Kr. 234. DbonnementS'ßedlndunfien: SS onnemoit«. Preis prSnumerand»: SierteljShrl. S£0 mt., monall. 1,10 IRL, wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummcr mit wuftrierter Sonntags- Beilage.Die Nene Welt" 10 Pfg. Post- tlbonnemenl: 1,10 Mark pro Monat. Eingelragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, fiir das übrige Ausland 8 Marl pro Monat, PostabonncmentS nehmen an: Belgien. TänemarL Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, Crfchtlnt täglld) außer montags. Vevlinev Volksblnkt. 27* Jahrg. Die TnlertlonS'GetiUljr kelrägt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren illaum 00 Psg,, für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammlungS-Anzcigcn 80 Psg. „Klein- Anzeigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Lnzeizen das erste Bort 10 Pfg, jedes weitere Wort S Pfg. Worte über lb Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnier müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt hiS 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm> Adresse: „Sozialdemokrat tlerlls*. Zentralorgan der fozialdcmokrati f eben parte» Deutfcblande. expeditio;»: SM. 68, Undcnstrasee 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 198». Dounerstag. den 6. Oktober ILHO. Revolution in Portugal! DaS Volk Portugals hat in einein Aufwallen der Empörung, laut den Nachrichten, die bisher noch schwer zu kontrollieren sind, die Monarchie gestürzt, die so lange ihr verbrecherisches Regiment führte. Die Ermordung des Professor Bombarda, eines der Führer der antiklerikalen Bewegung, durch einen fanatisch- katholischen Offizier hat das Signal zum Ausbruch der In- surektion gegeben, die seit der Erschießung des Königs Carlos und seines Sohnes Louis am 1. Februar i9()3 in der Lust hing. Ungeheuerliche Finanzskandale sind in der letzten Zeit wie Lawinen über das Land gestürzt: die Affäre Hinhou. die aufs schwerste den Kommandanten der königlichen Jacht „Amelia" kompromittierte, einen Intimus des Königs Carlos; der ungeheuerliche Diebstahl in der Hypothekenbank Credito Pren dol, bei dem der Hauptschuldige Senhor Luciano de Castro lvar, der Chef der Progressistenpartci und gleichzeitig Geheimer Berater des Königs Manoel; die Fronde in der Sache der Steuergesetze auf feiten des Chefs des Arsenals. Bor allem aber kommt in Betracht der Unwille des Volkes gegen die f a.l s ch e n Mandatare, die die ruch- losen Gesetze des Diktators Franko beschlossen, zur Bekämpfung der Gegner der Rückständigkeit und der mittelalterlichen Zu- stände; dieser Unwille bereitete den Ausbruch vor. Die Regicruug hat bei den Wahlen trotz des frechsten Wahlschwindels schlecht abgeschnitten. Ministerpräsident Texcira de Souza befand sich in einer verzweifelten Siüiation, aus der er nur durch abermalige Auflösung deS Parlaments ent- kommen konnte, aber auch das durfte er nicht wagen, denn das nächste Mal würde d'er Schwindel nicht gelingen. So spitzte sich alles zu. als der Mord an Bombarda den Becher zum'Ueberlaufen brachte. Wenn die erhaltenen Nachrichten, die freilich mehr oder minder phantastisch sein müssen, da die Telegraphenlinien ge- sperrt sind, einigermaßen zutreffen, so haben die Truppen und die Mannschaften der Kriegsschiffe gemeinsame Sache mit den bürgerlichen Revolutionären gemacht. Die Revolution niuß jedenfalls einem Volke, das unter dem Sklavenjoche einer finsteren Pfaffenherrschaft seitfzte, Erlösung bringen. Sie ist aber vor allem das Werk der Bourgeoisie, deren wirtschaftliche EntWickelung durch eben diese Herrschaft der katholischen Kirche gehemmt wurde. Die Regierung, die gestürzt, wurde, war ein Werkzeug der Reaktionäre und der Schwindler, der Mönche und Jesuiten, der Jndustricritter und Wucherer, gestützt von der Königin- Mutter Amelia, der frömmelnden Freundin des Papstes, und einem jungen schwächlichen und unfähigen König. In Portugal waren in den letzten Tagen Gerüchte im Schwange über eine angeblich beiporstehende Verlobung des Königs mit der Tochter des deutschen Kaisers. Es war wohl der Versuch, für die Dynastie eine Stütze im Auslande zu finden, nachdem der Plan der Heirat mit einer englischen Prinzessin fehlgeschlagen war. Welche Konsequenzen die Revolution nach sich ziehen wird, ist nicht abzusehen. Portugal selbst würde voraussichtslich bald der republikanischen Form sich anpassen. Die Republik in Portugal würde aber auch eine Stütze der Freiheits- bewcgung in Spanien werden. Jedenfalls bedeutet die Republik für Portugal ein rasches Vordringen des Sozialismus� Der Sieg der Revolution tvird somit auch ein neuer Sieg des internationalen Pro- letariates sein. �# Auf die Lage, wie sie sich in Portugal vor Ausbruch der Revolution gestaltete, wirft der nachfolgende Artikel Licht, der uns gestern von eine,» portugiesischen Genossen zuging. DaS portugiesische Parlament wird eröffnet und mit ihm beginnt die letzte Aera einer Monarchie, die infolge ihrer eigenen Fäulnis zusammenbricht. Trotzdem die Wahlen.forciert' wurden, erhielt die Regierung doch nur eine ganz schwache Majorität und kann infolge der Zersplitterung der monarchischen Parteien jeden Augen- blick in der Minorität bleiben. Niemals, selbst nicht im Moment der Erschießung dcö König? TarloS und feines SohneS. war das Königtum in so großer Gefahr. Die portugiesischen Gcsandschaften in Paris und London haben mit großem Aufwand an Geld das Schweigen der bürgerlichen Presse in den beiden Metropolen erkauft und so vor der Welt die Wirrnis und die alarmierenden Symptome der letzten Wahlen vor der Welt vertuscht. Die Regierung, die nur von einer Sorge sich leiten ließ: Verteidigimg deS Thrones um jeden Preis unter Hintansetzung aller anderen Interessen, hat daS einzige Mittel angewandt, da? ihr blieb: die Gewalt. Aber das portugiesische Volk hat es satt, den Moder und die Fäulnis weiter zu ertragen, an denen eS langsam dahinsiecht und eS zeigte bei diesen Wahlen seinen festen Willen, sich zu emanzipieren. Die Republikaner erzielten einen großen Sieg. Das war die endliche logische Antwort auf dreißig Jahre einer Politik der Reaktion, die Politik der Plutokratie und der Pfaffen. Die Nepttblik proklamiert DaS republikanische Ideal begeistert sowohl die Städte, als das flache Land und der Sieg war um so eklatanter, als in Portugal ein bedeutender Teil der Bevölkerung infolge ihrer llnwissenheit sehr schwer dem Einfluß der Pfaffen zu entziehen ist. Die Regie- ruug hat, genau wie in Spanien, nichts für die Volksbildung getan und hoffte dadurch die Aufklärung zu verhindern, den Vormarsch der Wahrheit zu verhindern. Außerdem sind die diktatorischen Vollmachten, die dem Ex- präsideittcn des Ministerrates Francs unter der Regierung des vorigen Königs erteilt wurden, noch in Kraft unter der Regierung des Herrn Texeira de Sonza, der die Dreistigkeit hatte, fein Ministerium daS.Ministerium der Regeiierierung" zu nennen, trotz aller Skandale, die während seiner Herrschaft sich ereigneten. Diese Vollmachten wurden dazu benutzt, tim alle, die den Mut hatten, gegen die Gewaltakte der Regierung bei der Fälschung der Wahlen zu protestieren, einzukerkern. Der Chef des republikanischen Blattes.O Mundo" in Lissabon, Herr Franca Borges, mußte vor den Wahlen flüchten, weil man ihn ins Gefängnis werfen wollte. Ein anderer Journalist, Herr Chacon Siciliani, wurde zu zwanzig Monaten Gefängnishaft ver- urteilt wegen angeblicher„Veleidigung der Religion". Bei den Prozessen, die hier geführt wurden, glaubt man sich ins Mittelalter versetzt. Die Richter verwandelten die Gerichte in wahre Jnqui- sitionskammern und schickten Opfer über Opfer in die Kerker. Die Kirche tat natürlich alles, um die Regierung zu stützen, denn wen» die Dynastie fällt, fällt auch der Einfluß der Kirche und das bedeutet nicht nur die Preisgabe der geistigen Macht, sondern auch deS materiellen Besitzes. Die Pfaffen sträuben sich mit oller Gewalt dagegen, daß ihnen die Führung der Standesamtsregister entzogen wird, weil damit gewaltige Einnahmen für sie fortfallen. Hinzuzufügen ist, daß an dem Kampfe gegen die Klerisei auch die Bourgeoisie beteiligt ist, weil auch sie sich bedrängt fühlt, ähn- lich wie daS Proletariat, und außerdem ihre materiellen Interesse» unter der Konkurrenz der Mönchs- und Nonnenorden leiden. Schließlich aber fühlt auch die Bourgeoisie, daß die allgemeine reaktionäre Tendenz der Klerisei ein Heminnis für die Eniwickelung des Landes ans allen Gebieten ist. Freilich würde das Klassenrcgiment der Bourgeoisie, sobald sie anZ Ruder kommt, sich gegen die Arbeiter wenden. Aber das Pro- letariat Portugals muß notwendigerweise bei dem Kampfe gegen die Klerisei auf seilen der Bourgeoisie stehen, weil es zurzeit infolge der bestehenden Verhältnisie die Führung im Kampfs nicht übernehmen kann. Für das Proletariat gilt es, das Feld frei zu machen, die Uebcrbleibscl des Feudalismus und der Klerisei zu beseitigen, worauf die beiden wirklichen Känipfer deS modernen Klassenkampfes sich von An- gesicht zu Angesicht gegenüberstehen werden: Proletariat und Kapital. In zweieinhalb Jahren hat der König sechs Ministerien ver- braucht, die eins nach dem anderen ihre absolute Ohnmacht er« wiesen. Die Royalisten zersplittern sich immer wieder, so groß ist die Eifersucht und der Haß der einzelnen Cliquen untereinander. Heute ist die Situation die: Auf der einen Seite haben wir das Ministerium«der Regeiierierung" des Herrn Texicra de Souza, ge- stützt von den.progressislischen Dissidenten", deren Parteichcf M. Alpolm ist, und von der Gruppe der.Frankisteu" mit dem Exdiktator Franko an der Spitze. Auf der anderen Seite der Royalisten steht der„konservative Block", der au-Z folgenden Gruppen besteht: 1. die.Progressisten", 2. die Henriquisten(die sich von den „Regenatoren" abgesplittert haben), 3. die.Nationalisten", 4. die Klerikalen. Die Republikaner kämpften gegen alle diese Elemente, wobei die Skandalaffären der letzten Zeit ihnen den zugkräftigsten Agitationsstoff boten. Sie führten eine feurige Kampagne und revolutionierten daS Volk; cS entsiaud eine Stimmung der Gereizt- heit und der Empörung im ganzen Laude. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß sie die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite haben, und daß bei dieser Lage jeden Augenblick die ernstesten Er- eignisse eintreten können. deren fatale, aber logische Entwickelung keine Macht mehr aufhalten kann. Die jetzige Regierung wird allen Anzeichen nach die letzte der Monarchie sein. Wenn die Regierung keine dauernde Majorität findet, wird sie gehen müssen. Vielleicht gelingt eS ihr, Aufschub bis zum Januar zu gewinnen, indem sie einen Teil der Royalisten dafür gewinnt, den Nepublikanern einige Zugeständnisse zu machen. Aber eS fragt sich noch, ob eS ihr erlaubt wird. Der König wird vielleicht die Demission akzeptieren nnd einen anderen Chef der«Regenatoren" berufen, wodurch die Situation nicht im geringsten geändert Iväre, oder aber er wird ein Ministerium des Blocks einberufen. Dann wäre die Lage genau dieselbe, wie beim Tode des Königs Carlos, Wie immer die Lösung der augenblicklichen Schwierigkeiten er- folgen mag, es besteht gar kein Zweifel, daß alles darauf hindrängt, Portugal in eine Republik umzugestalten. Und es ist zu hoffen, daß daS Land eine solche Nmlvälznng ohne große Schwierigkeit akzeptieren wird, und daß der Widerstand kaum erheblich sein wird. Denn zu betonen ist: Heer und Marine, wenigstens die Matrosen und Soldaten sind auf Seite des Volkes. Ist die Republik einmal eingeführt, so wird auch für uns Sozialisten die Bahn frei. Denn so lange der jetzige Znstand des 9 ♦ Landes andauert, ist eine Etttwickelung des Sozialismus nur schwer möglich. Andererseits ist der Boden uns günstig und wir zweifeln nicht, daß das portugiesische Volk seinen Platz unter den Kultur- Völkern Europas erringen wird. *•" Die tekegraphischen Meldungen lauten: Paris, b. Oktober. Der„Matin" erhält ein drahtloses Tele» gramm von einem in den portugiesischen Gewässern liegenden Schiff, daS nach SainteL-Marics-du-la-mer im Departement Bauche di Rhone geschickt und dann nach Paris toeitergegebcn wurde. In dem Telegramm heißt es, die Revolution ist ausgebrochen, der Ver- kehr nach der Stadt ist untersagt. Um 2 Uhr mittags hat das Bombardement des königlichen Palais durch die Kriegsschiffe be« gönnen. Ein großer Teil der Landarmee und die gesamte Marine sind auf Seiten der Republikaner. Es ist unmöglich, Details zr» geben.— Ein gleiches Telegramm mit fast demselben Wortlaut ist auch dem„Echo de Paris" zugegangen.— Um 1 Uhr morgens erklärte das Pariser Bureau der„Daily Mail", daß sein Londoner Stammhaus ein Telegramm erhalten habe, wonach König Manuel Gefangener der Revolutionäre sei. Weitere Nachrichten waren bis 4 Uhr morgens in Paris nicht eingetroffen. Das Kabel zwischen Portugal und England funktioniert nicht. Die Telegraphenlinie von Portugal nach Frankreich Hai gestern nicht ein einziges Tele- gramm von Lissabon befördert. Um 2 Uhr öl) Minuten morgens erhielt der„Matin" ein Londoner Telegramm der„Times", in welchem es heißt, man habe allen Grund zu der Annahme, daß Portugal sich in einer sehr schwierigen Position befinde. Die tele- graphische Verbindung mit Portugal habe gestern während des ganzen Tages nicht funktioniert. Nach einem der„Times" gestern abend zugegangenen Brief, den sie in ihrer heutigen MorgenauS- gäbe veröffentlicht, heißt es, daß nach einer Information ihres gut unterrichteten Korrespondenten der König in den letzten Tagen Gegenstand heftiger Angriffe gewesen sei und zwar deshalb, weil er die Progressisten unter keinen Umständen an der Regierung teil- nehmen lassen wollte. Der König halte- sich zwar streng monarchi- stisch, wolle aber den Revolutionären selbstverständlich leinen Ein« fluß auf seine Person gcstaiten. London, o. Oktober. Ein drahtloses Telegramm aus Lissabon meldet, daß die Revolution in vollem Gange ist. In der Stadt herrscht Militärdiktatur. Kein Fremder darf Lissabon betreten. Die ganze Flotte sowie zahl- reiche Offiziere des Landheeres befinden s i ch auf feiten der Republikaner. Um 2 Uhr nach- mittags begannen die im Hafe.n liegenden Kriegsschiffe den königlichen Palast zu be- schießen. Weitere Einzelheiten können bei der streng gehand- habtcn Zensur nicht gegeben werden. Madrid, b. Oktober. Privatmeldungcn ans Portugal zufolge dauern die Straß cnkämpfe in Lissabon fort. Die Republikaner haben bereits verschiedene Kasernen und Be- festigungswerke eingenommen. Der königliche Palast ist um- zingelt und der König befindet sich tatsächlich in der Gewalt der Revolutionäre. An den Operationen beteiligen sich drei Kriegsschiffe. Aus der Provinz fehlen jegliche Nachrichten. Paris» 5. Oktober. Aus Lissabon über Spanien hier ein- getroffene Privatmeldungen, die jedoch sehr zuverlässig sind, be- stätigcn, daß der König Gefangener der Republikaner ist und detr Sieg der Revolutionäre unztvcifelhaft sei. Einige königstrcue Truppen halten vorläufig die Republikaner in einzelnen Stadt- teilen zwar noch in Schach, doch ist deren Ucbergabe nur eine Frage weniger Stunden. Die Zensur tvird äußerst streng gehandhabt und keinerlei Telegramme über die Kämpfe werden durchgelassen. Madrid, b. Oktober. Hier geht das Gerücht, in Lissabon seien 8000 bewaffnete Bauern eingezogen. Die republikanische Flagge wehe nicht auf dem königlichen Palast, sondern auf einem Kriegs- schiffe. Köln, 5. Oktober.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Ein westdeutsches Großkatlfhaus erhielt eine portugiesische Depesche, wonach dort alles drüber und drunter gehe. Die Revolution greife weiter um sich. Täe Regierung erhielt vorgestern bereits Warnungen, daß ein Putsch geplant fei. Ob der König verhaftet oder in Sicherheit ist, konnte noch nicht einwandfrei festgestellt werden. Außer dem Schloß und Telegraphenamt befinden sich auch die übrigen hauptstädti- schen öffentlichen Gebäude in Händen der Republikaner. Von auswärts wohnenden Familienmitgliedern der königlichen Familie eintreffende Depeschen bleiben unbeantwortet. Vor- mittags wurde das Bombardement von neuem cröffnei. Paris, 5. Oktober. Je spärlicher die Meldungen aus Lissabon eintreffen, desto mehr Gerüchte sind im Umlauf, welche die Situa- tion von Stunde zu Stunde kennzeichnen. Uebercinstimmend ist nur die Nachricht, daß es den Republikanern gelungen ist, die Oberhand zu gewinnen und zwar mit nur verhältnismäßig geringen Verlusten an Men- s ch e n l e b e n. Man gewinnt nach den vorliegenden Nachrichten den Eindruck, daß von der Landarmee ein starker Prozentsatz für die Monarchie sich eingesetzt hat und daß es großer Geschicklichkeit der neuen Männer bedarf, um sich überall durchzusetzen. Man darf nicht übersehen, daß neben den republikanischen Deputierten noch im Lande eine sehr große Anzabl angesehener und finanziell- mächtige Persönlichkeiten den Corte-, angehören und daß diese sich nicht so ohne weiteres in den Hintergrund drängen lassen werden. Man wird also mit ihnen paktieren müssen. Paris, 6. Oktober. Der portugiesische Republikaner MagalhaeS Lima erklärte unserem Korrespondenten gegenüber, daß er«in anZ BorLeaux d'alierles Telegramm voll d'eN Führer der Republikaner Castro erhalten hat, welches besagt, daß die Republikaner überall erfolgreich seien. Er erzählte dem Korrespondenten, daß die Polizei heute Nachforschungen bei allen portugiesischen Revolutio- närcn vorgenommen habe, unter anderem bei dem aus dem Attcn- tat aus den König Carlos bekannten Republikaner Rupeiro. Er habe ferner die Nachricht erhalten, daß das brasilianische Kriegs- schiff„Sao Paulo" bei seiner Ankunft in Lissabon von portugie- fischen Kriegsschiffen sofort umschlossen worden sei. Offiziere und Matrosen seien an Bord des Kriegsschiffes gestiegen und hatten gerufen:„Hoch die Republik Portugal!" und die Mgrseillaise ab- gesungen. Diese Nachricht lasse den Zweifel aufkommen, daß die königliche Familie an Bord des„Sao Paulo" geflüchtet sei. Auch in einem späteren Telegramm wird angekündigt, daß der König von Portugal sich an Bord eines aus Gibraltar eingetroffenen eng- tischen Kriegsschiffes geflüchtet hat. Um 4 Uhr 30 Minuten wurde im hiesigen Ministerium des Aeußeren die Nachricht ausgegeben, daß eine englische Flotte im Hafen von Lissabon vor Anker liege. Man kenne noch nicht die Absicht der englischen Schiffe, aber da diese mit Apparaten für drahtlos- Tclegraphic versehen sind, so bofft man bald Nachrichten über den Verlauf der revolutionären Bewegung zu erhalten. Gestern Abend sind in aller Eile die � Kreuzer„Minerva" und New Castle" aus Gibraltar nach Lissabon abgedanipft. Aus Madrid wird gemeldet, daß die Nachricht von der portugiesischen Revolution in politischen Kreisen Spaniens große Beunruhigung hervorruft. Tie spanische Regierung wird die seinerzeit im Februar 1908 anläßlich der Ermordung König Carlos getroffenen Maßregeln ergreifen, um zu verhüten, daß die Revo- lution auf spanisches Gebiet übergreife. Köln. S. Oktober. Der„Kölnischen Volkszeitung" wird aus Rom gemeldet, beim Vatikan sei aus Portugal die Nachricht ein- gelaufen, daß die Republik erklärt und der König festgenommen sei. London, 5. Oktober. Wie die Blätter aus Paris melden, hat die dortige brasilianische Gesandtschaft die Nachricht erhalten, daß König Manuel sich an Bord des brasilianischen Kriegsschiffes„Sao Paulo" befinde. Lissabon, S. Oktober. Das brasilianische Kriegsschiff„Sao Paulo", mit dem Hermes da Fonseca, der Präsident von Brasilien, an Bord, welches gestern um 4 Uhr nachmittags nach Brasilien in See gehen sollte, ist noch nicht abgefahren, es liegt noch immer auf dem Tejo.(Woraus folgt, daß die Nachricht von der Flucht des Königs auf diesem Schiffe nicht zutreffend sein kann. Red.) Madrid, Oktober. Die Negierung hat über die Er- eignisse in Lissabon widerspruchsvolle Nachrichten erhalten. . Nach diesen Meldungen hatten zwei Artillerieregimenter ge- meutert, und gegen ein drittes Artillcrieregiment den Kampf eröffnet. Was den König anbetrifft, so hat die Regierung nichts Bestimmtes über ihn erfahren. Verschiedene Meldungen besagen, er befinde sich an Bord eines Kriegsschiffes, andere, er sei auf dem Lande, wieder andere wollen wissen, er befinde sich als Gefangener auf einem Kriegsschiffe. Die revo- lutionäre Bewegung sei vorgestern nach Mitternacht ausge- brachen. Italien und Spanien hätten Kriegsschiffe in die Gewässer von Lissabon gesandt, sobald sie von den Ereignissen Kenntnis erhalten hätten. Der Kampf dauere an. Berlin, S. Oktober.(SB. T. B.) Nach einer Meldung aus � Lissabon vom Dienstag nachmittag war bis dahin die Lage unent- schieden. Für die Republik hatten sich mehrere Regimenter, zwei Kriegsschiffe und die Marinekaserne erklärt, dagegen hielten königstreue Truppen das Zentrum der Hauptstadt besetzt, auch wird der Anmarsch von Provinztruppen auf die Hauptstadt, die für die Regierung fechten wollen, gemeldet. Das Bombardement des Schlosses Necessidades bestätigt sich. Der König und die Königin- Mutter sollen sich aber nicht dort befinden. ES heißt, sie seien an Bord eines Schiffes gegangen. Ausländer scheinen bisher nicht geschädigt zu sein. König Manuel an Bord eines englischen Schisses. London, 5. Oktober.(Spezial-Telcgramm des„Preß- Telegraph".) Nach hier eingetroffenen Telegrammen cnt- sprechen zahlreiche Meldungen aus Lissabon nicht den Tat- fachen. So hat sich der König nicht in Begleitung seiner Mutter und des Gefolges an Bord des brasilianischen Kreuzers„Sao Paulo" geflüchtet. Er hat vielmehr ein englisches S ch i f f b e st i e g e n, auf dem er nach Groß- britannien zu fahren gedenkt. Auf der Reede von Lissabon lagert ein vollständiges englisches Geschwader, zu dem die beiden Kreuzer«Newcastle" und„Minerva" bereits gestoßen sind. Madrid, 5. Oktober.(Preß-Telegraph). Nach den Meldungen von der portugiesischen Grenze dauern die Kämpfe in Lissabon noch fort. Die 8900 Bauern, die in der portugiesischen Hauptstadt er- schienen sind, haben sich auf die Seite der Revolutionäre geschlagen und kämpfen gemeinsam mit zwei Regimentern Infanterie gegen die königstrcuen Truppen. Am Schloß tobt der Kampf am heftigsten. Der König und die Königin-Mutter haben mit ihrem Anhang da» Schloß verlassen. Die Flotte fährt fort, die Stadt zu bombardieren. Bordeaux, 5. Oktober.(Preß-Telegraph.) Heute nachmittag K Uhr sind die ersten portugiesischen Flüchtlinge mit dem Südexpreß Isicr eingetroffen. Sie schildern die Straßenkämpfe von Lissabon als furchtbar. Die Zahl der Verwundeten und Toten sei groß. Als sie die Stadt verließen, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen, hatten die Kämpfe erst ihren Höhepunkt erreicht. Sieg der Republikaner. Lissabon, 5. Oktober. Heute vormittag acht Uhr haben die der Regierung bis dahin treu gebliebenen Truppen, die sich auf dem Dom-Pedro-Platze befanden, mit den Revolutionären gemeinschaft- liche Sache gemacht und sind in ihre Kasernen zurückgekehrt. Die Menge brach in Beifallskundgebungen aus und rief: Es lebe die Republik. Die Republik proklamiert. Lissabon, 5. Oktober. Hier hat sich eine provisorische Regierung gebildet, die wie folgt zusammengesetzt ist: Theo- philo Braga Präsidentschaft» Alsvuso Costa Justiz» Berna- fcino Machado Aeußeres, Brazilio Teiles Finanzen, Antonio Luis Gomes Oeffentlichc Arbeiten, Oberst Barreto 5rneg, Antonio Jose Almeida Inneres, Amaro Azevcdo Gomes Marine. Zivilgouverueur von Lissabon ist Ruzrbio Leao. Lissabon, 5. Oktober. Die Volksmenge hat auf den Ge- bänden des Arsenals und auf dem Rathause die republika- «ische Flagge gehißt; die meuternden Kriegsschiffe schössen Salut. Von auswärts kommen keinerlei Nachrichten in die Stadt. Die Aufständischen stürmten alle beflaggten Gebäude, zogen die alte portugiesische Fahne ein und zerrissen sie. Lissabon, 6. Oktober. Vom Balkon des Rathauses hielt der republikanische Führer Eusebio Leao eine Ansprache, in der er der Würgerwehr die Polizei und die Aufrechterhaltung der Ordnung anvertraute. Schonet, rief der Redner, das öffentliche und private Eigentum, schonet das Leben eines jeden, wer eS auch sei, ich wiederhole, wer es auch sei. Die Republik ist großmütig und groß- herzig, Eine gewaltige Mpge stimmte ihm stürmW bei. ]Polizeia&foltiti$rou$! Von keinem anderen als Herrn v. Jagow, dem Ber- llner Polizeipräsidenten, stammt das schöne Wort: Die Straße dient dem Verkehr! So wollte es damals der Polizeiabsolutismus gegenüber friedlichen Straßen- demonstranten, die nur dasselbe Recht für sich beanspruchten, wie es die Bürger jeden modernen Kultur st aates außerhalb der schwarz-weißen Grenzpfähle besitzen, und wie es in P r e u ß e n selbst„patriotische" Demon- stranten auch jederzeit in Anspruch genommen haben. Ja, diese patriotischen Demonstranten wurden sogar zu künftigen Taten aufgemuntert durch das kaiserliche Wort: Mehr Volk will ich sehen! Während der vergangenen Woche aber hatte Herr von Jagow aus dem Gefühle seines Polizeiabsolutismus heraus das Wort:„Die Straße dient dem Verkehr!" wieder einmal völlig außer Kraft setzen wollen. Nun sollte auf ein- mal die Straße nicht dem Verkehr dienen, sondern fast eine ganze Woche lang nichts sein, als ein Blachfeld für Raufe- reien zwischen Herrn v. Jagows Polizeimannschaften und dem„Janhagel". Die friedlichen Passanten sollten einfach von der Straße verschwinden! Personen, die von der Arbeit oder aus ihren Gärten kamen, die irgendeine Per- richtung in dieser Stadtgegend hatten. Personen, die nur einen Brief in den nächsten Briefkasten werfen wollten. Per- sonen, die rasch eine Hebamme zu einer Entbindung herbei- rufen mußten: sie alle und erst recht harmlose Spaziergänger sollten nichts auf der Straße zu suchen haben! Nicht einmal vor den Haustüren oder i n den Haustüren, ja nicht einmal auf Balkonen und an offenen Fenstern sollten die Einwohner sich aufhalten dürfen! Tie Polizei wollte dem„Janhagel" Schlachten liefern! Sie wollte mit diesem Janhagel allein auf der Straße sein, und sie wollte bei den Straßenkämpfen ganz ohne Zeugen sein! Und da, vom Montag abgesehen, während der ganzen Woche von„Janhagel" auf der Straße kaum etwas zu spüren war, nahm die Polizei einfach das auf der Straße befindliche Volk als„Janhagel" und prügelte mit Gummiknüppeln und Säbeln darauf tos, als handele es sich darum, eine Revolution niederzuschlagen! Daß obendrein durch die sinnlosesten Schießereien, durch ganze Massensalven auf erleuchtete Fenster usw. kein größeres Un- heil angerichtet wurde, ist nur einem glücklichen Zu- fall geschuldet! Mit welch aberwitziger Wut die mit der f i x e n I d e e. es gelte einen„Aus rühr" niederzuschlagen, behaftete Polizei vorgegangen ist, das haben wir ja an zahllosen Einzelbeispielen vorige Woche dargetan, das bewies ja vor allen Dingen die Tatsache, daß die Polizei nicht nur auch Journalisten mit Prügeln bedroht, sondern ihrer mehr alseinhalbesDutzend auch wirklich brutal ge- schlagen hat! Namentlich die ebenso lächerliche wie empörende Polizeisäbelei gegap die vier ausländischen Journa- listen hat besonders im Auslande das größte Aufsehen er- regt und den bittersten Hohn gegen das unglaublich köpf- lose Vorgehen der Berliner Polizeiorgane hervorgerufen! Herr v. Jagow selbst allerdings hat das Ungeheuerliche dieses aberwitzigen Ueberfalles noch immer nicht begriffen! Denn eine Protestresolution des Vereins der ausländischen Presse in Berlin hat er folgendermaßen beantwortet: Ich bestätige crgebenst den beutigen Empfang der Resolution vom 2. d. Mts. Auch ich wünsche, daß„kein Mißverständnis" entstehe; daher stelle ich folgendes fest: Es besteht kein besonderes Reporterrecht. Also muß wie jedermann, so auch der Reporter Aufläufen(vergl. 8 116 R.-Str.-G.-B.) und Zusammenrottungen(§ 125) grundsätzlich fernbleiben, wenn anders er nicht mindestens gegen die öffentliche Ordnung verstoßen will. Aber bei den Moabiter Vorgängen hat es sich ohne wesent- liche Schwierigkeit ermöglicht, daß alle diejenigen Herren Re- portcr, welche sich an die Polizei wandten, in deren Nähe einen Platz angewiesen(I) erhielten, von dem aus sie die Vorgänge verfolgen konnten.(?) Damit standen sie zugleich unter dem Schutze der Polizei; es waren also für sie Unannehmlichkeiten, wie sie Herren, die ihren Platz selbst gewählt hatten, widerfahren sind, von vornherein aus- geschlossen. Voraussichtlich wird sich auch in späteren Fällen(!) das gleiche Verfahren ermöglichen. Dazu ist mir von journalistischer Seite ein Antrag auf Einführung von Ne- portcrlegitimationSabzeichen in Aussicht gestellt worden. Ich selbst lege großen Wert auf die Placierung der Herren Reporter an einen solchen Punkt, von dem aus sie das ganze Verfahren der Polizei sehen können. Denn ob- jektive Berichte auf©rund eigenen Sehens sind das beste Ab- Wehrmittel gegen alle die Tatarennachrichten(!), welche grundsätzlich jedem scharfen Vorgehen der Polizei von inter- essierter Seite angehängt werden. '(gez.)' Jagotv. Der Berliner Polizeipräsibent lebt also noch immer in dem ungeheuerlichen Wahne, daß es sich in Moabit um einen„A u f r u h r" und dessen Niederschlagung gehandelt Habel Demgegenüber kann nur mit allem Nachdruck wieder- holt werden, daß von„Zusammenrottungen" und einem „Aufruhr" gar keine Rede war, sondern, wenigstens mit Ausnahme des einzigen Montag, von einem ganz unmotivierten Polizeiterrorismus, von unglaublichen Angriffen auf harmlose Neu- gierige oder friedliche Straße n'p a s s a n t e n, kurzum nur von einem Aufruhr, den die Polizei selbst erregte! So begreiflich gerade deshalb freilich der Wunsch der Polizei erscheint, sich bei ihren Taten nicht von unparteiischen Elementen kontrolliert zu sehen, so unsinnig ist doch Herrn v. Jagows Behauptung, die verprügelten vier ausländischen oder auch die verhauenen Berliner Journa- listen hätten sich unbesonnenerweise unter„Zusammen- rottungen" gemischt! Daß auch unsere bürgerliche Presse, sogar die brave „Germania", von einem„Aufruhr" faselt, versteht sich, soweit das Scharfmachergesiiidel in Frage kommt, ja ganz von selbst. Nur daß die liberale und„u n» parteiische" Presse sich in den Tagen des Schreckens- regiments der Polizei so unsäglich feige und ehrlos be- nommen hat, verdient immer und immer wieder festgenagelt zu werden! Wenn jetzt die„Voss ische Zeitung" die Zuschrift eines Journalisten veröffentlicht, der selbst in Fällen von Aufruhr für die Zulassung von Journalisten plädiert, die von der Polizei mit einer sofort erkennbaren Legiti- mationskarte auszurüsten seien, so will das sehr wenig heißen. Zumal dieser Journalist der Polizei das Recht zu- gestehen will, unter den Personen, die als Berichterstatter zugelassen werden sollen, die sorgfältigste Au swahl vornehmen zu dürfen!.Unter folKen Umständen käme schließ- Ilich doch nur eine halb-polizeioffiziöse Bericht- erstattung zutage! Nein, die Oesfentlichkeit, und ihre Ber- treterin, die Presse, besitzt unter allen Umständen das Recht der Kontrolle über alle Handlungen, die von irgend- einem behördlichen Organe ausgeübt werden. Nicht aber hat die Polizei ein Recht darauf,' sich zur abso- luten Herrin aufzuspielen, jederzeit im Dienste irgendein-'.'» kapitalistischen Scharfmachers einen„Aufruhr" zu inszenieren, die Straßen zu sperren und das Volk, das friedlich seinen Geschäften nachgehen will, einfach mit Säbeln oder gar mit Schußwaffen zu attackieren! So sehr ein solch absolutistisches Polizeisystem unseren agrarischen oder industriellen Scharf- machern passen möchte, jeder Bürger, der auch nur einen Funken modernen Empfindens besitzt, muß solche Anmaßungen mit der größten Entschiedenheit zurückweise»! Will der Liberalismus auch in dieser Beziehung die Volks- rechte schnöde preisgeben, so mag er das tun. Das Volk selbst wird ihm dann bei den Wahlen die Ouittung nicht schuldig bleiben. � � Unglaubliches. D'er Arbeiter' Karl Z o l ch o w kam am Mittwoch, den 28. Sep- tember, abends, von der Brauerei Happoldt, wo er Rohrleger- arbeiten verrichtet hatte, durch die Rostocker Straße, in welcher er w o h n t. Er geriet in einen Haufen Menschen hinein, der von berittenen Schutzleuten die Straße entlang getrieben wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde ebenfalls eine größere Anzahl Menschen von Berittenen weitergetrieben. Dort zogen die Berittenen blank und hieben auf die sich ruhig ver- haltenden Menschen ein. Dieser Anblick versetzte Z. so in Erregung, daß er sich dazu hinreißen ließ, Bluthunde zu rufen. Er wurde sofort von zwei Kriminalbeamten gepackt und nun nicht nach der Polizeiwache, sondern nach dem Kohlcnplatz der Firma Kupfer u. Co. geführt und dort den Arbeitswilligen überlassen! Diese schlugen von allen Seiten auf ihn ein, so daß er drei Wunden am Kopfe davontrug. Erst als Z. kaum noch wußte, wo er sich be- fand, erklärte der eine Beamte: Nun hat et genug! Jetzt erst hörten die Arbeitswilligen auf, ihn zu schlagen. Er wurde zu- nächst entlassen, am 30. September aber erneut verhaftet. � Dieser Vorfall beweist, wie wenig der famose Herr H i n tz e geschwindelt hat, als er seine Streikbrechergarde gewissermaßen als Hilfstruppe der Polizei ausgab!> Sie VekHancklungen wegen des Kleist- arbeilerltreiks dauern noch an. Die gestern in Hamburg tagende Werft- arbeiterkonfcreuz nahm den Bericht der Arbeiterdelegierten an den EinignugSverhandlungeu entgegen. Sie be» auftragt« aber die Unterhändler, die Verhandlungen fortzusetzen, da sie die Angebote der Unternehmer nicht als angemessen empfand. Die Verhandlungen mit den Unter- nehmern wurden dann um 8 Uhr fortgesetzt. Heute mittag um 12 Uhr soll beiden Parteien das Resultat dieser weiteren Verhandlungen mitgeteilt werden. Die Werftarbeiter werden danach erneut Stellung nehmen. Um 7 Uhr treten dann die Unterhändler wieder zusammen und es ist zu erwarten, daß diese Verhandlungen zn einer endgültigen Stellungnahme führeu. poUtffcbe Qebcrficbt. Berlin, den 5. Oktober 1910, Die Konservativen danken! Der nationalliberale Angstruf zu Kassel:„Zurück aus Bülow I" wird von den Konservativen kühl abgelehnt: Die „Kreuz-Zeitung" schreibt heute: In einem Kommentar der Bassernianuschen Delegiertentags- rede gibt auch die„Kölnische Zeitung"(Nr. 1062) ihrer Sehnsucht nach einer Miede raufrichtung des Bülow-Blocks Ausdruck. Aber war denn das überhaupt jenials ein Block? Was man so nannte, war ein Gebilde, daS stets zusammenzufallen drohte, daS ausgesprochenermaßen von den Liberalen nur solange gestützt werden sollte, als er ihnen aus Kosten derKonservativen Partcivorteile brachte. Und nach solchen Vor» teilen wurden die linksstehenden Blockfrcunde mit jedem Zu» aeständnisse der Rechten immer begehrlicher und immer ungeniig- samer. Vassermann hat in Kassel allerdings erklärt, die National- liberalen seien mit dem Block und während der Blockperiode zu- frieden gewesen. Aber»iese Zufriedenheit muß eine so tief innerlich verborgene gewesen sein, daß kein Meensch, selbst Fürst Bülow nicht, etwas davon gemerkt hat. Im Block selbst aber wuchs die Gegnerschaft zwischen den Konservativen und den Liberalen. Natürlich I Denn eS war ein politischer Widersinn, von den Kon- servativen zu verlangen, sie sollten statt Kompromißpolitik auf der Grundlage gegenseitiger Zugeständnisse liberale Politik machen. Der Block sollte eben nach den Absichten der Liberalen nur daS Mittel sein, die Gelcvgcbung des Reiches und namentlich auch Preußens mit liberalem Geiste zu durchtränken, richtiger: zu demokratisieren. Dop einem solchen Bestreben, sobald eS erkannt wird, die Konservativen Widerstand leisten müssen, ist klar. Aber auch dazu sollte der Block dienen, diesen Widerstand zu brechen. Und die Regierung sollte dieser Aufgabe sich widmen. Daher auch noch die jetzige nationallibcrale Blockschwärmerei, und daher die Ge- hässigkeit, die wiederum in der„Kölnischen Zeitung" gegen die Konservativen, die nun eben konservativ bleiben und nicht zu einen, nationalliberalen Anhängsel werden wollen, zutage tritt." JndeS ist die„Kreiiz-Zeitung" durchaus mit einer Sammln ngspolitik einverstanden, bei der auch(was sie zwar nicht ausspricht, was aber selbstverständlich ist) das Zentrum mittut. Damit möglichst der schwarzblaue Block die Mehrheit behält, wenn das aber nicht gelingen sollte, er durch den Zutritt der Nationalliberalen ergänzt werden kann, die man in dieser Gesellschaft unschädlich zu machen gedenkt. Als Bedingungen für solche bürgerlicheSammlungs- Politik von Fall zu Fall bei der Wahltaktik" stellt die„Krenz-Zeitung" auf: Leistung und Gegenleistung und„sachliche Agitation" der Nationalliberalen, d. h. Aufgabe ihrer Angriffe auf die Konservativen wegen der Finanzreform. Wann wird gewählt werden? Mehrere bürgerliche Organe befassen sich mit unserer Meldung über den vermutlichen Termin der Reichstagswahlen und sind sehr geneigt, sie für richtig zu halten. So weist ein Blatt darauf hin, daß der Arbeilseifcr des Reichstags in dem kommenden SessionS- Abschnitt kein besonders großer sei» werde. Wenn die Etat» beratung erledigt ist. also Ende März, dann werde es schwierig sein, noch größere Arbeiten zuin Abschluß zu bringen, und schon deshalb. er» scheine eS sehr naheliegend, daß man den Reichstag dann auflösen werde. Daß die Regiemng mit ihren Absichten nicht schon setzt an die Oeffentlichkeit trete, sei er- Kärlich, denn sie habe nicht da? mindeste Interesse daran, den Zeit- räum, der für die Wahlagitation zur Verfügung steht, etwa gar zu verlängern. Deshalb würden alle Vorkehrungen unter dem Gesichts- winke! zu treffen sein, daß schon Mitte kommenden Jahres die Neu- Wahlen zum Reichstag stattfinden werden. Ganz unsere Meinung._ „Nicht zu verachtende Gründe." In dem bis heute zehnjährigen Kampf, der im christlichen Lager über das Verhältnis von Berufsorganisation und Kirche geführt wird, verdient als eine der interessantesten Erschei- nungen die Schrift von I o s e f D i e d e r l a ck: Thcolo- gische Fragen über die gewerkschaftliche Be- wegung genannt zu werden. Der gelehrte Verfasser, Mit- glicd der Gesellschaft Jesu und Professor der Moraltheologie an der Universität Innsbruck, neigt sich der Auffassung der M.-Gladbacher zu und seine Schrift ist, namentlich was seine Ansicht über die Erlaubtheit des Streiks be- trifft, vielfach von der christlichen Gewerkschaftspresse als Zeugnis gegen die Berliner Richtung zitiert worden. Wir wollen hier ans das interessante Kapitel hinweisen, wo er sich über den gewerkschaftlichen Jnterkonfessio- n a l i s m u s ausläßt. Dicderlack rechnet die Gewerkschaften mit Bauernvereinen, Handwerkerinnungen usw. zu den„ge- schäftlichcn oder wirtschaftlichen Verbindungen", die für die katholischen Mitglieder als„unerlaubt" gelten müssen, wenn sie ihnen„Gefahr für den Glauben" bringen. Dabei braucht das Zusammenwirken von katholischen und evangelischen Ar- beitern in der Gewerkschaft nicht einmal die Gefahr zum Ab- fall vom Glauben herbeizuführen, sondern es genügt die „Gefahr in Glaubenssachen schwach zu werden oder im Glauben zu erlahmen". Dann heißt es: Da der persönliche Verkehr sich nur auf die gewerkschaftliche Tätigkeit als solche zu beziehen hat, diese sich aber ihrer Natur nach innerhalb sehr bescheidener Grenzen hält, so läßt sich nicht sagen, daß die Notwendigkeit dieses Verkehrs die Bildung intet- konfessioneller Gewerkschaften oder den Eintritt in dieselben un- erlaubt macht. Um so weniger ist dies der Fall, wenn nicht zu verachtende Gründe vorliegen für die Zu- lassung auch prote st antischer Arbeiter. Als nicht zu verachtenden Grund wird man die nunmerische Stärkung der Gewerkschaft und die dadurch erzielte höhere Geeignetheit zur Erreichung des gewerkschaftlichen Zweckes, der Besserung der wirtschaftlichen Lage, sicher anerkennen müssen. An diesen Darlegungen ist mancherlei von Bedeutung. Ob die Gefahr für die katholischen Arbeiter, im gewerkschaft- lichen Zusammenwirken mit evangelischen Arbeitern im Glauben zu erschlaffen, vorliegt, darüber befindet die„kirchliche Autori- tat", das heißt die Bischöfe, so daß also das Dasein und das Schicksal der christlichen Gewerkschaften, die im Falle jener Gefahr für die katholischen Lrbeiter ver- boten sein müßten, völlig in die Hand der Bischöfe gegeben ist. Und daß jene Gefahr für gegeben erachtet iverden kann, zeigt das Beispiel Hollands, wo die Bischöfe die interkonfessionellen chri st lichen Organi- sationcn verboten haben. Dann weiter verdient benrerkt zu werden die Anmaßung. die hier von feiten der nltramontanen Vormünder der christ- lichen Gewerkschaften den evangelischen Arbeitern gegenüber geübt wird. Sie werden unter dem Vorbehalt, daß der Um- gang mit ihnen keine„sittliche Gefahr" für die katholischen Arbeiter bildet allergnädigst„zugelassen", und zwar aus dem „nicht zu verachtenden Grunde", weil sie die Reihen der ultra- montanen Gewerkschaften und damit die Macht des Zentrums zu stärken geeignet sind. Für diesen Zweck sind sie gerade gut genug. Nur sollen sie keinen Anspruch machen, von ihren katholischen GcwerkschaftZgcnossen als gleichwertig, als würdig der Freundschaft erachtet zu iverden. So etwas gibt es nicht, denn daS würde für die katholischen Arbeiter jene„Gefahr" bedeuten, die das Verbot der christlichen Gewerkschaften als „sittlich unerlaubt" nach sich zieht. Diederlack, der Moral- theologe, schreibt nämlich im Anschluß an obige Sätze: Andererseits muß dann aber auch vorgcsorgt werden, daß die interkonfessionellen Gewerkschaften den Katholiken zu keinem weiteren, namentlich zu keinem vertrauteren persönlichen Ver- kehr mit den andersgläubigen Mitgliedern Anlaß geben. Die evangelischen Arbeiter sind also nur aus dem„nicht zu verachtenden Grunde" den Ultramontanen willkonimen, daß sie zur Stärkung der Zentrumsgewerkschasten beitragen. Darüber hinaus sind sie für die schwarzen Brüder in Christo eine Gefahr, und wehe dem katholischen Arbeiter, der sich mit dem andersgläubigen, wenn auch vielleicht nicht weniger christ- lichen Arbeiter in näheren Verkehr einläßt. Ob nicht eine derartige Anmaßung der Ultramontanen ein„nicht zu ver- achtender Grund" für jeden evangelischen Arbeiter wäre, der christlichen Gewerkschaft den Rücken zu drehen, wenn er in einer schwachen Stunde so gutmütig war, sich unter das ultramontane Joch zu begeben? Gegen die Fleischnot. Am Mittwochabend gelangten in der Hamburger Bürgerschaft die in der vorigen Sitzung zurückgestellten Anträge betr. Matz- nahmen gegen die Fleischteuerung zur Verhandlung. Ein bürgerlicher Antrag verlangt vom Senat, im Bundesrat für die Aufhebung der Quarantäne und Tuberkulinimpfung für auS Dänemark eingeführtes Schlachtvieh einzutreten, das unter Beobachtung der erforder- lichen Vorsichtsmaßregeln direkt auf die Schlachthöfe zur alsbaldigen Abschlachtung überführt werden solle. Ein linksliberaler Antrag ersucht den Senat, bei der Rcichsregiernng zu beantragen, alle sofort wirkenden und durchführ- baren Mittel zur Verbilligung des Fleisches in Anwcn- dung zu bringen. Der sozialdemokratische Antrag lautet: Die Bürger- schaft ersucht den Senat, im Bundesrat mit allem Nachdruck dahin zu wirken, daß zur Milderung der gegen ivärtigeli, die minder bemittelten Bevölkerungsschichten stark bedrückende Fleisch not geeignete Maßnahmen schleunigst getroffen werden, daß insbesondere die s o- fortigeOefsnnng derGrenzen füreine ausreichende Vieheinfuhr und die Aufhebung derLebenLmittel- Zölle erfolgt._ Die staatsbürgerliche„Gleichberechtigung" in Bayer«. Gegen zwei Lehrer in Franke nth al.lPfalz) ist dem Vernehmen nach ein Disziplin verfahren beantragt worden, weil sie bei ihrer Anwesenheit in einer auf Freitag, den 16. September. n» Frankenihal stattgehabte» sozialdemokratischen Volks- Versammlung, in welcher Rechtsanwalt Ackermann über das Thema„Persönliches Regiment oder Volksregierung" sprach und Kritik an der bekannten Königs- berger Kaiserrede üble, wiederholt Beifall ge- äußert und insbesondere einzelne scharfe Aeußerungen des Redners durch die Worte:.Sehr richtig I bekräftigt haben sollen I Moabit in Köln. ES ist nunmehr unzweifelhaft festgestellt, daß die a u S- ständigen Bauhilfsarbeiter— es handelt sich um etwa 70— an den blutigen Vorgängen in dem Kölner Vorort Deutz nicht die min de sie Schuld trifft. Es ist das eine Verleumdung seitens der bürgerlichen Presse; besonders die „Kölnische Zeitung schreibt, d;e angeblichen Angriffe auf die Polizei seien von Ausständige» ausgegangen, die eben aus einer Besprechung gekommen seien. Tatsächlich ist bisher nicht ein einziger Streikender mit der Polizei in Konflikt gekommen. Die S ä b e l e i der Polizei war schon beendet, als die Streikenden aus der Besprechung kamen, an der alle, außer zwei Streikposten, teilgenommen hatten. ES handelt sich lediglich um einen Z u s a in m e n st o ß mit Neugierigen, die infolge des herausfordernden Benehmens der Arbeitswilligen und wegen deS zahlreichen Polizeiaufgebots sich naturgemäß angesammelt hatten. Als die Streikbrecher abends b'/z Uhr die Arbeit verließen, drängten sich die Neugierigen heran, und als sie der Aufforderung zum Weggehen nicht sofort folgten, begann alsbald das Dreinschlagen mit den Säbeln. Leute, die von der Arbeit von benachbarten Fabriken heimkehrten und gar keine Ähnung hatten, um waS es sich handele, erhielten zum Teil schwere Säbelhiebe, so z, V. drei schwächliche und harmlos aussehende Fabrikarbeiter, zwei Leute hatten fürchterlich blutende Kopfwunden: weiter lvnrde ein Bureaubeamter am Arm schwer verletzt. Leute, die aufder Erde lagen, wurden mit Säbeln gehauen. Obwohl die Sache in wenigen Minuten erledigt war, überließen die Polizeibeamten die Verwundeten ihrem Schicksal. Eine Prinzipicnfrage der Polizei in Halle. Die Verwaltungssicll« Halle a. S. des Deutschen Metall- arbeitcrverbandeS halte im Anfang dieser Woche eine außerordent- liche Mitgliederversammlung einberufen, die zu der an- gedrehten Aussperrung in der Metallindustrie Stellung nehmen sollte. Von den 3S50 Mitgliedern des Verbandes in Halle hatten sich über ZOOiZ eingefunden. Als der Referent, Genosse Gräbel, vor der imposanten Versammlung bereits eine halbe Stunde gesprochen hatte, erschienen im Saale plötzlich zwei Polizcibeamte, um diese rein gewerk schastlicheMitgliederversa in mlung zu „überwachen"! Angesichts dieser offenbaren Gesetzwidrigkeitbemäch- tigte sich der Anwesenden eine starke Erregung, die von der Versamm- lungsleitung nur mühsam gestillt werden konnte. Alle Vorstellungen an die Polizeibeamten fruchteten nicht, sie erklärten, zur Uebcrwachung beauftragt worden zu sein und bleiben zu wollen. Hierauf erklärten jedoch die Mitglieder einmütig, die polizeiliche Ungesetzlichkeit nicht mitmachen zu wollen, WaS zur Folge hatte, daß die Versammlung geschlossen wurde. Als nun der Bevollmächtigte daS Verbandes beim Polizei- inspektor v. Dossow mündlich Beschwerde einbrachte über diese un- erhörte Maßnahmen, erklärte der Beamte, eS handle sich für die Hallesche Polizei hierbei um eine— Prinzipienfrage. Es läge noch kein höchstinstanzlicher Bescheid vor. welche Versammlungen denn eigentlich nach dem neuen Vercinsgesetz überwacht werden dürsten und welche nicht. Weitere Gründe zu der gesetzwidrigen Entsendung von Polizeibeamten in eine Gewerkschaftsversammlung teilte er nicht mit. Um sie zu erfahren, ist nun auch schriftliche Be- schwerde eingereicht worden. Das Verhalten der Halleschen Polizei ist unerhört. Wenn sie die Nase ins BereinSgesetz stecken wollte, so würde sie daraus zweifelsfrei entnehmen müssen, daß sie in der Versammlung der Metallarbeiter nichts, aber auch gar nichts zu suchen hatte. Denn erstens handelt es sich um eine Gewetkschafts- Versammlung, in der keine politischen Angelegenheiten zur Erörterung standen, und zweitens um eine Vereinsversammlung. Bei der Beratimg des Vereinsgesetzes hat der damalige Staats- sekretär V. Bethmann Hollweg eine loyale Ausführung des Gesetzes zugesichert. Wie eö damit ausschaut, daS zeigt der Fall Halle und zeigen zahllose ähnliche Fälle._ Fortschrittshoffnungen in Meiningen. Der Abgeordnete Müller-Meiningen ist in seinem bisherigen Wahlkreise wieder als Reichstagskandidat aufgestellt worden und hat gelegentlich seiner Kandidatenrede einige seiner schnoddrigen Witze über die„Zubeil-Partei" und das Magdeburger „Ketzergericht" gemacht. In der Resolution, die Herrn Müller als Kandidaten proklamiert, wird die Hoffnung ausgesprochen, daß Müller über die„mit verwerflichen Mitteln arbeitende Sozialdemo- kratie" siegen werde— eine Hoffnung, die unsere Genossen hoffent- lich zuschanden machen werden. Slgrarische Versammlungssprenger. Mit dem Gefühl des Wohlbehagens erzählt die„Deutsche Tageszeitung", wie die Agrarier in Pommer n es dem Bauern- bund schwer machen, dort Versammlungen halten zu können. Einer der Redner deS BauernbundeS, der offenbar durch Erfahrungen ge- witzigt ist, lehnte daS Verlangen der zum Bunde der Landwirte ge- hörigen Agrarier ab, von der Versammlung einen eigenen Vor- sitzenden wählen zu lassen. Auch darauf wollte er sich nicht ein- lassen, den Herren Redefreiheit zu gewähren. Die Landbündler hoben da»» die Versammlung gesprengt und diesen Borgang kleidet die„Deutswe Tageszeitung" in folgende Worte: „Die ganze Versammlung protestierte gegen eine solche Ver« gcwaltigung derartig, daß Herr He st ermann eS vorzog, keinen Bortrag zu lialtcu und da» Lokal verließ." Die Landbündler habe» dann die Versammlung wieder eröffnet, haben ibren„Allrrgnädigsten Kaiser und König" angehocht, ein Herr v. Brüsewitz brachte ein Hoch auf den Bund der Landwirte aus. Nach der„Tageszeitung" war eS ziemlich früh, als die letzten heimgingen mit dem Gefühl, einen ganz interessanten Abend verlebt zu haben. Wenn Sozialdemokraten in einer gegnerischen Versammlung Bureauwablen verlange», dann bezeichnet das gerade die„Deutsche Tageszeitung" stets als eine Verletzung der gewährten Gastfreund- schaft. Wie eS aber die Agrarier treiben, das ist hier einmal in ganz einwandfreier Weise dargestellt worden. Eine Strafe gegen schwarze Soldaten in den deutschen Kolonien. AuS einer im Kolonialgcbiet veröffentlichten Verordnung des Reichslanzlers über die strafrechtlichen und DiSziplinarverhälwisse der kaiserlichen Schntztruppe für Deutsch-Ostasrika ergibt sich, daß gegen Gemeine und Unteroffiziere der angeworbenen AskariS eventuell fünfundzwanzig bis fünfzig Hiebe als Strafmittel in Anwendung kommen. Die Vollstreckung der Prügelstrafe erfolgt unter Ausschluß der Oeffentlichkeit und mit der vorgeschriebenen Peitsche. In Deutschland selbst erfolgt das Prügeln der Soldaten in- offiziell und ohne vorgeschriebene Peitsche l Oeftemicb. Die Baucrnnnruhcn in BoSm'en. Sarajewo, 5. Oktober. Aus Banjaluka werden erneute Agrarunruhen gemeldet. Von Doboj setzten sich SS 00 Bauern nach Sarajewo in Bowegung. um in der bosnischen Hauptstadt zu revoltieren. Drei Bataillone Infanterie unter dem Kommando eines Generals traten den aufrührerischen Bauern entgegen. Als diese das Militär kommen sahen, entblößten sie ihre Brust und riefen den mit gefälltem Bajonett Anrückenden zu: „Stoßt z u." Die Soldaten trieben daraufhin die Aufrührer mit Kolbeuschlägcn auseinander. Alle Straßen nach Sarajewo sind mit starken Truppenabtcilungen besetzt. frankreick. Protestkundgebung gegen die Teuerung. Paris, S. Oktober. In Ba i l l e u l fand gestern eine SVund- gebung gegen die neuerliche Verteuerung der Lebensmittel statt, wobei es zu wüsten Szenen kam. Die Verkäufer hatten die Preise für Butter und Eier bedeutend erhöht; sie wurden daraufhin boykottiert. Viele Körbe mit Eiern wurden einfach umgestürzt und zertreten. Mehreren Verkäufern wurde ihre eigene Butter ins Gesicht geschmiert. Die Kundgebungen dauern noch an. Valksn. Eine serbisch-bulgarisch-moiiteilegrinische Militärkonvention. Belgrad, 5. Oktober. Es wird hier bestätigt, daß daS Projekt einer serbisch-bulgarisch-montenegrinischen Militärkonvention unter dem Patronat Rußlands nicht nur besteht, sondern daß Verhandlungen, Ivelche in Sofia geführt worden, schon ziemlich weit gediehen sein sollen. Der serbische Gesandte in Bukarest, Ristic, ist in dieser Angelegenheit bereits nach Sofia abgereist._< Jungtürkischcs Regiment. Paris, 5. Oktober. In B a i l I c u l fand gestern eine Kund'- richt, daß die Ueberführung von 40 verhafteten Bulgaren zwecks stand- gerichtlicher Aburteilung nach UcSküb lebhafte Beunruhigung unter der Bevölkerung hervorgerufen hat. Neun Priester mit Hand- fesseln und Ketten am Halse versehen eröffneten den Transportzug. Hinter dem Zug schritten zwei Knaben im Alter von 13 und 14 Jahren, welche ebenfalls durch Ketten gefesselt worden waren. Tos Blatt ersucht die Behörden, der Bevölkerung diesen betrübenden Anblick zu ersparen und meint, daß ganz be- � sonders das jungtürkische Regiment künftighin selbst mit den ge- fährlichsten Delinquenten nicht so versahren dürfe. Zlmei'ika. Grausamkeiten in de» amerikanischen Sndstaaten. Die Zustände in den ehemaligen Sklavenstaaten zeigen, daß die Pest der Sklaverei, die vor SO Jahren mit Gewalt beseitigt wurde, tatsächlich noch lange nicht völlig überwunden ist. So kommt aus dem Staate Georgia die Nachricht, daß dort das Peitschen von Frauen noch eine gesetzlich zugelassene Maß- regel ist! Auf der Gefängnis-Farm von Fulton County, einer Strafanstalt für Frauen, aber mit männlichen Aufsehern, hat ein Aufscher eine Gefangene, die ihn geärgert hatte(wodurch, ist nicht angegeben, vielleicht aus triftigen Gründen), ein ganz junges schwächliches Weib, auspeitschen lassen. Sie erhielt 110 Schläge mit einem schweren ledernen Riemen! Ein Geist- I icher hat die Scheußlichkeit entdeckt und Anzeige erstattet. Doch wird eine Bestrafung kaum erfolgen, da der Aufscher sich auf den Sekretär der Gefängniskommission beruft, der ihm Erlaubnis zum Peitschen erteilt habe. Ucbcrdies wiederspräche eine Bestrafung dem ganzen Geiste eines Gemeinwesens, das die Auspeitschung schwarzer Frauen gesetzlich ausdrücklich zuläßt. Vor einigen Jahren hatte, wie die„31. I. V.-Ztg." berichtet, eine andere Bestie eine Gefangene halbtot peitschen lassen. Tarauf kam ein Gesetz, das die Auspeitschung weißer Frauen untersagte. Sie werden also nun ungesetzlich, die Negerinnen aber gesetzlich gepeitscht. Unser New Dorker Parteiblatt bemerkt zu diesen Scheußlich- ketten:„Georgia, der Staat, in dem man Frauen peitscht, ist der- selbe, in dem alle paar Wochen oder Monate ein oder mehrere Neger lebendig verbrannt werden; derselbe, in dem Kinder von 8—12 Jahren 12 und 14 Stunden täglich in den Baumwollfabriken arbeiten; derselbe, in dem eine Anti- frauenrcchtlerin erst kürzlich den bezeichnenden Ausspruch tat: „Frauen des Südens haben das Stimmrecht nicht und wünschen eS auch nicht. Es könnte ihre weibliche An- m u t verringern." Der Nichtamerikaner und noch mehr der vom Größenwahn aufgeblasene echte Uankee müssen erst mühsam lernen, daß es drüben Gemeinwesen gibt, die noch heute auf Mittelalter- licher Kulturstufe stehen und am meisten Aehnlichkeit mit dem heutigen Rußland haben.' Soziales. Ungültige Stadtverordnrtcnwahlcn. DaS Oberverwaltungsgericht bestätigte am DienStag die Ungültigkeitserklärung der im November und Dezember 1900 in Guben vorgenommenen Stadtverordnetenwahlen. Bon der UngültigkeitS» erklärung Betroffen werden die Mandate der Genossen Hänchen, Thiele und G a l k e sowie des bürgerlichen Kandidaten L i s s n e r. Die Ungültigkeit mußte ausgesprochen werden, weil der Gubener Magistrat— ähnlich wie im Fall Dr. Mugdan-Berlin— in durch- auS mißverständlicher Auslegung der Novelle vom 30. Juni 1900 betreffend die Bildung von Wählerabteilungen bei Gemeindewahlen im Widerspruch mit der Städteordnung sich selbst zum Wahlvorstand ernannt hatte._ Freier Samstagnachmittag. Die Metallwarenfabrik Brauckmann u. Pröbsting hat. ivie mit- geteilt wird, als erste Firnia in Lüdenscheid in Westfalen für ihre» gesamten Betrieb den freien Samotaanachinittag eingeführt. Die Firma hofft, mit der Maßnahme auch das bisherige Blau- machen mancher Arbeiter am Montag vermeiden zu können. Der freie Samstagnachmittag sollte auch mehr in Tarifverträgen eine Stelle finden. Hoffentlich findet die Lüdenscheider Fabrik bald weitere Nachfolger._ Bon den„Wohlfahrts"kassen. Ein grelle? Licht auf die wirklichen Eigenschaften der Zwangs- pensionskasscn der Großindustrie liefert wieder einmal folgender Vorgang. Ein Glasbläser K. arbeitete nach der..Saarpost" schon 20 Jahre und der Glasbläser H. 18 Jahre bei der bekannten Firma Vopelius. Diese versuchte, die bei der Fabrik bestehende Pensions- lasse umzuwandeln, auf daß die Arbeiter keinen festen, gesetzlichen Anspruch mehr an sie haben sollten- Dagegen wandten sich K. und H. im Interesse ihrer Kameraden. Die Firma wollte sich durch die Umwandlung von den als lästig empfundenen Verpflichtungen(wie Aufsichtsrccht der Regierung, Garantie für noch später auszu- zahlende Pensionen und höher werdende Pflichtbeiträge) befreien, was wegen des Widerstandes der Arbeiter nicht gelang. Für die beiden Arbeiter, die an der Verhinderung der Verschlechterung mit- wirkten, hatte die Finna Vopelius bald„keine passende Arbeit mehr", sie wurden entlaßen. Beide Arbeiter klagten vor dem Gewerbe- gericht in Sulzbach auf Rückerstattung der gezahlten Beiträge zur Pensionskasse in Höhe von 874,87 M., wurden indes abgewiesen. Dafür bekamen sie noch den Vorwurf vom Gewerbegericht, daß sie das Wesen der PensionSkasse als einer sozialen Einrichtung voll- ständig verkennten und für sich selbst in eigennütziger Weise eine Bereicherung zum Schaden ihrer Arbeitsgcnosscn verlangten! Schrumm! Nachträglich soll noch ein dritter Arbeiter entlassen worden sein, der 38 Jahre vorwurfsfrei bei der Firma gearbeitet und ein kleines Vermögen an Beiträgen zur Wohlfahrtskasse eingebüßt hat. Eine solche„Wohlfahrt" kann allerdings kaum noch überboten werden. Es wird die höchste Zeit, daß ein gesetzlicher Eingriff erfolgt. GewerhrcbaftUcbee* Zum Streik der Koblcnarbeiter. Die bei der Kohlenfirma Kupfer u. Co. im Streik stehenden Arbeiter und Kutscher halten nach wie vor fest zusammen. Die Streikposten konnten feststellen, daß die Situation insofern unverändert ist, als die Firma nicht genügend Arbeitswillige zur Verfügung hat. Die vor- handenen Arbeitswilligen sind zum größten Teil Jammer- gestalten, mit denen der Betrieb nicht aufrecht er- halten werden kann. Vor Beginn des Streiks wurden täglich über hundert Fuhren abgefahren, heute werden höchstens 10— lo und im günstigsten Falle 20 Fuhren erledigt. Bei der Firma Tiemendörfer haben die Arbeiter und Kutscher am Donnerstag früh die Arbeit niedergelegt, weil daselbst Strcikarbeit für Kupfer gemacht worden ist. Nachdem der Inhaber die ehrenwörtliche Erklärung abgegeben hatte. daß für Kupfer u. Co. uicht mehr gefahren wird, nahmen die Arbeiter die Arbeit wieder auf. Bei der eigentlichen Rausreitzerfirma B. Pauly Nachfolger, f orckslraße, haben von 36 Beschästigten am Mittwoch früh 6 Mann die Arbeit niedergelegt, und steht zu erwarten, daß ein Teil der übrigen sich im Laufe des Tages, spätestens aber am Donnerstag früh mit den Ausständigen solidarisch erklären werden. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß am Donnerstag die bei der Firma Tiemendörfer tätigen Arbeiter und Kutscher erneut in den Ausstand treten werden, da dieser Platz Eigen- tum der Firma P a u l y N a ch f. ist. Bei den Firmen Schneidemühl u. Schiebel konnte bisher nicht fest- gestellt werden, daß Streikarbeit geleistet wird. Zuzug ist somit fernzuhalten bei den Firmen Kupfer u. Co., L e o p. Pauly N a ch f. und Tiemendörfer. Die Bezirksverwaltung Groß-Berlin des Deutschen Transportarbeiterverbandes. Verlin un«t Qmgegencl. Stellungnahme der Arbeiter und Arbeiterinne» der Firma Mix u. Genest zur angedrohten Aussperrung. Eine überaus stark besuchte Ketriebsversammlung der Firma Mix u. Genest, welche am Dienstag, den 4. Oktober, im„Wilhelms- Hof in Schöneberg tagte, nahm Stellung zu der von den Metall- industrieellen Deutschlands geplanten Aussperrung. Maus vom Deutschen Metallarbeitcrverband schilderte in eingehender Weise die Ursachen, welche zu dem Streik der Werftarbeiter geführt haben. Das den Arbeitern in den Jahren der Krise genommene zurückzufordern, sei mit Rücksicht durch die Belastung und Besteuerung der notwendigsten Lebensbedürfnisse unbedingte Notwendigkeit. Die Ausführungen des Referenten, daß die Metallarbeiter Deutsch- lands es satt haben, sich bei jedem Versuch, ihre Lohn- und Arbeits- bedingungen zu verbessern, mit Ausspcrrungsandrohungen bcant- wortet zu sehen, fanden lebhaften Beifall. In der Diskussion wurde von mehreren Rednern darauf hingewiesen, daß es Ehrensache aller Metallarbeiter und Metallarbeiterinnen sei, die kämpfenden Werft- arbeiter nach jeder Richtung zu unterstützen und ruhig der Aus- sperrung entgegenzusehen. Auch die Lohnverhältnisse in diesem betriebe seien nicht dazu angetan, um behaupten zu können, daß sie eine Aufbesserung mcht ertragen könnten. In einer mit Ein- stimmigkeit angenommenen Resolution erklärte sich die Versamm- lung mit allen Maßnahmen ihrer Organisationsleitung einver- standen. Zugleich wurde beschlossen, daß, falls am 8. Oktober Lv Proz. ausgesperrt werden, die restlichen 49 Proz> geschlossen den Betrieb verlassen._ Die Lohnbewegung der Gold- und Silberarbeiter. Dem Bericht zufolge, den Handle in einer sehr stark be- suchten Versammlung der Gold- und Silbcrarbeiter erstattete, ist nach mehrmaligen, langen und schwierigen Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern und der Ltommission der Arbeiter eine Verein- barung auf folgender Grundlage zustande gekommen: Für Gold- und Silberarbeiter ist die neunstündige Arbeitszeit einschließlich der viertelstündigen Frühstückspause bewilligt, ferner statt der ge- forderten zehnprozentigen Lohnerhöhung eine solche von ö Proz. auf alle Löhne, die seit dem l. April nicht erhöht worden sind. Die Aktordpreise sollen durch Verhandlung in den einzelnen Betrieben geregelt und bis 5 Proz. erhöht werden. Wochenlöhne über 45 M. sowie die Löhne der Arbeiterinnen werden nach Leistung und Ver- einbarung erhöhst Bei Arbeitsmangel wird die Arbeitszeit verkürzt, um Entlassungen zu vermeiden. Bei den Silbcvarbeitern wird Sonnabends eine Stunde, vor den hohen Festen zwei Stunden früher Feierabend gemacht ohne Lohnabzug. Bei den Goldarbeitern unterliegt die Verlegung und Verkürzung der Arbeitszeit am Sonn- abend der freien Vereinbarung. Der Mindestlohn beträgt für Silberarbeiter 24 M. wöchentlich, für Goldarbeiter 45 Pf. pro Stunde. Handle bemerkte zu diesem Verhandlungsergebnis, daß ja nicht allzuviel erreicht worden sei, daß aber trotz eifrigster Be- mühungen der Kommission nicht mehr erreicht werden konnte. Das wesentlichste sei die Erhöhung der Mindestlöhne um 3 M. wöchent- lich. Mit Bezug auf dieses Zugeständnis könne man sagen, daß drei Fünftel der gestellten Forderungen bewilligt seien. Der Redner empfahl die Annahme der Vereinbarungen, dte für zwei Jahre ver- traglich festgelegt werden sollen. Nach längerer Diskussion stimmte die Versammlnug den Vereinbarungen zu. Beim Streik der Chauffeure, Packer und Hausdiener der Handelsgesellschaft deutscher Apotheker ist die Situation unver- ändert. Am Mittwoch machten folgende Kraftdroschken Lastfuhren: 9658, 9872, 8624, 9717, 9218, 8633, 9420, 9526, 8649. Der Fahrer der Kraftdroschke 8819 teilt mit, daß er keine Streikfuhren gemacht habe. Es muß somit ein Irrtum obwalten. Gestern wurde ein Ge- schäftSauto der Firma in Begleitung von Kriminalbeamten, die in die Livree der Handelsgesellschaft gesteckt wurden, spazieren ge- fahren. Einer dieser Biedermänner nahm vorn als Mitfahrer auf dem Bock Platz, während der zweite im Innern, wo sonst Pakete und Kisten aufgeschichtet werden, der Dinge harrte, die — nicht kamen l Um die Aufmerksamkeit der Streikenden auf sich zu lenken, fuhren die A.ge»ts provocateur am Streiklokal in merklich verlangsamtem Tempo vorbei und setzten die Hupe kräftig in Bewegung. Obwohl über die Qualität der Be- mannung kein Zweifel bestand, wollte man sich doch noch Gewißheit verschaffen. Als an einer Apotheke in Eharlottenburg Halt gemacht wurde, sprach sie einer der Streikenden in höflichem Tone an. Der„Mitfahrer" hielt den Betreffenden fest und ging mit ihm nach dem hinteren Teil des Wagens, jedenfalls um ihn seinem Amtsbruder zu übergeben. Der Streikposten war aber flinker, hatte auch bereits genug gesehen. Die Polizei ist in besonders schneidi- ger Weise bemüht, der Gesellschaft zu helfen. Zuzug ist nach wie vor streng fernzuhalten. Zum Streik der Rohrer ist zu berichten, daß seit Sonnabend, den 1. Oktober, die Arbeit fast vollständig auf allen Bauten ruht. Es haben sich bei der Bautenkontrolle, welche von den streikenden Rohrern genau ausgeübt wird, nur vereinzelte Bauten gefunden. wo Arbeitswillige vorhanden sind. Die Unternehmer haben wohl gehofft, daß die Unorganisierten die Arbeit nicht niederlegen wür- den, darin sehen sie sich jetzt aber bitter getäuscht. Auf verschie- denen Bauten, wo noch Rohrer am Anfang der Woche bei der Arbeit angetroffen wurden, haben dieselben die Arbeit nieder- gelegt, sobald sie von den Streikenden auf ihr unsolidarisches Ver- halten aufmerksam gemacht wurden. Auf einigen Bauten ist ver- sucht worden, die Zimmerer und Maurer zu bewegen, Rohrer- arbeiten zu machen, was jedoch stets abgelehnt worden ist. Einzelne Unternehmer, welchen sich ein Arbeitswilliger zur Verfügung stellte, haben diesen zum Polier gestempelt und versuchen damit die aller- Verantw.Redakt.: CnrlWermnth, Berlin-Rixdorf. Inserate verantw.: dringendsten Arbeiten fertig zu stellen. Demgegenüber tvird von den Streikenden ausdrücklich darauf hingewiesen, daß auf sämt- lichen Bauten, wo jetzt noch Rohrerarbeiten gemacht werden, dies von Arbeitswilligen geschieht. Sämtliche Bauhandwerker und Bau- Hilfsarbeiter werden deshalb ersucht, keine Streikarbeit zu ver- richten und die im Kampfe stehenden Rohrer noch dadurch zu unter- stützen, daß sie die Arbeitswilligen auf ihr unsolidarisches Ver- halten aufmerksam machen. Ferner ist es nötig, sämtliche Bauten, wo noch Streikarbeit verrichtet wird, sofort an das Ver- bandsbureau der baugewerblichen Hilfsarbeiter, Engelufcr 15, vorn 3 Treppen, zu melden. Telephon-Amt IV, Nr. 4993. Achtung, Buchbinder und Buchbinderciarbcitcrinuen! In Potsdam sind bei der Firma A. Hahns Erben(Jnh. C. Gerber) Differenzen ausgebrochen. Zuzug ist fernzuhalten. Der Gauvorstand. veutlebes Reich. Zur Tarifbeweguug der Buchbinder in Hannover. Bisher ist in vier Betrieben die Arbeit niedergelegt worden, im Streik befinden sich zirka 39 Personen. Da am 8. Oktober in den meisten Betrieben die Kündigungsfrist abläuft, wird an diesen Tagen das Gros der Arbeiter und Arbeiterinnen, zirka 1999 Per- sonen, in den Ausstand treten. Einigungsverhandlungen scheinen zurzeit ausgeschlossen, da die Arbeitgeber es auf eine Kraftprobe ankommen lassen wollen. Die Großfirmen König u. Ebhardt, Edler u. Krische, Molling u. Co. und auch die Buchbinderinnung suchen durch Inserat in zahlreichen auswärtigen Blättern Arbeits- willige zu Löhnen, die höher sind, als die der hiesigen Arbeiterschaft gebotenen._ Achtung! Schuhmacher. In Breslau befinden sich die Kollegen und Kolleginnen der Schuhfabrik Dorndorf wegen Verkürzung der Arbeitszeit im Streik. Verhandlungen mit der Organisation lehnte die Firma ab. Trotzdem in der deutschen Schuh- industrie die neunstündige Arbeitszeit fast allgemein ist, wird bei Dorn darf-Breslau noch t9Vj Stunde täglich gearbeitet. Arbeits- angebote bei Dorndors sind zurzeit abzulehnen. Zirka 499 Personen kommen in Frage. Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands, Gau 3, Breslau. Der Streik der Tabakarbeitcr bei der Firma Köllen u. Böckels in Bad Oeynhausen �Westfalen), Sitz Aachen, ist mit Erfolg be- endet. Die Zulagen betragen auf 11 Sorten je eine Mark und auf 19 Sorten je 59 Pf. pro Mille und fiir bessere Brasil. Der Streik hat 14 Tage gedauert; die Streikenden gehören alle dem Deutschen Tabakarbeiterverbande an. Unverbefferliche Scharfmacher. Krefeld, 6. Oktober. In einer Besprechung, die der Ober- bürgermeister Dr. Oe h l er mit sechs Vertretern der Streikenden von der Seidenfirma E i s f l ä n d e r hatte, machte der Oberbürgermeister. der von den Arbeitern um seine Vermittelung ersucht worden ist. um die für den 23. d. M. angekündigte Gesamiaussperrung von 15 990 Seidenwebern zu verhüten, folgenden Vorschlag: Die Streikenden sollen die Arbeit wieder anfiichmcn, wofür die gemäß- regelten Arbeiter in den Betrieb Eifslänbcr wieder eingestellt werden sollen, jedoch nur solange, sich anderwärts keine Arbeit bietet, die aber dann nicht ausgeschlagen werden darf. Mit diesem Vorschlage erklärten sich die Arbeiter einverstanden; der Arbeit- geberverband lehnte jedoch den Borschlag ab. Daraufhin beschloß eine heute nachmittag um 3 Uhr tagende Versammlung der Strei- kenden in geheimer Abstimmung, die Arbeit erst dann wieder auf- zunehmen, wenn der Vorschlag des Oberbürgermeisters an- genommen würde._ Streik der Lohgerber in Ehlingen. Bei der Firma R o f e r in Eßlingen, Lederfabrik, haben 179 Lohgerber die Arbeit niedergelegt. Sie fordern Erhöhung der Akkordsätze um 15 Prozent, stufenweise steigende Löhne der Hilfs- arbeiter, sowie der Baum- und Tafelarbeiter, die ständig im Lohn arbeiten. Für alle Arbeiter, auch die Akkordarbeiter, einen Auf- schlag für Ucberstunden, der wochentags 15 Pf. und Sonntags 39 Pf. pro Stunde betragen soll. Außerdem für alle über drei Jahre im Betriebe tätigen Arbeiter einen dreitägigen Urlaub unter Fortzahlung des Lohnes. Beseitigung aller Einschränkungen bei der Wahl des Arbeiterausschusscs.— Zuzug von Lohgerbern und Lohgerbereihilfsarbeitern ist fernzuhalten. Zum Mctallarbeiterkampf im Mannheimer Jnduflnegebtet ist zu bemerken, daß 23 größere Betriebe in Betracht kommen, wobei etwa 19 999 Arbeiter von der Aussperrung betroffen werden können. Bei der Finna Brown B r o v e r y u. Co. haben sämt- liche Arbeiter ihre Kündigung eingereicht. Die Firma Heinrich L a n z hat ihren Arbeitern gekündigt. Bei den Firmen Benz u. C o. und dem Strebelwerk besteht keine Kündigung. Die Arbeiter werden zum festgesetzten Termin entlassen. Die Firma Mohr u. Federhaff in Mannheim und Gebrüder S u l z e r in Ludwigshafen haben eine Kündigung noch nicht vorgenommen. Die Fertigstellung des L a n z schen Luftschiffes wird durch die Aus- sperrung verzögert. AusUnck. Französischer Gewerkschaftskongreß. Toulouse, 3. Oktober.(Eig. Ber.) Heute hat hier der 17. fran- zösische Gewerkschaftskongreß— der 11. feit Gründung der Arbeitskonfödcration— seine Beratungen begonnen. Er tagt im ehemaligen Jakobinerkloster, dessen gothisches Refektorium von der Stadt in einen Versammlungssaal umgewandelt worden ist. Der Raum ist indes für diesen Zweck nicht sonderlich geeignet, namentlich, weil die sehr hohe Redncrbühne an der Längsseite er- richtet ist. Schon vor zwei Jahren, als hier die geeinigte Partei ihren Kongreß abhielt, machten sich akustische Uebelstände geltend, deren nur des Präsidenten S e m b a t Stentorstimme Herr wer- den konnte. Für die erheblich zahlreichere Versammlung der C. G. T., mit dem Mdenschaftlichen Temperament vieler ihrer Dele- gierten, läßt sich da mancher Sturm voraussehen. Die kurze Vormittagssitzung war der Erledigung der Forma- litäten gewidmet. Nach einer Aussprache des Sekretärs der lokalen Arbeitsbörse begrüßten S a s s e n b a ch im Namen der deutschen Generalkommission und Applcton im Namen der englischen Ge- werkschaften den Kongreß. Sassenbach konstatierte mit besonderer Genutuung den Eintritt der Franzosen in die gewerkschaftliche Internationale. Die Presse wurde zugelassen. Am Nachmittag wurde wegen der fortdauernden Kommissions- sitzungcn nur wenig verhandelt. Unter den angenommenen Reso- lutionen befindet sich eine gegen die Maßregelung des Eisen- bahncrs Renault gerichtete. Renault ist der Beamte, der in einer taktisch sicher nicht geschickten Broschüre dargelegt hat, wie man Maschinen, ohne sie zu zerstören, unbrauchbar machen kann. Ein Begrüßungsschreiben des radikalsozialistischen Vereins in Toulouse kann infolge der Protestrufe der Versammluugsmehrheit nicht zu Ende gelesen werden. Der Raub des Vereinigungsrechtes in Schweden. Nach Beendigung des schwedischen Generalstreiks wollte das Unternehmertum in verschiedenen Industrien die streikenden oder ausgesperrten Arbeiter bekanntlich nur unter der Bedingung wieder einstellen, daß sie sich unterschriftlich auf Treu und Glauben ver- pflichteten, keiner Organisation anzugehören und ihre kämpfenden Brüder nicht zu unterstützen. Diese Verpflichtungen hatten folgen- den Wortlaut: i„Die Unterzeichneten, angestellt bei...... erklären Hier» mit auf Treu und Glauben, daß sie nicht Mitglieder einer Ge- UH.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtSBuchdr. u. VerlagSanstalt' werkschaft sind, die der Landesorganisation angehört oder mit ihr in Verbindung steht, und verpflichten sich, während der gegen- wärtigen Arbeitseinstellung den ausgesperrten Arbeitern keine Geldunterstützungen zukommen zu lassen." Durch die Not gezwungen und im Einverständnis ihrer Or« ganisationslcitung unterzeichnete ein Teil der Arbeiter die Schrift- stücke. Das geschah natürlich in der Ueberzeugung, daß den Ar- beitern durch diese von der Arbeitgebervereinigung erpreßten Unterschriften das Koalitionsrecht nicht für immer geraubt werden sollte. Der Wortlaut der Verpflichtung läßt ja auch erkennen, daß sie offenbar nur für die Zeit des damals noch nicht abge- schlossenen Kampfes gelten sollte. Die Schwedische Arbeitgeberver- einigung sucht jedoch auch jetzt noch, nachdem über ein Jahr seit der Aushebung des Generalstreiks verflossen ist, die Verpflichtungen als geltend hinzustellen, obwohl sie ihre Massenaussperrungen, die den Generalstreik zur Folge hatten, wenn auch nicht formell, so doch tatsächlich aufgehoben hat. Das Unternehmertum, das sich selbst seines Vereinigungsrechts in vollem Maße bedient, möchte dieses Recht den Arbeitern offenbar für immer rauben. Nament- lich die Textilarbeiterschaft, die bei dem großen Kampfe im vorigen Jahre, ohne daß in dieser Industrie irgend ein Konflikt vorlag» zuerst mit ausgesperrt wurde, hat jedoch noch schwer unter, dem Raub des Vereinigungsrechts zu leiden. In verschiedenen Textil» fabriken bricht das Unternehmertum geltende Tarifverträge, setzt die Löhne herab und verlängert die Arbeitszeit, und wenn dann die Vertreter der Arbeiter kommen, um zu verhandeln, werden sie abgewiesen mit der Begründung, daß ja die Arbeiter sich verpflichtet haben, der Organisation nicht anzugehören. Der Geschäftsführer Gustaf Janzen des Schwedischen Textilarbeiterverbandes ver- öffentlichte dieser Tage im„Socialdemokraten" einen Artikel, in dem er das Vorgehen der Arbeitgebervereinigung mit dem der Straßenräuber vergleicht. Und es ist ja auch in der Tat so. Wie der Straßenräuber sein wehrloses Opfer überfällt, es an Händen und Füßen bindet, um ihm sein Hab und Gut abzunehmen, just so macht es das schwedische Unternehmertum mit den Arbeitern. Denn auch hier handelt es sich nicht etwa nur um eine formelle Rechts- kränkung, sondern um einen Raub an Hab und Gut. Tausende und Abertausende Kronen werden der wehrlos gemachten Arbeiter- schaft durch die Lohnhcrabsetzungen geraubt. Aber die Schwedische Arbeitgebervereinigung ist so dickfällig. daß sie sich durch keine sittlichen oder rechtlichen Gründe abhalten läßt, ihren Raub solange wie nur irgend möglich festzuhalten. Ihr zweiter Direktor, G. Falken ström, tcrklärt gegenüber dem Artikel I a n z e n s, daß jene Verpflichtungen noch immer in Kraft seien und äußert sich ferner über die Situation bei Beendi- gung des Generalstreiks wie folgt: „Die Arbeiter hatten damals die Wahl zwischen dem Hunger und der Unterschrist. Die Landesorganisation weigerte sich, einen förmlichen Frieden auf Grund der Vorschläge des staatlichen Schlichtungsbeamten einzugehen. Statt dessen hat man der Unehrlichkeit freien Spielraum gelassen." Mit zynischer Offenheit wird also hier zugegeben, daß daS Unternehmertum die Unterschriften erpreßt hat. Was hier über die Weigerung der Geloerkschaftszentrale. einen förmlichen Frieden zu schließen, gesagt wird, ist unwahr. Das Landessekre- tariat der Gewerkschaften hat sich seinerzeit mit den Vorschlägen des Schlichtungsbcamten jeinverstandcn erklärt, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, der ein vorläufiges Uebereinkommen in der Herrenkonfektion betraf. Es ist die Arbeitgebervereinigung, die die Schuld daran trägt, daß es nicht zum Friedensschluß kam und daß die schwedische Industrie, soweit sie mit der Arbeit- gcbcrvereinigung in Verbindung steht, noch immer mit einem permanenten Kriegszustand zu rechnen hat.'> K-ctztc ffadwichtcn. Die Verhandlungen lvegen des Werftarbeiter-KonfliktS. Hamburg, 5. Oktober.(W. T. B.) Heute abend 8 Uhr wurden die Verhandlungen zur Beilegung der Differenzen in der Metallindustrie fortgesetzt. Die hierbei zustande ge- kommenen Beschlüsse haben die Aussicht auf eine friedliche Beilegung näher gerückt. Morgen vormittag 9 Uhr werden die Werften in einer Versammlung zu den neuerlichen Vor- schlügen der Kommission des Gcsamtverbandes Deutscher Metallindustrieller Stellung nehmen. In einer sodann eiligst für den Nachmittag einzuberufenden Arbeiterversammlung werden die Arbeitervertreter über die Beschlüsse der Werften berichten, worauf die Versammlung endgültig zu den Be- schlüsselt der Werften Stellung nehmen wird. Die portugiesischen Republikaner anf dem Rückzüge? Lissabon, 5. Oktober. Die„Agence Havas" meldet um 12,33 Uhr nachts: Die Kriegsschiffe der Aufständischen, die auf die Stadt, besonders auf die Ministerien, die die Praca do Commcrcio umgeben, und auf das Königsschloß Necessi- dades feuerten, haben grosicil Schaden an den Gebäuden an- gerichtet, auch der Turm der Kirche von Nccessidades ist zer- stört. Die Gewehrsalven in der Unterstadt haben mehrere Passanten getötet. Man schätzt die Zahl der Toten bis jetzt auf etwa 190, die Zahl der Verwundeten ist bedeutend größer. König Manuel befindet sich immer noch im Schloßt ohne Schaden erlitten zu haben. Die Königinnen Amclie und Pia sind in Cintra. Man sagt, die Aufständischen seien im Verlust und zögen sich nach Monsanto in der Nähe von Lissa- bon zurück. Mit Ausnahme der Dörfer Barreiro und Setubal auf dem anderen Ufer des Tejo, Lissabon gegenüber, werden Unruhen von anderen Orten Portugals nicht gemeldet. Widersprechende Meldungen. London, 5. Oktober.(W. T. B.) Ein vom englischen Ge- sandten in Lissabon beim Auswärtigen Amt eingegangenes Tele- gramm vom 5. Oktober besagt: Schwere Unruhen brachen in der Nacht vom 3. Oktober aus, als Truppen der Garnison sich für repu- blikanisch erklärten. Es fanden den ganzen gestrigen Tag und am Abend Kämpfe statt. Die Truppen, die treu blieben, vereinigten sich heute früh mit den Aufständischen und die Nepublik wurde unter großer Begeisterung des BolkcS verkündet. Man nimmt an, daß die Bildung einer provisorischen Regierung im Gange ist. Der König soll in Mafra sein. Die Königin-Mutter und der Thronfolger waren gestern in Cascaes, aber ich habe keine genauen Nachrichten darüber. Ter Papst als Warner. Rom» 5. Oktober.(Prcß-Telegraph.) Nach hiesigen Blätter- Meldungen hat der Papst bereits vor Wochen König Manuel vor einer nahe bevorstehenden revolutionären Bewegung gewarnt. Die päpstliche Kurie war von portugiesischen Geistlichen von dem nahe bevorstehenden Ausbruch benachrichtigt worden und hatte daraufhin der Liffaboner sowie der Pariser Regierung Mitteilung hiervon gemacht. Der portugiesische Hof hat jedoch diesen Warnungen keine Bedeutung beigelegt. Uaul Singer& Co., Berlin LVk. Hierzu 3 Beilagen u.Nnterhaltungsbl, Kr. 234. 27. Jahrgang. 1. Ititajt Ses Joniätio" Knlim Bdlislilnit. Dosnekstag, 6. Oktober 1910. Die Berliner Genollen und der Barteltag. Erster WaWttis. De� Bericht vom Parteitag erstattete Wotdt, der zunächst aus- fuhrlich die Budgetfrage behandelte. Redner bezeichnete die Rede Bebels als den Höhepunkt der gesamten Parteitagsverhandlungcn. Sicr hat sich Bebel wieder als Politiker grasten Stils erwiesen. charf, dabei aber stets sachlich, hat er das ausgesprochen, was ge- sagt werden mustte. Frank befand sich nun in einer weit schwächeren Position. Er hatte das Zllosaikbild parlamentarischer Erfolge zu entwerfen, und man kann bei aller Objektivität nicht anders sagen, als dast Frank den schlüssigen Beweis für die Not- wendigkeit des Disziplinbruchs schuldig geblieben ist. Frank hielt es dann für nötig, in seiner letzten Rede eine Wendung zu ge- brauchen, die zur Folge�hatte und haben mustte, dast die Mehrheit nun einen energischen Schritt tat und der Sache ein Ende machte. Ueber die Budgctfrage selbst kann man schliestlich verschieden denken. Aber nach Franks Rede mustte diese Frage unter dem Gesichtswinkel des Disziplinbruchs behandelt werden. Jeder, auch die Führer und gerade diese, haben Disziplin zu üben. Die Nacht- sitzung mit all ihren Begleiterscheinungen findet ihre Erklärung und Begründung durch das Verhalten der Süddeutschen. Die Er- kenntnis, dast erst in Preusten die Reaktion gebrochen werden mutz, kam aber auch mit erfreulicher Bestimmtheit in den Spmpathic- erklärungen der Süddeutschen zum Ausdruck. Betreffs der Ge- nossenschaftSfrage muh ja zugegeben werden, dast dieses Problem binter den politischen und gewerkschaftlichen Bewegungen zurück- stehen mustte. Dast dies aber angesichts der ganzen Verhältnisse jedem verständlich sein mutz, hat W u r m sehr klar herausgegriffen. Allerdings wird die Partei demnächst sich auch mit der Lösung dieser Frage beschäftigen müssen, wenn das Genossenschaftswesen in unserem Sinne wirken solle. Ueber die anderen Punkte ging Redner kurz hinweg, da sie zu prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten kaum Anlast böten. Mit seinem Schlustwort hat D i e tz zugleich die Richtschnur zu unserem ferneren Handeln gegeben. Besonders hob Dietz das gemeinsam Einigende hervor, worin die Stärke unserer Partei liegt. Der Magdeburger Parteitag wird in der Geschichte der Arbeiterbewe- gung einen hervorragenden Platz einnehmen.(Lebhafter Beifall.) Als erster Diskussionsredner sprach Philipp Bernstein, der als Schlachtenbummler in Magdeburg war. Es war für die Süddeutschen zweifellos eine günstige Stimmung vorhanden. Frank aber habe sich besonders an jenem Mittwoch geradezu ungehörig benommen. Frank hat eine Selbst- Herrlichkeit zur Schau getragen wie ein ungekrönter Wnig. Zum Glück gelang es ihm nicht, trotzdem er geschickt redete, den Partei- tag einzuseifen. Die Bevorzugung der Akademiker mutz aufhören, jeder soll von unten anfangen. Unsere Presse, auch die gswerkschaft- liche, mutz radikaler werden. Alex Bloch: Die Meinung ist vorhanden, dast die Revisionisten sich fügen werden; er glaube dies nicht. Sie werden wieder auf anderem Wege einen Vorstost machen. Sie glauben, auf gemüt- lichem Wege zum Ziele zu gelangen. Er. Redner, bedaure, daß ein früherer Antrag des ersten Berliner Kreises, sich auf dem Leipziger Parteitag mit der Frage der Taktik zu befassen, nicht zur Durch- führung gekommen ist. Dast es notwendig ist, zeigt Bebels Aeuhe- rung, der diese Entscheidung allerdings bis nach den Wahlen ver- legen will. Das Drohen mit dem Parteistatut billigt Redner nicht. Es ist auch keine Frage, daß wir Nationalliberale unter uns haben. Sie mühten hinaus aus der Partei. Die deutsche Sozialdemokratie ist ein Unikum in der Weltgeschichte. Sie behält Gegner in den eigenen Reihen, was keine andere Partei macht. Wie Dietz dazu kommt, ausgerechnet im Schlustwort Direktiven für die kommenden Wahlen zu erteilen, wo kein Delegierter mehr antworten kann, versteht Redner nicht. Dagegen mutz man protestieren. Dietz hat sicher im Einverständnis mit dem Parteivorstand gehandelt, aber höher wie der, steht die Masse der Genossen. Es fragt sich, ob der Freisinn das kleinere Uebel ist. Seine Taten sprechen nicht dafür. Redner empfiehlt eine von ihm verfastte Resolution. Pazeck: Auch die grosten Genossen müstten sich in ihren Reden Zügel anlegen, damit nicht die Gegner ihre Freude daran haben. Den süddeutschen Führern muh aber die schärfste Mitzbilligung ausgesprochen werden für ihr Verhalten. Man soll auch nicht jedem Studierten gleich ein Mandat an den Hals werfen, sondern lieber Leute nehmen, die von der Pike an gedient haben. Schlvsier: Ein hoher Beamter habe ihm erklärt, dast das An- sehen der Partei sicher bei dem Bürgertum gesunken wäre, wenn der Parteitag nicht entschlossen Stellung genommen hätte. Jansen: Die Art, wie Woldt Bebel hervorgehoben hat, gefällt Redner nicht. Bebels ganze Reden liefen nur darauf hinaus, die Süddeutschen zu schützen. Bezüglich des Massenstreiks mutz der Volkswille entscheiden. Schwabestahl: Noch kein Parteitag war so zur Stellungnahme gegen die Süddeutschen gezwungen, wie der Magdeburger. Die Süddeutschen sind ja auch Produkte ihrer Umgebung. In Süd- deutschland ist die Partei zum grosten Teil auf sogenannte Mit- läufer angewiesen. Davon wird auch das Verhalten der Süd- deutschen diktiert. Was im Süden nötig war, werden wir in Norddeutschland nie erleben. Daraus resultiert auch der Disziplin- bruch. Daraus ergibt sich auch die Sympathie der Bayern, Hessen und so weiter für die Badenser. Diese haben eben den Weg an- gewandt, um der Partei neue Massen zuzuführen. Das mutz bei dem Disziplinbruch auch berücksichtigt werden. Dr. Sohn: Bloch hat recht darin, dast sich ein Massenstreik nicht in Szene setzen lätzt. Aber er hat sich widersprochen, indem er die Initiative von oben erwartet. Wann Stimmung vorhanden ist, kann ein kleines Ereignis den Stein ins Rollen bringen. Aller- dings kommt dieses letzte Mittel nur bei den grösttcn Fragen in Betracht. Besser zögern, als vorzeitig losschlagen. Er. Redner, hat Bebels Rede gehört, die durchaus nicht zaghaft und beschönigend war; aber Bebel ivar sich seiner Verantwortung bcwustt, zusammen- zuhalten und nicht zu trennen. Bei Bebels Erfahrung war nichts anderes zu erwarten. Frank hat die Milde des Parteitag» mistver- standen und miszbraucht. Das mustte dem Fast den Boden aus- schlagen. Dast ein Gegensatz zwischen Süd und Nord besteht. darüber sind alle einig. Die Verhältnisse im Süden bringen es mit sich, dast die dortigen Genossen durch Paktieren zum Ziel zu kommen suchen. Es ist ein guter Gedanke, zwischen Norden und Süden Redner auszutauschen, die den Genossen gegenseltig das� Wesen dieser Länder näherbringen sollen. Redner bekämpft die Resolution Blochs; wenn es eine Frage der Taktik gibt, dann ist es die Frage, wie in der Stichwahl zu stimmen ist. Die Parole mutz da lauten: keinen Konservativen oder Zentrumsmann. Redner ist der Mei- nung, dast der Magdeburger Parteitag fruchtbar gewirkt hat. Die Basis zum gemeinsamen Arbeiten ist gegeben. Täterow: Liebknecht hat gesagt: die Parteitage sind Meilen- steine auf unserem Wege. Redner meint, es gäbe auch Kreuzwege und Scheidewege. Wir waren nie so dogmatisch, dast wir andere Meinungen nicht geduldet hätten. Wer an eine Trennung denkt. verkennt das Wesen unserer Bewegung. Er, Redner, habe oft be- merkt, dast Genossen, solange sie mit den elementarsten Partei- arbeiten vertraut waren, sich radikal zeigten, dann aber auf Ab- Wege gerieten. Der Revisionismus ist keine lokale Erscheinung. Die Redner aller Länder haben auf dem Internationalen Kongrest scharf zum Ausdruck gebracht, dast unsere revolutionäre Stellung «ntschiedey immer und ubuall hervorgxhoben werden must. Wir werden dafür sorgen müssen, daß nur zuverlässige Genossen zu Redakreuren und Abgeordneten gewählt werden. Was sich in Baden abgespielt hat, ist nicht zu rechtfertigen. Der Kapitalismus wütet dort ebenso wie bei uns. Bloch hat aus Dietz's Rede etwas anderes herausgelesen, als was gemeint war. Von einem Demonstrationsstreik als Protest gegen die Moabiter Polizciwirtschaft, verspricht sich Redner nicht viel, freut sich aber, dast bezüglich des Parteitags eine seltene Einig- feit unter den Versammelten herrscht, und dast alle mit der Stellungnahme WoldtS zufrieden sind. Bittncr: Auch er freut sich, dast der Parteitag den geraden Weg gegangen ist. Leider müssen immer noch strenge Mahnahmen gegen Genossen vorgenommen werden, die die gefastten Beschlüsse nicht respektieren wollen. Wer Frank früher gekannt habe, müsse sich wundern über den heutigen Standpunkt dieses Genossen. Hätte es sich nicht gerade um die Disziplin gehandelt, dann hätten Legten und die anderen Gewerkschaftsführer sicherlich eine ganz andere Stellung eingenommen. Woldt in seinem Schlustwort meint, dast er trotz des von Bloch empfangenen Lobes fürchtet, dieses Lob nicht auf lange Zeit verdient zu haben. Speziell in der Frage des politischen Massen- jtrciks ist Redner anderer Meinung als Bloch. Der politische Massenstreik wird kommen und mutz kommen, und die Gewerk- schaftsbewcgung wird bei der Zuspitzung der Machtkämpfe immer mehr und mehr mit politischem Sinn erfüllt. AuS diesem Grunde ist Redner mit dem Beschlutz des Parteitages einverstanden, weil dort festgelegt wurde, dast der politische Massenstreik als Machtmittel angewendet wird, dast wir aber die jeweilige Situation, wann wir in die Lage kommen, dieses Mittel zu gebrauchen, heute noch nicht überschauen können. Woldt bekämpft beide Anträge Blochs, weil der Parteitag dahingehend in der Gemeinsamkeit mit den Gewerkschaften, die Schulter an Schulter mit uns stehen müssen, klare Richtlinien vorgezeichnet hat. Beide Anträge Blochs wurden abgelehnt, dagegen eine Re- solution angenommen, die sich mit den Beschlüssen des Parteitages und der Haltung des Delegierten einverstanden erklärt. Zweiter Wahlkreis. In der Generalversammlung des zweiten Kreises, die im grosten Saal der„Bockbrauerei", Fidicinstraste, tagte, berichtete der Parteitagsdelegierte Genosse Lachmann über die Verhandlungen des Parteitages zum Bericht des Parteivor stände» und zur Mai- fei er frage. Er betonte dabei unter anderem, dast es Auf- gäbe jedes älteren Genossen sein müsse, die Jugendbewegung, die erfreuliche Fortschritte gemacht habe, noch weiter zu fördern. Auch niüstten es sich alle Genossen angelegen sein lassen, den erhöhten fiitanziellen Anforderungen, die an die Partei gestellt würden, durch Vermehrung der Einnahmen Rechnung zu tragen. Der Bebbrei- tung der Parteipresse, deren Fortschritte auf dem Parteitage fest- gestellt wurden, hätten sich die Genossen noch energischer zu widmen, als bisher. Mian brauche nur daran zu denken, wie einseitig die bürgerliche Presse die Vorgänge in Moabit behandelt und die Tat- fachen gefälscht habe. Zum Schlutz appellierte Redner an die Ver- sammelten, im Sinne der Stellungnahme des Parteitages dafür zu sorgen, dast die nächste Maifeier sich glänzend gestalte. Genosse Schwemke berichtete namentlich über die Verhand- lungen in der Budgetfrage und über die Stellungnahme zum WahlrcchtSkampf. Er gab an Stelle der durch eine Zahn- irankheit leider verhinderten Genossin Baader ferner einen Ileberblick über die»eiteren Verhandlungen des Parteitages. Unter anderem bemerkte Redner: In der Generalversammlung vor dem Parteitage habe die Mehrzahl die bekannte Resolution von Grost-Berlin angenommen, weil der letzte Satz aussprach, daß der Parteitag Vorkehrungen treffen möge, dast nicht wieder ein Verstost gegen Parteitagsbeschlüsse vorkommen möge, wie der der Badenser. Die Verhandlungen aus dem Parteitag hätten notwendig zu den entsprechenden Beschlüssen führen müssen. Trotz aller Schärfe der Ausführungen gegen die Schaukelpolitik der Badenser und gegen den Disziplinbruch sei ein versöhnliches Mvnient in den Verhandlungen geivesen. Als aber Frank in seinem Schlustwort er- klärte, die Süddeutschen würden sich alle Mühe geben, die Einheit der Partei aufrechtzuerhalten, die Stellung zum Budget würde aber künftig von der gegebenen Situation abhängig sein, da habe die Mehrheit das so auffassen müssen, dast man sich auf der anderen Seite alles vorbehalte. Aus dieser Situation heraus sei der zweite Antrag Z u b e i l gekommen. Der Parteitag hätte eben klipp und klar sagen müssen, dast ein Verstost gegen die in den Beschlüssen der Partei festgelegten Grundsätze nicht wieder vorkommen dürfe, wolle man sich nicht dem Ausschlutzverfahren aussetzen. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, zu erklären, dast man sich den Beschlüssen füge. Statt dessen seien die süddeutschen Genossen hinausgegangen, was auf ihn gewirkt habe, als erhalte er einen Stich ins Herz.— Was die Wahlrechtssrage anging, sei auch nickst einer unter den Parteigenossen gewesen, der nicht dafür gestanden hätte, dast der Kampf mit voller Energie weiter geführt werde. Es hätten denn auch die Süddeutschen einer nach dem anderen die Erklärung ab- gegeben, dast der Wahlrechtskampf in Preusten auch ihr Kampf sei und dast sie Schulter an Schulter mit uns kämpfen würden. Da sei ein gewaltiger Applaus durch den Saal gegangen, darüber, dast die süddeutschen die norddeutschen Genossen wieder gefunden hätten. Die gegnerischen Blätter, die schon den Rist in der Partei fest- gestellt hatten, seien so gründlich abgeführt worden, denn es sei die Einigkeit wieder besiegelt gewesen. Es entspann sich eine lebhafte Debatte. Genosse Feierabend billigte den in der Abendsitzung gefastten Beschlust. Er sei notwendig geivesen, damit wir endlich Ruhe hätten. Genosse KlajnS ist auch der Meinung, dast es in der Budget- frage so kommen mustte, wie es gekommen sei. Er hätte aber er- wartet, dast die Stellung zur Maifeier etwas gründlicher gewesen wäre, denn unsere Maifeier sei durchaus noch nicht ideal. Redner verurteilt die Stellungnahme von 84 Gewerkschaftsführern gegen die Resolution Luxemburg, betreffend die Diskussion des Ge- neralstreikL. Der Generalstreik gehöre zu den eventuell in Frage kommenden Waffen und über unsere Kampfesmittel müstten wir diskutieren. Genosse Schimmelpfennig: Aus den Ausführungen Franks sei zu entnehmen gewesen, dast man sich doch eventuell wieder ver- gehen wolle. Danach sei es begreiflich, dast man sich sagte, so könne das nicht weiter gehen. Befremdet habe ihn, dast Genosse Richard Fischer den von Z u b e i l eingebrachten Antrag tief bedauerlich gefunden habe. Er finde Fischers Aeusterung sehr bedauerlich. Redner trat schliestlich für eine stärkere Berücksichtigung der Ge- nossenschaften durch die Genossen ein. Genosse Dittmrr zur Budgetfrage: Mit der Resolution des Parteivorstandes sei da» Nichtige getroffen gewesen. Nur frage es sich, ob auf Grund einer persönlichen Provokation Franis, die unbestreitbar sei, der Parteitag in der geübten Weise hätte antworten müssen. Das verneine er. Man l>ätte schon aus taktischen Bedenken nicht so verfahren sollen. Der Beschlust(Antrag Z u b e i l) sei in der Stunde der Leidenschaft gefastt worden. Wenn am nächsten Tage noch Verhandlungen stattgefunden hätten, dann Wie die Sache schon anders ausgesehen.— Es sei nun gesagt worden, man wolle Ruhe habet!. Thevretischö Debatten aber, tvie die über die Budgetfrage an sich, die von der des Disziplinbruchs zu trennen sei, wären immer gut.— Die Erklärung der 34 Ge- werkschaftsführer sei zwar ein Irrtum und überflüssig gewesen, sie sei aber andererseits begreiflich. Genosse Stadthngen erklärt gegenüber einer Aeusterung D i t t< m e r s, dast die Stellungnahme der Generalversammlung irr Nicder-Barnim am Sonntag durchaus nicht einen Umschwung be- deute. Die Resolution, die ihr volles Einverständnis mit dem Parteitag erklärte, sei mit allen nur gegen 4 Stimmen angenommen worden. Auch irre Dittmer, wenn er an- nehme, bei den besagten Aeußerungen Franks handele es sich nur Frank persönlich. Frank habe eben als Vertreter der Süddeutschen gesprochen. Im übrigen habe er gar nichts da- gegen, wenn mal zu irgendeiner anderen Zeit, wenn man weiter nichts zu tun habe, die Doktorfrage der Budgetbewilligung zur Diskussion komme. Auf diesem Parteitage sei die Frage des Dis- ziplinbruches zu entscheiden gewesen. Und da sei die übergroste Mehrheit der Ansicht gewesen, dast, wenn nicht klar ausgesprochen werde, was ist, die Einheit der Partei aufs tiefste gefährdet sei. Mit Schwemke sei er der Meinung, man habe verstanden, wag gemeint sei, und man werde jetzt Disziplin halten. Natürlich Hobe jeder das freie Recht, seine Bedenken gegen die materiellen Be- schlüssc, ob und wann ein Budget zu bewilligen ist oder nicht, klar- zulegen und am geeigneten Ort zur Diskussion und eventuell zu neuen Partcitagsbeschlüssen zu bringen.— In der Frage des Massenstreiks stehe, wie er glaube, sowohl die„Neue Zeit" als auch der„Vorwärts" auf dem Standpunkt, dast es möglich sei, dast der Massenstreik einmal in der Wahlrechtsbewegung nötig sein werde. Wenn man aber im Frühjahr während des Kampfes an» nahm, dast der Massenstreik nicht möglich sei, dann wäre es ein sehr verantwortungsvolles Unternehmen gewesen, zu der Zeit die Diskussion darüber in die Presse hineinzubringen. Ihn befriedige die Annahme des ersten Teils der Resolution Luxemburg.— Redner schlost nach einigen Ausführungen über verschiedene Mag- lichkeiten des Massenstreiks damit, dast es jetzt gelte, dem gemein- schaftlichen Gegner ins Auge zu schauen, denn es werde notwendig sein, einen Kampf zu führen, wo der letzte Mann alles daran zu setzen habe. Genosse Richard Fischer wendet sich gegen die Bemerkung Schimmelpfennigs, dast seine Worte in der Abendsitzung des Parteitages bedauerlich gewesen seien. Redner verliest den Bericht darüber im Zusammenhairg und erklärt, dast er auch jetzt noch jene Abendsitzung und die Einbringung des dann ange- nommenen Antrages Z u b e i I bckaure. Allerdings sei es eine positive Unklugheit Franks gewesen, dast er die Situation nicht überschaute und glaubte, irgendwie auftrumpfen zu können. So erkläre sich ja der Antrag Zubetl-Haase; aber erfreulich sei er nicht. Und doppelt unerfreulich sei es, dast nach langer Sitzung eine Nachtsitzung anberaumt und ein Antrag gebracht wurde, der in der Sache nichts änderte. Wenn man die Stimmen der Süd- deutschen als teils direkt Beteiligter und teils solidarisch Mit- beteiligter abziehe, sei der Disziplinbruch f a st einstimmig ver- urteilt worden. Im Zorn und in der Aufregung habe die Mehr- hcit nicht gehört, dast Frank sich tatsächlich unteuvorfen habe. Wenn Frank mit den Worten:„Ich stehl mei» Holz find zahl mein Strass" geschlossen hätte, dann wäre es allerdings anders. Aber diese Worte könne Redner, wenn er das übrige hinzunehmc, nur auffassen als eine Floskel, mit der Frank seinen Rückzug gegenüber den Badensern, die er vorher alle mokril gemacht hatte, habe decken wollen. Frank habe aber erklärt, dast er und seine Freunde alles tun würden, um die Einheit und Einheitlichkeit der Partei aufrechtzuerhalten. Wenn er dann sage, wie sie bei zu- künftigen Budgetabstimmungen stimmen würden, könnten sie nicht sagen, das hänge von den Verhältnissen ab, so könnte man ja her- auslesen:„Eventuell stimmen wir dockf dafür." In der Nürnberger Resolution gebe es ja aber doch den Satz, dast dafür gestimmt werden dürfe, wenn dadurch verhindert werde, dast ein schlech- tcres Budget. Gesetz würde. Frank habe mit jenen Worten nur etwas anderes gesagt, um nicht sagen zu müssen, er unterwerfe sich. Weiter habe Frank erklärt, er wisse, dast auch unter den Süddeutschen Genossen seien, die alles tun würden, um der Partei solche Debatten zu ersparen. Und später habe er erklärt, daß er die erste Erklärung abgegeben habe in der Auffassung, dast sie nicht in Widerspruch stehe mit den Nürnberger Beschlüssen. Darin er- blicke Redner eine positive Unterwerfung unter den Nürnberger Veschlust. Und weil er die Erklärung so aufgefastt habe, habe er die ganze Abendsitzung für bedauerlich gehalten und halte er sie noch für bedauerlich. Es läge kein Schatten auf dem Parteitag, wenn nicht die Abendsstzung gewesen wäre. Er sei heute noch der Ueberzeugung, dast man am anderen Tage von Frank eine Er- klärung bekommen hätte, die auch die Mehrheit be, friedigt haben würde. Schiminelpfennig hielt seine Ausführungen demgegenüber aufrecht. Genosse E. Wurm trat der Auffassung des Genossen Fischer entgegen. Nachdem Genosse Bebel und die Mehrheit in der loyalsten Weise verfahren seien, habe Genosse Frank das Schluß» wort benutzt, um ihnen den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Man habe sich dem Eindruck nicht entziehen können, dast er alles wohl- überlegt gesagt habe. Er habe so ruhig gesprochen, dast die Worte: „Ich steh! mein Holz und zahl mein Straf"' wie ein Peitschenhieb wirkten. Die Worte Franks seien so aufzufassen gewesen, dast man doch handeln werde, wie es einem passe, ganz gleich, wie be- schlössen werde. Vielleicht habe er nicht ganz im Sinne der Süd- deutschen gesprochen. Nachdem er aber den Pfeil abgeschleudert hatte, da hätte die Erklärung Bebels, dast die nochmalige Zu- widerHandlung gegen die Parteitagsbeschlüsse nicht geduldet werden könne, durch eine Meinungsäusterung des Parteitages in Form eines Beschlusses unterstrichen werden müssen. Wenn man längere Zeit zur Formulierung des Antrages gebraucht habe, so habe das daran gelegen, daß'man eine genügend deutliche und doch nicht ver- letzende Form finden wollte. Uebrigen» lag eine Broschüre Ko Ib s vor, die zu starken Bedenken Anlast geben mustte. Man habe sich unter den obwaltenden Umständen gesagt, jetzt müsse et Iva s ge. schehen. Die Disziplin und die Einheit der Partei müstten auf jeden Fall gewahrt werden. Darum sei darauf gedrungen worden, die Angelegenheit noch in der Nacht zu erledigen. Gegen eine Stimme wurde folgende Resolution a n g e« n o m m e n:>' „Die Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen bei Parteitages und mit der Haltung der Delegierten einverstanden. Ganz bqonders billigt sie die Zustimmung zu dem Zusatzantrag Zubeil-Haase, weil sie ihn für die weitere Entlvickeluivg des Partei für dringend notwendig hält." Die weiteren Punkte der Tagesordnung wurden wegen hrt vorgerückten Zeit vertagt. Dritter Wahlkreis. In der Generalversammlung des dritten Wahlkreises, im grosten Saale der Arminhallen, berichtete Genosse Gustav Müller über den Parteitag. Mit Rücksicht auf die umfangreiche TageSord- nung gab der Redner kurz ha» Wichtigste aus dem Bericht de» Parteivorstandes wieder sowie die damit zusammenhängenden Be- schlüsse. Sodann bemerkte der Redner zum Punkt Maifeier. daß er«s gern gesehen hätte, wem der Genosse Müller vom Partei borstand sich dieser Sache mit etwaZ mesir Wärme angenommen hätte. Falls man zur Maifeier nichts Neues zu sagen wisse, sei es vielleicht besser, diesen Puntt überhaupt nicht auf die Tagesordnung zu setzen. Etwas länger verweilte der Redner bei der Budget- frage. Er schilderte den Verlauf der Debatte und führte dabei unter anderem aus: Wir Berliner hatten gleich den Eiichruck, daß an der vorgeschlagenen Resolution etwas fehlte, und oagu beobachteten wir, wie die Süddeutschen schon eifrig Unterschriften sammelten. Da konnte man es uns um so weniger verübeln, daß wir unter uns und mit den übrigen Landsmannschaften Stellung nahmen. Ebensogut, wie wir im Wahlverein gegen die Genossen Stellung genommen haben, die sich zu weit nach links verirrten, ebensogut mußten wir uns auf dem Parteitag gegen die wenden, die zu weit nach rechts ginge ir. Ich kann erklären, dast wir nach der Erklärung Franks beim besten Willen nicht anders handeln konnten, wie es geschehen ist. Vielleicht könnte man es ja verurteilen, dag die Sitzung an jenem Abend nicht abgebrochen wurde; aber ich glaube nicht, dag etwas anderes herausgekommen wäre, wenn man die Verhairdlung am nächsten Tage fortgesetzt hätte. Man kann in dieser Frage nicht über Nacht seine Meinung ändern. Im großen und ganzen hat uns der Beschluß ein Stück weiter geführt, den Hader in der Partei zu beseitigen. Es wird nun für die Süd- deutschen nicht so leicht sein, die Streitaxt wieder auszugraben, und sie werden nicht wieder so leicht die Disziplin brechen. Sodann berichtete Genosse Mittag kurz und sachlich über die übrigen Punkte der Tagesordnung des Parteitages, über den par- lamentarischen Bericht, die Wahlrechtsfrage, die Re i chs v e r s iche rungsor dn u,rg. die Genossen- schaftssrage usw., und machte durch Verlesung der Reso- luticmen auf die Wichtigkeit der gefaßten Beschlüsse aufmerksam. Darauf wurde folgende Resolution in Vorschlag gebracht: ..Die Generalversammlung des Wahlvereins im dritten Berliner Reichstagswahlkreis erklärt sich mit den Beschlüsse des Magdeburger Parteitags einverstanden und billigt die Haltung ihrer Delegierten." In der Diskussion sprach zunächst ein Genosse über Maßnahmen zur weiteren Aus- breitung der Parieipresse. Genosse Schneider empfiehlt die vorgeschlagene Resolution und bemerkt iveiter: Nach den so sehr versöhnlichen Ausführungen Bebels war es Frank und den Genossen auf seiner Seite sehr leicht gemacht, zu erklären, daß sie verkehrt gehandelt hätten, aber, so wie sie sich verhielten, war dann keine andere Lösung möglich, als die vom Parteitag beschlossene. Eine recht verwunderliche Aeutze- rung hat der Genosse Fischer getan, als er sagte, man müsse es bei der Erklärung des Genossen Frank genügen lassew. Bei der Generalstreikfrage seien die ungerechten Vorwürfe Leinerts gegen die Genossin Zetkin und den Genossen Liebknecht sehr zu bedauern. Wir gehen einem schweren, aber auch aussichtsreichen Kampf entgegen. Genosse Aysche tritt entschieden für die Gründung einer Abend- fcuSgabe des„Vorwärts ein. Der Redner spricht weiter über die Genossenschaften und meint, daß diese Sache jetzt allzusehr forciert und der Wert der Genossenschaften übertrieben werde. Wirklich wertvoll könnte das Genossenschaftswesen nur dann für die Arbeiter- schaft werden, wenn es in vollem Maße von dem sozialistischen Geiste durchdrungen sei. Aber oas sei ja bei der Gesetzgebung in Preußen nicht gut möglich. Darum müsse die Arbeiterschaft immer wieder das Hauptgewicht auf die politische Bewegung legen. Genosse Wuschick erwidert: Keiner von uns wird die Genossen- schaften als das Mittel, sondern als eines der vielen Mittel zur Ilmgestaltung der Gesellschaft betrachten. Den Wert des Ge- nossenschaftswesens soll man nicht nach dem beurteilen, was eS bisher geleistet hat, sondern nach dem. was bei richtiger Entwicke- lung und Ausgestaltung erreicht werden kann und wird. Der Redner weist auf den bevorstehenden gewaltigen Kampf in der Metallindustrie hin und«ruf die Vorteile, die ein gut organisiertes Genossenschaftswesen der Arbeiterschaft in solchen Fällen bringen kann, zumal, wenn damit, wie in Hamburg, ein Sparsystem ver- bundeu ist. Genosse Alfred Fröhlich ist im allgemeinen mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden, meint jedoch, daß die zweitägige Budgetdebatte wohl zu vermeiden gewesen sei. Der Parteivorstand hätte vorher mit den Badenser Genossen verhandeln sollen. Der Antrag Zubeik-Haase sei doch wohl eine Art Vergewaltigung gewesen» Man habe nicht notwendig gehabt, den Antrag noch in derselben Nacht zur Abstimmung zu bringen.— Den Vorschlag Aysches, das Abendblatt betreffend, hält der Redner nicht für durchführbar. Genosse Aysche will mit seinen Ausführungen zur Genossen- schaftsfrag« durchaus nicht vor dem Eintritt in diese Organisationen gewarnt haben, sondern nur bor Uebertrcibungen, unter denen die Partei leiden könnte. Genosse Pfannkuch führt aus: Unter den Anträgen, die dem Parteivorstand zur Berücksichtigung überwiesen wurden, sind solche von außerordentlicher Bedeutung. Oft steht man vor solchen An- trägen und weiß im Augeblick nicht, was man dazu sagen soll. Die Genossen wollen immer etwas Neues schaffen, haben aber manchmal keine rechte Vorstellung von der der Möglichkeit der Durchführung. Diese hat der Partcivorstand zu prüfen. Da wird tann manchmal behauptet, die Ucbcrweisung an den Vorstand sei nichts als ein vor- nehmcS Begräbnis. Der Vorwurf, der darin liegt, ist jedoch un- gerecht, und das muß jeder wissen, der den Geschäftsbericht gelesen hat. In der Frage des Generalstreiks wäre es besser gewesen, wenn der bekannte Antrag auf dem Parteitag gar nicht gestellt worden wäre. Die betreffenden Genossen hätten sich daran erinnern sollen, daß Beschlüsse früherer Parteitage vorliegen, die beachtet werden müssen, wie der Mannheimer Beschluß, wonach bei allen großen Fragen Parteivorstand und Generalkommission sich zu ver- ständigen haben, was zu tun ist. Die Gewerkschaften haben ein Recht, über solche Fragen mitzureden, und es sind denn auch ein- gehende gemeinsame Beratungen gepflogen worden, zu denen im übrigen auch die Redaktion des„Vorwärts" wie die der„Neuen Zeit" hinzugezogen wurden. Der Vorwurf, der Parteivorstand habe dem„Vorwärts" Anweisung gegeben, wie die Frage behandelt werden sollte, ist durchaus verkehrt. Es ist nur versucht worden, eine Einigung herbeizuführen, damit alle in diesen schweren Zeiten an einem Strang ziehen, und das ist durch die Beratungen erreicht worden. Mit dem Vorwurf, daß mein Kollege Müller nicht mit der nötigen Wärme für die Maifeier eingetreten sei, verhält es sich ebenso, denn auch hierbei liegen gemeinsame Beratungen und Be- schlüsse zugrunde. Wir haben noch jeden, der gegen die bekannte Stellungnahme zur Maifeier polemisierte, gefragt, ob er andere Vorschläge machen könne, und wenn sie akzeptabel seien, sollten sie ausgeführt werden; ab-r bis jetzt haben wir keinen Erfolg mit solchen Fragen gehabt. Die Ausführungen des Genossen Fröbel, die Budgetfrags hätte anders, hätte durch Verhandlungen mit dem Parteivorstand erledigt werden sollen, kann nur der unterschreiben, der den„Vorwärts" nicht aufmerksam liest. Es müßte doch bekannt Lein, daß der Parteivorstand nach dieser Richtung alles mögliche getan hat, und daß er zwei Dele- gierte nach Offcnburg zum badischen Parteitag gesandt hatte. Der Antrag Z u b e i l und Genossen war übrigens für den Parteivorstand keine Neuigkeit. Er war ursprünglich in »er Vorstandsresolution enthalten gewesen, aber aus Vorhaltungen der badischen Genossen fallen gelassen worden, aus Grund der Auf- fassung, daß nach dem Organisationsstatut der einfache Ausschluß nicht statthaft ist, sondern nur ein Versahren eingeleitet werden kann. Mit Franks verklausulierter Erklärung wollte sich ja ein noch mehr als der Parteivorstand entgegenkommender Genosse zu- frieden geben. Aber noch unserer Auffassung ging das nicht, denn jeder hat sich nach den einmal gefaßten Beschlüssen zu richten. Es sieht jedoch jedem Genossen frei, gegen Parteitagsbeschlüsse, die ihm verkehrt erscheinen, anzukämpfen und dafür zu sorgen, daß sie aus- gehoben werden. Hätte Frank diesem Gedanken Ausdruck gegeben, dann wäre die Sache vielleicht andeks zu erledigen gewesen. Aber «S ist auch so, wie es gekommen ist, kein Fehler. Die großen Hoff- nungen der bürgerlichen Press« sind zu Nichte geuchcht. Auch die Süddeutschen sind sich darüber nicht im Zweifel, daß wir eine Reihe schwerer KämpfeauSzufechten haben, und daß deswegen die Ruhe innerhalb der Partei gewahrt werden muß.(Lebhafter Beifall.) Genosse Kalleck erklärt, daß es sich auf dem Parteitag nicht darum handelte, die Minderheit zu vergewaltigen, sondern um einen Versuch zur Vergewaltigung der Mehrheit durch die Minder- heit, die sich schon durch die Hofgängerei und dergleichen außerhalb der Partei gestellt hatte. Der Redner hält ferner eine weit stärkere Verbreitung der Parieipresse für dringend notwendig, zumal jetzt, wo anläßlich der Vorgänge in Moabit die bürgertichen Blätter das Volk mit geradezu ekelerregenden Artikeln überschwemmen. Genossin Stcinkopf führt aus, daß man den Badensern schon in Nürnberg allzu weit entgegengekommen sei.— Die Rednerin trat ferner sehr energisch für die weitere Verbreitung der Partei- presse ein. Hierauf wurde die Debatte beendet. Die vorgeschlagene Re- solution wurde ein st immig angenommen. Sodann berichtete Genosse Pohl über den Internationalen Kongreß Unter Hinweis ans die ausführlichen Berichte im„Vrowärts" be- schränkte sich der Redner darauf, eine Ucbersicht über die Fortschritte der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern zu geben und die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses kurz hervorzuheben. Er schloß seine Ausführungen mit einer Schilderung der so stark ent-- wickelten dänischen Arbeiterbelvegung und der freieren politischen Zustände, die besonders auf die preußischen Delegierten in Kopen- Hägen einen starken Ecndruck machen mußten. Von einer Diskussion über den Bericht nahm die Versammlung der späten Stunde wegen Abstand, und sie erklärte sich einstimmig mit den Beschlüssen des Kongresses einvrr- standen. Auf den Bericht von der Provinzialkonferenz wurde verzichtet. Vierter Wahlkreis. Die Generalversammlung in den Andreas-Festsälen erfreute sich trotz des kurz vor der VcrsammlungSstunde einsetzenden strö- Menden Regens eines guten Besuchs. Den Bericht vom Parteitag erstattete Genosse Böhm: In gedrängter Kürze berichtet Redner über die Verhandlungen und Beschlüsse des Parteitag», etwas aus- nchrlicher auf die Budgetfrage eingehend. Bebel bot den Genossen die Möglichkeit der Rückkehr-, aber die Hoffnung auf eine Erklärung der badischen Genossen, durch die der Konflikt beigelegt werden konnte, sollte sich nicht erfüllen. Franks Schlußwort klang viel- mehr stark provozierend. Der Antrag Zubeil war durchaus be- rechtigt. Als der durch Franks Schlußwort veranlaßte neue An- trag H a a s e zur Beratung kam, betrug sich ein Teil der süd- deutschen Genossen wie die Kinder. Sie erklärten, sie spielen nicht mehr mit. und verließen den Saal. Fischer wollte im letzten Augenblick noch retten, was zu retten ist; die badischen Genossen hatten es aber.selbst verschuldet, daß der Parteitag die Erklärung des Genossen Bebel in der Form eines Antrags H a a s e zum Beschlutz erhob. Bei Beratung der Wahlrechtsfrage hatten auch die badischen Genossen durch ihre Erklärung wieder gut ge- macht, was zuvor geschehen war. Gewisse Leute blickten nun etwas ängstlich in die Zukunft und befürchteten, daß uns das schon fast errungene Mandat für Frankfurt-Lebus verloren gehen wird. Der Kreis ist aber dennoch unser geworden, ein Beweis dafür, daß solche prinzipiellen Auseinandersetzungen, wie wir sie in Magde- bürg hatten, auf die Wahlen keinen ungünstigen Einfluß haben. Sehr befriedigt ist Redner über die einstimmige Annahme der vom Kreise Ostbavelland beantragten Protestresolution gegen den ge- krönten Verbrecher, den russischen Zaren. In der Wahlrcchtsfrage ist der Beschluß des letzten preußischen Parteitag? durch Annahme der Resolution der Genossin Luxemburg erneuert worden. Man könne mit den Arbeiten deS Parteitages zufrieden sein. Genossin Fahrcnwald berichtete darauf über die insbesondere die Frauen interessierenden Fragen. Die nach Magdeburg dele- gierten Parteigenossinnen, 22 an der Zahl, waren auch zu be- sonderen Beratungen zusammengetreten, um sich über die Fragen der Agitation unter den Frauen zu verständigen. Auf ihren An- trag hin beschloß der Parteitag, zur Frage der Fleischteuerung, die die Frauen so unendlich schwer trifft, in ganz Deutschland Frauenversammlungen abzuhalten. Aehnlich wie bei der Reichs- finanzreform sollen Flugblätter verbreitet werden, durch die die Wirkung der Fleischteuerung augenfällig illustriert wird. Wir dürfen nicht eher ruhen und rasten, bis sich auch der letzte Prole- tarier und die letzte Proletarierin unser Partei angeschlossen haben. In der Diskussion nimmt zunächst Genosse Petereit das Wort. Man könne mit den Arbeiten des Parteitages wohl zufrieden sein. Jetzt komme es darauf an, was wir zu tun haben, damit seine Beschlüsse hochgehalten werden. Bebel sagte, wir sollen den Obergenosscn auf die Finger sehen. Damit ist Redner cinver- standen. Aber den Genossen ist zu wenig die Möglichkeit dazu gegeben. Sowohl in den Gewerkschaften wie in der Partei sind die Versammlungen, in denen sich die Mitglieder über solche Fragen aussprechen konnten, immer mehr weggefallen. Er wünscht, daß wieder mehr Versammlungen stattfinden. Diese bilden und schulen die Genossen. Mit geschulten Genossen können die Obergenossen nicht so verfahren wie mit ungeschulten. Kramavke geht auf die Budgetfrage ein. Der Antrag Zubeil sei nicht glücklich gefaßt, und ob er nun gerade seinen Zweck er- füllen wird, ist auch noch fraglich. Denn hinter den badischen Ab- geordneten stehen die Kreis« und Landesorganisationen. DaS Gelöbnis der süddeutschen Genossen in der Wahlrechtsbewegung ist sehr zu begrüßen. Redner wünscht, daß die Vudgetfrage immer nur als eine taktische behandelt werde. Glaß ist mit dem Bericht Böhms sehr zufrieden. Die Zappelei fion Fischer ist nicht neu; deshalb soll man sie auch nicht so ernst nehmen. Die diesmal beim Geschäftsbericht in die Erscheinung getretene Neuheit, daß von jeder Diskussion Abstand genommen wird, ist nicht zu begrüßen. Im Interesse der Agitation für die Partei unter den kleinen Gewerbetreibenden hätte die Ge- nossenschaftSfrage nickt so zur Parteifrage gemacht werden sollen. Schulz: Die Befürchtungen, die teilweise gehegt wurden, sind glücklicherweise nicht eingetroffen. Redner glaubt, daß die Budget- frage nicht erledigt ist. Die Diskussion in dieser Frage vor und auf dem Parteitag gefällt ihm nicht. ES ist nicht gut, daß man immer gleich das schwerste Geschütz auffährt. Schon mehrmals hat die in der Partei vorherrschende Ansicht revidiert werden müssen. So in der Frage der Tarifverträge und der Beteiligung an den preußischen LandtagSwahlen. Früher wollte sich die Partei an den letzteren nicht beteiligen, und heute wird derjenige ausgeschlossen, der sich an der Wahl nicht beteiligt. So sei auch die Budgctfrage lediglich eine Frage der Taktik und keine prinzipielle. DeSho'b braucht man nicht mit allem einverstanden zu sein, was die Badenser gemacht haben. Wir haben in der heutigen Zeit etwa? Wichtigeres zu tun, als uns gegenseitig zu bekämpfen.(Durch Zurufe geben die Versammelten des öfteren zu erkennen, daß sie mit diesen Ausführungen nicht einverstanden sind.) Rodner geht dann noch auf die Stellungnahme des Parteitags zur Genossenschaftsbewegung ein. Ein großer Teil der Genossen stehe ihr noch skeptisch gegenüber, Wenn die Genossensckmftsbewegung aber für die arbeitende Klasse nicht so wichtig wäre, hätte sie auf dem Partei- tag wie auf dem Internationalen Kongreß nicht eine so große Rolle gespielt. Er bedauere, daß Böhm in seiner Berichterstattung so kurz über sie hinweggegangen ist, ja sie fast kaum erwähnt habe. Bringmann: Das Referat des Genossen F l e i ß n e r ist sehr lehrreich. Es wäre sehr zu bedauern, daß über die Genosscnschafts- frage, wie die bürgerliche Presse schrieb, bor leeren Bänken ver- handelt wurde. Das zeuge von sehr geringem Interesse der Dele» gierten fiir diese Frage. Wenn die Genossenschaftsfrage besser von uns gefördert würde, so würden auch die sozialistischen Ideen er- folgreicher propagiert werden. Brückner: Daß die Genossenschaftsfrage heute in der Debatte einen so breiten Raum eingenommen, liege daran, daß Böhm und die Genossin Fahrcnwald in der Berichterstattung derselben keine Erwähnung getan haben. Alle ParieitagSbeschlüsse sind aber von so großer Wichtigkeit, daß die Genossen ein Recht haben, davon nicht nur durch die Presse, sondern auch durch die Berichterstatter unterrichtet zu werden. Der Genossenschaftsbewegung wird heute eben so geringes Interesse entgegengebracht, als früher den Ge- werkschasten. Bezüglich der in der Reichsversicherungskommission angenommenen Anträge unserer Genossen, wird man gut tun, zu- nächst die Verhandlungen im Plenum des Reichstages abzuwarten. Denn alle diese Verbcsserungen sind mit so knapper Mehrheit in der Kommission angenommen worden, daß man darauf gesaßt sein mutz, daß dieselben im Plenum wieder beseitigt und durch re- aktionäre Bestimmungen ersetzt werden. Die Annahme der Resolut hon der Genossin Luxemburg in der Wahlrechtsfrage hält Redner nicht für geboten. Nachdem sich die Parteitage wiederholt mit dem politischen Massenstreik beschäftigt und diesen als Kampfmittel unserem Waffenarsenal einverleibt haben, war es nicht notwendig, daß gerade das eine Mittel besonders� hervor- gehoben wurde. Die Aeußerung deS Genossen Fischer wäre nicht gefallen, wenn nicht Genosse Ledebour fortwährend die Redner gegensätzlicher Ansicht durch seine Zwischenrufe unterbrochen hätte. Auch Delegierte des vierten Kreises hatten von ihm verlangt, sich doch endlich einmal anständig zu betragen. Wilhelm hätte vom Parteitag erwartet, daß er die Budgetfrage auch tatsächlich erledigen würde. Die Witze Franks, wie, wenn alle Prinzen anfangen werden zu sprechen, dann hätten wir nicht genügend Volksversammlungen, um dagegen zu protestieren, sind nichts weiter als eine herabsetzende Kritik der norddeutschen Taktik. Auch die fortwährenden Fragen, was habt Ihr denn mit Eurer Taktik erreicht, schädigen die Parteiarbeit in Norbdmitschland. Redner hätte gewünscht, daß der Parteivorstand die Badenser zu einer Erklärung veranlaßt hätte, durch die die Angelegenheit er- ledigt werden konnte. Die Einigung, wie sie erfolgte, ist nicht so erfolgt, daß sie uns befriedigen könnt«. Die Ausführungen Brück- ners hinsichtlich der Resolution der Genossin Luxemburg waren für ihn nicht so überzeugend, daß er die Resolution für über- flüssig halte. Sie stehe aus dem Boden der Beschlüsse früherer Parteitage. Deshalb war ihre Bekämpfung auch nicht erforderlich. Wir haben nicht soviel Kampfmittel, daß wir damit ein Warenhaus eröffnen könnten. Deshalb ist eS notwendig, daß die Parteigenossen über ihre richtige Anwendung auch instruiert werden. Ein Schluhantrag wird von Litfin wirksam bekämpft und abgelehnt. Adolf Hoffmann hätte kaum das Wort genommen, wenn nicht wiederholt über den Antrag Zubeil soviel Unrichtiges gesagt worden wäre. Der Antrag Zubeil ist nicht zur Annahme ge» langt, sondern auf Wunsch Bebels zurückgezogen worden. An- genommen lvurde in der Form des Antrag? Haas« die Erklärung des Genossen Bebel. Und das war dringend notwendig. Schrieb doch schon die bürgerliche Presse Magdeburgs am Abend deS Tages, der Parteitag sei eine Harlekinade, die Revisionisten haben den Sieg errungen. Mit Rücksicht auf die bisher erprobte Taktik wäre es ein schwerer Fehler gewesen, wenn man die Erklärung Franks ruhig hingenommen hatte. Man hätte uns später wieder gesagt: Na, F ra n k hat's Euch dock gleich gesagt, daß wir das nicht halten können. Die große Masse der Parteigenossen Badens würde nur immer im Sinne der Meinung ihrer führenden Genossen unterrichtet. Wenn den Genossen der richttige Weg ge- zeigt wird, werden sie eS auch nicht darauf ankommen lassen. Im Wahlrechtskampf müssen wir die Taktik der jeweiligen Situation an- passen und nicht schon vorher ausposaunen, so und so wollen wir eS machen. Die Masse läßt sich nicht zurückrufen, wenn der Augen- blick da ist. Läßt sie sich zurückrufen, so beweist das, daß der Augen» blick nicht der richtige mar. Die Frage der Beteiligung an den Landtagswahlen war nie eine prinzipielle. Wir haben uns früher nur deshalb nicht an ihnen beteiligt, weil die Aussichten auf Erfolge für uns noch zu geringe waren. Nachdem wir gewachsen waren, sind wir auch auf diesem Gebiet weitergegangen. Die Badenser aber sind nicht nur anderer Ansicht gewesen, sie hatten ein« ganz falsche Auffassung unserer Grundsätze. Die Genossen Pfeiffle und Geiß haben sich sogar beim Großherzog entschuldigt,«eil sie nicht zur silbernen Hochzeit kommen können. Sie waren auf dem Parteitag. Mit gewöhnlichen Arbeitern macht man nicht soviel Um- stände, wenn sie sich gegen Parteigrundsätze vergangen haben. Hin- sichtlich der Konsumvereine sollt« man etwas kalt Büut bewahren und nicht schon die Bäume in den Himmel wachsen sehen. Man hat noch gesetzliche Mittel, mit denen man den Konsumgenossenschaften an den Kragen gehen kann. Man beivahre sich vor Illusionen. Den Güterankauf hat man schon in England versucht, aber eS ging nicht so leicht, einen Staat im Staate zu errichten. Im Gegensatz zu Brückner hält Redner die Resolution der Genossin Luxem- bürg für sehr wichtig. ES sind ja so oft Resolutionen gefaßt worden, wie z. B- in der Frage der Maifeier. Ebenso habe die Luxemburgsche großen Wert. Wenn solche Resolutionen nur besser gehalten werden möchten. Der Bissingsch« Armeebefehl zeige, wie nötig eS ist. daß sich die Genossen über ihre Kampfmittel klar sein müssen. Dann wird auch den Führern über die beab- sichtigten Maßnahmen der Gewalthaber nicht bange sein. Denn, wird die Revolution siegreich zu Ende geführt, so holen sie die Ge- nassen wieder aus den Gefängnissen heraus, und wird ste nicht sieg- reich durchgeführt, so kann man ihnen nichts anhaben, weil sie nicht dabei waren.(Lebhafter Beifall.) Deshalb ist es notwendig, auch die Massen so vorzubereiten, daß sie ohne Führer auskommen. Redner wendet sich dann gegen die auf Ledebour gerichteten An» griffe. Wenn erzählt worden ist, daß Delegierte des 4. Kreises den Genossen Ledebour gestellt haben, so hätte auch gesagt werden sollen, warum das geschah. Ledebour habe auch kein Fisch- blut in sich und auch Fischer könne sich dessen nicht rühmen. Wir sollten unS freuen, wenn Genossen eine gute Sache vertreten, und nicht, wenn mal im Eifer cm scharfes Wort gefallen, uns darüber entrüsten wollen, 1 Davidsoyn(Delegierter) verteidigt die Haltung der Parteitags. Mehrheit in der Budgetfrage gegen die Vorwürfe einzelner Redner. Er bedauert, daß der Bissingsche KorpSbcfehl und die Polizei- schlachte!, in Moabit nicht schon bei der Verhandlung über die Wahl- rechtsfrage bekannt waren. Der Eindruck der Verhandlungen wäre dann nach außen hin ein noch besserer gewesen. Inzwischen war es l2 Uhr geworden. Die Versammlung beschloß deshalb, die iveiter« Verhandlung zu vertagen. Fünfter Wahlkreis. Die Versammlung fand im Musikersaal in der Kaiser-Wilyelm- Straße statt. Genosse Hunschede gab eine referierende Dar- stellung der Berhondlungcn bcS Parteitags. Er bezeichnete die Behandlung der Maifeier als«ine aar zu schnelle Erledigung dieser wichtigen Angelegenheit. Die Budget» debatte habe einen durchaus befriedigenden Abschluß gefunden. Die erneute Stellung des Antrags Zubeil und seine Annahme sei notwendig gewesen, um den Willen der Parteimehrheit klar und zweifelsfrei festzulegen. Die einmütige Kundgebung der süddeut- scheu Genossen für den WahlrechtSkampf in Preußen sei der er- hebendste Moment deS Parteitages gewesen. Der Parteitag habe die Hoffnung unserer Gegner auf eine Zersplitterung der Partei gründlich zuschanden gemacht. Dem eingehenden Bericht des Referenten folgte eine ausgiebige Diskussion. Wels stimmte dem Referenten darin zu, daß die Hoffnungen. welche die Gegner aus den Parteitag setzten, sich nicht erfüllt haben. Das zeige unser Wahlsieg in Frankfurt-LebuS, den wir unmittelbar nach den Budgetdebatten des Parteitages gegen die konservatw- liberale Koalition errungen haben. Wenn der Abgeordnete Fuhr» mann sagte, die Magdeburger Debatten wären in Frankfurt- LebuS noch nicht bekannt gewesen, so müsse bemerkt werden, daß daS nicht richtig sei. Die bürgerliche Presse habe bis in die ent- lsgensten Winkel des Wahlkreises entstellte Nachrichten über den Parteitag verbreitet. Daß wir trotzdem siegten, beweist, daß uns die Magdeburger Debatten nicht geschädigt haben. Die rücksichtslose Aussprache dessen, was ist, hat der Partei noch nie geschadet. Hauptsächlich— sagte der Redner— habe ich mich zum Wort gemeldet, weit Stadt ha gen in bezug auf meine Aus« fuhrimgeti. 5te ich hier als Referenl vor 5em Parteitage machte, gesagt hat, ich und Severina hätten eine Legende über ihn der- breitet. Ich glaube, daß ich in der Partei und im politischen Leben ebensoviel wert bin wie Stadthagen, und weise es zurück, dah mich S t a d t h a g e n als Legendenbildner bezeichnet. Was ich sagte, trifft zu. Der Parteitag in Frankfurt 1834 nahm zum erstenmal Stellung zur Budgetfrage. Ihm lagen zwei Resolu- tionen vor. Eine von V o l l m a r, welche die Stellung unserer Ge- nassen zum Budget für eine Zweckmätzigkeitsfrage erklärt, und eine andere Resolution Bebel, welche die Zustimmung zum Budget als ein Vertrauensvotum für die Regierung erklärt und deshalb die Ablehnung desselben verlangt. In dieser Resolution ist also der prinzipielle Standpunkt der Partei ausgedrückt. Hierzu be- antragte Stadthagen ein Amendement, welches besagt: An Stelle der Worte„d a die Bewilligung des Gesamibudgets als Vcr- trauensvotum gilt" zu sagen:„soweit die Bewilligung des Ge- samtbudgetS eine Anerkennung der Berechtigung des bestehenden 5ilassenstaates oder ein Vertrauensvotum für die Regierung� ent- hält". Die Resolution Volkmar wurde mit 142 gegen 93 Stim- men abgelehnt. Damit hatte sich die Mehrheit zu dem prinzipiellen Standpunkt Bebels bekannt. Run wurde da? Amendement Stadthagens mit 131 gegen 103 Stimmen angenommen und dann die so geänderte Resolution Bebel mit 114 gegen 64 Stimmen abgelehnt. ES waren somit alle Anträge zur Budgetsrage abgelehnt. Es trifft also durchaus zu, daß Stadt- Hägen schuld daran ist, daß der Parteitag in Frankfurt keinen prinzipiellen Beschluß in der Budgetfrage fassen konnte. Das hat auch Bebel auf dem Parteitage in Dresden ausgedrückt, indem er sagte:„Auf dem Frankfurter Parteitag haben wir uns über die Buogetfrage unterhalten... Die Frage wurde damals infolge eines sehr ungeschickten Amendements von Stadthagen nicht klar gelöst." Auf einen Zwischenruf Stadt Hagens:„Das Amendement war sehr gut! antwortete Bebel:„Na. Sie sind ja unkorrigierbar, wenn Sie mal eine Ansicht haben, dann lassen Sie nicht davon ab."— Wenn mich Stadthagen nun einen Legendenbildner nennt, so zeigt das, wie er mit den Tatsachen um- springt. Er i st unverbesserlich. Engelmann erklärte, daß ihn die Genossenschaftsfrage am meisten interessiere. Nachdem der Parteitag sich für die Genossen- schaften ausgesprochen habe, müsse jeder Parteigenosse dem nach- kommen. Licpmann bestätigt ebenfalls, daß der Parteitag die Hoffnungen unserer Feinde nicht erfüllt habe. Unser oberster Grundsatz sei, daß wir uns der Disziplin fügen. Dagegen hätten die badischen Genossen verstoßen, sie seien deshalb fast einmütig verurteilt ivor- den. Frank habe in seinem Schlußwort die Unterzeichner des Antrages Z u b e i l gröblich verhöhnt. Die Wiederholung des An- träges sei deshalb eine Notwendigkeit gewesen. Wäre derselbe nicht flleich am Abend, sondern erst am nächsten Tage verhandelt worden, o wäre da» Resultat auch nicht anders ausgefallen. Mit diesem Beschluß sei der Streit in der Budgetfrage endgültig er- ledigt.(Widerspruch.) Ich bin davon überzeugt. Durch die Er- klärungen der süddeutschen Genossen zur Wahlrechtsbewegung sei nicht nur in der Form, sondern mehr noch in dem warmen, herz- lichen Ton zum Ausdruck gekommen, daß sie den Willen der Partei respektieren wollen, wenn sie auch in manchen Fragen anderer Meinung sind wie die Mehrheit. Der Streit um die Budgetfrage müsse jetzt erledigt sein, schon deshalb, weil die ReichstagSwahlen bevorstehen, die unsere ganze Kraft in Anspruch nehmen.— In bezug auf die Wahlrechtsbewegung könne der preußischen Kom- Mission kein Vorwurf gemacht werden. Sie habe getan, was mög- lich und notwendig war. Die Diskussion über den Massenstreik sei nicht verboten worden, sie sei nur nicht angebracht gewesen zu der Zeit, wo die Demonstrationen in vollem Gange waren. Die Zeit werde kommen, wo wir den politischen Massenstreik nicht nur vis- kutieren, sondern ihn anwenden. Diese Zeit werde nicht durch Diskussionen, sondern durch die Verhältnisse bestimmt. Bollmarhaus hätte gewünscht, daß zur Maifeier der Antrag von Nürnberg angenommen worden wäre. Mit der Art, wie die Genossenschastsfrage erledigt wurde, könnieu wir zufrieden sein. Auch der Beschluß in der Budgetfrage habe das richtige getroffen. Wenn die Genossen den Rat Bebels, den Führern auf die Finger zu sehen, befolgen würden, dann könnten solche Dinge wie in Baden nicht vorkommen. Knak bezeichnet es als bedauerlich, daß Gewerkschaftsführer, wie Brey und Schlicke, der Beurteilung des Disziplinbruchs nicht zugestimmt haben. Daß Budgetdebatten in unserer Partei nicht mehr vorkommen, darin könne er Liepmann nicht zu- stimmen. Er glaube vielmehr, diese Debatten würden sich wiederholen. Von der Wahlrechtsdebatte hätte der Red- ner mehr erwartet. Man sehe nicht, daß etwas erreicht werde. Man erwarte etwas Großes, aber eS geschehe nichts. ES müsse in Zukunft mehr geschehen. Hunfleisch ist in der Wahlrechtsfrage derselben Meinung wie der Vorredner. Die Budgetdebatten würden von den Revisionisten zu gegebener Zeit wieder aufgenommen werden. Weit verbreitet fei die Meinung, daß es besser gewesen wäre, wenn diejenigen, welche den Parteitag verlassen hatten, nicht wieder hinein- gegangen wären. DaS würde der Partei nichts ge- schadet haben. Kommen müsse diese.Scheidung doch einmal. Weise meint, in der Wahlrechtsbcwegung habe nicht mehr ge- tan werden können, als getan worden sei. Mit dar Behandlung der Genossenschaftsfrage ist der Redner zufrieden, aber die Behandlung der Maifeier hat ihn enttäuscht, denn sie sei zu kurz gekommen. Die Budgetdebatten würden wiederkehren. Mit den Revisionisten müsse mal„Fraktur geredet" werden, doch dürften wir uns nicht nur gegen sie, sondern wir müßten uns auch gegen die Gegner wenden. Mesing sagte zur Budgetdebatte, er könne die süddeutschen Ge- nassen nicht so verurteilen, wie es geschehen sei.. Er verurteile den Disziplinbruch, meine aber, die Taktik könne nicht für die Zukunft festgelegt werden. Er bedauere daß der Antrag Z u b e i l angc- nommen wurde. Die Resolution des Partcivorstandes habe voll- kommen genügt. Die Resolution Z u b e i l habe den Weg zur Ver- ständigung versperrt. Nach einem Schlußwort des Referenten Hunschede. der noch- mal» den Standpunkt der Parteitagsmehrheit in der Budget- und der Wahlrechtsfrage bertrat, erklärte sich die Versammlung mit der Haltung ihrer Delegierten einverstanden. Den Bericht vom internationalen Kongreß erstattete Friedläuder. Vorweg bemerkte er, daß daS, waS Richard Fischer in Magdeburg über den Kongreß sagte, seine Meinung sei. Dann gab er eine lebendige Darstellung der Ein- drücke, die er auf dem Kongreß empfangen hat. Der Redner be- zeichnete eS als einen ungünstigen Umstand, daß auf internatio- nalen Kongressen die wirtschaftlich rückständigen Nationen im Ver- hältnis zu den fortgeschrittenen Nationen einen viel z u großen Einfluß haben. Tie internationale Gesinnung der Engländer sei sehr mangelhaft entwickelt, was ihre Stellung zum schwedischen Großstreik bewiesen habe. Die Versicherung, sie würden sich in dieser Hinsicht bessern, sei nicht ernst zu nehmen, denn sie seien nicht willens, zu lernest. Erbebend sei der Moment der Annahme jder Resolution für die Freiheit Finnlands gewesen. Hirsch nahm die Engländer gegen die etwas ungünstige Beur- jteilung durch den Referenten in Schutz. Der Bericht über die Provinzialkonferenz wurde wegen der borgerückten Zeit von der Tagesordnung abgesetzt. Sechster Wahlkreis. Die Versammlung des Wahlvereins des sechsten Kreise», die in den.GermaniasSleii�stattfand, erfreute sich eines sehr starken Be- suches. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: Berichterstattung vom Parteitag in Magdeburg gab Genosse Frank den Versammelten eine Ucbersicht über die Arbeiten deS ParleilogeS, wobei er sich besonders über die Debatte über die Budgetfrage verbreitete. Bebel Hab« in feinem Referat glänzend zum Ausdruck gebracht, was auch die meisten Berliner Ge- nassen über die Frage denken. Den Vadischen Genossen könne man den guten Glauben nicht absprechen.(Zuruf:„Und sie werden in dem„guten Glauben" wieder so handeln I") Sie dürften aber doch wohl nunmehr davon überzeugt sein, daß für den Revisionismus kein Boden in der Partei vorhanden ist. Der Redner kritisiert, daß eine gauze Reibe GewerkschastSnihrer nicht für diejenige Fassung der Mißbilligungsreiolution gestimmt habe, die doch nur die notwendige Disziplin forderte und die jede Hofgängerei verurteilte. Einen erhebenden Eindruck gewann der Redner,»ach Borgnianus Referat über die Wablrechtsfrage, von dem Moment, der nach allein inneren Streit die Genossen zusammenführte zum Kampf gegen daS preußische Junkertum und für ein freies Wahlrecht in Preußen.(Beifall l Unter anderem wies er dann noch auf die Wicbtigkeit der Resolution deS Palteitages in der Konsumgeuossenschaswsrage ganz besonders hin. Die DtSkusjion leitete Genosse Gutmann eilt, der erklärte, daß er zu denjenigen Genossen gehöre, die mit den Bcschlüssett dieses Parteitages in bezug auf die Budgetfrage durchaus nicht zufriedengestellt seien. Man habe keine Garantien gegen eine Wiederholung der badischen Vorgänge geschaffen. Der Redner bespricht in langen Ausführungen den Zwiicheufall Bebel-Pens auf dem Parteitag und wendet sich sehr scharf gegen Pens.(Diese Ausführungen werden den Ver- lümmelten offenbar zu weit ausgedehnt; man wird unruhig und ruft:„Zur Sache I") Ein Antrag auf Beschränkung der Redezeit auf zehn Minuten findet die Z u st i m m u n g der Versammlung.— Der Vorsitzende verliest eine eingelaufene Resolution, die dem Sinne nach folgender- maßen lautet: „Die überwiegende Mehrzahl der sozialgemokratischen Partei- genossen Deutschlands habe sichere Garantien gegen eine Wieder- holung solcher Disziplinbrüche, wie die Budgelbelvilliguitg der badischen Landlagsfraklion verlangt. Daß diese Garantien ge- schaffen wurden, sei in Abrede zu stellen, besonders nach der Er- klärung des Genossen Frank. Die Mehrzahl der Delegierten habe die ihr anvertrauten Mandate nicht im Sinne ihrer Auftraggeber ausgeübt." Diese Resolution trägt 26 Unterschriften und wird zur DiS- kussion gestellt. Genosse Pichlcr bespricht den korrumpierenden Einfluß des Revisionismus auf das Partcilebc»; die Revisionisten richteten ihre „Aushöhluiigstaktik" mehr gegen die eigene Partei, als gegen den Staat. Redner erklärt, daß die Delegierten des sechsten Kreises nicht den Erwartungen der Genossen entsprochen hätten, da sie nicht für den Ausschluß der Budgelbe williger eintraten; er fordert zur Annahme der vorgelegten Resolution auf. Eine zweite Resolution ist eingelaufen, die folgenden Wortlaut hat: „Die heutige Generalversammlung erklärt sich mit den Be- schlüsien des Magdeburger Parteitages, besonders auch mit der Regelung des Streitfalles mil den bodischeu Abgeordneten, völlig einverstanden. Auch das Verhalten der Delegierten entspricht den Anschauungen des 6. Wahllceises. Die Generalversammlung erwartet aber, daß sich jeder Parteigenosse nun auch den Beschlüssen des Parteitages unterordnet. Bei dem immer frecher werdenden Auftreten der preußischen Junler und industriellen Scharfmacher muß daS Proletariat im eigensten Interesse ein geschlossenes, einiges Kampfheer darstellen und seine ganze Kraft dein Kampfe gegen unsere Todfeinde widmen. Die Generalversammlung er- wartet, daß jeder einzelne sich mehr alS bisher der Agitation für unsere Oegauisation und Presse, sowie der Aufklärung der großen indifferenten Masse befleißigt." Genoffe Fritz tritt für diese Resolution ein und lenkt dann die Aufmerksamkeit der Versaminelten auf die Frage der G e- nossenschaften. Der Beschluß deS Parteitages m dieser Angelegenheit sei ihm aus dem Herzen gesprochen und er empfehle dringend den Anschluß an die Genossenschaften und eine lebhafte Propaganda für dieselben. Genosse Kartet wendet sich zu denjenigen Anträgen, die der Parteitag dem Parteivorstand überwiesen hat. Nach seiner Meinung heiße daS, die Anträge seien begrabe». Man müsse es aber lebhaft bedauern, wenn zum Beispiel die Herausgabe von Broschüren, die die Frage behandeln:„Warum bin ich ein Sozialdemokrat?" oder die sich die Aufklärung der Arbeiter, die noch im Banne de? Zentrums stehen, zum Ziel setzen, nicht stattfinden sollte.— Der Redner meint, daß die Maifeier reckt kleinlaut behandelt worden sei. Er tadelt auch, daß die Gelverkschasrsbeamten gegen den Antrag, den Massenstreik betreffend, gestimmt hätten.— Die Budgetfrage sei noch l a n g e n i ch t erledigt, sie werdö wiederkommen. Genosse Störmcr bespricht zuerst den Antrag Schulz über den Schnapsboykott und wünscht, daß sick jeder die Resolution deS Parteitages einschärfen möge, damit kein Disziplinbruch zu ver- zeichnen sei.(Heiterkeit.)— Die Wichtigkeit der Genossenschafts- frage könne nicht genug betont werden. Bebels Rede wird von den meisten Diskussionsrednern zur Besprechung herangezogen und stets mit großer Anerkennung; besonder? der PassuS wird erwähnt, der davon handelt, daß die Genossen den Führern auf die Finger sehen sollten. Auch Genosse S t ö r m e r spricht darüber und dehnt die Mahnung weiter dahin ans, daß man auch gegenwärtig auf Erfüllimg der PartcitagSbeschliisse ackteu sollte. , Genosse Dörschcl tritt für die e r st e Resolution, die der Ver- sammlnng vorliegt, ein und krilisiert scharf, daß der Parteitag wieder aus ein Jahr Frieden mit den Revisionisten geschlossen habe, während der Krieg dock weiter gehe.- Genosse Dcutzcr ist ebenso unzufrieden mit dem Resultat der Verhandlungen über die Budgetangelegenheit und das Verhalten der Delegierten. Genosse Dr. Rosenfeld wendet sich sehr bestimmt gegen die vorgelegte Resolution, die einen Tadel aussprechen will. Die Delegierten konnten gar nicht anders vorgehen; man fordere unmögliches, wenn man Garantien für die Zukunft verlangt. Man dürfe auch nicht vergessen, daß man st r e n g nach dem P a r t e i st a t u t zu verfahren habe.— Der Parteitag verdiene durchaus die allgemeine große Aufmerksamkeit, die er gefunden, denn er habe wieder einen Merkstein in der Parteigesckichte errichtet. Die große Mehrheit habe den Revisionisten ein entschlossenes Halt zu« gerufen. Zum er sie»mal hätte der linke Flügel der Partei auf einem Parteitag sich organisiert, wie eS der rechte Flügel läng st schon hat. Leider hätten die ersten GewerlschaitSführer gerade da gefehlt, wo man sie erwartet hatte.— Im allgemeuien aber könne man sich nur der Erfolge auf dem Parteitag herzlich freuen. Genosse Ledcbour wendet sich ebenso wie der Vorredner gegen die erste Resolution und bittet, sie zurückzuziehen, weil sie einen Zwiespalt andeutet, während ma» sick doch prinzipiell ganz einig sei. Die Delegierten hätten durchaus im Geiste der Beschlüsse der Partei- genossen gehandelt. Genosse Leid weist ebenfalls die erhobenen Vorwürfe zurück und erklärt, daß er mit einem Gefühl der Befriedigung von der be- kannten Nachtsitzuug deS Parteitage»»ach Hause gegangen sei, ob- gleich er in der vorliegenden Frage nicht so leicht zu befriedigen sei. Nach Lage der Sache hätte der Parteitag olles getan, was er tun konnte. Die Genossen hätten freilich darin recht, daß mit dieser Erledigung der Streit über die Taktik der Partei nicht beendet sei. Die Politik der Versöhnung stehe der unentwegten Klassenkamsiftaktik schroff gegenüber. Dieser Äanipf werde früher oder später einmal auSgefochte» werden müssen. Der Redner sprach zum Schluß die feste UeberzeuglMg aus. daß auch dieser Kampf der Partei nur zum Nutzen gereichen werde. Die Diskussion wurde damit auf Antrag auS der Versammlung geschlossen. Die im Wortlaut angeführte zweite Nesolutlon gelangte mit großer Mehrheit zur Annahme. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung, Bericht vom Internationalen Kongreß. nahm Genosse Henschrl das Wort, der nach einer Besprechung der Kongreßberhandlungen interessante Vergleiche zog zwischen dem öffentlichen Leben in Dänemark und in Preußen. Ein freierer Zug sei dort zu spüren. Aktive Soldaten fraternisierten ungehindert mit den Sozialisten. Briefträger sah man als sozialistisch organisierte Gruppe in einem Fcstzuge. Der preußische Polizeistaat(siehe Moabit) sei in vielen Dingen noch weit hinter Dänemark zurück.' Eine Diskilssion über den Bericht fand nickt statt, und dre Versammlung nahm den Bericht von der Brandenburger Konferenz entgegen, den Genosse Tains erstattete. Er hob rühmend die leb- haste Agitation in der Provinz hervor. Das Geschäftsjahr habe eine Zeit des Kampfes, abl auch des Fortschritts gebracht und der Zu- luuft werde hoffmmgSfroh entgegengesehen. Eine Diskussion wurde auch hierüber nicht beliebt und Genosse Henschel schloß die Versammlung mit einem Hinweis auf die Proteftversatnmlungen am nächsten Sonntag und unter begeistert aufgenommenen Hochrufen auf die Sozialdemokratie. Nixdorf. Die außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins in Hoppes großem Saal erfreute sich eines sehr guten Be- suchs. Das Referat über den Internationalen Kongreß erstattete Genosse BiiZkc. Redner gibt einleitend eine übersichtliche Darstellung der politischen Zustände in Dänemark, die sich von den deutschen sehr zum Vorteil unterscheiden. Ist doch der Gedanke von der Notwendigkeit einer demokratischen Staatsverfassung dem Volke deutlich zum Bewußtsein gekommen und durch die wachsende Macht der Arbeiterorganisationen zum großen Teil schon in die Tat umgesetzt. Redner gibt einen Uebcrblick über die Zusammen- setzung der„Internationale" und kommt zu dem Resultat, daß bei internationalen Kongressen die Zahl der Delegierten unbedingt verringert werden muß. In eingehender Weise erörtert der Rese» rent die einzelnen Punkte der Tagesordnung und verweilt insbe- sondere bei der Verhandlung über die Stellung der internationalen Sozialdemokratie zum Militarismus. Auch der internationale Kongreß habe aufs Neue den Beweis erbracht, wenn die Arbeiter- schaft ihren Wissen durchsetzen will, daß sie dann in erster Linie ihre Organisation machtvoll ausbauen muß.(Lebh. Beifall.) Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Heber den Parteitag in Magdeburg referierte Genosse Heinrichs. Nach einer kurzen Ucbersicht über den Geschäftsbericht des Parteivorstandes an den Parteitag streift Redner die Verhandlung über die Mai» f e i e r. Das leider etwas frostige Referat des Referenten, Genossen Müller, war wirklich nicht dazu angetan, für die Feier des Proletariats große Begeisterung unter den Delegierten zu erwecken. Zur Budgetdebatte übergehend, bemerkt der Redner, wenn auch ursprünglich in fast allen Parteikreisen die Meinung vorhanden war, daß über die Frage der Budgetvewilli- aung nicht mehr verhandelt werden brauche, da ja u. a. in N ü r n- b e r g die Materie zur Genüge geregelt sei, so erwies sich diese Meinung sehr bald als eine irrige; die Debatten in der Presse und in den Versammlungen vor dem Parteitage bedingten eine noch- maligc Aussprache. Unbedingt mutz seitens der Partei darauf ge- sehen werden, daß jeder Parteigenosse— wer es auch sei— sich den Beschlüssen der Gesamtpartei zu unterwerfen habe. Der An« trag Z u b e i l mußte angenommen werden, um den Disziplin- bcechern zu zeigen, daß es so nicht mehr weiter gehen kann. Auch die anderen Punkte der Tagesordnung fanden in dem Referate eine eingehende Würdigung. Jetzt muß es die Aufgabe der Ge» nossen im Lande sein, für die Durchführung der gefaßten Be- schlüsse zu sorgen und mit zäher Energie den Kampf gegen unsere Gegner führen zu können.(Lebh. Beifall.) Genosse Kloth nahm als erster das Wort zur Diskussion. Er kann in die allgemeine Verurteilung der Disziplinbrecher nicht so mit einstimmen. Für ihn seien zu jeder Handlung die Motive maßgebend, und da muß anerkannt werden, daß unsere badischen Genossen, die des Diszipliubruchs beschuldigt wer- de», sicher nur das Wohl der Partei im Auge hatten. Die An- nähme des Antrags Z u b e i l ist für die Partei leine Ehre und verstößt direkt gegen das Organisationsstatut der Partei. Mit seinem Antrage hat sich Z u b e i l zum Hausknecht der Partei gemacht.(Lebhafte Protestrufe.) ES wäre besser ge- wesen, wenn die Frage der Budgetbewilligung nochmals grundsätz- lich verhandelt worden wäre gemäß dem Antrage Braun. Das taktische Vorgehen Bebels war ein schwerer Fehler. Statt der Budgetdebatte hätte der Parteitag dazu Stellung nehme» sollen, wie wir die jetzige politische Situation ausnütze» können. Es hätte darüber beraten werden müssen, wie die Konstellation vor und nach den Wahlen für die Partei nutzbar gemacht werden kann. Mit der Budgetdebatte ist die Zeit nutzlos totgeschlagen. Die Nachtsitzuug war ein schwerer Fehler. Stimmungen, wie sie in solcher Erregung leicht entstehen, dürfen für unser Handeln nicht entscheidend sein. Von den führenden Genossen haben wir bis heute noch keine Auskunft erhalten, wie die Partei die künftige Konstellation ausnutzen wird. Bezüglich des Massenstreiks sind die gefaßten Beschlüsse nur gutzuheißen. Ebenso verhält es sich mit dem Resultat der Verhandlungen über die Wahlrechts- frage. Im ganzen muß gesagt werden, daß unter den gegenwärti- gen Verhältnisse» der Parteitag in?Nagdeburg seine Aufgaben nicht erfaßt hat. Hoffentlich wird eS in Zukunft besser.(Vereinzelte Zustimmung.) Genosse Giittler begrüßt die Stellung des Parteitags zur Ge- nossenschaftsfrage, insbesondere die einstimmige Annahme der vor- gelegten Resolution. So wie die anderen gefaßten Beschlüsse, muß auch dieser seitens der Arbeiterschaft die größte Beachtung finden und in die Tat umgesetzt werden. Genosse Neilmann behandelt die Abstinentenfraae und bedauert, daß der Parteivorsiand nicht daS bekannte Plakat mit der Schnapsflasche für den Massenvertrieb übernommen hat. Auch der Beschluß, wonach der Trinkzwang bei Versammlungen beseitigt und die Wirte entschädigt werden sollen, muß des öfteren in Er- innerung gebracht werden. Genosse Faaß hält eS für zweckmäßig, wenn man sich in partes» taktischen Fragen, wie es die Budgetbewilligung ist, nicht festlegt. Die Annahme des Antrages auf Einsetzung einer Studienkom- Mission wäre sicher das vorteilhafteste gewesen. In der Art der Behandlung der Budgetsrage auf dem Parteitage läßt sich nur sagen, däß das eine Niederwerfung einer bestimmten Richtung innerhalb der Partei bedeutet. Wir sollen uns nicht selbst zer» fleischen, sondern den Blick gegen den Feind richten.(Beifall.) Genosse Retzera» betont die Notwendigkeit der Parteidisziplin im proletarischen Befreiungskampf, das sollte Genosse Kloth als Gewerkschafter besonders anerkennen. Die Hofgängerei könne gar nicht scharf genug verurteilt werden, sie sei für Sozial» demokraten geradezu unwürdig, besonders wenn man die wider- liche Form der Einladung für solche höfischen Feste näher be- trachtet, wofür Redner ein Dokument zum Vortrag bringt. Genosse Walther hält es für undenkbar, daß Sozialdemokraten dem Budget eines Klassenstaates zustimmen können und damit den herrschenden Klassen die Mittel für den Militarismus und Marinismus bewillige», damit diese eine arbeiterfeindliche Politik treiben können. Ueber die Konstellation vor und nach den Wahlen jetzt schon zu reden, sei unzweckmäßig, da man gar nicht voraus- sehen kann, wie sich die Dinge gestalten. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wurde mit großer Mehr- heit angenommen. In seinem Schlußwort ging Genosse Heinrichs noch kurz auf einige in der Debatte gemachte Einwendungen ein. Eine Resolu- tion des Genossen K l o t h, die sich mit dem Antrag Z u b e i l nicht einverstanden erklärt, wurde abgelehnt. Angenommen wurde fol- gcnder Antrag gegen 4 Stimmen: „Die heutige Generalversammlung deS WahlbercinS Rixdorf erklärt sich mit den Beschlüssen des Parteitags einverstanden." Der Vorsitzende deS WahlvereinS, Genosse Scholz, machte zum Schluß der Versammlung darauf aufmerksam, daß gegen die Auf- stellung der Wählerlisten die Klage eingereicht ist. W. 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Dagegen erhoben die Kon- servativen Einspruch. Sie hatten den bereits besprochenen, aber noch nicht durch Abstimmung erledigten Antrag eingebracht, daß das Reichsversichernngsamt nicht berechtigt sein soll, an Stelle der Ge- nossenschaften Unfallverhütungsvorschriflen zu erlassen und technische Aufsichtsbeamte anzustellen. Außerdem brachten die Kon- servativen den Antrag ein, dast auch die Genossenschaften nicht verpflichtet sein sollen, technische Aussichtsbeamte anzustellen. Die Sozialdemokraten wiesen nach, daß gerade gegen- über den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften ein Zwang dringend notwendig ist. Trotzdem werden die Anträge von den Konservativen, Nationalliberalen und den meisten Vertretern des Jen- trums angenommen. Vom Zentrum stimmten nur die Ab- geordneten Becker und Schirm er dagegen. Darauf begann die Kommission mit der Beratung der See-Unfallversichcruug. Die Sozialdemokraten sich auch hier, dah der Versichc- rungszwang auf alle die Personen ausgedehnt wird, die tatsächlich in der Seeschiffahrt beschäftigt sind. Zwei dahingehende Anträge unserer Genossen wurden jedoch abgelehnt. Angenommen wurde dagegen der Antrag der Sozial- demokraten, dost der Versicherungszwang auf die Personen ausgedehnt werde, die auf deutschen Seefahrzengen auf Kanälen und Flüssen beschäftigt werden, ohne zur Schiffsbesatzung zu ge- hören, wenn sie nicht anderweit auf Grund der Neichsversicherung versichert sind.— Die Versicherung gilt für Unfälle beim Betrieb einschließlich der Unfälle, die während des Betriebes durch Elementarereignisse ein- treten. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Ver- sicherung auf klimatische Krankheiten ausgedehnt werde. Der Antrag wurde von den Konservativen, Nationalliberalen und dem Zentrum niederge- stimmt. Beim Flaggenwechsel gilt das Dienstverhältnis und damit die Versicherung in dem Zeitpunkt als beendigt, in dem der Versicherte seine Entlassung verlangen durfte. Aus Antrag der Sozialdemokraten wurde gegen die Stimmen der Kon- servativen und Nationalliberalen hinzugefügt: Der Flaggenwechsel ist dem Versicherten mitzuteilen. Die Mit- teilung hat der Kapitän ins Schiffstagebuch einzutragen und die Versicherten haben den Eintrag zu bestätigen. Eine böse Ausnahmebestimmung ist die Vorschrift, daß, soweit die gesetzliche Pflickit des Reeders zur Krankenfürsorge besteht, die Entschädigungspflicht der Berufs- genossenschast erst mit dem Ende der Pflicht des Reeders eintritt. Der Reeder hat in den ersten LS Wochen nach dein Unfall für den Kranken zu sorgen. Wenn ein Seemann verunglückt und in den ersten LS Wochen geheilt wird, aber in seiner Erwerbssähigkeit ge- schädigt ist, dann erhält er die Unfallrente bis zum Ablauf der 26. Woche nicht, sondern erst mit dem Beginn der 27. Woche. In dieser Beziehung sind die Seeleute schlechter als die Arbeiter gestellt, die in der gewerblichen Unfallversicherung ver- sichert sind. Ebenso sollen die verunglückten Seeleute nicht wie die anderen Versicherten den Unfallzuschlag zum Krankengelde vom Bc- ginn der fünften Woche ab bekommen. Die Sozialdemokraten beantragten, dah diese AuS- nahmebestimmungen gestrichen werden sollen. Der Antrag wurde aber gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Liberalen und des Polen abgelehnt. Ebenso werden alle anderen Anträge der Sozialdemo- kraten abgelehnt, die es verhindern sollten, daß die Ent- kleines femUetcm. Eine klerikale Carmagnolc. Nicht nur die Bücher, auch die Lieder haben ihre Schicksale. Besonders politische Lieder, die" in ihrer Jugend einen Rebellencharakter trugen. Sie bekommen mit dem Ablauf der Zeit entweder völlige Harmlosigkeit oder werden gar zu reaktionären Kampfgesängen. Wer dächte heute in Deutschland noch daran, dag das Schlachtlied patriotischer Oberlehrerbegelsterung: »Deutschland, Deutschland über alles" einst der Ausdruck demolratii'ch- revolutionärer Opposition gegen den kleinstaatlicheit Absolutismus war? Und in Frankreich ist die Marseillaise, die in östlich gelegenen Ländern bis heule der Hymnus der Revolution geblieben tst, das offizielle Lied des Klassenstaars. des Militarismus und Sozialtousetvalismus, ja bei Gelegenheit der klerikalen Demon« stralionen gegen die Kircheninventnren das Trutzlied der Psäfflinge geworden. Die revolutionären Arbeiter sehen in ihr nur noch diese reaktionäre Bedeutung und setzen ihr als ihre Hymne die„Jnter- nationale" entgegen. In neuester Zeit ist aber noch ein zweites be- rühintes Revolutionslied von den Klerikalen annektiert worden: die Carmagnole. Allerdings nur in ihrer Melodie, nicht in dem für klerikale Streiter wahrlich nicht brauchbaren Text. In der Bretagne singen jetzt die von den Junkern und Psaffen fanatifierten Bauern nach der Melodie des alten JakobincrliedeS die schöne Strophe: »Franzosen! Laßt uns über die Raben Mit Knütteln und Fuhtritten herfallen i Dreschen wir. ohne unsere Schläge zu zählen, Auf die Geier und Wölfe los l Refrain: Seid kühn gegen die Horde Ohne Vaterland und Gott! Franzosen, aus! Denn Gott will eS, Singen wir die Catholiqne Es lebe Frankreich und Gott! Der Gott, den die Frommen hier„leben" lassen, wird jedenfalls von der hier gepredigten Praxis der„Religion der Liebe", für die er noch verantwortlich gemacht wird, sehr erbaut sein. Antike Schätze vom Meeresgründe. In der französischen Akademie der Inschriften bat der Direktor der Altertümer in Tunis Bericht er- stattet über die glücklichen Erfolge, die die unterseeischen Ans- grabungen bei M a h d i a in diesem Jahre gebracht haben. Be- kanntlich entdeckten Schwanimsiilber im Jahre 1367 nordöstlich vom Kap Afrika in einer Tiefe von 33 Meter die Ueberreste eines antiken Schiffes, das zu Beginn der christlichen Aera die Reise von Athen zur nordafrikanischen Küste antrat. Die sofort begonnenen Nach- forschungen brachten über Erwarten glückliche Funde, alte Kunst- werke von hohem Interesse, Vasen, Kandelaber, Marinorgeräte und Inschriften. Die neuen Ausgrabungen geben den früheren Funden an Bedeutung nichts»ach. In erster Linie wurden ftinf große Bronze st atuetten zutage gefördert, die sehr alt sind und sich vortrefflich erhalten haben. Ein wundervolles Stück schädigungen für die Seeleute geringer sind als die, die nach den Bestimmungen der gewerblichen Unfallversicherung gewährt werden müssen. Als Jahresarbeitsverdienst gilt das Elffache des Durchschnitts- satzes, der bei Anmustern oder Anwerben zur Zeit des Unfalles für den Monat an barem Entgelt gewährt wird: dazu werden% des Durchschnittssatzes für Vollmatrosen als Geldwert der auf Seesahr zeugen gewährten Beköstigung gerechnet. Die Sozialdemo- kraten beantragten, dag für die Beköstigung 8/5 je.. es Dürch- sckmittssatzeS gerechnet wird. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Liberalen und des Polen abgelehnt. Zuwiderhandlungen der Versicherten gegen die Unfallverhütungsvorschriften können mit Geldstrafe bis zu 6 M. bedroht werden. Auf Antrag der Sozialdemokraten wird hinzugefügt, daß die Bestrafung eines Versicherten nicht erfolgt, wenn er in Ausführung eines Befehls seines Vorgesetzten den Vor- schriften zuwidergehandelt hat. Die übrigen Bestimmungen der Vorlage für die See-Unfall- Versicherung iverden mit unwesentlichen Aenderungen angenommen. Nächste Sitzung morgen. Aus der ZuitMloirnnlllion. Sitzung vom Mittwoch, den 6. Oktober. Nach dem ß 183 des geltenden Gerichtsverfaffungs' g e f e tz e S kann nur der Verteidiger oder Rechtsanwalt wegen Ungebühr in eine O r d n u n g s st r a f e bis z» 100 M. genommen werden. Unsere Genossen beantragten, daß auch die Ver- treter der öffentlichenAnklage denselben Ordnungsstraf- bestimmungen unterstellt werden.— Die Regierungsv'ertreter ersuchten um Ablehnung des Antrages, da der Staatsanwalt in der Hauptverhandlung nicht Partei sei, sondern die Behörde ver- trete! Die Kommission lehnte dann auch gegen die Stimmen unserer Genossen und der Polen den Antrag ab. Als dann von unserer Seite die Streichung des§ 180 gefordert wurde, wurde auch dieser Antrag abgelehnt.— Ein Antrag unserer Genossen zum Z 183 fordert, daß die Vollstreckung einer Ordnungsstrafe ausgesetzt wird, wenn gegen die Verhängung der letzteren eine Beschwerde eingelegt ist, wurde mit 14 gegen 10 Stimmen a b- gelehnt. Die Polen beantragten zum§ 187, daß den der deutschen Sprache nicht mächtigen Personen ein Dol- metscher beigegeben wird. Von der Regierung wurde der Antrag als unannehmbar bezeichnet, da die Zuziehung eines Dolmetschers in zu häufigen Fällen die Ver- Handlungen in unbegründeter Weise hinschleppen und verteuern würde. Auch biete die Uebersetzung Gelegenheit zu vielen„Miß- verständniffen". Von unseren Genossen wurde der Antrag der Polen aufS energischste unterstützt. In der längeren Diskussion, die sich stellenweise zu einer Polendebatte erweiterte,„warnte" auch der Staatssekretär L i S c o vor der Annahme des Antrages und ein Nationalliberaler drohte, daß. wenn der Wunsch der Polen erfüllt würde, für die N a t i o n a l l i b e r a l e n die An- »ahme des ganzen Gesetz- Entwurfes gefährdet sein würde. Dieselbe„Erklärung" gab ein konservativer Redner ab. Das Zentrum erklärte sich bereit, für den polnischen Antrag zu stimmen. Von den Freisinnige� wurde» zwei Ansickiten geäußert. Die Ansicht der Minderheit war dem polnischen Antrag freundlich gesinnt, während drei andere Mitglieder der freisinnigen Fraktion, wohl die Berechtigung der Polen anerkannten, sich aber den „überzeugend" vorgetragenen Gegenerklärungen der Regierung nicht verschließen konnten. In der Abstimmung wurde dann der polnische Antrag abgelehnt. Dafür stimmten 11 Mitglieder, Zentrum, Polen und Sozialdemokraten: dagegen die 16 Angehörigen der Konservativen, Nationalliberalen, Antisemiten und der Frei- sinnigen, sich in der Abstimmung wieder zusammen gefunden hatten. Beim§ 200 beantragte Abg. Gröber, daß auch Richter und die anderen bei der Beratung und Abstimmung im Nichterzimmer zugelassene» Personen verpflichtet werden sollen, über die Be« ratung nnd Abstimmung Stillschweigen zu bewahren. Bisher erstreckte sich dieses Verbot nur auf Schöffen und Ge- schworene. Der Antrag wurde mit 13 gegen 12 Stimmen angenommen. ist ein tanzender und singender EroS, der seinen Gesang mit der Laute begleitet. Sodann drei Grotesken, zwei Frauen, die zum Klang von Klappern tanzen, ein Spaßmacher, der mit wunderlichen Körperverrenkungen und wilden Grimassen vorwärts schleicht, und endlich ein Satyr, ein prächtiges Werk von ineisterhasler Kraft der Bewegung. Unter den weiteren Funden verdienen besondere Auf- merksamkcit die Statuette eines sitzenden Schauspielers, sodann eine Plakette, auf der Greife dargestellt sind, Bacchanten- masken, junge Satyrn, durchweg schöne Bronzearbeiten. Die neuen Arbeiten haben noch ein weiteres glückliches Resultat gehabt: man hat die fehlenden Fragmente der früher aufgefundenen Kunstwerke zutage fördern können. Am wichtigsten ist der linke Arm des großen Bronze-Eros, des besten SiückeS: es ist nun vollkommen beisammen nnd scheint eine Wiederholung einer Statue von Praxiteles zu sein, von der bisher kein Exemplar gefunden war. Die Entdeckungen dieses Jahres wurden in der Schlammschicht gemacht, deren Höhe dem Inneren des Schiffes entspricht. Die Zukunft des Gelben Fiebers. Wer nicht selbst einmal in Mittel- oder Südamerika gewesen ist, kann sich von den Schrecken des Gelben Fiebers kaum eine Vorstellung machen. Diese Krankheit, drüben mit dem freundlichen Spitznamen„der Gelbe Jakob" sUellow Jack) genannt, gehört nicht nur zu den ansteckendsten Krankheiten, sondern auch zu denen, die den Menschen auf die fncckt- barste Art zu Tode quälen. Sie ist wohl noch furchtbarer als die Cholera, weil man sich vor der Ansteckung weit weniger selbst in Acht nehmen und schützen kann. In dieser Hinsicht gleicht sie viel- mehr der Malaria, weil sie ebenso wie diese durch Stechmücken dem Menschen eingeimpft wird. Die Erkenntnis dieser Tatsache ist natürlich grundlegend für die Organisation eines neuen Kampfes gegen die Seuche geworden, und die Zustände haben sich seitdem auch wesentlich gebessert. Während früher das Gelbe Fieber fast rcgel- mäßige und dauernde Besuche in den Vereinigten Staaten abstattete, hat man sich dort vor ihr zu sichern gewußt. Noch rühmlicher und großartiger war der Erfolg, den die Amerikaner in ihrem Kampf gegen das Gelbe Fieber in Kuba erstritten haben. Diese Insel ivar, so lange sie sich im spanischen Besitz befand, vollkomnien ver-, seucht. Als sie nach Beendigung des Krieges zwischen Spanien und den Bereinigten Staaten von diesen besetzt wurde, ivar gerade die Entdeckung von der Verbreitung des Gelben Fiebers durch den Stich der Moskitos gemacht worden. Es wurde nun ein planmäßiger Kampf zur Ausrottung dieser Insekten auf Kuba eingeleitet, und tatsächlich ist die Krankheit von dieser Insel jetzt vollkommen verschwunden, ein glänzender und Vorbild- sicher Beweis dafür, was der Mensch durch die energische Ber- Wertung wissenschaftlicher Lehren in der Bekämpfung der Krankheiten sogar dann leisten kann, wenn eS sich um eine so schwierige und fast unmöglich erscheinende Aufgabe handelt wie die Vernichtung einer Jnsektenart. Leider ist es bisher noch nicht gelungen, in anderen Gebieten von Mittclamerika und in Südamerika diese Pest auch nur einzuschränken, und deshalb sieht man der bevorstehenden Eröffnung des Panamakanals mit einiger Besorgnis entgegen, weil sie die Gefahr einer weiteren Einschleppung des Gelben Fiebers ohne Zweifel steigern wird. Damit war die erste Lesung des GerichtsversaffnngsgesetzeS beendet und die weiteren Verhandlungen wurden auf Donnerstag vertagt. Em der Partei« Die Organisationen-"-m Parteitag< lieber die Versammlung in Köln, von der wir schon die angenommene Resolution mitteilten, geht uns noch ein Bericht zu. dem ivir entnehmen: Der Delegierte Rieger sagte zur Budgetdebatte, er setze den guten Willen der Badenser voraus, aber ihr Vorgehen sei völlig falsch, ihre Entschuldigung in keiner Weise stichhaltig gewesen. Die Vorgänge in der Abendsitzung seien von Frank provoziert ivorden. Die Mehrheil habe von ihrer Majorität nicht rücksichtslos Gebrauch machen wollen: da aber habe Frank durch seine Erklärung die Mehrheit herausgefordert und sie zu dem neuen Beschluß ge- zwungen, der aber noch am nämlichen Tage hätte erledigt werden müssen, weil die bürgerlichen Pressevertreter schon die Telegramme über den„Sieg des Revisionismus" formuliert hatten, um sie in alle Welt hinauszusenden. Daran, daß das Auftreten Franks in seinein Schlußwort ganz allein die Schuld irage, könne gar kein Zweifel sein.— Versöhnend habe die begeisternde Art gewirkt, wie die süddeutschen Genossen den preußischen ihrer tatkräftigen Waffenhilfe im Wahlrechtskampse versichert haben. Mit dem Ver» laus des Parteitages könne die Sozialdemokratie durchaus zu- frieden fein. In der Diskusston bedauert Genoffe Meerfeldt, daß der Parteitag nicht eine mochtvolle Zusammenfassung der Kräfte für den nächsten Wahlkampf, eine rücksichtslose Kriegserklärung des aus» gewucherten und unterdrückten Volkes an die klerikal-konservative Reaktion geworden sei. Mit dem gewaltigen Wachstum der Partei wachse auch ihre Pflicht zur posuiven Arbeit im Interesse des Proletariats. Der Bruch des Nürnberger Beschlusses habe sich nicht rechtfertigen lassen: aber mit einem Mehrheitsbeschluß sei der Bruch** durchaus nicht geheilt. Frank habe in der Tat den Parteitag provo- ziert. Ein großer Teil der Schuld an der jetzigen Zerfahrenheit liege an Organisationsmängeln. Schon innerhalb des Partei» Vorstandes müsse man die widerstreitenden Kräfte zusammenfassen und die radikale Mehrheit würde klug handeln, wenn sie dafür sorgte, daß die verschiedenen Gruppen im Parteivorstand vertreten seien. So würde man der Entfremdung entgegenarbeiten und stärke das Verantwortlichkeitsgefühl auf beiden Seiten. Die Großblock- bestrebungen nach der reaktionären Seite hin sollten uns zur Warnung dienen. Genosse FulfS, Gauleiter des SchneiderverbandeS, führt aus, daß auch die Gewerkschaftler den badischen Disziplinbruch verurteilten. Aber die Verhandlungen in Magdeburg hätten kameradschaftlicher sein müssen. Heute lebten die Gegner von unseren Fehlern. Genosse Hofrichter erwidert Meerfeldt. der Parteitag habe nicht die Aufgabe, wie ein Brillantseuerwerk zu wirken, sondern er müsse die Pnrteiangelegenheiten erledigen, und dazu gehöre die Austragung solcher Dinge, wie sie sich in Baden ereigneten. Be« züglich der positiven Arbeiten habe die Partei stets auf dem Stand- Punkt gestanden, daß mit aller Energie für die Arbeiter heraus- geholt werden müsse, was möglich sei, und auf diesem Gebiete habe sie stets in vollem Maße ihre Schuldigkeit getan. Wenn der Mißgriff Franks nicht zum Schluffe ge- kommen wäre, so hätten wir die Einigkeit gehabt. Nicht in einer kraftvollen Führung der Partei. wie Meerfeldt sie gewünscht habe, sehe er das Heil, sondern in der Erziehung der Massen zu selbständigem Denken. Die gesamte Partcipresse und Organisasion tue bei weitem noch nicht genug in der Erziehung der Anhänger zu selbstdenkenden, klassenbewußten Sozialdemokraten. Nach einem kurzen Schlußwort Riegers nahm die Versammlung einstimmig die gestern mitgeteilte Resolution am Die Angelegenheit Walther-Nürnverg wird durch die folgenden beiden Erklärungen erledigt, die gestern in der bayerischen Parieipresse erschienen: Genosse Mar W a l t h e r» Nürnberg erklärt: In der Versammlung vom 8. September 1310 des Sozial- demokratischen Vereins Nürnberg habe ich in meiner Rede den Satz ausgesprochen, daß mir als Mitglied des bayerischen Landcsvorstandes Gelegenheit geboten war. einen liefen Bon de» Atmosphären der Planeten. Von einigen Planeten kann mit voller Bestimmtheit behauptet werden, daß sie eine Atmo- sphäre besitzen. Dazu gehört in erster Linie selbstverständlich die Erde, in zweiter der große Planet Jupiter. Dieser hat eine so dichte Atmosphäre, daß sie wahrscheinlich das einzige ist, was man selbst durch ein scharfes Fernrohr von dem Planeten erblickt, während dessen eigentlicher Körper dahinter verborgen bleibt. Mit dem MarS weiß man schon weniger genau Bescheid, obgleich an dem Vorhandensein einer Atmosphäre an sich nicht gezweifelt werden kann. Da der MarS wie kein anderer Planet im Verdacht steht, von menschenähnlichen Wesen bewohnt zu werden, würde eS besonders bedeutsam sein zu wissen, ob seine Gashülle Wasser» dampf enthält. Die Astronomen der großen Lickslernlvarte haben deshalb in letzter Zeit mühevolle Arbeiten ausgeführt, um über diesen Punkt Klarheit zu gewinnen. Nach der Bekundung von Professor Campbell im Journal der Astronomischen Gesellschaft von Kanada lautet das Ergbnis dieser Untersuchungen dahin, daß die MarSatmosphäre zum mindesten nur recht wenig Wasscrdampf ent» halten kann, woraus zu schließen wäre, daß die dort lebenden Wesen in ihrer körperlichen Beschaffenheit ganz verschieden von den Menschen, Tieren oder Pflanzen der Erde sein müßten. Bon den übrigen Planeten hat der Mond höchstens eine ganz geringe Atmosphäre und fast gar kein Wasser. Schwierig gestaltet sich die Ergründung der Frage für die noch näher an der Sonne befindlichen Planelen VenuS und Merkur. Ob sie eine Atmosphäre haben oder nicht, läßt sich am ehesten dann entscheiden, wenn sie über eine» anderen Stern von nicht zu geringer Große hinweggehen. Dies Ereigni! ist für die Venus in diesem Jahr wieder von mehreren Sternwarten aus beobachtet worden. Es handelte sich um die Bedeckung eines Sternes ans dem Bilde der Zwillinge. Nach den Ergebnissen, die in den „Astronomischen Nachrichten" veröffentlicht worden sind, ist das Ver- schlvinden des Fixsterns ein so plötzliches gewesen, daß die Dichte und Höhe der Atmosphäre der Venus nur gering veranschlagt werden kann._ Notizen. — Theaterchronik. Im Friedrich« Wilhelm» städtischen Schauspiel hause findet die Berliner Premiere von Otto Borngräbcrs Tragödie„Giordano Bruno" am 14., abends 7 Uhr, statt. Die Preise der ersten Aufführung sind erhöyr. — Ernst Lehden, der hervorragende Berliner Kliniker, ist am Mittwoch im Alter von 73 Jahren in Berlin gestorben. Von 1885 bis 1307 war er Leiter der ersten medizinische» Klinik am Charilskrankcnhause, nachdem er 1876 als Nachfolger seines Lehrers Traube nach Berlin als Professor berufen war. Weniger als Forscher denn als Lehrer und menschenfreundlicher Arzt hat er eine sruchlbare, weilverzweigte Tätigkeit entfaltet. Als Praktiker hat er die individualisierende Methode, die nicht so sehr die Krankheit als den einzelnen Kranken ins Auge faßt, ensivickelt. Die Lungen- heilstättenbewegnng verdankt seinem Eintreten viel. Auch in der Bekämpfung der KrebSlranlheiten hat er sich hervorragend betätigt. Einblick in die Landespolitik der Partei zu gewinnen, und da« habe einen Uinschwung in meiner Anschauung herbeigeführt. Diese Aeuherung ist zu meinem.Bedauern so aufgefastt worden, und ich gebe zu, dast sie so aufgefaßt werden konnte, als ob ich auf Vorgänge im Landesvorstand hätte indeuten wollen, die das Licht der Parteiöffent- ichkeit zu scheuen hätten. Ich erkläre, dast es mir durchaus fern lag, die Tätigkeit des Landesvorsiandes oder eines seiner Mitglieder in irgend einer Weise zu verdächtigen und dost eine solche Verdächtigung mir schon deswegen nicht in den Sinn kommen konnte, weil auch nicht die geringste Veranlassung dazu vor- h a n d e n i st. S. Oktober 1910. Max W a l t h e r. Die«Münchener Post" erklärt dazu: Wir bedlmern, dast Genosse Walthcr diese Feststellung nicht früher erfolgen liest; wir hätten in diesem Falle eine Reihe von scharfen Bemerkungen gegen ihn unterlassen können, deren Unter« läge nach der jetzigen bündigen Erklärung des Gen. Walther selbstverständlich entfällt.- Wir haben von Anfang an erklärt, dast wir die Worte des Ge« nassen W a l t h e r nicht so aufgefastt haben, wie die«Miinchener Post" und möchten dabei bleiben, dast unter Genossen lein Anlast vorlag, ihnen jenen bedenklichen Sinn zu unterstellen! Spaltung in der tschechischen Sozialdemokratie in Aussicht. Das rücksichtslose Vorgehen der tschechischen Partei gegen die der Jnternationalität treugebliebcnen Genossen führt natürlich zur Gegenwehr. Die Vertreter der auZ der Partei auSgeschlosse- nen 15 zentralistischen Vereine veröffentlichen im Brünner „Proletar" einen Ausruf, der die Auflehnung gegen den Beschlust des internationalen Kongresses verurteilt. Die Organisationen haben beschlossen, ein vorbereitendes Exekutivkomitee zu ivählen. sirgll! ß. vor den Geschworenen. Vor dem Schwurgericht in Leipzig begann gestern die Ver- Handlung gegen die Arüder Karl und Fritz KoppiuS wegen einer Reihe schwerer Verbrechen, die seit dem Jahre 1906 von den Angeklagten begangen sind. Austerordentliches Auf- sehen erregte cS, dast die Staatsanwaltschaft, die Leipziger Polizei und ebenfalls die Berliner Kriminalpolizei, die Hilfstruppen nach Leipzig entsendet hatte, die Täter der schändlichen Verbrechen nicht zu entdecken vermochte. Und das, wiewohl ein Haufen mit ArguS R. unterzeichneter Erpressungsbriese an den Verlags- buchhändler Weber klar zeigten, dast die Verbrecher fort- dauernd die Polizei foppten und alle Mastrcgeln, die die Kriininalpolizei ergriffen hatte, durchkreuzte. Am 16. Juli wurde— nicht durch irgendwelche Geschicklichkeit der Polizei, sondern durch Znsall und die Entschlossenheit des Verlagsbuchhändlers Weber und seines Chauffeurs— der 29 Jahre alte Karl KoppiuS fest- genommen, bald darauf auch fein um sieben Jahre jüngeren Bruder Fritz. Ueber die Straftaten und die vergeblichen Versliche der Polizei haben wir wiederholt, zuletzt ausführlich unker dem 29. Juli, berichtet. Die Anklage legt K a r l K o p p i u s a l l e i n den am 17. Dezember 1908 a n den, Geldbriefträger Riibner verübten Mord- versuch und schweren Raub sowie einen am 5. Oktober 1907 a n der Fabrikbesitzersfrau Wagner versuchten Raub- m o r d zur Last. Beiden Angeklagten gemeinsam wird zur Last gelegt: der am 2. November 1908 an den Friedrichschen Eheleuten in der Windmühlen st r. 21 begangene Raubmord, ferner ein Raubmordversuch in der Wohnung der Witwe Rauer, bei dem das Dienstmädchen Sehffarth am 4. März 1910 schwer verletzt wurde und endlich schwere E r p r e s s u n g s V e r s u ch e, die in den Jahren 1908 bis 1910 durch etwa 16 Briefe gegenüber den Inhabern der Firma I. I. Weber begangen sind. Vernehmung deS Angeklagten Karl KoppiuS. Den Ueberfall auf Frau Wagner habe ich ohne Ueberlegung ausgeführt, sonst bekenne ich mich schuldig. Ueber seinen Lebenslanf erzählt der Angeklagte: Ich bin am 15. April 1881 fzu Giebichen- stein geboren, bin verheiratet und kinderlos. Bei dem 40. Artillerie- regiment in Magdeburg habe ich 1902 bis 1904 gedient. Mein Vater war Maurer. Ich bin der zweite von vier Geschwistern. Bis 1908 habe ich bei meinen Eltern gewohnt. Nach der Schulentlassung habe ich auf dem Bau als Hilfsarbeiter gearbeitet, weil ich dadurch mehr verdiente, als wenn ich als Lehrling tätig gewesen wäre. So kam es. dast ich kein Handwerk lernte. Wenn es sim Winter an Arbeit mangelte, habe ich Flaschen gespült. Bis zum Eintritt ins Militär habe ich ordentlich gearbeitet. Beim Militär war ich ein Jahr Offiziersbursche und wurde Gefreiter. Nach meiner Entlassung fand ich keine passende 'Stellung und nahm, um nicht zu lange bummeln zu müssen, im Herbst 1904 eine Stellung als Hausdiener und Aushilfskellner im„Felsenkeller" an. Dort blieb ich bis 1907. 1905 war mein Vater gestorben, ich habe dann Mutter und Geschwister reichlich unterstützt. Wir wohnten zusammen. Ich hatte etwa 500 M. gespart und sehnte mich nach einem eigenen Heim. Die Mittel zur Einrichtung habe ich verspielt. Das Spiel wurde mein Unglück. Wiewohl ich ursprünglich ein groster Gegner und Verächter des Spiels war, hatte ich das Spiel in der Kaserne als Soldat gelernt. Ich log meiner Braut vor, ich wäre ein reicher Mann. Ich spielte, gewann auch, verlor dann aber alles. Ich kam auf den Gedanken: Du brauchst keine Rück- ficht auf Nebenmenschen zu nehmen, Sentimentalität ist der gröstle Fehler. Ueberfall auf den Geldiriefträger Rülmer. Als ich im„Berliner Tageblatt" gelesen hatte, dast ein Geld- briefträger beraubt sei, begegnete ich an, selben Tage zufällig einem Geldbriefträger. Da schost der Gedanke inir durch den Kopt, dast solch' Man» doch leicht überfallen werden könnte. Den Gedanken wurde ich nicht wieder los. Wenn die Mutter mir Vorwürfe machte, weil ich ihr kein Wirtschaftsgeld geben konnte und ich die mürrischen Gesichter der Geschwister sah. da drang es in mir: Du in ustt sofort Geld schaffen, einem Briefträger das Geld nehmen. Ich kaufte einen etwa fünf Kilo schiveren Hammer, liest mein Messer schärfen, um die Tasche des Briefträgers abzuschneiden; ich wollte den Briefträger nur betäuben. Auch in dem Fall, den ich in der Zeitung gelesen hatte, war der Briefträger nur betäubt worden. Dem.'mir unbekannten Briefträger Riibner rief ich guf der Treppe«guten Tag" zu. Sobald er vorüber war, nahm ich den bis dahin' verborgen gehaltenen Hammer und schlug wohl viermal auf ihn ein. Unter dem Körper deS Briefträgers zog ich die Geldtasche hervor.'Durch den Raub hatte ich etwas über 8000 M. an mich gebracht. Ich wollte mir ein Geschäft eröffnen. Meine Stelle gab ich bald auf. Bis zur Heirat wollte ich durch Spiel so viel Zugewinnen, dast ich mir einen Gasthof kaufen konnte. Indessen hatte ich im Spiel wieder kein Glück. Dadurch, dast ich spielen gelernt hatte, hatte ich jeden moralischen Halt verloren. Aus der Vernehmung des Überfallenen Briefträgers R ü b n e r ergibt sich, dast dieser bis zum 2. Januär im Kranken- haus war und noch heute vier Narben, die von schweren Hammer- schlagen herrühren, hat. Ueberfall auf Frau Wagner. Das geraubte Geld hatte ich durch Spiel wieder verloren. An« fang Oktober 1907 heiratete ich. Ich hatte nur noch 100 M., die setzte ich auf ein Pferd. Auf dem Nennplatz liest ich mich durch einen Buchmacher bestimmen, auf ein anderes Pferd zu zu setzen, als das ich ausgesucht hatte. Ich verlor. Hätte ich das von mir ausgesuchte Pferd gewettet, so hätte ich 1200 M. erhalten. Ich war in einer unglaublichen Verfassung. Furchtbare Erbitterung ergriff mich, ich hätte alles ermorden können. Als in der Türmerstraste eine Frau(Frau Wagner) an mir vorbeiging, schien mir, sie werfe mir einen verächtlichen Blick zu. Ich fastte den Entschlust, sie zu ermorden. Keineswegs wollte ich sie b e r a u b e n. Die Diamanten und die silberne Handtasche waren durch die Kleidung verdeckt. Als sie in ein Haus ging, sprang ich an ihr vorüber und als sie dann von unten nach oben kam, drückte ich ihr mit der linken Hand die Kehle zu, mit der Rechten stiest ich init dem Messer nach dem Hals. DaS Messer verfing sich in der Boa. Ich stach dann wieder- holt zu. DaS Messer war stumpf. Ich weist nicht, waS ich in dem Augenblick tat. Schlisstlich liest ich die Frau loS, sie schrie um Hilfe, da kehrte ich zurück und gab ihr noch«inen Stich. Genommen habe ich nichts und wollte auch nichts nehmen. Ueber die Tat war ich nachher sehr erschrocken und habe sie bedauert. Die Überfallene Frau Wagner meint bei ihrer Vernehmung, die im wesentlichen mit den Angaben des Angeklagten übereinstimmen, in bczug auf Karl Koppius: DaS ist ja gar nicht der, der mich überfallen hat, es ist ja der andere Angeklagte.— An- gekl. Karl Koppius: Nein, ich ivar es. Glauben Sie'S mir man.— Zeugin: Der Täter war sehr blast, sah aber viel jugend- licher als der erste Angeklagte aus. Eine Täuschung wäre bei mir immerhin möglich. Die Täuschung der Zeugin ist dadurch erklärlich, dast beide Brüder sich fast wie Zwillinge ähnlich sehen. Vor der Verhandlung über den Mord an den Friedrichschen Eheleute», an dem beide Angeklagte beteiligt sind, gibt der zweite An- geklagte Fritz KoppiuS über seine persönlichen Verhältnisse folgendesau: Nach meiner Schulentlassung arbeitete ich zuerst in der Landwirtschaft, dann als Arbeitsbursche und zwei Jahre lang beim Maler. Ich wollte gern Maler werden, aber mein Vater lieh es nicht zu, ich sollte gleich mehr verdienen. Ich arbeitete dann bei Malern, bis wir nach Leipzig übersiedelten.— Vors.: Haben Sie gut verdient?— Angetl.: Anfangs wenig, nur 12—13 M. in der Woche, später in der Effenzenfabrik von Sachs u. Co. hatte ich guten Verdienst.— Vors.: Sie blieben aber nirgends lange?— A n g e k l.: Nein. Bei Sachs u. Co. wurde ich entlassen, weil ich in einen sozialdemokratischen Verband ein- getreten war und weil mein Benehmen dem Meister nicht pastte.— Vors.: Haben Sie auch nachher gearbeitet?— A n g e k l.: Ja, ich habe immer gearbeitet und nur öfter die Stellung gewechselt, weil ich mehr verdienen wollte. Ich führtemitmeiner Mutter und Geschwistern gemeinschaftlichen Haushalt und habe zu Hause immer abgegeben.— Von zu Hause zog ich weg, weil mein Bruder und meine Mutter sich immer zankten, wenn er kein Geld gab und spielte. Im August 1908 hörte ich auf zu arbeiten. Ich lebte erst von meinen Erspar- nisfen und habe dann verschiedene Sachen versetzt. Ich trat dann in Verkehr mit meinem Bruder. Ich fragte ihn, wieso er so viel Geld im Spiel verloren und soweit heruntergekommen sei. Er er- zählte mir, dast er den Geldbriefträger überfallen hätte. Ich machte ihm schwere Vorwürfe. Später, als ich weiter bummeln muhte, nahm ich die Sache auf eine leichtere Achsel. Mein Bruder meinte, er mühte wieder mal solche Tat ausführen. Ich warnte zuerst davor, war aber schliestlich damit einverstanden._ dast wir zusammen was täten. Wir kamen dann auf den Plan, einen Geldbriesträger in eine Wohnung zu locke». Ich meinte, man sollte die Wirtsleute nur einschüchtern. Mein Bruder meinte, es sei n o tw en d i g, sie totzuscklagen. damit keine Zeugen da seien. Damit war ich auch schliestlich' einverstanden. Der Angeklagte Karl Koppius erzählt nun. wie er zuerst ein Zimmer mietete, aber von dem Vertrag zurücktrat, weil ihm die Wirtin zu sehr an das Aussehen und Wesen seiner Mutter er- innerte. Dann mietete er in der vierten Etage der Windmühlen- stratze 21 bei den Friedrichschen Eheleuten ein Zimmer; eine Mark zahlte er an. Vor der Tat, sagt Angeklagter, nachdem ich die Post- anweisungen unter falschen Namen an den Namen gesendet hatte, den ich bei den Friedrichschen Eheleuten als meinen angegeben hatte, wurde ich in meinem Entschlust, die Tat zu vollbringen, wankend. Ich fragte nun das Zettelorakel. Ich schrieb auf verschiedene Zettel ja und nein, wie ich auch daS mit dem Namen der Pferde beim Rennen gemacht habe. Als ich dann einen Ja-Zettel zog, sagte ich mir, du mußt nun die Tat voll- bringen. Angeklagter erzählt weiter, wie er und sein Bruder die ahnungslosen alten Friedrichschen Eheleute in deren Wohnung ermordeten, um keinen Zeugen bei dem Raub auf den Briefträger zu haben. Der Raub scheiterte deshalb, weil zu- ällig dar damalige Briefträger Kemmer mit >em Geldbriefträger Frohberg zusan, mentraf. Als die Täter sahen, dast ihr Mord nutzlos war, rafften sie zwei Uhren, eine Uhrkette und mehrere Sparkassenbücher, 50 Mark und eine Quittung der Dresdener Bank über 1500 Mark zusammen. Die Papiere verbrannten die Täter, die Goldsachen versetzten sie. Ueberfall auf daS Dienstmädchen Seyffarth, das bei Frau Rauer tätig war. Der Angeklagte Karl Koppius erklärt zu diesem Fall: Nach dem am 2. November 1908 verbrachten Raubmord an den Friedrichschen Eheleuten ging es mir durch Gewinne auf der Rennbahn eine Zeitlang besser. Anfangs 1910 aber befand ich mich wieder in größter Geldverlegenheit. Da erzählte mir eines Tages Fritz, am Abend vorher sei unsere Mutter vor Hunger umgefallen. Ich brachte ihr die paar Pfennige, die ich noch hatte. Und nun kamen wir auf den Plan, den Fritz entwickelte und dem ich nach einigem Widerstreben zustimmte, eine alte Dame zu überfallen und ihr durch Einschüchte- rung das Geld abzunehmen. Wir kundschafteten die Wohnung einer Frau Rauer in der Liviastratze 2 als passend aus. Keineswegs wollten wir die alte Frau und ihr Dien st- mäochen ermorden, sondern beide nur einschüch- t e r n. Fritz sollte das Dienstmädchen veranlassen, zu öffnen, indem er ihr einen Blumenstrauß überreichte, dann sollte ich das Mädchen durch barsche Worte einschüchtern, mir den Weg zu der alten Dame zu zeigen. Als der Vorsitzende dem Angeklagten vorhält: Ihr Bruder hat doch aber bekundet, daß Sie auch für den Fall Vorkehrungen getroffen hatten, daß das Dienstmädchen schreien oder sich widersetzen sollte, erklärt Karl Koppius: Wenn mein Bruder das Gegenteil von dem gesagt hat, was ich gesagt habe, so erkläre ich ihn hier- mit in der Oeffentlichkeit für einen Lügner und verweigere jede weitere Aussage zur Sache. Fritz Koppius erzählt nun: Wir waren von vorn- herein entschlossen, das Mädchen zu Boden zu schlagen, wenn es schreien sollte. Ich sollte das Mäd- chen niederwerfen, Karl sie zu Boden schlagen. Noch bevor ich klin- geln konnte, machte das Mädchen die Türe auf, um das Frühstück hereinzuholen. Darüber erschrak ich und konnte nur ein paar Worte stammeln, während ich ihr einen Strauß überreichte. Das Mädchen wich sofort entsetzt zurück und fing an zu schreien. Ich sprang auf sie zu und drückte sie zu Boden. Karl kam hinzu und schlug wild auf sie ein. Dann lief ich weg, Karl kam mir nach. Karl erklärt nun: Als ich den Schrei hörte und hinzukam, lag Fritz auf dem Mädchen. Da habe ich blind darauf zugeschlagen. Ich habe es ganz bestimmt nicht tun wollen. Ich habe hernach selbst vor mir ausgespuckt. In der Beweisaufnahme gibt die 74jährige Frau Rauer an, daß sie den Schrev und ein Stöhnen hörte, aus dem Bette sprang, das Mädchen auf dem Korridor liegend fand und nun nach den Hausleuten klingelte und rief. Der Sachverständige Dr. Leven legt dar, das schwerverletzte Mädchen ist zwar am 8. Juni aus dem Krankenhaus entlassen, aber Las ErinnerungS- vermögen hat außerordentlich gelitten. Die auf heute angesetzte Verhandlung wird sich im wesentlichen um die E r p r e s s u n g s v c r s u ch e gegenüber dem Lerlagsbuch- Händler I. I. Weher drehen. Hiia Induftne und Handel Die Dividenden der Brauereien. Schon seit einiger Zeit verlautete, daß das letzte Geschäftsjahr bessere Erträgnisse gebracht habe als das Jahr 1908/09. Die jetzt vorliegenden Dividendenschätzungen für die Berliner Brauereien be- stätigen dies. Sie lauten zumeist höher. Die folgende Tabelle gibt eine Uebersicht über die vorjährigen Dividenden sowie über die Schätzungen, wie sie jetzt an der Berliner Börse vorliegen, Mit wenigen Ausnahmen haben sich also die Erträge der Berliner Brauereien gebessert. Wo dies nicht der Fall gewesen ist. handelt eS sich um Brauereien, die schon seit langem nicht rentabel gerarbeitet haben. Das Brousteuergesetz hat noch dazu für die nächsten Jahre die Kontingentierung des Absatzes gebracht und da- mit können die Brauereien auf eine weitere Zunahme der Er- trägnisse rechnen. Die Börsenspekulation hat diesen beränderte» Verhältnissen schon seit langem Rechnung getragen. Gleich nach Annahme des Brausteuergesetzes trat eine AufwärtSkewcgung der Kurse ein. Auch neuerdings ist wieder eine Höherbewertung zu verzeichnen gewesen, so daß die besseren ZukunstSaussichten schon be- wertet worden sind. Da steht man, daß wir zur Zeit vollständig recht hatten mit der Behauptung, die Klagen der Brauereien und ihre Preisforderungen seien unberechtigt. Jetzt haben sie die höheren Preise durchgesetzt und die Aktionäre haben gut lachen. Konkurs der Niederdeutschen Bank. In der Versammlung der Gläubiger der Niederdeutschen Bank am Mittwoch teilte der Konkurs- Verwalter mit, daß an Aktiven 5 365 229, an Passiven 27 197 365 M. ermittelt sind. Die Unterbilanz beträgt 21 382 136 M. In der Masse liegen 193/« Proz._ Hohe Rohstoffpreise. Die Preise der mei st e n gewerblichen Rohstoffe stehen bereits wieder auf einer Höhe, die nicht allein über die der Vorjahre mehr oder minder stark hinausgeht, sondern vor allen Dingen auch die früherer Erholungsjahre ganz bedeutend übersteigt. Macht man für die wichtigsten Rohstoffe eine Gegenüberstellung der Preise, wie sie im Durchschnitt der ersten acht Monate der Jahre 1903 und 1910 notiert wurden, so ergibt sich, daß bis auf einen verschwindend kleinen Teil die Preise dieses Jahr er- heblich höher stehen als damals. Alle Sorten Häute und Felle, alle Tabaksorten, Baumwolle, Wolle, Haus, dann ferner Blei und Kupfer, einige Roheisensorten, endlich Stein- und Braunkohle aller Art weisen durchweg ein zum Teil erheblich höheres Preisniveau auf als im Jahre 1903. So kosten trockene Ochshäute lwestindische, zentralamerikanische) in Hamburg 201,40 M. pro Doppelzentner gegen 153,59 M. in der Parallelzeit 1903; bei Ochshäuten, besten, trockenen Buenos Aires beträgt der Preis in Bremen 220,00 M. gegen 184,30 M. Kalbfelle weisen in Frankfurt a. M. einen Preis von 329,00 M. auf gegen 285,62 M. Wir können nur einzelne Sorten herausgreifen, doch spiegeln sie die Gesamttendcnz deutlich wider. Bei Baumwolle ist der Preisvorsprung noch schärfer. Es kostete im Durchschnitt der ersten acht Monate der Doppelzentner in Mark: Baumwolle Wolle 1903 1910 1903 1910 Bremen. Middl. Upl. 111,7 151,6 Berlin, nordd. Schäf. 294,4 ZZS,4 , GoodOmraw.II 75,7 108,4 Bremen, gew. Buen. Hamburg, New.-Orl. Air...... 363,6 438,1 Middl..... 112,3 151,7 München, südd. Schäf. 245.0 ZlZ.I Sowohl für die Baumwoll« als für die Kammgarnspinnerei gestaltet sich demnach die Eindeckung mit Rohstoff in diesem Jahre äußerst kostspielig. Aeußerst stark gehen die Rohtabakpreise über die damaligen hinaus. Domingo-Deckblatt und Einlage stellen sich in Hamburg auf 66,00 M. pro Doppelzentner, während 1903 nur 52.25 M. bezahlt wurden. Brasiltabak 2 Proz. Tara nottert mit 100,00 gegen 89,37 M., Kentucky ordinär in Bremen mit 81,50 gegen 66,87, Brasil ebenfalls in Bremen mit 98,87 gegen 78,06 M., Stengel Virginh mit 18,00 gegen 15,00 M. Von deutschem Tabak sei noch Pfälzer Zigarrentabak angeführt, besten Preis in Mannheim 144,37 M. betrug gegen 101,87 im Jahre 1903. Von den verschiedenen Metallen sind hauptsächlich Rohblei, Rohzink und Rohztim zu nennen, bei denen die Preise in diesem Jahre erheblich höher sind als in der Parallelzeit 1903. Rasfiniertes schlesisches Blei kostet in Halberstadt 26,34 M. gegen 23,72 M., Harzblei, weich, doppelt, raffin., in Hamburg 26.65 gegen 25,10 M., und rheinisches, weich und doppelt raffiniert, in Köln 26,63 gegen 24,60 M. Der Preis für B a n k a z i n n beträgt in Frankfurt a. M. diese? Jahr 305,37 M. gegen 265,25, in Hamburg 314,70 gegen 274,41 M. Zink, gutes, schlesisches ab Hütte. kostet in Breslau 46,56 M. gegen 40,50 M. im Jahre 1903. Bestes deutsches Pu ddeleisen, Luxemburger Gießereieisen, schlesisches Giestereieisen, westfälisches Puddeleisen und englisches, auf dem deutschen Markte gehandelteS Roheisen weisen durchweg höhere Preise als im Vergleichsjahr auf. Die Steinlohlenpreife endlich stehen ausnahmslos höher als 1903._ Eine verdiente Lektion. Der Bürgermeister der Stadt Mülhausen i. Elf., Justizrat Klug, war in den Aufsicht»- rat der neugebildeten Aktiengesellschaft„Oberrheinische Kraftwerke" gewählt worden, an welche die Stadt Mülhausen ihr Elettri« zitätSwerk gegen Aktien im Werte von 8 Millionen<20 Millionen Gesamtkapital) veräußert. Von den übrigen 60 Prozent besitzt den Haupttcil die Berliner Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft. Der Protest der Sozialdemokratie gegen die Bcrschleuderung deS Werkes hat nichts genützt. Bürgermeister Klug be- durste nun zu seinen« Eintritt in den AufsichtSrat der neuen Gesellschaft der Genehmigung der staatlichen Aufsichtsbehörde. Diese Geuehmigung hat, wie jetzt bestätigt wird, der Bezirkspräsident für Oberelfast erteilt, jedoch daran die Bedingung geknüpft, dast der Bürgermeister auf etwaige Tantiemen als Aufsichtsratmitglud zugunsten der Stadt verzichte. Der Bürgermeister, der von der Stadt ein JahreSgehalt von 16 000 SD?, bezieht, wollte von dieser Verzichtleistung nichts wissen und appellierte an das elsah-lothringische Ministerium, das indessen die Entscheidung des Bezirkspräsidcnten in Colmar b e st ä t i g t hat. Ausnahmsweise kann man hier mit der Regierung einverstanden sein. Satyrspiel. Am Dienstag ängstigte sich die Börse eine Weile mit der angedrohten Metallarbeiteraussperrung. Besonders waren Kursrückgänge am Montanmarlte und in ElektrizitätSakticn zil kon- statieren. Im weiteren Verlaufe trat eine Befestigung ein, da ver- breitet wurde, es werde doch noch eine Einigung zustande kommen. Am Mittwoch hat man sich von dem Schrecken dann nochmals wieder erholt._ Hus der fvauenbewegimg» Verlöbnis und Ehe. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch kann aus dem Verlöbnis kein rechtlicher Anspruch auf Eingehung der Ehe hergeleitet werden. DaS Verlöbnis ist an keine Form gebunden. Das Wechseln der Ringe, oder eine Anzeige an Verwandte, Bekannte usw. ist nicht er- forderlich. AlS Verlöbnis gilt nur das ausdrückliche Eheversprechen. Das Verlöbnis wird aufgehoben durch gegenseitiges Einverständnis, durch Tod oder durch Rücktritt eines der Verlobten. Tritt ein Verlobter von dem Eheversprechen zurück, so hat er dem anderen Teile und desien Eltern sowie dritten Personen, die an Stelle der Eltern mit Rücksicht auf die in Aussicht stehende Ehe Aufwendungen machten, diese oder vielmehr den erwachsenen Schaden zu ersetzen. Dem anderen Verlobten hat der zurücktretende Teil ebenfalls den Schaden zu ersetzen, den dieser erleidet, indem er in Erivartung der Ehe sein Vermögen oder seine Erwerbsstellung berührende Maßnahmen getroffen hat. Der Schaden ist jedoch nur insoweit zu ersetzen, als die Aufwendungen bei Ein- gchung der Verbindlichkeiten und die sonstigen Maßnahmen den Um- ständen nach angemessen waren. Würde z. B. die Braut in Er- Wartung der Ehe ihre Stellung aufgeben, so ist auch der hieraus sich ergebende Nachteil zu ersetzen. Die Ersatzpflicht tritt nicht ein. wenn ein„wichtiger Grund" für den Rücktritt vorliegt. Was ist nun als ein wicht, ger Grund für den Rücktritt vom Verlöbnis anzusehen?— Langwierige ansteckende Krankheiten, Mängel im Charakter, Verletzung der Verlöbnistreue. Dagegen gilt nicht als ein wichtiger Grund, wenn die Eltern nach- weislich nur aus Geldgier die Zustimmung zurückziehen. Veranlaßt ein Verlobter den Rücktritt des anderen durch ein Verschulden, das einen wichtigen Grund für den Rücktritt bildet, so ist er ebenfalls zum Schadenersatz verpflichtet. Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Bei- Wohnung gestattet, so kann sie, wenn der Verlobte zurücktritt oder den Rücktritt der Braut verschuldet, nach dem Gesetz auch wegen des ideellen Schadens eine angemessene Entschädigung in Geld ver- langen. Ansprüche können hier schon gestellt werden, wenn auch keine Schwängerung vorliegt. Die'zu zahlende Entschädigung richtet sich nach der gesellschaft- lichen Stellung, dem Vennögen und den Einkünften der Parteien. Erforderlich ist durchaus nicht, daß die Braut Jungfrau war, auch eine Witwe oder geschiedene Frau kann in solchem Falle Ent- schädigung beanspruchen. Bemerkt sei noch, daß jeder frühere außereheliche Geschlechtsverkehr die Braut als„beschälten" stempelt. Wer den Rücktritt des anderen Teiles verschuldet, muß auch außerdem die erhaltenen Geschenke, zu welchen auch der VerlobungS- ring gehört, zurückgeben, er hat aber keinen Anspruch auf Zurück- gäbe der von ihm gemachten Geschenke. Ansprüche auf Grund dieser Bestimmungen verjähren in zwei Jahren von der Aufhebung des Verlöbnisses an. Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß eine Frau ohne besondere behördliche Erlaubnis nicht vor Vollendung des sech- zehnten Lebensjahres ehelichen darf. Tapfer rückwärts. Aus Anlaß deS in Frankfurt abgehaltenen fortschrittlichen Frauentages ließ man in einer öffentlichen Versamm- lung eine Resolution annehmen, in der betont wird, daß die Mitarbeit in der fortschrittlichen Bollspartei eine Pflicht aller entschieden liberal gesinnten Frauen sei. Die Versammlung sieht in der Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Frauen eine selbstver- ständliche Folge liberaler Grundsätze und erwartet, daß die Mit- arbeit der Frauen zu dieser Anerkennung durch das Parteiprogramm führen wird.— Was man schon mal gefordert, daS„erwarten" die fortschrittlichen Damen jetzt nur noch. Die Kombination„Fortschrittliche Volkspartei" und„liberale Grundsätze", sollten die tapferen Kämpfe- rinnen sich eigentlich patentieren lassen. Genebts- Zeitung* Von der Bewertung der KinberauSsageN hing das Schicksal zweier Personen ab, die sich unter der Anklage des Sittlichkeitsverbrechens vor dem Moabiter Strafrichter zu ver- antworten hatten. Vor der 10. Strafkammer des Landgerichts I mußte sich der Bürgermeister a. D. Dr. jur. Johannes Stutte wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit im Sinne des§ 176,3 des Strafgesetzbuches verantworten.— Anfang Dezember v. I. erschien in dem Lokal der Schankwirtin Kühn ein älterer, besser gekleideter Mann, der sich viel mit dem elfjährigen Sohne der Frau K. be- schästigte. Nach dem Weggange des Unbekannten erzählte der Knabe seiner Mutter, daß sich der Fremde an ihm in sittlicher Beziehung vergangen habe. Die Ermittelungen nach dem Täter blieben erfolglos. Eines TageS erschien der jetzige Angeklagte in dem Lokal. Kaum hatte ihn der Knabe erblickt, als er seiner Mutter mitteilte, daß dies jener Mann sei. Der Angeklagte ver wahrte sich ganz entschieden gegen den Verdacht und behauptete auch jetzt vor Gericht, daß er das Opfer einer Personenverwechse- lung sei. Der Knabe bekundete dagegen mit aller Bestimmtheit, daß St. jener Mann gewesen sei.— Das Gericht kam nach längerer Beratung zu einem nem liquet(nicht aufgeklärt), da es die Aus- sage eines elfjährigen Knaben, die durch keinerlei Nebenmomente unterstützt wird, für nicht ausreichend hielt, um die Verurteilung eines bisher unbescholtenen Mannes herbeizuführen. DaS Urteil lautete deshalb auf Freisprechung. Zu dem gleichen Resultat gelangte die 3. Strafkammer des Landgerichts III in der Strafsache gegen den Barbier Paul Schilling aus Lichtenberg, der des wiederholten SittlichkeitSver- brechens an Schulmädchen beschuldigt wurde. Die beteiligten Kin- der hatten bei der polizeilichen Vernehmung Dinge erzählt, die nach und nach immer mehr an Unglaubwürdigkeit zunahmen. Der An- geklagte selbst bestritt ganz entschieden, sich irgendwie strafbar ge- macht zu haben. DaS Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß den Aussagen der Kinder kein Glauben beizumessen sei und erkannte auf Freisprechung._ Die Berliner Messcnger-Boys-Eompagnie alS Privatpost. Nachdem die Mcssenger-Bohs-Gesellschaften in einer Reihe anderer Städte sich in die Maschen des Postgesetzes verwickelt hatten, ist dieses Geschick nun auch der ältesten Anstalt dieser Art auf dem Kontinent, der Berliner, widerfahren. Am Dienstag hat das Reichsgericht das Urteil des Landgerichts II in Berlin vom 14. März dieses Jahres, durch welches die Direktoren der Gesell- schaft, Dr. Hoffmann und Hofmeister, sowie der Gastwirt Reinhard von der Anklage des Vergehens gegen das Postgesetz freigesprochen worden sind, auf die Revision der Staatsanwaltschaft aufgehoben. Meinhard wollte seinen Kunden und anderen Personen eine ge- Druckte Mitteilung zustellen und erbat sich von der Messenger-Boys- Compagnie zwei Boten gegen Bezahlung. Diese Boten beförderten dann die teils offenen, teils verschlossenen Sendungen an bestimmte Adressen. Das Landgericht war der Meinung, daß die M.-B.-C. keine Einrichtung zum Einsammeln, Verteilen und Befördern von Briefen sei. und daß die beiden jungen Leute als expresse Boten anzusehen seien. Dr. Hoffmann und Hofmeister sind nicht nur des Vergehens gegen Artikel 3 der Postnovelle von 1890, sondern auch gegen§ 1 und 1a des Postgesetzes von 1871 für nicht schuldig erachtet worden. Denn selbst, wenn die Beförderung(geschlossene Briefe!) unzulässig gewesen wäre, so würde nicht festgestellt sein, daß Dr. H. und H. gewußt hätten oder annehmen konnten, daß R. die bestellten Boten zu einer verbotenen Tätigkeit benutzen würde. Danach konnte auch R. nicht wegen Beihilfe zu dem Ver- gehe« ßegest die Postnosselle öerurleilt iverd'e«. Diese RechtsallS» führungcn wurden von der Revision der Staatsanwaltschaft be- kämpft. Der Reichsanwalt trat der Revision bei und wies daraus hin, daß der Vorinstanz ein wesentlicher Rechtsirrtum unter- gelaufen sei. DaS Gesetz spreche nicht von Anstalten zum Ein- sammeln, Verteilen und Befördern, sondern zum Einsammeln, Verteilen oder Befördern. Es genüge daher zur Strafbarkcit, wenn die Anstalt eine dieser Tätigkeiten gewerbsmäßig gegen Be- zahlung ausübe oder ausüben lasse. Einen Unterschied könne es nicht machen, daß die Anstalt dem Auftraggeber die in ihrem Dienste stehenden Boten zum Austragen von Briefen überläßt- Im übrigen wurde auf die bereits in ähnlichen Sachen ergangenen Reichsgerichtsentscheidungen verwiesen.— Das Reichsgericht hob das freisprechende Erkenntnis auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Die Ortsverwaltung— grober Unfug. Der Gastwirt Dümckc in AugSdorf, einem Orte im ManS- feldischen, entzog auf den bekannten„reichstrcuen" Druck der Ge« werkschaft hin der organisierten Arbeiterschaft sein Lokal, um es dafür dem Protektionskinde der Mansfcldcr Gewerkschaft, dem reichstreuen Verbände zur Verfügung zu stellen. Nun forderte der Leiter der Zahlstelle AugSdorf des BcrgarbeiterverbandcS, Genosse Kaiser, durch Zettel, die er der„Bcrgarbeiterzeitunp" beilegte, die Verbandsmitgliedcr auf, daS fragliche Lokal zu meiden. Auf den Zetteln hieß eS. u. a.„Kameraden, übt Solidarität", die Unterschrift lautete„Die Ortsverwaltung." Aus zweierlei Gründen erblickte der Amtsanwalt in Eisleben in der Verteilung dieser Zettel groben Unfug. Einmal sollte die Verhängung des Boykotts groben Unfug bedeuten. Dann aber sollte der Tatbestand des Groben Unfug-Para- graphcn auch dadurch gegeben sein, daß auf den Zetteln„Die Orts- Verwaltung" als verantwortlich figurierte. Denn, so folgerte der Amtsanwalt, Mindergebildete hätte» daraus entnehmen können, daß die Zettel vom Ortsvorsteher herrührten und soweit seien wir noch nicht, daß wir eine„sozialdemokratische OrtSvcrwaltung" hätten, würden auch nicht soweit kommen. Das Amtsgericht in Eis- leben lehnte den Erlaß eines Strafbefehls ab. Der Amtsanwalt wandte sich beschwerdeführend an das Landgericht in Halle a. S- und diese? Gericht beschloß die Eröffnung des Hauptverfahrens l Vor dem Schöffengericht in Eisleben führte Genosse Dr. Lands- berg- Magdeburg die Sache des Angeklagten. Er frug gegenüber der durch den Amtsanwalt beliebten Kritik des Boykotts, ob dieser SLeamte auch die von den Militärbehörden praktizierte Sperre von Lokalen, die der organisierteu Arbeiterschaft zur Verfügung stehen, als groben Unfug kennzeichnen wolle. Worauf der Amtsrichter den Verteidiger ersuchte, im GcrichtSsaal keine Politik zu treiben! Daß der AmtS- anwalt vorher von„sozialdemokratischer OrtSvcrwaltung" ge- sprachen focht den Richter nicht an. Sodann ging der Verteidiger noch auf die Frage der Ortsverwaltung ein. Die Augsdorfer Ein- wohner müßten geradezu in Schutz genommen werden gegen dia Unterstellung, daß sie die Ortsverwaliung des Bergarbeiterver- bandes nicht vom OrtSvorftande der Gemeinde zu unterscheiden wüßten. Wenn aber wirklich unter der„reichstrcuen" Bevölkerung Leute wären, denen diese Verwechselung passieren könnte, so sei das doch ohne Gefahr, denn die Zettel seien nur an Verbandsmitglicder gelangt und diese besäßen das notwendige Unterscheidungsvermöge». DaS Gericht konnte sich denn auch nicht zu der eines humoristi- schen Beigeschmacks nicht entbehrenden Iluffaffung des Amtsanwalts entschließen, sondern sprach den angeklagten Genossen frei. Die Vcrteidlgungskosten auf die Staatskasse zu übernehmen, lehnte es ab, da der Angeklagte das Zutrauen zum Gericht hätte haben müssen, auch ohne Verteidiger sein Recht zu finden! Diese Ansicht des Gerichts ist um so merkwürdiger, als doch ein höheres Gericht— das in Halle— einen falschen Beschluß in der Sache gefaßt hatte und die Rechtslage demnach keineswegs einfach war. Bcrbanb der Friseurgehilfen Deutschlands. Zweigverein Berlin und Vororte. Donnerstag. den 6. d. MtS., abends S Uhr, Rojenthaler S trage 11/12: Versammlung. Zentralverbnnd der Fleischer. Hellte, Donnerstag, den 6. Oktober. abends S Uhr: Mitgliederversammlung im Rosenthaler Hos(grotzer Saal). Rosenthaler Str. 11— l2. Tagesordnung: 1. Bericht von der Sitzung der Jnteresienten der Stellenvermittelung im Pollzeiprälidium und die neue» Taxen jür di» Vermittler. Referent: Kollege P. Bergmann. 2. Die Ent- Wickelung der Gelamtorganisatlon im ersten Halbjahr 1910. g. Ver- waltungSangelegcnheiten. Mitgliedsbücher sind mitzubringen. r Unserem Parteigenossen Alloli Weidner nebst Braut j zurHochzeit die besten Glückwünsche.] < Die alten Genossen d. Bezirks 718. Deutscher Metallarbeiter-Verband Berwaltuugsstelle Berlt». Nachruf. Den Kollegen zur Siachrscht, daß unser Mitglied, der Dreher Lachmanii am 24. September injolge Unfalls gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! 122/13 Bis Ortsverwaliung Verband der Schneider und Schneiderinnen. (Filiale Berlin I.) Tode»- Anzeige. Den Milgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege U)iiis Thiede im Alter von 55 Jahren ver. storben ist. 163/14 Ehre seinem Andenken i Die Bcerdiaung findet ain Freitag,"den 7.{ Oktober, nachmittags l'/s Uhr, von der Leichen- balle des Zentl al-Friedhoses w Friedrichsfelde ans statt. Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung ineineS lieben Mannes sage ich hierdurch allen tireunden und Bekannten, speziell dem Wahlverein Rixdorj und der Firma Mix u. Genest, sowie auch dem Spar- verein Letzter Nickel" ineinen aus- richtigsten Dank. 1238L Wwe. Baniie nebst Kindern. Am 4. Oktober verschied unverhofft mein innigstgeliebter Mann, unser herzensguter Vater, Sohn, Bruder, Schwager und Onkel, der Restaurateur Hermann Ramlov im 49. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt im Namen der Hinterbliebenen an M Ramlov geb. BiitaD nebst Kindern, Schönholz Nr. U. Die Beerdigung findet Sonnabend, den 8. Ottober, nachmittags 4 Uhr, vom Tranerhauje, Schönholz Nr. 14, aus statt. Mtung!!! Sprechmascliine n-Besitzer!!! „Unsens platte" No. 100 No. 105 No. 108 ,I>te Marweniaine." Orchester. ,Anf nach Treptow." Harmloser Marech. »Wir Männer In der Binse." Gesang. , Arbeiter-Marseillaise." Gesang, .Sozialisten-Marsch." Gesang. ,Dle Internationale." Gesang. Und andere Platten. Preis! 1,50._ 1143L* Bei Abnahme von zwei Platten an portokreier Versand innerhalb Qroß-Berlins, AnsschlioßHch zu haben bei E. 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Sophieustr. nus. Boekers Festsäle, Weberitr. i?. ändreas-Festsäle, Ansreasstr. 81. Freyers Festsäle, o..«oppeab.. 8». Litllns Festsäle, O.. Memeler Strafte«7. Prachtsäle des Ostens, O.. Frankfurter Allee 138, Markgrafensäle, o., Markgrafensamm 34. Orachenburg, s.o., Vor Sem Schlefischeu Tor 8. Urania, S.O., Wraugelstr. 10. Oewerkschaftshaus, S.O.. Engelnfer 18. Rellers Neue Philharmonie, S O.,«öpenicker Str. 00. Arminhallen, s.w.,«»mmansantenstr. 58, Berehts Festsäle, 75. Gliesings Festsäle, os. RÖlllgShOf, W., Bnlowstr. 37. Trapps Festsäle, Tegel, B-hnh-mr. 1., fiorsigwaider Festsäle, Bersigwalde. Paul Schwarz, Lichtenberg, Möllendorfstr. 83. Wiihelminenhof, Ober-Schöneweide, Wilhelminenhofstr. 88. Schumann, Wildauerhof, Wildau. Neue Welt, Rixdorf, Hasenhelde 108/U4. Volkshaus, Charlottenburg,«og««»*. 3. Neue Rathaussäle, Schöneberg, Marttn-sather-Ttraft« 51. Bühles Volksheim, Spandau, Haveiftr. so. Hoisdorf, Tivoli, Spandau, Secblirger Strafte. Prälaten, Weifiensee, sehdergr. iss. Lerche, Friedrichshagen, 3*1�1�. n». Wiihelmsgarteu, Tempelhof, Berliner Strafte s. Tages-Ordnung: 1. Bericht über den gegenwärtigen Stand der Werftarbeiterbewegung und unsere Stellungnahme gegenüber der angedrohten Aussperrung. 2. Diskussion. 122/20 Anläßlich der von dem Unternehmerwm angedrohten Ausspen'ung muß die gesamte Berliner Metallarbeiterschaft beweisen, daß sie vor dem angedrohten Kampf nicht zurückschrecken wird. Kollegen und Kolleginnen! Deshalb erscheint in Massen. __ Pas ZentralkomStee. I. A.: Adolf Cohen. Charitestr. 3. Holzbildhauer! Freitag, den 7. Oktober d. I., pünktlich gVg Uhr, im Lokal „fllhambra", WMMHkckr-M. 15: Bericht der Kommission. Jeder Kollege erscheine. IMv Liohnkomnilsslon. Nttlmd t" Maler, Llickimr, An ßreillitr jc. Mechlorste. 28, Part. Filiale Berlin. Tel.: Amt IV, 4787. Heute Donnerstag, de» 0. Ottober 1010, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 18: SeIltil>llSvtrsl»i»lilii«s der Lackierer. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Schriftstellers Genossen Georg Davidsohn über: „Bentseker Humor". 2. Diskussion. 8. Verbandsangelegenheiten. Zahlreiches Erscheinen erwartet 127/8 Die Sektlonsleitung. » Bautischler. Donnerstag, den 6. Oktober, abends 0 Uhr: Vertranensmänner- Versammlung für Berlin und Vororte im Getverkschaftshaus, Engelnfer 14/15, Saal 4. Tages-Ordnung: Bericht der Kommission und Ausgabe der neuen Tarife. Die Kommifsionsinitglieder müssen um 8 Uhr im ArbeitSlosenraum. Eingang B PMerre, erscheinen. 91/3 Montag, den 10. Oktober 1910, abends SVa Uhr, im „Englischen Hof", Alexanderstraße 27c: isr Versammlung für die Tischbranche Berlins u. Bororte Tagesordnung: 1. Bericht der Branchenkommission. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Ich habe mich in l�ixdorf, Bergstr. 9, Ecke Frln- llandjery-Straße, als prafet. Arzt und Geburtshelfer niedergelassen. Dr. med. Lissauer Sprechstunden: 8—10, 3— 5. ------------ Tel.: Ri. 9434.. f, ib fcit Ortsvcrvraltung Berlin. Bureau: Berlin 0., Rosenihalerstr. 11/12, Restaurant Schilling. Amt III, 2438. z Achtung! s so/i» Wir empfehlen bei Veranstaltung von Vergnügen usw. den geehrten Vorstände«, Komitee? und Saalinbabern unseren kostenlosen Arbeitsnachweis, Nosenthalerstr. H/IÄ. Geschäftszeit täglich von 10'/,— 1 Uhr mittags. Kapellen vom größten bis lieinsten Orchester stehen jederzeit zur Veisügung. Der Borstand. 178. Unsere Mitglieder sind im Besitz einer Kontrollkarte. Dieselbe ist sür das 4. Quartal grün u. muß mit dem Berbandssteinpel versehen sein. Alle andere Legitimation ist ungültig und ist sofort anzuhalten. Gaskocher, Gaskronen, GaSzug ampei, ivottbilltg. Woblauer Nach I folger. Wallnertveateritraße 32. �unflheirsto�jt Moläsarb -Wss. flX&- D.R.W.Z.10682. Health shuff fobacco. Fabac ä priser de sanl labaka do zazywania dta zdrowia. Tabocco da naso alla salute. I.Preis 150 M. bar 2. Preis 1 00 M.barus*. für diejenigen unserer Kunden, welche die gröfite Anzahl unserer Annoncen gesammelt haben. 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Redakteur: Curl Mermuth, Berlin-Rixdorf, gilt den Lnseratenteil verantw.' Zh. Glocke, Berlin. Druck».Verlag-Borwärt««»uchdruckerei u. VerlagSanftalt Paul Singer Se eo�. Berlin SVV. Ar. 234. 27. Zahrgaag. 3. Irilngt ks Jotwättf ßttliiiet Jofelhit, Donnerstag. 6. Oktober 1910. Anband der sozialdemokratischen Wahlvereint Kerlins und Umgegend. Die am Sonntag, den S. Oktober, IS Uhr mittags, stattfindenden Volksversammlungen werden, autzer in Berlin, noch in den Vororten Charlottcnburg, Lichtenberg, Pankow, Rixdorf, Rummelsbnrg, Schöneberg und Wilmersdorf abgehalten. Neben den Berliner Kreisen werden die Flugblätter auch in den oben angegebenen Orten am Sonntag früh 8 Uhr von den bekannten Stellen aus der- breitet. Wir bitten die Genossen, zahlreich und pünktlich bei beiden Veranstaltungen anzutreten. _ Der Aktionsausschuß. Partei-?Zngelegenkeiten. Zur Lokalliste. Reinickendorf-Ost. Der Männergesangverein„Lieder- tafel" der hiesigen Luxuspapierfabril Albrecht u. Meister feiert ain Sonnabend, den 8. Oktober, sein Stiftungsfest im Restaurant „Seebad", Residen�straße, und versucht, hierzu Billetts unter der Arbeiterschaft abzusetzen. Dies der Stadt Berlin gehörige Etablissement wird den Reinickendorfer Arbeitern seit Jahren be- harrlich verweigert; wiederholt wurden Genossen, die vor dem Lokale ihre Pflicht ersüllten, bestraft. Es darf erwartet werden, daß sich alle Arbeiter darin einig sind:„Diese Billetts müssen energisch zurückgewiesen werden"'. Erster Wahlkreis. Sonntag, den 9. Oktober, nachmittags 4 Uhr: llrania-Vorstellnng. Zur Aufführung gelangt:„Der Vierwaldstärter See und der Gotthard". Billetts an den bekannten Stellen und beim Kassierer Bolzmann. Mittenwalder Straße 39. Lichtenberg. Freitagabend Flugblattvcrbreitung von dm be- kannten Stellen aus. Ober-Schöneweide. Den Mitgliedern des Wahlvereins zur Nach richt, daß die am 7., 8. und 9. Oktober geplante„Vorwärts". agitation anderer wichtiger Vorkommnine wegen nicht st a t t findet, sondern auf eine spätere Zeit verlegt ist. Die Bezirksleitung. Groß-Lichtcrfclde. Arn Sonntagnachmittag L'/z Uhr findet bei Erpel, Lichterfelde-Süd Berliner Straße 129 eine öffentliche Ver- sammlung statt. Genosse Kaliski spricht über:„Wirtschaftliche Not und politisches Elend". Am Freitagabend findet eine Handzettelverbreitung statt. Die Bezirksführer werden ersucht, das Material heute abend abzw holen; für den W-stcn von Balkow, Chausseestraße 54,. für den Osten von Schindler, Osdorfer Straße 13. Sonntagvormittag findet ein vom Bildungsausschuß arrangierter Museumsbesuch statt. Die Teilnehmer treffen sich früh 8 Uhr am Händelplatz. Der Vorstand. Zehlendorf Wannseebahn). Sonntag, den 9. d. M., nachmittags 3 Uhr findet bei B. Schwarz sRennbahn), Alsen-Stxaße eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen statt. Reichs- tagsabgeordnter Fritz Zubeil spricht über:„Die augenblickliche politische Laae". Die H.'ndzettelverbreitung zu dieser Versammlung findet ain Freitagabend 7Va Uhr von allen Bezirken aus statt. Die Bezirksfühnr erhalten das Material heute nachmittag. _ Der Vorstand. Berliner JNlacbncbten. Kartoffelbau im Lustgarten. Wer heute die Garteuanlagen des Lustgartens bestaunt, denkt gewiß nicht mehr daran, daß hier die ersten Kartoffeln gepflenzt worden sind, die nach Berlin kamen.DAber der Lust gartm ivar ja ursprünglich des Schlosses Küchengarten. Aus dem ursprünglich imisten Platz sollte Corbianus aus Glauchau 1573 auf Befehl des Kurfürsten einen Lustgarten machen, „daraus Wir allerlei unser Küchen Notdurft haben mügen". Die'er Garten entstand auch und erstreckte sich bis zum jetzigen Museum. Im großen Religionskriege verwilderte er, um unter dem großen Kurfürsten durch Meinhardt und Michael Hanff neu zu erstehen, teils als Obstgarten, teils als botanischer und teils als Küchengartcn. Und hier, wo jetzs da? Museum steht, wurden 1649 probeweise die ersten Kar tofieln gepflanzt. In Holland war die Knolle schon zu Ende bei 16. Jahrhunderts durch einen päpstlichen Gesandten bekannt geworden; erst 50 Jahre später kam sie nach Berlin. Der kurfürstliche Leibarzt Dr. Elsholtz, der 1657 eine Be- schreibung der im Lustgarten gezogenen Pflanzen anfertigte, nennt darunter: Tartuffeln aus Holland, Lolnmun tuberosum osculentum. Wir wissen auch noch, wer die Knollen geliefert hatte. Es war der„Gardinier zu Ryßwick in Holland. Burkhardt Friedrich", dem mit Order vom 1. Februar 1649 80 Gulden dafür angewiesen wurden. Durch Geschenke von Knollen, die der Kurfürst an der Tafel machte, lernten die Großen des Staates und der Stadt die neue Frucht kennen, und es ist sicher, daß in den kurz darauf angelegten Gärten Berlins und der Mark, so beim Kricgsrat v. Meinders, Geheimrat v. Canstein in Lindenberg, Burggraf zu Dohna auf Schönhausen. Oberschcnk v. Borstell auf Hohenfinow, Kammer- Herr v. Götzen-Rosenthal u. a. auch Kartoffeln an erster Stelle angebaut wurden. Es handelte sich damals noch um die so- genannte Rote Kartoffel; die weiße ist erst später in Berlin bekannt geworden, wahrscheinlich um 1675. Ein Bild von Albert Schwartz hat übrigens die erste Kartoffelernte im Berliner Lustgarten verewigt; es dürfte das einzige Denkmal sein, das von der Einführung der Knolle in Berlin Kunde gibt._ Wie die Stadt Berlin vom Kriegsminisierium wegen Ankauf des Tempelhofcr Feldes an der Rase herunigeführt wurde, geht deutlich aus einer Denkschrift hervor, die die Gemeinde Tempelhof angefertigt hat. Daraus ist ersichtlich, daß seit Anfang dieses Jahres das Kriegsminiftcrilim mit der Gemeinde Tempelhof verhandelt hat. Die beiden Gemeinden Berlin und Tempelhof wurden fortgesetzt gegen einander ausgespielt. Schließlich wurden bereits am 12. August vom Gemeindevorstand in Tempelhof Vorschläge desKriegSministeriums .über noch schwebende Differenzpunkte angenommen. Ani 31. August wurde der Vertrag unterzeichnet, obwohl noch am 39. August ein Schreiben des Kriegsministers an die Stadt Berlin abgesandt wurde, in welchem eine Rücksprache mit einem Vertreter der Stadt Berlin zugesagt wurde. Weitere Mitteilungen beziehen sich auf Verhandlungen in de� Eingemeindungsfrage, die aber wesentliches nicht enthalten, eS fei denn die Wiedergabe eines Schreibens des Landrats v. Achenbach an den Bürgermeister Reicke, in welchem sich der Teltower Landrat gegen Ausgemeindung von Teilen des KreiseS ausspricht. In der Angelegenheit hat sich auch daS Kciegsministerium reinzuwaschen versucht, unseres Erachtens ohne Erfolg. Daran ändert auch nichts, daß.Staatsbürgerzeimng",„Reich" und natürlich die agrarische „Deutsche Tageszeitung" ihm zu Hilfe eilen und die Schuld auf die Bummeligkeit des Berliner Magistrats abzuwälzen versuchen. Die Psychiater im Rathause. Frau Berolino hatte zu gestern abend die Mitglieder des Kongresses für Jrrenfllrsorge nacb dem Rathause gebeten. Da die Mitgliederzahl bereits das sechste Hundert überschritten hat. konnten nur bevorzugte Psychiater mit ihren Damen teilnehmen. Man hat den ausländischen Delegierten den Vortritt gelassen, so daß die Hälfte der Kongreßmitglieder wegen Platzmangel in den städtischen Prunkränmen zurückstehen mußte. Daß auch die Presse wieder nicht genügende Berücksichtigung fand, ist bei solchen Gelegenheiten, die unter der Aegide des Stadtrats Namslau arrangiert werden, nichts Neues mehr. Viel gab es freilich nicht zu verlieren. Die Festlichkeit be schränkte sich neben dem Büfettsturm auf die üblichen Lobhudeleien für die Gastgeberin, die ja bekanntlich für die Jrrenpflege gegen früher sehr viel tut, aber noch erheblich mehr tun könnte. Die von uns schon skizzierte Ausstellung für Jrrenpflege im Abgeordneten hause liefert sopar den bündigsten Beweis, daß auf diesem Gebiete die Stadt Berlin durchaus nicht an erster Stelle rangiert. Am Freitag, dem Schlußtage des Kongresses, finden für dt Kongreßmitglieder nach Wahl Besichtigungen des Rudolf Virchow- Krankenhauses, des königlichen Instituts für In fektionskraukheiten, des Kaiserin-FricdrichhauseS für daS ärztliche fortbildungSwesen sowie der städtischen Anstalten in Dalldorf, Her, crge, Buch und Wuhlgarten statt. Am Sonnabend kann die Strä anstatt Moabit mit der dortigen psychiatrischen Beobachtungs abteilung und die neue Landesirrenanstalt Teupitz besichtigt werden Bedauerlich ist die außerordentlich geringe Beteiligung von Laien an den Kongreßvcrhandlungen, die zum großen Teil tn gemeinverständ licher Form geführt werden._ „Rcporterrccht". Eine hiesige Korrespondenz schreibt:„Ueber das Neporterrecht, von welchem der Polizeipräsident von Berlin, Herr v. Jagow, in seinem Schreiben an den Verein der ausländischen Presse, allerdings in negativem Sinne, spricht, ist in den hiesigen journalistischen Berufsvereinen schon seit Jahren beraten worden. Gleichfalls mit negativem Erfolg, denn bisher hat kein Berliner Polizeipräsident, wir nehmen allerdings Herrn v. Jagow aus, es für nötig erachtet. den Berliner Berichterstattern irgend welche Rechte, die sich au ihren Berus bezichen, einzuräumen. Anfangs der neunziger Jahre wurde zwei pensionierten Polizeioffizieren seitens des Polizesi Präsidiums die Vergünstigung eingeräumt, sich von dieser Behörde wichtige Polizeinachrichten zu holen, die sie an die Presse ver- breiteten. Dieses Monopol wurde dann ans Berichterstalter einiger hiesiger großer Zeitungen übertragen. Schreiber dieses erinnert sich, daß die Inhaber eines sehr bekannten Korrespondenzbureaus anfangs der 90er Jahre sich biltweife an das Polizeipräsidium wandten, um Nachrichten zu erlangen. Obwohl gegen diese Herren nicht das geringste vorlag, wurden sie kurzerhand ohne Be. gründung abgewiesen. Eine Beschwerde bei dem damaligen Minister des Innern verlies ebenso resuttatlos. Noch heute erhalten Inhaber von Korrespondenzbureaus von der Kriminalabtcilung des Polizeipräsidiums keine Auskunft und sind bei ihren Recherchen aw ihre persönliche Findigkeit angewiesen. Wenn dann Tartarennach. richten entstehen, die die Zeitungen gutgläubig aufnehmen, so ist dies unseres Erachtens nach kein Wunder. Bedaneriich aber ist eS, wenn Tartarennachrichten in die Welt gesetzt werden von solchen Berichterstattern, die Nachrichten von dem Polizeiprästdium ständig erhalten. Darum kann eS sich in den Ausführungen des Herrn Polizeipräsidenten nur handeln. Und solche Tartarew Nachrichten sind anläßlich der Moabiter Unruhen zu Dutzenden vorgekommen, weil der Kreis derjenigen, die von der. Polizei jede Auskunft erhalten, ein sehr beschränkter ist. Die BerufSvereine, die in diesen Tagen vertrauliche Besprechungen geführt haben, stehen auf dem Standpunkt, daß die Behörden— nicht allein das Polizei- Präsidium, sondern auch die Ministerien—, von denen die große Mehrzahl der Berichterstatter wie Schuhputzer behandelt wird, auch anderen Berichterstattern dieselbe ausführliche Auskunft erteilen müssen, wie den ein Monopol besitzenden Journalisten. Wird in dieser Beziehung eine Reform geschaffen, so wird eS auch keine Tartarennachrichten mehr geben. Dann würden wir nichts dagegen haben, wenn die Fabrikanten solcher Rachrichten möglichst streng be straft werden." Wir haben unS in unserem Blatt wiederholt gegen die Art der Nachrichtenverhökerung gewendet, die speziell auS der Kriminal- abteilung betrieben wird. Dabei haben wir aber den Stand. punkt vertreten, daß die Polizei die Presse braucht und sie deshalb ihre Nachrichten direkt ohne Benutzung einer privaten Korrespondenz. die darauf ein Monopol besitzt, der Presse zugehen zu lassen hat. Bei der Moabiter Berichterstattung handelt eS sich um Mit- tcilungen aus dem Reffort der Sicherheitspolizei, die gleichfalls dem monopolisierten Korrespondenzbureau gegeben wurden. Diese Korrespondenz hat sich durch die Art ihrer Berichterstattung ganz sicher den Dank der sie Unterrichtenden verdient. Das der Polizei gespendete Lob für ihre Taten ist deshalb nur zu ver- ständlich. Daneben hat die Polizei auch direkte Mitteilungen über die Moabiter Vorgänge verbreitet, die natürlich auch nur im Interesse der Polizei abgefaßt waren. Will eine Zeitung objektiv berichten, so kann sie eine solche Berichterstattung nicht mitmachen, öndern sie mutz sich durch eigene Beobachtungen von den Vor- gängen unterrichten. Und das hatten leider nur wenige Zeitungen getan. Wer eS tat, wie die engtischen Journalisten, haben von dem Verhalten der Polizei eine andere Meinung erhalten, als die in der polizeilich inspirierten Korrespondenz niedergelegten. Die Einnahmen der städtischen Straßenbahnen im Sep- tcmber 1910 betrugen 136 736,10 M. gegen 76 534,45 M. im September 1909, das ist eine Tageseinnahme von 4557,87 M. gegen 2551,15 M. im September 1909. Es wurden ins- gesammt 1499 410 Personen gegen 809 560 Personen im Vor- ahre befördert. Die Anzahl der im September gefahrenen Wagenkilometer(Motorwagen und Anhängewagcn) ist von 135 815 des Vorjahres auf 245 620 gestiegen. Die Einnahme iir das Wagenkilometer beträgt 55,67 Pf. gegen 56,35 Pf. ini Vorjahre. Das Aquarium in der Schadolvstraße schließt seine Pforten. Die Tierbestände sind für das neue Leipziger Aquarium augekauft worden. Leider hat der Berliner Magistrat die Gelegenheit ver- äumt, das nützliche Institut für Berlin zu erhalten. Unseres Er- achtens wäre das nicht allzu schwierig gewesen, wenn nur der gute Wille vorhanden gewesen wäre. Bekanntmachung. Auf Grund der Bekanntmachung de« Herrn Reichskanzlers über den Betrieb der Bäckereien und Konditoreien vom 4. März 1896 werden für den Rest des Jahres 1910 der 29. Oktober, 15. und 23. November, 19., 17., 21., 22., 23., 24. und 31. Dezember als solche Tage festgesetzt, an denen in Bäckereien und Konditoreien Gehilfen und Lehrlinge über die vorgeschriebene Zeit hinaus beschäftigt werden dürfen. von einigen Stiftungen ge- aber Zinsfreie Darlehen werden lvährt, die die Stadt Berlin verwaltet. Berücksichtigt werden aber keineswegs die bedürftigsten der Darlehnsucher, sondern nur solche, von denen man mit einiger Sicherheit eine Rückzahlung der Dar- lehen erwarten kann. Denn selbstverständlich soll jedes Darlehn einmal zurückgezahlt werden, und zwar wird darauf gehalten, daß das in nicht zu langer Zeit geschieht. Was diese Stiftungen leisten, ist nicht viel, und es bedeutet lächerlich wenig, wenn man es mißt an der Größe der Not, zu deren Linderung sie beitragen wollen. Ueber die DarlehnSgewährung der sogenannten„Friedrich- Wilhelms-Anstalt für Arbeitsame" sowie der mit ihr verbundenen „Biedersee-Stistung" belehrt uns wieder der Verwaltuugsberichl, den der Magistrat soeben für das Rechnungsjahr 1999(1. April 1999 bis 31. März 1919) veröffentlicht hat. Die Friedrich- Wilhelms-Anstalt hat diesmal nur an 272 Personen zu- sanimen 26 789 M. verborgt, so daß im Durchschnitt jedes Darlehn 98 M. betrug. Dagegen wurden in den fünf vorhergehenden Jahren sbis 1994 zurück) 344. 393, 394, 469, 596 Personen berücksichtigt, und die Summe der Darlehen betrug 82 299 M., 29 615 M., 38 329 M., 44 655 M.. 52 555 M.. so daß hier sich ein Durchschnitt von 94 M., 96 M.. 97 M.. 97 M.. 194 M. ergibt. Man sieht, wie sehr in dem letzten Jahrfünft die Leistungen sich verringert haben. Bei der B i e d e r s c e- S t i f t u n g ist für 1999 ein Mehr zu verzeichnen, aber diese Stiftung ist an sich so klein und kann nur so wenig Personen berücksichtigen, daß ein hier auf« tretendes Mehr nicht ins Gewicht fällt gegenüber dem bedeutenden Weniger bei der erstgenannten Stiftung.' Diesmal haben aus der Biedersee-Siistung 108 Personen zusammen 7605 M. als Darlehen erhalten, also jede Person durchschnittlich 79 M. In den vorher- gehenden fünf Jahren waren 199, 79, 89, 97, 193 Darlehen im Gesamtbeträge von 6665 M., 4445 M.. 5959 M.. 6219 M., 6889 M. gewährt worden, das macht im Durchschnitt 67 M., 63 M., 63 M., 64 M., 64 M. Wie groß mag wieder die Zahl derjenigen Darlchn« sucher gcivcsen sein, die leer ausgingen und aus keiner der beiden Stiftungen etwas erhielten? Der Bericht sagt hierüber, wie alljährlich, nichts. Mit welcher Strenge übrigens bei der Eintreibung der Schulden verfahren lvird, das lehren die Angaben über die Höhe der GerichtSvollziehergebiihren, deren Wiederciuziehung von den Schuldnern sich als fruchtlos erwies. Im letzten Jahre betrugen diese Gebühren bei der Friedrich-Wilhelms-Anstalt 1925 M. und bei der Biederste- Stifwng 132 M., darin waren enthalten 615 M. und 75 M. an Gebühren für Verhaftung zum Zweck der Leistung„grundlos" verweigerter O ff e n b a r u n g s e i d e. Da die Gebühr für jede vorgeführte Person 15 M. beträgt, so ergibt daS bei den beiden Stiftungen 41 und 5 vorgeführte Personen, von denen man hinterher nicht mal die Vorführungsgebühren wieder einziehen konnte. Die Lichtrnrader Bombcnaffäre hat jetzt eine überraschende Wen- dung genommen. Die Gebrüder Rademeier auS Lichtenrade, die am 21. Juli unter dem Verdacht der Täterschaft in der Bomben- affäre verhaftet wurden, sin? gestern aus der NntersuchmigShast entlasse» worden. Nach dem Gutachten der Schreibsachverstäudigen ollen die Briefe an den Gutsbesitzer Otto Kraatz von anderer Hand geschrieben sein. Die Gebrüder Rademeier kommen dabei nicht in Betracht. Hinter einem Steinhaufen tot aufgefunden wurde gestern nach- mittag der 52 Jahre alte Arbeiter Ernst Prüttmann aus der Greifs- walder Str. 37 auf dem unbebauten Grundstück Elbinger Str. 59. Nach dem vorläufigen ärztlichen Gutachten hat er Lysol getrunken. Bom Hochzeitstanz in den Tod. Einen tragischen Abschluß sollte eine Hochzcitsfeier finden, die von dem Eisenbahnbeamten Sch. in einem hiesigen Lokal veranstaltet wurde. Der Festlichkeit hatte auch der Postbeamte E. mit seiner Frau beigewohnt. Die letztere war eine leidcnschastliche Tänzerin. Als sie nun am Arme ihres Tänzers durch den Saal schwebte, brach sie plötzlich leblos zusammen. Man holte sofort einen Arzt herbei, der aber nur noch den infolge Herz- 'chlages eingetretenen Tod konstatieren konnte. Eine neue ASschicbiing von UutcrstützungShcdürftigrn. Ein Mädchen wurde vor einiger Zeit von der Polizei der Berliner Ent- bindungsstation zugeführt. Die Ermittelungen ergaben, daß das Mädchen von einem Gemeindevorsteher zur Entbindung nach Berlin befördert und hier seinem Schicksal überlassen worden war. Bei dem Mädchen wurde ein Zettel vorgefunden, der von dem Geinemdevorsteher geschrieben worden war und genaue VerhaltungS- maßregeln enthielt. Das Mädchen wurde dann einige Wochen nach der Entbindung mit dem Kinde dem betreffenden Gemeindevorsteher zugeführt, der ein recht verdutztes Gesicht gemacht haben soll, als er nun auch noch hörte, daß die Gemeinde der Stadt Berlin die entstandenen Kosten erstatten müsse. Und was stand auf dem Zettel des biederen Gemeindevorstehers? U. a., es solle un- richtige Angaben machen und nach der Entbindung verschwinden. Dann wäre nämlich, wie in vielen anderen Fällen, das Kjnd in das Berliner Waisenhaus gekommen und dort aus Kosten der Stadt Berlin erzogen worden. Beim Fußballspiel schwer verunglückt ist der 15jährige Tischler- lchrling Reim aus Groß-Lichterfelde. Er beteiligte stck an dem von seinem Verein auf dem Sportplatz an der Mannheim»» Straße ver- anstaltelen Fußballspiel und wurde dabei von einem Ball so heftig getroffen, daß er zu Boden stürzte. R. kam so unglücklich zu Fall, daß er einen Bruch beider Unterschenkel erlitt. Der Verunglückte wurde in das Kreiskrankenhaus übergeführt. DaS spurlose Verschwinden eines Gymuasiastcn beschäftigt gegen» wärtig die Polizeibehörden Groß-Berlins. Seit dem 3. d. M. wird der 13 jährige Sohn Hilmar des in der Roidornstr. 8 in Friedenau wohnhaften Poslinspellors Voßwinkel vermißt. Der Knabe, der die Untertertia eines Berliner Gymnasiums besuchte, war an dem genannten Tage zur Schule gegangen, um das Oktoberzeugnis in Empfang zu nehmen. Die Zensur ist aber sehr ungünstig aus- gefallen und der Schüler fürchtete, von seinen Eltern Vor- würfe zu hören. Er ging deshalb nicht nach Hause und sein Aufenthalt konnte auch bisher nicht ermittelt werden. Es wird an- genommen, daß der Vermißte in Berlin oder dessen Umgebung planlos umherirrt. Bekleidet worüber Knabe mit einem dunklen Anzug mit Kniehosen, schwarzen Schnürstiefeln und einer Sport- »nütze. Vermißt wird auch die 32jährige Ehefrau des Mechanikers Neu- bauer aus Rixdorf, die am 39. September heimlich ihre i» der Reuterstraße Nr. 29 belegene Wohnung verlassen hat. Frau N. 't schwer nerbenleidend und war bereits dieser Krankheit wegen in einer Heilanstalt untergebracht. Am vorigen Freitag erlitt sie einen leichten Anfall ihres alten Leidens, von dem sie' sich aber bald erholte. Am Nachmittag, während der Gatte an seiner Arbeitsstätte iveilte, verließ Frau N. die Wohnung, in der ihr sechsjähriges Töchlerchen allein zurückblieb. Bisher konnte der Aufenthalt der Verschwundenen nicht ermittelt werde»,. Vermutlich dürfte die Kranke planlos uniherirren. Wer sind die Toten? Ueverfahren und getötet wurde gestern abend in der Straße am Treptower Pari bei der Radrennbahn von einem Wagen der städtischen Straßenbahn eine unbekannte,: wa 60 Jahre alte Frau. Die Leiche wurde»»ach der Halle in Tr\low gebracht. Die Verunglückte ist krZstig gebaut, hat graues Haar, eine hohe Stirn, eine stumpfe Nase, einen breiten Mund und ein rundes Gesicht und trug einen schwarzen Hut mit schwarzen Federn und einem Bogel, ein schwarzes Jackett mit Perlmnttcrknöpfen, eine schwarz- weiße Bluse und einen schwarzen Rock. Ihr Tranring ist 0. G. 1891 gezeichnet. Immer noch nicht bekannt ist auch das etwa 2—3 Jahre alte Mädchen, das am vergangenen Sonnabend in der Nähe des Kienwerder in Treptow als Leiche aus der Spree gelandet wurde. Das Kind ist etwa 1 Meter groß und kräftig, hat hellblondes Haar und eine hohe Stirn und trug ein Krimmerjäckchen, ein weißes Hemd mit dem Monogramm P. L., weiße Hosen mit dem Zeichen K in Kreuzstich, ein weißes Röckchen, ein graues Leintvaiidleibchen(selbst gewebt), schwarze Schnürschuhe, schwarze Strümpfe, ein blaues und ein grau- buntes Strumpfband. Der Tounstenuerein„Die Naturfreunde"» Ortsgruppe Berlin, Landsberger Straße 85, bittet uns mitzuteilen, daß aus Anlaß der am 9. d. M. stattfindenden Protestversammlungen die für diesen Tag festgesetzte Tour nicht stattfindet. Vorort- ftedmebten» Schoneberg. Eine drohende Gefahr. Nahe Bahnhof EberSstraße befindet sich eine doppelte Bahnunterführung; die eine im Zuge der Hauptstraße, die andere im Zuge einer neuen Verbindungsstraße, die den südlichen mit dem nördlichen Teil von Schöneberg verbinden soll. Die Unter- führung, deren Mauerwerk erst vor ganz kurzer Zeit neu hergestellt wurde, ist in der Mitte durch einen mächtigen gemauerten Pfeiler gestützt. Dieser Pfeiler weist seit einiger Zeit einen klaffenden Riß auf, der von oben bis unten und quer durch das ganze Mauerwerk geht. Die Entstehungsursache ist uns nicht bekannt. Die Ursache, auf die er zurückzuführen ist, war aber so stark, daß selbst die mächtigen granituen Fundament- platte» einen Riß von Fingerbreite aufweisen. Es macht den Anschein, als wenn schon Versuche gemacht worden sind, den Riß durch Ausschmieren mit Zement zu beseitigen, doch sind auch diese Stellen durch die Erschütterung schon wieder ge- rissen. Hier scheint es notwendig, daß die verantwortliche Bahn- behörde so schnell wie möglich eingreift, um drohendes Unheil zu verhüten. Täglich benutzen Tausende die Unterführung. Wir tvollen hoffen, daß nicht erst der Brunnen zugedeckt wird, wenn er schon zahlreiche Opfer gefordert hat. Rixdorf. Der BildungSauSschnß veranstaltet am Sonntag, den 9. Oktober. abends 6 Uhr, bei Hoppe, Herniaitustraße 49, einen Reuterabend mit Lichtbildern. Jeder, der die plattdeutsche Mundart versteht, hat wohl ReuterS Werken einige frohe Stunden zu verdanken. Der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages soll die Veranstaltung gewidmet sein. Nachher findet Tanz statt. Einlaßkarten sind noch »n der Parteispedition und im Restaurant Hoppe a 15 Pf. zu haben. Der dritte Abend des VoitragSzyklns des Genossen Graf über daS Thema„Vom Urtier zum Menschen" ist aus Montag, den 10. Okiober, festgesetzt. Anfang 3 Uhr. Auch hierzu sind an den bekannten Stellen noch Karten zu haben. Die Themen für die einzelnen Abende sind so gehalten, daß auch neu hinzukonimende Teilnehmer aus den Vorträgen Nutzen ziehen werden. Durch prächtige Lichtbilder werden die Ausführungen des Vortragenden illustriert. Die bisherigen Teilnehmer werde» gebeten, die Personal- Bons nicht zu vergessen. Steglitz. Uebcr die Tätigkeit des Schulärzte? und den Nutzen der ärzt- lichen Ucberivachung der Schul linder erfährt die hiesige Bürgerschaft im allgemeinen fast nichts. Die Berichte, die der bisher einzige Schularzt, Herr Sanitätsrat Dr. Heidenhain, lieferte, gelangte in der Regel nur zur Kenntnis der Gemeindeverwaltung und der Gemeindevertretung. Die Oeffentlichkeit erfuhr höchstens bei der Etotsbcratung, daß abermals ein bestimmter Betrag als Entschädigung für einen Schularzt eingestellt sei. So ist auch aus dem Bericht 1909/10 in der weiteren Oeffentlichkeit nichts bekannt geworden. Wenn nun auch gesagt werden muß, daß der Bericht nur sehr allgemein gehalten ist, jede syslenintische Anlage und Durch- arbeitung vermissen läßt und die Statistik fast völlig vernachlässigt. so enthält er doch Angaben, die allgemein interessieren, und einige Winke, die haupti'ächlich für Mütter beachte nS wert erscheinen. Der Berichierualler weist zunächst darauf hin, daß er in diesem Jahre zum ersten Male Gelegenheil hatte, Kinder bei ihrem Abgange von der Schule zu kontrollieren, die er als Lernanfänger untersucht hatte, weil jetzt acht Jahre seit Bestehen der Schularztinstitutlon verflossen sind. Die Einwirkung der acht- jährigen Schulzeit auf die körperliche EntWickelung der Kinder wird als durchaus g ü n st i g bezeichnet und der Segen der schul- ärztlichen Aufsicht durch Beispiele erläutert. So haben sich Kinder. die kurz nach ihrem Eintritt in die Schule von Wucherungen im Nasen- Rachen räum befreit wurden, in durchaus normaler Weise entwickelt, während sie anscheinend geistig beschränkt, mit blödem GesichtSausdruck, stets offenem Munde, schwerhörig in die Schule eingetreten waren. Die skrophulöse Anlage, die bei 30—40 Proz. der neuaufgenommenen Kinder konstatiert wurde, ist nach dem Bericht bei f a st allen diesen Kindern be- seitigt. Durch Verordnen von Brillen(teilweise auf Ge- meindekosten) wurde erreicht, daß schwache Augen wirksam geschont oder gekräftigt wurden. Im Berichtsjahre wurde als Neuerung der orthopädische Turnunterricht für Kinder mit abnormer Wirbel säulenformation eingeführt. Ver- anlassung hierzu gab die Tatsache, daß im Laufe der Schuljahre eine ganze Reihe von Kindern an leichteren oder schwereren Wirbel- säuleiiverbiegunaen leiden, was man ganz allgemein als„Schul- Skoliose" bezeichne, weil sie angeblich durch falsche Körper- Haltung beim Schreiben usw. verursacht werde. Nun Hobe aber die Untersuchung der Lernanfänger die überraschende Tatsache er- geben, daß weit über 50 Proz. der sechsjährigen Kinder bereits mit mehr oder weniger aus- gesprochener Wirbelsäulenverkrümmung in die Schule eintraten, die Schule also an dem Entstehen des Leidens schuldlos sei. AIS Entstehnngsursache wird vermutet daß di�Kindc�zufrüh�of�stboi�n�en�erstei�ebenSlr� werden, und zwar immer auf demselben Arm, so daß die einseitig belastete, noch schwache Wirbelsäule immer nach derselben Seite zu- sammenfällt. Achten dann später die Eltern nicht auf die Haltung des Kindes beim Sitzen, zwingen dunkle Wohnungen das Kind zum Beugen des Rückens beim Betrachten von Bilderbüchern, Spiel fachen usw., so verschlimmert sich das Leiden. Durch den neu ein- geführten orthopädischen Turnunterricht, zu dessen wirksamer Er teilung zunächst drei Lehrerinnen eine Spezialausbildung genossen haben, soll nun versucht werden, dein Leiden zu steuern. Zum mindesten hofft man, einer Verschlimmerung während der Schulzeit vorbeugen zu können. Hoffentlich können spätere Berichte Erfolge in dieser Hinsicht melden. Tempelhof. DaS Gewerkschaftskartell für Tempelhof, Mariendorf, Marien- felde beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung erneut mit der Frage der Errichtung eines G e w e r b e g e r i ch t s für die drei genannten Ortschaften. Man wurde sich einig, das Resultat der demnächst staitsindenden Volkszählung abzuwarten, da dann be- gründete Aussicht vorhanden ist, daß die Errichtung eines Gewerbe- oerichtS zur Tatsache wird.— Ferner wurde beschlossen, bei dem Gemeindevorstand von Tempelhof zwecks Hergabe einer Schulaula vorstellig zu werden, damit dort die anfangs nächsten Jahres von der Zentralkommission der Krankenkassen Groß-BerlinS geplanten htzgienischen Vorträge stattfinden können.— Allgemein verurteilt wurde die Handlungsweise des Tempelhofer Ortskrankenkaffen-Vor- sitzenden F. Pflüg, der schon des öfteren vom Gewerkschaftskartell zwecks wichtiger Aussprache über Krankenkassenangelegenheilen ge- laden war, es aber nicht für wert hält, zu erscheinen.— Nicht ver- treten ivaren die Bäcker, Gemeinde- und StaatSarbeiter und die Metallarbeiter. Lichtenberg-Friedrichsfeldc. Heute abend, pünktlich 8'/z Uhr, wird der Lichtbildervortrag des Genossen Graf über„Die Geschichte unserer Erde" für Erwachsene und Jugendliche über 13 Jahre fortgesetzt. Bruchmiihle-Radebriick. Die Sozialdemokratie in der Gemeindeverwaltung war da? Thema, über das Genosse K u b i g-Pankow in einer am Sonntag bei Kurzner stattgefundenen Wählerversammlung referierte. Die dem Referat folgende lebhafte Diskussion bewies, welch reges Interesse die AuSsührungnr des Vortragenden bei den Versammelten gemacht hatten. Hierauf gab der Vorsitzende die Kandidaten des Wahl- Vereins bekannt. ES sind in der dritten Klasse aufgestellt die Genossen B. L i n n e ke, L i n d h o l z und Biedermann, in der zweiten I a k o w i tz und Fink und in der ersten G a d i ck e. Da uns noch drei Hausbesitzer fehle», hat sich der Wahlverein ent- schlössen, von dem Bürgerverein die Herren Ouaschuing in der zweiten, Humburg und Kirchgatter in der ersten Klasse aufzustellen. Gleichzeitig sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß die Wählerliste nur noch bis Montag, den 10. Oktober, auSliegt. Spandau. Sein Amt niedergelegt hat der stellvertretende Stadtverorl,..eten- Vorsteher Maurer- und Zimmcrmeister H ü l f e b e ck. Der'elbe wurde im Januar dieses Jahres gewählt und hat in dieser Zeit vielleicht zwei- oder dreimal den ersten Vorsteher vertreten und hierbei er- wiesen, daß er nicht fähig war, die Versammlung korrekt zu leiten. ES ist immerhin anzuerkennen, daß der Herr seine Unfähigkeit ein- gesehen und die Konsequenzen gezogen hat. Jugendveratlstalt«nge»l. Freie Jngeudorgauisatio» der östliche» Vororte. Sonnabend, den 8 Oktober, abends 8 Uhr, im tleinen Taal des Cafs Bellevue, außer- ordentliche Keneralvcrsamwlung. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Wahl des ersten Vorsitzenden. 4. VercinSangclcgenheitcn.— tz. lUbteilung. Sonntag, den 9. Oktober, nachmittags 3 Ubr. Bersamm- lung und Vortrag bei Diuide, Friednchstraße, Ecke Sophienstraße. Freie Jngcndorgniiisation Wristenlec. Heute, Donnerstag, den 6. Oktober, abends 81/, Uhr, findet unsere Aeneralversammlmig im Prälaten, Lehderilraßc, statt. Vortrag des Kollegen Wilhelm Utecht Über: „Preußische Märzrevolution". Eintritt nur gegen Vorzeigung des Mit- gliedsbucheS._ Hus aller(jftelt. Schwere Eiscnbahnkatastrophe in Amerika. Von entsetzlichen Folgen war ein Eiscnbahuzusammenstoß begleitet, der sich am Dieiistagabend in G i l l e s p i e im Staate Illinois zutrug. Zwei Personenzüge stießen infolge falscher Weichenstellung zusammen, 37 P e rs o n e n wurden getötet und 25 erlitten schwere Verletzungen. Das entsetzliche Unglück bildet ein neues Glied in der Kette der schtveren Eiseubahnkatastrophen, die Nordamerika von Zeit zu Zeit heimsuchen. Sie haben ihre Ursache in der rücksichtslosen Ausbeutung des Betriebes durch Privat- kapitalisten. Um für diese möglichst hohe Dividenden heraus- zuschlagen, werden die Betriebsmittel in leichtfertiger Weise ausgenutzt, daneben wird aber auch nach Möglichkeit an Eisenbahnpersonal gespart._ Neue Opfer der Aviatik. Die Aviatiker L s o n und Robert Moräne sind gestern morgen von Saiut-Cloud abgeflogen, um den Puy-de-Döme zu er- reichen. Der Apparat stürzte bei Boiffy-Saint-Löger südwestlich Paris zu Boden. Robert Moräne erlitt einen Schädelbruch, fein Bruder einen Beinbruch. Dreister Ucberfall auf eine» Kassenbote«. Auf dem stark belebten Boulevard des Italiens in Paris wurde am Dienstagvormittag ein K a f f e n b o t e von drei elegant gekleideten Männern überfallen und seiner Geldtasche beraubt, die 17 000 Fr. in bar und Schecks im Betrage von 40 000 Fr. enthielt. Zwei Räuber wurden ofort festgenommen, dem dritten gelang es, mit der Beute zu entkommen. Die Verhafteten sind Engländer. Schwerer Verkehrsunfall. In der Neuhanser Straße in München stieß am Dienstag abend Mannschaftswagen der Berufsfeuerwehr zusammen. Der Mannschaftswagen wurde vollständig zertrümmert. Ein Ober- feuermann erlitt eine schwere Verletzung am Hinterkopf, ein Feuermann einen Oberschenkelbruch. Zwei weitere Feuer- wehrleute trugen weniger schwere Verletzungen davon. Von dem Straßenbahnwagen wurde die vordere Plattform eingedrückt. Ein ländliches Idyll. Der„Schönauer Anzeiger" bringt in seiner Nr. 116 vom 1. Ok- tober d. I. folgendes Jnierat: „An der katholischen Pfarrkirche zu Kammerwaldau bei Hirschberg(Schlesien) ist die Stelle eines Organisten und Küsters zu besetze». Der Dienst ist folgender: Der Küsterorganist hat 1. an vier HauptgottcSdiensten die Orgel zu spielen, 2. dabei den Gesang zu leiten, 3. sich die Sänger"selbst zu besorgen und ein- zuüben, 4. da eS in Kammerswaldau in der Gemeinde an Sängern fehlt, solche von auswärts auf seine Kosten dorthin zu ttanS- Portieren, selbst zu entlohnen und zu beköstigen, 6. alle Küster- dienste einschließlich des Schreibwerkes, ober ausschließlich des GlockenläutenS und Reinigens der Kirche zu verrichten, 6. fiir die Zeit, wo er als Organist tätig ist, einen Küster- stellvertreter zu stellen, 7. sich zu jeder Zeit bei NebengotteS- diensten, Taufen, Krankenprovifnren usw. zur Verfügung de? Pfarrers zu hallen oder einen Küsterstellvertreter zu stellen. Als Jahresgehalt für diese Stelle hat der Herr Palron der Kirche, welchem das Be'etzungsrecht zusteht, Landesältester, Ritler» gut-besitzer und Rittmeister Heinrich v. L o e s ch auf Kammers- Waldau 48 M„ in Buchstabe» achtundvierzig Mark, angesetzt, wozu noch 15 M., in Worten fünfzehn Mark, jahrlich als Beihilfe zur Besoldung des Küsterstellvertreters kommen. Freie Wohnung oder Deputat wird zwar nicht gewährt, doch wird vom Herrn Patron für Reinigen der Kirche, Botengänge(niedere Küsterdienste) ein Jahresgehalt von 12 Mark, in Worten zwölf Mark, nicht ver- weigert werden, auch für den Bälgetreterposten, der mit der Stelle vereinigt werden kann, sind vom Herrn Patron jährlich 4 Mark, wörtlich vier Mark, bewilligt worden. Geeignete kirchenmusikalisch und liturgisch gebildete Bewerber belieben sich unter Einreichung ihrer Zeugniste bei dem oben genannten Herrn Patron z» melden. Das katholische Pfarramt von KammerSwaldau/ Bei dem glänzenden Gehalt, das der Herr Rittmeister v. Loefch für die Stelle ausgeworfen hat, wird er wohl Vorkehrungen treffen müssen, den Andrang der beutelüsternen Organisten und Küster abzuwehren._ Kleine Notizen. Während eines Sturme? kenterte auf dem Steinhuder Meer in der Provinz Hannover ein mit Torf beladener Segelkahn. Die beiden Jiifaffen, ein älterer Schiffer mit feinem Enkel, ertranken. Rettung ans Seenot. Von der Rettungsstation Wustrow zur Rettung Schiffbrüchiger wurden von dem in der Nähe von Wustrow gestrandete» deutschen Schooner„Sturmvogel" vier Personen durch den Naketenapparat der Station gemtet. Zur Katastrophe der„Chiriqni". AuS Panama wird berichtet, daß alle Reisenden und die Nannschaft an Bord des verunglückten Dampfers„Chiriqni" mit Ausnahme eines Heizers gerettet worden find. Bon der Cholera. In der Stadt Neapel sind in den letzten 24 Stunden 16 Erkrankungen und fünf Todesfälle und in der Provinz Neapel 15 Erkrankungen an Cholera vorgekommen. Ans A p u l i e n sind Neuerkrankungm oder Todesfälle nicht gemeldet worden. Amtlicher Marktbericht der städtischen Narkthalen-DIreMon über den lSroßbandel in den ZenIral-MurkilwUeli. Marktlige: Fleischt Zufuhr schwach, Geschäft still, Preise unverändert. V i I d: Zufuhr reichlich,(»elrtmfl rege, Preise fest. Geflügel: Znsutzr etwas nach- lasiend, Geschäft schlevpend, Preise nicht befriedigend. Fi che: Zusuhr mäßig, Geschäft ziemlich lebhast, Preise etwas besser.. Vetter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und S ü d s r ü w r e: Zufuhr reichlich, besonders in Blumeickohl, yeschäst sehr flau, Preise gedrückt._ Witterun, isnberstcb» vom 5. Oktober 1910, morgen«» ilbr. '•i Sl a£ Ctaftmen== Ii 8? «H_ � Setter si ■8| »K ü S». 1? Wtt Ii- Ctstlonen ic0i£ 3!=■ S 0 M. tromeinde 765 NNW 5 massig 12 Haoaranda Hamburg 763 NNW 4wol!enl 12 Petersburg Verün 766 NS 2beveckt 19 Scillq Franst. a W 770 NW 2 Nebel 14 lberreen Nünchen 772 W 4Regen 3 Part« Wien 761 W 6 wollig 16 Wcttervrognoie für Donnerstag, de» Nachts kühl, am Tage etwas wärmer, vielfach mit einzelnen Regenschauern und ziemlich irischen Berliner 757 S 766 O 770 N etün 6� 4» S-» Nebet 1 wolkeol 4 wolkig (771WSSS 1 heiter 77g NO 1 1 bedeckt 1 0 12 12 18 6. Oktober 1910. heiter, aber verändrrltch westlichen Winden. Wetterburea» WaslerftandS-Naeli richten der LandeSanstalt für Gewäsierlunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburean. Saflerftand Memel, TUM P r e g e l, Jnfterburg Weichsel, Tborn Oder, Ratibor , Krosien , Fransturt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo . Magdeburg «aflerstand Saale, Grochlttz Havel, Svandauy , Rathenow y Spree, Svrembergy , BeeStow Weser. Münden , Rinden Rhein, M-wi nnlianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel, Trier 9-I- bedeute» Wuch».—!Zall. y Unterveaet. SunUcfit Seife ufrbindeJ mtf atoolurer Unschadlichkeil' und Schonung des Materials enorme Reinigungskraft. Die Dessins von Linoleum behalten die Frische derfarbe and die Oelanstriche bleiben wie neu. Daher verwende man auch fiir diese Zwecke nur Sunlicht Seife, welche in immer gleichbleibender Güte überall zuhabön ist! mma 1 günstigste HlöbelUanfgelegenheit! 1 RH 500 Wohnungseinrichtungen! HgDA, kommen bis 15. Oktober er. zu außergewöhnlich billigen Preisen zum Sonderverkauf. SMF" Blesenlttger in Erganznngsmttbeln und Polstorwaren! IgBS 8 ySbelfabrik ZK. Kirsehowitz, Serlin SQ., Skalttzer Straffe 25, an dar Kochbahn. Einrichtung I: Stube und Küche, solide Arbeit..... 230 M. 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Oktober, die Wanderfahrten auZ. 2/1? MST-'Ausführliche Programme bei Heyse, Loyenjir. 19, zu haben. MjM Thealer und Vergnügungen Donnerstag, ö. Oktober. Ansang VI, Uhr. Nene« känigl. Lpern-Dheater. Carmen. Ahuigl. Schauspielhaus. Wilhelm Teil. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Sumurün.(Anfang 7'/, Uhr.) Kammerspiele. Gawlln. Lessing. Wenn der junge Wein blüht. Komtiche Oper. Der Arzt wider Willen. Berliner. Musikantenmädel. NeueS. Die goldene Ritterzeit. Neues Tcbauinielhaus. Wann kommst du wieder? Residenz. Noblesse oblige. Kleines. Der LiebeStrank. Die Zensur.(Ansang VI. Uhr.) Dhalia. Polnische Wirtschaft. Schiller<».»Wallner- Theater.) Egmont. Sch'»>r t'barlottenburg. Die Kreuzelschreiber. Friedrich» WilhelmstädtischeS. Martha. Faust. rli, Berliucr BolkSoper. (Anfang 8'/, Uhr.) Luise». Kean. Westen. Die schönste Frau. Modernes. Die beste der Frauen. Triano». Pariser Witwen. Neues Oneretten. Der Gras von Lutnnburg. Lustspieihaus. Der Feldherrn. Hügel. Herrnfeld. Eine verlorene Nacht. Der Derbhsieger. Noir. Das Gefängnis. FolieS Eaprtce. Der schwarze Schimmel.— Volle Pension. (Ansang Lft» Uhr.) Meteoi vi. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Rudolf. ApuUo. Svezialitäten. Plinngc. Svezialitäten Reichölinlten. Sleitiner Sänger. Wintergarten. Spcziaiftäten. Kart Hadcrlaud. Svezialitäten. Sanssouci. Nu hat'S geschnappt. Spezialitäten. Urania, t,l»oe»iiraste tN'tfl, Nachm. 4 Uhr: Die Weltausstellung in Brüssel Abends 8Ubr: Der Vierwaldstätter See und der St. Gotthard. Ster»>»ur»r..Inoalidenstr. 57— 62. Lessing-Theater. 8 Uhr: Wenn der junge Wein blüht. t:eitag 8 Uhr: DaS Konzert. onnabcnd 8 Uhr: Wenn der junge Wei» blüht._ Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Gastspiel Haust Riese. Das Mlisikantenmäde!. Neues Theater. Donnerstag bis Sonntag: Dik goldene Rilterzeit. Ansang X Uhr. Montag Gastspiel Ferdinand Bonn: Abschied vom Regiment— DaS ge« wisse Etwas faieater des Westens. Ansang 8 Uhr. Die schönste Fran. Sonnt. 3V, Uhr: Ein Walzertraum. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Heute und täglich 8 Uhr: Die heste der Frauen. Lustspieihaus. , Heute abend 8 Uhr: Der Fettcherrnhiigel. ltesidenx--Theater. Direktion: Richard Alexander. Ab-ndS 8 Uhr: Noblesse oblige. Schwank in 3 Akten von Hcnnequin und Vcber. Morgen und folgende Tage 8 Uhr: Kohlesse oblift-c._ Luisen-Theater. Abends tfkSÄTl z Uhr: JOktmalt« Der Fähnrich Uhr U' von St. Bernhardt. Freitag Premiere: tei Kloster. Sonnabend nachm. 4 Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Nachmittag 4 Uhr: Die Weltausstellung in Brüssel. Heute abend 8 Uhr: Der Vierwaldstätter See und der Gotthard. Beginn der Hörsaal- Zyklus- VortrSge am 18. Oktober. Prospekte kostenlos._ Berliner Volksoper Abends'1,9 Uhr:., Hartha. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Donnerstag, 6. Okt., abends 8 Uhr: Faust. Kletteu. Zum Schluß: Nlobe. Sonnab.: Revolutionshochzeit. Sonntag nachm. 3 Uhr: Bieder- lcute. 8 Uhr: Kriemhilbs Rache. OSEiTHEATEI Große Frankfurter Str. t32. 1 Ans. 8 Uhr. Ende'/,1t Uhr. Aas Gtfäugllis. Lustspiel in 4 Akten von R. Bencdix. Freitag: Othello. Sonnab. nachm. 4 Uhr: Aschen brödel. 8 Uhr: Das Progr.b.Seniatioilen 8'° Verboten« Fracht. «'/. Uhr: Gastspiel kuttalk Schildkraut Gisela Schneider-Nissen usw. JßeiropoL Theater. Hurra!!! Wir lebe« noch! Große AuSstaltungSrevue in 7 Bildern Schwaneoprinzesfin. 8 Uhr: Die Die SahaFot in ihren neuen Kreationen. Reynold» and Donegan das amerikanische Tänzorpaar in vollendeter Rallschuh-Malsterachaft. 7beSklo«aNs, hervorragendste Keulen- ftongicutc.— Vasco, das verrückte Musikgenie.— Yamagata• Truppe, japanische Equilibristen.— Bcwden and Stol, komische Akrobaten.— The 3 Meers, humoristischer Drahtseil- Akt.— W. C. Flelde, der wortlose Spaßmacher.— Boganity- Truppe: Die lustigen Bäcker.— Sert Levy, Zeichner eigenen Genres.— f? sub- sinne girls, engl. Tanz-Enscmble.— Biograph, neueste Ausnahmen. Ifflneld ßgSr~ Seit 80 Jahren der größte Erfolg k Eine verlorene Dacht Ein lustiger Trauersall in 2 Akten von Anton und Donat Herrnfeld. Hierzu: Der Atrby-Ziegkr. Sporlkomödie von August Ncidhardt. Ans. S Uhr. Vorverk.ll— 2(Theaterk.j. Soblller-Tdeater 0.(Wallner-Theal.) Donnerstag, abends S Uhr: Fx«nont. Ein Trauersplel in süns Aufzügen von Goethe. Ende 10'/, Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: Der Dummkopf. Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Dummkopf._ Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Donnerstag, abends 8 Uhr: Die KreiraelWekreider. Bauernkomödie mit Gesang in 3 Akten von 2. Anzcngruber. Ende 10'/, Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: Robert und Bertram. Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Wilhelm Teil. Sonnabend, abends 8 Uhr: Robert und Rertram. Der sensationelle Frfolg LUNA-PARK veranlaßt die Direktion, das beliebte VerenUgrungs- EtabHaaenient bis Fnde Oktober olfeu zn halten und sich für die große Gunst, die ihm das Publiknm entgegenbringt, dadurch erkenntlich zu zeigen, daß von nun nb, mit Ausnahme des Sonntags, jeder Besucher, der an der Kasse eine Eintrittskarte löst, gleichzeitig zu einer beliebigen Attraktion inkl. Theater ein Freibillett erhält. Lichtspiele Mozart-Saal— lllollendorf-Platz. Vollständig Nener Spielplan. Ununterbrochene Vorstellung von 6-11 Uhr. Sonntags 3—11 Uhr. i Passage-Theater. I Abends 8 Uhr: > Die Jungfrauen ' von Sais. Die 3 mystischen Debatten und die großen Attraktionen jjles Oktober-Programms, Passage-Paooptikum. Boddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Voüht~7 Vitaskop- Thealer Jlquanoptikum Experiment aus der 4. Dimension Alles ohne Extra-Entree! Hochbahnstation Kottbuser Tor. Die Sensation beS Oktoberprogr. Eil! Herzfeld, Mitglied der k. k. 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Kommandanten- straße 77/79. zisWndig neues prsgram»! Nur erstklass. ZpeMlitäteu. Heute nach der Vorstellung: Rall. Burgtheater- Kinematograph vorm. Groterjan, Jnhab.: Rud. Merz, SchSuhanserAllec 129. Sei. 3, 9353. Lebende Photographien. Eintritt 30 u. 40 Ps., Kinder die Hälfte. Anf.7 U., Sonnt. 4 U. Vorzugskarten, nur wochent. gültig, LS Pf. aus allen Plötzen. Stets wechs. Programm. Dienstag u. ssreitag v. 4—5'/, Uhr Kindervorstellung. Kinder 1« Ps., Erwachsene 2© Ps. Jeden Sonntag im Obersaal: Küustlertonzert. Entree IS Ps. Garderobe 19 Ps. Moahften WM. 24. Smiiener Str. 40. GrUUtcs Rientopp-Theater Moabits. Wöchcntl. zweimal neueS Programm. Täglich Vorstellung. Ansang S Uhr. Rett 4— S der Mouatssehrltt Freie Volksbähne (Jahrgang 1910/11) kann von allen Mitgliedern aus ihrer M ' Zahlstelle abgeholt werden. 241/19 Thalia-Theater Kampf. Kenes Sciianspielhans lieber unsere Kraft. Herrnfeld-Tbealer Oer Herr Senator. Extravorsleilung im Lessing-Theater Sonntag, 20. November: Hartleben: Rosenmontag. Lessing-Theater Das Konzert. Residenz-Theater Die 300 Tage. Ibendabteilungen im Neuen Schauspielhaus.< 2. Serie. 3., 10., 17., 24. Oktober Tartiitf. 3. Serie. 31. Oktob., 7., 14., 21. November' Ueber unsere Kraft.! lUeae Mitglieder ktinnen sich In allen Zahl- 1 I stellen anmelden. Sammelt für den Kampf- 1 i tonds! Der Vorstand. I. V. G. Winkler. Heut« DonnerStag, 6. Oktober, abends VI, Uhr: Kernt Ken! Ken! Hr. Sandor Burleske Zirkus. Kreisel-Globus Foot Ball spielende Pferde. Neueste Kreation des Direktors A. Schamann. Apachen zu Pferde geritten von Frl. vor» Schumann und Herrn Karl HeS. Bellonis Kabadns. Antonet A Crock. Reiterfamilie Olarke sowie die übrigen Attraktionen. � CIRCUS CyriilHatle Itlchtcnberg, MOl leudorfstraßc. Donnerstag, den 6. Oktober, abenus 8'/, Uhr; Abschiedsvorstellung mit garantiert ungekürzt. I Progr. u. allen Schlagern I zu a. bek. billigen Preisen I TT Walhalla-Theater WeinbergSweg 19/20. Anfang 8'/, Uhr. Bravo!— Da capo! Eine AIIerwelts-Rcvne in 5 Bädern von M. Rcichardt, Musik von R. Thiele. In Szene gesetzt vom Direktor James Klein. IUS fuscRi Donnerstag, den 6. Oktober, abends VI, Uhr: Große Gala-Vorst. Banola-Truppe! Herr Dir. Orlando, Freiheitsdressuren.— Die Fro- diunis, Beiterfam. Arbra- Trlö. Herr Alfred Ott, Schulreiter. Manegenkomiker Max Marzoll]. 3 fJebr. Fratellluls. Um 9'/, Uhr, zum 21. Male: „VENEZIA" Vorher das gr. Galaprugramm. ?? 5ü C*ro ß-Berlin" Theater- und Varietb-Euiemble. � OiS l'uhllüsiifiz sdestef B«» Fe8«r oder: Konig u. Strasieiisängeri«. Ans. 8 Uhr. de« gr. StlickeS 8'/, Uhr. Entree 30 Pf.. Freitag Artushof: Don Cefar. Releh8hAlleti-Thö»löl'. 8tkttlngf �Sngsf. Zum Schluß, neu: „Im Mauseloch". Milit. Humor, v. Meysel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Neu eräffnet I Neu eröffnet I Folies Caprice. Täglich 8>,. Uhr: Folie Pension. Neuer bunter Teil. Her 8ehMrie8ehlmmel Vorverkauf 11—2, abends ab s Uhr. Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Pariser Witwen. Hlila-Slile Schönhauser Allee 130, MilastraDe 3 Jeden Sonntag u. Donnerstag: �Großer IEIall.ll Anfang 8 I hr. Karl Flsner. Wies Fest-Säle Dennewitzstraße 13. Jeden Donnerstag, Sonnabend und eonnrag: GrolZer Wall. 1253b» C. KlOlc. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktton dem Publikum gegenüber keinerlei Vcrantwortnug. Ueberall zu haben in Dosen zu lOu. 20 Pfennig t'*br11" Bc-n« ho"* � BRENNSPIRITDS darf im Kleinhandel vom 1. Oktober 1910 ab nnr in Behältnissen verkauft werden, die den Bestimmungen des neuen Branntweinsteuergesetzes gemäß verschlossen u. mit Angabe des Alkoholgehaltes versehen sind. Beim Einkauf Achte man auf Etiketten und unversehrte—->>— Vepichlnßslcherungen der Flaschen. Unbeschädigter VerscnluB gewährleistet richtigen Inhalt und richtige Gradstärke. 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Glocke, Berlin. Druck u. Verlag:Vorwäct« Buchdruckerei».verlagSanftalt Paul Singer Li To., Berlin SW,