Ar-. Ava. S7. Jahrg. Bbonnfments-Bcdingungeu! �5�»! �9 �A\ Wj... v>e Insertion!- LtdShs Abonnements- Preis pränumerando: Ell«W MÄs�Ms �8!■ a 5!». deren Raim?�w«f-"'kör Biertcljährl. SL0 Mb, nionall. I,lv Mb, mm Wz H> ZW s U» // WZ M W»■§ KB zerle oder deren Raum 50 Psg.. für wöchentlich 2-j Pfg� frei ins Haus. M». JS3S3|C9 B B(A B B B 9B MI f/ Di H �gOWeP// polltlsche und gewerkschaftliche Vereins- Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags- MgSsBl rmB UW BK 831 V]» WK ZW HSS WZ ZW MZ m>3[-- // und Bcrsammlungs-Anzeigcn 80 Psg. imninicr mit illuslrierler Sonntags- AäSBi-AHH B ZW WZ B GW ZW BS WZ W) WZ Wg //„Kleine anzeigen", das erste(fett- BeUage„Die Neue Well" tO Psg. Posi- WWW j BH B B B B B ES H B B v—' B 188[ AL- gedruckte) Wort 20 Psg.. jedes weitere llbonnenient. t.li)..klart pro Monat, Z>ZZ �zz BSSj kH �WZ ZZW EBl RH IfiB tkgort IN Via Stellenaelucheund Echlaf- iSter�ÄZÄr H W W. Mk JtkMLMk vMLM.1 m W mJ&cnXlVioTl Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mi � jSL i // ZW I jcdeS weitere Wort 5 Psg. Worte Uber 2 Mart, für das übrige Ausland HaL BBx V/ V W/ sKW/ // ZW F jb Buchstaben zählen für zwei Worte. 8 Mark pro Monat. Postabonncments JgSjSm ▼/ // BHV Inserate für dle nächste Nummer müssen nehmen an: Belgien Dänemark. O ✓—\ � V/>ilWR vis K Uhr nachmittags in der Expedition LZL?SSS«S-«SRSÄÄtfBr* Nevlinev VolktsblÄkk. äsä Zentraloi'gan der rozialdemokratifchen Partei Deutfchtands. Redahtion: 8M. 68, Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Quittung, Im Monat September gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parte»bc!trägc ein: Allona-Ottensen, ö. schleZlv.-holst. Kreis, Restbeitrag 219,80-, desgl. 2. Oliarlat 1910 500,—. Berlin-Groß, a konto seiner acbt ' Wahlkreise 15 000—(darimler Ch. Hofmann, Elsasserstr. 25a, 1,50, Franz Richter, Jmmaiiuclkirchstr. 12 3,—, Tischlerei Blendinger, Bredow u. Co. 30,—, Schütz 6.—, Ueberschuß vom Fainilienabend der 15. Abt. de«-1. Kreises 13,71, Blctscher 1,—, Kranzüberschuß durch Janke 4,50, Bezirk 093 2,—, Ueberschuß einer Kranzspende der organisierten Kollegen der Patzenhoser Brauerei 52,95. Gen. Moseö für Referat 6,—, Kranzüberschuß Abt. Walter 5,15, Ueberschuß vom Sonimerscst der Allg. Kranken- und Slcrbekasse Hamburg, Filiale Berlin 0 25,—, Monatsbeitrag Baß-Karl 3,—, Gen. Rüben durch Vogel 20,—, Groschenkasse der Abt. Schaper, A. E. G., Ackerstraße 5.—, Ueberschuß der Chauffeure der A. B. G. vom Sommerfest 30,—, Ueberschuß der Kranzliste für Mau. Versandlager 3,50, A. B. Mister 1.—, Dr. Kurt Noseiifcld 122,—. Ortsverwaltung Berlin, Zivilmusiker Deutschlands von der Maifeier 117,00, Argentinien Hennig 5.—, Unkostendeckung für den Parteitag von der Buchdruckerei S. Sittenfeld und Karl Heymanns Verlag 37,40, überwiesen von E. U., Chemnitz 33,—. Dr. K. R. 25,—.) Verlin, diverse Beiträge: D. Waffen- u. Munitionsfabriken Berlin, Abt. ZaSzewski, Kranzüberschuß 2,75. Pankow, Kranzüberschuß Kall. Baader, A. E.-G. 0,30. Nieder- Schöneweide, Kranzüberschuß Schultheißhandwerker Abt. IV 4,45 Lcseabend der 7. Abt. Moabit 2,50. Schuhmacher Mohr u. Speier 4,75. Mochetes 5,—. Tiscdler u. Maschinenarb. v. Gebr. Scbaor, Sechierkasse 10.—. Arb. d. Möbelfabr. Rößler u. Schmidt, Kopernilusstr. 85 80.—. Kontobucharbeiter vom Wedding 5,—. Boxhagen, Kranzüberschuß Schultheiß IV 7,35. Tischler von Karl Müller u. Co., Blücherstraße 10,—. Schlosser der Fa. Mücke Nachf., Ueberschuß von der Landpartie 11,05. Dr. L. A. 100,—. A. Z. 50.—. A B. 50.—. P. S. 50.—. Bern 50.—. Butzbach. I. O. u. K. O., August u. September 10,—. Cöln a. Rh., Reg. W. 20,—. Dresden, 0. sächs. Reichst.-Wablkr., a konto der Bei» träge für 1910/11 3500,—. Duisburg, 3. Quartal 1910 509,73. Delmenhorst. 3. oldenb. Kreis, 2. Quartal 1910 108,30(darunter Delmenhorst 28,30, Lemmwerder 41,80, Ganderkesee 16,40, Stenum 21,80). Fallenberg(O.-Schl.) 3,—. Firenze, Tb. v. W. 10,—. Kattowiy, Beitrag der P. P. S., 3. Quart. 1910 234.30(darunter: Beutheu-Tarnowitz 71,91. Kattowitz- Zabrze 97,60). Leipzig» Stadt. 12 sächs. Reichst.- Wahlkr., a konto der Beiträge 1910/11 500,—. Leipzig-Land, 13. sächs. Reichöt.-Wahlkr., a konto der Beiträge 1910/11 6000�—. Offenbuch- Dieburg 1570,62. Plauen i. V.. E. 1,—. Schwerin. 2. mecklenb. Reichst.- Wahlkr., Restbeitrag für 1909/10 227,42. Sänger Hausen, S. W. 100,—. Doluca(Mexiko), Lokal- Union deutscher Glasarbeiter 250,—. Berlin, den 17. Oktober 1910. Für den Partetvorftand: I. B.: Fr. Cbert, Lindenstr. 69. oeiientlkhkeit und Prelle in der StrafprozeßDOvelle. Oeffentliches Verfahren tm Gegensatz zu dem geheimen JnquisitionSverfahren des Mittelalters ist eine Errungeuschaft des vorigen Jahrhunderts.„Eine vernünftige Ocffentlichkeit mutz in jeder Weise geschützt werden", heißt es in einer Kabinettsordre von 1804. Napoleon führte die Oeffentlichkeit im Gerichtsverfahren in den Rheinlanden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ein. Eine der wesentlichsten Forde» rungen des Franksurter Parlaments im Jahre 1848 war: Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens. Im L 179 der von der Nationalversammlung beschlossenen Rcichs- verfassung hieß es: s 179:„Das Gerichtsverfahren soll öffentlich und mündlich sein. Ausnahmen von der Oeffentlichkeit im Interesse der Sittlichkeit bestimmt das Gesetz." Das Prinzip der Oeffentlichkeit kannte selbst Bismarck als im Kulturintcresse notwendig an. Be- kannt ist seine Aeußerung in der Reichstagsrede vom 30. November 1874:„Ich schätze an dem ganzen Regime der neuen Zeit nichts so sehr, als die absoluteste Ocffentlichkeit: es soll kein Winkel des öffentlichen Lebens dunkel bleiben." Die im Jahre 1879 in Kraft getretenen Justizgesetze beruhen auf dem Prinzip der Oeffentlichkeit. Dieser Grundsatz galt allgemein als so wertvoll, daß selbst im Kartellreichstag 1888 die Regierung harte Kämpfe zu führen hatte, um die jetzt noch bestehenden Einschränkungen einzufügen. Anders jetzt. Die ungeheure vonderStraf- Prozeß Novelle geforderte weitere Beschrän- kung der Oeffentlichkeit ist in der Reichstags- kom Mission gebilligt, ja noch verschärft. Damit ist eine der erheblichsten Garantien für eine gerechte Rechtspflege gefallen. Ungerechten Urteilen, Verhüllungen der Wahrheit ist damit Tür und Tor geöffnet. Der Entwurf schlug als§ 172 I im GerichtsverfassungS- gesetz folgende Fassung vor:„In Strafsachen kann das Ge- richt nach freiem Ermessen die Oeffentlichkeit für die VerHand- lung oder für einen Teil der Verhandlung ausschließen, wenn das Verfahren eine nach den ZZ 185 bis 187, 189 deö Straf- gesetzbllches strafbare Beleidigung betrifft und einer der Prozeß- beteiligten die Ausschließung der Oeffeiltlichkcit beantragt." Die Konimission hat die Worte„nach freiem Ermessen" durch„sofern ein öffentliches Interesse nicht entgegensteht" ersetzt. Auch die Verkündung der Urteilsbegründung soll fortan ohne weitere Verhandlung über den Ausschluß der Oeffent» Donnerstag, den 20. Oktober 1010. � lichkeit der Begründung durch Gerichtsbeschluß ausgeschlossen werden können. Abgelehnt hat die Komniission alle An- träge, welche darauf abzielten, zum mindesten stets die Zu- stimmung aller Prozeßbeteiligten zum Ausschluß der Oeffent- lichkeit zu fordern I Ueber die Regierungsvorlage hinausgehend hat ferner die Komniission beschlossen, den tj 184b des Strafgesetzbuches, der jetzt vorschreibt: Mit Geldstrafe bis zu 300 M. oder mit GefänguiS bis zu sechs Monaten wird bestraft, wer aus Gerichtsverhandlungen, für welche wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Oeffentlichkeit aus- geschlossen war, aus den diesen Verhandlungen zugrunde liegenden amtlichen Schrislstücke» öffentlich Mitteilungen macht, welche geeignet sind Aergernis zu errege it." zu ändern. Die Kommission hat beschlossen, die gesperrt ge- druckten Schlußworte zu streichen. Danach soll also jeder, auch der schuldlos Verurteilte und vor alleni die Presse verurteilt werden, welche wahrheitsgemäß und in einer kein Aergernis erregenden Weise Mit- teilungen, zum Beispiel aus dem Eulen bürg- Prozeß oder aus dein Allen st einer Prozeß macht, verurteilt werden, nur weil er die Wahrheit sagt! Was anderes ist der Grund für diesen neuen Knebel der Wahrheit und der Presse, als die Furcht vor Klarlegungen der tiefen, durch Prozesse der erwähnten Art enthüllten sittlichen und geistigen Fäulnis in den hohen Gesellschaftskreisen? Sensationslüsterne, widerliche Prozeß- berichte bürgerlicher Blätter konnten ja auf Grund des§ 184b gefaßtwerden. Aber es liegt derherrschcndenKlasse, wieja auch der Ausschluß der Wahrheit für Belcidigungsprozesse zeigt, daran: nicht die Unsittlichkeit, Heuchelei und S ch w e i- nerei zu bekämpfen, sondern sie durch Straf- g e s e tz e zu schützen. Es gibt kaum einen größereu Schutz für nichtswürdige Verfehlungen an Beamten und für U u s i t t l i ch k e i t e n der h ö ch st e n Gesellschaftskreise, als die beschlossenen Beschrän» kungen der Ocffentlichkeit. Sie ebnen auch den frivolsten Verleumdungen Tür und Tor. Wird gegen Leute, die in der Art niedrigster Erpresser die Unwahrheit über im politischen oder gewerkschaftlichen Kampf Stehende Beleidigungsklage erhoben, so kann zunächst gegen den Willen des Verleum- d e t e n, der Klage nur erhoben hat, um öffentlich die Niedrigkeit und Unhaltbarkeit der gegen ihn erhobenen Vor- würfe klarzustellen, die Oeffentlichkeit aus- geschlossen werden. Handelt es sich a u ch n u r z u m Teil um Dinge, während deren Verhandlung die Oeffent- lichkeit im Interesse der Sittlichkeit ausgeschlossen war. so darf der Angegriffene, dessen völlige Schuldlosigkeit vor Gericht offenbart ist, nichts daraus mitteilen, wenn er nicht aus Grund des§ l84b bestraft sein will. Der Presse sind die Hände geknebelt zur Mitteilung, daß der schäm- lose Verleumder als Hallunke im Gericht mid durch das Ge- richt gcbrandmarkt ist. Der Elende darf von neuem seine Ehrangriffe verbreiten— die Konstatierung ihrer gerichtlichen Widerlegung ist ja mit Strafe bedroht. Das heißt: gesetz- lich einen Freibrief für Ehrabschneider aus- st e l l e n und auf dem Verleumdeten den Vorwurf sitzen zu lassen. Eine gleich unsittliche Bestrafung der Wahrheit und Begünstigung der in- famsten Verleumder kennt keine Gesetz- gebung der Welt. Die Presse würde in erster Linie durch die neue der Enthüllung der Wahrheit und Bekämpfung frivoler Verleumdungen angedrohte Fessel getroffen werden. Die natür- lichen Feinde der öffentlichen Meinung, jene im Trüben fischenden Heuchler werden ihre helle Freude an dem „Reformwerk" der Kommission haben. Der charaktervollen, unerschrockenen, unabhängigen, freien Presse ist auch sonst der Entivurf übel gesinnt. Die alte Forderung:„Schwurgerichte für Prcßvergehen" ist abgelehnt. Der fliegende Gerichtsstand soll bis zu einem gewissen Grade neu eingeführt werden. Ist jetzt für Preßdelikte nur das Gericht zuständig, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist, so sollen neben diesem Gerichtsstand in Zukunft drei Gerichtsstände der Staatsanwaltschaft zur Auswahl ge- stellt werden: der des Wohnsitzes des Redakteurs oder Ver- fassers, der, an dem der vermeintliche Täter seinen„ g c- wöhnlichen Aufenthalt" hat und der, in dessen Bc- zirk er verhaftet ist. So würde beispielsweise ein in Köln wohnhafter Verfasser des Artikels eines in München erscheinenden Blattes, der eine Reise nach Königsberg unter» nommen hat und dort verhaftet ist, nach Wahl der Staatsanwaltschaft angeklagt werden köuneu: vor dem Schwurgericht in München, oder vor dem Land- gericht in Köln, oder vor dem in Königsberg. Die barbarische Tortur ferner, die in der Anwendung des Zeugniszwanges gegen Redakteure, Verleger, Drucker einer Druckschrift besteht, ist im ivesentlichen aufrechterhalten. Nach wie vor soll für Strafsachen der Zustand aufrecht erhalten bleiben, daß der Richter Zwangsünttel an- wenden darf, um einen Bürger zu einer ehrlosen Hai'.d- lung zu drängen. Für Zivil Prozesse gestattet die Zivil- Prozeßordnung die Zeugnisverwcigerung, wenn die Aussage „zur Unehre" dem Aussagenden gereichen würde. Anders im Strafprozeß. Da besagt§ 49 der Strafprozeß ordnungs- Novelle nur: Expedition: 5 AI. 68» l-indenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Redakteure, Verleger und Drucker einer periodischen Druck- schrift, sowie die bei der technischen Herstellung der Druckschrift beschäftigten Personen dürfen die Auskunst über die Person des Verfassers oder Einsenders eines darin enthaltenen Artikels strafbaren Inhalts verweigern, sofern rechtlich und tatsächlich kein Hindernis besteht, wegen des Inhalts des Artikels die Bc- strafung eines Redakteurs der Druckschrift als Täter hcrbcizu- führen. Diese Vorschrift findet keine Anwendung, wenn der Inhalt des Artikels den Tatbestand eines Verbrechens begründet. Dadurch ist zunächst der Redakteur der Zeugnispslicht bei Verbrechen, z. B. der Anklage des Hochverrats, des Auf- ruhrs, ausdrücklich ausgesetzt. Ferner enthält dos in 8 49 dem Redakteur usw. scheinbar eingeräumte Zeugnisverweige- rungsrecht eine Verschlechterung des besteheniden Zu- standcs. Das Reichsgericht bat durch seine Judikatur gebilligt, daß man den Redakteur, Verleger, Drucker, Setzer, Setzer- lehrling, vielleicht auch die Rcinmachefrau und den Brief- träger als Teilnehmer der vom Verfasser begangenen strafbaren Handlung betrachtet. Es kann also schon heute nach dem Gesetz ein Redakteur usw. die Auskunft über die Person des Verfassers oder Ein- scnders verweigern, da auch er möglicherweise zur Verfolgung gezogen werden könnte. Dies heute bestehende Recht engt der oben wiedergegebene neue 8 49 ein. Er will das Vcrweigerungsrccht nur geben,„sofern rechtlich und tatsächlich kein Hindernis besteht, wegen des Inhalts des Artikels die Bestrafung eines Redakteurs der Druckschrift als Täter herbeizuführen". Demnach würde der Redakteur und das gesamte bei der Herstellung des Preßerzeugnisses beteiligte Personal nunmehr beispielsweise verpflichtet sein, den Namen des Einsenders anzugeben, wenn die sechsmonat- liche Verjährungsfrist vom Staatsanwalt verbummelt oder wenn der verantwotliche Redakteur in der Zwischenzeit ver- storben ist. Endlich aber bezieht sich der§ 49 auf die Haupt» fälleübcrhaupt nicht, nämlich nicht auf die, bei denen es sich um Ermittelung der Person eines Einsenders oder des Verfassers einer Druckschrift oder eines Teiles �iner. solchen handelt. Der Unfug ist aufrecht erhalten, der in der Her» stellung der berüchtigten Verfahren gegen„Unbekannt", ins- besondere im Disziplinarverfahren liegt. Liegt irgendeiner Behörde daran, zu erfahren, wer der Verfasser eines Artikels ist, so wird ein Aktendeckel genommen, darauf geschrieben: „Disziplinarsache gegen Unbekannt" und dann der Richter er- sucht, den Redakteur, Verleger usw., eventuell durch Zwangs- mittel, zur Angabe des Verfassers zu veranlassen. Diesen Versuch zur Herbeiführung eines ehrlosen Verhaltens des Redakteurs, Setzers usw. durch Zeug niSzwangsmittelaufzu heben, hat die Kommission abgelehnt. Der Entwurf erster Lesung bringt also der Oeffentlichkeit und der Presse ganz erhebliche Nachteile. Gegen diese früh» zeitig Stellung zu nehmen, sollte Pflicht der anständigen Presse ohne Unterschied ihrer politischen Richtung sein, zumal das lebhafte Bestreben besteht, die mit dem falschen Etikett einer„Reform" der Strafprozeßordnung ausgeschriene er- hcbliche Verschlechterung der Strafprozeßreform durchzu» peitschen, so daß eine Stellungnahme der Oeffentlichkeit zu diesem reaktionären Werk erheblich erschwert wird. „Juvei'lZMge" Caienrlchter. In der Mittwochsitzung hob die Justizkommission den Beschluß, den sie in erster Lesung in bczug auf die Zuziehung von Laienrichter zu den Berufungssenatcn gefaßt hatte. auf und stellte die Regierungsvorlage wieder her. Danach werden die Berufungen gegen Strafkammerurteile von dem ans fünf Berufsrichtern gebildeten Berufungssenat erledigt. Zwei dieser Richter im Berufungssenat sollen auf Anordnung der Lande?» justizverwaltung ObcrlandcsgerichtSräte sein.— Ohne jede Diskussion— nur unsere Genossen begründeten noch einmal den sozial- demokratischen Antrag, die BcrufungSsenate auS zwei Berufs- richwrn und fünf Schöffen zusammenzusetzen— erklärte sich die Kommission mit der Wiederherstellung der Regierungsvorlage ein- verstanden.: Nachdem sich die Kommission längere Zeit darüber unterhalten hatte, wer zum Präsidenten dcS Berufungssenats zu bestellen ist und wer diesen Posten zu besetzen hat, lehnte die bürgerliche Mehr- hcit ohne ein weiteres Wort der Gcgenbcgründung den wieder von unseren Genossen eingebrachten Antrag, auch die Frauen als Schöffen und Geschworene zuzulassen, ab. Ebenso leicht machte sich die Mehrheit der Kommission wie die Regierung die Entgegnung und Erledigung des Antrages unserer Genossen, den die Auswahl der Schöffen und Ge- schwörenden treffenden Ausschuß auf Grund all- gemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wah» len durch die großjährigen Einwohner de» Ge» richtsbezirks zu wählen.— Nur ein freisinniger Redner hielt eine lange Rede gegen die Wahl der Mitglieder dieser Ausschußmitglieder. Der Autrag wurde abgelehnt und nur be- schlössen, daß diesem Ausschuß mindestens sieben Vertrauens- männer als Beisitzer angehören müssen. Das Verlangen unserer Genossen, die Geschworenen und Schösse n im Ausschuß nicht auszuwählen, sondern \ auszulosen, ttmfo auch in der zweiten Lesung akge wiesen. Ein Antrag Groeber-Spahn lautete:„Die Wahl der Schöffen soll auf Personen aller Berufsarten und Gesellschafts- t lassen gerichtet werden."— Der Regierungsvertreter erklärte sich mit dem Sinn dieses Antrages einverstanden, wollte aber die Bestimmung nicht in das Gesetz übernommen sehen, da sich die Be- griffe„Berufsarten" und„Gesellschaftsklassen" nicht klar genug � umschreiben lassen. Nationalliberale und Konservative hielten die in dem Antrag ausgesprochene Forderung für so selbstverständlich, daß sie die gesetzliche Festlegung als überflüssig bezeichneten. Doch die Kommissionsmehrheit verlieh sich nicht auf diese„Selbstverständ- lichkeit" und nahm den Antrag Groeber mit 1b Stimmen an. Sodann verursachte der Vertreter des preuhischen Kultus- Ministeriums nochmals eine Debatte über die A u s f ch l i e h u n g de r Lehrer vom Schöffenamt. Der Negicrungsredner hielt die Interessen der Schule durch die Tätigkeit des Lehrers als Schöffen für ungeheuer gefährdet. Es war ungemein interessant, zu hören, mit welchem Eifer von dem preußischen Kultusvertreter auf die schon bestehenden Mängel im Volksschulwesen hingewiesen wurde, so daß eine weitere Beschränkung des Unterrichts nicht ein- treten dürfe.— Die Polen nahmen auch in dieser Frage einen anderen Standpunkt ein als sie in der ersten Lesung vertraten, und von polnischerSeite wurde der Antrag auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage gestellt, wonach die Volksschullehrer nicht als Schöffen zuzuziehen sind.— In der Abstimmung wurde auch dies« Verschlechterung gegenüber dem Beschluß erster Lesung mit IS Stimmen angenommen. Für die dauernde Zurückstellung des Volksschullehrcrs hinter die Angehörigen anderer Werufsstände und Beamtcnkreife stimmten geschlossen die Konservativen, das Zentrum und die Polem Die iiiederlage der€lfenbal)ner. Paris. 18. Oktober.(Eig. 35er.) Die Eisenbahner haben heute auf Weisung des Streik- komitees die Arbeit wieder aufgenommen. Die Lage zwang dem Komitee diesen Beschluß auf. Nicht etwa, daß der Streik, wie Briand geschwindelt hatte,„virtuell beendigt" gewesen wäre. Wenn sich in den letzten zwei Tagen in Paris ein Ab- flauen bemerkbar gemacht hatte, so tvar der Ausstand in der Provinz stationär, ja in manchen Gegenden, so besonders an der Siidbahn. in entschiedener Ausdehnung. Trotzdem war eine Aussicht ans einen Sieg nicht mehr vorhanden. Die Weigerung der Regierung, mit den Streikenden in VerHand- lungen zu treten, denen sie durch die Einberufung geflissentlich den Stempel der militärischen Insubordination aufgedrückt hat; die flrupellose Parteinahme der Verwaltungsbehörden— die Pariser Polizeipräfektur hatte gestern den Eisenbahnern bekanntgegeben, daß der Streik überhaupt nicht mehr bestehe und daß jeder Weiterstreikende unbedingt entlassen werden würde. Die„N a t i o n a l i s a t i o n d e r E i s e n b a h n e n durchdiePolizei" nennt Jaurös treffend dieses System, wo die Präfekwr über die zu Soldaten gcnmchten Eisenbahner gebietet— das Abführen der einberufenen Arbeiter durch Gcirdarmen, der gesetzlichen Einrückuizgsfrist zum Trotz: dann ganz besonders auch der Einfluß der infamen bürgerlichen Presse, die Verwirrung und Mutlosigkeit in die Reihen der Streikenden trug, all dieL wirkte zusammen, um die Kraft der mit großartigen! Elan, wenn auch vorzeitig begonnenen Bewegung zu brechen. Ueber die einzelnen Umstände dieser Niederlage wird noch zu sprechen sein. Welche Wirkungen sie haben wird, wird mau bald sehen. Das Streikkomitee hat sicher recht, wenn es die Verwirklichung der materiellen Verbesserungen, um derentwillen die Eisenbahner den Kampf unternommen haben, in feinem Manifest für eine nahe Zukunft voraussieht. Aber sehr wahrscheinlich ist, daß die Eisenbahner einen ernsten Kampf um ihrKoalitions. recht zu führen haben werden. Die Bourgeosie will ihre Beute ausweiden.«Es ist eine gewonnene Schlacht. In Frankreich, in ganz Europa, wird der Widerhall dieses Triumphs der republikanischen Ordnung ungeheuer sein". An diesem Jubelruf des„Temps" mag man die Angst erkennen, die die Bourgeoisie in diesen Tagen ausgestanden hat. In ihrem Siegesgefühl aber glaubt sie den Feind dauernd nn- schädlich machen zu können. Die CrSme der republikanischen Bourgeosie, die im„republikanischen Komitee des Handels, der Industrie und der Landwirtschast" vereinigt ist, fordert von der Regierung die unentbehrlichen Maßnahmen, um den normalen Gang der öffentlichen Dienste definitiv zu sichern und die Initiative im Vorschlag der notwendigen Ab» änderunge» der bestehenden Gesetze, um die Rückkehr solcher Wirren zu verhindern". Dieses„Komitee Maseuraud" ist die Gesellschaft, der Briand in der vorigen Woche seine große Rede gehalten lmt. Er ist ihr Mann— der ersehnte„Man n". nach dem die um ihren Profit zittern- den Kapitalisten ausgeschaut haben.— Briands Feldkriegsgerichte. Paris, 18. Oktober.(Eig. Ber.) Der Schnellbetrieb der bürgerlichen Justiz funktioniert jetzt vorzüglich. Schon geht die Zahl der Verurteilungen wegen„Verletzung der Freiheit der Ar- beit" in die Hundertc. Die Strafen betragen im allgemeinen zwischen 14 Tagen und 2 Monaten, aber zu ihrer richtigen Würdi- gung mutz man erst wissen, daß es sich um Angeklagte handelt, denen keine Gewalttätigkeit vorgeworfen wird, sondern Worte oder Gesten, in denen die Phantasie und die Logik der Staatsanwälte und Richter eine„Einschüchterung" erblicken. Dazu gehört z. B. daS Drohen mit dem Finger und ganz be- sonders die Notierung der Streikbrecher, die die Ver- trauensmänner zu Jnformationszwccken vorgenommen haben. Die Taxe der 8. Pariser Strafkammer dafür ist IS Tage Gefängnis. Hervorgehoben muh auch werden, daß die bedingte Ver° urteilung, die Betrügern und Zuhältern zugebilligt wird, für streikende und demonstrierende Arbeiter nicht besteht. Der Streik- brccher ist noch heiliger als das Eigentum. ES kommt indes vor, daß selbst die Richter die Zumutungen der Briandschen Polizei zu stark finden. Gestern waren zum Bei- spiel zehn Heizer des Edison-Werkes angeklagt, weil sie vor Ver- lassen der Werkstätte die Feuer ausgelöscht hatten. Der Polizei- kommissär fand, daS sei Sabotage und verhaftete sie. Der als Zeuge vorgerufene Direktor dcS Werkes aber erklärte lohalerweise, ihr Vorgehen sei ein einfaches Verlasse« der Arbeit. Und der Werkführcr fügte hinzu: Das Auslöschen geschah vorschrifts- m ätz ig, da sonst ein Unglück unvermeidlich gewesen wäre. Der Staatsanwalt wollte nun im Auslöschen der Feuer wenigstens eine Verletzung der ArbeitSsreiheit sehen, da die anderen Arbeiter infolge des NichlfunkiionierenS der Kessel nicht hätten weiter- arbeiten können. DaS Gericht fand jedoch diese Argumentation gar zu toll und sprach die Angeklagten frei. Tann würde ein anderer Angeklagter vorgekührt, den die Polizei wegen Tragens einer verbotenen Waffe ver- haftet hatte. Diese Waffe aber war— ein Korkzieher! Und die Staatsanwaltschaft hatte die Kühnheit/ eine Verurteilung zu verlangen. Darauf gingen die Richter nun doch nicht ein. Be- zeichnend aber bleibt dieser groteske Fall für die Gewissenhaftig- keit, mit der die Polizei während des Streiks die Freiheit der Bürger„geschützt" hat. "»» Nach dem Streik. Paris, lg. Oktober. Ter plötzliche Beschlutz des Streikaus- Schutzes, die Arbeit im vollen Umfange wieder aufzunehmen, hat unter vielen Eisenbahnern großen Unwillen hervorgerufen. Viele bezeichnen die Haltung des Ausschusses als Verrat. Sie erklären. daß sie ihre Mobilmachungsbefehle zerrissen und infolge dessen ernste militärische Strafe zu gewärtigen hätten. Bei einer einzigen Versammlung, die gestern abend in der Arbeitsbörse stattfand, sind, wie es heitzt, zweitausend Gestellungsbefehle zerrissen worden. Briand und Millerand haussuchen nach Entschuldigungen für ihr Vorgehen! Paris, 19. Oktober. Im Laufe des Vormittags fanden bei W Mitgliedern der revolutionären Kampforganisation der Syndi- kalisten und der Eisenbahner Haussuchungen statt nach Beweis- stücken für die Voruntersuchung wegen der auf den Bahnen be- gangenen Sabotage. Es wurde aber kein belastendes Schriftstück gefunden. Paris, 19. Oktober. Diese Nacht und heute früh hat die Polizei 49 Haftbefehle und Haussuchungen bei Revolutionären und Anarchisten ausgeführt. Die gesamten oberen Polizeibeamten sind im Laufe der Nacht nach der Präfektur befohlen worden, wo ihnen „die notwendigen Befehle" zuerteilt worden sind. Die Verhaf- tungen beziehen sich meist auf die Organisatoren, welche angeblich die Attentate auf die Eisenbahnen veranlatzten. llioadit in Bremen. Man schreibt uns aus Bremen unter dem 18. Oktober: Wie ich Ihnen schon kurz telegraphisch mitteilte, ist es hier anläßlich des Stratzcnbahnerstreiks zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Die Streikbrecherkolonnen sind in den beiden Depots in Walle und in der Stbatze Am Haferkamp einquartiert. Bereits in den Frühswnden des heutigen Tages standen Arbeiter in größerer Zahl vor dem Logis. Gegen nachmittag wurde die Menge immer größer, und um 7 Uhr, als ich auf den Schauplatz kam, machte die Polizei die ersten Attacken. In der Nähe des Haferkamp, auf dem großen freien Platz vor der Schule an der Nordstraße, dem sogenannten Spielplatz, hatte sich eine große Zahl Neugieriger angesammelt. Ich stand ganz in der Nähe des in der an den Platz angrenzenden Wartburgstraße postierten Schutzmanns- aufgebots. Plötzlich zog die Schutzmanuschaft blank— angeblich war ein Stein geworfen worden. Ich habe nichts gehört oder gesehen, obgleich ich ganz in der Nähe stand. Außer ganz vereinzel- ten Rufen und Pfiffen, die man hörte, verhielt sich die Menge in diesem Moment ganz ruhig. Nun hieben die Beamten auf die Menschen ein. Mit hochgeschwungenem Säbel und einer wahren Berserkerwut stürzten sie sich auf die Menge. Ich ging den„Atta k- k i e r e n d e n" nach und als die meisten der Beamten bereits wieder zurück waren, sah ich einen Beamten, noch immer mit dem Säbel herumfuchtelnd, auf dem Platz. Ich ging auf ihn zu und sagte: „Mann, was ist denn loS? Warum haben Sie denn den Säbel gezogen?" Der Beamte sah mich groß an und es kam mir vor, als wenn er sich erst besinnen mußte, was ich wollte. Dann steckte er den Säbel ein und ging zurück. Gleich darauf hörte ich in der Nähe eine Frau schreien. Sie hatte ruhig auf dem Trottoir gestanden, als drei Schutzleute kamen, sie packten und die wehrlose Frau hin und herzerrten und schließlich nach dem Polizeibureau brachten. Alle, die diesen Akt mit ansahen, waren entrüstet. Sie versicherten, es sei geradezu unmenschlich gewesen, wie die Beamten die Frau behandelten. Eine andere Frau, die mit ihrem Manne ruhig ihres Weges ging, und zwar sich vom Schauplatz entfernend, wurde ohne Anlaß mit dem Säbel bearbeitet, trotz ihres Jammern?. Als bei einer weiteren Attacke die Fliehenden in eine Wirtschast liefen, folgten die Beamten und rissen die Gäste auf die Straße. Ein höchsten» siebenjähriger Junge wurde von zwei Beamten mit der Plempe bearbeitet. Eine Frau wurde aus ber- selbe» Wirtschaft von Beamten herauSgeschleift nnd ge° schlagen. AIS ich im Vertrauen auf meine Legitimation ruhig in der Haustür eines Zigarrenladens stand, ritz ein Schutzmann mich am Mantel und verlangte, daß ich herauskommen sollte. Der Hinweis ans meine Legitimation nützte nichts, und nur dem Mn- greifen ber Hausbewohner, die mich zurückrissen, habe ich es zu verdanken, dah ich mit heiler Haut davon gekommen bin. An der Ecke der Nord- und Hansastratze hieben vier Schutzleute so lange auf eine Frau ein, bi» sie zusammenbrach. Man ließ sie liegen und stürmte weiter zu neuen Heldentaten. In einer Wirtschaft, worin keine Gäste mehr waren und die bereits geschlossen war, verlangte ein Polizeioffizier mit S Schutzleuten Einlaß. Ms der Mrt auf- schloß, fielen sie über ihn her und fragten ihn— w«S er im Lokal wolle! Die Frau, die hinter dem Ladentisch stand, wurde mit der blanken Waffe bedroht. Der 14jährige Dohn, der Lehrling bei der „Aktiengesellschaft Weser" ist und die Treppe hinauf in seine Kammer flüchtete, wurde von den Rasenden verfolgt und mit dem Säbel bearbeitet. Die Menge war natürlich auch nicht untätig. Bereits um 9 Uhr waren die Laternen in der Nordstratze von Kahrwegs Asyl an bis fast zur Bremerhavener Straße sämtlich zertrümmert. Nach meinen Informationen sind zirka 39 Schwerverletzte mittels Sani- tätswagen nach dem Krankenhaus geschafft. Darunter soll ein sijähriger Junge sein, dem durch einen Säbelhieb die Schädeldecke gespalten ist. Wie ich höre, haben auch im Vorort Walle schwere Zusammenstöße stattgefunden. An dem dortigen Depot sollen samt- liche Scheiben eingeworfen sein, und die Polizei soll ebenso gehaust haben wie in der Stadt. Als ich um 12 Uhr den„Kriegsschauplatz" verließ, war die Ruhe ziemlich wieder eingekehrt. Uebrtgens haben die Streikenden heute einen Ausflug in» Oldenburgische gemacht. Man kann ihnen also nicht etwa die Ausschreitungen anhängen. » Die angebahnten Verhandlungen in Sachen des Straßenbahuer- streik« in Bremen sind wiederumnichtzu stände gekommen. Nicht nur die Straßenbahndirektion, sondern auch die AufsichtS- behördc weigert sich, den Transportarbeiterverband irgendwie anzu- erkennen. Nicht einmal soll gestattet werden, daß Vertreter des Verbandes bei den Verhandlungen zugegen sind. Darauf wollen sich die Straßenbahner nicht einlassen, denn hinter diesem starr ablehnenden Standpunkt der genannten Körperschaften steht nichts anderes, als der scharfmacherische Versuch, den Angestellten das Koalitionsrecht zu nehmen, wie es ju Hannover bereits ge- schehen ist. Bremen, 19. Oktober.(Privattelcgramm des„Vorwärts".) In der heutigen Bürgcrschaftssitzung wurde der Antrag unserer Ge- Nossen betr. Einschreitens der Polizeidirektion, die Gesellschaft zur Erfüllung ihrer kontraktlichen Verpflichtungen an- zuhalten, verhandelt. Nach auSsührlicher Begründung durch den Genossen Rhein wurde die Direktion von bürgerlicher Seite in Schutz genommen, sofort Schluß beantragt und angenommen. Rur unsere Genossen stimmten für den Antrag. politische Gebcvficht Berlin, den 19. Oktober 1919. Herr v. Jagow in London. Herr von Jagow, Polizeipräsident von Berlin, hält sich zurzeit mit einigen anderen hohen Beamten in London aus, um— wenngleich das eigentlich in Anbetracht seiner emi- nenten Kenntnisse und vielseitigen Befähigung ganz un- nötig ist— die Verkehrsverhältnisse Londons und die Ein- richtungen der Londoner Polizei gründlich kennen zu lernen. Die englische Presse hat es sich nicht nehmen lassen, diesen für sie h ö ch sl interessanten Mann interviewen zu lassen, und Herr von Jagow hat sich denn auch herbeigelassen, einem Vertreter der„M o rn i n gp oft" seine tiefgründigen An- sichten über das Polizeiwesen im allgemeinen und die Ber- liner Polizeiverhältnisse im besonderen darzulegen. Nach einem telegraphischen Bericht des«Verl. Lokalanz." sagte Herr von Jagow: �. In großen Städten wie Berlin und London müsse die Polizei seiner Meinung nach nicht unter der Stadtverwaltung, sondern unter der Zentralregierung stechen.„Ich erinnere mich eines griechischen Zitates," fuhr Herr von Jagow fort,„ich glaube aus der Jliade des Sinnes, daß im Falle von Ruhe« störungen es ein übles Ding sei, zweierlei Be« Hörden zu haben, damit stimme ich vollkommen überein. Ich habe 8909 Mann unter mir. fast alles Unteroffiziere, die wenigstens neun Jahre in der Armee gedient, gehorchen gelernt haben und andere Personen im Zaume halten können. I n der Tat bilden sie ein Elitekorps, und ich kann ihnen absolut vertrauen. Eine ihrer Aufgaben ist die Rege- lung des Straßenverkehrs." Herr von Jagow sprach dann davon, was er in dieser Beziehung bereits Rühmenswertes in London gesehen habe, meinte aber, der hiesigen Polizei käme dabei die größere Bereitwilligkeit der Kutscher und Fuhrleute zu statten. In Berlin gehorchten diese Leute nur unwillig, oft gar nicht. Polizisten würden mitunter von Wagen umgerannt. Leider seien die hierauf bezüglichen Strafver- ordnungenzumilde. Mit Bezug auf die Moabiter Unruhen äußerte Herr von Jagow, dah die Berichte darüber wohl übertrieben waren. Die Krawalle könnten nicht von langer Tauer sein, meinte er, denn die Berliner seien ein sehr nüchternes und vernünk- tiges Volk, und Barrikaden wären seit 1843 außer Mode gekommen.„Die Berliner sind stolz auf ihr Vaterland und ihren Kaiser und König, aber wenn Leute hungrig sind, verlieren sie manchmal den Ko p f. Tasselbe kann hier in London oder irgendwo anders passieren. Niemand be« dauert so sehr wie ich. daß englische Journalisten dabei ver« wundet wurden, aber sie begaben sich selbst indre gefährdete Zone; sie befanden sich zwischen erregten Strei- kern und der Polizei, und die Polizei wurde mit Steinen und Flaschen beworfen.' Was die Engländer zu dieser Polizetwelsheit sagen werden, wissen wir noch nicht. Vielleicht werden sie von ihrem Standpunkt aus die Ansicht, die Polizei der großen Städte müsse verstaatlicht werden, für w e st k a I m ü ck i s ch halten. Tatsächlich ist ja auch in manchen Fällen kalmückisch und preußisch so ziemlich dasselbe. Möglicherweise werden sie sogar die klassische griechische Bildung des Herrn von Jagow bewundern, der seine Polizeiansichten aus den Werken Homers begründet. Freilich handelt es sich an der Stelle, die allem Anschein nach Herr von Jagow meint(Jlias, zweiter Gesang, Vers 202—206), nicht um die Polizei und auch nicht um einen Fall von Ruhestörung, sondern um die Frage, ob die Vielherrschast oder die Einherrschaft nützlicher sei, heißt es doch dort: Niemals frommt Vielherrschaft ein Volk; nur einer sei Herrscher, Einer König«llein, dem der Sohn des verborgenen KronoS Szepter gab und Gesetze, daß ihm die Obergewalt sei— Doch so genau kommt es ja bekanntlich nach Berliner Polizeibegriffen auf die Richtigkeit nicht an.... Auch die Versicherung, daß die Berliner Polizei em aus ehemaligen Korporalen zusammengesetztes Elitekorps sei, und die englischen Journalisten ihre Vermöbelung selbst verschuldet hätten, da sie sich, wenn anch mit polizeilicher Erlaubuks, m die„gefährdete Zone", das heißt indiev ander Polizei gefährdete Zone gewagt hätten, wird sicherlich den Eng- ländem sehr imponieren, wenigstens wenn sie Verständnis für unfreiwilligen Humor besitzen. Weniger dursten die Aeußerungen des Herrn von Jagow seinen agrarischen Freunden gefallen. Ihre Presse sucht mit dem Aufgebot der skrupellosesten Lügen zu beweisen, daß die Moabiter Krawalle von der Sozialdemokratie verschuldet seien, die feit Jahren durch ihre Agitation die Bevölkerung der ärmeren Stadtteile iöerlins zur Roheit, Unbotnmßigkeit, Zuchtlosigkeit, Skandaliersucht, Messerstecherei usw. erzogen habe— und nun kommt Herr von Jagow, der Leiter der Ber- liner Polizei und erklärt das 3Zerliner Volk für nüchtern und vernünftig. Und außerdem nennt er gar noch als Motiv der Unruhen den Hunger, scheint also ber antiagrarischen Auf- fassung zu sein, daß in letzter Instanz die Wirtschaftspolitik der Konservativen durch ihre Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel schuld an den Moabiter Krawallen ist! Armer Jagow, Du hast Dir eine schöne Suppe einge- brockt!___ Muam enique. Die Schutzleute, die bei den Moabiter Straßenkrawallen be- sonders tapfer eingehauen haben, sollen sür ihre Verdienste um das preußische Staatswohl königlich belohnt werden. Wie die„Kieler N. Nachr." melden, sind dem Kaiser vom Berliner Polizeipräsidium über 89 Schutzleute und 7 Polizeioffiziere zur besonderen Aus- Zeichnung in Vorschlag gebracht worden. Da die Schutzleute, die über die vier englischen Journalisten hergefallen sind, trotz de» bekannten Spürsinns der Berliner Polizei noch immer nicht ermittelt sind, können sie leider nicht dekoriert werden, obgleich sie doch mindesteiiS den roten Adler vierter Güte — daS bekannte Ehrenzeichen genügt nicht—- verdient haben. Stichwahltaktik. Der Abgeordnete Albert Traeger veröffentlicht im„Pester Lloyd" einen Artikel, in dem er sich mit der Staatsphilosophie Bcthman des Dunklen von Hohenfinow und den nächsten Reichstagswahlen beschäftigt. Er kommt zun) Schluß auf die Stichwahlfrage zu sprechen und empfiehlt gegenseitige Unter« stützung der LinkSliberalen und der Sozialdemokraten bei den Stichwahlen: „Bei den bevorstehenden Wahlen werden nach allen Anzeichen erst die Stichwahlen die Entscheidung und da» eigentlich« Gesicht des Reichstage» zur An» schauung bringen. Große Erwartungen werden auf ihn gesetzt, da» Volk begehrt mit stürmischem Verlangen, aus der qualvollen Ungewißheit des Hängens und Bangens, durch ein«»ndgüllige Entscheidimg erlöst zu werden, sein« Rechte anerkannt und verwirklicht zu sehen, der schmählichen Aushungerung ein Ziel gesetzt zu wiss«,. DaS Boll schrie nach Aecht und Brot, und wer diesen Schrei zu vegreifen und zu würdigen weiß, konn über Gegner und Kampfziel nicht im Unllaren sein. Ebensowenig darüber, daß der Feind rechts st eht, und jede ihm gewährte Unterstützung die eigene Niederlage be- förderi. Die Stichwahl ist die Entscheidung, und wer dabei versagt, schlägt sich selb st und die eigene Sache. Der gegenwärtige Reichstag würde wahrschein- lich anders aussehen ohne den ausgiebigen Stichwahlbeistand, den die Liberalen der Rechten gewährt, und daß auch manches ganz anders gekommen wäre, läßt sich ziffernmäßig nachweisen. Freilich glaubten damals viele Helfer, daß der Ansturm dem Zentrum gelte, so hatten sie die Parole des Fürsten Biilow aufgefaßt, die, wie ein klassischer Zeuge vor kurzem uns belehrt, nicht ganz frei von Spiegelfechterei war. Diesmal ist Täuschung und Irrtum unmöglich, so klar war die Position noch niemals. bis in alle Winkel und Ecken leuchten die Scheinwerfer mit grellem Licht. Nur die Stichwahlfrage bleibt noch im Dunkel. Vielfach werden taktische Gründe dafür geltend gemacht. Die Taktik in der Parteipolitik hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der Statistik, es läßt sich alles durch sie beweisen. Nicht aber kann und darf sie Zweck sein, nur als Mittel zum Zweck soll sie gelten, und in keinem Fall ist die Verleugnung eines Grundsatzes ein geeignetes und zulässiges Mittel, die Grundsätze einer Partei ziehen die Grenzen ihrer Taktik. Und in den Tagen HeraklitS des Dunkeln ist vollste Klarheit ein Gebot der Selbstachtung.* Der große Block von Bassermann bis Bebel ist eine Dummheit; über ein Stichwahlabkommen, wie es Traeger empfiehlt, läßt sich dagegen sehr wohl sprechen. Deutschlands„Ehrengast". Der Besuch Nikolaus des Blutigen in Fricdberg führt zu fort- gesetzten unerträglichen Belästigungen der in die Nähe diese« OrteS kommenden Reisenden. Ueber einen neuen Fall solcher Belästigung wird der„Franks. Ztg.* aus Friedberg gemeldet: Der Reisende einer Frankfurter Finna, der sich aus einer Geschäftstour per Rad befand, wurde auf der Landstraße, als er hinter drei Herren her fuhr, von Kriminalbeamten angehalten und geftagt, ob er nichr wisse, daß es der Zar nicht liebe, andere Personen in seiner Um- gebung weilen zu sehen, und warum er hinter den Fürstlichkeiten herfahre. Trotzdem der Reisende seine Papiere bei sich hatte und diese der Polizei vorzeigte, mußte er mit den Kriminalbeamten zurück nach Friedberg, wo er im Arrestlokal nochmals vernommen wurde. Erst als der Reisende in Begleitung eines Kriminalbeamten nach Frankfurt zu einem ihm bekannten Herrn gebracht wurde, der über seine Persönlichkeit Aufllärung geben konnte, wurde er frei- gelassen._ Weise Fürsorge! Wie der Dresdener Korrespondent der„Franks. Ztg." von be- sondern Seite erfährt, sind schon seit geraumer Zeit in den Bundesstaaten Maßregeln getroffen, um Verkehrsschwierigkeiten für den Fall abzuwenden, daß einmal auf deutschen Bahnen ein Eisenbahnerstreik ausbricht. Auch bestimmte Abmachungen mit dem Reich sollen für diesen Fall bestehen. Ein Dementi. Die vom Preß-Telegraph verbreitete Nachricht, daß die Stellung des Kriegsministers von Hecringen erschüttert sei, ent- dehrt, wie der„Verl. Lckkalanz." an maßgebender Stelle erfährt, jeder Begründung. Ebenso wird die von anderer Seite ge- brachte Meldung, zwischen dem Reichskanzler und dem Staats- fekretär Delbrück beständen Differenzen, als völlig aus der Luft «egriffen bezeichnet._ Landtagsnachwahlen in Sachsen. Am Mittwoch fanden in Sachsen zwei Landtagswahlen statt, im 5. Leipziger und im 44. ländlichen Wahlkreis Plauen» Land. In Leipzig erhielten Genosse BammeS 7712, der nationalliberale Dr. Zöphel Ist 763. der konservative Dr. Brückner 1934 und der deutsch- soziale S ch n a u ß 1S20 Stimmen. Bei der Hauptwahl im Herbst 1909 vereinigten der sozialdemokratische Kandidat 8826, der nationalliberale 9802 und der Antisemit 5778 Stimmen auf sich. Scheinbar wäre also ein erheblicher Rück- gang der sozialdemokratischen Stimmen zu verzeichnen, aber auch nur scheinbar. Der nominelle Rückgang erklärt sich verhältnismäßig einfach: Die Wahlbeteiligung i st wesentlich geringer als bei der Hauptwahl und außerdem haben sich gerade in den Kreisen der Arbeiterwähler starke Verschiebungen voll- zogen. 1909 zählte der Kreis 12453 Wahlberechtigte, davon wählten 10 459. Bei dieser Wahl waren 11 735 Wahl- berechtigte, wovon 9373 wählten.(Die Zahl der Wähler ist beim Pluralwahlrecht geringer als die der Stimmen I) 1644 Wähler sind verzogen, zirka 140 in der Wählerliste sonst gestrichen. Dieses Minus von mehr als 1800 Wählern gehtfa st ausschließlich derSozial- demokratre verloren, da es sich in der Haupt- fache um Arbeitcrwähler handelt. Nun haben aber auch die bürgerlichen Parteaen zusammen noch bei weitem nicht die Stimmenzahl der Hauptwahl erreicht. Auf die Bürgerlichen entfielen 1909 15 580, bei der letzten Wahl 14217 Stimmen, also ein Verlust von 1363 Stimmen. Die Sozialdemokraten verloren 1114 Stimmen. Der WohnungS- Wechsel traf naturgemäß die Sozialdemokratie am härtesten. Selbst das„Leipziger Tageblatt" schreibt:„Ein gut er Teil des(sozialdemokratischen) Verlustes wird auf die starke Bevölkerungsverschiebung in diesem Wahlkreise zurückzuführen sein." Die Mehrheit der W ä h l e r ist auf der Seite der Sozialdemokratie. Für die bürgerlichen Parteien stimmten rund 4500 Wähler, für die Sozialdemokratie aber rund 4700! Also bei gleichem Wahlrecht würde die Sozialdemokratie das Mandat mit rund 200 Stimmen Mehrheit erobert haben. Das Pluralwahlrecht fälscht das Ergebnis. 2837 Vierstimmenwähler, die für die bürgerlichen Parteien stimmten, gaben allein 9448 Stimmen ab. also beinahe die Hälfte der abgegebenen Stimmen.— Der Ausgang der Wahl ist also keineswegs ein Mißerfolg der Sozialdemo- iratie. Charakteristisch an der Wahl ist besonders der Zusammen- bruch der rechtsstehenden Parteien. Diesmal marschirrten Konservative und Antisemiten getrennt, sie verloren trotzdem eine große Zahl Wähler an die Nationalliberalen und sind zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken. *** Im 44. ländlichen Wahlkreis Plauen wurden abge- gehen für den konservativen Landwirt Sammler 5414 Stimmen, für den Postsekretär Rausch(nat.-lib.) 2149 und den Parteisekretär Genossen Meier 2153 Stimmen. Sammler ist somit gavählt. Bei der Hauptwahl im Jahre 1909 siegte der verstorbene Abg. Siebcrt(kons, und Bund der Landw.) mit 5360 Stimmen. Ferner erhielten damals Postsekretär Rausch 2585 und Geichäftssiihrer Genosse Jnnscher 2597 Stimmen. Der konservative Kandidat hat also gegen die letzte Wahl einige Stimmen gewonnen, während die nattonallibe- ralen Stimmen um fast 250, die sozialdemokratischen Stimmen um fast 450 zurückgegangen sind. Der Rückgang erklärt sich auch hier aus der Tatsache, daß die Wählerliste von 1309 galt, wodurch die Sozialdemokratie stark benachteiligt wurde, da die Arbeiter am häufigsten die Wohnung wechseln._ Lehrer und Neichsverband. Die Schulbohörde in Worms, der Domäne des Freiherrn Hehl zu Herrnsheim, hat drei Lehrern einen achttägigen Urlaub erteilt, damit sie in B e r l i n an einem vom Reichsver- band gegen die Sozialdemokratie veranstalteten Kursus teilnehmen können. Wenn Lehrer Urlaub haben wollen zum Besuch der General« Versammlung des Lehrerverbandes, dann wird— und in Melilla 22 000 Mann unter dem Befehl der Generale Aldane und Alfrau vereinigt seien. Sollte der Feldzug in der Tat unternommen werden, so würde der Machsen nach un- zweideutigen Erklärungen Muley HafidS den heiligon Krieg erklaren» Dies würde jedoch eine große Gefahr für die europäischen Interessen in Marokko bedeuten» Bngland. Eine Flottcnhetzrede Balfours. London, 19. Oktober. Baisour wies in einer heute in Glasgow gehaltenen Rede auf die Aenderung in der Seemacht- st e l l u n g Großbritanniens hin, die er als verhängnisvoll bezeichnete. Im Bau von Kriegsschiffen sei während der beiden unheilvollen Jahre des letzten Parlaments eine beklagcns- werte Pause eingetreten. Er könne die gegenwärtige Lauheit nicht begreifen. Der englischen Jnferioität(I) im Bau von Kriegsschissen müsse unier allen Umständen gründlich und unverzüglich abgeholfen werden. Wenn England nicht im- stände sei, aus den laufenden Finanzmitteln Abhilfe zu schaffen-, so müsse es sich die erforderlichen Mittel durch eine Anleihe verschaffen. Andere Länder müßten die Ueberzeugung gewinnen, daß trotz aller Parteikämpfe di« Nation fest entschlossen sei, für die Aufrechterhalwng ihrer Macht und die Erfüllung ihrer nationalen Pflichten den letzten Schilling und den letzten Atann zu opfern. Perllen. Die englische Note. London, 19, Oktober. Wie das Reutersche Bureau erfährt, besteht England in seiner Note an Persien darauf, daß. falls die Ordnung auf der Straße A buscher— JSpahan in drei Monaten nicht wiederhergestellt ist, eine persische Truppenmacht am Platze organisiert wird, die von acht bis zehn englischen Offizieren der indische» Armee befehligt wird, und zum Schutze dieses Weges dienen soll. Es sei keine Rede davon, daß die indische Regierung irgend welche Verantwortung in dieser Angelegenheit übernehmen lober irgenb Kelche Uebergriffe gegen die Inte- grität PersienS versuchen werde. Das Vorgehen Englands. London, 19. Oktober.„Daily News" und„Daily Graphic" fahren fort, die Politik Englands in Persien zu bekämpfen.„Daily News" meint, es sei unverantwortlich, daß die britische Okkupation permanent werde und auch die russische Okkupation permanent mache. Das bedeute eine Teilung, die das schlimmste Unglück der auswärtigen Politik wäre. England und Rußland würden unmittelbare Grenz- nachbarn werden und die Vernichtung der persischen Unabhängigkeit werde das englische Prestige in der muhammedanischen Welt vernichten. Die Aufgabe Englands sei nicht. Südpersien zu okkupieren, sondern der russischen Okkupation in Nordpersicn ein Ende zu machen. „Daily Graphic" bezweifelt, daß der Zeitpunkt geeignet für ein persisches Abenteuer sei, welches England eine schwere Ver- antwortung aufbürden würde, während es in Indien gäre, die Schwierigkeiten an der indischen Nordwestgrenze wüchsen und die europäische Lage die größte Wachsamkeit und sorgsames Haushalten mit Englands Mitteln fordere. Die Lage in Südpersien könne verbessert werden, ohne das Risiko eines Eroberungskrieges. London, 19. Oktober. Nach einer Zeitungsmeldung aus Teheran hat die englische Regierung die persische davon in Kenntnis gesetzt, daß England für den Fall, daß P e r s i e n die Bedingungen der Note über den Zustand der Handelswege nicht erfülle, die Ver- antwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung auf der Straße Buschir— SchiraS bis Jspahan(in der russischen Zone) selbst übernehmen werde. Räubcrunwesen. Jspahan, 19. Oktober.(Meldung der Petersburger Tele« graphcn-Agentur.) Bier große 100 Werst von hier entfernte Ortschaften wurden durch Banden bewaffneter Nomaden ausgeplündert. Die halbnackten und hungrigen Bewohner flüchteten hierher. Da Jspahan gar keine Besatzung hat, so droht ihm daS gleiche Schicksal. Cürkcl Die französische Anleihe. Paris» 19. Oktober. Nach sichtlich vom Quai VOrsah stammenden ZcitungSmeldungen sind die zwischen der Regierung und dem hiesigen türkischen Botschafter geführten Verhandlungen über das A n l e i h e p r o j e k t nunmehr-a b g e s ch l o s se n. Das betreffende Uebereinkommen bedarf noch der Zustimmung der Pforte. In dem Vertrage wird unter anderem bestimmt, daß als Bürgschaft für entsprechende Verwendung des Anleihebctrages zwei von der französischen Regierung bestimmte französischeBeamte wichtige Posten in der türki. scheu Finanzverwaltung einnehmen sollen, der eine als Direiktor der Finanzge-barung,-der andere als Mitglied des Konstantinopcler Rechnungshofes. Frankreich erhielt eine Meist- begünstigungSklausel, nach welcher bei B e st e l l u n g e n von Kriegsmaterial, Schiffen usw. im Auslände kein Land mit einer größeren Bestellung bedacht werden kann als Frankreich. Der Anlcihebetrag ist auf 150 Millionen Frank festgesetzt. Soziales» Die Berliner Paketfahrtgcscllschaft hat gestern bor dem Gewerbcgericht ein Urteil erstritten, da? ein warnendes Menetekel gegen den Leichtsinn und die Unachtsamkeit ihrer Angestellten sein soll. In Wirklichkeit hätte aber die Gesellschaft keine Ursache, mit dem Urteil so besonders zufrieden zu sein. Die Gesellschaft trat nicht selbst als Klägerin auf, sondern hatte den bei ihr als Kutscher beschäftigt gewesenen Hausdiener G. durch einen Abzug von 10 M. von der Kaution veranlaßt, gegen sie klagbar zu werden. Aus dem Wagen, den der Kläger zu fahren hatte, waren zwei der Firma Mannheimer gehörende Kartons im Werte von 100 M. gestohlen worden. Die Diebstahlversicherung hatte der Beklagten 25 M. dafür ersetzt und je 10 M. hatte die letztere dem Kläger und dem mit ihm fahrenden Schaffner— die sie beide für den Schaden verantwortlich macht— von den gestellten Kautionen in Abzug gebracht, währenddem sie den Rest des Schadens trug. Der Kläger bestritt sein Verschulden an dem Schaden. Es ist zwar richtig, daß er und sein Mitfahrer gegen die erhaltene Instruktion verstoßen hätten, indem sie den Wagen allein ließen. Aber die Gesellschaft wisse, daß das allgemein üblich war. Denn eS werden den Wagen immer so viel Bestellungen mit- gegeben, daß sie die Schaffner allein nichr erledige» können und ihnen die Kutscher helfen müssen. So sei eS auch ihm ergangen. Während einer Bestellung, die er in Abwesenheit seines Schaffners ausgeführt, stich die beiden Kartons gestohlen worden. Der Wagen ist zuvor von ihm verschlossen worden. ES befand sich aber ein Schloß an ihm, das jeder leicht wieder öffnen konnte. Als Zeuge wurde noch der Mitfahrer des Kläger» gehört. Dieser be» kündete, daß sie die strikte Anweisung hatten, nicht gemeinsam den Wagen zu verlassen. ES sei aber unmöglich, mit der Arbeit fertig zu werden, wenn sie nicht beide Bestellungen machten. DaS wisse die Gesellschaft ebenso gut wie die Angestellten. Auch die übrigen Behauptungen des Klägers wurden vom Zeugen bestätigt. Der GerichtSvorsihende Magistratsassessor Drcycr versucht« vergeblich, den Kläger zur Rücknahme der Klage zu bewegen. Er meinte, über die moralischen Pflichten der Gesellschaft licßa sich streiten, aber rechtlich sei hier nichts zu machen. Die Klage wurde, nachdem die Beklagte die Verpflichtung zur Herausgabe deS jetzt noch auf 90 M. lautenden Sparkassenbuches anerkannt hatte, abgewiesen. Einem Schaffner waren aus gleichem Grunde 27 M. in Abzug gebracht worden. Auch dieser war damit nicht einverstanden und klagte. Die Sache wurde aber gestern noch nicht zur Entscheidung reif und fiel der Vertagung anheim. Das Gericht hätte unseres ErachtenS unter Berücksichtigung des§ 254 B. G.°B. anerkennen sollen, daß das Verschulden der Firma ein überwiegendes war, da sie Instruktionen erlassen, deren Nichtbefolgbarkeit sie kannte und dennoch den Wagen überlud. So wäre eine Verurteilung der Beklagten möglich gewesen. Wahrung berechtigter Interessen des Angeklagten. Ein Bergmann in Buer war vom dortigen Schöffengericht wegen Beleidigung eines Gendarmen zu 100 M.Geldstrafe verurteilt worden, weil er als Angellagter in einer Gerichtsverhandlung in bezug auf die Aussage des Gendarmen erklärt hatte, der Gen» darm saufe mit der Gegenpartei herum und lasse sich Hühner und Eier schenken. Obschon der Wahrheitsbeweis auch vor der Straf» kammer in Essen mißlang, erkannte das Gericht auf Freisprechung, indem eS anführte, daß eine Bestrafung nicht eintreten könne, weil die Aeußerung in Wahrung berechtigter Interessen gemacht sei. Es habe im Interesse des Angeklagten gelegen, daß er nicht eben- tuell durch das Zeugnis eines Mannes belastet werde, dessen eigenes Tun nach seiner und Ansicht anderer Leute nicht einwandfrei sei. Es bedürfe keiner Ausführung, daß der Angeklagte das Recht habe, zu seiner Verteidigung alle Tatsachen anzuführen, die zur Beurteilung des Charakter» des Zeugen von Wert seien. Das Gericht könne sich der Meinung des Vorderrichters nicht an- schließen» daß die Aeußerung über das Matz des Erlaubten hinaus» ginge und daß Form und Umstände der Aeußerung das Vorhanden- sein einer Beleidigung unzweifelhaft dartäten. Der Ausdruck „herumsaufen" sei allerdings bedenklich, entspreche aber den» Bildungsgrade und der in den Kreise» des Angeklagten übliche» Ausdrucksweise. _ Ein seltenes, verständiges Urteil Gewerfefcbaftlicbee. Lohnbewegung oder]Macbe? MS vor drei Jahren die Hamburger Schauerleute um ganze 20 Pfennige Lohnerhöhung und Einführung geregelter Arbeits- verhältnisfe streikten, schafften die Herren von der Wasserkante sich unter der Firma„Kontrakt-Schauerleute" einen Stamm getreuer Fridoline, die sich dann eine„Wirtschaftliche Vereinigung der Kontrakt-Scheuerleute" schufen. In perfidester Weise schimpften diese „Organisierten" auf die Zentrolverbändler, so das; denen um B a l l i n daS Herz im Leibe lachte. In einem kürzlich veröffent- lichten Flugblatt, in dem von der Not der Zeit und die Anstrebung eines höheren Lohnes die Rede ist, heifit es u. a.: „Es muff jedem Kollegen, auch denjenigen, die im gewerb schaftlichcn Leben Laien si»o, einleuchten, dafi die Methoden der heutigen Arbeiterbände, Verbesserungen herbeizuführen, gänzlich falsch sind, sondern nur durch Streiks und Aussperrungen ihre Mitglieder und deren Familien ruinieren, überhaupt das ganze Wirtschaftsleben gefährden." Also die„Methode" dieser braven„Gewerkschafter" ist eine andere. Sie versuchen die Erhöhung des Lohnes von S Mark auf 5, SV Mark pro Tag. Die„Regisseure" scheinen anherhalb dieser „Vereinigung" zu stehen. Vermutlich ist den Raufireifiern eine kleine Lohnerhöhung zugedacht, da mit den jetzigen Sätzen nicht mehr aus- zukommen ist, und die abgekartete Sache wird benutzt, um einen Keil in den Zentralverband zu treiben. Der Standpunkt des„Teile und herrsche l" ist schon oft von den Unternehmern und deren Helfershelfern der Arbeiterbewegung gegenüber versucht worden. Die„Vereinigung" hat eine Kommission gewählt, die den Hafenbctriebsvcrein suömissest ersuchen soll um eine Lohnerhöhung von SV Pfennig pro Tag. Viel Gliickl Kerlin und Umgegend. Der Streik der Rohrcr ist beendet. Am Dienstag fanden wieder Verhandlungen zwischen der Kommission der Arbeiter und dem Verein der Rohrdeckenfabrikanten statt, welche da» Ergebnis hatten, daß die Parteien sich einigten, ihren Auftraggebern folgende Vorschläge zur Annahme zu empfehlen: Der Akkordlohn pro Quadratmeter Rohrdccke beträgt vom Tage der Wiederaufnahme der Arbeit an 13 Pf. fbisher 17 Pf.), für Bodenarbeit 28 Pf. pro Quadratmeter(bisher 26 Pf.). Voifi 1. Oktober 1911 tritt bei beiden Positionen eine Erhöhung um 1 Pf. pro Quadratmeter ein. Der Verein der Rohrdeckenfabrikanten wollte schon eine Erhöhung des Akkordpreises auf 19 Pf. pro Quadratmeter vom 1. April 1911 ab bewilligen, wenn ein Vertrag bis zum 31. März oder 39. Sep- tember 1913 mit ihm abgeschloffen würde. Hierauf konnten die Vertreter der Arbeiter jedoch nicht eingehen. Diese Vorschläge wurden von einer Versammlung der Unternehmer an demselben Tage angenommen. Die Sektion der Rohrer vom Verband der baugewerblichen Hilfsarbeiter beschäftigte sich am Mittwoch in eirwr außerordentlichen Mitgliederversammlung ebenfalls mit den gemachten Vorschlügen. Nachdem die Kommission einen genauen Bericht über die Verhandlungen gegeben hatte, wurden die ge- machten Vorschläge den Mitgliedern gleichfalls zur Annahme emp- fohlen. Nach einer sehr lobhaften Diskussion erklärten sich die Mitglieder einstimmig f ü r Annahme der gemachten Zugeständnisse. Somit kann der Streik nach 2)hwöchiger Dauer als beendet be- trachtet werden. Die Arbeit wird am heutigen Donnerstag wieder aufgenommen. Ein jeder Rohrcr, welcher sich in die Kontrolliste des Verbandes der baugewerblichen Hilfsarbeiter hat eintragen lassen und sich täglich zur Kontrolle gemeldet hat, erhält im Ver» bandSbureau Engclufer IS, Zimmer S1/52, eine Arbeitsberech. tigungskarte ausgestellt. Sämtliche im Baufach beschäftigte Ar- beiter werden von der Verbandsleitung ersucht, sich diese Karte vorzeigen zu lassen. Die Buchbindcrei-Abteilung des Christlichen Zeitschriften- Vereins, Berlin, Alte Jakobstraße 129, deren Leiter Herr Super- intendent B r a n d i n ist, scheint ein Eldorado für Arbeiter zu sein, wie es glücklicherweise in der Buchbinderbranche innerhalb Berlins nur noch wenige geben dürfte. Das Unternehmen befaßt sich in der Hauptsache mit der Herausgabe von christlichen Zeit» schriften. Es gehört dort zur ständigen Gewohnheit, daß fast alle Arbeiter gezwungen werden, nach Feierabend Heimarbeit mit nach Hause zu nehmen, an der dann möglichst alle Familienangehörige bis spät in die Nacht arbeiten müssen. Namentlich Sonnabends verlangt man, daß möglichst viel mitgenommen wird, damit die Arbeiter Sonntags ordentlich beschäftigt sindll Ein Bedürfnis zur Erholung setzt man wohl bei jenen Arbeitern nicht voraus, Herr Superintendent Brand in? Oder ist dem christlichen Herrn nicht bekannt, daß auf dem Arbeitsnachweis der Buchbinder täglich Hunderte von Arbeitslosen auf Beschäftigung warten? Zu wiederholten Malen wurden auch Sonnabends vier Arbeiter nach geleisteter Tagesarbeit die lllacht zum Sonntag mit Weißen der Fabrikräume beschäftigt. Daß solche Zustände in diesem christlichen Betriebe möglich sind, ist weiter nicht zu verwundern. wenn man berücksichtigt, daß das Gros der dort Beschäftigten noch immer nicht den Weg zum Verband finden konnte. Hoffentlich kommt auch jenen Leuten einmal die Erkenntnis, daß nur mit Hilfe der Organisation sich in solchen„Musteranstalten" Remedur schaffen läßt. Zur Lohnbewegung der Dachdeckerhilfsarbeiter. Die Forde» rungen unterschriftlich anerkannt hat wiederum die Firma Her- mann Mutz, Schönhauser Allee 97. Im Ausstand befinden sich die Arbeiter der Firma Barenthien, Reinickendorf, Hansa- straße 3, und E. Pfeifer. Frankfurter Allee 100. Zentrawcrband der Dachdecker. Achtung, Metallarbeiter! Wegen Differenzen haben die Kollegen der Deutschen Preßlufttverkzeugmafchinenfabrik in Ober- Schöneweide b. Berlin die Arbeit niedergelegt. Ueber den Betrieb ist daher für Metallarbeiter aller Branchen die Sperre verhängt.— Arbciterfreundliche Blätter werden um Abdruck gebeten. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. DeutTebes Reich. Der Streik der Metallarbeiter in der Sprrngstoffabrik ReinS- borf bei Wittenberg ist beendet; die Sperre über den Betrieb ist aufgehoben. Der Streik auf dein Schwcrspatwcrke in Sentra und Nenters- hausen ist wieder beigelegt worden. Die Arbeiter haben die Ver- längcrung der Arbeitszeit abgewehrt und die Arbeit zu den alten Bedingungen in vollem Umfange wieder aufgenommen. Der Streik in der Schuhfabrik von Dorndorf in Brebta» dauert unverändert fort. Es war der Firma gelungen, Streikbrecher aus Hamburg(Detektwbureau und kostenloser Arbeitsnachweis Ludwig Knoth, Rostocker Straße 32) sowie aus dem städtischen Asyl zu Berlin zu bekommen. Glück'hatte die Firma damit aber wenig. Ten Arbeitswilligen war gesagt worden, daß sie in einen neuein- gerichteten.Betrieb, in dem ca. 2vvv Personen beschäftigt werden, für 25 M. Wochenlohn neben freier Station Arbeit finden würden. 37 Arbeitswillige hatten sich bereit gefunden, unter diesen ver- lockenden Bedingungen Arbeit anzunehmen. Als Streikbrecher wollten sich aber auch diese Leute nicht gebrauchen lassen. Die Firma mußte die Rückreise für die Angeworbenen und 1,S0 M. Zehrkosten für die Person bezahlen und für sie einen Tag Ver- pflegung am Orte übernehmen. Beim Abschied gab ein Arbeits- williger aus seinem scharf geladenen Revolver einen Schuß in der Richtung nach der Fabrik ab, ob aus Acrger, daß die Firma nicht den versprochenen Lohn zahlen wollte, oder aus Freude, daß er die gastlichen Strohsäcke des Dorndorfschen Betriebes wieder verlassen konnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Bemerkt sei noch, daß das katholische Arbcitersekretariat gegen den Willen einzelner arbcits- loser Fachabteiler an die Firma Leute liefert.___ vezantw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf. Jnseratepcrantw.: Di« Haltung der Streikenden ist gut. die Zahl der AuSstän- digen vergrößert sich durch Anschluß aus dem Betriebe Heraus- gegangener täglich, so daß sich jetzt über 490 im Ausstande befinden. Der Ausstand auf der Werft in Rostock ist ebenfalls beigelegt. Die Werftdirektion in Rostock hat sich bereit erklärt, die 2 Pf., die in der Hamburger Konferenz den Arbeitern zugesprochen wurden, nicht nur von jetzt ab, sondern auch für die vergangene Woche zu zahlen. Die Arbeiter hatten deswegen die Arbeit ein- gestellt. Mittwoch früh wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Streik auf Zeche„Admiral". Im Kreise Hörde wird eine neue Zeche, die den Namen „Admiral" erhalten hat. errichtet. Das Abtäufen des Schachtes und die Errichtung der Tagesanlagen wird sehr eifrig betrieben. So jung die Zeche auch noch ist, so macht sie in bezug auf die Ar- beitsverhältnissc doch schon viel von sich reden, an Beschwerden der Arbeiter hat es bisher nicht gefehlt. Jetzt haben sich die Diffe- renzen zwischen den Bergarbeitern und der Grubenverwaltung derartig zugespitzt, daß 80 Mann die Arbeit niedergelegt haben. Die Differenzen entstanden hauptsächlich wegen der schlechten Bc- Handlung der Arbeiter durch einen Bauführer Wolf. Es wurde versucht, Verhandlungen anzubahnen, doch ist dieser Versuch bisher gescheitert. Die Bcbörde hatte ein größeres Polizeiaufgebot zur Zeche geschickt, um, wie die Amtsblattpresse schreibt, Ausschreitungen der Streikenden zu verhindern. Natürlich liegt zu dieser Maß- nähme kein Anlaß vor. Passiert dann nachher auch nur das Ge- ringste infolge des Auftretens der Polizei, dann hat man die er- wünschten„sozialdemokratischen Streikkrawalle" als Material zu einer neuen Zuchthausvorlage. Hiistand, Die Verhandlungen mit der Amcrika-Linie beendet. Wie uns ein Privattelegramm aus Hamburg meldet, wurden gestern die Verhandlungen mit der Amerika- Linie beendet. Ain Donnerstag sollen die Arbeiter dieser Linie über das Angebot entscheiden und am Freitag und Sonnabend die eventuelle Wiederaufnahme der Arbeit erfolgen. Der Ausstand der ägyptischen EiscnvahnailgestcMen ist beendet. Ein allgemeiner Streik der dänischen Seeleute scheint nahe bevorzustehen. Die Seeleute Dänemarks verlangen, daß ein regel- rechter Tarifvertrag abgeschlossen werde mit einer Erhöhung der Monatslöhne für Matrosen und Feuerleute von 60 auf 70 Kronen, Festsetzung der täglichen Arbeitszeit an Land auf 8 Stunden, auf See auf 10 Stunden unter normalen Verhältnissen; in Fällen der Gefahr sind sie zu unbegrenzter Arbeitsleistung bereit, was ja auch schon als selbstverständlich gilt. Für Ueberzeitarbeit werden 45 Oere die Stunde verlangt. Die danische Reedereivereinigung lehnt jegliche Verhandlung ab und ihr Vertreter hat rund heraus erklärt, man könne sich nicht auf Verhandlungen einlassen, weil die internationale Reederorganisation beschlossen habe, daß mit Ar- beiterorganisationen nicht verhandelt, und auch keinerlei Ueber- einkommen abgeschlossen werden solle. Die Seeleute sind aber durchaus nicht gesonnen, sich der Herrschsucht deS internationalen Seeundernehmertums zu unterwerfen. Die Feuerleute haben be- reits am Sonntag auf ihrer Generalversammlung einstimmig be- schloffen, ihren Verbandsvorstand zu ermächtigen, sobald er den Zeitpunkt für günstig erachtet, auf allen Schissen der Dänischen Taurpfschiffs-Necdereivereinigung den Streik zu erklären. «US der Frauenbewegung. Scharfmncherei. In Nr. 241 vom 14. Oktober bringt die scharfmacherische ..Wilmersdorfer Zeitung" den angeblichen Brief eines Dienstmädchens, dem sie die weise Bemerkung vorausschickt, er sei „für die Anschauungen und Ansprüche eines großen Teils der heutigen Dienstboten charakteristisch." Trotzdem das ganze Mach. werk so unendlich plump ist, daß ein jeder garnicht weiter mit der Dienstbotenfrage vertrauter, sondern nur halbwegs vernünftiger Mensch bestenfalls darüber lächeln kann, geben wir es doch der Kuriosität ebenso„wörtlich" wie die„Wihnersdorfer Zeitung" wieder, sei es auch nur, um erneut zu zeigen, wie jegliches Mittel. selbst das läppischste, unseren Gegnern willkommen ist, sobald es gilt, das aufstrcl'ende Proletariat— insbesondere die Frauen— zu bekämpfen. Der„charakteristische Brief eines Dienstmädchens" lautet: „Iserlohn, den 17. Sept. 1910. Liebe Frau; Da sie ein properes Mätchen suchen so wolle ich die Stelle wohl annehmen. Ich habe immer bessere Stellen gewohnt und bin ein schönes Matchen. Bermiethe Dir nur bei vornehme Leute sagt me'ie Mamma seit ihr daß? Zuerst bei Schulten da war ich Fräulein bei die Kinder eins von 5 und eins von 2sh Jahren dann war ich auf die Küche mit Gas- Herd. Da sie aber keine Warme Wasserheitzung hatten wurde ich Bleichsucht und kriegte Eisemvein und Durchfall. Da mußte ich gehen und meine Mamma helfen. Haben sie auch eine Wasch. frau sonst kann ich den Dienst nicht tuhn ich bin mehr fürs kochen daß kann das andere Mätchen tuhn. Auch Ausgang 3 X Abend und jeden Sonntag nachmittag sonst kriege ich wider Bleichsucht und am Magen und im Leibe sagte der Doktor. Ich bin mehr für gutes Essen und 90 Taler Lohn. Wenn ihr mir daß geben wollt dann will ich mir die Stelle anschen. Es grüsst euch freundlich Frieda..." Znm Schluß bemerkt die„W i l m e r s d o r f e r Zeitung" zu dem plumpen Machwerk hämisch, die Leute hätten auf das „schöne Mätchen" verzichtet.— Einen jeden, der einigermaßen weiß, wie schwer gerade die weiblichen Dienstboten noch heute um ihr bißchen Menschenrecht zu kämpfen haben, in welch traurigen Arbeitsverhältnissen sie zu einem großen Teile leben, welche ent. würdigende Behandlung sie sich oft müssen bieten lassen und wie sie sich die scheinbar selbstverständlichsten Rechte mühsam Schritt für Schritt erkämpfen müssen, einen jeden anständig Denkenden muß die unsaubere und hinterlistige Weise, wie alle möglichen Scharf- macher ihnen im Großen wie im Kleinen den Weg zu verbauen und Stimmung gegen sie zu machen suchen, nachgerade anekeln. Welche himmelschreienden Zustände aus dem flachen Lande im Namen der famosen preußischen Gesindeordnung bestehen, ist ja sattsam bekannt; die brutale Willkür, mit der man dort gegen Proletarier vorgeht, trat ja erst unlängst wieder in bem skanda- lösen Fall der galizischen Dienstmagd Josephs Ciaston, die in Fehmarn für nichts und wieder nichts sage und schreibe acht Monate in Polizeihaft gehalten wurde, deut. lich zu Tage. Darüber, ob die Untersuchung in der Angelegenheit nun endlich zum Abschluß gelangt ist und ob und wann die Schuldigen wegen Freiheitsberaubung zur Verantwortung gezogen werden, läßt die ministerielle„Berliner C o r r e s p o n d e n z" seit sie sich einmal am 29. September gnädigst zu äußern geruhte, bis jetzt, beiläufig bemerkt, kein Sterbenswörtchen hören, weshalb wir denn leider nicht umhin können, diese ihr anscheinend etwas peinliche Frage erneut an sie zu richten.— Den Dienstboten aber— und den weiblichen insbesondere— rufen wir wieder und wieder zu: Jeder— jeder einzelne— muß dazu beitragen, sollen große und dauernde Erfolge erzielt werden! ES lkommt auf jeden an! Darum fort mit Zögern und Gleichmut! Fort mit der bürgerlichen Presse! Lest den„Vorwärts" oder die„Gleichheit", die allein für eure Rechte kämpfen! Hinein in die Organisationen! Anmeldungen zur Organisation, sowie Rat und jegliche Aus- kunft in der Geschäftsstelle deS Zentralverbandes der Hausangestellten, Berlin SO. IS, Michaelkirchplatz 1 II. Zunahme der weibliche« Arbeitskraft. Daß in der Industrie in den verschiedensten Branchen die weibliche Arbeitskraft fortgesetzt stark zunimmt, beweist die Be- wegung der Mitglieder in den Krankenkassen. Nach den Angaben der dem„Reichsarbeitsblatt" berichtenden Kassen zählten z. B. Mit« glicder am 1. August 1993 1910 mannl. weibl. männl. weibk. Ortskrankenkassen. 2 949 572 1969 924 2211686 1 221935 Fabrikkassen. Gruppe: Hütten, Metallver« arb.-Maschinen. 427 311 27 423 561377 37159 Elektr. Industrie. 37 916 6 949 42 972 19 876 ChemischeJndustrie 32 657 2 621 36 899 3110 Tcxlilindustrie.. 88 957 102 116 95 115 103 015 Bekleidung u. Rei- nigung... 4 359 8 433 6 449 9 763 Baugewerbe. 46 342 992 48 663 932 Wenn die Zahl der berichtenden Kassen sich an den verschiedenen Terminen auch nicht vollständig deckt, spiegeln die Angaben doch ganz genau die Verschiebung in dem Anteil der Geschlechter an der Gesamtbelegschaft. Insgesamt ist die Zahl der Versicherten gc- stiegen, bei den männlichen Kassenmitgliedern von 3 395 611 auf 3 554 979 oder um 7,5 Prozent, bei den weiblichen Mitgliedern von 1 455 171 auf 1 649 524 oder um 13,3 Prozent. Ueber den Durch- schnitt hinaus geht die Zunahme der weiblichen Arbeitskraft in der Gruppe: Hütten-, Maschinen- und Metallarbeiter, sie macht hier 35,5 Prozent aus, während die männliche Arbeitskraft einen Zuwachs von 31,3 Prozent aufweisen kann. In der ElektrizitätS- Industrie nahm die männliche Arbeitskraft nur um 16,1 Prozent zu, die weibliche dagegen um 56,5 Prozent Die Zunahme der männlichen Arbeitskraft in der chemischen Industrie macht rund 13 Proz. aus. die der weiblichen aber 18,6 Proz. In der Textilindustrie und im Baugewerbe hat sich das Verhältnis etwas zugunsten der männlichen Arbeitskraft verschoben. Jedenfalls zeigt die Entwickelung, daß die weibliche Arbeitskraft für den Produktionsprozeß in wachsendem Maße bedeutungsvoll wird, damit zugleich aber auch als Objekt der gewerlschaftlichen Strategie. Gesunde Schwangerschaft und leichte Geburt. In unserer Kulturwelt herrscht der Aberglaube, daß das Geschlechtsleben der Frau natürlicherweise mir Schmerzen, Schwäche- zuständen und anderen krankhaslen Zuständen belastet und die Frau überhaupt von Natur ein schwaches Geschöpf sei. Tatsächlich hat die Frau der Kulturländer vielfach ein mit schmerzen, Schwäche« zuständen und Krankheiten verbundenes GeschlechiSleben. Namentlich leidet auch die schwangere Frau häufig an Uebelkeit, Erbrechen, Schmerzen. Niedergeschlagenheit, Mattigkeit. Diese krankhaften Zustände sind aber nichts Natürliches oder Naturgewolltes. Das Ge- IchlechtSlcben der Frau, namentlich auch die Schwangerschaft ist eine normale, physiologische Funktion. Diese aber dienen der Erhaltung und Förderung des Lebens und können naturgesetzlich nicht mit Beschwerden vcrknüpst sein. Natürlicherweise sollten z. B. bei der monatlichen Regel niemals Schmerzen oder andere krank- baste Zustände miftrete» und die schwangere Frau sollle sich in jeder Beziehung wohl fühlen und statt an Mattigkeit und Unlustgefühlen zu leiden! heiter und zufrieden und von gesteigerter Arbeitslust und Tatkraft beherrscht sein. Bei den Naturvölkern finden wir auch tat« sächlich nichts von Schmerzen, Schioächezuständen des weiblichen Geschlechts, überhaupt nichts von Schwäche der Frauen, sondern das Gegenteil I eine ungebrochene Arbeits- und Tatkraft des weiblichen Ge« schlechts in allen Lagen des Lebens, auch während und bis zum Schluß der Schwangerschaft. Und zur Geburt bedarf die Namrfrau nicht langer Vorbereitungen, keiner Hebamme und keines langen, umständlichen Wochenbettes. Die Naturirau bringt ihr Kind zur Welt, wo sie sich gerade befindet und während der Arbeit und ist ihre eigene Hebamme. Nach der Geburt setzt sie ihre Arbeit dort fort, wo sie sie aufgehört hat. Alle Berichte der Reisenden und Forscher stimmen hierin übercin. Der beste Beweis dafür, daß Schwäche- und Kranlheitszustände des weiblichen Geschlechtslebens grundsätzlich leine Naturerscheinung, sondern eine Kulturerscheinung find. daß sie von den Verhältnisse», in welchen die Kulturfrau lebt, erzeugt wurden, und daß diese Verhältnisse gesundheitswidrige und lebenZ« feindliche sind, und allein diese nawr- und lebensieindlichen Zustände der Kultur aus dem ursprünglich gesunden, beschwcrdcfreien Ge- schlechtsleben der Frau ein krankhaftes gemacht und die Schwäche der Frau hervorgerufen haben. Sind diese feindlichen Kutlurver« hältnisse und die Krankheits» und Schwächezustände des weiblichen Geschlechtslebens auch nichi mit einem Schlage zu ändern, so hat die Frau es nun aber doch innerhalb Bestimmt« Grenzen in der Hand, hier Wandel zu schaffen und namentlich daS, sich eine leichte Geburl und ein kurzes, nicht beschwerliches Wochenbett zu sichern. Vor allen Dinge» heißt eS: Korsett fort! damit das Kindchen stch frei enrwickeln kann und die edlen Organe der Mutler nicht zusammengedrückt werden, denn daS ist für Mutter und Kind iehr tchädlich. Weite Kleidung ist dann die zweile Regel. Die Röcke müssen am Leibchen angeknöpft werden, damit sie von den Schultern und nicht von den Hüften gelragen werden. Die Taille darf weder durch Rockbunde noch durch Stock- und Hosenbänder zusammen- geschnürt werden; sonst entwickelt sich leicht der häßliche Hängebauch, der so verunstaltet, der aber vor alle» Dingen nachteilig für die Entwickelung des Kindes und mit chronischem Siechtum und vielerlei Leiden der Mutter verbunden ist. Die Kleidung sei leicht und durch- lässig. Niwl zuviel anzlehe» I Keine Mutter versäume, sich täglich mit kühlem Wasser ab- zuwasche» oder abzuspülen, aber den ganzen Körper. Wer noch nicht an Abwaschungen gewöhnt ist. nehme zuerst abgestandenes Wasser und gehe erst nach einiger Zeil zu kaltem Wasser, wie es ans der Wasserleitung fließt, über. Nach dem Abwaschen reibt man sich so- fort, um eine Abkühlung und Erkältung zu vermeiden, mir einem recht groben Gerstenkoriibandtuch trocken und kleidet sich schnell an. Hat man Bedürfnis zu ruhen, so ruhe man Vi— Vg Stunde nach dem Abwaschen. Die Waschungen werden auf Mutter und Kind un- gemein günstig wirken, sie werden nicht nur deS Kindes gesunde Entwickelung fördern und der Mutter geistiges und körperliches Wohlbefinden heben, sondern auch beider Schönheit erhöhen. Empfindliche und blutarme Mütter unterlassen die Abwaschungen, sie nehmen ein Wannenbad von 27—32 Grad Reaumur, je nach Bedürfnis, am beste» abends. Die kühlen Abwaschungen«nacht man immer morgens sofort nach dem Aufstehen, niemals abends, sie stören sonst den Schlaf. Bestehe» Anschwellungen der unteren Gliedmatzen, weißer Fluß, Hämorrhoidalbeichwerden, dann nimmt man warme Sitzbäder von 27—32 Grad Reauinur, Dauer 19 Minuten. Nach dem Sitzbad wäscht man Brust und Arme mit kühlem Wasser ab. Hetzte Nachrichten. In der Zelle erhängt. Genf, 19. Oktober.(W. T. B.) Der Mörder der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, Lucchcni, wurde heute abend erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Bereits vor einigen Tagen wurde berichtet� daß sich bei Lucchens Tobsuchtsanfälle bemerkbar gemacht hatten. TH.Glockc. Berlin. Druck«.Verlag: Fortsei!», ig des Ausstaudcs. Bordeaux, 19. Oktober.(W. T. B.) Die Lokomotiv- führer und Heizer der Südbahn haben beschlossen, den AuS- stand fortzusetzen. Sie hoffen, damit den allgemeinen Aus- stand aus allen Bahnlinien wieder ins Leben zu rufen._ „ Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen v. Uaterhaltuaglbl. 9. 246. 27. Ms«,. 1. KMgt ßtS„NttlUltS" Ktllllltl UlllKSblllit. S--'»M.20.MMlM. Universitäten— ohne Unterschied des Geschlechts, der Ab- ltammung und des Geldbeutels, also ohne Unterschied der . Bevölkerungsklassen— einheitlich umfaßt.... Allein über diese groß angelegte Einheitlichkeit ist hier nicht weiter zu verhandeln. Trohdem muß man sich vergegenwärtigen, daß wir in unserem Schulprogramm die Einheitlichkeit als eine Art Minimalforderung für die praktische Aktion besitzen: Wir verlangen den obligatorischen Besuch der öffentlichen Ele- mentarschule, also den Fortfall der Schulzerrissenheit in den Fornien der Vorschule, der Privatschule, der geistlichen Ordensschule usw. Im Anschluß daran fordern wir grund- sätzlich, daß den dazu befähigten Elementarschülern der Uebergang in die höheren Bildungsanstalten zur weiteren Fortbildung ermöglicht wird. Daß hierzu ganz besondere pädagogische Vorkehrungen, in erster Linie organisatorische Einheitlichkeit walten müssen, ist selbstverständlich und bedarf keines besonderen Beweises. Auch die nichtsozialdemokratischen Lehrer verlangen heute aus schultechnischen Rücksichten, daß die Elementarschule ein- h e i t l i ch organisiert und zur allgemeinen Grundlage aller weiterführenden Bildungsanstalten gemacht wird. Allein ein dahingehender Antrag wurde von keiner Seite im badischeu Parlamente eingebracht, auch von sozial- demokratischer nicht. Allerdings, nicht stumm glitten die süddeutschen Politiker über den Gegenstand hinweg. Einige red- nerische Wendungen, die auf die Sache Bezug nehmen(81. Sitzung, Protokoll Seite 3404 und 3405), sind wohl zu ver- merken: jedoch fehlte an dieser Stelle, wie an anderen entscheidenden Punkten, jene Wucht und Zähigkeit des Wider- standes, der mit allen verwendbaren parlamentarischen Mitteln arbeitet. Ja, der notsalls zur Unterstützung einen Sturm im Lande entfesselt. So fehlt denn auch in der badischen Schulnovelle jeder geringste Hinweis aus die Nottvendigkeit einer modernen, or- ganisatorischen Schuleinheitlichkeit. Ja, man scheint ängst- lich bemüht gewesen zu sein, alles zu vermeiden, was daran nur entfernt hätte erinnern können. Denn als das achte Schuljahr für die Mädchen dekretiert wurde, unterließ man es sinnloser Weise, die Zeit des Schuljahres für alle Schul- anstalten übereinstimmend festzulegen. So behielten beide: Elementar- und höhere Schule, jede ihr besonderes Schuljahr. Vergessen soll der badischen Regierung nicht sein, daß sie in dieser Frage auch einmal das Wort genominen hat.(Kommissionsbericht zur Schulnovelle 33, B: Motive.) Sie äußerte sich so wunderbar borniert, wie das nur ein dreister Ur- reaktionär fertig bringen kann: Bedeutsam wäre die Rück- ficht auf den idealen Gehalt und die inner e Einheit der Volksbildung, für die die Verbindung des Religionsunter- richts mit dem übrigen Schulunterricht wünschenswert und von der allergrößten Wichtigkeit sei. Das ist der Geist rückständiger Unverschämtheit, der sich durchsetzte und im Innersten der badischen Schulnovelle sein Zelt aufgeschlagen hat, der Geist, der andere einseift und über den Löffel barbiert. Es fragte in Rr. 45 der„Neuen Zeit" ein badischer Parteigenosse dringend an. welchen Grundsatz denn eigentlich die sozialdemokratische badische Politik verleugnet habe. Nun, nicht verleugnet, nicht verraten, aber greulich ignoriert. Denn die Ablehnung der Weltlichkeit, der Unentgeltlichkeit und auch schließlich der Einheitlichkeit durch die Regierung und die bürgerlichen Parteien bedeutet auf dem Schulgebietc die Hochhaltung des krassen Rückschritts, des intoleranten Aber» glaubens und der rücksichtslose st en Klassen. gegensätze mit allen ihren moralisch ver» wü st enden Folgen. Das mußte aber wieder für jeden Sozialdemokraten die Ablehnung der badifchen Schulnovelle bedeuten.— Indem nun unsere badischen Parlamentarier trotzdem f ü r die Gesetz. � werdung der Novelle stimmten, machten sie die Politik der Bod- und Rebmänner, nicht sozialdemokratische, sondern nationalliberale Politik� � Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, kam August Bebel in Magdeburg fast zu der gleichen Bewertung, wenn er ausführte: Frank nahm Bezug auf das Schulgesetz. Die Meinungen über die erreichten Vorteile gehen in der Partei auseinander. Was Frank uns gestern aufgezählt hat, hält sich innerhalb der Grenzen, die ein Nationalliberaler bewilligen kann.(Sehr richtig!) Mit diesen kleinen Errungenschaften kann man nicht die Zustimmung zum Budget rechtfertigen. („Vorwärts", Nr. 222.) Auch sonst zeigte sich in Baden, daß mit der Novelle nicht viel Ruhm zu ernten war. Selbst unser Lörracker Partei- blatt erwähnte treuherzig, daß das neue Schulgesetz keine gute Aufnahme bei der Bevölkerung im allgemeinen gefunden habe und daß namentlich die Lehrerschaft mit dem Gesetz un- zufrieden sei, so daß auf eine große Lebensdauer der Novelle nicht gehofft werden könne. Richtig ist mindestens daran, daß die Lehrerschaft ohne Berücksichtigung ihrer Bildung und sozialen Stellung von der Einreihung in den allgemeinen Beamten-Gchaltstarif aus- geschlossen worden ist. Infolge dieses unmotivierten und brutalen Ausschlusses empfinden und betrachten die badischen Lehrer und Lehrerinnen die Schulnovelle als ein gegen sie gerichtetes Ausnahmegesetz. Und indem sie ein altes Sprich- wart variieren, behaupten sie nicht mit Unrecht: Wen die Götter hassen, den machen sie zum Schulmeister im Muster- ländle. In der Größe und Tiefe des Schulprobkcms spiegelt sich der ganze Ernst der politischen und wirtschaftlichen Situation: darum nimmt auch das klassenbewußte Proletariat ein leiden- schaftliches Interesse an dem Aufwerfen und der Diskussion von Bildungsfragen. Diese seine Haltung ist machtvoll und ergreifend, ergreifend der unhemmbare Bildungsdrang, der nach Realisierung ringt, hinreißend der Schwung und die Wucht, womit dieses elementare Ringen sich Geltung verschafft. Darum wäre es töricht, solchen Erörterungen, die zur Klärimg sichren müssen oder tonnen, auszuweichen. Jedenfalls kann die Sozialdemokratie nicht genug Gewicht darauf legen, Erziehung und Unterricht auf das äußerste zu unterstützen und auf das höchste zu vervollkommnen: denn es ist eine zwar alte, aber durchaus richtige und täglick>s Beob- achtung, daß die Schule das mit einer Diamantschleiferei ge- mein hat, daß das zu bearbeitende Material selbst wieder zum Hilfsmittel für die Bearbeitung wird.— Und wir alle— ohne Unterschied der Parteirichtung— wollen, daß einmal aus der pädagogischen Diamantwerkstatt für das soziale Riesenproblem unserer Zeit und auch der Zukunft unbedingt taugliche Hilfs. mittel hervorgehen. Auch der große Schulmann Amos Comenius erwähnte in seiner weltberühmten Unterrichtslehre die Schulen als Werk- stätten: Kcbolaa sunt hurnanitatis okkidnae; ekficiendo nirnirurn, ut homines vere homines fiant. In der Tat: Schulen sind Werkstättjen der Humanität, indem sie ohne Zweifel bewirken sollen, daß die Menschen wirkliche Menschen werde m Der Sozialismus ist von dieser Wahrheit durchdrungen, und er arbeitet dementsprechend mit Aufgebot seiner ganzen Kraft. »» » In Nr. 244 des„Vorwärts", 1. Beilage, 2. Spalte, 4. Absatz von unten, ist der Satz von den Worten:„als Schüler" bis„unter- stellt wurde" zu berichtigen. Er soll lauten:(Kein Protest wurde laut)„als Schüler, Lehrer und Vorgesetzte der Lehrer und Lehrerinnen, soweit sie direkt und aktiv an der Erziehung und Er- tcilung des Unterrichts— insbesondere des Religionsunterrichts— beteiligt sind, zu Hunderltausenden den klerikalen Mächten von neuem für unabsehbare Zeit unterstellt wurden". Die badische Schulnovelle. Bon Fritz Kunert. II. Müssew wir also als Parteiangehörige für die Weltlich- keit der Schule in allen ihren Teilen und Stufen schon darum eintreten, weil wir programmatisch verpflichtet sind,„auf die Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu religiösen Zwecken" zu dringen—, so haben wir die gleiche Verpflichtung gegenüber dem Prinzip der U n e n t g e l t- l i ch k e i t des Unterrichts, der Lern- und Lehrmittel, sowie der Verpflegung. Indem wir für die Unentgeltlich- keit eintreten, nehmen wir den Kampf auf gegen das widrige System der Verquickung von Besitz und Bildung.— Die badische Schulnovelle erkennt die Unentgeltlichkeit als modernes Prinzip nicht an. Sie macht nur das klägliche Zu- geständnis in den§Z 5a, 60 und 91, daß die Gemeinde in be- zug aus Schulgeld. Lernmiktel und Rohstoffe für Handarbeit ausschließlich dann einzutreten hat,— wenn es sich um u n- bemittelte Kinder und um Zahlungsunfähig- keit der Eltern handelt. Das ist durchaus ungenügend, und zwar in mehr als einer Hinsicht. Die gesetzliche Wohltat wird zur Plage, zum Skandal, wenn sie nicht innerhalb der Schule allgemein ist. Die Novelle hängt dem Armen den Schimpf des Almosens an. Sie hemmt den Fortschritt und die Intelligenz, sie hemmt alle„die Schüler und Schülerinnen, die kraft ihrer Fähigkeit zur weiteren Ausbildung geeignet wärenl"— Sie verleugnet in frivolster Art für Gemeinde und Staat die vernünftige und notwendige Konsequenz, die aus der allgemeinen Schul- Pflicht sich ergibt. Demgegenüber mutet es außerordentlich traurig an, wenn von gewisser Seite, gleichsam entschuldige»- tz, erzählt wird: Zwar sei nicht alles, erreicht worden, aber doch manches, immerhin Erleichterungen für eine Anzahl armer Familien mit zahlreichen Kindern usw. Sehr abweichend davon äußerte sich der fozialdemo- kratische Referent im badischen Parlament. Mit der Miene des betrübten Lohgerbers klagte er angesichts des Zusammen- bruchs früherer Hoffnungen(81. Sitzung, Protokoll Seite 3406, 3407): Es handele sich hier um eine sozialdemokratische Forderung, die vielfach von Regierung und bürgerlichen Par- teien nicht recht ernst genommen werde,—— so wird schließlich verhindert,„daß jeder Vater sein Kind, wenn es das nötige Talent besitzt, auf die Mittel- und später auf die Hoch- schule schicken kann." Sehr schön! Allein, wenn die Forderung gut sozial- demokratisch und„ernst" gemeint ist und die Gegner sie unter dem Fallbeil verarbeiten, wie kommt denn dann ein Sozialdemokrat dazu, seineiv Feinden die Schulnovellezu bewilligen?!-- * Die konsequent zu Ende gedachte und durchgeführte Un- entgeltlichkeit und Einheitlichkeit sind der Sozialdemokratie geheime, das gesamte Bildungswesen revolutionierende und beherrschende Bundesgenossen.— Da nun hier nicht der Platz ist, dem Gedanken in bezug ans die Einheitlichkeit weiter nach- zugehen, so sei auf den Artikel der„Neuen Zeit", A. X. 2, Seite 518, verwiesen:„Die allgemeine Volksschule." Darin wird nachgewiesen, daß es sich in der großen Reorganisation dieses Gebietes nicht um reformerisches Stückwerk, sondern um das Ganze der Schule handelt.„Und dieses Ganze ist eben nichts anderes als die allgemeine Volksschule, das ist die in pädagogische Wirklichkeit und blühendes Leben umgesetzte erzieherische und unterrichtliche Betätigung der revolu- tionierendcn Organisierung des gesamten Schulwesens, die auf modern wissenschaftlichen Grundlagen beruhend, die ganze Jugend eines Volkes von den Anfängen des Wissens in den Elementarschulklassen bis zu den Höhen des Schul-Lernens und Schnl-Könnens in den Polytechniken, den Akademien und kleines Feuilleton. Der rein gezüchtete Teutmensch. Unsere Nossentheoretiker sind in Verzweiflung, weil die(kapilalistische) Entwickelung zu einem wahren Rassenbrei und allgemeiner Vermischung der Rassen zu führen droht. Mag es immerhin reine Tierrassen geben und mögen sie immer edler gezüchtet werden, so klage» sie, beim Menschen wird der reine Rassentypus immer seltener, vorzüglich beim Germanen. Anstatt nach wisseuichastlichen Prinzipien vorzugehen, folgt die Menschheit ihrem dunkle» Drange. Da ist es denn höchste Zeit, daß der Mensch die Zuchtwahl, die er bei Tieren und Pflanzen zu wissen- schoftlichen Zwecken oder zu seinem Nutzen, teils auch nur aus einer Art von Spieltrieb beliebig handhabt, auch bei sich selbst mehr zur Anwendung bringe. Um dieser Forderung praktische Wirksamkeit zu verleihen, schlägt nun Otto Hauser in der„Politisch- Anthropologischen Revue" vor, Preise für germanische Normalehepaare zu stiften, damit wenigstens in jedem Jahre einige Ehen gegründet werden, von denen man die Erhaltung eines reinen Rassenliipiis erwarten darf. Herr Häuser mach» es'billig, er verlangt nur 500 M. zur Heiratserleichterung für reinrassige Paare und Unterstützungen für die Aufzucht der Kinder. Natürlich werden dafür bestimmte Ansprüche gestellt. Der Mann soll höcvstens 30. die Frau höchsten« 28 Jahre alt sein. Beide müssen ihre vollkommene Gesundheit nachweisen. Von beiden Teilen ist deutsche Herkunft, deutsche Sprache und ein deutscher Name zu verlangen. Nun kommt die Hauptsache: Mann wie Frau müssen den nordischen„germanischen Typus" in möglichster Reinheit dar- stellen. Der Mann soll nicht lös, die Frau nicht unter löö Zentimeter groß sein. Ferner wird verlangt: eine vorteilhafte Physiognomie, blondes bis rotgoldenes Haar, Augenfarbe ohne Beimischung von Braun, rosige bis lichte, aber nicht rote Gesicvtssarbe, schmale und ebenmäßige Nase ohne Einbucbwng oder Verdickung, ein kräftiges Kinn und ein kräftig ausladender Hinterkopf. Die„germanischen Normalehepaare", die all diesen Anforderungen entsprechen, sollen den Namen„Teulmenschen" führen. Was mit den anderen, die nicht lö8 hoch sind oder braune Augen haben und sich auch zu den Germanen rechnen, werden soll, verrät Herr Hauser nicht Vielleicht unterstützt Herr v. Bethmann Hollweg dieses lob« 'iche Unternehmen, indem er den Sprossen der teutschen Normalehe den Charakter preußischer Kulturträger verleiht. Drahtlose Telegraphie bei Naturvölkern. Vor der Erfindung der eigentlichen elektrischen Telegraphie hat eö selbstverständlich über- Haupt nur eine drahtlose Mitteilung über große Entfernungen ge- geben, und zwar nur durch Vermittelung des Gesichts- oder Gehör- finnS, also optische oder akustische Telegramme. Die akustischen Tele- gramme sind von den Naturvölkern besonders ausgebildet worden. Ein« der berühmtesten Beispiele ist die bei afrikanische» Völkern gebräuch- liche Tronmieltelegraphie. Eine eigene Form dafür haben die Indianer- stamme am Puluiiiayo, einem der größten Zuflüsse des Amazoiienstroms, erfunden. Nach einer Schilderung von Hardenburg in der Monats- 1 schrift.Man" benutzen diese Leute zwei Bretter aus hartem Holz, in I die sie mit erhitzten Steinen enge Löcher von länglichem Querschnitt eingebrannt haben. Eins der Hölzer ist immer dicker als das andere, so daß jedes beim Anschlagen verschiedene Töne gibt. Sie werden an Dächern aufgehangen und mit einer Keule geschlagen. Nach den Unterschieden des Tones, der Zahl und des AbstandeS der Schläge werden Depeschen durch die Luit gesandt, die bei klarem Wetter auf 12 bis 15 Kilometer weit vernehmlich sein sollen. Humor und Sattre. Bürgermoral. Paßt es Unternehmern, wegen ungenügenden Profits seelenruhigen Gemüts die Betriebe stillzulegen, daß zu Tausenden Proleten. arbeits-, nahrungs-, obdachlos, jeder kleinsten Stütze bloß, werden in den Staub getreten, � ach, dann gibt'S ein Achselheben, und der ernste Bürger spricht: „Ich verdenk' es keinem nicht, auch das Kapital will leben! Doch wenn sich Proleten regen f legen Hundehungerlohn, att der unfruchtvaren Fron ihre Arbeit niederlegen, wenn die Schlote rauchlos ragen, alle Räder stille stehn und die guten Leute sehn: jetzt geht's ihnen an den Kragen, � ja. dann flucht man. und den Richter ruft man und die Polizei nebst dem Militär herbei gegen jene Staatsvernichter. „Welch' ein freches Ueberheben I" schrei'n die Masses wie die Scherls. „Seht doctz. seht doch nur, die Kerls wollen auch wie Menschen leben!" _ Franz. Notizen. ---Theaterchronik. Die erste Aufführung de?„ M o l o ch' im„Modernen Theater" wird wegen Erkrankung eines Darstellers verschoben. Eine vom Deutschen Theater veranstaltete Aufführung des„König O e d i p u S" im Zirkus Schumann findet Montag, den 7. November statt. Für Schulen und Gewerkschaften bleibt ein Teil der billigeren Plätze reserviert, bevor der Vorder- kauf beginnt. Der Billettverkauf beginnt Montag, den 24. Oktober. — K u n st ch r o n i k. Die Berliner Sezession der- anstaltet vom 20. November bis 10. Januar eine Schwarz» Weiß-AuSstellung. Einlieferung bis zum 12. November. — In der Nationalgalerie sind 280 durch Stiftung der Sammlung zugefallene Aquarelle Eduard Hildebrands die feine„Weltreise" illustrieren, ausgestellt. — Arnold Böcklin« Frau, Angela Böcklin, kündigt das Erscheinen ihrer Tagebuchblätter an, die zusammen mit Briefen und Altenstücken aus Böcklin« Nachlaß herausgegeben werden sollen. (Hoffemlich ist das nicht wieder reiner Familientralsch, wie wir eS zuletzt des öfteren bei solchen Veröffentlichungen erlebten.) — DaS Kassen stück. Die neue Theatergesellschast P a n, die bezeichnenderweise ohne Programm und Tendenz— unauf- geführten oder verkannten Dramen den Weg in die Oeffentlichkeit erschließen will, gibt in einem neuen Sendschreiben eine zutreffende Krilik unserer Theater:„Wir wollen den Theaterdirektoren helfen, denn wir wissen allzu gut, daß es ihnen unmöglich ist, aus wirtschaftlichen und aus tausend anderen Gründen, sich nur großen Aufgaben zu widmen. Wir wisse», daß sie heute auf der Jagd nach dem Zugstück nicht Halt machen können, und daß ihnen für künstlerische Experimente weniger die Lust als die Zeit und— wie sie glauben— das Geld der Aktionäre fehlt. Sie können ihre ganze Kraft nicht immer wieder aus Werke konzentrieren, deren Erfolg unerprobt und unsicher ist. Sie brauchen--- aus tausend Gründen— den K a s s e n e r f o l g." — Der berschollene Abonnent. Unter dem Schlag- wort:„Tragische Poststempel" erzählt der Pariser„Figaro" eine rührselige Geschichte. Die für den König und die Königin-Mutter von Portugal bestimmten und nach Lissabon gesandten ZeitungS- exemplare wurden durch die Post zurückgestellt. Die Umschläge trugen in portugiesischer Sprache den einfachen Stempel: «Ohne Hinterlassung der Adresse abgereist.� Der„Figaro" fügt daran die einfältige Bemerkung:„Welche Dramen führen uns diese Worte vor Augen I Und welche brutale Formel wird da von den Siegern angeiveudet I" Hätte die portu- giesische Post vielleicht den Zeitungsbändern einen Trauerrand auf- drucken sollen? Aber der. Figaro" tröstetsich:„Wenn die junge Republik nicht weiß, wo sich solche Abwesende befinden, so hat der besser unterrichtete„Figaro" es verstanden, ihnen ihr Blatt nach ihrer erhabenen Zufluchtsstätte(!) zuzustellen." Na. also! DaS älteste Bibel Manuskript. Von einer inter» essanten Entdeckung, die dem Abbö Eugöne Tisserand gelungen ist, wurde in der Pariser Akademie der Inschriften Mitteilung ge- macht. Tisserand hat im Britischen Museum ein altes Manuskript entdeckt, das syrischer Herkunst ist und sich nach näherer Unter- suchung als ein Palimpsest(wieder beschriebener Text) de« JesaiaS erwies. Der Fund bedeutet für die Wissenschaft den Besitz des ältesten BibelmanuskriptS. daö bisher ans Licht kam, denn die Hand- schrift stamnit aus den Jahren 45S bis 459 unserer Zeitrechnung. Die älteste B'.belhandschrift ist also verhältnismäßig jung. Der MHoere!« für den vierten Kerliuer Reichstags- Wahlkreis. hielt am Dienstag bei Keller in Äer Koppenstrabe eine außer- ordentliche Generalversammlung ab, in der die Diskussion über den Bericht vom Magdeburger Parteitag fortgesetzt und die Berichte vom Jnteruationalen Kongreß und der Provinzialkonfercnz entgegengenommen werden sollten. Leider hielten die Genossen nicht das, was sie in der Versammlung am 4. Oktober versprochen. Der Besuch der Versammlung, in der die Ansicht der großen Parteimitgliedschaft von Berlin IV über den Parteitag zum Ausdruck gebracht werden sollte, war ein kläglicher. So wurde denn nach mehr als halbstündigem Warten über die angesetzte Versammlungsstunde hinaus die Versammlung mit einem Antrage eingeleitet, der dahin ging, die auf der Tagesordnung stehenden Beratungsgcgenstände ohne Diskussion als erledigt zu betrachten. Der Antrag wurde zwar abgelehnt, die noch ein- gezeichneten Diskussionsredner, soweit sie anwesend waren, ver- zichteten jedoch in Anbetracht des schwachen Besuchs auf das Wort. Nur der Berichterstatter Genosse Böhm nahm nochmals das Schlußwort, um sich gegen einige in der Diskussion in der vorigen Versammlung ihm gemachten Vorwürfe, daß er die Genossenschafts- frage nicht genügend berücksichtigt hätte, zu wenden. Darauf wurde dann eine Resolution angenommen, in der sich die Versammelten mit den Beschlüssen des Parteitages und der Haltung der Dele- ierten bei allen Abstimmungen einverstanden erklärten und für ie Durchführung der Beschlüsse des Parteitages verpflichteten. Auf Antrag Brückner wurde dann der Bericht vom Jnter- nationalen Kongreß von der Tagesordnung abgesetzt. Der Bericht- erstatter, Genosse Adolf Hoffmann, soll dafür in einer be- sonderen Versammlung über seine Reiseerlebnisse und-Eindrücke in Dänemark und Kopenhagen sprechen, was Genosse Hoffmann auch sofort zusagte. Hierauf erstattete Genosse Ostrowski den Bericht von der Provinzialkonferenz der Provinz Brandenburg. Er bemerkte einleitend, daß die Ge- nossen des vierten Kreises seit einer Reihe von Jahren einen Be- richt von der Provinzialkonferenz nicht mehr gehört haben, weil die Tagesordnung der Versammlungen, in denen der Bericht ge- gebe» werden sollte, zu sehr belastet waren. Die diesjährige Provinzialkonferenz würde zweifellos daS Interesse der Parteigenossen etwas mehr als die früheren in Anspruch genommen haben, wenn sich der Parteitag nicht mit der Budgetfrage beschäftigt haben würde. Redner gibt darauf einen Ueberblick über die Ver- Handlungen und Beschlüsse der Konferenz und hofft, daß dieselben eine gute Saat in der Provinz bringen werden. Der Bericht wurde sehr beifällig aufgenommen. Nach kurzer Diskussion konstatierte der Vorsitzende, Genosse Paul Hoff mann, daß die Ver- sammelten auch mit den Beschlüssen dieser Konferenz und der Haltung ihrer Delegierten einverstanden ist. Niedttthkinischer Provinzialparteitag. Erster Verhandlungstag. Der Agitationsbezirk des Niederrheins hielt am Sonntag und Montag unter sehr zahlreicher Beteiligung seinen diesjährigen Partei- tag ab. Anwesend waren 72 Delegierte, darunter 8 Frauen, 5 Parteisekretäre, 9 Vertreter der Parteipresse, 9 Reichstagskandi« baten und das Agitationskomitee. Bom Parteivorstand nahmen Genosse Molkenbuhr und von der preußischen Landeskommission Genosse E r n st- Berlin an den Verhandlungen teil. Den Bericht de« Agitationskomitees erstattete Haberland. Das politische Leben im Berichtsjahre pulsierte außerordentlich lebhaft. Die Schädigung der werk« tätigen Bevölkerung durch die sogen. Reichsfinanzreform hielt die Unzufriedenheit der Massen lebendig. Dazu kam der arbeitenden Bevölkerung in immer stärkerem Grade ihre Rechtlosigkeit in Preußen zum Bewußtsein. Die WahlrechtStämpfe haben deshalb auch Massendemonstrationen gezeitigt, wie sie im rheinisch-ioestsälischem Industriegebiet noch nie dagewesen sind und wie wir sie vorher nicht für möglich gehalten Hütten. Mit den Demonstrationen wird der Kampf um das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht nickit abgetan sein. Die Kämpfe werden sich wiederholen, deshalb tut Stärkung der Organisation not. Die Agitation war eine sehr rührige, sind doch in den 14 Wahlkreisen des Bgi- tationsbezirkes im Berichtsjahre 2619 politische Versammlungen ab- gehalten, davon 68b öffentliche und 2034 Vereinsversammlungen. Hinzu kommen noch 44 öffentliche Frauenversammlungen. Die schriftliche Agitation hat im Berichtsjahre gleichfalls einen besonders großen Umfang angenommen gehabt, wurden doch insgesamt 2 168 800 Flugschriften verbreitet. Die Organisation ist im ganzen Bezirk auf streng zenlraliftifcher Grundlage durchgeführt. Der von der strafferen Durcksührung der Zentralftation erwartete Aufschwung der Mitgliederzahl ist leider ausgeblieben. Der Mit- gliederbestand hat trotz der riesenhaften Agitauon nur wenig zugenommen, nämlich um nur 621 oder um 1,8 Pro�. Die Ursachen dieses geringen Fortschrittes wurde teilweise aus d>e Nackiivehen der Krise, teilweise aus die Aussperrungen im Bauberufe und der Metall- industrie zurückgeführt, vorwiegend jedoch wurde die Organisation selbst insofern dafür verantwortlich gemacht, als die politische Er- regung in den Massen nicht genügend zur Gewinnung von Mit- gliedern ausgenutzt fei. Die Zahl der organisierten Parteigenossen im Agitationsbezirk betrug am 1. Juli d. Js. 29 384, darunter 4644 Genossinnen. Die P a r t e i p r e s s e hat die Wirkungen der Krise schneller überstanden wie die Organisation, da die Abonnenten» zahl beim Jahresabschluß um rund 7000 höher war wie im Bor- jähre. An Kommunalwahlen haben sich die Genossen im Berichtsjahre in 60 Gemeinden beteiligt, davon in 13 Gemeinden zum ersten Male. Während die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertretcr in» Agitationsbezirk iin Vorjahre 130 betrug, sind eS zurzeit 162, davon 109 in 21 Stadt- und 63 in 22 Land- gemeinden. Verfolgungen der Partei find nach wie vor in erheblichem Umfange zu melden. Auf dem Gebiete deS Bildungs- Wesens sind verschiedene Vorstöße unternommen, doch bleibt hier noch viel zu tun übrig. Die Zahl der Abonnenten auf die„Arbeiter- Jugend" ist von 2231 auf 3200 gestiegen. Auch die Gegner strengen sich in letzter Zeit besonders an, um die Jugend uns abspenstig zu machen, dem muß durch frühzeitige Aufklärung des Nachwuchses rechtzeitig entgegengearbeitet werden. Die Kassenverhältnisse haben sich günstig entwickelt, indem die Gesamteinnahmen von 148 671 M. auf 188 584 M. stiegen. Dementsprechend konnten an den Parteivorstand 20 233 M. abgeführt werden gegen 17 366 M. im Vorjahre. Den Kassenbericht des Agitationskomitees gab Genosse Böllens. Der Abschluß weist eine Einnahme von 20 191 M. und eine Ausgabe von 16 461 M. auf. Die Jahresauflage der AgitationS- schrift„Morgenrot", worüber Ullenbaum berichtet, wies rund 300 000 Exemplare auf, die eine Einnahme von 6091 M. gebracht haben, während sie 4692 M. Kosten verursachten. In der Diskussion nahmen nur wenige Redner das Wort. Der Geschäfts- und Kassenbericht erfuhr keine Kritik, wohl aber wurde die Leitung der Zentralkommission für das Bildungs- »vesen kritisiert, obwohl sich Genosse Wieg leb schon vorweg alle Mühe gegeben hatte, eine günstigere Stimmung herbeizuführen. Genosse Limbertz-Effen referierte dann über:„Die Wahlrechtsbewegumg in Preußen". Seine Ausfül>- rungen gipfelten in folgenden Punkten: Die Verhältnisse treiben dahin, daß das Wort von der„einen reaktionären Masse" immer mehr Bestätigung findet. ES besteht keine Neigung, dem preu- ßischen Volke ein freies Wahlrecht zu geben. Zentrum und Kon- servative werden weiter gemeinsame Sache machen, weil sie neue Aderlässe am Bolke vornehmen wollen. Der Zentrumsverrat muß viel mehr wie bisher der Arbeiterschaft im Zentrumslager vor- geführt werden. Durch den Kampf um das allgemeine, gleiche, ge« Heime und direkte Wahlrecht ist weiten Kreisen erst zum Bewußtsein , gekommen, wie rechtlos das preußische Volk ist. Dieser Kampf muß zur gegebenen Zeit und in verstärktem Maße wiederholt werden. Auch die Frage des Massenstreiks muß von den Partei- genossen erörtert werden. Der Parlamentarismus darf nicht über- schätzt werden, denn das Parlament ist nicht der Boden, auf dem die Entscheidung über Sein oder Nichtsein der heutigen Gesell- schaftsordnung gefällt wird, wohl aber eine gute Waffe. Je größer und wuchtiger nun in Zukunft die Kämpfe werden, desto grüßer auch die Gefahren. Deshalb tut gute Schulung der Genossen und Stärkung der Organisation not.— Eine Diskussion fand nicht statt. Ueber:„Die nächsten Reichstagswahlen und die Aufgaben der Parteiorganisation" referierte Ge- wehr. Er ist der Meinung, daß der Wahlkampf ein beispiellos heftiger werden wird. Wenn die Gegner unsere Aussichten über- trieben günstig darstellen, so zeigt sich darin die Angst und das schlechte Geivissen, auch wohl die Absicht, uns einzulullen. Das wird nicht gelingen. Regierung und bürgerliche Parteien sind rat- los; sie finden keine zugkräftige Wahlparole. Man hofft nun, aus den Moabiter Vorgängen etwas machen zu können, nachdem die Hoffnungen auf den Magdeburger Partettag sich nicht erfüllt lzaben. Wir werden nicht nur offensiv, sondern auch in der Defensive kämpfen müssen, da die Bündler und ihr Anhang wieder mit neuen Forderungen kamen. Redner weist auf den Zentrums- verrat bei der Reichsversicherungsgesetzgebung, auf die Kriegs- rüstungen, die ablaufenden Handelsverträge und die Frage des Zwangsarbeitsnachweises hin, läßt die einzelnen Parteien Revue passieren und beleuchtet den neuesten„Krach" im Zentrumslager. Auch sein Resümee klingt aus in dem Rufe nach Stärkung und Ausbau der Organisation. Die Reich stagskandidaturen üss Niederrheinischen Agitationsbezirk sind vollständig. Es kandi» dieren: Dittmann für Lennep-Remscheid, Ebert für Elber- feld-Barmen, Scheidemann für Solingen, Haberland für Düsseldorf, Gewehr für Essen, Hengsbach für Duisburg- Mülheim. Weyers für Mörs-Rees, Leverentz für Cleve. Geldern, Ruhwald für Kempen, Müller für M.-Gladbach, Krüger für Krefeld, Arzberger für Neuß-Grevenbroich, König für Hagen-Schwelm und Spiegel für Altena-Jserlohn. Eine Diskussion auch dieses Punktes wurde nicht beliebt. Nur Genosse Molkenbuhr äußerte sich in längeren Ausführungen über die positiven Leistungen unserer Reichstagsfraktion nament- lich auf dem Gebiete der sozialpolitischen Gesetzgebung und kenn- zeichnete die Verräterei des Zentrums, deren Tätigkeit auf sozial- politischem Gebiete von jeher darin bestanden hat, vorliegende An- träge zu verschlechtern. Die zurzeit in Beratung stehende Reform der Reichsversicherungsgesetze solle vorwiegend dazu dienen, um den Staatskredit wieder zu heben. Deutschland sei an der Grenze der Kreditfähigkeit angelangt. Nach den Ausführungen Molkenbuhrs tritt Schluß deS ersten Verhandlungstages ein. Die Mboder Katastrophe vor Gericht. Das Bochumer Landgericht hatte sich am Mittwoch erneut zu beschäftigen mit der Beleidigungsklage des Zechendirektors Andree und der Zechenverwaltung der Grube Radbod gegen den ver- antwortlichen Redakteur der„Bergarbeiter-Zeitung", Theodor Wagner. Der Prozeß wird die Ursachen jenes Massenunglücks, das den Tod von mehr als 369 Bergleuten zur Folge hatte, und die Frage, inwieweit durch Außerachtlassun« bergpolizeilicher Sicherheitsvorschriften irgend jemand ein Verschulden trifft, zum erstenmal eingehend und gründlich prüfen. Bereits am 18. Oktober 1909 war gegen Wagner verhandelt worden. Der Prozeß, der damals nur einen Tag in Anspruch nahm, endete mit der Verurteilung Wagners zu 300 M. Geldstrafe. Gegen das Urteil ließ Wagner durch seinen Verteidiger Rechtsanwalt Heine- Berlin beim Reichsgericht Revision einlegen. Das Reichsgericht hob daraufhin das Urteil auf und verwies die Sache an die Vor- instanz zurück. Das Reichsgericht stellte sich dabei auf den Standpunkt, daß nicht nur die wenigen Sätze des Artikels, wegen der Strasantrag gestellt worden war, zum Gegenstand der Ver- Handlung hätten gemacht werden müssen, sondern auch darüber hinaus die Angriffe, die der Artikel allgemein gegen die Zechen- Verwaltung erhebt und in denen er sie beschuldigt, im Interesse des Zechenkapitals die Opfer der Grubenkatastrophe preisgegeben zu haben. Vor allem liefen die Angriffe darauf hinaus, daß die Verwaltung die Grube hat unter Wasser setzen lassen zu einer Zeit, als noch lebende Bergleute in der Grube waren. Das Gericht hat etwa 10 Zeugen und als Sachverständigen Oberbergrat Kalthcuner-Dortmund laden lassen. Die Verteidi- gung hat etwa 40 Zeugen direkt geladen und als Sachverständige die beiden Vorsitzenden des Deutschen Steigerverbandes, Werner und Mantel-Essen sowie das Vorstandsmitglied des Deutschen Bergarbeiterverbandes, Hansmann-Eichlingshosen bestellt. Die Partei des Nebenklägers hat etwa 26 Zeugen und zwei Sach- verständige, nämlich den Bergwerksdirektor Niederstein von der Zeche„Kaiserstuhl" und den Bergrat Krämer-Hamm, direkt ge- laden. Zu Beginn der Verhandlung lehnt Verteidiger Rechtsanwalt Heine-Berlin den von der Gegenpartei als Sachverständigen ge- ladenen Bergassessor Niederstein wegen Besorgnis der Befangen- heit ab. Niederstem habe früher in durchaus parteiischer Weise sein Amt ausgeübt; er habe sich in Untersuchungen gemischt, die ihn gar nichts angingen, und Zeugen, die zuungunsten der Zeche aussagten, der Staatsanwaltschaft wegen Meineids denunziert. Die Staatsanwaltschaft hat diesem Antrage nicht stattgegeben.— Vertreter des Nebenklägers, Rechtsanwalt Köttgen-Dortmund: Die Gegenpartei hat drei Sachverständige genannt, nämlich die beiden Vorsitzenden des Deutschen Steigerverbandes, Werner und Mantel, und das Vorstandsmitglied des Deutschen Bergarbeiter- Verbandes, Hansmann. Wir lehnen diese Sachverständigen gleich- falls wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Das Gericht setzte die Beschlußfassung über diese Ablehnungs- antrage aus. Hierauf wurde in die Vernehmung des Angeklagten ein- getreten. Angeklagter Redakteur Wagner: Wir stehen auf dem Stand- Punkt, daß Unglücksfälle im Bergbau nicht zu vermeiden sind; aber große Katastrophen können verhütet werden, wenn in den Gruben überall Ordnung herrscht. Ich behaupte, daß die Vor- bedingungen für die große Katastrophe auf Grube Radbod vor- banden waren. Wir haben früher direkt die leitenden Berg- behörden für derartige Massenunglücksfälle verantwortlich ge- macht und sind nicht verklagt worden. Nur wegen dieses Gesprächs zwischen Berginspektor Hallender und Direktor Andree ist Klage erhoben worden, um eine Verurteilung wegen formaler Be- lcidigung zu erzielen. Nunmehr wurde in die Zeugenvernehmung eingetreten. Erster Zeuge war Berginspektor Hollender-Hamm, der kurz nach der Katastrophe in die Grube Radbod eingefahren und dort auch mit Direktor Andree zusammengetroffen ist. Von einem Ge- spräch, wie es der Angeklagte behauptet, oder auch nur von einem ähnlichen Gespräch, weiß er nichts.— Bors.: Wie lange waren Sie in der Grube?— Zeuge: Von Morgen bis Abend.— Vors.: Dauerten die Rettungsarbeiten am Abend noch an?— Zeuge: Nein, wir hatten bereits alleS aufgegeben. Wir mußten mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechnen, daß noch Explosionen statt- finden würden.— Bors.: Wer hat die Einstellung der Nettungs- arbeiten verfügt?— Zeuge: Ich glaube, der Berghauptmann.— Bors.: Haben Sie mit Direktor Andree darüber gesprochen, daß hinter den Brüchen noch Lebende vorhanden sind?— Zeuge: Natürlich ist darüber gesprochen worden. Wir hörten z. B. hinter einem Bruch auf der dritten Sohle noch schreien; lvir trafen alle Maßnahmen um den Mann zu retten, und erfuhren später auch, daß er gerettet worden ist. Wir haben alles versucht, um vor- zuoringen, aber wir sahen, daß überall Brüche vorhanden waren, und hinter diesen Brüchen war Schweigen.— Angeklagter Wagner: Bestand überhaupt die Möglichkeit, daß noch Lebende in der Grube tvaren, und haben Sie nicht mit Direktor Andree darüber ge- sprochen? Die Möglichkeit bestand doch,— Zeuge; Diese Frage ist Sei allen Beratungen eingehend geprüft worden, Das waren Unterhaltungen, die geführt wurden, von sämtlichen Herren, die in Betracht kamen.— Angeklagter Wagner: Bestand denn nicht die Wahrscheinlichkeit, daß noch Lebende in der Grube waren?— Zeuge: Von allen Seiten wurde gesagt, bei dieser Ausdehnung der Explosion ist es ausgeschlossen, vollkommen ausgeschlossen, daß noch irgendein Lebender in der Grube ist.— Angekl. Wagner: Ich habe das Unglück auf Radbod eingehend verfolgt und möchte wissen, worauf sich diese allgemeine Meinung des Zeugen stützt.— Zeuge: Es waren zu viel giftige Gase in der Grube.— Angekl.: Es konnte doch Betriebspunkte geben, wo sich die Arbeiter gegen diese Gase schützen konnten.— Zeuge: Dann hatten sie keinen Sauerstoff. — Angekl. Wagner: Ist Ihnen bekannt, daß auf der Grube Eourrieres, obwohl alle Techniker gesagt hatten, es sind keine lebenden Bergleute mehr drin, nach 29 Tagen noch 13 Lebende zutage gefördert worden sind?— Zeuge: Natürlich weiß ich das, das ist bei den Beratungen erwähnt worden. Aber da muß man bedenken, daß es sich auf Courrieres nur um Teilexplosionen ge- handelt hat, während auf Radbod sich die Explosion über die ganze Grube erstreckte.— Angekl.: Ist Ihnen bekannt, daß der frühere Handelsminister Delbrück angeordnet hat, daß zu den Auf- räuinungsarbeiten Vertreter der Arbeiter zugezogen werden sollen? — Zeuge: Vom Minister ist das nicht verfügt worden, sondern vom Regierungspräsidenten. Wir haben daraufbin auch den Ar- beiterausschuß zugezogen.— Angekl. Wagner: Der Knappschafts- vorstand, also eine unparteiisch« Behörde, hatte bestimmte Arbeiter für diese Ueberwachung ausgewählt. Gerade diese Arbeiter aber hat man nicht genommen, sondern den Arbeiterausschuß der Grube. — Zeuge: Wir haben auch die Knappschaftsältesten genommen, aber wir haben ihnen gesagt, daß sie nicht einfahren dürften als Vertreter ihrer Verbände, sondern nur in ihrer Eigenschaft als Knappschaftsälteste. Diese Arbeiter sind dann einmal eingefahren. — Verteidiger Rechtsanwalt Heine: Weitere Einfahrten sind den Arbeitern untersagt worden.— Zeuge Berginspektor Hallender: Wir hatten gar kein Recht, weitere Einfahrten zuzulassen, das war außer dem Bereich unserer Kompetenz.— Verteidiger Rechtsanwalt Heine: Wenn die Aufficktsbehörde den Wünsch geäußert hätte. weitere Einfahrten zuzulassen, hätten die Bergherren sich doch sicher gefügt.— Angekl.: Zu dem Arbeiterausschuß haben die Arbeiter kein Vertrauen.— Bors.: Das gehört nicht hierher.— Verteidiger Rechtsanwalt Heine: War es nicht möglich, daß hinter den anderen Brüchen noch Ohnmächtige lagen?— Zeuge: Nein.— StaatSanw.: Wann ist die Katastrophe eingetreten?— Zeuge: Um 4� Uhr morgens, um 6 Uhr abends wurde der Schacht geschlossen.— Ver- teidiger Rechtsanwalt Heine: Sie sollen einmal gesagt haben, daß die Berieselung nicht in Ordnung Ivar. Der nächste Zeuge ist Bergmann Rllhn, jetzt in Waldenburg in Schlesien. Er gehörte zu den Rettungsmannschaften. Er hat wohl gehört, daß jemand in der Grube von Lebenden sprach, kann aber bestimmte Angaben nicht machen. Ans der östlichen Richtstrecke der dritten Sohle hörte er ein Wimmern.— Vors.: Konnten Sie dem Wimmern nicht nachgehen?— Zeuge: Nein, da kamen wir nicht durch, denn da war ein Bruch und es brannte.— Verteidiger Rechtsanwalt Heine: Glauben Sie. daß es möglich gewesen wäre, den wimmernden Mann zu retten, wenn man das Feuer von der anderen Seite gelöscht hätte?— Zeuge: Jawohl, wenn genug Wasser vorhanden gewesen wäre; aber die Leitung versagte.— Staatsanwalt: Haben Sie davon Meldung erstattet?— Zeuge: Nein, ich kam nicht dazu, es war ja auch nichts mehr zu machen. — Verteidiger RechtSantvalt Heine: Wie ivar es mit der Beriefe- lung kurz vor dem Unglück?— Zeuge Nühn: Die Leitung war in Ordnung, aber es war zu wenig Wasser drin. Ich habe schon lange vor dem Unglück mehrere Male dem Steiger gesagt, eS sei zu wenig Wasser zum Rieieln vorhanden, da bekam ich zur Ant- wort, trotzdem es Juli war, das Wasser fei eingefroren k— Bors.: Wie oft spritzten sie den Tag über?— Zeuge: Es kamen Tage vor, wo wir überhaupt nur einmal spritzen konnten.— Bors.: In- folgedessen gab es wohl sehr viel Staub?— Zeuge: Jawohl. Der frühere Bergmann und jetzige Schmied Katischka auS Niederbrunn(Schlesien) hat auf der zweiten Sohle gehört, wio zwei Herren, von denen der eine Herr Assessor angeredet wurde, sich unterhielten. Der eine fragte:„Ist noch etwas am Leben?" worauf der andere antwortete:„WaS sollen wir da machen; eS bleibt nichts übrig, wir müssen abstellen." Kurze Zeit darauf er- hielt Zeuge den Auftrag, aus der Grube herauszufahren.— Vors.: Haben Sie gehört, daß gesagt wurde:„Was lebt, lebt, wir müssen heraus I"— Zeuge: Den Wortlaut kann ich heute nicht mehr genau sagen.— Vors.: Wie stand es mit der Berieselung?— Zeuge: ES war kein Wasser da. Vom Montag der UnglückSwoche bis zum Un- glückstage selbst fehlte es an Wasser. Zeuge Bergmann Martin Hirschfeld-Hövel befand sich unter den Rettungsmannschaften. Er hat aber von dem Gespräch zwischen Hallender und Andree nichts gehört. Die Berieselung war immer in Ordnung. Zeuge Bergmann Thomas wurde in der Unglücksnacht von seinem inzwischen verstorbenen Bruder Peter gerettet. Er hörte von einer Unterredung zwischen Andree und Hallender nichts.— Verteidiger Rechtsanwalt Heine: Wie war es mit der Berieselung? — Zeuge: Sie war sehr mangelhaft, es fehlte häufig an Wasser. — Verteidiger Rechtsanwalt Heine: Auf dem Bergarbeiterkongreß in Berlin sagten Sie, Sie würden, wenn Sie noch einmal vor Hallender vernommen würden, die Antwort verweigern, da er es den anderen wiedersagte.— Zeuge: Sein Vorgehen war sckilimmer alS Denunziation.— Zeuge Hvllendcr: Ich habe niemand denun- ziert. Alle Beamten lvußten, daß sich meine Angaben stützen auf Angaben der Bergleute. (Fortsetzung folgt.) Mus cler partcL SozialiftengesehUche Zustände nutet dem„liberalen" RcichsverelnSgesetz. Für die Polizei in Halle a. S. besteht bekanntlich das neue Reichsvereinsgesetz nicht. Sie schickt in alle geschlossenen Versamm- lungen der Partei und der Gewerkschaften ihre überwachenden Beamten. Um polizeiliche Slörungen auszuschließen, hatte der Sozialdemokratische Verein seine Generalver- s a m m l u n g am Sonntag ohne die Polizei zu fragen und ohne daß sie etwas wußte, unter freiem Himmel abgebalten. Die weite Heide war dem Verein ein geräumiges VersammlungS- lokal. Genosse Albrecht stellte bei der Versammlungseröffnung fest, daß alle zum Verein gehörigen Distrikte vertreten waren. Er wies auf die außergewöhnlichen Umstände hin, die zu so ungewöhnlichem Tim nötigten. Die Stelle, an der heute die Genossen ständen, sei eS auch gewesen, die unter dem Ausnahme- g e s e tz oftmals den sicheren Platz der Beratung der Gehetzten und Verfolgten bot. Wir befänden uns somit auf historischem Boden der Bewegung. Bei allen Nachstellungen, die unS heute träfen, sollten wir uns jener schweren Zeit erinnern, die wir siegreich über» standen haben. Das Fahr ist ein kampfreiches und erregtes zu nennen. Dann wurde die Tagesordnung glatt abgewickelt und zum Schluß einstimmig eine Resolution angenommen, worin die Versammlung ihren entschloffenen Willen zun, Ausdruck bringt, sich der neuen un» gesetzlichen UeberwachungSpraxiS unter leinen Umständen fügen zu wollen, weil die Gefahr bestehe, daß diese Hallesche Polizeipraxis auf das ganze Reich ausgedehnt werde. Die Mehrheit in der Gemeindevertretung haben unsere Genoffen in Jspringen, einem Vorort der Industriestadt Pforzheim erobert. Sie haben jetzt vier Genoffen im Gemeinderat, das ist die Hälfte aller Sitze; den Vorsitz im Kollegium führt ein sozialdemokratischer Bürger» meistcr, der vor einigen Jahren schon gewählt wurde. Am Montag rückten zu dem btZtjertgen einen sozialdemotratischsn Ratsherrn noch drei rote Kollegen, Pforzheimer Goldschmiede, ein. Sie waren im heißen Kampfe gegen die Kandidaten des BiirgerveremS mit etwa 150 gegen 100 Stimmen siegreich, worüber die vereinigten Bürgerlichen ganz bestürzt sind. Gemeindewahlsieg in Hinterpommern. Kösltit, 19. Oktober.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Bei der heutigen Stadtverordnetenwahl wurden zwei Sozial- demokraten gewählt._ Die Organisationen zum Parteitag. Breslau. Mit der Berichterstattung vom Parteitage beschäftigte sich am Montag die Mitgliederversammlung deS Sozialdemokratischen Verein? Breslau. Die beiden Delegierten, die Genossen H o f f m a n n und N e u k i r ch, sind vom Verlauf des Parteitages im großen und ganzen befriedigt. Während Hoffmann ein Bild über die Gesamt» arbeiten des Parteitages gab, ging Genosse Neukirch des näheren auf die Budgetfrage und die preußische Wahlrechtsfrage ein. Er betonte, daß, von einigen Entgleisungen von rechts und links abgesehen, die Debatte über die Budgetftage sachlich geführt wurde. Leider war die Mehrheit des Parteitages von einer Bitterkeit gegen die badischen Disziplinbrecher erfüllt, die besser in unseren Reihen nicht Platz greisen sollte. Einen Teil der Schuld trage allerdings die unglückliche Erklärung des Genossen Frank in seinem Schlußwort. Nichtsdestoweniger aber hoffe Neukirch, daß sich die Genossen wieder zu gemeinsamer Arbeit an den bevorstehenden gemeinsamen Kämpfen zusammen- finden werden. Bei der Abstimmung hätten die beiden BreSlauer Delegierten gegen den ersten Absatz der VorstandSresolution ge- Stimmt, weil die Frage der Budgetbewilligung keine grundsätzliche ei. Dagegen hätten beide für den übrigen Teil der Vorstands- resolution gestimmt. Weiter bedauerte der Redner, daß die Ein- setzung der Sludienkommission vom Parteitage abgelehnt worden sei. Sodann verwies der Redner ans die Einmütigkeit in der Be- Handlung der preußischen Wahlrechtsfrage, wobei er der Meinung Ausdruck gab. daß wir über kurz oder lang doch zur Anwendung des Massenstreiks kommen müssen, und er deshalb nicht verstehen könne, wenn verschiedene Gewerkschaftsführer die Debatte über den Massenstreik einfach unterbinden wollen. Unsere Tote». In der„Dresdener Bolks-Zeitung" veröffentlichte dieser Tage Genosse Ernst Klaar warm geschriebene Erinnerungen an den „alten Matthe s", einem treuen Kämpfer der Arbeiter- bewegung. der in Dresden Ende September gestorben ist. Matthes ist 03 Jahre alt geworden. In Regis bei Borna wurde er geboren. Er lernte daS Weberhnudwerk und hat das Elend, daS die Einführung des mechanischen Webstuhls über die Handweber brachte, mit auskosten müssen. 1307 kam er als Wanderbursche nach Glauchau— schon als Sozialdemokrat; er focht begeistert den Wahlkampf mit, in dem Bebel in den Norddeutschen Reichstag gewählt wurde. Gegen das Jahr 1870 zog Matthes nach Dresden, wo er mit der Bewegung bald fest verwuchs. Nach den Reichs- tagswahlen 1371, in denen er tapfer seinen Mann gestanden, wurde Matthes aus einer Eisengießerei, in der der ehemalige Weber Arbeit gefunden, wegen seiner politischen Tätigkeit hinaus- gemaßrcgelt. Er fand schließlich eine damals sehr kärglich be- soldete Stelle in der Expedition des Parteiorgans, des„Volks- boten", die er wieder verlor, als daS Sozialistengesetz die Presse der Partei zerstörte. Dann hat er sich mit seiner zahlreichen Familie mühsolig als Markthelfer, Möbelhändler, Dampfschiff- anstreicher u. a. m. durchgeschlagen. Aber niemals hat deswegen seine Treue zur Partei und sein Arbeitseifer für die Bewegung nachgelassen. Keine Parteiarbeit war in der gefährlichen Zeit deS Ausnahmegesetzes dem Wackeren zu gefährlich oder beschwer- lich. Und bei aller Mühsal und Misere bewahrte sich Matthes die heilige Begeisterung. Er war ein vortrefflicher Rezitator und hat lange Zeit, als die Parteiarbeit sich noch in verhältnismäßig engerem Kreise abspielte, fast jede festliche Zusammenkunft der Dresdener Genossen durch den Vortrag von Freiheitsdichtungen verschönt. Auch als die Bewegung zur Massenbewegung geworden war. ist Matthes ein gern gehörter Sprecher von Prologen und Gedichten bei Festen und ernsten Zusammenkünften auch über Dresdens Mauern hinaus gewesen. Eine Anstellung als Beamter der Ortskrankenkasse überhob ihn in den letzten Jahren der schlimmsten Sorgen. Aber lange hat er sich leider der neuen Position nicht mehr freuen können, denn Asthma und Herzleiden setzten ihm zu. Auf dem Krankenlager, das er seit März dieses Jahres nur noch selten verlassen konnte, hat er dann noch mit köstlichem Humor durchtränkte Erinnerungen aus seinem Partei- leben seiner Tochter in die Feder diktiert, die in der„Dresdener Volks-Zeitung" erschienen. Die Dresdener Genossen haben ihm ein würdiges Begräbnis bereitet—«in stattliches Gefolge geleitete ihn zu Grabe. Genosse Gradnauer hielt eine ehrende Grabrede. Das Andenken des alten Matthes wird von der Dresdener Ar- beiterschaft in Ehren gehalten werden. Ein russisches Schandurteil. Der auch den deutschen Genossen bekannte russische Ge- nosse und agrarpolitische Schriftsteller Peter Mahlow wurde dieser Tage wegen Zugehörigkeit zur sozialdemo- kratischen Partei zur lebenslänglichen Ver- bannung nach Sibirien verurteilt. Die Prozehkomödie fand hinter verschlossenen Türen in der besonderen Delegation des Moskauer Appellhofes statt. Ein ordentliches Gericht hätte natürlich nie und nimmer dieses Schandurteil gefällt. Em Induftnc und Rande!. Preisbewegung am Gummimarkt. Seit Mai d. I. haben die Kautschukpreise von Monat zu Monat den Höchststand im April immer mehr verlassen. Nach den amtlichen Notierungen am Hamburger Markt stellten sich die Preise für 1 Kilogramm rohen'Kautschui der nachstehenden Sorten im Monats- durchschnitt in Mark wie folgt: März 03 Jan. 10 April 10 Aug. 10 Südkamerun... 4,80 9,80 14,80 10,50 Kassai I rot... 5,30 12.00 18,00 14,00 Fine Para Harb.. 7,20 17.00 27,00 18,00 ManaoS NegroheadS 5.00 10,05 18,00 12,50 Peruvian ballS.. 5,00 10,50 17,80 12,30 In den letzten Wochen hat sich eine weitere Abschwächung durch» ? gesetzt, Ivie aus den Londoner Notierungen im September nnd an- angs Oktober hervorgeht. So erzielte Smoket Sheet, der am 10, August in London mit 7 sh. 8 d.— 7 sh. O3/« d. notiert hatte, oui der Auktion vom 9. September nur einen Preis von 7 sh. 2>/g d, bis 7 sh. 0 d.. uin endlich am 7. Oktober auf 5 sh. 7 d.— 6 sh. herabzusinken, während Good Scrap an denselben Tagen von 5 sh. 7 d.— 0 sh. 5 d. auf 4 sh. 6 d.— 0 sh. 1 d. im September nnd weiter auf 3 sh. 8 d.— 4 sh. 4 d. im Oktober nachgeben mußte. In den jüngste» Tagen freilich hat sich wieder eine geringe Be- festigung am Londoner Markt vollzogen, welche, veranlaßt durch starke Eindeckungen der Käufer, den Preis für Para, der am 5. Oktober mit 5 sh. 11 d. notiert hatte, wieder auf 7 sh. am 10. des Monats hinauftrieb. Die Gummifabriken, die die Hausse am Rohgummimarkte zu einer zweimaligen Preiserhöhung für Fertig- fabrilate um 10 und 15 bezw. 20 Proz. benutzten, denken aber noch gar nicht daran, ihre Preise nun wieder zu ermäßigen. Der ArbeitZmarkt in Industriestädten. Allgemein ist der Andrang am Arbeitsmarkt niedriger als im borigen Jahre, der Grad der Besserung ist in den einzelnen Plätzen verschieden. In Breslau kamen im September 1909 auf 100 offene Stellen durchschnittlich 09,1 Arbeitsuchende, in diesem Jahre 00,8. In Kattowitz ging der Andrang von 101,8 auf 04,7 zurück, Görlitz weist einen Rückgang von 144 auf 133 auf. Bon brandenburgischen Städten zeigt Rixdorf bei Berlin einen Andrang von 72,8 gegen 113,4, Berlin einen solchen von 87,3 gegen 99,2, Kottbus einen solchen von 155 gegen 172. Aus dem Königreich Sachsen sind Dresden mit einem Andrang von 95,2 gegen 97,8, Plauen mit 50,3 gegen 00,1 und Leipzig mit 87,7 gegen 111,2 zu nennen. In Magdeburg stellt sich der Andrang aus 130,0 gegen 159,7, in Erfurt auf 115,0 gegen 124,0. In Hannover ist der Andrang mit 123,2 etwas höher als im Vorjahre, wo er 117,9 betrug, in Kiel stellt er sich Wohl infolge des Werftarbeiterstreiks aus 145,5 gegen 130,9, in Flensburg aus demselben Grunde auf 101,0 gegen 94.2. Hamburg weist aber nur einen Andrang von 108 auf gegen 132,7 im vergangenen Jahre. In Bielefeld stellt sich der Andrang ans 165,6 gegen 192,5, in Dortmund auf 121,2 gegen 103,9, in Elberfeld auf 120.1 gegen 137,2, in Barmen auf III gegen 127, in Solingen aus 134 gegen 270. in Krefeld auf 131 gegen 157, in Duisburg auf 110 gegen 319 und in M.-Gladbach auf 107,2 gegen 153,3. Düffel- dorf weist mit 119,7 eine leichte Zunahme gegenüber September 1909 auf, wo der Andrang 112,9 betrug. In Mainz beträgt der Andrang 170,3 gegen 220,2, in Freiburg i. B. 138,3 gegen 150, in Ulm 102 gegen 117, in Nürnberg 149 gegen 179 und in München endlich 90,2 gegen 96,0._ In der Konnossementfrage wurde, wie man ans New Jork meldet, eine Vereinbarung europäischer nnd amerikanischer Bankiers bekannt gegeben, der zufolge bis Jahresende noch das gegenwärtige System befolgt werden soll. Inzwischen werden Pläne für eine Garantie oder Versicherung weiter ausgearbeitet. Sericbts- Leitung. „Ungebühr" vor Gericht. Vor der Schöffengerichtsabteilung, welcher der Amts- gerichtsrat Wageler vorsitzt, war eben eine Sache be- endet. Der Angeklagte und die Zeugen der nächsten Sache hatten den Saal betreten, die Verhandlung in dieser Sache sollte eben beginnen. Es war also sozusagen eine kleine, sich von selbst ergebende Verhandlungspause. In diesem Moment betrat Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn, der kurz vorher vor dieser Abteilung plädiert hatte, den Saal und machte dem im Zuhörerraum sitzenden Berichterstatter des „Vorwärts" eine ganz kurze Mitteilung im Flüsterton. Das mag höchstens 10 Sekunden gedauert haben.— Amts- gerichtsrat Wageler sagte in verletzendem Ton zum Rechtsanwalt Cohn: Herr Rechtsanwalt, es ist un- gehörig, sich mit Leuten im Zuhörerraum zu unterhalten.— Einen Moment sah Rechtsanwalt Cohn den Amtsgerichtsrat Wageler wortlos an. Da sagte dieser mit Nachdruck: Herr Rechtsanwalt, d a S wissen Sie doch auch, datz das ungehörig ist.— Rechtsanwalt Cohn: Das habe ich noch nicht gewußt. Ich höre es von Ihnen zum erstenmal. Diese in ruhigem Ton gesprochene Bemerkung beantwortete AmtSgerichtsrat Wageler mit den Worten: I ch habe in diesem Sale die Polizei, ich finde Ihre Worte ungehörig. Herr Amtsanwalt, haben Sie etwas zu beantragen?--Rechts- anwalt Cohn verließ den Saal. Der Amts- a n w a l t beantragte gegen ihn eine Ordnungsstrafe von zwanzig Mark. Das Gericht beschloß, diese Strafe gegen den Rechtsanwalt Cohn zu verhängen. «.' Diese unberechtigte Verhängung einer Ungebührstrafe ist ein Steinchen mehr zu dem Bild, das Arnlsgerichlsrat Wageler durch seine Handlungen von sich entworfen hat. Wir erinnern an die unter dem 12. Oktober geschilderte Verhängung einer Ordnungsstrafe durch denselben Vorsitzenden und an den An- wurf„rüpelhaft und pöbelhast" seitens desselben Vorsitzenden einem freigesprochenen Angeklagten gegenüber. Mit diesem Gebranch beleidigender Worte von der geschützten Stellung eines Vorsitzenden aus gegen angeklagte Arbeiter, die das Gericht freisprechen muß, harmoniert das Unterwerfen unter einen Antrag des Amtsanwalts. Der Amtsanwalt hatte außerhalb der Sitzung nichts zu tun, sein Antrag war ebenso unzulässig wie die Anregung zu demselben. Ein freigesprochener Streikposten. Der bei der preußischen Justiz seltene Fall, daß ein wegen Uebertretung der Straßcnpolizeiordnung angeklagter und durch zwei Polizeibeamte belasteter Streikposten freigesprochen wird, ereignete sich gestern von der 144. Abteilung des Schöffengerichts Berlin- Mitte. Angeklagt war der Tapezierer Podznweit, der in der Ber- nauer Straße als Streikposten nicht stand, sondern ging und dabei die Zeitung las. Polizeileutnant Witte forderte ihn auf, fortzu- gehen und fügte hinzu:„Wenn Sie wiederkommen, lasse ich Sie sofort wegbringen." Der Angeklagte ging weiter, kam aber wieder zurück und wurde dann auf Veranlassung des Polizeileutnants Witte ohne weiteres durch einen Schutzmann nach der Wache gebracht und dort vom Vormittag an bis abend» um'/z? Uhr in eine Zelle gesperrt und erst um diese Zeit wieder in Freiheit gesetzt.— Nach herkömmlicher preußischer Praxis wurde nicht etwa gegen den Polizeibeamtcn Anklage wegen widerrechtlicher Freiheitsberaubung erhoben, sondern Podzuwcit erhielt ein auf 39 Mark lautendes Strafmandat, welches nunmehr zur gerichtlichen Entscheidung stand. Polizeileutnant Witte bestätigte den vorstehend angegebenen Sachverhalt mit der einzigen Abweichung, daß der Angeklagte aus dem Bürgersteig gestanden habe. Zur Wcgweisung und Jnhaf- tierung des Angeklagten hielt sich der Polizeileutnant befugt, weil seiner Behauptung nach Arbeitswillige dort belästigt worden sein sollen.— Der Verteidiger Dr. Kurt Roscnfeld stellte an den Zeugen die Frage, ob denn die Belästigungen schon vor dem Tage, an dem der Angeklagte sistiert wurde, stattgefunden haben.— Der Zeuge tat zunächst, als ginge ihn die Frage des Verteidigers gar nichts an. Dann fragte er den Vorsitzenden, ob er antworten müsse, und erst als dieser es bestätigte, kam er mit der Antwort heraus, daß ihm durch Anzeigen solche Belästigungen schon vorher bekannt ge- Wesen seien.— Auch allen weiteren Fragen, die der Verteidiger zur Aufklärung des Sachverhalts an den Zeugen stellte, setzte der Zeuge dieselbe Nichtachtung entgegen. Der Verteidiger ersuchte den Vor- sitzenden, Amtsgerichtsrat Wageler, den Zeugen doch dahin zu be- lehren, daß er die Pflicht habe, die vom Gericht nicht beanstandeten Fragen des Verteidigers zu beantworten. Das vermied aber der Vorsitzende; er begnügte sich vielmehr damit, die Fragen des Ver- teidigerö an den Polizeileutnant zu wiederholen, da auf andere Weise von dem Zeugen, der eine offensichtliche Nichtachtung gegen den Verteidiger zur Schau trug, nichts herauszubringen war. Als der Verteidiger den Zeugen fragte, warum er zu dem Angeklagten sagte, wenn diese wiederkomme, werde er ihn sofort wegbringen lassen, wollte Polizejseutnant Mite wicher nicht antworten. Mas Veivegle den Vorsitzenden, eine Berakung des Gerichts über die Zu- lässigkeit dieser Frage zu veranlassen. Bevor die Beratung statt- fand, begründete Rechtsanwalt Rosenfeld, warum er diese Frage stelle. Der Borfitzende, der gegen das— man kann nicht anders sagen als renitente— Verhalten des Polizeileutnants kein Wort fand, fiel aber dem Verteidiger ins Wort und ersuchte ihn drin- gend, in seinen Aeutzerungen nicht persönlich gegen den Zeugen zu werden. Der Verteidiger verwahrte sich dagegen und bemerkte, daß er nichts Unzulässiges gesagt habe. Ja, sagte Amtsgerichtsrat Wageler, aber Sie halten sich so nahe an der Grenze deS Unzu- lässigen, daß ich Sie ersuchen muß, doch alles zu unterlassen, was mich zum Einschreiten veranlassen müßte.— Die vom Verteidiger gestellte Frage lehnte daS Gericht ab, weil— wie der Vorsitzende sagte— nicht der Zeuge unter der Anklage stehe, unzulässig ge- handelt zu haben. Es sei nur festzustellen, ob der Angeklagte eine Uebertretung begangen habe.— Weiter fragte der Verteidiger, warum der Zeuge den Angeklagten bis Vo7 Uhr in Haft behalten habe?— Der Zeuge schweigt.— Der Vorsitzende erklärt die Frage als unerheblich.— Der Verteidiger beantragt Gerichtsbeschluß und begründet seine Frage: Da sich verschiedene Zeugenaussagen gegen- über stehen, sei es notwendig, zu beurteilen, ob das Zeugnis des Polizeileutnants zuverlässig sei. Für diese Beurteilung sei es wesentlich, zu wissen, ob der Zeuge eine ungesetzliche Handlung gegen den Angeklagten begangen habe. In diesem Falle würde sein Zeugnis nicht so zu bewerten sein wie die Aussagen anderer Zeugen. — Das Gericht lehnte auch diese Frage ab. Eine Zeugin Rchberg bekundete im Gegensatz zu dem Polizei- leutnant, daß der Angeklagte zeitunglesend auf der Straße ging. Dann sei der Polizeileutnant mit einem Schutzmann gekommen und habe gerufen:„Los nach der Wache!" Der Angeklagte sei dann sogleich abgeführt worden. Nachdem der Amtsanwalt eine Strafe von 30 Mark beantragt hatte, plädierte der Verteidiger auf Freisprechung. Der Angeklagte sei der Weisung, weiterzugehen, gefolgt. Der Polizeileutnant sei nicht berechtigt, ihm das Wiederkommen, also die Benutzung der Straße zu verbieten. Die Ruhe, Ordnung und Sicherheit habe der Angeklagte nicht gestört. Die Berufung auf angebliche Belästi- gungen Arbeitswilliger rechtfertige das Verbot an den Angeklagten nicht, denn solche Belästigungen sollen nach dem Zeugnis eines Polizeiwachtmeisters am Abend vorgekommen sein, während der Angeklagte am Vormittag auf der Straße war. Das Gericht sprach den Angeklagten frei, weil die ihm zur Last gelegte Uebertretung nicht erwiesen sei. Der„grobe Unfug" de? Streikenden. In einer Anklage gegen den Schmiedegesellen Noak, die gestern vor der 144. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte ver- handelt wurde, sagten die Belastungszeugen— zwei Schutzleute— aus, der Angeklagte habe einen arbeitswilligen Schmied, der in der Mulackstraße ein Pferd beschlug, zurückgerissen, so daß er zu Boden fiel. Dann habe er sich vor der dicht dabei befindlichen Schlächterherberge aufgestellt und geschimpft.— Angenommen, diese Angaben, deren Richtigkeit der Angeklagte entschieden bestreitet, würden zutrefsen, so hätte er den Arbeitswilligen beleidigt, und dieser Hütte ihn verklagen können. So würde es unter gewöhn- lichen Umständen sein. Da aber hier ein Arbeitswilliger der an» geblich Beleidigte ist, so soll die Handlungsweise des Angeklagten grober Unfug sein und die Klage wird von Amtswegen erhoben.— Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn, der den Angeklagten verteidigte, hob diese Gesichtspunkte herbor und verwies besonders darauf, daß eine Belästigung des Publikums durch die Handlungsweise deS An« geklagten nicht hervorgerufen worden ist. Die Voraussetzungen einer Bestrafung wegen groben Unfugs fehlen, der Angeklagte müsse deshalb freigesprochen werden. Das Gericht unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Wageler ver- urteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 30 M. Der Tat- bestand des groben Unfugs sei dadurch gegeben, daß der Angeklagte öffentlich einen Anderen angegriffen habe. Dadurch werde daS Publikum belästigt. Es sei nicht nötig, daß Leute vorgeführt werden, die sich belästigt fühlten. Wäre des Vorsitzenden Darlegung so richtig wie sie falsch ist. müßte in Zukunft jede öffentliche Beleidigung gleichzeitig alS grober Unfug bestrast werden. Eine so ausgedehnte Mißhandlung hat bislang das juristische Mädchen für alles, der berüchtigte grobe Unfugsparagraph denn wohl doch noch nicht gefunden. Dem Streikenden die schwerste Strafe. Der Schmie!) Steinriick war während des Schmiedestreiks ar- beitslos und bezog vom Verbände, dessen Mitglied er war. Arbeits- losenunterstützung. Dann nahm er während des Streiks die Arbeit wieder auf und trat aus dem Verbände aus. Einige Streikende, die über dieses Verhalten Steinrücks entrüstet waren, wollten ihn deshalb zur Rede stellen. Etwa vier Personen erwarteten ihn zu diesem Zweck auf der Straße. ES kam zu einer Rempelei, bei der es auf beiden Seiten Püffe gegeben zu haben scheint. Einer der» jenigen, welche die Auseinandersetzung mit dem arbeitswilligen Steinrück hatten, der Schmied Kretzer, kam auf die Anklagebank. Er ist der Körperverletzung, der Beleidigung und des Vergehens gegen 8 153 ber Gewerbeordnung angeklagt. Der vom Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn verteidigte Angeklagte bestreitet, daß er den Stein- rück gestoßen habe, er habe sich nur gegen einen Stoß Steinrücks gewehrt. Daß der Angeklagte den Arbeitswilligen geschimpft habe, wie die Anklage behauptet, konnte dieser selbst nicht sagen. Da- gegen will er bestimmt wissen, daß ihn Kretzer gestoßen habe.—> Das Gericht bezeichnete das Verhalten Steinrücks gegen seine Ver» bandskollegen als nicht einwandstei, feine Angaben seien aber glaubwürdig. ES verurteilte daraufhin den Angeklagten wegen Vergehens gegen ß 153 in Jdealkonkurrenz mit gemeinschaftlicher Körperverletzung zu drei Tagen Gefängnis. Obgleich nicht fest- gestellt werden konnte, daß der Angeklagte auch nur ein Wort zu dem Steinrück gesagt hat, nahm das Gericht doch an, er habe ihn durch einen Stoß zur Teilnahme am Streik bewegen wollen. DaS geht nach Ansicht deS Gerichts daraus hervor, daß andere Teil- nehmer der Rempelei das Wort„Streikbrecher" gebrauchten. Ent- gegen der Rechtsprechung des Kammergerichts und Reichsgericht» hat das Schöffengericht den§ 153 der Gewerbeordnung für den schweren angesehen und deshalb auf Gefängnisstrafe erkannt. Würde sich das Gericht nicht auf diesen irrigen Standpunkt gestellt, sondern die Strafbestimmungen über Körperverletzung an- gewandt haben, dann hätte der Angeklagte, da ihm daS Gericht selbst Milderungsgründe zuerkannte, mit einer mäßigen Geldstrafe davonkommen können. Aber der Angeklagte war ja ein Streikender und der Verletzte ein Arbeitswilliger. Em aller Sielt Zur KatalTtropbe Cm KaUbcrawerh. Den Anstrengungen der Rettungsmannschaft ist es gelungen gestern morgen 3 Uhr die letzten Leichen der bei der D y n a in i t e x p l o s i o n auf dem Kalischacht der Gewerkschaft „Siegfried" getöteten Bergleute zu bergen. Das Unglück hat im ganzen 13 Opfer gefordert. 10 Bergleute sind durch die Explosion selb st verunglückt, zwei der Opfer ge- hören zu den Rettungsmannschaften. Fa st sämtliche Toten sind verheiratet. Wie die Verwaltung des Bergwerkes mitteilt, hat die amtliche Untersuchung ergeben, daß das Unglück auf dem Schacht auf die wahrscheinlich durch Ver« schulden eines Hauers entstandene Explosion einer Dynainitkiste zurückzusühren ist. Eine Gelvißheit über die EntftehungSursachen wird sich aber ebenso wahrscheinlich nie ergeben, da ja die sämtlichen Beteiligten der Katastrophe zum Opfer gefallen find. Sehr fraglich erscheint eS, ob nicht auch irgendwie mangelnde technische Einrichtungeil des Bergwerkes zur Herbeiführung der Explosion beigetragen haben. So lange nicht die Anordnung und Durchführung der für den Bergbau notwendigen Unfallverhütungsvorschriften in die Hände frei gewählter Arbeitervertreter gelegt ist, werde» infolge mangelhafter Betriebseinrichtungen immer wieder schwere Katastrophen im deutschen Bergbau zu verzeichnen sein. Die Sturmverhcerungen auf Kuba. Die vorliegenden Nachrichten über das Unwetter, daß die Insel Kuba und die Südspitze von Nordamerika betroffen hat, lassen erkennen, daß der Stnrm einer der schwer st en ist, der die Gegend je heimgesucht hat. Der auf der Insel angerichtete Schaden wird auf Millionen geschätzt. Alle Ortschaften haben schwer g e- litten. Es wurde nicht nur die Tabakernte vernichtet, sondern auch die Tabakscheunen sind überall zerstört.— Sehr schwer betroffen wurde durch die mit dem Sturm verbundene Flutwelle auch die nordamerikanische Halbinsel Florida. Das Geschäftsviertel von San A u g u st i n e ist von der Sturinflut überschwemmt worden. Aus Savannah kommt die Nachricht, daß das Sturmzentrum längs der Küste fortschreitet. Die Windgeschwindigkeit hat bereits IVO Kilometer in der Minute erreicht. Die Stadt weist erheb- liche Beschädigungen aus. Unter den Einwohnern ist eine Panik ausgebrochen. In der Nähe der amerikanischen Küste ist während des Sturmes der Dampfer„ M e r c a t o r" untergegangen. 60 Personen fanden bei der Katastrophe den Tod in den Wellen. MeUmans Hhen teuer. Die so vorzeitig geendete Europareffe deS Amerikaners W e l l m a n läßt es verschiedenen Sachkennern zweifelhaft er- scheinen, ob bei ihm überhaupt die Abficht bestanden hat, das europäische Fsftland zu erreichen, oder ob es sich nicht nur um einen großen Reklameblusf der amerikanischen Zei- tung handelt, mit deren finanzieller Unterstützung das Unter- nehmen ermöglicht wurde. Anerkannt muß jedoch werden, daß der Luftschiffer mit seiner 69 stündigen Fahrt alle Rekorde von Fahrten lenkbarer Luftschiffe bedeutend übertroffen hat. Ueber die Fahrt auf dem Meere gibt Well- man in einem Telegramm eine dramatische Schilderung. Widrige Winde und das Unpraktische verschiedener Einrichtungen des Ballons bestimmten ihn und seine Begleiter, auf die Fahrt nach Europa zu verzichten und den Versuch zu machen, die Bermuda- i n s e l n zu erreichen. Um ein Sinken des Ballons ins Meer zu verhindern, mußten Gasolinbehälter und sonstige Ausrüstungsgegenstände über Bord geworfen werden. In früher Morgenstunde wurde das Rettungsboot ausgesetzt; bald erblickte man auch in einer Entfernung von zwei Stunden den Dampfer„Trent". Das Luftschiff wurde, nun auf den Meeresspiegel niedergelassen und die Mannschaft ausgeschifft. Sobald die„Amerika" von der Last des Bootes befreit war, erhob sie sich und verschwand bald in der Ferne. Wie Wellman erklärt, sah er dem Verlust des Luftschiffes mit wenig Bedauern zu, da es ja doch unbrauchbar war. Wahrscheinlich werde ein größeres und stärkeres Schiff für eine neue Fahrt gebaut werden. Wellman hat bereits öfter durch seine geplanten Unter- nehmungen von sich reden gemacht. Schon im Jahre 1894 wollte er auf Schlitten den Nordpol erreichen, 1398 rückte er zum zweiten Male gegen den Nordpol vor, brachte es aber auch diesmal nur bis zum 82. Grad nördlicher Breite, wo er, wie er erzählte, in eine Gletscherspalte stürzte und viel aushalten mußte. Später hat er mit großen Reklamemitteln den Versuch unternommen, von Spitzbergen aus mit einem Lenkballon den Nordpol ten Jahre diente,"jagte sich aus seinem Karabiner eine in die Herzgegend. Nach kurzer Zeit st a r b der zu erreichen. Das eine Mal ist er gar nicht abgeflogen. Sek dem zweiten Versuch im vorigen Jahre ging er nach einem Muge von 32 Seemeilen nieder, weil er seinen Proviantschlauch verloren hatte. Auch die neueste Fahrt Wellmans wird ja, wie er selbst sagt, wahrscheinlich eine Wiederholung mit einem neuen Ballon erfahren. Ob er dann glücklicher sein wird, ist freilich noch sehr die Frage._ Kleine Notizen. Als ungetreuer Beamter entpuppte sich der städtische Voll- ziehungsbeamte I a h n k e aus Remscheid; er ist wegen Unter- schlagung amtlicher Gelder verhaftet worden. Nach den bisherigen Feststellungen hat er etwa 5999 Mark hinterzogen. Lieber tot als Soldat! Der bei der 3. Eskadron des Schwedter Dragonerregiments stehende Reiter Jonas, der im zweiten Kugel � Lebensmüde. Der während eines Sturmes in der Ostsee untergegangene Dampfer„Valeria" aus Hamburg ist an der Küste von Estland gefunden worden. Nur die Mast spitzen ragen aus dem Wasser. Wie bereits gemeldet, sind von der Mannschaft mehrere Matrosen tot ans Land getrieben worden. Die Beschietzung des am Sonntag in Saarbrücken aufge- stiegenen Ballons wird von der französischen Presse bestritten. Es sei zwar am Sonntagabend ein Kngelballon über Äerdun ge- flogen, es sei aber falsch, daß auf ihn Gewehrschüsse abgegeben seien. Eine schwere Kesselexplosion ereignete sich auf der Fahrt des Postdampfers„St. Anna", der von New Dork kommend in Marseille vor Anker ging. Bei der Explosion wurden vier Heizer getötet. Untergegangener Dampfer. Wie ein Telegramm aus Chri- st i a n i a meldet, ist der Dampfer„Bengal" in der Nähe von Hammerfest an Meeresklippen zerschellt; 19 Mann der Be- sa tz ung sind umgekommen. Leseabende. Steglitz. Freitag, den 21. Oktober, abends 8'/z Uhr. bei Heizmann. Florosiraße. Vortrag:»Kircke und Sozialdemokratie". Referent Genossin Frida Sckulte-Rixdorf. .gSEHeSSSStSSSSSi $ Unferem Genossen »SSSSK� i l-crch% itage die jb ...»um 70. Geburtstag» Jb besten Glückniünsche I � Die Genossen Vt tfss 711. und 711b Bezirke urkt<(, Am Dienstag früh verstarb nach langem, schwerem Leiden mein lieber Mann, unser auter Vater und Schwiegervater, der Gastwirt Paul Lucas im Wter von 49 Jahren. Dies zeigen tiesbetrübt an Bio trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 5 Uhr, aus dem Mariendorfer Gemeinde- lirchhose statt. 14436 Sozialdemokrat Vablvereio II arten dorf. Am Dienstag früh verstarb nach langem Leiden unser lang- jähriger Genosse, der Gastwirt Paul Uicas. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Freilagnachmiiiag 5 Uhr aus dem Mariendorser Friedhose, Frieden. stratze, statt. 203/17 Um rege Beteiligung ersucht Der Borltanb. Verband der ireien Gast- und Schankwirte Geutsehlands. Zahlstelle Schöneberg. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Paul Lucas (Mariendorf, Königstratze 44) verstorben ist. Ehre seinem Andenren 1 Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 5 Uhr, aus dem Maricndoffer Gemeinde- lirchhofe statt. 75,20 Um zahlreiche Beteiligung bittet Oer Vorstand. I. A.: Ernst Obst. Verdand der Lederarbeiter (Berlin I). stermit den Kollegen zur Nach Diensta rillst, datz 18. d. M., Weltzgerber am unser Mitglied den der WvnavI Just gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 22. Oktober, nachmittags'/,5 Uhr, von der Leichenhalle des Sebastian-Fried- Hofes, Neinickendorf, Humboldt- stratze, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borttand. Nachruf. Am 13. Oktober 1910 starb unsere Kollegin Schombel geb. Kixdorf infolge Unglücksfalles. 14455 Wir werden ihr stets ein treues Andenken bewahren. vis Arbeiter und Arbeiterinnen der Aktiengesellschaft Mix A Genest, Schöneberg. Allen Beteiligten zur Nachricht, datz die Beerdigung unseres ver- storbenen Kellegen (justsv vcd�at nicht in Stahnsdorf, sondern am Freitag nachmittag aus dem Luisen. Kirchhof in Westend stattfindet. Näher« Zeitangabe erfolgt morgen. Oa» Pereaeat der Buehdruekere) P. Singer ACe Deutscher Holzarbeiter- Verband Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Tischler (justav Dichter am 13. Ottober gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. Ottober,»ach. mittags 3'/, Uhr, von der Halle des Auserstehungs-Kirchhoscs am Weitzenseer Weg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 92/1 Ortsverwaltuug. VeM der Brauerei- el ■Meiler Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. datz unser Mitglied, der Brauer Franz Orasch (Bereinsbrauerel Rixdors) gestorben ist. Ehre seine« Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. d. M., nachmittags 3>/z Uhr, von der Leichen- Halle des St. Michael- Kirchhofes in Mariendoff, Rixdorser Stratze, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 43/14 Bio Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Berwaltungostelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Maschinist Vilbeim Pruscbinsky am 17. d, M. durch Betriebs. uufall gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freilag, den 2l. Oktober, nach- mittags S1!, Uhr, von der Leichen- Halle deS Gethsemmie-KirchhoseS in Nieder-Schönhausen« Nordend aus statt. Rege Beteiligung erwartet 123/14 Bis Ortsverwaltung Hierdurch die traurige Nachricht, datz mein lieber, guter Mann «losepd Künzer nach kurzen, schweren Leiden sansl entschlafen ist. Dies zeigt tiesbetrübt an Die trauernde Witwe. Die Beerdigung findet am Freitag, den 2l. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des St. Simeons-Friedhoss in Britz aus statt. 14ZSb Hierdurch die traurige Nach. richt. datz bei dem Brande der Firma Arndt in der Neuen Friedvichslratze meine inniggeliebte Frau Helene Aumann geb. Beckllng tödlich verunglückt ist. Dies zeigt tiesbetrübt an W Uta. A nuiann, Libauerstr. 6. Die Beerdigung findet am Sonnabend, 22 Oktober, nacbm. 4 Uhr, von der Leichenhalle deS Zentral. Friedhofs in Friedrichs. selbe aus statt. 1442b Uerbaud der Schtitidtr, Zdjmdmmltn und Mdikarbkitrr Drutschl. Fillals Berlin III der Wäsche- und Krawattenbranche. Todes- A nzetge. Allen in der Wäsche- und Krawattenbranche beschästtgten Kolleginnen und Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, die Plätterin, Frau Helene Aumann geb. lleckiiag, welche bei der Brandkatastrophe in der Wäschesabrik 0. Arndt den furchtbaren Tod gesunden, am Sonnabend, den 22. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle deS Zentral-Friedhoscs in Friedrichs- leide aus beerdigt wird. Um recht regeBeleiligung effucht Die Ortsverwaltuug III. Syphilis- Nachweis in allen frisch, u. veraltet, zweifelhaft. Fäll, durch wissenschastl. Untersuchung. sofort; desgl. Harn-(spez. aus Go- norrhoe-Fäden) u. Sputum-Analysen. Gr. Homeyer& Co., Spezial-Laborat., Friedrichstr. 189, zw. Kronen- und Mohrenstratze), I. 8724. Pers. Rückspr. diskr. u koslenl Geöffnet von 8—8 Sonntags von 12— 1.• Möbel » Credit. in bester Ausführung. I1Ä1 aus Credit! vom einfachsten bis zum elegantesten. ! Kübel auf Credit! ganze Wirtschaften sowie einzelne Stücke. ! Möbel auf Creditl sowie Waren jeder Art. HeFren- u. 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Die Beeidigung findet am Freit-g, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde- iriedhoseS uns statt. Ober-Schöneweide, den 18. Oktober 1910. 71», Stephrnn nebst Familie En ero» detail Knaben-... Jünglings-ßaräerolie fertig u. nach Nafi am billigsten und reellsten in der Fabrik Koppeuwtr. 85, part., I 2 Minuten v. Schles. Bahnhof.| « Karl Hustädt. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die überaus zahl« reichen Kianzspenden bei der Bcerdi- gung meines lieben ManneS, unseres guten Vaters Lückert sagen wir allen Beteiligten, ins- besondere dem„Verewigten Sänger- chor Wcdding" sowie den Genossen des 6. Wahlkreises und den Kollegen der Firma Schneider unseren innig- sten Dank. Witwe AaeDHte Luchert _____ nebst Söhnen. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise herz- sicher Teilnahme bei der Beerdigung meines gesiebten Mannes Wtlhelm Stcngert.spreche meinen lief« gcsühlieslen Dank aus. 1420b Frau Witwe Stengert geb. E n n o Hygienische«�SfeT Ikroeerle Zaretnba. 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Beriag �VorwärtA vuchdruckerei u. BeriagSanstait Paul Singer& Äo. Betitn S\b»~ Kr. 246. 27. Iahrganz. 2. Kkiltßt Ks Joriüärts" ßttliiitt WsblÄ Aottnerstag. 20. Oktober!M Sechster österreichischer gemrkichsftt- kongreß. Wien, 19, Oktober. (Telegraphischer Bericht.) Dritter VcrhandlungStag. Den Vorsitz führt Beer- Wien. Der Kampf um die Einheit der GewerkschaftSorganifation. Die Debatte nimmt noch den ganzen Vormittag in Anspruch. Sie wird völlig beherrscht von der leidenschaftlichen Erbitterung, die besonders die tschechischen Delegierten der Zentralorganisationen gegen die gewerkschaftlichen Zersplittcrer erfüllt. Nach einander besteigen die tschechischen Delegierten die Rednertribüne, erklären die Hoffnung ausFrieden für ganz aussichtlos und bezeichnen die vorliegende Resolution der Gewerkschaftskommission als unzureichend. In der Reso- lution ist nur die Rede von der Einheitlichkeit in der Führung der Kämpfe und von der einheitlichen Verwaltung der zum Kampf bestimmten Gewerkschaftsgelder. Dagegen fehlt in ihr die Forderung auf gruud- sätzliche Einheitlichkeit der Gewerkschaftsorganisation. Das erscheint den tschechischen Zentralisten und vielleicht auch der Mehrheit des Kongresses als ein Rückzug hinter Kopenhagen und wie eine ver- steckte Anerkennung des Separatismus. Darum die Anträge auf eine Verschärfung der Resolution. Nur ab und zu machen sich andere Stimmen' bemerkbar. Wir greifen einige Reden der Gegner der Resolution und einige Antworten heraus. S u h r o w s k y« Olmütz, einer der Ausgeschloffenen, nennt die Parteijustiz der tschechischen Partei schlimmer als die der Regierung. Er sei von einem Advokaten, einem Agenten und einem Greisler aus der Arbeiterpartei ausgeschlossen worden. Die Separatisten haben bereits Streikbrecher gezüchtet. Gegen die Eisenbahner verfahre man noch milde, weil sie soviel Geld nach Prag ab- liefern. Aber eine separatistische Eisenbahnerorganisation sei bereits im Werden. Jura- Brünn: Die Erbitterung der zentralistischen Tschechen wird kaum verschwinden. Das macht die Taktik der tschechischen Partei in Prag unmöglich. In Brünn sind 16 Organisationen auS der Partei ausgeschlossen worden, weil sie mit den deutschen ge- meinsam die Maifeier gefeiert haben.(Große Erregung und Be- weguug.) T e z e n k a- Wien(Bauarbeiter): Die Resolution ist ein Verrat an den Beschlüssen von Kopenhagen und an der Einheit der gewerl- schaftlichen Organisation. Arbeitel- Bielitz: Die Verfasser der Resolution betonen, daß zunächst ein Uebergnngsstadium für die Separatisten geschaffen werden muß. Aber ein Uebergangsstadium schaffen ohne das Prinzip zu betonen, heißt, das Prinzip fallen lassen. Mögen die leitenden Personen in der Partei keine Vogel-Strauß-Politik treiben. Man hat, statt das Feuer zu löschen, den drohenden Zwiespalt zu leugnen gesucht. Inzwischen wurden die Gelverkschaften durch die Scpara- tisten gesprengt. Wir können nur einet Resolution zustimmen, in der das Prinzip der zentralen Organisation uiictsckiütterlich aufgestellt wird. Sonst opfern wir die tschechischen Zentrallsten in schnödester Weise. Und das wird erreicht werden, wenn wir die Resolution unverändert annehmen. Den tschechischen Separatisten wird sie doch unannehmbar erscheinen, weil sie eine zentrale Verwaltung der Gelder fordert. Aber die Konzessionen, die wir ihnen darin machen, werden sie in der Agitation gegen uns benützen. Was die Tschechen verlangen, ist nicht mehr Separatismus, das ist tschechischer Imperialismus. der sich auf das ganze Reich, ja sogar über die Grenzen hinaus ersteckt. Wir sind gekonimen, um zu veranlassen, daß endlich das Schlußwort gesprochen wird. Wenn wir die Argumente, die wir gegen die Separatisten haben, fallen lassen, so gefährden wir selbst den uns aufgezwungenen Kampf und darum dürfen wir das Prinzip des Zentralismus der Organisation nicht fallen lassen. W e n z e l- Wien(Bauarbeiter): Meine Organisation war die erste, die von den Tschechen gesprengt wurde. Damals kümmerte sich kein Mensch darum, heute brennt es an alle» Ecken. Als der Kongreß in Kopenhagen tagte, habe ich mir jeden Morgen, bevor ich»lir daS Frühstück gekauft habe, die Zeitung gekauft, um zu sehen, was in Kopenhagen gesagt worden ist und ob endlich nicht das Ende dieses traurigen Konfliktes käme. Die tschechischen Separatisten sind keine Sozialdemokraten mehr, sonst würden sie nicht das tschechische Pro- letariat, von denen als Bauarbeiter viele Tausende nach Deutich- land gehen müssen, treffen. Was haben sie denn erreicht? Vor der Krise halten wir 8666 Mitglieder, heute haben wir nur noch 3666 Mitglieder. Und wieviel haben die Separatisten? Sie haben auch keine. Die Jndustricgruppe der Bauarbeiter beantragt:„Der Kongreß beschließt, daß die geplanten Einigungsverhandlungen längstens bis zum 15. November zu beginnen haben. Sollten sie von den Sepa- ratisten bis dahin vereitelt werden oder sollten sie bis dahin zu keinem günstigen Resultat führen, dann ist der Kampf um die Ein- heit der Gcwerkschaftsorganisation mit aller Energie zu führen." Für die Resolution' traten besonders lebhaft Patermann- Wien(Metallarbeiter) und Beer-Wien ein. Beer führte aus: Die Debatte leidet unter dem schweren Fehler, daß wir alle zu sehr den Blick in die Vergangenheit werfen und nicht sehen, was uns die Zukunft bringt. Ich begreife die starke Erbitterung wegen des Verhaltens der tschechischen Sozialdemokratie und der Prager Gewerkichaftskominiffion. Aber wir müssen fragen, wie sich in Zukunft die Organisation zu uns gestalten soll. Ich bin über den Borwurf erhaben, ein schwäch- licher Vertreter des Zentralismus zu sein. Ich habe von vornherein für den Zentralismus gekämpft. Aber ich darf nicht ver- kennen, eine Zentralisation ist nicht möglich in dem Maße, wie wir sie uns früher vorgestellt haben. Wen» ein großer Teil des Lster- reichischen Proletariats sie nicht mehr will, weil er unter einem starken Druck der tschechisch-slowischen Sozialdemokratie steht. Das nicht sehen wollen wäre dieses Kongresses unwürdig. So bitter die Tatsachen sind, wir würden ein Verbrechen begehen, wenn wir aus diesem schweren Konflikt nicht herauszukommen suchten. Schiverleidet die Partei und die gesamte Internationale unter diesem Konflikt. Aber wir sollen hier nur unsere eigene Sache bestellen. Wir dürfen lins nickt von der Erbitterung leiten lassen, soviel Grund auch die Zen- tralisten dazu haben. Das darf kein Wegweiser für uns sein. Vielleicht drückt die ganze Erbitterung zu sehr auf unsere Debatte. Sollen wir einen Kampf noch länger fortführen, von dem wir wissen, daß jeder seiner Foxtdauer mehr vergiftet? Wir können die zentrale Or- ganisation in Böhmen nicht durchführen, da mit Ausnahme einiger weniger jetzt niemand dafür wirkt. Tatsächlich haben wir in Böhmen eine zentrale Organisation dieser Art, wenigstens bei uns Metallarbeitern, nicht. Es war die reinste Republik, die Böhmen konnten tun, was sie wollten, der Vorstand hat einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auch früher nicht gehabt. Leugnen wir eS nicht, bei Ihnen allen war es ebenso schlimm wie bei uns. Vergessen wir eines nicht: Auch unsere Leute leiden unter diesem Konflikt. Ist unsere Aktionsfähigkeit nicht vollständig gelähmt, können wir unsere Aufgaben als Gewerkschaftler noch erfüllen? Der Konflikt lähmt uns, er geht nicht nur aus Kosten der Separatisten, nein, er geht auf Kosten der gesamten Arbeiterschaft. Wir haben ein eigenes Interesse am Aufstreben des tschechischen Proletariats. Bleibt das tschechische Proletariat tief unten, dann komincn wir selber nicht vorwärts. Ich hoffe, daß der Kongreß eine Politik mache» wird, die die Arbeiter der Großindustrie mitniacken können. Heute schon leidet ein großer Teil der großindustriellen Arbeiterschaft'schwer unter dem Gegensatz. Es ist höchste Zeit, zu einer Verständigung zu gelangen. Die Resolution ist gewiß keine starke Brücke. Wir müssen trotzdem den Versuch machen, sie aufzubauen, weil sie auch zu uns führt und nicht bloß zu den anderen. Darum keine Verschärfung der Reso- lution I In Kopenhagen sind wir beauftragt worden, eine Ver- ständigung zu suchen. Sie mutz erfolgen; allerdings nicht um jeden Preis und nicht auf Kosten der Ehre der Organisation. Die weiteren Verhandlungen werden auf morgen(Donnerstag) vertagt. Am Nachmittag findet eine vertrauliche Sitzung statt. Sie Mwoil. Der Kampf der Frau um Mutter- und Säuglingsschutz im Spiegel der Kaiserrede. Nicht weniger als acht öffentliche Frauenversamm- l u n g e n mit diesem Thema fanden am Dienstag im sechsten Wahlkreise statt. Es ivaren dazu nur größere Säle gewählt worden und alle waren sie außerordentlich gut— von insgesamt zirka 16 666 Frauen und Mädchen— besucht. Referentinnen waren Luise Zietz, Mathilde Wur>n, Klara Weil, Anna Matsch ke, Gertrud Hainia, Marie Greifenberg, Regina Friedländer lind Ottilie Baader. Aus den Ausführungen der Rednerinnen entnehmen wir folgendes: Man habe Mütter heilig gesprochen, denn in der katholischen Kirche beten Millionen zur Mutter Maria. Dichter haben den Mutterberuf als den schönsten und herrlichsten geschildert, aber auch als den verantwortlichsten für die Gesellschaft. Diese selbe Gesell- schaft zerstört aber durch ihre Produktionsweise Jahr für Jabr die Gesundheit von Tausenden und Abertausenden junger Mädchen und Frauen, so daß deren Schoß unfruchtbar bleibe oder sie nur verkrüppelten und siechen Kindern das Leben geben. Es sei die schwerste Anklage gegen den Kapitalismus, daß er weder die Frau noch die Kinder geschont habe, weder die Säuglinge noch die werdenden Kinder im Mutterschoße, nur um seinen Profit zu steigern. Doppelt lastet die Berussarbeit und die Hausarbeit auf den Schultern der Frau, seitdem wir die Frauencrwerbsarbeit als Massenerscheinung haben. Am deutlichsten tritt das in die Erscheinung, wenn die Frau Mutter wird. Dazu kommt, daß dem Säugling die natürliche Nahrung, die Muttermilch, genommen wird. Ungeheuer ist der Umfang der Vernichtung der Gesundheit der Frauen und Mädchen, der Vernichtung der Gesund- bcit der neugeborenen Kinder.— Zahlen und Beispiele brachten die Nednerinnen dafür in Masse bei.— In Deutschland zeigt sich eine ganz besonders hohe Säuglingssterblichkeit. 1963 starben von 166 Kindern im ersten Lebensjahr mehr als 18(18,5) und im Jahre 1967 gar mehr als 19(19,5). Im Jahre 1967 waren es rund gerechnet 466 666 Kinder, die in Deutschland im Säugliugsalter starben, und 1968 waren eS 351 664. Wie sehr die Ursache der hohen Säuglings- slerblichkeit in den Wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen begründet ist, sieht man, wenn man gewisse örtliche Zahlen mit den obigen für das ganze Reich geltenden Prozentzahlcn vergleicht. In den Weberdistrikten Schlesiens starben 46 von 166 Säuglingen, in den Weberdistrikten Sachsens und in dem Bezirk der Heimarbeit Thüringens 36 von 166, in Weißensee bei Berlin 31 von 166, in Britz 36 von 166, in Lichtenberg 25 von 166. Dagegen starben in Dahlem, einem Berliner Vorort mit überwiegend bonrgeoiser Bevölkerung, noch nicht 7(6,67) von 166 Säuglingen. Also in den Gegenden mit Arbciterbcvölkernng ist die Säuglingssterblichkeit vier- bis fünfmal so hoch, als in Kreisen des BürgenumS. Außerordentlich groß ist sodann die Zahl der proletarischen Frauen, die Unterleibs- leiden, Beinschäden haben, schlimme Krampfadern oder sonstige Krankheiten, die in einem ursächlichen Zusammen- hang init dem Wochenbett stehen. Die Zahlen sehen wir, den Umfang sehen wir? aber wir sehen damit noch nicht in ihrer ganzen Tiefe das Elend und die seelischen Ovalen, die dannt verbunden sind. Wie die Frauen darunter leiden müssen, wie sie verzweifeln am Leben und manche zum Selbstmord getrieben wird, das kann nur ermessen, der selbst so etwas durchgemacht oder mit angesehen hat. Anschauliche Schilderungen, unter Verwertung gutachtlicher Aeußerungen von medizinischen und sozialpolitischen Autoritäten, gaben die Rednerinnen von der Einwirkung der g e- werblichen Gifte aus den FrauenorganiSinus und die dadurch bedingten Leiden der Frauen, und von dem Siechtum der Kinder als der weiteren Folge. Da muß die Arbciterschutzgesetzgebung mehr eingreifen. Kinder sind von der Erwcrbsarbeit ganz auszuschließen und für die heranwachsende Jugend und die Erwachsenen muß eine weiter- gehende gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit herbeigeführt werden. Namentlich bedürfen die Frauen des Schutzes durch gesetzliche Maß- nahmen, wie sie die Sozialdemokratie fordert. Unter anderem ist ein ausreichender Wöchnerinnen- und Schwangerenschutz z» fordern. Die Schutzfrist muß mindestens acht Wochen vor der Niederkunft und acht Wochen nach der Niederkunft betragen. Eine solche Bestim- mung in der Gewerbeordnung würde aber bei der in proletarischen Kreisen herrschenden Not allein nichts ausrichten. Eine einiger- maßen genügende Unterstützung muß hinzukommen. Und da ist jetzt, wo die Reichsvcrsicherungsordnung in der Kommission ist und bald vor den Reichstag kommen wird, die beste Gelegenheit, Forderungen an die Gesetzgebung zu stellen. Die Nednerinnen ver- traten in der Hinsicht die Forderungen, die in der unten ab- gedruckten Resolution wiedergegeben sind. Ferner wurde ausgeführt: Obwohl daS nur das Mindestmaß ist, waS gefordert werden muß, wird man nickt anders als durch Kampf dazu kommen. Des- halb ist es außerordentlich zu begrüßen, daß die Frauen in solchen großen Scharen in die Versammlungen gekommen sind. Die Frauen dürsen sich aber nicht begnügen mit dieser einen Demonstration für die Forderungen der Rciolution. Sie müssen weiter zusammenhalten in all den Kämpfen um eine bessere Zukunft. Wie seien nun diese Ratschläge in Einklang zu bringen mit den Ratschlägen, die der deutsche Kaiser de» Frauen gegeben habe. Nun; Gegen das persönliche Regiment protestieren wir und wir ver- langen, daß die Verfassung beobachtet werde. Weiter wollen wir sorgen dafür, daß die Demokratie und hoffentlich bald die Sozial- deniokratie maßgebend sei. Und was er von den Frauen sage, sei doch seine Privatmeinung, die wir nicht zu hören brauchten. Wir sagen: Deutscher Kaiser, wir lehnen es ab, uns von Dir Ratschläge geben zu lassen. Wir sind selber reif geworden. Wir brauchen uns nicht belehren zu lassen, daß es nicht darauf ankomme, sich auf Kosten anderer auszuleben. Wir wissen, daß die harte Not des Lebens über 9 Millionen Frauen in Deutsch- land in die Erwerbsarbeit getrieben hat, daß die harte Not an die Türen pocht, und daß die Finanzgesetzgebung des Staates sie noch mehr verschärft hat. Für die proletarischen Frauen kommt eS wirklich nicht darauf an, sich auf Kosten anderer auszuleben. Und auch nicht für die Frau des Kleinbürgers. Ein Mann in den Ver- hältnisscn des Kaisers braucht uns das nicht zu sagen. Und wenn irgendetwas geeignet ist, den Frauen zu zeigen, daß sie sich um Politik zu kümmern haben, so daS Thema, was sie eben be- schäfligte. Aber auch darüber hinaus hätten die Frauen eS bitter notwendig, sich um Politik zu kümmern, Mitglied des sozial- demokratischen Vereins zu werden, Versammlungen zu besuchen und alles daran zu setzen, um zu politischen Rechten zu kommen.— Reaktion und mangelnder Arbeiterschutz, Ausbeutung und mangelnde Staatsbiirgerrechte: das alles greife in einander über. Und da sollten sich die Frauen nicht um Politik kümmern?— Eine schleckte Hausfrau, eine schlechte Mutter, eine schlechte Gattin müsse sein die Frau, die sich nicht um Politik ki'unmere und nicht eine gute Staats- bürgerin sei. Hinein in die sozialdemokratische Partei I Dieser Mahnruf wurde in allen Versammlungen mit Begeiste- rung von den Frauen aufgenontmen. Viele neue Mitglieder wurden gewonnen.- So gaben die Frauen auf die Kaisertvort� die beste Antwort, die sie geben konnten. Einstimmig angenommen wurde die folgende Resolution: „Die steigende Teilnahme der Frau am Berufsleben, die durch das Ergebnis der letzten Berufs- und Gewerbezählung wiederum klärlich beleuchtet wird, bringt schwere Gefahren mit sich für Leben und Gesundheit der Frauen und Kinder der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums. Die Vereinigung von Berufs- und Hausarbeit für die Frauen zur Zeit der Mutterichast führt häufig zu Unterleibserkrankungen, Erschwerung der Schwangerschaft und Entbindung, Fehl« und Frühgeburten, früher Sterblichkeit und Siechtum der Kinder. Die soziale Not zeitigt die gleichen Erscheinungen in weiten Kreisen der unbemittelten Volksschichten, auch wenn die Frau nicht erwerbstätig, aber aus Mangel an Mitteln der Ruhe und Pflege entbehrt zur Zeit der Mutterschaft. Im Interesse der Erhaltung von Leben und Gesundheit der Mütter und Kinder fordern deshalb die Versammelten, daß die Krankenversicherung wie folgt ausgestaltet wird: 1. Ausdehnung der Kranke nversicherungS- Pflicht auf alle lobnarbeitende» Frauen, auch auf die land- wirtschaftlichen Arbeiterinnen, Dienstboten, Heimarbeiterinnen sowie überhaupt auf alle Frauen, deren Familieneinkommen 5666 M. nicht übersteigt. 2. Obligatorische Gewährung einer Schwangeren- Unterstützung im Fall der durch die Schwangerschaft verursachten Erwerbslosigkeit aus die Dauer von acht Wochen. 3. Freie obligatorische Gewährung der Heb- ammendienste und freie ärztliche Behandlung der Schwangerschafts« beschwerden. 4. AuSdehn nng der Wöchnerinnen- Unterstützung von 6 auf 8 Wochen. Falls das Kind lebt und die Mutter fähig und willens ist, eS selbst zu stillen, ist ein Stillgeld auf die Dauer von 26 Wochen zu gewähren in der Höhe des gesetzlichen Kranken- gelbes. Ausdehnung der Krankenkontrolle auf die Zeit von der ersten Woche ab. 5. Erhöhung des Pflegegeldes an Schwangere und Wöchnerinnen für die Dauer der Schutzfrist auf die volle Höhe des durchschnittlichen Tagesverdieust-s. 6. Obligatorische Ausdehnung der unter 3—5 an- geführten Bestimmungen auf die weiblichen Angehörigen der K a s s e n nt i t g l i e d e r. 7. Vereinheitlichung der Krankenkassen und Sicherung des Selbstverwaltungsrechts." Im zweiten Wahlkreise tagten zwei Versammlungen, in der Fichtestraße und in der Dennewitzstraße, im dritten Wahlkreise fand in den Arminhallen eine Versammlung statt, die sich mit dem Thema „Der Kampf der Frauen gegen Lebeusmittelwucher im Spiegel der Kaiserreden" beschäftigten. Zahlreich waren die Frauen erschienen. Als Referenten sprachen die Genossinnen Frau Klara Schuch, Frau Fahren tvald und Frau Mittag. In den Anninhallen hatte sich ein Kriminalbeamter eingeschlichen. Man hatte ihn aber gleich erkannt und vor Eintritt in die Tagesordnung mußte er unter dem Spott und Hohn der Versammlung von bannen ziehen. Dann schilderte die Referentin in einfachen, klaren und eindringlichen Worten, wie die Frauen und Mütter so außerordentlich schwer unter der künstlich herbeigeführten Teuerung der Lebensmittel zu leiden haben, wie die ganze Familie doppelt bluten muß, weil das geringe Einkommen verbraucht wird, um nur deS LeibeS nächste Notdurft zu befriedigen und kaum etwas übrig bleibt zur An- schaffung der eigentlich für einen Kulturmenschen unentbehrlichen Jndustrieprodukte. Dazu hat er damit zu rechnen, daß die immer mehr anwachsende Masse der unverkauften Waren für ihn Arbeits- losigkeit und damit doppelte Entbehrung zur Folge hat. Da ist eS für die Proletarierin kein schöner Beruf, Hausfrau und Mutter zu sein, die sich den letzten Bisten vom Munde abspart, damit nur der Mann einigermaßen die bei schwerer Arbeit verbrauchte Kraft ersetzen kann, und die Kinder nicht allzusehr Not leiden. Da paßt so ganz und gar nicht das vielgerühmte Vorbild der Königin Luise, die, als Preußen im tiefsten Elend steckte, selbst mit einer nach bürgerlichen Begriffen überreichlich bedeckten Tafel nicht auskommen zu können meinte. In solcher und ähnlicher Weise führten die Nednerinnen den Anwesenden das Spiegelbild vor Augen, das sich ergibt, wenn man die Aeußerungen Wilhelm? II. mit der Not des Proletariats und der proletarischen Frau vergleicht. Ueberall wurde klar und scharf ausgesprochen, daß nicht die schönsten Kaiserreden, und daß nicht irgendwelche Phantasien, sondern nur die lebendige Teilnahme an dem Kamps des Proletariats, an dem Kamps der proletarischen Frau gegen die empörende Ungerechtigkeit aus politischem und Wirtschaft« lichem Gebiet hinwegführen kann über diese elenden Zustände zu besseren Lebensbedingungen und zu einer gerechten GesellschastS- ordnung.— Die Aufforderung, durch Eintritt in die Organisation Mitkämpferinnen zu werden, hatte reichen Erfolg. »mtltcher Marttbertcht der KSdttschen Marktballen-DtreMon ader den Großhandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleisch, Zufuhr schwach, Gelchäft füll, Preise unverändert. Wild: Zufuhr nicht ausreichend, Gcichäst lebhaft, Preise anziehend. Wetlilgil: Zufuhr in Gänsen reichlich, sonst knapp, Geschäsl nicht lebhast genug, Preise schwankend. Fisch«: Zusuhr mäßig, Meichäst schleppend, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Süds r achte: Zusuhr genügend, Geschäst iKenig befriedigend, Preise unwesentlich verändert. «Mttcrungsiidersicht vom 19. Ollober 1910. moraens 8 Nki». 5wmemde Hamburg fiecliti Frankf.a Vi München Wien «Srtterprognose für Donnerstag, den 30. Oktober 1910. Mild, jedoch vorwiegend wolkig oder nebelig bei mäßigen südwesUichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WaflerstandS-Rachrtchte» der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgetellt vom Berstner Wciterbureau. >)+ bedeutet vuch».— Falk.•) Unierpegel. i|o Thealer und Vergnügungen nun ODO □□□ Donnerstag, 20. Oktober Ansang 7'/t Uhr. Neues königl. Cvern-Thenter. Samson und Dullla. Königl. ZchanspiclluniS. Prinz Friedrich von Homburg. Deurjches. Sumurün. Ansang b Uhr. Kammerspiele. GygeS und sein Ring. Neues Zcbaukvielbnus. Die Jung- srau von Orleans. Lcssing. Wenn der junge Wein blüht. Berliner. Die törichte Jungsrau. Neues. Der Slier von Olivcra. K oiiii, che Over. Die Bohönie. Residenz. dloblv«ss oblixo. Kleines. Die verslixlen Frauen- zimmer. Zensur. Erster Klasse. Thalia. Der G'wissenSwurm. Tchiller o. B»>i>»e>. �.oeaier.I Robert und Bertram. Sch.u.i Siiarlottenvurg. Der Dummkopf. Friedrich- WilhelmstitdttscheS. RevolutionShochzeit. Berliner Bolksoper. Martha. (Ansang S>/, Uhr.) Luisen. Kcan. Weste». Die schönste grau. Modernes. Die beste der Frauen. Triano». Pariser Witwen. Neues Ovrretten. Der Gras von Luxenwurg. Liistiviellmiis. Der Fcldherrn- hstgel. Herrnfcld. Eine verlorene Nacht. Der Derbysieger. Noie. Die Anna-Lise. FolieS Caprice. Der schwarze Schimmel.— Bolle Pension. (Ansang 8'/. Uhr.) Merrunv». Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Rudolf. Apollo. Svezialitüten. Aasiage. Spczialitöten. RcichSballeu. Sleiliner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverlaud. Svezialitäten. Sanssouci. Nu hat's geschnappt. Speztaliizlen.(Ans. 8'/, Uhr.) Urania. T»"oe».,r.-stc«e».s«. Der Vierwalbstütter See und der Gotthard. Im Hörsaal um 8 Uhr: Dr. G. Gehlhoss: Mechanik. 8 Uhr: Ein Ueb erblick über die verschiedenen Arten und Wege der tierischen Fortpflanzung. Sterni»»r, r, Juoatroeustr. b7— 62. Schiller Schiller-Thealer 0.(Wallner-Theat.) Donnerstag, abends 8 Uhr: Ik«dvi-t untl Uoi'ti'«,». Posse mit Gesang in 4 Abteilungen von Gustav Racder. Ende tO"/« Uhr. Freitag, abend# 0 Uhr: Die Krenael«clirolber. Sonnabend, abends 8 Uhr: ltodvrt and Bertram. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Donnerstag, abends 8 Uhr: vor B«iiinllt«pk. Lustspiel in 5 Auszügen v. L. Fulda. Ende 10'/« Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: 8<»dai>e� H-lnd«. Sonnabend, abends 8 Uhr: v«r Dumm köpf. Lessing-Theater. 8 Uhr; Wenn der junge Wein blüht. Freitag: Da# Konzert._ Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Die tOrlchto Jungfrau. Morgen: Die törichte Jungfrau. Neues Tiieater. Gastspiel Ferdinand Bonn: Der Sfienm Olm. Anfang 8 Uhr. Idealer äes Westens. Ansang 8 Uhr. Die«chUnate Frau. Sonnt. 3>/,U.: vie geaohieöene Trau. Modernes Theater (irtiher Hebbeltheater). Heule und täglich 8 Uhr: Die I»e»te der Frauen. k�esic! en?-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abend« S Uhr: Noblesse oblige. Schwank in 3 Akten von Hennequln und Beb er. Morgen und solgende Tage 6 Uhr: _ Jfobleaac obllgc. Friedrich-Wühelmstädtlsches Schauspielhaus. Donnerstag, 20. Oktober, abend? 8 Uhr: Revolutionshochzeit. Freitag; Revolutionshochzeit. Sonnabend 81/, Uhr; Kriemhilds Rache. 8 Uhr: Giordano Bruno. Berliner Volksoper AbendS 8'/, Uhr: Martha. Singer Abonnement._ Lustspielhaus. Heute abend 8 Uhr: Der Feldherrnhiigel. Metrozwl-Tksstsr. Hurra! Wir leben noch! Brohe Ausstatliiilgsrevue in 7 Bildern v. I. Freund Musik v. V. Holländer. In Szene geseht von Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. lose-THE/tfk Grohe Frankfurt ci Str. Ans. 8 Uhr. Ende 101/, Die Auue-Llse. MEß ;r. 132. 1 I . Uhr. 1 se. LU von Historisches Lustspiel in 4 Akten Hermann Hersch. Freitag: Othello. Sonnabend nachm.: Häusel und Grctcl. ö Uhr: Das neue Gebot. Flnige neue BUglioder kdnnen sich In den i ZahlMtellen nnr noch für die Nachmittag.- abtellnngen anmelden. Thalia-Theater Kampf, Keues Schauspielhaus Ueber unsere Kraft. Herrnfeld-Thealer Der Herr Senator. Extravorsteliung im Lessing-Theater Sonntag, 20. November: Rosenmontag. Lessing-Tbealer Das Konzert. Residenz-Theater Die 300 Tage. Abendabteiiunyen Ueber unsere Kraft, i Nächste Serie im ThaIla>Theater: Die schöne Helena. Operette von Jacques Olkenbach. TloihsCIeder-Saal V Tiorgartenhof am Bahnhof Tiergarten. Morgevii Freitag, ÖVa Uhr: Mitwirk.: Barle Berg, Daria Fach., Th. Dconard, Willy Tauber,(xuatav Lazarus. rinfpifl 7K Df(reserviert 1,25) mit Garderobe V.IU11 III 1 ü Ii« und sämtlichen Liedertexten. Vorverkauf zu Originalprcisen b. A.Werthoim, Bote & Bock, Invalidondank. Kusseneröffnung T/, Uhr. Licht Spiele Docart.aal, Kollendorfplat.. Dauervorstellung von 6—11 Uhr abends. Sonntag, ab 3 Vbr.— Eintritt leder.elt. Programm und Garderobe frei! Luisen-Theater. Abend» 8 Uhr: Kean<>!>»= Genie und Leidensehaft. Freilag: Die schöne Ungarin. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die Schwanenprlnzessln. 8 Uhr: Kean. Sonntag nachm. 3 Uhr: Die Brü- der von st. Bernhard. 8 Uhr: Der Hüttenbesitzer. ■Mj 8 Uhr: Bas aenaationclio Programm. „ 8'la Uhr: Verbotene Fracht. Uhr: Letzte Woche: Der Schatten Rudolf Schildkraut. Saharet in ibron neuen Originolkreationen The I Meers tomischer Draihtseil-Akt. Reynolds ann Donegan das amerikanische Tänzerpaar in vollend. Rollschuh- Mslsterschafi sowie d. komisch-mimisch-groteske Oktober-Programm! ♦ Urania. Wiasensohaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr; Der Vicrwald.ttltter See and der Uotthard. Hörsaal 6 Uhr: Dr. O. Gohlhoß: Deciianik. 8 Uhr; Ein Ueberhllok Uber die ver- schledcnon Arten und Wege der tierischen Fortpflanzung. i Passage-tiieater."] ! Abends 8 Uhr: Die Jungfrauen I von Sais. i Die 3 mystlachcB Nchaitcn und die großen Attraktionen| des Oktober-Programms.[ Passage-Panoptlkuin. Prinz Atom, der kleinste Mensch aller Zeiten lebend! Buddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Alles ohne Extra-Entree! Eintr. 50 Pf., Kind. u. Soldaten 1 5 PI. Sozialdemokratischer Wahlverein| für den VI. Berliner Reichstagswahlkreis g Sonnabend, den SÄ. Oktober 1910: Heinrich HeineaAbend im Stadttheater Moabit, AltsMoabit 47/49 unter Leitung des Schauspielers Herrn Robert Koppel Anfang prtt.lue 8V. Uhr. TanB 50 Pfennig- Kinder unter 10 Jahren haben keinen 230/15» Eintritt&0 Flennig. Zutritt. Dmh Komitee. ►♦♦♦♦< rt0Uschuhba|,n � 151 Ktirfurstendamm 151 Sonn tzng. den«3. Oktober bin Sonnabend de« 29.«"�r 2000 Mark in Preisen--- sjxriür Die Preise sind ausgestellt in einem Fenster des"Kauf};au® de9„We8�°Uf;„ Sonnabend, d. 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Nur Atlr/iklloneii ersten Range». Sonnt. 3'/, Uhr: Berühmte Tochter. I. Hochbahustalion Kottbuser Tor. Täglich 8'/. Uhr. :: vie ludier:: des Herrn BiebahL Die Wallaaton-Comp. Meister-Jongleure. 8 Uhr 50: Der 12 jährige Edi Herzfeld von der f. I Hosoper in Wim Dazu die Posse: Zum 39. Male: Uu hat's geschnappt! Posse von Oskar Sabo. Musik von Fani Ldncke. Polles Caprice. Täglich 81/. Uhr: Volle Pens ton. Neuer bunter Teil. 0er 5ehvsri88e!iimm8l Vorverkauf 11—2, abends ab 6 Uhr. Zirkus �uscfiT Donnerstag, den 20. Oktober, abends T1/, Uhr: Gr. GalB-Vor»tcUong. Die berühmte Reiterfaimlie ÜBT" Frcdiani. WJ The Rapides Arbra-Trlo MYl mueikalisch-akrobaiisch. Akt. ? Kita? Herr Dir. Orlando, Freiheit» dress. Herr Allred Ott, Schuir Um 9'L Uhr. zum 37. Male: „VENEZIA" Die Anfahrt zum Zirkus ist his a if weiteres v. d. Oranienburgsr Str. Voigt-Theater Gesundbrunnen, Badstratze 58. Freilag, den LI. Oltober 1910: Der pall Llömencesu. Schauspiel in 5 Akten v. A. Duma» und A. d'ArtoiS. Kafseneröffmmg 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. „€1a'o IS-Berl i n" Theater» und Varietb-Euiemble. Donn-rstg.„Puliliiiaiiiis Theater" 8>/,i Harmonische Blüten, Quarten. sv Das rhrliche Kerlin. Boll, stück. 1D'/,: Sherlock Holmes. Detektiv» kcrnödie.— Freitag ArtuS-Hof; Dieselbe Vorstellung._ Karl Haverland- Thnston Kommandanten. Itlfirtlcr. ftrasje 77/79. Ansang präz. 8 Uhr. Das wunderbar Oktoberprogramm und erstklassige lA S-r«: Spezialitäteu. Trianon-Theater. AbendS 8 Uhr: Pariser Witwen. Königsladt-Kasino. imaitMtr. 72, Ecke Alexanderstrahe as grandiose Oktoberprogr.mit Franv, 8»bnnaki. Neu! dir. Distrsd, Sportakt. Neul Neu! Powell Smilh and MiB Toni, komische Exzenirlks. Verlorenes Glück. Volksstück mit Gesang i» 1 Mt. KeietislialiLN-Tiiealer? 8!Masr 8Sngsr. Zum Schluß: „Im TIan»cI«>ci»", MUit. Humor, o. Mehsel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntag» 7 Uhr. KurgfhgM-KIngmatogrzph vorm. Qroterjan, Jnbab.: Rud. Merz, Schönhauser Allee 129. Tel. 3. 9353. Lebende Photographien. Eintritt 30 u.«0 Ps.. 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Thema: Tab geschlechtliche Elend unserer Zeit. Freie Äussprache. Fragebeanlworlmig. Nur Erwachsene haben Zutritt. Eintritt SV Pf. ES ladet zu diesem interessanten und belehrenden Vortrag ergebenstein ISSSb Ter Vorstand der Gesellschaft sur volkstümliche Vorträge. Der Genosse Entree 10 PI 57/9* Killaie UroB-Kerlln. Tonnerstag, den 20. Oktober 1010, abends 8'/, Uhr im GewerlschaftshauS lgrotzer Saal), Engelufer 15: Leneral-Versammlung TageS-Ordnung- 1. Bortrag d-S Gewerkschastsselretär» Genossen AdolfRitteri Die Bedeutung der bevorstehende« Gewerbe- gerichtswahlen.*) 2. VerwaliungSdericht lur Juli— September 1910. Berichterstatter Kollege H o s s m a n n. 291/17 3. Verbandsangelegenheiten. •) Wegen der in KürzeOB. 48 eigene Dampfer~ 8ssen Sie Seefische I Seefische sind gesund, nahrhaft u. wohlschmeckend. Ton Donnerntag trtth M Vtar an verkaufen wir; ff. Bratscbollen...... „ Knurrhahn....... „ Bratscheilfisch..... „ Hoiiänd. 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Da uns das Lokal nicht zur Ber- fügnng steht und Billetts in Arbeiterkreisen verkauft lverden, ersuchen wir sie. solche ernstlich zurückzuweisen. Dasselbe trifft zu für das Lokal Albrechtshof in Steglitz, in welchem am Sonnabend, den 22. Oktober, der Pribatgärl'uerverein von Steglitz fein Stiftungsfest abhält. In Treptow stehen uns sämtliche Lokale, auch daS Graßmannsche Lokitl, zu allen Veranstaltungen zur Verfügung. _ Die Lokalkommission. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 23. Oktober er., Uraniavorstelluiig. Zur Aufführung gelangt:„Der Vierwaldstätter See und die Goilhardbahn'. Der Vortrag beginnt pünktlich 2 Uhr. Die Pbysikiäle werden um 1 Uhr geöffnet. Sticht verkaufte Billetts find sofort an die Bezirks- und Abteilungsführer zurückzugeben. Der Borstand. Rixdorf. Morgen abend von 7 Uhr ab findet von den bekannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung statt. Der Vorstand. Fricdrichsfelde. Am Sonntag, den 23. Oktober d. I. feiert der Wahlvcrein in Bnbes Festsälen sein 20. Stiftungsfest durch Konzert, Rezitation, Gesang und Milwintung der Arbeiter-Turn und Radfahr� Vereins Fricdrichsfelde. Näheres siehe Inserat. Dabendorf dei Zossen. Am Sonnabend, den 22. d. M., findet bei Wiese die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Will; Dislnssion: Aufnahme neuer Mitglieder und Kafienangelegenheiten; Wahlen und Verschiedenes. so'nem unschuldigen schwupp! die Treppe Berliner JVacbrichten. Der Dieb. Vor der MillionärSvilla draußen im Grunewald stehen Menschen, einzeln und in Gruppen, fragen, gestikulieren und weisen auf das Haus. Einige machen große, runde Augen, als wollten sie es ganz in sich einsaugen oder verschlingen Was ist los? Um eine dicke Frau steht ein Kreis. Die Frau spricht. — sie strahlt... und hat das Brot genommen und das Hemd— ja, denken Sie nur, ein Kinderhemd l— Ach waS, Sie sind ein ganz dummer Junge I Machen Sie ja, daß Sie wegkommen I Was—? Ja, natürlich, gestohlen hat man l Also das Brot und das Hemd von dem kleinen Mädchen— Marie heißt es— ein bildhübsches Kind, ganz die Mutter!— und alles unter den Arm— ja, nicht? von Kind!— also unter den Arm und 'runter!"... „Und weg—?" „Spurlos I" „Aber sie suchen ihn doch!" Männer mit Knüppeln laufen durch den Garten. Auf die Terrasse stürzt ein Herr, noch dicker als die dicke Frau, quiekt und fuchtelt mit den Händen... „Ob sie ihn kriegen?" „Wohl kaum.. Die Tür der Nachbarvilla geht— leise, ganz leise—. und ein zottiger Mensch tritt heraus. Einen Augenblick starrt er regungslos hinüber, dann wirft er den Oberkörper vor— tut einen mächtigen Sprung— und beginnt zu laufen. „Der Dieb I Der Dieb l" Alles setzt ihm nach. Pfeifen, Johlen... „Faßt den Di— ieb l" Fenster fliegen auf. Pferde scheuen. Hunde heulen. Mes läuft— die Straße hinab— um die Ecke— zwischen Wagen hindurch— und allen voran der Zottige wie ein riesiger, schwarzer, entsetzter Hase... Ein Mann kommt die Straße herauf, schwer und groß. „Faßt den Dieb I" Der Mann bleibt stehen, reckt sich— hebt die Faust-- Der Zottige stürzt zu Boden. Wie ein gefällter Baum. Sein Gesicht verzerrt sich. Irgendwo aus seiner Mitte bricht ein dunkler Strom, rinnt ihm über den Hals, färbt die Steine rot. Die Verfolger sausen heran. „Gestohlen hat er!" „Wo ist das Hemd? l" „Und das Brot— l" „Die Polizei her!" Schutzleute kommen. Wieder entsteht ein Kreis. Jemand flucht. Einer lacht, hell und schallend... Der Zottige liegt am Boden. Blutig, geduckt, in stumpfem Entsetzen. Wie ein gehetztes Tier. Aber er sieht nicht auf die Menschen. Seine eine Hand hält das Brot— diesen kleinen schmalen Laib Brot— die andere hält das Kinder- Hemd. Ganz behutsam, zur Seite und hoch. Ach, das Pflaster ist staubig. Und das Blut tropft, un- abläjsig... auf die Kleider... auf den Weg... Wenn man in der Nacht eincn Arzt braucht. Immer wieder wird darüber geklagt, das; bei Nackt eS sehr schwer ist, einen Arzt zu beschaffen. So hat wieder in Rixdorf in einer der letzten Nächte zwischen 12 und 1 Uhr ein Familienvater, der für sein erkranktes Kmd einen Arzt herbeirufen wollte, bei sechs verschiedenen Aerzten vergeblich angefragt. Ueberall, wo er klingelte, wurde in der bekannten Weile mit ihm verfahren, daß zunächst vom Fenster aus ein Dienstmädchen ihn nack Name und Wohnung sowie nach der Art der Erkrankung fragte, um dann erst„nachzusehen, ob der Herr Doktor zu Hause ist'. Und jedesmal bekam hinterher der Hilfesuchende nach einer Wartezeit, die ihm zur Pein wurde, die bedauernde Antwort:„Der Herr Doktor ist nicht zu Hause'. Kann einer uns sagen, warum solche Aerzte ihr Personal nicht anweisen, bei jedem Alarm zuallererst festzustellen. ob„der Herr Doktor zu Hanse ist'? Wenn man bei sechs verschiedenen Aerzten umherlaufen und jedesmal klingeln und warten und um- ständliche Auskunft geben und wieder ivartcn und zuletzt die Ant- wort„Der Herr Doktor ist nicht zu Hause!' entgegennehmen mutz, dann geht so viel kostbare Zeit verloren, datz für den Kranken, den man hilflos zurückließ, geradezu eine LebeuSgefährdung ein- treten kann. Dem geängstigten Vater wurde schließlich von einem Straßen- Passanten geraten, nach der u n f a l l st a t i o n in der Steinmetz- stratze zu gehen und dort anzufragen, ob nicht ein Arzt mitkommen wolle. Aber auch auf der Unfallstation fand er nicht diejenige Hilfst bereilschaft, die er erwartet hatte. Mehrere Male klingelte er, bis ihn, geöffnet wurde. Als er dann sein Begehren vortrug, wurde ihm gesagt, er solle für den Arzt eine. Droscvke be schaffen. Er faßte diese Mitteilung dahin auf, daß er die Droichle auch selber bezahlen müsse, und anders wird es wohl auch nicht gemeint gewesen sein. Der Hilfesuchende wohnt in der Schöneweider Straße— und die Unfallstation befindet sich wie gesagt, in der Steinmetzstraße(an der Ecke der Watzmanns dorfer Straße). Wir haben den Weg abgeschritten, den der Arzt zu gehen gehabt hätte: man kann ihn ohne große Hast in 12 Minuten zurücklegen. Wenn für eine so geringe Entfernung schon eine Droschke gestellt werden soll, dann mutz man fragen, für wen eigent- lich die Unfallstation in Rixdorf bestimmt ist. Bemittelte Leute werden sie in der Regel nicht aufsuchen und das wohl auch meist nickt nötig haben, ein Unbemittelter aber wird selten in der Lage sein, sofort eine nächtliche Drosckkcnfahrt zu bezahlen. Der Mann, dem da zu gemutet wurde, eine Droschke zu beschaffen, lehnte das auch deshalb ab. weil er annehmen mußte, zu so später Stunde werde in der Umgebung der Steinmetzstraße keine Droschke mehr aufzutreiben sein. Wahv schcinlich hätte er erst noch den weiten Weg bis zum Hcrmannsplatz niochen müssen, so daß neuer Zeitverlust entstanden wäre. Er ver ließ die Unfallstation, ohne die erbetene Hilfe gefunden zu haben. und ging nochmals aus die Suche nach einem Arzt. Wieder fragte er noch an einer Stelle vergeblich an, dann ober blühte ihm— bei dem nun neunten Versuch I— endlich das Glück, daß ein Arzt zu Haufe war. Aus Erfahrungen, wie sie hier nnt einem halben Dutzend privater Aerzte und mit der„Unfallstation vom Roten Kreuz" ge macht worden sind, ergibt sich immer wieder dieselbe Nutzanwendung Eine große Gemeinde muß es als ihre Pflicht ansehen, selber Einrichtungen zu treffen, durch die die Beschaffung ärzv licher Hilfe auch bei Nacht gewährleistet wird. Eltern von Sorgenkindern, die sich infolge einer eigentümlichen Veranlagung oder mangelnder geistiger Fähigkeiten nach der Schub entlafiung nur schwer in die erwerbliche Arbeit und das gesellschaft liche Leben eingewöhnen können, werden aufmerksam gemacht au die seit mehreren Jahren bestehende städtische Fortbild ungs- schule für schwachbeanlagte Jünglinge und junge Mädchen. Die Schule wird zurzeit von zirka 400 Schülern und Schülerinnen besucht. Die Jünglinge erhalten Unterricht in Deutsch, Rechnen. Handarbeit(Schlosserel, Tischlerei, Buchbinderei) und gc werblichen! Zeichnen; die Mädchen in Deutsch, Rechnen, Handarbeit (Handnähen, Stricken, Moschinennähen, Sticken usw.), Hauswirtschaft, Gesang und Turnen. Der Besuch der Schule ist unentgeltlich. Aw Meldungen werden an allen Wochentagen von 5—6 Uhr Brunnenstraße 186, 2. Hof. Schulhaus, angenommen. Ausstellung empfehlenswerter Jugendschriften. Diese im Gewcrkschaftshause untergebrachte ständige Ausstellung ist heute, Donnerstag, von 5—9 Uhr unentgeltlich geöffnet. Der Zugang erfolgt durch Portal B. Allen Arbeitern, die Bücher für ihre Kinder kaufen wollen, ist der Besuch dieser Ausstellung dringend anzuraten. Die Besuchszeit des Zoologischen GartenS für die Berliner Ge- meindeschulkinder unter Führung von Lehrern und Lehrerinnen war auf alle Wochentage von morgens bis mittags 12 Uhr festgesetzt. Neuerdings hat sich die Direktion des Zoologischen Gartens ein- verstanden erklärt, datz die Besuchszeit bis aus 2 Uhr nachmittags ausgedehnt werden darf. Dir offizielle Preisverteilung der Flugwochc in Johannisthal ist nunmehr durch das Preisgericht vorgenommen worden. Es haben insgesamt gewonnen: Lindpaintner 25 400 M., Jeannin 15 000 M., Mente 400 M., Brunhubcr 7275 M.. WienezierS 17 300 M., Theten 5725 M., Otto 400 M., Heidenreich 1500 M. Ausgesetzt waren im ganzen 75 500 M., so daß also 2500 M. nicht zur Verteilung ge langt sind. Es sind siebzehn Flieger im ganzen 57 Stunden 26 Mi nuten 47 Sekunden in der Luft geblieben; die längste Flugdaner hat Lindpaintner mit 12 Stunden 3 Min. 17 Sek. erzielt, als zweiter kommt Jeannin mit 9 Stunden 23 Min. 48 Sek. Der Berliner Viehhof wieder gesperrt! Die Maul- und Klauen- seuche ist gestern bei einem Rinde auf dem städtischen Schlachthof, Kammer 42, festgestellt und infolgedessen, wie die„Allgemeine Fleischer-Zeitung' ineldct, die Sperre über den Vieh- und Schlachthos verfügt worden. Auf dem Markte herrschte große Erregung, da ein beträchtlicher Teil des aufgetriebenen Viehes bereits nach auswärts verkauft war und nun nicht abgefahren werden darf. Die Des- infektion der Ein- und Ausgänge des Vieh- und Schlachthofes er- folgte heute nicht wie sonst mit Karbol-, sondern mit Schwefelsäure, um die mit der Karboldesinfektion verbundenen Belästigungen der Umgegend durch Geruch und Verschleppung des roten DesiusektionS- Materials zu verhüten. Unfälle auf dem Flugplatz Johannisthal. Auf dem Johannis- thaler Flugfelde, auf dem infolge des günstigen Wetters fleißig ge- flogen wurde, haben sich am gestrigen Vormittag zwei Unfälle ereignet, die jedoch glücklicherweise nicht bedeutender Natur sind. Als der Wrightpilot Kapitän Engelhardt nach Zurücklegung mehrerer Runden landen wollte, kam er mit seinem Apparat so hart zu Boden, daß die Trageflächen der Maschine vollständig zertrümmert wurden. Der Flieger selbst blieb unverletzt. Der zweite Unfall trug sich zu, als der AviatikerlDr. Haevelin einen Aufstiegsversuch unternahm. Der Apparat, dessen Motor anscheinend nicht recht funktionierte, legte sich auf die Seite, wobei ebenfalls die Trag- flächen demoliert wurden. Der Führer der Maschine kam ohne jeden Schaden davon. Die militärischen Probeflüge in Döberitz, die für den gestrigen Mittwochvormittag angesagt ivaren, mußten des starken böigen Windes wegen auf nachmittags verschoben werden. Es handelt sich bekanntlich bei diesen Probeflügen um den Ankauf einer Anzahl Apparate verschiedener Systenie. die einer Kommission von Militär- sachverständigen vor dem Kaufabschluß durch das Kriegsministerium vorgefiihrt werden. Es find dies Apparate Wright, Ettrich-Rumpler, Aviatik und Farman, deren Uisprung zwar sämtlich ausländischen Ur- sprungs ist, die jedoch in allen Teilen in Teutschland erbaut werden. Die Probeflüge werden streng geheim gehalten und die auf dem Döberitzer Flugplatz befindlichen Zivilpersonen sind gestern sämtlich verpflichtet worden, über die Resultate der Versuche strengstes Still- schweigen zu bewahren. Nachmittags gegen 4 Uhr stieg die„Taube", an deren Steuer Jllner saß, mit einem Passagier, einem Offizierpiloten, auf und zog in westlicher Richtung davon. Auch der von Jeannin nach Döberitz gesteuerte Doppeldecker sowie zwei Farnian-Apparale der Albatros-Werke, sämtlich mit zwei Personen bemannt, gingen bald darauf vom Start und folgten der führenden„Taube", die einen Ueberlandflug bis nach dem 15 Kilometer vom Flugplatz entfernten Städtchen Tremmen ans- führte. Die erreichte Höhe betrug etwa 500 Meter. Wie verlautet, sollen in den nächsten Wochen täglich Ucbungs- und Ueberlandflüge stattfinden, bei denen die Offizierspiloten sich mit der Orientierung in größeren Höhen vertraut machen sollen. So weit es möglich ist, sollen vom Acroplan auö auch photographische Aufnahmen des über- flogenen Geländes vorgenonimen werden. Die VersuchSabteilung der VerkehrSlruppen besaß bisher nur zwei Apparate und zwar einen Sommer-Biplan und einen Antoinette-Monoplan. Straßcnbahnzusnmmcnstofi in der Leipziger Straße. Ein schwerer Zusammenstotz, bei dem zwei Personen verletzt wurden, ereignete sich gestern abend 6>/z Uhr an der Ecke der Leipziger- und Markgrafenstraße. Dort wollte ein Obstwagen des Händlers Reh- mann, Grüner Weg 47, noch kurz vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie 78 das Gleis kreuzen. Er kam aber nicht scknell genug mehr darüber hinweg und wurde von dem Bahnwagen mit voller Gewalt angefahren. Bei der Kollision verunglückte der Kutscher des Obstwagens, Oskar Brückner und ein lOjähriger Knabe Otto Krause aus der Koppenstr. 81. Brückner, der am Grünen Weg 47 wohnt, erlitt einen komplizierten linken Unterschenkelbruch und eine schwere Hautwunde an der rechten Hand. Nachdem er auf der nächsten Unfallstation die erste Hilfe erhalten halte, wurde er nach dem Krankenhause am Urban geschafft. Der Knabe kam mit einer Koptverletzung davon und konnte von der Unfallstation in die Wohnung seiner Eltern entlassen werden. Das Fuhrwerk und der Bahnwagen wurden stark beschädigt. Selbstmord eines Polizeileutnants. In einem Anfall von Schlvermut hat in der verflossenen Nacht der Polizeileutnant Zunke seinem Leben ein Ziel gesetzt. Ueber das Motiv der Tat wird be- richtet: Der Lebensmüde, der im 33. Jahre stand, war Vorsteher 9. Polizeireviers in der Kristianiastr. 110. Er war in den letzten Monaten vom Schicksal schwer geprüft worden. Von seinen beiden Kindern verlor er eines plötzlich durch den Tod, und fortwährende Krankheitsfälle in der Familie wirkten deprimierend auf den Be- dauernswerten. Dazu kain in den letzten Tagen noch eine gefähr« liche Blutvergiftung, die sich Z. zuzog. In einem Anfall starker Nervosität und Schwermut hat sich Z. in der Nacht das Leben ge- nommen. Er jagte sich in seiner Wohnung aus einer Browning- Pistole eine Kugel in die Brust und war auf der Stelle tot. Auf Dummheit und Aberglauben rechnet ein Schwindler, vor dem die hiesige Kriminalpolizei warnt. ES bandelt sich um den „Professor Roxroy-London", der durch umfangreiche Zeitungsanzeigen den Leuten verspricht, ihnen aus der Handschrift ihren Charakter, und aus dem Horoskop(der Stellung der Sternbilder bei ihrer Ge- burt) ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beulen. Wer sich bei ihm meldet, wird so lange mit Druckschriften bearbeitet, bis er endlich für ein wertloses Geschreibsel einen mehr oder weniger hohen Betrag opfert.„Profcsior Roxroy' ist der Nachkomme von „Professor Maxim",„Professor Tokal" und„Profesior Zazra", die früher wiederholt die Oeffentlichkeit beschäftigt haben. Strafrechtlich ist dem Schwindel, der abergläubischen Leuten nicht nur am Geld- beutel, sondern leicht auch an der Gesundheit schadet, noch nicht bei- zukommen. Zu dem Ueverfall im Sübringzuge, über den wir am 14. Sep- tember berichteten, teilt uns der Vater des Ueberfallenen heute mit, daß eS unrichtig sei, wenn behauptet lverde, der Sohn habe den Ueberfall fingiert, weil dieser Geschäftsgelder unterschlagen habe. Wenn der junge Mann vor der Kriminalpolizei zugegeben habe, den Ueberfall fingiert zu haben, so nur zu dem Zweck, aus der Haft ent- lasten zu werden. Beim Verlassen eines Straßeilbahnwagens tödlich verunglückt ist Dienstag abend die 43jährige Ehefrau des in der Pettenkofcr- straße 38 wohnhasten Arbeiters Salzmann. Frau S. hatte den Straßenbahnwagen 2199 der Linie 66 zur Fahrt nach Hause benutzt und verließ trotz der Warnung des Schaffners den Waggon Ecke der Eldenaer- und Samariterstraße, als er sich bereits in der Anfahrt zur Haltestelle befand. Sie kam zu Fall und schlug mit dem Kopf heftig auf das Straßenpflaster auf, daß sie eine klaffende Wunde und eine schwere Gehirnerschütterung erlitt. Die Verunglückte erhielt auf der Unfallstation in der Warschauer Straße die erste Hilfe und wurde von dort auf ausdrücklichen Wunsch nach ihrer Wohnung übergeführt. Hier ist Frau S. in der Nacht an den Folgen der erlittenen Verletzungen verstorben. Zu einer imposanten Feier gestaltete sich der letzte Zahlmorgen der in den Nachtbetrieben beschäftigten Genossen. Verbunden hiermit wurde zu gleicher Zeit das zweijährige Stiftungsfest. An 300 Mit- glieder hatten sich eingefunden, um ihr Interesse am politischen Leben zu bekunden und zu beweisen, daß neben dem gewerkschaft- lichen der politische Kampf eine Uuerläßlichkeit für jeden aufgeklärten Arbeiter sein muß. DaS ständige Tagungslokal erwies sich als zu klein, um die Erschienenen alle zu fassen; die beiden angrenzenden Nebenräume nnißten zu Hilfe genommen werden. Bald nachdem Genosse Schwab» den Zahlmorgen eröffnet hatte, begrüßte der Gesangverein„Solidarität" die Mit- glieder mit dem Liebe„Wohlan, wer Reckt und Wahrheit achtet". Noch hallte das Echo von den Wänden zurück, als auch schon der Genosse Landtagsabgeordneter Adolf Hoffmann seinen Bortrag begann über das Thema„Religion und Mißbrauch der Religion". Mit einem ihm besonders auszeichnenden SarkaSmus schildert der Redner den gewaltigen Einfluß, den die Religion ans die Menschen der verschiedenen geschichtlichen Zeitepochen auszuüben im stände ist. An der Hand testamentarischer Zitate weist Redner nach, mit welcher Oberflächlichkeit die früheren und auch noch ein Teil der heutigen Geschichtsschreiber die Geschickte der Religion erforscht haben. Streiten sich doch unsere Theologen noch heute um die Frage: Hat Jesus gelebt? oder hat er nicht gelebt? Die Religion ist heute nur noch eine Waffe der Niederhaltung und leichteren Aus« beutnng. Nicht, daß wir einen Andersgläubigen verspotten, wie eS unsere Gegner mit uns tun. Was wir bekämpfen und im Interesse der gesamten Kultur bekämpfen müssen, ist, die vom Staat erzwungene Abhängigkeit des Volkes von der Kirche.— Zum Schlüsse seines Vortrages übt Redner eine scharfe Kritik an den ürgerlichen Parteien, die eine solche Politik unterstützen, er appelliert an die Anwesenden, die gwerkschaftlichen und politischen Reihen zu stärken, mehr zu agitieren, damit es möglich sei, den Feinden des Volkes bei den nächsten Reichtagswahlen einen vernichtenden Schlag beizubringen. Gen. Zimmermann trägt noch einige wohlgelungene Rezitationen vor. die das volle Verständnis der Anwesenden finden. Auch der Vor« sitzende des zweiten Kreises, Genosse Schwemke, gibt in aufrichtigen Worten seiner Freude Ausdruck über das prächtige Gedeihen des jüngsten Kindes, des ZahlniorgenS und fordert zu weiterer intensiver Arbeit auf. Wieder ertönen die Weisen des Gesangvereins, die. trotzdem alle Mitglieder eine anstrengende Arbeitszeit hinter sich haben, selbst höheren Ansprüchen gerecht werden. Tiefer Ernst liegt auf den Mienen aller, sie wollen sagen: Ruft uns nur auf, Verband und Partei, wir wollen kämpfend unser Ziel erreichen. Wem gehört die Farbe? Am 18. August d. I. fiel von einem Rollwagen, der durch die Frnchtstraße nach der Königsberger Straße zu fuhr, ein zwei Zentner schweres Faß, daö anscheinend Oelfarbe enthält. Es ist immer noch herrenlos und bei dem Hauseigentümer Reim in der Fruchtstraße 63 untergestellt. Das Faß trägt auf dem oberen Deckel die Nummer 928. Wir machen von diesem Funde Mitteilung, weil vielleicht ein Kutscher für den Verlust verantwortlich gemacht werden könnte. Durch eine Gasexplosion wurde in der Rodenbergstr. 7 große Beunruhigung hervorgerufen. Der GaShahn einer Leitung war in einem Wohnzimmer beim Gasanziinden nicht geschlossen und das Gas auch nicht angezündet worden. DaS ausströmende Gas ent- zündele sich dann, wobei die Deckenschalung im Erdgeschoß abstürzte, der Fußboden über der Decke in Brand geriet und anderer Material- ckaden entstand. Der Feuerwehr gelang eS, die Gefahr schnell zu beseitigen. Personen sind bei der Explosion nicht verletzt worden. Der Männcrchor Vorwärts(Mitglied de? Arbeiter-SängerbundeS) veranstaltet am kommenden Sonntag, den 23. Oktober, abends 6 Uhr, im„Deulschcn Hof" sein diesjähriges Herbjtkonzert unter Mitwirkung der Vortragskünstlerin Marg. Walkolto und der drei Gebrüder Uschmann(Klavier, Violine, Cello). Pcogramin inklusive Tanz 60 Pf. Der Verein, der auf Parteisestlichkeiten mitwirkt, hofft auch auf parteigenössische Unterstützung- Lei dem Vergnügen der 1. und 2. Abteilung Westen ist eine Brosche gefunden worden. Ferner sind die Gewinne auf Lose lv8, 253, 324 noch abzuholen beim Kassierer Gustav Schmidt, Kirchbach- straste 14._ Vorort- ISacbrlcbten* Rixdorf. Die Stadtverordneteuwahlen beschäftigten am Dienstag eine außerordentlicke Generalversammlung des Rixdorfer Wahlvereins. Der Referent besprach die Vorgänge der beiden letzten Jahre, weil diese bestimmend seien für die Stellung, welche wir angesichts der bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen einzunehmen haben. Der WahlrechtSraub und was damit zusammen- hängt ist es, waS den beiden letzten Jahren das wesentliche Gepräge gibt. Durch das bekannte Ortsstatut, welches für die Bildung der Wählerabteilungen das Prinzip des anderthalbfachen Durch- schnilts aufstellt, sollte ein großer Teil der Wähler, die ihrem Steuersatz nach in die zweite Abteilung gehören, in die dritte Ab- teilung hinabbefördert werden. Zwar besteht das Ortsstatut zu Recht, weil es in den vorgeschriebenen Formen zustande gekommen ist, aber die Art, wie es angewandt wird, widerspricht dem Gesetz. Das, was der Magistrat und die bürgerliche Stadtverordnetenmehrheit mit dem Ortsstatut erreichen wollten, können sie nicht erreichen, denn die Wähler, welche bei Anwendung der Drittelung in die zweite Abteilung gehören, dürfen unter keinen Umständen— auch nicht nach dem Prinzip des einfachen oder anderthalbfachen Durch- fchnittS— in die dritte Abteilung verwiesen werden. Diesen Grundsatz hat das Oberverwaltungsgericht in seinem Urteil vom 13. Januar 1913 ausgesprochen und dadurch die von unS angefochtene Wählerliste für 1908 als ungültig erklärt. Trotzdem ist, nachdem das Ortsstatut in Kraft getreten war, die Wählerliste für 1999 wieder nach dem vom OberverwaltungSgericht als ungesetzlich bezeichneten Verfahren aufgestellt worden. Auch diese Liste hat der Bezirksausschuß als ungültig erklärt. Das Urteil des Oberverwaltungsgerichts steht zwar noch aus, aber eS kann gar nicht anders ausfallen wie das Urteil des Bezirksausschusses. Die Wählerliste für 1910 ist wieder in derselben ungesetzlichen Weise auf- gestellt worden. Die Entrechtung der Wähler auf Grund dieser Liste geht so weit, daß die dritte Abteilung allein so viel Steuern aufbringt wie die erste und zweite zusammen. Auch gegen diese Liste haben wir Klage erhoben� Sie enthält übrigens noch eine andere Ungerechtigkeit, nämlich Aurch eine ganz falsche Aus- legung des Kinderprivilegs sind sehr viele Wähler mit einer zu niedrigen Steuersumme augesetzt und dadurch in ihren Rechten be- einträchtigt. Daß die Liste in dem Punkte ungesetzlich ist, hat der Magistrat selbst anerkannt, indem er dem Einspruch der von dieser Maßregel Betroffenen stattgab. Aber der großen Zahl derjenigen, die keinen Einspruch erhoben, ist ihr Recht nicht gegeben worden. Durch die hier gekennzeichneten Maßregeln werde» viele Tausende der weniger Bemittelten in ihrem Wahlrecht erheblich beeinträchtigt. Nachdem der Referent diese Angelegenheiten eingehend besprochen hatte, legte er dar, welche Stellung die bürgerlichen Parteien zum Wahlrechtsraub einnehmen. Die Grundbesitzervereine billigen ihn natürlich. In anderen bürgerlichen Vereinen haben sich teilweise Stimmen dagegen erhoben. Die Demokratische Vereinigung ist die einzige bürgerliche Partei, welche den Wahlrechtsraub entschieden verurteilt. In diesem Punkt hat sie zurzeit das gleiche Interesse wie wir. Die Bekämpfung und Zurückdrängung der Wahlrechtsräuber, die ja auch noch andere Verschlechterungen auf kommunalem Gebiet planen, ist augenblicklich für unsere Partei das notwendigste. Wir haben es deshalb für zweckmäßig gehalten, bei den bevorstehenden Stadtverordneteuwahlen mit der Demokratischen Vereinigung zusammenzugehen und zwar gleich im ersten Wahl- gange. Die Funktionäre des Wahlvereins haben bereits einem Ab« kommen mit der Demokratischen Vereinigung zugestimmt, welche« dahin geht: In der ersten Abteilung stellen wir keine Kandidaten auf. in der dritten Abteilung stellt die Demokratische Vereinigung keine Kandidaten auf und von den elf Kandidaturen der zweiten Abteilung besetzen wir sechs, die Demokratische Vereinigung fünf. Di« Demokraten stimmen für unsere und wir für ihre Kandidaten. Anders als durch Befolgung dieses Abkommens ist ein Nieder- ringen der Wahlrechtsräuber nicht möglich. Die Demokratische Vereinigung hat dem Abkommen bereits zugestimmt. Sollten ihre Mitglieder nicht dem Abkommen gemäß handeln, so hätten wir eine Erfahrung gemacht, die uns für die nächsten ReichStagswahlen nützlich sein kann.— Bei den Stadtverordnetenwahlen muß unsere Parole sein: Nieder mit den Wahlrechtsräubern I fLebhafter Beifall.) In der Diskussion sprach G ü t t l e r gegen das Abkommen mit den Demokraten, während Kunze, Groger und P r e u ß das- selbe befürworteten und die vom Referenten vorgetragenen Gründe anerkannten. Folgender Antrag wurde gegen zwei Stimmen angenommen: Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden, die dahin gehen, mit Hilfe der Demo- kraten zu versuchen, die WahlrechtSrauber bei den bevorstehenden Stadtverordneteuwahlen aus.dem Stadtparlament zu verdrängen und schon im ersten Wahlgange mit den Demokraten gemeinsame Sache zu machen. Folgende Genossen wurden als Kandidaten aufgestellt: Dritte Abteilung 1 Bezirk Mermuth, 3. Bezirk T h u r o w, 7. Bezirk Groger. 8. Bezirk Heitmann, 10. Bezirk Schuck, 11. Bezirk Böske, 14. B-zirt Iben, 19. und 24. Bezirk Polenske. 22. Bezirk I ä ck. Zweite Abteilung: Nordbezirk Röhl, Ostbezirk D o m i n i k o. Südbeztrk Schuch, Rohr, Zeppmeisel, West- bezirk Paul Fischer._ Wilmersdorf-Halensee. Z» den Stadtverordnetenwahlen. Das Wahlbureau der sozialdemokratischen Partei ist von heute ab täglich von 3 bis 10 Uhr abends im Lokal von Schilling, Lauenburger Straße 20. zur Erledigung schriftlicher Arbeiten geöffnet. Auch wird hier Auskunft über alle die Wahl betreffenden An- gelegenheiteti erteilt. Steglis. Die„Frauenschule". Das Bestreben der Gemeindeverwaltung und der HauSbesitzerpartei. möglichst viele steucrkräftige, das heißt besser situierte Meter nach Steglitz zu ziehen, wird wesentlich unterstützt durch die Schaffung neuer und den weiteren Ausbau schon bestehender höherer BildungSanstalten. So sind in den letzten Jahren neben der schon länger bestehenden Realschule und dem Gymnasium, eine Oberrealschule und ein Realgymnasium, sowie eine höhere Mädchenschule entstanden. Diese letztere, die jetzt in dem ehemaligen Realschulgebäude am Stubcnrauchplatz unter- gebracht ist, soll nunmehr nicht nur ein neues Heim auf dem von der Gemeinde erworbenen sogenannten„Kirchenacker" am Fichteberg erhalten, sondern sie soll auch weiter ausgebaut werden. Hierzu bieten sich drei Möglichkeiten: der Ausbau einer Studien- austalt sLyceum), eines Seminars oder einer Frauenschule. Der Gemeindevorstaud und das Schulkuratorinm haben sich für letztere entschieden. Die Gemeindevertremng hat dem zugestimmt und die Errichtung zum 1. April 1911 beschlossen. Die Frauenschule bezweckt die Weiterbildung der Schülerinnen der höheren Mädchenschule in bezug auf ihren späteren Beruf als Frauen und Müller. Der Unlerricht wird sich erstrecken auf Kunst, Literatur, Gesetzcskunde, Gesundheitspflege, die soziale Frage usw. Das Schulgeld beträgt 160 M., für Schülerinnen, die sich zu Kindergärtnerinnen ausbilden wollen, 60 M. Die Frauenschule wird vorerst in dem neuen Ge- meindeschulhaus auf dem Platz Y untergebracht werden. Nach Fertigstellung des geplanten Neubaues für die höhere Mädchenschule auf dem Fichteberg soll sie nach dort übersiedeln. Wannsee. In der letzten Wahlvercinssammlunz erstattete Genosse Wilk- Charlottenburg Bericht vom Parteitag. In etwa l'/zstündigen Aus- führungen gab der Referent ein anschauliches Bild von den Bor- gängen auf dem Parteitage. Reicher Beifall wurde dem Redner am Schluß seiner Ausführungen zuteil; eine Diskussion fand nicht statt, ein Beweis, daß man niit den Beschlüssen des Parteitages ein- verstanden war. Der Konsumverein Nowawcs eröffnet am Montag, den 24. Oktober am hiesigen Orte eine Verkaufsstelle. Die Eröffnung, die schon für den 1. Oktober vorgesehen war, hat sich durch Renovationsarbeiten in den gemieteten Räumen verzögert. Es ist am Orte bereits eine erhebliche Anzahl Käufer Mitglied der Genossenschaft geworden. doch ist eine stetige intensive Werbearbeit im Interesse der Kon- sumenienorganisation deswegen nicht überflüssig. Zernsdorf. Die am Sonntag tagende Mitgliederversammlung de« Wahl« Vereins erklärte sich nach dem Referat des Genossen Will- Char- lottenburg mit den Beschlüssen des Parteitages in Magdeburg ein- verstanden. Zum Punkt.Verschiedenes" wurde noch beschlossen, am Bußtage eine Agitationstour zu veranstalten, woran sich die srelen Sänger und Radfahrer recht rege beteiligen wollen. Grost-Schönebeck. Am Sonntagnachmittag wurde auf dem an der Liebenthaler Chaussee gelegenen Grundstück des Genossen Maaß eine Versammlung unter freiem Himmel abgehalten. Vor der Versammlung war von konservativer Seite dafür agitiert, daß sich Kriegervereinsmitglieder einfänden, um einem vom Amtsvorsteher auszubringenden Hoch auf den Kaiser den nötigen Nachdruck zu geben. Es erschien auch der Amtsvorsteher, ein Forstmeister und etwa ein halbes Dutzend Kriegervereinler. Der 83jährige Amtsvorsteher hörte mit dem Forstmeister von einem auf der Chaussee haltenden Wagen aus dem Vortrag« des Genoffen Reichstagsabgeordneten Artur Stadthagen über das Thema.Nieder mit der Reaktion" gespannt zu. Aber zu einem Kaiserhoch kam eS nicht. Die Kriegervereinler hörten als Zaungäste vom Walde aus zu. Außer auf dem Versammlung«- grundstück weilenden zwei Gendarmen hielten sich noch ein paar Gendarmen an der Waldlifiere auf, damit kein Wort des Referenten verloren ginge. Wiewohl erst am Sonnlag die Einladung zur Ver- sammluug ergehen konnte, halten sich doch etwa 160 Versammlungs- tcilnehmer eingefunden. Zu der Diskussion ergriff niemand das Wort. Die Versammlung schloß mit einem brausenden Hoch auf die Sozialdemokratie. Nowawe». In der letzten Wahlverelnsversammlung erstattete Genosse Stieffenhofer- Charloitenburg den Bericht über den Partei- tag. Er erklärte, daß er den Beschlüssen, die wegen des badischen Disziplinbruches und der Budgetfrage gefaßt worden seien, seine Zustimmung gegeben habe. In der Diskussion erklärte sich Genosse G o m o l l mit dem Verlauf des Parteitages nicht zusrieden; es wäre feiner Ansicht nach richtiger gewesen, wenn man eine Studien- kommission eingesetzt hätte; er könne die badische Taktik nicht für so verwerflich hallen, da die dortigen Parteigenossen damit ganz gute politische Erfolge erreicht haben, uin die in Preußen noch schwere Kämpfe geführt werden müssen. Genosse � u b e i l habe aus dem Parteitage keine rühmliche Rolle gespielt; seine Anträge seien mindestens überflüssig und seine Bemerkung, daß Berlin die Munition sür Sllddentschland liefere, ungehörig gewesen. Genosse Neu- mann äußerte seine volle Befriedigung mit den Magdeburger Be- schlüssen; es sei die höchste Zeit gewesen, daß den badischcn Seiten- sprüngen ein Ende gemacht wurde; die Anträge Zubeiis seien voll- ständig berechtigt gewesen. Genosse H o s f in a n n schloß sich diesen AuSsühningen an und legte dar, daß die badische Takrik zur Berflackung der Parteigrundsätze und zum Schaden sür die Arbeiterbewegung ausschlage» müsse, ivenn sie weitere Ausdehnniig acivinnen würde. Genosse Gr»HI kann sich zwar nicht mit dem Disziplinbruch ein» verstanden erklären, hält aber die Lösung der Frage nicht sür sehr glücklich. Die Budgetfrage, über die man viel zu viel Wesen mache, habe schon mehrere Parteitage beschäfligt und werde durch die iieucreii Beschlüsse auch picht aus der Welt geschafft; es sei nicht zu bestreiten, daß den meisten Genossen die Budgetverhältnisse in de» einzelnen Staaten unbelaimt seien; da hätte eine Studieiikommission die nötige Aufflärung schaffen können. Nachdem Genosse Sti essen- h o f e r in einem längeren Schlußwort nochmals die Haltung der Parteitagsmehrheit verieidigt, wurde die Bersainnilung der vor« gerückten Zeit wegen geschlossen und die übrigen Punkte der Tages- ordnung bis zur nächsten Versammlung vertagt. Potsdam. Unter dein verdacht, verschiedene betrügerische Manöver in einem gegen ihn schivebendei, Konkursverfahren vorgenommen zu haben, wurde der Inhaber der hiesigen Firma Gebrüder Herms, der Kaufmann Karl Her ms, ver hastet. Herms betrieb ein Kohlen- und Holzengrosgeichäst und hatte nebenbei ein großes Fuhrgeschüft und Beerdigungsinstitut. In derselben Konkurssache wurde auch der frühere Magistratssekretär Ludwig Thiele verhastet. Er galt als die rechte Hand von Herms, mit dem er zahlreiche Geschäfte abschloß. Es wurden von den beiden die kompliziertesten Geschäfte gemacht. PotSdanier Kaufmannskreise erwarteten schon lange den Zusammenbruch und die Verbastung deS Herrn Karl Herms, die aber durch ärztliche Atteste über H a f t« Unfähigkeit bis jetzt hinausgeschoben wurde. Wie hoch die Schadeiisliinme ist, läßt sich vorläufig nicht angeben. Jedenfalls ist aber eine größere Anzahl Geschäftsleute durch den Konlur» Herms schwerin Mitleidenschaft gezogen. Jugendveranstaltungen. Schöneberg., Freitag, den 2l. Oktober, adendS Punkt 8V? Uhr, beginnt der erste Vortrag über.Einführung In die moderne Gesechchasts- lehre". Der Zutritt zu diesen Vorträgen wird nur gegen Vorzeigung der Teilnchinertarte gestattet. Karten lind noch zu haben in der Zeitungs« spedition Marlin-Luther-Str. öl, geöffnet bis abends 8 Uhr. Llm Eingang des LotalS werden Karten nicht ausgegeben. Ztzrcie Jugendorganiintion Wcii.ensee. Heute Donnerstag, den 20. Oktober, findet im„Prälaten", Lehdcrstr. 122, unsere Mitglieder- Versammlung statt. Aus der Tagesordnung steht Statutcnberatung.— Sonntag, den 23. b. M., findet eine Besichtigung der Arbeiterwodlsahrts« Ausstellung statt. Treffpunkt'/» 1 Uhr Lehderstraße, Ecke König-Chauffee. Fahrgeld 40 Pf._ Ver lamm lungen. Heber die Generalversammlung der Konsumgenossenschaft Berlin erhalten wir folgenden Bericht: Die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend hielt am Montag ihre diesjährige Generalversammlung in Kellers Festsälen unter starker Beteiligung der Mitglieder und einer großen Anzahl Gäste, die die Galerie besetzten, ab. Ter Geschäftsführer, Genosse Junger, erläuterte den gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht 1909/10. Betont wurde die außerordentliche Verteuerung der Waren durch die neuen Einfuhrzölle und Besteuerungen gerade derjenigen Artikel, die von den breiten Volksmajsen gebraucht! werden. So betrug die Steuer auf Zündhölzer allein 16 000 M., auf Kaffee 21 341,88 M. Unter den 64 Verkaufsstellen sind 3, und zwar die in der Greifenhagener Straße, Willdenowstratze und Liebigstraße, die einen Minderumsatz von insgesamt 17 847,12 M. aufweisen, während alle anderen Verkaufsstellen einen Mehr« Umsatz zu verzeichnen haben. Darunter sind 13, die mehr als 100 000 M. Umsatz haben. Der gesckmte Umsatz im eigenen Ge- schüft stieg von 2 805 513 M. im Borjahre auf 4 162 097,76 M.. es ist also ein Mehr von 1374 431,88 M. zu verzeichnen. Die Mit» gliederzahl stieg von 19 172 am 30. Juni 1909 auf 27 957 am 30. Juni 1910. Nach reichlichen Abschreibungen und Dotierungen der Reserve- und Dispositionsfonds kommen an die Mitglieder 230 345,34 M. nach Maßgabe ihres Umsatzes zur Verteilung. Be- schästigt werden 270 Personen, darunter 1 Geschäftsführer, 1 Kassierer. 1 Kontrolleur, 1 Bureauchef, 2 Buchhalterinnen, 2 Kontoristen, 5 Kontoristinnnen, 53 Lagerhalter, 2 Lagerhalte- rinnen, 3 Verkäufer, 138 Verkäuferinnen, 1 Chauffeur, 1 Mitfahrer, 4 Lagerarbeiter, 4 Lagerarbeiterinnen und 51 Reinigungs- franen. Der Sparkasse haben 3886 Mitglieder 479 499,64 M. zu- geführt, die mit SH Proz. verzinst werden. Von Hauptverbrauchs- artikeln wurden umgesetzt: 5135 Zentner Naturbutter, 10 377 Zentner Zucker, 4630 Zentner Mehl usw. Die Berufsstatistik der Mitglieder führt außer 8237 Ehefrauen noch 3922 Metallarheiter, 3455 Arbeiter ohne Berufsangabe, 2449 Holzarbeiter, 1077 Schneider, 735 Maurer, 667 Handels- und Transportarbeiter, 641 Buchdrucker auf. Alle anderen Berufe folgen dann mit weniger als 475 Mitgliedern, welche Zahl noch die Maler aufweisen. In der Diskussion gab Genosse Bote seiner Freude Ausdruck über den günstigen Geschäftsbericht und erläuterte den Unterschied, der zwischen den genossenschaftlichen und den privatkapitalistischen Be- trieben ähnlicher Art besteht. Genosse Leue bemängelte daS Statut, das nichts enthalte, wonach Anträge zur Generalversamm- lung in einer bestimmten Zeit gestellt werden können. Auch ein- zelne Lieferanten behandeln ihr« Arbeiter nicht so, wie es diese verlangen können. Da die Ausführungen des Redners nur An» deutungen, aber keine bestimmten Angaben enthielten, protestierte die Versammlung gegen dieselben, worauf der Redner die Tribüne verließ. Genosse S t ö r m e r möchte gern den Grund erfahren. warum eine große Zahl von Mitgliedern wenig oder gar nichts kaufe. Etlvaige Versuche, das Borgsystem einzuführen, müßten zurückgeloiesen werden. Genosse Krämer polemisierte gegen die Anschaffung eines Automobils, das zu Kriegszwecken verwendet werden soll. Genosse Schmitz besprach den Geschäftsbericht in freundlichem Sinne, warnt aber vor weiteren Absichten in bezug auf Neubaulen. Dagegen müsse die Eigenproduktion in Milch und Butter möglichst bald in Angriff genommen werden. Ein An- trag, die Redezeit auf 5 Minuten zu beschränken, fand Annahme. Genosse Ullrich wünscht die frühere Herausgabe der Geschäfts- berichte und poleniisiert gegen die Ansichten einzelner DiSkussionS» redner. Er vermißt die Angabe der Gehälter unserer Angestellten im Geschäftsbericht. Genosse Junger widerlegt einige Aus- führungen der Diskussionsredner. Ueber die Resolution einer Mit- gliederversammlung der 39. Berkaufsstelle betr. das KriegSauto- mobil geht die Versammlung zur Tagesordnung über. Genosse M i r u S spricht unter großer Unruhe der Versammlung über künf- tige Aufgaben der Genossensckmft. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. Genosse Junger verzichtet rnifS Schlußwort. Die Entlastung des Vorstandes und Aufsichtsrats wird einstimmig ausgesprochen. Der Verteilungsplan gelangt nach den Anträgen der Verwaltung einstimmig zur Annahme. Die Ver- sammluug beschloh alsdann die weitere Herausgabe von zwei Serien Hausanteilscheinen von je 100 009 M. Es folgte hierauf die Wahl von fünf ausgelosten Aufsichtsratsmitgliedern. Wieder- gewählt werden die Genossen Karl Fritz(Kupferschmied). Franz Hanel(Tischler), Konrad Holland(Schnhmacher) und Franz Liese(Metallarbeiter). Neugewählt wird Wilhelm Michel (Tischler) an Stelle des Genossen Kleinschmidt, der in der Minorität blieb. Als Ersatzpersonen werden gewählt die Genossen Georg Ewald(Metallarbeiter), Eugen Haueisen(Buch- binder), Wilhelm Lückfeld(Schlosser). Erich Stockmann (Bügler) und Max Galipp(Former). Nach Erledigung einiger unwesentlichen Angelegenheiten wird hierauf die Versammlung geschlossen._ Zcntrnlverband derHandlungsgehIlfen und Gehilfinnen Deutsch» landS. Ortsverwaltung Groß-Berlin. Heute Donnerstag, abds. 8>/, Uhr. in den Arminhallen, Komma»dante>-str. 58/59: Auberordent- liche� Mitgllcderverjammlung. Sehr wichtige Tagesordnuiig. Mitgliedsbuch Deutscher Slrbeiter- Abstincnteiibund. Ortsgruppe verlin. Freitag, 2l. d. MtS., spricht im-»ewerlschaslShause. Engeluser 15. Saal 7, Genosse Piek über„Die geschichtliche Entivickelung der Indirekten Steuern". Kein KetrSnkeauSschank I Sunlichr Seife jsh ttir die InsfandhalCunQ der Wäsche unserer Kleinen wie keine andere geeignet. Sie verleih! ihr köstliche Frische und im Gegcnsafz zu schlechfen Seifen, die in den Wäschestücken ätzende und die Haut reizende Bestandteile zurücklassen Die Behaglichkeit der jungen Weltbürger wird daher durch SunlichhSeife gefordert! Berantwortl. Redakteur: Carl Wermutck. Berlin-Rirdorf. Kür den Sni eratenteil oerarU«.: Th. Blicke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Vuchdruckerei il Verla, saiijtalt Paul Sinaer ck To.. Berlin SVK