ZK. SSV. 2r- I-h««. Übsnnemints-Keäingungen: Bl« Tntertlon$-6eb(Hf M°»nem°n.s- Preis rtänumcranS« WM �TW/ MfM CWS f Wl 8ctt3Btfüt die ,echsg°sPaI.-n°K°I°»ev. Eicrtcijnfjti. 3,30 OTf., monali. 1,10 fflif.. Mm I W» 4bS&Mf Wi // W hM WW W IMs ks», S°'le oder deren Raum w P%. fftc wöchentlich 2» Psg. frei ins Hans. KW IM W» KM 5<.«W AK MI WA Wt EN // kW P1 politische und gewerlschaslliche Vereins- Einzelne Nummer S Pfg. Sonnlagz. IpHFD lM> � Ms V) FW WA MW kW Mg MW[A WM MÄ j-- y/ und VersammlungS-Anzeigen SO Pfg. nummet njtt illustrierter Sonntags-«MAZL V5Sm P4««W Eä VW«W lg»«W WZ WM V) Wg WZ //„KUine Hnxergen", das erst-(fett- Beilage.Die Neue Seit" lO Psg� Post. MUW Wi x�l W W xW W � W W BS v-< KB aedruilte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Mraetraäen in die�SEest� stdtima� VM M M W WrV OxMl M W M M Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- Prejsliste. Unter Kreuzband?ür. HMV stellen-Anzeigen das erste Wort lO Pfg., Deutschland und Oesterreich- Ungarn iEitB lDR tfigk. 7/ mSM jedes weitere Wort s Pfg. Worte über 2 Marl, für das übrige Alisland SW>�«MX™/ V y yS/rS // VW 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. ll Marl pro Monat. Postabonnements Eftg&p �W/ �v/ ySrx fiw B6ö.\ Inserate für die nächste Nummer müssen nehmen an- Belgien Dänen, arl,- O,----- � V/ bis S Uhr nachmittags in der Expedition SSSSSA-'SÄ Derlinev Volltslilnkt. ZcntYnlorgnn der fozialdcmokrati feben parte» Deutfehtands. Redaktion: SM. 68, Linden Strasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1383. „deine Salbe." Gewitterwolken im ßergwerksrevier. Aus dem Ruhrgebiet wird uns geschrieben: Kaum waren die auf Grund der preußischen Berggesetz- Novelle von 1909 gewählten„Sicherheitsiuänner" in ihrem Amt, da begann auch schon nach dem Hilgerschen Rezept: „Macht weiße Salbe daraus!" die Drangsalierung der Leute. Nicht auf allen Ruhrzechen, wie gern anerkannt sei, aber doch zunächst auf einigen. Inzwischen haben sich die Klagen über Erschlverung der Funktionen des Sicherheitsmannes der- mehrt. Man muß in Betracht ziehen, daß die Sicherhcits- männer nur ein scharfmacherisch-klerikal-konservatives Surrogat der von den Arbeitern geforderten unabhängigen, vom Staate besoldeten Arbeiterkontrolleure sind. Die Mehrheit des preußischen Landtages hat ja, getreu den in der Palasthotel- Konferenz der Grubenherren erteilten Anweisungen, sogar die sehr mäßige Regierungsvorlage noch verschlechtert. So ist denn ein Gesetzesmonstrum von solcher Auslegungsmöglichkeit herausgekommen, daß die Werksbcsitzer jederzeit den Sicher- heitsmann kaltstellen können, dessen Kontrollbefugnisse ohnehin schon so enge begrenzt sind. Wie wenig die von den Klerikalen lautgerühmten „Kautelen" gegen die ungerechtfertigte Entlassung der Sicher- hcitsmänner geeignet sind, den Grundfehler des Gesetzes, nämlich die Belassung des Sicherheitsmannes im Arbeits- Verhältnis zu eliminieren, beweist schon der Fall auf Zeche D 0 r st f e l d. Dort sollen, nach der systematisch verbreiteten Behauptung der Arbeiterfeinde, zwei Sicherheitsmänner die Drahtgeflechte einiger„Sicherheitslampen" frivol zerstört haben. Die Sache wird noch vor Gericht erörtert werden, da die Betreffenden eine Berleumdungsklage gegen die „Dortnmnder Zeitung", die jene Behauptung aufstellte. angestrengt haben. Daß die Nachricht nicht wahr ist, geht schon aus dem Umstände hervor, daß die Zechendirektion, nachdem sich eine Belegschaftsversammlung der Entlassenen energisch annahm, diese wieder einstellte; allerdings nicht an ihrem alten Arbeitsplatze, wodurch sich nach dem Gesetzesmonstrum gleich wieder eine Neuwahl notwendig macht. Außer von Dorstfeld liegen aber noch von mehreren an- deren Ruhrzechen Mitteilungen über Abkehr von Sicherheits- männern vor. Nach den Erklärungen der Leute wurden ihnen bei ihrer Arbeit und bei ihren Kontrollgängcn soviel Schwierig- leiten in den Weg gelegt, daß sie es vorziehen, sich andere Arbeit zu suchen, statt dort zu bleiben, wo ihnen die Möglich- keit, ihres Amtes zu Ivalten, außerordentlich erschwert, während ihnen doch eventuell die Berant- Wartung für vorkommende Unfälle und Katastrophen aufgebürdet wird, genau nach dem Rezept H i l g e r. Ferner ist bezeichnend für die Stellung der Sicherheitsmänner ein Vorkommnis auf der„berühmten" Zeche R a d b 0 d. Dort fand ein Sicherheitsmann bei einer Revision Hohlräume, die voller Schlagwetter st a n d e n I Die Bergbehörde untersuchte diesen Fall unter Hinzuziehung der Kameradschaft, die vor der fraglichen Arbeit beschäftigt war. Der Bcrgrevicrbeamte Hallender erklärte den Leuten nun folgendes: „Was Sie hier sagen, muß aber genau der Wahrheit ent- sprechen. Sic brauchen nicht zu fürchten, daß Ihnen das Geringste passiett. Sie werden auch in Ihrem Arbeitsverhältnis weder ge- drückt noch gcichädigt. dafür stehe ich mit meiner Person ein." So Herr Hallender und die Zeugen sagten aus. Einer von der Kameradschaft hatte am 15. Oktober gekündigt. Am 15. November ist nun den übrigen vier Hauern seitens der Zeche gekündigt worden!!! Die Folge dieser Maßregel kann nur die Einschüchterung der Arbeiter sein, derart. daß sie keine Miß st ände melden— b i s eine neue Katastrophe da ist. Dann aber werden die Arbeiter, wie das im Radbodprozeß geschehen ist, beschuldigt, pflichtvergessen gehandelt zu haben! Man denke sich nur diese fürchterliche Situation auS I Kann man sich wundern, daß über eine solche Behandlung der Ingrimm der Bergarbeiter wächst? Wie die Oeffentlichkeit über die Vorgänge in den Gruben durch die Zechen informiert lvird, erhellt aus einem charakteristischen Fall, der die Zeche K ö n i g s g r u b e bei Bochum betrifft. Ihr Direktor B 0 n n a ck e r ist ein gar grimmiger Sozialisten- töter und er scheut sich nicht, selbst in den Zechenwohnungen umher zu gehen, um Mitglieder des Bergarbeiterverbandes und Leser des„Volksblattes" ausfindig zu machen. Nebenbei auch ein Veitrag zum Kapitel„Wohlfahrts- cinrichtnngcn". Gegen diese Methode des Herrn Bonnacker und gegen die Mißstände auf seiner Zeche wandte sich die„Bergarbciter-Zeitung"; auch gab� der Bergarbeiter- verband ein Abwehrflugblatt heraus. Worauf in einigen Zeitungen, auch in Zentrumsblättern, eine Notiz lanciert wurde, daß„unsittliche Schriften" verbreitet würden I So- dann erschien in mehreren Zeitungen ein Artikel, welcher be- gann:„Der Arbeiterausschutz der Zeche Königsgrube erlaubt sich hiermit, die vcrehrl. Redaktion zu bitten..." Folgt eine Abstreitnng der gerügten Miß- stände und eine heftige Anschuldigung der„roten Hetzer". Dieser Artikel wurde am Bußtage in einer Belegschasts- Versammlung der Zeche KSnigsgrube von den Verbandsvertretern Mitttvoch, den 30. November 1010. L ö f f l e r und P o k o r n y kritisch beleuchtet. Schon da stellte sich heraus, daß es bei der Fabrikation der„Erklärung des Arbeiterausschusses" nicht einwandfrei zugegangen sein kann. Und nun wird folgende Erklärung veröffentlicht: „Die unterzeichneten Sickierheitsmänner und Ausschußmitglieder der Zeche Konigsgrube zu Röhlinghausen erklären hiermit, daß sie jegliche Verantwortung für de» von der Zcche Königsgrnbe an- gcblich im Namen des Arbeiterausschusses an einzelne Zeitungen gesandten Artikel betreffs Ableugnung der auf genannter Zcche herrschenden Mißstände und Widerlegung der in einem Flugblatt dcS alte» Verbandes aufgestellten Behauptungen ablehnen. Der Artikel ist von einem Bcnnftragten dxr Zechenverwaltung verfaßt und den Unterzeichneten vom Betricbsführer in seinem Bureau zur Unterichrist vorgelegt worden. Der Verfasser deS Artikels ist auf der Königsgrube nicht beschäftigt. Selbst gelesen haben die Unterzeichneten den Artikel nicht, ebensowenig waren dieselben in der Lage, die Richtigkeit aller in dem Artikel gemachten Angaben zu prüfen. Die Unterschrift ist von den Unterzeichneten lediglich auf Grund der aus sie von der Verwaltung geübten Beeinstussung geleistet worden. Die Unterzeichneten werden nach wie vor, ohne Rücksicht auf die Gunst der Zechenverwaltung, die Interessen der Belegschaft vertreten. Röhlinghausen, den 20. Nov. 1910. Die Arbeiterausschußmitglieder und Sicherheitsmänner des Gewerkvereins der Bergarbeiter(Hirsch-Duncker) von Zcche Königsgrube in Röhlinghanscir. Peter Bohn. Paul Neb»,." Was sagt die Oeffentlichkeit zu diesem Stückchen? Man mißbraucht die Namen der Sicherheitsmänner zu Abstreitungen von Mißständen, deren Fortbestand die höchste Lebens- gcfahr für Hunderte von Arbeitern zeitigen kann! Tritt aber eine Katastrophe ein, dann kann sich die Zechenverwaltung auf die„Erklärung des Arbeiterausschusses" berufen und kommt es zu einer Gerichtsverhandlung über die Ursachen der Katastrophe, so ist die Zechendirektion„gedeckt" und den un- glückseligen Sicherheitsmännern wird die Blutschuld auf- gebürdet! Jeder rechtlich denkende Mensch wird zu- geben, daß das himmelschreiende Zu st ände sind. Jedes Blatt, das nicht kritiklos alles übernehmen will, was gegen die Arbeiter geschrieben ist, wird aus dem Fall Königs- grübe die Lehre ziehen, ähnlichen Zusendungen aus Zechen- Herrenkreisen mit einem großen Maß von Mißtrauen zu begegnen. Nun werden jene, die von vornherein allen Ver- besserungsbestrebungen der Arbeiter feindlich entgegen stehen, einwenden:„Man kann es den Zechcnverwal- stmgen nicht verdenken, wenn sie gegen die roten Hetzer vor- gehen." Aber obige Enthüllung geht ja von nicht sozial- demokratischen Sicherheitsmännern auS. Indessen, es kommt noch„besser". Nach einem Zentrumsblatt, dem„Oberschlesischen Kurier". hat am 16. November eine Konferenz der oberschlesischen Berg- arbeiter- Fachabteilungen, also eine Gruppe des durchaus im kl e r i k a l- k o n s er v a ti v e n Sinne von den Zentrums- f ü h r e r n Abg. Fleischer. Dr. Fo urnelle, Abg. Dr. v. S a v i g n y nach den Anweisungen des Herrn Erz- bischofs Dr. Kopp erzogenen katholischen Arbeitervereins, „Sitz Berlin", stattgefunden. Hier traten d>e Sicher- heits männer mit denselben Klagen auf. wie wir sie aus dem Ruhr- und Saargebiet kennen. In dem Be- richt des ZcntrumsblatteS über die Konferenz heißt eS: „Es wurde festgestellt, daß auf einigen Bergwerken Ober- schlesieus trotz der erfolgten Wahl der Sicherheitsmänner bis jetzt keine Befohrungen stattgefunden haben. Auf anderen Bergwerken wird dahin gearbeitet, die begonnenen Befahrungen nur auf eine einmalige Befahrnng im Monat zu beschränken. Wenn auch die Arbciterausschiisse hierüber zu entscheiden haben, so kann in der gegenwärtigen Zeit kein Mit- glied des Ausschusses wagen, den Anträgen der Ver- waktungen entgegenzutreten und zu widerspicchen. wenn sie weiteren Schikanen nicht ausgesetzt und schließlich der B e- sch ästig un g nicht verlustig gehen wollen. Ans den- jenigcn Bergwerken, wo wirklich Bcsabrungcn statlsinden, werden die Sicherheitsmänner nach der vollendeten Befahrung noch zu andeiweitigen Grubenarbeiten angehalten, so daß schließlich die Sicherheitsmänner gezwungen werden, gegen die gesetzlichen Vorschriften zu handeln, indem die Eintragungen nicht sogleich nach der Befahrnng geschehen können, weil dieselben bis Schichtschluß zur Arbeit angehalten werden. Fast aus allen Bergwerken wird den Sicherheitsmännern für die Befahrung statt des wirklich entgangenen Lohnes nur der geringe Lohn für sogenannte herrschaftliche Schichten oder nur Stunden» lohn gezahlt, weshalb dieselben ein bis zwei Mark pro Befahrung im Lohn gekürzt werden. Allgemein wurde der Stimmung Ausdruck gegeben, daß es höchst bedauerlich sei. wenn von einigen Verioaltimgen den EinrichNingen, ivelche den Schutz von Leben und Gesundheit der Bergarbeiter bezwecken, so wenig soziale? Verständnis entgegengebracht wird. Man wundert sich darüber am grünen Tische, man wundert sich in Arbeitgcberlreisen über die fortwährende Unzufriedenheit der Bergleute, ohne bierfür genügende Gründe ausfindig machen zu können. Wir wollen aber verraten, daß die Anwendung der geietz» lichcn Bestimmungen über die Sicherheitsmänner von den Beamten in vielen Fällen nicht richtig geschieht, weshalb dann die Arbeiter alle Wohltaten der sozialen Gesetzgebung, als auch die Wohlfahrtseinrichlimgen der einzelnen Beirieve ver- gessen und durch wiederholtes Schikanieren sich den radikalen Elementen anschließen." Damit wird vollauf bestätigt, was die„Bergarbeiter- Zeitung", der Bergarbeiterkongretz 1909 in Berlin und die sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten im preußischen Ab- Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. geordnetenhaus gegen das.- System der„Sicherheitsmänner" als weiße Salbe eingewendet haben! Aber damals ist gerade von der Z e n t r u m s f r a k t i 0 n die neue Ein- richtnng nicht nur als ein großer sozialer Fortschritt gepriesen worden, nein, die Zentrumsredner haben sogar das Ver- bleiben der Sicherheitsmänner im Zechendienst als einen Vorzug gegenüber dem System der freigestellten Arbeiter- kontrolleure gepriesen I Alle von unserer Seite dagegen an- geführten Erfahrungstatsachen wurden ignoriert oder höhnisch abgewiesen. Nun haben die Arbeiter die Bescherung. Die Nemesis fügt es, daß gerade die in der Demut vor den kapi- talistischen Herren erzogenen„katholischen Fachabteiler", die nicht von der westdeutschen„modernistischen Verseuchung" an- gekränkelten Jünger des Herrn Erzbischofs Dr. Kopp die Gemeingefährlichkeit der„neuen sozialen Errungenschaft" beklagen. Denn wenn den Sicherheits- männern die Ausübung ihrer ohnehin sehr eng be- grenzten Kontrollfunktionen, so wie sie schildern, noch beschränkt oder gar— indem man ihnen mit der Hunger- peitsche winkt— unmöglich gemacht wird, dann ist dies für die Belegschaften lebensgefährlicher, als wenn gar keine „Sicherheitsmänner" da wären, denen Vorkommendenfalls doch die Verantwortung für Katastrophen aufgebürdet wird. Die Konferenz der oberschlesischen katholischen Fach- abteiler nahm nach längerer Diskussion folgende Resolution an: „Die im Verbände der katholischen Arbeitervereine(Sitz Berlin) organisierten Bergarbeiter bedauern außerordentlich, daß auf einigen oberschlesiichen Bergwerken die gesetzlichen Bestimmuizgen eine unrichtige Anwendung erfahren. Sie stellten fest, daß 1. auf mehreren Bergwerken das Befahren, trotz erfolgter Wahl der Sicherheitsmänner noch nicht anSgeführt wird: 2. daß auf einigen Bergwerken Versuche gemacht werden, die Arbeiterausschüffe daiür zu gewinnen, daß sie die zweimaligen Besahnmgen im Monat auf eine einmalige beschränken: 3. daß fast aus allen Privatbergwerken von den Sicherheitsmännern nach erfolgter Be- fahrung noch Arbeitsleistung verlangt wird: 4. daß auf mehreren Bergwerken die Sicherheitsmänner statt mit dem wirklichen Tage« lohn mir mit einem niedrigeren Cchichtlohn oder Stundenlohn entschädigt werden, wodurch sie bis 2 M. pro Schicht Schaden erleiden, und ö. daß die Befürchtung nahe liegt, die Sicherheits- männer werden entweder ihre Verpflichtungen nicht gewissenhaft ausüben oder durch Abgang auf andere Berglvcrke sich . des Amtes entledigen wollen und an ihre Stelle sich dann kein Bergarbeiter mehr als Sicherheitsmann wählen lassen wird, wenn ihnen so große Schwierigkeiten in Ausübung dcS Amtes gemacht werden. Die am 10. No- vember 1910 im katholischen VereinShmiie zu Benthe» versammelten Delegierten und Sicherheitsmänner haben zu dem Königl. Oberbergamt in Breslau das feste Vertrauen, daß es als Bergbaupolizeibehörde durch Erlaß von strengen Anweisungen die strikte Durchführung des Berggesetzes veranlassen und eine Schmälerung des den Bergarbeitern gesetzlich garantierten größeren Schutz ihres Lebens und ihrer Gesundheit nicht zulassen wird. Die Anwesenden verpflichten sich auch noch weiteres einwandsfreicS Material zu dieser Angelegenheit zu sammeln, um dasselbe ge- gebenenfalls an die zuständige Behörde einzureichen." Wenn es dem Bergtverksntinister ernstlich um die Ge- winnung der„Seelen der Bergarbeiter" zu tun ist. so soll er diese Anklageschrift nicht in den unergründlichen Aktenschran! versenken, sondern sich die Frage vorlegen, was zunächst auf dem Verivalttmgswege, dann durch das Mittel der Gesetz- gebung zu tun ist, um den in ihren vitalsten Interessen be- drohten Bergarbeitern zu Hilfe zu kommen. Es handelt sich um Leben nnd Gesundheit hundcrttauscndcr Menschen, denen man das ihnen spärlich gewährte gesetzliche Recht der Be- triebskontrolle beschneidet und verweigert! WaS steht höher, Herr Minister, Menschenleben oder Kapitalprosit!?— Daß wir es in dem Vorgehen gegen die Sicherheits- männer mit einem System zu tun haben, das sich in gleicher Weise gegen alle Bergarbeiter wendet, steht fest. Was die katholischen Fachabteiler in Oberschlesien beklagen, das lastet auch ans den dem freigewerkschaftlichen, dem christlichnationalen, dem Hirsch-Dunckerschcn und dem polnischen Bergarbeiter- verband angehörenden Sicherheitsmänner im Ruhrgebiet, im Saargebiet, in Mitteldeutschland und in Schlesien. Ueberall sollen die Sicherheitsmänner nur„weiße Salbe" sein. Wer sich dem kapitalistischen Terrorismus nichtfügt, wer nichtin himmelschreien- der Weise stillehalten will, wenn ihm eine fürchterliche Blut- schuld aufgebürdet werden soll, der„fliegt" und kann sich eventuell noch auf die„schwarze Liste" gesetzt sehen. Daß dies ein ungeheuerlicher Zustand ist, wird kein rechtlich denkender Mensch ableugnen. Wer kann es den Bergleuten verdenken, wenn ihnen dieser Zustand als un- haltbar erscheint und die steigende Erbitterung dem Grubenproletar das Blut rascher durch die Adern treibt? So kann es nicht weiter gehen! Tue die Rc° giermig ihre Pflicht, schnell, gründlich, loen» sie wirtschaftliche Katastrophen vermeide» will. Wir haben unsere Pflicht als Warner getan! Um Zeichen des Gumtnllmiippels. In der Dienstagverhandlung des Moabiter Prozesses wurde vom Verteidiger Heine auch eine Trophäe aus den Moabiter Schlackten vorgelegt, ein mit Sand gefüllter, an beiden Enden durch eiserne Schrauben verschlossener dicker Gummischlauch, der von einem der Hintzeschen Siebenmonatskinder auf dem Kupfcrschcn Kohlenhof gegen die wehrlosen Verhafteten geschwungen worden ist— unter den Augen der Polizei! Diese Augen sollen allerdings nach der Versicherung des Schutzmannes Klatt wenigstens in einem Falle blind gewesen sein. Herr Klatt bat nichts, rein gar nichts dadon gemerkt, daß bor ihn» fem Häftling in rohester Weise verprügelt wurde. Denn er hat seinen Säbel einstecken müssen und außerdem war'S zu dunkel für ihn. um zu sehen. Er hat nur. als er nnt der Arbeit des SäbeleinsteckeiiS fertig war. bemerkt, daß einige Leute dem Verhafteten zu Leibe wollten und ist dann da- gegen eingeschritten. Bei dieser sehr eigenartig berührenden Aussage bleibt Herr Klatt unbeirrt— immer wieder gibt er auf die eingehenden Fragen der Verteidiger Heine und Dr. Cohn in forschem Ton die Versicherung ab. daß er nichts gesehen hat. DaS Auge des Gesetzes war also blind, da eS allen Anlaß hatte, sehend zu sein. Denn daß der Angeklagte Hagen ans dem Kohlen- hos von der Kmippelgarde des Hintze in rohester Weise verprügelt worden ist. das steht fest— nicht bloß, weil er es selbst, sagt, sondern weil das System der Verprügelung der Verhafteten durch die Prügel- kolonne des Hintze unter den Augen von Polizeibeamtcn erwiesen ist durch die gleichlautenden Angaben mehrerer Angeklagter, von denen einer, Zollchow, noch heute die Narben, die ihm von dieser Behaut lung verblieben sind, sichtbar ain Kopfe trägt. Nicht alle Polizeizeugen übrigens find so standhaft wie Herr Klatt. Sein Kollege Häußlcr zog eS im Kreuzfeuer der Fragen des Verteidigers Dr. Cohn schließlich vor, auf die Frage, ob er den ver- hafteten Hagen auf dem Transport zur Wache mißhandelt habe, die er zunächst energisch verneint hatte, die Auskunft zu verweigern. Dieser ausfällige Ilmfall erregte berechtigtes Aufsehen und wurde ans Verlangen der Verteidigung im Protokoll festgehalten. Sonst bot die Verhandlung nichts von besonderem Interesse— abgesehen von dem Zwischenfall, der unseren Genossen Wel-Z betraf. ES zeigt von einer starken Nervosität der Polizeizengen, daß die halblaute Bemerkung unseres Genossen sofort und noch dazu in ent- stellter Form dem Gerichtshof zugetragen wurde. Es ist anzu- erkennen, daß die Richter dem schneidigen Antrag des Staatsanwalts nicht folgten— sie hätten aber unseres ErachtenS nach der loyalen Erklärung des Genossen Wels, daß ihm die Absicht einer Beleidigung des Zeugen Folte fernlag und ihm die halblaute Bemerkung nur unwillkürlich entschlüpft war, auch von der Maßregel der Entfernung auS dem Saale absehen können, ohne daß der Würde des Gerichts Eintrag geschehen wäre. '•* Der Notschrei des Polizeipräsidenten nach polizeifromme» Zeugen hat schon einen— von Herrn V. Jagow freilich nicht beabsichtigten— Erfolg gehabt. Beim Verteidiger Heine haben sich bereits mehrere Zeugen aus bürgerlichen Kreisen gemeldet, die ausdrücklich erklären, daß sie die Empörung über die Bekanntmachung des Polizeipräsidenten dazu veranlaßt hat, ihr Zeugnis anzubieten. Es zeigt dieser Um- stand, wie weit verbreitet das Enipfinden ist, daß dieser Aufruf der Polizei ein Versuch zu dem Unternehmen ist, den Tatsachen Gewalt anzntun. UebrigenS ist nicht gesagt, daß Herr v. Jagow ohne Zeugen- ongebote bleiben wird. ES gibt ja tatsächlich„wertvolle Elemente", die über die Moabiter Ereignisse wesentliche Bekundungen machen können, ohne daß ihre Objektivität durch unliebsame Be- rührungcn mit dem Polizeisäbel beeinträchtigt worden wäre. Jene zweifelhaften Gesellen nebst entsprechendem weiblichen Anhang nämlich, die sich in der Nacht zum 27. September bei der Aus- räumung des Rittbergerschen Lokals und der Preußschen Schau- fenster betätigten. Für sie ist jetzt die günstige Konjunktur ge- kommen, sich als Stützen des Staates zu beweisen. Und warum sollten fie's nicht sein— die Konkurrenz der Hintzegarde werden sie doch noch aushalten können! i»• • Herrn v. Jagows sonderbare und gerade in seinem Munde ganz unberechtigte Klage, daß die Verteidigung Dinge in den Prozeß hiircinziehe, die nicht hineingehören, erfährt eine bezeichnende Be- leuchtung durch daS Verhalten der Presse. So lange das nach Jagow nicht zur Sache gehörende Material behandelt wurde, brachte die Presse aller Richtungen spaltcnlange Berichte. Jetzt, wo die Ver- Handlung sich dem znwendet, was Herr v. Jagow in zu später Er- kcnntnis daö eigentliche Beweisthema nennt, jetzt sind die Berichte der bürgerlichen Presse auf knapp ein Viertel einer Spalte zu- sammengeschrumpft. Ungewollt erkennt so die Ordnungspresse selber an. daß, nachdem Polizei und Staatsanwaltschaft einmal den Weg des politischen Tendenzprozesses beschritten haben, der all- gemeine Teil der Beweisaufnahme daS Wichtigste an dem Prozeß ist. Womit auch das Regierungsblatt einen gehörigen Schlag auf den jesuitischen»Norddeutsch-Allgemeinen" Mund bekommen hat. « Ä Zugleich erhält das ehrenwerte Kanzlerorgan noch einen Spezial-Nascnstüber von der„Kölnischen Zeitung", der eS am Sonnabend eine Belehrung über die Pflichten eines wahrhaften OrdnungS- blattes aufzudrängen unternahm. Die„Kölnische Zeitung" hatte vor kurzem einige Randglossen zumMoabiter Prozeß gebracht, worin das Vor- gehen der Polizei zwar mit nationalliberaler Milde, aber eben doch ein wenig kritisiert wnrde. Deshalb große Entrüstung der„Nordd. Allg. Ztg." und der geflnnungsverwandten ,.5kreuz-Ztg." ob dieser „Kurzsichtigkeit", erwiesene Talsachen zuzugeben, die zu Ungunsten der Polizei sprechen. DaS ist Unterstützung der Sozialdemokratie— die Pflicht eines OrdnnngSblatteS ist, die prügelnden Polizisten durch Dick und Dünn zu verteidigen und alles, was gegen sie von glaub- würdigen Zeugen vorgebracht, mit eiserner Stirn als schamlose Ver- leumdung zu bezeichnen.— Die„Köln. Ztg." entgegnet mit einem Artikel, worin sie— natürlich unter den bei einem nationalliberalen Blatte obligatorischen Ausfällen gegen die Sozialdemokratie-» dem Regierungsblatt die folgende bittere Pille verabreicht: ,.... Das Vertrauen des Bürgers zur Polizei ist um so stärker, je mehr er überzeugt sein darf, daß die zuständigen Behörden den Willen und etwelckien Mißdeutungen gegenüber den Mut haben. Verfehlungen der Polizisten, die ja zuletzt auch nur Menschen sind, aufzudecken und abzustellen. Getchwächt aber wird das Vertrauen, wenn die Zeitungen, die als freiwillige Schildkuappen der Polizei auftreten, schon bei jedem Hinweis auf die Möglichkeit, daß die Schntzleute über die Grenzen der gebotenen Strenge hinausgegangen seien, nervös werden und sehr wenig von der Ruhe aufweisen, die da? Zeichen eines guten Gewissens ist..." Die„Köln. Ztg." will durch ihre Kritik an den Ausschreitungen der Polizei der Sozialdemokratie Abbruch tun. Es ist ihr Malheur, daß die zuständigen Behörden, wie der Aufruf des Polizeipräsidenten zeigt, es durchaus nicht eilig haben, Verfehlungen der Polizisten auf- zudecken und abzustellen, sondern im Gegenteil die Taktik verfolgen, die auch daS Regierungsblatt vertritt und die die„Kölnische Zeitung" als ein Mittel zur Stärkung der Sozialdemokratie be- klagen muß._ Die Kegiening und die einfuhr von argentinischem fleisch. In der Fleischteuerungsdebatte, die am vergangenen Freitag km Reichstage stattfand, haben sich die Regierungsvertreter mit be- fondercr Verve gegen die Einfuhr von gekühltem und gefrorenem argentinischem Fleisch ausgesprochen. Warum, das ist kaum ver- ständlich, wenn nian nicht als den eigentliche» Grund ihres ab- lehnenden Verhaltens das Bestreben annimmt, zugunsten der Agrarier jede wirkliche Konkurrenz vom dsuischen Fleisch«, arki fernzlihakten. Denn von einer Seucheneiuschleppung kann bei der Einfuhr von argentinischem Fleisch nicht die Rede sein und auch eine Gesundheilsschädigung der Konsumenten ist. wie das Beispiel Englands beweist, bei guter Sanitäts- kontrolle völlig ausgeschlossen. Selbst die„Köln. Ztg." ist denn auch von diesem Widerstand der Regierung gegen die Einfuhr von argentinischem Gefrierfleisch ganz betroffen. Sie meint: „Anders wird eS, wenn man an den schroffen Widerstand denkt, den der Staatssekretär des Innern den Wünschen entgegensetzt, die auf eine Einfuhr von gefrorenem Fleische zielen. Hier wird nichts gesagt, was nicht durch die Erfahrung anderer Länder längst widerlegt ist, die Einfuhr gefrorenen Fleisches wäre wirklich nicht der Sprung ins Dunkle, als den ihn die Regierungs- Vertreter gekennzeichnet haben. England führt mehr als hunderttausend gefrorene Hammel und bedeutende Mengen gefrorenen RindfleischS ein. In England ist das gefrorene Fleisch eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Arbeiterschaft, die dadurch ihren Fleischbedars um mehr als die Hälfte biliger befriedige» lau n als d ie d eutsch e. Es liegt aber nicht der leiseste Anlaß vor, anzunehmen, daß die englische Regierung weniger auf die Gesundheit ihrer Volks- genossen bedacht fei, als die unserige. Und nachdem auch Oesterreich einen Versuch mit argentinischem Fleisch gemacht hat, der als durchaus geglückt bezeichnet wird, und die Argentinier eingewilligt haben, ihre Ausfuhr jeder tier- ärztlichen Prüfung zu unterwerfen, ist der deut- scheu Regierung jeder Borwand genommen, der zeitweiligen Aufhebung des jj 12 deS FleischbcschaugesetzeS und da- mit der Möglichleit der Einfuhr geeisten Fleisches Widerstand entgegenzusetzen, und als Grund ihrer Weigerung etwas anderes anzugeben als das Dienern vor dem Agrarintercsse. Hätte der Slaa:ssekrctär die Möglichkeit der Eiufuhr gefrorenen Fleisches und damit die Wahrscheinlichkeit', breiten Volks massen ein billiges Fleisch zu verschaffen, offen gelassen, so wäre der Anfang für das Programm gemacht gewesen, das wir leider bei der VolkSenrährungSpolitik der Regierung ver- missen." Wenn man außer Betracht läßt, daß unsere prächtige Regierung nichts anderes als ein JnteressenauSschuß deS ländlichen Groß- grundbesitzes ist, so ist freilich ihr Verhalten absolut nicht zu be- greifen, denn seit ungefähr dreißig Jahren führt England argen- tinisches Fleisch in Mengen ein, und in diesem langen Zeitraum haben sich bisher nicht die gering st en sanitären Gründe ergeben, die gegen die Einfuhr sprechen. Im letzten Jahrzehnt importierte z. B. England an gekühltem und gefrorenen, Rindfleisch: Davon aus Jabr (Durchschnitt) Gesamtimport engl. Zentner Ver. Staaten engl. Zentner 2 SSS 550 2 232 206 2 426 644 2 417 604 1 432 143 Argentinien engl. Zentner 037 084 2 580 152 2 795 913 2 691 554 8 590 307 1900—1904 4 170 780 1905 5 037 521 1906 5 523 809 1907 5 735 003 1909 5 631 989 Verhältnismäßig ebenso beträchtlich ist die englische Einfuhr von argentinischem Hammelfleisch. Die Folge ist. daß der englische Arbeiter, dessen Lohn zudem meistens wesentlich höher ist als der des deutschen Arbeiters, das von ihm gebrauchte Fleisch um 40 bis 50 Prozent billiger kaufen kann, als sein deutscher Kollege. Nach dem offiziellen Bericht der im Oktober dieses Jahres nach Eng- land gesandten österreichischen Kommission zum Studium der Versorgung Englands mit argentinischem Fleisch kostete z. B. Gefrier- fleisch im englischen Detailhandel: I. Qualität H. Qualität Rindfleisch, Keule.,. „ Rippenstück „ Rumpsteak.. „ Kochfleisch usw. pro Pfund von 450 Gramm 65—74 Ps. 50-55 Pf. 50-65 Pi. 65—80 Ps. 50-53 Ps. 38 Ps. 65—74 Pf. 40—50 Ps. zll folgendem Er- Die Stndienkommission kommt denn auch gebnis: „Wie schon die ungeheuren Quantitäten und die jahrzehntelange Fortsetzung der Importe von gefrorenem und gekühltem Fleisch nach England beweisen, hat dieses Fleisch auch einen kolossalen Konsumentenkreis, lleber dessen Verteilung in England wurden schon im ersten Abschnitt einige Bemerkungen gemacht. Es wurde auch schon darauf hiugeiviesen, um wieviel höher der Fleischkonsum per Kopf in England ist, als beispielsweise bei uns. Dies ist bei de» heutige» Verhältnissen eben nur möglich durch die Verwendung des überseeischen Fleisches. Allerdings bat nun, wie die bereits mehrfach erörterte Preisbewegung und auch die Konsumstatistik Englands zeigt, dieses nicht etwa das heimische englische Fleisch verdrängt, sondern es scheint eben, daß sich das überseeische Fleisch teilweise einen eigenen neuen ÄonsumcntenkreiS geschaffen hat. Es wurde durch dessen Einfuhr auch den ärmeren Klassen ermög- licht, von der Ernährung mit Fischen. Käse. Kar- löffeln usw. zur Fleischnahrung überzugehen bezw. die letztere intensiver zu gestalten. Tatsächlich wurde mehrfach der- sichert, daß es z. B. in der englischen Arbeiterklasse allgemein üblich ist, täglich zweimal Fleisch zu genießen oder, wenn man das auch in den unteren Volksklassen übliche eng- tische Frühstück von gebratenem Speck hinzurechnet, sogar dreimal. Bekannt ist, daß in den Mittel- und oberen Klassen tatsächlich das Fleisch auch schon beim ersten Frühstück— anders als bei uns— eine große Rolle spielt.... Die besseren Klassen sollen dabei daS gekühlte Fleisch schon wegen seines besseren, dem frischen mehr ähnlichen Aussehens, dem ge- frorenen Fleische vorziehen. Aber auch gefrorenes Fleiich genießt eine Verbreitung bis in die guten Mittel- k lassen und soll im Geschmacks von frisch geschlachtetem Fleische kaum zu unterscheiden sein,>v e n n e S auch nicht immer so schmackhaft Wiedas letztere und daS Fett weniger löslich ist. Bemerkenswert ist, daß daS gefrorene Fleisch auch in der Armee und in der britischrn Armee Eingang grsmide» hat und auch seit mehrere» Jahren in den Spitälern verwendet wird, wodurch einerseits große Ersparungen erzielt ivurden, andererseits eine Per- mehrmig der Fleischkost möglich war." Das ist das Ergebnis langjähriger Erfahrungen in England. Wenn dennoch die deutsche ReichSregierung sich gegen die Einfuhr von argentinischem Fleisch sträubt, so geschieht es lediglich im Profitinteresse der Agrarier. politiscke deberllcbt. Berlin, den 29. November 1919. Zerfahrenheit der bürgerlichen Parteien. Aus dem Reichstag, 29. November. Die Weiter- beratung des SchissahrtsgcsetzeS ließ die Tatsache klar hervor- treten, daß die sämtlichen bürgerlichen Parteien in der Be- Handlung dieser Frage sich zersplitterten. Aus einen Redner der für daS Gesetz gesprochen, folgte heute aus der nämlichen Partei ein Redner, der dagegen sprach, oder umgekehrt. Die Wucht der Argumentation war aber auf Seiten der Gegner der Vorlage. Nur die Sozialdemokratie steht geschlossen der Vorlage feindlich gegenüber, wie das heute gleichfalls durch ihre Redner zum Aus- druck kam. Allerdings konnte der Ministar v. Breiten- dach sich daS beliebte Manöver leisten, einen Mit- arbeiter der„Sozialistischen Monatshefte", den Genossen Schippe!, als Befürworter der Schiff« fahrtsabgaben gegen die Sozialdemokratie zu ziriereu. Dem Genossen Lehmann, der von unserer Seite zum Wort kam. blieb nichts übrig, als zum xtcn Male die„Sozialjsti- schen Monatshefte" abzuschütteln. Das wird aber verlogene gegnerische Politiker natürlich nicht abhalten, aus dieser Fund- grübe Material zu Anwürfen gegen die Sozialdemokratie aus- zulesett. Die Debatte wurde heute zuin größten Teil von sächsischen Abgeordneten geführt, die samt und sonderS eine schwere Schädigung ihres Heimatlandes ans der Verwirklichung der borussischen Schiffahrtsreaktion vorhersagten. Gen. Stolle ivics besonders darauf hin. daß durch die Verteuerung des elbaufwärts und elbabwärts ins Land kommenden Getreides und Viehfutters nicht nur die arbeitende Bevölkerung und die Industrie, sondern auch der kleine Landwirt erheblich ge- schädigt werden würde. Der nationalliberale Abgeordnete Iunck unterzog die Vorlage einer scharfen juristischen Prüfung und deckte die gefährlichen Doppeldeutigkeitcn und Unklarheiten dieses ungenügend vorbereiteten Bureaukraten- werkS ans. Genosse Lehmann- Wiesbaden zertrümmerte das gegnerische Argument von der Unwcsentlichkeit der Fracht- Verteuerung von 25 bis iO Pf. pro Tonne durch den Hin- weis darauf, daß im Großhandel der Nutzen beim Verkauf einer Tonne im allgemeinen nicht über 1 M. hinausginge. Von der fortschrittlichen" Partei sprach heute der Abgeordnete Haußmann(Württemberg) für, der Abgeordnete Günther(Sachsen) gegen die Vorlage. Dann benutzte Herr Diederich Hahn auch diese Gelegenheit wieder ein- mal, um eine endlose Wahlkveisrede zu halten und der nationalliberale Professor W e tz e l aus Eßlingen hielt im weinerlichen Tone einer SonntagsnachmittagLpredtgt eine hurrapatriotische Kriegervereinsrede. Schließlich wurde um 7 Uhr die Vorlage einer Kommission überwiesen. Der Stand der Maul-«nd Klauenseuche in Deutschland. Bekanntlich behaupten die Agrarier, daß die Einfuhr von leben» dem Vieh deshalb nicht gestattet werden könnte, weil sonst der deutsche Viehstapel verseucht werden würde. Die Behauptung geht von der Voraussetzung aüs, daß Deutschland seuchenfrei, das Aus- land dagegen verseucht ist. Daß bei uns in Deutschland aber trotz aller künstlicher Absperrung die Maul- und Klauenseuche stark grassiert, zeigen die neuesten vom 15. November datierten Ver- öffentlichungen des Reichsgesundheitsamtes über den„Stand der Tierseuchen im Deutschen Rei ch". Danach waren in 1503 Gemeinden 3534 Gehöfte verseucht. Weitaus am stärksten ist der Osten hierbei beteiligt, obgleich Rindvieh von Rußland überhaupt nicht eingeführt werden darf. So sind in den Provinzen Ost- und Westpreußen in 311 Gemeinden 617 Gehöfte, und in der Provinz Posen sogar in 520 Gemeinden 1076 Gehöfte verseucht. Der Westen und der Süden deS Reichs sind hingegen fast völlig seuchenfrei. Nach den Nachweisnngcn vom 31. Mai 1910 haben wir damals so gut wie keine Maul- und Klauenseuche, auch nicht im Osten Deutschlands gehabt. Die Statistik zählte als verseucht nur 9 Gemeinden mit 17 Gehöften auf, gegen 1563 Gemeinden mit 3534 Gehöften am 15. November 1910. Daß diese ungeheure Zunahme der verseuchten Gemeinden und Gehöfte auf innere Verhältnisse zurückgeführt werden muß, kann nicht bestritten werden. Wäre seit dem 31. Mai die Einfuhr von lebendem Vieh gestattet worden, so hätten vielleicht die Agrarier mit einem ge- wissen Schein von Berechtigung das llmsichgreisen der Seuche darauf zurückführen können; so aber liegt es aus der Hand, daß die schlechten samtärcn Verhältnisse in den Ställen die Hauptschuld an der Verseuchung tragen. Zur �leischnot. Der Magistrat der Stadt Nürnberg hat, wie der„Deutschen Fleischer-Zeitung" telegraphiert wird, beschlossen, bei der bayerischen Regierung vorstellig zu werden, sie möge ihren Einfluß beim Bundesrat dahin geltend machen, daß die Vieheinfuhr aus Holland und Dänemark ermöglicht wird, die Vieh- und Fleischzölle aufgehoben werden und der 8 12 I deö FleischbcschaugesetzeS außer Kraft gesetzt wird._ Das Geheimnis des Göttliche». Wilhelm II. hält eS neuerdings wieder stark mit der Frömmigkeit. Eine sonst ganz nette Rede, die er bei der Eröffnung der neuen technischen Hochschule i» Breslau hielt—. nur daö Wörtchen„Ich" kommt störend oft vor—. schloß er mit den Worten:„Wer hier forscht und lehrt, tue eS im Ausblick zu Gott dem Herrn mit heiligem Ernst." Nun müssen Naturforscher bei ihren Experimente» und Untersuchnngen so scharf auf die Borgänge und Gegenstände der Unter- suchung blicken, daß ihnen diese Aufforderung nur als unnütze Belastung ihrer ArheitSmethoden erscheinen muß. Natur- forscher find ja im allgemeinen keine guten Christen und es war kein Geringer, der da meinte, für die Naturwissenschast sei Gott eine unbewiesene und unnütze Hypothese. La place war aller- dingS ein frivoler Franzose, deutsche Naturforscher sind dagegen öfters Professoren, also Leibgardisten der Hohenzollern. Kein Wunder also, daß der Rektor Professor Schenk das Koimnandp Wilhelms ll.„rechtsschwenkt in die Frömmigkeit" tadellos exekutierte. Zum Schluß einer byzantinischen DankeSrede rief er denBeistand Gottes an, deS„gewaltigsten aller Ingenieure, deS Schöpfers der Welten". Diese Auffassung Gottes als eines Ingenieurs ist immerhin originell und unterscheidet sich sehr merklich von der des Südsee- insnlanerS und Fetischanbeters, der seinem Stein oder Holzblock göttliche Kräfte zutraut. Sie kommt zugleich der Auffassung Gottes als eines JnstrumentenmacherS sehr entgegen und betveist aufS neue die alte EtkenntniS, daß sich die Menschen die Götter nach ihrem Ebenbilde gestalten._ Ein spätes Dementi. Erst der Artikel des„Vorwärts" vom 27. November hat die „Nordd. Rllgcm. Ztg." veranlaßt, an der Spitze ihrer Dienstags- Nummer die amtliche Erklärung zu veröffentlichen, daß Wilhelm v. in seiner Rede über die Vereidigung der Rekruten in Potsdam die ihm zugeschriebenen Aeußerungen nicht getan hat. E» heißt in dem Dementi: „Die über den Wortlaut dieser Ansprache verbreiteten Angaben sind falsch. Insbesondere hat sie einen Satz des Inhalts, e s könne für den Soldaten keinen Konflikt zwischen Pflicht ti»d Gewissen geben, nicht enthalten. Den kritischen Betrachtungen über diese militärische Ansprache fehlt mithin jeder Boden." Das hätte die„Nordd. Allgem. Ztg." doch schon längst erklären können. Sie hätte dann wenigstens den Byzantinern die Mühe er- ipart, auch dies angebliche Kaiserwort zu verteidigen. Der Reichstagsivahltcrmin. DaS„Berliner Tageblatt" ließ am Montag mit der Meldung, die Wahlen seien erst im Januar 1912, einen Ver- suchsballon steigen, um den Wahltermin zu erfahren. Prompt kommt nun die„Deutsche Tageszeitung" und schreibt: „In der Presse wurde dieser Tage behauptet, daß man in Regierungskrfisen die Absicht hege, die Neuwahlen im Reichstage erst im Januar 1012 vornehmen zu lassen. Wie wir erfahren, hat v cm ber vorzunehmen." Die Arbeiterschaft wird gut tun, auch diese Meldung nicht alS absolut zuverlässig zu betrachten, sondern ihre Vorkehrungen so zu treffen, daß sie jederzeit den Wahlkamps mit vollstem Nachdruck aufzunehmen vermag. Der vielseitige Freisinn. Zur Agitation im Wahlkreis Labiau-Wehlau läßt der Freisiim eine AnsichtS-Postlarte verbreiten, die in wahrhaft genialer Weise die Fähigkeit dieser Partei des aufrechten Bürgertmns zeigt, als politisches Chamäleon in den wundersamsten Farbenkontrasten zu schillern. Die Karte sieht folgendermaßen aus: ReichStagswahl Labiau-Wehlau am 2. Dezember 1910. Für Kaiser und Reich! Für Boll und Recht l <2 •a- o »» S s S Photographie WagncrZ S V c 3» (•w Der liberale Kandidat Z, Richard Wagner, Bürgermeister der Stadt Tapiau seit 1887. Bürger— Bauern— Arbeiter • Wählt Wagner! DieS reizende Dokument fortschrittlich-volksparteilicher Viel seitigkeit scheint allerdings in freisinnigen Kreisen selbst einigen An stoß erregt zu haben. Darauf läßt wenigstens eine Rede schließen, die unlängst auf dem Bankett, daS nach der Zentralausschußsitzung der Fortschrittlichen Volkspartei stattfand, Herr Rektor K o p s ch ge- halten hat. Herr Kopsch kam dabei auf die famose Postkarte zu sprechen. Ich weiß, sagte er nach einer uns zugegangenen Mit- teilung, daß daS Motto links oben:„Für Kaiser und Reich" manchem von Ihnen nicht gefallen wird. Dafür wird Ihnen der andere Spruch„Für Volk und Recht' um so besser gefallen. Und wenn manchem die Parole auf der rechten Seite„Gegen die konigS- und volksfeindliche Sozialdemokratie" nicht recht behagen wird, so wird ihm dafür das Motto„Gegen den Eigennutz und Hochmut der Junker" um so besser gefallen. � Also Herr Kopsch. Frivoler kann man die Absicht skrupelloser politischer Bauernfängerei nicht beschönigen. Hätte der Freisinn das Vertrauen der Volksmassen nicht längst verscherzt, durch solche Mittel würde er es sicher verlieren._ Wie Herr v. Heydebrand zitiert! Genosse Redakteur Wendel teilt uns mit. daß er folgen- den Brief an Herrn v. Heydebrand abgesandt habe: Herrn Dr. v. Heydebrand und der Läse, Mitglied des Reichstages und des Hauses der Abgeordneten. Berlin, Reichstag. Geehrter Herr Abgeordneter! Aus den Berichten der Blätter sehe ich. daß Sie am Sams tag im Reichstag eine Rede zitiert haben, die am 1. September 1910 in Frankfurt a M. gehalten wurde und in der für Könige und Junker die Losung ausgegeben worden sein soll: Kopf ab! Daran haben Sie allgemeine Schlüsse über die revolutionären Tendenzen der Sozialdemokratie geknüpft. Nach den Umständen kann es sich hier nur um eine Rede handeln, die ich am 1. September 1910 hier gehalten habe und die ihrem Wortlaut nach stenographisch aufgenommen worden ist. Ich habe das Vergnügen. Ihnen gleichzeitig ein Exemplar dieser Broschüre, in der die Rede abgedruckt ist, zu übersenden und Sie auf die betreffende Stelle(Seite 8) hinzuweise», die lautet: Nun werden Sie mit Recht fragen: Wie kommt es denn, daß eine Handvoll Schweinezüchter und Schnapsbrenner ein intelligentes und hochentwickeltes Jndustrievolk von 83 Millio- nen ungescheut bis aufs Hemd ausplündern und mit Sporen und Peitsche regieren kann? Das kommt daher, verehrte An- wcscndc, daß wir in Deutschland niemals eine richtige bürger- liche Revolution gehabt haben.(Sehr richtig! und Beifall.) Denn Aufgabe der bürgerlichen Klasse war es, mit den feu- dalen Raubrittern des Mittelalters aufzuräumen. Die bür- gerliche Klasse Frankreichs hat das mit den französischen Jun. kern gründlich besorgt, die vor 1789 die Massen genau so brande schätzten wie unsere ostelbischcn Junker. Sie trugen der fran. zösischen Bourgeoisie den Kopf zu hoch, und da hieß es ganz einfach: Kopf ab! Das Bürgertum nahm selbst die Zügel der Herrschaft in die Hand. In Deutschland aber hatten wir 1848 nur eine Revolution im Schlafrock und Pantoffeln.(Heiterkeit und Zustimmung.) Hier schloß die Bourgeoisie sofort mit den Junkern wieder ein Kompromiß, aus Angst vor der sozialen Revolution, und bald war das Junkertum, das viel konse- quenter, zäher und frecher«st, als je die Bourgeoisie, wieder obenauf und setzte der bürgerlichen Klasse den Absatz in den Nacken. Die bürgerliche Klasse Frankreichs hat auch mit dem Gottesgnadcntum reinen Tisch gemacht. Auch das trug ihr den Kopf zu hoch und auch da hieß es: Kopf ab! Sie können daraus ersehen, daß es sich um einen rein histo- rischen Exkurs ohne jede Nutzanwendung auf die Gegenwart handelt, und daß ausdrücklich von der bürgerlichen Klasse be- bauptet wird, sie habe früher die Losung: Kopf ab! angewandt. Daß die Sozialdemokratie diese Losung aufgreisen solle, davon steht in der ganzen Rede kein Wort. Ohne die revolutionären Bestrebungen der Sozialdemokratie bestreiten zu wollen, möchte ich doch nicht, daß meine Aeußcrung in einem Sinn, der, wie Sie nach Kenntnis des Wortlauts wohl selbst zugeben werden, hinfällig ist, gegen meine Partei aus- genützt wird. Von Ihrer Loyalität darf ich darum wohl erwarten, daß Sie gelegentlich diese Ihre Aeußerung rektifizieren. Mit Hochachtung ergebenst Hermann Wendel. Redakteur und Stadtverordneter. Der„Vorwärts" hat in seinem Leitartikel vom Sonntag die Zitiermethode des konfervatwen scharfnmcherhäuptlings bereits gekennzeichnet. Der Januschauer legt sei» Laudtagsmandat nieder. Herr v. O l d e n b u r g- I a n u s ch a u hat sein Landtags- Mandat für Elding-Marienburg niedergelegt. Er will seine Kraft ganz in den Dienst des Reickstags stellen. Schade daß dem Junker- Parlament die bewährte komische Kraft verloren geht. Hoffentlich sorgen die Junker wenigstens für vollwertigen Ersatz, da sonst die Anforderungen an die Herren Kreth und Malkewitz zu große werden dürsten._ Kommunale Selbstverwaltung. , Am 8. Februar 1910 beschloß auf Antrag der sozialdemokratischen Stadtverordneten die Stadtverordnetenversammlung in Elberfeld. die Stadthalle der sozialdemokratischen Partei auch zu politischen Versammlungen zur Verfügung zu stellen. Der mehr als zehn jährige Kampf der Elberfelder Parteigenossen um die Stadthalle setzte gleich nach der Fertigstellung des Lokals ein und hat die ver- schiedensten Phasen durchlausen. Immer erklärte der Oberbürgermeister Funck, er habe nicht nur kommunale, sondern auch staatliche Interessen wahrzunehmen, und deshalb verweigere er der sozial- demokratischen Partei das städtische Lokal. Dieses Diktum setzte er auch dem oben erwähnten Beschluß der Stadtverordneten entgegen. Er beanstandete formell den Beschluß, und da die Stadtverordneten- Versammlung auch bei der nochmaligen Beratung auf ihrem Stand- punkt verharrte, ging die Sache an den Bezirksausschuß. Dieser hob den Beschluß der Stadtverordnetenversammlung auf und der nun angerufene Provinzialrat als letzte Instanz schloß sich der Entscheidung des Bezirksausschusses an. In dem jetzt vorliegenden schriftlichen Urteile lautet der entscheidende Teil: „Die sozialdemokratische Partei und die sozialdemokratischen Vereine bekämpfen, wie allgeniein bekannt ist, die bestehende RechtS- und Staatsordnung und suchen sie zu unter- graben. Die Ueberlasinng der Etberfelder Stadthalle an sie würde eine Förderung dieser Bestrebungen, also eine Gefährdung des Staalswohles bedeuten." Die bestehende„Rechts- und Staatsordnung" findet ihren Ans- druck in den Gesetzen. Der Z 54 der Rheinischen Städte ordmmg be- sagt aber klipp und klar:„Alle Einwohner des Stadtbezirks sind zur Mitbenutzung der öffentlichen Gemeindeanstalten der Stadt b e- rechtigt." Unser Parteigenoffe Lands erklärte zutreffend in der letzten Stadtverordnetensitzung:„Das ganze Verfahren erhellt mit einem geradezu blendenden Schlaglicht die Situation und den jämmerlichen Zustand unserer Selbstverwallung." Die Landtagswahl in Reust j. L. bat bekanntlich mit einem prächtigen Siege der sozialdemokratischen Partei geendet. ES wird uns dazu geschrieben: In Gera war der alte Hotlentottenblock in die Brüche ge- gangen. Den fortsckrittlichen Kandidaten haben Nationalliberale, Konservative, Mittelständler, Deutschsoziale, evangelischer Arbeiter- verein und die Vereinigung der reichslreuen Textilarbeiter besondere Kandidaten entgegengestellt und zwar den siockkonservativcn Ober- bürgermeister und Geheimen Regicrungsrat, einen Mittelständler und einen gelben Weber. Die Fortschrittlichen markierten über diesen Bruch große Freude, daß eS ihnen aber nicht so wohl dabei war, verriet der Führer der reußischen Fortschrittler, Zeichenlehrer a. D. Kalb, der erklärte: Mit radikal.« ni Vorgehen sei nichts zu erreichen, nur durch St achgeben. Kompromisse mit der Regierung seien das beste Mittel, dabei könne man noch immer entschieden liberal bleiben. — Nun sind sie alle hereingefallen, der schwarzblaue Block und die kompromißsüchtigen Fortschritller. In den sechs Wahlbezirken, in denen daS Resultat bekannt ist, hat die Sozialdemokratie fünf Mandate erobert; in dem letzten Be- zirk stehen wir in günstiger Stichwahl. Gegenüber den letzten Wahlen haben wir in den sechs Bezirken drei Mandate gewonnen. Gewählt sind die Genossen Fiedler, Rohmann, Better- lein. Leven, Kahnt; in Stichwahl steht Genosse Drechsler. Es erhielten im ersten Kreis Sozialdemokratie 2647, die Gegner 583, im zweiten Kreis Soz. 2905, Gegner 502. dritten Kreis Soz. 1372, Gegner 293. vierten Kreis Soz. 2330, Gegner 1070, fünften Kreis Soz. 1074, Gegner 391, sechsten Kreis Soz. 543, Gegner 608. Dieser Kreis ist uns in der Stichwahl sicher. Insgesamt wurden für die Sozialdemokraten abgegeben 7425 Stimmen, daS sind 2000 mehr als bei der letzten Wahl. Die Fortschrittler, die Kon- servativen und Agrarier haben je ein Mandat verloren. Oesterreick. Die TcurrnngSdebatte. Wie«, den 29. November. Abgeordnetenhaus. Bei der Debatte über den Bericht des T e u e r u n g s a u S s ch u s s e s erklärte der Handelsmini st er, er erhebe gegen die Anträge des TeuerungSausschusses keinerlei Einwendungen, dagegen- könne die Regierung dem Beschluß der s o z i a l d e m o- kratischen Minorität, eine quantitativ unbeschränkte Einfuhr überseeischen Fleisches zu gestatten, nicht zustimmen. Der Minister legte aufs neue dar, daß Oesterreich bezüglich der Fleischeinfuhr aus überseeischen Ländern im Einvernehmen mit der ungarischen Regierung vorgehen müsse, wie eS auch umgekehrt geschehe. Hinsichtlich der Erklärung des ungarischen HandelsnnuisterS über geheime Abmachungen konstatierte der Minister, daß es sich hierbei um nichts Geheimnisvolles handele, sondern einzig und allein um Abmachungen über die Höhe des JmportkontiugentS aus den Balkanländern, die den Unterhändlern für die Vertragsverhandlungen als Instruktion dienen. Die Regie- rung nähme nicht den geringsten Anstand, diese Abmachungen bekannt zu geben. Der Minister ersuchte das Haus aufS neue, den serbischen Handelsvertrag möglichst rasch zu erledigen, und sprach die Hoffnung aus, daß daS bewilligte Kontingent argen- tinische» Fleisches nebst dem Import aus den Ballanländern über die Fleischnot hinweghelfen werde. frankreicd. Gegen das Streikrecht. Paris, 29. November. Die Regierung wird am Donners- tag über den Gesetzentwurf zur Unterdrückung derSabotage und zur Sicher ungdesEisenbahn- d i e n st c 3 endgültig Beschluß fassen. Sabotage und Auf- reizung dazn sollen mit einem Monat bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft und entweder vom Zucht- Polizei- oder vom Schwurgericht abgeurteilt werden. Eisen- b ah na n gestellte, die den Dienst verweigern, sind mit sechs Monaten bis zn z w e i I a h r e n Gefängnis zu bestrafen. Es ist den Eisenbahnangestellten untersagt, in den A u s st a n d z u t r e t e n. Der Gesetzentwurf sieht die Errichtung lokaler Ausschüsse und eines Zentralausschusses zur Beilegung von Streitigkeiten vor. Ferner soll ein Schiedsgerichts Hof gebildet werden, der aus Abgeordneten beider Parteien, aus zwei von der Kammer und aus einem vom Senat ernannten Schiedsrichter besteht. Die Entscheidungen dieses Gerichtshofes werden der B e st ä t i- gung de-s Parlaments unterliegen. Ein Justizmord. Paris, 27. November.(Eig. Ber.)-Das Urteil des Schwurgerichts von Noucn stellt� die schlimmsten Leistungen preußischer und sächsischer Klassenjustiz in den Schatten. Der Tatbestand, der zu dem fürchterlichen Urteil Veranlassung gab, ist folgender: Während des Streiks der Kvhlenverkader war ein Streikbrecher, der total betrunken in einem Wirts- Haus und auf der Straße exzedierte, von gleichfalls bctrunkc- nen Ausständigen angegriffen und auf grausame Weise er- schlagen worden. Der traurige Vorfall, der wieder einmal die fürchterlichen Wirkungen des Alkohols bezeugt, wurde von der reaktionären Bourgeoisie aufgegriffen, um die Gewerk- schaftsbewegung zu kompromittieren und an ihren Führern ein Exempel zu statuieren. Darum wurden nicht nur die der Teilnahme am Totschlag verdächtigen Arbeiter, sondern auch der Sekretär der Gewerkschaft, Durand, wegen Anstiftung zum Mord angeklagt. Wochenlang Prä- parierte die bürgerliche Presse ihr Publikum, indem sie ihm die Schauermär von einer Strcikversammlung vorsetzte, in der die 353 Anwesenden in einer Abstimmung einstimmig Dongä zum Tode verurteilt hätten. Das Ergebnis der Zeugeneinvernahme war, daß nicht einmal der Staatsanwalt in seinein Plaidoyer die Wahrheit dieser albernen Berichte zu behaupten wagte, trotzdem mehrere versoffene„Gelbe" in freilich höchst widersprechenden Angaben sie bestätigten. Aber ibm genügten als Beweis für die intellektuelle Urheber- schaft Durands einige angeblich von ihm gebrauchte mibe- stimmte Drohworte, wie. daß man sich Dong6s„entledigen" müsse. Durand bestritt diese Aeußerungcn auf das ent- schiedcnste und eine Reihe von Zeugen, darunter ein Arzt, stellten ihin das Zeugnis aus, daß er in Streikversammlungen sehr maßvoll gesprochen habe. Trotzdem bejahten die Geschworenen die auf ihn bezüglichen Schuldfragen ohne Zubilligung mildernder U m st ä n d e. Durand wurde demgemäß zum Tode verurteilt, drei der Ausführung der Tat Beschuldigte zu 15 und 8 Jahren Zwangs- arbeit, drei andere Angeklagte wurden freigesprochen. Nach der Urteilsverkündung erklärte der-Obmann der Ge- schworenen dem Vorsitzenden, daß sich die �sury über die Trag- weite ihres Spruchs getäuscht und nicht eine solche Strafe im Auge gehabt habe. Sämtliche Geschworene unterzeichneten ein Gnadengesuch. Durand aber schwur, daß er unschuldig verurteilt sei.— In dar„Humanitö" sagte Jaurds kurz und treffend:„Durands ganzesVcrbrechenist, daß er der Sekretär der Gewerkschaft, daß er ein A r- b e i t e r f ü h r c r ist. Auch wenn seine Strafe gemildert wird, bleibt seine Verurtcilimg abscheulich." Bürgerliche Rachgier und proletarische Würde. Paris, LS. November.(Eig. Ver.) Die Witwe des im Rauf- Handel getöteten Kohlenverladers Dongs hat an den Verteidiger des von den Geschworenen zum Tode verurteilten Gewerkschafts- sckretärs Durand einen Brief gerichtet, der die über das schänd- liche Urteil jubelnde bürgerliche Presse aufS tiefste beschämt. Ter Brief lautet: „Nach Beendigung der Assisenvcrhandlung fühle ich mich gedrängt, mich denen anzuschließen, die gegen das Urteil p r o t e st-i e r e n. Ich habe während der Verhandlung mich als Privatbeteiligte darauf beschränkt, das- Recht meiner Kinder. der Opfer des an meinem unglücklichen Mann begangenen Tot- schlagcs, zu verteidigen und es mir versagt, auch nur die ge- ringste Beschuldigung gegen jemanden zu erheben. Aber i ch möchte keinen Anteil an der Verurteilung Durands zum Tode haben, die um so unbegreiflicher ist. als er Wohl gleich anderen, die straflos geblieben sind, un- bedachte Worte geäußert, aber doch nicht selbst Gewalt geüht l)at. Ich bin selbst Arbeiterin und iv ü n s ehe das Gnadengesuch für Durand zn unterzeichnen. EL wäre mir ein Trost in meinem Unglück, zn hoffen, baß alle Welt verstehen wird, daß ich, indem ich für meine Töchtcrchen vor Gericht pflichtgemäß Ersatzansprückic stellte, doch auch die Pflicht empfand, nicht zu vergessen, daß ich selb st der Welt der Arbeiter angehöre, die so mühselig um ein Stückchen Brot mehr und um etwas harte Behandlung weniger ringen." Spricht ans diesem Briefe einer Proletarierin. die den Ec- danken der blutigen Rache zurückweist und der Gemeinschaft mit allen Leidenden auch dann bewußt bleibt, wenn die unglückseligen Verkettungen des noch nicht zur Klarheit gelangten Klassen- kampfes ihr den Ernährer ihrer Kinder geraubt haben, tausend- mal mehr Menschlichkeit und sittliche Gesinnung, als aus den Artikeln der bürgerlichen Presse, die den Leichnam des Streik» brechers in erheucheltem Mitleid und in erheuchelter Entrüstung politisch ausschlachtet? Der Protest der Gewerkschaften. Paris, 29. November. Der Allgemeine Arbeitsverband hat beschlossen, mittels Maueranschlages gegen das Urteil des Schwurgerichts in Ronen Einspruchzu erheben und am nächsten Sonnabend in Paris, Renne?, Lyon, Marseille und le Havre Protest Versammlungen abzuhalten. In le Havre wurden gestern schon mehrere Protc st Versammlungen und Straßenkund gedungen veranstaltet, an denen sich 5000 Ar- bester beteiligten. Mehrfach kam es zwischen Schutzleuten und De- monstranten zu Zusammenstößen. Fünf Personen wurden verhaftet. SugUmä. Gegen Home-Rnle. Belfast» 20. November. Gestern abend fand hier unter freiem Hiinmel eine große u n i o n i st i s ch e Kundgebung statt, an der sich mehr als 20 000 Personen beteiligten. Die Redner erklärten, wenn die Home- Rule den Anhängern der eng- lischen Herrschaft in Nord- Irland aufgezwungen werden sollte, so würden diese sich dadurch widersetzen, daß sie die Zahlung der Steuern verweigerten oder, wenn es nötig wäre, zu noch schärferen Maßnahmen griffe».— Eine interne Beratung der Anhänger der englischen Herrschaft be-- schloß, eine Geldsammlung zu veranstalten, alle ihre Parteigänger zu einem Regiment zusammenzustellen, Waffen zu kaufen und sich der Einführung der Home-Rnle m i t G e w a l t zu wider- setzen. Die Subskription ergab sogleich 10 000 Pfd. Sterl. Kandidaturen. London, 29. November. Die Anhänger O'BrienS stellen 25 Kandidaten gegen die Anhänger Red mondS auf. Joses Chamberlain und Georg Wynhain sowie drei unionistische Kandidaten, die ohne Gegenkandidaten geblieben sind, werden bereits am Freitag als gewählt proklamiert werden. Sonnabend finden Wahlen in 10 Londoner und in 1V Provinzbczirlen statt. In zahlreichen Provinzbezirken haben die Unionisten keine-Gegen« kandidatcn. Hmerifta. Revolution in Honduras. New Aork, 29. November. Nach einer telegraphischen Meldung aus Tegucigalpa sind die atlantischen Häfen im Departement Co» mayagua(Honduras) von Revolutionären unter Führung des früheren Präsidenten Bonilla besetzt worden. Die zur Wieder- erobernng der Hafenorte auSgesandten RegierungStruppen sollen sich dem Feinde angeschlossen haben. ©ewcrhlcbaftlichce. „Vemerkensnei'te Vorgänge im Rubrrevier". Unter diesem Titel bringt die„Rheinisch-Westf. Ztg." vom W. Novcniber einen Artikel, der allerdings Aufsehen erregen dürste. Es geht daraus hervor, daß der Vorstand des„alten" Bergarbeiterverbandes ain 17. November an die Vorstände der anderen Bergarbeiterorganisationen eine Einladung zu einer Besprechung über Lohnfragen und Arbeits- Nachweis ergehen ließ. Die Polen und Hirsch-Dimcker- sehen scheinen der Einladung rückhaltlos zugestimmt zu haben, wenigstens erfährt man aus der„Nh-Wests. Ztg.", daß nur der christliche Gewerkvereinsvorstand den Vorbehalt machte, vor der auf dem 21. November einberufenen Vorständebespre- chung eine Beratung mit den Vertrauensleuten zu haben. Diese Beratung hat am 27. November in Gelsenkirchen statt- gefunden und ist zu dem Ergebnis gekonrmen, sich dem Vor. gehen der Altverbändler, Polen und Hirsch-Dunckerschen nicht anzuschließen, sondern alleinandenZechen- verband heranzutreten! Dadurch manifestiert sich der Vorstand des christlichen Gewerkvereins wieder als der Förderer der llneinigkeit inner- halb der Bergarbeiterschaft. Angesichts der Ermahnungen, die von der„Krenz-Ztg." und der„Kölnischen Ztg." nach den Knappschaftswahlen an die Adresse des Ge�verkvereins ge- richtet wurden, noch mehr aber in Anbetracht unserer äugen- blicklichen innerpolitischen Situation ist es durchaus begreif- lich, daß die GetncrkvereinZleitung ein Zusammengehen mit den anderen Organisationen scheut. Wie aber die Berg- arbeiter das Ablehnen des Zusammengehens beurteilen werden, kann nicht fraglich sein. Recht bezeichnend ist, daß die Oeffentlichkeit aus dem Kohlensyndikatsblatt von diesen internen Vor- gängen innerhalb der Bergarbeiterbetvegung erfährt! Weder in unserer Parteiprcsse in» Ruhrgebiet noch in der„Berg- arbeiter-Ztg." finden wir auch nur eine Andeutung über die angeblich schon am Bußtag stattgestmdene Konferenz der Berg- arbeiterverbändler. Tie Vorbereitungen zu der Lohnbewe- gung sind also von den Beteiligten vertraulich bchandelt wvr- den. Auf unsere Anfrage an einen Vertreter des Bergarbeiter- Verbandes wird uns mstgeteilt, daß alle Konferenzen und Korrespondenzen in dieser Sache, damit keine unnötige Auf- regrmg in Interessentenkreisen entstünde, vertraulicher Natur gewesen seien und daß verbandsseitig daran auch im jetzigen Stadium der Bewegung festgehalten werden müsse, unbeschadet der Veröffentlichung in der„Rh.-W. Ztg.". Dieser Standpunkt ist verständlich. Soviel steht also heute schon fest, daß das Kohlensyndikat seine Wissenschaft vonderstattgefundenenvertraulichenKonfe- renz und Korrespondenz nur aus„christ- lichen" Gewerkvereinsk reisen� erhalten haben kann! Ob man glaubt, durch diese der Arbeiter- schaft keineswegs nützliche Indiskretion das„Wohlwollen" des Zechenverbandes zu erwerben? Tie Gewerkvcreinsleiwng hat nämlich einen zweiten Zug ausgeführt: Während die?lltverbändler, Polen und Hirsch- Dunckerschen anständiger Weise mit weiteren Beratungen warteten, bis die Gewerkvereinsführcr sich mit ihren Ver- trauenspersonen schlüssig über die Teilnahme an der gemein- samcn Konferenz geworden sind, reicht die Gewerkvereins- leitung schon eine Eingabe an den Zechenverband ein und er- teilt gleichzeitig den anderen Bergarbeiterorganisa- tionen eine Absage! DiesVerfahrenisttreulosim hoch st en Grade und kindisch obendrein. Fest steht durch die Verösfentlichuug der„Rh.-W. Ztg.". daß das Ver. dienst, eine Lohnbewegung angeregt zu haben, dem„sozial- dem« ratischen Verband" zukommt, der bereits am 21. Novem. ber die Einladung zu der Vorständekonferenz ergehen ließ, wo über Lohnforderung und Arbeitsnachweis beraten werden sollte. Die Priorität ist also dem alten Verbände nicht weg- zudisputieren. In der Eingabe des christlichen Gewerkvereins an den Zechcnverbcmd wird eine Erhöhung der Löhne auf den Stand von 1907 befürwortet, sodann eventuell eine aus Arbeitern bestehende Körperschaft für die Kontrolle des Zivangsarbeits- Nachweises. Wie aber wenn der Zechenverband die Eingabe so oder so zurückweist? Will sich die separat operierende Ge- Werkvereinsleitung damit beruhigen? Wir erinnern uns, daß der namhafteste Führer des christlichen Gewerkvereins, Herr Generalsekretär Effert, im Dezember_ vorigen Lahres einem Ausfrager der„M.-Westf. Ztg." erklärte: »Es sei die Hoffnung aufgegeben, daß in Güte etwas von den Zechenbesitzern erreicht würde. Die Richtung,� die zum Ver- handeln mit der Arbeiterschaft geneigt gewesen, wäre unterlegen. Allgemein herrsche die Ucberzeugung unter den Bergarbeitern, daß der Kampf, der er- bitterte Kam�f um Sein oder Nichtsein, kommen werde und kommen müsse..." Effert deutete dann noch an, der Kampf werde eventuell ln einer„politisch bewegten Zeit" entbrennen und sagte: „Der Schlag soll so vollständig geführt wer- den, daß das gesamte Gewerbe, die gesamte Industrie lahmgelegt werde!" Mit dieser üoerstürmischen Kampfesansage stimmt das jetzige Verhalten der Gewerkvereinsführung verflucht schlecht überein. Wir sind keineswegs der Meinung, daß eine Lohn- bewegung unbedingt zu einem soldhen Vernichtungskampf führen muß. wie ihn der christliche GewerkvercinSführer ankündigte. Warum sollten die Bergarbeiter nicht wie die Bau- arbeiter und die Metallarbeiter(Werftkampf) zu einer ver- traglickien Verständigung mit � den Unternehmern kommen können? Natürlich gehört dazu die völlige Einmütigkeit der Bergarbeiterorganisa- tionen! Nur sie könnte die Zechenbesitzer zu Verhandlungen geneigt machen. So betrachtet, hat das separate Verhalten der Gcwerk- Vereinsleitung der Bergarbeiterschaft und dem Allge- meininteresse einen außerordentlich schlech- ten Dienst erwiesen. Die Situation ist nun du r ch dieGewerkvereinsleitungeinesehr kritische geworden. Der Zechenverband wird, wenn überhaupt, dann nur einer geschlossen auftretenden Arbeiterschaft nennens- werte Konzessionen machen. Was aber nun? Die drei anderen Verbände werden nun wahrscheinlich ihre beabsichtigte Eingabe machen und die Zechenbesitzer werden ans beide Ein- gaben ausweichend, unverbindlich oder schroff ablehnend ant- warten. Will dann die Gewerkvereinsleitunc) resignieren oder den von ihrem Generalsekretär angekündigten Kampf be- ginnen? Im ersten Falle wird sie eS mit ihren aus Lohnver- bcsserung bestehenden Mitgliedern zu tun bekommen, � im zweiten wird sie auch den„Kamps um Sein oder Nichtsein" auf eigene Faust unternehmen oder sich mit den Leitern der drei anderen Verbände verständigen müssen. Dann stände sie 1 dort, wo sie mit ihrer Ablehrning der gemeinsamen Konferenz nicht hinkommen wallte. Die Gesamtarbeiterschaft wird gut tun, die„bemerkens- werten Vorgänge im Ruhrrevier" im Auge zu behalten, BerUn und Umgegend. Gegen das Ueberstnndenwesen erklärten sich die im Deutschen Metallarbeiterverband organisierten Schmiede, Kesselschmiede und autogenischen Schweißer in einer Versammlung, die am Montagabend bei Hoffmann, Dragonerstratze, stattfand. Während ein Teil der Bernfsangchörigen unter der Arbeitslosigkeit zu leiden hat, verlängert ein anderer Teil die Ar- beitszeit weit über die gewöhnlichen neun Stunden hinaus. Am 2. April wurden 31 Arbeitslose gezählt, am 20. Juni 73, am 21. September 33 und am 23. November 09 Arbeitslose. Zu diesen vom Deutschen Metallarbeiterverband festgestellten Arbeitslosen sind noch die im Zentralverband der Schmiede organisierten hinzu- zuzählen. In verschiedenen Betrieben sind die Doppelschichtcn ein- gegangen, so bei der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, im Tur- bineniverk Huttenstraße und in der Waffen- und Munitionsfabrik, Martinikenfelde, wodurch etwa 15 bis 50 Schmiede arbeitslos ge- worden sind. In Verirauensmännerkonferenzen hat man sich mit der Lage der Dinge beschäftigt, und man verlangt von den Ar- beitern, daß sie dem Verlangen, Urberstunden zu leisten, zum min- besten einen passiven Widerstand entgegensetzen, aber nirgends sich freiwillig für die Uebcrstunden hergeben. Die Notwendigkeit von Ueberstunden sollten die Arbeiter erst in Betriebsversammlungen besprechen und eventuell einen Berbandsvertreter hinzuziehen, wo ein guter Rat notmendig ist. Man hat bemerkt, daß da die meisten Ueberstunden geleistet werden, wo die Organisation am schwächsten steht, darum ist besonderer Wert daraus zu legen, die Mitarbeiter für die Organisation zu gewinnen. Auf einen Konflikt im Berliner EafehauSgcwcrbe treiben die Scharfmacher im Cafetierverbande hin. Die Situation liegt hier ähnlich wie in Hamburg. Auch hier war es einem Lokalverein der Eafekellner gelungen, die gewerbsmäßige Stellenver- Mittelung gänzlich auszuschließen und einen kostenlosen Arbeitsnachweis einzurichten, der nach und nach fast sämtliche Berliner Cafes mit Personal versorgte. Dieser Verein hat sich dann in der ganz richtigen Erwägung, daß nur ein zentralistischer Verband die notwendige wirtschaftliche Macht besitzt, dem Verbände deutscher Gastwirtsgehilfen angeschlossen. Er ist seitdem von 450 Mitgliedern auf über 900 gestiegen(von etwa 1200 Cafekellnern, die es in Berlin gibt). Irgendwelche Forderungen von Bedeutung (Zahlung von Lohn und dergleichen) haben die Berliner Cafekellner an ihre Prinzipale bisher noch nie gestellt; sie waren schon zu- frieden, zunächst die gewerbsmäßige Stellenvermittelung, die gerade in dieser Branche den unverschämtesten Wucher trieb, ausgeschaltet zu haben. Trotzdem wird von den Unternehmern im Cafehaus- gewerbe die EntWickelung dieser Bewegung schon lange mit scheelen Augen verfolgt. Herr Sommer, der ehemalige Aniwncen- akquisiteur der„Wahrheit"(fiir 5 Mk. die Zeile), und ein Herr Polt, Inhaber eines Nachtcafes im Oranienburger Tor- Piertel, bemühen sich krampfhaft, die anderen Cafetiers gegen den Gehilfenvcrband aufzuhetzen. Sie haben einen gelben Verein gegründet, der ihnen auch die Streikbrecher nach Haniburg lieferte und den sie hochzupäppeln alle Anstrengung machen. Keine Nummer der„Cafetier-Zeitun g", in der nicht in der ge- hässigsten Weise ganz im Stile des Reichsverbandes und der Bruhnschen„Wahrheit"(Redakteur ist der besagte Sommer) gegen den Verband gehetzt würde. Die Scharfmacher des Cafetierverbandes versuchen mit allen Mitteln, ihre Kollegen dahin zu bringen, daß sie die Mitglieder des Gehilscnverbandes, die (genau wie in Hamburg) zum großen Teil viele Jahre zur Zu- friedenheit ihrer Prinzipale in den betreffenden Geschäften arbeiten. entlassen und dafür Gelbe einstellen. Auch hier soll, wie in Ham- buog, versucht werden, den Arbeitsnachweis der Organisation, bezw. diese selbst lahmzulegen zugunsten der Gelben. Geht diese Hetze weiter, so muß zu einem bestimmten Zeitpunkt der Konflikt kommen, wenn die organisierten Gehilsen nicht von vornherein auf das bisher Errungene freiwillig verzichten wollen. Sie werden natürlich nicht ungezwungen zu willenlasen Sklaven herabsinken wollen; der Kampf, den nicht sie gesucht, sondern der ihnen von den Schars machern aufgedrängt wird, kann dann eben kaum noch vermieden werden. Die Verantwortung tragen dann die Unternehmer. Aber wir sind sicher, daß auch hier, wie in.Hamburg. die große Masse der Bevölkerung aus Seite der Gehilfen stehen wird. veutkckes Reich. Töpferstreik. In Herzfelde in der Mark stehen die Töpfer der Ofenfabrik von Brähmer in einem Abwehrkampf. Zuzug ist fernzuhalten._ Achtung, Metallarbeiter! Die Firma Aron Hirsch. Kupfer- und Messingwerke, Heegermühle bei Cberswalde, sucht Werkzeug- schlosser und Werkzeugdreher. Die Firma inseriert fast ständig im „Berg- und Hüitenanzeiger", doch verschmäht sie es auch nicht, auf Umwegen zu Arbeitskräften zu gelangen. So hat z. B. ein Herr Max Kipper in Hagen i. W. in den dortigen Blättern Werk- zeugdreher gesucht für Berlin. Die auf diese Weise Angeworbenen werden dann von Berlin nach Heegermühle geschickt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Firma diese Machination auch an anderen Orten versucht. Die Firma will ihre bisherigen Ar- beiter abschieben, weil ihr die bisher gezahlten Löhne zu hoch sind, und weil die organisierten Arbeiter sich die Abzüge und Ver- schlechterungen der Arbeitszeit nicht gefallen ließen. Es wird des- halb ersucht, keine Arbeit nach Heegermühle oder EberSwalde anzunehmen und den Zuzug strengstens fernzuhalten Bergarbeiterstreik. Seit Montag früh streiken, wie schon telegraphisch gemeldet, die Bergarbeiter auf der Zeche„Lucas" bei D o r t m u n d. Es kommen zirka 600 Mann in Frage. Die Ursache des Streiks ist in den außerordentlich schlimmen Zuständen zu suchen, die auf der Zeche„Lucas" herrschen. In der Bergarbeiterversammlung. die den Streik beschloß, führten Bergarbeiter, die früher auf der Zeche Radbod gearbeitet hatten, aus, daß die Zustände auf Radbod sehr schlimm gewesen seien, aber auf Zeche Lucas seien sie noch schlimmer. Es seien zahlreiche schlagende Wetter vorhanden, die Hohlräume stünden voll Wetter. Auch über den Kohlenstaub sei zu klagen und die mangelhafte Berieselung. Wenn es aus Lucas einmal zu einer Explosion komme, dann klappe die Grube zu- sammen, wie ein Kartenhaus. Der Holzmangel fei sehr groß; die Behandlung äußerst schlecht und der versprochene Lohn werde nicht ausgezahlt. Außerdem herrsche ein rigoroses Strafshstem. Am letzten Sonnabend sind allein 123 Mann mit je 2 M. Strafe belegt worden. An einem anderen Tage wurden 330 Mann be- straft. Die Versammlung der Bergarbeiter wählte eine Kam- Mission, die der Direktion folgende Forderungen vorzutragen hat: Abschaffung des Holzmangels, Holzlieferung bis vor dem Brems- werk, Besserung der Wetterführung, Verdichtung der Wetterkörbe, Anstellung von qualifizierten Fördermaschinistcn, Auszahlung des versprochenen Lohnes, Jnhibicrung der in diesem Monat verhängten Strafen, Abstellung der Unregelmäßigkeit bei der Seilfahrt usw. Die Kommission soll, wenn die Vorstellung bei der Direktion erfolg- loS bleibt, das Bergamt als Einigungsamt anrufen. Der Borstand des Bergarbeiterverbandes beschloß in einer Dienstag früh abgehaltenen Sitzung» daß der Streik auf Zeche Lucas streng zu lokalisieren fei. Achtung, Klempner und Installateure! Seit 14 Tagen stehen die Klempner und Installateure in Essen(Ruhr) in einem Lohn- kämpf zur Durchführung eines Einheitstarifes. Gelingt es. den Zuzug noch wie bisher fernzuhaltei!, so ist der Sieg der Arbeiter nicht zweifelhaft. Metallarbeiter, übt Solidarität, meidet Essen! Achtung, Maschinisten und Heizer! In Meerane i. Sachsen sind die Maschinisten und Heizer der dortigen Gasanstalt in den Streik getreten, weil ihre minimalen Forderungen von der Direk- ticn abgelehnt wurden. Zuzug ist streng fernzuhalten. Versaminlungen. Zweiter Wahltreis. Am Dienstag fand in„NißleS Fesisälen" die letzte der in diesem Jahre vorgesehenen Agitaiionsversainmlungen für den Westen Berlins statt. Aus der Tagesordnung stand:„Der Reichstag, das Instrument des Volkes". In ruhiger, die Zuhörer bis zur letzten Minute fesselnder Weise, behandelte der Referent, Genosse Hermann Müller vom Parteivorstand, das Thema, starler Beifall lohnte dem Redner für seine Ausfübrungeu und die Folge war, daß sich in der Pause eine Anzahl neuer Genossen in den Wahtverein aufnehmen ließen. Nach kurzer Diskussion wurde die trotz des schlechten Wetters sehr gut besuchte Versammlung mit einem brausenden Hoch auf die internationale, vvlkerbefreiende Sozialdemokratie geschlossen. Eine sehr stark besuchte Versammlung der jn den Kauf- und Warenhäusern beschäftigten Arbeiter fand dieser Tage statt. Ein Verbandssckretär referierte über:„Der dümmste Arbeiter ist der gefügigste und für die kapitalistische Ausbeutung duldsamste." In der Diskussion kritisierte Po l l m e i c r sodann die Arbeitsvorhält- nisse in dem Warenhaus Tietz und zeigt an diesem Beispiel, wie notwendig eine straffe Organisation ist. Für eine durchschnittliche Arbeitszeit von 13 Stunden täglich werden so minimale Anfangs- löhne gezahlt, daß wirklich niemand dabei zufrieden sein kann. Die Bohncrarbeiten wurden früher abends nach Geschäftsschlutz er- ledigt. Um aber durch?lusnutzung der ausgeruhten Körper an Arbeitszeit zu sparen, werden diese schweren Arbeiten jetzt morgen? vor der Ocffnung erledigt. Außerdem wird�diese Arbeit jetzt be- deutend schlechter bezahlt. Nach Schluß müssen dann die meisten noch Pakete mitnehmen und an die Kundschaft befördern, ohne irgendwelche� Entschädigung. Aus eigentümliche Art wird die Kür- zung des Sommerurlaubs erreicht. Für eine Minute Zuspät- kommens werden 10 Minuten gerechnet, für 10 Minuten 100 Minu- ten. Für je 10 Minuten wird dann ein Tag vom Urlaub gc- strichen. Dadurch sind verschiedene vollständig um ihren Sommer- Urlaub gekommen. Bei der Eröffnung des neuen Geschäfts am Mexanderplatz wurde den Berichterstattern ein Raum gezeigt, der für die Angestellten, die ihre Mittagspause im Geschäft verbringen, als Schlafraum dienen sollte. Seinen Zweck hat der Raum aber bis jetzt noch nicht erfüllen können, da er als Rumpelkammer be- nutzt wird. Charakteristisch ist auch die Behandlung durch die Be- tricbskrankenkasse. Jeder Kranke, dem der Arzt Ausgehzeit ver- schrieben hat. mutz sich während dieser Zeit im Geschäft melden. W a p p l e r kritisierte dann die Verhältnisse Äi der Firma Ger- s o n und die dort von der gelben Vereinigung geführte Lohn- bewegung. Herr K r i e s a t von dieser Vereinigung versuchte das Vorgehen des Geschäftsdienervereins zu rechtfertigen unter ver- schiedenen Ausfällen gegen den Verband, erreichte indessen nur das Gegenteil von dem, was seine Ausführungen bezweckten. Bon ver- schiedenen Rednern wurden seine Ausführungen noch richtig be- leuchtet. Von einem Redner wurde dann noch darauf hingewiesen, daß infolge der schlechten Organisationsverhältnisse auch bei der Firma A. Wertheim die Arbeitsverhältnisse recht ungünstige sind. Die hier bestehenden Mißstände sollen in einer demnächst stattfindenden Versammlung kritisiert werden. Kztztc ffadmehten. 600 M. Geldstrafe wegen Nichtcrbelcidignng. Kiel, 29. November. Der verantwortliche Redakteur der „Schleswig- Holsteinischen V o l k s z e i t n n g" wurde wegen angeblicher Beleidigung der Richter deK Königlichen Landgerichts und der Staatsanwaltschaft in B o n n, denen er Parteilichkeit vorgeworfen haben soll, zu 600 M. Geldstrafe verurteilt. Beantragt waren 6 M o n a t s Gefängnis._ Tie Teucrnllgsdcbattc im österreichische» Abgeordiirtcnhaus. Wien» 29. November.(W. T. B.) Bei der Beratung der Maß- nahmen gegen die Fleischnot sprach sich Fürst Aueröperg gegen die Fleischeinfuhr aus, die Agrarier würden an dem Zollschutz für die Produkte der Landwirtschaft sowie an dem Veterinärschutz nicht rütteln lassen. Lecher verlangte unbeschränkte Fleischeinfuhr, da die Kontingentierung wie ein Kartell wirke. Die Verwendung der Veterinärpolitik zur Ergänzung der Zollpolitik sei ein M i ß- brauch. Der Wahlkampf in England. London, 29. November.(W. T. B.) Tie irische Partei erklärt in einem Wahlaufruf, eine Niederlage der L-rdS bedeute freie Bahn für die Hoinernle. Weiter wird auf die r u ch. l o s e V e r b i n d u n g der U n i o n i st e n mit den Anhängern O'Vriens hingewiesen, die reichlich mit Geldmitteln versehen seien und den Zweck verfolgten, die irische Partei zu zcr- schmettern und deren Parteikassc zu erschöpfen. Aber die irische Partei stehe, wo sie immer gestanden habe, und fordere die vollständige nationale Selbstregierung. Asquith erklärt in einem Wahlaufruf: Don den Wählern hänge die ganze Zukunft der demokra- tischen Regierung ab. Der von den Liberalen bekämpfte trügerische Rcformplan der Lords würde eine vorherrschend konser- vative zweite Kammer ergeben mit einem noch schlimmeren Veto als bisher. Der Wahlaufruf Greys bewegt sich in derselben Rich- tnng. Grey erklärt eine reformierte zweite Kammer für eine Notwendigkeit, doch müsse die Reform von einer Einrichtung begleitet sein, die eine Gewähr dafür biete, daß die ausge- sprochene Meinung einer überwiegenden Mehrheit des Unterhauses den Ausschlag gebe. Das Parlamentsgesetz sei ein Mittel zu diesem Zweck, jetzt hätten aber die Wähler zunächst die Wahl zwischen Oberhaus und Unterhaus. Tie Lage in Mexiko. New Dork, 29. November.(B. H.) Präsident Diaz veröffentlicht eine Darlegung, der zufolge die Ruhestörungen vorüber seien. Inzwischen werden weitere Konflikte gemeldet und be- ständig sind Truppenbewegungen im Gange. Ducatan wurde unter Kriegsgericht gestellt. Die„Sun" erklärt, 3490 In- surgenten hätten sich 25 Meilen von der Stadt Mexiko gelagert. 600 Mann Militär seien in Chihuahua entwaffnet worden. weil sie sich weigerten, auf die Insurgenten zu feuern. Auch sonst sei das Militär wenig loyal. Auch andere Blätter bringen Mel- düngen, nach denen die Insurrektion wieder auslebt, oder aber die in den letzten Tagen verbreiteten Meldungen über ihre Unter- drückung vollständig irreführend seien. » New Dork, 29. November.(W. T. B.) Nach einer aus Chiahuaha eingetroffenen Nachricht hat gestern vor den Toren der Stadt ein dreistündiges Scharmützel stattgefunden. in dem die Aufständischen sieben, die Regicrungs- truppen einen Mann verloren. Paul Singer Lr Co.» Berlin L1V. Hierzu 4 Beilagen u. UntcrhaliungSbh Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.; Uh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.BerlagSanstaU 8t. 280. 27. Illhrgaag. 1. KkilM des Jorairts" Kellilier ilullisliliitt. MMoch, 80. November 1910. Reichstag» 89. Sitzung. Dienstag, den 29. November, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: v. Breitenbach, Dr. Delbrück. Die erste Lesung der Schiffahrtsaigaben wird fortgesetzt. Abg. Zehnter sZ.): Die verfassungsrechtlichen Bedenken, die früher gegen die Vorlage bestanden, sind beseitigt. Bedenklich ist nur, daß die Verwaltungsausichüsse und Beiräte gewissermaßen über dem Bundesrat und Reichstag sieben. Dieser Punkt wird in der Kommission noch zu prüfen sein. Der Redner verbreilet sich dann eingehend über besondere Wünsche Badens bezüglich der Steuerregulierungen. Abg. Dr. Äagner-Sachsen sk.) erklärt, daß ein Teil seiner Freunde der Vorlage nicht zustimmen könne, da für Sachsen die Einführung von SchisfahitSabgaben auf der Elbe trotz der erlangten Zugeständnisse bei seiner reichen Industrie einen erheblichen Schaden bedeute. In Sachsen sei die Erste und Zweite Kammer einstimmig gegen die Schiffahrtsabgaben und auch die Landwirtschaft marschiere mit der Industrie Arm in Arm. so daß man von einem sächsischen Gesamtblock sprechen könne.(Zuruf: Gegen die sächsische Regierung.) Abg. Korfanty: Nach den Ausführungen des Herrn Ministers kann man nicht mehr bestreiten, daß Preußen in der loyalsten Weise vorgegangen ist. DaS Ergebnis ist die einstimniige Annahme der Vorlage im Bundesrat. Um agrarische Interessen handelt es sich bei der ganzen Sache nicht. Auch beim Mittelland- Kanal kam lediglich der Gegensatz zwischen den Interessen der östlichen und der westliche» Industrie in Frage und wir Agrarier hielten die Interessen der östlichen Industrie für bedeutsam genug, um gegen ihre Beeinträchtigung Front zu machen. Wir haben über- haupr vielfach die Interessen der Industrie, zuni Beispiel bei der Zollpolitik sogar früher erkannt als die Industrie selbst.(Lachen links.) Man sollte dem preußischen Landtag dankbar sein, daß er die An- regung gegeben hat, loie der Artikel 54 der Verfassung so interpretiert werden kann, daß den anderen Verkehrsinteressen genügt werden kann.(Bravo I rechts.) Abg. Lehmann-Wiesbaden(Soz.): Meine Fraktion wird einstimmig den Entwurf aMchnen. Im b a d i s ch e n Landtag haben auch die anderen Parteien den Entwurf einmütig früher abgelehnt; jetzt ist eine Wandlung eingetreten. Dabei ist die Vorlage eine reine Steucrvorlnge, die von anderen sich nur dadurch unterscheidet, daß die Einnahmen gleich für bestimmte Zwecke verwendet werden sollen, nämlich für den Ausbau der Wasserstraßen. Für diesen Zweck werden aber die vorgesehenen Sätze nicht reichen, obwohl sie keines- Wegs niedrig sind, wie der Abgeordnete Gerstenberger gemeint hat. Der preußische Eisenbahnminister nieinte. alle Parteien seien ge- spalten, und wies auf Artikel Schippels in den„Sozialistischen Monatsheslen" hin. Aber mein Parteifreund Schippe! ist ein Eingänger, der in manchen Punkten einen abweichenden Stand- Punkt hat; für seine Aeußerungen ist also unsere Fraktion nicht Verantwortlich. Uebrigens hat der Minister da aufgehört zu zitieren, iv o S ch i p p e l s e i n e n S t a>: d p u n k t a b s ch w ä ch t. — Herr Hahn leugnet, daß die Agrarier in Preußen den Mittel- landkanal zu Fall gebracht haben. Weiß er nicht, daß sie die Mehrheit im Preußischen Landtag haben und m»ß ich ihn an das Wort des damaligen Landtvirlichastsministers erinnern: „Ich werde mir doch mit dem Lausekanal nicht vor den Bauch stoßen lassen."(Sehr richtig! bei den Sozialdcmo- kraten.) Herr Hahn bedauerte die Ausschaltung der Kleinbetriebe; das wird durch diese Vorlage noch mehr geschehe»,©üb» deutschland wird weiter dadurch geschädigt, daß nach der Fracht» erhöhung der Eiscnbahnminister auch die Eiscubahnfracht erhöhen wird, uin die alte Spannung wieder herzustellen. So dient die Vor- läge also fiskalischen Zwecken; die indirekten Steuern will man erhöhen, das ist der eigentliche Zweck der Vorlage.— Auch die Freunde von Schiffahrtsabgaben müssen die Vorlage ablehnen, so lauge nicht bestimmte Verträge mit Holland und Oesterreich vor» gelegt werden, wonach diese Staaten den Abgaben zustiinmen, denn sonst kann die Vorlage ja gar nicht wirksam werden. Meine Freunde lehnen die Vorlage glatt ab und wünschen sie auch darüber interpelliert wurde, berief sie die Denkmalskommission zur Schlichtung des Streites ein. Diese hatte Erfolg, ein Plan zur Ab» änderung des BanS wurde akzeptiert. Und wieder vergingen Jahre. Wieder erfolgte eine Interpellation und wieder versprach ein Minister die Eröffnung des Kunstwerks— diesmal für den Beginn der Welt» ausstellung. Der Umbau wurde in Angriff genommen und sogar fertiggestellt. Aber nach wie vor bleibt die Pforte verschlossen. Lambeaux ist mittlerweile gestorben— auch die Weltausstellung hat längst das Zeitliche gesegnet— die„Menschlichen Leidenschaften" bleiben weiter hinter Schloß und Riegel. Da Lambeaux�„heidnische" Kunst den Pfaffenseelen von je ein Aergernis war, ist der Gedanke naheliegend, daß die Regierung sich lieber ihren Freunden gefällig erweist, als der Nation eines der wertvollsten Kunstzeugnisse der modernen belgischen Skulptur zugänglich zu niachen. Humor und Satire. Bilder aus aller Welt. Unter dieser Ueberschrift bringt der„S i in p l i c i s s i m u S". dessen jüngste Nummer eine gelungene Satire auf die„Woche" und verivandte Blätter darstellt, eine Wochenschau höchst bedeutsamer Ereignisse in Wort und Bild, von denen wir folgende wiedergeben: � Prinzessin Erika Ilse Klotilde Irmgard Schwipphausen Schwipp auf Marzling sieht, wie uns aus ihrer nächsten Umgebung authentisch mitgeteilt wird, in 81� Monaten einem freudigen Er- cignis entgegen. Das illustre Hochzeitsfest, das vor vierzehn Tagen stattfand, ist noch in aller Erinnerung. Die Befürchtungen, daß diese Seitenlinie des alten fürstlichen Hauses aussterben lwürde, sind nunmehr nach menschlichem Ermessen zerstreut. Maximilian H a r d c n, der bekannte deutsche Publizist, erhielt den Nobelpreis für Medizin. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese Ehrung in Zusammenhang bringt mit seinen epochemachenden Arbeiten auf dem Gebiete der analytischen Cxkrementalphysiologie. Exkönig Manuel von Portugal erhielt den Friedenspreis der Nobelstiftung in Anerkennung seines blutlosen Verhaltens während der Revolution. DieKabine.inder Dr. Crippcn und seine Geliebte nichts- ahnend den Ozean durchquerten, um gleich bei der Ankunft von der rächenden Hand der Nemesis erreicht zu werden.(Man sieht eine Kabine und das Meer.)_ Notizen. — Eine Freie literarische Gesellschaft hat sich in Berlin aus den Kreisen der Schriftsteller gebildet. Durch regel- mäßige Veranstaltung von Vorlesungen und Vorträgen will sie das Publikum mit de» Erscheinungen der gegenwärtigen Literatur in Perbindung bringen. nicht einmal an eine Kommission zu verweisem tBmvo l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Wedel snatl.) gibt der Hoffnung Auödruck, dah auch die Gegner der Vorlage in der Kommission mitarbeiten werden? dann wird die Vorlage schließlich doch noch mit großer Mehrheit zur Annahme kommen können. t., Abg. Günther sFortschr. Vp.) erklart sichgegenden Gesetz- e n t w u r f der Ausbau der Wasserstraßen liege im allgemeinen volkswirtschaftlichen Interesse und müsse daher auch aus all- gemeinen Mitteln erfolgen. Des weiteren polemisiert der Redner gegen den Abg. Frhr. v. G a m p und weist den Gedanken einer preußisch-sächsischen Eisenbahngemeinschast zurück. Dann geht der Redner auf die Geschichte des Entwurfs ein und betont zum Schluß, daß er namentlich für die Kleinschiffahrt verderblich wirken werde. � Ä, Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte an- genommen und darauf der Entwurf an eine Kommission von 23 Mitgliedern verwiesen. Hierauf vertagt sich das Haus auf Mittwoch 1 Uhr. sBank- «otenpapiergesetz, Kurpfuschereigesetz.) Schluß'/aß Uhr.________ parlamentanrches* Aus der ReichZversicherungsorbnungs-Kommission. Sitzung vom Dienstag, den 29. November. Unter den Bestimmungen für die Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung ist auch die, daß die Rente ganz oder teilweise versagt werden kann, wenn sich der Versicherte oder die Witwe die Invalidität beim Begehen einer Handlung zugezogen hat, die nach strafgerichtlichem Urteil ein Verbrechen oder vorsätzliches Vergehen ist. Hierzu wurde in der ersten Lesung infolge einer Anregung der Sozialdemokraten hinzugefügt, daß die Verletzung bergpolizeisicher Verordnungen nicht als Vergehen im Sinne dieser Bestimmung gilt. Die Sozialdemokraten wiesen aber nach, daß auch in der Seemannsordnung den Seeleuten Pflichten bei der Arbeit unter Androhung solcher Strafen auferlegt sind, die die Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften zu Vergehen stempeln. Demgemäß beantragten die Sozialdemokraten, daß die Ausnahmebestimmung des Zusatzes auf die Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen der Seemannsordnung ausgedehnt werden soll. Das wurde auch beschlossen. Ferner beantragten die Sozialdemokraten die Erhöhung der Invaliden-, Alters-. Witwen- und Waisenrenten. Nach ihrem Vorschlage sollten die Witwen- und Waisenrenten so hoch sein, wie die Witwen- und Waisenrenten der Unfall- Versicherung; sie sollten also je 20 Proz. des Jahresarbeits- Verdienstes des Verletzten, aber zusammen höchstens 60 Proz. dieses Jahresarbeitsverdienstes, betragen. Diese Witwenrente soll allen Witwen, also nicht nur den„dauernd invaliden", gewährt werden. Endlich sollen die Invaliden- und Altersrenten mindestens so viel wie die Hinterbliebenenbezüge zusammen betragen. Gegen diese Anträge wendet sich Geheimrat Beckmann wieder mit dem Hinweis auf die außerordentlich hohe Ausgabe, die diese an sich freilich sehr wünschenswerte Erweiterung ver- Ursachen würde. Der Durchschnittsbeitrag müßte, um die Kosten zu decken, auf öv Pf. pro Woche erhöht werden, während er nach dem Entwurf nur 28 Pf. betragen werde. Die Sozialdemokraten beriefen sich darauf, daß sie schon in der ersten Lesung f ü r eine Erhöhung der Beiträge ein- getreten seien. Auch die Erhöhung des Durchschnittsbeitrages auf 69 Pf. dürfe uns nicht zurückschrecken, um eine ernsthafte Unter- stützung der Witwen und Waisen durchzuführen. Die anderen Parteien äußerten sich zu den Anträgen der Sozialdemokraten nicht, nur der Abg. Dr. M u g d a n sprach sich für die Gewährung der Witwenrenten an alle Witwen aus. Die Konservativen, Nationalliberale» und ein Teil des Zentrums stimmten aber diesen Antrag der Sozialdemo- kraten nieder. Die anderen Anträge wurden zurückgestellt. Nächste Sitzung Mittwoch. Schtvefterischei' Parteitag. Basel» 26. November.(Gig. 58er.) Die schweizerische Sozialdemokratie trat heute zu einer Tagung zusammen. Parteisekretär Fähnrich eröffnete um 2M, Uhr nachmittags die im Grotzratssaale tagenden Verhandlungen. Das Präsidium wird gebildet aus den Genossen Wullsch leger, Gschwend, Fähnrich und B ö s ch e n st e i n. Es wird sofort in die Diskussion über den schon vor längerer Zeit veröffentlichten Bericht über die Tätigkeit der Geschäftsleitung eingetreten. Platten. Zürich übt Kritik daran, daß zu wenig für die Förderung der Partei getan sei, daß diese hinter den Grütliverein zurück- gestellt werde. Dagegen sind die Vertreter der Grütlivereine von den Leistungen des Parteisekretärs, der zugleich Vereinssekretär ist, sehr befriedigt. Genosse Greulich. Zürich, der über die Tätigkeit der sozial- demokratischen Nationalratsfraktion berichten soll, verweist auf den Jahresbericht der Geschäftsleitung, in dem auch die Tätigkeit der Fraktion erwähnt ist. Von mehreren Rednern.wird in der Dis- kussion diese Art der Behandlung der Angelegenheit moniert und der Fraktion vorgeworfen, daß sie in mehreren nichtigen Fragen nichts getan habe. Andere Redner verteidigen die Fraktion. In seinem Schlußwort erklärt Genosse Greulich, daß seine frühere Be. richterstattuug nicht befriedigt habe und er daher zu dem Entschluß gekommen sei, nicht mehr zu berichten. Ein anderes Mitglied der Fraktion sei für die Berichterstattung nicht zu gewinnen geivesen, und so mußte auf den Bericht der Geschäftsleitung verwiesen werden.— Ein Antrag Schlatter, der der Fraktion für ihre Tätigkeit die Anerkennung der Delegierten ausspricht, wird an- genommen. Hievauf werden Organisationsfragen behandelt. Die sozialdemokratische Partei des Kantons Bern beantragt, der Parteitag solle die Geschäftsleitung beauftragen, in Verbindung mit dem Zentralkomitee des G r ü t l i v e r e i n S die Frage zu prüfen, auf welche Art die organisatorische Einheit der politischen Arbeiterbewegung der Schweiz ge- schaffen werden könne. Den Antrag begründet in eingehender Weise Grimm- Bern, der ein anschauliches, aber zugleich betrübendes Bild der Orgauisationszersplitterung gibt. Wie Redner ausführt, besteht ein UÄermaß von Organisationen, deren jede einzelne sich als selbständig erachtet. Das sei eine Verschwen- dung der Kräfte und der Mittel und eine Hemmung der Entwicke- kung der schtoeizerischen sozialdemokratischen Partei. Die Jnter- essen der Gesamtheit der Arbeiterschaft würden dadurch geschädigt. Das Verhältnis des Grütlivercins zur Partei müsse geändert werden. Zur Erreichung der Einheitsorganisation sollten alle Nebensachen außer acht gelassen und nur das Gesamtinteresse der Arbeiterschaft als maßgebend anerkannt iverden. Zur Organi- fationsfrage liege» auch verschiedene Anträge der Arbeiterunion Zürich vor. Sie beziehen sich auf einheitliche Mitglieds- bücher mit Mitgliedskarten, Herausgabe eines Handbuches für sozialdemokrati fche Wähler, Herausgabe eines Sonntagsblattes als Beilage der Parteiblätter, Schaf. fung einer Parteischule u. a. Die Züricher Anträge werden begründet von den Genossen Sigg und Dr. Adler. Letzterer verlangt die Wahl einer Kommission, um auf dem Partei- tage auch die Frage der Errichtung einer sozialdemo- kratischen Buchhandlung zu lösen. Das Ergebnis der Debatte über die Organisationfragen lvar die Einsetzung einer K o m m i s s i o», die die ganze Frage prüfen und dem nächsten Parteitage eipe ReorganisgtioxiZvorlgge unter- breiten solle. Eue der partes. Maifeierfonds für Schlcswig-Holstein. Die Frage des Bezirksmaifeierfonds ist am letzten SoNntag für Schleswig-Holstein endgültig zum Abschluß gekommen. Der Parteitag für den Agitationsbezirk Schlcswig-Holstein, der An- fang Oktober stattfand, hatte sich für einen einheitlichen Bezirksmai- fcierfonds für Schleswig-Holstein und Fürstentum Lübeck, mit Aus- nähme der direkt an Hamburg grenzenden Gebiete(Altona,. Otten- sen, LLandsbek) ausgesprochen und die Agitationskommission für den Agitationsbezirk beauftragt, eine Konferenz der Gcwerkfchafts- kartelle der Provinz zu veranlassen, die gleichfalls zu der Frage des Maifeierfonds Stellung nehmen sollte. Die Konferenz hat am Sonntag, den 27. November, in Neumünster stattgefunden. Sie war beschickt von 31 Gewerkschaftskartellen durch S8 Delegierte. Tie Konferenz schloß sich dem Beschlüsse des Parteitages an, für SchleS- Wig-Holstein und Fürstentum Lübeck einen einheitlichen Maifeierfonds zu schaffen, und beschloß ein entsprechen- des Regulativ. 5kach diesem Regulativ sollen in den Maifonds fließen: die Ueberschüsse der Maifeiern der einzelnen Orte, die auf Grund des Nürnberger Parteitagsbeschlusses von den Ange- stellten in der Arbeiterbewegung abzuführenden Tagesverdienste, ferner sollen alle männlichen Organi- sierten einen MindestbeitragvonbllPf., alle weiblichen Organisierten einen Mindestbeitrag von 25 Pf. leisten. Die Vorbedingung für die Unterstützung der Maifeierausgesperrten aus dem Fonds ist, daß die Arbeitsruhe unter den von den zu- ständigen Gewerkschaften festgelegten Bedingungen erfolgt ist. Wo solche Bedingungen nicht gegeben sind, ist die Zustimmung von% der im Betriebe Beschäftigten für die Arbeitsruhe Bedingung. Für die ersten beiden Tage nstch dem k. Mai wird keine Unter- stützung bezahlt. Eine Kommission entscheidet darüber, ob unter- stützt werden soll und wie hoch die Unterstützung zu bemessen ist. Diese Kommission hat sich einen Arbeitsausschuß zu wählen, der seinen Sitz in Kiel haben muß. Sämtliche örtlichen Maifeier- fonds sind unverzüglich an den Bezirksmaifeierfonds abzuführen. Das Regulativ tritt am 1. Dezember 1919 in Kraft. Munition für die kommenden ReichStagSwaHlen. Einen bemerkenswerten Beschlutz hat der Gesamtvorstand des sozialde in akratisch en Vereins Hagen-Schwelm ge- faßt. Um für den kommenden außergewöhnlich scharfen Wahl- kanipf in finanzieller iSeziehung gerüstet zu fein, werden zur An- fammlung eines Reichstagswahlfonds ab 1. Januar 1911 Extramarken zu 29 und 59 Pfennig ausgegeben, über deren Absatz in jedem Quartal eine bezirksweise Aufstellung erfolgt. Gehet hin und tuet desgleichen! Gemeindewahlerfolge. Einen glänzenden Sieg erfochten die Genoffen in Wismar bei der Wahl der dritten Masse im ersten Wahlbezirk. Die von der Arbeiterschaft aufgestellten vier Kandidaten wurden gewählt. Einen guten Erfolg hatten unsere Genossen bei den iWahlen von je drei Gemeindevertretern in den g o t h a i s ch e n Dörfern R e m st ä d t und W i n t e r st e i n. In beiden Orten haben die sozialdemokratischen Kandidaten mit großer Mehrheit ge- siegt. Remstädt hat nun zum ersten Male Sozialdemokraten im „Gemeindeausschuß" und in Winterstcin gewannen wir zwei neue Sitze. Bei der Stadtverordnetenwahl in L i m b a ch siegte unsere Liste in der dritten Klasse mit 619 gegen 29 Stimmen. In der Stadt Waldheim, wo starke Beamtenbevölkerung seßhaft ist, wurden zwei ansässige Sozialdemokraten gewählt._ Sozialistische Demonstrationen in Bulgarien. iDer völlige Mangel einer Arbeiterschutzgesetz- gebung in Bulgarien veranlatzte unsere Parteigenossen, vor der Kammereröffnung, am 39. Oktober, im ganzen Lande Verfamm- langen abzulhcclien, in denen die Schaffung sozialpolitischer Ge- setze verlangt wurde. Obgleich selbst nach dem gouvernementalen Nationalökonomen und Parlamentarier Prof. Danailow in Industrie und Gewerbe 399 999 Arbeiter beschäftigt sind, erklärte der„demokratische" Handelsminister drei Tage nach der Kund- gebung in der Kammer, Bulgarien habe keine Arbeiter, also bestehe auch keine Veranlassung, Arbeiterschutzgesetze zu erlassen. Dies rief, wie der„Wiener Arbeiterzeitung" aus Sofia be- richtet wird, große Empörung hervor, die sich in den am 8. No- vember überall abgehaltenen Demonstrationsversammlungen stürmisch äußerte. In Sofia tagte ein noch nicht da- /gewesenes Prote st Meeting unter freiem Himmel, nahe dem Zentrum der Stadt, bei der Kathedralkirche, und unsere Genossen Blagoew und Kyrkow referierten. Bei der Adreß- debatte der Kammer versuchten die Redner der Regierungspartei auch schon, den Eindruck der ministeriellen Erklärung zuverwischen._ Aus dem russischen Parteilebe». Vor kurzem fand eine Konferenz der S. D. P. u. L.(Sozial» demokratie Polens und Litauens) statt, die von allen größeren Organisationen in Russisch-Polen beschickt war. S ä m t l i ch e D e» legierte waren Arbeiter, ein charakteristisches Zeichen da» für, daß fast die gesamte Parteiarbeit in die Hände der vorgefchritte- nen Arbeiter übergegangen ist. Die Belebung der russischen Ar. beiterbewegung hat sich auch in Russisch-Polen bemerkbar gemacht, wo sie sogar noch schärfer hervortrat als im übrigen Rußland. Und die ganze Arbeit der Konferenz, die 4 Tage währte, stand unter dem Zeichen dieser Belebung. Die Berichte der lokalen Organi- sationen atmeten frischen Kampfesmut. Wie schwer die Kämpfe, wie grausam die Verfolgungen auch sind—„und sie bewegt sich doch!" Von den angenommenen Resolutionen ist von prinzipieller Be- deutung die allgemeine Resolution, in welcher die vor unseren Genossen in Rußland stehenden revolutionären Aufgaben nach wie vor unterstrichen werden. Eine andere Resolution behandelt die Tätigkeit der sozialdemokratischen Duma- raktion. Die Konferenz weist darauf hin, daß die Tätigkeit er sozialdemokratischen Dumasraktion in letzter Zeit die Bedürf- niffe und Bestrebungen des Proletariats im ganzen Reiche und in ißolen im besonderen viel umfassender und richtiger widerspiegele. Die Dumafraktion habe im allgemeinen in den Fragen, die Polen betreffen, eine Stellung eingenommen, die den Interessen des polni- schen Proletariats entspreche. Die Konferenz beschäftigte sich>eingehend mit den Fragen be- treffend die Gewerkschaften, Genossenschaften, kulturellen und Bildungsvereine und erkannte die Notwendigkeit an, Versuche zur Legalisation der Gewerkschaften zu unternehmen. Innerhalb der letzteren müßten aber stets illegale sozialdemokrati- sche Gruppen bestehen, die den Teil der Arbeit auf sich nehmen müßten, für welchen die Gewerkschaften der Auflösung verfallen könnten. E i n st i m m i g wurde auf der Konferenz die Notwendig- keit anerkannt, die bestehenden„legalen Möglichkeiten" auszunutzen und die illegale sozialdemokratische Tätigkeit mit der legalen zu vereinigen._ Polizeiliches, Gerichtliches ulw. Eine mißglückte Jnstizaktion. Wegen Aufreizung zum Klassenhaß war gegen den Genossen Rauch in Bremen ein Strafverfahren anhängig gemacht worden. Er sollte in einem Artikel des monatlich erscheinenden „Sozialdemokrat" aus Anlaß der Straßenunruhen in Bremen auf- gefordert haben, sich gegen die Polizei aufzulehnen. Bei der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter kam eS zü scharfen Auseinandersetzungen, deren Resultat nunmehr dem Staatsanwalt die Lust genommen zu haben scheint, sich nach dem Muster von Moabit zu blamieren. Das Strafverfahren wurde ein» gestellt._ Eue Industrie und Rande!. Rückgang der Viehzucht. Nach der letzten Viehzählung in Bayern ist dort der Stapel an Großvieh bedenklich zurückgegangen. Von besonderer Be- deutung dabei ist, daß die Zahl der Jungrinder weit über den Durchschnitt abgenommen hat. Mit dieser Feststellung ist keine Aus- nahmeerscbeinung getroffen worden. Das beweist eine Zuschrift aus dem Großherzogtuin Hessen an die„Franlfurter Zeitung". Sie lautet: „Angesichts der vielen Erörterungen über die Fleischnot will ich nicht unterlassen, auf folgendes hinzuweisen. Die deutsche Land- Wirtschaft, heißt es da immer, ist allein imstande, das erforder- liche Fleisch hervorzubringen. Nun kenne ich große Gutspächter im hessischen Odenivalde, im Ried usw., die ihre 59, 60 und mehr Kühe halten, aber nicht ein einziges Stück Jungvieh pro- duzieren. Diese Herren, die zum Teil mehr als 3909 hessische Morgen(a 2590 Quadratmeter) bewirlschaflen, ziehen nicht ein einziges Kalb auf, dagegen führen sie frischmelkende Milchkübe aus Holland ein unter der Deckmarke„Zuchtvieh", damit sie die bedeutende Frachtermäßigung genießen. Gezüchtet wird nichts. Die Kühe werden abgemolken und hiernach verkauft, um für die aus Holland neu eintreffenden frischmelkenden Tiere Platz zu machen. Auf Befragen geben diese Herren die geschilderte Tatsache zu und begründen sie doniit, daß sie keine geeigneten Leute bekämen, die die Aufzucht der Kälber besorgen könnten. Wieder andere Großpächter und Grundbesitzer haben zur Einschränkung der Milchproduktion, neben der schon lange eingestellten Aufzucht von Jungvieh, nun auch noch die Ein- fuhr frischmelkender Kühe eingestellt. Sie kaufen im Ausland Magervieh, mästen es fett und schlagen es als Schlachtvieh los." Da sieht man, wie sich die Viehzüchter um das Wohl des deutschen Volkes sorgen. Und die den Armen ausplündernde Politik wird begünstigt und verteidigt von der Arbeiterpartei— Zentrum. Es rechnet den Lebensmittelwucher nicht mehr zu den Todsünden, sondern zu den Nationaltugenden des— Schnapsblocks. In der gestrigen Sitzung des AussichtsratS der Siemens». Halske Aktiengesellschaft Berlin wurden die Bilanzen und der Geschäfts- bericht pro 31. Juli 1919 vorgelegt. Der Geschäftsbericht bezeichnet das gesamte Ergebnis als ein durchaus befriedigendes. Auch im neuen Jahre hat an vielen Stellen des Geschäfts- betriebe» eine erheblich gesteigerte Tätigkeit eingesetzt. Mit Rücksicht auf die bei Beurteilung der Weiterentwickelung der elektrischen Industrie und ihrer inneren Verhältnisse gebotene Zurückhaltung ist auf vorsorgliche Bewertung der Aktiven besondere Rücksicht genommen und ein Reingewinn von 11594 253 M. ausgewiesen worden. Es soll wie im Vorjahre eine Dividende von 12 Proz. und die üblichen Zuweisuuaen an Reservefonds und Spezialrefervefonds mit 1 599 999 M., für Gratifikationen an An- gestellte und Arbeiter 790 999 M., für Zuwendungen zum Dis- positionSfouds 359 999 M. und ein Vortrag aus neue Rechnung von 1 969 551 M. der auf Freitag, den 7. Januar 1911 einzuberufenden Generalversammlung in Vorschlag gebracht werden. Zur Preishausse am Kaffeemarkt. Die scharfe Preishausse am Kaffeemarkt dürfte ihre Wirkung auf den Kleinhandel nicht verfehlen. Schon im Oktober sind die Kleinhandelspreise für Kaffee in die Höhe gegangen und standen am Beginn des Novembers bereits merklich höher als im Vorjahre. Im Durchschnitt von fünfzig Städten kostete 1 Kilogramm ge» brannten Kaffees im Seplember d. I. 2,69 M. und ging im Oktober auf 2,62 M. hinauf; im Oktober 1999 hatte er 2,59 M. gekostet. Um ein Bild davon zu bekommen, wie die Z o ll e r h ö h un g den Kleinhandelspreis in die Höhe getrieben hat. muß man allerdings noch weiter zurückgreifen: zu Anfang des JahreS 1999 kostete 1 Kilogramm gebrannten Kaffees erst 2,42 M. Das Kilo un» gebrannten Kaffees kostete damals 1,99, in, Oktober d. I. 2,18 M. Die Entwicketung von Deutschlands Kaffeekon su in dürfte bei Fortdauer dieser Preislendenz demnach noch ungünstiger werden als bisher, denn die Versorgung Deutschlands mit Kaffee hat im laufenden Jahre bereits eine Einschränkung erfahren, die durch die Ueberfättignng des Marktes im Vorjahre kaum eine genügende Erklärung findet. Die Versorgung mit Kaffee betrug nämlich während der ersten 19 Monate, gemessen an der Mehreiufuhr, absolut und unter Berücksichtigung des monatlichen Bevölkerungszuwachses pro Kopf: 109? 109K 1090 1019 absolut in Tonnen. 162 770 162 717 189 732 143 505 pro Kopf in Kilogr. 2,64 2,60 8,00 2,24 Die Mehreinfuhr bleibt demnach nicht allein hinter der deS Vorjahres zurück, sondern auch gegenüber den früheren Jahren er- gibt sich ein ganz bedeutender Ausfall. In den ersten 10 Monaten des Jahres 1996 stellte sich die Mehreinfuhr von Kaffee insgesamt aus 158 972 Tonnen, also ebenfalls höher als im laufenden Jahre. Pro Kops ergibt sich erst recht eine bedeuwnd höhere Versorgungs» Ziffer._ Eine GenoffenschaftSbraucrei. Vor zirka 10 Jahren übernahmen einige Gastwirte die sehr Heruiriergekommene Brauerei.Müggel» schlößchen"; der Betrieb wurde auf genossenschaftliche Basis gestellt; er firmiert„Erste Genossenschaflsbrauerei der Gastioirte Berlins und Umgegend". Bald reichten die vorhandenen Einrichtungen nicht mehr aus, un, den Kundenkreis, der sich auch auf Nichtgenossen erstreckt, zu befriedigen; umfangreiche Neu- und Umbauten waren erforderlich. Nach der Uebernahme wurden zunächst jährlich 14 999 Hektoliter Bier produziert, jetzt ist der Umsatz schon auf 99 090 Hektoliter gestiegen. Dieses genossenschaftliche Unternehmen mutzte im Jahre 1909 bei der Regulierung der Bierpreise von den Großbrauereien berück- sichtigt werden. Wie wohl noch erinnerlich, beabsichtigten die Groß- brauereien einen zur Brausteuer prozentual enorm hohen Zuschlag festzusetzen. Durch das Eingreisen der Genossenschaftsbrauerei wurden die Großbrauereien gezwungen, ihre Forderungen wenigstens etwas zurückzuscbranben. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse find in der Genoffenschasts- brauerei selbstverständlich tariflich geregelt. Die Ausgeburt von Betrügereien. Die American Sugar Refining Company, gegen die die Staats- anwaltscbaft ein Verfahren zum Zwecke ihrer Auflösung eingeleitet hat, besteht aus 30 Gesellschaften mit einem Kapital von 230 Millionen Dollars.» Mit der Klageschrift gegen den Zuckertrust behufs Auflösung deS« selben erklärt die Bundesregierung, der Trust sei die Ausgeburt von Betrügereien und habe ein Monopol errichtet, indem er durch be- sondere Geheimabkommen mit den Eisenbahnen und durch Zoll- Hinterziehungen die Konkurrenz beseitige. Die Regierung verlangt eine einstweilige Verfügung, welche den Weiterbetrieb der Trust- geschäste in ihrer gegenwärtigen Form verhindern soll. Während des Gerichtsverfahrens soll nun der Trust mit den Untergesellschaften der gerichtlichen Verwaltung unterstellt werden. Der Prozeß, welcher zwei Jahre dauern dürfte, steht an Bedeutung den gegen- wärtige» Oelmift- und Tabaklrustprozessen nicht nach. Die Klage erklärt, der Trust produziere 93 Proz. des Zuckers in Amerika. «mtltcher Marktbericht der ftädtilchen MarNballen-DtrekNon über den Grotzbande! in den Zentral-Marttballen. Marktlage: F l e i i ch: Zufuhr genügend, Geichäit flau, Preise unverändert. Wild: Zufubr reich- lich, Geschäft flau, Preise kaum behauptet. Geflügel: Zusuhr reich- lich, Gelchüst flau, Preise gedrückt. Fische: Zusuhr knapp, Geichäst schleppend, Preise wenig verändert,«utter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obtl und Südfrüchte; Zusuhr gnügend. Geschäft im allgemeinen still, Preise wenig oerändert. SozialdemckratiseberVaiiiyerelDi des 6. Bert. Reichslais-WaMIffeises. Todes» Anzeige. Am 28. November verstarb unser Genosse, der Gastwirt �uxust �suxe Reinickendorser Straße 42. Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet Donners- tag, den 1. Dezember, nachmittags 2 Uhr, vom Hedwigs-Krankcnhause, Große Hamburger Straße aus, nach dem Städtischen Friedhose, Müllerstraße(Ecke Sccstraße) statt. Uni rege Beteiligung ersucht 231/w Der Vorstand. iü'eMIvöi'eii! Iderliariiini. Bezirk Weißensee. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Schlosser Wilhelm Guth an Lungenentzündung plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, nachmittags 4 Uhr, uou der Halle des Gemcindc-Fried- hoses in der Wickestraße zu Weißensee statt. 18/12 Die Bezirksleitung. Oeutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Bauanschläger Wilhelm üuth am 27. d.M. anLungenentzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 30. d. M., nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Gcmeindc-Friedhoses in Weißensee aus statt. Rege Beteiligung erwartet 120/8 Die Ortsverwaltnng. Verbanä tZer Lemeincke- und Staatsarbeiter. Filiale GroB-Berlin. Sektion VII. Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß ecr Kollege Ferdinand Senftieben am 27. November im Alter von 70 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, den 30. November, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des katholischen Kirch» hoses in Wilhclmberg auS statt. Rege Beteiligung erwartet 233/15 Die Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Grofi-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Hausdiener Paul Kichter am 27. November im Aller von 30 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 2. Dezember, nach. mittags 3 Ubr, von der Leichen- halle deS Andreas- Kirchhoses, WilhelmSberg, aus statt. 152/17 Die Bezirksverwaltung. Verliaiitl der Brauerei- und Miihlenarbeiter slÄr Ortsverwaitung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß am 27. November der Kollege, Hosarbeiter Xu�ust Werner (Bockbraucrei Abt. I) verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung ersolgt am Donnerstag, den 1. Dezember, nachmittags'1,3 Uhr, von der Leichenhalle des Rirdorfer Ge- meinde-KirchhoseS, Mariendorscr Weg, aus. 43/20 Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der stock- arbeitcr Wilhelm Heerklotz am 27. November verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 30. November, nachmittags 3'/, Uhr, von der Halle des DankcS-Kirchhoscs in der Müllerstraße aus statt. 34/5 Die Ortsverwaltung. Verein Berliner Bueddruek-MdinenMer. Den geehrten Mitgliedern zur Nachricht, daß am Freitag, den 25. Novcutbel, unser Kollege Otto kerxmslla nach lurzerKrankheit verstorbenist. Sein Andenken werden wir in Ehren halten l Die Beerdigung hat am Montag in Friedrichsselde stattgesunden. 233/13 Der Vorstand. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser hochverehrter, herzensguter Vater, Groß», Urgroß- und Schwieger- valer, der Tischler Heinrich«enzel am Sonntag, den 27. November, nach kurzem Krankenlager im 03. Lebensjahre sanst ent- schlummert ist. Um stilles Beileid bitten Die tietbetrlldten /inverwandten. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. Dezember. nachm. 3 Uhr, von der Leichen- balle des Neuen Jakobi- 5ktrch- hoses in Rixdors, Hermannstraße. aus statt. Ku unserem großen Schmerze verschied am 20. Noobr., mittags 1 Uhr, in'ülge eines Unglücks- salles in seinem Berus unser guter Sohn und Bruder, mein innig- geliebter Bräuttgam, der Monteur- Chauffeur 137/10 Wilhelm Ehrlich im 28. Lebensjahre. Dies zeigen, um stille Teil- nähme bittend, tiesbetrübt an Berlin W., 23. Novbr. 1810 Katzlerstr. 9 Wilhelm Ehrlich Auguste Ehrlich Georg Ehrlich Klara Brachmüller als Braut. Die Beerdigung findet Donners- tag, den 1. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Kapelle des alten Zwöls- Apostel- Kirchhoses, Ko- lonnenstraße, Schöneberg, aus statt. Hierdurch die traurige Nach- richt, daß meine Frau 1342L �nns Miers am 28. November im Krankenhause Moabit verstorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des städtischen Friedhoses in der Seeftraße aus statt. Um rege Beteiligung bittet der trauernde Gatte Max Miers. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unsere Freundin 1341L Anna Hachs am Sonnabend, den 20. No. vembcr, nach langem, schweren Krankenlager verstorben ist. Die Beerdigung findet heute. Mittwoch, den 30. November, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Kentral-Fried- hoses in Friedrichsselde aus statt. irnmiliQ Kostroa. Faniile Wengeis. Verband der Schneider und Schneiderinnen. Todos- Anzeige. Die Beerdigung der Kollegin �tins Sachs findet heute Mittwoch, den 30. No- vembcr, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde- Friedhoses in Friedrichsseide aus stat��Di�Ortsverwaltun�� Danksagung. Sage allen Teilnehmern bei der Beerdigung meines lieben Mannes, sowie für die reichen Kranzspenden, ganz besonders den Sängern meinen herzlichsten Dank. 1340L Marie Sitzlach. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung unserer lieben Mutter Frtpr Emilie Falb, geb. Krynltz, sagen wir hiermit allen Beteiligten unseren herzlichsten Dank. 1338L Im Namen der Hinterbliebenen: Familie Adam, Schliemannstr. 5. Danksagung. Allen Kollegen, Freunden und Be- kannten sage ich für die vielen Be- weise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdi- gung meines lieben Mannes meinen ausrichttgsten Dank. 20ö5b Anna Heintsmann geb. Hasenstein nebst Kinder«, t Für die vielen DeWelse helzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines [ lieben Mannes, unseres guten Vaters ' sagen wir allen Verwandten, Kollegen, Freunden, Bekannten, insbesondere dem Gesangverein der Töpser auf diesem Wege unseren innigsten Dank. Wwe. kerta Donner und Kinder. 1939S Verein der Zigarren-, Zigaretten-Schleuderer Berlins. Mittwoch, d. 30. Nov., abends 9 Uhr, im„Rosonthaler Hot", Rosenthaler Str. 11/12 Große Versammlung. Alle Schleuderer find eingeladen! Der Verstand. I. M.: Moritz Kalman. Ii listen. Heiserkeit| beseitigen wunderbarlelch| und schnell die berühmten Hustentropren von Otto Reichel. Nur echt mit j Marke „Hedieo". I FI.S0Pf.u.,M 1 Bar Nachahmungen jeder Art fei jedoch dringend gewarnt. In den meisten Drogerien und bei Dtto Reichel, Berlin 43, Eisenbahnstr.4 Klassiker 2 Leinenbände. Preis früher 4 M., jetzt 2 M. zankt man /etat vor etstmudeDder Inventur- Auf nah me die sebönsten Plflschmaatel, Abcndmantel, Gcsellschatts- klelder, PelamOntel, Slolas, Jaekenkostame, ROcke, Blasen, In eleganten und voruebmen Ausführungen, Modelle, garantiert französisch. 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J. ab in den gewöhnlichen Geschäftsstunden an der Couponskasse der Deutschen Bank in Berlin. m. M. 42.— gegen Auslieferung des Dividendenscheines der Aktien über M. 300.—. m. M. 140.— gegen Auslieferung des Dividendenscheines der Aktien über M. 1000.—> m. M. 168.— gegen Auslieierung des Dividendensoheinos der Aktien über M. 1200___ 1937L Die Direktion. □;jcie**ie**icicd:3cicicjcwcieic*jc»�� ßmmfsdmhe Erbte Harburger Ohne Lasche a Qualität Damen...... 2.25 Herren 3.50 Damen Garant.(.jcAPaar 2.95 Herren,... 4.75 Mit Lasche Damen CaraetlMPaar 3.50 Herren..., 5.— Leipziger Str. 65 Königstr. 3t Oranienstr. 34 Oranienstr. 47a Rixdorf: Bergstr. 7—8 Müllersir. 3a jetzt währmdd. CÄn» bauet Verkauf vii+ vis Müllerstr, 184 11�t313131313t3131313t3t3t313t3t3t3t3t3t31313t3t3t3t3t3t3t3t3t:t3l3l3tO Gardinen« Fabrik: Eardinenhaus Bernhard Schwartz Wallftr. 18 Li»»um 24. Dezember athöli die Kundschast Wirllchafisvücher sür>311 mit nützlichem Inhalt. 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Die gestrige Sitzung begann mit der Beweisaufnahme zum sechsten Antlagefall. Der Angeklagte Nvrenberg wird durch den Schutz- mann Neugebauer durch folgende Angaben belastet: Am 24. September gegen Abend wurde in der Sickingenstraste eine Menschenmenge durch Schutzleute zurückgetrieben. In der Menge b.zand sich der Angeklagte. Er fiel dem Zangen dadurch auf. datz er.auf die Maßnahmen der Polizei schimpfte". Der Angeklagte sagte zu dem Schutzmann:.Sehen Sie mal, was Siege- m a ch t h a b e n. P f u i, solche Gemeinheit." Dabei spie der Angeklagte aus und traf die H�ose des Schutzmannes unterhalb dem Knie.— Die Worte des An- geklagten:.Sehen Sie mal, was Sie gemacht haben, bezog sich darauf, datz bei dem Zurückdrängen der Menge ein Fräulein durch einen Schutzmann zu Boden geworfen und ihr Kleid zerrissen wurde.— Der Zeuge Neugebauer sagt, er habe hiervon nichts gesehen. Geworfen wurde aus der Menge zu dieser Zeit nicht.— Ein anderer als Zeuge vernommener Schutzmann sagt, der Angeklagte habe auf die Matznahmen der Polizei geschimpft mit den Worten:„Die Ar- beiter haben gar kein Recht, die Polizei kann machen was sie will." Zum siebeuten Falle, der den Angeklagten Muslewski betrifft, sagt ein Schutz- manu ans: Er habe sich bemüht, eine in der Rostocker Stratze der- sammelte Menschenmenge zu verhindern, sich aus einen«tkommenden Kohlenwagen zu stürzen. Bei dieser Gelegenheit sei„Bliithniide" gerufen worden. Einer von den Rufern sei der Angeklagte Muslawski.— Der Angeklagte gibt zu, datz er in den Ruf mit einstimmte, ohne die Bedeutung des Wortes zu kennen, denn er sei Pole und der deutschen Sprache nicht vollkommen mächtig. Es folgt die Erörterung des achte» Falles. Der Angeklagte Krämer hat nach Angabe des Polizei- l e u t n a n t S Folie, als die Polizei am 26. September in der Sickiugenstrahe gegen eine Menschenmenge vorging und ein Schutz- mann einen Mann aus dem Publikum festnahm, gerufen:„Haut ihn in die Fresse!"— Der Ruf ist noch von anderen aus- gcstotzen worden, die erregt waren über die Behandlung, die der Schutzmann dem Festgenommenen zuteil werden lietz.— Polizeileutnant Folte bat den Angeklagten, der ihm durch einen grünen Hut auffiel, selber festgenomnwn und ihm dabei zugerufen:„So, jetzt können Sie uns in die Fresse schlagen." Der Angeklagte gibt zu, datz er diesen Ruf auSgestotzen hat, aber � er habe dadurch nicht auffordern wollen, einen Schutzmann zu schlagen.— Als der Angeklagte nach seiner Festnahme vom Schutzmann Kugler abgeführt wurde, soll er dadurch Widerstand geleistet haben, datz er sich gegen den Boden stemmte. Dem Angeklagten wurde auf dem Transport zur Wache eine Handsessel angelegt und so fest angezogen, daß er den Schutzmann bat, die Fessel zu lockern. Aber der Schutz- nrann zog die Fessel noch schärfer an. sagt der Angeklagte. Nach Angabe des Schutzmanns Kugler soll der Angeklagte das Puvlikuni aufgefordert haben, ihn zu befreien. Das folgert der Zeuge Kugler daraus, datz der Angeklagte zu den Umstehenden sagte:„Seht nial, wie er mich knebelt, ich habe einen schlimmen Arm und halte das nicht auS, helft mir doch." Ein Zwischenfall. Polizeileutnant Folte tritt vor, bittet den Vorsitzenden UM Schutz gegen Beleidigungen aus dem Zuhörer- räum und sagt: Als ich vorhin meine Aussage machte, hat ein Herr im Zuhörerraum die Bemerkung gemacht:„Wie kann er solche steche Behauptung aufstellen". Der Herr nennt sich Parteisekretär Otto WelS.— Der im Zuhörerraum sitzende Genosse Wels wird vorgerufen. Er erklärt: Es ist mir nicht eingefallen, von Frechheit zu reden. Dies Wort ist nicht über meine Lippen gekommen. Als Polizeil.eutnaut Folte sagte, er habe Anweisung gegeben, datz die Be- lvohner der Häuser Sickiiigenstr. 1— 10 durch die Polizeikette hindurch- gelassen twerden, ent'chlüpfte mir das Wort:„A b e r m i t e i n e m Loch im Kopf". Die Bemerkung habe ich so leise gemacht, datz sie selbst nn-.ine nächsten Nachbarn nicht gehört haben können. Ich bin zu der Bemerkung gekommen, weil ich auS der Verhandlung die Ueberzeilgung gewonnen habe, datz die Schutzleute nicht immer den Wicisungen der Polizeioffiziere folgten. Ich habe nicht die Absicht gehabt, den Zeugen zu beleidigen. — Polizei lentnant Folte bemerkt hierauf, er habe die Aeutzerung vow Wels allerdings nicht gehört, sie sei ihm vom Wacht m ei st er Pitt gemeldet worden.— Wacht m ei st er Pitt gibt an, rw habe gehört, datz Wels ganz leise vor sich hin flüsterte:„Wie kann er sich solche Frechheit erlauben."— Der Er st e Staat s'anwalt beantragt gegen Wels eine U n-- gebühr strafe von 100 M.— Rechtsanwalt Heine betont, datz ja du', unmittelbar neben Wels Sitzenden nichts von seiner Bemerkung gehört haben.— Nach einer Beratung dcS Gerichts verkündet der' Vorsitzende: Wachtmeister Pitt habe bekundet, datz Wels die beleidigende Aeutzerung getan hat. Das fei un- gebüdrlich. Da aber die Aeutzerung nicht für Andere bestimmt war, so habe das Gericht vo>n einer Ordnungs st rafe Ab st and genommen, aber lieschlossen, datz Wels den Saal zu verlassen hat.— Wels entfernt sich hierauf. Im nennten Falle ist Frau Dominiak rmgeklagt. Als Zeuge gegen sie wird ein früherer Schutzmann, der j etzige Kontrolleur Stapel vernommen. Er wohnt in demselben Hau.se ivie Frau Dominiak. Rostocker Str. 13, und traf am 26. September abends eine Anzahl Frauen vor der HauStür, darunter auch die Angeklagte Doniiniak. Die Frauen sprachen über den Streik und kritisierten das Verhalten der Polizei. Da kamen Schntzlente die Stratze entlang und trieben, wie sich der Zeuge ausdrückt, den„Pöbel" zurück.'Wie der Zeuge weiter angibt. Ichimpften die Frauen auf die Schutzleute. Später kam der von einer randalierenden Menge verfolgte Wachtmeister Pitt vorbei (der bekanntlich in das Rittbvrgersche Lokal flüchtete. Frau Dominiak war nach der Wahruehn.mng des Zeugen ungeheuer auf- geregt und schimpfte:„Bluthunde!",„Haut die Schutz- leute in die Fresse I" Kie Frau war so aufgeregt. datz sie nicht wutzte, was sie tat. �br Mann versuchte vergebens. sie zu beruhigen.— Der Zeuge versucht, sich als be- droht hinzustellen. Ihm sei mitgeteilt worden, die Sozial- demokratie lege grotzes Gewicht auf sefiue Aussage. Wenn er nicht günstig aussage, werde es ihm schlecht gcihen. Der Zeuge gibt aus Befragen zu, datz dies nur ein Gerede ist und datz ein Sozialdemokrat mit ihm nicht gesprochen hat.— Der Zeuge Stapel war zur Feststellung eines Schadenersatzanspruches des Hauswirtes als Zeuge geladen und hak bei seiner Vernehmung die Angaben gegen Frau Dominiak genracht.— Eine andere §eugin. Frau Schlese, will gescheit haben, datz die ngeflagte Dominiak mit einem Schuh oder Pantoffel nach etner Laterne warf.— Die Angeklagte wendet dagegen ein, sie habe bei jener Gelegenheit Schnür- stiefeln getragen.— Rechts anw. Cohn beantragt, Beweis darüber zu erheben, daß Frau Dominiak wegen eines> ch w e r e n Herzleidens sehr leicht in grotze Erregung gerät. Wegen des Herzleidens habe sie auch während ihrer Untermchungshast im Lazarett gelegen. Hierauf wird der zehnte Fall erörtert. Derselbe betrifft den Angeklagten Hagen. Auf einem in der Nähe des Bahnhofes Bensselstratze liegenden Kahn war Hagen als Schiffer beschäftigt. Er wutzte nichts von den Vorgängen in Moabit. Am Abend des 26. September wollte er nach der Beusselstratze gehen, um Lebensmittel einzukaufen. An der Brücke war die Stratze abgesperrt. Ueber das, was nun folgte, stehen, sich die Darstellungen des Angeklagten und des Zeugen schroff gegen- über. Schutzmann Häutzler sagt: Hagen wollte durch die Abiperrungslinie. Als ihm das untersagt und er zum Weitergeheu aiifgesordcrt wurde, stieß er mich vor die Brust, datz ich an das Gc- lände der Brücke flog. Der Angeklagte wurde dann festgenommen und abgeführt. Bei seiner Festnahme leistete er— so sagt der Zeuge— dadurch Widerstand, datz er sich am Brückengeländer festhielt. Der Angeklagte Hagen sagt dagegen: Ich bat die Schutz- leute, mich durchzulassen. Als Aittwort wurde i ch mit voller Wucht zur ückge stoßen. Dabei fiel mir der Hut vom Kopf und hinter die Schutzmaiiiiskette. Ich wollte meinen Hut wieder haben, aber die Schntzlente hinderten mich daran und schlugen mich mit dem Säbel. Weil ich immer weiter zurückgedrängt wurde und doch meinen Hut haben wollte, hielt ich mich am Geländer fest. Nach meiner Festnahme wurde ich von den Schutzlemen Häutzler nnd Klatt, die beide mit gezogenem Säbel Heben mir gingen, abgeführt. Schutzmann Klatt legte mir eine Handfessel an. Als ich ihn ersuchte, die Fessel eilvas zu lockern, sagte der Schutzmann Häutzler:„ F e st e, immer fester." Hierauf sah ich nach der Schulter des Schutzmanns Häutzler. um mir seine Nummen zu merken. Da schlug mir Häutzler i n s Gesicht, daß mir der Hut wieder vom Kopfe fiel. — Zeuge Häutzler bestreitet mit voller Bestimmtheit, den Angeklagten geschlagen zu haben. Er sagt, er sei immer sehr schonend vor- gegangen, denn bei seiner Körperkraft habe er befürchtet, er würde die Leute, wenn er zuschlage, gleich zum Krüppel schlagen.— R e ch l s a n w. Cohn: Ans das, was ich Sie jetzt frage, können Sie die Aussage verweigern. Denn Sie brauchen sich sticht selbst zu eitier strafbaren Handlung bekennen. Wenn Sie aber eine Aitt- wort geben, mutz sie wahr sein. Das geht auch auf Ihren Eid. Haben Sie den Angeklagten geschlagen?— Zeuge Häutzler besinnt sich kurze Zeit und sagt dann: Ich verweigere die Aussage. — R e ch t s a n w. C o h n: Ich bitte, diesen Vorgang zu proto- kollieren.— Vorsitzender: Ich sehe keine Veranlassung dazu.— Rechtsanw. Cohn: Doch. Der Zeuge hat zuerst die Frage, ob er den Angeklagten geschlagen habe, verneint und erst nach wieder- holtem Vorhalt die Antwort verweigert.— Das Gericht behält sich einen Bei chlutz über die Protokollierung vor. Mißhaudlung auf dem Kohlcuplab. Der Angeklagte Hagen gibt weiter an: Die beiden Schutzleute brachten mich zunächst nach dem Kohlcnplatz von Kupfer u. Co. Da stieße» sie mich unter die Arbeitswillige» und diese schlugen auf mich loS, bis einer der Schublcutc sagte: Nun ist es genug.— Schutzinann Häutzler behauptet, diese Angabe sei nicht wahr. Er habe nicht gesehen, datz Hagen geschlagen ivorden sei.— Rechtsanwalt Cohn: Auch auf die Frage, die ich jetzt stelle, können Sie die Antwort verweigern. Haben Sie in jener Zeit noch andere Sistierte geschlagen?— Zeuge Häutzler: Nein.— Rechtsanwalt Cohn: Haben Sie andere Leute geschlagen? — Zeuge Häutzler: Nein, dies ist der einzige Fall. � Der Angeklagte Hagen versichert lviedcrholt, daß er ohne eine Ahnung von dem Streik und den sonstigen Vorgängen zu haben, von seinem Kahn kam. der eben erst in Berlin angclommen war. Wenn er gewußt hätte, welche Folgen der Auf- tritt mit den Schutzleuten haben würde, dann hätte er Hut Hut sein lassen nnd wäre ini bloßen Kopf davongelaufen.— Schutz mann Häutzler(ein Hüne von Gestalt) gibt noch an, er habe von dem Stoß an das Geländer mehrere Tage Schmerzen gehabt. Auch Schutzmann Klatt bestreitet als Zeuge, datz der An- geflagte auf dem Kohlcnplatz verhauen wurde. Der Zeuge sagt, beim Betreten des Ganges, der zum Kohlenplatz führt, habe er dem Angeklagten die Fessel abgenommen und ihn vorangehen lassen. Gleich darauf habe der Angeklagte gerufen:„Was wollt Ihr von mir?" Nim habe der Zeuge gescheit, daß der Nngellagte von Arbeits willige» umringt war. Der Zeuge habe die Arbeitsivilligeu sofort zurückgewiesen. Der Angeklagte sei nicht geschlagen Ivorden.— A n g e k l. Hagen: Ja, als ich schon ant Boden lag und meine Prügel weg hatte, d a haben Sie die Leute ziirückgerufen.— Der Angeklagte fragt den Zeugen Klatt, ob er nicht gesehen habe, datz ihn der Schutzmann Häutzler auf dem Wege noch dem Kohlenplatz ins Gesicht schlug. — Der Zeuge sagt, da« habe er nicht gesehen, der Angeklagte sei ja nach seiner Festnahme ohne Widerstand mitgegangen.— Rechtsanw. Heine richtet an den Zeugen Klatt die Frage, ob er auf dem Kohlenplatz Gummischläuche mit Sand gefüllt und an beiden Enden mit eisernen Schrauben ver- schloffen gesehen habe.— Zeuge: Nein.— Rechtsanw. Cohn: Haben Sie nicht auf der Wache gemeldet, daß auf dem Kohlenplatz eine Horde von Menschen ist, die über den Sistierten, der sich doch in Ihrem Schutz befand, hergefallen ist?— Zeuge: Nein.— Rechtsanwalt Cohn: Ist denn ein solcher Vorfall für Sie etwas so gewöhnliches?— Zeuge: Nein.— Rechtsanwalt Cohn: Nnd trotzdem haben Sie keine Meldung gemacht? Wie erklären Sie es sich denn, datz die Arbeitswilligen gleich über Ihren Arrestanten herfielen? Zeuge: Aus dem Haß der Arbeits- willigen gegen die Streikenden.— Der Angeklagte Hagen sagt zum Zeugen Klatt: Als ich den Arbeitswilligen zugestoßen würde, da riefen sie:„Schon wieder einer!" Dann schlugen sie ans mich los. Dann erst sprangen Sie(der Zeuge) dazwischen und sagten:„Jetzt ist es genug."— Rechtsanwalt Heine: Halten Sie sich nicht für verpflichtet, eine Meldung zu erstatten, auch wenn nur der Versuch gemacht worden ist. einen in Ihrer Obhut befind- lichen Gefangenen zu mißhandeln? So etwas ist doch moralisch für die Polizei kompromittierend.— Zeuge: Ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll. Womit schlug StinncS' Hintzc-Garde? RechiSanwalt Heine hält ein Instrument empor, wie solche von den Arbeitswilligen auf dem Kohlcnplatz benutzt wurden. Es ist ein Ende Eummischiauch, fast so dick wie ein Besenstiel, clwa einen halben Meter lang, mit Sand gefüllt und an beiden Enden mit je einer starten eisernen Schrniibenmiitter verschlossen. Der Verteidiger fragt den Zeugen Klatt, ob er solche Instrumente, die zu Dutzenden ans dem Kohlenplatz vorhanden waren, nicht ge- sehen habe. Zeuge: Das sehe ich hier im Gerichtssaale zum ersten Mal.— Angeklagter Hagen: Mit solchen Instrumenten bin ich von den Arbeitswilligen geschlagen worden.— Schutz- mann Häutzler und Polizeileutnant Folte geben eben- falls an, sie hätten solche Instrumente nicht gesehen. Weshalb man für Sicherheit auf dem Kohlenplatz nicht gesorgt? Rechtsanw. Cohn fragt den Polizeileutnant Folte, ob er nichts getan habe, um dafür zu sorgen, daß auf dem Kohlenplatz Ordnung herrsche, damit keine Ausschreitungen der Arbeitswilligen vorkämen.— Polizeileutnant Folte antwortet: das sei nicht seine Sache, er sei doch lein Angestellter der Firma Kupfer. Weitere Fragen des Rechtsanwalts Cohn nach der Qualität der Arbeits- willigen beantwortet Polizeileutnant Folte dahin: Nach seinen Er- fahrungen bei dem Hartungschen Streik halte er die Arbeitswilligen nicht für so schlechte Elemente als wie sie im„Vorwärts" hingestellt würden. Damit ist die Erörterung des Falles Hagen beendet. Nach der Mittagspause verliest der Vorsitzende den PassuS dcS Protokolls über den Vorgang mit dem Schutzmann Häutzler. Hierauf wird als Zeuge zum ersten Fall sTiedemann-Marten) der Arbeiter Hötsch vernommen. Der Arbeitswillige Kar us, der bekanntlich die Festnahme von Tiedemann und Marten veranlatzte und der einzige Belastungszeuge gegen sie ist, hat auch den Zeugen Hötsch im Gespräch beschuldigt, ihn mit Steinen geworfen zu haben, obwohl Hötsch an dem Tage, wo er geworfen haben soll, gar nicht an der betreffenden Stelle ivar.— Als die Vernehmung des Zeugen Hötsch beendet war, trat K a r u S an den Richtertisch und bemerkte, er sehe den Arbeiter Hötsch erst jetzt wieder. Derselbe habe ihn während deS Streiks belästigt, er stelle jetzt Strafantraz gegen Hötsch.— Natürlich kann das Gericht den Slrnfantrag nicht entgegennchmen, aber der Erste Staatsanwalt wies Karus den Weg zur Polizei. Im elfte» Falle ist der Kutscher B r e y e r angeklagt. Als einziger Zeuge, der ihn belasten soll, trat ein Arbeiter Busse auf. Buffe hat nach Ausweis der Protokolls sowohl bei seiner polizeilichen Veriiehmiiiig als auch vor dem Untersuchungsrichter gesagt, Brcyer habe„Blut- Hunde" gerufen. Jetzt, vor Gericht, be st reitet Busse mit aller Entschiedenheit, eine solche Angabe ge- macht zu haben. Er habe ausdrücklich gesagt, er könne nicht beschwören, datz Breyer„Bluthunde" gerufen hat.— Kriminal- schutzinann Jrrgang und Unier suchttngSrichter V o ni b e versichern nach Durchsicht ihrer Protokolle, was darin stehe, habe der Zeuge gesagt.— Ans alle Vorbnllungcn versichert Bnffe fortgesetzt: Es ist ja möglich, datz Breyer„Bluthunde" gesagt hat. aber beschwören kann ich es nicht. So habe ich auch auf der Polizei und beim Untersuchungsrichter gesagt. Zwölfter Fall. Der Angeklagte Bock stand— so bekundet der Schutz- mann K ö p p e n— in der Nacht zum 27. September mit mehreren Personen an der Ecke der Turm- und Beusselstratze. Köppen wollte Bock festnehmen, weil dieser der Aufforderung, weiter zu gehen, nicht nachgekommen war. Als ich an den Angeklagten Bock heran- trat—'sagt der Zeuge— drehte er sich kurz um, sagte:„Was wollen Sie?" nnd stieß mir von unten ein Messer in den Leib. Ich ergriff ihn, ein zweiter Schutzmann kam hinzu, der Angeklagte wurde festgenommen. Ich selbst wurde sogleich nach dem Krankcnhause gebracht, wurde gleich nach meiner Einliefcruug operiert, habe drei Wochen im Krankcnhause gelegen, werde jetzt noch ärztlich behandelt und bin noch nicht wieder dienstfähig. Schutzmann Mund, der seinem Kollegen Köppen bei der Festnahme Bocks behilflich war, hat ebenfalls einen Messer- stich von Bock bekommen, der aber nur die Kleidung durchdrungen nnd eine leichte Hautverletzung am Unterleibe herbjjgeführt hat. Schutzmann Köhler sagt, ans dem Wege nach der Wache habe Bock den Leuten auf der Stratze zugerufen:„Genossen, helft mir doch/ erst war ich gelähmt, aber jetzt bin ich wieder auf dem Damm."— Der Angeklagte Bock stellt den Hergang so dar: Er fragte die Schutzleute, welche die Stratze absperrten, ob er hindurchgehen dürfe. Da sagte ein Schutzmann: „WaS will der?" und ein anderer Schutzmann rief: „Haut ihn doch!" Hierauf stürzten gleich vier Schutz- leute mit blanken Säbeln auf den Angeklagten los und hieben auf ihn ein. Um die Hiebe mit dem Rücken aufzufangen, bückte er sich. Da er die Hände in den Taschen hatten, fühlte er das Messer, öffnete er und ge- brauchte es in der Not wehr gegen die Schutzleute. Auf dem Wege nach der Wache habe ihn der Schutzmann Köhler geschlagen, er habe deshalb Hilfe gerufen, darauf habe ihm der Schutzmann den Mund zugehalten. Auf der Wache sei er gleich bei seinem Eintritt ge- schlagen und mit Füßen gc st otzen worden nach allen Regeln der Kunst.— Schutzmann Köhler sagt, er wisse von alledem nicht?. Ach die beiden anderen Schutzleute behaupten, sie hätten Bock nicht geschlagen.— Der Angeklagte Hagen, der kurz vor Bock aus' der Polizeiwache eingeliefert worden ist, hat in der Nebcnzelle Lärm und Bumsen gehört und auf dem Polizeipräsidium beim Baden gesehen, daß Bock viele braune und blaue Flecke am Körper hatte. Hierauf wird die weitere Beweiserhebung abgebrochen und die Fortsetzung der Verhandlungen auf Donnerstag S'/z Uhr festgesetzt. Gmchts- Zeitung Der Bezirk ein selbständiger Verein! Der Bezirksleiter von Pailkow.�Gcnosse Paul Spieker- mann, hatte ein polizeiliches Strafmandat von 3 M. er- halten, weil er den am 21. Juni gewählten„Vorstand des Vereins", als dessen Vorsitzender er angesehen wurde, nicht angemeldet hatte. Er erhob dagegen Einspruch und beantragte gerichtliche Entscheidung. Die Verhandlung fand gestern vor- mittag vor dem Amtsgericht in Pankow unter Vorsitz des Amtsrichters Reinsch statt. Als Zeugen waren einerseits der Vorsitzende des Wahlvereins von Niederbarnim Genosse Brühl und der Sekretär des Kreises Genosse B ü h l e r geladen, andererseits der Amtsvorstcher Kühr und der Gendarm Elxleben. Vernommen wurde von den Zeugen jedoch nur der Genosse Brühl. Er bestätigte, was der Angeklagte bereits zu seiner Verteidigung ausgeführt hatte, daß es sich in Pankow keineswegs um einen selbständigen Verein mit einem Vereinsvorstand handelt, sondern nur um einen Bezirk des Wahlvereins für den Wahl- kreis Niederbarnim mit einem Bezirksleiter, der im Austrage des Wahlvereinsvorstandes die am Orte wohnenden Mitglieder jenes Vereins in der Regel alle Monate einmal zu Be- sprechungen zusammen beruft, wobei es sich nicht um irgend ivelche selbständigen Vereinsangelegenhciten handelt, sondern lediglich um die Durchführung der vom Kreiswahlvercins- Vorstand getroffenen Anordnungen. Weiter erklärte der Zeuge auf die fragen des Vorsitzenden, daß der Bezirk nicht selb- ständig Mitglieder aufnimmt, sondern die Aufnahme durch den Wahlvereinsvorstand erfolgt, der in Lichtenberg seinen Sitz hat, daß aber selbstverständlich den Mit- gliedern in Pankow wie überall im Wahlvcrein das Recht des Protestes gegen die Aufnahme zusteht, und daß wohl ein Drittel der Vereinsbeiträge dem Bezirk zur Deckung der ört- lichen Ausgaben verbleibt, jedoch nicht als selbständige Kasse, sondern lediglich als Gelder des Kreiswahlvereins. Das Gericht verzichtete auf die Vernehmung weiterer Zeugen, da es die tatsächlichen Angaben des Angeklagten und des Zeugen für glaubhaft betrachtete. Der Amtsanwalt Hoffmann beantragte, die Geldstrafe aufrecht zu erhalten. Es handele sich hier um einen sozial- demokratischen Bezirksverein, der zwar Glied eines größeren Vereins, jedoch zu selbständiger VereinZtätig- fett berufen sei. Der Ausdruck Dezirksleitung sei nur eine Umgehung des Gesetzes. Es würden selbständig Konferenzen abgehalten und aus allen diesen Gründen müsse man zu der Auffassung kommen, daß es sich um einen selb- ständigen Verein handele. Das Gericht schloß sich in seiner Entscheidung der Auffassung des Amtsanwaltes an. Wenn auch die Leitung des Be- zirkes nicht vollständig selbständig handeln könne und der Kreiswahlvereinsvorstand übergeordnet sei. so nähme der Bezirk doch selbst Mitglieder auf. der Kassierer behalte einen Teil der Beiträge, es würden selbständig Versammlungen abgehalten und Delegierte gewählt, so daß es sich um einen selbständigen Verein handele. Demgemäß wäre der Angeklagte zur Anmeldung des Vercinsvorstandes verpflichtet gewesen. Es handele sich hier um eine prinzipielle Entscheidung. Die Geldstrafe von 3 M. oder einen Tag Hast sei aus den an- geführten Gründen aufrechtzuerhalten. Die Entscheidung ist verfehlt, denn die Glieder eines Vereins sind kein selbständiger Verein. Der Vereinswille wird lediglich durch den Wahlverein für den Kreis Nieder- bavnim ausgesprochen. Lediglich dieser ist entscheidend, lediglich dem Willen dieses Vereins ordnen sich seine Mit- glieder unter. Die einzelnen Zahlstellen, Filialen und Bezirke sind nur Organe des Vereins, keine selbständigen Vereine. Die getroffene Entscheidung ist ebenso unhaltbar, wie jene zur Zeit des Sozialistengesetzes und und unmittelbar darauf ge» fällten, die Filialen einer Gewerkschaft oder gar den Vorstand eines Vereins als selbständigen Verein konstruieren wollten. Die grundsätzlich bedeutsame Frage wird selbstverständlich die höheren Instanzen noch beschäftigen. :c>>: Thealer und Vergnügungen Mittwoch, sä November: Ansang VI, Nhr. Königl. cpernhaus. Der Waffen- fchmicd. Köiiigt. Schauspielhaus. Wallen- stein« Tod. Nene« köuigl. Opcrn>Theater. Geschlossen. Deutsches. Judith. Kammerspiele. Der ver- mundete Vogel.(Ansang 8 Uhr.) Ansang>> Uhr. Neue« SetiausPlelhauS. Ueber unsere Krast. Nachmittags S'j, Uhr: Weh dem, her lügt Komische CPer. Abbe Mouret. Westen. DaS Puppemnädel. Nachmittags 4 Uhr: Rotkäppchen. Sesiiiig. Die Frau vom Meere. Kleines. Die verflixten Frauen» zimmer. 1. Klasse. Berliner. Taifun. NeueS. Der G. m. b. H.-Tenor. Triauon. Der beilige Hain. Residenz. Der Unterprösctt. Thalia. Polnische Wirischast. Nachmittags 4 Uhr: Häusel und Gretel. Schiller<». tWallner- Theater.) Die Fee Sapriee. Sch Bei Chnrlottenburg. Der Bund der Jugend., Friedrich» Wilhelmstiidtisches. Die versiegelte Venus. Nachmittags 31;, Uhr: Die Hermannsschlacht. Neues Ovcrettrn. Der Graf von Luxemburg. Lustsptelhaus. Der Feldherrn- Hügel. Luisen. HasemannS Töchter. Modernes. Der Doppelmensch. Hcrrufcld. Eine verlorene Nacht. Der Derbtisteger. Volksoper. Die weiße Dame.(An- long«'/, ilhr.) Rote. Die Millionenerbin. FolieS Cavrice. Der Feldwebel- Hügel(Aiisang 81/« Uhr.) Metrovol. Hurra— Wir leben noch! Kasino. Julie Wippchen. Apotto. Spezialitäten. P»t-lige. Gpezialttäten. 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Mittw. u. Sonnab. 4 Uhr: Rotkäppchen. Sonnt. 8'/, U.: ois gesciaeitenc freu. iWodemes Theater (fröher Hebbeltheater). Abends 8 Uhr: Doppelmengch. Lusispieihaus. MendS 8 Uhr: Der Feldherrnhiigel. Berliner Volksoper Velle-Alliancestraße 7/8.—>/,S Uhr: Die weifte Dame. liföilbz-IIiMles. Diretllon: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Der Unterpräfekt. Schwant in 3 Akten v. Leon GaudMot. Deutsch von Max Schönau. lOSE=THEÄrE I ■ Große Franksurte» Str. 182. Ansang 8 Mr. Ende II Uhr. � Die MiliiovtNkrdw._ LebrnSb. i. 3 Akt. v. Schäßler-Perasini Donnerstag, Freitag, Sonnabend Dt» Millionenerbin. Sonnabwd 4 Uhr: Dornröschen. fsi'el!sIl!if-�!!!iel!ii8tSljt!8l!kiö8 Zvlfzuspieliizliz. Mittwoch, 30. Nov., abend» 8 Uhr: Zum erstenmal: Die oerßegelte Devus. 31/, Uhr: Die Hermannschlacht. Donnerstag: Die versiegelte Venus. L-uisen- Theater. Abends 8 Ubr: Hasemanns Töchter VollSstück in 4 Akten von L'Arronge. Donnerstag: HasemannS Töchter. Freitag, Neueinstudierung: Regi- strator aus Reisen. 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Berlin, Köpenicker Str. 126, I. Etg. rechts. verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für ben Znseiatd'ntrllüetanTfe.: �h.Tkmkc, Brrün. T ruck u. DerIäz?Vörwärli Buchdruckerei u. BertagSanstalt Paul Singer& Berlin SW. Teilzahlun unter Anzahlung in liefert aut 1 bequeme bei kleinster Anzahlung kannter Güte (mit größter Rücksicht boi Kran halt und Arbeitslosigkeit) E.Colin,Gr.FranklDrtersir.5 lim 27. 3.i w Z.§t\\m des„Ämlirts" leifniet Pollislilstt. �.»,00 �-°«»-.«. Die Cxploflonsbataitroplye in Koxhagen- Kummelsburg. Der Riesenbrand der Benzinlagerungsgesellschast m. b. H. in Boxhagen-Rummelsburg ist trotz der fieberhaften Tätigkeit der Berliner und Rummelsburger Feuerwehren nicht eingedämpft worden. Die Hoffnung, daß man die unversehrten Benzinreservoirs durch Berieselung vor der Explosion schützen könne, hat sich leider nicht erfüllt. Gestern nacht um 3 Uhr explodierte der dritte der IS Benzintanks unter einer gewaltigen Detonation. Ob- wohl im Laufe der Nacht aus fünf Dampfspritzen auf den Kessel und die ihn umgehenden Erdwalle ununterbrochen Wasser gegeben wurde, erhitzten sich die Stahlwände des ungeheuren Gefäßes gegen �43 Uhr so stark, daß die Löschmannschaften sich zurückziel)«n mußten. Gegen 3 Uhr trat dann die Katastrophe ein. Unter donnerähnlichem Getöse zerbarst der Kessel, dessen Wände von der ungeheuren Expansionskraft der Gase der Länge nach aufgerissen wurden. Glühende Eisenteile und große Er d Massen wurden 20 bis 3V Meter weit durch die Luft geschleudert. ohne jedoch jemanden zu verletzen. Zkur ein Feuerwehrmann wurde von einem Stein am Kopf leicht gestreift. Die ungeheure Rauch- entWickelung und die sich entwickelnden Gase erschwerten den Lösch- Mannschaften die Arbeit ganz ungeheuer. Es ist fast unmöglich, fich dem Flammenherd bis auf 50 Meter zu nähern. Eine eigen- tümliche Erscheinung bei diesem Brande, der seinesgleichen in Berlin Wohl kaum gehabt hat. ist, daß man keine Flamme sieht. Dicht über dem Kessel und den vier Meter hohen Erdwällen wälzt sich eine dunkle, teils schwarze, teils graublaue Rauchlvolke empor, die oft minutenlang die Brandstätte den Augen der Neugierigen entzieht, die zu Tausenden herbeigeströmt waren, um das gewaltige Schauspiel zu sehen. Nach Ansicht der Feuerwehr dürfte übrigens die gesamte An- läge nicht mehrzurettensein. Die einzelnen Kessel liegen viel zu dicht beieinander, als daß man die übrigen Behälter wirk- sam vor dem verheerenden Element schützen könnte. Außerdem sind die Reservoirs durch kommunizierende Röhren verbunden, das heißt durch Slohre, die dafür sorgen, daß in allen Behältern stets ein gleich hohes Benzinniveau vorhanden ist. Da- durch wird dem Feuer stets neue Nahrung zugeführt, und wenn auch die einzelnen Kesselanlagen durch Drosselhähne voneinander zu trennen sind, so erscheint es doch ausgeschlossen, daß die Hähne dem Feuer Widerstand leisten können. Von anderer Seite wird berichtet: Die Berliner Feuerwehr entsandte noch in der gestrigen Nacht 4 Dampfspritzen und eine Pittlerbenzin-Autopumpe, die ihr Wasser aus der Spree entnehmen mußte, wozu ungewöhnlich lange Schlauch- leitungen erforderlich waren. Um Wt Uhr explodierte ganz unerwartet der Benzintank l, der nach sachverständigem Ermessen am allerwenigsten gefährdet war. Der eiserne Berschlußdeckel flog hoch in die Luft und liegt jetzt etwa 10 Meter von dem Tank entfernt in einem Garten. Der Tank selbst ist vollständig deformiert. Bon den 17 Tanks sind aus- gebrannt VIII, IX, VII und VI. Ausgekommen ist das Feuer im Tank VIII auf eine ganz unerklärliche Weise. Niemand war zu- gegen, so daß man vor einem Rätsel steht. Der Tank VIII hat 7 Stunden gebrannt, bis er leer war, inzwischen fingen dann nunmehr die umstehenden Tanks IX, VII und VI an, während Tank I explodierte. An eine Löschung der Flammen kann vor- läufig nicht gedacht werden. Versuche, die gestern früh mit Kohlensäure gemacht wurden, waren vergeblich. Die Gesellschaft hat nun einen ganzen Eisenbahnwaggon Kohlensäure zur Brandstelle beordert, um nochmals Versuche hiermit zur Löschung zu machen. Die Feuersicherheit der Anlage läßt, so wird weiter mitgeteilt, sehr viel zu wünschen übrig. Die sogenannte Schutzzone, die in Berlin mindestens 50 Meter beträgt, ist hier nicht vorhanden. Bei der Anlage der Tanks soll von den Interessenten Widerspruch erhoben worden sein, die Anlage wurde aber trotzdem vom Fiskus genehmigt. Der Unwille über die Genehmigung der äußerst feuergefährlichen Anlage kommt jetzt wieder bei allen Beteiligten zum lebhaften Ausdruck, und mit Recht wird darauf hingewiesen, daß selbst Nichtsachverständige sich gegen die Anlage ausgesprochen haben. Wie wenig für die Feuer- sicherheit gesorgt worden ist, geht schon allein daraus hervor, daß wohl zählreiche Ueberflurhhdranten auf dem großen Hof vorhanden sind, daß aber nicht ein einziger Wasser gab. Sie waren ein- fach abgestellt, weil das Wasser für die Berieselung der Tanks gebraucht wurde und der Druck n u r 2 Atmosphären betrug. Ein Motorspritzenfahrzeug soll auch vorhanden sein, konnte aber eben- falls nicht benutzt werden, weil die Maschinen auseinandergenommen worden sind. Die Berliner Feuerwehr mußte 200 Meter lange Schlauchleitungen legen, von, der Spree bis zu den Tanks. Die Folge ivar. daß die Dampfsprktzen, um einen hohen Druck zu er» zeugen, mit über 10 Atmosphären arbeiten mußten und doch nur eine Schlauchleitung speisen konnten. Daß unter diesen Umständen auch die Berliner Feuerivehr, die einzige, die überhaupt noch a r- bettete, nicht viel gegen das brennende Benzin ausrichten konnte, ist natürlich und erklärlich. Wie wird es nun aber erst, wenn dort die städtische Gasanstalt errichtet wird, für die in allernächster Nähe das Gelände von der Stadt vom Fiskus gekauft worden ist. » Auch gestern abend waren die Feuerwehren noch in voller Tätigkeit. Von den fünf explodierten Tanks brannte in den Llbcndstundcn nur noch einer unter Heller Flammcnentwickelung. Die anderen vier waren ziemlich erloschen. Immerhin ist die Ge- fahr noch nicht beseitigt. In der vierten Nachmittagsstunvc wurden gestern die erschöpften Mannschaften der Berliner Feuerlvehr durch neue Kolonnen abgelöst. Auch ein größerer Posten Schläuche stärksten Kalibers wurde noch von Berlin aus nach dem Brand- platze geschafft, wo die fünf Berliner Dampfspritzen unausgesetzt in Betrieb waren. In den späten Abendstunden erfolgten aber- malS Ablösungen der Feuerwehrmannschaften, die über Nacht die Löscharbeit ausführen.___ Partei- �ngelegenkeiten. Friedrichshogen. Heute abend 8>/z Uhr bei Lerche. Friedrich- straße 1l2: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn M. Jakobsen über:„Die Genossenschaft als Teil der Arbeiterbewegung". 2. Diskussion. 8. Vereins- angelegenheiten und Verschiedenes. berliner J�acbricbten. Die Kommerzienriitiu kann schlafe«. Jeden Morgen tritt der junge Gärtner auf die Terrasse der kommerzienrätlichen Villa, geht mit langen wiegenden Schritten durch den Garten bis zu der Stelle, wo inmitten der Rasenfläche gleichsam ein großer bräunlicher Pilz das runde Strohdach steht und stäubt behutsam mit einem feinen Besen den lockeren Schneestaub ab. Dann tritt er ins Haus und kehrt bald daraus mit einem Weißen Körbchen wieder. Er tritt unter das Strohdach, spitzt den Mund, pfeift, lockt— zirpt—; von überall aus den Büschen antworten ihm dünne schüchterne Stimmen— da nickt er befriedigt, senkt die Hand in den Korb und streut freigebig Mehlwürmer, Krumen und gelbe leuchtende Körner aus... Die Kommerzienrätin aber sitzt am Fenster, die Lorgnette vor den Augen, und ihr edles goldenes Herz ist voller Genug- tuung und Rührung.-- „Ach, Herr Doktor", sagte sie eines Tages zu dem Re- dakteur ihres Magenblattes,„ach, Herr Doktor",— und sie lächelte ihr huldvollstes Lächeln—„Sie werden einer alten, grauen Frau, wie mir, eine kleine Bitte gewiß nicht ab- schlagen..." „Aber, ich bitte Sie, gnädige Frau—■!" sagte der gute Redakteur ganz entsetzt, und man wußte nicht genau, ob sein Entsetzen der„alten grauen Frau" oder der„kleinen Bitte" galt. Er gedachte der delikaten Artischocken, die er bei der Kommerzienrätin gegessen, er gedachte der reizenden Hummer- pastetchen, der delikat getrüffelten Poularden— genug. genug, er verdrehte entsetzt die Augen und verneigte sich devot lächelnd. „Ach, Herr Doktor," sagte die Kommerzienrätin, denn sie liebte die kleinen Präludien und Umwege,„ein Redakteur— der Redakteur eines Weltblattes— und dazu noch' ein Mann wie Sie, von Ihrem Charakter— ach, denke ich oft, wie viel Gutes ließe sich da stiften..." Der„Redakteur des Weltblattes" verneigte sich abermals; er sah sich bereits im Geiste als Präses einer großen Stiftung; er gedachte der letzten Wohltätigkeitsbälle, auf denen er sich tadellos amüsiert hatte— er sah die Aussicht auf eine brillante Partie(nicht unter 500 000)— schöne Frauen— eine glänzende Position— ein behagliches, sorgloses Leben... „Ja," sagte die Kommerzicnrätm und riß ihn aus seinen Träumen,„also dann tun Sie mir doch den Gefallen: hören Sie genau zu— also im lokalen Teil, zwei- bis dreimal die Woche ein kleiner schwarzer Rahmen und darin— möglichst groß—: Gedenket der hungernden Vögel!" Sie zeichnete mit dem Zeigefinger den Rahmen in die Luft, nickte zweimal und sah ihn erwartungsvoll an. Der„Redakteur des Weltblattes" schwieg einen Augen- blick, dann nickte er gleichfalls und begann zu lachen. „War. das alles, gnädige Frau?" „Alles", sagte sie freundlich,„aber nicht wahr— nicht wahr, Herr Doktor, Sie tun cS?" „Aber selbstverständlich, aber natürlich.. „Sie sind ein guter Mensch," sagte die Kommerzienrätin.„Ja, das ist schön von Ihnen. Nun kann ich ruhig schlafen..." � Die Kommerzienrätin kann ruhig schlafen. Jeden Morgen tritt ihr junger Gärtner auf die Terrasse, geht mit wiegenden Schritten durch den Garten, stäubt den Schnee ab,— pfeift— zirpt— und streut goldene Körner aus. Von überall aus den Büschen antworten ihm die Stimmen... Dreimal die Woche sagt der„Redakteur des Weltblattes" gewissenhaft den schwarzen Rahmen an und darin— möglichst groß—: Gedenket der hungernden Vögel I O, er ist ein guter Mensch, er vergißt es nie... Die Kommerzienrätin kann schlafen. Draußen an ihrem Zaun, hinter dem kostbaren Schmiede- eisengitter, sterben die Menschen— vor Hunger, vor Kälte, vor Ausmatstmg—; drunten in der Stadt, an den Essen und Schloten, würgt sie der Gifthauch der Fabriken—; drunten in der Stadt verkaufen Tausende um einen Nickel Leib und Leben;.drunten in der Stadt— welch ein Bild—: in der Börse steht der Kommerzienrat— durch und durch Ehren- mann— und reißt mit einem Griff— mühelos— an sich, was Tausende, was Zehntausende erworben. Ein Griff, ein einziger, und Tausende straucheln, brechen zusammen, stürzen... Dreimal in der Woche aber sagt der Redakteur den Rahmen an; jeden Morgen schreitet der Gärtner über die Terrasse— pfeift, zirpt-- Aus den Büschen antworten, ihm die Stimmen... — Die Kommerzienrätin kann schlafen. Die Volkszählung, die in den nächsten Tagen vor sich geht, wird gerade für die Millionenstadt Berlin von besonderem Interesse sein, um das Wachstum der Residenz an Hand genauen Materials feststellen zu können. Ein eigenartiger Zufall will es, daß jetzt genau 325 Jahre verflossen sind, seitdem sich die ersten genaueren Zahlen für die Einwohnerzahl Berlins finden. Vor dem Jahre 1585 existierten nur Schätzungen, die wenig genau sind und die uns lediglich vermuten lassen, daß die Einwohnerzahl Berlins vor dem genannten Jahre weniger als 12 000— diese Zahl ist für 1585 ermittelt— gelvcsen ist. In den folgenden Jahrzehnten hat übrigens das Wachstum Berlins noch nicht regelrecht eingesetzt. Im Jahre 1602 hatte Berlin nur noch 8000 Einwohner und erst 1619 war die Zahl 12 000 wieder erreicht, die aber infolge der Verheerungen des dreißigjährigen Krieges 1631 wieder auf 8100 und 1661 sogar auf 6500 herunterging. Dann nimmt die Bevölkerungsziffer langsam zu. Vor 225 Jahren betrug sie bereits 17 400, im Jahre 1700 schon 28 500, neun Jahre später 55 000 und 17o0 war das erste Hunderttausend um 12 289 überschritten. Allerdings noch nicht dauernd, denn 1758 hatte Berlin wieder nur 92356 Ein- wohner, ersichtlich infolge der Schädigungen, die der sieben- jährige Krieg, der Ueberfall Berlins durch die Oesterreicher und der Niedergang von Handel und Gewerbe hervor- gerufen hatte. Auch ist in den Einwohnerziffern überall die Garnison enthalten, die während der Kriegsjahre natürlich eine erhebliche Verminderung er- fahren hatte. Bald nach dem Frieden hebt sich der Stand der Bevölkerungsziffer wieder. Im Jahre 1765 hatte Berlin 125 139, und 1785, also vor 125 Jahren, sogar 146 000 Einwohner, darunter über 500 in Berlin weilende Fremde. Interessant ist, daß in diesem Jahre in Berlin, abgesehen von Kälbern, Schweinen und Hammeln, täglich 50 Ochsen geschlachtet, 80 Wispel Roggen verbacken, monatlich ungefähr 1200 Wispel Weizen und Gerste zu Bier und 300 Wispel Roggen zu Branntwein verbraucht wurden. Die Stadt hatte im Jahre 1785 genau 6644 Häuser, 268 Straßen und Plätze, 36 Brücken und 15 Tore. Hundert Ackerbauer lebten damals noch in der Stadt, 258 Bäckermeister mit 334 Gesellen und 163 Lehrjungen, 148 Destillateure, 38 Kuchenbäcker, 234 Perrückenmacher mit 122 Gesellen und 241 Lehrjungen, aber merkwürdigerweise nur ein einziger Brillemnacher. In der Einwohnerzahl für 1785 ist die Garnison mit enthalten; mit Einschluß der Frauen, Kinder und Beurlaubten belief sich ihre Zahl auf 59 903. Im Jahre 1885 war bereits die erste Million um 316 382 überschritten. Es wird nun interessant sein, das Anwachsen der Einwohnerzahl in den letzten 25 Jahren kennen zu lernen. Das Zälstgeschäst wird von ehrenamtlich tätigen Personen aus- geübt. Der Magistrat ersucht die Bürger Berlins, diesen Ehren- beamten durch Entgegenkommen ihr Amt zu erleichtern und damit das Gelingen des für das Allgemeinwohl überaus bedeutsamen und unentbehrlichen Zählwerkes herbeizuführen. Für jede in der Haushaltung anwesende Person ist eine Zählkarte A, für jede Haushaltung sind das Haushaltungsverzeichnis U und das mit demselben verbundene, die Wohnung betreffende Frageformular vollständig und richtig bis zum 1. Dezember, mittags 12 Uhr, auszufüllen. Mit der Wiedereinsammlung der Zählbriefe beginnen die Herren Zähler um 12 Uhr mittags des 1. Dezember und vollen-' den sie bis zum Abend des 3. Dezember. Zum Reichstagskandidaten für de» zweite» Berliner Reichstagswahlkreis haben die Freisinnigen in einer General- Versammlung des Wahlvereins der Fortschrittlichen Volks- Partei des zweiten Kreises den Professor Dr. Hans Crüg er aufgestellt, nachdem Herr Bürgermeister R e i ck e infolge zu- nehmender Bernfsgeschäfte eine erneute Kandidatur abgelehnt hatte. In einem Vortrage, den Herr Crüger in der Versamm- lnng hielt, hat er versprochen, sein möglichstes zu tun, um den Wahlkreis für die Freisinnigen zurückzuerobern. Wenn das nur so leicht wäre! Berliner Sprechmaschinenhändler gegen den„Vorwärts". In unserer Nummer vom 16. November kennzeichneten wir die Absicht einiger Sprechmaschinenhändler, gegen die Ausdehnung der Sonntagsruhe Sturm zu laufen als reaktionär. Das gibt nun dor Fachzeitschrift„Die Sprechmaschine" Veranlassung, in einem Leitartikel die Sprechmaschinenhändler zu einem Rache- f e l d z u g g e g en den„Vorwärts" aufzurufen.„Gebt dem „Vorwärts" keine Inserate!" ist das Fazit der Ausführungen gc- nannter Zeitschrift, für die ein Herr Karl E. Diesing verant- wortlich zeichnet. Daß für die Redaktion des„Vorwärts" der Inseratenteil absolut gleichgültig ist, daß beim„Vorwärts" die Gewährung oder Entziehung von Inseraten gar keinen Einfluß auf den redaktionellen Teil hat, das ist so allgemein bekannt, daß die lächerliche Aufforderung des Herrn Diesing nur zeigt, wes Gcistestind er selber ist. Von den sachlichen Ausführungen gegen unsere Notiz ist zu sagen, daß sie durchweg der Fassungsgabe und Erfahrungskenntnis eines Quartaners entsprechen. Die„Sprech- Maschine" behauptet, Sonntags nachmittags müssen die Sprech- Maschinenhändler aufhaben, da die Arbeiter gleich nach Fabrik- schlutz nicht kaufen können, weil sie erst nach Hause gehen und sich umziehen müssen, und dann ist es zum Einkauf zu spät. Man sagt vom Journalisten im allgemeinen, daß er nicht so weltfremd wie die Richter sei. Aber der Journalist Diesing hat keine Ahnung vom Berliner Arbeiterleben. Glücklicherweise sind wir in Berlin soweit, daß unsere Arbeiter die Fabriken zumeist gewaschen und umgezogen, also in einer Kleidung verlassen, in der sie in jedem Laden einkaufen können. Die gleichen Einwände sind früher gegen die Sonntagsruhe, dann gegen den Neunuhrladenschluß und zuletzt noch gegen den Achtuhrladenschluß erhoben worden. Alle aber sind ad absurdum geführt worden. Ein Konsumrückgang wird nicht eintreten; wer eine Sprechinaschinc zu kaufen beabsichtigt, wird auch die Zeit dazu finden. Wir meinen, daß die sozialpolitisch notwendige Verkürzung der Sonntags-Verkausszeit in den Gc- fchäften Groß-Berlins eine Maßregel ist, die letzten Endes allen Beteiligten zum Segen gereichen wird, und wir hoffen, daß die Sprechmaschinenhändler sich von der reaktionären Zeitschrift „Sprechmaschine" nicht zum Petitionssturm gegen die Erweiterung der Sonntagsruhe mißbrauchen lassen werden. Erhöhung der Schlachtgebührcn. Das Kuratorium für den Vieh- und Schlachthof hat in seiner gestrigen Sitzung die Etats für den Viehhof, den Schlachthos und die Fleischbeschau beraten. Hinsichtlich des Viehhofs lvnrde beschlossen, in Zukunft die Standgelder nicht mehr durch Verträge mit den Kommissionären, sondern alljährlich durch den Etat festzustellen. Da nach dem neuen Reichsgesctz über die Preisfestsetzungen für Schlachtviehmärkte die Wiegungen bei einem großen Teile des Viehes obligatorisch sind, so sollen im kommenden Etalsjahre die Stand- gelder so bemessen werden, daß sie dem Betrage des bis- hcrigen Standgeldes plus der Wiegegebühr, die forlfällt, gleich- kommen. Die Mieten für die Koiitore der Kommissionäre bleiben unverändert. Für den Schlachthof ergab sich, daß bei Anfrechterhaltnng der bisherigen Gebühren im kommenden Jahre eine Unierbilanz von etwa 109 000 M. entstehen würde. DaS Kuratorium sieht sich daher genötigt, eine Erhöhung der Schlacht- gebühren für Rinder um 15 Pß, für Schase eine solche von 10 Pf. und für Schweine von 6 Ps. in Vorschlag zu bringen. Da- gegen soll die bisher erhobene besondere Schlachtkammcrmiete vom 1. April nächsten Jahres ab gänzlich in Fort- fall kommen. Bei dieser Etatsgebarung wird irgend ein Ueberschuß für die Stadtkasse aus dem Schlachthof nicht gewonnen, während das Koinmiinalabgabcngesetz der Stadt die Möglich- keil böte, etwa Ve Million Mark Ueberschuß ans dem Schlawlhof zu erzielen. In welcher Weise die in Berlin erhobenen Gebühren hinter denjenigen änderer deutschen Städte zurückbleiben,»rag folgende Zusammenstellung erweisen. Es betragen im laufenden Jahre Schlacht- und Bcschangebiihren für ein Rind in Berlin: 3,40 M., in Dresden: 7,90 M.; für ein Schwein in Berlin: 2,45 M., in Dresden: 5,55 M.; für ein Kalb in Berlin: 0,95 M., in Dresden: 1,70 Vi.; für ein Schaf in Berlin: 0,40 M., in Dresden: 1,40 M. Der Wirkung des Giftes erlegen ist die 30 Jahre alte Dienst- magd Martha Rcinhold, die am vergangenen Sonnabend loggen Stellungslosigkeit in ihrer Wohnung Marienburger Straße Lysol trank und noch lebend nach dem Krankenhanse gebracht wurde. Ein kostspieliges Liebesabenteuer hatte ein Herr von G. a»S Hannover in Berlin zu bestehen. Er hatte sich vorübergehend hier aufgehalten und diese Gelegenheit dazu benützt, um einmal die „Berliner Mädels" kenne» zu lernen. Er sollte aber an eine schlechte Adresse geraten. Unter den Linden inachte er die Bekanntschaft einer Halbweltdame und suchte mit dieser ntehrcre Weinlokale auf. Im Chambresepars Verstandes dann die holde Leglcite.rin, Herrn von G. einzuschläfern und alS er später wieder erwachte, war er allein im Zimmer, Die Dame war verschwunden und mit ihr die Geldbörse des von G„ die mehrere hundert Mark enthalten hatte, sowie eine wertvolle Kavalierkette und ein kostbares Medaillon aus Gold, Nicht einmal das Reisegeld zur Heimfahrt hatte ihm die dreiste Räuberin gelassen. Ermittelt sind die Einbrecher, die dieser Tage in dem Waren- haus Wertheim in der Oranienstraste einen Uhrendiebstahl aus- führten und dann über die Dächer gingen. Es sind zwei ehemalige Zuchthäusler Straub und Ernst Schulz. Als Hehler wurde ein Produktenhändler in Haft genommen. Ein schwerer Straßcnbahimufall ereignete sich gestern in der Seestraste. Dort versuchte vor dem Hause Nr. 60 der mit anderen Kindern auf dem Fahrdamm spielende 4 jährige Sohn Max des in der Lüderitzstraste wohnenden Schlossers Denicke unmittelbar vor einem herannahenden Strastenbahnwagen der Linie 29 über die Gleise zu laufen. Der Kleine wurde jedoch von dem Bahnwagen erfastt, umgestoßen und geriet mit beiden Beinen unter den seitlichen Schutzrahmen. Dem bedauernswerten Knaben wurde der linke Unterschenkel vollständig abgequetscht. In besinnungslosem Zustande wurde der Verunglückte in das nahe Rudolf Virchow-Krankenhaus eingeliefert. In der neueröffneten Poliklinik Flensburger Straße 1, Ecke Brückenallee, gegenüber dem Bahnhos Bellevue, finden die unent- geltlichen Sprechstunden für Ohren-, Nasen- und Halskrankc Wochen- täglich von 1—3 Uhr statt. Im Arbcitcr-Sängerbund(Gau Berlin) wurde in der letzten AuSschustsitzuna aufgenommen der„Berliner Bolkschor" und der Gesangverein f.Eintracht". die Aufnahme zweier anderer Vereine wurde abgelehnt. Der Vorstand beabsichtigt, seine Bemühungen zur Verschmelzung kleinerer Vereine zu größeren leistungsfähigen Chören fortzusetzen und wird in Kürze mit Vorständen solcher kleineren Vereine eine Sitzung abhalten, um diese Vereine einer Verschmelzung geneigt zu machen. Anträge zur Generalversammlung am 22. Januar müssen bis zum 31. Dezember in den Händen des Vor- sitzenden Paul Kupfer, Landsberger Allee 58, sein. Für den Kunst- abend des Vereins für Frauen und Mädchen am 11. Dezember sind BillettS beim Kassierer Scikrit, Rixdorf, Hobrechtstr. 8, zu habe». Ardeiter-Samaritcr-Kolonne. Heute abend 9 Uhr: 5. Abteilung in Rixdorf, Erkstr. 3. Morgen Donnerstag: 3. Abteilung in Schöne- bera, Vorbergstr. 9, und 4. Abteilung in Lichtenberg. Scharnweber- straße 60. In allen Abteilungen: Vortrag und praktische Uebungen. Vorort- Nacbricbten. Ans de» Berichten der Charlottenburger Schulärzte. Nachdem im Jahre 1899 an fünf Charlottenburger Gemeinde» schule» versuchsweise fünf Schulärzte angestellt waren, wurden im folgenden Jahre für die damals vorhandenen 22 Gemeindeschulcn 11 Schulärzte, also für je 2 Gemeindeschulen ein Schularzt, fest angestellt und eine Dienstanweisung für ihre Tätigkeit erlassen, wonach sie jedes Jahr Ende Februar einen Bericht über ihre Tätig- kcit im abgelaufenen Jahre einzureichen haben. In den seitdem verflossenen 10 Jahren hat sich entsprechend der Vermehrung der Gemeindeschulen auf 30 die Zahl der an ihnen angestellten Schul- ärzte auf 15 vermehrt, zu denen noch ein Schularzt für die drec Hilfsschulen, einer für die Bürgermädchenschule und einer für die höheren Knabenschulen gekommen sind. Aber von den Jahres- berichten über ihre Tätigkeit ist nie etwas in die jährlichen Ver- waltungsberichte noch in andere Veröffentlichungen des Magistrats gelangt, obwohl verschiedene von ihnen recht beachtenswerte Fest- stellungen, Vorschläge und Anträge enthalten. Sie schlummern ungestört in den Archiven der Schulverwaltung. Aus den Berichten für das Jahr 1900 wollen wir hier einiges mitteilen. Die neu eingeschulten Kinder werden bei ihrer Auf- nähme einer ersten Besichtigung vom Schularzte unterzogen, wo- bei er sie in vier Gesundheitsklassen einteilt. Unter den 1909 neu eingeschulten oder umgeschulten 3946 Kindern konnten nur 6,2 Proz. in die erste Gesundheitsklasse, 34,2 Proz. in die zweite, aber 51,9 Proz. in die dritte und 7,7 Proz. in die vierte Gesundheits- klasse gerechnet werden. Also' nur ein sehr kleiner Teil der einge- schulten Kinder sind wirklich gesund, 93,8 Proz. von ihnen haben eine mehr oder weniger kränkliche Konstitution. Das Perhältnis ist in den einzelnen Stadtteilen etwas verschieden. In einigen Gemeindeschulen, so in der 13., 14., 15. und 16., fand sich unter den neu eingeschulten und umgeschulten Kindern kein einziges für d.ie erste Gesundheitsklaffe. Meist zeigen sich Konstitutionsanomalien: Blutarmut, englische Krankheit und Rachitis; besonders die Kinder der ärmeren Stadtteile zeigen die Symptome derselben. Im Durchschnitt erwiesen sich als anämisch 29,7 Proz., als skrofulös 28,5 Proz. und als rachitisch 15,1 Proz. Aber nicht nur den neu eingeschulten Kindern müssen viele Schulärzte ein so ungünstiges Gesundheitszeugnis ausstellen; auch von den älteren Kindern be- findet sich die Mehrzahl in keinem besseren Gesundheitszustande. Die Zähne zeigen sich bei fast allen Kindern schon bei ihrem Schul- eintritt schlecht, und es ist sehr zweckmäßig, daß sie gleich bei ihrem Eintritt in die Fürsorge des Schularztes kommen. Und was ist die Ursache dieses elenden Zustandes vieler Kinder? Ach, die Aerzte wissen es wohl: schlechte Ernährung, Mangel an Luft, Licht, schlechte, unsaubere Wohnung und Verpflegung. Hier machen sich die schlimmsten Folgen unserer Wirtschaftspolitik fühlbar, die zum Vorteil kleiner bevorzugter Volksklassen die not- wendigsten Lebensbedürfnisse der großen Menge in unerhörter Weise verteuert! Schon seit einigen Jahren hat die städtische Verwaltung diesen Zuständen gegenüber die Verpflichtung anerkannt, hiergegen Maß- regeln zu ergreifen, wenn die Kinder überhaupt imstande sein sollen, den Schulunterricht in sich aufzunehmen. Sie hat Ferien» kolonien, Waldschulen und Walderholungsheime eingerichtet, in die man die Kinder im Sommer zur Kräftigung und Erholung schickt, Einrichtungen, mit denen Charlottenburg vielfach anderen Städten voraus ist. Man hat zu diesem Zweck auch Schulspeisungen eingerichtet, wo die Kinder der Aermsten, die des Morgens kein warmes Frühstück und mittags kein warmes Mittagessen zu Hause bekommen können, weil beide Eltern auf Arbeit gehen müssen oder weil sie vollständig verarmt find, in der Schule Frühstück und Mittagessen bekommen. Im Jahre 1909 hat man den 600 bedürf- tigsten Kindern warmes Frühstück(warme Milch mit Semmeln) und Mittagessen gegeben. Das hat einen sinnfällig guten Erfolg in bezug auf den Kräftezustand dieser Kinder zur Folge gehabt. Aber allein unter den Ncueingeschulten und Umgeschulten waren 1204 anämische, 1161 skrofulöse und 615 rachitische im Jahre 1909. Es war also nur ein kleiner Teil der Bedürftigen, denen diese Wohltat zuteil wurde, und die Berichte der Schulärzte über das letzte Jahr ergeben, daß eine weit größere Zahl der Kinder dieser Schulspeisung dringend bedürftig sind. Die Gesundheitsdeputation entschloß sich aber nur in ihrem Voranschlage, im Jahre 1911/12 die Zahl der zu speisenden Kinder auf 700 zu erhöhen und löhnte den Antrag eines sozialdemokratischen Mitgliedes, diese Zahl wenigstens auf 800 Kinder zu erhöhen, der Kosten wegen ab. Und doch kosten die Schüler der Gcmcindeschulen, auch wenn sie Frühstück und Mittagessen bekommen, der Gemeinde noch nicht die Hälfte dessen, was die Schüler mancher höheren städtischen Schulen der Stadt kosten. Die Kosten für Speisung der Schüler betragen nach dem Etat pro Jahr und Schüler: für Frühstück........... 40,32 M. sür Mittagessen........... 51,87„ 92,19 M. Außerdem kostet jeder Gemeindeschüler nach dem Verwallungsbericht pro 1909 im Jahr 137,76 M. zusammen 229,95 M. Aber jeder der 337 Schüler des Realgymnasiums(Herderschule), das hauptsächlich von Söhnen wohlhabender Eltern besucht wird, kostet nach demselben Berwaltungsberichte der Stadt jährlich 4 6 6,30 M., also mehr als das Doppelte der Gemeinde- schulkinder, auch wenn diese Frühstück und Mittagessen bekommen. Und den Zuschuß für die Schüler dieser Schulen müssen die Eltern der Gemeindeschüler mit ihren Steuern auch mit aufbringen. Allerdings kann man einwenden, der städtische Zuschuß für die Schüler der Herderschule ist ausnahmsweise hoch. Aber auch wenn man den Durchschnitt der Zuschüsse für die Schüler aller höheren Lehranstalten, der Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen zusammenrechnet, so berrägt dieser städtische Zuschuß für die Schüler aller dieser Lehranstalten im Durchschnitt noch 2 6 2,18 M., ein Betrag, der noch reichen würde, wenn man jedem Gemeinde- schüler außer Frühstück und Mittagessen auch freie Lern- mittel lieferte. Auch die Versendung kränklicher Kinder in Ferien- kolonien, Waldschulen und Walderholungsstätten, wo sie bei guter Ernährung frische Luft und Licht in Land-, Wald- aufenthalt oder an der See genießen, hat nach den Berichten der Schulärzte oft schon in einigen Wochen ausgezeichnete Erfolge. Sie erweisen sich als die besten Heilmittel für anämische, skrofulöse und rachitische Kinder. Aber es ist auch hier leider nur ein kleiner Teil von den Bedürftigen, der dieser Land- und Waldpflege teil- haftig werden kann. Der Schularzt der 29. Gemeindeschule schreibt in seinem Bericht:„Für 100 Kinder ist Waldschule und Ferienkolonie notwendig und nur 21 sind hinge- schickt worden." Aehnlich klagen die Schulärzte der 3., 4., 27. und 28. Gemeindeschule, daß nur ein kleiner Teil der des Land- aufenthaltes dringend Bedürftigen dahin kommen kann. Ueber den ungeeigneten Zustand vieler Schulbänke wird immer noch von mehreren Schulärzten geklagt, weil bei Anschaffung derselben nicht genügend Rücksicht auf die verschiedene Größe der Kinder ge- nommen wird. Der Schularzt der 15. und 16. Gemeindeschule teilt mit, daß es zwei Jahre dauerte, ehe die sür dringend nötig be- fundenen und bewilligten Verbesserungen der Schulbände aus- geführt wurden. Aehnliche Klagen erheben die Schulärzte der 11., 12., 13. und 14. Gemeindeschule. Die Verhütung dieser Mißstände mit den Schulbänken resp. ihre baldige Beseitigung ist aber um so notwendiger, als Rückgratverkrümmungen, wenn die notwendige Bankänderung nicht bald geschieht, überhaupt kaum noch beseitigt werden können. Auch unter den Ncuaufgenommcnen war der Prozentsatz an Wirbelsäulenverkrümmungen schon ziemlich groß; ebenso der an Nasenwucherungen, Sprachstörungen und Augenleiden und Mittelohreiterungen. Die Abortanlagen in der II. und 12. Gemeindcschule fand auch der Kreisarzt direkt gesundheitsschädlich. Ueber fehlerhafte Ein- richtungen der Brausebäder klagen die Schulärzte der 11., 12., 19. und 20. Gemeindeschule. Die abgelegten Kleider werden während des Badens durch Dampf und Wasserspritzer sehr durchnäßt, müssen dann so naß wieder angezogen werden, wodurch leicht Erkältungen entstehen: die Luft in den Bädern sei so drückend, daß sie nicht den einfachsten hygienischen Maßregeln entspricht. Die seit zwei Jahren zur Unterstützung der Schulärzte angestellten Schul- schwestern veranlassen durch ihre Rücksprache mit den Eltern der von irgendeinem Leiden betroffenen Kinder zu einer ärztlichen Behandlung der letzteren, aber leider haben sie nicht immer Erfolg, denn auch diese Berichte, z. B. für die 13. und 14. Gemeindedoppel- schule, müssen konstatieren, daß das Eingreifen der Schulschwestern wohl in 159 Fällen Erfolg hatte, in 27 Fällen aber nicht. Manche Eltern— durchaus nicht nur unbemittelte— sind eben so indolent und gleichgültig und sehen nicht ein, daß sie dadurch ihren Kindern einen vielleicht nie wieder gut zu machenden Schaden zufügen. Die Armenverwaltung greift nur bei Armen ein, und der Schularzt darf nicht behandeln. Denn die aufgeklärte Verwaltung der Stadt Charlottenburg hält auch noch an dem von den betriebsamen Aerzte- vereinen aufgestellten Satze fest:„Die Behandlung kranker Schul- kinder ist nicht Sache des Schularztes", obgleich mit der fort- schreitenden EntWickelung des Schularztwesens sich die Mängel und Schattenseiten dieses Verfahrens und die mangelhafte Versorgung erkrankter Kinder immer deutlicher zeigen. Aber der Schularzt darf einmal die Kinder nur untersuchen, nicht behandeln, damit die Aerzteschaft keinen Schaden erleide. So zeigt uns ein Rückblick auf die schulärztliche Tätigkeit an den Charlottenburger Gemeindeschulkindern mehrfach den guten Willen der Behörden, den wirtschaftlichen Notständen, unter denen ein großer Teil derselben leidet, zu beseitigen oder zu mildern. Aber es geschieht vielfach in ganz unzureichender Weise, da man wohl ein größeres Bedürfnis anerkennt, aber vor der Aufwendung der nötigen Mittel zurückschreckt,„weil dann das Verantwortlich- keitögefühl der Eltern abgeschwächt würde", Charlottenburg. Ein großes Schadenfeuer kam vorgestern in der Bahreuther Straße 39 zum Ausbruch. Dort stand nachts im Erdgeschoß eine Tapeziererwertstatt in großer Ausdebnung in Flammen. Durch ein überhitztes Ofenrohr waren Polstermaterialien in Brand geraten. Bei Ankunft der Feuerwehr war das Treppenhaus schon total ver- qualmt und nicht mehr zu passieren. Die auf höchste beunruhigten Bewohner wurden zunächst durch die Feuerwehrmänner beschwichtigt. Mit zwei Rohren mußte dann unausgesetzt längere Zeit kräftig ge- löscht werden. Erst nach mehrstündiger Tätigkelt konnte die Feuer- wehr wieder abrücken.— Am Dienstag früh um 6'/2 Uhr entstand ein gefährlicher Küchenbrand in der zweiten Etage des Hauses AugSburger Straße 35. Als die Ostfeuerwache au« der Rankestratze dort ankam, war das Treppenhaus schon voller Rauch und die Tür der Küche durchgebrannt. Die Küche war beinahe ausgebrannt. Elternvcrein für freie Erziehung. Mittwoch, den 14. Dezember, nachmittags 4 Uhr, im Volkshause, Rosinenstraße 3(großer Saal): Große Märchen aufführung: Der Waldkinder Weih- n a ch t s t a g. Märchenspiel mit Gesang, Tanz und Reigen. AuS- geführt von zirka 40 Kindern der Mitglieder.. Eintritt für Er- wachsene 30 Pf., für Kinder 10 Pf. Billetts sind bei Grätz, Spree- straße 56. und bei Hintze, Kaiser-Friedrich-Straße 72, zu haben. Gleichzeitig sei darauf hingewiesen, daß die beiden Spielnachmittage im Dezember ausfallen. Der nächste Spielnachmittag findet am zweiten Mittwoch im Januar statt. Der Vorstand. Rixdorf. Auf der Eisenbahnfahrt vom Tode überrascht wurde vorgestern die 26 Jahre alte Haushälterin Elfriede Maschner, die einem Bank- beamten in der Neißestraße die Wirtschaft führte. Das Mädchen war mit ihrem Dienstherrn in Nieder-Schöucweide gewesen. Auf der Rückfahrt erkrankte es in dem Abteil III. Klasse, in dem beide fuhren, verlor das Bewußtsein und starb kurz vor der Ankunft des Zuges auf dem nächsten Bahnhof. Ein Ai�t konnte hier nur noch den Tod feststellen, der nach, seinem Gutachten wahrscheinlich auf einen Herzschlag zurückzuführen ist. Als Leiche wiedergefunden wurde die 19 Jahre akte Näherin Frida Lchfeldt aus der Sanderstr. 9, die seit dem 3. d. M. ver- schwunden war. Gestern wurde die Vermißte im Tiergarten als Leiche aus dem Landwehrkanal gelandet. Wilmersdorf. Ei» schwerer Straßenbahnunfall ereignete fich vorgestern nach» mittag vor dem Hauie Brandenburgische Straße 60. Dort wollte der Kaufmann Konrad Janzen de» Vorderperron des Anhänge- Wagens 101 der Linie 5 während der Fahrt besteigen, stolperle über die Einfriedigung der Anlagen und geriet unler den Vorderperron des Anbängewagens vor den Schutzrahmen. Der Verunglückte erlitt Hautabschürfungen im Gesicht und Bruch der Wirbelsäule. In besinnungslosem Zustande wurde I. nach dem Krankenhaus Westend gebracht. Steglitz-Friedenau. Um der hiesigen Arbeiterschaft Gelegenheit zum Einkauf billiger und guter Bücher für den Weihnachtsbedarf zu geben, veranstaltet der Jugend- und Bildungsausschuß eine Bücher« und Wand- schinuck-Ausstellung am Sonntag, den 11. Dezember, von 4— 9 Uhr, am 12,, 13. und 14. Dezember, von 6— 9 Uhr abends, in den freien Geschäftsräumen unseres Gemeindevertreters F. Ham- bürg, Schloßstraße, Ecke Flensburger Straße. Wir ersuchen die Wahlvereins- und Gewerkschaftsmitglieder um Zuspruch. Für eventuelle Einkäufe bitten wir solange zurückzustellen. Die Bücher und Bilder werden ins Haus geliefert. Mariendorf-Siidende. Den ersten diesjährigen Elternabend veranstaltet unsere Schul- bchörde am Sonnabend, den 3. Dezember, in dem der Arbeiterschaft zur Abhaltung von Versammlungen nicht zur Verfügung stehenden „Graßlschen Gesellschaftshaus'. Die Schulleitung scheint aus den Erfahrungen des vorigen Jahres keine Nutzanwendung gezogen zu haben, denn sonst müßte sie wissen, daß es auch diesmal eine große Anzahl Eltern ablehnen müssen, mit ihren Kindern nach diesem Lokal zu gehen. Damit wird natürlich der Zweck, der bei Arran- gierung eines Elternabends angestrebt wird, nämlich, ein engeres Band zwischen Schule und Haus zu ziehen, nicht erreicht. So lange die Schulleitung für die Abhaltung von Elternabenden ein Lokal benutzt, dessen Inhaber mit der aufgeklärten Arbeiterschaft in offener Fehde liegt, muß eS die letztere ablehnen, mit ihren Kindern an dem Abend teilzunehmen. Wie im Vorjahre, hat daher der hiesige Wohlverein zum 27. Dezember(dritter Feiertag) in dem Lokal von Preuß einen Unterhaltlingsabend arrangiert, an dem sich die Arbeiterschaft mit ihren Kindern beteiligen kann. Für Unterhaltung wird hinreichend gesorgt. Köpenick. Bei der gestrigen Stadtverordneten-Stichwahl in der zweiten Abteilung unterlagen unsere Genossen den Kandidaten der ver- einigten bürgerlichen Parteien. Der bürgerliche Rohrbeck erhielt 379, der bürgerliche Rogge 377 Stimmen, während für unsere Genossen Lietsche 281 und für Nickel 273 Stimmen abgegeben wurden. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. Mit dem Bcrwaltungsstreitvcrfahren des Berliner Magistrats- sekreiärs Tammer betreffend die Ungültigkeitserklärung der Wahl unseres Genoffen Schmidt und die Beschlußfassung über die Ein- legung der Berufung gegen das Urteil des KreisauSschusses be- schäftigte sich die Sitzung der Gemeindevertretung. Wie bekannt, siegte Genosse Schmidt im März dieses Jahres über den Kandidaten des Grundbesitzervereins, den früheren Parteigenossen Ulbrich, mit 19 Stimmen Mehrheit. Diese Wahl wurde von dem Vorsitzenden des Hausbesitzervereins Herrn Taminer im Wege des Verwalttings- streitverfahrens angefochten. Der Kreisausschuß gab der Klage statt und kam zu dem Urteil, die Wahl für ungültig zu erklären, weil bei richtiger Stimmenzählung sich eine Stichwahl erübrigt hätte und Genosse Schmidt im ersten Wahlgang als gewählt hätte proklamiert werden müssen. Nachdem der Gemeindevorsteher da? Urteil verlesen hatte, beleuchtete als erster Redner Genosse Oertel die Praktiken deS Herrn Tammer vor dem Kreisausschuß. Es wurde beschloffen, gegen daS Urteil keine Berufung einzulegen. Ein Antrag des Genossen Oertel, auf die Hauptwohl zurückzugreifen, und den Genossen Schmidt als in der Hauptwahl gewählt zu er- klären, wurde abgelehnt; außer unseren Genossen trat nur ein Bürgerlicher sür den Antrag ein. Die Kosten des Verfahrens wurden zum größten Teil Herrn Tammer auferlegt. Es hat»un in kürzester Zeil eine Neuwahl stattzufinden, weshalb jetzt schon die Parteigenossen rege agitieren müssen, damit am Wahltage unser Kandidat mit noch größerer Majorität gewählt wird. Ein Antrag, die Straßenreinigung sowie die Müll- und Fäkalienabfuhr in Ge- meinderegie zu übernehmen, rief wieder im Jntereffe der Haus- besitzer Herrn Tammer auf den Plan. Doch mußte fich letzterer darüber belehren lassen, daß Mahlsdorf nicht nur aus Hausbesitzern besteht. Die Sache wurde schließlich einer Kommission überwiesen. Ein Vertragsentwurf mit der Stadtgemeinde Lichtenberg wegen Ver- sorgung des Gcmeindebezirks mit Eleltrizttät wurde nach den Be« fchlüssen der Kommission genehmigt. Strausberg. Ei« wohlhabender Kostgänger des ArmenetatS? Reger Teilnahme an seiner„elenden Lage' erfteut fich der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher und Kaffenrendant F r e i t h o f f. F. war bisher eine hiesige Größe und als solche auch auf die Sozialdemokratie nicht gut zu sprechen. Lange Jahre hat er das Amt eines Stadtverordnetenvorstehers inne gehabt: zugleich war er Kaffenrendant der hiesigen Vorschußkasse. Kürzlich hat eine Bau» firma Bankrott gemacht, mit de� auch Freithoff in enger Geschäftsverbindung gestanden hat und dadurch in gerichtliche Pro- zesse verwickelt worden sein soll. Wie aus einem in der Nummer vom 24. November in den „Strausberger Nachrichten" enthaltenen ironischen Bettelaufruf ersichtlich ist. hat F. vom hiesigen Magistrat ein Armenattest aus- gestellt erhalten, wahrscheinlich um seine Klagesachen auf Kosten der Stadt führen zu können. Der Aufruf ist so interessant, daß wir ihn hier zum Abdruck bringen wollen: Aufruf! Gebet den Armen! Das liebe Weihnachtsfest naht jetzt wieder, und da gibt jeder rechtschaffene Mensch gerne etwas sür die Armen. Da nun unser frühere Stadtverordnetenvorsteher und Kaffenrendant Freithoff so arm ist, daß ihm, trotzdem 400 000 Marl der schweren Gelder auf sein Grundstück eingetragen sind, der hiesige Magistrat ein Armen« attest ausgestellt hat, so richten wir an alle gulgesinnten Bürger, Spareinlcger und Mitglieder der Spar« und Darlehnskaffe die Bitte, ihr Scherflein beitragen zu wollen, damit dem armen Manne Freithoff, der sich für andere arm gebettelt hat— so arm, daß er auf Armenrecht sich verteidigen laffen will, eine mildtätige Gabe überreicht werden kann. ES zeichnen je 10 Pf.: Das Komitee. B. K., I., O. T. — Summa 30 Pf.— Weitere Beiträge nimmt die Geschäftsstelle der»Strausberger Nachrichten" entgegen. Eine große Anzahl Leser werden sich über die Bereitwilligkeit deS Magistrats wundern. So manchem armen Teufel kostet es un» endliche Mühe, ein paar Mark Armengeld zu erhalten, um seinen und feiner Familie unverschuldeten Hunger zu stillen. Hier wird so- gar einem Manne, der noch über ansehnliche Summen zu verfügen scheint, die kostenlose Führung von Prozessen gewährleistet. Es wäre uns höchst interessant, näheres vom Magistrat über die Gründe seiner Bereitwilligkett zu erfahren. cute Säfte Tozialdemofratischer Lese» und TiskutierNub»Heine«. Mittwoch, abends 8'/, Uhr: Sitzung bei Grünberg, Rodenbergstr. 8. willkommen. Lese- und Tiskutierklub»Süd-Ost«. Heute Mittwoch, abends 8'/, Uhr: bei Neidhardt. Görlitzer Straße 58: Milgliederverlammlung. Vortrag üdcc:»Die Mehrwerttheorie". Gäste willlonunen. VriekKasten cler Keclaktion. K. Muro. Wenden Sie sich an R. Oeblschläger, Hochstädter Str. tv. —- I. B. d. H. 1. und 2. Nein. 3. Das wird behauptet. 4. Befragen Sie einen Buchbinder.— H. R 105- Ursprünglich„necken",„zum Narren halten", jetzt auch Zerstörung von Gegenständen, die dem össent- lichen Verkehr dienen.— P. 3. 62. Das Gesetz legt sür Lehrlinge derartiger Betriebe keine bestimmte Arbeitszeit sest. Doch sind.dauernd über- mätzige Arbeitszeiten, welche den Krästcn des Lehrlings unangemessen sind, mit den gesetzlichen Pflichten des Lehrherrn nicht verträglich" und lönnen einen Grund zur Lösung des Lehrvertrages und zur Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen geben. In dem vorliegenden Falle dürste eine übermäßige Arbeitszeit anzunehmen sein, wenn nicht längere Pausen inner- halb der genannten Zeit gewährt werden. Ob die Vertragsstrafe sür beide Teile gilt, ist nur aus dem Lehrvertrag ersichtlich.—- A. H. 32. 1. Er- scheinen wohl, er kann aber seine Aussage verweigern. 2. und 3. Anfrage an die in Betiacht kommenden Einwohnermeldeämter.— M. N. 50. Nur dann, wenn vereinbart.— H. M. 32. Für Angehörige der rechts- rheinischen Gebietsteile Bayerns besteht eine dahingehende gesetzliche Vorschrist.— Pa. ltl. Das ist nicht nur die Regel. Alle Einzelsälle anzusühren, geht — Härtung A. G. 84,. lieber die persönlichen genossen geben wir keine Auskunst. Uebrigens Betrefsenden Reservcosjiziere waren oder sind.— hängt von vertraglichen Vereinbarungen ab. Die beiden Brüder können sich an das Vormundschastsgcricht wenden.— W. S., Ripdorf. 1. Ja. 2.'/s- 3-'/<■ 4. Fragen sie beim Bergarbeiterverband an.— Alter Zlbonuent F. M. Wetten entscheiden wir nicht.— C. 100. Handbeil, im Gebiete des rheinischen Rechts Fallbell.—760 Still München 1763® Wien! 762 SSO Setter 3 wolkig 5 halb bd. 1 bedeckt Regen 1 wolkig 2 Nebel WK ei #"• S? Mi «tattonen £= Bf S 5aparanda 771 SO Petersburg 776 SSO Scillh Werdeen Parts 758 NNO 754 WNW 758 O > Setter -?? c-» II tri Mi I 2 bedeckt 3 bedeckt 3wollig 4 wolkig 1 bedeckt —5 — 0 7 ö 6 Wetterprognose für Mittwoch, den 30. November 1910. Zunächst etwas kühler, zeitweise ausklarend bei mäßigen südlichen Winden: später wieder zunehmende Erwärmung, Bewölkung und leichte Regensälle. Berliner Wetterbureau. imlicht Sunticht Seife UtäschewoKC! Sunllcht Seife wimdepvott 1 S unlicht Seife wirkt brillant! Sunllcht Seife weltbekannt! Verein ilrbeiter-3ugendheim. Mittwoch, den 30. November, abends 8�2 Uhr: MitgliederaVersammluiis: in„Kellers Festsälen", Koppenstraße 29. Vortrag des Genossen Adolf Hoffmann über: „Der«fugend gehört die Zukunft66, ===== SHtgllcdsbuch legitimiert.=== _ Recht zahlreicher Besuch wird erwartet. 293/12»»er Verstand._ Fl. 1.B0 o. 8.00 Kraft-Rotwein Käuflich in Apotheken'.Drogen- U Kolonial-Geschaften. Verleih-Inntltnt: Friedrichst.liS/l.tt.Orabg. 'Tor. Eleg. Frack, Gehrock 1,50, Hose 1,00, Weste 50Pl. Nerlstilli! dir Mlilcr.Lliiliicrcr.Allstrtichtt-c. Melchtorstr. 28, pari. »'Hinte«erlin. Tel.: Amt IV. 4787 Donnerstag, den 1. Dezember, abends S'/e Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 15: MtioDiniii!! der Mit Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen Max Schütte über: Karl Marx. 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. 127/11 Zahlreiches Erscheinen erwartet Die Scktlonsleitung. in (E. H. Nr. 2 Hamburg). Oertliche Verwaltung Berti». VW Freitag, den 2. Dezember, abends 8lla Uhr, m im Gewerkschaftshause, Engelufer 15(Saal 5): Mitglieder- Versammlung. Tagesordnung: 1, Abrechnung vom 3. Quartal. 2. Kasfenangelegenhelten. 253/12» Der Vorstand. I. A.: iiiohanl Schräder, Berlin 0., Tilsiter Str. 7. v. IV. IVO PUHONHY' Ein interessantes Wachstum! rrmr T m ttTT, ZentralverbandderHausangestellten Heute M i t t w o ch, den 30. November, abends 8 Uhr, im»Englischen Garten-, Alexanderftr. 27c: Große Versammlung. DW Alle Auswärterinnen. Wasch- und Reiumachesrauen aus Bauten oder mit Bureauretnigung beschäftigten Frauen sind hierzu eingeladen l Frau Agnes Fahrenwald spricht über das Thema:„Was nützt uns die Organisation?" Danach: Freie Aussprache. 293/16 190)-- 5- 6• 7- 8>1909 vieles Bild zeigt- in genaucnMaßen- die enorme Umfa�ftcigerung von PfVLMIN (Pflanzenfett) und PflLMONfl(Pflanzen* Butter-Margarine) in Deutfcbland innerhalb der letzten 7 Jahre.- Ein ftärkerer Beweis für das Bedürfnis nach PALMIN und PflLMONfl und für die Beliebtheit unlerer Produkte ift kaum denkbar. H. ßCHLINCK& CIE., Zeitnngs Ausgabestellen und Inferutett-Aunahme. Tisntreim: Albert H a h n i s ch, Sluguststr. 50. Eingang Joachimstraß«, 2. IVakllrrelo, W.: Gust. Schmidt, Kirchbachstr. 14. Hochparterre, L. und 8W.: Hermann Werner, Gneisenaustr. 72. S. IViil.IIervI»: St. Fritz, Prinzeiistr. 31, Hos rechts pari. 4. HV»I>IIlrcil»; Ost e n! Robert W e n g e ls, Gr. Frankfurterstr. 120. — Wilhelm Mann, Petersburgerplatz 4(Laden). 4. Wahlkrel», Süd o st e n: Paul Böhm. Lausttzervlatz 14/15. 5.'Walilkrciit: Leo Zucht, Jmmanuelkirchstr. 12(Hof). 0. W»I>Ilrrel»(M«»»I»it): Karl Anders, Salzwedelerstr. 8. Wedding: Karl Weiße, Nazarethkirchstraße 49. Ilo�rntUalvr und erwnlenkurzxsr Varnteedt: Wjlhelm B a u m a n n, Bernauerstr. 9, vorn Part. OeMiindbriinnen: F. Trapp, Stettinerstr. 10. 8 oliiin Knüver Var«t»dt: Karl Mars, Lhchenerstr. 128. /« dlri'�Ii«!': Karl Schwarzlose, Hoffmannslr. 9. �>t-<»Iin>i«'lt«: Wilhelm Dürre, Rudowerilr. 83 U. Ilanniochiilenn eg: H. Hornig. MaAentbalerstr. 13, I. Bn-nan. KUntgental, Zepernick, Schönow und Schon. brück; Heinrich Brase, Hohefteinstr. 74, Part. Itlcsdort: Leopold Peters, Dorsstr. 38. Il<»hi>»dare und Valkcnbcrg: Alois Laus, Bohnsdorf, Ge» nossenschastShauS„Paradies". Oharl«ttci>l,nrzr: Gustav Scharnberg, Setenhelmerstraß« 1. Elchwalde, Zeuthen, IHleradorf und Hankela Ablage: Oskar Mahle, Eichwalde, Stubenrauchstr. 99. Erkner: Ernst Hoffmann, Friedrichshagener Chaufle«. Fredcradorf-Petcralmgen: E. Höselbarth, PeterShagen. D rtedenan-lSteH/Utzr-tzitldende: H. B e r» s e«, Schloßstr. IIS, Hos I, in Sieglitz. FrledrichahaKcn: Ernst Wertmann, Köpenicker Straße 18. Grünau: Franz Klein, Bahnhosstr. 6 III. ■) oliannlttthal: P i e l i ck e, Kaiser-Wilhelm-Platz 4, I4arlAh«r«t: Richard Kllter, Rödclslr. 9, II. Itiintxw-IV»»terhaunen: Friedrich B a u mann» Bahnhosstr. 13. hünenick: Emil W ißler, Kietzerstr. 6, Laden. Lilchtenberg/, EriedricliHfeldc, WUhelmsbcrg; Otto Settel, Kronprinzenstraße 4, I. ItVahladerH, ÜanlAdorHi Scheibe, MablSdorf, Walderseestr. 14. Aarlcndark: August Leip, Ebausseeslr. 296, Hos. iinrienfelde: Emil W e t n e r t, Dorsstr. 14. Meder-Schüneweldet Max P rt e b k e, Brttzerftr. 14 II. \ow awe»: Wilhelm I a p p e, Friedrich str. 7. Obcr-SchUnen cidc: August H e n j e s, Lausenerstr. 2. 1. I'ankcu-Aleder«ich0nha»»«en: Riß mann, Mühlenstr. 30. Uclnickendcrt'» OmI, Wilhelmsruh und hchiiaholz: P, G u r s ch, Kamekestr. 12, I. II Indorf: M. Heinrich, Neckarswaße 2, im Laden. Ilnininelaburp-, Ilaxhap/en: A. R o s e n k r a n z, Alt-Boxhagen 56. Kchüneberg;: Wilhelm B a u m l e r, Martin Lutherstr. 51,>m Laden. hpandau: K ö p p e n, Jagowstr. 9. legcl, llornigwalde, Wittenau, Waldinannslumt, Hcrnisdorf und Keinlckcndorf■ Wevt: Paul Kienast, Borsigwalde, Räuschslraße 10. Veite w: Wilhelm B o n o w, Teltow, Zehlendorfer Str. 4. lempelhek: Albert Thiel, Berliner Straße 41/42. Treptow: Rob. Gramenz, Kiesholzstraße 412, Laden. W elücnncc: K. Fuhrmann, Sedanstr. 105, parterre. W IlmerBderf-Ilaleiioco.Schmarsendorr: Paul Schubert, Wihelmsaue 26. Sämtliche Parleilileratur sowie alle wissenlchastltchen Werke werden geltesert. Ißsovitkin-I�orvon» nsbrung, von Krokeetorsn,»«reton, Ohomlkern, Lportalsulen, als sineig- »rtlg, wirksam rrnck wohlsohoisclronck anorleannd,(l?ulvor, Dablotton, bleoeithin-Kolapastillon) in üpothohon, Orogorien nur acht mit Schute- msrhs„stcro" zu haben. ■ Man mache unbedingt einen Versuch and verweigere■ Ersatzpräparate. BB Bezugsquellen and Brosohüre durch Neocithin G. m. d. H., Btrlin 8W. 61. Achtung! Uchtung* Volksversammlung DW" am Donnerstag, den 1. Dezember, abends 8'/, Uhr, im Saale von Süßmilch, Bornholmer Str. 7. Tages-Ordnung: 1. Bortrag des Genossen Schneider über Tie Arbeiterbewegung und die Konsumgenoffenschaften. 2. Diskussion. 107/18 _ Um zahlreiches Erscheinen bittet_ Der Einberufer. Dr. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzeiistr. 41,«t« 10— 2, 5— 7. Sonntags 10—12, 2— 4 Große Firma vergibt Teppiche, Gardinen, Stores, Steppdecken, Portieren auf Teilzahlung ohne Anzahlung. Keine Kassierer. Ehifsre 3. 100,„Bor- wärts"-Spedition, Auguftstr. 50.• Damen-Konfektion direkt der Fabrik. Kein Laden. Auch Einzelverkauf enorm billig! Kostüme Kostüm-Röcke Paletots Kimonos Golf-Jacketts Mödchen- Paietots. IJtobert Saumgarten Hausvogteiplatz II, l. Etg.l schrägüber Untergrund-Bahnhof.! Bei Vorzeigung dieses Inserates an der Kasse werden 5'/„ Rabatt vergütet. Haben Sie bloft? /ch /«rüge davon Anzug; od. Paletot nach Mass, schick, dauerh. Zutaten von 25 Mark an. 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554 963 16 2 9353 662 715 966 76 30153 57 641 566[900] 878 986 99 3 1 017 116 330 346 76 878 3 2260 626 39 58 868 96 3 3026 567[500] 727[1000] 60[1000] 88 839 68 3 4018 66 517 95 719 49 3 5007 275 330 416 82 69 601 66 817 3 6078 611 60 576 609 997 3 7121 266 324 70 697 501 979[500] 38021[500] 17 65 109 10 817 31 39 066 601 15[500] 21 40217 81 383 4 1 696 785 811 4 2 039 231 612 62[600] 659[ 500] 43063[500] 231 625[500] 526 31 37 812 91 928 75 88 44188 648 605 709 60 806 4 5061 66 185[500] 371 561 57 66 87 618[500] 831 67 933 4 6055 142 810 47037 206[1000] 18 777 48199 221[5000] 75 661 66 658 600 723 991 49133 288 439 504 657 793 808 922 50300 770 847 989 5 1 269 75 95 496 715 825 29 91« 52088 293 316 23 455 66 610 11 26 53 67 838 5 3034 103[1000] 33 260 68 327 773 877[3000] 932 54150 53 74 367 93 69« 5 5024 29 81 116[3000] 339 409 575 780 89 946 5 6266 303 82 440 518 624( 5O0l 75 723 5 7062 83 141 375 633 3«[3000] 76« 74 836 60[500] 952 73 58191 452[500] 591 59523'" 60026 65 365 75 450 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60 ODO, 6 zu 30 000, 7 zu 15 000. 27 zu 10 000. 66 zu 5000,«52 zu 3000. 1179 zu 1000, 1933 zu 500 IS. Ziehung 5. KI. 223. Kgl Preuss- Lotterie. Ziehung vom 29. November nachmittags. Nu die Gewinne Uber 260 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.)[Nachdruck verboten.) 8 Sie 65 463«52«8[560] 97 878 1 059 620 718 809 953 2068 98[500] 3228 311 530 774 7 9 936 4008 186 [3000] 362 757 97 805 911 5067 181 91 675 615 740 82 6163[500] 25« 325 547 999 7130 73 206 81[1000] 326 527 609 748 51 82 843 927[500] 8187[1000] 279 466 803 30 58 930 9327 686 591 638 6« 771 988[600] 1O003 58 80 209 59 303 39 611 616 682 701 977 11011 323 61 59[3000] 678 801[500] 89 1 2053 195 372 [500] 602 835 929 55 1 3058[500] 343 47[ 3000] 653 807 »27 1 4010 38 533 637 4 4 875 971 15005[1000] 106 237 460 536,608 10 63 1 6lU 482 166 848 93« 68 17005 117 154 740 802 1 80-12 66 629 835 1 9263 367 71 90[1000] 157 641 813[ 5000] 20966 625 45 782 83 92 860 2 1 010 63 64 120 48« 694 22045 71 151 83 423 74 541 623 705 801 2 3 264 79[500] 529 668 787 985 24133 546 76T[500] 951 25341 668 520 727 32 38 805 2 6204 31 872[500] 407 520 46 888 922 98 2 7100 272 595 928 2 8043 144 59 249 65 78 899 403 694 764 2 9065 210 55 395 402 587 744[1000] 802 37 3 0209 340 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Für deugnieratenteil verantw.: TH.MvSt, Berlin. DruÄ u. Verlag: Lorwäitt Luchdruckerei u. BetlagSvnflalt Paul Singer& So« BeNin SW, Nr. 280. 27. Jahrgang. 4. Keilm Ks Amiirls" Krlnirr MllrsM Mittwoch, 30. November 1910. Soziales* Wer dem Aerzteverband nicht folgt, wird bestraft. Die ärztlichen Ehrengerichte und der Ehrengerichtshof selbst sind in wachsendem Maße zu dem geworden, was die (Segner solcher zünftlerischen Zwangsjacken bei ihrer Errichtung prophezeit hatten: Institutionen zur Hcrabdrückung des An- sehens des Acrztestandes. zur Unterdrückung der Freiheit des Arztes und zur Hintanhaltung der ärztlichen Behandlung. Das sind sie durch den wachsenden Einfluß des Leipziger Aerzte- Verbandes geworden. Ehrengericht und Ehrengerichtshof sind aus» führende Organe dieses krankenkassenfeindlichen Verbandes: der Ehrengerichtshof besteht aus vier Äerzten(natürlich Mitgliedern des Verbandes) und drei Beamten. Wer gegendiezwangs- weise Einführung der freien Arztwahl sich *».4 ä ti g t, wird von diesem„unparteiischen" KoUegium bestraft. Das zeigt ein uns vorliegendes Urteil. Das ärztliche Ehrengericht für die Provinz Westfalen bestrafte einen Arzt mit einem Verweis und der ärztliche Ehrengerichtshof bestätigte dies Urteil auf Grund folgenden Sachverhalts. Der bestrafte Arzt war Mitglied des Aerztevereins Hamm. Er hat entgegen mehreren Be- schlüfsen des Vereins eine Kassenarztstelle bei der Familien- Krankenkasse der Westfälischen Union(„Phönix") angenommen, welche die freie Arztwahl nicht gewährt. Der Ehrengerichtshof nimmt an, dw-ch das Verhalten habe der Arzt gegen die Vereinsfatzunge-l verstoßen; denn danach haben die Vereins- beschlüsse für jedes Mitglied bindende Geltung. Das Zuwiderhandeln gegen einen Vereins- beschlutz sei aber eine ehrengerichtlich st ras- bare Handlung. Stärker kann der Terrorismus seitens deS„wirtschaftlichen Verbandes der Aerzte" und der von ihnen beherrschten Ehren- gerichte kaum getrieben werden: Gesetzgeber, Ankläger, Richter in einer Person ohne jegliche Rücksicht auf die allgemeinen Interessen der Allgemeinheit. Mit jedem Tage stärker erhebt sich die gesetzgeberische Pflicht, die Aerzte zur Behandlung zu verpflichten. Und die- selben Aerzte, die einen Kollegen bestrafen, weil er ärztlich behandelt, verlangen das volle, ausschließliche Privileg der Behandlung Kranker. Unter diesen Umständen erscheint es dringend erforderlich. nicht nur in die Reichsversicherungsordnung, sondern auch in das Kurpfuschergesetz Vorschriften hineinzubringen, die die approbierten Aerzte zur Ausübung ihrer doch allein durch Aufwendungen der Allgemeinheit ermöglichten Kunst in der Behandlung Kranker zwingen. Gewiß ist das nur ein Not- behelf, solange die Heilbehandlung nicht von der Gesellschaft für ihre Mitglieder als Pflicht übernommen ist. Aber er wird nicht nur im Interesse der Krankenkassen, sondern iu dem aller Bürger notwendig, gegenüber dem auf Gesetz und das Interesse der Allgemeinheit pfeifenden Leipziger Nähr- Vätern der Auswüchse der Kurpfuscheret. Mißbreuch der Krankenkasse«, Die ReichSverböirdler sind gerade jetzt wieder dabei, in schäm- losester Weise über„sozialdemokratischen" Mißbrauch der Kranken- lassen zu schwindeln, waS freilich die Unteniehmer nickst hindert, ihrerseits frechsten Mißbrauch mit Kaffeneinrichtungen zu treiben. So ist in Königsberg die vor einigen Jahren gegründete Bao- innungskrankenkasse aufs engste verbunden mit dem Arbeitgeber. verband für das Baugewerbe und deffen Arbeitsnachweis, der ins Leben gerufen wurde, um die Maurer und Arbeiter in die christ- liche Organisation zu pressen. Die Geschäfte des Arbeitsnachweises werden im Bureau und von den Angestellten der Krankenkasse be» sargt. Man hatte sogar beschlossen, daß der von der Krankenkasse mit 100 M. pro Monat besoldete Kontrolleur auch den Arbeits- Nachweis leiten sollte. Später muß den Herren die Sache doch zu bedenklich vorgekommen sein, und so faßten sie denn den Beschluß, daß 62 M. vom Gehalt deS Kontrolleurs'der Arbeitgebewerband tragen soll. Inzwischen ist die Jnnungskasse ein Maßregelungsinstitut ge- worden. Meldet ein Arbeitgeber die Leute bei der Kasse ab, so macht er dem Arbeitsnachweis die Mitteilung, daß dieser oder jener Arbeiter keine Beschäftigung mehr nachgewiesen erhalten soll. Der Borstand der Jnnungskasse ist sogar soweit gegangen, ein Rundschreiben an die Mitglieder der Bauinnung zu erlassen, in dem eS u. a. heißt: »Ferner fügen wir ein Verzeichnis derjenigen Leute bei, von denen uns die Erfahrung gelehrt hat, daß dieselben sich nur auf Kostru der Krankenkassen herumdrücken. Es sind dies geschickte Simulanten- und mit alten Schäden behaftete Leute, die nur ein paar Tage arbeiten, um sich Zugehörigkeitsrechte zur Kranken- kaffe zu erwerben und sich dann krank melden. ES wird gebeten, diese Leute nicht in Beschäftigung zu nehmen, denn sie nützen dem Arbeitgeber tatsächlich nichts." Unterzeichnet ist dieses Rundschreiben von einem Herrn Paul Lauffer. Dem Schreiben ist eine Liste mit den Namen von achtzehn Bauarbeitern, sechs Maurern und drei Zimmerern beigefügt. Ms ein Arbeiter entlassen wurde, bedeutete man ihm. das geschehe auf Anweisung der Jnnungskrankcnkasse. Damals war von dem Utas des Vorstandes der Krankeickasse noch nichts bekannt, und derselbe Lauffer hatte noch den Mut, abzuleuzncn, daß die Kasse ihre Hand im Spiele habe. Jetzt ist aber dafür der offenkundige Beweis er- bracht worden. Di« bürgerlichen Zeitungen werden natürlich diesen skandalösen Mißbrauch der Krankenkasse totschweigen und weiter über sozialdemokratischen.Mißbrauch" der Krankenkassen schwindeln._ Gerichts-Zeitung. Revision deö Genossen Barth verworfen. Unser verantwortlicher Redakteur Genosse Barth war bekannt- lich zu der enorm hohen Strafe von 600 M. verurteilt, weil der „Vorwärts" abfällig kritisiert hatte, daß ein vom Prokuristen der Firma Förster u. Runge, Krüger, gebilligter Tarifvertrag gebrochen sei. DaS Landgericht hatte angenommen, ein Vertrag liege nicht vor. wiewohl der Vertragsentwurf mit den Worten beginnt:„Der Deutsche Metallarbeitervcrband schließt mit der Firma den Ver- trag ab.. und wiewohl Krüger sich auf Ehrenwort verpflichtet hatte, die Bedingungen innezuhalten. Krüger habe einen Vertrag nicht geschlossen, könne also auch durch Vertragsverletzung sein Ehrenwort nicht gebrochen haben. Dem Angeklagten stehe der Schutz der Wahrnehmung berechtigter Interessen nicht zur Seite. In der gestrigen Verhandlung vor dem Kammergericht rügte Rechtsanwalt Dr. H. Heine mann Berkennung des Begriffs „Wahrnehmung berechtigter Interessen". Das Landgericht sage, daß das Recht auf Achtung der Person niemals gegenüber ledig- lich einem materiellen Interesse zurücktreten könne. Ter§ 103 sei anwendbar, wenn der Beleidiger materiell eigene oder solche fremde Interessen wahrnehme, zu deren Wahrnehmung er berufen war, und wenn er die Aeußcrung zu dem Zwecke der Wahr- nehmung dieser Interessen mache. Schon deshalb müsse Aufhebung heS Urteils erfolgen. Sem Landgericht jej aber unter anderem auch der Vorwurf der Verletzung von Auslegungsgrundsätzen zu machen. Es stelle fest, daß Krüger mit seinen, dem Metall- arbeiterverband angehörigen Arbeitern den vom Metallarbeiterverband ausgearbeiteten Tarifvertrag unter Zu- ziehung des Vertreters des Metallarbeiterver- b a n d e s, Herrn Behrend, abgeschlossen habe, daß aber Krüger sofort nach Abschluß des Vertrages zu dem, dem Metallarbeiterver- band nicht angehörenden Teil seiner Arbeiter gesagt habe, wer von ihnen dem Verband beitrete, werde entlassen. In dem Tarifver- trage sei nur für Krüger die Verpflichtung enthalten gewesen, 31 der streikenden, dem Metallarbeitervcrbande angehörenden Arbeiter wieder anzunehmen und bei etwaigen Neueinstellungen in erster Linie die Ausgesperrten zu berücksichtigen. Unter diesen Umstän- den würde tz 167 des Bürgerlichen Gesetzbuches in Frage kommen, wonach Verträge so auszulegen seien, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Treu und Glauben aber widerspreche es, daß Krüger unter Zuzwhung des Verbandsvertreters den vom Verband vorge- legten Tarifvertrag annahm, wonach er teils sofort, teils später die streikenden Verbandsmitglieder anzustellen hatte, und daß er trotzdem sofort nach erfolgtem Friedensschluß eine gegen den Ver- band eminent feindselige, daS Koalitionsrecht illusorisch machende Handlung vornahm. Der Vorderrichter habe sich begnügt mit der Feststellung, daß Krüger sich nicht ausdrücklich verpflichtet hätte, Agitation gegen den Verband zu unterlassen. Der Vorderrichter hätte aber noch prüfen müssen, ob diese Verpflichtung nicht etwa aus dem Inhalt des Vertrags folge und dieser gemäß§ 157 des Bürgerlichen Gesetzbuchs nicht so auszulegen sei, wie Angeklagter es tat. DaS Kammergericht verwarf die Revision mit folgender Begründung: Der Revision sei allerdings zuzugeben, daß es ein Rechtsirrtum sei, wenn das Landgericht sage, das Recht auf Achtung der Person könne gegenüber lediglich einem materiellen Interesse niemals zurücktreten. Es komme aber auf diese Frage n i ch t an, da der Senat sich anschließe der Entscheidung des Reichs- gerichtö in Band 38, wo ausgeführt sei, daß in Fällen der vor- liegenden Art es sich um Wahrnehmung berechtigter Interessen überhaupt nicht handeln könne. Da solche berechtigte Interessen nicht anzunehmen seien, so falle der Schutz des§ 103.— Ter andere Angriff gegen die Vorentscheidung sei auch nicht gerechtfertigt. Es sei„anzunehmen", daß sich das Landgericht die Auslegungsregeln des ß 167 des Bürgerlichen Gesetzbuchs vorgehalten habe. Das Gegenteil gehe aus dem Urteil nicht hervor. Wenn Zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. 140 Wochen Gefängnis sind bisher seit dem ungefähr zwanzig Wochen währenden Feiicnarbeiterstrcik in Remscheid über Männer und Frauen der Arbeiterklasse vom dortigen Schöffengericht ver- hängt worden und eine Reihe weiterer Prozesse steht in Aussicht. Am letzten Freitag standen wieder zwölf Frauen von streikenden Feilenhauern vor dem Schöffengericht Remscheid, denen vor- geworfen wurde, nach Schluß einer Frauenversammlung zwei Arbeitswilligen nicht die gebührende„Hochachtung" entgegengebracht zu haben. Man machte den Frauen zum Hauptvorwurf, daß sie vor den nützlichen Elementen ansgespien haben und in diesem „Delikt" wurde hauptsächlich die„Beleidigung" erblickt. Acht Frauen wurden zu Gefängnisstrafen von einem Monat, sowie von zwei und drei Wochen verurteilt. In zwei Fällen erfolgte Frei- sprechung. weck„kein genügender Beweis" erbracht werden konnte. Gegen zwei andere Angeklagte wurde die Verhandlung wegen Er- krankung ausgesetzt. Während man gegen Streikende und ihre Angehörigen mit den höchsten Gefängnisstrafen vorgeht, können die Arbeitgeber ruhig mit schwarzen Listen arbeiten, die es den Arbeitern geradezu zur Unmöglichkeit machen, andere Arbeit zu finden. Hierfür wieder ein Beispiel: Einem bei der Firma Mundorf ausgesperrten Arbeiter war es gelungen, bei einem Bauunternehmer als Handlanger an- gestellt zu werden. Vor einigen Tagen setzte nun der Unternehmer den Arbeiter davon in Kennwis, daß er leider gezwungen sei, ihn zu entlassen. Der Fabrikant Mundorf habe sich an den Arbeit- aeberverband gewendet, infolge dessen habe er zwei Schreiben er- halten, so daß er gezwungen sei, ihn sofort zu entlassen. Am Abend nach der Entlassung stellte nun der betreffende Arbeiter seinen früheren Arbeitgeber Mundorf wegen seiner Heldentat zur Rede. Was sagte nun dieser Gewaltige?„Es ist ganz recht, ganz natür. lich, habe ich auch. Jeden, den ich gewahr werde, melde ich sofort." Wie heißt das berühmte Kaiserwort:„Wer andere an freiwilliger Arbeit hindert..." Kein Staatsanwalt aber findet etwas Straf- bareS in diesem UnternchmerterroriSmus. Wenn Zwei dasselbe tun. ist eS nicht dasselbe._' Wegen 60 Pf. Brennholz— 3 Monate Gefängnis! Für 60 Pf. Brennholz hat die Arbeiterin Frau Makuth ge- stöhlen. Das Landgericht Kiel hat sie am 22. Juni wegen Rück- fallsdiebstah's zu drei Monaten Gefängnis(Mindeststrafe) ver- urteilt.— Ihre Revision wurde am Montag vom Reichsgericht ver- worfen. Es verwarf desgleichen die Revision des Kaufmannes Georg Rosen, dem das Landgericht Mainz wegen Zechprellerei in Höhe von S Glas Bier 5 Monate Gefängnis zudiktiert hatte. R. kam eines Tage? in eine Gastwirtschast und verlangte Bier. Der Wirt D., der ihn von früher kannte, rief seinem Sohn« zu, er solle diesem Gast kein Bier geben, da er kein Geld habe. Der Angeklagte hörte dies und rief:„Doch, ich habe Geld!" Dann erhielt er Bier und trank im ganzen drei Glas. Als er zahlen sollte, stellte er sich heraus, daß er keinen Pfennig bei sich hatte._ Hus der Frauenbewegung. PastoreusozialiSmus und die Frauen in Norwegen. In dem demokratischen Norwegen, wo die Beamten und An- gestellten, wenn sie sozialistische Neigungen kundgeben, keine Maß- regelung zu befürchen haben, sympathisiert auch ein großer Teil der Pastoren der Staatskirche mit dem Sozialismus. Die meisten dieser Pastoren kommen allerdings über den Gefühlssozialismus nicht hinaus, nur wenige, wie z. B. der StorthingSmann Pastor Alfred Eriksen, schließen offiziell sich der kämpfenden Arbeiterschaft an. Manchmal finden aber auch gefühlssozialistische Pastoren recht treffende Worte gegen die herrschende Gesellschaftsordnung. Das läßt sich auch von dem Pastor S k j e s e t h in Kristiania sagen, der dieser Tage vor einer Versammlung von meist konservativen Damen einen Vortrag hielt. Die Frauen mit ihrer Feinfühligkeit und ihrem Gerechtigkeitssinn, sagte er. würden durch ihre Teilnahme am politischen Leben die wertvollste Hilfe zur Lösung der sozialen Aufgaben leisten. Die bürgerlichen Blatter und Parteien wider- strebten solcher Teilnahme der Frauen; man sei bange vor dem Fortschritt des Sozialismus. Der Pastor sprach dann noch gegen die Geldmoral und schloß seinen Vortrag mit der Aufforderung an die Frauen, alles, was in ihren Kräften steht, zu tun. um eine andere Gesellschaft zu schaffen. Der Vortrag fand bei den konservativen Damen merkwürdiger- weise ungeteilten Beifall, und die Vorsitzende Frau Rärup dankte dem Redner in hochgestimmten Worten. Sie bemerkte noch dazu: „Einzelne werden vielleicht sagen, daß das Sozialismus ist. Aber es ist die unabweisliche Fordetung nach Gerechtigkeit, die in unserer Gesellschaft erfüllt werden muß. Wir stehen erst an der Schwelle zu dem Reich der Gerechtigkeit, und unsere Bestimmung ist, daß wir alle dort hingelangen sollen. Ist das Sozialismus, so ist das auch der höchste Idealismus. Wir müssen durch die Mauer von Unwillen und Rangel an Verständnis, die uns jetzt gegenübersteht, hindurch."'« Allerdings, man darf auf die schönen Worte nicht allzuviel aeben, denn schließlich überwiegt ja auch bei den feinfühlenden Damen das Klasseninteresse, und von den sozialistischen Gefühlen bis zum wirklichen Bruch mit der herrschenden Gesellschaft ist noch ein weiter Weg. Unser Bruderorgan„Socialdemokratcn" schreibt unter anderm in einem von einer Parteigenossin ver- faßten Artikel:„Es nützt nichts zu sagen:„Wir müssen in unserm tiefsten Innern Sozialisten in des Wortes bester Bedeutung werden"— und dann fortdauernd die Sozialisten zu bekämpfen. DaS sind laue und nebelhafte Redensarten. Und es sind gefähr- liche Redensarten, denn sie trüben und verwirren die reinen Linien. Sie bringen Leute dazu, sich mit Geschwätz zu beruhigen, und stützen damit die bestehenden gesellschaftlichen Zustände. Es ist doch keine andere Partei als die der Sozialisten, die etwas Positives zur Beseitigung der Ungerechtigkeit leistet. Will man darum etwas mehr als Geschwätz, muß man sich eben ihnen an- schließen, und das sollte als selbstverständlich gelten."— Dienstboteniirganisation in Wien. Wider alles Erwarten gut gelang der von der Wiener Frauenorganisation anläßlich der Schaffung eines neuen Dienstbotengesetzcs gemachte Versuch, eine Dienstmädchenversammlung abzuhalten. Es kamen sovicle Hunderte, daß zwei Versammlungen abgehalten werden mußten und mit Begeisterung erklärten alle nach den Referaten der Genossin Adel- Heid Popp und des Genossen Dr. Fritz Winter, der zu gründenden Organisation beizutreten._ Versammlungen— Veranstaltungen. Zentralverband der Hausangestellten. Mittwoch, den 30. November, abends 8 Uhr, im Englischen Garten, Alexanderstraße 27c, Versammlung. Alle Aufwärterinnen, Wusch- und Neinmach- frauen ans Bauten und mit Bureaureinigung beschäftigten Frauen sind hierzu eingeladen. Frau Agnes Fahrenwald spricht über das Thema:„Was nützt uns die Organisation?" Sonntag, den 4. Dezember, abends 7 Uhr. in Kubes Festsälcn tftüher Feuerstein), Alte Jakobstraße 76. Vortrag des Herrn Georg Davidsohn:„Die Weihnachtsfeier einst und jetzt." Gäste willkommen! Hus aller Sielt. Clnwettcr auf dem Kafpifcben JVleere. UeBer 300 Menschen«nigekommen. Die in den letzten Tagen auf dem Kaspiswen Meere herrschenden Stürme haben zu einer schweren Katastrophe geführt, bei der Hunderte von Menschen nmS Leben kamen. In der Stadt Astrachan wurde eine Anlegebrücke, auf der sich etwa 200 persische und mehr als 100 russische Hafen» arbeiter befanden, durch den Stnrm auf den See getrieben. Die Abgetriebenen sind der Kälte und dem Sturme preisgegeben. Es besteht keine Hoffnung, die Unglücklichen zu retten. Auf der Reede von Astrachan sind sechzehn Barken gesunlen, davon einige nrit der Mannschaft. Der Dampfer„Kaiserin Alexandra" ist nach dreitägigem Kampfe mit dem Sturme gestern in dem Hafen von P e t r o w s l eingetroffen. Er hatte an Bord 16 Schiff« brüchige, deren Fahrzeuge von den Wellen verschlungen wurden. Auf der Reede von G u r j e w sind zwei Dampfer und vier Barken vom Eise eingeschlossen. Sieben Ortschaften an der Küste find überschwemmt. Die Lage der Einwohner, die sich auf Heu» schober gerettet haben, ist trostlos. Die herrschende Kälte verschlimmert noch daS Elend. Zur Rettung der Ueberschwemmte» sind von Astrachan Dampfer mit Lebensmitteln abgegangen. Wenn der Winter naht. Mehrere Kinder wagten sich am Montag bei Vilshofen in Bayern auf die dünne Eisdecke der Donau. Dabei brachen drei Kinder ein. Während eines von Knaben gerettet wurde, ertranken die beiden andern sowie ein Mädchen, das gleichfalls Hilfe leisten wollte._ Kleine Notizen. Einpiirz rineS Neubaues. Auf einem Neubau in München- Gladbach stürzte grster» vormittag die ganze Borderfront und der Giebel des Hauses ein. Unter den Trümmern wurden zwei Zimmerleute begraben, von denen der eine mit verhältnismäßig leichten Verletzungen davonkam. Der andere wurde in schwerverletzten» Zu stände in ein Hospital gebracht. Bon den beiden verschütteten Bergleute» aus der Zeche Alma bei Gelsenkirchen ist gestern»norgen einer als Leiche geborgen worden. Ma» nimmt an, daß auch der zweite Verschüttete tot ist, da man kein Lebenszeichen von ihm vernommen hat. Mord und Selbstmord aus Eifersucht. I» Kothen erschoß der Schlosser Stranz aus OscherSlebeu seine Geliebte, eine Kellnerin in den Räumen eines Restaurants in dem sie tätig war. Auf der Straße schoß sich Stranz dann selb st ei,»e Kugel durch den Kopf, die seinen sofortigen Tod herbeiführte. Der junge Mann soll wegen einer ähnlichen Affäre schon eimnal eine längere Freiheitsstrafe verbüßt haben. Neues Hochwasser. Der Rhein und Neckar sind in der ver- gangenen Nacht von nniein st a r k gestiegen. Der Neckar stieg bei Heilbronn»m 1.76 Meter, der Rhein bei Mannheim um 36 Zentimeter. Auch die Mosel führt wieder Hochwasser. Sie ist in den letzten 24 Stunden um 1,76 Meter gestiegen. Die amerikanischen Zollschwindler. Unter der Beschuldigung, umfangreiche Hinterziehungen von Zollgebühren begangen zu haben, ist ein Teilhaber der Firina Krigg u. Sobn verhaftet worden. Die Firma besaßt sich mit dem Import von Wollwaren. Eisenbahnunfällr. Gestern morgen erfolgre aus der holländischen Station Breda ein Zusammenstoß zweier Güterzüge. Drei Personen wurden dabei getötet.— Auf dem französischen Bahnhof TArbreSle entgleiste ein Personenzug. Zeh« Reisende lourden dabei mehr oder minder schwer verletzt. Schwere Griibenkatastrophe. Wie ei» Telegramm ans Oklo» hamanrtOlcfer erfintten fünf Prozent e�nnrnbafl, selbst bei nachstehenden GelegenheiiSkäusen._ Teppiche, sarbsehlerhasi, spottbilltg. 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