Ar. S8». flbonnemenfS'Bcdingungjn: NbonnemcntS< Preis pränumerando! »ierteljährl.?,3Q 9W., monatl. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Pfg, frei ins HauS. Emzelne Nummer S Pfg. SoimlagS- nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- ilbonncmcnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitunos- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat, PostabonneoientS ncbmen an: Belgien, Dänemarl, Solland, Italien, Luxemburg, Portugal, Numänicn, Schweden und die Schweiz, «?. Jahrg. CrMcint Wich außer montags, Vevltnev Volksblatt. Sie TniertionS'Getiflftr Beträgt für die fechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum bO Pfg., für polltische und gewerlschaftliche Vereins- und Versainmlungs-Änzcigon M Pfg, „Kleine Hnzeigen", das erste(fettgedruckte) Wort 20 Pfg,, jede? weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Nhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Sozialtfcmokrat Berlin", Zentralorgan der fozialdemokratifcben Partei Deutschlands. Redaktion: 8M. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. StiniKS und Moabit. Die Aussage des Vertreters des TranSportarbeiterverbandes vor dem Moabiter Gericht über die Anfänge der Lohnbewegung bei der Kohlcnhandelsfirma Kupfer u. Co. bieten den Schlüssel zum Verständnis des sozialen Dramas, dessen Nachspiel wir nun vor den Gerichtsschranken erleben. Der Gcwerkschaftssekrctär erklärte, wenn die Firma sich zu einer Verhandlung mit der Arbeiterorganisation herbeigelassen hätte, dann würde jedenfalls eine Verständigung er- folgt und der Lohnstreik mindestens schnell beendet worden sein. Aber die Kohlenfirnta lehnte von vornherein jede Verhandlung mit der Arbeiterorganisation ab, weigerte sich auch, mit vor das Eini- gungSamt zu gehen, und sträubte sich ebenso gegen die Vermitte- lungStätigkeit unparteiischer Persönlichkeiten. Deshalb brach der Streik aus, und um ihn zu gewinnen, holte die Kohlenfirma eine teilweise sehr anrüchige Gesellschaft von Streikbrechern heran, schaffte für sie sogar Revolver an. Und der Berliner Polizei- Präsident stellte eine Schar von Begleitmannschaften für die Kohlen- transporte. Das war der Anfang der Moabites Krawalle, deren tvahre Urheber augenblicklich im Moabiter Gerichtsgobäude Sptetz- ruten laufen müssen. Herr Busch meyer, Geschäftsführer der Firma Kupfer u. Co., muhte die T«rstellung des Gewerkschaftssekretärs über da? un- fozialo Verhalten seiner Firma kiestätigen, suchte sich aber dadurch zu salvicren, daß er seine grundsätzliche Abgeneigthcit, die GeWerk- schaften als Arbeitervcrtrctung anzuerkennen, betonte. Die weitere Vernehmung dieses Zeugen brachte die volle Aufklärung über die eigentliche Ursache der Moabiter Krawalle: In der Firma Kupfer u. Co. ist der bekannte große Zechen- und Hütten Besitzer Hugo Stinncs der Hauptmacher! DaS erklärt einfach alles! Und eS ist sehr bedauerlich, dah das Gericht keine Gelegenheit nahm, die sozialpolitischen Maximen S t i n n e S tiüher zu ergründen. Es hätte sich dann herausgestellt, daß, wo StinneS feine Hand„mitten mang" hat, stets sozialpolitische Kon- flikte tiefgreifender Art zu befürchten sind. Von einer Stinneszeche, Bruchstrahe, ging auch der große Bergarbeiterkamps im Nuhrgcbiet 130ö aus. Während andere Zechenverwaltungen immerhin einigermaßen den Wünschen der Ar- beiter Rechnung trugen, trat die Verwaltung der Stinneszeche Bruchstrahe anfangs Dezember 1994 plötzlich mit einer„Neuordnung der Seilfahrt" hervor, die eine Verlängerung der Arbeitszeit be- deutete. Die Arbeiter traten deswegen in einen zweitägigen Streik und auf Anrufung durch die Belegschaft erklärtechas Ober- bergamt die„N euordnung" für ungesetzlich! Das hinderte Herrn Stinnes aber nicht, trotz des Protestes der Belegschaft am 22. Dezember 1904 mit der gleichen„Neuordnung" herauszukommen! Er wußte, wie erregt die Arbeiter waren, er mußte wissen, daß die Ruhe der Industrie auf dem Spiel stand. Dennoch kam die provozierende„Scilfahrtordnung" zum Aushang und goß Oel ins Feuer. Die übergroße Mehrheit der Arbeiter erhob den gesetzlichen Einspruch gegen die„Neuordnung", aber Herr Hugo Stinnes ist nicht der Mann, der seinen Lohnknechten auch nur das geringste Mitbestimmungsrecht einräumt: Er lehnte am 3. Januar lüOS jede Verständigung mit den Arbeitern ab! Herr Stinnes erschien auch nicht zur Verhandlung vor dem löberbergamt, er ging auch nicht auf ein von den Arbeitern borge- schlagenes E i n i g u n g s v e r f a h r c n vor dem Berg- gewerbegericht ein! Deshalb brach der Streik aus, der sich schließlich zu dem Ausstand von über 200 090 Kohlcngräbcrn auswuchs. Also genau die Methode, die in Moabit bei der Stinncssirma Kupfer u. Co. innegehalten wurde! Zurückweisung jeder Verhandlung mit den Arbeitern, Beharren auf dem starrsten Hcrrenstandpunkt. In Moabit führte das zu dem blutigen Drama, und daß im Ruhr- gebiet der hauende Säbel und die schießende Flinte nicht in Funktion traten, das ist wahrhaftig nicht das Verdienst der Scharf- wacher. Redlich hat sich ihre Presse auch damals bemüht, die Streikenden als eine Bande von Räubern und Mördern erscheinen zu lassen.„Arbeitgeberzeitung",„Post",„Berliner Neueste Nach- richten",„Rhcinisch-Wcstfälische Zeitung",„Dortmunder Zeitung", „Hamburger Neueste Nachrichten" usw. haben ihre Leser über- schüttet mit Terrorismus-, Mord- und Brandartikeln. Alle Tage sollten förniliche Schlachten zwischen Streikenden, Arbeitswilligen und Polizei stattgefunden haben. AberdiePolizeibehörden imRuhrgebicthieltensichimGegensatzzuBerlin im großen und ganzen zurückhaltend, unter- stützten sogar teilweise die Organisationsführer bei der Beruhigung der Masse! Die Scharfmacher gerieten außer sich, als auf eine Anfrage der Sozialdemokraten der Staatssekretär Graf PosadowLkY im Reichstag am 1. Februar 1995 erklärte: „Ich kann nicht umhin, den Arbeitern dort das Anerkenntnis zu erteilen, dah dieser Streik bisher mit einer Ruhe und Ge- letzmäßigkeit verlaufen ist, die durchaus Anerkennung ver- dienen. Ich habe es aus dem Munde des preußischen Ha n d e l S m i n i st e r s selbst, daß die Behauptungen, es hätten Ausschreitungen gegen Arbeitswillige stattgefunden, ent» weder vollkommen aus der Luft gegriffen sind oder, insoweit sie von einer gewissen Presse aufge-' bauscht sind, es sich nur um ganz gcwöhnlick)« Vorgänge � handelt, die bei einem Zusammensein großer Arbettcrmassen tag- � täglich vorkommen." Im Ruhrgebict verhielten sich trotz starker Provokation durch die Scharfmacherpresse über 299 999 buntzusamniengewürfelte 1 Kohlengräber ruhig und gesetzmäßig— in Moabit führte der Winzige Lohnstreik einiger Dutzend Verlader zu den blutigen Szenen! Im Ruhrgebiet hielt sich die bewaffnete Macht zurück— in Moabit marschierten annähernd tausend Polizisten auf! Das kann doch unmöglich übersehen werden, wenn man gewissenhaft abwägt, wodurch eigentlich die Bewohner der Reichshauptstadt tagelang in Angst und Schrecken gehalten wurden. Die Methode Stinnes übt ihre Künste auch an die Beamten aus. Die Steiger auf den Stinneszechen werden von ihren Standesgenossen nicht beneidet. Gesetz ist dort: Unbedingte Unterwerfung unter den gegebenen Befehl! Der geringste Widerspruch ist strafwürdig. Ueberall ist die harte Hand des Gebieters zu spüren. Wenn Stinnes neue Werke erwirbt oder eine seiner Werkskombinationen— wie z. B. jetzt Union-Dortmund mit Luxemburg— vollzogen hat, dann bangen die alten Beamten um ihre Stellung. Stinnes organisiert die Betriebsleitung so, daß er möglichst alles dirigieren kann. Und wer von dem mächtigen Stinnes entlassen wird, dessen Zukunft ist nicht rosig. Ein bloß Genießender ist Hugo Stinnes sicher nicht, vielmehr ein fleißiger Organisator großen Stils und ein Autokrat, der seinen eigenen Weg geht. Solche Zeitgenossen wirken revolu- tionär. Aber ist es die Aufgabe der Staatsgewalt, die Schwachen niederzuhauen, damit ein Multimillionär seinen Weg machen kann? Stinnes ist auch die treibende Kraft bei der Unterwerfung der Kohlenhändler unter den Willen des Kohlensyndikats. In dem„Kohlenkontor" der großen Kohlenhandelszentvale in M ü h l h e i m- R u h r ist die Firma Stinnes neben dem Syndikat, in dessen Vorstand Hugo Stinnes sitzt, tonangebend. Das Kohlen- kontor kontrolliert und vermittelt die Versorgung von West- und Süddcutschland mit Ruhrkohle. Keiner der vom Ruhrkohlen- syndikat und seinen Handelsstellen ressortierenden Groß-, Mittel- und Kleinhändler darf anders als zu den ihnen vom Syndikat vor- geschriebenen Bedingungen verkaufen. Hinter diesem gewaltigen Organismus steht Hugo Stinncs als einer der ersten Dirigenten und Nutznießer. Deshalb ist die Erklärung der Stinncssirma Kupfer u. Co., sie arbeite mit Ver- lust, könne deshalb die geforderte Lohnzulage n i ch t gewähren, unglaubwürdig! Die Methode Stinnes hat zu einer so gut wie vollständigen Unterwerfung, zumal der Kleinhändler, geführt. Gewisse Groß- Händler genießen, weil ihr Interesse mit dem des Kohlenkontors verknüpft ist, die Rechte einer Art von Aufsichtsbehörde von Stinnes und Compagnics Gnaden. Wie das Herabgehen der Kohlenpreise gewaltsam verhütet wird, lehrt folgendes Schreiben der Frankfurter Großhändlcr-Vcrcinigung an einen Kleinhändler: „In Ihrer Preisliste führen Sie Nußkohlen, II, als doppelt gesiebt auf. Bekanntlich ist dies unstatthaft und müssen wir Sie dringend ersuchen, in Ihren Preislisten dies zu unterlassen. Außerdem haben Sie verschiedentlich falsche Preise in Ihren Preislisten aufgeführt gegenüber den von der Frankfurter Händlervcreinigung festgesetzten Preisen, z. B. Zentner Grus 1 M., während der richtige Preis 5 Pf. höher ist, Briketts 1,45 M., während der richtige Preis 3 Pf. höher ist. Wir müssen Sie ebenso höflich wie dringend ersuchen, Ihren Abnehmern die richtigen Preise nachträglich mitzuteilen und unter allen Umständen Ihre Preisliste zu berichtigen. Von Ge- schchenem wollen Sie untenstehender Kommission innerhalb acht Tagen Mitteilung zukommen lassen. Hochachtungsvoll Die Kommission zur Prüfung von Uebertretungsfällen. Der Vorsitzende." Also die Kleinhändler müssen die ihnen von den Kohlen- kontorintercsscnten vorgeschriebenen hohen Preise beibehalten! Sonst setzt es Strafe, event. wirtschaftlichen Ruin. Ein anderes, ebenfalls von den Frankfurter Kohlenkontorinteressentcn an die Kleinhändler verschicktes Zirkular zeigt noch deutlicher den Terrorismus derer um Stinnes u. Co. Wenn es sich um Arbeitswillige a la Moabit handelt, da pochen sie auf die„Frei- heit der Arbeit" und die„Frcvhcit des Erwerbes". Ganz anders klingt es gegenüber den abhängigen Kleinhändlern. Dies Zirkular lautet: „P. P. Von der hiesigen Händlervcreinigung geht uns heute zur Weitergabe an unsere Händlcrkundschaft die nachstehende Mitteilung zu, die wir Ihrer gefälligen Durchsicht und Danach- achtung anempfehlen: Es ist in der letzten Zeit die Wahrnehmung gemacht worden, daß Kleinhändler, welche bisher mit Kohlcnkontor-Großhändlern arheiten, bei Outsidern(ringfrei) abfahren lassen. Obschon die billigen Angebote seitens der letzteren dazu angetan(l!) sind, Kunden zu bewegen, davon Gebrauch zu machen, so möchten wir uns doch erlauben, allen Ernstes auf die Konsequenzen aufmerk- sam zu machen, welche durch diese Handlung entstehen. Wenn wir davon Abstand nehmen, dieselben heute in die Erscheinung treten zu lassen, so haben sie doch eventuell zu anderer Zeit ?u gewärtigen, daß dieselben zur Ausführung ommen müssen, und zwar zu einer Zeit, wo ihr Handel vollständig lahmgelegt würde.(I!) Wir empfehlen Ihnen deshalb, Ihre Kleinhändler zu veranlassen, in ihrem eigenen Interesse von derartigen Bezügen Abstand zu nehmen. Gleichzeitig wird auch nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß Waggonbezüge ab Westhafen nach den Bahnhöfen im Stadtbezirk unter keinen Umständen gestattet sind und Kon- ventionalstrafen nach sich ziehen." Ein Händler, der das Publikum in diesen Teuerungszeiten mit billigeren, als den Syndikatskohlen versorgen will, hat also zu gewärtigen, daß ihm in Zeiten einer Kohlcnknappheit das Geschäft „lahmgelegt" wird! Uebcr das Streikpostcnstehen wird in der Polizei- und Scharf- Macherpresse so wütend gelärmt, derweil können die„Schützer der Gewerbefreiheit" wer weiß wie vielen Kleinhändlern ungestört den erdrosselnden Strick um den Hals legen.„Unser Weg geht über Leichen!" erklärte ein Hauptmacher im Stahlwerks- verband, in dem die Firma Stinnes gleichfalls eine erste Geige spielt. Eklatant ist die Methode Stinnes bei der Zechen» stillcgungSaktion im Ruhrgebict 1993/94 zutage ge- Expedition: 8M. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: aimt IV, Nr. 1984. treten. Blühenden Gemeinden, weiten Landstrecken drohte schwerster Schaden durch die Stillegung im spekulativen Interesse. Die Firma Stinncs führte auch hier den Reigen an. Gemeinde- Vertreter, Arbeiterschaft, teilweise auch die Bergbehörde bemühten sich, Stinncs von der Stillegung der Zeche„Louise Tiefbau" ab- zuhalten. Der Oberberghauptmann von Velsen erklärte laut Kommissionsbericht des preußischen Landtages, er„sei von der Ansicht abgekommen, daß nur unrentable Gruben stillgelegt wür- den". In Sonderheit sei„Louise Tiefbau" noch abbauwürdig! Aber, so heißt es in dem Kommissionsbericht weiter: „der Eigentümer(Stinnes!) habe erklärt, daß er Herr seines Eigentums sei und daß er die Grube stillege, weil dies vorteil- hafter für ihn sei." Das ist die Methode Stinncs in amtlichcrBelcuchtung! Was gilt das Interesse von Gemeinden, von zahlreichen Existenzen, wenn ein kapitalistischer Vorteil winkt! Diesem maßlos herrschsüchtigen Kreis, der in der Unter- werfung der wirtschaftlich Schwachen zwecks Durchführung eines „großmütigen" Unternehmens sein Ideal erblickt, sind im letzten Grunde auch die Moabiter Vorgänge geschuldet. Fürwahr, ein Beitrag zur Geschichte unserer Tage, auf den das deutsche Volk nur mit Beschämung blicken kann. Koliiervativez yewreiben. Immer deutlicher Zeigt sich, daß in dem Schlachtgeschm der konservativen Presse, voran der„Kreuzzeitung", gegen die „rote Rotte" System liegt, und wir es nicht nur mit bloßen redaktionellen Leistungen zu tun haben, sondern mit einer im konservativen Hauptquartier ausgeklügelten perfiden Stra. tegie. Die Rede, die der konservative Heerführer, Herr v. Heydebrand, in Stettin auf dem konservativen Parteitag gehalten hat, liefert dafür neue Beweise: denn nach dem jetzt vollständsiger vorliegenden Wortlaut dieser Rede hat der konservative Führer nicht nur noch weit schärfer gehetzt, als die gestrigen telcgraphischen Meldungen erkennen ließen, sondern es finden sich auch in seinen Ausführungen ganz die- selben Gedankengänge, Drohungen und Forderungen, wie in dem von der„Kreuzzeitung" am Mittwochabend veröffcut» lichten Appellartikel„Gegen die sozialdcmokra» tische Ty ranne i". Selbst der auffällige Schlußsatz des Kreuzzeitungsartikels, der die Forderung ausspricht, daß nötigenfalls die Regierung entgegen dem Willen des Reichstags ihre Kampfesmaßnahmen gegen die Sozial- demokratie treffen müsse, findet sich in etwas anderer, drohen- derer Form in der Stettiner Rede des Herrn v. Heydebrand wieder. So hieß es z. B. in der„Kreuzzeitung": Aber einmal in nicht zu ferner Zeit muß der Weg gefunden und auch gegen einen widcrsircvendcn Reichstag bis zu Ende ge- gangen werden, denn das Ziel liegt klar vor Augen: die Wieder- Herstellung der persönlichen Freiheit unserer Bürger und Arbeiter auf staatsbürgerlichem, religiösem und wirtschaftlichem Gebiet gegenüber der sozialdemokratischen Gewaltherrschaft, der Schutz der ernsten und heiligsten Empfindungen unseres Volkes vor täg- licher Verunglimpfung und die Erhaltung aller Grundlagen unserer Rechtsstellung im Innern und nach außen. Und in Stettin erklärte Herr v. Heydebrand, nachdem er über den angeblichen Terrorismus— die„Kreuzzeitung" nennt es Tyrannei— der Sozialdemokratie geklagt und euer- gijches Einschreiten der ssiegterung verlangt hatte: „Wir wollen allerdings ein freies Volk bleiben: das soll die Partei der Freiheit wissen, aber wir wollen nicht nur deren Freiheit, sondern auch unsere eigene, und Freiheit für unser altes Preußen, auf dem das Reich beruht. Jetzt, wo alles um- gestürzt werden soll, hat die konservative Partei mehr Bcrechti- gung als je. Freudevolle Einigkeit in den konservativen Reihen ist wieder vorhanden. Wir haben nichts zu fürchten, ob mit Gunst der Regierung, obohne siel So gehen wir ins Feuer mit Freude und Vertraue n." Das kann nur heißen: Will der Reichstag nicht, dann mag getrost die Regierung zum Staatsstreich greifen, wir, die Konservativen, geben nicht nach, selbst nicht auf die Gefahr, die Gnihst der Regierung zu verlieren. Hilft sie nicht, verfolgen wir für uns allein unseren Weg. Und auch über das nächste Ziel besteht zwischen der kon- servativen Presse und den Parteigrößcn keine Differenz: es heißt: Schutz der Arbeits ivilligeit, das heißt Beschränkung des geltenden Koalitions- rechts. In dem Artikel der„Krcuzzeitung" hieß es am Mittwochabend: „Es kann auf die Dauer unmöglich geduldet werden, daß in diesem Kampf jede freie Selbstbestimmung der auf der Gegenseite stehenden Unternehmer wie der Arbeiter selbst durch Zwang und Gewalt niedergekämpft wird, und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob die verwendeten Mittel dem Gesetz entsprechen oder ungesetzlich sind. Täglich zeigt die Praxis, daß das Verbot des Koa l i t i 0 n s z wa n ge s im§ 153 der Gewerbeordnung nicht ausreicht. Wir erinnern nur daran, wie das Beobachten der Arbeitsstätte, der Geschäfts- räume und der Wohnungen an sich kein verbotenes Mittel zur Durchsetzung eines Streiks oder zur Erzwingung des Beitritts zu einer Koalition sind. Nur wenn strafbare Handlungen oder Störungen der öffentlichen Ordnung hinzutreten, kann die Staatsgewalt einschreiten. Nun zeigt aber die tägliche Ersah- rung, daß diese Unterscheidung kaum noch als eine flüssige be- zeichnet werden kann, daß Beleidigungen, Körperverletzungen, Bedrohungen die regelmäßige Folge und Begleiterscheinung solcher Ucbcrwachung durch Streikposten zu sein pflegen. Die Behörde aber ist bei der heutigen Rechtslage dazu gezwungen, entweder wegen zu frühzeitigen Eingreifens gegen die Streik- Posten sich dem mehr oder weniger begründeten Vorwurf der Rechtsbeugung auszusetzen, oder die Hände in den Schoß zu Testen uttb bTe Bewegung zu einer großen Gefahr anwaHsen zu lassen, von der keine Rede wäre, wenn mwn sie hätte im Keim ersticken können. Entspricht es denn einem gesunden Nechisempfinden, daß, soweit es sich um den rechtswidrigen Bruch des Arbeitsvertrages handelt, nicht wenigstens die öfscntliche Aufsorderung oder gar der Zwang zu solch rechtswidrigem Verhalten verhindert werden mutz? Und endlich ist es wohl kaum nötig, noch Worte über all die Zwangsmittel zu verlieren, die gegen die Arbeiter angewendet werden, um sie in die sozialdemokratische Organisation hineinzuzwängen, und sogar gegen die Unternehmer, damit sie nur organisierte Arbeiter be- schaftigcn." Und fast zu gleicher Zeit, als die„Kreuzzeitung" diese perfiden Beschuldigungen erhob, liegen die Leiter der konser- vativcn Partei in Stettin eine Resolution annehmen, in der es heißt: «Gegenüber den immer stärker hervortretenden Bcstrcbun- gen, die eine Förderung des Umsturzes unserer bestehenden Staats- und WirtschastSoronung bezwecken oder begünstigen, er- achtet sie es für dringend geboten, daß die st a a t s e r h a l t e n d c n Parteien für die Ausrcchtcrhal- tung der Autorität und für den Schul: der Arbeitswilligen mit aller Energie eintreten." Es liegt klar ersichtlich System in dieser niederträchtigen Treiberei. Mit Sicherheit können wir darauf� rechnen, daß sie in der konservativen Presse in nächster Zeit mit allem Eifer fortgejcßt wird._ 9er verlorene Prozeß. Die«Kölnische Volkszeitung" läßt sich aus Berlin melden, daß die Stellung des Herrn V. Jagow infolge des Verlaufs des Moabiter Prozesses schwer erschüttert sei. Man rechne mit Bestimmtheit ans eine anderweitige Verlvendung des Herrn, sowie der Prozeß zu Ende sein werde. Wir wissen nicht, ob das Kölner Zentrnmsblatt, das bei der jetzigen Stellung des Zentrums als Negiernngspartei sicherlich keinen Anlaß hat. der Regierung SchwiengkeUcn zu machen, richtig berichtet ist. Was in Ländern von einer gc- wissen Kultur, in denen die öffentliche Meinung eine nicht zu unterschätzende Macht ist. seldstveistäudlich wäre, ist es noch lange nicht für Preußen. ES ist uns auch an sich sehr gleichgültig, ob Herr v. Jagow bleibt oder nicht, da feine Entlassung keinen Systemwechscl bedeuten tvllrdc, der erst dem Sturz des Junker tnms folgen könnte. Wir würden daher unter den gegeltivärtigeu Verhältnissen beim Abgang dcö Herrn v. Jagow nur den Verlust eines sehr unfreiwilligen, aber dafür um so wirksameren Agitators für die Sozial- demokratie zu verzeichnen haben. Aber die Meldung der «Köln. Volksztg." hat auf alle Fälle ihren Wert als ein Zeichen der Etiiumnng, die selbst in den reaktionären Kreisen und Parteien durch den Moabitcr Prozeß erzeugt ist. Es ist die Empfindung eines nicht gelinden Kabenjammerö. die uns sehr deutlich zeigt, wie jämmerlich das Polizeipräsidium und alle die reaktionären Mächte, die hinter ihm stehen, bei dem Lcr- such, die Moabitcr Vorgänge gegen die Arbeiterbewegung aus- zuschlachten, hineingefallen sind. Das wird dem Herrn v. Jagolv jetzt auch ans. dem Munde eines unabhängigen konservativen Politikers bestätigt. Prof. Delbrück beschäftigt sich iin neuesten(Dezember)- Heft der«Preußischen Jahrbücher" mit dem Prozeß und sagt dabei dem für die Inszenierung dcS mißlungenen politischen Tendenz- und.Spektakelstücks Verantwortlichen bittere Wahrheiten, die- wie Backpfeifen knallen. Es heißt i» dem Artikel: „Das deutliche Ergebiiis der Verhaiidlungeu ist, datz die Unruhen viel unbedeutender, gewesen sind, als mau nach de» Zeituiigöbmchten annehmen mußte. Soweit sehr erfreulich— denn welcher gute Deutsche darf sich wünschen, daß Brutalität und Zuchtlosigkeit auch bei uns das Haupt zu erhebe» ivageii, wie es in anderen Länder» leider geschieht? Das Wort, das man iinmer wieder hörte in jenen Tagen war:«Bei uns in Preußen darf dergleichen nicht vor- kommen.* ES ist nun wirklich nicht viel geivesen. gar nicht in einem Ate», zu nennen mit dem, was man jüngst in Frankreich und in diesem«ngenblick in WaleS erlebt. Ein tüchtiger Krawall, wie er selbst in Zeiten Friedrich Wilhelms III. auch öfter mal in Berlin passiert ist, weiter nichts. So lvcilig, wie es je gelingen wird, völlig zu verhindern, daß schwere Verbrechen verübt werde», so wenig wird es je gelingen zu verhmdcrn, daß in den modernen Niesen- städien von Zeit zu Zeit eine grobe Ruhestörung stattfindet und selbst Verivuiidete und Tote dabei auf der Straße liegen. Die Freude darüber aber, daß es nichts Schlimmeres gewesen ist. verkehrt sich in das Gegenteil, weil man bemerkt, daß die Behörden, st alt die Sache unbefangen und objektiv so aufzufassen, wie sie liegt, in ihren, Eifer, den U», stürz zu bekämpfe», bemüht gewesen sind, so schwarz und so schreck- I i ch z u m a l e n iv i e n u r m ö g l i ch. Das war und ist falsch, ersten« von dem schon bezeichneten hohen nationalen Gesichlspunkt des Ansehens Deutschlands in der Welt aus, dann aber anch, weil e? seinen Zweck völlig verfehlt und nur das Gegenteil bewirkt von dem. ivaS mau anstrebte: die StaatSauiorilät wird durch derartiges Gebaren nicht gestärkt, sondern geschwächt und kompromittiert. Unzweifelhaft hat die systematische tägliche Verhetzung der fozialvcmoklalische» Presse viel dazu beigetragen, die Massen mit der Erbitterung zu erfüllen, die sie zu Gemalttäligkeiten verleitet hat, aber von da bis zu einem von der sozialdemokratischen Partei ab- sichtlich organisierten und geleiteten Aufstand ist sehr weit, und da- von kann gar nicht die Rede sein. Daß die Polizcibcainten in der Erregung der Aktion allerhand Gespenster von Führern und Kampfsignaien gesehen und gehört haben, ist natürlich, und darf man ihnen nicht so sehr übelnehmen. Aber die Staats- a» iv a l t s ch a f t darf dergleichen in der Gerichtsverhandlung nicht vorbringen. Nach den Zeitungsberichten mußte man gkauben, an den Fenstern der ReformationSkirche wäre kaum eine Scheibe ganz geblieben; jetzt hat man glücklich zehn Löcher gezählt, von denen eines oder das andere auch alt gewesen sein kann. ES ist eine Anzahl Schutzleute verletzt, und eS ist viel schwerer Unfug verübt worden, der mit strengen Strafen zu ahnden ist. Aber die Uebertrcibung, deren man sicv in den offiziösen ZeitungS- berichten und auch noch in der Anklage schuldig gemacht hat. wirkt nun in der Slinunung dcS Publikums gegen die Hüter der Ordnung und zugunsten der Randalierer. Offenbar, um einen möglichst starken Eindruck zu erzielen, hat anch die Slaatsanivaltschaft alle die Einzeldelikie zu einer großen Aktion zusammengefaßt. Die Folge ist, daß eine Menge von Leuten, deren Schuld mini m a l oder nicht Nachweis- bar, oder die wirtlich ganz unschuldig find, nun diesen ivochen- langen Prozeß mit durchmachen müssen und dadurch, auch ohne in Untersuchungshast zu sitzen, doch enier schweren Freiheitsberaubung unterliegen. Wieviel besser und einfacher wäre es gewesen, die Minima von vornherein auszuscheiden und besonders zu bebandeli, I Einen ganz besonderen ungünstigen Eindruck hat es endlich gemacht, wie der Prozeß an«ine bestimmte Strafkammer gelangt ist. Obgleich alle deutschen Richter nach demselben Strafgesetzbuch urteilen, so ist eS doch unvermeidlich, daß in den verschiedenen Strafkammern ein recht verschiedener Geist waltet. Die SlaatSamvaltschaft weiß das, und es liegt nahe, daß sie unter Umständen wünscht, einen bestimmten Prozeß vor eine bestinnnte Kammer zu bringen. Eine direkte Einwirkung hat sie darauf nicht, denn die Eerteikimg richtet sich nach dem Alphabet. Bei einer Strafsache aber, wo mehrere Angeklagte borkommen, ist eine Vereinigung möglich, die bei derjenigen Kammer statt- finden wird, die zuerst mit der Sache befaßt ist, und der Zufall hat nun gewollt, daß die Vornntersuchuna in dem vorliegenden Falle zuerst fertig wurde bei einem Angeklagten, dessen Name zu der Straskainmer führte, von der alle EerichtSkenner meinen, daß sie der Staatsanwaltschaft die g e- n e h m st e gewesen sei. Welch eine schwere Schädigung des Ansehens unserer Justiz aber liegt darin, wenn die Staatsanwaltschaft einen reinen Zufall behauptet und in weitesten Kreisen man dieser Behauptung keinen Glauben schenken will! Es mag ja sein. daß der Vorsitzende der dritten Kammer wirklich zur Leitung dieses Prozesses mehr geeignet ist als seine Kollegen: es mag sein, daß ein Zufall den Wüuicben der StaatSanwattjchaft zu Hilfe gekommen ist, aber eine wirllich weitblickende und umsichtige Behörde sollte sich vor solchen Zufällen hüten wie die Pest, denn kein Geivinn, der bei einem einzelnen Prozeß herauskommt, kann den Nachteil aufwiegen, wenn das Vertrauen zu unparteiischer Anweitdung der Gesetze enchüttert wird. Wen» ein Staatsanwalt, nur seinen Fall im Auge, das einmal vergißt, so ist es Sache des Justiz- Ministers, seine Untergebenen auf den höheren Gesichtspunkt immer wieder aufmerksam zu machen. Ich kann es nicht unterlassen, hier auch noch den Zwischenfall mit den englischen Jonrnalisteit zu erwähnen. Die Sache selber hat keine Bedeutung. Daß bei solchem Trubel aus irgendeinem Miß- Verständnis auch einmal Unbeteiligte angegriffen und verletzt werden. ist unvermeidlich, und man darf den Polizülen, die doch auch nur Menschen sind und in der Erregung Irrtümer begehen, keinen wesentlichen Vorwurf macheu. Der Zufall will, daß i» diesem Augenblick aus England selbst gemcldkt wird, daß sich bei de» Walliser Bergwertuuruhen an englischen Journalisten ganz dasselbe wiederholt hat: sie sind von den Polizisten verprügelt worden. Aber wenn ein solches Versehen geschehen ist, so gehört es sich, daß eS von den höheren Behörden nicht nur als follbes a»« e r I a nu t, sondern in den Formen der guten Gesell- s ch a f t um Entschuldigung gebeten wird. DaS Schreiben aber, das der Polizeipräsident von Jagow an die englischen Journalisten gerichtet hat, war nicht nur keine Entschuldigung, sondern wirkte wie eine Ver« höhnung, indem es darauf hinwies, daß die Herren sich durch Teilnahme au einem Auflauf eigentlich strafbar gemacht hätten. ES würde tvahrlich einen wohltuenden Eindruck gemacht haben, wenn der M i n i st e r d e S Innern diesen Verstoß seines lliitergebenen gegen den internationalen gitten Ton in recht markanter Weise korrigiert hätte. Die deutsche Polizei genießt niiter den andere» Kulturvölker» einen so wenig freundlichen Ruf, daß cS wahrhaftig überflüssig war, hier Iviedenim zu zeige», daß die feineren Blüten der Ritterlichkeit bei unS nicht gedeihen. Als die Meldungen von den Moabiter Unruhen durch die Zci- tungen liefe», sahen die bekannten Unheilpropheten schon die russische Revolution bei unS im Anzüge. Mutigere und Kaltblütigere fanden, daß solche Zwischenfälle, wenn schon in sich bedauerlich, doch nicht ungünstig seien, da sie das Bürgertum etwas erschrecken und ihm die jetzt so beliebte Methode, die Unzufriedenheit in Unter. stützung der Sozialdemokratie zu entladen, verleiden würden. Ich fürchte, diese Wirkung ist nicht nur nicht erreicht, sondern eher in das Gegenteil umgeschlagen. Der Ucbercifer und die gar zu große Schncidigkcit haben sich, wie so oft, wieder einmal als schäo- lich erwiesen, und daß die sozialdemokratischen Verteidiger die Ge- legenheit nach allen Richtungen ausnützen, die Autorität des Staates und der- Gerichte zu untergraben— nun, da» ist ja ihr Geschäft. Wenn der. Mißbrauch aber zu groß wird, wird man doch wohl ein- mal erwägen müssen, ob die diskretionäre Macht de» Vorsitzenden Richters, der Verteidigung Grenzen zu ziehen, nicht zu verstärken ist. Wir erleben es ja leider fast bei jedem Sensationsprozeß, daß, sei es durch die Schuld der gesetzlich voracschricbencn Formen, sei es dürch' Vis vom Reichsgericht durchgeführte Praxis, sei es durch Fehler der Vorsitzenden oder der Stäatsamvaltsck>aft, sei eS endlich durch mißbräuchliche Ausnutzung der Verteidigung durch die Rechtsanwälte, der Eindruck ein für unsere Rechtspflege nngün- stiger ist. Wir sind glücklich, daß solche Roheiten, wie sie jetzt die Londoner Suffragettcö begangen haben, bei uns unmöglich sind— aber welche Wohltat wiederum, wie diese Hyänen binnen drei Tagen abgeurteilt tvarcn! Warum kriegen unsere Juristen das nicht fertig?* Der konservative Politiker verleugnet sicku-tvie man sieht, in diesem Artikel nicht. Das zeigt die Entschuldigung, die Herr Delbrück für die Vcrprügelung der englischen Journa- listen findet, das zeigt sein gänzlich ungerechtfertigter Aus- fall gegen die Verteidigung, die Befürwortung eines summa- rischcn Schnellverfahrens und einer Einschränkung der Rechts- garantien für die Angeklagten durch eine Riickwärtsrevi- dierung der Strafprozeßordtning, die dem Gericht die Mög» lichkeit gibt, ihnen wichtige Beweismittel abzuschneiden. Aber gerade angesichts dieser reaktionären Stellen des Artikels gewinnen die anderen, die das Verfahren der Polizei und der Staatsanwaltschaft kritisieren, um so größeres Gewicht. Wenn selbst aus solchem Munde Herrn v. Jagow und Herrn Stein- brecht und ihren höhergestelltcn Hintermännern gesagt wird. daß sie der Sache der Reaktion einen sehr schlechten Dienst ge- leistet haben, wenn von solcher Seite soviel von dem, was wir über das Verfahren gesagt haben, glatt bestätigt wird, dann ist das totale Fiasko dieses Feldzugs gegen die Arbeiter- klaffe wirklich nicht mehr zu verbergen! ••• Zum Notschrei des Polizeipräsidenten nach polizei- frommen Zeugen ist dem„Berliner Tagebl." die folgende be- zeichnende Zuschrift zugegangen, die also lautet: Der Polizeipräsident erläßt einen Aufruf und ersucht nn- beteiligte Zeugen der Moobiter Straßenlrawalle, sich bei ihm zu melden. Die Sache hat leider einen Haken. Ich war vor einigen Jahren unbeteiligter Zeuge einer Verhaftung, bei welcher der Verhastete, ein Rollkuticher, nach meiner Ucberzeugung ungerecht behandelt war. Ich meldete mich sofort bei dem betreffenden Polizeibureau und beantragte meine Vernehnnmg bei der späteren Verhandlung. Darauf wurde ich gefragt:..Für wen wollen S i e au ssa gen?* Ich erwiderte:«Für den Verhafte- teu,* worauf mir der Polizei Wachtmeister erklärte, daß ihn(!) das nichts anginge. Ich teilte in einem Schreiben dem Polizeipräsidenten— es war der vorige— mit, daß er sich unter solchen llmständen nicht wundern müsse, daß das Publikum die Polizei so wenig unterstütze, was er kurz vorher ge- rade beklagt habe, und daß es mir nun klar sei, weshalb ein mir befreundeter Herr seinerzeit keinerlei Antwort erhielt, nachdem er sich über die ungerechtfertigte und rohe Behandlung eines Harm- losen Betrunkenen durch einige Schutzleute beschwert hatte. Hierauf bin ich noch heute ohne Antwort geblieben; dagegen erkundigte sich ein Polizeileu tn an t bei mir im Auftrage des Polizeipräsidenten nach der Adresse des mir be- freundeten Herrn— ans welchen Gründen, läßt sich leicht vermuten. Als Zeuge bin ich nie vorgeladen worden, und der arme Rollkutscher ist höchstwahrscheinlich verurteilt worden, obschon auf Grund meiner Zeugenaussage er freigesprochen werden mußte. Deshalb: Ich warne Neugierige! poUtifebe Oeberficbt. Verlin. den 1. Dezember 1910. „Kurpfuscher" und„Rebschädlinge". Au's dem Reichstage. 1. Dezember. Die erste Lesung des Gesetzentwurfs gegen die Schäden im Heilgewerde lvur?e?eu?e zu Ende gebrach?. Noch cmniäk chemu�kett sich sitzt- schiedene Aerztc, die Notwendigkeit cines rigorosen Vorgehen-: gegen die„Kurpfuscher" nachzuweisen, während Genosse S t ü ck l e n und einige andere Redner demgegenüber hervor- hoben, daß man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und die Maßregeln streng auf die Unterdrückung wirklich gemein- schädlicher Praktiken beschränken müsse. Tann kam es zur Erörterung zweier von den National- liberalen und vom Zentrum eingebrachter Jnterpella- t i o n e ii wegen Bekämpfung der R e b s ch ä d l i n g e. Eine Interpellation, die sich auf die Lage der Winzer bezieht, ent- fesselt immer zahlreiche Redeströme, da die Lage der Winzer an sich bei ihrem unsicheren Gewerbe meist eine höchst traurige ist. Tie Vertreter der Wembaukreise haben deshalb allen An- laß. das Wort zu ergreifen. Ten direkten Anlaß zu der dies- inaligeu Interpellation hat das plötzliche massenhafte Austreten des Heu- oder Sauerwur ins gegeben, der die Wein- beeren aushöhlt. Sein Doppelname rührt daher, daß er in seinem ersten Entwicklungsstadium zur Zeit der Heuernte auf- tritt und in seinem zweiten die unreifen Weinbeeren anfrißt. Dabei treibt die bekanntere Feindin der Weintrauben, die Reblaus, auch noch immer ihr Unwesen. Die Regierun gsvertrcter beantworteten die An» fragen, was sie gegen die Nebschädlinge zu tun gedenken, da- hin, daß zunächst einmal die in der Pfalz angewandten neuen Mittel zur Vertilgung der Schädlinge auSgevrobt wer- den sollten. Bewähren sie sich, dann sollte auch vom Reich in gleicher Weise vorgegangen werden. In der Debatte wurde von unserem Genossen H u b e r- Landau wie von anderen Rednern betont, daß eine erfolgreiche Bekämpfung der Nebschädlinge nur durchführbar sei, wenn die ärmeren Winzer dabei finanziell unterstützt würden. Ein bayrischer R e g i e r u n g s v e r t r e t e r gab die prinzi- vielle Bereitwilligkeit der Regierung dazu kund. Huber wies auch noch daraus hin, wie die Lebensmittelverteuerung die Lage der Winzer arg beeinträchtige, was dann natürlich von den schwarzblauen Rednern lebhaft bestritten wurde. Morgen geht die Winzerdebatte weiter. Juda und Hohcnzollern. Während„Kreuz-Zeitung* und„Deutsche Tageszeitung" für das Schwinden des sogenannten„vaterländischen Sinnes* und der Liebe zum angestammten preußischen Fürstenhause die«verhetzende Agitation* der Sozialdemokratie verantwortlich machen, hat die in der Druckerei der«Deutschen Tageszeitung" hergestellte«Staats» bürgerzeitung" mit dem ihr eigenen Scharfsinn entdeckt, daß die antimonarchistische Gesinnung durch die Judenschaft gezüchtet wird. Dkr ganze Kampf gegen das GottcSgnadentum und das persönliche Regiment sei nichts als ein großes Ringen zwischen dem Stamme Juda und den Hohenzoller», und demnach Genosse Ledebour, den die„Staatsbürgcrzeitung" auch L c v y nennt, nichts weiter als der parlamentarische Vertreter der Herren Ballin, Goldberger und Kompagnie. Im biblischen Prophetenstil ruft das teutsche Käseblättchen? Hört Jhr'S, Ihr Fürsten und Könige. Ihr Großen dieser Welt, wie Juda drohend Euch entgegentritt, so Ihr wider den jüdischen Stachel zu locken Euch unterfangt! Hör' Du'ö auch, deutscher Kaiser und König von Preußen, und bedenke wohl, dag Herr Ledebour für die ganze Judeuschaft von Ballin bis Singer gesprochen hat! Und diese Judenschast betreibt ohne Unterlaß vom rechten bis zum linken Flügel mit klug überdachtem und geheimgehaltenem Feldzugsplan nichts anderes als die„Ersetzung* des Hauses Hohen» zollern durch da» Haus Jakob... Die Entwickelung der inneren Verhältnisse treibt unverkenn- bar auf einen Entscheidungskamps zwischen diesen beiden. Häusern hin, und dieser Kampf kann sehr wohl günstig für das Haus Jakob ausfallen, wenn das Haus Hohcnzollern nicht mit aller Kraft auf eine Stärkung unserer deutsch-nationalen Er- ziehung, auf eine Kräftigung unseres werktätigen Mittelstandes und auf eine Beruhigung, Versöhnung und völkische Wieder- gewinnng unserer Arbeiterbevölkerung durch eine wahrhaft christ- liche, alsa judengegnerische sozialpolitische Gesetzgebung hin» arbeitet. Je lauter und unverschämter aber das jüdisch» sozialistische Maulheldentum in der Vertretung des deutschen Volkes sich gebärdet, desto zuversichtlicher darf man hoffen, daß der König von Preußen-- seine gefährlichsten Gegner erkennen wird. Versteht doch das deutsche Volk schon längst nicht mehr den Umgang mit jenen Fürsten des Geldes. die Begünstigung jener Simon und Ballin und Goldberger und R i e s s e r und R a t h c n a u, und wie die Großen in Israel heute heißen mögen.... Möchten die deutschen Fürsten sich warnen lassen! Und möchten sie bedenken, daß in einem offenen, energischen Kampfe gegen Juda noch das deutsche Volt hinter ihnen stände.— Und sollte es dann nicht gelingen, die alte Verheißung der Juden in Erfüllung gehen zu lassen:«Es wird ein Volk kommen von Norden her. das wie ein Adler flieget, und wird dich zurück» bringen auf deinen Schiffen nach Aegypten*!? Kuriose Logik! Denn nach dieser muß der Kaiser selbst kein Nohalist vom richtigen Gepräge sein, da er, anstatt dem patriotischen Kampfruf der«Staatsbürgerzeitung" zu folgen, mit den Ballin, Simon usw. freundschaftlich verkehrt, die doch sicherlich aus dem Hause Jakobs stammen. Die nächste Aufgabe der«Staatsbürger- zeitung" hat demnach unzweifelhaft darin zu bestehen, den Kaiser selbst erst zum richtigen Royalismns oder Monarchismus zu be- kehren. Vielleicht übernimmt Liebermann von Sonnenberg als großer Pädagoge das Amt. Kei» Verzicht auf die Reichswertznwachssteuer. Ein bürgerliches Blatt hat die Nachricht verbreitet, daß die Regierung auf die Reichswertzulvachssteuer verzichten wolle und da- für eine Erhöhung der Stempelsteuern in Aussicht genommen, habe. Wie Schatzsekretär Mermuth bereits in der Wertzuwachsstcucrkom- Mission festgestellt hat und wie Donnerstag abend noch ausdrücklich in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" bestätigt wird, ist diese Nachricht vollkommen falsch; die Regierung legt im Gegenteil den größten Wert auf das baldige Zustandekommen der Rcichswert- zuwachssteuer. Eine Verhöhnung der Witwen und Waisen wurde bald nach Annahme des Wuchertariss die Lex Trimborn (§ 15 des Zolltarifgesctzes vom Jahre 1992) von unseren Ge» nossen genannt, lieber diese Vezcichming waren die Zentrums- leutc sehr entrüstet. Sie behaupteten, daß der Z 13 des Zoll- tarifgesetzes den Witwen und Waisen jährlich mindestens 72 Millionen Mark bringen werde. Tatsächlich brachte er 1996 nichts, 1997 42 Millionen Mark, 1998 wieder nichts und 1999 auch nichts. Bis dahin wurden immer noch 49 Millionen Mark im Etat eingesetzt. 1919 setzte man jedoch in den Etat die große Ueberschrist:..Kapitalsansammlung behufs Er- leichterung der Durchführung einer Witwen- und Waisenver- sorgung" und als Summe setzte man ein:--. Nur in der Spalte, in der mitgeteilt wird, wieviel iin vorigen Jahre, also 1999, engesrcllt war, stand 49 009 009 M. und in der vierten Spalte unter der Ueberschrist: Mätzhin weniger als 1999 standen nochmals die 49 Millionen. Dieses Jahr ist die Sache noch einfacher abgemacht wordein Tie große Ucbcrschnft mit dem Text ist geblieben, aber als Summe in den Spalten hinter dem Text stehen---- In der Anmerkung zum Kapitel„Zolle" wird angegeben, daß das Reich einen Anspruch auf eiire Einnahme voll nmd 98 Millionen Mark hat, aber voraussichtlich nur 68,4 Mit- lionen erhalten wird. Die Witwen und Waisen haben also recht wenig Aussicht, die versprochene Pension zu erhalten, während sie das Brot teurer zu bezahlen haben. Dos danken � sie der Fürsorge des Zentrums für die— großen ländlichen Grundbesitzer._____ Pharisäer. lieber die Bemerkungen, die wir an die Rede Wilhelms II. bei Eröffnung der technischen Hochschule in Breslau und an die Antwort deS Rektors geknüpft haben, ist die„Kreuzztg." sehr erbost. Sie schimpft über unflätige Gotteslästerung und dreiste Verhöhnung der christlichen Religion und beschuldigt uns. unseren Programmpunkt„Religion ist Privatsache" verletzt zu haben. Ach nein! Wir haben Achtung vor wahrer Frömmigkeit: aber aller- dings nur Verachtung für die Kreuzzeitungssippe der Brot- Wucherer und Steuerdrüei. Gcwcrkfchaftlicbea. Vle fordcrungen der Bergarbeiter. Die Donnerstag von den Vorständen der drei Berg- arbcitcrverbände beim Zechenvcrbande eingereichten Forde- rungen sind folgende: 1. Eine diirchscknittliche Lohnerhöhung von 15 Proz. am 1. Januar I0l1 in Kraft treten zu lassen; 2. das Verbauen in der Grube und alle sonstigen Nebenarbeiten sollen besoudcrs bezahlt bezw. verrechnet werden, um die Lebens- gefahr zu verringern; 3. die Leistungen der KnappschaftSkasse sollen entsprechend den Anträgen der Arbeitervertreter in der letzte» Generalversainmlnng des Allgemeinen KnappichaftSvereins zu Aach u m erhöht und zu dielem Zweck austcrordcntliche Gencraloersaiuiulungen der fragliche» Kasse einberufen werden; 4 der voriges Jabr eingeführte ZwangS-Arbcitönachweis soll in einen auf paritätischer Grundlage aufgebauten umgewandelt werden, wie das schon voriges Jahr von allen Verbänden mit Recht verlangt wurde._ Berlin und Umgegend Achtung, Kürschner! Die Sperre Über die Firma G. A. Hoff- mann ist hiermit aufgehoben. Ter Streik ist beendet, nachdem die Firma allen dort beschäftigten Arbeitern und Arbeiterinnen be- deutende Lohnerhöhungen gewährt hat. Deutscher Kürschner-Verband, Filiale Berlin. Oeutfcbeo Reich. Die Lage im Ruhrrcvier. Der Streik von„Lukas" hat Aehnlichkeit mit den Streiks auf „Oberhausen" und„Bruchstratze", die der großen Katastrophe von lgvb vorausgingen. Möglich, daß auch der Streik von„Lukas" gewissermaßen ein Vorgefecht großer Kämpfe sein wird. Von „Lukas" heißt es nun, daß die Bestrafung von 125 Mann wegen Unregelmäßigkeiten bei der Seilfahrt die Ursache des Streiks gc- Wesen sei. Das ist sclbswerständlich völlig falsch. Wenn weiter nichts vorläge, würde nicht gestreikt. Die Mißstände haben sich aber derart summiert, daß sie schließlich den Bergleuten schier unerträglich wurden, und die Masscnbcstrafung am letzten Sonnabend nur gleichsam der letzte Tropfen war, um das über- volle Gefäß zum Ueberlaufen zu bringen. Die Zeche„Lukas" bildete in den letzten Jahren eine besondere Rubrik in der Ar- beiterprcssc. Freilich war die Verwaltung recht tapfer im„Be- richtigen", es hat sich jedoch gezeigt, daß Miß- stände durch„Berichtigungen" nicht aus der Welt zu schaffen sind. In den Streikversammlungcn wurden denn auch die schwersten Beschuldigungen erhoben. Bergleute, die auf„Radbod" gearbeitet hatten, erklärten, dort sei es sehr schlimm gewesen, auf„Lukas" sei es viel schlimmer. Auf„Radbod" habe die Berieselung nicht funktioniert, auf„Lukas" sei über- Haupt keine vorhanden. Von allen Kameraden wurde über Schlagwetter geklagt. Ucberhaue, die voll Wetter stehen, bleiben offen, so daß jedermann hinein kann. Es wird geschossen, obwohl Wetter vorhanden sind. Hohlräume von 33 Meter Umfang sind vorhanden. Brüche von 20 Meter Höhe blieben unverbaut. Dabei herrscht ein chronischer Holz. mangel; tage-, ja wochenlang kann es dauern, daß die Hauer ein Stück Holz zum Verbauen bekommen. Und dabei sind sie nicht sicher, daß am anderen Tage das Holz wieder umgeschlagen und ül.berschwundcn ist. Die Bergleute erklärten, we n n sich auf„Lukas" eine Katastrophe ereigne, werde die ganze Grube zusammenklappen wie ein Kartenhaus. Verschiedene Bergleute begaben sich auf die Holzsuche. Das wurde ihnen nicht bloß verboten, sondern einem wurden vom Steiger sogar Schläge angeboten. Ein Steiger erklärte: Schaffte! st Kohlen, dann gibt es auch Holz. Ein höherer Beamter versprach, Holz zu schicken, aber es dauerte noch fünf Tage, ehe welches kam. Sämtliche Redner klagten, daß der versprochene Lohn wicht ausgezahlt werde. Wünschten die Bergleute ein höheres Gedinge, dann wurde ihnen gesagt, sie sollten Ueberschichten machen. Es wurden denn auch 35, 37, ja 45 Schichten im Monat ver- fahren. Sehr oft wurden die Ueberschichten aber auch nicht be- zahlt. Ein Bergmann, der 2S Schichten gemacht hatte, erhielt nur 26 Schichten bezahlt, einem anderen fehlten SV* Schichten. Reklamationen sind erfolglos. Schwere Bestrafungen sind an der Tages- ordnung. Die Bestrafungen vom letzten Sonnabend haben wir schon erwähnt. An zwei anderen aufeinanderfolgenden Tagen vorigen Monats wurden laut Strafzettel für325,50 M. Strafever- hängt. An einem anderen Tage wurden 8Mannmitje5M. b e st r a f t. Nach den Bestimmungen des Gesetzes entspricht eine solche Strafe einem Schichtlohn von 13 M.; natürlich wird kaum die Hälfte verdient. Daß bei solchen Verhältnissen eine gräßliche Unordnung auf dem Pütt herrscht, ist den Bergleuten schon zu glauben. Eine Beschwerde der Streikenden geht noch dahin, daß keine ordentlichen Fördermaschinisten vorhanden sind, dadurch sei die Ein- und Abfahrt lebensgefährlich. Man sieht leicht ein, daß der Unfall am letzten Sonnabend nur den äußeren Anlaß zum Streik abgegeben hat. Tie Bewegung im elektrotechnischen Jnstallationsgewerbe zu Nürnberg ist zugunsten der Arbeiter beendigt worden. ES wurde eine Vereinbarung erzielt, die die Arbeitszeit aus 56 Stun- den pro Woche und Durchschnittsstundenlöhne von 63 Pf. für selbständige Monteure, 57 Pf. für Monteure. 47 Pf. für Hilfs- Monteure festsetzt, sowie eine sofortige zehnprozentige Lohnerhöhung zusichert. Auch die Vorortszulagen usw. werden besser geregelt. Die erfolgreiche Lohnbewegung der Einnehmer der„Viktoria" bei der Jnkassostelle S a m b u r g hat weitere Kreise gezogen. Wäh- rend die Direktion bisher alle bescheidenen Wünsche dieser Auge- stellten kurz und bündig ablehnte, hat sie jetzt„freiwillig" einige, allerdings unerhebliche Zugeständnisse an die Einnehmer aller Jnkassostellen gemacht. Offenbar möchte sie hiermit der Organi- sation zuvorkommen, damit die Angestellten nicht fordern, was die Direktion unter dem Drucke der Geioerkschaft der Angestellten an Gehaltserhöhungen usw. gewähren mußte. DieseS Vorgehen der Direktion der„Viktoria" muß für die Angestellten und zwar für die aller Versicherungsgesellschaften ein Grund mehr sein, ihren Anschluß an die Organisation zu beschleunigen. Die Leipziger Braucreiarbeiter beschlossen, den gegenwärtig be- stehenden, mit den Rinabrauereien Leipzigs abgeschlossenen Tarif- vertrag am 1. Januar 1311 zu kündigen, um bessere Lohn- und Ar. beitSbcdingungen zu erzielen. Der in der Versammlung mit an- wcsende Vertreter des Brauergesellenbundes erklärte, der Bund werde mit dem Verbände gemeinsame Sache machen. Der Ausstand in der Edelmetallindnstrie. Die Arbeitgebervcrbände der Edelmetallindusirie in Pforz- heim haben beschlossen, ihre Betriebe bis zum 1. Januar 1311 völlig stillzulegen. Die Arbeitswilligen erhalten für die jßerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.; Dauer der Stillegung von den Arbeitgeberberbanden eine Unter- stützung. Jzi den letzten Tagen gehen aber immer mehr Arbeits- willige zu den Streikenden über. Bergarbciterstreik in Oberbayern. Etwa 1133 Bergarbeiter im Kohlenbergwerk Hausham haben Donnerstag ihre Kündigung eingereicht, nachdem sich die Generaldirektion der Obcrbayerischcn Aktiengesellschaft für Kohlen- bergbau weigerte, den Schiedsspruch des als Einigungsamt an- gerufenen Berggewerbegerichts München anzuerkennen. Ein christliches Gewerkschaftsblatt für die Revolution Das an der Zentralstelle der christlichen Gewerksi�iften in Köln erscheinende und von diesem geistig subventionierte Organ des christlichen graphischen Verbandes:„Tie graphischen Stimmen" gibt bei einer Betrachtung über den Fortschritt der Menschheit und die französische Revolution recht ketzerische Gedanken zum besten. Nach cincin etwas gesuchten sinnbildlichen Vergleich zwischen Früh- ling und Winter und lauen und tapferen Menschen, die den Fori- schritt der Menschen hemmen oder fördern, preist das Blatt dann die französische Revolution als ein historisches Beispiel großen Stils für die Aufrüttelung der Geister. Es hcißl n. a.:„Sic triumphierte freilich in Strömen Blutes»nd raffte zahllose Menschen dahiü, aber sie gebar einen Völkerfrühling, sie fegte nnt eisernem Besen fort, was morsch und verrottet war und befreite die Geister von dem Druck des finsteren, alle Gebiete beherrschenden Absolutismus, so daß die neuen, der Zeit angemessenen Ideen zur Entfaltung kommen konnten.— Auch heute noch täte uns eine großartige Re- volution not, wenn auch keine, wie die französische, die lediglich durch brutale Machtmittel wirkte und auch manches zertrümmerte, was dem Wohle der Menschheit diente. Einer geistigen Revolution bedürfen wir, die alles ausmerzt, was für unsere Verhältnisse faul und schlecht und unbrauchbar ist, damit die Bahn frei wird für Fortschritte und Errungenschaften, die der Menschheit wahrlich dienlich sind." Und so geht es fort. Wie aber denken die christ- lichen Gewerkschaften über die Rolle des Zentrums, der ihnen nahestehenden politischen Partei, bei diesem Befreiungskämpfe? Klusland. Die Vcrssdjeruiigsangestelltcn in W i e n haben durch ihren An- schluß an die moderne Arbeiterbewegung schon manchen Erfolg er- zielt. Sie setzten eben jetzt bei zwei der größten Gesellschaften das Zugeständnis von Teuerungsbeiträgen durch. Eine Ge- sellschaft gewährt auch den über zehn Jahre Angestellten eine Ge- winnbeteiligung. Der gegen die„Universale" verhängte Boykott konnte aufgehoben werden, weil die Gesellschaft 25 333 Kronen für Avancements bewilligt und sich verpflichtet hat, die 53prozentigcn Avancementsgebühren an den Pensionsfonds fortan selbst zu tragen. Der Streik den Flaschcnarbeiter in Savona(Italien) hat mit einem guten Erfolg geendet. Die gesamten Arbeiter der Stadt Savona hielten am 23. November eine gemeinsame Versammlung ab und beschlossen, in den Generalstreik zu treten, wenn nicht der Arbeitersckmft Entgegenkommen gezeigt werde. Dieser Beschluß hatte den gewünschten Erfolg. Die Firma wandte sich an die Ver- bandSIeitung und nach längerer Verhandlung gelang cS, einen Ausgleich zu schaffen. Aber jetzt verlangten die Einträger volle Entschädigung für den Ausfall der Schichten. Auch hierzu mußte sich die Firma bereit finden, und so endete der plötzlich aus- gebrochene Streik mit einem vollen Erfolg. Hub der Frauenbewegung. Fortbild'ingsschulpflicht für gewerbliche Arbeiterinnen. Eine Fortbildungsschul p fl i ch t gibt es bis jetzt bekanntlich nur für männliche Personen. Nach§ 123 der R.G.O, ist sie nach Ortsstatut-z u lässig für weibliche Handlungsgehilfen und-Lehr- lingc unter 13 Jahren. Den Bildungsbedürfnissen der gelverblichen Arbeiterin ist bisher nicht Rechnung getragen worden. Diese Rück- ständigkeit machte sich mit der steigenden Einbeziehung weiblicher Arbeitskräfte in die Industrie immer mehr fühlbar. Ilm weit über eine halbe Million ist die Zahl der in der Industrie tätigen Frauen seit 1895 gestiegen. Im Jahre 1337 waren im Hauptberuf gcwerb» lich tätig 2 133 924 Frauen. Der Hauptzuwachs entfällt mit 354 124 Personen auf die ungelernten Arbeiterinnen. Unter 133 Arbeiterinnen tvaren 1337 nur 6 gelernte vorhanden. Die Gefahren der ungelernten Frauenarbeit sind bekannt und von lxn freien Gewerkschaften schon frühzeitig gewürdigt worden. Sie fordorn seit langem, um die Frauenarbeit aus den ungesunden Niederungen der Hungerlöhne herauszuheben und die für die Männerarbcit gefährliche Konkurrenz von Lohndrückcrinncn ein- zuschränken, eine gediegene fachgewerbliche Ausbildung vor allem in der Fortbildungsschule. Voraussetzung zur Erreichung jenes Zieles wird aber immer sein, daß starke Organisationen den Lohn- forderungen der gelernten Arbeiterinnen den nötigen Nachdruck verleihen. Neuerdings ist dem Reichstage eine Petition des Landesvereins preußischer technischer Lehrerinnen zugegangen, die sowohl im Interesse der Arbeiterinneil wie auch der heimischen Industrie die Einführung der ortsstatutarischen Fortbildungsschulpflicht für die gewerblichen Arbeiterinnen fordert. Mit Recht wird auch der er- ziehliche Wert einer erhöhten geistigen Bildung betont und Hand in Hand mit der gewerblichen die hauswirtschaftliche Ausbildung gefordert, Es ist gut, unsere Regierungen immer wieder daran zu er- innern, wie viel ihnen noch auf dem Gebiete der Bollsbildung zu tun bleibt. Die Ursache der hohen Fleischpreise. Den Frauen der hohen Regierungsbeomten hielt der Geheime Regierungsrat Oldenburg aus dem Landwillschaflsministerium kürzlich einen— informatorischen Vortrag über die Landwirtschaft und die hohen Fleischpreise. Trotz des bekannten Ausspruches Wilhelms II., die Frau gehöre iuS Haus, waren zahlreiche Frauen aus Regierungskreilen erschienen. Selbstredend bezeichnete der Herr Geheimrat nicht die habgierige Jnnkerpolitik als Ursache der ständigen hohen Fleischpreise, sondern schob die Schuld allerlei nebensächlichen Kleinigkeiten zu, nicht zum wenigsten sei eS die bessere Aus- stattung der Schlächterläden, die das Fleisch ungebührlich verteuere. So, nun wissen eS die„Gnädigen" der Minister und Geheim« räte: weil die'Vcrkaufslädeu nett und sauber ausschauen, deshalb ist das Fleisch so teuer. Preußische GcheimralSweiSheit, die man sich in Verlin W. holt. Nun können die Arbciterftauen, die kein Stückchen Fleisch mehr auf de» Tisch zu setzen haben, ihren Kindern empfehlen, als Ersatz dafür sich die schönen Schlächterläden anzu- sehen._ Stadtverordneken-Vetfaimnlung. (Schluß aus der zweiten Beilage.) Oberbürgermeister Kirschner(fortfahrend): Am 13. Juni 1338 habe ich vor dem König, gestützt auf wieder- holte einstimmige oder nahezu einstimmige Beschlüsse die Erklärung abgeben können, an der ich noch Heute kein Wort bereue und die ich auch Heute wiederholen würde.(Sehr gut!) Aber ich bin da zu weit gegangen, der Oberbürgermeister von Berlin hat nicht die Stellung, daß er im Vertrauen auf den Gang, den die Dinge in der Verwaltung bisher genommen haben, bindende Erklärungen ab- geben kann.(Hört! hört!) Und noch ein Grund, warum wir an vielen Stellen nicht vorwärts gekommen sind, ist der, daß wir uns in der Verwaltung noch nicht durchgearbeitet haben gegenüber einem Problem, welches die gesamte gesittete Kulturwelt seit langem be» schäftigt, die Frage, ob derartige Betriebe, die der Oesfentlichkeit LH. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.u.VerlagsanstaU dienen sollen, besser Privatcrwerbsgesellschasten Werlassen oder besser in eigenen Betrieb genommen werben. Früher habe ich eifrig die Meinung vertreten, daß man der Privattätigkeit möglichst freien Raum geben solle. Schließlich beruht das ganze Gemeinde- und Staatswesen auf Privattätigkcit, und schließlich ist diese be- wcglicher. TemgegenüMr steht die Auffassung, daß Betriebe, die der Oesfentlichkeit dienen sollen, und namentlich Betriebe, die sich abspielen auf den den Gemeinden gehörigen und von ihnen unter- haltenen Straßen, nicht der Privaitätigkeit überlassen werden, weil sie nicht unter den Gesichtspunkt des Erwerbs, sondern unter den höheren des allgemeinen Wohls fallen. �Sehr richtig!) Das schließt noch gar nicht aus, daß die Privatiudustrie dabei hervorragend mitwirkt, wenn nur die Gemeinde Eigentümerin bleibt und als Herrin in der Lage ist, entscheidend in den Betrieb einzugreifen. Nur auf diesem Wege, meint man, könnten die traurigen Wirkungen des Kleinbahngesctzes beseitigt werden. Als die Versammlung vor 13 Jahren die Verkehrsdeputation einsetzte, glaubte ich auch, diese Frage sei für Berlin gelöst. Darin habe ich mich schwer getäuscht. (Zuruf:„Höre, Jacobil") Immer wieder wird bei jedem neuen Projekt auch diese Frage aufgeworfen; daß dadurch Differenzen und Reibungen entstehen, ist natürlich. Will man fruchtbringende Verrehrspolitik treiben, so mutz man sich nach einer oder der anderen Seite entscheiden; das Schwanken führt zu nichts.(Leb- hafte Zustimmung auf verschiedenen Seiten.) Die Verhältnisse drängen dahin: Sie werden in allernächster Zeit die Frage mit Ja oder Nein beantworten müssen, und ich bitte Sie sehr, sich dann der heutigen Erörterungen zu erinnern.(Beifall.) Bürgermeisler Dr. Rcicke: Die Gründe, die der Magistrat als die seinigen bezüglich der Voßstratze ansieht, hat er Ihnen schriftlich mitgeteilt. Wir haben diese Gründe für gute gehalten. In dem Erlaß des Ministers erblicken wir wenigstens das Anerkenntnis, daß er den Versuch einer Umstimmung des Magistrats nicht machen will. Das Schauspiel eines Magistrats—, der beim vierten Male einen anderen Standpunkt einnehmen würde als dreimal vorher, möchte ich Ihnen und uns gern ersparen. Auch bezüglich der Straßenbahngesellschaft scheint der Minister geneigt, sich auf den Standpunkt des Magistrats zu stellen. In dem Schreiben des Ministers sehe ich ein erfreuliches Zeichen dafür, daß er evcntl. die Hand bieten wird, daß die Bedingungen der„Großen" annehm- bar werden. Würde ein bestimmtes Projekt bei der mehr- erwähnten Verhandlung vom Oberbürgermeister vertreten worden sein, so wäre ja vielleicht die Entscheidung des Magistrats ander? ausgefallen; er hat aber nur versprochen, für die Projekte einzu- treten, und das hat er mit größtem Eifer im Magisträt getan. Stehen Sie ab von einem neuen Versuch bezüglich der Voßstratze. Stadtv. Kassel: Ter Mangel an Entgegenkommen seitens der Sta�itsregierung ist auch einer der Gründe, die die gegenwärtige Lage verschuldet haben. Ich verweise nur auf die Rolle, die in den verschiedenen Verkehrsprojektcn das Opernhaus spielt. Es scheint, daß man uns die Linie Moabit-Rixdorf vielleicht konzessionieren will, wenn wir das alte Opernhaus kaufen. Für die Interessen der Stadt Berlin ist der Ankauf des Opernhauses überflüssig. Daß sämtliche neuen Linien von 1331 ab von der Stadt gebaut werden sollten, darauf haben w i r uns damals bei Einsetzung der Ver- kehrsdeputation keineswegs verpflichtet. Den Angriff des Kol- legen Borgmann auf den Magistrat anläßlich der Voßstraßenfragc halte ich für ganz verfehlt, besonders aber auch die Berufung auf Aeußerungen an Allerhöchster Stelle. Die Freiheit der Ent- schließung des Magistrats muß respektiert werden. Ich lehne daher auch den Antrag Borgmann ab. Der„Großen" gegenüber können wir unsere letzten Pläne nicht offenbaren; wir dürfen uns nicht selbst die Hände binden. Ter Oberbürgermeister sprach von deni Gegensatz von ErwerbSintcressen und Interessen des Gemein- Wohls, ich nehme an, daß er wie früher auch daran festhält, daß der Erwerb und Betrieb einer Bahn nur nach wirtsdhaftiichen Grundsätzen, also ohne Verschlechterung der städtischen Finanzlage erfolgen darf. W i r werden daran festhalten. Stadtv. Rosenow deantragt um 9)4 Uhr Vertagung der De- batte. m Der Antrag wird mit großer Mehrheit angenommen. Persönlich bezeichnet Stadtv. B o r g m a n n die Auffassung Stadtv. Cassel von seiner Bemerkung über die Ausführungen der Allerhöchsten Stelle als irrtümlich. Schluß Z413 Uhr. Versammlungen. Berichtigung. In unserem gestrigen Bericht über die Ver- sammlung der Wertheim-Angestellten ist leider ein Irrtum unter» laufen. Es heißt dort:„Morgens müssen die Kassiererinnen antreten und auf das Kommando:„Portemonnaies heraus!" zeigen, daß sie Wechselgeld besitzen usw. Diese Darstellung beruht auf einen Hörfehler des Berichterstatters. Nicht die Kassiererinnen, sondern die sogenannten Schaffner, die Begleiter der TransporUvageu, müssen Wechselgeld aus eigener Tasche stellen. letzte JVachmhten. Offizielle Aufhebung der schwedischen Aussperrung. Stockholm, 1. Dezember. sPrivattelcgramm des„Vor- wärts".) Der Arbeitgeberverband hob heute offiziell und bc- dingungslos die im Vorjahre proklamierte Aussperrung auf, die zu dem Generalstreik geführt hatte. Unser Parteiorgan „Socialdemokratcn" bezeichnet die bedingungslose Aufhebung als einen Rückzug und als ein Ricsenfiasko des Unternehmerführers Tydow. Unter harten Opfern hat Schwedens Arbeiterklasse in heldenmütigem, opferreichem Kampfe wenigstens einen halben Sieg errungen. Eine internationale Abrüstungskonferenz? Rom, 1. Dezember. In der D e p u t i e r t e n k a m m e r be- gründete bei der W e i t e r b c ra t u n g des Budgets des Ministeriums des Aeußeren V i s s o l a t i(Soz.) eine Tagcsord- nung, durch welche die Regierung ersucht wird, sich mit O e st e r- reich- Ungarn über die Einberufung einer internationalen Ab- rilstungSkonferenz ins Einvernehmen zu setzen. Die Initiative Italiens könne eine günstige Wirkung haben, sotvohl weil Oesterreich-Ungarn unter den ungeheuren Militärlasten seufze, als auch weil die besonderen Hindernisse für ein gutes Einvernehmen mit Oesterreich-Ungarn beseitigt seien. Der Redner- betonte, welche Bedeutung die FriedenSinititative haben würde, wenn sie von zwei Dreibundmächten ausginge, und erklärte, eine etwaige Ablehnung seitens Oesterreich-Ungarns würde keine offene Feindseligkeit bedeuten, auf jeden Fall würde Italien durch den von ihm beantragten Vorschlag voll seine Pflicht getan haben. (Beifall. Zurufe.) Eisenbahnzusammenstoß. München, 1. Dezember. Eine amtliche Meldung besagt: Heute nachmittag gegen 3 Uhr fuhr der Personenzug 314. von M e i n i n g e n nach Schweinfurt, auf den vor dem Einfahrts- signal der Station Ebenhausen(Untersranken) haltenden Güterzug1732 auf. Ter Postschaffner des Personenzuges 314 ist schwer, dreizehn Reisende sind leicht verletzt. Die Reisenden fuhren mit dem Schnellzug 32 nach Schweinfurt weiter. Von dem Zug 314 sind der Packwagen und ein Personenwagen entgleist. Der Gesamtverkehr der Strecke wird auf dem Gleis Schweinfurt-Meiningen durchgeführt. Der Unfall ist darauf zurückzuführen, daß der Zug 314 von der Station RotterShausen abgelassen wurde, bevor die Strecke frei war. ZaulSinger sc Co., Berlin 5W. Hierzu Z Beilagen« UnterhaltungSbi. Nr. 282. 27. Jahrgang. 1. Jeilngt des Jotmiitls" ßftlitttt öolliolilatt. Freitag, 2. Dejenlber 1910. Reichstag. 91 Sitzung. Donnerstag, den 1. Dezember. nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratStisch: Dr. Delbrück. Die erste Beratung des Kurpfuschergcsetzes wird fortgesetzt. Abg. Mancr-Kaufbeuren(Z.>: Ein friibereS Gesetz gegen die Kurpfuscher wurde auf Antrag der Berliner Medizinischen Gesellschaft seinerzeit aufgehoben. Zuzugeben ist, datz die Mißstände im Heil- gewerbe in den letzten Jahren zugenommen haben. Diese zu be- kämpfen sind wir bereir. Aber das Gesetz geht dabei weit über das Ziel hinaus. Eine Begrifssbeftiinmung des Kurpfuschers fehlt in dem Gesetz Ich stehe auf dem Standpunkt: Arzt ist, wer heilen kann; Kurpfuscher ist, wer nicht heilen kann, wer öfters eine Kur verpfuscht. Wir sollten keine Gesetzes-Kurpfuscherei treiben. DaS Geich bedeutet einen Ein- griff in die persönliche Freiheit, in das Recht des Menschen auf seinen Leib. Es fragt sich, ob nicht der Ausbau der schon be- siebenden Bestimmungen gegen Miststände im Heilgewerbe genügt. Ich erinnere an das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, die Bestimmungen des Strafgesetzbuches über Körperverletzung usw. Dagegen billigen meine Freunde das Verbot der Ver- breitung von Mitteln zur Verhütung der Emp- fä n gnis. Wir wollen nicht, dast die französischen Zustände auf Deutschland übertrogen werden. Abg. Stücklen(Soz.): In dem Gesetz fehlt vor allein eine genügende Definition des Begriffes Kurpfuscher. Der Entwurf Hilst sich dainit, dast einfach jeder, der nicht approbiert ist, ein Kurpfuscher genannt wird. Wenn von dem Vertreter der Regierung auch gestern erklärt ist, dast die Naturheilkundigen damit nicht gemeint sein sollen, so wird sich die Behörde später doch einfach nach dem Wortlaut des Gesetzes richten und es werden mancherlei Mistgriffe vorkommen. Die Approbation ist doch aber lein genügender Schutz vor Kurpfuscherei, unter den Aerzten gibt eS doch auch sehr viele Leute, denen man seine Gesundheit nicht anvertrauen kann. Ist doch auch der Professor Schwenninger seinerzeit von seinen Kollegen als Kurpfuscher bezeichnet worden. Aus ärztlichen Kreisen heraus kann man sebr harte Urteile über unsere offizielle Schulmedizin hören, so wird gesagt, unsere Arzneilehre gehört gewist noch zu neun Zehnteln in das Gebiet der Sage» und Märchen und ist ein Ueberbleibsel des alten Aberglaubens, die Anwendung der roten, grünen und meisten Medizinen wird von hervorragender ärztlicher Seite direkt als eine Täuschung des Publikums bezeichnet.e historische und die prähistorische Zeit der Menschheit auf rund 12 000 Jahre, die beiden jüngsten Diluvialperioden auf 65 000 Jahre, so kommt man für die dritte Periode auf ungefähr 100 000 Jahre vor unserer Zeit. Dieser Periode, dem sogenannten Aurignacren, gehört die Figur an. Klagen bilden für die Regierung deu Gegenstand ernst erSorge. Aber die Pflicht, ihnen zu Hilfe zu kommen, liegt in erster Linie den Einzelstaaten ob, und diese haben sich auch dieser Pflicht nicht entzogen. DaS Reich kann nur ergänzend ein- nete» durch Unlerstiitzung wissenschafllicher Bestrebungen, durch eventuelle zollpolmsche Mastnahmen und durch eventuelle Verein- barmrg über eine gemeinsame Bekämpfung der Rcbschädlinge. Redner geht auf die zur Bekämpfung der Rebschädlinge vor- genommenen lvissenschaftlichen Versuche ein. Nur wird ein einheit- iiches Vorgehen der Bundesstaaten unter Führung des Reiches verlangt. Es ist auch bereits ein Antrag Bayern in dieser Richtung bei der Reicksleitung eingegangen. Ein solches gemein- sanieS Vorgehen wird weniger auf geineinschaftliche wissenschaftliche Arbeit zu richten sein, lvohl aber können ge in einsame prak- tische Arbeiten in die Wege geleitet werden, wenn die Er- fahrungeu Bayerns mit der Wiiitervekämpfung der Rebschädlinge vorliegen oder andere Methoden soweit geprüft sein sollten, daß ihre Anwendung empfohlen werden kann. Auf Antrag des Abg. Dr. Dahlemmd sagte vor mich hin:„So ein Halunke." Ein anderer Schutzmann sagte zu Beugsch:„Mensch, nimm sie doch." Dann packte mich Bengsch am Krage», so daß der Krage» abriß. Ich wurde nach dem Kohleuplatz gevracht. Als wir dort ankamen, rief mir ein Schutzmann zu:„Da ist die Dickarschige, die zu Hause nichts zu tun hat."— Ich antwortete:.Ick muß nachts in der Garderobe arbeilen und am Tage meine Hausarbeit machen. In der Tür des Wachlokals aus dem Kohlenplatze erschien ein Schutzmann, der schlug mich beim Hereintreten sogleich ins Gesicht und verschwand dann. Ich weinte. Die Schutzleute machten allerlei Redensarten, sie lagten, ich würde mit dem grünen Wagen nach dem Alexander- platz gebracht werden. Schliesttich wurde ich in ein Auto gestoßen und nach der Revierwachc gebracht. Auch hier haben mich die Beamten durch Schimpfen und unzicmeude Redensarten belästigt.— Der nächste Zeuge, Schutzmann Reimer, wird von der An- geklagten als derjenige bezeichnet, der seinen Kollegen Bengsch durch die Worte:„Mensch, nimm sie doch!" zu ihrer Festnahme ver- anlastte.— Beide Schutzleute behaupten, dast sie die Angeklagte nicht gestohen, nicht geschlagen, nicht geschimpft lind auch nichts derartiges gesehen oder gehört haben.— Die Zeugin Frau Krause hat vor dem Untersuchungsrichter angegeben: Frau Friese habe sich den Durchgang durch die Schutzmauns- kette zu erzwingen gesucht. So wenigstens steht es im Protokoll. Als der Zeugin das vorgehalten wird, be- streitet sie ganz enlschieden, so gesagt zu haben, denn eS sei ja gar nicht richtig. Sie kann iiur sagen, Frau Friese wollte durch die Kette gehen. Von einem Versuch,' sich hindurchzudrängen, hat die Zeugin nichts gesehen. Später aber, als Frau Friese von der Polizeiwache kam, sah die Zeugin ein verweintes und durch die Backpfeife von dem Schutzmann gerötetes Ge- ficht.— Schutzmann Bengsch behauptet, die Angeklagte habe im Wachtziininer auf dem Kohlenplatz sich beim P o l i j) e i m a j o r Klein beklagt, dast sie geschlagen worden sei.— Die Angeklagte bestreitet das. Sie kenne den Major Klein seit Jahren und habe ihn bei jener Gelegenheit nicht gesehen.— Polizei major Klein wird tclephoniich herbeigerufen.- Er erinnert sich eine» Vorganges, der sich aber nicht im Wachlzimmer, sondern ans dem zum Kohlen- platz führenden Gange abspielte. Eine starke Dame, ob eS die Angeklagte ist, kann er nicht sagen, habe ihm im Vorbeigehen eine Be- schwerde vorgetragen. Er habe darauf geantwortet:„Das kommt davon" und sei weitergegangen.— Rechtsanw. Heine: Halten Sie denn eine Beschwerde damit für erledigt, daß Sie sagen, das kommt davon?— Vorsitzender: Herr Verteidiger, hex Herr. Mvjmr Kleiir ist nicht angeklagt. Wir haben jetzt nur zu prüfen, was die Angeklagte getan hat.— NechtSanw. Heine: Es handelt sich ja Um eine Bcschiverde, die die Angeklagte vorgebracht haben soll. Der Zeuge halte dock als Vorgesetzter der Schutz- leute, über die sich jemand beschwert, der Sache nachgehen müssen.— Polizeimajor Klein: Ich hörte, daß die Dame mit einem Schutzmann räsonnierte und glaubte, sie würde wohl wegen irgendeiner Widersetzlichkeit sistiert worden sein. Jedenfalls hatte ich auch ttr dem Augenblick keine Zeit, mich näher mit der Sache zu befasien. Die Angeklagte bleibt dabei, daß sie mit Major Klein nicht ge- sprochen. Da er sich aber eines Gesprächs mit einer starken Dame erinnert, so mag vielleicht außer der Frau Friese noch eine andere Frau auf der Kohlenplatzwache misthandelt worden sein. Vierzehnter Fall. Angeklagt ist der Fabrikarbeiter Heide. Der Bor- gang, der zu seiner Festnahme Veranlassung gab. spielte sich am 27. September, abends gegen 8 Uhr, an der Ecke der Turm- und Waldstraste ab. Einige als Zeugen vernommene Schutzleute stellen den Vorgang so dar: Vier Schutzleute ver- trieben die Menscheinnenge. Die Aufforderung, weiter zu gehen, beantwortete der Angeklagte mit der Bemerkung: Das brauche er nicht, die Straße diene dem Verkehr. Der Angeklagte habe die Menge durch Schreien und Pfeifen zum Widersland gegen die Beamten anzureizen gesucht.„Ich bin der Ansichl"— sagl Schutz- mann Junge—„daß Heide die Leute um sich sammeln wollte, um sein Mütchen an uns zu kühlen, weil wir bloß vier Mann waren." Auch durch den Ruf:„Bluthunde, haut die Blauen!" soll sich Heide bemerkbar gemacht haben. Der Schuyinann Koly fastte ihn und fiel mit ihm zu Boden. Als wir wieder aufkamen— sagt Koly— fastte mir Heide an die Kehle. Dann sprang der Schutzmann B r a ck e r hinzu, den grrsf Heide an das Handgelenk und versuchte ihm den Arm um- zudrehen. Schutzmann Junge schlug nun den Angeklagten Heide zivetmal mit dem Säbel über den Kopf. Heide warf sich zu Boden und leistete seiner Sistierung Widerstand, er wurde gefesselt nach der Wache gebracht. Auf dem Wege dorthin rief er der Menge zu:„Rettet Euch, Genossen, schützt Euch vor den Räubern." Bei der Ankunft auf der Wache sagte Heide zu den Schutzleuten:„So. jetzt habt Ihr es geschafft, Ihr Hunde, Ihr Strolche. Ihr �ieht doch noch den kürzeren, wir Arbeiter werden einmal siegen, dann hören auch die Maschinengewehre aufzu schießen."— So stellen die beteiligten Schutzleute den Hergang dar.— DerAngeklagtegibt zu, dast er durch das Verhalten der Schutzleute, welche die Menge hin- und herjagten, erregt wurde. Er habe wohl die Beamten durch einige Worte verulkt, aber nicht geschrien, auch nicht gepfiffen. Er könne gar nicht pfeifen. Dir Aufforderung zum Weitergehen habe barin bestanden, daß dir Schutzleute mit Säbeln auf die Leute einschlugen. Ruch auf der Wache— sagt der Angeltagte— bin ich von sechs bis acht Schutzleuten furchtbar geschlagen worden.— Einem der folgenden Zeugen, dem Schutzmann Blank hält Rechtsanwalt Cohn vor: Der Angeltagte Heide ist nach seiner Festnahme von der Polizeiwache aus ins Krankenhaus ein- getiefert worden. Dort wurde festgestellt, dast er nicht nur durch Säbelhiebe verwundet war, sondern auch viele Striemen und blaue Flecke am Körper hatte. Da der Angeklagte auf der Straße nur zwei Säbelhiebe erhalten hat, so müssen doch die anderen Verletzungen von Mistbandlungen herrühren, die ihm auf der Polizeiwache widerfahren sind.— Schutzmann Blank erklärt, er habe den Angeklagten nicht geschlagen, habe auch nicht gesehen, dast er geschlagen worden sei und könne nicht er- klären, wie derselbe zu den Striemen und Flecken gekommen ist. Nun wird der fünfzehnte Anklagefall erörtert. Er betrifft die Angeklagten Frau Sattler und ihre Tochter Frl. Sattler. Das Belastuugsmatcrial, welches gegen diese beiden Angeklagten vorgebracht wird, ist nichts, lediglich der Niederschlag von Klatschereien der Nachbarn jund Nachbarinnen. Das einzige, was mit Sicherheit an- gegeben wurde, ist, dost Frau und Fräulein Sattler auf dem Balkon standen, als tief unter ihnen in der Wiclefstraste eine Polizeiattacke gerilteu wurde. Doch darüber sind die Zeugen schon nicht mehr sicher, ob dies am 26. oder 27. September war. Dast vom Sattlerschen Balkon geworfen wurde, bat niemand ge- sehen. Ein Bewohner desselben Hauses gibt mit Be- stimmtheit an, dast aus diesem Hause überhaupt nicht geworfen wurde. Der Zeuge hat„Bluthunde" rufen hören, aber von K i u d e r stimmen. DaS können also die An- geklagten nicht gewesen sein. Ein Zeuge, ein junger Mann namens Freitag, der eine Etage unter SattlerS wohnt, will über sich den Ruf„Bluthunde" gehört haben, kann aber nicht sagen, ob der Ruf von einer der Angeklagten kam. Die Sliminen kaunle er nicht, er habe sich um die Hausbewohner nie gekümmert. Aus Fragen des Rechtsanivalts Cohn gibt der Zeuge zu, dast er durch Uebersendung eines Theaterbilletts Beziehungen zu Fräulein Saltler anzuknüpsen versuchte, die aber zurück- gewiesen wurden und dast er über das.Bluthund"-ruscn über seinem Haupte mit dem Kohlenhändler Angler, einem Feinde der Frau Saltler, gesprochen hat.— Eine andere HauS- genossin der Angeklagten. Frau Jordan, hat„Bluth-mde" rufen hören, da die Stimme nicht die eines jungen Mädchens war. nimmt sie an, Frau Sattler habe den Ruf ausgestoßen. Noch eine HauSgenossin, Frau Rabs, kann gar nichts Bestimmte? sagen, sie hat nur von anderen Frauen über Frau Sattler rede:: hören. Im sechzehnten Falle ist der Hausdiener H e i n e m a n n angeklagt. Er ist am Abend des 27. Seplember an der Ecke der Turm- und Bensselstraße von vier Kriminalbeamten festgenommen worden. Diese Beamten bekunden übereinstimmend: Eine Menge, die johlte und schimpfte, wurde zurückgetrieben. Da stellte sich der Angeklagte hin, hielt die Hände lrichtcrfönnig vor den Mund und schrie aus Leibeskräften „Blutyunde" Als wir ihn am Kragen hatten— sagt einer der Zeugen— rief die Meuge:„Haut ihn, haut ihn". Es sei auch ein Schuß aus der Menge abgegeben worden, anscheinend ein Revolverschutz.— Der Angeklagte gibt zu, dast er. als eine Anzahl reitender Schutzleute ohne vorhergegangene Aussorderung zum Auseinandergebeu das Publikum attackierten,„Blutbnnde" gerufen habe. Dann— sagt er— wurde ich gleich von vier Kriminalbeamten gepackt und nach der Wache gebracht. Auf dem Flur des Wachlokals schlugen sie alle vier mit Knüppeln auf mich ein, und als ich deshalb ichrie, riefen sie:„Willst Du die Schnauze halten— verfluchter Hund". Ich wurde am Halse gepackt und so festgehalten, dast ich mich nicht rühren konnte.— Die beteiligten Beamten be st reiten mit aller Entschiedenheit, den Angeklagten geschlagen zu haben. Einer von ihnen aber bekannte sich z» ein paar Faustschlägcn. Doch will er die Faustschläge dem Angeklagten versetzt haben, um den Widerstand zu brechen, den er am Eingange zur Wache geleistet habe, indem er sich am Treppengeländer festhielt.— Der Angeklagte sagt hierzu: Ich habe mich am Ge- länder festgebalten und mich hinter diesem Beamten zu decken ver- sucht, um mich vor den Schlägen zu schützen.— Der Schutzmann erwidert: Das ist unwahr, ich habe nicht gesehen, dast er geschtagcn wurde.— Belastend für den Angeklagten wird der Umstand an- geführt, dast er bei seiner Festnahme einen Schlagring bei sich trug. Er sagt, den Schlagring habe er kurz vorher gefuiiden.— Zwei Zeugen geben an, sie hätten den Schlagring schon früher rm Besitze des Angeklagten gesehen. Damit war die Sitzung beendet. Die Verhandlung wird heute um 9'/s Uhr fortgesetzt._ Huö Induftnc und ftandd. Diskontermäßigung. , r.>. Kauz unvermutet ermäßigte die Bank von England ain DonnerStag ihren Diskontosatz von S auf �/z Proz. Mögen vielleicht auch politische Erwägungen bei der Maßnahme mitgewirkt haben, ohne daS Bewußtsein, die zum Jahresschluß sich mehrenden Ansprüche sicher befriedigen zu können, würde man die Herabsetzung doch wohl kaum vorgenommen haben. Ilse-Dividende. Trotz der Lamentationen über schlechte Preise und hohe Löhne kann die Bergbau-Aktien-G.„Ilse" für daS letzte Jahr wiederum 24 Proz. verteilen. Das zeigt, wie notwendig die Lohnreduktiouen wären._ HauShaltimgskosten in Großstädten. gerade in den großen Städten sind die HauShaltungskostcu, wenigstens soweit der Nahrungsmittelaufwand in Betracht kommt, meist höher als im vergangenen Jahre. Doch fehlt es auch nicht an bemerkenswerten Ausnahmen. Fangen wir im Osten Deutsch- lauds au, so ergibt sich gleich für Königsberg i. Pr. im Oktober d. I. ein wöchentlicher Nahrungsmittelaufwand einer vierköpfigen Familie von 21,66 M. gegen 21,39 M. im Vorjahr. In Danzig stellt er sich auf 21,72 M. gegen 21,45 M. Berlin gehört zu den Ausnahmen: der Aufwand beträgt hier 23,64 M. gegen 23,52 im Vorjahr. Brot, Schtoeuie- und Hammelfleisch sind im Preise gesunken. In Posen ist die Sdandardziffer von 22,47 auf 22,59 M. hinaufgegangen, weil Butter und alle Fleischsorten teurer geworden sind. Breslau weift nur einen Nahrungsmittelaufwand von 22,68 M. auf gegen 23,13 im Vorjahre, während er tu Halle a. S» von 24,66 M. im Oktober 1969 auf 25,23 M. im Berichtsmonat gestiegen ist. Kiel weist eine Senkung des Lebensmittelpreisniveaus gegenüber 1969 auf, auch in Dortmund ist eine Ermäßigung und zwar von 23,92 auf 23,13 M. eingetreten. Die anderen westdeutschen Großstädte aber haben fast durchweg Preissteigerungen auszuweisen: in Kastel ging die Standordziffer von 22,86 auf 23,37, in Frankfurt a. M. von 23,94 aus 24,54, in Düsseldorf von 25,56 auf 25,89, in Köln von 26,67 aus 27,15 M., in Essen von 24,39 auf 25,68, in Krefeld von 23,43 aus 26,46 M. hinaus. Es stieg her Nahrungsmittelaufwand ferner in Chemnitz von 23,63 aus 24,43, in Stuttgart von 24,49 auf 24,98. in München von 24,68 auf 25,12 Rh. Stimmungsmache. Nach einer Versammlung von 95 Proz. der Stahlfabrikamen des Landes erklärte der Präsident der Steel Cor- poration, die Versammlung sei einstimmig der Meinung gewesen, daß die gegenwärtige» Stahlpreise billig und vernünftig seien und nicht geändert werden sollten. To�iales. Verträge gegen die Ausübung deS KoalitiinSrechtS sind nach ß 138 des Bürgerlichen Gesetzbuchs nichtig. Denn sie ver- stoßen gegen die guten Sitten. Das ist bei der Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuchs in der Kommission und im Plenum an- erkannt. Von sozialdemokratischer Seite war damals beantragt, um gegen jeden Zweifel klarzustellen, daß Verträge, welche die Wahlfreiheit, die Koalitiousfrelheit, die persönliche Freiheit ein- engen, ungültig sind, ausdrücklich im Gesetz als nichtige Verträge hervorzuheben, die gegen die öffentliche Ordnung verstoßen. Da» wurde von der Mehrheit abgelehnt. In der Begründung des ab� lehnenden Standpunkts wurde aber ausdrücklich betont, daß auch die Mehrheit derartige Verträge für nichtig erachtet. ES heißt tu dem Kommissionsbericht(Drucks, des Reichstags 1895/1897, S. 45 deS Kommissionsberichts) wörtlich:„Von feiten der Verbündeten Regierungen und von verschiedenen Kommissionsmitgliedern wurde dagegen"(gegen den sozialdemokratischen Antrag)„zumeist auf die völlige Unbestimmtheit des Begriffs der öffentlichen Ordnung hingewiesen, welche auch in Frankreich zu zahlreichen, keineswegs unbedenklichen richterlichen Entscheidungen geführt habe. Frei- lich aewist nicht zn verkennen, daß der Schutz der Koalitionsfrei- fieff, Wahlsreiheit, Eetverbefreiheit usw. b!e Nichtigkeit gewisser Vertrüge gebieterisch verlange. Allein diese Richtigkeit trete auch nach dem Entwurf zweifellos ein. da solche Verträge als gegen die guten Sirterl verstoßend zu betrachten seien. Ein Bertrag. durch welche» jemand beispielsweise die Koalitionsfreiheit, die Gewissens- frciheit. die Ausübung oder Nichtausübung des Wahlrechts be- schränke, vcrstoste zweifellos gegen die guten Sitten. Auch Be- schränkungcn der Eewerbefreiheit, sofern sie das durch Wirtschaft- liche Interessen berechtigte Matz überschreiten, seien als den guten Sitten widerstreitend zu verwerfen." Im Plenum lSten. Bericht S. 2100) wurde nochmals ohne Widerspruch konstatiert, datz die einhellige Ansicht der Negierungen und der Kommission dahin geht, datz Verträge, durch welche der Eintritt oder Anstritt in eine ge- werkschaftliche Organisation vereinbart wird, zweifellos gegen die guten Sitten verstotzcn. Trotz dieser Feststellungen verstoßen Arbeitgeber, und darunter die Eisenbahnverwaltung, durch derartige nichtige Vereinbarungen gegen die guten Sitten. Und noch mehr: ohne jede Rücksicht aus die von uns eingangs in Erinnerung gerufenen parlamentarischen Vorgänge haben gelehrte Gerichte sich gefunden, die derartige Ver- träge für gültig erklären. So letzthin das Landgericht und Ober- landcsgericht in Frankfurt a. M. Den Fehlurteilen dieser Gerichte lag der naclifolgend dargestellte Sachverhalt zugrunde: Die Fuhrleute Adam FiereS und Pius Albert standen bei Roll- fuhruntsrnehmern als Fahrburschen in Stellung. Sie arbeiteten zur Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber und wunderten sich um so mehr, als sie eines TageS gekündigt bekamen. Nach ihrer Bs- hauptung kündigten die Arbeitgeber widerwillig, indem sie lediglich einem Druck des preußischen Eisenbalmfiskus folgten, weil sie Mit- glieder einer Arbeiterorganisation seien. Da das Verhalten des Fiskuö wider die guten Sitten verstößt und der Fiskus für den ihnen aus der Entlassung erwachsenen Schaden zu haften hat, er- hoben die Fuhrleute gegen den FiskuS Schadenersatzklage. Fieres forderte 402 und Albert 212 M. Ter Fiskus machte geltend, datz allein schon die Taisachc der ordnungsmäßigen Kündigung seitens der Arbeitgeber der Kläger jeden Anspruch der letzteren gegen ihn auSschlietze. Er, der Fiskus, habe in Wahrung berechtigter Jnter- essen gehandelt, wenn er den Verkehr der Kläger mit seinen Ar- beitern, der durch deren Stellung bei den Rollfuhrunternehmern bedingt worden sei, abgeschnitten habe. Die Kläger seien zudem von ihrem früheren Arbeitgeber entlassen worden, weil sie gemein- schaftlich ihre Arbeitsgcnossen ohne deren Wissen und Willen in die Organisation des Deutschen Trar.sportarbeiterverbandes ge- trieben hätten. Beide wären auch Leiter eines im Jahre 1909 ge- Planten, aber nicht zur Ausführung gekommenen Streiks der Frank- furter Transportarbeiter gewesen. Tie Kläger stellten jede agi- tatarische Tätigkeit in Abrede. Die achte Zivilkammer des Landgerichts wies die Klage, die sich auf Z 82g des Bürgerlichen Gesetzbuchs stützte, ab. In der Be- gründung hieß eS:§ 826 verpflichtet denjenigen zum Schaden- ersatz, der in einer gegen die guten Sitten verstohenden Weise einem anderen Schaden zufügt. Der Beklagte sei durch kein Gesetz verpflichtet, organisierte Arbeiter in seinem Betrieb zu beschäftigen, und er habe es im Wege freier Rechtsentschlietzung in der Hand, solche Arbeiter sich fernzuhalten. Auch hat der Fiskus Anspruch auf die Anerkennung, daß, wenn er organisierte Arbeiter faktisch nicht duldet, ihn dazu sachliche Erwägungen �führen, ihm inSbe- sondere die gesteigerte Verantwortlichkeit zur Seite steht, die seine Vertretung der öffentlichen Interessen und Sicherheit bedingt! Er handelt daher nur konsequent, wenn er nach Möglichkeit organisa- torische Beeinflussung der bei ihm beschäftigten Arbeiter zu ver- hindern sucht. Eine Gefahr solcher Beeinflussung erblickt er aber mit Grund in täglicher Berührung der Kläger mit Leuten seines Betriebes auch dann, wenn die Kläger einer Arbeiterorganisation angehörten, ohne agitatorisch tätig gewesen zu sein, wie der Fiskus es behauptet. Und dieses tägliche Zusammentreffen und als dessen natürliche Folge die Unterhaltung über die wirtschaflichen Ver- Hältnisse der Arbeiter, und damit die Versuche der Kläger, die Arbeiter des Beklagten zu ihrem Standpunkt zu bekehren, waren nicht zu vermeiden, solange die Kläger als Fuhrleute bei den bahn- amtlichen Rollfuhrunternehmern tätig waren. Daher durste der Beklagte darauf ausgehen, diese Berührung auszuschalten, und auch der Weg, den er dazu gewählt hatte, Uetz ihn nicht gegen 8 826 verstotzen. Die Kläger haben nach einer bezw. zwei Wochen wieder eine Stellung gefunden, die sie ernährt. Datz die neuen Stellungen weniger einträglich sind als diejenigen, aus denen der Gegensatz der Anschauungen der Parteien die Kläger herausgedrängt hat, bedeutet keinen unverhältnismätzigen Schaden und mutz von ihnen als Folge ihres sozialpolitischen Standpunktes gegenüber den Beklagten ge- tragen werden. Das ObcrlandcSgmcht verwarf die von de» Klägern eingelegte Berusung. Das Beispiel zeigt klar, wie notwendig es auf dem Gebiete des Arbeiterrechts ist, durch detaillierte Vorschriften nach Möglichkeit jeder falschen, einseitigen, durch Klasseninteressen diktierten Aus- legung entgegenzutreten._ Ordnungsstrafe vor dem Kansmannsgcricht. Vor der 2. Kammer des Kaulmannsgerichts fand am Mittwoch unter dem Vorsitz des Magistratsassessors Liebrecht Termin statt in Sachen einer Frau Leopold, die für ihre minderjährige Tochter gegen die Firma Goldfeder-Meyerheim wegen eines Restgehalts- anspruchs in Höhe von 12,39 M. klagte. Nach der Beweis- ausnähme wurde Klägerin mit ihrem Anspruch abgewiesen. Bei Verkündigung des Urteils rief Klägerin dem Vorsitzenden erregt zu:„Ich lasse mich von einem Juden nicht verurteilen, denn ich bin eine Ehnstin!" Der Nichter ließ die Frau sofort festnehmen. Nach nun erfolgter Beratung des Kollegiums bcschloh das Gericht, eine gegen die Klägerin sofort zu vollstreckende Haftstrafe von zwei Tagen zu verhängen, da in der Aeutzerung eine grobe Un- gebühr erblickt wurde. Auf eine inzwischen von der Frau L. ge- machte Eingabe wurde der Vollzug der Strafe bis zum ö. Dezember ausgesetzt. Grojlte Speml'FnppeU'Tabrik Berlins P. R. Zierow, Berlin, Schönhauser Allee 179. Waltershausener Kugelgelenk-Pappen mit feinem Biskuit-Kopf, Schlafaugon mit Wimpern, Zühnchan, Handgelenk und genahter tressierter Mohair-Ringellooken-Perücke zum Kämmen. Höhe in cm: 34 37 40 60 53 55 68 63 pro Stück Harb».00 2.10 3.80«.70 3.50 8.75 4.00 4.50 Leute ynroa Ziugelgklenk?uppen mit natsirlicben Augenbrauen and Wimpern Neuheiten: Fabrikmarke. in künstlerischer Ausführungmit lohlafaugen, Augenwimpern und loppeltera Ann- und Fußgelenk. Ucparatnrcn and alle limatzfcllo für Pappen. Engros, Auch Einzelverkauf. Kein Laden. 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(Ohne Gewähr.){Nachdruck verboien.) 103 289 324 781«20 905 1 016 117 233[3000] 303 891 653 847 2244 86 543 691 747[3000] 93 805 3051 593 f500] 618 823 74 922 4063[1000] 121[3000] 255 303 20[5001 827 30 939 5 3.33 602 772 81 6123 98 240 50 312 54 71 636 697 860 924 30 7022 397 481 523 71 611 737 39 8030 104 261 85 333 81 550 746 93[500] 921[3000]»054 73 225 69 382 461 612 88[ 3000] 908 10028 43 162 273[3000] 815 557[500] 630 758[500] 915 64 11056 367 612 735 871»57 70 1 2094 103 203 21 82 553 049[500] 842 910 13012 23 80[1000] 237 344 61 434[3000] 661 981 14071 146 366 93 410 579 721 821 15012 174 315 451 80 525 734 98[1000] 16041 132 230 683 93 9 4 822 947 79 1 7002 20 136 313 423 37 601 796 1580] 807 81 18560 69 438 507 611 lg[609] 31 706 53 71 [500] 805[600] 973 19146 tSOOJ 209 317 710 835 66 20416[5000] 560 843 2 1 085 265 301 490 2 2286 482 «61 975 2 3156 636 63 793 877 24960 396 459 693 710 952 2 5 042 64 164 67 348 96 790 906 97 26133 03[1000] 312 329 402 21 749 2 7667[500] 99 2 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Ziehung 5. Kl. 223. Kgl. Preuss- Lotterie. Ziehung vom 1, Dezember nacbmiltaga Kur die Gewinne Uber 240 Mark elnd den betreffenden Nummern In Klammern beigefügt (Ohne Gewähr.)(Nachdruck Terbolen.) 173 252»9 971[1000] 1001 77[3000] 641 97 2157 825 69 412 40 E93[500] 825[1000] 931 3194 418 181 904 23 49 4020 176[500] 221 310 441 624 667 77 836 953 8 047 139 370 475 841 68 6013 69 197 242 75[500] 342 567 649[500] 870 991[500] 7692 821 36 911[500] 8220 «3 828 442 544 606 757 811 905 10089 129 269 422[500] 623 11179[600] 711 52 914 12054 164 238 98 415 618 27 883 1 3032 127 351 57 530 39 966 1 4036 148 434 43 62 61 564 601 22 834 1 5047 62 135 354 855 1 6010 179 408 33 671 601 830 002 1 7635 18 102 368 40 1 60 717 809 1 9338 605[1000] 861 20375[ 3000] 458 659 727 2,1.121 26 354 769 940 22053 192 425 28 609 41 8SS 57 23152 382 472 93 690 607 725 80 932 2 4055 7 4 453 655 79 820 39 940 2 500« 70[500] 178 207 19 361 670[500] 757 85 2 6317 685 676 707 86 977[3000] 27038 164[$000] 603 22 7 6 73 3 28022 67[1000] 227 476 661 833 53 2 9090[1000] 106 47« 638 711 694 915 3O061 249[500] 395 475 646[3000] 754[1000] 75 619 36 970 9 4 31113 46 248[500] 32130 435[1000] 880[500] 33525 631 837 3 4038 157 328[600] 59 42! 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Glocke, Berlin. Druck u. Verlag:Vortvartj Buchdruckere» u. BerlagSanstalt Paul Singer& So* Berlin SW, 6 Nr. 282. 27. Jahrgang. 1. 5tiliiic Ks Jarmärtf Knlim Irtitaj, 2. ZeMbti 1910. Stadtverordneten-Verfammlung. 84. Sitzung vom Donnerstag, den 1. Dezember. nachmittags V tlhr. Der Vorsteher Michclet eröffnet die Sitzung nach 5'/. Uhr. Die Wahl des Ausschusses zur Vorberarung der Vorlage betr. das Auswärtswohnen der Beamten und Lehrer hat staltgesunden; von der sozialdemotratischen Frakiion gehören die Stadtvv. Borgmnnn, Ewald, Mauas se und Sassen- Vach dem Ausschüsse an. Auf der Tagesordnung steht die Denkschrift dcS Magistrats über den Stand der Verkehrsfragen sowie die Vorlage betr. den Bau einer vom Belle alli an ce- platz nach der S e e st r a st e führenden Untergrundbahn, der sogenannten Nord-Jüd-Bahn, für welche der Magistrat einen Kredit von 53 8lX) 000 M. nachsucht. Es wird beschlossen, die letzlere Vorlage vorweg zu beraten. Stadtv. Heimann(Soz.): Wir stehen der Vorlage durchaus freundlich gegenüber; schon 1305 haben wir uns dafür ausgesprochen. Seitdem ist leider eine lange Zeit verstrichen, die Verhältnisse haben sich seitdem so erheblich verschoben, daß wir glauben, alle Veranlassung zu einer schnellen und glatten Erledigung der Vorlage zu haben. Fast 10 Jahre ist die Versammlung mit dieser Vorlage befaßt gewesen. Da sollte die gesamte Versammlung be- strebt sein, sowohl im Interesse des Verkehrs wie des Ansehens der Versammlung nach außen, die heutige Vorlage so schnell wie möglich über alle Klippen hinweg in Sicherheit zu bringen. Wir gönnen auch dem Stadtbaurat von Herzen, wenn aus seinen großen, gwercn Arbeiten wenigstens dies eine Projekt jetzt in die irklichkeit übergeführt wird. Einzelne Bedenken gegen die Vorlage stellen wir zurück, um die Erledigung der Borlage nicht zu verzögern. Für das wichtigste Erfordernis unter den gegebenen Verhältnissen halten wir. daß die Stadtgemcinde mit einem großen, wohldurchdachten Verkehrsprojekt austritt. Zwei Bedenken müssen wir aber hervorheben. Die Bahn soll zwei Wagcnklassen führen. Diese Maßnahme halten wir nach keiner Richtung für gc- rechtfertigt. Wir leben doch einmal im demokratischen LO. Jahrhundert, und die Große Berliner Straßenbahn hat Hunderttausende und Millionen an. eine einzige Wagcnklasse ge- wöhnt. Es erscheint uns direkt verwerflich, wenn hier wieder künstlich eine Klassenscheidung vom Magistrat vorgeschlagen wird. In dem Projekt der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschast Gesundbrunnen— Ripdorf ist auch bloß eine Klasse vorgeschlagen s.Hört. hört!). Der Vorlage von 1905 war eine Denkschrift bei- gegeben, aus der mit aller Deutlichkeit hervorgeht, daß die Ein» sührung nur einer Wagenklasse unser Unternebmen weit beweg- licher machen, auch eine Vereinfachung und Verbilligung des Betriebes mit sich bringen würde, da allein an Ge° Halter» jährlich GOOOO M. gespart werben könnten. Leider sind wir gewohnt, daß häufig auch die besten Gründe auf steinigen Boden fallen; in der Verkehrsdeputation sind wir mit allen unseren Versuchen in dieser Richtung allein ge- blieben. Würden wir heute einen solchen Antrag bringen, ihm wäre wohl kein besseres Schicksal beschicden, und so haben wir uns schweren Herzens entschlossen, davon Abstand zu nehmen. Zweitens bedauern wir, daß die Linie am B e l l e a l l i a n c e p l a tz enden fall. In der Grundauffassung des Magistrats, die Linie Zunächst nur innerhalb des Weichbilde» zu bauen, sind wir durchaus ein- verstanden, wir wollen aber klar zum Ausdruck' bringen,' daß wir allen den Vororten, die Anschluß an die Linie zu nehmen wünschen, jede mögliche Förderung zuteil werden lassen wollen. Wir werden uns nicht durch Stimmungen oder Verstimmungen be. einflussen lassen, sondern in dem gegebenen Rahmen die städtische Verkehrspolitik so zu führen suchen, wie es dem Verkehrs- bedürfnisse von Berlin, auch von Groß-Berlin, am besten entspricht, und damit glauben wir auch Berlinambesten zu dienen. Daher hätten wir weit lieber gesehen, wenn die Bahn sofort bis zur Gneise nau st raßc durchgeführt würde, von wo sie später in beliebiger Richtung verlängert werden könnte. Wünschenswert wäre die Beigabe einer Ertragsberechnung gewesen; aber der Vorlage von 1905 war eine solche beigegeben, und die inzwischen eingetretene Verschiebung dürfte nur zugunsten erhöhter Ren- tabilität sprechen. Wir bedauern gleichzeitig, daß der Zonen- tarif gleich von 10 auf 20 Pf. springt und keine Zwischenstufe von 15 Pf. vorgesehen ist. Auch auf der Untergrundbahn gibt es BillettS zu 15 Pf., ohne daß die Rentabilität irgendwie leidet. Die Stufe von 15 Pf. ist notwendig und sollte nicht ausgeschlossen werden. Wenn wir heute alle Bedenken zurückstellen, so erwarten wir dafür auch mit aller Bestimmtheit, daß die Arbeiten für die Linie sofort, unverzüglich, morgen schon, beginnen und mit größtem Nachdruck fortgeführt werden. Hier können unsere tech. nischen Bureaus zeigen, was sie zu leisten imstande sind, und sie können sich dabei die Hoch- und Untergrundbahn zum Muster nehmen, die mit der Unterfahrung der Spree weit früher fertig ist, als ausgemacht wurde. Ich schließe mit dem Wunsche, daß das gloße Unternehmen alle Erwartungen, dje daran geknüpft werden, erfüllen wird und der Anfang zu einer groß- zügigen städtischen Verkehrspolitit gemacht sein möge. Möchte es von der Linie später heißen:„Das Werk lobt den M e i st e r!"(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Dr. Kuhlmann(Fr. Fr.): Auch wir stellen unsere Be- denken zurück. Einige Zweifel hegen wir daran, ob die Bahn in vier Jahren fertig sein wird, wenn sie in städtischer Regie gebaut wird; Vergebung des ganzen Baues oder eines Teiles an Private würde nur förderlich sei». Eine Verlängerung nach Ripdorf würde die Rentabilität erhöhen.(Beifall.) Oberbürgermeister Kirschner: Ich danke den Vorrednern außerordentlich für die freundliche Aufnahme der Vorlage und hoffe, daß sie auch bei den anderen Fraktionen dieselbe freundliche Aufnahme sindet. Ich versichere, daß, soweit der Magistrat in Frage kommt, mit der Ausführung der Bahn, sofern Sie der Vor- läge zustimmen, sofort und ohne jeden Aufenthalt be- gönnen werden wird(Beifall), um das Werk so schnell wie möglich fertig zu stellen. Ich darf aber nicht verschweigen, daß der Konzessionscntwurf lautet:„bis zum Kreuzberg", und daß wir genötigt sein werden, mit der Aufsichtsbehörde darüber zunächst in Verhandlung zu treten, daß die Konzession vorläufig noch ein- geschränkt wird bis zum Belleallianceplatz. Stadtv. Jacobi(A. L.): Die Zwischenzeit seit 1905 hat bewiesen, daß es klug war. die technische EntWickelung abzuwarten, die jetzt die direkte Führung durch die Friedrichstraße ermöglicht. Im übrigen stehe ich durckwcg auf dem Standpunkt das Magistrats, auch bezüglich der zwei Klassen. Stadtv. Nosenow(N. L.) spricht sich auch fürAnnahmeder Vorlage ohne AuSsckußberatung aus. Stadtv. Ullstein(soz.-forschr.) äußert sich in demselben Sinne. Sehr bedauerlich seien die zwei Klassen, aber den gegen eine einzige Klasse angeführten finanziellen Bedenken könne man sich nicht verschließen. Stadto. Lentz(21. L.) fordert für den Wedding zwei Haltestellen zwischen Wedding und Seestraße, am Bahnhof Wedding müßte un- bedingt eine Haltestelle vorhanden sein. Oberbürgermeister Kirschner: Die Aufsichtsbehörde hat darauf (bestanden, die Zahl der Haltestellen im Interesse schnellerer Ab- Wickelung des Verkehrs möglichst zu vermindern. Stadtv. Flohr(Fr. Fr.) unterstützt den Wunsch des Stadtv. Lcntz. Die Vorlage wird hierauf einstimmig unter lebhaften Beifallsrufen angenommen. Tie Beratung wendet sich nunmehr zu der Denkschrift betr. den I Auf d?m Zllexanderplati haben Sie in verdreifachtem Maße. Stand der Vcrkchrsfragen.! was an der Votzstraße gefürchtet wird. Der Wagen- Stadtv. Dr. Kuhlmann geht aus die Geschichte der einzelnen ��r in Voßstraße ist nicht entfernt mit dem Verlehr in der Projekte, auch des iu der Denkschrift nicht erwähnten Ost- und Potsdamer Strage oder ,n der Lc.pzMrStraße zu vergleichen. An Westhafens, des Durchbruchs der Lindenstraße usw. ein und muß;. � hoben 17 450 Wirtsch aftsw agc n i>cn-P c g d u r rfi die mit Bedauern konstatieren, daß fast nichts davon, abgesehen von j � sa"VI*® I e' ,auf � � o W'rtschasts- I der eben beschlossenen Nord-Südbahn, bis jetzt zustande gekommen wagen den Weg bei Wer therm durch die Leipziger �lraße ge» sei. Die sehr notwendige Verbindung Mmibit-Rixdorf komme Zur selben Ze.t aber betrug die Zahl der durch die ebenso wenig vom Fleck, wie eilwJReihe anderer Linien; überall 6**? renden�Wagen nur 1800(hovt! Hort.) "" die Verhandlungen.> „schweben" die Verhandlungen. Wie rasch habe man sich in anderen Großstädten, Paris. Budapest u. a.. über die entgegen. stehenden Schwierigkeiten hinwegzusetzen gewußt! Die Methode der Arbeit in den Dezernaten müsse geändert werden; wir seien eben eine Zweimillioncnstadt geworden. Slber auch die Vcrsamm- lung trage Schuld. Die Herren, die am Zehnpfennigtarif oder aü der städtischen Regie festhalten, hielten die Lösung der Verkehrs- fragen nur auf. Eine Entlastung des Potsdamer Platzes und der Leipziger Straße werde schon durch die neuen Schnellbahnen er- reicht werden. Mit der„Großen" müsse eine Verständigung gesucht werden; die„Große" werde ja auch ihrerseits jetzt, da das Damoklesschwert von 1919 über ihr schwebe, zu größerem Ent- gcgenkommen geneigt sein. Stadtv. Borgmann: So friedlich wie mein Vorredner bin ich allerdings nicht gesonnen. Außerordentlich erfreut bin ich, daß es gelungen ist, das große Werk der Nord-Süd-Bahn jetzt zuin Be- schluß zu bringen, und ich will nur hoffen, daß die Widerstände, die noch auftreten könnten, schnell und gründlich beseitigt werden. Trotz dieses Erfolges glaube ich sagen zu dürfen, daß auf unserem Gemeindelebeu wie ein Alp die Frage der Berkel, rSverbesse- rungen liegt. Es ging ein lebhafter Unwillen durch die Bürger- schaft, als bekannt wurde, daß die„Große" es s. Z. verstanden hatte, auf hinterlistige Weise sich die Verlängerung der Konzession gegen den Willen der Stadtgemeinde Berlin bis 1949 zu erschleichen. Jene Zeit der?lufregung war der Aus- gangspunkt aller späteren Kämpfe aus diesem Gebiete. Die zweite Maßnahme der„Großen", sich eine Position in der Gemeinde zu verschaffen gegen den Willen der Stadt Berlin, waren die Projekte der U n t c r t u n n e l n n g der Leipziger Straße und des Pots- damcr Platzes. Diese Projekte gaben zu energischen Schritten der städtischen Verwaltung Jlnlaß, um sie möglichst zu paralysieren, da sie Berlin auf beinahe hundert Jahre von der Herrschaft über seine Straßen und Plätze ferngehalten hätte. Der ivcsentlichste Gegenzug sind dio Projekte des Stadtbaurats Krause: Strasicn- durchbruch nach der Boßstraßc, Frobenstrahe, Köthcncr Strassen- Brücke, Durchbruch der Lindcnstraße usw. Llm 13. Jum 1903, vor 2'ch Jahren, war der städtischen Verwaltung Gelegenheit gegeben, an allerhöchster Stelle Vortrag darüber zu halten, wobei der Ober- bürgermcister besonders nachdrücklich darauf hinwies, daß die Stadtgemeinde event. selbst willens und in der Lage sei, diese Pro- jekte zur Durchführung zu bringen. Es konnte eben nicht an- gehen, daß ein so großes Gemeinwesen nicht Kraft genug haben sollte, seine Verkehrsbedürfnisse zu befriedigen. Innerhalb einer so großen Gemeinde müssen nun doch auch genügend Kräfte vor- Händen sein, diese Projekte in 254 Jahren zu fördern. Schon Oktober 1908 wurden von der Verkehrsdeputation die Krauseschen Projekte dem Magistrat zur 2lnnahine empfohlen; nach 14 Monaten lehnte der Magistrat die Hauptsache, den Durchbruch nach der Boß- straße, ab. Diese Art der Behandlung der Angelegenheit muß doch ungemein wunder nehmen. Wie konnten die Dinge so verschleppt werden? Wenn schon die leitende Stelle der Stadtverwaltung dem Minister und dein König jene Bereitwilligkeit ausgesprochen hatje, wie konnten da 14 Monate der Verschleppung dieser so wichtigen Frage vergehen?(Widerspruch und Zustimmung.) lieber allen Wipfeln war weiter Ruhe, erst durch den Brief des Mkniskiwb' hchn 10. März 1910 erfuhr die Bcrtehrsdeputation wieder etwas. Dieser Brief Hot in der Verkehrsdcputation dem Faß den Boden ausge- schlagen. Wir brachten darauf im April den?lntrag ein, der die jetzige Denkschrift veranlaßt hat. Ter Minister wurde vom Magistrat auch sehr lange warten gelassen, bis November, da hat er, erst auf seine Mahnung, vom Magistrat eine auch nur teilweise Antwort bekommen. Es hätte sich doch von selbst verstanden, daß alles darangesetzt wird, solche Dinge möglichst rasch zu erledigen, besonders wenn es sich um so vitale Interessen der Stadt handelt. (Sehr wahr!) Es muß dock einen eigentümlichen Eindruck machen, wenn man sieht, daß der M i n i st e r erst die S t a d t v e r w a I- t u n g an ihre Pflicht und 2lufgabe erinnern muß.(Zustimmung.) Wir haben unsererseits geglaubt, der Magistrat brauche eine längere Zeit zur Information; nachdem wir aber die Denkschrift erhalten haben, können wir über ihre teilweise Mangel- haftigkeit nur erstaunt sein. Zum Teil sind die Mitteilungen in einer Form gehalten, wie sie kürzer und bedeutungsloser auch aus dem städtischen Nachrichtenamt nicht herauskommen können. Die Frage des Zweckvcrbandes hat uns hier lange Zeit eingehend beschäftigt, die Denkschrift beschränkt sich auf ein paar Zahlen, die gar nicht erkennen lassen, wie groß die aufgetürmten Sckiwiyrig- leiten waren. Hätte man uns doch wenigstens die 22 Ortschaften namhaft gemacht, die sich dagegen ausgesprochen haben sollen! Die betreffenden Interessenten haben eben nicht begriffen, welche große Bedeutung ein Berkehrszweckverband für Groß-Berlin haben muß. Ohne ihn wird ein Fortschritt in dem Vcrlehrswescn für Groß- Berlin überhaupt nicht zu erreichen sein. Die Art und Weise aber, wie der Magistrat auch hier verschleppend sich verhalten hat, stellt sich als ein schwerer Fehler dar. Tie Schnellbahn Moabit-Rixdorf sollte die allergeringsten Schwierigleiteir bieten; nachher stellten solche sich doch ein. indem die Untertunnclung des Opernplatzcs in Verbindung gebracht wurde mit dem Neubau des Opernhauses. Es wurde davon gesprochen, daß Verlin das Opernhaus kaufen sollte. In dieser Beziehung erinnere ich an«in vor kurzem hier gefallenes Wort:„Mögen diejenigen das Opernhaus erwerben, welchen die Sonne des Glückes lächelt, Tempclbof, oder die hinter ihnen stehen!" Ich dedaure diese Erklärung; wir stellen uns auf solchen Boden nicht, wir treiben keine VerärgerungSpolitik; wir werden uns auch gar nicht bedenken, das Opernhaus zu kaufen, wenn unsere Vcrkchrsbedingungen damit wirklich gefördert werden können. Das Projekt der Schnellbahn Schöneberg-Bcrlin kann ebensowenig von Schönebera ausgeführt werden, wie der Torso Rixdorf-Töiihoffplatz von Rixdors, denn Berlin muß doch Herr auf seinem Grund und Boden bleiben. Gegen die projektierte Linienführung nach der Frankfurter Zlllcc müssen wir durchaus Protest erheben; auch den Ausbau dieser Linie als Hochbahn können wir nicht billigen und müssen die Widerstände der dortigen Bevölkerung dagegen als berechtigt anerkennen. Das Projekt der Schwebebahn wird seitens der Gesellschaft mit der Gewährung des 10 Pf.-Tarifes empfohlen. Hier kommt namentlich das arbeitende Berlin in Froge, für das solche Bahn große Be- deutung besitzen würde. Diese Frage mutz also ernstlich erwogen und namentlich das wirtschaftliche Moment beachtet werden, nicht bloß das ästhetische. Ohne mich irgendwie fest- zulegen, wünsche ich daher eingehendste Erwägung. Der Ministcrbrief weist mit Nachdruck darauf hin, daß, wenn der Durchbruch nach der Boßstraßc unterbleibt, der Minister die Projekte der„Großen" wegen Unter- tunnclung des.Platze? und der Leipzigerstraße weiter als zur Er- wägung siebend ansieht. Ick bin nun aufs höchste erstaunt über die Art, wie dcrMagistrat demMinister geantwortet hat. Wenn Bedenken erhoben werden, daß durch die Führung zahlreicher Straßenbahn- linien durch die verlängerte Votzstraße eine neue Verkehrs- crschwerung geschaffen wird, so ist das falsch; der Zustand wird ein anderer, aber ein besserer werden. Die Herren, die das Ant- wortschreiben an den Minister verfaßt haben, kennen unsere Ver- kehrsverhältnisse nicht(Lebhafter Widerspruch). Diese Zahlen sind authentisch. Die Angst des Magistrats vor der Be- wegungsfreiheit der Automobile teile ich auch nicht; ich wünschte nur, der Magistrat verschaffte sich soviel Beweglichkeit und An- Passungsfähigkeit wie dieses neue Verkehrsmittel(Heiterkeit). Durch ihre Maßregeln am Potsdamer Platz hat die Polizei sich gewiß Anerkennung verdient, und ich muß sie hier trotz Moabit loben. Die Verkehrs miscre besteht weiter und sie muß beseitigt werden. Wenn nach der Votzstraße nicht durchgebrochen werden soll, wie denkt sich dann der Magistrat die Llbhilse? Mit dem Hinweis auf die Ruhe des Wohnens dort, auf die schönen Bauten aus der Hitzigschen Zeit, ist doch die Sache nicht abzutun; den Vcrkchrsanfordcrungcn, die sich ungestüm aufdrängen, muß entsprochen werden; der Verkehr steigert sich ja geradezu sprung- Haft. Die V o tz st r a ß e soll zu schmal sein, den Verkehr auf- zunehmen, sie ist aber nur einen Meter schmaler als die Leip- zigcr Straße. Dem Vcrkehrsminister muß man doch auch einige Kenntnis des Berliner Verkehrs zutrauen(Heiterkeit), und dieser Minister kommt trotz aller magistratlichcn Gründe dazu, die Durch- sührung von Straßenbahnlinien durch die Boßstraßc zu empfehlen. Als Herr Budde die DurchlcguNg von solchen durch die Voßstraße verbot, entrüstete sich die Bürgerschaft darüber; jetzt, wo der Minister die Durchlegung will, ist es der Magistrat, der sich da- gegen sträubt.(Sehr gut!) Dreimal hat die Verkchrsdeputation unter Führung von Kirschner und Krause sich dafür, dreimal der Magistrat sich dagegen erklärt! Das geht doch nicht an, einfach das Votum aller technischen Kreise zu ignorieren. Wenn der Magistrat zu seiner Antwort an den Minister soviel Zeit braucht, hat er gar nicht daran gedacht, daß noch eine Schwesterbchörde neben ihm steht, die auch ein Wort mitzureden hat. Der Magistrat schreibt an den Minister:„Wir haben abgelehnt"; der Minister antwortet in demselben Stile; wir, die Versammlung, sind einfach null! Schon zu 2ln- fang der 90cr Jahre sind wir mit aller Energie für die Eingc- meindung der Bororte eingetreten; wir sind dafür verhöhnt worden; die engherzige und kurzsichtige Llnschauung der damals matzgebenden Herren, wie Oberbürgermeister. Zelle, ist schuld, daß wir jetzt unter dieser Misere leiden. Trotz des Wegzuges wohlhabender Steuerzahler in die Vororte ist der Ertrag unserer eigenen Steuern dauernd gestiegen. Je mehr Wege wir schaffen, den Bewohnern der Vororte den Zugang zur inneren Stadt zu erleichtern, desto besser für Berlin! Wir bcan- tragen daher:„den Magistrat zu ersuchen, der Bersammlung eine Vorlage zu machen, wonach neue Verkehrswege durch den Durchbruch nach der Boßstraßc geschaffen werden.(Zustimmung, Lachen und Widerspruch.) Ich gebe die Hoffnung nicht auß daß Sie im wohlverstandenen Interesse unseres Gemeinwesens diesen An- trag annehmen werden.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Oberbürgermeister Kirschner: Ich habe nicht angenommen, daß der Beschluß der Versammlung auch die Hafen verhält- nisse umfassen sollte; auch ist der Sachverhalt wohl ausreichend bekannt. Wer sich der Aufgabe der Ausführung von Projekten gegenüber',-merkt sehr bald, daß Widerstände vorhanden sind. die sich nickst kurzerhand tvisrlte schievttt'iassen. Bei ijchwevögdcn Projekten müssen wir in unseren Darlegungen Zurückhaltung-übni. Di« Darstellung � des Verhältnisses zur„Großen" istruwschöpsend. Leider geht daraus hervor, daß hier alle die schwierigen Fragen noch keine Lösung gefunden haben. Die„Große" steht noch heute auf dem Standpunkt, daß sie die Verlängerung der hinter unserem Rücken erschlichenen Konzession gegen uns ausnutzen kann; sie ver- folgt die Tunnelprojekte im Ergänzungsverfahren weiter und will eine Konzessionsvcrlängerung auf 90 Jahre und eine Tarif- crhöhung erlangen. Sie meint auch weiter Entschädigungsansprüche gegen uns auf Grund von Schiedsgcrichtsentschcidungrn geltend macheu zu können. Ob eine Verständigung zustande kommen oder eine Entschädigung im Ergänzungsvcrfahrcn gefällt wird, wissen wir nicht. ES wird gesagt: es muß eine Verständigung mit der Straßenbahn herbeigeführt werden! Mir soll es durchaus erwünscht sein, wenn auf einer für Berlin annehmbaren Basis solckxe Verständigung er- folgt. Tie Verhältnisse bezüglich des Baues von Schnellbahnen sind günstiger. Die heutige herbe Kritik an dem langsamen Vor- gehen des Magistrats muß ich aus vollster Ueberzcuguug als u n- berechtigt bezeichnen. Die Frage der Frankfurter Allee kann erst gelöst werden nach Lösung der Vorfrage, ob die Strecke durch die Stadt oder die H o ch b a h n g e s e l l s ch a f t ausgeführt werden soll. Bei der Linie Schöneberg-Berlin sind wir von Säiöneberg abhängig und dieses zögert sehr mit'den Plänen der Wcitersührung. Neben dem Projekt der 2l. E. G. für Gesund» brunnen-Rixdorf, über daS ein Vertragsentwurf jetzt der A. E. G. vorliegt, schwebt auf derselben Strecke das Projekt der Schwebebahn. Solange diese im Ergäiizungsvcrfahrcn uns zlvingen will, auch gegen unseren Willen dieses Unternehmen zur Ausführung zu bringen, solange werden wir genötigt sein, uns dagegen zu wehren (Zustimmung), daß uns cm solches durch die Zlussichtsbehörde auf- gezwungen wird. Wir sind also nicht in der Lage, dieses Unter» nehmen zu fördern. Die Frage des Vcrkehrszweckverbandcs könnte man ja wieder in Fluß bringen, aber der Statutenentwurfsbestimmung, die Ber- lin eventuell zwänge, etwa die„Große" gegen den Willen der Stadt mitzuerwerbcn und den Löwenanteil der Kosten zu tragen, können wir doch nicht zustimmen.— Das Ihnen entworfene Bild ist ja sehr wenig erfreulich. Sehr erklärlich ist, daß sich Unwillen in der Bürgerschaft zeigt. Die Schuld liegt in erster Reihe an der Rechtslage, die durch das Klcinbahngesetz geschaffen ist.(Sehr rich» tig!) Hierdurch ist die Selbstverwaltung in hohem Maße becin- trächtigt worden und jetzt ist die Möglichkeit vorhanden, daß die städtischen Straßen auch in ihrem Niveau ohne Z u st i m m u n g gegen den Willen der Gemeinden von Erwerbsgesellschaften benutzt werden, die ihre Verkehrspolitik nur vom Standpunkt des Erwerbs einrichten können. 2tuch ist damit die Möglichkeit gegeben, sich über noch bestehende Verträge einfach hinwegzusetzen. Das zweite Schuldmoment ist die Misere von Groß-Berlin. Wir sind in Ver- Hältnisse geraten, denen gegenüber die VerlKltnisse des seligen Deut. schen Reiches als geordnete und einfache bezeichnet werden müssen. (Heiterkeit und Zustimmung.) Ich verkenne nicht, daß die Aktiengesellschaften in vieler Beziehung vor uns einen A»rzug voraus haben, der aber durch unsere» Vorzug auSgeglicheti wird, daß wir mehr die Interessen des Gemeinwesens als die des Erwerbes im Auge haben. Aber die Verwaltung einer solchen Gesellschaft ist viel leichter, und das liegt an der Organisation. Wir sind genötigt, und zwar durch unsere Verfassung, bei jeder Sache, auch bei der geringsten, Borberatungen an einer langen Reihe von Stationen stattfinden zu lassen. Ztvar werden hier Millionen-Projekte, je nach Umständen auch ohne AuS» schußberatung, erledigt, aber oft rufen ganz geringfügige Sachen Erörterungen in Slusschüssen und im Plenum hervor, wie sie ein 2lufsichtSrat sich nicht zumuten ließe. (Schluß im Hauptblatt.) eingegangene DrncKfdrnften. Not und Ucbcrslnß von M. Flürschcim. 4,50 M. Excelsior-BerlagZ Schönheit. Roman von R. Boh. 5 M., geb. 0 M.— T« und ich. Roman von O. Overhos. verlin, Otto Jankc. 3 M., geb. 4 M. Freitag, L. Dezember. Ansang l'li Uhr. »önißl. Opernhaus. Fidello. Königl. Schauspielhaus. Die Journalisten. Neuis»önigl. OPcru-Theater. Geschlossen. Deursche»!. Herr und Diener. Kam u> erspiele. Komödie der Irrungen. Heirat wider Willen. Ansang« Uhr. Neues TchauipictdaiiS- Genoveva. Komische Oper. Abbö Mouret. Westen. Das Puppcumädel. Lessiiia. Wenn der junge Wein blüht. Kleines.. Varietö. Komtesse Clo. I. Klasse. Verliner. Der scharfe Junier. Neues. Der G. m. b. H.-Tenor. Driano». Der beilige Hain. Ntesidenz. Der Unterpraseil. Thalia. Polnische Wirlschast. Schiller»» e-ia!iuer. idealer.) Die Fee Caprico. Schule, Ehariottenburg» Der Bund der Jugend. Friedrich- Wilheluistadtischcö. Die versiegelte Venus. Neues O-cmten. Der Gras von Luxemburg. Lnstipielhaus. Der Feldherrn- Hügel. Suisen. Negistrator aus Reisen. ModerueS. Der Doppelmensch. Hcrrnseid. Eine verlorene Nacht. Der Dcrhhsieger. BoltSoPcr. Martha.(Ans. 8'/, Uhr.) Roie. Tie Millionenerbin. FolieS Gaprice. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang 8>/, llhr.) Meteuool. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wippchcn. Apollo,«veiialitäten. ivaiiagc. Spezialitäten. ReichSba sten. Steltiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Urania. Taubenstraste 48/4V. Abends 8 Uhr: Der Bierwaldstätter See und der Gotthard. Hörsaal 8 Uhr: Vortrag vom StiitungSionds der Berliner Gcwerbcausstellling 1673. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57— S2. Lessing-Theater. Freitag 8 Uhr: Wen» der junge Weiu blüht. Sonnabend 7'/-: Z. t. Male: Auatol. Von Artur �-chuitzler._ Berliner Theater. Heute: Der scharfe Juaker. s Uhr. Morgen: Der scharfe Junker. Neues Theater. .SJchcK Täglich: Ötr!. 1. 1. Hw. Slnfaiig 8 Uhr. Theater des Westens. 8 Ubr: Da« l'uppcnnilidel. Mitiw. ii. e-oniiab. 1 Uhr; Rotkäppchen. Sonnt. S'/, 11.; Die geschiedene Frau. Modernes Theater (früher Hebbelthenter); Abends 8 Uhr: _ Doppclmcnach._ Berliner Volksoper Belle-Alliaueestrabe 7/8.—'/,3 Uhr: Martha. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feld Herr« Hügel. Residenz-Theater. Direltion: Richard Alexander. Abend? 8 Uhr: Ter Unterpräfekt. Schwank in 3 Alten v. Leon Gaudillot. Deutsch von Max Schönau. MrilZh-�ilhMälMss Schauspielhaus. Freitag, L. Dezember, abends 8 Uhr: Die lierjltgelte Kems. Sonnabend 3'/, Uhr: Die Hermann» schlecht. 8 Uhr: Die Räuber. Sonntag 3 Uhr: Die Hermann» schlacht. 8 Uhr: Die versiegelte Venus. Luisen»Theater. Ansang 8 Uhr. Neuclnsiudiermig: Der Jegistrator auf Rkisen. Posse mit Gesang und Tanz in drei Alten von Adolf L'Arronge. Sonnabend 1 Uhr: Grobe Kinder- Vorstellung: Hansel und Gretel.— k Uhr: Preziosa. Sonntag 3 Uhr zum letzten Male: Kenn. 8 Uhr: Negistrator aus Reisen. M outag: Debora b.___ OSE=THEATE Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Der Vlcrwaldattltter See and der(.otthard. Hörsaal 8 Uhr: Vortrag vom Stiftungslonds der Berliner Omvorbeausatellung 1879. Kalkei'-Panorama •coia Z. 2. Male: Tirol. Kar- � M Wendel und Wetterstein» Gebirge. Land und Leute von Japan. Eine Reise 20 Ps., Kind nurtUPf. I. Abonnem.. 8 Reisen IM. ZKstroMl- Msstsr. Hurra! Wir leben noch! Erosie AuSstaiiungSrevue in 7 BUdern v. J. Freund. Musik v. B. Holländer. I» Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang 6 Uhr— Rauchen gestaltet. 3 Uhr: Vollständig neues Programm. u.a. Uli«« Terry, antcritan. Opereticn-Diva zu Pferde. «elllnl, telapaihischcs Phänomen, sowie weitere 10 große Attraktionen 10. Ausstellungs-The ater am Zoo abends 8 Uhr: Oedipus auf Koloaos. MM» Der größte Schlager der Theater-Saison littl). eilleveklorenenacht Ein lustiger Trauerfall in zwei Alten von Anton und Donat Hcrrnfeld. Vorher: Der Derby-Äieger. Vorvcrtaus tt— 2 Uhr. Ans. 3 Uhr. Passage-Theater. Anfang 8 Uhr, Hedi Herdina. Norman French. Uni! das Alt-noablt 47/48. Tonnabend, den 3. Dezember, nachmittags 4 Uhr: Groste KInder-Borstellnng! Snewittchen und die sieben Zwerge. Kasseneröffnung 3 Uhr. Sperrsitz4t>, l. Park. 25, Entrce 15 Ps. Nach der Vorstellung: Groiie Gratia, Berlosung. tat l! Hochbahnstation Kollbuser Tor. 8'/« Uhr: Thentkr„Groß-Kerlin". Freitag 7V.rtUShot, Hlendkt. aif: PflJ l»pd)t der Mütter oder: Wem gehört daS Kind. 39— 100 Pf., ans Vorzug 20—«0 Ps. Sonntag: PiihimannS Theater t Dicfeibe Vorstellung._ Giosie gvnnffuvtn Str. 132. Anfang 8 Ubr. Ende 1l Uhr. Die Mißioiifiierliin. Lcbeusb. i. B Akt. v. Schätzler-Pcrafini. Sonnabend 4 Uhr: Dornröschen. Abends 8 Uhr n. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Die Mlliioncuerbin. Sonn- tanabeild z. t.Male: Der Kniserjäger. Trisnon»Theater. Ausana 8 Uhr. Der heilige Hain. Wathalla-Tlieater. iRojenlh.Tor.) Weinbergsw. 20 1 Anfang 8'/. Uhr. Dezember-Allernauestas! Bravo!- Dacapo!: ffEineAllerwelts-Renuc in öBild! (Iii ajcitc gesetzt v Dir. I. Klein. j Sonntag nachm. S>/, Uhr: I�rSSülu«». —- Kleine Preise. �«l»lllvr- Schllier-Ibcsler 0.(Wallner-THeat). Freitag, abends v Uhr: Oie Fe© Caprico. Lustspiel in 4 Akten v. C. Blumenthal. Ende 10'/, Uhr. Sonnabend, abendS 8 Uhr: Sedomi» Ende. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Khre. Sonntag, abends 8 Uhr: Prinz Friedrich von Hombnrg. Theater. Schilier-Theater Chartottanburg. Freitag, abends 8 Uhr: Dep, Unnd der Jagend. Lustspiel in 5 Ausz. v Henrik Ibsen. Deutsch v. M. Lauge. Ende 10"/, Uhr. Sonnabend. abendS8Ubr: Oa» Fpdlld de» Dsptiitr. Sonntag, snachm. 3 Uhr: Fsmont. Sonntag, abends 8 Uhr: Die Daelit der Finsternts. LICHT» SPIELE MozartoSaal. Die Einweihung der Technischen Hochschule in Breslau. Nobelshof in Flammen Die festliche Einweihung d, Scitöneberger Untergrundbahn. „CLOU" BERLINER KONZERTHAUS Mauerstr. 82— Zimmerstr. 90/91 Eintritt 60 Pf. :! l Heute! I L Internationaler Abend. Dirigenten; Jolly. Kueifel. 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Florclta Grigolatis Luflballett. Schang-High Truppe, chin. Gaukler. 0. Richards, Excentrio-T4nzM, Olympia Oesvall, Sportakt. The Galagirls, engt. XftBienseiBble. Biograph, Voigt-Theater (Befundbrunnen, Badstratze 58. Freitag, den 2. Dezember 1910: Die KluIljuchM. Dramatisches Gemälde in 2 Abteil und 5 Arien von Friedrich Adami. Kassenössnung 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. Re!cd8ti»nen-T!ieslei'. Stettiner Sänger. Sum Schlutz: .,1m Hauacloch", Miiit. Humor, v. Meysel. Ansang wochentags H Uhr Sonntags 7 Uhr. Freie Jugendorganisation Sciröneberg Sonnabend, den 3. Dezember, abends 8Vp Udr, im grofien Saale der IVeacn Knthaas- SAUe, Meininger Str. 8, Ecke Martin-Luther-Straße: Stiftungsfest. Künstlerisches Programm. Herr Paul Schiller, Festrede, Mitwirkende: Frl. Marianne Geyer, Lieder zur Laute, Herr Eugen Burmann, Kezitatioa. Nach dem Programm; Tanz. Herren, die daran teil- nehmen, zahlen 50 Pf. nach. Eintritt frei Erwachsene SO Pf., für Jugendliche 13 Pf. Snort-falast J pofstlaitier Strajie 7ö-?2a Größter Eispalast der Welt Beleuchtet durch 500 000 Normalkerzen Feerie„Am Nordpol" □ 200 Eislauf-KOnstier Zwei Militär- and Zivil-Kapellen Restaurant für 6000 Personen .............==: Entrec 1 Mark- Sonntag 4 iibr: NachmittagssVorstellung Ab Freitag, den 2. Dezember, im blauen Saale: Die polizeilich freigegebenen Sibiriens Gesänge Gesammelt durch Wilhelm Harteveld. .>,■,= Beginn 8 Uhr?—■■. Preise der PIStze: Erste 10 Reihen 5 M. Zweite 10 Reihen 4 M. Dritte 10 Reihen 3 M. Weitere Platze 2M Plätze von 2M. aufwärts berecht, z. Besuch d. Sport-Palastes am selben Abend. Freilag. den 2. Dezember 1910, priljts abends 8 Nhr feine ZirkuS-Vorstellung, sondern Aufführung des Deutschen Theaters Äöuig Oedipus von Sophokles. Sonnabend, den 3. Dezember, abends 7>/, Uhr: Oiand Soiree high life. Austreten sämtl. neuen Attraktionen. g'/, Uhr: Der groke Coup der Schmuggler. Romant. Pantomime in 4 Akten. iZlrhus Busch. Freitag, 2. Dez.. ab. 7><, Uhr: Hnmor. 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Her Mann mit dem eisernen Hchland t Allee ohne Extra-Entree! I Elntr.SO Pf., Kind. u. Soldaten tB Pf. Sonntag, den 4. Dezember, abends K Uhr. in Kellers Festsälen. Koppenstra�e SS (grosser Saal): Jugend- Versammlung. Vortrag des Herni Holzmeier(früher Lehrer in Bremen) aber: �rtg OlCUtCV; scttt Leben und Wirken. Nach dem Vortrag: Gesellige Unterhaltung. Alle Lehrlinge, jugendliche Arbeiter und Arbeiterinneu sind freundlichst eingeladen. 29i/4* Der Eintritt ist frei. Garderobe 10 Pf. Kunststopserei von Frau irolosky, M«» Schlachtensee, Zurstraße 8 III. Pünktliches Erscheinen ist Pflicht. S',. Uhr. I Bortrag de» Genossen R. W o l d t über: und Arbeiterkontrolle. ttf »- Heute, = Vcrwaltnng Berlin.,-,= abend« 8'/. Uhr, im Gewertschaftshause, Engel- Freitag, user 14/13. Saal 4 sArbcitslosensaal): Sitzring der Ortsverwaltung. Montag, den 5. Dezember: Hltglleder- Tersammlungen für Tischler, Bez. Osten Iii, Modelltischler im Rosenthaler Hof. Rosenthalerstr. 11/12. Achtung! Lehrlinge u.jttgendlicheArbeiter der Holzindustrie! mchmittag von!t s Uhr abend« ist der Arbellslosensaal sür die Lehrlinge und und Zeitjchristen der Sonntagnachmittag im Gewertschastshanse, Enaeluser 14/15, als Leiesaal jugendlichen Arbeiter geöffnet. Sämtliche Bücher Jugendbibiiothck liegen zur srelen Benutzung aus. Tic Werkstattvertraueiislcutc werden gebeten, die Lchrlioge zum Besuch des Lesesaales aufmerksam zu machen. Klavierarbeiter. Sonntag, den 4. Dezember: Keßchtigultg der Arbkittlniohlfahrtöllllsstellltug Treffpunkt mittags 1 Uhr, am w Charlottenburg, ltzrannhoferstrahe. Untergrundbahnbos Knie(Eharlottenburg). «miitlichr- Stisiuiinitnfri« ZtuSSFmSSSt _ Humoristische Uiiterhaltuiig und Danz. MW- Eintritt wird nicht erhoben."WB Um W/6 lim rege Beteiligung ersucht Vtv Brsnclicnleltiiiiff. Sechster Wahlkreis! Sonntag, den 4. Dezember 1910, abends O'/z Uhr, im Swinemünder (Sesellschaftshaus, Swinemiinder Strafe 4S: Oeffentliche politische Versammlung für Männer tinck srauen. ?ürsovge-Svziehtmg3. Vortrag des Stadtverordneten Karl Leid über; Gemütliches Beisammensein. Xu«, so Pf. Her Elnbcrnfer. Julius Marschner, Swinemünder Sir. 70. Nach der Versammlung: 231/11* Zlrbeitsnacbnieis: AerwaltungShelle Berlin. Ha»v»durcau � Hoj I. Zimt 3, 1239. CharitestraBe 3. Hos III. Amt 3, 1987. Sonntag, den 4. Dezember, vormittags 10 Uhr: Dranchen Uersammiung aller Wickelei- und Jsolationsarbeiter und-Arbeiterinnen Berlins u. Umgeg. im Voigttheater, Badstr. 63. TageS-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Dislussion. 3. Branchenangelegenheiten und schiedencs. Ver- 126/10 Montag, den S. Dezember 1910: KeÄrks- Versammlungen für dk gesamte verwaltungsttelle Berlin in folgenden Lokalen: Norden und Tegel: KrSÄ" Vortrag des Kollegen Ä l s j e l l. !sOr(i(!N* s**'1''108 I v-tsNIv. Schwedter Straffe 83. abends Genossonjchailswesen und GewerTschaflSkamps. Ref.: Koll. A. Wusch ick. Horden I Frankes Fcst.ttle, Badsir. 19, abends 81/, Uhr. MOOblt* I,r:iohtsiiIc Xord'Wcst' Wiclefstraffe 84, abends Moderne Fabrikorganisation Verband der lZemeinde- und Staatsarbeiter. Tottes-�tiSeixe. Unseren-Mitgliedern und Genossen die Traucrkunde, daß der Sekretär unserer Hamburger Filiale H«iDu*i«h Bürger am 29. November d. I. im Wer von 43 Jahren gestorben ist. Bürger war vor zehn Jahren Mitbegründer der Hamburger Filiale und mehrere Jahre Redakteur unseres VerbandSorgans. Er hat uns stets mit Rat und Tat unterstützt. Seine Miiarbcit war von unschätzbarem Wert. Wir verlieren in ihm einen tüchtigen Kollegen und lieben, guten Freund! Ehre seinem Andeuke»! Beerdigung: Sonntag, den 4. Dezember, mittags 1 Uhr, vom Kranlcnhause in der Lohmühienstrasze aus. 294/5 Der Berbandsvorstand. Ksssenäk-zindie Sprechstunde» Lichtheilanstalt Röntgenlaborat. Dr. Davidsohn, jetzt Oranienst.51. S Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Manu und treuer Vater, der Töpfermeister Butzei Seiben Adam nach langem, schwerem sanst cntschlaseu ist, Um rege Teilnahme bitten Hie trauernden ttintarbliebensa. Witwe AnnaNUtzel nebst Tochter Eva. 2077b Die Beerdigung findet am Sonntag, den 4. Dezember, nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Rummelsburger Ge- mcinde> Fricdhoses, Lüliswatze, auS statt. ftaimg. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines liede» Mannes Wilhelm Schutz sage ich hiermit allen Beteiligten meinen herzlichsten Dank. 1973L Anna Sehiitz. Westen und Sehöneberg: Osten und Lichtenberg: M""" Stralau u. Rumnielsburg: Ciitionhovis�Vo* Relehenbcrger Ifof, Rcichenberger dUliCliUcZll KC. Ztr. 147, abends S'/a Uhr. Berichlersiattimg vom Jitternattonalen Metallarbeiter-Kongreh. Ref. Kollege A. Eohen. <»i>numnnnn>» Fe.t.tlle, Nannynstr. 87, abds. 8>/z Uhr. Vortrag. Uknißnnonn- Peukert. Rc.tnnrant, Köuigchaussec 38, II"lllvUaCC. abends 8'/,� Uhr. BlXdOrf* Yle�ln8braaereL Hcrmannstr. 814/819, abends Charlottenburg: volkehan., Rofinenstr. 3. abends S'/, Uhr. OnnUt'»' Restaurant Sehellhnze, Zlhornstraffe 18». abends Sirglilk. 8'/, Uhr. Bortrag des Kollegen Bahn. Köpenick u. Fried rlehshagen: ÄÄÄsriebri«- ftraffe 74. abend» 8'/, Uhr.— Neuwahl der Bezirksleitung. Cnanrloil* Kentanrant Vorwärts, Schönwalder Str. 80, OpäUUäU. abends 8'/, Uhr. Ober-Schöneweide: W«�m�nho�İabds. sv. uhr. Tagesordnung: Bericht von der letzten Generalversammlung. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet IMe Ortsvcrwaltnng. Uchtutig! AgsrrsnbSnülsr!! Einfache, elegante, sowie originelle 1316L* Zigarren-Weihnachtspackungen ferner: i/zo o. 1/40 in allen Sorten u. Preislagen. Max Ziegenhals, slül io iciie um m -- Tabak— Klearre Telephon: Amt VII, 3047. — Zigarren— Zigaretten— en gros. den Prachtsälen de« Ostens. Franksurter Allee 1S3.' 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Allen Verwandte», Freunden und Bekannten unterbreite ich die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, der Maschinenmeister Rudolf Sanders am Mittwoch, ben 80. November, sanst verschieden ist. Die Beerdigung findet am Sonn- tag. den 4. Dezember, nachmittags 8 Uhr, vom Neuen Jakobikirchhos in Nixdorj aus statt. 2074b Die tiesbetrübte Witwe Hedwig Handera. Todes- Anzeige. Am 29. November verschied sanst mein lieber Bater, der Schriftsetzer Otto Rothhardt im 63. Lebensjahre. Dies zeigen betrübt a» Otto Rothhardt nebst Kindern und Verwandten. Die Beerdigung findet morgen Eonnabend, den 3. Dezember. nachmittags 3 Uhr, von der Leichen� Halle des'St. Paulskirchhose» bei Plötzense» aus statt. norgen .ember, i /eichen- B seS bei! 2073b 1 Danksagung. Für die vielen Belveise inniger Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner liebe» Frau und Mutter sage ich allen FreimdenundBelamiten, Insbesondere dem Frauen-Sparverein.Lothringen" sowie dem Lotterlevereii».Glückspilz- meinen herzlichsten Dank. 1902L Albert Krinitig»•* Tochter. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdlgnna lieben Mannes sage ich all meines en Ver- wandte», Kollegen und Belanntcn, iiisbcsonderc dem Gesangverein der Kollegen der Englischo» Gasanstalt meinen ausrichtigstcn Dank. 207tib I.Ina Helnlcke, Möckeriistr. 404, Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung unserer Tochter 207Sb 4*ertrnd Hnmerow sagen wir allen Freunden und Bc- kannten sowie den Kolleginnen und Kollegen der Allgei» ElektAzitqts- Gejellichast unseren besten Dank. Für die Hinterbliebenen: Engen Onmerow nebst Familie. Fritz Prftger glS Brüntigam. Tischler«Verein (E. H. 8».) Sonnabend, 3. Oezbr., abds.•*/. Uhr, Melchiorstr. 15: Versammlunga Vortrag. Ausgabe der Billetts zum WeihnachtSvergnügen in KliemS Fest- sälen. VereiuSangclegcuheitiul. 299/12 Der Vorfioud. (tiivit&fiH' Beginn morgen Ausnahme-Angebote für Tausende von Knabensachen 1 künftige JCaufgefegenfait J für'Befeuerun Man beachte das morgige Inserat! Baei\Sohn Kleider-Werke Barometer mit Thermometer, bestes HoIosterik-V/erk, acht verschiedene Muster. Fünf Jahre Garantie. 85 mm Skala- fi Durchmesser M. 0,313 dasselbe größer M. Meine Barometer sind von den renommier festen Fabriken Deutschlands hergestellt. Za. 500 verschiedene Muster sind am Lager, darunter wm-der- barc Schnitzarbeiten it. allen HoDarten, moderne Entwürfe von Künstlern, Intarsicnar- beiten, Rronzerahmen Knpfer- treibarbeiten, mit einem Wort. alles, was unser Kunstgewerbe hervorbringt. Loranette „Wien44 imitiert Schildpatt mit vergoldeten Bronze- Metall- teilen M. Echt Schildpalt mit Spezial- Gold- is.- Double■ teilen Meall- .. M. 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Partei-)Zngelegenkeiten. Zur Lokalliste! ?.»v. Steglitz. Trotz vieler Bemühungen ist es nicht möglich, die Lokale„Schloßpark" und„AlbrechiShof" zu Versanuulmigen der Arbeiterschaft zu erhalten, es sind deshalb alle Veraiistaltuiigen zu meiden. Desgleichen lveiseu wir besonders, die Bauarbeiter darauf hin, daß in Südcude die Lokale von Dahl, Schulthcß und Brederek der Partei nicht zur Verfügung stehen und daher streng zu meiden sind.— KreiS Prenzlau-An germünde. In Chorinchcn steht uns das Lokal von Robert Krüger zu allen Veranstaltungen zur Verfügung._ Die Lokalkonnnijfion. Nixdorf. Heute, Freitag, den 2. Dezember, von abends 7 Uhr ab. Flngblativcrbreiiung zur Geiviunung neuer Mitglieder. Die Flugblätter sind von den bekanuteu Lokalen abzuholen. Die bei- getilgten Aninabnicscheiue werden am Sonntag, den 4. Dezember, wieder einacsamineli. Der Vorstand, Bezirk MaidnmmiZlust. Sonntag, den 4. Dezeniber, nachmittags 4l/z Uhr. öffentliche Versammlung im„Feldschlößchen" zu Hohen- Neuendorf, Stolper Str, 27. Referentin: Genossin Schulte-Rixdorf. Berliner JVaebriebten. Bcrkehrsdcbattcn im Stadtparlaincnt. Tie Stadtverordneten äußerten sich in ihrer gestrigen Sitzung zu der ihnen voin Magistrat vorgelegten Denkschrift über den Stand der Verkehrspro sekte. In der Aussprache über diese Vorlage trat scharf der Gegensatz der Meinungen und Bestrebungen hervor, durch die in Fragen des Verkehrs mcht nur die Stadtverordnelenvcrsammlnng, sondern auch das Magistratskotteginm in zwei feindliche Lager gespalten ist, Die erregte Debatte erreichte ihren. Höliepnnkt in einer schroffen Absage des Oberbürgermeisters Kirs6?ncr an jene bekannte, der Entwicklung des Berliner Verkehrswesens so verhängnisvoll gewordene Clique, deren hin und her schwankende Verkehrs- Politik er rückhaltlos geißelte, Ten heftigen Zusainmeitstößen, die diese Debatte brachte, ging ein friedliches und erfreuliches Vorspiel voraus. Das abgeänderte Projett der Nord-Süd-Untergrund- bahn, das der Magistrat vorlegte, fand allseitige Zustimmung. Zwar gab es da noch mancherlei Bedenken, und auch die sozialdemokratische Fraktion, für die Genosse H e i m a n n sprach, hatte einiges zu bemängeln. Unter anderem rügte unser Rcdnor die Beibehaltung einer besonderen Wagenklasse für zahlungsfähigeres Publikum. Ader alle Gnippen der Ver- sammlung stellten ihre Wünsckse zurück, um die eirdliche Aus- fiihrung dieses Unternehmens Ntöglichst nicht aufzuhalten. Von freisinniger Seite wurde die Frage aufgeworfen, ob nicht die Stadt den Bau an private Untcrnehuier vergeben werde. Ober- bürgermeister K i r s ch n e r s Antwort klang leider sehr„ver- hcisjunasvoll". Im übrigen versicherte Herr Kirschncr. daß „sofort" ans Werk gegangen werden solle. Die Begeisterung war so groß, daß selbst ein— I a c o b i sich der„Freude" der Seinen nicht verschließen konnte und mit ihnen„jubelte". Die Enttvürfe wurden ohne Ausschuß einstimmig angenommen. Dann schritt die Versammlung zur Erörterung der ein- gangs erwähnten Vorlage, in der der Magistrat ein Bild des Standes aller Vcrkchrsprojekte und ein Bild zugleich der B e r- I i n e r Verkehrs misere gegeben hat. Die Debatte irnirdc eröffnet durch Herrn K u h l ni a n n. den Redner der „Freien Fraktion", die durch eine Anfrage den Magistrat gc- mahnt liatte, der Versammlung endlich diese im Frühjahr schon durch einen Antrag der sozialdeinokratischcn Fraktion ge forderte Vorlage zu überreichen. Minder friedlich als er sprach der zweite Redner, unser Genosse B o r g in a n n. Er richtete heftige Angriffe gegen den Magistrat, dem er besonders in der Frage des V o ß st r a ß e n p r o j e k t s eine unverantwortliche Verschleppung vorwarf. Die sozialdemokratisäx: Fraktion brachte erneut einen Antrag ein, der d-ic Ausführung dieses Projekts fordert, weil hiervon für die Große Berliner Straßen- bahn in dein Streit um ihre Tunnclprojekte samt Vertrags- Verlängerung und Tariferhöhung eine Schwächung ihrer Post- tion z» erwarten ist. Borgmann sprach es offen aus, daß in dieser Frage der Oberbürgerineister Kirschner und der Stadt- bau rat Krause zu der unterlegenen Minderheit des Magistrats gehören. Unser Redner beleuchtete in seiner groß angelegten Rede die gesanite Vcrkehrsmiscre Verlins, die der Stadtfrei- sinn verschuldet hat. Als er unter lärmenden Zurufen der Mehrheit seine Ausführungen beendet hatte, erhob zur Er- widcrung sich Oberbürgermeister K i r s ch n e r. In mühsam unterdrückter Erregung begann er. Gegenüber der Erklärung des�Herrn Kuhlmann, daß eine Verständigung der Stadt mit der Straßenbahngescllschaft zu erwarten sei, stellte er mit un- zweideutigen Worten fest, daß von einem Entgegenkommen bei der Strnßciibahngesellschaft noch nichts z» merken ist. Zu der Frage, ob die dem öffentlichen Verkehr dienenden Unter- nehmungen Aufgabe der Gemeinde sind oder an Privatgesell- schaften überlassen iverden sollen, äußerte Kirschner sich so scharf, wie nie zuvor. Was er hierüber sagte, klang wie ein kommunalpolitisches Testament, das der Scheidende hinterläßt. Herrn Kirschuers Amtsdauer läuft Ende nächsten Jahres ab, und man weiß, daß er eine Wiederwahl ablehnt. In bitteren Worten klagte er über die rückständige und geradezu gemein- schädliche Verkehrspolitik, die immer wieder die privaten Er- Ivcrbsgrscllschaften stärkt. Nach Oberbürgerineister Kirschncr, der von der Miagistratsinehrheit im Stich gelassen worden ist. sprach Bürgermeister R e i ck e als Vertreter dieser Mehrheit. Was er vom Ansehen des Magistrats erzählte, fand den Beifall des Herrn Cassel, dessen Gefolgsclzaft mit der Magistrats- mehrheit marschiert. Die Debatte wurde dann der vorgerückten Zeit wegen abgebrochen: sie wird nächsten Donnerstag fort- gesetzt werden._ Feuer, die sich nicht löschen lassen. Weit draußen im Osten, wohin weder Elektrischo noch andere Bahnen führen, dicht an der Spree, liegen die großen eisernen Bassins, aus deren Innern seit mehreren Tagen riesige, weithin sichtbare Fanale zum Himmel lodern. Und Hunderte, Tausende von Menschen kommen von allen Stadt- gegenden zu Fuß und zu Rad, zu Wagen und zu Auto, um sich dieses seltene und eigenartige Schauspiel anzusehen. Sie kommen herbei, eilig, aufgeregt, außer Atem, mit vor Span- nnng glänzenden Augen. Sic erwarten wohl irgend eine ungeheure. seltene, nie dagewesene Sensation. Sie scheinen zu glauben, daß im nächsten Augenblick ihnen zu Gefallen ein donnerndes.Getöse ertönen und einer der Riesenbasjms wie ein Eummiball in die Luft springen müsse. Aber nichts von alledem geschieht! So stehen sie denn da. ganz still, wie fest- gebannt. Sie stehen und starren still, fast unnatürlich still, wie die Flammen, die bald gedämpft über die Dächer kriechen, bald hell und schaurig ricsenhoch emporspringen. BeinalM un- heimlich wirken diese Feuer, die so ganz ohne Knistern und Prasseln, ohne Länn und Geräusch brennen, aus einer uncr- schöpflichen Quelle gespeist. Richtig, da sind auch die Feuerwehrleute. Drei, vier, fünf Strahlen lenken sie gegen das Feuer, baumstarke Wasser- strahlen. Aber wie«einzig dünn und wie kraftlos sehen diese Strahlen aus. Und sie sind es auch wirklich. Ganz ohnmächtig sind sie gegen das entfesselte Element, das sich hier in seiner ganzen grauenhaft-schönen Furchtbarkeit zeigt. WaS helfen die hohen Sicherheitswälle, die Sicherheitsventile, die Feuer- wehrlente und alle sonstigen Maßnahmen? Nichts. Hier hat sich eine Kraft, die lange durch Menschenlist und Menschenkunst gefesselt war, freigemacht und die Menschen können nur stehen und staunen. Und mit einein Mal wird einem klar, daß das ganze groß- artige Schauspiel nichts Geringeres ist als ein Symbol, ein Gleichnis.... War es denn mit einer anderen Kraft nicht ebenso? Lang- sam hatte sie sich gebildet, langsam stieg sie an und wurde sich ihrer Macht bewußt. Und je mehr sie sich bildete und wuchs, desto ängstlicher wurde die Menschheit. Man versuchte es aus alle mögliche Weise, sie abzuleiten durch tausend kleine Kanäle und tausend kleine Bassins. Das gelang wohl, aber die Bassins blieben untereinander in Verbindung. Da umgab man sie mit Gräben imd hohen Wällen und Mauern. Und oben auf die Mauern stellte man Wachtlcute, die hielten mit wichtiger Miene Umschau, damit nur kein Unberufener herankäme, der den Feuerbrand in diese Kraftbchältcr würfe. Und als man auch das noch nicht für sicher hielt, da pflanzte man oben auf die Mauer einen Zaun aus lauter blitzenden Säbeln und Bajo- netten. Die, meinte man, müßten doch ganz gewiß und un- bedingt schützen. Aber siehe, eines Tages, da erglomm ein Lichtschein: wer weiß woher er kam? Es glomm und zündete. Flammen ziin- gelten auf und loderten hoch empor. Heller und heller wurde der Schein, größer und größer das Feuer. Es brannte, es brannte eine ungeheure Kraft, eine Kraft, die sich nie erschöpft, die alle Tage größer und stärker wird, je mehr sie brennt. Alle Löschversuche sind vergeblich. Man hat den Versuch längst aufgegeben. Nun gilt es nur noch, die Spitzen des Walles, die Säbel und Bajonette zu schützen. Aber schon glühen sie tiefrot. Wie lange noch, dann sind sie zerschmolzen...! Fühlt nicht ein jeder von uns diese Kraft im Innern brennen? Und lachen wir nicht über den dummen, tölpel- haften Versuch, diese ewigen Glutcn dämpfen und ersticken zu wollen? Niemals wird das gelingen! Denn diese Kraft, die in uns brennt fort und fort, die zerstört nicht! Sie wärmt und leuchtet und bringt das helle glanzvolle Licht auch in jene Winkel, wo es noch amdunkelsten' und am sckstvärzesten ist. Die Schaffung eines Wald- und Wiesengürtels, den die Gemeinden Groß-Berlms für notwendig halten, hat dazu ge- führt, mit dem Forstsiskus in Verbindung zu tketen. Anfang- lich war davon die Rede, daß das hierzu nötige Forstgelände von der Regierung den Gemeinden pachtweise überlassen iverden sollte. Jetzt wird berichtet, daß der Landwirt- schaftsminister von dieser Absicht abgekommen sei und das benötigte Gelände imr k a u f w e i s e hergeben will. Dem Kaiser sei über die Angelegenheit Vortrag gehalten worden und der habe sich mit dieser Regelung einverstanden erklärt. Das Scherlblatt weiß über die Frage folgendes zu berichten: „Im Vordergrunde der Verhandlungen, die bisher zwischen dem Forstsiskus und dem Ausschuß von Groß-Berlin wegen Er- Haltung eines bestimmten Waldrevier» geführt worden, hatte der Plan gestanden, die Waldrcservate den Gemeinden in Pacht zu geben. Die Pachtsumme sollte der Verzinsung des Kapitals gleich- kommen, das den Wert der Wälder darstellte. Der Vertrag sollte von 30 zu 30 Jahren erneuert werden. Jetzt hat die Regierung diesen Gedanken aufgegeben. Sie will die Frage lediglich durch den Verkauf der Waldbestünde lösen. Die Regierung be- absichtigt, von dem vorhandenen Forst eine Fläche bis zu 11 200 Hektar, daö sind 44 800 Morgen, an einen zu bildenden« Zweck- verband Groß-Berlin verkaufen, und zwar zum Preise von 173 Millionen Mark. Wie groß diese Sumine auch erscheint, so ergibt sich doch, daß«das Quadratmeter im Durchschnitt nur I.bö M. lostet. Dieser Satz ist niedriger als bei allen früheren Verkäufen von Waldbeständen, die gemeinnützigen Zwecken dienen sollen. Hier betrug der Durchschnittspreis, gewöhnlich 2 M. für das Quadratmeter. Bei der Wertbercchuung hat die Regierung an- erkannt, daß 8000 Hektar unbedingt Äs Dauerwald erhalten werden müßten. Hier schwankt die Berechnung zwischen 50 Pf. und 2 M. für das Quadratmeter. Bei dem Rest de» Waldbestandes geht der Forstfiskus von der Ansicht ans, daß eine solche Not- lvcndigkeit nicht vorliege, und hat den augenblicklichen Veräutze- rungsioert als Maßstab angenommen, der zwischen 00 Pf. und 6 M- für das Quadratmeter schwankt. Es verteilt sich der Forst« bestand wie folgt: Oberförstevci Grunewald 3040 Hektar. Tegel 1763 Hektar, Grünau-Dahme 2443 Hektar, Köpenick 1635 Hektar, Potsdam 1193 Hektar, Oranienburg 381 Hektar und Echöneweide 745 Hektar. Es werden demnächst Karten angefertigt und den Gemeinden Groß-Bcrlins zugestellt werden, worauf dann die weiteren Ver- Handlungen erfolgen sollen. Das Abgeordnetenhaus braucht mit dieser Materie nicht beschäftigt zu werde»." Bei dem Fiskalismus des preußischen Landwirtschafts- Ministeriums wundert man sich nicht mehr über das einge. schlagene Versahren. Im preußischen Ministerium scheint schon lange kein Verständnis dafür vorhanden zu sein, daß es auch Ausgabe des Staates sei, für möglichst gesunde Lebensbedin- gungen der steucrzahlenden Bevölkerung zu sorgen. Diese Sorge wird einzig und allein den Gemeinden zugeschoben, die für diese Zwecke gewaltige Mittel aufbringen müssen. Der Staat beschränkt sich dabei darauf zu achten, möglichst hohe Summen aus den Gemeinden herauszuquetschen, obwohl g«crado er das größte Interesse an einer gesunden Bevölkerung haben müßte. Die Schöuebcrgcr Untergrundbahn wurde gestern vormittag von Vcrtrelern der städtischen und staatlichen Behörden besichtigt und nach einer Probefahrt dem öffentlichen Verkehr übergebe». Der Fahrplan sowie Preise schließen sich denen der Hoch- und linier- grundbahngesellsihaft vollständig an. So kann ein jeder für 10 Pf. in der dritteil Klasse, für 15 Pf. in der zweiten Klasse von der Hauptstraße bis Nollendorsplatz. vom Stadtpark bis Bülowstraße oder Wittenbergplatz, vom Bayerischen Play bis Leipziger Platz oder Zoologischen Garten oder Mvckcrnbrücke, vom Viktorin-Luiie-Platz bis Kaiserhof oder Knie oder HallescheS Tor. während man für ib Pf. in der dritten oder LS Pf. in der zweiten Klasse von der Hauptstraße bis 5laiserhof oder Knie oder HallescheS Tor, vom Stadtpark bis Friedrichstraße oder Bismarckstraße oder Prinzen- straße, vom Bayerischen Platz bis Hausvogteiplatz oder Wilhelmplatz oder Sophie-Cbarlone-Platz oder Koltbuser Tor, vom Biltoria-Luiie- Play bis Spittelmarlt oder Wtlhelmplatz oder Kaiserdamm oder Oranienstraße befördert wird. Für zwei Fahrten zwischen den Haltestellen Hauptstraße und Nollendorsplatz an demselben Tage werden Rückfahrkarten znin Preise von 15 Pf. für die dritte und 20 Pf. für die zwcile Klasse ausgegeben. Der erste F r ü h z u g fährt ab Haupt st raße 5.42 Uhr, dann 5.52 Uhr und weiter in Abständen von 10 Minuten bis 7.22 Uhr und 7.27 Uhr, dann in Abständen von 5 Minuten bis 1.12 Uhr. Ab Nollendorsplatz fährt der erste Frühzug 5.56 Uhr, dann 6.06 und weiter in Abständen von 10 Muiuleil bis 7.26, 7.31 Uhr und weiter in Abständen von 5 Miinneir bis 11.06, 11.16 Uhr und in Abständen von 10 Minuten wieder bis 1.26 Uhr. Nach Bedarf wird auch ein Frühzug um 5.39 Uhr und ein Abendzug um 1.36 Uhr abgelassen. Mit F r ü h v e r k e h r s k a r t e n ist der Zugang zu den Bahnsteigen aller Haltestellen nur werktäglich bis 8.15 Uhr gestattet. An Sonn- und Feiertagen beginnt der 5-Minutenbetrieb um 10.22 vormittags ab Hauptstraße und um 10.20 Uhr ab Nollendorsplatz. Wegen des Mädcheuniordes im Humboldthafc» nahmen gestern der UntersuchuiigSrickter, Landrichter Wetzel, Staatsanwalt Carl und die Kriininalkoinmisiare Walter und Peters eine Ortsbesichtigung vor. Die Zeugin Anna Wcsenmeier wiederholte und erläuterte ihre Aussagen an Ort und Stelle, führte an die Stelle, wo in der Nähe des Packbofes in jener Nacht der Kahn lag, und zeigte den Weg, den die Männer mit der eingesackten Leiche gegangen sind, und die Stelle, wo sie sie ins Wasser gcwonen haben. Nach allen Er- Mittelungen handelt es sich um einen Kahn, der nur für die eine Nacht in der Nähe des Packhofes längs Bord festgemacht hatte und am nächste» Morgen schon früh wieder weg- gefahren ist. Der Schiffer und die Bootsleute sind wahrscheinlich abends an Land gewesen. Die Rufe, die die Täter und die Mädchen zur Ruhe wiese», sind wohl von einem Kabii in der Nachbarschaft gekouirncli. Die Ortöbesichtigung rief eine größere Menscheiiaiisammluiig hervor. Zu de» erforderlichen Absperrungen waren Schutzinäiiner vorn 4. Revier aufgeboten.— Da» Erinittelnng«- verfahren ist noch nicht abgesichlossen. Die Kriminalpolizei forscht immer noch»ach dem Kahn, auf dem das Verbrechen verübt wurde. Dan» ist auch die Tote ihrem Namen nach immer»och nicht bekannt. Sie hat anderen Mädchen wiederholt erzählt, daß sie in der Gegend von Brvmbcrg zu Hanse sei. ES steht auch fest, daß sie außer Deutsch auch gut Polnisch gesprochen hat. TaS Opfer eines Unfalles ist der 53 Jahre alte Maurer LouiS Stegemann ans der Hvchstestr. 22 geworden. Der Mann fiel am 15. Oktober auf einem Bau in der Hanffstr. 8 zn Friedenau von der Leiter. und erlitt dabei besonders Onelichimgen der linken Sckmlter. Bald darauf stellten sich auch Kopsichiiierzen ein, die ihn seitdem kaum noch verließen. Vorgestern starb Stegeman», der kinderlos verheiratet toar, anscheinend an einer Gchirnlähmung. Ein schwerer Straßcnhahminsall ereignete sich gestern nachmittag um 5 Uhr in der Linden- Ecke Neuenbnrger Straße. Als der Arbeiter Julius Buschnick, Neuenburger Str. 32 wohnhaft, den Damm über- ichreiten wollte, lvurde er von einem Motorwagen der Linie 42 er- faßt und unter den Vorderperron geschleudert. Der Führer des Straßenbahnwagens bremste sofort und gab Gegenstrom, so daß der Wagen fast augenblicklich hielt. Der Bmmglückle, der einen Bruch des linken Oberarmes, sowie Hantabsibürfungen im Gesicht und an den HZnden erlitten hotte, wurde imch der., Unfallstation uyh. von dort nach seiner Wohnung geichafft. Der Venzinbrand dauert min schon volle vier Tage und Nachte. Der Tank 6, der noch brennt, einhält noch eine Menge Benzin. Jetzt hat man an der Westseite des brennenden Tanks in einer Höhe von etwa 3 Meter ein zirka ein Onadraifnß großes Loch in die Eiscnhaut geschnitten. Benzin floß nicht inehr ans, wohl aber strömten sofort Dänipfe heraus.. die sich schnell entzündeten. Man nimmt an, daß noch cnva 200 000 Liier Benzin in den, Tank sich befinden, die man ruhig ausbrennen lasse» muß. Das Wasser in der Umwallung wird herauSgcpmnpt. Man läßt es ver- sickern, weil man es, da es mit Benzin vermischt ist, nicht in die Spree ableite» kann. Die Feuerwehr ist noch mit drei Dampsspritzen und der Pittlerpumpe rätig. Diese hat sich glänzeird bewährt, ihre Lcisumgsfähigkcit ist so groß wie zwei Dampsspritzen. Niemand, selbst zahlreiche Feuerwehrmänner, ver- »nitelen bei der Ankunft des Fahrzeuges, daß es sich um ein Feucr- löschgcrät handeln könne. Die Pumpe ist nämlich verdeckt hinten an ein Benzinantomobil angebracht. Sobald das Hintere Verdeck heruntergeschlagen wird, kommt die Pumpe zum Vorschein und ist dann sofort betriebsfertig. Die Mannschaften der Berliner Feuer- wehr— die übrigen Wehren sind längst abgerückt— haben schweren Dienst, besonders die Maschinisten. Der Turnverein„Fichte" eröffnet im Norden am Sonnabend, den 3. Dezember, seine 17. Lehrlings» und am Dienstag, den 6. De» zember, seine 17. Mäiinerabteilimg in der Turnhalle der 224 /229 Ge- meiiidefchule. Christianiasir. 36—39. Tnrnzciten der Lehrlings- abieilimg Mittwochs und Sonnabends: der Männerabtcilung Dienstags und Freitags abends 8 bis 10 Uhr. Um auch dem Wunsche der Arbeiterschaft in Moabit nachzukommen, wird dort ansang« nächsten Jahreö noch je eine Männer-, Lehrlings- und Damen- abteilung eröffnet und iverden Annieldnngen für die Damcnabteiliing schon jetzt von dem Turngenossen Karl Krüger, dllV. 5, Stephanstr. 33. entgegengenommen. Daö Einschrcibcgeld beträgt für Männer und Damen 3ö Pf., für Lehrlinge 80 Pf. Der monatliche Beitrag für Männer 75 Pf., Dame» 60 Pf. und Lehrlinge 25 Ps. inklusive der „Bundeszeitung" und des„Mitteilungsblattes" des Vereins. Einem Beitragslfissicrer des TrmisportarbeitcrvcrbimdtS ist gestern nachmittag'/ß Uhr vor dein Hause Bahnhofstr. 10 in Tegel das Fahrrad Nr. 585 086 gestohlen worden. Auskunst über daS Sind wird nach dem Berbandsbureau genannter Organisation, Engel« Ufer IS, erbeten._ Vorort- Naebriebtem Jngcndschriftcn-Ausstellmige» werden für den Weihnachtsbedarf auch in diesem Jahre wieder von den einzelnen BildungSausschüsscn veranstaltet. Außer auf gute und preiswerte Bücher für Jung und Alt. erstrecken sich die Aus- stellungen auf künstlerischem Wandschmuck, Unterhaltungsspiele und Bilderbücher. Nachstehend geben wir die Orte bekannt, die mit der Ausstellung, deren Besichtigung natürlich kostenlos ist, bereits am Sonntag, den 4. Dezember, beginnen: Ehnrlottenburg. Die Ausstellung wi«rd eröffnet am Sonntag, den 4. Dezember, nachmittags 3 Uhr, im Volkshaus, Rosinenstr. 3. sie kann jeden Sonntag in der Zeit von nachmittags 3—3 Uhr und wochentags von 5— 10 Uhr besichtigt tvcrdcn. Zehlcndorf. Die Ausstellung ist am Sonntag, den 4. Dezember, um 3 Uhr nachmittags geöffnet. Anschließend hieran wird um 5 Uhr Herr Schriftsteller Breuer einen Vortrag über Bücher und Bilder halten. Eintritt frei. Köpenick. Die Ausstellung währt voni 4. bis inkl. 11. Dezember im Etadtiheater(Jnh. H. Otto), Fricdrichstr., und ist geöffnet Sonntags von 3—7 Uhr nachmittags und wochentags von 7—9 Uhr abends._ WilmerSdorf-Halensee. AuS der Stadtverordnetenversammlung. Die schon vor 14 Tagen aufgefallene Erscheinung, daß die Leitung der„Stadt ohne Sozialpolitik" nach den Wahlen plötzlich ihr sozialpolitisches Herz f-IMte, zeigte sich auch wieder in der Sitzung am Mittwoch. Der 'Jiagiftrat hatte einen dringlichen Antrag gestellt, wonach zur Prü- üg der Frage, ob angesichts der gegenwärtigen Fleisch- i u e r u n g die sofortige Einrichtung eines Seefischmarktes i Wilmersdorf angebracht erscheint, eine gemischt« Kommission ein- !'�tzt I verde» soll. Nachdem die Stadtverordnetenversammlung die lDringlichtcit anerkaimt und Stadtrat Stein dorn dem Antrage ein paar empfehlende Worte mit auf den Weg gegeben hatte, erhob sich der Stadtverordnete Lehmann, um mit der ganzen Wucht seiner Geisteskraft gegen die Vorlage aufzutreten. Wolle man. so meinte dieser Herr, auch wirklich einmal zugeben, dah eine Fleisch- teusrung bestehe, so würde doch die Vorlage den schönsten Wider- spruch herausfordern müssen. Wenn die Versammlung dem Am trage des Magistrats stattgebe, so treibe sie den Teufel durch Beelze bub aus. Durch«ine von der Stadt eingerichtete billige Kauf- gelegenheit für Seefische würde den Geschäftsleuten, insbesondere den F l ei s che r m e l st e rn, ein beträchtlicher Schaden zuge- fügt, und das müsse unter allen Umständen vermieden werden. Er wisse ein anderes Rezept zur Abhilfe der Kalamität, und das be° stehe in der Einschränkung des Luxus. Statt der Be- völkerung durch eine soziale Vorlage zu schmeicheln, die eine Prä mie auf den Luxus darstelle, solle man lieber die Frage er- örtern, ob nicht alle Welt über ihre Verhältnisse lebe. Es verdient g e rechterweise hervorgehoben zu werden, daß diese Verhöhnung der Not in der Stadtverordnetenversammlung lebhaften Widerspruch hervorrief; aber anderseits ist nicht zu leugnen, daß Herr Lehmann der Verachtung, die ein groher Teil der Stadtväter bisher jeglicher Sozialpolitik entgegenbrachte, einen zutreffenden, wenn auch höchst ungeschickten Ausdruck gab. Vor allem wandten sich die Herren Dr. St ei nitz und Dr. Ede l gegen den städtischen Agrarier. Herr Dr. Edel meinte, daß die Bevölkerungsschichten, die durch die Magistrats- Vorlage Gelegenheit zu billigerer Fischnahrung erhalten sollen, ihrer Armut wegen gar nicht in die Lage kämen, Fleisch zu taufen und so durch den Fischkonsum die Schlächter zu schadigen. Weite? teilte Herr Dr. Edel mit. datz ein großer Schlächtermeister ihm erklärt habe, gar nicht imstande zu sein, für seine hauptsächliche Kundschaft genügende Mengen Fleisch herbeizu- schaffen; und diese Verlegenheit sei um so bedauerlicher, als in dem Falle, den er berühre, ein Lieferant des deutschen Kaiser Hofes in Betracht komme. Nachdem die Versammlung durch Amiahme eines Schlußantrages u. a. dem Demokraten Moll das Wort abgeschnitten hatte, überwies sie dem Magistratsantrage gemäß die Angelegenheit einer gemischten Deputation. Hierauf richteten die Stadtverordneten Gründling und Genossen eine Anfrage an den Magistrat, die Berücksichtigung und Einstellung Wilmersdorfer Arbeiter beim Bau der Untergrund- bahn usw. betreffend. Der Fragesteller hob hervor, daß die Wilmersdorfer Arbeitslosen, die zusehen müßten, wie die Aus- länder ihnen das Brot wegnähmen, allerdings nicht für den ge- ringen Lohn, den d-iese erhielten, arbeiten könnten. Stadtbaurat Müller antwortete im Namen des Magistrats, daß in den mit der Firma Siemens u. Halske abgeschlossenen Vorträgen nach Mög- lichkeit die Beschäftigung einheimischer Arbeiter vorgesehen sei. tinter den 66 beim Bahnbau tätigen Handwerkern seien zwei Drittel Einheimische, unter den 366 Arbeitern allerdings nur 22 Proz. Daß die Wilmersdorfer Unternehmer bei der Vergebung der Lose schleckt abgeschnitten hätten, habe seine Ursache in der ungenügenden Erfahrung dieser Herren. Während in einem Falle der auswärtige Unternehmer bei der Submission 494 000 M. gefordert hätte, wären von einem Wilmersdorfer Unternehmer 987 000 M. verlangt worden, und selbst der mindestfordernde Wilmersdorfer hätte immer noch 69B 000 M. haben wollcm Stadtverordneter Moll nahm sich noch der städtischen Park» a r b e i t e r an. von denen ein beträchtlicher Teil regelmäßig zum Beginn de? Winters entlassen wird. Hierauf erklärte sich die Stadtverordnetenversammlung durch die Antwort des Magistrats- Vertreters zufriedengestellt, und so ward denn der Wilmersdorfer Bevölkerung inne, daß auch ihre bürgerlichen Vertreter dem Verderb- lichen Geist der Feit Konzessionen machen, sobald die Sozialdemo- kraten sich von fern« zeigen. Nixdorf. Die vor wenigen Tage» aus dem Landwehrkanal gelandete«eib- liche Leiche sollte, wie von einer Korrespondenz berichtet wurde, als die seit dem ö. November vermißte 19 Jahre alte Näherin Frida Lehfeldt rekognosziert worden sein. Wie uns ein Bekannter der Vermißten mltteiit, ist die Leiche mit der verschwundenen Näherin nicht identisch. In ihrer Küche tot aufgefunden wurde in der Jonasstraße 38 die gl jährige Frau Anna Wurlich. Während sie gestern vormittag Mit der Fubereiiung des Mittagessens beschäftigt war, geriet durch einen Luftzug die Gasflamme zum Verlöschen, und durch daS aus- strömende Gas wurde die Frau bewichtloS. Al» der Mann nach Hause kam, fand er die Frau als Leiche vor, auch ein hinzugerufener Arzt konnte nur den Tod feftstellen. Charlottenbnrg. Il ickcr das Projett der Gründung eines Opernhauses in Char- lottrnbnrg war vor einigen Tagen berichtet worden. Es wurde dabei betont, daß das neue Unternehmen, nicht wie daS Schiller- Theater, von der Stadt Charlottcnburg erbaut werden sollte, wohl aber auf eine finanzielle Unterstützung der Stadt würde rechnen können. Wir gemeldet wird, ist in den städtischen Körperschaften CharlottenburgS von dem Projekt offiziell nichts bekamit. Tchöneberg. Heute Freitag, abends S'/s Uhr, findet der letzte Bortrag über »Einführung m die moderne Gesellschaftslehre- statt. Der BildungSauSfchuß. Grvft-Lichterfelde. Bei einem verhängnisvolle» Unglücksfall hat der Kutscher Georg Denier den Tod gefunden. Als er mit seinem Fuhrwerk durch die Gießendorfer Straße fuhr, scheuten plötzlich die Pferde und gingen durch. D. wurde vom Bock heruntergesckleudert und stürzte unter die Pferde, wobei er von den Hufen der Tiere schrecklich zugerichtet wurde. Auch die Räder des schweren Wagens gingen über ihn hin- weg. In besinnungslosem Zustand wurde der Verunglückte nach dem Krankenhaus gebracht, wo er starb, ohne das Bewußtsein vor- her wieder erlangt zu haben. Friedrichshagen. Vollständig entkräftet aufgesunden wurde gestern der 27jShrige Kaufmann Ernst Ladewig aus Bonn. Ladewig war von Bonn nach Berlin gekommen, um Beschäftigung zu suchen. Er bemühte sich aber vergeblich, Stellung zu erhalten. Inzwischen waren seine Mittel längst zu Ende und er mußte hungern. Vier Tage hindurch schleppte sich der Bedauernswerte umher, bis er schließlich vorgestern in der Friedrichstraße gänzlich entkräftet znsaminenbrach. Ladewig wurde dem Krankenhause zugeführt. Sericdts- Leitung. >- Eine Betrugsanklage gegen eine Fürstin beschäftigte gestern das Amtsgericht Berlin-Mitte unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats v. Treskow. Auf der Anklagebank mußte die Fürstin Anna v. Lieven Platz nehmen, um sich wegen Betruges in einem Falle zu verantworten.— Die Angeklagte machte vor einiger Zeit eine Erfindung, bei welcher es sich um die Herstellung von nachtleuchtenden Glasbuchstaben zu Reklamezwecken handelt. Sie ließ sich diese Erfindung vorläufig nur durch einen Gebrauchs- Musterschutz schützen. Trotzdem aber soll sie, wie die Anklage be- hauptet, ihre Erfindung an einen Kaufmann Klein unter der falschen Vorspiegelung, daß diese schon zum Patent angemeldet und auch patentfähig sei, für eine größere Summe ver- kauft haben. Wie sich später herausstellte, war jedoch die Erfindung zur Zeit des Verkaufes noch nicht zum Patent an- gemeldet. Ebenso wurde die Erfindung später vom Patentamt als nicht patentfähig bezeichnet. Auf die Anzeige des Klein, der sich hierdurch geschädigt fühlte, erhob die Staatsanwaltschaft gegen die fürstliche Erfinderin Anklage wegen Betruges.— Vor Gericht wies die Angeklagte einwandfrei nach, daß sie ihrem Bevoll- mächtigten längere Zeit vor Verkauf der Erfindung den Auftrag gegeben hatte, diese durch den Patentanwalt Abrahamsohn zum Patent anzumelden und ihm auch die erforderlichen Gebühren in Höhe von 110 M. übergeben hatte. Das Gericht kam deshalb dem Antrage des Staatsanwalts gemäß zu einer Freisprechung der Angeklagten, zumal ihr nicht zu widerlegen war, daß sie des Glaubens gewesen war, daß ihre Erfindung patentfähig sei. Mißhandlungen in einem„Nettungshause". Vor dem Geraer Schwurgericht begannen gestern die auf drei Tage berechneten Verhandlungen in dem Prozeß gegen den Leiter deS Fürstlich Reuhschen Rettungshanses Karolinenfeld, de» Hausvater und Lehrer Ernst Köhler aus Oschersleben. Er hat sich unter der Anschuldigung einer Reihe schwerer Sittlichkeits- verbrechen, des Verbrechens im Amte, der gefährlichen Körper- Verletzung und des Meineides zu verantworten. Der Angeklagte, der im Greizer Seminar das zweite Lehrerexamen abgelegt hatte und sich sehr religiös zu geben verstand, war seinerzeit als best- empfohlener Kandidat zum Hausvater und Lehrer im Rettungs- hause Karolinenfeld bestellt worden. Das Institut ist 1850 von dem Fürsten Heinrich XX. zum Andenken an die Fürstin Karoline von Reuß in dem Dorfe Ober-Grochlitz, das eine halbe Stunde von der Residenzstadt Greiz entfernt liegt, gegründet worden. Es ist bestimmt zur Aufnahme verwahrloster oder sittlich gefährdeter Kinder, die zwangsweise erzogen werden, und zur Zeit, als der Angeklagte Köhler dort Hausvater war, befanden sich insgesamt 35 Zöglinge in der Anstalt. Da der Angeklagte sein Lehrereramcn abgelegt hatte, so war ihm zugleich auch der Unterricht an- vertraut und er war somit der Alleinherrscher in der Anstalt, ein Umstand, den er in der schamlosesten Weise dazu benutzt hat, um eine Reihe der sö�versten Verbrechen gegen die ihm anvertrauten Kinder zu begehen. Köhler, der verheiratet und Vater eines Kindes ist. ist beschuldigt, daß er mit einem achtjährigen und einem dreizehnjährigen Mädchen unzüchtige Handlungen der ab- scheulichsten Art vorgenommen, ferner Knaben und Mädchen miß- handelt zu haben. An den Mädchen erging er sich in der Weise, daß er in das Badezimmer eindrang, während die Mädchen badeten, und sie nackend herausholte, um sie dann zu prügeln. Ein besonderes Vergnügen soll es ihm dann bereitet haben, wenn er die von den unmenschlichen Züchtigungen blutunterlaufenen und wunden Körperteile der Kinder so lange schlug, bis das Blut floß. Er hatte sich dazu vorher Weidenruten eingeweicht. Die grauen- haften Einzelheiten der verschiedenen Prügelszenen sind jahrelang dem Auge der vorgesetzten Behörde verborgen geblieben. Der kontrollierende Geistliche wurde jedesmal von dem Angeklagten bei seinem Rundgaime begleitet, so daß die Kinder es nicht wagten, diesen um Hilfe anzugehen. Erst im April d. I. gelang es einem der am schwersten mißhandelten Mädchen zu entfliehen. Und ihre Angaben hatten eine schleunige Revision der Anstalt zur Folge, bei der die erschütterndsten Einzelheiten aus, dem Leben der mißhandelten Kinder aufgedeckt wurden. Es stellte sich heraus, daß der Angeklagte auch gegen die in der Anstatt aufgewachsenen und in ihren Dienst als Haus- und Küchenmädchcn übergetretenen Pflegebefohlenen ebenfalls tätlich geworden war. Ferner ergab sich, daß der Angeklagte auch Unterschlagungen begangen und Gelder der Zöglinge für sich behalten hatte. Als die Verfehlungen des Angeklagten seinerzeit zur Sprache gelangten und die Untersuchung gegen ihn eingeleitet wurde, besaß er noch die Dreistigkeit, die Eltern des entflohenen Mädchens, die Arbeitereheleute Roth in Greiz, wegen angeblicher Entführung ihrer Tochter bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. In dem Prozeß beschwor er, daß die Angaben des Mädchens über die ihm wioerfahrenen Mißhandlungen und an ihm verübten Unsittlichkeiten volländig aus der Luft gegriffen seien.— Nachdem die weitere Untersuchung aber die Richtigkeit nicht nur der Angaben dieses Mädchens, sondern auch der übrigen AnstaltS- insassen ergeben hatte, hat sich der Angeklagte auch noch wegen des in jenem Prozeß geleisteten Meineides zu verantworten. Ueber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Eue aller Alelt. Cook plädiert, auf mildernde llmstände. Der»kühne Nordpolentdecker" Cook ist jetzt von seiner Auf. fassung, daß er den Nordpol entdeckt habe, abgekommen. In einem Artikel der amerikanischen Zeitschrift„HamptonS Magazine" hat er, wie«in New Aorker Telegramm meldet, erklärt, er müsse nach reiflicherUcberlegung bekennen, datz er nicht wisse, ob er den Nordpol erreicht habe oder nicht. Er glaube, daß sein Geisteszustand bei der Polarfahrt durch die Strapazen gelitten habe. Höchst sonderbar, wozu Geistes- trankheiten alles herhalten müssenk Ob Cook auch zu der jetzt von ihm ausgesprochenen Auffassung gekommen wäre, wenn man an seine Schwindeleien geglaubt hätte? Schwerer Eisenbahnunfall. Ein folgenschwerer Zug�usammenstoß hat sich gestern morgen in der Nähe der Station Opla d en(Rheinland) zu- get'rageff. Wahrscheinlich durch Uebersahren VeS auf Halt stehenden Einfahrtssignals stießen zwei Güterzüge n sammcn. Von dem Zugpersonal wurden zwei Perso n u getötet, fünf schwer verletzt, verschiedene Voo■ erlitten leichtere Verletzungen. Etwa 10 Wagen der � wurden zertrümmert. Der Verkehr ist auf den beiden Gn.. n. Opladen— Düsseldorf gesperrt. Von einem Einbrecher erstochen. In Mainz wurde gestern morgen das 34 jährige Dien'!- mädchen D i e h l in der Wohnung seiner Herrschaft tot a u f g e- funden. Wie sich, später herausstellte, hatte das Dienstmc.nren einen Einbrecher überrascht und wurde von diesem durch einen Stich ins Herz getötet. Es ist bisher nicht ge- lungen, den Täter zu ermitteln. Kleine Notizen. Durch Spielen mit einem Revolver hat sich in Frankfurt am Main in der vergangenen Nacht ein bedauerlicher Unsaü ereignet. Ein Gastwirt Decker hantierte so unvorsichtig mit Schußwaffe, daß diese sich entlud und einen Friseur i n d e n 5k o p s traf. Der Gesckiossene brach tot zusammen. Hinrichtung einer Frau. Auf dem Hofe des Breslau er Landgerichtsgefängnisscö ist gestern inorgen die Näherin B n i:; e hingerichtet worden. Die Bunze hatte vor einiger Zeit.' 80jährigen Bahnbeamten Weiß ermordet und b e r a u v t und war deshalb zum Tode verurteilt worden. Zehn Kinder ertrunken. In der Nähe des ungarischen Crick Elsodörnas brachen beim Eislauf zehn Kinder ein. Sie ertranken sämtlich. Durch Leuchtgas vergiftet. In einem Gebäude der W i e n e> Hofburg wurden gestern früh drei Stallburschen t. aufgefunden. Die jungen Leute sind durch Gase, die ei:. im Schlafzimmer stehenden Gasofen entströmten, während der Nacht betäubt und getötet worden. Unfall in der französischen Marine. In Toulon wurde ein Boot des Torpedobootszerstörers„Sabretache", als es mit 7 Mann an das Land fuhr, von einer Sturzwelle erfaßt, d>e das Boot zum Kentern brachte. Von der Besatzung sind» w c i Mann ertrunken._ Deutscher Arveiter- Abstinenteiibnnd. Ortsgruppe Bcrliü. Im �ewerkschasishausc. Saal 7, spricht heute abend g Uhr, Genosse vleait Kreplin über:„ArbeitSlosen-Versicherung". Kein AuSsih Gäste willkommen._ Slno« d* t". i? w* «tatlonen «§ -- 3 R1 i? III d. Havaranva 76191 Petersburg 771 S Still« 758 NNO i 769 NNW 1750 SD g 4 2 2 j siberdeen -2 Pari« Setter urt c-» »ii ßu» ö 2 bedeckt 1 heiter 7 bedeckt 3 heiter 2 bedeckt I'.... «ettrrvrogiiosr für Freitag, den S. Dezember 1910. Ein wenig kälter, teilweise aufklarend, vorwiegend nebelig bei mäßigen nordöstlichen Windm: keine wesentlichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. AlafierstaiidS-Nackirtebte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, milgeleilt vom Berliner Wetlerbureau. Wasserstand M e m e l. Tilsit P r e g e l. Jnsterburg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe. Leilmeritz , Dresden , Varbv , Magdeburg K 4» bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unierveaei.—?) Eistreibcn. ?oberbald der Angerappbrücke Eisstand—'') schwaches Eistreiben— höchster Aasserstand am 39. von 7 bis 8 Uhr vorm.: 438 cm. Nach telegraphischer Meldung ist die Mosel bei Trier wieder im Fallen. Der Wassersland bei Koblenz lag heute um 7 Uhr morgens 33 om unter Ans- uscrungshöhe und mittlerem Hochwasser. "Voi »IVorsichtl «,»»»«»»»» "Oft wird Seife angepriesen. Die als schädlich. sicRerimssen! Vorsicht ist der Hausfrau, Pflicht! Suntichtseife schadet nicht!" Berantlvortliöher Redgllxgr Richard Barth, Berlin. Für den m Lns-rotenteil eeronÄ»! Ttz.Glpckc, Berlin, Arnck u. Verlag: Vsrwärts Kgchdruckerei u. Vcrlagsanjralr Paul Singer Lc Co., Berlin S\Y»