Mr. 258. HbonnementS'Bcdingungen: »konnemenls< Preis pränumerando i Vierteljährig Z�0 Ml, monati. l.lOMH, wöchentlich 2« Pfg. frei ins HauS. Einzelne Numnier 5 Pfg. EonniagS- nummer niit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" t<> Pfg. Post- Abonnement: l,l0 Mark pro Monat. Eingetragen in die Posi-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich• Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemarl, aolland, Italien, Luxemburg. Portugal, lwiSnien, Schweden und die Tchwcij, 27. Jahrg. Mcheilli täglich außer MoutagH. Nevlinev Volksblnkk. vle Inlertlsnz-Lebilftr vclrügt für die fechsgefpaltene Kolonel» zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gcwcrlschastliche Vereins- und Verfammlungs-Anzeigen N Pfg. „Kleine»n-eig-n", das erste isett. gedruckte) Wort 20 Psg., jcdcS weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- flcllcn-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SNHr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „SMlaliUinsllrai Berlin'*, Zoitralorcyan der Ibzialdemokrati fcben Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68. Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Str. 1983. Donnerstag, den B. November 1910. Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Berliner ßloljnungspolitik. L .. Die Einnahme aus dem Verkauf städtischen Grund- besitzes tvar also in diesen 7 Jahren mehr wie doppelt so hoch als in den vorangegangeneu 21 Jahren. Wir sind indessen weit entfernt, hieraus den Schluß ziehen zu wollen, daß die Stadt mit dem Verkauf von Grundstücken in noch schnellerem Tempo als bisher vorgehen soll. Die nachfolgenden Genera- tionen der Steuerzahler werden es dankbar anerkennen,»venu sie, die einen Teil der von der Gegenwart kontrahierten Schulden mitzahlen müssen, von dieser einen Grundbesitz überkommen, dessen Verkaufswert nach menschlicher Voraus- ficht stetig zunimmt." Diese Ausführungen finden sich in dem Bericht über die Gemeindeverwaltung der Stadt Berlin in den Jahren 1882 bis 1888. Sie sind kennzeichnend für die verschwommene Auf- fassung, die ihre Verfasser von den Aufgaben städtisckfer Woh- nungspolitik hatten. Zu wissen, daß die nachfolgenden Gene- rationen die in der Gegenwart kontrahierten Schulden mit- zahlen müssen, sich darüber klar zu sein, daß der Wert des städtischen Grundbesitzes stetig zunimmt, zu berichten, daß man in den letzten sieben Jahren doppelt so hohe Einnahmen aus dem Verkauf gezogen habe wie in den vorangegangenen einundzwanzig Jahren, und sich zu rühmen, daß man den städtischen Grundbesitz nicht noch schneller verschleudern wolle: das zeigt den ganzen Zwiespalt zwischen richtiger Erkenntnis und entgegenstehenden Handlungen, der seit Jahrzehnten die Boden- und Wohnungspolitik der städtischen Behörden Berlins charakterisiert. Kann für die damaligen Mitglieder der Stadtverwaltung als Entschuldigung gelten, daß die Sozialdemokratie zu jener Zeit erst in das Stadtparlament einzog und dort vorher die Aufgaben einer weitausschauenden städtisckfen Bodenpolitik noch nicht ihre Vertretung gefunden hatten, so muß doch mit Bedauern festgestellt werden, daß auch die Bodenpolitik der Berliner Stadtverwaltung in den folgenden Jahrzehnten nicht klarer und zielbewußter geworden ist. Jede Möglichkeit, die sich bot, den städtischen Grundbesitz in umfassender Weise zu vermehren, große unbebaute Terrains dem städtischen Weichbilde einzuverleiben und dadurch auf die Bodenpreise und die Wohnungsverhältnisse Einfluß zu gewinnen, wurde nicht nur verpaßt, sondern in unbegreiflicher Verblendung und Kurzsichtigkeit direkt beiseite geschoben. Noch 1904, als die Entwickelung der Dinge in Groß-Berlin auch dem blöde- sten Auge klar erkennbar sein mußte, hat der Magistrat von Berlin kurzerhand die angebotene Eingemeindung der Hasen- Heide abgelehnt,„weil der Stadtgemeinde dadurch 1% Millionen Mark Kosten erwachsen würden und der Oberpräsident die gleichzeitige Einverleibung des Tempelhofer Feldes der- langt habe, dieses aber für absehbare Zeiten nicht als Bauland in Frage kommen würde: unter diesen Umständen würden der Stadt- gemeinde auch aus der Eingemeindung des Tempelhofer Feldes nur Lasten entstehe n." In ihrer köstlichen Naivität erinnert diese Antivort an jene Aeußerung eines Charlottenburger Stadtverordneten, der, als in Charlottenburg über die Ausgemeindung der Gegend um den jetzigen Lützowplatz verhandelt wurde, meinte: Man solle das Terrain ruhig Berlin überlassen: man spare ja dadurch den einen der beiden zur Bewachung angestellten Nachtwächter! Die Haltung des Berliner Magistrats war um so un- erhörter, als ein Jahr vorher die Stadtverordnetenversamm- lung— in diesem Falle weitsichtiger als der Magistrat— den Magistrat ersucht hatte, mit der Gemeinde Tempelhof wegen Eingemeindung des in Frage stehenden Gebiets zu der- handeln. Der sozialdemokratische Redner erklärte damals (1904) in den Verhandlungen:„Ich glaube allerdings, daß das große Terrain des Tempelhofer Feldes früher oder später doch der Bebauung erschlossen toerden wird; wenn wir in 10 oder 15 Jahren dann sehen, daß Ripdorf oder Tempel Hof das Feld eingemeindet hat, dann werden wir uns fagen müssen: wir waren dama ls wicht weitsichtig genug." Schneller, als selbst die sozialdemokratische Fraktion da- mals annahm, ist das Tempelhofer Feld für die Bebauung freigegeben worden: aber Berlin machte erst einen Versuch sich aufzuraffen, als es zu spät war. Mit der jetzt erfolgten Aus- lieferung des Tempelhofer Feldes an eine Terraingesellschaft — die Gemeinde Tempelhof gibt ja nur die Firma her— ist die Absicht der preußischen Junker, Berlin durch Vorlage- rung und Förderung größerer Gemeinden den Lebensnerv langsam zu unterbinden, nahezu vollständig durchgeführt. Berlin ist dadurch die letzte Möglichkeit genommen, eine Stadterweiterung in moderner, den hygienischen und wirtschaftlichen Anforderungen der Bevölkerung cntsprdchender Weise vorzunehmen. Ob Berlin dieser Aufgabe gerecht ge-� worden wäre, ist allerdings noch eine Frage, die zu bejahen nach allen bisherigen Erfahrungen einen gewissen Leichtsinn erfordert. Man braucht(um ein Beispiel aus allerjüngster Zeit zu nennenl nur an die Niederlegung und zweckent- sprechende Wiederverwertung des Scheunenviertels zu denken, um zu erkennen, daß die städtischen Behörden teils von einer kaum zu überbietenden Ungeschicklichkeit sind, teils gar nicht die Abficht haben, tatkräftig vorzugehen. Sicherlich gibt es auch unter den bürgerlichen Mitgliedern beider Kollegien den einen und anderen, der auf diesem oder jenem Gebiete Fortschritte erreichen und die Verwaltung mit modernem Geist erfüllen möchte: aber die Widerstände, die zu überwinden sind, sind zu groß. Der„innere Feind", wie neulich einmal treffend gesagt wurde, sitzt so zahlreich mitten in der Verwaltung, seineBeziehungenzuden großen privatkapitalistischen Erwerbsge- sellschaften sind so enge, daß jede eigene städtische Initiative zugunsten des Privatkapstals gelähmt wird. War früher der Feind, den es in erster Reihe zu bekämpfen galt, der kleine spießbürgerliche Hausbesitzer, dessen Gesichtskreis nicht über seine Nasenspitze hinausging, so tritt heute der lähmende Einfluß dieser Schichten weit zurück hinter den, den das Großkapital durch seine Mittelsmänner direkt und indirekt, offenkundig und versteckt, ausübt. Gewiß wird die Sozialdemokratie in ihrem Kampf gegen das gemcinschädliche Hausbesitzerprivileg nicht erlahmen, denn die Tatsache liegt klar zutage, daß, je mehr die Städte durch die Macht der Verhältnisse gezwungen werden, Fragen des Wohnungs- Wesens, der Boden- und Verkehrspolitik in den Kreis der gemeindlichen Aufgaben einzubeziehen, sie um so kräftiger gegen die Privatinteressen der Grundbesitzer vorgehen müssen: brachte doch vor kurzer Zeit selbst das schlimmste Scharf- macherorgan,„Die Post", einen Artikel, in dem es heißt: „Die Hausbesitzer sind namentlich in den großen Städten keineswegs nur diejenigen alt-cingesesscnen, über einen jähr- zehntelangen Familienbcsitz verfügenden Eigentümer, an welche die Städteordnungen bei der Privilegierung dieses Standes mit Rücksicht auf ihr enges Verhältnis zu der Entwickelung der Stadt gedacht haben. Ein einheitlicher sozialer Gesichtspunkt, unter dem der Hausbesitzerstand betrachtet werden könnte, be- steht nicht mehr. Diesem Stande gehören jetzt zahlreiche Elemente an, die das Haus als Ware behandeln und nicht als Vertreter der seßhaften Bevölkerung erscheinen können. Die Privilegierung dieser Kategorie von Hausbesitzern ist vom Gc- setzgeber sicher nicht gewollt." Ebenso unbestreitbar ist jedoch die Tatsache, daß selbst. wenn das Hausbesitzer-Privileg fallen sollte, die Städte sich nicht frei bewegen werden können, wenn es ihnen nicht gleich- zeitig gelingt, sich aus den Fesseln des Großkapitals zu be- freien. In keiner anderen Stadt ist nun die Umklammerung durch die Hochfinanz so mannigfach und engmaschig, wie in der Millionenstadt Groß-Berlin, und auf keinem anderen Gebiete winken dem Privatkapital solche Profite, wie auf den Gebieten des Verkehrs- und Beleuchtungswesens und der Grundstücksspekulation, die ihrerseits zu einem erheblichen Teil die traurigen Wohnungsverhältnisse der Bevölkerung bedingt. Nirgend ist das System der scheußlichen Massenquartiere fünfstöckiger Häuser so vollkommen ausgebildet, wie in Berlin: hrirgends treten die Schäden des Mietskasernen- systems so kraß zutage wie hier. Einige Zahlen mögen zeigen, in welcher Weise die Herrschaft der Mietskaserne sich in Berlin ausgebreitet hat. Auf ein bewohntes Grundstück kamen im Durchschnitt an bewohnten Wohnungen: 1861 1864 1867 1871 1872 1886 9,26 10,26 11,18 12.31 12,72 13,87 1832 1390 1892 1900 1902 12,22 17,02 17,62 19,21 19,77 In den letzten 45 Jahren hat sich also die durchschnittliche Wohnungszahl eines Grundstücks mehr als verdoppelt. Diese kolossale Vermehrung ist nur zu einem geringen Teile auf eine Vergrößerung des Flächeninhalts mancher Grundstücke zurückzuführen, zum größeren Teil auf eine stärkere bauliche Ausnutzung des Grund und Bodens durch Verkleinerung der Hofräume und Verminderung der Hausgärten,— vor allem aber durch Auftürmung von 4 und 5 Stockwerken, statt früher 2 bis 3. Noch klarer wird diese Entwickelung durch die folgende Zahlenreihe. Von je 100 Grundstücken hatten Wohnungen: 1—8 8— 10 11—20 21—30 31-20 über 20 1861 33.2 80,1 29,2 2.9 1,2 0,1 1902 14,1 14,8 30,8 20,7 16,8 2,8 Im Jahre 1861 hatte noch ein Drittel aller Häuser höchstens 5 Wohnungen: im Jahre 1905 nur ein Siebentel. Andererseits waren damals unter den Grundstücken nur 7,2 Proz., in denen es mehr als 20 Wohnungen gab, 1905 dagegen 40,3. Fast die Hälfte aller Grundstücke(48 Proz.) warnochnichtzehnJahreimBesitzdesbeider Zählung ermittelten Eigentümers, drei Zehntel weniger als fünf Jahre. Nur ein Fünftel sämtlicher Berliner Häuser war länger als 20 Jahre in der Hand desselben Besitzers. Die Entwickelung der Behausungsziffer, d. h. der auf ein Grundstück entfallenden Bewohnerzahl ist aus der folgen- den Zusammenstellung ersichtlich. Aus ein Grundstück kamen Bewohner: 1861 1864 1867 1871 1872 1830 1882 1890 1892 48,3 49,6 21,3. 26.9 27,9 60.6 66,9 72,9 72,0 1900 1902 77,0 77,0 In Hinterwohnungen wohnten im Jahre 1864 28 Proz., im Jahre 1900 46 Proz. Im vierten Stock und höher 1864 5,4 Proz., 1900 18,8 Proz. Daß diese Entwickelung durchaus nicht unvermeidlich, daß sie keine den Dingen immanente ist, zeigt das Beispie! englischer, belgischer und nordamerikanischer Großstädte. Die Behausungsziffer im inneren Verwaltungsbezirke von London betrug 1901 7,93, in Liverpool 5,55, in Manchester 4,99, in Birmingham 4,84. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Antwerpen mit 8,40, Brüssel mit 8,97, Brügge mit 5,04 Bewohnern auf ein Haus. Dabei ist noch zu bedenken, daß die für Berlin angeführten Durchschnittszahlen ein viel zu günstiges Bild geben, da die vornehmen westlichen Stadt- teile die Ziffern für die Arbeiterquartiere sehr erheblich herabdrücken. Die früher stets aufgestellte Behauptung, daß den Schäden, welche die Mietskasernen in gesundheitlicher und auch sittlicher Beziehung haben, wenigstens billige MietS- preise gegenüberstehen, ist inzwischen auch widerlegt. Eber- stadt u. a. haben überzeugend nachgewiesen, daß die eng- räumige Bauweise durchaus nicht so billig ist, wie ihre An- Hänger stets behaupten, und alle bisher ausgemachten Be» rechnungen haben erwiesen, daß ein fünfstöckiges Haus im Verhältnis durchaus nicht erheblich billiger herzustellen ist als ein dreistöckiges. Damit entfällt für den Besitzer einer solchen Mietskaserne die Möglichkeit, seine Wohnungen, selbst wenn er wollte, zu einem billigeren Mietspreise als im kleinen Hause abzugeben. Hinzu kommt aber vor allem noch die klare Tatsache, daß, je intensiver der Grund und Boden bebaut werden kann, je größer seine Ausnutzungsfähigkeit ist, desto höher sein Preis steigt. Je höher aber der Preis des Grund und Bodens steigen kann, um so mehr wird er von den Terrainspekulanten als Ausbeutungsobjekt gesucht und begehrt. Jede Bau- ordnung, die eine Beschränkung in der Ausnutzung der ein- zelnen Grundstücke für Bauzwecke herbeizuführen sucht, b e- g e g n e t daher s ch ä r f st e m W i d e r st a n d der Grundbesitzer und der Hochfinanz, während auf der anderen Seite jede Erweiterung der Bauordnung die Grundstücksspekulation mächtig entfacht. Jene unglückliche Verwaltungsmaßregcl. durch welche die Berliner Bauordnung vom 15. Januar 1887 durch die Köuigl. Regierung zu Pots- dam am 24. Juni 1887 auf fast sämtliche Vororte ausge- dehnt wurde, lieferte daher dieses ganze ungeheure Terrain. ungezügelter Grundstücksspekulation aus. Von Obrigkeits wegen wurde damit den Vororten das System des Massen- Mietshauses aufgedrückt. In den Jahren 1891, 1893 und 1895 wurde dann freilich der Versuch gemacht, diese Bau- ordnung wiederum etwas einzuschränken: insbesondere die Bauordnung vom 5. Dezeinber 1895 trat dem Bau von Mietskasernen in den westlichen Vororten etwas entgegen und war daher den Grundstücksspekulanten und Terrain- gesellschasten ein Dorn im Skuge. In der dem Einfluß dieser mächtigen Kreise unterstehenden Presse wurde deshalb aufs schärfste gegen diese Bauordnung agitiert— mit dem Erfolge, daß die Regierung nachgab und am 1. Mai 1903 eine neue Bauordnung erließ, die mit dem Tage der Veröffentlichung in Kraft trat. An der Börse war man von diesem Siege schon vorher unterrichtet und hatte die kommenden Gewinne rechtzeitig eskomptiert. Inner- halb eines Vierteljahres stiegen die Aktien der 11 in Betracht kommenden Terraingesellschaften um 9 Millionen Mark, ein um so riesigerer Betrag, da das nominelle Aktienkapital dieser Gesellschaften nur 30 Millionen Mark ausmachte._ Preisgabe der IRechtsgarantien durch Zentrum und Polen. Im Laufe der M i t t w o ch- Sitzung stimmte die Justiz- kommission über den§ 122a der Strafprozeßordnung und der dazu gestellten Anträge ab. Es handelte sich hierbei um die durch den Entwurf neu einzuführende Bestimmung, daß die Staatsanwaltschaft von der Erhebung einer öffentlichen Anklage absehen kann, wenn das angezeigte Vergehen nur ein geringes war. Diese Neuerung, die der Willkür der Staats- anwaltschaft Tor und Tür öffnen würde, beranlaßte lebhafte Diskussionen in der Oeffentlichkeit, die sich im Plcnunm des Reichstages und dann in der Kommission fortsetzten. Zum Teil trug die Kommission der an dem Regierungsentwurf geübten scharfen Kritik dadurch Rechnung� daß sie in erster Lesung die Entscheidung darüber, ob in einer geringfügigen Sache die Anklageerhebung unterbleiben könne, an die Zustimmung des zuständigen Gerichts knüpfte. Das ging jedoch der Regierung viel zu weit, und in'der zweiten Lesung beantragten die Nationalliberalen und Konservativen, diesen Zusatz wieder zu streichen. Diesem Antrage wurde mit 17 gegen 9 Stimmen entsprochen. Die Kommission trat also auch hierin einen voll- ständigen Rückzug gegenüber dem Beschluß der ersten Be- ratung an. Damals wurde der Rcgierungsentwurf, der dem Staatsanwalt jede Willkür bei der Erhebung von Anklagen ermöglicht, mit nur zwei Stimmen Mehrheit angenommen. Heute verwandelte sich diese zweifelhafte Mehrheit in eine erdrückende! Umgefallen sind einige Z e n t r u m L ab g e o r d n e t e und die P o l e n! Alle Verbcsserungsanträge wurden abgelehnt. Selbst ein ganz harmloser Antrag des Abg. Meyer(Kfb.) vom Zentrum, für den Fall, daß der Staatsanwalt die Erhebwig der Anklage unterläßt, dem Verletzten oder dem berechtigten Jnter- Jffenfcn das Rechi Scr Privatklnge zu geben, tvurde gegen wenige �nischcn Verfassung die zu sein, dem Präsidenlen der Republik LaS Stimmen abgelehnt! Wort zu lassen und ihm die Entlassung des Kabinetts anzubieten. Auch bei anderen Punkten lehnte die Kommission jede Ver- besserung, die von unseren Genossen beantragt wurde, ab. So, dass der Strafantrag bei einer Polizeibehörde schriftlich ein- gereicht werden musz, wie es schon das geltende Recht fordert. Räch dem Entwurf soll künftig ein polizeiliches Protokoll genügen, das der Anzeigende unterschreiben kann. Ebenso fiel ein Antrag unserer Genossen zum Z 163, der forderte, daß bei einer Polizei- lichen Vernehmung eines Verdächtigen demselben auch die Garantien der richterlichen Vernehmung ge- geben sind und daß ferner auch zu solchen Vernehmungen der be- stellte Verteidiger zuzuziehen ist.— Beim§ 166 beantragten die Polen, daß bei Lokalaufnahmcn mehr wie bisher photographifche Aufnahmen gemacht und zu diesem Zwecke vereidigte Photographen zugezogen werden sollten. Das wurde abgelehnt. Dagegen wurde im§ 176 auf Anregung wieder ein Beschluß erster Lesung aufgehoben, wonach auch dann der Verdächtige von der Einstellung des Verfahrens zu be- nachrichtigen ist, wenn eine polizeiliche Haussuchung öder Ver- nehmung stattgefunden hat. Eine längere Debatte entspann sich bei den allgemeinen Be- stimmungen über die Voruntersuchung. Der Entwurf der Regierung wollte in Straskammersachen nur dann eine Vorunter- suchung eintreten lassen, wenn dieselbe zur weiteren Auf- klärung erforderlich sei. Die Kommission dehnte die Vorschrift über die Voruntersuchung auf alle Straskammerdclikte aus, bei denen es sich um Verbrechen handelt, die nicht im Rückfall begangen wurden.— Da der Regierung auch dieser Beschluß nicht patzte, wurde von konservativer Seite die Aufhebung dieses Beschlusses erster Lesung beantragt. Unsere Genossen wendeten sich auf daS entschiedenste gegen diese beantragte Verschlechterung, indem sie für den Beschluß erster Lesung eintraten. Der konservative Antrag wurde mit starker Mehrheit an- g e n o m m e n; dafür stimmten außer den Nationalliberalen, Konservativen und Polen auch die Freisinnigen. „Zuverlässige" Richter für ilioablt. Nachdem, wie wir mitteilten, die wegen der Moabiter Vor- hänge erhobenen Anklagen vor die von der Staatsanwaltschaft ge- wünschte Strafkammer geleitet sind, deckt die Staatsanwaltschaft ihre Karten etwas auf. Die erhobenen Anklagen sprachen ledig- lich von„Aufruhr", ohne das politische oder gewerk- schaftliche Gebiet zu berühren. Nunmehr ist jedoch den Angeklagten ein umfangreicher, 21 in enger Schreibmaschinen- schrtft hergestellte Seiten umfassender„Nachtrag" zugegangen. In diesem Nachtrag wird allerlei über die Ursache und den Verlauf der Vorgänge, sowie darüber erzählt, daß die s o z i a l d e m o- kratische Partei hinter den Vorgängen stehe. Ucber diese Erzählungen ist den Angeklagten in der Voruntersuchung keinerlei Mitteilung gemacht worden. Den Mangel eines Beweises für ihre auf das politische Gebiet hinüberspielenden Angaben sucht die Staats- anwaltschaft durch allgemeine Sentiments zu ersetzen, die selbst auf einen im Bismarckschen Sinne nicht durchaus„politisch zuver- lässigen Richter" keinen anderen Eindruck machen können, als den: die Staatsanwaltschaft stellt solch haltlose Behauptungen nur auf, weil sie den Wunsch der politischen Behörden und der Junker wenigstens formell nachkommen mutz. Die Staatsanwaltschaft hat aber durch ihre Nacherzählung der Wahlmachermärchen den Ange- klagten die Möglichkeit gegeben, diese Legende aufs gründlichste zu zerstören. Das eigenartige, auffallende Vorgehen der Staats- anwaltschaft wird also wider ihren Willen für objektiv Denkende etwas Nützliches schaffen. klmgeitaltung des Kabinetts Brland. Paris, 2. November.(Privattelegramm des„Vor- wärts".) Wie offiziell mitgeteilt wird, hat Briand dem Präsidenten Falliöres das Entlasslingsgesuch des Kabinetts überreicht. Die Sitzung des Kabinettsrats war von selzr kurzer Dauer. Briand erklärte gleich zu Be- ginn der Sitzung, daß es in Anbetracht der politischen und persönlichen Zwischenfälle der letzten Zeit besser schiene, nicht zu einer teilweisen Neubildung des Mi- nisteriunis zu schreiten und daß es wünschenswert sei, dem Präsidenten alle Aktionsfreiheit zu lassen. Er sei entschlossen, zurückzutreten. Diese Entschließung zog die Demission des Kabinetts nach sich. V i v i a n i erklärte, er sei eilt- schlössen, zurückzutreten, bliebe aber deswegen nicht weniger ein treuer Freund Briands. ES folgte noch eine kurze Erklärung Barthouß, der dem Ministerpräsidenten die Synipathie seiner Mitarbeiter ansdrückte. Da Briand nach dem letzten Votum der Kammer über das Vertrauen der Majorität verfügt, so unterliegt es keinem Zweifel, daß der Präsident der Republik Briand init der Neubildung des Kabinetts hetrauen wird. Me Demission ist somit nur die Form für die unausbleibliche und schon seit eitiiger Zeit erwartete Umbildung des Kabinetts. In welchem Sinne diese Umbildung erfolgen wird, deutet die offizielle Begründung der Demission mit hinlänglicher Deut- lichteit an. Die letzten Ereignisse, sagt diese Begründung, stellen dem Ministerium andere Aufgaben, als die- jenigen waren, die es bei seiner Bildung vor sich hatte. Diese anderen Aufgaben bestehen in der Erfüllung der Forde- rungen der Sozialreaktionäre nach Einschränkung der Koalitionsfreiheit und Beseitigung des Streikrechts der Staatsangestellten und der Eisen- bahner. Die Minister, die diese Politik der Entrechtung nicht mitmachen wollen— man nennt neben Viviani auch Mille- rand—, sollen durch zuverlässige Anhänger Briands ersetzt werden. Den, französischen Proletariat stehen somit schwere Kämpfe bevor, und an der Spitze seiner Gegner steht der ehe- malige Generalstreikler Aristide Briand. Die Begründung der Demission. Paris. 2. November. Im KabinettSrat erklärte Briand, er glaube, daß die jüngsten ernsten Ereignisse die Regierung vor Aufgaben gestellt hätten, die bei der Bildung seine? Kabi- netts noch nicht bestanden und über deren Lösung es nicht beraten könne. Briand setzte hinzu, die parlamentarische Debatte habe unbestreitbar große Schärfe angenommen. Briand erinnerte an die überaus heftigen Angriffe gegen seine Person und an die sehr bedenklichen Debatten über seine Befugnisse, um die gegenwärtige Lage des Landes zu meist er n. Man habe ihm sogar unlautere Absichten gegen die bürgerlichen Frei- heiten vorgeworfen, aber die Kammer habe ihm gegenüber diesen Angriffen Gerechtigkeit widerfahren lassen, und die republikanische Mehrheit habe der Regierung ihr Vertrauen bezeugt. Nach einer solchen Debatte und in Voraussicht dessen, was sich noch ereignen könne, da die Verhältnisse grundverschieden von denen seien, die bei Bildung seines Kabinetts bestanden hätten, scheine ihm die beste, umfassendste und ehrlichste Deutung der republika- Briand übernimmt die Neubildung Paris, 2. November, nachmittags 4 Uhr. Der Präsident der Republik hat Briand mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt. Briand hat den Auftrag ange- n o m m e n. Briand soll eine rechtweitgehendeUmbildung vorhaben: er würde mit ihren bisherigen Portefeuilles bei- behalten: den Minister des Acußern Pichon, den Kriegs- minister General Brun und den Marinemiuister Admira! Boue de Lapepröre und vielleicht niit einem anderen Portefeuille den bisherigen Handelsminister Jean Dupuy. Die meisten anderen Ressorts würde er neubesctzen. Unter den Politikern, die Briand etwa berufen könnte, nennt man Klotz. Monis, Chaumet, Raynaud und Noulens.... « Kmncls JMebrhett Paris, 1. November.(Eig. Ber.) ES ist von großem politischem Interesse, die Verteilung der Stimmen, die sich aus die Tagesordnung für Briand vereinigten, auf die ver- schiedenen Parteien zu betrachten. Gegen das Vertrauen stimmten: 75 gceinigte Sozialisten, 16„unabhängige" Sozialisten, 75 Radikalsozialisten, 13 Radikale, 3 Monarchisten. 1„wilder" Nationalist. Dafür stimmten: 9„u n a b h ä n a i g e" Sozialisten. Darunter befinden sich die Herren Deveze, Andrä, Lefevre und natürlich der edle G e r a u l t- R i ch a r d. 52 Radikal- sozialisten, 77 Radikale, 70 Mitglieder der demokratischen Linken, 71 Progrcssisten, 24 Mitglieder der klerikalen „liberalen Aktion", 14„Unabhängige", d. h. das Gros der Nationalisten und Antirepublikancr, wie Maurice Barres, Puglesi-Conti usw., 3 Mitglieder der Rechtcu, 9 Minister. Im ganzen ergeben sich also 179 republikanische Stimmen gegen und, nach Abzug der Minister, 199 Mitglieder der Linksparteien, wozu noch einige republikanische Unabhängige wie Abb« Lemire kommen, für die Tagesordnung. Briand, der ja feierlich verschworen hat, mit einer anderen als einer republikanischen Mehrheit zu regieren, kann �darum noch bleiben. Zwanzig Stimmen ist ja sicher eine sehr dürftige Mehrheit, namentlich wenn man in Betracht zieht, was für sonderbare Republikaner sich unter den Radikalen und Links- demokraten herumtreiben. Und wenn man die 39 Linksrepu- blikaner mitzählt, die sich der Abstimmung enthalten haben, weil sie bei all ihren reaktionären Tendenzen einem Briand nicht das Vertrauen votieren mochten, so ergibt sich, daß er eigentlich die Mehrheit der Republikaner nicht mehr hinter sich hat. Aber rein äußerlich betrachtet, besteht seine Mehrheit eben noch fort und das mag ihm für den Augenblick genügen. Es ist aber außer Zweifel, daß dieses Abstimmungsergebnis auf seine weitere Politik von Einfluß sein muß. Er hat jetzt gesehen, daß er seine ent- schiedensten Anhänger im Zentrum und auf der Rechten hat. Man braucht nur die Presse zu lesen, um zu sehen, daß die Reaktionäre in ihm den Totengräber der Demokratie sehen. Außer den schmierigen Jobbern der„republikanischen" Korruptionsprcsse, Nüe dem an- rüchigen Herrn Berenger von der„Action" und Briands Leibhusaren Gaston Cagniard, der in der„Petite Repu- blique" seines Dienstgebers Nachtgeschirr täglich gegen Ge- nossen Jaurös schwingt, ist niemand für Briands Politik so begeistert, wie die ausgesprochen reaktionären Journale. Im royalistischen„Gaulois" schreibt Arthur Meyer: „Er kann diese Waffenruhe gebrauchen, um daS Prinzip der Autorität wieder aufzurichten. Von seiner rednerischen Virtuosität abgesehen, weiß ich nicht, waö er wert ist, ja nicht einmal, was er will. Aber darum bleibt es doch wahr, daß er ein, vielleicht unbowntztes, Vehikel von Ideen ist, die noch nicht klar hervortreten. Ob er will oder nicht, die volle Reaktion ist auf dem Marsch.". Im„Eclair" jubelt ihm Ernest Judet zu und im„Echo de Paris" schreibt Maurice Barre?: „Es wäre ungerecht und unpolitisch zu verkennen, daß das Leben einen Menschen lehren kann. Warum sollte sich Herr Brians nicht, wie er eS ankündigt, zum Gefühl einer nationalen Politik erheben? Er sagt uns heute, daß er daS Wohl des Landes über alles setzt. Am Tage, da dieser durchaus natio- nalistische oder wenn man will nationale Gedanke nicht nur in seinen Reden, sondern mich in seinen Handlungen sichtbar werden wird, wird es kindisch und ohne Interesse sein, sich seiner dunklen Jahre als Revolutionär zu erinnern. Schon zetzt haben wir ihm die Schwierigkeiten seiner Situation zugute z» halten. Zwei Schritte vorwärts, einer rückwärts, daS ist der Rhythmus, nach den» er sich bewegt. Gestern, am Sonntag, hat er den Glanz seiner aufsehenerregenden Rede vom Vortag ein wenig verwischen müssen. Darum möchten ihn einige der Unseren nicht ernst nehmen und behandeln ihn als„Prahlhans der Diktatur". Aber wer oerlattgt von ihm, daß er den Diktator spiele? Man verlangt von ihm, daß er die Zivilisation gegen die Barbarei verteidige." Diese offene Wendung der Reaktionäre, ihr ausgesprochener Eintritt in Briands Majorität ist das politische Ergebnis der letzten Sitzung. Briand hat wohl in seiner Rede die famose Phrase von der Illegalität bis zur Jnhaltlosigkeit abgeschwächt, indem er sie in ein Not- recht umdeutete, das in gewissen Notlagen der Nation ohne weiteres von allen guten Franzosen anerkannt werden würde. Wozu hat er aber dann von seiner Phrase gesagt, daß sie seine „Gegner cmporfahren lassen" würde? Das Pflegen doch Selbstverständlichkeiten in der Regel nicht zu bewirken? Und wenn er zu den„guten Franzosen"„alle Franzosen der Kammer" rechnet, wie kommt es. daß er am Tag zuvor von den 75 Sozialisten als„Anarchisten" gesprochen hat— eine Beschuldigung, die sich ja in seinem Mund besonders reizend ausnimmt? Allerdings, auf Widersprüche kommt es ihm nicht au. Sonst hätte er doch nicht gar so pathetisch darauf gepocht, daß seine Hände rein von Blut geblieben seien. Liegt in diesem Selbstlob nicht das Eingeständnis, daß die Be- hauptung, der Streik sei„insurrektionell" gewesen, ein dreister Schwindel gewesen ist? Denn daß eine Insurrektion nur durch die Genialität Briands unblutig verlaufen ist, wird doch der dümmste Spießbürger nicht glauben. Von gestern datiert, wenn man der Presse der neuen Mehrheit Glauben schenken will, eine neue Epoche der dritten Republik. Dieser Jubel scheint'hides verfrüht. Briand selbst wird sich des gestrigen Sieges schwerlich lang erfreuen. Er hat trotz allem den Speer in der Hüfte. Als Abgestrafter ist er aus der � denkwürdigen Diskussion zurückgekommen. Aber die Politik der reaktionären Konzen- tration hat in Frankreich ihre Zukunft. Und die Arbeiterklasse hat nichts von dem idealistischen Aufschwung der radikalen Bourgeoisie zu hoffen, sondern einzig alles von der Kraft ihrer gefestigten, zur Klarheit über ihr Ziel vorgedrungenen Organi- s atio n. politifcbe OebcrSicbt Berlin, den 2. November 1910. Blaue Bohne» und mehr Religion. Die Zentrum sprcsse hetzt munter weiter gegen die Sozialdemokratie. Die„Märkische Volksz»itung" behauptet schlankweg, daß seit dem 8. September in Deutsch- land„18 blutige" Krawalle zwischen Polizei und streikenden Sozialdemokraten stattgefunden hätten. Dabei habe man„inS- gesamt 600 Verletzte gezählt". Daraus schließt das fromme Zentrumsblatt nicht etwa, daß die Polizei allzu skrupellos dreingehauen habe, sondern sie findet die Parole der Regierung, daß gegen die„aufrührerischen Genossen mit der ganze» Strenge" vorgegangen werden müsse, völlig in der Ordnung. Seien doch W e i t s ch a u e n d e zu dem Schlüsse veranlaßt worden,„daß wir schon mitton in der Rc- v o l u t i o n stehe n." Gegen die blauen Bohnen hat also das Zentrumsblatt nicht daSgeringste einzuwenden. Aber es sucht zugleich für die Sonder- zwecke des Zentrums aus dem Aufruhr Kapital zu schlagen. Es zitiert die schönen Kaiserworle,„dem Volke muß die Religion erhalten werden" und beklagt sich in Sperrdruck über das geringe Entgegenkommen der Minister gegenüber den Verfroinmungsforderuiigen des Zentrums. Die Frage sei, ob der Staat sie selbst retten wolle durch erhöhten religiösen Einfluß auf die Jugend. Und in edlem Wettbewerb mit den Zirkus-Busch-Rittern, die als einzige Rettung der krachenden Throne die agrarischen Triarier anpriesen, schließt das Zentrumsblatt: „Es gibt heute für die Fürsten und Regierungen keine andere Rettung mehr, als daß sie sich an den Satz halten:„Alles erneuern in Christus". DaS ist die vollständige resllose Ueberlvindung der Sozialdemokratie." Nach den Erfahrungen in Portugal, Spanien und an- deren Ländern klingt die mühlendammernde Anpreisung der pfäffischen Herrschaft nicht gerade besonders vertrauen- erweckend l_ Die Wendung in der PolenpoUtK. Nach der Meldung verschiedener Blätter soll das Staats- Ministerium nicht die Absicht haben, den Anträgen der Ansiede- lungskommission auf Anwendung des Eutcignungsverfahrens zu entsprechen. Und zwar soll das deswegen nicht geschehen, weil man vor den Reichstagswahlen die polnischen Bevölkerungsteile nicht noch besonders reizen wolle. Die„D e u t s ch e T a g e S z e i t u n g" meint dazu, daß es ver- kehrt fei, wenn man auf die Anwendung des Enteignungsgesetzes aus irgendwelchen taktischen Rücksichten verzichten wolle. Hier könnten nur sachliche Gesichtspunkte ausschlaggebend sein. Natürlich werde man das Enteignungsgesetz nur im Falle der Not fauch in der„Deutschen Tageszeitung" in I e t t d r u ck) zur An- Wendung bringen. Für jemanden, der die Stellung der Parteien zur Polen- Politik in den letzten Jahren aufmerksamer verfolgt hat, war es längst kein Geheimnis mehr, daß eine Wendung in der Polen» Politik bevorstehe. Schon die intime Waffenbrüderschaft zwischen Konservativen und Zentrum hätte die Konservativen gegen ein allzu scharfes Vorgehen einnehmen müssen, wenn es für sie nicht noch gewichtigere Gründe gegeben hätte. Liegt es doch auf der Hand, daß bei der Zwangsenteignung des polnischen Grundbesitzes den deutschen Grundbesitzern, die bisher bei dem Verkauf ihrer Güter ein so kolossales Geschäft gemacht haben, dies Geschäft gründlich verdorben werden würde! Vor allen Dingen aber haben unsere Junker in der Ansiedelung deut- scher Bauern in der Ostmark ein Haar gefunden. Seitdem die An» siedler sich sogar von den Agrariern emanzipiert und zu einem Bauernbund untev nationalliberaler Leitung zusammengeschlossen haben, ist den Junkern diese SiedelungSpoli» tik äußerst unbequem geworden. Die Junker pfeifen aber auf die „nationale" Politik, wenn sie ihnen nicht in den Kram paßt. Und gegen die Junker hat die preußische Regierung bisher noch nichts durchzusetzen gewagt! Befremdliches ans Labiau-Wehla«. Der Laudrat von Wehlau macht in einem Extrablatt des Amt» lichen Kreisblattes vom 2S. Oktober bekannt, daß die Wählerlisten bereits am Freitag, den 4. November, ausgelegt werden sollen, damit die Ersatzwahl am Freitag, den 2. Dezem- ber, stattfinden kann. Das ist noch keine definitive Ausschreibung der Wahl, eS treten somit auch noch nicht die gesetzlichen Bestim- mungen in Kraft, die gewisse gesetzliche Einschränkungen zugunsten der Wahlagitation aufheben. Aber der Landrat von Labiau hält auch noch nicht einmal diese vom Landrat in Wehlau gemachte Vorankündigung deS Wahl- tage» für notwendig! Im amtlichen Kreisblatt vom 1. November steht noch nicht eine Silbe von irgendwelchen Vorbereitungen zum Auslegen der Wählerlisten an die Gemeindevorsteher zu lesen. Was hat diese Heimlichtuerei zu bedeuten? Will man uns mit der so späten offiziellen Bekanntgabe des Wahltermins über- rumpeln? Wenn, wie der Landrat von Wehlau schon richtig wissen wird, die Wahl am 2. Dezember stattfindet, weSHalb schreibt man die Wahl dann nicht auS? Ist der Regierung wirklich so bange für den konservativen Reichstagssitz in Ostpreußen, daß sie den Sozialdemokraten die Wahlagitation beschränken will? Fast sieht es so ausl Schon am 25. Oktober richtete der sozialdemo- kratische Kandidat an den Minister des Innern eine dringende Beschwerde wegen fortgesetzter ungesetzlicher Verweigerungen der Genehmigungen zur Abhaltung von Wähler- Versammlungen unter freiem Himmel, aber bis zum 2. November ist darauf noch keine Antwort eingelaufen! Mit den Straf- befehlen und Anklagen wegen Abhaltung von Mitgliederversamm- lungen haben eS die Behörden eiliger!. Gegen liberale Beamte scheint man in Preußen mobil machen zu wollen. Das Berliner Tageblatt" berichtet aus Potsdam, daß ein Lehrer, der sich um die Kandidatur des volkSpartcilichen Justizrates RenneS verdient gemacht habe, sich Plötzlich genötigt sah, nicht nur sein Vorstandsamt im liberalen Verein niederzulegen, sondern auch den Austritt aus dem Verein zu erklären, da man es höheren Ortes für uner- wünscht bezeichnet habe, daß er sich in seiner Stellung als mittelbarer Staatsbeamter an der liberalen Agitation beteilige.— Ferner wird in Potsdam von einer Versetzung gesprochen. die auf politischen Er- wägungen beruhen soll._ Ein Abgesägter. Der frühere Polizeipräsident von Schöneberg. Graf Westarp, ist in einer Nachwahl als Vertreter des Wahlkreises Meseritz-Bomst gewählt worden. Seit seinem Eintritt in den Reichstag stand er bei dem reaktionärsten Flügel, ein eifriger Gehilse der Kreth und Oldenburg-Januschau. Seine Tätigkeit in der Steuerkommission dürfte noch allgemein in Erinnerung sein. Trotzdem wird er wahr- j scheinlich in seinem Wahlkreise nicht wieder aufgestellt werden. KonserdaNve und SiBetalt trollen dort gemeinsam fcorgeden, und die Konservativen sollen bereit sein, in ihrem Wahllonütee den Liberalen den dritten Teil der Vorstandssitze einzuräumen, wenn diese auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten verzichten. Die Liberalen haben sich damit einverstanden erllärt, aber die Bedingung daran geknüpft, daß Graf Westarp nicht wieder als Kandidat nominiert werden darf. Ob die Konservativen damit einverstanden sind? Andernfalls stellen die Liberalen einen eigenen Kandidaten aus. Der Wahlkreis geht dann sicher in die Hände der Polen über. Konservative Arbeiterfreundschaft. Wenn die konservativen Agitatoren bei Wahlen die Arbeiterschaft für konservative Wahlkandidaten zu gewinnen suchen, verfehlen sie nicht ihren Zuhörern mit biedermännischer NeberzeugungStreue zu versichern, datz die„berechtigten syorderungen des Arbeiterstandes" auch von der konservativen Partei vertreten werden und deshalb dieser auch der größte Teil der Sozialgesetzgebung zu danken sei. Wie es tatsächlich um diese Vertretung der Arbeiter- interessen bestellt ist, zeigt aufs neue ein„Verirrte Sozial- Politik" betitelter Artikel der letzten Nummer(201) der konservativ-mittelständlerischen Zeitschrist„Hammer". Es heißt dort: „Man kann als mathematisch-politisches Gesetz aufstellen, daß das Wachsen der sogenannten Sozialpolitik, z. B. der Arbeiter- fllrsorge, direkt proportional ist der Zunahme der Sozialdemo- kratie." Ist es die Abficht der deutschen Sozialpolitik gewesen, Sozialdemokraten zu züchten? Vorausgesagt worden ist das aller- dings. Ter Fehler liegt weniger an der Sozialpolitik an sich, als darin, daß man sie am verkehrten Ende angefangen hat. nämlich beim Proletarier, d. h. bei den Gesunkenen unter den Arbeitern. DerProletarier ist eine gesellschaftliche Entartungs-Erscheinung und darf daher nicht besonders gepflegt werden. Wir verstehe» unter dem Proletarier den Menschen, der nicht nur nichts hat, sondern auch nichts Rechtes kann, der aus dem organischen Zusammen- hange der Gesellschaft � herausgefallen ist. Proletariern darf man ebensowenig als Dieben und Ver- blechern Schutz angedeihen lassen. Eine Krankender- sicherung für Einbrecher wäre absurd! nicht so ganz unähnlich ist aber die gegebene Sozialpolitik, die dem Proletarier den Schutz geradezu aufdrängt. Schützen durste man nur denjenigen Arbeiter, der- ein Glied eines geordneten Wirtschaftssystems darstellt, den gelernten Arbeiter, der dem haudwerklichen JnmiugS- sysiem eingegliedert war, nicht den Arbeiter, der aus dem StaatSsystem ausgeschieden und zumPr oletarier geworden ist. Die Frage darf sehr wohl aufgeworfen werden, wie der Staat dazu kommen soll, staatsfeindliche Arbeiter(Sozialdemo- kraten) staatlich sicher zu stellen und ihnen Schutz angedeihen zu lassen I Sollte den sozialpolitischen Schutz nicht immer nur der zum StaatSsystem sich Bekennende, nicht aber der Umstürzler genießen? Hat der Staat überhaupt ein Recht, mit den Mitteln derer, die bekämpft werden, diejenigen, die die Waffen erheben, zu schützen? Ist es wirklich zu viel gesagt, wenn man es ausspricht, daß die Sozialpolitik die Sozialdemokraten züchtet? Daß die Sozial- Politik des Staates das Generalkonservatorium des Proletariats und der Sozialdemokratie darstellt?" Solche brutale Verachtung des Arbeiters, der es nicht zu Geld und Gut gebracht bat. nennt man auf konservativer Seite„Arbeiterfreundschaft"._ Herr v. Bodman und die badischen Nationalliberalen. Der badische Korrespondent des Stuttgarter„Schwäbischen Merkur", das führende Organ der Nationalliberalen Württem« bergS, plaudert über die„komplizierte Natur", die in Baden das StaatSruder führt, den Minister v. Bodman, und die Maßregelung des nationalliberalen Amtmanns Arnsperger. Die Plauderei ist interessant genug, um zur Charakterisierung der badischen Ver- , hältnijse wiedergegeben zu werden. Eine niedliche Charakteristik der badischen Nationalliberalen fügt der Autor gratis hinzu. Er schreibt: „Die bekannte Aeußerung(des Herrn von Bodman) über die„großartige Belvegung zur Befreiung des vierten Standes", von der der Redner heute wahrscheinlich nicht mehr behaupten wird, daß er sie nicht lieber etwas anders gefaßt hätte, hat allzu große Hoffnungen im sozialdemokratischen Lager eruxckt. Sie war der Grund, daß die sozialdemokratische Fraktion für das Finanzgesetz stimmte und sie diente in Magdeburg hauptsächlich zur Rechtfertigung des Verhaltens der Revisionisten. Vielleicht nicht sowohl die Aeußerung selbst, als die Folgerungen, die die Revisionisten daraus zu ziehen sich berechtigt hielten. Man hat es innerhalb und außerhalb der Sozialdemokratie vielfach nicht begriffen, daß ein einziger Satz imstande war, den bereits in der Fraktion gefaßten Beschluß auf Ablehnung des Budgets uinzustürzen. Und doch ist dies geschehen? Nun stelle man sich vor. daß die Stütze, an die sich die Revisionisten klammerten, von dem Redner selbst erbarmungslos hinweggeschlagen wird, und man wird die Enttäuschung, man wird die Tiefe des Sturzes be- greifen. Wie wird der greise Bebel beim Empfang der Kunde gelacht haben, und wie werden die Dornen des roten Röschens die Unterlegenen stechen? Es ist vollkommen der Wahrheit�ent- sprechend, was gestern in der Landeszeitung„von geschätzter Seite" zu lesen tvar(und was dem Merkur bereits gemeldet wurde), daß der Minister aus seiner ablehnenden Haltung gegen- über dem Endziel der Sozialdemokratie und gegenüber dem Großblock niemals ein Hehl gemacht hat. Nur jenes einzige Wort, das eine aus dem Stegreif gehaltene Erwiderung auf einen Angriff von anderer Seite war, bildete die Grund- läge von phantastischen Folgerungen! Jetzt ist die Sach- läge wieder vollkommen klar, und der Zorn der Sozial, demokraten kann dem Minister nur willkommen sein! Man mochte wünschen, daß die Konservativen, deren Agitation gegen den Minister hier aus besserer Kenntnis heraus wiederholt als unangebracht und kurzsichtig bezeichnet wurde, jetzt ein richtiges Verständnis zeigen und auf weitere Nörgeleien verzichten, die nur den von ihnen gewollten Zweck schädigen würden. Daß die Nationalliberalen gegen einen Minister, der aus ihren eigenen Reihen hervorgegangen ist und einst ihr ReichstagSkandidat in Konstanz war, nicht allzu schroff vorgehen wollen, glauben wir aus der schon erwähnten Zuschrift der„Landeszeitung" entnehmen zu dürfen. Treffen diese der Sachlage entsprechenden Voraussetzungen zu, so hat der Zwischensall Arnsperger, über den die Akten"so bald wie möglich geschlossen werden sollten, doch eine gute Folge gehabt."__ Gegen die Fleischteuerung. In der heutigen MagistrotSsitzung in München wurde ein soztaldemokroiischer Driiigli'chkeitsaittrag behandelt, sofort Schritte zu unternehmen, um die Einfuhr größerer Fleischinengen, evcniuell aus Argentinien, zu ermöglichen. Der Antrag wurde zwecks schleuniger Behandlung einer besonderen Kvmnitsstoit überwiesen. Oerterreich. Ei» Wahlsieg in Wie». AuS Wien wird uns vom 29. Oktober geschrieben: Die Wahlen um LuegcrS Erbe haben der Sozialdemo- kratie einen sehr respektablen Erfolg gebracht, der um so höher anzuschlagen ist, als es sich um zwei Stadtbezirke handelt, deren industrielles Wachstum sehr langsam vor sich geht. In Hietzing, das vor einem Jahrzehnt noch als einer der festesten bürgerlichen Bollwerks galt, steigen wir allmählich zu einer Minorität heran, der die Eroberung des Mandats möglich erscheint. Unser Kandidat hat da 6896 Stimmen erhalten, um. 1165 mehr als vor drei Jahren, bei den allgemeinen Neu- wählen, als die politische Situation für die Sozialdemokratie die allerbeste war und ihre Wählermassen von einer Wahl- freudigkeit erfüllt, wie sie so bald nicht wieder kommen wird. Das Wachstum der Stimmen in diesem Bezirk ist also ein sehr beachtenswerter Erfolg, und er zeigt auch deutlich, daß der sozialdemokratische Besitzstand in Wien unversehrt ist, ja selbst in Hinsicht der Eroberung von Man- datcn noch einer Steigerung sehr wohl fähig. Gewählt wurde in dem Bezirke der Wiener Bürgermeister: das war nach der Inferiorität der Freisinnigen nicht anders zu erwarten. In dem Bezirke, der zum großen Teil von der Mittelklasse der Bourgeoisie bevölkert ist und über 21 000 Wähler hat. haben die Freisinnigen auf drei Kandidaten ganze zwölfhundert Stinunen vereinigt: ein Beweis, daß die Werbekraft des bürgerlichen Freisinns auf die Wiener Bevölkerung beinahe ganz erloschen ist. Woran freilich auch seine minderwertige Taktik Schuld trägt. Aber einen ganz prächttgen Erfolg haben wir in der Leopold- stadt zu verzeichnen, wo Genosse Schuhmeier mit 8471 Stimmen gegen den Ehristlichsozialen, der 10832 Stimmen erhielt, zur Stichwahl steht. Die Stichwahl ist in diesem Bezirk zum erstenmal erreicht worden; bei den Landtagswahlen vor zwei Jahren war das Verhältnis noch so, daß die Christlichsozialen mit 12 000 Stimmen glatt siegten, die Sozialdemokraten mit 6000 Stimmen eine hoffnungslose Minorität erhielten. DieS- mal haben wir 1755 Stimmen gewonnen, die Ehristlichsozialen haben 1506 Stimmen verloren— wir sind also dem einst übermächtigen Gegner hart an den Fersen. Und wenn die bürgerlichen freiheitlichen Parteien, die hier zusammen über 4000 Stimmen bekommen haben, in der Stichwahl(am Donnerstag) halbwegs Stand halten, so können wir auch das Mandat erobern. Die Erben nach Luegcr werden die Sozial- demokraten sein. Spanien. Kritische Situation. Ein londoner Blatt verzeichnete heute das Gerücht, daß in Madrid eine Revolution ausgebrochen sei. Die spanische Regierung läßt demgegenüber erklären, daß in allen Provinzen völlige Ruhe herrsche. Mag nun auch das Dementi noch richtig sein, so läßt sich doch nicht ver- kennen, daß auch in Spanien die republikanische Propaganda rapide Fortschritte macht und der Widerstand gegen die Re- gierung des Herrn C a n a l e j a s wächst. Namentlich ist es das zweideutige Verhalten des Ministerprä- sidenten in der Marokkofrage die wachsende Opposition hervorruft. Das Land ist gegen jedes neue Kolonialabenteuer, aber Herr Canalejas sucht jene a w M a u r a der Opposition mit reaktionären Ge- walt st reichen zu begegnen. Aus Madrid wird ge- meldet, daß wegen„antimilitaristischer Reden" vier Personen verhaftet worden sind, darunter der Uni- versitätsprofessor Ovejero und der Präsident des sozialistischen Jugendbundes Blasques. Die Verhafteten werden beschuldigt, Soldaten zum Ungehorsam aufgereizt zu haben, für den Fall, daß ein neuer Marokkofeldzug unternommen werden sollte. Daß die liberale Regierung zu solchen Maßregeln greifen muß, zeigt nur, daß sie am Ende ihres Lateins ist. Und unter spanischen Verhältnissen ist es natürlich, daß die Oppo- sition gegen die Regierung zur Opposition gegen die Monarchie wird. Es scheint, daß Regierung und Mon- archie aus dem portugiesischen Beispiel nichts gelernt hat. Um so mehr wird das spanische Volk diese Lehren beherzigen. Portugal. RegierungSmaßregeln. Lissabon» 2. November. Der Ministerrat hat den Gesetzentwurf betreffend Schaffung von A.rbeitSbörsen zur Besei- tigung der Arbeitslosigkeit angenommen. Die Zeitungsmeldung von der Verhaftung Texeira de SouzaS bestätigt sich; Malheiro Remao. ein anderes Mit- glied des früheren Kabinetts Franca, wurde ebenfalls ver- haftet. Beide wurden gegen Kaution auf freien Fuß gefetzt. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die vorläufige Entlassung Francas und der beiden anderen Mitglieder seines Kabinetts auS der Haft Berufung eingelegt. Die Kolonialpolitit. Lissabon, 2. November. Der Präsident hat einem Bericht. erstatter des„Matin" erklärt, die Republikaner würden keine einzige Kolonie preisgeben, aber die bisherige kost- spielige Kolonialwirtschaft werde auchören. Wir werden, schloß Braga, gleich Frankreich eine einzige große Kolonialverwaltung schaffen und einigen Gruppen von Kolonien eine verhältnismäßige Autonomie geben, um auf diese Weise eine gewissenhafte, für Portugal einträgliche Gebarung zu ermöglichen. Eine Gedenkfeier. Lissabon, 1. November. Eine zahlreickie Menschenmenge begab sich heute in geschlossenem Zuge zu dem Friedhof, wo die bei de� ersten republikanischen Erhebung am 81. Januar 1801 Gefallenen begraben liegen: An dem Denkmal für die Gefallenen wnrde ein Bronzekranz niedergelegt. Die Ordnung wurde nirgends gestört. Rußland. Ein zarischer Lump wcuigcr. Petersburg, 2. November. Der Chef der poli» tischen Polizei, Ratschkowski. der hauptsächlich durch seine provokatorische Tätigkeit bekannt war, ist gestern an Herzschlag gestorben. In letzter Zeit war Ratschkowski, der nur 51 Jahre alt geworden ist, Beamter für besondere Aufträge im Ministerium des Jnnem ohne bestimmten PflichtkrciS. Hue der partes DäS Frih-Reuter-Gedenkblatt der Buchhandlung Vorwärts ist soeben erschienen. Ein gutes Bild des Dichters von Wulff schmückt die Titelseite, eS ist mit Genehmigung der Photographi- ichen Gesellschaft Berlin reproduziert. Im ersten Artikel„Fritz Reuters Lebens- und LeidenSgang" wird eine leben- dige Schilderung des Menschen Reuter und des furchtbaren Ver- brechens gegeben, das die preußische Reaktion an ihm beging. Die Seite am Dichter Reuter, die dem Proletarier von heute am nächsten steht, hebt der Artikel„Politische und soziale Strömungen in Reuters Schriften" hervor. Den Schluß machen die Artikel„Reuters Bedeutung für SpraZe»od Nolksjuw LjederdeutjKlsnd»" uflfe Re Bräfigflgur; elngeflreuk sind' einzelne Reuierfche„Lauschen� und eine ergreifende Stelle aus seinem bedeutendsten, sozial tiefst grabenden Werke„Kein Hüsung". Der Text ist mit zahlreichen Illustrationen versehen, deren Originale fast sämtlich in der Fritz-Reuter-AuSstellung zu sehen sind, die bis Ende November dieses JahreS in den Räumen des preußischen Abgeordnetenhauses weilt. Auch das Faksimile eines in der Untersuchungshaft geschriebenen Briefes ReuterS wird wiedergegeben. Das interessante Gedenkblatt kostet 20 Pfennig. Reichstagskandidatur. Für den ReichstagSwahlkreis Beuthen-Tarnowitz wurde in einer Generalversammlung des Wahlvereins, die am Sonntag in Beuthen stattfanv, Genosse Otto Hörsing, Partei- selretär für Oberfchlejien, von den deutschen Genossen einstimmig als Kandidat für die nächsten ReichStagSwcchlen aufgestellt. Die Organisationen zum Parteitag. Hamburg III. Im dritten Hamburger Wahlkreis, dem Kreise mit der stärksten Mitgliederzahl, wurde anz Donnerstag— es war dies die dritte Versammlung mit dieser Materie— die Debatte über die Be- schlüsse des Parteitages zu Ende geführt. Die Genossen E l v e r s, Issel und Arbeitersekretär und Bürgcrschaftsmitglied Grosse betonten die Notwendigkeit der Geschlossenheit unserer Partei, der gegenüber alle Sonderwünsche in den Hintergrund zu treten hätten. Letzterer führte unter anderem aus, der Parteitag hätte zu dieser Frage eine klare Stellung einnehmen müssen, der Disziplinbruch durfte nicht ruhig hingenommen werden. Wes- halb solle man sich darüber den Kopf zerbrechen, welche Kon- stcllation vielleicht in 2ö Jahren eintreten könnte, die eine Budget- bewilligung nottvendig mache? In der vorletzten Sitzung des Hamburger Klassenparlaments häbc sich ein Herr den schönen Witz erlaubt, wir sollten so vernünftig sein wie die Süddeutschen, dann könnte man mit uns reden. Die Linkslibcralen stimmten in diesem Parlament für das Budget und wurden doch nicht für gleichberechtigt erklärt. Das Verhalten Dr. Franks habe den Zusatzantrag Zubeil provoziert. Es gebe Parteigenossen, die unter allen Umständen ihre Ansichten zum Durchbruch bringen zu sollen glauben und selbst vor einem Disziplinbruch nicht zurück- scheuten. Diesen Bestrebungen müsse ein Paroli geboten werden. Ein solches Vorgehen vergifte daS Parteileben. Wer es aufrichtig mit der Partei meine, der dürfe eS nicht dahin treiben, daß eS zum Bruch komme.(Beifall.) Genosse P a e p e l o w verwahrt sich dagegen, zu den Budget- bewilligern gerechnet zu werden; in Hamburg werde er vielleicht nie das Budget bewilligen. Er betrachte die Budgetbewilligung nicht als eine Prinzipien-, sondern als eine taktische Frage. Und da Situationen entstehen können, wie das in Süddeutschland mit dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht der Fall sein könne, die eS für unzweckmäßig erscheinen lassen, beiseite zu stehen, dürfe man sich in dieser Frage prinzipiell nicht binden. Den Disziplin- bruch der Badenfer habe er stets verurteilt. In seinem Schlußwort gab Genosse Heinrich Stubbe seiner Freude Ausdruck, daß der Disziplinbruch hier keinen Ver- teidiger gefunden habe. Die von Frank vorgebrachten Gründe für die Budgetbewilligung, wie das Schulgesetz usw., seien gar nicht stichhaltig, weil diese Angelegenheit wie so viele andere nicht zahlen- mäßig im Budget zum Ausdruck kämen. Der Zusatzantrag des Genossen Zubeil fet notwendig geworden, um weiteren Disziplin- brüchen zu begegnen. In Lübeck(Parteitag 1901) habe man gerade auf Betreiben vieler Genossen, die jetzt den Disziplin- bruch der Badenser zu entschuldigen suchen, den Streikbruch zu einer ehrlosen Handlung gestempelt, die den Ausschluß aus der Partei rechtfertige. Die Worte Bebels von dem Mißtrauen gegen die Führer seien in etwas gewaltsamer Weise interpretiert worden, was Redner näher darlegt. Pflicht aller Parteigenossen wäre es, sich mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden zu erklären. Eine Resolution, die sich mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden erklärt und die Parteigenossen auffordert, in deren Sinn zu handeln, findet einstimmige Annahme. AuS der französischen Partei. Am Sonntag hat der Nationalrat der geeinigten Partei eine Beratung abgehalten, die infolge der ausgedehnten Tagesordnung drei Sitzungen in Anspruch nahm. Die Vertreter der Fraktion konnten wegen der Kammersitzung erst der Nachtsitzung beiwohnen. Aus dem Bericht deS Parteisekretärs Genoffen D u b r e u i l h er- gibt sich ein sehr bedeutendes Wachstum der Partei. Sie ist seit einem Jahre von 57 077 auf 08 050 Mitglieder gestiegen. Im vorigen Jahre betrug der Zuwachs nur 2000. Nach einem Ueber- blick über die so günstig verlaufenen Kammerwahlen und über die Kantonswahlen, die der Partei 149 Vertreter gebracht haben, be- richtete Dubreuilh über die Kampagne gegen die Lebcnsmittelteue- rung, für die die Partei 10 000 Frank bewilligt hat, und über die Aktion während des Eisenbahnerstreiks. Hierbei erwähnte er auch die Maßregelung des Genossen Marius Andre durch die Direktion der Mittelmeerbahn, die ausschließlich aus dem Grund erfolgte, weil dieser Genosse als Mitglied der Administra- tionskommission der Partei das Manifest der Partei unterzeichnet hat. Er berichtete weiter, daß die Partei die Aktien der„Humanit 6", die noch im Besitz eines Privat- manneS waren, zurückgekauft hat, so daß die Mehrheit der Aktien jetzt der Partei gehört. Genosse Bracke erstattete im Namen deS Verwaltungsrates der„Humanite" den Bericht über die Situation dieses Blattes. Er ist überaus günstig. Der durchschnittliche Tagesverkauf in Paris betrug im Sommer 41 000, das Minimum 36 000. Am 14. Oktober wurden 77 000 Exemplare verkauft. Auch in der Provinz zeigt sich eine stetige bedeutende Zunahme, gedruckt wur- den im Juli durchschnittlich 106 000, im August 00 000 bis 05 000, während des Streiks sogar 220 000 Exemplare. Bei dieser Niesen- aufläge hat aber das Blatt materiell nichts profitiert, da die in Auflagen von 60 000, 80 000 und noch mehr ausgegebenen Extra- blätter den CamelotS zu einem sehr niedrigen Preis abgelassen werden mußten. Für das ganze Jahr wird wohl ein Neingewinn von 25 000 Frank herauskommen. Maxena R o l d e S referierte über die Kampagne gegen die Lebensmittelteuerung. Die Genossenschaftsbörse hatte eine gemeinsame Aktion der Genossenschaften, der Gewerkschaften und der Partei vorgeschlagen, die die Partei sofort akzeptierte. Die Kampagne muh aber noch intettsiver werden. Ein Delegierter verlangte die Bekämpfung des Terminhandel«. LebuS(Nord) bedauerte die Abstinenz der ArbeitSkonföderatton. Lafargue bemerkte, daß die Hauptanstrengung der Aufhebung der Lebensmittelzölle gelten müsse. Er beantragte. die gleich- zeitige Abhaltung großer Versammlungen mit Straßendemon- strationen, unter Teilnahme der Frauen.— Der Nationalrat sprach schließlich seine Zustimmung zur bisherigen Propaganda auS und entschied, sie noch intensiver zu gestalten. Der Parteitag wird Ostern in St. Ouentin statt- ftnden. Die Tagesordnung wird durch ein Referendum bestimmt werden. Ihm soll eine Preßkonferenz vorangehen. In der Nachtsitzung verlas Cvmpire-Marel die von der sozia- liftischen Fraktion eingebrachte Tagesordnung auf Erhebung der Anklage gegen Brian d. Der Nationalrat beschloht sie in ganz Frankreich anschlagen zu lassen und zugleich eine allgemeine Versammlungskampagne gegen Briand und seine Helfer im Parla» Wem einzuleiten. GcwcrkfcbaftUcbee. Httcs eins! In dem Artikel„Trompetenstoß oder SKwanengesang" in Nummer 149 des„Vorwärts" wurde erwähnt, wie die M.-Gladbacher zentrümliche„Westdeutsche Arbeiterzeitung" den Grund für die Gewcrkschaftsabstinenz vieler katholischer Arbeiter in der„rein passiven religiösen Lebensauffassung" derselben sieht. Wir wiesen darauf hin, daß die„Westdeutsche Arbeiter-Zeitliug" selbst ihren gehäuften Teil Schuld an dieser Sachlage hat, bringt sie doch regelmäßig als„Leitartikel" religiöse Erbauungslitaneien, die, wie wir sagten,„sachlich ganz im Stile von„Sitz Berlin" gehalten sind". Nun bringt das M.-Gladbacher Zentrumsarbeiterblatt in seiner Numnier 44 selbst eine glänzende Bestätigung unserer Behauptung, indem das Blatt nämlich konstatiert, daß die religiösen„Erbauungs-" und„Beschauungs"epistcln den Beifall des Organs vom—„Sitz Berlin" gefunden haben und— nachgedruckt werden I Und die„Westdeutsche Arbeiter-Zeitung" nennt dies—„eine erfreuliche Erscheinung"! Indem der Ab- druck einiger Artikel konstatiert wird, schreibt die„Westdeutsche": „Wir sahen nach, und richtig, es war ivi?der ein Stück„West- deutsche Arbeiter-Zeitung". das uns da in der Unterbaltungsbeilage „Feierabend" des„Arbeiter" enigegenblitzte, eine unserer religiösen Betrachtungen, die wir an der Spitze der„Westdeutschen Arbeiter- Zeitung" jeweils stinmer! Red. d.„Varw.") zu bringen Pflegen. Wir meinen die Tatsache, daß der„Arbeiter" in neuerer Zeit wiederholt auf den Inhalt unserer„Westdeutschen Arbeiter-Zeitung" zurückgreift, und zwar auf seinen religiös-sittlichen Teil, eine er- freuliche Erscheinung." Die„Westdeutsche" wünscht denn nur, daß das Berliner Organ der„Fachabteiler" den Abdruck auch als solchen kennt- lich mache und die M.-Gladbacher Oilelle nenne, dann sei die Freude in M.-Gladbach eine doppelte„über den Sünder, der also Buße tut". Was soll denn aber dieses unsinnige Gewäsch? Die Fach- abteiler vergeben sich gar nichts, wenn sie die ganz ihrem G e i st e entsprechenden knechtsseligen Litaneien aus der „Westdeutschen Arbeiter-Zeitung" abdrucken, denn besser können auch sie nicht den Satz abhandeln, � daß Knecht eben Knecht bleiben soll. Sünder, die Buße tun, sind die Helden von M.-Gladbach. Die religiöse Knechtslitanei jeder Nummer der „Westdeutschen Arbeiter-Zeitung" ist eine regelrechte Bußübung für die Artikel, die die„Sünden" der verwaschenen,„paritäti- scheu",interkonfessionellen,„christlichen" Gewerkschaften vertreten, deren Bannerträgerin M.-Gladbach ja bisheran noch sein will. Durch diese„bewährte" Arbeitsteilung in der„West- deutschen Arbeiter-Zeitung" wird allwöchentlich durch den religiösen Sermon das wieder weggewischt, was sonst in den anderen Artikeln des Blattes für eine größere gewerkschaftliche Aktivität der katholischen Arbeiter geschrieben wird. Die Leser sollen die Anstrengung sehen, mit der der„tückische Marmor" den Berg niühsani herangerollt wird, wonach dann dieselben Regisseure ihn wieder bergab rollen lassen, allerdings ohne viel„Dounergepoltcr", sondern im Stillen.. Daß die katholischen Arbeiter im katholischen Westen Deutschlands dieser M.-Gladbacher Hanswurstiade keinen Ge- schmack abgewinnen, ist allerdings erklärlich genug. Berlin und Umgegend. Der Töpferstreik in Velten währt weiter. Bisher gepflogene Verhandlungen haben einen solchen Erfolg noch nicht gezeitigt, daß die Gehilfen dem zustimmen konnten. Es finden deshalb noch- weitere Verhandlungen statt. Dieser Streik der Töpfer hat auch bereits den Hilfsarbeiterverband in Mitleidenschaft gezogen. Die Hilfs- arbeiter in den Ofenfabriken verweigern in ihrer Mehrheit jegliche Streikarbeit, so daß auch auf dieser Seite sich bereits zirka 370 Mann im Ausstand befinden. Der Stand des Kampfes ist als ein günstiger zu bezeichnen, die Töpfer stehen fast einmütig im . Kampfe, einige Außenseiter sind durch die Arbeitsniederlegung der Hilfsarbeiter gezwungen worden, ihre Streikarbeit einzustellen. Zuzug von Töpfern und Hilfsarbeitern ist nach Velten streng fernzuhalten. Deutsches Reich. Die Knopfarbeiter rühren fich! In den bedeutendsten Orten der deutschen Knopsindustrie sind gegenwärtig die Knopfarbeiter eifrig bestrebt, ihre elende Lage zu verbessern. Daß die Perlnmttdrechsler in Franken bansen seit Monalen im Kampfe stehen, ist bekannt. Die Arbeiter der Horn- und Sleinnußknopsbrancke in Schmölln stehen ebenfalls in einer Lohnbewegung und in Breslau wurde eine solche soeben erfolg- reich beendet. Die deutschen Fabrikanten klagen immer darüber, daß ihnen aus Oesterreich eine empfindliche Konkurrenz bereuet wird. Nun sind in den Orten Nechanitz, Serowitz, NeuhauS, Pardu« bitz, NingelSdorf und einer Anzahl weiterer Orte, die bisher vornehmlich nach Deutschland lieferten, erfolgreiche Lohnbewegungen durchgeführt und soeben wurde ohne Streik die Lohnbewegung der Perl- mutlerdrechsler in W ile n durch einen für die Arbeiter günstigen Vertrags- abschluß zu Ende geführt. Der vereinbarte, bis zum Jahre lSl2 geltende Slkkordtarif bringt den Arbeitern eine Erhöhung von 4 bis 8 Heller pro Gros. In den Orten Nikolsburg undBratels- b r u n n wurde sogar Anfang Oktober eine Erhöhung der Akkordsätze von 4— 16 Heller pro Gros durchgesetzt. In Praskaka in Böhmen trat am 1. Oktober ebenfalls ein neuer Tarif in Kraft, der die Lohnsätze der gewöhnlichen Zwciloch-Knöpfe aus Makassar um 4—10 Heller, Pariser und Teller- bretlfassons um 10—30 Heller steigert. In den böhmischen Bezirke» Franzensthal und Teplitz-Prasseditz regen sich ebenfalls die Steinnußknopfdrechsler, die bisher als Lohndrücker für die deutschen Kollegen gellen. Eine gan�e Anzahl Versammlungen waren sehr gut besucht, und schlössen sich die Arbeiter in Massen der Organisation an. Die Arbeiter in Böhmen haben es eben satt, als Lohnarbeiter gegenüber ihren deutschen Kollegen sich ausspielen zu lassen.— Auch iin B ä r n a u e r Bezirk an der bayerisch-böhmiichen Grenze, wo einige hundert Knopfarbeiter beschäftigt werden, rühren sich diese und schließen sich der Organisation an, so daß die Hoffnung besteht, daß auch dort mit den vorhandenen unwürdigen Ver- hältuissen bald aufgeräumt werden kann. Die Löhne in der Knopfindustrie sind mit die elendesten in der deutschen und österreichischen Industrie. Es ist darum besonders freudig zu be- grüßen, wenn die Arbeiter sich aufraffen und versuchen, das auf ihnen ruhende Joch abzuschütteln. Die Verhältnisse liegen aber so, daß eine erhebliche dauernde Verbesserung der Verhältnisse nur möglich ist, wenn in Oesterreich und Deutschland annähernd gleich günstige Bedingungen geschaffen werden. Die erfolgreiche Durchführung einer Anzahl der oben genannten Bewegungen und die Agitation in den Grenzbezirken ist aus diesen Gründen durch die in Frage kommenden Organisatioiien der beiden Länder in die Wege geleitet, und sie war erfolgreich._ Ein Verbot des Streikpostenstehens! In dem hinterpommerschen Städtchen Stolp streiken bekannt- lich die Tischler seit 17 Wochen und machen dabei natürlich von dem Koalitionsrecht auch insofern Gebrauch, als sie Streikposten aus- stellen. Die Polizei führt gegen diese einen scharfen Kampf und möchte anscheinend die unbeguemen Streikposten init einem Male be- seitigcn, da ihr dies durch die beliebte Nadelstichpolitik nicht gelingen will, zumal die Gerichte nicht alle Streiksünder verurteilen können, die sie ihnen überliefert. In dem amtlichen Kreisblatt, der Nr. 2S3 Verantw.Nedakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf. Inserate verantwH der. Zeitung für Hinterpommern� findet man deshalb folgende Notiz: „Streikposten. Die Polizei gibt folgendes bekannt: Noch immer werden Leute bemerkt, die sich als Streikposten von ihrer „Oganisation" kommandieren lassen und dann vor den einzelnen Fabriken zur Belästigung der Arbeiter erscheinen. Diese Posten machen sich in jedem Falle strafbar; es wird gegen sie mit-den schärfften Strafen vorgegangei, werden." Das Verbot des Streikposteiistehens ist wohl ein Wunsch der Scharfmacher, aber es hat trotzdem auch in Hinterpommern noch nicht Gesetzeskraft, und infolgedessen kann das Streikpostenstehen auch durch den schärfsten Jagowschen Plakatstil nicht verboten werden. �der Streik der Ofenseber in Leipzig ist nach elfwöchentlicher Dauer mit gutem Erfolg beendet. Im letzten Stadium des Kampfes hatten die Gehilfen zu der Taktik gegriffen, bei einem Meister, der die Gehilfenforderung unterschriftlich anerkannt hatte, die Arbeit aufzunehmen. Dies hatte zur Folge, daß gleich darauf 10 Unternehmer bei dem Streikkomitee vorsprachen, den Tarif an- erkennen wollten und Arbeitskräfte verlangten. Dem wurde jedoch nicht stattgegeben, den Herpen aber der Rat erteilt, in der Meister- innung für die Anerkennung der Gehilfenforderungen zu wirken». Hierauf fand bald eine gemeinsame Sitzung statt, die eine Eini- gung brachte. Nach den neuen Abmachungen findet sofort ein drei- prozentiger Lohnaufschlag auf den Gesamttarif statt und am 1. April 1911 tritt die volle von den Gehilfen eingereichte Tarif- vorläge in Kraft. Diese enthält eine bessere Berechnung der Akkordpositionen und bringt u. a. auf glattes Kachelzeug einen Zu- schlag von iVo. Proz.— Diesen Abmachungen haben die Versamm- lungen der Meister und Gehilfen nunmehr zugestimmt. Die Ar- beit wurde wieder aufgenommen, jedoch ersucht die Streik- kommission dringend, Leipzig nicht sofort mit Zuzug zu über- schwemmen, da dies den korrekten Abschluß der Bewegung hindern würde und es zunächst gilt, die außerhalb Leipzigs arbeitenden Streikenden wieder in erster Linie unterzubringen. Streik der Maschincnsticker in Plauen i. V. Dienstag haben die Sticker die Arbeit niedergelegt, weil ein Teil der Moschinenbesitzer den im Vorjahre mit der Organisation der Textilarbeitor abgeschlossenen Tarif gekündigt haben und sich weigern, einen neuen Tarif abzuschließen. Von 167 bestandenen Verträgen sind 87 gekündigt worden, so daß 107 Verträge weiter- laufen. Di« größeren Betriebe mit über 1000 Maschinen haben nicht gekündigt. Gegenwärtig ist in der Stickereibranche flotter Geschäftsgang, die Situation ist den Stickern mithin äußerst günstig. Die Maschincnbesitzer, die ihrem Vorstand und Syndikus, Rechts- anwalt Geyer, Folge leisten und kernen Tarif anerkennen, sind in eine schwierige Situation geraten, ihre Maschinen stehen still. während die in den größeren Betrieben weiter laufen. Von langer Dauer kann unter diesen Umständen der Streik nicht sein. Die Stickcr werden den Kampf mit aller Energie führen, damit endlich in der Stickereibranche geregelte Zustände Platz greifen. Die, welche unter tariflichen Bedingungen weiterarbeiten, haben sich ver- pflichtet, während der Dauer des Streiks pro Woche eine Mark Extrabeitrag zu zahlen. Die Zahl der organisierten Sticker hat sich im Laufe des letzten Jahres ziemlich verdreifacht, sodaß sie frohen Mutes dem Kampfe entgegensehen können. An 1100 Ma- schinen wird bereits zu Tariflöhnen gearbeitet. Etwa 300 Sticker stehen im Ausstand» Ausland. Los von den Christlichsozialen! Den dortigen Straßenbahnern folgen jetzt die Wiener Gaswerksangestellten. Auch sie haben unter sehr großer Beteiligung einen unpolitischen Fachverein gegründet. der die Abkehr von den gelben Stimmviehorganisationen der Wiener städtischen Bediensteten bedeutet. Dabei sind die städtischen Gaswerke eine Parteizentrale der Christlichsozialen und der Portier Guth ist einer der Großen im schwarzen Lager. Wie man Ausständige beruhigt! Aus New Uork, wo die Gepäckträger streiken, wird gemeldet: New Aork, 2. November. Der Borsitzende des Verbandes der Nollkutscher erklärt in einer Kundgebung, wenn der Bürgermeister von New Jork Gaynor einen Sympathiestreik der Roll- k u t s ch e r au« Anlaß des AusstandeS der Angestellten der Expreß- Compagnie vermeiden wolle, solle er die Wagen dieser Gesellschaft nicht weiter durch von der Polizei gestellte Begleitmannschaften decken lassen. Gaynor solle sich bis heute abend entscheiden. Im Falle eines AusstandeS würde der ganze Güterverkehr in Unordnung geraten. Weitere Depeschen lauten: New Aork, 2. November. Die nunmehr erfolgte An- kündigung, daß den Polizisten nicht mehr gestattet sein soll, die Wagen der Expreß-Compaguie zu begleiten, hat eine beruhigende Wirkung auf die Ansftäudigeu ausgeübt, so daß ohne Zweifel von der Proklamiernug des Generalstreiks ab- gesehen werden dürfte. « New Dork, 2. November. Der Bürgermeister von New Dork, Gaynor, hat bekannt gemacht, daß die Ausständigen der Expreß- Compagnie ihre Zustimmung zu einem Schiedsgericht gegeben haben und bis zur Entscheidung des Schiedsgerichts ihren Dienst wieder aufnehmen wollen. In Berlin werden bekanntlich die Streikenden systematisch durch große Polizeiaufgebote gereizt. Was sagt Herr v. I a g o w zu seinem New Jorker Kollegen? Soziales. Gebt Kenntnis von einem Betriebsunfall den Mitarbeitern. Der Nollkutscher Wilhelm Sp. erlitt am S. Mai 1909 dadurch einen Unfall, daß er beim Besteigen eines Nollwagens abrutschte und seitlich auf das Pflaster schlug. Nach einer halben Stunde stellten sich Schmerzen im linken Knie ein. Nach einigen Tagen schwoll das Knie an, Sp. mußte sich in ärztlickie Behandlung be- geben. Dem Arzte machte Sp. Mitteilung von dem Fall. Im Krankenhause wurde starker Erguß in das Kniegelenk festgestellt. Der Verletzte erhob nunmehr bei der Lagcrei-Bcrufsgenvssen- schaft Anspruch auf Entschädigung. Die Genossenschaft lehnte den Anspruch ab.„weil das Vorliegen eines Betriebsunfalls weder erwiesen, noch hinreichend wahrscheinlich gemacht worden ist". Hiergegen wurde beim Schiedsgericht für Arbeiterverstcherung Stadtkreis Berlin Berufung eingelegt und geltend gemacht, daß Sp. zwar Augenzeugen des Unfalls nicht gehabt habe, daß er aber am Tage nach dem Unfall dem Betricbsinspektor von demselben Mitteilung machte, desgleichen dem Arzt. Das Schiedsgericht forderte dann ein Gutachten von Herrn Professor Dr. Sch» ein. Derselbe sagt:„Nach dem vorliegenden Aktenbericht, besonders in Hinblick auf die von dem Verletzten ge- schilderte allmähliche' Entstehung der Kniegelenksaffektion nach dem angeblichen Unfall, halte ich es im vorliegenden Falle nicht für zweifelhaft, daß jener Unfall die Affektion des linken Kniegelenks ursächlich hervorgerufen hat." Im Termin zur mündlichen Ver- Handlung vor dem Schiedsgericht war noch ein Vertrauensarzt hin- zugezogen worden, der Bedenken geltend machte: Der lange Zwischenraum zwischen Unfalltag und Eintritt in die ärztliche Behandlung(6 Tage), dann die lange Dauer der Erkrankung, sowie die anscheinend vorhandene Atrophie der Gelenkkapsel lasse» darauf schließen, daß ein inneres Llllgemeinleiden den ganzen Kniegelenkprozeß bedingt hat. Daraus wurde Professor Dr. Sch. nochmals zu einer gut- achtlichen Äsußerung«msigefordert. Dieser erklärte nunmehr, die v». Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. verlagSanftalt Bedenken des Berkrauensarztes hätten ein sich Berechtigung, adev in unserem Fall habe der Verletzte bereits eine halbe Stunde nach dem Unfall über Schmerzen geklagt und einige Tage darauf das geschwollene Knie seinen Mitarbeitern gezeigt. Des weiteren sei zu beachten, daß ein unerheblicher Erguß ins Gelenk dem ungeübten Auge nicht sofort bemerkbar wird, erst nach Tagen der Erguß sich vergrößert und somit auch dem ungeübten Auge sichtbar wird. Alles in allem sei der Unfall Ursache der Kniegelenkserkrankung. Das Schiedsgericht verurteilte daraufhin die Genossenschaft zur Zahlung der Vollrente bis zur Beendigung des Heilverfahrens, nachdem zur Zahlung einer 60prozentigen Rente. Das Schicds- gericht nahm den Unfall für erwiesen an, da der Verletzte kurze Zeit danach einem Arbeiter das Knie zeigte und auch dem erst be- handelnden Arzt von dem Unfall Mitteilung machte. Hinzu kommt, daß der Arbeitgeber dem Verletzten das beste Zeugnis bezüglich seiner Glaubwürdigkeit ausstellte. Diese Entscheidung ist rechts- kräftig geworden. Anläßlich dieses Falles möchten wir erneut den Arbeitern zu- rufen: Macht von einem Unfall, und sei er auch anscheinend noch so gering, sofort Mitteilung! Versammlungen. Verband der baugewerblichen Hilfsarbeiter. Die Generakver- sammlung, die am Sonntagbormittag im Gewerkschaftshause statt- fand, nahm den Bericht des Kassierers Gräber über das dritte Quartal 1910 entgegen. Die Abrechnung der Lokalkasse zeigt eine Einnahme von 14 163,02 M., eine Ausgabe von 5502,87 M., und somit einen Bestand von 8660,15 M. Die Gesamteinnahme(mit der Hauptkasse) wurde mit 32 452,42 M., die Gesamtausgabe mit 23 792,27 M. gebucht, somit verbleibt der Bestand von 8669,15 M. Mit der Hauptkasse wurden verrechnet: für Unterstützungen an Kranke 2111,95 M., in Sterbefällen 620 M., bei Streiks und Maß- regelungen 217,15 M., für Rechtsschutz 45,70 M., als Beihilfe bei Umzügen 10 M., für die Baukontrolle 329,05 M. Auf Antrag der Revisoren wurde der Kassenführung Decharge erteilt. Eine erregte Debatte entspann sich über die Angelegenheit der Unterstützung von etwa 50 Bauarbeitern, die im Juli auf dem Bau der Konsumgenossenschaft in der Rittergutsstraße in Lichtenberg die Arbeit niederlegten. AuS der Forderung, Ueberstunden zu leisten. war es zu Differenzen gekommen, die zu einem Streik von 3)4 Tagen führten. Die Verbandsleitung sah sich veranlaßt, die An- sprüche auf Unterstützungsgelder zurückzuweisen, da die Arbeiter bei der Einleitung des Streiks nicht den durch die Statuten vor- geschriebenen Weg beschritten hatten. Die Generalversammlung nahm aber einen Antrag an, nach welchem den Streikenden die Unterstützung für drei Tage zugebilligt wurde. Der Vorsitzende N o a ck machte zum Schluß noch auf die am 13. November stattfindende Wahl zum Gewerbegericht aufmerksam und forderte zu reger Beteiligung auf. Verband der Fabrikarbeiter. Die Verwaltungsstelle Berlin des Fabrikarbeiterverbnndes hielt am Sonntag im„Englischen Garten" ihre Generalversammlung ab. Der Bevollmächtigte Bruns gab im Bericht des Vorstandes eine umfassende Uebersicht über die Lohn- bewegungcn und Kämpfe des verflossenen Quartals, die meist zu guten Erfolgen geführt haben. Es sind in mehreren Fabriken der verschiedenen Industriezweige Lohnerhöhungen und Verkürzung der Arbeitszeit erreicht und neue Tarifverträge abgeschlossen wor- den. Ein Teil der Bewegungen ist noch nicht beendet und sie werden, je nachdem, wie es die Situation erfordert, mit aller Kraft fortgeführt. Die Abrechnung vom dritten Quartal, die den Dele- gierten gedruckt vorliegt, schließt für die Hauptkasse mit der Bilanz» summe von 35 254,80 M. ab. Unter den Ausgaben der Hauptkasse sind für Erwerbslosenunterstützung an kranke Mitglieder 7675 M.. an arbeitslose Mitglieder 2613,95 M., an auf der Reise befindliche 409,30, M., für Streikunterstützung 12 126,60 M. An die Haupt- lasse gesandt wurden 2981,57 M. Die Bilanzsumme der Lokälkaffe ist 37 691,98 M. Für Streikunterstützung wurden aus der Lokal- lasse 8768,35 M. ausgegeben. Es sind im verflossenen Quartal 3000 Beiträge mehr kassiert worden, als im vorhergegangenen. Die Mitgliederzahl ist auf rund 9000 gestiegen. Dann wurde auf Vor- schlag der Ortsverwaltung einstimmig beschlossen, das Bureau der Ortsverwaltung am 1. April 1911 nach dem Gcwerkschaftshause zu verlegen. Es ist hierzu der Saal 7 in Aussicht genommen, der zu drei Bureauräumen der Fabrikarbeiter umgestaltet werden soll. Ein Antrag aus Oberschöneweide, den Lokalzuschlag zum Ver- bandsbeitrag der weiblichen Mitglieder aufzubeben, wurde mit allen gegen eine Stimme abgelehnt, nachdem festgestellt worden war, baß offenbar die weiblichen Mitglieder selbst nicht dafür waren. L,ctzU Pfocbrichtcn. Stadtverordnetentvahlsteg in Halberstadt. Halbcrstadt, 2. November.(Privattelegramm des„Vor- wärts".) Bei den heute stattgefundenen Stadtverordneten- Wahlen siegten die 4 sozialdemokratischen Kandidaten mit 1973 gegen 1479 Stimmen der Gegner. Das neue Ministerium Briand. Paris, 2. November.(„Preß-Telegraph".) Das neue Mi- nisterium Briand ist gebildet. Der Ministerpräsident behält das Portefeuille für Inneres und Kultus. Unterftaatssekretär des Innern ist Guist'hau. Bous de Lapeyrere, General Brun und Doumargue behalten die Portefeuilles für Marine, Krieg und Unterricht» Auch der Unterstaatssekretär der schönen Künste und der Unterstaatssekretär im Marineamt bleiben. Dagegen geht der Unterstaatssekretär Sarraut im Kriegs» Ministerium; sein Nachfolger ist noch dicht bestimmt. Zum Acker» bauminister ist Dupny, zum Finanzminister Klotz ernannt worden. Monis wird Justiz» oder Kolonialminister, Laferre Handels- oder Arbeitsminister. Weiterhin werden Mitglieder des neuen Mi- nisteriums Raynaud, Noulens und Puech, deren Portefeuilles jedoch noch nicht feststehen. Millerand wird Arbeitsminister bleiben. Lärmszenen bei einer Prozession. Paris» 2. November.(W. T. B.)' Nach einer Meldung der Agence Havas aus Cerbere ist es in Barcelona bei einer Prozession nach Calatayud vor dem republikanischen Klub zu LSrmszenea ge- kommen. Bei den Ausschreitungen sollen Revolverschüsse abgefeuert und verschiedene Personen verwundet worden sein. Menterei nuf einem Postdampfer. Marseille, 2. November.(W. T. B.) Unter der Mannschaft deS aus Darkar eingetroffenen Postdampfers„Djelibah" brach während der Fahrt eine Meuterei aus, wobei an Bord des Schiffes beträchtlicher Schaden angerichtet wurde. Die Verhaftung der Rädelsführer steht unmittelbar bevor. Zum Bergarbeiterausstand in Südwales. London, 2. November.(W. Tv B.) Der Präsident, der Sekre- tär und der Schatzmeister des Bergarbeiterverbandes von Südwales haben einen Aufruf erlassen, den gegenwärtigen Ausstand nicht, wie angedroht wurde, noch weiter auszudehnen. Der Aufruf stellt fest, daß bereits 17 000 Mann von den Fonds des Verbandes leben. Ein Generalstreik wäre verhängnisvoll.(?) Großfcner in Mannheim. Mannheim, 2. November.(W. T. B.) In den Schreiner, Werkstätten der Lanzfchen Fabrik ist Großfeuer ausgebrochen. Paul Singer Lc Co., Berlin SVV. Hierzu 3 Beilagen u.llnterhaltungSb� iit.258.-7.�-«., j Keilllge des„Pormirts" Kerlim poibolilntt. Prozeß Krüh» und Genoiien. Einen großen Raum in der gestrigen Verhandlung nahmen Maßnahmen gegen Zeugen ein. Gegen den Zeugen Hintze wurden erst 300 M. Ordnungsstrafe festgesetzt. Die Orduungs- strafe wurde alsbald wieder aufgehoben, als der kranke Zeuge erscheint. Seine Aussage gab klar zu erkennen, daß er aus Anlaß eines ihm unangenehmen Artikels Inserate aufgegeben hat, um derartige oder andere Angriffe für die Zukunft zu verhindern. Mit dieser Einschränkung verneinte er die Frage, ob er sich durch Bruhn bedroht fühlte. In diesem Falle handelt es sich also um eine vollendete Erpressung, wenn man aus dem gesamten auf Sensation und Geldgewinnung abzielenden Verhalten der„Wahrheit" und Bruhns die Absicht der Bedrohung mit dem Nebel der Vorbereitung weiterer An- griffe entnimmt und nicht als Entschuldigung für ihn gelten läßt, daß auch andere bürgerliche, insbesondere nationale Organe gleich schniutzige Gewohnheiten haben. Auch der Zeuge Ludwig Älebinder erschien beim Aufruf nicht, wurde gleichfalls mit einer Ordnungsstrafe belegt, tauchte dann auf, war aber bei seinem Aufruf verschwunden. Er wird wohl heute zwangsweise vorgeführt werden. Ein dritter nicht erschienener Zeuge war der Polizei- kommissar Kopp. An sein Nichterscheinen knüpfte sich eine Debatte über die Verweigerung der Genehmigung zum Erscheinen des Polizeirats Heuniger. Am Schlüsse der Erörterungen wies der Vorsitzende die Verteidiger darauf hin, daß ihnen ja Beschwerde an den Minister gegen die Ver- Weigerung der Zeugnisaussage zusteht. Den Verteidigern sollte dieser Weg und der weitere, bei Gericht zu beantragen, daß der Minister die Genehmigung erteile, eigentlich auch ohne Belehrung nicht ganz unbekannt sein. Ob der Protest gegen die von uns selbstverständlich verurteilte Versagung der Zeugnisaussage des Dr. Henniger seitens der Angeklagten und ihrer konservativen Verteidiger ernst gemeint ist? Erheb- liche Zweifel regen sich bei der Erinnerung daran, daß jüngst in der Strafprozeßkommission sämtliche konser- vativen und a n t i s e m i t i s ch e n Abgeordneten für die Aufrechtcrhaltung des Spitzelparagraphen lebhaft eingetreten sind, dessen Existenz allein die Versagung der Ver- nehmung des Dr. Henniger als Zeugen herbeiführen konnte. Wird Dr. Henniger, wenn er erscheint, über die Beziehungen zwischen Polizei, der„Wahrheit", den antt- semitischen und nationalen Zeitungen uneingeschränkt aus- sagen? Das wäre erfreulich. Der Zeuge Jackson ist nach dem Gutachten des Gerichts- arztes in hochgradiger Erregung, die ihn zurzeit eidesunsähig macht. Leider fand sich keiner der Prozcßbeteiligten veranlaßt, an den Gutachter die Frage zu richten, ob nicht die Art, die sich der Kranke als Zeuge gefallen lassen mußte, ohne daß ihm Gerichtsschutz wurde, auch einen Gesunden in eine hoch- gradige Erregung versetzen könnte, und ob und wann Aussicht vorhanden sei, daß seine Erregung sich legen werde. Ein immerhin nicht alltäglicher Fall. Der Vorsitzende stellte in Aussicht, daß die schmutzige Wäsche der„Wahrheit" wohl noch bis Mitte nächster Woche vor Gericht ausgehängt bleiben werde. � � Achter Tag. Vorsitzender Landgerichtsrat Lampe bemerkte nach Eröffnung der gestrigen Sitzung: Es sei in Aussicht gewesen, die Verhandlung noch im Laufe dieser Woche zu beenden. Da aber infolge der Vernehmung der Zeugen immer neue Schwierigkeiten entstehen und immer neue Vorladungen von Zeugen sich daraus ergeben, schwindet diese Hoffnung leider immer mehr und man wird mit der Wahrscheinlichkeit rechnen müssen, daß der Prozeß sich noch bis in die nach st e Woche hinzieht, denn es sind noch 3 Fälle der Anklage zu erörtern und eine ganze Reihe von Zeitungsartikeln zu verlesen. Versuchte Bloßstellung des Belastungszeugen Jacobsohn. Rechtsanwalt Bredereck teilt mit, daß ihm von einem Ange- stellten deS Zeugen Jacobsohn, genannt Jackson, ein kreisärztliches Attest deS Medizinalrats Dr. Leppmann überreicht sei. Danach sei Jackson nervenkrank und vernehmungsunfähig und würde bei einer neuen Vernehmung in einen Zustand geraten, der nach§ 56 I kleines feirilUtcm. Ein zweiunddreißigjähriger Schlaf. Aus Stockholm wird be- richtet: In der kleinen Gemeinde Oknö, in der Nähe von Kalmar, lebt eine 4gjährige Frau, die jetzt in Schweden in den Mittel- Punkt wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. 32 Jahre lang hat sie geschlafen, ohne zu erwachen. Mit diesem merkwürdigen Fall hat sich Dr. Fröderström beschäftigt und seine Beobachtungen und das Ergebnis seiner Untersuchungen uns vorgelegt. Denn die pathologische Schläferin» Karolina Olsson, ist aus ihrem langen Schlafe wieder erwacht. Es war im Winter 1875, als die eigentümliche Krankheit ausbrach. Karolina zählte damals 14 Jahre; die Schule lag weit- ob von ihrem Heim und täglich mußte sie eine weite Wanderung über das Eis machen. Eines Tages erlitt sie auf ihrem Marsch durch Schnee und Eis einen heftigen Anfall von Zahnschmerzen, der sich immer mehr verstärkte; ein mehrwöchiges Krankenlager folgte, dann fiel die kleine Karolina in einen Zustand völliger Apathie. Bewußtlos und mit geschlossenen Augen lag sie in ihrem Bette. Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten Jahre, aus Jahren Jahrzehnte. Wie eine Tote lag sie da. Nach Aussage ihres alten Vaters erhielt sie in der langen Zeit von 32 Jahren keine andere Nahrung als etwas Milch, die ihr täglich mühsam eingeflößt wurde. Nur drei oder viermal durchbrach eine Lebens- äußerung den dumpfen Schlafzustand: da richtete sie sich empor, versuchte das Bett wie eine Nachtwandlerin zu verlassen. Aber der von den Angehörigen mit banger Spannung verfolgte Vor- gang erstarb schon im Entstehen. Karolina sank zurück und fiel sofort wieder in ihren Schlummer. Doch mit der Zeit kündigte sich eine Wandlung an: als man ihr 1005 mitteilte, daß ihre Mutter gestorben und zwei Jahre später, daß ihr Bruder ertrunken sei, hörte man sie weinen und stöhnen. Als eine Bedienstete der Familie im April 1008 in das Schlafzimmer kam, fand sie Karolina weinend und auf Händen und Füßen herumkriechend. Tie rief nach ihrer Mutter und wollte nicht glauben, daß diese tot sei. Als sie ihre Brüder sah. erkannte sie keinen von ihnen wieder, da sie..so groß geworden sind". Noch zwei Monate blieb Karolina ans Bett gefesselt; dann konnte sie aufstehen und bald begann sie, an der Arbeit teilzunehmen. Heute ist sie eine sehr arbeitssame, fleißige Person. Dr. Fröderström nimmt an, daß Karolinas Krankheit eine hysterische Psycheneurose jener Art war, die im Mittelalter als Besessenheit oder Verhexung bekannt war. Bedeutsam bleibt, daß die Krankheit gerade beim Eintritt in das Pubertätsalter ihren Anfang nahm. Erbliche Belastung kann vielleicht von der Mutter aus vorliegen, welche eine Frau mit überspanntem Sianesleben war. St. P. O. seine Vereidigung ausschließt. Das Attest sei nicht unterschrieben, sondern nur. auf einen amtlichen Briefbogen des Kreisarztes geschrieben und mit dem Stempel desselben unter- stempelt. Nach diesem Attest befinde sich Jackson in einem Zustande der Aufregung, daß er wohl keine Einsicht von der Bedeutung des Eides haben dürfte. Sein ganzes Auftreten vor Gericht lege die Vermutung nahe, daß der Zeuge gestern auch schon in einem solchen Zustande sich befunden habe. Er beantrage, den Medizinal- rat Dr. Leppmann vorzuladen und evcntl. von einer Vereidigung des Zeugen Jackson abzusehen. Der Zeuge Schanrte wird noch einmal vorgerufen und be- kündet auf Befragen, daß Jackson auch zu ihm gekommen sei und ihn gebeten habe, zu Bruhn zu gehen und ihn zu ersuchen, die Inserate des Herrn Jandorf doch aufzunehmen. Angekl. W. Bruhn richtet an den Zeugen noch die Frage, ob ihm nicht von dritter Seite einmal mitgeteilt worden sei, daß Jackson in Brüssel etwas pekziett habe.'Der Zeuge Schaurte erklärt hierzu, daß es ihm unangenehm sei, über solche Fragen, die einem ihm befreundeten Mann betreffen, Auskunft zu geben. Er pflege die Stange seiner Freunde zu halten. Auf die Frage, woher denn Bruhn das wisse, erklärt dieser: Das kann Ihnen ja doch egal sein. Mir wird das von meinen Freunden, von der Welt mitgeteilt!— Der Zeuge Schaurte erklärt weiter: Aus einer Wendung im gestrigen Prozeß- bericht könnte der falsche Schluß gezogen werden, daß ich ein Juden- Hasser sei. Im Gegenteil: ich bin sehr für die Juden eingenommen! (Heiterkeit.) Nun ja, solch falscher Schluß könnte mir doch ge- schäftlich schaden. Ich habe überhaupt keinen Haß gegen irgend eine Religion! Ordnungsstrafe gegen den ausgebliebenen Zeugen Hintze. Der an Gerichtsstelle erschienene Mcdizinalrat Dr. Hoffmann bekundet auf Befragen: er habe sich im Auftrage des Gerichts zuerst in die Wohnung und dann in das Geschäftslokal des Zeugen Carl H. Hintze begeben, aber ihn nicht angetroffen. An beiden Stellen sei ihm gesagt worden, daß Herr Hintze nicht anwesend sei, man auch nicht wisse, wohin er gegangen und wann er zurück- kehren werde. Staatsanwalt Leisering: Da diese Bekundung des Sachver- ständigen der Angabe des Zeugen Hintze, daß er krank sei, wider- spricht, beantrage ich, den Zeugen Hintze in eine-Ordnungsstrafe von 100 M. eventl. 10 Tagen Haft zu nehmen und ihn zwangS- weise vorzuführen. Nach kurzer Beratung verkündet der Vorsitzende den Beschluß des Gerichts dahin: Der Zeuge Hintze wird, weil er ordnungs- mäßiger Ladung ungeachtet im heutigen Termin nicht erschienen ist, in eine Ordnungsstrafe von 300 M. evcntl. 30 Tagen Haft und in die durch sein Ausbleiben entstandenen Kosten des Verfahrens verurteilt. Gleichzeitig wird seine sofortige zwangsweise Bor- führung angeordnet. Es werden dann zu dem Fall Hintze noch einige Zeugen ver- nommen, die wesentlich Neues nicht bekunden. Verhandlungen über Verzicht auf einen Belastungszeugen. Der Borsitzende fragt den Staatsanwalt, ob er denn auf Ver- nehmung des von ihm geladenen Zeugen Kriminalkommissar Dr. Kopp bestehe. Dieser sei doch nach seinem Telegramm noch im Brauer-Prozeß in Trier festgehalten und es sei ihm unmöglich, hier zu erscheinen. Der Staatsanwalt behält sich eine endgültige Erklärung vor. Rechts-rnw. B re d e r e ck: Wenn die Staatsanwaltschaft auf den Zeugen Dr. Kopp besteht, müssen wir natürlich uns einen um- fangreichcn Gegenbeweis vorbehalten, insbesondere den Kriminal- kommissar v. Tresckow und vor allen Dingen den Polizeirat Dr. Henniger laden. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß Polizeirat Dr. Hen- Niger ja doch nicht die Genehmigung des Polizeipräsidenten zur Aus- sage erhalten hat. Angekl. W. Bruhn: Wenn es Herrn Dr. Kopp gestattet ist auszusagen, dann verstehe ich nicht, warum die Erlaubnis Herrn Dr. Henniger versagt wird. Ich muß dann doch auf Vernehmung des letzteren bestehen. Vors.: Das führt doch zu nichts. Der Polizeipräsident hat doch nun einmal dem Dr. Henniger nicht gestattet, auszusagen. Rechtsanw. B re d e r e ck: Der Gerichtshof muß doch erst nach- prüfen, ob die Voraussetzungen vorliegen, auf Grund deren dem Polizeirat Dr. Henniger die Erlaubnis zur Aussage versagt werden kann. RechtSanw. Dr. Meyer: In solcher Allgemeinheit kann doch die Erlaubnis nicht versagt werden. Vors. Landgerichtsrat Lampe: Wir sind doch hier machtlos dagegen. Beschweren Sie sich bei dem Minister des Innern, dieser ist die einzig maßgebend! Instanz. Angekl. W. Bruhn: Hier sind doch so viele Dinge in der Ocffentlichkeit verhandelt worden und es ist gar nicht einzusehen, wie durch die Aussage des Dr. Henniger das StaatLwohl gefährdet Totale Mondfinsternis. Am Bußtage! dem 16. November. findet«ine totale Mondfinsternis statt, die in ganz Deutschland vom Anfang bis zum Ende ihres Verlaufs be- obachtet werden kann. Sie ist die vierte der Finsternisse des Jahres 1010, gleichzeitig die einzige, die bei uns sichtbar ist. Die erste war die totale Sonnenfinsternis vom 9. Mai, dann folgte am 25. Mai eine totale Mondfinsternis. Die erstere war nur in Australien und im Indischen Ozean, die letztere in Südwesteuropa und anderen außereuropäischen Gebieten der Erde zu sehen. Auch die dritte Finsternis, die partielle Sonnenfinsternis, die sich erst dieser Tage am 1. November ereignete, war nur bei unseren Anti- poden im Bereich des Großen Ozeans zu beobachten. In der Nacht vom 16. zum 17. November werden wir dagegen wieder einmal Ge- legenheit haben zu sehen, wie der Erdschatten die Mondscheibe nach und nach völlig verfinstert. Di« erste Berührung des Mondes mit dem Halbschatten der Erde beginnt, nach mitteleuropäischer Zeit uyd für die geographische Lage der Berliner Sternwarte be- rechnet, um 10 Uhr 45 Minuten abends. Erste Berührung mit dem Kernschatten der Erde 11 Uhr 44 Min. abends Beginn der Totalität......... 12 Uhr 55 Min. morg. Mitte der Finsternis......... 1 Ubr 20 Min. morg. Ende der Totarlität......... 1 Uhr 46 Min. morg. Letzte Berührung d. Mondes mit d. Kernschatten 2 Uhr 67 Min. morg. Letzte Berührung mit dem Halbschatten der Erde 3 Ubr 56 Min. morg. Die größte Phase der Verfinsterung beträgt nach einer Mit- teilung Archcnbolds im„Weltall" 1,13 in Teilen des Mond- durchniessers. Die Berührungsstellen liegen 04 Grad beim Eintritt und 227 Grad beim Austritt vom nördlichsten Punkte der Mond- scheide ab. Die Mondfinsternis wird außer in ganz Europa in Asien, mit Ausnahme der östlicher gelegenen Gebiete, im Indischen Ozean und in Amerika zu beobachten sein. Hoffentlich ist.bei uns die Witterung günstig, so daß das interessante Naturphänomen in seinem ganzen Verlaufe wahrgenommen werden kann. Die letzte, in Deutschland sichtbare totale Mondfinsternis war am 4. Juni 1009. Humor und Satire. Brief an Purischkewitsch. Hochgeschätzter Herr Kollegel Wohl ein Jahr ging schon inS Land, seit sich kreuzten' umre Wege, seit mein Herz das Ihre fand. Leider bis zu diesem Tage ward's noch nicht so weit gebracht. wie wir bei dem Seklgelage' (Sie erinnern sich) gedacht. werden könnte. Das Staatswohl wird doch unmöglich dadurch ge- fährdet, wenn hier sich ergibt, daß ein Teil des Staatswohles auf einem anderen Standpunkte steht wie der andere. Vors.: Ich kann nur wiederholen, daß diese Debatten zu nichts führen. Beschweren Sie sich bei dem Astinister. Diese Erörterungen schließen damit ab, daß der Staatsanwalt erklärt, zunächst tclcgraphische Erkundigungen darüber einzuziehen, od Dr. Kopp wesentlich Neues zu bekunden hat. Ordnungsstrafen gegen den ausgebliebenen Zeugen Ludwig Klebindcr. Zu dem Fall Hintze war auch der Journalist Ludwig Klebindcr (Binder) geladen, ist aber nicht erschienen. Staatsanwalt Leisingcr beantragt gegen den ausgebliebenen Zeugen dieselbe Ordnungsstrafe wie gegen Hintze. Der Gerichtshof beschließt: den ausgebliebenen Zeugen Kle- binder in eine Ordnungsstrafe von 300 M. event. 30 Tagen Haft und in die durch sein Ausbleiben entstandenen Kosten zu nehmen. Gleichzeitig wird seine sofortige zwangsweise Vorführung ange- ordnet. Gutachten über Jackson. Der inzwischen erschienene Mcdizinalrat Dr. Leppmann wird über den Gesundheitszustand des Zeugen Jackson vernommen und sagt u. a. folgendes aus: Jackson ist mir gestern abend von einem seiner Bekannten zugeführt worden mit der Bitte, ihn auf scine Terminsfähigkcit zu untersuchen. Nach einer einmaligen Unter- suchung kann ich natürlich kein abschließendes Urteil über den Geisteszustand eines Menschen abgeben. Herr Jackson war in einem Zustande, der über den einer nervösen Aufgeregtheit hinausging, er war sehr zerfahren und verworren. Bei der körperlichen Unter- suchung habe ich denn auch Zeichen gefunden, die über eine gewöhn- liche Nervenschwäche hinausgeht und den dringenden Verdacht er- regen, daß es sich um ein tiefer gehendes Leiden handelt. Er hat mir auch seine ganze Vorgeschichte erzählt unter der Bedingung, daß dies unter der Berufsvcrschwiegenheit bleibe. Diese Vorgeschichte paßt innerlich zu den Ergebnissen meiner Untersuchung und ich muß sagen: die Fortsetzung der Vernehmung würde für diesen Mann eine erhebliche Gesundheitsgefahr darstellen. Ich glaube, daß er nicht eidesfähig ist im Sinne des 8 56 I Str. P. O. Es gibt eben Personen, die, wenn sie auch nicht geisteskrank sind, doch, sobald sie in Erregung geraten, über ihr Tun sich keine Rechenschaft mehr geben können und im Momente der Ecidcsleistung von dem Wesen und der Bedeutung des Ecidez keine Vorstellung mehr haben. In einen solchen Zustand geraten beispielsweise schwer hysterische Frauenspersonen. Herr Jackson ist ein Mann, der als psychopatisch und minderwertig anzusprechen ist, und die Art, wie er nach den Gerichtsberichten sich gestern vor Gericht benommen hat, entspricht diesem Gutachten. Darüber, ob etwa die Erregung des Zeugen durch die ihm vor Gericht gewordene Behandlung hervorgerufen ist, wird der Gntachter nicht befragt. Mcdizinalrat Dr. Leppmann wird hierauf wieder entlassen. Die Verhandlung wendet sich nun dem Falle Wcrtheim zu. In diesem Falle Wertheim, bei dem nur Wilh. Bruhn in Frage kommt, handelt es sich darum: Seit dem Jahre 1006 sind, wie die Anklage behauptet, fortgesetzt Artikel mit Angriffen gegen die Firma A. Wertheim, die damals aus vier Brüdern bestand, erschienen. Die Angriffe hätten sich später gegen Wolf Wcrtheim zugespitzt. Die Anklage steht auf dem Standpunkt, daß Leute an Wolf Wertheim herangetreten wären und ihm nahegelegt hätten, daß es sich empfehlen würde, Mittel und Wege zu finden, um diesen Angriffen ein Ende zu bereiten und als das beste Mittel sei die Uebcrscndung von Inseraten erachtet worden.— Angekl. Wilh. Bruhn bestreitet ganz entschieden die Annahme der Anklage, daß er durch die Artikel über das Warenhaus Wcrtheim die Erlangung von Inseraten erstrebt habe. Georg Wcrtheim habe seinerzeit gegen ihn eine einstweilige Berfügung erwirkt, wonach er sich beleidigender An- griffe gegen Georg Wcrtheim zu enthalten habe; der Erlaß einer gleichen Verfügung bezüglich der Firma sei abgelehnt worden. ES haben sich an diese Tatsache Preßangriffe gegen ihn geknüpft und er sei in die Lage gekommen, sich gegen falsche Darstellungen der Sachlage in der Presse zu wehren. Als dann der Bruderzwist im Hause Wertheim ausbrach, habe er auf dem Standpunkt ge- standen, daß hier dem Wolf Wertheim Unrecht von seinen Brüdern zugefügt werde und er habe eine gewisse Sympathie für ihn empfunden, die auch im den Wertheimartikeln wiederholt hindurch- leuchte. Er bestreite entschieden, daß es sich um„Angriffsartikel" zur Erreichung materieller� Vorteile handle, sie haben vielmehr sachgemäß die jeweilige EntWickelung der Dinge besprochen. Der Zwar der sorgsam ausgeheckte Plan nach Ihrem weisen Rat ward durch unsere Subjekte hin und wieder schon zur Tat. Aber nie wollt' es gelingen. dieie preußisch-deutsche Plebs recht zur Rebellion zu bringen.; i doch der Himmel künftig geb'sl Freilich, sehn Sie, dafür müssen Sie uns Ihre Hilfe leih'n. Ihre schwarzen Hunderl wissen, wie man'S anfängt, ganz allein. Helfen Sie mit hundert Spitzeln uns aus der Verlegenheit, daß sie locken, reizen, kitzeln unsere Roten in den Streit. Und im März(Sie sind geladen) feiern wir das Siegesfcst. Antwort wollen Sie uns drahten nach... Sie kennen ja das Nest I _ Franz. Notizen. — Vorträge. Felix Linke hält am Freitagabend Z'/z Uhr im Gewerkschaftshause im Arbciter-Wanderbnnd„Die Naturfreunde" einen Vortrag(mit Lichtbildern) über:„Das Werden der Welten." Gäste willtoinme». — Eine Bereinigung bildender Künstler Berlins hat sich neu gebildet mit dem Fivccke, dem Künstler- proletariate durch Eröffnung von VerkaufSmöglichkeilcn zu helfen. Es soll noch vor Weihnachten eine Ausstellung statlfinden, in der kein Bild über 300 M. losten darf. — König Oedipus wird im Zirkus Schümann Mon- tag, 14. Nov., wiederholt. Die Ausgabe der Billetts beginnt Sonn- abend, den 5. d. M., an der Tageskasse des Deutschen Theaters und bei A. Wertheim.— Für die Studentenschaft, Schulen und G e- werkschaften werden die Plätze bis zu 3 Ms. reserviert. Diese Billetts, die von den Schulen bis Freitagalxmd schriftlich bestellt sein müssen, werden ausschließlich am Sonnabend, den 5., nach- mittags von 2— 5 Uhr;m Deutschen Theater ausgegeben. Zur ersten Aufführung des Oedipus am 7. November sind noch Gallericsitze im«Geiverkschaftshaus" zu haben. erste Artikel sei Von Dal, sei geschrieben worden, andere öon Dietrich; er selbst habe den Artikel„Frau Wolf Wcrtheim und der Haupt- man» von Köpenick" geschrieben und sich darin gewiß nicht mit Unrecbt gegen die befremdcirde Tatsache ausgesprochen, daß Frau Wolf Wertheim für einen solchen Zuchthäusler, wie es der Haupt- mann von Köpenick doch gewesen, eine Dotation ausgesetzt hatte. Eine ganze Zeitlang seien Angriffe über Wertheim überhaupt nicht erfolgt, im Gegenteil mehrere ganz sympathische Artikel. Wenn nun etwa acht Tage nach dem letzten dieser sympathischen Artikel Herr Wolf Wertheim als neuer Besitzer des Passage-Kauf- Hauses Inserate an die„Wahrheit" aufgab, so kann das doch un- möglich als Ausslutz einer Furcht vor Angriffen aufgefaßt werden, sondern jeder seiner Bekannten hatte im Gegenteil angenommen, daß Herr Wolf Wcrtheim aus Freude über die ihm sympathischen Artikel die Inserate aufgegeben habe. Der„Wahrheit" konnte diese Aufgabe von Inseraten um so weniger auffallen, als das Passage-Knufhaus auch unter dem vorigen Regime schon immer inseriert hatte. Klebinders Entschuldigung. Nach einer kurzen Pause teilt der Borsitzende mit, daß vom Zeugen Klebinder eine Depesche etwa folgenden Inhalts einge- gangen sei:„War über Nacht außerhalb, komme eben nach Hanse, öffne Ladung, stehe auf telephonischen Anruf sofort zur Ver- fügung."— Bors.: Das ist doch eine etwas merkwürdige Sache Ganz abgesehen davon, von wem Herr Klebinder Nachricht von dem gegen ihn gerichteten Beschlutz des Gerichts erhalten hat, liegt doch die Tatsache vor, daß der Postbote auf der Ladung ver- zeichnet hat:„am 1. November selbst dem Adressaten in der Woh- nung übergeben."(Heiterkeit.)— Der Gerichtshof beschließt, den Zeugen Klebinder telephonisch zu zitieren. HintzeS Entschuldigung. Alsdann erscheint der Schutzmann Guthein, der zu dem aus- gebliebenen Zeugen Hintze geschickt war und berichtet unter lieber- reichung eines vom 5. Februar 1910 datierten kreisärztlichen Attestes: Herr Hintze ist krank, außerdem aber nicht zu Hause. (Heiterkeit.) Nach der Mitteilung des Hintzcschen Geschäftsführers liege noch ein anderes Attest vom Ib. Oktober yor, das er bei sich trage.(Heiterkeit.) Nach dem überreichten Attest ist Herr Hintze zuckerkrank und leide an Fettherz. Außerdem habe er schwere Angst- und Zwangszustände zu überwinden, könne keine Straßen- breite überschreiten, habe Furcht vor großen geschlossenen Räumen, ZwangSangst vor gerichtlichen Prozeduren usw. Bors.: Wenn der Zeuge ausgeht, kann doch die Platzangst nicht so erheblich sein. Charakteristisch ist, daß er das Attest vom 15. Oktober als vorsichtiger Mann immer bei sich trägt! Ich denke, wir lassen es bei dem Beschlüsse des Gerichts, den Zeugen zwangs- weise vorführen zu lassen. So lassen wir denn doch nicht mit uns spaßen! Der Staatsanwalt ist auch der Meinung, daß der Gerichts- beschluß aufrecht erhalten bleiben solle. Der Schutzmann wird mit dem Auftrage entlassen, Herrn Hintze vorzuführen. ES folgt alsdann die Verlesung der verschiedenen längeren und kürzeren Artikel der„Wahrheit' über das Thema Wertheim. Klebinder erscheint. Während der Verlesung erscheint plötzlich der Zeuge Journalist Ludwig Klebinder. Er behauptet, daß er zwar die Ladung zum Termin schon gestern abend erhalten, sie jedoch erst heute vormittag geöffnet habe. Hintze erscheint. Inzwischen erscheint auch der Zeuge Karl H. Hintze in Bc- gleitung seines Hausarztes, des Nervenarztes Dr. Warnte, im Ge- richtssaal. Dr. W. teilt dem Staatsanwalt mit, daß H. in der Lage sei, sich in seiner Gegenwart jetzt vernehmen zu lassen. Das Gericht beschließt auch die sofortige Vernehmung Hintze». Bors.: Weshalb sind Sie unserer Ladung nicht, gefolgt?— Zeuge Hinbe: Ich bin krank.— Vors.: Ebenso wie Sie jetzt ,n Be- glcitung Ihres Arztes an Gerichtsstelle erscheinen, konnten Sie doch wohl auch eher in Begleitung erscheinen. Haben Sie dem Journalisten Klebinder das Material zu dem Artikel in der„Wahr- heit" gegeben?— Zeuge: Nein. Der Herr Klebinder hat sich unter dem falschen Namen Binder bei mir eingeschlichen und hat mich ausgehorcht. Hätte ich gewußt, daß daraus ein Artikel entstehen würde, so hätte ich natürlich nichts gesagt, denn daraus entstehen bloß alle möglichen Zänkereien. Die Journalisten unter sich zanken sich ja heute und morgen vertragen sie sich wieder. Binder hat dann einfach einen Artikel daraus gemacht und mich am Neujahrsmoracn noch angeklingelt und mir dies mitgeteilt. Ich sagte dem Klebinder gleich: Mensch, sind Sie denn verrückt geworden'? Ist das vielleicht eine Neujahrsgratulation?(Heiterkeit.) Ich teilte darauf sofort meinem Rechtsanwalt Dr. Rosenstock mit, was Binder für einen „Quatsch" gemacht hatte. Mir selbst war es sehr unangenehm, daß mein Name in der„Wahrheit" genannt worden war. Ich erhielt bald darauf mehrere anonyme Karten, in welchen mir gesägt wurde, ich solle doch ein paar Inserate aufgeben, dann sei die Sache er- ledigt. Ich habe dann auch ein Inserat über die Schiedmayer Pianinos aufgegeben. Ich ging dabei von der Ansicht aus, daß man natürlich als Inserent mehr Entgegenkommen findet. Ich hoffte, daß eine Besprechung erscheinen würde, natürlich nicht eine solche, wie die etste. Ich werde doch keinem Menschen Inserate geben, wenn ich wüßte, daß ich nachher angegriffen werde.— Angeklagter Wilh. Brnhn: Sind Sie nicht auch der Meinung, daß in dem Artikel nicht Sie, sondern Frau Berg-Lindemann angeulkt werden sollte?— Zc-ze: Jawohl. Ich wurde in dem Artikel nicht ange- griffen, mir was es jedoch trotzdem unangenehm, daß mein Name genannt worden war. Auf direkte Anfrage des Staatsanwalts erklärt Zeuge Hintze, daß er sich durch Bruhn nicht für bedroht gefühlt hat, er habe es als selbstverstäudlich vorausgesetzt, daß Zeitungen, in denen man inseriert, keine Angriffe gegen den betreffenden Inserenten ver- öffentlichen, ehe sie ihn nicht um eine Erklärung ersucht haben.— Ter Zeuge betlagt sich weiter darüber, daß seine Gegner aus Brot- neid alles mögliche in Bewegung setzen, um ihn zu schädigen und seinen Verdienst zu untergraben. Sein Umsatz betrage IMi Millionen, d. h. mehr als der Umsatz der gegen ihn vorgehenden Kon- kurrenten zusammen genommen. Die Artikel in der„Wahrheit" seien ihm„unangenehm", wenn auch nicht gerade bedrohend ge- Wesen; er habe geglaubt, durch die Inserate zu erreichen, daß die „Wahrheit" ebenso, wie andere Zeitungen, in denen er viel iuse- riere, bei solchen Angriffen der Konkurrenz ihn erst befrage, was daran wahr sei. Der Gerichtshof hebt die über den Zeugen ver- hängte Ordnungsstrafe wieder auf. Ludwig Klebinder unauffindbar. Als sodann der Zeuge Klebinder vernommen werden soll, meldet er sich auf den Aufruf nicht. Der' Gerichtsdiener ruft wiederholt seinen Namen mit lauter Stimme aus, der Zeuge ist aber im Gerichtsgebäude nicht aufzufinden. Die zum Falle Wertheim vorgeladenen Zeugen sollen auch heute entlassen werden, weil die Verlesung der Artikel noch geraume Zeit in Anspruch nehmen werde. R.-.A Dr. Schwindt: Nach meiner Kenntnis der Akten möchte ich anregen, ob denn die Verlesung all jener Artikel überhaupt nötig ist. Ich würde vorschlagen, doch zunächst einmal Herrn Wolf Wertheim zu hören und dann werde sich ergeben, daß seine Aus- sage die Behauptung der Anklage, daß er erpreßt werden'sollte, nicht stützt. Wenn dieser Belastungszeuge erklärt, daß er sich nicht durch Drohungen zu Inseraten veranlaßt gesehen hat, so erübrigt sich doch wirklich die Verlesung dieser Artikel.— Bors.: Der Zeuge hat dies aber in der Boruntersuchung mit dürren Worten ausge- sagt. Deshalb müssen wir uns durch Kenntnisnahme der Artikel selbst ein Urteil bilden. Tie Zeugen für den Fall Wertheim werden hierauf bis heute 10 Uhr entlassen. Die Verlesung der Wertheim-Artikel beginnt sodann. Nach der Verlesung einiger Artikel geben die Verteidiger an- heim, von dein Sachverständigen Dr. Liman einen kurzen Bericht über die übrigen zu den allgemeinen Kritiken über das Warenhaus Wertheim gehörigen Artikel entgegenzunehmen und dann einige Artikel zu verlesen, die speziell Herrn Wolf- Wertheim betreffen.— Der Angekl. W. Bruh» hält diese Verlesung für-durchaus not- wendig, um die Ansicht der Anklage zu widerlegen, daß auf der dritten Spalte der„Wahrheit" immer solche Angriffsartikel mit erkennbarem Zweck veröffentlicht worden seien. Die Verlesung soll heute fortgesetzt werden. Der Vorführungsbeschluß gegen den Zeugen Ludwig Klebinder wird vom Gerichtshof aufrechterhalten. Der Vorsitzende macht wiederholt darauf aufmerksam, daß nach dem Gange der Verhandlung eine Beendigung des Prozesses vor frühestens Mittwoch nächster Woche nicht zu erwarten ist. Nach 3 Uhr wird die Sitzung auf heute 9�> Uhr vertagt. Gericdts- Reitling. Dienstbotenelend und Junkcrschmach. Dieser Tage fand vor dem Amtsgericht Berlm-Mitte ein Prozeß statt, dessen Verhandlung die völlige Schutzlbsigkeit des Gesindes gegen die Preisgabe ihres Körpers an die Söhne ihrer Herrschaft klarlegte. Das Dienstinädchen Anna K. klagte gegen den Sohn ihrer früheren Herrschaft S i m o n L ö b e l, D i r ck s e n st r. 33. auf Zahlung von Alimenten. Das völlig unerfahrene Dienstmädchen ivar mit 16 Jahren von Schlesien nach Berlin gekommen und trat bei den Löbelschen Eheleuten in Dienst. Der Beklagte, ein Sohn der Dienstherrschaft, stellte dem unerfahrenen, kaum den Kindcsjahren entwachsenen Mädchen nach, erbrach das Schloß der Tür zum Mä d chenzimm er gewaltsam und nahm dem Kinde seine weibliche Ehre. Die Frau erhielt von dem Verhältnis Kenntnis. Sie schützte das Mädchen nicht, schalt es Vielvehr. Diese Scheltworte schüchterten das junge Ding vollends ein. Sie war nun den Nachstellungen beider Kinder ihrer Dienstherrschaft gegew über willenlos. Als sie im März sich Mutter fühlte, mußte sie die S t e l l u n g v e r l a s f e n. In dem Termin beschwor der jüngere Sohn der früheren Herrschaft des Mädchens, Adolf Löbel, daß er in der Empfängnis eit ebenso wie sein Bruder init dem ädchen verkehrt habe. Eine Zeugin konnte dies aus eigener Wahrnehmung bestätigen. Der Vor mund nahm darauf die lediglich auf die Tatsache der Schwängerung gestützte Klage zurück, da leider ja nach dem Gesetz der Einwand, daß innerhalb der Empfängniszeit mehrere mit der Mutter verkehrt haben, die auf die Beiwohnung gestützte Klage hinfällig macht. Das Mädchen ist nun dem Elend preisgegeben— dank dem„patriarchalischen Schutz", den die Gesindeordnung ihr verheißt und der sie tatsächlich zur willenlosen Beute der beiden Söhne ihrer Dienstherrschast gemacht hat. Ob eine Klage gegen die beiden mn derjährigen Söhne der Dienstherrschaft Erfolg haben würde, die sich darauf stützt, daß diese jungen Herren die Unerfahrenheit und Schutzlosigkeit des Kindes in der schmählichsten Weise ausgebeutet haben, dürfte dem Rechtsgefühl entsprechend zu de- jähen sein. Eine andere Frage ist die, ob im Rechtscin und Rechtbekommen für ein Gesinde in Deutschland gleich- bedeutend ist. Die Dienstherrschaft hätte sicherlich die moralische Verpflichtung, zumal sie wohlhabend ist und einen gutgehenden Stand in der Z e n tr a l m a r kt- Halle hat, dem Mädchen und dem Kinde des Mädchens Unterhalt in vollstem Maße zu gewähren. Hierzu dürfte sie auch nach dem Gesetz verpflichtet sein, da sie verpflichtet ist, das Dienstmädchen vor den Nachstellungen der Hausangehörigen zu schützen. Aber freilich, leider gilt hier, was vor hundert ahren der Minister Suarez im Hinblick auf die preußische lesindeordrnmg erklärte: daß im Zweifel der Richter sich immer auf die Seite der Herr- schaft stellen werde. Leider steht der von uns geschilderte Fall keineswegs vereinzelt da, sondern ist geradezu typisch für die Wirkungen unserer Gesellschaftsordnung und der Gesindeordnung. Wie tief stehen die Junker und Junkergenossen und die anderen Stützen der heutigen Gesellschaft, die beim Anblick des jannnervollen Resultats ihres Wirkens pharisäisch ausrufen: Warum hat sich das Kind verführen lassen, warum ist das schutzlose Kind den ssiachstellungen der Söhne der reichen Dienstherrschaft erlegen? Mag sie für sich selber sorgen I Ohne Vernichtung der politischen Herrschast der Junker und Jnnkcrgenofsen, die bei Beratung des Bürgerlichen Gesetz- buches die Schmach der Gesindeordnungen und den schmäh- lichen Einlvand aufrecht erhielten, der Schwängerer braucht nicht zu zahlen, wenn noch ein anderer in der Empfängnis- zeit der Mutter beigewohnt hat, ist eine Aenderung auch dieser zum Himmel schreienden Zustände kaum möglich. Möge der geschilderte Fall dazu beitragen, die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Kampfes für eine andere Gesellschafts- ordnung weiter zu verbreiten. Der dolose Teckel. Wegen fahrlässiger Körperverletzung hatte sich der Eigen- tümcr August Blödow aus Kaulsdorf vor dem Schöffengericht in Lichtenberg zu verantworten. Das Haus des B. wird von zwei alten Teckelhunden bewacht. Dem Polizridiener NeprajewSki, der im selben Hause wohnte, schenkten sie keine besondere Auf- merksamkeit. Blödow kündigte dem Polizeidiener die W»hnung aus einem Grunde, mit dem die Teckel nichts zu schaffen hatten. Trotzdem sollen die Teckel nach der Kündigung in ihrem Per- halten dem Polizeidiener gegenüber wie umgewandelt gewesen sein. Einer derselben biß den N., als er in Zivilkleidung über den Hof ging, in die Hosen und in eine» von den Hosen bedeckten Fleischteil. Diesen Vorfall meldete der Polizeidiener dem Amt. Auf dem Amt wurde in diesem Tatbestand ein Kriminalfall er- blickt. Der Teckel konnte nicht angeklagt werden, alldieweil das Strafgesetzbuch noch nicht so weit vorgeschritten ist. Hunde zur strafrechtlichen Verantwortung zu ziehen und der Nachweis eines Dolus gegen den Teckel noch viel mehr Schwierigkeiten als gegen einen Beamten bereitet hätte. Also wurde— gegen den Eigentümer des Hundes Anklage erhoben. Er soll sich strafbar gemacht haben, weil er den Teckel nicht an die Kette gelegt hatte, wiewohl er wußte oder wissen mußte, daß das Tier bissig sei. Im gestrigen Termin vor dem Lichtcnberger Amtsgericht führte Blödsw gegen die eigenartige Anklage aus, er sei nicht strafbar; für Kaulsdorf bestehe kein Maulkorbzivang, weswegen der 12 Jahre alte Teckel gebissen habe, könne er nicht angeben. In seinem nachdenklichen Leben habe das brave Vieh sich stets freundlich und gesittet be- nommcn und auch dem Polizeidiener gegenüber bis zu dem Tage der Tat mit völliger Nichtachtung beobachtet. Der Teckel wurde vor Gericht nicht vernommen, konnte deshalb auch über die Gründe der plötzlichen Anziehungskraft der Hosen auf ihn Auskunst nicht erteilen. Trotzdem beantragte der Amtsanwalt eine Geldstrafe von 15 M. Er vertrat die Ansicht, die Hunde hätten, da sie bissig wären, an der Kette liegen müssen. DaS Gericht kam zur Frei- sprechung dcS Angeklagten. Begründend wurde ausgeführt: Der Angeklagte konnte nicht ahnen, daß die Viecher, die sonst dem Polizcidiener aus dem Wege gingen, nach der Kündigung einen Angriff auj ihn machen würden. Der Teckel hat nach dem Vorfall eifrig Rechtsstudien getrieben. Er ist zu dem Ergebnis gekommen: Die Sache war ja nur ein Zibilrechtsfall; es hätte ein Straffall daraus nicht gemacht werden sollen. Im unklaren ist er aber darüber geblieben, weshalb Polizeihunde, die auf Menschen gehetzt werden, nicht auf die An- klagebank kommen, sondern meist die Gebissenen. Er wird noch lange studieren können, ohne im Gesetz Aufschluß zu finden: Im Gesetz ist diese Bevorzugung von Polizeihunden nicht zu entdecken. Den Schlüssel zu dem Rätsel gibt der Satz: Macht geht vor Recht. Versammlungen. Erster Wahlkreis. Der Sozialdemokratische Wahlverein für den 1. Berliner Reichstagswahlkreis hielt am Dienstag in den Festsälen„Zentrum". Niederwallstraße, eine Generalversammlung ab. Der 3. und 4. Punkt der Tagesordnung: Vortrag des Genossen Düwell über: „Die politische Lage", und Aufstellung des Kandidaten zur Reichs- tagswahl wurden zuerst erledigt. In einem fesselnden Vortrag schilderte der Genosse Düwell die politischen Zustände in Deutsch- land und ihre wirtschaftlichen Ursachen sowie die Entwicklung der politischen Lage seit den Hottentottenwahlen von 1907. Im Ver- gleich mit anderen Kulturländern erscheint Deutschland außer- ordentlich rückständig in politischer Hinsicht; es gleicht gewissermaßen einem erweiterten Gutsbezirk. Wenn das deutsche Volk noch nicht die Kraft gewonnen hat, mit diesen Zuständen aufzuräumen, so liegt das zu einem großen Teil an dem KonfcssionalismuS auf reli- giösem Gebiet. Heute noch sind Millionen Arbeiter auS Welt- anschauung Gegner der Sozialdemokratie. Wer die gemischt kon- fessionellen Gegenden Deutschlands kennt, wer dort aufgewachsen ist, der weiß, welche Macht die Kirche hier noch über die Leute aus- übt.— Aus eigener Erfahrung schildert der Redner, wie die pro- testantischen und katholischen Schulkinder gegen einander aufgehetzt wurden, sodaß sie sich förmlich tagtäglich Schlachten lieferten, wie sie so belehrt wurden, daß sie gelegentlich einmal die Türen einer Kirche zertrümmerten, die Fenster einwarfen, weil diese Kirche durch Andersgläubige entweiht worden sein sollte.— Infolge der religiösen Vorstellungen von der ewigen Seligkeit und der ewigen Verdammnis hat das Zentrum noch eine solche Macht, daß es ruhig die Interessen seiner Wählermasscn verraten kann, ohne daß der Zentrumsturm ernstlich ins Wanken gerät. In früheren Jahren kämpfte diese Partei in Westdeutschland, wo das Kapital sich in liberalen Händen befindet, noch gegen den„gottlosen" Kapitalismus, während es allerdings im Osten des Reichs den katholischen Kapi- talismuS den Arbeitern gegenüber als die gottgewollte Ordnung pries. Aber heute hat die Zentrumsdemagogie auch in Westdeutsch- land den Kampf gegen das Großkapital eingestellt, nachdem die Großindustriellen es auch aufgegeben haben, das Zentrum zu be- kämpfen. Sie haben es als die sicherste Partei für den Hochschutz- zoll und zur Niederhaltung der Arbeiter in der Bedürfnislosigkeit und in blindem Gehorsam erkannt. Seit den Wahlen von 1907, wo es Bülow zwar nicht gelang, das Zentrum zu erschüttern, wohl aber der Sozialdemokratie eine Reihe von Mandaten abzunehmen, haben die Nachwahlen bewiesen, daß unsere Partei gewaltige Fortschritte macht. Daß die Sozialdemokratie bei den 16 Nachwahlen 9 Man- date gewann, und mehr noch, daß sie einen Stimmenzuwachs von 32 000 zu verzeichnen hatte, gibt den kapitalistischen Parteien Per- anlassung. auf die Durchführung von Arbeiterknebelungsgesetzen zu sinnen. Zu dem Zweck möchte man da? Spießbürgertum gegen die organisierte Arbeiterschaft aufhetzen und eine ähnliche Stimmung hervorrufen wie 1878 oder wie zur Zeit der SeptennatSwahlen. Da kamen die Vorgänge in Moabit den Herrschaften wie gerufen. Die Gegner sind an der Arbeit, die Arbeiterschaft niederzuschlagen, nicht aus irgendwelchen ideellen Gründen, sondern infolge ihrer mate» riellen Interessen. Die Situation bildet eine glänzende Rechtferti- gung der dialektischen und historisch-materialistischen Erklärung der Arbeiterbewegung. Aus der ganzen wirtschaftlichen Entwick- lung heraus zeigt es sich, daß wir sehr schweren Konflikten ent- gegengehen. Ein verkehrter Optimist ist, wer jetzt noch glaubt, daß wir sanft wie auf geölten Schienen in den Zutunftsstaat hinein- rutschen. Der Aufprall der Klassengegensätze mutz immer schärfer werden. Aber wir haben deswegen keinen Grund zu enter pesst» mistischen Ausfassung der Lage, tm Gegenteil: wir können konsta» tieren, daß die Sozialdemokratie immer mehr vorwärtsschreitet. Auch die Großindustriellen sind von dem endlichen Sieg der Sozial- demokratie überzeugt, aber sie wollen das Heft natürlich so lange in Händen behalten wie nur irgend möglich, und sie sind ent- schlössen, zu diesem Zweck auch die äußersten Mittel anzuwenden. Wir stehen vor großen Ereignissen und Konflikten, und es fragt sich nun, ob das Proletariat reif ist für diese Kämpfe. Der nächste Reichstag wird, wenn er nicht ein vorzeitiges Ende erreicht, sich mit der Verlängerung der Handelsverträge zu befassen haben. Wenn es nun auch nicht zu erwarten ist, daß aus den nächsten Wahlen ein freihändlerischer Reichstag hervorgeht, so müssen wir doch dahin wirken, eine Mehrheit zu erreichen, die an dem Abbruch des Schutz- zollsystemS arbeitet. ES wird notwendig sein, das Kleinbürgertum aufzuklären, das noch jetzt in seiner politischen Unwissenheit die Preissteigerungen als eine Folge von Erhöhung der Arbeiterlöhne ansieht und kein Verständnis für die Wirkungen der internationalen kapitalistischen Verbindungen hat. Unbeschadet unserer Grundsätze können wir versuchen, diese Leute zu gewinnen. Neben der Be- tonung unseres Endziel» können wir ruhig die Forderung erheben: „Zurück aus Caprivi!" gegenüber der Losung der agrarischen und industriellen Schutzzöllner:„Hinauf zu'Kanitz!" Unter allen Umständen aber werden wir die Fahne unseres Endziels hochhalten. Es kann bei uns von einer blinden Feind- schaft gegen den Kapitalismus nicht die Rede fein. Der Kavita- lismus hat eine Kulturmisfion zu erfüllen und er hat sie erfüllt. Er hat die geistigen und physischen ArbeitSmöglichkeiten gewaltig gesteigert und sie in den Dienst der Gütererzeugung gestellt. Er ist nun soweit gekommen, daß er in Widerspruch mit sich selbst geraten ist. Wenn früher Hungersnot herrschte, so laa das daran. daß die Erzeugung oder Herbeischaffung der notwendigen Güter nicht möglich war. Aber heute herrscht der wahnsinnige Zustand, daß Produkte im Ucbermahe hergestellt und aus fernsten Ländern herbeigeschafft werden können, und daß dennoch die Bevölkerung zeitweilig der bittersten Not ausgesetzt wird, weil der Kapitalismus seine Maschine stillstehen läßt. Mit allen den gewaltigen Pro- duktivkräften, die der Kapitalismus geschaffen hat, können wir uns eine Gesellschaftsordnung vorstellen, welche die Menschheit auf eine ganz andere und viel höhere Kulturstufe hebt. Aber die Scharf- macher versperren uns das Tor und werden die Maschinengewehre auffahren lassen, wenn wir uns davor stellen wollten. Der Kampf, der uns bevorsteht, wird viele und schwere Opfer kosten, aber wenn das Proletariat diese Opfer nicht bringen wollte, wäre eS nicht wert, das hohe Ziel zu erreichen. In den schweren Kon- flikten der Zukunft muß jeder von uns es sich zur Pflicht machen, das Banner der Freiheit und deS Sozialismus Hochzuhalten in Kampf und Sieg.— Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Zur Diskussion wurde daS Wort nicht gewünscht. Zur Aufstellung deS Kandidaten zur ReichstagSwahl berichtete der Vorsitzende Genosse T ä t e r o w, wie sich die Ge- nosien in den Zahlabcnden sowie der Vorstand eingehend mit der Kandidatenfrage befaßt haben. Der Vorstand hat dann eine Unter- kommission zur Prüfung der verschiedenen Vorschläge eingesetzt und ist schließlich zu dem Entschluß gekommen, den Genossen Düwell, Redakteur des„Vorwärts", als Kandidaten zu empfehlen. Dieser Vorschlag wurde dann auch von der Kreiskonferenz ein» stimmig gutgeheißen.— Wie der„Vorwärts" schon mitteilte. nominierte dann auch die Generalversammlung den Genossen Düwell einstimmig zum Kandidaten des Kreises. Hierauf gab Genosse T ä t e r o w seinen Bericht über den internationalen Kongrest in Kopenhagen. Der Redner schilderte in großen Zügen die Eindrücke, die er in der dänischen Haupt- stadt empfangen hatte, die' Arbeitsmethode deS Kongresses sowie die Bedeutung der gefaßten Beschlüsse. Der Redner, der auch zw Jahre IM dev Kongreß in Paris beigewohnt hat, konnte sest» stellen, Safe seitdem geivaltig'e Fortschritte gemacht Korden sind. Er betonte besonders, wie notwendig gegenüber dem international der- bündeten Kapitalismus die Internationale der Arbeiterschaft ist, wie der Kampf der Arbeiterklaffe nicht nur auf nationalem, sondern auf internationalem Gebiete geführt werden muff. Sodann berichtete Genosse B i t t n e r von der Brandenburger Provinzialkonferenz. Mit Rücksicht darauf, datz die Zeit schon reich- lich vorgeschritten war, faffte sich der Redner kurz, gab eine Ueber- ficht über die wichtigsten Beschlüsse der Konferenz und hob besonders hervor, daß jeder Genosse seine ganze Kraft einsetzen muff, um namentlich auch innerhalb der Landbevölkerung die notwendige Aufklärung zu schaffen. Man solle nicht glauben, daff uns bei der Reichstagwahl der Sieg zugeflogen komme, man müsse sich vielmehr bewufft sein, daff eine unablässige Agitationsarbeit not- wendig ist und daff dazu auch für die Herbeischaffung der not- wendigen Mittel gesorgt werden mutz. Zur Diskussion über die beiden Berichte wurde das Wort nicht verlangt. Unter Vereinsangelegenheiten wurde der Genosse Tappert zum 2. Schriftführer gewählt. Schliesslich machte der Vorsitzende noch auf das am Sonnabend im Gewerkschaftshause stattfindende Stiftungsfest des Wahlvereins aufmerksam und forderte zu zahlreicher Beteiligung auf. Der Wahlvcrein des zweiten Berliner ReichstagswahlkreifrS setzte seine Generalversammlung, die er am 4. Oktober wegen der zu reichen Tagesordnung nicht zu Ende führen konnte, am Diens- tag im„Hofjägerpalast" fort. Zuerst erstattete Genosse Werner den Bericht vom Internationalen Kongreh. Er schilderte den grossen Eindruck, den er in Kopenhagen gewonnen hatte. Der Kongreff habe gezeigt, wie die Idee des Sozialismus von den Kulturnationen immer begieriger aufgenommen wird. Ueber die einzelnen Punkte der Tagesordnung und die gefafften Beschlüsse und Resolutionen des Kongresses verbreitete sich der Redner in einem längeren Vortrage. Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Der zweite Punkt des Tagesordnung, Bericht von der Branden- burger Konferenz, wurde aus Antrag aus der Versammlung fallen gelassen, um für die nächsten Punkte mehr Zeit zu gewinnen. Der Vorsitzende Schwem ke legte dann einen Antrag auf Aenderungtt» der Statuten in bezug aus Cknführuug Ket Urabstimmung vor. An den Zahlabenden hatten die Genossen bereits Stellung dazu genommen, die Bezirksführerkonferenz empfahl die Annahme des Antrages, aber in der Generalversammlung entspann sich noch eine lange Diskussion darüber, denn viele Genossen bestritten die Notwendigkeit einer Aenderung des bisherigen Wahlmodus und bezweifelten, daff die Erwartungen der Freunde der Urabstimmung sich erfüllen würden. Diese aber verteidigten hartnäckig ihre gute Meinung von dieser Neuerung und versprachen sich besonders ein regeres Interesse unter den Genossen für die Arbeiten im Wahlver- ein, auch betonten sie eifrig das demokratische Prinzip in einer Urabstimmung. Nachdem ein Antrag auf Schiuff der Debatte angenommen war, erfolgte die Abstimmung, die 222 für und 108 gegen den Antrag ergab. Die folgende Aenderung des Statuts ist somit angenommen: § 1 Abs. III des Organisationsplanes erhält folgende Fassung: Die Wahl des Vorstandes, der Revisoren, der Vertretung im Zentralvorstand und der Delegationen geschieht mittels Stimm- zettels per Urabstimmung. Einfache Mehrheit entscheidet, bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Wiederwahl ist zulässig. ahlen haben nur Gültigkeit bis zur ollgemeinen Wahl. 1 Abs. V wird gestrichen. In§ 1 Abs. VI wird gestrichen: Die Wahlen geschehen durch Handaufheben, einfache Ma- jorität entscheidet. In 8 8 Abs. II des Statuts heifft es anstatt:.in der Ge- neralversammlung"—„per Urabstimmung". In§ 10 heifft es anstatt:„in der Generalversammlung"— „per Uvabstimmung". Der vierte Punkt der Tagesordnung betraf die BeitragserhShung und brachte ebenfalls eine rege Diskussion herbor. Die Anträge, wie sie die Verbandsgeneralversammlung beschäftigt hatten, wurden- schon aus den Zahlabenden, in den Vorstandssitzungen und in der Bezirksführerkonferenz lebhaft besprochen, und als Resultat dieser Besprechung legte Genosse Schwemke der Versammlung einen Antrag vor, nach welchem der Wahlverein des zweiten Kreises seine Zustimmung zu einer Erhöhung des Monatsbeitrages aus 40 Pf. erklären sollte. Die Mehrzahl der Diskussionsredner machte scharfe Opposition gegen diesen Vorschlag. Ihre hauptsächlichsten Nrgu» mcnte bestanden darin, daff durch höhere Beiträge die Organisation der Massen ungeheuer erschwert werde. Man sollte die schlechte Lage der Arbeiter berücksichtigen, die meistens froh seien, wenn sie 21 bis 24 M. Wochenlohn erzielen. Unsere Agitation müffte schwer darunter leiden, wenn wir die Beiträge erhöhen. Mit Unrecht stelle man andere Orte den Berlinern als Muster vor. Die Ber- liner Arbeiter leisteten mehr, als irgendwo geleistet werde, denn neben den Parteibeiträgen werde regelmässig viel Geld ausgegeben für andere, der Partei nützliche Bestrebungen, auch sei die Partei- presse nirgends so teuer wie in Berlin.— Die Freunde einer Er- Höhung der Beiträge wiesen vergeblich auf den kommenden großen Wahlkampf hin, der grosse Summen verschlingen wird. Sie machten aufmerksam auf die Anstrengungen der Gegner, reiche Mittel flüssig zu machen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Diese aber müsse an den Opfermut der Massen appellieren, um den Kampf mit aller Energie aufnehmen zu können.— Ein Redner der Opposition machte den Vorschlag, daff den gewerkschaftlich oder politisch angestellten Genossen keine Vergütung mehr für Referate bewilligt werde; auch sollten diese Genossen keine Diäten erhalten, wenn sie ein Amt als Delegierte übernehmen; damit könne mau diel Geld sparen. Im allgemeinen kehrte der Wunsch immer wieder, daff man vorläufig noch von einer Erhöhung der Beiträge Abstand nehmen sollte. Die Versammlung lehnte dann auch den Antrag, ihre Zustimmung zu erklären, ab. Der Vorsitzende Schwemke legte dann als engere VereinSange- legcnheit den Mitgliedern bestimmtes Material vor, um die Ein- lcituug des Ausschlusiverfahrcns gegen zwei Mitglieder des Ver- eins zu beantragen. In dem einen Falle handelte es sich um Strcikbruch, in dem anderen um eine Mißhandlung der Ehefrau. Die Versammelten erklärten ihr« Zustimmung zu dem Antrage des Vorstandes; sie waren besonders über den letzteren Fall sehr ent- rüstet und empfahlen dem betreffenden Bezirk, sich der hilfs- bedürftigen Frau anzunehmen. Eine Reihe von gewählten Bezirksführern nebst Stellvertretern erhielten die Bestätigung oer Generalversammlung. Mit der Ver- trctung auf der ExtraverbandSgeneralversammlung am 4. Dezember wurden dieselben Delegierten beauftragt, die zur letzten Verbands- generalversammlung gewählt waren. ZoMileiiiolsi'äljzMi'VsMMlii kili- seil 4. Herl. Reichstass-Walilkreis. Petersburger Biertel. (Bezirk g73b. Teil II.) Den Mitgliedern zur Nachricht. datz unser Genosse, der Gerber Molk Igler Mirbachstr. 19, gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den S.Novcmber, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des Zenwal.FricdhoseS in FricdrichSselde aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 22t/1S Der Vorstand. zierband der Maler, Lackierer, Anstreicher llsw.j Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz am 29. Oktober der Kollege Otto Golllmsnn (Bezirk Osten) im Mer von 20 Jahre» nach langer Krankheit an Lungen- entzünbung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 3. November. nachnüttagS'/,4 Uhr, in Hohen- schönhaujen aus dem Friedhof der Ei. Andrcns- Gemeinde von der Halle aus statt. 130/2 Die Ortsverwaltnng. Zentralverbaiiil(iir alle in der Hnt-iiFllzintliislrie beschönigten Arbeiter mi Arbeiterinnen. Filiale Berlin. Am 81. Oktober verstarb nach kurzem Leiden unser Kolleg« ZLsrl Dorow. Ehre setnem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 3. November, nachm. 3'/, Uhr, von der Leichen- halle des Kaiser« Friedrich- Ge- dächMiS-KtrchhoseS in Plötzensce aus statt. 7S/l0 Um reg- Beteiligung der Kalle- gen ersucht Der Vorstand. Hutmacher- Gesangverein„Einigkeit". M. d. A. S. B. Den Mitgliedern zur Kenntnis, datz unser werter Sangesbrudcr 1£»]*K I>«row an, 31. Oktober gestorben ist. Ehre setnem Andenken k Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 3. November, nachm. 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Kaiser-Friedrich-Gedächt- nis-KirchhoseS in Plötzensce auS statt. 1KK6b Die SangeSbrüder werden er- sucht, um 3Uhr dort sich zit treffen. Der Borstand. Danksagung. Für die rege Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Lrnst ttokkmsnn sage allen, besonders dem Wahlverein, dem Personal der Löwcn-Brauerei sowie dem Männcrquartett ,Har- monie" meinen innigstcu Dank. 1Sö4b Frau Margarethe tioffmann. Ifeitotl der Ireien Gast- und Sebaukwirte Deutscblauds. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Julius Pilzecker Blumenstr. 32, Bezirk 4, verstorben ist. Ehre seinem Andenken! „achmittag aus dem Markus-Kir�- hof ein WilhclmSberg stattgefunden. 35/2 Die Ortsverwaltung. lleM der Brauerei- md UMeiler SIX™."".'., Ortsvarwaltung Berlin. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Flaschen- sahrer Ernst Hoffmann am 23. Oktober infolge UnglückS- salls plötzlich verstorben ist. Wir werden sein Andenken tn Ehren halten. 43/15 Die Ortsverwaltung. Oeutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Gürtler Gustav Stumpe am 26. Oktober gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 124/16 Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die Beweise herzlicher Teil- nähme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters ff ermann Semmler sagen wir allen Verwandten, Be- kannten und Genossen, besonders dem Wahloerein des vierten Berliner RclchStagswahlkrcise«, Bezirk 345, und dem Zentralverband der Zimmerer Deutschlands unseren herz- lichsten Dank. 1592L Wwe. A. Semmler nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise �herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines sieben Mannes, deS Gastwirts Clemens Tenscher sage ich allen Verwandten und Be- kannten, sowie den WahlvereinS-Mit- gliedern des 402. Bezirks meinen herzlichsten Dank. 1593L Witwe �.nna Tenscher. Restaur. Feldschlößchen Hotefl-fieuendori Ätltr.«?: Zum Bus/tag, 16. November, empfehle ich mein, in der herrlichsten Gegend gelegenes grötztes Lokal(be> stehend sii großem und kleinem Gast- und BereinSzintmer und Saal, grotzem Garten, Kegelbahn). Für gute Küche ist bestens gesorgt. Partien(Herings- und dergleichen) bitte ich vorher an- zumetden.— In der Erwartung. meine verehrten Radsahrersports- und Turngenossen besonders begrüßen zu können, zeichnet Bans Itnßler. Turn- Verein||j.Fichte'. Berlin Mitgl. des Arbeiter- WA' Turner-Bundes. Sonnabend, den 5. Koveinber 1010: KIJNST-ABEND im Konzert» Saal der Brauerei Friedrichshain. Mitwirkendes Berliner Sinfonie-Orchester, Dirigent Kapellmeister Hr. Bf. Fischer. Sollst: Konzertmeister Herr B. Schulz(Violine). Frl. Adele Sandrock (Rezitation). Opernsänger Herr Wilhelm Kaiser(Bariton). Am Flügel Kapellmeister Herr Karl Berga. Nach dem Konzert: Tanz. Herren zahlen 50 Pf. nach. Anfang präzise 8'/, Uhr. Eintritt 50 Ff. Die SaaltUron bleiben wahrend des Konzerts geschlossen. Bauchen nicht gestattet."VQ Vorwärtsleser! Aufgepaßt! Prinzen-Pfandleihe, Prinzen- straffe 34, 1 Treppe(kein Laden). Mliillltsgardtrohe und verfallene Pfänder, für jede Figur paffend, bestehend in Winter- Paletots von 8—25. Anzügen von t<1—25, Hosen von 2,50 an. Betten, Wäsche, Gardinen, Portieren, Teppiche, Goldsachen, Uhren, Ketten, Ringe, Pclz-Stolas, im Versatz versallen, staunend billig. Annoncen-Vo�eiger erhält Fahr» aeld. Prinzen-Psandlelhe, Prinzen- straßc 34, 1 Treppe(zwischen Ritlerstratze und Moritzplatz).* 4- np Bruch- Poll mann empfiehlt sesiiLager in Bruchbandagen, Leibbinden, Ge- radöhaltern, Spritzen, Suspensorien sowie sämtliche Artikel zur Krankenpflege., Eigene Werkstatt. Lieferant für Orts- und HilsS-Krankcnkassen. Berlin kV.,* jefft l othringer 8traOe 60. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- loiten, angenehm u. weich am Körver. + Hygienische BeaansartiKei. rs eueot. Katalog pfehl.viel Aerzte u.Prof. grat. uül [. 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Modernes. Der Moloch. Herrnfeld. Eine verlorene Nacht. Der Derbysieger. Rose. DaS neue Gebot. FolieS Caprtce. Der Feldwebel- Hügel(Ansang 8',« Uhr.) Memomi. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Nudolf. Apollo. Svezialitäteu. Ballagr. Spezialitäten. Rrichsballen. Steltiner Sänger. Walhalla. Bravo I Da capo l(An- sang 8'/, Uhr.) Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverlaud. Spezialitäten. Sanssouci. Ach, die KerlS! Spezialitäten.(Ans. 8'/, Uhr.) Urania. T>>»i'»>>»r»he r* 4». Heute abend 8 Uhr: Der Bicr- waldstättcr See und der Gott- hard. Im Hörsaal S Uhr: Dr. G. Gehlhoff: Mechanik. V Uhr: Dr. W. Berndt: Die Ge- schlechlSmcrkmale des tierischen Organismus. v. November: Beginn eweS Zyklus über Heizung und Beleuchtung (Dr. Bornstein). Prospekt kosten- los. Sternwarte. Jnvalidenstr. 67—62 Lessing-Theater. 8 Uhr: TantriS der Narr. Freitag 7>l, Uhr: Die Wildeute. Sonnabend 8 Uhr zum 2S. Male: Wenn der junge Wein blüht. berliner Tliester. Ab-ndS 8 Uhr: De* scharte Janker. Morgen: Taifun._ Neues Theater. Abends 8 Uhr: Gastspiel Ferdinand Bonn. K e a ii. Freitag bis Sonntag: Dieselbe Vorstellung.'__ Idealer des Westens. Ansang 8 Uhr. Die nchUnate Fran. Sonnt. 3'/tU-: Die gerdiledene Frau. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Heule und täglich 8 Uhr: Die heate der Franen. Residenz-Ttieater. Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: dtodlesse oblige. Schwank in 3 Akten von Hennequin und Bcber. tjus�sptalkau». Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhiigel. friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Donnerstag, 3. Nov., abends 8 Uhr: Krieg im Friede«. treitag: Krieg im Frieden. onnabend nachm. 31/, Uhr: Kriem- hilds Rache. Abends 8 Uhr: Krieg im Frieden.__ Luisen»Theater. Abends 8 Uhr: Berlin geht zu Bett. giMU.it: Der Hüttenbesitzer. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die Schwanenprinzrssi». 8 Uhr: Kean. Svnntag�achm. 3 Uhr: Der HÜiie»- bescher. 8 Uhr: Prcziosa. Montag: Der Fähnrich im Kloster. VSE-IUHtfe Gcoge Franksurter Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende lt Uhr. Aas«tue Gebot, Schausp. in 4 Akt. v. E v. Wildcnbruch. Freitag: Die Berschwörung der chauen. Sonnabend nachm. 4 Uhr: rau Holle. 8 Uhr: Tie Räuber. TlraiLia. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Heute abend 8 Uhr: Der Vlerwaldatfttter See und der Ootthard. Hörsaal 6 Uhr: Dr. G. Gehlhoff: Mechanik. 8 Uhr; Dr. W. Berndt: Die Geschlechtsmerkmale des tierischen Organismus. 9. November; Beginn eines Zyklus über Heizung und Beleuchtung (Dr. Börnstein). _ Prospekt kostenlos. Berliner Volksoper Bclle-Allianceftr. 7/8. ff-9 Uhr: _ Wilhelm Tell. üffetropol- Theater. Hurra! Wir leben noch! Groste Ausstattungsrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. B. Holländer. In Szene gesetzt von� Dir. R. Schultz. Ansang 8 Rauchen gestattet. 6 Uhr: Das TOilstäDdi| neue Progim Gaston Colone! Bordeverry, Oer berühmteste Knnst- Bchiltze der Weit. WalterSteiner?Julietted'Arte? 10 Uhr: Mlzzi Wirth in ihrer Operetten- Novität Franenrdtsel. Neues Programm! Lafory, i Bremonval, v.d.gr. Oper Paris.| Etoile Paris. Lillian Herlein, amerik. Oper.-Säng. Edward La Vlne, kom. Jongleur. The Gala gleis, engl. Tanz-Enaembl. Holdens Marionetten-Theater. The Jordans, Luft-Act. HarrydeCoü, Eqnilibrist. lufgi Marabini, Eismod. Kaufmanns Lady Cycle-Troupo. ■SUbons Katzendrossur-Act. Les Marquardts in ihrer Szene: Im Walzertraum. Reynolds and Oonegan, Tänzerpaar in roll. BoUschuh-Meisterschaft. Biograph, neueste Aufnahmen. HtOftM über Bon 8-11 Eine verlorene Macht Ein lustiger Trauersall in 2 Akten von Anton und Donat Herrnscld. Hierzu: Dkl Dtrby-Sitgkl. Komödie von A. Ncidhardt. Ans. 8 Uhr. Borvert.ll— 2(Theater!.). Passage-Theater.' Garlands il ! SO Solokrtme Ddm. Nadfege Jean Doreaa Glima• Sport- Konkurrenz| Olliua-Hlnp-en-Boxca ü.daspßeAltraktions-Progp.g * W�WWWWWWW W»? Passage-Panoptikum. Prinz Atom, der kleinste Mensch aller Zeiten lebend! Buddhas dunkles Geheimnis. Der Mann mit dem eisernen Schlund! Alles ohne Extra-Entree! Elntr. 50 Pf., Kind. u. Soldaten 15 Pf. 1. Hochbahnstation Koltbuser Tor. Donnerstag, den 3. November Ach die Kerls!! Berliner Posse, Musik v. EinödShoser. Vorder: November- Weltstadt- Spezialitäten. Anfang 8'/, Uhr. Schiller Schiller-Theater 0.(Walluer-Tbeat). Donnerstag, abendS 8 Uhr: Zum erstenmal: Da» Erfolld des TartUff. Lustspiel in 5 Auszügen v. St. Gutzkow. Ende 10°/. Uhr. Freitag, abendsßUhr: Bobert und Bertram. S onnabend. abends 8 Uhr: Da» Urbild des TartiHT. Theater. Schiller- Theater Charleltenburg. Donnerstag, abends 8 Uhr: Sodom» Ende. Drama in 5 Akten v. H. Sudermann. Ende 11 Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: Der Dnmmkopk. Sonnabend, abends 8 Uhr: Sodom» Ende. CLOU Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90�91 Berliner Konzerthaus Täglich 8 Uhr abends Eintritt 1 Mark Gastspiel v. Mitgl. d. Mailänder ScalaeOrchesters | 06 laUnstler. Dirig.: Egisto Tango 10 tSollsten. Nachmittags 4—7 Uhr: Großes Promenaden-Konzert bei freiem Eintritt. MozarteSaal, Nollendorfplatz LICHTSPIELE Beginn 6 Uhr i Sonnabend, den IS November, abend» 8'/, übr, im gr. Konzertsaal der Brauerei Happoldt, Hasenheide: Herbstlest mit Ball und Gesellschaftsabend. Mitwirkende;, Bozena Bradsky, Brettl-Soubrette. Motte Lutz, Konzert- und Operettensängerin. Pritz Richard, Rezitator(Deutsches Theater). Adolf Henckell, Komiker und Brettlsänger. James Rothstein, KapeUmcister. Pocfmiptfon 9 RR Pf(inklus. Programm und Tanz) l vulUlul RCll U ÜU n. in allen Zahlstellen erhältlich. Donnerstag, den 3. Movember, abend» 8'/, Uhr, im Gewerkscliaftshaas(großer Saal): � General-Versammlung. 1. Vortrag: Eduard Bernstein Freiligrath and sein Verhältnis zur Romantik und zur Revolution. ' 2. Geschäftsbericht und Kassenbericht des Vorstandes, Revisionsbericht, Diskussion und Verschiedenes. i IV"* Kur Mitglieder haben gegen Vorzeigung ihrer Mitgliedskarte zutritt. ExtraTorsteilung im Lessing-Thealer Sonntag, 20. November: .ifbt, Rosenmontag. Nächste Serie im ThaliaoTheater t Die schöne Helena. Operette von Jacques Osten- dach. -rtschul,� � Kurfürstendamm 151 Sonnabend, den 5. November, abends 8—12 Uhr« Btumen-Jest und Konfetti-ScWaeht. Die Direktion stellt eine silberne Handtasche als Preis für die Rollschuhläuferin mit dem schönsten Hut aus. Nächste Serie im Neuen Schauspielhause: Hebbel: Agnes Bernaner. , 242/3 Der Vorstand. I. V. G. Winkler. Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Der heilige Hain. Unter den Linden 21. Wohin? :: Gans Berlin:: strOmt zu den Statten moderner Idebtblld- Kunst t Die beste Küche für Hochzeiten Luden 1 Sie in den D. C. 54. Sophlenstr. 17/18 Blamenstr. 10 Tel. HI. 2783. Inhaber: Panl Baatn. Tel. Vll. 3095. 20 Säle und Vereine-Zimmer mit modernen Bühnen, 50—1500 Personen fassend, an Sonnabenden und Sonntagen noch frei. 14841.* 1- Alt-Boabtt 47/48. Donnerstag, den 3. November 1910: Novität I Novität I Im Cafö Noblesse. Spitzbubenkomödie in drei Auszügen von C. Schüler. Kaffeneröffn. 7 Uhr. Ans. 8'/« Uhr. Nach der Vorstellung Ttmz. Casino-Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uöi, Nur bis Freitag, den 26. November; Der schnkidigk Rudolf. Öd Sonnabend, den 28. November: Das Original Berliner Bolksstllck dnllo Wippchen. Sonnt 3'/, Uhr: Berühmta Töchter. Voigt-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 68. Freitag, den 4. November 1910; Ein Kind des Glücks. Original-Charakter-Lustspiel in 5 Akten von Charlotte Birch-Pseiffer. Kaffenöfstmng 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. kolies Caprice. Abends 8 Uhr: Der Mmbelhügel Ein Akt in Schnurren von Hengstler und Soda Soda. Bunter Fell. Hotel zur Jungfrau. Tourislenposse von Sacht. Rönigstadt-Kasino. Holzmarkiitr. 72, Ecke Alerand erstraße. Das gänzlich neue November- Programm mit Fran» 8oban»lel. Emmy Py rette, Georg Gray, Lotte Lesseg, Anna und Franz Verdier, Egon Piton, Blitzverwandlungstünstler. Ein süßes Mädel. Gesangsposse in 1 Akt. Cheafer„Groß-Kerliii". Donnerstag„hMmS flMtö!'" Sündige Liebe. Der Roman einer Bert. Schneiderin. Freitag im ArtuShof: Diesewe Vorstellung. Sonntag in Puhl- manus Theater: Abends dieselbe Vorst Nachm.: Sherlock HolmeS. M endpreis« 30-100 Ps. Nachm: die Hälfte. Ilazendeide, Unlons-Dranerci. Ii!/sl!izlli>-llsssles Wewbergsweg 19/20(Roseitth. Tor.) Anfang 8'/, Uhr. Bravo!— Da capo! Eine Allerwelts-Revne in 6 Bädern. Mit den neue« November-Einlagcn. Sonntag nachmittags S'/, Uhr: Teeziesa In glänzender Ausstattung. Ermäßigte Preise. Karl Haverlaud- Ansang irkeitop Kommandanten- präz. 8 Uhr. lIlKolCl. straße 77/79. Hente: Heues Programm Baegtlieater- Fcstsäle und Klnematograpb vorm. Groterjan. Jnhab.: Rud. Merz, Schönhauser Allee 189. Tel. 3. 9353. Ecbende Photographien. Eintrill 38 u. 40 Ps., Kinder die Halste. Ans.7 U., Sonnt. 4 U. Verzugskarten, nur wochent. giillig, LS Ps. aus allen Plätzen. Stets wechs. Programm. Reietislialleu-fkealei'. 8leNlnei 8Snges. M Mafiseloel." Miiit. Humor, v. Mehsel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Heute, Donnerstag. 3. November. abends VI, Uhr: Die mit großem Beifall aufgenommene AuSstattungs-Pautomime Der große Coup 9'/, Übt der S'/, Uhr Scbmuggler in 4 Allen. Der Neberfall auf eine» Eisenbahnzug. Vorher das große Programm. Ken! Ken! Mr. Alb. Pearson. Blrza Golem, 12 Personen sowie die übrigen Attraktionen. 2sehus Susch. Donnerstag, 3. Nov., ab. 7'/, Uhr: Wiederholung der grollen Premierenvorstellung. Gastspiel d. berühmten Dresseurs Herrn Dir. Pierre Althoff mit s, ca. OO dress. Pferden. Außerdem; Frau Adele Althoff mit ihren exzellentesten Freiheitsdress. Neu! Elisabeth *. Dynar, Sohulreiterin, auf ihren eigenen Sohulpferden. Neu I Die berühmt. Radfahrerfamilie Klein, 6 Personen. Um 9°/« Uhr, zum 53. Male: „VENE ZI A" Nißles Fest-Säle Dennewitzstraße 13. Jeden Donnerstag und Sonntag: Großer Salt. 1541b* C. Nifilc. Neu eröffnet! Neu eröffnet I Mila-SSIe Schönhauser Allee 130, MilastraDe 3 Jeden Sonntag u. Donnerstag: O Großer BaBB.il Anfang 8 Ehr. Karl Elaner. Für den Jnbai: der Jnierate übernimm» die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortung. verantlvorll. Nebakteur: Carl Mermuth. Perlin-Rixdorf. Für denLn,eratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckere: u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW,' Kr. 258. 27. Iahrgavg. 2. Skilqe Ks Jotmitts" Scrlim DlksdlR Donnerstilg. 3. November lvw. Partei- Angelegenheiten. Charlottcnburg. Heute finden im l. und S. Bezirk Stadt- Verordneten-Ersatzwadlen statt. Die Parteigenossen werden ersucht, sich von abends S Uhr ab für den 1. Bezirk bei Wieting, Siehring- Straße 4, für den 5. Bezirk im Bolkshause, Rosinenstratze 3 zu den Schlepperdiensten zur Verfügung zu stellen. Das Zentral-Wahlbureau befindet sich im Volkshause(Stehbier- Halle) Telephon Amt Charlottenburg 1696. Alle Genossen, Rad- fahrer, die sich an den Wahlarbeiten beteiligen wollen, werden ge- beten, sich dort von morgens 3 Uhr ab zu melden. Die Beteiligung sämtlicher Gruppen erwartet Der Vorstand. Potsdam. Freitag, den 4. November, abends 8 Uhr, findet im Viktoriagarten, Alte Luisenstr. 38 eine große Volks-Protest- Versammlung gegen den Besuch des russischen Zaren statt. Tagesordnung: Warum protestieren wir gegen den Zarenbesuch? Referent: Landtagsabgeordncter AdolfHoffmann- Berlin. Falkenhagen-Seegefeld. Sonntag, 6. November überaus wich- tige Flugblattverbreitung. Die Genofien melden sich früh 7 Uhr bei ihren Bezirksführern. Spandan. Am Freitag, den 4. November, abends S'/a Uhr findet im Lokale von Gottwald, Schönwalder Straße 86 eine öffent- liche Protest Versammlung statt. Tagesordnung: Der Zarenbesuch in Potsdam und die Konterrevolution. Rcferentin: Genossin Rosa Luxemburg. Genossen und Genossinnen, sorgt für einen Massenbesuch dieser Versammlung, um einen wuchtigen Protest gegen den Zarenbesuch zu erheben l_ Berliner JVacbricbten. Die Regierung und der Verkauf des Tempelhofer Feldes. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bringt an der Spitze ihrer Abendausgabe vom Mittwoch ein Nechtsgutachten darüber, ob die Genehmigung des Reichstages zum Verkauf des Tempelhofer Feldes notwendig sei. Das Gutachten um- faßt nicht weniger als 3'/» Spalten. Von Interesse ist eigent- lich nur der Schlich, und der lautet: „Der Zweck dieser Ausführungen soll lediglich sein, endgültig mit der Meinung aufzuräumen, der Reichstag sei in der Lage, den mit der Gemeinde Tempelhof geschlossenen Vertrag rückgängig zu machen und die Stadt Berlin an die Stelle von Tempelhof zu setzen. Der Reichstag kann die Gemeinde Tempelhof ihrer wohl- erworbenen Rechte nicht entkleiden. Selbstverständlich hat die Reichsverwaltung die politische Verantwortung für den Verkauf des Tempelhofer Feldes, so wie geschehen, dem Reichstage gegen- über zu übernehmen. Für jetzt genügt aber der Nachweis, daß der rechtsgültige Tatbestand nicht wieder umgestoßen werden kann." Wer dieser Rechtsgelehrte des Kriegsministers ist, wird leider nicht gesagt, und das ist bedauerlich; denn wirklich namhafte Rechtsgelehrte haben sich dahin ausgesprochen, daß der Vertrag über den Verkauf unbedingt von der Zustimmung des Reichstages abhängig ist. Den Rektoren der Gemeindeschulen gehen nicht selten von Privatpersonen, Korporationen oder Vevcinen Drucksachen zur Ver. teilung an die Gemeindeschulkinder zu, durch welche die Kinder au allerlei Veranstaltungen für ihre Fortbildung aufmerksam gemacht werden. Da durch! die Verteilung solcher Drucksachen in der Schule der Anschein erweckt werden kann, als würden die ange- priesenen Veranstaltungen von der Schule empfohlen und anderer- seits Leiter und Lehrer der Schule vielfach nicht in der Lage sind, über die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtungen sich ein Urteil zu bilden, hat die städtische Schuldeputation die Rektoren der Gc- meindeschulen angewiesen, die Interessenten an die Schuldeputation zu verweisen und ohne deren Genehmigung die Verteilung solcher Anpreisungen nicht mehr vorzunehmen. Um den KinderhilfStag soll, so scheint«S, in Berlin ein Kampf entbrennen, der auf das Wesen der modernen WohltätigkeitSbestrebungen ein seltsames Licht zu werfen geeignet wäre. Wir berichteten am Mittwoch über den Plan des KinderhilfstageS, den in Berlin und feinen Vororten eine Gruppe von Wohltätigkeitsvereinen unter Führung der preußischen Landeszentrale für Säuglingsschutz im Dezember d. I. veranstalten will. Zur Teilnahme sind nun keineswegs all« Vereine, die auf dem Gebiete der Kinderfürsorge tätig sind, herangezogen worden. Mehrere der Vereine, die vor fünf Jahren sich an dem ersten KinderhilfStag für Berlin versuchten, fühlen sich dadurch zurückgesetzt, daß sie nicht auch diesmal sollen mitwirken dürfen. Unter Führung des Vorsitzenden vom Berliner Verein für Kinder- Volksküchen, des Herrn Abraham, der damals an der Spitze des Kinderhilfstags-Unternehmens stand, haben die Gekränkten sich an die Preußische Landeszentrale für Säuglingsschutz gewandt und sich zur Mitwirkung auch bei dem diesjährigen KinderhilfStag ange boten. Sie sind bereit, an aller Arbeit teilzunehmen, erwarten aber, daß sie dann auch von dem Ertrag ihren Anteil abbekommen werden. Verdruß hat bei ihnen auch das erregt, daß ihre eigenen Bemühungen von damals jetzt als gänzlich erfolg los hingestellt werden. Und mit Verwunderung sehen sie, daß die selbe Presie, die damals ihrem KinderhilfStag die Unterstützung vev sagte, jetzt für die Wiederholung des KinderhilfstageS sich so eifrig ins Zeug legt. Zur Erörterung der Kinderhilfstagfrage hatte Herr Abraham Vertreter der diesmal nicht beteiligten Vereine zusammenberufen, denen er über die bisher unternommenen Schritte berichten wollte. Erschienen waren eine knappe Mandel Herren und Damen, unter ihnen auch ein Offizier der Heilsarmee, die gleichfalls um Entscn düng eines Vertreters ersucht worden war. Herr Abraham teilte mit, daß die Preußische Landeszentrale für Säuglingsschutz bisher sich nicht veranlaßt gesehen hat, das an sie gerichtete Schreiben zu beantworten. Die Aussprache darüber, was nun zu tun sei, ließ erkennen, daß die beiseite geschobenen Vereine sich wohl kaum so ohne weiteres werden an die Wand drücken lassen. Zwar will man unter keinen Umständen den diesjährigen KinderhilfStag stören, auch wenn es dabei bleiben sollte, daß nicht alle Kinderfürsorgevereine zugezogen werden. Aber die Herren und Damen um Abraham sind entschlossen, ihre eigenen Rechte auf Veranstaltung von Kinderhilfstagen nicht aufzugeben, sondern mit aller Kraft zu verteidigen. Es wurde angespielt auf das Wort vom unlauteren Wettbewerb, den man fast darin erblicken könne, daß jetzt die Preußische Landeszentrale für Säuglingsschutz ihnen die Bezeichnung KinderhilfStag nachbrauche. Allen Ernstes wurde von einer Site angeregt, diese Bezeichnung— gesetzlich schützen zu lassen; doch fand diese wunderliche Idee nicht den Beifall der Versammlung. Zugestimmt wurde einer Erklärung, die darauf hinweist, daß bei Veranstaltung von Kinderhilfstagen alle Vereine für Kinderfürsorge zusammengehen müssen. Die Hoff- nung, eine Einigung zu erreichen, wurde noch nicht aufgegeben; vielleicht werde die deutsche Zentrale für Jugendfürsorge ver- mittelnd eingreifen können. Das wichtigste Ergebnis der Konferenz war der Beschluß, eine besondere Organisation von Fürsorge- vereinen— eine Art Zweckverband mit der Bezeich- nüng„KinderhilfStag"— zu schaffen, deren Aufgabe eS Lein soll, Kinderhilfstage in regelmäßiger Wiederkehr zu schaffen. Wenn der russische Zar reist werden die weitgehendsten Absperrungsmaßnahmen getroffen Das hat sich in Hessen gezeigt und zeigt sich von neuem aw läßlich des Besuchs, den der Zar mit seiner Frau in Potsdam machen will. In dem friedlichen Havelstädtchen wird für den Aufenthalt des russischen Alleinherrschers ein eigener Sicher heitsdienst eingerichtet. Eine Korrespondenz weiß ferner zu melden:„Die gewöhnliche Absperrung des um das neue Palais belegenen Parkteiles wird bedeutend erweitert und soll sich in einem Umkreise von 600 bis 600 Meter u m das Schloß herum erstrecken. Da die Zahl der Potsdamer Sicherheitsbeamten für diesen Zweck nicht ausreicht, entsendet die Berliner Schutzmannschaft eine Anzahl ihrer Beamten zu ihrer Unterstützung. Namentlich Berliner Kriminalschutzleute werden in Potsdam sehr reichlich vertreten sein und sich dort in allen möglichen Verkleidungen unter die Straßenpassanten und Parkbesucher mischen. Auch werden die militärischen Wachen bedeutend verstärkt und die Posten vermehrt. Bei den Spaziergängen des Zaren im Parke Sanssouci wird die Absperrung je nach Bedarf sich auf den größten Teil des Parkes ausdehnen, damit der russische Herrscher und seine Gemahlin ungestört sind." Da heißt es immer, in Berlin lange die Zahl der Schutze leute nicht mehr zu und dabei werden viele Berliner Beamte nach auswärts gesandt, um den allmächtigen russischen Herrscher von der Außenwelt gänzlich zu isolieren. Und die Berliner Steuerzahler müssen für eine derartige Verwendung der Polizei noch bluten._ Die Reuter-Festschrift gelangt—> wie uns die Buchhandlung Vorwärts, Lindenstr. 69, mitteilt— am Freitag früh zur Ausgabe Eine Wohltätigkeitszentrale will der Verband der Spezial- geschäfte ins Leben rufen Der Grund hierzu ist, daß zahlreich« Vevanstalter von Wohltätigkeitsfesten sich an Berliner Geschäfte wenden zwecks kostenloser Ueberlassung von Waren und sonstiger Spenden. Damit ist schon viel Unfug getrieben worden, dem jetzt vorgebeugt werden soll. Die Zenträle soll in Zukunft die ein gehenden Gesuche genau prüfen. Zu dem Leichenfund an der Lutherbriicke wird mitgeteilt, daß die genauere Untersuchung aller zurückbehalteneu Körperteile jetzt abgeschlossen ist. Nach ihrem Ergebnis erscheint es möglich, daß die Verstorbene schwanger gewesen ist und daß sie bei einem verbotenen Eingriff gestorben sein kam». Es werden verschiedene neue Spuren verfolgt Berliner Asylverein für Obdachlose. Im Oktober nächtigten im Männerasyl 15 147 Personen, wovon 7236 badeten, im Frauen» asyl 4044 Personen, wovon 1370 badeten. Arbcitsnachwels wird erbeten für Männer: Wiesenstr. 53/59, für Frauen: Colberger- straße 30. In einem Schwiudelanfall tödlich verunglückt ist die 68 Jahre alte Frau Auguste des Schneidermeisters Knop aus der Kastanien- Allee 11. Während Knop und feine beiden Töchter gestern abend um g'/z Uhr in der im vierten Stock gelegenen Wohnung noch arbeiteten, zog feine Frau, die feit zwei Jahren au Schwindelanfällen litt, die Betten ab und ging mit einem Bezug nach dem Flurfenster, um ihn auszuschütteln. Hierbei lehnte sie sich zu weit hinaus, bekam wieder einen Schwindelanfall und stürzte auf den Hof hinab. Leute, die gegenüber wohnen, sahen das Unglück und sorgten gleich für Hilfe. Die Frau war aber an einem Genickbruch gleich gestorben. Ein mutmaßlicher Kinbesmord beschäftigt die Kriminalpolizei in Tempelhof. Dort sahen Leute, wie ein unbekannter Mann in einem Hause der Ringbahnstraße ein Paket niederlegte und dann wieder wegging. Sie öffneten es und fanden darin die angekohlte Leiche eines neugeborenen Mädchens, die einen Strick um den Hals hatte. Vermutlich hat man versucht, das anscheinend erdrosselte Kind in einem Ofen zu verbrennen. Die Leiche wurde zu« Ob- duktion nach der Friedhofshalls in Tempelhof gebracht. Ein Fünfzigmarkschem ist am Sonntag, den 30. Oktober, zwischen 12 und I Uhr mittags auf dem Wege von der Friedrichs- selber Straße durch die Fruchtstraße bis zu dem am Schlesischen Bahnhof gelegenen Postamt verloren worden. Ein zehnjähriger Junge war für ein Geschäft mit 52,62 M. zur Post geschickt worden, hatte das Metallgeld im Betrage von 2,62 M. in die Tasche gesteckt und den Fünfzigmarkschein in das Postbuch gelegt. Als er auf dem Postamt eintraf, war der Fünfzigmarkschein verschwunden. Der Junge hat das Geld offenbar unterwegs verloren. Der ehr- liche Finder wird gebeten, den Betrag einzusenden an Frau Fennert, Friedrichsfelder Straße 19. Mehrere Revolverschüsie feuerte gestern«in junger Mensch in der Nähe des RingbahcchofeS Frankfurter Alle« auf zwei Mauver af\ ohne sie jedoch zu verwunden. Dann kam es zu einem Hand- gemenge. Schließlich ivurde der Revolverschütze festgenommen, der sich als ein aus der Fürsorgoanstalt Zühlsdorf entsprungener Für- sorgezögling Paul Müller entpuppte. Ungesetzliche Lohnabzüge hat die Verwaltung der Zentral-Telegraphen-Station des Po. lizeipräsidiums seit Jahr und Tag den dort beschäftigten Telegraphenarbeitern gemacht. Nach dem Krankenkassengesetz muß der Arbeitgeber l-tz, der Arbeiter% der Krankenkassenbeiträge zahlen. Den genannten Arbeitern sind aber seit Jahren die vollen Beiträge vom Lohn in Abzug gebracht worden. Diese ungesetzlichen Abzüge sind, wie uns mitgeteilt wird, noch bis vor drei Wochen erfolgt. Von da ab scheint man auf dem Alexanderplatz dahintergekommen zu sein, daß man gegen das Gesetz verstoßen hat und ist das zu unrecht abgezogene Drittel bis zum 1. Juli zurückgezahlt worden. Warum, muß man fragen, nur zurück bis 1. Juli? Die Arbeiter haben doch Anspruch daraus, den gesamten, ihnen unrechtmäßig einbehaltenen Betrag zurückzu- fordern. Interessant ist übrigens, daß man an der Stelle, die berufen ist, über die Ausführung der Gesetze zu wachen, die gesetzlichen Be- stimmungen jahrelang nicht beachtet. Die öffentliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be- nutzling für jedermann, Adalbertstraße 41, hat soeben das 11. Be- trieüsjahr vollendet. Das Institut, das ganz aus privaten Mitteln unterhalten wind und seit einiger Zeit in einem eigenen schmucken Gartenhause mitten im gewerblichen Südosten untergebracht ist, hatte sich auch im verflosseneu Jahre lebhaften Zuspruchs zu er- freuen. Die vorhandenen Literaturschätze, die der Benutzung ohne erschwerende Förmlichkeiten zugänglich sind, umfassen zurzeit gegen 8000 Bände schönwissenschaftliche und 12 000 Bände belehrende Schriften. Eine neue Ausgabe des Bücherverzeichnisses befindet sich im Druck und wird in den nächsten Monaten zur Ausgabe ge- langen. Nicht weniger als 885 Personen fanden sich durchschnittlich täglich ein, die entweder ein gutes Buch nach Hause entliehen oder an Ort und Stelle in den behaglichen Leseräumen geistige Er- holung suchten. Die Verwaltung ist stets bemüht, den Lesern bei der Auswahl passenden Lesestoffes ratend zur Seite zu stehen; durch eine täglich wechselnde Ausstellung belehrender Schriften ans allen Wissensgebieten führt sie den Besuchern die Reichhalftgkeit der Bibliothek vor Augen und sucht Anregungen zu nutzbringender Lektüre zu geben. Die prompte Abfertigung beim Bücherwechsel, die vermöge der praktischen Einrichtungen und des eigenartigen, durch den Indikator ermöglichten Ausleihesystems sich selbst bei stärkstem Andränge ohne nennenswerten Zeitverlust vollzieht, fällt jedem Besucher angenehm auf und wirbt zu alten Freunden ständig neue. In der Ausleih-Bibliothek wurden im 11. Betriebsjahr»m ganzen 70 168 Bände nach Hause verliehen, von denen 17 Bände in Verlust gerieten. Von dieser Gesamtzisfer entfallen 46 649 Bände auf schöne und 23 519 Bände auf belehrende Literatur. An letzterer Zahl sind die einzelnen Wissenszweige in folgender Weise be- ftiligt: Geschichte und Lebensbeschreibungen 4551, Geographie 3079, Naturwissenschaften 4898, Rechts- und Staatswissenschaften, Volks- Wirtschaft 3253, Gewcrbekund«, Technik 2633, Philosophie, Religion, Pädagogik, Sport 2629, Kunst, Musik, Literaturgeschichte usw. 2477 Bände. Die verlangten wissenschaftlichen Bücher machten im Be- richtsjahr 33� Proz. aller Entlehnungen aus. Insgesamt sind im 11. Jahre 84 413 Bände in und außer dem Hause entlehnt worden; in den elf Betriebsjahren zusammen 794 654 Bände. Der Leserkreis der Ausleihbiblioihek dehnt sich durch alle Stadtteile bis in die Bororte hinein aus. Die verschiedenen Be- rufe sind wie folgt vertreten: gewerbliche Arbeiter 53 Proz., Hand- lungSgehilfen und weibliche Handelsangestellte 22 Proz., selb- ständige Kaufleute und Handwerker 2 Proz., Aerzte und Juristen 2 Pvoz., Staats- und Privatbeanite 5 Proz., Lehrer und Lehre- rinnen 3 Proz., Studenten 1 Proz., Seminaristen und Schüler 4 Proz. und Personen ohne Beruf 8 Proz. Die Lesehalle wurde im 11. Berichtsjahre von 63 020 Personen, und zwar 61 065 Männern und 1955 Frauen, in den elf Jahren zusammen von 684 924 Personen besucht. Die Zahl der hier aus- liegenden periodischen Schriften hat wiederum eine Vermehrung erfahren und beträgt jetzt 553 Zeitungen und Zeitschriften jeder Art und Richtung. Die im Arbeitszimmer der Lesehalle aufge- stellte, 1840 Bände zählende Nachschlagebibliothek wurde von den Besuchern in umfassenoer Weise zu Rate gebogen. Die Gesamtzahl der Bciucher, die im 11. Betriebsjahr Bibliothek und Lesehalle benutzten, belief sich auf 133 188 Per- sonen. Seit der Eröffnung vor elf Jahren haben insgesamt 1333 398 Personen das Institut aufgesucht. Das Institut ist werftäglich von— 10 Uhr abends, Mi Sonn- und Feiertagen von 9—1 und 3— 6 Uhr geöffnet. Der Sängcrchor„SUd-Ost"(Mitglied des Deutschen Arbeiter- Sängerbundes) veranstaltet am kommenden Sonntag, den 6. No- lieinber 1910, abends präzise 6 Uhr, in Louis Kellers Festsälen, Koppcnstr. 29, fem diesjähriges Herbstfest unter Mitwirkung des Sinfonieorchesters Maximilian Fischer, Herrn Kowalski(Bariton) und des Berliner Ulk-Triv. Billets im Vorverkauf 40 Pf., an der Kasse 50 Pf. Der Verein, der auf Parteifestlichkeiten mitwirkt, hofft auch auf Parteigenössische Unterstützung. Vorort- Nacbncbtem Hcbtung, Stadtverordnctenwablen I Heute Donnerstag, finden in Charlottcnburg, Rixdorf und Wilmersdorf die Stadtverordnctenwahlcn der dritten Abteilung statt. Wir hoffen, daß die Wähler der genannten Orte durch ihre Abstimmung beweisen, daß sie es satt haben, die städtischen Angelegenheiten durch bürger» liche Jntcressencliquen verwalten zu lassen. Es niuß die Losung aller freiheitlich gesinnten Wähler fein: Hinaus mit den reaktionären bürgerlichen Vertretern aus der dritten Wählerabtcilung l Hinein mit de» Kandidaten der Sozial- demokratie! Von den Genossen der drei Orte erwarten wir, daß sie sich vollzählig und rechtzeitig an den not» wendigen Wahlarbeitc n beteiligen. Die für die Wahlen in Frage kommenden Informationen sind in der Dienstagnummer des„Vorwärts" enthalten. Achtung, Stadwerordnrtenwahlen! Die Stadtverordnetenwahlen für die 3. Abteilung finden heute von 10 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends statt. Zur Wahl steht der 1., 3., 7.. 8., 10., 11., 14., 19., 22. und 24. Bezirk. Der Bürgerverein Rixdorf hat nun doch noch in letzter Stunde Kandidaten für die ö. Abteilung ernannt. DaS kann ein recht interessanter Kampf werden. ES ist dringend not- wendig, daß unsere Genossen diese Wahlen als Protestwahlen be- trachten und unsere Kandidaten mit möglichst großer Stimmen- zahl aus der Wahl hervorgehen. Die gestrigen vier Kommunalwählerversammlungen, welche sich eines guten Besuchs erfreuten, erneuerten die Parole: Nieder mit den Wahlrechtsräubern, es lebe der Kampf! Die zweite WSHlerabteilung wählt am Freitag, den 4. November, in der Zeit von 12 Uhr mittags bis 7 Uhr abends. Das Wahltableau für die zweite Abteilung befindet sich in der Dienstagnummer deS„Vorwärts". Die gemeinsam von den Sozialdemokraten und Demokraten aufgestellten Kandidaten sind die folgenden: Nordbczirk: Ergänzungswahlen: Erich Ouäck, Ingenieur, Käiser-Friedrich-Str. 198, August Deminic», Eigentümer. Steinmetzstr. 97. Ersatzwahl: Leinhard Löwenthal, Kaufmann, Münchener Straße 16. Wahllokal: Friedrich Neubauer, Kaiser- Friedrich« Straße 230/31. Schlepplokal: Gemmecker, Kaiser-Friedrichstr. 232/33. Ostdrzirk: Ergänzungswahlen: Hermann Rüßmann, Klempnermeister, Allerstr. 23, August Dominik», Eigentümer, Steinmetzstr. 97. Wahllokal: Deutsches Wirtshaus, Bergstr. 186/137. Schlepplokal: Bölke, Bergstr. 24. Südbezirk: Ergänz ungswahleu: Max Roß, Buchdrucker, Laubestr. 9, Gustav Zrpmeisel, Druckereibesitzer, Hermaimstr. 178. Ersatzwahlen: Wilhelm Schuch, Maurermeister, Okerstr. 8; Karl Rohr, Spediteur, Selchower Straße 15/ t6. Wahllokal: Turnhalle der Oberrealschule, Emser Straße 133/137. Schlepplokal: Bauer, Kirchbofstr. 13. Wcstbczirk. Ergänz ungSwahlen: Adolf Schultz», Zimmer» meister, Weisestr. 23; Paul Fischer, Karlsgartenstr. 16. Wahllokal: Ausschank der Vereinsbrauerei, Hermannstraße 214/219. Schlepplokal: Hoppe, Hermannstr. 49. Das Zentralwahlbureau befindet sich bei Hoppe, Hermannstr. 48/49._ Charlottcnburg. ES muß gespart werden! So lautet die Parole, mit der der Vorstand des nationalliberalen Ortsverbandes und die Zentrale der gesamten Charlottenburger Grundbesitzevvereine in den Wahl- kämpf ziehen. Gewiß sind auch wir der Meinung, daß Sparsam- keit eine gute Eigenschaft ist, aber nichts wäre verfehlter, als am unrechten Orte zu sparen, wie es nach Ansicht der genannten Ver- eine geschehen soll. Das von ihnen verbreitete Flugblatt trägt die stolze Ueber- schrift„Aufklärung über Charlottenburger Finanzpolitik!" In Wirklichkeit aber dient es nicht der Aufklärung, sondern der Verschleierung� To iö!rd die Finanzpolitik LcharlottendurgS als unökonomisch bezeichnet und die Stadt als überschuldet hingestellt. Zu diesem Behufc werden den l41 Millionen Anleiheschulden mit der Geschwindigkeit eines Hexenmeisters iwch weitere 42% Millionen Innzugezählt, deren Aufnahme noch gar nicht bewilligt ist. In Wirklichkeit hat Charlottenburg nicht einmal die 141 Millionen, sondern nur 124 Millionen Anleihe aufgenommen, und dieser Summe stehen die werbenden Anlagen gegen- ü b e r, für die ste verwendet sind. Mein auf das Gas- und Elet- irizitätswerk entfallen 46, auf die Kanalisation und die Lade- strasien 14%, auf den Grundstückserwerbsfonds 14 und auf das Bismarckstrastenunternehmen 6, zusammen also 80% Millionen allein für geloinnbringende Zwecke. Dazu kommen- die Volks- schulen, Badeanstalten usw., die. wenn sie auch keinen klingenden Gewinn abwerfen, doch tausendfache Zinsen in Form der Bildung und der Hebung der Gesundheit der Bevölkerung tragen. Die Schulden auf den Kopf der Charlottenburger Bevölkerung werden nach Flüssigmachung der letzten Anleihe auf 600 Mk. angegeben, während in Rixdorf nur 17ö, in Berlin nur 177, in Wilmersdorf nur 201 und in Schöneberg nur 200 Mk. Schulden auf den Kopf entfallen. Arme Charlottenburger, die ihre Stadt bisher für die zweitreichste in Preußen hielten und nun plötzlich darüber belehrt werden, daß sie vor dem Bankrott stehen! Nun, glücklicherweise stimmt die Rechnung nicht, sie ist nur ein Hirngespinst gewisser Elemente, eine recht durchsichtige Wahlinache, und bis zrim Herein. brechen der Katastrophe, die das Flugblatt an die Wand malt, dürfte es noch einige Zeit dauern. Kennzeichnend für den antisozialen Geist, der die Führer dieser neuen Gruppe beseelt, ist es, daß sie vor allem eine Vermin- dcrung der Armenlastcn fordern. Allein auf dem Ge» biet der Armcnverwaltung soll ihrer Meinung nach eine Million gespart werden. Dann werden die Armen, für die nach Ansicht des Magistrats 41 M. monatlich zum Leben völlig ausreichen, wohl dem Hungertode überliefert werden. Weiter zieht das Flugblatt gegen das neuerrichtete Wohnungsamt und gegen die Heber- «ahme der Müllabfuhrin städtische Regie zu Felde. Das Flugblatt ist ganz offensichtlich tendenziös zugespitzt, um an die niedrigsten Instinkte der Hausbesitzer zu appellieren. Heißt es doch am Schluß, wer nicht ein fortwährendes Anziehen der Steuerschraube, Hinaufsetzung des Einkommensteuerzuschlags und der Grundsteuer wolle, der müsse dafür sorgen, daß in das heutige System Bresche gelegt und die Stadtverwaltung zu einem Wirt- schaftlichen Finanzgebaren geführt werde. An sich hätten wir diesem Machwerk keine Beachtung geschenkt, wenn nicht die„Liberalen" sich seiner bedienten, um zu zeigen, wie tüchtige Kerle sie sind. Nach außen mag eS ja einen sehr netten Eindruck machen, wenn die Liberalen gegen dies„Pamphlet" zu Felde ziehen und davon reden, daß es lediglich zum Einfang derer dient, die nicht alle werden. Aber in Wirklichkeit gibt eS unter den Mitgliedern der liberalen Fraktion und der Fraktion der Vor- einigten Alten eine ganze Reihe von Männern, die sich in der Stadtverordnetenversammlung wiederholt in ähnlichem Sinne ge- äußert haben wie die Verfasser des Flugblattes. So appellieren denn nicht nur die Verfasser der Flugschrift, scndern auch die Liberalen an die, die nicht alle werden. In der ersten und zweiten Abteilung verfügt diese Sorte von Wählern zweifellos über die Mehrheit, aber den Wählern der dritten Abtei- lung soll man nicht vorwerfen können, daß sie zu denen gehören, die nicht alle werden; sie werden in ihrer großen Mehrheit den bürgerlichen Kandidaten eine gehörige Abfuhr erteilen und für die Kandidaten der Sozialdemokratie stimmen. Tut jeder klassen- bewußte Arbeiter seine Pflicht, dann muß uns der Sieg wie im Vorjahre so auch diesmal zufallen. Der Bildungsausschuß weist noch einmal die Genossen und Ge- uossinnen auf den am Freitag, den b. November, abends 8% Uhr, im Volkshause, Rosinen st raße 3. beginnenden Vor- tragSzyklus des Genossen Eduard Bern st ein über „Das deutsche Reich und seine Parteien" hin. Billetts für sechs Vorträge zum Gesamtpreis von 00\ f. sind in der Parteispedition, Sesenheimerstraße 1, bei Will, Kirchstraße 30, und bei Weisheit, Rosinenstraße S(Stehbierhalle), zu haben. Rixdorf. Die demokratische Bereinigung hatte zu Dienstag abend eine Kommunalwählerversammlung nach der Vereinsbrauerei einbo- rufen, in der Oberst a. D. G ä d k e über das Thema„Die Front nach rechts" referieren sollte. Am Nachmittag desselben Tages hatte Herr Walz akö Kandidat der vereinigten reaktionären Mischniaschparteien ein Zirkular an alle Wähler der ersten und zweiten Klasse verschickt, außerdem waren die Beamten deS Magistrats und die dcutsch-nationalen Handlung?- gehilfen Grohberlins aufgefordert worden. Punkt 7 Uhr in der Vereinsbrauerei in der demokratischen Versammlung zu er- scheinen. Man hatte die edle Absicht, die gegen die Wahlrechts- räuber verbündeten Demokraten und Sozialdemobraten in die Flucht zu schlagen. Nur ein kleiner Fehler hatte sich in die Rech- nung der sprengnngSlusttgen Herren geschlichen. Man hatte bie sozialdemokratische Organisation nicht in Betracht gezogen. Alle die Getreuen der nationalen Reaktionär« waren auch pünktlich erschienen. Da sah man Stadträte. Assessoren, Buchhalter. Bureau- Vorsteher, Assistenten usw. Daneben di« deutsch-nationalen Hand- lungsgchilfen, an der Spitze die Herren Walz und Wiese. Natür- lich durften in dieser erlauchten Gesellschaft mich die Grundbesitzer- vereine mit ihren Führern Beiß und Rahmig nicht fehlen. Um?L3 Uhr mußte der Saal abgesperrt werden. Draußen harrten noch zirka 1000 Genossen auf Einlaß. Dem Er- suchen des Vorsitzenden, durch Herausschaffen der Tische den draußen Stehenden soviel wie möglich Platz zu machen, wurde von den nationalen Sprengkorps nicht entsprochen. Der Leiter de-r Ver- sammlung sah sich daher genötigt, die Versammlung nach einer Glashalle, die mehr Platz bot, zu verlegen. Dort referier« Herr Oberst a. D. G ä d k e vor einem großen Teil bürgerlicher Zuhörer. Im Saale selbst, der bis auf den letzten Platz gefüllt war, glaubten nun Herr Walz und sein Anhang dominieren zu können. Auf echt national« Weise behaupteten die Herren Wies« und Walz, daß ihnen der Wirt das Hausrecht übertragen habe. Jedoch konnte das sofort als Lüge festgenagelt werden. Nach längerer Geschäftsord.mngSdebatt«, die von dem üblichen mttisemitischen Radau begleitet wurde— speziell Herr W a l z tat sich durch sein« Beschimpfungen von Sozialdemokraten als Sirüne Jungen, welche erst ihre Schularbeiten fertig machen ollten, Lausbuben und andere Schmeicheleien rühmend hervor~ erhielt zu einem Referat über die bevorstehenden Wahlen der Ge- noss« Stadtverordneter BoeSke das Wort. Der Redner ging mit den Wahlrechtsräubern scharf ins Gericht und zeichnete treffend daS Cliguenwescn der reaktionären Mehrheitsparteien im Rat- Hause. In der Diskussion nahm zunächst Genosse Ucko das Wort, der den antisemitischen Kämpen Walz gebührend kennzeichnete. Inzwischen hatte Herr Gädk« sein Referat in der anderen Ver- sammlung br.ndel und nahm nun hier das Wort, um unter stürmt- schem Beifall der Versammelten mit dem sprangungSlustigcn Herrn Walz abzurechnen. Nun kam auch Herr Walz als Redner an die Reihe. Er leierte seine sämtlichen Schlager, meist abgebrauchte alt« Ladenhüter, herunter. In dasselbe Horn blies der nächste Redner, der dcutsch-nationale Wiese. Die beiden antisemitischen Redner'wurden durch die Genossen Conrad und W u tz k y treffend abgeführt. Genosse Conrad wies u. a. noch darauf hin, daß der bekannte Herr Rahmig zwei Jahre gebraucht habe, um über die Kasscnführung der Wach- und Schließ« g e s e l l s ch a f t Rechnung abzulegen. Da Herr Walz mittlerweile»»hl einsah, daß ihm in der Versammlung keine Lor- beeren blühen würden, zog er es vor« mit seinem Anhang zu»er- schwinden, Sache der Wähler der zweiten Abteilung wird eS am Freitag. den 4. November, sein, mit den Wahlrechtsräubern abzurechnen und den autiseniitischcn Radauhelden durch Wahl der fozicrtdemo» kratischen und demokratischen Kandidaten die einzig richtige Ant- wort zu geben. D«r Sorfland deS ZentralvcrelnS deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ersucht in einem Zirkular die jüdischen Wähler Rixdorfs. daß niemand von ihnen einem Kandidaten seine Stimme gebe, der dem antisemitischen Herrn Walz und seinem Anhang nahe steht. Wilmersdorf-Halensee. Zu den Stadtverordnetenwahlen hielten Sozialdemokratie und Demokratie Dienstag abend in. Gesellschaftshause eine gemeinsame Agitationsversammlung ab, die so stark besucht war, daß der geräumige Saal nicht entfernt alle Teil- nehmer fassen konnte. Von unserer Partei sprach Ed. Bern- stein, von der Demokratischen Bereinigung Dr. Breitscheid über die kommunalpolitischen Sünden der heutigen Stadt- vcrordnetenmehrheit. Ihre Aufforderung, dem gemeingefährlichen Treiben der Reaktionäre ein Ziel zu setzen, fand jubelnde Zu- stimmung; desgleichen wußten der demokratische Stadtverordneten- kandidat F l o t o und der sozialdemokratische Kandidat OSkar Riedel die von den Rückschrittlern in der Montagsversammlung geübte Kampfmethode wirkungsvoll zu geißeln. Namentlich fand Riedels Hinweis darauf, daß die Gegner in letzter Stunde wahr- scheinlich das polizistische Schreckgespenst von Moabit gegen uns ins Feld führen werden, nach Gebühr Verständnis. Mit einem Appell an die Versammelten, bei der Wahlagitation am heutigen Donnerstag ihre ganze Kraft einzusetzen, schloß der gleichfalls als Kandidat aufgestellte Vorsitzende Wilhelm Schröder die Versammlung. � Die Verkündigung d e S Wahlresultats findet heute abend von 8'A Uhr ab im Gesellfchaftshause, Wilhelmsaue 112, statt. Selbststellung eines Defrandanten. Der frühere Bureau- assistenit deS hiesigen Magistrats, Franz.Bellach, hat sich gestern der Berliner Kriminalpolizei selbst gestellt. Von den veruntreuten Geldern hatte er nichts mehr bei sich. Bellach war bei der Wilmersdorfer Stadthauptkaffe angestellt und hatte die Invaliden- gelder zu verwalten. In dieser Eigenschaft unterschlug er die Summe von 10 000 Mark und entfloh. Wie sich jetzt herausstellt, hat sich Bellach, nach Paris gewandt, wo er die defraudierten Gelder auf den Rennbahnen zum größten Teil verlor. Als das Geld zur Neige ging, kehrte er nach Berlin zurück und stellte sich gestern der Berliner Kriminalpolizei. Der Dcfvaudant ist gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden. Lichtenderg. Ein Antrag auf Herstellung einer Verbindung zwischen Kietzer Weg und Wattenbergstraße sowie die Herstellung eines gepflasterten Fuß- steiges in der MouritiuSlirchstraße steht unrer anderem aus der Tagesordnung der heute nachmittag 6 Uhr im Rathaus staltfindenden Siadtverordneteiisitziing. Desgleichen finden verschiedene Neu- und Ergänzungswahlen für einzelne Kommissionen stalt, unter anderein auch die Wahl der Beisitzer für die am 14. November stattfindende Ersatzwahl im 13. Bezirk der dritten Abteilung. Boxhagen- RummelSburg. In einer von zirka 000 Persanen, darunter über 400 Frauen und Mädchen, besuchten öffentlichen Versammlung in Cafö Bellevue, sprach die Genossin Wulfs über Junkerpolitik. Koiserreden und die Meinung der Frauen. Die Referentin führte in überzeugender Weise den Anwesenden vor Augen, wie durch die in Preußen- Deutschland herrschende Junkersippe, die Betteuerung aller not« wendigen Lebensmittel erfolgt sei und hierunter die Frau als die Leiterin der Wirtschaft am meisten zu leiden habe. Gleichzeitig könnten sich die Frauen und Mädchen der arbeitenden Klasse auch mit den Ausführungen deS deutschen Kaisers nicht einverstanden er- klären, da die Auffaffimg desselben, wonach die Frau in der Politik und in Versammlungen nichts zu tun habe, ihr Tätigkeitsfeld vielmehr die Familie und die Erziehung der Kinder sei, durch die Talsachen längst überwunden sei. Der der Referentin gespendete Beifall be- wies, daß die Versammelten sich mit den Ausführungen der Rednerin völlig einverstanden erklärten. In der Diskussion wie« Witzle unter großer Erregung der An- wesenden auf das bereit« mitgeteilte Vorgehen der Polizeibehörde gegenüber dem Jugendausschuß hin. Redner übte eine scharfe Kritik an dem Vorgehen der Polizei, welche nun schon soweit gehe, daß sie in private Räume eindringe und dort die Handlungen der Gäste des Mieters überwache. Mit einem Appell an die anwesenden Frauen, nun erst recht ihre Kinder von 14—18 Jahren dem Jugendheim zu« zuführen, schloß derselbe unter dem Beifall der Anwesenden. Eine größere Anzahl Aufnahmen in den Wahlverein unter den Frauen sowie der Verlauf der Versammlung dürfte dafür bürgen, daß ein größeres Interesse bei vielen grauen für die politischen Frozen geweckt worden ist. Friedrichsfelde. Die Intoleranz der christlichen Kirche zeigt« sich so recht bei der Beerdigung eineS noch nicht drei Jahre alten KindeS am letzte» Sonntag auf dem der Kirchengemeinde gehörigen Friedhof von ffriedrichsfelde. In letzter Zeit verzichlen viele Leidtragende auf die Mitwirkung des Geistlichen und tragen der Stimmung der Trauergemeinde Rechnung. indem sie von Sängern der Trauerfeier entsprechende Lieder zum Vortrags bringen lassen. Nun bedürfen aber alle Amtshandlungen auf dem Friedhof der Genehmigung des Ortsgeistlichen als Vorsitzenden de« Kirchenrates. Der erste Geistliche. Herr Superindendent Klügel, hat wahrscheinlich ein Bedürfnis, die Unduldsamkeit der christlichen Religion in Fällen, wo auf die Mitwirkung des Geist- lichen verzichtet wird, drastisch vor Augen zu führen. Bei der Be- erdigung des KindeS mußten die Sänger außerhalb des Kirchhofes ihre Gesänge zum Vortrage bringe n. Wär« der Vertreter der christlichen Kirche am Orte unerkannt unter den Leidtragende» gewesen, hätte er sich vielleicht entsetzt über da« Agitationsiiiittel, daS er durch sein Verbot den Gegnern der Staats- kircke geliefert hat. Sehr charakteristisch ist eS übrigen«, daß für ungetaufte Kinder von Dissidenten für Grabstellen höhere Gebühren genommen werden, als in sonstigen Fällen. Ja einer öffentlichen Frauenversammlung, die heute abend im Lokal von Bans darf stattfindet, wird der Ge« meindevertreter Genosse Pinseler über diese Angelegenheit eingehend berichten und eS werden entsprechende Maßregeln zur Abwehr der echt christlichen Anschläge beraten werden. Ober-Schöneweide. In einer imposante» von ungefähr 400 Personen besuchten Versammlung in Mörner« Blumengarten referierte Genossin W u l f f über Junkerpolitik, Kaiserreden und die Meinung der Frauen. Dem mit Beifall aufgenommenen Referat folgte eine Diskussion, an der sich Frau Zybill sowie Genosse Liesegang im Sinne des Referats beteiligten. Zum Schluß machte Genosse Schwarzburger aus die am 28.. 26. und 30. Oktober stattfindende.VorwStts"-Agita>wn auf- merksam, desgleichen teilte er mit, daß am 0. November in MörnerS Blumengarten das Wahlvereinsvergnügen stattfindet. FriedrichShagen. Der Arbeiter-Turilvcrein Vorwärts hat seine Jugend» Abteilung mit dem gestrigen Tage wieder eröffnet. Da das Reichsgericht entschieden hat. daß die behördlichen Maßnahmen gegen die Arbeiter-Turnvereine ungesetzlich sind, werden die Eitern und Erzieher der schulentlassenen Jugend gebeten, die jungen Leute zu regelmäßigem Turnbesuch anzuhalten. Zunächst turnt die Jugend-Abteilung Dienstags und Freitags von 8'/, bis 10 Uhr abends im Gewerlschasishause. Da jedoch ein Teil der Lehrlinge an diesen Abenden die Fortbildungsschnle besucht, werden die Turn- stunden bei genügender Beteiligung auf einen geeigneteren Abend verlegt werden. Miihlenbeck. De» Bericht über den Parteitag erstattete am Sonntag in einer Mitgliederversammlung des Wahlverein» Genosse M u t h- Ober- Schöneweide. Die Versammlung erklärte sich mit den Beschlüssen des Pattcitages einverstanden. Unter Verschiedenes fand eine leb» hafte Debatte über die Pflichten der Mitglieder in bctteff der Agi» tationSarbeiten statt, die dahin ausllang, sich in Zukunft reger an den Parteiarbeiten zu beteiligen. Bernau. In der letzten Stadtverordnetenversammlung wurde der Stadt Berlin die Durchquerung der Klosterfelder, Basdorfer und Pittweg-Landstraße mit einem Schienengleis genehmigt. Eine lange Diskussion rief der Antrag des Dr. Wiener, betreffend die Besetzung der Krankenhausarztstelle mit einem keine All? gemeinpraxis ausübenden Arzt, hervor. In seiner Begründung forderte er einen Chirurgen für das Krankenhaus als Chefarzt. Er fühlte sich zu dem Antrage veranlaßt, weil einer seiner Wärter 14 Tage lang im hiesigen Krankenhause gelegen hätte, bis auf sein fortgesetztes Drängen ein Spezialist von Berlin gerufen wurde, der den an einer Blinddarmerkrankung leidenden Patienten operierte und ihm 1 Liter Eiter entnahm. Der Antrag wurde abgelehnt, weil Bernau mit dem jetzigen Chefarzt noch ver- traglich verbunden ist. Dagegen wurde ein Antrag des Genossen Krüger, der verlangte, den. Magistrat eine unbegrenzte Summe für einen sobald als möglich zu engagierenden Assistenzarzt zur Verfügung zu stellen, mit 16 gegen 8 Stimmen angenommen. Der Antrag erwies sich als notwendig, weil aus die Inserate des Magistrats, der für 1000 bis 1800 M. einen Assistenzarzt suchte. sich kein Arzt meldete. Unter Verschiedenem wurde dem Antrage des Genossen Salzmann stattgegeben, wonach den Forst- arbeitern der Lohn wöchentlich auszuzahlen ist. Trebbin(Kreis Teltow). Die hiesigen Genossen hatten sich an den Magisttat gewandt, um für eine Volksversammlung unter freiem Himmel, die am letzten Sonntag stattfand, den am Müllerpfuhl gelegenen Platz zu erhallen. DaS wurde vom Magistrat abgelehnt. Die Versamiulung wurde daher auf einem dem Genossen Ritter gehörenden Stück Gatten- land abgehalten. Etwa 200 Personen folgten mit größter Ruhe und Aufmerksamkeit dem Bortrage des Genossen G r o g e r» Rixdorf. Der Herr Bürgermeister überzeugte sich durch persönliche Jnoiigenscheinnahme hoffentlich davon, daß die Stadt keinen Schaden genommen hätte, wenn der zuerst in Aussicht genommene Platz zur Verfügung gestellt worden wäre. Am Sonnabend, den 0. November, feiett der Arbettergesang- verein im.Scvützenhause" sein zehnjähriges Sliflungssest. Ter Verein stellt sich der Partei bei allen Veranstaltungen bereitwilligst zur Verfügung und verdient daher, daß sich die Genossen an dem Feste rege beteiligen. Klein-Besten. Ueber„Bolksbelastzing und Kaiscrreden" referiette Genosse G e r i k e am Sonnlag in einer von 100 Personen besuchten Volksversammlung im Schmidtschen Lokale. In der Diskussion ermahnte Genosse R ü ck e r die Versammelten, sich den politischen und gewerk- schaftlichen Organisationen anzuschließen, damit unser Kampf bei der nächsten Reichstagswahl ein möglichst erfolgreicher sei. Genosse KamerowSly ersuchte noch, für die Ausbreitung der Parteipresie zu sorgen und nicht nur immer den BerlrauenSpersonen die Agitationsarbeiten zu überlasten. Unter den Klängen der Arbeiter» Marseillaise fand die wohlgelungene Versammlung ihr Ende. Spandau. Die Wahl der beiden freisinnigen Stadtverordneten Dr. Kantorowicz und Schreiber bei der Stichwahl der 2. Ab- teilung am 21. November 1009, die von der Stadtverordneten- Versammlung am 31. Dezember 1000 für gültig erklärt waren, wurde im Klagewoge von dem unterlegenen konservativen Gegen» kandidaten Bctriebstechniker Schirmbcck angefochten� Dr. Kanwro» wicz und Oberpostsekretär Schreiber wurden in der Stichwahl mit 402 bezw. 417 Stimmen gegen den Realschuldirektor Dr. Reuse und Betriebstechniker Schirmbcck, die 390 bczw. 392 Stimmen erhtettcn; gewählt. Der Bezirksausschuß zu Potsdam hat in seiner Sitzung am 1. November 1010 die Wahlen der beiden Stadtverordneten Kanwrowicz und Schreiber für ungültig erklärt Potsdam-Spandau-Osthavelland. Der Vorstand des sozialdemokratischen Kreis-Wahlvereins fordert aus Anlaß des Zarenbesuchs in Potsdam die Arbeiterschaft des Kreises auf. am Sonnabend, den 5. No» vember— dem Tage der Ankunft— allenthalben Massen- kundgebungen gegen den blutigen Despoten Rußlands zu ver- anstalten. Durch Massenprotest soll die gesamte freiheitlich gesinnte Bevölkerung des Kreises zum Ausdruck bringen, daß sie die Anwesenheit dieses Menschen, der alle freiheitlichen Regungen in seinem Reiche im Blute zu ersticken sucht, und zu dessen Enipfang noch Steuergroschen verwendet werden, aufs schärfste verurteilt._ Jugcndveranstaltungen. Weitzenfee. Heute, Donnerstag. 8. November, findet Im.Prälaten', Lehderstr. 122. die erste November-Berlammlung statt. Dir bitten dl« Kollegen und Kolleginnen, recht zahlreich und pünktlich zu«rscheinen, auch die erwachsene Arbeiterschast wird um ihre Unterstützung gebeten. Gerichts-Leitung. Theaterdirektor Zickel hat gegen das auf Konzessionsentziehung lautende Urteil de» De- zirksauSschusseS das Rechtsmittel an das Ob«rverwaltungSgettcht einwiegt. Bleibt das Ergebnis der BowciSaufnahm« erster Instanz auch nur annähernd das gleiche, so dürfte das Rechtsmittel schwerlich Erfolg haben._ Dr. Breitscheid wider Pfemfer. In der bekannten Beleidigungsklage der beiden obengenannten Schriftsteller hat der Kläger gegen da? freisprechende Urteil Be- rufung eingelegt. Im Interesse beider Teile läge eS, die Presse von dem Termin in der Berufungsinstanz rechtzeitig in Kenntnis zu setzen, damit irreführende Nachrichten über den Gang der Ver» Handlung, wie sie von beiden Seiten behauptet wurden, entgegen- getreteu werden kann._ Hiid aller Alelt. Unwetter in West Europa. Ueber weite Gebiete des westlichen Europa sind am Dienstag schwere Stürme dahiugcbrnust, die in den davon bettoffenen Gegenden großen Schaden anrichteten. SuS Oberndorf in Württemberg kommt die Meldung, daß ein heftiger Sturm. der gegen Abend seinen Höhepunkt erreichte, auf der Hochebene großen Schaden anrichtete. Telephon st angen wurden umgeworfen, viele Bäume entwurzelt, zahlreiche Dächer beschädigt und Schornsteine umgestürzt. Noch schwerer scheint der Sturm im Kanal und an der belgischen Küste gewütet zu haben. Aus Brüssel wird darüber gemeldet: In O st e n d e und in den übttgen Rordhäfen ist durch den Sturm großer Schaden angerichtet worden. Mehrere Schiffsbarken wurden beschädigt; auch zahlreiche Telephon- und Telegraphenleitungen sind zer» stört. Viele Eisenbahnlinien erlitten bedeutende Verspätungen. In Brüssel selbst richtete der Sturm vielfach Unheil an. Eine ganze Anzahl Schornstein« sind eingestürzt. Auf dem Boule» vard Ansbach wurde eine mehrere 100 Kilogramm schwere Anschlag» We umgerissen. Zahlreiche Bäume wurden entwurzelt und diele Aeste abgebrochen. Mehrere Fischerboote suchten infolge deS herrschenden Sturmes Zuflucht im O st e n d e r Hafen. Dies gab Anlafc zu e r n st e n Zwischenfällen und skandalösen Vorgängen. Bon der einheimischen Bevölkerung wurden die fremden Fischer an- gegriffen, ihre Fische wieder WS Wasser geworfen und ihre Barken ausgeplündert. Das Austreten der Ostender Fischerbevöl- kcrung veranlagte den französischen Konsul zu einer Klage. �• Rom, 2. November. Heute nachmittag ist, wahrscheinlich in- folge des heftigen Sturmes, der im Bau befindliche sardinische Pavillon, der für die Ausstellung 1911 bestimmt ist, eingestürzt. Zehn Arbeiter wurden verschüttet, konnten jedoch unverletzt oder mit nur leichten Verletzungen geborgen werden; nur ein Arbeiter scheint schwerere Verletzungen davongetragen haben. Springflute« in Annam. Die aus Saigon eingetroffene Post meldet, dah Wirbel- stürme und Springfluten in verschiedenen Teilen Annams und TonkinS große Verheerungen angerichtet haben. Die Stadt Donghoi in Annam ist f a st V o l l st ä n d i g zerstört. Schiffskatastrophe auf hoher See. Der Kapitän des gestern in Aberdeen(England) ein- getroffenenen deutschen Fischereidampfers„Präsident Herwig" meldet, dah er vorgestern auf der Höhe von Fair Jsle mit dem Fiichereidampfer„Augsburg" zusammengestoßen sei. Die„Augsburg" sei untergegangen. Sechs Mann ihrer Besatzung seien ertrunken. Die Ueberlebenden, dreizehn an der Zahl, sind in Aberdeen ge- landet und werden in die Heimat zurUctbefördert werden. « Am Dienstagabend stießen auf der Wolga die Dampfer „Graf" und„Jaroßlawla" zusammen, wobei ein Reisender ge- tötet und acht schwer verletzt wurden. Zwei Personen werden vermißt, sie sind wahrscheinlich ertrunken. Beide Dampfer sind schwer beschädigt._ Ein bestechlicher Richter. Der Prozeß gegen den Millionär Rosenheimer in New D o r k mußte infolge einer wichtigen Tntdeckung unterbrochen werden: Einer der Richter hat sich nämlich bestechen lassen. Er hat eine Summe von 2599 Dollar an» genommen und dafür versprochen, für die Freisprechung des Angeklagten bemüht zu sein. Von der genannten Summe sind ihm bereits 1999 Dollar gezahlt worden. Von dieser Tatsache wurde dem Gericht durch den Advokaten des Angeklagten selbst Mitteilung gemacht. Derselbe Richter hatte schon einmal in einem Mordprozeß durch eine ähnliche Affäre die Verurteilung eines Angeklagten verhindert. Kleine Notizen. Bei einer Revolverschicßerei in Königshütte wurde ein Grubenarbeiter S m o k so unglücklich am Halse getroffen, daß die Schlagader zerriß und der Arbeiter in kurzer Zeit verblutet war. Der Attentäter, der in Notwehr gehandelt haben will, wurde verhaftet. Bon der Lokomotive erfaßt. In Schoppinitz in Schlesien wurde der Hilfsichafiner Zoppe von einer rangierenden Lokomotive erfaßt und gelötet. Geständiger Mörder. Zu dem gestern von uns gemeldeten Morde an einem Illjährigeil Mädchen in Schönau� i. Schl. wird noch gemeldet, daß der verhaftete Mörder ein G e st ä n d n i§ abgelegt hat. Es ist der obdachlose ö9 Jahre alte Pferdeknecht Kretschmar. Die Leiche des unglücklichen Mädchens bot einen schrecklichen Anblick. Da? Kopfhaar war stellenweise herausgerissen, das Ge- ficht bis zur llukennilichkeit entstellt, die rechte HalSseite war durchschnitten und der Oberkörper völlig entblößt und völlig mit Blut besudelt. Unter den Schülern der Realschule in Haspe im Rheinland ist der T y p b u s ausgebrochen. Man vermutet, daß die van dem Schuldiener den Schülern gelieferte Milch insiziert war. Mehrere Mitglieder der Familie des Schuldieners sowie drei Schüler sind ertrankt, etwa 29 stehen unter ärztlicher Kontrolle. Bon Seehunden angegriffen. Die Dompteuse I u t k a, die in einem Budapester Variets auftreten sollte, wurde bei einer Probe mit ihrer Seehundgruppe von einem Tiere angegriffen und schwer verletzt. Erdstöße in Frankreich. Am Dienstagnochmittag wurden in den südfranzösischen Orten A l l e i n s und Salon mehrere Erdstöße wahrgenommen. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine Panik, irgend welcher Schaden wurde jedoch nicht angerichtet. Eine ungeheuere FeuerSbrunst zerstörte am Dienstag das Baum- wollendepot einer Handelsgesellschaft in A l e x a n d r i e n. Deutsches Kapital ist an der Gesellschaft hervorragend beteiligt. Bei dem Brande wurden 6999 Ballen Baumwolle im Werte von vier Millionen Mark vernichtet. Amtlicher Markrdertchi der lttdMchen Marktballen-Direktton über den chrotzbandel in den Zenlral-Morktdallen. Markrlaae: I l e i> ck>: Zufuhr genügend, Melchaii still, Preis« unverändert. Wild! Zufuhr reichlich, Gcichäii nicht lebhaft genug, Preise sast unverändert. e, 0 b h und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft etwas lebbaster, Preise wenig verändert. verband der UrtseurgeDilfen Dentschland«. Zweigderein©«Bn und Bororte. Donnerstag, den 3. d. Mts., abends llff, Uhr, Rosenthaltr Straße 11/12: Versammlung. Vortrag des Genossen ZetSkr. Brtefkarten der Redaktion. — F. 10. Derartige Sachen erhalten Sie in Maskenverleihgeschästen. Diese finden Sie im Adreßbuch. 2. Band, Teil IV. Seite 272 verzeichnet. — S7 H. I. Rem.- C. I. 28. Befragen Sie einen Arzt.— F. I. 14. Wenden Sie sich an die Auskunft- und Fürsorgestelle für Lungekrankc, Richardstr. 118. Ouergebäude I(Svrechstmiden Dienstag und Freitag zwischen 2 und 4 Uhr).— M. M. 21. 1. Sie sind zur Unier» stützung de« großjährigen Sohnes nur dann verpflichtet, wenn dies ohne Gefährdung JhrnS eigenen und des standeSgeinätzen Unterhalts Ihrer Familie möglich ist. Bei dem angegebenen Einkommen halten wir sie nicht für verpflichtet. Ihr Sohn soll sich an den Stadtausschuh wende». 2. Nein. P. X. 22. 1. Ja. 2. und 3. Gegen den Baier leider nicht. WitterunqSnberücbt vom 2. November IttlO. morgens 8 OBr. Stationen Vetter Swmemve 736@23 4 bedeckt fiamtmrg 735 SSW 4 wolkig B-rllr 738 W Lbeveckt FranA.a M 741 SW, 5 Negcn München 748 W 4 bedeckt Wien 744 WNW 3 bedeckt y»m «ft »II i? mS> «talionen Ii Havaranda—— DeterSburg 753 D Sctllh 752 NW -lderd»«!.737 WNW Parts 746 W 1 Vetter 2 bedeckt 8 halb bd 5 heiter 3 Regen I Ltzettervrognofe kür Donnerstag, den 3. Novemder 1319. Ziemlich kühl, zeitweise ausklmend, vorwiegend trübe mit Regen- Graupelschauern und stlschen westlichen Winden. Berliner Wettordureaa. -5 V 2 S oder «iaNerstanvs-NoMrtcklten Wafleritand M e m e l. TUNt P r e g e l, Jnitcrbmg Weichsel. Tborn Oder. Raiibor , Krollen , Frantinrl Warthe. Schrimm , Lanosberg Netze, Vordamm Elbe, Leimreritz , Dresden , Bardo , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlttz Havel, SvanbauN , Rathenow') S v r e e, Svremberg') . BeeSkow Weier, Münden , Minden Rhein, M-rrimilianSan , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Werthcim Mosel, Trier am 1.11. vm 75 70 SS 84 147 -Ivo -25 32? 141 124 4V 115 41 feil 31.10. om') +1 +4 —4 0 4-2 -6 0 -11 —8 —2 —7 0 4-6 u+ bedeutet Wuchs,— llall.») Unierveael. Endlich haben Sie einen Stannps. für HLngendes pnoert») Licht zeichnet sich besonders durch außergewöhnliche Zähigkeit, schmiegsame Elastizität, brillierendes licht und durch eine fast unverwüstliche Lebensfähigkeit aus! verwenden Sie deshalb ausschließlich Vruno-Glühstrümpse, denn diese sind äußerst preiswert und überall erhältlich! 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Art) 90 p Rotleberwurst......... 95 p, Jagdwurst......... 95 p, Feine Leberwurst..... 95 p» Pasteten-Leberwurst-•• 1.00 Schinkenspeck........ 1.05 Teewurst(Rügen w.Art) 1.15 Oldenb. Cerv. u. Salami 1.20 Schinkenwurst....... 1.25 Kalbsleber-Trüffelwurst 1.20 Mausschinken......... 1.20 Spickbrust............ 1.45 Frisches Fleisch Neu aufgenommen: LaißZI�Or Str■ und heute Eröffnung der Abteilung unseres Hauses Alexanderplatz P«d. 55 Pf. Hammeineisdi Dünnung.» Ragout..... Haxen....... Talg................ so p». Kotelette....... stock 15?« Rücken und Keule p«d 75, 85 p». Dicke Rippe"*65 pf Schweineflelsdi im Qanzon P«d 70 Pf. Schinken Bauch- Blatt Rückenfett..... �-85 p». Kamm.......... p� 80 p». Kotelette....... 90 p'- Karbesiade:H.�s 75 p». Rindfleisch Filet................«dl00 FÜet au»g««chSIt..Pfd. 1®® bis 1®® Roastbeef........™ I00 Roastbeef ausgeech. 0(30 • es« Pfd. 50 1�1 Fehlrippe......p�- 75�»- Querrippe*...>>" 65" Schniorfielsch p" 90 p Schaufelbraten 'fd.|00 Schierbraten... Filet Oosrschsls..... Schaufelbraten Kalbfleisch Kalbskeule. ptuna 1 10 v,- 12® Kalbsrücken pt�d 1 10 vi. i2® Kalbsbrust Pfund 1°® vi. 1«® Kassier. 75. 85[Bratwurst �75-■| Pökelkamm» 75 p| Pflkel grü�SO l00! Orts-Krankenkaffe der Snreauangeslellten zu Berlin. Die Mahleu der Dklegiertk« für die Jahre 1S11/!g12 finden an den nachstehend bezeichneten Orten und Tagen statt: a) für Arbeitgeber im Kaffenlokal. Stralauer Str. SS, vorn 1 Treppe, am Montag, b. 14. November 1910. abends von 7'/.— 8 Uhr. ES find zu tolihlen 213 Vertreter. b) für Arbeitnehmer im Mufiker-VereinShauS. Kaiser» Wilbclm.Straße 18m, am Freitag, den 11. November 1910. abends. ES find zu wählen: von 7—7'/, Uhr durch die Kafien- Mitglieder aus der Abteilung der Versicherungsanstalten 231 Ver- treter: von 7'/,— S Uhr durch die Kassen- Mitglieder auS der Abteilung der Krankenkafien 34 Vertreter; von 8—8'/, Uhr durch die Kassen- Mitglieder aus der Abteilung der BerusSgenofienschasten 30 Vertreter: von 8'/,— 3 Uhr durch die Kassen« Mitglieder aus der Abteilung der Anwälte, Notare und Gerichts- Vollzieher 133 Vertreter. MltgltedoKarlo legitimiert Wahlberechtigt und wählbar find Kafienmitglleder bezw. Arbeitgeber, welche arostjährig und im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte sind. Berlin, den 1. November 1310. Der Vorstand. 273/3 (9. Bauer, Vorsitzender. 1:: Tranenleiden i und deren VerbQtnng. Nebst einem Anhang: vi« Von Dr. J. Zadek. = Mit 8 Illustrationen.------- PreiS S0 Ps. Volksausgabe 23 Ps. Expedition des„Vorwärts" Lindenstr. 69, Laden. Engros- Geschäft vergibt durch Vertreter iti/llaabe, Dar- dinen, Stores, Portieren, Teppiche und Decken. 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II Speziat-Geschifte: Oranien-Str. 44 Friedrich-Str. 190 Waü-Str. 9 Link-Str. 1 Am Alexander-Platz Turm-Str. 47 Chaussee-Str. 72 Karl-Str. 8 Brunnen-Str. 12 Chariottenbnrgi Tauentzien-Str. 19 Wilmersdorfer Str. 48 An diesem Schild sind die Läden erkennbar, Ii in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. lnastergflltlg In Konstruktion and Ansföhrnng, gleich vorzüglich für llaasgebranch n. Industrie. m. Singer Co. Nähmaschinen Act Ges. BERI.OT, Leipziger Straße 9S. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. Jll Verlangen Sie bitte die kostenlose Zusendung meiner lehrreichen Schrfften und die Hauptpreishste. c 31--»'-' OeOeron zo hauen Pf j. r.veil- Lodizyaekl* Co. Bafia Na Oeit längerer Zelt fuhren die drei Pilsener Brauerefen in Böhmen einen Rechtsstreit mit uns auf Löschung unserer Firma. Weil wir unsere Brauerei Pilsener Brauhaus 0. m. b. H. In Berlin nennen und ein helles Tafelbier in ganz vorzüglicher Qualität brauen, befürchten dieselben, daß wir respektive unser helles Tafelbier mit den ihrigen doppelt so teueren aus Böhmen importierten Bieren verwechselt werden könnte* Das Kammergericht als letzte Instanz hat dem Antrage der Pilsener Brauerelen auf Löschung der Firma stattgegeben, so daß wir gezwungen sind, unserer Brauerei einen anderen Namen zu geben. Zu diesem Zwecke veranstalten wir ein Preis= Ausschreiben für unsere Kundschaft.— Zur Verteilung gelangen Mark 1000 in bar und 200 Kasten ä 30 Flaschen unseres Bieres. Als erster Preis 500 M. für den besten Namen. Als zweiter Preis 300 M. Als dritter Preis 100 M. Für eine gute Schutzmarke extra 100 M. Die 200 Kasten Flaschenbier werden als Trostpreise unter die übrigen Einsender verteilt. Bedingungen für den Wettbewerb; Die Einsendung des Namens respektive der Schutzmarke muß bis zum 12. November 1910 in geschlossenem Couvert geschehen. Als Legitimation, daß die Bewerber zu unseren Kunden zählen, müssen dem Brief drei unserer Flaschenbier-Etiketts mit dem Aufdruck „Wettbewepb" beigegeben werden. Unsere Flaschen werden ab 2. November mit diesen Etiketten versehen. Als Preisrichter fungiert der Aufsichtsrat de- Brauerei, Das Resultat der Preisverteilung wird am 15. November durch diese Zeitung bekannt gegeben. Q. IN. b. H. In Berlin SO. 16, Rungestr. 18 a. xei. iv 8840/41. Pilsener Brauhaus \ BrnntttoitJ, viebatteur: Sari WermutH, Berlin-Ripdorf, gär de» Inluateateil veravtw.: Ttz-Gloft, BcrUo. Dr»ck u.««lag: Bvrwart« Buchdrucker« u.«eUagSanitalt$aul&inaa& dA. 8ä«tia SAifc »-«" 3. Kkilxzk Ks Jontiätts" Snlim Psllislilstl. Donnerstag. 3 November l9ty. �tus Inciul'rrie unct DandeL Lukrative Landwirtschaft. Daß bei sachgemäßer Bewirtschaftung unter den heutigen Ver- Hältnissen selbst verlotterte Betriebe schnell zu hoch lukrativen Unter- nehmen gestaltet werden können, das finden wir in dem Amtsblatt für den Kreis Forbach(Nr. 247 vom 26. Oktober) bestätigt. „Die Stadt St. Avold hatte im Jahre 190g den Ankauf des WenheckerhofeS' beschlossen und dabei die Verpachtung desselben ins Auge gefaßt. Bei den hierauf erfolgenden Verpachtungs- versuchen schlagen alle Hoffnungen fehl und jegliche Mühe in dieser Hinsicht war vergebens. Trotz der größren Anstrengungen gingen nur zwei ernst zu nehmende Angebote ein. Es ist dies auch ohne weiteres erklärlich, da allgemein bekannt war, daß der Wenhcckerhof sich in schlechtem Zustande befand und als vollständig abgewirt- schafte; galt, auf demselben konnte sich in den letzten Jahren kein Pächter halten, geschweige denn mit Erfolg behaupten oder irgendwelche nennenswerten Resultate erzielen. So war die Stadt gezwungen, die zirka 64 Hektar große Ackerwirtschaft selbst zu be- treiben. Mit welchem Erfolge, darüber berichtet das Bürgenneister- amt. Danach gelang eS, trotz der bekanntlich in diesem Jahre sowohl für die Aussaat als auch für die Ernte teilweise recht un- günstigen Witterung folgendes Resultat zu erzielen: Ausgaben 9887 M., Einnahmen 14 087 M., bleibt ein reiner Ueberschuß von 4200 M. oder in Prozenten ausgedrückt eine Verzinsung des Anlage- kapital? von 8,9 Prozent. Wenn solche Ergebnisse mit einem alS vollständig abgewirtschafteten Betriebe erzielt werden können, wie hoch mag dann erst die Rente bei Mustergütern sein? Der preußische Eiscnbahnminister, Herr v. Breitenbach, hat eine große Unvorsichtigkeit dadurch begangen, daß er kürzlich bei seiner Anwesenheit in Köln bei dem dortigen Finanzmann Louis Hagen zu Gaste weilte. Der Eisenbahnminister ist diejenige Stelle, von der die Genehmigung der projektierten Schnellbahn Köln- Düsseldorf abhing. Wie man nun erfährt, ist Herr Louis Hagen an diesem Bahnbau persönlich hervorragend interessiert, und zwar durch sein Verhältnis zur Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft, deren Aktien bei Bekanntwerden der behördlichen Genehmigung deS Köln— Düsseldorfer Schnellbahnprojekts s o- fort um zwei Prozent stiegen. Trotz seiner 41 Aufsichtsratsstellen hat dieser Rekordmann der Aussichtsräte kürz- lich»och eine solche bei der Allgemeinen Elektrizitätsaesellschaft an- genommen, nachdem er den Anschluß dieser Gesellschaft an den Felten-Guilleaume-Lahmeher-Konzern zustande gebracht hatte. Für diese Transaktion halte sich Herr Louis Hagen, Inhaber des Bank- Hauses A. Levy in Köln, eine Provision zahlen lassen. und zwar vom Gegen kontrahenten, der Allgemeinen Eleltrizitäts- gesellschaft, deren Aufsichtsrat er bis dahin noch nicht war. Er ge- hörte dem Aufsichtsrate deS Guilleaume-Lahmcher-Konzerns an, ließ sich aber von der Gegenseite eine Provision geben, die zweifellos in die Hunderttausende geht. Von einem solchen Geschäfts- manne hätte sich der Eisenbahnminister fernhalten müssen, sofern er Wert darauf legt, als unbefangen zu gellen. Obsternte und Obstcinfuhr. So schlecht die Kirschen- und Pflaumenernte im laufenden Jahre war, so gut ist die Apfel- und Birnenernte. Von einzelnen Obstmärkten wird berichtet, daß ein derartig großes An- gebot überhaupt noch niemals zu beobachten war, und zwar lie- fern besonders die Apfelbäume einen selten reichen Ertrag. Wenn es nun trotz dieser reichen Ernteergebnisse möglich war, die Preise für Aepfel und Birnen teils auf dem Stande des Vorjahres zu halten, teils aber sogar noch höhere Preise als im ver- gangencn Jahre zu erzielen, so ist dies zum Teil dadurch zu er- klären, daß die Einfuhr ausländischen Obstes überaus stark nach- gelassen hat. Stellen wir die Preise im laufenden Jahre den vor- jährigen gegenüber, so ergibt sich folgende Bewegung. Im Klein- Handel kostete 1 Kilogramm(bei Aepfeln meistens Graden- steiner) am 18. Oktober nach den Berichten des Deutschen Pomo- logenvereins in einzelnen Städten Pfennige: Aepfel Birnen 1910 20—30 10—20 25 15—30 25—40 30-40 20-28 Wir haben möglichst die verschiedensten Gegenden herausge- griffen, aber durchweg zeigt die Preistcndenz nach oben. Aller- dings ist das Angebot ausländischen Obstes auch in einer Weise zurückgegangen wie noch in keinem Jahre zuvor. Es wurden in den Monaten Januar bis September im laufenden Jahre insgesamt nur 1 401 996 Doppelzentner ausländisches Obst eingeführt gegen 1 816 208 Doppelzentner im vergangenen Jahre. Es ergibt sich demnach eine Einschränkung um 414 212 Doppcl- zentner oder um nicht weniger als 22,8 Proz.— Aus der jetzigen Preisgestaltung kann man entnehmen, was die Forderung ocr Junker auf Einführung hoher Obstzölle wirtschaftlich bedeutet. Verhindert ein hoher Zoll die Einfuhr, dann kennt die Preis- treibcrei keine Grenzen mehr und der erschwerte Obstgenutz würde wieder stärker zum Alkoholgenuß drängen. Alles dient den Jun- kern doppelt zu Heil!_ Die Sanierung der galizischen Petroleumindustrie durch ein Staatskartell, dieser mit soviel Energie angepackte Plan der Wiener Regierung, ist nun aufgegeben worden. Ja es wird sogar schon angekündigt, daß die bekannten Maßregeln gegen den amerikanischen Trust(Rockefeller) und die französische Raffinerie Limanowa zurückgenommen werden, lieber dieses schmähliche Zurück- weichen der Regierung vor ausländischen Kapitalmagnaten— die mit soviel Aplomb angekündiglen Repressalien Frankreichs im Zoll- Wesen blieben gänzlich aus— wird natürlich im Reichsrat ge- sprachen werden. Allerdings war das Scheitern der Kartellpläne von vornherein sicher. Denn der Regierung zuliebe verzichten Raffinäre nicht auf die Möglichkeit, ihre Gewinne ununterbrochen zu steigern, die sie durch die Kartellbildung beschränken sollten. Die einzige Sanierungsmöglichkeit ist eben die gesetzliche Regelung der Produktion durch Herabsetzung der Arbeitszeit, wie sie Genosse Dr. Diamand im Parlament beantragt hat. Hus der frauenbewegung. Junker, Reichstagswahlen und die Meinung der Frauen. Dieses Thema wurde am Dienstag in sechs überfüllten Volksversammlungen im vierten Berliner Reichstagswahlkreis behandelt. Der Einladung zu den Versammlungen waren namentlich die Frauen in Massen gefolgt. Wohl an 10 000 Frauen bezeugten durch ihr Erscheinen ihr großes Interesse an der behandelten Frage. Referentinnen waren die Ge- nossinnen Zietz, Wurm, Wulff, M. Tie tz, Ihrer und Wehl. Die reichsdcutsche Finanzpolitik mit ihrer unheimlichen Häufung der indirekten Steuern und dem ganzen Protektionssystem, wodurch den Großgrundbesitzern, den Junkern die Taschen gefüllt werden, fand eine scharfe Kritik, die durch einwandfreie durchschlagende Zahlen unterstützt wurde. Ein umfassendes Bild von der Auspowe- rung der großen Volksmassen durch diese Politik wurde entworfen. Seit 1902 beträgt die Summe, die eine fünfköpfige Familie Jahr für Jahr an indirekten Steuern zu zahlen hat, 330 M. Die wenigsten geben sich Rechenschaft darüber. Darum ist diese Art der Besteuerung den Herrschenden so bequem. Schon Bismarck, der Vater des Systems, fand, daß der dumme Wichel so am wenigsten merke, wie er gesckröpft wird. Wenn den Armen und Bedrückten die Summe in direkten Steuern abgeholt werden würde, würde helle Empörung, besonders bei den Frauen, emporlodern. Die Sozial- demokratie fordert Beseitigung des ganzen Systems und wünscht nur direkte Steuern, die in progressiver Abstufung stark nach oben steigen. Die starken Schultern sollen mehr belastet werden. Im Kampfe um diese Svstemänderung mag man sich ein Beispiel nehmen an der Energie, mit der das konservative Junkertum die Erbschaftssteuer bekämpfte.— Obwohl die Armen durch die in- direkten Steuern an: schwersten belastet werden, ftagt man nicht bei der Verteilung staatsbürgerlicher Rechte nach den indirekten Steuerleistungen, sondern danach, wieviel direkt versteuert werde. Die ärgsten Reaktionäre sind die Junker, die den Kern der Kon- scrvativcn bilden. Diese einflußreichsten Gegner sind stets bereit, das Volk nicht nur auszuplündern, sondern auch ihm Rechte zu ver- weigern und fortzunehmen und gegen die Arbeiterschaft Ausnahme- gesctze herbeizuführen. Und weil die Junker so die Geschäfte der Industrie besorgen, sind diese ihnen so oft auch in Steuer- und Zollfragen willfährig, obwohl ihre Interessen hierin verschiedentlich direkt denen der Großagrarier widersprechen. Das Widersinnigste ist, daß heute das arbeitende Volk mit seiner Not jenen Leuten die Taschen füllen muß, die es unterdrücken wollen. Und suchen die Arbeiter und Arbeiterinnen durch einen Kampf um höhere Lohne wettzumachen, was ihnen auf der einen Seite genommen wird, so ruft man die Machtmittel des Staates gegen sie auf. Die Frauen sind im höchsten Maße interessiert an-der Gestaltung der Dinge, nicht nur als Arbeiterinnen, sondern auch als Hausfrauen und Mütter. Und da kommt der Kaiser mit seiner Königsberger Rede und den bekannten„Forderungen an die Frauen". Weiß er nicht, daß 9 Millionen Frauen erwerbstätig sind, weil die Not sie dazu trieb? Gerade müßten die Frauen in die Vereine, in die gelverkschaftliche und in die politische Organisation, um Seite an Seite mit dem Manne zu wirken, auf daß es besser wird in jeglicher Beziehung. Schon sind wir eine, große Macht, wir müssen aber noch mächtiger werden. Je stärker die Organisationen, je umfangreicher und tiefer die sozialistische Erziehung, je eher kann Wandel ge- schaffen werden. Und die nächsten Reichstagswahlen werden Ge- legenhcit bieten zu einer vorläufigen Abrechnung mit den Gegnern der Arbeiterschaft. Die Ausführungen der Rednerinnen fanden in allen Versamm- lungen stürmische Zustimmung und zahlreich waren die Neuauf» nahmen in den sozialdemokranschen- Wahlverein. Versammlungen— Veranstaltungen. Zentralverband der Hausangestellten. Donnerstag, 3. November, 9 Uhr, Mitgliederversammlung in den„Jndustrie-Fcstsälen", Beuthstr. 201. Vortrag von Frl. Ida Baar:„Unsere Kranken- Unterstützung". Lichtenberg. Heute, 8(4 Uhr, im Lokal der Gebr. Arnold, Frank- furter Chaussee 5, öffentliche Frauenversammlung. Tages- ordnung: Junkerpolitik, Kaiserreden und die Meinung der Frauen. Referentin: Frau Frida Wulff-Berlin. Gegründet 1867 Eingetragene Warenzeichen lür die Firma Schuhwarenhaus Carl Stiller Gegründet 1867 Tägliche Anfragen veranlassen mich zur Vermeidung einer Irreführung u. Täuschung des Publikums wiederholt darauf hinzuweisen, dass die seit Jahrzehnten vorteilhaft bekannten echten Stiller- Schuhwaren, welche nebenstehende Schutzmarken tragen, nur»einzig und allein" in folgenden Geschäften zu haben sind: Zentrale und Versand; Jerusalemer Str. 38*39 Potsdamer Strasse 2 T auentzienstrasse 19a Friedrich- Strasse 75 König-Strasse 25-26 Schöneberg, Hauptstr.146 Rixdorf, Bergstrasse 25-26 Januar 1911: Rosenthal er Strasse 5 » « Der reich illustrierte Hauptkatalog wird auf Wunsch gratis zugesandt für Männer und Frauen an» Freitag, den 4. November, abends 8'/, Uhr, im Swinemünder Gcsellschaftshanse, Swmemdnder Str. 42. TageS-Ordnung: Vortrag über:„Der Kampf«m die wirtschaftliche Be- freiung". Referent: Reichstagsabgeordneter Paul tZükre. Zahlreiches Erscheinen der Männer und Frauen erwartet 107/3 Der Elnbcrnfor. im UM Ardeitsnactiiveis: BerwaltunnSstrllr Berlin. Haiiptdurra»! Hof l. Amt 3, 1233. edsritdstrsSs 3. Hol III. Amt 3. 13S7. Heute Donnerstag, den 3. November, abends 7 Uhr, ffF* in Graumanns Festsälen, Naunynstr. 27:"901 Versammlung: aller in der JSvKraZiiKvnM'i»!»«!»« beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Tagesordnung: 1. Unsere Stellungnahme zwecks Verbesserung der gegen» Wärtigen Lohn» und Arbeitsbedingungen in der Schraudenbranche. 2. DiZtuIsion. 125/15 BW Kollegen und Kolleginnen I In dieser Versammlung sollen die Lohn- und Arbeitsverhältnisse besprochen werden; außerdem soll über die Einleitung einer Lobnöewegung Beschluß gesaßt werden. Da es nun not- wendig ist, daß jeder Einzelne Bescheid weiß, wie er sich in Zukunst zu verbauen hat. darj niemand von Ihnen schien. Jeder Kollege und jede Kollegin muß in dieser Versammlung anwesend sein. Die Ortsverwaltnng. Verwaltung Berlin. Heute Tonnerstag, abends 8'/z Uhr: VertrsuWMÄmer-Versammtengen Bezirk 1: Märkischen Hof, Admiralstr. 18c. „ 2: Zieh, Warschauer Str, 61. „ Z: Reddig, Koppenhagener Str. 49. „ 4: Sachse, Lindower Str. 26. Ärbeiter-Büdimgsseliiile. _ �Sonntag, den 6. November, abends 7 Uhr, im Königstadl- Kasino, Holzmarktstr. 72: Vortrag des Genossen Dr. Conrady Ober: Die erste Periode der deutschen Urheiterhewegung tSS6— 1852. Nachdem: Vortrag. Geselliges Beisammensein m. Tanz. Eintritt 20 Pf Garderobe frei. Der Vorstand. Elaaseteer. Heute Donnerstag: Bezirks-Versammlungen. Dredaslen*. Freitag, abends S'/a Uhr, im Königstadt- Kasino, Holzmarktstraste, Ecke Alexanderstraste: yetti'aueiismSmier-yel'samwlung. Tagesordnung: Beratung des Ortstarifes. Dr.Schimematin Spezialarzt für Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten, G61S* jetzt Oranienstr. 139, gegenüber Konlmandanlenstrage. 10—2, 5—7, Sonntags 10—12. Dr. Simmei Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Priuzenstr. 41,„Xuu. 10— 2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2— 1 Achtung! in Achtung! Freitag, den 4. IVovcmbcr, abends 8'/, Uhr, in Cranz Festsftlen, Ktfsliner StraÜe 8: Gruße öffkiitliA NsUisiiersmiiillluiig. Tages-Ordnnng: 1. Vortrag:„Das provotatorische Vorgehen der Polizct am Wedding'. Nejcrenicn: SIdolj Pleßner und Paul Wchrie. 2. Freie Aussprache. Zahlreichen Besuch erwartet löllb 0er einberuisr de» lese- und Oiskutierklub Norden. _ I. A.: Paul Prtewisch, Eparrstr. 28. Nerbinid Maler, Fllltlerkr.Alistrcilher Melchiorstr. 23, Part. Filiale Berlin. Tel: Amt IV. 4737. _ Sektion der Lackierer»_ Heute, Donnerstag, den 3. November, abends 8'/, Uhr: Mitgiieder-Versamniiiiiig mi! Frauen im GcwcrkschaftShaus, Engelufer 15. TageS-Ordnung: 1. Vortrag der Genossin Frau Br. Weyl über:„Hervorraaende Frauen in der Geschichte.- 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenhelten. Wir erwarten von den Kolleginnen und Kollege» nebst deren Fronen zahlreiche Beteiligung. 127/10 Die Sektlonsleitang. Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort(fettgedruckt) 20 Pfg. Stellengesuche und Schlaistellen- Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort (fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. j Kleine Anzeigen ANZEIGEN fflr die nSchste Nummer werden in den Annahmestellen für Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, in der Haupt-Evpeditlon. Llndenstrasse 69, bis S Uhr angenommen. Verkäufe. Teppiche(fehlerhafte) Gelegen« heilskans. Fabriklager Mauerboss, Große Franksurterstraße S, Flurein- gang. Vorwärtsleiern 6 Prozenl Extrarabatt. Sonntags geöffnet.* Steppdecken billigst Franksuriersiraße 9. GordlnenhaiiS. Große surlerstraßc 9, Fiureingang. Fabrik Große zlureingang. 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