Kr. 275. Hbenncments-Bedingungcn; SBiMincnicntä■ Prkis prSnumerando i vicrtcljährl. 3�0 Ml., monatl. l,l0 Ml., wöchentlich S? Pfg, frei ins Haus. Einzelne Runimer S Pfg. Sonntags- nunimcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt' lv Pfa. Post- stbonncmenl: l,U> Marl pro Monat Eingetragen in die Post-Zeilungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslerreich, Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl Uro Monat PostabonnemeniS nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 37. Jahrg. Crtttint täglich anßcr montags, Verltnev Volksblatk. Sie TnlcrfionS'Gcbüftr EchrSgt für die sechsgespaltcne Kolonel« geile oder deren Raum bll Pfg., für politische und gcwcrlschasiliche Vereins- und Bersammlungs-Anzelgcn 30 Psg. „kleine?n-elg-n". das erste lfeii- gedrucktes Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlas- slcllcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15 Buchslaben zahlen für zwei Worte. Jnscralc für die nächste Niiininer müssen bis S Uhrnachiniltags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet Telegramm. Adresse: „Sobisllleilioll»t ßtrliitf Zcntralorgan der fodaldcmohratifcben partei Deutfcblande. Redaktion: 8 LI. 68» Lindcnatrasac 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Die fleilchnot in offizieller Beleuchtung. Am Mittwoch sind im Reichstag zwei Hefte ausgelegt worden, die allgemeines Interesse verdienen. Beide Hefte sind herausgegeben vom kaiserlichen Gesundheitsamt. Das eine Hest behandelt die„Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleisch- beschau", das andere stellt sich vor als„Denkschrift über den Einflnst der Fleischerzeugung auf die Volkseruährung". In der erstgenannten Schrift wird nachgewiesen, daß von dem nach Deutschland eingeführten frischen zubereiteten Fleisch relativ sehr wenig hat zurückgewiesen werden müssen, daß aber der Gesundheitszustand der deutschen Schlachttierc keines- Wegs der beste ist. Untersucht wurden im Jahre 1903 an frischem Fleisch, das aus dem Ausland kam, 120 592 Tier körper im Gewicht von 131 517,10 Doppelzentner. Davon wurden beanstandet nur 999 Körper im Gesamtgewicht von 1299,73 Doppelzentner; 9 Körper im Gewicht von 11.55 Doppelzentner sind freiwillig vor der Untersuchung zurückgezogen ivordcn, so daß also 119 584 Tierkörper im Gewicht von 130 717,06 Doppelzcntcr die Grenze passierten. Bei dem aus dem Ausland gekommenen„zubereiteten Fleisch" war das Verhältnis folgendes: Zur Untersuchung gestellt wurden 972330 Fleischstücke im Gewicht von 43 343,99 Doppelzentner. Zur Einführung zuaelassen wurden 937 389 Stücke, im Gcsanitgewicht von 43 708,34 Doppelzentner. Mit diesen wenigen Angaben wollen wir uns begnügen; sie reichen vollkonimen aus, um die agrarischen Behauptungen von dem„ekelhaften" Fleisch des Auslandes glatt zu Boden zu schlagen. Wie steht eS nun mit den Behauptungen von dem gesunden nationalen Schwein und Rind? Es würde zu weit führen, im einzelnen nachzuweisen. wiesehr das deutsche Vieh heimgesucht wird von allerlei Seuchen; eL mag die Angabe genügen über den Stand der Tnberknlose. Es betrug im Jahre 1908 der Reichsdurchschnitt an Tuber- kuloseerkrankungen Kälber pro 1000 Stück.... 341 pro Tausend Scknveine pro 1000 Stück... 28,4„„ Rinder pro 1000 Stück.... 208,81„„ Recht interessant ist, zu beobachten, wie in den einzelnen Landcsteilcn die Tuberkulose haust:. Lübeck....... 402,12 Königreich Sackisen... 375,88 Scblcswig-Holstein.. 336,97 Mecklenburg-Schwerin. 335,34 Sachsen-Allenburg... 313,36 Stadl Berlin.... 305,11 Mccklcnburg-Strelitz.. 270,40 Sachien-Wemiar.., 271,34 Provinz Sachsen... 270,72 Pommern...... 270,61 Rcuy j. L...... 250,10 Reich ä. L...... 237,25 Brandenburg.... 232,76 Schlesien...... 206,95 Schwarzb.-SonderShausen 205,16 Posen....... 180,35 Bremen...... 172,53 Elsaß-Lothringen... 164,70 Hessen....... 162,29 Sachsen-Coburg-Gotha. 156,88 Hannover...... 154,85 Braunschweig.... 137,97 Württemberg..... 135,57 Baden....... 135,03 Schwarzburg-Rudolstadt. 128,59 Bayern....... 119,24 Sehen wir von dem verhältnismäßig kleinen Lübecker Gebiet und dem industriellen Sachsen ab, so zeigt sich, daß in den.Landesteilen, in denen die Viehzucht ganz be- sonders entwickelt ist— in Schleswig-Holstein und in Mecklenburg-Schwerin— die Tuberkulose der Rinder in geradezu besorgniserregender Weise grassiert. Wenn die Grenzsperre für Schlachtvieh und die Be- stimniungen der Schlachtvieh- und Fleischbeschau begründet werden mit dem Hinweis auf das kranke Vieh und das schlechte Fleisch des Auslandes, so ist das purer Schwindel. Kein anständiger Mensch wird das törichte Verlangen stellen, durch aufsichtslose Einfuhr den deutschen Viehstapel und die Volksgesundheit zu gefährden. Vieh und Fleisch könnten in der Höhe des Bedarfs eingeführt werden, ohne daß irgend- welche Gefahren für Mensch und Vieh dadurch herauf- beschworen würden. In der erivähnten Denkschrift soll nachgewiesen werden, daß eine Fleischnot im Reiche nicht existiert. Es ist vom Rcickisgesniidheitsamt festgestellt worden, daß auf den Kopf der Bevölkerung der Fleischverbrauch sich stellte: 1904 1905 ?.ZOö 52,05 Kilogramm 51,47 50,52 1907 1908 1909 52,93 Kilogramm 53,28 52,94 Freilich, so heißt es, müsse beachtet werden,„daß die vom kaiscrl. Gesundheitsamt verösfcntlichten FleüchverbraiichSzahlen sich nicht lediglich auf Muskelfleisch beziehen. Sie schließen auch einige Teile von Schlachttieren ein, welche für die eigent- liche Fleischvrrsorgung des Volkes nicht in Betracht kommen, nämlich gewisse Knochen und Fetttcile sinsbesondere die Knochen der Wirbelsnnle, des Beckens, der oberen Beine sowie daS Nierenfett, Rnckenfett und Banchfctt), die bei 0er Berechnung des Schlnchtgewichts mitgezählt zu werden pflegen. Außer acht gelassen sind hier dagegen die eßbaren inneren Eingeweide, wie Leber, Herz und Lunge". Während nun die„Eingeweide" auf 5 Proz. berechnet 1 wurden, schätzt das R.-G.-A. das Gewicht der bei dem Fleisch- konsum mitgerechneten Knochen und Fette auf 30 Proz., so daß von dem oben angeführten Durchschnittsverbrauch 25 Proz. — der vierte Teil— abgerechnet werden muß. Um dieses Weniger wieder auszugleichen, also ein besseres Resultat zu erlangen, läßt dann das R.-G.-A. bei seinen weiteren Be- rechnungen alle unter 0 und über 70 Jahre alten„Köpfe" außer Betracht. DaS sind rund 10 Millionen Menschen. In der Tat, das Bestreben der Behörden, die die agrarische Politik verteidigen wollen, ist sehr bedenklich, So weit geht das Reichsgesundheitsamt jedoch nicht, die Fleischteuerung zu bestreiten. Es kann nicht umhin, folgende Uebersicht bekanntzugeben: Vom Jahre 1900 bis zum Jahre 1910 erhöhte sich der Preis für 1 Kilogramm Kalb- Hammel- Schweine- Rind- fleisch fleisch fleisch fleisch bessere Qualität um 34,1 Pf. 33,3 Pf. 34,3 Pf. 28.7 Pf. geringere,. 35,4„ 34,9„ 30,4„. 21,3„ Kann nun ein Reichsamt unter der Herrschaft der Agrarier zugeben, daß diese exorbitante Preissteigerung verschuldet worden ist 1. durch das bedauerliche Unvermögen der heutigen Viehzüchter, den Bedarf zu decken; 2. durch die Zoll-, Grenz sperr- und sonstigen Bestimmungen? NeinI Deshalb schreibt das ReichsgesundheitSamt: „Die nussciiblickliche Fleifchtruerung ist wohl durch eine Reihe teils vorübergehender, teils dauernd wirkender Nnistäude vcr- ursacht." Sinnreicher hätte Karlchen Micßnick sich auch nicht ausreden können. Nun ist bekannt, daß das Reichsgesundheitsamt immerhin die relativ objektivste Reichsbehörde ist. Dem Verfasser der Denk schrift ist es wohl auch nicht ganz gleichgültig, ob der gute Ruf des Amtes leichtfertigerweise aufs Spiel gesetzt wird. Deshalb soll das Amt bis zu einem gewissen Grade saldiert werden durch folgende Bemerkungen: „Die in den Fahren 1905 bis 1910 erste? Halbjahr pro Kopf der Bevölkerimg Deinschlands und zwar die Personen im Alter von 6 bis 70 Jahren zur Berfügung gewesenen 50 bis 55 Kilo- gramm Fleisch sdas heißt Fleisch der Schlachniere, der Fische, von Geflügel und Wildbret) dürfen aber nicht ohne weiteres für die Brnrieilung der Ernährungsmöglichkeit einzelner Bevölkerungs- klassen benützt werden. Bon einem sehr großen Teile der Be» vöikerimg wird Fleisch nicht täglich gegessen, imd die weiblichen Perionen nehmen weit geringere Ouantilälen Fleisch und überhaupt an Nahrung(etwa"/r) zu sich als die Mänuer. Außerdem ver- zehrt die städtische Bevölkerung erfahrungsgemäß bedeutend größere Mengen Fleisch als die ländliche." Damit ist das Zugeständnis gemacht, daß die Durchs schnittsberechnung des Fleischkonsums auf den Kopf der Be> völkerung durchaus irreführend ist. Die wohlhabenden Kreise essen viel mehr Fleisch, als die Durchschnittsziffer angibt. Der schöne Schluß, zu dem die Denkschrift gelangt, lautet: „Ebensowenig wie die bestehende Flcischlcucrung zu einer Fleischnot bisher geführt hat, ebenso kann im Hinblick auf die vor- stehend dargelegten Gründe zurzeit von einer vorhandenen oder drohenden Unterernährung des deutschen Bolkcs im allgemeinen die Rede sein." Sollte man einen solchen Unsinn für möglich halten? Die Fleischteuerung hat bisher eine Fleischnot nicht hervor- gerufen! Sollte denn nicht den Gelehrten des R.-G.-A. der Gedanke gekommen sein, daß vielleicht umgekehrt die Fleisch- teuerung durch die Fleischnot hervorgerufen worden ist? lictftand oder üotflaiidsriiitiiiiel? Zwei gleichzeitig eingebrachte Interpellationen führten am DienS- tag im Reichstag zu einer lebhaften Debatte über die LebenS- mittelverteuerung. Die Sozialdemokraten gingen von der Ansicht aus, daß ein wirklicher Notstand im Lande besteht und fragten deshalb den Reichskanzler, was er zu tun gedenke, um diesen Notstand zu beseitigen oder doch zu mildern. Die Konservativen dagegen bestreiten, obgleich sie die Fleischleuerung zugeben, daS Bestehen eines Notstandes und suchen deshalb durch ihre Interpellation allen Maßregeln vorzubeugen, die auf eine Herabdrückung der Preise hin- wirken können. Sie tun da» natürlich„im Interesse der Land- Wirtschaft". Einer ihrer Redner, der badische Renommierbaner Rupp, prägte mit echt agrarischem Zartgefühl den agrarischen Gedankengang in den Satz um, es gebe keine Fleischnot, sondern nur einen Fleischnotrummel. So spitzte sich denn die Debatte zu auf dte Frage: Notstand ober NotstandSrummel? In eingehender Weife legte in Begründung der sozialdemokrati- schen Interpellation Genosse Emme! die tatsächlichen Zustände dar. Wie eine unleugbare Preissteigerung aller Lebensmittel zwar zn- nächst auf allgemein wirkende Ursachen zurückgeführt werden müsse, wie aber die künstliche Stelgerung der Lebensmittelpreise in Deutsch- land über den Weltmarktpreis hinaus durch die Zölle bewirkt werde. Dann komme beim Getreide außerdem noch hinzu die Aufhebung des Identitätsnachweises, beim Fleisch die unnötig strenge Grenz- sperre wegen Senchengefahr. Sehr eindrucksvoll gestaltete sich der durch ausgiebiges Material unterstützte Nachweis unseres Genossen, welche ungeheueren Kosten dem Volk die künstliche Steigerung der Lebensmittel auferlegt, und wie als Gegenordnung dazu sich eine Einnahmesteigerung gerade der reichsten Großgrundbesitzer, darunter viele Monarchen, Fürsten und Grafen ergibt. Emmel verlangte deshalb die Aufhebung der Zölle und die Oeffiiung der Grenzen für Fleisch und Bich. Sind doch in verschiedenen Orten bereits sehr günstige Erfolge mit der Einiubr argentinischen Fleisches erzielt worden. Zum Schluß fand er kräftige Worte gegen den LebenSmittelwucher des Bundes der Landwirts. Während der Rede EmmelS suchten die Agrarier auf der Rechten und im Zentrum ihre Gleichgültigkeit gegen den Notstand durch lauteS Schwatzen darzutun. Herr v. K r ö ch e r leistete sich noch eine Extrademonstration. Er setzte sich unmittelbar neben den Redner Expedition: 8M. 68, Lindcnstraosc 69« Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984» auf den Referentenstuhl und versank dann schleunigst, den Kopf auf die Brust gesenkt, in einen sanften Nachmittagsschlaf. Der konservative Redner Rupp, von dessen bündlerischen Schlagworten wir vorhin eine Probe gegeben haben, hatte eine einfache Erklärung für die„Fleischhetze". Sie sei eine„Fata Morgana" und der Sozialdemokratie erforderlich als Wahlmache. Er bestritt rundweg jedwede Not und tadelte die Zulassung auS- ländischen VieheS. Zur Beantwortung der Interpellation hatten sich der Staats- sekretär Delbrück und der neue preußische Laudwirlschaftsminister v. S ch 0 r l e m e r eingefunden. Beide stellten sich natürlich im- umwunden auf den agrarischen Standpunkt. Besonders der Spröß- ling des ZeittrumSführers v. Schorlemer-Alst suchte eS recht deutlich zu machen, daß Agrarisch Trumps ist. Er erntete starken Beifall bei den Konservativen, während das Zeniriim dem„Nationalkatholiken" gegenüber trotz voller Uebereinstimmung mit seinen Reden sich auf- fällig kühl verhielt. Sachlich war in der Rede beider Minister nichts enthalten, was nickt schon aus amtlichen Denkschriften oder agrarischen Leilariikeln bekannt war. Sie operierten mit dem Nachweis, daß der Fleischkonsum nur wenig gesunken sei in Deutschland und daß Seuchengefahr bei Oesfnung der Grenzen kür Fleisch bestehe. Herr Delbrück war in seinen Darlegungen wie immer der korrekte Bureaukrat. Herr v. Scliorlemcr war nicht minder korrekt, aber mit ausgesprochen aristokratischen Allüten. Seine Rede mutete an wie durchwachsener Speck: hinter jedem Wort eine Kunstpause. Dabei kleidet er die trivialsten Gedanken mit poniphaftcu Gesten in das festliche Gewand einer tiefsinnigen Offenbarung. So wenn er feierlich sagte:„ich will nicht untersuchen, ob es außer Fleisch nicht auch noch andere Nahrungsmittel gibt." Die große Heiterkeit, die auf der Linken durch diesen Orakelspruch ausgelöst wurde, wird der edle Freiherr hoffentlich als einen schönen parlamentarischen Erfolg buchen. Zweifellos erzielte er dann auch noch einige Ueberraschung, als er am Schluß seiner Rede ausrief, daß die Grenzsperre gerade im Jnteresje der Kleinbauern und Arbeiter aufrecht erhalten werde» müsse. In der Besprechung der Interpellation fanden die Minister» erklärungen natürlich volle Zustimmung des Herrn Herold vom Zentrum. Er pries die Einsicht seiner Pattei, weil sie sich bereits 1878 für Lebensmittelzölle ausgesprochen habe, er meinte, nur bei den Parteien der äußeisten Liukeit sei man noch so„rückständig", gegen Lebens- mittelzölle zu stimmen. Herr Staufser, seines Zeichens Gutsbesitzer aus der Pfalz und süddeutscher Bauernbündler, war eine verbesserte Auflage des Herrn Rupp. Dann wurde die Debatte auf Donnerstag vertagt. Zuerst gibt eS morgen die Wahl eines zweiten Bize- Präsidenten. ES scheint sich nämlich im SchnapSblock endlich ein Kandidat für den vom Prinzen Hohenlohe leergelaffenen Sessel gefunden zu haben._ fülle Bebel. Unfern August Bebel hat ein schwerer Verlust getroffen, der schmerzlichste, der ihn in seinem persönlichen Leben treffen konnte. Am Dienstagabend ist ihm in Zürich seine Frau ge- starben, die treue Gefährtin des großen Kämpfers, dem sie allezeit sein Heim zu einer Zufluchtsstätte des Friedens und der Erholung zu bereiten verstanden hat. Frau Julie war eine Leipziger Proletariertochter, die im Jahre 1866 Bebels Frau wurde. Seitdem hat sie alles Leid und alle Freuden mit ihrem Manne geteilt, die Schwierigkeiten der Anfänge, die wechsclvollen Schicksale des Aufstieges, die Siege und Triumphe der späteren Zeit. Frau Julie ist immer in allem stürmischen Wechsel dieselbe geblieben: die gütige, liebevolle Frau, die mit mütterlicher Sorge die Ihren betreute, die ihrem Manne eine gute und treffliche Gefährtin war, mit der er alles besprach und deren Urteil er so hoch stellte, daß ihre Meinung den Raschen und Temperamentvollen stets zu neuer Prüfung ver- anlaßte, wenn sie von der seinen abwich. Und jene Güte und liebevolle Sorgfalt, die den Grundzug ihres WescnS bildete, übertrug die sorgende Frau auf alle, die das Glück hatten, ihr näher zu treten. Und viele waren es. Denn Frau Julie war. wie es ja auch nicht anders sein konnte, ein Stück Parteimutter, und alle, die zur Partei gehörten, gehörten auch ein wenig zu ihr, durften ihren Rat und ihren Bei- stand— und nie vergeblich— erbitten. Wo sie helfen Rinnte. half sie, und wo sie es nicht konnte, wußte sie zu trösten und zu lindern. Ihr Urteil war stets milde und immer suchte sie versöhnend und schlichtend zu wirken. Diese sanfte und zärtliche Frau war die glücklichste Er- gänzung ihres feurigen und temperamentvollen Mannes. In einer langen, glücklichen Ehe sind diese beiden so wert- vollen Menschen innig zusammengewachsen. Bebel selbst hat uns gesagt, was ihm diese Frau gewesen ist. „Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im Kampfe liegt, ist es nicht gleich- gültig, wcs Geistes Kind die Frau ist, die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemnis für denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu der ersteren Alasse. Meine Frau ist die Tochter eines BodenarbetterS an der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ick, habe meine Ehe nie zu bereuen gehabt. Eine liebe- vollere, hingehendere, allezeit opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt. bis ihr endlich die Sonne ruhigerer Zeiten schien." Man kann nicht einfacher, aber auch nicht liebevoller und inniger urteilen. Nun hat der Tod getrennt, was unzertreun- lich war. Und ein schweres und trauriges Sterben ist es ge- Wesen, das eine tückische Krankheit dieser lieben und guten Frau auf monatelangem Schmerzenslager bereitet hat. Alle, die sie gekannt, werden den großen Schmerz in innigster Teilnahme begreifen, den der unersetzliche Verlust August Bebel bereitet. Das deutsche, das internationale Proletariat entbietet in diesem schmerzlichen Augenblick seinem greisen, schwergeprüften Vorkämpfer seinen ehrfurchtsvollen, teilnahmsvollen Gruß. Aber August Bebel ist nicht nur Privatmann und gehört nicht nur seiner Familie, nicht nur seinem persönlichen Erlebnis. Er gehört uns, gehört dem Befreiungskampf der Menschheit. Und wenn es in diesen schweren Stunden einen Trost gibt, so ist es der, den die Pflicht der großen Aufgabe ihm zuruft, Menschenlcid zn vergessen und zu überwinden in dem ge- Waltigen Kampfe, in dem er Führer und Vorkämpfer ist. Reich ist das Leben August Bebels, denn sein Inhalt ist die Geschichte der deutschen Arbeiterklasse, und reich ist das Leben Julie Bebels gewesen, dessen Inhalt das Leben ihres Mannes war. Die Beerdigung Julie Bebels findet Freitag nachmittag zu Zürich in aller Stille statt._ Die Schlacht gegen die englischen „llufrichrer". Die Mittwoch-Sitzung des Moabiter Prozesses war fast ganz einem der bekanntesten Stücklein der.ruhigen" Schutzleute des Herrn Polizeipräsidenten und des Herrn Majors Klein gewidmet. Die Geschichte der vier englischen Journalisten, die die Säbel der preußischen Polizei zu kosten bekamen, als sie den„Kriegsschauplatz" zu Moabit im Automobil bereisten, ist durch die Zeitungen der ganzen Kultnrwelt gegangen. Sie hat's verdient, nicht daß sie von einem Fall besonders großer, außergewöhnlicher Brutalität handelt, nicht daß die Affäre eine Ausnahme darstellte; hunderte deutscher Staatsbürger find ähnlich und schlimmer mißhandelt worden— ebenso grundlos wie die Korrespondenten der britischen Presse. Was dem Fall der Herren die große Beachtung verschafft hat, Ist der Umstand, daß die bürgerliche Presse ihn nickt einfach totschweigen konnte, da eS sich bei diesem Malheur doch um Fleisch von ihrem eigenen Fleisch handelte, und schon aus dem Beruf und der Stellung der Miß- handelten sich ergab, daß sie keine Handlungen begangen hatten, die irgend einen Vorwand zu der Polizeiattacke hätten geben können. Aus diesem Grunde, weil hier die bequeme Ausrede, daß die Be- troffenen durch ihr Verhalten den Schutzleuten Anlaß zum Vorgehen mit der Waffe gegeben hätten, selbst in den Augen der Polizei- frömmsten Kreise nicht verfangen konnte, für die sonst jede noch so unwahrscheinliche Polizeibehauptung ein Evangelium ist, war dieser Vorfall für die Polizei und die Negierung besonders unangenehm. Schwer fiel inZ Gewicht, daß der Eindruck im Auslande ein äußerst ungünstiger war und der Oeffentlichkcit überall die zlvingcnde Folgerung aufgedrängt wurde, daß Schutzleute, die also topf- los über friedliche Journalisten herfallen, auch sonst der Selbstbeherrschung und Umsicht völlig ermangelt haben müssen. Deshalb die wahrhaft grotesken Versuche des Polizeiprüsi- deuten, die Beschwerdeführer zu beschwichtigen, ohne die Schutz- leute preiszugeben. Versuche, die in ihrer Hilflosigkeit die Polizei noch ärger bloßstellten, als es ein unumwundenes Eingeständnis der Schuld hätte tun können. Dabei brachte die Polizei es nicht einmal fertig, die übliche Methode der Verdächtigung der Beschwerde- führ« zu untcrlaffen— wagte der Herr Polizeipräsident dergleichen in seinem direkten Verkehr mit den Herren AuslaiidSjournalistcn auch nicht zu tun, so wurde eS doch Polizei offiziös versucht, indem man in die Presse, die Inspirationen der Polizei zugänglich ist, Dar- stellungen lancierte, wonach die englischen Korrespondenten zum mindesten durch auffälliges Gebaren, durch Acußerungen der Sym- pathie für die„Aufrührer" Anlaß zu Verdacht gegeben hätten. Durch den Prozeß ist jetzt die Möglichkeit gegeben, der Sache aus den Grund zu gehen. TaS Ergebnis ist eine Blamage der Polizei, die durch nichts mehr zu vertuschen ist; ein wahrhaft ver- nichtender Schlag wider das süße Märchen von den Schutzleuten, die im feindlichen Stein- und Kugelhagel, im Kreuzfeuer der Revolver und der Beschimpfungen wahrhast olympische Ruhe und Sanft- mut bewahrten. Wenn das Erlebnis der englischen Journalisten nicht beweist, daß der Polizei in Moabit alsbald jede Besonnenheit verloren ging, daß sie blindwütig ihren Säbel schwang über Gerechte und Ungerechte, daß ihre„Nuhestiftung" eine ernste Gefahr für die harmlosestcii Straßenpassanten war. daß die überreizten Polizisten selbst über vereinzelte Menschen mit Berserkerwut herstürzten, so können die sonnenklarsten Tatsachen nicht bewiesen werden. Ein eigentümlicher Unstern hat nach der Darstellung der Polizei über den Insassen des bewußten Automobils geschwebt. Ein Polizeileutnant war in der Nähe, ein Kriminalwachtmeister und ein uniformierter Wachtmeister standen gleich am Gefährt selbst. Die beiden wollten baS Automobil weghaben; der eine meint, eS hätte vielleicht die Bewegungen der Polizisten stören können— die Straße ist dort sehr breit!—, der Kriminale witterte Führer des Aufstandes da ihm daS Märchen der OrdnungSprcffe, bei den Wahlrechts- demonftrationen hätten Führer von Automobilen aus die Masten ge- leitet, im Kopf spukte. Beide aber haben keinen Befehl zum Ein- hauen gegeben, und haben eS ebenso wenig hindern können wie der Leutnant. Die Säbelattacke ist ganz auS Eigenem von den Schutzleuten unternommen worden. Bon diesen Beamten ist einer vernommen worden und dieser eine hat den rettenden Stein an seiner Brust- gespürt. Und da dieser mysteriöse Stein nun— der, da die Insassen als Werfer ausscheiden und da auf der Straße in der Nähe des Fahrzeuges keine Personen waren, aus dem Kleinen Tiergarten herübergcflogen sein soll— doch etloaS fragwürdig erscheint, so hat der Schutzmann Wenzel auch noch bemerkt, daß sein Kollege durch einen der In- sasien des Automobils bedroht erschien, weil dies« gefährliche Mensch sich erhoben hatte, mit den Armen gestikulierte und— in die Tasche zu greifen im Begriff schien, natürlich um eine Waffe zu ziehen. Diese letztere Angabe ist, wie der Verteidiger Heine scharf hervorhob, ein alter Bekannter in SchutzmannsauSsage», wenn sonst keine Tatsachen vorhanden sind, die dafür sprechen, daß der Beamte bei tätlichem Vorgehen in Notwehr gehandelt hat. Ein alter Be- kaimtcr, der aber nur wenig Kredit genießt. Er kann in diejein Falle ganz gewiß die Situation für die Polizei nicht retten. Die Schlacht gegen die englischen.Aufrührer" haben Schutz- mann Wenzel und Kameraden gewonnen, dem Polizeipräsidium aber haben sie mit diesem Sieg eine böse Niederlage bereitet, deren ganze Größe jetzt auch gerichtlich festgestellt ist. Das ist das Ergebnis des TageS, mit dem die Verteidigung sehr zufrieden sein kann. Zumal auch jene Aussagen, die sich nickt direkt auf die Autoaffäre bezogen, den Eindruck des Haiiptstücks nur verstärken konnten. Die Anklagebehörde hat wieder eine Schlacht verloren. Das Gericht aber hat zwei Fragen abgelehnt, die die Verteidigung für notivendig hielt. Deutet daS auf eine Verschärfung des Kurse»? Die Verteidigung wird sie auSzuhalten wissen! Politische deberfokt. Berlin, den 23. November 1910, Ter Arbeitsplan des Reichstages für die nächsten Tage ist folgender: Zunächst werde» die vorliegenden Interpellationen be- sprachen werden und die erste Lesung des Kurpfuschergesetzeö vor- genommen werden. Am Montag oder Dienstag soll die erste Lesung des Sch'ffahrtsabgabengesetzeS begonnen werden, für die man drei Tage in Aussicht genomnien hat. Eventuell soll in der nächsten Woche noch ein Schweriiistag abgehalten werden. Daran wird sich die erste Etalsberatung anschließen._ In der Fraktionssitzung vom 23. November wurden als Hauptredner zum Etat die Genossen Scheidemaun und David bestimmt, zu der Interpellation der Frei- sinnigen, die Beamtenverstckerung betreffend, soll Genosse Robert Schmidt reden; zu dem Antrag Könitz, Niedergaug des Handwerks behandelnd, Genoffe Brühne. In die Koimnisston betreffend das Gesetz zur Beseitigung von Tierkadavern werden die Genossen Brey und Leber delegiert. Zur Zentrumsinterpellation über die Rebschädlinge wird Genosse Huver als Redner bestimmt, während zum Kurpfuschergesetz Genosse Zietsch als Redner vorgesehen ist. Ein wenig begehrter Popen! Die Besetzung der zweiten Vizepräsidentenstelle im Reichstage wird im schwieriger. Keiner der Abgeordneten der Reichspartei ver- spürt sonderliche Neigung, den Lückenbüßer zu spielen und bis zur ReichStagsauflösung als AuShilsS-Vizepräsident zu fungieren. Auch Herr v. Dirlseu, den die Reichspartei wegen seiner hervorragenden geistigen Qualitäten zu diesem Ehrenposten auSersebeu hatte, mag nicht. In dieser Verlegenheit scheint die Reichspartei eS für be- sonders klug gefunden zu haben, sich auss hohe Pferd zu setzen und großmütig den Nationalliberalen die Besetzung des zweiten Vize- Präsidentenposten anheimzustellen. Die NeichSpartci hat nämlich folgenden schönen Beschluß gefaßt: „Nach der Auffassung der RcichSpartei wohnt der Wahl des zweiten Vizepräsidenten des Reichstages zurzeit keinerlei Bedeutung bei. Es würde demzufolge auch nach der in solchen Fällen bisher üblichen Regel zu verfabrni sein, daß die Stärke der Fraktionen den Ausschlag gibt. Daher würde die Besetzung der Stelle des zweiten Vizepräsidenten zunächst den Nationalliberalen und, sofern diese ablehnen, den vereinigten Fraktionen der Linken zukommen. Von dieser Auffassung der Reichspartei sind die anderen Fraktionen verständigt worden." Einen Zweck hat dieser Beschluß natürlich nicht; und tatsächlich ist denn auch die Reichspartei in aller Stille bemüht, unter ihren Geistesgrößen jemand zu finden, der für einige Zeit Vizepräsident spielen möchte. Gestern meinte sie in dem Abg. Schultz-Bromberg, der erst seit 1307 dein Reichstage angehört, die gutmütige Seele gefunden zu haben, die sich zur würdigen Vertretung des Aintcs eignet; doch auch dieser mag nicht. Vielleicht gelingt eS aber doch noch, einen reichspartcilichen Anwärter zu finden. Tie Einfuhr von Schlachtvieh aus Frankreich. Nach dem offiziellen Bericht der Direktion des Mannheimer Schlacht- und Vieh hofeS war die Zufuhr französischen Schlachtviehs auf dem letzten Montagsviehmarkt besser als am vorletzten Markttag vor acht Tagen. Während am vorletzten Montag nur insgesamt 22 Stück Großvieh französischer Herkunft auf dein Markt aufgetrieben wurden, betrug der Auf- trieb diesmal(bei einem Gesamtauftrieb von 1073 Stück) 143 Stück. Darunter befanden sich 50 Ochsen, 43 Farren und 43 Rinder. Dir Qualität des eingeführten Schlachtviehs war hervorragend. Trotzdem standen die Preise unter denjenigen, die für einheimisches Schlachtvieh gezahlt werden mußten. Während der Preis für Ochsen höchsten SchlachtivertS im Gcsamtdurchichnitt 83 bis 92 Pf. pro Pfund Schlachtgewicht betrug, war der Preis für französische Ochsen 80 bis 90 Pf. Eine noch erheblichere Differenz zeigt sich bei den Preisen für ausgemästete Ochsen im Alter von 4—7 Jahren. Hier beträgt der Gesamtdurchschnitt 86—90 Pf., für französische» Vieh 80—84 Pf. Für Farren betragen die Preise: Gesamtdurchschnitt für 1. Qualität 80—82 Pf., iür französische Farren 72—76 Pf. Gesamtdurchschnitt für zweite Qualität 70—78 Pf., für französische Ware 68—70 Pf. Bei den Rindern, die nur in erster Qualität au-Z Frankreich eingeführt wurden, betrug der Gesamtdurchschniitspreis 84—88, für französische Ware 73—82 Pf. Die Preisdifferenz zwischen dem Gesamtdurchschnitt und dem Preis für französisches Schlachtvieh beträgt also 2—3 Pf. pro Pfund Schlachtgewicht. Dieser Bericht widerlegt auf baS schlagendste die Behauptung der agrarischen Preffe, die da erzählte, daß Frankreich kein brauch- bares Schlachtvieh liefern könne und die Oeffuung der Grenzen des- halb den Schlachlviehmarkt nicht beeinfluffen werde. » Gegen die Flcischnot richtete sich eine große Protestkundgibung, die am Sonntag von den Genosse» in Fraulfurt a. M. veranstaltet wurde. In zehn zahlreich besuchten Versammlungen erhob die Frankfurter Nrbeitersckasl Ein» spruch gegen das System der Vieh- und Fleischzülle und schilanöien Grenzsperren. In samtlichen Versammlungen wurde folgende Rcso- lutio» angenommen: Die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit unseres werk- tätigen Volkes ist die Hanptbediiiaung für das Fortschreiten unseres wirtschaftlichen und kulturellen Levens. Sie wird aber aufs schwerste beeiuträchiigt durch die vom Lohnsystem herbeigeführte und durch die steigende Fleischteuerung»ers-värfte Unterernährung der breiten Massen. Die agrarische Schutzzollpolitik des Deutschen Reichs befördert diese Unterernährung, um den Großgrundbesitzern und Vieh- Züchtern ungemcsjcnc Gewinne zu sichern und die Arbeiter gleich- zeitig im Zaume zu halten. Gegen dieses schmachvolle AuShungerungS- und UnterdrückungZ- fystem rufen die Tausende von Frauen und Männern von Frank- furt a. M., die sich am 20. November 1910 zusammengefimden haben, die Massen zum entschloffenen Widerstand und Kamps auf. Sie erwarten vom Reichstage, daß er unverzüglich energische Maßnahmen, wie Oeffmmg der Grenzen, Aufhebung der Lieh- und Getreidezölle und Beseitigung der Schikanen bei der Vieheinfuhr, von der Reicksregierung verlangt. Die Versannuelten erklären, daß die Vorbedingung zur sieg- reichen Durchführung der wirtschaftlichen und politischen Kämpfe eine gute Organisation ist, und verpflichten sich deshalb, zur Stärkaug der sozialdemokrattschen Partei mit allen Kräften bei- zutragen._ Der Pariser Viehmarkt und die Viehausfuhr nach Teutschland. Da?„Echo de Paris" bestätigt, daß infolge der Erleichterung der Vieheinfuhr nach Deutschland das Auskaufen von französischem Vieh aus den Pariser Märkten derart lebhaft ist, daß die Preise bereits stark i» die Höhe gingen. Am letzten Donnerstag allein seien mehr als 1200 Rinder für Deutschland gekauft worden. Bor- gester»(Montag) eine noch größere Zahl. Die Preise seien deshalb um 80—120 Franks pro Stück gestiegen. Infolgedessen sei eine Ver- teuerung des Fleisches in Paris zu befürchten und die Regierung habe die Verpflichtung, Maßregeln dagegen zu ergreifen. Landtagswahl i« Reuh j. L. Am Montag, den 23. November, finden in Reuß j. L. die Neuwahlen zum Landtage statt. Der Landtag besteht au» 16 Ab- geordneten; davon ist ein Mandat fürstlicher Erbsitz, drei Abgeord- »ete werden von der Klasse der Höchstbesteuerten(Personen mit einem Einkommen von über 5000 M.) gewählt und 12 Abgeordnete gehen auS allgemeinen, gleichen und direkten Wahlen hervor. Der Wirrwarr im bürgerlichen Lager ist sehr groß; bis heute, wenige Tage vor der Wahl, haben die Natioualliberalen in der Stadt Gera, die drei Wahlkreise mit je einem Abgeordneten bildet, noch keine Kandidaten nominiert, ebensowenig die Höchstbesteuerten. Unsere Genossen haben den Wahlkampf mir aller Energie aufgenommen. Sie rechnen bestimmt nicht nur auf eine beträchtliche Zunahme der Stimmen, sondern auch aus die Eroberung einiger Mandate. Bisher saßen nur drei Sozialdemokraten im Landtage. Ter„Fettkellerklub". Vor dem Kriegsgericht der 1. Marineiuspektion in Kiel spielte sich Ende voriger Woche drei Tage lang ein Prozeß ab. der die so viel gerühmte Ordnung in den militärischen Betrieben, besonders die Aufsicht, in einem seltsauien Lichte erscheinen ließ. Jahrelang haben gewissenlose Vorgesetzte die Mannschaftsküche der 1. Torpedodivision in Kiel b e st o h l e n. so daß die Mannschaften um einen Teil ihres Essens geprellt wurden. Trotzdem dieser„Usus" mehrere Jahre betrieben wurde, und die ganze Mannschaft darüber erregt und aufgebracht war, ist keiner der höheren Vorgesetzten da- hinter gekommen. Nur durch einen Zufall kamen die Spitzbübereien zur Meldung. Ein Obermaat wollte einen Handwerker melden, weil sich dieser einem anderen Obermaaten gegenüber unmiliiärisch benommen hatte. Der Handwerker entgegnete, er wolle gerade erreichen, daß er gemeldet werde; dann kämen ja doch endlich einmal alle Schweinereien an den Tag, die Mannschaft dürfte ja doch nicht riskieren, die Sache zu melden. Dadurch wurde der Obermaat auf die Geschichte auf- merksam gemacht. Er meldete sie dem Zahlmeister und dieser sie wieder dem Kompagnieführer. So kamen die Feldwebel Bergmann, Mongener, Simon, der Vizefeldwebel Bornemann, der Torpedo- obermaschinistenmaat Stuff und die TorpedooberbootSmannsmaaten Heitmann, Mrowitz und Schäfer als Angeklagte vor das Kriegsgericht. Stuff war Kücheuunteroffizier. Die Zahl der aus der Küche zu ver- pflegenden Mannschaften betrug mitunter 800. Die Angeklagten haben fast täglich im Zimmer deS Angeklagten Stuff morgens, mittags und abends gegessen, trotzdem sie außer Menage waren. Die Lebensmittel kamen au» der Mauuschastsküche und wurden von den Köchen der Küche zubereitet. Außer- dem wanderten Fleisch, Reis. Zucker, Kaffee. Kakao, Korncdbeef, Pökelfleisch, Brot, Butter usw. in die Wohnungen der Angeklagten. Heitmann war Kammerunteroffizier und ließ außerdem alte und neue Uniform» stücke, Wäsche usw. wegschaffen und verkaufen. Vor Gericht behaupteten Stuff und Heitmann, die weggegebenen Sachen seien übergejpart gewesen. Heitmann behauptete sogar, die Vorgesetzten sähen eS nicht gern, wenn übergesparte Sachen auf der Kammer ständen. Ein als Sachverständiger vernommener Oberzahlmeistcr sagte jedoch auS. daß von übergesparten Sachen keine Rede sein könne. Die für die Küche bestimmten Waren würden, nach der Kopfzahl berechnet, täg- lich bestellt. Die Mannschaften waren von den an ihnen begangenen Dieb- stählen vollständig unterrichtet und nannten die auf ihre Kosten herrlich und in Freuden Lebenden den„F e tt ke ller klub". Die Zeugen, noch im Dienst befindliche und auch schon entlassene Matrosen, belaste» die Augeklagten schwer. DaS Mannschaftsessen sei immer schlechter geworden. Bei zusainmcngckochtem Essen bekamen fünf Mann soviel Fleisch, als eigentlich einer be- kommen sollte. ES habe sogar öfter gar kein Fleuch gegeben. Die aus der Haudwcrkcrstube beschäftigten Matrosen gingen deshalb schon gar nicht mehr zum Essen, sondern kauften sich selbst was, weil sie als Handwerker etwas nebenbei verdienten. Andere Matrosen er- zählten, daß sie Körbe und Kisten zu den Augellagten hoben bringen müssen. In den Kisten sollten angeblich Küchcnabfälle zum Kanincheufutter sein. Als ein Matrose einmal neugierig war und in die Kiste schaute, sah er darin Fleisch, Kakao. Kaffee usw. DaS Gericht verurteilte sämtliche Angeklagten außer Bornemann. Wegen Diebstahls, wissentlich falscher Meldung und Mißbrauch der Dienstgewalt erhielt Heitmann 10 Monate Gefängnis und Stuff 3 Monate Gefängnis. Heitmann wurde außerdenr degradiert und in die zweite Klaffe des SoldatenstandeS versetzt. Wegen Hehlerei er- hielten Bergmann 14 Tage. Monge»«, Simon, Mrowitz je«ine Woche Gefängnis, Schäfer 3 Tage Gefängnis. Bornemann wurde freigesprochen._ Sozialdemokvatic und Winzerfrage. Anläßlich der Stellungnahme der drei Sozialdemokraten im oberelsässische» Bezirkstage, die es abgelehnt haben, für die von klerikaler Seite beantragte gänzliche Steuer- befrei nng aller Rebbesitzcr ohne Unterschied dcL Einkommens im gegenwärtigen Jahre der Mißernte zu stimmen, ist von der klerikalen Preffe im Oberelsaß eine ganz beispiellos ver- logene Hetze gegen die angeblich bauernfeindliche Sozialdemokratie inszeniert worden. Der Sozialdemokratische Berein Mülhausen nahm am Montagabend nach einem Referate des BezirkStagsmitgliedeL Genossen A. W i ck h über die Verhandlungen des Bezirkstages zu diesen Angriffen Stellung und erhob schließlich einmütig den folgenden, vom Genoffen Jean Martin vorgelegten Antrag zum Beschluß: „Die Versammlung de» Sozialdemokratischen Vereins Mül- Hausen billigt die Haltung der sozialdemokratischen Vertreter iin oberelsäisischen Bezirkstag. Sie erkennt an, daß in der von klerikaler Seite zum Gegenstand einer demagogischen Hetze ge- machten Winzersrage die aus rein demagogischen Gründen be- antragte Steuerbefreiung nicht nur der notleidenden Winzer, sondern auch der großen Weinbergbesitzer ä. la Ostermeyer und Schlumberger abzulehnen war. Die Versammlung hätte gewünscht, daß� ein förmlich« Antrag dahingehend gestellt wurde, mit der Steuerbefreiung e t w'a bei einem GesamtjcihreSeintommen Don 5000 SK. Halt zu machen. Die Versammlung stellt aber fest, dah die sozialdcmo- kraliiGen Abgeordneten im oberelmssischei, wie im unterelsäisischsn Bezirkstag siir die prozentuale sofortige Herabsetzung der Ertrags st euer bei den Rebleuten gestimmt haben. Die klerikale Verhöhnung des Aiurageö ans Besckäftiguiig notleidender Winzer bei staatlichen und kommunalen N o t st a n d S- a r b e t't e n als»sibirische Zwangsarbeit" weist die Versammlung als heuchlerisch und lächerlich zurück mit der Feststellung, daß auf dem Lande cbeusowenig wie in der Stadt irgend eine Nötigung zu solcher Beschäfligung staitfiiideii sollte. Agitatorische Ueberireibungen solcher Art stehen am wenigsten der Z e n t r u in s p r e s s e an, deren Partei durch die Zustimniung zu den immer ungeheurer an- wachsenden Militär- und Marineausgaben und zu den damit zufammenhäiigenden, alles verteuernden Zöllen und indirekten Steuern den«ogeiiannten Mittelstand einschliejilich der Winzer mehr und mehr in Not und Elend stürzt und dem ganz- lichen Ruin überantworiet.— Die heuchlerische, beispiellos ver- logcne Hetze der Zenirumspresse in der Winzersrage macht eS erklärlich. daß bei der Abstiminuiig über die Einstihrung der Oessentlichkeit der BezirkStagSverhandlungen der einzige Vertreter der Zentruinspresse im Bezirkstag, Abb« Dr. Haegy in Colmar, gegen die Oessentlichkeit gestimmt hat." Die Partei wird die klerikale Hetze zum Anlaß für eine energische AufklärungSkampagne in den schwarzen Winzergebieten des gegen- wärtig noch von dem Zentrumsabgeordneten Hauß im Reichstage vertretenen Wahlkreises G e b w e i l e r nehmen. Herr Hauß erwartet von der Wahl so wenig GuteS, daß er in einer am letzten Sonntag in dem Winzerorie I s e n h e i in bei Gebweiler stattgesundenen katholischen Bürgerversaiiimluiig, wo er über seine Tätigkeit Bericht erstattete, die Verantivortung für die Steuermache des schwarzblauen Blocks abzulehnen versuchte und erklärte, eS sei bedauerlich, daß nicht endlich in Deutschland «in Minister vor Wilhelm II. hintritt mit deit Worten: Genug der Rüstungen!_ Sonderbares aus Moabit. Wie uns mitgeteilt wird, spielt sich im Zuhörerraum des Gerichtssaales, in dem der Moabitcr Prozeß verhandelt wird, tagtäglich ein eigentüniliches Scksauspiel ab. Auf einer der Zuhörerbänke Pflegen mehrere Herren von jencni Aussehen Platz zu nehmen, das von einem der ausländischen Journa- listen als jenes undefinierbare aber gleichwohl unverkennbare Etwas bezeichnet worden ist, an dem man den deutschen Kri- niinalschutzmann mit Bestimmtheit zu erkennen vermöge. Einer der Herren macht während der Zeugenvernehmungen eifrig Notizen, die er dann von Zeit zu Zeit einem seiner Nachbarn zusteckt, der mit dem Zettel dann verschwindet. Was mit den so eifrig zu Papier gebrachten und so geheimnis- voll weitcrgcschickten Notizeir geschieht, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir glauben indes, daß die Betreffenden alle Ur- fache hätten, ein derartiges auffälliges lind allerhand Ver- inutungen Raum gebendes Gebaren einzustellen, bevor der Vorsitzende Veranlassung nehmen müßte, sich nach dem Zweck dieses eigentiimlichen Juformationsbetriebs zu erkundigen. Wie geschwindelt wird! Die freisinnige.Zittauer Morgeiizcitimg" erzählt eine lange Geschichte über sozialbemokratische Theorie und Praxis, die mit Be- Hagen von der ganzen Reichsverbandspresse, auch der freisinnigen, abgedruckt wird. ES handelt sich um eine Frau, die für ein Bezugs- gilellen-Verzeichnis der sozialdemokratischen„Zittauer BolkSzeitung" ein Jahresinserat aufgegeben hatte und der Annahme war, das Inserat koste nur 1 M., während ihr dann eine Rechnung über 156 M. zugesandt wurde. Versuche, von der Zahlung der ISO M. eiitbiinden zu werden, scheiterten, trotz der Bemühungen des Redakteurs der„Zittauer VolkSzeitung" und daraus wird nun sofort gefolgert, daß sozialdemokratische Blätter Inserate zu ergattern ver- suchen und dann herzlos und rücksichtslos die Gelder eintreiben, auch wenn Unbemittelie in Frage kommen. Die ganze Geschichte ist wieder einer jener plnmpen Schwindel, wie sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit immcr und immer wieder gegen die Sozialdemo- kröne in Szene gesetzt werden. Die Inserate für das Bezugsquellen- Verzeichnis werde» nämlich durck, ein Jnseratenburean gewonnen, das mit der Sozialdemokratie nicht das Aller minde sie zu tun hat. Die sozialdemokratische Zeitung befindet sich in diesem Falle lediglich in der Rolle eines Druckers, der dem bürgerlichen Jnseratenburean gegen- über einen Druckauftrag auszuführen hat. Die„Zittauer Volkszeitung" erläßt in der Angelegenheit folgende Erllärung: „Zum Bezugsquellen- Verzeichnis machen wir darauf olifinerksam, daß der Verlag der, VolkSzeitung" nicht der Unternehmer dieses Verzeichnisses ist. Die„VolkSzeitung" führt lediglich den Jnferatenauslrag auS, den sie von der Firma Ulbricht in Dresden wie von jedem anderen Inserenten erhält. Beschwerden aller Art bitten wir daher a» die Firma Ulbricht in Dresden zu richten. Wir sind aber zur Ueber- initttelung der Beschwerden bereit, bitten auch, sie durch unsere Hände gehe» zu lassen, damit wir von ihrem Inhalte unter- richtet sind. Wir fügen dem noch hinzu, daß da? BezugSquellenverzeichniS ein rein p'rivgteS Unternehmen ist, wie jede andere Annoncenexpeditio» und mit der sozialdemokratischen Partei nicht da« geringste zu tun hat. Die Annoncen» expedition wird sich sehr dagegen verwahren, als sozial- demokratisches Unternehmen bezeichnet zu werden. ES ist dasselbe Unteniehnien, das die Inserate sür dcii Theater- zettel akquiricrte, der in der Druckerei der fortschrittlichen„Ziltauer Morgenzeilung" hergestellt wird. Sofern die Alquisiteure mit unlaiiteren Mitteln gearbeitet haben, werden die ordentlichen Ge- richte den Vertrag für ungültig erklären. Nach Prüfung aller Um- stände werden ioir zu der Angelegenheit endgültig Stellung nehnien und darüber den Jnteresiemcn Mitteilung machen. Der Verlag der VolkSzeitung." Fn Gnaden aufgenommen. Die Zenirumsfraktion hat nach einer langen Sitzung, in der die Geister heftig aufeinanderaeplatzt sein sollen, beschlossen, den neugewählten Abg. Pros. Spahn, den Sohn des 1. Vizepräsidenten des Reichstages, als Mitglied auszunehmen. Gegen die Schiffahrtsabgaben. Tie Wiesbadener Handelskammer nahm in ih.cr heutigen Sitzung Stellung gegen den Gesetzentwurf betr. die Schisfahrts- abgaben, den sie als eine schwere wirtschaftliche Schädigung insbesondere der daniederliegenden Rheinschissiihrt, der am Rhein und Main angesiedelten Industrie und der wirtschaftlichen Entwickclung ansieht._ Schweiz. Der Proporz auf dem Vormarsch. Zürich, 22. November./-». 24. November 1910. Reichstag» 84. Sitzung, Mittwoch, den 23. November, ncichmittags l Uhr. Am BundeSratstisch: Delbrück. Eingelaufen sind zwei vom Zenirum und den Nationalliberalen gestellte Jnterpellaliouen über die Reblausgefahr. Aus der Tagesordnung stehen zunächst die Interpellationen über die Fleischteuerung. Die Interpellation A l b r e ch t(Soz.> u. Gen. lautet: „Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um der die Bolksgesundheit schwer gefährdenden Lebensmittelteue rung zu begegnen?" Die Fassung der Interpellation v. Normann(k.) ist die folgende: „Es ist in den letzten Monaten eine bemerkenswerte und be- dauerliche Verteuerung des Fleisches in vielen Städten ein- getreten. Ist der Herr Reichskanzler bereit: 1. Gegenüber dem in Zusammenhang damit in letzter Zeit dielfach hervorgetretenen Verlangen nacb Oeffuung unserer Grenzen für eine vermehrte Vieheinfubr die schweren Gefahren darzulegen welche die Erfüllung dieses Verlangens a) für die deutsche Vieh� zucht im allgemeinen, b) für die Aufreckterhaltung des Veterinär- schutzes und o) für eine nachhaltig ausreichende Fleischversorgung des deutschen Volkes mit sich bringen müßte? 2. Welche Maßnahmen hält der Herr Reichskanzler für möglich, um der bedauerlichen Steigerung der Kleinhandelspreise von Fleisch in den Städten zu begegnen? 3. Ist der Herr Reichskanzler in der Lage, eine vergleichende Uebersickt über die Kleinhandelspreise von Fleisch in den wichtigsten Ländern Europas vorzulegen?" Staatssekretär Dr. Delbrück erklärt sich zur sofortigen Beant Wartung beider Interpellationen bereit. Zur Begründung der sozialdemokratischen Interpellation erhält das Wort Abg. Emmel: Wir fragen den Reichskanzler, was er zu tun gedenkt, um der Lebensmittelteuerung, welche die Volksgesundheit schwer schädigt, zu begegnen. Wir behaupten, daß gegenwärtig ein Not st and be st e b t, der durch die Lebensniittelteuerung, die sich überall geltend macht, noch erbeblich verstärkt wird. Jetzt im Winter haben wir eine regelmäßige Arbeitslosigkeit zu verzeichnen. Darüber hinaus leidet die Arbeiterschaft unter den Nachwirkungen der Krise. Während dieser Krise, welche so schwer aus der Arbeiter- schast lastete, hat das GroßkapilaI sehr erhebliche Profite eingeheimst Zu dem Notstand bei der Arbeiterschaft kommt ein solcher beim Mittelstand. Der gewerbliche Mittelstand leidet durch den schlechten Geschäftsgang, die kleine» Bauern und die kleinen Winzer sind im Sommer durch Naturereignisse und durch eine Mißernte geschädigt. Der Notstand infolge der Lebensmittelverteuerung ist auch längst von der Regierung und dem Reichstag anerkannt, das beweist allein schon die Erhöhung der Beamtengehälter im Reiche, den Einzelstaatcn und den Gemeinden. Bis in die höchsten Kreise hinein sind diese Lohnbewegungen ge> gangen und auch der König von Preußen ist in eine solche eingetreten und hat durch Vermittelung seiner Minister, während er bis dahin pro Tag, das Jahr zu 3<)v Arbeitstagen ge rechnet, nur 52000 M. bezog, eine Erhöhung auf 64 000 M. pro Tag erreicht. Die deutschen Bundesfürsten beziehen jährlich über 42 Millionen Mark Zivilliste, und wenn da noch Erhöhungen notwendig sind, so beweist das, wie nötig eS ist, für die große Masse des Volkes zu sorgen. Die Arbeiter sind in ihren Lohnbeivegungen nicht so glücklich wie diese glücklicheren Menschen Gegen die Arbeiter wird die Polizei mobil ge- macht, wie der Prozeß in Moabit zeigt. Polizeivigilanten und allerlei Lumpengesiudel macht man gegen sie mobil und hindert sie. wenn sie versuchen, einen Ausgleich zwischen ihren Löhnen und den Lebensmittelpreisen zu erreichen. An erster Stelle unter den Lebens- Mitteln stehen Brot und Fleisch. Auch die Preise der anderen Lebensmittel sind bis zu 30 P r o z. gestiegen, doch üben diese nicht einen solchen Einfluß aus die Lebenshaltung des Volkes wie ?erade die Brot- und Fleischpreise. Auch die W o h n u n g S m i e t e n teigen, denn die Hausagrarier wollen hinter den Scknapsagrariern nicht zurückbleiben. Der Redner geht dann eingehend aus die Getreide- preise der letzten Jahrzehnte ein, die durch Aufhebung de« Jdentiläts- Nachweises um den Betrag des Zolles über den Weltmarktpreis ge� stiegen sind. Daß wirklich die Konsumenten die Zölle bezahlen, gibt heute auch der deutsche L a n d w i r t s ch a f t s r a t zu, gewiß ein einwandSfreier Zeuge. In den letzten drei Jahren Rleines f cmlleton» Tolstois dichterischer Nachlaß. Ueber den dichterischen Nachlaß Tolstois macht Charles Salomon, ein intimer Freund des Dichters im„Journal des Debats" Mitteilungen. Um die Erhaltung und Bewahrung alles dessen, was Tolstoi schrieb, hat sich besonders die Gräfin verdient gemacht, die alle Manuskripte des Dichters oder wenigstens getreue Abschriften sammelte und in einem besonderen Raum des historischen Museums von Moskau der Nachwelt zugäng- lich gemacht hat. In den letzten Jahren trat dann als ihr Rivale der mtimste Freund des Greises Tolstoi, Tschertkof, aus, der in seinem Archiv die Dokumente der letzten Entwickelung des großen Mannes birgt. Tschertkof ist auch im Besitz des einzigen vollstän- digen Excmplares von Tolswis intimem Tagebuch, in dem er seit seiner Jugeird die geheimsten Bekenntnisse und Eindrücke aufge- zeichnet hat. Außer dem in Tschertkofs Händen befindlichen Ori- ginal dieses einzigartigen Konfessionswerkes existieren noch zwei Kopien des Tagebuches. Diese beiden Abschriften enthalten jedoch die Eintragungen der letzten Jahre nicht. Von den vollendeten Dichtungen Tolswis. die sich in seinem Nachlatz befinden, sieht an erster Stelle die Erzählung„Hadji Murat", deren Held der Führer des Aufstandes ist, in dem der Kaukasus für seine Unab- hängigkcit kämpfte. Das Werk, dessen Motive Tolstoi während seines Aufenthalts im Kaukasus als junger Mann geivann, steht im Stil seinen„Kosaken" nahe und entrollt glänzende, farbenreiche Bilder von den Kämpfen dieses tapferen Volkes und der Natur dieses prachwollen Landes. Eine lange, fast vollendete Novelle ist der„Pater Sergius". Der Held der Erzählung ist ein russi- scher Adliger, Offizier bei der Garde Kaiser Nikolaus I., der unter dem Eindruck einer niederschmetternden Enttäuschung Mönch wird, ohne gläubig zu sein,, und aus dem man nun auf Grund seines Reickstums und seiner früheren grohartigen Stellung einen Heili- gen gegen seinen Willen macht. Die Versuchungen des heiligen An- tonius erneuern sich bei diesem seltsamen Asketen, und er wider- steht ihnen nicht lange. Er erliegt der zweiten Verführung, die an ihn herantritt. Außerdem existiert noch eine Novelle, die den Titel tragt:„Nach dem Ball". Einen vollendeten Roman„Die Erzählung des Teufels", hat Tolstoi streng geheim gehalten. Dieses Werk ist von dem Dichter in jener Zeit geschaffen worden, die un- mittelbar auf seine Verheiratung folgte. Laflallcana. Im ersten Heft der neuen, von Professor Karl Grünberg herausgegebenen Zeitschrift„Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung" veröffentlicht Gustav Mayer einige rinbekannte Briefe Lassalles. In einem Brief aus dem September lLß», der an eine sonst nnbekannte Freundin [hat, wie Professor Brentano festgestellt hat, zufolge der Zoll- erhöhungeu die getreidekaufende Bevölkerung 2767 Millionen Mark ausgegeben, davon find aber nur 281 Millionen der Reichskasse zugute gekommen und 2'/z Milliarden rund sind in die Taschen der Groß g'ru n dbe sitzer, der Getreideproduzenten, geflossen. lHörtl börtl bei den Sozialdemokraten.) Hier zeigt sich klar, wer den Vorteil von dem Brotwucher hat. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Brentano hat weiter festgestellt, daß, je geringer das Einkommen ist, desto höher der auch für Brot verwendete Teil desselben i st. Nahezu 18 Tage muß ein Arbeiter arbeiten, uni die Folgen der Zollerhöhung zu tragen.(Hörtl bört! bei den Sozialdemokraten.) Da ist es kein Wunder, daß der Konsum des Getreides zmückgeht, während der der Kartoffeln er- beblich gestiegen ist. Diese Verschlecbterung der Ernährungsweise muß dazu beitragen. daS Volk zu degenerieren.(Sehr richtig I bei den Sozialdcniokraten) und feine Widerstandsfäbigkeit gewaltig herabzusetzen. Jnuner wieder behauptet man, daß die Ge- treidezölle nolweiidig sind, um der kleinen Landwirtschaft zu helfen. Für Baden hat kürzlich Dr, Hecht in einem preisgekrönten Buche nochgewiesen, daß nur 0,0 P r o z. der Familien Vorteil von den Gctreidezöllen haben. In ganz Deutschland gibt es nur 285 000 Großgrundbesitzer und Großbauern, die freilich mehr als 51 Proz. des ganzen Grund und Bodens besitzen, und diese wenigen Personen nehmen den ganzen Vorteil der Zölle in An- spruch. Daran erkennt man, wie ungerecht diese Belastung der großen Bevölkerung ist, wie gerecht die Forderung der Aufhebung der Getreidewlle.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ebenso sind die Preise des Fleisches erheblich ge- st i e g e n, sowohl im Engroshandel wie im Detailhandel. Der Vergleich zwischen London und Berlin für daS erste Quartal 1910 ergibt eine erhebliche Differenz; dabei sind in Deutschland die Preise nach Lebendgewicht berechnet. in England nach Schlacht- gewicht, sodaß in Wirklichkeit die Differenz noch größer ist. Auch der Vergleich zwischen Kopenhagen und Berlin zeigt das- selbe Bild Die Gesamtsumme, die das Volk infolge der Preissteigerung zu zahlen hat, kann nur geschätzt werden, sie beträgt vom April bis Juni 1910 461 Millionen Mark, für Berlin allein 27 Millionen Mark, das macht pro Kopf 3,40M.. im ganzen Jahr pro Kopf 13,60 M, die mehr aufzubringen sind, um dem Großgrundbesitz möglichst hohe Einnahmen zu ver- schaffen. Infolgedessen entwickelt sich an den Grenzen ein reger Verkehr, um das zollfreie Quamum an Fleisch herüberzubringen, mit Vergnügen machen die Arbeiterfrauen sich Wege von 2und 3 S t u n d e n. um überhaupt den Fleiichgenuß sich zu ermöglichen. Die Heeresverwaltung hat zufolge der Teuerung sechzig Millionen Mark mehr für die Verpflegung aufzu- wenden. Ein Arbeiter mit 1250 M. Einkommen zahlt an direkten und iudireklen Steuern den 12. Teil seines Einkommens (Hört! hörtl), ein Fabrikbesitzer mit 50 000 M. Einkomnien nur den 47. Teil. Durch den Rückgang des Fleischkonsums wird die Bevölkerung widerstandsunfähiger gegen Krankheiten, des- wegen ist auch, wie Dr. Friedmann in Hamburg ausführte, die Sterblichkeit an Tuberkulose nicht ge- funken. Tief traurige Beispiele führt er an, z. B. eine schwangere Frau, die sich lediglich mit Kartoffel- schalen ernährte.(Hört I bört I bei den Soz.) Der Berliner Hygieniker R u b n e r weist darauf hin, in wie engem Zusammen- hang die Mangelhaftigkeit des Schulunterrichts mit der Unter- ernährung steht. Man verweist darauf, daß auch die Löhne ge- stiegen sind. Teilweise sind sie aber auch bedeutend zurück- gegangen. So sind die Löhne der Bergarbeiterschaft von>908 bis 1910 insgesamt um 120 310 000 M. vermindert worden.(Hörtl hörtl bei den Soz.) Die Ursachen der Fleifchteuerung sind zurückzuführen auf die ganze Wirtschafispolitik des Deulschen Reiches, den Zolltarif von 1902, dann auf die indirekten Stenern und zuletzt auf die Rcich-finanzreform im Verein mit den Grenzabspcrrungrn gegen die Einfuhr von Vieh und Fleisch. Hand in Hand damit geht eine kolossale Steigerung des Ertrages der Landwirtschaft, von der viele Fürsten, Grafen und Barone Riesen- vorteile haben. Sie denken aber nicht daran, ihre Arbeiter an dem gestiegenen Ertrage teilnehmen zu lassen. Die Löhne der Land- arbciter sind nach wie vor äußerst niedrig, teilweise noch herab- gesetzt.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Hungerlöhne von 13,3 Pf. pro Stunde werde» von Leuten bezahlt, die ungeheure Sumnien infolge der Wirtschaftspolitik des Reiches in die Tasche stecken. Zugegeben muß werden, daß die jetzige Teuerung eine internationale ist. Das ist wohl darauf zurückzuführen, daß der Raubbau in Amerika mehr und mehr aufhört und daher die Ertraasfähigkeit cm manche» Stellen nachgelassen hat. Um so weniger aber sind die Zölle und „Agnes" gerichtet ist, schildert er seine Erlebnisse in der Elberfcldcr Versammlung.„Bourgeois— Barmer und Elberfelder Fabri- kanten— waren erschienen, um za stören. Als sie das zweite oder drittemal hierzu ansetzten, ereignete sich bas Seltsame, daß� die f abrikanten— wohl über 200— von ihren eigenen Arbeitern zur üre hinausgeworfen wurden. Aber mit einer solchen Ruhe und Blitzesschnelle, daß ich am oberen Ende des Saales nichts davon hörte und nichts davon gemerkt hätte, wenn ich nicht gesehen hätte, wie plötzlich Stühle geschwungen und ihnen auf den Kopf geschlagen wurden. Die Sache war wegen der erstaunlichen Stille und Präzi- sion, mit der sie ablief— kein Laut— sehr ergötzlich! Es war im Nu besorgt!" Ferner teilt Mäher zwei Briefe an Lassalles Gegner, den christ- lichen Sozialreformcr Huber, mit, die nur an versteckter� Stelle ge- druckt worden sind. Wichtig sind darin seine Aeußcrungen über Monarchie und Konstitutionalismus.„Republikaner von Kindes- deinen an, habe ich nie etwas für lächerlicher, korrumpierter und auf die Dauer unmöglicher gefunden als den Konstitutionalismus. Es ist die organisierte Sichselbstzerstörung. Wie gesagt, von Kindesbeinen an bin ich Republikaner. Und trotzdem, oder viel- leicht gerade dadurch, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß nichts eine grötzere Zukunft und eine segensvollere Rolle haben könnte, als das Königtum, wenn es sich nur eben entschließen könnte, soziales Königtum zu werden. Mit Leidenschaft würde ich dann sein Banner tragen, und die konstitutionellen Theorien würden schnell genug in die Rumpelkammer geworfen werden. Aber wo gäbe es ein Königtum, das den Mut und die Einsicht hat, sich zum sozialen Königtum herzugeben? Sie werden selbst zugeben, daß sich dasselbe kaum finden dürfte." Auch von seiner Agitation schreibt Lassalle in diesem Briefe. „Ich kann also nichts anderes tun, als Massenerkenntnis hervor- rufen und freilich damit auch Masscnaufregung. Das ist aber auf die Dauer ganz eminent praktisch... Nun, sehen Sie mich an, meine Agitation dauert erst neun Monate und rechts und links und hüben und drüben ist die Sache zur allgemeinen Tagesfrage gemacht, und alle Welt hat sich mindestens bis zu einem gewissen Punkte darum bekümmert, und ist es auch nicht bis in die Gehirne, so ist es doch schon bis an die Trommelfelle aller Menschen ge- drungen— was doch der erste Schritt ist... Und warum?— Nun ganz einfach, weil ich auftrat, Zorn im Blick und Drohung in der Geberde; weil man mir die feindseligsten Absichten lieh und leiht und nur für solche empfänglich und aufmerksam ist. Ich werde mich daher auch hüten, die Leute darüber zu enttäuschen! Der beste Teil der Expansionskraft liegt darin! Freilich ist es für mich gar oft unbequem. Aus den feindseligen Absichten, die man mir leiht, buchen mir Hochverratsprozesse— deren ich jetzt einen habe— und andere Kriminalprozesse, deren ich fünf habe, empor. lünstlichen Preissteigerungen berechtigt. Es muß für Hebung der Produklion gesorgt werden. Wir verlangen dir Ocffnung der Grenzen, die Aufhebung der Zölle auf Lebensmittel und die Beseitigung aller Beschränkungen der Ein- fuhr von Vieh und Fleisch. Unsere Landwirtschaft wäre ebenso wenig wie die österreichische gefährdet, wenn argentinisches billiges Fleisch eingeführt würde. Freilich werden das die Agrarier nicht gern haben, nach- dem sie so hereingefallen sind mit dem Vieh, das sie zur Zentenorseier nacb Argentinien geschickt haben. Auch die Zölle auf Fuiter mittel müssen aufgehoben werden. Einzelne Bundesstaaten wie Baden und Württemberg sind mit der Oeffuung der Grenzen vorangegangen. Aber die Ein- führung des Viehs ist nur auf die französische Grenze und auf ein bestimmtes Oiiaiilniii beschränkt. Wenn die Agrarier jetzt die Schuld auf den Kleinhandel schieben wollen, so wollen sie sich damit aus der Schußlinie bringen. Die agrarische Unverschäintbeit beweist ein vertrauliches Rundschreiben von Mitgliedern des Bundes der Landwirte, worin aufgefordert wird, dafür zu sorgen, daß möglichst wenig Milch nach Fraukfuri a. M. kommt. So ver- sucht man, die Verwrgung des deuticken Volkes mit Lebensmitteln zu verhindern, nur damit die Agrarier Wuchergeschäfte treiben können. Die agrarische Wucherpolilik ist ein Unglück für das deulsche Volk, ihre Auffcchterhaltuiig gegen den Willen der Mehrheit de? Voiles wäre ein Verbrechen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Abg. Nupp(Hosp. d. Kons.) Den Fleischrummcl haben wir regel- mäßig vor den Wahlen.(Große Unruhe links. Zuruf: Schänien Sie sich, von Rummel zu sprechen!) DaS internationale Kapital regiert durch die Presse die Well. Mau setzt immer Fleischiiot und Fleischteuerung gleich. Daß von einer Fleischnot nicht die Rede ist, beweist die Steigerung des Konsums. Die Produklionsfäbigkeit der deutschen Landwirtschaft hat sich ge- steigert und wird sich immer mehr steigern, wenn sie nicht in der Enrivickelung gehemmt wird durch Maßnahmen, wie sie der Freihandel will, der das Inland abhängig machen will vom Ausland. Daß eine bedauerliche Fleischteuerung besteht. betonen auch wir. Sie hängt zusammen mit der luxuriösen Ausstattung der Läden, die ja ganz schön ist, aber bezahlt werde» muß, mit den gesteigerten Ansprüchen des Publi« kums auf bessere Qualitäten. Die Metzger haben weniger Schuld. Zwischen ihnen und den Produzenten gibt es noch viele Zwiichenstalioiien. Auch die Erhöhung der Schlachthaus- und Viehhof- gebühren kommt in Betracht. Sie beträgt in München 107 Proz., in Darm« sladt 232 Proz.(Hört! bört! rechts. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Wie bock?) Auf die einzelnen Details laiin ich mich nicht einlassen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Diese Erhöhung bedeutet eine llmgehimg des§ 13 de« ZolltarifgefeßeS. Am meisten würden die viehzuchttreibeiiden Besitzer durch die freihändlerischen Forderungen ge- schädigt.(Sehr richtig! rechts.) Für das mangelnde Rind- fleisch kann das Schweinefleisch eintreten. Auch die sinkende Kaufkraft des Geldes wirkt mit, die Steuererhöhunqen, die sozialpolitischen Lasten. Die Landivirtichaft ist ganz zuletzt gekomme» mit Preissteigerungen. Der Landwirt muß sehr viel arbeiten, manchmal erhält er gar nichts und sehr oft muß er auch noch zusetzen. Der Landwirt hat kein Interesse an abnorm hohen Flcischpreifen. denn darauf folgt der Preissturz. Wir wollen stetige, aiiötömniliche Preise. DaS Ocffncn der Grenzen in Baden, das wir bedauern, hat nur eine Preiserhöhung bewirkt. tHört I hört I rechts.) Der jetzige Zeitpunkt ist am aller» ungeeignetsten dazu wegen der Seuchengefahr. Der Landwirt nmß Vertrauen zur Stetigkeit der Regierung haben können.(Sehr wahr! rechts.) Uns liegt vor allem an Klarheit über die Sicherung des Seuchen- schutzes. Wer ihn nicht wünscht, ist ein Feind deö deutschen Bauern» standes.(Bravo! rechts.) Staatssekretär Dr. Delbrück: Der Reichskanzler hat die Be- wegimg der Preise mit großer Sorgfalt verfolgt. Man hat lebhaft eine Oeffuung der Grenzen verlangt. Man muß aber an dem Grundsätze festhalten, daß die Grenzen für Fleisch und Vieheinfuhr nicht lediglich geöffnet werden dürfen, um den deutschen Markt zu füllen, sondern die Maß» regeln zum Schutz gegen Seuchen dürfen nicht so weit gehen, daß die Gesundheit des deutschen Viehbestandes ge- fährdet toird. Deshalb glaubi der Reichskanzler, dem Verlangen, d i e S ch w e ineeinfuhr aus Oe st erreich über die Zahl 30 000 zu erhöhen, nicht Folge geben zu können. Dagegen ist in Frankreich die Maul- und Klauenseuche seit anderthalb Jabre» erloschen und deshalb glaubt der Reichskanzler, dem Antrag der süd- deulschen Staaten Folge geben zu sollen und zu gestatten, daß eine zifferiimäßig bestimmte Zahl französischen Schlachtviehs nach besiimniten Schlachthäusern eingeführt wird. Erleichterungen in der Einfuhr aus Holland kann nicht zugestimmt werden, weil in Holland immer noch Seuchenherde existieren. Für Aber für die Sache ist es sehr gutl Die Welt im ganzen genom- men ist für Furcht viel empfänglicher als für Einsicht und Liebe." Das Ende der Niagarafällc. Eine kurze Weile noch und die be« rühmten Niagarafälle, die alljährlich Tmisende von Fremden zur Beivuiidernng dieses herrlichen Naturschauspiels heranlockten, werden den letzten Rest ihrer iniposanten Schönheit verloren haben. Die zablreichen industriellen Anlagen, die die gewallige Wasserkraft für ihre Zwecke ausnutzen, haben dem Landschaftsbild ohnehin schon seinen grandiosen Zauber geraubt. Nun sind neue große Arbeiten im Gange, weitere Fabriken erstehen, und nach ihrer Bollendung wird der größte der Fälle, der eine Breite von 900 Meter hatte, auf 487 Meter zusanimeiischrimipfen. Andere Fälle werden nur noch 150 Meter breit sein, wo früher sich die Wassermasfen in mächtigen Kaskaden von 300 Meter Breite ihren Weg bahnten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat sich nach Kräften bemüht, diesem Vandalismus entgegenzuarbeiten, aber alle Versuche scheiterten an dem Widerstand des Staates Ontario, der praktische Gesichtspunkte in den Vordergrund skllt und auf die rasche Entwickelung seiner Industrie ein größeres Gewicht legt, als auf die landschaftliche Schönheit der Niagarafälle. Notizen. — Vorträge. Im I n st i t u t für Meereskunde spricht am Freitag anstatt Dr. WenkeS KuftoS Siahlberg und zwar über das Thema:„Wie findet der Schiffer seinen Weg auf See?" Mit Lichtbildern. — Der verbotene Wedekind. In Königsberg in Preußen hat der Polizeipräsident nach der ersten Aufführung von Wedekinds„Frühlings Erwachen" die weitere Aufführung des SrückcS verboten. Diese siesste Schöpfung Wedekinds, die die Probleme der erwachenden Pubertät behandelt und in Berlin und anderswo ungestört und häufig aufgeführt wurde, soll nach der polizeilichen Auffassung die Sitten der Jugend verderben. Wodurch in Wirklichkeit die Moralität der Jugeno verdorben wird, scheint sich danach der polizeilichen Kenntnis zu entziehen. — Und abermals:„ B e f a f f u n g Als im April dieses Jahres das„Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen" erschien, machten wir uns über die reichspostalische Sprachkünstler- schaft lustig, und auch in anderen Blättern wurde die von uns gerügte„literarische" Leistung belacht. Jetzt ist daS neue Verzeichnis berauSgekomnicn und wir finden auf Seite 2 den damals ver» spotteten Satz wortwörtlich wieder:„Die Dienststellen der Reichs» Post- und Telegraphenverwaltmig haben in Angelegenheiten der GeschäftSanzeigen mit dem Publikum keine B e f a s s u n g". Glück« liehe Bureaukratie l Du brauchst leine Zeitungen zu lesen. die Einfuhr auZ Dänemark kouyni die Tuberkulin- probe in Frage, die nicht mehr als ganz zuverlässig gellen kann iHört! hört! links)' sie soll durch eine zuverlässigere ersetzt werden. Für die Einfuhr von frischem Fleisch käme Rußland und für die von Rindfleisch auch Amerika in Betracht. Wegen der in Rußland herrschenden Rinderpest kann aber die Einfuhr von frischem Fleisch nicht empfohlen werden. Die Einfuhr von Rindfleisch aus Amerika müßte unwirksam bleibe», wenn es nur in halben oder ganzen Tierkörpern im Zusammen bang mit den inneren Organen eingeführt werden kann. DaS ist aber nötig, wenn erkennbar bleiben soll, an welchen Krankheiten das Tier gelitten hat. Zur Frage der Ermäßigung der Einfuhrzölle kann ich mich auf ein« kurze Erklärung beschränken. Es� soll der grundsätzliche Standpunkt, den die Regierung hier aus ähnlichen Anlässen� vertreten hat, se st gehalten werden, daß an den einzelnen Sätirn, die in Erwägung aller wirtschaftlichen Interessen festgelegt find, nicht gerüttelt werden soll.(Zustimmung rechts.) Der sicherste Schutz gegen Fleijchmaagel liegt in der S t ä r k u n g und Erweiterung der eigenen Produktion.(Abg. Geyer, Soz.: Die Agrarier sollen gescknint werden.) Der Redner verbreitet sich dann eingehend über die Höhe der Eisenbahnlarife, die seiner Meinung nach sehr niedrig find. Ob eine vergleichende Uebersicht über die Detailprerse von Fleisch in den wichtigsten Ländern Europas gegeben werden kann, wie die Interpellation der konservativen Partei es wünscht, erscheint mir sehr zweiselhaft, ich werde diese Frage indessen prüfen.(Bravo! rechts.) Preußischer Landwirtschaftsmintster V. Schorleiner: Ich will nicht auf die Frage eingehen, ob wirklich das Fleisch das einzige und unbedingt notwendige Nahrungs- mittel ist, ob es nicht noch andere Lebensiniitel gibt, die zuzeiten der Teuerung bei gleichem Nährwert und bei niederen Preisen einen großen Teil der Fleisch nabrnng ersetzen können.(Nnruhe links.) DaS ändert auch im zutreffenden Fall nichts daran, daß die Bevölkerung in Deutschland an den Fleischkonsum nun einmal gewöhnt ist. Ich gebe zu, daß die Fleischpreise eine bedauerliche Höhe erreicht haben, ich kann aber nicht zugeben, daß wir eine auf Mangel von Zufuhr und Produktion beruhende Fleisch»»« haben. (Lebhaftes Sehr richtig I re-bls.) Der Fleischkonsiim ist in Deutsch- land höher als in anderen Ländern und hat sich auch im Jahre 1910 nicht verringert. Die Berechnungen mancher städlifchen Verwaltungen, die emen Rückgang des Fleischkonsums ergeben, beruhen auf unsicheren Grundlagen.(Hört I hört l rechts.) Schließlich bleibt eS richtig, da» man vom Fleisch allein nicht lebe» km,» und nicht zu leben braucht; der gesundere Teil der Bevölkerung lebt ja auch auf dem Lande, wo weniger Fleisch gegessen wird als in den Städten. (Sehr richtig! rechts.) Die Zahl der P f e r d e s ch l a ch tu n g e n ist in Preußen und Deutschland nicht gestiegen, sondern zurück- gegangen.(Hört! hört! rcckus.) Ich bleibe de m n ach auf dem Standpunkt, den ich bereits gegenüber der Deputation desFleischerverbandes eingenommen habe. Auch der Auftrieb an Vieh spricht gegen die Besorgnis, daß in den kommenden Jahren der Viehbestand in Deutschland sich ver- mindern wird.(Zustimmung rechts.) Es ist nickt anzunehmen, daß angesichts der Preissteigerung auf allen anderen Gebieten die Vieh- und Fleischpreise stehen bleiben.(Sehr richtig! rechts.) Damit wird sich dre Bevölkerung abfinde» müsse». Die gegenwärtige Lage des Fleisch- und Vichmarktes gibt der Re- gierung eine» Anlaß zu besonderen Maßnahmen nicht. (Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Ich befinde mich da in Uebereinstimnulng mit dem Verein der deutschen Vieh- Händler: Die Hauptsache muß für uns sein die Slärkung und Vermehrung der Vichprodultion im Inlands. Diese liegr weniger im Interesse der Großgrundbesitzer und Agrarier, als gerade im Interesse der kleinen Landwirte»nd der Arbeiterbevölkerung, welche in die größte Not geraten würde, wenn Deutschland nicht mehr in der Lage sein würde, den Fleischbedarf der Bevöllerung so wie jetzt zu decken.(LebhafieS Bravo I rechts.) Auf Antrag des Abg. Singer(Soz.) findet die Besprechung der Interpellationen statt. Abg. Herold(Z.): Ueber hohe Getreidepreise zu klagen, liegt kein Grund vor; sie haben einen Stand er- reicht, daß die Produltion lohnt, und darin liegt der beste Be- weis für die Richtigkeit unserer Zollpolitik.(Zustimmung rechts und im Zentrum.) Freilich, die Spannung zwischen Getreidepreis und Brotpreis wird immer größer. Aber auch die Ansprüche an die Güte des Brotes sind größer geworden. Schwieriger liegen die Berhälmiste beim Fleisch, hier sind wesentliche Differenzen vorhanden zwischen Engrospreisen und Detailpreisen. Auf einem Mangel an Vieh be- ruhen die jetzigen hohen Preise keinesfalls. Im Fleischkonsum werden wir kaum von einem anderen Lande überiroffen. Da die Teuerung eine internationale ist, würde eine Aufhebung der Zölle ganz unwirksam sein. Was die Oeffnung der Grenzen anlangt, so ist die Einfuhr von Fleisch schon fast allgemein gestattet. die Einfuhr von Vieh in weitem Umfange, 95 Prozent des Bedarfs werden vom Inland gedeckt, Und wenn auch im Ausland das Fleisch billiger wäre, so würde es bei der Einfuhr nach Deutschland doch zu dem Preise verkauft werden, der in Deutschland besteht. Unser Streben muß dahin gehen, die eigene Produktron zu heben, darin bin ich mit dem sozialdemokratischen Redner einverstanden. Dazu müssen ihre Produktionskosten gedeckt werden.— Das Zentrum hat sich in der Fürsorge für die Arbeiter von niemand übertreffen lassen.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Im Erregen von Unzufriedenheit läßt sie allerdings der Sozialdemokratie den Vorrang. Gerade die Steigerung der einheimischen Produktion liegt auch im Interesse der Arbeiter. Möge die Debatte dazu bei- tragen. Beruhigung in die Konsnmentenkreise zu tragen.(Bravo I im Zeiltrum.) Abg. Stanffer(Wirtsch. Vgg.): Wenn Sie die Grenzen öffnen und damit die Seuchcngcfahr hereinlassen, werden Ihnen die kleinen Bauern durch die Netze gehen. Auch dieser Fleischnotrummel wird vorbeigehen. Einen Nutzen von dem Auf und Ab der Fleisch- preise hat nur der Großhandel. Bis zur Viehzählung am 1. Dezember müssen die Verhältnisse jedenfalls unverändert bleiben. Wenn die Herren links gar so viel schreien, werden immer mehr Bauern die Viehzucht aufgeben, die sowieso de? unrentabelste Teil der deutschen Landwirtschaft ist.(Bravo! rechts.) Hierauf vertagt das HauS die Fortsetzung der Besprechung auf morgen 1 Uhr. Vorher Wahl des zweiten Vizepräsidenten, dann die Interpellationen wegen der Königsberger K a i s e r r e d e, wegen der Versicherung der Privat- b e a m t e n und die NeblauSinterpellationen. Schluß 6 Uhr._ Mus Itiduftne und Kandel. Verdienen wird groß geschrieben. Aus Anlaß des riesenhaften Geschäfts, das die Bodenspeku- lauten mit der Parzellierung des Tempclhofer Feldes zu »rächen gedenken, erzählt die Finanzzcitschrist„Die Bank" ein lehrreiches Beispiel, wie heutzutage in der kapitalistischen Welt Geld„verdient" wird. Man hat eine„Tempelhofer-Fcld-Aktien- gesellschaft" gegründet mit einem Grnndlapital von 20 Millionen Mark, wovon die Hälfte als Aktien A voll eingezahlt werden sollen, die andere Hälfte als Aktien B nur zu 25 Proz. Weiter ist darüber bis jetzt nichts bekannt. Aber nun weist„Die Bank" auf die Lebcnsgeschichte der„Neu-Westend»Aktien- gesellschaft" in Charlottcnburg hin, die von derselben Groß- bank gegründet worden, wie die Tcinpelhofer-Feld-Aktiengcsell- schaft, und in deren Verwaltung zum Teil dieselben Personen jitzcn. Auch diese Arundwig ist seinerzeit mit zwei Aorten Aktien ins Leben gekrekeu, nämlich mit 8 Millionen Aktien'K und' 4 Millionen Aktien B. Die Aktien A waren zum vollen Betrage von 1990 M. pro Aktie einzuzahlen, die Aktien B zu 25 Proz., also mit 259 M. pro Aktie. Freilich schreibt das Statut der Gesell- schaft vor, daß auch die Inhaber der Aktien B auf Beschluß des Aufsichtsrates weitere Einzahlungen leisten müssen, jedoch können ihnen die dazu erforderlichen Summen„nach dem Ermessen des Aufsichtsrates" aus den flüssigen Mitteln der Gesellschaft zinsfrei vorgeschossen werden.„Man braucht nun nicht'besonders hellseherisch veranlagt zu sein," schreibt„Die Bank",„um zu wissen, daß die Kreise, aus denen sich die B-Aktionäre zusammensetzen, identisch sind mit den Per- sonen, welche den Aufsichtsrat bilden resp. ihn ernennen." Mit anderen Worten: Die Herren Gründer haben für sich selbst das Vorrecht geschaffen, daß sie von ihren Aktien nur den vierten Teil einzuzahlen brauchen, und daß, selbst wenn einmal weitere Zuschüsse unvermeidlich sein sollten, diese zu ihren Gunsten aus den„flüssigen Mitteln der Gesellschaft", das heißt aus dem Gelde der A-Aktionäre geleistet werden, ohne daß die B-Aktionäre dafür auch nur Zinsen zu zahlen brauchen. Aus diesen Zusammenhängen erklärt es sich, daß der Aufsichtsrat, als einmal bar Geld nötig war, dieses nicht von den B-Aktionären einforderte, die doch noch 75 Proz. ihrer Einzahlungen schuldig waren, sondern es pumpte, wofür natürlich die Gesellschaft Zinsen zahlen mußte. In der Generalversammlung fand er ohne weiteres die nötige Zustim- mung, denn hier haben die B-Aktionäre, das heißt wiederum die Gründer selbst, die absolute Majorität, weil ihnen für die 25 Proz., die sie eingezahlt haben, das volle Stimmrecht zusteht. Wenn also zum Beispiel ein B-Aktionär 1909 M. aufwendet, so hat er dafür vier Aktien, mithin viermal so viel Stimmrecht wie ein A-Aktionär mit der gleichen Einzahlung. Ebenso sind die B-Aktionäre be- vcrzugt bei der Verteilung des Gewinns. Diese geschieht bei Terraingesellschafte» nicht in Form von jährlichen Dividenden, sondern wenn das Geschäft beendet, der Grund und Boden ver- kauft und aufgeteilt ist, dann löst sich die Gesellschaft auf und ver- teilt das am Schluß vorhandene Vermögen. Da ist nun bei der „Neu-Westend-Aktiengesellschaft" die Bestimmung getroffen, daß zuerst die B-Aktionäre befriedigt werden für ihre Einzahlungen über 259 M. pro Aktie, hinterher erst die A-Aktionäre. Bleibt nach Rückzahlung des gesamten Aktienbetrages ein Ueberschuß, so kriegt davon zunächst der Aufsichtsrat(das sind also auch wieder die B- Aktionäre) 5 Proz. Und erst was dann etwa noch an Ueberschuß vorhanden ist, wird auf alle Aktien gleichmäßig verteilt. Dies alles sind Extraprofite der B-Aktionäre(oder AufsichtS- ratsmitglieder) außer dem gewöhnlichen Gründergewinn. Die B-Aktionäre zahlen für eine Aktie nur 250 M., haben dafür gerade so viel Gewinn, als wenn sie 1009 M. gezahlt hätten, und außer- dem— als Aufsichtsräto— noch 5 Proz.— Nun wird sich mancher Arbeiter, der dies liest, fragen: Was geht das alles uns an? Die Darstellung zeigt doch, daß die Geprellten bei solchen Geschäften die A-Aktionäre sind. Und wenn die so dumm sind, sich nasführen zu lassen, so kann es uns Arbeitern gleichgültig sein.— Das wäre aber sehr falsch geurteilt. Die A-Aktionäre sind nämlich keines- wcgs so dumm, daß sie diese Dinge nicht sähen. Sie wissen das alles ganz genau. Sie lassen sich dennoch darauf ein, weil sie trotzdem und alledem noch ein gutes Geschäft dabei zu machen hoffen. Sie kaufen die Aktien, zahlen 1999 M. dafür und suchen zunächst, während der Jahre, in denen die Auf- teilung des Terrains erfolgt, die Aktien mit Gewinn an der Börse weiter zu verkaufen. Uebrigens sind in dem Fall„Neu-Westend" die Aktien von vornherein zu 128 Proz., das heißt für 1289 M. pro Aktie ausgegeben worden. So wird die Summe, die die Aktienbesitzer tatsächlich ausgegeben haben, von Jahr zu Jahr größer, und um das alles mit dem erhofften Gewinn herein- zubringen und dazu noch die vielen Extragewinne der B-Aktionäre, müssen natürlich die Preise des Gruyd und Bodens, und infolgedessen die Mieten, immer höher getrieben werden. Das ist denn auch in Berlin und Umgegend reichlich geschehen.„Das Wachstum der Berliner Grundrente war eben in den letzten Jahren so üppig, daß der Aktionär selbst derart kräftige Anzapfungen noch bei guter Gesundheit überstehen konnte." Es sind also nur scheinbar die A-Aktionäre, in Wirklichkeit die wohnungsuchenden Massen, die jene Prosite aufbringen müssen. Die Leute aber, die auf so-- elegante Weise sich zu be- reichern verstehen, schreien Zeter und Mordio, wenn die Maurer und Bauarbeiter ein paar Pfennige Lohnerhöhung verlangen, und „beweisen" haarklein, daß nur infolge solcher„Begehrlichkeit" der Arbeiter die Mieten steigen. Goldzufluß. Für die Monate Januar bis einschl. Oktober 1919 hatte Deulichtand einen Goldzufluß von insgesamt 439 289999(im Vorjahre 225 48l 999) M� und einen Export von 197 827 909 (222 549 009) M. DaS Einfuhr-Mehr betrögr für das laufende Jahr mithin 241 453 990 M., während stch für die gleiche Zeit des Vor- jahreS ein Einfuhr-lleberschuß von nur 2 941 099 M. ergab. Kohlenpreisc. In der Beiratssitzung des Kohlensyndikats wurden die Richtpreise für das Abschlnßjahr 1911/12 um 25 Pf. ermäßigt. die Kokspreise bleiben unverändert. Steigerung der Eicrpreise. Der Preis für ein Schock Eier stellt sich im Durchschnitt von 69 Orten im Oktober d. I. auf 5,23 M. gegen 4,96 M. im Oktober 1999. In zahlreichen Orten bewegt sich die Preissteigerung zwischen 69 und 79 Pf. Nur in ganz wenigen Orten bleiben die Eierpreise hinter denen des Vor- jahreS zurück. Lukratives Geschäft. Das Metropol-Theater A.-G. verteilt für daS erste Geschäftsjahr 22 Proz. Dividende. Spritdividcnde. Der AufstchtSrat der Bank für Sprit- und Produktenhandel Aktiengesellschaft beschloß, für das am 39. Sep- tember 1919 abgelaufene Geschäftsjahr die Verteilung einer Dividende von 21 Prozent vorzuschlagen. Die Spritattionäre wünschen den SchnapSkonfumenten weitere erfolgreiche Tätigkeit. So�iaks. Binnenschiffahrt. Der Reichsanzeiger veröffentlicht auf Grund des§ 128 des Reichsgesetzes über die privatrcchtlichen Verhältnisse der Binnenschiffahrt vom 2t). Mai 1898 folgende Verordnung: Auf Antrag der Schiffseigner sind Dampfschiffe und andere Schiffe mit eigener Triebkraft, deren Tragfähigkeit 5909 bis 15999 Kilogramm beträgt, in das Schiffsregister einzutragen. Diese Verordnung tritt am 1. Januar 1911 in Kraft. Die 2. Konferenz für Trinkerfürsorgcstellen tagte am 22. d. Mts. im Landebhaus der Provinz Brandenburg zu Verlin. Sie war einberufen vom Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke und geleitet von dessen Vorsitzendem, Wirkt. Geh. Lbcrreg.-Rat Senatspräsident O. Dr. Dr. von Strauß und Torney. Folgende Beschlüsse wurden gefaßt: 1. Es soll eine einheitliche Organisation der Trinkerfürsorge- stellen unter Leitung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke angestrebt werden, um etile einheitliche LeikuNg der Gcschäfe und dadurch eine bessere wissenschaftliche Ausnützung der gewonnenen Erfahrungen zu ermöglichen. 2. Den in Kranken- und Irrenanstalten, Gefängnissen, Arbeiter- kolonien usw. befindlichen Trunkgesährdeten muß schon vor der Entlassung, jedenfalls aber sofort nach der Entlassung, eine be- sondere Fürsorge zuteil werden, damit die guten erzieherischen Ein- flüsse der Anstalten befestigt und vertieft und di« schädlichen Ein- flüsse der Umgebung ferngehalten werden. Bei der bisherigen Praxis war die Zahl dor Rückfäll« bedauer- lich groß. In Ergänzung der segensreichen Bestrebungen der Fürsorge- vereine(Jrrenhilfsvereine, Vereine für entlassene Strafgefangene usw.) haben deshalb die Trinkerfürsorgestellen dir wichtige Ausgabe zu lösen, die für die Erreichung von Dauererfolgen notwendigen Maßnabmen durchzuführen. Hierzu ist erforderlich, daß die Trinkerfürsorgestellen, sei es von den Anstaltsleitungen, sei es von den Hilfsvereinen, rechtzeitig von der bevorstehenden Entlassung Trunkgefährdetcr benachrichtigt werden, damit sie in der Lage sind, mit den zu Entlassenden und deren Familien schon vor der Entlassung in Verbindung zu treten, die Entlassenen nötigenfalls an der Pforte der Anstalt abzuholen, Arbeit und Unterkunft für sie zu schaffen, sie in bewahrende Obhut zu nehmen und Abstinenzvereinen zuzuführen, überhaupt alle die Maßregeln zu treffen, welche geeignet sind, die Gefährdeten wieder an die Freiheit zu gewöhnen, sie in ihren Lebensgrundsätzen zu festigen und ihr äußeres Wohlergehen zu fördern. 3. Die zweite Trinkerfürsorgekonferenz beschließt, den Trinker- fürsorgestellen zu empfehlen, überall dort, wo öffentliche, städtische, gewerkschaftliche oder andere Arbeitsnachweise bestehen, sich auch mit ihnen ins Einvernehmen zu setzen, um durch sie den geheilten und gebesserten Trinkern geeignete Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Jugendbewegung. Ein Dokument polizeilicher Unkenntnis. Unser HallescheS Parteiorgan gibt in seiner letzten Nummer das AuflösuiigSdekret, durch das die Hallesche Polizeiverwaltung die dortige freie Jugendorganisation aufgelöst hat, im Wortlaut wieder. In dem Dekret heißt es u. a.: Durch Erkenntnis des Strafsenats beS Königlichen Oberlandes- gerichts zu Naumburg vom 15. Januar 1919 ist der Schlosser Bruno Böttge und der Redakteur Otto Niebuhr auf Grund der ZZ 182, 2, 5, 6 des Reichsvereinsgesetzes vom 19. April 19 97 rechlskräftig bestraft worden. Durch dieses Erkenntnis und durch das in derselben Strafsache ergangene Urteil der 4. Strafkammer des hiesigen Königl. Landgerichts vom 29. Oktober 1999 ist erwiesen, daß in dem Ortsverein Halle a. S. der Vereinigung der freien Jugendorganisa- tionen Deutschlands Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, durch den Vorstand des Vereins als Mitglieder aufgenommen und in den Vers ammlungen des Vereins, die keine Veranstaltungen zu geselligen Zwecken waren, trotz Keimtnis des jugendlichen Alters geduldet worden sind, und daß der Verein ein politischer ist. Ausführlich legt dann die Verfügung dar, durch welche Ver» anstaltuugen die Jugendorganisation sich als politischer Ver» ein betätigt haben soll. Soviel Sätze, soviel Irrtümer! Erstens gibt es gar kein ReichSvereinSgesetz vom 19. April 1997. Bei einer Polizeiverwaltung eigentlich ein unverantwortlicher Fehler. Zweitens existiert eine„Vereinigung der freien Jugend» organisationen Deutschlands" nur in der Phantasie der Polizeiverwaltung und drittens hat die Polizei Versammlungen der freien Jugendorganisationen zu politischen gestempelt, bei denen sie gar nicht zugegen war. den politischen Charakter also nur aus durchaus irrtümlichen Mut» matzungen konstruiert. So wenig stichhaltige Gründe genügen in Preußen, um Organisationen der Arbeiterjugend aufzulösen. Aber die„Aufgelösten" werden das Wort des„Halleschen BoUsblattes" beherzigen, daS zu der Auflösung schreibt: Wenn sich nun jemand in den Reihen der Feinde der prole» tarischen Jugendorganisation befinden sollte, der da glaubt, daß die Arbeit an der proletarischen Jugend mit der Auflösung unter« brachen oder eingeichränkt worden sei, der irrt sich ganz gewaltig. Die eine Form der Jugendorganisation ist dahin, doch der Gedanke lebt! Und natürlich werden Mittel und Wege oe» funden, um weiterzuarbeiten an der freiheitlichen Erziehung der Jugend. Trotz alledem!_ Gmchtö- Zeitung. Die Autorität des SchubmannS findet vor Gericht in der Regel allen Rcsvekt. Zwei Schutzleute er- warteten das auch vom Amtsgericht Weißensee, das am Mittwoch gegen einen Werkmeister Nickel wegen Polizeibeleidigung und Widerstand verhandelte. Nickel sollte in einer Juninacht am Ringbahnhof Prenzlauer Allee nach Besteigen eines Straßenbahnwagens zwei Schutzleuten zugerufen haben:„Ihr blaues Zeug! Ihr Hunde! Ihr feid wohl besoffen?" und dann sich seiner Ttstieruug widersetzt haben. Der Angeklagte gab an, er sei, auf den Straßenbahnwagen wartend, von einem der beiden Polizisten angeredet worden:„Was stehst Du hier? Mach', daß Du wegkommst, D» Wegelagerer!" Als er sich das ruhig verbat, habe man ihn weiter beleidigt, so daß er schließlich nach Besteigen des Straßenbahnwagens vor sich hin ge- schinipft habe, aber nur:„Ack, die sind wohl besoffen!" Er sei von den Schutzleuten aus dem Wagen herausgeholt und dabei so hin und her gestoßen worden, daß er sich festhalten mußte, um nicht in die Scheiben zu fallen. Unterwegs habe man ihn gefesselt und trotz seiner Bitten die Kette fester gezogen mit den höhnenden Worten: „Siehst Du, Du Hund, Dir werden wir schon Mores lehren." Die Schutzleute gaben eine ganz andere Darstellung. Sie er» zählten, N. sei ihnen verdächtig vorgekommen, weil einige Tage vorher jemand dort beraubt worden sei. Schutzmann Geiling be. kündete unter Eid, er sei an N. herangetreten:„Hören Sie mal, mein Herr, was haben Sie denn hier zu machen?" N. habe sofort skandaliert und die Nummer verlangt und nachher vom Straßen- bahnwagen aus gerufen:„Ihr seid ja alle besoffen!" Als er mit Schutzmann Bartcl ihn herausholen wollte, habe N. sich festge- klammert und weiter geschimpft„Ihr blaues Zeug! Ihr Hunde!" Sckiutzmann Bartel beschwor, daß N. sogleich beim Besteigen iteS Wagens nicht nur„Ihr seid ja alle besoffen!" sondern auch„Ihr blaues Zeug! Ihr Hunde!" geschimpft habe. Sluf dem Transport sei N. von Geiling gefesselt worden. Beide Zeugen nahm der Ver- leidiger, Rechtsanwalt Dr. Halpert, noch in ein eingehendes Ver- hör, an dem dann auch der Amtsanwalt sich beteiligte. Geiling hatte behauptet, er habe N. mindestens schon eine halbe Stunde beobachtet, und etwa um V*1 Uhr sei dann der Zusammenstoß mit ihm gewesen. Als ihm vorgehalten wurde, � nachlveislich sei R. erst um Uhr auf Bahnhof Prenzlauer Allee eingetrosfen, meinte G., das sei unmöglich, und blieb dabei, spätestens um Ä1 Uhr habe der Vorfall sich abgespielt. Davon, daß N. im Wagen sofort Legi- timationspapicre angeboten habe, Wußte G. nichts. Uebrigens habe er, Zeuge, nach Papieren nicht zu fragen brauchen, da es sich um eine Beleidigungssache gehandelt habe. Demgegenüber wurde aus den Akten festgestellt, daß G. zunächst keine Anzeige wegen Lcleidi» gting gemacht, sondern die Sache als groben Unfug hatte ahnden lassen wollen. Weil aber N. selber zur Polizei ging und sich be- schwerte, wurde er nun wegen Beleidigung und Widerstand angezeigt. Der Verteidiger hob hervor, daß G. in allen seinen Berichten niemals auch nur ein einziges Schimpfwort erwähnt habe, das N. etwa ausgestoßen hätte, bevor er den Wagen bestieg. Ob G. selber geschimpft und den N. einen„Wegelagerer" genannt hätte, fragte der Vorsitzende. G. bestritt das und wurde dann vereidigt. Gegen die Aussagen der beiden Polizisten setzte der Verteidiger die Bekundungen.mehrerer Zivilpersonen, Daß N, nicht„schon eint halbe Stunde beobachtet" wouden sein konnte, ergab die AuZ- sage des Maschinrnfabrikanten Thiele, den N. erst um t41 Uhr am Bahnhof Wedding verlassen hatte, um nach Prenzlauer Allee zu fahren. Ucber die Vorgänge im Straßenbahnwagen bekundete Schaffner Hensch, daß N., in das Wageninnere hineingehend, ohne sich umzudrehen, nur gesagt habe:„Ach, Ihr seid wohl alle be- soffen? Ein Schutzmann habe dann, ohne eine Aufforderung an N. zu richten, ihn aus dem Wagen geholt, dabei habe der andere Schutzmann den sich anklammernden N. mit dem Säbel auf die Finger geschlagen. N. habe vergeblich gesagt:„Ich habe Papiere, ich kann mich legitimieren." Im wesentlichen ebenso bekundete ein Fräulein Schcnker, das im Wagen gesessen hatte. N.'S Arbeitgeber, ein Herr Gudell, schilderte ihn als ruhigen Mann. Gudell hatte am Tage nach jenem Vorfall Verletzungen an N. bemerkt, da erzählte ihm dann N. sofort, er sei„Wegelagerer" geschimpft worden usw., doch habe N. selber, die Schulileute entschuldigend, das aus einer Personenvcrivcchslung erklärt. Verlesen wurde noch das Arztattest; es bescheinigte Hautabschürfungen an Hals und Brust sowie an den Händen, einen roten Doppelring geschwollener Haut am rechten Handgelenk, taubes Gefühl und erschtverte Be- weglichkeit der Hand. Der Amtsanwalt bat, den Aussagen der Polizisten nur so weit zu folgen, als sie nicht durch die anderen Zeu- gen bestritten wurden. Daß sie nicht„Wegelagerer" ge- schimpft hätten, wollte er ihnen glauben, weil es nicht widerlegt sei. Widerlegt sei aber, daß N. mehr als„Ihr seid wohl besoffen?" geschimpft habe. Ihn festzunehmen, seien die Polizisten berechtigt gewesen, doch in der sofortigen Anwendung von Gewalt liege eine Ueberschreitung ihrer Amtsbefugnis. Da sei Widerstand zulässig gewesen, er müsse daher straflos bleiben. Die offenbar Nicht für die Ohren der Schutzleute bestimmt gewesene Beleidigung sei mit 5 M. Geldstrafe genügend gesühnt. Der Berteidiger Dr. Halpcrt machte dem Amtsanwalt ein Kompliment für seine Ob- jeltivität, im übrigen aber forderte er Freisprechung auch für die den Schutzleuten widerfahrene Beleidigung. N. sei zuerst beleidigt worden, das sei ihm zu glauben, trotz der bestreitenden Aussagen der Schutzleute, die in diesem Punkt offenbar ebenso unzuverlässig seien wie in den anderen, wo man ihnen das nachgewiesen habe. Gerade die Personenverwcchselung, die zweifellos sei, mache den Gebrauch deS Schimpfwortes„Wegelagerer" wahrscheinlich, hiermit sei aber das„Ihr seid ja besoffen!" aufgewogen. Widerstand liege schon deshalb nicht vor, weil«in Anlast znr Sistierung fehlte, die nach§ 127 der Strafprozeßordnung nur zulässig sei beim Fehlen von Logitimationspapicren. bei Fluchtverdacht, und wenn Gefahr im Verzuge sei. Seit wann dürfe eio Schutzmann sich Uber solche Rechtsgarantien hinwegsetzen? Und warum sei N. gefesselt worden. obwohl keiner der Polizisten sage, daß er auch auf der Straße sich widersetzt bättc. Das Urteil lautete: Freisprechung in beiden Punkten. Die Art der an sich berechtigten Sistierung sei unberechtigt gewesen. Erwiesen sei nur„Ihr seid ja besoffen!" aber auch das müsse straf- frei bleiben, weil N. durch das Wort„Wegelagerer" zuerst beleidigt worden sei. So hatte auch das Gericht der Autorität de? Schutzmanns den Respekt verweigert._ Zu spottbilligen Preisen. Das Landgericht Bielefeld hat am 7. Juni den Kmiftnmm Isidor Lipschütz der Beleidigung für schuldig aber straffrei erklärt und im übrigen von der Anklage des unlauteren Wettbewerbs und des Betruges freigesprochen. Er hatte in Bielefelder Blättern sein enormes Lager von Gardinen, Teppichen usw. zu spottbilligen Preisen angepriesen. Der Tetaillistenverein nannte dies in einer Anzeige ein schwindelhaftes Angebot, weil die Preise des Angeklag- ten nicht niedriger, sondern höher waren als bei anderen Geschäfts- leuten. Darauf hatte der Angeklagte sofort mit einer ebenfalls kränkenden Gegcnanzeige geantwortet. Das Landgericht hat gegen- seitige Beleidigung angenommen und den Angeklagten nach§ 260 für straffrei erklärt.— Auf die Revision des Staatsanwalts hob das Reichsgericht am Dienstag das Urteil im vollen Umfange auf u»td verwies die Sache an das Landgericht Osnabrück. Nicht nur 8 163, sondern auch§ 102 kam in Frage, da es sich um den Tatbestand des§ 186 handelt. Der Verein hat sich nicht strafbar ge- macht, er konnte das Verhalten des Angeklagten nicht anders be- zeichnen. Im übrigen enthält das Urteil Wioersprüchc, soweit der Tatbestand deS 8 4 des Wettbewerbsgesetzes in Frage kommt. Eine Verurteilung dürfte durcfyaliS berechtigt sein, denn die „spottbilligen Preise" waren teilweise höher als bei anderen Kauf» leuten._ Versammlungen. Der sozialdemokratische Wahlverein für den vierten Berliner Rcichstagswahlkreis hielt am Dienstag eine Reihe von Viertelsversammlungen ab. Die Versammlung für das Köpenicker Stadtviertel war zahl« reich besucht und füllte den großen Saal der Drachenburg vor dem Schlesischen Tor. In einem fesselnden Vortrag schilderte Genosse Paul Hirsch, wie sich die politischen Zustände in Deutschland und Preußen während der letzten Legislaturperiode und bis in die neueste Zeit hinein entwickelt haben. Die reaktionäre und Volks» feindliche Politik der RcichstagSmehrheit, namentlich auch die so- genannte ReichSfinanzreform samt der ungeheuren Fleischteuerung haben dazu geführt, daß das Volk mehr denn je wach geworden ist. Das beweisen die Erfahrungen bei der Landagitation und das be- weist auch der mächtige Fortschritt der Sozialdemokratie bei den Jkachwahlen zum Reichstag und in jüngster Zeit wiederum auch das Ergebnis der Landtagsersatzwahl in Breslau. Alles deutet darauf in, daß das Volk es satt hat, sich von den reaktionären Parteien etrügcn zu lassen. Die herrschenden Klaffen haben Angst vor den kommenden ReichStagSwahlen und sinnen vergeblich auf Mittel, dem zu erwartenden Zuwachs an �sozialdemokratischen Stimmen und Mandaten vorzubeugen. Unter diesen Umständen kamen ihnen die Vorgänge in Moabit als ein gefundenes Fressen. Aber der Tendenzprozcß, der daran geknüpft wurde, nimmt offenbar einen Verlauf, der die Hoffnungen der Reaktion zufchanden macht. Es läßt sich nicht voraussagen, wann die ReichStagSwahlen stattfinden werden. Für uns kommt eS darauf an, für jeden Termin, den die Regierung für geeignet erachtet, gerüstet zu sein und jederzeit alle Kraft einzusetzen und überall für die nötige Aufklärung ztTsorgen. Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Der folgende Punkt der Tagesordnung bildete die Bestätigung der Delegierten zur Per- bandSgeneralversammlung. Es sind 24 Delegierte, die in diesem Stadtviertel zu wählen waren, und die vorgeschlagenen Kandidaten fanden die Zustimmung der Versammlung. Für das Görlitzer Stadtviertel fand die Versamm- lung bei Graumann in der Naunynstraße statt. Genosse Karl Bethke zeichnete hier in scharien Umrissen die politische Lage und das Verhalten der um emc zugkräftige Wahlparole verlegenen bürgerlichen Parteien, die nichl wissen, wie sie daS Volk über die von ihnen am Volkswohl begangenen Sünden hinwegtäuschen sollen. S«harf kritisierte der Redner die gegenwärtigen Zustände und alle die reaktionären Maßnahmen, womit die Gegner die Avbciterbewe- gung und die Sozialdemokratie einzudämmen oder niederzuknütteln suchen. Ihren Zweck erreichen sie nicht; weit eher da? Gegenteil. Die großen Massen des Volkes sind mehr denn je politisch wach geworden. In Dörfern, wo der Redner in letzter Zeit agitierte und wo früher sozialdemokratische Versammlungen überhaupt nicht zu- stände zu bringen waren, lauschten jetzt gegen 100 Personen den Borträgen und zeigten, daß sie politisches Verständnis gewonnen haben.— Dem mit starkem Beifall aufgenommenen Vortrag folgte eine kurze, aber recht rege Diskussion, ir. der mehrere Genossen sich über Fragen der Agitation und Aufklärung äußerten. Nament- lich wurde darauf hingewiesen, daß jetzt, nachdem die Behörden so eifrig bestrebt sind, die Jugendorganisation zu vernichten, mit ver- doppelter Ävaft an der Aufklärung und Erziehung der Jugend ge- arbeitet werden muß. Ebenso soll mit erneutem Eifer die Arbeit für die weitere Verbreitung der Parteipresse aufgenommen werden. Die 26 von den Bezirken vorgeschlagenen Verbandsdelegierten Mtrden von der Versammlung fast einstimmig bestätigt. Außer- dem Wurde eine Veränderung In der Viertelslerkung beschlossen, die sich durch den Verzug des Genoffen Klamm notwendig gemacht hatte. Als 1. Viertelsführer wurde Genosse Lusche gewählt, als 2. Viertelsführer die Genossin Q u o l k e. Die Versammlung bei L i t f i n in der Memelerstraße war ziemlich gut besucht. Ter Redner, Paul John, leitete seinen Vortrag damit ein, daß er das draußen stürmende Wetter zu einein Vergleich heranzog und meinte, so ein schneeiger, kalter Regen ist auf die Junkcrernte der letzten Reichstagswahlen gefallen. Jetzt sei den Junkern und ihren Bundesgenossen unheimlich zumute und sie suchten Schutz vor dem drohenden Volkszorn. Die gegen- wärtige innere politische Lage, wie sie vom fchitKirzblaucn Block geschaffen, schilderte der Redner näher und charalterisiertc die Par- teien des Reichstages. Er habe keinen Zweifel, daß für den Januar nach Durchpeitschung deS Etats ein« ReichstagSauflösnng geplant gewesen sei. Die Hetze gegen Partei und Gewerkschaften, die Fruktlfizierung des Prozesses in Moabit sollten die Wahlparole gegen die Sozialdemokratie schaffen, die für eine Junkerregierung ganz ungewöhnlich beschränkte Oeffnung der Grenzen für die Vieh- einfuhr das wildgewordene Spießertum beruhigen. Auf die M«- sckinenegewehre und Karabiner der Regierung müsse das Volk mit Millionen sozialdemokratislher Stimmzettel antworten.(Beifall.) In der Germania-Brauerei, Frankfurter Allee, folgte eine kleine, aber sehr aufmerksame Versammlung dem Vor- trage des Genossen Julius Hildebrand, der den Mvabiter Krawallprozctz zum Gegenstand seiner Ausführungen sich erwählt hatte. Als der Redner von den Bestrebungen sprach, diesen Pro- zeß zu einem Ausgangspunkt für neue Knebelungsgesetzc gegen die Arbeiterschaft zu machen, gedachte er der ersten Zeit des Sozia- listengesetzes und rief durch seine Schilderungen aus jenen Tagen manche Bewegung unter den Versammelten hervor, besonders als er erzählte, wie mancher Genosse als ein Opfer der niedrigsten Rachsucht und Verfolgung erlag und ins Unglück stürzte oder Selbstmord beging.— Unter den Versammelten waren auch viele Frauen zu sehen, die sich durch das schlechte Wetter nicht zurück- halten ließen. Bei B ö k e r, Weberstraße, tvo Genosse Dr. H e r z f e l d sprechen sollte, wurde von einem Referat abgesehen und nur die Bestätigung der Delegierten vorgenommen. Im„E l y s i u m, Landsberger Allee, sprach Genosse Georg Schmidt über das Thema des TageS. In der Diskussion for- derte ein Redner zum Austritt aus der Landeskriche auf. Auch hier vollzog sich die Bestätigung der Kandidaten glatt. Im sozialdemokratischen Wahlvcrein für den fünften Berliner NeichStagvwahlkreis, der am Dienstag seine Versammlung in den „Musiker-Festsälen" abhielt, referierte ReichstagSabgeordneter Ge- nosse. Stückten ufr-r die politische Lage. Die jetzt be- ginnende ReickiStagSsessionv bemerkte er einleitend, stehe bereits unter dem Zeichen der nächstjährigen Reichstagswahlen. Ihnen sähen die gegnerischen Parteien naturgemäß mit dem Gefühl der Bangigkeit entgegen. Redner behandelte dann eingehend die Tätig- keit der Scharfmacher und die verschiedenen gegnerischen Parteien, wobei er hervorhob, wie immcrmehr die Jnteresscnverbände in den Vordergrund träten. Es werde bei den nächsten Wahlen das Geld dieser Berbände mit vollen Händen hinausgeworfen werden. Man werde die Kandidaten der bürgerlichen Parteien fragen können: Wer bezahlt deine Wahlagitation? Und man werde ein bekanntes Wort umdrehen und sagen können:„Sage mir, wer dich bezahlt, und ich werde dir sagen� wo du hingehörst." In diesem Wahllampf müßt« der republikanische Staatsgedanke von uns mehr in den Vordergrund gerückt werden wie bisher. Das werde auch die beste Antwort sein auf das Hervorkehren des GottesgnadentumS, wie wir eS in letzter Zeit wieder erlebt hätten. Vor allem keine faulen Kompromisse l Es müsse gearbeitet werden, als hätten wir den Kreis niemals besessen. Stützen wir uns auf die eigene Kraft, dann werden wir mit Ehren den Kampf bestehen.(Lebhafter Beifall.) Darauf nahm der Vertreter des Kreises, Genosse Robert Schm i dt, das Wort: Wir hätten uns auf die künftige Zeit nicht als auf eine rosige für untere Partei festzulegen. Mit aller Kraft und Energie hätten wir den Kampf zu führen. Illlerdings, die Situation sei nie günstiger gewesen für die Aufklärung. Womit wir zu kämpfen haben werden, sehen wir aber jetzt schon. Alles lverde gegen uns ausgenutzt, gegen die Partei und die Gewerk- schaften. Die Vorgänge in Moabit und am Wedding zum Beispiel, womit wir nicht das geringste zu tun hätten. Auf der anderen Seite die außerordentlich gewissenlose Art, mit der systematisch wissentlich falsch und übertrieben die bürgerliche Presse zu unseren Ungunsten jene Vorgang« hingestellt habe, um gegen die Arbeiter- schaft in Partei und Gewerkschaft zu hetzen. Das deute uns schon die ganze Art an. wie der künftige Kampf gegen uns geführt werden solle. Niöbt mit loyalen Waffen des Geistes und politischer AuS» einandersetzungen. sondern mit Verleumdungen, mit Lug und Trug, so wie wir eS in letzter Zeit gesehen hätten. Und nun der Ruf zur Sammlung, der vom Reichskanzler auSgeM,ngen sei. Schon liabe Bassermann gesagt, daß es nicht ausgeschlossen sei. daß die National- liberalen mal zum Block kämen. Das sei die Partei, die immer nach recht? Anschluß suche. Der häusliche Streit zwischen National. liberalen und Konservativen könne da nicht irretieren.— Der Redner, der selber in den sozialpolitischen Kommissionen mitgewirkt hat, schilderte dann, wie dort die bürgerlichen Vertreter versagt hätten. Es gelte einen Kampf gegen die bürgerlichen Parteien. der zu einem Aufstieg der Sozialdemokratie führen müsse, die wisse. was sie zu fordern habe, und die unerschütterlich fcschalte an ihrer Auffassung. In dem Zeichen würden wir kämpfen und siegen. (Lebhafter Beifall.) Es wurden dann noch die Delegierten zur Verbands-Gcneral- Versammlung bestätigt. Berichtigung. Im Bericht über die Generalversammlung der Verwaltungsstelle Berlin ist ein Fehler enthalten. Es beißt in dem- selben, daß aus der Lokalkasse den Werstarbeitern 120 000 M. Unterstützung gezahlt sind. Da« stimmt nicht. E« sind seinerzeit au« der hiesigen Lokalkasse dem Vorstand zu Zwecken der Werstarbeiter- bewcgung 250 000 M. überwiesen. Die im Kassenbericht auf- geführten 120 000 M.. die außerdem im 3. Quartal dem Vorstand überwiesen sind, stellen den Uebersckuß dar, welchen die Hnnptkasse im 3. Quartal d. I. in Berlin harte. Deutscher Metallarbeiterverband. OrtZbcrwaltiing Berlin. Huö der frauenbewegung. Ans der Arbeiterinnenbewegnng. Rund eine halbe Million Arbeiterinnen sind in der Textil- industrie beschäftigt. Kinder von 13 und Greifinnen von 70 Jahren. Die ungeheure Not veranlaßt die Eltern, ihre Kinder von der frühesten Jugend an ausbeuten zu lassen; Greisinnen erwerben in den staubigen Fabriksälen noch einen Zehrpfennig, um nicht die Armenuntcrstützung in Anspruch nehmen zu müssen. „Etwas verdienen ist doch besser wie gar nichts," kann man oft genug hören. Die Textilfabrikanten verstehen eS ausgezeichnet, diese Not ihrem Geldbeutel dienstbar zu machen. Niedrige Löhne und meist sehr schlechte Behandlung sind an der Tagesordnung. Das Elend zu beseitigen, tvird erst möglich sein, wenn der OrganisatianSgedante bei den Arbeiterinnen tiefer eingedrungen ist. Ungeheure Hindernisse und Borurteile sind da noch zu überwinden. Ter Deutsche Textilarbeiterverband hat zurzeit be- schloffen, für die einzelnen Gaue Konferenzen der Textilarbeile- rinnen einzuberufen, um diese zur Mitarbeit zu veranlassen. Nachdem bereits am 6. März d. I. in Stuttgart für den Gau (Württemberg, Pfalz und ein Teil von Baden) eine Konferenz stattgefunden hatte, folgte am 20. November eine zweite, um die Berichte über die seitherige Tätigkeit sowie über die Verhältnisse in den einzelnen Orten entgegenzunehmen. 26 Vertreterinnen waren erschienen, die teilweise in recht gewandter Rede über die einschlägigen Verhältnisse berichteten. Es tvar ein Bild des Elends, das gegeben wurde. Tcrrorismus durch die Unternehmer, TerroriSmuS durch die Geistlichen, TerroriSmus durch„Deutsche Turner" und leider noch sehr viel Unverstand bei vielen Familien- angehörigen. Wir müssen es unK versagen. Orte und Namen an- zuführen, um Maßregelungen borzubeugekk. An dielen Orten dürfen es die Textilarbeiter noch nicht einmal wagen, eine Ver- sammlung zu besuchen, weil sie sonst sofort entlassen werde». Im Bunde mit oen Millionären sind es die Geistlichen, welche die jungen Arbeiterinnen von der Organisation fernzuhalten ver» suchen. Groß ist die Not der Textilsllaven. Manche Vertreterin erklärte: die Arbeiterinnen wissen, daß sie sich organisieren müssen, aber vor Weihnachten ist es ihnen nicht mehr möglich, die paar Pfennige Beitrag zu bezahlen. Bei solchen Verhält- niffen ist es kein Wunder, wenn es noch Fabriken gibt mit Hunderten, ja Tausenden von Arbeitern, wo die Organisation noch nicht Fuß fassen konnte. Neben dem TerroriSmuS sind es die sogenannten„Wohltätigkeitseinrichtungen", mit welchen die Textilarbeiter speziell in Süddeutschland von der Organisation ferngehalten werden. Eine Stuttgarter Vertreterin, die über „Organisation und Agitation" referierte, bemerkte, die Berichte bewiesen, daß die süddeutschen Textilunternehmer— und wenn sie sich noch so liberal gebärden— in Unterdrückung und Ausbeutung ihren Kollegen in Sachsen und Preußen um nichts nachstehen. Trotz der Verteuerung aller Lebens- und Existenzmittel ist es keinem einzigen eingefallen, auch nur die geringste Lohn- aufbesscrung zu gewähren: alle Fortschritte müssen durch die Organisation erkämpft werden. Mehr als 200 Arbeiterinnen wurden seit der ersten Konferenz durch die HauSagitation ge- Wonnen. Der Erfolg könnte noch viel besser fein, wenn die anderen GewerkchaftLgenossen, deren Töchter und Frauen in der Textil- industrie beschäftigt sind, behilflich sein würden. Speziell in Stutt- gart fehlt in dieser Beziehung»och sehr viel. Die zirka 6000 in Stuttgart beschäftigten Textilarbeiterinnen sind meistens An- gehörige anderer Gewerkschastsgenossen. «Versammlungen—«Veranstaltungen. lieber die willkürliche Regelung der Geburten im Lichte deS Rechts, der Moral und der Gemndheit veranstaltet die Deutsche Gesellschaft für Mutter- und KindeSrecht einen Vortragsabend am 2ö. November, s'/g Ubr, im Saale deS Schillertheater-RestaurailtS, Charlottenburg. BiSmarckstr. 110. Hu9 aller Kielt. Eine Mustcrleistung. Nicht Wenig überrascht wurden die Eltern eine? vor Jahresfrist vom Mlitär entlassenen jungen Mannes, als vor einigen Tagen bei ihnen in Brandenburg a. H. ein unfrankierter Brief an ihren Sohn einlies, den der Feldwebel der 8. Kompagnie des 67. Infanterieregiments in Metz abgesandt hatte. Der Brief ging, da der Sohn in Berlin in Stellung ist, an den Adressaten weiter. Die Eltern, nicht wenig beunruhigt durch das militärische Schreiben, setzten ihren Sohn von dem Eingang des Briefes in Kenntnis und baten um sofortige Nachricht, um welche Dinge eS sich in dem Schreiben handelte.. Der gleichfalls beunruhigte Empfänger löste den unfrankierten Brief gegen Zahlung von 20 Pfennig Strafporto ein. Sehr verblüfft war er. als er dem Briefe folgendes wichtige Dokument entnahm: Quittung. 3 Pfennige, in Worten drei Pfennige habe ich als Teuerungszulage für Brot vom 21. März 1908 bis 31. März 1908 erhalten. Unterschrift. ES ist doch wirklich ein starkes Stück, den ehemaligen Soldaten mit 20 Pf. Porto zu belasten, weil die Militärverwaltung rcfp. der Feldwebel aus irgend welchen Ursachen eS versäumt hat, während der Dienstzeit deS jungen ManneS die Quittung sich ausstellen zu lassen. UebrigenS eine etwas reichliche„Teuerungszulage". Ob bei so reichlichen Zulagen die Soldaten nicht gar zum Verschwender werden?_ Schwerer Eisenbahnunfall in Portugal. Ein entsetzliches Unglück hat sich gestern auf dem Rocio- Bahnhofe in Lissabon zugetragen. In einem Tunnel des Bahnhofes war eine Anzahl Arbeiter mit Strecken- arbeiten beschäftigt, als plötzlich, ohne daß die Arbeiter ge- warnt wurden, ein Eisen bahnzug heranbrauste. Sieben Arbeiter wurden von deni Zuge erfaßt und überfahren. Zwei von ihnen wurden getötet, die fünf anderen mußten in schwer verletztem Zu st and in ein KranketchauS geschafft werden. Ein vielseitiger Landrat. In der„Waldbröler Zeitung" findet sich folgende„Bekannt- machung": „Die Beobachtung, daß hier vielfach bei der Bewohnerschaft die Sitte besieht, Stock und Schirm nebeneinander zu tragen, führt zu der Frage, ob nicht ein Stockschirm sich einführen kann, lvie er in andere» Gegenden be- liebt ist. Die Hofschirmfabrik Hugenduvel u. Co. in Sluttgart fertigt einen ausgezeichneten Schirm mit festem Eichenstock und solider Zwinge au, der— als bewährt in manchen Gegenden gute Aufnahme gefunden hat. Die Lotalabteilung folgt deshalb einer Anregung des Herrn Spezralko in missarS, wenn sie auf dieien Schirm hinweist, dessen Vertrieb Herr Otto Heyderhoff Hierselbst übernoimncii hat. Waldbröl, den 14. November 1910. Der Direktor der Lokalabteilung: GerdeS, kgl. Landrat." Und da sagen manche Leute noch, daß die preußischen Landräte den Interessen der Bevölkerung fremd gegenüber stehen. Dieer rheinländische Landrat zeigt, daß selbst die alltäglichen Bedürfnisse sich der liebevollsten Aufmerlsamkeit des Herrn LandratS erfreuen. Kleine Notizen. Zweimal zum Tode verurteilt. Das Chemnitzer Schwur- gericht verurteilte gestern den 22jährigen Barbiergehilfen Karl G r u n d i g wegen Raubmordes zweimal zum Tode. Der Angeklagte hat am 13. September in Burkersdorf das Gastwirtsehepaar Göller durch Beilhiebe ermordet und beraubt. Eisenbahnzusammenstost. Auf der Eisenbahnstrecke Görlitz» Zittau stieß gestern mittag ein Personenzug kurz vor O st r i tz auf eine Anzahl Güterwagen. Der Zusammenstoß erfolgte mit großer Gewalt. Die Lokomotive des Personenzuges wurde zer- trümmert, auch der sonstige Materialschaden ist bedeutend. Eine Anzahl Personen soll verletzt sein. Einwanderung der Schwarzen. Wie aus Salzburg gemeldet wird, haben die portugiesischen Jesuiten das öfter- reichische SchloßLeopoldSkronbei Salzburg angekauft, um sich dort häuslich niederzulassen. Der Gattenmördcr Dr. Grippen wurde gestern früh in London hingerichtet. Crippen hat vor seinem Tode weder ein Gc- ständnis abgelegt noch irgendeine Erklärung abgegeben. Opfer der See. Vmi dem in der Nähe des russischen Hafens von Ne va l manövrierenden Unterseeboot„Alligator" wurden durch eine Sturzwelle zwei Matrosen über Bord gespült. Beide ertranken. Die Cholera in Konstantinovel. Gestern sind in Konstantinopel 38 Erkrankungen und 22 Todesfälle an Cholera gcm.ldet worden.?luf die Armee entfallen davon 16 Erlrankun- gen und 11 Todesfälle._______ Eingegangene Druchlchnftcn. Zu Land nach Indien. Von Sven Hedin. 2 Bände. Geb. 20 M. Auch 30 Lteser. a 50 Pj. F. A. BrockhauS, Leipzig. «xaS gefährliche Alter. Von Karin Michaelis. Deutsch von M. Mann(Koncordia Deutsche Vcrlags-Anstalt®. i«. b. H., Beelin V/. 30). 2 M.. geb. 3 M. Wohustiitten des Leben S. Von Dr. Tb. Arldt. SM.— Die Eni- stehung des Tcukliermögens. Von Dr. G. Bohn. 2 M.— Th. Thomas, Leipzig. Wettervölkchen. Märchen von Sophie Reinheimer. Keb. 1 M.— Kleine Menschen in der großen Stadt. Bilder von C. A. Brendel. Buchverlag der„Hilse", Schönebetg. „Iii» ii»ltj«i'v»» Ilvi gl«»»!»»»!". Eine LebenSgcschichte von Helene v. Racowitza(Frau v. Schewitsch). Berlin, Hugo Bermühler Verlag. 4 M. Die Handlungsgehilfenfrage. Von M. Weigert. 6 M., geb. 7,20 M. Dr. W. Ziolhschild, Wilniersdorj-Berlin. Amtlicher Marktbericht der städtischen MarNballen-Direktion aber den Großbandel in den Zentral-Marltbalien. Marktlage: Fleitib: Zusuhr schwach, GeicEmsi still, Preise unverändert. Wild:'«(ufubr reichlich, Geschäft nicht lebhaft genug. Preise unverändert. G e i l ü q e I: Zusuhr genügend, Geschäft flau. Preise gedrückt. Fische: Zusubr mägig, Geschäft sehr schleppend, Preise unverändert. Bulter und Käse: Geschäft still, Preise unverändert. Gemüi«, Obn und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wetterprognose ktir Donnerstag, den 84. November 1910. Teilweise ausklarend, vorwiegend nebelig oder wolkig mit geringen Niederschlägen, mähigen südliche» Wurden und langsamer Erwärmung. Berliner Wette rbureau. WittcrnnqSüberilcbt vom 23. November 1910, morgens 8 Nbr. ? a«= iZ Ii l| It9*" s:i| Snnneuld» 761 O Camburg j 762 NO Berlin 759 O Frantt.a M 76333 Müiutev 76538 Wien 762 W 1 bedeckt 3 bald bd. 2 bedeckt 4 bedeckt 5 Schnee 2 Schnee »Ii gt» Wi «tattonen tsf Setter »st c5» Sacaraiiva 770 O 2 bedeckt— 5 etersburg 771 SO 1 Schnee 1 0 Scillv 758 SB 4 bedeckt\ 15 jlberDeen 1 763 WNW 1 bolb bd.—3 Pan» 766 SSO 1 Nebel— 3 ( Theater und Vergnügungen Donnerstag, 24. N o v e m b e r. Anfang 7'/. Uhr. Aönigl. Opernhaus. Die Walküre. (Ansang 7 Uhr.) Neues konigl. Opern-Theater. Geschlossen. König!. Schauspielhaus. Die Jiäuber.(Ansang 7 Uhr.) Deutsches. Hamlet. Ansang 8 Uhr. K a in m e r s p i e I e. Gawün. Leising. Wenn der junge Wein blüht. Neues Setinnsvielvaus. Die Jung- srau von Orleans. Kleines. Verflixten Frauenzimmer. 1. Klasse. Berliner. Der scharfe Junker. Neues. Der Sieger. Trianon. Der heilige Hain. Koiiiiiliie Over. Ticsland. Residenz. Der Untcrpräsekt. Thalia. Polnische Wirtschast. Schiller o e-uUuei• Dealer.) Die Fee Caprice. Sch«(5ftarlo»te»burg. Prinz Friedrich von Homburg. Urirvrich- Wilhelinstädtisches. Die Hermannschlacht. Weste». Die schönste Frau. Rears Overrtic«. Der Graf von Luxemburg. Lustspielliaus. Der Feldherrn- hügei. Luise«. Preziosa. Modernes. Der Doppelmensch. Hcrrnfeld. Eine verlorene Nacht. Der Derbysieger. BoltSoper. Martha.(Ans. S'/, Uhr.) Roir. Die Millionenerbin. FolicS Caprice. Der Feldwebel- Hügel('Ansang 8>/, Uhr.) Metra.>0.. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Der schneidige Rudolf. Apulto. Svezialiräle». P»>'a«e. Spezialitäten. Rcichsi-alle». Steltiner Sänger. Walhalla. Bravo l Da capo l(An. fang 8llt Uhr.) Wintergarten. Spezialitäten. Sanssouci. Sich, die Kerls l Spezialitälen.(Ans. 81/« Uhr.) Karl Haverland. Svczialiiätc». Urania. Taubenstraßc 48/49. Abends 8 Uhr: Der Vierwatd- stätlcr L-ce und der Gotthard. Hörsaal 6 Uhr: Dr. G. Gehlhufs: Mechanik. 8 Ubr: Dr. W. Berndt: Be- sruchtung und Vererbung. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—62. VfisLenZeftuftlioftes Tsisutor Taubenstraße 48/49. Abends 8 übr: Der Tierrvaldslütter See und der Oottliard. Hörsaale Uhr: Dr. G. Geblhoff Mechanik. 8 Uhr; Dr. W. Berndt: Befruchtung und Vererbung. Kaiser-Panorama Reise nach dem OriLfl�. IT. interessant. Reise in Siam. Eine Reise 20 Ps., Kind nur 10 Ps. Abonnem. 1 M. Taufende Abonnenten. H Luisen-Ttieater. Abends 8 Uhr: I*« Z« 8». Schauspiel in 4 Alten von Wolf. Freitag: Preziosa. Sonnabend 4 Uhr: Zwerg Nase. 8 Uhr: Berlin gehl zu Bett. Sonntag 3 Uhr: Der Hüttenbcsitzer. 8 Uhr: Hascmanns Töchter. Montag: Preziosa._ iOSE=THEATE Lessing-Theater. 8 Uhr: Wenn der junge Wetn blüht. Freilag 8 Uhr: Das zweite Leben. öerliner Tiieatei*. Abends 8 Ubr: Der scharfe Junker. Morgen: Der scharfe Junker. km Theater. BorlehtcS Gastspiel Ferdinand Bonn. AbendS 8 Uhr: Der Sieger. Freitag letztes Gastspiel F. Bon«: Der Sieger. Sonnavcnd zum erstenmal: Der G. m. b. H. Tenor._ Theater des Westens. 8 Uhr: Die Mchtfnstc Frau. Morgen: Geschlossen. Sonnabend 71/a Ü.; Das Puppenmädel. Sonnt. 3'/4U.: Die geschiedene Frau. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Abends 8 Uhr: _ Koppcliuenscll._ Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feld Herrn Hügel. Berliner Volksoper Bcllr-Allinnceslr. 7/8. ',-s mr: Martha. Residsnz-Tlieater. Direltio»: Richard Alexander. Abends 3 Uhr: Der Unterpräfekt. Schwant in 3 Slklen v. Leon Gaudillot. Morgen und folgende Tage: Der Unterpräfekt. Sonntag, den 27 November, nach- mittags 3 Uhr: Gretchen. Friedrich-Wilheimstädtiscbes Schauspielhaus. Donnerstag. 24. Nov., abends 8 Uhr: pir Htmamschlacht. Freitag: Die Hermannschlacht. Sonnabelid 3'/, Uhr: Die Her- Mannschlacht. 8 Uhr: Krieg ün Frieden. Groge Frantiurter Str. 132. Die Miilionttletbiu. (Sein Prinzestchen.) Lebensbild in 3 Akten von Schätzler- Perasmi. Ans. 8 Uhr. Ende ll Uhr. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Im Zanberlande Rübezahls. Ab. 8 Uhr und Sonntag: Die Millionencrbin. Sonntag nachm. 3 Uhr: Das vierte Gebot._ Mtropo!- Theater. Hurra! Wir leben noch! Greste Zlusstattungsrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. V. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. 'Ansang 8 Uhr— Rauchen gestaltet. Ansang 8 Uhr. Leqte Woche des Koloffal-Progranittis. u. a.: Der berühmteste Kunst- schütze der Welt Vol. 8. Bordeverry. Walter Steiner mit neuen Schlagern. 10 Ubr: Mizzl Wlrth in ihrer Novität: Frauenrä sei. Ein beispielloser Erfolg I BremoiiTal Etoile Parisienna Lafory Herlein v. d. Großen Oper amerik. Opa- Paris. rettensängerin „General" Edward La Vine, der tapfere Haudegen sowie die übrigen unerreichten ÜNovembsr-Attraktionen!! usiwi Der größte Schlager der Theater-Saison 1910. EineverlDkenesiacht Ein lustiger Trauetsall in zwei Akten von Anlon und Donat iderriiseld. Vorher: Der Derby-Steger. Vorverkauf ll— 2 Uhr. Ans. 8 Uhr. ftdies Caprice. Komiker Schnitzel Solo-Tell; Der Dorlmuslkant. Morgen und folgende Tage: Der Mmbelhiigel Karl Baverland- Ansang f|in«toii Kommandanten- präg. 7'/j U. llJCfllCl. straste 77/79. Candianys Sketsch Italienische Nacht Karl(*roth m. neuen Schlagern sowie 14 erstklass. Spezialitäten. �QhiÜSA' Schiller-Theater 0. sWallner-Tbeatj. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zum I.Male: Diins gegenüber dem Krankenhause Moabit aus. Wir sahen, dast die Schutzleute soeben die Gegend gesäubert hatten. Etwa 200 Meter von uns entfernt flohen die Mensche» vor den Schutzleuten. Die Striißc war ruhig und wurde nicht abgesperrt. Etwa 10 Sekunden hieUeu wir an der Stelle, als ein geheimer Schutz manu, der etwa 20 Meter von uns enlferut war, süus bis sechs unifornrierten Schutzleuten den Befehl gab: „Auf die Kerle im Auto." Ich stand auf. hielt meine Vereinskarte hoch und rief:„Wir sind von der Presse". Die Antwort war ein zweiter Ruf des geheimen Schutzmanns;„Dreinschlagen". Daun haben vixr bis fünf Schutzleute dem Befehl Folge geleistet. Wir suchten uns da- durch zu verteidigen, daß wir uns duckten. Die Schutzleute schlugen aus uns ein. Mein Kollege Lawrence erhielt drei bis vier Schläge über die Hand. Ich selbst wulde von zwei Schutz« leuten auf de» Racken und aus den Kopf geschlagen. Meine beiden anderen englischen Kollegen wurden ebenfalls geschlagen. Inzwischen haben die Schutzleute auch de» Chauffeur attackiert und mit Schlägen bearbeitet, so daß es ihm unmöglich war, seinen Wagen zu steuern. Mein Kollege Lawrence blutete sehr. Meine Hand und mein Spazicrstock wurden von seiuein Blute befleckt. Auch sein Paletot war rot von Blut. Wir fuhren nach einer Unfallstation, da wurden Lawrences Wuiiden verbunden.— Vorsitzender: Also ohne daß Sie aufgefordert wurden weiter zufahren, erfolgte das Kommando:„Los auf die Kerle."— Zeuge: Ich kann nur sagen, wir haben kcuic Ausforderung gehört. Wenn wir sie gehört hätten, dann würden wir sofort Folge geleistet haben. Rechtsanwalt Heine: Ihr Verein hat eine Beschwerde an den Reichskanzler und den Polizeipräsidenten gerichtet.— Zeuge: Nur au den Reichskanzler.— N e ch t s a n w a l t H e i n e: Sie haben vom Unter st aatssekretär Wanschaffel eine Antwort auf Ihre Beschwerde erhalten. Wie lautet die Antwort? Zeuge W i l e: Ich habe von meine in Verein nicht die Erlaubnis, den genauen� Wortlaut des Schreibens nsitzu- teilen. Ich könnte es nur dem Sinuc nach angeben.— Rechts- a n iv a l t Heine: Ich bitte Sie, uns mitzuteilen, was Ihnen von dem Inhalt des Schreibens bekannt ist.— Z e u g e W i l e: Jw möchte das Gericht fragen, ob ich dnS Recht habe, das Vereins- geheimnis mitzuteilen.— Vorsitzender: Das Recht haben Sie. Das Gericht steht aber auf dem Standpunkt, daß der Inhalt des Schreibens v o l l k v m m e n u n e r h e b l i ch ist.— R e ck t S- a n w a l t Heine: Auf dem Standpunkt stehen wir aber nicht. Ich muß daS wissen,»ni festzustellen, wie die höchsten Jnstaiize» im Reiche die Sache aufgefaßt haben. Es sind Nachrichten über diesen Vorgang in die Presse gekomnien, die auf tatsächlich uurichtige» Angaben aufgebaut find. ES ist w i ch t i g,'' obersten Instanzen informiert worden sind. Polizeipräsidenten unwahre Angaben gemacht worden. Sonst würde er niwt die Antwort gegeben haben, die durch die Preste gegangen ist. Offenbar sind auch dem Reichs- knnzler unwahre Angaben gemacht worden. Das muß f e st g e st e l l t werden, denn eS dient zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit der hier veruonlincnen Polizeibeamten. Man muß die Autwort des Polizeipräsidenten mit der Antwort des ReickiskanzlerS vergleichen können. Es kann nicht gesagt werden, daß das in keiner Verbiiidiing mit der Sache steht. Die Staatsanwaltschaft steht ans dein Stand- Punkt, daß die Exzesse einheitlich geleitet sind, sie behauptet sogar. daß die Sozialdemokratie dahinter stecke. Wir haben den Gegen- beweis angetreten, daß die Unruhen hervorgerufen oder doch ver- schärft worden sind durch das provokatorische Vorgehen der Polizei, die nachher versucht hat, ein falsches Bild der Vorgänge zu geben. Der Beweis nach dieser Richtung kann uns nicht abgeschnitten werden. Recklsanw. Heinemann überreicht die schriftliche Formu- lieriina dcS Antrages: Die vom Verteidiger Heine gestellte Frage ist desbaib erheblich, weil damit bewiesen werden soll, diift den höchsten Instanzen von Bcanite» nnwnhr» Angabe» gemacht worden sind Eine Frage darf nicht, weil sie unerheblich ist, sondern nur, wenn sie nicht zur Sache gehört, abgelehnt werden. Nach längerer Beratung des Gerichts verkündet der Vorsitzende den Beschluß: Die Frage wird abgelehnt, weil nicht behauptet ist. ivelche von den vernominenen oder noch zu veruebnieuden Zeugen den Bericht an de» Minister des Innern erstattet haben und weil nicht anjiegeben ist, in welchen Punkten der Bericht von den Angaben der Zeugen abweicht./ Hierauf wird die Vernehmung dcS Zeugen W i l e fortgesetzt. Rechlsanw. Heine: Ist es wahr, daß einer von Ihnen im Auto aufgestanden ist und mehrfach in der Richtung nach den forteilenden Leuten gestiknliert hat?— Zeuge: DaS ist vollkommen unwahr.— RechtSanw. Heine: Ist Ihr Chauffeur mehrfach aufgefordert, weiter zu fahren, ebe geschlagen wurde?— Zeuge: Ich habe keine Aulforderimg gehört.— RechtSanw. Heine: Ist ein Stein ans der Richtung des Autos geivorfen?— Zeuge: DaS habe ich nicht gesehe», ich haste es für ausgeschlossen.— RechtSanw. Heine: Waren Menschen in der Nähe deS AutoS:— Zeuge: Die einzigen, die ich sah, ivaren zwei Mädchen, die von Schntzlcutcii mit dem Säbel in der Hand weg. gejagt wurden, anscheinend, iveil sie nicht schnell genug gingen.— Rechtsanwalt Nosenfeld: Nach Zeitungsberichten soll der Mann, der den Befehl zum Dreinhanen gab, ausgesehen baben wie ein Strolch.— Zeuge: Was ist ein Strolch?— Rechtsanwalt Nosenfeld: Ein Rowdy.— Z e n g e: Der Mann kam mir vor wie ein DurchschniltSgeheiuier Schutzmann.— Vorsitzender: Was verstehen Sie darunter?— Zeuge: Na, er hatte so etwas an sich. Man weiß doch, mit wem man eS zu tun hat.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Wie war er gekleidet?— Zeuge: Er trug die übliche Bürgerkleidimg.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Halt«, Sie cS für möglich, daß englische Polizeibcamte...— Vorsitzender: festzustellen, wie die Offenbar sind dem Tie Frage kann ich nicht zulassen. Wir baben es hier nicht mit England, sondern mit Vorgängen in Deutschland zu tun.— Nechrsanwalt Rosen seid: Das Gericht hatte kein Bedenken, als ein preußischer Polizeibeamter hier befragt wurde und Vergleiche anstellte zwischen der Erziehung preußi- scher und ausländischer Polizeibeamten. Ich halte es für. notwendig lind zulässig, in dieser Richtung auch Fragen an andere Zeugen zu stellen.— Vor s.: Ich lasse die Frage nicht zu.— Rechtsanwalt vr o s e n f e l d: Ich beantrage einen Gerichtsbeschluß.— Nach der Beraluiig des Gerichts verkündet der Vorsitzende: Die Frage wird abgelehnt, weil sie für die Eutscheidimg des Gerichts unerheblich ist. Der folgende Zeuge K r i m i n a l w a ch l in e i st e r Fritze ist derjenige Beamte, welcher den Angriff aus das Automobil komnian- diert hat: Ich sah eine Menge Menschen durch de» Kleinen Tier- garte» laiifcn. Gegenüber stand die Autodroschke. Da blitzte mir der Gedanke durch den Kopf, daß die Herren sin Auto mit der Sache etwas zu tun hätten. Ich rief deshalb: Auto weg! Ein Herr stand sin Auto und sagte: Nein, noch nicht. I» demsslben Augen- blick waren auch ein paar Schutzleute da, und da war e S s ch o n geschehen. ES wurde auf die Herren eingeschlagen.— Vor- sitzender: In unmittelbarer Nähe war kein Publikum.— Zeuge: Das kann ick nicht sagen.— Vorsitzender: Wenn Sie gemußt hätten, daß die Herren im Auto Journalisten waren, hätten Sie dann auch den Bckehl gegeben? Und wie kamen Sie zu der Annahme, daß die Herren mit der Sache etwas zu tun hätten? Zeuge: Weil einer der Herren ausrecht stand und etwas in der Hand hielt.— Vorsitzender: Alto Sie nahmen an, daß die Herren im Auto gewissermaßen Anführer seien und deshalb sagten Sie: Weg mit dem Auto.— Zeuge: Ja. Vorher hatte schon ein Wachtmeister den Chauffeur aufgefordert, weiter zu fahren. — Rechtsanwalt Heine: Wie ist die Nachricht in die Presse gekommen, daß der Mann, welcher den Angriff kommandiert hat. zerlumpte Kleidung trug.— Zeuge: Das weiß ich nicht.— Auf weitere Fragen antwortet der Zeuge: In dem Augenblick, als das Auto angegriffen wurde, war keine Menschenmenge in der Nähe, ich habe auch nicht gesehen, daß ein Stein aus der Richtung des Autos geivorfen wurde.— Journalist Tower, Vertreter der ..Daily News" in London, bestätigt in allen wesentlichen Punkten die Angaben deS Vorzeugen. Polizeiwacht m ei st er Härder befand sich in der Schutz- mannskette. vor welcher die Menschenmenge in den Kleinen Tier- garten flüchtete. AIS ich mich umsah, bemerkt der Zeuge, sah ich das Auio. Einer der Herren im Auto hielt die Hand nach dein Kleinen Tiergarten. Ich glaubte, sie hätten was mit der Sache zu tun. Deshalb sagte ich dem Chauffeur: Fahren Sie weiter! Daun hörte ich den Knmiiialwnchlmeister Fritze rufen: Auto weg! Jui Handumdrehen waren einige Schutzleute aus der Kette heran- gekommen und schlugen mit Säbeln auf das Auto. Auf die Frage, wie der Zeuge zu der Vermutung kommt, daß die Herren iin Auto mit der Sache etwas zu tun hätten, antwortet er: ES ist doch erzählt worden, daß auch bei de» Wahlrechts- d e m o n st r a t i o n e n im Tiergarten die Führer in einem Auto hin- und hergefahren sind.— Vorsitzender: Weilii Sie gewußt hätten, daß die Herren im Auto Journalisten sind, würden Sie sie dann auch weggewiesen haben?— Zeuge: Ja, denn sie störten uns doch.— Vorsitzender: Habe» Sie nicht zu verhiildern gesucht, daß die Schutz- leute die Herren schlugen?— Zeuge: DaS konnte ich nicht, es ging ja so schnell. Die Schutzleute haben ja auch nur gegen daS Auto geschlagen und nicht gegen die Perionen, die drin saßen.— Vor sitzender: ES ist aber schon festgestellt, daß einer der Herren verletzt ist.— Rechtsanwalt Heine: Nach Ihrer Angabe wurde also ohne Kommando losgeschlagen.— Zeuge: Ja.— Rechtsanwalt Heine: Die Schutzleute haben sich also ein- fach lungedreht und losgeschlagen?— Zeuge: Jawohl. Auch dieser Zeuge bestätigt, daß im Augenblick des Anariffs kein Publikum i» der Nähe war und daß er keinen Stein wurs aus der Rirtilung deS AutoS gesehen hat. Aber ein Schutzmann habe ihm gesagt, es sei etwas aus dem Auto herausgeworfen worden.— Rechtsanwalt Heinemann: Aus welchem Grunde behaupten Sie, daß die Anwesenheit dcS AutoS eine Störung für die Beaintcn war.— Zeuge: ES wäre uns im Wege gewesen, wenn wir gegen die Menge vorgegangen wären. Durch weitere Fiagen an den Zeugen wird festgestellt, daß die Schutzmaunsketle im Falle eines Vorgehens durch DaS Auto nicht behindert gewesen wäre.— Rechtsanwalt Heine: Sie hielten also die Herren im Auto für die Führer der Unruhen, weil Ihnen erzählt worden war, bei den Wahlrechtsdemonstrationen iin Tiergarten seien die Führer auch im Auto herumgefahren. ES wird bestritten, daß damals die Führer im Auto waren. Die Führer waren zwischen und unter der Menge. Der Vorsitzende macht hierauf eine Bemerkung, auS der am Berichierstattertisch nur daS Wort: der„Vorwärts" zu verstehen ist.— Rechtsanwalt Heine sagt darauf: Der Mann, der bei den Wahlrechtsdemonstraiioiien im Tiergarten im Auto beineik» worden ist und ei» rotes Buch schwenkte, war Dr. Zepter, der nicht Mitglied der sozialdemokratiichcn Partei ist. Ich beantrage, ihn als Zeugen zu laden.— Nachdem der Vorsitzende bemerkt hatte, es werde lein Wert auf diese Angelegenheit gelegt, verzichten die Ver- leidiger auf die Ladung des Dr. Zepter.— Rechtsanwalt Heine bemerkt dazu: Ich lege auch keinen Wert darauf; den Schoylriitcn sind ja schon so viele Irrtümer nachgewiesen, daß wir diesem Jertuni nicht weiter nachgehe» brauchen. Der Zeuge Lawrence, Vertreter deS Renterbureau, ist der dritte von den Journalisten, die von der Polizei überfallen wurden. Auch er bestätigt die Angaben seiner Kollegen. Der Zeuge ist bei dem Angriff an beiden Händen verletzt worden und hat drei Wochen lang einen Verband gelragen. P o l i z e i l e u t n a n t P u k a ß hat die Schutzleute komman- diert, zu denen die Angreifer der eiiglischen Journalisten gehörten. Bon dem lleberfall selbst bat er nichts geseben. weil sich derselbe, wie er sagt, hinter seinem Rücke» abspielte. Ich sah nur. daß sich ein Beamter mit den Insassen deS Autos beschäftigte. Als ich den Wagen aushalten wollte, um Feststellungen zu machen, war er schon fort. Ich habe die Beamte» gefragt, was vorgefallen wäre, habe aber nichts Bestimmtes erfahien. Auf mehrere an ihn gerichtete Fragen bestätigt auch dieser Zeuge, daß zur Zeit des Angriffes auf das Auto keine Menschenmenge in der Nähe desselben war. Aber die Situation habe sich ja jeden Augenblick ändern können. Der Zeuge erklärt es für selbstverständlich, daß ein Auto. welches an jener Stelle stand, für das Vorgehen der Beamten eine Störung gewesen wäre. Wenn sich die Herren im Auto an ihn gewandt hätten, würde er ihnen geraten haben, sich zu entfernen. Dem Zeugen wird von der Verteidigung an der Hand der bereits festgestellten Tatsachen vorgehalten, daß das Auto auf leinen Fall das Vorgehe» der Schutilcute gehindert hätte. Journalist Show, der vierte von den Uebcrfallenen, stimmt den Angaben seiner Kollegen zu. Er glaubt, daß er schon vor den, Kommando zum Losichlagen aufgestanden sei, um seinen Kollegen zu zeigen, wie die Schutzleute mit den Säbeln hinter den beiden Mädchen herjagte». Weiter sagt der Zeuge, er sei von dem Angriff auf ihn uiid seine Kollegen überrascht gewesen. Er meine, die Polizei hätte Zeit genug gehabt, sie zum Bcrlasscu der Stelle nnfziifordcri:. Sie würden dann selbstverständlich weiter- gefahren sein. Das Vorgehen der Polizei sei gumdloZ und übereilt gewesen.— Zeuge Wile wird vom Rechtsanwalt Heine über seine Meitlting von dem Borgchen der Polizeibeamten befragt. Er erklärt eS für brutal und grundlos. Seiner Ueberzeiigiing nach hätten die Schutzleute deu Kopf ver« lorcn. Zur Zeit des Angriffs sei die Polizei in keiner Weise bedroht gewesen. C h a Ii s f e u r L e w i n hat das angegriffene Auto gefahren. Außer dem Angriff auf die Joiiriialisten hat er noch folgsudeu Vor- fall miiangeseben. An der Lübecker Straße, wo alles leer von Menschen war, lief ein junger Manu schnellen Schrittes vor einem Schutzmann davon. Der Schutzmann schlug den jungen Mann von hinten mit dem Säbel, worauf der sunge Mann sofort zusammenbrach. Ohne sich weiter u ni d e n M a n n zu kümmern, ging d e r S ch u tz m a n n fort. Am folgenden Tag« hat der Zeuge einem Fahrgast die Blut- lache gezeigt, die von der Verwundung des jungen Mannes an jener Stelle zunickgcblicben war. Den Angriff auf die Journaltsten stellt der Zeuge so dar: Als ich angefahren kam, gebot mir ein Schutzmann mit erhobenem Säbel Halt und rief mir zu: Was wollen Sie hier? Ich antworieie: Das werden Ihnen die Herren lagen. Da bekam ich einen Säbelhieb über de» Arm und dann ging die Prügelei los. Wie die anderen Schutzleute, die sich an dem Schlagen beteiligten, dazu gekommen sind, weiß ich nicht. DaS Auto ist bei dieiem Angriff stark beschädigt worden. Außerdem war es mit Blut bespritzt. Das Verdeck war ganz mit Blut be- sudelt. ES mußte deshalb erneuert werden. Die Reparatur- kosten deS Autos betragen 420 bis 200 M. Menschen waren bei dem Angriff auf da? Auto nicht zugegen.— Frau S o l w i n, die Gattin eines Schauspielers, ist auf der anderen Straßenseite vorübergegaiigen. als sich der Polizeiangriff auf die Journalisten abspielte. Sie gibt an, sie habe gesehm, daß ein Schutz- mann durch eine Haudbetvegung den Chauffeur zum Weiterfahren aufforderte, gehört bat sie eine Aufforderung nicht. Uumittelbar nach dieser Haiidbewegung wurde aus das Auto losgeschlagen. Menschen waren nicht in der Nähe des Autos.— Chauffeur L e w i n bleibt dabei, daß er eine Aufforderung zum Wciterfabren nicht erhalten habe, daß er auch eine Haiidbewegung des SchntzmaunS nicht gesehen habe und daß eine Haiidbewegung, wie sie Frau Solwin beichieibt, nicht als Aufforderung zum Weiterfahren augesehen werden kann. — Dr. Ka y ser, Oberarzt im K'rankeuhause Moabit, hat den Vor- gang von einem Fenster des KraiikeiihauieS aus beobachtet. Er hörte den Ruf: Auto anhalten, haut sie! dann wurde sogleich losgeschlagen. Eine Aufforderung zum Weiter- fahren Hot der Zeuge nicht gehört. Der Zeuge hatte den Eindruck, daß die Schiitzleiite deu Kopf verloren hallen.— Kriminal- w a ch t m e i st e r Fritze bestreitet, daß er gesagt habe: Los auf die Kerle. Solchen Ausdruck würde er nicht gebrauchen.— Rechtsanwalt Heine: Ist es möglich, daß mehrere Äutos verhauen worden sind?— Zeuge Fritze: Davon weiß ich nichts. Journali st Show erklärt ganz bestimmt, den Ausdruck Kerle gehört zu haben. Ebenso bestiniint bleibt Dr. Kayser dabei, daß Haut sie I Haut sie! gerufen wurde. Schutzmann Wenzel gibt an, er habe das Auto erst gesehen, als es bereits stand. Wachtmeister Fritze rief: Auto weg! In demselben Augenblick bekam ich einen Steinwurf vor die Brust. Der Wurf kam aus der Richtung des Autos. Ich glaubte, dem Wacht- meisier Fritze würde Widerstand geleistet, darum schlug ich mit dem Säbel zweimal zu. Auger den Herren im Auto habe ich niemand gesehen. Jetzt, wo ich weiß, wer die Herren sind, glaube ich ja nicht, daß einer von ihnen den Stein geworfen hat, aber damals nahm ich es an. Polizeileutnant Pukaß fragte mich, warum ich in das A»lo geschlagen hätte. Ich sagte, es hat jemand aus dem Auto geworfen. Der Stein, mit dem ich geworfen wurde, war in Papier oder Leder eingewickct.— Nechlsauiv. Heine: Haben Sie den Stein nachher aüigehoben?— Zeuge: Nein.— Ncchtsanw. Heine: Haben Sie das Instrument fliegen oder fallen sehen?— Zeuge: Nein, ich habe nur den Wurf gefühlt.— RechtSanw. Heine: Vielleicht war es ein Knopf, der einem Ihrer hustigcn Kollegen abgeplatzt ist?— Auf eine weitere Frage deS RechtsaiiwaitS Heine sagt der Zeuge, daß er ohne Auf- fordcnmg nnd ohne Befehl losgeschlagen bat.— RechtSanw. Heine: Also aus Jhueii bleibt eS sitzen. Wodurch hielten Sie denn Ihren Kollegen. der an der Droschke stand, für bedroht? Ter Zeuge schweigt.— Rechtsanwalt Heine: Hatten die Herren im Auto Säbel gezogen?— Zeuge: Nein. Ader sie konnten doch Waffen baben. Es wäre doch möglich gewesen, daß einer eine» Revolver in der Tasche hatte. Einer der Herren faßte auch nach der Tasche.— Rechtsanwalt Heine: Ja, um eine Karte zu ziehen.— Zeuge: Das konnte ich doch nicht wissen. Wir mußten aus alles gefaßt sein.— Rechtsanwalt Heine: Also Sie haben bestirchlet, daß der Herr eine Waffe ans der Tasche holen würde, um ouf Ihren Kollegen zu schießen. Daß jemand einen Angriff auf Sie machen wollte, davon haben Sie nichts gesehen.— Zeuge: So lange wartet man nicht.— Siechtsanwalt Heine: Haben Sie daS schon öfter gemacht, daß Sie, wenn jemand nach der Tasche faßte, angaben, Sie glaubten, er würde eine Waffe hervorholen? Tag ist nämlich die übliche Methode, der man sehr oft begegnet. Die Annahme, daß Sie einen Augliff von den Jnsaffen der Droschke befürchteten, habe» Sie sich wohl erst später zurechtgelegt? Auf weitere Fragen der Verleidiger sagt der Zeuge, er halte eS für einen Widerstand, daß das Auto nach der Aufforderung zum Weiterfahren noch st ehe» ge- blieben sei I Der Zeuge Lewin bezeichnete den Schutzmann Wenzel als denjenigen, der ihm mit erhobenem Säbel Halt gebot und gleich darauf auf ihn losschlug. Schutzmann Wenzel bestreitet, daß er dieser Beamte gewesen sei. Er behauplet, er babe von links in die Droschke hineingeschlagen, während doch der Chauffeur vorn rechts sitze. Lewin bleibt dabei, daß er den Schutzuiann Wenzel ganz bestimmt wiedererkenne, obgleich er heute keinen Vollbarl mehr trägt. An jenem Abend trug Wenzel einen Vollbart und mit dieier Barttracht Hot ihn der Zeuge Lewin auch bei seiner polizeilichen Vernehmung wiedererkniint. Schutzmann Wenzel bestätigt, daß er damals einen Vollbartt trug, den er sich vorgestern erst hat ab- nehmen lassen. Polizeileutnant Pukaß gibt an, daß»och ein Schutz- mann Hermann dabei gewesen sei, der auch einen Vollbart trägt und dem Schutzmann Wenzel ähnlich sähe.— Dr. Meyer vom Krankenhaus Moabit bat den Vorgang ebenfalls mit angesehen und bestätigt die Angaben des Dr. Kayser.— Damit ist die Er« örlerung deS Ueberfalleö auf die Journalisten für diesmal beendet. Es werden hierauf einige Zeugen vernommen, die einzelne Episoden nnS den Moabiter Vorgängen beobachtet haben.— Ingenieur Schulze kam auf dem Nachhausewege in die Nähe deS ArininiuSplatzeS. Die Straße war menschenleer. Als der Zeuge eine Schutz- »laiuiSkctte passiert hatte, schrie ihn ein Schutzmann an: WaS wollen Sie hier, wollen Sie machen, daß Sie fortkommen I Gleichzeitig schlug der Schutzmann mit dein Säbel»ach dem Zeugen, aber der Schlag traf einen anderen Mann. Dieser rief, warum schlagen Sie mich, ich bin doch ganz nnschuldig. Ein Polizeilentnant trat hinzu und fragte, was will der Mann oder was will der Kerl. Dan» faßte ein Schutzmann den Mann an der Gurgel und st i e ß ihn. Eine Menschenansammlung war zu dieser Zeit nicht vorhanden, irgend ein Angriff auf Polizeibcamte fand nicht statt. RechtSanw. R o s e u f e l d: Hat sich der Polizeiosfizier deS ManneS, der geschlagen wurde, angenommen?— Zeuge: Nein. Maler B r ü g g e ni a n n stieg an der Ecke der Stromstraße ans der Straßenbahn, da herrschte ihn ein Schutzmann an: Machen Sie, daß Sie fortkommen oder ich steche Sir über den Haufen. Dann bekam ich einen Stoß, sagt der Zeuge, und ging weiter. Als ich bald daraus an der Haltestelle der Straßenbahn fiand, tritB m!ch ein Schutzmann fort mit den Korten: Das gibt es nicht,»n der Haltestelle stehen. DaS ist eine faule Ausrede. Als ich weiter ging, sah ich. wie die Schutzleute im Kleine» Tiergarte» auf da« Publikum ein- schlugen. Wohin man sah, stand ein Schutzmann. Passanten liehen sich nur vereinzelt sehen. Jeder, der an den Schutzleuten vorbeiging, wurde geschlagen. Ein Mann, der zwischen den Gebüschen hin- und herlies und anscheinend nicht wuhte, wie er s i ch vor den Schutzleuten retten sollte, wurde wiederholt mit dem Säbel geschlagen. Ich sah einen alten Mann, dessen Gesicht ganz mir Blut überströmt war. Der Mann wurde von der Polizei angehalten. Da hörte ich. dah der Polizeileutnant zu ihm sagte: Warum sind Sie in den Trubel hineingegangen. Ich habe diesen Mann nach dem Krankenhause gebracht. So viel ich sehen konnte wurde jeder, der auf die Straße kam, von Schutzleuten verhauen. Rechtsanwalt Heine: Also überall, wo ein Schutz- mann stand, war eS gefährlich.— Zeuge: Natürlich.— Rechtsanwalt Heine: Der Mann, der zwischen den Gebüschen des Kleinen Tiergartens von de» Beamten geschlagen wurde, hat die Polizei nicht angegriffen, sondern wollte sich au» ihrer Nähe entfernen.— Zeuge: Ja. so ist e S.— RechtSnuiv. Heine: Hatten denn die Schutzleute die Möglichkeit, den Mann fest- zunehmen?— Z e u g e: Ja. gewitz.— Kutscher DurunSki ging die Turmstrahe entlang in dem Bestreben, sich möglichst weit von den Schutzleuten zu entfernen. Er war auf dem Wege nach Hause. Da geriet er zwischen zwei Schutzmanns-- ketten. ES war ein richtiges Kesseltreiben, sagt der Zeuge. Ich ver- suchte mich i» Sicherheil zu bringe» und ging in ein Haus. Als ich wieder herauskam, schlug mich ein Schutzmann, daß ich zu Boden fiel. Ich stand wieder auf und wollte weitergehen. Da rief ein anderer Schutzmann: Hund, Du läufst ja noch, da wurde ich nochmals ge- schlagen. Ich fiel wieber zu Boden und wurde nachher von einem Herrn zum Krankenhauie gebracht. Auf mehrere Fragen des Rechtsanwalts Heine gibt der Zeuge noch an. dah zu der Zeit, wo er geschlagen wurde, die Straße menschenleer war. Vorher sei das Kesseltreiben gewesen, bei dem jeder Strahenpassant von den Schutzleuten geschlagen wurde. Zu diesem Angriff habe ein Polizei leutnant mit einer Pfeife das Signal gegeben. Kriminalschutzmann Hohler soll die Existenz de? ominösen Radfahrers mit demMaurerbammer glaubhaft machen. Er gibt an, er babe an mehreren Tagen in der Brusselstrahe einen Mann gesehen, der einen kurz st i e l i g e n M a u r e r h a m m e r in der Hand haue und mit einem Rade von einer Stelle zur anderen fuhr. Dieser Manu sei immer von einer Menschenmenge gedeckt worden. Der Zeuge nimmt an, der Mann habe mit dem Hammer daS Pflaster aufreihen wollen Gründe für diese Annahme kann er n i ch t anführen. Auf eine Frage der Verteidiger, warum Kriminalschutzmaim Hahler dieien Mann nicht f e st g e st e l l t habe, sagt er. er habe keine Leranlaffmig dazu gehabt.— R e ch t S a n w. Heine: Wenn die Annahme des Zeugen zutreffend gewesen wäre, dann hätte er doch wohl Grund gehabt, den Mann als Rädelsführer festzunehmen. Am DowierStag findet keine Sitzung statt: da der bisherige Verhandlungssaal vom Schwurgericht des Landgerichts III in Anspruch genommen wird, nmh die dritte Strafkammer nach dein grohen Schwurger-chtSiaal im alten GerichtSgebäudc übersiedeln. Dort wird am Freitag S'/g Uhr die Verhandlung fortgesetzt. Der Materialwarenhändler Schulz, Wittstocker Str. IS, ersucht im? um Feststellung, dah er mit dem gestern im Bericht erwähnten Belastungszeugen Schulz nicht identisch ist. Diesem Wunsche kommen I wir gern nach. ßriefkaftcn der Redaktion. •I» luelftttifit evrechfiiind» dttve» Sinbenfltafte N». 6», ftoetl vier Srrbbcn— a«hrflnhl—. RioiiicntSottib von S1,'» vi»?>'. Nbr-ivenvS, ToiinadendS von 4'/, vi? 0 Uhr nachmittags ftatt. äevrr fiir den Brief- tasten bestimmten Antrag- ist«>» Buchstabe und eine Zahl als Mert- zeiche« veiiiNiügen. Briefliche Atitwoe, wir» nicht erteilt. Eilige »leaae» trage man in der Lvrechstnitde vor. F. L. 54. 1. Am für jugendliche und weibliche in Betrieden, in denen in der Regel mindestens zehn Arbeiter bcfchfiftigt werden. 2. Schulpflichlige Kinder dürfen in derartigen Betrieben nicht beschäftigt werden. Bei jungen Leuten zwischen>4 und lS Jahren und Arbeiterinnen ist die Arbeitszeit auf höchsten« zehn Stunden täglich beschränkt, bei Arbeiterinnen auhcrdem an den Vorabenden der Sonn- und Festtage auf höchstens acht Stunden täglich. 3 Nein.— M. Dt. IOO. 1., 2. und 3. Nein. 4. Das hängt von der Höhe deS Einkommens de? Va'crS ab. Bei sechs Kindern besteht Anspruch aus Ermähigung um drei Stufen.— c.ueeiiSland 101. DaS ist nicht zulässig. Sie töi nen aber die Versicherung fortsetzen w der Weoe, dah Sie iiiiierbalb längstens zweier Jahre 20 Marke» entwerten und die Karte vor Ablauf zweier Jahre, vom Ausstellungstag« gerechnet, umtauschen. — K. S., KarlShorst. Nach der herrschenden PrariZ nur von Staats- steuern. Vir halten diese Praxis für fallch.— Rcgenfnft Göppingen. Königl. Gencral-Lotierie-Virektion, Marlgrafenstr. 47.— St. 35. Sie sind zur Weiterzahlung vrrpslichtet.— B. Seh. 31. Senden Sie die Rechnung der Kraiikenkasse ein mit dem Ersuchen um Begleichung. Schildern Sie den Vorgang.— O. R. 51. Wenn die Krankheit Meer Frau sie nicht dauernd zu der Arbeit unsähig macht, ist fi« zablungZ« pflichtig.— Secstr. 84. Sie find haftbar, Ihr Mann nicht.— R. 73. U. E. nicht.— W. s�> tlrSIere Idnabmen entaprevtiead hiltigsr. Lj Cj* Britz. Am Dienetag, den 3g. No- vember IS1V, abend» 8 Uhr, findet die Ordantl. Generalversammlung im Reftanran« von August Raddatz. «hausseestr. SS, ftatt. 297/2 Tagesordnung: 1. Wahl des Ausschusses zur Prü- sung der Rechnung de« lausenden Jahres. 2. Neuwahl und Ersatzwahl von 2 Vorstandsmitglieder der Arbelt- geber und 4 der Arbeitnehmer. 3. Ab- anderungen der{} 14 und 41 deS KassenstaiutS. Die Herren Delegierten der Arbeit» geber und Arbeitnehmer werde« hier- durch eingeladen. Der Kassendorftand. s e h r e�n d, Vorsitzender. 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Ziehung 5 Kl. 223. Kgl. Preuss- Lotterie. Ziehung vom:«. November nachmittags. Nur die Gewinne Uber 240 Mark»Ina den betretfendes Nummern In Klammern beigefügt. [Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 50 747 805 62 1 008 28 41 6t 246 466 75 633 716 43 869 2 288 89 00 395[500] 418 518«23 43 45 82 811[1000] 909[500] 3)00[1000] 12 37« 414 48 53 554 809*090 128 342 155 659 709 5038 145 731 830[500]»91 623« SO 341 470 83 587(500] 703 89 919 57[500] 7095 505 100 6 978 8 006[500] 229[ 3000] 356 412 871 76 9045 278 70 4 45[lOOOl 51-41 flSOeO] 81 56[30 00) 7» 913 10009 17 321 438 599 718 801 13 983 11040[500] 894(500) 4«1 67« 764 1217« 24« 76 417(3000) 671 744 08 81 13013 71 150 247 IT 72 331 51« 64 724 77[500] 928 1*0:6 84 466 508 930 1 5049[ 500]»1 196 99 231 418 714 813 917 1 6013 893 423 526 9«T 17224[.'60] 322 »9 530 84 61« 78 803 18)43 265 307 1 9058 101 360 413 2 0 278[ 500] 388 453 13000) 2 1 018 109 222 404 555 [81)00) 61»[3000] 81[500] 9lä 22113 210 659 23043 ISS 738 935 92 2*157 241 65 443 513 53 786(500) 849 984 2 5123 308 33 7« 523 2 6 20 419 45 860(36001»71 27073 289 140 74 82« 050 2805! 177 2 29 312 20 613 693 750 29289[500] 305 14[500] 477 648 62 210172 200 54 500 681 744 7»|1000] 31125 29 207 [500] 370 444[500] 853 950 3 2013 47 108 47«[SüllO] 5.-2 767 3 3 022 47 225 359 IlCüu) 458[500] 88» 933 3*02» 108 24 213 45««17 65 715 854 92»18 35139 43 306 80 625 65 734 56 85 8.1[500] 89 36016 51 7» 81 235 70«46(500) 766[ 500] 886»05 37002 107[1000] 217 «5 410»5 682 764 9BI 38123 217 45 41» 512«14[500] 750 70 3 9)00 298 903 40050 143[346)0) 315[1000] 661«03 703 81» 36 41115 304 607 04 4 2065 15,:'18 330«1 374 90 901 *330« 84 50» 81 378 91» 8« 4*333 64 471 817 4 5.15« 81 619 734 832 68 4 0197 212 473 731 826*7222 26 30» 857 923 93*«032 30 7 758 4 9 6)1 729[50«) 80« 50001 123 36 8« 202 87 564 75 705 818 51004 40 199 [900] 81 50 274 50« 83 84«1« 37«52 03»3! 52161 39« 631[3000]«0« 5319» 257 5*01« 34 7» 403[lOOOl 073 [500] 65221 117 44[5U0] 438 49[ 500] 137 38 82»30 63 56)02 60 205»7 485 879»15 5 7013 130 533 627 64 767 8)8 91 68I6S(1006] 248 31» 5» BS 612 48 64[506] 78» 814[30601»4 961«»5 59101[3000] 361 423 COÜ 732 62»Ol 74 60016[500] 6» 144 46»7 299 349 418 7,2 85» 61031 112 594«11 762 62-33«2(1000) 685 43! 50! 60 827 63)24 50 298 39! 421 86 751 16! 84 691[SOOl 6*) 6, »71[1600] 9» 517[1800]«11 11 780 860 9 6 5555 556 66108 17» 402 9 78 6 7055 64 191 220[500] 301»12 68172 600.7« 141 35» 421 70158(300) 209 475 617[1866] TT»[1806]»!7 4» 7 1 483 598[500] 834 99 7 2 217 81«05 40 6! 79! 817 51 73-01 881 766»59 7*070 S04 23 30« 614 069[500] 83« 49»61 75062 101 213 301[lOOOl 565 765 22«1 857 7 6095 170 241 58 460 65 6!« 61«[3000] 708 62» 77135 221 821 415 7«[1000] 815[500] 78176 448 51 6)9 8« 709 25 889 911 7 808» 299 360[1060] 671[500] 90 658 650 905 47 80517 619 70 770[3008]«0 81« 681 59[8000] 71 91051 t!« 88 48[1060] 175 441 88 91 527 6-4 4» 958 85 «2:85 711 K30»? 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Eitra- Tafel-Margarine noch nicht probiert haben, zu einem Versuch zu veranlassen, verabfolgen wir in unseren Verkaufsstellen an folgenden 3 Tagen Donotirstag, 24., Freitag, 25., u. Sonnabend, 26. Nevemti, 1910 m m An diesem Schild sind die Läden erkennbar, In denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. JünntergUIti� in Konntruktion und Ansführann. gleich vorzüglich f Ur Hausgebrauch n. ludustrle. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. —| lt MCI. I.V. leipziger Straße 93. j— 4 I Lädo» in den rersenüdanen Stsdttai'en. 1■> Ä.(Soldfatb?l«W.StMiirii gegründet 1839. Tokc russe a priser, goiit de Kowno. 0'O-i>cH>cK>c>n-n-n-n'C>c>o-n-o-q na Prawdzlwa tabaka do - � zazywania„Kownoer?' □ □ □ w------------ □ u □■□•»□•c�-o-a-aci-cha-QOCha-o-ö fjebensnnterhalt odcr gute» Nebeuenvcrb kann man sich zu Hause mit Etricken für uns oder Private aui uiiserer eritklalsigen Strilkinaschine verdienen. Wir liesern dieselbe mit 50 M. Anzahlung und bequemer Teilzahlung. 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Zur Kiudsrschutzngltation. Sonntag, den 27. November, von 8 Uhr früh as, findet die angekündigte Flugblattderbreitung in den Bezirken Groß-Berlins. von den bekannten Stellen aus. statt. Hieran schließen am Dienstag, den 29. November, 23 Volks- Versammlungen, welche sich mit der Frage des Ainderschutzes beschäftigen werden. Wir bitten die Genossen und Genossinnen, in gewohnter Weise bei beiden Veranstaltungen auf dem Platze zu sein. _ Der Aktions-Nusschuß. Schmargendorf. Freitag, 25. November, abends 8Va Uhr, findet im Restaurant Scbützenhaus, Hundelchlestratze 20, eine öffentliche W ä h l e r v e r s a m in l u n g statt. Referent Stadlverordneter Groger-Rixdorf. Zahlreiches Ericheitlen erwartet Das Wahlkomitee. Zossen. Umständehalber findet die WahlvereinSveriammlung am Sonntag, den 27. November, nachmittags 4 Uhr, bei Lturzner statt. Franz.-Buchholz. Am Sonnabend, den 26. November, abend� 8 Uhr, feiert der Vezirkswahlverein in KähneS Festiälcn, Berline� Straße 3S, sein drittes Stiftungsfest unter Mitwirkung d-r Rheinischen Sänger und Humoristen sDir. E. Herzberg), des Arbeiter-Gesangvereins»Wach auf" und des Arbeiter-Radfahrer- Vereins Franz.-Buchholz. Programme a 25 Pf. sind bei den Bezirks- führern zu haben. Bernau. Am Sonnabend, den 26. November, abends 8>/z Uhr, im Restaurant Schiitzenhaus: Oeffentliche Versammlung. Referentin: Genossin Wulff._ Die Bezirksleitung. Berliner j�acbricbten. Hyazinthen. Bis tief in den Herbst hinein haben die roten Pelargonien ans den Ballonen der Witterung standgehalten, bis sie den kälter werdenden Nächten weichen mußten. Nun veröden die Fassaden der Häuser und die Vegetation wird vor dem Feinde einen Schritt nach innen zurückgezogen. Zwischen den Fenster- scheiden taucht sie wieder auf, wenn auch in gänzlich ver- ändcrter Form. Reihenweise stehen die Hyazinthengläser da, mit den Papierkoppen über den grünen Zipfeln, die schon aus der Knolle schauen, und mit den langen, weißen Faserwurzeln, die durstig in das Wasser tauchen. Unsere Hyazinthen sind künstliche Züchtungen aus Wild- lingen, die ini östlichen Mittelmeergcbict, da um Griechen- land herum und Kleinasicn, ihre Heiniat haben. Im Jahre 1596 lvurde die erste Hyazinthe in England kultiviert. Bald aber bemächtigten sich die blumenliebenden Holländer der Neuheit, und die Niederlande stehen noch heute an der Spitze der Länder, die die Kultur der alljährlich mit größter Aus- dauer wiederkehrenden Zimmer-Hyazinthen betreiben. Aber auch Berlin ist ein Zentrum dafür geworden, so daß man die Heimat der in unseren Zimmern sprießenden Zwiebeln nicht allzuweit zu suchen braucht. Der Botaniker faßt die Zwiebeln als verkürzte, sozusagen in sich zusammengestauchte Stengel auf, die in dieser Gestalt unter der Erdoberfläche Platz haben und auf diese Weise der Trockenheit besser entzogen sind. Die Hyazinthen, wie überhaupt die Zwiebelgewächse, sind nämlich Anpassungen an Gegenden, in denen auf feuchte Perioden von verhältnismäßig kurzer Dauer lange Trockenheiten folgen. Die gedrungene Form gestattet die Anhäufung einer großen Menge von Nahningsstoffen in den Zwiebclschalen, die nichts anderes sind, als fleischige sehr verkürzte Blätter. In ihnen und in der zwischen ihnen frühzeitig entwickelten Blütentraube ist alles soweit vor- bereitet, daß beim Eintritt der feuchten Vegetationsperiode die Zwiebel sehr rasch in Kraut und Blüte schießen kann, um sich nach erfolgter Reifung der Samen wieder als Zwiebel unter die dürre werdende Erdrinde zurückzliziehen. Der Name, den Linns auf diese Pflanzen übertrug, ist der griechischen Mythologie entlehnt, wo Hyakinthos einen Freund des Apollo bezeichnet, der in der Blüte der Jugend sterben mußte. So wird Hyakinthos als die Personifikation der Vegetation aufgefaßt, die im Mittelmeergebict im feuchten Frühjahr rasch in die Höhe schießt, dann aber unter den heißen Strahlen der Sommersonne vergeht. In diesem Sinne dürfte Linns den Namen richtig angewandt haben, ob- Wohl die Hyazinthen, von denen schon über tausend Sotten durch die Kultur erzeugt worden sein sollen, bei uns eine Reihe von Wochen ihre hübschen Blüten zeigen. Es liegt, das läßt sich nicht leugnen, bei alledem etwas Einförmiges in den uniformen Gläsern mit den gleichartigen Zwiebeln und den tvie die Soldaten aufgestellten Blüten- schäftcw Wenn sich die Hyazinthen dennoch alljährlich ihre Plätze neu erobern, so ist der Grund nicht schivcr cinzu- sehen. Es ist der Kontrast zwischen den Blumen, die hinter kalten Scheiben prangend sich entfalten und dem unwirschen Winter, der nur wenige Millimeter von ihnen entfernt, näher und näher rückt, aber vor den Hyazinthen Halt machen muß. Frühling im Winter!_ Die Jtnttingen Berlins Häven im letzten Jahr keine Vormehrung ihrer Mitglieder ge- habt. Dem neuesten Verwaltungsbericht der Gewerbe- deputation, den der Magistrat kürzlich veröffentlicht hat, cnt- nehmen wir. daß im Jahre 1399 im ganzen 62 Innungen be- standen. Unter ihnen waren 44 freie Innungen mit 12 176 Mitgliedern und 18 Zwangsinnungen mit 17 935 Mitgliedern, so daß die Gesamtzahl aller Jnnungsmitglieder sich auf 29 211 belicf. Im Jahre 1999 sind weder bei den freien Innungen noch bei den Zwangsinnungen neue hinzugekonimen oder be- stehende aufgelöst worden, dagegen hat gegenüber dein Vor-, jähr 1998 die M i t g l i e d e r z a h l s ich vermindert, bei den freien Jniuingen um 259 und bei den Zwangs- innungen um 99. im ganzen um 349. Die einzelnen Innungen sind sehr verschieden groß. In 1999 waren von den freien Innungen die größten die Bäckerinnung mit 1698 Mit- gliedern, die daneben bestehende Innung„Concordia" für Bäcker mit 1393 Mitgliedern, die Innung der Barbiere, Friseure und Periickenmachcr mit 1241, die Fleischerinnung mit 1139 usw. usw., andererseits die kleinsten die Nagel- jchmiedeinnung mit 15 Mitgliedern, die Seilerinnung mit 15, die Strumpstvirkerinnilng mit 15, die Kammacherinnung mit 12, die Innung der Besorger frcnider Rechtsangelegenheit mit 21 Mitgliedern. Von den Zwangsigntlngen' waren die größten oie Schneiderinnung mit 5115 Mitgliedom, die Tischler- innung mit 2573, die Schuhmacherinnung mit 2355, die Tape- ziererinnung mit 1748, die Malcrinuung mit 1395, die kleinsten die Zeugschmiedeinnung mit 43, die Kupferschmiede- innung mit 49 Mitgliedern. Zu beachten ist übrigens, daß von den freien Innungen wie von den Zwangsinnungen nicht wenige ihren Bezirk über Verlin hinaus erstrecken. Wie stark Berlin allein an den Mitgliederzahlen beteiligt ist, läßt sich aus dein Bericht nicht ersehen. Von den L e i st u n g e n der Innungen ist nicht viel zu sagen, weil nicht viel davon zu merken i st. Aus der Uebersicht über die Einnahmen uud Ausgaben der Innungen, die dem Bericht der Gewerbe- deputation alljährlich beigegeben wird, interessieren besonders die speziellen Angaben über die Aufwendungen für Gesellen- Wesen(Herberge, Arbeitsnachweis usw.) und für Fachschnl- Wesen. In 1999 waren unter den 44 freien Innungen 27, die für das Gesellenwesen nicht einen Pfennig ausgaben, und 25, die sich jede Ausgabe für das Fachschulwesen ersparten. Von den 18 Zwangsinnungen hatten 4 für das Gescllenwesen und 3 für das Fachschulwesen nichts übrig. Aber auch diejenigen Innungen, die für solche Zwecke etwas hergaben, griffen meist nicht tief in den Beutel. Manche sind da mit lächerlich geringen Beträgen aufgeführt. So zahlte z. B. die Zwangsinnung der Posamentiere(124 Mitglieder) nur 9 M. für Gesellenwesen, die freie Innung der Schlosser(628 Mit- glicder, 2424 Lehrlinge) nur 66,59 M. für Fachschulwesen. Das Schicksal eincs öden Platzcö im Gesundbrunuenvicrtcl ervegt gegenwarlig die Gemüter der dortigen Anwohner. Im Treffpunkt der Bah-, Bloch- und Hochstraße befindet sich ein brachliegendes Dreieck, das der Magistrat verpachten will. Mit diesem Plan ist aber die Aiiwohnerschaft ganz und gar nicht einverstanden. Es wird dagegen protestiert, daß die Stadtverwaltung wegen eines geringen Vorteils durch Einnahme der Pachlsumine, jenes Viertel eines Platzes beraubt, der sich vortrefflich zum Park-, Schmuck- oder Spiel- platz eignen würde. Eine Deputation des Grundbesitzervereins „Gesundbrunnen" hat bei dem zuständigen Dezernenten der städtischen Grundeigentnmsdcputation deshalb Vorstellungen erboben und den dringenden Wunsch ausgesprochen, daß der Platz so bald wie möglich zu einem Spielplatz umgewandelt werde. Auch in einer jetzt an den Magistrat gesandten Petition wird erneut gebeten, den erwähnten Platz für die Jugend des Gesundbrimneiiviertels umzugestalten, ihn aber unter keinen Unistände» zu verpachten. Eine Vcrschiineriing der Havclnfer bei Tegelort ist von der Ge- meindcverwaltung tzciligensee beschlossen worden. In Tegelort. das in seiner ganzen Ausdehnung politisch zum Gcmcindebczirl Heiligcnsee gehört, bilden die wenig befestigten und sandigen Havelufer eine nicht geringe Gefahr für die Spaziergänger. Nach- dem nun vor einiger Zeit bereits die Gemeindevertretung von Heiligensee zur Regulierung der Ufer von der Königlichen Regie- rung anliegende Terrainstreifen von 1536 Quadratmeter Größe an- gekauft hatte, besckflos; sie jetzt die Zahlung der Kostensumme und die Aufhöhung und Befestigung der fraglichen Ufer. Die Schutzinseln am Hallcschen Tore wurden Dienstagabend von der Polizei auf ihre Zweckmäßigkeit hin besichtigt. Die erst vor einigen Wochen errichteten Schutzinseln, die sich unter der Hoch- bahn nach dem Blücherplatze zu und zwischen den beiden alten Torgebäuden am Bclle-Allianceplatz befinden, haben sich als Ver- kehrs fallen schlimmster Art gezeigt. Da sie kaum zehn Zentimeter hoch sind und wegen der schlechten Beleuchtung sich wenig vom Erdboden abheben, passieren hier fast jeden Abend Un- fälle. Straßenpassanten stolpern über sie und ziehen sich Ver- lctzungen zu und auch die Wagenführer können sie schwer erkennen. Es ist jetzt geplant, die Bordschwellen der Schutzinseln von Zeit zu Zeit mit einem weißen Anstrich zu verschen und auch für eine bessere Beleuchtung zu sorgen. Wahrscheinlich wird in- uiitten jeder der Schutzinseln noch eine Laterne aufgestellt werden. Die Untersuchung wegen sittlicher Verfehlungen einiger Wärter der städlislben Anstatt Wuhlgarlen ist abaeichlossen. ES sind drei Wärter so schwer belastet, daß der Magistrat hiervon der Staats- anwaltichaft Anzeige erstattet hat. Empfindliche Verkehrsstockungen und eine ganze Reihe von Unfällen wurden durch die erneuten Schneefälle am Dienstag Abend sowie in der letzten Nacht herbeigeführt. Auf Straßen und Plätzen hatte sich eine für die Passanten äußerst gefährliche schlüpfrige Schneedecke gebildet. An den Bordsck)wellcn sammelte sich der durchweichte Schnee stellenweise fast bis zum Bürgersteig hinauf an. Dieser Umstand trug dazu bei, daß viele Paisanten zu Fall kamen und zum Teil nicht unerhebliche Verletzungen er- litten. Auch auf den Bürgersteigen stürzten mehrere Personen nieder. Sie zogen sich beim Aufschlagen des Körpers Kontusionen und Quetschungen zu. Die Verkehrsverhältniffe waren am DienS- tag in später Abendstunde zeitweise recht traurige. Die über- füllten Straßenbahnwagen kamen häufig ins Stocken und die Fuhrwerke kamen nur schwer vorwärts. Zur Beseitigung der �chneetueugeti hat die städtische Straßcnreinigung bisher noch keine Hilfskräfte eingestellt. Sie glaubt jedenfalls, daß die vorhandenen etatsmäßigen Strahenreiniger genügen. Herrliche Winterlandschaften gibt es gegenwärtig in Berlins Umgebung. Auf Feldern und Wiesen hat sich ein weißes Schnee- tuch ausgebreitet und Sträucher und Bäume sind mit einem glän- zcnd weißen Wintermantel überzogen worden. Schöne Anblicke gewähren jetzt die Forsten und speziell die Laubwaldungeu hinter Tegel bis hinauf nach Birkenwcrder. Ter Berliner Schlachthof verseucht. Der Berliner Schlachthof-ist nach einer Erklärung der Veterinärpolizei, wie die„Allgemeine Fleischer-Zertung" mitteilt, als vollständig von der Maul- und Klauenseuche verseucht an- zusehen. Die Seuche ist in sehr vielen Stallungen ausgebrochen; alle diese Stallungen und die Schlachtkammern muffen einer gründ- lichcn Desinfektion unterworfen werden. Der Viehhof ist bis jetzt von einer Ansteckung noch freigcblieben. Das Lcssiiig-Muscum, welches infolge des Abbruchs des Lessing- hauseö in der Straße am Kvnigsgraben vor einigen Wochen nach den Parterrelokalitäten des Hauses Brüderstr. 13 verlegt worden ist, wird jetzt weit lebhafter besucht als an der alten abgelegenen Stelle. Außer Gcmeindeschnlklaffen mit ihren Lehrern finden sich viele Personen ein, die bisher von der Existenz dieses Mnseums keine Ahnung hatten. Auch aus Arbeilerkreisen ist der Besuch schon recht rege geworden. Erfreulich ist die übersichtliche Znsaminen- stellung der nicht allzu umfangreichen, aber literarrich inter- esiantcn, in sechs Zimmern untergebrachten Sammlungen, die hier bedeutend anschaulicher werden als in dem alten Lessinghause. Durch Geschenke ist manche» Wertvolle hinzugekommen. Leider fehlt vorerst noch ein Katalog. Man findet sich jedoch auch an den den einzelnen Ausstellungsgegenständen handschriftlich bei- gegebenen kurzen Erklärungen unschwer zurecht. In de» ersten Tagen nach der Eröffnimg wurde ein EintritiSgeld von 36 Pf. erhoben. Da der Bestich fast völlig ausblieb, ist fortan der Besuch(Sonntag, Montag, Mittwoch, Freitag von 11—1, Dienstag. Donnerstag, Sonn- abend von 2—4, mit Ausnahme der Feiertage) unentgeltlich. Die Erfahrungen bei dem Branditnglück in der Neuen Friedrich- straße haben dem Polizeipräsidenten Veranlassung gegeben, an- zuordnen, daß in Geschäftsräumen, w denen leicht brennbare Stoffe verarbeitet oder iü größeren Mengen angehäuft zu werden pflegen, mit Strenge auf die Durchführung folgender Maßnahmen zu achten ist: 1. Die Geschäfts- und Arbeitsräume müssen mindestens zwei an entgegengesetzten Enden liegende Ausgänge haben, die während der ganzen Zeit, in der sich Personen in oen Räuinen befinden, also auch während der Ruhepausen innerhalb der Geschäfts- oder ; Arbeitsstunden, unverschlossen gehalten werden müssen und nur durch eine im Falle der Gefahr leicht lösbare Plombe gegen die Oeffnung durch Unbefugte gesichert werden dürfen. 2. Die hiernach notwendigen Ausgangstnren müssen stets leicht gangbar und dürfen nicht mit Schlössern versehen sein, an denen sich Riegel befinden. Während der Geschäfts- oder Arbeitsstunden darf der Schlüsse nicht im Schlosse stecken bleiben. Die bisher vielfach geduldete Abschließung eines der Ausgänge und Aufbewahrung des Schlüssels in einem Glaskasten neben der Tür ist nicht mehr zulässig. 3- Die Ausgänge sind als solche mit großer, leicht lesbarer Schrift kenntlich zu machen. Die nächsten Wege zu ihnen sind dauernd offen zu halten und durch deutlich in die Augen fallende Richtungspfeile zu be- zeichnen. 4. Die Höfe solcher Gebäude und die Durchfahrten zu ihnen müssen für die Einbringung von Lösch- und Rettungsgeräten frei gehalten, sie dürfen insbesondere nicht zur Aufstapelung von Waren und Verpackungsgcgenständen benutzt werden. " Zu dem Fabrikbrande in der Glogauerstrasie, über den wir gestern berichteten, schreibt uns die Firma Franz R. Conrad:„Sic berichten, daß in der Schleiferei Benzin lagerte. Das stimmt nicht. Bei mir wird, wie in jeder anderen Schleiferei, Benzin zum Aus- waschen benutzt. Zur Zeit des Brandes befanden sich nur 16 Liter in dem Waschgefäß, außerdem war keinerlei Benzin in dem Räume vorhanden. Was den Türschlüssel betrifft, so ist zu bemerken, daß bereits seit Einrichtung der Schleiferei in ihrer jetzigen Aus- dchnung, seit etwa vier Jahren, angeordnet ist, daß der Schlüssel zur zweiten Tür jeden Morgen vom Schleifermeister mit in die Schleiferei genommen und erst abends nach Beendigung der Arbeit wieder bei dem Werkmeister abgeliefert wird. Daß diese meine Maßnahme stritte befolgt wurde, davon habe ich mich persönlich des öfteren überzeugt. Es kann also gar keine Rede davon sein, daß der Schlüssel auf Veranlassung der Arbeiter dorthin gekommen ist und daß überhaupt der Brand in der Neuen Friedrichstraße die Ver- anlassung hierzu gegeben hat." Bon einer Kraftdroschke überfahren und getötet wurde gestern mittag um 12V« Uhr der neun Jahre alle Sohn Paul des Kauf- mannS Schlaga aus der Saarbrücker Str. 6. Der Knabe kam aus der Schule und befand sich auf dem Heimwege. Als er vor dem Hause Prenzlauer Allee 248 über den Fahrdmnin gehen wollte, übersah er eine Kraftdroschke, von der er umgestoßen und über die Brust gefahren wurde. Der Wagenführer hielt sogleich und brachte den Verunglückten mit seiner Dröschte nach der Hilsswache 16 in der Keibclstraß'e. AIS er hier eintraf, war er seinen schweren inneren Verletzungen schon erlegen. Eine» schmerzlichen Verlust hat ruiser Genosse Karl Liebknecht durch den soeben erfolgten Tod seines Schioiegervaiers LouiS Paradies erlitten. Paradies>var ein stiller Parteigenosse und mit den älterxn führenden Genossen gut befreundet. Unter dein Sozialistengesetz stellte er seine Wohnung verfolgten Genossen öfter zu Parteizüsanniicnküuften zur Verfügung und unterstützte oft die arme Partei aus seinen damals reichen Mitteln. So mancher Genosse fand bei ihm eine Freistatt und so kam Paradies auch mit dem alten Liebknecht in enge Fühlung, die zuletzt durch den Sohn zu einem VerwandtschaftSverhältnis führte. Paradies ist 67 Jahre alt geworden. Zwrimal inurrholb zehn Stunden vom Feuer betroffen ist das Grundstück Rykestr. 25. Am Dienstag abend stand der Dachstuhl dieses Hauseö in großer Ausdehnung in Flammen uud mußte die Feuerwehr mit mehreren Schlauchleitungen bis gegen 11 Uhr kräftig löschen. Die Ermiltetimgen nach der Ursache des Brandes waren ergebnislos, obgleich die Vermulimg vorlag, daß vorsätzliche Brand- ftiftung vorlag. Gestern früh 7 Uhr kani dort nun zum zweiten Male Feuer aus, wodurch die Amiabme, daß Brandstiftung vorliegen müsse, noch mehr bestätigt lvurde. Abermals stand der Dachstuhl gleich an mehrere» Stellen in Flammen, so daß der IS. Automobilzug sofort mehrere Schlauchleitimgen von Dampf- spritzen vornehmen und zum Vorgehen eine Teleskvpleitcr benutzen mußte. Durch energisches Vorgehen gelang eS, den Brand inner- halb zwei Stunden zu löschen. Von dem Brandstifter fehlt noch jede Spur. Ein recht schwieriges RettmigSwerk beschäftigte den 21. Zug in der Straße am Nordbafen. Dort war ein Wagen in den Hafen gestürzt, der von der Wehr herausgeholt wurde. Arbeitcr-Bildimgöschule. Der Unterricht in Redeübung fällt heute aus; Fortsetzung am nächsten Donnerstag.— Die Bibliothek ist heute geöffnet. „Musik und Dichtung" lautet der Titel des am nächsten Sonntag abend» 6 Uhr in den„Prachtsälen Alt-Berlm", Blumenitr. 16, staltfindenden UnterhaltungSobends der Orlsgnippe Berlin deS Ärbeiter-Abstiiientenbuudes. Die künstlerische Leitung des Abends liegt in den Händen des Herrn Leo Kestenberg. Der Eintrittspreis beträgt 46 Pf. Eine Abendlasse findet nicht statt. Gefunden worden ist eine Quittungskarte. ein Kraukenkassenbuch, ein Arbeitsbuch uud Arbeitöbcschcinigimg, auf den Namen Luise Esser, geboren zu Köpenick. Abzuholen von Max Weber, Treptow, Beermamistr. Sa. Eine schwarze Markenmappe ist Montagabend zwischen 5—8 Uhr von der Feimstraße 46 bis herrüber»ach Nr. 33 verloren worden; sie enthielt verswiedene Marken mit dem Aufdruck: Deutscher Transportarbeiter- Verband. Da der Verlierer den Verlust ersetzen inuß, wird der ehrliche Finder gebeten, die Mappe nach Engel« Ufer 14/15(Zimmer 36) einzusenden. Ter Berliner Arbciter-Nadfahrer-Berein(Mitglied des Ar- bciter-Radfahrerbundes„Solidarität") hielt am 28. Oktober in den „Andreas-Festsälen", Andreasstraßc, seine ordentliche Eeneralver- sammlung vom dritten Quartal ab. Es haben im verflossenen Quartal eine Generalversammlung und drei Zeutralvorstauds- sitzungen stattgefunden. Todesfälle waren drei zu verzeichnen mit einer Unterstützungssumme von insgesamt 136 M. Unfalluirter- stützung wurde in sieben Fällen beantragt, zur Auszahlung gelangte bei 226 Keankheitstagen die Summe von 337,75 M. Ausgeschlossen wurden vier Mitglieder. Am l. Oktober er. verzeichnete der Verein einen Bestand von 2178 Mitgliedern. Die Bilanz schließt in Ein- nähme und Ausgabe mit 2851,82 M. Das Vereinsvermözen bcläuft sich gegenwärtig auf 3467,16 M. Die Beteiligung an allen Ver- anstaltungen des Vereins war eine gute zu nennen. Besonders hervorzuheben ist die gute Beteiligung bei der Gedenkfeier für den erschossenen Bundesgenossen Herrmann in Stolpe, woran sich zirka 1666 Genossen beteiligten. Zum 1. Vorsitzenden wurde Gen. Karras, zunl 2. Vorsitzenden Gen. Wegner gewählt. Sämtliche für den Berliner Arbeiter-Radfahrervcrein bestimmten Sendungen sind an Rich. Karras, L. 59. Schönleinstr. 11. vorn I, zu richten. Die Ardeiter- BUdungsschule nahm in ihrer letzten General- Versammlung den Jahresbericht entgegen. Die Neuwahlen ergaben olS 1. Vorsitzenden Lamme, 2. Vorsitzenden Bernau, Schrifisiihrer Dr. Grumach und Stein, Kassierer Königs und Elsner, Bibliothekar Balzer. Feuer kam am Mittwochnachmittag in der Ledergürtelfabrik von Schlama Blowol, Lothringer Str. 16, zum Ausbruch. Es brannten im vierten Stock des Hinterhauses Galanteriewaren usw. Ein Arbeiter Sch. erkrankte infolge Einatmens von Qualm so bedenklich. daß er von der Feuerwehr sofort nach dem Kraukenhause am Friedrichshain geschafft werden mußte. Vorort- Nadmcbtcm Tharlottenbnrg. Ueber das Charlottenburger Schulwesen entnehmen wir dem Verwaltungsbericht des Magistrats für das Jahr 1009 folgende Daten: An höheren Schulen für männliche Jugend waren 7 vor« Händen, die von insgesamt 3209 Schülern besucht wurden. Von den Schülern hatten 384 ganze und 153 halbe Freischule. Abzüglich sämtlicher Einnahmen kostete jeder Schüler des Realgymnasiums die Stadt 240 M., des Mommsen-Gymnasiums 245 M., der Kaiser- Friedrich-Schule 205 M„ der Herder-Schule 466 M., der Oberrealschule I 211 M., der Oberrealschule II 249 M. und der Realschule 172 M. Für die Schülerinnen der städtischen höheren Lehranstalten betrugen die Unterhaltungskosten abzüglich der Einnahmen in der Sophie-Charlotten-Schule 133 M., in der Auguste-Viktoria-Schule 138 M., in der III. höheren Mädchenschule 130 M. In der Bürger- Mädchenschule beliefen sie sich auf 122 M. Was wollen diesen Zahlen gegenüber die 138 M. besagen, die die Stadt pro Kopf der Besucher der Gemeindeschule ausgab! Im ganzen gab es in Charlottenburg im Berichtsjahre an Ge- meindeschulen 13 voll entwickelte Schulen für Knaben, 13 voll ent- wickelte für Mädchen und 3 in der Entwickelung begriffene mit Knaben- und Mädchenklasscn. Die Zahl der Klassen belief sich im Sommer auf 541, im Winter auf 558. Im Sommer waren 6�, in Winter 67 Klassen in Mietsräumen und einigen in städtischen Besitz übergegangenen ehemaligen Wohnhäusern untergebracht. Austerdem waren im Sommerhalbjahr sechs fliegende Klassen vor- Händen. Der im Jahre 1906 begonnene Versuch der Umgestaltung des Volksschulwesens wurde fortgesetzt und erweitert. In den Grundklassen ist die Belegungszahl auf höchstens 45 herabgesetzt und die Stundenzahl von 22 auf 18 wöchentlich ermäßigt worden. Nach jeder halben Stunde ist eine Pause von 3 bis 5 Minuten ein- geführt, und ferner ist die Ueberwachung der Schüler durch Schul ärzte verstärkt worden. Solchen Kindern, welche in der Klasse nicht mit fortkommen können, erteilt der Klassenlehrer von der ersten Woche des dritten Monats nach Einschulung an wöchentlich drei Stunden Nachhilfeunterricht in Deutsch und Rechnen. Diejenigen Kinder, welche nach dem Urteil des Klassenlehrers und des Schul- arztes körperlich so schwach sind, daß sie 13-s- 3 Stunden wöchent lieh nicht vertragen; können vom Rektor von 1 bis 3 lektionsplan mäßigen Stunden der gleichen Fächer befreit werden. Auch ist es zulässig, einzelne Kinder innerhalb der Nachhilfestunden ein- oder mehrmals auf 10 Minuten zur Erholung auf den Schulhof zu ent- lassen. Nach den bisherigen Erfahrungen empfiehlt die Schulver- waltung, nicht mehr als 7 bis 9 Kinder gleichzeitig am Nachhilfe- Unterricht teilnehmen zu lassen, da sonst das einzelne Kind nicht individuell genug behandelt werden kann. Auch der Versuch der Sonderung der Kinder nach Normalklassen und ö-Klassen ist weiter ausgedehnt worden. Zur Ueberweisung nach den L-Klaffen gelangten diejenigen Kinder, welche nach ein- jährigem Besuche der Grundklaffe bezw. der Normalklaffen für die Versetzung noch nicht reif genug waren. Die Schülerzahl in den L-Klassen ist auf höchstens 30 festgesetzt, so daß der Lehrer die Mög- lichkeit hat. jedes einzelne Kind im Unterricht intensiver heranzu- ziehen und die wesentlichsten Teile des Lehrstoffes eingehender zu behandeln. Die Zahl der Unterrichtsstunden in diesen Klassen ist mit Rücksicht auf die körperliche Schwäche vieler Kinder gegenüber den entsprechenden Normalklassen herabgemindert. Auch der Lehb- stoff ist etwas gekürzt. Den schwächsten Kindern der E-Klassen wurde von Anfang an vom Klassenlehrer Nachhilfeunterricht erteilt; auch wurden zum Nachhilfeunterricht solche Kinder überwiesen, welche wegen Krankheit eine Zeitlang am Schulbesuch verhindert waren. Die Erfolge sind erfreulich. Aber auch für die Normal- klaffen hat sich die Ausscheidung der Schwachen nach dem B-Systeni als entschiedener Vorteil erwiesen. Bekanntlich ist Charlottenburg die erste preußische Gemeinde, die mit diesem, dem Mannheimer nachgebildeten Schulsystem vor- gegangen ist. Angesichts der zufriedenstellenden Resultate wäre eS wohl angebracht, daß auch andere Städte diesem Beispiel folgen, zumal da. wie wir oben gesehen haben, den Gemeinden daraus verhältnismäßig noch lange nicht soviel Unkosten pro Kopf wie aus den höheren Schulen erwachsen. Schöneberg. Die Arbeitgeberwahlen zur Ortskrankenkasse endeten mit einer Niederlage des bekannten Reichsverbändlers S e n ß, der gemeinsam mit Herrn S a b o r die Wahlen zu beherrschen glaubte. Beide ae- hören dem Verein für Handel und Industrie an, in dem die Geschäftsleute und kleinen Handwerksmeister sich organisiert haben, um von dort aus das Geschick Sibönebergs und der OrtSkrankenkasse zu leiten. Der geistige Leiter dieieS Vereins ist Buchdruckereibesitzer Senß, gleichzeitig ReichSverbändler und Sozialistentöter. Dieser Herr strich von der Delegiertenliste der Arbeitgeber mehrere Namen, da ihm die Herren nicht lammfromm genug erschienen. Die von der Liste heruntergefallenen Arbeitgeber bemerkten rechtzeitig die Machinationen ihres Vorsitzenden und dessen Helfershelfer und stellten eine eigene Liste auf. natürlich ohne Senß. Unter- dessen sandte Herr Senß an seine Getreuen eine Karte mit dem Hillweis, rechtzeitig zur Wahl zu gehen, da sonst die Liste der Sozialdemokratie siegen würde. So stempelte der Vorsitzende des Handwerkervereins seine eigenen Mitglieder zu Sozialdemokraten, obwohl die sozialdemokratische Partei an dieser Wahl gar nicht beteiligt war. Als nunmehr ein Arbeitgeber erschien, der in der einen Hand einen Stimmzettel von der Richtung gegen Senß und in der anderen Hand die erhaltene Karte hatte, stürzte Herr S. auf den Herrn zu und bemerkte: Die Karte wäre wohl von ihm, aber der Stimmzettel nicht. Der Wähler erklärte, aus dem Stimmzettel steht kein iozialdemokratischer Naine, mithin ist es der richtige, er eilte zum Wahliisch und gab den fraglichen Zettel ab. Auf diese Weise erhielt die Liste Senß 54 Stimmen, während die seiner Freunde und Mitglieder 109 Stimmen auf sich vereinigte. Die Reichsverbändler Senß und Sabor sollen ob dieser Niederlage geschworen haben, nie wieder die Sozialdemokratie an die Wand zu nialen. Heute abend gl/, Uhr, bei Grosser. Martin-Lutherstr. 51 im kleinen Saal: Fortsetzung des Vortrags Einführung in die moderne GesellschaslSlehre. Der BildungSauSschuß.