Ar.»41. nbonnementS'Bedingungen: «konncments- Preis pränumerando i Viertcljährl. Z�o Ml., monail. 1,10 Wit., wöchcnllich 26 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. Ein« tragen i» die Post-ZeitungS- Preislifie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland Z Marl pro Monat. PostabonncmcntS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. GrfödDt tzgllch außer montags. 87. Jahrg. Verlinev Volksblakk. Die Tnfertlons. Gebühr veirägt für die sechsgcspallene Kolonel- zeile oder deren Raum W Psg„ für politische und gcwcrkschastliche Vereins. und BersammIungs.Anzcigen SO Pfg, „Kleine 3nzelgen", das erste fscit- gedrucktes Wort 2v Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- sicllcn-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über Ib Buchstaben zählen für zwei Wort?. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse! „Soalalileniollrat ßerün". Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfcblanda. RecUbtion: SM. SS» Lindenstrasse 69« Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Freitag, den 14. Oktober 1�10. 6xpedttlon: SM. 68, Lindcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. Die Keichslanäe. Der beinahe schon sagenhaft gewordene Entwurf einer Verfassung für Elsaß-Lothringen soll nunmehr an das preußische Staatsministerium gehen. Wenn er dort genügend„begutachtet" und„bearbeitet" ist. wird er den ein- zelnen Bundesstaaten überwiesen, die ein Gleiches tun werden. So verlautet in der reichsländischen Presse, und die Bevölke- rung der Reichslande wird es mit gemischten Gefühlen der- nehmen. Denn sie ist in den vier Jahrzehnten, seit sie dem Reiche„wiedergewonnen", im allgemeinen nicht verwöhnt worden, und so wird sie sich schon in den Gedanken gefunden haben, daß nach so langen Geburtswehen ein artiger Wechsel- balg zum Vorschein kommt. In jeder offiziellen Kundgebung wird den Elsaß-Lothringcrn versichert, man werde auf ihre Vergangenheit und auf ihre Eigenart Rücksicht nehmen. Aber die Elsaß-Lothringer werden von einer solchen Rücksichtnahme wenig oder nichts verspürt haben. Wollte man sie wirklich betätigen, so müßte die neue Verfassung eine demokratische sein. Dies geht aus der neueren Geschichte der beiden Provinzen zur Evidenz hervor. Als Ludwig XIV. durch die Reunionskammern die An- gliederung fast des ganzen Gebietes der heutigen Reichslande an Frankreich beschließen ließ und sie mit Waffengewalt durch- führte, wurde dies von der Bevölkerung nicht sonderlich schmerzlich empfunden. Das alte heilige„römische Reich deutscher Nation" mit seinen Habsburgern war ihr zuwider ge- worden. Als die Franzosen Straßburg besetzten, war ihnen von dem dortigen Bischof, einem derer von F ü r st e n- b e r g, eifrig vorgearbeitet worden. Die französische Regierung bewies viel Staatsklugheit in der Behandlung der angegliederten Provinzen; die Rechte der Protestanten wurden auch nach der Aufhebung des Edikts von Nantes geachtet; später nahm indessen der Katholizismus im Gebiete der beiden Provinzen wieder zu. Bei deutschen Historikern findet man oft den Satz, daß die Stadt Straßburg sich ihr deutsches Wesen" nicht habe rauben lassen. Nun, die Franzosen hätten ja gegen das„deutsche Wesen" auch so vorgehen können, wie die preutzisch-deutsche Bureaukratie gegen das„ftanzösische Wesen nach 1870 vorgegangen ist. Aber die Franzosen waren so klug, dergleichen zu tun. Sie wollten die Elsaß-Lothringer für Frankreich gewinnen, und gewannen sie auch. Das „deutsche Wesen" ließen sie unangefochten; in Straßburg blieb die deutsche Universität bestehen. Man stelle sich einmal das Franzosenfressergeheul bei uns vor. wenn jemand heute vor- schlagen wollte, etwa eine französische Universität in Metz zu errichten! Ueber die damals, sogar unter dem König, der daS be« rüchtigte„I'öwt c'est moi I" sprach, im Elsaß herrschende Freiheit der Meinungsäußerung schreibt Goethe in Wahr- heit und Dichtung: „Es ist schon eine ziemlich angenehme Empfindung, uns durch Mißbilligung und Mißreden über unseres Gleichen hinauszusetzen, weswegen auch hierin die gute Gesellschaft, sie bestehe aus wenigen oder mehreren, sich am liebsten ergeht. Nichts aber gleicht der behaglichen Selbstgefälligkeit, wenn wir uns zu Richtern der Obern und Vor- gesetzten, der F ü rsten und Staatsmänner erheben, öffentliche Anstalten ungeschickt und zweckwidrig finden, nur die möglichen und wirklichen Hindernisse be- achten und weder die Größe der Intention noch die Mit- Wirkung anerkennen, die bei jedem Unternehmen von Zeit und Umständen zu erwarten ist. Wer sich der Lage des französischen Reiches erinnert und sie aus späteren Schriften genau und umständlich kennt, wird sich leicht vergegenwärtigen, wie man damals in dem elsässischen Halbfrankreich über König undMinister, über Hof und Günstlinge sprach." Wieweit sind wir heute dahinter zurück I Man stelle sich vor: ein in Straßburg studierender junger Franzose würde sich zum Richter über deutsche Fürsten und Staatsmänner ausiverfen, die preußische Politik ungeschickt und zweckwidrig finden und öffentlich sich respektlos über König und Minister. Hof und Günstlinge äußern! In weniger als zweimal vier- undzwanzig Stunden wäre solch ein„lästiger Ausländer" über die Grenze abgeschoben. Die große französische Revolution zertrümmerte den t?udalismus gründlich auch in den beiden Provinzen. Ein chriflsteller sagt, auf den Grabsteinen alter Kirchhöfe in Elsaß-Lothringen seien zahlreich Namen adeliger Geschlechter verzeichnet, die heute gänzlich verschwunden seien, aber zur Zeit der Revolution noch existierten. Unter Napoleon I. erhielt Elsaß-Lothringen eine treffliche Verwaltung; viele Elsässer stiegen zu hohen Aemtern und Würden empor und jetzt erst wendete sich die Bevölkerung durchweg auch dem französischen Wesen zu. Alle diese Veränderungen aber bewirkten, daß im Volke der beiden Provinzen ein demokratischer Geist sich ausbreitete, der auch im Grundzug seines Wesens blieb. So kam es, daß die beiden Provinzen 1871 die gewalt- same Losreißung schmerzlich empfinden mußten, um so schmerz- licher, als hier das demokratische Element mit der preußischen Bureaukratie und dem preußischen Feudaljunker- tum zusammenstieß, welche nun die Regierung und Ver- waltung des Landes übernahmen. Dieser Gegensatz j wirkte um so unheilvoller, als die Reichslande sich tinter einem Ausnahmezustande befanden, und es blieben. Unter diesen Verhältnissen gewann auch der Klcrikalismus, welcher die Abneigung der Bevölkerung gegen das preußische Regiment geschickt zu benutzen wußte, an Ein- fluß und Macht. Die Anträge, welche im Reichstage auf Milderung dieses strengen Regiments gestellt wurden, fielen unter den Tisch, nachdem die Junker die Parole der„ f e st e n Hand" für die Reichslande ausgegeben hatten. Erst in neuerer Zeit wurde bekanntlich der Diktaturparagraph auf- gehoben. Was aber dadurch gutgemacht wurde, das wurde wieder zum Schlimmeren gewendet durch die Hetze der beiderseitigen Chauvinisten. Die Erinnerung an die kriegerischen Ereignisse vor vierzig Jahren hat diese läppische Hetze verschärft. Die Erinnerungsseiern der Franzosen an Gräbern, die sich auf deutschem Boden befinden, haben unsere Franzoscnfresser auf- geregt und sie haben einen solchen Lärm erhoben, daß die Behörden, die sich erst ganz tolerant verhielten, sich ein- schüchtern ließen und nunmehr gegen die„agitatorischen und demonstrativen Formen" dieses Toteukultus ins Zeug gehen. Das hat nun zur Wirkung gehabt, daß die französischen Be- Hörden das Gleiche tun und für die geplante Champigny- feier den deutschen Veteranen sehr enge Schranken gezogen haben. Darüber„entrüsten" sich nun wieder deutsche „Patrioten". Aber dieselben„Patrioten", die wegen Harm- loser Erinnerungsfeiern sich so aufregen, haben kein Wort des Tadels dafür, daß während der Amvescnheit des Blutzareu in Deutschland die russischen Spitzel ihren gemeingefährlichen Unfug auch in Deutschland treiben dürfen. Für den Zaren und seine Schergen wird„Gastrecht" verlangt. Die Sozialdemokratie hat seinerzeit mit allem Nachdruck gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen protestiert und Volksabstimniung verlaugt, worauf das Systeni Bismarck mit Verhaftungen und Prozessen antwortete. Die Einverleibung der beiden Provinzen gehört nun der Geschichte an und die Aussöhnung der Bevölkerung der Reichslande kann nur erreicht werden, indem man ihr die Unabhängigkeit nicht länger vor- enthält und ihr eine demokratische Verfassung gibt, die niit der historischen EntWickelung dieser Länder sich in voll- kommencm Einklang befindet. Die Resolution des Magde- burger Parteitages, die eine solche Verfassung fordert, trifft den Nagel auf den Kopf. Aber wir fiirchten, daß alle reaktionären Einflüsse auf- geboten werden, um den Reichslanden auch seine möglichst reaktionäre Verfassung aufzuzivingen. Gelingen diese Pläne, so tragen ihre Urheber die Verantwortung dafür, Ivenn zwischen dem Reiche und den Reichslanden die alte Kluft be- stehen bleibt. ver Generalstreik der französischen Eisenbahner. Die Verhaftung der Streikleitung.— Sympathiestreik.— Die Bewegung In Hlgler. Herrn Briimd Die Regierung ist nun zur Verhaftung der Streikleitung geschritten. Diese stellte sich ihr freiwillig zur Verfügung, in der Ueberzeugung, daß die Organisation der Bewegung eine derartige sei, daß ihr mit dem Herausgreifen einzelner Persönlichkeiten nicht der Garaus gemacht werden könne. Wie die ersten Eingriffe der Regierung in den Streik der Nord- bahn-Angestellten nur die Ausdehnung der Bewegung auf alle Linien zur Folge hatten, so beantworten auch jetzt die Arbeiter die neuen Unterdrückungsmaßregeln mit neuen Streikbeschlüssen. Zahlreiche Sympathie- st r e i k s sind angekündigt oder aber schon durch- geführt. Auch nach Algier hat die Bewegung schon übergegriffen. Was den Umfang des Streiks betrifft, so laufen die Nachrichten darüber auseinander. Dieselben Depeschenbureaus melden einmal eine Ausdehnung des Streiks, um im nächsten Augenblick sein Abflauen und kurz darauf eine neue Ausbreitung desselben zu konstatieren. Neben Tatsachen kabelt man offenbar auch Hoffnungen und Wünsche. •• • Die Elektriker beginnen den Sympathiestreik. P« r i S, 13. Oktober. lPrivattelegramm des„Vorwärts".) Soeben, acht Uhr abends, wird berichtet, daß in zwei Be zirke« das elektrische Licht ausgelöscht sei. Die Untergrundbahn fährt noch, trotzdcm die Angestellten den Streik beschlossen haben. Heute abend versammelt sich die Arbeitskonföderation,«m Beschlüsse zu fassen. Die Berichte der Regierung und der Presse laute« optimistisch. Die Einbernfung z« den Fahnen. Die Erklärung be« AllgemeinauSstandeS hat die Regierung mit der Einberufung aller noch übungSpflichtigen Eisenbahner Frankreichs beantwortet, nachdem bereits gestern 27 00v Arbeiter der Nordbah» den Mobilisierungsbefehl er- halten haben. Doch wird diese Maßnahme vorläufig erfolglos bleiben. Durch dieses Vorgehen der Regierung bekommt der Streik ein ganz anderes Gesicht. Der rein wirtschaftliche Kampf zwischen Arbeitern und Unternehmertum verschwindet und eine Machtprobe zwischen der Regierung und der organisierten Arbeiterschaft tritt an seine Stelle. Von diesem Standpunkte aus haben auch die Streik- führer zahlreiche verwandte Berufe— wie Maurer, Elektriker, Straßenarbeiter, Droschkenkutscher— zum Sympathiestreik aufgerufen. Der Streikausschuß ließ gestern nacht einen weiteren Aufruf anschlagen, in welchem eS heißt, die Mobilisierungsorder sei nicht nur eine ungesetzliche, sondern auch eine vergebliche Maßnahme, da die Einberusenen in Friedenszeiten eine vicrzehntägige Frist hätten, um dem MobilificrungSbefehl zu entsprechen. Kein Eisenbahner werde den ihm zugegangenen Befehl befolgen. Die Verhaftung der Streiksiihrer. Die„HnmanitS" veröffentlicht als Antwort auf die von Briand angekündigte Verhaftung der Streikführer folgende von dem Sekretär des Streikkomitees Lemoine unterzeichnete Erklärung: 1. DaS Streikkomitee hat beschlossen, daß seine mit Ber- Haftung bedrohten Mitglieder sich den ganzen 13. Oktober hindurch im RedaktionSburean der„HumanitS" aufhalten werden, wo sie jederzeit zur Verfügung des Herrn Briand stehen. 2. DaS Streikkomitee versichert nochmals allen Bahnangestelltcn, daß die zur Fortdauer des Ausstandes notwendigen Schritte getan sind und die Berhaftung einzelner Kameraden durch keinen Einfluß darauf hat. 3. DaS Streikkomitee ist stolz auf den Erfolg, den seine Ans- fordcrnng zum Generalstreik in ganz Frankreich gefunden hat. Es ruft allen Bahunngestclltcn— den Sklaven der eisernen Schiene— zu:„Nur Mut! wir werden siegen! Von unserer Standhaftigkeit hängt daS Schicksal ab. ES lebe der Streik!" Die mit Verhaftung bedrohten Streikführer begaben sich Mittwoch um 2 Uhr nachts in Begleitung von 20 Eisenbahnern, sozialistischen Deputierten und Advokaten nach dem Rcdaktionsbureau der„Humanitö". Hier erfolgte dann am Vormittag die Verhaftung von Lsinonie, Rsuault, Toffin, Legncnic und Autont. Challais weigerte sich mitzugehen, weil sein Name auf dem Haftbefehl falsch geschrieben war. Er wurde später nach Berichtigung dieser Formalität in seiner Wohnung verhaftet. Man nimmt an, daß noch weitere Verhaftungen statt- finden werden. Die Festnahme der Fünf vollzog sich ohne Zwischenfall. Bevor der Polizeipräfekt Lspine, von mehreren Beamten begleitet, zu den im vierten Stock belegenen Redaktions- räumen der„Humanitö" hinaufstieg, ließ er die Rue du Croiffant, in der das Haus sich befindet, durch Schutzleute ganz vom Publikum räumen. In der Redaktion der „Humanitö" waren außer den Streikführern mehrere s 0 z i a- listische Deputierte anwesend. JauröS und V a i l l a n t protestierten gegen die Verhafttmg. Der Polizei- präfett rief ihnen zu:„Wir kennen diese Redensarten seit langem, lassen Sie uns unsere Pflicht erfüllen." O» • Gegen die verhafteten Führer wird Anklage wegen Aufreizung von Militärpersonen zur Ge- horsamsverwetgerung erhoben werden, wobei der Generalstaatsanwalt als„Militärpersonen" die zu den Fahnen einberufenen Reservisten betrachtet. Außerdem werden einige wegen Gefährduüg der Staatssicherheit unter Anklage gestellt. Weitere Verhaftungen nnd Hanssnchungen. Paris, 13. Oktober. Der Generalsekretär des n a H 0» nalen Eisenbahnarbeitersyndikats Bidegarry und ein anderer Führer der Ausständigen sind heute nachmittag in Paris verhaftet worden. Eine andere Verhaftung wurde in Ronen vorgenommen. Bei Haussuchungen bei den Führern der Ausständigen in R 0 u c n und D r e u x wurde eine umfang- reiche Korrespondenz beschlagnahmt. Ueber lOv Verhaftungen. » Paris, 13. Oktober. Mehr als hundert Ber- aftungen von E i s e n b a h n a n g e st e l l t e n sind in ans und den Provinzen bis abends 6 Ilhr vorgenommen worden. Die Ausdehnung des Streiks. Paris, 13. Oktober. Der Eisenbahnerstreik hat eine weitere NuSdchniiiig erfahren durch Zuzug aus den Kreisen der Angestellten der Paris— Lyon— Mittclmccrbahn und der Ostbahngesellschaft. Beide Eiseiibahnerverbände haben die sofortige Junngriffnahinr des Streiks beschlossen. man weiß jedoch noch nicht, ob auf diesen Eisciibahiistrcckcn cS zur vollständigen Einstellung des Betriebes kommt. Gestern abend hielten die Delegierten der Zugführer und Heizer der Ostbahngesellichaft eine' Ver- sanimlung ab, die um 11 Uhr mit Enthusiasmus die Streik- Verfügung akzeptierte. Wahrscheinlich wird heute morgen S Uhr der Streik auch auf den Linien dieser Gesellschaft beginnen. Mein als 2000 Angestellte der PariS-Lyon-Mittelmecrbahn hielten, in der Arbeitsbörse eine Versammlung ab, um über den Anschluß an den Streik bei der Nordbahngesellschaft zu beschließen. Die Mehrzahl von ihnen stimmte für den Anschluß. Die Shndikatssekreiäre aller großen Eisenbahngesellschaften waren anlinsend. Es gelangte eine Tagesordnung zur Annahme, in der es heiyt: Die Angestellten der Mittelineer- Eisenbahn akklamieren mit Enthusiasmus den Generalstreik. Sie verpflichten sich, die Arbeit nicht wieder aufzunehuie», wenn ihre Forderungen nicht voll be- friedigt werden und die Arbeiter und Angestellten, die wegen Be- teiligung an dem Streit eutlasscn worden sind, wieder eingestellt werden. Am Schluß der Versammlung wurde die Internationale gesungen. Aus Lyon wird berichtet, daß das dortige nationale S y n d i k a t der Ange st eilten der Paris-Lyon- Mittelmeer- bahn eine Versammlung abhielt, in der der Anschluß an den Pariser Streik beschlossen wurde. Aus Billcueuf St. George wird um Mitternacht gemeldet, daß mehrere hundert Angestellte der Paris-Lyon-Miltelmeerbahn ebenfalls den Streik beschlossen haben. Von der Orlcnns-Bahngescllschaft wird gemeldet, daß auch die Angestellten dieser Gesellschaft gestern abend ans dem Boulevard- Hospital eine Versammlung abgehalten haben. In der zur Annahme gelangten Tagesordnung heißt es, daß die 2h00 Angestellten verlangen, daß die von den Angestellte» der übrige» Gesellschaften in bezng ans die Erhöhung der Löhne gestellten Forderungen durchgeführt werden müßten. Ebenso die rückivirkende Kraft des PcnsisusgcscScs für die Arbeiter vom Juli 1909, sowie Durchführung des Gesetzes über den wöchentlichen Ruhetag, ferner daß Strciktage bezahlt Werden müßten. Der Streik wurde indessen nicht beschlossen. Dagegen wird auS Juvisy gemeldet, daß dort in einer Ver- fommlunp von mehr als 100 Angestellten der Paris-Orleans-Bahn der Strc»k votiert wurde. Das Streikkomitee ist gegenwärtig mit der Verteilung von Streikkarten beschäftigt. Eine hiesige Nachrichtenagentur meldet aus Algier, daß das Syndikat der Heizer und Lokomotivführer deS Gebiets von Algier ebenfalls de» Ausstand beschlossen habe. Die Angestellten werden dem Pariser Beispiel folgen und sofort in den Streik treten. Dieser Beschluß wurde in einer gestern abend 9 Uhr abgehaltenen Vor- sammlung der Eisenbahnarbeiter gefaßt. Paris» 13. Oktober. Heute morgen war der Ausstand auf der Nordbahn und der staatlichen Westbahn ein vollständiger. Die übrigen Babnnetze wurden bisher weniger in Mitleidenschaft gezogen, wahr- schemlich weil der Ausstandsbeschluß allen Angestellten noch nicht zu- gegangen ist. Durch den angekündigten Streik der Angestellten der Metropolitanbnhn wird die Pariser Bevölkerung sehr in Mitleiden- schaft gezogen. Die Verkehrsstörung, welche hierdurch in Paris ver- ursacht werden wird, wird sehr bedeutend sein. Paris, 13. Oktober. Bei der Nordbahngesellschaft und der W e st l i ch e n S t a a t S b a h n ist die Situation gegen gestern wenig verändert. Von der Nordbahngesellschaft wird erklärt, daß die Arbeiter sich mehr und mehr wieder ein- gefunden hätten.(?) Einige sind d ein militärischen Ge- stellungsbefehl nachgekommen. Dagegen wird ans Lille gemeldet, daß die dortigen Eisenbahnarbeiter dem Gestellungsbefehl nicht nachgekommen sind. Von 8200 Angestellten, welche die Einberufung zum Militär erhielten, haben nur 40 die Arbeit wieder aufgenommen. Die Eisenbahngesellschaft hat heute 60 Arbeiter und Angestellte ausgesperrt. Der Aufforderung, dem Generalstreik beizutreten, welche die Syndikate der Orleans- und der Paris— Lyon- M i t t e l m e e r b a h n in der letzten Nacht beschlossen hatten, sind die Arbeiter nur zum Teil nachgekommen, und der Dienst dieser Bahngesellschaften hat sich g a n z n o r m a l abgewickelt. Dasselbe ist von der O stb a h n ges ellsch a ft zu j sagen, wo allerdings ungefähr ein fünftel aller Arbeiter in den Ausstand getreten ist. Doch konnte mit Hilfe von aus- wärtigen Kräften namentlich aus der Provinz, der Dienst auf- recht erhalten werden. Millerand bewaffnet die Streikbrecher. Paris, 13. Oktober. In einem Erlaß Millerands werden diearbeitswilligenAngcstelltender Bahn- gesellschaften aufgefordert, sich während ihrer Dienstzeit mit Waffen zu versehen, um gegen überraschende Angriffe der Ausständigen geschützt zu sein. Bei der wachsenden Ausdehnung der Streikbewegung sei es dem Staate unmöglich, zum Schutze eines jeden einzelnen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Die Justiz gegen die Streikenden. Paris, 13. Oktober. Ein Eisenbahnbediensteter in Rouen wurde wegen Verleitung zur Niederlegung der Arbeit zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. In P o n t o i s e wurde der Lokomotivführer V i b e r t wegen Streikaufreizung zu zwei Monate» Gefängnis verurtelt, m S o t t e v i l l e ein Schaffner zu drei Monaten. Paris, 13. Oktober. Der auf heute vormittag augesetzte Ministerrat ist auf morgen vertagt worden. Der Ministerpräsident und der I u st i z m i n i st e r hielten eine Beratung mit dem Generalstaatsanwalt wegen deS ein- zuleitenden Strafverfahrens ab. Die Sozialisten fordern Kammereinberufung. Paris, 13. Oktober. Die sozialistischen Deputierten haben einen Aufruf erlassen, worin sie dieRegterungsmaß- regeln verurteilen und die sofortige Ein- berufung der Kammer fordern. Die„Humanitö" teilt mit. daß sie dem Minister des Innern durch einen Spezialboten ein Exeniplar ihrer heutigen Ausgabe habe zugehen lassen. Die sozialistische Kammerfraktion hielt eine Sitzung ad und beschloß, in Permanenz zu tagen, um die Eisenbahner weiter zu verteidigen. Die Fraktion wird die übrigen Abgeordneten um ihre Unterschriften ersuchen zu dem Antrage auf un nr ittelbare Einberufung des Parlaments. Nach der den Streikenden feindlichen Haltung der bürgerlichen Presse ist es aber nicht anzunehmen, daß die Sozialisten die nötige Stimmenzahl zusammenbringen. Die gefährdete Verpflegung von Paris. Paris, 13. Oktober. Die Stadt Paris ist heute so gut wie von aller Welt abgeschnitten. Die Lage hat sich weiter verschlimmert und wird eine unentwirrbare. Die Lebensmittelzufuhr nach den Zentralmarkthallen weist bereits eine große Verminderung auf. B e s o n d e S Fische und Milch trafen in bedeutend geringerer Menge ein. Anstatt 200 000 Kilogramm Fische trafen-deren nur 02 000 ein. 100000 Liter Milch trafeki weniger ein als wie gewöhnlich. An Geflügel fehlen zirka 20 000 Stück. Mau ist gespannt, wie die Regierung da? Versprechen halten wird, daß kein Mangel an Lebensmitteln eintreten werde. Jetzt, wo die Angestellten der West- und Mittelmeer- vahir sich dem Generalstreik angeschlossen haben, ist die ganze Zufuhr von Fleisch, Milch, Früchten usw. f a st voll- ständig unterbunden. Wenn bis morgen der Streik nicht beendet fein wird, werden die oben genannten Lebensmittel einen Preisaufschlag von 60 P r o z. und mehr erleiden. � Optimistischer lauten die beiden folgenden Mcl- düngen: Paris, 18. Oktober. Ministerpräsident B r i a n d ließ dem Bureau deS Munizipalrats die Erklärung zugehen, daß die Ver- pflegung von Paris sichergestellt sei. Die A b- lieferungen in den Hallen und auf dem Schlachtviehmarkt hätten sich rn normaler Weise vollzogen und würden sich auch fernerhin ebenso vollziehen. Pari», 13. Oktober. Die Lebensmittelpreise in Paris haben zwar ein wenig angezogen. Doch ist eine Hungersnot nicht zu be- fürchten. Paris wird zu Schiff verproviantiert werden. In Havre, Rouen und anderen Seinehäfen werden große Züge von Lastkähnen zusammengestellt, die durch Schleppdampfer nach Paris gebracht werden. Auf ihnen kommt Gemüse, Fleisch, Fisch, Milch und Getreide. Sympathiestreiks. Paris, 13. Oktober. Die Bauarbeiter, 4000 an der Zahl, haben in einer Versammlung beschlossen, den General st reik heute zu verkünden. Jn Corbeil, unweit Paris, haben die Streckenarbeiter in der Nähe des Bahnhofes von Chaville den Ausstand beschlossen. Die Straßenarbeiter und Tagelöhner von Paris, deren Zahl sich auf etwa 60 000 beläuft, wollen heute in einer Versammlung zur Streikfrage Stellung nehmen. Auch ihr Ausstand ist zu crwanen. Gestern abend haben die Elektriker auf der Arbeitsbörse die Erklärung des AuSstandes beschlossen, falls nicht bis heute abend ihre Forderungen erfüllt werden. Diese sind in Form eines Ultimatums an den Seinepräfekten abgegangen. Wie die.Liberte" meldet, sind die Angestellten der Straßenbahn Paris- St. Germain ebenfalls in den Streik getreten. Infolgedessen konnten heute keine Straßenbahnwagen verkehren. Automobilverkehr nach der Nordsee. Paris, 13. Oktober. Die Flucht ans Paris hält an. Alle Verkehrsmittel außer der Bahn müssen jetzt zur Beförderung der Reisenden nach den Kanalhäsen herhalten. In den ersten Stunden des Nordbahnstrciks waren Automobile nur für 600 bis 1000 Fr. zu haben. Jetzt ist der A u t o m o b i l v e r k e h r nach B o u l o g n e und Dieppe bereits geregelt worden. Die Reise firma Cook läßt am Morgen Automobilomnibusse nach Boulogne und Dieppe abgehen. Rechtzeitig am Abend vor Abgang der letzten Kanaldampfer trafen sie dort ein. Paris— Boulogne kostet 150 Fr., während die Fahrt nach Dieppe um 25 Fr. billiger ist. Folgen des Streiks. Paris, 13. Oktober. Die erste Folge deS Eisenbahnerstreiks ist die Aussperrung der Hälfte aller Grubenarbeiter des Kohlenbeckens von Courbier e. 4500 Grubenarbeiter sind zum Feiern gezwungen. Andere Kohlengebiete werden eben- falls mit der Entlassung von Arbeitern vorgehen, da die Trans- p o r t m i t t e l für die geförderte Kohle mangeln. Brüssel, 13. Oktober. Die Rückwirkung des französischen Eisen- bahnerauSstandcS auf belgische Bahnen und Handel macht sich heute bereits stärker ftihlbar. Die französische Nordbahn hat Kohlen- be st eilungen, welche sie bei den belgischen Gruben machte, eingestellt, andererseits konnten die französischen Hoch- ösen in Hautmont, Louvroil und SousleboiS, welche ihr Heiz niaterial aus Belgien beziehen, ihren B e- trieb nicht a u f rechterhalten. Die Kohlenausfuhr nach Frankreich wurde größtenteils eingestellt. Viele mit Kohlen beladenen Wagen können die Grenze nicht passieren und stauen sich infolgedessen in den Grenzbahnhöfen an. Auto- mobile, welche Personen befördern, treffen andauernd aus Paris in Charleroi und Möns ein. Wirkungen im Auslande. Rom, 13. Oktober. Der Ausstand der französischen Eisen- bahner findet auch ein E ch o bei ihren Kollegen in I t a l i e n. Diese haben dem Bautenminister heute ihre Forderungen überreicht, ivelche unter anderem in einer Aufbesserung der Gehälter und in einer Herabsetzung der Arbeitszeit bestehen. Genf, 13. Oktober. Die französischen Eisenbahner des Bahnhofs Cornavin in Genf haben sich der S t r e i k- belvegung angeschlossen und heute nachmittag d i e Arbeit niedergelegt. Der Bahnhof ist verlassen. Von Bern sind Beamte der Bimdesbahn eingetroffen, um die Lage zu studieren. Der deutsch-französische Verkehr. Köln, 13. Oktober. Gegenüber französischen Meldungen, daß es gelungen sei, einige Züge an die Grenze zu bringen, wird uns von der Kölner zuständigen Stelle mitgeteilt, daß bisher keinerlei A ender ung im Verkehr mit Frankreich eingetreten sei. Von allen westdeutschen Stationen wird keinerlei Beförderung für Frankreich übernommen. Recht übel erging eS einer Kölner Gesellschaft, die gelegentlich des Besuches der Brüsseler Ausstellung einen Abstecher nach Paris unternahm und die nunmehr, wie einzelne Mitglieder ihren Angehörigen tele- graphisch mitteilten, lieber den Rückweg zu Fuß machen wollen, als sich den Schikanen der Ausständigen auszusetzen. Zm Jahrestag der€rm«rdung Ferrers. Am 13. Oktober war eS ein Jahr, daß Francisco Ferrer in den Gräben von Montjuich erschossen wurde, auf den Befehl fanatischer Mönche, denen die herrschende militärische Clique bereitwilligst dienstbar war. Diese Tat, eine der infamsten, die die Kirche der Inquisition jemals begangen hat, hat ihr Vergeltungen zugezogen, an die sie nicht gedacht hat. Noch nicht ein Jahr nach dem 13. Oktober 1909 hat Portugal das Joch der Kirche abgeworfen und Spanien, das seit der Ermordung FerrerS aus der Gärung nicht herausgekommen ist, trat in die letzte Periode des Kampfes ein, auS dem es siegreich hervorgehen muß. Bor einem Jahre waren die blutgierigen Mönche in Spanien die Mächtigen. Auf der iberischen Halbinsel war die Atmosphäre so voll von Klerikalismus, Militärherrschaft und Unterdrückung, daß alle Welt empfand, eine Aenderung sei notwendig. Wenn man aber damals vorausgesagt hätte, daß dem Ministerium Maura ein Kabinett folgen werde, daß trotz vieler nicht ernst gemeinter Ver» sprechungen doch als beherrschenden Punkt seiner Politik den Anti- klerikalismus proklanneren und verfolgen mußte, so würde man für naiv erklärt worden sein. Dieser Kampf gegen die Kirche wirb nicht nur geführt um größere Freiheit, sondern eS ist auch eine unabwendbare ökonomische Notwendigkeit, daß er durchgefochten werden muß. DaS Volk kämpft instinktiv und vergießt großmütig sein Blut, damit daS Leben weniger sklavisch werde. Aber die spanische Bourgeoisie weiß, daß fie mehr als alle anderen an Materiellem gewinnen wird beim Sturze der klerikalen Macht. Um sich der enormen Güter der katholischen Kirche zu be- mächtigen, vereint die Bourgeoisie ihre Kräfte mit denen deS Volkes und stürzt sich in den Kanipf. In Spanien belaufen sich die Be- sitzungen der katholischen Kirche ans ein Drittel des ganzen National- Vermögens. Die spanische Kirche ist eine der größten gewerblichen Organisationen der Welt. Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf alle Zweige des Handels und der Industrie. Sie besitzt Bergwerke und Dampfschiffsgesellschaften, Kerzenfabriken und Likörbrennereien. Alle Arbeit wird in diesen Betrieben von den Mönchen und Nonnen ge- macht, die keinen Lohn beziehen. In Barcelona allein gibt cS an 300 solcher Klöster, die der katalonischen Bourgeoisie eine unerträgliche Konkurrenz machen, weil ihnen die Handarbeit nichts kostet und weil sie der Regierung keinerlei Steuern zahlen. Und ebenso bedeutet diese industrielle Arbeit der Klöster«ine furchtbare Schmutzkonkonkurrenz für die Arbeiter, deren Lohn gedrückt wird durch den verwüstenden Weit« bewerb dieser Parasiten. ES ist daher nicht erstaunlich, wenn Bourgeoisie und Arbeiter in diesem Kampfe zusammengehen. Sie haben beide von der Aus- Hebung der Orden zu gewiunen. Natürlich würde der Bourgeoisie der Löwenanteil zufallen. Zur Stunde erlebt die Kirche eine der schwärzesten Stunden in der Geschichte des Christentums. Ueberall bereitet sich der Kampf zum entscheidenden Punkte vor. Die Kirche wird übrigens nicht als die gerechte Vergeltung für ein langes Regime der Ungerechtig- keit, der Unterdrückung und der Verfinsterung erhalten. Die Erfordernisse der neuen Zeit wollen, daß die Kirche aus ihrer weltlich herrschenden Stellung verschwinde. Das Schlachtfeld muß frei werden für zwei Armeen. Denn sobald der Swrz der weltlichen Macht der Kirche entschieden ist, wird sich das Proletariat gegen seinen eigentlichen Feind, gegen den Kapitalismus mit ganzer Kraft wenden können. London, 13. Oktober. In der vorigen Nacht sind der Bürger- steig vor der spanischen Botschaft und die Eingangs- stufen mit einer blutroten chemischen Sub st anz bestrichen worden. Alle Bemühungen des Dienstpersonais der Botschaft konnten bis zum Mittag diesen Anstrich nicht be- fettigen. Barcelona, 13. Oktober. Der Zibilgouberneur von Barcelona. Sennor Nunez, erklärte gestern, daß die vielfach alarmierenden Gerüchte aus Barcelona völlig unbegründet sind. Ausschreitungen anläßlich des Ferrer-JahrestageS werden kaum stattfinden.„Ich habe jeden Demonstrations- zug untersagt. Das Grab Fcrrers darf bekränzt werden. Auch dürfen feine Anhänger zu ihm pilgern. Doch jeder geschlossene Zug, jede organisierte Demon« stration wird mit Waffengewalt unterdrückt. Die Lage in Barcelona ist keinesfalls so beunruhigend, wie eS nach Madrider Meldungen erscheinen will. Die Stadt verfügt über ge- ordnete Zivil- und Militärbehörden, die mit Leichtigkeit jede Ausschreitung unterdrücken können. San Sebastian, 13. Oktober. Die Regierung hat in den Städten Nord- und Ostipanicns für heute die um- fassend st en Vorsichtsmaßregeln getroffen. Seit gestern abend sind alle Truppen in ihren Kasernen kon- signiert. Abteilungen stehen bereit, jederzeit zur Unterstützung der Polizeibehörde abzurücken und etwaige Unruhen im Keim zu unterdrücken. 7 Tage lang wird dem Militär kein Urlaub gewährt, um alle Mannschaften zur Stelle zu haben._ poUtifcbe dcbcrlicbt Berlin, den 13. Ottober 1910. An die Maschinengewehre! Die Scharfmacher können es noch immer nicht verwinden, daß die preußische Regierung nicht bei den Moabiter Unruhen Kanonen und Maschinengewehre zur Anwendung gebracht und dadurch auf ihre Art eine Begründung für den Erlaß eines neuen verschärften Sozialistengesetzes geliefert hat. Sie er- mahnen deshalb in der von ihnen unterhaltenen Presse die Regierung, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit sofort das Versäumte nachzuholen und nach dem im Bissingschen Korpsbefehl enthaltenen vaterländischen Rezept zu verfahren. Zugleich drängen sie unter Hinweis auf den jetzigen Eisen- bahnerstreik in Frankreich die Regierung, wenigstens zum „Schutz der Arbeitswilligen" dem Reichstag in nächster Session einen Gesetzentwurf nach dem Muster der bekannten ver- unglückten Zuchthausvorlage vorzulegen, oder, wenn auch dieses Vorgehen für inopportun gehalten werden sollte, in das neue Strafgesetz einige schöne Antistreik-Paragraphen hinein- zuschreiben. An erster Stelle steht bei diesen Treibereien natürlich bie ehemals Kronsbeinsche, jetzt Pohlsche„Post". In seiner letzten Nummer leistet sich dieses verächtliche Blatt wieder folgende Hetzerei: „Auf die tagelangen Straßenkämpfe in Moabit find genau so. wie wir es befürchtet hatten, grobe Ausschreitungen zunächst im heiligen Köln und dann im Belgischen Land, wo die Erinnerungen an 48 noch besonders lebendig sind, in Remscheid gefolgt. Würde eS zur Aussperrung der Metallarbeiter gekommen sein, dann würden wir wahrscheinlich noch viel Schlimmeres erlebt haben. Die sozialdemokratsich organi» sierten Massen wissen jetzt, daß es ihnen möglich ist, tagelang die Siraßen zu beherrschen. ohne daß mit den schärfsten Mitteln gegen sie vsorgegangen wird. DaS Verhalten der Staatsgewalt in Moabit hat keine abschreckende Wirkung auf sie ausgeübt. Die Revolverschützen jener Straßenschlachten sind wahrscheinlich heute in den Kaschemmen und Budiken die Helden des Tages. Die dem Deutschen angeborene Kampflust wird sich nur zu leicht zu weiteren Ausschreitungen hinreißen lassen. In den Kreisen der sozialdemokratischen Massen heißt«S jetzt, der Klassenstaat hat Militär, aber er gebraucht eS nicht. Wer aber bürgt unS dafür, daß der Waffenstillstand, der in der Metallindustrie eben abgeschlossen ist, nicht bald wieder gebrochen wird? Wer bürgt uns dafür, daß nicht bald hier, bald dort neue Ausstände entstehen, die bald zu Auf st Süden werden. Ist es doch so weit bereits gekommen im Deutschen Reich, daß der Arbeitswillige sein Recht aus Arbeit nicht durchsetzen kann. Wenn ein Streik ausbricht, ist eS gewöhnlich nur eine Minderheit. die für die Niederlegung der Arbeit ist; die übrigen werden durch Beschimpfungen. Verhöhnungen und Bedrohungen ge- zwungen, sich anzuschließen. Ist eS doch so weit gekommen, daß an vielen Baustellen nur noch sozialdemokratisch organisierte Arbeiter beschäftigt werden können. War eS doch beim letzten großen Bergarbeiterstreik der Staatsgewalt vollkommen unmöglich, die Arbeitswilligen zu beschützen. Der Staat hat schon heute auf diesem Gebiete vollständig versagt. Wohin soll es kommen, wenn«S auf dieser Bahn weiter geht?" Dann tvird auf den französischen Eisenbahnerstreik hin- gewiesen und ohne Beweis frech behauptet, die„Umstürzler" planten in Deutschland demnächst ähnliche Streiks zu in- szenieren. Nur ein Mittel könne helfen— rücksichtslose Tat- kraft der Regierung l Und diese hätte sich besonders darin zu zeigen, daß sofort beim geringsten Anlaß mit Waffengewalt eingegriffen und das Strafgesetz verschärft werde. Wörtlich heißt es in dem Artikel: „Hoffentlich hat unsere Regierung die Kraft, einem weiteren Herabsinken auf der schiefen Ebene entgegenzutreten. Es ist aber die höchste Zeit, daß dies bald geschieht. Die Verhetzung ist bereits in die weitesten Kreise gedrungen. Man vergleiche nur die Artikel der sozialdemokratischen Blätter, man höre sich nur die Reden an, die in Bolksversamm- lungen öffentlich gehalten werden. Wenn nicht bald der Masse des Volkes durch Strafgesetz der Gedanke wieder lebendig gemacht wird, das} Aufforderung zum Umsturz der Staatsordnung etwas Verbotenes ist, dann fürchten wir. wird eines Tages die Ordnungsliebe und Arbeitsamkeit der deutschen Arbeiter, die heute noch vorhanden ist, beseitigt werden von ihrem Machtbewutztsein und der Sucht, den Staat allein für ihre angeblichen Klassew interessen allszunutzen." Wir verstehen den Herzensdrang der„Post"; aber etwas geschickter sollte sie doch die Mache betreiben. Prenstische Polizciwirtschaft. Selbst Blättern der Großbourgeoisie wird allmählich die preußische Polizeiwirtschaft zu bunt. Das beweist ein langer Artikel der„Köln. Ztg.". überschrieben„Falsche Methoden staatserhaltender Politik", in welchem cS unter Bezugnahme auf eine Verhandlung der Saarbrücker Strafkammer gegen fünf Schutzleute und die Moabiter Vorgänge heißt: „Das durchschnittliche Publikum nimmt unbesehen eine der Polizei feindselige Haltung ein und unterstützt lieber die gefähr- lichslen Verbrecher als die Polizeibeamten bei ihrer sauern Arbeit. Wenn es für dieses beklagenswerte Verhalten des Publikums aber eine Rechtfertigung gibt, soliegtsiein der mindestens ebenso verwerflichen Verkennung ihrer Stellung zum Publikum, deren sich manche Polizeibeamie schuldig machen, eine Verkennung, wie sie jetzt in Saarbrücken nicht zum ersten Male bewiesen, sondern nur aufs neue bestätigt worden ist. Noch kürzlich hat man mit Befremden vernommen, daß bei den Moabiter Unruhen ein Polizei- bcamter ohne dringende Gründe auf die ausländischen Journalisten hat einhauen lasten. Hätte er mit der nötigen Besonnen- heit gehandelt, so hätte er zunächst den Insassen des Automobils die Gelegenheit geben müssen, sich auszuweisen. Das im übrigen gleichmäßig wegen seiner kaltblütigen Besonnenheit wie seiner im rechten Augenblick einsetzenden Energie rühmliche Verhalten der Berliner Polizei hat durch jenen einen Mißgriff einen sehr häß- lichen Fleck bekommen. Und durch die Weigerung des Polizei- Präsidenten, diesen Beamten zu bestrafen, ist der Fleck noch um ein gutes Stück vergrößert worden. Diese Weigerung ist aber charakteristisch für die bei uns vorhandene Auffassung über die Grenzen polizeilichen Rechts und Un� rechts. Sie ist demselben Gedankengang entsprungen, der die Saar> brücker Strafkammer veraulakte, von Gefängnisstrafen für die angeklagten und schwersten Amtsmiß- brauchS überführten Polizeibeamten abzusehen. Es ist gewiß nichts dagegen zu sagen, wenn eine vorgesetzte Behörde die ihr untergeordneten Organe so lange zu decken sucht, wie das möglich ist, und wenn die Gerichte sie darin unterstützen. Aber diese Deckung darf natürlich nichts mit einer Be- schöniguug begangenen Unrechts und nackter Gewalttätigkeit gemein haben. Denn das ist eine kurzsichtige Methode staatserhaltender Politik." Är Zur Fleischnot. In der vorletzten Stadtverordnetensitzung in Dortmund wurde sowohl von unseren Genossen als auch von freisinniger Seite der Magistrat über die herrschende Fleischnot inter pelliert. Der Bürgermeister Eickhoff erklärte sich bereit, den gegebenen Anregungen gern Folge leisten zu wollen, so weit dies möglich sei. Eine Kommission von Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern, zu der auch Landtvirte, Vieh Händler und Metzger zugezogen wurden, beauftragte den Schlachthofdirektor Clausnitzer- Dortmund mit der Aus� arbeitung einer Denkschrift über die Fletsche teuerung. Diese Denkschrift ist jetzt fertiggestellt. Sie ist sehr interessant. Herr Direktor Clausnitzer macht u. a folgende Ausführungen: „Wiederholt ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die Preise von Vieh und Fleisch stets bestimmten Schwankungen unterworfen sind, wofür die ursächlichen Veranlassungen nicht ein- heillicher Natur sind. Neben den zum Schutze der Landwirtschaft getroffenen Maßnahmen, als: Sperrung der Grenzen, Erhöhung der Zölle, Beschränkung der Fleisch- einfuhr usw. sind es die heimischen Futterverhält» nisse, die in dieser Beziehung von ganz besonderer Bedeutung sind. Es kann schon jetzt ausgesprochen werden, daß für die augenblickliche Fleischteuerung die mangelhafte Futterernte des verg an g en en I ah res von aus- schlaggebender Bedeutung ist. Das Jahr 1S09 lieferte an den für die Rindviehhaltung benötigten Futtermitteln einen sehr schlechten Ertrag. Es wurden geerntet im Jahre 1909 Sommergerste 3 495 6l6 Tonnen. Hafer 9 125 816 Tonnen, Kar- toffeln 46 706 252 Tonnen, Wiesenheu 22140 922 Tonnen; im Jahre 1908: Sommergerste 3 059 865 Tonnen. Hafer 7 694 833 Tonnen, Kartoffeln 45 538 299 Tonnen, Wiesenheu 27 076 097 Tonnen; im Jahre 1907: Sommergerste 3 497 746 Tonnen. Hafer 9149138 Tonnen, Kartoffeln 45 538 299 Tonnen, Wiesenheu 24 911938 Tonnen. �• SIu8 der Gegenüberstellung der Ernteberhältnisse der drei Jahre ist ersichtlich, daß im Jahre 1909 ein namhafter Ausfall der für Rindvieh benötigten Futterwerte zu verzeichnen ist. Nach An- gaben des Statistischen Landesamtes waren die Kleerträge um 23 Proz. und die Luzerne- und Wiesenheuerträge um 21 Pro z. niedriger als im Jahre 1903. War nach diesen Ernteergebniffen zu erwarten, daß der verhältnismäßig günstige Ertrag an Körnerfutter und Kartoffeln mit zur Unterhaltung von Rindvieh herangezogen und so eine Preiserhöhung kaum zu befürchten stand, so hat sich diese Erwartung nicht bestätigt. Schon die Viehzählung des preußischen Staates vom 1. Dezember 1909 zeigte, daß eine Verringerung des Rindvieh- bestandeS um 325 911 Stück bis dahin erfolgt war. ES waren vorhanden am 1. Dezember 1909: 11763 161 Rinder, 4 975 632 Schafe, 14 162 867 Schweine; am 1. Dezember 1908: 12 039 072 Rinder. 5 260 238 Schafe, 13 422 373 Schweine; mithin weniger 825 911 Rinder und 234 606 Schafe, mehr 739994 Schweine. Eine Zunahme ist hiernach mir im Bestände der Schweine zu verzeichnen. Die Landwirte waren hiernach nicht in der Lage, ihren Bestand an Rindvieh zu erhalten. Unwesentlich und ohne Einfluß auf die Gestaltung der Vieh- und Fleischpreise sind die so oft und namentlich von den Agrariern beschuldigten S ch l a ch t h o f g e b ü h r e n. Es betragen dieselben beispielsweise hier in Dortmund bei Rindvieh pro Pfund 1 Pfennig; bei den anderen Ticrgattnngen stellen sich die Ge- bühren ähnlich hoch. Bei den meisten anderen Schlachthöfen sind diese Verhältnisse die gleichen. Es ist weiter darauf hinzuweisen, daß, falls die Gebühren, etwa auf die Hälfte, ermäßigt werden sollten, für die Stadt ein Defizit entstehen würde, das durch erhöhte Steuern zu decken wäre, wodurch selbstredend, sollte wirNich durch eine Herab- Minderung der Gebühren das Fleisch etwas billiger werden, der Lorteil auf der anderen Seite wieder illusorisch würde. Aus- zuschalten bezüglich der zu treffenden Maßnahmen dürfte der Zwischenhandel sein... Nach all diesen Erwäglingen kann eine Linderung der zurzeit bestehende» Flrischteuerung nur erzielt werde» durch Oeffnung der Grenze» von Dänemark und Holland, bei denen eine Einfuhr lebenden Viehes im Bereich der Möglichkeit liegt. Selbstverständlich darf die Zufuhr nur unter Wahrung der schärfften Veterinär- polizeilichen Maßnahmen geschehen; die Zölle für Vieh, Fleisch und Futtermittel sind aufzuheben oder wenigstens sehr zu er- mäßigen. Bei diesen Maßnahmen ist vielleicht ein Ausgleich der Preise zu erhoffen. Zu erwägen dürfte ferner noch sein, ob nicht auch andere Nahrungsmittel, wie Fische, die im Nährwert dem Fleisch gleich- stehen, im erhöhten Maße der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden." Der Magistrat soll im Sinne dieser Denkschrift ans die Staatsregierung einwirken._ Kandidatenschachcr in Sachsen. Die Fortschrittler in Dresden haben beschlossen, in Dresden- Altstadt auf eine eigene Kandidatur zu verzichten, wenn sich die Nalionalliberalen verpflichten, in Dresden-Neustadt keinen Kandidaten aufzustellen, sondern bereits im ersten Wahlgang für den Fort- schrittler zu stimme». Darauf werden die Nationalliberaleu natür- lich eingehen; sie hatten schon bei der letzten Wahl in Dresden- Neustadt auf einen eigenen Kandidaten verzichtet. Den Fortschrittlern wird das freilich nicht viel nützen, denn sie brachten es im Jahre 1907 nur auf 6533 Stimmen, während Genosse Kaden 26 458, ein Antisemit 12 363 und ein Konservativer 6717 Stimmen erhielten. Auf der Suche nach dem Reichstagsmandat. Es hat sich wieder ein neuer Kreis gesunden, der B a s s e r- mann als Rcichstagskandidaten aufstellen will. Diesmal ist es der 4. pfälzische Kreis Zweibrücken-Pirmasens. Der Kreis war bis zu den letzten Wahlen unbestrittener Besitz der Liberalen. 1907 eroberte ihn das Zentrum in der Stichwahl." Die Liberalen hoffen, mit Bassermann diesen alten pfälzischen Besitz zurückzuerobern. Leicht wird ihnen das indessen nicht werden, denn in der Hauptwahl 1907 standen 12 224 nationalliberalen 12 467 Zentrums- und 5720 sozialdemokratischen Stimmen gegenüber. Zum Wahlkampf iu Labiau-Wehlau. Die Fortschrittliche Volkspartei hat für die bevorstehende Ersatz- wähl zum Reichstage den Bürgermeister Wagner-Labiau als gemein- samen liberalen Kandidaten aufgestellt. Tie Unruhen in Deutsch-siidwestafrika. Wie aus Kapstadt gemeldet wird, erzählte dort ein aus Lüde- ritzbucht eingetroffener Reisender, die Unruhen in Wilhelmsthal hätten damit begonnen, daß 250 bis 300 beim Eisenbahnbau be- schäftigte Kaffern ein Hotel angriffen, in dem ihnen Getränke verweigert worden waren. Sie warfen die Fenster ein und wollten das Hotel stürmen, als ein Dutzend Soldaten auf sie mehrere Salven abgab, durch die zwölf Kaffern getötet wurden, die übrigen entflohen. Oefteireicb. Die Delegationen. Die österreichisch« und die ungarische Delegation wurden am Mittwoch vom Kaiser enrpfangen, wobei die Präsidenten die üb» lichen Huldigungsredcn hielten. Beide betonten die große Be» deutung der Wehrmacht, die mit der Weisheit des Mo- narchen in der AnnexionSkrise den Frieden erhalten habe. In der Rede des Präsidenten der österreichischen Delegation, v. G l o m- b i n s k i, folgte jedoch diesem Passus der Nachsatz, die Delegation werde die Wehrvorlagen unter sorgfältiger Bedachtnahme auf die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung verabschieden. Der Kaiser antwortete mit einer Thronrede, in der es heißt: Die eine Zeit bedrohlich scheinende Spannung der euro- päischen Lage hat einer erfreulichen Klärung Platz ge- macht. Mit Beruhigung kann ich Ihnen mitteilen, daß unsere Bündnisse mit dem Deutschen Reich und mit dem Königreich Italien wenn möglich noch fester und inniger geworden sind. Sehr befriedigend sind auch unsere Beziehungen zu allen anderen Mächten. Meine Kriegs- Verwaltung wird die nachträgliche verfasfuntzsmäfjige Genehmigung der Delegationen für die außer- ordentlichen Ausgaben einholen, welche während der vor- jährigen äußeren Krise unvermeidlich waren. Dank der hierdurch bewirkten größeren Bereitschaft von Heer Flotte wurde meine Regierung in die Lage versetzt, den Boden einer friedlichen Politik nicht verlassen zu müssen. In dieser Er- fahrung liegt ein Slnsporn, der Verwaltung von Heer und Marine die unumgänglich notwendigen Mittel zur Er- Haltung der Schlagfertigkeit der Wehrkraft zur erfügung zu stellen. Doch soll diese Bereitwilligkeit stets unter Bedachtnahme aus die finanzielle L e i st u n g s f ä h i g- keit der beiden Staaten der Monarchie in Anspruch genommen werden. In diesem Sinne hat meine Kricgsverwaltung die M e h r a n s p r ü ch e für das Jahr 1910 auf das N o t w e n- dig st e beschränkt. In den bezüglichen Anträgen wurde die Aufbesserung der materiellen Lage der im Löh- nvngSbezuge stehend en Personen berü cksichtigt. (In Oesterreich-Ungarn soll danach eine Erhöhung des Söldes der Mannschaften stattfinden, die in Deutschland „wegen Mangels an Mitteln" immer wieder verschoben wird!) »» * Der Minister des Auswärtigen. Graf Aehrenthak, hat dem Ausschuß der ungarischen Delegation für auswärtige Slngelegenheiten eine Darlegung der Situation gegeben, in der er ähnlich wie der Kaiser die Festigung des Dreibundes und das gute Verhältnis zu den übrige» Staaten hervorhob. Insbesondere betonte er. daß das Verhältnis zur Türkei ein gutes fei. Er sagte: Wir können dem netten Regime in der Türkei unsere fteund- schaftliche Unterstützung mit voller ObjÄtivität angedeihen lassen, und hierfür besteht in Konstantinopel volles Verständnis. Gleich den anderen Mächten haben wir ein lebhaftes Interesse an der Konsolidierung der Türkei. Wir begleiten die Bestrebungen des neuen Regimes mit aufrichtigem Wohlwollen und erwarten von ihnen die Schaffung einer guten Verwaltung und die Befestigung der Machtstellung deö Reiches nach innen wie nach außen. In der Kreta frage sei Oesterreich-Ungarn für jede Lösung zu haben, die die Souveränität des Sultans nicht angreife. Die Rede spricht weiter die Hoffnung auf günstige Handelsverträge mit Montenegro, Bulgarien und der Türkei aus, nachdem Slbkommen mit Rumänien und Serbien zum Abschluß gekommen seien. » �» Der österreichischen Delegation gehören nicht die gestern genannten Sozialdemokraten an, sondern die Ge- nossen ReichSratSabgeoroneten Renner, Seih, Njemez, To- maschek und Pittoni._ Die«n sittliche Revolution. Die„Wiener Slrbeiterzeituug" wurde dieser Tage wegen eine» Artikels über Portugal konfisziert. In der Begründung der Konfiskation wird wörtlich gesagt, daß der Artikel zu unsittlichen Handlungen, nämlich zur Nachahmung des portu- giesische n Beispiels aneifere. Schweiz. Ein Korruptionsskandal in Zürich. Zürich, 7. Oktober.(Eig. B-r.) Unser hiesiges Parteiblatt, das„Volksrecht", veröffentlicht eine Serie von fünf Artikeln über die Korruption von Liberalen in der tädtischen Verwaltung, wobei es sich um den BezirksgerichtSvize- Präsidenten Dr. Sieber, Architekt Asper und Baumeister Baur_ handelt; die ersten beiden sind Mitglieder des Großen Stadt- Tegucigalpa zu gehen. Folge geleistet. rates, der dritte war es. Dr. Sieber wollte bor drei Jahan in den kleinen Stadtrat kommen, ist aber mit der Stimmenzahl von 10 035 unterlegen. Es handelt sich um folgendes. Die Stadt Zürich hatte in ihrem Kreise V ein neues Schulhaus zu bauen- und da machte nun der Architekt Asper, der Mitglied der Schulpflege, der Bau- kommission und einer dreigliedrigen Spezialkommisswn und als „bewährter" Fachmann überall tonangebend war, die günstige Gelegenheit für sich und seine Beutegenossen zunutze, um ein äußerst lukratives Geschäft durchzuführen. Asper bildete mit seinen �beiden Genossen eine Gesellschaft, die von Spekulanten ein Bauareal von 9572 Oiuadratmeter a 13,60 Fr. erwarb und dann davon an die Siadt 3500 Quadratmeter ä 18 Fr. verkaufte. Es war erst ein anderer Bauplatz in Aussicht genommen, aber der einflußreiche Aspcr wußte es durchzusetzen, daß auf jenen ver- zichtet und sein Spekulationsobjekt erworben wurde. Dabei blieben natürlich Asper und Konsorten, durch Geheimvertrag gedeckt, als Spekulanten immer im Hintergrund und die Stadt kaufte nicht ihnen, sondern den Gebr. Haymann in Zürich und Uhlmanns Söhne u. Cie. in St. Gallen den Bauplatz ab. So verdienten Asper und Konsorten an der Stadt 10 320 Fr. Ahnungslos war von der Behörde dem Slsper, der überall der Fachmann und Referent war, auch noch der Dank für seine selbstlosen Bemühungen um das Wohl der Schule und der Stadt ausgesprochen worden. Durch den Bau der Schule war der Wert des übrigen Landes stark erhöht worden, so daß bereits ein Teil der verbliebenen 6000 Quadrat» meter zu 20,25 und 30 Fr. pro Quadratmeter an Private weiter verkauft werden konnte. Der ganze Gewinn des Konsortiums wird auf 75 000 Fr. berechnet, wovon Asper als der Macher und Anschicksmann den größeren Anteil erhielt. Die Enthüllungen des..Volksrecht" erregen das größte Auf» sehen und wirken wie eine Bombe. Die bürgerliche Presse, die sonst den kleinsten Fehler eines Sozialdemokraten zu einer ge- waltigen Staatsaffäre aufbauscht und die ganze Sozialdemokratie dafür verantwortlich macht und verlästert, ja die sogar Räuber- geschichtcn vorschwindelt, um gegen die Sozialdemokratie Hetzen zu können, diese bürgerliche Presse ist nun auf einmal sprachlos. Die gebrandmarlten Spekulanten selbst beschränken sich bisher auf die Veröffentlichung einer lendenlahmen Erklärung im Inseratenteil deS Züricher„Tageblatts", nach der sie hoffen, daß ihnen„-die kommende Untersuchung zweifellos volle Genugtuung bringen wird. Welcher Art diese„Untersuchung" sein wird, das ver- raten sie nicht, denn von einer Klageerhebung ist in ihrer„Er- klärung" mit keinem Worte die Rede. Die öffentliche Meinung wartet auf die ihr gebührende Genugtuung, die nur im Rücktritt der beiden kompromittierten liberalen Herren von allen ihren Aemtern bestehen kann. DaS„Volksrechj" kann'der„kommenden Untersuchung" mit aller Ruhe entgegensehen, denn es hat die Veröffentlichung nur aus Grund der Originalschriftstücke vorgenommen. Darum auch ver- weigert die bürgerliche Presse den so arg kompromittierten«Stadt- Vätern" die sonst immer gewährte Verteidigung. Es gibt also auch in der Schjveiz„H a d e r l a N d S", nicht nur in Berlin. Portugal. Auerkennuug der Republik. Lissabon, 13. Oktober. Die Schweiz und Brasilien haben die portugiesische Republik anerkannt. Manuels Flucht. Paris, 13. Oktober. Der Sonderberichterstatter deS„Matin" hatte eine Unterredung mit dem nach Lissabon zurückgekehrten Kapitän ver Jacht A m e l i a". auf der die königliche Familie nach Gibraltar geflüchtet ist. Der Kapitän erzählte unter anderem: DaS Schiff nahm zuerst nordwestliche Richtung. König Manuel hatte nämlich erklärt, daß er nach Oporto gehen möchte, wo er Anhänger und treue Truppen finden werde. Erhoffe, dann gegen Lissabon marschieren zu löunen. Die beiden Königinnen widersetzten sich diesem Borhaben und eL wurde beschlossen, nach Gibraltar zu segeln. kalkan. Die bulgarisch-türkischen Beziehungen. Sofia, IS* Oktober. Wie das Blatt„Rambana" meldet, hat die Regierung die Abberufung des bulgarischen Ge» sandten in Konstanttnopel sowie die der b u l g a r i s ch e n Konsuln in Adrianopel und Saloniki beschlossen. Bulgarische Rnstnugen. Sofia, 13. Oktober. Wie die Blätter berichten, beabsichtigt die Regierung, während der kommenden Session der Sobranje einen außerordentlichen Kredit von ö 0 Millionen für die Heeresbedürfnissc zu beantragen. Der größte Teil dieses Kredits soll zur Neuanschaffung von Kriegsmajerigl Verwendung finden. � Die Lage im Haurangebiet. Konpantinopcl, 13. Oktober. Aus dem Haurangebiet wird gc- meldet, daß dort dieser Tage«ine Entscheidungsschlacht zwischen den Expeditionstruppen und den Drusen stattgefunden hat. Nach einem äußerst hartnäckigen Kampfe wurden die Drusen in die Flucht geschlagen._ Zur Kabinettskrise iu Griechenland. Aachen, 13. Oktober. Auf eine Anfrage antwortete Beni- s e l o s. er werde die Kabinettsbildung nur annehmen, wenn ihm der König die Ermächtigung zur Auflösung der National» versamm lungerteil t. Argentinien. Präsidentenwcchsel und-Botschaft. Buenos Aires, 12. Oktober. Der neue Präsident der Re- publik, Saönz Pefia, und der Vizepräsident, Dr. de la Plaza. nahnien heute in feierlicher Weise von ihren Slemtern Besitz und leisteten in einer gemeinsamen Sitzung der Kammer und deS Senats den Eid. Der Präsident verlas alsdann eine Bot» schaft, in welcher er erklärte, die internationale Politik der neuen Regierung werde eine Politik der Freundschaft für Europa und der Brüderlichkeit für Amerika sein. Er kündigte hierauf an, daß er Aenderungen im Wahlgesetze vorschlagen. das Los der Arbeiter zu verbessern und den Preis der notwendigen Lebens» und Bedarfsartikel herabzusetzen suchen werde. Er sei Anhänger der progressiven Erbschafts st euer. Sacnz Pena empfahl sodann ein Slrbeitsunfallgesetz und erklärte, er werde seine ganze Slufmerksamkeit dem öffentlichen Unterricht, insbesondere dem Volksschulwesen, zuwenden und sich auch mit dem Schutz der Einwanderer durch Er leichte- rung des Ankaufs kleiner Besitzungen be- schäftigen. Rondurae. Der Zwischenfall in Amapala erledigt. Washington, 12. Oktober. Nach einer beim Staatsdepartement eingegangenen Depesche hat der Stadtkommandant von Slmapala(Honduras), der den Befehl gegeben hatte, alle Ameri- kaner und Engländer festzunehmen, der Forderung des Präsidenten Davila, sich vo n se i n e m P o ste n z?u r ü ck z u z i e h e n und nach CSewerhlcbaftUcbc#*. Heb tung 1 Gcwerhrcbaf tomitgUcder! Zu dem am heutigen Abend stattfindenden Vortrag des Herrn Professors Tr. Forel über„Mensch und Ameise als soziale Lebewesen" sind noch Eintrittskarten a 23 Pf. am Eingang zum Saal zu haben I (Siehe auch Inserat!) Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommisfion. Berlin nnck Clmgegend. � Achtung, Metallarbeiter! Der Streik bei Schäffer u. Oehlmann ist beendet Die Sperre ist aufgehoben. Deutscher Metallarbeileverband. Ortsverwaltung Berlin. Die Lohnbewegung der Holzbildhancr hat ihren Abschlust soweit gefunden, dast nunmehr auch von seilen der Arbeitgeber-Organi- sationen, der Freien Vereinigung der Holstndustriellen, dem Verein für Innenausbau und dem Verein selbständiger Bildhauer Berlins. die Vereinbarungen der gemeinsamen Kominission angenommen worden sind. Es tritt somit eine sofortige allgemeine fünfprozentige Lohn- erhöbung ab 1». Oktober l91v in Krast und ist am Sonnabend, den 12. Oktober erstmalig zahlbar. Autzerdcm: Bei Arbeiten auher- halb der Werkstatt über 1 Kilometer Entfernung wird ein Zuschlag von 2 Pf. pro Stunde, und bei Arbeiten auf dem Bau bei jeder Entfernung ein solcher von 10 Pf. pro Stunde gezahlt. Die Kollegen haben also am Sonnabend in allen Werkstätten den erhöhten Lohn zu beanspruchen und noch abends im Bureau Engelufer 12, Zimmer 8!-! Bericht zu erstatten. Hier wird auch den Kollegen, die leine Lohnerhöhung erhalten haben, weitere Anweisung gegeben. Die Kommission deS Zentralvereins der Bildhauer Achtung, Dachdecker Berlins und der Umgegend! Die Sperre über die Firnia Georg A l t h a u s, Ackerstr. 122, ist aufgehoben. Herr A l t h a u§ hat sich durch Namensunterschrift verpflichtet, die Bestimnumgen des Tarifvertrages für das Dachdeckergewerbe zu Berlin einzuhalten, und Sonderabmachungen, welche dem Tarif- vertrag zuwiderlaufen, mit seinen Leuten nicht zu treffen. Zentralverband der Dachdecker, Verwaltungsstelle Berlin. Die Gastwirtsgehilfen beschäftigten sich in einer öffentlichen Versammlung, die am Dienstag, den 11. d. Mts., in den„In- d u st r i e- Fe st s ä l e n" tagte, und die äußerst stark besucht war, mit der Frage der Errichtung eines paritätischen Arbeits- Nachweises. Der Referent Zeiske teilte in seinem Vortrag u. a. mit, daß eine Anzahl sogenannter„nationaler" Gehilfenvereine mit dem Plan umgingen, einen„Zentralarbeitsnachweis" zu gründen, um ihre Existenz auch nach dem Inkrafttreten des Stellenvermittle rgesetzes weiter fristen zu können. Das Stellew vermittlergcsetz würde namentlich diesen Vereinchen, die nur durch ihre halbgewerbsmäßige Stellenvermittlung bestehen, ein Ende be reiten. Anstatt sich nun der gewerkschaftlichen Organisation anzu- schließen oder doch wenigstens der Errichtung eines zentralisierten paritätischen Arbeitsnachweises zuzustreben, versuchen diese von selbstsüchtigen Elementen geleiteten kleinen Winkelvereinchen weiter zu wursteln. Der Referent ging mit diesen die Gehilfen schädigen- den Absichten scharf ins Gericht und empfahl als die einzige richtige Lösung, um endlich in bezug auf die Arbeitsvermittlung zu gesunden Verhältnissen zu kommen, den paritätischen Arbeits- Nachweis. Nach einer sehr lebhasten Diskussion, bei der es sich zeigte, daß die übergroße Mehrzahl der Berliner Gastwirtsgehilfen auf dem Boden des Referenten steht, gelangte nachfolgende Resolu tion einstimmig zur Annahme: „Die Versammlung verurteilt auf das entschiedenste die Ver- suche des Ortskartells, durch Gründung eines sogenannten „Zentralarbeitsnachweises" das Stellenvermittlergesetz in seiner Wirkung aufzuheben. Der Arbeitsmarkt würde durch Verwirklichung dieses Pro- jekts nur noch mehr zersplittert. Die Angestellten würden in ihren Interessen auf das schwerste geschädigt, da auf diese Weise die Unternehmer von ihrem Beitrag(Hälfte der Vermittlungs gebühren) befreit werden sollen. Die einzige richtige Lösung erblickt die Versammlung in der Errichtung eines öffentlichen, kostenlosen, paritätischen Arbeits- Nachweises für Berlin und erwartet von dem Verband deutscher Gastwirtsgehilfen, daß er von neuem die geeigneten Schritte in die Wege leitet, um dieses Ziel zu erreichen." Sodann wurde über den Stand des Hamburger Cafe» kellnerstreiks berichtet. Es sind noch 400 im Ausstand bezw. ausgesperrt. Arbeitswillige haben sich unter den Streikenden selbst nicht gefunden, dagegen ist der gelbe Cafekellner-Verein von Berlin unter der Führung des Cafetiers Polt und des antisemitischen Schriftstellers Sommer weiter bemüht, Streikbrecher nach Ham bürg zu liefern. Hierzu wurde folgende Resolution angenommen „Die Versammlung spricht den streikenden Cafekellnern Hamburgs ihre volle Sympathie aus und hofft, daß sie in ihrem gerechten Kampfe aushalten bis zum Siege. Sie nimmt mit Entrüstung Kenntnis von den Verrätereien der gelben Vereine und lehnt jede Gemeinschaft mit diesen ab. Die Versammelten zollen dem Verband deutscher Gastwirts gehilfen, der sofort alles tat, um die Streikenden wirksam zu unterstützen, ihre volle Anerkennung." Deutfcbes Reich. Die Differenzen a�f den Seeschiffswerften. Aus Hamburg meldet uns ein Privattelegramm, daß die Ver- Handlungen zwischen den beiderseitigen Organisationen am Donners tag noch zu keinem Abschluß gelangt find und am Freitag fort. gesetzt werden sollen.— Die Wörmannlinie hat die Forderungen ihrer Arbeiter bewilligt. Die Ursache des Fortbestehens von Differenzen wird, so meldet daS.Wölfische Bureau" von maßgebender Seite, darauf zurück geführt, daß die von den Arbeitervertretern zugesagte Wieder aufnähme der Arbeit in verschiedenen Werften seitens der Arbeiter nicht rechtzeitig erfolgt ist, sowie des weiteren' darauf, daß die Frage der Sicherung der Akkordüberfchnffe an durch den Streik unter- brochcnen Akkorden noch weiterer Klärung bedurft hatte. Die Ver. treter der Arbeiter haben der Kommission deS Gesamtverbandes deutscher Metalltndustrieller am Donnerstag, den 6. Oktober, ihre Stellungnahme zu den VermittelungSvorschlägen der Kommission in Form einer Resolution der Werstarbeiterkonferenz unterbreitet. In dieser Resolution wurde u. a. Bezug genommen auf die Auszahlung der Ueberschüsse für die infolge deS Streiks liegen gebliebenen Akkorde. Schon vorher war seitens der Kommission des Gesamtverbandes der Wunsch ausgesprochen worden, man möchte, nachdem die Werften ihren Standpunkt hinsichtlich der äußersten Zugeständniffe streng präzisiert hatten, keine neuen Momente in die Debatte bringen, weil dadurch das Zustandekommen des Frieden? in Frage gestellt werden könnte. Angesichts besten gingen die Arbeitgebervertreter über den' angeführten Punkt der Resolution hinweg, ohne besonderen Widerspruch dagegen zu erheben. Außerdem ist in dem von beiden Parteien unterzeichneten Schlußabkommen von irgend welchen nach- träglichen, außerhalb der von den Arbeitern eingereichten Vor- schlüge liegenden Zugeständnissen nicht die Rede. Dem- gemäß konnten die Arbeitgeber zu der Auffasiung gelangen, daß die Regelung der Akkordüberschüste von den Arbeitern fallen gelösten worden sei. Umgekehrt glaubten aber die Arbeiter aus dem Um- stände, daß aus der Schlußverhandlung gegen die Geltend- machung des erwähnten Verlangens kein formeller Widerspruch seitens der Arbeitgeber erhoben war, die still- schweigende Anerkennung ihres Wunsches folgern zu sollen. Beide Parteien haben demgemäß in gutem Glauben gehandelt. SS liegt kein Grund vor zu zweifeln, daß die zurzeit noch schwebende Frage eine befriedigende Lösung finden wird. Die beteiligte Arbeiter- Organisation bezeichnet es alö vollkommen unerfindlich, wenn in einzelnen Blättern von dem Vorhandensein irgend welcher Meinungs- verschiedenkeiten und erregten Stimmungen zwischen der Ver handlnngskommission des Gesamtverbandes deutscher Metall- industrieller und' den Seeschiffswerften die Rede sein konnte. Im Gegenteil haben beide Instanzen in dauerndem Ein vernehmen ihr möglichstes geleistet, um die Differenzen im Schiffsbaugcwerbe zu gutem Ende zu führen. Es ist zu hoffen, daß die Verhandlungen bis zum Sonnabend mit gutem Erfolge ab geschlossen find. Bremen, 13. Oktober.(W. T. B.) Die Verhandlungen zwischen den Werftarbeitern einerseits und der Norddeutschen Armaturen- fabrik und der Aktiengesellschaft Weser andererseits haben zu einer Beilegung aller Differcnzpunkte geführt. Die Arbeit bei der Armaturenfabrik wird morgen wieder aufgenommen werden. Die Aktiengesellschaft Weser wird morgen durch Anschlag die Ar- beiter zur Wiederaufnahme der Arbeit auffordern. Achtung, Metallarbeiter und Werkzeugmacher! Im Messingwerk Heegermühle bei Eberswalde( A r o n Hirsch) sind Diffe- renzen ausgebrochen. Wir ersuchen den Zuzug von�- Werkzeugdrehern und Werkzeugschlossern, wie überhaupl von Metallarbeiter» fernzuhalten. Deutscher Metallarbeiterverband. Bezirksleitung. Gewaltige Massenkundgebungen gegen die Einführung eines Zwangsarbeitsnachweises inszenierte die R e m s ch e i d e r Arbeiterschaft in den letzten Tagen. Ohne mit irgend einer Seite über die Frage zu reden, ohne auf die Oeffentlichkeit Rücksicht zu nehmen, ohne die Arbeiter überhaupt mit einer Silbe zu unterrichten, ist das Reinscheider Unternehmertum dazu übergegangen, einen Zwangsarbeitsnachweis zu schaffen, durch den man den steien Willen der Arbeiter völlig aus schaltet. Den Unternehmern war bekannt, daß die Stadt sich mit dem Gedanken trug, einen paritätischen Arbeitsnachweis zu schaffen. Das war für die Arbeitgeber ein Grund mehr, mit aller Eile und in aller Stille einen Entwurf auszuarbeiten, der ihren heißen Wünschen entspricht. Die Remscheider Arbeiterschaft befaßte sich schon am 6. Oktober in vier überfüllten Versamm lungen mit den Absichten der Unternehmer. Tausende fanden keinen Einlaß mehr in die Versammlungslokale und harrten auf der Straße, bis die Versammlungen beendet waren. Es schien, als sei kein Arbeiter an diesem Abend zu Hause geblieben. Mindestens an die 10 000 Menschen waren eS, die geschlossen gegen das Unter- nchmertum protestierten. In allen Versammlungen wurde eine Resolution angenommen, in der gegen den Gewaltstreich der Unternehmer protestiert und die Schaffung eines paritätischen Arbeitsnachweises verlangt wird, der durch die Gemeinde verwaltet werden soll. Der städtischen Verwaltung wurde die lebhafteste Miß- billigung darüber ausgesprochen, daß sie tatenlos zugesehen hat, wie der Arbeilgebcrverband seine Vorbereitungen traf, um das Bor- haben der Kommune zu durchkreuzen. Nach Beendigung dieser Ver- sammlungen kam es zu Straßendemonstrationen. Die Polizei hielt sich sehr reserviert, so daß alles in schönster Ordnung verlief. Am letzten Sonnabend rückte nun das organisierte Remscheider Unternehmertum mit einer Erklärung heraus, in der der Arbeitsnachweis als ein ganz harmloses Institut hinzustellen versucht wurde. Man glaubte damit die aufgeregten Gemüter der Arbeiter beruhigen zu können. Das Gegenteil trat aber ein. Am Montag, den 11. Oktober, tagten wieder nicht weniger wie fünf überfüllte Versammlungen, die sich darauf mit dem Zwangsarbeitsnachweis und der Erklärung der Unternehmer befaßten. In sämtlichen Versammlungen herrschte eine begeisterte Stimmung und Einmütigkeit darüber, daß dieser Zwangsarbeitsnachweis mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpft werden müsse. In allen Ver sammlungen wurde eine gleichlautende Resolution angenommen, die besagt, daß die Arbeiterschaft die Verdrehungen des Arbeitgeber Verbandes zurückweist und in der Schaffung von Zwangsarbeits- nachweisen nur ein Mittel sieht, um die Macht des organisierten Unternehmertums zu stärken und daS aufstrebende Proletariat in seinem Bestreben, seine Lage zu verbesicrn, niederzuhalten. Die Arbeiter werden es a b l e h n e n, die von den Unternehmern zur Anerkennung vorgelegten Listen zu unterzeichnen und den Zwangs arbeitsnachweiS streng meiden. Die Protestversammlungen machten einen gewaltigen Eindruck. Nach Schluß derselben kam es wieder zu Demonstrationen, die ruhig verlaufen fein würden, wenn sich die Polizei nicht kopflos gezeigt haben würde. Eine kleine Ansammlung, die zum größten Teil aus jugendlichen Personen und solchen Leuten bestand, die sehen wollten, was es nun noch gebe, bot der Polizei Veranlassung, ihre bekannte Taktik zur Anwendung zu bringen. Am Eingang zum Kaiserplatz hatte sich ein starkes Polizeiaufgebot versteck». Als eine Zahl Personen anlangte, ging die Polizei vor. Sie sperrte ab und drängte die Leute in die Alleestraße hinein. Nunmehr wurden an mehreren Stellen der Alleestraße Schutzmannsketten über die Straße gezogen und die Straße„gesäubert". Auf dem Markt wurde die Polizei immer nervöser. Schließlich wurde blank gezogen und dreingehauen. Mehrere Personen sind schwer verletzt worden. DaS v o l k S h a u s mußte auf Veranlassung der Polizei, die sich der Sache wieder mal nicht gewachsen zeigte, geschloffen werden. Der Hafenarbeitcrstreik in Bremen, der zur Verhinderung von Streikarbeit für Brake ausgebrochen war. ist beendet. Die Bremer LagerhauS-Gescllschaft gestattete den Arbeitern Einsichtnahme in die Schiffspapiere, damit die Arbeiter die Möglichkeit der Kontrolle darüber haben, ob für Brake bestimmte Schiffe nach Bremen zur Entlöschung gebracht werden. Beilegung des Konflikts in der Krefelder Seiden- Industrie. Wie das Wolfsche Bureau aus Krefeld meldet, haben die Aus- ständigen der Seidenfirma Eiffländer beschloffen, die Arbeit am Sonnabend wieder aufzunehmen. Damit ist eine Aussperrung der gesamten Arbeiter der Seidenindustrie in Krefeld vermieden. Die Münchener Glasermeistcr wollen keinen Tarif! Als ver- gangencn Donnerstag vor dem Einigungsamte Verhandlungen zum Zwecke des Abschlusses eines Tarifvertrages stattfinden sollten, er- klärte zu Beginn ein Vertreter der Scharfmacher:„W i r w o l I e n keinen Vertrag!" Der Vorfitzende, Gewerbegerichtödirektor Dr. Prenner, gab darauf seiner Meinung deutlichen Ausdruck, indem er bemerkte, daß eine solche Erklärung in den Räumen des Einigungsamtcs schon lange nickt mehr abgegeben worden ist. Diese Haltung sei um so verwunderlicher, als der Arbeitgebervcr- band für das Baugewerbe, dem die Glasermeister doch auch an- gehörten, prinzipiell auf dem Boden der Tarifverträge stehe. Die Ärbeitervertreter erklärten, aus diesem Verhalten der Meister die Konsequenzen ziehen zu wollen.— Der Zuzug von Glasergehilfen nach München ist zu meiden! Ausland. Fortschritte in der britischen Bergarbeiterföderation. London. 6. Oktober 1310.(Eig. Ber.) Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, die mit jedem Jahre deut- licher zutage tritt, daß die britischen Gewerkschaften, die früher die Lehrmeister der kontinentalen Arbeiter waren, heute immer mehr von ihren einstigen Schülern beeinflußt werden. Besonders bei den Bergarbeitern Großbritanniens macht sich in den letzten Jahren der Einfluß der von Sozialdemokraten geleiteten kon- tinentalcn Bergarbeiterverbände bemerkbar. In der gestrigen Sitzung des in Edinburgh stattfindenden Bergarbeiterkongresses wurde zum ersten Male in der Geschichte dieser Organisation eine Resolution angenommen, in der die Einführung von Arbeiter- inspektoren, die von den Arbeitern selbst ernannt werden, verlangt. Dieser Fortschritt ist ohne Zweifel eine Wirkung der internatio- nalen Bergarbeiterkongreffe. Die Resolution wurde von dem Vizepräsidenten der Föderation dem Genossen Smillie, der letztes Jahr das System der Arbeiter- inspektoren in Frankreich studierte, wo seine Vorzüge allgemein anerkannt werden, begründet. Die Resolution lautete: „Arbciteriuspektoren sollen ernannt werden, wie sie in dem Minoritätsbericht der Königlichen Kommission über Unfälle im Bergbau gefordert werden. Sie sollen von den Bergarbeitern des Bezirks, der dem Inspektor zugestellt wird, gewählt werden. Der Inspektor soll seine ganze Zeit der Inspektion der Gruben widmen. Die zur Wahl berechtigten Personen sollen das Recht baben, den Inspektor auf dem Wege der Abstimmung zu ent- lassen." Der Begründer führte zu diesem Thema aus, daß eS sehr wichtig sei, daß praktische Leute, die die Grube und die besonderen Gefahren kennen, jeden Teil gründlich inspizieren. Die gegen- wärtig von den Regierungsbeamten vorgenommene Inspektion sei keine Inspektion im wahren Sinne des Wortes. Die Bergwerks- inspektoren gäben zu, daß sie unter dem herrschenden System nur einzelne Gruben untersuchen könnten und von diesen Grnven auf die Zustände in den anderen schlössen. Die Bergarbeiter ver- langten, daß die Arbeiter einer Grube oder einer Anzahl von Gruben das Recht haben sollen, aus ihrer Mitte einen Kameraden zu wählen, der seine ganze Zeit der Inspektion der Gruben widmen müsse und dem staatlichen Bergwerksinspektor Bericht zu erstatten habe, wenn-etwas nicht in Ordnung sei. ES sei nicht gerecht, zu verlangen, daß die Arbeiterschaft diese neuen Inspektoren bezahle; die Kosten dieser Inspektion müßten von den Werksbesitzern oder dem Staate getragen werden. Die Forderung sei in Groß- britannien neu; aber in Frankreich habe man mit den Arbeiter- inspektoren seit zwanzig Jahren gute Erfahrungen gemacht. In Frankreich hätten die Arbeiterinspektoren viel zur Verringerung der Unfälle beigetragen. Die britischen Bergarbeiter müßten diese Forderung mit Festigkeit und Beharrlichkeit vertreten, um zum Ziele zu gelangen; denn die Bureaukraten des Ministeriums des Innern würden sich der Einführung der Arbeiterinspektoren mit aller Macht widersetzen. �„. Eine weitere bemerkenswerte Resolution, dre ebenfalls wie die vorhergehende einstimmig angenommen wurde, bezieht sich auf die Gründung eines Wochenblattes. Zwar ist die Gründung noch nicht beschlossen, aber man hat doch endlich einmal mit den Vor- arbeiten zu diesem höchst notwendigen Unternehmen, ohne daS eine moderne Gewerkschaft kaum denkbar ist, begonnen. Gehörten die britischen Bergarbeiter bis jetzt zu den kons«> vativen Elementen der Gewerkschafter dieses Landes, so macht sich bei ihnen in der letzten Zeit ein deutlicher Zug nach links bemerk- bar. Die Agitation der S. D. P. macht unter den Bergarbeitern große Fortschritte, so daß es gar nicht unwahrscheinlich ist. daß die Bergarbeiter Großbritanniens einmal die Kerntruppe einer großen sozialdemokratischen Partei bilden wird. Hetzte ffacfrnchten. Der Generalstreik der französischen Eisenbahner. Paris, 13. Oktober.(W. T. B.) Die Bediensteten der Straßenbahn von Paris-Saint-Germain streiken. Man be» fürchtet, daß heute abend das Personal der anderen Straßen- bahnlinien des Seinedepartcments in den Ausstand treten werde. In Regierungskreisen macht sich in bezug auf den Ausstand der Eisenbahner eine beruhigtere Auffassung be- merkbar, insbesondere wird ein von dem Ausstandskomitee an Briand gerichtetes Schreiben, in welchem dasselbe seine Be- reitwilligeit zu einer Unterredung mit dem Mnisterpräsi- denten und den Bahndirektoren bekannt gibt, als ein An- zeichen dafür angesehen, daß die Eisenbahnbediensteten selbst nunmehr wenig Hoffnung aus einen Erfolg der Ausstands- bewegung haben. Ministerpräsident Briand erklärte einem Berichterstatter gegenüber, das Ministerium wisse, daß die ungeheure Mehrheit der Bahnbediensteten für die gegenwärti- gen Vorkommnisse nicht verantwortlich gemacht werden könnte. er sei nach wie vor bereit, alle Versuche zu einer gütlichen Lösung zu fördern. Weitere Verhaftungen. Paris, 13. Oktober.(W. T. B.) Wegen Aufreizung zum Ausstande und wegen Beleidigung des Heeres sind noch wei- irre Verhaftungen von Eisenbahnarbeitern erfolgt; ferner sind mehrere Eisenbahnarbeiter entlassen wordem Fünf Eisen- bahnarbeitev» die wegen Beleidigung Arbeitswilliger verhaftet worden waren, sind vom Zuchtpolizeigericht wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden. Heute nachmittag ein- gegangene Depeschen berichten über mehrere Fälle von Sa- botage, die in der Provinz begangen worden sind. Unglück ist in keinem dieser Fälle angerichtet worden. Paris, 13. Oktober.(Preß-Telegraph.) Heute abend' wurden zwei Redakteure des„Gnerre soziale" von einem Polizeikommiffar in der Redaktion verhaftet. Ein Kohlendampfcr gestrandet. Kopenhagen, 14. Oktober.(W. T. B.) Ter Danziger Dampfer„Sophie", mit einer Kohlenladung nach Tanzig unterwegs, ist in der letzten Nacht bei Tornby, an der Nordostküste von Jütland, gestrandet. Nach großen Anstren- gungcn gelang es, in Rettungsbooten 3 Mann der Besatzung u retten, während 6 Mann, unter ihnen der Kapitän, er- tranken. Der Dampfer ist gesunken. Der rumänische Kriegsminister mit Familie im Automobil verunglückt. Bukarest, 13. Oktober.(W, T. B.) Der Kriegsminister Craini- ciano und seine Familie erlitten einen schweren Automobilunfall. Der Minister brach zwei Rippen und wurde am Kopfe verletzt; diese Verletzungen sind jedoch ungefährlich. Seine Gemahlin erlitt eben- falls zwei Rippenbrüche, die Tochter einen Armbruch, der Chauffeur einen Beinbruch._ Noch ein Automobilunglück. Reichenbcrg, 13. Oktober.(W. T. B.) Bei dem Zusammen- stoß eines Kraftwagens mit einem Fuhrwerk aus der Straße von Grottau nach Zittau ist der Expedient Hoffmann aus Zittau ge- tötet worden, während die Insassen des Fuhrwerks leichte Ver- letzungen davontrugen. Der Führer des Kraftwagens wurde ver» haftet. «erantw.Reoatt.: CarlWerm�h, Berlin-Rixdorf. Jnserateverantw.:r».Gl»cke.Berlin. Druck u. Verlas: Vorwärts Buchdr. u. Berlagjanftall KauISinger&. To„ Berlin SW. Hierzu 3 Bctlageu o.Unterhaltung»bI. Ar. 241. 27. Jahrgang. 1. KkilU ilks Jotmätts" Knlim JallisHatt. ftfitaj, 14.©ktalitt 1910. flus der Keichzveriicheruvgsordnungz- Kommiüion. Sitzung vom Donnerstag, den 13. Oktober. Die Aussprache über die Vermögensverwaltung zog sich noch recht lange hin. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um den Zwang zum Ankauf von Reichs- oder Staatspapieren. Der Entwurf bringt nämlich hier ebenso wie bei der Unfallver- sicherung die Neuerung, daß die Versicherungsanstalten verpflichtet sein sollen, mindestens ein Viertel ihres Vermögens in Anleihen des Reiches oder der Bundesstaaten anzulegen. Die Sozialdemokraten hatten die Streichung dieser Be stimmung beantragt. Ferner forderten sie, daß die Befugnis der Versicherungsanstalten, das Vermögen insbesondere zur Förderung des Arbeitcr-Wohnungswescns zu verwenden, ausdrücklichst im Gesetz angeführt werde. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt. Das Zentrum wollte der Bestimmung über den Zwang zum Ankauf von Reichs- oder Staatspapieren hinzufügen, daß da- durch nicht beschränkt werde die Gewährung von Darlehnen und Unterstützung für gemeinnützige Zwecke, Errichtung von Kranken� anstalten, Genesungsheimen, Bau von Wohnungen für die minder mittelten Volkskreise, Förderung der Ansiedlung ländlicher Ar- beiter, Hebung des Genossenschaftswesens usw. Dieser Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und des Zentrums abgelehnt und darauf von derselben Mehrheit die Bestimmung des Entwurfs unverändert angenommen. Für die Souderanstalten der Staatsbetriebe usw. sollte aber nach der Vorlage diese Bestimmung nicht gelten. Auf An- trag der Konservativen wurde gegen den Einspruch der Re- gierungsvertreter diese Ausnahme beseitigt; mithin sollen auch die Sonderanstalten zum Ankauf von Reichs- oder Staatspapieren per- pflichtet sein. Schmälerung der Ansprüche der Bersicherten. Versichcrungsbercchtigte in Betrieben, für die eine Sonder- anstalt besteht, können sich nur bei ihr freiwillig versichern und beim Ausscheiden aus der Beschäftigung nur bei ihr die Versicherung fort- setzen. Versicherungspflichtige in solchen Betrieben können sich, wenn sie aus ihrer Beschäftigung ausscheiden, ohne anderswo versiche- rungspflichtig zu werden, nur bei der Sonderanstalt weiter ver- sichern. Die Sozialdemokraten beantragten den Zusatz: Werden die Personen anderweitig versicherungspflichtig, so bleibt die etwa bestehende Anwartschaft auf Leistungen an die Witwen und Waisen gegen Zahlung eines entsprechenden, durch die Satzungen zu be- stimmenden Beitragstcils unberührt. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Für die Wöchnerinnen. Als Beitragswochen der Lohnklasse 2 werden, ohne daß Bei- träge entrichtet werden, u. a. die vollen Wochen bis zu einem Jahre angerechnet, in denen der Versicherte krank war. Die Genesungs- zeit wird der Krankheit gleichgeachtet. Dasselbe gilt auf die Dauervonhöchstens8Wochenfürdie durch eine Nieder- k u n f t veranlaßte Arbeitsunfähigkeit, von denen mindestens sechs Wochen auf die Zeit nach der Niederkunft fallen müssen. Auf Antrag der Sozialdemokraten wurde hinzugefügt, daß auch die Schwangerschaft dabei berücksichtigt werden muß. Außerdem hatten die Sozialdemokraten beantragt, daß nicht nur 8 Wochen, sondern wie bei einer Krankheit die ganze Dauer der Arbeitsunfähigkeit bis zu einem Jahre als Beitrags- wachen angerechnet werden. Leider wurde auch dieser Antrag gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und des Polen ab- gelehnt. Der Staat will nicht für den Militärdienst zahlen. Ebenso wie bei den Krankheiten werden auch die Wochen an- gerechnet, in denen der Versicherte zur Erfüllung der Wehrpflicht in Friedens-, Mobilmachungs- oder Kriegszeiten eingezogen ge- Wasen ist, oder in Mobilmachungs- oder Kriegszeiten freiwillig mili- tärische Dienstleistungen verrichtet hat. Die Kosten, die dies ver- ursacht, hat bisher die Staatskasse getragen. Jetzt sollen sie nach dem Entwurf den Berufsgenossenschaften zur Last fallen. Hiergegen erhoben die Sozialdemokraten Einspruch und beantragten, daß nach wie vor die Staatskasse in Anspruch ge- nommen werden soll. Die Bestimmung des Entwurfs wurde aber gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und des P o l e n angenommen. Nächste Sitzung morgen. kleines feuitteton. Die Herrschaft über die Mägen. Die wichtigste Forderung Wilhelm von Humboldts bei Begründung der Berliner Universität war die Sicherung ihrer wirtschaftlichen Selbständigkeit durch Ueber- lassung von Domänen auf ewige Zeit. Durch Kabinettsorder vom 28. August 18l>9 versprach Friedrich Wilhelm III., die notwendigen ISO 000 Taler für die Berliner Universität sollten„durch Domainen von diesem jährlichen Ertrage fundirt und es solle des Endes diesen Instituten von dem Grund-Vermögen des Staates so viel als hierzu nöthig auf ewige Zeiten als Eigenthum überantwortet werden". Es war ein echtes Hohenzollern-Vcrsprechen. Mit unendlichen Schlichen und Formalien wurde zunächst die Erfüllung verschleppt Mit jedem Monat mehr wuchs der Widerstand gegen die Forderung, deren Einlösung schließlich verweigert wurde. Das war der Grund, warum Wilhelm V. Humboldt noch bor Eröffnung der Universität Berlin, seiner eigentlichen Schöpfung, aus dem Amte schied. Sein Nachfolger v. Schuckmann hatte nun die Aufgabe, jene königliche Kabinettsorder auch formell zu beseitigen. Er tat das in einem Antrag beim Staatskanzler vom 3. März 1811, der klassischen Ur- künde für die Auffassung der preußischen Regierung und der preußi- schen Monarchie von der Stellung der Wissenschaft und ihrer Lehrer. Schuckniann proklamierte cm diesem Tage, den man als Hundertjahr- Jubiläum, dem Geikte nach, viel passender feiern sollte, als jetzt im Oktober, gegen die Forderung wirtschaftlicher Unabhängigkeit mit grandiosem Zynismus die Herrschaft über die Mägen als oberstes Gesetz Preußischer Wissenschaftspolitik. Nach finanziellen Einivändcn, veranlassen noch„höhere Bctrach- tungen", die Frage nochmals zu erörtern, „ob es nötig und ratsam sei, die höchsten wissenschaftlichen Zentralinstitute des Staates nicht etwa bloß in ihrem freien wissen- schaftlichcn Streben und Wirken, sondern auch mit ihrer Sub- sistenz und Dauer vom Obcrhauptc des Staates Unabhängig zu machen, und sie von dieser Seite gegen das Bestehen der jetzigen Verfassung, des Königs und Seiner Dynastie in den Zustand der Gleichgültigkeit zu versetzen?" Schuckmann verneint diese Frage. Aus folgenden Gründen:„Mein höchster Standpunkt für diese Welt, von dem ich in meinen praktischen Urteilen auszugehen vermag, ist die An- hänglichkeit cm den König, sein Haus und die bestehende Verfassung, und keine schön klingenden Phrasen können mich ein höheres Prinzip erkennen lassen, sobald es auf das Handeln ankommt." „Sonst glaubte man nur die Erfahrungen der Väter für die Kinder verloren, dem jetzigen Zcitgeistc sind die eigenen schon früher verloren, eh« die Wunden, welche sie schlagen, zu heilen beginnen. Wer mag gewähren, welche Theorien zu dieser und jener Zeit dort und da herrschend und Mode werden können und versucht werden wollen. Vor 10 Jahren zum Beispiel waren in der deutschen Ge- lehrten-Republik aber Prinzipien Mode, die aus Frankreich kamen. Jetzt ist die innere Tendenz gerade umgekehrt, wenngleich die Furcht deren Aeußerungen beschränkt. Wie aber auch die Köpfe exaltiert sein mögen, so behalten doch die Mägen Kieme llrische«, große Mimgen. Der Maler Karl B. erlitt am 3. Oktober 189ö durch Betriebs- Unfall eine Rißwunde am rechten Mittelfinger. Die Wunde wurde leider nicht genügend beachtet. Infolgedessen schloß sich an diese Verletzung eine eitrige llntcrhaiitzcllgcwcbccntzündnng an, welche wiederholt äußerst schwere operative Eingriffe nötig machte. Von der Ellenbeuge bis zum Brustbein mußten die Haut und auch die Muskeln, die brandig und berjaucht waren, entfernt werden. Die großen Blutgefäße und Ncrvenstämme waren nur von einem dünnen Narbcngewebe bedeckt. Er bezog von der Nordöstlichen Baugewcrks-Bcrufsgenosscnschaft eine giente von 20 Prozent. Im August 1302 stellte B. den Antrag auf Erhöhung der Rente, da sich sein Zustand verschlechtert habe und auch Lungen- besclMerden zugekommen wären. Der Antrag wurde vom Schiedsgericht durch Urteil vom 39. Oktober 1992 abgelehnt. DaS Schiedsgericht folgte dem Gutachten seines ärztlichen Beraters, dem als Kreisarzt geprüften Dr. K., derselbe stellte zwar eine rechtsseitige Lungenerkrankung fest, indessen verneinte er den ursächlichen Zu- sainmenhang der Lnngenerkrankung mit dem Unfall vom 3. Oktober 1895 aus örtlichen und zeitlichen Gründen. Der Rekurs des Ver- letzten gegen dieses Urteil wurde vom Reichsversicherungsamt durch Urteil vom 17. März 1993 zurückgewiesen. Damit hatte auch die höchste Instanz sich leider auf den verneinenden Standpunkt des Kausalzusammenhangs gestellt. Trotzdem die Erkrankung der Lunge sich weiter entwickelte, konnte der Verletzte eine Erhöhung der Rente nicht erlangen, weil just rechtskräftig das Lungenleiden als Unfallfolge verneint war. Indessen am 5. September 1995 stellte die Nordöstliche Bau- gcwcrks-Berufsgcnossenschaft den Antrag, die Rente von 29 auf 19 Proz. herabzusetzen. Nach einem ärztlichen Gutachten des Dr. Rothenberg ist eine Besserung eingetreten, denn:„bei der Er- Hebung des rechten Armes zerren sich die Narben der rechten Brust- feite nicht mehr". Das Schiedsgericht holte ein weiteres ärztliches Gutachten von demselben Dr. K. ein. Dieser Gutachter konnte eine wesentliche Veränderung in dem Zustande nicht feststellen, eine solche sei auch nach der Art der anatomischen Verhältnisse nicht mehr zu erwarten. Da indessen, heißt es im Gutachten, seit dem Unfall mehr als 19 Jahre und seit der Festsetzung der 29prozen- tigen Rente 8 Jahre vergangen sind, ohne daß an den Narben und den darunterliegenden Organen, namentlich an den großen Ge- säßen, krankhafte Erscheinungen sich gezeigt haben, so muß mit Recht das Moment der„Gewöhnung" als Besserung angenommen werden. Das Schiedsgericht gab denn auch dem Antrage der Be- rufsgenossenschaft statt und setzte die Rente vom 1. Oktober 1995 auf 19 Proz. herab. Das Rcichsversichcrungsamt kassierte das Schiedsgerichtsurteil. Dem Verletzten müßte die Rente von 29 Proz. weitergezahlt werden. 19. April 1998 verstarb B. an Lungen- und Kehlkopftuber- kulose. Die Witwe stellte bei der Berufsgenossenschaft den Antrag, ihr und ihren Kindern die Hinterbliebenenrente zu gewähren, der Tod sei ursächlich auf den Unfall vorn 3. Oktober 1895 zurück- zuführen. Sie wurde indessen mit ihren Ansprüchen von der Vc- rufsgeiwssenschaft und vom Schiedsgericht für Arbeiterversichcrung Stadtkreis Berlin mit der Begründung ahgelviesen:„Es steht rechtskräftig fest, daß das tuberkulöse Lungenlciden, an welchem B. später erkrankte, nichts mit dem Unfall zu tun hat. Wenn cr daher jetzt keiner Tuberkulose erlegen ist. so ist die Beklagte nicht verpflichtet, Hinterbliebenenrente zu zahlen, da die todbringende Krankheit des B. nicht vom Unfall verschuldet ist." Gegen das Urteil legte die Witwe beim NcichSpersichmingS- nmt Rekurs ein. Begründend wurde ausgeführt, daß die Sachlage von neuem zu prüfen sei. Die Rechtskraft des Urteils vom 17. März 1393 könne jetzt nicht mehr in Betracht kommen. Mit dem Tode B.s sei die Rechtskraft der früheren Urteile erloschen. Jetzt sei ein neues Recht entstanden. Die Witwe mache ihr Recht gel- tend und da müsse die Rechtslage und die Frage der Kausalität von neuem nachgeprüft werden. Das RcichLversicherungsamt habe immer ihre Rechte gegen sie, die einzigen, die in diesem Zustande geschont werden. Wem die Herrschaft über letztere bleibt, der wird immer auch mit ersteren fertig und wer die Befriedigung der letzteren an seine Wahl � bindet, hat die beste Sicherheit, daß die ersteren dafür arbeiten." Schuckmann fragt schließlich an, ob cr die Domänendotation, wenn sie in Anregung gebracht wird,„nach aen Uipständen zögern oder ausweichen soll(wozu die seitdem erfolgte Verschuldung der Domänen mit Pfandbriefen guten Grund gibt)", oder ob er die Dotation wirklich vollziehen soll. Dach war Geist vom Geiste Friedrich Wilhelms III. Diese „materialistische" Berufung auf die professoralcn Mägen war für ihn ebenso verständlich, wie der Hohn über alle Rcformbcstrebungen — in dieser lcgeudarischcn Zeit„preußischer Wiedergeburt"! Zwar das königliche Versprechen bestand einmal, aber die wird man loS, indem man—„ausweicht". Das ist die regierende Universitätspolitik Preußens in dem Jahrhundert geblieben, und namentlich für Berlin: Durch die Ab- hängigkeit der Mägen sich die Herrschaft über die exaltierten Köpfe zu sichern, die etwa nicht im Hohenzollerndienst die höchste allckr menschlichen Aufgaben erkennen wollen! Ei» Leuchtturm ohne Wächter. Auf der klippenreichen Reede deS Hafens Saint Pierre, auf der Insel Guerusey, ist nach Mitteilungen in der„Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure" ein Leuchtturm errichtet worden, dessen Lichtzeichen durch eine Sirene selbsttätig miterstntzt werden kann und dessen Einrichtung einen Wächter über- flüssig macht. Der Turm ist in Stamvsbeton ausgeführt und auf einer bei Ebbe gerade über den Wasserspiegel hinausragenden Klippe gegründet. Das Leuchtfeuer, dessen Lichignellc eine Azetylenlampe ist. liegt 15 Meter über Hochwasserspiegel und wird durch ein Uhrwerk bedient, da? auch die Läutsignale der Sirene auslöst. Die Sirene, die alle!>/„ Minuten ertönt, wird durch Druckluft gespeist, die aus drei auf dem Turm angeordneten Behältern entnommen wird. Die Druckluft wird durch zwei in Kammern, die im Beton ausgespart sind, aufgestellten Kompressoren erzeugt. Die Kompressoren werden durch Eleklromotoren angetrieben, die je nach dem Ueber- druck in de» Behältern selbitlätig angelassen oder stillgesetzt werden. Die elektrische Energie ivird den beiden Elektromotoren vom Ufer her durch ein 2999 Meter langes Kabel, das auch eine Ferusprech- leilung enthält, zugesührt. Die ganze Leuchtiurmanlage hat nur 179 999 M. gekostet, während die Anlage eines Leuchtturmes mit einem oder mehreren Wächtern auf ungefähr 1,2 Millionen Mark zu veranschlagen ist. Außerdem ivar es nicht möglich, auf der Reede von Saint Pierre genügend Grundstücke zum Errichten eines größeren Leuchlturines zu erhalten, ohne daß zu recht teueren GründungSarbeiten hätte gegriffen werden müssen. Humor und Satire. Amtliche Erläuterungen preußischer Miß« Verständnisse. Die Lichtenberger Polizei hat bekanntlich Bildung?- Veranstaltungen auseinandergejagt und dann erklärt, diesen Standpunkt auch in einer Rekurscntscheidung vom 29. Juni 1993(Erweiterter Senat) zum Ausdruck gebracht. Ter erkennende Senat trat diesem Einwand bei. Es wurde weiterer Beweis cr- hoben. Vornehmlich mußte sich die Beweiserhebung auf ärztliche Gutachten beschränken. Zunächst wurde ein ärztliches Gutachten des Herrn Professor Dr. GL, der im Jahre 1895 und 1896 die schwierigen Operationen an B. vorgenommen hatte, eingefordert. In diesem Gutachten heißt es unter anderem:„Diele tuberkulöse Erkrankung ist im Falle B. in der Tat, ich möchte�«ast sagen, mit der Sicherheit eines Experiments infolge einer Influenza auf- getreten und zwar von der rechten Lungenspitze aus. Ob das bald nach dem Unfälle oder 5— 7 Jahre später geschah, ist an sich irrelevant. Ich vermag also den ursächlichen Zusammenhang zwischen Unfall und Tuberkulose im Falle B. nicht abzuleugnen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung, daß der abgelaufene fieber- hafte Jnfektionsprozeß einerseits, daß ferner vor allem die Narben- kontraktion infolge der enormen Goivebsberlust« des rechten Brust- korbcs, welche die ausgiebige Entfaltung der rechten Lunge beim Atmen hinderten, den günstigen Boden lieferten, um bei einer zu- fälligen Erkrankung des Rcspirationsapparats früher oder später eine tuberkulöse Erkrankung der rechten Lunge zu ermöglichen, welche dann zur allgemeinen tödlichen Tuberkulose führen konnte; und im Falle B. auch in der Tat geführr hat,� wenigstens mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit." Dieses Gutachten gab der Nordöstlichen Baugcwerks-BerufS- genossenschaft Gelegenheit, ein ärztliches Gutachten ihres Ver- trauensarztes Dr. Rothenberg— welcher den ursächlichen Zu- sammenhaiig auf das-eiitschiedenste bestritt— einzureichen. Tie Berufsgenosscnschaft beantragte, den Rekurs zurückzuweisen, cven- tucll noch ein Obergutachte» von einem der Sache völlig fremd gegenüberstehenden Spezial° Sachverständigen einzufordern. Sie brachte den Geh. Mcd.-Rat Prof. Tr. Kr., Direktor der inneren Klinik der Königlichen Eharite, in Vorschlag. Diesem Antrag lvurde im Verhandlungstermin stattgegeben. Das erstattete Obergutachtcn von Herrn Geh.-Rat Prof. Dr. Kr. war de» Klägern günstig. Mit gewisser Wahrscheinlichkeit nimmt der Obergutachter an, daß der Unfall vom Jahre 1895 indirekt in ursächlicher Beziehung zu der tuberkulösen Erkrankung steht, an der B. 1998 verstorben ist. Wieder kommt Herr Dr. Rothenberg mit einem Gcgcngut- achten. Herr Prof. Dr. Kr. habe sicher nicht alles in Betracht ge- zogen, besonders die zugrunde gegangenen größeren äußeren Brust- muskeln babcn mit der eigentlichen Atmung so gut wie gar nichts zu tun. Dafür sind ganz andere Muskeln vorrätig, welche bei B. unversehrt geblieben waren..... Würde Herr Geh.-Rat Prof. Dr. Kr. diese Muskeltätigkcit erwogen haben, ich zweifle nicht, daß cr zu einer anderen Auffassung gelangt wäre, und ich bin der An- ficht, daß die Beurteilung des ganzen Falles dann eine viel be- stimmtere werden kann, als sie es bisher geworden ist. Auch ver- liert dann der Fall seine Ausnahmestellung." So Herr Dr. Rothenberg. Wieder wurde die Verhandlung vertagt und Herr Prof. Dr. Kr. noch einmal um seine Meinung befragt unter Berücksichtigung der Einwände des Dr. Rothenberg. Herr Prof. Dr. Kr. begründete in einem Ergänzungsgutachten in eingehender Weise noch einmal die ganze Frage und sagte am Schlüsse:„Wir halten das von unS früher ausgestellte Gutachten in jeder Weise völlig aufrecht." ES erfolgte abermals Vertagung, da die Berufsgenossenschaft ein neues Gutachten des Dr Rothenberg beigebracht hatte. In diesem Gutachten behauptete Dr. Rothenberg, daß die Lungen deS B. nachweislich(!) bis 1992 gesund geblieben sind. Dement- sprechend mußte auch die Entscheidung des Reichsversicherungsamts vom 17. März 1993 ausfallen, mit welcher, wie a priori anzunehmen sein müßte, auch die Todcsfallsache erledigt ist.— Im l vetteren kommt er zu dem Ergebnis, daß Herr Prof. Dr. Kr. durch den Akteninhalt irregeführt sei. daher habe er zu keiner anderen Auf- fassung gelangen können. Noch einmal wird dieses Gutachten dem Herrn Pros. Dr. Kr. zur Kenntnisnahme und Gcgcnäusicrung vorgelegt. Darauf erging folgende Antwort durch einen Assistenzarzt an der II. medizinischen Klinik der Königlichen Eharite ein: „Im Auftrage des Herrn Gehcimrat Kr. erwidere ich hierdurch in Bezug auf die'Anfrage vom 27. April 1919 in Sachen B., daß den Gutachten vom 19. Januar 1910 und 24. Februar 1919 durch das weitere Gutachten des Dr. Rothenberg vom 17. März 1919 nichts neues hinzuzufügen ist." Nun war auch dem Reichsversicherungsamt genug des grau« samen Spiels. Im VerhandlungStennin ist der erkennende Senat den ärztlichen Gutachtern Professor Dr. Gl. und Geh.-Rat Pro- man habe gar nicht eine Versammlung aufgelöst, sondern nur den Saal von einer ungesetzlichen Ver- anstaltung geräumt. Bei den Krawallen in Moabit wurden anständige Leute von Bewaffneten niedergeschlagen. Hierzu wird amtlich verlautbart, daß niemand angegriffen wurde, sondern daß bloß die Waffen der Schutzmannschaft für den Fall eines Hereroeinbruches er- probt lvurden. EbeiifallS in Moabit nahmen Bewaffnete einein Arbeiter seine gesetzlich gewährleistete Freiheit und gaben ihn der Hintzcschen Streikbrecherhorde zu bestialischer Mißhandlung preis. Dazu sind wir festzustellen ermächtigt, daß die Festnahme und Vcrprügelung des Arbeiters nur in seinem Interesse ersotgte, nämlich um seine Widerstandsfähigkeit zu rriniiteln. Man war cnlschloffcn, den Slaatsbürger erforderlichenfalls aus Kosten der Stadt Berlin z« begraben. Der Breslauer Erste Staatsnnwalt hat gegen den von der dortigen Justiz niedcrgehetzten Redalteur Genossen Albert einen Steckbrief erlassen. Natürlich soll dadurch bloß veranlaßt werden, daß Albert statt in einem schlechicn ausländischen in einem erst- klassischen preußischen Sanatorium sich erhole. Neberhaupt ist die ganze Auffassung vom Weien des preußischen Staates, wie sie eben wieder i» der ganzen Welt anläßlich des Uebcrsalls der englischen Journalisten auf die Polizei in Moabit zum Ausdruck knin, durchaus mißverständlich. Solange es noch Zivilisten und Nichibcamte in Preußen gibt, sind eben gelegentliche Reibereien nnauSblciblich. Die staatlichen Organe können sich doch schließlich nicht alles gefallen lassen I Notizen. — Kunst abend. Das Charlottenburger Schiller- Theater veranstaltet am Sonntag, abends 814 Uhr, als ersten einen Nobert-S ch u m a n n- Abend. — Denkmäler aus— Käse. Einen bemerkenswerten Vorschlag mache» einige amerikanische Chemiker. Sie gehen von der Talsache ans, daß daS Käser», das ist der eigentliche Käsestoff, wenn cS erhitzt und darauf entsprechend chemisch bearbeitet wird, zu plastischen Zwecken außerordentlich tauglich erscheint und sich drechseln und meißeln läßt wie etwa Elfenbein. Man solle es daher jpi Ornamenten, Statuetten und womöglich auch zu— Denkmalern verwenden. Außer dem geschildmen Vorzug hat das gehärtete Kasel» noch den anderen, daß cS sehr leicht vollkommen gefärbt werden kann. Wenn die Industrie sich wirklich dieser Idee bemächtigt, so können die„großen Männer" künftig in Naturfarben prangend aus Käse gehauen werden. Hoffentlich lassen sich besagte Denkmäler aber auch tn Käse zurückverwandeln. Denn mir so wäre zu hoffen, daß sich viele der großen Männer jemals nur die Menschheit verdient machen. fessor Dr. Ar. besgetreten und verurteilke die Nordöstliche Bau- gewerks- Berufsgenosscnschaft, der Witwe mit ihren Kindern die Hinterbliebenenrente zu zahlen. In diesem eigenartigen Falle interessiert insbesondere die Zähigkeit des Gutachters der Berufsgenossenschaft, Dr. Rothen- berg. Er mahnt aber auch dringend dazu, auch auf anscheinend leichte Unfälle Acht zu haben- Eue der parteu Die Organisationen zum Parteitag. Dresden-Neustadt. Im 4. sächsischen ReichstagSwahlkreis(Dres- den rechts der Elbe) trat der Delegierte Genosie Kühn für die Beschlüsse des Parteitages ein. Dem Genossen Riem von der Dresdner Volkszeitung habe er in Magdeburg nur in Form einer persönlichen Bemerkung entgegentreten können. Die Worte Bebels: seht auf eure Zeitungen! seien nur zu berechtigt. Auch in bezug auf die Dresdner Volkszeitung müsse einmal in aller Kameradschaft das gesagt werden was die Mehrzahl der Genossen bedrückt. Bei solch wichtigen Parteifragen sei eine klare, ent- schiedene und in aufklärendem Sinne gehaltene Stellungnahme der Zeitung nötig. Diese habe er aber bei der Budgetfrage in unserer Volkszeitung leider vermißt. Er bedaure ungemein, daß Fleißner, der doch die Mehrheit der Dresdner Genossen hinter sich habe, diesmal nicht selbständig zur Feder gegriffen habe. Die Genossen, die das Bestreben hatten, sich ein selbständiges Urteil zu bilden, hätten den Vor- wärts oder die Leipziger Volkszeitnng zur Hand nehmen müssen. In bezug auf unser Leipziger Parteiorgan, über das man oft in absprechendem Sinne urteile, muffe er sagen, daß die sächsischen Parteigenossen mit Achtung auf die sichere und zielklare Haltung desselben bei wichtigen Partei- fragen blicken könnten. Auch müsse das aufklärende Wirken der Leipziger Volkszeitung in solchen Situationen anerkannt werden. Er spreche wohl im Sinne der Genoffen des 4. Kreises, wenn er für die Zukunft von der Dresdner Voltszeitung erwarte, daß sie der Stimmung der übergroßen Mehrheit der Dresdner Partei- genossen Rechnung trage. Genosse Eichhorn als Korreferent nahm in der Budget- frage eine entgegengesetzte Stellung ein. In der Debatte bedauerte Genosse Lienicke, daß Genosse Riem, der doch schon oft in diesem Kreise in radikalem Sinne ge- sprachen habe, aus seiner Doppelstellung nicht die Konsequenzen ziehe. Genosse Gradnauer erklärte: Auch er habe den Diszi- plinbruch verurteilt, aber der Zusatzantrag Zubeil sei eine un- nötige Verschärfung gewesen. Er sprach dann noch ausführlich über die Bud�etfrage. Er erkennt an, daß Genosse Kühn sachlich über die Zeitung gesprochen habe, aber, ivas er gesagt habe, sei unzutreffend. Wenn Genosse Kühn sage, die Redaktion solle der Stimmung der Genossen Rechnung tragen, so geschehe dies auch, aber kein Parteigenosse könne die Redakteure für so charakterlose Menschen halten, daß sie gegen die Ueberzeugungen schreiben, die sie im Interesse der Arbeiterklasse für die richtigen halten. Samt- liche Redakteure seien bemüht, durch zahlreiche Vorträge die Auf- klärung über alle Fragen unserer Bewegung zu fördern, und die Genossen seien wohl mit der in dieser Hinsicht geleisteten Arbeit zufrieden, da die, Redaktcure sonst nicht so häufig zu diesen Ar- betten begehrt würden, wie dies der Fall sei. Also könnten solche Ausführungen, wie sie Genosse Kühn gemacht habe, gar nicht richtig sein. Wenn aber auf die Leipziger Volkszeitung verwiesen werde, so müsse er, bei aller Hochschätzung für die in Leipzig geleistete Parteiarbeit, erneut erklären, daß er niemals dazu kommen werde, innere Parteifragen so zu behandeln, wie dieS durch die Leipziger Volkszeitung geschehe. Würden alle Parteiblätter in der gleichen Weise verfahren, so kämen wir aus den Verbitterungen und Streitigkeiten gar nicht heraus. Er fasse auch den Ausspruch Bebels, auf die Führer und Redakteure aufzupassen, nicht so auf, daß man nunmehr jeden der vielen an der Spitze stehenden Genossen auf Schritt und Tritt mit größtem Mißtrauen überwachen solle. Es wäre doch auch eine allzu sonder- bare Sache, wenn die Arbeiter erst die Geeignetsten aus ihrer Mitte auf den Vorposten stellen und dann immer von Mißtrauen erfüllt sein sollten. Dauernde Fühlung und vertrauensvolles Zusammenarbeiten zwischen den vorgeschobenen Posten und der Arveiterarmee fei notwendig. Redner hält den Streit um die Budgetfrage durch den Beschluß des Magdeburger Parteitages für lange Zeit für erledigt und wünscht, daß nunmehr die Genossen im ganzen Lande ihre Kraft auf die kommenden Reichstagswahlen konzentrieren. In der weiteren Debatte meint Genosse Kühn, daß eS besser gewesen wäre, Genosse Gradnauer hätte seine Ausführungen vor dem Parteitag gemacht, dann hätte er ohne weiteres die Genossen auf seiner Seite gehabt. Im Gegensatz zu seiner heutigen Rede, die den Disziplinbruch der badischen Genossen durchaus verurteile, habe er gleich nach dem Bekanntwerden desselben einen entschuldi- genden Artikel geschrieben. Redner bringt zum Ausdruck, daß er an die Bereitwilligkeit der Süddeutschen, sich zu fügen, noch nicht glauben könne. Genosse Gradnauer weist die Auffassung zurück, daß er vor dem Parteitage eine andere Haltung zu dieser Frage einge- nommen habe als jetzt. Alsdann wurde folgende Resolution gegen wenige Stimmen angenommen: .Die heute im Gasthof zu Pieschen tagende Parteiversamm- lung des 4. Wahlkreises erklärt sich mit den Beschlüssen des Magdeburger Parteitages ausdrücklich«inverstanden, vor allem billigt sie die Haltung ihrer Delegierten mit Ausnahme des Genossen Eichhorn in der Budgetfrage. Sie erwartet daher, daß alle Parteigenossen und Genossinnen für die strikte Durch- führung der Parteitagsbeschlüsse eintreten werden." 20. sächsischer Wahlkreis(Zschopau-Marienbcrg). Die Generalversammlung fand am letzten Sonntag statt. Der Geschäftsbericht stand unter dem Eindruck der siegreichen Nachwahl, aus der Genosse Göhre als Abgeordneter hervorge. gangen war. Den Bericht über den Magdeburger Parteitag er- stattete Genosse H e i l in a n n von der Chemnitzer Volksstimme, der seinen bekannten Standpunkt auch hier vertrat. Es lag von Genossen aus Gelenau folgende Resolution vor: Die-heutige Kreisgeneralversammlung des 20. sächsischen RcichStaaSwahlkreiseS erklärt sich mi t den Be- schlüssen des Magdeburger Parteitages ins- besondere in der Budgetfrage einverstanden. die in der Diskussion vom Genossen Hei l mann lebhaft bekämpft wurde. Aber die Stimmung der Generalversammlung war über das Verhalten der Disziplin b rech er sehr er- b i t t e r t. Zum Schluß bat H e i l m a n n, in der Resolution den Antrag Zubeil-Haase ausdrücklich von der Billigung auszuschließen. Dem trat Genosse Jung- nicke! sofort entgegen. Lieber wolle man sich ohne besondere Hervorhebung der Budaetfrage mit den ParteitagSbeschlüssen ein- verstanden erklären. In diesem Sinne wurde einst: mm ig beschlossen. Kaiserslautern. Der Sozialdemokratische Verein Kaiserslautern nahm in seiner letzten Mitgliederversammlung den vom Genossen K l e m e n t erstatteten Bericht vom Magdeburger Parteitag entgegen. Eine längere Diskussion schloß sich an, worauf mit übergroßer Mehrheit folgende Resolution angenommen wurde: „Die heutige Mitgliederversammlung erklärt sich mit den B« schlüsien des Magdeburger Parteitags einverstanden, desgleichen mit der Haltung des Delegierten im allgemeinen. Insbesondere betont sie ihr Einverständnis mit dem Antrag Zubeil, wodurch hoffentlich für die Zukunft Mißachtungen von Parwitagsbeschlüssen vorgebeugt ist. Sie hätte gewünscht, daß der Delegierte auch hierfür gestimmt hätte." Zur Freiburger Versammlung. Der Freiburger Parteisekretär, Genosse Engler, bemängelt die Mitteilungen des„Vorwärts" über Englers Ausführungen in der Freiburger Berichterstattung zum Magdeburger Parteitag. Er gibt die L Zeilen wörtlich wieder und macht dazu folgende Glosse: „Ueber diese Objektivität ist nichts zu sagen. Wir wollen dem„Vorwärts" aber verraten, daß sämtliche Diskussionsredner, welche sich über diese Frage aussprachen, mit Ausnahme von einem, Vorwärtsabonnenten sind. Unseres Wissens haben auch fast alle die„Neue Zeit". Es sind dies also keine Leute, denen Genosse Engler etwas vormachen kann, dagegen hätte der „Vorwärts" die Pflicht, wenn er schon einmal über die badischen Versammlungen berichten will, wenigstens objektiv zu berichten." Will Genosse E n g l e r mit diesen Worten die Aeußerung bestreiten, daß einige Unterzeichner des Antrages Zubeil am anderen Tag« als reumütige Sünder in Magdeburg herumliefen? In„V o l ks fr e u n d"(Nr. 231 vom 4. Okt.) steht im Bericht über die Freiburger Versammlung: „Die Mehrheit suchte und fand dann natürlich einen Grund, um den veränderten Antrag Zubeil wieder einzubringen...... Mancher von denen, welche a m Mittwoch abend mitgemacht hatten, hat es am anderen Tage be- reut... Mag der„Vorwärts" noch so sehr betonen,... jetzt könnte wieder brüderlich zusammengearbeitet werden, so bleibt eben die Tatsache, daß die Mehrheit an jenem Abend nicht brüderlich handelte." Diese Worte legte der Versammlungsbericht des„Volks- freund" dem Genossen Engl er in den Mund, ohne daß ein Widerspruch des letzteren erfolgte. Und nun will Engler dem „Vorwärts" die Objektivität abstreiten! Indessen freut es uns, vom Genossen Engler zu erfahren, daß der„Vorwärts" in Frei- bürg von vielen Genossen gehalten wird; diese können sich jetzt ein Urteil darüber bilden, wie unnötig Engler sich aufgeregt hat über=:— den„Vorwärts"._ Zum Vcrsammlungsbericht ans Nürnberg sendet uns Genosie Holzinger in Nürnberg eine längere Zuschrift, der wir im wesentlichen entnehmen: „... Nun wird soviel Gewicht auf den Laufzettel gelegt und wird Aufklärung gefordert, weil dieser mit der Unter- schrift„Die Vertrauensleute" versehen ist. Alle Einladungs- zettel zu Versammlungen in den Siemens- Schuckertwerken sind mit dieser Unterschrift versehen mit Ausnahme, wenn der Arbeiterousschuß eine Versammlung einberuft, dann unter« zeichnet„Der Ausschuß". Ich weiß nun nicht, ob der Berichterstatter des„Vorwärts" es versteht, warum man unter solche Zettels keine Namen setzt; wenn nicht, bin ich gern bereit, ihm darüber näheres mitzuteilen. Die Laufzettel haben nur in den Schuckertwerken zirkuliert; daraus ergibt sich schon von selbst, daß Vertrauensleute anderer Firmen nicht in Frage kommen können. Genosse Zwdsta hat, als Genosse König frug, wer sind die Vertrauensleute, ihm zu- gerufen:„Genosse König, den Zettel decke ich". Zwosta hat sich zu einer Erklärung zum Worte gemeldet, um sofort Aufklärung zu geben, der Vorsitzende sagre ihm, er solle dies in einer persön- lichen Bemerkung machen. Nun wurden nach der Ab» stimmung der Resolution ja keine persönliche Bemerkungen mehr angehört; als Genosse jperzberg das Wort zur persönlichen Bemerkung erhielt, da erhob sich wie auf Kommando gerade jene „andere" Seite und verließ den Saal. Somit war eS unmöglich, in der Versammlung Aufklärung zu geben. Ich hatte von den Ver« trauensleuten den Auftrag erhalten, Einladungszettel zu dieser Ver- sammlung herzustellen; der Text wurde mir überlassen. Ich habe diesem Auftrag Folge geleistet, daß ich dabei auch das Telegramm der 40 erwähnte, ist doch selbstverständlich, da alle Genossen, mit denen ich über dasselbe sprach, ebenfalls der Meinung waren, es sei ein Skandal, so etwas im Namen der Nürnberger Genossen loSzu- lassen. Es ist wirklich sehr bezeichnend, daß man versucht, aus diesem Laufzettel ein Verbrechen zu machen, oder glaubt man da- durch den Eindruck des Telegramms der 40 au verwischen?" An anderer Stelle schreibt Genosse Holzmger dann noch: „In dem Telegramm sprechen 40 Mitglieder des sozialdemo- kratischen Vereins im Namen der Nürnberger Parteigenossen. Auf dem Laufzettel ist nur vermerkt, daß die Genosien und Genossinnen kommen sollen, um gegen solches Machwerk zu protestieren. Keine weitere Direktive wurde gegeben, nur sollten die Mitglieder kommen, und sie kamen. Alle hörten die Ausführungen der Diskussionsredner und zuletzt das Schlußwort des Genossen Süßheim, der wohl nichts unversucht ließ, seiner Meinung Geltung zu verschaffen. Alles was für seine Auffassung sprach, wurde von ihm sehr geschickt zum Vortrag gebracht, und dennoch, wohlgemerkt, ohne daß auf dem Zettel etwas davon steht, wie sich die Mitglieder zu dessen Auffassung stellen sollen, wurde die Resolution Schneppenhorst abgelehnt. Daß die paar Worte auf einem solchen Einladungs- zettel mehr Eindruck auf die Versammlungsbesucher machen sollten, als ein so geschickt zusammengefaßtes Referat des Genossen Süß- heim, wird doch niemand einem anderen weiß machen wollen." Genosse Holzinger beschwert sich in seinem Schreiben auch über die Art, wie die„andere Seite" den Verlauf der Versammlung dar- gestellt hat. Zu seinen Ausführungen ist zu sagen, daß Genosie Holzinger eS sich sehr leicht macht, um den Lanfzettel als ein harmloses Ding hinzustellen. Er sagt, es habe nur daraus gestanden, daß die Mit- glieder in die Versammlung kommen sollten, und daneben noch ein Hinweis ans daö Telegramm der 40 Genossen. Diese Inhalts- angabe ist indes mit Vorbedacht sehr unvoll st ändig abgefaßt — Genosse Holzinger verschweigt bezeichnenderweise, daß auf diesem Laufzettel die verhetzende Unterstellung stand, daß„ein kleiner Teil der Mitglieder versuche, die Einigkeit der Partei zu sprengen! Nach dieser Leistung nimmt sich die Entrüstung des Genossen Holzinger über das Telegramm der 40 Genossen besonders schön aus. Dabei haben die 40 Genossen das Telegramm mit ihren vollen Namen unterzeichnet und wenn sie erklärten, daß sie die Anschauung der Nürnberger Genossen wiedergeben, so haben sie da- zu guten Grund, denn in zwei Parteiversamm- tun gen in Nürnberg war die Anschauung in Beschlüssen niedergelegt worden. Das alles wird Genosse Holzinger nicht bestreiten können. Wenn er trotzdem ein Recht zu moralischer Entrüstung über die 40 Genossen zu haben glaubt, so haben wir für solche Revision der Moral kein Verständnis._ Reichstagskandidatur. Die Wahlkreiskonferenz für Ottweiler- St. Wendel stellte den Gelverkschaftssekretär des Metallarbeiter-Verbandes, Her- mann F a b e r aus O b e r st e i n, als Reichstagskandidaten auf. Ein Ausschlußantrag. Mülhausen i. Elf., 13. Oktober. In der gestrigen Sitzung deS sozialdemokratischen Vereins wurde beantragt, das Ausschsutz- verfahren gegen den Genossen Ties wegen Streikbruchs zu fordern. Der Autrag fand einstimmige Billigung. Ferner wurde beschlossen, SieS zur Niederlegung feines Amtes als Beigeordneter und seines Gemeinde- ratsmandates aufzufordern. SieS versieht zurzeit für den erkrankten Bürgermeister Frehseng den Bürgermeister- Posten in Gebweiler.(Siehe.Reis für den Ausschluß?' in Nr. 238, 2. Beilage.)_ Hus Industrie und Kandel. Die Mehrausgabe für den Fleischkonsum. Die empfindlich gesteigerten Fleischpreise belasten sowohl den Einzeletat als schließlich auch den ganzen Geldmarkt. Welche Be- trüge die Preisaufschläge absorbieren, berechnet die.Arbeitsmarkt« Korrespondenz" wie folgt: Die Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleischbeschau lassen unter Hinzurechnung der Mehreinfuhr den Fleischkonsum der Menge nach erfassen, während wir als Durchschnittspreise das Mittel für fünfzig preußische Städte zu Grunde legen. Wir erhalten damit zwar keine der Wirklichkeit durchaus entsprechende Ziffer des Wertes unseres Fleischkonsums, aber ein Vergleich mit dem auf der gleichen Basis ermittelten Werte des vor- jährigen Fleischkonsums dürfte den Grad der Einwirkung der höheren Fleischpreise soweit richtig wiedergeben, als dies zurzeit unter Benutzung der vorhandenen statistischen Unter- lagen überhaupt möglich ist. Auf diese Weise berechnet fich der Wert des Fleischkonsums im ersten Halbjahre 1010 auf 2,03 Milliarden Mark, während er im ersten Halbjahre 1009 1,03? Milliarden betragen hatte. Die Wertsteigerung beträgt dem« nach zirka 9ö Millionen Mark. Die in den Konsum übergegangene Fleiichmenge ist von 1 241 293 Tonne» im ersten Semester 1900 auf 1 261 804 Tonnen im laufenden Jahre gestiegen, sie nahm also um 1,65 Prozent zu. Wenn man dieser Steigerungsquote die Steige- rung des Wertes gegenüberhält, die rund 5 Prozent beträgt, so zeigt sich schon daran, daß die Preissteigerung den H a u p t a n t e i l an der Kosteiierhöhung für den Fleisch- tonsum hat. Ganz ungünstig bat sich für die Konsumenten die Be« Wertung des Schweinefleischkonsums gestaltet, denn während die Menge nur ganz unbedeutend gestiegen, pro Kopf der Bevölkerung sogar stark zurückgegangen ist, hatte der Wert eine empfindliche Steigerung aufzuweisen. ES betrugen nämlich im ersten Semester dieses und des vorigen Jahres für Schweinefleisch: Gegen 1909 Verbrauch in Tonnen.. Für den Kops in Kilogramm Durchschnittspreis iür das Kilogramm in Pfeimig. Gesamtwert in 1000 Mark 1909 620 673 9,78 1910 621 938 9,67 in Proz. 0,20 - 1.12 164,2 960 809 168,6 1 013 147 + 2.68 4- 5,45 Der Wert geht um mehr als 52 Millionen Mark über den des Vorjahres hinaus. Bei Hammelfleisch ist die Preissteigerung noch stärker gewesen, so daß sich auch für den Wert eine bedeutend größere Steigerung ergibt als für die Menge. Die Menge des im ersten Halbjahr dem Konsum zugeführten Hammelfleisches belief sich auf 22 334 Tonnen gegen 21 044 im vorigen Jahre; es sind also 1290 Tonnen oder pro Kopf 0,01 Kilogramm mehr als 1909 lon- sumiert worden. Da der D u r ch s ch n i t t s p r e i S für Hammelfleisch im ersten Halbjahre d. I. 162,9 Pf. für das Kilogramm betrug gegen 154,8 im vorigen Jahre, so ergibt sich für die Konsum- menge eine Wertsumme von 37,92 Millionen Mark gegen 34,71 Millionen Mark im vergangenen Jahre, Die Steigerung beträgt annähernd 10 Proz. Pei dem'Rindfleisch konsum ist die Wcrtsteigerung nicht ganz so stark. Hier setzt die Preissteigerung erst im zweiten Halbjahre ein. Immerhin ist, da der Preis von 154,2 auf 155,4 Pf, für das Kilogramm gestiegen ist, die Zuitahme des Wertes auch höher als die der Menge, Es be- trug nämlich die Menge des dem Konsum zugeführten Rindfleisches in diesem Jahre 504 970 Tonnen gegen 489 183 Tonnen im vergangenen Jahre. Sie ging um 8 Proz. in die Höhe, Der Wert aber stieg von 754,33 Millionen Mark auf 784,72 Millionen, seine Steigerung beläuft sich mithin auf 4 Proz. Der Konsum von Kalbfleisch ist durch die Preissteigerung schon im ersten Halbjahr stark verteuert worden: während die Menge deS konsumierten Kalbfleisches nur von 105 727 Tonnen auf 107 695 Tonnen hinaufgegangen ist, stieg der Wert von 182,59 auf 190,03 Millionen Mark, Der Durchschnittspreis für Kalb- fleisch betrug im Vorjahre 172,7 Pf. für das Kilogramm und ging auf 176,5 im laufenden Jahre hinauf. Für Ziegenfleisch werden Durchschnittspreise nicht ermittelt, so daß sich der Wert nur schätzungS- weife feststellen ließe: die Menge des dem Konsum zugeführten Ziegenfleisches beläuft fich in diesem Jahre auf 4710 Tonnen gegen 4 563 Tonnen im vergangenen Jahre. Fassen wir die Wert» summen der einzelnen Fleischsorten noch einmal zu« sammen, so ergibt sich folgende Uebcrsicht: Es betrug der Wert deS dem Konsum übergebenen Fleisches während der ersten Semester 1909 und 1910 in 1000 Mark: 1909 Rindfleisch.... 754 828 Kalbfleisch.... 182591 Schweinefleisch... 960 809 Hammelfleisch... 34 707 Der Hauptanteil an der Wertsteigerung Quartal. 1910 784 723 190 082 1013 137 37 920 Zunahme gegen 1909 30 395 7 491 62 323 3 213 entfällt auf das zweite Bom Dortmunder Bankkrach. Die KonkurSverwalwng der Niederdeutschen Bank hat bei der Verwaltung de» Maiwegschen Konkurses eine Regreßforderimg in Höhe von über 55 Millionen Mark geltend gemacht. Die Koiikursverwaltung der Niederdeutschen Bank macht gegen die sämtlichen Mitglieder deS Auffichtsrates, zu denen Maiweg gehörte, Forderungen in dieser Höhe geltend. Bis jetzt sind rund 60 Millionen Mark Forderungen angemeldet worden. Kolonialpatrioten. Die„besten" Kolonialanteile haben ihre schwindelnde KnrShöhe verlassen, sie sind in die Hände und Taschen der großen Masse ge» wandert, die jetzt mit den teuer erkauften Papierchen auf dem Trockenen sitzt. Interessant ist eS, jetzt einmal die patriotischen Kolonial» empfindnngen in den vornehmsten Bank- und Börsenkreisen in ihren Temperawrschwankungen zu betrachten. Als die Deutsche Kolonial-Aktien-Gesellichaft gegründet wurde, die Gesellschaft, deren zeitweise fabelhafter Kurs— 2000 und mehr Prozent— lodernde Flammen der Kolonialbegeisternng aufschlagen ließ, zu jener Zeit fehlte es beinahe an den notwendigen Gründern. Die 2000 Anteile gingen damals an rund 75 Leute, und die kauften sie nur aus Patriot, Smus, Die Herren Bleichröder. Haniel, Graf Henckell von Donnersmark, Fürst zu Hohenlohe, Herzog von Ujest und andere waren es, die als pa>riotische Deutsche etliche von den „wertlosen Dingern" übernahmen. Mit den ersten Diamanten« fanden kam dann daS Kolonialfieber über die braven Deutschen; jeder wollte mit dabei sein, natürlich nur als an- ständiger Patriot, der seinen Kolonien etwas„opferte". Gesellschaft über Gesellschaft wurde gegründet; der Kosonialakticn« markt beherrschte die Berliner Börse, Die alten Gründer wurden Direktoren und AnfsichlSräte der Aktienunternehmuiigen. Sic gaben dort mit ihrer„praktischen Erfahrung" den Ausichlag. Die Banken beteiligten sich eifrig am Gründungsgeschäft; in den ersten General- Versammlungen saßen sie mit ihren großen Posten von Anteilen und gaben die Direktiven. Deruburg konnte für den Fiskus noch etwas vom Diamantenfett mit abschöpfen. Dann kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Bei stets steigenden Kursen Wanderlen die Aktien der Kolonialgesellschaften unter die große Masse— der patriotischen Profitjäger. Als es ganz oben, bel den allersichersten und kapitalkräftigsten Leuten ruchbar wurde, daß Drüben etwas nicht mehr zu stimmen scheine, da sandte man Studienkommissionen hin- über. Unter anderem auch den früheren Gouverneur v, Bennigsen als Vertreter einer der allerersten Kolonialaktiengesellschaften. Wie man sich in eingeweihten Kreisen erzählt, war das erste Telegramm, das aus Südwestaftika eintraf, eine Aufforderung, unter der Hand den Besitz an Kolonialanteilen zu verkaufen! Der Patriotismus schwand! Ein Anteil nach dem anderen wanderte aus dem Portefeuille der kolonialbegeisterten Herren auf den Kolonialaktienmarkt, Man brachte den Kursgewinn in Sicher- heit. In den Generalversammlungen der Kolonialaktiengesellichaften saßen nun die Herren, die noch vor Jahresfrist für ihre Firmen große Mengen Aktien vertreten hatten, als nur ganz kleine Aktien- besitzer still beiseite. Heute liegen die Dinge so, daß ganz all« gemein die großen und größten Banken an direkter und indirekter Vertretung in Kolonialinteressen sehr wenig--- Interesse haben. Die Kolonialpatrioten wollen sich jetzt„etwas zurückhalten', um bei der nächsten Gelegenheit wieder neue patriotische Geschäfte zu machen. Es ist doch etwas Schönes um den deutschen Patriotismus, und seine kolonialbegeisterte Abart ist besonders imponierend. Soziales. Bestrafte Militärtauglichkeit. Man sollte meinen, so etwas könne es nicht geben, wird aber bom Gegenteil überzeugt, wenn man folgende Ausführungen in der „Päd. Ztg." liest: Nach Z 24 des preußischen Lehrerbesoldungsgesetzes erhalten erste und alleinstehende Lehrer eine pensions- fähige Amtszulage von 100 M., wenn sie als solche eine zehnjährige ununterbrochene Dienstzeit zurückgelegt haben. Mit Recht wird nun in mehreren Zuschriften an die pädagogische Presse klargelegt, daß diese Vorschrift eine Folge haben muß, an die der Gesetzgeber offenbar nicht gedacht hat. Nämlich alle die ersten und alleinstehen- den Lehrer, die nach einigen Dienstjahren ihrer Militärpflicht ge- nügen, verlieren für die Erlangung der Amtszulage nicht nur das eine Jahr des Militärdienstes, sondern auch die vor dieser Zeit liegenden Dienstjahre, weil ja eben eine zehnjährige ununter- brochcne Dienstzeit Voraussetzung der Amtszulage ist. So schreibt einer der Beteiligten der„Preutz. Lehrerztg.":„Da ich am 9. März 1993 ins Amt getreten bin und stets alleinstehender Lehrer war, würde ich vom 1. April 1913 ab zum Bezug der Amtszulage berech- tigt sein, wenn— ich nicht Soldat gewesen wäre. Weil ich vom 1. Oktober 199S bis 30. September 1906 gedient habe, erhalte ich die Amtszulage erst vom 1. Oktober 1916 ab, also 3'A Jahre später. Noch schöner wird der Fall dadurch, daß ich— mit Unterbrechung durch das Militärjahr— meine jetzige Stellung schon seit 1. Mai 1903 habe; denn ich bin einer von denen, die nach Ablauf des Militärjahres ihre frühere Stelle wieder angetreten haben. Wenn man auch das Militörjahr bei der Amtszulage nicht in Anrechnung bringen will, als Unterbrechung sollte es auf keinen Fall gelten. Sehr viele von uns Kollegen, die des Königs Rock getragen haben, mutzten langfristige Darlehen aufnehmen und haben jahrelang darunter zu leiden; da ist es denn gar nicht gleichgültig, ob man später 100 M. mehr oder weniger in den Etat einstellen kann!" Daß die Militärtauglichen gegenüber den andern benachteiligt, sozusagen für ihre Militärtauglichkeit bestraft werden, kann un- möglich im Sinne der Gesetzgebung liegen und liegt nicht in ihr. Die Dienstjahre werden ebensowenig durch die Militärzeit wie etwa durch eine Krankheit unterbrochen. Indessen das preußische Kultus- Ministerium weiß finanziell zu interprettieren, wenn eS sich um Sparen auf Kosten von Bolksschullehrern handelt. Serickrs-Geltung. Schutz gegen die Polizei. Vorder Potsdamer Strafkammer erschien gestern auf der Anklagebank, aus dei Haft gefesselt vorgeführt, der vorbestrafte Arbeiter Otto Sumpf aus Brandenburg a. H. Er sollte sich diesmal wegen einer Beamtenbeleidi- gung rechtfertigen. S. wurde am 9. Mai zur verant- wortlichen Vernehmung vor die Brandenburger Kriminalpolizei geladen. Er war eines Betruges beschuldigt. Im KÄminalbureau vernahm ihn ein Bc- amter K. Bei der Vernehmung unterbrach der anwesende Kriminalbeamte Döring den Vernehmenden mit den Worten: Glauben Sie nicht alles, was der erzählt I Darauf er- widerte S. vielleicht gereizt: Jedenfalls gibt es aber noch ehrenhafte Leute, denen geglaubt wird I Diesen Ausspruch empfand Herr Döring als persönliche Beleidigung. Es ent- wickelte sich nun ein Handgemenge, und dabei soll S. mit einer Bierflasche bedroht haben. Das Brandenburger Schöffengericht verurteilte den S. wegen Be- leidigung zu einer Woche Gefängnis. Der Angeklagte schilderte heute die Vorgänge im Kriminal- bureau. Er betonte, daß gegen ihn kein Verfahren ein- geleitet wurde, daß er sich im Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit befand und er mit seinen Worten dem absolut unberechtigten Zweifel eines bloßen Zuhörers bei der Ver- nchmung entgegenhalten wollte, wenn man ihm nicht glaube, gebe es noch andere ehrenhafte Leute, denen geglaubt würde! Döring soll daraufhin aufgesprungen sein und gesagt haben: Was willst d u damit sagen? Was, d u willst mit der Bierflasche hauen? S. behauptet nun zu Boden ge- rissen und gekratzt worden zu sein. Am Schluß bekam er noch einen Fußtritt auf den Rücken— und nach- her wurde die Vernehmung fortgesetzt. Der Angeklagte äußerte den Wunsch, die Polizei möge ihn doch endlich in Ruhe lassen. Sie mache ihn entweder in der Schlafstelle oder in der Arbeitsstelle schlecht. Er sei deshalb gezwungen, fortwährend in solchen Verhält- nissen zu leben, wie er sich jetzt befinde. Zeuge Döring erklärte, S. habe sich renitent benommen und er habe zur Information seines jungen Kollegen, den Zwischen- ruf getan. S. könne sich nur beim Fall über die drei Stufen verletzt haben. Im weiteren beklagt sich der Zeuge über sein PolizeiloS gegenüber der Zettung.„Was die Polizei aus- zuhalten hat durch die„Brandenburger Zeitung", ist bekannt. Das war ja wieder bewiesen durch den Satz: Da war ich der Verbrecher und er der Unschuldige l Bor seiner Ver- eidigung gab D. zu, die Kratzwunden bei S. können von ihm herrührenl Zeuge Redakteur Stroinski von der„Branden- burger Zeitung" bekundete. daß verschiedentlich in seiner Redaktion Klagen über Mißhand- lungen und Beschimpfungen auf dem Kri- minalbureau vorgebracht worden seien. Zeuge sah den S. nach dem Vorfall auf der Polizei und bemerkte auf dessen Rücken die Spur eines Fußtrittes. Die Strafkammer verwarf trotz dieser Einzelheiten der Beweisaufnahme die Berufung. Das Urteil ist wohl nur durch die Voreingenommenheit über die Vorstrafen des Angeklagten erklärlich. Leider hat der Angeklagte, vermutlich iveil er in Haft sich befindet, auf Revision verzichtet. Unverständlicher noch ist: w c s- halb ist keine Anklage gegen den Polizei- beamten erhoben, der nach seiner eigenen Be- kundung sich schweren Mißbrauchs schuldig gemacht hat? Wir möchten bei dieser Gelegenheit be- tonen: weder ein Angeklagter noch ein Zeuge i st verpflichtet, auf der Polizei Aussagen zu machen. Nach den Entscheidungen des Reichsgerichts ist er allerdings verbunden, auf Ladung dort zu erscheinen, kann aber erklären: Ich lehne jede Aussage zur Sache ab. Von diesem Recht wird viel zu wenig Gebrauch gemacht. Dringend ist zu raten, insbesondere in p o litis ch en P r o ze ss en, von diesem Recht Ge- brauch zu machen. Wer kann wissen, ob Beamte, die sich so wie geschildert benehmen, die Aussage richtig zu ver- stehen oder zu protokollieren in der Lage sind? Und wer soll Lust haben, deshalb, weil e r auf der Polzeiwache b e- l e t d i g t und m i ß h a n d e l t ist, sich auch noch eine An-. klage zuzuziehen? j Treptow aus Anlaß des GvnbarmeriesturmS gegen den Treptower Park verurteilt. Als am 6. März 1910 zur Ueberraschung der Polizei im Tier- garten ein Wahlrechtsspaziergang stattfand, waren bekanntlich zur Absperrung des Treptower Parks die gesamten Polizei- und Gen- darmeriemannschaften des Kreises in Treptow zusammengezogen worden. Es spielten sich an diesem Tage in der Nähe des Bahnhofs Treptow und im Treptower Park die unglaublichsten Szenen ab. die noch in aller Erinnerung sind und bei denen durch die Attacken der Polizei wie der Gendarmerie eine Anzahl Personen verletzt und auch erhebliche Sachschäden angerichtet wurden. An diesem Tage wollte sich auch die Ehefrau des Arbeiters Peterschun, Helene Peterschun, in Treptow, Beermannstr. 5, wohnhaft, am frühen Nach- mittag von ihrer Wohming nach dem Bahnhof Treptow begeben, um einer auf dem Friedhof in der Neuen Krugallee stattfindenden Bc- erdigung beizuwohnen. Sie ging von ihrer Wohnung in Begleitung ihres Kindes, einen Kranz tragend, nach dem Bahnhof Treptow und passierte hierbei die von der Beermannstraße dorthin führende Elsenstraße. Als sie ein Stück der Elsenstraße passiert hatte, kam plötzlich die Köpenicker Landstraße herunter von Treptow her ein Gcndarmcr.icaufgebot in schärfstem Galopp herangesprengt, das die ganze Breite der Straße einnahm und eine Menschenmenge in wilder Flucht vor sich hertrieb. Die Gendarmen sprengten, ohne daß eine Warnung erfolgt wäre, in die Elsenstraße hinein, so daß Frau Peterschun, obwohl sie noch im letzten Augenblick zu flüchten versuchte, von dem Pferd eines Gendarmen niedergeritten und erheblich verletzt wurde. Sie erhob deshalb auf Grund des Tumult- gesctzeS vom 11. März 1850 Schadenersatzansprüche gegen die Ge- mcinde Treptow. Diese wurden von derselben am L3. April 1910 zurückgewiesen. Gegen diesen Bescheid erhob sie, vertreten durch den Rechtsanwalt Roth, Klage beim Landgericht II Berlin aus Zahlung eines Betrages von zunächst rund 1900 Mark und An- erkennung auch der weiteren Schadenersatzpflicht der Gemeinde Treptow. Die Beklagte wandte ein, Klägerin sei an dem ihr zu- gefügten Schaden allein schuld, da sie sich an einem Auflauf beteiligt und trotz des Verbotes der Polizeibcamten und trotzdem sie einen polizeilichen Passierschein nicht besaß, versucht habe, sich durch die Kette der Gendarmen durchzudrängen. Durch die vom Gericht beschlossene Beweisaufnahme wurden die Einwendungen der Beklagten auf das bündigste widerlegt. Es wurde einwandfrei fest- gestellt, daß die Klägerin durch die Gendarmen, die in geschlossener Kette auS der Köpenicker Landstraße hervor in die Elsenstraße ein- brachen und ße in ihrer ganzen Brette nach so ausfüllten, daß ein Entrinnen nicht möglich war, niedergeritten wurde uird erheblich verletzt vom Platze getragen werden muhte, daß ferner das Hinein- reiten der Gendarmerie aus der Köpenicker Landstraße, wo sie nicht sichtbar war, in die Elsenstraße so plötzlich und überraschend er- folgte, daß selbst gewandte jüngere Leute sich vor den heranstürmcn- den Pferden nicht zu retten vermochten. Auf Grund dieser Beweis- aufnähme hat nun das Landgericht I! den von der Klägerin geltend gemachten Schadenersatzanspruch in vollem Umfang dem©runde nach für gerecktfertigt erachtet, auch insoweit Schmerzensgeld von der Klägerin beansprucht wurde. Wir behalten uns vor, auf die prinzipiell außerordentlich wich- tige Entscheidung näher zurückzukommen, sobald das Urteil in Ausfertigung vorliegt._ Dr. Esch gegen Dr. Stöhr. Wegen Beleidigung des kaiserlichen Admiralitätsrats und Uni- versitätsprofessors Dr. Stöhr in Kiel hatte sich der Chemiker Dr. Werner Esch aus Hamburg gestern vor der 6. Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Gocbel zu verantworten. Als Nebenkläger trat Prof. Dr. Stöhr unter Beistand des Reichstagsabgeordneten Rechtsanwalt Dr. Heckscher aus Hamburg auf. Der Angeklagte wurde durch Rechtsanwalt Bahn verteidigt. Zu der Verhandlung ivaren 12 Zeugen aus Kiel geladen. Dr. Esch war seinerzeit Assistent des Prof. Stöhr im Torpedolaboratorium zu Kiel gewesen. Ein anderer Assistent, Herr Dr. Usener, der seine. Stellung gekündigt hatte, hatte dann ein gegen Dr. Stöhr gerichtetes Schriftstück veröffentlicht und darin das Gerücht erwähnt, daß Prof. Stöhr zugunsten einer von ihm aufgestellten wissenschaftlichen Theorie Analysen gefälscht, d. h. willkürlich und unzutreffend Zahlen in Berechnungstabellen ein- gesetzt habe. Ein infolge dessen im Jahre 1902 gegen Prof Stöhr anhiingig gemachtes Disziplinarverfahren wurde vom Rcichsmarine- amt eingestellt, weil es die Behauptung der Analhsenfälschung für völlig widerlegt erachtete. Die jetzige Anklage wirft nun dem Dr. Esch bor, seinerseits im Jahre 1906 und 1907 gegenüber dem in- zwischen verstorbenen Dr. Majert und dem früheren Direktor Dr. Sengcr in Rauxel beleidigende Ausdrücke über Prof. Stöhr gebraucht und behauptet zu haben, dieser habe Analysen gefälscht und sich nicht gescheut, dieses Vergehen ihm, dem Dr. Esch, in die Schuhe zu schieben. Der verstorbene Dr. Majert hat dies seinerzeit seinem Sohne mitgeteilt und in einem Briefe auch den Prof. Stöhr hier- von in Kenntnis gesetzt. Der Angeklagte bestritt gestern, sein« Aeußerung über Prof. Stöhr in der behaupteten beleidigenden Form gemacht zu haben und trat im übrigen den Beweis der Wahrheit dafür an, daß Prof. Stöhr in einem Bericht an die Torpedodivision die Zahl 0,016 willkürlich für Silicium eingesetzt habe, während die richtige Zahl 0,018 hätte lauten müssen. In mehrstündiger Verhandlung kam es zu teilweise sehr lebhaften wissenschaftlichen und tatsächlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Nebenkläger und dem Angeklagten. Der Staatsanwalt hielt den weitgehenden Wahrheitsbeweis fiir gänzlich mißlungen. Dem Prof. Stöhr sei auch nicht das allergeringste nachgewiesen worden, was ihn irgendwie belasten könnte. Der Staatsanwalt erklärte, nur mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten eine Gefängnisstrafe nicht vorschlagen zu wollen. Er beantragte aber eine sehr hohe Geldstrafe, und zwar für jeden Fall 1000 Mark, zusammen 2000 Mark Geldstrafe eventuell 200 Tage Gefängnis.— Rochtsanivalt Dr. Heckscher beantragte, den Angeklagten wegen Verleumdung(Z 187) zu Gefängnis zu verurteilen. Der Neben- klüger, ein Ehrenmann, der 14 Jahre lang in einer für die Ent- Wickelung unserer Marine wichtigen verantwortlichen Stelle erfolg- reich gewirkt und an dem nicht der geringste Makel klebe, sei durch den Angeklagten bewußt und planmäßig verleumdet worden. Dies erfordere eine s«hr empfindliche Strafe.— Rechtsanwalt Bahn beantragte die Freisprechung, da die in der Anklage behaupteten beleidigenden Aeutzernngen in ihrer Form nicht genügend festgestellt seien und dem Angeklagten der Schutz des§ 193 gewährt werden müsse.— Das Gericht verurteilte den Angeklagten unter Frei- sprcchung in einem Falle zu 600 Mark Geldstrafe event. 60 Tagen Gefängnis. Auch das Gericht hielt den Wahrheitsbeweis nach jeder Richtung hin für völlig mißlungen. I Zur Amtsverschwiegenheit der Acrzte. In einem gestern vor der hiesigen Strafkammer verhandelten Falle handelte es sich um den weitverzweigten Geschäftsbetrieb einer „weisen Frau" Schulz, welche vorzugsweise in mecklenburgischen Provinzialzeitungen„Rat in Damenangelegenheiten" annoncierte. Mitangcklagt waren mehrere Frauen und Mädchen und ein Kon- ditoreibesitzer sowie ein Rentier aus Mecklenburg. Anhängig wurde die Angelegenheit durch den praktischen Arzt Dr. Ratzcburg, welcher zu einer der beteiligten Frauen gerufen worden war und den Per- dacht äußerte, daß an ihr eine strafbare Handlung vorgenommen worden wäre. Er hielt es für seine Pflicht, die Sache der Behörde mitzuteilen. In der Hauptverhandlung sollte Dr. Ratzeburg als Sachverständiger gehört werden. Gegen ihn stellte Rechtsanwalt Bahn einen Ablehnungsantrag mit der Begründung, daß Dr. R. die Pflicht der Amtsverschwiegenheit verletzt habe; er dürfe als Arzt, wenn er von einem leidenden Menschen zu Hilfe gerufen würde, seinen ärztlichen Beruf nicht dazu benutzen, um einen Pa- tienten vor den Strafrichter zu bringen. Er habe damit gegen Z 300 St.-G.-B. verstoßen und sei aus diesem Grunde als Sachver- ständiger abzulehnen. Die Strafkammer war anderer Ansicht und hielt den Arzt für berechtigt, in einem solchen Falle, wo das Vor- liegen» eines Verbrechens für ihn nicht zweifelhaft war, der Staats- anwaltfchaft Kenntnis davon zu geben. Der Ablehnungsantrag wurde daher abgelehnt. In der Sache selbst wurde Frau Schulz zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis, einige der Mitangeklagten zu kürzeren Gefängnisstrafen verurteilt. Die Ansicht der Strafkammer widerspricht dem Z 300 St.-G.-B. und der Praxis des Reichsgerichts. Ein unbefugtes Offenbaren lag in der Anzeige durch den Arzt. Das Amtsgeheimnis der Aerzte mutz vor behördlichen Angriffen besser gewahrt werden. Das ist in der Strasprozeßordnungs-Kommission gerade unter Bezugnahme auf die Tatsache anerkannt, daß derart unglückliche Frauen, wie die von der Schulz Verführten, durch eine Praxis, wie sie das Gericht für richtig hielt, aufs empfindlichste geschädigt und die Kurpfusche- reien zu noch größerer Blüte getrieben würden. Es ist deshalb ausdrücklich ausgesprochen, daß„Aufzeichnungen, die sich Rechts- anwälte, Aerzte oder die von ihnen in ihrem Beruf beschäftigten Personen bei Ausübung ihres Berufs über den Verdächtigen ge- macht haben", der Beschlagnahme entzogen sind. Prozesse, wie dieser und etwa auf der gesetzwidrigen Beschlagnahme in Moabit aufgebaute, müssen eingestellt werden, weil sie auf Rechtswidrig- ketten beruhen, ein so geartetes Strafverfahren aber auch nach An- ficht des Reichsgerichts unzulässig ist. Das altpreußische Plakatgesetz gegen Wahlrechtsdemonstranten. Vor dem Schöffengericht in Hannover standen am Mittwoch 14 Personen, die gegen das altprcußische Plakatgesctz gesündigt haben sollten. Die 14 Angeklagten, mit Ausnahme vom Expedienten Lohrberg, lauter Wirte und Zigarrenhändler, sollten sich im Sinne des 8 9 des preußischen Pretzgesetzes von 1851 schuldig gemacht haben, daß sie ein Ankündigungsplakat zu der am 6. März d. I. im Wülfeler Biergarten abgehaltenen Wahlrechtsversammlung in ihren Schaufenstern zum Aushang brachten. Lohrberg wurde zu 10 M. Geldstrafe event. 2 Tagen Haft, die andern zu 3 M. Geld- strafe event. 1 Tag Haft verurteilt. 4 Angeklagte wurden frei- gesprochen, gegen 1 Angeklagten, der inzwischen verstorben ist, wurde auf Einstellung des Verfahrens erkannt. Gleiches Recht für alle! Besteht das vermoderte Plakatgcsetz noch zu Recht, so müßten viele, so auch die Königliche Eisenbahn- direktwn in Hannover, unter Anklage gestellt werden. Sie hängt ja entgegen den 88 9, 19 des altpreußischen Plakatgesetzes z. B. die inhaltlich von uns so wenig wie die Wahlrechtsdemonstrantenplakate mißbilligten Aufforderungen zugunsten von Tuberkuloseheilstätten, die Hinweise auf Mägdeheime usw. aus. Frisch, Staatsanwalt, ans Werk, damit durch Verurteilung der Eisenbahndirektion das alte Plakatgesetz endlich seinen wohlverdienten Todesstoß erhält. Oder soll es zur Aufrechtcrhaltung der Nadelstichpolitik gegen die Ar- beitcrklasse konserviert bleiben? /Zus der f raucnbewegirng, Für das Fraucnwahlrecht. In einem imposanten Aufzuge demonstrierten am Donnerstag in Lemberg Sozialistinnen und mit ihnen gemeinsam bürgerliche Frauen für das politische Frauenwahlrccht. Gewaltige Massen der Demonstrantinnen zogen zum Landtagsgebäude, dort überreichte eine Deputation dem Landmarschall die Fordenmgen der Frauen. Bayerische Hebammen. Der Bayerische Hebammen-Landesverband hielt in Nürnberg seine zweite Jahresversammlung ab. Bon- den 5000 bayerischen Hebammen gehören in 79 Bezirksvereinen 2600 dem Verbände an. Seit dem Vorjahre haben sich 31 Bezirksvereine mit 1000 Mitgliedern neu gebildet. Die gesetzliche Regelung des HebammenwesenS, die in Bayern bevorsteht, bildete den Hauptgegenstand der Diskussion. Die staat- liche Hebammenrefonn, die im Mai 1912 in Kraft treten soll, ent- hält folgende Bestimmungen: Jede Hebamme, die bei dem Jnkraft- treten des Gesetzes noch nicht das 60. Lebensjahr überschritten hat, erhält nach Abschluß des 65. Lebensjahres eme staatliche Pension im Grundbetrage von jährlich 100 M. Zu diesem Grundbetrage kommt noch der Stei�erungSbctrag, der sich nach der Zahl der Geburten richtet. Es wird annähernd eine Summe von 240 M. Jahresunterstützung für invalide resp. arbeitsunfähige Hebammen herauskommen. Als Beitrag soll jede Hebamme von jeder Geburt, bei der sie mitwirkt, 50 Pf. zahlen. Da die Hebammen von diesem System eine ausreichende Unter- stützung nicht erwarten, beschlossen sie, eine private Invaliden- und Pensionskasse zu gründen. Ein Antrag forderte, an die Regierung das Gesuch zu richten, die Hebammen mit den Lehrerinnen gleich zu stellen. Ein Antrag, der bayerische Verband möge sich dem allgemeinen Deutschen Hebammenverein anschließen, erregte einen starken Aus- bruch partikularistisch-patriotischer Entrüstung. Geklagt ivurde, daß es in Bayern noch Hebammen gebe, die für eine Geburt nur 3 bis 5 M. liquidieren. AuS dem Kreise Ober- franken lag ein Schreiben eines BezirkSarzteS vor, wonach dort die Hebammen zu arm find, um die Landesversammlung besuchen zu können. Man gab sich der Hoffnung hin. bis zur nächsten Tagung die übergroße Mehrzahl der Hebammen zu organisieren. Lohn- drückerinnen wurde» als Schuflinnen bezeichnet. Während in der Rheinpfalz für eine Armenenlbindung allgemein eine Mindesttaxe von 23,50 M. bezahlt wird, soll es in der Oberpfalz und in Ober» franken sowie in Oberbayern noch vorkommen, daß dafür nur 6 M. entrichtet werden._ Hus aller Melt. Portugiefilckes Roflcbcn. Wie so der Brauch, beginnt die Kohorte der Sensationsreporter in alle» Winkeln herumznspähen, um die Jmiinitäten des grünen Jungen. der bis vor einigen Tagen von Gottes Gnaden Beherrscher des portu- giestschen Volkes war und heute sich in Gibraltar verkrochen hat, auszuschnüffeln. Nalürlich bringt die„vornehme" bürgerliche Presse dann spaltenlange Berichte über die Resultate dieser Schlafzinimcr- schnüffeleien. Einer dieser„Helden der Feder" hat glücklich in Wien eine Breltldiba ausfindig gemacht, die die Nächte des holden Knaben versüßen half. Madame behauptet,„daß eS keine Schande fei, die Freundin eines Königs zu fein". Na ja, es kommt auf die„Freundschaft" an. Schande hin, Schande her, ein profitables Geschäft ist es in der Regel. Madame meint dann. der König sei„ein guter Junge, hochbegabt.... dabei ist er von tiefer Frömmigkeit erfüllt". DaS letzte freut uns besonders und wir stellen uns lebhaft vor, wie Madame mit ihm in tiefer Frömmigkeit den Rosenkranz gebetet hat. Nicht immer— natürlich I— aber so zwischendurch in den Pausen zwischen minder frommen Akten. Was das Geschäftliche betrifft, so wollen wir hoffen, daß der Bcngel sich nicht hat lumpen lassen. Wie verlautet, hat das betreffende Dämchen denn auch ein Perlcnkollier im Werte einer halben Million Frank auS Portugal heimgebracht, und das wird wohl nicht das einzige Ca dcau gewesen sein, daS der„gute Junge" seiner „Freundin" verehrte. Wer eS bezahlte, ist freilich eine andere Frage. Denn mit seinen Finanzen stand eS schlimm. Sein Herr Papa und Frau Mama haben allerdings ein wenig gar zu toll gewirtschaftet. Bei seinem Regierungsantritt stellte eS sich heraus, daß sie nicht blöd im Pumpen waren und sich von der Regierung nach und nach 27 Millionen Frank Vorschuß geben ließen. Frau Mama hat aber trotzdem noch einen Berg flanda« löser Schulden gemacht. Der fromme Manuel hat dann versprochen, diese Schulden allmählich abzuzahlen durch Abzüge auZ der Zivilliste. Aber es blieb ein frommer Vorsatz, der bald zu Waffer wurde, als der Gottbegnadete Geschmack an„Freundinnen" gefunden. Die kosten Geld und deshalb ließ er sich— statt die Schulden zu zahlen — die Zivilliste erhöhen! Nun, jedenfalls sind die Portugiesen den frommen Knaben los und er mag nun Rosenkränze ableiern, so viel er will, schließlich in Gesellsckmfr der Brettldiva, wenn die ihm auch jetzt noch ihre .Freundschaft" bewahren will, die keine Schande ist. Eine wahnsinnige Wette. Das Opfer des eigenen Leichtsinns wurde eine Auto- Mobilgesellschaft, die bei H a ch e n b u r g im Westerwald mit ihrem Gefährt verunglückte. Bei einer Unterhaltung am Bier- tische im Hotel in Hachenburg behauptete der frühere Renn- fahrcr H e n n e y, daß er in wenigen Minuten im Automobil nach Altenkirchen und zurück fahren könne. Die wohl etwas animierte Gesellschaft ging eine Wette ein und gegen 2 U h r nachts wurde die'Fahrt angetreten. Henney fuhr in einem rasenden Tempo. Etwa 12 Kilometer ging die Fahrt glatt von statten, bis der Lenker an einem Eisenbahn- übergange die Herrschaft über das Steuer verlor. Das Auto- nwbil stürzte in einen Graben und wurde vollständig zer- trümmert. Von den fünf Insassen wurde ein Kaufmann The- Wald und ein Angestellter einer Lederfabrik getötet. Henney wurde sehr schwer verletzt, so daß er wohl kaum mit dem Leben davonkommen dürfte. Die beiden anderen Mitfahrenden trugen Armbrüche und leichtere Ver- letzungen davon. Neues von den„Heiligen" in Czenstochau« Die Untersuchung in der skandalösen Klosteraffäre fördert immer neue unglaubliche Zustände zutage. So ist festgestellt worden, daß der Pater M a c o ch neben seinen sonstigen Spitzbübereien innerhalb der letzten drei Jahre 24 600 Rubel auS der Klosterkasse veruntreut hat. AuS dem Fonds der von den Pilgern gestifteten Messegelder haben die Mönche sich jeder durchschnittlich 10 000 Rubel angeeignet. Auch sonst waren die Mönche bei der Beraubung der Klosterschntze nicht gerade zimperlich. Die gesamten Unterschlagungen lassen sich bisher noch nicht im Entferntesten feststellen. Der Klosterbruder M a c o ch hat zu seinem ausschweifenden Leben ungeheure Summen verbraucht. Wäbrend seiner Anwesenheit im Kloster beschränkte er sich darauf, um 11 Uhr vormittags— bis dahin pflegte er der Ruhe— eine Mesie zu lesen. Er fuhr ohne Urlaub, wohin es ihn beliebte, meist in Zivilkleidung und in Begleitung von Damen. In seiner Zelle wurden eine Monge Liebesbriefe und Photo- graphien junger Mädchen gefunden. In Krakau be- finden sich drei Kinder in Pflege, deren Vater Pater Macoch ist und für die er ziemlich hohe Erziehungsgelder zahlte. Die Haupt- Verhandlung gegen sämtliche Schuldigen wird vor dem Bezirksgericht in Peprikau stattfinden._ SchiffSkatastropho in der Nordsee. Der Kuxhavener Fischdampfer„Senator Holthusen" ist in der Nordsee mit der schwedischen Bark„Diana" zusammengestoßen. Die Bark wurde schwer beschädigt und sank sofort. Sieben Mann der Besatzung, darunter der Kapitän und der Steuer» mann, sind ertrunken. Zwei Mann konnten gerettet werden und wurden nach Kuxhaven gebracht. Kleine Notizen. Wieder einer. Der Stadtkämmerer und Kaufmann W i n d s e r aus O st h e i m im Rhöngebirge ist mit seiner Frau flüchtig geworden. Wie sich herausgestellt hat. hat der Kämmerer SO 000 Mark unterschlagen. Ein Attentat wurde am Mittwochabend auf den Eilzug Breslau-Kattowitz ausgeübt. In der Nähe der Blockstation Roßberg erfolgte unter der Lokomotive eine heftige Ex- plosion. Der Lokomotivführer wurde durch Glassplitter unerheb- lich verletzt. Es wird angenommen, daß es sich um ein Dynamit« a t t e n t a t auf den Eilzug bandelt. Einbruch und Mordversuch. In das Haus eines Maurermeisters in W a l l a u bei Wiesbaden stiegen i» der Nacht Einbrecher durch ein Kellerloch ein. Die durch daS Geräusch wachgcwordene Frau rief ihren Mann zu Hilse. Es kam zu einem Kampfe, bei dem der Maurermeister mehrere Stiche in den Oberarm, die Frau lebensgefährliche Messerstiche in den Kopf erhielt. Von den Tälern fehlt jede Spur. Ein Oberst ermordet. Ter Kommandeur des 8. russischen Husarenregiments. das in Mariampol stationiert ist. wurde von seinem Burschen ermordet. Es liegt ein Akt per- sönlicher Rache vor. Bekanntmachung. Orts- Krattkeukasse für den jlmfsbezirh Tegel mit Ausschlust v. Plötzensee. ------ �«Vvi-vi-Sentltvdv General-Versammlung wird anberaumt aus Freitag, den Sl. Oktober 1910, abends 7J/» Uhr, nach dem Trappiche» Saale(Jnh. «chu Gamm), Tegel. Bahnhosstr. 1/2. Tagesordnung: Bericht des Vorstandes und Brschluß- sassung über die wcilercArzncillcserun g. Die gewählten Herren Vertreter werden hiermit ergebenst eingeladen. Tegel, den 13. Oktober 1310. Der Vorstand: s27S/8 gez. 0»«alil Seit, gez. Wild. Pahlow, Vorsitzender. Schnftsührer. Schöne fteundliche Wohttttngen 2 große Zimmer, Balkon. 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Vorzugskarten, nur wochenl. gültig, 33 Ps. aus allen Plätzen. Stets toeitis. Programm. DienStag u. Freitag v. 4— 6'/, Uhr Kindervorstellung. Kinder 19 Ps., Erwachsene ÄO Ps. Jeden Sonntag im Obersaal: Künstlerkon-ert. Entree 13 Ps. Garderobe 19 Ps. Keiedsiiaiien-Ikealer. Stettinsr Sänger. Zum Schluß: „Im.Ifanseloch". Milit. Humor, v. Meysel. € Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. MuskBvr Iii Kieleistr. 24. Eitidener Str. 10. Gröfitcs Kienlqpp-Theater Iktoablts. Wächentl. zweimal neues Programm. Täglich Vorstellung. Ansang 6 Uhr. Oolks-Clederlaal Tiergartenhof a. Bahnh.Tierg. Heute g'/-: ErölTnuiig. Eintritt 75 Pt.(res. 1.25) mit Garderobe u. sämtl. Liedertexten. Nächstes Liederkonzert: i Sonntag 8 Ehr.■ Böhmisches Bauhaus Landsberger Allee 11-13. Jeden Freitag: Direlllon: Fr. Fanther. 13400 Zum Schluß: Ein Musterbursche, Ansang 81/, Uhr. Alle VcrzugSlarien gültig. Nach der Soiree: Frsltanz. lleu eröktnat I Neu erBffnell Mila-Säle Schönhauser Allee 130, MilastraSe 3 Jeden Sonntag u. Donnerstag: O Großer Ball.� Anfang 8 Uhr. Karl Eisner. Sur den Jnoalt der Jiilerate Abrntimmt die Redaftio« de» Publikum gegenüber(einerlei Verantwortung. .4je€€€€€ie«»»SSSSSSZ. SS Unserem Bezirksgenossen W N«»»?»IIKv u. N M zur Hochzeit die herzlichsten Jjs 5} Glückwünsche. 1341b K vvi Die Genossen im 93. Bezirk F rnm SoäaMemokratlseberWaiüverelD für den i Herl. Reiehstags-WabM. Stralauer Viertel. (Bezirk 33S.) Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Genosse, der Gastwirt Karl Risch Koppenstr. 13 gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den IS. Oktober, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral-FriedhoseS in FriedrichSselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 221/3 Der Vorstand. VeM der freien Gast- und Sebankvirte Dentscblands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah der Kollege Karl Risch Koppenslraße 13, Bezirk 4, am 11. d. 50119. verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle de? städtischen Friedhofs in FriedrichSselde aus statt. 75/13 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Orfsverwaltung. SoziaidemokratlscberWaidverelD des 6. Berl. Reichstags-Wablkrelses. Todes- Anzeige. Am 8, Oktober verstarb unser Mitglied, der Arbeiter Franz Albrecht Lortzingstr. 21. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 16. Oktober, nachmittags S Uhr, von der Leichcnkallc der Friedensgemeinde in Nieder-Schönhanfen- Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Mmildtr Sraiira- M ilhMeiler, Orteverwaltung Berlin. Am Sonnabend, den 8. d. M.. verstarb plötzlich, infolge eines Unfalles, unser Mitglied. der Flaschenkellerarbeiter Franz Albrecht. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung erfolgt am Sonnabend, den 16. Oktober, nachmittags 6 Uhr, von der Leichenhalle des FriedenS-KiHch. Hofes in Nordend auS statt. Rege Beteiligung erwartet 43/13 Die Ortsverwaltung. Sl a c h r n f. Am 4. Oktober verstarb unser Mitglied, der Mühlenarbeiter Julius Gutsche. Ehre seinem Andenken! Die Orteverwaltung. Urrband drr Schnkldkr, Schuridtnnlikn und Maschkardkitkr Deutsch!. Filiale Berlin I. Todes- Anzeige. Den Milgliedern geben wir hiermit bekannt, datz der Kollege Riebard Pritscbow am 10. Oktober im Alter von 42 Jahren verstorben ist. 163/13 Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Sonnabend, den IS.Oktober. nach. mittags 8 Uhr, in Mariendors aus dem TreisaltigkeitS-Kirchhos, Sisenacher Strasse, statt. Die Ortsvrrwaltnug. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein« liebe, gute Frau 184Cb Marta Gönner geb. SUndermann am Mittwoch nach kurzem, aber schwerem Leiden an Schlagansall im Krankenhaus« Moabit oer- starben ist. Um stille Teilnahme bittet Der tiestrauernde Gatte Ueineielr Gönner, Kulmstr. 29. Die Beerdigung findet Sonntag- nachmittag 4 Uhr von der Leichen- Halle des katholischen Kirchhofes in Südende aus statt. Sechstel' Wahlkreis. Ssnutug, deu 16. Oktober, abends Uhr» im„Moabiter Gesellschastshaus" Wiclefftraste 34: Seffentliche politische Versammlung für liiänner und grauen. B-rtrag d-s Redakteurs Genosse»»gas MöN„Streiflichter ans dem Klassknstaat". Nach der Bersammlung: GtMUtllchkS KtlsaiilllilllskM Mlt TW. Herren, die daran teilnehmen, zahlen 30 Pfennig nach. 230/9* Der Etubernser: H. Unilanf, Stephanstraste 39. Am Dienstag, den ll. Okkober. verschied nach langem, schwerem Krankenlager mein innigst gc- liebter Mann, unser guter Vater. Schwiegervater und Bruder Rani Risch im 57. Lebensjahre. Dies zeigen tiefbetrübt im Namen der trauernden Hinter- bliebenen au Konstanze Risch nebst Sohn. Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 15. Oktober, nachmittags 3 Uhr. von der Leichen- balle des Zentral-FriedhoseS in FiiedrlchSselde aus statt. Am lt. d. M. verschied nach langem, schwerem Leiden mein lieber Mann, unser guter Vater. Bruder, Schwieger- und Grast- vater, der Einsetzer Johann Adels. Um stilles Beileid bitten Berta Adele nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. Oktober, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde-Friei- hoses, Rölkcstraste, auS statt. Für die vielen Beweise herzlicher und aufrichtiger Teilnahme, schönen Kranzspenden, deu Trostworten am Sarge aniä glich des HinschcidenS meines lieben unvergestlichen Mannes, einziggeliebten Vaters, BruderS, Schwagers und Onkels, des Musik- und GesangSdirigenten Gustav Gartmaim sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten, dem Haupt- vorstand sowie der OrtSvcrwaltuiig Berlin des Zentralverbandes der ZwilberusSmufiker, dem Wahlverein Lichtenberg, bem Gesangverein der Kupserschmiebe, bem Gesangverein Britz, dem Dirigentenverband Berlin unseren herzlichsten Dank. 1343b Die tiestrauernden Hinterbliebenen Angnste Ciurtmann unb Tochter. Danksagung. Für bie vielen Beweise herzlicher Teilnahme, sowie die Kranzspenben bei der Beerdigung unseres lieben SohneS Älfred sagen wir hierdurch den Genossen des sechsten Berliner Wahlkreises, den Kollegen des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes, sowie den Kollegen und Meistern der A. E.-G., Ackcrstrnhe, und dem Lotterlcvercln.Glücks- nummer" unseren innigsten Dank. fWilie Pritzkau. 1347b, KrmlktU-UMstutzlmgs- n. Ktgriibllislikrtm für Kau- und gnuerblicht Arbtiter jkdeu Ktrufes für Berlin und Umgegend. Sonntag, den 18. Oktober 1910, vormittags 10 Uhr, im Lokal des Kollegen Bercbt, RItterftraste 75: General-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom 3, Quartal 1910 2. VcreinSangelegenheiten und Ver- IchiedencS. 3715 HS. Arbeiter jeden Berufes, welche daS 16. Jahr erreicht und das 50. nicht überschritten haben, werden in der Versammlung vom Rendanten aus- genommen. Zahlreiches Erscheinen der Mi« glieder wird gewünscht l K. A. Oadegant, Vorsitzender, Pankstraste 43, vorn I. Tischlerverein, e. h. Sonnabend, den 15. Oktober, abends 8'/, Uhr. Mrlchiorftr. 15: General Versammlung Bericht vom III. Quartal. Kassen- anaelegenheiten. BIlleltauSgabe zum SststungSscst. Ohne Mitgliedsbuch kein Einlast. 139/6_ Der Vorstand. Karow eine Station vor Buch Schönst. Villenort.nR. v. 12 M. an, 20 Pf. v. Stett. BEL 25 Hin. Fahrt, 10 Pf. v.Pankow-Schönh., 12 Min. Fahrt. Terrain unmittelbar am Bhf. Bobauungspl. genehmigt. Pläne gratis. Mail. Anz.u. langjähr. Hypotheken. Verkäufer ständig a. Bhf. Karow.* I. Rieger, Berlin, Goniardetr. S. Achtung! Gewerkschaftsmitglieder! Zu dem am heutigen Abend stattsindenden Vortrage des Herrn Professors Dr. Forel „Mensch und Ameise uls soMie Febewesen" sind noch Eintrittskarten a 25 Pfennig am Eingänge zum Saale zu haben. 800/4 Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission. !» Heute Freitag, abdS. 8'/z Uhr, im Gcwcrkschaftshause, Engelufer 14/15 Saal 4(Arbeitsloseniaal): SitEumg der Ortsverwaltung. Schirmmacher. Sonnabend, den 15. Oktober, abends 8'/, Uhr» im Lokal von Josef Gambitsky» Naunyustraße 37: Krauchen- Uersammlung Tages-Ordnung: 1. Bericht der Kommission über den Anschluß an den Holzarbeiter-Ver- band. 2. DtSlussion. 3. Ausgabe der netten Mitgliedsbücher. 31/10_ Der Obmann. Montag, den 17. Oktober, abends 8 Uhr, im GewerkschaftS- hanse, Engelufer 14/15, Saal 4(Arbeitslosensaal): WU" Werstinimluiigr"VK der am 1. Oktober ausgelernten Tischler, Drechsler» Stellmacher» Vergolder und anderen Holzarbeiter. DI« Wcrkstattvertrauensleute werden ersucht, die anSgelernten Kollegen .aus diese Versammlung aufmerksam zu machen. Vergolder. Montag» den 17. Oktober, abends 8 Uhr» in der Alhambra, Wallner-Theaterstraste 15: Krancheu-Uersammlung Tages-Ordnung: 1. Einführung eweS Tarisvertrages in den Goldleistensabrlken. 2. Be- richt über den abgeschlossenen Tarif für die Rahmeiwergolderelen. 3. Branchen- angelegenheiten._ Kmiht» der vcrgolder II. Rehineninellicr Am Sonntag» den 16. Oktober 1910, mittag» präzise 12 Uhr, in der „Alhambra", Wallner-Theaterstraße 15: Matinee ausgeführt von den „Hoffinanns Sängern6' {Direktor: Fr. Fant her.) Darsteller: Fanther, Krause, Jung, Wiese. Becker, Tieling und SohrBder. Eintritt 30 Pf.— Knsienerösinung 11 Uhr. Billetts find bei den Brrtrnnensleuten zu haben._ Arbeitsnachweis: Hol l Amt 3, 1239. BerwaltunaSstelle Berlin. Hauvtbureau: CharllsstraBe 8. Hof Ed. Amt 3. 1987 Arbeiter» Bekleidung- Berufskleidung. •OrbBtes SpezlalgcHChüft.■ Kohnen& JSring, Sit Aiexanderstr. 12. 1 Landsberger Allee 148. Blxdorf: Berg.tr. 66. Sonntag» 16. Oktober» vormittags 10 Uhr bis nachm. t Uhr, findet die Muhl eines bcssldeteil Kesirksleiters M Odtr-Slhsneiueidt in folgenden Lokalen statt: Kaeiüiwshis Restaurant, nny�tr.». Werniekes Restaurant, Ackerstr. i»s. Voigt-Theater,»»--tr.«8. Hönischs Restaurant, wichert«tr.». Obigios Festsäle,»«hwedter str. Laehniehts Restaurant, Max.tr.»»b. Kronen-Brauerei, AitMoab« 47/48. Restaurant Südost, w«idem»r.tr. 75. Reitmanns Festsäle, schöniein.tr.«. Wiemers Restaurant, Bttiow.tr.»s. Litfins Festsäie, Memeler Str. 67. Bäkers Festsäle, webep«tr. 17. Rummeisburg, Biumes Restaurant, �<-v°xd,ge°«. Rlidorf, Hoppes Festsäle, eermonn.tr. 40. do. Zibeils Restaurant, Eibe.tr. s. do. RQekheims Restaurant, Eahn.tr. 1. Tempelhof, Wilheimsgarlen, Beniner sden Grundstücken selbst, die meist dein Staate sehr wenig gekostet haben und später in heute so hervorragender Verkehrsplage Millionen einbringe»»»nüssen. Von diesen letzten noch vorhairdenen„Mücken" dürfte das alte Kadetten- HauS wohl zuerst fallen. Von Osten her ist Bresche gelegt durch die Verlängerung der Magazinstraße als„Voltairestraße" bis zur Dirksenstratze an der Stadtbahn, uird westlich wird bekanntlich demnächst die Parochialstraße nach der Neuen Friedrichstraße durch- brachen werden. Die Entstehung eines modernen Geschäftspalastes an Stelle des verräucherten Kadettcnhauscs»nit seinem jetzt nicht genügend ausgenutzten weiten Hinterlande kann dann nur eine Frage der nächsten Jahre sein. Nicht so günstig liegt die Sache bei der„Mücke" in der Alexanderstraße. Zu dem Millionenpreise des bis zur Stadtbahn durchgehenden großen Grundstückes will sich >das Finanzkonsortium noch iminer nicht finden. Nebenbei hält n»an de», Komplex ftir die wohl unvermeidliche Erweiterung des Polizeipalastes in Reserve. Vorläufig scheint kein Abbruch in Aussicht zu stehen, denn gegenwärtig wird die gesamte Vorderfront des Gebärides, das so zieinlich den häßlichsten Fleck der ganzen Gegend bildete, neu geputzt. Die mit allerlei Gcrümpel an» gefüllten städtischen Grundstücke 12 und 12a auf der Südseite der Voltairestraße könnten ebenfalls die»noderne Bebauung sehr gut vertragen. Wo gegenüber der Alexandcrstraßenmücke einst das Olympiatheatcr stand, wird jetzt bekanntlich ein großer Post- neubau errichtet. In der Sitzung der Deputation für die städtische Jrrenpflege an» 12. Oktober standen die Anlräge auf Verbesserung der Arbeits- verhältniffe und Aenderung der Organisation der Arbeiterausschilsse an den Irrenanstalten zur Beratung. Bezüglich der Arbeiterausschüsse fanden Annahine in der De- putation die Borschläge, daß als Ausschußmitglieder wählbar sind die seit mindestens zwei(bisher drei) Jahren nnuntcrbrochci» bei dem betreffenden Betriebe Beschäftigten über 25 Jahre, sowie daß die Ausschußmitglieder Obleute aus ihrer Mitte wählen. 88 3 bis 7 des Antrages wurden abgelehnt, iuSbesouderc, daß die Obleute de" BetriebSausickiilsse an den verschiedenen Anstalten zu einem Gesamt- auSschuß zusanunentreten, uin gemeinschaftliche Angelegenheiten zu beraten, sowie daß die Mitglieder eines Arbeiterausschusses nur»nit Zustimmung der zuständigen Verwaltungsdeputation entlassen werden dürfen. Bezüglich der Anträge auf Verbesserung der ArbeitSverhältniffe wurde von einer sofortigen Beschlußsossung abgesehen, dieselben sollen bei der EtatSberatung in der Deputation zur Beratung ge- langen. Doch wurde beschlossen, eine Nachprüfung der von Dr. Zadel überreichten Lohnlisten dtirch das Bureau vornehmen zu lasten»»nd demnächst darüber zu berichte»?, insbesondere bezüglich der behaupteten schlechten Entlohnung usw. der an den Anstalten beschäftigten Psieger und Handwerker im Vergleich mit den Arbeitern und Handwerkern in anderen städtischen Betrieben- CharitS und Armendirektion. Der Arbeiter L. in der Köuigsberger Strafe hatte vom 20. bis 23. Juli 1910 ein Kind in der Charitö und zahlte am 23. Juli, am Tage der Entlassung die für die vier Tage erwachsenen Kur- und Verpfleguugskosten in Höhe von 12 M. prompt au die Charitokasse. Am 20. September erhält L. von der Berliner Armendirektion ein vom 14. September datiertes Schreiben, in welchem er aufgefordert wird, die für sein Kind für die vier Tage erwachsenen Kur- und Verpflegungskosten an die Armendirektion zu zahlen. 2 M. 25 Pf. feien an den Ortsarmenverband Ober-Schöneweide, in dessen Bc- zirk L. seine Beschäftigung hat, zu berichtigen, während 9,75 M. hier zu zahlen seien. L. begab sich hierauf nach dem Bureau der Armendirektion und legte die Quittung der Charitökasse vor. Dort nahm man von der Bezahlung Akt, verwies den L. aber nach der Charitö, so behauptet wenigstens L. Verständlich ist das nicht. Die Vorlegung der Quittung mußte ohne weiteres genügen, um die Sache in Ordnung zu bringen. An der Charilvkasse sagte man zu L., die Sache sei in Ordnung, was er eigentlich noch wolle. In der Zwischenzeit hatte L. auch auf seiner Arbeitsstätte noch Aus- kunft über die 2,25 Schulden zu geben. Dainit aber noch nicht genug. Am 11. Oktober muh L. zum Armeiivocsteher seines Bezirks kommen wegen der angeblich rück- ständigen Kosten. Auch hier konnte er nur sagen, dah die Kosten bezahlt seien. Dieses Vorkommnis wirft auf den Geschäftsgang bei den Be- Hörden ein sonderbares Licht. Einmal ist unverständlich, wie die Armendirektion die Kurkosten für das Kind L.s an die Charitö er- statten kann, wenn die Kosten bezahlt sind. Man ist auf die Vsr- mutung angewiesen, daß trotz Bezahlung die Armendirektio» zur Kostenerstallung aufgefordert worden ist. Dann aber ist unbegreif- lich, wie die Armendirektion die Sache an den Armenvorsteher gehen lassen kann, nachdem sie sich durch Einsicht in die Quittung davon überzeugt hat, dah die Kosten gedeckt sind. Dem Arbeiter sind durch die Angelegenheit eine Anzahl Wege und Scherereien gemacht worden, die bei korrekter Geschäftsführung hätten vermieden werden können. DaS ganze Ergebnis des Verwaltimgsjahres 1909, das bekanntlich für die Stadt Berlin mit einem lieberschuh von 5'/� Millionen Mark abschloß, liegt jetzt vor. Der„Jahresabschluh der Stadt- Hauptkasse für 1909/10" ist so umfangreich, dah die Anlagen zum Abschluß der SpezialVerwaltung zur besseren Uebersicht von dem Hauptabschluh getrennt wurden. Der Ueberschuh der Stadt Berlin stellt sich genau auf 5 26Z 758 Mark. Das klingt an sich erfreulich, birgt aber doch für den Stadtkämmerer einen bitteren Kern. Denn der Ueberschuh ist in Wirklichkeit gar nicht vorhanden, da der vorjährige Ueberschuh um nicht weniger als 2 717 000 M. größer war. Das bestätigt die bei den Etatsdebatlen wiederholt zum Ausdruck gekominene Meinung, dah Berlin eigentlich von seinen Ueberschüsseu zehrt. Es sind natürlich Millionenzahlen, mit denen der städtische Etat arbeitet. So betrugen allein die Gesamteinnahmen über 32g Millionen Mark, denen an tatsächlichen Ausgaben über 308 Millionen Mark gegenüberstehen, wozu noch 12 Millionen an AuSgaberesten hinzukommen. Im einzelnen seien folgende Zahlen hervorgehoben: Die Ausgaben für die städtischen Grundstücke in den Vororten sind nach dem Abschluß um 175 510 M. gegen 1903 gestiegen und zwar hauptsächlich durch die Erhöhung der Grnndsteuersätze. Die Waren- hausstcucr hat 1 741 705 M. erbracht, das sind 730 555 M. mehr, als nach dem Voranschlag berechnet worden war. Die Ge- Werbesteuer ergab 11 552 519 M. oder 262 675 M. mehr, wovon indes 204 436 M. zurückgezahlt werden muhten. Die Gemeindegrundsteuer, die mit 24,3 Millionen Mark eingestellt worden war, erbrachte 26 404 788 M., wovon 242 745 M. in Rest verblieben, somit fast 2 Millionen Mark mehr. Die Gemeinde- einkommensteuer, die mit 39 460 000 M. festgesetzt worden war, übertraf um 603 335 M. den Voranschlag. Interessant ist, dah die Zahl der Besteuerten mit einem Einkommen über 3000 M. gewachsen ist, während die Zahl der Zensiten mit einem Einkommen unter 8000 Mark fiel. Von der Gesamteinnahme von 40 Millionen Mark entfallen auf Besteuerte bis 7000 M. nur 6 993 000 M., auf Besteuerte über 3000 M. aber 19,7 Millionen Mark, auf Forensen 3� Millionen Mark, aus juristische Personen 9'/, Millionen Mark und auf Mililärpersonen 109 000 M. Die Hundesteuer, die mit 765 000 M. figuriert, schlieht mit einer Ein- nähme von 809 202 M. ab. Der Zugang von über 40 000 M. ist durch die große Zahl neu zu versteuernder Hunde veranlaßt. Die Umsatzsteuer, auf 4 Millionen Mark Ertrag geschätzt, ergab 5,1 Millionen Mark. Eisenbahners Sterben. Ein Opfer seines Berufes wurde gestern der 70 Jahre alte Streckenwärter Wilhelm Melier, der auf der Station Kaulsdorf tätig war. Als er gestern abend von einem Kontrollgange nach dein Bahnhof zurückkehrte und die Gleise des Bahnkörpers überschreiten wollte, übersah der alte Mann, daß in diesem Augenblick ein Zug angelassen worden war. Ehe sich der Greis in Sicherheit bringen konnte, wurde er von der Lokomotive erfaßt, deren Räder den Bedauernswerten zer° malmten, so dah der Tod auf der Stelle eintrat. Wegen Bergchens an Kindern wurde gestern der Emaille- bilderagent Karl Riemer aus der Malplaquetstrahe festge- nommen. Riemer, der Privatkundschaft besuchte, traf kürzlich in einer Wohnung in der Müllerstrahe vier kleine Mädchen, die gebadet hatten und nur notdürftig gekleidet waren Er verging sich an den Kindern, die ohne Aufsicht waren und entfernte sich dann unbehelligt. In der Wohnung aber hatte der Unhold einen Brief verloren. Dieser führte die Kriminalpolizei auf die Spur des alten Sünders, der schon vorbestraft ist. Sie ermittelte, dah er nach Forst in der Lausitz gegangen war und lieh ihn dort verhaften. Ei» gewerbsmäßiger Fahrradmarder und Schlafstellendieb ist in der Person des 38 Jahre alten Johann Zimmermann durch die Kriminalpolizei unschädlich gemacht worden. Z. betätigte sich ganz besonders auf dem Gebiete des Schlafstellenschwindels. Er pflegte kleinere Zimmer zu mieten und sobald sich ihm Gelogen- heiten boten, führte er bei den Wirtsleuten Diebstähle aus. Bares Geld und Schmuckgegenstände raubte er hauptsächlich. Eine in der Pankstrahe wohnhafte Frau W. wurde ganz empfindlich durch den dreisten Burschen geschädigt. Die Fahrraddiebstähle verübte Z. mit Vorliebe in den Vororten. Die gestohlenen Räder„ver- schärfte" er dann bei hiesigen Produktenhändlern. Für Fahrradbrsihcr möge folgendes Vorkommnis eine Warnung sein. Ein Herr R. in der Raumerstrahe wollte sein Fahrrad ver- kaufen und inserierte zu diesem Zwecke den Verkauf in einer hiesigen Zeitung. Darauf erschien in der Wohnung ein Mann und stellte sich als Kauflustiger vor. Das Ansehen genügte ihm nicht, er wollte das Rad probieren. Das wurde ihm auch zugesagt. Ehe der Besitzer sich aber versah, war der Käufer mit denr.Nade verschwunden. Der auf diese Weise um sein Rad Gekommene erzählte dieses Erlebnis einem Freunde; dieser erklärte, dasselbe Schicksal sei auch ihm kürzlich passiert. Nach einigen Nachforschungen wurde der „Käufer" in seiner Wohnung in der Naunynstrahe als ein Schlosser R. ermittelt und der Polizei angezeigt. Wer ist die Tote? Aus der Spree gelandet wurde gestern am Holsteiner Ufer die Leiche einer unbekannten Frau. Die Tote ist ungefähr 30 bis 35 Jahre alt und 1,70 Meter groh, hat blondes Haar und trug einen schwarzen Rock, eine schwarze Bluse, einen weihen Unterrock und Hose, schwarze Strümpfe, sehr hohe Schuhe und eine anscheinend goldene, geigenförmige Brosche, die mit einem Steinchen besetzt ist. In ihrem Strumpf hatte sie eine Geburtsurkunde auf dem Namen Maria, Johanna, Emilie Hörning. 5. 1. 1881 Berlinchen geboren. Ihren Verletzungen erlegen ist gestern früh die 55jährige Witwe Anna Kerbel aus der Borsigstr. 16, die gestern nachmittag, wie bereits gemeldet, von einem Automobil überfahren wurde._ Berantwortl. Redakteur: Carl Mermuth, Berlin-Rizdorf. Für den Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich gestern früh am Kottbuserdamm. Dort fuhr vor dem Hause Nr. 22 der Postschaffner Heimann aus der Mainzerstr. 19 in Rixdorf auf einem Zweirade gegen den Motorwagen Nr. 1823 der Straßenbahnlinie 31 und wurde bei dem Anprall in weitem Bogen von der Maschine ge- schleudert. H. stürzte so heftig auf das Straßenpflaster, daß er aus Nase und Mund blutend besinnungslos liegen blieb. Der Verunglückte wurde nach dem Urban-Kranlenhause übersührt. Ein Volks-Liebcr-Saal.„Das Lied dem Volke!"— Unter dieser Devise tritt am 14. Oktober ein neues großes Konzertunter- nehmen ins Leben, das in das hauptstädtische Musikleben eine ganz eigene und neue Note ttiagen wird. Am Stadlbahnhof Tier- garten, in den Räumen, die bisher der große Fcstsaal des Tier- gartenhos hießen, wird sich mit neuem Namensschild der Berliner Volksliedersaal auftun, als Heimstätte eines populären Konzert- Unternehmens, das dem deutschen Liede gewidmet ist. Zu Volks- tümlichen Eintrittspreisen, 75 Pf.(resp. 1,25 M. einschließlich Garderobe und Programm mit sämtlichen Liedcrtexten. im volkstümlichen Rahmen und zugleich in vornehmster künstlerischer Form soll hier zum ersten Male als eigenes Genre das Lied in seinem besten Sinne dem großen Kreise derer geboten werden, die bisher auf mehr oder minder seichte Kost als musikali- sche Abendunterhaltung angewiesen waren. Fremde aber blieben im eigentlichen deutschen Liederwald. Eine größere Anzahl erster Solisten wird an jedem Abend ein sorgfältig gewähltes Programm bestreiten, bestehend aus klassischen und modernen Liedern mit besonderer Berücksichtigung des volkstümlichen, einschließlich des Volksliedes, unter strikter Ausschließung alles Trivialen und Un- künstlerischen. Das alles in der zwanglosen Form der bisherigen populären Shmphonie-Konzerte, deren Ergänzung diese volkstüm- lichcn Liederabende bilden sollen. Der Volksliedersaal steht unter der Leitung vod Ludwig Renner; ihm steht fördernd zur Seite ein aus den ersten Berliner Künstlerkreiseu gebildeter musikalischer Beirat._ Vorort- Nachrichten* Tchöneber«,. Schwer verbrannt wurde am Mittwoch im Betriebe der Firma Mix u. Genest, Geneststr. 5, eine in der Abteilung Stanzerei be- schäiligte Arbeiterin Frau S cb o m b e l. Mit entsetzlichen Brand- wunden bedeckt, wurde die Unglückliche durch die herbeigerufene Feuerwehr in das Schöneberger Krankenhaus geschafft. Von den Arbeitern des Betriebes wird lebhaft bedauert, dah nicht einmal Decken vorhanden waren, um die Flammen, die am Körper der Verunglückten emporzüngclten. zu ersticken. Wie wenig die Arbeiter der Abteilung vor Unfall�efahren geschützt waren, beweist, daß zwei Kästen mit Benzin nur wenig über zwei Meter von der im Betriebe benutzten Feldschmiede entfernt standen. Erst nach dem Unglücksfall wurden die Kästen entfernt. Rixdorf. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern nachmittag in der Hermannstrahe. An der Kreuzung' der Knesebccksirahe hatte das achtjährige Töchterchen des Plättereibesitzers Hahn, Knesebeck- strahe 37, mit anderen Kindern gespielt. Als mehrere der Kleinen auf den Fahrdamm liefen, kam ein GänsetranSportwagen in ziemlich scharfem Trabe herangefahren. Die Kinder stoben auseinander; der kleinen H. war es nicht mehr möglich, den schützenden Bürgersteig zu erreichen. Sie wurde unter die Räder gerissen und in schwer verletztem Zu stände vom Platz getragen. Friedenau. Bus der Gemeindevertretung. Vor Eintritt in die Tagesordnung wird ein Brief eines Kohlenlieferanten verlesen, der gegen die Gültigkeit der vorletzten Sitzung Einspruch erhebt. Der Herr ist mit seinem Angebot betreffend Kohlenlieferung für die Gemeinde in der in Frage kommenden Sitzung durchgefallen. Jedes Mal. wenn Gemeindearbeiten oder Lieferungen nicht nach Friedenau vergeben werden, werden im Friedenauer Ortsblättchen Emrüstungs- zuschriften veröffentlicht, �as hat in der letzten Zeit eine gewisse Spannung zwischen dem Gemeindevorstand und dem ihm sonst eng be- freundeten Spießertum erzeugt. In den Ausführungen, die der Gemeinde- vorstand in der Angelegenheit machte, kam das so recht zum Aus- druck. Er erklärte, dah er in keiner der vier Kommunen, wo er bisher tätig war, einen unselbständigeren Handels- stand angetroffen habe, wie hier am Orte. Die widerlichsten Sachen spielten sich in seinem Bureau ab.— Wenn wir auch sonst selten mit dem Gemeindevorstande übereinstimmen. in diesem Falle hat er ausnahmsweise recht. ES gibt wohl in keinem Orte um Berlin ein rückständigeres und bornierteres Spiehertum wie in dem Beamtendorfe Friedenau.— In der Sitzung wurde beschlossen, die in der Kai'erallee zwischen Friedrich-Wilhelm-Platz und Rheinstrahe an den Hänsern stehende Baumreihe zu entfernen. Die Tischlerarbeiten für die höhere Mädchenschule werden an die beiden mindestfordernden Firmen Herzog-Friedenau und RöSler- Schöneberg vergeben. Auf eine Anfrage unseres Genossen Richter, wieweit die Frage der Wertzuwachssteuer gediehen sei, ant- wartete der Bürgermeister, dah sich der Gemeindevorstand in den nächsten Tagen mit der Angelegenheit befassen werde. Danach werde der Gemeindevertretung das Material vorgelegt werden. Ober-Schöneweide. Gcuieindcvertreterfitzung. Die von der Gemeinde vor einigen Jahren in eigene Regie übernommene Gemeindeablage an der Laukenerstrahe ist durch die Errichtuug einer nebenliegenden Privatablage in ihren Einnahmen stark zurückgegangen. Vom Be- sitzer der letzteren ist der Genieinde ein Pachtangebot gemacht worden. Es wurde beschlossen, für eine Pachtsumme von 3000 M, die Ge- meindeablage auf ein Jahr zu verpachten. Bei der Herstellung der H a u s a n s ch l ü s s e für die Kanalisation im neu erschlossenen Ortsteil haben infolge der tiefliegenden Leiwng für die Wasser- Haltung Kosten aufgewendet werden müsien, die den von den Haus- besitzern zu erstattenden tariflichen Betrag weit übersteigen. Die Vertretung beschlieht die Schaffung eines jährlich neu festzustellenden Tarifs mit der Bestimmung, dah die Selbstkosten für alle Fälle zu erstatten sind. Für Benutzung der Schulbrausebäder im Winter ist in der 1. Gemeindeschule die Erweiterung der Zentralheizung notwendig. Die Mittel hierfür werden bewilligt. Der Vertretung lag zu dieser Angelegenheit eine Ausstellung über die Benutzung der Bäder vor. Vom Genossen M u t h wurde angeregt, die Lehrer- schaft möge mehr als bisher auf die Kinder einwirken, die Bäder zu benutzen. Die Mittel zur Beschaffung von Bänken und technischer Einrichtungen der P h y s i k k l a s s e der höheren Mädchenschule werden bewilligt. Bei der Ersatzwahl für verschiedene Kommissionen wurde Ge- noffe M u t h in die Baukommisston und W i n k e l m a n n in den Steuerausschuh gewählt. Die von der Vertretung vorgenommene Ersatzwahl des dritten Schöffen fiel auf den Vertreter Herwig. In nichtöffentlicher Sitzung wurde beschlossen, dah die Wahl- stellen des Gemein de-Friedhofes nur unter besonderen Umständen an Auswärtige verkauft werden sollen. Von unseren Genossen wurde die Verringerung der Wahlstellen und von anderer Seite eine Erhöhung der Verkaufsgebühren für Auswärtige besür- wartet. Beide Anregungen werden der Friedhosskommission über- wiesen? Am Sonnabend, den 15. Oktober, feiert der Arbeiterwrnverein im Wilhelminenhof sein siebentes Stiftungsfest. Da der Berein sich dem Wahlverein zu allen Festen zur Verfügung stellt, ersuchen wir die Parieigenossen, das Fest ebenfalls zu unterstützen. Adlershof. Der Arbeiter-Gesangvrrein„Frohsinn" veranstaltet am Sonn- abend, den 15. Oktober, im Lokal von Wöllstein, BiSmarckstr. 24, sein zebnteS Stiftungsfest. Da der Verein bei allen Veranstaltung Z der Partei und Gewerkschaften mitwirkt, ersuchen wir die Genossinnen und Genossen, für zahlreichen Besuch des Feste? Sorge zu tragen. Der Eintrittspreis beträgt für Herren 50 Pf. inkl. Tanz, für Damen 30 Pf. Reinickendorf. Am Sonnabend, den 15. Oktober, feiert der Arbeitergesangverein „Einigkeit" in den Eichbornsälen, Eichbornstr. 60. sein 13. StiftungS- fest, bestehend aus Konzert, künstlerischen Aufführungen und Tanz. Da der Verein sich stets der Partei zur Verfügung stellt, werden die Genossen und Genossinnen ersucht, sich recht rege an dem Feste zu beteiligen. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. lieber„die Sozialdemokratie im Kampfe gegen die herrschende Reaktion" referierte vor einer von etwa 300 Personen besuchten Versammlung im Lokal„Heidekrug" Genosse Artur Stadt Hägen. In seinem Vortrage zeichnete er ein treffendes Bild der herrschenden reaktionären Verhältnisse in Deutschland. In der Diskussion be« schäsligte sich Genosie K ä m i n g mit der Haltung der Polizei während der Moabiter Woche. Genossin B u ch m a n n brachte einen Fall von Kinderausbeutung im Kaulsd orfir Schützenhause zur Sprache, wo Kinder zum Bedienen der Schützenstände verwendet wurden. Der glänzende Besuch der Versammlung hat bewiesen, dah alle Schichlen der Einwohnerschaft ein lebhaftes Interesse an den politischen Tagesfragen haben. Nen-Zittau(Kreis Beeskotv). In einer gut besuchten Volksversammlung referierte Genosie Boeske, Rixdorf, über das Thema:„Dem Volke die Finanz- reform, dem Kaiser 8>/� Millionen." Wie sehr der Referent im Sinne der Versammelten gesprochen hatte, bewiesen die Beifalls» bezeugungen-während und am Schlüsse des Referats. In der Diskussion wurde vorn Genossen Schulz die Königs» berger Rede gebührend gewürdigt. Genosie Wiyzorick legte in warmen Worten den Anwesenden nahe, sich der politischen Organisation anzuschließen, desgleichen wies Genosie Petter auf die Bedeutung der Gemeindewahlen hin. Nach dem kernigen Schlußwort des Referenten ging die Versammlung in begeisterter Stimmung auseinander. Wir konstatieren, dah nicht umsonst gearbeitet wurde, denn eine Reihe Aufnahmen fanden statt. Motzen(Kreis Teltow). Die Gcsetzesuiikuiidigkeit der Ortsgewaltigcn in den Provinz» gemeinden treibt manchmal wunderliche Blüten. Am Montag, den 10. d. M,. fand in Motzen die Gemeindevertreterwahl statt. Die Wahlzeit war von Iv'��ll Uhr vormittag?, also auf nur eine halbe Stunde fe st gesetzt. Die Folge davon war denn auch, dah von 76 eingeschriebenen Wählern nur 16 ihr Stimmrecht ausüben konnten. Der größte Teil der Wahlberechtigten ist in der Provinz in Arbeit. Der Kandidat der Sozialdemolralie erhielt 7 Sttminen, die übrigen 9 Stimmen verteilen sich auf die beiden Kandidaten der bürgerlichen Parteien, so dah sich eine Stichwahl notwendig machte. Diese engere Wahl wurde nun unmittelbar im Anschluß an die Haupt wähl vorgenommen, was den Vorschriften der Landgemeindeordnung direkt widerspricht, zumal nur ein Bruchteil der Wahlberechtigten ihr Wahlrecht ausgeübt hatten. Natürlich fanden sich in der Stichwahl die feindlichen bürgerlichen Brüder sehr schnell zusammen, galt eS doch, die verhahte Sozialdemokratie aus der Gemeindevertretung fernzuhalten. Jedenfalls wird aber das Oberverwaltungsgericht die gcsetzesunkundigen Wahlleiter belehren, dah man leider auch den Sozialdemokraten gegenüber die gesetzlichen Bestimmungen wahren muh. Teltow. Ucber die politische Lage und die letzten Kaiserreden referierte Genosie U ck o in einer von etwa 250 Personen besuchten Versamm» lung unter freiem Himmel. In seinem Vortrage beleuchtete der Redner besonders die polizeilichen Heldentaten in Moabit. Der von lebhaftem Beifall begleitete Vortrag klang aus in einen warmen Appell an die Teilnehmer, angesichts der bestehenden politischen Zustände den Anschluh an die Organisationen der Arbeiter» schaff zu vollziehen._ Eingegangene Druchfcbnftcn. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben da» 2. Hest des 29. Jahrgangs erschienen. Es hat folgenden Inhalt: Die Moabiter Krawalle.— Das neueste Leben Jesu. Von K. KautSly,— Ein Parteikonareß über den Kleingrundbcsitz. Von Oda Olberg.— Die parilätlscki Arbeitsvermittelung in der Holzindustrie. Von Fritz Tornow. — Literarische Rundschau: Ferdinand NeichSritter v. Panz, Die Hochschutz» zollpolitit HohenblcimS und der österreichische Bauernstand. Von öl. N. Karl(Brünberg, Die Agrarverfassung und daS GrundcntlastungSproblem in Bosnien und der Herzegowina. Von I. Karski. Dr. Jgnaz Zollschan, DaS Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassensrage. Von G. Eckstein.— ZeUschristenschau. Die.Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch» Handlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von S.2S M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Heft kostet 25 Pf. Probenummern stehen jederzeit zur Bersügung. � Amtlicher Dtarktbertchr der städtilchen Marktballen-DIrektlon über den Großbandel in den Zentral-Marttballen. Marktlage: Fleisch: Zusuhr stark, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zusubr nicht genügend. Geichäst rege, Preise besriedigend. Gei.lügel: Zusuhr in Gänsen reichlich, sonst genügend, Geichäsl ziemlich lebhast, Preise nicht be- sriedigend. Fische: Zusuhr mäßig, Geichäit ruhig, Preise für Hechte nachgebend. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. G-müie, Obst und Südsrüchte: Zusuhr genügend, Geschäst still, Preise wenig verändert._ «ieeernngsuberNch» vom 13. Oktober 1910. morgen» 8»hr. rSetterprognose für Freitag, den 14. Oktober 1910. Trocken und vielfach heiter, etwas lllbler bei ziemlich frischen nordöst- lichcn Winden. Berliner Wette rbureau. rvasserstandS-Nachrtchteu der LandeSanstylt für Gewässerkunde, mltgetellt vom Berliner Wetterbureau. *)+ bedeutil WucbS,— Fall.•) Unterbeael. ßnseratenteil verantw.: Th. Glocke» Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsaitstall Paul Singer ät Co., Berlin SW,