären mit dem Herrscher in dem Stcinkoloß lebendig begraben worden, wenn man nicht für sie gleich bei der Anlage des Riesenwerkes einen sehr verwickelten Gang hergestellt hätte, der zunächst tief in den FelSgrund führte, auf welche« die Pyramide Vorstandes befolgt werden, heute können wir uns noch nicht festlegen. Bei ehrlichem Willen der liberalen Elemente der Provinz könnten sämtliche Reaktionäre von den Mandatsfesseln entfernt werden; es liege also bei den Liberalen, ob es ihnen ernst sei um die Besciti- gung der Reaktion, im andern Falle lassen wir die letzten Frei, sinnigen in der Provinz in die Versenkung verschwinden. von Elm: Irgend welches Vertrauen haben die Freisinnigen nicht verdient, auf sie ist kein Verlaß. Eine zugkräftige Wahlparole dürfte kaum aufzutreiben fein. Der kommende Wahlkampf wird uns wohl einen Mondatszuwachs bringen, aber man soll nicht zu optimistisch sein, man müsse auch über die nächsten Wahlen hinaus» sehen. Bassermann hat in Kassel 126 Mandate zugestanden und dabei bemerkt, daß der neue Reichstag keine lange Lebensdauer haben würde. Wir müssen uns einrichten auf neue Kämpfe. und �da tauche von selbst die Notwendigkeit auf, den neuen Zutvachs zu Sozialisten zu machen, die Schwankenden an der Parteifahne zu halten zu s.che». Sorgen wir also für prinzipielle Aufklärung der Massen, damit nicht später Rückschläge erfolgen. Adam-Kiel: Wenn man, wie Adler, schärfere Mittel, alsc» den Massenstreik, zur Anwendung empfiehlt, so müßten diese Mittck auch erörtert werden. Mit dem Vorschlag allein sei es nicht getan. Er persönlich stehe auf dem Standpunkt, daß die Arbeiter als Pro- duzenten alle Mittel in die Wagschale werfen müßten, um das Ziel zu erreichen. Müller(Partcivorstand) erinnert an die Magdeburger De- batte über den Antrag Luxemburg. Ein derartiger Massenstreik könne nicht gemacht werden, er müsse aus der Stimmung und Situation heraus entstehen. Die Erörterung des Massenstreiks in Versammlungen habe daher keinen Zweck. Bekannt sei ja auch der Beschluß des letzten preußischen Parteitages. Ein Massenstreik müsse getragen sein von dem Willen der Mehrheit der Genossen und der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter. Ueber die Anwendnug des Mittels haben die vom Prcußentage bestimmten Instanzen zu entscheiden. Der Massenstreik solle nötigenfalls in Anwendung kommen, sei in Magdeburg gesagt worden. Die Frage lverde dm betreffenden Instanzen noch weiter beschäftigen. Die Frage der Taktik bei den kommenden Reickwtagswahlen werde noch einen außerordentlichen Parteitag beschästigen. Eine allgemeine Wahl- Parole festzulegen, dürfte sich kaum empfehlen, weil die Erfahrungen nicht dafür sprechen. Man lasse die Dinge sich entwickeln, es tverds dann schon die entsprechende Taktik angebahnt werden, im voraus soll man so etwas nicht festlegen. Die Klagen über den Freisinn hört man überall. Es ist aber ganz gut, daß die Freisinnigen schon jetzt die Stimmung der Genossen kennen lernen. Rcichstagsabgcordneter Legten schildert kurz die Erörterung der Massenstreikfrage auf den Parteitagen. Eine solche Angelegen- hcit dürfe man nicht coram publice erörtern, weil das keinen Zweck habe. Bei einem Massenstreik habe die Arbeiterschaft alle Parteien gegen sich� sie sei auf sich allein angewiesen. Bei der Anwendung des Massenstreiks Handel- es sich um das Spiel aus eine Karte. Daher stärke man die Organisationen so, daß, wenn der Zeitpunk» gekommen sei, sie ihrer Aufgabe gewachsen sein werden. In seinem Schlußwort gibt Adler seiner Freude über den Verlauf der Debatte und seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die schleswig-holsteinischen Arbeiter in den beregten Fragen ihren Mann stehen werden. Der Parteitag soll in Zukunft in der R egel im Oktober statt, finden. Der Sitz der Agitationskommission bleibt in Alto na, der Sitz der Preßkonimission in Kiel und Umgegend. Zum Parteisekretär für den«Bezirk wird Bartels wieöet* gewählt. De., nächste Part-'tag findet in Eutin statt. In seinem Schlußwort bezeichnet Bartels daS Ergebnis deZ Parteitages als ein hocherfre licheö und schließt ihn nach 6 Uhr abends niit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozial- dcowkratie. Stehend singen die Delegierten unser altes Kampflied. flu» der KeichMiMerungzordimagz- Kominiifion. Sitzung an» Dienstag, den 4. Oktober. Die Beratung der Bestimmungen für die land Wirtschaft» liche Unfallversicherung wurde fortgesetzt. Eine lange Debatte gab es über die errichtet wurde, und dann wieder zu dem Gange vor dem Fallstein. Hier unten im Fels, genau unter der Spitze der Pyramide, befand sich noch eine Grabkannner, die durch den schräg nach unten führenden Gang nicht unschwer zu finden war. Es sieht beinahe auS, als ob diese nur zum Scheine angelegt wurde, um Suchende irre zu führen. denn der nach oben abzweigende Gang war sorgfältig unkenntlich gemacht. Daran sieht man, wie höchst raffiniert diese Leute ihren heiligen Königsleichnam versteckten und mit dem mächtigsten Bollwerke der Welt umgeben haben. Hnmor und Satire. Auf den Hund gekommen. In der„nationalen"„Deutschet! Montagszeitung", die vor- gestern zun, erstenmal auf die ahnungslosen Berliner losgelassen wurde, hat sich auch ein„Satiriker" aufgetan. Der Mann nennt sich— nomon et omon— Pudel. Der Schluß seines Be- grüßungSgedichteS lautet: Leser, so will ich Dich grüßen, scharrend mit den Versefühen, räuspernd aus dem SängerhalS, wedelnd mit dem Taschen tuche. Deutschlands Eiche, Deutschlands Buch« wedeln freundlich ebenfalls. Hier ist der unglückliche„Dichker" aus dem Bilde gefallen, aus den Pantinen gekippt, wie der Berliner sagt. Pudel wedeln doch gewöhnlich nicht mit dem Taschentuche. Und daß auSgereckmet die deutschen Eichen und Buchen wedeln, ist uns auch nett- Vielleicht hat der„Satiriker" hier feine kontraktlich festgesetzte nationale Ge» sinnung zum Ausdruck bringen wollen. Wir erlauben uns. sein Ge» dicht sachgemäß so zu korrigieren: Leser, so will ich dich grüßen, scharrend mit den Vcrsefüßen, räuspernd auS dem SängerhalS, wedelnd mit dem Dickter st erzchen. Meine Artgenossen, Herzchen, wedeln damit ebenfalls. _ G. Notizen. � WaS mit„Kientöppen" verdient wird, davon erzählt der„Konfektionär" ein hübsches Stückchen. Die Kmotheater — schreibt er— wachsen in Berlin aus der Erde. Das hat aber auch seinen guten Grund. Die Kinotheater werfen einen vorzüglichen Gewinn ab. Wir wissen von einer Kinotheatergesellschaft, die mit einem Kapital von 766 666 M. gegründet wurde und schon im ersten Jahre einen Reingewinn von mehr als 866666 M. erzielt hat. E» war also in einem Jahre nicht nur das ganze Aktienkapital verdient worden, fonderv noch ein Ueberfchuß von mehr al» 100000 M. Verteilung der Lasten. 1 Mehrere landwirtschaftliche Beruf�genossenschaften berteilen die Lasten auf die beteiligten Grundbesitzer nach dem Maßstäbe der Grund st euer. Der freilonserbative Abg. D o e r k s e n beantragte, daß die Ver- teilung der Lasten nach dem Maßstab der Grundsteuer verboten »verdeu. Er wies eingehend nach, daß in Preußen z. B. die Ein- schätzung zur Grundsteuer, die bereits vor 60 Jahren vorgenommen »vorden ist, ganz und gar nicht mehr für die jetzige» Berhältnisse paßt. Dadurch würden sehr oft gerade die reichsten Grundbesitzer entlastet und die kleine» Grundbesitzer über Gebühr belastet. Viel gerechter sei es, daß die Lasten nach dem abgeschätzten Durchschnittsmaß der mensch- lichen Arbeit(Arbcitsbedarfj und ihrem Werte verteilt würden. Dabei stellte Abg. D o e r k s e n fest, daß GenosscnschaflSversamm- lungen in der landwirtschaftlichen Unfallversicherung nur zu oft ein Scheindasein führen. Die Versammlungen treten in manchen Berufsgenossenschaften verschwindend selten zusammen. Trotzdem stimmten die Konservativen, National- liberalen und das Zentrum den Antrag des Abg. Doerksen nieder. Dafür wurde ein Antrag des Zentrums angenommen, der es den Genossenschaftsversammlungen überläßt, durch die Satzung andere Maßstäbe für die Verteilung der Lasten zu bestinnnen. Ferner hatte Abg. Doerksen beantragt, daß die Berufs- genossenschafts-Versammlungen mindestens jedes Jahr einmal abgehalten 10 erden müssen. Auf den Antrag des Abg. Hausmann änderte Abg. Doerksen seinen Antrag dahin, daß die Versammlungen tunlichst jedes Jahr einmal ab- gehalten werden sollen. Die Sozialdemokraten nahmen den ersten Antrag auf. Jedoch wurden beide Anträge vom Zentrum, von den Konservativen und den Nationalliberalen abgelehnt. Noch stärkere Belastung der kleinsten Landwirte. Wenn die Lasten nach dem Maßstabe der Grundsteuer verteilt »Verden, kann die Satzung einen einheitlichen Mindestbeitrag be« stimmen, höchstens eine Mark jährlich. Die Konservativen beantragten, daß der Mindestsatz auf zwei Mark erhöht werde. Hiergegen erhoben die Sozialdemokraten Einspruch, da durch den Antrag die Un- gerechtigkeiten bei der Verteilung der Lasten noch verschärft würden. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Antragsteller ab- gelehnt._ Eus der luftlzfeommifsioD. Sitzung vom Dienstag, den 4.Oktober. Beim Z 143 des Gerichtsverfassung SgesetzeS ent- spann sich eine längere Debatte darüber, ob nichtjuristische Personen als Amtsanwälte zuzulassen sind. Durcheine von anti- semitischer Seite vorgelegte Resolution soll die Regierung er- sucht werden, nur juristisch gebildete Personen als Amtsanwälte zu beschäftigen, während ein Antrag der Nationalliberalen fordert«, daß zum Posten eines Amtsanwalts zumindest die erste juristische Staatsprüfung Vorbedingung sein soll.— Unsere Genossen erklärten, daß zur Ausübung der AmtsanwaltStätigleit die richterliche Qualifikation verlangt tverden müsse. Der Antrag wurde mit Stimmengleichheit abgelehnt, die Resolution wurde a n g e n o in m e n. Der Ausschluß der Oeffentlichkeit in Be- I e i d i g u n g s p r o z e s s e n soll nach den Bestimmungen deS neuen § 172' erweitert werden; denn nach demselben hat eS das Gericht in der Hand, nach freiem Ermessen die Oeffentlichkeit ans- zuschließen, Iveun einer der Prozeßbeteiligten den Ausschluß be- antragt. Ein freisinniger Antrag verlangte als Vorbedingung zum Ausschluß der Oeffentlichkeit die Zustimmung aller Prozeß- beteiligten. Ein sozialdemokratischer Antrag will nur auf Antrag des Angeklagten den Ausschluß der Oeffentlichkeit Platz greifen lassen. Doch stellte" diese Forderung nur einen Eventualantrag unserer Genossen dar. im Prinzip werden dieselben gegen jede Be- schränknng der Oeffentlichkeit im Strafverfahren sein.— Die Vertreter der Regierung gaben sich alle Mühe, die reaktionäre Neuerung zu begründen. Aber an der Anführung bestimmter Tat- fachen zur Stützung ihrer Gründe ließen eS die NegierungSvertreter fehlen, und mit Recht, aber vollständig vergeblich verlangten unsere Genossen, daß an Stelle allgemeiner Sentiments positive Belveise zu treten haben. Die Annahme der Regierungsvorlage würde in den Kreisen der Bevölkerung die Ansicht bestärken, daß die moralische Verlumpung und Versumpfung der herrschenden und besitzenden Klassen schon so weit vorgeschritten ist, daß zu ihrer Vertuschung und Verdeckung die Oeffentlichkeit im Gerichtsverfahren noch weiter eingeschränkt tverden muß.— Die Anträge wurdpn abgelehnt. Für den sozialdemokratischen Antrag stimmten außer unseren Ge- nassen nur noch die beiden Pole». Mit vierzehn gegen neun Stimmen nahni die Kommission die durch die Regierungsvorlage geschaffene Verschlechterung an. Dieser„Erfolg" machte die Konservativen und die Zentrums- lente so mutig, daß sie einige Anträge einbrachten, die unter An- drohung von schweren Strafen jede Mitteilung aus nichtöffentlichen Verhandlungen verbieten wollten. Wie ungeheuerlich diese Forderungen waren, läßt der konservative Antrag erkennen, der folgendermaßen lautete:„Wer über gerichtliche Vorgänge, für die die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, ohne Zustimmung deS Gerichts öffentlich Mitteilungen macht, wird, sofern nicht nach anderen Vorschriften eine härtere Strafe ein- Antreten hat, mit Geld st rase bis zu zehntausend Mark oder mit Haft oder mit Gefängnis bis zu sechs Monaten be- straft." Nicht ganz so weit ging die Forderung des Antrages Groeber, der nicht für alle unerlaubten Mitteilungen aus den nichtöffentlichen Gerichtsverhandlungen Strafen festsetzen wollte, sondern durch den nur unerlaubte Berichte über diese Verhandlungen mit einer Strafe bis zu 300 M. oder 6 Monate Gefängnis bedroht tverden sollten. Der Negierung waren diese Anträge natürlich äußerst will« kommen! denn sie sah in ihnen eine„wertvolle Ergänzung" der neuen Bestimmungen des Z 172t. Mit�Recht.betonten denn auch unsere Genossen, daß die Konsequenz des konservativen Antrages in letzter Linie die Einführung deS geheimen, des In- qnisitionsverfahrens namentlich in politischen Prozessen— die man mehr wie die„unsittlichen" Prozesse treffen würde— sein würde. Außer den Sozialdemokraten wendeten sich nur noch die Polen und Freisinnigen gegen die beiden Anträge. In der Abstimmung wurde der konservative Antrag gegen acht Stimmen abgelebnt. Dagegen wurde ein Antrag Kirsch(Z.) angenommen, der ans das Strafgesetzbuch übergreift und durch welchem im ß 184k des Strafgesetzbuches die Worte„welche geeignet find, AergerniS zu erregen" zu streichen, mit 15 Stimmen a n- genommen. Dagegen stimmten außer unseren Genossen die Polen und Freisinnigen. Mit der Annahme dieses Antrages wird in Zukunft kurzweg jede Mitteilung, die aus einer nichtöffentlichen Verhandlung gemacht wird, mit einer Strafe bis zu 300 M. oder S Monaten bedroht. Eine Verschärfung der Ordnung? st rase bezweckt der neue Z 17g einzuführen, indem derselbe im Gegensatz zu dem geltenden Recht die Haslstrafe von drei Tagen vor die Geldstrafe bis zu 100 M. setzt.— Unsere Genossen beantragten, daß Haflstrafen überhaupt nicht für Ordnungsstrafen in Betracht kommen dürfen, sondern nur Geldstrafen, eventuell sollte es bei den geltenden Be- stimmungen bleiben.— Nach Ablehnung des sozialdemokratischen Antrages, für den nur die Polen und unsere Genossen stimmten, wmben die weitere»» Verhandlungen auf Mittwoch vertagt. Loyales. Das Oberberwaltungsgericht gegen die Glelchüere'chtigstng der Arbeiter in der Sozialgesetzgebung. Entgegen der Verfassungsvorschrist, daß vor dem Gesetz alle Bürger gleich seien, hat das preußische Oberverwaltungs- gericht dieser Tage die Bestrafung eines Bürger- m e i st e r s gutgeheißen, weil dieser einen sachlich tüchtigen Sozialdemokraten zur Wahl für die untere Verwaltuugs- behörde der Invalidenversicherung empfohlen hatte! Der Sachverhalt ist folgender: Als für den Bezirk Schweidnitz gemäß den Bestimmungen des Jnvalidenversicherungsgesetzes die Vertreter der Arbeitgeber und der versicherten Arbeiter für die untere Verwaltungsbehörde gewählt werden sollten, nahm auch in dem Städtchen Freibcrg der Vorstand der Betriebskrankenkasse der Aktiengesellschaft„Vereinigte Frei- berger Uhrenfabriken" zur Kandidatcnfrage Stellung. Der Vor- sitzende, Direktor Becker, wurde durch den Buchhalter Schmidt der- treten. Unter den Kandidaten, die der Vorstand in der Sitzung aufstellte, befand sich auch der Uhrenarbeiter Rösncr, der ein be- kauntcr Frsiberger Sozialdemokrat ist. Aus der Sitzung stammt nun ein Protokoll, das bezeichnend ist: Es wird darin der Beschlutz vermerkt, daß der Buchhalter Schmidt vom Vorstand beauftragt werde, den Bürgermeister der«tadt zu ersuchen, beim Lnndrat vorstellig zu werden, daß wenigstens einer der von dieser Betriebs- taste als Kandidaten ausgestellten Arbeiter zur Wahl komme, und zwar Rööncr, damit auch die Freiberger Uhrenindustrie einen Ver- treter dort in der unteren Verwaltungsbehörde habe. Als Motiv für den Beschluß führt das Protokoll an, daß es sonst bei den dem Kreisausschuß zustehenden 131 Stimmen ausgeschloffen sei, daß einer der von der Kasse gewünschten Arbeiter gewählt werde. Schmidt wandte sich dem Auftrage gemäß an den Bürger- mcistcr, der seinerseits denn auch im Sinne des Kassenvorstandcs beim Landrat schriftlich vorstellig wurde. In dem Schreiben sagt der Bürgermeister, daß er dem Wunsche der Kwsse freudig nach- komme; zugleich spricht er die Hoffnung aus, daß der Herr Landrat es ihm nicht übel vermerken werde.— In dieser Hoffnung hatte sich aber Herr Bürgermeister Nürnberg getäuscht. Der Landrat nahm es ihm übel, und zwar so sehr, daß gleich eine hochnotvcin- liche Untersuchung eingeleitet und Herr Nürnberg zu einer Aeußerung veranlaßt wurde.— Der Bürgermeister erklärte dem Gestrengen, daß er sich wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht habe. Der Direktor Becker von der Uhrenindustrie hätte sich schon wiederholt an ihn geivandt, um in Gewerbestreitigkeiten und Krankensachen seinen Rat zu hören usw. So habe er auch diesmal annehmen muffen, daß Herr Schmidt im Auftrage der Gesellschaft oder ihres Direktors handele. Im Augenblick, als er das Schreiben absandte, habe er übrigens nicht mal an die Parteizugehörigkeit des Herrn Rösner zur Sozialdemokratie gedacht.— Der Landrat hat dann noch persönlich mit dem Direktor Becker gesprochen. Dieser hat Schmidt, der erst bei ihm danach anfragte, die Genehmigung gegeben, im Sinne des Vorstandsbeschlusses der Krankenkasse beim Bürgermeister vorstellig zu werden. Allerdings hätte ihm Schmidt, so sagte der Direktor, keine Kandidatennamen genannt. Erst später hätte er erfahren, daß als bestimmter Kandidat RöSner im Beschluß erwähnt werde. Wenn er das gewußt hätte, würde er die Zustimmung nicht gegeben haben. Der Landrat gab dann die Sache an den Regierungspräsidenten in Breslau weiter und dieser verhängte über Bürgermeister Nürn- bcrg eine Disziplinarordnungsstrafe von 25 M. Die Verfügung nimmt auf das Schreiben des Bürgermeisters Bezug und führt aus, daß er sich für die Kandidatur des Uhrmachers RöSner verwandt habe, der eine Führerrolle bei der Sozialdemokratie in Freibcrg einnehme. Dieses Vorgehen des Bürgermeisters bedeute eine ernste Pflichtverletzung.— Nach vergeblicher Beschwerde beim Oberpräsidenten der Provinz Schlesien klagte der Bürger, neister beim Oberverwaltungsgericht. Das Obcrvcrwaltungsgericht wies seine Klage mit folgender Begründung ab: Der Bürgermeister habe in amtlicher Eigenschaft gehandelt, denn in seiner Eigenschaft als Bürgermeister sei er darum ersucht worden. Er wäre verpflichtet gewesen, nach allen Richtungen hin den Landrat über die Persönlichkeit Rösners zu informieren. Selbst wenn er annahm, daß der Landrat die Partei- stellung Rösners kannte, hätte er ihn darauf hinweisen müssen, daß dies dieser bestimmte Rösner sei. Als Bürgermeister durfte er einen als Führer der Sozialdemokraten bekannten Mann nicht empfehlen. Habe er geglaubt, im Interesse der Aktiengesellschaft die Wahl doch anheimgeben und empfehlen zu können, so hätte er wegen der auf den Umsturz der bestehenden Staatsordnung ge- richteten Bestrebungen der Sozialdemokratie unter allen Umständen in dem Schreiben an den Landrat die Eigenschaft R.s als Sozial- demokratcn erwähnen müssen. Eine Pflichtverletzung liege vor. Das Urteil zeigt, wie dringend erforderlich es gegenüber der so vom Oberverwaltungsgericht gutgeheißenen Tcrrori- siernng der sozialdemokratischen Arbeiter ist. die Besetzung der Versicherungskörper aus allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Proportionalwahlen hervorgehen zu lassen und eventuell r e i ch s gesetzlich zu verbieten, daß Beamte sich von politischen oder konfessionellen Rücksichten bei ihren Vor- schlagen zur Wahl oder bei der Wahl selbst leiten lassen. Sexuelle Auftlärung. Wahrhaft erschreckende Zustände auf erzieherischem Gebiet deckt eine Arbeit auf, die der Kölner Dermatologe Dr. MeirowSky in dem soeben erschienen Band 11 der Zeitschrift für Bekämpfung der Ge- schlechtskrankheiten veröffentlicht. Bei einer Umfrage unter den Studenten der Breslauer Universität fand er, daß 45 Proz. unter ihnen als Schüler, 25 Proz. während des Abiturientenjahres und 2g Proz. als Studenten zum ersten Male geschlechtlich verkehrt haben. Viele von ihnen waren sogar schon als Schüler geschlechts- krank geworden. Ein ebenso interessantes wie wertvolles Material bilden die Berichte einer Anzahl Studierender über ihr erwachendes Geschlechtsleben: sie enthüllen nicht nur die tiefen seelischen Er» schütternugen, die zahlreiche Gymnasiasten in dieser Lebensperiode erleiden, sondern auch die Irrwege, in die sie durch Unkenntnis getrieben werden und die sie nach den verschiedensten Richtungen büßen müssen. Leider werden den meisten die Augen erst geöffnet, nachdem sie an Leib und Seele Schaden genommen haben— bevor sie ahnen, was geschehen, ist Kraft und Gesundheit verwirkt. Wohl sind die geschilderten Zustände menschlich verständlich und nicht als sittliche Verderbnis aufzufassen, sondern lediglich als Folge maugel- haster Erziehung. Elternhaus und Schule haben durch das beliebte Vertuschungsshstem schwer gesündigt, namentlich das erstere müßte es sich zur Pflicht machen, die fragenden Kinder nicht abzuweisen. Der Schulunterricht, der jetzt hauptsächlich den Intellekt des Kindes pflegt, müßte durch ein System ersetzt werden, das durch ausgiebige körperliche Ausbildung die Harmonie zwischen Körper und Geist gewährleistet. Ferner müßte obligatorisch in der Schule ein Unterricht in den Grundlagen der Hygiene und Biologie eingeführt werden und der Staat die Ausbildung der Lehrer in diesen Fächern übernehmen. Schließlich empfiehlt Dr. Meirowsky an den Schulen Beratungsstellen einzurichten, an denen Pädagogen und Schulärzte mit den Eltern auf deren Wunsch die in die sexuelle Sphäre fallen. den Erscheinungen besprechen, ihren Rat zur Verfügung stellen oder selbst die geeigneten Schritte unternehmet».-- Gerichts-Zeitung Die Kampfesweise von Unternehmern gegen Streikende. Im Oktober vorigen Jahres war in dem Fliescngeschäft von Schachtsick u. Mellin ein Konflikt der Firma mit den Arbeitern aus- gebrochen, der iffl wesentlichen folgende Ursachen hatte: Kse Firgia hatte einer Kolonne Eott Fliesenlegern elfte größere Llrbeik kit Akkord zu tarifmäßigen Bedingungen übertragen. Als etwa die Hälfte der Arbeit fertig war, gab die Firma deutlich zu erkennen, daß sie den noch verbleibenden Teil der Arbeit durch Zwischenunter- nehmer— das bedeutet nach Lage der Sache unter nicht tarif- mäßigen Bedingungen— herstellen lassen wollte. Die Arbeiter beanspruchten dagegen, daß dieser Teil der Arbeit, da er nur ein Teil des ihnen übertragenen Akkordes war, unter den bisher an- gewandten tarifmäßigen Bedingungen fertiggestellt werde. Die Firma ging darauf nicht ein, sondern entließ die Arbeiter, die unter diesen Umständen von ihrer Organisation, dem Maurer- verband, als gematzregclt betrachtet wurden. Die Bauten der Firma Schachtsick u. Mellin wurden nun gesperrt. Die Firma bekam nur wenige Arbeitswillige. Um dem wirtschaftlichen Kampfe eine Wendung zu ihren Gunsten zu geben, griff die Firma zu einem äutzcrst verwerflichen Mittel. Ernst Schachtsick, einer der Firmen- inhaber, schrieb ein Flugblatt, welches er in Gemeinschaft mit seinem Sohne Otto Schachtsick und seinem Sozius Mellin auf den in Frage kommenden Bauten verbreitete. In dem Flugblatt werden die Wortführer der Gemaßregelten beschuldigt, sie hätten den Streik vom Zaun gebrochen, um sich auf Kosten ihrer Kollegen lohnende Arbeit zu sichern; sie hätten strafbarerweise die Organisation benutzt, um sich zu rächen, weil einige von ihnen nicht als Werk- mcister angestellt worden seien, obgleich sie sich um diesen Posten beworben hätten; sie hätten niederträchtigerweise, indem sie falsche Vorspiegelungen machten, 17 mitarbeitende Kollegen auf die Straße gesetzt; sie hätten hinter verschlossenen Türen Intrigen gesponnen und die Versammlungen durch falsche Darstellungen irre geführt. — Diesem Flugblatt ließ Schachtsick bald ein zweites folgen, worin dieselben Personen beschuldigt werden, sie behaupteten lügen- hasterweise, daß sie gemaßregelt seien; sie trieben bodenlose Ver- schwendung mit Arbeitergroschen und suchten mit ihren Kollegen Skandal zu provozieren, um von Arbeitergroschen müßig zu leben. Außerdem enthalten beide Flugblätter eine Menge formaler Beleidigungen. Die Flugblätter waren so gehalten, datz sie den Anschein er- wecken sollten, als seien sie von einem Arbeiter verfaßt. Sie waren auch mit dem fingierten Namen Krüger unterzeichnet. Die durch den Inhalt der Flugblätter am meisten getroffenen Fliesenleger Waldheim und Schneider haben die beiden Firmen- inhaber sowie den jungen Schachtsick wegen Beleidigung verklagt. Das Schöffengericht hat die Angeklagten, ohne Beweis zu erheben, freigesprochen, indem es ihnen den Schutz des Z 193 zubilligte. Infolge der Berufung der Kläger, die Rechtsanwalt Wolfgang Heine verteidigte, wurde die Sache gestern vor der 9. Strafkammer des Landgerichts I verhandelt. Schach tsick sen. behauptet, die tatsächlichen Angaben der Flug» blätter seien ihm von einem damals bei ihm beschäftigt gewesenen Arbeiter Krüger im Namen anderer Arbeiter gemacht worden. Diese Behauptung erwies sich vor Gericht als unwahr. Keiner der Zeugen wußte etwas davon, daß damals ein Krüger bei Schachtflck u. Mellin beschäftigt war. Auch unter den Arbeitswilligen befand er sich nicht.— Weiter rezählte Schachtsick sen. dem Gericht eine Schaucrmär von angeblichen Gewalttaten der Gematzregelten, Be- drohungen der Arbeitswilligen, Messerstechereien und ähnlichen Gruselgeschichten. Ein Arbeitswilliger, der hierüber als Zeuge vernommen wurde, wußte trotz eingehender Befragung nichts weiter anzugeben, als daß vor den Bauten Streikposten standen, von denen einer einmal mit einem Stein geworfen habe, ohne datz jemandem dadurch Schaden geschah. Alle in den Flugblättern gegen die Kläger gerichteten Behauv- rungen erwiesen sich als unwahr. Mit der Angabe, die Wort» führer der Arbeiter hätten 17 ihrer Kollegen brotlos gemacht, um sich selbst lohnende Arbeit zu sichern, verhält eS sich, wie festgestellt wurde, so: Als der erste Teil der Arbeit fast vollendet war und die Firma sich weigerte, den zweiten Teil in Angriff nehmen zu lassen, war für diese 17 Arbeiter nichts mehr zu tun. Nach einer Besprechung der ganzen, auS etwa 49 Arbeitern bestehenden Kolonne hörten diese 17, die zuletzt angefangen hatten, auf, worüber sich keiner von ihnen beklagt hat, weil nach Lage der Sache gar nichts anderes möglich war. Die Behauptung, einige hätten sich um eine Werkmeisterstelle beworben, ist später von Schachtsick dahin eingeschränkt worden, datz sie sich nur auf den Kläger Schneider beziehe. Die VerHand- lung erwies, datz auch diese Behauptung unwahr und nur zu dem Zweck aufgestellt ist, Schneider bei seinen Kollegen in schlechtem Lichte erscheinen zu lassen. Festgestellt wurde in dieser Hinsicht folgendes: Schneider war Baudeputierter der bei Schachtsick u. Mellin arbeitenden Fliesenleger. Der junge Schachtsick ersuchte Schneider um eine Zusammenkunft. Nach Rücksprache mit seinen Kollegen gab Schneider dem Ersuchen Folge und ging mit Schachtsick junior in ein Restaurant. Schachtsick sprach davon, datz die noch bevorstehende Arbeit unter anderen Bedingungen gemacht werden solle, und datz er dazu einen Werkmeister brauche, Schneider möge ihm einen geeigneten Kollegen vorschlagen. Nachdem Schneider mehrere Vorschläge gemacht hatte, bot ihm Schachtsick die Werk- mcisterstelle an. Schneider lehnte ab, weil er die Annahme mit seiner Stellung in der Arbeiterorganisation nicht vereinbaren könne. — So stellt Schneider in sehr glaubwürdiger Weise die Sache dar und seine Darstellung konnte nicht widerlegt werden, obgleich Schachtsick zu jener Unterredung den Bruder des Firmeninhabers Mellin als Zeugen hinzugezogen hatte. Dieser Zeuge konnte vor Gericht gar nichts Zuverlässiges angeben. Uebrigens wollte auch Schneider zu jener Unterredung einen Zeugen auS den Reihen seiner Kollegen mitbringen, was aber Schachtsick, der sich selbst einen Zeugen besorgt hatte, nicht zuließ.— Schachtsick hat auch in der Straßenbahn zu Arbeitswilligen unwahrerweise erzählt, Schneider habe sich um eine Werkmeisterstelle beworben und dabei gesagt, er werde die Arbeiter schon schleifen, wenn er die Stelle erst habe. Dieselbe unwahre Behauptung hatte Schachtsick kurz vorher auch in bczug auf den Fliesenleger Grötschel verbreitet. RechtSauwnlt Heine beantragte die Bestrafung aller drei An- geklagten, und zwar Schachtsick sen. und Mellin auS Z 183. Diesen beiden möge zugegeben werden, datz sie in gutem Glauben gehandelt haben, während man bei dem jungen Schachtsick dies nicht annehmen könne. Er habe wider besseres Wissen gehandelt, er sei der Urheber eines teuflischen Planes. Auf ihn sei§ 187 anzu- wenden. Eine Freiheitsstrafe sei für diesen Angeklagten durchaus begründet. Das Gericht kam zu dem Urteil, datz Schachtsick sen. die Flug- blätter verfaßt habe und der angebliche Krüger nicht existiere. Der Wahrheitsbeweis hinsichtlich der von den Angeklagten aufgestellten Behauptungen sei in keiner Weise gelungen. Diese Behauptungen seien zwar geeignet, die Kläger verächtlich zu machen, sie könnten aber nicht auS Z 136 verurteilt tverden, weil ihnen der Schutz des § 193 zur Seite stehe und sie nicht wider besseres Wissen gehandelt hätten. Die Angeklagten könnten nur wegen formaler Beleidigung bestraft werden. Mellin, der sich nur an der Verbreitung der Flug- blätter beteiligt hatte, wurde zu 39 Mark, die beiden Schachtsick jeder zu 89 Mark verurteilt. Mit diesem milden Urteil dergleiche man die gegen Arbeiter auS Anlaß geringfügiger Beleidigungen verengten Strafen. Polizeilicher Eifer gegen Streikposten. hat den Fabrikbesitzer Tamke auf die Anklagebank gebracht. Gegen Damke, den Rechtsanwalt Tr. Kurt Nosciifeld verteidigte, der- handelte gestern das Schöffengericht Berlin-Tcmpelhof. Damke ging eines Tages ahnungslos das Tempelhofer Ufer entlang. Bor einer Gummisabrik, wo damals gestreikt wurde, stand ein Schutz- mann. Der sistierte einen Radfahrer und richtete auch an Damke die Aufforderung, weiter zu gehen. Der Schutzmann behauptet, er habe gesagt: Amk) Sie müssen weiter gehen, hier wird gestreikt. — Nach Damkes Angabe, die von einem Zeugen mit großer Sicher- heit bestätigt wird, ist er von dem Schutzmann angeschrien worden: Scheren Sie sich hier weg.— Als Damke sich diesen Ton verbat, schob ihn der Schutzmann mit Unterstützung eines zweiten Schutz- manns weiter. Nachdem Damke ein Stück fortgegangen war, entschloß er sich, gegen das Verhalten des Schutzmanns Beschwerde zu führen. Er ging deshalb nach der Polizeiwache. Im Flur der Wache kam ihm der Schutzmann, mit dem er das Renkontre auf der Straße hatte, entgegen und fragte: Was wollen Sie denn hier? — Ich will mich über Sie beschweren! war die Antwort.— Darauf sagte der Schutzmann: Na, dann kommen Sie mit, ich sisticre Sie! — Damke wurde nun auch wegen Ilebcrtretung der Strasienpolizei- Verordnung angezeigt.— Bor Gericht nach dem Grunde der Sistie- rung befragt, sagte der Schutzmann, Damke habe ihn heraus- fordernd und verachtend angesehen, so daß er, der Schutzmann, sich hätte beleidigt fühlen müssen. Er habe sich doch nicht als Nacht- Wächter zeigen können. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 12 Mark und erklärte, daß die Aussagen der beiden vernom- menen Schutzleute durch die anderen Zeugen nicht erschüttert worden seien. Selbst wenn der Schutzmann gesagt haben sollte: Scheren Sie sich weg, so sei das doch eine Aufforderung, sich zu entfernen, und daß sie im Interesse der öffentlichen Ordnung er- gangen sei, habe der Schutzmann zum Ausdruck gebracht durch die Bemerkung: hier wird gestreikt. Das nennt man„gesetzliche Gewährleistung deS Streikpostenstehens". Krieg im Frieden scheint in der Gemeinde Rosenthal-Wilhelmsruh zu herrschen, deren Vertreter sich in der Mehrzahl gestern vor der Berufungsstraf- kammer des Landgerichts III ein Rendezvous gäben. Wegen Be- leidigung des früheren Gemeindevorstehers Schmidt mußte sich der Gemeindevertreter, Beamter der Landcsversicherungsanstalt Frie- drich Litzner verantworten. Der Angeklagte war in erster Instanz von dem Schöffengericht Pankow zu einer Geldstraf» von 1050 M. verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatte L. Berufung eingelegt. — In der Ortschaft Wilhelmsvuh-Rosenthal herrschen seit einiger Zeit in der Gemeindevertretung recht„kriegerische" Zustände, die schon mehrfach zu gerichtlichen L�iseinandersetzunaen geführt haben. Im Mittelpunkt dieser Differenzen steht der frühere Gcmeindevor- steher Schmidt, der bis zum April dieses Jahres dieses Amt be- kleidete und jetzt Syndikus einer großen Elektrizitötsgesellschaft ist. In der Gemeindevertretersitzung vom 22. März sollte u. a. über das dem S. auszustellende Zeugnis und über die Höhe der an S. zu zahlenden Pension verhandelt werden. Die Debatte nahm einen sehr erregten Verlauf, da Schmidt in der Person des jetzigen Angeklagten einen Widersacher hatte. Diescx brachte u. a. vor, daß man Schmidt wiederholt„in schwer bezechtem Zustande im Rinn- stein aufgelesen" und nach Hause gebracht habe.— In der Sitzung vom Ib. April verstieg sich L. sogar zu der Behauptung, Schmidt habe Akten gestohlen,— Der von ihm in der ersten Verhandlung angebotene Wahrheitsbeweis fiel vollständig ins Waffer. Auch in der gestrigen Verhandlung konnte er für seine Angaben keinerlei Beweise bringen.— Die Berufungsstrafkammer hielt es mit Rück- ficht auf die bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten für ange- bracht, die Strafe zu ermäßigen, uich erkannte, auf. cjne Geldstrafe von bbv M., auch wurde dem Beleidigten die Publikationsbefugnis zugesprochen._ Maifeier. Einige Tage bor dem 1. Mai d. I. suchte der Vertreter des Gewerkschaftskartclls zu Weihwasser beim Amtsvorsteher in Weiß- tvasser die Genehmigung zu einem Umzug� mit Musik nach, der am 1. Mai veranstaltet werden sollt«. Es war beabsichtigt, den Zug bis Keula zu führen, wo die Versammlung zur Maifeier abgehalten wurde. Der Amtsvorsteher erteilte zunächst die Erlaubnis, wider- rief sie dann aber und untersagte den Aufzug„im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit". Es versammelten sich trotzdem in Weißwasser eine große Anzahl von Personen, die sämtlich zur Versammlung zogen. In diesem Spaziergang er- blickte die Polizeibehörde einen Aufzug, der ohne polizeiliche Gc- nehmigung veranstaltet worden sei. Es wurde deswegen gegen die Genossen Linke und Täubrich aus Wcißwasser und einige andere Personen als angebliche Leiter des Aufzuges wegen Vergehens gegen das Reick, bvercinsgcsetz Anklage erhoben. Außerdem wurde der Genosse Rühle, der den Spaziergängern voran mit etwa 29 anderen Personen auf dem Rade fuhr und dabei geständlich eine rote Fahne trug, wegen groben Unfugs angeklagt. Das Schöffengericht in Muskau verurteilte jeden der drei Angeklachen zu 2 Woche» Haft. Die übrigen wurden freigesprochen. In Linke und Täubrich fand das Gericht die Leiter des Aufzuges mit Rück- ficht auf ihre Stellungen in Partei und Gewerkschaft, weil sie von den Gendarmen in den ersten Reihen des Zuges gesehen wurden und ba sie ferner den Gendarmen, die den Zug anhielten, auf De- fragen die gewünschte Antwort erteilt hatten. In dem Tragen der roten Fahne wurde grober Unfug gesehen. Ueberaus charak- teristisch ist, was das Gericht i» Mnskan über die Höhe der zu vcr- hängenden Strafe sagte. Von einer Geldstrafe sei Abstand zu nehmen, da eine solche zweifellos von der Partcikasse getragen würde. Die zu verhängende Freiheitsstrafe müsse aber auch eine hohe sein, denn die Straftat sei von Leuten begangen, die„sich im ständigen und zielbewußten Gegensatz zur Staatsautorität be- finden. Solchen Leuten kann nur eine etwas längere Freiheits- strafe die Ueberzeugnng beibringen, daß eS noch eine staatliche Macht gibt, der sie nicht ungestraft trotzen können". In der am 1. Oktober vor der Strafkammer in Görlitz ber- handelten Berufung mußten, die Gendarmen zugebe», daß der Zug keinen geordneten, geschlossenen Charakter getragen habe, die Teilnehmer vielmehr lose nebeneinander gegangen seien. Dafür, daß Linke und Täubrich Leiter des Zuges gewesen seien, vermochten dke Beamten nichts weiter als ihren Eindruck anzugeben. Der Ber- leidiger der Angeklagten, Rechtsanwalt Heineiuanu-Berlin beantragte Freisprechung der Angeklagten, da das Reichsvereinsgesetz Tatsachen verlange, aus denen der Begriff der Leitung des Auf- zuges sich ergebe. Mit allgemeinen Eindrücken und Vermutungen liehe sich nicht operieren. Eingehend legte der Verteidiger sodann an der Hand der neueren Rechtsprechung des Reichsgerichts dar, daß das Tragen der roten Fahne kein grober Unfug im Sinne des Gesetzes sei. Man sollte glauben, daß mit dieser Furcht vor der roten Farbe endlich aufgeräumt sei. Das Reichsgericht, das früher eine andere Rechtsanfsassung vertreten habe, stehe jetzt konstant auf dem richtigen Standpunkt, daß der grobe Unfugsparagraph nur den äußeren Bestand der öffentlichen Ruhe und Ordnung, nicht die politischen Empfindungen der der Sozialdemokratie feindlich gegen- überstehenden Kreise schützen wolle. Auf das energischste aber müsse Front gemacht werden gegen das, was die Vorderrichter zum Strafmaß sagen. Hier sei mit klarsten Worten gesagt, die Angeklagten müßten deshalb, weil sie Sozialdemokraten seien und eine Straftat bei Gelegenheit der Betätigung dieser ihrer Ge- sinnung begangen hätten, besonders streng angefaßt werden. Wenn gegen solche Deduktionen der Vorwurf der Klassenjustiz erhoben werde, so dürfte das Berufungsgericht dieses nicht für unbegründet halten. Das Gericht verneinte, daß Linke und Täubrich Leiter des Aufzuges gewesen seien und sprach beide Angeklagte frei. Dagegen wurde Rühle zu einer Woche Haft verurteilt. Gegen das Röhle verurteilende Erkenntnis wird selbstverständlich Revision eingelegt. Glatter Fußbodenbelag im Rathaus. Nach dem Bürgerlichen Ewsetzbuch ist der Eigentümer von Ge- bänden, die dem Verkehr offen stehen, verpflichtet, diese Baulich- leiten so einzurichten und zu unterhalten, daß die dort verkehren- den Personen gegen Gefahren geschützt sind. Zu diesen von unserer Judikatur allgemein vertretenen Ncchtsgrundsätzcn inter- essiert die jüngst vor dem Reichsgericht aufgerollte Streitfrage über die Zulässigkeit der Verwendung von glatten Tonfliesen als Fußbodenbelag in öffentlichen Gebäuden. Wenn auch an und für sich gegen die Verwendung von schönen, glatten Zierfliesen nichts einzuwenden ist, so ergeben sich aus dieser Verwendung doch von selbst die Nebenfragen, ob diese Fliesen ohne Sicherheit für den Verkehr frei liegen dürfen, ob sie mit Läufern zu belegen sind und ob das eventuell schon nach den ersten Unfallereignissen zu ge- schehen hat. Im vorliegenden Rechtsstreit handelt es sich um einen Belag von Schwandorfer Tonfliesen, mit denen die Korridore des ncnen Leipziger Rathauses verschen worden sind. Infolge der Glätte dieser Tonslicsen sind schon im Jahre ILM einzelne Personen zu Fall gekommen. Man versuchte deshalb auf einzelnen Stellen, be- sonders un Parterre, der gefahrdrohenden Glätte durch Rauh- inachen dcr Fliesen und durch andere Mittel zu begegnen, kam je- doch damit nicht ordentlich vorwärts. Am 30. Juni 1808 hatte der Geschäftsmann K. aus Leipzig im Zwifck�nstock des neuen Rat- bauses zu tun und kam an einer mehrfach begangenen glatten Stelle zu Schaden. Er fiel hin und erlitt als Folge eine Lähmung des ganzen Körpers und dcr Sprache: Seinen gegen die Stadt- gemeinde Leipzig wegen vollständiger Erwerbsunfähigkeit erhobenen Schadenersatzanspruch machte das Landgericht Leipzig von einem Eide über die Unfalltatsache abhängig. Auf die Berufung der Stadtgemeinde erkannte das Oberlandesgericht Dresden auf Ab- Weisung des Klägers. Das Oberlandesgericht führt aus, es handele sich hier um einen Prackstbau, der die hohe Zierde des Ortes darstelle und der modernen Kunstrichtung Rechnung trage. Deshalb dürfe man nicht so weit gehen und die Berweirdung von schönen, glatten Zier- fliesen untersagen, weil sie an den Verkehr eine größere Aufmerk- samkeit stellen. Auch habe.di.e.beklagte Stadtgemeinde alles Er- forderliche getan, indem sie vor der Vcrtvendung der Fliesen bei den Stadtgcmeinden Nürnberg und München, die den gleichen Be- lag haben, Erkundigungen eingezogen und nichts Nachteiliges über die Verkehrssicherheit in Erfahrung gebracht habe. Es sei deshalb nicht einzusehen, weshalb die Besucher des Rathauses die mäßige Glätte solchen Zierbelages nicht mit in Kauf zu nehmen hätten. Infolgedessen lasse sich auch kein objektiv widerrechtliches Handeln der Beklagten im Sinne von§ 823 B. G.-B. konstruieren. Wenn man die einzelnen Unfälle berücksichtige, die vor dem Unfall dcs Klägers geschehen sind, so lasse sich doch die Erwägung nicht von der"Hand weisen, daß die. Beklagte alles getan habe, was nach billigem Ermessen van ihr gefordert werden konnte. Man habe Versuche angestellt, eine größere Verkehrssicheckheit zu schaffen: es seien die Korridore wöchentlich zweimal gewaschen worden, um eiwa gesteigerte Glätte, die durch das Uebertragen von Wachs aus den gewachsten Zimmern mittels der Stieselsohlen der Beamten hervorgerufen wurde, zu beseitigen. Nach dem Unfall des Klägers habe man dann gefunden, daß es das beste Mittel sei, die Korri- dore mit Linolenmlänfern zu belegen. Gegen dieses Urteil hatte der Kläger Revision beim Reichs- gericht eingelegt und jetzt auch die Aufhebung dcs vbcrlandeö- gerichtlichen Urteils erzielt. Der 6. Zivilsenat verwies die Sache zur anderwciteu Verhandlung und Entscheidung an das Ober- landesgericht Dresden zurück. Er legt dar, daß gegen die ursprüng- liche Anschaffung der Fliesen nichts einzutvendsn sei und dieser Re- visionsangrisf deshalb scheitern müsse. Dagegen sei vom Ober- landesgericht nicht genügend geprüft worden, ob gemäß der Be- wcisantrctungen das Verhalten der Stadt nach den angeblich statt- gefundenen Unfällen zu billigen sei.— Das Reichsgericht scheint danach die Meinung zu vertreten, nach den ersten Unfällen hätte die Stadt eiliger mit der Schaffung einer sicheren Gehbahn in den gefährlichen Korridoren vorgehen müssen. Die-Entscheidung des ObcrlandeLgerichts widerspricht ge- Lindem Rechtsempfinden ebenso wie das Verhalten der Leipziger Stadtverwaltung. Selbst wenn die Stadtverwaltung nach dem Buchstaben des Gesetzes für den Unfall zu haften nicht verpflichtet ist, weil sie ihn nicht„verschuldet" hat, so hat sie ihn doch veran- laßt. Und dem gesunden Rechtsempfinden entspricht es, daß der wirtschaftlich Starke, der einen Unfall veranlaßt, auch für seine Folgen haftet. Dies als Rechtsgrundsatz im B. G.-B. aufzu- nehmen, hatte die Kommission zur Vorberatung des B. G.-B. vor- geschlagen. Der Bundesrat und später dcr Reichstag lehnten leider das Prinzip dcö ökonomischen Ausgleichs ab. Eine Stadtverwal- tung, die der Empfindung nicht bar ist, daß sie auch soziale Per- pflichtuugeu hat. würde Ablehnung der Haftung in dem erörterten Fall für ihrer selbst unwürdig halten. )Zirs aller Melt. Schiff ökataftrophc auf hoher See* 50 Menschen ertrunken. Im Golf von Panama ereignete sich auf dem englischen Perfonendanipfer„ C h i r i q u i" eine schwere K e s s e l e x p l o s i o n, durch die der Dampfer in kurzer Zeit zum Siuken kam. Das Schiff hatte 70 Personen an Bord, darunter 27 Passagiere erster Klasse. Nur einem ge» ringen Teil der Besatzung gelang es, sich in Rettungsboots zu flüchten, gegen fünfzig Personen fanden in den Wellen den Tod. Ein Rettungsboot, in dem sich dreizehn Ueberlebende befanden, ist in dem Hafen von G a r a ch i m gelandet, lieber den Verbleib eines zweiten Bootes mit zehn Personen ist bisher nichts bekannt; es wird jedoch befürchtet, daß es auf hoher See gekentert ist. » Schreckenstat eines Irrsinnigen. In Lissabon wurde gestern Professor Bombarda, ein bekannter antiklerikaler Deputierter und Direktor eine? Irren- Hospitals, von einem Leutnant durch Revolver- s ch ü s s e t ö d l i ch verletzt.. Der Leutnant befand sich zur Visite im Privatkabinett deS Direktors. Nach einer kurzen Unterredung zog er plötzlich einen Revolver und gab vier Schüsse auf Professor Voiubarda ab, durch die dieser an Kopf und Brust schwer verletzt wurde. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Man nahm zuerst an, daß es sich um ein politisches Attentat handele; später konnte jedoch festgestellt werden, daß es sich um die Tat eines Geistes- kranken handelt._ Schwere Stürme an der englischen Küste. Am Montag haben schwere Stürme an der englischen und irischen Küste gewütet und der Schiffahrt viele Schäden verursacht. Der Dampfer„Welholine", von GrimSby nach Liverpool unterwegs, ist in der Nordsee gestrandet und untergegangen. Mit Ausnahme eines Matrosen konnte sich die gesamte Besatzung retten. In der Nähe der Seliey-Bill-Jnseln ist eine Fischerbarke gesunken; zwei Insassen der Barke ertranken. Zahlreiche Fachten und Fischerboote sind durch den Sturm stark beschädigt worden. » Die Rettungsstation Norderney der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphiert: Von dem hier gestrandeten deutschen Schoner„Adolph", Kapitän Schulte, von Leith nach Norden« Hain bestimmt, wurden vier Personen durch das Rettungsboot „Fürst Bismarck" der Weststation gerettet. Ricsenbrände in Amerika. Eines der größten Schadenfeuer, das seit Jahren in N e w D o r k wütete, kam am Montag in einem Hänserblock, der von der 24. Straße und der 11. Avenue begrenzt wird, aus. Dem Feuer fiel einHotel, eineFabrik und mehrere andere Gebäude zum Opfer. Der Brand, der erst nach Stunden zum Stillstand gebracht werden konnte, richtete einen Schaden von etwa 1 Vz Millionen Dollar an. Ein zweites Riesenfeuer, bei dem gleichfalls Millionen Mark an Werten vernichtet wurden, kam gestern nachmittag am Hafen der südamerikanischen Stadt Montevideo aus. Durch die Flammen wurden die neucrbautcn Zollspeicher eingeäschert. Alle aus Europa eingetroffenen und am Hafen lagernden Waren verbrannten. Das Feuer gefährdete die im Hafen vor Anker liegenden Schiffe, die aber noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnten. Nach vorläufiger Schätzung beträgt der Wert der verbrannten Waren gege» zwei Millionen Mark. Kleine Notizen. Nachwehcn einer GcSurtötngöfeicr. In der Umgebung von Bern bürg fand ein Säbelduell zwischen einem Oifister und. einem Studenten statt. Der Offizier ivurde durch einen Brusthieb schwer verletzt. Ursache des Zweikampfes war ein Zusammenstoß bei einer Kompagnicfeier zum Geburtstage deS Herzogs von A u h a l t. Auf der„Schlosiongriibc" bei K ö n i g S h ü t t e brachen große Kohlei, massen nieder. Ein Bergnicum wurde getötet, mehrere andere konnten gerettet werden. Arbeit deS NnchrichtcrS. Auf dem Hofe deS L i s s a e r Gefängnisses wurde am Dicuötagmorgen der mehrfache Lustmörder KoSziol hingerichtet. Die Affäre dcö„Grafen" de ln Rains beschäftigte am Dienstag das Gericht im H a a g. Die deutsche Regierung hatte die Aus- lieferung des angeblichen Grafen wegen seiner Betrügereien ver» langt. Der An-zeschuldigte und sein Anwalt verlangten ebenfalls die Auslieferung, die dann auch ausgesprochen wurde. 100 000 Dollars Belohnung. Für die Ergreifung der Urbeber des BrandeS im„Timeö"-Gebäude in L o S A n g e l e ö sind Gesamt- belohmmgen im Betrage von 100080 D o l l a r S ausgesetzt worden. 17 Personen sind bisher wegen Verdachts der Teilnahme an dem Attentat verhaftet worden. Die Cholera. In der Stadt Neapel sind während des letzten Tages 10 Personen an Cholera erkrankt und drei ge- starben. In der P r o v i n z N e a p e l wurden 17 Erkran- k u n g e n und sechs Todesfälle ermittelt.— In K o n st a n- tinope l sind während dcr letzten 21 Stunden sechs Erkran« ku ngen und drei Todesfälle an Cholera festgestellt worden. Lese-«nd DiökntlerklnTj„Heine«. Heute abend 8'/, Uhr Sitzung bei Grünberg, Rodcnbergstr. 8. Giisle willkommen. Lese-»nd Diskutierklnb„Siid-Ost«. Heute Mittwoch, abends 6'/, Uhr bei Ncidhardt, Görlitzer Swajje 58: Mitgliederversammlung. Gäste willkommen. lernhndn bei der grossen Wäsche schalen. Sie etmögiieht Zerf sparende Arbeit! Ohne scharfe Zutaten reinigt sie schnell und gründlicMchonMIe 6ewebc und Hände der Wäscherinnen. 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Indem ich Ihnen für diese Erklärung bestens danke, zeichne ich mit besonderer Hochachtung Lippowitz Herausgeber und Chefredakteur des «Neuen Wiener Journals". Uns geht folgende Zuschrift zu: Als hiesiger ständiger Vertreter des„Reuen Wiener Journals" bitte ich die vcrehrliche Redaktion um freundliche Aufnahme folgen- der Feststellung: Der gelegentliche Mitarbeiter, der das im„Neuen Wiener Journal" erschienene Interview mit August Bebel dem Blatttc eingesandt hat, erklärt mir gegenüber auf das allerbcstimmteste, datz die Aeutzerungcn Bebels, wie sie in dem Interview— zum Mwtzten Teil wörtlich auf Grund eines unmittelbar darauf fixierten Stenogramms— wiedergegeben sind, von Herrn Bebel in Magdeburg während des Parteitages getan sind. Die Worte Bebels sind einer grötzcren Gruppe von Herren gegenüber, unter denen sich auch der Herrn Bebel nicht bekannte Mitarbeiter des „N. W. I." befand, geäutzert worden. Jedenfalls ist es Herrn Bebel nicht zum Bowutztscin gekommen, datz seine Aeutzerungen in die bürgerliche Presse gelangen würden. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Emil Frankfurter. .Genosse Bebel aber sendet uns folgendes Telegramm: »Bleibe bei meiner Erklärung: Interview erlogen." Nun dürfte die Sache wohl klar sein: Genosse Bebel hat sich mit Freunden unterhalten; ein langohriger Schmock hat gehorcht, hat dabei etwas aufgeschnappt und den Rest dreist und gottesfürchtig hinzugelogen. Das Ganze erfrecht sich dann dieser Bube ein Interview zu nennen. Wir gratulieren dem„Neuen Wiener Journal" zu diesem Mitarbeiter. Alle krampfhaften„Witze" des„Berliner T a g e b l a t ts" und der übrigen schönen Seelen fallen damit glatt zu Boden. Die Organisationen zum Parteitag. In München war die Parteiversammlung sehr stark besucht. �Die Genossen Adolf Müller und Franz Schmitt erstatteten den Bericht. Nach einer lebhaften Diskussion wurde mit allen gegen 13 Stimmen eine R e s o l u t i o n angenommen, die das Verhalten der Münchener Parteitagsdelc« gierten vollständig billigt und es bedauert, daß die Ein- sctzmig einer S t u d i e n k o»n m i s s i o» abgelehnt worden ist. Die Versammlung gibt der Hoffnung Ausdruck, datz der nächste Parteitag diese Kommission einsetzen werde, damit endlich eine wirkliche Klärung der Stellung der sozialdemokratischen Partei zur Budgctftage erzielt werde. In Mannheim berichtete in einer überfüllten Ver- sammlung am Sonntag Genosse Dr. Frank. Eine Erklärung über die künftige Haltung der badischen Landtagsfraktion zum Budget- befchlutz des Parteitages erfolgte nicht. Frank fand vielen Beifall— eine Diskussion fand nicht statt, ebenso wurde keine Resolution gefatzt. In Karlsruhe ist nicht, wie die von uns in Nr. ZSO wiedcrgegebene Meldung eines TelcgraphenbureauS sagte, der Be richt der PartcitagSdelegiertcn ohne Widerspruch hingenommen worden. In der Versamnilung, in der Genosse Willi referierte, vertraten Genosse Treburger und andere den Standpunkt der Parteitagsmehrheit. Genosse Koch tadelte die Verhöhnung des Parteitages durch den Abg. Frank-Mannheim. Ueber die Haltung d es„Volksfreund", der eine einseitige und ungenügend aufklärende Tendenz befolge, wurde von etlichen Rednern geklagt. Die Versammlung nahm keine Ab- stimmung vor; sie sprach also auch keine Billigung für die Haltung der Delegierten in Magdeburg auS. Auch in der Ko löschen Ver sammlung wurde keine Resolution eingebracht; der Genosse Sauer konstatierte als Vorsitzender zum Schlutz die Zustinukrung der An- wesenden zur Haltung der beiden Karlsruher Delegierten in Magde bürg, ohne zu wissen, ob die gleichzeitig tagende zweite Versammlung diese Konstatierurrg auch rechtfertigte. Eine gut besuchte Parteiversammlung in Frankfurt a. M. er- klärte sich Vtontag mit alle» gegen e i n e S t i in nr e e i n- ver st an den»nit den Beschlüssen des Magdeburger Parteitages. In gutbesuchtcr Versammlung der Genossen in Hanau erstattete Genosse D i tz m a n u Bericht vom Parteitag. Nach eingehender Diskussion wurde gegen zwei Stimmen die nachfolgende Resolution des Genossen Dr. Wagner angenommen: „Die Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen des Magde burger Parteitags einverstanden. Insbesondere erklärt sie ihre Z u st i ni m u n g mit den Beschlüssen d c S Parteitags in der Budgetsrage und der Haltung unserer Delegierten zu denselben. Die Versammlung erklärt ferner, datz nach der zweideutigen Haltung Franks in seinem Schlußwort der Zubeilsche Zusatz notwendig war, um Klarheit darüber zu schaffen, ob die alte revolutionäre Taktik der Partei fortgeführt oder abgelöst werden solle durch eine Politik der An- Näherung an die bürgerliche Gesellschaft. In der Annahme dieses Antrages sieht daher die Versammlung das geeigue.tste Mittel, die alle siegreiche Taktik der Partei so fortzuführen, wie die grotze Masse der Parteigenossen cS für Erringnng unseres Endziels für notwendig findet." Eine Versammlung des Wahlvcreins Friedberg beschäftigte sich am Sonnabend mit dem Parteitage. Nach einein Referate des ReichStagsabgcordneten B u s o l d wurde folgende Resolution ein- stimmig angenommen: Die heutige gut besuchte Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen deS Parteitages einverstanden. Sie nimmt mit Befriedigung Kenntnis von der Tatsache, daß die Mehrzahl der hessischen Delegierten, eut- fegen de in Beschlüsse der hessischen Landes- onferenz, in der Verurteilung des badischen Disziplinbruches einig war. und gibt sich zugleich der Erwartung hin, datz in Zukunft alle in Betracht kommenden Faktoren ihr Verhalten sv einrichten, datz derartige Auseinander- sctzungen überflüssig werden. Die Genossinnen und Genossen des Sozialdemokratischen Ver- ein? von Hagen i.W. nahmen in einer am Sonntag statt- gefundenen Generalversammlung Stellung zg den Beschlüssen des 1 Magdeburger Parteitages. Nach kurzer Debatte wurde folgende vom Vorsitzenden, Genossen Fey, eingegangene Resolution an- genommen: „Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins Hagen erklärt sich mit der Tätigkeit und den Beschlüssen deS deutschen Parteitages voll und ganz einverstanden. Die Versammlung begrüßt es mit Freuden, daß der Parteitag in Sachen der Budgeibewilligung endgültig Klarheit geschaffen hat und spricht zugleich die Erwartung aus, daß Parteigenossen in Zukunft durch ihr disziplinloses Verhalten nicht wieder Anlaß zu solchen Debatten geben, wie sie der verflossene Parteitag ge- zeitigt hat. Des weiteren bedauern die Versammelten, daß der Delgierte des Wahlkreises Hagen-Schwelm die Gegenerklärung zu dem An- trag der Genossin Luxemburg betr. Massenstreik mit unterzeichnet hat und sind niit dieser Haltung ihres Delegierten nicht cinverstanvcn. Vielmehr erachten es die Versammelten durchaus für notwendig, daß die Ideen des politischen Massenstreiks in der Partcipresse und in Gewerkschaftskreiscn erörtert werden, damit gegebenenfalls die Masse des Proletariats politisch und organisatorisch so weit aufgeklärt ist. wie dieses zur siegreichen Durchjiihruilg einer solchen Altion im Interesse des kämpfenden Proletariats notwendig ist. Ferner billigt die Versammlung die Haltung unteres Partei- organs, der„Freien Presse", und weist die Angriffe einiger Partei- genossen auf dem Parteitag in bezug auf die Schreibweise der »Freien Presse" mit aller Entschiedenheit zurück." Die Parteigenossen in Köln nahmen am Montag den Bericht deS Delegierten, Geuossen R i e g e r, entgegen. Nach lebhafter Debatte»ahnt man ciiistinimig folgende Resolution au: „Die Kölner Genossen nehmen Kenntnis von den Beschlüssen des Parteitages in Magdeburg; sie erklären es für die selbst- v c r st ä n d l i ch c P f l i ch t eines j e d c n P a r t e i g e n o s s e n im Sinne dieser Beschlüsse zu wirken, und sprechen die Erwartung aus, daß in Zukunft nicht wieder durch disziplin- loses Verhalten Anlaß zu Debatten gegeben wird, wie sie der Parteitag in Magdeburg zeitigte. Die Genossen sind ferner der Ansicht, daß der Erziehung der Genossen zum Klassenbewußtsein durch Veranstaltung entsprechender Vor- träge sowie durch Artikel im Parteiorgan fortgesetzt ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist." In Görlitz wurde das Referat des Genossen Stolpe, der sich auf den Boden der Parteitagsmchreit stellte, zustimmend aufgenommen, und eine Resolution, die sich mit den Beschlüssen und mit der Haltung des Delegierten auf dem Parteitage einver- standen erklärt, ein st immig angenommen. In C ö t h e n erstattete in einer nur von einigen 30 Personen besuchten Versammlung Genosse E s ch k e Bericht. Er hat bei der Budgctfrage mit der Parteitagsmchrheit gestimmt. In der Dis- kussion sprachen sämtliche Redner ihr Bedauern darüber aus, datz der Genosse P e u s selbst dem Teil der Resolution, die die Haltung der Badcnser bezüglich des Disziplinbruchs und der Hofgängerei verurteilt, nicht zugestimmt hat. Ausdrücklich wurde betont, datz Sie Versammlung wohl den Genossen Peus nicht in seiner Eigen- schaft als Delegierter für Anhalt I zu kritisieren habe, in seiner Stellung als geistiger Leiter der Partei in Anhalt erwecke seine Haltung hierin auch in Anhalt II Interesse.— Die Versammlung erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitages und mit der Stellung ihres Delegierten völlig einverstanden. In der Kreiskonferenz des 6. sächsischen Wahlkreises (Drcsden-Land) gab es eine lebhafte Debatte. Die Delegierten und besonders Genosse F l e i tz n e r vertraten in scharfer Weise den Standpunkt der Partcitagsmehrheit; die meisten Redner traten ihnen bei. Zwei Redner erhoben scharfe Beschwerde über die Haltung der„Dresdener Volkszeitung" Genosse Redakteur N i tz s ch e ver- teidigte sie. Die„Dresdener Volkszeitung" sei nicht revisionistisch. Die Haltung der Zeitung stehe seit Gradnauers Leitung auf der Mittellinie, auf dem Standpunkt, die Einheit in der Partei festzuhalten. Das sei die erste Aufgabe einer Parteizeitung.(Zuruf: Aber nicht auf Kosten der KlarheitI) Eine Resolution wurde nicht gefatzt, der Vorsitzende konstatierte das Einverständnis der Ver- sammlung mit den Beschlüssen des Parteitags und der Haltung oer Delegierten. In Chemnitz nahm eine recht schwach besuchte Partciver» sammlung den Bericht über den Parteitag entgegen. Ueber den Verlauf lvird uns berichtet: In seinem Referat nahm der Berichterstatter Genosse Ca st an Veranlassung, die Reden NoskcS auf dem Parteitage und auf der LaudcSkonferciiz Sachsens zu einander in Gegensatz zu briiigcn; HeilmanitS Stellungnahme zur Budgetfrage auf dem Parteitage machte er zum Gegenstand seiner Kritik. Beide Genossen sprachen dann in der Diskussion und vertraten scharf ihren Standpunkt. N o.s k e bemerkte ausdrücklich, datz seine beiden von Castan gegen- übcrgestclltcn Reden sich nicht widersprechen, sondern decken. Jedenfalls habe er sich in Magdeburg durchaus nicht als reuiger Sünder gefühlt; nur der Gegenstand seiner Reden sei verschieden gewesen. Heilmann bedauerte das Vorgehen der Mehrheit des Parteitages. Näher ging er auf die Budgctfrage ein, die er nicht als prinzipielle, sondern als taktische bezeichnet. Rechthaberei sei bei Beratung dieser Frage vor- herrschend gewesen. Die Nachtsitzling habe durchaus nicht die Ein- heit der Partei gestärkt, sondern dir Gegensätze seien leider vertieft worden. Der Ncvisionsmus sollte einen Schlag erhalten. DaS sei der Wille der Parteimehrheit gewesen. Jedenfalls hätte die Partei keinen Schaden genommen ohne diesen Streit und durch die Ein- sctzuug einer Studienkommission. Die Einigkeit sei die Hauptsache für die Partei. Die Heilmaimschen Ausführungen unterstrich besonders Ge- nosse Heidt. Je eine Resolution wurde von radikaler und revisionstischer Seite eingebracht; es kam aber leine zur A b st i m m u n g. Wegen vorgerückter Zeit und weil die Versammlung so schwach besucht war, wollte man eine Entscheidung nicht herbeisühren. Es wurde aber ein Antrag, die Versammlung zu vertagen, ab- gelehnt. Dagegen fand ein Antrag Heilmanu Annahme, durch den die Versammlung geschlossen wurde.(!) Dadurch kanr auch der Berichterstatter um das Schlußwort. Wäre die Ver- sammlung vertagt worden, hätte auch NoSle Veranlassung genommen, seine Stellungnahme auf dem Parteitage zu begründen. Wenig be- friedigt von dem Verlauf der Parteiversammlung ging eine ziemliche Anzahl der Besucher nach Hause. Der politische Massenstreik und die Gewerkschaften lautete das Thema, über welches die Genossin Luxemburg- Berlin in einer wohl von 2000 Personen besuchten Gcncralversanim- lung des Deutschen MetallarbeiterverbaudeS, Ver- waltniigsstelle Hagen i. W. referierte. Eingangs ihres l'/zstündigen Vortrages kritisierte die Genossin Luxeiuburg mit beißender Satire das Verhalten der Hagener Polizeibehörde, die sich, trotz des VereinSgesetzeS, mit Gewalt Eingang in die Generalversammlung verschafft hatte. Auf das eigentliche Thema übergehend gab die Referentin zunächst einen historischen Rückblick auf die Ideen deS politischen Massen- streikes und Uetz dabei die Tätigkeit der Internationalen Kongresse, die sich mit der Sache beschäftigt haben, Revue passieren. Streng, aber sachlich, wies die Rcserentin jede Jdenlilät der sozialistischen Idee deS Massenstreiks mit der des Anarchismus zurück. Wo der Anarchismus verwirklicht sei, fehle jede organisatorische Zusammen- geHörigkeit. Im weiteren Verlauf besprach die Referentin die Wandlung in der Ansicht über den Massenstreik und die Erfolge dieser Streiks in den einzelnen Ländern im letzten Jahrzehnt. Nur im Kampfe können wir gedeihen und mitten im Kampfe leriten wir, wie wir kämpfen müssen. Auch das volksfeindliche Verhalten der liberalen Bourgeoisie im Jahre 1813 wurde treffend charakterisiert. In längeren Ausführungen, oft von tosendem Beifall unterbrochen, besprach sodann die Genossin Luxemburg die Propagierung des Massenstreiks in unseren eigenen Reihen, das Verhalten der Gegner einer solchen Propagierung und betonte, datz gerade die Gewerkschaften bedacht sein müßten, sich mit der Idee des Massenstreiks mehr wie wisher zu beschäftigen, zumal auch die AuSsperrungs-Taklik des Unternehmertums wohl zu beachten fei. Am Schlüsse ihres Vortrages appellierte Genossin Luxemburg an den Idealismus der Arbeiter, wobei sie daran erinnerte, datz die Arbeiterschaft anderer Länder schon schwere Kämpfe ohne Unter- stütz, mg ausgesochten habe, forderte zum Zusammenschluß der Ar- beiler in den Organisationen auf und schloß mit den Worten des Kommunistischen Manifestes:„Der Arbeiter hat nichts zu verlieren als die Ketten, aber eine Welt zu gewinnen." Wenn die Arbeiter- schaft sich ihrer großen Aufgabe beniußt ist, wenn auch der letzte Proletarier dieses Wort unserer großen Vorkämpfer verstanden bat, dann sei die Zeit gekommen, um die Ideen deS völkerbefreienden Sozialismus zu verwirklichen. Waren schon Bei dem Erscheinen der Genossin Luxemburg im Saale begeisterte Hochrufe auf die Genossin ausgebracht, wurden oftmals die Ausführungen durch stürmische Znstimmungs- und Beifallskundgebungen unterbrochen, so brach am Schlüsse des Vor- träges die Versammlung in einen stürmischen Beifall aus, wie er wohl selten in einer Gewerkschaftsversammlung in Hage» zu ver» zeichnen gewesen ist._ Unsere Toten. Einen schweren Verlust hat die Nürnberger Partei- bcwegung durch den Tod deS Parteisekretärs OSkar Ries erlitten, der im Alter von 33 Jahren an einem Kehlkopslcidcn verstarb. Ries, aus Detmold gebürtig, war gelernter Steindrucker und kam vor etwa 20 Jahren nach Nürnberg, wo er sich sofort der Arbeiterbewegung anschloß, in der er bald eine führende Stellung erlangte. Er war längere Jahre Mitglied deS Zentral- aiisschusses des Verbandes der Lithographen und Steindrucker, vor 2Vs Jahren wurde er von den Nürnberger Parteigenossen auf den Posten eines zweiten Parteisekretärs berufen, auf dem er die ersprieß- lichsten Dienste leistete. In der Agitation leistete Ries, der ein be» gabtcr und schlagfertiger Redner war, Hervorragendes. Er war von unerschöpflichem Arbeitseifer, der auch nicht nachließ, als ihn das tückische Leiden schon gepackt hatte. Bei der Eroberung des Landtagswahlkreises Würzburg im vorigen Jahre wirkte er als einer der am meisten in Anspruch genommenen Redner mit. Ein dreimonatiger Aufenthalt in einer Heilstätte konnte seinem Leiden keine Linderung bringen. Am Montag Ivurde NieS unter zahlreicher Teilnahme der Nürnberger Parteigenossen auf dem jüdischen Friedhofe beerdigt._ polizeiliches, Oerichtllchca ukw. Strafkonto der Presse. Genosse vrennerk vom„V o l k s f r e u n d' in Braun- schweig wurde vom dortigen Schöffengericht wegen Beleidigung des StratzenbahndirektorS Ribbendropp zu 500 M. verurteilt. Die Beleidigung ivurde darin erblickt, datz der„Volks- freund" behauptet hatte, bei der Straßenbahn seien ältere Leute entlassen worden, um auf diese Weise Geld zugunsten der Aktionäre zu ersparen. Genosse Höhne von der„Görlitzer Volkszeitung' wurde vom Schöffengericht wegen eines Artikels, in dem dem Krankenkassenrendatlten in W e i ß w a s s e r vorgeworfen wurde, er habe durch Sparsamkcitsrücksichten den Tod eines KasscnmitgliedeS verursacht, zu 100 Vt. Geldstrafe verurteilt. Eine Frau, die wegen cincS UntcrlcibslcidenS operiert werden mutzte, war, an- statt sofort der nächsten Klinik, aus Sparsamkeitsrücksichten erst nach drei Tagen der Klinik in Kottbus überwiesen worden und dann an der Operation gestorben. Der Kassenrendant berief sich darauf, datz ein Arzt erklärt hatte, die Sache sei nicht so eilig. Das Gericht erkannte an, datz der Artikel aus edlen Motiven veröffentlicht wurde, verhängte aber trotzdem die Strafe. Versammlungen. Die Gipsbaubranche des Zentralverbandcs der Maurer hielt am Freitagabend eine Mitgliederversammlung im Gewerkschafts- hause ab. Die Arbeits- und Organisationsverhältnisse im Gips» baugewerbe und ihre Verbesserungsbedürftigkeit bildeten den Gegen» stand der Besprechung. Der Referent H a e s e legte seinen Aus» sührungen das Ergebnis der allgemeinen Bautenkontrolle des Zentralverbandes zugrunde, die am 8. und 9. September vor» genommen wurde. Die Konjunktur ist eine gute zu nennen, die Zahl der Arbeitslosen ist gering, aber die Akkordarbeit bringt viele unleidliche Zustände mit sich. Die Arbeitszeit wird gewöhnlich über- schritten; die Nichtigkeit der Angaben bei der Bautcnkontrolle wird in dieser Beziehung angezweifelt. In der Gipsbaubranche erstreckte sich die Kontrolle auf 1530 Arbeiter, davon waren 1111 organisiert, das sind 72,36 Proz. Auf Akkord arbeiteten 616 Arbeiter, das sind -10,10 Proz. Von den Nabitzspannern arbeiteten 233 zu cinem Stundenlohn von 65 Pf. Von den Einschalwandputzern erhielten die Mehrzahl 93 und 95 Pf.; von den Nabitzspannern 78 Pf., von den Trägern 76 Pf., von den Hilfsarbeitern 58 Pf. Die Arbeitszeit währt in der Regel 8lkh Stunden— wenn nach dem Tarif gearbeitet wird. In der Betonbaubranche erstreckte sich die Kontrolle auf 2519 Arbeiter, davon waren 1427 organisiert, das sind 56,64 Proz. Die grotze Mehrzahl arbeitet in Lohn. Von den Zementierern arbeiten 134 zu einem Stundenlohn von IhV* Pf. Die Steindeckenwölber erhalten zumeist 85 Pf., die Einschaler 67(4 Pf., die Hilfsarbeiter 53—58 Pf. Die Arbeitszeit währt in der Regel 9 Stunden, wird aber auch hier fast regelmätzig überschritten. Durch die Verlänge- rung der Arbeitszeit wird natürlich der wirkliche Verdienst pro Stunde stark herabgcdrückt.— In der Diskussion war man sich dar» über einig, datz die strikte Einhaltung der tariflichen Bestimmungen unbedingt notwendig sei, wenn die Arbeitsverhältnisse sich nicht stetig verschlechtern sollen. Man verpflichtete sich auch, für eine bessere Organisation im Gewe'rbe Sorge zu tragen. In der Gencralversammlung des KrcisivnhlvcrciiiS für Nieder» baruim wurde, wie wir in Ergänzung unseres gestrigen Berichts milteilen, die Resolution, in der die Generalversammlung sich mit den Beschlüssen des Parteitages und der Haltimg der Delegierten des KreifeS vollständig einverstanden erklärt, mit allen gegen vier S t i in m e n ailgenommen. Weiter erhalten wir folgende Zuschrift: In dem Bericht über die Generalversammlung für Nieder- baruim lauten niciue Ausführungen dahin:„Unsere Genossen in Bayern hätten im Landtag eiueu Antrag auf Erhöhung der Löhne der Staatsarbeiter»md Uiitcrbcninten durchgesetzt". Das stimmt nicht ganz. Ich habe nur gesagt, in einem süddeutschen Land» t a g. Bayern ist damit nicht gemeint. F. Käming. eingegangene Di'Hcklcbnften. Die steile Stufe. Roman von E. Heilborn. E. Fleische!«. Co.. Berlin W. 3 M. Naturschutzparke in Deutschland und Oesterreich. Ein Mahnwort an das deutsche und österreichische Volk. 1 M. Naturschutzparkvercin Stust- gart, Pfizcrstr. 5. Kunst und Künstler. V. Jahrgang. Heft 1. L,S0 M. B. Cassircr, Berlin. Die Kunst zu denken. Von I. A. B. 228 S.— Das GebeiinuiS deS genialen Schaffens. Von E. G. 2öS S.— Eh. L. Pochlmaim, München. 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Eihtritfc 30 Pf. Nachdem; Frol-Tanz. — Vorzugskarten gelten.= Morgen Donnerstag: Grollen mittttr-Konzert. IffestmaDiisfraiiermagaziR] Extra- Abteilung I. Gesch.: Berlin W., Mahren- Slraee37a(2. Hnus von der Jeruenlemer Straße). |ll. Getch.; Berlin NO., CroSe Frankfurt. Str. 1 15(2. Haus von der Andreasstralle). Sohrgr.Ausw.fert. Kleider, Hüte, Handschuhe, Schleier etc. v. einfachsten bis zum hochelegant. Genre z. äußerst niedrigen Preisen. Sonder- Abteilung: lünUanfertigung in 10 bis 12 Stunden. Qrojfc?irma �ßibt Teppiche, Gardinen, Stores, Steppdecken, Portieren auf Trilzahliiug ohne Sluznhlung. Kelne Kassierer. Chisfre S. 100,„Vor- wärtS"- Spedition, Auguststr. 60.* r BantiiSichler. Donnerstag, den 0. Oktober, abends 0 Uhr: Vertrattensmänner- Versammlung für Berlin und Vororte im Gewerkschnftshauö, Eugelufer 14/ IS, Saal 4. Tages-Ordnung: Bericht der Kommission und Ausgabe der neuen Tarife. Die Kommissionsmitglieder müssen um 8 Uhr im Arbeilslosenraum, Eingang v parterre, erscheinen. 91/2 ICinsetzer. Donnerstag, den 0. Oktober, abends S1/« Uhr; Bezirks- Versammlungen......... in folgenden Lokalen: 1. Bezirk: Merkoluski, Andreasstraße 26. S. ». 4. S. v. 7. 8. Gliesche, Kopenhagener Straße 74. Sauer, Levetzowstraße 21. Preil, Nixdorf, Nvsenstraße 24. Wiemer, Bülolvstraße 53. , Mix, Skalitzer Straße 59. , Charlottenburg, Rosinenstraße 3. , Melzer, Wiesenstraße 29. Die Kollegen auS den Bororlen sind besonders dazu eingeladen. TageS-Ordnnng! 1. Ausgabe der neue» Tarife. 2. Branchenangelegenhelten. Bei Wöchnerinnen und ftillenben Frauen bildet„Kufeke" eine sehr gut ernährend«, leicht verdauliche Speise, die zu jeder Zeit gern gcnommci, wird und eine angenehme Abwechslung gegenüber der beliebten Verabreichung von Hasergrütze darstellt.__ Mittwoch 4 Uhr bis Sonnabend 9 Uhr! Gediegene Seidenplüsch-Mäiitel � ,7° K «odt voeUsob(Izisior& Co. Ltd.),«uf tbiinassö-u. 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Seplbr. verstarb unser/ � Miiglied, der Äketällvreher Adolf L-gcktnsim Schivelbelner Str. 45. Ehre feiticm Andenken! Die Beerdigung hat am 2. OI- j lober stailgesunden. 230/s Der Borstanb. SgmIiiVglli'StizehJshivsi'U I�lec!er-karn!m. Bezirk Lichtenberg. Hiermit zur Nachricht, daß unser Mitglied Anns Vekmel | N!eder-Barninistr.g6, verstorben ist. Ehre ihrem Andenken l Die Beerdigung findet am ! Donners in g, nachmittags 4 Uhr, j vonder Leichenhalle deSNummcIS- ! buraer Friedhofes in der Lück- \ stcage aus stall. 14/11 Um rege Beteiligung ersucht. Die Bezirksleitung. Deutscher Metallarbeiter-Verband BerwaltungSstelle Bertis. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, ! dasi unser Mitglied, der Schlosser ! Valsnteaiftisck am 29. September insolge Unfalls I gestorben ist. Die Beerdigung findet am ! DoniierSIan, den 6. Oltober, nach. ! initlagS 8 Uhr, von der Leichen- > balle der kgl. Klinik, Ziegelstrahe, ! auS nach dem Sebastian-Friedhos j in Neinickendors statt. Ferner starb unser Mltglled, ! der Rohrcr ! Richard Klähn | am 1. Oktober an Krebsleiden. Die Beerdigung findet am ! Donnerstag, den 6. Oktober, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Nazareth-Kirch- I Hofs, Nelnickendors-West, aus statt. Ehre ihrem Andenken: Rege Beteiligung erwartet 1 122/17 Die Örtsvcrwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezlrksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser Kollege, der Arbeiter (Zustav Wille am 1. Oltober im Atter von 46 Jahren verstorben ist. Ehre seine,» Andenke»: DI« Beerdigung findet am Mittwoch, den b. Oktober, nach- mittag« S Uhr, von der Leichen- hall« de» FtledhoscS in Köpenick auS statt. 51/11 Die Bezirksleitung. SilgeMiRellMiZll-lt.Me- Kasse der deutsehen Drechsler und deren Berufegenosseo. (E. H. 86. Hamburg.) vertvaltnugöstelle Berlin B. Am 30. September starb unser Mitglied doseph Sorge. Ehre feinem Andenke» 1 291/4 Der Vorstand. Danksagung. üt die Beweise herzlicher Teil» haijme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes 1245b «arl Walzer läge ich allen Belelliglen meinen herzlichsten Dank. Henriette Walzer nebst Kindern. A rbeiler-Wanderbund „Die Naturfreunde". Heute Mittwoch. 5. Oktober. abends 8>/, Uhr. in der Berliner Boikbrauerei. Eyaufieeftr.«4 t Lichtbilder- Vortrag „Märkische Wnndtrnngtn." Eintritt L« Pf. Eäfte willkommen. S/16 lln. Sümimsl Lpeml-�fzt• für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41,«'/tS., 10— 2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2—4 (i Haben Sie Stoff? /cAJer/ute davon Anzug od. Paletot nach Mass, schien, dauerh. Zutattn, von 20 Mark an. Moritz Labaad, Neue PromenadeS, II. I Stdtb. Dörss), i) Dandorf& ß Spittelmarkt Belle- Alliancestrasse Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Grosse Frankfnrterstrasse Soweit Vorrat Brnnnenstrasse Kottbuser Damm Gardinen- Portieren- Decken Tischdecken 1.45, 2.25, 3.75 Tischdecken 5.65, 7.75,9.85 SteppdeCken Satin, Tide F&rben 3.45, D.25, 6.75 Steppdecken ��?.°.'.'7.g5, 9.75, IO.50 Tüll-Gardinen �......................... 33, 55, 75 Tuli-Gardmen abgepasst, weiss oder creme..Fenster 2.45, 3.75, 5.75 Tüll-Stores weiss oder crem............................ 1.65, 2.75, 4.25 Erhstüll-Stores mit �ant......................... 3.75, 4.85, 6.95 Perser-Teppiche Köper-Rouleanxi teiug..... I.75, 2.45, 3.90 Köper-Rouleaux-t-m-... 1.65, 2.75, 3.85 Axminster-Vorleger............ I.95, 2.75 Velour-Vorleger................... 3.25, 4.50 RouleauxstoffeÄ�ÄÖS, Iis, l.« Lauf erstoffe- Jute...... 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Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer&(So, Berlin SW, Dr. 233. 27. AahrMs. Volksversammlungen-- Flugblattverbreitung l Am Sonntag, den S. Oktober, l'i Uhr mittags, finden in Berlin und in den bekannt zu gebenden Vororten eine Reihe von Volksversammlungen statt, welche sich mit den Vorgängen in Moabit beschäftigen werden. Ten Versammlungen vorauf geht eine allgemeine Flugblattverbreitung, die um 8 Uhr morgens von den bekluinten Stelleu aus vorgenommen wird. Wir erwarte«, daß die Partei- und Gcwerkfchafts- Mitglieder sich zahlreich au beide» Verauftaltungen beteiligen. Ter Ansschnß der Berliner Gcwcrkschastskvnimissiou. Der Aktionsausschuß. M'üolh. 5.(öklflkt-tOlO. parte!- Hngdegenbeitem Zweiter Wahlkreis. 5 Abteilung. Am Sonntag, den 9. Oktober, abends 6 Uhr, im großen Sänke von Habel, Berg- mannstraße 5/7, Familienabend, bestehend aus Bortrag, gemütlichem Beisammensein und Tanz. Eintritt 10 Pf. Billetts sind bei den Bezirksfnhrern zii haben. 7. und 3. Abteilung. Sonntag, d e n 0. O k t o b e r, abends 6 Uhr, bei Rabe, Fichiestraße 23, gemütliches Beisammensein und Tanz. Vortrag des Redakteurs Georg Schmidt über: „Preußische Verfnssiingslämpfe". Um recht zahlreiche Beteiligung für beide Veranstaltungen ersuchen Tie Abtcilungsführcr. Pankow. Heute abend 8'/z Uhr findet im Lokal von Groß k u r t, Berliner Straße 27, die Mitgliedervcrsainmlnng statt. Tagest ordnung: 1. Bericht vom Parteitag. 2. Diskussion. 3. OrtS- angelegenheiten. 4. Verschiedenes, Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß am Donnerstag im selben Lokal der Vortragszyklus beginnt. Die Bezirksleitung. Schönwalde(Bezirk Pankow), Am Sonntag, den 9. Oktober, nachmitrags 4Vz Uhr, findet bei Schulz eine öffentliche Bersamm- lung statt. Referent Landtagsabgeordneter Ströbel. Die Gc- nassen werden ersucht, für guten Besuch der Versammlung zu agi- tieren. Die AgitationSkonmiission. Marienfelde. Am Donnerstag, den 0. Oktober, abends S'/a Uhr bei Bcrger, Berliner Straße 114. Mitgliederversammlung des O?ahlvereins. Tagesordnung: 1. Bericht vom Parteitag. Refe- reut Genosse Wenzel. Groß-Lichterfelde. L.Diskussion. 3. Vereins- angelegenheiten. Der Vorstand. KöiligS-Wustcrhauscn. Sonntag, den 9. d. M., nachmittags 2 Uhr im Lokal Wcdhorn, Altes Schüyenhaus, öffentliche Vcrsamm- lung. Tagesordnung«: titaiserrede imd Polizeiattackcn. Referent Genosse Stürmer Berlin. Gleichzeitig weisen wir die Partei- genossen ans den heute abend 8 Uhr im Lokale Wcdhorn statt- findenden Frauen abend hin. Der Vorstand. berliner ISfacdncbteti. Das Kausniannsgericht zu Berlin hatte im Geschäftsjahr 1309(1. April 1909 bis 31. März 1910) wieder eine Mehrung der Klagen. Der Jahres- bericht, den jetzt der Magistrat veröffentlicht, gibt an, daß diesmal 5425 Klagen eingingen, während das Vorjahr nur 5187 Klagen gebracht hatte. Die Kläger waren Ge- jchäftsinhaber in nur 228 Fällen(iin Lorjahr 259), aber Handlungsgehilfen in 5197 Fällen(im Vorjahr 4928). Be- achtung verdient, daß besonders die Klagen von weiblichen Personen und die von Lehrlingen sich gemehrt haben. Im letzten(bezw. vorletzten) Jahr wurden von weiblichen Per- sonen 1633(1477), von Lehrlingen 87(55) Klagen ange- strengt. Der Streit betraf in den Klagen des letzten t ihres 1572 mal Zahlung rückständigen Gehalts, 2932 inal ehalts- oder Entschädigungsansprüche wegen vorzeitiger Entlassung, 217 mal Ausstellung eines Abgangszeugnisses, 3 nial Krankenversicherungsbeiträge, 26 mal Fortsetzung des Lehrverhältnisses, 194 mal Schadenersatz, 42 mal Herausgabe von Papieren, Sachen usw., 48 nial Fortsetzung bezw. Lösung des Dienstvertrages, 65 mal Rückzahlung von Kautionen, 70 mal Feststellung von Ansprüchen, 47 mal Ansprüche aus Verletzung von Konkurrenzklauseln, 68 mal Erteilung von Buchauszügen, 86 mal Rückzahlung von Spesenvorschüssen, 5 mal Zahlung von Steuern. Unter den Gruppen, die starke Zunahme hatten, fällt besonders die Gruppe„Ansprüche aus Verletzung von K o n k u r r e n z k l a u s e l n" auf; im Vor- jähr waren nur 18 derartige Klagen zu verzeichnen getvesen. Andererseits fehlen diesmal gänzlich die Gruppen:„Auf- lösung des Lehrverhältnisses",„Konventionalstrafen", „Zahlung von Lehrgeld", die im Vorjahr mit 7 Fällen, 20 Fällen, 1 Fall beteiligt gewesen waren. Die Höhe des Objektes war diesmal bis 20 M. in 372 Fällen, über 20 bis 50 M. in 692 Fällen, über 50 bis 100 M. in 1108 Fällen, über 100 bis 200 M. in 1353 Fällen, über 200 bis 800 M. in 755 Fällen, über 300 M. in 887 Fällen, und in 258 Fällen war der Wert des Streitgegenstandes nicht an- gegeben. Das Maximum war diesmal 21 814,43 M., das Minimum 1,15 M. Vau den 5425 überhaupt eingegangenen Klagen wurden 342 vor Abhaltung des ersten Termines er- ledigt, es verbleiben sonach für die Rechtsprechung 5 0 83 Klagen. Von diesen wurden bis zum Ablauf des Geschäfts- jahres 4546 erledigt, und zwar durch Vergleich 1881, 'durch Verzicht(8 306 der Zivilprozeßordnung) 235, durch Klagerücknahme oder Ruhenlassen 964, durch Abgabe an andere Gerichte 137, durch Anerkenntnisurteil 49. durch Ver- Säumnisurteil 471, durch kontradiktorisches 809(davon 402 mit Beweisaufnahme und 407 ohne Beweisaufnahme), lieber die D a n e r der durch kontradiktorisches Urteil beendeten Prozesse macht der Bericht Angaben, die sich auf die 809 Prozesse aus dem letzten Jahre samt 78 aus dem vorletzten Jahre übernoinmenen, im ganzen auf 887 Prozesse bezichen. Gegenüber dem vorletzten Jahr ist hier das Ergebnis inso- fern ungünstiger geworden, als die Erledigung diesmal sin weniger als einer Woche nur ganz vereinzelt und auch in (Hn bis zwei Wochen sehr piel weniger oft als im Vorjahre erreicht wurde. Erledigt wurden im letzten(bezw. vor- setzten) Jahre in weniger als einer Woche 2(42) Prozesse, in ein bis zwei Wochen 60(198) Prozesse, in zwei Wochen bis einem Monat 373(328) Prozesse, in ein bis drei Monaten 376(322) Prozesse, in mehr als drei Monaten 76(125) Pro- zcssen. In den durch kontradiktorisches Urteil beendigten Prozessen hatten wieder, wie in den Vorjahren, die Hand- lungsgehüfcn verhältnismäßig öfter als die Geschäftsinhaber einen Erfolg. Tie Klageansprüche wurden ganz oder zum großen Teil durchgesetzt von den Handlungsgehilseu in 40� Prozent, von den Geschäftsinhabern in 30� Proz. ihrer hier in Betracht kommenden Prozesse. Tie Stare ziehen. Verhältnismäßig lange verweilen in diesem Jahre die Zugvögel bei uns. Angelockt durch den früh einsetzenden, dafür aber um so schönereu Herbst, schieben sie das Scheiden»ach Möglichkeit hinaus. Gegenwärtig rüsten sich die Stare zum Fluge nach dem Süden. Auch an der Peripherie der Großstadt kann man jetzt ihre Massen- zusanmienkünfte beobachten, bei denen es so überaus laut und lärmend zugeht und die dem eigentlichen Fortfluge un- mittelbar voranzugehen pflegen. Sie lieben für diese Kon- ventikel alte Bäume, deren Geäst sie mit ihren zierlichen, dunklen Körpern dicht besetzen, um nach wenigen Minuten eifrigen Parlamentierens sich, einer dunkel wirbelnden Wolke aleich, schreiend in die Lüfte zu erheben. Diese Zusanimen- künfte wiederholen sich mehrere Tage hintereinander: dann erst erfolgt der eigentliche Abzug. Auch andere Vogclarten. namentlich die Wildenten, streichen bereits, wenn auch erst vereinzelt, südwärts durch die Lüfte: man wird auf sie auf mcrksam durch die kurzen, stoßartig hervorgebrachten Schreie, die sie in kurzen Abständen ertönen lassen. Tie Lohnsre.ge der städtische» Arbeiter Berlins beschäftigt zurzeit einen von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzten Ausschuß. Der Magistrat hat einigen Kategorien städtischer Arbeiter, vorzugsweise den bei der Straßenreinigung und bei den Wasseriverkcn beschäftigten, eine Lohnznlage für das Etatsjahr 1910 gemacht. Auf Antrag der sozialdemo kratischen Fraktion hatte das Plenum den Magistrat ersucht, der Versammlung Kenntnis zu geben von der gemachten Lohnrcgulierung, um den Umfang der Lohnzulage und die betreffenden Arbciterkatcgorien genauer kennen zu lernen. Diesem Ersuchen ist der Magistrat auch nachgekommen. Wiederum auf Autrag unserer Parteifreunde beschloß die Stadtverordnetenversammlung, diese Nachweisung einem Aus- schuß zu überweisen. Dieser Ausschuß trat an: Montag zu seiner ersten Sitzung zusamnicn. In dieser Sitzung wurde die Notwendigkeit betont, ami liche Unterlagen zu haben über die Lohnhöhe, Arbeitszeit, Sonntagsarbeit, Ueberstundenbezahlung und über den Zeil Punkt, wann zuletzt die einzelnen Arbeitcrkategorien Lohn erhöhungen zugebilligt erhalten haben. Von sozialdemo- kratischcr Seite wurde dargelegt, daß die heutigen Lohnsätze vollkommen ungenügend seien, eine Verbesserung sei dringend erforderlich. Zu diesem Zivecke würde es wünschenswert sein, daß der Magistrat dem Ausschuß eine Uebersicht unterbreite, die sich auf die oben augesiihrten Fragen zu erstrecken hätte, da eine vom Verband der Gemeindearbciter aufgemachte Nach Weisung, die vorgelegt werden konnte, den übrigen Herren doch nicht als Unterlage genüge. So wurde auch beschlossen, und der Ausschuß vertagte sich. Soweit wie möglich, soll der Magistrat versuchen, auch über die gezahlten Löhne in den Vor- orten wie Charlottenburg. Rixdorf, Schöneberg usw. zu berichten, ohne abc» damit die Verhandlungen allzusehr zu verzögern, Der Vertreter des Magistrats, Herr Stadtrat Fischbeck, äußerte sich dahin, daß der Magistrat sich Wohl, nicht gegen die geforderte Nachweisung wenden werde; er betonte aber, daß eine einheitliche Lohnregulierung nicht möglich sei. Ein mal seien verschiedene große Arbeiterkatcgoricn vor nicht allzu langer Zeit bedacht worden, dann aber sei die Bezahlung sehr verschieden. In manchen Betrieben würden sieben Tage be- zahlt, obwohl am siebenten Tage entweder nur einige Stunden oder auch gar nicht gearbeitet werden brauche, andere Betriebe zahlten uur sechs Tage. Da eine Einheitlichkeit zu schaffen, sei sehr schwierig. Man könne letztere Wohl anzu- streben versuchen, das bedürfe aber eines längeren Zeitraums Aaußerdem lägen zurzeit schon dem Magistrat aus einigen Verwaltungen Anträge auf Revision von Lohn sätzen vor. die geprüft würden. Eine irrtümliche Anficht über die Lohnfrage der Arbeiter in Gas- betrieben vertrat Herr Fischbcck, indem er von einer Lohnerhöhung in den letzten Jahren sprach. Die Ansicht hat sich dadurch gebildet, daß bei der Einführung des Neunstundentages eine Umrechnung in Stundenlohn er- folgte. Dadurch erscheinen die Stundenlöhne höher. Für die Arbeiter bedeutet aber diese Umrechnung keinen Pfennig Er- höhung ihres Einkcnimens. Soweit'sich im Ausschüsse Redner zur Sache äußerten, waren diese Aeußerungen einer Lohnaufbesserung nicht ab- geneigt. Aber nach Stimmungen kann man nicht urteilen. Feste Richtlinien müßten aufgestellt werden, und dann ist auch noch der Magistrat da mit seinem Finanzgcnie und dem gerade in Arbeiterfragen den Daumen besonders fest auf den Beutel haltenden Stadtkämmerer. Unter den Parkanlagen der Stadt Berlin verdient der H u in b o l d t h a i n jeyi besondere Beachtung. Durch die beginnende Herbstfärbung der nach ihrem Vaterlande angeordneten Gehölze cnt- stehen farbenprächtige Parkbilder. Die ainerikanichen Eichen, Dornen, Weißbuchen und Eschen färben sich wundervoll. Der zum Andenken Alexander von Humboldt geschaffene Aufbau von riesigen Findlings- blöcken, präsentiert sich, umrahmt von farbigem Laubschmuck, auSge- zeichnet. Die Pracht der Bäume würde noch größer sein, wenn die Jugend die leuchtend roten, gelben und braunen Früchte nicht von den Bäumen und Sträuchern abrisse. Zum Bedauern der Parl- Verwaltung ist der Schaden, den die Kinder beim Abreißen der Früchte den seltenen Exemplaren zufügen, so groß, daß die Früchte deshalb schon vor der Reife abgeschnitten werden müssen. Den Singvögeln wird hierdurch sehr wertvvlle Nahrung entzogen. Die Kinder kommen durch den Genuß der unreifen, der Gesundheit nicht zuträglichen Früchte in Gefahr krank zu werden. Die Jn'ciihausrcform marschiert. Das so oft und besonders in den letzten Jahren an der Hand von Spezialfällen von der Tages- presse fast aller Parteirichtungen gerügte System, daß über die Jnternierung der als geisteskrankheitSverdächtig bei der Polizei ein« gelieferten Personen nur ein einziger Vertrauensarzt des Polizei« bezirkS zu entscheiden hat und diese Entscheidung nach ganz ober- flächlicher Besichtigung gelpöhnlich iimerhaK weniger Minuten trifft, steht vor einer wesentlichen Aenderung. Wie wir sicher erfahren, haben die in Frage kommenden Aerzte selbst dringend angeregt, daß sie von ihrer entscheidenden Tätigkeit in solchen Fällen entbunden und durch andere ärztlichen Faktoren ersetzt werden. Wahrscheinlich wird man nun wieder sagen, daß alle Jrrenhansreformen aus der eigenen Mitte der Psychiater kommen, aber eS unterliegt hier wohl keinem Zweifel, daß die Amtsärzte endlich nur dem sehr energischen Drängen der weitesten Oeffentlichlcit nachgeben, um von einer Verantwortung, die sie schließlich gar nicht übernehmen konnten, befreit zu werden. Im Polizeipräsidium haben in der bedeutsamen Frage bereits Be« ratungen stattgefundeil, die noch nicht zum Abschluß gelaugt sind. Bekanntlich werden seit einiger Zeit Delirenten nicht mehr nach der Polizeiwache zur Beurteilung ihres Zustande», sondern nach den Rettungswachen gebracht und von hier au» je nach Umständen in ein allgemeines Krankenhaus oder aber in ein Irrenhaus, in leichteren Fällen auch wieder in die Wohnung zurück. Es soll eine starke Neigung bestehen, dieses System auf alle einzelne Personen, die im Verdacht der Geisteskrankheit stehen, auszudehnen. Das würde sich mit den von uns seiner Zeit gemachten Ausführungen decken. Die neue Regelung in dieser Form könnte natürlich wohl immer nur ein Ausweg, ein Zwischensystem sein. Für Deliranten ist die Tätigkeit der Aerzte der Rettungswachen ganz gut. Bei anderen der geistigen Erkrankung verdächtigen Personen aber genügt ein solcher Arzt ebensowenig, wie jetzt der Polizeiarzt, weil beiden die ausreichende psychiatrische Borbildung gewöhnlich ab« gehen wird. Und schließlich ist es doch auch auf der Rettungswache wieder nur ein einziger Arzt, in desien Händen die Entscheidung liegt. Immerhin bedeutet die Verlegung der Entscheidung aus der Machtsphäre der Polizei in die Hand von Aerzten, die in höherem Grade das Vertrauen des Publikums besitzen, einen Fortschritt. Wirklich besser kann eS erst werden, wenn vor der Einlieferung ins Irrenhaus, abgesehen natürlich von ganz zweifelsfreien Fälle», eine Zwischenbcobachtungs» station geschaffen und die Jnternierung von einem mit größter Ver» antworllichkeit belasteten Aerztekonstlimn abhängig gemacht wird. Inzwischen muß man die Bresche in daS polizeiliche JnternierungS» system al» eine schwache Abschlagszahlung auf die reichsgesetzliche Regelung der Verhällnisse hinnehmen. Ten zum aktiven Militärdienst auSgchobcncn vcrsicherungS- Pflichtigen junge» Leute» wird dringend empfohlen, ihre Ouiltungs- karten kurz vor dem Eiustellungstermin bei den zuständigen Polizei- reviereu u in z ut a u s ch e n, auch wenn die Gültigkeitsdauer der Karten noch nicht abgelaufen sein sollte. ES wird hierdurch ver- hütet, daß die Karten, die einen besonderen Wert besitzen, während der Militärdienstzsit verloren gehen. Die Hasenjagd ist seit einigen Tagen eröffnet. Trotzdem Freund Lampe für rcicliliche Nachkommenschaft seiner Sippe gesorgt hat, sind die Preise für die Hasen enorm gestiegen. Ein schwerer kostet heute 6 M., d. h. also doppelt soviel, wie vor einigen Jahren. In den Abteilungen des Polizeipräsidiums haben sich Aenderungen vollzogen. Nachdem die Verlehrsabteilung voin Gewerbedepartement abgetrennt und beide, wie die Theaterabteilung, neue Nummern erhalten haben, bestehen beiin Polizeipräsidium— statt bisher sieben— fortan zehn Abteilungen, nänilich 1. Allgemeine und Landespolizciliche Verwaltung. 2. Veterinär-, Gcsmidheits- usw. Polizei, 3. Baupolizei, 4. SicherheitS- und Kriminalpolizei, 5. Paß» und Fremdenpolizei, 6. Abteilung für Uebertretungen, 7. Politische Polizei, 8. Theater-Abteilung. 9. Gewerbe- und Straßnipolizei, 10. VerkehrSabtcilung. Inzwischen hat Polizeipräsident v. Jagow auch die neue Gesch'aflSordmmg einführen lassen, durch die eine wesentliche Vereinfachung und Beschleunigmig des Verfahrens herbei- geführt werden soll. UiiglückSsälle im Straßenverkehr. Am Moniagnachmittag wurde der 08 Jahre alte Geschäftsführer Christoph Reimers vor dem Hause Küniggrätzer Str. 14l von einem Privatautomobil angefahren. Man brachte ihn in deniselben Kraftwagen nach der Eharitö, wo der Arzt einen Bluterguß am linken Unterschenkel feststellte und ihm die erste Hilfe leistete.— Vor dem Hause Königgrätzer Str. 10 stießen nachmittags ein Straßenbahnwagen der Linie 14 mit einer ihn überholenden Kraftdroschke in dem Augenblick zu- sammen. als die letztere dem iljr.'anf seinem Zwcirade entgegenkommenden V8 Jahre alten Kassierer Wilhelm Oldendorf nach rechts ausweichen wollte. An dem Siraßcnbahnwagen wurde die vordere Schutzwcste, an der Kraftdroschke da» rechte Kotblech verbogen. Oldeudors wurde durch die seitlich geschleuderte Kraftdroschke zu Boden geworfen und erlitt eine Rißwunde am Hinterkopf sowie Ouctschnngen am linken Arm und im Rücken. Ein Schutz- mann schaffte den Verunglückten in einer Kraftdroschke nach der Hilfswache in der Köthener Straße und nach Anlegmig eines Verbandes nach seiner Wohnung, wohin auch daö stark beschädigte Rad deS Verunglückten gebracht wurde.— Die 49 Jahre alte KaufmannSwitwe Eäcilie Asch wurde vormittags vor dem Hause Markgrasenstr. 63 durch einen Geschäftswagen umgefahren. Ans der Hilsswache in der Kronenstraße konstatierte nian eine Nippen» quetschnng.— Nachmittags wurde die 9jährige Tochter Maria der Aufwärterin Emma Nogalöli vor dem Hause Pllcklerstr. 20 von der herabfallenden Schrotleiter eines dort unbespamit stehenden Roll« wagenS, auf dem mehrere Kinder spielten, am linken Oberschenkel ge- trvffen. Ein Augenzeuge trug das Kind zu einem in der Nähe wohnenden Arzt, der einen Bruch des linken Oberschenkels feststellte und das Kind nach dem Krankenhause Am Urban transportieren Uetz. Von dem Grundstück Frankfurter Allee 50 lief nachmittags die 8jnhrige Tochter Erna des Tischlers Max Müller gegen einen in langsamer Fahrt befindlichen Kraftwagen, wurde überfahren und trug Ver- lctzungen am Kopf, im Gesicht, am rechten Arm und Bein davon. Nachdem man ihr ans der Hilfswache in der Warschauer Straße Verbände angelegt hatte, wurde sie den Eltern zugeführt.— Der vierjährige Sohn Fritz des Fuhrherrn Lehmann geriet abends vor dem Hause Cuvrystr. 25 unter die Räder eines ArbeitswagenS, die über ihn hinweggingen. Der Arbeiter Theodor Winkler brachte ihn zu einem in der Nähe wohnenden Arzte, der nur noch den infolge Schädelbruches eingetretenen Tod feststellen kvnnte. Die Leiche wurde nach der elterlichen Wohnung gebracht.— Der 24 Jahre alte Händler Eisey Mätzger überfuhr mittags mit einem mit Eierkisten beladencn Wagen in der Sickiugenstraße den 30 Jahre alten Maschinenformer Alex Muth. Die Räder gingen ihm über die Brust und verletzten ibn erheblich. Er fand im Krankenhause Moabit Aufnahme.— Nach« niittags wurde der 35 Jahre alte Kutscher Karl Husen vor dein Hause Luxemburger Straße 34 durch einen von ihm geführten Geschäftswagen überfahren. Husen war während der Fahrt ein- geschlafen und vom Bock gestürzt. Im Virchow-Kraukenhause, wo der Arzt eine Quetschung beider Uiuerschenkel feststellte, fand er Aufnahme. Auf dem Nollcndorfplatz wurde gestern früh eine Frau von einem Auto überfahren und schwer verletzt fortgeichaffr. Ein schwerer Straßenbah nunfall ereignete sich gestern liachmiltag an der Warschauer Brücke. Hier versuchte der 53jährige Arbeiter Ernst Meier aus der Stralauer Allee unmittelbar vor einem herannahenden Zuge der städtischen Straßenbahn das Gleis zu überichreiteu, wurde jedoch umgestoßen und geriet nntcr den Vorderperron. M. erlitt eine klaffende Kopfwunde, mehrere Rippenbriiche und eine schwer- Onetschung des Oberschenkels. Er wurde in besinnungslosem Zustande nach der Unsallstation in der Warschauer Straße transportiert und dann aus seinen Wunsch iu seine Wohnung übergeführt. Todessturz einer Geisteskranken. Auf entsetzliche Weise hat die LLjährige Ehefrau Else des Gemeindeschulrektors L. auö der Frank» furter Allee ihrem Leben ein Ende gemacht. Die junge Frau, die feit fünf Jahren mit ihrem Gatten in glücklichster Ehe lebte, wurde vor mehreren Monaten infolge einer Krankheit von einem schweren Nervenleiden befallen, das ihre Unterbringung in einem Sana toriuin notwendig machte. In der Anstalt besserte sich der Zustand der Kranken ganz erbeblich und vor einigen Tagen wurde die Patientin auf Wunsch ihrcS Mannes enllafsen. Am gestrigen Vormittag erlitt Frau L. wiederum einen Nervenchoc, von dem sie sich jedoch bald erholte und dem man keine größere Bedeutung beilegte. Als nun gestern abend der Rektor sich auf kurze Zeit ent- fernl hatte und seine Frau allein zu Hause blieb, öffnete sie gegen �9 Uhr abends plötzlich das Küchenfenster und stürzte sich aus der Hobe der dritten Etage auf den gepflasterten Hof hinab, wo sie mit zerschmetterten Gliedern blutüberströmt und besinnungslos liegen blieb. Der von Hausbewohnern herbeigerufene Arzt konnte nur noch den inzwischen eingetretenen Tod der Bedauernswerten feststellen. Offenbar hat die junge Frau die Tat in einem erneuten Ansalle ihres alten Leidens begangen. Einem entsetzlichen Unglücksfall ist gestern der 11 jährige Sohn Karl des in der Littauer Strotze 20 wohnhaften Arbeiters Schnabowski zum Opfer gefallen. Der Knabe war von seiner Mutter zu einem Schlächtermeister in der Frankfurter Allee gesandt, um dort etwas einzukaufen. Er mutzte warten und vertrieb sich die Zeit damit, datz er sich an der grotzen im Betriebe befindlichen Fleischzcrkleinerungsmaschine zu schaffen machte. Hierbei geriet der Knabe mit dem linken Arm unter die Messerschneide und das Glied wurde ihm unterhalb des Ellenbogens buchstäblich abgeschnitten. Der Verunglückte wurde nach der Unfallstation in der Warschauer Strotze und von dort nach Anlegung von Notverbänden in be» denklichem Zustande nach dem Krankenhause Friedrichshain über- führt.- In einer Bersammlung des Arbeiter-Abstinenten-BundeS spricht am Freitagabend 9 Uhr im Gewerkschaftöhause(Saal 7) Genoffe Dr. Hanauer, Brüssel, über:„Das internationale sozialistische Abstinenz-Sekretariat."— Gäste will- kommen. Kein Trinkzwang. Arbeiter-Samariterbund. Kolonne Berlin. Heute abend 9 Uhr 5. Abteilung in Rixdorf, Erkstr. 8. Morgen Donnerstag S. Abteilung in Schöneberg, Borbergstr. 3; i. Abteilung in Lichtenberg. Scharn- weberstrahe 60. Vortrag in allen Abteilungen über Physiologie. L. Teil. Neue Teilnehmer können noch eintreten. Der Beitrag für den ganzen Kursus beträgt 2 2)1 Die Bibliothek kann unentgeltlich benutzt werden._______ Vorort-Nacbrichtern Rixdorf. Die KrankenhauSdeputation beschlotz in ihrer letzten Sitzung die Errichtung eines bakteriologischen UntersuchungSamteS im städti- scheu Krankenhauie nach den von der Aufsichtsbehörde gestellten Be- dingungen.— In der Angelegenheit betreffend den zukünftigen Ausbau deS Krankenhauses fll. Bauteil) erläuterte der Vorsitzende das von der Direktion vorgelegte Bauprogramm. Er wies insbesondere darauf hin, datz sich nach der bis- herigen Inanspruchnahme des Krankenhauses und der Zu- nähme der Einwohnerzahl der Stadt eine Erweiterung um zweihundert bis dreihundert Betten in den nächsten Jahren als notwendig erweise. In Aussicht zu nehmen wären für de» zweiten Bauteil zwei Pavillons zu 70 und 81 Betten für die innere Abteilung, wovon ein Pavillon zunächst für Leichtkranke Ber- Wendung finden könnte; weiter ein Pavillon für Jnfektionskranke und ein kleinerer Pavillon für die äutzere Abteilung zu insgesamt etwa hundert Betten. Die Angelegenheit solle derart gefördert werden, datz mit dem Bau im nächsten Frühjahr begonnen werden könne. Die Deputation beschlotz. das Bauamt zu ersuchen, zunächst ein Projekt mit Kostenanschlag über den Bau und die Ein- richtung im Rahmen der beabsichtigten Anlageerwciterung auf- zustellen, sowie von der Berwallungsdirektion einen Kostenanschlag über die Betriebs- und Verpflegungskosten(einschlietzlich Personal) einzuholen. Ueber die bisherige Belegung des KrankenhauleS sowie über die Zahl der wegen Platzmangels bisher abgewiesenen Personen soll in der nächsten Sitzung ein Bericht gegeben werden. Steglitz. Ueber den Parteitag in Magdeburg referierte in der letzten Mit- gliederversammlung Genosse Stiefenhofer- Charlottenburg. DaS größte Interesse nahmen die Budgetdebatten in Anspruch, die vom Referenten eingehend geschildert wurden. Dem Vortrag folgte eine rege Diskussion. Genosse Heinrich Schulz ergänzte den Bericht noch in einzelnen Punkten. Auch er wendet sich scharf gegen das provozierende Verhalten Franks in seinem Schlutzwort. Der Parteitag war es dadurch sich selbst schuldig, so zu handeln wie er gehandelt hat. In gleichem Sinne sprachen noch die Genossen Schmidt und B ö l k e. Genosse Zachow hätte gewünscht, datz auch auf den S ch n a p S b o y k o t t wiederum ein größerer Nach- druck gelegt worden wäre. Zur W a h Ir e ch t S f r a g c wurde von einigen Rednern betont, man solle, um Klarheit zu schaffen,. den Massenstreik in den Mitgliederversammlungen mehr diskutieren. Gegen das Verhalten des Parteitages den Budgetbewilligern gegen- über wandte sich nur Genosse S e l i g s o h n. Folgende Resolution wurde gegen eine Stimme angenommen: Die heutige Versammlung ist mit den Beschlüssen deS Parteitages in Magdeburg einverstanden, insbesondere billigt sie die Haltung des Parteitages zum badischen Disziplinbruch. Der Vorsitzende Alsermann teilt der Versammlung dann mit, datz die letzte Sitzung der Bezirkssührer beschlossen habe, bei der Pretzkomniission anzuregen, im„Vorwärts* sonntäglich eine politische Wochenübersicht erscheinen zu lassen, damit auch den Genossen Rechnung getragen werde, die nicht immer die Zeit übrig haben, sich auf dem Laufenden zu erhalten. Dann weist er noch daraus hin, datz die Genossen A r r m a n n und Winkel- mann bereit sind, zur Erlangung der preußischen Staatsangehörige keit hilfreiche Dienste zu leisten. Mehr Schutz vor Unfallgefahren. Bei der Benutzung einer Balken winde mit Motorantrieb verunglückten kurz hintereinander auf dem Zimmerplatze der Firma Pumplun, SiemenSstratze, zwei Zimmerleute. Beide gerieten mit einer Hand in den Fahrkloben, fo datz dem einen. dem Zimmerer Röder auS Teltow, ein Finger der linken Hand vollständig abgequetscht wurde. Der zweite Verunglückte. der Zimmerer R o g g e r s auS Wilmersdorf, kam mit Quetschwunden an den Fingern der rechten Hand davon. Wie unS mitgeteilt wird, habcy die Unkälle ihre Ursache darin, datz jegliche Schutzvorrichtung an der erst kürzlich eingeführten Maschine fehlt. ES wäre Aufgabe der Auffichtsbehörde, dafür zu sorgen, datz die Firma die not- wendigen Schutzvorrichtungen an der Maschine anbringen läßt, damit nicht öfter sich derartige Unfälle wiederholen. Grost-Lichterfelde. Gemeinde-»der Militärbadeanstalt? So könnte die Frage lauten in Anbetracht der Interpellation, die der Gemeindevertreter Zorn in der letzten Sitzung der Gemeindevertretung an den Gemeinde- vorstand richtete. Der Angelegenheit liegt folgender Tatbestand zu- grn e: Das Kuratorium der hiesigen Gemeindebadcanstalt hat nach berühmten Mustern.auf Grund eigenen Rechts*, ohne sich um die Zuständigkeit der Gemeindevertretung weiter zu kümmern, dem Kommando des hiesigen Garde-Sckmtzen-BataillonS die Mitbenutzung der Badeanstalt für 600 Silberlinge pro Jahr eingeräumt. Der Grund für das sonderbare Vorgehen ist in der Hauplsache darin zu suchen, datz hierorts überall das Bestreben vorherrscht, auS allen Geineindeeinrichumgen, auch denjenigen, die einem allgemeinen sozialen oder hygienischen Bedürfnis dienen, möglichst viel Geld herauszuschlagen. ' Die Verpachtung hat natürlich zu llnzutraglichkeiten bei der Benutzung der Badeanstalt geführt, und da der Vertreter des MilitärfiSkuS in Gestalt eines Leutnants auf seinem Schein bestand und zwar mit der in Prentzen gewohnten schneidigen Bestimmtheit, so wuchsen in der„Bürgerschaft* die Erregung und Mitzstimmung über das ausgezeichnete Stücklein des öadeanstallkuratoriums. Gemeindevertreter Zorn führte ans, datz die Badeanstalt nicht für die Gardeschlltzen, sondern für die Gemeindemitglieder gebaut worden sei. Infolge der Mitbenutzung durch das Militär seien Schwierigkeiten verschiedener Art entstanden. Abgesehen von den Redensarten, die gelegenilich des Badens der Soldaten geführt worden seien, wären auch noch ganz andere Dinge vorgekommen. Zivil-Vadegäste seien einfach aufgefordert worden, die Badeanstalt zu ver- lassen, da die Gardeschiitzen baden. Auch in sanitärer Be ziehung sei der jetzige Zustand äußerst bedenklich. Schöffe Lange vermag nicht einzusehen, inwiekem die Mit Benutzung der Badeanstalt durch daS Militär zu Mißständen führen könne i nach seiner Meinung seien die Beschwerden nur an das Kuratorium oder den Gemeiiidevorstand zu rickten. Gemeinde Vertreter Jäger bestätigt die Angaben des Interpellanten, datz der aufsichlführende Leutnant Badegäste zum Verlassen der Anstalt aufgefordert habe, weil die Schützen baden. In seinem Schlutzwort wies der Interpellant darauf hin, datz die Kadettenanstalt es ab gelehnt habe, ihre Badeanstalt den Gardeschützen zur Verfügung zu stellen. Gemeindevorsteher Schulz erläuterte den geschäftsmäßigen Gang der gestellten Anträge und spricht sich sehr mißvergnügt über die in der Angelegenheit in der Ortsprefie erschienenen Sprechsaal- artikel auS. Den Glanzpunkt seiner Ausführungen bildete die Versicherung, datz Grotz-Lichterfelde erhebliche Vorteile durch die Kadettenanstalt und das Garde« Schützenbataillon habe. In letzterem dienen jährlich sechzig bis achtzig Einjährige. Der Ausbruch militärischer Begeisterung wurde von einem Teil der Gemeindevertretung mit Bravo! ausgezeichnet. Die Anträge wurden einer Kommission überwiesen. Der Gemeindevorsteher hat zweifel- loS recht, datz außer den Panzerplatten-, den Kanonen- und Gewehr- fabrikanten in den Gemeinden auch einige andere Leute an dem Bestände des Militarismus. der Erhaltung der Kasernen und Garnisonen lebhast interessiert sind— die grotze Masie der Gemeinde- Bürger hat sicher das entgegengesetzte Jnleresse. In derselben Sitzung wurde beschloffen, die Mietsentschädigung der Lehrer von 660 auf 800 M.. der Lehrerinnen von 430 auf 660 M. zu erhöhen. Ferner wurden die Kosten für einen Reitweg in der Teltower Straße in Höhe von 1600 M. bewilligt. Lankwitz. Zu dem Bericht über die letzte Generalversammlung des Wahl- Vereins werden wir um Aufnahme folgender Erklärung ersucht: Aus dem Bericht der Generalversammlung des Wahlvereins Lankwitz könnte man entnehmen, datz ich zu den Berfassern des Artikels in den.Lankwitzer Nachrichten* gehöre. Hierzu möchte ich erklären, datz ich dem Artikel vollständig fern siehe. Diese Erklärung habe ich auch vor der Versammlung dem Zentralvorstand von Teltow-Beeskow in einem längeren Schreiben niitgeteilt. Reinhold Theurig. Weiheusee. Todessturz miS dem Fenster. Bon einem traurigen Geschick ist der 32 Jahre alte Kaufmann Vinzenz Lachmann auS der Amalien- strotze 7 ereilt worden. L. war vor längerer Zeit bei einem Gerüst- einsturz in Mitleidenschaft gezogen worden. Er hatte einen so heftigen Schlag gegen den Kops bekommen, datz er seitdem an epileptischen Anfällen litt. Als er nun gestern vor dem offenen Zimmerfenster stand, bekam er wieder einen Anfall und der Unglückliche stürzte vornüber aus dem Fenster hinab. Mit zerschmettertem Schädel blieb er auf dem Hof liegen. Auf dem Transport nach dem Kranlenhause erlag der Aermste den schweren Verletzungen. Bernau. Der BildungSausschuß veranstaltet auch in diesem Winter einen Vortragskursus in Nationalökonomie. Bortragender ist Genosse Jul. Borchardt. Der erste Vortrag findet am 27. Oktober im Lokal Wünsche sGcwerk'chastSlokal) statt. Genossen, die daran teilnehmen wollen, müssen sich bei ihre» GewcrkschastSleitern oder den Funk- tionären deS Wahlverein meiden. DaS Eintrittsgeld beträgt für alle Abende 1,26 M. und wird teilweise von den betreffenden Or- gonisationen gezahlt. Nähere Luskunst erteilt der Obmann des BildungSausschusses Genosse Ernst Knöschke, Wallstr. 1». Wegen Teilnahme an den regelmäßige» Diskutierabenden er- suchen wir die Besucher früherer Unterrichtskurse wie mich andere Genossen, zu einer Zusammenkunft am Freitag, den 7. Oktober, abends 87* Uhr, im Restaurant Temmler, Wallstratze 2, zu er- scheinen. Köpenick. Aus der Stadiverordnetcnversammlung. Als unbesoldete Stadt- räte auf die Tauer von sechs Jahren wurden die Herren A. Selchow, Dr. Göhring ung C. Streichan gewählt. Bei dem Punlt: Be- willigung von 150 M. zu den Prämien der Lehrlingsausstellung frugen unsere Genossen, ob sämtliche Handwerksmeister oder nur die Jiiniingsmeister sich mit Lehrlingsarbeiten beteiligen könnten. Herr Rohrbeck antwortete, datz nach dem Beschlutz des JnnungSauSschuffe« an der Ausstellung sich alle zu hiesigen Innungen gebörige sowie solche Handwcrker beteiligen können, für welche eine Innung nicht bestehe. Herr Pfitzner meinte, darüber hätte sich doch niemand zu bekümmern, wer zu den Ausstellungen zugelassen werde. Diese Anmatzung wurde von unseren Genossen mit stürmischen Zurufen beantwortet. ES wurde Herrn Pfitzner denn auch klar gemacht, datz man im Stadtparlament nicht nur sitzt um mit dem Kopf zu nicke», sondern auch Kritik zu üben das Recht habe. Der Antrag fand gegen 14 Stimmen Annahme. Der Uebernahme der Langen Brücke als Eigentum der Stadt wurde zu- gestimmt; diese war um so notwendiger, weil hier eines schönen Tages der Fiskus kommen und die weitere Benutzung der Brücke durch die Straßenbahn verbieten konnte. Als Abfindungssumme zahlt der Fiskus an die Stadt 49 000 M. Zu dem Antrage der sozialdemokratischen Fraktion:„Stellungnahme zur Fleischteuerung' referierte Genosse Woik. Er wies darauf hin, wie norwendig es sei. datz hierzu die Kommune Stellung nimmt. Gerade die hiesige Bevölkerung habe besonders unter der wirtschaftlich ungünstige» Lage schwer zu leiden. Die Abstimmung ergab die einmütige An- nähme des sozialdemokratischen Antrages. Rüdersdorf. In der letzten WahloereinSversauimlung wurde zunächst der Antrag deS Kreises auf Beitragserhöhung von 6 Pf. pro Monat verhandelt. Schlietzlich wurde der Antrag mit übergrotzer Majorität angenommen. Danach fand eine Aussprache darüber statt, wie am besten für eine größere Verbreitung der Parteipresse gesorgt werden könne. Zu diesem Zwecke wurde eine Kommission gewählt. Daneben wurde beschtosien. datz in der Mitgliederversammlung im Januar nächsten Jahres durch Vorzeigimg der AbonnemeiitSquittung kontrolliert werden soll, wer aus die Parteiprcffe abonniert ist.— In der Ver- sammlung wurden 14 neue Mitglieder aufgenommen, so datz unser Verein jetzt 132 Mitglieder zählt. Unter„Verschiedenes" wurde vom Bezirkssührer darauf hingewiesen, daß die Mitglieder in dem Kampfe der organisierten Tabakarbeiter gegen den Zigarrenfabrikanten W u st r o w im benachbarten Woltersdorf kräftige Solidarität üben möchten. Strausberg. Wegen WechselfSlschungen in Höhe von 40 000 M. ist der Maurermeister L. von hier verhaftet worden. Auch der Sohn deSL. wurde in Haft genommen. Bereits seit Jahren hatte L. geschäftlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen, doch gelang es ihm immer wieder, die Gefahr abzuwenden. Schlietzlich manövrierte er mit Wechseln. Erheblich geschädigt ist die Strausberger Kreditkasse. Unter anderem hat e» L. fertig gebracht, auf daS von der Gemeinde Erkner errichtete Postgeväude eine größere Summe geliehen zu erhalten. Halbe(Görlitzer Bahn). Trotz zahlreicher Schikan-n, die ein Teil der Besucher der Ver- sammlung am 18. September von den Tonangebenden im Orte zu erdulden hatte, fanden sich zu einer Volksversammlung unter freiem Himmel am letzten Sonntag etwa 250 Männer und Frauen ein. Das Mittel des Drol>ens mit der Hungerpeitsche hat also voll» ständig versagt. Der Referent, Genosse Z u b e i l, führte den Ver» sammelten in eingehender Weise die fortgesetzte Ausraubung der erwerbstätigen Bevölkerung durch die famose Zoll, und Steuer« Politik in Deutschland vor Augen. Durch reichlich gespendeten Bei» fall bekundet« die Versammlung, datz sie mit den Ausführungen Zubeils einverstanden sei und stimmte mit Ausnabme einiger Scharfmacher einmütig für eine Resolution, die zunächst die Not- wcndigkeit der Organisation scharf betont, um dann energisch gegen die Vorenthaltung der im Orte vorhandenen Säle zu protestieren. Nachdem, trotz der Aufforderung, von den anwesenden Gegnern und Scharfmachern niemand den Mut zeigte, in der Diskussion zu sprechen, wies Genosse Pageis noch darauf hin, datz die Anwesenden nunmehr auch die Pflicht hätten, ihre Sympathien in die Tat um- zusetzen. Daß das auch zum Teil schon geschehen ist, zeigte die Tat. fache, datz wir in Halbe durch daS schneidige Auftreten der Schars» wacher 80 Mitglieder und 25 Abonnenten für die „Märkische V o l k s st i m m e" gewonnen Habens Potsdam. Die Konsumgenossenschaft„Hoffnung" für Potsdam und Um» gegend schliefet ihr sechstes Geschäftsjahr mit einem Umsatz von 204 253 M. gegen 152 027 M. deS Vorjahres, also 52 231 M. mehr, ab. Die Mügliederzahl hat sich um 385 e r b ö h t und beträgt jetzt über 1000. Außer zwei Verkaufsstellen in Potsdam befinden sich solche noch in B o r n st e d t, Caputh und Werder a. H. und in VetriebSgcineinschast mit dem Nowaweser Berein ist vor einigen Tagen die Bäckerei eröffnet worden. Spareinlagen wurden von den Mitgliedern in Höhe von 16 018 M. gemacht. Die letzte Generalversammlung beschlotz die Einrichtung einer Sterbe» Unterstützung und den Beitritt zur Unterstüyungskaffe der An- gestellten des Zentralverbandes. Im übrigen steht die Genossen- schaft einer Verschmelzung mit dem Konsumverein NowaweS recht sympathisch gegenüber. Berliner Arbciter-DchachNnb. Osten I: jeden DlenSIag'/zS Uhr bei Böhl, NüderSdorser Str. 26, , II: jeden Montag'l-ß Uhr bei Bog. Weberstr. 6. Süden: jeden Dienstag ll29 Uhr bei Uebeleiien, Wassertorstr. 8. Beesten: jeden Freitag ll,9 Uhr bei Pätzler, Karlsbad 17, Ecke Flottwillstr. Norden 1: jeden Freitag>/.9 Uhr bei Lachenich. Mazstr. 13b. , II: jeden Freitag!/j9 Uhr bei Fritsch, Drontheimer Str. 4. , III: jeden Freitag>/,S Uhr bei Baganz, Gaudystr. 3. , IV: jeden Sonnabend'1,9 Uhr bei Keiften, Bernauerstr. SS, Ecke Swinemünderitratze. Zentrum: jeden Dienstag ll,9 Uhr bei Botz, Klosterstr, 101. Nordwcst: jeden Freitag'1,0 Uhr bei Lampreckt, Putlitzftr. 10. Lichtenberg: jeden Freitag'1,9 Uhr bei Blume, Alt-Borhagen 56. Siixdorf I: jeden Dienstag'/,9 Uhr bei Stahmann, Reuterstr. 46. , II: jeden Donnerstag'1,9 Uhr bei Weihe, Hennannstr. 160, Ecke Emser Strotze. Charlottenburg: jeden Donnerstag>1,9 Uhr im Volkshaus, Rostnenstr. 8. Ober. Schöneweide: jeden Freitag'1,9 Uhr bei Nodenbnfch, Wilhelmmenhoj» stratze 64, Ecke Rathenaustratze. tSitternngSüderN-b' vom 4. Oktober 191». morgen« 8 Uvr. Setter SwMemdr 707 WSW Samdurg'70g WSW »trttn 1770®® Aralikj.a M, 774 SW München|775SÖ Wien>770 NW 3 wolkig 4 bedeckt 3 bedeckt 3 Nebel 4 bedeckt 4 bedeckt »m d* f* wS» Stationen l»=H II Bf Haoaranda 701® Petersburg 769 SO ©ciO» 1 777 9553?© Werdeeu 707 SW PartS 1776® i I »ett« t* * I; 6 bedeckt 1 heiter 2 ba!b bd 2 bedeckt Ihalbbd, 4 —X 12 13 • Wetterprognose für Mittwoch, den 5. Oktober 1010. Vielfach heiter, nachts kühl, am Tage wieder etwas wärmer bei ziemlich lebhasten südwestlichen Winden: keine erheblichen?!ieder[chläge. Berliner Wetterbureau. WaflerftandS-Nachrtchte« Wasserstand Memel, TiliU V r e g e l. In tt er bürg Weichsel, Tboro Oder. Ratibor , Krofsen , Frantwrt Warthe. S ib ri mm , LandSberg Netze, Vordamm Slbe, Leinneritz , Dresden , Bardo , Magdeburg 7 4- bedeutet Wuchs,— Fall.«) UnterpegeL BrUfhaftcn der Kedahtion. *ie iiitlfttfrfi« eprcAfi irndc findet S 1 n» e n«ta f|i Str. 69, von biet Drepven— Snlirfiutil—, wochentäglich von 4'/, dtS 7>/,Ndr abend«, Sonnabends von 4'/, bi««»hr nachmittags«all. yeder filr den Briefkasten bestimmten iiliifrage i« ein Buchstabe und eine Zabl al« Merkzeichen beuufngen. Brieflichert wird nicht erteilt.«Uta» Kragen trage man In der Svrechknindc vor. Freie Jugend. 1, Ja. 2, Wenden Sie si» an die Zentralkommisfion der OrtSkrantenkassen. Engeluser lS.—®-®- 43 Ja.— Parteigenosse M, M. 85. 1. Nein. DaS VormundschastSgericht hat das Kontrollrecht. Die Anordnung deS Gerichts icheint angemessen, 2. Ja, durch Erklärung beim Standesamt. 3. DaS ist zuläistg, hängt aber vom VormundlchaftS- gericht ab.— Goede 43. Sie find nicht verpfl-chtet, da« Kind einlegneu zu lassen, können e« auch nach der Freireligiösen Gemeinde schicken, W. 5. Der Anspruch auf Rückgabe verjährt in 30 Jahren, Di» Be. icheinigungen find gültig,— F. 6). 25. Offenbacher Kasse, Vorsitzender Wilh, ijinz, Prinzenstr, 66. IV, der Meldungen entgegennimmt.— 1 Leider nicht.— Gesell, BurgGrafenftraste. Wetten enficheiden wir nicht. — R. IL. Wahrscheinlich in der Leiehalle der Kgl. Bibliothek. Dorotheen. stratze 97,-der Leseraum der Technischen Hochschule, TharlotlenSura. Berliner Str. 171/172.— Erich 25. 1. Ja. 2. Dasjenige, was lausend 2S,SS M. wöchentlich übersteigt, CHmOTTENBDRIi Uhron und Goldwaren| F. Stabenow, Berllnerslr. 146 Verleih-Instltntl Friedrlchst.l 15/1, aOrabg. -Tor. Eleg, Frack,«Schröck i l..'SOT)o|cl.OO,©cste SOPf. Bon der Reise zurück Dr. Bruno Wolff U, itzraneuarzt. 115/13* Htr.40a, Fiauenairtdi. 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Er sank pro Kopf der Bevölkerung von 163,8 Kilogramm im Jahre 1902/93 auf 141,3 Kilogramm im Jahre 1908/09. Größere Ernten, höhere Preise, verminderter Konsum I DaS ist eine prächtige EntWickelung I Das Mittel der Preistreiberei ist unsere Zollpolitik in Verbindung mit dem Einfuhrscheinsystem. Im Jahre 1907 wurde noch mehr Roggen ein» als ausgeführt, der Einfuhrüberschuß stellte sich auf 366 446 Tonnen. In den nächsten Jahren war die Ausfuhr größer als die Einfuhr. Für 1908 und 1909 ergibt sich em Ausfuhrüberschuß von 614 636 Tonnen. Für die Ausfuhr wird den Exportenren in der Form der Sinfuhrscheinr aus der Tasche der Steuerzahler eine Exportprämie in Höhe von 50 M. pro Tonne gewährt. Für die Reichskasse bedeutet mithin allein die Mehrausfuhr einen direkten Verlust von rund 30 Millionen Mark. Der Effekt des ganzen Vorgangs ist folgender: Die Steuerzahler schenken— unfreiwillig natürlich— den Exporteuren 80 Millionen Marl, damit diese den deutschen Markt von Getreide entblößen und hier die Preise nach HerzenSIust hinauf» treiben können. Mit dem gleichen Resultat werden mit anderen Mitteln die Konsumenten auf anderen Gebieten geschröpft. Ein be- merkenswerter Lorgang spielt fich nun am Kaffeemarkt ab. Seit Juli sind die Preise im Großhandel um zirka 30 Proz. gestiegen. Man könnte annehmen, eine schlechte Ernte oder starke Abnahme deö WeltvorrateS an Kaffee könnte das Hinauffpringen der Preise der- anlaßt haben. Das stimmt aber nicht I Die nächste Ernte verspricht günstige, ja sogar glänzende Resultate und die Weltvorräte sind außergewöhnlich groß. Sie betrugen am 1. August in 100 Ballen! 1990...... 5 776 1905...... 11682 1901...... 7 694 1906...... 10 030 1902...... 11599 1907...... 15 884 1903...... 12 523 1908...... 14 866 1904...... 12 694 1909...... 18 790 1910— 14 210. Bon einem Mangel an Ware kann man also nicht reden. Aber die Sache mit den Vorräten hat einen bösen Haken. Die brasilia» nische Regierung hat unter finanzieller Mitwirkung verschiedener Banken einen erheblichen Teil dieser Vorräte, nämlich 6 Millionen Ballen, dem Markte entzogen. Die ausgesprochene Abficht dabei ist, die Preise zu treiben. Zunächst schien es ja, als ob die künst» »che Zurückhaltung der Ware di, beabfichtigte Wirkung nicht haben werde. Teilweise durch börsentechntsche Manöver unterstützt, kommt man mm offensichtlich doch zum Ziele. Dauernd wird fich die Hausse allerdings wohl nicht halten lassen; aber daS nützt den Konsumenten nicht viel, denn wen» erst die Preise im Handel hinaufgeschraubt find, halten fie sich auch länger« Zeit auf der Höhe. Ein ebenfalls in diese« Gebiet fallender Lorgang vollzieht fich am Baumwollenmarkt. Durch künstliche Zurückhaltung großer Mengen Ware treiben die Börsenjobber die Preise an der New Dorker Börse hinauf. DaS hat zu so abnormen Verhältniffen geführt, daß e» sich lohnte, Baumwolle aus Europa wieder nach Amerika zurück- zubringen. Aus Liverpool und aus Bremen find in letzter Zeit wiederholt Ladungen Baumwolle nach Amerika zurückgegangen. SS muß also zweimal die Fracht bezahlt werden, und trotzdem machen die Exporteure mit d» zurückgesandten Baumwolle noch ein Ge» fchäft. Später wird natürlich die Ware zum zweiten Male nach Europa gesandt. Die Kosten muß selbstverständlich letzten Endes immer der Konsument trage». Das ist kapitalistische Ordnung! Der PHSnix wächst. Die Phönix A-G. für Bergbau und Hütten- betrieb erhöhen ihr Kapital um 6 Millionen Mark. Von dieser Summe sollen 4 680 090 M- zum Erwerb der Düffeldorser Röhren- und Eisenwalzwerke vorm. Poensgen dienen. Schlachtviehpreise im dritten Vierteljahr 1910. Infolge der niedrigen Zufuhren sind im dritten Vierteljahr die Preise für Schlachtvieh auf dem hiesigen städtischen Viehhof er» heblich gestiegen. Nach den amtlichen Marktberichten waren in den Monaten Juli-September 62 604(69 230) Rinder, 42 829(64 188) Kälber, 206 920(220 460) Schafe und 328 778(306 011) Schweine aufgetrieben. ES waren also gegen die gleiche Zeit des Vorjahres 6674 Rinder, 11 369 Kälber und 13 540 Schafe weniger, dagegen 23 767 Schweine mehr am Markte. Demzufolge sind denn auch die diesjährigen Preise, aus- schließlich der für Schweine, höher als im Lorjahre. Die im Mittel erzielten Preise betrugen für 100 Kilogramm Schlachtgewicht für: Rinder im Juli 143,40 M.(1909: 121.80 M.. im August 142,75 M.(124,66 M.l und im September 143,50 M.(120,50 M.>: Kälber im Juli 183,77 M.(168,22 M.), im August 187,22 M. (167,26 M) und im September 194,37'/, M.(166 M.); Schafe im Juli 146,66 M.(144,66 M.). im August 147,66 M.(146,60 M.) und im September 153,87'/z M.(146,11 M.) und Schweine im Juli 128,22 M.<134,22 M.) im August 129,22(140 M.) und im September 131,60 M.(148,11 M.)._ Aufträge für Waggonfabriken. Für die preußisch» hesfischen SwatSeisenbahnen sollen jetzt 1200 Personenwagen, 276 Gepäck- wagen und 7600 Güterwagen verschiedener Gattungen und für die Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothringen 36 Personenwagen und 408 Güterwagen in Austrag gegeben werden. Die Lieferungen sollen am 30. September 1911 beendet sein. Der Berein der Seifenhändler von Groß-Berlin ist der größte Petroleumabnehmer der Reichshauplstadt. Auf seine Mitglieder hat es die Deutsch-Amerikanische Petroleumgesellichaft von jeher ab- gesehen, um ihretwillen organisierte sie den Kleinverkauf. Die meisten der Händler haben mit ihr auch Verträge abgeschlossen, die bis 1911 laufen. Man scheint nun aber ein Haar w der Suppe gefunden zu haben, denn in der jüngsten Mitgliederversammlung deS Vereins wurde beschloffen, den Bemühungen deS OiltrusteS, die laufenden Verträge in noch strengerer Form gleich bis 1912 weiter» laufen zu laffen, nicht zu entsprechen, erst nächste? Jahr mit den Amerikanern zu verhandeln, zunächst aber die Vorschläge der„Olex", der österreichischen Petroleumgesellschaft, entgegen zu nehmen. Der Lauraaischluß. ES gelangen wie im Vorjahre 4 Proz. zur Verteilung, während vor drei Jahren der vorletzten KrisiS immer noch 10 Proz. vetteilt wurden. Der Rohgewinn ist von 6,8 Mill. Mark im Borjahr» auf 5,8 Millionen Mark zurückgegangen. Deutschlands Ernte. Di« Erntefchätzung der PreiSberichtSstel!« de« Deutschen LandwirtschastSratS lautet folgendermaßen: Für Winterweizen berechnet fich der Ertrag am 1. Oktober Im ReichS- durchfchnitt auf 90,8 Proz. gegen 91.S Proz. am 1. September d. I. und 92,6 Proz. im Vorjahre, während die Ertragsschätzung für Sommerweizen von 88,7 auf 86,8 Proz. zurückgegangen ist gegen- über 98,9 Proz. im Borjahr«. Bei der Sommergerste ergibt fich ein Durchschnitt von 87,1 gegen 87,8 Proz. im Bor- monate und 102,4 Proz. in 1909. Hafer erhielt im Reichs- durchschnitt die Ziffer 88,1 gegenüber 90,6 bezw. 106,1 in 1909. Ein großer Teil der Gerste und deS Hafer« hat durch Regen gelitten, zeigt schlechte Farbe und vielfach leichtes, flaches Korn. Am meisten hat die übermäßige Feuchtigleit den Kartoffeln im Westen und Süden geschadet, von denen namentlich frühe und mittelfrühe Sorten auch ans durchlässigem Boden in großem Um- fang« der Fäule zum Opfer gefallen sind. EtwaS zuversichtlicher lauten die Benchte aus dem Osten, wo die Fäule weniger große Dimensionen angenommen hat, und über die späten und wlderstands- sähigeren Sorten auch aus anderen Gegenden. Die Schätzung für Preußen ist nur um 1 Proz., nämlich von 88,1 auf 87,1 Proz. zurückgegangen. Immerhin hat die für Bayern festgestellte Ver- schlechterung von 6,4(von 76,4 auf 70 Proz.) dazu beigetragen, den Durchschnitt für das ganze Reich von 84,0 auf 82,3 Proz. herab- zudrücken. Bei den Futterpflanzen war der Nachwuchs sehr ergiebig. Die Werbung des reichlich vorhandenen Grummets gestaltete sich bei andauernder Feuchtigleit sehr schwierig. Für den sehr günstig ent- wickelten jungen Klee'bildet die immer mehr um sich greifende Mäuseplage eine ernste Gefahr. Auch bei der Herbstbestellung macht sich das Austreten dieser Schädlinge empfindlich bemerkbar. In den meisten Berichtsbezirken war die Bestellung Anfang Oktober noch im Gange und in besonders ungünstigen Fällen eben erst der Anfang gemacht._ Hub der Frauenbewegung. Di« Nachfrage nach weibliche» Arbeitskräften. Die Frauenarbeit breitet sich auch im laufenden Jahre noch sehr stark aus. Betrachtet man die EntWickelung der Arbeitsgelegenheit für weibliche Arbeitskräfte im Vergleich zum Vorjahre, so zeigt sich, daß fie einen noch kräftigeren Zuwachs erfahren hat als das Angebot. Denn auch dieses geht im laufenden Jahre merklich über das vorjährige hinaus. In den ersten acht Monaten dieses JahreS wurden an den öffentlichen Arbeitsnachweisen 631 730 offene Stellen für weibliche Arbeitskräste ausgeboten gegen 464 317 im gleichen Zeitraum 1909. Die Zunahme stellt sich auf 14 Prozent. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist ebenfalls gestiegen, und zwar ging sie von 420 686 auf 473 399 hinauf, sie stieg also um 12'/, Prozent. Der Andrang stellt sich in diesem Jahre auf 90,69 gegen 89,03 im vergangenen Jahre. Wenn die Abnahme des Andranges nicht stärker ist, so ist dies aus- schließlich darauf zurückzuführen, daß ain Arbeitsmarkt für Dienstboten die Verhältnisse sich merklich geändert haben. DaS Angebot stellensuchender Dienstmädchen hat.sich an den öffentlichen Arbeitsnachweisen ziemlich vergrößert, so daß der Andrang auf je 100 offene Stellen mit 64,0 über den vorjährigen etwas hinausgeht. ES seien auch die anderen Berufsgruppen der Frauen, in denen der Andrang sich gegenüber dem Borjahre etwas verstärkt hat, gleich vorweg genannt, und zwar sind dies die L a n d w i r t s ch a f t, die einen Andrang von 40,0 auf- weist gegen 37,3 im Vorjahre und dasNahrungs- und Genuß- mittelgewerbe, das infolge der Arbeiislosigkeit in der Tabak- industrie einen Andrang von 134,0 zu verzeichnen hatte gegen 126,9 im Vorjahre. Bei weiblichem B ü f e t t p e r s o n a l ist der Andrang von 104,4 auf 112,6 hinaufgegangen. Eine sehr wichtige Gruppe der Frauenberufe weist eine durchgreifende Zunahme der Arbeits- gelegenheit auf, und zwar find dies Putz- und Waschfrauen. Die Zahl der offenen Stellen hat hier um nahezu 20 Proz. gegen- über dem Vorjahre zugenommen, und der Andrang ging von 123,2 auf 116,0 zurück. In einigen Gewerben, in denen die Frauenarbeit ziemlich verbreitet ist, betrug der Andrang auf je 100 offene Stellen im Durchschnitt der ersten acht Monate BekleidungSgewerv« Textilgewerbe.. Kochpersonal... Fabrikarbeiterinnen In den einzelnen Zweigen der Metall- und Maschinenindustrke, in denen fich die Frauenarbeit eingebürgert hat, so vornehmlich in der S ch m u ck w a r e n t n d u st r i e, hat sich die Lage des Arbeits- marlteS merNich gebessert: der Andrang ging von 173,0 im vorigen Jahre aus 126,4 im laufenden Jahre zurück. In der Papier- i n d u st r i» sank er. soweit Weiblich« in Betracht kommen, von 160,6 aus 118,7, in den graphischen Gewerben von 11S.7 auf 92,0, im Handelsgewerbe von 223,6 auf 138,6 und bei Tage- löhnerinnen von 127,6 auf 107,4. «mtlkcher Mmettbertch» der ftSdttschen Marklhallen-vtreMo» Oder den Sroßhandel in den Zentral-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zusuhr genügend, Geschäsi ruhig, Preise unverändert. 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Di« viel- lach gehegte Annahme, das GaS werde der Elektrizität welchen müssen, hat sich weder tn unserem so ungeheuer ausstrebenden Vaterlande noch in England, Frankreich. Llmerika oder anderen Kulturstaaten, ebensowenig in der an nakürlichcn Wasserkräften so reichen Schweiz erfüllt. Trotz der vielen Elektrizitäts-Zenlralen besieht die Begeisterung sür da« wohlseile und so prakiische Leuchtgas unvennwdert fort, denn der Gasverbrauch dehnt fich in einer erstaunlichen Weise aus. Ja, heute ist daS GaS vielsach als Allein- herscherin in Gebiete eingedrungen, die vordem als Domäne der Elektrizität galten und bat hier überaus achlunggedtetende Erfolge erzielt. Unzweiseldnst existiert beute mehr denn je ein großes Bedürfnis für ein leicht verwendbares hellbrennendes Licht; aber billig mutz es sein, denn daraus werden Handel und Industrie, all« Famllien und selbst der Nein« � Mann insoige der erhöhten Elcuern. Beitcuerung der Lebensmittel usw. hingedrängt. Den ersten Triumph feinste das GaS, als eS durch die geniale Erfindung von A. v. Welsbach zum Glühlicht umgewandelt wurde. Mit dem Gasglühlicht ist uns wohl der größte Erfolg der neuere» Eastechnik gebracht worden. Doch der unergündliche domo sspisns blieb nicht stehen: er brauchte meh- und sand das— Preßgas(HochdruckgaS), dessen Fort» schritte als Preßgaslicht ungestüm und ricsengroh find. Am trcfslichsten wird dessen Erfolg durch die Tatsache illustriert, daß in weiisichlig ver- walleteu Städten des Kontinent«, zum Beispiel in Berlin beute schon die wU Preßgaslicht gespeisten Straßen- usw. Lampen die elektrischen Bogenlampen um ein BielsacheS damer Straße, die Königgrätzer Überragen. Unter anderen sind hier die Pot» ggrätzer Straße, die Ehausseestraße mit vielen fundert«Mvkerzigen Hochdruck-Gaslampen sür öffentliche Straßen- eleuchtung ausgestattet, welche sich vorzüglich bewähren und jahrelang im Betriebe stehen. Stadtverwaltung und da» anspruchsvolle Berliner Publikum find mit dieser Einrichtung, besonder» mit der brillanten Licht- Wirkung höchst zusrstedin. Die Errungenschaft des PreßgaSltchteS ist eine glänzende im buchstäblichen Sinne des Mottest Man kann sagen, ein Stück de« Sonnenlichtes Ist mit seinem warmen Ton genommen und in jede einzelne Preßgaslamve hineingepflanzt I Doch hat sich die Wastechnik nicht an diesen Erfolgen genügen lassen I Wohlseile« Leuchtgas ist Allgemeingut und da» hochgestellte Ziel dürfte erst dann al« gelöst betrachtkl werden, wenn zu seiner vielseitigen Anwendung auch praktisch taugliche Mittet gesunden wären: der GIüblicht-Strumps. Die unermüdlichen LeieuchtungS-Chemiker hatten bei jahrelangen, mühevollen und überaus kostspieligen Versuchen eine stille, aber harte Arbeit zu leisten: es galt, sür den total unbrauchbaren Baumwoll-, Hans-, Jute-, Seide- oder Ramisstrrinrps etwas Vollendeteres zu finden. Leider hat man lange nach salscher Richtung hingearbeitet, denn es sollte letzten Endes immer ein .fester4' oder starrer Glühstrumps entstehen. Nichts war verkehtter, denn das At-ribut.fest" mußte unbedingt w dem Sinne von.zähe ustd elastisch'' ge- löst werden. Aber e» gelang I Dem wgenlösen Waldemar Bruno, einer Kapazität aus dem BcleuchwngSgebiet, glückte endlich der große Wurf, aus künstlichen Fäden einen Glühstrumps zu komponieren, der daS langersehnte Ideal eines wirklich widerstandSiähigen GlühstrumpfeS ist I Der Bruno- Glühstrumps repräsentiert heute daS anerkannt beste, durch intensive wissen- ichaslücht Versuche endlich gefundene Fabrikat, denn beim Bruno-Glüh- strumpf Ist bor allem die leichte Zerbrechlichkeit vollkommen beseitigt, wodurch die Gasbeleuchtung bisher so unanaenebm vettenert wurde. Die Brnno-Glühftrümpse haben«ine immense Zählgleit und geschmeidige Elasti- zität, daß man einen vom Brenner heruntergenommenen(abgeflammten) Glühkörper um den Finger legen, anfassen, anstoßen oder knicken kann, ohne daß er dadurch beschädigt wird. Der Bruno-GIühstrumps ist vor allein stoß- und schlagsest und Höst den mannigsachsten Erschütterungen stand. Ein weiterer sehr wichstger Vorzug dieses Brnno-GIülistrumpseS besteht darin, daß er eine unbegrenzte Brenndauer von zirka 10 000 Breun- stunden hat, also jahrelang hält. Sind das nicht prachtvolle Eigenschaften anderen Glühstrümpsen gegenüber? Für stehendes Normal- und sür hän- gendeS(Jnvert-)LIcht ist der Bruno- Glühstrumps tn gleicher Weise geeignet; der durch den Btuno-Glühstrumpi hervorgebrachte warme ruhige Be- ienchtlmaton ist jedermann äußerst synipaihisch. Eine besondere Eigentüm- lichkest dieses Bruno-DIühstruntpseS ist ferner, daß ein Zerspringen der Zylinder durch Stichflammen nicht mehr stattfindet; das Oxyd dieser Strümpfe saugt die ganze Flamme aus, so daß lein« Stichflammen entstehen. Stößt man z. B. in einen Bruno-GIühstrumps abstchtlich einige Löcher hinein, so zerplatzt selbst der billigste Zylinder nicht. Welch schone Sache ist doch dieser Bruno-Giühstnimps, der so vorzüg- liche Qualitäten in sich vereinigt I All seine Vorzüge*) zeigen sich voll und ganz erst während der Brennzeit. Freilich ist auch er ein Glühstrumps und als solcher zerbrechlich; und deshalb dürfen an diesen neuen Kunst- saden-GIühstrlnnps keine unerfüllbaren Forderungen gestellt werden. Doch nun atmen alle Gemüter aus und die Herzen aller GaSsreundinnen und Freunde schlagen freudig, well jetzt ein absolut praktischer Glüh- strumpf existiert; denn der Bruno-Glühstrumps ist unerreicht I — aäa. 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