Mr. 356. flbonnementS'Redingungen: tibonnementZ> Preis pränumerando i «ierlcljährl. 3£0 SKt, monatL 1,10 Mk„ ...... 23 Pfg. frei ins HauS. einzelne Nummer K Pfg, Sonntags- Eingelragen in die Post-Zeiwngs- Preisliste. Unter Kreuzband für .....-- Deutfchland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnemems nehmen an: Belgien, Dänemark ' oHand. Italien, Luxemburg, Portugal, änieri, Schweden und die Schweiz, 37. Jahrs. Crididnt täglich außer nionfaai. Verliner VolksblNkk. Die TnlcrtionS'Gcbflljr belrägt für die fechZgcfpaltene Kolonel« seile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Verfammlungs-Anzeigen 30 Pfg, „Klein« Hnzelgen", das erste lsclt- gedrucktc) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengejuchc und Schlaf- slellen-Anzcigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen vis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse! ,,S»IaIi>eiii»Ilrat Berlin" Zcntralorgan der lozialdemokrati fehen parte» Deutfcblands. Rcdahtion: 8 Cd. 68, Llndenstraese 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition t SRI. 68» Lindcnatraase 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Die IProvokateure an der Arbeit. Wahlvorbereitungen der Reaktion. Die Scharfmacherpresse tobt sich wieder einmal in giftigen Denunziationen der organisierten Arbeiterschaft und skrupellosen Aufreizungen der Polizeibehörden nach Kräften aus. Als seinerzeit bei ihren Protestversammlungen gegen die Moabiter Polizeischlachten die Sozialdemokratie wider alles Erwarten und gegen die vorherige Ankündigung der Scharfmacherpresse auf Straßendemonstrationen verzichtete. bemächtigte sich des Scharsmacherklüngels eine schmerzliche Enttäuschung. Es war gar zu schade, daß es für die am Abend vorher nach ganzen Wagenladungen auf allen Polizei- revieren verteilten Karabiner und Revolver so gar keine Schießgelegenheit gab! Mit einem Rest von Schamgefühl erklärte man damals, daß die Verteilung dieses Schieß- zeuges nur zufälligerweise am Vorabend der sozial- demokratischen Protestversammlungen erfolgt sei. Als ob nicht die zahllosen funkelnagelneuen Revolvergurte. die an jenem, Sonntag in Berlin zur Schau getragen wurden, nur zu deutlich bewiesen hätten, daß man tatsächlich auf ein neues Straßengemetzel rechnete!� Jetzt nun hoffen die Scharfmacher auf eine Stillung ihrer Sehnsucht. Wenigstens verkünden sie in der ganzen Scharfmacherpresse, daß im Norden Berlins am Wedding sich „ein neues Moabit vorbereite". Weil dort in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag und vom Sonntag zum Montag ein paar Trupps mehr oder minder angeheiterter Radau- brüder der Polizei einige beiläufig sehr harmlose Schar- mutze! geliefert haben, schreit die Scharfmacherpresse aus Leibeskrästön über die„Ausruhrgelüste", von denen nicht nur der Janhagel eines ganzen Stadtteils befallen sei. Die„Deutsche Tageszeitung" erklärt frisch und frech, es sei und bleibe Tatsache, daß hinter diesen Aufruhr- gelüsten die Sozialdemokratie stehe. Mit den Tumultuanten von Moabit habe sie sich s 0 l i d a r i s ch erklärt und auch jetzt wieder seien es organisierte Genossen, die in frivolster Weise die Tumulte herbeiführten. Wie lange noch solle der friedliche Bürger damit rechnen müssen, daß ganze Ber- ihrer Stadtteile alle paar Wochen zum Schauplatze wüster Massentumulte würden, fragt das Organ gegen die Erbschaftssteuer und für Wahlentrechtung am Schlüsse seiner Litanei pathetisch. Aber schon vorher hat es die Antwort auf diese Frage selbst gegebene„Nach unserer Ueberzeugung darf es nicht üblich werden, daß der Pöbel die Polizei tätlich angreift, mit Steinen und ähnlichen Wurf geschossen überschüttet, ohne daß sofort eine wirksame Ahndung mit der Waffe erfolgt; denn die Obrigkeit soll das Schwert nicht umsonst tragen." Und das andere Berliner Scharf machergeschwister, das Organ der Schlotjunker, die„Post", freut sich darüber, daß, nach einer Scherlmeldung, die Polizei künftig aus ihren Karabinern anfangs nur Salven abgeben, dann aber schleunigst ein Schnellfeuer auf die Menge eröffnen werde. Es sei gut, daß künftig nicht mehr lange gefackelt, fondern der Karabiner gegen die sozialdemokratischen Unruh- stifter angewandt werden solle! Daß als Dritte im Bunde die„Germania", das führende Zentrumsorgan nicht fehlen darf, verficht sich in diesen Zeiten der schwarz-blauen Verbrüderung zur Hintertreibung einer wirksamen Steuerheranziehung des Großgrundbesitzes und zur Vereitelung der preußischen Wahlreform ganz von selbst,„Man kann ein rücksichtsloses Einschreiten gegen den sozialistisch verseuchten Mob �tur wünschen", eifert die„Ger- mania" im unverfälschtesten Scharfmacherstil.„Daß ein U n° schuldiger bei einem Krawall auch mal einen Hieb ab- bekommt, läßt sich g a r n i ch t v e r m e i de n. Die Hauptsache ist, daß Ruhe und Ordnung aufrechterhalten werden." Also weil die Polizei mit einer Horde von Rowdies nicht sofort fertig werden kann, soll sie, wie in Moabit, auch Wahl- und rücksichtlos auf die Unschuldigen dreinschlagen, sott sie gar aus ihren Karabinern ein Schnellfeuer auf die Menge eröffnen! Man faßt sich an die Stirn. Hat denn dieZ Scharfmacher- geschmeiß in seinem infernalischen Sozialistenhaß ganz v e r- gessen, daß Bürgerblut denn doch ein ganz besonderer Saft ist?! Denkt es denn gar nicht daran, daß auch den Arbeiter- massen ganz genau bekannt ist, wie unendlich viel sich die Polizei gefallen läßt, welch unendliche Nachsicht sie an den Tag legt, wenn es Angehörigen der besitzenden Klassen gefällt, sie einmal in mehr oder minder gröblicher Weise zu foppen?! Hat man denn ganz vergessen, daß beispielsweise in Marburg an der Lahn ein starker Studentenhaufen die Polizeibeamten nicht nur angriff und verprügelte, sondern sogar einen regel- rechten Sturm auf die im Rathaus befindliche Polizeiwache unternahm! Damals ist weder auf die studentischen Tumul- tuanten geschossen worden, noch hat man ihnen Wimen Auf. ,ruhrs und Landfricdensbruchs den Prozeß gemacht� um sie zu schweren Freiheitsstrafen zu verurteilen! Aber freilich, diese Exzedenten waren ja keineProletarier, sondern sie waren Angehörige der„staatserhaltenden" Gesellschafts- Rassen, sie waren Bouraeoiiiesöhnchen und mög- licherweise künftige Richter und Staatsan- wälte! Tanmls hat kein bürgerliches Organ ein schärferes Vorgehen gegen deutschstudcntische Rowdies gefordert. Da- mals hat kein Scharfmacher die Ankündigung eines „Schnellfeuers auf die Menge" vermißt! Die grenzenlose Wut und der tobsüchtige Haß, der sich in solch unsäglich aufreizenden Scharfmacherergüssen ausrast, erklärt sich auch nur aus der politischen Lage heraus. Bereits am Montagnachmittag hielt es der„Vorwärts" für ange- bracht, die politischen Beweggründe unseres Scharfniacher- gesindels in einem Extrablatt zu beleuchten.„Aufruhr oder Wahlmnche" betitelten wir den Artikel unseres Extrablattes. Wir zeigten, daß das treibende Motiv der niederträchtigen Hetze gegen die«gaiusierte Arbeiterschaft nichts anderes ist, als die Angst vor der zerschmetternden Niederlage der Ne- aktion bei den nächsten Reichstagswahlen! In ihrer grenzen- losen Furcht vor der gerechten Vergeltung versuchen es nun- mehr die Scharsmacher mit der Entsesseluug eines Sozialistenschrecks. Durch die Revolutionslegende soll nicht nur das gesamte Ausbeutertum zusammengeschweißt, sondern auch das Kleinbürgertum, auch die Landbevölkerung vor der Sozialdemokratie mit Furcht und Abscheu erfüllt werden. Und weil der skandalöse Schwindel von dem angeblichen Auf- rühr in Moabit für die Zwecke unserer Scharfmacher noch nicht ausreicht, deshalb die Aufputschung der Regierung durch den berüchtigten Junker v. Oldenburg, der einen „energischen Stoß� forderte, der der Regierung das Drein- schlagen und Dreinschießen als„Programin der deutschen Zukunft" empfahl! In der Tat, wer möchte es leugnen, daß, wie wir in unserem Extrablatt schrieben, die Situation ganz die gleiche ist, wie im Attentatsjahre 1878? Daß, wie Bismarck damals durch den Attentatsschreck die Bourgeoisie für Schaffung von Ausnahmegesetzen gegen das Proletariat gewann, auch heute wiederum ein großes Kesseltreiben gegen die Sozialdemo- kratie im Gange, ein Vcrnichtungsfeldzug gegen die Arbeiter- organisationen geplant ist. Aberf rellich, darüber sollten sich unsere Gegner nicht täuschen; so leicht wie im Jahre 1878 läßt sich das Proletariat nicht mehr knebeln, so leicht läßt sich nicht einmal das Spießbürgertum gegen die Sozial- demokratie ins Gefecht bringen! Es genügt, die perfide Taktik des Scharfmachertums zu entlarven, um ihre verruchten Pläne im Keime zu ersticken. Es genügt, die Bolksmassen über die arglistige Provokationspolitik ihrer Todfeinde aufzn- klären, um diesen ihr Konzept gründlich zn verderben. Wir wiederholen deskssalb auch hier, was wir in unserem Extrablatt schrieben: Aber man möchte ja zu gern etwas inszenieren, das wirklich einer Straßenschlacht oder Revolte ähnlich sieht! Man braucht so etwas, um die Massen in den kleinen Städten und auf dem Lande gegen die Sozialdemokratie einzunehmen, um wieder Angstwahlen zustande zu bringen! Arbeiter! Parteigenossen! Angesichts dieser Situation ist es Eure Pflicht, die verbrecherischen Pläne unseres Scharf- machcrtums zu durchkreuzen! Der„Vorwärts" hat es während der traurigen Vor- kommnisse in Moabit wahrlich nicht an ddr schärfsten Kritik der polizeilichen Provokationen fehlen lassen und— als einzige Berliner Tageszeitung!— die Rechte der Bürger mit allem Nachdruck wahrgenonimcn. Der„Vorwärts" wird auch künftig mit unbeugsamer Energie die Rechte des Proletariats verfechten. Aber ange- sichts der tückischen Scharfmacherpläne können wir allen Ar- beitern und Parteiangehörigen nur immer wieder dringlichst einschärfen, sich durch nichts provozieren zu lassen! Daß die organisierte Arbeiterschaft mit den Exzessen am W e d d i n g so wenig zu tun hat wie in Moabit, brauchen wir nicht zu wiederholen! Sie ist nicht einmal verantwortlich für die Aufrufe zum Boy- k 0 t t über die Firma Morgenstern, die den Anlaß zu den Ansammlungen gegeben hat. Der Verband der Fleischer erklärt uns ausdrücklich, daß die zum Boykott auffordernden Flugblätter nicht von ihm. fondern lediglich von den an dem Streik beteiligten Gesellen ausgegangen sind! Aber der Nachweis, daß die politische und gewerkschast- liche Organisation des Proletariats keinerlei Verantwortung trägt für etwaige Ausschreitungen einzelner, genügt nicht der arglistigen Taktik der Scharfmacher gegenüber! Es ist die Pflicht der klassenbewußten Arbeiterschaft, dafür zu sorgen, daß unseren Scharfmachern möglichst jede Gelegenheit zu den heißersehnten Straßenmetzeleien genommen wird. Wie zur Zeit der Attentatshetze und des Schandgesetzes muß es heißen:„Die Polizei will schießen. Laßt Euch nicht provozieren!" Kein Arbeiter, keine Arbeiterfrau beteilige sich auö Neugierde an einer Ansammlung! Und jeder Partei- genösse» jede Parteigenossin suche die Indifferenten zu veranlasse», sich gleichfalls von der Straße fernzuhalten! Arbeiter! Parteigenossen! Macht die Wahlparole des Scharfmacherklüngels zu Schanden! Zeigt den Jniikern ü la Oldenburg und ihren Handlangern, daß das Volk ihnen nicht auf den Scharfmacherleim geht! Laßt die Polizei mit ihren Karabinern nud scharfen Patrone» getrost demonstrieren! Die Arbeiterschaft hält ihr Pulver trocken für die Schlacht mit geistigen Waffen, für die Abttchililiig bei den Ktillistllgsivllhltn! »• Schnellfeuer auf die JMcnge? Eine• seltsame Mitteilung machte in seiner Montags- nnminer das edle Scherl-Blatt. Wie es behauptete, wurde auf einer Konferenz im Polizeipräsidium beschlossen, bei einem„Angriff" auf die Schutziuannschaft mit einem Salvenfeiier aus den Polizeikarabinern zu antworten! Die je dreißig Mann starken Polizeipatronillcn sollen „in der Weiss schießen, daß alle dreißig M a n n sich auf ein Kommando platt auf den Boden legen und zuerst jeder dritte Mann einen Schuß abgibt, insgesamt sollen also zunächst zehn Schüsse abgefeuert iverden, die nach den Beinen der Exzedenten zu richten sind. Sollte das nicht helfen, so sollen sofort zwanzig weitere Schüsse abgegeben werden und nach einige» Sekunden die ganze Abteilung eine Salve abgeben. Habe auch dies keine Wirkung, so sollen andere mit Karabinern aus- gerüstete Abteilungen znsammgezogen und ei» Schnellfeuer aus die Menge eröffnet werden." Das„Berliner Tageblatt" erklärt, daß ihm auf einge- zogene Erkundigung von polizeilicher Seite diese Scherl-Nachricht als geradezu absurd bezeichnet worden sei. Absurd klingt die Meldung in der Tat; aber von den Anordnungen unserer Polizeibehörde könnte man nachgerade auch sagen: crodo, quia absurdum— ich glaube daran, weil sie absurd erscheinen l Oer Konflikt mit der firma JMorgcnftcrn. Herr Morgen st ern, der Inhaber einer großen Fleisch- und Wurstsabrik hat u. a. auch drei Verkaufsstellen, welche hauptsächlich an Arbeiterkundschaft verschleißen. Er hat mit dem Verband der Fleischer einen Vertrag abgeschlossen, nach dem er sich verpflichtete, nur organisierte Gesellen zn beschäftigen. Ans Liebe zur Organi- sation hat er das natürlich nicht getan. Das zeigte sich denn auch bald. Er stellte nämlich einen sogenannten„Gelben" als E r st g e s e l l e n ein, der sich schnell auch durch sein Auftreten bei den übrigen Gesellen unbeliebt machte. Die organisierten Gesellen verlangte» deshalb die Ein- Haltung des Vertrages und in Konsequenz dessen die Entlassung der vertragswidrig eingestellten„Gelben"! Herr Morgen- stern mußte nachgebe». Am anderen Morgen aber entließ er auch zwei der organisierten Gesellen. Im„Lokal-Anzcigex" ist die Rede von einem Entlassenen; das ist unrichtig. Im „Lokal-Anzeiger" wird dem angeblich entlassenen einen Gesellen nachgeradet, er habe mehrfach„blau gemacht", deswegen hätte man ihm gekündigt. Das ist gelogen! Alle Umstände ließen klar erkennen, daß es sich um ein Vorgehen gegen die Organisation, um eine Maßregelung der Entlassenen handelte. Um diese Maßregelung abzuwehren, haben die nicht entlassenen Kollegen der auS dem Betriebe HinauSbugsiertcn die Arbeit ebenfalls niedergelegt. Sie verlangen die Wiedereinstellnng der Gemäß- regelten. Das alles geschah ohne jede Ungehörig- keit, die einen Vorwand zum Eingreifen der Polizei hätte geben können. Die Streikenden inachen überhaupt einen außerordentlich shinpathischen und ruhigen Eindruck. AuSschreitungeii sind von ihrer Seite nicht zu erwarten. Und mm der Vohkott: Nach den Gepflogenheiten der Berliner Arbeiterschaft gilt der Boykott als ein letztes Mitel im Kampfe, das n i ch t 0 b n e Z u st i m m u» g der l e i t e n d e n P a r t e i- u» d G e w e r k s ch a f t S k r e i s c in Sl n w e n d n n g gebracht Iv i r d. Weder Parteileitung noch GewerkschaftSkommission sind vor der Ver- hängmig dcS Boykotts über das Morgcnstcrnsche Geschäft um ihre Zustimmung befragt worden. Dieser Aktion stehen beide Instanzen völlig fern. Der Verband der Fleischer als solcher, daS find wir antorisiert zu erklären, steht den Boykotterklärungen enthaltenden Hand- zetteln usw. fern. Dieselben sind lediglich von den am Streik be- teiligtcn Schlächtergesellcn veranlaßt worden. Der Verband betonte uns gegenüber durch seine Vertreter, daß er die Bcstimmlingen der organisierten Arbeiterschaft Berlins, nach denen Boykotts nur durch gemeinsame» Beschluß von Partei und Gewerkschaft verhängt werden kvmien, durchaus anerkennt und einhält. JSordöftllcb von JMoablt— Mer die Erwartung gehegt hatte, die Polizei werde sich an Sonntag im Gebiete Reinickendorfer, S ch c r e r-, Adolfstraße»ich oder doch mindestens nicht in größeren Rudeln sehen lassen, bei wurde schon am Frühnachmittag eines anderen belehrt. Die Ber liner Schutzmannschaft, der das Wohl der lieben„Arbeitswilligen 19 sehr and Kerz geiva'chsen ist, vefitfe'S. Sag sie selSer-s arSeits- willig ist. Um 2 Uhr nachmittags Die Rolläden rasieln eben herunter, denn eS war gerade 2 Uhr und damit Sonntagsgeschäftsschluß, da rückten vom Alexanderplatz her in vier Trupps ungefähr 60 Schutzleute an: mit Karabiner» ausgerüstet! Ihr Lager schlugen sie in der Utrechterstraße auf. Der aber, dem zu Ehren all die Kriegsrüstung inszeniert wird, her Fleischermeister Morgenstern, schloß seinen Laden. Der„Lolal-Anzeiger". der für seine Sonntagnummer wieder einmal das letzte Restchen Heu und Stroh aus der Polizeikrippe gefressen hat, wußte zu erzählen, in der ganzen Umgebung von Morgenstern seien„sämtliche Laternen zertrümmert", Eisenteile von den Ballonen gebrochen und als Wurfgeschosse auf die Schutzmannschaft geschleudert worden usw. Diese gruseligen Erzählungen sind allermindestens maßlos übertrieben, oder aber im Handumdrehen müssen die Heinzelmännchen alle Ballone und sämtliche Gaslaternen repariert haben(trotz der Sonn- tagsruhe); jedenfalls war selbst mit„bewaffnetem" Auge von den fürchterlichen Zerstörungen, die Scherls Schmocks apportiert hatten, nichts zu entdeckenl Während die<50 Karabinieri in der Utrechter Straße schuß- bereit lagen, nahmen die Reinickendorfer, Scherer- und Adolfstraße immer mehr und mehr, je tiefer sich der Abend herniedersenkte, daS Aussehen eines„blauen" Heerlagers an, bis das Bild gegen 10 Uhr abend? an Buntscheckigkeit kaum noch zu übertreffen war. Da sah man sie, in Uniform und in Zivil: Schutzmänner, Wachtmeister, Polizei- offiziere; und neben den Kriminalbeamten mit ihren bekannten Stöcken und den noch bekannteren Gesichtern fehlte es s e l b st- verständlich nicht an Achtgroschenspitzeln mit allem Drum und Dran. Zu Fuß, zu Roß, zu Rad— es war„alles da", wie der Berliner sagt. Sogar(die Polizei schien's gut vorzuhaben) an Samaritern vom Roten Kreuz fehlte es nicht, die in Stärke von etwa 20 Mann über das heimgesuchte Viertel zerstreut waren. Wer Kostümstudien liebt, kam auf seine Kosten, denn auch da war alles vertreten: Schutzmannshelm und-Mütze,-Mantel und -Pelerine, die l a n g e Hose, das Beinkleid in den Stulpenstiefel, die Gamasche des sprungbereiten Polizeiradfahrers. Und ein Aus- rüstungsgegenstand, war vor allem da— er, ohne den man sich den Berliner Schutzmann bald überhaupt nicht mehr vorstellen kann: der schußfertige Revolver I Unter den Revolvertaschen und -Gurten aber bemerkte man funkelnagelneue, doch auch solche, denen man schon ein gewisses ehrwürdiges Alter ansah und durch deren Lauf neulich in Moabit so mancher Schuß hindurchgerast sein mag.... Wenn eS trotz dieser polizeilichen Kampfbereitschaft nicht zu Mißhelligkeiten kam, so liegt das ganz einfach daran, daß man vernünftigerweise die Menschen in a l l e y Straßen frei passieren ließ. Die Knllppelgarde. Um?L11 Uhr kamen ein paar junge Männer die Adolfstraße herunter auf die Schererstraße zu. Sie hatten den Sonntag offen- bar in der üblichen Weise beim GlaS Bier gefeiert und waren guter Dinge. Sie sprachen lebhaft, sangen, kurz: sie benahmen sich so, wie sich in„normalen" Zeiten, zumal in der Nacht von Sonntag auf Montag, Tausende von jungen Leuten auf der Straße be- nehmen, ohne daß ihnen mehr geschieht, als daß äußerstenfalls ein Schutzmann sie zur Ruhe vermahnt und sie, wenn eS ganz arg kommt, zur Wache sistiert, worauf dann das bekannte Straf- Mandat über 3 M. ins Haus der„Sünder" fliegt. Nicht so Sonntag nacht gegen Uhr in der Adolfstraße. Sondern: als die jungen Leute sich der Schererstraße näherten, stürzten urplötzlich ein halbes Dutzend„Geheime" über sie her. Da gabs keine Vermahnung zur Ruhe, keine Legiti- mierung durch Blechmarke, keine Einladung zur Wache oder dergleichen. Da wurde überhaupt keinWortgesprochen, sondern nur gehauen, gehauen, gehauen! Bei der Hetzjagd, die nunmehr hinter den jungen Männern die Adolfstraße entlang veranstaltet wurde, verloren mehrere von ihnen den Hut. Und da konnte man beobachten, daß die Kriminal- schutzleute in sinnloser Wut„arbeiteten". Konnten sie den Fliehenden nicht mehr zu Leibe, so bekamen wenigstens die Hüte, die auf dem Straßendamm lagen, den Zorn der Beamten zu kosten, bis die unschuldigen Kopfbedeckungen total durchlöchert, zer- fetzt und völlig unbrauchbar waren. Nach dieser Heldentat zogen sich die Herren zu ihren uniformierten Kollegen in der Scherer- straße zurück. Eine halbe Stunde nach den zuletzt geschilderten Vorgängen, dag heißt um �12 Uhr nachts, lagen Reinickendorfer, Scherer- und Adolfstraße wieder ganz friedlich und ruhig da. Nur die Polizei- radfahrer hatten noch nicht Schicht. Langsam fuhren sie die Straßen ab, und besonders diejenigen, welche als„Arbeite r" eingekluftet waren, machten die Gegend unsicher, besonders einer, der— damit die Sache recht natürlich ausschaue— sich statt der Laterne eines Lampions bediente, mit dem er die Reinicken- dorferstraße durchirrlichterierte..., *** Wir haben in der Sonntagsnummer gefragt, ob es etwa auf dem Wedding ein neues Moabit göben soll? Die Nacht zum Sonntag und die zum Montag haben wieder einmal bewiesen, daß die Polizei„Krieg" und„Frieden" in ihrer Toga hat. Sie sollte nun endlich mal einsehen lernen, daß all das Streikbrecherkorps zusammengenommen wahrhaftig nicht die gesunden Knochen eines anständigen Berliner Arbeiters und Bürgers wert ist! Der„Hufruhr" in amtlicher Schilderung. Wie es bei dem Aufruhr der Revolutionsnacht vom 29. auf den 30. Oktober auf dem Wedding zuging, darüber gibt schon der amtliche Bericht für denkende Leser recht inter- essanten Aufschluß. In dieser amtlichen Darstellung, die durch das Wolffsche Bureau verbreitet worden ist und von den Polizeibehörden selb st geliefert wurde, spielten sich die Vorgänge folgendermaßen ab: Berlin, 30. Oktober.(Amtlicher Bericht.) Die Menschen- ansaminlungen aus Anlaß des AusstandeS der Schlächtergesellen der Firma Morgenstern, Schererstraße 8, haben am gestrigen Abend nachLadcnschluß einen großen Umfang angenommen und sind schließlich in Landsriedensbruch und Aufruhr ausgeartet. Während in der Geschäftszeit nur der großen Menschenmenge wegen die Scherer- straße durch die Sperrketten an der Ecke der Reinickendorfer und' Adolfstraße gesperrt werden mußte und beim Räumen der Straße wohl körperlicher Zwang, aber noch kein Waffengebrauch an- gewendet werden brauchte, wurden kurz nach 11 Uhr, als die größte Anzahl der Beamten auf der Wache des 107. Polizeireviers versammelt war, die beiden Beamten vor dem Morgensternschen Geschäftslokal mit Steinen angegriffen und mußten in der Notwehr von der Waffe Gebrauch machen. Mit den von Revier 107 sofort wieder herbeigerufenen Beamten, etwa 70 Mann und noch acht Berittenen, wurde jetzt die Neinickendorfer, Wiesen-, Kösliner, Max- und Adolfstraße wiederholt mit der blanken Waffe geräumt. Während des Tumultes sind von den Exzedentcn die Laternen in der Kösliner Straße sämtlich und in der Wiescnstraßo zum Teil ausgedreht worden. Nachdem die Laternen wieder an- gezündet worden waren, wurden sie teilweise mit Steinen zertrümmert. Die Polizeioffiziere, die an dieser Stelle Dienst hatten, sind sämtlich von Steinen ge- troffen worden, ohne daß sie indes ernst- lich verletzt wurden. Ein Beamter hat sich wegen einer unbedeutenden Verletzung an der Hand einen Verband anlegen lassen. Die Schutzmäiinschaft wurde sogar mit Steinen beworfen. als sie ruhig an der Ecke der Reinickendorfer- und Schererstraße stand. Mehrere Schaufensterscheiben wurden zertrümmert.„Blut- Hunde",„Räuber" und dergleichen wurde außer von den Tumultuanten auf der Straße auch aus den Häusern gerufen. In der KöSlinerstraße wurden die Bewohner durch Androhung des Schießens gezwungen, die Fenster zu schließen. Ein Schutzmann, der in Begleitung eines Kollegen eine Verkäuferin des Morgensternschen Ladens nach der nächsten Apotheke begleitete, ans welcher das Mädchen Verbandsstoff für einen ver- unglückten Schlächtergesellen holen sollte, und von den Rowdys mit Steinen beworfen wurde, gab zwei Schreckschüsse ab, ohne jedoch jemanden zu treffen. Es sind insgesamt 11 Per- sonen sistiert, darunter zwei Frauen, die„Bluthunde", „Verbrecher" usw. gerufen hatten. Einer von ihnen hat mit einem Stein geworfen, ein anderer hat die Gas- laternen ausgedreht. Auf eine Anzeige, daß in einem Lokal in der Kösliner Straße sich die Leute befänden, die in der genanten Straße die Laternen ausgedreht hätten, wurden mehrere Polizei- Mannschaften dorthin entsandt. Die sämtlichen Gäste, 36 Per- sonen, darunter vier Frauen, wurden unter starker Bedeckung nach dem 91. Polizeirevier geführt. Zwei Personen von den Sistierten wurden als Steinwerfer wiedererkannt und festgehalten; die übrigen wurden entlassen. Als die Schutzleute, die die Sistierten zur Wache gebracht hatten, nach der Reinickendorfer Straße zurückkehrten, mußte auf dem Nettelbeckplatz wieder von der Waffe Gebrauch gemacht werden, da dort die Bc- amten von einem Steinhagel empfangen wurden. In der Reinickendorfer Straße wnrde auf eine Abteilung, die im Vormarsch begriffen war, ein Schuß aus dem dahinter- liegenden Gelände abgegeben. Die Exzedenten konnten zum größten Teil nicht dingfest gemacht werden, weil sie bei den mehrfachen Attacken der Schutzmannschaft mit größter Eile flohen. Alle Aufforderungen an die Menge, sich zu zer« streuen, wurden mit Johlen, Pfeifen und Schimpfreden be- antwortet. Der Befehl zum Waffengebrauch wurde erst auf die gegen die Schutzmannschaft gerichteten Steinwürfe hin gegeben. Gegen 10 Uhr abends wurde die Feuerwehr durch den Melder vor dem Hause Wiesenstraße 36 böswillig alarmiert. Die Wehr setzte de» Melder außer Betrieb. Der Täter konnte nicht ermittelt werden. Die Beamten konnten erst zum grpßten Teil morgens gegen 3'/« Uhr entlassen werden. Daß man es bei diesen Aus- schreitungen auch wieder vielfach mit organisierten Arbeitern zu tun gehabt haben dürfte, geht wohl daraus hervor, daß mehrfach die Arbeitermarseillaise und andere Arbeiterlieder gesungen worden sind. In diesem amtlichen Berichte, der. wie wir wiederholen. wch daS offiziöfeDepefchenbureau verbreitet wurde und auch auf diesem Wege den„allerhöchsten Herr- schaften" zugeht, wird zum Schlüsse hervorgehoben, daß sich an den Ausschreitungen wieder vielfach organisierte Arbeiter beteiligt hätten. Das gehe wenigstens daraus hervor, daß mehrfach die Arbeitermarseillaise und andere Ar- beiterlieder gesungen worden feien. Dieser Hinweis erklärt sich aus der Tendenz, die Sozialdemokratie und die Gewerkschafts- o r g a n i s a t i o n e n für die Exzesse Einzelner verantwortlich zu machen. Man will dem Kaiser, dem Kronprinzen und all jenen, denen die Wolffschen Nachrichten zugehen, den Glauben beibringen, daß es sich nicht um die Radaulust von Rowdys. sondern um einen„Aufruhr" der Arbeiterschaft gehandelt habe. In Wirklichkeit bewiese das Singen der Arbeiter- Marseillaise und anderer Arbeiterlieder nicht das Geringste. n Großstädten und Arbeitervierteln kennt eben jedes i n d diese Arbeiterlieder, genau so wie auf dem platten Lande jedermann„Heil Dir im Siegerkranz" oder„Deutsch- land, Deutschland über alleS" kennt. So wenig aber jemand, der solch ein„patriotisches" Lied singt, darum Angehöriger einer konservativen Organisation zu sein braucht, so wenig ist jedermann, der die Arbeitermarseillaise singt, Mitglied einer sozialdemokratischen Organisation l Freilich, irgend etwas mußte man doch zur Anfchwärzung der Sozialdemokratie vorbringen. Denn mit dem, was man sonst zu erzählen vermochte, war ja kein Staat zu machen. Denn daß das Publikum in seiner Masse vernünftig und friedfertig war, bestätigt ja selbst die Polizei. Erst nach 11 Uhr kam eS zu Zusammenstößen. Es wurden Laternen ausgedreht, etliche Laternenscheiben zertrümmert, es wurde mit Steinen nach den Schutzleuten geworfen, ohne daß indes auch nur einer ernstlich verletzt worden wäre, ja es wurde sogar in der Reinickendorfer Straße„aus dem dahinter liegenden Gelände" ein Schuß abgefeuert. Wer den Schuß abgefeuert hat, das weiß man nicht, ebensowenig, wie man Steinwerfer auf frischer Tat erwischt zu haben scheint. Denn die famose Geschichte, daß man sämtliche Gäste eines Restaurants verhaftete, unter denen sich Steinwerfer befunden haben sollten, und daß man dann wirklich in zweien dieser Verhafteten„Steinwerfer wieder erkannt und fest- gehalten" habe, klingt doch gar zu wunderlichl Das wäre doch wirklich ein K u n st st ü ck. Leute wieder zu erkennen, die in der Dunkelheit und sicherlich doch aus einiger Entfernung mit Steinen geworfen haben I Wie uns mitgeteilt wird, handelt es sich übrigens 'bei den Sistierten um Mitglieder eines polnischen Sokolvereins, die nicht wenig erstaunt waren, als sie plötzlich zur Polizeiwache geschleppt wurden. Aber vielleicht folgert unsere scharfsinnige Polizei nunmehr aus diesem Umstand, daß es sich tatsächlich um einen organisierten Auf- rühr der Sozialdemokratie handelte, bei dem die Polen Helfers- dienste leisteten! Der Schwindel zieht nicht mehr! Die schönen Polizeimärchen, als die sich in Moabit die schaudererregenden Aufruhrschilderungen herausgestellt haben, finden auch mehr und mehr bei der bürgerlichen Presse keinen Glauben mehr. So schreibt das„Berliner Tageblatt": .Bon„schweren Straßentmnulten", von„Gewaltakten", von „schweren Ausschreitungen", die in ihrem ganzen„Arrangement"(!) an die Moabiter Vorfälle erinnerten, und gar„einen weit ernsteren Charakter" getragen haben sollen, kann nach den Aus- sagen von glaubwürdigen Augenzeugen keine Rede sein. Bewohner dieser Straßen und mehrere Polizeiwacht- m e i st e r und Schutzleute, die bei dem angeblichen„Auf- rühr" in der Nackt vom Sonnabend zum Sonntaa zuaeacn waren haben übereinstimmend versichert, daß Ausschreitangen halbwüchsiger Rolvdies, die besonders in den Nächten zum Sonnabend ihr Wesen zu treiben pflegen, zu einer staats- gefährlichen Revolte aufgebaulcht worden sind. Nach Versicherung von„beteiligten" Polizeibeamten ist keine ernste Ver- letzung vorgekommen. Auch sah man nicht„überall blutige Personen zu Boden stürzen." Ein einziges Schaufenster ist von den rauflustigen RowdieS zertrümmert worden; auch wurden in der Kösliner Straße einige Laternenscheiben ein- geworfen, Vorfälle, die sich an Sonnabendabenden in dieser Gegend nicht allzu selten ereignen und die immer durch die Row- dies geschehen, ohne daß sich die Polizei je veranlaßt sah, besondere Matzregeln zu treffen." Und in der„Welt am Montag" wird die„Polizei- belagerung auf dem Wedding" folgendermaßen geschildert: „Schon seit Mittwoch spielt die Geschichte. Zu Unruhen kam es jedoch erst Sonnabendabend. Allgemein wird wieder über das Vorgehen der Polizei geklagt. Die flinken RowdieS, die sich auch hier eingefunden hatten wie überall, wo viel Polizei auf den Beinen ist, konnte sie nicht erwischen. Dagegen wurden ruhige Arbeiter, die nach Hause wollten, mit Faust schlügen und Säbel- hieben von hinten bearbeitet. Ein Mann, der eine Frage an einen Schutzmann stellte, bekam von ihm sofort eine schallende Ohrfeige. Allerdings soll auch eine resolute Frau einem brutalen Schutzmann eine ordentliche Ohrfeige appliziert haben. Ein Mann, der bei einer Attacke der Schutzmannschaft im Fliehen hinfiel, wurde im Liegen so blutig geschlagen, daß es der Polizeileutnant selbst für nötig hielt, eine Droschke zu requiWeren, um ihn in ärztliche Behandlung zu bringen. Ein junger Mann, der in ein HauS hinein wollte, dem aber die Türe vor der Nase zugeschlagen wurde, bekam in der Türnische Säbelhiebe zu kosten. Entschieden bestreiten die Bewohner der Gegend, daß aus dem Publikum heraus geschossen worden sei. Dagegen haben sie aller- dings wiederholt die Polizei schießen sehen. Am gestrigen Sonntage begann die Polizei am Spät- Nachmittage die Patrouillen, die tagsüber sich auf der Straße zeigten, durch Herbeiziehung größerer Mannschaften zu verstärken. Und gegen Abend glich die Reinickendorfer Straße in der Nachbar- schast des Morgensternschen Geschäfts einem Polizeilager. Ueberall blitzten die Helmspitzen und Uniformknöpfe im Schein der wenigen Laternen auf, die diese? Stadtviertel besitzt. Diese Straßen sind miserabel beleuchtet. Und wenn nicht aus Kneipen und anderen Läden einiges Licht über das Trottoir fällt, ist es hier erbärmlich dunkel. Natürlich hatte die Massenversammlung der Schutzleute ein paar Hun- dert Neugierige angezogen, die langsam auf den TrottoirS promenierten. Unter ihnen bemerkte man eine größere Menge Geheimpolizisten, die jedoch nichts zu tun fanden. Vor den Haustüren standen in Gruppen die Bewohner, die Vorgänge besprechend und neugierig jeder Schutzmanns- Patrouille nachblickend. Auch die Vertreter der auswärtigen Presse hatten, trotz der blutigen Moabiter Erfahrungen, es sich nicht nehmen lassen, wiederum persönlich die Situation zu erforschen. Neugierig betrachteten sie das kleine, durch einen Stein Wurf erzeugte Loch in der Schallfensterscheibe eines neben dem Morgen- sternschen Laden belegenen Geschäfts. Sie mochten nachdenken über den tendenziösen Bericht, in dem behauptet wurde. daß die Menge Anstalten gemacht habe, durch dieses Loch das Schaufenster zu plündern; das Loch ist faustgroß und 2 Meter über dem Erdbobenil (Schluß siehe auf der vierten Seite), polirtlcbe(leberlicbr. Berlin, den 31. Oktober 1910. vom Wahlkampf in Labian-Wehlau. Aus dem Wahlkreise Labiau-Wehlau wird uns geschrieben: Die Konservativen und Freifinnigen halten fast jeden Tag zwei Wählerversammlungen in verschiedenen ländlichen Ortschaften ab. Den Sozialdemokraten steht dagegen nicht ein einziges VersammlungS- lokal zur Verfügung; doch stellen unS einzelne kleinere Besitzer be- reitwilligst ihre Grundstücks zur Verfügung. Bis jetzt haben aber Amtsvorsteher und Landrat jede von sozialdemokratischer Seite einberufene Versammlung zu verhindern gewußt. Trotzdem daS Ober- verwaltungSgericht am 26. April d. I. auf eine Klage des Genossen Linde entschieden hat, daß die Lersagung der Genehmigung einer Versammlung unter freiem Himmel im Dorfe Sch. des Kreises Labiau aus den vom AmtSvorsteher, Landrat und Regierungspräsidenten angeführten Gründen zu Unrecht erfolgt fei, ist jetzt wieder die Genehmigung zu einer Wählerversammlung aus demselben Grundstück unter Angabe derselben Gründe versagt worden. Die Beschwerde liegt jetzt beim Minister. Ein anderer Fall. Am 20. Oktober erklärte ein Besitzer auS dem Dorfe Kelladen schriftlich, dem Wahlkomitee jederzett sein Grundstück zur Abhaltung von sozialdemokratischen Wählerversammlungen zur Verfügung stellen zu wollen. Genosse Linde suchte darauf bei dem zuständigen Amts- Vorsteher die Genehmigung nach, die er auch durch Schreiben des SmtSvorsteherS erhielt. Aber schon am Tage darauf, am 26. Ok- tober, zog derselbe AmtSvorsteher in einem eingeschriebenen Briefe diese Genehmigung ohne Angabe von Gründen zurück. Von Linde persönlich nach den Gründen beftagt, erklärte er, der Besitzer in Kelladen hätte seine Zusage zurückgezogen. Außerdem hätte auch die Aufsichtsbehörde allerlei Bedenken. Linde begab sich nun sofort zu dem betreffenden Besitzer und erfuhr dort über den Sachverhalt tolgendeS; Am 27. Oktober vormittags, also am Tage nach dem Absenden des Briefes des Amtsvorst eher S, in dem die Genehmigung zurückgezogen wurde, erschien der AmtSvorsteher und sein Gendarm auf dem Hofe deS Besitzers in Kelladen und revidierte zunächst den Brunnen, der als reparaturbedürftig befunden wurde. Dann wurden genau die Grenzen deS Grundstück« besichtigt und die Grenznachbarn festgestellt. Darauf erklärte der AmtSvorsteher, der große geräumige Hof eigne sich wegen der in der Nähe befindlichen stroh- gedeckten Häuser nicht zur Abhaltung einer Versammlung. Als darauf erwidert wurde, dann könne ja die Versammlung auf dem freien Acker abgehalten werden, erkundigten die Herren sich genau. wo der sich im Walde befindende Besitzer anzutreffen sei. DaS Resultat deS Zusammentreffens zwischen Besitzer, AmtSvorsteher. Amtsdiener und Gendarm im Walde erfuhr Genosse Linde am anderen Morgen durch folgende eingeschriebene Karte: K e l l a d e n. den 27. 10. 10. Einschreiben. An Parteisekretär Herrn Hermann Linde, Königsberg. Ich teile Ihnen hierdurch ergebcnst mit, daß ich zu der von Ihnen am 30. d. MtS. auf meinem Grundstück beabsichtigten Abhaltung einer öffentlichen Versammlung nicht meine Erlaubnis erteile. Eraebenft Hildebrandt. Wie Zeder schon durch einen flüchtigen Vergleich der Briefe deZ Amtsvorstehers mit der Handschrift auf der Karte feststellen kann, ist diese Karte vom Amtsvorsteher Scheschonka auS Laukischken geschrieben. Der Besitzer hat nur seinen Namen darunter gekritzelt. ".* Mit welchem Hochdruck die konservative Parteileitung im Kreise Labiau-Wehlau für die Ersatzwahl arbeitet, die nunmehr auf den 2. Dezember anberaumt worden ist, zeigt ein vom Bund der Land- wirte erlasiencr Aufruf an seine Mitglieder. Es heißt in diesem Schriftstück: „Für die konservative Partei und Bund der Landwirte viel- leicht die schwerwiegendste Wahl, welche im Osten ausgefochten wird. Ist es doch Ehrenpflicht beider, für Ostpreußen die Scharte Oletzko-Lyck wieder auszuwetzen. Das muß unter allen Umständen durch einen glänzenden Wahlsieg unseres Kandidaten Burchard im ersten Wahlgang erreicht werden. Wir wollen und müssen den Beweis liefern, daß der demokratische Zug unserer Zeit an dem bewährten königstreuen und patriotischen Sinn der Ost- Preußen zerschellen soll. Es gilt ein Wahrzeichen aufzurichten, das diesen Gegnern mit weithin leuchtender Flammenschrift entgegen- ruft:„Bis hierher und nicht weiter." Der Ausfall dieser Wahl ist für die konservative Partei— nicht nur Ostpreußens— nein: Preußens und ganz Deutschlands von ausschlaggebender Be- deutung. Ihr für uns glücklicher Ausgang wird alle verzagten Gemüter wieder aufrichten und aller derer Herzen mit neuer Hoff- nung erfüllen, welche mit tiefem Schmerz auf die zügellos dcmo- kratische Entwickelung der letzten Jahre blicken." „Zuverlässige" Richter für Moabit. In Sachen der Moabiter Vorgänge hat eine Konferenz der Strafkammervorsitzenden dem Antrage der Staats- anwaltschaft zugestimmt. Es wird danach die Haupt- Verhandlung vor der dritten Strafkammer des Landgerichts l unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber stattfinden. Die erste Verhandlung findet schon am 9. November statt. Gegen die des Landfriedensbruchs angeklagten Personen findet Termin am 17. November vor dem Schwurgericht des Land- gerichts l unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors C rüg er statt. Fischer, Kopp und der Vatikan. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht unser Kölner Partei- blatt, die„Rhein. Ztg.", einige kleine interessante Enthüllungen über den Brief des Kardinals Kopp an Fräulein v. Schalscha: „Der alarmierende Brief Kardmal Kopps ist der„Kölnischen Volkszeitung" schon lange bekannt gewesen, bevor die liberale Presse von seiner Existenz zu berichten wußte. Aber sie hielt es für geraten, nach außen die Unwissende zu spielen. Der geistliche Redakteur Kirsch ist mit dem Briefe zu Fischer in daS Dekanat Heinsberg gereist, um die Eminenz von der fieundschastlichen Gesinnung des Breslauer Kirchen- fürsten zu überzeugen. Die Behauptung von der Verseuchung des Westens war noch nicht das stärkste, was der Brief enthielt— die hektographierten Abschristen sind nur Auszüge—, sondern Kardinal Kopp schreibt unter anderm auch, daß auch Rom dem Westen nicht mehr traue. Er habe von Rom aus den Auftrag er- halte«, nach Köln zu gehen zum Eucharistischen Kongresse, und zwar um der dort stattfindenden Bischofs- konferenz zu präsidieren. Auf seine Entschuldigung mit seiner kurz überstandenen Krankheit sei ihm von Rom die Antwort geworden, er müsse unter allen Umständen hin und wenn er sich tragen lasse, denn„dem Kardinal Fischer könne man nicht trauen". So wörtlich Kardinal Kopp. Uebrigens hat Kardinal Kopp in letzter Zeit einen anderen Brief gleichen Inhalts an den Präses der Jugendvereine Deutschlands Pfarrer Dr. Dranrmer in Aachen gerichtet. Der Brief enthielt mißbilligende Bemerkungen über Drammers„Faktotum", den Generalsekretär Mostert in Düsseldorf. Kaplan Mostert ging mit dem Briefe zu Kardinal Fischer und erhielt den Auftrag, dem Kardinal Kopp brieflich mitzuteilen, daß er sich eine Ein« Mischung inseine soz ia lp o liti sch e Tätig keit v er- bitte... Man sieht an diesen Beispielen, wie eS um den„Frieden" der Eminenzen bestellt ist. Der schroffe Gegensatz und die gegen- seitige persönliche Abneigung sind nach wie vor vorhanden und werden durch ölige Beschwichtigungsreden nicht aus der Welt geschafft."_ Konservative Opposition gegen die Januschanerei. Die politischen Hanswurstiaden des Herrn Kurt, Maria, Fürchte- aott, Elard v. Oldenburg auf Januschau werden selbst den kon- servativen Wählern im Kreise Elbing-Marienburg zu bunt. Der Hauptverein der Konservativen in Berlin hatte beim Konservativen Verein in E l b i n g angefragt, ob er nicht eine Aussprache der städtischen Wähler mit Herrn v. Oldenburg herbeiführen wolle. Der Verein lehnte es ab und begründete daS, wie folgt: „Der Verein hat von vornherein kein Hehl daraus gemacht, daß er in dem Auftreten des Bundes der Landwirte mit seinem rücksichtslos eigennützigen demagogischen Charakter eine Gefahr für die konservative Partei erblickt. Was wir befürchtet haben, hat sich leider erfüllt. Den Anschluß an die neukonservative Richtung, die ihre einzige Aufgabe darin erblickt, dem Bunde der Landwirte dien st bar zu sein, lehnt der konservative Verein zu Elbing ab. Er lehnt es deshalb auch ab, in der Wahlagitation für einen Kandidaten tätig zu fein, der dem Bunde der Landwirte an« gehört. Er hält es vielmehr für seine Pflicht, einen Kandidaten dieses Bundes, der als Mitglieder Angehörige aller Parteien auf- nimmt, um der konservativen Grundsätze willen und im Interesse des inneren Friedens zu bekämpfen. Der Konservative Verein wirkt deshalb mit an der Sammlung aller national ge- sinnten Elemente im Wahlkreise zum Kampfe gegen daS Demagogentum deö Bundes der Landwirte und der Sozialdemokratie. Die„Deutsche Tageszeitung" meint dazu, daß der konservative Hauptverein aus diesem Verhalten der Elbinger Konservativen die nötigen Konsequenzen zu ziehen habe. Preusien im Zeichen des Verkehrs. Mit der preußischen E i se n b a h n v e r w alt un g wurde in der letzten Stadtverordneten-Sitzung in Höh scheid bei Solingen, wo unsere Genossen bekanntlich die Mehrheit haben, scharf ins Gericht gegangen. Dem Vorgehen schlössen sich aber auch sämtliche bürgerliche Stadtverordnete ein- Nlütig an. Dem Vorgang lag nachstellender Sachverhalt zugrunde: Im Jahre IbSS wurde der auf Höhscheider Gemeindcgebiet liegende Haltepunkt Landwehr an der Eisenbahnstrecke Elber« feld-OHHgS-Köln eingerichtet. Die blutarme Gemeinde, in der zum größten Tetl Arbeiter wohnen, mußte das Gelände dafür unentgeltlich hergeben, über 6000 M. Kosten dem Fiskus zahlen und außerdem die Verpflichtung übernehmen, auf eigene Kosten einen Warteraum und einen Fahrkartenverkäufer zu stellen. Bei der' Eröffnung der Haltestelle hielten täglich je vier Züge beider Richtungen in Landwehr; der Fahrkartenvcrkauf war in- folgedessen damals noch nicht besonders umfangreich, und es fand sich daher auch ein Wirt in nächster Nähe des Haltepunktes, der den Kartellverkauf unentgeltlich übernahm. Inzwischen haben sich die Verhältnisse bedeutend geändert.; heute halten in beiden Richtungen der Bahnstrecke am Haltepunkt Landwehr schon zwölf Züge, der Fahrkartenvcrkauf beginnt schon vor ö Uhr morgens und dauert bis nach 1 Uhr nachts und hat infolge der lebhaften Eni- Wickelung der beiden Gemeindebezirke Höhscheid und Richrath, die auf den Haltepunkt angewiesen sind, einen solchen Umfang erreicht, daß jährlich für mehr als 30 000 M. Fahrkarten verkauft werden, und zwar fast ausschließlich Karten mit sehr niedrigem Fahrpreis. Unter diesen Umständen will kein Wirt den Fahrkartenverkauf mehr unentgeltlich besorgen; sie verlangen 3 Proz. des Umsatzes als Entschädigung; die Eisenbahnverwaltung Elberfeld besteht aber auf ihrem Schein und lehnt auch die geringste Entschädigung ab; sie fordert vielmehr nach lvie vor, daß die Gemeinde, die boch gewiß als Arbeits- und Arbeitergemeinde genügend Lasten zu tragen hat, ihr das„Bahnhofs- gebäude" mit dem„Vorsteher", dem Fahrkartenverkäufer, stellt. In der Stadtverordneten-Sitzung wurde an diesem Verhalten der Eisenbahnverwaltung scharfe Kritik geübt und ein Ausschuß gewählt, der dem Landtagsabgeordneten des Bezirks die Sache unterbreiten soll, damit sie im Landtage zur Sprache gebracht wird. Der jetzige Fahrkartenverkäufer will am 15. Januar seine Tätig- keit einstellen. Der Gemeinde Höhscheid bleibt deshalb vorläufig nichts anderes übrig, als den Fahrkartenverkäufer aus Gemeinde- Mitteln zu entschädigen._ Polen-Enteignung. Wie den„Elbinger Neuesten Nachrichten" gemeldet wird, ist dem Staatsministerium der fertig ausgearbeitete Autrag der Ansiedelungs- kommission auf Enteignung von siebzehn polnischen Gütern zugegangen_ Ziillichau-Krossen. Die Landratspresse des Kreises teilt mit: In der verflossenen Woche haben in unserem Wahlkreis die konservativen Wahlvereine Vertrauensmänner-Versammlungen abgehalten, in denen eiiistiminig der Sekretär der Handwerkskammer zu Hannover, Dr. Wienbcck, als Kandidat der rechtsstehenden Parteien für die ReichStagSwahl 1911 aufgestellt wurde. Dr. Wienbeck erklärte, der Reichspartei im Falle der Wahl beitreten zu wollen. Im übrigen trat er ein für Schutz- Zollpolitik und für Förderung des Mittelstandes. In den Versamm- lungen wurde zum Ausdruck gebracht, daß auch diesmal, wie bei den letzte» Wahlen, die nationalliberale Partei sich der Kandidatur anschließen möchte. Vertreten wurde der Kreis seit 1903 durch den Bürgermeister Schlüter-Sommerfeld Meichspartei). Schon im Vorjahre brachten wir die Mitteilung, daß Herr Schlüter sein Mandat niederlegen werde. Die Angst vor der roten Flut aber war. anscheinend der Grund, daß die Volksausbeuter es zu einer Nachwahl nicht kommen ließen._ franhrcicb. Der Freibrief der Gesetzlosigkeit. Paris, 39. Oktober.(Eig. Ber.) Wäre gestern abend nach Briands herausfordernder Erklärung die Abstimmung über die zur Streikpolitik der Regierung vorgelegten Tages- ordnungen vorgenommen worden, so wäre das Ministerium wahrscheinlich unterlegen. Noch niemals ist das Parlament der dritten Republik vor ein so offenes Bekennwis der Dikta- wr gestellt worden. In einem Augenblick schienen die Gegen- sätze der Linksparteien, ja die der Klassen selbst aufgehoben und die ideelle Solidarität hergestellt, die gemeinsam durch- gekämpfte Revolutionen erzeugen. Es war eine Szene von unerhörter dramatischer Gewalt, als zweihundert Republikaner mit ausgestrecktem Arm Genugtuung für das beleidigte Gesetz forderten und- seinem Verhöhner zuriefen, das von ihm cnt- würdigte Amt zu verlassen. Im tosenden Sturm der Em- pörung schien das Briandsche Piratenschiff verloren. Heute schwimmt es wieder in ruhigeren Gewässern. Aber es ist doch ein verlorenes Wrack. „Aber ich will Ihnen jetzt einen Satz sagen, der Sie emporfahren lassen wird. Wenn ich nicht die notwendigen Waffen gehabt hätte, uin die Sicherheit der Ordnung und der Landcsgrenzen aufrechtzuerhalten, wenn es nötig gewesen wäre, zur Illegalität zu greifen, ich hätte nicht gezögert..." Mit diesen Worten hat Briand das Ungewitter entfesselt. Nach einer halben Sekunde allgemeiner Verblüffung loderte auf der Linken die Entrüstung empor, während die Rechte und das Zentriun dem regierenden Staatsmann der radikalen Republik Beifall klatschten. Und dem vorstürzenden Genossen Colly, der den Herausforderer von der Tribüne zu verjagen suchte, stellte sich eine Schutzgarde von Monarchisten und Nationalisten entgegen. Fast eine volle Stunde dauerte da's wilde Brausen. Briand blieb aber auf der Tribüne und versuchte sich wenigstens den Stenographen verständlich zu machen. In den Morgenblättcrn bekam man eine offizielle Version seiner weiteren Rede zu lesen. Sie versucht, die Trag- iveite jenes Satzes abzuschwächen und eben diesem Zweck galt auch Briands heutige Rede in der Kammer. Das Parlament hat sie akzeptiert und damit eigentlich erst der ganzen Diskussion über den Streik ihre eigentliche Bedeutung wiedergegeben, die ihr durch die plötzliche Auf- rollung des„Falles Briand" verloren gegangen wäre. Eine Woche lang hat in der Kammer die Vertretung der französi- scheu Arbeiterklasse der geeinigten Bourgeoisie gegemiberge- standen, die bereit war, alle von der Regienmg zur Niederwerfung des Eisenbahnerstreiks verübten Willkürakte zu billigen. Noch Jaurds glänzende gestrige Rede galt vor allem der Feststellung dieser Rechtsbrüche. Wenn nun die Radikalen gestern auf einmal entrüstet waren, weil Briand erklärte, daß er unter Umständen zum Rechtsbruch bereit sei, so war ihre Entrüstung gleichwohl nicht Heuchelei. Der Glauben an die Rechtsgaranüen des bürgerlichen Staates ist eine für die vom Kapital ausgeplünderten kleinbürgerlichen und bürgerlichen Massen notwendige Illusion. Der Vulgärdemokrat, der ihr politisches Denken repräsentiert, setzt voraus, daß nicht nur der Bedrückte im demokratischen Staatswesen sein Recht finden kann und darum nicht autorisiert ist, sich vom Himmel die ewigen Rechte herunterzuholen und nach dem Schwert zu greifen, sondern auch der Regierende die Legalität unbedingt einhält. Darum haben auch heute rund hundert Radikale für die einfache Tagesordnung gesfimmt. Briand mag ja historisch- philosophisch tausendmal recht haben, wenn er behauptet, daß die Verteidigung der„nationalen", d. h. der Kapitalsinter- essen an der Legalität nicht Halt macht, aber das ist eine Wahr- heit, von der sich die bürgerliche Demokratie nicht Recfyenschäst geben kann, ohne an sich selbst zu verzweifeln. Aber freilich, in Briands Erklärung steckte doch noch etwas anderes, als der theoretische Ausspruch, daß in letzter Linie immer die Machtverhältnisse und nicht die gesetzlichen Formeln in der Politik wirksam sind. Was Briand wollte, war ein offener, unzweideutiger Appell an die Rechtsparteien. Der Gedanke war nicht so unklug und unüberlegt, wie es den An- schein hat. Briand hat nämlich richtig herausgefühlt, daß ihm die Diskussion der letzten Woche auch bei den radikalen Repu- blikanern einen schweren Schaden getan hat. Sie hat sein moralisches Ansehen vollständig vernichtet und gerade in der kleinbürgerlichen Demokratie, spielen moralische Werte immer eine gewisse Rolle. Anders in der Großbourgeoisie, die den Amoralismus der Marktwertung auch in das politische Leben überträgt und bei der feudalen Reaktion. In dem reaktionären „Gil BlaZ" hat man dieser Tage die cymsche Bemerkung über Briands Vergangenheit lesen können, es komme nicht darauf an, ob die Rampe schön geivesen sei, die Hauptsache bleibe doch der Schmetterling. Und das Blatt, das Briand mit den lautesten Jubelrufen als den Besieger der Revolution feiert, ist der nationalistische„Eclair". Briand gibt sich keiner Täuschung darüber hin, daß er auch von der republikanischen Bourgeoisie für die Zukunft nichts zu hoffen hat. Sie hat während des Streiks ihre Geschäfte gern von ihm besorgen lassen, aber auf die Dauer ist er ihr doch zu kompromittierend und zu unzuverlässig. So lag der Gedanke nahe, durch ein demonstratives Bekenntins zu beweisen, wie nahe er der Ge- dankenwelt der reaktionären Parteien steht. Dabei mögen auch persönliche Einflüsse mitgespielt haben. Jauräs spielt heute in der„Humanits" darauf an, indem er vom„dicken Weihrauch einer blödsinnig und greise gewordenen Aristo- kratie" spricht, die„an F o u ch 6" glaubt. Es ist bekannt, daß Briand im Salon gewisser feudaler LebeJmmen als pikantestes Dessert aufgetragen wird. Das mag dem Parvenü, der ehe- dem in den unsicheren Verhältnissen der Bohäme lebte, den Kopf verdreht haben. Damit soll nicht behauptet werden, daß Briand wirklich schon, wie der combistische„Rappel" glauben machen möchte, mit Staatsstreichplänen gespielt habe. Zum Bonaparte gehört doch etwas mehr als eine babouvistische Vergangenheit und zu einem 18. Brumaire eine andere Situation, als eine von der offiziösen Presse und der Polizei fabrizierte, aber vom Publikum nicht ernst genommene Ver- ängstigung. Darüber täuscht sich auch Briand schwerlich. Aber die Flucht zu den Reaktionären ist eben seine letzte Zuflucht. Briands Fall ist durch die heutige Sitzung aufgeschoben worden, er ist aber gleichwohl besiegelt. Die Entfernung dieses bei all seiner virtuosen Geschicklichkeit im Grunde un- bedeutenden Ehrgeizlings wird für das französische öffent- liche Leben sicher eine Reinigung bedeuten, den großen Kampf der Klassen wird sie nicht beeinflussen. Schon heute trat er wieder klar in Erscheinung, als Jules G u e s d e s Antrag auf Anklagcerhebung gegen Briand zur Abstimmung kam. Hier kam die Unterdrückungspolitik, die begangen, nicht die in Zukunft möglichen Gesetzesbrüche in Frage. Und siehe,: die Tagesordnung erhielt 75 Stimmen genau die der ge- einigten Sozialisten._ Das Vertrauensvotum für Briand. Paris, 30. Oktober, nachmittags. Die Sitzung der D e p u- tiertenkammer wurde in Gegenwart sämtlicher Minister und bei überfüllten Tribünen eröffnet. Kammerpräsident B r i s s o n verlas mehrere Tagesordnungen� diejenige, welche Raynaud im Namen der demokratischen Lmkev einbrachte und welche der Regierung das Vertrauen ausspricht, fand besonderen Beifall. Landry(unabhängiger Soziali st) billigte(I) die gestri- gen Worte Briands. Mini st erPräsident Briand betonte, der Lärm habe ihn gestern gehindert, seine Gedanken vollständig zur Kenntnis zu bringen. Er habe gesagt: ES gibt ernste Stunden, in welchen die Regierung zu Ausnahmemaßregeln Zu- flucht nehmen muß, er habe indes hinzugefügt, er sei immer glück- lich gewesen, sich auf dem Boden der Gesetzlichkeit bewegen zu können.(Widerspruch auf der äußersten Linken, Beifall auf den anderen Bänken.) Dann fuhr der Ministerpräsident fort: Heute, nachdem ich ernsten Ereignissen gegenübergestanden, die ich nicht voraussehen konnte und angesichts deren die Regierung nicht auf- gehört hat, ihren Willen zur Gerechtigkeit für alle zu bekunden ohne gewaltsame Unterdrückung mit Mäßigung und Zurückhaltung, trete ich. nachdem die Ordnung auf der Straße wiederhergestellt, vor Sie, ohne die Grenze der Gesetzlichkeit überschritten zu haben, ohne einen Tropfen Blut an den Händen und bitte Sie um das- selbe Vertrauen. Verweigern Sie es, so wird der„Diktator" sich beugen, wollen Sie ihn aber stürzen, so tuen Sie es am hellen Tage!(Beifall.) Briand schloß: Die Regierung kann dieses Haus nicht verlassen mit einem zweideutigen Vertrauensvotum, das ihr nicht gestatten würde, gewissen Ereignissen die Stirn zu bieten. Sie sagen, die Regierung sei reaktionär; gut, Sie haben sie in der Hand, zerbrechen Sie siel Aber ich bitte Sie, es am hellen Tage und nicht im Finstern zu tun!(Alle Minister beglückwünschen Briand und nehmen dann ihre Sitze auf der Ministerbank wieder ein.— Wiederholter, lebhafter Beifall im Zentrum und bei einem Teil der Linken.) C r u p p i erklärte, er habe gestern gegen die Worte Briands protestiert, weil er sie dahin verstanden habe, daß die Regierung sich über die Majorität hinwegsetzen wolle. Wenn Sie, fuhr Cruppi fort, Diktator sein wollen, dann haben Sie den Mut, es bis ans Ende zu sein! Wenn Sie aber unter den Re- publikanern Beruhigung wollen, so verzichten Sie auf Ihr Amt! Er, Cruppi. billige jedoch die von der Regierung getroffenen Maß- nahmen und ziehe seine tadelnde Tagesordnung zurück. Hierauf wurde die von der Regierung bekämpfte ein- fache Tagesordnung mit 384(jegen 155 Stimmen abgelehnt. G u e s d e(geeinigter Sozialist) forderte sodann die Kammer auf, daS Werk heilsamer Gerechtigkeit zu vollenden und den Ministerpräsidenten in den Anklagezustand zu versetzen. Seine in diesem Sinne gehaltene Tagesordnung wurde mit 503 gegen 75 Stimmen abgelehnt. Hierauf bat Briand, über die Tagesordnung Raynaud abzustimmen und stellte die Ver- trauensfrage hinsichtlich ihrer Priorität. Die Priorität wurde hierauf mit 346 gegen 183 Stimmen angenommen. Der erste Teil dieser Tagesordnung, welcher die Sabotage, die Gewalttätig- ketten und den AntiPatriotismus verurteilt, wurde mit 521 gegen eine Stimme, der zweite Teil, welcher die Mahnahmen der Re- gierung billigt, mit 415 gegen 116 Stimmen angenommen. Der dritte und letzte Teil, welcher der Regierung das Vertrauen ausdrückt, daß sie nach Recht und Gesetz die legitimen Interessen der Beamten und Arbeiter der Eisenbahnen, sowie die Freiheiten der Republik und die vitalen Interessen oeS Landes schützen werde. und welcher weiter jeden Zusatz ablehnt, wird mit 329 gegen 183 Stimmen angenommen. Schließlich wurde die ge- samte Tagesordnung Raynaud mit 388 gegen 94 Stimmen angc- nommen und die Sitzung geschlossen. Nächste Sitzung Donnerstag. Die reaktionäre Masse. Paris, 31. Oktober. Die Mehrheit, die für den dritten Teil der Tagesordnung, in dem der Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird, gestimmt hat, setzte sich zusammen aus 26 Mit- gliedern der Action Liberale Catholique, 3 Mitgliedern der Rechten, 15 Unabhängigen, 71 Progressisten, 71 Mitgliedern der demokra- tischen Linken, 79 Radikalen, 53 Sozialistisch-Radikalen, 8 nicht geeinigten Soziali st en, 2 Deputierten, die keiner Gruppe angehören, Briand und Millerand. Für die Eisenbahner. Paris, 31. Oktober. Der nationale Rat der geeinigten Sozialistenpartei hat in einer gestern abend abgehaltenen Versammlung beschlossen, durch Anschläge und Veröffent- lichungcn Anklage gegen das Ministerium zu erheben und am nächsten Sonnabend in den Großstädten eine große Kund- gebung zugunsten der Eisenbahner zu veranstalten. Lkw». Für die Verfassung. Peking, 31. Oktober. In der heutigen Sitzung des Reichsausschusses erklärte Prinz Su. die gesamte Nation stimme darin überein, daß eine baldige Ein- berufung des Parlaments not>v endig sei. Diese Erklärung wurde von langandauerndem Beifall begrüßt, da man sie als den Altsdruck der Zustimmung der Regierung ansah. Die Vergange auf dem Gedding in der lischt zum heutigen Dienstag. (Siehe anch den Leitartikel.) In der „Wie schön leuchtet der Morgenstern!"— so kann man wohl sagen, wenn man nach Einbruch der Dunkelheit die kurze Schererstraße betritt. Denn vor dem Laden des hartnäckigen Polizeifreundes und Schlächtermeisters Morgenstern leuchten vier Bogenlampen mit ihrem hellrosigen Lichte bis in die Reinicken- dovferstratze hinein. Sonst wenn die Abendbrotzeit nahte, sah man in deNr Riesenladen die Käufer Kopf an Kopf gedrängt, ja nicht selten kam es vor, daß die Menge sich vor dem Eingang auf der Straße staute/ solche Ueberfülle von Kunden drängte sich an manchem Abend zu den Waren des Herrn Morgenstern. Und seht? Die Mamsells im Laden langweilen sich: sie haben im Laufe des Tages blutwenig und am Abend so gut wie gar nichts zu tun! Das Proletariat des Weddings gibt dem robusten Unternehmer die beste, die fühlbarste Antwort, indem es seinen Laden meidet, seine Ware unberührt'verkommen läßt. Und voll- ends, seitdem die Polizei so lieblich in die Streitigkeit zwischen Morgenstern und seinen Gesellen eingegriffen hat! Gestern(Montag) abend von 6 Uhr bis zum Geschäftsschluß um 8 Uhr hat kaum ein halbes Dutzend Käufer oder Käuferinnen das appetitliche Lokal betreten, und unter dem halben Dutzend fand das geübte Auge gar noch ein paar„Renommierkunden" heraus: Schutzmaims- gattinnen und sonstige Frauen, denen es aus irgend welchen Gründen nicht darauf ankommt, bei der Bevölkerung des Weddings in Achtung und Ansehen zu stehen. Und wenn sich irgend welche Arbeiter oder deren Frauen etwa hinreißen lassen würden, diese „Renommierkunden" zu beschimpfen— wer weiß, ob„man" das an gewissen Stellen nicht ganz gern sähe. Uebrigens glaubte die Polizei im Laufe des Tages das„Ehr- gefühl" einiger überempfindlicher Käufer in ihre ganz besondere Obhut nehmen zu müssen. Eine Frau und zwei Männer, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten(unter den beiden Man- nern übrigens ein offenbar verrückter Beamter a. D.!), wurden hochnotpeinlich verhaftet! Aber das Proletariat des Weddings ist nicht bloß klassenbewußt, sondern auch klug: es läßt sich durch nichts und durch niemand provozieren, so daß selbst zu Zeiten, wo in der Schererstraße die Menge in dichten Scharen promenierte (gegen 7 Uhr) und von der Reinickendorfer Straße her die Karabiner der polizeilichen Radfahrer-Patrouille freundlich glänzten, die Ruhe und die„Ordnung" keinerlei Störung erlitt. Der gute Morgenstern! Wie dankbar muß er der lieben Polizei ftm! Die soll und will nicht dulden, daß zwei, drei Streik- Posten sich in der Nähe des Morgensternschen Ladens aufhalten, und jetzt wimmelt die ganze Schererstraße auf beiden Seiten von Hunderten und Aberhunderten von— Streikposten: Männern und Frauen, die die Polizei unmöglich abschieben kann, sie müßte denn den Verkehr in jener lebhaften Gegend durch Absperrungen stillegen. Womit wiederum am wenigsten dem werten Herrn Mor- genstern gedient wäre, der nun sehen mag, wie er aus der Zwick- mühle herauskommt, in die er selber hineingekrochen ist und aus der er sich nun selber herausfinden mag! siebenten Abendstunde verbreiteten unsere Partei- genossen in den Häusern des Wedding mit der gewohnten bewun- dernswerten Promptheit die Extra-Ausgabe, die der„Vorwärts" im Laufe des Montags herausgegeben hatte. Das Blatt forderte die Arbeiterschaft auf, sich von den Ansammlungen fernzuhalten und auch auf die Indifferenten in diesem Sinne zu wirken. Die Mah- nung fruchtete ganz augenscheinlich; denn in keinem Augenblick der Stunden von 7 Uhr an bis in die sinkende Nacht bot das Straßenbild im Morgenstern-Gebiet ein auch nur annähernd so bewegtes Bild wie in den entsprechenden Stunden der vorhergehen- den vier Tage. So fand denn die reitende Patrouille, die um 8 Uhr bei Morgenstern Fensterpromenade machte, „alles ruhig im Beritt!" Um 8 Uhr, auf die Sekunde(so pünktlich, wie sonst das ganze Jahr nicht), schloß nämlich Herr Morgenstern seinen schönen, großen, mit Waren vollgepackten, aber aller Kundschaft baren Laden. Gewiß hat der gute Mann erleichtert aufgeatmet, als er die Lampen löschen konnte; denn was die Beleuchtung kostet, so viel nimmt er jetzt den ganzen Tag über nicht ein-- vom V e r d i e n st und von den erhöhten Ausgaben für die Herren Streikbrecher ganz zu schweigen... Um Ü9 Uhr rückte die Knüppelgarde an: jene Kriminal- beamten, deren Methode wir oben kennen gelernt haben. Uebrigens scheint mancher dieser Herren nicht viel Wert darauf zu legen, daß man ihn erkenne. Opferte doch einer der„beliebtesten" von ihnen sogar die„Zierde des Mannes", seinen Spitzbart, auf dem Altar des Vaterlandes! In Berlin hat man sich jetzt acht Tage lang mit Revolver- Journalismus beschäftigt. Der Prozeß Bruhn geht zu Ende, in- zwischen ist für neuen Gesprächsstoff gesorgt: Revolver-Polizismus! Wann endlich wivd das gute Recht ehrlicher Arbeiter sich nicht mehr vor den Vorrechten der Kupfer, der Hintze, det Morgen- stern zu verkriechen brauchen? In Moabit hat der Streik bei Morgenstern noch keinerlei Un- ruhen hervorgerufen. Es stehen Doppelposten vor dem Fleischer- Warenladen in der Oldenburger Straße, und auch Kriminalbeamte sind in der Gegend unterwegs, aber sie haben nichts zu tun. Die Bevölkerung gibt ihnen auch nicht einmal den Schein eines Grundes zum Einschreiten.— » In der Kaiser-Wilhelmstrasse» vor dem Hauptgeschäft, wurden Ruhe und Ordnung in keiner Weise gestört. Die Leute wunderten sich nur über die vielen Polizisten, die zwischen Dircksen- und Münz- strahe patrouillierten. Ein Doppelposten stand vor dem Laden von Morgenstern, Kundschaft ging ein und aus, wenn auch nicht so zahlreich wie sonst, denn Morgenstern ist durch seine große Re- klame an starken Zuspruch in seinen Geschäften gewöhnt. Als am Abend die Geschäfte geschlossen wurden, erschien ein Polizeileutnanr, einige Kriminalbeamte und uniforinierte Polizisten, obgleich keinerlei Anlaß für so viel polizeiliche Fürsorge sichtbar war. An- sammlungen fanden in dieser Gegend bis zum späten Abend nicht statt. GewerKfcbaMkKe� fVicdricb Rintze ikt auch dal „Dient übrigens Hintze jetzt wirklich, dann dürften sich Krawalle& la Moabit vorläufig bei Streiks nicht wieder ereignen, es sei denn, dieses besonders nützliche Element er- hielte von Zeit zu Zeit einmal— Streikbrecherurlaub!" So schrieben wir am Freitag, nicht ahnend, daß kurze Zeit darauf Vorfälle auf dem Wedding dem„Lokal-An- zeiger",„dem einzigen Blatt, das Se, Majestät unzerschnitten liest", Anlaß zur Verleumdung der Bewohnerschaft des Weddings geben könnten, daß dort die Polizei in ähnlicher Machtentfaltung wie in Moabit auftauchen und die Polizei- strategie bluftge Pläne zur Niedermetzelung der Volksmassen ausdenken würde. Aber mit den blutrünstigen Polizei- berichten, mit den schwindelhaften Pressemeldungen, die beide auf Beeinflussung bestimmter Persönlichkeiten und der öffent- lichen poliftschen Meinung berechnet sind, ist zu gleicher Zeit auch der Held von Moabit wieder aufgetaucht. Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier! Friedrich Hintze ist wieder da! Er wohnt— wie man uns mitteilt— in der Auguststraße 29, im Plättkeller bei Lehmann. Da wir nicht an- nehmen können, daß die Polizei sich vor dem staatserhaltenden Browning oder dem Arsenal von Schlagringen Hintzes fürchtet, gelingt ihr vielleicht jetzt die Vorführung des Helden nach Leipzig, wo derselbe sich verantworten soll. Wie man uns weiter mitteilt, kann überhaupt keine Rede davon sein, daß Hintze ctlva„unauffindbar" wäre; seine Adresse sei in dem ominösen Plättkeller jederzeit zu erfahren. Daß Hintze wieder da ist, wird sicher in der ganzen Scharfmacherwelt mit Jubel begrüßt werden. Vielleicht engagiert ihn sich Herr Morgenstern, falls die Ge- schäftsverbindung etwa nicht bereits hergestellt ist. Herrn Hintzes Leute werden unter seiner persönlichen Leitung mit Wonne in der Schererstraße auf dem Wedding frische Blutwurst fabrizieren. Herrn v. I a g o w s Hilfe ist daniit für Herrn Morgenstern überflüssig! KerUn und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma D e w i t t n. H e r z, Georgenkirchstr. 24 befinden sich die Kollegen im Streik. Die Firma ist für Melollarbeiter gesperrt. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Oeutrches Reich. Zum Streik der Hamburger Cafäkelluer. Wie vor einiger Zeit berichtet, hat die Vertretung der orgcmi- siertcn Arbeiterschaft des Stäote komplexes Hamburg-Altoim-Wands- bek den Boykott über diejenigen Cafetiers verhängt, die ihre Kellner zwingen wollen, nach wie vor sich von den gewerblichen Stellenvermittlern ausbeuten zu lassen. Und um eine Ausbeutung schlimmster Art handelt es sich hier, da aus Grund der am 1. Ok- tober in Kraft getretenen- Gebührenordnung für die Vermittelung eines Cafekellners 24 M. gezahlt werden müssen. Steckt irgend ein Cafetier mit dem Vermittler unter einer Decke, so hat ein Kellner recht oft den exorbiant hohen, der Absicht des Gesetzgebers ins Gesicht schlagenden Gebührensatz zu zahlen. Die Cafetiers schieben allerdings andere Gründe vor, indem sie behaupten, daß sie tüchtige Leute haben und es daher ablehnen müßten, die ihnen vom kosten- losen Arbeitsnachweis der Gehilfen der Reihe nach zugeschickten Kellner anzustellen. Diese„Gründe" hat der Verein der Cafetiers auch dem Gewerbegericht gegenüber angegeben, das von der anderen Seite als Einigungsamt angerufen worden ist. Die Ausbeuter billiger Arbeitskräste haben eS nämlich abgelehnt, dort zu erscheinen, weil sie wissen, daß bei einem Hineinleuchten in die geradezu gegen die guten Sstten verstoßenden Zustände im Cafehausgewerbe sie vor einem unparteiischen Forum jämmerlich abschneiden würden. Also stolz lieb ich den Spanier! In ihrer Ablehnung behaupten die Cafetiers, die Kellner ver- dienten 3lKX>— 6000 M., diese seien eher Kapitalisten als Proletarier. Dann kommt der Haupttrumpf, den sie, um ihn recht wirksam zu gestalten, am Schluß des Elaborats ausspielen: „Es handelt sich für die Antragsteller gar nicht darum, ein gutes Einvernehmen herzustellen(sie haben es vielmehr durch ihr Streben nach einer„Organisaston auf der einzig richtigen Grund- läge der klassenbewußten Gewerkschaft" absichtlich in brutaler Weise gestört), sondern darum, eine offizielle Anerkennung als Fuhrer der gesamten Cafekellner zu erlangen. Dazu dürfen wir im Interesse des Publikums, in unserem Interesse und sogar(!) auch in dem eigenen Interesse, wenigstens des besseren Teiles der Cafekellner nicht verhelfen." Ergo müssen die Cafekellner von beiden Seiten weiter ausgo- beutet werden! Der Boykott hat übrigens einen guten Resonanzboden in der Bevölkerung gefunden, wie die fortgesetzten Kapitulastonen von CafeS beweisen. Die ungefähre Hälfte sämtlicher Cafes sind bereits boykottfvei._ Tschechische Agitation in Deutschland. In Sandhofen bei Mannheim sind in einer Jutespinnerei einige hundert tschechische Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt. Unter diesen wird von Böhmen aus eine Bewegung zum Anschluß an die tschechischen Organisationen inszeniert. Dieser Tage sollte ein tschechischer Agitator eine Versammlung abhalten. Sie kam nicht zustande, weil der Agitator angeblich in Hannover bei gleicher Arbeit festgehalten war. Die Versammlung soll demnächst stattfinden._ Eine Lohnbewegung in zwei Oelfabriten zu Mannheim endigte mit einer Lohnzulage von zwei Pfennig pro Stunde. Der Anfangslohn wurde von 37 auf 39 Pfennig, der Höchstlohn auf 46 Pfennig festgesetzt. Außerdem wurden einige Ver- besferungen der Arbeitsverhältnisse zugestanden. Husland. Kongreft der tschechischen Gewerkschaften. Prag, 30. Oktober. Im Nationalhaus(Narodei Dum) in Smichow trat heute der S. Kongreß der der Prager tschechischen Gewerkschastskommission angehörenden Gewerkschaften zusammen. Auf dem Kongreß sind außer den separatistischen tschechischen Gewerkschaften auch die in Böhmen befindlichen tschechischen Ortsgruppen der wenigen noch nicht gespaltenen zentralen Organisationen vertreten. Noch vor Beginn des Kongresses kam es zu einem kleinen Intermezzo. Es erschienen als Abgesandte des Smichower Po- lizeikommissariates ein junger, noch bartloser Bursche und erklärte, daß er kontrollieren müsse, ob auch alle Delegierten mit Ein- ladungen versehen seien. Trotz des Protestes der Einberufer be- gann er zu kontrollieren und erklärte gleich darauf den Kongreß für ausgelöst. Er ging auf das Kommissariat und kam mit einigen Polizisten zurück. Währenddessen telephonierten die Einberufer an die Polizeidirektion und protestierten dagegen, daß, während alle Parteien ungestört Kongresse abhalten können, die Sozialdemokraten schikaniert werden. Sie erklärten auch, daß man nur der Gewalt weichen werde. Von der Polizeidirektion wurde die Auflösung des Kongresses sofort rückgängig gemacht. Noch bevor die Polizeidirektion die ungesetzliche Verfügung des Polizeikommissars aufgehoben hatte, war der Kongreß vom Ab- geordneten Jarosch eröffnet worden. Er protestierte zunächst gegen die vom Polizeikommiffar verübte Provokation. Dann be- grüßt er die erschienenen Delegierten und gibt seiner Freude Aus- druck, daß zum erstenmal auch Delegierte aus Mähren und Nieder- österreich erschienen sind. Zum erstenmal sei die ganze Familie der tschechischen Gewerkschaftsbewegung beisammen. Aus welchen Gründen, sagt er, unser Streit nach Kopenhagen geschleppt, tvarum dort die berühmtesten Männer der Internationale mißbraucht wurden, ist bekannt. Als man'den Kopenhagener Beschluß er- zwungen hatte, ließen die Wiener Genossen ihren Leidenschaften die Zügel schießen. So, wie zu uns der Wiener Gewerkschafts- kongreß durch den Mund des Sekretärs Hueber gesprochen hat, der mit der Zerschlagung der politischen Partei(!) gedroht hat, so konnte vielleicht im Mittelalter der Feudalherr zu seinem Gesinde sprechen, so darf es aber nicht wagen ein Sozialdemokrat zum anderen zu sprechen. Die tschechischen Arbeiter lehnen die Bevor- mundung durch die deutschen ab. Er appelliert an die Delegierten, sich weder von ihren Leidenschaften hinreißen zu lassen, noch demütig den Nacken zu beugen. iLebHafter Beifall.) Abg. N e m e r teilt nun das Ergebnis der telephonischen Be- schwerde beim Polizeidirektor mit und beantragt hierauf eine Kundgebung gegen die Verteuerung aller Lebensmittel durch die Agrarier und die ihnen willfährige Negierung. Die beantragte Resolution wird einstimmig angenommen. In das Präsidium lverden dann Kruncrt, Jarosch und Zak gewählt. Abg. N e m e e begrüßt hierauf den Kongreß im Namen der tschechischen Parteiexekutive. Wichtiger als die Einheitlichkeit der Gewerkschaften sei die Einheit der Arbeiterbewegung jeder Nation. Wenn wir uns dagegen wehren, daß die tschechischen Arbeiter den �deutschen tributpflichtig und Untertan sind, sagt man, daß wir ein Verbrechen an der Internationale begehen. Hueber habe auf. dem Wiener Kongresse davon gesprochen, daß wir Expropriateure des Vereinsvermögens sind, das bedeutet aus dieser glatten Rede- weise ins tschechische übersetzt, daß man uns Diebe nennt(Huebei: hat nur darauf verwiesen, daß der separatistische Redakteur� der Bergarbeiter den Preßfonds des tschechischen zentralistischen Fach- blattes im Betrage von 50 000 Kronen in der Bank zu beheben suchte, um das Geld der neu zu gründenden separatistischen� Ge- werkschaft zuzuführen, und daß ähnliche Dinge auch bei der Spal- tung anderer Gewerkschaften begangen wurden.). Demgegenüber müsse man, sagt Nemee, konstatieren, daß hunderttausende Kronen von den tschechischen Arbeitern nach Wien geflossen sind, wovon diese nichts hätten.(!) Vors. Jarosch gedenkt noch der Toten der letzten Jahre, sowie des Kopenhagener Bürgermeisters K n u d s e n. Hierauf wird in die Tagesordnung eingetreten. Den Bericht über die Tätigkeit der tschechischen Gewerkschaftskommission erstattet der Gewerkschasts- sekretär Genosse Steiner. Er bespricht ausführlich die Entstehung des Gewerkschaftskonsliktes von allen Anfängen an und appelliert an die Delegierten, dafür zu sorgen, daß der Kampf in anständiger Form, nicht gewalttätig geführt werde. Die EntWickelung selbst werde das Wachstum der autonomen Organisationen mit sich bringen. Bei der internationalen Konferenz der Gewerkschaftssekretäre in Amsterdam vor sechs Jahren habe man erklärt, daß der tschechischen Kommission nur 8000 Mittglieder angehören, heute könne man ihre Zahl schon auf etwa 60 000 schätzen. Ihre Zahl wird auch weiter wachsen. Im Parlamente lverden sich Dinge er- eignen, die uns helfen werden. Die deutschen� Genossen werden von der Germanisierung der Behörden nicht ablassen wollen, daraus wird ein neuer Streit entstehen, und«das wird die Ursache einer neuen Bewegung in Böhmen und des Fortschrittes� in der Um- Wandlung der Organisation sein. Aus der tschechischen Gewerk- schaftskommission sind die Verbände der Maurer, der Schriftmaler und der Gießer ausgetreten. Der Redner beantragt, die Mittel, die der Gewerkschaftskommission zur Verfügung stehen, zu ver- mehren. Die Kommission hatte 3000 Kronen Desizit, die Einrich- tung der Sekretariate und der lokalen Gewerkschaftskommissionen in Mähren werde jährlich 6000 Kronen kosten, und diese 9000 Kronen müssen gedeckt werden. Ferner beantragt er, zum„Kartellfonds" einen Wochenbeitvag von 3 Heller pro Mitglied, wovon 80 Proz. jeder Organisation für ihre Kämpfe zur Verfiigung stehen sollen, während 20 Proz. als Solidaritätsfonds allen Branchen für den Notfall gewahrt bleiben sollen. Der Antrag wurde der Antragsprüfungskommission über- wiesen. Dann referiert Dr. Meißner über den neuen Straf- gesetzentwurf und das Attentat auf das Koalitionsrecht. Die Verhandlung wird hierauf abgebrochen. Morgen soll eine Resolution über den Gewerkschaftskonflikt ohne Debatte beschlossen werden. Sechster internationaler Metallarbeiterkongrest. Birmingham, den 29. Oktober 1910. Am Montag, den 31» Ok- tober beginnt hier der Sechste Internationale Metallarbeiterkongreß, der nicht nur von England, sondern besonders auch von dem euro- päischen Kontinent sehr stark besucht werden dürfte. Auf der Tages- ordnung stehen durchaus praktische Fragen. Neben dem Bericht des Sekretärs wird sich der Kongreß noch mit der Besserung der Gegen- seitigkeitsverhältnisse der Organisationen der einzelnen Länder be- schäftigen. Einem Beschluß des letzten Kongresses in Brüssel ent- sprechend hat der Sekretär dem diesjährigen Kongreß einen Vor- schlag unterbrettet, der allen Bundesvereinen zur Pflicht macht: 1. Auf gestellte Fragen anderer Vereine Auskunft, oder, wenn solche nicht möglich, mindestestns Antwort zu erteilen. 2. Mitglieder von Bundesvereinen im jeweiligen Auslände in den zuständigen Vereinen kostenlos zu übernehmen. 3. Bei Streiks und Aussperrungen ausländische Bundesvereine moralisch wie materiell zu unterstützen, Bei der Berschiedenartigkeit der Vereine und Anschauung be- schränkt sich der Vorschlag nur auf das allerno-twendigste. Er vermeidet bei Uebernahme von Mitgliedern die Gewährung von Rechten an diese und will sie von den jeweiligen Satzungen und etwaigen besonderen, einzelnen Bundesvereinen zu überlassenden Vereinbarungen abhängig machen. Ebenso sieht er materielle Unter- stützungen bei Kämpfen nur in dringenden Fällen, wo die Mittel der betreffenden Organisaston erschöpft sind oder ihre Existenz ge- fährdet ist, vor. Außerdem beschäftigt sich der Kongreß noch mit internationalen Erhebungen und dem schwedischen Großstreik im vorigen Jahre, bei dem ja bekanntlich der Internationale Metallarbeiterbund den kämpfenden Kollegen aus Mitteln der Bundesvereine 600 000 M. als Darlehen sofort zur Verfügung stellte und auch Sammlungen in den verschiedenen Ländern vornahm. Für den Kongreß sind drei Tage in Aussicht genommen. Leseabcnde. Nitder-Schöneweide. Dienstag, den l. November, 8>/z Uhr beim Ge- nossen Bengsch, Britzer Straße 16. Rixdorf(6. Bezirk). Dienstag, den 1. November, abends 8'/, Uhr: Oeffentliche Frauenversammlung im„Jdeal-Kasino", Weichsel- straße 8: Vortrag. Genossin Schulte:»Kaiser Wilhelm II., die Teuerung und die Frauen." lUtztc ffochriehtcm Ein Berliner Kunstmaler abgestürzt. 'Appenzell, 31. Oktober.(W. T. B.) Gestern ist der 22jährige Kunstmaler Otto Lamm aus Berlin, der in St. Gallen in Stellung war, bei einer Besteigung der Kreuzberge abgestürzt. Lamm, der den Aufftieg mit vier Berufsgenossen unternommen hatte, wollte sich an einer schwierigen Kletterstelle nicht anseilen lassen und stürzte über eine etwa 90 Meter hohe Wand in die Tiefe. Seine Leiche wurde nach Sax im Rheintal gebracht. Der Gcpäckträgerstrrik in New Dork. New Bork, 31. Oktober.(W. T. B.) Der Streik der Gepäck- träger, der hier vor einigen Tagen ausgebrochen ist, nimmt zu. Heute fanden an verschiedenen Stellen ernste Ausschreitungen statt; man befürchtet einen Ausstand der Gepäckträger im ganzen Laude. verantw.Redait.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf. Jnserateverantw.: rb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagsanstaU Paul Singer Sc Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u.Unterhaltungsbl, Nr. 256. 27. Jahrgang. t Kcil»ze im JoriBärls" Knlim Jdlliolilnft. Aitvstag, 1. November 1910. Huö der parteü Peter Knudsen. Die dänische Arbeiterschaft hat am Sonntag einen Mann zu Grabe geleitet, der Grotzes geleistet hat für die moderne Arbeiter- bewegung, für die Sozialdemokratie. Es war im Jahre 1870, als der Handschuhmacher Peter Knudsen vom sozialistischen Geiste erfaßt wurde und, nachdem er sich durch gründliches Studium der sozialistischen Literatur von der Wahrheit dieser Ideen überzeugt hatte, mehr und mehr seine ganze Kraft in den Dienst der Be. wegung stellte. 27 Jahre lang, von 1876 bis 1963, war er Vor- sitzender des Handschuhmacherverbandes und ebensoviele Jahre, nämlich vom Dezember 1882 bis zu seiner Wahl zum Bürgermeister im November 1969, Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei Dänemarks. Inzwischen war er auch eine Reihe von Jahren als LandsthingSabgeordneter und als Folkethingsabgeordneter tätig. Er wurde das erste Mal, 1896, von seiner Vaterstadt Randers in das Folkething gesandt, seit 1963 vertrat er jedoch den 16. Wahlkreis Kopenhagens. Genosse Knudsen entwickelte eine ungeheure Ar- beitskraft. Neben seiner Tätigkeit für die Partei und die Gewert- schaften war besonders auch die Sozialgesetzgebung sein Arbeits- fcld. Er hat sich selbst in den Reihen der Gegner allgemeine Hoch- achtung erworben. Die einzige Inkonsequenz, die ihm ein Blatt wie„Politiken" in seinem ehrenden Nachruf nachsagt, ist die, daß Knudsen so schön über den Achtstundentag zu reden verstand», während er selbst im Dienste der Bewegung seine 16 Stunden täglich arbeitete, daß er in Reden die Ruhe nach getaner Arbeit pries, während er sich selbst keine Ruhe gönnte, bis Krankheit und der Tod ihn zur Ruhe brachten. Er war schon längere Zeit herz- leidend, und schließlich kam noch eine Leberkrankheit hinzu, von der eine Heilung nicht mehr möglich war. Als Knudsen als einer der ersten Bannerträger und Bahnbrecher in die dänische Arbeiterbe wegung eintrat, war es nur eine kleine Schar von wenigen Hun- derten, die mit ihm war, heute sind cS mehr denn 166 666, die in dem kleinen Lande als organisierte Arbeiter und Genossen sich der Sozialdemokratie und modernen Arbeiterbewegung um das Banner scharen. *•* Eine Beileidskundgebung der deutschen Sozial» demokratie. Der Parteivorstand hat am Sonnabend an die Parteileitung iSet dänischen Sozialdemokratie folgendes Telegramm gesandt: „Dänischer Sozialdemokratischer Verband. Th. Stauning, Kopenhagen, Romersgade 22. Die �rauerkunde von dem plötzlichen Tode Eures unver- geßlichen Knudsen hat uns schmerzlich überrascht. Wir wissen mit Euch, was der Tote als Führer der dänischen Sozialdemo- kratie in einem an Erfolgen reichen Leben für den BefreiungS- kämpf der Arbeiterklasse gleistet hat. Aber auch unS wurde er als Euer Vertreter im Internationalen Sozialistischen Bureau «in guter Bekannter, ein lieber Freund und treuer Kampfgenosse. Wir trauern mit dem dänischen Proletariat an der Bahre Knudsens, der als sozialistischer Bürgermeister Kopenhagens vor wenigen Monaten noch in voller Frische die Arbeiterinternatio- nale so herzlich begrüßte, und sprechen Euch sm Namen der sozialdemokratischen Partei Deutschlands unser innigstes Beileid «M. Der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands." Reichötagskandidawr. In Dur lach(Baden) tagte am Sonntag eine gut besuchte Wahlkreiskonferenz für den Wahlkreis Pforzheim- Durlach, die die Aufstellung des Reichstagskandidaten vornahm. Es war zu entscheiden zwischen zwei Vorschlägen; der Partei- sekretär Oskar TrinkS in Karlsruhe erhielt 77 von 166 abgege benen Stimmen; für den Verbandsvorsitzenden Alex. Schlicke Stuttgart traten 21 Genossen ein. Genosse Trinis ist also als Kandidat proklamiert. Der Wahlkreis ist zurzeit durch den Genossen Eichhorn vertreten, der eine Wiedcraufstellung abgelehnt hat. kleines f euUleton. Theater. Deutsches Theater.„Herr und Diener* Schau- tstiel von Ludwig Fulda. Fulda folgt hier den Spuren von Hebbels„Gyges". Die Fabel spielt im Orient und operiert ganz wie die Hebbelsche mit den Verhältnissen und Stimmungen, die von den unierigen durch eine Welt getrennt sind. Verwundert schaut man den fremdartigen Geschöpfen auf der Bühne zu. Unter Wcgräumung der Widerstände und Hemmungen, die der freien Entfaltung einer Anlage uud Leidenschaft in jeder Wirklichkeit entgegentreten, in einer Art luftleeren Raumes konstruiert die Phantasie sich einen reinen Fall, ein Experiment, dem sie, was als Idee ihr vorschwebt, gedankenmäßig bis zu letzten Konsequenzen zu verfolgen sucht. Fulda in seinem Perserschauspiel der Vasallentreue, die sich durch keine Niedertracht eines vom Größenwahn ergriffenen GottcSgnaden- königs erschüttern läßt, eifert dem Borbild Hebbels auch in dieser Hinsicht nach. Wie im Gyges daS Schamgefühl wird hier die Treue des WesirS zum Schrbboleth erhoben. So wirkt das ganze, dem es an Feinheiten im einzelnen nicht fehlt, bei allem pathetischen Schwung der Reden akademisch kühl. Als illustrierende dramatische Erörterung eines Temas. Weitaus am höchsten steht, nach meinem Eindrucke, der erste Akt, der in geschickt gebauter Szenensolge die Grundmotive aufrollt. Odatis, die Perscrfürstin, erwartet den aus siegreichem Feldzug heim- kehrenden Gemahl bei festlichem Kricgsspiel. Der Ruhm, den Artaban, der Großwesier im Kampf gewonnen, hat ihren eifer- süchtigen Haß wider den Helden, der ihre dargebotene Liebe als Diener feines Herrn abgewiesen, neu entflammt. Der sie der- schmähte, der umjubelte Liebling des Volkes, soll gedemütigt, in seine staubgeborene Niedrigkeit zurückgeworfen werden. Sie stachelt des Königs kindischen Hochmut an. Gleich will er ihr beweisen, wer der Stärkere ist und fich im Lanzenkampf auf der Arena mit seinem Feldherrn messen. Artaban läßt sich in schuldigem Respekt gern be- siegen. Die eitle Naivität des Königs jubiliert. Odatis aber deckt die Täuschung auf und der erhabene Kronenträger, statt dem Helden für den bewiesenen Takt zu danken, verbannt ihn. Ein spigiges Epigramm auf die Gerechtigkeit der Könige I Daß Artaban auch diese Bosheit ohne Zorn erträgt, ist nur die erste Belastungsprobe seiner Treue. Im zweiten Akt drängt sich der Herr in seines Dieners Haus, um dessen junge« Weib zu entführen. Sie zückt das Messer wider den Tyrannen, und Artaban, der nur in Worten Gegenwehr gewagt hat, wird als Hochverräter vor Gericht gestellt. Odatis triumphiert erst über ihres Feindes Fall. Als sie von ArtabanS Gemahlin die Wahrheit hört, schreit sie in um so wilderer Empörung dem Gatten ihre Verachtung ins Gesicht. Der König will sich rächen, vor ihren Augen eine Demütigung deS Verhaßten erzwingen. Doch Artaban troijt dem Gebeiß, um fein Leben»u DaS Ende eines Hofgängers. Balthasar C r a m e r, der frühere sozialdemokratische Reichs- tagsabgeordnete für Darm st a dt und Landtagsabaeordneter für Neu-Jsenburg-Langen, hat seinen Austritt aus der Partei erklärt. Bekanntlich legte er vor einigen Jahren sein Reichs- tags- und Stadtverordnetenmandat nieder, weil streng kritisiert wurde, daß er zur Wahrung seiner Grundstücks- spekulanteninteressen den Großherzog gegen die Stadtverwaltung angerufen hatte. Seitdem spielte er keinerlei Rolle in der Partei mehr. polizeiliches, Gerichtliches ufw. Strafkonto der Parteipresse. Wegen Beleidigung des Titularprofessors Suchsland in Halle a. S. war Genosse Niebuhr vom dortigen„Volks- b l a t t" angeklagt worden. Er hatte in einem Artikel das Ge- baren des bekannten Konsunivcreinstöters und Agitators des Bundes der Landwirte in einer Klagesache gegen zwei rheinische Konsumvereine gebührend kritisiert. Obwohl Herr Suchsland geistiger und tatsächlicher Urheber der Klage gewesen, hatte er es doch für richtig befunden, in der gleichen Sache ein„Gutachten" abzugeben, war also Kläger und Sachverständiger sozusagen in einer Person. Da die Klage des Herrn sich gegen den„schlechten Ton" des Artikels richtete, wurde er vor Gericht wegen der Schimp- fcreien in seinen genossenschaftsfeindlichen Schriften arg herge- nommen. Der Staatsanwalt klagte im öffentlichen Interesse. Genosse Niebuhr wurde zu 366 M. Geldstrafe wegen formaler Beleidigung verurteilt. Der Staatsanwalt hatte gar drei Monate Gefängnis beantragt. )Ziis Industrie und Kandel. Konsttmentenplünderei international organisiert. Gerade jetzt, wo die Reaktionäre mit dem nationalen Lärm, mit geheuchelter Entrüstung über„internationalisierende Tendenzen" Stimmung zu machen suchen, dürfte folgende Mitteilung der „New-Iorker Handelsztg." interessieren. DaS Blatt schreibt: „Die Zusammenkunft von 266 leitenden amerikanischen und europäischen Stahl- und Eiseninteressenten, gelegentlich der Ende voriger Woche hier erfolgten Eröffnung des„American Jron u. Steel Institute", führte zu einem Gedankenaustausch inter- nationaler Art, dem weittragendste Bedeutung beizumessen ist, wenn auch nicht verkannt wird, daß noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, bevor die dabei gesprochenen Worte sich in reelle Tatsachen werden umwandeln können. Geschäft beruht zum größten Teil auf Vertrauen, und Ver- trauen kann nicht allein durch Worte gewonnen werden, dazu gehören Taten. Hauptsächlich auf die zukünftige Handlungsweise der United States Steel Corp. Co. kommt es an, ob der schöne Gedanke eines internationalen einträchtigen Zusammengehens, im Interesse der Industrie wie in dem der Konsumenten(siel), sich verwirklichen wird. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates der U. S. Steel Corp. und gleichzeitig Präsident des Instituts, Ex-Richter Elvert H. Gary, hieß in der Eröffnungsansprache die ausländischen Gäste besonders herzlich willkommen. Er beschrieb die Entwicke- lung der Stahlindustrie und wies dann auf die Notwendigkeit hin, schrankenlose Konkurrenz auszumerzen und eine Basis zur Vermeidung rapider Preisschwankungen und geschäftlicher Störungen in der Branche zu schaffen. Dabei redete er einer gesunden Konkurrenz durchaus das Wort; zu gleicher Zeit müßten aber die besten Beziehungen zwischen allen Beteiligten bestehen. Diese zu schaffen und aufrecht zu erhalten, sei der Zweck des neuen Instituts. Der Vertreter der Kruppschen Werke, Baron von Boden- hausen, gab ebenfalls der Auffassung Ausdruck, daß die Groß- industriellen aller Länder sich kennen und untereinander au courant halten sollten. Der Markt leide nie so viel darunter, was ein oder der andere Verkäufer und sein Konkurrent täten, als darunter, was gesagt werde, daß der Konkurrent tue. Wenn allgemein der Satz gelte, daß persönliche Bekanntschaft mit der Kundschaft das halbe Geschäft bedeute, so meine seiner Ansicht nach die Bekanntschaft mit der Konkurrenz die andere Hälfte. Auch Herr E. Schaltenbrand, Vorsitzender des deutschen Stahl- Verbandes, hielt eine Ansprache, welche großen Beifall fand. Leider war Herr Wilhelm Kestraiiek, von der Prager Eisen- industrie-Gesellschast, welcher ebenfalls als Redner auf dem Programm stand, durch Krankheit verhindert. betteln, bezeugt indessen seine noch immer ungebrochene Loyalität durch einen Kniefall vor dem Könige als König. Worauf der Herrscher im Bewußtsein, daß er das Spiel verloren, sich einen Dolch inS Herz stößt. Der Tyrann ist tot und der Diener wird seine Kraft von neuem einsetzen für Schutz und Schirm des Vaterlandes. Die ersten Kräfte der Reinhardtbühne ivirkten bei der Aufführung mit. Harry W a l d e n spielte den König, B a s s e r m a n n den Getreuen, Lueie Höflich seine junge Gattin. Wundervoll trotz des künstlich Konstruierten, das diese Rolle mit allen anderen im Stück gemein hat, fortreißend durch die Glut der Leidenschast war Tilla Durieux in der Figur der Königin. ät. Berliner Theater:„Der scharfe Junker Schauspiel von Georg Engel. DaS Stück, primitiv und flüchtig zusammengezimmert, hat unter der Schar langweiliger und ver- zeichneter Figureuschemen eine richtige mit draufgängerischer Keckheit hingeworfene Theaterrolle, und diese fand in Herrn C l e w i n g einen Darsteller, der virtuos treffsicher alle ihre Möglichleiten aus- schöpfte. Sein„scharfer Junker" war eS, der dem Drama den Er- folg gewann. Der Autor, der ein satirisches Teudenzstück wider das Agrarier- wm geschrieben hat, führt hier ei» junkerliches Exemplar vor. für daS er unverkennbar menschliche Sympathien hegt. Der typischen Arroganz, dem schnoddrigen Maulheldentum seines Barons von Bünzelwitz, der in frechen Ausfällen gegen politische Gegner hinter dem Januschauer nicht zurückbleibt, ist eine reichliche Dosis von Willensenergie, praltisch klarem Verstand und eine hinter schnarrenden Zynismen fortlebende Empfänglichleit für unverlünstelteS Gefühl hinzu- gesellt. Ein Unterton brutalerHerrschincht klingt aber überall vernehmlich durch. Eine herablassend ironisierende, verblüffende Unverschämtheit er- höht nur nocb den Eindruck seiner aristolraiischeu Allüren bei dem weib- lichen Geschlecht. Sie gibt den Grundton an für die Petruchiorolle, die er als Zäbmer einer Widerspenstigen im Stück zu spielen hat. DaS Fräulein ist die Tochter eines liberalen Guisbesitzers und soll vermutlich etwas wie ein modern emanzipiertes Mädchen vorstellen, bringt cS indessen über die verstanbtesten Romanphrasen nicht hinaus. Der Junker, der in hämischer Schadenfreude den Bankrott des städtischen Eindringlings begrüßt, ersteht das Gut bei der Versteigerung. AtS er das HauS besichtigt, empfängt die Jungfrau ihn niit einer Strafpredigt ob eines ihr vor Jahr und Tag applizierten KusieS. Auf den groben Klotz fetzt er den groben Keil, das sind die stimmungsvollen Präliminarien der beiderseitigen Verliebtheit. Im dritten Akt erst ergänzt sich dos Porträt des scharfen Junkers durch Züge einer wärmeren Empfindung. DaS Fräulein wird, unter mehr als windigen Motivierung vom Dichter auf daS Schloß zitiert. Je stachliger sie redet, um so deutlicher erkennt der Baron die Schön- heit ihrer Seele. Eine wohlverdiente Ohrfeige und ihre Flucht überzeuaen ihn vollends. Und in stürmisch unverschämter Werbung Der von einem englischen Groß-Jndustricllen, dem Direktor von Bolckow, Vaughan u. Co., Ltd., Middlesbrough, Herrn G. Scaby-Smith, geäußerte Gedanke, daß aus der hier gegebenen Anregung es zur Bildung eines internationalen Eisen- und Stahlinstttuts kommen möge, fand größten Anklang." Daß die Herrschaften den realen Zweck ihres Vorhabens, näm- lich den, die„bewährte" Syndikatspreispolitik, das heißt, die plan- mätzige Plünderung der Konsumenten auf internationale Basis zu stellen, durch schöne Redensarten, darunter auch die vom Interesse der Konsumenten, zu verschleiern suchen, ist ja erklärlich. Die lieben Volksgenossen werden nachher schon zu spüren bekommen, wie die Ueberpatrioten sie. national und international ausbeuten. Preispolitik der Kohlenbarone. Der Zufall, der ja meist malitiös zu sein pflegt, hat eS so gefügt, daß die Enthüllungen über die sauberen Machenschaften auf Zeche Radbod zeitlich zusammenfallen mit einer Meldung, der- zufolge das Oberschlesische Kohlensyndikat mit der Verwaltung der Sächsischen Staatsbahnen einen Vertrag abgeschlossen hat, bei dem der Preis für die Tonne Steinkohlen auf 7 M. festgesetzt wurde. Ob nun Oberschlesisches oder Rheinisch-westfälischeS Syndi- kat ist einerlei: Syndikat ist Syndikat! Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus. Und ein Syndikat gibt dem andern im Punkte Profitwut nichts nach. Darum wird auch niemand auf den Gedanken verfallen, das Syndikat verdiene an diesem Preise von 7 M. pro Tonne nichts. Das Syndikat sieht schon, wo es bleibt. Wohl aber ist dieser Preis geeignet, wieder einmal der breiten Oeffentlichkeit die Augen zu öffnen über die ungenierte und rücksichtslose Preispolitik, die die Kohlensyndikate zum Schaden der großen Masse der Steuerzahler treiben; denn für jeden anderen inländischen Abnehmer berechnen die Kohlenbarone nach wie vor einen um 6 M. höheren Preis und das Ausland nicht mal mehr als die Hälfte des Inlandspreises zu zahlen hat. Die„völkische Eigenart" der profitwütigen Bergherren bringt es fertig, das deutsche Volk in der skrupellosesten Weise übers Ohr zu hauen und erfreut sich dabei nicht nur des weitestgehenden Schutzes dieser Bestrebungen von feiten der Regierung, diese bringt es sogar fertig, die krasse Profitpolitik noch wurch eine Ausfuhrvergütung zu unterstützen! Alle Welt lacht noch heute darüber, mit welchem Dank das Kohlensyndikat dies freundliche Entgegenkommen be- lohnte, indem es dem preußischen Fiskus bei dem letzten Vertrags- abschluß vor drei Jahren, also zu einer Zeit, wo die der Hoch- konjunktur folgende Baisse schon mehr als deutlich zu spüren war, noch 1,56 M. pro Tonne mehr abnahm, als bei dem vorher- gehenden Vertrage und sich gleichzeitig diesen Vertrag ohne Baisse- klausel auf die Dauer von drei Jahren sicherte. Wie müssen sich die hochmögenden Herren vom Syndikat, die Geh. Kommerzienräte von Friedländer-Fuld und Arnhold, der Chef der Firma Caesar Wollheim, ins Fäustchen gelacht hoben, wie ihnen der allmächtige preußische Fiskus so ohne Widerrede ins Garn ging. Dieselbe Schlauheit, mit der der Fiskus auf den Schienenlieferungsvertrag mit dem Stahlwerksverband einging und der die unglaubliche Tat- fache zutage förderte, daß China seine aus Europa importierten Schienen billiger bezahlt als der preußische Staat, der so und so viele Hüttenwerke im eigenen Lande hat! Ja, man lacht über diese Reinfälle, genau so wie über das sonderbare Vorgehen der preußischen Bahnverwaltung, die den Versuch unternimmt, englische Kohle als Konkurrenz gegen die teuere einheimische hereinzunehmen uud die die Lieferung dieser englischen Kohle— dem preußischen Syndikat überträgt und damit natürlich ebenfalls glänzend herein- fällt! Man lacht, aber wer hat den Schaden zu bezahlen, der nach einer oberflächlichen Berechnung 76— 86 Millionen beträgt, die die Kohlenbarone schlucken? Die Masse der Steuerzahler, die Masse des arbeitenden Volkes, die Bergarbeiter, die bei willkürlich herab- gesetzten Gedingen fronen müssen, die Bergarbeiter, die durch „schwarze Listen" Heimat- und arbeitslos von Ort zu Ort gehetzt werden! Die Kohlenbarone Arm in Arm mit der Regierung, die das Aufsichtsrecht führt über die Gruben, deren minderwertige Einrichtungen zur allerschärfsten Kritik herausfordern, der Regie- rung, die sich mit ihrer sozialen Fürsorge bläht! Wahrlich, wir haben es herrlich weit gebracht! Sozialcd, Wozu ärztliche Ehrengerichte gnt sind! Ein Arzt in einem Vorort Kölns hatte den Eltern eines in der Schule mißhandelten Kindes ein Attest über den Befund des Schülers ausgestellt. Das Attest wurde in der erobert er nach einer Nacht voll banger Sorge das Jawort der Empörten. Eine mittelmäßige Darstellung der Mädchenrolle unterstrich nur noch die Unnatur. cht. Humor nnd Satire. . Der Scherl ist loSl Der Scherl ist loS, er regt sich wieder Ein bißchen auf, ein bißchen auf. Na. August, leg Dir man schon nieder. Denn schließlich nimmt doch allens wieder» Bastehste, den gewohnten Lauf. Erst hattst Du'S mit die Jesuiter In Portugal und so und so. Im Zorn um die geliebten Brüder Fuhr auf die Republik hernieder Der Schuß aus Deinem Preßpopo. Dann regien Dich die Moabiter Ein bißchen aus, ein bißchen aus, Das fuhr Dir, August, in die Glieder; Dabei ging fast ein Hektoliter Der besten Kaisertinte drauf. Nun mußt Du schon vom Wedding wieder Um Hilfe plärr'n, um Hilfe plärr'n: Der Mob reißt alle Schranken nieder, Friswauf und scharf gemacht, ihr Brüder~ Wie schön lencht' uns der Morgenstern! _ W e h r lv o l f. Notizen. — Theaterchronik. Im Nesidenztheater ist die Erstaufführung der Posse„Der Herr von Nr. 19" auf unbestimmte Zeit verschoben. — Vorträge. Ernst S ch.a ck l e t o n spricht am 6. November in der Singakademie über seine Südpolarreise. — Die Poriser„Acadernie des Goneourt", die gegenüber der„Aeademie Franyaise" der„46 Unsterblichen" die fort- schrittlichen Tendenzen in der Literatur verlritt, hat am Freitag den durch den Tod Jules Renards erledigten zehnten Sitz an eine Frau ver- geben: Judith G a u t i e r. Diese jetzt 66jährige Schriflstellerin ist die Tochter des berühmten Romantikers Thöophile Gantier, der ihr eine eigenartige Erziehung zuteil werden ließ. So ließ er sie in früher Jugend von einem chinesischen Professor unterrichten. Sie veröffentlichte schon mit 17 Jahren einen Roman, später folgten zahlreiche erzählende uud dramatische Dichtungen, die zun» Teil oft- asiatische Stoffe behandeln, Schriften über japanische Kunst, sehr interessante Memoiren u. a. Judith Gautier war auch unter den ersten französischen Vorkämpfern für R i ch a r d W a g n e r. Sie übersetzte mehrere seiner Werte und gab auch eine Schrift„Wagner und sein Werk" heraus. „Rheinischen Zeitung" veröffentlicht. Statt gegen den Lehrer nachdrücklich vorzugehen, veranlatzte die städtische Schulverwal- tung ein Verfahren gegen den Arzt, aber nicht etwa bei dem ordentlichen Gericht durch einen Strafantrag wegen Beleidi- gung des Lehrers, sondern bei dem ärztlichen Ehren- ge r i ch t für die Rheinprovinz. Der Arzt, übrigens ein Ntcht-„LeiPziger", lehnte das Ehrengericht wegen Befangenheit ab. gegen die Kölner Schulverwaltung aber erhob er Beschwerde bei dem preußischen Kultusminister; denn in den Akten des ärztlichen Ehren- gerichts war die folgende allerdings nicht für seine Augen bestimmte Randbemerkung enthalten gewesen: „Ich rate ab, gegen Dr. O. einen Strafantrag zu stellen, da er das Attest zum Gebrauch bei einer, Behörde aus- gestellt hat und ein ordentliches Gericht jeden- falls zur Freisprechung käme. Dagegen empfehle ich eventnell mit Beilage anderen Materials gegen Dr. O. Klage beim ärztlichen Ehrengericht zu Händen des Herrn Prof. Lent(Köln) zu erheben." Der Arzt fordert vom Kultusminister, daß er den Urheber dieser skandalösen Randnotiz ermittele und zur Bestrafung bringe. Der an leitender Stelle der Kölner Schulverwaltung stehende Verfasser glaubt offenbar, daß das Ehrengericht den Arzt nach Wunsch abnmrkst. Das beizu- fügende„andere Material", das sich gewiß auf die Kassenarzteigenschaft des Dr. O. bezieht und mit dem Fall an sich gar nichts zu schaffen hat, soll ihm den Hals brechen. Durch die Dunkelkammer des ärztlichen Standesgerichts, das mit Gegnern der Kassenärzte besetzt ist, soll das erreicht werden, wofür das ordentliche Gericht nie zu haben wäre. SericKts- Leitung. Eine haltlose Streikanklage. Als Schmiedemeister Ktipp in der Bergmannstraße seinen Arbeitswilligen fürsorglich nach Hause geleitete, traten einige Streikende hinzu und stellten dem Arbeitswilligen vor, er werde doch nicht ewig bei Kupp bleiben, man könne nicht wissen, wie es ihm gehen werde, wenn er an einer anderen Arbeitsstelle mit Kollegen zusammenkäme, die in den Arbeitswilligen Frevler gegen die gemeinsamen Interessen sähen. Einer von den Streikenden, die so mit dem Arbeitswilligen sprachen, nämlich der Schmied Liidickr, ist wegen dieses Vorganges unter Anklage gestellt. Gestern hatte er sich vor dem Schöffengericht Berlin-Tempelhof wegen Ber gehenS gegen§ 153 der Gewerbeordnung zu verantworten. Außer dem vorstehend angeführten Tatbestand konnte nichts weiter fest- gestellt werden, als daß bei der Unterredung auch das Wort«Streik- brecher" gebraucht worden ist, aber nicht, wer es gebraucht hat. Ob- gleich hiernach der Anklage jeder Boden entzogen war, hielt der Amtsanwalt dieselbe doch aufrecht und beantragte einen Monat Gefängnis. Das Gericht folgte den Darlegungen des Berteidigers Dr. OSkar Cohn Und sprach den Angeklagten frei. Die Justiz gegen Streikende. 1. Wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruchs und Ber- gehen gegen 8 153 der Gewerbeordnung hatte sich gestern der Schmied Hellmann vor der 133. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte zu verantworten. Der Angeklagte ging mit anderen Kollegen auf den Hof des Schmiedemeisters Schröder, um den dort beschäftigten Arbeitswilligen Kämpf, der sich vorher selbst am Streik beteiligt hatte, zur weiteren Beteiligung am Streik zu überreden. Der Meister kam hinzu und forderte die Streikenden auf, den Hof zu verlassen. Sie zogen sich zurück, kehrten dann wieder um und nun ergriff Meister Schröder eine dicke Stange, den sogenannteen Ziehbaum, mit den Worten:„Donnerwetter, wenn Ihr jetzt nicht macht, daß Ihr fortkommt, dann schlage ich dazwischen." Meister Schröder machte auch wirklich Miene, dreinzuschlagen. Da verließen die Streikenden eiligst den Hof. Inzwischen waren auch auf tele- phonisches Ersuchen des Meisters Schröder Schubleute hinzu- gekommen. Hellmann wurde festgenommen und unter Anklage gestellt. Er behauptet, die Aufforderung des Meisters nicht ge- hört, sich also des Hausfriedensbruchs nicht schuldig gemacht zu haben. Daß Hellmann mit den Arbeitswilligen des Meisters Schröder gesprochen oder gar sie im Sinne des Z 153 bedroht hat, konnte nicht festgestellt werden. Doch die Staatsanwaltschaft stützt die Anklage aus§ 153 auf folgenden Vorgang: Einen Tag nach dem eben, erzählten Vorfall wurde der Arbeitswillige Kämpf von Schröder zur Aushilfe nach dem Schmiedemeister Neumann ge- schickt. In der Furcht des bösen Gewissens— Kämpf hatte ja anfangs mitgestreikt und war der gemeinsamen Sache abtrünnig geworden— traute sich Kämpf nicht, den Weg zum Meister Neu- mann allein anzutreten. Deshalb ging er unter dem Schutz der Frau Neumann, die sich zutraute, ihren Schützling vor Belästi- aungen durch Streikende zu behüten. Die Gefahr der Belästigung kann asso nicht groß gewesen sein. Hellmann war der Meinung, Frau Neumann sei die Mutter des Arbeitswilligen. Er sagte des- halb zu ihr, sie möge doch ihren Sohn veranlassen, dah er nicht bei solchem Blutsauger arbeite.— Hierdurch soll nach Meinung der Staatsanwaltschaft der Tatbestand des§ 153 erfüllt sein. Wirklich beantragte auch der Vertreter der Anklagebehörde, den Ange- klagten aus Z 153 und wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruchs mit zwei Wochen Gefängnis zu bestrafen. Der Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfelb, forderte die Freisprechung des Angeklagten sowohl aus rechtlichen Gründen als auch deshalb, weil ,n tatsächlicher Hinsicht nicht festgestellt sei, ob der Angeklagte sich unter denen befand, die zum Verlassen des Hofes aufgefordert wurden. Aus§ 153 könne der Angeklagte schon deshalb nicht bestraft werden, weil die Aeußerung zu Frau Reumann allenfalls eine Beleidigung des Schmiedemeisters sein könne, aber auf keinen Fall als Bedrohung oder Ehrverletzung des Arbeitswilligen aufgefaßt werden könne. Das Gericht folgte dem Verteidiger soweit, daß es den An- geklagten des Vergehens gegen§ 153 freisprach. Dagegen wurde der Angeklagte wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruchs zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Das hohe Strafmaß bc- gründete der Vorsitzende, Amtsrichter Mehner, damit, daß der Angeklagte schon wegen Hausfriedensbruch vorbestraft ist und mit der Bemerkung: Solche Fälle wie der vorliegende dürsten nicht milde bestraft werden, denn man habe erst in den letzten Tagen sehen können, welche Folgen derartige Ausschreitungen bei Streiks m ihrer weiteren EntWickelung haben könnten. » 2. Ein zweiter, ganz ähnlicher Fall, wurde nach dem vor- stehenden vor demselben Gericht verhandelt. Dieser Vorgang spielte sich in der Wusterhausener Straße vor der Werkstatt des Schmiedemeisters Langer ab.— Eine Anzahl Streikender, die aus einer Versammlung kamen— es sollen nach Angabe der Be- lastungSzeugen etwa 150 gewesen sein— wollten auf den Hof Langers gehen. Etwa Ll) bis 30 hatten den Torweg passiert. Als der Arbeitswillige Zelinski den Ruf„Streikbrecher" hörte, per- steckte er sich. Gleichzeitig drangen zwei Schutzleute und Meister Langer von der Straße her durch die Menge, die nun sogleich auf die Straße zurückwich. Jetzt kam auch Zelinski, mit einer Radspeiche bewaffnet, aus seinem Versteck hervor. Die beiden Schutzleute griffen aus der Menge die Schmiede Hoffmann und Schülke heraus, die dann wegen gemeinschaftlichen Hausfriedens- briichö angeklagt worden sind. Beide Angeklagte gaben an, sie hätten den Hof nicht aus eigenem Willen betreten, sondern sie seien noch in der Menschen- menge auf der Straße gewesen und erst durch die von hinten nach- Krängenden Schutzleute und Langer guf den Hof getrieben worden. Hoffmann behauptet, Langer habe dann den Torweg hinter ihm geschlossen. Schülke behauptet sogar mit großer Bestimmtheit, er habe sich auf dem Bürgersteig der Straße befunden, als ihn einer der Schutzleute am Kragen packte und auf den Hof zog.— Langer Zelinski, sowie die Schuhleute Schreib und Lott behaupten dagegen ebenso bestimmt, daß die beiden Angeklagten auf dem Hofe fest- genommen worden seien, sie müßten demnach zu denen gehören welche den Hof zuerst betraten. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn, beantragte die Ladung dreier Zeugen— eines unbeteiligten Straßenpassanten und zweier Arbeiter, die von einem Neubau aus die Vorgänge be- obachtet haben— welche die Angaben der Angeklagten bestätigen würden. Das Gericht lehnte den Beweisantrag ab. Nachdem der AmtS- anwalt gegen jeden der Angeklagten einen Monat Gefängnis be- antragt hatte, forderte der Verteidiger ihre Freisprechung, weil ihre Schuld nicht erwiesen und der Hergang nicht aufgeklärt sei Der Verteidiger wiederholte seinen Beweisantrag für den Fall, daß das Gericht nicht zu einer Freisprechung kommen sollte. Doch das Gericht lehnte zum zweiten Male den Antrag ab und zwar, wie Amtsrichter Metzner in der Urteilsbegründung sagte. weil die vom Verteidiger benannten Zeugen, wenn sie vernommen würden die Glaubwürdigkeit der bereits vernommenen Zeugen nicht erschüttern könnten und weil sie auch als Mittäter in Frage kämen. In der Sache selbst nahm das Gericht die Beteiligung der Angeklagten an einem gemeinsamen Hausfriedensbruch als er- wiesen an und verurteilte jeden derselben zu zwei Wochen Gefäng- nis. Auch bei dieser Gelegenheit wies Amtsrichter Metzner wieder auf die möglichen Folgen von Streikausschreitungen hin. Zwar meinte er, daß die bei Streiks herrschende Erregung als Milderungs- grund anzusehen sei, auch hob er hervor, daß im vorliegenden Falle keine Drohungen vorgekommen sind, aber das Eindringen der Menge in den Hof sei eine Gewalttat, eine schwere Störung der Ordnung, die eine härtere als die Mindeststrafe verdienten, weil sie, wie man in letzter Zeit gesehen habe, schwere Störungen der Ordnung nach sich ziehen könnten. *** Die angeblichen Störungen aus letzter Zeit, über die keinerlei Beweis erhoben ist, für einen Monat vor diesen Vorgängen liegende Unfälle heranzuziehen, widerspricht aufs entschiedenste dem Rechtsgefühl._ Hus der Frauenbewegung. Die wachsende Konkurrenz der Frauenarbeit. Die Zunahme weiblicher Arbeitskräfte wächst nicht etwa im Verhältnis zur Zunahme der weiblichen Bevölkerung überhaupt, sondern sie wächst von Jahr zu Jahr wesentlich schneller. Die Bewegung der jährlichen Zunahme können wir aus den Mitgliederziffern unserer Kranlenkassen verfolgen, die zu einem großen Teil an die Berichterstattung des„Reichsarbeits- blattes" angeschlossen sind. Trennt man hier nach weiblichen und männlichen Mitgliedern, so stellt sich die Zunahme der weiblichen Mitglieder und damit der weiblichen Beschäftigten immer im Ver- gleich zum Vorjahr in Prozent, wie folgt: 1305 1903 1907 1908 1909 1910 6 7 9 6 9 3 Im Jahre 1910 ist die Zunahme deswegen geringer, weil erst die ersten neun Monate vorliegen und die letzten drei Monate gerade für Weibliche noch eine erhebliche Vermehrung zu bringen pflegen. Von Anfang 1906 bis September des laufenden Jahres ist die Zahl der weiblichen Beschäftigten um L6.4 Proz. in die Höhe gegangen; die Zunahme der weiblichen Bevölkerung aber betrug von 1891 bis 1896 nur 6,5 Proz. Bei der männlichen Be- v ö l k e r u n g hat die Vermehrung her gewerblichen Arbeitskräfte nicht entfernt solche Fortschritte gemacht wie bei der weiblichen. Während die männliche Bevölkerung von 1891 bis 1896 um rund 7 Proz. zunahm, ist die Zahl der männlichen Beschäftigten von 1906 auf 1910 um 13,9 Proz. gestiegen. Frauenlöhnr. Obwohl die Frauenarbeit stetig zunimmt und die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften von Jahr zu Jahr steigt, bleiben die Löhne der Frauen noch immer unter dem Niveau der männ- lichen Löhne. Die Frau wird auch in Berufen, die höhere An- forderungen an ihre Arbeitskraft und an ihre geistigen Fähigkeiten stellen, schlechter bezahlt als der Mann. Im Reichsarbeitsblatt finden wir eine Tabelle über die Löhne in der schlesischen Eisen- Industrie, der wir folgende Ziffern entnehmen: 1887 betrug der Durchschnittslohn der Männer 583,32 M., der der Frauen 224,26 M.; 1904 der der Männer 981,38 Mi, der der Frauen 321,85 M.; 1909 hatten die Männer einen Durch- schnittslohn von 1146,22 M. und die Frauen 369,18 M. Die Frauen erhalten nicht nur einen niedrigeren Lohn, er steigt auch in weit geringerem Maße als der Lohn der Männer. Das liegt zum Teil an der Bedürfnislosigkeit des weiblichen Proletariats, die sie verhindert, mit der gleichen Energie wie die Männer um höhere Löhne zu kämpfen. Es ist ferner ein Beweis, daß die Arbeitskraft der Frauen von dem Unternehmertum vor allem geschätzt wird, weil sie sich zu Lohndrückercien verwenden läßt. Aufgabe der Arbeiterbewegung ist es, nach Möglichkeit dem Prinzip: für gleiche Arbeit gleichen Lohn, praktische Bedeutung zu ver- schaffen._ Aus Preußens höhcrem Schulwesen. Ueber die Zahl der weiblichen akademisch gebildeten Lehr- kräfte enthält die neueste Auflage des Kunzeschen Kalenders für das höhere Schulwesen Preußens interessante Angaben. Den zirka 9400 angestellten Direktoren, Professoren und Oberlehrern stehen acht angestellte Oberlehrerinnen mit dem Zeugnis pro kac. doc. gegenüber. Von diesen entfallen drei auf Grotz-Berlin(zwei aus Schöneberg, eine auf Wilmersdorf) und je eine auf Köln, Hannover, Greifswald. Königsberg und Liegnitz. Im Vorbereitungsdienst befinden sich sieben anstellungSsähijje Kandidatinnen, sechs Pro- bandinnen und sieben Scminarmitglieder, zusammen zwanzig Damen gegenüber 2250 Herren in entsprechender Stellung. Von den insgesamt 28 Lehrerinnen haben nicht weniger als vierzehn alte Sprachen studiert. Die meisten Damen, 18, haben die Lehr- befähigung für Deutsch erworben, neun für Geschichte, neun für Propädeutik, acht für Französisch, sechs für Englisch, fünf für Religion und drei für Mathematik. Die Naturwissenschaften sind wenig vertreten, nur je einmal mit Chemie. Physik und Botanik. Da den Frauen das Universitätsstudium jetzt unter den gleichen Bedingungen wie den Männern eröffnet ist. wird mit einem weiteren starken Anwachsen der Zahl der akademisch vorgebildeten Lehrerinnen zu rechnen sein. Daß die Leitung deS öffentlichen höheren Mädchenschulwesens nicht mehr ausschließlich in den Händen des männlichen Geschlechts liegt, weist der Kalender auch nach. Unter den 225 aufgeführten Leitern von höheren Mädchenanstalten gibt eS zwölf weibliche.___ Huo aller«lest. Ein|W«nrd«nfmracll Die teueren Fleischpreise und die dadurch bedingte UnterernSh- rung der Arbeiterschasl hat den Fabrikanten PeterS aus Neviges im Kreise Düsseldorf nicht schlafen lassen. Vielleicht hat auch der Ruhm, den sich seinerzeit der Zentrumsabgeordnete Hitze mit der Zusammenstellung eines Armeleute-SpeifezettelS erwarb. Herrn Peters zur Nacheiferung angespornt. Kurz und gut, Herr Peters band sich in der wenigen freien Zeit, die ihn sein Fabrikanten- beruf ließ, eine Küchenschürze seiner Frau um und kochte sich eine Anzahl Armeleute-Speiserezepte zusammen. Die ein- z e l n e n Portionen sind für eine Familie von vier er» wachsenen Personen berechnet und sehen so aus: Sonntag:3 Pfund Sauerkraut 9 Pf., 5 Pfund Kar» toffeln 15 Pf..-/< Pfund frischer Speck 20 Pf.. Summa 44 Pf. Montag: IVa Pfund Erbsen in Suppe 25 Pf., 6 Pfund Kartoffeln 18 Pf., 1 Pfund frische Schweineknochen 4 Pf., Summa 47 Pf. Dienstag: Vs Pfund Gerste in Suppe 10 Pf., 6 Pfund Kartoffeln 18 Pf., Wurstbrühe oder Bultermilck 7 Pf., Summa Tb Pf. Mittwoch: VU Pfund weiße Bohnen in Suppe 24 Pf., 5 Pfund Kartoffeln 15 Pf., Oel und Zwiebeln 4 Pf., Summa 45 Pf. Donnerstag: 7 Pfund Kartoffeln 21 Pf.. Zwiebel» fauce mit Oel 4 Pf., l'/z Pfund Panhans 20 Pf., Summa 45 Pf. Freitag: 4 Pfund Kartoffeln 12 Pf.. 1 Pfund Buchweizenmehl in Pfannkuchen 20 Pf., Fett zu Suppe und Oel zu Kuchen 7 Pf. Summa 39 Pf. Sonnabend: l'/z Pfund Reis in Suppe 9 Pf., 5 Pfund Kartoffeln 15 Pf., 1 Liter Wurstbrühe 4 Pf. Sunima 28 Pf. Das macht für die ganze Woche 2,81 M., pro Person 70 Pf., also 10 Pfennige täglich. Wir wissen leider nicht, ob Herr Peters seine Wurstbrühe und andere Delikatessen am eigenen Leibe erprobt hat, können es auch nicht annehmen, da sonst die Blätter schon längst das Hinscheiden deS Volksfreundes an Hungertyphus gemeldet hätten. Oder hat etwa der Herr Fabrikant diese Diners für die bei ihm beschäftigten Arbeiter komponiert, um ihnen Ersatz für niedrigen Lohn zu geben? Der Begründer des Roten Kreuzes gestorben. In dem Schweizer Orte Heiden ist am Sonntag im Alter von 82 Jahren der bekannte Philantrop Henry Dunant, Be» gründer und Organisator der Roten Kreuz-Ge» s e l l s ch a f t, gestorben» Der Verstorbene lernte im Krimkrieg (1854—56) die Schrecken des Krieges kennen. Die furchtbaren Ein- drücke, die Dunant durch den in System gebrachten Menschemnord empfing, regten ihn zur Organisation der Verwundetenpflege wäh- rend des italienischen Krieges(1859) an. Er opferte dem menschenfreundlichen Werke einen großen Teil seines Vermögens. Aus diesen kleinen Anfängen heraus entwickelte sich später die Genfer Konvention, die für die beteiligten Staaten Neu- tralität der Verwundeten und deren Pfleger vorschreibt. 38 Staaten gehören heute der Konvention an. Der eigentliche Organisator des Werkes der Nächstenliebe geriet bald in Vergessenheit; in stiller Abgeschiedenheit von der Welt hat Dunant seine letzten Lebensjahr« verbracht. Mit ihm ist ein guter Mensch von der Erde gegangen. Ucberlandflug Bork-Johannisthal. Der zweimal verschobene Ueberlandflug vom Flugfeld MarS bei Bork nach Jobannislhal fand am Sonntag endlich statt. Leider beteiligten sich nur drei Avinliker an dem Wettflirgen. vermutlich infolge der nicht gerade allzu hohen Preise. Alle drei Konkurrenten erreichten glücklich»hne Unfall und Zwischenlandung das Flugfeld negier 8, der in Bork um 2 Uhr 14 Minuten startete. kam in einer Höhe von etwa 250 Metern um 2 Uhr 55 Minuten 10 Sekunden hier an; Fkugzeit 41 Minuten 10 Sekunden. Gr ade, der in Bork um 2 Uhr 23 Minuten startete, traf in einer Höhe von ungefähr 50 Metern um 3 Uhr 19 Minuten 30 Sekunden hier ein; Elugzcit: 53 Minuten 30 Sekunden» Thelen, der in Bork um Uhr 34 Minuten 30 Sekunden aufftieg, kam in einer Höhe von etwa 200 Metern um 3 Uhr 30 Minuten 45 Sekunden hier an; Flug- zeit 56 Minuten 15 Sekunden. Das Wetter war sehr schön und fast windstill. Den ersten Preis von 2500 M. erhielt WienczierS, den zweiten Preis von 1500 M. Grade und den dritten Preis in Höhe von 1000 M. Theten._ Das Gordon-Bennett-Fliege« der Aeroplane. Bei dem Gordon-Bennett-Fliegen der Aeroplane trug Graham White auf seinen Bleriowpparat mit 100 LS.-Motor den Sieg davon. Er legte 100 Kilometer in 1 Stunde 1 Minute zurück, womit er einen neuen Wettrekord aufftellte. L a t h a m, der gleich- falls um den Preis konkurrierte, gab nach Zurücklegung einer Strecke von 75 Kilometern, wozu er 50 Minuten gebrauchte, den Kampf auf, weil er, der durch lebhaften Wind behindert war, den Vor» sprung WhiteS nicht mehr einzuholen vermochte.— Bei dem Flug um die Freiheitsstawe im Hafen von New Fork fiel dem Bleriot- Piloten Moisant der Preis von 10000 Dollars zu. Die verbrannte Leiche. Ein eigenartiger Unfall ereignete sich dieser Tage in Dortmund. Ein wohlhabender Bürger der Stadt war gestorben, sein Leichnam wurde bis zur Bestattung aufgebahrt. Von einem der an den Seiten angebrackiten Kandelaber stürzte eine brennende Kerze herunter und entzündete die gesamten Trauerdekorationen._ Auch der Sarg ging in Flammen auf und die Leiche verbrannte fast gänzlich. Der herbeigeeilten Feuerwehr gelang eS nach einiger Zeit, den Brand zu löschen, bevor ein größerer Teil deS Hauses eingeäschert wurde._ Kleine Notizen. In der Gosse erstunken. Auf dem Wege zur Arbeitsstelle wurde gestern morgen in Rüttenscheid(Rheinland) eine Arbeiterin von Krämpfen befallen und fiel dabei in eine voll Wasser stehende Straßengosse. Ehe Hilfe gebracht wurde, war die Bedauernswerte erstickt. Zwei polnische' Arbeiter Überstelen am Sonntagabend in Wattenscheid(Rheinland) den Bergmann BatallaS und schlugen mit einem stumpfen Gegenstand auf ihn loS. Dem lleberfallenen wurde die Schädeldecke zertrümmert, so daß er bald nach der Ein- liesernng ins Krankenhaus starb. Die Täter wurden verhaftet. Bon Kohlcnmassen verschüttet. Beim Losgehen eines Spreng- schusscS auf dem Leoschacht der Zeche Charlotte bei R y b n i k m Oberschlesicn stürzten gewaltige Kohlenmassen ab und begruben mehrere Bergleute. Ein Häuer ist tot. zwei andere Bergleute wurden schwer verletzt aufgefunden. Neapel cholcrafrei. Das italienische Ministerium deS Aeußeren hat den fremden Regierungen mitgeteilt, daß Neapel und alle Orte anr Golf von Neapel für cholerafrei erklärt worden sind, da fünf Tage seit dem letzten Cholerafall ver- stossen sind. Ei» schwerer Antomobilunfall ereignete sich ans der österreichischen Reichsstraße in der Nähe von Wiener Neustadt. Zwei Auto- mobile fuhren in voller Fahrt gegeneinander; die In- fassen deS einen Automobils, zwei Brüder namens BonScarle s. wurden aus ihrem Gefährt geschleudert und erlitten lebenS- gefährliche Verletzungen. Srlefkaften äer l�eäsktton. P. l». Nicht bekannt.— H. b. Beim VormmidschastSgerlcht.— H. 7. l. Ja. bei der Ortsbehörde. 8. Nur dann, wenn das Anlagekapital mehr alS S000 M. beträgt oder ein Reineinkommen von mehr als l500 M. vor. Händen ist. 3. Sie können sich weiter oersichent. indem Sie innerbal» zweier Jahre mindestens 20 Marlen entwerten und innerhalb längstens dieser Frist die Karte jedesmal umtauschen.— O. T- 85. Sie können den Anstaa stellen, ohne ein ärztliche» Zeugnis beizusägcn.— 7. M. O. Sie erwerben das Eigentum an dem Hunde mit Ablauf eines Jahres nach der Anzeige bei der Polizeibehörde. Finderlohn können Sie in Höhe von 1 Proz. des Tieres beanspruchen, außerdem Ersatz für die ausgewendeten Jutterkosten. Da eS sich um ein große» Tier handelt, halten wir 30 P>. pro Tag jür angemessen.— Wilhelm B. 907. 1. New. 2. und S. Ja. :1s �6e€€€€«e»«SSSSSKK. © Unsen» Genossen u. Genossin | Hermann MaaB und Frau| SJ zu der am 1. November statt-$ W findenden Silberhochzeit vj; die herzlichsten Glückwünsche. W sv Oer Bezirkswahlverein W v'. Oranienburg. F 4. SozialdemoMclierWalilvereiii für den Herl Reidistags-ffalrels. Köpenicker Viertel. (Bezirk ISS Teil II.) Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Genosse, der Günk« Gustav Stumpe Mariannenplatz 15, gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 2. November, nach» mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Zenttal-Fricdhoses in Friedrichsseioe aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 221/14 Der Vorstand. SozialdeinoMehJaliM für den iBeriuerReiebstapablkreis. Frankfurter Viertel. (Bezirk 2g3.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Gastwirt Julius Pilzecker Blumenstrahe 32, gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 2. November, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS MarkuskirchhoseS in Wilhelmsberg aus statt. 221/13 Der Borstand. SozIaldemokratiscIiefWatilYereiD de* 6. Herl. Reichstags- ff aiillrrelses. Todes- Anzeige. Am 28. Oktober verstarb unser Genosse., der Steindrucker Lmii Hemnann Wicherlstrahe 2. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Dienstag, den 1. November, nach mittags 4 Uhr, von der Leichen Halle--- statt. Um rege SozialdemokratiscIierWalilYerei]! Blxdorf. Am 29. Oktober verstarb unser Mitglied, der Töpfer Fritz Regenberg (18. Bez.) im Alter von 47 Jahren an Schlagansall. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 1. November, nachm. 12'/, Uhr, vom Trauer. Hause Fallstr. 2 aus, nach dem Rixdorser Gemeinde. Friedhos. Mariendorser Weg, statt. 23ö/2 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Borstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlaffer Oskar Hubrich am 29. v. MtS. an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindet am DienStag. den 1. November, nach. mittags 3 Uhr. vom Traucrhause tzochstr. 43, nach dem DankeS. Kirchhof, Neinickendors-West, au» statt. Rege Beteiligung erwartet 124/12DI�r�verwaIt«� Nachruf. Nach kurzem Krankenlager der- schied am Mittwoch mein lieber Mann, unser guter Bater Ludwig Koch infolge Altersschwäche im 83. Le- bcnsiahre. Die tranernd© Witwe 16526 nebst Kindern. Danksagung. Fllr die herzliche TeUnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten BaterS, sage ich allen Freunden und Bekannten, sowie den Kollegen, dem Gesang- verein der Putzer und dem sozial- demokrattsche» Gahlveretn Rixdors weinen besten Dank. Oie trauernden Hinterbliebenen Wwe. Prttchtel nebst Kindern. Nach kurzem schweren Leiden entschlies am 29. Oktober, morgens 4>/, Uhr, unser teurer, sorgsamer Vater, Schwieger» und Groß- vater, der Putzer Karl Marker im 70. Lebensjahre. Um stille, Beileid bitten Oie trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 1. November, nach- mittags 4 Uhr. von der Halle des allen Luisen-KirchhoseS in der Bergmannstratze aus statt. WaHeM der Maurer DeutschlaDds. Zweigverein Berlin. Sektion der Putzer. Am 29. Oktober starb unser Mitglied 134,8 Karl Markör im 70. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 1. November, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Luisen-KirchhoseS in der Bergmannftt'asie auS statt. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Galten. unseres Sohnes und Bruders sagen wir allen b-teiligten Vereinen sowie seinen Kollegen unsern besten Dank. 16496 Familie Wenzel. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden beim Hinscheiden meines lieben Mannes Otto Auerbach sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere Herrn Manasse, der Firma Siemens- Schuckert, den ehemaligen Kollegen vom Kabelwerk und den Hau»- genossen deS Berliner Spar- und Bauverein». Nordufer, meinen herz- ltchsten Dank. 1653b Witwe 8. Aoerbacb. .Meine Frau war ihr Leben lang über 50 Jahre mit einer hnfiltchen Flechte behastel. Kein gesund. Fleckchen hatte sie aus dem Leibe. Nachdem fie tucker's Patent- Medizinal- eise angewendet hat, sllhlt sie sich wie neugeboren. In 8 Wochen waren die Flechten beseitigt. Zucker'» Patent- Medizinal-Seife ist Danseude wert. C. 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Große Frank- fur(erstr.37U EingangStraus- berger Platz. II. Geschäft: Turmstr. 18 nur erste Etage, kein Laden. n WM Hi Dienstag, den!♦ November, abends 8 Uhr: Sechs volks-vekismwliwgeo AndreaSstrafte St. tu folgende» Säle»: Landsberger Allee 40/4t» knelilÄIe aee oilenz. Gruinaiu),«. Frankfurter Allee 151/ tSS. i u laltK«, Mcmeler Strafte 67. Ill'SeUeUblll'g, Bor dem Schlestsche» Tor. Referentinnen: Frau Zieh, Frau Wurm, Frau Wulff, Frau Tietz, Frau Ihrer, Frau Weyl. Tages. Ordnung: ZMkf. Zleie!!5tsg5wMen unck«lis Wnung iler 7rsuen. 221/11»_ Per Yor»tand. I. A.: Paul Holfmann, Oppelner Str. 47. "Berichtigung. und verwandten Gewerbe. In der Tagesordnung der g«. metnkchaftliche» Versammlung mutz es helhen: 1. Wahl von 3 Revisoren zur Vor» Prüfung der JahrcSrechnung für ISIO(nicht 1816, wie insoiae«ineS DrucksehlerS in Nr. 253 zu lesen). r 2. i Dienstag» den 1. November, abends 8 Uhr, im H o f- jägerpalast, Hasenheide SS/SS: mr Generalversammlung 5on. kussion. Tagesordnung: 1. Bericht vom Internationalen Kongreß. DiSkulsi, 2. Bericht von der Brandenburger Konserenz. DiSl L. Statutenänderung: L 1 Abs. III des OrgantsationSPIaneS erhält folgende Fassung: Die Wahl deS Vorstande«, der Revisoren, der Vertretung im Zentral- vorstand und der Delegalionen geschieht mittels Stimmzettels per Ur< abstimmung. Einfache Mehrheit enifcheidet, bei Slimmengleichhcit ent< scheidet das Lo». Wiederwahl ist zulässig. Ersatzwahlen haben nur Gültig- keit bis zur allgemeinen Wahl. 1 Abs. V wird gestrichen. einfache Majorität ent» .in der General. In ß 1 Abs. VI wird gestrichen: Die Wahlen geschehen durch Handaufheven, scheidet. In 8 8 Abs. II d-S Statuts heißt es anstatt Versammlung"—.per Urabstimmung". In§ 10 heißt S anstatt:.in der Gmeralversammlung'—.Per Urabstimmung". 4. Beitragserhöhung. 5. Vercinsangclegenheiten und Verschiedenes. 211/7» Mitgliedsbuch legitimiert. Der Borstand Pianos- Gelegenbeits- Idiafe in er. Auswahl v. 300 bis 400 M., dar. Schiedmeyer, Biese etc. Garantie.— Pianohaus Krause, Berlin W., Ansbacher Str. 1.* üiai Kommunalwähler Eixdorfs! Mittwoch, den 2» November 1910, abends 8 Uhr 4 öffentliche Versammlungen Hoppe Hermannftraste 49 Wolff Kirchhofstraße 41* in den Lokalen: pelscv! KarlsKsi'ten I Knesebeckftrafte 48/49 j Karlsgartenftraße K/10 I TageS-Ordnung: lolStos Viort an die Wähler. ======= Freie Anssprache.'— ES referieren die Stadtverordnete» Boeske, Kloth, Dr. Sil�erstein und Wutzky In letzter Stunde wendet wir uns an Euch, nur solche welche wirklich die Interessen der Gesamtheit vertreten, Ein Kommunalwähler Rixd orsS Männer in das Stadtparlament zu entsenden, deshalb auf zum Kampf gegen die vereinigten Reaktionäre und WahlrcchtSröuber. Zlassonbesnol» erwartet Oer£lnbernfer 236/1___ Alfred Scholz, Wcil-str. 23. Ortsrerwaltanzr Berlin. vureau: Berlin O., Rosenthalerftr. 11/12, Restaurant Schilling. Amt lH, 2438. == Achtung!- 50'1* Wir empfehlen bei Veranstaltung von Vergnügen usw. den geehrten Vorständen, Komitees und Saalinhaber» unseren kostenlosen Arbeitsnachweis, Nosenthalerstr. Ik/1Ä. Geschäftszeit täglich von 1k'/,— I Uhr mittags. Kapellen vom größten bis lleinsten Orchester stehen jederzeit zur Versügung. Der Vorstand. NB. Unsere Mitglieder find im Besitz einer Kontrollkarte. Dieselbe ist für das 4. Quartal grün u. muß mit dem Verbandsslempel versehen sein. Alle andere Legitimation ist ungültig und ist sofort anzuhalten. seit lahrsehnten unübertroffen. Niederlage: O. Reimer, Lichtenberg-Berlin 0., Gürtelstr.l, Ecke Prankf.Chaussee. 4452 H.Pfau, ®£I,in Direksenstraße 20 zwischen Bahnbos Alexanderplatz und Polizeipräsidium.—Amt VII, 13729. Für Damen Frauen-Bedienung.• Lieferant für alle Krankenkassen. Dentseher Holzarbeiter Verband. Verwaltung Berlin. Hlittwochi den 2. November, abends 8V2 Uhps Vertranensmänner-Versammlnngeti der Bezirke und Branehen. Tagesordnung: 1. Feststellung über den Beschäftigungsgrad in den einzelnen Werkstätten. 2. Bericht der Obmänner. 3. Bericht der Vertrauensleute. 4. Verbandsangelegenheiten. Die Werkstätten, welche die Abschriften der am t. Oktober in Kraft gettetenen Werkstattarife sowie die Lohnlisten noch nicht abgeliefert haben, müssen dieselben umgehend an die Obmänner abliefern. = Alle Werkstätten müssen vertreten sein. ABtxliedstmcI, legitimiert. Die in den Bororten arbeitenden Mitglieder sind ebenfalls verpflichtet, Vertrauensleute zu senden. Dieselben besuchen die Verttauensmännerversammlung ihrer Branche oder die ihrer Werkstatt am nächsten liegende Bezirks- Vertrauensmännerversammlung. Für die Arbeitslosen geben die Arbeitsvermittler VertrauenSmännerkarten am Mttwoch auS. BersammlungSlolale sind folgende: 22/15 Ofchlcr. SUdweaien in Habels Brauerei. Bergmannstr. 5—7. iSUaen bei Gliesing, Wassertorsir. 68. «USenten I n. II in den Naunyn stzestsSlen, Naunhnstr. 0. Osten I bei Borgmann, Andreasstr. 21. Zu dieser Versammlung sind die Kollegen folgender Werkstätten öffcnilich eingeladen: Franke, Krautstr. 4/5, Koekel, Wolf, Karnapp, Kleinschmidt, Fruchtstr. 72. Ostmann, Langestr. 68, Keller, Langestr. 13. Osten II bei Wolter, Frankfurter Allee 106. Osten III bei Bergmann. Boxhagener Straße 26. Oestlicfae Tororte bei W. Schulz. Lichtenberg, Kronprinzen- straße 37. Ecke Scharnweberstraße. kVonlosten bei Boeter, Weberftr. 17. Jede Sargtischlerei muß einen Vertrauensmann nach dlefer Verfamm- lung senden. Bosenthaler jnnd Schttnbanser Torstadt bei Obtglo, (Schwebtet Straße 23. Weddlng nnd Boablt bei KaezorawSki, Ravensstr. 0. Weldensce im Prälaten, LeHderstr. 122. Die VertrauenSmännerversammluiigen finden erst am DiUlUIUmr. Donnerstag statt. LadcmuiHcbtungö- und Kon tortnöbcl- Branche im»Englischen Garten", Alexanderstr. 27c. stlöbel- u. ötublpoUercr sowie JVTagazinarbcitcr. Osten bei Boeker. Seberstr. 17. »itdosten im»Märkischen Hof", Admiralstr. 13c. Reslrle orden bei Kramer, Hussttenstr. 40. Drechsler, Treppengeländer- und I�uxusmLbel- Branche. Norden bei Döhking, Brunnenstr. 72. Osten bei Schneider, Friedenftr. 67. «ildosten und Südwesten bei Stramm, Ritterftr. 123. Bodenleger im GewcrkschaftShanfe, Engeluser 14/15. Saal 2. Klxxrimvhirttr» pünktlich um 8 Uhr im GewerkschaftShaus«. rhiaTierarveirer �geluser 14,15. Sing. B pari., ArbeitSlasenraum. Kammadier bei Preus», Holzmarltstr. 65. Vergolder w GewerkschastShaufe, Engeluser 14/15. Saat». �alousiearbeiter bei Walter, Adalberlstr. 62. Kisten» u. Kossermacker bei Bandach, Breslauer Straße 23. Korbmacher bei Böhm, Koppenstr. 47. Bürstenmacher bei Preust. Holzmmcktstr. 65. Perlmutt-, Dom- und Steinnullarbeiter UM s Uhr bei Ernst Thomas, Melchiorstr. 5. Bilderrahmenmacher um S Uhr bei Ratteroth. Ritterstr. 32. Stockarbeiter um« Uhr bei Lehmann, Neue Friedrtchstr. 1. fflaschinenarbeiter. Die VertrauenSmSnnerverfammlung fällt aus. Rtsitmitfhrv Statt der Vertrauen Smänner-Verfammlung findet eine � Mitglieder. Versammlung im„RosentHalcr Hos", Rofenthaler Straße 11/12, statt. Einsetzer. Die Vertrauensmänner-Versammlung fällt aus. Z f ÄlS* Mitglieder-Uersammlnngen* Beratung von Anträgen zur Generalversammlung. Freitag» den 18. Uovemder: General-Uersammlnng. Mittlvoch, den Ä* November 1910, abends 8'/, Uhr, in Obiglos Festsälen, Schwedter Str. 23: für Männer und Frauen. TageS-Ordmmg: Vortrag des Genossen StÖrmert „Der Kampf m die umtschaftlilhe Kefreinng." Zahlreiches Erscheinen der Männer und Frauen erwartet 107/7 vor Elndernter. Kousum-Genossenscliaft von Adlershof o. Omg. (ffi.®. m. b.©.) Mittwoch, den 1k. November 191V sBußtag), nachmittags 3 Uhr: General-Verfammlung im»SldlerShofer Garten", Adlershof, Bismarckstraße"' Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes f jähr 1909/10. 2. Bericht des AussichtSrateS. 3. Verlesung berichieS. 4. Genehmigung der Bilanz. 5. Entlastung des AussichtSrateS und Vorstandes. 6. Verteilung des Reingewinnes. 7. Neuwahlen von AussichtSratSmitgliedern. 8. Beschlußsasiung belresiend Ausgabe der 2. Serie HauSanteile. 2. Statutenänderung. 10. Sonstige Anträge. 107/6" Zlnträge zur Generalversammlung müssen bis zum 6. November 1910 in den Händen des Borstandes fein. Nach dem Turnus scheiden vom AusfichtSrate auS: Jnllas Poransky, Grünau; Wilhelm Dürre, Alt-Glienicke; Richard Schulze, Ober-Schönewcide und Otto Fe III er." Erkner. Freiwillig scheidet auS: Rarl Schneider, Alt-Glienicke. Die Genossen, sind wieder wählbar._ £W Mitgliedsbuch oder Legitimationskarte legitimiert. SNmmrechl besitzt mir dasjenige Familienmitglied, welches die BeilrittS- erklärung unterschrieben hat. Vertretungen können nicht stattfinden. Her Torstand. Hormann Hildebrandt Wilhelm Kohl. Max Jacobsen. »»Grundstein zur Einigkeit1*(E. H. No. 7) Tcrwaltungsstelle Uchtenberg. Sonntag. den S. November, vormittags 10 Uhr. findet bei Herrn Emil Plckenbngen unsere Genepalvepsammlung von oben angegebener Kasse statt mit der Tagesordnung: 1. Abrechnung vom dritten Quartal. 2. Bericht. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert!> Zum zahlreichen Besuch ladet ergebenst ein 142/13_ Die Örtliche Terwaltnng. tnr iiar «rbrttsnawweis: Hos l«NN S. 1239. verwattnngöstrlle Berti«. Hauvtvurrau: CharitftstraBe 8. Hos HL Amt 3. 1987. Die Kollegen, welche in Spandan wohnen, werden darauf aufmerksam gemacht, das; die Arbeits- losenkontrolle ebenso die Slnszahlung der Erwerbslosen- nnterstüllung vom 1. November ab nicht mehr Lindennfer 17, sondern in unserem Bureau, W ö r t h e r Platz Nr. S in Spandau, vormittags 8 bis 10 Uhr, stattfindet. Ansterdem ist das Bureau zwecks Ausknnfterteilung «nd Ausgabe von Bibliothekbüchern jeden Abend von 6 bis 8 Uhr geöffnet. 124/u Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverw. Berlin. Die beste Küche für Hochzeiten finden | Sie in den C. 54. Sophienstr. 17/18 Biumenstr. 10 Tel. IH. 2783. Inhaber: Paal Bants. TeL VII. 3095. 20 Säle und Vereins-Zimmer mit modernen Bühnen, 60—1500 Personen fassend, an Sonnabenden und Sonntagen ' noch frei. 1184L* _ Anträge müssen bis zum Freitag, den 4. November, an die Verwaltung eingesandt werden._ Ltrantwortl. Redakteur: Carl Mermuth, Lerlin-Nixdorf, Für deu Lnserulinteilverantwil TH.Gl»ckc, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdrucker« u, Verlagsanstalt Vau! Singer ä- Co., Kerlin I |t. 256. 27. IahtgM. 2. KeilM des Joriiiärto" Kcrlim öollislilii't. Dienstag, i. November 1910. StadtverordnetenwaOlen in den Vororten. Am Donnerstag, 3. November, ftubm in Charlotten- ?ur g, Nixdorf und Wilmersdorf Stadtver- ordne tenwahlen für die dritte Abteilung statt. Die Wichtigkeit der Wahlen erfordert die Anspannung aller Kräfte. Wir erwarten daher, daß die Wähler möglichst zeitig ihr Wahlrecht ausüben, um so den Andrang in den Wahllokalen während der Abendstunden zu entlasten. Ge- nassen, denen es die Zeit erlaubt, wollen sich den Wahl- komitees zur Verfügung st eilen. Wenn jeder Parteigenosse seine Pflicht erfüllt, wird und imiß es uns gelingen, die bürgerlichen Gegenkandidaten niederzuringen. Wir bitten das Wahltauöleau, das nur einmal erscheint, zur Benutzung für den Wahltag aufzubewahren. Cbarlottenburg. De» Tiefstand des Charlottenburger KommunalliberalismuS, der bei den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen in den beiden ersten Abteilungen die nationalliberalen Kandidaten bekämpft, um in der dritten Abteilung gemeinsam mit diesen seinen Gegnern gegen die Sozialdemokratie zu Felde zu ziehe», kann man aus einem Vergleich früherer und jetziger Flugblätter der Liberalen ermessen. Genau wie jener Schmoll, der rechts und links schreiben kann, so machen es auch diese Sorte Liberalen. Einmal halten sie sich aus ihre polittische Gesinnung etwas zugute, dann wieder verpöncn sie das Hineintragen von Politik in die Stadtverordnetenversammlung. Vor uns liegt ein im Sommer 19l)4 von dem„Komitee zur Herbeiführung der Wahl liberaler Stadtverordneter" verbreitetes Flugblatt, das sich gegen die Nationalliberalen richtet und der liberalen Fraktion nachrühmt, dah sie niemals Parteipolitik in die Stadtverordnetenversammlung hineingetragen habe und es auch künftig nicht tun wird; sie„fragt nicht nach der Parteizugehörigkeit ihrer Mitglieder und läßt ihnen volle Freiheit der Entscheidung." Was es mit dem im Text des Flugblattes fett gedruckten„Niemals" auf sich hat, haben wir be- reits wiederholt betont. Es handelt sich hier um eine grobe Un« Wahrheit, denn vor 1904 bestand die liberale Fraktion ausschließlich aus Angehörigen der freisinnigen Parteien, die auch den Mut hatten, öffentlich sowohl innerhalb als außerhalb der Stadtverordneten- Versammlung politisch Farbe zu bekennen. Im Jahre 1904 ver- leugneten sie eines einzigen Mandats willen— es handelte sich nur um eine Ersatzwahl— ihre Vergangenheit. Aber schon bei den nächstjährigen Ergänzungswahlcn schien es ihnen ratsam, zur Ab- wechselung wieder einmal in Politik zu machen. Heißt es doch in einem vom Liberalen Verein, dem Freisinnigen Bezirksverein Neu- Charlottenburg, dem Freisinnigen Bezirksverein Charlottenburg Süd- West, dem Freisinnigen Arbeiterverein und der liberalen Fraktion der Stadtverordnetenversammlung unterzeichneten Aufruf:„Wir werden bei den bevorstehenden Wahlen daran festhalten: Wahlen unter„unpolitischer" Parole zu bekämpfen, denn für uns gilt nach wie vor die Auffassung: unpolitisch ist insofern unaufrichtig, als unter dieser Flagge daS offene Bekenntnis der Zugehörigkeit zu irgend einer Partei verdeckt wird." Unpolitisch ist unaufrichtig I Mit diesen Taten haben die Liberalen sich selbst ihr Urteil gesprochen und sich als Heuchler gebrandmarkt. Erklären sie doch in ihrem Flugblatt zu den nächsten Wahlen 1907, daß sie nicht auf ein ein- seitiges Parteiprogramm eingeschworen sind und Anhänger aller liberalen Parteien von den Nationalliberalen bis zur freisinnigen Volkspartei zu umfaffen l 1904 unpolitisch, 1905 politisch, 1907 zur Abwechslung wieder einmal unpolitisch I So schwanken die Char- lottenburger Kommunalliberalen hin und her, unwandelbar ist bei ihnen nur eine Eigenschaft, die Unaufrichtigkeit. Aber noch in anderer Hinsicht ist der zuletzt erwähnte Wahl- aufruf interessant. Die Liberalen tadeln eö— und mit Recht—, daß der Wahlausschuß der„Freien Vereinigung" alle Elemente der Reaktion— Antisemiten, Konservative, extreme Hausagrarier, gewerbefeindliche Zünftler und NationaUiberale— in sich schließt. DaS war 1907. Und heute? Heute gehen die Liberalen, die an- geblichen Feinde der Reaktion, wenigstens soweit die dritte Wähler» abteilung in Frage kommt, mit der„Freien Vereinigung" zusammen und machen vor den Elementen der Reaktion ihre Ver- beugung. Ihre Kandidaten gehen persönlich von HauS zu Haus und betteln um die Stimmen der Antisemiten und Konservativen, ihre anerkannten Führer, sogar der Stadtverordnetenvorsteher, begeben sich i» die Versammlungen der extremen Hausagrarier, um Stimmen zu fangen, gewerbcfeindlichen Zünftlern verheißen sie die Erfüllung ihrer Wünsche, und den Nationallibcralen kommen sie dadurch entgegegen, daß sie zwei eingeschriebene Mit- glieder dieser Partei auf ihre Kandidatenliste nehmen. Fürwahr I Ein weiteres Herabsinken in den Sumpf politischer Verkommenheit und Rückgrallosigkeit ist nicht denkbar. Und diese Gesellschaft wagt es, sich als die Vertretung der Charlottenburger Bürger auf- zuspielen. Man müßte ja geradezu an dem gesunden Sinn der Menschheit verzweifeln, wollte man annehstten, daß eine solche Ge- sellschaft auf die Dauer die Herrschaft behauptet. Die Wähler der ersten beiden Abteilungen mögen mit dieser Vertretung zufrieden sein. Aber die Wähler der dritten Abteilung müßten sich schämen, wenn es jenen politischen Eunuchen gelingen sollte, die beiden in Frage kommenden Mandate zu erobern. Wer sich auch nur einen bescheidenen Rest fteiheillichen Gefühls bewahrt hat, wer noch irgend etwas auf politische Ehre und politisches Ansehen hält, der kann und darf nun und nimmermehr für die Kandidaten einer so unaufrichtigen, die Geschäfte einer Clique be» sorgenden und mit so niederträchtigen Mitteln kämpfenden Gesell- schaff stimmen. Wer sich dafür hergibt, für diese Gruppe zu kau- ditieren, der zeigt schon allein dadurch, daß auf ihn kein Verlaß ist. Einzig und allein die Kandidaten der Sozialdemokratie bieten die Gewähr dafür, daß sie das, was sie versprechen, auch halten, und daß sie nicht eines Augenblickserfolges wegen niederttächtigen und schimpflichen Verrat an ihren Grundsätzen üben. » Im 1. und 5. Wahlbezirk der dritten Abteilung finden Ersatzwahlen statt. Die Wahlzeit ist von morgens 9 Uhr bis abends 8 Uhr. Die Wahlbezirke sind in je drei Abstimmungsbezirke eingeteilt; die Genossen wollen sich auS dem unten folgenden Wahltableau informieren, zu welchem Abstimmungsbezirk sie gehören. Der erste Wahlbezirk umsaßt folgende Straßen: 1 a. Alle Straße» auf Westend, Bahndos Fürstendrunn, Charlotten- bltrger Weg, Luisen-Kirchbos, Spandauer Weg 15— 20,«pandauer Weg nördlich der Spandauer Chaussee, Spandauer Chaussee Nordscite, Spreetal- Allee. Wahllokal: Reftauraut Akorih, Ahorn.Zlllee 1. Ib. Friedrich Karl-Platz 6—12, 13-18, Magazinstr. 1—19, Nehring- straße 1— 6, 26—34, Neue Christstraße, Potsdamer Str. 1—13, Schloß str. 1 bi» 13. Spandauer Str. 35—40. Christsw. 1—11, 32a-42, Dankelmann. straße 62—61. Wahllokal: Restaurant Hasclosf, Potsdamer Str. S. 1c, Christstraße Ha— 32, Daniel, nannstraße 1—9, Potsdamer Straße 14— 22, Saldcrnstraße nördlich zwischen Sophie-Charlotten-Straße und Ringbahn, Sophie-Charlottcn-Straße 1—33 und 89—118, Am Bahnhos Westend, Bahnhos Westend, Friedrich-Karl-PIatz 1— 5, Gardes du Corps- straße, Spandaucr Berg Südseite zwischen Sophie-Charlotten-Swaße und Ringbahn, Schloß und Schloßgarlen, Spandauer Weg 27—32, Spandauer Straße 1—24. Wahllokal: Xriesethau, Sophie-Charlotten-Straste 94. Kandidat: Werkzeugschlosser Wilhelm Richter. Der fünfte Wablbczirk umfaßt folgende Straßen: 5». Berliner Str. 11—50, Cauerstr. 1—36, Charlottenburger User 41 bis 83, Frauenhoferstraße, Gucrickeftr. 1— 43, Hertzstraße, Marchstraße, Sophicnstraße, Werner-Siemcns-Straße, Galvanistraße, Lützow 16— 17a, Röutgenstr. 1—7, Rosinenstr. 1— II. Wahllokal: Restaurant Prinz Luitpold. Berliner Str. 46. 5b. Bismai ckstr. 1—33, 91—116, Goethcstr. 18—30, Krumme- straße 60-93, Lcibnizstr. 1—17, 82-110, Schillcrstr. l-34a, 945-107, Weimarer Str. 1—15, 34—50, Berliner Str. 130— 169, Wallstr. 1—19, 84—103, Grolmannstr. 1—6, 69—72, Hardenbergltr. 1—3, Neue Grolmann- straßc. Wahllokal: Restaurant Schweiher, Berliner Str. 199. Co. Berliner Str. 95— 129, Bismarckstr. 34—37, Krumme Str. 1 bis 22, Sesenhcimer Str. 15— 22, Sprecstr. 9—14, 27— 48, Wallstr. 20 bis 27, 75—83, Grünstr. 1—15, Kaiser-Fricdrich-Str. 94—106, Kirchplatz, Kirchstr. 1— 10, 30—38, Lohmctierstr. 1—7, 25—27, Scharrenstr. 1—11, 30 bis 39, Schulstraße, Wilhelmplatz 2—4, Wilmersdorser Str. 7—17, 157 bis 165. Wahllokal: Grünstr. 9/10, Ecke Kirchstraße, bei Bohne. Kandidat: Zahntechniker Otto Ewald. Genossen, die sich zu den Wahlarbciten am Tage der Wahl zur Verfügung stellen, wollen sich beim Wahlkomitee, das fein Haupt- bureau im V o l k s h a u f e, Rosinenstr. 8 hat, melden. Rixdorf. Die Stadtverordnetenwahlen für die 3. Abteilung finden am Donnerstag, den 3. Novrmbcr, von 1v Uhr vormittags bis.7 Uhr abends in den folgenden Wahlbezirken statt: Wahlbezirk 1. Bürknerstraße, IFriedelstr. 18-46, Hobrcchtstr. 24-62, Kottbuscr Damm 73—103, Maybachufer 1—22, Pflügerstr. 1— 10 und 70—82, Sanderstraße. Schinkcstraße. Wahllokal: Scharfer, Mahbachuser 1. Kandidat: Karl Wermuth, Redakteur, Wicsenuser L. Schlepplokal: Richter, Maybachuser 5. Wahlbezirk 9. Kaiser-Friedrtchstr. 13— 15 und 236—239, Liberda- straße, Manitiussiratze, Mahbachuser 23—45, Nansenstraße, Pannicrstraße, Pflügerstr. 11-25 und 52-69. Wescrstr. 10-16 und 201—203. Wahllokal: F. Krugmann, Pannierstr. 9a. Kandidat: Franz Thurow, Gcwerkschastsbcamter, Weserstr. 11. Schlcpplo kal: Meitzer, Pannierstr. 59. Wahlbezirk 7. Anzengrubcrstraße, Berliner Str.<1—70, Boddin« straße 1—9 und 58—66, Donaustr. 24—54 und 85—110, Erlstraße, Isar- straße, Neckarstraße, Schönstedtstraße. Wahllokal: H. Gütig, Erkstr. 8. Kandidat: Max Groger, Parteisekretär, Fuldastr. 55/56. Schlcpplokal: Pseiser, Donaustr. 104. Wahlbezirk 8. Brockenstraße, Elsenstr. 42—88, Finowstraße, Harzer Straße 26—98, Heidelberger Straße 14—81, Jnrislraye, Kaiser-Friedrich. Straße 56—87 und 161—194, Köllnisches User 18— 49, Roseggecstraßc, Stuttgarter Straße 1—20 und 42—61, Weiganduser 17— 35, Wildenbruch- platz, Wildenbruchstraße. Weserstr. 59—90 und 132—163. Wahllokal: H. Seiffert, Kaiser-Friedrich-Swaße 61. Kandidat: August Heitmann, Gewerkschastsbeamter, Emser- straße 86/87. Schlcpplokal: Braun, Erkstr. 14. Wahlbezirk 19. Gärtncrstraße. Hertzbergstraße, Hohenzollernplatz, Kirchgasse, Kirchhosslr. 1—9 und 35—50, Richardplatz, Richardstr. 26—53 und 61—97, Schönweider Straße, Straße 15 und 15d. Wahllokal: Wolsf, Kirchhofstr. 4l. Kandidat: Wilhelm Schlich. Maurermeister, Okerstr. 8. Schlepplolal: Thoß, Kirchhofstr. 40. Wahlbezirk 11. Böhmische Straße, Brusendorfer Straße, Drorhstraße, Hertzbergplatz, Johann-Huß-Straße, Kaiser-Friedrich-Str. 88—160, Kiesholz- straße 53—112, Köllnisches User 1—17, Mareschstraße, Memetzstraße, lschudoma- straße, Stuttgarter Straße 21— 41, Tcupitzcr Straße, Thiemann straße, Treptower Str. 1— 44 und 60— 106, Weiganduser 36— 48, Weserstr. 91 bis 131, Straße 16a, 17, 22a, 37, 47, 52, 53, 54, 55, 60, 62, 65, 66, Platz 8., W., Z. Wahllokal: D. KlostiuS, Böhmische Straße 48. Kandidat: Emil Boeske, Kassierer, Am Wasserturm 18. Schlcpplokal: Klotz, Böhmische Straße 8. Wahlbezirk 14. Bambachstraße, Boberstraße, Emser Str. 38—106, Hermannstr. 113—158, Kncsebeckstr. 35—119, Marrendorser Weg, Neißestraße, Odcrstr. 1—4, Oderstraßenbrücke, Siegsriedstr. 25—59, Straße 166, 167a, 170. Wahllokal: N. Felsch, Kncsebeckstr. 48/49. Kandidat: Edmund Iben, Eigentümer, Hermannstr. 15. Schlcpplokal: Felsch, Kncsebeckstr. 48/49. Wahlbezirk 19. Iägerstr. 1-18 und 65—81, Kopsstr. 1-12 und 62—72, Lessingstraße, Mittelweg, Prinz-Handjery-Str. 1—19 und 70—87, Stcinmctzstr. l— 19 und 106—126, Waßmannsdorfer Straße, Zietenftr. 1 bis 18 und 67-35, Straße 204, 207b. Wahllokal: W. Lempe, Prinz-Handjery-Str. 70. Kandidat: Karl Polenskc, Gewerlschastsbeamter, JuliuSstr. 70. Schlepplokal: Koplow, Zictenstr. 67. Wahlbezirk 32. Boddinstr. 23—41, Fontanestr. 10—24, Hermann- straße 35—38 und 223— 227, Lichtcnrader Str. 1— 11 und 60—62, Mahlomer Straße, Schillerpromenade 1— 6 und 37—42, Selchower Straße, Wanzlick- straße, Weisestr. 1— 7 und 60— 66. Wahllokal: M. Mendt, Hermannstr. 214/219(Bcreinsbrauerei- ausschank). Kandidat: Hermann Jaeck, Gewerkschastsbeamter, Allerstr. 5. Schlcpplokal: Schrciter, Mahlower Str. 7/8. Wahlbezirk 34. Fontanestr. 1—9 und 25—32, Hasestbetde. Hermann- straße 1—134 und 223—258, Hermannplatz, Karlsgartenstraße, Wtssmann. straße, Straße 151, 152. W a h I l o k a l: A. Scholz, Hascnheide 108—114(Neue Welt). Kandidat: Karl Poleuske, GewerlichastSbeamter, JuliuSstr. 70. Schlepplokal: Zchrendt, Hasenheide 9. » Die II. Abteilung wählt am Freitag, den 4. November, von mittags 12 Uhr bis abends 7 Uhr und zwar im: Nordbezirk. Berliner Str. 18—40 und 71—92, Bouchöstraße, Donaustr. 1—23 und 111—131, Eibestraße, Erlanger Straße. Frtedclstraßc, Fuldastraße, Harzer Straße 1—25, Hobrcchtsttaße, Jansastraß«, Kaiser- Fricdrich-Straße 1— 55 und 195— 248, KöllnischeS User 50— 74, Kottbuscr Damm, Laubestraßc, Lenaustraße, Libcrdastratze, Lohmühlenplatz, Lohmühlenstraße 25—36, Manitiusftraße, Maybach- User, Münchener Straße 1—13 und 42— b5a, Nanscustraße, Pannierstraße, Pflügerstraße, Reuterplatz. Reuterstraße 27—65, Rütlistraße, Sanderstraße, Schaudauer Straße, Schinkcstraße, Tellstraße, Wcichsclplatz, Weichselstraße, Wcigand- User 1—16, Weserstraße 1—53 und 164—217, Wicsenuser, Bürknerstraße, Ossastraße. Wahllokal: Friedrich Neubauer, Kaiser-Friedrich-Straße 230—231 (Kaiser-Frtedrich-Kaflno). 3 Kandidaten zu wählen. Ostbezirk. Anzengruberstraßc, Bergstr. 1—42, 69— 106 und 127 bis 163, Berliner Str. 41— 70, BerthelSdorfer Straße, Boddinstr. 1—9 und 58 bis 66, Böhmische Straße, Brockenstratze, Brusendorser Straße, Canner Chaussee, Canner Straße, Donaustr. 24—110, Drorhstraße, Elsenstraße, Elsterstraße, Erlstraßc, Finowstraße, Gürtncrstraßc, Äoetheslraßc, Grenzallce, Harzerstr. 26—93. Heidelberger Straße, Hertzbergplatz, Hertzbergstraße. Hohenzollernplatz, Jnnstraße, Johann-Huß-Straße, Jsarstraßc, Kaiser- Friedrich. Strt 56-194, Kiesholzstr. 53— 112. Ktrchgasse, Kirchhofstr. 1—9 und 35-50, Knescbcckstr. 1—5 und 147—150, KöllnischeS User 1—49, Lahnstraße. Mareschstraße, Mittclbuschweg, Naumbnrger Straße, Neckarstraße, Niemctz- straße, Richardplatz, Richardstraßc, Noseggerstraße, Rosenstraße, Saalestraße, Schönftcdlstraße, Schöneweidcr Straße, Schudomcstraße, Stuttgarter Straße, Tcupitzer Straße, Thiemannstratze, Thüringer Straße, Treptower Str. 1 bis 44 und 50— 106, Unstrulstraße, Weiganduser 17—48, Weserstr. 59—163, Wildenbruchplatz, Wildenbruchstraße, WiPPcrstraßc, Zeitzer Straße, Straße 15, 15b 16a, 17, 22a, 37, 47, 52, 53, 54, 55, 60, 62, 65, 66, 180a, 180o, 180d, 180e, 181, 181b, 185a. 187, 187b, 188, Platz 8, Platz W, Platz Z. W a h l l o k a l: W. Arnhold, Bergstr. 136-13?(Deutsches Wirtshaus). L Kandidaten zu wählen. Südbezirk: Am Wasserturm. Bambachstraße, Bendastraße, Berg- straße 43—63 und 107—126, Bobeistraße, Bodcstraße, Bruno-Bauerstraße, Delbrückstraßc, Edmundstraßc. Emser Straße, Falkstr. 1—7 und 20—26, Alasowstraße, Grüner Weg. Hermannstr. 56—207, Hcrthastraßc, Jlsestraße, Jonasstraße, Juliusstraßc, Kirchhosstr. 10—34, Kncsebeckstr 6—146, Kops- straße 13—61. Kranoldplatz, Kranoldstrnße, Leincstraße, Lichtenrader Str. 23 bis 38, Mariendorfer Weg, Ncißcstraße. Netzcstraßc, Noaatstraße, Oder- straße 1—39, Oderstraßenbriicke, Okerstraße, Prinz-Sandjeryitr. 20—34 und 54—69, Neinholdstraße, Ningbahnstraße, Rübclandstraße. Schierkestraße, Schillerpromenade 16—28, Selkestraße, Siegsriedstraße, Steinnictzstr. 20—42 und 81—105, Stubcnrauchplatz. Thomasstraße, Walterstraße, Warthestraße, Weisestr. 26-40, Straße 166, 167a, 170, 202. Wahllokal: Turnhalle der Oberrcalschule, Emser Skv. 133—137. 4 Kandidaten zu wähle»: Westbezirk. Allcrstraße, Berliner Str. 1-17 und 93-107, Biebrich- straße, Boddinplatz, Boddinstr. 10—57, Falkstr. 8—19, Fontnncstraße, Hasen- Heide, Hermannplatz, Hermannstr. 1—55 und 208—258, Herrjurthplatz, terrsurtbstraße, Jägerslraße, Karisgartcnstraße, Kopsstr. 1—12 und 62—72, essingstraßc, Lichtenrader Str. 1—22 und 39—62, Mahlower Straße, Mainzer Straße, Mittelweg, Münchencr Str. 14—41, Oderstr. 40—52, Prinz-Handjery-Str. 1—19, 35—53 und 70—87, Rcuterstr. 1— 26 und 66—99, Schillerpromenade 1—15 und 29— 42, Selchower Straße, Stcinmetzstr. 1 bis 19, 43—80 und 106—126, Wanzlikstraße, Waßmannsdorser Straße, Weisestr. 1—25 und 41—66, Wißmannstraße, Ziethenstraße, Straße 204, 207b, 151, 152. Wahllokal: M. Mendt, Hermannstr. 214— 219(Vereinsbrauerei- auSschank). S Kandidaten zu wählen. Die 1. Wählerabteilung, welche daS ganze Stadtgebiet umfaßt, wählt am Montag, den 7. November in der Zeit von 3 Uhr nachmittags bis 7 Uhr abends in den Bnrgersälen, Bergstr. 147. » Im Interesse einer schnelleren Abfertigung empfiehlt es sich, die Benachrichtigung über die Eintragung in die Wählerliste mitzubringen, Nummer sowie Wohnung und den Namen unserer Kandidaten laut zu nennen. Es ist auch notwendig, geeignete Legitimationspapiere mitzubringen, als Jnvalidenkarte, Militärpapiere usw., um Zweifel über die Person sofort zu beheben. Bürger, Arbeiter, Parteigenossen l Es braucht wohl an dieser Stelle nicht erst besonders darauf hingewiesen werden, daß bei diesen Wahlen Abrechnung mit den vereinigten Reaktionären und Wahlrechtsräubern gehalten werden muß. Der Sozialdemokratie kann in diesem Kampfe jedes Mittel recht sein, um derartige bewußte Gesetzesverletzer auS dem Rathause zu entfernen. Die Wahlen in der Hl. Abteilung müssen deshalb zu einem Proteststurm anwachsen, in dem die höchste Stimmenzahl erreicht wird.— Aber auch in die II. Abteilung muß siegreich ein- gedrungen werden. Demokratie und Sozialdemokratie werden den Kampf vereint gegen diese Reaktionäre aufnehmen. Die Parole muß lauten: Nieder mit den Wahlrechtsräubern— es lebe der Kampf!— Parteigcnoffen I Agitiert mit ganzer Kraft für die Wahl unserer nominierten Kandidaten. Diejenigen Genossen, welche am Tage der Wahl tätig sein wollen, haben sich am Donnerstag, den 3. November, vormittags 9 Uhr, und am Freitag, den 4. Äo- vember, um Ii Uhr vormittags im Zentral-Wahlbureau bei Hoppe, Hermannstr. 49, einzufinden. Da die Gegner besonders in der IL Abteilung alle Kräfte heranziehen werden, ist eS notwendig, frühzeitig zur Stelle zu fein. Das sozialdemokratische Wahlkomitee. MNmersckorf. ReichSverbändler und Fortschrittsmann. Wir haben schon kürzlich mitgeteilt, daß auch die Wilmersdorfer ReichSverbändler in den Wahlkampf eingreifen werden. Ihr Wortführer ist der Vor- schullehrer Busch. Dieser Herr vertritt zurzeit oen achten Wahl- bezirk in der Stadwerordneten-Versammlung; nachdem er aus- gelost worden ist, hat er es abtzr vorgezogen, in seinem alten Bezirk nicht wieder zu kandidieren, sondern sich im neunten Bezirk auf- stellen zu lassen. Im achten Bezirk standen die Ncichsverbändler vor einer Unannehmlichkeit. Mit dem bisherigen Stadtverordneten konnten sie eS, wie gesagt, wirklich nicht gut mehr riskieren, und da verfielen sie denn auf die Idee, ein Mitglied der— Fortschrittlichen Volks partei namens Lübsen als gemein- samen Kandidaten aller Nückschrittler aufzustellon. Wie es um die fortschrittliche Gesinnung dieses Herrn aussieht, soll gleich gezeigt werden. Vorab müssen wir uns kurz mit Herrn Busch beschäftigen, der in einer von der geschlossenen Gesellschaft des Bezirksvercins „Alter Ort" gehaltenen AgitationSrede das bat, was alle Reichs- verbändler tun. Er schalt heillos über die Bestrebungen der „volksverduni menden Sozialdemokratie" und suchte die in Moabit und in Bremen verübten Streikbrecherhelden» taten gegen unsere Partei auszunutzen. Die Versammlung spen- dete anstandshalber Beifall und alles wäre im Lot gewesen, wenn ein Herr Heinrich durch Stellung einer naseweisen Frage der Versammlung nicht eine tödliche Verlegenheit be- reitet hätte. Der Herr wollte nämlich partout wissen, wie der Kandidat Lübsen in seiner Eigenschaft als eingeschriebenes Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei sich zu der Frage des allge- meinen, gleichen und geheimen Wahlrechts stelle. das die Freisinnige Volkspartei doch in ihrem Programm vertrete» habe. Im ersten Augenblick war der wacker« Fortschrittsmcmin aufs äußerste betreten, dann aber bat er die Versammlung dringend, ihm die Beantwortung dieser Frage zu erlassen. Die Stadtverordnetenversammlung sei für derartige Fragen ja auch gar nicht kompetent. Die Mitglieder des Bezirksvereins „Alter Ort" sind zwar Rückschrittler voni Scheitel bis zur Sohle. Aber menschlichen Mitleids sind sie doch nicht bar, und daher erließen sie dem Kandidaten die Zusicherung, daß das neue Fortschrittsprogramm es ja gar nicht so bös meint und in der Frage des Gemeindewahlrechts der rückschrittlichen Betätigung einen weiten Spielraum läßt. An dieser kleinen Probe erkennt aber die Wählerschaft, was sie von dem F o r t schr i t t S m a nn Lübsen zu ertvarten hätte, wenn er wirklich unter Beihilfe des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie ins Stadtparlament gewählt würde. « Die Wahlen finden von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nach- mittags und von 4 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends und zwar in folgenden vier Bezirken statt: � Wahlbezirk 1. Bornimer Straße, Bornstcdter Straße, Friedrichs» ruher Straße 1—7. Gcorg.Wlihclm.Straßc, Hekiorstr., Heilbronncr Straße, Hobrechlslraße, Huniboldtstraße, Joachim-Friedrich-Str. 17—43, Karlsruher Straße, Kaihnrincnftraße, Kroiiprinzendamm, Küstrwer Straße. Kurfürsten- dämm 90—129. Liitzcnstraßc, Markgras-Albrechlstraße, Ringbahnstr. 123—138. Wahllokal: Restaurant Sander, Kursürstcndnmm 129. Hier stimmen unsere Parteigenossen für den von der Demo- kratischen Bereinigung aufgestellten HauSbesitzerkandidaten Friedrich Flow, Uhlandstr. 60. Wahlbezirk«: Augustastr. 1— 9, Barstraße, Berliner Str. 35—129, Brandenburgische Str. 1—22 und 95 bis Ende, Bri cnner Straße, Gasteinsr Str. 9—25, Gieselerstraße, Güiitzclstr. 34—40, Hohenzollcrndamm 157—188, Kalischerstraße, Kaubstraße, Lauenburgcr Str. 4—21, Mannheimer Str. 1 bis 22 und 36 bis Ende, Psalzburger Str. 28—55, Ringbahnstr. 69—88 und 17t— 208, Rudorsstraße. Sächsische Sir. 33—44, Siginaringcr Straße, Strelitzsche Straße(nördliche Seite), Uhlandstr. 74—95, Wcgencrstraßc, Wilhclmsaue 29—109. Wahllokal: Restaurant Moldenhaucr, Branden? burgische Str. 3. Hier unterstützt die Demokratische Vereinigung den von unserer Partei ausgestellten Mieterkandidaten Redakteur Wilhelm Schröder, Heidelberger Platz 2. Wahlbezirk 9. Slugustastr. 60 Bis Eudc, Babelsberger®lr. 1—16 «tnb 37 bis Ende, Badenjche Strafe, Berliner Str. 1—34 und 130 bis Ende, Gasteiner Str. 1— 8a und 26 bis Ende. Güntzelstr. 41 bis Ende, Hclmstedtcr Str. 7-26, Holsteinische Str. 1—19 und 33 bis Ende, Jenaer Straße 5—26, Kaiserallee 31—50 und 168—191, Landhausstr. 8—47, Laucn> burger Str. 1—3 und 22 bis Ende, Mehlitzstrasje, Nassauische str. 16a— 57, Prinzrcgentenstr. 11—37 und 86—113, Uhlandstr. 96—127, Waghüuseler Straße(nördl. Seite), Wilhelmsaue 1—28 und 110 bis Ende. Wahllolal: Restaurant Biktorigarte». Wilhelms «ue 114-15. Hier hat jeder Wähler zwei Stadtverordnete zu wählen, und zwar stimmen unsere Parteigenossen und die Anhänger der Demo- kratischen Vereinigung gemeinsam für den von uns aufgestellten Mieterkandidaten Gewerlschaftssekretär Oskar Riedel, Berliner Straße 39, und den Demokraten Hausbesitzer Emil Lazarus, RegenSburger Straße 21. Wahlbaztrk 1«. Augustastr. 36— 59. Babelsberger Str. 17—36, Bernhardstrnsze, Bruchsalstrasic, Koblenzer Straße, Durlachcr Straße, Er- surtcr Straße, Güterbahnhof, Hildegardstraße, Kaiserallee 51—66 und 155 bis 167, Kaiserplatz, Kuppcnheiiner Straße, Livländische Straße, Mainzer Straße, Prinzregentenstr. 38—85, Rinabahnstr. 1—33 und 241 bis Ende, Schrammstraße, Strase 8, Tübinger Straße, Waghäuseler Straße(südliche Seite), Wcimarische Straße. Wahllokal! Restaurant Gramkau, Kaiserplatz 14. Hier stimmen unsere Parteigenossen für den von der Demo- kratischen Bereinigung anfgestellten Hausbesitzer Friedrich Floto, Uhlandstr. 00. Es empfiehlt sich, möglichst zeitig zur Wahl zu gehen; als Legitimation, die nicht vergessen werden darf, benutzt man am besten die allen Wählern amtlich zugestellte Wählerkarte oder den Steuerzettel. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl Arbeiterwähler ist am 1. Oktober verzogen. Wir machen diese Wähler, da sie in der Liste verzeichnet stehen, darauf aufmerksam, daß sie in dem Orts- teil, wo sie früher wohnten, wahlberechtigt sind und fordern sie insbesondere auf, ihre Wählpflicht auszuüben. Das gemeinsame W a h l b u r e a u für den 8. und 9. Bezirk befindet sich im Lokal des Genossen Schilling, Lauen- burger Straße 20; die von uns unterstützte Demokratische Vereinigung hat im 1. Wahlbezirk ihr Wahlbureau bei dem Genossen Bonczeck, Halensee, Kurfürstendamm 126. und im 10. Bezirk bei dem Genossen Fischer, Durlacher Str. 8. • Diejenigen Parteigenossen, die in der zweiten Abteilung wahlberechtigt sind, geben am 4. November für die Kandidaten der Demokratischen Vereinigung ihre Stimme ab. Es sind dies: im 3. Wahlbezirk Kaufmann Otto Hanff, Fasanenstr. öS; im 4. Wahlbezirk Subdirektor W. S a lamon, Holsteinische Str. 34._ parte!- Hngelegenheitcn* Zweiter Kreis. Heute Dienstagabend 8 Uhr im Hofjägerpalast, Hasenheide 52/53: Generalversammlung des Wahl- Vereins(siehe Inserat). Die Genossen wollen zahlreich erscheinen. Der Vorstand. Charlottenburg. Heute abend 8'/, Uhr finden im 1. und 5. Bezirk zwei öffentliche Kommunalwählerversammlungen statt und zwar für den 1. Bezirk in der Roßlrappe, Spandauer Chaussee, Referent: Genosse Simon K a tz e n st e i n; für den 5. Bezirk im Bolkshause, Nosinenstraße 3, Referent: Landtagsabgeordneter Genosse Paul Hirsch. Gleichzeitig machen wir auf die morgen Mittwoch, abends 8 Uhr, staltfindende letzte Flugblattverbreitung zur Stadtverordneten- Wahl aufmerksam. Die Beteiligung sämtlicher Gruppen ist erforderlich. Der Vorstand. Rixdorf. Heute abend findet im 1.. 3.. 7., 8., 10., 11.. 14., 19., 22. und 24. Bezirk von den bekannten Stellen aus die Kuvert- Verbreitung statt, welche die Wähler der dritten Abteilung zur Wahl am 3. November auffordert. Da« Wahlkomitee. Morgen abend 8 Uhr finden bei Hoppe, Felsch, Wotff und im .Karlsgarten" vier Konnnmialwählerversaminlungen statt mit dem Thema:„Ein letztes Wort an die Wähler". Freie Aus- spräche.— Referenten: die Stadtverordneten Büske, Kloth, Dr. Silberstein und Wutzky. Der Einberufer.� Wilmersdorf. Mittwoch abend 7 Uhr ist Flugblattverbreitung. Die Parteigenossen und Genossinnen wollen sich vollzählig ein- finden für den 8. und 9. Bezirk bei Schilling, Lauenburger Straße 20, für den 1. Bezirk bei B o n e z e k, Kursürstendamm 126 und für den 10. Bezirk bei Fischer, Durlacher Straße 8. Steglitz. Heute Dienstag, den 1. November, abends 8'/, Uhr, findet bei Schellhase, Ahornstr. 15a, unsere Mitgliederversammlung statt. Vortrag des Genossen K. Giebel über: Konsumgenossen- fchasten und die Arbeiter. Der Vorstand. Lichtenberg. Heute abend findet eine Flugblattverbreitung für den ganzen Ort statt. Reinickcndorf-Ost. Heute, abends 8 Uhr, findet im„SchützcnhauS", Residenzstr. 1/2 öffentliche Frauenversammlung statt. Tagesordnung:„Die Fleischnot und die Kaiserreden". Reserentin: Genossin Regina Friedländer. Nieder-Tchiiuhauseu-Nordend. Heute, Dienstag, den 1. November, abends 3'/z Uhr, findet bei Ulitz(Schwarzer Adler), Blankenburger Str. 4, eine Volksversammlung statt. Tagesordnung:„Christen- tum, Kirche und Sozialdemokratie". Referent: Genosse Emil U n g e r. Die Bezirktleitung. Friedrichshagcn. Heute abend 8'/« Uhr im Schultheiß-Restau- rant, Friedrichstr. 74. vierter Vortrag de« Genossen Max G r u n- Wald über:„Grundbegriffe der theoretischen volkswtrtschastslehre". Köpenick. Am Mittwoch, den 2. November, abends 8 Uhr, findet im Stadttheater(großer Saal) die Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Bericht der Stadt- verordnetenfraktion. 2, Die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen. 3. Aufstellung der Kandidaten. Potsdam. Mittwoch, den 2. November, abends 8'/« Uhr bei Wilhelm, Kaiser- Wilhelmstraße: Wahlvereinsversamm« lung. Tagesordnung: Diskussion vom Parteitag; die gegnerischen Parteien im Wahlkreife. löerliner sttockrickten. Späte Desinfektion. Zu dem Fall von verspäteter Desinfektion bei ansteckender Krankheit, den wir am Sonnabend mitteilten, haben wir heute einen neuen hinzuzufügen. Er ist so schlimm, dah man fragen muß, ob denn bei solchen Vorkommnissen nicht der Schuldige zur Verantwortung gezogen wird. Eine neunjährige Schülerin H., die in der Veteranenstrahe wohnt, klagte vor jetzt drei Wochen in der Schule über Halsschmerzen, so daß die Lehrerin sie nach Hause schickte. Die Mutter ging mit dem Kinde nach an demselben Tage zum Lazarus-KrankenhauS, und als dort DiphtheritiS an- genommen wurde, ließ sie die Kranke sogleich in der Anstalt. Von wem und wann nun der Vorschrift gemäß durch Meldung dieser ansteckenden Krankheit die Desinfektion veranlaßt wurde, das ent- zieht sich unserer Kenntnis. Die Eltern taten es nicht, und sie brauchten schon deshalb sich nicht für hierzu verpflichtet zu halten, weil ja das Kind in die Obhut des Krankenhauses übergegangen war. Im übrigen bestimmt das Reichs-Seuchengesetz, daß an erster Stelle dem Arzt die Anzeigepflicht obliegt, das wäre hier ein Arzt des Krankenhauses. Wenn ein Kranker, der an einer ansteckenden Krankheit leidet, einer Anstalt überwiesen wird, so ist-— denken wir— spätestens mit seiner Aufnahme der Zeitpunkt gegeben, wo die Desinfektion seiner Wohnung, seiner Sachen usw. zu veran lassen wäre. Aber bei den Eltern der Schülerin H. ließ zunächst kein Mensch sich sehen, um eine Desinfektion vorzunehmen. Erst am sechzehnten Tage nach der Ueberweisung des Kindes fanden sich in der Wohnung die Angestellten der DcSinfektions- anstalt ein, um mit Feuereifer an ihre verspätete Arbeit zu gehen Leicht hätte es geschehen können, daß inzwischen zwei Geschwister des erkrankten Mädchens, Kinder von 5 Jahren und von sechs Monaten von derselben Krankheit ergriffen worden wären. In dieser Familie waren übrigens schon im vorigen Jahr Erkran- kungen an DiphtheritiS vorgekommen, und zwei Kinder wurden da- malS durch den Tod ihren Estern entrissen. Das betreffende Haus ist ein sehr großes, das nicht weniger als zehn Aufgänge und wohl mindestens hundert Mietsparteien hat. Uns wird gesagt, daß in dem Hause noch zwei andere Familien, die an demselben Aufgang wie die ersterwähnte Familie wohnen, in den letzten Monaten Er- krankungen an DiphtheritiS gehabt haben, bei denen gleichfalls die Desinfektion erst spät ausgeführt wurde. Anfang Juni erkrankte ein Mädchen, doch soll hier„schon" etwa am dritten Tage nach der Aufnahme in das Krankenhaus Moabit die Wohnung desinfiziert worden sein. Gegen Ende Juni wurde in derselben Familie ein Knabe von DiphtheritiS ergriffen, so daß auch er nach dem Krankenhaus Moabit gebracht werden mußte. Diesmal soll es erheblich länger(behauptet wird: etwa vierzehn Tage) gedauert haben, bis die Angestellten der Desinfektionsanstalt erschienen. In einer anderen Familie dieses Hauses kam es Ende August zur Er- krankung eines Mädchens, das dann dem Lazarus-Krankenhaus übergeben wurde. Diesmal wurde die Desinfektion am vierten Tage nach der Aufnahme ausgeführt, was unS bedenklich spät er- scheint angesichts der Tatsache, daß in der Familie noch drei andere Kinder sind. In allen den hier angeführten Fällen war den Eltern gesagt worden, es handle sich um DiphtheritiS, und immer wurden die Desinfektionen nicht von den Eltern, sondern von anderen Stellen aus veranlaßt. Wissen möchten wir wirklich, warum es solange dauerte, bis desinfiziert wurde. Die amtlichen Stellen, die in Frage kommen, sind: die Krankenhäuser, die Polizei, die Desinfektionsanstalt. Auch aus Vororten wird die gleiche Klage wegen verspäteter Desinfektion erhoben. Aus Stralau wird uns geschrieben: „Mein sechzehnjähriger Sohn, der an Lungentuberkulose er- krankt war, mußte am 16. September d. I. ins Krankenhaus befördert werden, wo er am 16. Oktober— also genau einen Monat später— verstarb. Ich ließ die Leiche in die Leichenhalle des Stralauer Friedhofs überführen, von wo aus dann die Be- erdigung erfolgte. Am 21. v. M. abends erschien dann ein Des- infektor in meiner Wohnung, der mir ankündigte, daß am folgenden Tage die Desinfektion erfolgen solle. Auf meine Einwendung, daß man, wenn die Desinfektion irgend einen Zweck haben solle, doch mindestens hätte desinfizieren müssen an dem Tage, an dem mein Sohn ins Krankenhaus geschafft wurde, erhielt ich zur Antwort. er, der Desinfektor, habe von der Polizeibehörde eher keinen Auf- trag erhalten. Nun ist meine Wohnung ja desinfiziert worden. Ein Ver° gnügen bereitet das nicht, zumal wenn man genötigt ist, in der Wohnung nicht nur zu leben, sondern auch zu schlafen. Heute, nach acht Tagen, ist trotz allem Lüften der Gestank noch nicht weg- gebracht und erwachen infolgedessen meine Familienangehörigen und ich morgens mit dumpfem Schädel. Selbstverständlich soll damit nicht gesagt sein, daß wir diese Unannehmlichkeiten nicht über unS ergehen lassen wollen, wenn durch eine Desinfektion der Zweck:„Die Verhinderung der Wciterverbreitung von Krankheiten" wirklich erreicht wird. In der geschilderten Weise kann dies aber unmöglich der Fall sein. Ein an Tuberkulose Erkrankter ist durch- weg längere Zeit bettlägerig.(Auch bei meinem Sohn war dies der Fall.) Nun tritt doch die Ansteckungsgefahr nicht erst auf, wenn der Patient oder die Patientin verstorben ist, sondern sie ist schon mit dem Eintritt der Erkrankung vorhanden, und sie ist besonders groß in einer zahlreichen Arbeiterfamilie, deren Wohnräume beschränkte sind. Soll also wirklich eine Ansteckung verhindert werden, dann müßte bei einer erkennbaren Erkrankung an Tuberkulose eine Isolierung der Erkrankten durch sofortige Ueberführung ins Krankenhaus herbeigeführt werden. Doch da hapert es. Der Arbeiter hat nicht die Mittel, um die Krankenhaus- kosten zu decken und die Gemeinden greifen nur im äußersten Notfall ein. Falls die Wohnungsräumlichkeiten es gestatten, wird jeder Einsichtige einen an Tuberkulose Erkrankten und Bettlägerigen nach Möglichkeit absondern, um einer Weiterverbreitung der Krankheit zu verhindern. Dies ist auch von mir geschehen. In einem solchen Falle dürfte es aber auch genügen, die Betten und Sachen des Erkrankten bezw. Verstorbenen zu desinfizieren(mehr geschieht meines Wissens auch in den Krankenhäusern nicht), um »er Gefahr einer Weiterverbreitung vorzubeugen. Eine Wohnungs- desinfektion, die erst fünf oder sechs Wochen nach Abgang des Erkrankten oder Verstorbenen erfolgt, ist jedenfalls völlig wertlos." Zwei Soldaten von einem Militärzug getötet. Auf der Strecke der Militärbahn Berlin-Jüterbogk hat sich gestern vormittag ein be- klagenSwerter Unfall abgespielt. Kurz vor dem Bahnhof Lichtenrade wurden zwei Soldaten des Eifenbahnregimenis. die Pioniere Wilhelm Philipp und Johann Josefiak von der Betriebsabteilung, die als Bahnwärter die Strecke revidierten, von einem Militärzug Übersahren und sofort getötet. Der Zug, der das Unglück der- chuldete, war ein Sonderzug. Entweder wußten die Soldaten nichts von dem außerhalb des Fahrplans fahrenden Zug. oder sie haben sein Kommen überhört. Der herbeigerufene Bahnarzt konnte keine Hilfe mehr bringen. Di« Leichen sind gestern vormittag nach dem Garnisonlazarelt in Tempelhof gebracht worden. Ein Automobilunglück ereignete sich gestern früh gegen }A5 Uhr bei Deelitzhof mit der Motordroschke la 0938, die von Potsdam nach Berlin fuhr. Der Chauffeur Rezepks verlor die Herrschaft über seinen Wagen, als er mit rasender Geschwindigkeit den Berg zwischen Wannsee und Beelitzhos h-runterfuhr. DaS Automobil durchfuhr einen Drahtzaun und überschlug sich. Alle sechs Insassen trugen chwere Verletzungen davon und erhielten am Bahnhof Wannsee Notverbände. Sie begaben sich mit der Bahn nach Berlin. Der Chauffeur hat sein Automobil in Stich gelassen, sein Pelzmantel und seine Lederjoppe wurden am Steg des Ruderklub« am Wann- 'tt gefunden. Man nahm schon an, daß er sich ertränkt hat. Doch iand sich Rezepks. nachdem er den ganzen Morgen und Vormittag im Grunewald umhergeirrt tvar, gegen 11 Uhr am Steg des Ruder- klubS ein, um seine Kleidungsstücke abzuholen. Der Leichenfunb an der Lutherbrücke ist noch nicht aufgeklärt. DaS Gutachten d«S Zahnsachverständiaen bestätigt, daß die Tote 16—18 Jahre alt gewesen sein muß. Die ZahnkarrieS ist im Wer- hältnis zu dem jugendlichen Alter weit vorgeschritten, wenn auch dem Laien das Gebiß auf den ersten Augenblick noch sck?ön er- cheinen mag. Die Frontzähne des Ober- und Unterkiefers sind ö stark daß die Person einen vollen Mund und aufgeworfene Zippen'gehabt haben muß. Ihr« Zähne mußten nicht nur beim Lachen, sondern auch schon beim Sprechen stark sichtbar sein. Wahr. chemlich ist sogar auch das Zahnfleisch hierbei sichtbar gewesen. Di« mittleren Schneidezahnkronen haben die außergewöhnliche Länge von 11 Millimetern und eine Breite von 9 Millimetern. Gin erbsengroßes Loch befindet sich zwischen dem Unken großen Btiv kleinen Schneidezahn. Bis jetzt ist die Stelle, an der die Leiche in das Wasser geworfen worden ist, noch nicht gefunden. Wahr- scheinlich bleibt, daß sie aus der Stadt hinausgeschafft worden ist, vielleicht mit einem Handwagen oder auch mit einem anderen Fuhrwerk, vielleicht auch mit einer Droschke. Irgendwo muß sie dann aber doch am Ufer oder in der Nähe des Wassers abgeladen worden sein. Kleidungsstücke, die man mit dem Fund in Ver- bindung brachte, sind der Kriminalpolizei schon in großer Menge vorgelegt worden, ganze Kleider, Hüte, Wäschestücke und dergleichen. Man fand sie im Tiergarten und anderen Anlagen, in Häusern und auf Hausfluren usw. Ein Anhalt zur Feststellung der Per- sönlichkeit hat sich auch hieraus nicht ergeben. Die Wiederher- stellung des Kopses ist soweit gelungen, daß brauchbare Photo- graphien hergestellt werden konnten. Nach diesen Bildern sieht es im ganzen fast so aus, als ob die Tote eine Jüdin wäre. Mißliche Zustände am Spanbauer Schiffahrtskanal. Die BaggerungSarbeiten am Spandauer Schisfahrtskanal haben für die Anwohner zum Teil recht unangenehme Begleiterschei- nungen im Gefolge. So hat sich der Wasserspiegel derart gesenkt, daß sämtliche Brunnen in der Umgebung versiegten. Besonders hatten die Besitzer der dortigen Gärtnereien in den Sommer- monaten darunter zu leiden, indem ihnen durch den Wassermangel viel Schaden erwuchs. Um nicht ganz ohne Wasser zu sein, waren sie gezwungen, ihre Brunnen mchreremal tiefer legen zu lassen. was mit erheblichen Geldkosten verbunden war, die sie aus ihrer Tasche zu erstatten hatten. Auf die Dauer erwies sich auch diese Maßnahme immer wieder als unzulänglich, da mit den fortschrei- tendcn Baggerungsarbeiten der Grundwasserspiegel immer tiefer sank. So sind jetzt auf den umliegenden Kirchhöfen fast alle Brunnen ausgetrocknet. Immerhin wird hier die Kalamität weniger empfunden, als es auf den Winter zugeht. Was sich aber noch weiter unangenehm bemerkbar macht, ist der intensive widerliche Gestank, der vom Kanal herüberdringt und besonders bei entsprechendem Wind lästig auf die Geruchsnerven wirkt. ES soll dies daher kommen, daß da« Wasser aus den Toten- äckern in den Kanal sickert und diesen pestilenzartigen Geruch er- zeugt. Es wird aus Leserkreisen gerade im Hinblick auf diesen Umstand auf die Hartnäckigkeit hingewiesen, mit der Kirche und Behörde die Feuerbestattung bekämpfen, ein Argument, da» an- gesichts der geschilderten Zustände gewiß vieles für sich hat. In die Bureauräume des Walhalla-Thcaterö wurde in ver- gangener Nacht eingebrochen und aus dem Geldschrank die Ein- nahmen vom Sonnabend und Sonntag in Höhe von zirka 15 000 Mark geraubt. Der Polizcisäbel spielte in der vergangenen Nacht auf dem Falkplatz«ine große Rolle. Dort kam es zwischen Zivilpersonen und Schutzleuten zu einem Renkontre. Die Beamten waren der Meinung, angegriffen zu sein, und machten von der Waffe Gc- brauch. Es entspann sich ein Handgemenge, bei dem es blutige Köpfe gab. Etwa acht oder neun der Zivilpersonen erhielten Ver- lctzungen am Arm und an der Schulter. Besonders schwer wurde der 34jährige Fritz Pöppel ans der Gethsemanestraße 4 verwundet, der drei so sck/were Säbelhiebe über den Kopf erhielt, daß er besinnungslos zusammenbrach. Der Verletzte, dessen Verwun- düngen sehr ernster Natur sind, wurde nach der Rettungswache in der Gaudystrahe und von dort nach dem Rudolf-Virchow-Kranken- Hause gebracht. Die Schutzleute selbst blieben unverletzt, nur hat einer der Beamten den Verlust seines Helmes zu beklagen, der ihm in der Hitze des Gefechtes vom Kopf gefallen war und den sich die Zivilisten als Erinnerung an die Schlacht mitgenommen haben. Eine heftige Gasexplosion rief vorgestern abend gegen 7 Uhr in dem Hause Schliemannstr. 32 im Norden Berlins große Auf- regung hervor. Der Explosionsherd lag in der Bäckerei des Bäcker- Meisters W. Japp. Da ein eingemauerter Backofen nicht vorhanden ist, benutzt Japp einen Gasbackofen, der in der Küche aufgestellt ist. Sonntag abend war nun durch irgendeinen Umstand ein Gas- Hahn dieses Ofens offen geblieben, so daß Gas ausströmte. Als der Bäckermeister den Geruch in der angrenzenden Wohnung wahr- nahm, begab er sich nach der Küche, um die Ursache festzustellen. Unvorsichtigerweise zündete er dann ein Licht an. so daß beim Be- treten der Küche das ausgeströmte GaS unter heftiger Detonation explodierte. Japp wurde zu Boden geschleudert und blieb be- sinnungslos liegen. Der Luftdruck war so gewaltig, daß in einer Küche im ersten Stock ein Spind umgeworfen wurde. Außerdem gingen zahlreiche Fensterscheiben in Trümmer. Die große Schau- fcnsterschc-ibe flog klirrend auf den Straßcndamm, doch wurden Passanten nicht verletzt. Der verunglückte Bäckermeister wurde von der Feuerwehr, die unter Brandmeister Wempp mit dem Lösch- zuge aus der Oderbergerstraße herbeigeeilt war, nach der nächsten Unfallstation gebracht und dort verbunden. Feuer war bei der Explosion nicht entstanden. Di« Wehr konnte daher nach kurzem Aufenthalt wieder abrücken. Zwei große Schadenfeuer herrschten Sonntag in Charlotten- bürg und in Rixdorf. In der Tauentzienstraße 13, Ecke Ranke- straße am Auguste-Viktoria-Platz zu Charlottenburg, brach in dem Schuhwarenmagozin von Max N e u st a d t früh gegen 3 Uhr durch einen schadhaften eisernen Ofen Feuer aus. Die Gefahr wurde erst bemerkt, als der Hintere Teil des PartcrreladenS schon in hellen Flammen stand. Die Löscharbeilen wurden aber durch eine starke Rauchentwickelung sehr erschwert. Auch das Treppenhaus war vollständig verqualmt. Zum Glück waren die Mieter aber bis auf eine Familie ausgezogen, da das HauS zu einem großen Restaurant benutzt werden soll. Von der bedrohten Familie war nur der elfjährige Sohn anwesend; er wurde von Feuerwehrleuten noch rechtzeitig inS Freie geholt. Die Ablöschung des Feuers nahm über 2 Stunden in Anspruch. Durch die starke Hitzeentwickc- lung platzte die große» Schaufensterscheibe, wobei sich ein Feuer- wehrmann der Automobilwache schmerzhaste Schnittwunden an den Händen zuzog. Der Lagerkcller brannte total aus. ebenso wurde der hintere Teil des PartcrreladenS mit den Schuhvorräten ein Raub der Flammen. Die erste Etage ist unversehrt geblieben. — In Rixdorf entstand vormittags gegen 11 Uhr in dem Kon- fektioiiSgeschäft von Ernst Katz in der Berliner Straße 7/8 ein größerer Brand. Auch hier trat eine starke Verqualmung von Wohnungen ein, doch konnten sich die gefährdeten Personen noch vor Ankunft der Feuerwehr in Sicherheit bringen. Der Laden brannte fast vollständig aus, obgleich Hie Feuerwehr mit mehreren Schlauchleitungen arbeitete. Die Brandursache ist nicht ermittelt. — Die Berliner Feuerwehr hatte in der Sonntagnacht in der Bohenstraße 37 einen Dachstuhlbrand zu löschen. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich am Sonntagabend in der Brunncnstraße. Gegen �9 Uhr wollte' dort der in der Wienerstraße 3 wohnende 32jährige Händler Amandus Kaufmann einen an der Haltestelle stehenden Straßenbahnwagen besteigen. Als K., dessen rechtes Bein verkrüppelt ist und der daher sich nur langsam bewegen kann, auf das Trittbrett des BahnwagenS steigen wollte, wurde er von einer Automobildroschke, die zwischen dem Bürgersteig und dem haltenden Straßenbahnwagen hindurchzu- fahren versuchte, obwohl an der Haltestelle noch mehrere Per- sonen den Bahnwagen besteigen wollten, umgerissen. Der Vcrun- glückte geriet mit dem verkrüppelten Bein unter die Räder des Autos und erlitt einen dreifachen komplizierten Bruch des Gliedes. In bedenklichem Zustande wurde der Bedauernswerte nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause geschafft. Das Theater Sanssouci kann sich mit seinem neuen Programm sehen lassen. Die einzelnen Spezialitätennummern wickeln sich in tadelloser Weise ab. Als musikalische Virtuosin erweist sich die Miß Claire auf den verschiedensten sonderbarsten Instrumenten. Dia WalastonS als amerikanische Keulenjonglcure arbeiten mit guter Gewandtheit und Exaktheit. Als jüngster Wiener Couplet-- und Liedersänger stellt sich Gdir Herzfcld vor. DaS junge Kcrlchen verspricht viel. An die Lachmuskeln des Publikums stellt die Auf- führung der Posse:„Ach, die Kerlsl" große Anforderungen. Ems ganze Reihe von derben Schlagern— Couplets, Duetts und Quartetts— sind aneinandergereiht, zu denen Julius Einödshofer eine einschmeichelnde Musik geschrieben hat. Herr Emil Albert als sächsischer Mostrichfabrikant im Verein mit Georg Firmcms, Karl EggerS, Walter Ries und den Damen Voh, Rudolf, Gvlz und Grete Wiedecke taten ihr Möglichstes, um die ganzen Tollheiten recht deutlich in Erscheinung treten zu lassen. Tischlcrhanbwerkzeug, das sich in einem Sack befand, nebst 2 Sägen hat am 1. Oktober mittags zwischen 12—2 Uhr ein Arbeiter in einem Restaurant auf dem We�e vom Moritzplatz bis Choriner Straße abgegeben. Er hat sich die genaue Adresse nicht gemerkt und bittet auf diesem Wege den Inhaber des betreffenden Nestau- rants nähere Mitteilung an Albert Mecske, Choriner Straße gl, gelangen zu lassen._.......---i-- Yorort- JVacbncbtein Ein neues Borortkrankenhaus. Am Sonnabendvormittag fand die Einweihung des von den Gemeinden Reinickendorf, Tegel, Wittenau und Rosenthal gemeinschaftlich errichteten Krankenhauses statt. Gegen 11 Uhr versammelten sich im Vestibül des Verwaltungsgebäudes die Festteilnehmer. Als Vertreter der Aufsichtsbehörden war der Landrat von Niederbarnim erschienen; dazu natürlich die Oberhäupter der vier VerbandSorte, die Mitglieder der Gemeindevertretungen, die Scrzte und Architekten und viele andere, die teils durch Beruf, teils durch Rang oder Stand einer Einladung gewürdigt waren. Da es offenbar in Preußen unmöglich ist, eine offizielle Feier ohne allerlei überflüssige Zutaten zu begehen, so würde auch diese durch den Gesang eineö Lobliedes eröffnet. Dann nahm der Vorsitzende des VerbandSausschuffeS, Bürgermeister Wille» Reinickendorf das Wort, um die Entstehungsgeschichte des Kranken- hanseS kurz zu schildern und dann dasselbe den Chefärzten und dem In- spektor zu übergeben. Darauf sprach der Herr Landrat einiges, auch ge- Höcht wurde und„Heil dir im Siegerkranz" gesungen. Nachdem noch der ärztliche Direktor die Versicherung treuer, unermüdlicher Arbeit für die Kranken gegeben hatte— er schloß mit den Worten:„Ueber den Eingang dieses Hauses werde ich schreiben: DaS Wohl der Kranken ist das höchste Gesetz!"— fand die Feier mit abermaligem Gesang ihr Ende und eS begann die Besichtigung der gesamten Anlagen. Leider können wir aus Raummangel keine Einzelheiten geben. Wir wollen aber doch sagen, daß das Krankenhaus allen zu stellenden Anforderungen entspricht. Ob man die Operations» säle oder die großen und kleinen Krankenräume sah, ob die DeS- infektionSanlagen oder die Röntgenabteilung(beiläufig die größte Berlins 1)— die Kenner fanden nur Lob dafür. Ebenso lebhaften Beifall fanden Küche. Wäscherei und die sonstigen zum Betriebe nötigen Anlagen. Ueberall, in den Krankenräumen, den Zimmern der Schwestern, den Veranden usw. findet man die großen weißen Tische mit blühenden und Blattpflanzen geschmückt und ein Ge- wächshaus sorgt stetig für neues Material. Dieser splendiden Einrichtung entsprechen natürlich auch die Kosten. Ohne Grund und Boden lostet der Bau 2 900 OOO M., so daß sich jedes der 220 Krankenbetten auf 6850 M. stellt. Eine sich später etwa notwendig machende Erweiterung auf 400 Betten kann leicht durchgeführt werden, da die maschinellen wie Wirtschafts- anlagen, ebenso Laboratorien und Baderäume für eventuell größeren Betrieb eingerichtet sind. Fehlt« der sonst übliche Ordens.segen'— Bürgermeister Wille erhielt irgend einen roten�Adler- lund der Lmtsvorsteher von Wittenau einen Kronenorden— so waren dafür desto mehr Polizeibeamte und Gendarmen anwesend. Man hätte denken können, eS fei der Besuch dcS Zaren zu erwarten. Natürlich hatten die Beamten nicht« zu tun.— Dringend nötig ist noch die Schaffung einer guten Zufahrtstraße zum Krankenhause. Zwar ist die Teich- straße, an der das Krankenhaus liegt, asphaltiert; aber ehe ein Krankenwagen, und wäre es das beste'Nuto, dahin kommt, ist der Kranke auf dem schönen Reinickendorfer Pflaster schon tot gerüttelt. Charlottenburg. Familiendrama in der Kantstraße. In dem Hause Kantstraße IUI versuchte am Sonntagabend die Söjährige Kaufmannswitwe Emilie Bachstietz gemeinsam mit ihrem 2S jährigen Sohn und ihrer 23 Jahre alten Tochter in den Tod zu gehen. Die Familie, die in schlechten pekuniären Verhält- nisten lebte, hatte seit vier Jahren in dem genannten Hause eine aus drei Zimmern bestehende Wohnung inne. Das vordere Zimmer war an zwei jungen Mädchen vermietet, während die Familie sich in den hinteren Räumen aufhielt. Seit 6 Wochen war der junge Bach- stietz, der Ernährer seiner Mutter, schwer erkrankt und vermochte nichts mehr zu verdienen. Da in den letzten Tagen auch die Tochter, die verwachsen und arbeitsunfähig ist, zu kränkeln begann, so herrschte in der Familie Not und Elend. Am 1. November war die Miete für die Wohnung fällig und da Frau Bachstietz keine Möglichkeit sah, die erforderliche Summe aufzutreiben. reifte in ihr der Gedanke, gemeinsam mit ihren Kindern aus dem Leben zu scheiden. Als Sonntagabend die beiden Mieterinnen der Frau B. aus dem Theater nach Hause zurückkehrten, hörten sie in der Küche ein schwaches Stöhnen, doch achteten sie nicht weiter darauf, da sie annahmen, daß sich dort der kranke Sohn der Frau B- aufhalte. Erst Montagmorgen beim Äusstehen'nahmen dir beiden Mädchen einen intensiven Gasgeruch wahr, der au« der Küche zu ihrem Zimmer herüberdrang. Voll banger Ahnung benachrichtigten sie die Polizei, die alsbald die Kllchentür erbrechen ließ. Beim Oeffnen bot sich den Beamten ein trauriges Bild. Auf dem Fußboden lagen der Sohn und die Tochter mit schmerzvoll verzogenen Gesichtern, während die Mutter halb von ihrem Lehnstuhl heruntergeglittcn war. Die drei Personen, die nur noch schioache Lebens- zeikben von sich gaben, wurden nach der Unfallstation in der Berliner Straße gebracht, wo sie erst nach längeren ärztlichen Be- mühungen durch Zuführung von Sauerstoff wieder zum Bewußtsein kamen. Die drei Lebensmüden wurden nach dem Kranlenhause Westend übergeführt. Man hofft die Unglücklichen am Leben erhalten zu können._ Ein langgehegter Wunsch der Einwohner des südlichen Stadt- teils von Charlottenburg wird erfüllt werden: am Stidansgang des Bahnhofs Charlottenburg an der Gervinusstraße soll ein Fahr- kartenverkaufSgebäude errichtet werden. Rixdorf. Das zweite BolkS-Sinfoniekonzcrt in Rixdorf, veranstaltet von der Stadt, findet am Freitag, den 2. Dezember 1910, in der Neuen Welt, Hasenheide, statt. Das Konzert wird ausgeführt vom Blüthner-Orchester unter Leitung des Herrn Hoskapellmeisters E. v. Strauß. Das Programm bringt unter anderem: C. M. v. Weber: Ouvertüre zur Oper„Der Freischütz", Fr. Smetana: Die Moldau, sinfonische Dichtung, Hahdn: G-dur-®infonte, Schumann: Träumerei. Liszt: Ungariiche Rapsodie Nr. 2. Eintrittskarten zu 50, 80 und 20 Pf. sind in den mit Plakaten belegten Handlungen erhältlich. L i chtenberg-�riedrichsfelde. Die Zersplitterung im Krankenkassenwesen und die geplante Gründung einer Jnnungskrankenkasse für das Schlächtergcwerbe im Bezirk Lichtenberg, Friedrichsfelde, Biesdorf lautet das Thema, das in einer zum Mittwoch, den 2. November, abends 8>/z Uhr nach dem„Kronprinzengarten", Lichtenberg, Frankfurter Chaussee 128, von der Gewerkschafrskommisfion einberufenen öffentlichen Ver- sammlung Gewerkschaftssekretär Brückner behandeln wird. Die in Frage kommenden Arbeiter werden ersucht, die Versammlung zu besuchen. Tempelhof. Mit der Frage des Tempelhofer Feldes beschäftigte sich erneut eine überfüllte Volksversammlung. Reichstagsabgeordneter Ge- ncsse Zubeil referierte über das Thema:„Staat und Gemeinde als Grundstücksspekulanten". Scharf kritisierte der Redner die Rücksichtslosigkeit, mit der die Regierung resp. das Kriegsmini- sterium einerseits und die kommunalen Körperschaften anderer- seitz das Allgemeinwohl bei diesem Handel außer acht gelassen haben. Um die empörende Tatsache zu verschleiern, daß man hier Allgemeinbesitz an Grund und Boden der Privatspekulation aus- geliefert hat, habe man die Gemeinde Tempelhof als Strohmann vorgeschoben. Der eigentliche Käufer sei ein! Bankkonsortium mit dem ehemaligen Berliner Stadtverordneten Haberland an der Spitze. Geradezu unglaublich sei die Behandlung Berlins ge- Wesen. Das Verhalten des Kriegsministeriums bei den Verkaufs- Verhandlungen mit dem Berliner Magistrat und die schließliche Lösung der Angelegenheit stehen der allgemeinen Auffassung von Treu und Glauben schroff gegenüber. Ein letztes entscheidendes Wort hat jetzt noch der Reichstag zu dem Verkauf zu sprechen. Leider dürfe man auf den blauschwarzen Block keine großen Hoff- nungen setzen; um so notwendiger sei ein allgemeiner Proteststurm von außen her. In der Diskussion geißelte Genosse M. Schmidt das Verhalten der Mehrheit der Gemeindevertretung in dieser Frage und forderte die Anwesenden auf, bei der voraussichtlichen Neuwahl für die dritte Klasse diesen Herren die Quittung auszustellen. In seinem Schlußwort schilderte der Referent in packender Weise die Kampfe, die das deutsche Proletariat und ganz be- sonders das preußische in Zukunft zu bestehen haben wird. Alles müsse daran gesetzt werden, bis daS heutige Preußen in seiner reaktionären Gestalt überwunden ist. Eine Resolution, die gegen daS Verhalten des Militärsiskus beim Verkauf deS Feldes protestiert und den Reichstag auffordert, dem abgeschlossenen Vertrage seine Zustimmung zu verweigern, fand einstimmige Annahme. Friedrichsberg. Aus der Gemeindevertretung. In der am 28. Oktober abge- Itenen Sitzung beantragte Vertreter Sonnenburg(Soz.), en Schularztbericht auf die Tagesordnung zu setzen. Der Antrag wurde nach kurzer Debatte angenommen. Der an Stelle des im Dezember v. I. verstorbenen Arztes Dr. König zum Schul- arzt gewählte Dr. Richter bedauert in seinem Bericht, daß er infolge seiner kurzen Amtsdauer nicht erschöpfend berichten könne, er hofft jedoch, im nächsten Schuljahr ausführlicher auf seine Tätigkeit eingehen zu können. Aus dem Bericht ist hervorzuheben: Die Mädchenschule wurde 7mal, die Knabenschule lOmal besucht. Tie Untersuchung der Schüler ergab, daß 314 Kinder— 147 Knaben und 167 Mädchen— mit Leiden behaftet sind und daher ständig der Kontrolle de? Schularztes unterstellt wurden. Es litten an: Ohrenleidcn 17 Kinder, an Wucherung der Gaumen oder Rachen- mandeln 115, an Fehlern der Wirbelsäule und Extremitäten 17, Bruch 8, Sprachfehler 13. Herzfehler 18, Augenerkrankung 35, Blutarmut 23, Skrofulös« 38, englische Krankheit 22, Blasen- leiden 1, Nierenleiden 1, Epilepsie 2. Kropf 1 und Tuberkulose 3. Die Eltern wurden von der Krankheit ihrer Kinder in Kenntnis gesetzt und ihnen anheimgegeben, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Schularzt bemängelt die Ueberfüllung der Klassen- räume sowie die schlechte Beleuchtung und Heizung im alten Knabenschulhause. Diese Mängel könnten nur durch Um- oder Neubau beseitigt werden. Am Schluß des Schuljahres untersuchte der Schularzt alle zur Entlassung kommenden Knaben auf ihren körperlichen Zustand hinsichtlich des von ihnen zu ergreifenden Berufes. Er stellte fest, daß von 43 5knaben 15 für den erwählten Beruf ungeeignet waren. Sie wurden darauf aufmerksam gemacht und ihnen empfohlen, sich einem ihrem körperlichen Zustande zu- träglicheren Berufe zuzuwenden. In der an den Bericht sich anschließenden Debatte wünschte Vertreter Sonnenburg die vom Schularzt gerügten Zustände, hauptsächlich die Klasscnübersüllung im alten Knabenschulhause, durch bauliche Veränderungen zu beseitigen. Das liege sowohl im Interesse der Kinder wie auch der Lehrer. Zur nächstjährigen Etatsberatung hat darum der Gemcindevorstand eine diesbczüg- liche Vorlage auszuarbeiten. Der Gesundheitszustand der Schul- linder sei leider kein erfreulicher. Vor allem sei der Prozentsatz der an Blutarmut leidenden Kinder ein hoher, wa« sicher auf Die Ge- Der ularzt und dem Lehrerkollegium feststellen, ob neben der schon bestehenden Schulspeisung kranker und bedürftiger Kinder deren häusliche Ver- bältnisse noch eine iveitere Hilfe der Gemeinde notwendig machen. Selbstverständlich dürfe den Eltern die ihren Kindern gewährte Hilfe nicht als Armenunterstützung angerechnet werden. Dann sei es notwendig, daß der Schularzt im nächsten Jahre eingehend über die Hilfsschule, deren Gestaltung und Erfolge berichtet. Auch sei es wünschenswert, daß im nächsten Jahre seitens des Schul- arzt es nicht nur den schulentlassenen Knaben, sondern auch den Mädchen bei der- Berufswahl mit Rücksicht auf die Körpcrbcschaffen- heit Rat erteilt wird. Bürgermeister Dr. Stiller empfahl, eine Beschlußfassung über die angeregten Punkte bis zur nächsten Etatsberatung auf. zuschieben. Vertreter Sonncnburg erachtete jedoch eine so- fortigc Stellungnahme der Vertretung für unbedingt erforderlich. ES wurde beschlossen:„Der Gcmeindevorstand wird beauf- tragt, festzustellen, ob die häuslichen Verhältnisse den KrankheitS- zustand der Kinder verschulden, und dann der Vertretung eine Vorlage zu machen, wie dem abzuhelfen ist." Die Vergebung der Wasserleitungsröhrcn nach Hirschgarten wird der ortsansässtgen Firma Ehlers übertragen.— Dem Warin- bad'eänstaltsbesitzcr Fröhlich werden die Wassergebühren auf 10 Pf. pro Kubikmeter ermäßigt, rückwirkend vom 1. April 1910. Unter„Mitteilungen" brachte der Bürgermeister zur Kenntnis, daß dem Realgymnasium das Recht verliehen worden ist, die Reife- Prüfung für Abiturienten abzuhalten. Damit ist das Gymnasium als Vollanstalt anerkannt.— Der von der Baugesellschaft„Union" wegen der Zahl der Gaslaternen in Hirschgarten gegen die Ge- meinde angestrengte Prozeß ist zugunsten der letzteren entschieden. In geheimer Sitzung wurde der Stadtsekretär S t a d e r- mann aus Krassen a. O. zum Obersekrctär gewählt. Das An- fangsgehalt beträgt 3100 Mk., steigend von drei zu drei Jahren iun je 300 M. auf 4800 M. Die pensionsbercchtigte Dienstzeit rechnet vom 1. April 1893. Friedrichshagen. Neber„Gottgewollte Wcltordnung und menschliche Logik" sprach Genosse A. Hoffmann in der am Mittwoch stattgefundenen, sehr gut besuchten öffentlichen Versammlung. In einem 1>/z stündigen Vortrag führte Redner den Versammelten vor Augen, wie nolwendig eS sei, daß jedermann der Kirche den Rücken kehre. Zum Schluß ersuchte Genosse Hoffmann, einzutreten in die politische sowie ge- Iverkschaftliche Organisation, damit die Forderung:„Los die Schule von der Kirche und Trennung der Kirche vom Staat" bald zur Tat wird. Niederlehme. Am Sonntag fand hier auf der„Dorfaue' die erste öffentliche Versammlung unter freiem Himmel statt. Die Versammlung war von zirka 600 Personen besucht, worunter sich viele Gegner befanden. In eiliem einstündigen Vortage führte der Referent, Genosse Stürmer, den Anwesenden die politische Lage treffend vor Augen. In seinen Ausführungen wies er besonders auf die Kaiserreden, den Brot« und Fleischivucher hin, was ihm reichen Beifall, selbst von den Gegnern cmbrachte. Trotz der Aufforderung des Vorsitzenden meldete sich keiner der Gegner zum Wort. Vor Schluß der Ver- sammlung machte der Vorsitzende noch darauf aufmerksam, daß der Lolalboykott strenger wie bisher durchgeführt werden sollte. Tpandau. Arbciter-Samariter-Bund.(Kolonne Spandau.) Am Mittwoch, den 2. November, abends S1/« Uhr, hält die Kolonne Spandau im Lokale von Bühle, Havelsir. 20, einen Kursusabend ab. Der leitende Arzt, Herr Dr. K a l l n e r. wird einen Bortrag halten. Gäste sind herzlich willkommen. Potsdam. Stadtverordnetenversammlung. Zur Anschaffung einer mechanischen Magirus-Drehleiter für die Berufsfeuerwehr werden 9500 M. be- willigt. Man mußte aber anerkennen, daß es vorteilhafter wäre, mit dem Automobilbetrieb zu beginnen, scheut aber die Hohen Kosten <20 000 M.) An anderer Stelle hat man dagegen stets Mittel zur Verfügung: Fürstenbesuche, Sedanrummel usw. Schließlich be- willigte man 775 M. mehr mit der Absicht, durch einen späteren Umbau den Automobilbetrieb einzuführen.— Damit der Adel von Sellenthin, der letzte des seit 200 Jahren bestehenden Namens er- halten bleibt, hat ein Fräulein der Stadt 6000 M. vermacht mit der Maßgabe, daß die Zinsen an höhere und mittlere bedürftige Beamtentöchter alljährlich verteilt werden. Als Grundwertstcner wird drei pro Mille erhoben. Diese Steuer ist erst vor kurzem ein- geführt, um eine gerechtere Heranziehung der Villengrundstücke mit Parks und der Inhaber unbebauter Spekulationsgrund- stücke an regulierten Straßen zu ermöglichen. Jetzt soll für die zu landwirtichaftlichen und gärtnerischen Zwecken benutzten Grundstücke eine Ermäßigung von 1 pro Mille eintreten. Der Oberbürgermeister führte aus, daß zahlreiche Klagen über zu hohe Veranlagung vorgebracht werden, noch niemals habe aber der Kläger zu dem an- geblich hohen Preise dann an die Stadt verkaufen wollen. Stadtv. Krämer offenbarte darauf die Grundsätze, wie sich die Haus- und Grundbesitzer eine Besteuerung vorstellen. Bor allem nicht den wirklichen Wert, sondern nur einen„annähernden". Schließ- lich setzte man die Besteuerung dieser Grundstück auf zwei pro Mille fest, an bebauten Straßen sind 60 Meter von der Straßenfluchtlinie aber voll, d. h. mit drei pro Mille zu versteuern.— Zum Sihluß brachte der Oberbürgermeister VoSberg noch Stellen eines Artikels der„Gegenwart" von Bollrath zur Verlesung, der sich mit der Charakterisierung der Potsdamer Stadtväter in ihrer Stellung zu dem OrtSstalut betreffend die bauliche Verunstaltung der Stadt be» schästigte. Ein ganzes Schimpfwörterlexikon könnte man über die Zwischenrufe der Stadtväter ausstellen. Der Mann dürfte demnach doch wohl das Richtige getroffen haben. Zu einer großen Demonstration gestaltete sich die Volköversamm- lung, in der sich die Potsdamer Arbeiterschaft mit den M o a b i t e r Borgängen beschäftigte. DaS rücksichtslose Borgehen der Polizei und die entstellte» Berichte der bürgerlichen Presse fanden nach einem Referat de§ Genossen U ck o- Berlin einstimmige Verurteilung. An- genommen wurde eine Resolution, die zur Agitation für den Wahl- verein und die Presse aufforderte. Selbst die anwesenden Gegner stimmten für eine Verurteilung der Polizei. Für den bevorstehende» Besuch des russischen Zaren am 6. No- vember herrscht auf der hiesigen königl. Polizeidirektton schon die größte Erregung. Es sind umfasset, de Absperrungen deS Parles Sanssouci und des Neuen Palais in Aussicht genommen. Zur Bcrstärkung wird eine Anzahl Berliner Schutzleute erwartet. Auch die militärischen Borbereitungen sind getroffen: verstärkte und vermehrte Wachen. Trotz der zahlreichen Besuche fremder Potentaten in Potsdam haben noch niemals auch mir annähernd so umfangreiche Schutzmaßregcln stattgefunden. Ankunft deS„hohen Gastes" ebenso wie die in Aussicht genommenen SicherheitSmaßregeln werde» streng geheim gehalten._ Amtlicher Dtarltbcrtcht der lttidtllche» Marlthalleli.Dlrektton ad er den Srotzbandel tn den Zenlral-MarNballen. Ätarktlage: Fleilch: Zufuhr stark, Geschält flau, Preise unverändert, sitr Kalb- und Schweine« 'leisch nachgebend. Wild: gufubr genügend, Gelchäst nicht lebhast gcuua, preise teilweise nachgebend. Geflügel: Zufuhr reichlich, Geichäjt leb- ' Preise schwankend. Fische! Zulubr mötzig, Gelchäit schleppend, ...------------ Käs lo» Preise wenig verändert. Butter uud Käse: Keschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obtt uud Gudsrüchte: Zufuhr ge- nügend, Geschäst schleppend, Preis« wenig verändert. «Sitter, ingoubcrNcht vom 31. Oktober 11) 10, morgens 8 Mir. Stationen Sa Zwtnenrd«|769D Hamburg ,75k NNO Serttn!7b7O Frnnkf.aM 755 TW 17 5)1(Heu j 757 TW Wien 1757 Still Seite: 3 bedeckt Lbedeckt 1 bedeckt 1 Nebel w* ri* S« ts» M« Nebe etüttonen Setter c l* tavarauda 758 NNO etersburg 753 NW Sctlly 702 N llberoee») Pari» 755 TZW 757 NNW I 4 heiter'—12 Swolkcnl—6 3 bald bd. 10 8 wolkig 3 bedeckt 4 1t Wetterprognose kür Dienötag, den 1. November 1010. Zunächst etwa? kühler, teilweise ausklarend, vonviegend trübe mit leichten Ncgensällen und ziemlich frischen südöstlichen Winden: später wieder lang- same Erwärmung.- Berliner Wetterbureau. m -Bruch-Pollmann p empflehlt sein Lager in Bruch- ___ r bandagcn, Laibhimien, Geratiehaltern, Spritzen, Suspensorien sowie sSmtllehe Artikel zur Krankenpflege. Eigene Werkstatt. Lieferant für Orts- und HilsS-Krankenkassen. Bez-lin B?.,* jetzt T-othringcr Stpnße 60. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- lotten, angenehm u. weich am Körper. Vvrloll»-Inntltnt: Fried riehst. 1 1 8/1, a.Orabg. "Tor. Sieg. 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Schauspielhaus. Götz von Bcrlichingen.(Ansang 7 Uhr.) Deutsches. Herr und Diener. Kammer spiele. Komödie der Irrungen. Heirat ivider Willen. (Ansang 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Kefstng. Einsame Menschen. Berliner. Der scharse Junker. Drianon. Der heilige Hain. NeurS Schauivieldmis. Die Jung- srau von Orleans. Neues. Schauspieler des Kaisers. Abschied vom Regiment. Komische Oper. Die Bohdme. Residenz. Noblesse oblige. Kleines. Die verflixten Frauen- ziinnier. Erster Klasse. Dhalia. Panische Wirlschast. Schiller O. rü�nQnct» Theater.) Robert und Bertram. Schiller Eharlottendnrg. Der Dummkopf. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Krieg im Frieden. Westen. Die schönste Frau. Neues Oueretten. Der Gras von Luxemburg. Lustspiclhans. Der Feldherrn- Hügel. Luise». Der Volksopcr. Säkkingen. Modernes. Herrnfeld. Der Derbhsieger. Rose. Das neue Gebot. Folies Caprice. Der schwarze Schimmel.— Volle Pension. (Ansang 8V. Uhr.) Metroool. Hurra— Wir leben noch l Kasino. Der schneidige Rudolf. Apollo. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. Rcichsballen. Steilincr Sänger. Walhalla. Bravo! Da capol(An- sang 8ls, Uhr.) Wintergarten. Spezialitüten. Karl Hnverland. Spezialitäten. Sanssouci. Ach, die Kerls I Spezialitäten.(Ans. 8'/, Uhr.) Urania. Da»vr»i, raste 48/41). 8 Uhr: Der Vierwaldstätter See und der Gotthard. Im Hörsaal 8 Uhr: Vortrag vom Siistnngsfonds der Berliner®t> Werbeausstellung 1870. Stern loartr« Invaliden str. 57—62 er Trompeter von (Anfang 8>,, Uhr.) Der Moloch. Eine verlorene Nacht. �essinx-Ikeater. . Uhr: Einsame Mensche«. Mittwoch 8 Uhr: Wenn der junge Wein blüht._ Berliner Theater. AbendS 8 Uhr: Der scharfe Janker. Morgen: Die tirichte Jungfrau. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Ferdinand Bonn als Gast. Die Schauspieler d. Kaisers. Hieraus: Abschied vom Regiment. Mittwoch: Dieselbe Vorstellung. Donnerstag: Kean.(F. Bonn als Gast.)__ Theater des Westens. Anfang 8 Uhr. Die schönste fran. Sonnt. 3>/,U.: Die BBschiedene Frau. Modernes Theater (frllher Hebbeltheater). Heute und täglich 8 Uhr: Die heute der Franen. Berliner Volksoper Belle-Alliancestr. 7/8. ',.9 Uhr: Der Trompeter von Säckingen. hieltrivh-WIheUlttiseties Schauspielhaus. Dienstag, den 1. Nov., abends 8 Uhr: Krieg im Frieden. Mittwoch: Faust. Donnerstag: Krieg im Frieden. Freitag: Krieg im Frieden._ Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Noblesse oblige. Schwank in 3 Akten von Hcnnequin und Veber. Loiisen-Theater. Abends 8 Uhr: Der Huttenbesitzer. Mittwoch: Berlin geht zu Bett. Donnerstag: Berlin geht zu Bett. Freitag: Der Hüttenbesitzcr. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die Schwanenprinzessi». 8 Uhr: Kean. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Hütten- '! sitzer. 8 Uhr: Preziosa. llontag: Der Fähnrich im Kloster. Tlrsmto. Wissenschaftliches Theater Tanbenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Der Tierwaldstiltter See nnd der(.otthard. Hörsaal 8 Ubr: Vortrag vorn Stiftlingsfonds der Berliner Gewerbeansstellung 1879. 9, November; Beginn eines Zyklus über Heizung und Beleuchtung (Dr. Börnstein). _ Prospekt kostenlos._ Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feldljerrnhiigel. 0SE=THEATE Hchlller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theal). Dienstag, abends 3Uhr: Robert und Bertram. Posse mit Gesang in 4 Abteilungen von Gustav Raeder. Ende 10'/. Uhr. Mittwoch, abends 8 Uhr: Robert and Bortram. Donnerstag, abend S 3 Uhr: Zum erstenmal: Da. Urbild de» Tartüff. Theater. Schiller-Theater Charlonenburg. Dienstag, abends 8 Uhr: Der Dummkopf. Lustspiel in 5 Auszügen v. L. Fulda. Ende IG/. Uhr. Mittwoch. abendS 8 Uhr: Der Dummkopf. Donnerstag, abendS 8 Uhr: Sodom» Ende. Grotze Frankjurtei Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Das neue Gebot. Schanfp. in 4 Akt. v. E. v. Wildenbruch. Mittwoch und Freitag � Die Verschwörung der Franen. Donnerstag: Das neue Gebot. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Frau Holle. 8 Uhr: Die Rituber. Zftetropol-TKsstsr. Hurra! Wir leben noch! Große Ausstaitungsrevue in 7 Bilden: v. I. Freund. Musik v. B. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. 8 Uhr: Das lollstäiijj neue Programm. Gaston Colone! Bordeverry, Der bertihmteste Kanst- ■chfitze der Welt. WalterStelnerfJulietted'Artd? 10 Uhr: Mizzi Wirth In ihrer Operetten< Novität BMF* Franenr&tsel."WgZi Heute: Premiere! Lafory, v. der großen Oper Paris Bremonral, Etoile Parisienne Herleln, amerik. Operettensängerin sowie if hochinteressante Debüts II Theater Hn MrmischtS Iflrijpn üb« Eine verlorene Macht Ein lustig« Trauersall in 2 Ästen von Anton und Donat Herrnseld. Hierzu: Der Dtlby-Siegtr. Komödie von A. Ncidbardt. Ans. 8 Uhr. Borverk.ll— 2(Theaterk.). Passage-Theater.> Heute Premiere! Darlands SO SolokrUfte Tfdm. KadCge Jean Morenu Glima- Sport- Konkurrenz Gllma-Rinsen-Boxen Casino-Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Nur bis Freitag, den 25. November: Der schneidige Rudolf. Ab Sonnabend, den 26. November; Das Original Berliner Bollsstück Jnltc Wippchen. Sonnt. 3'/, Uhr: Berühmte TSchler. LICHTSPIELE Mozartsaal Neuer Spielplan. o.ch„h6 Jr| � Kurfürstendamm 151 Dehnt t Rente, 1. Kovember: Dehnt! Qentil der brasilian. Apollo und 7he Qatidu Children um 5.80 unuO.SO abends. Morgen, Mittwoch, den 2. November, 4 Uhr nachm.: Kinderfest u. Zugendwettspiele. CLOU Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90�-91 Berliner Konzerthaus Täglich 8 Uhr abends Gintritt 1 Mark Gastspiel t. Mitgl. d. Hailänder Scala- Orchesters 06 Kttnatler. virig.: Egisto Tango 10 Solisten. Nachmittags 4— 7 Uhr; Großes Promenaden-Konzert Walhalla-Theater WewbergSweg 19/20. Anfang 8'/. Uhr. Bravo!— Da capo! Eine Allerwelts-Revue in 5 Bildern von M. Reichardl, Mustl von R. Thiele. In Szene gefetzt vom Dtrektor JameS Klein. Polles Caprice. Premiere Der Feldwebelhugel Ein Ast w Schnurren von Hengstler und Soda Soda. Bunter Teil. Hotel»nr JunKfran. Touristenposse von Satyr. Rönigstadt-Kasino. Holzmarktstr. 72, Ecke Alcyanderstraße. DaS gänzlich nene November- Programm mit Fran» Sobanskl. Emmy Pyrette, Georg Gray, Lotte Lessen, Anna und Franz Verdier, Egon Piton, Blitzverwandlungskünstler. Ein süßes Mädel. Gesangsposse in 1 Ast. Alexanderplatz Unter den Linden 21 ledding (Reinickendorf er Straße 14) Neu eröffnet; Hasenheide (Union-Braoerei). Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Der heilige Hain. □ Sozialdemokrat. Wahlverein für den 1. Berliner Keiehstagswahtkreis. Sonnabend, den 5. November 1910« im Gewerkscbaftshaas, Engel-Ufer IS Großes Herbst-Fest unter Mitwirkung des Friedrichstädt. Männerchors(Mitgl. d. A.-S.-B.), Dirigent: Hr. Bothe; des Hrn. Emil Kühne vom Residenz-Theater; der Rezitatorin Frau Kühne; der Liedersängerin Frl. Dora Riemer. Festrede, gehalten vom Genossen M. Granwald. 208/7 ü= Nach dem Konzert: Ball. Anfang 9 Uhr.— Einlaßkarte 40 Pf. Da» Komitee. □ I Heute Dienstag, 1. November, abends 71/, Uhr: Die mit großem Beisall aus« genommene AuSstattungS-Pantomime 9'/, Uhr: Zum 33. Male: Her große Coup der Schmuggler in 4 Asten. Vorher: Das kolossale Progr. u.a. Die perfische Truppe Hirz» Golem 12 Personen. I- Alt-Roabit 47/48. Donnerstag, den 8. November 191(�: Novität I Novität I Im Caf6 Noblesse. Spttzbubenlomödie in drei Auszügen von E. Schüler. Kassenerössn. 7 Uhr. Ans. 8'/, Uhr. Nach der Vorstellung Timz. Passage-Panoptikum. Prinz Atom, der kleinste Mensch aller Zeiten lebend t Buddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Alles ohne Extra-Entree! Einte. 60 Pf., Kind. u. Soldaten 15 Pf. baan Hochbahnstation Kottbuser Tor. Dienstag, den 1. November: Ach die Kerls!! Berkner Posse, Mustl v. EinidShoser. Borher: Premiere der November-Weltstadt- Spezialitäten. Ansang 8'/, Uhr._ Heute 2 Uhr: Eröffnung der Theater- Anssiellnng; (Ausstellungshatlen am Zoo) Marionetten-Theater"kÄicp' ouhi: Bastian und Baslienne. KvÄoezS!:er 8'/. uhr: König Violen und Prinzessin Klarinette. Hierauf: Das Mädchen von Elizondo. Komische Oper von Qgenbaoh._, Zirkus Busch.| Dienstag, den 1. November, abends 71/, Uhr: Große Premieren-Vorstellnng! Zum erstenmal: Gastspiel d. berühmten Dresseurs Herrn Dir. Pierre Althoff mit seinen ca. ÖO dressierten Pferden. Außerdem: Frau Adele AUhoft mit ihren exellentesten Preiheitsdress. Zum erstenmal: Frl. Elisabeth v. Dynar, Schnlreiterin, auf ihren eigenen Schulpferden. Die urkomischen Fratellinls Um 9°/. Uhr, zum 51. Male; „VENEZIA" V oigt-Theater Gesundbrunnen, Badstrahe 56. Dienstag, den 1. November 1910 Gastspiel in Puhlmanns Theater- Schönhauser Allee 148: Bin Bind des Glücks. Original-Eharaster-Lustspiel in 5 Asten von Charlotte Birch-Pseisser. Kassenössnung 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. Biii'gtlieater- Festsäle und Kinematograph vorm. Groterjan, Jnhab.: Rud. Merz, Schönhauser Allee 129. Tel. 3, 9353. liebende Photographien. Eintritt 30 u. 40 Ps., Kinder die Halste. Anf.7U., Sonnt. 4U. Vorzugskarlen, nur wochent. gültig, 23 Ps. aus allen Plätzen. Stets wechs. Programm. Rei(Mslleii-71iestei'. Stettiner Sänger. Zum Schlutz: „Im!kIaa»eIoeli". Milit. Humor, v. Meysel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntag? 7 Uhr. Karl Havetiand- Anfang Thoktoo Kommandanten- präz. 8 Uhr. luvaiLl. strafet 77/79. Heute: Heues Programm Theater„Groß-Kerlm" Ä,: Weißensee, Endera-Branerel. Abends 8'/, Uhr: Die Hexe vom Traunsee oder: Der Brand d. Karbachmühle Mittwoch Gastspiel Rtxdors, Neue Welt. Donnerstag Gastspiel Puhl- manns Theater. Cn free 30, 50, 75, 100 Ps. Kerlmer Prater- Theater Itaslaniea-Allee 7-9- Ieden Dienstag: Direstion: Fr. Fanfher. Zum Schlafe: Der Daussebliissel. Ansang 8'/. Uhr. Alle VorzugSkarten gültig. Nach der«oiree: Freitanz. Für den Inhalt der Inserate «vernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber teiuertet Berantwortuug. l-ebensanterhalt oder guten Nebenerwerb kann man sich zu Hause mit Stricken für uns oder Private aus unserer erstliassigen Strickmaschine verdienen. Wir liefern dieselbe mit 50 M. Anzahlung und bequemer Teilzahlung. 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Berlm. Druck u.«erlag: Vorwärt« vuchdruckerei u. VerlagSanSalt«aul Singer& Co- Berlm SMS. Nr. 256. 27. Jahrgang. 3. WM des Joraiitls" Aienstag. 1. November 1910. Prozeß Rnißn und Genoffen. Zu Beginn des gestrigen VerhandlungstcigeS regnete es eine Reihe Erklärungen. Der Jnseratcnchef der„Vossischen Zeitung erklärte unter Eid, von der Redaktion verstehe er nichts, es habe ihm ferngelegen, den Redaktenren zu unterstellen, daß sie sich in ihren Entscheidungen von nicht sachlichen Erwägungen leiten ließen- Dann folgte ein Angriff des konservativen Rechtsanwalts Bredereck gegen den Redakteur Leuß von der„Welt am Montag". Zur Stimmungsmache für seinen Klienten hielt dieser Verteidiger es für erforderlich, aus der bekannten Tatsache, daß der frühere antisemitische Abgeordnete Leuß zu Zuchthaus verurteilt ist, weil er seine intimen Beziehungen zu einer Ehefrau unter Eid abgeleugnet und erst nach dem Meineid seine politische Gesinnung geändert halte, Kapital zu schlagen. Welchen Zusammenhang mit der im Leußschen Artikel unervrtert gelassenen Frage, ob B r u h n eine strafbare Erpressung begangen hat, dieser geschmacklose Ausfall des Verteidigers haben soll, verriet der Verteidiger nicht. Interessanter war die F e st st e l l u n g des Staatsanwalts, daß Liman nicht von ihm, sondern von der Verteidigung geladen ist. Der Versuch der Verteidigung, das für unerheblich zu erklären, ist ein gar zu durch- sichtiger Advokatenkniff. Er schaltet die Kernfrage ans: Kann ein Liman ein geeigneter Sachverständiger über die prickelnden Ab- lagerungen in der„Wahrheit" und über die Gepflogenheiten einer anständigen Presse sein, ein Liman, der bewiesen hat, daß er rechts und links schreiben kann und daß die sensationelle Ausstreuung und Erfindung unwahrer persönlicher Verdächtigungen politischer Gegner ihm eigen ist? Die Verhandlung des Falls Israel ergab, daß Bruhn und der als antisemitischer Wanderredner bekannte Herr Sommer von der Firma Reklameannoncen aufnahmen. Weder in der Aufnahme solcher Notizen, die das Publikum zu täuschen geeignet sind, noch in der enormen Bezahlung(5 M. für die Zeile) finden diese Herren etwas Unanständiges. Würden Verleger und Redakteure, die Reklomenotizen, also Inserate, in der Weise bringen. daß der„geistig schwerfällige" Leser sie als Empfehlung seitens der Redaktion auffassen, wegen Betruges verurteilt, so wäre dem Recht besser genügt, als wenn wie neulich ein paar Straßenhändler wegen Betruges verurteilt werden, weil sie ihrer Anpreisung eine falsche Marke gaben. Die Erörterung des Falles Jandorf preßte dem An geklagten Bruhn daS für die verkommene bürgerliche und in erster Reihe für die„nationale" Presse intereffante Geständnis ab: „Ich s»!»c es ganz offen, daß man sclbstversländlich gewisse Rücksichten auf Inserate niunnt nnd nehmen muß." Damit hat der antisemitische Abgeordnete das Urteil über seine und die ihm nahestehende Presse gerechtfertigt, daß sie mit Worten den Kapitalismus bekämpft, durch die Tat ihn aber insbesondere in seinem Kampf gegen den Mittelstand unterstützt. *•* Sechster Tag. Zu der Prozeßverhandlung vom Freitag tragen wir folgende Ergänzung nach. Der Zeuge Dr. Moser(von der Vereinigung der Rechtsfreunde) hatte allerdings zuerst bekundet, daß Angriffs- artikel gegen die Bereinigung der Rechtsfreunde in der„Wahrheit" erschienen wären und daß später Paul Bruhn zu ihm gekommen sei wegen eines Jnseratenauftrages. Rechtsanw. Dr. Jul. Meyer stellte jedoch sofort an der Hand der Bücher fest, daß die Inserate der Vereinigung der Rechtsfreunde bereits seit dem S. Dezember 19 0 5 lausen, daß Paul Bruhn im Mai 1900 wegen der Ver- längerung der Inserate bei Moser gewesen ist und daß ein Artikel gegen die Vereinigung der Rechtsfreunde erst im März 1903, also zirka zwei Jahre später erschienen ist. Erklärung des JnseratenredakteurS Kluge. Nach Eröffnung der gestrigen Sitzung durch Landgerichtsrat Lampe erbittet sich das Wort der Sachverständige Kluge zu folgender Erklärung:„Ich habe mit meiner Aeußerung vom Freitag keine absolute Bekundung vorgebracht, sondern nur eine subjektive Ansicht meinerseits. Ich habe ja auch mit dem Redaktionsbetriebe nichts zu tun. Ich bin Sachverständiger für Inserate und nicht für redaktionelle Angelegenheiten. Es war also nur eine subjektive Ansicht meinerseits und kein Gutachten. E s h a t mir fern gelegen, den Redaktionen zu unter- stellen, daß sie sich in ihren Entscheidungen von anderen als sachlichen Erwägungen leiten ließen. Anwurf gegen die„Welt am Montag". Rechtsanwalt Bredereck bemerkt im Anschluß hieran: ES war vorauszusehen, daß der Prozeß hier, der sich ja überwiegend mit Presscangelegenheiten befaßt, in hohem Maße die Presse beschäftigen wird. Aber inan konnte doch vermuten, daß dem Angeklagten gegen- über die Reserve beobachtet wird, die man schließlich jedem Mörder gewährt, nicht über ihn herzufallen, ehe daS Gericht gesprochen hgt. Hier aber ist in einer Reihe von Preßorganen gegen Sachverständige. Verteidiger und auch gegen das Gericht eine Flur von Angriffen veröffentlicht worden. Diese Preßäußerungen können natürlich keinerlei Einfluß auf die Verhandlung ausüben. In der der heutigen„Welt an, Montag" steht ein Artikel, in welchem Bruhn schon als Verurteilter und dem Schandfahl Stehender behandelt wird. Der Artikel ist von Herrn Leuß verfaßt, einem früheren GesinnungSgenoffen des Herrn Bruhn. der erst über den Weg durch das Zuchthaus zur demokratischen Gesinnung sich entwickelt hat. Dieser Artikel findet sich in der„Welt am Montag", die sich als Verteidigerin der„anständigen" Presse ausspielt, obwohl in dersclbeu Nummer 53 Annoncen schlüpfrigen Inhalts zu finden sind. Der Kamps der Presse gegen politische Gegner darf doch nicht so weit gehen, daß er Einfluß auf das, waS vor Gericht verhandelt wird, gctvinnen kann! Liman kein Sachverständiger der Staatsanwaltschaft. Etaatsanw. L e i s e r i n g: Da nun einmal ans Preßäußerungen hingewiesen worden, betone ich einer solchen Aeußerung gegenüber, daß Herr Dr. Liman nicht von der StaatSanivaltschaft als Sach- verständiger geladen ist. sondern von der Verteidigung. Die Staats- anwaltschast hatte Herrn Schweitzer geladen, der leider nicht er- schienen ist. Rechisanw. Dr. S ch w i n d t: ES gibt doch keinen Sach- verständiaen der Staatsanwaltschaft oder der Verteidigung, sondern nur«sachverständige. Vors.: Das ist sehr richtig. Ich denke, wir lasten hier alle Preherörtcrungen beiseite. BrnhnS Entlastungszeugen. Frau Meyer geb. M i l e w S t a ist nicht erschienen. Sie ist ans Reisen und die Ladung Hot ihr nicht zugestellt werden können. Angekl. W. Bruhn bittet, statt ihrer deren Zwillingsschwester Frau Glowe zu laden.— Staatsanw. L e i s e r i» g weist darauf hin, daß er schon einmal betont habe, daß man das, was die Zeugin bekunden solle, als wahr unterstelle» könne. Frau Glawe sagt u. a. aus: Ihre Schwester, die ehemalige Kammerfrau der Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein, habe in ihrer bekannten Angelegenheit die Hilfe des Herrn Bruhn in Anspruch genommen, dieser habe mehrere Artikel veröffentlicht und nur die Schwester sei der Meinung gewesen, daß diese ihr eine wesenb liche Hilfe geleistet habe. Die Schwester habe Bruhn dafür auch eine Entlohnung angeboten, Bruhn habe sich aber jegliches verbeten und betont, daß er nur seine Pflicht und Schuldigkeit getan habe. Vorsitzender: Ist Ihnen irgeudlvie bekannt, daß Ihre Schwester Herrn Bruhn von anderer Seite etwas in Aussicht gestellt hat?— Zeugin: Nein, uns ist nichts dergleichen bekannt.— Angekl. Bruhn: Ein Jahr später, als man sich von der anderen Seite be- mühte, eine Einigung herbeizuführen, hat die Schwester der Zeugin von einer Einigung nichts wissen wollen und da hat man sich an mich gewendet, und meiner Zuspräche ist es gelungen, Frl. Milewska einer Einigung geneigt zu machen. Die auf Antrag des Angeklagten Bruhn geladenen Brüder Max und LeopolBall, Inhaber der bekannten Möbelfabrik in der Potsdamer Straße, bekunden übereinstimmend folgendes: Im Jahre 1908 sei gegen die Firma Ball ein Artikel in der„Wahrheit erschienen, der von Unrichtigkeiten und direkten Un- Ivahrheiten gestrotzt habe. Beide hätten sich durch den offenbar von einer ihnen feindlich gesinnten Seite herrührenden Artikel aus das höchste getroffen gefühlt und sich erst an ihren Rechts- beistand Justizrat Dr. von Gordon gewandt, der ihnen den Rat ge- geben habe, sich erst einmal mit Bruhn persönlich in Verbindung zu setzen. Dieser sei ihnen sehr zuvorkommend entgegengetreten und habe sofort erklärt, daß er erst nach Drucklegung von dem Artikel Kenntnis erhalten habe und die Aufnahme sehr bedauere, nachdem er sich aus dem von ihnen(Ball) vorgelegten Material überzeugt habe, daß der Inhalt des Artikels zu in Teil völlig erfunden bezw. entstellt sei. Bruhn habe daraufhin eine Ehrenerklärung in der„Wahrheit" erlassen, die ihnen vollkommen genügt hatte. Bei diesen Verhandlungen sei weder von einer äugen- blicklichen noch von einer späteren Zuwendung von Inseraten gesprochen worden. Bruhn habe sich bei der ganzen Sache durchaus korrekt benommen. Beide Zeugen bekunden u. a. auch, daß sie jede Verhandlungen sofort abgebrochen hätten, wenn irgend eine offene oder versteckte Forderung an sie gerichtet worden wäre. Einen sehr breiten Raum in der Beweisaufnahme nimmt der sogenannte „Fall Israel" in Anspruch. ES bandelt sich hierbei kurz um folgendes: Nach der Anklage soll zur Zeit, als gewisse Gerüchte über den verstorbenen Kommerzienrat Israel kursierten, erwogen worden sein, ob man nicht durch Hingabe von Annoncen an die„Staätsbürger-Zeitung" es vermeiden könnte, daß die Affäre Israel in dieser Zeitung breitgctreten wurde. Der damalige Propagandachef und Leiter der Katalogabteilnng Novarra soll daraus gesagt haben: das gehe doch mit Rücksicht auf die Kundschaft der Firma Israel nicht an, denn diese würde sich doch sehr wundern, wenn plötzlich große Inserate der Firma Israel in der„Staatsb.-Ztg." erscheinen würden. Dann habe Novarra dem Annonccnakquisiteur der„StaatSb.-Ztg." Sommer die Offerte gemacht, daß in der„Staatsb.-Ztg." an hervorragender Stelle eine Besprechung des Israels chen Weih nachtskatalogs erscheinen und dafür nicht bloß 1,50 M. für die Zeile, sondern 5 M. pro Zeile gezahlt werden solle. Sommer habe dies akzeptiert und Bruhn Mitteilung da- von gemacht. Dieser soll, wie behauptet wird, sich über die Höhe des Preises gewundert haben, schließlich aber habe Bruhn, da er gesehen, daß es sich um eine Reklamenotiz im Anschluß an den redaktionellen Teil handelte, gegen die Preisnormierung nichts einzuwenden gehabt. Aber, so behauptet die Anklage weiter, soll das Erscheinen dieser Reklame unter der Jsraelschen Kundschaft eine große Aufregung hervor- gerufen haben und es soll das Bestreben gewesen sein, die Sache so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen: die Rechnung wurde eingefordert und von einem Bureauangestellten der Firma Israel an Paul Bruhn bezahlt. Die Anklage steht aus dem Standpunkt, daß die Hingabe des Reklameartikels nur dem Zweck gegolten habe, derartige Artikel ein- für allemal zu unterdrücken. Die Anklage folgert dies aus den Bekundungen, die Novarra vor dem Untersuchungsrichter ge- macht hat, aus denen hervorgehen soll, daß Sommer bei seinen Unterhandlungen mit Novarra auch angedeutet habe, daß„schon wieder einiges Material gegen Israel bei der„Staatsb.-Ztg." eingegangen sei", er aber seinen Einfluß bei der„Staatsb.-Ztg." zugunsten Israels geltend machen wolle. Sommer soll dann, als er zu seinem Be- dauern vernahm, daß ihm weiter keine Jnseratenausträge für die „Staatsb.-Ztg." gegeben werden können, dem Novarra geklagt haben, daß ihm damit eine schöne Proviston verloren gehe und da soll Novarra ihn aufgefordert haben, einige Artikel für die Jsraelsche Agenda zu schreiben. Novarra habe demSommer für diese kleinen Artikel, die überhaupt nicht verwendet worden. 200 M. gezahlt. Angekl. W. Bruhn stellt die tatsächlichen Behauptungen der Anklage und die Schlußfolgerungen, die sie daran knüpfe. als durchaus falsch und gänzlich unzutreffend dar. Er be- tont, daß zu der Zeit, als das Neklameinserat auf- genommen wurde, von Verfehlungen des Kommerzienratcs Israel überhaupt noch nicht die Rede ivar. Es sei ganz ausgeichlossen, daß er damals von solchen Verfehlungen gewußt habe. Hier handele es sich um einen einfachen geschäftlichen Auftrag, den Herr Sommer ganz selbständig in seiner Eigenschaft als Annoncenakquisitcur über- bracht habe. Damals habe die Oeffentlichkeit überhaupt noch nichts über die Affäre Israel gewußt. Als nachher Gehlsen fortgesetzt Artikel über den Fall Israel schrieb, habe er, Bruhn, wiederholt zu Herrn Kammer, dem damaligen Lokalredakteur gesagt, daß Gehlsen mit Vorsicht zu beurteilen sei.— Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t weist darauf hin, daß, wie sich aus vorzulegenden Artikeln klar er- gebe, Bruhn von Herrn Gehlsen absolut weit abgerückt sei. Der Zeuge Novarra hat in der Voruntersuchung über diese ganze Affäre, über die Entstehung und den Zweck der Reklame- notiz usw. Bekundungen gemacht, die ziemlich klar durchblicken ließen, daß es sich um eine verkappte Erpressung handelt. Er bekundet jetzt, daß im Jahre 1904 der Leutnant a. D. Ohm den Kommerzienrat Israel mit Erpresser- briefen bedroht habe. Im Austrage des KommerzicnrateS sei er, Zeuge, darauf zu verschiedenen Zeitungen gegangen und habe sie darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn ihnen etwa von Obm Notizen zugchen sollten, die Ausirahme zu unterlassen, da eS alles Lügen seien. Er sei auch in der„Staatsbürger-Zeitung" geivescn und habe dort mit Herrn Sommer verhandelt. Er habe ihm gesagt, er komme im Auftrage des Kommerzienrats Israel. Der Leutnant a. D. Ohm habe in Erpresserbriefen mit Vcröffent- lichungen gedroht, und es läge doch nicht im öffentlichen Interesse, solchen erpresserischen Unternehmungen Vorschub zu leisten. ommer habe gesagt, er werde mit Bruhn sprechen. Er, Zeuge, habe dann Sommer folgende Proposition gemacht: Herr Israel sei keineswegs geneigt, irgendwelche Erpreffungs- gelder auszugeben, aber wenn Bruhn Interesse an irgendeiner wohltätigen Sache habe, dann »vürde er sich daran beteiligen. Der Zeuge stellt die Sache so dar, daß er das Inserat und die 200 M. an Sommer nur gegeben habe, um die„Staatsbürger-Ztg." freundlich zu stimmen. Der Vorsitzende macht den Zeugen auf zahlreiche Wider- jprüche zwischen seiner Aussage vor dem Untersuchungsrichter und seinen jetzigen Bekundungen ausinerksam, ebenso auf verschiedene von ihm behauptete Tatsachen, die schon zeitlich nicht stimmen könnten. Der Zeuge weist darauf hin, daß die Dinge, über die er befragt werde, schon weit zurückliegen und er in der Zwischenzeit viel durch- gemacht, seine Existenz verloren habe, längere Zeit in Amerika ge- wesen sei usw. usw. Auf direkte Frage des Vor- sitzenden erklärt er. daß er bei seinen Verhand- lungen mit Sommer nie daS Gefühl gehabt habe, daß etwas von ihm erpreßt oder ob er bedroht werden sollte.— Vors.: Da sagen Sie doch aber in vielen Punkten gerade das Gegenteil von Ihren Bekundungen vor dem Untersuchungsrichter. Die Verteidiger weisen auch ihrerseits auf verschiedene Widersprüche in den Aussagen dieses Zeugen hin. Journalist Rolf Sommer von der„Staatsbürger-Zeitung" tritt der Sachdarstellung des Zeugen Novarra entgegen und weist die Unterstellung, daß es sich darum gehandelt habe, durch Zu- Weisung der Reklamenotiz die„StaatSbürger-Zeitung" zum Schweigen zu bringen, entschieden zurück, ebenso die Andeutung, daß er irgend- wie in bedrohlicher Weise den Novarra bewogen habe, die Reklame- notiz zu geben. Er habe seinerzeit noch nichts von irgendwelchen Versehlungen des Kommerzienrats Israel gewußt und es sei nicht richtig, daß Novarra zuerst in die„Staatsbürger-Zeitung" gekommen sei und mit ihm Rücksprache unter Hinweis auf die Ohmschen Er- presjerbriefe genommen habe. Im Gegenteil sei er, Zeuge, eines TageS in das Jsraelsche Geschäft gegangen und habe mit Novarra über etwaige In- seraten- Aufträge in seiner Eigenschaft als Akquisiteur gesprochen. Novarra habe ihm durch ständige Jnseratenauflräge in feste Aussicht gestellt und dann den Wunsch ausgesprochen, daß über die Agenda, in welcher eine Kronprinzenreise beschrieben wurde, eine empfehlende Reklamenotiz veröffentlicht wurde. Dies sei denn auch ge- schehen, nachdem er Bruhn die feste Versicherung ge- geben, daß ständige Inserate folgen würden. Bruhn habe diese Mitteilung skeptisch aufgefaßt und die Tatsachen haben ihm recht gegeben. Novarra habe ihm dann eines Tages ge- sagt, daß er Inserate nicht geben könne, er sei darüber sehr indigniert geivesen und da habe Novarra ihm gesagt, er wolle ihn in anderer Weise schadlos halten. Auf Novarras Anerbieten, einige Artikel für die Agenda zu schreiben, sei er eingegangen und habe solche geliefert: das verabredete Honorar in Höhe von 200 M. sei ihm ge- zahlt worden. Der Zeuge verwahrt sich nochmals entschieden da- gegen, daß er irgendeine unfaire Handlung in dieser ganzen An- gelegenheit begangen habe; es sei durchaus unwahr, daß bei all den Unterhandlungen mit Siovarra die Bedingung gestellt worden sei, daß nichts über die Affäre Israel geschrieben werden solle. Nach diesem Ergebnis der Beweisaufnahme verzichtet die Ver- teidigung und der Staatsanwalt auf sämtliche zu diesem Fall vor- geladene Zeugen. ES wird sodann zur Erörterung des FallcS Jandorf geschritten. Der Angeklagte Wilh. Bruhn erklärt bei seiner Ver- nehmung hierüber folgendes: Eines Tages sei der Kaufmann Jacob« söhn, der sich„Jackson" nenne, zu ihm gekommen und habe ihn ge- fragt, ob er nicht ein Inserat des„Kaufhauses des Westens" an- nehmen würde. Er, Bruhn, habe dem I. sofort gesagt, daß ihm die Sache etwas sehr überraschend komme und er sich hierüber noch gar nicht entscheiden könne. Er habe jedoch gleich gesagt, daß er trotz eventueller Abnahme des Inserats seine Stellung zu den Waren- Häusern nach keiner Richtung hin ändern würde. Nach einiger Zeit habe er dann auch ein Inserat des„Kaufhauses deS Westens" gebracht. Bruhn fährt dann fort:„Ich sage es hier ganz offen, daß man selbstverständlich eine gewisse Rücksicht aus Inserenten nimmt. Verschiedene große Zeitungen bestreiten dies aber heute. Das ist weiter nicht? als Humbug I Der Sach- verständige Kluge hat das hier in seiner offenen und ehrlichen Weise gesagt und so ist eS auch) man will es bloß nicht wahr haben. Wenn ich dem Jacobsohn versprochen hätte, nichts mehr gegen Jandors zu bringen, so müßte ich doch auch zu meinen Angestellten gesagt haben: Uebcr Jandorf wird nichts mehr gebracht. Tatsäch- lich ist dies aber nicht geschehen. Dem Herrn Jacobsohn kam es in erster Linie darauf an, eine Provision zu verdienen. Ein Schein von ihm ist bei den Akten, in dem er schreibt, ich solle ihm seine Provision gutschreiben. Jacobsohn handelt mit allem, mit Seife, Schokolade, Parfüms, Zigaretten— Rechtöanw. Dr. Schwindt: Champagnerund Stiefelwichje.lHeiterkeit.) Wenn Jacobsohn gesagt hatte, das Inserat werde nur unter der Bedingung gegeben, daß nichts gegen die Warenhäuser geschrieben werde, so hätte er ihm die Tür gewiesen. Er weise auch daraus hin, daß Jacobsohn, wie sich aus einem Gerichtsbericht er- gebe, in dem bekannten Prozeß Echtermeher eine eigenartige Rolle gespielt habe, so daß von einer Seite tn dem Prozeß Echtermeyer die Bemerkung fiel: Herr Jacobsohn habe erst Sozius von Echter- meyer werden wollen.— Angekl. Bruhn betont, daß Jacobsohn ihm ausdrücklich gesagt habe, er übernehme durch die Inserate keinerlei Verpflichtung seine Stellung gegenüber den Warenhäusern zu ändern. Das habe er auch nicht getan, wie ein Artikel mit der Ucberschrift „König Schwindel" beweise.— Staatsanwalt L e i s e r i n g: Wes- halb hielten Sie denn Jandorf für weniger gefährlich, als andere Warenhäuser, beispielsweise Wertheim?— Angekl. Bruhn: Jandorf ist doch nicht zu vergleichen mit Wertheim, der in der frequentesten Geschäftsstraße sein Warenhaus immer ausgebreiteter gestaltet hat. Werrheim hat es verstanden, die Animosität gegen die Warenhäuser, die seinerzeit all- gemein war, abzuschwächen. Früher wurden doch Wertheim und Lubasch in einen Topf geworfen, Wertheim hat sich nach und nach in das sogenannte bessere Publikum hineingebracht. Vermöge dieser Aktion, die er nach oben gemacht hat, ist eS ihm gelungen, daß sogar der Kaiser das Wertheimsche Warenhaus besucht hat. DaS hätte man seinerzeit nicht für möglich ge- halten und daS tut denen weh, die es nicht für begehrenswert halten, daß Tausende kleiner Geschäftsleute in ihrer Selbständigleit untergraben und sie zu unselbständigen Angestellten der großen Warenhäuser gemacht werden. Wertheim hat eS verstanden, sich Anerkennung zu schaffen, er bat es also geschafft. Der Angekl. Paul Bruhn erklärt aus Befragen deS Rechtsanwalts Jul. Meyer, daß er lediglich die Inserate abgeholt und sonst nichts mit der Sache zu tun gehabt habe. Der Angekl. Weber stimmt den Angaben deS Angekl. Bruhn zu. Dieser habe auch ihn vor Annahme der Inserate des Jacob- söhn um seine Meinung befragt, er selbst habe ursprünglich einige Bedenken geltend gemacht, da aber immer wieder betont wurde, daß die Inserate auf den prinzipiellen Kampf gegen die Warenhäuser keinerlei Einfluß ausüben sollen, habe er ebenfalls zugestimmt.— Angell. Wilh. Bruhn: Auch die„Deutsche Tageszeitimg" hat ftüher die Warenhäuser ebenso heftig angegriffen und bringt heute ebenfaus die Inserate der Warenhäuser. Das ist eben die Macht des Kapitals, die sich Bahn bricht und vor der sich auch die Presse beugt. Die Verhandlung wird hierauf auf heute OVa Uhr vertagt. WasserftaiidS-Nachrtchten der LandcSaustalt für Kewässertunde, mitgeteilt vom Berliner Welterbureau. ZSajserltand M e m° l. Tilsit Bregel, Jnlterburg Weichsel, Thoru Oder, Natibor , Kronen , Franksurt Warthe, Zchrimm , LandSberg Netze, Vorvainm Elbe, Leitineritz , Dresden , Barbv . Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— gall.•) Unierpegel. 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