M». 253. DbonnementS'Redlnaungen: twonnemenls> Preis pränumerando i »iertcljöhrl. 330 Ml., monatl. 1,10 Ml., wöchenilich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illuftrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" tO Pfg. Poft- tlbonncmcM: l,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PoflabonnementS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, OWjcint«gll» iwe» montags. * Berliner Volksblntl. 27. Jahrs. vie sttlertlonz.Lebllhl' velrägt für die sechsgefpallene Kolonel- zcile oder deren Raum BO Pfg., für poliiifche und gewerkschaftliche Vereins- und VcrsamnilungS-Anzeigcn W Pfg. „Klelne Hnreigen". das erste fsett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes wciicre Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlas- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnier niüssen bis SUHrnachmiltagSinder Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse! n502ialilem«Hrat Rsrlin" Zentralorgan der foztaldeniokratt fchen parte» Deutfcblande. Rcdahtion: SCH. 68, Llndcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Freitag, den 28. Oktober Cxpcdmons SM. 68, Undenstraasc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. Nahkechtsraudgeliilte. Unseren herrschenden Kreisen ist's unbehaglich in ihrer Haut. Die Erfolge der Sozialdemokratie machen sie nervös. die Revolutionen im Osten und Westen verbessern die Stimmung nicht. Hinter jedem Streik sehen sie die Hydra der Revolution lauern, und ob von den Schauermärchen über die Moabitcr Vorgänge mehr auf das Konto der Angst oder mehr auf das der kaltblütigen Berechnung kommen, das ist nicht leicht zu entscheiden. Selbst wenn aber die Berechnung vorwiegend gewesen wäre, sie ist letzten Grundes auch mit der Angst verwandt, sie zeigt, daß die Macht- haber schon die Anwendung verzlveifelter Mittel für notwendig halten, um die rote Flut einzudämmen. In dieser Atmosphäre gedeihen die Staatsstreichgedanken und die Pläne auf Wahlrechtsraub. Nicht bloß in den Nedaktionsstuben der Macher reaktionärer Zeitungen, auch in den Amtsräumen preußisch-deutscher Regierungsmänner. Und nicht bloß, um dort als stille Wünsche bewahrt zu werden. Der Kanzler des Deutschen Reiches, der Doktor der Philo- sophie Bethmann Holliveg ist nicht bloß der Mann der Gedanken. Es drängt ihn nach Taten—, er möchte einst in der Weltgeschichte als der Verbesserer des Werkes von Vis- marck glänzen, er. möchte den unverzeihlichen Fehler korri- gieren, den der erste Kanzler nach der Meinung aller Junker und Scharfmacher und nach seiner späteren eigenen Ansicht beging, als er das neue Deutsche Reich durch das allgemeine gleiche Wahlrecht zusammenzuschweißen unternahm. Von diesem Vorhaben des Herrn Bethmann Hollweg, von seinem Plan auf Beseitigung des demokratischen Reichs- tagswahlrcchts. von seinen— vorerst gescheiterten— Be- mühungen, diesen Plan auszuführen, erzählt in seinem eben erschienenen Buche„Unter dem Scheinwerfer" der Regierungsrat a. D. Rudolf Martin. Herr Martin, der sich durch seine Disziplinarprozesse und durch ein ivissen- schaftlich unbedeutendes. aber die schlechte Finanzlage Rußlands immerhin scharf hervorhebendes Werk einen Namen gemacht hat, ist ein sehr eifriger Bücherschrciber. Er verfügt über eine fruchtbare Feder, die freilich einen sehr mäßigen Stil schreibt, eine wuchernde Phantasie und eine große iln- bedenklichkeit, die ihn alles, was ihm just einfällt und was er erfahren hat, zu einem Buche zusammenstoppeln läßt, einerlei, ob ein innerer Zusammenhang besteht oder nicht. So gibt er in seinem neuesten Buche politische Rückblicke, Kritiken. Zukunftsphantasien, Kannegießereien über die Qualitäten deutscher Staats-— Pardon Regierungs- männer, Ministerialbureauklatsch. Darstellungen über den Vermögensstand der Plutokratcn Deutschlands, Schilde- rungcn der Entwickelung der Motorluftschiffahrt und Phantasien über ihre Einwirkung auf die internationale Politik. Es ist nicht sehr erquicklich, diesen Wust von allerlei vielfach schon längst Gesagtem und Bekanntem, von brauch- barem Material und mehr oder minder luftigen Phantasien zu durchackern. Aber die eine Stelle, die von den Wahlrechts- raubplänen des Reichskanzlers handelt, verpflichtet, das Buch zu beachten.* Herr Martin erzählt auf Seite 60, am Schlüsse eines Kapitels„Die Parteien", folgendes: Trotz der Forlschritte der Sozialdemokratie bei den Nach- wablen, dürste Herr von Bethmann seine Versuche, die Bundes- staaten und das Zentrum für eine Aenderung des Neichstags- Wahlrechts zu gewinnen, nach den bisherigen Mißerfolgen kaum wieder aufnehmen, bevor die rote Fü>t das Land überschwemmt hat. Sollte Bethmann Hollweg die kommenden allgemeinen Reichstagsivahlen noch überdauern, so wird er wahrscheinlich den Versuch einer Aenderung des Reichstags- Wahlrechts erneuern. Ohne Auflösung des Reichstags iviid die Aenderung des Reichstagswahlrechts angesichts der rund löl) Sozialdemokraten. 20 Linksliberalen und etwa M National- liberalen von jungliberaler Gesinnung nicht möglich sein, zumal der größte Teil des Zentrums nach den Wahlen mehr als je für den sozialen und demokratischen Fortschritt und daher für die Ausrechterhaltung des Reichstagswahlrechts eintreten dürfte. Zum Zwecke der Aenderung des ReichStagswahlrechtS dürfte dann also Bethmann Hollweg den sogeuamUen roten Reichstag des JahreS 191 l oder Januar 1912 auflösen. Eine Aenderung deS ReichStagswahlrechtS ist aber sicher keine günstige Wahlparole. Dazu kommt, daß die Erneuerung der Handelsverträge immer näher rückt und die Bevölkerung eine Herabsetzung der landimrt- schastlichen Zölle mit der Zunahme der Agitation in steigendem Maße wümchen dürfte. Man muß daher mit der Möglichkeit rechnen, daß nach der Auslösung der neue. Reichstag noch roter wird. DaS Buch des Herrn Martin hat vor etwa vierzehn Tagen die Presse verlassen. Bisher hat noch kein Blatt der bürgerlichen Presse, kein Blatt des Zentrums, keins der offi- ziöscn Organe den Raum und die Zeit gefunden, um zu sagen, ob die Erzählung des Herrn Martin wahr ist oder ob seine Darstellung bestritten wird. Herr Bethmann Hollwcg kann. wie wir bei der Königs- berger Kaiserrcde gesehen haben. unter Umständen sehr schnell in dem Entschluß sein, die Zeitungsschreiber der Regierung in Bewegung zu setzen. Weshalb schweigt er hier? Etwa weil er auch der Ansicht des Herrn Martin ist, daß eine Verschlechterung deS Reichstags- Wahlrechts keine gute Wahlparole ist, wenigstens nicht für die Regierung und ihre Parteien? Den Grund wird man gelten lassen müssen, aber wenn Herr- Bethmann Hollweg Grund hat, seine Gedanken über das Reichstagswahlrecht und seine mißglückten Versuche, es zu meucheln, vor dem deutschen Volke zu verbergen, so hat dieses um so mehr Grund und Berechtigung zu fragen, was an den Behauptungen des Martinschen Buches daran ist I Daß der Kanzler ein Feind des demokratischen Wahlrechts ist, loeiß es freilich seit langem,. seit den Tagen, da er sich im Reichstag mit lahmen Wendungen vergeblich gegen die Angreifer zu decken suchte, die ihm nachwiesen, daß er das höchste Recht des deutschen Volkes geschmäht, daß er grimmige Feindschaft gegen das gleiche Wahlrecht zum Reichs- Parlament kundgegeben habe. Daß es sich von diesem Kanzler und von unseren herrschenden Klaffen eines guten Tages eines Angriffs auf das bedeutsamste Recht des deutschen Staatsbürgers versehen kann, das ist dem deutschen Volke, das ist besonders dem politisch interessierten Proletariat Deutschlands nicht verborgen. Aber etwas anderes, als wenn dem obersten Beamten des Reichs solche Gedanken über die Grundlage des Reichs in einer Rede zur Verteidigung preußischer Dreiklassenschmach ent- schlüpfen, ists, wenn dieser angebliche Leiter der deutschen Politik von den Gedanken zu dem Versuch zur politischen Tat übergeht, wenn er versucht, eine parlamentarische Mehrheit für einen Wahlrechtsraub, für eine Entrechtung der großen Masse des arbeitenden Volkes zusammenzubringen. Denn dann haben die Dinge sich schon viel mehr zugespitzt, a.ls man bisher annehmen konnte, dann ist die Gefahr eines Angriffs auf das Reichstagswahlrecht weit näher als es bislang schien. Allerdings, nach Martin hat Bethmann Hollweg sich beim Zentrum eine Absage ge- holt. Und Martin meint, cS iverde dem Kanzler bei dieser Partei in Zukunft mit seinen Versuchen nicht besser gehen. Aber wehe dem deutschen Volke, wenn es auf Zentrums- Wechsel vertrauen wollte I Die Annahme Martins, daß das Zentrum nach den Wahlen demokratischer werden würde, widerspricht allem, was die neuere Ent- Wickelung der deutschen Politik lehrt. Das Umgekehrte ist zu erwarten und deshalb ist es für die deutsche Arbeiter- schaft von brennendem Interesse, zu erfahren, ob der Reichs- kanzler in der Tat schon praktische Schritte zur Verstümme- lung des demokratischen Reichswahlrechts unternontmen hat! Und ein großes Interesse, darüber Auskunft zu geben, hat das Zentrum! Denn wenn der Kanzler es zum Wahl- rechtsraub gewinnen wollte, so hätte es, wenn es.ihm ernst wäre mit seinem laut beteuerten Willen, das Neichstags- Wahlrecht nicht antasten zu lassen, sofort der Oeffentlichkeit von dieser Sachlage Kenntnis geben, sofort die Alarm- trommel rühren müssen. Das Schweigen war hier eine in- direkte Förderupg des Wahlrechtsraubes, das Schweigen machte in solchem Falle das Zentrum zum Hehler des Wahl- rechtsraubesl � Wir wissen, daß Herr Martin ein phantasievoller Schrift- steller ist, wir möchten auf die Zuverlässigkeit aller seiner Erzählungen nicht schwören. Aber wir wissen auch, daß Herr Martin als ehemaliger Angehöriger der höheren Bureau- kratie wohl in der' Lage ist, allerlei aus dem Milieu der Ministerien und der Parlamentscouloirs zu erfahren— neben gleichgültigem Personeuklatsch hie und da auch wohl einmal etwas von mehr Bedeutung. Zudem ist seine Be- hauptung von großer innerer Wahrscheinlichkeit. Und wenn sie nicht wahr sein sollte, weshalb ist noch kein Dementi erfolgt, weshalb wurde die„Nordd. Allg. Ztg." noch nicht bemüht, weshalb hat sich die Zentrumspresse noch nicht gerührt? Etwa, weil es nichts zu dementieren gibt? Weil man fürchtet, eine Ableugnung könne durch gute Zeugen widerlegt und so erst recht Staub aufgewirbelt werden? Wir fragen: Was ist an der Sache?. Das deutsche Volk hat ein N e ch t auf Antwort, auf u n v e r z ü g l i ch e Antwort! pSrlsmeliKhalizmht-lloHuüonzgefOr. In der Sitzung der Jiislizkommission am Donnerstag erneuerte sich die Debatte über das Hausrecht deS Paria- in e n t S gegenüber dem Eingreifen richterlicher und polizeilicher Beamten. In der ersten Lesung wurde im Z ivSa festgelegt, oaß in den Geschästsräumen einer gesetzgebenden Körperschaft Haussuchungen und Beschlagnahmen vorgenominen werden dürfen. Da die Regierung auch in der heutigen Sitzung erklärte, daß hier ein Anlaß zu einem weiteren .Unannehmbar" für die Verbündeten Regierungen vorliege, griffen die'Konservativen diese„Anregung" auf und forderten mit Unter- stützung der Naiionalliberalen die Streichung dieser neuen Be- stimmung. Die Debatte, in welcher neben unseren Genossen auch die Freisinnigen, das Zentrum und die Polen für die Ausrechterhaltung des Beschlusses in ersler Lesung aufs nachdrücklichste eintraten, spielte der Fall Erzberger zu wiederholten Malen hinein. Und der Staats- sekretär LiSco erklärte bei dieser Gelegenheit, daß daS damalige Vorgehen gegen den Abg. Erzberger kein ungesetzliches war, sondern auf die bestehenden Bcstiminnngen gestützt werde. Um so mehr lag für die Mehrheit der Kommission die Not- wendigkeit vor, den netici»§ 100a aufrecht zu halten. Gegen die Stimnien der Konservativen, Nationalliberale n und des Antisemiten wurde der§ 100a mit 10 Stimmen beibehalten. Dagegen lehnte die Koimniision gegen die Stimmen unserer Genosse» den wieder eingebrachten sozialdemokratischen Antrag ab, die richterlichen und polizeilichen Vernehmungen phono» graphisch aufzuehmen. Zu längeren Debatten führte ebenfalls der§ 110, der die Be- stimmungen über die Kollusionshaft enthält. Hier stellten unsere Genossen Anträge, welche die besonders gefährlichen Vor- schriften dieses Paragraphen beseitigen sollten. So sollte nur dann die Hast vorgenommen werden dürfen, Ivenn bereits Vorstrafen Votliegen, welche beweisen, daß der Verdächtige es unternommen hat, die Spuren der Tat zu vernichten. Auch von mehreren Zentrums- abgeordneten wurde hervorgehoben, daß heute die Kollusionshaft und Fluchtverdachtshaft in ganz unnötigem Maße angewendet wird und die weitere Forderung deS sozialdemokratischen Antrags, daß nur dann der Fluchtverdacht berechtigt ist, wenn ein Verbrechen den Gegenstand der Untersuchung bildet, sei durchaus berechtigt, während die Regierungsvorlage schon dann den Fluchtverdacht für begründet hält, wenn u. a. den Umständen nach anzunehmen ist, daß aus eine Strafe von über ein Jahr Gefängnis erkannt werden wird.— Bon den Freisinmgen hielt auch diesmal Abg. Müller-Jserlohn seinen Wider- stand gegen die Beseitigung der KollnsionShaftSbestimmungen auf- recht u. a. hervorhebend, daß nach der bisher festgestellten Zahl der vorgenommenen Kollusionshaftfälle auf einen Mißbrauch der bis- herigen Bestimmungen nicht geschlossen werden könnte.— Die Anträge unserer Genossen wurde» abgelehnt. Beim§ 110 wurde, gegenüber den Beschliiffen erster Lesung, daS Beweisrecht- des verhafteten Verdächtigen wieder wesentlich eingeschränkt und verschlechtert. Sie Schiffghrtsabgsbe». Der vielumstrittene Gesetzentwurf zur Besteuerung des Verkehrs ist dem Reichstage nunmehr zugegangen. Das Gesetz bestimmt, daß in allen Häfen und auf allen natürlichen Wasserstraßen Abgaben zu erheben sind für solche Werke, Ein- richtungen und sonstige Anstalten, die zur Erleichterung des Verkehrs bestimmt sind. Die Abgaben sollen in einer Höhe erhoben werden, daß die Kosten der Herstellung und Er- Haltung der Anlagen sowie die Unterhaltungskosten nicht überschritten werden. Auf die Flößerei findet die Erhebung von Abgaben insoweit Anwendung, als die Flöße schiffbare Wasserstraßen passieren müssen. In dem Gesetz wird vor- gesehen, daß für die Stromgebiete des Rheins, der Weser und der Elbe je ein Stromverband geschaffen wird. Dem Strombauvcrband, der aus den Vertretern der Regierungen besteht, wird ein Beirat beigegeben, dessen Mitglieder aus den Kreisen der Jnteressentsn zu wählen sind. Preußen hat sich den Vorsitz in den sämtlichen Strombauverbänden vor- behalten. Für die Schiffahrtsabgaben sind 5 Tarifklaffen vorgesehen: die Abgaben steigen von 0,02 Pf.' in 5 Stufen bis zu 0,1 Pf. pro Tonnenkilometer. In der sehr umfangreichen Begründung hält es die Regierung für notwendig, ausdrücklich zu betonen, daß der Gesetzentwurf im Bundesrat ein st immig An» nähme fand. Das befremdet insofern, als man bisher annehmen mußte, daß namentlich die s ü d d e u t s ch e it Staaten für diese neuerliche Belastung deS Verkehrs nicht zu haben wären. Es scheint aber, als ob diese Bundesstaaten ihre anfänglich ablehnende Haltung aufgegeben haben, weil ihnen gewisse Konzessionen gemacht worden sind. So wird der Neckar von seiner Mündung bis hinauf nach Hcilbronn erheblich vertieft und der Main von Aschasfenbnrg bis nach Frankfurt kanalisiert. Das sind die Konzessionen, die Bayern und Württemberg gemacht worden sind. Was Sachsen bestimmt hat, dem Entwurf zuzustimmen, ist momentan noch nicht bekannt. Die Begründung des Gesetz- entwurfs selber geht mit keinem Wort auf die schwere Schädigung des Verkehrs ein, die eine notwendige Folge der Schiffahrtsabgaben sein muß. Man hebt hervor, daß der Ausbau des Wasserstrahennetzes eines der wirk- samsten Mittel zur Förderung des nationalen Wirtschafts- lebens und deshalb eine der wichtigsten Aufgaben der inneren Politik sei. Eine Binsenwahrheit, die die Regierung sich getrost hätte schenken können. Wenn nun aber, so wird weiter ausgeführt, der Ausbau der Wasserstraßen bisher nicht in wünschenswertem Maße erfolgt- ist, so liege das an dem Mangel an Mitteln. Namentlich sei Preußen nicht in der Lage, aus allgemeinen Staatsmitteln weitere Aufwendungen für den Ausbau der Wasserstraßer. zu macheu. Die Anforderungen, die das Reich und die Bundesstaaten an die Steuerkraft der Bevölkerung stellte, seien derart ge- stiegen, daß für den Ausbau der Wasserstraßen anderweit Mittel flüssig gemacht werden müssen und das könne nur auf dem Wege der Einberufung von Schiffahrtsabgaben ge- schehen. Gegen die Einführung der Schissahrtsabgaben ist in den Kreisen der deutschen Industrie eine lebhafte Bewegung entfaltet worden. Es wurde der Nachweis geliefert, daß die Verteuerung der Frachten eine ganz erhebliche sei, und es lvurde weiter darauf hingewiesen, daß Preußen offensichtlich die Absicht habe, durch Erschwerung des Wer- kehrs auf den Wasserstraßen den Staats- bahnen mehr Fracht zuzuwenden. Es kann auch kaum einem Zweifel unterliegen,' daß die kleinen Schiffseigner, die ohnehin vom Wasserstand außerordentlich abhängig sind und oft wochenlang stilliegen müssen, durch diese Schiffahrts- abgaben in ihrem Erwerb und in ihrer Konkurrenzfähigkeit noch»nehp geschädigt werden. Das alles heweist, Sog matt eZ nt btefcitt TeseZ mß einer gWaUlgett Erschwerung des Handelsverkehrs zu tun hat, soweit er sich der deutschen Ströme bedient. Der Kampf für und wider die Schiffahctsabgaben wird deshalb auch in der kommenden Reichstagssession zweifellos ein überaus heftiger werden. poUtiscbe(leberficbt. Verlin. den 27. Oktober 1910. Bodmans Gewaltftreich. Die Maßregelung Arnspergcr ist selbst für preußisch- deutsche Lerhältnisso ein widerlich-tückischer Streich. Man bedenke, hier wird ein nationalliberalcr Parteimann gemäß- regelt, ein Mitglied der Regierungspartei, der engere Partei- freund des maßregelnden Ministers, der eingeschriebenes Mit- glicd desselben Vereins ist, in dem der.Gemaßregcltg ge- sprachen hat. Und diese Maßregelung erfolgt, weil Arnsperger für dieselbe Großblockpolitik eingetreten ist. als deren Stütze Herr von Bodman der Oeffentlichkeit galt und deren Nutznießer das badische Ministerium gewesen ist. Nun wird ein nationalliberaler Befürworter dieser Politik gleichsam aus dem Hinterhalt überfallen und für eine Rode gemaßregelt, von der er nicht einmal ahnen konnte, daß sie in die Politik des Herrn v. Bodman nicht mehr passe. Herr Arnspergcr erleidet Strafe, weil er die Charakterfestigkeit dieses Ministers überschätzt hat und nicht rechtzeitig erkannt hat, daß diese„komplizierte Natur" auch vor dem häßlichsten Gewaltakt nicht' zurllckscheut, wenn es gilt, die eigene Stellung zu festigen. Diese„komplizierte Natur" hat sich damit allerdings als sehr einfach erwiesen. Herr v. Bodman wendete an unsere Genossen ein paar schöne Worte, als er glaubte, das Gewinnen ihrer Stimmen werde seiner Karriere nützen, und er zögert keinen Moment, durch eine empörende Tat seine Worte zu verleugnen, sobald er die Ueberzeugung gewonnen hat, auf diese Weise seine Stellung zu festigen. Die„komplizierte Natur" erweist sich so als skrupelloser bureaukratischer Karriere- macher, der sich von einem preußischen Kollegen höchstens durch den Mangel an Offenheit unterscheidet. Doch über diesen Mann braucht man weiter kein Wort zu verlieren und wir stinunen ganz mit unserem Stuttgarter Parteiblatt überein, das schreibt: „Die schärf st e Kampfansage gegen diesen Minister ist das einzige, was der Würde der sozialdeniokratifchen Partei ent- spricht. Jetzt wird sich zeigen müssen, ob der Großblock in Baden eine politische Macht bedeutet. Er ist mit dem Fall des nationalliberalen Arnsperger vor die wichtigste Ent« scheidung seit seinem Bestehen gestellt." Die badischen Nationalliberalen sind natürlich gezivungen, gegen die Maßregelung ihres Parteigenossen Stellung zu nehmen. Die„Nationalliberale Korrespondenz" konstatiert zu- nächst, daß diese Maßregelung letzten Endes die national- liberale Partei selbst trifft und spricht dann als einmütige Ueberzeugung der badischen Nationalliberalen folgendes aus: „ES muß betont werden, daß die Haltung der Regierung in dieser Frage gegenüber den vom Norden kommenden Einflüssen, denen sie sich scheinbar nicht entziehen konnte, einmal eine Unkenntnis der tatsächlichen politischen Verhältnisse und Anschauungen in Baden, zum anderen aber auch eine b e- dauerliche Schwäch« gegenüber den größten Gegnern der liberalen Regierung verrät, die man bei einem so modern und liberal gerichteten Mann, als den das badischs Volk in laug- jähriger parlamentarischer Arbeit den Minister v. Bodman keimen lernte, nur bedauern mutz, die aber für ihn insofern zu sehr schwerwiegenden Komplikationen führt, als das Vertrauen zur Politik der Regierung stark ins Wanken geraten ist." Und der Karlsruher jungliberale Verein hat eine Resolution beschlossen, in der dagegen protestiert wird, daß den Ver- waltungsbeamten noch der letzte Rest staatsbürger- licher Freiheit entzogen würde. Wenn abxr bei irgend einer Partei, so sind bei der nationalliberalcn Worte und Taten zweierlei I Und man wird die Taten abzuwarten haben, um zu sehen, ob eS den Nationalliberalcn mit ihrem Protest wirklich ernst ist. Unsere erwägnngsvolle Negierung. Das deutsche Volk kaun sich einer Regierung rühmen, die an Weiser Voraussicht, Fürsorglichkeit und Geschäftstüchtigkeit alle Regierungen der anderen europäischen Staaten um mehrere ansehnliche Nasenlängen übertrifft. Seit ungefähr einem Jahrs steigStt die �leischpreise und über die Notwendigkeit einer Oeffnung der Grenzen für die Vieh- und Fleisch- einfuhr sind unzählige Leitartikel in der Presse er- schielten; doch erst jetzt findet die Regierung in ihrer Vielbeschäftigkeit die nötige Muße, die bekannten be- rüchtigten Erwägungen darüber anzustellen, ob nicht vielleicht die Einfuhr von gekühltem und gefrorenem argentinischem Fleisch ül Deutschland unter gewissen Bedingungen und in beschränktem Maße, das heißt in einem Umfang, der den Profitinteressen der viehzüchtenden Agrarier keinen Abbruch tut, gestattet werden könne. Allerdings sofort will sie sich, da Ueberstürzung leicht schaden könnte, auch jetzt noch nicht in solche Erwägungen stürzen, sondern erst im nächsten Frühjahr."Zunächst will sie in Weiser Geduld ab- ivarten, welche Erfahrungen man in Oesterreich mit der Ein- fuhr von argentinischem Fleisch macht, dann will sie die österreichische Regierung um Auskunft bitten, darauf nack- prüfen, ob die österreichischen Gesichtspunkte auch für Deutsch- land Gültigkeit haben, und wenn diese Formalien mit der er- forderlichen Gründlichkeit erledigt sind, endlich gewissenhaft erwägen und untersuchen, ob tatsächlich in Anbetracht der vorzüglichen Versorgung der deutschen Schlachtviehmärkte mit vaterländischem Rind- und Hammelvieh eine Einfuhr von argentinischem Fleisch nötig ist und innerhalb welcher Grenzen solcher Import ohne Gefährdung der Volksgesundhcit oder, lvas weit wichtiger ist, des agrarischen Profits möglich ist. So schnell ist also auf die Gestattung der Einfuhr von gekühl- tem und gefrorenem Fleisch nicht zu rechnen— möglicher- weise im Sommer nächsten Jahres oder noch etwas später. Das kuriöseste au der Sache aber ist, daß die Regierung ihre Absicht, im nächsten Jahre Erwägungen anstellen zu wollen, auch noch als Beweis ihres Wohlwollens für die ärmeren Volksschichten offiziös verkünden läßt. Eine hiesige halboffiziöse Korrespondenz meldet nämlich: Die Versuche, die jetzt in Wien mit importiertem argentini- schem Fleisch angestellt tverden, werden in den deutsche» Regie- rungslreisen mit lebhaftem Interesse verfolgt. Wie wir höre», wird die österreichische Regierung ihre Erfahrungen mit diesen Versuchen, die im Dezember fortgeführt werden, der deutschen Ne- gierung zugänglich machen. Wie es scheint, hat das argentinische Fleisch die gehegten Erwartungen bis jetzt nicht erfüllt. Eine höchst anerkennenswerte Gründlichkeit, die genügend beweist, welches kostbare Juwel wir an unserer Regierung be- sitzen. Zwar wird mancher Nörgler meinen, die Regierung könne sich leichter Aufschluß verschaffen, wenn sie kine Studien- kommission nach England schicke, das seit vielen Jahren argentinisches Fleisch einführt, von den deutschen General- konsulatcn und Konsulaten in England Bericht einfordere oder sich auch nur den Bericht der nach England entsandten österreichischen Studienkommission ansehe— doch wer so spricht, der kennt nicht das tiefe gewalsige Verantwortlichkeits- gefühl unserer Herren Minister und ihre zärtliche Fürsorge für Agrarier und Rindvieh._ „Zuverlässige" Richter. Voraussichtlich im November werden die Anklagen wegen Land- sriedenSbrnch aus Anlaß der Moabiter Vorgänge zur Verhandlung gelangen. Wir haben dargelegt, daß— ähnlich wie früher politisch zweifelhafte Dachen durch Umstellung der Namen der Angeklagten auf den ftaatsanwaltltchen Akten an die B r a u s e w e t t e r- oder Oppermann« Kammer dirigiert wurden— jetzt, wiewohl nun- mehr der GeschäftSplan bei mehreren Angeklagten die alphabetische Reihenfolge für Bestimmung der zuständigen Kammer maßgebend sein läßt, die Staatsanwaltschaft den Versuch unternommen hat, alle Sachen von der Lieber scheu Kammer aburteilen zu lassen. Gegen das eingeschlagene Verfahren haben die Verteidiger der An» geklagten folgende telegraphische Eingabe an den Justizminister gerichtet: „In Strafsachen wegen Moabiter Streikunruhen hat Staats- anwaltschaft I gegen jeden Angeschuldigten besonderes Verfahren eingeleitet und getrennte Anklagen erhoben, hierauf zunächst An- klage gegen Hagen der 4. Straslammer zur Eröffnung des Haupt- Verfahrens vor 3. Strafkammer sVorsitzender Landgerichtsdirektor Lieber) gemäß GeschäftSplan vorgelegt. Weitere Anklagen hat Staatsamvaltschast als NachtragSanIlagen bezeichnet und ebenfalls der 4. Strafkammer vorgelegt. GeschäftSplan schreibt alphabetische Verteilung vor, weshalb 4. Straf- kammer verweigerte. Hauptverfahren vor>. Strafkammer auch gegen die Angeschuldigten ztt eröffnen, die nach alphabetischer Folge nicht vor 3. Strafkammer gehören. Darauf verteilte Staatsamvaltschast die einzelnen Sachen nach der alphabetischen Reihenfolge vor die zuständigen ErösflinngS- kammern und beantragte be» diesen Verbindung mit der Sache RaM-Frozeß. Bochum, im Oktober. „Nu, da habt Ihr eben nich jerieselt, nich? Na, und habt auch 'n bißchen jefälscht beim Versetzen der Hohlräume, niS? Na, därfl Ihr'n dat'i So, bat war der Jejenkumpel, da wißt Ihr nischt von, hm. Nu, jetzt mach'» wa mal ne Pause. Bei der hohen Temperatur ist die achtstündige Schichtdauer schmi überschritten. Jerichtsdieuer, sorgen Sie mal'n bißchen für Bewetterung.. So gemütlich und humoristisch, beinahe ein bißchen pickwickisch leitet Herr Landgerichtsdirektor Zimmermann die Verhandlung. Ab und zu gibt'S fröhliches Schmunzeln über feine echt rheinischen Bonmots. es ist alles ganz reizend nett und man vergißt momentan vollständig, daß es sich hier um die Ursachen handelt, die urplötzlich daS Gebirge über 3ö0 Kohleugrübern zusammenstürzen neßen.... Aber schließlich, eS ist nicht jedermanns Sache, die D!:,g« so ernst zu nehmen. Und eS braucht uns wenig zu kümmern, wie sie der Herr Vorsitzende nimmt. wenn dos auf die Verhandlungsführung keinen Einfluß hat. Bon dieser aber ist ohne weiteres anzuerkennen, daß sie tadellos ist. ES bedurfte zwar einer Revision durch das Reichsgericht und feinet festes Auftrages, den Beweis nickt bloß für zwei Zeile» deS ArlikelS der„Vergarbeiterzeitüng" zuzulassen— aber nun, wo dieser Aus- trag ergongen ist, wird dem Beweis keine Schranke gezogen. Und allgemein ist der Eindruck, daß die Zeche nicht geklagt hätte, wenn sie diese Reichsgerichtsentscheidung hätte ahnen können. Denn schon bisher ist weit mehr zutage gekommen, ali das Bergarbeiterblatt behauptet hat. Nur die Opfer von Radbod, die kommen lebend nicht mehr zutage. « Nur gelegentlich wird man daran erinnert, daß nicht bloß die Zeche geklagt hat, sondern auch der Staatsanwalt. Stundenlang sitzt der Herr dort völlig ruhig auf seinem Platz im Winkel nebe» den Nicklern. ohne sich bemerkbar zu machen. Und wenn er einmal spricht, so ist das fast immer kurz nach einer VerhandlungSpause, die vielleicht auch die Gelegenheit gibt, mit dem Herrn Nebenkläger, den« Zechendirektor und dem Sachverständigen kgl. Berginspektor in Ver- bindung zu treten. Dann kommt eS, bei all der merkwürdigen Sanftmut Lwses öffentlichen Anklägers auch vor, daß er sich etwas vorwagt, wenn auch nur. um bekunden zu lasten, daß die Ver- antwortlichen an dem Unglück unschuldig sind. ES fft da»» nicht immer angenehm, vom Borsitzenden höflich, aber deutlich zurück- gewiesen zu werden. Immerhin— daß die Sleiger ganz andere Lohne eintrugen, als die Leute wirUich be- kommen, daß sie„Vorschüffe" auf schon bezahlte AGrit von einbehaltenem Lohn gaben, daß im Wetterbuch stets und ständig „alles rein' ist. das scheint den Herrn Staatsanwalt weniger zu interessieren als die Uebertretung einer Polizeivorschrift, die die gefährdeten Arbeiter eines Schlagwetterwinkels begingen, indem sie selbst LüftnngSmaßregeln trafen, statt erst(im Akkordlohn I) dreiviertel Stunden weit zum Steiger zu laufen, der ihnen gesagt hätte: „Wißt Ihr nicht selbst, was da zu tun ist?" Aber mit solchen kleinen Avancements blitzt der Herr Staatsanwalt sogar bei Herr» Hallender ab. Herr Hallender ist die Hauptperson in diesem Prozeß. Herr ollender redet nicht nur oft und viel, um zu zeigen, daß alles in rdnung war, sondern er leitet auck die Vertretung der Anklage. So wie beim ersten Radbod-Prozeß tritt er ja freilich nicht mehr auf; damals erklärte der verantwortliche Aufsichtsbeamte stolz wie ein Spanier, dem angeklagten Redakteur der„Bergarbeiter-Zeilung" mangle ja die nötige Vorbildung, um mit ihm die Sicherheil auf Radbod zu diskuliere». Das hat man dem Herrn Berginspeklor schon abgewöhnt. Aber es ist doch interessant, den unausgesetzten Kontakt zwischen dem Zechendirektor Äudree und dein Herrn Alst- sichtSbeamten zu beobachten. Wenn Herr Andres z. B. sich darin irrt, worüber ein von ihm geführter Zeuge aussogen soll, gleich bringt ihn Herr Hollenbek durch leises, aber eifriges Einreden aus die richtige Spur. Auch wenn ein Arbeiier die Zeche belastet, kann man diele intimen und intensiven Konferenzen beobachten, nach denen Herr Hallender allsogleich das Wort ergreift zu einem Versuch. solch unmigenedme Aussogen zu entkräften. Ist daS nicht eigenartig? An Leute, die nichts Schlimmes wissen, hat der Herr Aussichlsbeamte fast nie eine Frage. Allerdings— auch ihm fiel ja nie auf Radbod etwas auf bei seinen 30 Kontrollbefahrungen in eindreiviertel Jahren. Hört man den Herrn AufsichlSbeamten, möchte man wirklich Radbod für einen Jdealbetrieb halten. Staub gab's überhaupt nickt, Schlag- weiter nie über das zulässige Minimum. Und daß selbst dann ins Wetterbuch»icktS eingetragen wurde, wenn die Arbeiter den Steigern zeigten, daß sich der unheimliche„Zopf" an der Lampe bildete, auch darin sieht der staatliche Aussichtsbeamte nichlS Arges. Zu solchen Eintragungen waren ja die Steiger nicht verpflichtet, wenn sie nur für Abführung der Gase gesorgt hatten. Schade, daß der alte Herr Oberbergrat Kaltheuner trotz aller Bemühungen des Herrn Andree hier die Verordnung nicht anders verstehen wlll als der Verteidiger Heine. Dann— schließt sich Herr Hollender völlig dem Gutachten deS Gutachten des höheren Beamten an., » ES gibt zweierlei Zeugen. Gewiß ist es nur Zufall, daß die, die noch auf Radbod sind, nicht von dem häufigen Versagen der Berieselung, nichts von den starken Schlagwetteransammlungen, nicht» von bloß verdeckten Hohlräumen, nichts von willkürlichen Lohnreduzierungeu, kurz, überhaupt gleich jenem, besten Name Hase ist, Hagen und Eröffnung bor 8. Strafkammer, tleber Zusilssigkett dieses Verfahrens soll morgen, Freitag, Besprechung der Straf» kammervorsitzenden, vielleicht Präsidiaisitzung, stattfinden. Als Verteidiger einzelner Angeschuldigter beantragen wir Staatsanwallschaft anzuweisen nach Gesetz und Geschäflsplan zu verfahren und jede Maßnahmen zu nnterlassen, die die Au» geschuidigten ihrem gesetzlichen Nichter entziehen könnten. Selbst wenn Zusammenhang der einzelnen Sachen bestände, was nicht der Fall ist, wäre Verbindung erst in der Haupt- Verhandlung nach H 233 St.-P.-O. möglich. Wäre aber selbst jetzt Verbindung zulässig, so muß nach Geschäftsplan alphabetische Namensfolge der Angeschuldigten entscheide». Verfahren der Staatsanwaltschaft bewirkt Wiederherstellung de? Zustandes, zu dessen Beseitigung alphabetische Reihenfolge im Geschäftsplan vorgeschrieben ist, und ermöglicht gegen Gesetz und Geschäflsplan Auswahl eines bestimmten Richters. gez.: Die Neckitsamvälte Dr. Oskar Cohn, Wolfgang Heine, Dr. Hugo Heinemann, Theodor Liebknecht rmd Dr. K n r t R o s e n f e l d. Von einem justizministeriellen Eingriff erwarten wir nichts. Man darf gespannt sein, ob die Unabhängigkeit der Richter stark genug sein wird, um dem Versuch mit Entschiedenheit entgegenzu- treten, Angeklagte ihrem gesetzlichen Richter zu entziehen. Amtliche Uriasbriefe! „Bei Ihrem Namen steht bereits im schwarzen Buch ein Doppelkreuz..." Mit diesen Worten eines Häschers charakterisiert in seinem köstlichen Poem„Haussuchung" der Dichter Franz Frhr. Gaudy das vormärzliche System der polizeilichen Gesinnungsbespitzelung. Der Vormärz liegt über 60 Jahre hinter unS— aber die Methoden der hohen Polizei„zur Wahrung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit" haben sich seitdem nur wenig geändert. Das schwarze Buch für die Leute von unvor- schriftsmätziger Gesinnung existiert heute noch in den Polizei- stuben, die Bespitzelung des Bürgers wird noch ebenso eifrig betrieben wie vor 1848, wie wir aus den behördlichen„Fest- stellungen" über die Gesinnung der Rekruten wissen. Daß aber diese Feststellü«gen von einigen Polizeibehörden nicht bloß für die amtlichen Akten, sondern auch zur Fabrikation amt- licher Uriasbriefe gemacht tverden, das zeigt das folgende Formular für ein polizeiliches Führungs» zeugnis, das unS vorgelegt wurde. J.-Nr..... Schinkel, den........... 19. i Zum Schr. vom............. geboren................................... Hierselbst wohnhaft............................ ........... ist, soviel mir bekannt, 1. nicht bestraft, 2. an ordnungsfeindlichen Bestrebungen und Vereinen nicht beteiligt gewesen und hat sich 3. in seinen bisherigen Lebensverhältnissen achtbar und un» bescholtcu................................., geführt,....................... Stempel) Der Gemeindevorsteher Gemeinde Schinkel........-dm'.......** Landkreis Osnabrück Luhrmann, Beigeordneter. Das Formular war ausgefüllt mit Datum und dem Namen der Person, die sich das Führungszeugnis ausstellen ließ, wir haben diese Angaben hier natürlich fortgelassen. Ob solche Zeugnisse bloß in der Landgemeinde Schinkel bei Osnabrück ausgestellt tverden? Es will uns scheinen, daß die Führung des Formulars auf eine allgemeine Anweisung schließen lasse. Allerdings hat man bisher von solchen Zeug- nissen aus anderen Orten nichts gehört wenigstens seit rund einem Jahrzehnt nicht. Aber liegt das vielleicht daran. daß der Beigeordnete zu Schinkel sich vergnffen hat und dem um das Attest Nachsuchenden ein Formular in die Hand ge» drückt hat, das nicht zum Verkehr mit dem Publikum. wenigstens nicht mit dem gewöhnlichen Publikum bestimmt ist, sondern zum Verkehr mit Behörden und allenfalls— Unternehmern? Sollte es sich hier trotz aller Vereinzelung des Falles um eine preußische Eigentümlichkeit handeln? Vielleicht findet das Blatt des Herrn v. Bethmann Hollweg, wenn eS gerade mal von der reichsverbändlerischen Beschimpfung der Sozialdemokratie ausruht, die Zeit. Auskunft zu geben, was es mit diesem Schinkcler Formular auf sich hat und ob der preußische Minister mit seiner Verwendung einverstanden ist! Evekttnell kann ja auch die amtliche„Berliner Korrespondenz" bemüht werden. von nichts wissen— und daß es durchwegs von Radbod abgekehrte Arbeiter sind, die alle diese schlimmen Vorzeichen beobachtet haben. ES kann und darf nur Znfa» sein, denn niemals sind Arbeiter hinausgeflogen, weil sie sich beschwerten oder belastende Aussagen in der Untersuchung der Katastrophe machten. Herr Andree wider» holt eS öfters und sein Anwalt Kotigen stellt es durch Fragen an die noch auf Radbad Verbliebenen unwiderleglich fest. » Aber leider— die Zeugen des Angeklagten, der hier zum An» kläger wird, lassen sich nicht irre machen.„Herr Andree, machen Sie doch den Mann nichl bange." mußte der Borsitzende gleich am ersten oder zweiten Tage abwehren, als Herr Andree einem unbequemen Zeugen vorhielt, was er hier beschworen habe. MeinetdSauzeigen scheinen ja denen, die auf Radbod alle« stets in Ordnung fanden, geläufig zu sein. Der von Heine abgelehnte Sachverständige Berg» rat Riederstei» hat gleich gegen zwei der Geretteten von Radbod Meineidsanzeigen eingereicht wegen der die Zeche belastenden Aussagen. Die StoalSanwaltschaft sandle die Anzeigen dem Herrn zurück. ES sollte nicht sei», daß die, die man aus den zusammengebrochenen GebirgSmassen befreit hatte. inS ZnchihauS geiperrt wurden. Aber von der Zeche flogen fünf Mann der besten Kolonne — wo man ihnen eine Slunde nach ihrer Vernehmung durch die Aufsichtsbehörde vorhielt, daö hätte» sie nicht zu sagen brauchen. Doch eS nützt nichis. Selbst die Steiger müssen manchmal. wenn die stereotypen Antworten aus die stereotypen Fragen alles in Ording gezeigt haben, zögernd und erinneruugSschwach dies und das zugeben, was die erschütternden, bestimmten Angaben der Arbeiter Thomas. Rettich, Hohmeyer, Pilgrim, LewandowSki usw. bestätigt. Die Zecke, denen die Arbeiterlisten, gewiß die de« ganzen Ruhrrevicrs, zur Verfügung stehen, kann nur wenige Leute bringen, die sich an die Mißstände— nicht entsinnen können. Und mehr als einnial koniittn ihre Zeugen die Ankläger nicht widerlegen, weil sie nicht deren Schichtlameraden, sondern deren„Gegenkumpels" waren. Dafür hat es sich nun schon einigenial ereignet, daß die Zeugen der Zeche selbst die Verteidigung auf neue Strecken führten, die bisher noch unbekannte belastende Momente an« Licht förderten. Mit leidenschaftlicher Spannung, die sich trotz aller Vermahmmgen manchmal Luft machen mutz, verfolgen Hunderte Bergarbeiter die Verhandlung. Stehend harren sie dichtgedrängt, im Ueberrock�auch »och, in dem heißen Saale aus. Ackt. neun Stunden im Tage dauert der Prozeß. Die Leute opfern die Ruhepausen zwischen dey Schichten, um iabei zu sein. Und begierig erwarten draußen auf den Zechen Tausende rmd Abertausende die Zeitung. Duo. res agitar— es ist doch ihre Sache, ihr Leben, die Existenz i h r« r Liebet� um die in dem Saale dort in Bochum verhandelt wird. Wer schafft das Gold zutage... Ttadtverordvetenwahlsieg tu Leipzig. Leipzig, 27. Oktober. (Privattelegramm des„Vorwärts".) In der dritten Abteilung standen bei den heute voll- zogenen Stadtverordnetcnwahlen acht Mandate zur Wahl. Davon hatte die Sozialdemokratie sieben Mandate zu ver- teidigen, während das achte bisher von einem Gegner vertreten wurde. Aach dem Ausfall der heutigen Wahlen behaupteten unsere Genossen ihre sieben bisherigen Mandate und gewannen das achte und zwei Ersahmandate hinzu. Das Wahl resultat der vier Kreise zusammen ist folgendes: Von 23148 ab gegebenen Stimmen erhielten die Sozialdemokratie 18134, die vereinigten Liberalen 7971, die vereinigten Konservativen, Mittelständler, Hausbesitzer und Antisemiten 2989. Da nun keine Verhältniswahl besteht und die absolute Mehrheit entscheidet, so fallen sämtliche Mandate, die zur Wahl standen, der Sozialdemokratie zu. Von einem sozialdcmokratisch-uationaflibsraleu Bündnispla» Bei der letzten preußischen Landtagswahl wußte dieser Tage die„Dortmunder Zeitung" zu erzählen. In einer Polemik gegen das bekannte Scharfmacherorgan„Deutsche volkswirtschaftliche Korrespondenz" verteidigte das nationalliberale Dort- munder Blatt die Nationalliberalen gegen den schrecklichen Vorwurf der Hinneigung zum Großblock mit folgender„Eni- hüllung": „Die nationalliberale Partei hat selbst um den Preis von zwei sicheren Landtagsmaudaten, die ihr 1998 von der Sozial- demokratie gegen entsprechende Wahlhilfe angeboten wurden, nicht eine Minute gezaudert, das sozialdemokratische Auerbieten aufs bestimmteste zurückzuweisen. Sieht das etwa uach liberaler Soziali'lensrcundschaft ans Freudestrahlend druckte die ultramontane„Germania" diese„Enthüllung" nach und meinte, sie werde der«sozial- demokratie sehr unangenehm sein, obgleich die Geschichte schon zwei Jahre alt sei. Und höhnisch setzte das Zentrumsblatt hinzu: „... Das sozialdemokratische Zentralorgan hat den kam- munalen Grotzblock in Dortmund völlig totgeschwiegen, seine Leser haben durch den„Vorwärts" nie etwas davon erfahren; wird er auch zu der indiskreten Mitteilung der„Dortm. Ztg." einfach schweigen?.. Von dem„kommunalen Großblock" in Dortmund haben unsere Leser nie eüoas erfahren, weil er nicht existiert, weil keinerlei. Abmachungen zwischen der Sozialdemokratie und den Nutionalliberalen vorlagen. Daß die Nationalliberalen aus Haß gegen daS Zentrum darauf verzichtet hatten, in den für die Sozialdemokratie aussichtsreichen Kreisen eigene Kandi- baten aufzustellen, ist den Lesern des„Vorwärts" nie ver- heimllcht worden. Auch jetzt liegt gar kein Anlaß vor. ihnen etwas zu verschweigen. Nur möchten wir der Mitteilung der „Dortmunder Zeitung" sogleich die Erklärung des Zentral- Vorstandes des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahl- kreis Dortniuiid-Hörde anhängen, daß die Behauptung der „Dortmunder Zeitung" unwahr ist und jeder Grundlage cnt- bchrt._ Angst vov Wahlreden. In der bürgerlichen Presse wird Stimmung dafür gemacht, gleich beim Zusammentritt des Reichstags die Beratungen zu kontin- gentieren. Man weist darauf hin, daß im Reichstag ohnedies zuviel geredet werde und daß zu erwarten sei, daß im kommenden Winter in der Hauptsache nur Wahlreden gehalten werden. So wird cmvfohleu, daß eine zweite Nednergarmuir nur noch bei besonders wichtigen Fragen zugelassen werden solle. So richtig es auch ist, daß die bürgerlichen Parteien sehr häufig lediglich Wahlkreis- Politik treiben, so sehr muß es bekämpft werden, daß versucht wird, die Redeireiheit im Reicvstag einzuschränken, wenn es aucy be- greiflich ist, daß der Reaktion eine gründliche Kritik äußerst uu- angenehm ist._ Bo» Kiel nach Frankfurt a. M. Kick, 27. Oktober.(PrivaUclegramm dcS„Vorwärts".) Der Vizepräsident des Reichstags, Oberlandesgerichtspräsideut Peter Spahn ist vom Obcrlandesgericht m Kiel an das Oberlandesgericht in Frankfurt a. M. versetzt worden. An seiner Stelle ist der Landes- geri-btspräsident Kirschner voin Landgericht Kassel zum Oberlandes- gerichtöpräsidenten in Kiel ernannt worden. Mit der Versetzung nach dein schönen Frankfurt a. M. ist keine Rangerhöhung verbunden. Eine MandatSniederlegung ist deshalb nicht erforderlich. Der Lübecker Senat gegen das Koalitionsrecht der Straßenbahner. In der Versammlung der Lübecker Bürgerschaft, die am letzten Montag abgehalten wurde, brachte der sozialdemokratische Abgeordnete Genosse Stelling zur Sprache, daß die Arbeiter und Angestellten der städtischen Straßenbahn einen Vertrag unterschreiben mußten, der den Passils enthält: Die Zugehörig. keit zu einen» Handels- und Transportarbeiter- verband oder einem sonstigen Arbeiterverband ist verboten. Die Unterschrift wurde den Leuten unter An- droh un g sofortiger Entlassung abgenötigt. Genosse Stelling kritisierte in schärsster Weise dieses Verfahren, das er als ungesetzlich und an Erpressung grenzend bezeichnete. Senator Strack gab die von Stelling behaupteten Tatsachen zu. Er meinte aber, die Straßenbahner ständen außerhalb der Gewerbeordnung und dürften.sozialdemokratischen Organisationen" nicht angehören. Wersich nicht füge, der ivürde entlassen. Natürlich vexsännite der Mann nicht, das bekannte reichSvcrbändlrrische Märchen vom Terrorismus der Organisation den Vcrttetern der Spießer auf- zutisch-n. Bemerkenswert ist, daß die Freisinnigen sich a u S- drücklich mit dem ungesetzlichen Vorgehen deS Senats gegen die Koalitionsfreiheit der Arbeiter einverstanden erklärten. Oesterreick,. Der Gewerkschaftskongresz in separatistischer Beleuchtung. Wir lesen in der Wiener„Arbeiterzeitung": Wer erwartet hat, daß die so außerordentlich sachlichen und trotz aller begreiflichen Erregung immerhin maßvoll ge- führten Debatten dlte Gewerkschaftskongresses in Prag als ein Zeichen der Friedensbereitschaft erkannt und gewertet werden würden, hat sich geirrt. Das„Pravo Lidu" bringt Sonntag zwei Artikel, die sich an Heftigkeit gar nicht genug tun können und die überdies versuchen, die Motive und die Loyalität des Kongresses zu verdächtigen. Der cnt- scheidende Beschluß� deS Kongresses wird eine„Guillotine" genannt und es wird behauptet, sie enthalte ein„dreifaches Diktat", nämlich:„Die autonomen Verbände müssen auf- gelöst werden; ihre Mitglieder müssen in die zentralen Ver- bände hinübergeführt werden und die Verhandlungen darüber müssen spätestens Anfang November eingeleitet werden, also sofort." Von alledem ist das wahr, daß der Kongreß wünscht, daß sogleich verhandelt werde, was jeder wünschen muß, der dem selbstmörderischen Zwist ein Ende machen will, bevor et unheilbar geworden ist. Von einem„Diktat", einem „Imperativ" der Auflösung steht kein Wori in 5er Resoluiion, wohl aber haben Genosse Hueber und andere Redner mehr- fach ausgeführt, daß ein solcher Weg zur Schlichtung des Streites ungangbar wäre. Aher das„Pravo Lidu" begnügt sich nicht damit, die Tatsachen in falschem Lichte darzustellen, was ihm wesentlich dadurch erleichtert wird, daß es nicht nur höchst lückenhafte, sondern auch in wesentlichen Punkten direkt falsche und unwahre Berichte veröffentlicht; sollte das bestritten wer- den, können wir mit schlagenden Beweisen dienen. Schlimmer noch ist, daß abermals von„Regiekunst" gesprochen wird, daß behauptet wird, es sei ein vorher entworfener Plan ge- Wesen, daß die Gewerkschaftskommission ihren„ruhigeren und gemäßigteren Antrag" eiubracyte, und daß dann die tschechischen Delegierten, die natürlich maßlos beschimpft wer- den, dazu„designiert" wurden, die dann beschlossene Ver- schärfung einzubringen. Wer die ernsten und zum Teil recht erregten Debatten, die in der Antragskommission geführt wurden, mitgemacht hat, kann über diese dummfreche Ver- dächtigung nur lachen. Man fragt sich allerdings, an welche taktischen Methoden man in Prag gewöhnt sein muß, wenn immer wieder solche Insinuationen auftauchen können. Schließlich aber hat alles seine Grenze und wir fangen an, diese ewigen Unterftellimgen schon ganz gründlich satt zu be- kommen. Wir geben trotzdem noch nicht alle Hoffnung auf. Wenn man in Prag nicht die falschen Berichte des„Pravo Lidu", sondern die genauen wahrheitsgemäßen Berichte gelesen haben wird, muß man zur Ueberzeugung kommen, daß der Weg zu Verhandlungen frei ist, wenn man in Prag will. Wenn dieser Wille fehlt, dann freilich ist nichts zu machen und die Verantwortung für die Folgen des weiter- fressenden Streites wird ungeteilt von den Prager Genossen getragen werden müssen. frankreicd. Briand als Scharfmacher. Paris, 27. Oktober. Die Regierung bereitet drei G e- setze vor zur Einführung des obligatorischen S ch i e d s g e- r i ch t s bei Arbeiterkonflikten, zur strafrechtlichen Verfolgung der Sabotage und schließlich zur Ein- s ch r ä n k u n g des S t r e i k r c ch t s für die Arbeiter von öffentlichen oder vom Staate konzessionierten Betrieben. Vi- Viani werde, so heißt es, den beiden ersten Vorlagen seine Zu- stimmung geben, soll aber entschlossen sein, der dritten Vorlage nicht zuzustimmen._ Die Meinungsverschiedenheit im Kabinett. Paris, 26. Oktober. Ministerpräsident Briand empfing heute nachmittag den Arbeitsminister V i v i a n i und den Unterstaatssekretär im Finanzministerium Re- n o u l t, die beide erklärten, nicht zurücktreten zu wollen. Biviani erklärte außerdem, daß cr bis zum gegenwärtigen Augenblick keine Einwendungen gegen die Politik der Regierung zu machen habe. Möglicherweise werden die Sozialisten Vertagung der Diskussion verlangen, bis die Regierung sich über die der Kammer zu unterbreitenden Vorlagen schlüssig geworden ist. Einen solchen Antrag würde Briand, wie verlautet, kategorisch zurückweisen._ Unstimmigkeiten in der Regierungspartei. Paris, 27. Oktober. Die Gerüchte von einer im Mini» sterium herrschenden Uneinigkeit veranlaßten mehrere Kammergruppen, über die Lage zu beraten. In der soziali- stisch-radikalen Gruppe bemühten sich die Anhänger P e l l e t a n s und E o m b e S gegen das Kabinett Stimmung zu machen. Mehrere Redner kritisierten scharf die Vergangenheit des Ministerpräsidenten und schlugen Resolutionen vor, die ein M i ß- traucnsvotum gegen die Regierung enthalten. So beantragten die Deputierten Radier und Dumont, den Ministerpräsidenten zu ersuchen, die wegen des Ausstandes abgesetzten StaatSbahnbedien- steten wieder einzustellen und für die Wied« reinste!- lung der Eisenbahner auf den übrigen Liniev einzutreten. Eine zweite, von Thalamas vorgeschlagene Tagesordnung spricht dem Kabinett einen unzweideutigen Tadel aus, eine dritte ver- urteilt zwar die Sabotage, den Antimilitarismus und alle Gewalt- tätigkeiten überhaupt, erklärt aber, die Regierung besitze infolge ihrer Vergangenheit keineswegs hinreichende Autor i- tä t. die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage zu beseitigen. Es kam jedoch zu keiner Abstimmung über die Resolutionen. da die meisten Anwesenden vorher die Versammlung verließen. Unter den regierungsfeindlichen Radikalen herrscht darüber große Erregung. Es heißt, diese erwögen den Plan, eine eigene Gruppe zu bilden, um bei der Abstimmung freie Hand gegen das Ministerium zu haben. Einzelne Deputierte regten in den Wandelgängen der Kammer an, in der heutigen Sitzung die Ver- tagung der Jnterpellationsdebatte zu beantragen, angeblich, damit die Regierung die erforderliche Zeit und Freiheit habe, über die vom Ministerpräsidenten vorgestern angekündigten„Lösungen" zu beraten. Eine gute Autwort. NimeS, 27. Oktober. Hier ist ein Eisenbahner, der bei dem letzten Ausstand eine führende Nolle gespielt und der Ein- benifung nicht gehorcht hatte, zum Gemeinderat gewählt worden. Der Präfekt hat gegen diese Wahl als ungesetzlich(?) Ein- spruch erhoben. Spanien. Gegen ein neues Marokkoabenteuer. Madrid, 26. Oktober. In der Kammer protestierte Pablo Jglesias gegen die Möglichkeit eines Krieges mit Marokko und gegen die Zahl der in diesem Jahre aus- gehobenen Mannschaften. Ministerpräsident Canalejas wandte sich in seiner Antwort gegen die antipatriotische Kampagne, die bis in die Kasernen getragen werde, und gegen die Kampagne, die gegen einen von der Regierung gar nicht geplanten Krieg geführt werde. Dadurch werde auf eine leere Fiktion hin Unruhe in das Land gebracht. Canalejas fügte hinzu, die Nordafrika betreffenden Fragen, die gegenwärtig Gegenstand von Unterhandlungen seien, würden bis zum 15. November gelöst sein. Generalstreik. Madrid, 27. Oktober. In S a b a d e l l ist im Anschluß an den Streik der Spinner und Weber der General- a u sst a n d erklärt worden. In einem gestern abend ab- gehaltenen Meeting schlugen die Redner vor, daß die Streikenden massenhaft nach Barcelou a Ziehen sollen, um dort eine große Kundgebung zu veranstalten. In Barcelona befürchtet man, daß der Mctallarbeiterausstand von neuem ausbrechen wird. Portugal. Die Nevvlutionskiimpfer. Lissoboit, 27. Oktober. Die provisorische Regierung hat erklärt, daß die Kämpfe an den Tagen vom 3. bis ö. Oktober als Helden- taten betrachtet werden sollen. Die Soldaten, die an der Revolution teilgenommen haben und sich Fälle von DiSzipliulofig- keit zu schulden kommen ließen, sind begnadigt worden. )Zus der Partei. Zum»lsiisfischen Parteistreit geht unS aus Mülhausen i. E. eine persönliche Erklärung mit der Bitte um Aufnahme zu, der wir entnehmen: Genosse PeiroteS hat in der nachträglichen Ausarbeitung, die er der Markircher Schiinpstede drei Tage später im Straß- burger Parteiblatt zuteil werden ließ und wovon der„Vor- >vär:S" jetzt den Parteigenossen im Reiche Kenntnis gibt, bis Liebenswürdigkeit, von mir zu sagen, ich sei„ein eigensinniger, un- belehrbarer Rechthaber, der niemals nachgebe, selbst jueun man ihm hundertmal nachgewiesen, daß er unrecht hat". In der Oktroi- debatte hätte ich„in der unverantwortlichsten Weise die Debatte aufs persönliche Gebiet geschleppt. �. Ich stelle demgegenüber vor der Partei fest, dag die Oktroi- debatte im Elsaß durchaus sachlich geführt wurde, bis_der Genosse PeiroteS mit seinen Freunden ini Sozialdemokratischen Verein Straßburg-Stadt zur Beeinflussung der Delegiertenwahl für die LaudeSkoufereuz vom 17. Juli erklärte: Den„Mülhausern" sei eS gar nicht um die Oktroifroge zu tun, die Oklroifrage fei nur Vor- wand, in Wirklichkeit fei eS„den Mülhausern" durum zu tun. den Landesvorstand nach Mülhausen zu bekommen. Mit dieser Unterschiebung u n s a ch l i ch e r. u n l a u l e r e r Motipe, womit von PeiroteS auch sonst im Lände„gearbeitet" wurde, um_ sich eine Mehrheit auf der LandeSversanimlung zu sichern, winde die Okiroi- frage notgedrungen aufs persönliche Gebiet geschleppt, aber nicht Von mir und„den Mülhausern". Die von Ohreuzeugen bekundete Charakterisierung deS Mag de- burger Parteitages als Parteitag der„gedrillten Unteroffiziere"— am Borabend deS Zusammentritts des Parteitages, in der Annahme, die Mülhauser Programmresolutiou ivürde verhandelt und angenonune!, werden— entspringt denselben Beweggründen. Wir tun hier im Elsaß, was wir wolle», die„da drüben" sind weit! Genosse PeiroteS erklärt ja auch in seiner n a ch- träglichen redaktionellen Ausarbeilimg der Markircher Tischrede, daß ihn die Annahme der Mülhauser Programmresolution„kalt lassen" würde. Er handle dann doch„nach Pflicht und Gewissen", daS heißt, er macht, was i h m beliebt. denn„nur. wenn ein Parteitag in genauer Kenntnis der Sachlage und nach� eingehender Beratung aller in Betracht koininenden Umstände gesprochen, nur dann kann ich mich seinem Votum füge n." Daö ist die Prokla- mation der N i ch t u« t e r w e r f u n g, am Vorabend des Partei- tageS, für den Fall, daß der Parteitag trotz des vorbereiteten Ver- tagungSantrageS beschließen sollte. Und daS ist nun der Partei« genösse, der mich einen„eigensiniiigen, unbelehrbaren Rechthaber" schilt I Mein Eiqensiiil, ist der Eigensinn unsere« Parteiprogramms, und meine Uubelehrbarkeit liegt darin, daß ich eö ablehne, auf kommunalpolitischem Gebiete die indirekten Steuern in genau denselben Gedankenaängeu und mit ganz ähnlichen Zahlenaus- stellinigen zu verleidigen, mit denen die ZeiitrumSpresse die ReichS- fiiiaiizreforni des Schnapsblocks verteidigt. Ich lehne eS ab, gewiß, mich dahin belehren zu lassen, daß wir auf kommunal- politischem Boden den Grundsätzen ins Gesicht schlagen sollen, die wir in der RetchSpolitik gerade zetzt so laut und entschieden vertreten. Und ich nehme für mich in Anspruch, daß ich die Partei nicht schädige, sondern die Interessen der Partei wahre, wem, ich in der„Mülhauser VolkSzeitung" dagegen Einspruch erhebe, daß in einer Gemeindepertvaltung bei dieser LebenSmittelleuerung Partei- genosien die städtischen S ch l a ch t g e b ü h r e n u»r d a S Siebenfache erhöhen: für ein Kalb von 25 Pf. auf 1.59 M., für einen Hammel oder eine Ziege von 29 Pf. auf 1,59 M. usw. DaS ist in Markirch geschehen, und das von dem Genossen Peirotes geleitete Parteiblatt hat kein Wort der Kritik dafür gehabt, eS hat den Beschluß im Gegenteil zu verteidigen versucht I Jean Marti«. Em Inciultrie irnd Kandel. Wo lcbt man am billigsten? Interessante Ausschlüsse über diese Frage gibt eine im nenesteu Statistischen Jahrbuch des Könial. Württembergischen Stati- stischen Amteö veröffenilichte Zusainnreilstellung über die durchschnilt- lichen Markt- und Ladenpreise für die wichtigsten Lebensmittel, die in den Jahren 1997 bi» 1999 in den verschiedenen Gemeindegröben- klassen gezahlt werden. Es kosteten in den Gemeinden von 1(M)990|59099B.I29990B!19990b.!5999 6.1 unter mmehrl 1000001 50000 i 20000 1 10000] 3000 Einwohnern Ochsenfleisch 1 kg Kuhfleisch 1, Kalbfleisch 1„ Schweinefleisch 1„ Hammelfleisch 1, Erbsen 1, Linien 1„ Bohnen 1„ Kartoffeln 50, Weißbrot 1, Mehl I 1„ Schweineschmalz. deutsches 1, Butter, süß« 1„ saure 1„ Milch 1 Liter Eier 10 Stück Wir haben in der vorstehenden Tabelle die jeweils höchsten Preise durch Fettdruck ausgezeichiiet. Demnach wurden nur für Kalbfleisch, Erbw», Kartoffeln und Milch in der Großstadt die hoch- sten Preise bezahlt. Dagegen sind Kuhfleisch, inländisches Schweine- schmalz und Eier, Artikel, die man in der Großstadt am allerbillig- sten belommt. Und auch iin übrigen stehen die Großstadlpreise eher unter als über dem Durchschnitt, während die Städte mittlerer Größe im allgemeinen die ungünstigsten PreiLverhältnisse aufweisen. Nekord-Zuckerernte. Nach den Angaben der Internationalen Vereiniguiig für Zuckcrstatistik wird die diesjährige Rübeuernte eine Nckorderutc werden. Ihr Ertrag wird aus 7495 Rlillioneii Tonnen geschätzt, während die vorjährige Ernte nur 9981 Millionen Tonnen und die des Jahres 1908/09 nur 5593 Millionen Tonnen erbrachte. An dem glänzenden Resultat dcS letzten Jahres ist in erster Reihe Rußland beteiligt, dessen ötübenernte sich fast verdoppelt hat. Außer- dein zeigen aber auch Deutschland und Oesterreich Zunabmen der Ernte, während Fraulreich hinter dem Vorjahre zurückbleibt. Was die dicSnialige Ausbeute der Rüben an Rohzucker und die Höhe der Zuckerfabrikalion anbetrifft, so ist allerdings die durchschnittliche AuS« beute etwas geringer als im vergangenen Jahre. Trotzdem wird auf eine Znckerproduktio» von 2,3 Mill. Tonnen gerechnet gegen 2,0 Mill. Tonnen im letzten Jahre und 2.1 Mill. Tomien im vorher- gehenden. In den Jahren 1995/09 und 1909/07 allerdings hatte die Zuckererzeugung noch mehr betragen, nämlich beide Male 2,4 Mill. > Tonnen. 6ewerhrcbaftUcbee. Mo ilt Rintzc? Herr Hintz e. der„jeden Streik bricht"- und in Moabit die nach dort entsandte Berliner Schutzmannschast so erfolg- reich kommandierte, daß diese sich das besondere Lob ihrer vorgesetzten Behörde zu verdienen vermochte, war bekanntlich für die Berliner Polizei unauffindbar, als derselbe sich vor einiger Zeit in Leipzig wegen Beleidigung Verantivorten sollte. Ei» Wunder ist das freilich nicht, wenn nian sich des Eifers entsinnt, mit dem die Berliner Behörde sich des so schnell berühmt gewordenen Helden von Moabit nicht annahm. Es ist dem öffentlich nicht widersprochen worden, daß aus der Polizei ein Zettel mit der Adresse des Herrn einfach zerrissen worden ist, obgleich der Ueberb'ringcr desselben die in Preußen gewiß nicht nebensächliche Mitteilung machte, daß eben dieser H i n tz e, dieses„dem Staate so nütz- liche Element", ein unsicherer Kantonist, ein Heeres- flüchtiger sei. Wir haben keinen Ziveifel, daß man sich jedes der Streikenden, gegen den die gleiche Beschuldigung erhoben worden wäre, auf dem kürzesten Wege versichert hätte. Hätte nun gar ein solcher Streikender noch dazu die Beleidigung von Streikbrechern auf dem Kerbholze, so wäre er ohne Gnade festgehalten und zur Entgegennahme seiner Strafe vor- geführt worden. Den H i n tz s fand die Berliner Polizei nicht Was ihr aber nicht gelungen sein soll, ist— wie man uns mitteilt— der Militärbehörde inöglich gewesen. Hi n tz e soll zurzeit im Infanterieregiment Nr. 151 dienen. Ob die Nachricht richtig ist, vermochten ivir leider nicht nachzuprüfen. Vielleicht kann es jetzt die Berliner Polizei, die ja einen Vor- fühningsbcfehl gegen Hintze in Händen hat, den sie— gewiß zu ihren: Leidwesen— nicht ausführen konnte. Dient übrigens Hintze jetzt wirklich, dann dürften sich Krawalle a la Moabit vorläufig bei Streiks nicht wieder er- eignen, es sei denn, dieses besonders nützliche Element erhielte von Zeit zu Zeit.einmal— Streikbrecherurlaub I Kerlin uncl Nnigegencl. Mißstände im Betriebe der Deutschen Waffen- und MnnitionS- fabriken(Werk Wittenau), wurden am Mittwoch in einer stark de- suchten Bersammtung der Arbeiter und Arbeilerinnen dieses Werkes besprochen. Zunächst bezogen sich die Erörterungen auf das Siechen der Kontrolluhr nach Feierabend. Bis vor kurzem stand es den Arbeitern frei, die Kontrolluhr entweder unmittelbar nach Feier- abend, also noch im Arbeitsanzüge, oder erst, nachdem sie sich aus- gezogen hatten, also im Straßenanzuge, zu stechen. Der Zweck der Kontrolle wird in beiden Fällen vollkoinmen erreicht. Neuer- Vings hat die Direktion angeordnet, daß die Arbeiter im Arbeits- anzuge die Uhr stechen muffen. Trotz Vorstellung der Betriebs- kommission ist diese Anordnung nicht zurückgenommen worden. Der Zkachtcil, den die Arbeiter durch Befolgung dieser Anordnung haben, ist der: Um den nächsten Vorortzug zur Heimfahrt zu erreichen (der folgende Zug geht erst eine Stunde später), stürzt fast zur selben Minute die gesamte Arbeiterschaft nach der Kontrolluhr, da entsteht ein unheimliches Gedränge, aber trotz großer Hast ver- säumt doch ein Teil der Arbeiter den Zug. Vor dieser Anordnung wickelte sich die Kontrolle wesentlich glatter ab. Die Versammlung beschloß einstinlinig, die Kommission soll wegen Zurücknahme dieser Anordnung nochmals vorstellig werden. Wenn diese Vorstellung keinen Erfolg hat, soll vom Montag ab die Kontrolluhr nur noch im Slraßenanzuge gestochen werden. Im weiteren Verlaus der Versammlung kamen noch andere Mißstände von größerer Bedeutung zur Sprache. Vor allem wurde über die Kugelfabrik geklagt. Die dort bestehenden Mißstände wer- den auf das Walten des Betriebsleiters, Ingenieur Hanusch, zu- rückgesührt. Herr H a n u s ch verlangte im Juni, als sich die Kon- junktur wieder zu heben begann, daß Ueberstunden gemacht wer- den. Das lehnten die Arbeiter ab. Sie drangen mit ihrem Vor- schlage durch, der dahin ging, � drei Arbeitsschichten pro Tag ein- zuführen, wodurch dieselbe Stundenzahl herauskam wie bei der früheren Arbeitszeit mit Ueberstunden. Ganz besonders klagen die Arbeiter darüber, daß der Betriebsleiter Hanusch seitdem mit Kürzungen der Akkordlöhne vorgeht und daß jeder, der diese Taktik zu durchkreuzen sucht, seine Eutlassung zu befürchten hat. Der Betriebsleiter hat eine Anzahl gelber Arbeiter herangezogen, die ihm gefügig sind, und die er gegen die ihre Jntereffen vertretenden Arbeiter auszuspielen sucht. In der Automatenschleiferei machte der Betriebsleiter den Versuch, den Einrichter, der sonst besonders bezahlt wurde,- in den Akkord der übrigen Arbeiter mit hineinzu- nehmen, was gleichbedeutend gewesen wäre mit einer Lohnkürzung. Dieser Versuch ist durch den Widerstand der Arbeiter vereitelt worden. In der Kaltprefferei aber ist seit drei Wochen zum Nach- teil der Arbeiter das Kolonnensystem eingeführt worden.— Als ein schwerer Mißstand wird es empfunden, daß die Akkordarbeiter nie wiffen, wieviel sie eigentlich verdienen. Die Arbeit wird nach Gewicht bezahlt. Da die Arbeiter das Gewicht nicht feststellen können, so erfahren sie immer erst am Lohntage, wie viel oder wie wenig sie in der Woche verdient haben. Wer dem Betriebsleiter derartige Mißstände vorträgt und um Abhilfe ersucht, der bekommt die Antwort: Wem es nicht paßt, der kann gehen.— Da also Vorstellungen nichts helfen, so sehen sich die Arbeiter genötigt, ihre Klagen der Oeffentlichkcit zu unterbreiten. Außer diesen Uebelstäniden allgemeiner Art kamen noch manche Einzelheiten zur Sprache, welche den Arbeitern Anlaß zur Klage geben. So wurde berichtet, daß eine bestimmte Arbeit,- die sonst von jugendlichen Arbeitern verrichtet worden ist. Erwachsenen über. tragen wurde mit dem Bemerken, sie sollten dabei ebensoviel ver- dienen wie sie bisher verdient hatten. Als dann der Lohntag herankam, stellte sich heraus, daß die Arbeiter, die vorher über 30 Mvr? verdienten, jetzt nur auf 19 Mark gekommen waren.— Ferner wurde angeführt, daß die Schmelzöfen in der Härterei so stark rauchen, daß man Glasaugen und Pserdelungen haben müßte, um es in dem raucherfüllten Raum aushalten zu können. Die Isolierer mit einer Aussperrung bedroht! Bei der Firma Rhelnhold u. Co., deren Hauptgeschäft in Hannover 18 Filialen in Deutschland besitzt, ist seit Montag in der Berliner Filiale ein Streik ausgebrochen. Vor vier Wochen begannen die Arbeiter in Hannover den Streik, weil die Firma sich weigerte, über den abgelaufenen Tarifvertrag behufs Erneue- rung Unterhandlungen mit dem Verbände anzuknüpfen; sie stellte die bekannte Forderung, nur mit den einzelnen Arbeitern verhan- dein zu wollen, wobei der Verband überhaupt nicht in Frage zu kommen habe. Der Kampf in Hannover war schivierig und die Berliner Kollegen kamen zu Hilfe; sie begannen, 20 Mann an der Zahl, den Sympathiestreik. Mehrere Tage vorher versuchten sie, durch Unterhandlungen die Differenzen zu schlichten. Zuerst wurden sie zum Abwarten veranlaßt, bis sie schließlich am Sonnabend die Antwort erhielten, daß die Firma auch hier nicht mit dem Ver- bände verhandeln würde. Daraufhin wurde die Arbeit nieder- gelegt. R h e i n h o l d u. Co. stellen es den übrigen Firmen gegen- über so hin, als verhandelten sie nirgends und niemals mit dem Verbände, während in einigen Filialen, zum Beispiel in Dresden, ein Tarifvertrag abgeschlossen worden ist. Ueberhaupt ist man in den» Unternehmerverbande nicht so einig, wie man sich äußerlich ten Anschein gibt. Die gegenwärtige Situation wurde in einer Versammlung d« Isolierer, die am Mittwochabend bei Obiglo, Schwedter Straße, stattfand, eingehend beraten, nachdem der Referent Lange eine genaue Uebersicht über den Stand der Dinge gegeben hatte. Man Lerantw. Redakt.: Carl Mermuth. Berlin-Rixdorf. Inserate verantwl: war für einen ftiedlick?en Ausgleich der Differenzen, aber die ttn» ternehmer traten plötzlich mit einer Drohung hervor. Das folgend« Schreiben, an die einzelnen Isolierer gerichtet, die bei R h e i n h o I d u. Co. in den Streik traten, wurde in der Versammlung verlesen: B e r l i n, den 25. Oktober 1910. Herrn Isolierer N. N. Nachdem Sie trotz unserer gestrigen Besprechung mit Ihren Vertrauensmännern die Arbeitseinstellung aufrecht erhalten haben, fordern wir Sie hierdurch nochmals auf, die Arbeit am Donnerstag, den 27. d. M., früh, unter den bisherigen Bedin- gungen wieder aufzunehmen. Geschieht dieses nicht, so sind wir zu der Erklärung ermäch- tigt, daß die Mitglieder des Arbeitgebcrverbandes für dos Jsoliergewerbe in Berlin ihren sämtlichen organisierten Jso- lierern am Freitag, den 28. d. M., das Arbeitsverhältnis kündigen werden. Mit Gruß R h e i n h o l d u. Co., Vereinigte Norddeutscbe und Dessauer Kieselgur-Gesellschaft. I. V.: Steinbrück. Diese Drohung einer Aussperrung wurde teils mit Entrüstung, teils mit Heiterkeit aufgenommen, denn die gegenwärtige Konjunk- tur ist nicht dazu angetan, daß die Unternehmer große Luft ver- spüren könnten, die Arbeiter auszusperren. Diese Drohung be- wirkte nur, daß jeder Beschluß in bczug auf eine Wiederaufnahme der Arbeit bei Rheinhold u. Co. unmöglich gemacht war. Der Streik besteht fort und die Arbeiter werden in Ruhe den Bericht ihres nach Hannover entsandten Geschäftsleiters abwarten, che sie weitere Beschlüsse fassen. Einige Redner meinten, daß eine Aus- sperrung gar nicht so übel wäre, man könnte sich dann geschloffen wieder mal aus neue Forderungen einigen. Jedenfalls hatte die Drohung auch nur als Schreckschuß jede Wirkung verfehlt. Der Streik der Fleischerzesellen bei der Firma E. Morgenstern, Schererstraße 3, hat die Polizeibehörde auf den Plan gebracht. Den ganzen Tag stehen doppelte Posten vor dem Geschäft. Herr M o r g e n st e r n ist in seiner Not zu einem Rechtsanwalt gelaufen. Dieser hat die Organisation aufgefordert,— Streikbrecher zu liefern! Nachstehendes Schreiben wurde heute der Organisation zugesandt: Berlin, den 26. Oktober 1910. An den Zentralverband der Fleischer und Berufsgenossen! Namens und in Vollmacht der Firma Ernst Morgenstern in Berlin, Kaiier-Wilhelm-Straße 20, habe ich Ihnen folgendes zu unterbreiten: Herr Morgenstern hat hente vormittag 2 Gesellen seiner Wurstfabrik Schererstr. 8 ordnungsmäßig gekündigt. Darauf forderten die übrigen Gesellen die Wiedereinstcllung der beiden gekündigten Gesellen. Als Herr Morgenstern dieses Verlangen ablehnte, haben heute mittag die sämtlichen Gesellen die Arbeit niedergelegt und erklärt, daß sie erst dann wieder die Arbeit aufnehmen würden, wenn Herr Morgenstern die beiden gekün- digten Gesellen wieder einstellt. Dieses durchaus ungerechtfertigte Verlangen hat Herr Morgenstern mit Recht abgelehnt. Ich ersuche Sie hierdurch höflichst, Herrn Morgenstern bis spätestens Freitag, den 23. Oktober er., mittags 12 Uhr, das für seine Wurstfabrii Schererstr. 8 notwendige Personal, nämlich 10 Gesellen, zur Verfügung zu stellen. Sollten Sie Herrn Morgenstern die gewünschten 10 Gesellen nicht bis Freitag mittag 12 Uhr zur Verfügung gestellt haben, so ist Herr Morgenstern, der natürlich seinen Geschäftsbetrieb nicht brach liegen lassen kann, genötigt, sich anderweit Personal zu verschaffen. Die Wiedereinstellung des jetzigen Perso- nals lehnt Herr Morgen st ern selbstverständlich a b. Hochachtungsvoll Wilhelm Wolfs, Rechtsanwalt." Zum Verständnis des Vorstehenden sei bemerkt, daß Herr Morgenstern sich erst vor kurzem schriftlich verpflichtet hat, nur or- ganisierte Gesellen zu beschäftigen, waS ihn jedoch nicht abhielt, sich einen gelben Erstaesellen zu nehmen. Erst aus energisches Ein- greifen der organisierten Schlächter hin hat er diesen am Mittwoch entlassen. Herr Morgenstern, der sich dadurch in seinem„Herr im Hause-Standpunkt" gekränkt fühlte, wollte nun offenbar die or- ganisierten Kollegen nach und nach entlassen, was jedoch die Gesellen durch die Arbeitsniederlegung durchkreuzten. Zuzug ist streng fern- zuhalten. Zentralverband der Fleischer. Der Streik in den Deutschen Preßluftwerken in Oberschöneweide ist beendet. Die Sperre ist hiermit aufgehoben. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Oeurlcbes Reich. Gegen die Ausbentung durch die Stellenvermittler. Das am 1. Oktober dieses Jahres in Kraft getretene Stellen- vermittelungsgesetz sollte bekanntlich den Zweck haben, die Stellen» suchenden vor Ausbeutung zu schützen. Im Städtekomplex Ham- burg-AItona- Wandsbek haben die Behörden exorbitant hohe Ge- bührensätze festgesetzt, so daß die Absicht des Gesetzgebers nicht nur nicht vereitelt ist, sondern sogar zum Teil eine größere Ausbeutung der Arbeitsuchenden herbeigeführt wird, als das früher der Fall war, So sind z. B. in Hamburg laut Gebühren taxe für das Gastwirts- gewerbe für einen Geschäftsführer oder Portier sage und schreibe 60 lR.— zehnmal soviel als in Berlin!— zu zahlen; für einen Oberkellner für Hotel 1. Ranges ebenfalls 60 M., für einen solchen zweiter Güte 40 M., für Zimmerkellner 30 M., für Portiers in Cafes 25 M. usw. Gegen diesen unerhörten Zustand, der noch die Bürgerschaft beschäftigen wird, protestierten am Dienstagabend die Vertreter von mehr als 100 000 organisierten Arbeitern durch An- nähme dieser Resolution: „Die Vertreter der dem Hmnburg-Altonaer Gewerkschafts- kartell mit weit über 100 000 organisierten Arbeitern an- geschlossenen Gewerkschaften protestieren entschieden gegen die von den Behörden in Hamburg, Altona und Wandsbek festgesetzten hohen Gebühren für gewerbsmäßige Stellenvermittler. DaS neue Stellenvermittlergesetz ist zum Schutz der Arbeit- suchenden gegen Ausbeutung durch die gewerbsmäßigen Stellen- Vermittler geschaffen worden und hat den Zweck, die Zahl der gewerbsmäßigen Stellenvermittler zu beschränken bezw. gänzlich zu beseitigen. Dieses ist zweckmäßig aber nur durch Festsetzung möglichst niedriger Gebühren zu erreichen. Die Versammelten mißbilligen ferner entschieden die ein- seitige Festsetzung der Gebühren von feiten der Behörden ohne vorherige genügende Befragung der beteiligten Gruppen, wie eS der Gesetzgeber ausdrücklich gewollt hat. Die Versammelten erwarten daher von den in Betracht kommenden Behörden Hamburg, Altona und Wandsbek, daß sie die Gebühren für gewerbsmäßige Stellenvermittler entsprechend dem Sinne des Gesetzes ermäßigen bezw. den Berliner Tarif auch für genannte Orte zur Geltung zu bringen." Ein Erfolg der Aussperrung. Die Zahlstelle Mülhausen i. E. des Erd- und Bau- hilssarbeiter-Verbandes hatte beim Scbluffe des dritten Quartals 1910, wie der dieser Tage erstattete Kassenberichl ergibt, 950 Mitglieder, während vor der Aussperrung 351 Mitglieder vor- Händen waren. Zahlen sprechen! In der Pforzheimer Ketteninbustrie haben nach einer Umfrage des Arbeitgeberverbandes in 101 Fabriken 921 Arbeiter gekündigt. von diesen haben aber angeblich inzwischen 56 ihre Kündigung wieder zurückgezogen. Man erwartet die Zurücknahme weiterer Kündigungen HusUnck. Bevorstehender Bergarbciterstreik in England. 12 000 Bergleute des EambriantrustS haben die EinigimgS- vorschläge abgelehnt, der Ausstand znin 1. November ist daher un- vermeidlich. Mit diesem Tage werden alsdann insgesamt etwa 20000 Bergleute ausständig sein._ Atz. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Berlagsanstall I Hus der frauenbewegung. Sieg der weiblichen Kettenschmiede. Nach einem harten und mutigen Kampfe endet« der Streik der weiblichen Kettenschmiede in Cradley Heath mit dem Siege der Arbeiterinnen. Man wird sich erinnern, daß es sich bei diesem Ausstand um die sofortige Anerkennung des von dem Handeils- Ministerium für billig erklärten Lohntarifs handelte. Nach dem Gesetz über Lohnämter in der Sehwitzindustrie, das am Anfang des Jahres Wirksamkeit erhielt, tritt zwischen die Annahme eines Tarifs durch die Vertreter der beiden Parteien im Lohnamt und die obligatorische Einführung der neuen Löhne eine sechsmonatliche UebergangSperiode, in der nicht alle Arbeitgeber gezwungen sind. die vereinbarten Löhne zu zahlen. Obwohl nun eine Reihe Arbeit- geoer in Cradley Heath bereit war, die neuen Löhne, die in manchen Fällen mehr als 100 Proz. höher sind als die alten, sofort anzuerkennen, und obwohl die„Rkanufacturers", die in diesem Falle eigentlich nur die Großhändler sind, die den Zwischen- meistern(middlemen oder shepmcn) die fertige Ware abkaufen, versicherten, daß die Industrie von der beschlossenen Lohnerhöhung nichts zu befürchten hätte, weigerten sich viele der Arbeitgeber, den neuen Lohn anzuerkennen, jedenfalls weil sie glaubten, die Heber- gangsperiode zu einer planmäßigen Ueberproduktion ausnützen zu können. Vielleicht■werden auch manche der.kleineren Meister, die besonders gegen die unmittelbare Anerkennung des Lohntarifs waren, kein Interesse daran haben, sich vorzeitig vertilgen zu lassen; denn daß eine Industrie, die auf Kosten einer mörderischen Ausbeutung der wehrlosesten Handarbeit lebt, unter den neu ge- schaffenen Bedingungen eingreifende technische Veränderungen er- leben wird, die dem Kleinbetrieb feindlich sind, erklärt sich ohne Schwierigkeit und ohne lange Auseinandersetzung. Unter diesen Umständen sahen sich die weiblichen Kettenschmiede von Cradley Heath der Gefahr ausgesetzt, am Ende der Uebergangsperiode arbeitslos zu werden, und um die Möglichkeit einer Ueberpro- duktion zu verhindern, traten sie in den Streik, in dem sie von allen rechtlich denkenden Menschen unterstützt wurden. Nach langem Widerstande beschloß der Verband der Fabri- kanten, die Forderungen der Arbeiterinnen zu bewilligen. Er lud diejenigen unter den Fabrikanten zu einer Sitzung ein, die sich dem Verband nicht angeschlossen haben, und ließ sich von der Ge- nossin Mac Arthur einen Vortrag halten, in dem diese den Ver- sammelten mitteilte, daß schon 150 Zw.ischenmeister die weiße Liste, d. h. den Lohntarif unterzeichnet hätten. In einer Geheim- sitzung der Fabrikanten wurde darauf beschlossen, nur von solchen Zwischcnmeistern zu kaufen, die die weiße Liste unterzeichnet hätten, und die noch außen stehenden Arbeitgeber zu beeinflussen. die Liste zu unterzeichnen. Dieser Beschluß beendet zwar den ganzen Ausstand noch nicht, er hat aber den widerspenstigen Ar- l>eitgebecn das Rückgrat gebrochen. Etwa 300 Arbeiterinnen, wo» von zwei Drittel unorgaanisiert sind, aber ebenfalls Streikunter» stützung beziehen, werden noch weiter streiken. Während der Dauer des Ausstands sind über dreitausend Pfund Sterling für die Streikenden gesammelt morden. Es sind noch genügend Gelder vorhanden, um auch den nun folgenden Kleinkrieg erfolgreich zu Ende zu führen. Der Streik der Frauen in Cradley Heath ist ein schönes Bei- spiel proletarischer Svlidarität. Man muß bedenken, daß er von einer tief stehenden Arbeiterkategorie geführt wurde, die sich bisher zu einer dauernden Organisation als gänzlich unfähig erwiesen hat. Ein Verdienst haben sich auch die Männer und Frauen er» warben, auf deren Drängen die Lohnämter für die Schwitzindustrie eingeführt worden sind und die mit richtigem Blick die Notwendig- keit einer Gewerkschaft erkannten, die den gesetzlich festgelegten Bestimmungen Wirksamkeit verschaffen kann. Es wäre jetzt zu wünschen, daß unter dem Einfluß der steigenden Löhne die Frauenarbeit, die doch nur wegc» der Billigkeit in Anspruch ge» nommen wird, allmählich aus diesem Gewerbe verschwinden wird. Denn die Frau als Grobschmied, die den Hammer schwingend und rußbedeckt am Amboß steht, ist ebensowenig ein Zeichen hoher Zivilisation wie das Bild der Bergarbeiterinncn, die noch bor wenigen Jahren zu Hunderten in belgischen Bergwerken mit Hacke und Schaufel nach Kohlen gruben. «Versammlungen— Veranstaltungen. Dir Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht veranstaltet am Freitag, den 28 Oktober, abends 8>/z Uhr. im Kaiserin» Fricdrich-HauS, NW. Luisenplatz 2/4(Platz am Neuen Tor), einen Vortrag über die„Offene Fürsorge für Mütter und Kinder"(Auskunstsstellen, Säuglingsfürsorgestellen, Milchiücben, Stillstuben usw.). Referent ist Professor Dr. Cassel, der Leiter der 2. städtischen SäiigsingSfürsorgestelle und dcS Kinderasyls in Halensee. Eintritt für Nichlmitglieder 50 Pf., für Mitglieder 20 Pf. letzte ffochrfchtcn. Ter Eisenbahnerftreik vor der Deputiertenkammer. Paris. 27. Oktober.(W. T. B.) Die Besprechung der Jnter» pellationen über den Eisenbahnerstreik wurde fortgesetzt. R o g n o n (Soz.) kritisierte die Verhaftungen und die Verwendung des Heeres bei dem letzten Ausstande. C a st e l i n(Unabh. Rad.) verlangte die Errichtung eines obligatorischen Schiedsgerichts und bat die Regierung, nicht unbarmherzig zu sein gegen Eisenbahnarbeiter, die ein Recht ungeschickt angewendet hätten, das man erst lernen müsse. Minister der öffentlichen Ar- betten M i l l e r a n d wies den der Regierung und dem Parlament gemachten Vorwurf der Sorglosigkeit zurück, durch den man den Streik entschuldigen möchte. Millerand erklärte, der Streik sei ausgebrochen, während man sich mitten in Unterhandlungen befand, und habe begonnen, nachdem am Tage zuvor die Nordbahngesell- schaft auf dem Depot Lachapelle einen Minimallohn von 5 Frank bewilligt und der Minister alle von ihm den Annestellten der Staatsbahn gegebenen Versprechen gehalten habe. Die Regierung habe sich von Anfang an einem wohlausgearbeitetcn Sabotageplan gegenüber gesehen. Millerand verlas sodann eine Broschüre, in der die Eisenbahner aufgefordert werden, Gruppen zu bilden, die ent, schloffen seien, sofort nach Ausbruch des Streiks das Eisenbahn- Material für mehrere Tage unbrauchbar zu machen. Die Broschüre sei von einem Mitglied des nationalen Eisenbahnsyndikats unter- zeichnet. Keiner der angeführten Gründe rechtfertige den Streik. Er sei der Versuch zu einer Mobilmachung der Eisen- bahner für den politischen Streik gewesen. Der Minister schloß, nachdem er aus die Besserung der Lage der Eisen- bahner hingewiesen hatte, mit der Erklärung, die Regierung könne nach Briands und seinen Worten das Urteil der Kammer abwarten. (Lebhafter Beifall links, im Zentrum und bei einem Teil der Rechten.) Bouveri(unifizierter Sozialist) griff Briand, der einst selber zugunsten beb Generalstreiks gesprochen habe, heftig an. Wir haben Sie damals nach Chälons kommen lassen, rief er, und Ihre Reise bezahlt. Briand erwiderte: Ich kam als Advokat, ich bin immer uneigennützig der Advokat der Niedrigen gewesen. Ich habe gelegentlich über die sozialistische Partei, die damals geteilt war, Erklärungen abgegeben. Ich befand mich mit Millerand und JaureS, die damals von ihren heutigen Freunden geschmäht wur- den, unter den Reformisten. Ich habe das Bewußtsein, immer der Republik und den Arbeitern gedient zu haben.(Beifall.) Bouveri deutete im Verlauf weiterer Ausführungen an, die Bomben könnten auf Befehl Briands von der Polizei gelegt wor- den sein.(Widerspruch.) Vincent(radikaler Sozialist) legte sodann Verwahrung gegen die Entlassungen ein. Man solle die Be, siegten nicht zerschmettern. Die Debatte wird morgen fortgesetzt. Zaül Singer&£o., Berlin SW. Hierzu 3 Bettag cct».lluterhaltungsbl, v.Mmt. i. KtilM kö Jarmürtö" Jrrliiifr PollisHatt. ■■■BMMWWMWWMBMBMaMMyMMMMIIIWPIIIMIIIIIHIMI I■WiHII �*rm«raiEHBl�ffiaaK«maCiaP�™�™nnffiITiWram7mimr IIIIIWIIIil Stadtverordneten-veriammlnng. 29. Sitzung Vom Donnerstag, den 27. Oktober. nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher M i ch e l e t eröffnet die Sitzung nach S'/z Uhr mit dem Ausdruck seines lebhaften Dankes für die ihm zu seinem 7S. Geburtstage seitens des Magistrats und seitens oller Gruppen der Versammlung erwiesenen Ehlungen. Aus der Verlehrsdeputation ausgeschieden ist Stadtv. D o v e (V.L.): an seiner Statt wählt die Versammlung den Stadtv. Nelke. Dem Berliner Frauenverein gegen den Alkobolismus soll gegen eine jährliche Anerkennungsgebühr von 1 M. die Errichtung einer Erfrischungshalle zwecks billigen Verkaufs kaller und warmer alkoholfreier Getränke auf dem Spreewaldplatz gestattet werden. Nack dem Referat des Stadtv. Imberg(N. L.) gibt die Ver- fammlung ohne Diskussion ihre Zustimmung. Ueber die Ausscvutzberatung der Borlagen 1. wegen andcrweitor Festsetzung der den G e in e i n d e s ch u l l e h r e r i n n e n und Fach« lehre rinnen zu gewährenden MietScntschädigung, 2. wegen Festsetzung der Mietsentschädigung für das Lehrpersonal an den Gemeindei'chulcn berichtet Stadtv. Dr. A r o n S(Soz.). Auf Grund des LehrcrbesoldungsgesetzeS von 1009 und der Novelle vom 23. Juni 19lv zum Wohnungsgeldzufchust- gesetz haben die Aufsichtsbebörden die Mietsentschädigung für Berlin dahin festgesetzt, daß an den Gemeindeschulen ein Rektor ICKX), ein Lehrer 800, eine Lehrerin 560 M. jährlich erhalten soll. Der Ausschub ist einsliunnig der Metziung gewesen, dab der Sinn des Gesetzes und die Absicht des Gesetzgebers dahin gegangen fei, die im Gesetze angegebenen Sätze nicht als Normal-,' sondern als Mindestsätze, als unterste Grenze für die Mictsentschädigung aufzufassen. In dem teuren Berlin müsse man natürlicb über diese Mindestsätze hinausgehen, was auch schon 1909 in der Absicht der Versammlung gelegen habe. Der tzlusschub at einstimmig beschlossen, der Versammlung folgende Beschluß- affung vorzuschlagen: Den Magistrat zu ersuchen, bei dem Herrn Oberpräsidenten von Berlin zu beantragen, dab die Mictsentschädigung für die Lehrer auf je 900, für die Lehrerinnen auf je 600 M. festgestellt werde. StadtsyndikuS Hirsekorn verweist darauf, dab gesetzlich eine Mit- Wirkung der Versammlung bei der Festsetzung der Mietsenschädigung nicht vorgesehen ist und hält die angeregte Vorstellung beim Ober- Präsidenten für aussichtslos. Stadtv. Cassel(A. S.) erklärt die Zustimmung des über- wiegendste» Teiles seiner Fraktion zum Ausschubantrage. Er hält dem Magistrat unter anderem vor, daß nicht einmal die Sckul- depulation mit dieser Frage befabt worden sei. Sehr bedauerlich sei auch, daß der Versammlung nicht vor der Festsetzung der Ent- schädigungen durch de» Oberpräsidenten Gelegenheit zur Aeutzcrung gegeben worden sei. Nach einer Erwiderung deS StadtsyndikuS Hirsekorn, der sich darauf beruft, daß es in den Ferien untunlich gewesen sei, die Schuldeputation zu befragen, bemerkt Stadtv. Borgmann sSoz.): Zu der Klage, daß die Vorlage nicht erst die Schuldeputation passiert, hat Herr Cassel insoweit keine rechte Veranlassung mehr, als ein solches Verfahren ja nachgerade beim Magistrat zur Gelvohnbeit wird. Ich bezweifle, dah die Möglichkeit nicht gegeben war. die Deputation während der Ferien zu hören. Auch über die Beschlüsse der Verlehrsdeputation, den Krankenhousdeputalionen und anderer setzt sich der Magistrat fast konsequent hinweg. Da wäre es wahrlich besser, wenn diese Deputationen aufgehoben würden und dem Magistrat allein die Entscheidung und die Ver» aulwortung überlassen würde. Daß in der Zwischenzeit eine Äende- rung in den allgemeinen Verhältnissen nicht eingetreten sei, sist ganz irrtümlich. In einer uns heute noch beschäftigenden Vorlage, die die Wohnungsgeldzuschüffe der Lehrer an den höheren Lehranstalten betrifft, nimmt der Magistrat eine ent- gezengesrtzte Stellung ein, indem er da anerkennt, dab die allgenieinen Verhältnisse sich wesentlich geändert haben. Der Magistrat wird sich schliehlich auob damit vertraut machen müssen, den Mehrbetrag in den Etat einzusetzen, und man soll doch nicht abwarten, bis man etwa von anderer Seite dazu g e- z w u n g e n wird. Nach einigen Ausführungen des Stadtv. Cassel gelangt der Antrag mit großer Mehrheit zur Annahme. Ueber die Vorlage wegen Ausführung von ErneuerungS- nnd Erweiterungsbauten für die Wasserwerke hat ein besonderer kleines fenilleton. Bolksschüler über Religion. Der Mannheimer Stadtbikar Emlein, zugleich Religionslehrer an der dortigen Volksschule, hat, wie er in den„Monatsblättern für den evangelischen Religions- Unterricht" milteilt, am Tage vor der Schulentlassung den von ihm unterrichteten Schülern und Schülerinnen die Frage zur schriftlichen Beantwortung vorgelegt:„Welchen Wert hat die Reli- g i o n?" ES sollte ein Versuch gemacht werden, festzustellen, was die Kinder nach achtjährigem Religionsunterricht mit ins Leben hinausnehmen. Das Resultat, das ein sowohl in religiöser, wie in sozialer und psychologischer Hinsicht reichliches Material ergab, war recht interessant: So begannen von 104 Knaben 66 ihren Auf- satz:„Die Religion bat überhaupt keinen Wert". Hier vor alleni zeigte sich die Art der Stellungnahme zur Religion, denn 58 fügten als Begründung hinzu:„denn für unser Geschäft können wir sie nicht gebrauchen". 25 sehen in der Religion immerhin einen gewissen idealen Wert, der jedoch durch vielerlei Einschränkungen stark verkürzt wird, da man�ie nur gebrauchen kann,„wenn man alt ist",„wenn es einem schlecht geht",„wenn man nr der Fremde ist" usw. Wenige nur. 13 im ganzen, fassen die Religion auf als etwas, was man „wissen muß, weil es Gottes Wort" ist oder weil man„ohne sie nicht in den Himmel kommt". Endschieden am interessantesten jedoch sind 11 Arbeiten, die den Kontrast zwischen modernem Großstadt- elend und der„Religion", die solches zuläßt, behandeln, und aus den, bloßen Vorhandensein des Elends den Schluß ziehen, daß die Religion„dummes Zeug ist und den Leuten etwas verspricht, dguiit sie nicht an ihre Not denken; aber es wird doch nicht erfüllt". Der vielfach noch bedeutende Unterschied in der„kritischen" Stellungnahme von männlichem und weiblichem Gemüt und Empfinden zur Religion tritt, wenn man die Antworten der Knaben mit denen der Mädchen vergleicht, �deutlich zutage. Von 49 Mädchen schreiben nur zwei:„Die Religion hat keinen Wert", alle anderen erkennen einen solchen an. können jedoch zunächst nicht angeben, worin er besteht: die Religion hat eben einen groben Wert. Wes- halb?„Wenn man in Noi ist...—"„wenn man krank ist— Etwa 20 meinen;„es gehört sich so", und es folgt eine Begründung auS dem allgemeinen religiösen Gefühl heraus, man möchte sagen auS Pietät. Fragen und Zweifel aus eigener Beobachtung, lvie bei den Knaben, finden sich bei den Mädchen im allgemeinen seltener, was, zieht man das seit langem und noch bis aus heute übliche Mädchenerziehungssystem in Betracht, ja auch nicht weiter ver- wunderlich ist. Wird der Mensch den V-gelflng lernen? Es kann wohl gesagt werden, daß der lllkcnsch bemüht gewesen ist, unter den Anlagen, die ihm die Natur eingepflanzt hat, auch den Nachahmungstrieb zu; vervollkommnen. Er hat im Laufe der Jahrtausende brav um sich geschaut und manche Fähigkeit, die er an den unbelebten Natur- � kräften oder an anderen Lebewesen wahrnahm, durch erfolgreiche; Nachahmung für seine Zwecke ausgenutzt. Gerade deshalb ist eS i Ausschutz in drei Sitzungen beraten. Es ist schließlich die gesamte Forderung von 5 400 000 M. einschl. des Betrages für die Erweite- rung der Seewasserschöpfanlagen beim Werl Müggelsee bewilligt worden, aber einstimmig hat der Ausschuß die folgenden weiteren Beschlüsse vorgeschlagen: I. Die Versammlung stellt jedoch die Bedingung, daß eine größere M e ir g e Seewasser als gegenwärtig nur d a n n gehoben wird, wenn dazu ein dringendes Bedürfnis vor- liegt. Der Wafferwerksdcputation ist alsbald von dieser Maß- nähme Kenntnis zu geben. II. Die Versammlung ersucht den Magistrat, mit tunlichster Bcschlennigimg durch die Wasserwerksverwoltung ein Projekt zu einer Dückcranlage ausarbeiten zu lassen, um durch den Tegeler See ohne Berührung der Inseln Scharfenberg und Baumiverder die Druckrohre zu führen. III. Unter Bezugnahme auf die bei Annahme der Scharfen- bergvorlage geiaßte gleichartige Resolution ersucht die Versamm- lung den Magistrat, nunmehr schleunigst mit den Arbeiten für das Wasserwerk H e i l i g e n s e e zu beginnen. Nachdem Stadtv. Dr. Sökcland(A. L.) den AuSschußantrag als Referent vertreten, führt Stadtv. Dr. Wcyl(Soz.) aus: Heute wird nur noch ein ober- flächlicher Beurteiler die am 3. September von dem Kollegen Herz- bcrg ausgesprochene Anschauung vertreten, daß die Borlage so, wie sie rn den Ausschuß hineinkam, aus denn'elbcn wieder herauskommt. I» bezug auf die Würdigung des Oberflächenwassers hat der Aus- schuß eine durchaus andere Auffassung als der Magistrat festgcbalten, und eS ist schließlich nur der Jmervention des Oberbürgermeisters zu verdanken gewesen, daß ein vermittelnder Standpunkt obsiegte. Den Antrag des Magistrats bat die Mehrheit nur angenommen, iveil Oberflächemvasser im alleräußersten Notfälle iminer noch besser ist als gar kein Wasser. Mit unserer Resolution verfolgen wir aber den Ziveck, dafür nach Möglichkeit vorzusorgen, daß dieser aller- äußerste Notfall überhaupt nicht eintritt. Auf dem Ge- lände in Heiligensce hat der Magistrat eine unerhörte Saum- se li gleit walten lasien, denii es ist im Ausschuß ausdrücklich festgestellt worden, daß dort, ganz abgesehen von den schwebenden juristischen Streitfragen, für zwei Jahre reichliche Arbeits- gclcgenheit vorhanden ist. Trotzdem ist dort kein Spatenstich geschehen, und das, obwohl so große Arbeitslosigkeit herrschte! DaS Gelände dort ist LVz Millionen wert; eS liegt seit L'/z Jahren brach und verschlingt kolossale Zinsen, die beinahe die 8/4 Millionen wieder ausgleichen, die ivir damals den Spekulanten abgehandelt haben. Es ist ferner festgestellt worden, daß wir die Inseln im Tegeler See für die Wafferwerkszwecke überhaupt nicht nötig haben. Wie ist es nun zu machen, den Magistrat zu vermögen, daß er unseren Wünschen endlich nach- kommt? Wie es heißt, soll dafür der Ausdruck„tunlichst e Be- sckileuniguilg" das geeignetste sein. Ich weiß nicht, ob dem so ist (Heiterkeit); jedenfalls ist der Ausdruck in dcni Ausschußantrage nicht in Anwendimg gebracht worden. Leider zeigt sich im Bereich dieser Verwaltung auch ein großer Mangel an kaufmännischem G e i st e und geschäftlicher Routine, dagegen ein Ueber- wuchern bureaukrati scher Schwerfälligkeit; dieser muß mit Hochdruck entgegengearbeitet werden. Der Aus- schütz hat gute Arbeit geleistet, er hat sich bemüht, die begangenen Fehler wieder gut zu machen, es muß aber auch in tukunft solchen blamablen Vorgängen vorgebeugt werden. Erhebey ie die Anträge einstimmig zum Beschluß. Stadtrat Rnmschöttel entgegnet, daß ittaHeiligeniee sehr eifrig gearbeitet worden sei. Der Erwerb der JMln sei vorgeschlagen worden, weil man auf diese Weise am sichecsten über den See käme; die Durchdückerung habe sehr große Schwierigkeiten. Stadtv. Dr. Paul(N. L.) wiederholt seine Klage, daß die Wasscrveriorgung Berlins nicht mit dem gesteigerten Bedürfnis Schritt gehalten habe, und empfiehlt ebenfalls die Ausschußanträge. Stadtv. Dr. Weyl: Unserer Wasserwerlsverwaltung fehlt jede kaufmännische Rouiine; das stelle ich wiederholt fest. Was die technische Seite der Sache betrifft, so habe ich Herrn Gehennrat Rnmschöttel bisher immer für einen bedeutenden technischen Sachverständigen gehalten; jetzt muß ich auch davon abkommen. (Unruhe.) Direktor Eggert bat im Ausschüsse doch ausdrücklich erklärt, daß die Legung der Rohre ohne Benutzung der Inseln möglich sei, und jetzt kommt Herr Stadtrat Rumschöttel und be- haupiet das Gegenteil. Stadtrat Rnmschöttel: Ich habe die Ausführung gar nicht für unmöglich sondern nur für sehr schwierig erllärt.(Stadtv. Dr. Wcyl: Die Schwierigkeiten lass«: sich überwinden l) Hierauf wird der Ä u s s ch u tz a n t r a g in seinen drei Punkten fast einstimmig abgenommen. erstaunlich, daß es ihm so spät gelungen ist, fliegen zu lernen, obgleich er doch das Beispiel der Vögel und anderer Flugtiere immer vor Augen gehabt hat. Es lohnt wohl der Mühe, die Gründe dieser Tatsachen näher zu untersuchen. Die Zoologie lehrt, daß die kleinste Flügelfläche, die ein Vogel besitzen muß, um sich vom Baden eicheben zu können, ungefähr 1 Quadratfuß aus je 2 Pfund des Gewichts des ganzen Tieres beträgt. Es gibt freilich Vögel, die ausgezeichnete Flieger sind und diese Bedingungen nicht er- füllen. Der AlhatroS zun, Beispiel hat 3 Pfund Gewicht auf den Quadratfuß seiner Flügelfläche. Dafür kann er aber auch vom ebenen Boden nicht aufsteigen, sondern ist genötigt, sich von irgend einem erhöhten Punkt herabfalle» zu lassen. Wenn man nun diese Regel auf den Menschen überiragen wollte, so würden unter der Annahme, daß der betreffende Mensch mitsanit den Flügeln L20 Pfund wiegt, 160 Ouadratfuß oder mehr als 30 Quadratmeter Flügelfläche nötig sein, um ihm ein Aussteigen vom Boden zu er- möglichen. Daher müssen auch sogar die mit Maschincnkraft aus- gestatteten Acroplane immer einen Anlauf nehmen, der ihnen eine gewisse Anfangsgeschwindigkeit erteilt. Auf diese Weise ist es mög- lich, mit einem Ouadratfuß Flügelfläche auf 3 bis sogar 3/4 Pfund des Gewichts auezukommen. Taraus ergibt sich aber auch, daß die Menschenkrast allein nicht imstande sein kann, Flügel zu regieren, die zur Ausführung eines vogelartigen Fluges genügen würden. Sind doch auch die großen Vögel wie der Strauß und der Emu oder die noch größeren ausgestorbenen Arten nur befähigt gewesen, ihre Flügel zur Unterstützung beim Lauf zu gebrauchen. Demnach erscheint es undenkbar, daß der Mensch jemals den eigentlichen Vogelflug sollte erlernen können. Mit Flügeln zu fliegen, ist ihm vielmehr erst gelungen, als er leichte Motoren erfunden hatte, die. jetzt schon eine Pferdestärke auf nur 3— 4 Pfund Gewicht entwickeln. Er hat also gewissermaßen seine Muskelkraft künstlich gesteigert. Damit hat er aber sein Ziel auf einem anderen Weg erreicht, als es die Natur vorgezeichnet zu haben schien, denn es gibt keine Tiere, die sich mit Ballons oder Luftschrauben fortbe- wegen, man müßte denn an die schon von Darwin beschriebenen Spinnen denken, die mit Hilfe des von ihnen verfertigten Ge- spinstcs eine Art von Ballonfahrt durch die Luft unternehmen. Die ähnlichsten Porrichtungen in der Natur find außerdem die Schwimmblasen der Fische und die Ausstattung gewisser Samen- körner. Eine neue Luftfahrt über den Ozean. Wellmans Mißerfolg hat die Pläne, im Lcnlballon über den Ozean zu fliegen, eher an- gespornt als entmutigt. Der Plan eines Münchener Konsortiums, das sich der Unterstützung des Schokoladenfabrikanten Suchard er- freut, den Ozean durch die Luft zu durchqueren, soll bestimmt im Februar zur Ausführung gelangen. Der KustoS der Münchcner Meteorologischen Zentralstation, Dr. Alt, hat dieser Tage in einem Gespräch mit einem Mitarbeiter der„Münchner Zeitung" das Scheitern Wellmans aus die völlige Mißachtung der Wetterumstände zurückgeführt, außerdem sei sein Ballon schon deshalb technisch unmöglich gewesen, weil er kein seetüchtiges Motorboot als Gondel gehabt hätte. Nach Dr. Alt, der als wissenschaftlicher Beirat an. Der Bertrag mit der neuen Gesellschaft„Albu in inwerke" wegen Uebernahme des auf dem Schlachthofe gewonnenen BluteS ist auch aus der abermaligen Ausschußberatung im wesentlichen nn- verändert hervorgegangen; mir daß die Vertragsdauer über den mit den„Deutschen Peptonfiitterwerken" vereinbarten Endtermin von 1915 hinaus nicht bis 1923, sondern nur bis 1920 verlängert werden soll. Die Anträge, welche die Abgabe von Blut evenmell bis zum achten Teil des nicht zur Wiirstfabrikation verwendeten Blutquantiuns zur Verwertung für menschliche Nähr- und Arznei- mittel an Dritte bezweckten, sind im Ausschüsse in der Minderheit geblieben. Referent ist Stadtv. Dr. Paul(N. L.). Stad:v. Dr. Knhlmanu(Fr. Fr.) befürwortet einen Antrag, der diese Blutabgabe lvcnigstenS in den bisher gestatteten Grenzen auch ferner zulassen will. Stadtrat Fischbcck: Die Stadt muß darüber wachen, was au? dem Blute wird, sie ist aus hygienischen Gründen dazu ver- pflichtet. Es muß also für eine wirksame Kontrolle gesorgt lvcrden und andererseits darf dem Pächter nicht das Blut entzogen werden. An der weiteren unwesentlichen Debatte beteiligen sich noch die Herren Stadtv. L o h rn a n n(A. L.) und Stadtrat F i s ch b e ck. Auf eine nochmalige Anfrage deS Stadtv. Dr. Kuhlmann erklärt Stadtrat Fischbeck, daß die Verwaltung wie bisher auch in Zukunft bei der Polizei keine Denunziatioii einreichen werde, wenn ein Schlächter einmal Blut statt zur Wurstfabrilation an einen Maler, an eine Hausfrau und desgleichen abgebe. Stadtv. Dr. Kuhlmann zieht nunmehr seinen Antrag zurück. Die Vorlage wird hierauf in der vom Ausschuß vorgeschlagenen Fassung aiigenommen. Die Vorlage wegen Abänderung der BesoldungS» ordnung für die Lchrperfonen an den höheren städtischen Lehranstalten, wonach unter anderem der W o h n u n g s g e l d» z u s ch u ß auf die Sätze erhöht wird, welche nach dem Gesetz vom 25. Juni 1910 den Beamten der 4. und 5. Rangilaffe und den mittleren Beamten hinfort zustehen soll, wird ohne Debatte ge« nehmigt. Dem Abschluß eine? Vertrages mit dem Eisenbahn- f i S k u s über den Bau einer Fußgängerbrücke über tne Ringbahn im Zuge der Greifenhagcner Straße erteilt die Versaiiimlung ibre Zustimmung. Zum Anschluß der auf dein Gelände des alten Botanischen Gartens wieder aufzurichtende» K ö n i g s k o l o n a d e n an die benachbarten Häusergruppen mittels Terrasienanlagen sind 65000 M. ersorderlich, die aus dem Staatsbeitrag von 250 000 M. für die Versetzung der Kolonnaden, aus dem von der Firma A. Wertheim für den Terrainstreisen an der Königstraße z» zahlenden Betrag und event. auS dem Erlös zweier Parzellen aufgebracht werden sollen, die die Besitzerin jener Häusergruppen die Realkredit- und Immobilien- Verwertungsgesellschaft, der Stadt abkaufen muß. Bon mehreren Seiten ist Ausschußberatung beantragt. Stadtv. Hildcbrandt lN. L.) sieht die Angelegenheit als durchaus ungellärt an und hält Ausschußberatung für absolut erforderlich. Er geht auf die Gestaltung des alten Botanischen Gartens und auf die Bodenpreisverhältnisse ausführlich ein. Stadtrat Ramsla»: Der Vorredner hat sich in einer Reihe von Mißverständnissen bewegt. Es handelt sich gar nicht um den Botani- scheu Garten, sondern um de» Zugang zu demselben. Auch die Preisbeinängelungen treffen nicht zu. Für eine Vertagung liegt kein Grund vor.. Bürgermeister Dr. Reicke: Eine Vorlage über die Ausgestaltung des Botanischen Gartens selbst ist in Vorbereitung und kommt dem- nächst an die Versammlnna. Stadtv. Körte(Fr. Fr.): Wir sind für Vertagung der An« gelegcnheit gewesen, weil der Vorlage die Unterlagen fehlen. Ich gebe aber zu, daß eS auch auf den, Wege der Ausschußberatung möglich ist. das fehlende Material uns zur Kenntnis zu bringen. Ueber die 65 000 Marl für den Anschluß fehlt eS an jeder näheren Spezialisierung. Stadtrat Namslau: Darüber sollen Sie im Ausschuß unter- richtet werden. Stadtv. Reimann(A. L.f empfiehlt namenS seiner Fraktion gleichfalls die Einsetzung eines Ausschusses. Stadtv. Borgmann: Ich habe den Herrn Magistratsvertreter so verstanden, daß das Material, was noch sehkt, dem Ausschuß vor« gelegt werden soll.(Widerspruch des Stadtrats Namslau.) Da« mit ist doch anerkannt, daß die Vorlage nicht geniigend begründet ist. Wenn Vertagung angeregt wird, um dem Magistrat Gelegen- heit zu geben, die Vorlage zu ergänzen, so ist doch das ein Ent« der Expedition teilnimmt, wird die Abfahrt des., Suchard" von Sau Vincente auf den Kap Verdischen Inseln Erfolgen. Man fährt bis zu den westindischen Inseln mit den Passatwinden, deren gleich« mäßige Strömung und Stärke seit Jahrhunderten erprobt ist. In dieser Zeit ist auch keine Gewittergefahr. Die Fahrt ist auf sechs Tage berechnet. Man will täglich 800 Kilometer fahren. Die wissenschaftliche Aufgabe ist in erster Linie die Erforschung deS Passates, dann die Erprobung verkchrstcchnischer Möglichkeiten. Alt hält es für keine Utopie, von einer künftigen Ueberflioguttg de» OzcanS in 72 bis 75 Stunden zu sprechen, Humor und Satire. Gnildhall. Herr Präsident von Jagow War jüngst in Engelland— 0 mores 1 Wollt London ausstudieren, Die Stadt am Themsestrand— 0 mores! Doch was sein Ohr dort hörte, Und was sein Blitzblick sah: Es war für stolzen Preußengeist Zuviel— o tempo— tempora——— Und bös verdattert stund Der Präsidente dal Er fand, daß London? Straßen, Nur dienen dem Verkehr— O mores! Dem ganz sich fügt der City Gewalt'ges Schutzmannsheer--» O mores! Doch als Protestlermassen Beim Umzug nichts geschah, Und kein Polismen knüppelte--- O tempo— tempo— tempora——— Wie stund perplex erst jetzt Der Präsidente da! „Was Bulldogg— bleibt ein Bulldogg 1* Stieß er zum Hals' heraus— O mores I Dann nahm er'S Akteumäppchen Und sappelte nachhaus-» Kapores! _ Janue. Notizen. — Berichtigung. In der Aufführung der hl. Elisabeth durch den VolkSchor sang Frau E. Böhm-von Endert die Elisabeth, nicht Frl. König, die bielmehr die Partie der Sophie innehatte. ßMenTemmett gegen ihn. Dafür sollten sich auch die Freunde der Verweisung der Vorlage in einen AuSschusz entscheiden. Will die Versammlung dann später einen Ausschuß einsetzen, ist daS eine Sache für sich. Wir beantragen ausdrücklich die Vertagung. Der Antrag auf Vertagung wird mit großer Mehrheit a n» genommen. Die zur Kenntnisnahme vorgelegte Denkschrift betr. dre Leitsätze für die Bewirtschaftung der Güter und Riesel- felder der Stadt Berlin wird auf Autrag des Stadtv. Lad ewig (R. L.) mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit und die Dringlichkeit der Beratungsgegenstände der geheimen Sitzung lStadtratöwahl) heute nicht mehr in Beratung genommen. Der Verbreiterung der Mühlen strafte durch Festsetzung einer neuen Fluchtlinie auf der Südwestseite zwischen Brommystrafte und Rummelsburger Platz und den, Ankauf der Grundstücke Miihenstr. 59 und 59a wird ohne Debatte zugestimmt. Schluft 8 Uhr._ Die Radboder Katastrophe vor Gericht. Achter Berhandlungstag. Im weiteren Verlauf der Verhandlung erstattete als zweiter Sachverständiger das Vorstandsmitglied des Steigcrverbandcs, Mantel, sein Gutachten. Auf Befragen des Vorsitzenden gibt er an, daß er 20 Jahre praktischer Bergmann gewesen sei, davon zu- letzt 6 Jahre Steiger im Dienste der Gelsenkirchener Bergwerks- Aktiengesellschaft. Der Sachverständige führte aus: Wenn ich mich zunächst zu der Frage äuftern, ob noch Lebende in der Grube waren, als dieselbe zugedeckt wurde, so mutz ich diese Frage vcr- neinen. Durch die vielen Brände in der Grube gelegentlich der Katastrophe bildeten sich giftige Nachschwaden, die bei der engen Ausdehnung der Grube überall hindrangen. Die Bewetterung auf Radbod ist gut gewesen. Die Menge zugeführter guter Lust war ausreichend, aber die Verteilung nicht richtig angeordnet. Bei der großen Förderung auf Radbod ist aber sicherlich unnötig gewesen, so viel Berge zu versetzen, wie Kohlen gofördert wurden. Es sind deshalb natürlich Hohlräume geblieben, die ungünstig auf die Grubenverhältnisse eingewirkt haben müssen. Gegen einen for- eierten Abbau wird man im allgemeinen nichts geltend machen können, denn schließlich wird doch der Kohlenbergbau in erster Linie betrieben, um Kohlen zu fördern. Eine ständige Berieselung ist deshalb notwendig. Allerdings leidet unter einer solchen daL Gebirge. Es kommt deshalb auch vor, daß höhere Beamte den unteren die Anweisung gaben, nicht zu sehr zu rieseln. Daß Revisionen der Aufsichtsbehörde angemeldet werden, kommt öfters vor. Mir selbst ist aus der Praxis ein sehr eklatanter Fall bekannt, in dem nach vorheriger Anmeldung des Besuches die Arbeiter von einem Betriebspunkt mit schlechter Bewetterung an eine andere Betriebsstelle gebracht wurden, damit der revidierende Beamte nicht auf den schlechten Betriebspunkt aufmerksam wurde. Bezüglich der nicht erfolgten Eintragung der Wahrnehmung von Wettern muß ich sagen, daß das nach§ 31 der bergpolizeilichen Vorschriften vorgeschriebene Wetterbuch auch auf Zeche Zollern nicht geführt wurde. Auf die von der Verteidigung aufgeworfene Frage, ob das Gedinge meist den Arbeitern dekretiert wird, muß ich allerdings zugeben, daß dies meistens der Fall ist. Wenn die Arbeiter sich beschweren, wird in der Regel erst darüber verhandelt. Es sind auf Radbod auch Fälle von unberechtigtem Einbehalten des verdienten Lohnes vor- gekommen. In den anderen Punkten schließe ich mich den Ausfüh- rungen des Herrn Werner an.— Vors.: Herr Mantel, hat Ihnen die Verhandlung Anhaltspunkte gegeben, ob die Verwaltung an der Katastrophe eine Schuld trifft?— Sachverst. Mantel: Eine Schuld will ich nicht sagen, aber eine Fuhrlässiakeit. Es ist nicht alles geschehen, was nach den Verhältnissen hätte geschehen müssen. — Vors.: Herr Werner, glauben Sie ein Verschulden der Berwal- tung sehen zu können?— Sachverst. Werner: Im großen und ganzen sind die Verhältnisse auf Radbod nicht schlechter und nicht besser gewesen als anderswo. Hinsichtlich der Behandlung der Beamten durch Herrn Andree waren die Verhältnisse sogar besser als auf anderen Zechen. Aber die Berieselung gab Veranlassung zu den besonderen Mißständen.— Vors.: Meinen Sie, daß die Verwaltung hier ein Vorwurf trifft oder wollen Sie sagen, daß das in den Verhältnissen lag?— Sachverst. Werner: Die Verwaltung hatte die Verpflicktung für eine ordentliche Wasserleitung zu sor- gen.— Vert. R.-Ä. Heine: Wenn man alles zusammennimmt, die schlechte Wasserleitung, die„Pferdeställe", die Wettcrbilduug, den Kohlenstaub usw., kann man dann nicht sagen, daß man nicht mit der Sorgfalt auf die Sicherheitsmaßregeln bedacht gewesen ist, die man unbedingt beobachten mußte?— Sachverst. Werner: Kohlen- staub und Schlagwetter gibt es ja nicht nur auf Radbod, sondern auch auf anderen Gruben, auf denen es noch schlechter ist als auf Radbod.— Direktor Andree: Inwiefern habe ich denn fahrlässig gehandelt?— Sachverst. Werner« Die Leitung genügt nicht. In- wieweit Sie beteiligt sind, Herr Andree, das haben Sie mit sich selbst abzumachen., Als nächster Sachverständiger wird das Vorstandsmitglied des alten Bergarbeiterverbandes, HanSmann- EichlingShofen, ver- nommen. Er gibt an. daß er lZ Jochre lang praktischer Bergmann gewesen sei und all« bergmännischen Arbeiten verrichtet habe. Ex- plosionen. wie sie sich auf Radbod ereigneten, müssen ihre Ursache haben. Ich möchte mich dahin zusammenfassen, daß Miftstände, nicht genügende Kontrolle, Wassermangel, Kohlenstaub, Hohlräume und Wetteransammlungen zu dem Unglück � geführt haben. Die Mißstände haben sich.auf Zeche Radbod zur Gewohnheit ausgewachsen. Zweifellos sind die Schlagwetter- onsammlungen einer der Mißstände, die zu dem Unglück geführt haben. Unter Zugrundelegung der uns hier genannten Zahlen kann man annehmen, daß stch an einem der gefährdeten Betriebs- punkte etwa 1999 Kubikmeter Schlagwetter ansammeln konnten. Wenn das entzündet wird— auf welche Weise das etwa geschehen ist, kann ich natürlich nicht sagen und nicht wissen— dann mußte es eben zu einer solchen Katastrophe kommen. Ich bin bezüglich der Kontrolle der Aufsichtsbehörde der Meinung, daß sie nicht in genügendem Maße ausgeübt worden ist und mit einen Grund für die Katastrophe bildet. An den gofährlichsten Betriebspunkten hat Berginspektor Hallender zugegebenermaßen nie revidiert. Nach dem Bericht des Oberbergamtes sind im allgemeinen im ganzen Ruhr- revier die Gruben jeden zweiten Tag zu befahren. Gefährliche Gruben sollen öfter befahren werden. Herr Hallender hat er- klärt, daß er die Grube Radbod bis zum Unglückstage 89mal revi- diert habe. Es käme dann auf jede Woche eine Revision. Sehr bezeichnend ist, daß ein Steiger nicht einmal ein Wetterbuch kannte und auch nicht wußte, wo das so viel genannte Ventil der Wasser- leitung sich befand. Ich möchte nochmals betonen, daß bezüglich der Radbodkatastrophe eine Fahrlässigkeit vorliegt. Herr Andree wird mich nun ja zweifellos fragen, worin ich diese Fahrlässigkeit erblicke. Ich möchte daher gleich setzt die Antwort darauf geben. Man hat auf beiden Seiten die Pflicht, alles zu tun, lvas im In- teresse des Betriebes liegt. Der Arbeiter soll Kohlen liefern, dafür muß die Zechenverwaltung das erforderliche Material an Holz, Licht, Luft, Wasser und Bergen liefern. Geschieht das nicht, so wird das Leben der Arbeiter gefährdet. Deshalb sage ich, die Ver- waltung hat fahrlässig gehandelt. Ich kann auch erklären, daß das, was der Angeklagte Wagner in seinem Artikel gesagt hat, nicht zu viel gesagt war. Als nächster Gutachter wird dann Berginspektor Hollen- der, Bergrevierbeamter in Hamm, vernommen. Die Wasserleitung in Radbod muß insofern nachsichtig beurteilt werden, als die Tiefe der Zeche außerordentlich groß war. Die Leistungsfähigkeit der Leitung ist aber mehr als' ausreichend gewesen. Die Abstellung des Ventils ist allerdings auf eine mangelhafte Instruktion seitens des verantwortlichen Beamten, des Verstorbenen Schichtsteigerö Scheuch zurückzuführen. Richtiger und besser wäre es wohl ge- Wesen, das Ventil über Tage anzubringen. Ich glaube nicht, daß Herrn Andree hinsichtlich i>er Wetterführung irgendein Borwuxf gemacht werden kann. Vielmehr dürfte in dieser Beziehung alles Erforderliche geschehen sein. Die zugeführte Luft hat alle Ve» triebspunkte erreicht. Die Wetterführung war reichlich. Ein for- meller Vorwurf kann allerdings den Betriebsleitern und Steigern insofern gemacht werden, als sie das nach§ 31 der bergpolizeilichen Vorschriften vorgeschriebene Wetterbuch nicht geführt haben. Ein Betriebsführer, der so viele Steiger unter sich hat, ist aber Physisch gar nicht in der Lage, die Eintragungen selbst zu machen. Durch diese Ucbertretung ist jedoch ein Schaden nicht entstanden. Den Standpunkt des Herrn Hans mann bezüglich der Art der Ex- plosion teile ich nicht. Ich stehe vielmehr auf dem Standpunkt, daß es sich beim Unglück nicht um eine Kohlenstaubexplosion ge- handelt hat. Gerade dieser Frage hatte ich meine besondere Auf- merksamteit geschenkt. Für die Explosion kann überhaupt niemand verantwortlich gemacht werden von denen, die am Schacht beschäf- tigt waren. Von irgendwelchem menschlichen Verschulden kann nicht die Rede sein. Die Ursache der Explosion muß allerdings eine Lampe gewesen sein, womit ich jedoch nicht sagen will, daß ein schuldhaftes Verhalten in Frage kommt. Es ist möglich, dag durch einen Zufall einem Mann die Beschädigung seiner Lampe verborgen geblieben ist. Nach meiner Auffassung kann es sich auf Radbod nur um eine reine Schlagwetterexplosion handeln. Dafür spricht auch der Umstand, daß der Schwaden, der am Morgen des Unglückstages dem Kamin entströmte, weißer Wasserdamvs war. Auch auf der 2. Svhle habe ich dieselbe Beobachtung gemacht. Der von einer Kohlenstaubexplosion herrührende Schwaden ist stets dunkel. H a n s m a n n hat der Bergbehörde den Vorwurf gemacht, daß die Kontrollo der Grube durch die Aufsichtsbeamten nicht genüge und daß dies in Zusammenhang mit dem Unglück stehe. � Die Bergbehörde hier hereinzuziehen sei Unverstand. Einen schärferen Aus- druck möchte ich nicht gebrauck?en. Die Kontroll« auf Radbod ist sehr scharf gewesen. Ich bin mir voll bewußt, daß wir bei den Rettungsarbeiten voll unsere Pflicht getan haben. Sachverst. Hansmann weist die Bemerkung zurück, daß nur aus Unverstand der Aufsichtsbehörde wegen mangelnder Kontrolle ein Vorwurf gemacht werden könne. Herr Hallender habe eine der gefährlichsten Stellen nicht befahren. Als letzter Sachverständiger wurde Oberbergrat Ka lt h e u- ner vom Oberbergamt Dortmund vernommen. Er äußert sich zunächst über die Bestimmungen des Allgemeinen Berggesetzes hin- sichtlich der Verantwortlichkeit für die Sicherheit der Gruben. Erst seit dem vorigen Jahre ist die Verantwortlichkeit des Bergwerk- besitzerS gesetzlich geregelt. Dieses Nachtragsgesetz bestand zur Zeit der Radbodkatastrophe noch nicht. Anders steht es allerdings mit der moralischen Verantwortung, die damals genau so geregelt war wie heute. Verantwortlich würden die Herren dann sein, wenn sie es an der erforderlichen Sorgfalt hätten fehlen lassen. Man kann da einen Vergleich ziehen zwischen einer ordnungsmäßigen Zeche im rheinisch-wcftfälischen Gebiet und den Verhältnissen auf Radbod. Unregelmäßigkeiten kommen in jeder Zeche genau so wie in jedem anderen Betriebe vor. Es konxmt daraus an, ob auf Radbod außergowöhnliche Mißstände bestanden. Bezüglich der Be- rieselung schließe ich mich den Ausführungen des Herrn Hol- l e n d e r an. Ich bin der Ansicht, daß die Wasserleitung den Be- dürfniffen entsprochen hat. Aber es dürfte wohl an einigen Einzel- heitcn gefehlt haben. In dieser Beziehung trifft aber die Zechen- Verwaltung kein Vorwurf. Bezüglich der Gefährlichkeit der Hohl- räume muß ich sagen, daß allerdings solche Hohlräume zu ver- meiden sind. Aber es ist nicht festgestellt, daß man es hier an der nötigen Sorgfalt hätte fehlen lassen. Bezüglich der Eintragung der Wetter in das Wetterbuch liegt zweifellos ein totaler Verstoß gegen die berlpolizeilichcn Bestimmungen vor. Wenn es richtig ist, daß hinter einem Wetterverschlage gearbeitet wurde, halte ich das .für verfehlt. Ich halte es nicht für zulässig, längere Zeit hinter einem Verschlag arbeiten zu lassen. Herr HanSmann hat dann gesagt, daß die Be�dchörde nicht dahin komme, wo es gefährlich sei. Da stehe ich auMinem abweichenden Standpunkt. Man kann von der Bergbehörde nicht verlangen, daß sie innerhalb zweier Mo- nate sämtliche Betriebspunkte einer Zeche befahren kann. Ich habe einige Mängel vorgetragen. Aber sie treffen nicht Herrn Direktor Andre«. Wenn ich die Frage beantworten soll, ob die Zechen- Verwaltung eine Schuld trifft an dem großen Unglück, so muß ich sagen, in dieser Beziehung sind keinerlei Beweise erbracht. Man kennt die Ursache des Unglücks nicht und soll sich deshalb auch hüten, irgend jemand eine Schuld beizumessen. Hievaus ergreift Staatsanwaltschaftsrat Hartmann das Wort zur Begründung der Anklage. Er geht die Beweisaufnahme durch und kommt zum Schluß, daß das inkriminierte Gespräch nicht stattgefunden hat. Insbesondere habe auch die Verhandlung er- geben, daß Direktor Andree seine volle Pslicht und Schuldigkeit getan hat. Dem Angeklagten müsse der Schutz des§ 193 zuge- billigt werden, aber es müsse auch beachtet werden, daß die gegen Direktor Andree erhobene Beleidigung sehr schwerer Natur sei. Wenn auch die Staatsanwaltschajt Revision eingelegt hätte, würde er eine höhere Strafe beantragen. Da das nicht möglich sei. bean- trage er die alte Strafe von dreihundert Mark Geld» st r a f e und den üblichen Ncbenstrafen. Nach kurzen Ausführungen des Nebenklägers Andree, der sich vorwiegend mit den technischen Fragen beschäftigte, die in den Gutachten gestreist waren, vertritt der Nnwalt des Nebenklägers' Dr. Köttgen in eingehender Weise die Anklage. Es sei von den Zeugen, die der Angeklagte gestellt hat, zweifellos bei der Be- sprechung der Miftstände bedeutend übertrieben worden, wenn sie auch das Gefühl hatten, die Wahrheit zu sprechen. Die sortge- setzten Debatten über Radbod in den letzten zwei Jahren mögen die Zeugen in ihrer Ansicht bestärtt haben. DaS inkriminierte Gespräch ist in keiner Weise erwiesen worden. Merkwürdig sei, daß. wenn die Mißstände auf Radbod so groß gewesen wären, wie Zeuge Thomas und andere Zeugen behaupten. � daß sie dann über ihre Entlassung von Radbckd so entrüstet seien. Der Ver- treter dcS Nebenklägers schließt sich dem Antrag deS Staatsanwalts an» da eine andere Strafe nicht möglich sei. Die Weiterverhandlung wird auf morgen(Freitag) vertagt. Die Drandkatastrophe in der Mäscheftbrik Arndt vor dem Fflnun der GefftiiMkelt. Am Mittwoch fand im„S ch w e k z e r. G a r t e n" eine öffent- liche Versammlung statt, in der daS entsetzliche Brandunglück in der Wäschefabrik von D. Arndt, bei dem sieben Arbeiterinnen einen grauenhaften Tod fanden, einer eingehenden Besprechung unterzogen wurde. Die Versammlung, die der Verband der Schneider und Wäscheavbeiter einberufen hatte, war überaus stark besucht, so daß in dem großen Saale noch viele Besucher stehen mußten. Daß Frauen und Mädchen die Mehrheit bildeten, konnte bei der Art der Branche und nicht minder infolge des UmstandcS, daß gerade sieben arme Wäschearbeiterinnen dem grausigen Un- glück zum Opfer gefallen waren, nicht verwunderlich sein. So hatte denn auch der Referent W. E u e ein aufmerksames Audi- torium, als er auf das schreckliche Ereignis einging und eine er- schöpfende Tarstellung von dem betreffenden Betriebe gab. Mit gründlicher Sachkenntnis unterzog der Redner die Verhältnisse. die dort vor dem Brande herrschten, einer erbarmungslosen Kritik und zeigte, wie kapitalistische«Sorglosigkeit solche Ereignisse ermög» lichen, ja geradezu begünstigen. Nach dem Bilde, das der Redner entwarf und das er durch Beweise und Tatsachen wirksam unter- stützte, unterliegt es keinem Zweifel, daß in dem unglückseligen Betriebe in geradezu sträflicher Weise gesündig worden ist. Es liegt klar auf der Hand, daß auch nicht die primi- tivstcn Maßregeln getroffen waren, um einem solchen Un- glück vorzubeugen oder bei vollendeter Tatsache Menschen- leben zu retten. Die vorhandenen Ausgänge waren nicht zu öffnen oder teilweise verstellt. Wie die Firma behauptete, hätte sich das Personal noch retten können, wen» es die richtigen Wege eingeschlagen hätte. DaS sei ganz schön gesagt, in Wirklichkeit habe die Firma ihr Personal niemals instruiert, w o es im Not- falle sich hinwenden müsse. Die Firma oder ihre verantwortlichen Vertreter hätten die nötige Information unterlassen; deshalb treffe sie auch der schwere Vorwurf, mitschuldig zu sein an dem tragischen Ausgang dieses Unglücks. Er, Redner, könne nicht, wie die Firma es versucht, dem Personal die Schuld ausbürden. ES werde auch gesagt, die Arbeiterinnen hätten ihre Plätze sofort ver- lassen sollen. Wer jedoch die strenge Handhabung der Haus- ordnung, den steten Antrieb zur Arbeit, sei es durch die Borge- setzten wie durch die Geißel der Akkordarbeit in solchen Fabriken kenne, der wisse, daß dies besser gesagt als getan sei. Obendrein lvar in jener Woche ein Feiertag gewesen, Freitag war es auch schon, alles erklärliche Gründe dafür, daß die Arbeiterinnen in fieberhafter Eile tätig waren. Daß die Arbeiterinnen in der Hast versuchten, sich noch anzuziehen, sei auch nicht verwunderlich, wenn man bedenke, daß sie die Gefahr nicht in ihrer ganzen wq ud gsipiu uojaaqup uoqorgnß agjz■uajuuoj ualpUsqn oasmpT Tatsache, daß die Ausgänge teils verschlossen, teils verstellt öder den Arbeiterinnen überhaupt nicht bekannt waren. Die Firma habe ja den Hinterbliebenen je 199 Mark gegeben, im übrigen sie auf ihre Rechte an die Kranken- Sterbelasse usw. und auch auf den Fonds der Polizei für besondere Unglücksfälle verwiesen. Alle von dem Unglück Betroffenen sollten ihre Ansprüche gemeinsam geltend machen, nicht aber sich an Winkelkonsulenten wenden, wie dies schon zu verzeichnen sei, sondern an die Arbeiterinstitutionen, die ihre Rechte wirksam ver- treten würden. Für das vom Brande vernichtete Eigentum des Personals aufzukommen habe sich die Firma geweigert und die Arbeiterinnen damit getröstet, sie seien ja wohl zu Hause ver- sichert, dann komme ja die Versicherungsgesellschas! für den Schaden auf. Das stimme jedoch nicht und eine Gesellschaft � habe den Schadenersatz schon abgelehnt. Nun sei es aber bekannt geworden, daß die Firma nachträglich an einzelne bis zirka 49 Mark ver- güict höbe. Es sei den anderen nur zu raten, ein Verzeichnis auf- zustellen und dies der Firma einzureichen. Bittere Worte fand der Redner aber auch für die dort Beschäftigten, die ihre orzani- sierten Kollegen nie unterstützt hätten, wenn diese bestehende Hebel- stände beseitigen wollten. Run hätten sie die Folge ihres törichten Verhaltens. Jedoch nicht nur bei der Firma Arndt habe eS� mit den Sicherheitsmaßnahmen so schlecht gestanden, nein, fast überall herrschten dieselben oder noch weit schlimmere Zustände. Bei einer Firma wurde anläßlich des Unglücks versucht, die Notausgänge zu benutzen. Die erste Tür ging wohl auf, aber die anderen waren nicht zu öffnen, kein Schlüssel schloß. Auf der Treppe lagen die Abfälle fußhoch. An einer Stelle wären die Arbeiterinnen, wie es sich zeigte, bei einem Unglück, wie in einer Mausefalle gefangen. Wo anders war der Notausgang mit einem Regal verstellt, das mehrere Männer nur unter großer Mühe wegrücken konnten. Auch lagen Heizungsrohre davor. In einer Fabrik müßte das Personal erst durch das Kontor und die Lagerräume, und die Plätterei in die Waschküche, bis sie eine Türe fänden, die übrigens verschlossen ist, der Schlüssel liegt im— Kontor! Als» die Leute jetzt reklamierten wurden sie angefahren:„WaS geht das Euch an?"— An anderer Stelle tragen die Beauftragten die Schlüssel zu den Nottüren in der— Tasche mit herum. Bei einer Firma ist Revision. Ein Mädchen bringt schnell, ehe der Besuch kommt, den Schlüssel. Kaum ist dieser weg. holt das Mädchen den Schlüssel wieder fort. Eine Firma hatte den Notausgang mit Brettern vernagelt(I), auf Gebot der Polizei diese entfernt, aber die Türe ist auch jetzt nicht zu öffnen. So sehe es überall aus. Die Behörde sehe selten etwas. Jetzt sei es etwas schärfer mit der Kontrolle und nach einigen Wochen ist jedoch der alte Schlendrian wieder da, wenn die Arbeiter nicht selbst auf» passen. Auf die Polizei und die Unternehmer könnten sie sich nicht verlassen. Wenn ein Schutzmann käme, werde er freundlich im Kontor empfangen. Tann kommt auch der Leutnant und der Inhaber oder Prokurist begleitet ihn und alles ist gut und schön. Kein Arbeiter kann an den Beamten heran, wenn er nicht seine Entlassung riskieren will. Redner teilt ein für die heutigen Be« triebs-Revisionen geradezu zerschmetterndes Material von Bei- spielen und Tatsachen mit. die beweisen, daß hier eine grunb- stürzende Aenderung eintreten muß. Selber müßten aber die Arbeiter kämpfen und eintreten für ihre Sache, organisieren, zu- sammenschließen, um selber ihres Glücke» Schmied zu sein (Stürmischer Beifall). In der Diskussion hielt Waldek Manasse an die An- wesenden noch eine wirkungsvolle Ansprache und Genossin Schu lte-Rixdorf feuerte besonders die Frauen zu tätiger Mit- Wirkung an. Nachdem noch T r i n s auf den Streik in Bielefeld hingewiesen und die Anwesenden ermahnt hatte, auf Streikarbeit zu achten, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen:- .Die heute, am 27. 19. 1919, im„Schweizergarten' tagende Versammlung der Berliner Wäschearbeiter und-Arbeiterinnen spricht tief ergriffen den Hinterbliebenen der unglücklichen sieben Opfer der Brandkatastrophe in der Fabrik Arndt das herzlichste Veikeid aus. Sie verurteilt in Empörung die Unterlassung der elementarsten Vorsichtsmaßregeln gegen die Feuersgefahr seitens deS Betriebsinhabers. Sie verurteilt ferner die Lässigkeit der revidierenden Behörden. Die Versammelten erklären, daß daS- selbe Unglück in seinen schrecklichen Folgen in jeder andere» Wäsckiefabrik Berlins hätte eintreten können. In der Erkenntnis, daß eine kräftige Organisation der Arbeiterschaft die beste und wirksamst« Aufsichtsbehörde gegen die Unterlassungssünden der Unternehmer darstellt, verpflichten sich alle Versammelten, soweit es noch nicht geschehen, für den Ausbau des Verbandes der Schneider und Wäschearbeiter mit aller Kraft Sorge zu tragen. Soziales* Kinderansbentung in der Landwirtschaft. Wiederholt ist selbst von verständigen bürgerlichen Sozial- Politikern aus die Schädlichkeit deS Hütewesens der Kinder aus dem Lande hingewiesen und wenigstens allmähliche Ein- schränkung desselben verlangt worden. Endlich hat sich nun auch die Regierung dazu aufgeschwungen. Stellung dazu zu nehnien. In einer längeren Zuschrift hat sie den«landwirtschast- lichen Zentralverein zu Gumbinneu davon zu überzeugen ver- sucht, daß die Benvendung schulpflichtiger Knaben zum Hüten des Viehes für diese sehr häufig mit großen Nachteilen und Schäden für ihre geistige Entwickelung und für ihre sittliche Bildungverbunden sei. Sie wünschte Stellungnahme zu der Frage, da sie die Absicht hat, nach Möglichkeit die Ausstellung von Hütescheinen einzuschränken. Der Zentralverein hat diese Angelegenheit den Kreisvereinen unterbreitet. Einer dieser Vereine hat sich bereits mit dieser Sache befaßt und folgenden Beschluß gefaßt: „Die bestehenden ländlichen Verhältnisse bedingen die weitere Verwendung' von Hütejungen in den landwirtschaftlichen Betrieben in derbisherigenWeise auf unabsehbare Zeit. Auch erscheint die Erteilung der Hüteerlaubnis im Interesse der Arbeiterfamilien mit zahl- reichen Kindern geboten." Aehnlich wie dieser, werden auch die übrigen Interessen- Vertreter der Junker entscheiden. Und die Regierung wird es nicht wagen, gegen den Willen dieser Machthaber die ländlichen Proletarierkinder vor der Ausbeutung derselben zu schütze». Die schulpflichtigen Kinder und alten Greise bleiben nach wie vor der Profitsucht der Agrarier ausgeliefert. Jüngst hat sich die von den Junkern gefesselte Regierung gegen die Heranziehung der Volksschullehrer zum Amt eines Schöffen und Geschworenen erklärt, weil die Kinder sonst des geistigen Brotes entbehren müßten. Dieselbe Regierung stellt Hütescheine aus, auf Grund deren die Kinder dem Unterricht ferngehalten werden und gestattet, daß auf Wunsch des Groß- grundbesitzerS allgemeine Schulferien eintreten. während welcher b'e kleinen Kinder zum Nutzen des Großgrundbesitzers sich abrackern müssen. Vor 8 Jahren ist vom Reichstage eine Enquete über die Beschäftigung schulpflichtiger ltinder in der Landwirtschaft verlaugt. Wann wird diese endlich erscheinen und wann endlich wird das von der sozialdemokratischen Fraktion seit Jahrzehnten verlangte gesetzliche Verbot der Ausbeutung der Kinder im landwirtschaftlichen Gewerbe er- gehen?_ Die städtischen Gaswerke vor dem Gcwerbegericht. Eine winzig kleine Ursache, nämlich 16 Pf., führte gestern die Verwaltung der Gaswerke der Stadt Berlin als Verklagte vor das Gewerbegcricht. Der Klempner B. war in Verfolg eines Streites mit dem ihm vorgesetzten Meisler über die letzte Lohnabrechnung nach mehr alS einjähriger Veschäfti- gnug entlassen worden, bevor die ihm im Akkordlohn über- tragenen Arbeiten fertiggestellt waren. Er verlangte deshalb Aus« Zahlung der für die Arbeit festgesetzten gesamten Lohnsumme von 8S,ö0 M. Die verklagte Verwalmug stützt ihren Antrag auf Klage- abweisung mil dem Einwand, der Kläger habe den Meister beleidigt. Die Verhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Der Kläger. der hanplsächlich gegen Akkordlohn beschäftigt war, hatte auch hin und wieder Arbeiten im Zeitlohn auszuführen. Hierfür wurde er mit 53 Pf. pro Stunde entlohnt. Auch in der letzten Woche hatte er vier Stunden lang im Zeitlohn gearbeitet, für die ihm nur 51 Pf. pro Stunde berechnet wurden. Das beruhte auf einer Vereinbarung, die im Arbeitcransschntz, der ans Vertretern der Verwaltung und der Arbeiter besteh», getroffen wurde. Danach sollten für im Zeitlohn aiiszuführenbe Arbeiten, wenn sie weniger wie»cun Stunden in Anspruch nehmen, 51 Pf., und wenn sie länger als neun Stunden danern. 56 Pf. pro Stunde an Lohn gezahlt werden. Nur bei schweren� anstrengenderen Arbeiten darf der Meister 58 Pf. pro Stunde nach Rücksprache mit dem nächsten Vorgesetzten berechnen. Da die Klempner keine Vertretung im Ausschutz haben, ist dein Kläger diese vom Ausschntz festgesetzte Vorschrift nicht bekannt gewesen. Er glaubte vielmehr, datz ihm der Meister den Lohn willlürlich gekürzt habe. Er wandte sich deshalb sofort an diesen und verlangte die Nichtigstellung der vermeintlich falschen Lohnbcrcchuung. Dabei war der Kläger in grvtze Erregung ge- kommen, so datz diese Auseinandersetzung recht lebhaft wurde. Er machte dem Meister Parteilichkeit und Schikane zum Vorwurf und sagte ihm nach, datz er nach Gunst handle. Hierin erblickte die Ver- waltmig die grobe Beleidigung des Meisters, die sie zur fristlosen Entlastung berechtige. Das Ge Werbegericht unter Vorsitz deS Magistrats« assesiors Schultz gab nach eingehender Beratung dem Klageautrage statt., Es habe unter Berücksichtigung des Bildungsgrades der Arbeiter in den Aeutzerungen des Klägers, die an sich nicht zu billigen seien, eine gröbliche Beleidigung— nur eine solche berechtigt nach dem Gesetz zur fristlosen Entlastung— nicht erblicken können. Auch die Bestimmungen dcS§ 8 Absatz 3 der Arbeitsordnung, auf die stch die beklagte Verwaltung noch berief, konnten die Entlastung nicht rechtfertigen, denn diese Vorschriften seien z« kautschukartig und besagen nichts Bestimmtes. Gerichts-Zeitung« Beleidigungsklage Dr. Breitschcit». Am Dienstag wurde vor dem Schöffengericht eine Beleidigungs- klage des Schriftstellers Dr. Rudolf Breitscheid gegen den Schrift st ellerFranzPfemfert verhandelt. Den Gegen- stand der Klage bildeten mehrere detaillierte Auslastungen des Be- klagten, die darin gipfelten. Kläger habe.böswillige Verleumdungen' verbreitet. Die Verhandlung endete nach mehrstündiger Verhandlung mit der F r e i s p r e ch u n g des Beklagten. In der Begründung wurde ausgeführt, der Beweis der Wahrheit sei zum Teil gelungen, im übrigen habe der Kläger in gutem Glauben und in Wahrnehmung berech- tigter Interessen gehandelt._ Straßenpolizeivorschriften gegen Streikposten. Als Ende Dezember in einer Fabrik in Solingen gestreikt wurde, wollte die Polizei Streikposten nicht mehr auf der Stratze in der Nähe der Fabrik dulden, weil angeblich Arbeitswillige rnid der Fabrikbesitzer belästigt worden seien und der Verkehr gestört worden sei. Eine entsprechende Mitteilung ging dem Streikkomitee zu. Der Gewerkswaftssekretär Napp begab sich au Ort u»d Stelle, um zu sehen, wie die Polizei vorgehe. Der Polizeibeamte Urban wies ihn weg. Rapp folgte aber nicht der Anordnung und wurde dem- nächst wegen Uebertretuug der Oberpräsidial-Polizeiverordiumg vom 23. März 1007 vom Landgericht Elberfeld zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er gegen die Vorschrift sich vergangen habe, wonach den Anordnungen von Polizeibeamten, welche zur Er- Haltung der Sicherheit, Ordnung und Leichtigkeit des Verkehrs auf der öffentlichen Stratze ergehen, unbedingt Folge zu leisten ist. Begründend wurde ausgeführt: In der Nähe der Fabrik habe sich das Streikburcau befunden, wo sich eine Anzahl Streikender und ihnen nahe stehender Personen aufhielten. Wenn sich nun ein Arbeitswilliger genähert habe, so seien die Leute aus dein Lokal gestürzt und hätten die Arbeitswilligen belästigt und Verkehrs- störungen hervorgerufen. In der Nähe standen die Streikposten. Der Beamte Urban habe, als er R. wegivieS, aus eigener Initiative heraus gebändelt, indem er befürchtet habe, durch ein Verweilen au der Stelle könne es wieder zu Ansammlungen und Störungen kommen. Dem habe er vorbeugen wollen. Napp legte Revision ein und machte geltend, datz eine solche Polizeivorschrist doch nur angewendet werden könne, wenn eine Ge fährdniig des Verkehrs in konkretem Falle in greifbare Nähe gerückt sei. Das sei in seinem Falle keineswegs so gewesen. Im Gegen- teil sei der Verkehr nicht im geringsten gestört worden. Das Kanimergericht wies aber dieser Tage die Revision zurück. In den Gründen führte es aus, die Ver- ordnung sei ohne Rechtsirrtuin angewendet worden. Entscheidend sei. datz der Beamte die Anordnung zum Verlassen der Gegend im verkehrspolizeilichen Interesse glaubte erlassen zu müsten. Es sei aber festgestellt, datz er Störungen des Verkehrs befürchtete und ihnen aus eigenem Erniesten entgegentreten wollte. Das genüge, um die Verurteilung zu rechtfertigen. Die Notwendigkeit einer verkehrspolizeilichen Anordnung sei vom Richter nicht zu prüfen. So ist abermals die Polizei für berechtigt erachtet, das reichs- gesetzlich gewährleistete Slreilpostenrccht zu brechen. Es geht doch nichts über die Unabhängigkeit von Richtern, die selbst erklären. ihnen sei das notwendigste Handwerkszeug zur Ausübung ihrer richtenden Befugnis— die Prüfung der Rcchtmätzigkeil des Straf- geieyeS— entzogen. Der Sturmlauf gegen die Unabhängigkeit und Unbeugsamkeit des KammergerichtsraiS Havenstcin, der wegen seiner Gesinnung versetzt wurde, hat also die gewünschte Wirkung der all- mähligen völligen Unterwerfung des Kcrnimergerichts unter die Hoheit deS Schutzmanns erreicht. Wie mau auf die Anklagebank kommen kau». Eine Verhandlung, die gestern vor dem Schöffengericht Berlin- Schönebcrg geführt wurde, ergab im wesentlichen folgenden Tat- bestand: In Steglitz wurde ein Radfahrer S. durch zwei Beamte s i st i e r t, weil er in angewunkenem Zustande auf dem Bürgersteig fuhr. Nach Angabe der Beamten soll er ihnen Widerstand ge- leistet und auch gelärmt haben. Die Art, wie die beiden Beamten, ein Polizeisergeant und ein Nachtlvächter, mit dem Sistierten um- gingen, erregt« lebhaften Protest beim Publikum. Man rief ihnen zu, sie sollten doch den Mann loslassen, wir seien doch nicht in Rutzland. der Mann sei doch kein Stück Vieh. Ein Herr H., ein vollkommen unbescholtener und achtbarer Einwohner von Steglitz hielt das Verhalten der Beamten gegen S. für durchaus unzulässig. Er ersuchte die Beamten, den Mann, der versicherte, er wolle ruhig mitgehen, loszulassen. H. folgte dem Sistierten zur Wache und wollte hier eine B e s ch>v e r d e gegen die Beamten anbringen, die seiner Angabe zufolge den Sistierten an der Kehle gepackt hatten und ihn so über die Stratze schleppten. AIS H. seine Beschwerde vortrug, wurde er von einem der beteiligten Beamten, dem Wächter Ecke, beschuldigt, er habe den Sistierten aus den Händen der Beamten z u befreien vor sucht. Infolge dieser Beschuldigung wurde gegen H. Anklage erhoben. Dasselbe geschah einem anderen unbescholtenen Steglitzer Bürger I., der sich gleichfalls über das Verhalten der Beamten gegen S. beschwert hatte. Auf diese Weise waren aus d e il Herren H. und I., zwei Zeugen zuungunsten deS Verhaltens der Polizeibeamten, Angeklagte geworden, die gemeinsam mit S. auf die Anklagebank kamen. Als Zeugen standen ihucn uuninchr die Polizeibeamten und zwei von diesen ermittelte junge Leute gegenüber. Nach der Aussage dieser Zeugen sollen die Beamten ihre Befugnisse nicht überschritten und den Sistierten nur an den Armen festgehalten haben. Dieser selbst behauptet dagegen, datz ihn die Beamten, obwohl er versicherte, er wolle ruhig mitgehen, anpacktnr und vor die Brust stietzen. Ter Angeklagte H. versichert, S. sei an der Kehle gepackt worden. Er sH.) habe es für seine Pflicht gehalten, die Beamten auf das Unzulässige ihres Verhaltens aufmerksam zu machen. Der Angeklagte I.»»einte— als ihn» der Borsitzende vorhielt, es wäre doch besser, solchem Auslauf in weitem Bogen aus dem Wege zugehen—, in diesem Falle sei es Menschcnpflicht gewesen, gegen die Behmidlung, welche dem Sistierten widerfuhr, zu protestieren. Wie die Beamten behaupten, soll H. dem einen von ihnen an der Pelerine gezogen haben— das einzige Moinent, worallf die Anklage wegen versuchter Befreiung eines Gesangencn aufgebaut wird. Doch in dieser Hinsicht fiel die Beiveisanfnahme so wenig belastend aus, datz selbst der Amts« anmalt die Anklage wegen Gefangeueubefreiung fallen lietz. Dagegen beantragte er, die A n g e k l a g t en H. und I. wegen groben Unfugs mit je 1 0 M a r k und den Angellagtcn S. wegen Widerstandes, groben Unfugs und Be- leidigung mit 6 5 Mar! zu bestrafen. Rechtsanwalt Dr. Kurt R o s e n f e l d, der die An- geklagten H. und I. verteidigte, beantragte deren völlige Frei» s p r e ch u n g. weil gegen sie gar nichts erwiesen sei. Das Gericht verurteilte den Angeklagten S. dem Antrage des AmtSanwaltS gemätz zu 6 5 M a r k. Ter Angeklagte I. wurde völlig freigesprochen, weil gegen ihn nicht» erwiesen worden ist. H. wurde wurde auch von der Anklage der Gesänge n en befrei ung freigesprochen, aber wegen groben Unfugs zu 10 M. verurteilt. Den groben Unfug erblickt das Gericht darin, datz H. nach Angabe der Beamten gesagt habe: Wir sind Steglitzer Bürger und Steuerzahler, wir sind doch nicht in Rutzland. der Mensch ist doch kein Stück Vieh. Zl» solchen Redensarten— sagte der Vorsitzende— sei H. nicht berechtigt ge- wesen, denn die Sistierung sei in üblicher, aber nicht unzulässiger Weise vor sich gegangen. H. wird gegen seine Benirteilmig, Berufung einlegen. Er be- streitet, datz e r die bezeichnete» Worte gebraucht habe und auch wenn er sie gebraucht hätte, stellten fie keinen groben Unfug dar. Oder ist die Ansicht, ein Mensch sei kein Stück Vieh,»grober Unfug'?_ 6lnqeaan/z Uhr: Spandau(Gott- wabd). Start: Schillingstr. 15. 10. Abt.: 12'/., Uhr: Streiszüge durch den Westen. Start: Weberstr.k. Lichtenberg: 1 Uhr: Schöneiche (Daldichiotz). Start: Psavrstr. 74. Donnerstag, den 3. November, Neue Frirdrichstr. 1: V»ni a?! t«i- V! nn ß. Da wichtige Tagesordnung lst Er- scheinen sämtl. Samariter notwendig. Achlnns! Achtnnc! Heute: Gensralvevsammlung in den AndreaS-Festsale», AndreaSsw. 21. Die Versamml. wird pünktl. eröffnet. 12/16 Der Borstand. Vcrltaul nur Im FabrlbirebUndo! I MSie sparen Geld!«: II ÜB© I � Engrospreisen i B T anz- Lehr- Institut JUehavd Keinrieh GewerkscliaHsIiaus, Engelufer 15.; der Möbelfabrik HJaifer�WilliMaafl/ÄSst !.n Tol. A 5157» kaufen. Verkauf nnr im Fabrikceblinde— nnr K ' eigenes fabeikat.— Aul Wunsch Teilzahlung.■ 35— i Permanente Musterziainjer-Aitsstellunjs. 35 ff Sonntag« den 30* Oktober« nachmittags 3 Uhr, ' Dienstags don I. November, abends 8 Uhr, Sonntage den 6. November, nachmittags 3 Uhr, beginnt ein neuer Kursus für Damen und Herren. 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Tag eS-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedene?. E? ist Pflicht, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. Sonntag, den 30. Oktober 1910, vormittags 10 Uhr: Kranchen- Versammlung der Schmiede, Kesselschmiede und auto- genischen Schweitzer im Lokal von Hoffmaim, vorm. Grunoiv. Dragonerstr. 15. 1. Vortrag des Genossen A, ötöriuer. 2. Diskussion. 3. Branchenangelegcnheiten und Verschiedene?. Zahlreiche? Erscheinen wird erwartet. Sonntag, den 30. Oktober 1910, vormittags O'/s Uhr: Branchen-Versammlung der WrrliZtNgMlichtr sZchuittbaner, Lthrenbllller. Slljneid- zellgmlllljtr, Einnchtkr, Wkrkzengschlriftr) sowit siimtlichkr w Knlhdrncktrrimlislljinknfalittkett beschiistigitn Kolltgen in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58/50. TageS-Ordnung: I. Vortrag über„Darwinismus-. Rcsercnt: Genosse Dr. Dmii» Borchardt. 2. Diskussion. 3. Ersatzwahlen zur AgitattonSkommtssion. 4. Branchenangelegeuheiten und Verschiedenes. ——- Mitgliedsbuch legitimiert!- In Anbetracht der interessanten Tagesordnung wird zahlreiche? und pünktliches Erscheinen erwartet. Moutag, den 31. Oktober 1910: KeÄcks- Versammlungen siir die gesamte Verwaltungsitelle Berlin in folgenden Lokalen: N Ofden' Pbarns-SUle, Milllerstr. 148. abend? 8'/, Uhr. Norden*®bllf,OB Ttrake 83, abend? Horden Frankes Festsille, Badstr. 19, abend? 8'/, Uhr. Tanal• Borslawalder Feststtle Iii Borsigwalde, Span. icyci. dauer Straffe, abends 6 Uhr. Kloäbit* Prao:,ltsttle Word-West, Wiclefsirasfe 84, abend? Westen' nnil Scliöneberg: Osten und Ucbteulierg; Ä'-ÄSlf,. 5'""" Slrnlnn u. Rumnielsburg: Südenbezirke* So,�!!iUd"Wlst' Waldemarsirafte 75, abend? Veißensee: Prälaten, Lehderstr. 188, abend? 6 Uhr. RiXdOff: Hoppes Festsaie, Hermaonstr. 40, abend? 8'/, Uhr Cborlottenburtf! volkshnns, Rostnenstr. 3, abend? 8'/, Uhr StetfiÜZ* l,-c,taucant �chcllhaeie, Zlhorustrasie 15s, abend? Köpenick u. Friedrielisliagen: � �n'. T Äm: straffe 44, abend? 3'/, Uhr. Spandau Dohle,„BoltSheim-, Havelstrafte, abend? S'/, Uhr. Ober-Scliöneweide!" u" �mfue" l»>/, uhr. Tagesordnung: 1. Bericht von der letzten Generalversammlung. 8. Die bevorstehenden Getverbegerichtswahlen. S. Stellungnahme z« der am 80. November stattfindenden Generaldersammlnng. Rescrenten sür die bevorstehenden Gewerbegerichtswahle» sind die Genossen: Bebrend, Bruckner, Hartmann, Handke, Karsten, Kiiuk, Bitter, Thnrow, Werner, Wttcke, Zernicke, Zclske. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet 124/7 _ Die Ortsverwaltung. "iverantwortl. Ncdakteur: Carl Mermuth, Berlin-Rixdors. Für den Bureau: Engelufer lö, 3 Tr., Zimmer 51/52. Zsveigvereln Berlin and Umgegend. Telephon: Amt IV, 4093. Sonntag, 30. Oktober, vormittags 10 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Eiigclufer lö, Saal 1: Lvnvnsk-Vvi'SsmmIunN. 20/18* Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom 3. Quartal 1910 und Bericht der Revisoren. 2. Diskussion. 3. Verbands- angelegenheiten und Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Einlaß. Vollzähliges Erscheinen der Kollegen erwartet Dxi" Zweigvereinsvorstand, I» lb Verwaltung Berlin.- Heute Freitag, abdS. Uhr, im GcwcrkschaftShause, Engclufer 14/15, Saal 4(ArbritSlosensaal): Sitzung den Ortsvea�waStung. JSasehinenarbeiter. Montag, den 31. Oktober 1010, abends 8 Uhr: Kranchen Ziersammiung in den„Androas-Festsülen", AndreaSstr. 21. Tages-Ordnung: Die Neuregelung unserer Arbeitsvermittelung. Wahl der Obleute. Verbands- und Branchenangclegenheilen. IWB. Diejenigen Kollegen, welche noch kein« Sobnlistcn ausgefüllt und abgegeben haben, werden ersucht, dies schnellstens zu besorgen. 92/19 Die Braaebenkonnnlsslon. 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Diele wende sich dagegen, datz in seinem Gutachten die „Wahrheit" als ein Organ der Mittelstands-Vereinignng bezeichnet worden sei. Tatsächlich habe er nur von einer Mittelstands-„Gruppe" gesprochen und dabei den Mittelstands-Bund im Auge gehabt.— Sugcfl. W i l h. B r u h n: Die„Wahrheit" war allerdings nicht Organ der Mittelstands-Vereinigung, aber der zweite Vorsitzende dieier Vereinigung hat verschiedene Artikel für die„Wahrheit" ge- schrieben. Der nächste Zeuge ist der Zeitungsverleger Traube. — Vors.: Sie sollen einmal mit dem Zeugen Biermann einen Lorfall gehabt haben. Woher kannten Sie den Viermann?— Zeuge: Biermann war früher bei Werlheim angestellt. Ich selbst lernte ihn in einer AbenSgesellschaft kennen.— Vors.: Biermann soll sich nun eines Tages an Sie gewendet habe» und Ihnen etwas über einen Artikel in der„Wahrheit" erzählt hoben?— Zeuge: Jawohl, Biermann sagte eines Tages zu mir, er wisse, dast ich in Beziehung zu den Brüdern Wertheim stehe und fragte mich, ob ich diesen nicht einen grosten Dienst erweisen wolle. Biermann sagte mir, dast Bruhn in seinen. Lokal „Monaco" in der Jerusalemer Straste verkehre und er mir Bruhn befreundet sei. Tiefer habe ihm erzähl«, dast ein neuer Artikel gegen Wertheim„in Arbeit" sei. 8—14 Tage später oder vielleicht noch später, stand dann tatsächlich ein Artikel gegen Wertheim in der „Wahrheit".— Vors.: Ter Angeklagte Bruhn sagt, Biermann hätte gar keine Veranlassung gehabt, sich an Sie zu wenden, sondern hätte sich selbst an Werlheim gewandt, bei dem er selbst beschäftigt gewesen war.— Zeuge: Biermann stand damals sehr schlecht mir Wertheim, er war von diesem entlassen worden und lvie ich glaube später auch bestrast worden.— Vors.: Der Angeklagte Bruhn be- zweifelt Ihre Glaubwürdigkeit. Sie sollen eines Tages versucht hoben, eiiiln Artikel in die Presie zu lancieren und als Ihnen dies nicht gelaug, den Artikel mit dem Stempel„Deutsche Konfektion" an die„Wahrheit" geschickt haben, um den Eindruck zu erwecken, als habe der Artikel schon in der„Dlsch. Konfektion" gestanden.— Zeuge Ich bin Verleger der„Deutschen Konfektion" und führte damals einen scharfen Kampf gegen die in KonfcktionSkreisen eingerissene Spielwut. welche schon zu verschiedenen Selbstmorden und Benachteiligungen von Gläubigern geführt hatte. Ein Artikel hierüber wurde von mir erst nieinem Rechtsvertreter Justizrat Kleinholz vorgelegt, der mir aus juridischen Gründen von einer Aufnahme in der„Tisch. Kons." abriet. Ich kann hier unter Eid erklären, dast derselbe Artikel dann ohne mein Zutun an die„Wahrheit" gelangt ist. Ob er mir ge- stöhlen i st, meist ich nicht. Darauf kam dann in der„Wahr- heit" ein Angriffsartikel gegen mich.— Staatsanw. Lei so ring: Ist Ihnen bekannt, dast man die„Wahrheit" durch Inserate zum Schweige» bringen kann?— Zeuge: Das ist Gefühlssache.— Angelt. W. B r u h n: Ist der Zeuge, indem er von Diebstahl sprach, etwa der Ansicht, dast wir in unfairer Weise bei Aufnahme des Artikels gehandelt haben?— Zeuge: Nein.— Auf Vorhalt des Angekl. Bruhn erklärt der Zeuge, dast Biermann, der früher bei Wertheim angestellt und einlassen war, ihm einen Artikel für die „Deutsche Konfektion" geliefert habe, der innere Verhältnisse des Hauses Wertheim besprach. Darauthin halte Herr Wertheim eine einstweilige Verfügung gegen den Zeugen erlassen, die jedoch später zurückgenonimen wurde.— Angekl. Bruhn bittet zu beachten, dast hier ein Verleger eines grosten Fachblattcs einen Hieb gegen ein Warenhaus geführt hat/ er selbst aber auS gleichen Gründen hier angeklagt werde.— Der Zeuge bestreitet, dast es sich um eine» „Hieb" gegen Wertheim gehandelt habe. Es folgt die Vernehmuilg des Bankiers Karl Sieckmeyer. Vors.: Gegen Sie sind ja wohl Angriffe erfolgt und zwar znnächst in der„Grosten Glocke". Haben Sie Schritte dagegen uuternommen?— Zeuge: Ja, ich habe mit mehreren Rechts- anwällen gesprochen, diese haben mir aber von einer Klage abgeraten, da dabei nichts herauskomme.— Vors.: Dann erschienen Anariffe in der„Wahrheit". Von wem rührten diese wohl her?— Zeuge: Doch wohl von Dietrich. Dieser forderte einmal von mir brieflich LOV M. gegen Zurücknahme von Kuxen. Ich lieh den Brief unbeachtet und dann erfolgten dir Angriffe. — Vors.: Wir wollen auf die Entstehung der Kuxe etwas näher eingehen. Dietrich sagt, er habe damals Geld gebraucht und sich an einen Oberleutnant um ein Darlehn gewandt. Dieser habe gesagt. bar Geld habe er nickt, er lönne ihm aber Kuxe überlassen.— Der Zeuge bekundet ans Befragen, dast dies Kuxe„Hoffnungsstern" gewesen seien, die er von dem Rechtsanwalt Karlhaus, Mitbegründer einer Gewerkschaft in Braunschweig, erhalten habe. Das Terrain, auf welchem nach Oel gebohrt wurde, sei 500—800 Morgen groh und die Kuxe haben ihren Wert gehabt.— Vors.: Dietrich hat die Kuxe aber gar nicht verwerten können, er ist gewissern, asten damit hausieren gegangen.— Zeuge: Es gibt ja Tauscnde von Werte», die an der Börse nicht eingeführt sind.— Vors,: Ist nicht wegen der Kuxe ein Strafverfahren eingeleitet worden?— Zeuge: Jawohl, es wurden alle möglichen Slänkereien versucht; das Ver- fahre» ist aber eingestellt worden.— Vors.: Haben die Kuxe nicht auck eine Rolle in dein Prozest Arndt und Genossen gespielt. Da kam einer Ihrer Angestellten in Frage. Sie bezeichnen sich immer als Bankier. Sind Sie Bankier?— Zeuge: Jawohl. Ich habe ein Baiikgeschäft in Herne und eine Filiale in der Lictzenburger Straste.— Vors.: Sind bei Ihnen Schritte unternommen worden. um von Ihnen Inserate zu erlangen?— Zeuge: Ja. Ein gewisser Gröuigcr und ein gewisser Schapira haben uns nahe gelegt, dast solche Artikel vermieden werden können, wenn ein Geldopfer gebracht wird. Man sagte mir: „Geben Sie ein paar„Blaue" hin, dann ist die Sache erledigt." Ich habe es aber abgelehnt.— Vors.: Sind nicht»och nähere Rndeuliingen gemacht worden?— Z e» g e: Scvapira und Gröniger sagten eines Tages zu mir: ich sollte 300 M. in ei» Cafö bringen, wohin auch die beiden Bruhn kommen würden. Inzwischen ivar aber die Dahiel-Sache auigerührl worden und es ist nichts weiter aus dem Casöbesuch geworden. Ich wäre so wie so nickt dingegaugen. Ich must mich hier noch dagegen verwahren, dast hier gesagt worden ist. ick sei bei allen Wuchcrprozcsseii der Neuzeit beteiligt.— Angekl. W. Bruhner„Roland von Berlin" und anders Wochen- schristen werden von den Straßenhändlern laut auSgeboten. Hierauf wird die Sitzung auf heute S Uhr venagt. Versammlungen. Zentralverbanb der Schuhinacher. Bei Boeker in der Weber- stratze fand am Mittwoch die Generalversammlung der Filiale Berlin des Schuhmacherverbandes statt. Es wurde der Geschäfts- und Kassenbericht vom 3. Quartal gegeben. Der Kassenbericht, der den Mitgliedern in Vervielfältigung vorlag, schließt für die Zentralkasse mit der Bilanzsumme von 14 978, SO M. ab. Unter den Ausgaben stehen als die größten Posten 4074 M. für Krankenunter» stützung und 2782,80 M. für Arbeitslosenunterstützung, zu der übrigens aus der lokalen Zuschußkasse noch 235,90 M. an Zuschuß gezahlt wurden. An die Hauptkasse des Verbandes wurden 4528,65 Mark eingesandt. Die Abrechnung der Lokalkasse weist die Bilanz» summe von 14054,45 M. auf. Die KapitalSanlage ist im Laufe des Quartals von 7353,40 M. auf 8363,00 M. gestiegen. Die Mit- gliederzahl der Filiale ist von 2504 auf 2686 gestwgen, also um 182.— Der Kassierer B e n d i g gab zu dem Bericht noch eine Reihe mündlicher Ergänzungen und Erläuterungen. Dann be- richtete der Vorsitzende Hamann über die Tätigkeit im ver- flossenen Quartal, die eine sehr umfangreütye war und auch ziem- lich gute Erfolge gebracht hat. In einer Anzahl von Fabriken haben Lohnbewegungen stattgefunden, die teils mit, teils ohne Streik zu Lohnerhöhungen und anderen Verbesserungen im Arbeits- Verhältnisse führten. Eine allgemeine Bewegung haben bekanntlich die Ballschuhmacher durchgeführt, und der Erfolg waren Lohn- erhöhungen von 5 bis 10 Proz. Zur Tarifbewegung der Schuh- machergehilfcn in den Maßgcschäften und Reparaturwerkstätten teilte der Rodner mit, daß die Ortsverwaltung beschlossen hat, zur Verbreitung im nächsten Zahlabend Flugblätter herauszugeben, durch die die Arbeiterschaft aufgefordert wird, nur m solche» Werkstätten arbeiten zu lassen, wo der Minimallohntarif anerkannt und durchgeführt ist. Der Rodner erwähnte ferner, daß die Zu- stände auf dem emseitig geleiteten Arbeitsnachweis des Verbandes der Schuhwarenfabrikanten unhaltbar sind und mü aller Kraft danach gestrebt werden muß, den Nachweis paritätisch zu gestalten. Diese Angelegenheit wurde noch weiter in der Diskussion besprochen. Der Arbeitsvermittler soll 3 oder 4 Arbeitslose nach Stellen schicken. wo nur ein Mann verlangt wird. Ein weiterer, fast unglaublich erscheinender Uebclstand ist, daß den Arbeitsuchenden kein Aufent- haltsraum'zur Verfügung steht, so daß sie sich vorm Hause auf der Straße aufhalten müssen, um die Arbeitsvermittelung abzuwarten. Wie man Arbeitern, namentlich jetzt, wo der Winter hereinbricht, dergleichen zumuten kann, ist unbegreiflich.— Der Vorsitzende machte aus die Wichtigkeit der Beteiligung an den am 13. November stattfindenden Gewerbegerichtswahlcn aufmerksam und gab die nötigen Anweisungen dazu. Hierauf berichtete B e n d i g über den Internationalen Schuhmachcrkongreß, der Ende August in Kopen- Hagen tagte. In der Diskussion über den Bericht sprachen mehrere Redner ihr Mißfallen darüber aus, daß der Kongreß 1000 M. zu den Unkosten der Studienreise nach Amerika bewilligte. ES handle sich hierbei ja doch in der Hauptsache um Gelder deS deutschen Verbandes, und die Reife selbst werde für die Organisation wenig Nutzen bringen. Der Referent, der seinerzeit auf dem Verbandstag gegen jene Reise gestimmt hatte, erklärte, daß er auf dem Jntcr- nationalen Kongreß aus reinen ZweckmäßigkeitSgründen für die Bewilligung der 1000 M. eingetreten fei. Da die Reife nun doch unternommen werden sollte, sei es doch angebracht, nicht den deutschen Verband allein, sondern auch die Internationale zu den Unkosten heranzuziehen. Wasserstani>S°N->chrtckteu der LendeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e l. Tillit Brezel, Jntterbmg Weichsel. 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Tren, Breite Gasse 35/27. Parteisekretär gesucht. Für den Rcichstagswahlkreis Bochum- Gelfenkirchen- Hattingcn-Witten ist infolge Fortgang dcS jetzigen Partei- sekretärs die Stelle neu zu besetzen. Antritt s p ä t e st e n s am t. Januar 1911. Ailstellungs- und Gehaltsverhältnisse nach den Bedingungen des Vereins Arbeiterpresse. Verlangt »vird eine tüchtige Kraft, die mit den Verhältnissen im Ruhr- gebiet vertraut ist und sich bereits in solcher oder ähnlicher Stellung befindet. Bewerbungen mit Angabe der bisherigen Tätigkeit sind bis zum 8. November mit der Aufschrift versehen an den Vorsitzenden WIhelm Herzig in Bochum, Hermannshöhe 7, einzusenden. 292/2 Mietsgesuche. Möbliertes Zimmer(separat) Preis 20 Mark, Nähe Gilichincestraße, sucht Herr. Offerten„IC", Partei- spcdilion, Kirchbachstraße 14.(-69 Suche anständige alleinige Schlaf'. stelle, Nähe Prinzen-, Ritterstraße. Offerten mit Preisangabe unter P. 166, Postamt 68. 15626 Arbeitsmarkt, j Stellengesuche. 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Anlegerin für Bostonpresse ver- langt Albert Labu», Alexandrinen- straße 22,_ 15646 Bergolderinneu verlangt Mehring, Wrang eist ratze 12,__ f 18 Farbigmacheri» verlangt Max Leonhard, Weißensee, Lehderstraße 86. ZeltüngSfrauen josört verlangt Schiffbaucrdamm l. 134/2* Leliruiädchen" im Aster von 14 bis 16 Jahren aus achtbarer Familie gegen monatliche Vergütung sofort gesucht. Meldungen nur in Begleitung der Estern oder deS Vormundes t— 2 Uhr mittags oder 7— S Uhr abends.— A, Jandorj U, Co., Belle-Alliance- stratze�l/2,_ 158551* Arbeiterinnen zum Sortieren von Papicrabsällen, AnsangSlohn 10,00 Mark, steigend bis 15 Mark, verlangt Schlmek, Mühlenstraße 11. Im Arbcitsmartt durch besonderen Druck hervorgehobene Slnzeigen kosten 50 Pf. die Zeile. Einimpostkartoufach praktisch erfahrener junger Mann gesucht, welcher eine'Abteilung selbständig zu leiten versteht,» Offerten unter Chiffre?, 1 an die Expedition des„Vorwärts*. Derantwortl. Redakteur: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Zur de» Lnseratenteilveraotw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW« fit. 253. 27.Zllhrgettelverbreitung im 8. und 9. Wahlbezirk. Das sozialdemokratische Wahlbureau ist im Lokal von Schilling. Laueuburger Str. 20. wochentäglich von 8 bis 10 Uhr abends geöffnet. Alle Anfragen usw. werden hier erledigt. Steglitz-Friedenau. Heute Freitag, abends 3>/z Uhr, findet im „Rheinschlotz- der vierte Vortragsabend statt. Es wird das Thema: „Die Zeitalter der Erdgeschichte mit besonderer Berücksichtigung unseres Gebietes" behandelt. Im Anschluß daran Beantwortung der gestellten Fragen.— Am Mittwoch, den 16. November(Bußtag), nachmittags 6 Uhr. findet die Fritz Reuter-Feier im großen Saale des„Rheinschloß" statt. Die Veranstaltung ist eine g e- s ch l o s s e n e. Offene Tageskasse wird nicht geführt. Wir ersuchen die Wahlvereinsmitglieder die Eintrittskarten vorher von den Bezirks- führern zu entnehmen. Der Bildungsausschuß. Grünau. Am Sonntag, den 30. Oktober, morgens 8 Uhr, wich- tige Flugblatwerbreitung von der Grünen Ecke, Köpenicker Str. 86, aus. Der Vorstand. Schenkendorf bei Königswusterhausen. Am Sonnabend, den 29. d. M.. abends 3 Uhr. findet unsere regelmäßige Mitgliederveo sammlung bei Otto Pätsch statt. Tagesordnung: Die Bedeutung der Konsumgenossenschast für die Arbeiterklasse. Referent: Genosse Störmer. Bericht der Gemeindevertrcter. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Nicder-Schöilhausen-Nordend. Am Sonntag, den 30. Oktober. früh 8 Uhr. findet eine Handzettelverbreitung von den bekannten Stellen aus statt. Die Bezirksleitung. Hcrmsdorf-WaidmannSlust. Sonntag, 30. Oktober, nachm. sVg Uhr, findet im„ForsthauS" ein Vortrag mit Rezitationen über Heinrich Heine statt. Referent: Geuoffe Zimmermaiin-KarlShorst. Die Partei- genoffen werden ersucht, für diese Veranstaltung zu agitieren. Nach dem Vortrage gemütliches Beisammensein. Mühlenbeck(Bezirk Nieder-Schönhausen). Sonntag, den 30. d. M., nachmiltagS 4 Uhr, findet im Lokal von A. Meyer(Buchhorst) die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Muth-Ober- Schöne- weide. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Treffpunkt der Nieder-Schönhausener Genossen um l'/e Uhr bei Schüsseler, Nordend._ Die Bezirksleitung. Berliner JSacbricbten* Aus der Stadtverordnetenversammlung. Der Magistrat hatte gestern Pech- Mehrere der Beschlüsse, die die Stadtverordnetenversammlung faßte, bedeuteten für ihn keine gute Zensur. Seine Vorlage über dieNeuregelungder Micts� etltschädigungen für das Lehrpersonal der Gemeindeschulen kam aus dem Ausschuß heraus, wo es recht lebhaste Auseinandersetzungen mit dem Magistratsver- treter gegeben hatte. Sie wiederholten sich gestern im Plenum und wieder unterlag der Magistrat. Der Ausschuß hatte es für wünschenswert gehalten, daß der Magistrat durch einen an den Oberpräsidenten zu richtenden Antrag die Mög lichkeit einer ausreichenden Erhöhung der � Mietsent schädigungen herbeizuführen suche, und ein dahingehender Beschluß wurde der Versammlung empfohlen. � Stadtrat Hirsekorn, der sogleich nach dem Ausschußberichterstatter das Wort ergriff, erklärte dieses Vorgehen für aussichtslos. Damit nian über den Grund dieses Widerstandes unseres Ma- gistrats nicht ini Zweifel sei, wies der Herr Stadtrat warnend auch auf die Kosten hin. In der Versammlung fand er keine Unterstützung, auch nicht bei Herrn C a s s e l � der sonst für Hinweise auf den Kostenpunkt nicht unenipfänglich zu sein pflegt. Auch wurde dem Magistrat von Herrn Cassel nochmals vorgerückt, daß für diese Vorlage gar nicht erst die Schuldeputation zu Rate gezogen worden ist. Geiwsse Borgniann stellte fest, daß bei dem Ma° gistrat solche Uebergehungen von Verwaltungsdeputationen längst nicht mehr neu sind und nachgerade zur Gewohnheit zu »verden drohen. Dem tadelnden Urteil über die Haltung, die der Magistrat in der Frage der Mietsentschädigung einnimmt, schloß unser Redner sich an. Die Vorlage wurde dann an- genommen, angenommen aber auch der Beschluß, der den Ma- gistrat auffordert, sich» an den Oberpräsidcnten zu wenden. Auch um den Plan derErweiterungderWasser- werke war in dem Ausschuß, der den Magistratsentwurf zu prüfen hatte, hitzig gestritten worden, und auch hier wurde gestern nach der Berichterstattung des Ausschusses der Streit erneuert. In Zusammenl)aug mit diesem Enveiterungsplan steht die Erörterung der Frage, ob die Stadt Berlin tatsächlich genötigt ist, wieder mehr als bisher das Müggelseeivasser als Hilfsniittel der Wasserversorgung heranzuziehen. Die Debatte im Plenum brachte unter anderem einen sehr unsanften Zu- samurenstoß zwischen unserem Genossen W e y l und dem Stadtrat Rumschöttel, dem Vorsitzenden der Wasser- werksverlvaltung, der diesmal— seiner Gewohnheit zuwider — nicht abwesend war. We»)! warf der Wasserwerksverwaltung bureaukratische Schnzersälligkeit vor und wünschte ihr mehr kaufmännische Gewandtheit, ivorauf Herr Rum- schöttel mit einer Grobheit erwiderte. Die Versammlung stimmte, wie der Ausschuß es vorschlug, dem Magistratsent- Wurf mit der Bedingung zu, daß Sceivasser in größerer Menge als bisher nur im äußersten Notfall gehoben»oerdm dürfe. Daneben wurden Erklärungen beschlossen, die den Magistrat zu mehr Eile ermahnen und ihn auffordern, im Tegeler See bei der Führung des dort zu legenden Druckrohres sich ohne die viel umstrittenen Inseln zu behelfen und die Arbeiten für das Wasserwerk Heiligensee schleunigst zu beginnen. Noch schlechter schnitt der Magistrat mit einer Vorlage ab, die sich auk die Wiedcraufstellung der Königskolonnaden stn alten Botanischen Garten bezog. Diese Vorlage wurde als so inangelhäst begründet befunden, daß die Be- ratung abgebrochen und die Sache vertagt wurde. Die Bedientenhaftigkeit deö Berliner Kommnualfrcisinns tritt besonders bei Fürstenempfängen deutlich in Erscheinung. Wie würdelos der Berliner Freisim» ist, erhellt am besten daraus, daß Stadtverttetungen des Auslandes bei Empfang fremder Potentaten sich nie und nimmer in die Rolle des Bedienten drängen lassen, wie unsere„Liberalen". Das hat sich gezeigt, als der deutsche Kaiser nach London kam, das mußte festgestellt werden, als Wilhelm H. auch Wien besuchte und jetzt muß das gleiche aus Brüssel berichtet werden. In allen genannten Fällen begrüßten die genannten Stadtvertretungen den Gast in ihren eigenen. Räumen. Von einem Aufwarten beim Tor am Kutschen- schlag war keine Rede. Niemand stellte sich beim Regen oder Sonnenschein auf, um eine Ansprache an den �„hohen Herrn im Wagen" zu halten, wie das in Berlin der Fall ist. wo nach einem allergnädigsten„Danke!" der Wagen weiter fährt und die Stadtvertretung abtrollen kann. Der„Kunstwart" kritisierte kürzlich die Berliner Empfangs- art treffend wie folgt: „Der Berliner Brauch ist eine Würdelosigkeit, die in ganz Europa belacht wird, so oft man sie vurch die illustrierten Blätter im Bilde verbreitet. Machte man sich dabei ollein über die Ber- liner Magistratsleute lustig, die bei all' ihrem politischen Fort- schrittsliberalismus nicht das bißchen Mannheit aufbringen, zu sagen:„das tun wir nickt mehr"— es ginge noch an. Aber man beurteilt nach dieser hauptstädtischen Komödie das deutsche Bürger- tum überhaupt, und so trägt jede ihrer Aufführungen dazu bei, den Ruf, wir seien ein Bedientcnvolk, zu kräftigen." Mehr Licht beim Gericht! Ein sehr dürftiges Gerichtsgebäude ist dasjenige des königlichen Amts- und Landgerichts II am Halleschen llfer. Hier gibt es noch Korridore, die jeden Tag von Richtern, Anwälten. Publikum benutzt werden müssen und trotzdem wie ein Alkoven in völliger Dunkelheit liegen. Parteien, die beispielsweise nach dem Zimmer 40 im ersten Slocklvcrk geladen sind, können dasselbe regelmäßig zunächst nicht finden. ES liegt am Ende eineS Korridors, der so stockdunkel ist. daß man nicht mal die Nummern an den Türen erkennen kann. In diesem dunklen Hintergrunde wird ein Verhandlungszimmer. daS noch dazu ein Sitzungssaal des Land- gerichts ist, gar nicht vermutet. Wenn ein Kuticher oder Radfahrer abends ohne Laterne fährt, wird er gerichtlich bestraft. Für das Gerichtsgebäude ober scheint die Selbstverständlichkeit, daß Licht dazu da sein soll, um Schaden zu verhüten, nickt zu existieren. Vielleicht erleben wir es nock, daß man in jener düsleren Gerichtsecke während der Amtszeit eine Gasflamme brennen läßt. Nervöse Schutzleute. Daß zahlreiche Schutzleute bei der geringsten Kleinigkeit aus dem Häuschen geraten und die Hand schnell am Säbel haben, ist kein Geheimnis mehr; noch in Moabit hat sich das sehr deutlich gezeigt. Es verwundert uns deshalb nicht im geringsten,»venu jetzt mitgeteilt»vird, daß nach Angabe der Vertrauensärzte der Polizei die Berufskrankheit der Schutz leute die Neurasthenie ist, die sich durch Nervenüber anstrengung einstellt. Es sollte unter allen Umständen dafür gesorgt werden, daß nervenkranke Leute nicht auf das Publikum losgelassen werden._ Auf der Schönebcrgcr UntcrgrundbahnsNecke Nollcndorfplatz Hauptstraße fand gestern nachmittag eine Probefahrt für die ge iadenen Vertreter der Berliner Presse statt. Die Bahnstrecke, die bereits zum größten Teil fertig ausgebaut ist, besitzt fünf Halte stelle» und hat eine Geiomtlänge von 3.3 Kilometer. Alle Bahn Höfe mit Ausnahme des Bayerischen Platzes sind für den Dreiwagen betrieb ausgebaut und besitzen nur einen Zugang. Der Untergrund� babnhof Nollendorfplatz dagegen wird mrt dem Hochbahnhof durch einen GlaSgang verbunden. Auf allen Haltestellen ist ein Mittelbahnsteig angelegt worden. da sich diese Einrichtung auf den Strecken der Hochbahngesellschaft bestens bewährt hat. Vom Nollendorfplatz gelangt man in zwei Minuten zum Viktoria-Luise> platz und von diesem in einer Minute nach dem geräumigen Boye rücken Platz, der wunderhübsch in weiß und blau gehalten ist. Die nächste Haltestelle ist der Stadtpark. durch dessen hohe und breite Fenster man einen reizenden Ausblick auf den neuangelcgten Stadtpark hat. Rechts von der Bahn dehnen sich Spiel« Plätze und Gartenonlagen aus, die einen kleinen, künstlich gespeisten See umgeben. Der letzte Bahnhof, der vorläufig für den Verkehr freigegeben wird, ist der Bahnhof Hauptstraße in Schöneberg. Es werden jetzt die letzten Bauarbeiten, wie der Verbindungsgang auf dem Nollendorfplatz, die Verglasung auf dem Bahnhof Siadtpark und der letzte Anstrich auf den einzelnen Haltestellen vorgenommen. Gleichzeitig werden die Fahrzeuge, die mir dem Schöneberger Stadt- wappe» geschmückt sind, ousgeprobt und das Personal theoretisch und technisch ausgebildet. Die Fahrzeit auf der Schöneberger Bahn zwischen den beiden Endhaltestelle» beträgt nicht ganz 7 Minuten. Jeder Zug erhält zunächst zwei Wagen und zwar einen Raucher- wagen II./IH. Klasse und einen Nichlraucherwagen Il./Ill. Klasse. Der Betrieb wird Anfang Dezember eröffnet werden. Ein Pistolcnducll in der Jungfernheide. Gestern morgen kurz nach 7 Uhr fand in der Jungfernheide in der Nähe der Schießstände des GardefüsilierregimentS ein Pistolenduell statt, bei dem der eine der beiden Duellanten durch einen Schuß in die Brust schwer verwundet wurde. Spaziergänger hörten gegen 7 Uhr kurz hintereinander zwei Schüsse fallen, deren Schall- richtung sie aber nicht feststellen konnten. Sie begaben sich, da sie vermuteten, daß ein Duell stattgefunden habe, nach Tegel, um Anzeige zu erstatten. Wenige Minuten später passierten die Stelle mehrere Feuerwerker, die sich an ihre Dienststelle bei der Munitionsanstalt am Tegeler Weg begeben wollten. Sie trafen fünf bis sechs Herren in eleganter Kleidung, die den Eindruck von Offizieren in Zivil machten. Einer von ihnen trug einen Pistoleukasten, während sich zwei andere Herren um einen in kurzer Entfernung am Boden liegenden Mann bemühten, der verletzt zu fein schien. Als die Herren sich beobachtet sahen, sprangen sie eilends auf, richteten den Verwundeten empor und führten ihn, indem sie ihn in ihre Mitte nahmen, zu einem Wagen, der in einiger Eni- fernung hinter den Wällen der Kugelfänge des Schießstandes hält. Die Soldaten sahen, daß der Verletzte, dessen Oberkörper noch ent- blößt war. � aus einer schweren Wunde an der rechten Brust blutete. Ferner zeigte er eine zweite Wunde am Rücken, die daraus schließen ließ, daß die Pistolenkugel den Brustkasten durch- bohrt hatte. Nach wenigen Minuten waren die Herren mit dem Verletzten hinter der Deckung des Schießstandes verschwunden und fuhren im Wagen rasch davon. Die Soldaten eilten nach der Munitionsanstalt, wo sie den Vorfall sofort meldeten. Von dort aus wurden die in Betracht kommenden Polizeibehörden von Plötzensee. Reinickendorf. Tegel, Berlin und die militärischen Institute in der Jungsernheide telephonisch benachrichtigt. Die polizeilichen Nachforschungen nach den Beteiligten waren aber bis zur Stunde vergeblich. Weder die Namen noch der Aufenthalt der Duellanten konnten ermittelt werden, obgleich sofort Gendarmen und Polizisten die danze Jungfernheide absuchten. Die Gasdeputation beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit den Anträgen der städtischen Arbeiter zum nächstjährigen Etat. Die Forderung der Arbeiter lautete aus Umäuderung der Stunden- löhne in Wochenlöbne. Die Direktion der Gaswerke wollte diesem nicht zustimmen, schlug aber vor, die ans einen Wochentag fallenden Feiertage zu bezahlen. Die Deputation lehnte soivohl die Forderung der Arbeiter wie den Antrag der Direktion mit allen gegen eine Stimme ab. Die Arbeiter forderten eine Regelung resp. Erhöhung der Löhne. Die Deputation lehnte sowohl die Forderung der Arbeiter wie auch den Antrag eines Mitgliedes, eine Subkoinmission zur Prüfung dieser Angelegenheit«inzusetzen, mit allen gegen eine Stimme ab. Für lleberstunden wurde eine anderweitige Regelung der Be« zahlung beschloffen, dahingehend, daß diejenigen Arbeitsstunden, die außerhalb der in der Arbeitsordnung angeführten Dienstzeit liegen, als lleberstunden angesehen und bezahlt werden sollen. Diese als selbstverständlich zu betrachtende Regelung wurde bisher in den Gas- werken nicht anerkannt. Die Arbeiter forderten eine Verlängerung des Urlaubs. Die Direktion schlug vor, diesem Wunsche dadurch entgegen zu kommen, daß nach zehnjähriger Dienstzeit ein Urlaub von 10 Tagen gewährt werde. Die Deputation lehnte sowohl die Forderung der Arbeiter wie auch den Anrrog der Direktion mit allen gegen eine Stimme ab. Die Arbeiter forderten eine Aenderung der Bestiinmungen über die Einrichtung von Arbeiterausschüssen, besonders dahingehend, daß der Vorsitzende des AuSichusses nicht wie bisher der Dirigent der Abteilung oder des Werkes, sondern ein vom Ausschuß zu wählendes Mitglied sein soU Die Deputation lehnte sowohl die Forderung der Arbeiter wie auch einen Vermittelungsvorschlag eines Mitgliedes mit allen gegen eine Stimme ab. Dagegen wurde beschlossen, daß die Zuzahlungen zum Kranken- gelde, die bisher an alle Arbeiter geleistet wurden, in Zickunft nur noch solchen Arbeitern gewährt werden, die mehr als drei Monate im städtischen Dienst beschäftigt sind. Erbpacht städtischer Grundstücke. In der letzten Sitzung der städti- schen Gaswerke lag der Antrag vor, ein Grundstück, über das die GaS- deputation verfügt, das sie aber entbehren kann, zu verkaufen. Auf Antrag eineS MagiftratSmitgliedeS wurde beschlossen, das Kauf- angebot abzulehnen und daS Grundstück auf fünfzig Jahre in Erb- Pacht zu geben. Zwischen zwei Eisenbahnwagen zerquetscht. Em schwerer Unglücksfall hat sich gestern nachmittag ans dem Anhalter Güterbahnhof er« eignet. Als der 4öjährtge Schirrmeister Ernst Großtttann, aus der Ortrudstraße 6 in Friedenau zwei Waggons eines Güterzuges zu« sammenkoppeln wollte, rückte die Lokomotive»ilötzlich zurück und G. geriet zwischen zwei Puffer. Der Beamte erlitt einen komplizierte» Schädelbruch und schwere Gehirnerschütterung und wurde in fast hoffnungslosem Zustande nach dem Schöneberger Krankeithause übergeführt. Im Zentrum von Berlin bildet sich jetzt mehr und mehr die City von Groß-Berlin. Zurzeit werden eine große Zahl von älteren Gebäuden abgerissen, um vereinigt, umfangreichen Kaufhäusern, Geschäftspalästen Platz zu machen. Diese Umwandlung geht besonders in der Linden-, Friedrich-, Kronen-, Zimmer-, Charlotten-, Beuth-, Wall-, Spandauer-, Rosen-, Landsberger- und anderen Straßen vor sich. Geradezu typisch ist der Abbruch der Häuser Rrmtseustraße 88 und 89 am Dönhoffplatz und der Grundstücke Schützenstraße 40/42, 43 und 44/46., Diese werden jetzt, nachdem sie kürzlich sämtlich niedergensse» worden sind, zu einem einzigen Riesengeschäftsbaus vereinigt, als.Krausenhos" wieder die Zahl der Prachtbauten in Berlin vermehren. Bor kurzem wohnten dort noch mehr als zwanzig Familien, in Zukunft werden nur noch Geschäfte dort abgewickelt werden. Lichtenberg abgewiesen. Der Schullastenstrcit zwischen Berlin und Lichtenberg wurde gestern vor dem Potsdamer Bezirksausschuß unter dem Borsitz des Regterungsrats Jansen verhandelt. Das Referat über den Streitfall lag in den Händen des Herrn v. Lücke. Berlin war durch den MagtstratSrat Jordan vertreten. Zur Verhandlung stand der An- spruch Lichtenberg über einen Beitrag Berlins zu den Schullasten- kosten. Lichtenberg hatte ursprünglich von Berlin einen Zuschuß zu den Schulunterhaltungskosteit gefordert und begründete seinen An- spruch damit, daß viele Bäter LicktGnberger Schulkinder in Berlin beschäftigt seien und nur in Lichtenberg wohnten. Schon früher hatte der Bezirksausschuß durch einen Beschluß die Klage abgewiesen. Auch diesmal trat der Bezirksausschuß iin-Berwaltuttgsstrettversahren den Ausführungen des Berliner Vertreters bei und ivies die Klage Lichtenbergs kostenpflichtig ab mit der Begründung, daß Lichtenberg weder neue LehrhiisSlräfte noch in der Kommunalverwaltung neue Beamte einzustellen genötigt gewesen sei. Endlich erwischt wurde gestern ein Schlafstellenschwindler, der viele Wirtinnen Berlins und der Vororte betrogen hat. Wir teilten wiederholt mit, daß unter verschiedenen Namen ein Mann austrat, der den Vermieterinnen vorschwindelte, daß er hierher gekommen sei, um eine Stellung anzutreten und sein Gepäck noch auf dem Bahn- Hof liegen habe. Die Frauen halfen ihm gern aus der Verlegenheit, wenn er erzählte, daß er zur Einlösung des Gepäcks etwas Geld brauche. Zuletzt trat der Schwindter als GaSinessertneister bei der englischen Gasanstalt oder als Gasineister bei der städtischen Gas- anstalt in der Danziger Straße auf. Unter dieier Maske prellte er eine Vermieterin um 32 und eine andere um 60 M. Der einen gab er zur Sicherheit einen Wechsel auf die Deutsche Bank über 160 M., der natürlich gefälscht war. Unter dem Verdacht, alle diese Schwindeleien zu verüben, stand ein Schlosser Otto Müller, der vor zwei Jahren aus der Irrenanstalt Nietlcben bei Halle entsprungen ist und von fünfzehn deutschen Behörden gesucht wird. Auf diesen paßte die Beschreibung des GauiierS so genau, daß man an seiner Täterschaft nicht zweifelte. Jetzt aber hat sich herausgestellt, daß der Schwindler ein Doppel- ganger und Schüler Müllers war. Der„Gaötttesserineister" hatte sich zuletzt in einen„Mechaniker vom Flugplatz Johannisthal" ver- wandelt. Unter dieser MaSke inietete er bei einer Krau, die er durch seine Erzählungen vom Flugplatz sehr für sich einzunehmen verstand. Die Aussicht, durch ihren neuen Mieter auch mal nach dem Flugplatz kommen zu können, bewog die Frau, dem Herrn Mechaniker gleich 60 M. zu borgen, damit er sein Gepäck vom Bahnhofe abholen könne. Sie sah den Mieter und ihr Geld nicht wieder. Gestern traf eine betrogene Frau den Ganner zufällig aus der Straße und ließ ihn festnehmen. Er entpuppte sich jetzt als ein 26 Jahre alter Kutscher Gustav Rensch, der um so dreister auftrat, als er wußte, daß die Polizei den Schlosser Müller als Täter suchte. Rensch ist schon bestraft und wurde gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Wegen Arbeitslosigkeit ist der Fabrikarbeiter Rudolf L. au« der Wartenbergstr. 70 in den Tod gegangen. Der Lebensmüde war lange Zeit ohne Beschäftigiiitg geweicn. Alle seine Versuche, wieder Arbeit zu erhalten, scheiterten und so reifte in dem Verzweifelten schließlich der Plan, sich umS Leben zu bringen. Gestern wurde L. von seiner Wirtin im Zimmer tot aufgefunden; er hatte sich vergiftet. Die AuSschußsitzung des Arbeiter-Sängerbundes(Gau Berlin) be» schloß, das diesjährige Stiftungsfest bestehen zu laffen aus Künstler- konzert, Einzelgesang und Sonderchören. DaS Entree wurde auf 30 Pf. pro Person festgesetzt. � Die vorläufige Abrechnung vom Sängersest ergab eine Einnahme von 6777,92 M., der eine Ausgabe von 4378,96 M. gegenübersteht, fodaß ein Ueberichuß von 1398,97 M. verbleibt. Dein Arbeiter-Saniariter-Bund wurden 150 M., dem Arbeiter-Schwimmerbund 76 M. überwiesen. Allgemein gerügt wurde die verspätete Abrechnung einzelner Vereine' Der Protest des Vereins„Liederlust" gegen seinen Ausschluß wurde zurückgewiesen und der Ausschluß aufrechterhalten. Ueber eine Bcsckwerde des Vereins„Sangestreue" in Brandenburg ging der Ausschuß zur Tagesordnung über. Die Beiprechung über den Gemischten Chor wird zur nächsten Sitzung vertagt. Sodann wurden die Vereine aufgefordert, zur nächiten Generalversammlung des Bundes Stellung zu nehmen. Zum Schluß beschloß der Ausschuß auf Antrag des Vorstandes, der nächsten Generalversamntlntig zu empfehlen, den Boykott gegen den Berliner Volkschor aufzuheben. Der„Männerchor Ost"(M. d. D. Arb.-S.-B.) veranstaltet am Sonntag, den 30. Oktober, s» Freyers Festjälen, Koppenstr. 29, eine» »Volkstümlichen Liedsrabend'. Mitwirkende sind: ReueS Berliner Konzertorchester, Konzertsängerin Marga Blume lSopran). Am Klavier: Konzertmeister Fr. Blume.„Männerchor Ost".. Freunde und Gönner sind freundlichst eingeladen. Feuer in einem Kmematographen-Theater. Kurz por Schluß der Vorstellung brach gestern abend 11 Uhr in dem Kinematographen- Theater„Monopol" in der Petersburger Str. 20 ein Brand auS. der leicht verhängnisvolle Folgen hätte haben können. Als schon ein Teil des Publikums das Theater verlassen hatte, entzündete sich plötzlich im Apparateranm ein Film unter Heller Flammen- entwickslung. Die noch anwesenden Zuschauer stürzten nach dem Ausgang und erreichten auch noch glücklich daS Freie. Nur ein 16 jähriges Mädchen Frida N o tz auS der Ebertystr. 9, das in den ersten Reiben des Zuschauerraumes gesessen hatte, erkrankte infolge der Einatmung von Zelluloiddnnipsen unter heftigem Erbrechen. Es wurde sofort nach der Unfallstation in der Warschauer Straße geschafft, wo es sich nach kurzer Behandlung wieder erholte. Die Ablölchuna des Brandes wurde von dem Äutvmobilzng aus der Schönlanker Straße ausgeführt. Vorort- �ack ric??tLN. Rixdorf. Die Angst vor dem Siege der demokratischen Parteien veranlaßt die Gegner zu den armseligsten und lächerlichsten Mitteln zu greifen. Die Lügen über die.Mißivirlschaft der sozialdemokratischen Stadt» verordnetenmehrheit in Offenbach" haben durch den glänzenden Sieg nnserer Genossen in Offcnbach bei den stattgehabten Gcmeiudewahlen jede Wirkung verloren. Die Hoffnung, mit diesem Märchen auf die Gemüter des Bürgertums wirken zu können, hat sich durch diesen Sieg in ein leeres Nichts verflüchligt. ES muß deshalb neues Material herangeschafft werden, um den möglichen Sieg der demokratischen Parteien unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu verhindern. Mit sachlichen Argumenten können die Herren den Wahlkampf nicht führen. Je näher der Tag der Wahl kommt, um so wahlloser werden Kampfesmittel. Die Walz und Genossen finden jedoch sehr schwer brauchbares Material für ihre demagogische Tätigkeit; was nur einigermaßen brauchbar erscheint, wird kritiklos verwandt. Der Zweck heiligt die Mittel! Daß die Schriften des Reichsverbandes auch für die neuesten Schlager die Quellen sind. ans denen geschöpft wird, beweist an sich schon, wieviel Vertrauen und Glaubwürdigkeit der ganzen Sache beizumessen ist. Aber selbst wenn die Behauptungen des Herrn Walz so wahr wären, wie sie tvahrscheiulich nicht sind, könnte das inmier noch kein Vergleich, für Rixdors sein. Wenn Herr Schock ein Verehrer der Triole ist, ist damit etwa bewiesen, daß auch Herr Walz sich in triolenhafter Weise betätigt? Ganz allgemein wird da behauptet, daß in„einigen Städten" eine demokratische Mehrheit war, die dieS und seneS tat. Nichts Ehrenrühriges, oder gar etwas, wogegen die Aufsichtsbehörde einschreiten mußte. Mit nichten! Zur Zeit der Judenverfolgung in Rußland setzte die demokratische Mehrheit einer deutschen Stadt swelche, wird wohlweislich verschwiegen) den Antrag durch, für die russischen Juden 1699 M. Unterstützung zu be- willigen. Bald darauf stellten die Sozialdemokraten den Antrag, der auch angenommen wurde, den notleidenden Revolutionären 2609 M. zu geben! Alles Beweise für die Schlechtigkeit und mangelnde Gewissenhaftigkeit der demokratischen Mehrheit. Die Armseligkeit dieser„Argumente" wirkt nur mitleid- erregend. Komisch ist die Beteuerung des Herrn Walz, daß er kein Antisemit sei, denn:„in Wirklichkeit habe er noch keinem Menschen seine Ansichten und MeinunKn bekanntgegeben und wisse daher nicht, weshalb man ihn als Antisemiten bezeichne". Ein empfehlenS» werter Kandidat, der nach seinem eigenen Eingeständnis keinem Menschen seine Ansichten und Meinungen bekanntgibt. Im übrigen hält er sich selbst für den starken Mann, vor dem die Sozial- demokratie Angst hätte. Diese Neberhebung kann doch nur höchstens eine komische Wirkung erzielen. Nur kurzer Freiheit sollte sich ein Flüchtling erfreuen, der aus dem Rixdorser Untersuchungsgefängnis entkam. Der Dachdecker Richard Klamp hatte wegen einer Reihe schiverer Diebstähle eine längere Freiheitsstrafe zu verbüßen, vorgestern gelang dem Höst- ling ein verioegener Fluchtversuch. Er kletterte am Blitzableiter ent- lang nach dem Dach hinauf und an der Dachrinne entlang gelangte er nach der Außenseite an der Fuldastraße. Lange sollte die Frei- heit nickt währen. Schon gesler» wurde der Flüchtling, der»och anderthalb Jahr Gefängnis abzufitzen hatte, wieder ergriffen und eingeliefert. Wi lin crsdorf-H alens ee. DaS Parterrcgiuient in der Stadtverordnetenversammlung. Das arbeiterfeindliche Wirken der jetzigen Stadtverordneten- Mehrheit tritt in einem Vorgänge zutage, der sich kürzlich im Wahlausschuß der Stadtverordneten Versammlung abgespielt hat. ES wurde bisher mit peinlicher Sirenge der Grund- satz im Stadtparlament betätigt, daß alle im Geruch sozial- demokratischer Gesinnung stehenden Einwohner von kommunalen Ehrenämtern auszuschließen seien. Dieser Grundsatz widerstreitet zwar nicht nur allem Gerechtigkeit?- empfinden, sondern schlägt auch dem Wortlaute der preußischen Bev- fassuiig ins Gesicht; aber in Wilmersdorf macht man das nun ein- mal so. Vor einigen Monaten aber trat ein unangenehmer Fall an die Wilmersdorfer Stadtverwaltung heran. Die Ort S kranken- lasse, in der, nebenher bemerkt, die Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer durchaus harmonisch nebeneinander wirken, hatten beim Magistrat den Anirag gestellt, daß zwei ihrer Vorstands- Mitglieder in den städtischen Wohlfahrtsausschuß auf- genommen werden möchten. Der Magistrat erklärte grundsätzlich den Antrag für berechtigt und hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß außer einem Arbeitgeber der Vor- sitzende der Kasse zu diesem Amt präsentiert wurde. Immerhin mußte Stadtrat S t e i n b o r n als der in Betracht kommende Dezernent dem Wahlausschuß der Stadtverordnetenversammlung die Angelegenheit vortragen. Hier kam es jedoch zu den heftigste» Vorwürfen gegen den Stadtrat. Namentlich hatte er auS dem Munde des Smdtverordnetenvorstehers Dr. Leidig eine Standrede darüber anzuhören, daß den städtischen Körperschaften zugemutet werden sollte, einen Mann wie den Vorsitzenden der Ortskrankenkasse zum Mitgliede einer städtischen Deputation zu ernennen. Allerdings konnten keinerlei Einwendungen gegen die moralische und technische Befähigung der Vorgeschlagenen erhoben werden; aber man erfuhr, daß der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei als Mitalied angehört, und diese Tatsache genügte, um den Borschlag d«S'Magistrats zu Fall zu bringen. Der Antrag der OrtS- lranksiikaffe wurde völlig verworfen. Dieser empörende Vorgang bildet zwar eine drastische Be- leuchtung des bekannten Vorwurfs, daß die Sozialdemo- kr a l i e es sei, die politische Gesichtspunkte in die kommunale Wirk- samkeit hineintrage. Auch erklärt er zur Genüge die oft an dieser Stelle hervorgehobenen Mißstände im Wilmersdorfer Kommunal- Wesen. Denn wie soll eine großzügige Behandlung der Gemeinde- angelegenheiteu möglich sein, wenn der Ausschuß der besitzenden Schichten, der unter Ausnutzung aller U ngerechri gleiten des Dreiklassenwahlrechts das Heft in Händen hat, g r u n d- sätzlich etwa die Hälfte aller Geni ein de Wähler vorn kommunalen Wi rken ausschließt? Aber deutlich genug zeigt die Niederlage des Magistrats, wohin es führt, wenn eins aus den rückschrittlichsten Elementen zusainnteit- ges etzte Körperschaft nach Willkür schalten und walten kaim.' Die vom Wahlausschuß verübte Handlung wird die Bevölkerung Wilmersdorfs darüber aufklären, wessen sie sich zu versehen hat, wenn der bisherigen Wirtschaft kein Ziel gesetzt wird. In der Hand der Wähler liegt es, bei den Stadt- verordnetenwahlen dieses Jahres dem jetzigen Treiben ein Ende zu machen. Wenn es gelingt, durch eine intensive Agitationsarbeit den Sieg der von den Sozialdemokraten und Demokraten ausgestellten Kandidaten herbeizuführen, dann sind dank der von ihnen ausgeübten Kontrolle Vorgänge der hier geschilderten Art hinfort u n m ö g l i ch. Dem reaktionären Partei- regiinent in dsr WilmcrSdorfer Stadtverordnetenversammlung muß ein Ziel gesetzt werden,— und das kann die Bevöllernng, wenn sie die sozialdemokratischen Miclerkandidalen Wilhelm Schröder und Oskar Riedel und die demokratischen Hausbesitzerkanditaten Emi! Lazarus und Friedrich F l o t o als Vertreter der dritten Ab- teilung am 3. November ins Stadtparlamcnt wählt. In Gemeinschaft mit der Demokratischen Bereinigung veranstaltet die Sozialdemokratie zum Dienstag, den 1. November, abends i!Vz Uhr im GesellschaftShanse, WilhelmSaue 112, eine Volks- v e r s a m m l u n g. CS sprechen hier von unserer Partei Stadt- verordneter Eduard B e r n st e i p. von der Demokratischen Ver- cinigung Dr. Breitscheid über„Die Reaktion im Wilmersdorfer Stadtparlament". Charlottenburg. B!it den bevorstehenden Stadtverorduetcnttahkc» beschäftigte sich eine Kommunalwählervcrsammlung, welche am 25. d. M. im Volks- Hause staltfand. Der Referent, Genosse Dr. Borchardt, beleuchtete drastisch die Rückständigkeit der bürgerlichen Mehrheit des Stadt- Parlaments, hauptsächlich aus sozialpolitischem Gebiete. Wohl haben speziell die liberalen Parteien, wenn eine Wahl bevorsteht, in ihren Fingblättern alle möglichen fachlönenden Forderungen. Wem, eS aber dann mal heißt nur eine dieser Forderungen zu verwirklichen, dann versagen diese Liberalen immer. Die werktätige Bevölkerung aber müsse sich daher bewußt sein, daß ihre Interessen nur von den Kandidaten der Sozialdemokratie vertreten werden; für letztere ein- zutreten, müsse daher die Pflicht eines jeden einzelnen sein. Kalkberge- Rüdersdorf. Unerhörte Gralischändnugen sind auf dem hiesigen Gemeinde- friedhof verübt worden. Durch bisher unemrittell gebliebene Täier ivurden eine ganze Anzahl von Gräbern demoliert. Denkmäler wurden unigestnrzt und zerstört, Blumen und Pflanzen aus den Hügeln herausgerissen und andere Beschädigungen angerichtet. Man hofft mit Hilfe eines Polizeihundes, den Vandalen auf die Spur zu kommen, Treptoiv-Baumschulenweg. Auö der Gcmcindcvertrctung. Der bei der Nachwahl an Stelle des für ungültig erklärten Mandats unseres Genossen Henscl ge- ivählte G-nieindevcrordnete Architekt Kroebel wurde in sein Amt eingetührt. Hieraus teilte der Bürgermeister mit, daß die Gemeinde Treptow am 1. Oktober d. I. 25 187 Einwohner hatte. Der Zuzug betrug ani 1. Oktober d. I. 1981 Personen. Vom Lehrervcreiu war eine Petition eingegangen, in der ersucht wird, baß, da Treptow in die Ortsklasse a eingerückt sei, die Bezüge wie in Berlin zu gc- stalten. Die Petition soll demnächst geschäftsmäßig behandelt werden. Zum Schiedsmann wurde Heir Schneidemühlcubesitzer Lauche, als Mitglieder der Gesundheitskommiffion die Herren Müller und Hagemann gewählt. In den, nach dem Ortsstatut gegen die Vernnstattung von Straßen und Plätzen zu bildenden Such» verständigenbeirat. wurden Gemeindeverordneter Kroebel, Baumeister Peters und Stadtbaurat Kiel aus Rixdors gewählt. Die Gemeinderecknung für das Jahr 1999 lag zur Einsicht der Gemeindeverordneten anS. Danach betrug die Ein- nähme 485 977,81 Mark, die Ausgabe 2 311 191,89 Mark. An Einnahmen stehen noch auS 397 169,19 M, an Ausgaben 366 439,98 M. Der Bestand beträgt demnach 294 775,44 M. Die Werlzuwachssteuer brachte 1999 eine Einnahme von 137 627.19 M. In die RechnungspiüfimgSkommission wurde außer dem Schöffen Herrn Dr. Solomon unser Genosse C a r o w und Herr Hartratb gewählt. Die Kosten für einen vierten Desinfektor wurden bewilligt. Die 1. Gemeindeschule ist von der Bouchästraße nach der Kiefholz- straße verlegt worden. In der Bouchöstraße wurde die 5. Gemeinde- schule mit vorläufig sechs Klasse» eingerichtet. Ein Rektor ist für diese Schule nicht bestellt. Herr Rektor Dannebaum soll die Aektoratsgeschäfte für eine Vergütung von 30 M. pro Jahr und Klaffe vorläufig mir übernehmen. Für jede Gemeindeschule ist ein Arzt angestellt, derselbe erhält für seine Tätigkeit pro Kind und Jahr 59 Pf, Der Vertrag soll grundsätzlich mit jedem Arzt nur für eine Schule abgeschlossen werden. Mngeteilt wurde hierzu, daß Treptow zurzeit 64 BolkSichulklassen mir dnrchichnittlich 41 Schüler pro Klasse hat. Ein Antrag des Genosse» Carow. der Gemeindevorstand möge für eine weitere ärztliche Behandlung der erkrankten Schüler Mittel bereit stellen, wurde angenommen. Einer Polizeiverordnung über die Errichtung von Brunnen wurde zu- gestimmt. In derielben wird die Entfernung der Dunggruben. Gullys sowie die Tiefe und Errichtung der Brunnen geregelt. DaS Gehalt eines besoldeten Schöffen wurde auf 5699 Mark, steigend von drei zu drei Jahren um 699 Mark, bis 8699 Mark festgesetzt. Die Einstellung eines Tiefbanmeisters, welchem gleichzeitig die Ueber- wachung der Kanalisation und der Straßenreinigung übertragen tragen werden soll, wird beschlossen. Das Gehalt für diese auf das Exiraordinarinm zu übernehmeude Stelle ist auf 4599 Mark fest« gesetzt. Lichtenberg. Der Turnverein„Lichtenterg" sM. d. A.-T.) feiert am Sonn- abend, den 29. Oktober, im Lokale des Herrn P. Schwarz, Möllen- dorfstraße 25/26, sein fünfles Stiflungsfest mit reichhaltigem Programm. Da der Verein bei Arbeitersestlichkeiten mitwirkt, hofft derselbe, daß die Genossen durch regen Besuch das Fest unterstützen. Dabendorf bei Zossen. Die letzte Bersammlung des hiesigen Wahlvereins beschäftigte sich mit dem Magdeburger Parteitag. Der Lieferent Genosse Milk schilderte in eingehender und tcmperamcnvoller Weise die Vorgänge auf dem Parteitage. Eine Resolution, die sich mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden erklärte, gelangte zl< Annahme. Diskussion fand nicht statt. Anfgenonnnen wurde eine Genossin. Zu Revisoren wurden die Genossen Schwach und B o r d t s e l d, zum Mitglied der Lokalkommission Genosse Förster, zum Agilationsleiter Genosse Nelle gewählt. Briü-Buckow. In der Soniltagsnumnier des„Vorwärts" heißt es in dem Bericht über eine Versammlung unter freiem Himmel, daß der Briyer Arbeiterschaft kein Lokal für öffentliche Versannnlungeu zur Verfügung stände. DaS ist ein Irrtum, denn die Britz er Lokale sind sämtlich frei. Der Satz bezieht sich vielniehr auf die B u ck o w e r Versammlungslokale, deren Inhaber der Arbeiterschaft noch immer ihre Räumlichkeiten verweigern. Hoffentlich sorgen die Genossen durch Meiden derartiger Lokale dafür, daß der Uebelstand bald beseitigt wird. Jligenddcvrtttstaltungeu. Gchöncbcrg. Heute abend pünktlich S'/j Uhr, bei Grosser, Marlin- Luthcr-Slroße 51: 2. Vortragsabend über„Eiiisührung in die moderne Gesellichastslchre". Tciluedmcrtarten sind noch in der'Spedition, Martin- Luther- Lirahe 51 erhältlich, Nowawes. Am Somiabcnd, den 23. Oktober, bält die„Freie Jugend- organisation" zu Nolvaives ihr WntervcrguÜgen ab. Äusgesührt werden soll:„Zwöl! Jahre Verbannung" oder;®eS AilSgeivicseucli Heimkehr", in 12 lebenden Bildern, mit Rezitation von Scäoola. Zur Verschönerung des Abends wirkt der Gesangverein„Freier Männerchor" uns die Kapelle des Herrn Musikdirektors Köhler mit. Wir bitten die Genossinnen und Genolsen um zahlreichen Besuch. Der Jug-ndauöschujzi Hub aller Melt. Menn Schutzleute schicken. Der Schießprügel ist in der Hand von Schutzleuten eine gesähr« liche Waffe. Weniger, weil die Schutzleute so treffsichere Schützen sind, als vielmehr, weil erregte Hüter der Ordnung sehr geneigt sind, eingebildete Gefahren zu sehen-«nd dann im Besitze von Brownings flott darauf los knallen und friedfertige Passanten in Lebensgefehr bringen können. Aber nicht nur das„Zivilistenpack" wird durch schießende Schutzleute in Gefahr gebracht, sondern auch die eigenen Kameraden haben unter der Ungeschicklichkeit von Schutzleuten zu leiden. Ganz eigenartige Schießübungen scheinen es gewesen zu sein, über die eine telegraphiiche Meldung aus Nürnberg berichtet. Danach wurde bei Schießübungen der dortigen Schutzmannschaft ein Schutzmann durch einen Schuß in den Unterleib schwer verletzt, ein Wachtmeister erlitt leichte Verletzungen an der Hand. Ob die beiden vielleicht Demonstranten markieren sollten? Im Interesse der öffeniltchen Sicherheit ist immer wieder zu fordern: Fort mit den Schußwaffen bei Schutzleuten! Wieder ein tödlicher Zlbsturz. Fast kein Tag vergeht in der letzten Zeit, ohne daß schwere Unglücksfälle von Aviatikern zu verzeichnen sind. Auch gestern wieder ist ein Flugkünftler, der italienische Genieleutnant Joseph Saglietti. abgestürzt und dabei tödlich verletzt worden. Der Verunglückte hatte auf dem Militärflugfelde bei Rom einen Rundflug unternommen, beim Niedergehen des Aeroplans verlor er das Gleichgeivicht und stürzte mit dem Apparat ab. Wie gemeldet wird, hat der Verunglückte die drohende Gefahr 15 Meter vom Erdboden bemerkt und vergeblich versucht, den Apparat wieder in das Gleichgeivicht zu bringen. Als ihm das nicht gelang, versuchte er, dicht über dem E r d- bodcn abzuspringen, aber der A eroplan riß ihn um und fiel ans ihn. Man fand Saglietti unter den Trünmiern mit dem Gesicht auf der Erde liegend. Auf dem Transport nach dem Krankenhause ist er seinen schweren Verletzungen erlegen._ Der Ballon„America" gelandet. Der letzte an der Gordon-Bcimelt-Fahrt beteiligte und vermißte Ballon„America" ist, wie ein Telegramm aus New Uork meldet, am P e r i b o n k a f l u s s e nördlich vom Chilongasee in Kanada gelandet. Die Jnsaffen des Ballons haben den Michigausee und die Waldungen im nördlichen Quebec in schöner Fahrt überflogen. Am 19. Oktober nachmittags gerieten sie in einen Sturm, der sie zwang, aus einem rmbekanuten, 1599 Fuß hohen Berg zu landen. Die Luflschiffer verbrachten dann die Nacht in der Gondel und brachen am folgenden Morgen zu Fuß auf, um in be- wohnte Gegenden zu ko»men. Am vierten Tage trafen sie einige k a n a d i s ch e I ä g e r, die sie in einem Kanoe nach St. Ambrose übersetzten, wo sie eintrafen, ohne ernsten Schaden erlitten zu haben.— Der Ballon ist durch seine Fahrt Gewinner des ersten Preises des Wcttfliegens geworden. Die„America" hat während ihrer Fahrt 1355 englische Meilen durchflogen, Den zweiten Preis erhielt der deutsche Ballon„Düsseldorf", der 1239 Meilen flog._ Die Leiche im Leierkasten. In der serbischen Stadt N i s ch wurde der Drehorgelspieler Petrowitsch augehalten, da die ungewöhnliche Form seiner Dreh- orgel und der entsetzliche Gestank des Gefährts auffiel. Man fand unter dem Deckel der Drehorgel auf dem Mechanismus eine mit Kalk bedeckte weibliche Leiche, und Pelrowilsch gestand, seine Frau vor vier Monaten im Streit erschlagen zu haben. Seitdem habe er die Leiche mit sich im Leierkasten herumgeführt. Kleine Notizen. Ein schwerer Bauunfall ereignete sich gestern vormittag in Frankfurt a. M. Dort stürzte der mittlere Teil eines Neubaues an der Seckbachcr Landstraße in sich znsamineu. Ein Arbeiter wurde getötet, drei Arbeiter trugen schwere, mehrere andere leichte Verletzungen davon. Aus dem Walzwerk der Gute HoffnungShütte in Sterkrade stürzte ein glühender Eisen block auf die mit ihm be» schäsligte» Arbeiter. Einer der Arbeiter wurde v o l l st ä n d i g verbrannt und getötet; ein ziveitcr erlitt schwere Brandwunden. Erdbcbcnmelduiig. Der Seismograph der Laibacher Erdbeben- warte registrierte Mittwoch nachmittag ein Erdbeben, deflen Herd» distanz 1499 Kilometer betrug. Das Beben begann' um 4 Uhr 49 Minuten und endete 5 Uhr 39 Minuten. Bisher liegen Nachrickien über ein Erdbeben, dttS mit dem gemeldeten identisch ist, nicht vor. Ein Opfer dcS Frostes. Der Hofmeister K ö p ck e auS Char- lottenhos bei R e i n f e l d in Pommern halte am Mittwochabend einen Gasthof verlassen und wurde seitdem vermißt. Gestern morgen wurde er erfroren aufgefunden. Ein verheerender Brand ist in Lern Gebäude der medizinischen Fakultät an der T o u l o u s e r U n i v e r s i t ä t ausgebrochen. DaS Feuer hat bereits die Bibliothek eingeäschert, wütet aber noch fort. Havarie deS Luftschiffes der Morning-Post. Bei dem Einbringen des Morriing-Post-Lunschiffes in seinen Scbupven in Alöershoff nach nach der Fahrt von Paris stieß das Luftschiff gegen einen Trage- ballen, der seine Hülle erfaßte und aufschlitzte. Die Hülle fiel mit einemKnall in sich zusammen, doch wurde niemand verletzt._ Allgemeine Kranken- itnb Stcrbekaffe der Metallarbeiter (S. S>. 29, Hamburg). Filiale B a u m s ch u l e n w e g. Sonnabend, den 29. Oltvber, abends S1/-, Uhr, im Lokale von K ä d i n g, Baumschulen- straße 67: Mitgliederoetjammlung. ZlmtttNier Marktbericht der ftädlüchen Marliballen. Direktion über den Großhandel in den Zentral-Marltballen. wiarklinge: Fl ei ich, Zusuhr stark, Ge'chäst schleppend. Preise unverändert. Wild: Zufubr genügend, Geichäit rege, Preise fast unverändert. Gesiügelt Zufuhr reichlich, Kcichäst lebhasr, Preise seil. F i i ch e: Zusuhr etwas reichlicher, Geichäü ruhig, zum Teil schleppend, Preise wenig verändert. Bulter und Käse: Geschäft ruhig, Preiie unverändert. G e m ü I», O b it und Süds rü wie: Zufuhr reichlich, besonders in Blumenkohl, Ge chäit anhaltend still, Preise gedrückt. Witterungsuberücht vom 87. Oktober 191», morgens 8 llllr. Gtattonen Ii e- 5 s Lnmiculb« 771 OSO öauibmg!769CaO ?«rl'.n 1 769®D juuifU M 766 NO München[7670 Wien>769 SO BSettrrprognose für Freitag, den S8. ektover 1910. Trocken und zeillveise heiter, nachts kalt, am Tage etwas wärmer bei frischen östlichen Winden. Berliner Wetterbureau, Perantwortl. Redakteur: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Für dcnJnjeratenteil verantw: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts lvuchdcuckeret n. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.