Ar. SSO. HbonncmcntS'Bedlngungen: CBomieineiitä. Prkts prSnumermida i »icrlcljiihrl. 3M) Ml, monall. l.l0 Ml, wöchcnllich 2a Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nuninicr S Pfg� SonntaaS- mminier mit illulwierler Sonntags- Beilage„Die Neue Well" 10 Psg. Post- libonnemenl: t.ll) Marl pro Monat. Eingetragen in die Posl.Zeiinnas, PreiSIisie. Unter ttreuzdand für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Däneniarl, Liolland, Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schwedem und die Schweiz. «7. Jahrg. Cridielnt täglich aaBer montags, Vevltnev Volksblntt. Die TnlertlonS'GebSbr Betragt für die sechsgespaltene Kolonet- geile oder deren Raum 50 Psg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Vcrsammlungs- Anzeigen 80 Psg. „KUlne Hnrrigtn", das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 PIg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzcigcn das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort k Psg. Worte über IS Buchslaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis»Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis? Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sozialileinolsrat Rtrimt Zentralorgan der foda Idemohrati fchen Partei Deiitfcblands. Redaktion: 8M. 68, Lindcnstraese 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindcnstraasc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. LschMche LemrbeaMcht I9ö9. Mit besonders großer Verspätung sind diesmal die Be- richte der sächsischen Fabrikinspektorcn erschienen. Sie ent- halten endlich das von sozialdemokratischer Seite längst ge- forderte Sachregister. Das ist aber beinahe auch der einzige Vorzug des vorliegenden Jahrganges, dessen Inhalt wieder nach einem Schema zusanimengestellt worden ist, ohne daß eine systematische Anordnung erreicht worden wäre. � Die Revisionstätigkeit ist im Jahre 1909 wesentlich lebhafter als früher geworden. Die Zahl der Be- suche hat sich von 24 044 im Jahre 1908 auf 26 640, also um 2596 vermehrt. Doch blieben von den 27 524 revisions- Pflichtigen Betrieben noch immer 5631 übrig, denen im ganzen Jahre kein Aufsichtsbeamter zu nahe gekonimen ist. Von den 2l 893 besichtigten Betrieben sind 2648 zweimal und 693 drei- und mehrmal kontrolliert worden. Zivar hat- sich die Zahl der Fabriken vermehrt, doch ist auch daS Verhältnis der Revisionen zur Zahl der Betriebe besser geioorden, nämlich von 92 Proz. im Jahre 1908 auf 96 Proz. im Berichtsjahre. Freilich von dem bescheidenen Ziele, daß jede Fabrik im Jahre wenigstens einmal revidiert werde, sind wir noch ein Stück entfernt. Doch kommt es n i ch t a l l e i n aus die Z a h l der Revisionen an, wichtiger st, wie revidiert wird. Da blieb aber bisher in Sachsen viel zu wünschen übrig. Ohne Fühlung mit den Ar- beitern konnten die Fabrikinspektoren von diesen bei den Revisionen auch nicht unterstützt werden. Daß die Aufsichts- beamten sich auch heute in Sachsen des Vertrauens der Ar- beiter noch nicht erfreuen, zeigt die Tatsache besonders deutlich. daß sie nur einen minimalen Verkehr der Ar- beiter an der Amtsstelle haben, während die Unternehmer den Rat der Beamten zu Hunderten in Anspruch nehnten. So erschienen, um nur ein Beispiel anzuführen, in Plauen neben 400 Unternehmern nur 8 Arbeiter bei der Ge- schäftsstelle des Inspektors, der so zum Anwalt der Unter- ntchiner wird. Hoffentlich bekommen wir bald die vom letzten Landtage beschlossenen Arbeiter- assistentenl Die weiblichen Aufsichtsbeamten melden übereinstimmend, daß sie allenthalben bei ihren Kontroll- gängen sowohl bei Unternehmern wie Arbeiterinnen mehr Ver- ständnis gesunden haben wie früher. Den Aufsichtsdamen liegt in erster Linie die Aufsicht über die Kinderarbeit in der in Sachsen besonders stark verbreiteten Hausindustrie ob. Da haben sie in den ersten Jahren viel Widerstand zu bekämpfen gehabt. Sie erkennen aber an, daß sie dabei durch die Arbeiterpresse und die gewerkschaftlichen Kinderschutz- Kom- misstonen wesentlich unterstützt worden sind. So führt im vorliegenden Jahresberichte die Aufsichtsdame des Zivickauer Bezirkes aus:„Nicht unerwähnt darf bleiben, daß die Kenntnis der Bestimmungen deL Kinderschntzgesetzes den beteiligten Kreisen namentlich durch Veröffentlichungen in sozialdemokra- tischen Blättern vermittelt und daß durch die Kinder- s ch u tz k 0 m m i s s i 0 n der Gewerkschaflskartelle die Durch- führung des Gesetzes erleichtert wurde." Viel Elend sahi�n die Aufsichtsdamen bei ihren Kontrollgängen in der Hausindustrie. So berichtet die Jnspektorin des Bautzener Bezirkes, daß in manchen Fällen bitter st e Not die Eltern zwingt, die Kinder zu überanstrengen, was sonst nicht der Fall sei. Oft herrsche heiße, schlechte Luft in überfüllten Arbeitsräumen. Mehrfach ivurden den Beamtinnen über das Alter der Kinder falsche Angaben ge- macht. Es stellte sich heraus, daß die Kleinen dazu von den Unternehmern angehalten worden waren. Man beschränkte sich in solchem Falle ans Verwarnungen. Daß niedrige Strafen die Kinderauobenter nicht abschrecken, zeigte sich im Chemnitzer Bezirk, wo ein Unternehmer trotz erhöhter Bestrafung nüt 3 M. Geldbuße das Kind in der unzulässigen Weise monate- lang noch weiter beschäftigt hatte. Im Berichtsjahre wurde das Wirtschaftsleben Sachsens noch schwer von der Krise bedrückt, erst im letzten Viertel der Periode begann sie teilweise zu weichen. Schon die Ergebnisse der Arbeiterzählung veranschaulichen den Druck des schleck" cn Geschäftsganges. Obivohl die Zahl der revisionspflichtigen Betriebe infolge der Ausbreitung des Motorbetriebes um 1253 zugenommen hat, nämlich von 26 271 ans 27 524, hat sich die Zahl der erwachsenen männ- lichen Arbeiter nur von 377 421 aus 378 333, das heißt um 912 vermehrt. Es ist ein cnipfindlicher relativer Rückgang eingetreten. Dagegen ist, wie schon in früheren Krisenjahren wieder die Wahrnehmung zu machen, daß die i Unternehmer die billigere und willigere Arbeitskraft der Frau besonders bevorzugen. Denn die Arbeiterinnen vermehrten sich in demselben Zeittannie, wo die Gesamtzahl des er- wachscnen Arbeiters einen relativen Ziückgang erlitt, um nicht weniger als 11370. Diese Zahlen veranschaulichen den in Krisenzeiten besonders in Sachsen oft beobachteten Zustand, daß der arbeitslose Mann zu Hause die Kinder wartet. während die Frau im Fabriksaale frondct. Besonders int Chemnitzer Bezirk äußerte die Krise sich in dieser Weise; hier nahm die Zahl der arbeitenden Frauen um 2483 zu, während sich die erwachsenen männlichen Arbeiter um 522 verminderten. Aus jenem Bezirk wird auch gemeldet, daß in den Zigarren- � fabriken die Sortierer durch billigere weibliche Arbeits- � kräfte ersetzt werden.' Die Aussichtsbeamten hatten den Austrag erhalten, be- sondere Ermittelungen über die Nachtarbeit in Hüttenwerken und darüber anzustellen, ob die Arbeiter vor Beginn ihrer Tätigkeit ein Frühstück eingenommen haben. Letzteres ist großenteils der Fall, doch Pflegen besonders die Wandcr- arbeiter in Ziegeleien mit nüchternem Magen ihre schwere Beschäftigung aufzunehmen und erst zwei bis drei Stunden nach deren Beginn etivas zu essen. In Chemnitz gehen die meisten Arbeiter ohne Frühstück zur Arbeit, besonders gilt das von Schlafleuten, denen die Wirtin kein Frühstück be- reitet. Vielfach verzichten die Arbeiter deshalb auf jedes Frühstück vor Arbeitsbeginn, um Feuerung und Licht und wohl auch die Ausgaben für Kaffee und Weißbrot, das übliche sächsische Frühstück, ztt sparen. Es wird durch diese Angaben ein winziger Teil des Arbeiterelends enthüllt, das vielleicht oft die Ursache des schädlichen Schnapsgenusses ist. Die Ermittelungen über die Nachtarbeit in den Hüttenwerken haben nichts Besonderes ergeben; be- merkenswert ist aber die Tatsache, daß sich bei den Nacht- schichten in der Großeisenindustrie des Dresdener Rcgierungs- bezirks weniger Unfälle ereigneten als bei den Tagschichten, nämlich bei jenen auf 100 Arbeiter 12,5 Unfälle, bei letzteren aber 15,8. Doch ist das offenbar darauf zurückzuführen, daß in den Nachtschichten die besonders gefährlichen Transport- arbeiten nicht oder nur in sehr beschränktem Umfange vor- genommen werden. Die wirtschaftliche Lage der Arbeiter konnte natürlich keine günstige sein, umsotveniger, weil die daS Arbeitereinkommen dezimierende Krise gleichzeitig mit der Lebensmittelverteuerung auftrat. Schon in den vorjährigen Berichten mußten die sächsischen Gewerbeaufsichts- beamten konstatieren, daß eine wesentliche Vermin- derung des Einkommens der Arbeiter und eine Verschlechterung der Lebenshaltung eingetreten sei. Diesmal heißt es in dem Ab- schnitte: Wirtschaftliche Lage der Arbeiter vielfach. die Einkommens- und Lebensverhältnisse der Arbeiter seien dieselben geblieben. Das heißt also, sie sind schlecht geblieben, stehen geblieben aus dem traurigen Niveatt von 1908. Vielfach ist aber die Verelendung noch schlimmer geworden. So heißt es in dem Berichte aus der Kreishauptmannschaft Bautzen, nachdem auf ungünstige Geschäftslage, besonders in der Textilindustrie hingewiesen worden ist:„Dte wirtschaftliche Lage der Arbeiter erfuhr infolgedessen eine erhebliche Verschlechterung, zu- mal an Lohnerhöhungen auch nach Ueberwindung des geschäft- lichen Tiefstands wegen der niedrigen Verkaufspreise nicht zu denken war. Besonders fühlbar machten sich die andauernd hohen Preise d e r L e b e n s m i t t e l, der sonstigen Genußmitel und der Gebrauchsgegenstände. Nur verhältnismäßig wenige Arbeiter konnten gegen Ende des Jahres, als es hier und da an Arbeitskräften zu fehlen be- gann, ihre wirtschaftliche Lage durch die nunmehr nötig ge- wordenen Ueberstnnden wieder verbessern." Aehnlich lautet auch der Bericht ans Chemnitz, Leipzig und anderen Bezirken, während vereinzelt im letzten Viertel des verflossenen Jahres eine Besserung eingetreten sein soll. Besonders schlimm sind die T a b a k a r b e i t e r, die be- dauernswertestcn Opfer des Reichsfinanzskandals, betroffen worden. So heißt es in dem Berichte aus F r e i b e r g: „Das T a b a k st e u e r g e s e tz hat in den größten Zigarren- fabriken zu längerem Stillstand der Betriebe und be- schränktet Arbeitszeit geführt und für die Zigarren- arbeiter einen nicht unbeträchtlichen Lohn- aus fall zur Folge gehabt, der durch die vorher geleistete Ueberarbeit nicht ausgeglichen worden ist." In der Zigarrenindustrie DöbelnS hat sich das Einkommen der Tabakarbeiter um 39 Proz. vermindert. Und dabei die»„unerschivinglichcn Lebensmittelpreise". Den Zündholzfabrikeu des Chemnitzer Bezirks sind für 90 Tage 12 600 Ueber stunden bewilligt worden. Das war das letzte Aufflackern dieser Industrie vor der Rcichsfinanzreform: später haben diese Fabriken, ivie inzwischen die Handelskammerberichte gemeldet haben, ihre Betriebe zun: großen Teile schließen müssen. Ebenfalls ein Opfer der FinanzreformI vertretertag der lungliberalen. Köln, 23. Oktober. Die Jungliberalen, deren Aufgabe cS ist, zu der reaktionären Politik der Alten in der naiionalliberalcn Partei radikale Musik zu machen, hatten sich für Sonnabend und Sonntag in Köln zu einer Generaltagung eingefunden. In Köln ist die erste national- liberale Jugendorganisation entstanden, und vor 10 Jahren schloffen sich die Vereine zum Reichsverband zusammen, so daß der Kölner Vertrctertag zugleich als Jubiläum begangen werden soll. In der nichtöffentlichen Vormittagssitzung am Sonnabend wur- den geschäftliche Angelegenheiten behandelt. Der Reichsvcrband zählt heute, nachdem eine Anzahl badischer und württembergischer Organisationen ihren Anschluß vollzogen hat, 199 Vereine der Ver- bandsvorsitzende weist hin auf die Notwendigkeit, daß die einzelnen Vereine, namentlich im Hinblick auf die bevorstehende Reichstags- Wahl, mehr als bisher der politischen Erziehungsarbeit widmen, damit eS der Partei nicht an guten Rednern fehle. Man hat auch. wie in der Aussprach« hervorgehoben wurde, den geselligen Verkehr in den Dienst der Politik gestellt: z. B. Kegelabcndc eingerichtet und dadurch den„Anschluß an die Arbeiter weit" ge- Wonnen. Woraus sich ergibt, daß, wenn zwei dasselbe tun, eS noch lange nicht dasselbe ist— denn vor wenigen Wochen noch ging durch die nationalliberalc Presse ein Artikel, worin die Sozialdemokratie belehrt wurde, wie sie sich am Sport versündige, wenn sie ihn in den Dienst der Partei stelle.. Der Hauptpunkt des Tages und der gesamten Tagung war die Rede deL VerbandSvorsitzenden Dr. Fischer(Erkelenz) über die jungliberale Bewegung und die politische Lage. Herr Fischer, der den einträglichen Posten als Generaldirektor der Internationalen Bohrgesellschast bekleidet, ist unter den Jungen das, was Bassermann unter den Alten ist. Wie dieser wird er, wenn er ans Rednerpult tritt, mit Händeklatschen und Jubelrufen empfangen, und wenn er abtritt, ertönt der bekannte„nicht enden- wollende Beifall". Wie Baffermann versteht eS auch Herr Fischer, in vielen Worten möglichst wenig zu sagen und sich mit diplo- matischcn Wendungen und schönen Phrasen vor einer klaren und entschiedenen Stellungnahme herumzudrücken. Der Redner spricht zunächst unter dem Beifall des Vertreter- tages seine volle Befriedigung mit dem Verlauf und dem Ergebnis des Kaffeler Parteitages der Nationalliberalen aus. Die Geschlossen- heit der Partei unter diesem Führer— dieses Ziel, zu dem sich auch die Jungliberalen bckännten, sei restlos erreicht worden. Im übrigen legt Fischer besonderen Wert auf den Nachweis, daß sich die nationalliberale Jugend in voller Uebepeinstimmung mit der nationalliberalen Partei befinde. Demgemäß liefen denn auch seins Ausführungen über die politische Lage im wesentlichen auf«inen mit etwas mehr Temperament versetzte Wiederholung Bassermann« scher Gedanken vom Kasseler Parteitag hinaus. Lange verweilte Dr. Fischer bei dem Nachweis, wie unziw treffend cs sei, die Jungliberalen als Nachläufer der Sozialdcmo« kratie zu bezeichnen. Der klar« Einblick in die Staatsnotwcndig» ketten sei, so erklärte er, bei den Jungliberalen so stark, daß sie un, erschütterliche Gegner des in sich unmöglichen Systems der staats« feindlichen und— so betonte der Herr Generaldirektor der i n t er, nationalen Bohrgesellschaft mit besonderem Nachdruck— intern nationalen Sozialdemokraten sein müßten. Im übrigen will der Redner unterscheiden zwischen der grundsätzlichen und der taktischen Stellung zur Sozialdemokratie, zum Beispiel bei Stichwahlen. Diese Frage könne nur kühl rechnerisch erörtert werden und selbstverständ- lich nur unter' Berücksichtigung der landschaftlichen Eigenarten. Noch besser sei es freilich, in dieser Angelegenheit nicht zu viel zu sprechen, fondern gegebenenfalls bestimmt zu handeln. Die badischs Politik sei als Versuch, die Arbeiterschaft zu positivem Mitschaffen am Staate wiederzugewinen, anzuerkennen, ihre Verallgemeinerung für daS Reich jedoch abzulehnen. Im übrigen spricht sich der Redner gegendievonderRegierungbeliebteBekämpfung der Sozialdemokratie auf dem Wege der Nadel» stichpolitik aus. Gleichberechtigung aller politischen Parteien, auch der Sozialdemokratie, sei daS beste Mittel, die Sozialdemo- kratie als Partei selbst zu überwinden— wobei Herr Fischer eS leider unterließ, zu erklären, wie sich mit der Gleichberechtigung das. Eintreten der Nationalliberalen für das Klassenwahlrecht ver- trägt. � Die Aussprache stand unter dem Eindruck des Kasseler Partei- tageS und der von da aus erlassenen Parole: Ruhe um jeden PreiS! Die Unzufriedenheit mit dem mageren Ergebnis von Kassel und manchem anderen aus dem Partei leben kam bei manchem Redner verhalten zum Ausdruck, aber die Abhängigkeit der Jungen von den Alten ist zu groß, als daß in diesen Kreisen ein entschiedener Wille zur Tat sich durchsetzen könnte. Wenig wurde gegen die Konser- vativen gesagt. Die Sehnsucht nach der Wiederkehr des Bülow- blockS will man auch bei den Jungen nicht aufgeben. Recht stark kam dagegen die Abneigung gegen daS Zentrum zum Ausdruck, und als ein Redner die Jungliberalcn mit besonderer Entschiedenheit gegen die Zumutung in Schutz nahm, daß sie jemals dem Zentrum bei Wahlen zu Hilfe kämen, da gab es, daS einzige Mal in der matten Diskussion, einmütigen und lebhaften Beifall. Von diesem Bekenntnis bis zum offenen Eintreten der Jungliberalen(von den Alten gar nicht zu reden) für den Stichwahlgegner des Zentrums, wenn dieser ein Sozialdemokrat ist, bleibt allerdings noch ein langer Weg., Das Ergebnis der ersttägigen Tagung war die Annahme fol, gcnder Resolution: „Der Vertrctertag begrüßt die von der nationalliberalen Par» tei eingenommene Kampfes st ellung gegenüber dem schwarzblauen Block und fordert ihre energische Durch, führung, insbesondere in den bevorstehenden Wahlen. Er verlangt ferner einstimmig, daß die Regierung die dringenden Wünsche des deutschen Bürgertums nach einer seiner volkswirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung entsprechenden gleichberechtigten Anteil- nähme an der Gesetzgebung und Verwaltung ohne Vorzug und ohne Rücksicht auf einseitig überkommene Standesvorurteile, ins- besondere in Preußen, zugesteht. Der Vertretertag ist der festen Ueberzeugung. daß nur auf diesem Wege, nicht durch in sich un- mögliche Sammlungswahlpcrrolen, die vom nationalen Stand- Ipunkt aus unbedingt erforderliche Anteilnahme und freudige Mit- arbeit weitester Kreise an den Vorgängen unseres öffentlichen Lebens gewonnen werden kann." Weiter wurde eine von jungliberalen Vereinen Süddeutschlands beantragte Resolution angenommen, worin als unumgängliche Not- wcndigkeit die sofortige Schaffung einer PensionSber- sichern ng für Privatbeamte und die baldige Lösung der Frage der Arbeitex-Witwen« und Waisenversiche» rung gefordert wird. In 5cr Heutigen Sonntagsschung hiilt Herr T�efreda?- teur Mehrmann einen Vortrag über: Tie auswärtige Politik Deutschlands, eine lange gespreizte Kannegießerei. Zur Sicherung deS Friedens und der Erhaltung der politischen Machtstellung verlangte Herr Mchrmann eine militärische Entente Mitteleuropas mit der Türkei und zur Entwicklung eines einheitlichen Verkehrs- und Wirtschafts- gebietS zwischen Nordsee und Persischem Golf eine Zollunion Teutschlands, Ocsterreich-Ungarns und der Türkei. Zur Beseitigung wirtschaftlicher und die Verkehrseinheit gefährdender Streitpunkte fordert Herr Mehrmann ferner die Herstellung eines Schieds- gerichtsbunde« mit Einschluß Frankreichs«lnd mit Ausschluß deS exotischen britischen Imperiums und des asiatischen Weltreichs Nuß- land. Die Schwierigkeiten, die sich der Herstellung eines mittel- europäisch oSmanischen Schiedsgerichts entgegenstellen, lägen, meint er, einzig in der Verschiedenheit der Rassen und Religionen. Aber Rassen, und konfessionelle Gegensähe hätten auch die Gründung des Deutschen Reiches erschwert. Und schließlich sei dem türkischen Volk eine seinem Phlegma entsprechende Toleranz nicht abzusprechen. Die Verbindung germanischer und orientalischer Wesensverschiedenheiten müsse und werde aber der Kultur des MenschheitSgeistes neue Wege erschließen. Auf diese phrasenreiche Rede folgte Herr Dikl. Trescher-Düffel- dorf mit einer Erörterung der Frage: «Wie stellen wir unS zur jehigen Zoll- und Handelspolitik?" Er trat für die Förderung der Exportpolitik und die Er- Mäßigung des heutigen Zolltarifs ein. Die immer weiter gehende Absperrung, meinte er, müssen wir zu verhindern suchen, und wir dürfen dabei nickst vor eigenen Zollermäßigungen zurückschrecken. Wir können das auch. Die unbedingte Meistbegünstigung muß er- seht werden durch gegenseitige Zollzugcständniffe, Herabsetzung der Zollsätze Zug um Zug. Wenn wir zu erkennen geben, daß wir uns nichts mehr gefallen lassen wollen, dann werden wir auch nicht solche Zollbelästigungcn wie in den letzten Jahren wieder erleben. In der Besprechung spricht sich Heimann-Kreuser(Köln) gegen eine Abkehr von der heutigen Schutzzollpolitik aus und gegen eine forcierte Ausfuhrpolitik.— Dr. Ut h- Düsseldorf hält die Ansicht Dr. Mehrmanns über die deutsche Auslandspolitik für aus- sichtslose, praktisch undurchführbare Phantasien.— RegierungSrat Dr. PoenSgen verlangt ebenfalls Stetig- keit der Handelspolitik. Die Wünsche der Großgrundbesitzer nach Erhöhung der Zollsätze, namentlich Erhöhung der Futtermittel, dürften nicht berücksichtigt werden, dem» damit werde der Bauern- stand geschädigt. Die vereinigten jungliberalen Veveine Groß- Berlins hätten sich einstimmig in einer Konferenz für die Er- Haltung des ZollschutzcS für die Landwirtschaft ausgesprochen. Man sehe also, daß daS Verständnis für die Bedürfnisse der Landwirt- schaft auch auf dem Asphalt der Großstadt erwachsen könne. Nach einer weiteren Debatte, die nichts wesentliches ergab, wurde nach einem Schlußwort des Vorsitzenden Dr. Fischer der vcrtretertag geschlossen._ Zslluschznerliche Scharfmactzcrel. Herr v. Oldenburg-Janu schau hat am Sonn- vbend in Marienburg eine Scharfmacherrede gehalten, die an wüsten Provokationen ziemlich alles überbietet, lvas bisher von junkerlichen Scharfmachern geleistet worden war. Es ver- steht sich von selbst, daß der Januschauer die Regierung be- stürmte, nur ja keine Wahlrechtsvorlage wieder einzubringen. Ebenso selbstverständlich ist es, daß Herr v. Oldenburg die Ablehnung der Erbschaftssteuer als patriotische Tat feierte. Die Konservativen, erklärte Herr v. Oldenburg, würden auch nicht umfallen, wenn die Erbschaftssteuer wiederkehre. Sie lehnten sie prinzipiell ab, weil sie wüßten, daß das Kapital bei der direkten Steuer im Reich schutzlos den Massen preisgegeben sei. Das sei der große politische Grund, der die Konservativen gezwungen habe und künftig zwingen werde, sich zu wehren gegen die Enteignung des Per- mögens im Deutschen Reich. Was Herr v. Oldenburg in seiner grotesken Weise aus- sprach, ist ja schon wiederholt von konservativer Seite als staatSerhaltender Grundsatz proklamiert worden. Wiederholt hat man erklärt, direkte Steuern für Preußen und d e Bundes- staaten, für das Reich aber indirette Steuern. Eine'olche Per- teilung der Steucrarten sei deshalb nottvendig, we l bei dem gleichen Wahlrecht im Reiche der Besitz vollständig den Expropriationsgelüsten preisgegeben seil Und so lächerlich das auch gegenüber dem der bisherigen Steuergesey- gebung des 3ieichstages, die jederzeit die Lasten auf die Schultern der nichtbesitzenden Bevölkerung zu legen bemüht war, klingt, so sicher ist doch, daß die Konservativen ' in der Tat enschlossen sind, jeder ernsthaften direkten Be- steuerung durch das Reich den äußersten Widerstand entgegen- zusetzen! Zu einer Scharfmacherrede gehört natürlich auch die Umschmeichelung des Trägers der Krone. Der Kanuschauer brachte es fertig, zu behaupten, daß jetzt wieder die Senne der Volksgunst über den Hohenzollern lächle! Daß unter dieser Volksgunst in Wirklichkeit die Zufriedenheit der Junker zu verstehen ist, ergab sich aus den weiteren Aus» führungen. Erklärte doch der Januschauer, daß er selten eine so einwandfreie Kaiserrede gehört l)obe, wie die in Königsberg? Wenn der Kaiser gesagt habe, daß er die Krone nicht vom Volke habe, sondern daß er von Gottes Gnaden sei, so sei das doch die Wahrheit. Und wenn der Krenprinz auffordere, die„völkische Eigenart" zu wahren- so könne er schöneres und besseres gar nicht sagen. Dagegen sei es ein S k a n d a l, daß in Magdeburg unter behörd- sicher Aufsicht Schmähungen unerhörter Art hätten aus- gesprochen werden dürfen! Und nach Magdeburg kam natür- sich Moaoit: „Wem in Moabit die Llugen noch nicht aufgegangen sind, dem ist nicht zu helfen. Ich habe kein Verständnis dafür, daß ein geordnetes Staatswesen drei Tage braucht, eine solche Revolte zu beseitigen. Er st verbietet man zu schießen— urtd dann sammelt man für verwundete Schutzleute! Ein energischer Stoß sofort spart Hunderte von Toten hinterher. Also loS ans die Schanzen, wenn nicht so Jjaltlose Zustände wie in Portugal hier eintreten sollen, wenn noch geschützt werden sollen Vaterland und Besitz! Vor einigen Jahren sah ich ein Bild, daö einen alten Krieger von 1870 mit dem Eisernen Kreuz und den Lorbeer um oen Helm darstellt, wie er sich den Doveschen Kugelschutzpanzer an- sieht. Und darunter stand folgender VerS: „Ihr Herren vom Fach tut's mir zu Lieb� Erspart euch die Blamage: Der b e st e Panzer ist der Hieb, Mein Panzer heißt Courage!" Das Bild möchte ich dem Herrn Minister auf den Schreib- tisch stellen für ein Programm der deutschen Zu- kauft/1. Herr v.'Olden�urg-JauusEau isk ja ein politischer Hau?- Wurst, eine Art Doppelgänger des Dreschgrasen Pückler. Aber Kinder und Narren fpucchen die Wahrheit, und ein politischer Hanswurst wie der Januschauer spricht nur am unver- srorensten aus, was die gesamte Junkersippe mit etwas anderen Worten sagt. Kein Zweifel, daß unsere Junker am liebsten einen Gewalts st reich versuchten, da sie in einem verbrecherischen Vergießen von Bürgerblut ihre einzige Rettung sehen. Ein Aderlaß unter den Massen und brutale Knebelgesetze, das ist es, wonach sie lechzen und wozu sie die Regierung aufputschen möchten. Das beweist auch eine Zuschrift an die„K r e u z z e i t u n g", in der es heißt: „Wir bedürfen scharfer, bis zur Vernichtung gehender Ausnahmeregeln, wie wir sie ähnlich schon gehabt und in einer unheilvollen Stunde leider nur zu früh wieder aufgegeben haben; und wir bedürfen zu ihrer Durch- führung eiuer nerven starken, unerschütterlich festen, zielbewußten Regierung, wie sie unser großer Kaiser in der K o n f l i l t s z e i t in Männern wie Bis- marck und Roon zur Seite hatte." Einen„energischen Stoß" gegen die Volksmassen verlangt der Januschauer. Die Brownings und Polizeijäbel ind ihm und seinen Scharfmacheegenossen zu zahm und Harm- os— B a j o n e t t e und Maschinengewehre erscheinen ihnen schon tauglicher!, Mit einem„energischen Stoß" wird bei den Wahlen das als Objekt der Brutalisierungs- und Massakricrungsgeliiste betrachtete Volk anworten. Mit einem Stoß ins Herz dieser Scharfmacherbrut Z_ „Staalmoh!" und lldgeordoeteunchte. Die I u st i z k o m m i s s i o n beschäftigte sich in ihrer Sitzung am Montag mit dem ß 46 der St.-P.-O„ der die Aussage eines als Zeugen geladenen öffentlichen Beamlen über amtliche Dinge von der Zustimmung der vorgesetzlcn Behörde abhängig macht. Welcher ungeheuerliche Unfug mii diesen Ausnahmebestimmungen von den einzelnen staatlichen Behörden getrieben worden' ist, da- für lieferten insbesondere in der jüngsten Zeit eine Reihe von Prozessen— u. a. Prozeß Krämer und Schröder— genügende Beweise. Was wurde da nicht alles als dem Wohle de§ Staates oder des Reiches gefährdend hingestellt! Mit diesem unglaublichen Mißbrauch aufzuräumen, war das Bestreben unserer Genossen in der Kommiision, die beantragien, den § 46 überhaupt zu streichen. Da die KomniissionLinehrheit jedoch zu dieser Radikalkur nicht bereit war, beantragten unsere Genossen serner, in dem Paragraph zumindest den Begriff„Wohl des Staates" genauer zu umschreiben und sie forderten die Aufnahme folgender Bestimmung in den Z 46: „Das Verbot darf nur erfolgen, wenn die Ablegung des Zeugnisses der Wehrkraft deS Reich» oder eines Bundesstaats oder den Beziehungen zun, AuS- lande oder der Bund e�S staaten untereinander Nachteile bereiten würde." DeS weiteren sollte nach dem sozialdemokratischen Antrag die Entscheidung, ob eine Berechtigung zur Aussogeverweigerung in diesen Fällen vorliegt, nicht der VerwaltungSbebörde sondern dem Gericht übertragen werden. Die Tatsachen, die die Aussage- verioeigerung begründen sollen, müßten aber schriftlich dem Gericht mitgeteilt werden. Nicht soweit, wie der Antrag unserer Genossen, ging ein Antrag der Mehrheit der Zentrumsabgeordneten, der dem s 46 folgenden 2. Absatz zugefügt sehen wollte: „Eine Versagung der Genehmigung ist nicht zulässig, soweit eS sich um Tatiachcn handelt, die sich auf das Dienst- oder Arbeitsverhältnis in Betrieben deS Reichs oder eines Bundes- staatS oder auf die Ausübung des Wahlrechts bei öffentlichen Wahlen der Bediensteten und Arbeiter dieser Betriebe beziehen." Gegen diese Anträge hatte die Regierung ein Massenaufgebot von Spezialkommiffarcn mobil gemacht, die für die Militärbetriebe, für die Bergbehörden usw. abgeordnet waren. Aber selbst vom Standpunkt der Verbündeten Regierungen operierten die Herren un- gemein ungünstig. So faßte einer der Kommissare den Antrag de» Zentrums durchaus falsch auf und hielt eine lange Rede in die Luft hinein, während für den Vertreter des preußischen Kriegsministeriums der Begriff„staatlicher Betrieb" noch etwas vollständig Unaufgeklärtes zu sein schien.— Nach mehrstündiger Debatte, die keinen Zweifel darüber ließ, daß sich für den Zentrumsantrag eine Mehrheit gefunden habe» würde, wurde die Beschlußsaffmig über den ß 46 und die dazu gestellten Anträge vertagt und eine aus Vertretern der einzelnen Parteien zusammengesetzte U n t e r k o.m Mission mit einer anderen Formulierung des Zentrumsantrags, in Ber« bindung des sozialdemokratischen Eventualantrages beauftragt. Eine nicht minder wichtige Debatte veranlaßte ein konservativer Antrag, der den in erster Lejung angenommenen§ 47a wieder sireichen will. Der Z 47a besagt, daß Mitglieder gesetzgebender Körperschaften über die ihnen in Ausübung ihres Mandats gemachten Mitteikungen und anvertrau- ten Tatsachen die Zengenalussage verweigern dürfen. In bezug auf Verbrechen scheidet dieses Recht aus. Diesem ganz selbstverständlichen Recht der Abgeordneten setzte die Regierung ein Unannehmbar entgegen, der Staatssekretär L i s c o machte von der Beibehaltung dieses Paragraphen da? Zu- standekommen der ganzen Vorlage abhängig. DaS schien daS Zentrum zu einer„Vermittlung" geneigt ge- macht zu haben; denn Abg. Spahn beantragte, den§ 47a derart zu formulieren, daß der Abgeordnete nur das Recht haben soll, den Namen seines Gewährsmannes verschweigen zu können. Infolgedessen müßte dann aber auch die Bestimmung des neu geschaffenen Z 106 a, wonach in den AmtSräumen der Parlamente nicht ohne weiteres gehaussucht werden darf, entsprechend ein- geschränkt werden. Aber selbst diesem ungemein gemilderten Antrag gegenüber glaubte der Staatssekretär für die Verbündeten Regierungen keine entgegenkommendere Erklärung abgeben zu können. Unsere Genossen traten aufö Nachdrücklichste für die Bei- beHaltung des Z 47 a ein, bei dem nur der zweite Absatz gestrichen werden müßte.— Die Konservativen liefen zu wiederholten Malen Sturm gegen die Ausdehnung der Slbgcordnetenrechte und be- antragten schließlich, auch diesen Punkt der Unterkommission zur „Klärung" oder Anbahnung einer„Verständigung" zu überweisen. Das lehnte die Kommission glatt ab. Gegen die Stimmen der Konservativen und der Antisemiten hielt die Kommisfio» den Beschluß erster Lesung unverändert ausrecht. Beim§ 49 bcantragteu unsere Genossen, das ZeugniSver- weigerungsrecht auch den Redakteure n zu geben. Der Entwurf enthält auch darüber nur eine äußerst dehnbare und völlig unzulängliche Bestimmung.— Der Antrag wurde abgelehnt. Studie» in Grau. Aus London wird uns geschrieben: Nichts setzt den kontinentalen Beobachter des politischen Lebens Großbritan- nicns- niehr in Erstaunen als die Leichtigkeit, mit der sich die konservative wie die liberale Partei die Argumente sozia- listischer Agitatoren aneignen, um sie für sich dienstbar zu machen. Die Schilderung der großen Not und des eintönigen Dahinvcgetiereus der überwiegenden Masse des Volkes gehört heute zu den festen Bestandteilen der konservativen wie libe- ralen Propaganda.. Der alle Chamberlain benützte zuerst das Rezept, um im Volke einen Boden für seine schütz- zöllnerischen Plane zu gewinnen und eS kann nicht geleugnet werden, daß die Versprechungen der Tarif- reformer besonders während der trüben Zeit der letzten wirtschaftlichen Krise unter den weniger intelligenten Arbeitern viele Gläubige fanden. Unter den Liberalen ist es namentlich Lloyd George, der sich auf die Malerei in Grau verlegt hat, der niit kühnen Strichen die dunklen Seiten der modernen Gesellschaft entwirft, den Arbeitern in vagen Worten Besserung verheißt, ohne den eigentlichen kapitalistischen Beherrschern seiner Partei zu nahe zu treten, und durch dieses geschickte Balancieren sich einander widersprechender Interessen ver- hindert, daß die liberale.Partei aus dem Leim geht. Wie es gemacht wird, kann man recht deutlich au der letzten 3tede des Schatzkanzlers beobachten, die er in der vorigen Woche vor den Mitgliedern der„Liberalen christlichen Liga" hielt. Gleich zu Anfang gab er zu, was von Sozialisten schon längst behauptet worden ist, daß nämlich alle Zeichen auf einen bevorstehenden Sturm in der politischen und wirtschaftlichen Sphäre deuten. Die Arbeiter in den nördlichen Jndustricbezirken würden immer u n- zufriedener; sie dächten innner mehr über den Kontrast nach, der zwischen ihrem harten, düsteren Leben und dem anderer günstiger gestellten, obwohl nicht verdienstvolleren Mitgliedern der Gesellschaft bestehe.„Es nützt nichts", fuhr der Schatzkanzler fort,„über die böse zu werden, die sich in diesem Geniütszustande befinden, oder auch über die, von denen man glaubt, daß sie für diesen Gemütszustand ver- antwortlich sind. Sie können sich darauf verlassen, daß diese Klagen verschwinden und in nichts aufgehen werden, wenn kein wirklicher Grund dafür vorhanden ist. Aber ist ein Grund vorhanden, so wäre das Vernachlässigen und Außer» achtlassen der wirklichen Quelle des Uebels in der Hoffnung, daß sich die Klagen bald erschöpfen werden, eine Handlung von größter Torheit. Wir müssen kühn und niutig die Frage beantworten, die unsere unglücklicheren Mitbürger mit Recht an uns stellen." Lloyd George kam dann aus die propagandisti- scheu Methoden Chamberlains zu sprechen, dem er es als ein Verdienst anrechnet, daß er in seinem Fcldzug für die Tarif- reform die Wunden und Schwüren des Gesellichaftskörpers aufgedeckt, dessen Heilmethode er aber nicht billigen könnte. Dann folgen einige Sätze, die für den liberalen Chamber- lain sehr charakteristisch sind.—„Obgleich ich den größten Teil meines Lebens unter dem Volke gelebt habe, so wurde ich doch erst, als ich mit der Aus- führung des Aiterspensioysgesetzes begann, gewahr, wieviel anständige, fleißige, unabhängige und stolze Armut in unserer Mitte zu finden ist. Ein paar hundert Meter von diesem prächtigen Gebäude gibt es arme Frauen, die nach einem ehrlichen und fleißigen Leben von mehr als 70 Jahren alt und abgemergelt noch den lieben, langen Tag schaffen, früh aufstehen und spät zu Bette gehen, um einen elenden Lohn zu verdienen, der sie eben vor dem Verhungern schützt, aber nie der Entbehrung entrückt, die in- der Schneiderei 6 und 7 Schilling die Woche verdienen und die Gewänder derjenigen verfertigen, die in einer Stunde der Frivolität mehr ausgeben, als diese arincn Leute in drei Jahren harter Arbeit vetdienen können." Ungefähr ebenso spricht auch der schutzzöllnerische Pastor, nur in etwas anderen Worten. Bei diesem sind es die feisten Pfeffersäcke und nicht Grundbesitzer, die zum Kontrast herhalten müssen. In dem angegebenen Tone geht es eine Zeitlang fort. Man glaubte, der Redner würde jetzt ganz von se�"t auf den Gedanken kommen, daß an unserer kaj..Zischen Gesellschaftsordnung etwas radik»il falsch ist. Mit nich'en; man ist auf dem Holzwege. Für die geschilderten er- bärmlichcn Zustände ist der Landwucher der Junker ver- antwvrtlich, deren Habgier und Selbstsucht ßnun in einer frischen, populären Weise geschildert werden, so daß jeder Sozialdemokrat die Worte unterschreiben könnte. Endlich fällt auch das Wort Arbeitslosigkeit und man ist gespannt. Mit zwei Sätzen ist der Redner darüber hinweg. Arbeitslosenversicherung? Jawohl, im nächsten Jahre wird hoffentlich das Geld vorhanden sein. Aber sprechen wir einmal von einer anderen Arbeitslosigkeit, der Arbeits- losigkeit der untätige» Neichen. Diesen werden jetzt die Leviten gelesen. Aber man glaube um Himmels willen nicht, daß ich, der liberale Schatzkanzler, die gleichen in der liberalen Partei meine.„Ich will es ganz klar ausdrücken", so heißt es,„damit jede Möglichkeit einer falschen Auslegung ver- mieden wird, daß ich keineswegs die Männer nieine, die mit ihrem eigenen Gehirn Geld gemacht haben, das es ihnen ermöglicht, sich gelegentlich Muße zu ver- schaffen. Es gibt keine arbeitsamere Mcnschenklasse in der ganzen Welt als diese. Ich meine ausschließlich die müßigen Neichen." Es wäre auch ein großes Pech, wenn sich diese „arbeitsamen" Geldmacher, die in solch unselbständiger Weise die Kriegskasse der liberalen Partei füllen, beleidigt fühlten. Vielleicht hält ihnen der Schatzkanzler übermorgen schon wieder eine Siede, in der sich das graue Elend von heute in: Lichte der stets steigenden Einfuhr- und Ausfuhrziffern in Glück und Zufriedenheit auflöst. Das ist derselbe Lloyd George, der im vergangenen Jahre zum Sturm auf das Haus der Lords blies, der die Aristokraten Erpresser nannte und ihnen ewige Feindschaft schwor und der, als die Mauern von Jericho durch den Wind nicht umfallen wollten, sich mit den Führern der verhaßten Aristokratenbrut ein geheimes Stelldichein gab. um sich vielleicht über die Leichtgläubigkeit der düpierten Massen einmal ordentlich aus- zulachen. In irgendeinem anderen Lande, wo die Arbeiterklaffe von der Sozialdemokratie zu klarem politischem Denken heran-. gezogen worden ist, wäre diese von beiden bürgerlichen Parteien Großbritanniens betriebene Demagogie unmöglich. Man würde ihren Vertretern bald zeigen, welche Schluß- folgerungen von den so naiv zugegebenen Prämissen zu ziehen sind._ politilcbe GcberHcbt. sB erlin. den 24. Oktober 1910. Die. Großindustrie und der Hansabund. Es kriselt im Hansabnnd. Nachdem die Regierung dem Drängen der Konservativen nachgegeben hat und in mehreren Artikeln sich scharf gegen die Kampftaktik des Hansabundes gewandt hat, kommen nun auch die zum Bunde gehörenden Großindustriellen des rheinisch-westfälischen Jndustriereviers und verlangen energisch eine Schwenkung der Hansabund- Politik. Ter Hauptangriff des Bundes, so fordern sie, müsse sich gegen die Sozialdemokratie richten, nicht gegen die Agrarier, denn deren Hilfe und Unterstützung sei bei der Auf. rechterhaltung der„nationalen" Schutzzollpolitik nicht zu ent- bchrm. Zudem müsse i?« Hgnsabund, tvenn er seine Aufgabe erfüllen wolle. Seit VestreSungen aus eine weitere Ausdehnung der sozialpolitischen Gesetzgebung energisch entgegentreten. Die„Deutsche Volkswirtschaftliche Korrespondenz", die be- kanntlich zu großindustriellen Kreisen sehr nahe Beziehungen unterhält, stellt der Leitung des Hansabundes geradezu ein Ultimatum, indem sie schreibt: „Der Hanscrbund hat sich während seines einjährigen Be- stehens Schritt für Schritt und ohne Unterlaß von den- jenigen Absichten entfernt, die die Mehr- zahl seiner Gründer aus Industrie und Ge° werbe hegten. Einig war man sich allgemein in dem Bestreben, für Gewerbe, Handel und Industrie eine gemein- scrmc Vertretung zu schaffen, die danach streben sollte, dem Einfluß dieser EriverbSgruppen in den Parlamenten, in der Gesetzgebung und Verwaltung und im gesamten öffentlichen Leben diejenige Erweiterung zu verschaffen, die ihm von Rechts wegen gebührt. Deshalb fand sich auch sofort der allergrößte Teil unserer Industriellen bereit, die Ziele des Hansabundes zu unterstützen. Sie setzten dabei voraus, daß an unserer Wirtschaftspolitik zum Schutze der natio- nalen Arbeit, dem Vermächtnisse Bismarcks, nicht ge- rüttelt werde; sie setzten ferner voraus, daß in der Be- kämpfung der Sozialdemokratie nicht ein Stillnano eintrete, sondern mit gesteigerter Energie fortgefahren werde. Es ist noch nicht ent- schieden, ob beide Voraussetzungen vom Hansabunds jetzt als irrige bezeichnet werden werden, aber das hat sich bereits ge- zeigt, daß im Hansabunde mächtige Gegner dieser beiden Pro- grammpunkte sich finden. Hier wird es unbedingt zu einer Auseinandersetzung kommen müssen.... Bei den jetzt beginnenden Herbstversammlungen unserer » großen industriellen Vertretungen wird die Hansabundfrage eine große Rolle spielen. ES werden sich ganze Gruppen unserer industriellen Vereine und Verbände vereint an den Hansa- bund mit einem geschlossenen Kreis von Anfragen wenden, auf die der Bund endlich eine klare Antwort wird geben müssen. Dabei wird auch die Frage nach der Stellung des Bundes der Landwirtschaft nicht mehr mit all- gemeinen Wendungen oder gar der Versicherung ästhetischen Wohlgefallen? am Landleben beantwortet werden können. Auch wird dem Gründer des Hansabundes, Herrn Geheimen Justiz- rat Rießcr, dabei nicht derhelt werden, daß der von ihm wie von allen Industriellen ohne jede Ausnahme be- klagte Gang unserer Fabrik- und Gewerbe- - gesetzgebung nicht von einer„agrar-demagogischen Rich- tung" gemacht worden ist. Die konservativen Parteien und unsere agrarischen Interessenvertretungen haben sich seit Jahren als Gegner dieser„sozial" genannten, in Wahrheit die Massen umschmeichelnden und unternehmerfeindlichen Fabrik- und Gewerbegesetzgebung erwiesen." Die„Rhein.-Westf. Ztg." druckt diese Aeußerung ohne ein Wort der Kritik an der Spitze ihrer Nr. 1166 ab. Das Organ der Kohlen, und Hüttenmagnaten ist also mit dem Ultimatum einverstanden._ Flottenpatriotische„Bescheidenheit". Unsere Wasscrpatriotcn sind in der letzten Zeit auffallend zurück- haltend gewesen. Offenbar erscheint es ihnen unzweckmäßig, vor den Neuwahlen zum Reichstage die Masten zu beunruhigen. Auw hegen unsere Floltentreiber das feste Zutrauen zur Regierung, daß sie auch ohnehin in ihrem Sinne handeln wird, wenn nur erst ein- mal die fatalen NeichStagSneuwahlen vorüber sind. Bei dieser Taktik der vorsichligcn Zurückhaltung verdienen die Ausführungen besondere Bcachwng, die kein Geringerer als der Präsident deS„Deutschen Floltenvereins", Großadmiral v. Köster, am Sonntag in Eisenach gemacht hat. Herr v. Köster bedauerte, daß der Grundsatz des Flotten- gesetzes, daß von der Rescrveschlachtflotte die Hälfte der Linienschiffe und Kreuzer dauernd in Dienst gehalten werden solle, leider noch nicht durchgeführt worden sei. Und zwar aus Mangel a n P e r s o n a l, der seinerseits wiederum auf die Geldfrage zurückzuführen sei. Gerade die außerordentliche technische Kam- pliziertheit unserer modernen Kriegsschiffe mache es aber zu einer Notwendigkeit, daß die Hälfte der betreffenden Schiffe auch tatsächlich in Dienst gehalten werde. Aber der Generalissimus deS FlottenvereinS forderte dergestalt nicht nur eine Vermehrung des Personals, sondern auch eine Beschleunigung der Schiffsbauten über das von dem Flotlengesetz vorgesehene Tempo hinaus. Da die Kreuzer der Hertha-Klaste, meinte er nämlich, durch ihre Umwandlung in Schulschiffe, in„schwimmende Gymnafien", eigentlich aus der Zahl der Kreuzer ausgeschieden seien, empfehle es sich, zu ihrem Ersatz von 1912 ab jährlich einen Panzerkreuzer mehr zu bauen l Das wäre in der Tat für unsere Panzerplattenpatrioten sehr hübsch, wenn für die drei geschützten Kreuzer der Hertha-Klaste mit ihren 5000 Tonnen Deplacement von 1912—1914 drei Panzer krcuzer von je 20 000 Tonnen Deplacement in Bau ge- geben würden! Das würde ja auch„nur" 150—180 Millionen mehr kosten! Wenn unsere Flottenpatrioten schon vor den ReichStagSwahlen so„bescheiden" sind, kann man sich ungefähr vorstellen, mit welchen Forderungen sie erst nach den Wahlen kommen werden! Wer kauft ciu— Laudtagsmandat? Stimmenkaus und Mandatsraub sind kriminelle Vergehen— in der Theorie. Wie in der Praxis Mandate erpreßt werden, ohne daß die Erpresser von dem Arme der Gerechtigkeit erfaßt werden, darüber findet man in den Akten des Reichstages und des Abgeordnetenhauses massenhaft Material. In de» gottgesegneten Gefilden Mccklen- burgs ist— die Mandatserpressung allerdings nicht nötig, da kann man ganz ungeniert Mandate kaufen; sie werden ausgeboten wie— adlige Fräuleins für reiche Industrielle und verlvlterte Junkcr für goldichwere Bürgertöchier. Im—„V. T." liest man folgendes Inserat: Rentables Rittergut in Mecklenburg zirka 3000 Morgen swo- von 720 Wiesen u. 350 guter Forsts, vornehmer Herrschaftssitz mit allem Komfort, In Wirischaftsgebaude, hervorrag. leb. u. tot. Inventar, brill. Jagdverhältn., erlrogr. Bod., mod. Brennerei sKont. 70 000 Ltr.) bei 250 000 M. Auszahlg. verkfl. Fester Preis 4 060 000 M. Erwerber erhält Sitz im Landtage. � Selbstrefl. näh. AuSk. kostenlos durch Martin Hansen. Rostock i. M., Karlstr. 21. Wer daS nötige Kleingeld hat, kann Gesetzesmacher werden. Glückliches Mecklenburg!_ Herr v. Jagow im Londoner Nebel. Aus London wird uns geschrieben: Herr v. Jagow läßt sich hier von allen und jedem interviewen. Jedem neuen Zeitnngsberichterstatter bindet er in der Art eines jovialen und selbstbewußten Weinreisenden eine andere Geschichte auf. Das englische Publikum amüsiert sich köstlich über diesen preußischen Granden, der nach einer Stunde vergessen hat, was er dem letzten Journalisten gesagt hat. Dem Berichterstatter der .Evening News" teilte er gestern mit:»Ich habe die Methoden studiert� die hier angewendet werden, um die Polizisten zur Ausübung ihrer schwierigen Pflichten zu schulen. Sie sind aus- gezeichnet und ich bewundere sehr Ihre großen, starken, behaglich aussehenden und augenscheinlich freundlichen Konstabler bei der Arbeit. Sie sind unseren Leuten sehr ähnlich; denn," fügte er lachend hinzu,„ick, kann Sie versichern, daß die Berliner Polizei daS Publikum nicht schikaniert. Wie in London, so ist es in Berlin: wer sich ordentlich aufführt, wird ordentlich behandelt." Der Journalist wird bei diesem Satze an seinen Berliner Kollegen gedacht und sich auf die Zunge gebiffcn haben. Pikant ist auch die festgestellte Aehnlichkeit der Berliner mit der Londoner Polizei. Jetzt weiß man, weshalb Herr v. Jagow zu dieser JahreS- zeit, in der sich die dicken„Erbsensuppennebel" über die Weltstadt ausbreiten, nach London gekommen ist. In der Nacht sind alle Katzen grau: und im Nebel sieht ein Polizist wie der andere aus. Doch mit den Berliner Polizeimätzchen kommt man in England nicht sehr weit. Die elsah-lothringische Verfassnngsfrage. Die„Straßburger Neue Zeitung" läßt sich aus Berlin telegra- phieren, daß die Entscheidung über die elsaß-loihringische VerfassungS- frage, mit der sich bekannllich das preußische StaatSministerium in seiner letzten Sitzung beschäftigte, noch nicht gefallen sei. Sie wäre vielmehr auf unbestimmte Zeit vertagt worden, da sich MeinungS- Verschiedenheiten innerhalb des Ministeriums sowie bei einigen großen Bundesstaaten über das Wahlrecht und die Zusammensetzung der Ersten Kammer ergeben hätten. Auch über daS Stimmrecht im Bundesrat hätte man sich nicht einigen können. Der Protest gegen das System Moabit. Am Freitag tagten in Elberfeld und Barmen zwei imposante Protestversammlinigen, in denen die Genossen Müller und Ludwig- Hagen unier stürmischen ZustimmunaSkundgebungen referierten. Begeistert wurden zum Schluß die Marseillaise und die Internationale gesungen. Einstimmig wurde eine scharfe Protest- resolution angenommen._ Ocrterrcicb-Qngarn. Gegen die Teuerung. Budapest, 24. Oktober. Die von der sozialdemokratischen Partei gestern veranstaltete Protestkundgebung gegen die zu- nehmende Teuerung der Lebensmittel und die Steigerung der Wohnungsmietcn bewegte sich in r i e s i g e n D i m e n s i onen. An dem Protestspaziergang beteiligten sich über 100(XX) Personen. wobei es sowie bei dem nachherigen Meeting zu äußerst scharfen Kundgebungen gegen dieAgrarier und Wohnungswucherer kam. Prag, 24. Oktober.(SB. T. B.) Gestern fand hier ein großer Demonstrationsumzug der Arbeiierschaft als Protest gegen die Fleischteuerung statt. Ungefähr 50 000 Personen nahmen daran teil. Die Redner, die auf der Straße sprachen, verlangten die Oeffnung der Grenze. Zu Zwischenfällen kam eS nicht. kcbtvefe. Bolksadstimmnng. Zürich, 24. Oktober.(Privattclegramm des„Vorwärts".) Bei der gestrigen Volksabstimmung über das Jnitiaftvbegehren. das die Einführung der P r o p o r t i o u a l w a h l zum Nationalrat fordert, wurden f ü r den Proporz 238 923 Stimmen. dagegen 262 066 Stimmen abgegeben. Es fehlten also bloß zirka 24000 Stimmen, und der Proporz wäre angenommen gewesen. Diese große Minorität bedeutet auch für optimistische Erwartungen eine angenehme Ueber- raschung; beweist sie doch, daß dem Proporz die Zu- kunft gehört. Die freisinnige Presse ist über das Resultat auch ganz verzweifelt, während die Anhänger des Proporz, vor allem die Sozialdemokraten, daraus die Konsequenz ziehen werden, die Agitation für das gerechte Wahlrecht mit noch größerer Energie und Intensität fortzusetzen. Der Sonntag brachte übrigens auch.unseren Züricher Genossen einen schönen Erfolg, indem Genosse Pfarrer P s l ü g e r mit 15 444 gegen 13 837 Stimmen zum Stadt- rat gewählt wurde._ franltreicb. Uubnßfertig. Paris, 23. Oktober. Die Bediensteten der staatlichen West bahn, welche dem Mobilisierungsbefehl keine Folge geleistet hatten und von der Militärbehörde mit zwei bis acht Tagen Gefängnis bestraft worden waren, beschlossen, sich morgen früh in geschlossenem Zuge nach der in der Nähe des St. Lazare-BahnhofS gelegenen Peptniere-Kaserne zu begeben, um dort ihre Strafen anzutreten. Man be- fürchtet, daß es hierbei zu Straßenkundgebungen kommen wird._ Ein SammlungSverbotA Paris, 24. Oktober. Der Bürgermeister von AmienS hat eine öffentliche Gelbsaminlung zugunsten jener Eisenbahner der- boten, die wegen der Teilnahme am Ausstand oder Nichtbsfolgung deS MobitisierungSbefehls entlasten worden sind. Portugal» Trennung von Kirche und Schule. Lissabon, 23. Oktober. Das Amtsblatt wird morgen einen Erlaß veröffentlichen, der die vollständige Verwelt- lichung der Schulen anordnet. Eine Verfügung des Ministers weist den Staatsanwalt an, das Strafgesetzbuch gegen die Priester, die die neue Regierung und die Behörden angreifen, zur Anwendung zu bringen. Morgen werden Dekrete erlassen, durch welche die theologische Fakultät der Universität Coimbra aufgelöst, die akademische Gerichtsbarkeit sowie der Eid der Studierenden, Professoren und Rektoren abgeschafft und freie Vorlesungen geschaffen werden sollen. Eine sozialpolitische Forderung. Lissabon, 23. Oktober. Mehrere Tausende HandlungS- g eh i Ifen erschienen heute im Ministerium des Innern und forderten strenge Durchführung des wöchentliche» Ruhetages. Kelgien. Der deutsche Kaiser in Brüssel. Brüssel, 23. Oktober.(Eig. Ber.) Das nervenauf- regende„Kommt Er?" oder„Kommt Er nicht?" das etliche Wochen die Diplomatie, die Presse und die gewissen Leute, die sich für derlei interessieren, beschäftigte, ist also entschieden: Er kommt! Brüssel hat ja heuer mit der Weltausstellung viele Sensationen erlebt. Aber was ist das nun alles da- gegen, daß sich nun der Gottesgnadenkaiser, der„Zer- schmetterer" der Sozialdemokratie den Brüsselem zeigen wird! Und, meiner Treu, ist der Kaiser so nett, dem „kleinen" Belgien seinen Besuch zu gönnen, so werden die Belgier auch zeigen, daß sie diese Ehre zu schätzen wissen. Liebt der deutsche Kaiser nicht vor allem militärische Paraden? Freilich, freilich, daß kleine„neutrale" Belgien hat keinen Militarismus, keinen Marinismus wie das waffenstarrende Deutschland, aber was möglich, soll geschehen, um Wilhelm Brüssel in„schimmernder Wehr" zu zeigen.... Aus L ü t t i ch, aus Löwen, aus N a m u r, aus ganz Belgien werden die„Piou-piou", die Infanteristen und das Militär zu Pferde zusammengezogen, um bei Wilhelm II. Ein- zug Parade zu machen. Den ganzen Weg vom Nordbahnhof über den Boulevard Bolanique, die rue Royale durch bis zum in fixer Eile fertig gestellten neuen Königspalast wird ein Doppelring von Soldaten Spalier bilden. Hoffentlich ist das Wetter günstig— wenigstens den armen Teufeln zuliebe die, wie z. B. die Löwener Soldaten ihre 30 Kilometer morgens und— nach dem anstrengenden Dienst abends wieder zurück- zulegen haben. Auch auf dem„Grand Place" wird dem Kaiser ein militärisches Schauspiel vorgeführt werden: daS Bürgercorps, Jägcr zu Fuß mit Musik und Fahnen, Artillerie usw. werden den alten herrlichen Brüsseler Stadtplatz flankieren, wenn Wilhelm vom Balkon des Rat- Hauses hernieder schauen wird.— Ferner; liebt Wilhelm nicht die Kunst? Gut, sagten die Belgier, wir werden ihm den —„Sang an Aegir" vorspielen lassen. Es ist aber anzu- nehmen, daß der deutsche Kaiser die besten Eindrücke von Belgiens Kultur mitnehmen wird... Aber auch Maßnahmen anderer Art werden für Wilhelms Ankunft getroffen. Wir meinen nicht die Aufbesserung des Straßenpjlasters in der rue Royale. Wie schade, daß Wilhelm nicht auch die berüchtigten Elends-„Jnipassen" durchfährt, wo die Aermsien Hausen— dann würde dort am Ende— kanalisiert und die Elendsbaracken niedergerissen iverden. Dem Kaiser wird neben beziehungsweise vor dem offiziellen Empfang durch den Hos und das Militär auch ein Emp» fang durch das belgische Volk bereitet werden. Am Dienstag werden sich allerdings auch in den Straßen Brüssels, wie überall, wo ein gekröntes Haupt und Hofprunk zu sehen ist, tausende Müsfiggänger stauen, um ein Büschel wenigstens eines Hofpferdcs oder eine goldene Tresse emes Würdenträgers zu sehen. Am Vor- abend der Kaiseranknnft aber werden sich in einem Brüsseler Versammlungslokal jene zusammenfinden, die sich mit d e in deutschen Volke, mit der deutschen Sozialdemokratie eins fühlen, u m diesem ihre Sympathien auszusprechen und gegen den deutschen Absolutismus des Gottesgnadentums zu protestieren.„Der Kaiserbesuch" und„Gegen das Gottesgnadcntum" so lautet die �igesordnung dieser Versammlung; mit diesen Worten heißen die belgischen Arbeiter den deutschen Kaiser„will- kommen". Englanck. Keir Hardie gegen die Kriegshetzer. London, 24. Oktober. Der Sozialistenführer Keir Hardie hielt gestern abend in Bristol eine Ansprache, in der er sich lebhaft gegen jene Engländer wandte, die foritvährend einen Krieg zwischen England und Deutschland an die Wand malen. Er erklärte, es sei notwendig, um diese Leute zur Be- kinnung zu bringen, mitzuteilen, daß die englischen Arbeiter ihre deutschen Kameraden zu einer Konferenz eingeladen haben, um den Beschluß zu fassen, im Falle einer Kriegserklärung den G en e r a l st r e i k zu proklamieren. Dies sei das einzige Mittel, um einen Krieg zivischen beiden Nationen zu der- hindern. Das Volk dürfe nicht vergessen, daß es die Wittel selb st in der Hand habe, einen bewaffneten Zu- sammcnstoß zwischen England und Deutschland zu der» hindern. Cürhei. Gegen die Zerstückelung Pcrssens. Konstantinopel, 23. Oktober. Heute nachmittag wurde in einem Theater in Pera eine von der persischen Kolonie organisierte Protest Versammlung gegen die cnglisch-russische'Aktion in Persien abgehalten. Zahlreiche Türken, insbesondere Offiziere. wohnten der Veranstaltung bei. Mehrere Redner, unter ihnen ein Tunester, appellierten an die Solidarität der mohamme- d a n i s ch e n beziehungsweise asiatischen Völker und be- tonten, daß die Teilung Persicns für die Türkei verhäng- nisvoll sein werde; daher müsse die türkische Regierung mit allen Kräften, hauptsächlich durch Annäherung an den Dreibund sich dagegen wehren. Der Abgeordnete Ubeidallah hob hervor, daß Deutschland an die Stelle Englands als Stützpunkt für die Mohammedaner getreten sei, zählte die Dienste auf, die Deutschland den Mohammedanern wiederholt geleistet habe; er forderte die Versammlung auf, an Kaiser W i l- Hein ein Telegramm zu richten, in dem unter Berufung auf die früheren Dienste die Hoffnung ausgedrückt wird, daß er die Teilung PcrstenS nicht erlauben werde. Der Antrag wurde unter lautem Beifall und dem Rufe: ES lebe Deutschland, angenommen. während gegen die Mächte der Triple-Entente Pereatrufe aus- gestoßen wurden. Griecbenlanct. Minlsterkrise. Athen, 24. Oktober. In der Sonnabendsttzung der Kammer stellte Ministerpräsident Venizelos im Verlaufe einer Debatte über die Befugnisse der Nationalversammlung die Vertrauens- frage. Bei der Abstimmung ergab sich Beschlußunsähigkeit. Infolgedessen demissioniert das Kabinett. Der König er- klärte Venizelos. das Nichtvorhandensein einer beschlußfähigen Zahl von Deputierten bedeute keineswegs einen Mangel an Ver- trauen, und bestand darauf, das Kabinett solle heute wieder vor der Nationalversammlung erscheinen. Infolgedessen wird Vcnize- los in der heutigen Sitzung abermals die Vertrauensfrage stellen. — Ein Zug von ungefähr 20000 Personen übergab in Abwesenheit des Königs dem Kammerherrn eine Adresse, in der der Monarch gebeten wird, das Reformkabinett Venizelos zu unterstützen. Der König telephonierte aus Tatoi, daß er wünsche, Venizelos möchte die Gewalt behalten. Der Zug mar» schierte dann vor dem Hause Venizelos vorbei, der vom Balkon eine Ansprache hielt und dabei erklärte, die Machenschaften der Reak- tionäre würden vereitelt werden dank der Zusammenarbeit von König und Volk zur Verwirklichung des Reformprogramms. Die Menge brachte Venizelos wiederholt Beifallskundgebungen dar, Die Ruhe wurde nicht gestört. 8iam. Thronwechsel. Bangkok, 23. Oktober. König Chulalongkorn ist nach kurzer Krankheit gestorben. Als Todesursache wird Urämie an» gegeben. Der Äronprivz ist zum König proklamiert worden. 6evv£vhrchaftUch£3. Spklog zur Beendigung des Merftarb eiter ftrelks. Nun ist wieder Friede aus den Seeschiffswersten. Wo vor kurzem nur wenige hundert AngestelUe in gehobenen Stellungen und vielleicht ebensoviel Nausreister, zusammen- gelesen in Herbergen. Kaschemmen usw., notdürftig einige Reparaturarbeiten verrichteten, sieht man jetzt wieder die alten, eingeübten Leute rastlos in fliegender Hast ihr schweres Tage- werk vollbringen. Die elswöchige Ruhezeit»hat manch einem gut getan—' in körperlicher wie geistiger Beziehung. Wenn auch der volle Erfolg nicht zu verzeichnen ist, das heißt, das letzte Tüpfelchen über dem i der Forderungen nicht anerkannt wurde, so ist das Resultat dieses schweren Kampfes ein nicht zu unterschätzendes. Worin der Erfolg besteht, haben wir vor kurzem(in Nr. 235 des„Vorwärts") eingehend dargelegt. Noch vor wenige» Jahren hat die Gruppe„Deutscher See- schiffswerften", Mitgliedschaft des großen Verbandes mit dem schiveren Portemonnaie, es rundweg abgelehnt, mit dem Mtallarbeiterverbande zu perhandeln; nur die Wünsche ihrer Arbeiter wollte man hören, mit Außen- stehenden werde nicht verhandelt, hieß es ans höfliche Eingabe. Durch die fortschreitende Erstnrknng der Metallarbeiterorgani- sationen, und nicht zuletzt durch deren festen Zusaminenschlnß, die Zusammenschweißung verivandter Berufsgeuossen, ivnrde in das so schön gemeinte„patriarchalische" Verhältnis Bresche gelegt, mußte der Herrenstandpunkt aufgegeben werden. Die Arbeiter sind auch in der von kapitalsstolzen Scharfmachern geleiteten Schiffsindustrie ein milbestimmender Faktor im Produktions- Prozeß geworden, wenn auch bis zur wirklich konstitutionellen Schiffswerft noch ein ziemlich weiter Weg ist. In �Hamburg, dem Ausgangspunkte des großen Kampfes, der aus beiden Seiten groß/ Opfer erfordert hat, dem Haupt- sitze des Scharfmachertums, ist zunächst jedes Zugeständnis abgelehnt worden.„Leicht beieinander wohnen die Gedankep, doch hart im Räume stoßen sich die Sachen." Die Richtigkeit dieses Schillcrivortes haben auch diese„Arbeitsherren", wie sie sich so gern nennen, erkennen nnissen. Die mit so heißem Bemühen eingeleitete Aussperrung von 60 Proz. der Gesamt mciallarbeiterschaft Deutschlands glückte nicht, weil diese mutig und geschlossen den Fehdehandschuh auszunehmen bereit war. Man mußte mit dem so lebenskräftigen Metallarbeiterverbande, dem jungen Riesen, verhandeln, weil Hunderttausende von qualiftziertcn, zum Teil hochqualifizierten Arbeitern sich durch zusammengelesenes, verräterisches Lumpengesindel nicht ersetzen lassen. Die Hanpträder der großen Metallindustrie konnte man auf längere Dauer nicht stillstehen lassen, und ohne die befruchtende, alle Werte erzeugende Arbeit sind auch die schönsten, vollkommensten Maschinen keinen Pfifferling wert, kann— und das ist die Achillesferse— keil»-„Eni- behrnngslohn" in Gestalt von so und so viel Dividende aus- gekehrt werden. Tagelang zogen sich diese Verhandlungen hin, bis schließ- lich annehmbare Zugeständlnsse gemacht wurden. Schwer mag mag es den kapitalsschweren Verhändlern gefallen sein, den Vertretern der Proleten etivas zu konzedieren, zumal die Scharfmachcrpresse vom Schlage der„Hamburger Nachrichten" ihr möglichstes tat, Oel ins Feuer zu gießen. Auch die Woermann-Linie, deren Arbeitsbedingungen übrigens immer bessere waren, als die der Amerika-Linie, einigte sich mit ihrem Wcrftpersonal, so daß schließlich nur noch diese Linie übrig blieb. Drei Tage dauerten die Verhandlungen mit der Amerika-Linie, deren Gencralgeivaltiger sich sonst jede „Eingriffe von außen" verbat. Auch er mußte dem Zuge der Zeit Rechnung tragen, mußte mit dem Metallarbeiterverband verhandeln. Sehr nobel hat die Amerika-Linie mit der stolzen Divise:„Mein Feld— die Welt" bislang ihren Arbeitern gegenüber nicht Verfahren. Als vor drei Jahren die Arbeits zeit auf den anderen Wersten um drei Stunden verkürzt wurde, hielt die Amerika-Linie zähe an dem Zehnstundentag fest, und das Versprechen, die Arbeiter für die Beibehaltung der langen Arbeitszeit zu entschädigen, wurde erst im Mai 1909 zum Teil eingelöst durch eine Lohn zulage von 2 Pf., während es hinsichtlich der anderen Forderungen alles beim alten blieb. Wohl hat jetzt der Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller, deren Mitglied die Amerika-Linie ist, diese veranlassen wollen, der verkürzten Arbeitszeit zuzustimmen, aber sie wies dies zurück. Die Zu geständnisse haben wir bereits zum Teil mitgeteilt, doch sind bei der telegraphischen Uebermittelung zwei Irrtümer unter laufen. Die Erhöhung aller Löhne beträgt zwei, nicht drei Pfennige. Schaffung eines Arbeiterausschusses(nicht Arbeitsnachweises), wie ihn die Werften anerkannt haben. Maßregelungen dürfen vertragsgemäß nicht stattfinden. Der Beginn der Arbeit erfolgt bei dieser Linie am Montag. Gegen die seitens der Firma angeführten„Gründe" zur Beibehaltung der zehnstündigen Arbeitszeit legten die Arbeiter Protest ein. Der Metallarbeiterverband kann stolz sein auf den Ans- gang dieses großen Kampfes, der seine moralische und materielle Position wesentlich gestärkt und ihm große Scharen neuer Mitglieder zugeführt hat. VerUn und Hmgcgend. Achtung, Dachdecker Berlins und der Umgegend l Die Sperre über die Firma Robert Strauß in Nixdorf, Wildenbrucksiraße 20 ist aufgeboben. Naib erfolgter persönliiber Rücksprache hat sich Herr Strauß bereit erklärt, die Ursachen der Werlstellensperre zu be- fettigen und die Hilfsarbeiter zum Verstreichen der Falzziegel- dächer nicht mehr zu verwenden. Die Forderungen der Hilfs« arbeiter haben lviedernm unierschriftlich anerkannt: OSkar Baren- t h i e n, Reinickendorf, Hansastr. 3, Ernst Pfeiffer, Frankfurter Allee 100, und Robert Strauß, Rixdorf, Wildenbrnchstraße 20. Zentralverband der Dachdecker. Detrtfebes Reich. In der Lithographischen Kunstanftalt von H. Grünbaum, Kassel, haben sämtliche Lithographen und Steindrucker, 4b Mann, die Kündigung eingereicht. Veranlassung dazu gaben wiederholte Verstöße der Firma gegen die Abmachungen der zwischen dem Ver- band der Lithographen und dem Arbeitgeberschutzverband verein- barten Arbeitsordnung. Zuzug ist fernzuhalten. Neue Differenzen auf der Werft C. Tecklenborg A.-G. in Bremerhaven sind ausgebrochen. Allen Abmachungen zum Trotz übt die Betriebsleitung sich jetzt in MaßregelungSpraktiken. Sie entlieh Arbeiter,„weil ihre Leistungen nicht genügten". Daraufhin haben am Sonnabend 100 Nieter und Stemmer die Arbeit nieder- gelegt._ Zum Bremer Straßenbahnerstreik. Die Aufsichtsbehörde der Bremer Straßenbahn bemüht sich, in der bürgerlichen Presse die öffentliche Meinung gegen die Streikenden mobil zu machen. Sie erläßt eine spalten lange Erklärung, in der sie die Ocsfentflchkekt darüber .ausllärt", daß die Straßenbahner„in rechtswidriger Weise und unter völliger Außerachlseyung der Interessen der bremischen Bevölkerung in den Streik getreten" seien. Die Forderung ans Anerkennung der Organisation stellt sie als vom politischen Macht- kollcr getragen hin. Nur der«parteipolitischen Agitation" des Transportarbeiterverbandes, der die Lohnbewegung zu einer „politischen Machifrage" stempele, sei es zuzuschreiben, daß die Arbeitgeber und das Publikum so sehr geschädigt wurden. Zuin Schluß beißt es in der Erklärung: „Wir sind stets bereit gewesen, mit unseren Angestellten über ihre Wünsche sachlich zu verhandeln, mir sind dazu auch heute und noch für wenige Tage bereit, obwohl unsere bisherigen An- gesteüten jedes Recht auf Berhaiidlung und Wiedereinstellung durch ihre» Vertragsbruch verloren haben. Wir müssen es aber unter allen Umständen im Interesse der Aufrechterhaltung der für einen Straßenbabubetrieb unerläßlichen Disziplin ab- lehnen, mit einem Verbände zu verhandeln, der außerhalb unseres Behiebes und unseres Verbältnisses zu uiiseren Angestellten liegende Ziele verfolgt und diese Disziplin gefährdet. Wir sind der Ueberzeugung, daß auch unsere staatliche Aufsichtsbehörde und die Mehrbeit unserer Bevölkerung die Aiierkeimung des Deutschen Transporiarbeiterverbandes als Verlreter unserer An- gestelllen nicht billigen könnte." Von diesem Hernt-iimHmtie-Staiidpttnkt wird auch die Bremer Straßetibabndirrkiion noch abkommen müssen. Der Streik dauert unverändert fort. Bis jetzt hat kein Wagen zur Bcförderting des Publiknins die Remisen verlassen. Der Fuß- gängerverkehr erreicht von Zeit zu Zeit die Dichtigkeit riesenhafter Demonstrationszüge, besonders seit Freitag, von welchem Tage an der Bremer Freimarkt große Massen auswärtigen Publikums an- zieht. Die Streikenden erklärten sich auf wiederholtes Drängen des Vorsitzenden des Einigtmgsamtes zu einem Enigegenkommen bereit. Sie verzichteten auf die Teilnahme der Verbandsleitung an den Einigungsverhandlungen, wenn die Direktion damit ein- verstanden sei, daß die Funktionäre der Organisation in einem Nebenzimmer verweilen, so daß den verhandelnden Straßenbahnern nötigenfalls Gelegenheit zu sofortiger Rücksprache gegeben sei. Vor allem müsse jedoch die Direktion erklären, daß sie keine Maß- regclungen vornehme und das Koaliiionsrechi der Angestellten unangetastet lassen werde. Das lehnte die Direktion ab. Sie gab nur die ebenso nichtssagende wie vielsagende und obendrein orakelhafte Antwort, daß sie den Streikenden die Verbands- zugehörigkeit weder verbieten noch g e st a t t e n könne. Der Streik der Ofenseher in Leipzig währt weiter. VerHand- lungen der beiderseitigen Orqanisationsveriretungen hatten zu- nächst den Erfolg, daß für beide Teile ein Vertrag zustande kam, der einen sofortigen fünfprozentigen Aufschlag auf den Gesamt- tarif und eine Bewilligung von weiteren 5 Proz. Zuschlag auf glatte Oefen im nächsten Jahre vorsah. Die Gehilfen stimmten dem Vergleich zu, die Unternehmer lehnten ihn jedoch fast ein- stimmig ab. Der Kampf geht also weiter. Die Haltung der AuZ- ständigen ist nach wie vor eine musterhafte. Der Ausstand der Müncheuer ElekNouiontcure und Helfer ist jetzt auf alle Finnen ausgedehnt, die sich weigerten, mit dem Deut- schen Melallarbeiterverbaud zu verhaudel» Es kommen zirka 01 Geschäfte in Bett acht. Bereits sind aber schon einige Firmen an den Metallarbeiierverband herangetreten und haben sich bereit er- klärt, mit diesem einen Tarifvertrag abzuschließen, so daß bei diesen Firmen eine ArbeitseiitsteJJung, die Montag, den 24. Okio- ber beginnt, garnicht erfolgt.— Zuzug von ElekUomonteuren und Helfern ist bis auf weiteres streng zu meiden. HnsUind. Bevorstehende Lohnbewegung der nordböhmischen Textilarbeiter. Bor etwa 3'/, Fahren gelang es den Tuchwebern der Reichen- berger Gegend' einen ihncii ausgezwungeneii Kampf erfolgreich zu beenden. Die über 12 000 Arbeiter verhängte Aussperrung wurde mit Vertragsabschlüssen, die nicht imerbebliche Lohnerböhungett brachten, beendet. Die Löhne sind aber trotzdem noch schandvoll niedrig, wobei im allgemeinen der Grundsatz gilt: Je deutscher desto ausbeuterischer. Die allergrößten Lohndrücker sind ja bekannt- lich auch die Geldgeber der nationalen Arbeiter, die eben jetzt das Gablonzer Proletartermaudat einem Herrn auslieferten, der 1905 mit für den Wucherzolltarif stimmte. Die kolossale Teuerung zwingt nun die wahllich geduldigen nordböhmischen Weber eine Erhöhung der seit 3'/, Jahren gleichgebliebenen, also heute viel weniger als selbst damals bedeutenden Löhne zu fordern. Auch die alte Kultur- forderung eines früheren(4 Uhr) SonnabendschlusieS wird neuer- dings erhoben. In Neichenberg wird Sonntag, den 30. d. Mts. eine Massenversammlung der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen tagen, um zur Lohnbewegung Stellung zu nehmen. Es mag hier auch bemerkt sein, daß in der Reickenberger Industrie großenteils noch die zehitstüitdige Arbeitszeit besteht und daß der fliegt der bei der Maifeier nicht pariert. Die alljährlich erneuerten Beschlüsse der Scharsmacherorganisation fordern, daß jeder der am 1 Mai Feiernde acht Tage auszusperren und jeder deshalb Entlassene ö Wochen in keinem der verbandsangehörigen Betriebe einzustellen ist. Eine Niederlage der freisinnige» NeutralitätSpolitiker im schweizerischen Lokomotivfiihrervcrci». Die Angehörigen und Agenten der freisimtigen Partei wollten unter dem verlogenen Schlagworte der politischen Neutralität den Lokomotivstlhrerverein als Stimm- viehtruppe der freisinnigen Partei ausliefern und zu diesem Zwecke den sozialdemokratischen Sekretär des Vereins, unteren Genossen Rinnathe in Zürich und ebenso den zu ihm stehenden Zentralvorstand in Zürich sprengen. Die Leitung dieser Quertreibereien lag in den Händen des Vorstandes der Sektion Olien, die jetzt eine vom Zentral- vorstand nach Zürich einberufene Versammlung der SekttonS- Präsidenten mit 22 gegen 5 Stimmen aufs schärfste verurteilte und zugleich die Sektion Ölten ersuchte, sich einen besseren Vorstand zu ivählen.— In demselben Ollen hielt kürzlich auf Einladung der dortigen freisinnigen Partei der Berliner Gewerkvereinshättptliiig Goldschmidt einen Vortrog über die Gründung von gelben, freisinnig politisch-neniralen Ge'.oerlschaften. Die Arsenalarbeiter von Ferro!(Spanien), die mit dem Bau der letzten spanischen Kriegsschiffe beschäftigt sind, haben die Arbeit niedergelegt. Sie verlangen die Wiedereinstellung eines entlassciten Arbeiters. D�r Gottvernenr von Ferro! verweigerte ihnen die Er- lattbttis zur Veranstaltung eines Manifcstaiionsumzttgcs. Die Aus- ständigen sind sehr erregt und es geht das Gerücht, daß in Ferro! der Generalstreik erklärt werden wird. Stärke Militär- und Geiidarmerieabteiltuigen sittd in Ferro! eingetroffen. Hue Induftrie und ftandel Ein SchiffSbautrnst. Die Bethlehem Steel Corporation, die im Jahre 1904 durch Vereinigung einer ganzen Reihe von Schiffswerften eui- standen ist, ein Aklieukapital von 30 Millionen Dollar und an der ganzen Ostlüste wie in San Francisco Werkplätze befitzt, hat sich jetzt auch das größte noch aubeustehende Werk, Cramps Schiffs- werft in Philadelphia, durch Erwerbung der Mehrheit des Aktien- kapiialS angegliedert. Präsident des Trusts ist der frühere Leiter des Stahltrusts, C h a s. M. Schwab. Man wird sagen können, daß seit den Zeiten der Bildung des amerikanischen StahltritsteS und der später erfolgten Fusion des Trusts mit der Tennessce Coal and Jron Co. kein Vorgang itt der amerikanischen Stahlindustrie so sehr die Aufmerksamkeit aus sich zu ziehen berechtigt ist. Dazu bemerkt da« ,B. T.", dem die Meldung entstammt, lbeiter. Der Umstand, daß Direktor Bodenhausen von der Firma Friedr. Krupp mit dem Präsident Chas. M. Schwab eine Konferenz hatte. beranlaßte hier baS unhestatigte Gerücht, daß d!e Bethlehem Steel Corporation bei dem Erwerb von Cramps Schiffswerft von der Firma Friedr. Krupp und der Firma Vickers Sons and Maxim in England unterstützt worden sei." Ans dein Wege zum Wclteiiihcitsporto. Die Aeltesien der Ber« liner Kaufmannschaft haben, anknüpfend au die Verhandlungen, die zwischen Belgien und den Niederlanden wegen Herab- seyung des zwischenstaatlichen Portosatzes aus den im inneren Ver- kebr gelieitdett Satz geführt werden, den Abschluß gleickter Vcr- einbarungen mit diesen Staaten wie mit den übrigen Nacktbarländerit: Scbweiz. Frankreich, Dänemark, beim Reichspostami beantragt. Die Aussichten auf Verwirklichung sind freilich bei der jetzt herrschenden, wenig verkehrsfreitttdlicheit Stimmung nur gering. Anders in Australien. Dort hat der Mititfterpräsidetu Fischer im Bundes- parlaitient mitgeteilt, daß am 1. Mai 19U der einheitliche Porioiatz von 1 Pennt) für den ganzen Bund und den Verkehr mit allen Ländern eingeführt werden wird. Versammlungen. Eine öffentliche Schifferversamuilung tagte am Sonntag, den 23. Oktober, mittags 1 Uhr, in Kellers Neuer Philharmonie, Köpe- nickerstr. 90/97. Genosse Paul Göhre sprach über das Thema: „Religion und Sozialoemokraiie". In der Diskussion nahm als erster Genosse Jos. Schaffner das Wort. Genosse Moser er. mahnte dann zum Austritt aus der Landeskirche, um dieser die Mittel zur Existenz zu entziehen. Genosse Schw edler zitierte einen Satz aus einem Flugblatt des Reichswahrheiisverbandes, in welchem die Landarbeiter vor der Sozialdemokratie eindringlichst gewarnt werden. In markigen Worten forderte er die Anwesenden auf, sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Genosse S t ö r m e r verliest unter allgemeiner Heiterkeit eine Notiz des„Vorwärts" von der Tagung des katholischen Schisserverbaitdes für das Rheingebiet, bei welcher die Geistlichkeit Beschützer und Berater der Organisation war. Redner ermahnte die Anwesenden zum An- schlutz an Partei, Gewerkschaften und Genossenschaften. Genosse Schneider schilderte einen Vorgang in einer Schrippenkirche. bei welchem der Pastor nichts Besseres wußte, als auf die Sozial« demokratie zu schimpfen, unter besonderer Berücksichtigung der Moabiter Vorgänge, für welche die Sozialdemokratie veraniwort« lich sei. Redner unterzieht die sogenannte Barmherzigkeit und die Arbeitsvermitielung der Missionen und ähnlicher Vereine einer ätzenden Kritik. Genossin Fräulein A l t m a n n ergänzi in längeren Ausführungen Referat und Diskussion. Genosse Göhre ging dann in seinem Schlußwort auf die Ausführungen der Dis- kussionsredner ein und schloß mit einem wuchtigen Appell an die Versammelten, sich zu befreien von dem Druck der Kirche und sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen. Der Leiter der Versammlung, Genosse A y s ch e, forderte die Anwesenden auf, aus dem Gehörten die nötigen Konsequenzen zu ziehen, die Parteipresse zu lesen, die vornehmste Waffe im Be- freiungskampf, um zu eifrigen und tüchtigen Mitgliedern der Or- ganisation zu werden. Mit einem begeisterten Hoch auf die Völker- befreiende Sozialdemokratie schloß die imposante Versammlung. ketzte ftadmebten. Stadtverordnctenwahl in Offcnbach. Ofscnbach a. M., 24. Oktober.(Privattelegramm ffeS „Vorwärts".) Bei der heutigen Stadtvcrordnetenwahl errang die Sozialdemokratie über die Fortschrittlichen einen erfreulichen Sieg. Gewäljlt wurden 14 Sozialdemokraten und 2 Fortschrittler. Unsere Kandidaten wurden mit Ivlss) Stimmen Mehrheit gewählt. Tie Ucberschwcmmungen in Italien. Neapel, 24. Oktober.(W. T. B.) Dem Präfekten ist von dem Bürgermeister von Casamicciola eine Depesche zugegangen, in der es heißt: Infolge eines furchtbaren Gewitters ist ein Teil des Landes überschwemmt worden; Opfer an Menschenleben sind wenige zu beklagen. Der Sachschaden aber ist unberechenbar. Der Bürger- meister von Lacco ameno(Insel Jschia) telegraphierte, daß das Unwetter zahlreiche Opfer gefordert und schwere Verluste zur Folge gehabt hat. Die Bevölkerung sei obdachlos.— Ein Kriegsschiff mij Lebensmitteln wird unverzüglich nach Jschia abgehen. Casamicciola. 24. Oktober. Handlungen einzugchen und sie nicht jetzt nebenbei zu erledigen, Nachdem noch eine Kommission aus Vertretern der verschiede- nen Richtungen ernannt worden ist, die die Geschäftsordnung des Parteitages ausarbeiten soll, übernimmt Genossin Altobelli die Prw sidentschaft und teilt mit, daß soeben in Ravenna ein Konkordat zwischen republikanischen und sozialistischen Arbeitern geschlossen wurde, das dem verderblichen Bruderkrieg in der Romagna ein Ende machen soll und die Arbeiter den Grundbesitzern geeinigt gegenüberstellt: wenn die Agrarier fortfahren, die sozialistischen Arbeiter zu boykottieren, so werden die republikanischen Arbeiter mit den Sozialisten solidarisch sein und die Arbeit verweigern. Möge diese nach so schweren Kämpfen erzielte Einigung von guter Borbedeutung für die Arbeiten des Parteitages fein. Der Kongreß tritt dann in seine Mittagspause ein!. Nachmittagssitzung. Die ganz« Nachmittagssitzung ist den Fragen der GeschäftSord nung gewidmet worden, aus deren taktische Bedeutung wir bereits in früheren Berichten aufmerksam geinacht haben. Die Frage der Beratung in Sektionen, die zuerst vom Genosten Pittagula angeschnitten wurde, hat durch eine Ver- einbarung ihre Lösung gefunden. Die Kommission zur Festsetzung vollbringen, wird beraten. Der Befreite soll im väterliwen Hause verborgen werden. Der Anschlag gelingt. So ist die Erwartung aus das Erscheinen des Helden bis zum höchsten Grad gesteigert. Die Tür gehl auß statt des aufrecht kühnen Kameraden schiebt sich eine gebeugte Gestalt mit vergrämtem Antlitz und Gläsern starrenden Augen hinein. Die furchtbare Einsamkeit der Zelle hat jede Kraft der Hoffnung ausgelöscht. Nicht nur den Kampf der Terroristen, jeder Kampf dünkt Sascha jetzt ein törichtes Uiiterfangen, sinnlose Ouälerei um Hirngespinste. Er weigert sich, den Auftrag aus- zuführen, höhnt die Genossen und höhnt den armen Vater, der in überströmeilder Liebe den Sohn umarmen will. Die falschen Töne, die hier, noch immerhin gedämpft, erklingen, überflute» im letzten Akt alles andere. Man sieht in einen Keller, dem Schlnpfioinkel der Revolutionäre, während draußen durch die Straße der Progroin rast. Wimmern, Wehklagen, Glockenläuten, Trampel» und Geschrei von der Gasse her sind das Relief für SaichaS immer verdrehlere und prätentiösere Ergüsse. Endlich streckt ihn eine Kugel der eindringenden Polizisten nieder. Herr Weigert wußte mit der verzeichneten Hauptfigur bc- greiflicherweise nichts Rechtes anzufangen. Im ganzen war die Ans- fnhriing des figiirenreichen Stückes, namentlich im elsten Akte, eine sehr respektable Enscmbleleistung. Der Applaus hatte am Schlüsse init erheblicher Opposition zu kämpfen. ät. Gastspiel des Wiener Kun st- Theaters(im Thalia-Theater):„Hand und Herz" von Ludwig A n z e n- g r u b e r. Nach dem„G'wiffenswurm" in glänzender Dar- slellung diese Gabe, von der man sagte, daß sie zu den schwächsten des Dichters gehöre. In der Tat:„Hand und Herz" hat sich nie- mals auf der Bühne behaupten können— wegen seiner Mängel. Sie bestanden vor allem in der wenig glaubhaften Motivierung des Charakters der Hauptpersonen sowie in der etwa» robusten Oekonomie des Ganzen. Wie erklärt sich dann nur aber die tief- gehende Wirkung anläßlich seiner hiesigen Ausführung? Höchst einfach dadurch, daß hier ein völlig neuer Anzengruber geboten wird. Die uns aus Anzengrubers Werken bekannte Fassung läßt an dieser überhaupt zum allerersten Mal gegebenen Aufmachung gemessen, so recht ihre Schwächen erkennen. Die Bäuerin dort weiß, daß ihr erster Mann nicht tot ist; trotzdem heiratet sie. Eine so wahrhaftige Liebe, wie die ihrige, würde es aber nicht über sich bringen können, mit einer Lüge in die neue Ehe zu treten. Jetzt jedoch erscheint die Bäuerin nur als ein irrendes Weib. Sie hat einem Gerücht, daß ihr erster Mann als Zuchthäusler gestorben sei, geglaubt. Ihre aufrichtige Liebe zu dem zweiten Mann, an dessen Seite ihr ein glückliches Leben beschieden, gab ihr recht— bis der Friedenstörer auf den Plan tritt. Aber auch ihr nunmehriger Gatte kann nicht glauben, daß sein Weib ihn wissent- lich aus Schlechtigkeit betrogen hätte— es wäre denn, er liebte sie weniger wahr. Und so kommt diesmal auch sein Charakter echt in die Erscheinung. Ein weiterer Fehler des ursprünglichen Stücks lag auch darin, daß es in hochdeutscher Sprache geschrieben war. Jetzt wandelt die heimatliche Sprache um; jetzt hat daS Drama Naturfarbe. So wie sich„Hand und Herz" jetzt repräsentiert, ist es eine der tiefsten und stimmungsreichsten Menschentragödien Anzengrubers, eine würdige Fassung des Juwels. Die Aufführung war von stimmungsmächtiger Geschlossenheit. e. K. Im Gegensatze zu unserem e. lc.-Mitarbeiter sind wir der Ansicht, daß derartige„Verbesserungen" sehr diskutabel sind. Wir halten dafür, daß Anzengrubers Dramen zu spielen sind, wie er der Geschäftsordnung hat sich nämlich dahin geeinigt, die Frage der allgemeinen Leitsätze, den Bericht der Fraktion, die Teklnahme an der Regierung, die Beziehungen zwischen Fraktion un>d Parter und die Berichte t-es Parteivorstandes und des„Avanti" im Ple- num zu behandeln, alle anderen Fragen aber der Vorberatung der Sektionen zu unterwerfen, wobei aber jede Beschlußfassung dem Gesamtparteitag überlasten bleibt. Gegen diesen Vorschlag stimmen nur etwa 13 Genossen. Von viel größerer Bedeutung ist die Frage der Umstellung der Tagesordnung. Genosse T u r a t i hat ein Referat vor- gelegt, das unter dem Titel„Allgemeine Leitsätze der politischen Aktion" eine Reibe von Sonderfragen behandelt. Die Jntransigen- ten wollten nun die Frage der allgemeinen Leitsätze erst dann be- handeln, wenn man mit der Vergangenheit und namentlich mit dem Verhalten der Parlamenlsfraktion abgerechnet haben würde. In diesem Sinne hatte Genosse La z zart eine Tagesordnung vor- gelegt, die Genosse Francesco Ciccotti vertrat. Turati wendet sich heftig gegen sie. Er und die Seinen wollten gerade nach allgemeinen Grundsätzen die Ereignisse bewer- ten. Die anderen dagegen wollten sich die Freiheit sichern, auS persönlichen Gründen hier für und da gegen denselben Grundsatz zu stimmen.(Lebhafter Widerspruch.) Alle fühlen eine gewisse Depression in unserer Bewegung. Die Einen suchen Abhilfe, indem sie alte Formeln wieder ausgraben, die Anderen wollen neue Wege bahnen. Dazu brauchen wir eine a-llgemeine Diskussion. Weiter meint er, daß die Gegner alles Interesse hätten, sagen zu können, daß wir hier einer allgemeinen Diskussion aus dem Wege gegangen sind, um kleinliche, persönliche Fragen anzuschneiden.(Widerspruch.) Man tue den Gegnern nicht den Gefallen, an Stelle einer prmzi- piellen Diskussion kleine persönliche Fragen zu setzen. Für die Umstellung spricht dann Lo Sardo, der meint, was die Gegner sagen, dürfe uns nicht bekümmern, und darlegt, daß der revolutionären Fraktion nichts ferner läge, als persönliche Er- bitterung. Er hebt dann den Widerspruch hervor, zwischen dem, was Turati jetzt vertritt und dem was er in Florenz vertreten hat. Die Tagesordnung Turati umfasse alles, Vergangenheit und Zukunft, allgemeines Stimmrecht, MilitärauSgabcn, Volksschulbildung. Alles, alles wird durch sie erledigt. Wenn wir dann an- fangen, die anderen Fragen zu diskutieren, so ist über alles schon ein Beschluß gefallen. Die Jntransigeuten wollten aber-an den Tatsachen den Wert der Theorie prüfen. In gleichem Sinne sprechen Jacob i, Serrati und Lazzari, gegen die Umstellung S a I v e m i n i und für sie im Schluß- wort Genosse R a t t i. Man tritt darauf um S Uhr nachmittags in die namentliche A b st i m m u n g für die Umstellung ein. Die Abstimmung findet ohne Zwischenfälle statt, und das an- fänglich lebhafte Interesse nimmt schnell ab, sobald sich herausstellt, daß die Mehrheit aus alle Fälle auf feiten der Reformisten ist. Die ganze-Emilia und fast die ganze Romagna stimmen gegen die Umstellung, ebenso Mailand, Florenz und Genua; dafür stimmen die ganze Provinz Rom, Apulicn, vereinzelie Sektionen des Pie- monis, der Lombardei und LigurienS. Das Endresultat ist, daß sich VS13 Stimmen für, und II 838 gegen die Umstellung aus- sprechen. Dem sonstigen Brauche entgegen wird die Zahl der Delegierten, die für und gegen gestimmt haben, nicht mitgeteilt. Zu dem Ergebnis ist zu bemerken, daß die Jntransigenten nicht ganz geschlossen für die Umstellung gestimmt haben, und daß andererseits die sogenannten„unzufriedenen Reformisten" nickt ihre Stimmen mit denen der Jntransigenten, sondern vielmehr mit denen der übrigen Reformisten vereinigt haben. So berechtigt und wichtig vom Standpunkte der Logik aus die Forderung der Um- stellung war, so darf man doch die praktische Bedeutung der in dieser Frage erlittenen Niederlage nicht hoch anschlagen. Und zlvar deshalb nicht, weil das Referat Tuvgtis wirklich Gelegenheit gibt, über alles und jedes zu diskutieren, von der Cholerabekämpfung bis zu den Schulkantinen, von fernster Vergangenheit bis fernster Zu- kunft. Alles findet seinen Platz in dieser Diskussion, so daß nichts die Genossen hindert, so viel Tagesordnungen über Einzelfragen einzubringen, als sie irgend Lust haben. Heute abend tagen die Reformisten und Revoliitionäre in Ein- zelberatungen. Die Hauptschlacht des Kongresses wird morgen und übermorgen geliefert werden. Der Text der Oper, wie umspringt, nahezu ein Unfug; chwung der Linie, der Gipfelpunkten ansteigt— z. sie schrieb und daß niemand daS Recht hat, Anzengruber umzu- dichten. Glaubte aber Direktor Langkammer— so heißt der neue Anzengruber— dem alten Anzengruber auf die Beine helfen zu müssen, so hätte er sich wenigstens offen als Bearbeiter nennen sollen. Die Feuill.-Red. Musik. UeberS„Theater" hinaus führen auch so eifrige und sorgfältige Bemühungen nicht, wie sie der italienische Komponist G. A. R o s s i n i mit seiner roinanlischen Oper(nach Fr. Schiller)„Wilhelm Teil" und am Sonnabend Direktor M. A l f i e r i in iei»«„Berliner Volksoper" mit der Neneinstudierung des Weckes dargeboten haben. Der Komponist wollte, lang nach dem Erfolg seines leichtfüßigen „Barbier von Sevilla", eine gewichtig-hochdraniatiiche Operschreiben; und unsere VollSoper verwendete viel Mühe auf eine noch wirkungS- vollere Auffühcung, als ihre bishertgen Gaben waren. Nim können wir nur wirklich raten, sich in dein gemütlich schlichten und akustisch günstigen Hanse vor dem Hallcschcu Tor eine solche Aufführung an- zuhören und sich selbst, auch ohne Keniilnis dessen, was seit Anno dazu« mal vorwärts gegange» ist, ein Bild von der Mischung des Echten und deS Unechten, des Künstlerischen mit dem Unkünstlerischen zu machen. er mit seiner unsterblichen Vorlage die Musik von einem meisterhaften bald zu wirklich dramatischen ö. ain Scklusse des zweiten Aktes— und bald wieder in die„alte Leier" zurückfällt; die Ouvertüre ein Liebling sowohl der Kenner wie auch der Besucher von Promenaden- konzerten. diesmal vom Orchester unter N. Schüller überraschend gut gespielt; die Regieleistung B. G l e s i n g e r s kräftig in den Steigerungen und SlimmnngSbildern, doch noch nicht scharf genug gegen Konventionelles; die Darstellung des Tell durch I. Run g er machtvoll; der Gesang der Frauenstimmen im ganzen recht gut, ein- schließlich der sympathischen jungen Darstellerin der Gemmy, Käte Fu n ck; die Tcnore nur eben Tenore, zum Teil nicht einmal gut; die kleineren Partien mit nicht wenig Können und Gewissen durch- geführt I_ aa. Notizen. — Theaterchronik. Im Residenz-Theater findet die Ersiaufsührung des Schwankes„Der Herr von Nr. 13" statt am 23. Oktober erst Freitag, den 4. November, statt. — Der ProlektionSdramatiker. Mit Erstannen las man, daß Kainz. der„ganz große Kainz", das unsägliche Kolportage- stück des Herrn BirinSki sehr geschätzt habe. Aber man begriff so schließlich, wie dieses Machiverk auf die Bühne kam. Denn p. p. Birinski, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, mit der russischen Revolution nachträglich noch Geschäfte zu machen, indem er sie in und mit den Buge» der Spießbürger diskreditierte, war Stammgast am Sterbelager KainzenS gewesen, und die Wiener Reportage hatte nicht versehlt. die Welt mit diesem talentvollen jungen Mann aus Tarnvpol(oder so) gehörig bekannt zu machen. Auf dem Umweg Über den sterbenden Kainz eroberte er die Bühne. Und wer weiß: nächstens wird Uns Herr BirinSki auch noch als eigenhändiger Held der russischen Revolution vorgeführt. — Die Berliner Medizinis che Gesellschaft feicr� ihr bOjährigeS Jubiläum Mittwoch, den 20. Okt.. mittags 12 Uhr, durch eine Festsitzung im Langenbeckhause. Ukrufsvormünder-tag. Die Fürsorge für Kinder und Jugendliche erwartet Förderung Von der allgemeinen Einführung der sogenannten Berufsvormund- , schuft. Ueber die Beziehungen der Berufsvormundschast zu der- fchiedenen Zweigen der Kinder- und Jugendfürsorge verhandelt der b. Deutsche Berufsvormünder-Tag, der am 24. Oktober in Berlin(Rathaus) zusammengetreten ist. Ein- berufen hat ihn die Vereinigung ,.?lrchiv deutscher Berufsvor- münver", die eine Zentralstelle für Bestrebungen zu Gunsten der Werufsvormundschaft ist, und die„Deutsche Zentrale für Jugend- fürsorge". Als Teilnehmer sind erschienen Vertreter von Behörden deutscher Staaten und vieler deutscher Städte(auch ausländischer, wie Wien und Zürich), ferner von Fürsorgevcreinen usw. Nach Eröffnung wurde in der V o r in i t t a g s s i tz u n g der Borsitz übertragen dem Prof. Dr. Klumker-Frankfurt a. M., Vor- fitzender des ständigen Ausschusses des„Archivs deutscher Bor- münder", zu Stellvertretern wurden ernannt Stadtrat Dühring- Werlin und Bürgermeister Schmidt-Mainz. Mit BegrübungSan- sprachen deS Borsitzenden sowie von Vertretern des preußischen Justizministerums, des Berliner Magistrats usw. usw. begannen die Verhandlungen. Für Berlin erklärte Stadtrat Münsterberg, daß auch hier„Erwägungen" im Gange sind. Prof. Kluniker er- stattete den Jahresbericht und stellt fest, daß das Interesse für den Gedanken der Berufsvormundschaft im letzten Jahre bedeutend zugenommen hat. Ueber die Beziehungen zwischen..Berufsvormund. schaff und Säuglings st erblichkeit" referierte Stadt- rat Dr. K ö h l e r-Leipzig, der die Leipziger Berufsvormundschaft für uneheliche Kinder leitet. Er sprach aus der Praxis für die Praxis auf Grund des reichen Beobachtungsmaterials, das die Leipziger Verufsvormundschaft mit ihren jetzt mehr als 8000 Mündeln liefert. Die Berufsvormundschaft, führte er aus, sorgt dafür, daß den Säuglingen der nötige Unterhalt gewährt wird, indem sie die unehelichen Väter nachdrücklicher, als ein Etnzelvormund es vermag, zur Zahlung von Alimenten anhält. In Leipzig sind so in dem letzten Jahrzehnt 1713 304 M. für die Mündel beigetrieben worden, 60 822 M. in 1900, aber in 1909 bereits 316 737 M., wozu noch die vielleicht ebenso hohen frei- willigen Zahlungen von Vätern kommen. Diese den Unterhalt sichernde Tätigkeit kommt den unehelichen Kindern, besonders i» dem so wichtigen ersten Lebensjahr sehr zu statten. Di? Berufs« Vormundschaft wirkt ferner wesentlich mit an der Beaufsichtigung der Säuglinge und überhaupt an der Fürsorge für ihr Wohler- gehn. Köhler schilderte das Leipziger System, wobei er unter dem Beifall der Zuhörer die Verdienste des Geheimrats Dr. Taube, deS Kinderarztes der Stadt Leipzig, hervorhob. Ein günstiger Einfluß der Berufsvormundschaft auf die Herabsehung der Säug- lingSsterblichkeit sei nach den gemachten Beobachtungen mit Sicher- heit anzunehmen. Referent schloß mit dem Wunsch, auch Preußen möge, wie Sachsen es getan, recht bald den Gemeinden die jetzt noch fehlende Möglichkeit geben, ohne weiteres für alle unehelichen Kinder die gesetzliche Vormundschaft zu übernehmen, und das Reich möge eine höchste Zentralstelle für Jugendfürsorge schaffen. Als Korreferent sprach Prof. Dr. K el l e r, Direktor deS Augusta-Viktoria-Hauses zu Charlottenburg, das eine Mnsteranstalt für Säuglingspflege sein will. Er meint, daß der Rückgang der Kindersterblichkeit weniger der Berufsvormundschaft als der Säug- lingsfürsorge zuzuschreiben sei. Von den Bernfsvormündern fordert er weiteste Unterstützung der Tätigkeit des Arztes in der SäuglingSfllrsorge; ein enges Zusammenarbeiten sei hier dringend zu wünschen, aber daran habe es z. B. die Berufsvormundschast der Stadt Charlotttenbuvg und die des Pastor Pfeifferschen „KinderrettungSvereinS zuweilen fehlen lassen. Bcrufsvormund- schaft, Haltekinderwcsen, Armenpflege, Jugendfürsorge seien zu einer gemeinsamen Behörde oder zu einer Art Ausschuh zusammen- zufassen, der mit gemeinsamen Aerzten und Pflegerinnen arbeiten müsse. In der D i S k u s s i on wieS Stadtrat Dr. Sa m t e r- Ehar- lottenburg die Angriffe auf Charlottenburgs Berufsvormundschaft zurück. Bürgermeister Schmidt- Mainz bedauerte, daß an die Stelle der unzulänglichen Winkelvormundschaft, der nach Ueber- einkunft mit dem Vormundschaftsgericht bei Ermangelung eines geeigneten Einzelvormundes zulässigen Bestellung eine? Berufs- Vormundes, nicht längst überall in den deutschen Bundesstaaten die gesetzliche Berufsvormundschaft getreten ist. Pastor P fe i f f er- Berlin schildert die Arbeit seine?„Kinderrettungs- Vereins", seiner besoldeten Helferinnen und der freiwillig tätigen Damen, die er nicht missen mag. Er hält es für richtig, daß er als Maflenvormund seine Rechte im Interesse des Kindes auch gegen die Mutter bis zum äußersten gebraucht. So sucht er Mütter daran zu hindern, daß sie ihre Kinder aus Pflegcstellen zurück- nehmen, die er für gut hält. Weheimrat Dr. Taube- Leipzig erklärte, Grundbedingung aller Kinderfürsorge sei, die soziale Lage von Mutter und Kind zu bessern. Dm unehelichen Kindern könne geholfen werden nicht durch die bloße Sammelvormundschaft, sondern durch die gesetzliche Generalbormundschaft, die für das ganze Reich zu fordern sei. Aus der weiteren Debatte fei noch hervorgehoben, daß Prof. Dr. Schloß mann- Düsseldorf mit aller Schärfe die„Betreuung des KiudeS durch Damen, die das aus Mohltätigem Herzen»der auch als Sport betreiben", ablehnte. Ein Hauptwerk Taubes sei aber der Kampf gegen die dilettantische LicbeStätigkeit gewesen, die für die Kinderfürsorge gerade im wichtigsten Augenblick aussetze, zurzeit der Sonnenhitze, wenn die Damen in die Bäder entfliehen.„Ich habe", schloß Redner,„das Gefühl, als ob die ganze Sauglingsfürforge sich auf einem Weg befindet, der einem Abgrund nahe liegt, dem Abgrund der Lächer- lichkrit". Spielte er an auf den plötzlichen Eifer, mit dem die bürgerliche Klasse sich der Ldcnderfürforge zugewandt hat, nachdem diese das Interesse„allerhöchster Kreise" geweckt hatte? Eine Reihe Leitsätze, die den Gndankengang der Referate zu- sammenfaßten und von den Referenten gemeinsam vorgelegt wurden, fanden Zustimmung. In der Nachmittagssitzung, die auffallend schwach besucht war, refenerte über„Berufsvormundschaft und Kinderfursorge der Anstaltsdrrektor Dr. Polligkeit- Frankfurt a. M. Auch für die Bevormundung entmündigter Trinker sei die Einführung der BerufKvormundfchaft zu wünschen, die eine wichtige Brrvollkommnung der Trinkerfürsorge sei. Ein Berufsvormund für Trinker müsse umfassende Sachkunde in Be- Handlung von Trinkern mit der Eigenschaft steter Hilfsbereitschaft in sich vereinen. Er werde rechtzeitig und wirksam die Entmündi- ßung einzuleiten wissen und ihren Wert in der Fürsorge nicht so sehr für das Vermögen al« für die Persönlichkeit de» Trinkers sehen. Polligkeit denkt namentlich an Berufsarbeiter auf dem Gebiet der Trinkerfürsorge, wie sie in Trinlerrettungsvereinen ausgeübt wird. Er fordert individialisierende Behandlung Mitwirkung ärztlicher und juristischer Sachverständiger, geregelte Be- «iehungen zu öffentlicher wie privater Armenpflege und Kinder- fürsorge. Von der durch Berufsvormundschaft vervollkommneten Trinkerfürsorge erwartet er einen günstigen Einfluß auch auf Armenpflege und Ltinderfllrforgr, weil sie bei Trinkern ein« Ge- fundung des Familienleben? in wirtschaftlicher und erzieherischer Hinsicht herbeiführen könne, indem sie Ursachen von Verarmung oder Verwahrlosung durch Heilung oder Unschädlichmachung des Trinkers beseitige. In der Diskussion sprach unter anderen Geheimrat Dr. P ü t t e r- Berlin, der Verwaltungsdirektor der Charit«. Er sieht in der Verbindung mit Abstinenzorganisationen ein wirksameres Mittel der Trinkerfürsorge als in Heilstättenkuren. Auch die Fürsorgestellen für Lungenkranke könne man mit Erfolg in den Dienst der Trinkerfürsorge stellen, und in Berlin werde tatsächlich von den Schwestern dieser Fürsorgestellen eine gewisse Fürsorge auch über Trinkerfamilien ausgeübt. In schweren Fällen habe natürlich Entmündigung einzutreten, leider werde aber so mancher von der Ehefrau gestellte Antrag nur zu bald von ihr wieder zurückgezogen. Das Recht, Antrage zu stellen, müsse auch den �ürsorgestellen gewährt werden. Amtsrichter Dr. Friedeberg- Weißensee, der als Vormundschafts- und Jugendrichter tätig ist, empfahk, mehr als bisher den Trinkern zunächst einen borläufigen Vormund zu geben. Dieser könne dann das EntmündigungSver- fahren aussetzen lassen und hiermit einer Zurücknahme des An- träges vorbeugen. Die Sitzung schloß mit der Genehmigung der Leitsätze, die der Referent vorgelegt hatte. Die Verhandlungen werden am Diens- tag fortgesetzt._ Die Radboder Katastrophe vor Gericht. Fünfter VerhondlungStag. Rechtsanwalt Dr. Köttgrn erklärt, Obcrbergrat Krämer werde nicht mehr kommen, weil er infolge verschiedener Unfälle nicht ab- kämmlich sei. Er bitte, an seiner Stelle den Einfahrer David, der die Verhältnisse vor und nach dem Unglück auf Radbod genau kennt, zu hören.— Zu der heutigen Verhandlung sind die Lohn- listen der Zeche Radbod herbeigeschafft. An dieselben knüpfen sich lange Auseinandersetzungen zwischen den Prozeßbeteiligten. Ver- leidiger Rechtsanwalt Heine bemerkt hierzu, die den Leuten aus- gehändigten Lohnbücher seien ganz anders geführt, so daß ein Vergleich mit den Lohnlisten der Zeche gar nicht möglich sei. An der Hand der Lohnlisten wird dann festgestellt, daß entgegen der Behauptung des Bergwerksdircktors Andree dem Bergmann Klcß tatsächlich am 2. Mai für den laufenden Monat das Gedinge von 20 M. auf 12 M. herabgesetzt wurde. Wegen mehrerer Beschwer- den im Kohlenlager ist jedoch in demselben Monat das Metergeld wieder auf den alten Satz erhöht worden. Der Zeuge Steiger Steinbach stellt aus den Lohnlisten fest, daß ein Bergmann im Monat August bei einem Gedinge von 1,00 M. pro Waggon Kohle 9,19 M. pro Schicht und ini Monat 239,22 M. verdient hat.— Vors.: Herr Steinbnch, Sie haben aber selbst zugegeben, daß Sie sich bei der Ausetzung des Gedinges verhauen haben und des- halben den Leuten vorschlugen, sich für den Monat 00 M. abziehen zu lassen.— Zeuge Steinbnch: Ich habe das lediglich im Interesse der Leute getan, damit das Gedinge nicht gekürzt würde. Dw Leute sollten den Abzug im nächsten Monat nachbezahlt erhalten.— Vors.: Sie haben aber daS Gedinge dann doch gekürzt?— Zeuge Steinbach: Ja, aber nur, weil die Leute auf der Auszahlung deö verdienten Lohnes bestanden. Nächster Zeuge ist der Steiger Stenz von der Zeche Radbod. Vors.: Ist Ihnen aber wohl bekannt, daß am 9. November das Wasser in der Grube gänzlich gefehlt hat?— Zeuge Stenz: Ja. das ist mir bekannt.— Vors.: Ist es nicht vorgekommen, daß söge- nannte „Pferdeställe" ebant wurden?— Zeuge: Das ist mir ein einziges Mal passiert, aß ein Bergmann eine betrügerische Mauer gebaut statte. Ich stabe dem Bergmann mit Entlassung gedroht, habe ihn dann aber später nicht entlassen. Sonst ist mir ein betrügerischer Ausbau von Strecken nie vorgekommen.— Staatsanwalt: Machen sich die Leute aus dem Berieseln überhaupt sehr viel?— Zeuge: Nein. Man muß sie förmlich mit der Nase darauf stoßen.—'Verteidiger Rechtsanwalt Heine: Ich bitte, doch den Zeugen Lewandowski noch einmal vorzurufen. Herr Lewandowski hat uns ausdrücklich gesagt, daß die Arbeit leichter gehe, wenn gerieselt wird. Es scheinen deshalb doch auch die Arbeiter darin über das Nieseln anderer Ansicht zu sein.— Zeuge LcwnndowSki: Wir wollten immer rieseln. Wenn wir kein Wasser in der Grube hatten, sind wir überall in der Grube herumgelaufen. Wenn man rieselt, entwickelt sich kein Staub. Man kann mithin doch besser arbeiten und auch leichter sehen. Deshalb will man doch auch rieseln. Nächster Zeuge ist der Bergmann Knikknhl von der Zeche Radbod. Vors.: Haben Sie einen Tag vor der Katastrophe einen Brand in der Grube gesehen?— Zeuge: Nein. Es ist beim Schießen ein Stückchen Zündschnur ins Glimmen gekommen. Ich stabe aber gleich gelöscht.— Bergwerksdirektor Nndrce: Der Zeuge ThomaS hat in Berlin auf dem Bergarbeiterkongreß gesagt, daß dieser Arbeitspunkt lichterlost in Flammen gestanden habe.— Zeuge: Ich habe davon nichts gesehen.— Sachverständiger Hellender: Hatten Sie genug Druck in der Wasserleitung, um das Feuer zu löschen?— Zeuge: Ja, ich konnte es gut löschen und habe auch nachher rieseln können. Zeuge Bergmann Wilhelm Schroth ist noch auf der Zeche Radbod beschäftigt. Er erklärt, nichts von Unglücksfällen beim Schießen und vom Versagen der Berieselungsanlage zu wissen. Nächster Zeuge ist der Bergmann Horn, ein Mitglied des Ar- beiterauSschusses.— Vors.: Sind Sie nach dem Unglück mit in die Grube eingefahren.— Zeuge: Nein. Auch als die ersten Leichen geborgen wurden, bin ich nicht eingefahren. Ob sonst ein Mit- glied deS ArbeitcrauSschuffes einfuhr, weiß ich nicht.— Sachverständiger Hollnender: Habe ich nicht in Ihrer Gegenwart einem Steiger gesagt: Hier ist ein Mitglied de? ArbciterauSschusses; der Mann soll an eine andere Stelle verlegt werden, wo er mehr sehen kann.— Zeuge: Nein. Ich kann mich auf ein solches Gespräch nicht erinnern.— Zeuge Steiger Reese: In der Grube war beim Befahren immer alle? in Ordnung. Beschwerden fanden stets eine wohlwollende Prüfung.— An der Hand der Protokolle des Ar- beiterauSschusses konstatiert Bergwerksdirektor Andree, daß der Grund zur Kündigung des Bergmanns Lewandowski, dessen Kol- portage der sozialdemokratischen Arbeiterzeitungen auf her Kolonie Radbod gewesen sei. Gegen daS Lesen solcher Zeitungen wolle er an sich nichts einwenden. Die Beweisaufnahme dürfte morgen zu Ende geführt werden und das Urteil am Mittwoch gefällt werden. Em der parte!» Parteitag des Bezirks Magdeburg. Der Sozialdemokratische Bezirksverband Magdeburg hielt am Sonntag in Magdeburg-Fermersleben seinen fiinften Bezirkstag ab. Der Bericht des Bezirksparteisekretärs Genossen B e i m s konnte eine erfreuliche Eittwickelung der Organisationen des Bezirks konstatieren. Die Mitgliederzahl stieg vom 1. Juli 1909 bis zum 1. Juli 1910 von 13 482 auf 18 947; da« bedeutet eine Zunahme von 40.0 Proz. Die Zahl der weiblichen Mitglieder wuchs von 1799 ans 2666. Innerhalb der letzten vier Jahre war eine Gesamtzunahme� von 10613 Mitgliedern zu verzeichnen. Auch die finanziellen Verhältnisse haben sich außerordentlich günstig ent« wickelt, was neben der Mitgliederzunabme vornehmlich mit auf die vor zwei Jahren beschlossene� Einführung des 10»Pfennig« Wochenbeitrages zurückzuführen ist. Die Einnahme betrug im Berichtsjahre 83 623,22 M. und ist damit gegen das Jahr 1907/03 um nichr als das Doppelte gestiegen. Die Stadl- verordneten- und Geineindevertreterwahlen brachten der Partei eine nennensiverte Stimmenzmiabiiie. Es sind in vier Städten 16 Stadtverordnete und in 36 Landgemeinden 46 Genieindeverireter unserer Partei tätig. In zahlreichen Versammlungen und durch nahezu eine Million Flugschriften wurde die Agitation gefördert, wozu auch das monatliche Landarbeiterblatt, die „Landpost" wesentlich beitrug. Der Bezirk« maifonds hatte am 1. Juli d. I. einen Bestand von 3964.09 M. Ans dem Be- richt der Preßkoimnilsion ist hervorzuheben, daß die Zahl der Abon- »eilten der„V o l k s st i m in e" auf über 25 000 gestiegen ist. Der Redaktio» wurde um einen Redakteur vermehrt, so daß sie jetzt fünf Mitglieder zählt. Die Diskussion über den Rechen» schaftsbericht drehte sich vornehmlich um interne geschätiliche und organisatorische Angelegenheiten. Dem Bezirksvorstande wurde die Ermächtigung erteilt, wenn der Reichstagswahlen wegen die Situation es ersordere, einen außerordentlichen Be� zi rkStag einzuberufen. Ferner wurde beschlossen, die Schaffung eines zentralen I« g e n d a u s s ch u s s e s für de» Rcgicrungsbezirr Magdeburg vorzubereiten. Am Tage vor dem Bezirkstage fand in Magdeburg eine Frauentonferenz für den Bezirk statt, in der Genossin Zietz- Berlin«wen Vortrag über die Frage hielt:.Welche Aufgaben hat die Frau w der sozialdemokratischen Parteiorganisation zu erfüllen?" Beschlossen wurde u. a. Lehrabende einzurichten, um weibliche Parteifunktionäre auszubilden._ Die Organisationen zum Parteitag. Stettin. Den Bericht vom Parteitag erstattete am Freitag in der General« Versammlung des Stettiner sozialdemokratischen Vereins Genosse Mnntke. Zur Budgetfrage führte er u. a. aus, daß nach der ergiebigen Diskussion jedermann eine versöhnliche Erklärung der badischen Genossen erwartet hatte. Die schroffe Erklärung Franks aber wirkte wie eine Provokation und eS kam deshalb zu der be- rühmten Nachtsitzung, denn der Parteitag konnte sich solche Heraus- forderung nicht gesällen lassen. In der Erledigung der Bubgetfrage >vie in allen anderen hat der Parteitag gute Arbeit geleistet. In der Diskussion versuchten die Genossen Meyer, Hannack und S ch e n k e r die Stellungnahme des Parteitages in der Budget- frage anzugreifen. Sie mußten zwar zugeben, daß für die badische LandtagSfraktion kein zwingender Grund zur Annahme des SlaalS- budgets vorlag, htttico jedoch die Ueberweisiing der Budgetfroge an eine Studienkonimission gewünscht. Genosse Horn polemisierte gegen diese Austassung. Ein vorzeitiger Debattelchluß machte leider der weiteren Diskussion ein Ende. Genosse Horn hatte folgende Nesolntion eingereicht: „Die Generalversammlung deS sozialdemokratischen Partei» Vereins Stertin erklärt sich mit der Tätigkeit und den Beschlüssen des deutschen Parteitages in Magdeburg eülverstanden. Die Bersammlnng begrüßt es mit Freuden, daß der Partei« tag in Sachen der Bndgetvewilligung endgültig Klarheit geschaffen hat, und spricht zugleich die Erwartung aus, daß Parteigeiioffen in Zukunft durch ihr disziplinloses Verhalten nicht wieder Anlaß zu solchen Debatten geben, wie sie der letzte Parteitag ge« zeitigt hat." Der erste Teil wurde mit allen gegen 7. der zweite mit allen gegen 14 Stimmen angenommen. Annaberg-Schwarzenderg. Eine Versammlung des 21. sächsischen Reichstag?« Wahlkreises, die Sonntag in Schwarza tagte, nahm ein» stimmig folgende Resolution an: „Die Parteiversamnilung des 21. sächsischen ReichStagswahl« kreises erklärt sich mit den Beschlüssen des Magdeburger Porlei» tages einverstanden, besonders begrüßt die Veriaminlung die ent» schiedene Stellung des Parteitages zur Budgetsrage und zum Disziplinbruch der badischen Genossen." Rochliy-Flöha-Mitweida. Auf der Generalversammlung des 15. sächsischen Reichs«. tags-WahIkreises zu Chemnitz wurde nack längerer Debatte mit 65 gegen 44 Stimmen folgende von den Limbacher Genossen eingebrachte Resolution angenommen: „Die Kreisvcrsammlnng des 15. sächsischen ReichstagZ-Wahl- kreises erklärt sich mit den Beschlüssen der Landesversammlung und des Parteitages, insbesondere aber mit den Be- schlüsselt in der badischen Budgetsrage voll» st ä n d i g e i n v e r st a n d e n." In der lebhaften Diskussion hatte Genosse S t ü ck l e n, der Abgeordnete des Kreises, die Resolution befürwortet, während Ge- nosse Heilmann, Redakteur der„Chemnitzer Volksstimme", der Hervorhebung der Budgetsrage, die einen ganz unnötigen Stich gegen die Gegner der ParteitagSmehrheit enthalte, widerriet. Unsere Toten. In Solingen starb in voriger Woche im Alter von 73 Jahren der Hornschaleiischneider Karl Haller, der mit seinem Vater und ieinen Brüdern zu den ersten Mitgliedern deS Deutschen Arbeitervereins gehörte. Als die Solinger im Jahre 1867, entgegen den Weisungen des Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeiter« Vereins, den Advokaten Dr. M a r i y n i auS Koukehmen als Kandidat für den koiiftitnierenden Norddeutschen Reichstag aufstellten. proklamierte der Präsident v. S ch w e i tz e r den nunmehr Verstorbenen als Kandidaten, der 134 Stimmen erhielt, während aus Marryni 1437 Stimmen fielen. Karl Hallcr war ein ehrenfester Charakter, der überall sein Bestes gab. Seinen sozialdemokratischen Gesinnungen blieb er bis zum letzten Augenblick treu. Ehre seinem Andenken! Reichstagskandidatur. In einer am Sonntag, den 23. Oktober, in Meißen tagenden KreiSkonferenz für den 7. s ä ch s. Reichstagswahl« kreis(Meitzen-Großenhain) wurde Genosse Richard Schmidt, Redakteur der„M e i tz n« r V o l ks z e itun g", mit großer Mehrheit al» Kandidat aufgestellt. Bcittagserhöhung. Die Generalversammlung de« Sozial» demokratischen Vereins Steltin beschloß eine Er» höhung der Beiträge von 30 Pf. pro Monat, auf 10 P ff. pro Woche für männliche und 0 Pf. für weibliche Mitglieder im Hinblick auf die Kosten der konimende ReichStagswahl. Personalien. Die Kölner Parteigenossen wählten an Stelle des ausgeschiedenen bisherigen ParteiiekretärS Gen. Bernhard Müller den Genossen Runge, der seit fünf Jahren Parteisekretär in Bochum-Gelsenkirchen ist._ Soziales» Wie man die Tuberkulose bekämpft. Kürzlich hatten wir unS mit einem Rundschreiben des Bor- standes der Landesversicheruiegsaiistalt Rheinprovinz an die Krankenkassen befaßt, wodurch diese angewiesen wurden, wegen Ueberfüllung der Heilstätten nur solche Kurbrdürftigc zur Ueber» nähme des Heilverfahrens vorzuschlagen, denen in früherer Zeit noch kein Heilverfahren gewährt wurde; nur in den allcrdringend» sten Fällen könne nach ausführlicher Begründung durch die Kassen» ärzte ein Antrag auf Wiederholung Berückstchtigung finden. Also eine glatte Bankerotterklärung der Tuberkulosebckämp» fung durch die staatlichen Organe. Nicht besser steht es mit der Tätigkeit der Gemeinden auf diesem Gebiete. In Köln besteht eine„Städtische FürsorgesteUc für Lungenkranke". Aus dem so- eben erschienenen Jahresbericht entnehmen wir folgende Stelle: „Die Zahl der noch zu versorgenden Tuberkulösen ist eine so große, daß wir für 660 vorgemerkte Familien nicht wirksam eintreten können. In diesen Familien können die Fürsorge- maßnahmen vorläufig nur in Belehrungen und?l>ifklärnngcn durch die Fürsorgcschwestern bestehen. Das große Interesse weiter Kreise für den Kampf gegen die volkszerrllltcnde Seuche berechtigt uns zu der Hoffnung, daß unser Kriegsfonds noch erheblich anwachsen wird. Die Privatwvbltätigkeit dürfte kaum ein besseres Feld zur menschenfreundlichen Betätigung finden." Die volkszerrüttende Seuche, wie der Bericht selbst sehr zu- treffend sagt, soll also den Zufälligkeiten der Privatwohltätigkeit preisgegeben werden! Die von den Auserkorenen des Drei- klassciiwahlshstcuis verwyltete große und reiche Stadt, die überdies von der„christlichen" Zcntrumspcirtci beherrscht wird, hat kein Geld für die Aermsten der Armen, für die Schwindsüchtigen. Genau wie der christliche Staat, der Milliarden für den organisierten Massenmord hinauswirft, für die Volksgcsundheit aber keine Mittel hergibt. � Interessant ist auch die folgende Stelle in dem Kölner Jahre?« bericht: „Durch den am 1. Februar 1909 eingetretenen Konflikt der Kölner Acrzte mit den Krankenkassen sahen sich die alten Für- sorgeärzte(gemeint sind die Mitglieder des Leipziger Verbandes der Aerzte Deutschlands! Red. d.„Borw.") nicht mehr in der Lage, die ärztliche Tätigkeit bei den bisher behandelten Lungen« tranken weiter zu übernehmen..." We..Leipziger'?aben seinerzett in Köln den Dohkoit der Kranken und Sterbenden verkündet. Dann trugen sie ihren Streit in die Hörsäle der Akademie für praktische. Medizin. Und nun hat man nach dem amtlichen Bericht auch den armen Lungenschwind- süchtigen den Krttg erklärt. Hua Induftnc und DandcL Die Lasten in der Industrie. In der„Rhein.-Westf. Ztg." vom 19. Oktober 1919(Nr. 1159) finden sich unter vorstehender Ueberschrift Ausführungen, die eine nähere Untersuchung herausfordern. Es heißt dort: Gerade die Industrie ist mit öffentlichen Lasten in einer Weise bedacht, daß eine weitere Anziehung der Steuerschraube die große Mehrzahl der bestehenden Betriebe in empfindlicher Weife schädigen würde. Besonders wenn man die Verhältnisse auf dem internationalen Markte in Betracht zieht, muß anerkannt werden, daß eine weitere Belastung mit Abgaben die Konkurrenz- fähigkeit der deutschen Industrie unter Umständen gefährden könnte, da die Unternehmer im Auslande mit gleich hohen Steuern und sozialpolitischen Lasten nicht zu rechnen haben. Neben den sozialen Lasten drücken in erster Reihe die Staats- und Gemeindesteuern! die Reichsstcuern, die dem Geschäftsleben durch die letzte Reichsfinanzreform auferlegt wurden, fallen im Ver- gleich dazu weniger ins Gewicht. Auch dem Laien und allen denen, die sich nicht genug tun können, nach einem immer weiteren„Ausbau" unserer sozialen Gesetzgebung zu rufen, muß es einleuchten, daß es ein ungesunder Zustand ist. wenn große Jndustrieunternehmungen, namentlich solche auf dem Gebiete des Berg- und Hüttenwesens bis zu 99,5 Proz. des Reingewinnes für Steuern, soziale Lasten und Wohlfahrtseinrichtungen auf- wenden müssen. Immer neue, schier unerschwingliche Staats- und Gemeindesteuern, sowie soziale Lasten sind der Industrie in den letzten Jahrzehnten aufgebürdet worden. Diese Ver- hältniss« werden in einer recht übersichtlichen Darstellung des Geschäftsführers des Vereins der Industriellen des Regierungs- bezirks Köln, Paul Steller. in einer zeitgemäßen Broschüre be- leuchtet. Was über die sozialen Lasten gesagt wird, stimmt nicht. Die sozialen Lasten selbst sind tatsächlich gering. Sie auf den Rein- gewinn zu beziehen, ist eine Methode, die weder sachlich noch auf- richtig ist, denn sie werden nicht vom Reingewinn bezahlt. Sie sind ein Teil der Betriebskosten, wie Löhne, Lieferungen usw. Nach der Methode der Rh.-Westf. Ztg." könnte man von einem Artikel. der zu 99 M. die>999 Kilogramm hergestellt und zu 199 M. verkauft wird, sagen, seine Herstellungskosten betrügen 999 Proz. vom Rein- gewinn. Wenn sogar die Beiträge der Arbeiter mit zu den sozialen Lasten des Unternehmens verrechnet und mit den Beiträgen des Unternehmens auf den Reingewinn bezogen werden, dann ist das geradezu grober Unfug. Die Angaben des Artikels in bezug auf Steuern sind teilweise direkt falsch. Es heißt da: Nehmen wir z. B. die Berg- und Hüttenbetriebe, so sehen wir in den Steuerlasten Schwankungen zwischen 16,3 Proz (Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation) bis 39 Proz.(Westfälische Drahtindustrie in Hamm) des Reingewinns. Bei diesen Steuerlasten fpielen auch die örtlichen SteuerveD Hältnisse eine große Rolle. Ganz enorm sind aber die Belastungen, die in unseren sozialen Gesetzen begründet sind. Sie betragen bei der genannten Gruppe von Jndustriegesellschaften im günsti- gen Falle(Vereinigte Stahlwerke van der Zypen und Wissener Eisenhütten-Aktien-Gesellschaft, Köln-Deutz) 64,4 Proz. des Rein gewinn?. Die letztere Gesellschaft hat bei einem Reingewinn von 1 757 487 M. und einer Dividende von 3 und 5 Proz. soziale Lasten in Höhe von 1 131 992 M. und, nimmt man die Wohl fahrtSetnrichtungen Unzu, von 1 257 696 M. zu tragen. Ihre gesamte Belastung mn Steuern, sozialen Lasten und Ausgaben fiir Wohlfahrtseinrichtungen macht 99,5 Proz. des Rein gewinns aus. Nimmt man z. D. den Geschäftsbericht der vereinigten Stahl. Werke van der Zypen und Wissener Eisenhüttcn-Aktien-Gesellschaft 1999/19 zur Hand, so findet man folgende Ausführungen: Die Ausgaben für öffentliche Lasten haben im Berichtsjahre eine weitere starke Steigerung erfahren. Wir zahlten an Abgaben: Staats- und Gemeindesteuern........ 242,767,95 M. Beiträge zu den PenstonS- und Krankenkassen.. 88 936.23 Beiträge zur Alters- und Jnvalidirätsversicherung. 22 281,74 Beiträge zur KnappschaftSberufSgenossenschaft... 33 937,98 Beiträge zur Hütten- u. Walzwerksberufsgenossenschaft 48 226,25 Summa 434 899,80 M. Der Geschäftsbericht gibt als statutarischen Gewinnanteil 81 442,21 M. an. Also genau soviel, wie die Gesellschaft zu den Berufsgenossenschaften zu leisten hat, zahlt sie ihren Aufsichts- räten, und wenn man die Bezüge der Direktoren hin�unimmt, so ergibt sich vielleicht die interessante Tatsache, daß bei dieser Gesell- schaft die sozialen Lasten nicht größer sind, als die Extrabezüge der Direkwren und die Auffichlsratstantiemen. DaS Gerede von den sozialen Lasten ist Heuchelei und Schwindel. Zur Preisgestaltung am Getrcidemarkt. Die Getreideterminpreise für Dezember- und Mailieferung haben auch in diesem Jahre schon eine nicht unbeträchtliche Höbe erreicht. Ebenso wie im vorigen Herbst operiert man mit der Behauptung einer unzureichenden Ernte, einer Erschöpfung der Weltvorräte, was natürlich die steigende Tendenz der Terminpreise befestigt. Nun haben wir allerdings in diesem Jahre an der Ber- liner Produktenbörse noch nicht so hohe Preise, wie sie uns der vorige Oktober brachte. Der MaipreiS für Weizen stand damals zeitweise über 229 M.. die Roggenpreise sahen wir auf über 175 M steigen. Waren im vorigen Jahre die Getreidepreise so hoch ge- kommen, daß man mit Hinsicht auf die vorhandenen Vorräte sie wohl übertrieben nennen konnte, so hat der Ausfall der Weltcrnte alle Nachrickiten über eine Getreideknappheit Lügen gestraft. Deutsch- land hat in diesem Jahre so wenig wie 1999 Ursache, eine Gelreide- knappheit zu befürchten. Sehr umfangreiche Vorräte sind aus der vorjährigen Kampagne zurückgeblieben. Zum Vergleich find im folgenden die M a i p r e i s e für Weizen und Roggen an der Berliner Börse gegen Mitte und Ende August und September und Mute Oktober 1919 in Mark pro Tonne zusammengestellt; 1 999 20.123.8. 30.8. 15.9. 80.9. 15.10. Weizen.. 215 212 217 215 220 Roggen.. 173 174 179 175 176 1910 Weizen.. 211 219 296 296 297 Noagen.. 161 163 160 160 160 Die Notierungen namentlich seit Mitte September sind nickt unwesentlich niedriger als im Vorjahre, in dem namentlich die Höherbewertung des Weizens in die Augen fällt, aber sie find doch noch reichlich hoch._ Gewinitsteigerungen. Die Bergwerksgesellschaft Königsborn erzielte in den ersten neun Monate» des laufenden Jahres gegenüber der Vergleichszcit des Vorjahres einen um S2t68 Marl höheren Gewinn.— Um 66 999 Mark stieg der Gewinn der Gewerkschaft Ewald im 3. Quartal dieses Jahre« im Vergleich mit dem 3. Quartal de« Vorjahres.— Für die gleiche Zeit erarbeitete die Gewerkschaft KönigSborn einen um 97 099 Mark erhöhten Gewinn.— Den Aktionären der Schuhfabrik E. S i n g e 1 ist für das letzte Jahr «ine Dividende von 19 Proz.. gegen 17 Proz. im Vmjahre, in Aussicht gestellt.— Die GaSniotorcnfabrik Deutz tonnte ihren Reingewinn von 1,4 auf 2,1 Mill. M. steigern; die Dividende erhöht sich von 5 auf 7>/z Proz.— Die Verwaltung der Zuckerfabrik Araustadt schlägt bei gleichen Abichreibungeu wie im Vorjahre tm Betrage von rund 199 999 M. die Verteilung einer löprozcntigen Dividende gegen IS Proz. im Borjahre vor. Em der Frauenbewegung. Zur Frauenwahlrcchtsfrage in Schweden. Wie Stockholms„Sozialdemok'-aten" in Erfahrung gebracht hat. beabsichtigt die schwedische Regierung den Reichstag, der Mitte Januar zusammentritt, einen Entwurf zur Einführung des staatsbürgerlichen Frauenwahlrechts vorzulegen.. Allzu viel Hoff» nung darf man allerdings auf die zu erwartende Vorlage nicht setzen, denn die konservative Regierung des Herr» Lindman ist kein Freund von demokratischen Reformen. Bei der Interpellation über das Frauenwahlrecht in der letzten Reichstagssession wies der Ministerpräsident, statt eine klare Antwort zu geben, darauf hin, daß die Erhebungen über diese Frage noch nicht abgeschlossen seien. Man müsse doch erst abwarten, was dabei herauskomme. Der Zweck dieser recht langwierigen Erhebungen ist natürlich der, dar- zutun, ob das Frauenwahlrecht sich so durchführen läßt, daß es im Sinne der Reaktion staatserhaltend wirkt. Wenn ja, dann wird wohl auch die konservative Regierung dafür zu haben sein. Ob die Erhebungen nun endlich abgeschlossen sind und was sie ergeben haben, darüber ist noch nichts bekannt geworden. In Stockholms Stadtoerordnctenversammlnng spielte die Fvauenwahlrechtsfrage dieser Tage auch eine gewisse Rolle. Es handelte sich um einen Antrag, 3999 Kronen Zuschuß zu den Un- kosten des im nächsten Jahre zu Stockholm stattfindenden inter- nationalen Frauenwahlrechtskongresses zu bewilligen. Die Landes- Vereinigung für politisches Frauenn-ahlrecht hatte die Stadt um diesen Beitrag ersucht. Der Ausschuß des Stadtparlaments sprach sich in seiner Mehrheit für Ablehnung des Antrages aus, und in demselben Sinne äußerten sich die konservativen Männer im Plenum. Sie meinten, es handle sich beim Frauenwahlrccht um eine politische Frage und dafüt dürfe man die Gelder der Steuer- zahler nicht ausgeben. Die ebenfalls konservative weibliche Stadt- verordnete ValsridPalmgren trat jedoch für den Antrag ein; ebenso unsere Parteigenossin Gertrud Mansson sowie Genosse L i n d h a g e n. Wenn es sich auch gewissermaßen um eine polt- tische Frage handle, so doch keineswegs um eine parteipolitische. Die Stadt habe ja seinerzeit Mittel hergegeben für Nüchternheit?-, Friedens-, Schützenkongresse und sogar 16 999 Kronen für den Empfang des russischen Zaren, womit sicher ein großer Teil der Steuerzahler nicht einverstanden gewesen sei, und da könne man gerechterweise das Verlangen der Frauen nicht zurückweisen.— Die Abstimniung ergab dann auch die Bewilligung der 3999 Kronen mit 49 gegen 38 Stimmen. Daß unter den im ganzen 199 Stadt- verordneten wenigstens zwei Frauen sind, hat offenbar ein gut Teil dazu mitgewirkt, daß eine Mehrheit ftir den Antrag zu- stände kam._ Versammlungen— Beranftalrnnge«. Niederlchmr. Mittwoch, den 26. Oktober 1919, im Lokal von Gustav Koch. Jägersruh: Frauenversammlung. Vortrag:„Die Frau und die Politik". Referentin: Genossin Jucharz-Berlin. Gembts-Teitung. Streikjustiz. Wenn Streikende und Arbeitswillige aneinander geraten, pflegt die Anklagebehörde immer ein Vergehen gegen§ 153 der Gewerbeordnung zu konstruieren, auch wenn es sich um ganz harmlose Vorgänge oder Redensarten handelt. Dieser Taktik der Anklagebehörde hat es sich der Schmied E. zuzuschreiben, daß er gestern unter der Anklage, gegen Z 163 verstoßen und eine Körper- Verletzung begangen zu haben, vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte stand.— E.. der zu den Streikenden gehörte, sprach auf der Straße den Arbeitswilligen W. an und ersuchte ihn, am Streik teilzunehmen. Diese Unterredung war, wie der Zeuge W. angab, eine ruhige, eine Drohung gegen den Arbeitswilligen hat E. nicht ausgesprochen. Während E. und W. miteinander sprachen, kam ein Dritter, der Streikende K., dessen Aufenthalt nicht er- mittelt werden konnte, hinzu und schlug den W. Dieser wehrte sich und nun versuchte der Angeklagte E., wie er behauptet, die beiden zu trennen. Nach der Behauptung des Zeugen W. soll E. ebenfalls auf ihn geschlagen haben. Daß das geschehen sei. um ihn zur Teilnahme am Streik zu veranlassen, konnte W. selbst nicht sagen. Nach diesem Ergebnis der Beweisaufnahme ließ der Amtsnnwalt die Anklage auS 8 153 fallen, beantragte aber eine Strafe von 39 M. wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung.— Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. OSkar Sohn, wies nach, daß. selbst wenn man der Angabe des Zeugen folge, von gemeinschaft- licher Körperverletzung keine Rede sein könne. Höchstens könne man annehmen, daß der Angeklagte, ohne mit dem Dritten im Einverständnis zu handeln, sich einer leichten Körperverletzung schuldig gemacht habe, die aber straffrei bleiben müsse, weil sie von dem Zeugen W. auf der Stelle erwidert worden sei. DaS Urteil des Gerichts ging dahin: Ein Vergehen gegen 8 153 liegt nicht vor. Der Angeklagte wird wegen gemeinschaft- licher Körperverletzung zu 39 M. verurteilt. Bereine und KonzesstonSpflicht. Nach Z 33 Absatz 6 der Gewerbeordnung finden die Bestim- mungen über die KonzessionSpflicht für die Ausübung der Gast- Wirtschaft, Schankwirtschaft oder den Kleinhandel mit Branntwein oder Spiritus auch auf Konsumvereine Anwendung, selbst wenn der Betrieb auf den Kreis der Mitglieder beschränkt ist, und das- selbe gilt nach Absatz 6 desselben Paragraphen auch für andere Vereine, einschließlich der bestehenden, in dem Falle, daß die Landesregierungen es anordnen. Letzteres ist geschehen. In Preußen zum Beispiel geschah eS durch ministerielle Anordnung vom 27. Dezember 1896. Ausgenommen wurden nur militärische Kasinos und Kantinen, wenn nur Soldaten Zutritt haben.— Die Strafbestimmung des Z 147 Ziffer 1 lautet aber nach wie vor so:„Mit Geldstrafe bis zu dreihundert Mark und im Unvermögens- falle mit Haft wird bestraft: 1. wer den selbständigen Betrieb eines stehenden Gewerbes, zu dessen Beginn eine besondere Polizei- liche Genehmigung �Konzession. Approbation, Bestallung) crforder- lich ist, ohne dieworschriftsmäßige Genehmigung unternimmt oder fortsetzt, oder von den festgesetzten Bedingungen abweicht." Das Borstandsmitglied Gott vom Solinger Männergesang- verein„Hoffnung" war wegen Uebertretung dieser Strafbestim- mung vom Landgericht Elberfeld zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil der Verein m dem von ihm gemieteten privaten Uebungszimmer unter seiner Leitung Bier und Schnaps,» die der Verein im Großen einkaufte, glasweise an seine Mitglieder in den Uebungsstunden abgab. Zugleich sollte er das Gewcrbesteuergesetz übertreten haben. G. legte Revision ein und berief sich unter anderem darauf, daß die Strafbestimmung des Z 147 nur den gewerbsmäßigen Aus- schank betreffe. Das Kammergericht hob die Vorentscheidung auf unh verwies die Sache an das Landgericht mit folgender Begründung zurück: Es sei richtig, daß 8 147 Absatz 1 seinem Wortlaut»ach den durch die Novelle von 1896 eingefügten Absätzen 5 und 6 des§ 33 nicht Rechnung trage, denn er spreche auch jetzt noch vom Betriebe eines Gewerbes, während es nach den Absätzen 5 und 6 deS§ 33 bei den fraglichen Vereinen auf Gewerbsmäßigkeit nicht ankomme. Gleichwohl müsse die Strafbestimmung auch auf jene Vereine be- ziehungSweise ihre Vertreter für anwendbar erachtet werden. Denn wenn in den§ 33 dte Vereine mit hinein gebracht worden seien, so sei anzunehmen, daß das mit der Absicht geschehen sei, die Vereine unter dieselbe Strafbestimmung zu bringen, wie die einer Konzession bedürfenden Gewerbetreibenden.§ 147 der Gewerbe- ordnung sei also ohne weiteres anwendbar.— Ander» verhalte es sich jedoch mit dem Gewerbestcuergesetz. Diese? könne nur An- Wendung finden, wenn der Verein gewerbsmäßig handele. DaS sei hier noch nicht festgestellt. Wegen der Anwendung oder Nicht» anwendung des Gewerbesteuergesehes müsse darum die Sache an die Vorinstanz zurückverwiesen werden, damit sie nachprüfe, ob der Verein gewerbsmäßig handelte oder nicht. £|us aller(Hclt. Cbolcraunrubcn in Hpultcn. In BiSceglie in Apulien kam eS bei DeSinfektimtSarbeiten zu schweren Ausruhrszenen. Die Stadt war für choleraversencht erklärt worden und das Sanitätspersonal begann, die öffentlichen Gebäude zu desinfizieren. Als die Arbeiter auch in der Kathedrale ihre Arbetten begannen, stürmte die fanatische Bevölkerung den Eingang und griff die Sanitätsbeamten an, während die Fraudn den zusammengefegten Kehricht als Reliquien sannnelten. Die Polizisten wurden verprügelt und die Karabinerie von der frommen Gemeinde mit Steinen be- worfen. Einer der Beteiligten wurde getötet und zwei verwundet. Etst als die Karabinerie in die Luft schoflen, schreckten die frommen Rasenden zurück, so daß die Soldaten sich in eine Kaserne zurückziehen konnten. In der Provinz Neapel sind während deS letzten TageS sieben Nemerkrankungen und Hessen Todesfälle an Cholera vorgekommen. In Rom starben drei Personen an Cholera._ Schiffskatastrophen. Nach einer Meldung aus Rio de Janeiro ist der Dampfer„Wally" bei P a r a gescheitert. Durch daS Unglück sollen 50 Personen ertrunken sein. Das kubanische Kanonenboot„Cespedes" ist gleichfalls gescheitert und f a st die gesamte Mannschaft ertrunken. Einzelheiten über die beiden Katastrophen liegen bisher noch nicht vor. Kapstadt, 24. Oktober. Der Dampfer„Lisboa", der mit 250 Passagieren an Bord am 19. Oktober die Lobito-Vucht verlassen hatte, hat nordwestlich von der Paternostcr-Bncht Schiffbruch gelitten. Drei Eugläuder. unter ihuen der Schiffsingenieur, sind ertrunken, alle übrigen sind gerettet. Das Schiff ist vermutlich vollkonimen verloren. Bootsnnglück auf der Nnterwcser. Am Sonntagnachmittng kenterte in der Nähe von. Wremen ein mit fünf Personen besetztes Segelboot. Der Gastivirt F e l d m a n n aus Bremerhaven und seine elf- jährige Tochter sowie zwei auf Fischdanipfern be- dienstete Matrosen sind ertrunken. Der fünfte Insasse, ein Barbier, konnte gerettet werden. Unwetter in Süditalien. In der Nacht zum Somiiog ist in Südilalien ein schweres Un« weiter niedergegangen, das großen Sachschaden anrichtete und mehrere Menschenleben vernichtete. Die niedergegangenen Regenmengen lösten vom Vesuv Schlammassen ab, die die Straßen und Felder fast vollständig zerstörten. Zwei Familien wurden durch die niedergegangenen Schlammassen verschüttet. Bisher sind fünf Tote, darunter vier Frauen» unter den Trümmern hervorgezogen. Auch die Provinz Salermo hat unter dem Unwetter sehr gelitten. Telegraph und Eisenbahnen sind unterbrochen, eS ist unmöglich, von dort Nachrichten zu erhalten. In der Präfcktur in R o m sind Meldungen von der Insel I S ch i a eingelaufen, wonach auch JSchia schwer betroffen worden ist. Doch sind Verluste an Menschenleben dort nicht zu beklagen. In die vom Unwetter betroffenen Gegenden sind Truppen zur Hilfeleistung abgegangen. Nach netteren Meldtingen über das Unwetter sind in llmalfi und Salermo eine größere Anzahl Personen um- gekommen. Die Regierung hat nach der schwer heimgesuchten Insel JSchia zwei Danipfer und ein Torpedoboot mit Truppen und Hilfsmitteln entsandt. Ueberfall auf einen Postwagen. Am Sonntagabend wurde der von dem Bahnhofe G rottau in Sachsen kommende Postwagen unweit des Postamtes in Grottau von drei Männern überfallt n. Der eine der Räube� ver- suchte die Pferde anzuhalten, der zweite kletterte auf den hinteren Teil des Wagens und de? dritte versuchte, den Kutscher vom Bock zu reißen. Zwischen dem Kutscher und einem Räuber kam eS zu einem harten Kampfe, bei dem schließlich der Räuber überwunden wurde. Er wurde festgestellt als der aus Böhmisch- Illlerdorf stammende Ernst Brüdermann. Die anderen beiden Räuber entkamen._ Aus 100 Meter.Höhe abgestürzt. Der französische Militäraviatiker Kapitän M a d i o t unternahm am Sonntag mit seinem Aeroplan bei ruhigem Wetter in etwa 199 Meter Höhe einen gut gelnngeiien Flug. Als Mudiot sich an- schickte, im Gleitfluge zu landen, stürzte der Apparat plötzlich ab und zerbrach. Der Pilot erlitt einen Schädel« bruch und starb augenblicklich. Kleine Notizen. Eine schwere Bluttat verübte in der Nacht zum Sonntag der älteste Sohn deS Erbpächters B o l d t aus W ö b b o l i n in Mecklcn- bnrg. Wegen seines Leicksisinnö sollte ihm die Erbschaft entzogen werden, ans Wut darüber erschoß er erst seinen Bater. dann seinen jüngeren Bruder, die in ihren Betten schliefe«. Darauf erhängte sich der Mörder in einem nahen Walde. Ein Ballon in die Nordsee gefallen. Der am Sonntagnachmittag in Berlin aufgestiegene Ballon.Hildebrand" beendete seine Fahrt in der Nordsee. Die Insassen des Ballons wurden von einem Lotscndanipfer gerettet; der Ballon wurde durch einen Schlepp» dampfer Cyklop geborgen. Ei» vermißter Ballon gelandet. Der Ballon„Düsseldorf", der an der Gordon-Bennelt-Fahrt in St. LoniS teilgenommen hatte und seitdem vermißt wurde, ist Mittwochmittag in der Nähe von K i s k i s i n k(Quebec) gelandet. Die Mannschast behauptet, 1249 englische Meilen zurückgelegt zu haben. Der Sturm auf Kuba. Die Zahl der bei dem letzten Orkan auf Kuba uniaekonimenen Personen sollen sich zusammen auf hundert belaufen. Ueberfall auf einen Wächter. Der Anfseher der Sandgruben in D o in b r o w k a in Oberschlesieu wurde nachts von unbekannten Tätern überfallen und furchtbar zugerichtet. Die auf- gesuitdene Leiche wieö Arm- und Beinbruche auf, der Kopf war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. «mtltcker Markthertchi der«wdwchen Marttballeii-Dlrettion über den Vrotzbandel in den sientral-Marttdollen.»Ntai-ktlage: Fleisch, Zufuhr stark, Mclchäit schleppend, Preise für Schweinefleisch anziehend, für dänisches Bullensicisch nnchgebeno. W> l d: Znfnbr reichlich. Meichäst leb» Haft, Preise eiwaZ besser. Geflügel: Zufuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise schwankend. Fische: Zufuhr mäßig, Neichäit ziemlich lebbast, Preise wenig-verändert. Butter und Käse: Geschäsl ruhig, Preiie unverändert. Gemüie, Obit und Südlrüchtet Zufuhr genügend, Geschäst ruhig, Preise behauptet. Unserem NWvermähItcn Bezirks sührer 1525B Panl Gandeki und seiner Fran die beste» Glückwünsche! Die Genossen rks- 1 )25b I an l :steu Glückwünsche!» lenossen des 179. Bezirks. S »'MWWWW'WVM'MHMV Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-.inzclge. De» Kollegen zur Nachricht. daß unlcr Mitglied, der Schleifer Bovert ötiesenick am 22. Oktober an Magenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 25. Oktober, nach« mittag» 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS Lichtenbcrgcr Kirchhoscö in Marzahn bei Berlin aus statt. Rege Betcilignitg erwartet 124/4 Die Orisvenvaltung. Allen Verwandten und Bc« kannten die traurige Nachricht, das; mein lieber Mann, unser guter Vater, Schwieger« und Großvater, der Zimmerer, Park« Wächter und Veteran 152Kb �iixust Lange nach kurzem schweren Leiden am 22. d. Mts. verstorben ist. Die Beerdigung findet am 25. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Kranken- Hauses Bethanien nach dem Smmaus.Klrchhos.Hermannsl ratze aus statt. Am Freitag verschied nach langem, �schwerem Leiden meine inniggeliebte Frau, unsere gute Mutter ttana Schottka geb. I u r g a. 1535b DicS zeigen tiesbetrübt an llie trauernden iilnterdllekenen Die Beerdigung findet am Mittwoch, nachmittags 31/, Uhr. aus dem Himmclsahrts- Kirchhos in Nordend statt. Danksagung. Für die überaus zahlreichen ve- weise herzlicher Teilnahme und kost- baren Kranzspenden anlätzlich der Bccrdtgung meines leider zu srüh dahingeschiedenen geliebten Mannes, unseres guten, treu sorgenden BaterS, Bruders und Schwagers (Zustav Octwat sagen wir allen B-rwandlen. Freun- den und Bekannten, besonders der Gejchästslcitung der Buchdnukcrei .Vorwärts-, seinen Kollegen sowie den Sängern de« Vereins»Typo- grapbia- aus diesem Aege unseren ttelgetühltesten, herzlichsten Dank. Im Namen der trauernden Hinter- bliebcnen Witwe Klara Ochwat _ nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Metallarbeiters kiedsrä Götsch sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannte» sowie den Kollegen und Kolleginnen der Abteilung des Meisters Herrn Almann meinen herzlichsten Dank. Witwe Marie Götsch 15018 Pahias. Danksagung. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme und sür die gestistele reiche Fülle von Kranzspenden bei der Bc- erdigung meiner plötzlich aus so er- schüttcrndc tragische Weise entrissenen UNvergetzlichen Frau Helene Autnann sage ich allen Verwandten und Be- kannten, dem Verbände der Sckneider und Wäschearbeiter(Filiale Berlin 3), der Firma D. Arndt, ihren Kalle §' anen und Kollegen und iiisbesoiidere r die trostreichen Worte des Herrn aldeck Manassc meinen tiesgesühlteii Dank. 15002 Wilhelm Anmann. Cgflr die vielen Beweise herzlicher O Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Baters Lrnst Lsctiback sagen wir allen Verwandten und Bekannten, sowie den Kollegen und Kolleginnen der Firma Leonhardt u. Comp., dein«paroerein Einigkeit I und dem Metallarbeiter- Verband »Nieren herzlichsten Dank. Wtve. Anna Eschbach nebst Kindern. Dauksagnug. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes und Bruders Max Sewerin sagen wir allcnVerwandlen, Freunden und Bekannten, insbesondere dem Personal der Firma Siemens u. Halske, Abt. Mollinger u. Mohnhaupt (Wernerwerk) unseren herzlichsten Dank. l53öb Famili e Sewerin ür die Beweise herzlicher Teil- »ahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Wilkelm Pruschinski sage ich dem Chcs und den Mit- arbeitern der Firma Müller sowie allen Freunden herzlichen Dank. .Die trauernde Witwe 14S92 nebst Kindertu_ Dauksagnug. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Bcerdiguiig unseres lieben Bruders, doscr Künzer, sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten, den Kollegen der Firma W. Romann, sowie dem Ge- sangverew unseren herzlichsten Dank. 1525b Geschwister Künzer. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung unserer lieben Tochter Helene sagen wir den Chcss und Mitarbeitern der Firma Arndt sowie den srühcren Freundinnen und Be- kannten, dem Verband der Wäsche- arbciter, dem Männerchor»Schön- bauser Vorstadt" sür die zahlreichen Kranzspenden unseren innigsten Dank. Lamilie Benda. Bekanntmachnng. Gemätz§ 66 unseres KasscnstatutS geben wir hierdurch bekannt, datz der Vorstand aus solgendcn Personen be- steht i 279/1 Tischler Alsrcd Riedel, 1. Borsitzender, Kausmann Wilhelm Arndt, 2. Bor- sitzender. Kontrolleui Kurt Tuckermann, 1. Schriftsührer, Schristsetzer Bernhard Tempelhagen, 2. Schristsührer, Gemcindcbcamter Albert Lauck, Bei- sitzer, Buchdi uckereibesitzer HanS Heenemann, Beisitzer, Kausmann Otto Lübsen, Beisitzer, Tischler Karl Meier, Beisitzer, Partierfrau Emma Tölle. Beisitzer, Tischler Friedrich Mobr, Beisitzer, Portier Otto Arlt, Beisitzer, Schlosie, Franz Sels, Beisitzer. Dt.-WUmerSdors, 22. Oktober 1910. Der Vorstand der Gemeinsamen Ortskrankenkassr für Dt.-Wilmersdorf u. Umgegend. Riedel, Tuckcrrnann, Vorsitzender. Schristsührer. SfasSeßefmws wo ich all die hübschen Sachen herbekommen habe, will ich Dirjetzi verraten, liebes Männchen. lax verwende nämlich seit einiger Zeit zu meiner Wäsche nur noch das echte il(ilt;lien»it«n�liir„Golriperleu wo Je des Paket so ein sehönes und nützliches Geschenk enthält Man achte beim Einkauf genau auf den Namen„Qoldperle" und Schutznu Kaminfeger.— Allein. Fabrikant. Carl Gentner, Göppingen. garantiert rein aus Rentuekjftabak. seit Jahrzehnten unflberlroffen. Niederinge: O. Reimer, Lichtenberg-Berlin 0., Qürtelstr.ljEoke Frankf. Chaussee. 4452 Schneiderei IOr elenant« Herren-Noden Fertig und na,cb Mass.- Garan- rie für tadellosen 'sitz und beste Vorarbeitunjr. Auf MzIUm Wochen aievon IKk... J.Kurzwrä Koseirthaiei&UO direkt am Hacke- seben Markt, im Laden u. I. Etage. Hygienische Drujgcrle Zaremha, Tileinbergsweg I. dir. a.RosenIlialer Tor. � Billigste Bezugsquelle I Versuch j. zur dauernden Kundschast. Eine Marli wöchentliche Teilzeh iung elegante fi fertig und nach Mass, feinste Verarbeitung. S. Boltuch Frankfurter Allee 75, I Einsans Tilaiter Strasse. Orts-Kraukeukafse der Mir id SieUer zn Berlin. Sonnabend, d. 5. Novbr. 1910, abends 8 llhr, im Lokal von Wilhelm Wernicke. Ackcrstr. 123: Bi-ckentlleh« General-Versammluiig. Tagesordnung: 1. Wahl von'4 Vorstandsmitgliedern 12 Arbeitgeber, 2 Arbeitnehmer). 2. Verlesung der Protokolle. 3. Wahl des Ausschusses zur Prüfung der Rechnungen pro 1910. 4. Kassenangelegenheiten. Die Herren tzlrbeilgeber wählen um 8 Uhr, die Arbeitnehmer um 8'/, Uhr. Nach Schluß der Wahlen findet zur Erledigung der übrigen Punkte der Tagesordnung eine gemeinsame Ver- sammlung statt. Der Aorstand:[278/20 I. Rob. Schmid t, Vors. Pianos-Celegenheits- kiinre in gr. Auswahl v. 300 bis 400 M.,»dar. Schiedmeyor, Biese etc. ■±uu dl.,- aar. ouineunic/ur, didsd uli Garantie.— Pianohaus Kramte Berlin W., Ansbacher Str. 1. Sozialdemokratischer Verein im 5. Berliner Reichstags'Wahlkreise. Dienstag, den 25. Oktober, SVg Uhr abends, in den Union-Sälen, Greifswalder Straße 222: Versammlung. Tages-Ordnung: . Referent: Genosse Max Schütte. 1 2. Diskussion. 3. Partei- und Vereinsangelegenheiten. Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder notwendig.— Gaste willkommen. Der Vorstand. 243/1' liliimen- uub hrantliiubfrri m Robert Meyer, 'ilnur Ulnianntll'Siraßt 2. Verwaltung Berlin. Bautischler, Bezirk IV. (Wedding und Moabit.) Dienstag. 85. Oktober, abends S Uhr(gleich nach Feterabends: Branchenversammlung � bei Raube, Kolberger Str. 23: TageS-Ordnung: 1. Der neue Bautisiüiertarif und ZluSIcgung und ErlSuternng der einzelne» Bestimmungen. Ncjcrent: Kollege Relohe. 2. Branchenangelegenheilen._ 92/5 Bantischler, Bez. in. (Norden und nördliche Vororte.) Mittwoch. SS. Oktober, abends« Uhr, bei Bliesche. Kopcnhagenerstr. 74 Lraneken»Versammlung. Tagesordnung: t. Der vantischlertartf und Sluslraung und Erläuterung der einzelne» Bestimmungen. Reserent: Kollege Reiche. 2. Branchen- angelegenheiten._ Bodenleger. Mittwoch, SO. Oktober, abends 8 Uhr. im GewrrkschaftShause. Engelufer 14/13. Saal 5: Sraneven-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Kommission. 2. Neuwahl der Kommisfion. 3. Branchenanzelegenheiteii. ileriiiiM-.Siirii-ii.Striiiliiißliiliiiiflirbeittr Mittwoch, den SO. Oktober, abends 6 Uhr(gleich nach Feierabend), im GewcrkschaftShause, Engeluser 14/15, Saal V i Versammlung Tage». Ordnung: I.Vortrag. 2. Branchenangelegenheiten. Kamm- n. Haarschntnekarbeiter. Mittwoch, LS. Oktober- abendS 8 Uhr, bei Merhowslcl, AndreaSstr. 26: Rrancken»Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bortrag deS Kollegen I-enpni«!. 2. Branchenangelegenheiten. Schimeberg. SozlaIdemoHrat)f(l)er Aahlvereln. Dienstag, de« 25. Oktober. abendS 8 Uhr: Mitglieder- Versammlung in den Neuen Rathaussälen. Mciningerstr. 8. TageS-Orduung: I.Vortrag deS Genossen Julian Borchardt über:.Religion ist Prlvaisache.- l6/3 2. Die Nachwahl tm neunten Bezirk. 3. Parteiangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Pslicht eines jeden Mitgliedes ist es, in dieser Versammlung recht« zettig zu erscheinen.____ Der Borftaud._ Will der Isolierer ei SlelnMzIeier DeulseM —■ Ortsvereiu der Isolierer.----------------- Achtung! Mittwoch, den 26. Oktober, abends 81/, Uhr. bei Obiglo. Schwedter Stratze 23/24: l�litgUecler-�erkammlung. Tagesordnung: Der Streik der Isolierer in Hannover und der Shmpathiestreil bei den Filialen der Firma Rheinhold u. Co. 291/20 Pflicht eines jeden Isolierers Ist ti, in dieser Versammlung z» er- scheinen. Der Vorstand, ArbeitsiiowweiS: Hol l. Amt 3. Berwalningsieellc Berlin. Hauptbureau» CharttsstraDe 3. Hol IN Amt 3. l9L7. Mittwoch, den 20. Oktober I.SI0, abends 8'/, Uhr: Kranchen-Versamminng der Drahtarbeiter Berlins und Umgegend im Gewerkschastshause, Engelufer 16, Saal 9, Tagesordnung: 1. Bortrag. 2. Diskussion. 3. Braiubenangelegenheiten u. BerschiedmeS. Zahlreicher und pünktlicher Besuch wtrd erwartet. Mittwoch, den 30. Oktober 1010, abendS 8 Uhr: Verfammtung aller in den Metallschlriferrien und galvanischen Anstalten beschäftigten Kollegen und Kolltginuell tu den Arminhallen, Koinmandantenstrahe 5L/69. TageS-Ordnung: 1. Vortrag(Thema und Reserent werden in der Versammlung bekanntgegeben). 2. Diskussion. 3. Verbanosangelegenheiten Kollegen und Kolleginnen I In Anbetracht der Wichligkett de, TageS- ordnung erwarten wir zahlreichen Besuch.— Die Kollegen der Schleiferei von Barr u. Stein find besonders eingeladen. Mittwoch, den SO. Oktober 1010, abends 0 Uhr: Versammlung der chirurgischen Krauche im Roscnthaler Hof, Roscnthaler Stratze 11/12. Tages-Ordnung: 1. Vortrag 2. Diskussion. 3. Brancheuangclegenheiten u. Verschiedenes. Kollegknl In dieser Versammlung werden äußerst wichtige Bianchen- angelegenheiten beiprochen. ES ist deshalb Pflicht eine» jeden Kollegen, diese BerjamnUung zu besuchen. Mittwoch, den SS. Oktober 1010, abends 8'/«, Uhr: Versammlung der Graveure und Ziseleure in den Korona-Prachtsälen, Kommandantenstratze 72. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen Wisseil über:„Die ReichsverstchernngS- ordnung«. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 124/3 Zahlreichen Besuch erwartet_ Die OrtSverwaltnng. Wer eine wirklich gute P/eife rauchen will, der wähle unter den Jtapitän-||anehtabaken die von hervorragendster Qualität in den vorsohiedenstan Mischungen und Preislagen(in Päckchen von tO PI. bis 1,50 Uk) in den meisten Zigarrengesobäften zu haben sind. Spezialität: Feiner Ooldshag(in roten Düfen).[ Ran achte jedoch genau auf das ses. gesch. Wort| •„Kapitän". Päckchen ohne diese Hescelchnnng! weise man als anecht zurück. U63L*§ | VWABIV U1UI1«»■» UIIWIIIj Mi(I Ii II 1 14• HUüJlJ � I Qen.-Vertrieb Carl RÖcker, Qröner Weg 112. S >—— OOOOOOO—OGOO— ♦♦o—ooeoooooG—» Lerantwortl. Redakteur: Carl Wermuth, Berlin-Nizdorf. gut dengn>eratente>l verantw.: T». Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Vertagsanftalt Paul Singer d» üOa Berlin SW. |Jr.250. 37. Jahrgang. 2. KcilM Ks Jotiüitts" Sfiiiiift Jullisliktt. Ditustllg. 25. Oktober 1910, Frozeß gegen die„Nshrhelt". Der Prozeß gegen Bruhn und Genossen nahm gestern vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I seinen Anfang. Die auf Erpressung bezw. Beihilfe dazu lautende Anklage richtet sich gegen den Herausgeber der„Wahrheit". ReichötagSabge- ordneten Wilhelm Bruhn �verteidigt durch die Rechtsanwälte Bredereck und Dr. Schwindt), den Verleger Paul Bruhn lVcrtei- diger Rechtsanwalt Dr. Julius Meher I), den verantwortlichen Redakteur der„Wahrheit", Otto Weber(Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Julius Meyer I> und den Journalisten Rolf Sommer(Vertei- diger Rechtsanwalt Dr. Grünspach). Den Vorsitz führt Landgerichtsrat Lampe, die Anklage vertritt Staatsanwalt Leiscring. Als Sachverständige sind geladen: der Jnseratenredakteur Paul Klnge und der Chefredakteur Dr. Paul Liman. Der ferner ge- ladene Chefredakteur Georg Schweitzer ist aus Grund eines kreis- ärztlichen Attestes vom Erscheinen entbunden worden. Polizei und„Die Wahrheit". Als Sachverständiger war auch noch der Polizeirat Dr. Hen- niger geladen. Der Polizeipräsident hat die Genehmigung zur Aussage des Dr. Henniger versagt, und zwar auf Grund des Z 53 der Strafprozeßordnung, da bei Lage der Sache zu besorgen sei, daß der Beamte in die Lage kommen würde, Ninständc zu offenbaren, deren Bekanntwerden das Staatswohl gefährden könnte. Aus gleichem Grunde ist die Genehmigung zur Vernehmung eines an- deren Beamten abgelehnt worden. Rechtsanwalt Bredcrcck bittet, den Polizeirat Dr. Henniger trotzdem zu laden, da die Voraussetzung des Z 53 nicht vorliege. Die Vernehmung de? Dr. Henniger würde sich nicht auf Dinge er- strecken, bei denen die Pflicht der Amtsverschwiegenheit in Frage käme. Staatsanwalt Leisering widerspricht. Dr. Henniger sei Dezer- nent über die gesamte Preßabteilung und wenn er über Dinge ver- nommen werden soll, die die„Wahrheit" angehen, so sei das doch eine Preßangelegenhcit, denn die„Wahrheit" gehöre doch nun ein- mal zur Presse. Rechtsanwalt Dr. Schwindt: Dann bitten wir, Herrn Dr. Hen- niger als Zeugen zu laden, und zwar über folgendes Beweisthema: er soll bekunden, daß er wiederholt die Zeitung„Die Wahrheit" gelesen hat und zu verschiedenen Personen sich dahin ausgelassen hat, daß„Die Wahrheit" nationale Bestrebungen und namentlich die Bestrebungen vertrete, die im Reichstage von der Reformpartei vertreten werden. Rechtsanwalt Bredereck: Polizcirat Dr. Henniger hat, wie er bestätigen soll, die„Wahrheit" auch als Gegengewicht gegen die demokratische Sensationspresse bezeichnet. Die Verteidigung bean- tragt ferner, den anwesenden ReichstagSabgeordneten Werner als Sachverständigen zu vernehmen, welcher bekunden wird, daß die „Wahrheit" die wirtschaftlichen und parteipolitischen Interessen der Reformpartei vertrete und nicht lediglich ein Sensationsblatt sei. Staatsanwalt Lcisering: Was die politische Färbung der „Wahrheit" betrifft, so hat diese doch mit der Anklage nichts zu tun. Es kann als richtig unterstellt werden, daß die„Wahrheit" in Leit- artikeln sich auf nationalen Standpunkt gestellt hat. Das ändert aber an der Sache nichts. Angeklagter Wilhelm Bruhn: Ich bitte dringend um Ladung des Polizeirats Dr. Henniger. Wenn hier behauptet wird, ich hätte ein Revolverblatt, so bleibt mir doch weiter nichts übrig, als wie mich auf diejenige staatliche Institution zu beziehen, die berufen ist, eine Kontrolle über die Zeitungen auszuüben. Herrn Polizeirat Dr. Henniger wird wahrscheinlich deshalb die Genehmigung zur Aussage versagt worden sein, weil seine Aussagen für mich sehr günstig sein würden. Rechtsanwalt Dr. Julius Meyer I führt aus, daß die vom Polizeipräsidenten angeführten Gründe keinesfalls zu einer Aus- sageverweigerung ausreichend seien. Landgerichtsrat Lampe teilt mit, daß sich Polizeirat Dr. Hen- «iger aus einer Auslandreise befinde. Nach kurzer Beratung des Gerichts wird der Antrag auf Ver- nehmung des ReichstagSabgeordneten Werner mit der Begründung abgelehnt, daß der vorhandene Sachverständige ausreichend sei. Bei der Verlesung des ErSffnungSbeschlusses ergibt sich, daß die Anklage gegen Wilhelm Bruhn auf Erpressung in 6 Fällen lautet. Es sind dies die Fälle Israel, Jandorf, Wolf Wertheim, Pianofortefabrikant Hintze, Dreiwurst: Theater und Vergnügungen Dienstag, LS. Oktober' Ansang VI, Uhr. Neue» föntg 1. Opern.Theater. Die □ □□ □DD □□□ MgaruS Hochzeit. in gl. Schauspielhaus. flö»_ WWW Rabenstctneri». Deutsches. Faust. Ansang v Uhr. K a m m e r s p i e l e. Komödie der Jeemigcn. Heirat wider Willen. ZtrueS SetiauivielbauS. Tartüffe. Herr v. Pourceaiignac. Lessing. Wenn der junge Wein blicht. Berliner. Die törichte Jungsrau. S'-'ueS. Der Stier von Olivera. .Nomiiche Dp er. Die Bohöme. Ncstdeliz. �odlsoss obiizs. Kleines. Die verslixten Frauen« zimmcr. Erster Klasse. Dhalia. Hand und Herz. Schiller». r�aiinel. Tdeatlr.) Die Zlretlzelschreiber. Sch>»'> Ehariotteuvurg. SodomS Ende. Friedrich. Wilbclmstädtische». Nevolutionshochzeit. Luise». Der Hutienbesther. Westen. Die schönste Feat». Triauvn. Pariser Wiliven. Steue» Dl eretten. Dsr Gras von Luxemburg. Lusiipielliau«. Der geldherrn- Hügel. Modernes. Der Moloch. Herrufeld. Sine verlorene Nacht. Der Derbpsieger. Roie. Das neue Gebot. KolirS Eaprice. Der schwarze Schimmel.— Volle Pension. (Ansang 8'/. Uhr.) Met«»ooi. Hurra— Wir leben noch l Kasino. Der schneidige Rudols. S>p»ilo. Spezialitäten. lLasiage, Spczmiilätcn. VieichsbaNrn. Sicitiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Karl 4>nvcrlo»d. Sveziallläien. Tanösoiici. Nu hat's geschnappt. SpeziaUISien.(Ans. 8',. Uhr.) Urania. r»>'i'e''>ir.'sie' H Iii, Die Erforschnna des grogcn HiSpar« gleischerS nebst 2 Erstbesteigungen von schneegipscin im Himalaya. Sternwiirte..inoatld-nstr. 5?— 62. Lessing-Theater. v Ubr: Wenn der junge Wein blüht. Miiiivoch 8 Ubr: Wenn der junge Wein blüht. berliner Theater. Abend» 8 Uhr: Die tUflcht«.1 un 5; fr an. Morgen: Taifun. Theater. Abends 8 Uhr; Gastspiel Fertlinanil Bonn: Der Stift von©livfta. Miliwoch, Donncrslaa: Der Stier von Vlivera.(Gastsp. F. Bonn.) Idester des Westens. Ansang 8 Uhr. Dl« NcKii»«!« Fpnn. Sonnt. 8>/,U.: Die geschiedene Fr«tt. Modernes Theater (früher Hebbeltiieater). Heule und täglich 8 Uhr: Dl« bcotcjlcp Frauen. Berliner Volksoper Ab-ndZ 8 Ubr: Wilhelm Teil. LtiftispieEhaus. Abends 8 Uhr: Der FeldherrichiigeU Friedrich-Wilhelmstadtisches Schauspielhaus. DlenSiag, 86. Oktober, abend» 8 Uhr: KevolntionsKocltteit. Mittwoch: Krieg im Frieden. Donnerstag: Krieg im Frieden. Freitag: Revolulionshochzeit. L,ii!sen-Theater. Abend» 8 Uhr: Der Hüttenbesitzer. Mittwoch u. Donnerstag: Durch- gegangene Weiber. Freitag Novität! Berlin geht zu Bett. Posse mit Gesang und Tanz von Srnsl NItterscldt. Musik von P. Leonard. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die Schivanenpriiizessin. 8 Uhr: Kean. Urania. WisEenschaftliohes Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Dr. W. Hnnter- Worlcmann und Frau F. Bullook-Workmann: Die Erfonchung des groben iiispar- __ gletsohers,_ Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abend» 8 Uhr: Noblesse oblige. Schwan! in 3 Akten von Hennequln und Beber. Morgen und folgende Tage 8 Uhr: Noblesae oblige. Sonnabend, 29. Oktober, z. erstenmal: Der Herr von Rr. 1V. Smmtag, 39. Okt., nachm. 3 Uhr: Kümmere Dich um Amslie. osc-imn Graste Frankjurlei Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende U Uhr. Aas nrur Gebot. Schauspiel in 3 Akt. v. E. v. Wildenbruch. Mittwoch mld Freitag: Da» neue Gebot. Donnerstag u. Sonnabend: Die Verschwörung der Frauen, ZKetropol- Theätai� Hurra! Wir leben noch! Grohe'ZluSstatiungsrevue in 7 Bildern v. F. Freund. Musik v. B. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Ab 8 Uhr: Die groften Spezialitäten. 9'/. Uhr zum erstennml I Capriccio mortale. Komödie in! Akt von L. Ztppert. Hauptrolle: Rudolf Schildkraut. Letzte Vorstellungen! Saharet in ibren neuen Originalkreationon Reynolds ann Oonegan das amerikanisoho Tänaerpaar in vollend. Rollschuh. Meisterschaft The 8 Meers komischer Drahtseil-Akt sowie d. komisch-mlmisoh-groteske < Passage-Theater. 1 Abends 8 Uhr: I Die Jungfrauen I von Sais. s Die 8 myatlschcn Schatten und die großen Attraktionen ! Oktober-Programms. Passage-Panoptikum. Prinz Atom, der kleinste Mensch aller Zelten lebend! Buddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Alles ohne Extra-Entree! Eintr. SO Pf., Kind. u. Soldaten 1 8 Pf. Hcliiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.) Dienstag, abend»«Uhr: Die Krenzelochrclbor. Banernkomödie mil Gesang in 3 Akten von L. Anzengruber. Ende>9'/, Uhr. Mittwoch, abends 8 Uhr: De? Dammkopf. Donne rsiag, abend» 8 Uhr: Bobert nn«l Berti-nn,. Vlieatvi'. Schiller-Theater Ctiar1ettenbur|. Dienstag, abend» g Uhr: ISononi» Fnelo. Drama in 5 Akten v. H. Sudermann. Ende 11 Uhr. Mittwoch, abends 8 Uhr: Soitom» Ende. Donnerstag, abend» 8 Uhr: Die Krennelticlireiber. Licht-Spiele. Boaeartftnjkl Kollendorf plat. Im neuen Spielplan u. Da« vom Kaiserl. Aero-Klub vernnstaitot» Herrenfliegen in am 22. und 23. Oktober Magdeburg Borccn, Mittwoch, 4—6 Uhr: Schüler-Vorstellung lÄT „CLOÜ Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90—91 Berliner Konzerthaus ErSHnungi Sonnabend, 29. Oktobep Qastsplel v. Mitgl. d. Mailänder Seala- Orchesters Olrlg.: Egiato Tango. I Hochbahnstation Koltbuser Tor. Täglich 8'/, Uhr. ii Die Indler:: des Herrn Vledahl. Dl« Vk'nllnston Comp. Meister-Jongleure. Vorher: Der 12jährtge M Herifeld von der t. I. Hosoper in Wien Dazu die Posie: Zum 44. Male: U« hat's geschnappt! Posse von Oskar Sabo. Musik von FunF l-lneho. KBnigsladl-Kasino. Holzinnrktstr. 72, Ecke Alcxanderstrast«. DaS graudiose Oktoberprogr.mil Fenn?. 8ob»n«!ii. Neu! Mr. Gikkred, Sportakt. N e« I N eul Powell Smith and Mi» Ten), komische Exzenirlk». Verlorenes �»lück. Bolksstück mi! Gesang in 1 Akt. Casitio-Thealer Lolhrlnger Striche 37. Täglich 8 Uhr. Die urkomische Posse Arr schnridigk Rudolf. Rudolf Pimpclniann: Dir. H. Berg Borher da» glänzende dunle Progr. Nur Attrakiionen ersten Range». Sonnt.'ill, Uhr: BerDhwte Tdohter. Volks-Ciederfaal Tlorgartenhof a. Bahnh. Tierp. Heute 8'/. Uhr: Dobut: Berliner Damen-Terzett Debüt: Frieda Weber. Oebut; Wilhelm Becker. Debüt; Paula Werner-Jensen. Eintritt I§ PL initGarderobennö vollst. Xjiedertext. Heute Dienstag, 25. Oktober, abend» 7,/> Uhr: Die kolomie Päntomime: Der große Coup der Schmuggler. Borher: Die perflsche Trnppe Min» Golem 12 Personen sowie y die uimgrnSjiqialitatrn. Walhalla-Theater Weinbergsweg 19/20.. Anfang 8'/, Uhr. Bravo!— Da capo! Eine Allerwelts-Revue In 5 B ibein von M. Reichardt, Musik von R. Thiele. In Szene g.setzt vom Direktor James Klein. ZralzpölU 111* EID ällnells-Propsiiii! Kleine Preise. 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IL Die Oreoverwaltung Berlin. Lerantwortl. Redakteur: Larl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Für den Lnseratenteilverantw.: Th. Gimte, Berlin. Druck u. Verlag: Lorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW. »- � 27. nmi. 3. KtillM des„UllMlll'ts" Kerliner DoldsblM. � 25 ,M partci- Hngelegenbeiten. Fünfter Wahlkreis.„Portugal' lautet das Thema eines Bortrages, das Herr Max Schütte heule abend in einer Ver» sammlung des WahlvereinS in den Unionssälen, Greifswalder Straße 222 behandeln wird. Der Vorstand erwartet regen Besuch. Schöncbcrg. Heute Dienstag, abends 8 Uhr, findet in den Neuen Rathaussälen, Metninger Straße 8, die Wahlvereins- Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genosien Julian Borchardt über: Religion i st Privatsache. 2. Die Nachwahl im S. Bezirk. 3. Parteiangelegenheiten. 4. Ver- schiedeneS. Der Vorstand. Charlottcnburg. Heute abend 8Vz Uhr findet im großen Saale des Volkshauses eine öffentliche Koinmunalwählerversammlung statt. Tagesordnung: 1. Die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen. Refereni: Genosse Dr. B o r ch a r d t. 2. Diskussion. Der Borstand. Steglitz. Die am heutigen Dienstag fällige Mitglieder- Versammlung fällt aus. Die nächste Mitgliederversammlung findet am 1. November mit einem Vortrag über Konsumgenossentchafien statt. Der Vorstand. Wilmersdorf- Halensee. Wir weisen nochmals auf die heute, Dienstagabend Z'/z Uhr. im Gesellschaftshause, Wilhelms- auc l>2, stattfindende Volksversammlung hin, in der«ladt- verordneter Dr. Silber st ein-Rixdorf über die bevorstehende Stadtoerodnetenwahl spricht. Die Versammlung des Wahl- Vereins fällt in diesem Monat aus. Fricdeuau. Heute Dienstagabend 7 Uhr findet von den Bezirks- lolalen ans eine Handzettelverbreitung zu der am Mittwoch statt- findenden Volksversammlung statt. Der Vorstand. Groß-Lichterfclde. Die regelmäßige Mitgliederversammlung des WadlvcreinS findet heule abend bei Wahrendorf, Bäkestt. 22. statt. Vortrag des Genossen G r o g e r über den ersten Teil deS Erfurter Programms. Vereinsangelegenheiten. Verschiedenes. Der Vorstand. Tcmpelhof. Morgen Mittwoch im.WilbelmSgarlen", Berliner Str. 9: Volksversammlung. Referent: Reichstagsabgeord- neter Z u b e i l. Thema: Bauspekulation, Kriegs- Ministerium und Gemeindepolitik. Bohnsdorf. Am Mittwoch, den 26. d. M., findet bei Mentel eine außerordentliche Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: t. Berichterstattung vom Parteitag. 2. Diskussion. 3. Erstattung des Vierteljahresberichts seitens des Kassierers. 4. Ver- einsangelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Fricdrichshagen. Heute abend 8'/, Uhr im Schultheiß-Restaurant. Friedrichstr. 74, dritter Vortrag des Genoffen Max Grun- Wald über Grundbegriffe der theoretischen Volkswirtschaftslehre. Morgen Mittwoch, abends 8'/? Uhr, findet bei Witwe Lerche, Friedrichstr. 112. eine Volksversammlung statt, in welcher Landtagsobgeordneter Adolf Hoffmann über.Gottgewollte Weltorduung und menschliche Logik' spricht. Die Bezirksleitung. Reinilkendorf-Ost. Heute abend S'/a Uhr findet bei Wernau. Provinzstr. 72, eine Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins statt. Tagesordnung: 1. Bericht vom Magdeburger Parteitag. Referent: Genosse Bühler. 2. Bericht von der Generalversammlung Nieder-Barnim._ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbten. Bernhard Jost. Ein braver Genosse, der Buchbinder Bernhard Jost, winde gestern nachmittag unter sehr starker Beteiligung aus dem Friedhofe in Friedrichsfelde zu Grabe getragen. Die zahlreichen Blumen« spenden zeugten von der Liebe und Verehrung, die der Verstorbene in weiten Kreisen genoß. In der von der Trauergemeinde dicht gefüllten Leichenhalle des Friedhofes zeichnete der Genosse Eugen Brückner in großen Strichen ein Lebensbild des Verstorbenen, der ein Menschenalter für die Arbeiter- bewegung gelebt und gestritten hat. Genosse Brückner schloß seine zu Herzen gehenden Worte mit dem Gelöbnis, daß die zurückbleibenden Genoflen und Freunde im Sinne des Ver- storbenen wirken werden, damit das Ziel, das Genosse Jost erstrebte, erreicht werde. Der sozialdemokratische Berein deS S. Wahlkreises, dessen Mitbegründer Jost war. widmete dem braven Genossen als letzten Gruß einen prächtigen Kranz. Die Gewerkschaftskommisfion, seine Gewerkschaftsorganisation, Krankenkassen und andere Korpo- rotionen bewiesen durch ihre Kranzspenden, daß der verstorbene Genosse es überall verstanden hatte, sich Freunde und Verehrer zu schaffen._ Wildganß und Wildente flogen in den letzten Tagen in dichten Scharen über das nördliche Berlin. Sie nahmen den Kurs Südosten. In ihrer charakteristischen, keilförmigen Flugordnung glichen diehöher fliegenden grauen, feingepunkteten Wolken. Strich ein Schwärm zedoch näher dem Gesichtsfelde vorüber, so ließen sich nicht nur die lang vorgereckten Hälse und kurz an den Körper herangezogenen Füße erkennen, sondern auch die der Wildgans eigentümlichen kurz herausgestoßenen, heiseren Warnungs- und Sammlungsschrcie des führenden Gänserichs vernehmen. Einen eigenartigen Anblick ge- währten besonders diejenigen Schwärme, die, in nicht allzu großer Höhe, am Spätnachmittag geflogen kamen, als die sinkende Sonne den Himmel weinrot und braungelb zu färben begann. Man konnte an ein japanisches Gemälde denken: die weitvorgereckten Hälse der Tiere, ihre keilförmige Fluganordnung, ihr Gefieder in der Farbe ähnelnd dem Glänze alten Silbers, und dahinter ein blau- roter, gelbdurchstrichener Herbsthimmel. Aehnliche Stimmungs- bildcr dürften hier und da auch noch die nächsten Tage bringen. Die Aerzte im Kreise Teltow sind angewiesen worden, von dem Vorkommen und dem Verlauf von spinaler(Kinderlähmung) den zuständigen Ortspolizeibehörden sofort Mitteilung zu machen Diese Anordnung ist getroffen worden, weil in der letzten Zeit ein häufiges Auftreten' von' spinaler Kinderlähmung beobachtet worden ist und eine epidemieartige Verbreitung dieser gefährlichen Krankheit ver- mieden werden muß. Hohcnzollerndamm. Der neue Haltepunkt Hohenzollerndamm am Südring zwischen den Bahnhören Halensee und Schmargendorf wird, toie angekündigt, am 1. November eröffnet. Er dient ausschließlich für den Personenverkehr. Gepäck und Expreßgut werden nicht ab- gefertigt. Die neue Station liegt von Halensee 1.1 Kilometer, von Schmargendorf 1,11 Kilometer. Infolge der Eröffnung der Station verdoppeln sich die Fahrpreise von der Putlitzstraßc und vom Tier- garten nach Schinargendorf, von der Beusielstraße und vom Zoologischen Garten nach Wilmersdorf-Friedenau, von der Jungfern- Heide und vom Savignyplatz nach der Ebersftraße, von Westend nach Schöneberg, von Charlottenburg nach Schöneberg und Papestraße, sowie von Halensee nach Tempelhof. Die Preise der MvnalS- und Monatsnebenkanen, der Schülerzeitkarten, Arbeiterwochenkarten und Hundekarlen ändem sich nicht. Der neue Haltepunkt erhält aus den Fahrkarten und in den Schaffnerlochzangen das Buchstabenzeichen „Hz". Die Rennbahn im Grunewald hatte am Sonntag einen großen Tag. Es war das letzte Rennen in diesem Jahre und alles, was in der Berliner Gesellschaft etwas sein will, eilte hinaus nach dem Rennplatz. Auf der Döberitzer Heerstraße ratterte und knatterte ein Automobil hinter dem anderen. Schließlich kam auch der Kaiser aus Potsdam, der diese Rennbahn besonders bevorzugt. Ihn war der Sonntag insofern günstig, als ein Pferd aus dem Graditzgestüt als Siegen» aus dem Rennen hervorging, so daß er sich vergnügt die Häiioe reibend zu seiner Umgebung sagte:»Ist doch selbst- verständlich; immer, wenn ich herkomme, gewinnen meine Pferde.' Daß die Pattioten ob des Sieges der preußischen Farben vor Beifall bald toll wurden, versteht fich von selbst. Für Entree wurden am Sonntag nicht weniger denn 39 099 M. eingenommen. Der Umsatz am Tomlisator erreichte die Höhe von 412 ö9ö M., davon 268 745 M. auf Sieg und 163 859 M. auf Platz. Der SchutzmaimSrevolver spielte in der Nacht zum Sonntag in der Weber- und Büschingstraße eine Rolle. In einem Schanklokal in der Büschingstraße war Streit entstanden und der Wirt sah sich genötigt, polizeiliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es kam dann zu einem Renkonter zwischen den auf der Straße befindlichen Leuten und zwischen zwei Scbutzleuten. Schließlich glaubte der Schutzmann Kalka sich bedroht. Ein junger Mann soll nach polizeilicher Dar- stellung einen Revolver auf Kalka angelegt haben, was den Beamten veranlaßle, zu schießen. Der Angeschossene wurde von mehreren Personen fortgebracht, ohne daß seine Personalien festgestellt werden konnten. Später meldete sich auf der Wache des 92. Polizeireviers der 69 Jahre alte Bauarbeiter Rudolf Fischer und gab an. er habe sich an dem Auftauf beteiligt und sei angeschossen worden. Man schaffte ihn mittels Droschke nach dem Krankenhause am Friedrichshain, wo man eine Verletzung an der rechten Brustseite konstatierte und gleichzeitig feststellte, daß die Kugel sich noch im Körper befindet. Fischer muß hinter dein unbekannten Angeschossenen ge- standen haben, so daß durch die Kugel Kallas zwei Per- sonen verletzt worden sind. Von anderer Seite wird noch gemeldet: Die Kriminal- und Revierpolizei suchte gestern abend viele Schankwirtschasten, ins besondere aber die Tanzsäle in der Weber» und Büschingstraße ab. Hierbei wurden gegen 299 Personen vorläufig nach den Revierwachen gebracht und den Zeugen gegenübergestellt. Acht junge Burschen wurden als Teilnehmer an den Ausschreitungen wiedererkannt und festgenommen. Mit städtischen Geldern verschwunden. Mit 2993 M. Geldern der Stadt Berlin ist der 45 Jahre alte Hilfsgeldererheber August Kraatz aus der Breslauer Straße verschwunden. Kraatz war früher Färber. Seine Frau verwaltet noch ein Zweiggeschäft einer Färberei. Seit auft Jahren war er bei der 3. Revierinspektion der städtischen Gaswerke in der Neuen Friedrichstraße als HilfS- erheber beschäftigt. In der letzten Zeit klagte er seiner Frau, seinen Kindern und auch anderen Leuten, er habe sich verrechnet. Vor acht Tagen sagte er seiner Hauseigentümerin, daß er sich das Leben nehmen müsse, weil er in seiner Rechnung einen Fehlbetrag von 1999 M. habe. Gleich darauf lies er, scheinbar ganz ver- zweifelt, weg und ist seitdem verschwunden. Der Vorsteher des Bureaus hat nun festgestellt, daß 2998 M. fehlen. Ob der Ver- schwundene sie unterschlagen hat oder wie sonst der Fehlbetrag zustande gekommen ist, läßt sich vorläufig nicht sagen. Ein Automobilunfall, bei dem zwei Personen sehr schwer ver- letzt wurden, ereignete sich am Sonntag gegen M5 Uhr morgens an der Ecke der Bernauer und Brunnenstrahe. Der 45jährige Schlächtermeister Gustav Rechenberg, Reinickendorf, Hauptstraße 54 wohnhaft, hatte mit seiner 44jährigen Gattin am Sonnabend abend einer Geburtstagsfeier bei einem Bekannten in der Kochhann- ftraße beigewohnt. Als das Ehepaar sich auf den Heimweg machte, benutzte es eine Autodroschke. An der Ecke der Brunnen- und Bernauerstratze versagte jedoch plötzlich die Steuerung und der mit großer Geschwindigkeit fahrende Kraftwagen sauste auf den Bürgersteig, riß eine Laterne um und prallte dann gegen einen Baum. Der Zusammenstoß geschah mit so furchtbarer Gewalt, daß der Motor aus seinen Lagerungen herausgeworfen und die Karosserie von der Chasis heruntergerissen wurde. Während sich der Chauffeur durch Abspringen rettete, wurden die beiden In- fassen auf den Straßendamm geschleudert, wo sie besinnungslos liegen blieben. Der Schlächtermeister erlitt schwere innere und äußere Verletzungen, ein Teil der Kopf- und Stirnhaut war ihm weggerissen worden. Frau R. trug mehrere klaffende Kopfwunden davon. Die beiden Verunglückten wurden, nachdem sie auf der Unfallstation in der Badstraße Notverbände erhalten hatten, auf ihren Wunsch mittelst Krankenwagens nach ihrer Wohnung über- gesührt. Das letzte Opfer der vrandkatastrophr in?>er Neuen Friedrich- straße Frl. Benda wurde am Sonntag unter Beteiligung zahl- reicher Parteigenossen' auf dem an der Falkenberger Chaussee in Weißensee belegenen Friedhofe beerdigt. Nach Absingen einiger stimmungsvollen Trauerweisen durch den Gesangverein„Männerchor Schönhauser Vorstadt' wurden am Grabe zahlreiche Kranzspenden niedergelegt, u. a. vom Verband der Wäschearbeiter, von Partci- genossen deS Wahlvereinsbezirks, unter denen die Verstorbene gut bekannt war, sowie von zahlreichen Kolleginnen. Einen„Heinrich Heine-Abcnd" gab der Sozialdemokratische Wahlverein für den 6. Berliner Reichstagswahlkreis am Sonn- abend im.Stadttheater Moabit". Die ganze Veranstaltung be- stritt(bis auf die Klavierbegleitung, die in den bewährten Händen deS Kompomsten James R o t h st e i n lag) Herr Robert Koppel, der als Sänger wie als Rezitator bekannt und ge- schätzt ist. Weniger vertraut scheint ihm allerdings die Kunst, solche Feiern stimmungsvoll zu arrangieren; sonst hätte er wohl kaum das Programm so eingerichtet, daß er erst— mit einer kleinen Pause— seine neun Lieder heruntersang, und dann— desgleichen— seine neun Rezitationen hintereinander weg zum besten gab! Ueberdies wurde mit dem bei Arbeiterfcsten dieser Art üblichen guten Brauch gebrochen und kein einleitendes und einführendes Bild des Dichters, keine Würdigung des Lebens- ganges, der Werke, der Bedeutung Heinrich Heines geboten, wie denn auch der geniale Prosa- Dichter Heine überhaupt nicht zu Worte kam! Konnte oder wollte Herr Koppel Heinrich Heines Lebens- und Schaffensgang nicht skizzieren oder skizzieren lassen, so hätte er sich wenigstens des Kunstgriffes häufiger bedienen sollen, auf den er sich erst beim letzten Gedicht(„Die Menge tut es') besann: Dinge, die einer Erläuterung bedürfen, wenn das betreffende Poem allgemein verständlich sein soll, vor Beginn der Rezitation mit ein paar Worten zu erklären. Dann brauchte er sich nicht des im höchsten Grade tadelnswerten Kniffs zu bedienen, in Heines famoses Gedicht„Himmelfahrt" den Sänger-C a v u s o einzuschmuggeln! Man könnte nach allem die Veranstaltung vom Sonnabend beinahe mit größerem Rechte einen„Koppel-Abend' als einen Heine-Abend nennen. DaL ist um so erstaunlicher■als man von Herrn Koppel(dem übrigens der ernste Heine auch gar nicht recht„liegt") sonst Besseres gewöhnt ist und als unsere Genossen vom sechsten Kreis erst im vorigen Jahre durch Veranstaltung oer vortrefflichen„Scharfrichter'-Abende bewiesen haben, daß auch die Pflege der Kunst bei ihnen in guten Händen liegt. Auf dem Programm am Sonnabend hieß es:„unter gefl. Leitung des Schauspielers Herrn Robert Koppel." Wo unsere Genossen Kunst- abende veranstalten, dürfen sie die„Leitung" niemals irgendeinen! noch so tüchtigen Herrn in allen Punkten blindlings überlassen. Wenn unsere Freunde im 6. Kreis das berücksichtigen und wenn Herr Koppel sich in die Bedürfnisse der kunst- und bildungS- hungrigen Arbeiterschaft besser einfühlt, dann wird der Lilien- c r o n- A b e n d, der im November veranstaltet werden soll, ge- wiß wieder auf der guten alten Höhe stehen. Sportpark Treptow. Bei schon empfindlich herbstlicher Kühle fand am Sonntag, den 23. Oktober, noch ein Nadrennen statt. Die Hauptnummer des Programms bildete ein Match D e m k e- Scheuermann über 29 und 39 Kilometer.■ das allerdings für Demke kein rühmliches Ende nahm. Im ersten Lauf hatte Demke die Spitze und sicherte sich bald einen Vorsprung von einer halben Runde, als sei» Gegner sich an die Verfolgung inachte. Er holte Demke ein, jedoch seine wiederbolten Angriffe wurden abgeschlagen, als der Berliner durch Reifenschaden zum Radwechsel gezwungen und hierdurch mehrere Runden einbüßt.— Im zweiten Lauf übernahm Scheuermann die Spitze; Demke holt auf und im Begriff, den Gegner anzugreifen, ereilt ihn ein neuer Reifen- schaden und bald darauf ein dritter, so daß er beim 16. Kilometer das Rennen aufgibt, das mit 29 Kilometer abgebrochen wird. Ein Vcrsolgungsrennen über 5 Kilometer sah schon nach dem 3. Kilometer die siegende Mamischait vorn. Ergebnisse: Match Demke-Scheuermann. 1. Lauf; 1. Scheuermann 17 Min. 98� Sek.; 2. Demke 1329 Dieter. 2. Lauf: 1. Scheuermann 16 Min. 54>/z Sek.; 2. Demke, 23 Runden. Hauptfahren. 1. Wegener, 2. Stellbrink, 3. Lorenz, 4. Hamann. Versolg nngsrennen. 1. Nikoleizig- Gehrke, 2. Wegener-Stellbrink. Prämienfahren. I.Lorenz, 2. Stellbrink, 3. Wegener. „Dir entsctzlichr Brandkatastrophe in der Wäschefabrik D. Arndt und wie find die Zustände in den anderen Berliner Wäschefabriken?" laute« das Thema einer öffentlichen Versammlung, das am Mitlwoch, den 26. Oktober, abends 8Vz Uhr, im Schlbeizergarten am Königs- tor verhandelt werden wird. Vorort- �acbricbten. Rixdorf. Auf den Pfaden des RcichS-WahrhcitS-VerbandeS. Kein Mittel wird von den Wahlrechtsräubern und ihrem Anhang unbenutzt gelassen, um die so gehaßte Sozialdemokratie in der schmutzigsten Weise in Mißkredit zu bringen. Da diesen Leuten zu ihrem Handwerk sachliche Argnineiite fehlen, müssen die abgestandenen Lügen der Reichsverbandsschriften dazu dienen, dieses Ziel zu er- reichen. Die G r un d b e s i tz e r v e r e i n e sowohl wie die Be- zirksvereine und auch in letzter Stunde der Bund der Fest- besoldeten haben sich zusammengefunden, um unter der Leitung deS bekannten Antisemiten Walz vom D. H.-V. den Kanipf gegen die Sozialdemokratie und den Demokraten zu führen. Sie alle verteidigen den Wahlrechtsraubl Recht eigentümlich sind die sogenannten Gründe im Kampfe für die Notwendigkeit des Wahlrechtsraubes, die jetzt sehr nachträglich herangezogen werden. In Rixdorf selbst fand man nichts, waS sich als geeignet.erwies. Einen rettenden Ausweg zeigte der Reichs— Wahrheitsverband mit seinen zur Genüge bekannten wahrheitswidrigen Tendenzschrifien. Die Mißwirtschaft der sozialdemokratischen Stadt- verordnetenmehrheit inOffenbach und Mülhausen sollen den Resonanzboden schaffen, um den mit den Dingen nickt vertrauten biederen Bürger in die rechte Schauerstimmung zu versetzen. Ob- gleich alle diese Behauptungen in der Tageöpresse schon unzählige Male als eitel Schwindel nachgewiesen oder als böswillige Ent- stellung der Tatsachen aufgezeigt wurden, hindert das alles diese Kämpfer für Thron und Reich nickt, aufs neue mit den Untvahr- heiten hausieren zu gehen. Wie leichtfertig die Walz und Genosien mit der Wahrheit umgehen, möge folgendes Beispiel zeigen: In einer Versammlung deS Bürgervereins Nord und des Grundbesitzer« verein? Kaiser-Friedrichstadt behauptete der Antisemitenhäupt- ling Walz— nach dem Bericht deS„Rixdorfer Tageblatts"— unter anderem:»Die Sozialdemokratie stelle sich aber auch auf den Standpunkt, daß Macht vor Recht gehe; so sei sie geflissentlich bemüht, in Berlin bei den Gewerbegerichts wählen die Ein- führung der Verhältniswahl zu verhindern« obgleich sie dieselbe sonst als die gerechte st e empfehle." Dabei weiß jeder, daß die letzten Wahlen der Ge- Werbegerichtsbeisitzer nach dem Prinzip der Verhältniswahl stait- gefunden und mit einem glänzenden Siege der freien Gewerkschaften geendet haben. Jeder in dem modernen Leben stehende kennt die Dinge,— nur Herr Walz nicht... Mit krasser Deutlichkeit zeigt dieser Wahlkampf überhaupt, wie sehr das Bürgertum von seinen Vertretern hiiiterS Licht geführt wird. Die Führer der Grundbesitzervereine brüsten sich immer da- mit, waS sie als Stadtverordnete getan haben. Diese Legenden sind nun endgültig zerstört. Wenn die sozialdemokratische Fraktion behauptete, daß diese Gruppe nur Sonderinteressen vertreten, gaben sich die Herren den Anschein, als ob ihnen Unrecht geschebe. Gegen- wärtig zeigt sich an einem drastischen Beispiel, wie sehr die Bchanp» tungen unserer Genossen den Tatsachen entsprechen. Der Magistrat von Rixdorf beabsichtigt, die Müllabfuhr zu verstadtlichen. Die Stadt Rixdorf baut zurzeit ein Eleltrizitäts- werk und in Verbindung damit soll eine Müllverbreimungs- onlage geschaffen werden. Dazu ist eS im Interesse der Gemeinde und deS größten Teils der Bevölkerung notwendig, daß das Abfuhr« Wesen in die Hände der Gemeinde übergeleitet wird. Dagegen laufen die Grundbesitzervereine Sturm. Die Gründe sind klar. Diese Vereine wollen das private Abfuhrunternehmen, das jetzt einige Dutzend Unternehmer ausüben, für sich monopolisieren und die Stadt damit in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen, welches gar nicht scharf genug bekämpft werden kann. In de» Kreisen, die eS wissen müssen, erzählt man fich auch ganz offenherzig, daß die Frage der Müllabfuhr für den Stand der Hausbesitzer und deren Vereine eine große Rolle spiele und, daß ähnlich wie beim Schließaint eine Organisation geschaffen werden müsse. An deren Spitze sollte dann ein Direktor gestellt werden. Auch eine bestimmte Person ist schon für diesen Posten in Aussicht genommen mit einem Jahresgehalt von'19 999 M. Diese in Aus- ficht genommene Person hat sich bei dem Wahlrechtsraub erst der großen Ocffentlichkeit bekannt gemacht. Der Bund der Grundbesitzcrvercine hat denn auch nahezu einstimmig den Plan deS Magistrats verworfen. Der Magistrat hatte— und das ist erfreulich— einen Vertreter in die Versammlung der Interessenten entsandt, um seinen Standpunkt zu begründen und darzulegen. Ebenso erfreulich wäre es gewesen, wenn beim Wahlrechtsraub genau so verfahren wäre und die Betroffenen erst befragt worden wären. Leute, die in so rücksichtsloser Weise ihre Sonderinter» essen vertreten, wie der Bund der Grundbesitzer- vereine, schreien dann nach Nepressalicn gegen die Sozialdcmo- kratie. Und wenn alles»och nicht genügt, um die Sonderiiileressen zu verhüllen, müssen die Schriften und Unwahrheiten des bekannten Verbandes gegen die Sozialdemokratie diesem Zwecke dienen. Fürwahr, ein edles Paar l Wahlrechtsräuber und ReichSverbändlerl Dmch Arbeitölnsigkrit ist der Maurer Preschel auS der Schone- Weider Strahe in den Tod getrieben worden� P> hatte vor einiger Zeit seine Arbeit verloren und seitdem bemühte er sich vergeblich, neue Beschäftigung zu erhalten. In der Verzweiflung griff er zum Strick und erhängte sich auf dem Friedhof an der Nudower Straße an einem Baum. Zeugen gesucht, welche gesehen haben, wie am Dienstag, den 18. dieses Monats, gegen H7 Uhr morgens in der Zietenstrahe, nahe der Bergstraße, jemand von der Autodroschke A. 9666 überfahren wurde, besonders der Herr, an welchen der Verletzte vorher vorüber gelaufen ist, werden gebeten, im Jnteresie des Verletzten ihre Adresse an G. Master, Zietenstr. 72, gelangen zu lasten. End stehende Unkosten werden gern erstattet. Ariedeuau. Tie Wcrtzuwachssteucr abgelehnt. In einer Sitzung der Te- meindcvertretung im April' dieses JahreS stellte der Vorsitzende des hiesigen Haus- und(Lrundbesitzervereins, Herr Gemeindevev trcter Lehment, einen Antrag auf sofortige Einführung der Werb zuwachssteuer. Derselbe wurde nach längerer Diskussion ange- Nammen. Die Gründe, welche die Herrschaften damals zu diesem Schritte veranlaßten, haben wir seinerzeit in einer Notiz„Die Un- eigennützigen" betitelt,. klargelegt und das ganze als Spiegel fechterei bezeichnet. Wie recht wir mit unseren Ausführungen hatten, bewiesen die Vorgänge in der Sitzung vom Donnerstag Wir behaupteten damals, daß nachdem die Einführung einer Reichs- wertzuwachssteuer scheinbar als gesichert galt, die Macher des Haus- und Grundbesitzervdreins sich durch ihren Antrag als die Uneigen- nützigcn aufspielen wollten und bezeichneten dies als Heuchelei. Mittlerweile hat man sich in dem vorgenannten Verein einen Vor trag über die Neichswertzuwachssteuer halten lassen und ist dadurch zu der Uebcrzeugung gekommen, daß, wenn die Vorlage überhaupt Gesetz wird, ihr Herr Haberland getrost seine Zustimmung geben kann, ohne seinem Geldbeutel zunahe zu rreten. Man sah jetzt ein, daß man voreilig gehandelt hatte und beauftragte die Kom Mission, die die Vorlage zu bearbeiten hatte, einen Antrag auf Ablehnung der Steuer für Friedenau zu stellen. Bemerkt sei hier noch, daß ein Teil dieser Kommission mit dem Vorstande des Haus und Grundbesitzervereins identisch ist. Dieselbe sowie der Gemeinde vorstand hatten denn auch gleich das richtige Verständnis für diese neue Eingebung. Der Antrag der Kommission lautete: Die Ein führung einer Wertzuwachssteuer für Friedenau wird abgelehnt, da der Ort fast vollständig ausgebaut ist und nicht die Absicht ic- steht, die alteingesessenen Villenbesitzer, welche den Ort groß gemacht und lwie man jesuitisch lamentierte) dafür gelitten hätten, noch dafür mit einer Steuer zu belasten. Diese Begründung weist, so unvernünftig sie gehalten ist, ein gut Teil Dreistigkeit auf. Man bedenke! Man will Leute schonen, welche vor 28— 30 Jahren für wenig Geld Grund und Boden gekauft haben und nun beim Ver- kauf ohne ihr Zutun das Zehn- bis Zwanzigfache dafür erhalten. Wenn man berücksichtigt, daß bei Beschlußfassung über die Steuer im April dies alles erwähnt wurde und dieselben Leute, welche damals ihre Zustimmung gaben, jetzt, ohne daß irgendein neuer Grund vorgetragen wurde, dieselbe ablehnen, so gibt es hier nur zwei Möglichkeiten: Entweder die alten Herren haben in der damaligen Sitzung alle geschlafen, oder man hat vor der Oefsent- lichkcit eine elende Komödie aufgeführt. Bezeichnend war es, daß außer unserem Genossen Nichter, welcher gegen dies Verfahren protestierte, sich niemand zum Wort meldete. Wie es schien, war die Sache schon vorher abgemacht worden. Bei Beschlußfassung über ein neues Ortsstatut für die Fort' bildungsschulen regte Genosse Richter an, die Schulstunden des Abends nicht zu lange auszudehnen und lieber etwas früher zu beginnen. Gemeindcvertreter Schulz ist die Schulzeit zu früh angesetzt, was natürlich nach dem Herzen aller der Krauter ist, welche die Lehrlinge lediglich als Ausbeutungsobjekt halten. Schönever». Morgen Mittwoch, den 28. Oktober, von neun Uhr vor- mittags bis acht Uhr abends findet im S. Bezirk die Sladtverordnctcnivahl statt. Kandidat der Sozialdemokratie ist der Genosse A l b i n M o h s. Die Liberalen, genannt die KSmmererpartei, versuchen mit allen Mitteln diesen Bezirk, in dem sie voriges Jahr mit nur zwanzig Stimmen unterlegen sind, wieder an sich zu reißen. Wie dieselben arbeiten, beweist das kürzlich herausgegebene, von 69 Leuten unter- zeichnete Flugblatt. In demselben zerbrechen fich die Herren über Nebensächlichtetten den Kopf. Am Schluß müssen sie jedoch ein gestehen, daß die Arbeiterschaft ihnen weit votaus sei, und eS wird Erhebliches kosten, wenn dieser Bezirk zurückerobert werden soll, Die Arbeiterschaft wird am Wahltage ihren Mann stehen und alles aufbieten müssen, um ihrem Kandidaten Genossen Albin Mohs zum Siege zu verhelfen. Darum ist es Ehrensache eines jeden Partei- genossen und Arbeiters zur Wahl zu kommen und sich an den Wahl- arbeiten selbst lebhaft zu beteiligen. Auch die Arbeiterschaft au» den anderen Bezirken muß sich zeitig zur Verfügung stellen. Die aus dem Bezirk verzogenen Wähler wollen nicht versäumen, ihr Wahlrecht auszuüben, denn diesmal kommt eS auf jede einzelne Stimme an. Steglitz-Friedenau. In den Lichtschacht abgestürzt. Da« Opfer eines schweren Un- Slücksfalles wurde der SLjährige Zimmerer Gustav Hewing. Buch- olzer Str. 5. H. hatte aus dem Neubau an der Ecke der Bismarck- und Kniephosstraße mit anderen Zimmerern gearbeitet. Als er im dritten Stockwerk an einen Lichtschocht herantrat, verlor er das Gleichgewicht und stürzte rücklings in den Schacht hinab. Mit schweren inneren Verletzungen wurde der Verunglückte nach dem Krankenhause gebracht, wo er hoffnungslos daniederliegt. Chart attenvurg. Am Freitag, den 4. November ILIO, beginnt der vom BildungS- auSschuß veraiistaltete Vortragszyklus. Genosse Eduard V e r n st e i n wird in sechs Vorträge» über:.Das Deutsche Reich und seine Parteien" sprechen. Die Vorträge finden am 4, und IS. November, am 2. und 10, Dezember und am 0, und 20. Januar, pünktlich 8'/, Uhr. ün Volkshause. R o s i n e» st t. 3, statt. Der Preis zu allen sechs Vorträgen beträgt 60 Pf. Die Ein- trittskarten sind m den Zahlabendlokalen sowie bei Will, KIrchstr. 30 lgigarrenladen), Weisheit, Rosinenstr 3 sStehbierhalle) und tn den Lerlaussstellen des Charlottenburger Konsumvereins erhältlich. Zehlendorf. Daß die Wünsche der Einwohner bei unserer Gemeindeverwaltung verschloden bewertet werden, je nachdem von welcher Seite sie aus- gehen, ist jedem, der die bv>sien Verhältnisse kennt, längst bekann,. So werden zum Beispiel die Wünsche des Südens mit dem Orts- teil Schönow möglichst wenig beachtet, wenn irgeild möglich, sogar völlig ignoriert. Das zeigte sich recht deutlich in der letzten Ge- meinoeveitrelersitzung. Der Bezirksverein„Süden" hatte der Ver« tretung eine Eingabe mit einer Reibe von Wünschen übermittelt. Unter„Mitteilungen" erwähnte der Bürgermeister zwar die Ein- ladung des Vaterländischen Frauenvereins zu seinem Basar, dagegen ließ er die erwähnte Eingabe ohne jede Beachtung. Erst von einem Gemeindevertreter mußte aus die Eingabe hingewiesen werden. Der Wunsch dieses Herrn, die Eingabe doch zur Verlesung zu bringen, fand bei dem Bürgermeister durchaus keine Gegenliebe. Die Geichäftsordmmg verbiete es ihm. und ähnliche wenig stich- haltige Gründe mehr, mußten herhalten, um das Verlesen der Ein- gäbe zu uuterlaffen. Nun ist gegen diese Geschäftsordnung, wie auch sofort in der Vertretung festgestellt lvnrde, gerade in diesen, Punkt schon sehr häufig verstoßen worden. Aber—„Bauer", daS ist eben etwas anderes. So sind die Wünsche deS Ortsteils.Süden' jeder öffentlichen Behandlung zunächst entzogen: und daS war wohl auch Teils der Einwohnerschaft, solche Wünsche in der Vertretersitzling zur öffentlichen Kenntnis gelangen zu lassen, wird der Gemeinde- vorstand in Zukunft sicher nachkommen— wenn die Art der darin behandelten Wünsche ihm gerade paßt. Bei dieser Gelegenheit wollen wir auf einen unhaltbaren Zu- stand hinweisen. Bekanntlich ist im Sommer der OmnibuSverkehr nach Teltow eingestellt worden. So mancher, der dringend in Schönow oder Teltow geschäftlich zu tun Hai oder der aus anderen Ursachen den Weg dorthin unternahm, war gezwungen, aus staub- bedeckter Chanssee die Annehmlictikeit dieses Weges zu genießen. Sprengen läßt unsere Gemeindeverwaltung solche Ortstcile nicht. War der Weg aber schon im Sommer gerade keine Annehmlichkeit, so mehre» sich die Uugelegenheiten im Wmter, wenn starker Schnee- fall mit daranfsolgendem Tauwetter eintritt, Dabei muß man berücksichtigen, daß eine ganze Anzahl Einwohner von Schönow ihre Kinder nach Zehlendorf in die Schule schicken, weil dieser so stief- müllerliw bedachte Ortsteil von„PensionopoliS" nur über eine ein- klnssige Volksschule verfügt. Soll dieser Zustand für alle Zeiten der Nachwelt erhallen werden? Anregungen auf Abänderung sind aus der Einwohiierschafl schon sehr viele ergangen, da wird es gerade jetzt beim Eintritt der kalten Witterung Zeit, daß unser„weit- blickender" Gemeindevorstand endlich einmal beweist, daß auch er daran denkt, den Anwohnern dieser OrtSteile durch Schaffung von Verkehrsmitteln entgegenzukommen. Köpenick. Bei einem auffegenden EootSunfnll hat die Frau des Boots- bauerö Schuster ans der Grünstraße den Tod gefunden. Frau Sch. war mit ihrem Manne in einem kleinen Boot am Ufer der Ober- sprce entlang gefahren, um Futter für die Enten zu suchen. Als sie sich zur Seite neigte, um Grünes abzureißen, kam das Boot zum Kentern und beide Insassen stürzte» in die Fluten. Aus die Hilfe« rufe der Verunglückten kam ein Ruderer hinzugefahren. Dessen Boot stieß jedoch bei dem herrschenden Sturm mit dem gekenterten Boot zusammen und nun geriet Sch. unter leinen Kahn, Der Ruderer rettete ihn infolgedessen zuerst und als sich dann die beiden Männer an die Rettung der Frau machen wollten, war es zu spät. Die Frau konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Friedrich sfelde. Aus der Gemeindevertretung. Auf der Tagesordnung der letzten Sitzung standen nur fünf Punkte zur Beratung, der letzte follte in geheimer Sitzung behandeit werden,— Die erschienenen Pressevertreter und Zuhörer hatten bereits Platz genommen, als der Bürgermeister sie ersuchte, das Sitzungszimmer noch für einige Minuten zu verlassen, da erst eine geheime Sitzung stallfinden solle. Aus einigen Minuten wurde aber il/t Stunde, da der letzte Punkt als erster zur Beratung gestellt wurde. Diese Maßnahme muß als eine Rücksichtslosigkeit gegen die Oeffenllichkeit bezeichnet werden. Äks die Oeffcutlichkeii wieder hergestellt war, bedauerte zwar der Bürgermeister, daß die geheime Sitzung so lange gedauert habe, aber eine Zusicherung, daß sich derartiges nicht wiederholen werde. gab er nicht, Für die Legung eine» Kanalisationsrohres in dem Teil der Berlin-Fraukfurter Chaussee, der zu Biesdorf gehört, bcmispnlchte die Gemeinde Biesdorf eine Summe von i247,60 M. nebst Zinsen und ZinseSzinsen als Anerlemiungsgebühr vom l. November lSOO bis zum 81. Oktober 19ll siir jede» laufenden Meter. Beschlossen wurde, Zinsen nicht zu zahlen, da der Anspruch jetzt erst geltend gemacht wird. Vom l. November 191l ab sind jährlich 249,50 M, Aw erkenmmgsgebühr an Biesdorf zu entrichten,— Einer Anregung des Verbandes der größeren Landgemeinden gemäß wurde beschlossen, bei verzogenen Steuerpflickitigen Steuerreste bis zum Betrage von I M. nicht mehr einzuziehen, da die hierzu erforderliche Arbeit in keinem Verhältnis zu den eingehenden Geldern steht, Unter Mitteilungen wurde bekannt gegeben, daß der OrtSteil Karlshorst nach 2>/zjährigem Bemühen in den Nachbarorts- Poff verkehr mit Berlin einbezogen ist. Die Linie 09 der Großen Berliner Straßenbahn soll bis zum Kaiserplatz in Wilmersdorf verlängert werden.— Am 10. Oktober ist das von den Gemeinden FriedrichShagen, Ober-Schöneweide und FriedrichSfeld« erbaute Krankenhaus der öffentlichen Benutzung übergeben. Veteranen- beihilfen sind an 74 Personen gezablt worden, so daß hierzu ein Betrag von 1860 M, erforderlich war, Die bereits im„Vorwärts" veröffentliche Entscheidung des Ober verwallungsgerichts in der Klage des Vereins für Hindernisrennen in Karlshorst gegen die Gemeinde Friedrichsfelde wegen Heraw ziehung desselben zur Lustbarkeilösteuer ist bei der Gemeindeverwallung eingegangen. Die Gemeinde ist verurteilt, die für ein Rennen erhobene Steuer von 4184,00 M. zurückzuzahlen und die Kosten deS Verfahrens zu tragen. Hierüber entspann sich eine kurze Debatte, in welcher unter anderein Klane geführt wurde, daß der Rennverein, dem die Gemeinde Friedrichsfelde soviel Entgegenkommen gezeigt habe, der Gemeinde gegenüber diesen Standpunkt eingenommen habe. Genosse Pinseler führte aus, daß die Gemeinde i» Zukunft dein Rennverein weniger entgegenkommend sein solle.. Wenn die Veranstaltungen des Nennvereins' keine Belustigungen seien, so wären sie aber für die Gemeinde Belästigungen. Man müsse sich über- legen, auf welche andere Art der Vieiinverein zu den Kosten heran- zuziehen ist, die der Gemeinde Friedrichsfelde durch den Nennbetrieb erwachsen. Halbe lKreiS Teltow).* Nach langem vergeblichen Mühen ist e» unserer Partei a»ch hier endlich gelungen, festen Fuß zu fasten. Die brutalen Maßnahmen einiger Scharfmacher gegen unsere Parteigenosse» und alle diejenigen, welche die am 8. und 19. September unter freiem Himmel ab- gehaltenen Versammlungen besucht hatten, haben endlich bei der arbeitenden Bevölkerung' die Einsicht gezeitigt, daß nur durch eine straffe Organisation die frechen Anmaßiinge» der Reaktionäre energisch bekämpft und die Rechte der unteren Vollsschichten vertreten werden können. Am Sonnabend. 22, Oktober, fand bierselbst eine Versammlung unserer Mitglieder, die bisher dem Wahlverein Charlottenburg an- gehörten, statt, in welcher nach einem einleitenden Referat des Ge» nosien Pagets einstimmig beschlossen wurde, einen eigenen Wahl- verein zu gründen und zurzeit von der Abhaltung einer weiteren öffentlichen Versammlung Abstand zu nehmen, bis die Lokal- frage zwischen dem hiesigen Arbeiter- Radfahrerein und dem Gastwirt Mohr geregelt ist. Der Berein ist zwar äugen- blicklich nur 30 Mann stark, er wird seine Mitgliederzahl jedoch in kurzer Zeit verdoppeln, wenn alle die Genossen, die bisher den Wahlvereinen der umliegenden Orte angehörten, zu ihm übertreten. Außerdem wurden hier bei der letzten Reichstags- wohl für unseren Kandidaten 113 Stimmen abgegeben, woraus ersichtlich ist, daß noch eine große Anzahl der Einwohner mit uns sympathisiert, die es bisher»och nicht gewagt, gegen die Zu- mutungen der Scharfmacher Front'zu machen.— Der vorstand besteht auS den Genossen Adolf Matern a als Vorsitzender, Franz B i n n e b ö s als Kassierer und Karl Böttcher Schriftführer. Weiffensee. Ein gewaltiger Dachstuhlbrand kam Sonntag ffüh in der Sedan- straße 36 zum Ausbruch. AIS die Gefahr gegen 3 Uhr morgens bemerkt wurde, schlugen aus dem Dachgeschoß des Vorderhauses schon helle Flammen heraus. Bei dem herrschenden starken Winde breitete sich das Feuer mit rasender Schnelligkeit auS. so daß bei Ankunst dch: Feuerwehr der Dachstuhl von einem Ende bis zum andern lichterloh brannte. Die Wehr griff daher sofort mit vier Schlauchleitungen ein. Die Rohrführer. die nur über die Treppen hinweg gegen das verheerende Element vordringen konnten, hatten anfangs ernen schweren Stand, da sich auch eine starte Rauch- entwickelung geltend machte. Erst nach fast zweistündiger Lösckiarbeit war die Gefahr beseitigt. Der Dachstuhl ist vollständig ein Raub der Flammen geworden. Die Aufräumnngsarbeiten zogen sich bis 7 Uhr hin. Ueber die Brmidursache konnte nichts ermittelt werden. Tpimdait. In der sehr gut besuchten ordentlichen Generalversammlung des Wahlvereins mußte die Berichterstattung vom Parteitag von der Tagesordnung abgesetzt werden, da der Referent, Genosse Staad- Potsdam, leider am Erscheinen verhindert war. Den Quartalsbericht gab der Vorsitzende, Genosse Scior. Für den Stadtteil T i e f w e r d e r ist ein neuer Wahlvereinsbezirk ge- gründet worden, dem 25 Genossen angehören. Der Bezirk C l a- do w faßt jetzt 45 Mitglieder. Die„Vorwärts"-Agitation hat 210 neue Abonnenten gebracht. In der Angelegenheit Kähne ist richtigzustellen, daß sich Genosse Kähne an dem Richteschmaus in dem gesperrten Lokal Miericke in Hakenfelde nicht beteiligt hat. — Der Kassenbericht ergibt einen um 120 Mk. höheren Kassen- bestand als im vorigen Quartal, die Mitgliederzahi hat sich um 39 vermehrt. Zum ersten Schriftführer wurde an Stelle des Ge- nossen Manker der Genosse Kujaht gewählt. In die Lokal- kommission wurden die Genossen Koschore k', Schiefe! und S t r e h l k e delegiert. Am Sonntag, den 30. Oktober, findet ein Ausflug nach Seegefeld statt. Zum Schluß gab der Vorsitzende noch einige auf die Agitation bezügliche Mitteilungen bekannt. Arbciter-Snmariter-Kolonne. Am Mittwoch, den 20. d. M., abends 8>/s Ulir, findet bei Fritz Bühle, Havelstr. 5, ein Uebnngs- abend statt. Ein icilender Arzt wird das Thema„Knochenbrüche" behandeln. Kursusteilnehmer können sich noch melden, ebenso haben Gäste einmalige» ffeien Zutritt. Als erster Vorsitzender ist Genosse Georg Dihselmann, Wöhmännerstr. 12 wohnhaft, gewählt. Potsdam. Ein schwerer VctrieliSunfall ereignete fich gestern vormittag auf der hiesigen königlichen Eisenbahnwerlstätte. Der dort beschäftigte Arbeiter Glöckner ist, wie eine Korrespondenz erfädrt, nach einer Version von einem Gerüst gestürzt und hat dabei einen Bruch des Rückgrates erlitten. Schwer verletzt wurde er mittels Krankenwagens in das städtische Krankenhaus befördert. Bon ver Elektrischen überfahren. Gestern nachmittag wurde der 01 Jahre alte Maurerpolier Franz Siegmut aus NowaweS aus dem Wilbelmsplatz von einer Elektrischen überfahren. Er erlitt einen Arm- und Beinbruch und wurde in das städtische Krankenhaus ge» bracht. Sein Zustand /st sehr bedenklich. Zentrnl.Krankrn- und BegriibniSkasse für Fronen und Mcidchen in Deutschland(E. H, LS), Offcnbach a, Ä, Oenvaltmigsstelle Berlin I. Herne Dienstag, abends 8>/„ Uhr: Hauptversammlung im Gewerkschasls« hause, Engelufer 14/15, Saal 3, Lese- und Tiskinierklub»Wilhelm Liebknecht". Heute, DIenS- tag. abends v Uhr: Sitzung bei Karl Eichhorn, Danziger Str. 93, Vortragt.Psaffenherrschast'. Gäste willkommen. Eingegangene Druck fdmfren. von der„Gleichheit", Zeitschrift für die Interessen der Arbcllcrinnen (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Nr, 2 deS 21. Jahrganges zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: rluSiiahmegcietze und Sozialdrmokratle,— Nieder mit dem Fleisch- und Brolwucher I Von Luise Zictz,— Das Weib als kulturlrägettn. Von Gullao Eckstein.(Schluß)— Zwei Tagungen bü> gerlicher Frauen- rechtlerinnen, I.— Ende deS WerstarbeiterstreilS. Von g. b.— Die Wiener Arbeiterinnen gegen die Teuerung, Von a. p.— Erfolgreicher Ausgang deS LohnkampseS in der Nürnberger Bleislistindustrie, Von g. b. — AuS der Bewegung: Bon der Agitation usw.— Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen: Für unsereKinder. Die.Glcichhett' ericheint alle 14 Tage einmal, Preis der Nummer 10 Pf,, durch die Post bezogen beträgt der AdounemcntSPreiS vierteljährlich ohne Bestellgeld 65 Pj,; unter Kreuzband 86 Pf. Jahresabonuemeni L.K0 M. Vom„Wahren Jacob" ist soeben die 22, Nummer de» 27. Jahr» ganges lö Seiten stärk erschienen. Aus ihrem Inhalt heben wir hervor t Bilder! Der Rollaus.— Der Amokiäuser von Moabit, Von A, Mrawet,— Der neueste Berliner EchutzinamiSorden,— Großreinemachen in Pott» gab Von A, Mrawek,—„Vom Teufel geritten', Bon R, Rost,— Aus Portugal Von H,®. Jentzfch. Text: Fritz Reuter, Zu feinem hundettften GebuttStage am 7, Novkniber, Von John SchikowSki, Nebst einem Porträt ReuterS.— RepubUl Portugal, Von P. E.— Die Nattonal-Miferablen,— Portugal. Von T.— S-rcnijsilnus und die Revolution,— Moabiter Nachklänge. Von T. Der Preis der Nummer ist 10 Pf, Probenummern find jederzeit durch den Verlag Paul Singer in Stuttgart fowte von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen._ ßmfharten der Redahtion. Dl» inrlflttche evreil, stund, stndr» Lindenstrahe Nr.«S,»on, vier Trevven— FahrftudI—, woidenläglich»v« S»/, bis?>/, Ilde<>b«nd», EonnadcndS von s>/, bis U Ith, nachiuitiagS flau. Jede» für den Brill» tasten bestimmten Aufrage ist«IN Ba.nstqd« und«tn« Zabt als wtrrk» ttirtitti iielrntiigei». Brtefltrtt««nuuart wtrd ntä» attilt. Eilig, Frauen renne man In der Gvrc ist stunde»»». R. S63. 1. u. L. Wenn Sie nicht fchon kraft Gesetzes tn Güter- trennung leben— was bei allen feit dem 1. Januar 1900 gefchlossenen Ehe» der Fall ist—, durch Vertrag, der zu notariellem oder gerichtlichem Protokoll zu schließen ist, 3. Die Kosten Achten fich nach dem Objekt,— Stammtisch Frankfurter Str. 1«». Giitertrennung,— tt, 41, 40/41. Siehe die Auskunsl unter R, 263,— Streitfrage. Nein,—«roll. 1, Dadurch verzögert fich die Sache um etwa 3 Monat«, 2, Ohne weiter» Beweis« oder Gründe nicht.— F. K. 107«. l. Ja. L, Nach wie vor die Hülste. 3. Da» wäre möglich für längstens S Jahre. 4, AmtSgettcht Beriin-Mitte, Neue Fttedrichstraße 12/16. 6. u. S. New.— 9t.£. I. Ja. ßinefhaften der Expedition. Patienten in Beelitz. Buch und anderen HeilftStte». Diejenigen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ueberwcisung von Frei- exemplaren sofort ihre Adresse einsenden, da bei vettpäteter Bestellung die ersten Nummern deS neuen Monats von der Post nicht geliefert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. euuieninasnbetfldii vom 84. Oktober l»IO, moraens 8 tut. Setter Swrnemde Hamburg «erlir »rontia M München Wien 769 OSO 767 O 767 O 761320 >7610 765 OSO 3 bedeckt 6 bedeckt 3 bedeckt 3 heiter 3 bedeckt 1 heiter M« <1% ti Ii ö O B Ti Settn ** e* h Saparanda 77031 -tersburg 770 N® SctIIh.754 SO tiberde«!764 SO Van» 1756OSO 2wolklg 1 bedeckt 2balbbd. 3 bedeckt> 2 bedeckt — 1 11 10 6 Wetterprognose ktir Dienstag, Kühl und vorherrfcheiid wolkig, abc Winden. den 25. Oktober 1910. er trocken bei frischen östlichen Berliner Wetterbureau. Wasserstands. Siackirtchten der Landesanstalt lür Gewässerstmde. mitgeteilt vom Berliner _ Wetterbureau. Wassern and Memel. Tilllt Brezel. Jnüerbmg Weichsei. Tborn Oder. Ratidor , Krassen » Frankwtt Warthe, Schriim» , LandSberg Netze, Pordamm Elbe, Leimictttz , Dresden 0 Barby » Magdeburg am 23,10 om 113 -34 48 148 165 179 12 —10 —14 26 -96 150 130 le« 22.10. nro ll —3 +3 —8 —4 —6 —6 —4 —4 0 —3 — t —7 -S Wasserftan» Saale, Grochlltz Havel, Svandau') . Ratbenow») S V r e», Svremberg'j . Biestow Weser. Münden . Minden Rhein. MaximUianSm: , Kaub Köln Neckar, Hcübrotw Main, Werlheuo Mosel. Trier >) 4- bedeutet Wuchs,— ffaü.•) Unterpegel. der Zweck der Uebung. Dem zutage getretenen Wunsch eines großen l____________________ lveranitnartl. Redakteur: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Für den Inseratenteil verantw.: TH.GI-cke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Luchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW.