Mr. 254. HbonnemcntS'Bcdlngungfn: Abonnements- LreiS pränumerando t ZSierteljährl. SJO SRI., monat!. 1,10 Mb, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag?. mimiucr mit illustrierter Sonntags- Bcitage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- tlbonnemeni: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn U Marl, für das übrige Ausland 0 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, iliuviänien, Schweden und die Schweiz, 27* Jahrg. erscheint tZgNch außer Montage. Verliner Volkslilatt. Die Inlerflons-Gebüftr beträgt für die sechsgespaltcne Koloiict- geile oder deren Nemm EO Psg., für politische und gewerkschaftliche Bereins- lind Versammlungs- Anzeigen 80 Psg. „Kleine Hnseigen", das erste(feit. gedrucktes Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- s:ellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg.. jedes weitere Wort h Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer niüsscn bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expediiio» ijt di» 7 Uhr abends geöffnet. Telsgramtn-Adreffe: „SozialtUffioBrat Rtrlln". Zcntralorgan der rozialdcmokratifcbcn Partei Deutfchlands. Redaktion: 8 AI. 68. Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Der Mann der Bourgeoisie. Paris, 26. Oktober.(Gig. Ber.) Der„Fall B r i a n d" ist kein persönliches Problem mehr, sondern ein Problem der Älassenpsychologie. Wie ist es möglich, daß die französische Bourgeoisie, einst die Preis- fechterin der europäischen Deinokratie, zu diesem vulgären Handlanger herabgesunken ist? Wo ist die dritte Republik angelangt? Der kleine tückische Thiers hatte seine Persidie an der Historie ausgefüttert, ein Gl a m b e t t a hatte seinen persönlichen Schwung, Ferry einen scharfen Sinn für reale Interessen, Giemen cean immerhin noch die Vergangen- heit eines eleganten Talents, sie alle waren Europäer— aber Briand? Wenn der Mann nicht aus Zeitungen und htlubreden einige Schlagworte der Zeitgeschichte aufgeschnappt hätte, könnte er nicht ebensogut der Wesir irgendeines bar- barischen Despoten sein? Briand. der Gcneralstreikler, hat in Wirklichkeit in der geistigen Welt des Proletariats nie Bürgerrecht gehabt, und Briand, der große Streikbrecher, ist ein verlorener Fremdling auf denWegen. wo die Montesquieu, Rousseau, Tocqueville gegangen sind. Und dennoch senkt der Heerbann des Prosits vor ihm die Fahnen, und die ge- schniegelten Mcinungssrisenrc der„gebildeten" Presse huldigen seiner rohen Gewöhnlichkeit. Briand, der Sieger— ivelche Niederlage bedeutet er für die Klasse, die sich von ihm bedienen läßt! Welche Schmach für sie. daß sie die Ohnmacht seiner gestrigen Rede in Mut und staatsmännischen Geist nmlügen läßt. Kaum hatte die gegen ihn gerichtete sozialistische Batterie in der Rede des Genossen C 0 l l p den ersten Schuß abgefeuert, sprang Briand vor, mit der Anmaßung, in einem einzigen Griff alle Geschütze des Feindes umzuwerfen. In leidenschafterfüllken Worten hatte Golly den„u g e n t provocateur" des Generalstreiks charakterisiert und den ungesetzlichen Mißbrauch der Armee während des Eisenbahnerstreiks nachgewiesen. Was hatte Briand zu erwidern? Unstichhaltige Bahauptungen über die Be- mühungen der Regierung, bei den Gesellschaften zugunsten der Arbeiter zu intervenieren: triviale Phrasen über die not. wendige„Rettung des Landes", über„wahre" Freiheit und icher die„Tyrannei" der„Falschen". Und aus die Beweise, daß den Eisenbahnern das Streikrecht gesetzlich zusteht, er- widerte er, indem er ein„Dokument" der angeblichen Sa- botage-Organisation hervorzog, für die ja die Eisenbahner auch dann unmöglich verantwortlich gemacht lverden könnten, wenn es zeitlich mit ihrer Streikbewegung zusammenhinge. !Fn Wahrheit aber ist die anonyme, in ihrem Ursprung völlig dunkle„Anweisung" zur Zerstörung von Telegraphen- leitungen zwei Jahre alt und stammt aus der Zeit des P 0 st st r c i k s. Wenn dieses„Dokument" irgend etwas beweist, so nur die Tatsache, daß Briand nicht d i e g e- ringste Rechtfertigung hat, weder für die Per- uichtung des Streikrechts, noch für die Verhaftung des Streik- komitees, dessen Mitglieder, wie die„Humanits" heule mit- teilt, noch immer Nichtwissen, wessen sie ange- klagt werden— aus dem offenbaren Grunde, weil man noch immer nicht weiß, wessen sie angeklagt werden könnten. 1 Die Leerheit von Briands Rede wird sogar von einigen bürgerlichen und entschieden arbeiterfeindlichen Blättern zu- gestanden. So schreibt Ernest I u d e t im nationalistischen „E c l a i r":„Wenn diese Rede mehr ist als eine bloße Vor- rede, und wenn Briand alles gesagt hat, was die von ihm zu verantwortende revolutionäre Situation ihm inspiriert, wird das Land seine Intervention sehr kurz und seine Erklärungen mittelmäßig bis zur Bedeutungslosigkeit finden." Immerhin hat Briand, wenn auch gar nichts, um das Geschehene zu rechtfertigen, so doch einiges Wichtige über s e i n e P l ä n e f ü r d i c Z u k u n f t gesagt: Die Regierung wird sich mit den„delikaten und komplexen" Problemen der Beschränkung des K 0 a l i t i 0 n s r e ch t e s beschäf- tigen. Sie wird„Lösungen" suchen, die„zugleich das Land vor ähnlichen Unternehuiungen sicherstellen und keine wesent- liche Freiheit der Republik antasten". � Briand war genötigt, bei dieser Schlußerklärung zu be- merken, daß er die Verantwortlichkeit seiner Kollegen in bezug auf diese künstigen Maßnahmen nicht engagieren rönne. Diese Bemerkung drückt die b e v 0 r- stehende Demission Bivianis aus, den nun doch endlich der Ekel über die seinem„Ministerium der Arbeit und sozialen Fürsorge" zugemuteten Aufgaben überkommen zu haben scheint. Zwar hat heute Briand die Demissions- Meldungen dementiert, aber in Wendungen, die eigentlich nur besagen, daß Viviani für die Regiernngspolitik während des Streikes noch solidarisch verantwortlich ist. Dieses Bedürfnis nach g e l e i l t e r S ch a n d e gehört zu den gemeinsten psycho. logischen Erfahrungen. Sicherlich kann auch die versvätete Demission Viviani nicht als Sozialisten rehabilitieren, aber doch einigermaßen als politischen Kopf und, in Anrech- nung seiner Willensschwäche, selbst als Menschen. Viviani zieht es anscheinend doch vor, in der Geschichte nicht als Fat- totum der nunmehr fest konstituierten Firma Briand und L 6 P i n e zu erscheinen, deren Teilhaber gestern von den sozialistischen Deputierten die verdiente Begrüßung erhalten haben, lieber den Präfekten in seiner stummen, aber darum nicht minder herausfordernden Zuschauerrolle und hernach über Briand tvährend seiner ganzen Rede ging die Empörung der Vertreter des Proletariats in Sturzwellen nieder. Die kapitalistische Presse entrüstet sich über diese angebliche„Sa- botage" des Parlaments und greift sogar den alten Brisson an, der als Präsident nicht genug Polizeieifer gezeigt hat. Tiefe Heuchelei wird das Volk darüber nicht täuschen, daß die wahren„Sabotence" der parlamentarischen Republik die- jenigen sind, die sie einem Briand in die Hände liefern. ein weiterer llmkall. Tie alte Auffassung der„Kreuz-Zeitung" über die notwendige Bestrafung unschuldig verhafteter politischer„Verbrecher":„Ter Kerl mutz zwar freigesprochen werden, aber er mutzte wenigstens ein paar Monate in Untersuchungshaft brummen", findet ihren Niederschlag auch im 8 126 der neueu Strafprozetzordnung. Ta- nach kann ein Verdächtiger bis vier Wochen in Untersuchungshaft gebaltcn werden, ehe die Sache beim Gericht anhängig gemacht und die Voruntersuchung eingeleitet wird. Und dann kann auch noch eine Verlängerung dieser Haftfrist cingehalt werde», so datz es in der Tat dem Ermessen des abhängigen Staatsanwalts an- heimgcitcllt ist, den Verdächtigen, auch wenn sich nachher die Schuld- losigkeit desselben herausstellt, unbestimmte Zeit in Haft behalten zu lassen.— Unsere Genossen beantragten in der Freitagssitzung der Justizkoinmission, mit dieser Willkür aufzuräumen und zu be- stilnmen, datz, wenn nicht innerhalb zwei Wochen nach der Ver- baftung des Verdächtigen die Sache beim Gericht anhängig ge- macht wird, der Haftbefehl aufzuheben ist.— Dieser Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, einiger Freisinnigen und einzelner Zentrumsabgeordneten abgelehnt. Einen weiteren Nachteil für den verhafteten Be» schuldigten legte die Kommission fest, indem es einen besseren Beschlutz der ersten Lesung wieder aufhob. So bestimmte der neue ß 127a, datz der in Untersuchungshaft befindliche Be- schuldigte nur vom Richter vernommen werden darf. Unter Ablehnung verschiedener Zwischenanträge strich die Kommission mit 15 gegen 11 Stimmen diese etwas grötzere Garantie einer ordentlichen Vernehmung des Verhafteten. A rb e i t e r s e k r e t ä r e als gerichtliche Ver» teidiger zuzulassen, forderten unsere Genossen beim Abschnitt„Verteidigung". Damit sollte dem Gericht die Möglichkeit genommen werden, die Vertrauensleute der Arbeiter, Arbeitersekretäre, Ge Werkschaftsbeamte usw., oder Frauen als„ungeeignet" für die Verteidigung zurück- weisen zu können.— Ein Negierungsvcrtrcter erklärte, datz in Anbetracht der erweiterten Rechte des VerteidWers das Gericht um so vorsichtiger bei der Zulassung nichtjuristisch gebildeter Personen als Verteidiger sein müsse. An sich sei gegen die Zu- lassung„geeigneter" Gewerkschaftssekretäre als Verteidiger nichts einzuwenden.— Der Antrag unserer Genossen wurde gegen die Stimmen derselben abgelehnt. Eine weitere Einschränkung der Verteidigung beschlotz dann die Kommission beim 8 kW. In erster Lesung wurde insofern eine Verbesserung gegenüber dem Entwurf in den 8 13ö eingefügt, als auch in Sachen, die in erster Instanz vor dem Landgericht zu verhandeln sind, oder wenn der Beschuldigte wegen Vergehens in Untersuchungshaft genommen ist, dem Beschuldigten auf An- trag ein Verteidiger gestellt werden mutz. Ferner sollte der Be- schuldigte auf dieses Recht hingewiesen werden. Während unsere Genossen beantragten, für alle Fälle dem Beschuldigten einen Verteidiger zu stellen, lehnte die Kommissionsmehrheit nicht nur diese Forderung ab, sondern mit 15 Stimmen wurde, auf Antrag der für die Kommission neu gebildeten nationalliberal-konservativen Blockgcmeinscksaft, die Verbesserung aus der ersten Lesung ge- strichen und die nach jeder Seite hin unzulängliche RcgierungS- Vorlage wurde wieder hergestellt. Da die Abstimmung sich zuerst zum Rachteil des konservativ-nationalliberalen Antrages zu ge- stalten schien, erhoben sich im Zentrum noch die fehlenden drei Hände. Und wieder war mit dieser Verschlechterung ein neuer Ilmfall komplett, dank dem Zentrum! Berichtigung. In dem gestrigen Bericht aus der Justizkommission sind einige sinnentstellende Druckfehler enthalten. So mutz es in dem in der vierten Zeile beginnenden Satz heitzen:„In der ersten Lesung wurde im 8 106a festgelegt, datz in den Geschäftsräumen einer gesetzgebenden Körperschaft Haus- suchungen und Beschlagnahmen nur mit Genehmigung des Vorsitzenden dieser Körperschaft vorgenommen werden dürfen." Und in der dritten Spalte muß es in der siebenten Zeile anstatt„Vorstrafen"„Tatsachen" heitzen. Her Issskregelungsminitter. Es sind erst zwei Monate her, daß der Genosse Kolb auf dem Ofsenburger Parteitag prophezeien zu können glaubte, in zehn Jahren werde die Zeit kommen, wo jeder Be- amte sich in Baden zur Sozialdemokratie werde be- kennen können. Tie Maßregelung des uatioualliberalen Be- amten Arnsperger spricht jedenfalls nicht dafür, daß diese Entwickelung von regiernngswegen gefördert wird. Es ist ja nun begreiflich, daß die Anhänger der Großblockvolitik, die unter den ganz unparlamentarischen Verhältnissen des angeblichen Musterländlc auf die Unterstützung der bureau- tratischen Regierung angewiesen sind— an einen ernsthaften Kampf um Durchsetzung des parlamentarischen Rcgierungs- Expedition: 8M. 68» Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt lV, Nr. 1981. systeins denken ja die badischen Nationalliberalen gar nicht— sich auch jetzt nicht alle Illusionen auf einmal rauben lassen möchten. Und so verfallen sie aus die Idee, Herrn v, B 0 d- rn a 11 als Opfer Berliner Einflüsse und der Hetze der „Kreuzzeitung" hinzustellen. Nun wollen wir durchaus nicht solche Einflüsse bestreiten, die zugleich den Beweis liefern, wie die etwas besseren politischen Zu. stände Süddeutschlands durch die preußische Reaktion dedroht sind. Aber um die Politik eines Bodman zu begreifen, bedarf es lvirtlich nicht erst der Heranziehung dieser Einflüsse. Ist doch Bodman zwar seinen Worten untren worden, aber mit seinen früheren Taten stimmt die Maßregelung seines Vercinsbrnders desto besser überein. War es doch die Re- gierung, der Herr v. Bodman angehört, die den Eisenbahn- arbeiter Genossen Schaufele vor die Wahl gestellt hatte, entweder sein Stadtvcrordnetemnandat niederzulegen oder seinc Arbeitsstelle zu verlassen. Derselbe Bodmann hat ja auch erklärt, daß Sozialdemokraten nicht als Beamte geduldet und nicht Bezirksräte werden dürfen. Damals hatte sich ja unsere badische Fraktion zu dem Beschluß veranlaßt gesehen, das Budget abzulehnen, denn die politische Ehre verbiete, für das Budget zu stimmen, da Sozialdemokraten in Baden nicht politisch gleichberechtigt seien. Auch das Eintreten Bodmans für die bürgerliche Sainmelpolitik zur Bekämpfung der So- zialdeniokratie, die er jetzt wieder in der amtlichen„Karls- ruber Zeitung" mit solchem Eifer predigt, ist bei Herrn v. Bodman nichts neues. Neu ist also höchstens, daß die politische Entrechtung jetzt von den Sozialdemokraten auch schon auf die nationalliberalen Regierungsstützen ausgedehnt tvird und Herr v. Bodman damit den Rekord erreicht hat, der bisher nur in ostelbischen Gefilden aufgestellt worden war. Damit aber der Sinn der Maßregelung auch ja recht deutlich werde, gibt die bodische Regierung in der„Karlsruher Zeitung" noch folgende Erklärung ab: „Die grotzherzogliche Regierung war und ist der Ansicht, datz bei den nächsten Reichstagswahlen zur Verhütung eincZ weiteren Anwachsens der sozialdemokratischen Vertretung ein Z u s a in in e n s ch l u tz der b ü r g c r- l i ch e 11 Parteien dringend erwünscht ist. Sie hat diese Anschauung iniederholt in der„Karlsruher Zeitung" hervor- treten lassen. Oberamtmann Arnsperger hat in einer polj- tischen Versammlung, deren Verlauf durch die Tagxspresse der Oeffcntlichkeit mitgeteilt wurde, Stellung gegen die Au» s ch a u u u g genommen, indem er ein Zusammengehen der Na» tionalliberulen mit den Konservativen für absehbare Zeit für ausgeschlossen bezeichnete und nach Hinweis auf die Tätigkeit einiger(evangelischer) Geistlicher im Landbezirk Karlsruhe niit der Aufforderung schloß, keinesfalls„mit Geistlichen und Junkern" zusammenzugehen. Im Landbczirk Karlsruhe sind die K 0 n s e r- v a t i v e n, denen auch die Mehrzahl der protestantischen Geist- lichen zuzurechnen ist, zahlreich und bilden ein staatserhaltendes Element von besonderer Bedeutung. Unter diesen U m- ständen hat die Regierung ein Verbleiben des OberamtmannS Arnsperger in diesem Bezirk nicht für tunlich erachtet und hat seine Versetzung in einen anderen Bezirk herbei» bcigesührt. Dienstliche Nachteile sind damit für Oberamtmann Arnsperger nicht verbunden. Im Gegenteil ist er von der Stellung eines „den Amtsvorständen gleichgestellten zweiten Beamten"(C 3k des Gehalistarifs) in die selbständige Stellung eines Amtsvorstandes und in den Genuß einer Dienstwobnung gelangt. Tie Stelle in Staufen ist wegen der Annehmlichkeiten des Aufenthaltes eine der begehrten des Landes. Eine Strafversetzung liegt somit weder im beamtcnrechtlichcn Sinne noch in tatsächlicher Beziehung vor. Die Entschlietziing der Regierung beruht auch weder ans einem Wechsel ihrer Anschauungen, noch auf Ber- l i n e r Einflüsse n.", Mit Recht gibt unser Karlsruher Parteiblatt, das die in sich widerspruchsvolle Ableugnung der letzten Worte nicht ernst nimmt, dieser Erklärung die Ueberschrift:„Klar- heit" und mit Recht meint die„Franks. Volksstimme": „Damit ist unseren badischen Genossen der Weg zur 0 f f e n e n Bekämpfung der Regierung deutlich genug g e w i e s e n." Ist doch diese Erklärung nur die Betraf- t i g u u g der Tat, stellt sie doch nur noch einmal fest, daß die Maßregelung erfolgt ist, weil Arnsperger Anhänger der Großblocktaktik ist. Daß die Maßregelung zuletzt schließlich nicht„Maßregelung" heißen soll, ist eine lächerliche Ausrede, die höchstens durch ihre Verlogenheit er- bitternd wirken muß. Um so unbegreiflicher sind die Bemerkungen, die unser Mannbeinier Parteiblatt im Gegensatz zur klaren und selbstverständlichen Haltung nicht nur der gesamten Parteipresse, sondern auch des„Karlsruher VolkSfreundeö" an diese Erklärung knüpft. ES schreibt: „Die obige Kundgebung bestätigt, daß Herr v. Bodman es auch heute nicht für opportun hält, einen seiner Beamten des- halb zu maßregeln, weil er Anhänger der G r 0 tz b l 0 ck- Politik ist. Denn mit den Parteien des Grotzblocks hat Herr v. Bodman auf dem letzten Landtag gearbeitet und mutzte er arbeiten, und wenn seine Amtmänner heute die politischen Konse- guenze» aus dieser Tatsache ziehen, so liegt das nur im w 0 h l- verstandenen Interesse der Regierung selbst. Dies will Herr v. Bodman offenbar auch zum Ausdruck bringen, wenn er der Versetzung des Oberamtmanns Arnsperger jeden strafmätzigen Charakter abspricht und sie lediglich mit lokalen, nicht etwa mit allgemeinen politischen Erwägungen begründet. Die Versicherung, datz die Regierung ihre Anschauungen nicht gewechselt und auch nicht unter dem Druck von„Berliner Einflüssen" gehandelt habe, ist vollends ge- eignet, den«tatus quo ante wieder herzustellen, so datz als das Ergebnis der aufregenden Tage die Tatsache festzustellen wäre: f8 bleibt beim ölten,>mS Ferr 5. Bodman?al lediglich Sur'ch eine der an ihm gewohnten Schwankungen das Beweismittel da- für zu verstärken beliebt, daß er eine..komplizierte Natur" ist, die außerordentlich stark den Einflüssen der je- weiligcn Augenblickslage unterliegt." Ein s a n b e r c r K o in in e n t a r. den wir eher in der amtlichen Karlsruher Zeitung" als in einem Parteiblatt zu finden erwartet hätten! Man denke, ein Beamter wird wegen riiicr politischen Aeußcrung geinaßregelt. Die Regie- rung läßt noch dazu ausdrücklich erklären, daß diese Matzregc- limg den Lb o n s c r v a t l v e n zuliebe geschehen, daß sie erfolgt ist, weil Arnsperger gegen die Sannulungspolitik, für die Großblockpolitik eingetreten ist. llnd ein Parteiblatt kriecht auf den offiziösen Leim, daß eine Maßregelung keine Maßregelung ist, sondern nur eine Versetzung ohne materielle Schädigung! Das ist. das uiuß mit aller Ruhe, aber auch mit aller Entschiedenheit gesagt werden, eine unmögliche und unhaltbare Stellungnahme. Die Maß- regelung Arnipergers ist ein Schlag ins Gesicht, rührt un- mittelbar an die Ehre der sozialdemokratischen Partei. Mag das offiziöse Gelichter nachträglich schreiben, was es will, die Tat bleibt bestehen. Sic bedeutet, um niit unserem Karlsricher Parteiblatt zu reden, einen Kriegsfall und erfordert die schärfste Opposition der Partei gegen die Regierung und den Minister, der diese Tat verübt hat. Man würde sich in Mannheim in W i d e r s p r u ch zu der Gesamtpartei stelleu, wenn man ciue andere Politik triebe. Eiuc liberale Stimme über die Regierungserklärung. Gegen die Erklärung der Regierung zum Fall Arnsperger schreibt der„Badische Landesbote", das Organ der Fort- schrittlichen Volispartei: „Mit dieser Erklärung»vird also das bestätigt, was der Ubcralen Presse aller Schattierungen bisher zur Grundlage ihrer scharfen Kritik gedient hatte. Wenn die Regierung, um die bittere Pille zu versüßen, davon spricht, eine Strafversetzung liege weder im beamtenrechtlichcn Sinne, noch in tatsächlicher Beziehung vor und die Stelle in Staufen eine der begehrtesten im Lande nennt, so mutet das in diesem Zusammenhang doch nur wie ein schlechter Äib an. Wir stellen nochmals fest: Die großherzogliche Negierung hat, um der kleinen Gruppe der Konservativen ge- fällig zu sein, derselben Gruppe, von der sie und insbesondere Herr v. Bodman in der gehässigsten Weise bekämpft worden ist, die staatsbürgerliche Freiheit der Beamten im hoch- sten Maße gefährdet. Sie hat weiter dadurch die Parteien, deren selbstloser Unterstützung sie im letzten Landtag ihre Erfolge verdankt und die sie in der letzten Zeit gegenüber den gehässigen und leichtfertigen Angriffen von konservativ-ultramontaner Seite lebhaft in Schutz genommen haben, auf daS fch tu erste brüskiert. Die notwendige Folgerung ist für die Fortschrittliche Volks- Partei jedenfalls klar: Sie hat keine Veranlassung, dem Ministerium Bodman in Zukunft anders als mit Mißtrauen entgegen- zutreten. Wir zweifeln auch, daß das in der n a t i o n a l l i b e- ralen Partei, die ja die zunächst getroffene ist, irgend wie anders sein kann. Ob es der Wunsch des Herrn v. Bodman ist, mit Hilfe des konservativ-ultramontanen Heerbannes, an dessen ein- mutiger Geschlossenheit, wie uns jetzt erst wieder versichert wird, sich nichts geändert hat, den liberalen Parteien entgegenzutreten — das wird er mit sich selbst auszumachen haben. Herr v. Bodman wird aber auf alle Fälle darauf verzichten müssen, andere Leute glauben zu machen, daß die großherzogliche Re- gierung weder ihre Anschauungen gewechselt hat noch Berliner Einflüssen erlegen i st." lZnihn Ulli! Genossen. Eine köstliche Komödie spielt sich seit Montag im Moabiter Ge- richtssaale ab. Auf der Anklagebank der antisemitische Reichstags- abgeordnete Bruhn und Genossen. Gegen die Anklage, mittels des von ihm herausgegebenen ScnsationSblattes„Die Wahr- heil" Erpressungen begangen zu haben, hat er sich zu ver- teidigen. Die Enthüllungen im Dahsel-Prozeß im Oktober ver- gangenen Jahres haben die Anklagebehörde zu der Anklage ge- zwungen. Diese baut sich darauf auf: Die„Wahrheit" wird in einer Weise redigiert, daß schon ihre Existenz eine Nötigung dar- stellt, das solle sie auch darstellen, um dem Verleger durch Zu- Wendung von Inseraten Vorteile zuzuwenden. Bruhn soll also eine technisch berfeinertere Erpressung als sein Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter Dahsel oder sein älterer Vorgänger im Kampf für das„Nationale", der Zuhälter der Konservativen Emil L i n- d c n b c r g, angewendet haben. Unsere Leser entsinnen sich aus der Schilderung Emil Lindenbergs, die wir am ö. Oktober vorigen Jahres gaben, wes Geistes Kind der Mann war. Erpressung ve- ging dieser nationale Held erst dadurch, daß er Manuskripte über unangenehme Familienvorgänge wohlhabender Interessenten vor- las und versprach, die Artikel nicht erscheinen zu lassen, wenn er — gute Bezahlung erhielte. Dieses Revolvcrkunststück verfing ein- mal nicht, er wurde zur Anzeige gebracht und erhielt einige Jahre Zuchthaus wegen versuchter Erpressung. Nach seiner Entlassung aus der staatlichen Erziehungsanstalt wurde der Ehren- mann Bravo der Konservativen mit General von P I e h w e an der Spitze. Er wirkte im„nationalen" Sinne für den„Preußenverein", einen Vorgänger des„Reichsvcrbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie". Sein„literarisches Genie" machte nun öffentliche Meinung in der Zeitung„der Königsbergcr Freimüthigen". Da schrieb er Klatsch- berichte übpr Familienverhältnisse. Hierin beleuchtete er in prickelnden Artikeln die intimsten persönlichen Verhältnisse, Wahr- heit mit Erfindung vermischt— ganz wie Bruhn es seinen Artikeln in der„Wahrheit" nacheifert. Der konservative Lump wurde wegen Verleumdung 18mal bestraft, dank seiner hohen Kon- nexionen aber jedesmal begnadigt. 1855 wurde er vom General von Plehwe beauftragt, den späteren Kaiser Wilhelm l. auf seiner Reise nach Minden zu bespitzeln. Der Spitzelbcricht siel dann in unrechte Hände. Auch in ihm war Richtiges mit Falschein ver- mengt. Wegen der in dem Bericht enthaltenen Prinzcnbeleidi- guugcn wurde Lindenbcrg abermals verurteilt und abermals— begnadigt. Die Lindenbergsche Technik hat Bruhn vergröbert, aber auch strafrechtlich vervollkommnet. Und nun beruft sich Bruhn als Gewährsmänner dafür, daß die„nationale" Sache nur durch prickelnde, lüsterne Pikanterien zu vertreten sei, auf— die Polizei, auf seine Mitarbeiter und Gesinnungsgenossen. Die Polizei versagte ihre Mitwirkung. Ist wirklich das Wohl Deutschlands gefährdet, wenn die Beziehun- gen der Polizei zu Pruhn aufgedeckt werden? Mehr Glück hat er mit dem„gerichtlichen Sachverständigen". Ter ihm unerwünschte Dr. Schweitzer ist erkrankt. Aber der Ordnungsmann, der„natio- nale" Dr. Liman, ist zur Stelle— ausgerechnet Dr. Li man(früher Saul Lippmaun). Das ist ei» Saclwerständiger nach dem Herzen Bruhns. Er wird als„Sachverständiger" befragt, wes Geistes Kind die„Wahrheit", und ob sie ein„ErprejserblaU" sei! Derselbe Liman, der bald als«Der g.rme Jorri!" jn der Beilage zur agrarischen„Deutschen Tageszeitung", bald als Dr. Liman In dem industriefreundlichen Klatschblatt„Leipziger Neueste Nach- richten", bald in der„Londoner Finanzchronik", bald anderwärts dieselbe Sache verschieden behandelte. Er kann schreiben „rechts", er kann schreiben„links". Jn Erinnerung sind seine Artikel mit doppelter Buchführung über England. Als Zeuge suchte er seinerzeit die Schmockleistung dadurch zu erklären, daß die Leser der„Deutschen Tageszeitung"„geistig- schwerfällige" Leute seien. In Erinnerung ist die Behauptung seines einstigen Freundes Maxmilian Horden: in einem Brief an ihn habe Liman das Gegen- teil von dem behauptet, was er unter Eid ausgesagt hatte. Und dieser Toppelschreiber, von dem eine Reihe anständiger bürger- lichcr Zeitungen ausdrücklich weit abrückten— gerichtlicher Sachverständiger über Anstand und Gepflogen- heit der anständigen Presse! Derselbe Liman, der vor Gericht beeidete, er habe noch nie jemand beleidigt, und nach- lueislich verleumderische Beleidigungen über Sozialdemokraten als pikante Sauce seinen Lesern wiederholt serviert hat, als Sach- verständiger für Sensation, Pikanteri« und Wa h r h e i t! Ein zu köstlicher Griff der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts, siir den jeder für Humor Empfängliche dankbar sein sollte. Aber noch aiwere„Sachverständige" marschieren da auf. Der Jnseratenchef der Jnseratenplantage der„Voß": Herr Kluge. Der Tiefstand der bürgerlichen Presse spiegelt sich in seinem„Gut- achten" fast noch trefflicher als in dem Limanschcn. Am ersten Tage der Verhandlung teilt er mit. daß die„Vossische" ihre „Maffage"-Jnserate der Polizeikontrolle unterstellt. Trefflich, zu- mal die Polizei über die unter Kontrolle stehenden„Massage-Jn- haberinnen" doch wohl Buch führen muß. Eine„freisinnige Zeitung stellt sich im Wider st reit zwischen ihrer Ab- neigung gegen das Gefängnis und ihrer Zuneigung zum Mammon unter Polizeikon trollel Aber damit niöM genug. Gestern meinte er: Die Aufnahme eines Angriffs gegen einen Großinserenten loürde vom Chef- redakteur eines Blattes wohl abgelehnt werden l Aus welchen Kloaken bürgerlicher Jnscratenplantagen mag der Sachverständige wohl seine Kenntnisse gesammelt haben? Ganz recht erwiderte Bruhn und sein Verteidiger: diese vom„Sachverständigen" behauptete Gepflogenheit sei ja das- selbe, was man u. a. dem Angeklagten zur Last legt. Der bürger- liche Presse bleibe es überlassen, gegen das Gutachten des Inseraten- chefs der„Voss. Ztg." zu protestieren. Ter Sachverständige hat die sozialdemokratische Presse nach dem Bericht nicht ausgenommen. Wir bezeichnen die danach in 0er Behauptung des Sachverständigen liegende Unter st ellung: auch in einer sozialdemokratischen Zeitung würde ein Chefredakteur Angriffe gegen einen Großinse- renten ablehnen, als eine schamlose Verleumdung zurück. Nicht eine Minute länger würde ein solch jammervoller Gesinnungslump in irgendeiner sozialdemokratischen Zeitung ge- duldet werden. Der redaktionelle Teil ist in sozialdemokratischen Zeitungen völlig unabhängig vom Inseratenteil getrennt. Die Fäulnis, wie sie nach dem Gutachten des Herrn Kluge in der bürgerlichen Presse Platz greift, ist in der sozialdemokratischen un- möglich. Auf weitere interessante Teile des Bruhnschen Prozesses, inS» besondere auf das Pochen auf die Vertretung„nationaler" Ge- sinnung und auf die Charakteristik der„nationalen" Zeugen gehen wir für heute aus Raumrücksichten nicht ein. polirifcke ücb erficht. Berlin, den 28. Oktober 1910. Die neue Marinevorlage. Wir wiesen vor einigen Tagen auf die bedeutsame Rede hin, die der Vorsitzende des Deutschen Flottenvereins, Großadmiral von Köster, kürzlich in Eisenach gehalten hat. Herr von Köster erklärte es in dieser Rede füt erforderlich, daß bereits vom Jahre 1912 ab jährlich zwei große Kreuzer gebaut würden, während nach dem gegenwärtigen Flottenbauplan nur e i n großer Kreuzer jähr- lich zu bauen is� Nun wird auch im„Berliner Tageblatt" von „marinefachmännescher Seite" auf die Bedeutung dieser Rede auf- merksam gemacht. Großadmiral von Köster, schreibt der erwähnte Marinefachmann, würde bei seinen engen Beziehungen zu den leitenden Stellen der Marineverwaltung den Plan einer neuen Ersatzbaunovelle für die Panzerkreuzer zweifellos nicht entwickelt haben, wenn er geglaubt hätte, sich mit seinen Ansichten in einen Widerspruch zum Reichsmarineamt zu setzen. Es könne daher kaum einem Zweifel unter- liegen,„daß eine derartige Novelle dem Reichstag im nach st en H e r b st zugehen wird, um sie mit dem Etatsjahr 1912 in Kraft treten zu lassen". Wir sind ganz derselben Meinung, nur glauben wir, daß die im Herbst 1911 zu erwartende neue Flottenvorlage wahrscheinlich noch mehr fordern wird, als den Bau dieser drei Kreuzer. Aber cS freut uns immerhin, daß endlich auch ein liberales Blatt auf die drohende Vermehrung unserer Flottenrüstungen aufmerksam zu machen beginnt! Denn obwohl es für jeden Kenner der Verhält- nisse klar sein mußte, daß man sich vom Jahre 1912 ab nicht mit dem Bau von jährlich nur zwei Schlachtschiffen begnügen würde, hat die liberale Presse sich bisher so angestellt, als halte sie es wirk- lich für wahrscheinlich, daß wir mit neuen Marinefordcrungen bis zum Jahre 1917 verschont würden! Aber auch die„marinefachmännische Seite" des„Berliner Tageblatts" leistet noch einem sträflichen Optimismus Vorschub. Sie meint, die Panzerkreuzcr-Ersatzbaunovelle werde über den Rahmen des bestehenden Flottengcsetzes nicht hinausgehen. Nicht den Bau neuer Schiffe werde man fordern, sondern nur, daß die sechs durch das Flottengesetz ja bereits bewilligten Ersatzbauten statt in sechs Jahren bereits in drei Jahren auf Stapel gelegt würden. Möglich allerdings, daß die Regierung es wieder einmal mit dem Schwindel versuche» wird, sie verlange ja gar nicht mehr Schiffe, sondern nur eine Zusammendrängung der Bau- zeit. Jn Wirklichkeit aber würde sich, und darauf hätte auch der Sachverständige des„Berliner Tageblatts" hinweisen sollen, dann im Jahre 1914 die Geschichte wiederholen. Denn wenn die drei Panzerkreuzer, die nach dem gegenwärtigen Bauplan in den Jahren 1915 bis 1917 auf Stapel zu legen sind, bereits in den Jahren 1912 bis 1914 in Angriff genommen werden sollen, wäre ja vom Jahre 1915 ab jährlich nur noch ein Schlachtschiff, nämlich ein Linien- schiff, auf Stapel zu legen! Daß sich das unser Panzerplatten- kapital ebensowenig gefallen lassen würde, wie die Reduktion der Neubauten auf zwei Schlachtschiffe im Jahre 1912, liegt klar auf der Hand! Die Beschleunigung de? Baues der drei Panzerkreuzer be- deutete also nichts anderes, als eine schlecht verkappte neue Flottenvorlagek Der Protest gegen das System Moabits Die Arbeiterschaft von Gera(Renß) und den Vororten protestierte am Dienstagabend in vier überfüllten Volks- Versammlungen. 5090 bis 6000 Männer und Frauen füllten die Säle und ungezählte Scharen, die kemen Einlaß mehr fanden, zogen von Lokal zu Lokal. Die Referenten, die Genossen Wurm, Stücklen, Borg mann und F r o in k e aus Berlin geißelten, von stürmischen Knndgebuiigen der Empörung und der Zustimmung nnterbrochen, die reakliouärcn Zustände im Reiche und im Fürsten- tum Reuß j. L. Jn allen Versammlungen wurde einstimmig die Protestresolution angenommen. Bemerkenswert für die gesteigerte Macht der Geraer Arbeiter- schaft ist die Talsache, daß die Versammlungen zum ersten Male in Sälen stattfanden, die der Arbeiterschaft bioher verweigert worden waren. Die Geraer Arbeiterschaft hat es sich erkämpft, daß ihr jetzt— trotz Mllitärboykotts— ausnahmslos alle Säle zur Ver- fügung stehen. Jn einer von mehr als 3000 Vertonen besuchten Riesen- Versammlung zu Lübeck referierte Genosse Lcdebour- Berlin unter stürmischem Beifall. Nachdem in der Diskussion noch der Genosse Mehr lein darauf hingewiesen halte, daß von der bürgerlichen Presse die Ausschreitungen Lübecker Streikbrecher in solche von Streikenden umgefälscht worden sind, jedenfalls um Maleria! für ein eventuelles Zuchlhausgesetz zu schassen, gelangte die Protestresolution zur einstiinnngen Annahme. Bemerkenswert ist noch, daß der Vorsitzende der Versammlung, Genosse Löwigh, Mitteilung von einem Briefe eines Gerichtsassessors machen konnte, indem dieser den Wunsch ausdrückte, daß bei den Schießereien der Arbcilswilligci» in Lübeck anläßlich des Werft- arbeiterkampseö doch einige Kugeln der Streikenden getroffen hätten. Der Man» ist vielleicht noch einmal berufen. streikende»� Arbeitern gegenüber als Rechter zu fungieren. Wie ssine Rechtsprechung ausfalle» wird, ist wohl nicht schwer zu erraten. Und da wunder» man sich denn, wenn das Mißtrauen gegen die deutsche Justiz immer größer wird. Der mistlungene Kuhhandel. Die in Harburg erscheinende linksliberale„Neue Elbe-Zestinig" verössentlicht eine Darstellung der Verhandlungen zwischen der Fort» schriulichen Volispartei und den NationaUiberalen über die Verteilung der Kandidaturen in der Provinz Hannover. Im ganzen bandelt es sich um 17 Wahlkreise, von denen die Forlschriltliche Volkspartei vier für sich in Anspruch nahm. Die Nationalliberalen wollten ihnen aber außer Bremen nur noch den völlig aussichtslosen Wahlkreis Hannover-Linden überlasse». Die Fortschriltler suchten trotz- dem noch weiter zu verhandeln, erhielte» aber schließlich von den Nationalliberalen die Antioort, daß man keinen Wert mehr darauf lege, mit ihnen i» der Provinz Hannover zusammen zir gehen. Wie das„Berliner Tageblatt" von unterrichteter Seite erfährt, ist auch der Kuhhandel für die Provinz Brandenburg noch nicht ab» geschlossen. Es gilt sogar für fraglich, ob überhaupt eine Bersländi- gung erzielt werden wird._ Gegen die Polizeiassistentinnen. Auf Stuttgart folgt Mainz? Jn der Mainzer Stadtver- ordnetensitzung kam es am Mittwoch zu lebhaften Erörterungen über die Polizeiassistentin Frau Schapiro. Jn dm letzten Tagen ivar im„Neuesten Mainzer Anzeiger" und einer Reihe anderer Zeitungen von der Assistentin gesagt worden, sie überschreite ihre Aintsdefugnissc, und Stadtverordneter Adelung interpellierte des- Halb und verlangte volle Klarlogung. Der Vorsitzende der Polizei, Dr. Berndt, erwiderte, daß die Beschuldigungen unhaltbar seien. Er ging im einzelnen die ihm bekannt gewordenen Fälle durch und bezeichnete sie teils als zu den Funktionen der Assistentin ge- hörend, teils alz unwahr und übertrieben. Die Assistentin habe selbst ein Disziplinarverfahren beantragt, dies sei jedoch nicht ein» geleitet worden, da das Material nicht genüge. Die Assistentin habe namentlich in den Bordellen sehr wohltätig gewirkt, durch ihre Tätigkeit sei dort das Ausbeul ungssystcm verschwunden. Dr. Berndt verlangte von der Presse Widerruf und Abbitte. Erfolgten diese nicht, so würde er Strafanzeige erstatten. Demgegenüber He- hauptete Justizrat Dr. H. Horch, daß schwer belastendes Material gegen die Assistentin vorliege. Nachdem man drei Stunden debattiert hatte, wurde beschlossen, die Akten dem Oberbürgermeister zur Prüfung zugehen zu lassen. Strafe für die Tendenz! Wieder hat die Hallesche Justiz ein Urteil gefällt, das nackt und offen ausspricht, daß ein schärferer KnrS gegen die Presse ein- geschlagen werden soll. Dem Genossen Bock vom.Volksblatt" für Halle wurde vorgeworfen, in dem Artikel„DaS andere Allen- stein" daS Allensteiner Offizierkorps beleidigt zu haben. ES handelt sich dabei bekanntlich um jene häßliche Affäre, die anläßlich eines Erpressungsprozesses gegen den Bureauangestellten Grog er und dessen Braut, die Schneiderin S t r e h l a u in Potsdam aufgerollt und die in einem von mehreren Parteiblättern abgedruckten Artikel besprochen wurde. Hauptmann S ch m o o ck in AllenstH» hatte bei Gelegenheit von sogenannten.Budenzaubern" mit der Schneiderin geschlechtlich verkehrt, was nicht ohne Folgen blieb. Das Mädchen mußte später gegen den Hauptmann einen Alimentationsprozeß anstrengen, verlor ihn aber, da auch ein Leutnant Eicke beschwor, ebenfalls zur angegebenen Zeit mit dem Mädchen verkehrt zu haben. Gegen den Leutnant wurde nun An- zeige wegen wissentlichen Falscheides erstaltet. Der Verlobte de? Mädchens unterstützte dessen Bemühungen um sein Recht durch etliche Briefe an den Hauptmann und den Regimentskommandeur. Daraus entstand ein Prozeß wegen Erpressung und Verleumdung. worin das Mädchen zu einem Monat, sein Verlobter zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Dieser Sachverhalt wurde irr dem erwähnten Artikel kritisch besprochen. Gegen mehrere verantwortliche Redakteure von Parteiblättern wurde Anklage erhoben, so auch gegen den Genossen Bock in Halle, dem die Schubertkammer 500 Mark Geldstrafe zudik'.ierte. Der Antrag des Staatsanwalts lautete auf sechs Monat Gefängnis I Erfurter Richter hatten bei dem dortigen Prozeß in gleicher Sache 300 M. für ausreißend gehalten, lim das höhere Strafmaß zu rechtfertigen, snhrte Landgerichtsdirektor Schubert aus, daß der Au- geklagte Redakteur eines Blattes sei, welches in der letzten Zeit wiederholt staatliche Einrichtungen, Vertreter der Gei st lichkeit und Beamte scharf an- gegriffen habe. Da dürfe. obgleich er selbst noch unbestraft sei. die Strafe nicht gering bemessen werden! Mit dieser Begründung ist das Urteil natürlich völlig unhaltbar. Wie kann der Angeklagte für Dinge verantwortlich gemacht werden, die er gar nicht begangen hat? Die Redaktion eines Blattes ist eine Art Kollektivarbeit mehrerer, das stimmt. Für die Beurteilung einer im Sinne bürgerlicher Richter strafbaren Handlung kann jedoch nur der konkrete Fall herangezogen werden. Was würde Landgerichts- direktor Schubert sagen, wenn man ihn für einen Irrtum seiner Kammer— und eS hat solche gegeben— allein verantioortlich machen wollte? Revision gegen daS Urteil ist sofort eingelegt worden. Kriegsgerichte können auch milde urteilen. Als während der letzten Herbstmanöver am 1. September eine Abteilung der 3. Eskadron des westfälischen Ulanenregiments Nr. 5 im Amte Eving einquartiert war, ließ sich eine ans dem Sergeanten Müller und den Ulanen Müller. Garbe und Stüber bestehende Patrouille zu unerhörten Ausschreitungen verleiten. Die Patrouille kam in die Wirtichast des RestaurateurS Hcnner, wo eine geichlosiene GeseNichaft in einem separaten Zimmer tagte. DaS erste war. daß die Patrouille, der Sergeant an der Spitze, sich gewaltsam Eingang in daS separate Zimmer verschaffte; dann zog der Mann mir dem Sergeantenabzeichen den Säbel und schlug damit aus den Tisch, daß die Gläser hochsprangen und das Bier teilweise verschüttet wurde. Der Steiger Frede, der Vorsitzende der Gesellschaft, derdat sich ein derartiges Belragen, erzielte dainit aber nur, datz ihn der Sergeaur vor die Brust stiejz und mst dem Säbel auf ikn einHieb, so daß der Steiger zu Boden stürzte. Run hieben auch die anderen drei„Vaterlandsverteidiger" aus den Wehrlosen ein und versetzten ihm Fußtritte, wo- bei dem Steiger das Nasenbein zertrümmert wurde und er bewußt- los wurde.' Bei der„Attacke" ivar dem Steiger Frede auch das Portemonnaie mit 60 M. Inhalt ans der Tasche gekommen. Später wurde es. seines Inhalts beraubt, leer im Zimmer aufgefunden. Schon vor diesem brutalen Rohheitsakte war die Patrouille in eine andere Wirtschaft eingedrungen. Auch dort hatte Sergeant Müller den ersten besten Gast an der Brust gesaßt, ihn heftig ge- schüttelt und mit gezogenem Seitengewehr drohend gerufen:„Wenn Sie jetzt Ihre Schnauze nicht halten, dann passiert Ihnen was!" Da? Sinegsgerichl in Düsseldorf hatte über den Fall zu Gericht zu sitzen. Es verurteilte den„Stellvertreter Gottes" zu— 2 Monaten und 2 Wochen(!) Gefängnis bezw. Ii Tagen Miltel- arrest I Zni Vergleich zu anderen Urteilen sehr wenig doch kam hier nicht die heilige Disziplin in Betracht. OcfteM*dcb-Cl?igan!. Neuwahlen für Lncger. AilS Wien wird uns vom 27. d. MtS. geschrieben: Morgen finden in Wien zwei interessante Nachwahlen statt, und zwar wird um das Erbe Lu egers gerungen. Der verstorbene Häuptling war Abgeordneter fiir den nieder- österreichischen Landtag im zweiten und Reichsratsabgeordneter für den dreizehnten Bezirk, und morgen soll es sich ent- scheiden, ob die Christlichsozialen ohne den Glanz des großen Namens noch fest im Sattel sitzen wie ehemals. Den Resultaten der letzten Wahlen in den beiden Wahlbezirken nach erscheint tijte Position allerdings sehr fest. In Hictzing, dem so ausgedehnten 16. Wiener Stadtbezirk, der zu einem kleinen Teil industriell, zu einem großen Teil aber mehr die Sommer- frische ist, haben sie im Jahre 1907 das Mandat glatt er- stritten: ihren 8917 Stimmen standen bloß 5731 sozialdemo- kratische und 1935 freisinnige Stimmen gegenüber. Auch in der Leopoldstadt habe» sie das Mandat vor zwei Jahren schon in der ersten Wahl erlangt: Lueger wurde mit 12 338 Stimmen gewählt, wogegen es die Gegner zusammen auf nur 19449 Stimmen brachten, von denen die Sozialdemo- kraten 6461, die Bürgerlich-freiheitlichen 4938 Stimmen erhielten. Beide Bezirke hatten demnach bei der vorigen Wahl unzweifelhafte christlichsoziale Majoritäten, und so wird der diesmalige Wahlgang darüber Klarheit bringen, ob die Christlichsozialen ihre frühere unbesiegbare Stellung noch innehaben oder ob sie im Zurückgehen begriffen sind. Es ist nur natürlich, daß dem Wahltag und seinen Ergebnissen mit der größten Spannung entgegengesehen wird. Unsere Partei hat in der Leopoldstadt den Genossen Franz Schuhmeier aufgestellt, der durch seine intensive Tätigkeit im Gemeinde- und im Reichsrat in ganz Wien aufs beste bekannt ist und dessen prächtige Rednergabe, die sich mit echt wienerischer Schlagfertigkeit paart, ihn auf jedem Punkt zu einem gefürchteten Gegner der Christlich-Sozialen gemacht hat. Sein Gegenkandidat ist einer aus der Schaar der christ- lichsozialen Arbeiterführer, der Gehilfenobmann der Kellner, P r e y e v, der gleichfalls Mitglied des Gemeinderates ist. Die Bürgerlichen haben in dem Bezirk, der stark mit jüdischen Einwohnern durchsetzt ist, zwei Kandidaten aufgestellt, die schon deshalb für die Endentscheidung ganz aus dem Spiel kommen: den Jungliberalen Schwarz-Hiller und den Altlibe- ralen Mittler, zu denen sich dann noch ein Jüdischnationaler (auch so etwas gibt es nun in Wien), der frühere Gemeinde- . rat, Lucian Brunner zugesellt. In Hietzing kandidieren wir den Genossen Emil Polle, einen in der Parkeibewegüng sehr bewährten Mann. Er hat allerdings einen sehr starken Gegenkandidaten, nämlich den derzeitigen Wiener Bürger- meister Dr. Neumayer, der zwar ein alter und seniler Herr ist, der richtige Aushilfs- und Zufallsbürgermeister, der aber wegen seiner Einfalt, die nach Anständigkeit aussieht, von den bemakelten und korrupten Christlichsozialen wieder als der Mann mit den reinen Händen absticht. Auch ein Freisinniger, der Schullehrgr Hohensinner, ist aufgestellt. Wenn es für uns sehr gut geht, kann es in der Leopoldstadt zu einer Stichwahl kommen, aber das wichtigste wird nach der Sachlage, wer immer die Mandate bekommt, das Stimmenverhältnis sein. Zerschlagung der Krankcnkaffeu. Die tschechische„R e i chs kom mi ssi on der Kran- ken lassen" wurde am 20. d. M. in Prag konstituiert. An der konstituierenden Versammlung nahmen 80 Delegierte teil, die Krankenkassen mit insgesamt 182 000 Mitgliedern vertraten; außerdem waren Delegierte der tschechischen Partei« exekutive und der böhmischen Landesparteiver- tretung der tschechischen Partei anwesend. Das Referat er- strttete Genosse Ctibor. Er erklärte, die internationale Rcichskom Mission der Krankenkassen habe den besonderen Bedürfnissen der tschechischen Kassen nicht entsprochen; die- zeige sich zum Beispiel darin, daß die Korrespondenz mit tschechischen Kassen in deutscher Sprache geführt worden sei. Hierauf sprach der Abgeordnete Johannis. Er sagte:„Ich leugne nicht, daß uns zu diesem Schritte auch der Emanzipationskampf der tschechi- schon Arbeiterschaft in den Gewerkschaften bestimmt, und ich glaube, daß wir die 4000 bis 5000 Kronen, die bisher von tschechi- schen Krankenkassen nach Wien abgeführt worden sind, zum Vorteil unserer Mitgliedschaft besser verwenden können." Hierauf wurden bie Statuten der neuen Kammissim: angenommen. Die Separatisten setzen also ihre Bemühungen fort, alle gv- meinsamen Institutionen der österreichischen Arbeiterschaft zu zerschlagen.__ Ter deutsch-tschechische Ausgleich. Prag, 28. Oktober. In der Situation des Ausgleichs ist heute eine Trübung eingetreten. Die tschechisch-radikalen Landtags- und Reichsratsabgeordneten haben heute vormittag eine Sitzung abgehalten, in der über den Antrag verhandelt wurde, daß im Hinblick aus die ungenügende Garantie für die Arbeitsfähigkeit des Landtags die tschechisch-radikalen Mitglieder aus der Aus- gleichSlom Mission abberufen werden sollen, ferne« eine Verbindung zwischen den bisher in Erledigung begriffenen Vorlagen mit den Vorlagen betreffend die Minoritätsschulen ver- langt"und eine Abänderung der Geschäftsordnung des. Landtages zur künftigen Verhinderung der deutschen Obstruk- t i o n gefordert wird. Im Verlauf der Beratung griffen Statt- Halter Graf Coudenhove sowie mehrere tschechische LandcSausschuß- Mitglieder vermittelnd ein._ Obstruktion im möhrischen Landtag. Brünn, 27. Oktober. Die Obstruktion der deutschen und sozialdemokratischen Landtagsabgcord- t e n gegen die von den tschechischen Parteien im dringlichen Wege eingebrachten Jvinanzsteucrvorlagen hat heute abend ein- gesetzt. Die Sitzung, die um 7 Uhr begonnen hatte, dauerte um lOVi Uhr noch fort. Brünn, 28. Oktober. Tie Sitzung deS Landtags dauerte die ganze Nacht. Nach Erledigung eines Dringlichkeitsantrages wurde die Sitzung um 0� Uhr früh unterbrochen. Sic soll heute abend 7 Uhr wiederaufgenommen werden. Tie Wahlen in Kroatien. Agram, 27. Oktober. Morgen finden in ganz Kroatien die La n d t a g s wa h l e n statt. Der Wahlkamps ist überaus heftig. Um die 88 kroatischen Wahlbezirke bewerben sich insgesamt 285 Kandidaten. Zehn Parteien stehen einander im Wahlkampf gegenüber. In den meisten Bezirken bekämpfen sich vier bis fünf Kandidaten._ franftmeh. Tie Jntcrpellationsdedatte. Paris, 28. Oktober. Tis Deputiertenkammer setzte heute die Beratung der Interpellationen über den Eisenbahnerstrcik fort. Briquct(geeinigter Sozialist) behauptete, Ministerpräsioent Briand habe das Militärgesetz zu Unrecht angewendet und die Eisenbahner fälschlich angeklagt, einen Versuch zur Insurrektion gemacht zu Habe». Briand erwiderte: Ich habe gesagt, daß der Streik durch einige seiner Anstifter einen aufrührerischen und anarchistischen Charakter erhalten muhte. So ist es auch ge- kommen. Aber vom ersten Tage an habe ich vor der öffentlichen Meinung die überwiegende Mehrheit der Eisenbahnangestellten in Scbutz genommen. Sie werden der Regierung noch Dank(l) dafür wissen, datz sie von ihr daran gehindert worden sind, sich auf drese Bahn zu begeben.(Lebhafter Beifall.) Auf den Vorwurf von THmnas i geeinigter Sozialist), daß die Bemühungen der Regierung, die Verhandlungen zwischen den Eisenbahngesellsckaften und ihren Angestellten zu einem gedeihlichen Abschluß zu bringen, unge« n ii g e n d gewesen seien, erwiderten Millerand und Briand mit einer Darlegung dieser Verhandlungen. Der Ministerpräsident besonders wies nach, daß die Regierung mit den Vertretern des Syndikats bis zum letzten Augenblick in Berührung geblieben und gleichzeitig bei den Gesellschaften tätig gewesen sei. Spanien. Der Geueralstreik i» Sabadcll. Barcelona, 28. Okiober. Anläßlich des in Sabadell au?« gebrochenen Generalstreiks ist es bereits zu heftigen Kämpfen zwischen Ausständigen und Streikbrechern in den Straßen ge- kommen. Der Zivilgouverneur hat den K r i e g S z u st a n d über die Stadt verhängt. In Barcelona haben die Prinzipale der Eisen- firmen die Vorschläge deS Ministers des Innern zurückgewiesen. In der Rue Hospital kam es zu einem schweren Zusammenstoß, wobei mehrere Verhaftungen vorgenommen wurden.— Das Arsenal von Ferro! ist durch Feuer gänzlich zerstört worden. Glücklicherweise gelang es, einen großen Teil der dort lagernden Explosivstoffe rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Von dem nieder- gebrannten Gebäude stehen nur noch die nackten Umfassungsmauern. Cnglanci. Anrufung des Haager Schiedsgerichts. London, 28. Oktober. Der englische Minister des Aeutzcren, Sir Edward Grey, und der französische Botschafter C a m b o n haben gsteern ein Protokoll unterzeichnet, nach welchem beide Regierungen dahin übereingekommen sind, die Angelegenheit des Hindus Savarkar, der sich seinerzeit auf dem Transport nach Bombay als politischer Verbrecher durch Schwimmen auf französischen Boden flüchtete, von Gendarmen jedoch ver- haftet und wieder an die englische Küste zurückgebracht wurde, einem Schiedsgericht zu unterbreitem Jir, zwischen ist Savarkar in Bombay wegen politischer Verbrechen zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Das Schiedsgericht wird am 15. Februar in dieser Angelegenheit zu- sannnentreten. Serbien. Trennung von Kirche und Staat. Belgrad, 28. Oktober. Der sozialistische Abgeordnete Katzlerovitch hat dieser Tage in der Skupschtina eine Interpellation über die Trennung von Kirche und Staat in Serbien eingebracht. Griechenland. Bankrotterklärung der alten Parteien. Athen, 27. Oktober. Sechzig Anhänger Von TheotokiS haben sich durch Unterschrift verpflichtet, bei den nächsten Wahlen nicht zu kandidieren. Die R a l l i st e n und M a v r o« m i ch a l i st e n haben den gleichen Beschluß gefaßt. Amerika. Das Protektorat über Liberia. Paris, 27. Oktober. Ueber die L i b e r i a-?l ng e l eg e n» heit will„Action Franxaise" aus zuverlässiger Ouele erfahren, die französische Regierung sei nunmehr bis zu einem gewissen Grade bereit, zuzulassen, daß Liberia unter das Pro- tektorat der amerikanischen Diplomatie gestellt werde, wenn hierdurch die Frankreich auS dem AbgrenzungSver- trage von 1007 erwachsenen Rechte in keiner Weise verletzt würden. Em der Partei. Ein Tranerfall in der dänischen Sozialdemokratie. Kopenhagen, 28. Oktober. Hier starb heute der Genosse Bürgermeister Peter K n u d s e n. Genosse Knud sc n ivar ein alter, verdienter Kämpfer in den Reihen der dänischen Partei, der in langjähriger treuer Arbeit sich ein bfeibendes Gedenken im dänischen Proletariat gesichert hat. Die schmerzliche Nachricht von dem Tode des treuen Genossen, der auf dem«tovenhagciier Kongreß in voller Rüstigkeit präsidierte, kommt überraschend und wird auch ivieit Merj Dänemark Mtzeuzen h-iimus mit Tsrauer auf« genommen, werden._ Parteiliteratur. Im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erschien sockben: Das Protokoll de« Magdeburger Parteitages. Die Verhandlungen deS Parteitages wurden dieses Jahr mit ganz außerordentlichem Interesse bei unseren Genossen wie auch bei den Gegnern verfolgt und besonders die Debatten über die Budgctbewilligung haben die Gemüter aufs heftigste erregt. Aus den sonstigen Verhandlungen sind noch hervor- zuheben: Bericht des Parteivorstandes— Parlamentarischer Bericht— Maifeier— WahlrcchtSfrage— Genossenschaftsfrage— Reichsversicherungsordnung. Das Protokoll kostet Vereinsausgabe 1,25 M., gebunden 1,75 M. Bibliotheken und Archive seien be- sonders auf die allgemeine Ausgabe auf gutem, holzfreiem Papier bingcioiesen. Preis 2,50 M.. Halbfranzband 8,50 M. Zu bezichen durch alle Buchhandlungen. Spediteure und Kolporteure. Im selben Verlage erschien: Arbeiter-Notizkaler 1311. Der Arbeiter-Notizkalender er. freut sich seit vielen Jahren großer Beliebtheit in den Kreisen der organisierten Arbeiter. Er gibt Auskunft über alle Adressen, die für den Arbeiter von Wichtigkeit sind. Em umfangreicher Tages- kalenbcr sowie ein Notizbuch sorgen bastir, Latz er sich alle Ver« anstaltungen, die ihn iutcressicren, notieren kann. Besonderem Interesse werden die Porträts der seit Erscheinen des vorigen Kalenders ncugewählten acht sozialdemokratischen Reichstags- abgeordneten begegnen. Tie W a h l st a t i st i k, die d'.e Gewählten und die Stimmen der Parteien in allen Reichstagswahltretscn gibt, ist bis in die neueste Zeit vorgeführt und enthält die Er- gebnisse der Nachwahlen bis zur Wahl in Zschopau-Nlarienberg. Der Preis des dauerhaft gebundenen Taschenkalcnders beträgt 50 Pf. Alle Parteibuchhandlungcn, Speditionen und Kolporteure haben ihn vorrätig. Unsere Toten. Der schweizerische Genosse Paul Brand t ist vach langem schivevcm Leiden in Breuil(Frankreich) im Alter von 58 Jahren gestorben. Ursprünglich Pfarrer, und zwar zuletzt in Delsberg im Berner Jura, ging er später zur Presse Uber uns war erst Redakteur der srnsinnigen„Bettlet Post", dann des demokratischen„St. Galler Stadt-AnzeigerS". hierauf des sozcaldemo- kratischen..Volksrechts", nackbet des„Grütlianer", zuletzt deS „Signal", des Organs des Zugpersonalvereins, dem er zugletch auch als Generalsekretär seine Kräfte widmete. Von 1900 bis 1004 Iüoc � er auch Arbeitersekretär in Winterthuc und von 1002 bis 1005 ge- hörte er als Vertreter Ei. Gallens dem Nationalrat an. Wie viele vor und nach ihm hatte er sich vom Freisinnigen mich IinIS zum Sozialdemokraten entwickelt. Im Jahre 1888 veröffentlichte der Züricher„Sozialdemokrat" einen viel beachteten Brief„Von clirem Pfarrer aus der Westschweiz" über die Ausweisungen der Gercossen vom„Sozialdemokrat". Genosse Brandt war im Verlehr ein edler und selbstloser Mensch, cin tief überzeugter und treuer Sozialdemokrat, ein viel verdienter Vorkämpfer der schweizerischen Arbeiterbewegung ist mit ihm dahingegangen. Noch ein Wahl erfolg in der Schweiz. Zu den unanständigen Waffen, mit denen die herrschende freisinnige Partei die erstarkende sozialdemokratische Partei um die ihr gebührende Vertretung m den Behörden zu prellen sich bemüht, gehört auch die Kagatlon von Wahleir.»oo haben damit auch die Frelsinmgeu in T h u u ihr Gluck versucht, indem sie die Wahl von drei G e Nossen in den G c- meinderat(Magistrat) einfach kassierten. Von einer Neuwahl erhofften sie für sich Erfolg. Es ist aber erfreulicherweise anders gekommen; am Sonntag ivurdcn unsere kassierten Genosse»? F u» khä user, Harald und Heiminger mit 1500, 908 und 985 Stimmeii gegen 800 und 878 bürgerliche Stimmen wieder« gewählt. Funkhäuser war auch auf der bürgerlichen List« ge- standen und darum seine größere Stimmenzahl,. Unsere Genossen haben nun im G e m c i n d e r a t die Mehrheit. Es geht bcrg- ab mit dem Freisinul Personalien. In die Redaktion der„Volks w a ch t" zu Breslau ist als Lotalredakteur der Genosse N e u k i rch, bisher Parteisekretär für Breslau, eingetreten. An seine Stelle im Partei- sekretariat tritt der Lokalbcamte des Fabrilarbeiterverbandes, Genosse Theodor Müller, Breslau. Strafkonto der Presse. Die Strafkammer in Lübeck ver- urteilte den Genossen Lölvig voist Lübecker„Volksbotcn' zu 100 M. Geldstrafe, weil er angeblich cineir Lebrer durch c:»e Kritik seiner Züchtigungswcise beleidigt hat. � Das Schöffengericht hatte unseren Genossen zu der gleiche,» Strafe verurteilt, wogegen die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte. Jugendbewegung. Jugendkonferrnz in SchleSwig-Holstria. Die Jugendkommission in Kiel, die auch zugleich die Zentral« für die Jugendbewegung in Schleswig-Holstein ist. hatte zu Sonn- tag, den 23. Oktober, eine Jugendkonferenz für SchleSwig-Holstein nach Neumünster einberufen. Sie war von 62 Personen besticht. Es lag ihr' eine eingehende st a t ist i s ch e Arbeit der Zentrale über die Jugendbewegung der Provinz vor. Daraus geht hervor, daß die'Jngendorganisationen 1164 Mitglieder haben uyd die„Ar- beitcrjugend" 1249 Abonnenten zählt. Dabei wird die Jugendorga- nisation in Altona, Bahren fcld, Ottensen, Schiff- b e k und Wandsbek nicht mit eingerechnet. Diese gehören zur Hamburger Jugendorganisation. Die Jugendkomniissionen vereinnahmten insgesamt im Berichtsjahre 5298,80 M. und vcrauS- gabten 4160,52 M. Sechs Jugendkommissioneii arbeiten nach einem bestimmten Etat. Die Konferenz beschloß den Anschluß der Jugendkommission der Stadt Lübeck an die Zentralstelle. Die Zentralstelle soll den Namen führen:„Verein der Jugendkom» Missionen für Schleswig-Holstein, Fürstentum Lüdeck und Stadt Lübeck." Die Konferenz beschloß ferner, daß alle der Zentrale angeschlossenen Jugendkommissionen. die mehr als 20 M. zährlichs Einnahme haben, 5 Proz. ihrer Einnahme an die Zentrale ab» führen sollen. Damit soll erreicht werden, daß künftig auch die Gewerkschaften zu den Kosten der Zentrale herangezogen werde». Bisher hat die Kosten die Agitationskommission der sozialdemo- kratischen Partei in Schleswig-Holstcin getragen. Ueber das Thema:„Di'c praktische.Jugendarbeit" referierte Genosse Adler- Kiel. Redner behandelte zunächst die Form der Organisation, legte aber den Hauptwert seines Vortrages auf die Frage der Erziehung der Jugend. Die Vcrmittelung von Elc- mentarkenntnissen ist nicht die Aufgabe der Jugendbewegung, sou- dern Vcrmittelung von möglichst viel Allgemeinwissen. Die den Jugendlichen gehaltenen Vorträge müssen klar sein, der Vor- tragende darf keine Rätsel aufgeben, er soll vielmehr zum Denken anregen. Fachliche Vorträge dürfen nur in Ausnahmefällen ge- halten werden, sie dienen nur als Notbehelf, um möglichst die Jer» splitterung der Jugendbewegung in gewerkschaftliche und politische zu verhindern, DaS Theater darf nicht vernachlässigt werden. ES soll aber nicht als Unterhaltung dienen, die Jugendlichen sollen die Kunst kennen und verstehen lernen. Ueber Verwaltung und Staatsverfassung müssen den Jugendlichen die Grundbegriffe bei- gebracht werden. Der Lesetisch muß die wichtigste Gewerkschafts- literatur enthalten, um das Klassenbewußtsein der Jugend zu wecken. Ferner sind nötig: Naturwissenschaftliche Zeitschriften. Kimstzeitschriften, gute UnterhatlungSliteratut, auch der Witz muß zu feinem Rechte kommen. Die Mitglieder der Jugendkommission müssen ganz in der Bewegung aufgehen. Sie müssen überall dabei sein, wo die Jugendlichen etwas veranstalten. Die Errichtung von Jugendheimen, die den Jugendlichen jeden Abend und Sonn- tags zur Verfügung stehen, ist anzustreben. Die Körperpflege darf nicht vernachlässigt werden, allerdings ist der einseitige Sport zu verwerfen. DaS praktischste ist eine Vereinbarung zwischen Ar- beiterturnvercinen uno Jugendorganisation, wie sie in Kiel besteht. Wanderfahrten sind zu veranstalte» als Mittel zur Körperabhär- tung und als Erziehungsmittel. Ins Auge zu fassen ist eine Heranziehung von Jugendleitern durch Leiterkurse.— Die Konferenz nahm einen Antrag an. daß die Zentrale ber Einrichtung von Leiterkursen näher treten soll, falls sich min- destenö 12 Personen finden, �ie auf ihre eigenen Kosten oder auf Kosten der Jngendkonimissioii ihres Ortes an einem dreitägigen Kursus in Kiel teilnehmen wollen. Ein Referat des Genossen R i st o n- Kiel über Jugendschntz suhlte znr Annahme einer Reso. lution, die fordert: 1. Ausbau des biJffft'-. lmgeniigenden Jugendschutzes,. besonders Ausdehnung des Schutzes auf landwirtschaftliche Betriebe. 2. Mehr Berücksichtigung der Jugend in der Arbeiter- Versicherungsgesetzgebung. 3. Mehr Schutz der Jugend im Straf- recht. 4. Mehr Organisationsfreiheit. 5. Mehr Schutz gegen die verderblichen Folgen des Alkoholismus und der Schundliteratur. Die Resolution fordert weiter, daß in den Orten, wo bisher noch keine Jiigeudschutzkommissionen bestehen, solche errichtet werden.— Zum Schluß beschloß die Konferenz, die Kieler Jugendkommission wieder als Zentrale für die Provinz einzusetzen. Damit waren die Arbeiten der prächtig verlaujene« Konferenz erledigt. 6ewerl? fcbaftlicbe� Eine fürchterlicbc Sntcleckung. D!e berüchtigte„Teutjchs vorkswirtschastliche Corresßon- benz" t>eS Bundes der Industriellen� hat eine gar wundersame Entdeckung gemacht. Sie versucht nämlich nachzuweisen, dag für die„sozialdemokratischen" Gelverkschaften Preußen das fortschrittlichste Land sei! Wir haben die ökotiz, die von den internationalen gewerkschaftlichen Kar- kellen spricht, erst noch einigemal durchgelesen, weil wir nicht glauben konnten, daß die„Deutsche volkswirtschaftliche Correspondenz" so— schlau sei, aber es stimmte wirklich. Der Eorrespondenzccrberus hat da bei seiner großen Wach- samkeit die neueste Adressenbeilage des„Correspondenz- blattes" der freien Gewerkschaften entdeckt und schnell zu- fainmengestellt, daß es ini ganzen 28 Verbände sind, die sich international organisiert haben. Und, o Schrecken, 23 haben ihr Sekretariat in Teutschland„und einen Deutschen als Sekretär". Nur die Bergarbeiter, Handlungsgehilfen, Stein- arbeiter, Tabakarbeiter und Textilarbeiter haben den Sitz ihrer internationalen Organisation im Auslande. Die Cor- respondenz meint nun, das Vertrauen in die Deutschen habe feinen Grinrd darin, daß es von ihnen bekannt sei, wie sie in all ihrem Denken und Fühlen„international" wären. Dies stimmt ja auch durchaus, man braucht nur an Weltgeister wie Goethe. Schiller und Kant zu denken oder an den Vtann, der jedes Jahr monatelang iin Auslande herumschifft und fährt. Das allerimponierendste ist aber für die„Volkswirtschaft- liche Correspondenz", daß von den 23 deutschen Sekretariaten internationaler Gewerkschaftsverbiudungen 17 ihren Sitz in Preußen haben. Die Ursache findet der brave Skribifax darin, daß durch„die Unmenge sozialpolitischer VerHand- lungen, wie sie sonst in keinem Lande der Welt stattfinden", diese„internationale Gefahren heraufbeschworen werden". Geradezu fürchterlich, diese Unmengen sozialpolitischer Ver- Handlungen, die im preußischen Treiklassenhause gepflogen worden sind und werden. Nur schade, daß die Oeffentlichkeit davon so wenig merkt. Es ist klar, daß die 17 internationalen Gewert'schaflssekretariate in Preußen scharfmacherische Halluzinationen erzeugen. Es wird auch aus dieser Ursache heraus der Gedanke zu versteig:» sein, der den Wunsch ausspricht, Preußen möge„eine ftarke Regierung" werden, damit hier mclsi mehr so viele Fäden internationaler Organisationen Zusammenlaufen könnten, die den Kampf gegen das Unter- nehmertum,„das Rückgrat jeder Staatswirtschaft", organi- sieren. Es ist klar, daß diese Ierimiade in dem Wunsche aus- klingt, sich rechtzeitig auf die Gefahren der internationalen Gewcrkschaftspolitik zu besinnen. Und dies sind dieselben Leute, die erst kürzlich sich alle Mühe gegeben haben, die Interessen der Schiffsherren auf internationaler Basis zu organisieren. Oder ist dies wieder etwas anderes? Berlin und Umgegend. Arbeitsnachweis und Spezialtarif der Einsetzer. Diese beiden Gegenstände standen am Donnerstag auf der Tagesordnung einer Vranchenversaminlung der im Holzarbeiter- verbände organisierten Einsetzer. Der Spezialtarif ist auf Grund des allgemeinen Vertrages der Holzarbeiter und mit Berücksichtigung der fünfprozentigcn Lohnerhöhung kürzlich mit den Arbeitgebern vereinbart worden. In der Versammlung wurde die Durchführung des Tarifes besprochen. Er ist von den 123 Vertragsmeistern selbsti verständlich enerkannt. Von den 338 Firmen, die nicht dem Ver- trage unters.ehen, haben zwar nur 6l den Tarif ausdrücklich an- erkannt, doch auch die übrigen bezahlen grötztenteils. den Tarif. Ins- besondere wird die neue Tarrfoesliinnning, daß der Unternehmer die einzusetzenden Arbeiten hinaustragen lasse» muß, ohne Widerstand befolgt.— Mit dem Arbeitsnachweis verhält es sich so: Nach dem Vertrage habe» sowohl die Arbeiter, als auch die Unternehmer in erster Linie den paritätischen Arbeitsnachweik zu benutzen. Das ist für die Einsetzer insofern etwas NeueS, als ste bisher die Ge- wohnhdt hatten, sich ohne Benutzung deS Nachweises Arbeit zu suchen. Der Verband verlangt strikte Jnnehaltung der Vertrags- bestiinmung über die obligatorische Benutzung des pariläti'chen Arbeitsnachweises. Es konnte nur eine verhältnismäßig sehr kleine Zahl von Einsetzern festgestellt werden, die den Nachweis nicht be- nutzten. Sechs Mitglieder sind aus diesem Grunde ausgeschlossen worden.— �n der Versammlung traten der Branchenobmann L a ii s k e sowie Glocke in längeren Aussührinigen dafür ein, daß auch die Einsetzer ohne Ausnahme den paritätischen Arbeitsnachweis zu benutzen haben. Die Arbeitsverinittelung sei eine gewerkschaft- liche Frage von größter Bedeutung. Da der Verband nicht ohne Schwierigkeiten das Obligatorium deL Arbeitsnachweises durchgesetzt habe, müsse sich jedes Mitglied im Interesse der Gesamtheit diesen Bestimmungen fügen.— Die meisten Diskussionsredner vertraten die Ansicht, daß das Obligatorium für die Einictzer unvorteilhaft sei. Die Kollegen, welche nur den Arbeitsnachweis benutzen, wären lange arbeitslos, während die Indifferenten, die sich unter der Hand Arbeit verschaffen, dafür sorgten, daß sich die Unternehmer� fast gar nicht an den Nachweis wenden brauchten. Auf jeden Fall seien also die besten Verbandsmitgliedcr am längsten arbeitslos, weil sie sich streng an die geltenden Bestimniungeii halten. �— Von der Branchenleitillig wurde darauf hingewiesen, daß es ein Irrtum sei, Wenn man glaube, daß die große Zahl der AibeitSlosen und die lange ArbeitSlosigleit durch das Obligatorium verschuldet sei. Die Statistik lasse zweifellos erkenne», daß die Arbeitslosigkeit unter de» Einsetzern in den letzten Jahren erheblich gestiegen seü einerseits, weil ans anderen Branchen der Tischlerei viele in den Spezialberuf der Einsetzer übergegangen seien und dadurch ein Ueberangebot von Einsetzern ciiistandeu sein, während andererseits die Arbeitsperioden kürzer geworden feien. An diesen Verhältnissen könne die Art der ArbcilSvermiiteluiig nichts ändern. Das Obligatorium des Arbeits- Nachweises sei unbedingt dem früheren Zustande vorzuziehen und müsse unter allen Umständen durchgeführt werden. Die Lohnlicwegung der Dachdcckerhilfsarbcitcr bildete den Gegen« stand der Beipreckumg in einer Vcrsaiimilung dieser Gruppe am Donnerstag abend. Hensel erstattete einen Bericht, den Görnitz noch weiter ausführte. Die Bewegung ist noch nicht zum Abschluß gebracht worden, bat aber bis jetzt einen befriedigenden Verlauf ge- nomine». Mit 20 Firmen, wo rund 200 Mann in Arbeit stehen, ist ein Tarifvertrag abgeschlossen worden. Der Nnternehnierverband im Dachdeckergewcrbe ist durch die Bewegung ins Wanken geraten. Als die ersten vier Firmen den Tarisverlrag unlcrichrieben, da legte der langjährige Vorsitzende des Verbandes sein Amt nieder und mehrere Mitglieder erklärten ihren Austritt. Es gelang den Arbeitern aber, immer mehr Firmen zu gewinnen, und eS besteht die Hoffnung, daß ein allgemeiner Vertrag zustande kommen wird. Der Tarifvertrag, der bis z--.m 30. Juni 1912 abgeschlossen wird. steht eine ArbciiSzeii von 8Lk Stunden vor. Die Stnndeulöhne variieren von 55 bis 75 Pf.. ie nach der Art der Arbeit, bis zum 31. März 1911. Von diesem Tage ob werden diese Löbne um 5 Pf. pro Stunde erhöht. Für die Akkordarbeiten ist im Tarif eine längere Liste ausgestellt. Die übrigen Arbeitsbedingungen sind gleichlautend mit denen, die für die Dachdecker festgesetzt sind. In der Diskussion war man sich darüber einig, daß der Kampf um den Vertrag svrigesetzt werden müsse. Als wünschenswert wurde es bezeichnet, daß jeder Aibcitcr einen Tarif erhaile, um bei der Bielieiiigkeit der Preise sich stets genau unterrichten zu können. Ferner wünschte man, daß das VertrauenSinännersystem besser aus- gebaut werde._■___ verantw.Nedakt.: CarlWermuth, Berlin-Nixdors. Inserate verantw,: Die beabsichtigte Aussperrung der Isolierer, die zum Freitag für alle organisierten Isolierer angedroht war, wenn am Donners- tag der Streik bei der Firma Rheinhold u. Co. nicht beendet sein �sollte, hat nicht stattgefunden. Die Arbeit bei der genann-. ten Firma wurde allerdings nicht aufgenommen; die Arbeiter war- ietcn vielmehr ruhig den Bescheid aus Hannover ab, wie in der Versammlung am Mittwoch beschlossen wurde. Verschiedene Fir- men erklärten rund heraus, daß sie von der Absicht einer Aus- spcreung gar nichts wüßten und einem solchem Beschluß überhaupt ihre Zustimmung versagen müßten. Von einigen Firmen wurde dem Verband sogar in Aussicht gestellt, daß sie in nächster Zeit zu dem Abschluß eines Tarifvertrages bereit wären, weil damit beiden Seiten am besten gedient sei.— Sobald die Differenzen in Han- novcr geschlichtet sind, wird auch die Arbeit in der Berliner Fi- liale von R h e i n h o l d u. Co. wieder aufgenommen. Der Flcischergcscllcnstreik bei Morgenstern brachte am Donnerstag abend ein großes Polizeiaufgebot vor dem Geschäft in der Scheererstraße auf die Beine. Wohl an die 00 bis 70 Schutz- lenke zu Fuß und zu Pferde mit 3 Leutnants waren gekommen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Nur durch die Besonnenheit der Massen ist ein Zsammenstotz a la Moabit vermieden worden. Die Gesellen im Hauptgeschäft Kaiser-Wilhelmstr. 20 legten am Freitag früh ebenfalls die Arbeit nieder. Der Versuch der Or- gamsationsleitung, Verhandlungen anzubahnen, scheiterte an dem Starrsinn des Herrn Morgenstern; er verlangt noch heute die Erfüllung der Bedingungen, die er der Organisation durch Rechtsanwalt Wolfs stellte. Das Geschäft in der Scheererstraße liegt still; die Kundschaft meidet die Firma. Außer den genannten Geschäften hat die Firma Morgenstern in Moabit Oldenburgerstr. 44, noch eine Filiale. Da die Firma jetzt mit allen Mitteln Streikbrecher zu be- kommen versucht, ersuchen wir alle Partei-- und Gewerkschafts- genossen, die mit Jleischergesellen zusammenkommen, diese auf den Streik aufmerksam zu machen und uns in diesem Kampfe zu unter» stützen.> Das Strciklokal für Korden befindet sich bei Robert Klindt, Schuljtr. 20, Ecke Maxstraße. Zuzug ist streng fern zu halten. Zcntralverband der Fleischer. Bureau: Elisabethstr. 11. Telephon: Amt 7. Nr. 3024. Achtung. Tapezierer! Die Firma L. Stuchow, Miinzstr. 4 t„Kientop"-Einrichtung«n), ist wegen Differenzen für Tapezierer und Polsterer gesperrt. Die Ortsverwaltung. Deutsches Reicb. Die„Hirsche" können den Streikbruch nicht lassen! In Stolp in Pommern stehen seit 17 Wochen über 200 Tischler im Streik, um ihre Löhne um ein geringes aufzubessern und eine geringe Verkürzung der Arbeitszeit zu erreickien. Die Beivcgung wurde gemeinsam von Mitgliedern des Holzarbeiter- Verbandes und des Gctverkvereins eingeleitet und schien es in diesem Falle die erste Zeit, als ob die Gemeinsamkeit der Jnter- essen der Arbeiter die Einigkeit verbürgen sollte. Man hatte aber die Rechnung wieder einmal ohne die Hirsche gemacht, die nun einmal nicht davon lassen können, sich den Unternehmern als Raus- reitzer zur Verfügung zu stellen. Unter einem nichtigen Vorwaud gingen sie zu den Unternehmern und schlössen mit diesen einen Vertrag ab, der vorher von ibren eigenen Mitgliedern in einer gemeinsamen Versammlung mit dem Solzarbeiterverband abge- lehnt war. Nachdem der Vertrag abgeschlossen war, wurde der AS- schlutz als eine große Errungenschaft des Gcwerkvercins gepriesen und die Gewerkvereinler nahmen die Arbeit dann zu den Vertrag- lichen Bedingungen auf und ließen die Mitglieder des Holz- arbeiterverbandes im Stich, die nun den Kampf um Verbesserung der Lage der Stolper Tischler allein weiter führen mußten. Aber nicht genug damit, daß die Hirsche in die Betriebe zurückkehrten -— eL kamen nur rund 40 in Frage, die sich aust wenige Werk- stcllen verteilten—, es wurden in D a n z i g und anderen Orten Jnserat-e losgelassen, in denen Arbeitswillige nach Swlp gesucht wurden. Im Danziger„Geselligen" und in der„Generalanzeiger"- Presse werden nun schon seit Monaten 50 bis 100 Tischler zu den „vertraglichen" Bedingungen gesucht. Auch in der„Eiche"(Organ deS Gewerkvereins der Holzarbeiter Deutschlands) prangt in jeder Nummer ein Inserat, nach welchem„Arbeit auf Bau und Möbel jederzeit in Stolp nachgewiesen" werden kann. Trotzdem haben sich bisher die nötigen Rausreißer nicht eingefunden. So wertvoll es für die freien Gewerkschaften ist. wenn die Hirsche bei jeder Gelegenheit zeigen, daß die Arbeiterinteressen von ihnen nicht gewahrt und vertreten werden, so ist es doch tief bedauer- lich, daß die in Frage kommenden Arbeiter unter dem Verhalten dieser„Aucharbeiterorganisation" so schwer leiden müssen. Im Holzgewerbe kommen die Hirsche erfreulicherweise nur noch in geringer Zahl in Frage und an den aufgeklärten Arbeitern liegt es, dafür zu sorgen, daß mit diesen Gebilden möglichst bald auf- geräumt wird. Die Stolper Tischler sind durch das Verhalten der Hirsche keineswegs mutlos geworden, sondern führen ihren Kampf mit allen Mitteln fort, in der Hoffnung, trotzdem den Kamps erfolg- reich beenden zu können. Die deutschen Holzarbeiter werden dringend ersucht, auch fernerhin den Zuzug von Tischlern und Maschinenarbeitern nach Stolp fernzuhalten. Wegen ihrer Mitgliedschaft im Tabalarbeiterverband gekündigt wurde den Tabakarbeiter» und-Arbeiterinnen der Firma R e i m ck e in Steinau lKreis Schlüchtern). Die unter den aller- schlechtesten Lohnverhältnissen lebenden Arbeiter hatten sich vor kurzem organisiert. Darob große Entrüstung nicht nur beim Un- ternehmer, sondern auch bei einigen Honoratioren des Ortes, die den vergeblichen Versuch machten, die Arbeiter davon abzubringen. Als das nicht gelang, kündigte die Firma den Arbeitern. Es wird um Fernhaltung des Zuzuges gebeten. Die Differenzen bei der Firma Gebr. Nückels, Rasiermesser- fabrik in M c r s ch e i d bei Solingen, über die der„Vorwärts" in seiner Nr. 237 berichtete, wurden mit einem schönen Erfolge zu-> gunstcn der Streikenden beigelegt. Erreicht wurde eine zehn- prozentige Lohnerhöhung und einige sonstige, im Arbeitsverhält- nis liegende Verbesserungen, um die die Arbeiter schon längst nach. gesucht hatten, mit denen sie aber immer wieder von der Firma abgewiesen wurden._ Wie die Sicherheitömänncr von den Gritbenverwaltungen behandelt werden! Auf Zeche„Dannenbaum" bei Bochum hatte ein SicherhezfSmann mit dem Steiger eine Befahiung des Betriebes vorgenommen. Tie Befahrung war gegen 11 Uhr nachts zu Ende. Der SicherheitSmann beabsichtigte nun, wie es gesetzliche Vorschrift ist. die Beobachtungen seiner Befahrung sofort ins Fahr buch einzutragen. Doch dieses wurde ihm unter dem Hinweis verweigert, daß die Schicht noch nicht zu Ende sei, er solle bis Ende der Schicht Reparaturarbeiten ver- richten. Als er sich hiergegen beim Bergrevieramt Bochiim-Süd be- schwerte, wurde ihm mitgeteilt, daß nach Prüfung der Angelegenheit in Zukunft das Fahrbuch dort übergeben werden solle, wo die Ve- sahrung ihr Ende erreicht habe. Zur Lohnbewegung in de» Dresdener Schuhfabriken. Der Verband der Schuh- und Schäftefabrikanten befaßte sich in einer am 16. und 17. Oktober abgehaltenen außerordentlichen Ausschußsitzung mit dem Lohnkampf in D r e s d e n. In der Sitzung Ttz. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag; Vorwärts Buchdr. u.verlagsanstgtz wurde beschlossen, eine Schiedskommission einzusetzen, dt« mit den Parteien unterhandeln sollte. Diese Kommission hat am 24. und 25. Oktober getagt. Sie kam zu dem Ergebnis, den Arbeitern eine Lohnerhöhung für handgewendete Arbeit von 5 und 7 Proz. anzu- bieten, ferner eine Mehrbezahlung für Ueberstunden von 10 Pf. pro Stunde und einige kleine unwesentliche Zulagen. Diese Zu- geständnisse sollen der letzte Vergleichsvorschlag sein. Wenn auch nicht offiziell, so wurde doch angedeutet, daß, wenn diese Zuge- ständnisse nicht angenommen werden, ein größerer Kamps in der Schuhindustrie in nächste Nähe gerückt sei, jedenfalls ist eine all- gemeine Aussperrung beabsichtigt. Die Arbeiterschaft nahm in einer am 20. Oktober stattgefundenen Versammlung zu den Vor- schlagen Stellung. Sie lehnte die Zugeständnisse als ungenügend mit 030 gegen 00 Stimmen ab. Besonders verschärft wurde die Situation noch durch eine Erklärung der Unternehmer, in Zukunft die Arbeiterausschüsse nicht mehr als Vertreter in Lohitfragen an- erkennen zu wollen; Lohnfragen sollten mit jedem Arbeiter einzeln erledigt werden. Bisher wurden die gewählten Vertreter in den Fabriken bei vorkommenden Differenzen ohne weiteres zugelassen. Ein Beschluß der Schiedskommission ist noch nicht gefaßt, in den nächsten Tagen wird das geschehen. Da es voraussichtlich zu einem schweren Kampf kommt, wird dringend gebeten, den Zuzug von Schuhmachern nach Dresden fernzuhalten. Das Bild des Industriearbeiters im Kopfe sächsischer Richter! In Klingenthal in Sachsen sollte zur Förderung der Or- ganisation unter den Metallarbeitern eine Besprechung in einem in Böhmen— Klingenthal liegt an der Grenze— gelegenen Orte abgehalten werden. Zu diesem Zwecke wurden Handzettel, die zu einer Besprechung einluden, auch im Betrieb des Metallfabrikanten Paw erhell in Klingenthal verteilt. Der Saitenmacher Qtto Gerbeth erhielt deswegen eine Anklage wegen Hansfriedens- bruch und Ivurde zu 30 M. Geldstrafe verurteilt. Köstlich ist nun die Begründung des Urteils. Es heißt darin u. a.: „Der Angeklagte verneint jedoch die Widerrechtlichkeit seines Tuns; er sei von einigen Arbeitern der Fabrik aufgefordert worden, sich in die Werkstatt zu begeben. Auch wenn die Dar« stellung des Angeklagten richtig ist, so bleibt sein Tun doch wider- rechtlich; die Arbeiter sind insonderheit nicht als Vertreter des Berechtigten anzusehen. Da die Arbeiter gegen ihren Dienst- Herrn aufgehcht werden sollten, war sich der Angeklagte wohl be- wüßt, daß er gegen den Willen des Fabrikherrn dessen Räume betrat... Mit Rücksicht aus die bisherige Unbescholtenheit deS Angeklagten und des Umstandes, daß er die Interessen seiner Partei, also nicht persönlich, hat wahrnehmen wollen, hat das Gericht von einer Gefängnisstrafe abgesehen. Da jedoch in dem Tun eine Dreistigkeit insofern zu erblicken war, daß der An- geklagte die Räume desjenigen betrat, gegen den dir Arbeiter aufgehetzt werde» sollten, hat man eine nicht unbedeutende Geld- strafe auswerfen müssen." Die Tagesordnung, die so hetzerisch sein sollte, lautet:„Was haben die Arbeiter bei der Firma Pawerhell verabsäumt und was kann diese Vernachlässigung für Schaden mit sich bringen." Ge- wiß kein weltumstürzendes Thema! Jnteressani ist zweifellos die Anschauung des erkennenden Amtsrichters v. Scheibner über die Stellung eines modernen Industriearbeiters seinem Unternehmer gegenüber.„Dienstherr", „Dreistigkeit",„hetzerisch" usw. atmen den Geist der Gestndeord- nung, sind aber echt sächsisch._ Tarifabschlnst der Braucreiarbciter in Stuttgart. Nach längeren Verhandlungen ist nun auch für die Stuttgarter Brauereiarbeiter mit dem„Verein tier Brauereien in Stuttgart und der Umgebung" ein neuer Tarifvertrag zustande gekommen: Die wesentlichsten Verbesserungen sind neben der allgemeinen Lohn« erhöhung eine Verkürzung der Arbeitszeit im Winterhalbjahr um eine halbe Stunde, so daß die Arbeitszeit jetzt im Sommerhalbjahr 9)4 Stunden, im Wimerhalbjahr 9 Stunden beträgt; ferner Herab» setzung der Anwesenheitszeit für das Fahrpcrsoiral um 1 bezw. Stunde und Regelung der Ueberstunden und der Jahrzulagen für sämtliche Fahrer, einschließlich der Motorwagcnführcr. Die organisierten Arbeiter im städtischen Hafen zu Offenba'ch (freie Gewerkschaftler und Hirsch-Dunckersche) haben in einer Ver- sammlung einstimmig beschlossen, mit den schärfsten Mitteln aus die Wiedereinstellung eines nach ihrer Ansicht zu Unrecht cnllassenen Arbeiters hinzuwirken. Unter Umständen wollen die Arbeiter den Betrieb im städtischen Hafen stillegen. L>ctztc ftadirfchten. Tie Ersatzwahlen für Lneger. Wien, 28. Oktober.(Pribattelegramm des„Vorwärts".) Dke heute stattgefundene Ersahwahl für den österreichischen Landtag im 2. Wiener Bezirk, der bisher durch den verstorbenen Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, vertreten war, hatte folgendes Resultat: Der Kandidat der Sozialdemokratie erhielt 8477 Stimmen, der Christlichsoziale 10 8 3 2, drei liberale bürgerliche Kandidaten zu» sammen 4000, auf je einen Kandidaten der Tschechen und Deutsch- Radikalen entfielen 400 Stimmen. 1000 Stimmzettl waren leer. Es hat Stichwahl stattzufinden zwischen dem Sozialdemokraten und dem Christlichsozialen. Tic Sozialdemokratie gewann gegen- über der letzten Wahl 1700 Stimmen, während die Christlichsozialen 1500 Stimmen verloren. Bei der ebenfalls heute stattgcsundenen Ersatzwahl des durch Lueger vertreten gewesenen ReichsratsmandatS siegte der christlich- soziale Bürgermeiste Neumaher über den Soziaidemolraten. Der Stimmenzuwachs der Christlichsozialen betrug 800, der der Sozialdemokratie 1200. Wahlniedcrsage der kroatischen Regierung. Agram, 28. Oktober. Bei den heutigen LandtagSwahlen unterlag die Regierung gegenüber den koalitions- und ungarfeindlichen Staatsrechtlern. Infolge dieses Ausganges der Wahlen wird der Landtag vermutlich aufgelöst werden. Fortsetzung der Juterpcllationsdebatte. Paris, 23. Oktober.(W. T. B.) Deputiertenkammer. Thomas erwiderte den Ministern: Die Regierung habe schon gegen das Streikkomitee als solches zn Repressivmaßrcgeln gegriffen und nicht deshalb, weil dies Komitee sich der Ausreizung zur Sabotage schuldig gemacht habe. Darauf wurde die Weiterberatung auf morgen vertagt. Ein Weltrekord für Daucrflug und Entfernung. Etampes, 28. Oktober.(W. T. B.) Der Flieger Tabuteau ist heute von 8 Uhr 45 Minuten morgens bis 2 Uhr 45 Minuten nach- mittags über dem hiesigen Acrodrom geflogen und hat damit eine» Weltrekord für Taucrflug aufgestellt, ebenso hat er mit 465 Kilo- mctcr den Weltrekord über die Entfernung geschlagen. Ein Höhenrekord. New Dort, 28. Oktober.(W. T. B.) Der Flieger Johnstone hat heute mit einem Höhenfluge von 8470 Fuß auf dem Belmont, Parkgelände einen neuen amerikanischen Rekord geschaffen. Paul Singer&4£o., Berlin S W. Hierzu 4 Beilagen n. UnUrHaUungsbl, |lt.254. 27. Zahrganz. 1. KkW bw Jotmärtj" Knliiin NoüisdlM Zonnabknd, S9. Oktober tMV. Sie KsSbocker Kataftropfye vor Gericht. Neunter Berhandlungstag. Telegraphischer Bericht. Am heutigen letzten Verhandlungstage hielt der Verteidiger ves Angeklagten, Reichstagsabgeordneter Rechtsanwalt Heine sein Plädoyer: Ich beantrage, den Angeklagten Wagner freizusprechen. Drei Zeugen haben das inkriminierte Gespräch dem Sinne nach be- stätigt, sie haben es positiv gehört. Die„Bergarbeiter-Zeitung" hat dieses Gerücht referierend wiedergegeben, um zur Klärung der Sache beizutragen. Das war der Zweck des Artikels. Wenn man die Absicht gehabt hätte, Herrn Andree den Vorwurf der Feigheit zu machen, dann würde man andere Worte gefunden haben. Das Leben des Bergmanns ist ein ewiger Krieg, ein täglicher Kampf, und da hat jeder das Recht, die Frage nach der Ursache des Un- glucks auszuwerfen. Der erste Prozeß war wohl angestrengt, um eine Verurteilung des Angeklagten herbeizuführen und dann sagen zu können, der Redakteur sei verurteilt, daher sei alles unwahr. Minimal ist das in der Beweisaufnahme nicht bewiesen. Es ist bezeichnend, daß fast alle Steiger aussagten, es haben keine Miß- stände bestanden, es seien keine Wetter gesehen worden usw.— Aber Herr Hollcnder hat ausdrücklich bekundet, daß eS auf Radbod über- all gefährlich gewesen sei. Der Herr Staatsanwalt hat gesagt, man habe eS hier mit einem amerikanischen System zu tun. Das ameri- kanische System mag manches Gute an sich haben, wenn es aber eine Entwickelung bedeutet, die über Leichen geht, dann danken wir dafür. Bezüglich der Wasserzuführung hat man folgende Evcntualmaxima aufgestellt: l. Es ist immer gc- rieselt worden; 2. Das Ventil ist nie geschlossen gewesen; 3. Wenn das Ventil geschlossen war, ist allerdings nicht gerieselt worden; 4. Die Arbeiter haben aber das Ventil zugeschlossen. Das Wetter- buch ist ersichtlich der Wahrheit und den Tatsachen zuwider geführt worden, und es ist charakteristisch, daß auch der Betricbsführer Berg von wesentlichen Mängeln nichts wußte. Die Führung des Wetter- buches war geradezu eine Komödie. Es war eine grobe Pflicht- Widrigkeit, daß das Buch nicht ordnungsgemäß geführt wurde. Die Frage, ob bestimmte Personen an dem Unglück schuld sind, kann ich nur als kleinlich bezeichnen. Ich und mein Klient haben nicht das mindeste Interesse daran, daß eine Person bestraft wird. Wir wollten nur die Ursachen aufdecken und die Uebelstände beleuchten. Was die Aussage des Herrn Direktors Köhnen anlangt, mutz ich noch einmal unterstreichen, daß die Aussage auf mich den Eindruck gemacht hat, daß Herr Köhnen nicht glaubwürdig ist. Köhnen ist eben vor den Betriebsunternehmern ins Mauseloch gekrochen. Herr Janssen wollte nicht, daß Arveitervertreter zu den Bergungs- arbeiten hinzugezogen werden, und so ist es auch geschehen. Der Angeklagte war verpflichtet, seine Meinung über das Unglück und die Ursache zu sagen und der Untersuchung zu dienen. Wenn die Herren Gegner glauben, daß Radbod in diesem Prozeh glänzend abgeschnitten hat, so hätten sie sich doch im vorigen Jahre der Be- Weisaufnahme nicht zuwidersetzen brauchen. Ueber das System selbst ein Urteil zu fällen, wird hier in diesem Saale nicht ge- schehen. Dieses Urteil kann kein juristisches, sondern ein mora- lisches sein. Dem Angeklagten gebührt Dank und nicht Bestrafung. Nach kurzer Replik des Staatsanwalts und des Vertreters des Nebenklägers, R.-A. Dr. Köttgen, und einer Erwiderung des Verteidigers R.-A. Heine zieht sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Nach etwa llZ�stündiger Beratung verkündete der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Zimmermann folgendes Urteil: Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das fragliche Gespräch weder so, wie es zum Abdruck gelangt ist, noch auch finngemäß geführt worden ist. Es ist vielmehr erwiesen, daß ein solches Gespräch zwischen Direktor Andree und Inspektor Hallender nicht stattgefunden hat. Die Be- kundungen der Zeugen gehen auch dahin, daß ein Gespräch in ganz anderem Sinne gepflogen ist als behauptet ist. Nach der Bchaup- tung der„Bergarbeiter-Zeitung" würde dem Sprecher jedes mensch- lichc Gefühl abgehen. Dagegen betonen die Zeugen, daß der Be- treffende gesagt haben soll: Leider, leider! Das ist das gerade Gegenteil. Es muß dem Angeklagten allerdings zugute gehalten werden, daß er den Erzählungen Glauben geschenkt hat, und es muß ihm auch der Schuh des§ 193 zugebilligt werden. Nach der Form des Artikels unterliegt es aber keinem Zweifel, daß er von der Absicht geleitet worden ist, Direktor Andree zu beleidigen, ihn bloßzustellen und zu kränken. Wenn der Angeklagte diese Absicht nicht gehabt hätte, hätte er an das Zwiegespräch andere Aus- Weines fcuiUcton. Ritterburgen und TotenporträtS. Im Stuttgarter Kunst- gewerbemuseum ist neuerdings eine Sammlung moderner kunst- gewerblicher Ungetüme und Geschmacklosigkeiten zum abschreckenden Beispiel ausgestellt. Man könnte meinen, diese Veranstaltung käme zu spät, da wir ja seit Jahr und Tag in einer kunstgcwcrb- lichen Renaissance leben, die von gesunden und natürlichen Grund- sähen geleitet wird. Daß dem keineswegs so ist, daß wir vielmehr mitten in der ärgsten Barbarei stecken und eine Erweiterung der Sammlung dringend notwendig ist, beweisen einige neue Beispiele fürchterlichster Art. In Halle wird demnächst ein„sehr interessantes Bauwerk" erstehen. Man liest darüber in einem Fachblatt:„Man wird auf dem Gelände des städtischen Elektrizitätswerkes eine Burg mit ge- waltigem, achteckigem Turm. Wachthäuscrii, Zinnen, Graben usw. erblicken. Zuzeiten wird man Dampfwolkcn hoch oben aus dem Turm aussteigen sehen, als wenn die Bewohner ein ausgebrochenes Feuer löschten. Das Gebäude ist»ach einem Gedanken des Herrn Direktors des Halleschen Elektrizitätswerkes ein genial maskierter Kaminkühler, in dem das warme Abwasser der Kondensation ständig zu erneutem Gebrauch zurückgekühlt wird. Das gewaltige, rings- am von einer Mauer und einer grabenartigen Vertiefung um- gebcne Burgpartcrre trägt auf jeder Ecke einen wachthausartigen gedrungenen Ausbau mit Spitzdach und zwischen diesen Eckbautcn erhebt sich der mächtige, 29 Meter hohe Turm, der oben noch einen Durchmesser von nicht weniger als 11 Meter hat. Auf etwa zwei Drittel seiner Höhe trägt der Turm ein vorspringendes, steil ab- fallendes Zwischendach. Und überall sind Zinnen, Auskragungen und sonstige bauliche Ornamente, wie man sie von altersher bei Burgen kennt. Das Ganze, von einem unserer ersten Architekten und überdies Sachverständigen für Burgenkunde entworfen, wird einen imposanten Eindruck machen und der Stadt im allgemeinen sowie dem Elektrizitätswerk im besonderen zur größten Zierde ge- reichen." Fällt diese Architekturmaskerade in alte Sünden zurück, so er- scheint ein anderes Unternehmen auf den ersten Blick höchst orga- nisch und materialgerecht und entspricht insofern den Forderungen des modernen Kunstgewerbes durchaus. Eine Berliner Korrespon- denz führt eS folgendermaßen ein:„Wenn der Leib eines ver- Sorbenen lieben Anverwandten von der Flamme verzehrt und die sche den Hinterbliebenen übergeben worden ist, dann steht diesen noch ein neuer schmerzlicher Moment der Trennung bevor, denn nun müssen sie die Asche des Toten aus ihren Händen in die Urnen- halle fortgeben. Denn die Urnen, die bisher die einzige Auf- bewahrungsmöglichkeit für die Totenasche boten, gehören einzig in führungen angeschlossen. Der Angeklagte ist daher wegen öffent- licher Beleidigung zu bestrafen. Bei der Abmessung des Straf- maßes war zu prüfen, ob aus dem Verhalten des Direktors Andree oder der Zechenverwaltung sich Gründe ergeben, die eine mildere Strafe rechtfertigen können. Es darf wohl als unbedingt festgestellt erachtet werden, daß Lebende nicht mehr in der Grube waren, als dieselbe geschlossen wurde. Die Ursachen der Explosion konnten nicht aufgeklärt werden. Es bestehen Möglichkeiten, aber genaue Feststellungen hierüber ließen sich nicht machen. Die Frage nach einem schuldhaften Verhalten des Nebenklägers muß verneint werden. Im übrigen kann hier nicht alles erörtert werden, was im Laufe der langwierigen Beweisaufnahme besprochen ist. Aber es mutz festgestellt werden, daß Spurlatten an dem Unglückstage mehr als ausreichend zur Verfügung standen. Im übrigen hat der Ver- teidigcr Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit der Zechenzeugen geltend gemacht. Er hat dabei aber vergessen, daß in demselben Maße Bedenken gegen die vom Angeklagten gestellten Zeugen gel- tend gemacht werden können. Gerade diese Leute haben, was aller- dings in der menschlichen Natur liegt, manchmal etwas viel gesagt. Jedenfalls ist von den Zeugen vielfach maßlos übertrieben worden. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß einige Einrichtungen auf Radbod verbesserungsbedürftig waren. Es ist festgestellt� daß die Wasserversorgung unterbrochen war. Es muß aber auch anerkannt werden, daß die Leitung an sich nicht zu beanstanden ist, daß aber bessere Informationen an die Leute notwendig gewesen wären. In Betracht komme jedoch auch, daß die Arbeiter manchmal nicht gern spritzen und deshalb vielfach das Rieseln unterlassen haben. Be- züglich der Schlagwetter hätte allerdings der Vorgang an dem Ort, an dem Thomas arbeitete, eingetragen werden müssen. Die Ein- tragung ist aber nicht erfolgt, weil man die Ansicht vertritt, daß beseitigte Ansammlungen nicht eingetragen zu werden brauchen. Hchlräume sind von den Arbeitern vielfach zugegeben. Das Ver- halten der Leute ist unredlich. Sie haben es auch selbst empfunden und ihre Arbeit als Pfuscherei bezeichnet. Die Steiger waren jeden- falls mit dieser Arbeit nicht einverstanden. Die Löhne, das Ver- hältnis der Arbeiter zu den Arbeitgebern, die Beziehungen zwischen der Aufsichtsbehörde zur Zechenverwaltung und dem Knappschafts- verein können hier nicht erörtert werden. Als Ergebnis kann zu- sammengefaßt werden, daß auch andere Zechen verbesserungs- bedürftige Verhältnisse haben. Aber jedenfalls besteht zwischen diesen Mängeln und dem Unglück keinerlei Zusammenhang. Es ist nicht erwiesen, daß in irgendeiner Weise Direktor Andree ein schuld- Haftes Verhalten trifft. Deshalb ist der Angeklagte zu dreihundert Mark Geldstrafe, eventuell für 19 M. ein Tag Gefängnis, verurteilt worden. Außerdem wurde auf Tragung der Kosten und auf Publi- kationsbefugnis erkannt._ Prozeß ßrußn und Genossen. Fünfter Tag. Zu Beginn der Sitzung erklärt RechtSanw. Bredereck: Die „Frankfurter Zeitung" hat sich durch eine Feststellung von mir betroffen gefühlt. Sie hat sich erboten, zur Aufklärung der Sache ihren Handelsredakteur zur eidlichen Vernehmung kostenlos zu stellen. Das wird nicht not- wendig fein. Ich habe nur behaupten wollen, die„Frankfurter Zeitung" hätte Angriffe gegen das Bankhaus Friedberg gebracht und darauf später Inserate von Friedberg genommen. E s hat mir ferngelegen, damit der„Frankfurter Zeitung" irgendwie den Vorwurf zu machen, sie hätte bei der Abfassung der Artikel oder Aufnahme der Inserate irgend welche unlauteren Absichten gehabt. Der Verteidiger behauptet des weiteren, gegen seine Klienten liege auch nichts weiteres' vor. Der Zeuge Meier. Inhaber der„Original- Meierei und Dorf- schenke zum groben Gottlieb", und dessen Ehefrau bekundeten übes- einstimmend folgendes: Beide ieien in Pvulsborn mit Aschingcr bekannt geworden. Als die gegen A. gerichteten Artikel erschienen, hätten beide den Angellagtc» Paul Vrnhn gebeten, diese Artikel zu unlerdiiickc». Paul Bruhn Hube darauf gea»tworlet. es tue ihm sehr leid, aber er könne das nicht machen. Die gleiche Antwort habe Paul Bruhn gegeben, als eine ähnliche Bitte wegen deS Artikels „Kanlineuwirlschaft", durch welchen ein Herr Vogel getroffen werden sollte, an ihn gerichlet wurde. Der Zeuge Rieprich, Inhaber der„Hopfeublüte", be- kündete, daß er feit vielen Jahren mit dem vor einiger Zeit ver- storbenen Karl Aschiuger bekannt war. Als die Artikel gegen Aschiuger erschienen, habe dieser zu ihin geäcißert, daß er in einem Jahre 1 Million und 200 999 Mark verdient habe. Er solle es ver« suchen, ob sich die Sache nicht ans gütlichem Wege, so vielleicht durch die monumentale Urnenhalle. Nun aber ist ein Berliner Erfinder auf eine sehr interessante Idee gekommen, wie man die Asche in eine ganz neue Form bringen und sie als eine besonders freund- liche Erinnerung an den Dahingeschiedenen in seiner nächsten Nähe bewahren kann. Es ist ihm gelungen, die lockere Asche plastisch zu machen, so daß sie sich in jede gewünschte Form bringen läßt. Mit Hilfe einer Photographie des Toten wird ein Zinkklifchee her- gestellt, das daL Porträt des Feuerbeslattetcn vertieft enthält. Aus der plastisch gemachten Asche wird nun eine viereckige Platte ge- formt und das Bild des Verstorbene» als kräftig heraustretendes Relief darauf gepreßt. Das Aschcporträt besteht aus einem un- gewöhnlich haltbaren Material; selbst mit einem Hammer ist es schwer zu zertrümmern. Man kann das Aschebild nun an der Zimmerwand aufhängen, wo es in seiner braunen, majolikaähn- lichen Tönung eine hübsche und sehr intime Erinnerung an den Verstorbenen darstellt." Der monumentale Kaminkühler und das hübsche Zimmer- andenken an den Toten, sie stellen beide Gipfel moderner Geschmack- losigkeit dar. Ein Papyrus von 122 Fuß Länge. Die ägyptische Sammlung des britischen Museunis ist jetzt durch einen kostbaren Schatz be- reichert worden: einen Papyrus, der zu den längsten der Welt ge- Hort und werlvolle neue Aufschlüsse über die altägyptischc Kultur und über die religiösen Vorstellungen deS PdaraonenvolkeS liefert Der Papyrus ist eine prachtvolle Kopie des Buches der Toten aus Theben und ist begleitet von einer reichen Sammlung von Gottes» anrufungen und LobeS Hymnen an Amen-Ra. den großen Gott von Theben. Die Rolle wurde für die Priiizessin Nesi-tS-neb-asher, die Tochter der Königin Resi-kheiisu, geschrieben, die etwa um die Zeit 1040—1900 v. Chr. auf der Höhe ihrer Macht stand. Ein Teil des interestaiiteii Dolnuients ist bereits entziffert; aus den über- setzten Stellen geht hervor, daß die christliche Vorstellung von Vater und Sohn im Rahmen der Dreieinigkeit in der ägyptischen Nuffasiniig des Verhältnisses zwischen Amen Ra und Osiris ihre Analogie hat. Der Papyrus verrät weiter, daß viele der sogenannien„neuen" religiösen Selten und religiösen Theorien, die heute eifrig umstritten werden, mit geringen Abweichungen auch schon den alten Aegypten, bekannt lvaren, deren Priesterschaft vor drei Jahrtausenden solche. ReligionSvorstellungen sorgsam prüfte, an- erkannte oder adlehnte. Der Text der Rolle gibt auch ein fesselndes Bild von der Entwickelung der Gottesidee bei den alten Aegyptern und läßt erkennen, wie allmählich neue Gottheiten geschaffen wurden, die angecufen werden konnten, da die ursprüngliche Vorstellung die höchste Gottheit weit über die Sorgen und Leiden der Menschen er- hob, so hoch, daß sie für Bitten und Gebete unerreichbar blieb. Der Papyrus, der ausgezeichnet erhalten ist und dessen Tinte trotz des dreitausendjährigen Alters noch klar und schwarz leuchtet, ist nicht weniger als 122 Fuß lang und 20'/, Zoll breit. Die Museums- ein Inserat machen ließe. Er. Zeuge, habe sofort gesagt, daß Bruhn hierfür nicht z» haben wäre, sei aber trotzdem zu Bruhn hin- gegangen. Als er diesem nach einer gewissen Richtung hin auf den Zahn fühlte, habe Bruhu sofort abflelehut und gesagt, wenn sie nicht so gut befreundet wären, würde er ihn einfach an die frische Luft setzen. Auf Fragen des Vorsitzenden und des LandgericdtSratS G r o d k e erklärt Zeuge noch, daß er den Eindruck gehabt habe, daß diese Ablehnung durchaus ernst von Bruhn gemeint war. K a p e l l m e i st e r Samuel Stern, der im Cafö Keck Konzerte gibt, hat einmal von Wilh. Bruhn gehört, daß infolge eines in der„Wahrheit" erschienenen Artikels über das Casö die Keck-Leute sich an ihn gewandt und Inserate angeboten hätten; er habe dies aber rundweg abgelehnt.— Zeuge Akquisiteur Alfred Leupold bestätigt, daß eines TageS ein junger Mann im Bureau de- „Wahrheit" erschienen sei und gefragt habe, ob die Artikel nicht unterlassen werden könnten, wenn Inserate aufgegeben werden würden. Der junge Man» sprach noch von einer größeren Summe, etwa 1009 M. Der Zeuge meint, er habe zwar gewußt, daß in der „Wahrheit" so etwas nicht gemacht werde, der Kuriosität wegen aber den jungen Mann in das Zimmer von Wilhelm Bruhn geschickt. Der junge Man» sei sehr schnell wieder herausgekoinmen, Inserate von Keck seien in der„Wahrheit" nicht erschienen. Zeuge Dr. jur. Eduard Moser, Geschäftsführer der „Vereinigung der Nechtssrcunde". bekundet, daß in' der„Wahrheit" ein Artikel gegen die Vereinigung erschienen sei, der an einen ziemlich harmlosen Vorgang angeknüpft hatte und leicht widerlegt werden konnte. Die„Wahrheit" habe auch seine Eiitgegiinlig anstandslos aufgenommen. Geraume Zeit nach diesem Angriff, den er schon ganz vergessen hatte, sei Paul Bruhn bei ihm erschienen und habe gefragt, ob er nicht einen Jnscratenauftrag geben wolle. Dieser sei da»» auch erteilt worden. Er habe dann gebeten, daß. wenn wieder einmal ein Angriff erfolgen sollte, er bereit sei, jede sachdienliche Aufklärung zu geben und dankbar wäre, wenn man ihm Gelegenheit zu sofortiger Gegenerklärung geben würde. Das sei denn auch geschehen: als wieder ein Angriff erschien, sei seine Gcgeiierktärung sofort mit abgedruckt worden. Darin habe sich die „Wahrheit" vorteilhaft von anderen Zeitungen unterschieden. Der „Vorwärts" habe z. B. einmal unerhörte Angriffe gegen die „V. d. R." erhoben, die Aufnahme einer Gegenerklärung aber ab- gelehnt mit dem Bemerken:„Wir machen für Sie keine Reklame." Der Zeuge Dr. Moser hat darin recht, daß wir vor seinem Bureau und ähnlichen marktschreierischen Rechts- konsulentcnbureaus gewarnt und diese Warnung durch An- führung von Tatsachen begründet haben. Niemals ist dem Zeugen die Aufnahme einer Erklärung tatsächlicher Natur von uns verweigert, wohl aber wird von uns stets jeder Versuch zurückgewiesen, unsere Bereitwilligkeit, Erklärungen tatsächlicher Natur aufzunehmen, zur Aufnahme von Reklamen für bekämpfenswerte„Institute" zu niißbrauchcn. Das sollte jede anständige, unabhängige Presse tun und tut es auch. Gegenteilig verfährt die Sen- sations-, die Annoncen- und die„nationale" Presse, wenn die folgenden Ausführungen der als„Sachverständige" abgehörten Herren Liman und Kluge zutreffen. Sind alle bürgerlichen Blätter verseucht? Es folgt eine längere Auseinandersetzung über die Frage, ob eS im Zeitungswescn üblich ist, solche Angriffe vor ihre». Erscheinen den Angegriffenen zur etwaige» Gegenerklärung vorzulege», oder ob eS zu billigen sei, wenn von RedaklionS wegen solche Anfragen an die Angegriffenen gerichtet loerden, sobald die Betreffenden Inserenten sind.— Täcbverst. Dr. Liman erklärt aus Besragen, daß nach seiner Meinung ein Zusammenhang zwischen Jnseraleineil und redaktionellem Teil bei einer großen Zeitung überhaupt nicht besteht. Im übrigen könne, wenn es sich wie hier um ein Privatinstilut bandele, der Redakteur eS als Anstandspflicht und auch Pflicht der Vorsicht betrackiten, vorher bei dem Angegriffenen anzufragen.— Der zu diesem Thema gleich- falls befragte Sachverständige Kluge meint: Ein solcher Angriff würde dem Chefredakteur vorgelegt werden müssen und die Aufnahme eines solchen Angriffs würde aber wohl vom Chef- rcdaktcur abgelehnt werden, wenn es sich um Großinserentcn handelt. — ZtechlSaniv. Bredereck: Das ist es ja, worauf eS ankommt.— Der Angekl. Wilh. Bruhn betont sehr lebhaft, daß er die Anstandspflicht ausgeübt habe, hier einem Angegriffenen Gelegen- hcit zur Gegenäußerung zu geben. Man scheint ihm nur einen Vor- wurf daraus zu machen, daß dies einem Inserenten gegenüber ge« behörden werden sobald als möglich eine Uebersetzung des ganzen Papyrus herausgeben._ Notizen. - Im Friedrich- Wilhelmstädtischen Schau. spielhause ist von jetzt ab für die Sonntagsnachmittags Vor- stellungen ein Einheitspreis von 1 M. für jeden Parkett- oder ersten Rang- Platz festgesetzt. Als erste Aufführung geht am Sonntag „Faust" I. Teil in Szene. — M u s i k ch r o n t I. In der BolkSoper beginnt am 17. November ein Gastspiel russischer Sänger, Balaleika- spielet und Tänzer, die mit stilgetreue» Dekorationen und National- kostümen Szenen aus dem Leben sibirischer Gefangener und freier Ansiedler darstellen werden. Die Lieder sind von W. Härleveld gesammelt. — Eine neue Vereinigung bilde nderKün st ler und Künstlerinnen hat sich in Berlin gebildet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem großen Publik»», gute Kunstwerke zugänglich zu machen. Es wird durch eine Jury dafür gesorgt, daß trotz der erschwinglichen Preise mir erste Arbeiten zur Ausstellung gelangen. Die erste Ausstellung soll in nächster Zeil eröffnet werden. — Ein R a d i u in i n st i l u t, das seine Mittel einer Stiftung verdankt und der physikalischen Erforschung deS kostbaren Elements dienen soll, wurde in Wien eröffnet. Die Anstalt verfügt über drei Granu» Radium, die aus Joachimslhal stammen. Zu den nächsten Aufgaben des Instituts gehört die Festsetzung eines Maßes für Radiumgebalt und die Bestiiummig der Radioaktivität von Quellen und Gesteinen. — Eine Markenklebemaschine. Die Londoner Post» ömter werden in kurzem mit einer automatisch arbeitenden Maschine versehe» sein, die Briefmarken nicht bloß verkauft, sondern auck so» fort auf den Brief aufklebt; die Maschine ist iinstande jede Stunde 4000 Briefmarken zu vorteilen. Sie tritt in Tätigkeit, wenn man in eineOeffnung einen Penny und in eine zweite Oeffnung den Brief hinein- steckt: in einem Nu erscheint dann unten aus einem Schieber der Brief mit der aufgeklebten Marke. ES ist ganz unmöglich, bei dieser Main- pulation irgend ein anderes Geldstück zu verwenden als einen englischen Penny. In ctneni Zeitraum von 14 bis 15 Postdicnst- stnnden klebt die Maschine antoinalisck mit Leichtigkeit 50000 Marken. Vorläufig fnnklioiücrt die Maschine erst auf einem Londoner Post- amt; nach und nach sollen aber auch alle anderen Postämter der Riesenstadt und die größeren Poststationen des Landes mit solchen Maschinen ausgestattet werden. — Die Erbswurst feiert In diesem Jahre ihr vierzig- jährigeS Jubiläum. Sie wurde 1870/71 im deutsch-französischen Kriege zuerst erprobt. Ihr Erfinder war ein Berliner Koch, namens Grünberg, dem da« preußische Kriegsministerium das Rezept für 37 999 Taler abkaufte. sScyen sei. Würde er eS einen Nichtinserenten gegenüber tun. dann würde man ihm wieder nachsagen, daß er es zum Zwecke deS Jnscratenfange« tue�— Zeuge Dr. Moser erklärt noch: Die An- griffe gegen sein Institut rührten meist von entlassenen Angestellten her. Uebrigens sei es auch vorgekommen, daß einmal von der „B. Z. a. M." ebenso vorher bei ihm angefragt worden sei, als sie die Nachricht bekam, daß er angeblich verhaftet sein sollte. Er sei auch Inserent bei der ,.B. Z. a. M." Demnächst soll als Zeuge Finanzschriftsteller Prof. Dr. Moritz Meyer vernommen werden. Er ist nicht anwesend und aus tele- phänische Anfrage wird festgestellt, daß er von einem Schlaganfall betroffen ist und im Moabiter Krankenhause liegt, aber vernchmungs- fähig ist. Der Zeuge soll die Behauptungen deS gestern vernommenen Zeugen Strauß widerlegen. ES werden noch einige Straßenhändler vernommen. Sie erNären übereinstimmend, baß ste in bezug auf die Art. wie sie Artikel der„Wahrheit" auszurufen hätten und wo sie sich ausstellen sollten, von keinem der Angeklagten Anweisung erhalten hätten. Einige weisen diese Zumutung entschieden zurück: „sie stellten sich da auf, wo sie es für zweckdienlich hielten",„irgend welche Vorschriften lassen sie fich nicht machen".„auSgebrülli wird nicht, es tut bloß jeder feine Schuldigkeit" usw. usw. Aul eine Anzahl Straßenhändler wird verzichtet, dagegen noch der Journalist Simonsohn vernommen, der gleichfalls bekunden soll, daß die Straßenhändler sich keine Direktive von dritter Seite geben lassen. Der Zeuge bekundet u. a.: Er sei Herausgeber der inzwischen Widder eingegangenen juristischen Wochenschrift„Das Gericht' gewesen und habe sclbnverständlich auch Fühlung mit den Straßenhändlern suchen müsse», denn es sei nicht möglich, eine solche Zeitschrift ohne die Straßenhändler, unter denen sich„wahre Genies" besinden, in die Höhe zu bringen. Diese Herren lassen sich bezüglich der Art. wie sie die Zeitungen ausbieten sollen, absolut keine Borschriften machen. Sie halten in ihrer Stammkneipe neben dem Passage- Theater in der Behrenstraße gewissermaßen Generalversammlungen ab, wo beschlossen wird, wo und wie einzelne Artikel ausgerufen werde» sollen. Sie lassen sich bestimmte Plätze nicht vor- schreiben. Bei ihren Anpreisungen folgen sie ganz ihrer eigenen Eingebung. Beispielsweise wurde ihnen gesogt, sie solllen doch den Name» eines ReichSgerichtsrals, der einen Artikel veröffent- licht hatte, ausrufen, sie meinten ober:„Ein ReichsgerichlSrat ist langweilig, das zieht nicht."(Heiterkeit.) Einen Artikel über den Prozeß Breuer schrien sie als„Hochinteressanter Sportartikel" au«. (Heiterkeit.) Die Tatsache, daß inimer zwei Händler dicht bei ein- ander stehen, ist nicht Zukall, sondern Abficht. Man rechnet ganz richtig darauf, daß wenn ein Passant an dem ersten Händler und dessen Anpreisung noch ziemlich achtlos vorübergegangen ist. er durch das sehr laute Angebot des nicht weit davon stehenden zweiten Händlers doch zum Kaufen angereat wird. Aus seiner juristischen Wochenschrift hätten die Händler fast eine Sensation»» und Sport- zeilschrist gemacht.(Heiterkeit.) Erklärung deS Verteidigers. RechtSanw. Bredereck erklärt bezüglich der Strafanzeige, die die ganze Sache ins Rollen gebracht, daß nach einer ihm vom Rechiöanw. Dr. Werthauer gemachten Mitteilung die Anzeige von diesem nicht aus eigenem Antriebe gemacht worden sei. sondern in seiner Eigenschaft als Verteidiger des Redakteur» D a h f e l. der ihn damit beauftragt habe. Ter Verleidiger teilt femer mit. daß soeben vor dem Schöffen- gericht eine Verhandlung gegen drei Straßenhändler stattgefunden habe, die wegen Betruges verurteilt worden sind, weil sie sich vor dem Warenhanse Tietz aufgestellt und ausgeschrien hatten: „Enthüllungen über das Warenhaus Tietzl" Tat- sächlich sei in der betreffenden Zeitungsnummer nur eine kleine, ganz unbedeutende Notiz über das Warenhaus Tietz enthalten ge- Wesen. In Ergänzung der unvollständigen Behauptung de» Verteidiger» teilen wir aus der Verhandlung gegen die Straßenhändler folgenden Sachverbalt mit: Die Straßenhändler harten die„Wahrheit" unter den Rufen:.Enthüllung»» auZ dem Wäretihause Tietz" und „Liebesabenteuer in dem Warenhause Tietz" aus« geboten. Danrit hatten die Straßenhändler den Inhalt einer Er» zählung gemeint, in der das augebliche Liebesabenteuer eines KommerzienratStöchterleinS geschildert wurde, welche? auf Abwege geraten sei und sich einem Assessor gegenüber a l S Tele- phonistin in dem Warenhause Tietz ausgegeben habe und dann von ihrem Verlobten in einem von ihr gemieteten möblierten Zimmer bei einem Rendezvous überrascht worden sei. Nichtig ist, daß nicht der Verleger Bruhn, sondem die Straßenhändler wegen— Betruges angeklagt und gestem zu 10 M. Geldstrafe verurteilt w»rden. Der Angekl. Bruhn beruft sich sodann auf das Zeugnis seines Kassierer» Trautmann. Dieser bestätigt ihm, daß in der„B. Z. a. M." einmal ein Artikel unter der Ueberschrift„Mord- und Selbst« mordverluch in einem Berliner Hotel" gestanden habe, aber auf den gelben Zetteln, die den Straßenhändlern zum Zwecke der Agiration mitgegeben werden, verzeichnet stand:„Mord- und Selbstmordversuch i m H o t e l A d l o n". So sei der Artikel dann auch auf der Straße ausgerufen worden. Dieser gelbe Zettel wird dem Gerichte vor- gelegt. „Nationales ohne Dreck zieht nicht". Der nächste Zeuge ist Kaufmann Osw. Buchholz. Er gehört der deutsch-konservativen Partei an und war etwa ein Jahr Redakteur der„Deutschen Volkspost", des Organs der Mittelstandsvereinigung. Er bestätigt, daß er sich die denkbar größte Mühe gegeben habe, um das Blatt in das Publikum herein- zubringen, es sei das aber trotz aller Mühe nicht gelungen, obgleich die Zeliung(ehr gediegene Artikel brachte und eine Reihe bedeutender Mitarbeiter halte. ES sei ihm dann von Bekannten gesagt worden. er müsse auch etwas Prickelndes in die Zeitung bringen, denn es sei furch t.bar schwer, so eine nationale Wochen- schrist ohne alle prickelnden Zutaten in das Publikum zu bringen. Er habe die» aber ab- gelehnt. Im übrigen stehe er auf dem Standpunkt des Sach- verständigen Dr. Lima», daß das Publikum ein bißchen Seilsation wünscht und ein nationales Wochenblatt ohne ein wenig Sensation nicht ins Publikum dringen kann. Der Zeuge Buchhändler und ZeitungSspediteur Warthernau bestätigt dem Angeklagten W. Brnhn, daß bei einem Gespräch mit ihm über die bevorstehende Gründung der„Wahrheit" Herr Brnhn ihm gesagt habe, daß das Blatt einen nationalen Charakter baben solle. Nach seiner Kenntnis habe das Blatt auch diesen Charakter bewahrt. Er habe auch wahrgenommen, daß die„Wahrheit" schart Stellung nehmen gegen Auswüchse, die Bezeichnung als „Revolverblatt" treffe aber nach seiner Meinung nicht zu. Wie»erfährt die„B. Z."? StaatSanw. Leisering ersucht um die Vernehmung des an- wesenden Redakteurs der„B. Z. a. Mittag", der niil Rücksicht auf die vorhergegangene Erörterung über die„B. Z." sich äußern möchte. Zeuge Walter MoSzkowSkl: Die„B. g. a. M." habe einen Artikel gebracht:„Mord und Selbstniord in einem Berliner Hotel." Weder in dem Artikel noch in der Ueberschrift war der Name deS Hotels genannt, nicht weil eS sich speziell um das Hotel Adlon handelte, sondern iveil es nicht angemessen schien, durch einen solchen Artikel ein Hotel zu schädigen. Aber ein Expeditionsbeamter, der im letzten Moment, als der Artikel schon in Satz gegeben werden sollte, heran» kam und fragte, was Hervorragendes los sei, bat dann die gelben Zettel mit der Bezeichiuii'.g:„Mord und Selbstmordversuch im Hotel Adlon" drucken lassen. Sobald dies zur KennMis der Redaktion gekommen, seien alle Hebel in Bewegung gesetzt worden, um von jedem Straßenhändler, deffen man habhaft werden konnte, die Zettel zurückzuziehen.— Angeklagter Bruhn tritt dieser Darstellung entgegen und behauptet, daß die Zettel erst zurückgezogen worden seien, als sich Adlon beschwert hatte, weil so viele Händler in der Nähe deS Hotels diesen Artikel ausbrüllten. Der Zeuge weiß hiervon nichts, weiß dagegen, daß von den durch die ,B. Z." fest angestellten Händlern die Zettel sofort zurückverlangt wurden, sobald die Sache zur Kenntnis der Redaktion gekommen war.— Angekl. Bruhn wünscht den Namen des betreffenden ExpeditionSbeamten zu erfahren, um ihn eventuell als Zeugen laden zu können.— Zeuge Mos�- k o WS ki weigert sich, diesen Namen zu nennen, da das ein Redaktionsgeheimnis sei und er es ablehnen müffe, über interne Redaktionsangelegenheiten hier Aussage zu machen.— Angekl. Bruhn erklär« dem gegenüber, daß er es sich ja auch gefallen lasten müsse, daß seine internsten Redaktionsangelegenheiten hier ausgekramt werden. Er sehe keinen Grund, warum der Zeuge de» Namen nicht nennen wolle.— Zeuge MoszkowSki bleibt zunächst bei seiner Weigerung, der Vorsitzende weist ihn daraus hin. daß er sich der Gefahr der Anwendung von Zwangsmaßregeln aussetze. Schließ- lich nennt der Zeuge den Namen Mörser.— Angekl. Bruhn betont, daß dies der Mann sei, der die Anordnungen für die Straßenhändler unter fich habe. Er wolle nur zeigen, daß das. waS ihm vorgeworfen werde, auch von anderen Zeitungen genau so gemacht werde. Er be- hauptet sogar, daß auf dem Hofe des Ullsleinschen Geschäftshauses eine große Tafel aufgestellt sei, aus welcher täglich für die Händler der „B. Z." die zum Ausrufe» geeigneten Titel bekann« gemacht werden. — Zeuge MoszkowSki erklärt! hiervon nichts zu wissen. Einzelheiten. Redakteur Erich Kammer schildert die Vorgänge in der „Staatsb.-Ztg.", die zum Ausscheiden Bruhns geführt haben, und tritt insbesondere auch der Behauptung des Zeugen Plack-PodgorSki ent- gegen, daß sich Bruhn bei seiner Tätigkeit in der„Slaatsb.-Zlg." unzu- lässig bereichert habe. Das Gegenteil sei der Fall: Bruhn habe seinen ganzen Anteil verloren, ebenso wie er(Zeuge) selbst und die anderen Teilhaber auch. Der Oberleutuant Freitag habe sich nicht betrogen fühlen können, den» bei besten Eintritt stand die damalige„Slaatsb.-Ztg." noch gar nicht ungünstig, denn sie hatte damals nur einige hundert Mark Unterbilanz. Der Niedergang sei erst erfolgt, nachdem Bruhn ausgeschieden war.— Angekl. Bruhn: DaS ist doch selbstverständlich, daß die Abonnenten abgeschreckt werden. wenn eine bis dahin antisemitische Zeitung plötzlich liberal werden und nichts mehr gegen die Juden schreiben will. Der Zeuge Alfons B o l d t. Präsident deö Deutschen Cafätier- Verbandes und damaliger Vorsitzender deS Berliner EafätiervereinS bekundet, daß in einer Vereinssitzung von den Mitgliedern zur Sprache gebracht wurde, daß ein Artikel mit der Ueberschrift „Berliner Casüs" erschienen sei, der verschiedenen Mitgliedern nicht pasie. Es wäre dabei dann davon gesprochen worden, eventuell Inserate zu geben.— Der fragliche Artikel wurde hierauf verlesen.— Bors.: Ich kann nur sagen, daß dieser Artikel keinerlei Angriffe gegen Cafäliers sondern eher eine gute Reklame enthält, so daß sich eher diejenigen beleidigt fühlen könnten, die in dem Artikel nicht ge- nannt waren.(Heiterkeit.) Der Zeuge Dr. G o e r ß ist von dem Angeklagten Bruhn zum Zeugnis dafür angerufen worden, daß dieser ihm das Material zu dem in der„Wahrheit" erschienenen Artikel„Hunderttausend Mark- Unterschlagung im Warenhause Wertheim" gegeben habe. Der Zeuge bestätigt dies im Allgemeinen. Er habe eines Tages Herrn Bruhn im Reichstage getroffen und ihn gefragt, ob er schon von den Unter- schlagungen gehört habe, die ein Zollbevollmächtigter der Firma Wertheim Jahre lang zu machen im stände gewesen sei. Daran haben sich gesprächsweise nähere Mitteilungen über den Fall geknüpft und er habe dann gesehen, daß schon in der nächsten Nummer der„Wahrheit", die nach drei Tagen auf den Straßen ausgerufen wurde, dieser Fall in einem etwa anderthalbspaltigcn Artikel verarbeitet worden war. Der hierzu nochmals vorgerufene Zeuge Traube, Verleger der„Deutschen Konsektion" bleibt trotz vielsacher Vor- Haltungen dabei, daß der mehrfach genannte Biermann(der früher ber Wertheim angestellt, dann entlasten und wegen Ver- untreuung bestrast und jetz! flüchtig ist) einmal ihm gesagt habe: Bruhn habe ihm erzählt, er habe einen Artikel über Zoll- defraudationen im Hause Wertheim aus Lager. der dem- nächst in der„Wahrheit" erscheinen werde. Biermann habe ihn ferner aufgefordert, die Vermittelung in dieser Affäre zu übernehmen, er habe eS aber abgelehnt.— Die Verteidiger heben hervor: Der Zeuge habe bei feiner gestrigen Vernehmung gciagt, er habe den Artikel dann nach etwa 14 Tagen in der Zeitung„Wahrheit" gelesen. Die Verteidiger suchen nachzuweisen. daß die« doch nicht richtig sein könne, da nach dem Zeugnis des Herrn Dr. Goerß der Artikel schon nach drei Tagen erschienen sei. Danach sei ja gar kein zeitlicher Zwischenraum zur Anbahnung von �Verhandlungen vorhanden gewesen.— Der Zeuge bleibt bei feiner Sussage und beschwört sie, nachdem Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t nochmals darauf hingewiesen hatte, daß der Zeuge dem Biermann doch wohl kaum vollen Glauben habe beimessen können. VeweiSanträge. RechtSanw. Bredereck: Nachdem hier in so großer Umständ- lichkei» allerlei Dinge vorgebracht worden sind, die nicht zur Anklage geführt haben und nun dem Zwecke dienen sollten, den Angeklagten Bruhn ungünstig zu charokterisieren, ist eS doch notwendig, auch einige Zeugen zu vernehmen, die das ungünstige Bild, welches der Staatsoanwalt entwirst, völlig verändern würden— Zeugen, die dem Angeklagten tatsächlich Geldangebote gemacht haben, aber von diesem damit zurückgewiesen worden sind. Er beantrage die Vorladung der Zeugen Fabrikbesitzer Gebrüder Ball und der früheren Kammerfrau der Prinzessin Henriette von Schleswig- Holstein, jetzigen Frau Meyer geb. Milewska. Letztere speziell werde bekunden, daß in dem Falle Milewska Bruhn der einzig Beleitigte gewesen ist, der jede Anerkennung zurückgewiesen bat, während andere, wie Geh. Hofrat Rcnä, Orden erhalte», befördert worden sind oder Geldzuwendungen erhalten haben.— StaatSanw. Leise- ring beantragr, die Aniräge abzulehnen und die Behauptungen als wahr zu unterstellen. Mit dieser Sache habe eS gar nichts zu tun, wenn in bestimmten anderen Fällen der Angeklagte anständig gehandelt habe.— RechtSanw. Bredereck: Die Anklagebebörde hätte sich nur von Anfang an auf diesen Standpunkt stellen sollen, dann hätten wir uns darauf beschränken können, lediglich die fünf angeblichen Erpressungssälle zu verhandeln.— Angekl. Bruhn bittet dringend, doch Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen. I» den Dahielprozeß ist Recht?- aiiwalt Dr. Werthauer aufgestanden und bat gesagt:„In der Milcwska-Ängclegenbeit habe ich das Zivilkabinelt erpreßt." DaS muß und will ich doch ausllären und atS gänzlich ersnnden widerlegen I Ich habe in der MilewSka-Sache durchaus anständig gehandelt und jedes Angebot der Milewska zurückgewiesen. Und der Fall Ball ist doch geradezu ein Schulbeispiel, denn die Gebr. Ball baden. trotzdem sie Großinserenten sind, doch die Artikel in der„Wahr- Heit" nicht verhindern können.— Nach kurzer Beratung des Gerichts verkündet der Vorsitzende: Da ans die moralische Oualifikation des Angekl. Brubn bisher ein so großes Gewicht gelegt und darüber in der minutiösesten Weise verhandelt worden, ist eS von nicht zu unterschätzender Bedeutung, den Anträgen des Verteidiger? gerecht zu werden. DaS Gericht hat beschlossen, Frau Meyer. geb. Milewska, und die Fabrikbesitzer Max und Leopold Ball zu Montag zu laden. Nachdem noch Cafstier B o l d t die Behauptung des Zeugen Berkowitz, daß in ollen CaisS Buchmacher Welten schreiben, energisch zurückgewiesen, wird die Verhandlung auf Montag v'/, Uhr ver- tagt. Heute fällt die Sitzung aus. SemKts- Reitling. Vom Reichsgericht freigesprochen wurde der Schmied Heinrich Rhemheimer II, der am 7. Juni vom Landgericht Kaiserslautern wegen fahrlässigen Falscheides zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden war. Er hat in einem Rechtsstreit mit G. deschworen,„es ist nicht wahr, daß die Schmiede- arbeiten km Betrage voll SM 9t. stezaW MHM SM 9t. davon schon bezahlt waren. DaS Reichsgericht ist der Ansicht, daß der Angeklagte objektiv nichts Falsches beschworen hat, denn die 2,58 M. waren tatsächlich nicht voll bezahlt. Der Eid war un- geschickt formuliert und nicht geeignet, den Rechtsstreit zu er- ledigen. Allerdings konnte der Angeklagte daS Bewußtsein haben, daß der Eid nicht so gemeint war wie er lautete. �Aber er war nicht verpflichtet, sich darüber auszusprechen. Es wäre Sache des Amtsgerichts gewesen, den Eid ander? zu fasten. Krankhaste Eifersucht hat dem Angeklagten Schrödter, der gestern vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte stand, eine Anklage wegen Beleidigung zugezogen, welche die Staatsanwaltschaft im öffentlichen Jntereste verfolgte, wohl deshalb, weil der Beleidigte ein Pvlizeiwachtmeister ist. Der Angeklagte Schrödter hatte seine 45jährige Frau in dem Verdacht, zu dem mit ihm in demselben Hause wohnenden Polizeiwachtmeister Schröder in sehr intimen Beziehungen zu stehen. Zu anderen Hausbewohnern hat der Angeklagte seinen Verdacht, den er damals für begründet hielt, jetzt aber als unbegründet erklärt, durch eine derbe Bezeichnung ausgesprochen. Die als Zeugin vernommene Frau des Angeklagten sagte, ihr Mann bezichtige sie fortwährend, daß sie Vcrbältnisie mit anderen Männern unterhalte.� Bald solle es ein Schutzmann, dann wieder ein Kriminalkommistar und neuerdings ein„Kaufmannsjunge" sein, zu dem sie nach der Be- hauptung ihre? Mannes Beziehungen haben solle. An alledem sei aber kein wahres Wort.— Der Angeklagte wurde wegen Beleidi- gung zu 30 M. verurteilt. )Ziis aller Melt. Der abgesperrte Kaiser. Man schreibt uns aus Brüssel: Wilhelm II. Besuch brachte den Belgiern eine überraschende Neuheit. Die guten Brüsseler, wenig vertraut mit dem Mysterium deS GottesgnadentumS, hielten den deutschen Monarchen für ein xbeliebigeS gekröntes Wesen, das reist, ankommt, sich zeigt, wie etwa der eigene auch. Welch ein Irrtum! Welche Augen machten nicht die Brüsteler, als sie sahen, daß der Mann, den nichts als eine HöflichkeitSvisite nach der belgischen Residenz geführt, die Stadt in einen förmlichen Be- lagerungSzustand versetzt hat. So etwas hat man in Brüstel, wo man in dieser Beziehung eine gewiste Freiheit der Bewegung gewöhnt ist, noch nicht erlebt. Dem deutschen Kaiser blieb eS vorbehalten, da einen neuen Modus eingeführt zu haben, der von den belgischen Sitten, wie ein Blatt schreibt, sehr abweicht. Von der Grenze bis nach Brüssel waltete ein Heer von Geheimen des Amtes, die Eisenbahnschienen zu bewachen, die der kaiserliche Zug durchlief. Die Bahnhöfe, wo einige Minuten Auf- enthalt war. wurden abgesperrt, daß selbst Journalisten Schwierigkeiten hatten, zu passieren. Zudem, wie zum Beispiel in L ü t t i ch und Löwen, militärische Bewachung der Bahn» Höfel Dieselbe oder vielmehr eine weit größere Vorsicht in Brüstel, wo man zwei Berichterstatter in einen Zug gesteckt hat, von dem aus ihnen gestattet war, Seiner Majestät von Gottesgnaden An- kunft untertänigst zu beobachten. Auch die Anordnung über die Doppelreihe der Soldaten, die vom Bahnhof bis zum Palais Spalier bildeten, war dieser Vorsicht entsprungen. Ist das in Deutschland so Sitte, fragten sich die Leute hier vebvundert, die an derlei Absperrung und Bevormundung nicht gewöhnt sind. Die bürgerlich radikale„Gazette" schrieb indigniert, ob man so wenig Vertrauen in die Bevölkerung habe? Man sei doch in Belgien.... Ferner: Der Kaiser besucht eine Ausstellung. Folge: Die Au»» stellung wird für das Publikum geschlossen. Fehlte nur noch, daß zur Galavorstellung in der Oper nur die engere Familie geladen worden wäre. Ist eS nicht schon unvor» sichtig, Deputierte und dergleichen einzuladen? Wenn auch-die Sozialisten von ihren Einladungen keinen Gebrauch machten— kann man wissen, was dennoch passiert? Der„Peuple" will sogar wissen, daß sich ein Gerichtshof schon bereit hielt, für die„Zlvischen- fälle", die sich ereignen könnten. Aber die„Zwischenfälle" nach dem Rezept der reaktionären Presse, die vierzehn Tage lang von Tumulten faselte, die von der Sozialdemokratie vorbereitet worden seien, wollten sich absolut nicht einstellen. Aber ein paar Arre- tierungett ist die Polizei ihrem Prestige schuldig. Denn eS wäre doch zu blamabel, wenn all die Bewacherei und Herumschnüffelei und der ganze Belagerungszustand— pour le roi öe?ru»se um- sonst gewesen wäre...._ Nehmen ist seliger de«» geben. Nach der schweren Katastrophe von E ch t e r d i n g e n. bei der da» Zeppelin-Luflschiff vollständig vernichtet wurde, regte sich der Nationalstolz der Deutschen so stark, daß bald nachher als Ertrag einer Sammlung dem Grafen Zeppelin Millionen Mark zur Verfügung gestellt wurden. Wie sparsam der Herr Graf mtt dem gespendete» Gelde— irren wir nicht, waren es über 6 Millionen Mark— zu wirtschaften versteht, da» beweist ein Brief, den zwei Konstanzer Flugschiffkonstrukteure von ihm erhielten. Nach der„Württemberg. Ztg." heißt e» in dem Schreiben des Grasen Zeppelin: „Mit Interesse habe ich au» dem Bericht meine» Oberingenieurs, errn Kober. ersehen, daß Ihr neue« Flugzeugprojekt zweifellos rauchbare Neuerungen aufweist, die mir dessen Her- stellung im vaterländischen Interesse Wünschens- wert erscheinen lassen. Leider ist es mir angesichts der vielen täglich bei mir einlaufenden Gesuche ganz unmöglich, Ihnen den zum Bau und zu den ersten Flugversuchen wohl erforderlichen Betrag von 80 000 M. zur Verfügung zu stellen. Um Ihnen jedoch mein Interesse zu beweisen, erkläre ich mich bereit. Ihnen 3000 M. zum Bau de» Flugzeuge» zu überweisen, nachdem es Ihnen gelungen sein wird, die restliche« 27 000 M. von anderer Seite aufzubringen." Bei der Sammlung zur Nationalspende wurde u. a..1 Mark von einer schwäbischen Köchin" quittiert, diese stellte aber dem Herrn Grafen keine Bedingungen. Vielleicht versuchen die beiden ab- gewiesenen Herren eS auch einmal mit einer Sammlung, da ja bis Herstellung, wie Herr Gras Zeppelin ausdrücklich betont, im vaterländischen Jntereste wünschenswert ist. Unsere Patrioten werden doch die„Interessen des Vaterlandes" nicht schädigen, be« sonder» da«S fich ja„nur" um 27 000 M. handelt. Fernfahrt des Parseval VI. Da» Luftschiff Parseval VI, da» in den letzten Tagen vom Flugplay bei Johannisthal»nehrere erfolgreiche Passagier» , ahnen unternommen hatte, stieg gestern vormittag um 10'/, Uhr mit einer Besatzung von lt Personen zu einer Fernfahrt nach Kiel auf. In Schwerin, wo eine Zwischenlandung vor- gesehen war, traf da» Luftschiff um 2'/« Uhr nachmittags ein und landete glatt auf dem großen Exerzierplatz. Gegen 8'/, Uhr wurde die Weiterfahrt nach Kiel angetreten, doch mußte P. VI eine nochmalige Zwischenlandung in Neumünster vornehmen, um seine Wasjervorräte zu ergänzen. Schließlich zwang der zunehmende Wind den Führer deS Ballon», Oberleutnant Stelling, gegen 7 Uhr bei BordeSholm, wenige Kilometer von Kiel entfern� zu landen. Militär wurde zur Hilfeleistung von Kiel entsandt, um das Luitschiff vor den Unbilden der Witterung zu sichern. Die Weiterfahrt nach Kiel soll heute vorniittag angetreten werden. Meine Notizen. C,«»lche Lust, Soldat zu sei»'. Wie eine telegrapstische Mel- dun» aus Landau in der Pfalz berichtet, warf fich ein Rekrut des 18. Infanterieregiments bei Winden angeblich aus Furcht vor einerDrohung feines Unteroffiziers vor«inen Eifenbohnzug und wurde getötet. Opfer deS Bergbaues,»uf der Zeche Karl Friedrich bei Bochum fielen zwei Bergleute in einen 90 Meter tiefen Schacht, wo beide sofort getötet wurden. Nach Veruntreuung von etwa 100 OOQ, M. ist der Prokurist Wallbiener aus Dresden flüchtig geworden. Mit ihm ist eine früher bei derselben Firma beschäftigt gewesene K o n t o r i st i n verschwunden. Du sollst nicht töten! Gestern morgen wurde der Barbier Karl H a a ck, der im Januar d. I. den AmlSrat Kleine in Dölih in Pommern ermordet hatte, auf dem Hofe deS Stargarder Gesang« nifleS hingerichtet. Gescheitertes Schiff. Nach einer Meldung aus Saloniki ist in den Dardanellen das holländische Schiff„Sestor' gesunken. Fast die gesamte Besatzung soll dabei umS Leben gekommen sein WreteellglSie Gemeinde. Sonntag, den 80. vktoder, vormittag» S Nhr, Pappel-Allee 15—17 und Rixdors, Adealpassage: Freireligiöse Vor« lesung; vormittags 11 Uhr Kleine Frankjurter©träfet 6: Vortrag von Dr. Bruno Wille:»Im Ansang war das Wort'.— Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. «ttterunaSuberllchi vom 88. Oktober 19 in. morgens 8 Itdr. |j s 11 :£ R® 2 C Gl �? »�1 ffiett« B" II r» Haoaranva 76923 Petersburg 774 9? ©ctOv 752 D®0 tlbrrvee» 764 DsO Vurr»>7bSS©O 2 Nebel! 0 ibalbbd.— 1 g wolkig> IL SRegcn> 9 L bedeckt> 12 Irantl.a VI RÜnch» Wien Wetterprognose ttir Sonnabend, den SS. Oktober 1910. Ein wenig wärmer bei ziemlich lebhasten südöstlichen Winde» mit wieder zunehmender Bewölkung ohne erhebliche Niederschläge. Berliner Weiterbureau. BvafierSandS'NochrtchteW der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteW vom Berllne» Weltcrbureau. Basserll and Memel, TiM« P r e g e l. Jnsterbmg Weichsel, Tboru Oder. Ratibor , Krotsrn , grankiurt Warthe. Schnmm , LandSberg Rehe, vordamm Elb«. Leinnenh , Dresden , Bardo , Magdeburg vallerst«» Saal«, Grochlkh Havel, Spandau') , Rathenow') Svre«. Svrcmberg') , BeeSlow Weier, Stünden , Minden Rhein, MapimtlianSau , Kaub , Köln Neckar. Heilbronn Main. Wertheim Molel, Trier am 27.19 cm 74 66 148 -100 -22 350 157 142 46 feit 26.10. on,1) _ 2 _ 2 —1 +2 —1 0 —3 —4 _ 2 —2 j-1 -4 0+ bedeutet Such»,— Fall.•) llnlerpegel. Thealer und Vergnügungen nun ÖÖD □□□ Sonnabend, 29. Oktober. Anlang VI, Uhr. Neues königl. Oper», Theater. Fidelis. Königl. Schauspielhaus. Maria ©wart.(Ansang 7 Uhr.) TeuiicheS. Herr und Diener. Kammerspiele. Komödie der Irrungen Heirat wider Willen. Bcrl (Ansang 8 Uhr.) sltner. Der scharfe Junker. Ansang 8 Uhr. Wenn der junge Wein Lesflng. blüht. Xriauon. Der heilige Hai«. Neues Zchau'vieldan». Die Jung- frau von Orleans. Nachm. 3'/, Uhri Weh dem. der lügt. Neues. Schauspieler de« Kalser». Abschied vom Regiment. Komische Oper. Die Bohbme. Residenz. Nodlsss« oblige. Kleines. Die vrrflirten Frauen- zimmcr. Erster Klasse. Thalia. Hand und Herz. Schiller o. e»»ii»er- Zd tatet.) Die Kreuzelschreiber. Nachmittags 3 Uhr! Götz von ver> lichingen. Sch'»■ itharlotteudnrg. SodomS Sude. Friedrich- WilhelwftSdtisch«». Krieg im Frieden. NachmiilagS 3'/, Uhr: KriemhlldS Rache. Luisen. Kcan. NachmiilagS 4 Uhr: Frau Holl«. Westen. Die schönste Frau. Neues Operetten. Der Graf von Luxemburg. Luftspielhans. Der Feldherrn- Volksoper. Don Juan. Anfang b'l, Uhr.) Modernes. Der Moloch. Herrn fe Id. Eine verlorene Rächt. Der Derbysteger. Rote Verschwörung der Frauen. Nachmittag» 3 Uhr: Die Anna-Lisi. Folies vapriee. Der schwarze Schimmel.— Bolle Pension. (Ansang 8',. Uhr.) llNe»o>>oi. Hurra— Dir leben »och I Kasino. Der schneidige Rudolf. Stpou«. Svczialitüicn. ViifiKge. Spezialitäten ReichSballe». SIeitiner Gänger. Walhalla. Bravo l Da capo I(An- sang 8'/, Uhr.) Wiinergimen. Spezialitäten. Karl Haverland. Svezialiiäten. Sanssouci. Nu hat'« geschnappt. Spezialitälen.(Ans. 8>,, Uhr.) Urnina. 8 Uhr: Der Vierwaldstätler See und der Gotthard. Nachm. 4 Uhr: In den Dolomiten. Im Hörlaal 3 Uhr: Prosessor Dr. B. Donath: Thermische mid chemische Stromquellen. Ste,>: rr-a r t-..Xnvar.d-nstr. 57— 62 Lessing-Theater. 8 Uhr; Wenn der jnuge Wein blüht. Sonntag 3 Uhr: Nora. 8 Ubr: Wenn der jung« Wein blüht. öerllner Ttiester. Abends?>',Uhr zum erstenmal: Der scliurfe JOnker. Morgen 8 Uhr: Der«Chart« lunfcer. Neues Theater. Abends 8 Uhr; Ferdiniuitl Donn als Galt. Die Schauspieler d. KaiserS. Hieraus: Abschied vom Regiment. Morgen und solgende Tage: Die- selbe Vorstellung._ Theater des Westens. Ansang 8 Uhr. Die«rhUiiHto Krau. Sonnt. 3'/,U.: Die geschieden« Frau. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Heute und täglich 8 Uhr: Dir kr.»«« der Kruaen. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhiigel. Luisen-Theater. 4 Uhr grofee Kindervorstellung: Frau Holle. s uhr: Kean. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. • Uhr: Berlin geht zu Bett. Montag: Der Hüttenbesitzer. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Nachmittag 4 Uhr: In den Dolomiten. Heute abend 8 Uhr: Der TlerHaldatiltter See and der Gotthard. Hörsaal 8 Uhr Prof. Dr. B. Donath: Thermische u. chemisch. Stromquellen. Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abend» 8 Uhr: Noblesse odlixe. Schwant in 3 Alien von Hennequln und Veber. ritag, den 4. November z. ersten» Der Herr v. Nr. 1». w 3 Allen von köroul U. Barr Friedrich-Wühelmstädtisches Schauspielhaus. Sonnabend, 29. DU, abend» 8 Uhr: Krieg im Frieden. Sonnabend 3'/, Uhr: Kriemhilds Rache. Sonntag 3 Uhr: Faust. 8 Uhr: Krieg im Frieden. Montag: Krieg im Frieden._ Berliner Volksoper Aufeer Abonnement.>/,9 Uhr: von Juan. osc-in�ic Grofee Frmikiunei Str. 132. Nachm. 4 Uhr Schülervorst.: Nie Awm-Fise. Abends 8 Uhr bei ausgeh. Abonnem. Alt Verschwörung d.Lrauk«. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. Abends 8 Uhr und Montag: Die Verschwörung der Frauen._ Jfietropol- Theater. Hurra! Wir leben noch! Grofee Ausslaltnnglrevue In 7 Bildern v. I. Freund Mustt v. B Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R Schnitz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Sonntag nachmittag 3 Uhr: JPnrl.er Lieben. Nur noch 3 Tage! Saharet in ihren neuen Originolkroationen The 3 Meers komischer Drahtseil-Akt Reynolds ann Donegan das amerikanische Tänzerpoar in vollend. Rollschuh- Melslerschafl sowie d komisch-mimisch-groteske Morgen 31/. Uhr; Nacbniittag.- Vor.tellnng. Kleine Preise. Rur noch bis inkl. 31. Oktober: V I, Uhr Gastspiet Rudolf Schildkraul in der Novität Capriccio mortale. Komödie in 1 Akt von S. Zippert. Vorher 8 Ubr: Die grosten Tpezlalltäte». Königstadt-Kasino. Holzmarklilr 72, Ecke Alexanderstrafee. Das grandlose Oktoberprogr. mit LVnn. Stoban.kl. N« u I Hr. Glffred, Sportakt. N eul Neu! Powe» Smith and HiS Tool, komische Exzeniriks. BerloreneS Glück. Volksstück mit Gesang in 1 Akt. �«KUIvr-TIieulvi'. llehillar-Theater 0.(Wallner-Tbeal). Sonnabend, abend» 8 Uhr! Dl« Lkronnsl.olsrcldcr. Bauernkomödie mit Gelang in 3 Akten von L. Anzengrnber. Sonntag. nachm.3Nhrt llivnv Jugend. Sonntag, abend« 8 Uhr: Bobcrt und Bertram. Montag, abend» 8 Ubr: Dte Krennelaebrelber. jSBKS Schiller-Theater Charlottenburg. Sonnabend, n a ch m 3 Uhr: GUtr von Berllehlngen. Schauspiel in füns Auszügen von Joh. Wolsgang Goethe. E:ide 6 Uhr. Sonnabend, abend» 8Uhr! 8ed«ni» Winde. Drama in 5 Alten v. H. Sudermann. Ende ll Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Bgmont. Sonntag, abend» 8llhr: Der Blbllotbeknr. Montag, abend« 8 Uhr: Bodomi. Ende. Castans Panoptikum �fSÄi65 Größtes Schau-Etablissement Berlins. Grußes Künstler-Konzert und SpenlaUtäten-VomteHang. TSglich geöffnet von 9 Uhr vorm. bis 10 Ohr (— HWOHHHHHOOOODCMWOHHHaHH»— OO—t || LICHTSPIELE.| ;; Mozartsaal- Nollendorfplatz, i Heute: i| iäT Premiere."ME; Mauerstr. 82 Zimmantr. 90—81 Berliner Konzerthaus Heute Sonnabends Eröffnung Anfang 8 Uhr abends Eintritt 1 Mark Gastspiel v. Mitgl. d. Hailänder Scala- Orchesters Dirig.: Egiato Tango 6« Ktti.Htler.—»0 Solisten. Qschuhb*. � Kurforsfendamm 151 Heute letzter Tas ___ vom Damen-Vettbeverb. Promenade der Wettbewerberinnen um 10'/, Uhr abends. SOOO Burk in PreUen, naogeatollt In der Rollwchuhbnhn. I Täglich geöffnet von 11—1 Uhr vormittag* und von ll'ig— 12 Uhr 1 nachmdtags.— KONZERT von 3'/,—>2 Uhr. 1 Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Der heilige Hain. i* AAäXSSjK#* Passage-Tiieater. Letzte Tage Das kolossale 14 erstklassige Variete-Altraklionen i Volks«Theater Rixdorf. Hermann i»r. SV. Soniilaa, den 29. Oktober 1919: Dte Reise durch Berlin I« 80 Stunden. GesangSposse In« Bild. v. Salingrä. Monlag, den 3l. Oktober: Die feindlichen Brüder. DolkSslück in 3 Allen v. Biitor Löon. Narl Naverland- Ansang Vliaefx» Kommandanten. präz. S Uhr. Illvaltir. strafet 77/79. Da» wunderbare Oktoberprogramm 4 4 und erstklassige 1A 4."* Spezialttäte». Heute Sonnabend. 29. Oktober, abends VI, Uhr: Grand Solree bigb Lite. 9'/i Uhr: Die koloflale AnSstattnngS-Pantomlme Her groks tsup Schmuggler. Bor her sämtliche Attraktionen. U. a.: Die perfische Truppe Mirza Golem Morgen Sonntag: S groste Borsiellnngen. Nachm. hai jec Besucher ein Kind unter zehn Jahren frei. Abend»: Der grostt(Coup der Schmuggler. •iM.Tletprtia] Morgen Sonntag, 80. Oktober: Erster heilerer Abend! mit lüiisUerischem Programm, Gollanln, Henkels, Schmld- Kayser (Lieder zur Laute) u. a. m Voi oerk. zu Origin.-Pr. 75 Pf, re serv. 1,25 M. bei A Wertheim, Bote 3: Bock. pszssge-fsnopllbum. K�»'ln» Atom, der fclsHist« Mensch«Her Zelten lebend! Buddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund I Alles ohne Extra-Entree! Elntr. 60 PL, Kind. u. Soldaten 15 PI. mspid f°nn Stümischks Fachru«« Eine verlorene Macht Ein lustiger Traueffall in 2 Akten von Anton und Donal Herrnselb. Hierzu: Dtl Dklblj-Zirgkr. Komödie von A. Neidhardt. Ans. SUhr. VorverLlt— 2(2ch entert.). Folies Caprice. MT Polle Pension.-MG DtenSlag, den l. November 1919: Premiere Der Ftldlvrbrlhügel von HengsUer und Soda Soda. Walhalia-Theater «einbergSweg 10129. Anfang 8'/. Uhr. Bravo!— Da capo! Eine Allenretts-Revne In 6 Bildern von M Reichardi, Mustt von R. Tdlele. In Szene gesetzt vom Direktor Jame» Klein. Sonntag nachmittag»»>/, Uhr t In glänzender Ausstattung. Grmäftigte Preise. Hochbahnstation Kotibuser Tor. Heute Zonnabtud, 29. Mobrr: Die glänzenden Oktober- Sptzialitaten. Daraus zum ersten Male: Ach die Kerls!! Poffe von Arnold und Saitenburg. Mustt von SinödShoser. Ansang 8'/, Uhr. Tinkus Vnsvk.j Sonnabend, den 29 Oktober, abends VI, Uhr: EUte-Galavorstellnng. Fr! Martha Molmke, Schulieit ? Kita? Mensch oder Maschine I Die Fredianist Akrobaten zu Pferde, drei Mann hoch. Herr Dir. Orlando, Freiheitsdr. The Rapides. UNUO Aebra-Trlo 4M Um 9'/, Uhr, zum 47. Male; „VENEZIA" Vorher da» gr. Gala-Propramw. Casino-1 heatei« Lothringer Straße 37, Täglich 8 Uhr. Die urkomische Posse Der schncldigk Rudolf. Rudels Pimpelmann: Dir. H. Berg. Vorher das glänzende bunie Progr. Nur Atlrakiioneii ersten Ranges. Sonnt. all, Uhr: Berühmte Tochter nieichsliallen-"tlieater. Stetllner Sänger. Zum Schluß: „In»!klansel»el»". MUit. Humor, v. Mcysel. Ansang Wochentag» 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Aleaanderplata Unter den Linden M Wedding, Reinickenckorfsr B trafie 14. Heute Eröffnung: Hasenheide (U nions-Brauerei). Burgtheater- Kinematograpli Bonn. Groterjan. Jnhab.: Rud. Merz, Schönhauser Aller 129. Tel. 3. 9353. Lebende Photographien. Eintritt 30 u. 40 Ps., Kinder die Hälfte. Ans.7U., Sonnt. 4 U. Vorzug, karien, nur wochenl. gültig, Si5 Ps. aus allen Plätzen. Stets wechs. Programm. DienStag u. Freitag v. 4—6'/, Uhr KindervorsteNung. Kinder 10 Pf.. Erwachsene 20 Pf Jeden Sonntag im Obersaal: Küuftlrrkouzrrt. Eulree IS Ps. Garderobe 10 Pf. d.It-»«ablt 47/48. Sonnabend, den 29. Oktober 1910. Große Elite. Vorstellung 1 MT* Größter Erfolg i"VG Zum erstenmal wiederholt, Zapfenstreich. Drama w 4 Auszügen von Franz Adam Beyerlein. Kaffeneröffn. VI, Uhr. Ans. 9 Uhr. nur 64 Badslr. 64 ffftr den Inhal» der Jukeratr ckbernimm« die Redaktion dem Publikum gegenüber teinerle Verantwortung. Dandorf&G Belle- Alliancestrasse Grosse Frankfnrterstrasse Bmnnenstrasse Koltbuser Damm Sowtit yorrtt Kaffee Ixo Misohnnp M Pfuud I.IS"""M 1.35 S Gänse_ ss, es, es Pt m Rindfleisch Qnerrippe................. wand 65 Fehlrippe................. Pfand 70?!. Schmorfleisch......... Pfand 85 Roulade.................... w-nd 8© Kamm nnd Emst.... Pfand 70 Schabefleisch......... Pfand 90 pt pt pt pt Schweinefleisch Schinken................. w-nd 75« Karbonadenstück 75« Koteletts.................. Pfand 90 Blatt......................... Pfand 7 0 Bauch....................... Pfand 70 Gehacktes................ Pfand 60 pt pt pt Hammelfleisch Dünming...................«and 55« Dicke Rippe............. Pfand 70« Keule........................ Pfand 70 pf Koteletts................ 4 stock 50« Rücken.................... Pfand 7 0« Haxen....................... wand 50« SCasselar Rippespeer Brecb-o.SchniUbobnen',.v°.c 28 Ff Pfefferlinge.............,.o°« 50 Gem. Gemüse v, ca.. 45y 65 Snppenschoten...... 38 Jnnge Schoten........ 45 Pf. Kohlrabi oo.. 28 pt pt pt Brnchspargel ohne Kopt'hDoee 65«- Bruchspargel mit Kopf.,�».« 95« Stangenspargel......./.v«-- 1.10 Erbsen 17,(e?�T 23 Linsen..Pfand 11, 14, 17 Reis...... Pfand 17, 1 9, 23 Bohnen...........«a-d 17, 22 pf pt w ........... Pfand 70 Pf. Schweizer Käse..... wvnd 78« Tilsiter Käse(„uf««).Pfand 68« Edamer Käse.......... wand 78« Brie-Käse................ Pfand 45« Limborger Käse...... pfnnd 48« Camembert............. stock 19 Nenchateller........... stock 19« Cervelatwursl......... w-nd 1.25 Salamiwurst........... pmad 1 ,25 Knoblauchwurst..... wand 1.25 Teewurst................. wand 1,25 Mettwurst B— 1.o© fi Leberwurst......... wand 1.05 Bausmacher-Lßberwurst Pfand 95« Rotwurst........ Pfand 48, 75 Zwiebelleberwurst, wand 48« Schinkenspeck....... Pfand 1.10 Nnsschinken.......... Pfand 1.25 Gänsebrust.............. p�d 1.55 ei 13 m Kochäpfel..., Essäpfel...... Kochbirnen Essbirnen... 5 Pfand 35« .... Pfand 10« .... Pfand 9« ..... Pfand 20« Heizrohre............................................................... 85 AuSo-Schais..�..................................... 48, 95 TrikoMIntertaillen 95 pt pt pt Wollen Sie vorteilhaft kaufen?! So kaufon Sie la. Briketts nach Gewicht! Ä. B. KOCH Kciilcn-QiitiErikeitsGfoShaiiiiluni 4t* ecevttndet 180». 4t* tfSi llanptkontor: Berlin Ö.W,Peters!iBPierStralle1. Telephon Amt 7, 3040 u. ZOOS. f.agvrpltttze: 1 Rü!slhl«i>ds Voi'Hv«Iti>aL«»tvIIv Vroll-Ssi-Ila. Sonntag, den SV. Ottober, mittags 2 Uhr, in den Armin-Hallen, Kommaiid.'.ntenstratze 58—59: General-Versammlung. Tages-Ordnung: Rechenschastsvericht, Kassenbericht, Bericht der Revisoren, Anträge. Jllijflle-Iwbucli legitimiert.'•S 14S/4 Um zahli eiche« und piinltlicheS Erscheinen ersucht via Vorioaltung. Äi VeiMpg von Musik-Instrumenten. Montag, de« 31. Ottobrr. abends 8 Uhr, im Englischen Garten, Alexandcrstraße 2? o: sss Versammlung= Tagesordnung: 1, Die bevorstehende Delegiertenwahl. 2. Ausstellung der Kandidatenliste. In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung ist das Er- B■ scheine» sämtlicher Mitglieder der Kasse dringend erwünscht. I> 02/ IS vi» Branchenleitung Ja« Holzardelt er-Verbaade». und anderer gewerblicher Arbeiter E. JH. 3 namlmrg. Mitglieder- Versammlungen der örtlichen Verwaltungsstelle«: Berlin A: Am Montag, den gl Oktober, abends S'/, Uhr, bei Herrn Wählisch. Slaiitzer Str. 22. Berlin V: Slm Montag, den 81. Oktober, abendS 8'/, Uhr, bei Herrn Da«, Hornftr. 2. Berlin B: Am Tonntag, den 30. Oktober, vormittags 10 Uhr, in der Pastrnhofer-Brancrei, Turmstr. 25/2S. Berlin£: Am Doniitag, den SO. Oktober, vormittags 10 Uhr, bei Herrn tltoabe, Kolberger Strohe 23. Berlin B: Slm Donntag, den 30. Oktober, vormittags 10 Uhr, bei Serrn Obiglo, Schwedter Strohe 23. : Am Montag, den 31. Ottober, abends 8'/« Uhr, w MannS Fortuna-DSlen. SlrauSbcrger Strohe 3. Berlin H: Am Montag, den 31. Oktober, abend« 8 Uhr, bei Herrn Neidhardt, srühei Tolksdors. Görlitzer Strohe 58. Berlin.1: Am Donntag, den 30�Oklober, vormittags 10 Uhr, bei Herrn Lilcbtenbcrg-Kaniineisburg: Am Montag, den 81. Oktober, abends 9 Uhr. bei Herrn Wilh. Schuld. Lichtenberg, Kronvrinzenftr. 47. BlxSsrt: Am Sonntag, den 80. Oktober, vormittag» 10 Uhr. bei Herrn 21. Schmidt. Rcuterstr. 23. Ecke Dunaullrahe. Schllneberg: Am Montag, den 31. Oktober, abend« 8'/, Uhr, bei Kuschte, Meininger Strohe 8. Tage«. Ordnung: 1. Kassenbericht vom 8. Quartal 1910. 2 Verschiedene Kassenangeleaen. betten. Auherdenm in Berlin C und G: Wahl eines Beitragssammler», in Berlin 3: Vortrag, und in Rixdors: Bericht von der letzten General- Versammlung in Neuttad«. 184/9 Um zahlreiches Erscheinen ersuchen Kitglieäsbuch logilimisri. Die Orteverwaltangen. Ztrbritsnatt.weiS: Hos l Amt 3, 1239. verwairungsitelle iverltn. Hauvrburean- Cdaritsotr,»» Z. Hos III. Amt S. 1987.. Montag, den 31. Oktober 1910: Mcks- Versammlungen für die gesamte Verwaltungsstelle Berlin in folgenden Lokalen: Horden! Pl»«nw-Sttl©, Mallerstr. 142, abend» 8'/, Uhr. Horden* � uhIOa Fe*ta>lle* Schwedter Strafte 23, abend» Norden! Franken Festaftie, Badstr. 19. abend» 8-,, Uhr. 1'otial- Beraigrraleler Feataftle in Borsigwalde» Span- i rssvi. daucr Strafte, abend» S Uhr. HlOAlnt' Prachtattle Slord-Weat, Wiclefstrafte M, oben Westen«nd Schönelierg: Osten und llchlen&erj; S'""" Stralan u. Hummelsliarg: SBdenbezlrte: Nk,?""""- Weißensee I PriUatcn, Lehderstr. 122, abends 6 Uhr. Rjxdorf: Hoppcs Festaftle, Hrrmannftr. 49, abend» 3'/, Uhr ciisrlottenbnrg: TolUshan«, R-flnenstr. 8, abends S',. Uhr Restaurant»ekeUkase, Ahornstrafte 18», abend» Köpenick uVlriedrlehsliagen; r-ÄS? ÄÄ: strafte 44, abend» 3'/, Uhr. Npandnu I Bftiile,»BolkSheim--. Havelstrafte, abend»»'/, Uhr. Ober-ScMneweide: ÄKÄTÄ nm- Tagesordnung: 1. Bericht von der letzten Generalversammlung. 2. Tie bevorstehenden Gewerbegerichtswahleu. ö. Stellungnahme zu der am SO. November stattfindenden Generalversammlung. Neserenien|ür die bevorstehenden GewerbegertchtSwahlen sind die Genossen: Bebrena, Brftrkner, Hartmann, Handhe, KUrnten, lilnb, Ritter, Thnrow, Werner, WUcke, Zernicke, Zelsbe. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet 124/8 Die Ortsverwaltung. lousum-Genossensehan Berlin und Umgegend- Eingetragene Genosfcnlchost mst beschränlter Haslpflicht. Wliiitdtr-VtrsiimmlMg der 50. Nrrktlufsßelle «N Sonntag, d. 30. Oktober, nachm. 5 Uhr. bei Ballichmieder, Badstr. 18. Tagesordnung: 1. Borttaa. 2. Diskussion. 3. Bericht de» Genossen» schostSrate». 4. Wahl de» GcnossenschasiSlate». 5. Verschiedene». Nach der Versammlung gemütliches Beisammensein mit Tan». Die Mitglieder werden ersucht, mit Familie zu erscheinen. 15/Sb Der Obuianu: K. LUdccke. Bureau: Engelufer 15, S Tr., Zimmer 51/52. Zrrelxvereln Berlin and(Jmscgend. Telephon: Amt IV, 4093. Sonntag, 30. Oktober, vormittags 10 Nhr, im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15, Saal 1: Tisnsnsl-lfsi'ssmnriuilgs 30/18» Tagt». Ordnung: 1. Abrechnung vom 3. Quartal 1910 und Bericht der Revisoren. 2. Diskussion. 8. Verbands- angelegeuheiten und Verschiedene». Mitgliedsbuch legitiuiiert, ohne dasselbe kein Einlaß. Vollzähliges Erscheinen der Kollegen erwartet Der Zweigvereinsvorstand. Wir empsehlen unseren Lesern so!« gend« NeuerscIioinungeR Gertrud David SMismus liud Gtnossrnschastsbrlvkgimg BerelnsanSgade SO Pf. gute Ausgabe i,— M. Baal Rnnaplrniez-er Gkschichtk der Gksrllschasts- Klasse» i» Deutschlaud drosch. i.< veile Auflage M.. geb. M. F. A. I,anse Die Arbeiterftage mit Einleitung und Anmerkungen von ftsdrlaa geb. 2,— M. Bari Kaatskp Der Weg int Macht zweite durchgesehene Auflage drosch. 1,50 M., geb. 2— M. VerelnSauSgabc 50 Pf. Dr. Ettore Clccottl Per Untergang brrBblflDrrri im Altertum deutsch von Od, Olbers geb. 6,50 M. 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Mazzoni, Sekretär des Landarbeiterverbandes und Delegierter der Romagna: Er habe eingesehen, daß die Partei durch Annahme einer Tagesordnung im revulotionären Sinne entweder einen Teil der Organisationen abstoßen würde, oder daß sie einfach unbeachtet bleiben würde und deshalb sei er bereit, die Tagesordnung Turati anzunehmen. Ich halt« die Jntransigenz für die Partei für not- wendig. Wenn aber an seiner Medizin der Äranke sterben sollte, dann ziehe er es vor, sie nicht anzuwenden(Beifall bei den Nc- formisten). In der Romagna gab es eine starke, republikanische Partei, die alle sozialen Schichten umfaßte. Als die Sozialisten kamen, trat der Lilassenkampf in seinen scharfen Linien hervor. Heute sind die Republikaner die größten Feinde unserer Organi- sation und sind die Führer von Streikbrecherverbänden. Ich stimme für Turati, weil ich Reformist bin und für seine Wahl- taktik, weil ich Praktiker und Positivist bin. Von anhaltendem Beifall begrüßt, nimmt Genosse Morgan das Wort. Es sind die Gelwssen, die Sehnsucht tragen nach einem großen Ideal, die nirt der Partei unzufrieden sind. Das Ideal war uns Leuchtturm, der uns die Wege der Zukunft erleuchtete, und diese Leuchte beginnt zu erlöschen. Es gibt reale, Kräfte, die nicht zu wägen und zu zählen sind, und die ihr mit in Rechnung setzen müßt: Mitleid, Gerechtigkeit, der Glaube an die Hinauf- bildung der Menschheit. Viele von denen, die heute die Tages- ordnung Turati annehmen werden, werden morgen über„die Sonne der Zukunft" spotten, von der unsere Arbeiterhymne singt. Eine Krise entsteht, sobald eine Trennung zwischen dem idealen und dem praktischen Geist eintritt. Aus den Versöhnlichen sind die Reformisten geworden, und aus diesen zum Teil die Nur- Gewerkschaftler. In der anderen Richtung lebt die Idealität und das Zukunftsstreben weiter. Als Entartung dieser beiden Richtungen haben wir auf der einen Seite das Sichverlicren in den bürgerlichen Radikalismus, auf der anderen die Rückkehr zu anarchistischer Impulsivität. Genossen der Rechten! Ihr werdet mir sagen, daß Ihr an diese Dinge nicht mehr glaubt. Ich weiß wohl, daß Cabrini nicht mehr den Arbeitern sagen kann: Eure Reformen und Errungen- schaften sind wichtig und notwendig, aber sie dürfen Euch nur eine Stufe zu einer höheren Gesellschaftsform sein. Man sagt nicht mehr, daß die einzige Lösung in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung liegt. Man betont nicht bei jedem Streik den Charakter der Unzulänglichkeit des Kampfobjektes. Man weist nicht darauf hin, daß der eigentliche Kampf um die Expropiierung der Pro- duktionsmittel und deS Grund und Bodens gehe» mutz(Zwischen- ruf von reformistischer Seite: Wir doch). Dann nehmt Euch die Etikette Reformisten ab und nennt Euch einfach Sozialisten (Beifall). Wenn Ihr um die soziale Gesetzgebung kämpft, so ver- geßt Ihr. dem Proletariat zu sagen, daß wir nicht nur dem Kapita- lismus die Arme fesseln wollen, damit er die Proletarier nicht allzu roh vergewaltige, sondern, daß wir das Ziel haben ihn zu erwürgen. Ihr sagt der Bourgeoisie nicht mehr, daß wir den legalen Weg gehen werden, so lange sie ihn uns offen läßt, daß wir aber auf jeden Anschlag auf das Wahlrecht antworten werden, in- dem wir uns erinnern, daß das Heer aus Proletariern besteht (Beifall). Ich verstehe, daß Menschen, die sich nicht mehr als Sozialisten C fühlen, ständige Bündnisse mit den Radikalen eingehen. Anstatt stolz zu sein, ist man geschickt geworden. Man geht Arm in Arm mit den Kamorristen� Ihr versteht nicht mehr die Größe, die darin liegt, daß die Sozialisten von Trieft unter die Proletarier slawischer und italienischer Sprache dasselbe Wort der Befreiung tragen. So kommt es, daß ihr bei der Frage des Militarismus nichts im Auge habt, als die hinausgeworfeneu Millionen, aber den Geist des Internationalismus nicht mehr fühlt. Daher finden sich auch unter Euch Leute, die aus Klugheitsrückfichten einen Menschen vor der Lleußerung der. Verachtung des italienischen Volks geschützt sehen wollten, der der Erwürger und Henker seines Volkes ist(Beifall, Ovation). Man sagt, es hätte nichts genützt, den Zaren auszupfeifen, es hätte vielmehr Rußland von Italien entfremdet und so Oesterreich Gelegenheit gegeben, uns eher zu überfallen. Aber man vergißt den Rückschlag einer solchen Politik auf das Empfinden der Massen. Man scheut sich nicht, zu dem zu gehen, der die Senatoren ernennt, und dem die Soldaten den Treueid leisten müssen, um von ihm Vorteile für unsere Organt- sation zu erlangen. Auf diesem Wege kommen wir zu einem italienischen Briand. Ich sehe ihn schon in seinem Kabinett, wie er dem Polizeidirektor Order erteilt(Beifall auf der einen, Protest auf der anderen Seite, Unruhe). Ihr Revolutionäre aber fiihlt die Not der Gegenwart nicht, den heutigen Hunger des Armen, seinen Durst nach Erkenntnis. Ihr seht nickt ein, daß der Weg zum Sozialismus mit Reformen gepflastert ist, und daß ohne diese das Proletariat uns verlassen muß. Ihr fordert von uns, daß wir einer Situation gegenüber, die die Reaktion ans Ruder zu bringen droht, tatlos beiseite stehen, obwohl wir sie durch unser Votum verhindern könnten. Ich verstehe wohl, daß die Geschickte auch diese Revolutionäre brauchen wird. Aber heute, wo das Proletariat noch eine Schar von Wilden ist, von Analphabeten, heute stört Ihr die, denen Ihr helfen solltet, durch Eure revolutionären Gebärden. Außerdem glaubt Ihr eS Eurer Auffassung schuldig zu sein, dem Proletariat in allen Stücken recht zu geben.(Lerda unterbricht.) Nein, Du nicht, aber die anderen. Die Revolutionären wollen bis zum Generalstreik gehen. damit stören wir aber heute unsere Aufwärtsbewegung. Vielleicht müssen 50 Jahre vergehen, eh« wir soweit sind, um einen General- streik durchführen zu können. Weiter sind die Revolutionären immer gegen die Akademiker gewendet und entfremden damit unserer Partei nützliche Elemente. Ich möckstc aber, daß man der Richtung, die in ihrer Seele das Zukunftsstrebcn unserer Partei birgt, einen Einfluß auf den rechten Flügel einräumte, anstatt sie als überlebt und veraltet zu verhöhnen. Diese Linke fehlt ja nur durch allzu große Liebe für das Proletariat, durch allzu großen Eifer für unferc Sache.(Beißall, Gelächter bei den Re- formisten.) Dem Mann, der die Tageszeitung unserer Partei leitet, sage ich, daß wir an seiner Stelle einen anderen sehen möchten, der die Partei nicht als dürren Zweig ansieht. Wir wollen die Selbständig» keit des Proletariats, aber wir streben nicht eine Organisation aii, die die Arbeiter wie gut gepflegtes Vieh weidet und dewacht.(Lang- andauernder Beifall.) Der Redner der Revolutionären, Genosse Mastracchi, hat nach der teilweise hinreißenden Rede Morgaris oratorisch einen schweren Stand. Er weist auf den Widerspruch hin, in den die Genossen der Romagna verfallen, wenn sie die Bündnisse niit den Republi- kanern ablehnen, aber niit den Radikalen zulassen, die ebenso schänd- lich an unserer Partei gehandelt haben, wie die Republikaner. Man denke nicht, daß unser Ministcrialismus keinen Einfluß auf die Masse» hätte. Redner erinnert daran, daß er in Monte- leone in Calabrien nicht hat reden können, so groß war die Er- bitterung der Menge gegen den Vertreter einer Partei, die das 5tabinett Luzzatii unterstützt. Keiner glaubt im Ernst, daß wir —■■■■—"BgaH-B_____'......___!______-....J.X.J-J ■■■BBWMBMWBBanMW*! 1>«!!«! I!■ IIBIIIIIIIIilWIIIWI WÜ Feinde der Gewerkschaften sind. Es ist Redner selbst schon passiert, daß Arbeiter sich bei ihm beklagt haben: unser Abgeordneter hat uns dies oder das nicht verschafft, und er ist doch ministeriell. Dahin habt Ihr die Massen gebracht! Was die Vaterlandsverteidi- gung betrifft, so erkläre ich, daß ich nicht zu den Waffen greifen würde.(Oho! Pfeifen bei den Reformisten.) Ihr wollt die Partei durch die Arbeiterbewegung ersetzen. Dann tvird der Egoismus der Kategorien den Idealismus unserer Be- wegung töten. Ich für meinen Teil arbeite als gewerkschaftlicher Organisator gerade weil und so weit ich Sozialist bin. Heute wird noch einmal die Zweideutigkeit siegen. Wir haben Zeit zu warten, bis nach weiteren zwei Iahren die sozialistischen Leitsätze von der Gesamtheit des Kongresses angenommen werden. Turati hat das Schlußwort und beginnt mit der Erklärung, daß der Referent das Versöhnende herauskehren müsse. Er ver- schiebe deshalb die theoretische Diskussion auf andere Momente. Das Gefühl unserer Dekadenz ist ein Zeichen unserer Lcbenstüch- tigkeit. Die im Absterben befindlichen Aristokratien haben keine Empfindung ihres Verfalls. Das Heimweh nach der Zukunft, von dem Morgari spricht, ist Heimweh nach der Vergangenheit. Wir wissen heute, daß der Weg zur Zukunft mit Dornen besäet ist, an denen Fetzen unseres Fleisches hängen bleiben müssen. Morgari braucht Glauben, wir nicht. Wenn man einen Berg besteigt, so entschwindet eine Zeitlang sein Gipfel unseren Blicken. Morgari will nun hinuntersteigen, um den Gipfel wieder zu sehen. Ich will keine Zeit verlieren und den Aufstieg fortsetzen. In allen Ländern gewinnt unsere Richtung an Macht. Denkt an den deutschen Revisionismus, der deständig an Gewalt und Einfluß ivächst, der in dein kulturell hochstehenden Süddeutschland seine Festungen hat und seine Siege erringt, während der rückständige Staatsorganisnius des Reiches unverändert bleibt. Redner betont dann die Notwendigkeit, die Bündnispolitit zu beschränken. Wir halten unsere Tagesordnung aufrecht. Die Bildung einer Arbeitspartei darf uns keine Sorge machen, laßt uns nur sorgen, daß die Arbeitspartci der proletarische Sozialismus fei, nicht ein klerikaler Korporativismns, oder ein bürgerlicher Egoismus in Ar- beiterkleidern. Früher mußte der Sozialist Gefängnis, Zwangs- domizil und Zuchthaus riskieren. Heute hat er nur die Aufgabe, ein demütiger und eifriger Diener des Proletariats zu sein.(An» dauerdner Beifall.) Die Diskussion ist somit abgeschlossen, und man geht zur gleich- zeitigen Abstimmung über die drei Tagesordnungen über. Die Tagesordnung Turati ist den Lesern bekannt: sie betont die Not- wendigkett verschiedener Reformen, will die Bündnispolitit auf Ausnahmeverhältnisse beschränkt sehen, ermahnt die Partei zu eis- riger Propaganda und fchweigt über den Ministerialismus. Um die Stimmen der Romagna für diese Tagesordnung zu erlangen, wurde eine weitere Resolution entworfen, die die Sektionen auf- fordert, der republikanischen Partei in Erwägung ihrer Haltung in der Romagna jedes Bündnis zu verweigern. Die Tagesordnung Morgari-Salvemini vertritt die Ansichten der mittleren Richtung. Die Tagesordnung Lazzari schließlich lehnt jedes Wahlbündnis, sowie den Ministerialismus scharf und ausdrücklich ab. Die Namensabstiinmung findet ohne Zwischenfälle statt. Sie ergibt für die reforrn istische Tagesordnung, für die fast die ganze Romagna und die ganze Emilia stimmt, 12 991 Stimmen, rund BODO Stimmen weniger, als die Reformisten in Florenz hatten. Für Morgari 4B74 Stimmen, 1400 Stimmen weniger, und für Lazzari 0058, 700 Stinimen mehr als auf dem vorigen Parteitag. Da die Zahl der Stimmenthaltenen nur 932 beträgt, so hat die refo» mistische Tagesordnung mit dem antirepublikanischen Zusatz die absolute Mehrheit des Kongresses. Der morgende, letzte Kongretztag ist den übrigen Fragen der Tagesordnung gewidmet. --------------------- 1---!— i— i—--------——-— i— mfilHHWW 5 GEGRÜNDET 1867 Jerusalemer Str. 38-39 Friedrich-Straße 75 Potsdamer Straße 2 Tauentzien-Straße 19 a König-Straße 25-26 Schöneberg, Hauputr. 146 Rixdorf, ßergstr. 25- 26 Januar 1911: Rosenthaler Str. 5 Zentrale und Versand: Jerusalemer Str. 38-39 Orthopädische Abteilung für Fussleidende jeder Art Kostenlose ärztl. 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Berliner Heidistags-WahikreisJ (Bezirk 108.) Am Mittwoch, den 2g. Oktober, s»erstarb uuserMitglicd, decArbeitcr LTSKtsv Vogt im 35. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung sindet heule Sonnabend, den LS. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, aus dem Christus- Kirchhos in Mariendors statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht I ~~ Ha' 211/8 Der Borstand Kreis Kr-Sariii Bezirk Ober- SohSneweide. Am Mittwoch, den LS. Oktober, verstarb'nach längerem Kranken- lagcr unser Mitglied, der Arbeiter j Fritz VJestzel. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute! Sonnabend, den 29. Oktober, nach- 1 mittags 4 Uhr, von der Leichen. halle des Gemeinde»Friedhoses aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Bezirksleitung. h Deutsciier Transportarbeiter-Verband. Bezirkeverwaltung GroS-Bcrlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dast unser Kollege, der Lager- arbettcr Fritz Wenzel am 27. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 29. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Memcuide-Friedhoses in Ober-Schöneweide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht IZIe Bezirksverwaltung. Mmm Hohen-Sciräiiliausen. Den Mitgliedern zur Nachricht, dafi unser Mitglied, der Brauerei- arbeiter Eimst Hoffmann infolge UnglückSsalleS am Sonn- tag, den 23. Oltobcr, im Alter von 28 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindet heute nachmittag S'l, Uhr von der Leichenhalle des Markus- Fried- hoses in Wilhelmsberg ans statt. Um rege Beieiligung ersucht 239/4 Die Bezirksleitnng. Geutseder IßuehbindßF-Verbanä. (Zahistelle Berlin.) Den Mitgliedern die traurige! ! Nachricht, datz uns unser Kollege, t j der Gotdschiiittmachcr Hermann KÜem i am 27. Ollober durch den Tod | entrissen wurde. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Sonntag, den 27.'Oktober, nm mittags 2 Uhr, von, Trauerhause Wrangelstr. 122 aus statt. 3 Uhr: s ThoniaS- Kirchhof in Rixdors, \ HelNiannstrage. Um zahlreiche Beteiligung ersucht ! 25/7 vis vrievenwaltung Am Mttwtzch früh verschied l nach langem Leiden mein innig» geliebter Mann, der Gastwirt Ctemens Tenscher Zorndorser Str. 39. Dies zeigt tiesbetrübt an �.nne» Dsnnelror. Die Beerdigung findet am? Sonnabendiiuchmittag 4 Uhr von s der Leichenhalle oeS Zentral-{ Friedhoses in FrledrichSselde aus slait. 1577o j j! Am Donnerstag, 27. Oktober, I oerschied.plöhlich nach l-mgen I Leiden meine innigstgeiiebte Frau, I unsere gute Mutter, Gros;- und | Schchiegermiltter Ernnra Krößner geb. Droge J im Alter von LZ Jahren. Dies zeigen tiesbetrübt an t 01° lrauornden stinterlillebenen. Ciiintav Ii a-ilßnep. | Die Beerdigung findet morgen | Sonntau, nachmittags 3 Uhr. aus : dem Luther-K stchhos in Lankwitz statt. ,ö8W Für die viele» Beweise herz- I lichcr Teilnahme und die reichen! I Kranzspenden bei der Beerdigung 1 i meines lieben Mannes, unseres I lieben Vaters, des Ncstaurateurö! ! c» 1.0a«».. zi. 3,10,12,16,13 keitinger ä Lo. 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I556l* Humorist Allee 89. Pöschel, Frankfurter » 777 Kunststopferei von Frau KokoSly, Schiachteusee, Kurstraste 8 III. Parteisekretär. Beim Sozialdeuiokratlicheii Berein Nürnberg-Altdorf ist die Stelle eines Sekretärs alsbald zu besetzen. Der Anzustellende- muß agitatorische und organisatorische Befähigung besitzen sowie auch in der Lage sein, die Verwaliiingr geschälte zu führen. Parteigenossen, welche den Anforderungen genügen und aus die Stelle reflektieren, wollen ihre Bewerbungen bis zum IS. November d. I. an die unterzeichnete Vorstandschaft einreichen. Das Aujangsgehalt beträgt 2000 Mark. Im übrigen kommen die Bedingungen des VereüiS Arbeiter- presse in Betracht. 292/3« Der Borstand. I. A.: ZI. Trcw, Nürnberg, Breite Gaffe 25/27. Ein jüngerer, Joariiallstlsch befhhtgter Genosse wird für die Redaktion der„Dresdener Volkszeitung" zum baldigen Antritt gesucht Stenographieren erwünscht Bewerbungen sind einzureichen bei dem Verlag von[292/4 Kaden& Comp., Drascien-A., Zv/ingerstr. 12—14. Patcntanivalt Wessel, Gitschiner» straste 94a. Englischen Unterricht iür Anfänger und Vorgeichrittene(Einzelshiiiden und im Zirkel) erteilt G. Stvientv, Charlottenburg. Stuttgarter Platz 9. Garlenhaus III.* BercinSziinmcr mit Pianino, 20, 30, 50 und 100 Personen, sowie 2 5iegelbabncn noch einige Tage frei, Große Franksurterstraste 30. f77* PlatinabsäUe, Gramm 4,00', Altgotd, Silber, Zahngebiffe kaust Biümel, Auguststraste 19, III. fll4* Wohnungen. Prachtwohnungen Sotdfnerstr.SZ. Zimmer. Dolzigerstrafte 46 gemütliches HerrcuiogtS, auch 2, dillig. 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Co., Belle-Alliance- straste 1/2. löSöSt* Arbeiterinnen zum Sortieren von Papierabfällen, Anfangslohn 10,00 Mark, steigend bis 15 Mark, verlangt Schimck. Acühlenstraste 11. Lerautwortl. Redakteur: Carl Zürrmulh, Berlin-Rixdors. Für der Inseratenteil verantw: TH.GIccke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Kuchdruckerei u. VerlagLanjlalt Paul Singer& fio- Berlin SW, 1, 254. 27. W W 4 KeilM k0„UZMilltS" Kttliittt Polfelllött. SM.b.0.2S.«Mtt,W. parte!- Angelegenheiten. Charlottenburg. Am Sonntag, den 30. d. MtS., findet ln der t. und 5. Gruppe eine wichtige Flugblaltverbreilnng statt. Wir er- suchen die Parteigenossen sämtlicher Gruppen sich daran zu be- teiligen und sich in denselben Lokalen wie am vergangcuen Tonntag einzufinden. Der Vorstand. Nieder- SchSnhausen- Nordend. Am Sonntag, den 30. Oktober, früh 8 Uhr, findet eine Handzeltelverbreitung von den bekannten Stellen aus statt. Die Bezirke-leitung. Rcinickeildorf-Ost. Am Sonntag früh 8 Uhr findet zu der am Dienstagabend 8 Uhr im.Schiiyeuhause" stattfindenden öffentlichen Fraucuversommlung eine Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus stall. Im Anschlus; hieran erfolgt in einzelnen Bezirken<2, 2a. 2d, 8 und 4) eine.V o r w ä rt s"- Agitation. Die Bezirksleitung. Wilhelmsruh- Rosenthal. Die Befichtignng unseres neuen Krankciihauscö in Neinickeudort findet morgen Sonntag, von 10 bis 5 Uhr statt. Treffpunkt um 2 Ubr bei Feind,.Zur Wartburg". Tegel. Sonntag früh von 8 Uhr ab findet von den Bezirks- lokalen aus eine Flugblattverbreitung statt. Am Bkoniag, den 3l. Oktober, abends 8'/� Uhr, findet in W. Trapps Festiälen, Bahnhofstrage 1, eine öffentliche Versammlung statt. Friedrichsfelde. Zu der am Mittwoch, den 2. November er., bei Bausdorf. Berliner Str. 13, statlfiudenden öffentlichen Frauen- v e r s a m m l u n g soll durch Flugblätter eingeladen iverden. Die Verbreitung derselben erfolgt an» Sonntag, den 30. d. M., vormittags 8 Uhr, von den Bezirkslokalen aus. Zcrnsdors. Am Sonntag, den 30. Oktober, nachmittags 3 Uhr. öffentliche Bersanunlung im Lokale von Jitlius Knorr. Tages- ordnuug: Dem Könige 3'/2 Millionen und dem Bolle die Lebens- niittelvertcuerung. Referent: Wilhelm U l m- Zehlendorf. Niederlehme, Hoherlehme, Königs- Wnsterhansen. Sonntag, den 80. Oktober, itachmittagS 2>/z Uhr. auf der Dorfaue am Luch in Niederlehme: Oeffcntliche Volksvers am mlting. Tagesordnung D i e augenblickliche politische Lage." Referent; Genosse Störmer- Berlin. Diskussion. Der Vorstand. Spandau. Den Genossen tind Genossinnen, die sich am Sonntag, den 30. Oktober, an dem geplanten Ausflug nach Falkenhageu- Seegefcld beteiligen, zur Kenntnis, das; der Abmarsch nachmittags 2 Uhr vom Lokal des Geuofsen Karl Gottwald, Schöuwalder Str. 80, erfolgt._ Der Vorstand. Berliner]\Tacbricbten. Zur Frage der Schulbüchcrbrschaffung, die kürzlich hier nach den Erfahrungen eine? Vater? beleuchtet wurde, teilt ein anderer Vater uns mit, wie eS ihm erging, als er für zwei seiner Kinder um unentgeltliche Gewährung von Schulbüchern gebeten halte. Da ihm drei Kinder zur Schule gehen und alle drei immer zu Oktober versetzt werden, so be- anlragte er zu Beginn dieses Winterhalbjahres, dasi ihm wenigsten? für die beiden ältesten Kinder die Bücher unentgeltlich geliefert würden. Er richtete sich dabei nach dem Lehrplan für die betreffenden Klassen, aber von dem recherchierenden Herrn aus der Schul- kommission, den er nach Einreichung seines Antrages bei sich zu empfangen hatte, mußte er zu seinem Erstaunen sich sagen lassen. daß die geforderten Bücher ja gar nicht alle nötig seien. Genannt wurde ihm das Religionsbuch, das für da? zweite Kind nicht bewilligt zu werden brauche, weil das schon vorhandene, das von dem ersten Kind benutzt wird, für alle drei Kinder genüge. Der Rechercheur meinte, in der Schule werde ja das Religion ö- buch gar nicht gebraucht. Der Vater weist in seinem Schreiben an nns darauf bin, daß in der Schule regelmäßig die Lehrer auch in der Neligionsstunde kommandieren:„Buch vorholen!" Er habe aber dem Rechercheur geanttvortet, daß er allerdings ein Religionsbnch unter keinen Umständen katlfen werde. Das Buch ist tatsächlich nicht bewilligt worden und der Vater hat es bisher auch nicht selber gekauft. Der Lehrer seines Jungen äußerte in der Klasse seine Verwunderung, als er sah, daß nicht alles be- willigt toorden war. Da» Merkivürdige dabei ist, daß der recher- chiercnde Herr aus der Schnlkommission, der sich gegen die Be- willignng des geforderten Buches erklärte, zufällig selber Lehrer an einer Gcmeindeschule ist. Für da? älteste Kind, ein Mädchen, hätte der Vater gern um Gewährung des sogenannten Realienbuches gebeten, dessen Preis von 2 M. ihm vollends unerschwinglich war. Aber hier wurde schon von dem Klassenlehrer das Mädchen dahin belehrt.sdaß dieses Buch nicht direkt nötig sei und man eS daher nicht bewilligen werde. Der Vater wirst nun die Frage auf, warum denn die Anschaffung eines so teuren Büches den Kindern empkohlen werde, wenn es„nicht nötig" sei. Dann werde. sagte er, den Eltern nur das Geld aus der Tasche gezogen, obivohl bei der jetzige» Teuerung gewiß kein Arbeiter die Zweimarkstücke so dick habe. Teingegenüber wollen wir hier öffentlich feststellen, daß ein Realieubuch, wenn eS auch nicht als unentbehrlich für de» Unterricht i» der Klaffe angesehen wird, doch noch keineswegs über- flüssig ist. Diese Sammlung des Wissenswertesten aus den Lehrstoffen der Geschichte, der Geographie, der Naturkunde usw. ist in der Hand des Kindes ein wertvolles Hilfsmittel, durch das zu Hause in selbständiger Lektüre der Erfolg des Klassenumerrichts wirksam unterstützt iverden kann. Kinder, die aus daS Realienbuch verzichte» müssen, weil die unentgeltliche Lieferung verweigert wird, sind im Nachteil gegenüber anderen Kindern, denen die Eltern dieses Hilfsmittel aus eigener Tasche beschaffen. Mit Bitterkeit äußert der Vater sich darüber, daß man solche Bücher als„nicht nötig" bezeichne, weil es der Stadt an den Säckel gehe. Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch einmal auf die eingangs erwähnte erste Znschrist zurückkommen, die wir vor 14 Tagen ver- öffentlichten. Aus dem Rathause ist uns hierzu die Mitteilung zu« gegangen, daß die Annahme der Zuschrift, an zwei zu einem und demselben Schulkreis gehörenden Schulen seien verschiedene Lehrbücher im Gebrauch, nicht zutreffe. Wir haben uns überzeugt, daß in der Tat die beiden Schulen, die von den beiden Kindern jenes Vaters besucht werden, nicht zu einem und demselben Schul- kreis, sondern zu zwei verschiedenen gehören, und daß zufällig diese beiden Schnlkieise zwei verschiedenen Schulbücherbezirken ungeteilt find. So erklärt es sich, daß Kinder einer und derselben Familie zu zwei verschiedenen Schulbücher- bezirken gehören. Wir sehen aber nicht, was hiermit gegen die Klage über die Verschiedenheit der Lehrmittel bewiesen sein toll. Wenn bei der Eiuieiliing von ganz Berlin in drei große Schulbncherbezirke eS immer noch vorkommen kann, daß ein Vater für sein« Kinder verschiedene Schulbücher beschaffen muß und bei Versetzungen nicht die Bücher der älteren Kinder auf die jüngeren„vererbt" werden können, dann haben wir erst recht und immer wieder die Forderung zu erheben: ganz Berlin ein Schulbücherbezirk und für ganz Berlin gleiche Schulbücher! Diese Forderung ist ebenso selbstverständlich, wie die andere, daß allen Gemeindeschul- lindern unterschiedslos und ohne weiteres alle Lehrmittel unentgeltlich geliefert werden müssen. Ans der Gewerbedeputation. Mit einer recht verwickelten Geschichte hatte sich in ihrer letzten Sitzung die Gewerbedeputation zu beschäftigen. Die S&äiw innung„Eoncordia" hatte den Antrag gestellt, das Eigentumsrecht des der Innung gehörendes Hauses, Andreasstr. 64 bezw. Kraut- stratze L8, festzustellen. Der Jnnungsvorstand, der durch den Ober- meisier Schmidt vertreten wurde, behauptete, dieses Haus sei nicht Eigentum der Innung„Eoncordia", sondern gehöre in Wirklich- keit Aitteilschein-Iiihabern, die bei der Erwerbung des Hauses an- geblich die Absicht gehabt hätten, späterhin bei erfolgter Amorti- sation, daS Haus der Innung zum Zwecke der Errichtung eines Altenheims für bedürftige alte Bäckermeister zu schenken. Die Innung wollte sich infolgedeffen eine Revision einer existierenden Hausiasse. die mit dem Besitzrecht des Hauses im Zusammenhang sieht, durch einen Beauftragten der Gewerbedeputation nicht gc-- fallen lassen, da diese Hauskasse angeblich keine Jnnungs-Ein- richtung sei. Es wurde auch festgestellt, daß die seinerzeit im Jaijre 1890 erfolgte Auflassung des Grundstückes in das Grundbuch niait gang cinwandsfrci erfolgt ist, so daß tatsächlich Meinungs- Verschiedenheiten, wer eigentlich richtiger Besitzer des betreffenden Grundstückes ist, eutstchen konnten. Diesen unsicheren rechtlichen Zustand, so klang es aus den Darlegungen einiger Mitglieder der Deputation heraus, wollen sich die Jnnungsmetster der„Eoncordia" zunutze machen, um bei der von beiden Innungen„Germania" und„Eoncordia" bcan- t ragten Errichtung einer Zwangsinnung ihr Vermögen abzu- sondern. Die Anteilschcin-Jnhaber haben aber, wie auch festgestellt wurde, an dem Grundstück, das einen Wert von 2 Millionen Mark präsentiert, nur einen Anteil von 600 000 Mark. Das übrige Geld ist von der Preußischen Landschaftskasse mit 1 300 000 Mark und der Nest von 100 000 Mark von dem verstorbenen Stadtverordneten Frentzel hergegeben. Bei der ausgiebigen Erörterung dieser An- gelegenheit wurde auch die interessante Tatsache mitgeteilt, daß die Mitglieder der Bäckerinnung„Conrordia" ans eigenen Mitteln keine Jnnungsbeiträge leisten, sondern daß diese von einem Hefe- fabrikanten, der den Mitgliedern die Hefe liefert, gezahlt werden! Die Deputation entschied dahin, daß das Grundstück Andreasstr. 64 als Eigentum der Innung„Eoncordia" zu betrachten ist und daß die Innung sich einer Revision der sogenannten„Hauskasse" durch den Magistrat als Aufsichtsbehörde unterwerfen müsse. Dem Grundbuchrichter soll Nachricht gegeben werden, um die Auflassung des Grundstücks als Eigentum der Innung in einwandsfreier Form nachzutragen. Bis zur definitiven Erledigung dieser Altgelegenheit wurde der vorliegende Antrag beider Bäckerinnungen,„Eoncordia" und „Germania", aus Errichtung einer Zwangsinnung vertagt. Für die Notwendigkeit der Errichtung einer Zwangsinnung für das Berliner Bäckcrhandwerk wurden Gründe mitangeführt, die er- kennen lassen, in welch sonderbarer Weise die Bäcker-Jnmmgs- meister die Interessen der Gesellen wahrzunehmen belieben. Es wurde unter anderem ausgeführt, daß auch die Bäckergesellen von der Errichtung einer Zwangsinnung insofern Nutzen haben würden, als durch die Zusammenlegung der Innungen und die Neuein- beziehung der bisherigen Nichtinnungsmeister eine einheitliche Jnnungskrankenkasse errichtet werden könnte und daß dadurch die besonders von den Arbeitnehmern zu ihrem Nachteil empfundene Zersplitterung aus dem Gebiete des Krankenversicherungsweseus aufhören würde. Diesen an sich vernünftigen Standpunkt entdeckten die Bäckermeister aber erst in dem Augenblick, wo es sich um die Erfüllung ihrer eigenen Wünsche handelt. Als vor Jahren die Berliner Bäckergesellen aus denselben jetzt von den Meistern vor- gebrachten Gründen gegen die Errichtung von Jnmmgskranken- lassen protestierten, predigten sie tauben Ohren. Damals kam eS den Backermeistern eben auf etwas anderes an! Um die Zer- spliterung der ihnen verhaßten Ortskasse und Stärkung ihrer Jnnungsorgantsation! Rückständiger und rücksichtsloser haben sich selten Unternehmer- gruppen gegenüber Arbeitern benommen, wie die Bäckermeister gegen„ihre" Gesellen. Vom Magistrat wurde in derselben Sitzung Mitteilung über die Angelegeuheit der Verlegung der Herberge der F l« i s ch er i n n u n g, dem langjährigen Schnverzenskinde der Gewerbedeputation, gemacht. Ein Schreiben des Oberpräsidenten an den Magistrat gelangte zur Kenntnisnahme. In dem Schreiben fordert der Oberpräsident, der Magistrat möge dafür Sorge tragen, oaß die Herberge vom Arbeitsnachtvcis und dein Restaurant ge- trennt werde. Das ist leichter gewünscht als getan. Die Fleischer- innung und ihr Sprechmeistbr Gräbcrt erzielen bei dem jetzigen Zustande namhafte Ucberschüsse, und alle Versuche, die Fleischer- innung zu einer modernen Regelung in dem vom Obcrpräsidenten gewünschten Sinne zu bewegen, sind an dem hartnäckigen Wider- stand derselben gescheitert. Wie mitgeteilt'wurde, läuft der mit dem Sprechmeister abgeschlossene Vertrag am 30. Juni 1911 ab; von da ab soll eine Abstellung der bis jetzt bestehenden skandalösen Zustände energisch versucht werden. Von der G I a s e r i it n u n g lag der Antrag vor, die Zu- stnitmung des Gesellenausschusses zu ergänzen, der es abgelehnt hatte, in die neuen Lehrvertrage die Bestimmung anfzunehmeit, wonach die Zugehörigkeit zu einem Verein für die Lehrlinge ver- boten oder von der Erlaubnis des Meisters abhängig sein soll. Die geforderte Zustimmung wurde ergänzt, weil unter anderem der GcsellcnauSschuß der genannten Innung trotz Auf- forderung der Gewerbedeputation es unterlassen hatte. Gründe für die veaveigerte Zustimmung anzugeben. Von unserer Seite wurde ausgeführt, daß die ganze Ange- legenheit eigentlich gegenstandslos geworden sei, nachdem vor kurzem vom Oberverwaltungsgericht der Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter als politischer Verein erklärt und damit aufgehoben worden sei. Denn gegen diesen Verein richtete sich die ganze Maßnahme der Jnnuitgsmeister. Würde es sich um einen sogenannten patriotischen JünglingSvcrein oder um den Verein christlicher junger Männer haitdeln, so würden die Jnnungsmeister nicht daran denken, den Lehrlingen den Beitritt zu verbieten oder die Erlaubnis von einer Einwilligung abhängig zu machen. In der vorigen Sitzung gab. wie nachträglich berichtet sein mag, die Gewerbedeputation ihre Zustimmung zum Bau eines JnnungshauseS der Barbier-, Friseur- und Perückenmacher- Innung in der Ohmstraße. Die Deputotiem hat aus finanziellen Gründen, die bereits früher mitgeteilt sind, sich nur„s ch we r entschließen könne n", ihre Genehmigung zu erteilen. Die modernste Ehe. Im Schaufenster der bekannten Papier- Handlung von Lohmann in der Friedrichstraße 91 hängt zu Nutz und Frommen neben klingenden Tiieln und vielzackigen Kronen „sittlich" Vermählter folgende hochfein lithographierte Heirats- anzeige auS: „Unter dem Druck der Gesetze wie auch in der Erkenntnis, daß ein vorschnelles Eingreifen in die heutige Ehe der gesetzlichen und religiösen Bindung ungeheure Opfer und große Anforde- rungen an das feinere Empfinden jedes aufrecht und ehrlich Denkenden stellt, und da ferner der Wert ganzer Menschen vorerst nur in einer freien Vereinigung zu wahrhaft sittlicher Höhe gelange» kann, in welcher durch starke Selbstschnlung in reinster moralischer Form sich einer dem anderen ebenbürtig und unent- behrlich zu machen weiß, beehren wir uns hiermit allen wahren und ausrichtigen Freunden unsere am heutigen Tage in freier Ehe vollzogene Verbindung bekanntzugeben. Rixdorf, den 2. Oktober 1910. Luise G..... Hans W....." Tie Unbeholfenheit des Stils beweist die Echtheit. Staunend und eifrig disputierend stehen die Friedrichstraßenflaneure vor dem Schaufenster. Hochelegant gekleidete Damen und„Dämchen" er- eifern sich, ohne noch zu erröten, in sittlicher Entrüstung. Ver- ständnismnig schmunzeln alte und junge Lebcgreise. Moderne Ww-Backsische, die schon alle Liebesschulen durch sind, ehe sie zur Vernunftehe erzogen werden, kritzeln brennenden AugeS den Text ins Notizbüchlein. Eine würdige Matrone, die strengen Blicks den Aushang lorgnettiert, fällt entsetzt beinahe in Ohnmacht, und ein Unrat witternder Zentrumsmann,„Marke Roeren", schaudert vor dem zunehmenden Sittenverfall bis inL Mark hinein. Von all den Empörten wird der Stab gebrochen über die in freier Liebe gegen den Strom schwimmenden mutigen Rixdorfer. Keiner schlägt sich an die eigene Brust und sagt: Wie oft im Leben habe ich schon meine von Staat und Kirche geheiligte Ehe gebrochen? Turmhoch stehen Luise G. und Hans W. über diesen Pharisäern, denen die sanktionierte Ehe 4 la Allenstein als das beste Mittel gilt, um sich gegenseitig zu betrügen und doch vor der verloddcrten Gesellschaft alle Vorzugsrechte des„Musierehepaars" zu genießen. Zum Leiter des Fürsorgewesens der Stadt Berlin bat der Berliner Magistrat einen Pastor gewählt, einen Herrn Knauth, der bisher Leiter der Füriorgeanstalt in Hardehausen in Westfalen war. Wir wollen hoffen, daß der Mann nicht ettva im Sinne des Pastors Breirhaupl in Mielczyn seine Aufgabe auffaßt, sonst wäre nicht das mindeste gebessert. Dir bei ansteckenden Krankheiten vorgeschriebene Desinfizierung der Wohnungen läßt in Berlin nickt mehr wie alleS zu wünscben übrig. Wir haben wiederholt Mitteilungen machen müssen darüber, daß die nach dem Gesetz vorgeschriebenen Desinfektionen zu einer Zeit erfolgen, in der sie ihren eigentlichen Zweck vvllkomine» verfehlen. Zweck haben die DeSiiisektioiien nur. wenn sie möglichst schnell erfolgen. Wie wenig diese Vorschriften befolgt werde», beweist wieder folgender Fall: Am 15. September dieses Jahres starb die 29 Jahr alte Tochter des ZeitungsspedileurS M. auS der Lychener Straße 133 an der Tuberkulose. A», 26. Oktober erschienen in der Wohnung des M. die Desinfektorcn, um die DeSiusektion vorzunehmen. ES ist doch klar, daß eine Desinfektion nach 6 Wochen so ziemlich zwecklos ist, wenigstens kann in der Zwischenzeit die Ansteckung weite Kreise gezogen habe». Es muß öffentlich die Frage aufgeworfen werden: Wen trifft im vorliegenden Falle für die Verzögerung die Schuld; die Polizei oder die DeSinfektiouS« anstalt?_ WaS sich Schuhlentc herausnehmen erhellt aus einem Vorfall, der sich am DonnerStagnachmittag nach 5 Uhr auf dem Bürgel steige des Rathauses in der Spandauer Straße abspielte. Auf dem Biirgersteige geht ein Arbeiter mit einem Ruck- sack aus dem Rücken. Der Mann �>at einen Spaten darin verpackt, dessen Stiel oben heraussieht. Ein Schutzmann sieht das. Er tritt an den Arbeiter heran und sagt zu ihm:„Machen Sie, daß Sie vom Bürger« steige kommen, sonst lange ich Ihnen eine." Der Arbeiter antwortet: Was! Ich soll vom Bürgersteige herunlergehen? Ich gehe hier anständig nieines Weges und belästige niemand und Sie wollen mir eine langen? DaS probieren Sie nur, so ohne weiteres laste ich mir das nicht gefallen!" Es kommen mehrere Passanten hinzu, die ihrem Erstaunen über das Benehmen des Schutzmannes Ausdruck geben. Er geht zunächft etwa? zur Seite, um nochmals auf den Mann zu- zugehen und ihm zu lagen, tvenn er nicht schnell mache, daß er seines Weges gehe, würde er ihn zur Wache sistieren. Der Arbeiter läßt sich nicht einschüchtern und erklärt, daß er vor dem Schutzmann nicht ins Mauseloch krieche, am allerwenigsten sich von ihm eine langen lasse; er habe nicht umsonst beim 2. Gardercgimeut erste Kompagnie gedient. Da noch mehrere Personen auf die Ans» einandersetzung zwischen den beiden aufmerksam wurden und ihrer Verwunderung Luft machten, dauerte eS nicht lauge, bis der Schutz- mau» im Innern des Rathanses verschwand. Vielleicht ist der Mann sich mit der Zeit bewußt geworden, daß er seine Befugnisse über- schritten hatte._ Ein Frauenmord. Noch ist der Mord au der Prostituierten Arnhokz nicht voll» kommen aufgeklärt, so wird schon wieder gemeldet, daß gestern vor- mittag am Schloß Bellevue in der Nähe der Lnlher-Briicke aus der Spree ein Sack a»S grober Leineivand gelandet wurde, in dem sich eine Frauenleiche befand. lieber diesen Fund werden folgende nähere Mitteilungen der» breitet: Ein Mann au« der Stromstraße, der gestern in der zehnten Stunde über die Lulher-Brücke ging, sah auf dem Wasser eilten Sack schwimmen. Er zog ihn vollends ans Ufer heran und versuchte, ihn mit mehreren Arbeiter, die dazu kamen, ans Land zu ziehen. Weil er jedoch sehr schwer war, so schöpften die Leute Ver» dacht und benachrichtigten das 4. Polizeirevier und durch diese? die Kriminalpolizei. Als man»ach Ankunft der Kriminalpolizei den Sack aufschnilt, fand man darin eine weibliche Leiche, die fast ganz unbekleidet war. Nur am Oberkörper trug sie einen Korsettschouer, der mit kleiiten Spitzen besetzt ist. Der Körper ist mit dem Kopf voraus in den Sack hineingesteckt worden. Die Beine lagen an» gezogen nach oben. Der Sack war mit einer gedrehten Hanf« schimr zugebunden. Eine borläusige Besichtigung durch den Ge» richtsarzt Dr. Strauch konnte die Todesursache nicht feststellen, auch keine Spur äußerer Gewalt. Die Leiche scheint etwa 8 bis 10 Tage im Wasser gelten zu haben. Zur Feststellinig der Persön» lichkeit fehlt es fast an jedem Anhalt; denn an der Leiche befindet sich außer dem Korsettschouer nur noch ein kleiner Ring mit einem steriisörmigen Granatstein. Die Tote mag etwa 18 bis 20 Jahre alt geivcsen sein, vielleicht auch etwas älter. Sie hielt in der rechten Hand mehrere lange, dunkelblonde Frauenhaare, die, weil die Farbe übereinstimmt, wohl ans ihrem eigenen Kopshaar stammen können. Sie scheint eine Arbeiterin oder ein Dienstmädchen gewesen zu sein. Die Leiche wurde, nachdem auch die Staatsanwalt» schaft sie besichtigt hatte, nach dem Schauhanse gebracht, um dort obduziert zu werden. Für die Feststellung der Persönlichkeit wäre eS erwünscht, zu wissen, wo und von wem eine Person wie die beschriebene vermißt wird. Auch kann vielleicht jemand über den Verbleib der Kleider Auskunft geben. Jeder, der in dieser Beziehung etwa? mitzilteilen weiß, wird ersucht, sich unverzüglich bei der Kriminal- Polizei zu melden. Unter den al? vermißt bezeichneten Personen sind vier, auf die die Beschreibung ungefähr passen könnte. Hier haben die Nachforschungen der Kriminalpolizei bereits eingesetzt. Der Stellvertreter des Polizeipräsidenten Geh. OberregierungSrat Fried» heim erläßt folgende Bekanntmachung: 1000 M. Belohnung. Heute früh ist an der Luther-Brücke in Moabtt eine Frauen- leiche aus der Spree gelandet worden. Sie war in einen Sack von grobem Leinen eingenäht. ES liegt offenbar ein Verbrechen vor. Die Leiche ist die einer jungen krästigen Frauensperson von Mittel- große mit dunkelblondem oder braunem, glänzendem Haar, stark entwickelten Brüsten, vollem Körperbau, anscheinend ArbeitShänden mit kurz abgeschnittenen Nägeln. Auf der linken Hand befindet sich ein dünner goldener Bandring mit Granatstein und klenieii Verzierungen nach innen schmal verlanfend. Die Leiche ist un- bekleidet bis aus eine» weißen Büsteuhaller mit Kante. Die Leiche ist im Schaubause. Für Milteilungen. die zur Ermittelung der Täter führen, wird die obige Belohnung gezahlt. Einen Teil der Belohnung erhält derjenige, welcher die Feststellung der Persönlich- keit der Leiche ermöglicht. Meldungen nimmt die Kriminalpolizei und jedes Revier entgegen. Die Obduzierunz der Leicht wurde von 2 Ubr an durch die Gerichtsärzte Geh eintrat Straßmann und Dr. Strauch im Schauhause vorgenommen. Die Todesursache konnte nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden, weil die Verwesung schon zu weit vorgeschritten ist. fln Krankheitserscheinungen wurde nur eine geringe Lnflröhrcnentziindung festgestellt. Sie niacht eS wahrscheinlich, bah die Tote in ihren letzten Lebens- tagen etwas gehustet hat. Aeutzere Gewalt, die irgendwelche Spuren hinterlassen hätte, hat den Tod nicht herbeigeführt. Möglich ist, daß die Unbekannte mit Betten oder anderem weiche» Material erstickr worden ist. Spuren einer Vergiftung wurden nicht gefunden, doch wurden einzelne Leichenteile zurückbehalten, um mikroskopisch und chemisch untersucht zu werden. Die Obduklion stellte fest, datz die Unbekannte noch nicht Mutter gewesen ist. Die Leiche hat nach ihrem Znstande mindestens 14 Tage, aber höchstens kl Wochen im Wasser gelegen. DaS Mädchen ist mindestens Ü Stunden nach der letzten Mahlzeit gestorben. Diese oder auch die vorletzte Mahlzeit hat aus Pfefferlingcn bestanden. Der Erkennungsdienst fertigt zweierlei Photographien an. Die einen zeigen die Leiche so, wie sie au« dem Wasser kam, die anderen besonders den Kopf, nachdem er durch ein kunstliches Verfahren möglichst wieder in seinen früheren Znstand zurückversetzt worden ist. Dieses Verfahren macht das Gesicht wesentlich kenntlicher und er- leichtert so die Feststellung der Persönlichkeit. Im Laufe des Nachmittags kamen mehrere Personen zur Kriminalpolizei und machten Angaben über Vermiete. Die Nachprüfung dieser Mitteilungen ist noch nicht abgeschlossen. Kriminal- Patrouillen verteilten sich gestenr nachmittag gleich auf die ganze Stadt, um in allen Herbergen, Miets- und Vermittelungs- tomoren nachzuforschen. Zur Aufklärung des geheimnisvollen Fundes wird zu beachten sein, daß diesmal die Leiche nicht in einzelnen Siücken. sondern ganz in das Wasser geschafft worden ist. Sie ist ziemlich schwer. Em kräftiger Mann kann sie ja wohl tragen, aber es ist doch nicht ausgeschlossen, daß man sie mit einem Handwagen weggeschafft hat. Wer sich nach diesen Richtungen hin aus der letzten Zeil einer Wahr- nehmung erinnert, sollte sich unverzüglich bei der Kriminalpolizei melden. Auch für Mitleilunge» dieser Art ist die ausgeschriebene Be- lohnnng bestimmt. Was das eine ErkennnngSzeichen betrifft, so trägt der kleine Ring nicht einen Granatstcin, sondern nach Mitteilungen deS Sach- verständigen, dem er vorgelegen hat, einen Kapprubin. ES ist ein minderwertiger Ring, der vielleicht 4 bis S Mark gekostet hat. Er zeigt zu beiden Seiten des Steines ztveigartige EinPressungen, in denen wieder Blumen, durch Punkte gezeichnet, erscheinen. Ob die ü: der Hand der Toten gefundenen Frauenhaare von ihrem eigenen Kopfe stammen oder anderswoher, soll der Chemiker feststellen. Eine unverständliche Polizcimaßnahme. Ein sonderbares Polizeistückchen hat sich unsere königliche Polizei gegen eine Anzahl Kraftwagenführer geleistet. Der„Cou- rier" berichtet in seiner letzten Nummer darüber folgendes:„Am 11. Oktober d. um 10 Uhr waren an 30 Kraftwagenführer nach dem kgl. Polizeipräsidium in vollständiger Livree mit Schild und Fahrschein geladen. Nachdem dieselben bis gegen 11 Uhr dort ge- wartet hatten, wurden sie unruhig und verlangten gehen zu dürfen. Da kam der Kommissar und drohte demjenigen mit Fahrschein- entziehung, der sich entfernt. Als die Kollegen nun darauf drangen, zu wissen, warum sie überhaupt geladen seien, und warum sie noch länger warten sollen, erklärte der Kommissar folgendes:„Ein kaiserlicher Rat aus Wien wäre mit seiner Gentahlin vom Hotel „Adlon" nach dem Anhalter Bahnhof gefahren und sei in der Kraft- droschle(Opelwagen) ein Handkoffer mit Juwelen und sonstigen Wertsachen zurückgeblieben. Der Fahrer, welcher die Fahrt aus- geführt hat, sei genau bekannt und soll von dem Wagenmeister des Hotels, welcher gleich erscheinen sollte, festgestellt werden. Aus diesem Grunde sollen alle Opelfahrer geladen werden. Als es sich aber nun herausstellte, datz auch Adler- und N. A. G.-Fahrer ge- laden waren und weiter bekannt wurde, daß der Wagcnmeister nicht erscheint, da derselbe den Kraftdroschkenführer, welcher die Fahrt ausgeführt hat, nicht wiedererkenne, machte der Kommissar ein langes Gesicht und sprach seine Verwunderung darüber aus, datz auch andere als wie Opelfahrer geladen wqren. Ein Gepäckträger des Hotels, welcher mittlerweile erschienen war, konnte den Be- treffenden nicht ermitteln. Zwei Kollegen verlangten hierauf eine Entschädigung für ihre, durch die Polizei verschuldete Versäumnis, was natürlich abgelehnt wurde. Jedoch ließ man sich bewegen, 40 Pf. Fahrgeld zu geben. Als die übrigen Kollegen ebenfalls Ent- fchädigungSanshrüchc geltend inachten, wurden sie hinausgcwicsen." Mit vollem Recht bemerkt der„Courier" zu diesem Polizei- streich?„Wenn das ganze Ennittelungsverfahrcn schon etwas absonderlich klingt, indem man sämtliche Opelfahrer nach dem Prä- sidium zitieren will, so ist es andererseits ein ganz unverständliches Verlangen, da eine Anzahl Kollegen mit ihren Wagen dort waren und sich für eine Sache, die nur den kaiserlichen Rat aus Wien interessiert, versäumen mutzten. Hier wäre doch wohl eine Klage wegen Entschädigung am Platze. Da gegen den einzelnen ein Er- mittelungSverfahren nicht vorlag, es sich auch gar nicht um eine Vernehmung des einzelnen handelte, sondern lediglich im Interesse des Geschädigten diese Matznahmen vorgenommen wurden. Es fehlte nur noch, datz das Polizeipräsidium bestimmt hätte, um die oder die bestimmte Zeit fahren sämtliche Opelfahrer vor dem Hotel „Adlon" vor, um auf diese Weise einen sogenannten Lokaltermin abzuhalten und die Ermittelungen vorzunehmen. Ob man sich dann auch geweigert hätte, wenn irrtümlich Adler- oder N. A. G.-Fahrer geladen wären, vor das Hotel zu fahren, diese zu entschädigen, tonnte man beinahe bezweifeln." Wenn in jedem einzelnen Falle, in welchem in einem Wagen angeblich Gegenstände liegen gelassen sein sollen, die Kraftwagen- führer nach dem Präsidium geladen werden, kämen die Leute vom Alexandcrplatz gar nicht mehr weg. Die polizeiliche Maßnahme, wie sie im vorliegenden Falle erfolgt ist, ist einfach unerhört. auSgesprochcne Vermuwng, datz es Offiziere in Zivil handelte. sich bei den Duellanten um Der große Prcziofendicbstahl in der Oranienstratze in dem Geschäft von Deike hat seine Anfklärung gefunden. Es sind mehrere Personen verduftet worden, dje diesen Diebstahl aitsgefübrt haben. Die DiebeSbeute ist bis auf eine Uhr wieder herbeigeschafft worden. Verabredet wurde der Einbruch in der christlichen Herberge zur Heimat in der Oranienstratze. Vom künstlerischen Leben und Schaffen unserer Zeit. Diesen Titel wählte die Ortsgruppe Berlin des Deutschen Arbeiter- Abstinentenbundes für ihr Wiiiicrprogrmnm. Die künstlerische Leitung der gesamten Veranstaltungen liegt in den Händen des Herrn Kestenberg. Es ist damit die Gewähr geboten, daß etwas Gutes zur Darstellung gelangr.— Der erste Abend findet am nächsten Sonntag, abends 6 Uhr, in den Jndustric-Festsälen, Beuthstr. 19/20 statt, er ist der G r o tz st a d t p o e s i e gewidmet. Die Rezitationen hat Herr Ludwig Hardt übernommen. Der Eintkillspreis beträgt nur 20 Pf. Abendkasse findet nicht statt.— Gäste können noch EiutritlSkarieii erhalten bei: Geisler, dl., Kuglcr- stratze 41 U; I. Michaelis. Engeluser 19 pari.; R. Adam, Admiral- strotze 17, Laden; I. Schellongoweki, NO., Pasteurstr. 88 pari. „Clou" betitelt fich ein neues KonzerthauS, das gestern erst- malig seine Pforten geöffnet hat. Wenn man von der Zimmer« stratze oder auch von der Mauerstratze aus die neuen Räume be- tritt, kommt eS einem mchl in den Sinn, dotz an dieser Stätte ehe- mals mit Gemüse, Bücktingen. Fleisch und Wurstwaren gehandelt wurde. Aus der ehemaligen Markthalle sind anheimelnde Aufenl- haltSräume geworden. Mit Hilfe hervorragender Techniker ist die ganze innere Einrichtung auf das modernste ausgestaltet; nette Malereien an den Seitemvänden erhöben die Wirkung. Die Musik soll hier zu Hause sein. Für ein verhältnismäßig nicht allzu hohes Entree werden hier die Musikmeister aus den verschiedensten Ländern ihre Kunst zeigen. Eine italienische Kapelle machte gestern den Anfang. Zeugen gesucht. Personen welche am 29. Juni abends zwischen 9—10 Uhr gesehen haben, wie ein kleiner älterer Mann anfangs der fünfziger Jahre von einem Schutzmann aus dem Gartenplatz zur Woche gebracht wurde, werden ersucht, ihre Adreffe Prinzen-Allee 25 3 Treppen links Vorderhaus abzugeben. Eine traurige Aufklarmig hat das Verschwinden der 17 Jahre lkten Putzmachetin Jsabella PauwelS anS der Dranthcimer Str. 13 gefunden. Das Mädchen machte am Sonntag vor acht Tggen mit >en Eltern und dem Bräutigam einen Vereinsball mit. geriet norgenS aus Eifersucht mit dem Bräutigam in Streit, lies aiiS dem Sallsacil weg und blieb seitden, verschwunden. Gcftern fand inan die Lermitzte in der Nähe der Föhrer Brücke im Spandauer Schiffahrts- !anal als Leiche wieder. Uebrr das Dnell in der Jungfernhclde erfährt die„Volks-Ztg.": Zu dem Pistolenzivcikampf. der in der Jungfernheide staltfand, er- ahrcn wir. datz dieses Dnell nur doS erste von vier Duellen ist, die in diesen Tagen ausgefochle» werden sollen. Es handelt sich um nne Reihe politischer und persönlicher Drsierenzen. die lwischen mehreren Politikern und hohen Militärs entstanden sein sollen. Unter anderen stehen sich auch ein General, der zugleich Landtagsabgeordneter ist, und ein Ritterguts- lesitzer und Landrat gegenüber. Gerüchtweise verlanter auch. datz es sich hier um Differenzen handele, die mit Pen» Motiv für das Duell in Zusammenhong stehen, in daö der Vetter des Reichskanzler?, ItittergutSbcsttzer v. Bethmann Hollweg jüngst verwickelt war. Die ilntersuchung über das Duell wird mit aller Heimlichkeit geführt. Die beiden Soldaten, die Anzeige von dem Duell in der Jniigfern- jeide erstatteten, sollten gestcru über das, was sie Von dem Duell zesehcn haben, von der Polizei in Plötzensee kom, nissarisch ver- riommen werden. Die Militärbehörde untersagte jedoch diese Vernehmung und verbot den Soldaten, über ihre Beobochtungen etwa« auszusagen, da die Iliitersuchnng der Angelegenheit von militärischer Seite erfolgen werde. Das beweist die schon vorgestern Oerantlvortl- Redakteur: Carl Wermuth, Berlin-Rixdors, Für den Vorort- pjacbnchtcn* Rixdorf. Die Stadtverordnetenversammlung erledigte in ihrer Sitzung am Donnerstag im Geschwindschritt fast die ganze umfangreiche Tagesordnung. Debattelose Annahme fanden eine Reihe von Bor- lagen, welche die Besoldungsverhältnisse der Lehr- Personen an Gemeinde- und höheren Schulen betrafen, ferner Bebauungsplanabänderungen und Etatsverstär- k u n g c n. An die Deputation zurückverwiesen wurde aus der ersten Gruppe jedoch die MagistratSvorlage über Abänderung der Besoldungsordnung für die Lehrer und Lehrerinnen an der höheren Mädchenschule und der Mädchenmittelschule. Ein weiterer Antrag des Magistrats schlug vor. dem Frei- willigen Erziehungsbeirat aus dem Stadtvcrordneten-DispositionS- fonds zur Lieferung von Milch an bedürftige Schul- linder in den Monaten November bis Februar den Betrag von 8000 M. zur Verfügung zu stellen. In der Begründung wird wörtlich gesagt. „datz sich in unseren Gememde- und Hilfsschulen insgesamt etwa 1200 Kinder befinden, für welche die unentgeltliche Verab- reichung von Milch oringend wünschenswert ist. Bei diesen Kin- dern sind die häuslichen Verhältnisse so un- günstige, datz die Kinder durch ihre mangelhafte körperliche Ernährung in ihrer Schulz ähigkeit wesentlich beeinträchtigt sind. Der größte Teil dieser Kinder kommt, ohne warmes Früh stück zu Hause erhalten zu haben, in die Schule. Er- fahrungSmätzig haben die Kinder hierunter am meisten in den Wintermoitaten(von Anfang November bis Ende Februar) zu leiden." Jedes bedürftige Kind soll deshalb täglich Vi Liter warme Milch erhalten. Die Auswahl der Kinder geschieht durch den Rektor; die Verteilung der Milch soll unter Aufsicht einer bei den Schulen tätigen Vertrauensperson deS Freiwilligen Erziehungsbeirats vor sich gehen. Der letztere hat der Schuldeputation und dem Magistrat nach Semesterschlutz Bericht und Abrechnung zu erstatten.— Die Versammlung bewilligte die beantragte Summe. Der Bau einer massiven Brücke im Zuge der Kaiser- Friedrichstratze über den noch zu erbauenden Teil des Schiffahrt- kanalL wurde auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion an die Tiefbaudeputation zurückverwiesen. Bei dem Voranschlag für die Fortführung deS Kanals bis zur Britzer Grenze resp. bis zum Teltowkanal sind 40 000 M. für die Anlage einer Brücke in Holz- konstruktion von 13 Meter Breite vorgesehen worden. Der Magistrat will aber mit Rücksicht darauf, daß die Kaiser-Friedrich- stratze bei ihrer Fertigstellung hinter der Ringbahn eine Haupt- verkehrSstratze werden dürfte, fer»ier auf die bald zu erwartende Bebauung des östlich der Bahn liegenden Stadtteils ur»d auf die be- schlossene Anlage des neuen Bahnhofs an der Kaiser-Friedrich. stratze die Brücke von vornherein massiv und in 30 Meter Breite anlegen. Die Kosten in Betonausführung würden 320 000 M. be- tragen.— Gegen diesen Plan polemisierte sowohl Stadtv. Adam, welcher aus Sparsamkeitsgründen vorläufig die Holzbrücke er- richtet wissen will, als auch Stadtv. Heller(Soz.). Der letztere verlangte besonders die Erwäching der Frage, ob die Anlieger jenes Stadtteils, deren Grundstücke doch eine wesentliche Begünsti- gung durch den Brückenbau erfahren, nicht zu den Kosten heran- gezogen werden können. Der Ausschuß müßte dies gründlich prüfen. Die Begebung einer Anleihe von 400 000 M. an die Stadt- sparkasse zu Torgau zum Zinssatze von 4 Proz. und mit einer zährlichcn Tilgung von 2 Proz. wurde genehmigt. Die Dringlichkeit für den sozialdemokratijchen Antrag: „Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen, Ken Magistrat zu ersuchen, die Stadtverordnetenwahlen der zweiten Abteilung bis 8 Uhr abends auszudehnen und die Wahlen der dritten Abteilung aus einen Sonntag zu verlegen" wurde anerkannt. Nach einer knappen und treffenden Begrün- dung durch den Stadtv. G r o g e r(Soz.) erklärte Stadtrat M i e r, datz eine Berücksichtigung des Antrages jetzt nicht mehr möglich ist, bei späteren Wahlen würden die Anregungen desselben jedoch im Magistrat eingehender Erwägung unterzogen werden. Stadtv. Dr." S i l b e r st e i n(Soz.) stellte fest, daß der Magistrat schon diesmal, wenn der gute Wille vorhanden war, die Wahlzeit der zweiten Abteilung hätte bis 8 Uhr ausdehnen können, wie es auch bei der lebten Wahl bereits der Fall war. Als der Redner den Verdacht aussprach, datz auch diese Verschlechterung wiederum ein Liebesdienst des Magistrats gegenüber den Wahlrechtsräubern sei, brach bei der bürgerlichen Mehrheit die bei dieser Kennzeichnung übliche Nervosität aus, welche sich in erregten Zurufen Luft machte.— Mit Rücksicht auf die augenblickliche formelle Undurch- führbarleit zogen die Sozialdemokraten hierauf ihren Antrag zurück. Den Rest der Sibung füllten Ersatz-undErgänzungS- Wahlen zum Mäg istrat aus. Stadtbaurat We,gand, dessen Amtspcriode im AprU 1911 abläuft, wurde mit 39 Stimmen tviedergcwäblt. und zwar— trotz deS Widerspruchs unserer Genossen— auf Lebenszeit; 20 Zettel waren unbeschrieben. Die Ersatztvahlen für 5 turnusmäßig ausscheidende unbesoldete Stadt- räte und 1 verstorbenen unbesoldeten Stadtrat ergaben folgendes Resultat: Wiedergewählt wurden die Stadträte Bürkner mit 51 Stimmen, Marggraff mit 55 Stimmen, R o ch l i tz mit 49 Stimmen, Wilsch l e»nit 89 Stimmen(18 weiße Zettel), und Südfrüchte: Z,_,_ Lnferatenteilperantw,: ZtzftLlöcke�Bxriig� Iruck u. Verlag: Vonvältt Buchdruckerei u, Verlagsanstalt Paal Singer Li Co., Berlin SW« Schmidt mit 36 Stimmen(22 weiße Zettel); neugewählt wurde Stadtv. Adam mit 30 gegen 13 Stimmen, welch letztere Stadl?. Conrad(Soz.) erhielt. Bei den Wahlen für 2 neugeschafte?..: Stadtratssitze erhielten die Stadtvv. H i l d e b r a n d t 30, N i e m e tz 32, Dr. Silber st ein(Soz.) 18 und W u tz k y(Soz.) 17 Stimmen; die beiden ersteren sind somit— allerdings mit ebenso kläglichen Majoritäten wie Adam gewählt, Ichönederg. Heute abend 8 Uhr findet in der Schlotzbrauerei. Hanptstr. 122, die Aufführung deS Schauspiels„Kasernenlllft" statt. Die Verlosung der Plätze beginnt um 8 Uhr. während die Vorstellung pünktlich um 9 Uhr ihren Anfang nimmt. Do die Billetts alle um- gesetzt sind, kann ein Verkauf an der Kasse nicht staltfinden. Während der Vorführung darf weder geraucht noch serviert werden, auch haben Kinder im schulpflichtigen Alter keinen Zutritt. Die Beincher wollen den Anweisungen der Komileemitglieder in jeder Beziehung Folge leisten. Noch Beendigung des Theaters findet in denselbe»» Räumen Tanz statt und zahlen Herren, die sich daran beteiliget», 50 Pf. nach. Johannisthal, Am Sonntag veranstaltet der BildimgS- und FugendcmS'ch'.itz Johounistbal einen gerneiirsamcn Besuch deS Eisenbahn- und Ber- kehrsmuseums. Treffpunkt 8'/z Uhr im Lokal von Senftleben. Friedrichstraße. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Unter den Eingängen, die dcr Versammlung zugegangen sind, befand sich auch eine Resolution, die in einer in voriger Woche bei Bohle abgehaltenen ösfcntli" cir Volksversammlung einstimmig angenommen war. In dieser Voic.- Versammlung sprach Genosse E. R iede l- Berlin über die wdi�c. Ursachen des hiesigen Straßenbahnunglücks. Es wurde vom Referenten die Person des Stratzenbahndirektors Müller gekcn?-- zeichnet, der von Chemnitz, wo ihn die Stadt nicht mit übernommr? hatte, nach Spandau gekommen ist und hier in selbstherrische. Weise die Straßenbahnangestellten behandelt. In dieser BeHand- lung, sowie in dem Umstand, datz den Wagenführern nicht genügend bekannt gegeben würde, daß die Straße der Bockbahn in der Gruur- waldstraße eingcleisig befahren wurde, sah der Referent die wahre Schuldursache für das Unglück. Die Resolution wurde durch de:» Vorsteher Lüdicke zur Vorlesung gebracht. Der Oberbürgermci'i: r Költze gab dazu eine längere Erklärung ab. Wie er sagte, wäre er gern in die Versammlung gegangen, wenn man ihn dazu ein- geladen hätte. Er bezweifelte dann, daß der Genosse Riedel ciu: Ahnurig von den Spandauer Slraßenbohiiverhältnissen habe und nimmt den Straßenbahndirektor Müller kräftig in Schutz. Sodaua erklärt der Oberbürgermeister, daß er aus Anlaß der öffentlich.:» Versammlung die Stratzenbahnangestcllten zusammenberufen und ihnen einen Bortrag gehalten habe über ihre Rechte und Pflichten und wie sie sich als städtische Angestellte zu verhalten haben. Wenn sie etwas zu erbitten haben, mögen sie aus ihren Reihen einige Personen erwählen, die diese Wünsche vorbringen und gerne werde man mit ihnen verhandeln. Mit Personen aber, die außerhalb der städtischen Verwaltung stehen, namentlich aber mit solchen vom Transportarbeiter-Verband, könne der Ma- gistrat nicht verhandelr». Er habe den Leuten auch gesagt, daß i.u Falle eines Streikes sie die größten Leidtragenden seien. Wer seine Schuldigkeit tue, könne des Wohlwollens der städtischen Ver- waltung sicher sein, dessen Rechte würden auch vertreten. Ueber die Schuldfrage vertrat der Oberbürgermeister den Standpunkt, es sei Sache des Gerichts, den Schuldigen zu ermitteln. In der Diskussion trat Genosse Pieper den Ausführungen des Ober- bürgermeisterS entgegen. Er wies darauf hin, daß der Direktor Müller den Wagenführer keine Kenntnis davon gegeben habe, daß die Bocklinie auf der Strecke, wo das Unglück passiert ist. nur eingcleisig befahren werden konnte. Er verurteilt« auch aus das Schärfste das Vorgehen des Direktors gegen die Angestellten. Einen gewissen Einfluß scheint die öffentliche Versammlung aber doch ausgeübt zu haben, denn die Straßenbahndeputation ist merk- würdigerweise nach dieser Versammlung sehr rasch zu dem Beschluß gekommen, daß mit dem 1. Januar kommenden Jahres Schaffner eingestellt werden. Die Versammlung beschloß, erst die Eni- scheidnng des Magistrats, dem die gleiche Resolution zugesandt ist, abzuwarten. Es wurde dann die Wahl von 4 unbesoldeten Stadi- raten vorgenommen. Drei davon, die Stadträte Müller, Zimmermann und K e r st e n wurden wiedergewählt. An Stell« des Stadtrats Schulze, der eine Wiederwahl abgelehnt hatte. wählte die Versammlung den früheren Stadtverordnetenvorstehe� Schröder, den man Anfang dieses JahrcS so schmählich von seinem Vorstehcrposten abgesägt hatte. Auch der Patriotismus mußte wieder einmal herhalten. Der Magistrat hatte nämlich beantragt, daß an Kriegewereine resp. Militärvereine, die ihr 25jährigcs Stiftungsfest feiern, ein Fahnenband im Preise von 60 Mark verliehen wird. Die Vorlage war schon einmal ein- gebracht, war aber zurückgezogen worden, weil die Firma Herzog- Berlin als Fahne»»band-Lieferant genannt war und sich verschiedene Stadtverordnete darüber aufhielte»». Bei der jetzigen Vorlage wurde nicht gesagt, wer der Lieferant ist. Der Verleger des konservativen Tageblattes, Stadtverordneter Schob, war Referent der Vorlage uiid empfahl dieselbe selbstverständlich. Genosse Pieper beantragte strikte Ablehnung. DaS Geld der Steuer- zahker könne andere Äerwendung finden. Jetzt aber sprang ein Vertreter der dritten Abteilung, der Stadtverordnete Betriebs- schreiber Simon, in die Schranken, der die Annahme empfahl, da erfahrungsgemäß die Mehrheit der Spandauer Einwohner nicht aus Sozialdemokraten bestehe. Die Vorlage wurde natürlich gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen.— Die Ver- sammlung beschloß, von dem Boden aus dem eheinaligcn Festungs- geläi»de 60 000 Kubikmeter für 40 Pf. pro Kubikmeter an die Bodengesellschaft Spandau-Berlin zu verkaufe»». Von den weiteren Vorlagen sei noch bemerkt, daß die Versammlung zur Regulierung und Pflasterung der Pichelsdorferstraße nach Pichelsdorf zu 299 000 Mark bewilligte. BrUfhaften der Redahttoit. »»« turMtla« evrfrfifrrniBt ftnBr««infctnfttaft««».«0,»»?» »ler Trcvvcu— �atirilubl—,»ooibrninoltll» do» 4'/, bis?>/, Ilbr abennf, Soiniabciib? von i'l, bis Ojlftt nnchminngs ftati. Acdrr für bell•Brkf« tasten bestimmten Anfraa» ist ein Vixbstabe nnb eine«jabl nls Wterf« leirbe» bei�utngen.<