Nr.T83. flbonnementS'ßedlngwgeiti KSonnnucnia■ Preis pränumerando: Lierteljährl. SgO Mk, monatl 1,10 Mk.. wöchentlich 28 Pfg, frei inS HauS. Einzelne Nunmier B Pfg, Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Weif 10 Pfg. Polt. klbonnemeM: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PoflabonnementS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 87. Zahrz.' CrfiMm tZzll» uStr mcntas». Berliner Volksblnkk» die lnitttioni-Sedllh«' PeKägt für die sechsgespaltene Nolmef. geile oder deren Raum 50 Pfg.. für politische und gewcrlschastliche Vereins- und VcrsammlungS-Anzeigcn 30 Plg. ,.Ul«in« Hnxeigtn", das erste(seit. gedruckte) Wort 20 Pfg, jedes weitere Wart 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort B Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsteit bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition tft bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „LMlWeiMlins Rcriin", ZcntTalonyan der rozialdcmokratifchcn parte» Oeutfcblands. Redaktion: 8Äl. 68, Lindcnstrasoc 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 3. Dezember 1313. Expedition» 8M. 68, Lindcnstraaac 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» lunkrlkfK Qmfturzgclfllte. Wir scheinen politisch in der verkehrten Welt zu leben. Je entschiedener sich die Masse des Volkes von dem junker- lichen Ideal der Volksbevormundung und Volksaussaugung abwendet, je mehr der Heerbann der agrarischen Strauchritter zusammenschniilzt, desto trotziger regt sich jetzt der Junker- Hochmut, desto dreister und provozierender wird die Sprache der preußischen Tories. Zu einer Zeit, wo sich das eng- lische Junkertum noch vor der Eutscheidungsschlacht selbst mit einer Beschränkung der Rechte des Oberhauses abgefunden hat, wagen es unsere preußischen Junker, die un- endlich bescheideneren Volksrechte zu bedrohen und sich mit zynischer Offenheit zur Absicht des Staatsstreiches zu bekennen. Und nicht nur die Presse des agrarischen Triariertuins stößt solch freche Drohungen aus, sondern auch das offizielle Organ der konservativen Partei, die„Kreuz-Zcitung", wagt es ungeniert auszusprechen, daß, wenn der Reichstag den Junkern und ihren Verbündeten die geforderten Knebel- und Büttelgesetze gegen die Arbeiter versage, daö Rcichstagswahlrecht selbst angetastet werden müsse l Brutaler und offenherziger haben sich unsere preußischen Granden niemals zum Grundsatz der nackten Gewalt bekannt. Man weiß ja. daß es schon immer gar manchen unter den Junkern und Scharfmachern gegeben hat. der sein volles Herz nicht wahren konnte und nach Volksentrechtung, nach Wahl- rechtsraub schrie. Aber das geschah doch immer auf eigene Faust. Heute aber sind es die anerkannten Führer der Partei, ist der kleine halbblütige JntrfAant v. Heydebrand, ist es das führende Organ der konservativen Partei, die zum Staatsstreich aufreizen l Und diese junkerlichen Umsturzgelüste wagen sich dreist hervor, trotzdem das frivole Scharsmachermärchen von dem ilUmsturz in Moabit" in den Gerichtsverhandlungen schmählich zusamnicugebrochen ist. Wenn man wenigstens noch die ge- ringste Hoffnung hätte, diese perfide Verleumdung des sozialistischen Proletariats auch nur mit einem Schein von Glaubhaftigkeit zu umgeben. Aber die Gerichtsverhandlungen zeigen von Tag zu Tag niehr— selbst die ultraniontane und nationalliberale Presse, selbst ein konservativer Publizist wie Herr Delbrück müssen das unumwunden zugestehen—. daß die„Revolution"' von Moabit vor Gericht zu einem ganz alltäglichen Exzeß von Roivdys zusammen- schrumpft, und daß der„unerhörte Terrorismus". über den die Hetzprcsse sich entrüstete, dann mehrere Tage lang nicht von den Volksmassen, sondern von der Polizei ver» übt wurde. Von der Polizei, die durch die aberwitzigen Provokationen der Scharfmachcrpresse um und alle Besinnung gebracht worden war. von Moabit" enthüllt sich also in Wahrheit ein Putschversuch des Scharfmacherklüngels, der sozialdemokratischen Erziehung der Massen zu eisernster Selbstzucht zu danken war, daß eS nicht zu furchtbarem Blutvergießen kam. Und dies schuld- und schmachbeladene Scharsniachertum wagt angesichts solcher Ergebnisse des Moabiter Prozesses das Volk mit neuen Knebelgesetzen, mit Wahlrechts- raub, mit der Revolution von oben zu bedrohen! Aber unsere Junker meinen wohl, es komme auf ein Verbrechen mehr nicht an, da sie der Verbrechen am Volke schon so viele auf dem Kerbholz hätten. Verächtlicher und verhaßter könnten sie sich ja doch nicht mehr machen. Und darin haben sie allerdings nicht so unrecht. Denn nicht nur die Sünden der Reichsfinanzreform sind ja dem Volke noch in brennender Erinnerung, sondern auch der bei der Fleischnotdebatte erst kürzlich wieder über die Massen ausgegossene beißende Hohn hat bei dem aus- gewucherten und obendrein verspotteten Volke das Maß der Erbitterung bis zum Ueberlaufen gebracht. Das ist den Heydebrand und Konsorten selbst natürlich kein Geheimnis. und deshalb, weil sie an der Hoffnung. die Massen durch nationale Phrasen und reichsverbändlerische Verleumdung der Sozialdemokratie noch einmal zu betören, gänzlich verzweifeln, entringt sich ihnen das Geständnis, daß sie von nichts mehr etwas erivarten, als von der brutalen Geivalt, vom Staats- streich, vom Verfassungsbruch! Und wir täuschen uns auch gar nicht darüber, daß die Junker es mit ihren Drohungen bitter ernst meinen. Ihre ganze Politik ist ja aus die Verwirklichung ihrer heißesten Sehnsucht augelegt. Ihre aufdringliche Umschmeichelung des Trägers der Krone, ihre widerwärtige Hätschelung der Illusion des selbstherrlichen Regiments auf der einen und ihre systema- tische Denunziation des republikanischen Charakters der Sozial- demokratie aus der anderen Seite, welchem Zweck dient das anders, als der vorbereitenden Stimmungsmache zum Ver- fasjungsbruch! Und im Bunde mit dem Judustriefeudalismus und den schlvarzen Zentrumskohorten wähnt sich dann viel- leicht das Junkertum wohl auch stark genug, dem Gedanken die Tat folgen zu lassen. Wenn nun aber die Junker sich einbilden sollten, das Volk durch solche Drohungen einschüchtern zu können, so befinden sie sich völlig auf dem Holziveg. Das klassenbewußte Proletariat hat ja diese Entwickelung der Dinge seit manchem Jahr vorausgesagt. Es ist deshalb völlig darauf vorbereitet. den Junkern aufzuspielen, wenn sie nach einem Tänzlein gelüstet. Das wirb der Wahlkampf mit aller Deutlichkeit jedes Augenmaß Die„Revolution immer mehr als bei dem es nur beweisen. Und wenn dann die sichere Niederlage unsere Scharfmacher zu Repressalien gegen die Aroeiterschaft auf- peitschen sollte, so werden sie es erleben, daß das, was im Jahre 1878 durchzusetzen war, im Jahre 1911 denn doch nicht mehr möglich ist. Denn wenn damals schon durch Aus- nahmegesetze gegen eine Partei von Hunderttausenden nur erreicht wurde, daß diese verfolgte und geächtete Partei die Zahl ihrer Anhänger vervielfachte, so würde man «einer Partei von ebenso viel Millionen durch ähnliche Knebel- ' gesetze, in welche Form sie sich auch kleiden möchten, nur die Bahn zum entscheidenden Siege verkürzen. Erst recht politischen Selbstmord aber beginge man mit dem Versuch eines Staatsstreichs, mit einem Wahlrechtsraube! Und wenn es unter dem Junkertum auch Desperados genug geben sollte, die das ganze Spiel auf eine Karte setzen wollten—. sicher- lich würden sich viele unter ihren Verbündeten ernst- sich bedenken, bevor sie ihr Schicksal bedingungslos an das politischer Selbstmordkandidaten ketteten I Immerhin: soviel steht fest, daß System in dem Scharf- machertreiben liegt, daß sich die ganze Reaktion zu einer ge- waltigen Kraftprobe sammelt. Da wäre es geradezu sträfliche Apathie, ivenn nicht auch das Proletariat seine ganze Kraft zu- sammenraffte, um durch die wuchtigste Gegenaksion die feindliche Linie zu werfen. Und der Ruf der Junker nach einem Wahl- rechtsraub kann nicht wirksainer beantivortet werden, als durch den Schlachtruf des Volkes: Nieder mit den un- erhörten Privilegien der junkerlichen Staatsstreichler l Heraus endlich mit dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für Preuße»!_ Der(chülzende Kriminalichulzmann. Es gibt noch Schutzleute in Berlin, die der Bedrängten Schutz und Schirm find. Das erfuhr man in der Freitagssitzung des Moabiter Prozesses. ES trat da ein Kriminalschtttzmann auf, Scheuzel ist sein Name, der erzählte: ES war einmal... Doch nein, so stimmungsvoll und märchenhaft begann er nicht. Er erzählte vielmehr in nüchternem Polizeistil, wie er den Angeklagten Zollchow wegen deS Rufs.Bluthunde" verhaftet und zur Wache auf dem Kupferichen Kohlenhofe gebracht hat. Auf diesem Hofe ist dem ganz ahnungslosen Kriminalschutzmann eine Sache passiert, die ihn tief erschüttert hat. Als er eben die Pforte passiert hatte, sah er seinen Häftling plötzlich von einer Schar der Hintzeschen Knüppel- garde umringt, die auf den Mann einschlug. Herr Scheuzel aber war ein wahrer Schutzmann, er hat die Gefahr, selbst einen Hieb abzubekommen, nicht gescheut, sondern hat seinen zu Boden geschlagenen Schützling aufgehoben, seine Waffe herausgeholt und er hätte sie wahrhaftig gebraucht. wenn die Siebenmonatskinder nicht Disziplin bewiesen und auf seinen Befehl:»Nun ist's genug", nicht sofort von dem Verhafieten abgelassen hätten. Räch der Erzählung des Herrn Scheuzel hat der ganze Borgang nur einige Augenblicke gedauert — immerhin genügte diese Frist, um dem Verhafteten mehrere blutende Wunden beizubringen, deren Narben noch heute sichtbar sind. DuS ist aber ganz und gar nicht nicht Herrn Scheuzels Schuld, der, wie gesogt, schleunigst die Waffe zog, um die Prügelkuechte ab- zuwehren. Aber alles ging ja so schnell, so sehr schnell, daß Herr Scheuzel gar nicht zur Altion kam. Das hat Herrn Scheuzel sehr erschüttert— und darob hat er ganz vergessen, seinem Vorgesetzten von dem Ueberfall Meldung zu machen und so Maßregeln gegen weitere ähnliche Betätigung der Arbeitswilligen zu veranlaffen. Und es hat denn auch nach der Entdeckung deS ahnungslosen KriminalschntzmanneS die arbeits- willige Prügelmaschine weiter funktionieren können. Das Bild dieser Maschine tritt von Tag zu Tag deutlicher zutage. Während der Schutzmann Klatt im Falle Hagen zwar ihre Umrisse gesehen, aber nicht gesehen haben will, daß sie in Aktion trat, hat sie uns nun der Zeuge Scheuzel in Funktion vor- geführt. Freilich, auch sein Erinnerungsvermögen ist nicht groß— ob die Maschine mit Stöcken und Gunimischläuchen prügelte oder ob sie unbewaffnet war, das weiß er nicht. Die Herren Polizei- beamten haben merkwürdig wenig Jntereffe daran gehabt, diese an sich doch gar nicht uninteresiante Maschine näher kennen zu lernen. Aber das bedeutet natürlich in alle Wege nicht, daß die Herren mit ihrer Existenz und ihren Werken einverstanden gewesen wären. Sie sagen unter ihrem Eid das gerade Gegenteil. Um so mcrkivürdiger ist deshalb der Umstand, daß keiner von ihnen etwas gegen das Treiben der Hintzeschen Prügelkolonne veranlaßt hat. Auch ein dritter Schuvmann hat diese Kolonne sich an seinen Häftling herandrängen sehen— aber er ist derselben Ansicht wie sein Kollege Klatt am Mittwoch, daß sie nicht gewagt habe. unter seinen Augen zu prügeln; sie habe nur durch Fragen belästigt und dem habe er energisch ein Ende gemacht. Der Angeklagte ist darüber freilich ganz anderer Meinung, er behauptet, unter de» Augen deS Zeugen von den Arbeitswilligen barbarisch mißhandelt worden zu sein. Aber dem setzt der beeidete Zeuge ein kategorisches Nein entgegen, wie überhaupt feit dem Umfall des Schutzmanns Heußler die Verneinungen der Polizeizeugen auf die FrD>�>|?�sir Verhaftete mißhandelt oder gesehen haben, daß sie mHhandesi wurden, an Entschiedenheit merklich gewonnen haben. Bezetchnend ist eS, daß diese Fragen bei fast allen Angeklagten gestellt werden muffen, die während der Moabiter Ereignisse verhaftet wurden. Immer mehr vertieft sich indes der Eindruck, daß es sich bei den Straftaten, die den AngeNagten zur Last gelegt werden, zumeist um relativ harmlose Akte handelt. Und auf welch schwankender Grundlage find zudem manche dieser Anklagen ausgebaut I Ein llasfischeS Beispiel ist dafür die Anklage gegen die Frau Sattler und ihre Tochter, die am Donnerstag verhandelt wurde. DaS Belastungsmaterial ist elender Hausklatsch und bei der Bezichtigung scheint persönliche Feindschaft stark im Spiele zu sein. Positive Be- kundungen, die zur Ueberführung ausreichen, hat kein Zeuge machen können. Man begreift nicht, wie es hier überhaupt zur Erhebung der Anklage koinmen konnte. Grell kontrastiert mit den meist relativ harmlosen Straftaten der Angeklagten die furchtbare Anklage gegen die Polizei, die in der Freitagssitzung so ganz nebenher zur Sprache kam. Eine der von der Polizei geladenen Belastungszeuginnen hat die�Säbelei angesehen, die den Tod des Arbeiters Hermann zur Folge hatte. Was diese sicherlich auch in den Augen der Staatsanwaltschaft unverdächtige Zeugin bekundete, ist erschütternd. Auf menschenleerer Straße, wo den Schutzleuten keinerlei Gefahr drohte, ist da er absolut ruhige Passant brutal niedergesäbelt worden. Andern Tags war er eine Leiche. Ob die Staatsanwaltschaft sich in diesem Falle bemüht hat, die Schutzleute, die die Greueltaten verübten, zu ermitteln und auf den Zeugenstond oder gar auf die Anklagebank zu bringen? Vielleicht verniag die Staatsanwaltschaft nichts zu tun, vielleicht versagt hier die polizeiliche Findigkeit, vielleicht kann Herr v. Jagow ebensowenig feststellen, wer von seinen Beamten dem Arbeiter Her- mann den tödlichen Säbelhieb beigebracht hat, wie eS seinem BreS» lauer Kollegen unmöglich war, den Handabhacker aufzuspüren. Und dann bleibt das Verbrechen, daS den Tod eines friedlichen Bürgers verschuldete, ohne Sühne._ vom kechttiim» der„Kreutzellang". Die„Kreuzzeitung" hat in ihrer Nr. 560 vom 30. November 1910 einen Hetzartikel„gegen die sozialdemokratische Tyrannei" ge- bracht, in welchem sie eine Verschärfung der Strafgesetze und ins- besondere des Majestätsbeleidigungsparagraphen forderte. Der- artige Mittel seien notwendig, weil, wie es im Jargon der Junker wörtlich heißt, der sozialdemokratische und radikale Teil unseres Volkes sich des Vertrauens nicht würdig gezeigt hat, das ihm bewiesen worden sei. Es fällt uns nicht ein, dem reaktionären Blatt die sachliche Haltlosigkeit seiner Behauptungen nachzuweisen; mit dem Organ zur Wahrung der Wahlrechtsschmach und der Junkerfütterung auf Regimentsunkosten streitet man über derartige Dinge nicht. Wohl aber ist die Frage angebracht, ob denn die„Kreuzzeitung" zu allen Zeiten beflissen war, die Autorität zu stärken und dem Gesetze Achtung zu verschaffen. Am 25. Februar 1888 rüffelte die offiziöse«Norddeutsche Allgemeine Zeitung" die„Kreuzzeitung" ab, weil das Organ der konservativen Partei eines der wüsten antisemitischen Hetzflugblätter beifällig abgedruckt hatte. DaS Urteil, das die„Norddeutsche All- gemeine" bei dieser Gelegenheit über die„Kreuzzeitung" fällte, ist gar lieblich anzuschauen: „Unverständlich ist es unS übrigens jederzeit, wenn die demokratisch-manchesterlichen Organe die..Kreuzzeitung" an- greifen, da niemand bester die Geschäfte jener Seite besorgt, als gerade die„Kreuzzeitung", und man derselben dort Dank dafür wisten sollte. Die anmaßende, dünkelhafte Manier der „Kreuzzeitung". nach allen Seiten zu stänkern, muß auf die Dauer außerhalb des engen Kreises ihrer speziellen Koterie eine anwidernde abstoßende Wirkung ausüben, und wollen wir in Hinblick auf die vielfach, wenn auch zu Unrecht im Publikum stattfindende Identifizierung des hetzerischen Blattes mit der konservativen Partei und den konservativen Fraktionen nur hoffen, daß nicht schon bei den nächsten Landtagswahlen die Konservativen jene Früchte zu ernten haben werden, zu denen die Saat von der„Kreuzzeitung" unermüdlich ausgestreut wird." Das Verhältnis zwischen der Regierung und der„Kreuz- zeitung" trübte sich nach dem Tode des alten Wilhelm stärker. Ende 1888 gab der Übelberufens. Antisemit Eremcr eine Broschüre her- aus, in der er mit Behagen allerhand Geheimniste aus den konser- vativen Bürgervereinen auöplauderte. Unter anderem wußte er zu vermelden, daß Herr v. Hammerstein, der Chefredakteur der„Kreuz- zeitung", ostentativ seine Unterschrift zu einer GeburtStagsgratu- lation an Bismarck verweigert habe. Die Wirkung solcher Oppo- sition aus konservative Gemüter wurde in der Broschüre mit fol- gendcn Worten gekennzeichnet: ..... In manchen untergeordneten Köpfen hat sich auf Grund besten die Vorstellung, daß der Fürst Reichskanzler der eigentlich zu bekämpfende Gegner fei, bereits so sehr festgesetzt, daß man von ihnen den Ausruf vernehmen kann:„Wir jagen den Fürsien Bismarck, falls er es nicht anders macht." Die Spannung zwischen der Regierung und dem führenden Blatt der konservativen Partei wurde schließlich derart stark, daß am 30. Januar 1889 die„Kreuzzeitung" auf Grund des Majestäts- beleidigungsparagraphen beschlagnahmt wurde. Ein Artikel über das„monarchische liiefühl", den das Blatt des Herrn v. Hammer- stein aus Anlaß der Geffkenaffäre veröffentlicht hatte, war die Ur- fache jener aufsehenerregenden Maßnahme, die allerdings weitere Folgen nicht nach sich zog. Wie sich die„Krcuzzeitungs"moral dann in den nächsten Jahren entwickelte, ist liM, erinnerlich. Am 4. Jui» 1895'�ar so weit gekommen, daß das„Kreuz» zeituna�iaM'fKd.Harrn v. Hammerstein von der Leitung des Blattes suspendieren mußte. Am 22. April 1896 wurde der ehedem so gefürchtete Mann wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu drei Jahren Zuchthaus. 1506 Mk. Geldstrafe und fünf Jahren Ehrvcr- tust verurteilt. Man mag sagen, daß dies eine persönliche Sache des Verurteilten sei, für die das Blatt nicht verantwort- lich gemacht werden könne. Aber die Staatsanwaltschaft war ande- rer Meinung. Am 6. Januar 18tz6 hatte sich unser Parteigenosse Rauch vom„V 0 l k S w i l l e n" in Hannover vor Gericht zu ver- antworten, weil er die Staatsanwaltschaft in Sachen Hammerstein Set Begü,lst�»g Fezie�sn?a?en sollke.'Fn Ler TerlZHIsVer�and'- lung gab der O�''erstaatsanwalt Drescher eine Tarstellung, aus der licroorging. daß � ie Staatsanwaltschaft gerade von den Personen, die Herrn V. Hamr.nerstein als Verbrecher hätten entlarven können. in einer Weise behandelt worde'n war, die von einer Begünstigung her Straftat nicht a�uweit entfernt zu sein schien. � Tie..Kölnische Zc, tung" schrieb über diesen Prozeß: �.Tie Anklage fii�rte der als Zeuge vorgeladene Berliner Oberstaatsanwalt Trrsthcr, und die wirklichen Angeklagten waren die Mitglieder des �"eu.>zcit»ngs"koinitees, Graf Finkenstein und Graf Äanit,... Tie..Kreuzzeitung" hat wiederholt be- hauptet daß der Fall HsvNMerstein für die konservative Partei und das„KreuzzeitungS"ion.!itee endgültig abgetan sei. Räch de», Ergebnis des Hannoverschen Prozesses wird sie daran Wahl nicht mehr festhalten können. denn�>ie ganze Aussage des Oberstaatsanwalts Trc scher ist so belnstraMiir die Komitecmitglicdcr, daß ' sie nicht umbin können werden, �ich zu verteidigen. '• In seiner Verteidigung am 22. A pril 1896 sagte aber Freiherr v. Hammerstein: ..Ein Mann. der. wie ich. im öffentlichen Lvbeu�gestanden und hinter die Kulissen geschaut hat, wür�e wohl leickt Zachen zur Sprache bringen können, die meine Person in e!»l besseres Licht stellen würden, als der Staatsanwalt es getan. �>ch verzichte aber darauf, weil hierbei Sachen giir Sprache gebracht werden müssen, die den Gegnern willkommenen Stoff zu großem Skandal bieten würden." Tiefe Stichproben werden vollauf genügen, um mich harmlosen Leuten über den Rechtssinn der Jircuzzeitung" die nfch Lage der Dinge leider einmal notwendige Aufflarung zu geben. vle Nshlea in SrMntsnnien. >- London, 29. November 1910.(Eig. Ber.) Eine altge- Akeiire Parlamentswahl kostet in Großbritannien nach zuver- lässigen Berechnungen etwa 00 Millionelt Akark. Diese Summe. ist zivar doppelt so hoch wie das gesetzlich erlauMe Maß. aber es ist ein offenes Geheimnis, daß die meisten der liberalen und konservativen Kandidaten ihre Ausgaben vrl zu niedrig angeben. Auch ist zu berücksichtigen, daß die gewaltigen Suinmeri. die die vielen selbständigen politischen Vereinigungen, wie die Tarifreform-Liga und die Freihat, Äels-Union. während der Wahlen für propagandistische Zwecke ausgeben, nicht bei der offiziellen Feststellung der Wahlkosten berücksichtigt werden. Zwei ParlamentSwcchlen in einem Jahre machen daher riesige finanzielle Anstrengungen notivendig, denen auch die reichste politische Partei nicht immer voll gewachsen ist. Das erklärt, weshalb bei der bevorstehenden Wahl eine große Anzahl Wahl- kreise ohne Kampf der im Besitze befindlichen Partei überlassen werden wird. Soweit sich das Feld bis heute überschauen läßt, wird die Zahl der Arbeiterkandidaturen bedeutend geringer fein wie bei der letzten Wahl. Von den Kandidaten der S. D. P. ist schon vorher berichtet worden. Es ist nur noch hinzuz»!- fügen, daß gestern der sozialdemokratische Verein in Battersecc beschloß, den Genossen Shaw gegen den Minister B u r n s aufzustellen. Dr. Burns— der ehemalige Revolutionär ist vox kurzem wie der deutsche Slaiser zuin Doktor avanciert— hat nicht» Eiligeres zu tun gehabt, als die Sozialdemokraten Aatterfeas zu verdächtigen und als das Werkzeug der Konser- vativen hinzustellen. Ter Genosse Shaw erbot sich sofort, dem Minister die Liste der Personen, die den Wahlforids aufge- bracht haben, vorzulegen, wenn dieser einem gewissen Hospital eine Schenkung von 100 Pfund Sterling machte. Von der Arbeiterpartei sind bis jetzt offizsell 57 Kandi- baten aufgestellt worden. Es kandidieren jedoch noch ein paar andere der Arbeiterpartei angehönge Personen, unab- hängig von der Partei. Die beiden interessantesten Wahlkämpfe sind ohne Zweifel die in Nordwest-Manchester und Portsmonth stattfindenden Kraftproben. In NordwestManchester haben die Tarif- reformer den hervorragendsten aus der sehr kleinen Schar ihrer 'virklich begabten Führer. Herrn Bonar Law, anfgestellt, der feinen sicheren Wahlkreis verlassen hat, um die Bauiwvoll- Metropole zu ihrer alten politischen Liebe zurückzuführen. Um die auf. den Export angewiesenen Fabrikanten nicht zu er° schrecken, spricht er sehr wenig von der Tarifreform, versickzert sie,, daß die konservative. Partei zuerst ein Referendum vornehmen würde, ehe sie die Tarifreform einzuführen gedenke, und appelliert an die im Grunde genommen konservativen Instinkte dieser Wählerschaft unter Hinweis auf die zersetzende Agitation de» Schatzkanzlers. Sein Sieg würde von den Kon- fervatwen als ein Triumph der Schutzzollidee airgesehen wer- den. In Partsnwuth dagegen versucht einer der geschicktesten Preiskämpfer der Liberalen, Herr.Hemmerde, den be- rüchtigten Hetzer Lord Charles Beresfore aus dem Sattel zu heben. Bei der letzten Wahl verloren die Liberalen Ports- mouth wegen des Arbeiterkandidaten, der dort von der Fabi- schen Gesellsckfaft aufgestellt worden war. Erhält Hemmerde die Stimmen der Arbeiter, so ist es mit der parlauirmtarischen .Herrlichkeit Lord Charles BereZfores— oder Lord Charles Blatchfords. wie er humoristisch genannt wird— au». Um einen allgemeinen Mick über die Stärke der ver. schredenen Parteien in den einzelnen Landesteilen zu geben, feien hier folgende Zahlen mitgeteilt. In London gewannen bei den letzten Wahlen von den 59 Wahlkreisen die Liberalen 26. die Konservativen 33. Eine Verschiebung deL Kräftcver- hältnisses zugunsten der Konservativen ist hier sehr gut möglich. da die Mehrheft der Liberalen im Januar in manchen Kreisen fehr gering war. Die Wahl deS Arbeiterparteilers C r o o k s und des Genossen LanSbury scheint hier ziemlich sicher. In den großen Städten hatten die Liberalen und die Arbeiter- Partei zuletzt 27 Sitze, die Konservativen 21 inne. In den mittleren Städten besaßen Liberale und Arbeiterpartei bisher 28. die Konservativen 12 Mandate. In den großen und mittleren Städten werden die Konservativen dieses Mal einen schweren Stand haben. Von den kleinen städtischen Kreisen besaßen Liberale und Arbeiterpartei 35. die Konservativen 41. Auch hier sind die Chancen der Konservativen, Sitze zu ge- Winnen, nicht sehr groß. Anders steht as dagegen in den Graf- fchasten Südenglands, wo die Konservativen das letztemal 147 Mandate und die Liberalen nur 4 gewannen. In diesen unter der feudale» Fuchtel stehenden Gebieten dürften sich die Sionservativen vollständig behaupten. Die industriellen nord- englischen Wahlkreise mit ihren 08 Mandaten, wie auch Schott- land(72 Mandate) und Wales(30 Mandate), gehören fast durchweg den Liberalen oder der Arbeiterpartei. Die Konser.- vativen besaßen nach der letzten Wahl in diesen Landesteilen zusammen nur 32 Wahlkreise. Voraussichtlich werden sie bei diefer Wahl noch schlechter abschneiden. Die fünf Univen'ität». fitze sind konservatives Besitztum und werden es auch bleiben. In Irland schließlich bestellt keine Aussicht, daß sich das Kräfte- Verhältnis zwischen Nationalisteil(82) und Konservative(21) im geringsten verschieben wird. Samstag wird in zehn Londoner Wahlkreisen gewählt. . In einem dieser Kreise betrug die konservative Majorität das ftmlit dtlntll HM! Nur dann kann- der Branntweittboykott wirken, wenn die organisierten Älrbeiter den Unorgani- sierten mit gutem Beispiel vorangehen I XXXXXXXXXKXXXXXXXXXXXXXXXXXXX letztemal nur 83 Stimmen. Unter diesen zehn Kreisen be- findet sich mkch West Hain, wo der Genosse Will T h o r n e bei der letzten. Wahl mit einer Mtzhrheit von 4882 Stimmen gewählt wurde. � � � • Am Vorabend des Wahlbegmns. London, 2. Dezember. AuS Anlaß der bevorstehenden Wahlen fordern die Blätter die Wühler auf, alle Kräfte aufs äußerste anzustrengen. Die Union ist en betonen die moralische Wirkung eines Sieges in L o n d o n, Ivo am Sonnabend zehn Mandate zur Besetzung gelangen, von denen sich bisher sieben in den Händen der Radikalen befanden. Im ganzen finden am Sonn- abend an siebzig Orten Wahlen statt. Vierzehn Kandi- daten, elf Unionisten, darunter die. konservativen Kandidaten der City, B a l so u r und Sir Frederick B u n b u r y. und drei Liberale, werden heute als gewählt erklär.t werden, da kein Gegenkandidat aufgestellt worden ist. Während die liberalen Zeitungen ruhige Zuversicht ausdrücken, sind die konservativen von ihrem Siege überzeugt.„M o r n i n g Post" sagt, es sei alle Aussicht vorhanden, daß der neue Tarif im vereinigten Königreich in Kraft treten werde, bevor die Neichskonferenz wieder zu- sammentrete. Aus den Wahlreden des gestrigen TageS ist folgendes hervorzuheben: Austen Chamberlain sagte in West Bromwich. wann die Unionisten wieder zur- Regierung gelangten, würde die T a r i f r e f o r m in kürzester Frist gesetzlich durchgeführt werden.— Wi.iston Churchill bezeichnete in Dundee die Sprache BalfourS über das Referendum als absichtlich un- bestimmt. Es gebe viele Wege, auf denen er sein Versprechen in bezug auf das Referendum völlig illusorisch machen könne.— Lord M o r l e y sprach sich in Darwen dahin aus, daß daS vor- geschlagene Referendum ein phantastischer Vorschlag sei, der das Parlamentssystem, das solange der Ruhm des britischen Namens gewesen sei, zerstören würde.— B i r r e l erklärte in Bristol, das Oberhaus läge bereits im Sarge und das Volk möge es am 3. Dezember begraben.— A s q u i t h bezeichnete in Wolverhampton die Vorschläge BalfourS als einzig dastehend in ihrer geradezu kolossalen Unziem- l i ch k e i t. Das Land werde ein so großartiges Beispiel p o l i t i. scher Unaufrichtigkeit wie den Vorschlag deS Re- ferendumS, der die Verantwortlichkeit der Minister und des Unterhauses vernichten würde, niemals vergessen oder verzeihen.— Balfour erklärte in. einer Rede in Reading, die unjonistische Portei habe ihre Ansichten über die Wichtigkeit einer Tarifreform nicht geändert. Eine Tarifrcforin sei jetzt/ wie stets zuvor, ein Hauptpunkt der Politik der Partei. Die Partei müsse jedoch die förmliche ausdrückliche Zustimmung deS Volkes zu dem erhalten/ was sie als förderlich für daS allgemeine Wohl erkannt habe. Tie ersten neuen Aögeordneten. London, 2. Dezember. Bis heute mittag sind elf Unio- nisten, darunter der frühere unionistische Minister W y n d- ham und Joseph Chamberlain, und vier Liberale gewählt. Gegenkandidaten waren nicht aufgestellt. Der unionistische Kandidat in Süd-Manchester konnte, weil er einige Minuten zu spät kam, nicht mehr als Kandidat nominiert werden. An seiner Stelle wurde der liberale Kandidat für gewählt erklärt._ polltifcbc(leberkickt. Berlin, den 2. Dezember 1910. Deutsche und Amerikancr-Reben. AuS dem Reichstage, 2. Dezember. In der Reb- schädlingSdebatte kam es heute zu Ausoinandersetzungen über die Frage, ob es ratsam ist, die empfindliche deutsche Rebe durch die dauerhsstere sogenannte Amerikaner-Rebe zu ersetzen. Dieses ausländische Gewächs ist nämlich in Deutschland vcr- boten wordeil, weil sie, ohne selbst von der Reblaus an- gegriffen zu werden, doch dieses gefährliche Tier einschleppt und dadurch zur Verseuchung der deutschen Weinberge beiträgt. Genosse Geck'führte nun in einer sehr sachkundige» Rede aus, daß daS Verbot der Amerikaner-Rebe ungerechtfertigt sei. In Frankreich habe man mit ihr gute Erfolge erzielt. Tatsächlich werde das Verbot auch in Deutsch- land vielfach durchbrochen. Die übele Lage der Winzer beruhe hauptsächlich auf die Unsicherheit des Weinbaues. In der heutigen Gesellschaftsordnung werde ihnen überhaupt nicht dauernd zu helfen sein. Doch niüßte jeden- falls zur Milderung der Not mehr getan werden als bisher. Der bayerische Rcgicrungskpmiuissar v. Stein bestritt. daß zu wenig getan werde und wandte gegen die Amerikaner- Rebe noch ein, daß sie weniger guten Wein gebe und schwieriger zu bewirtschaften sei. Genosse Lehmann rügte. daß besonders in Preußen zu wenig getan werde und wies auf die wachsende Erregung der Winzer. Vom Zentrum traten so ziemlich die sänitlichen Vertreter der Weinbaukreise an, so daß auch der ganze zweite Tag zur Erörterung der Winzcrbeschiverdcn aufgebraucht wurde. Morgen ist Schwerinstag. Als Antrag aus dem Hanse steht zunächst der konservative Antrag zur Mittelstands' rcttung auf der Tagesordnung. Rcichsboten-Logik. Wie wir gestern bereits vorausstiglen, wird die Hetze gegen die«rote Rvite' oder„rote Flut" in der konservativen Press« während der nächsten Zeit mit ollen, Eifer sorigesetzt werden, denn in dem verlogenen Kanrp-geschrei der.„Kreuz-Zeitung" und der konservativen Häuptlinge liegt System. Es handelt sich um eine im konservativen Hauptquartier wohlerwogene, auf die Einschüchterung der Belhmonnschen Regierung und der„Einfältigen im Geiste" berechnete Mache. Tatsächlich bringen denn auch schon heute einige kleinere konservative Blätter Artikel, die es an innerer Verlogenheit sehr wohl mit dem Mittwoch»- artikel der„Kreuzzeitung" aufiiehinen können. Die schönste dieser Leistnugen bietet der„ReichSbote", daS salbungsvolle Blatt der„Gesalbten des Herrn". Es fordert ebenfalls, wirksamere Schutzmittel" gegen die sozialdemokratische Arbeiterschaft.. Die ungeheure Blamage der Polizei im Moabiter Prozeß lostet schwer aus dieser braven konservativen Seele. DeShaw stöhnt daS Blatt: '»Wenn irgendwo, so wäre daher hier längft ein ge« harn ischter Ordnungsruf der Verbündeten Re- gierungen an ein nicht in Uebereinstiminung mit dem Rechlsempfinden der vaterländischen Kreise bändelndes A d v o- katentum und an-die Schildhälter der Friedensstörer in der Presse und im Publckum am Platze gewescir Aber noch nicht ein- mal im Reichsiag hat sich die Gelegenheit zu einer Besprechung über die unbalibare Lage geboten." Aber darüber hinaus will das Blatt auch Vorsorge für die Zu- kunft treffen und zwar gleichfalls ä la Heydebrand ohne Aus- nahmegesetz. Nur' gestutzt auf den„Geist" der preußischen Ver- fassung soll der preußischen Regierung gestattet sein gegen die Sozial- demolratie Willkür walten zu lassen. Das konservative Blatt meint nämlich: Jede politische Freiheit, die die Verfassung gewährt, muß auch allein dem von der Berfassimg selbst verfolgten Zwecke der StaatSerhaltung dicuen. Sie ist daher keine absolute Freiheit, lraft deren der Bürger treiben kann was er will. „Die Logik dieses Gedankens", so sagt ber Artikelschreiber, „führt unmiltelbar zu dem weiteren Schluß, daß auch der Miß- brauch der Preßfreiheit, des Versa in mlungs- undVereinSrechls für außerhalb derVerfassung ' liegende und vollends für direkt gegen die Staatserhaltung ge- richtete Zwecke nicht mehr nach dem V e r f a s i u n g s r e ch t geahndet loerden darf. Der Minister des Innern wäre scbon nach dem jüngsten Zugeständuis des ReichStagsabgeordneten Lcdebour, daß die Sozialdemokratie direkt aus Begründung der Republik in Deutschland lossteuert, ohne jedes besondere Ausnahmegesetz befugt, mit einem einzigen Federstrich das Fortbestehen der gesamten sozialdemokratischen Presse zu verbiete n, weil diese außerhalb der Verfassung sich fortbewegt. Dasselbe gilt von dem Mißbrauch deS Verein?- und Berfammlnngs- rechts. Auch das Oberverwaltungsgericht müßte diese Maßnahme durchaus sanktionieren, wenn es sich nicht an die leere Form hält, und nicht dem Buchstaben, fondern dem Geist des Artikels 27 der preußischen Berfassimg(Jeder Preuße hat daS Recht, durch Work, Schrift, Druck und bildliche Darstellung feine Meinung frei zu äußern) gerecht wird. Ohne jeden Staatsstreich, auch ohne Aus- nabmegeietze, allein auf Grund des obersten Verfass»ng«zwecks imd nach dem ganzen Geist der Verfassung läßt sich mithin ein durchgreifender Wandel zum Bessere» erzielen. Es bedarf nur eines starken Willens, und den verlangt da» staalstrcue Bürgertum allgemein." Ist es gleich Wahnsinn, hat es doch Methode. Nach berühmten Muster». Die großen Erfolge, die einige Monarchen in letzter Zeit auf rhetorischem Gebiet erzielten, haben, lvie cS scheint auch im König Aiigust von Sachsen den Wunsch geweckt, sich zum großen Redner auszubilden. Er redet jetzt ziemlich häusig. E,st am Freitag hat er wieder bei einer Rekrutenvereidignng eine feierlich« Ansprache gehalten. Nach offizieller Meldung sagte er: „Ich als Ihr König mücbte Sie nur darauf hinweisen, d.,ß der heutige Tag, an dem vor 40 Jahre»'ein großer Teil meiner Armee in schwerem Kampf« mit einem übermäcknigen Feinde sich un- sterblichen Ruhm erworben hat, eine Mahnung für Sie ist, gleich Ihren militärischen Vorfahre» in: Kriege wie im Frieden ihre volle Pflicht z» tun und den alten Rohm meiner Annee auf- recht zu erhalten. Ich und meine Armee sind stets eins gewesen und werden es immer bleiben, so lange die Armee wie bis jetzt den ehrenvollen Platz im großen deutschen Heere behauptet. Scbwer und groß find die an Sie herantreten!»ei, Anforderungen und werden sich nicht vermindern, so lange ein vorwärts strebender Geist iin Heere herrscht. Seine Majestät der Kaiser, des Reiches erhabene« Ober- Haupt, sorgt mit niinnier rastender Sorgfalt für die Schlagfertigkeit unseres Heere», Was er sonst für unser liebes Deutsches Reich ge- leistet hat. wird dereinst auf erzenen Tafeln in der Weltgeschichte verzeichnet stehen. Heute gilt es nur seiner zu gedenken, als Soldatenkaisers, als meine» besten, liebsten Freundes." Polizeipräsident v. Jagow bleibt. Die.Kölnische Vollszeiumg" hatte mitgeteilt, daß die Stellung deS Herrn v, Jagow infolge des Verlan'» deS Moabiter Krawall- prozcsses erschüttert sei. Wie Berliner Blätter nunmehr feststellen können, fehlt dieser Nachricht jede tatsächliche Unicrlage. ES wird versichert, daß Herr v. Jagow außerordentlich fest im Sattel sitze. Wir sind durchaus damit einvelstaiiden. daß un« Herrn v, JagowS Kraft erhallen bleibt._ Regiernngösorgcn. . Der Kaiser hat an de» Reich« känzler eine Order gerichtet, in der er, eine eingehende Beschreibung der neuen Uniformen für die Gouverneue unserer Kolonie» gibt. In der Order ist die Farbe deS Tuches, die Höhe de« Kragens, die Art der Aerinelaufschläge und sogar die Breite der Goldtressen, die an den Hosen getragen werden sollen, genau angegeben. Der Gouverneur von Deutsch-Ostasrika wird in dunkelblaues, der von Südwestafrika in koriiblumenbloue«, der von Kamerun in ponceaurote«. der von Neu-Guinea in grünes und der von Sipnoa in helles Tuch gelleibet. Die Order des Kaisers bestimmt auch, welche Bcainten goldene Stickereien tragen dürfen und welche sich mir silbernen begnügen müssen. Könnten nicht auch die Rcdakture der„Nordd, Allgem. Ztg." in schöne Uniformen gesteckt werden: vielleicht in Röcke, deren rechte Seite blau und deren linke Seite schwarz ist, damit sie gleich als Vertreter de« blauschwarzen Blocks gekenuzeichiiet werden. Das Zentrum iu Wort und Tat. „Groben Schwindel und Boltsbctriig" uannte der Zentrum«- abgeordnete GieSberlS im Reichstage die Aboimentenversicherung und sein Leiborgan, die„Esiener Volkszeüimg", erklärte, daß er das Kind beim rechten Namen genannt Hobe. Jetzt teilt das Blatt mit. daß es mit dem t. Dezember die AbomieniAiversicheriiug einführen werde und bezeichnet diese Eiurichtnna als„eine soziale Taf. Das Mandat des Abg. Dr. Wieiu«. Der Nationalliberale Berein in Rordhatilen. dem Wahlkreise deS gegenwärtigen Führer« der Fortschrittlichen BolkSparlei Dr, Aienier. hat den Gyiniiastalprofcssor Trittel al» Kandidaten für die nächste ReichStagswahl aufgestellt. Die fortschrittliche Presse ist darüber lehr entrüstet, weil man angenommen hatte, daß die Nationalliberalen auf eine eigene Kandidaiur verzichte» würden, um so mehr, al« in den Thüringer Wahlkreisen bereit« Wahlabkommen zwischen den beiden Parteien getroffen sind. Bei der letzten Wahl erhielten Dr. Wiemer 5662 Stimmen, der Kandidat der Sozialdemokratie, Genosse Glocke. 5408 Stimmen, der nalionalliberale Kandidat 4150 Stimmen. In der Stichwahl siegte dann Dr. Wiemer mit 9460 gegen 5371 Stimmen. In fortschrittlichen Kreisen befürchtet man. daß unter Umständen der nationalliberale Kandidat mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommen konnte, Dr. Wiemer also ausgeschaltet werden könnte. Man wirft den Nationalliberalen schnöde Undank« barkeit vor, da noch kürzlich bei den Stadtverordnetenwahlen die Fortschrittler den Nationalliberalen freiwillig drei Mandate überlassen habe», allerdings in der Voraussetzung, daß sie keinen Reichstags- kandidaten aufstellen._ Zur Nsichslvertzuwachssteuer. Der„Franks. Ztg." wird aus Berlin berichtet: Gerüchte, die gestern von einem Scheitern der Wertzuwachssteuer oder auch von einem Verzicht de« Schatzsekretärs auf diese Steuer wissen wollten, find unvcgriindet. Die Sache liegt so: An dem Entwurf wird in der Kommission nichts Wesentliches mehr geändert werden, der Entwurf wird von der Kommission in zwei oder drei Sitzungen er- ledigt und dann von derselben an das Plenum verwiesen werden. wo er zur zweiten Beratung kommen wird nnd wo seine Annahme nicht mehr zweifelhast ist. Au« Aeuhernngen der an der Finanz- rcform beteiligten Mehrheit läßt sich schliefen, dah, wenn erst diese Zuwachssteuer aus Immobilien durchgedrungen ist, der nächste Geldbedarf des Reiches durch die Ausdehnung der Zuwachssteuer auf Wertpapiere gedeckt werden soll._ Seh»sucht nach dem angestammten Landesherrn. Der Landtoq veS Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt wird sich demnächst mit einer Eingabe zu befassen haben, die sich auf den Aufenthalt des Prmzen Sizzo außerhalb des Fürstentums bezieht. Dieser Prinz ist der Thronfolger, lvobnt ober nicht im Fürstentum, sondern auf feinem Gut in Sachsen. Die biederen Rudolstädter befürchten nun. dost der Prinz seinem angestammten Volke entfremdet werden könnte und wünschen deshalb, dah der Landtag Mittel und Wege finden möge, dem Prinzen den Ausenthalt im Lande zu ermöglichen, damit er seinem treuen Volke erhalten bleibe._ Bassermann kandidiert nicht in Guben-Lübben. Der.Mannheimer General-Anzeiger' schreibt: Wir sind in der Lage, zu erklären, dost die Meldung, Herr Basiermann würde im 7. Frankfurter Wahlkreis Guben-Lübben kandidieren, den Tatsachen nicht entspricht._ Ein Erlast gegen Soldatenmisthandlungen. Wiederholt haben Fürsten und Generäle sich gegen die in der deutschen Armee bekanntlich außerordentlich häufigen Soldaten- Mißhandlungen ausgesprochen und den Soldatenschindern strenge Strafen angedroht. Genützt haben aber bisher alle solche Ermah- nungen, Verfügungen und Korpsbefehle bitter wenig. Die Miß- Handlungen haben vielmehr eine starke Steigerung erfahren. Taraus scheint der kommandierende General des 16. Armeekorps. v. Prittwitz und Gaffron. die Folgerung gezogen zu haben, daß die Einschränkung der Soldatenmißhandlungen einmal auf einem anderen Wege versucht werden müsse, nämlich durch gütiges Zu- reden, und ferner dadurch, daß man zunächst nicht gegen die häusigeren und schwereren Fälle einschreitet, gegen die Miß- Handlung der Rekruten durch Unteroffiziere und Feldwebel, son- der» gegen die minder schwereren Fälle, d. h. gegen die Zwiebelung der Rekruten durch ältere Mannschaften. Der Herr General hat deshalb, wie die„Köln. Ztg." mitteilt, folgende gemütvolle Ver- fügung erlassen: „AuS Gerichtsverhandlungen habe ich ersehen, daß eS während des letzten DicnstjahreS doch wieder zu einigen Versuchen der Mannschaften älterer Jahresklassen gekom- men ist, auf die Rekruten einen unzulässigen Einfluß auszuüben. Ich untcrsckätze die Bedeutung gegenseitiger kamerad- schastlicher Erziehung durchaus nicht. Ich halte die Forderung auch für völlig berechtigt, daß der junge Soldat mit Achtung auf den älteren, im Waffendienst durchgebildeten Kameraden blickt; ebenso wie eS richtig ist, daß der alte Mann dem jungen mit gutem Beispiel vorangeht und hierdurch, wie durch kameradschaftliche Teilnahme, an seiner Aus- bildung mitarbeitet. Wo aber diese Einwirkung d i e gebotenen Grenzen überschreitet, wo sie zu quä» lertschen Fopperöien oder gar Mißhandlungen — womöglich unter Vereinigung mehrerer alter Leute gegen einen einzelnen—.führt, muh mit äußerster Strenge eingeschritten werden. Indem ich die Aufmerksamkeit aller Vorgesetzten, im besonderen der Rekrutenoffiziere, Kompagnie- usw. Chefs, auf diese Frage lenke, bin ich überzeugt, daß e» in der Regel ausreichen wird, deutsche Soldaten von Ausschreitungen der beregten Art abzuhalten, wenn man ihnen klar zeigt, daß solche Verstöße fast immer den Verdacht feiger Gesinnung des oder der Schuldigen entstehen lassen." Der kommandierende General von Prittwitz und Gaffron mag ein ganz guter Stratege sein; auf dem Gebiet der Psychologie ist er jedenfalls recht schlecht bewandert. Wir können ihm voraussagen, daß seine gemütliche Ermahnung noch viel weniger nützen wird, als die scharfen Erlasse früherer hoher Militärs. Allem Anschein nach ist sich der Kommandierende des 16. Armeekorps sogar nicht einmal darüber klar, daß die Mißhandlungen der Rekruten durch die Mannschaften älterer JahrcSklassen vornehmlich eine Folge der verschrobenen Ehr- und Autoritätsbegriffe sind, die den Soldaten künstlich angezüchtet und eingetrichtert werden und gerade in jenen Köpfen am willigsten Eingang finden, die am hohlsten sind und im . bürgerlichen Leben am wenigsten bedeuten. Wird so einem Kuh- oder Pferdeknecht, der in seiner ländlichen Abgeschiedenheit unge- fähr vom wirklichen Weltgetriebe so viel sennen gelernt hat, wie seine Kühe oder Pferde von der Geometrie, fortwährend eingeredet, daß er ein ganz besonders hohes, über das.Zivilistenpack" hoch - erhabenes Wesen sei, da er„des Königs Rock" trage, so ist ganz unvermeidlich, daß ihn schließlich so etwas wie militärischer Größen- wahn befällt, und er in allem Ernste meint, weit über dem zu stehen, der erst kürzlich in«des Königs Rock" gesteckt worden ist. Oefteireich. Ter Abschluß der Teuerungsdebattr. Wien, 1. Dezember. Abgeordnetenhaus. Der sozial demo- kratischc Minoritätsantrag auf Gestattung der zeitlich und quantitativ unbeschränkten Fleischet»fuhr wurde in Namentlicher Abstimmung mit 122 gegen 316 Stimmen abgc- lehnt, dagegen der Kompromißantrag Stölzl auf Ge- stattung der Einfuhr von überseeischem Fleisch für die Dauer des Bedarfs in namentlicher Abstimmung mit 223 gegen 206 Stimmen angenommen. Der sozialdemokratische Minoritäts- antrag auf Aufhebung des Fleischzolles wurde abge- lehnt und der Kompromißantrag Stölzl, alle zulässigen Zollbegünstigungen für die Fleischeinfuhr zu gewähren, angenommen. Sodann wurden die übrigen Anträge des Ausschusses betreffend die ausgiebige Hebung der Landwirtschaft, Tarifcrmäßigungen für die Einfuhr von Lebens- mittel» und zahlreiche Zusahanträge angenommen, nur der Antrag betreffend den raschen Abschluß des Handelsvertrages mit Argen- .tinien abgelehnt. Tie Sitzung wurde nach dreizehnsiündiger Dauer nachts um II Uhr 50 Minuten geschlossen. fiMiiKmcK. Briand gegen den Proporz. Paris. I. Dezember.(Cjg. Ber.) Briand hat gestern dein WaHlreformauSschuß seine Stellung zum Proporz präzisiert. Sie läuft darauf hinaus, daß er das eigentliche Proportional- Wahlrecht ablehnt und bei dem Prinzip seines ab- surden Entwurfs über die„proportionelle Vertretung der Minoritäten" beharrt. Wir haben schon dargelegt, daß dieses System, das in der Zurechnung der nicht abgegebenen Stimmen zugunsten der � relativen Mehrheit und in der Zuweisung einer entsprechenden Zahl von„Präinien"- Mandaten an diese besteht, die Mängel des heutigen Wahlrechts noch verstärkt und unmoralische Wahl- bündnisse erst recht provoziert. Der Rcgierungs- cntwurf hat aber keine Aussichten auf Annahme, mag sich auch Briand zu weitgehenden Konzessionen im Detail bereit erklärt haben. Wenn die gemäßigten Republikaner, die bisher die Einführung des Proporzes als die dringendste aller Reformen hingestellt haben, konsequente und ehrliche Leute wären, so müßten sie Briand zu Fall bringen. Aber vermutlich werden sie es jetzt mit der Wahlreform nicht so eilig haben, nachdem er in seinen Ausnahmegesetzen gegen die Arbeiterschaft ihren Wünschen so entgegengekommen ist. Für die Verschleppung werden aber auch die oppositionellen Radikalen wirken, die ihre parlamentarische Stärke in erster Linie dem Bezirks- Wahlrecht verdanken. Sicher hat der Proporz in allen Par- teien ehrliche und eifrige Anhänger, aber von allen parla- mcntarischen Gruppen sind nur die geeinigtcn Sozialisten in ihrem Kampf für ihn zuverlässig, während in den übrigen Parteien daS egoistische Interesse, die RegierungLintrige und das bürgerliche Klasseninteresse seiner raschen Durchsetzung entgegenstreben._ Die Wicdereinstellung der Eisenbahner. Paris, 2. Dezember. In der Deputiertenkammer, in der heute daS Budget des Ministeriums der öffemlicken Arbeiten auf der Tagesordnung stand, brachte Fournier sunabhängiger Sozialist) einen Antrag aus Wiederau st ellung der Eisen- b ahner ein, die gerichtlich nicht verfolgt worden sind. Minister- Präsident Briand antwortete, die Regierung werde mit ganzer Kraft für eine nachsichtige Revision einzelner Fälle eintreten, von einer allgemeinen Amnestie könne jedoch keine Rede sein. Der Antrag wurde darauf einer Kommission überwiesen. Ein Antimilitarist vernrteilt. Nancy, 2. Dezember. Das hiesige Zuchtpolizeigericht hat den antimilitaristischen Arbeiter Mölme, der kürzlich gegen den Korp-kommandeur General Goelschy ein Stück Brot ge- schlendert hatte, zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Italien. Der Abrüstungsantrag der Sozialdemokraten. Rom, 2. Dezember. Deputiertenkammer. Auf den Mrüstungsvorschlag B i s s o l a t i s antwortete der Minister des Aeußeren. die österreichisch-ungarische Regierung habe voll- ständig recht gehabt, als sie in den Delegationen wiederholt darauf hinwies, daß die Rüstungen Italiens und Oesterreich-Ungarns nicht gegeneinander gerichtet seien, daß vielmehr ein starkes Italien im Interesse Oesterreich-UngarnS liege und umgekehrt. Jedesmal. wenn man versucht habe, sich über die Abrüstung zu verständigen. hätten die Beziehungen zwischen den Mächten eine Abkühlung erfahren. Es sei besser, den umgekehrten Weg zu gehen, nämlich, wie es heute alle Großmächte und insbesondere Italien und seine Verbündeten täten, gemeinsam zu streben, alle Ursachen zu Streitig- ketten abzuschwächen und zu beseitigen. kulUaud. Mit steigender Flut. Mit zunehmendem Staunen verfolgt man die Ereignisse, die sich in der letzten Woche in Rußland abgespielt haben. Wo soeben noch die Niche des Kirchhofes herrschte, die nur von dem Siegesgehenl der Scharfnmcher und Regierungshandlanger in der Duma unterbrochen wurde, sind mit spontaner Macht die Massen auf dem Kampfplatz getreten. Vorläufig nur zum größten Teil die Studentenschaft, der politisch beweg- lichste Teil der bürgerlichen Demokratie. Aber schon schließen sich die vorge schritten st en Elemente der Ar» b e i t e r s ch a f t in den Hauptstädten der Bewegung an, und hinter der spontanen Äavallerieattacke der studierenden Jugend erdröhnen bereit? die schweren Tritte der Arbeiterbataillone. Es wäre natürlich grundfalsch anzunehmen, daß diese Bc- wegung, die die Forderung der Abschaffung der Todesstrafe auf ihr Banner geschrieben hat, bloß ein Ergebnis der durch den Tod T o l st o i s hervorgerufenen allgemeinen Volkserregung ist. Die letztere gab lediglich den äußeren Anstoß hierzu. Genosse Pokrowski sagte am Tage nach der großen Demon. stration in Petersburg sehr treffend in der Duma:„Noch hört man die Stinmie des Autors von„Ich kann nicht schweigen!" aus dein frischen Grabe, und schon ist dieser Ruf an allen Enden Rußlands aufgegriffen worden, aus welchem klingt: Wir können diese Schmach deS russischen Lebens nicht länger ertragen! Hier von dieser Tribüne ist schon einmal die Abschaffung der Todesstrafe verkündet worden, aber in der dritten Duma wurden die Stimmen der Gegner der Todesstrafe im Verlauf von drei Jabren vom Ge- heul der Mehrheit übertönt. Aber jetzt ist der Ruf:„Nieder mit der Todesstrafe!" außerhalb dieser Wände erschallt. Diesen Ruf haben die Studentenschaft und das Proletariat auf die Straße hinausgetragen. Zehntausende von Bürgern sind auf dem NewSki erschienen, um die von der Studentenschaft aus- gegebene Losung zu unterstützen. Nicht die Agitation, sondern die Rechtlosigkeit, die Gewalt, die Todesstrafe, haben die Massen in Bewegung gebracht." Der lange aufgespeicherte Groll der geknechteten Massen hat endlich die Schranken durchbrochen, die der bleierne Druck der Konterrevolution aufgerichtet hatte. In einem Moment, wo die Regierung sich infolge der allgemeinen Volkserregung eine größere Zurückhaltung auferlegen mußte, haben die Massen einen kühnen Vorstoß gegen die Feste des Absolutis- mus unternommen und dadurch mit einem Schlage den hypno- tisierenden, niederdrückenden Einfluß der bisher herrschenden Depression durdibrocften. Man nniß die Stimmung, die noch vor kurzem in der russischen Studeiütenschaft geherrscht hat, kennen, um die ganze Tragweite der heutigen Ereignisse zu ermessen. Tie Masse der Studentenschaft verhielt sich in politischer Hinsicht nicht nur passiv/ sondern direkt ablehnend und setzte ihren Ehrgeiz darin, sich hinter den Universitätsmauern, wo ihnen die Auto- »omie eine gewisse Freiheit gewährte, hermetisch von den Volksmassen abzuschließen. Diese Periode scheint nun ihr Ende erreicht zu haben. Schon seit Beginn des Winterseme- sters zeigte sich unter der Studentenschast ein ungetvöhnlicher politischer Aufschwung, dessen Stärke am besten durch die Tat- fache illustriert wird, daß die studierende Jugend beiderlei Ge- schlechts, ungeachtet des Massenaufgebots der Polizei und des Militärs, ungeachtet der Knuten und Piken der Kosaken, sich wieder auf die Straßen und Plätze der Hauptstädte gewagt hat und stundenlang den Attacken der zorifchcn Baschibozuks trotzte. Obgleich es nicht angeht, zwischen der heutigen Bewe- girng und den vorrevolutionären„Studentenunruhen" direkt eine Parallele zu ziehen, so gestattet die soziale Zusammen- setzung der russischen Studentenschaft dennoch, die letztere noch heute als„Barometer der öffentlichen M e i u u n g" der Gesellschaft zu betrachten. Das stürmische Steigen desselben kann als unverkennbares Symptom ange- seifen werben, Saß" die Periode der politischen� Skagnaiion sich ihrem Ende nähert und die russische Demokratie aus ihrer bis» herigen Erstarrung erwacht. Bei der Arbeiterklasse haben sich ähnliche Symptome schon seit Beginn dieses Jahres gezeigt, die zunächst in heftigeren ökonomischen Kämpfen und in größerem politischen Interesse zum Ausdruck kamen. Namentlich seit Beginn des Herbstes zeigt sich bei dem Petersburger und Moskauer Proletariat ein Stimmungswechsel, der zu den schönsten Hoffnungen be- rechtigt. Die jetzt einsetzende Kampagne, die schwerlich zum Stillstand kommen, sondern eher an Umfang und Tiefe� zu- nehmen wird, wird neben der beginnenden ökonomischeu Prosperität das ihrige beitragen, um die revolutionäre Bewe- gung der Arbeiterklasse— und damit den Aufschwung der politischen Partei des Proletariats, der Sozialdemokratie zu beschleunigen._ Huö der Partei. Ein Jubilar. In festlichem Gewände präsentiert sich die Elberfeld er „Freie Presse" in ihrer Nummer vom 1. Dezember. An diesem Tage waren 25 Jahre vergangen, seitdem die erste Nummer der Zeitung die Presse verlassen hat. Mitten während der Zeit des Schandgesetzes erschien da? sozialdemokratische Kamps- organ zum ersten Male, und bald streckten Polizei und Regierung ihre Hand nach dem den Reaktionären unbequemen Blatte aus, um es zu unterdrücken. Aber der staatsretterische Eifer war verfrüht; das Verbot muhte aufgehoben werden. Aus den damaligen kleinen Anfängen hat sich im Laufe der Jahre eine kräftige Waffe unserer Genossen des Wuppertales entwickelt; freilich nicht, ohne daß die Redakteure des Blattes von der Justiz mit mancherlei sie ehrenden Strafen bedacht wurden. 4 Jahre, 8 Monate und 7 Tage Gefängnis und 8190 Mark Geldstrafe sind das Fazit des 25jährigen Kampfes im Interesse der Partei. Möge sich unser Elberfelder Kollege während der kommenden Zeit in gleich erfreulicher Weise weiter entwickeln als eine allezeit schneidige Waffe gegen die sich breitmachende Unkultur und gegen die herrschende Reaktion. Ein Erfolg des Herrn v. Hehdebrand. Der ungekrönte König von Preußen hat gelegentlich der Kalserreden-Jitterpellation die Reichsregienmg angewiesen, daß sie gegenüber der vaterlandslosen Sozialdemokratie schärfere Maßnahmen zu treffen habe. Die dahin ausgesprochene Denunziation des Herrn v. Heydebrand. daß Majestätsbeleidignngen nicht genügend verfolgt werden, hat den ersten Erfolg gehabt. Wie uns ein Privat- telegramin aus Frankfurt a. M. meldet, wurde gestern nachmittags in der Buchhandlung der„Volksstimme" von der Kriminalpolizei die W e n d e l s ch e Broschüre„Hie Brotwucher— hie GotteSguadentnin" beschlagnahmt. Als Grund der Beschlagnahme wurde Verletzung der§§ 23 Absatz 3 und 27 des Preßgesetzes und der ZZ 85 und ö5 des Strafgesetzbuches angegeben. Im ß 85 tvird die Aufforderung zum Hochverrat mit Zuchthausstrafe bedroht und 95 ist der bekannte MajestätSbeleidigungsparagraph. Vor Erhebung der Anklage wird die Staatsanwaltschaft es sich wohl noch überlegen, ob sie den bisher schon so reichlichen Blamagen der deutschen Rechtsprechung eine ileue hinzufügen will.__ Auch eine Beleidigung. Ein unbegreifliches Urteil fällle die Strafkammer in Essen gegen den Genossen S tra s s e um e h e r, der wegen Beleidigung de« Krimmalschutzmannes Degener zu 80 Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Der Genosse hatte in einer Versammlung zu einem anderen Genossen gesagt:„Du, da steht Degener". Wegen dieser schweren Beleidigung hatte der Kriminalsckutzmann Slrafanttag gestellt. Der Ehre anderer Leute scheint der Herr weniger Wert beizulegen, denn vor einiger Zeit hat Degener den Hauswart der Essener„Arbeiterzeitung" durch Geld zu bestechen versucht, um auf diese Weise tnterneParteiangelegenheiten zuerfahren. Vor dem Schöffengericht war St. freigesprochen worden. Wenn wir in Preußen in bezug auf die Rechtsprechung auch wirklich nicht ver« wohnt sind, so ist doch anzunehmen, daß das ganz unhaltbare Urteil von der Revisionsinstanz aufgehoben wird. Internationale Demonstration in London. Für den Internationalismus und den Wellfrieden plant die Unabhängige Arbeiterpartei Englands eine große Demonstration in der Alberiht�lle, dem größten Saale Großbritanniens. Als Redner Iverden fungieren: Jaures, Molke nbuhr, Vandervelde und Mills, letzterer als Vertreter Nordamerikas. Von englischer Seite werden sprechen Mac Donald und Anderson. ,,-- Jugendbewegung. Arbeiterjugend und Polizeihunde. Der JugendauSschuß in Dellbr ü ckgehinkt. Huber hat keineswegs sagen wollen, die Herren vom schwarzblauen Block seien an der Existenz dieser Reblaus- schädlinge schuld; dafür müßte man vielmehr Noah anklagen, der als erster Admiral des Großen Ozeans dein Befehle des Herrn: nsvixsre necesse est(Das Meer zu befahren ist not- wendig) folgend, auch sämtliche Ungeziefer in seine Menagerie genommen und diese Schädlinge mit nach Europa gebracht bat. (Heiterkeit. Abg. Gröber(Z.): Sie sind sogar nach Baden hineingelangt!) Jawohl, Herr Kollege, auch die klugen Schwaben haben es nickit vermocht, ihr Land mit einer chinesischen Mauer gegen diese Eindringlinge zu schützen.(Heiterkeit bei den Asozial- dcmokraten.)— Das Reich hat bisher die Bekämpfung der Rcb- schädlinge im wesentlichen den Einzelstaaten überlasten. Im Etat von 1000/10 stehen 1000 Mark als fortdauernde Ausgaben für Neblausbekämpfung, im ganzen sind 34 000 M. als Forschungs- bcihilfe zur Bekämpfung aller pflanzlichen Schädlinge eingestellt. Das ist eine Lappalie gegenüber den Milliarden, die zur Bekämpfung des sogenannten inneren Feindes ausgegeben werden, wenn die Mittel auch anscheinend gegen den äußeren Feind bestimmt sein sollen. Das Deutsche Reich hat seit 1870 für diesen Kulturzwcck im ganzen ausgegeben 10ö42ö M.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Rleims f euilleton» Die Nützlichkeit der Künstler. Im„Türmer" veröffentlicht Paul Äsell ein Gespräch mit R o d i n. Der französische Bildhauer führt darin u. a. folgendes aus: Man täuscht sich für gewöhnlich gründlich über das, was nütz- lich ist, und was es nicht ist. Man möge all da» nützlich nennen, was den Notwendigkeiten des materiellen Lebens entspricht: ich will dem beistimmen. Heute betrachtet man übrigens in gleicher Weise auch den Reichtum als nützlich, den man, nur um damit zu protzen und den Neid anderer zu erregen, zur Schau stellt: und dieser Reichtum ist doch nicht nur unnütz, sondern er ist sogar schädlich. Was mich angeht, so nenne ich all das nützlich, was uns das Glück verleiht. Nun gibt es aber nichts in der Welk, was uns glück- licher macht, als die beschauliche Betrachtung und der Traum. Der Mensch, der, ohne den Zustand der Hilflosigkeit befürchten zu müssen, die unzähligen Wunder weise genießt, denen seine Augen und sein Geist jeden Augenblick begegnen, wandelt wie ein Gott über die Erde hin. Er berauscht sich an der Bewunderung der schönen, kraftvollen Geschöpfe, die rings um ihn herum ihre zitternde Glut entfalten, der stolzen Vertreter der menschlichen Art und der Tierrassen, der jugendlichen Muskulaturen im Spiele der Bewegung, bewundernswürdiger lebender Maschinen; er geht im Hochgefühle seiner Freude über die Hügel und durch die Täler hin, wo sich der Frühling in wundervollen grünen und blütenreichcn Festen, im Summen der Bienen und in Liebesiicdern verschwcn- det; er gerät in Ekstase über die silbernen Falten, die einander auf dem Spiegel der Flüsse folgen und zu lächeln scheinen. Welcher Sterbliche ist glücklicher als er? Und da es die Kunst ist, die uns das lehrt, die uns dazu verhilft, solche Genüsse zu kosten, wer wird dann leugnen wollen, daß sie uns unendlich nütz- lich ist? Aver eS handelt sich nicht nur um geistige Hochgenüsse. Es handelt sich um noch viel mehr. Die Kunst zeigt den Menschen ihren Daseinszweck, sie enthüllt ihnen den Sinn des Lebens, sie klärt sie über ihre Bestimmung auf und wird ihnen infolgedessen zur Wegweiserin in ihrer Existenz. Die Künstler und die Denker sind wie unendlich feingestiinmte und klangreiche Leiern. Und die Schwingungen, die die Umstände jeder einzelnen Epoche auf ihnen entstehen lassen, setzen sich bei allen anderen Sterblichen fort. Ohne Zweifel sind die Menschen selten, die außergewöhnlich schöne Kunstwerke zu genießen imstande sind. Allein die Gefühle, die sie enthalten, dringen schließlich doch nicht weniger in die Menge ein. Nach den Genies nehmen andere Künstler von weniger großer Geisteskraft in der Tat dje Konzeptionen der Meister wieder auf Andere Staaten gehen viel energischer vor. Der schweize- r i s ch e Bundesrat hat eine Zcntralkommission zur Bekämpfung der Reblaus eingesetzt und die französische Akademie hat einen Preis von 300 000 Fr. ausgesetzt für die beste Lösung der Bekämpfung der Reblaus. Bei uns ist das Reblausgesetz von Anfang an ungleich gehandhabt worden. In Baden hat eine Verordnung immer wieder die andere aufgehoben und d i e Bauern pfeifen jetzt auf das Gesetz. Während unser Gesetz die Anpflanzung der amerikanischen Reben sozusagen ver- bietet, ist man in Frankreich sehr rasch damit vorgegangen. Ich bezweifle freilich, ob unseren kleinen Rebbauern überhaupt noch zu helfen ist. Ich kenne die Lage der kleinen Weinbauern sei einem halben Jahrhundert, und glaube nicht, daß sie sich aus eigener Kraft noch helfen können. Sie unterliegen dem sozialen Entwickclungs- Prozeß. Ich habe einmal das Wort von der Affenliebe der Winzer zu ihrer Scholle gesprochen, und das wird von der München- Gladbacher Schule öfter gegen mich ausgespielt. Aber es ist doch so, daß der kleine Winzer durch seine persönliche Arbeitsfähigkeit seine Existenz meist nicht mehr fristen kann. Er mutz eine höhere Pacht für seine Viehäcker zahlen und muß alle Lebens- mittel teurer kaufen. Seine Milch und Butter muß er verkaufen und seine Kinder sind genötigt, im Gegensatz zu früher in die Fabriken zu gehen, insbesondere in die Zigarrenindustrie. Dagegen konzentrieren sich die großen Wein- gutsbe sitzer, wie Zorn vonBulach, immer mehr. Wenn auch bei ihnen ebenfalls die Reblaus eindringt, so werden die Schäden doch kompensiert, vor allem durch die Möglichkeit einer systematischen Kellerbehandlung zur Gärungszeit, die dem Klein- baucr nicht möglich ist. Hier müßte der Hebel eingesetzt werden durch Einführung des genossenschaftlichen Betriebes. Es tfäre für den Rebbauern sicher besser, wenn er auf diese Weise für die Verrichtung seiner Arbeit ein bestimmtes Auskommen er- hält, als wenn er auf den Glückszufall eines guten Herbstes an- gewiesen ist. der vielleicht alle zehn Jahre eintritt, und dann nicht ausreicht, dos ganze Defizit der neun vorhergehenden Jahre zu decken. Hier liegt der Schwerpunkt der Sache; erst unter einer anderen Ordnung der Gesellschaft wird auch den Winzern geholfen werden können. (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Gehcimrat Frhr. v. Stein: Die von dem Vorredner an- geführte Ziffer, die das Reich zur Bekämpfung der Reblaus an- gegeben hat, enthält nicht die Summen, die von den Bundes- staaten ausgegeben sind und die nahezu 20 Millionen erreichen. Unser Reblausgcsctz vom Jahre 1883 hat unseren Weinbau auf- recht erhalten, während der Rebbau der Nachbarländer geradezu zusammengebrochen ist. Deshalb haben wir keinen Anlaß, unseren Rcbbau durch Einführung der amerikanischen Rebe auf eine ganz andere Grundlage zu stellen. Abg. Bogt-Hall(Wirtsch. Vg.): Die Sozialdemokratie begrüßt es. wenn der kleine Besitzer von der Scholle losgelöst wird; wir aber wünschen, daß die Liehe zur Scholle, zum ererbten Eigen im kleinen Winzer lebendig bleibe.— Wir freuen uns, daß die Reichsregicrung auch für den Fall Fürsorge trägt, daß der Kampf gegen die Reblaus schließlich doch erfolglos bleibt, wir hoffen aber, daß der Kampf Erfolg er- zielen wird.— Herrn Hubcr gegenüber möchte ich bemerken, daß die meisten Weinbauern schon des Stalldungs halber auch Vieh- zucht treiben, also von höheren Viehprcisen Vorteil haben. D i c Erfahrungen mit der Reblaus sollten uns übrigens die Lehre erteilen, daß wir niit der Greu. zöffnung vorsichtig sein müssen, denn mit dem Vieh geht es wie mit den Reben: ist die Seuche einmal im Lande, lvird man sie schwer wieder los.(Bravo! rechts.) Abg. Wallenborn(Z.) schildert die Lage der Winzer an der Ahr und der Nahe. Abg. Pauly-Cochem(Z.) verbreitet sich über die Lage der Winzer an der Mosel; durch den Verlust der Winzer sei auch der Wert ihres Grund und Bodens gesunken und das Nationalver- mögen ganz erheblich geschädigt. Die Reben leiden auch sehr durch die mit der Industrie und dem Eisenbahnverkehr ver- bimdcne Rauchent Wickelung. Ganze Täler an der Mosel sind rauckigeschwängert, der einen kranlmachenden Niederschlag auf den Reben zurückläßt. Hilfe kann nicht durch Polizeigesetze kommen; a» solchen haben wir keinen Mangel. Man soll dem Winzer die Steuern weniger drückend machen; dann sollte man dem Winzer Kupfervitriol und andere Mittel zur Be- Handlung der Reben umsonst geben. Abg. Spindlcr(Z.) weist aus die Notlage der Winzer in der Pfalz hin. Abg. Lchmann-Wiesbaden(Soz.): Die Meinungen über die Bekämpfung der Rcbkrankheiien gehen noch weit auseinander. Die angewandten Mittel reichen keines- und verbreiten sie im Volke; die Schriftsteller werden von den Malern beeinflußt und diese von den Publizisten: es ist ein fort- währender Austausch von Gedanken zwischen allen Gehirnen einer Nation vorhanden. Es ist das wie ein geistiges Nieseln, wie ein Sprudeln, das sich in vielfachen Kaskaden herab ergießt, bis es schließlich den breiten Wasserfall bildet, der die Gedankenwelt unserer Zeit darstellt. Der Streik der französischen Karikaturisten. Siebzig der be- deutcndstcn humoristischen Zeichner und Karikaturisten Frankreichs haben sich zu einem Streik zusammengetan, um ihre materielle Lage zu bessern. Diese Künstler, die in ihren Arbeiten so lustig zu lachen und so fröhlich zu spotten verstehen, blicken mit großem Mißvergnügen und bitterer Sorge in die Welt. Sie glauben, daß ihre Kunst, deren Wirkung auf Zwerchfell und Gemüt ja unbezahl- bar ist, ihnen zu schlecht bezahlt wird. Und so drohen sie, sich von der Mitarbeit an den Witzblättern und Zeitschriften für Humor, sowie von der Beschickung des berühmten„Lachsalons', der Aus- stellung komischer Kunst, die alljährlich in den Ehampö Elysees stattfindet, gänzlich fernzuhalten. Die Führer der Bewegung sind die beiden bedeutendsten Humoristen unter den französischen Kunst- lern, Willette und Leandre, und der Streik tritt so entschlossen und geschlossen auf. daß er in der Welt der Komik und des Lachens schon viele ernste Gesichter erweckt hat. 110 000 Bolt! Die Niagara-Fälle haben jetzt eine Kraft- erzeugungSanlage. von der aus Drebstrom auf 110 000 Volt trans» formiert und ferngeleitet wird. An das Verteilnetz sind die Trans- formatorenwerke und Stromnetze in Toronto und zahlreichen anderen Orten in Kanada angeschlossen. Der Strom wird zuerst nach dem 75 Kilometer entfernten Dundas geleitet, wo sich eine Schaltanlage befindet. Dazu dienen 11,7 Millimeter dicke Allumi- niumseile. Von dort geht nach dem 60 Kilometer cntfernten Toronto eine Zweigleitung und außerdem eine Ringleitung, welche die genannten Städte verbindet. Diese Leitungen bestehen aus 10,4 Millimeter dicken Alluminiumseilen. Die gesamte Leitungs- länge beträgt 450 Kilometer. Um eine Beschädigung der Hoch- spannungsleitung nicht zu einer Katastrophe zu machen, sind be- sondere Schutzleitungen vorhanden, die bei Drahtbrüchen oder Erd- und 5lurzschliisscn selbsttätige Ausschalter einrücken. Für die Leitung machten sich 3000 eisern Turmmastcn erforderlich. Die Isolatoren für die Leitung wurden aus Teutschland bezogen; sie halten 330 000 Volt Spannung noch dicht. � Insgesamt werden so 100 000 Pferdestärken durch die verhältnismäßig sehr dünnen Seile ferngeleitet. Die Stromkosten betragen 1,36 bis 1,8 Pfa. pro Kilowattstunde(zirka*/» Pferdekraftstunde). Die Anlage ist bereits im Betriebe. Auch in Europa wird eine Kraftübertragungsanlage von 110000 Volt Spannung gebaut, und zwar die erste. Die Aktiengesellschaft Wegs aus. Frhr. v. Stein meinte, wir seien in Deutschland besser daran, wie Italien, Frankreich und andere Staaten. Das liegt an unserem Klima; aber auch bei uns nehmen die Rebkrankheiten zu. Jedenfalls wird seitens des Reiches nichtgenug zur Betämpfung der Reblrankheiten getan. Staatssekretär Delbrück hat in seiner ruhigen, um nicht zu sagen bureaukratischcn Art gesagt, die Not der Winzer verfolge die Regierung mit aufmerksamer Sorge. DaS sind so nichtssagende Floskeln, eine runde nette Erklärung, wie geholfen werben kann, ist nicht erfolgt. Der bayerische Vertreter hat wenigstens Hilfe in Aussicht gestellt, aber vom Staats- sekretär hörten wir nur Redensarten, und Preußen hat sich überhaupt nicht geäußert.— Die Erbitterung in den Winzerkreise» ist außerordentlich, wie gestern schon der Abg. Dahlem hervor» gehoben hat. In Südfrankreich haben wir vor drei Jahren einen Winzerausstand gehabt, ber auch ans der Notlage hervorging, über den die Regierung mit guten Ratschlägen hinwegzukommen dachte. Wenn nichts geschieht, kann eS auch bei uns so kommen, die Regierung muß veranlaßt werden, in den Etat ausreichende Mittel gegen diese Mißstände einzusetzen, denn von guten Rot» schlagen werden die Winzer nicht satt.(Bravo! bei bcn Sozial- dcmokraten.) Abg. Dr. Zehnter(Z.) bespricht Versuche, die mit Aufpfropfung der amerikanischen Rebe auf die deutsche gemacht sind; leider wird die so behandelte deutsche Rebe leicht von der Reblaus befallen. Abg. Dr. Becker-Köln(Z.) betont die Notwendigkeit schneller und energischer finanzieller Hilfe für die Winzer. Die Regierung sollte die Redner dieser Debatte zu einer zwanglosen Zusammen- kunft laden, damit man sich über praltische Maßnahmen verständigt. Das wäre ein wirkliches Resultat dieser langen Debatte.(Bravo!) Abg. Vaumann(Z.) bittet, daß die von der Regierung in Aus- ficht gestellten Erhebungen reckst bald zum Abschluß gelangen mögen. Damit schließt die Besprechung. Die Tagesordnung ist erledigt. Nächste Sitzung: Sonnabend 11 Uhr.(Antrag v. Normann (k.) betr. Maßnahmen gegen den Niedergang des Handwerks.) Schluß Uhr. lta! Preußische Oberverwaltungsgericht gegen die freie lagendorganifaflou. Da» Todesurteil, das da» Preußische Oherverwaltungsgericht am 14. Oktober über die„Freie Jugendorganisation Berlins und Umgegend" fällte, indem es die Klage deS Vorstandes gegen den Oberpräsidcnten, der die Auslösung des Vereins verfügt hatte, zurückwies, liegt jetzt in seiner schriftlichen Fassung vor. Nicht allein für die Jugendbewegung Preußens ist das Urteil beachtens- lvcrt; es liefert zugleich eine werbvolle Illustration zu unserer herrschenden preußischen Judikatur. Die Lektüre der 33 Folioseiten umfassenden Schrift lehrt, daß das Gericht sich seiner Aufgabe, den eigentlichen Zweck deS Vereins zu erforschen, gar nicht bewußt ge- worden ist. Statt die Tätigkeit des Vereins, die in der Hauptsach« in der Veranstaltung von Versammlungen, Ausflügen. Museumsbesuchen und Festen bestand, zu untersuchen, folgte das Gericht der sogenannten Beweisführung de- Obcrpräsidenten, die sich lediglich auf das Material stützte, das von gegnerischer Seite zur Begründung der allgemeinen Phrase von der„sozial- demokratischen Jugcndverhctzung" in nunmehr sechs Jahren zu- sanimcirgeschlcppt worden ist. Auf diesem Pfade des Oberpräst- denten wandelnd, kam das Gericht zu dem Schlüsse, daß zivar kein organischer, aber ein fester innerer Zusammenhang des Vereins mit der sozialdemokratischen Partei bestehe. Und das genügte, um den Verein zu einem politischen zu stempeln! Die im Vordergründe der Verhandlung stehende Frage, wann ein Verein als ein politischer im Sinne des 8 3 des Reichsvereins- gesetzes zu bezeichueu sei, entschied das Gericht nach der vom Reichsgericht(Band 16, Seite 384, Band 22, Seite 340) gegebenen Definition des Begriffs„politische Gegenstände": „Ein politischer Verein ist nach dem Reichsvereinsgesetz ein Verein dann, wenn er auf die Verfassung, Verwaltung oder Ge- setzgebung des Staates, die staatlichen Rechte der Bürger oder die internationalen Beziehungen der Staaten zueinanber einzuwirken sucht." Ein solcher Zweck gehe aus den Satzungen des Vereins aller- dings nicht hervor., „Die Satzungen eine» Vereins sind aber für die Vereins- zwecke nicht ausschließlich maßgebend, vielmehr müssen Lauchhammer besitzt nämlich in den Provinzen Brandenburg und Sachsen sowie im Königreich Sachsen die Eisen- und Stahlwerke Lauchhammer, Gröditz, Riesa und Burghammer. Alle haben bisher mit eigenen Kraftwerken gearbeitet. Das Werk Lauchhammev liegt nun aus einem reichen Braunkohlenwcrk, so daß die Leitung der Gesellschaft beschloß, von einem in Lauchhammer zu errichtenden großen Dampfelektrizitätswerke aus alle Werke mit Strom zu ver« sehen. Da nun zugleich der Plan im Werke war, die vier Amts- hauptmannschaftcn Großenhain. Meißen, Oschatz und Döbeln durch ein einziges Ueberlandeleitrizitätswer! in Gröba mit Strom zu versorge», kam eine Einigung zustande in der Art, daß eine erheb- liche Energiemenge vom Werke Lauchhammer an das Werk Gröba abgegeben wird. Für die 5lraftübertragung ist nach eingehenden Studien eine Spannung von 110 000 Volt gewählt worden. Die Turbo-Gencratorcn erzeugen den elektrischen Ostrom mit einer Spannung von 5500 Volt, der durch Dreystromöltransformatoren auf 110 000 Volt gebracht wird. Die Gesamtleistung des Werkes Lauchhammer wird nach vollem Ausbau 40 000 Kilowatt oder rund S0 000 Pferdestärken betragen. Humor und Satire. Steckbrief. ES wird nach einem Mann gefahnd't, Der groß und schwarz und unbekannt Der Spitzenbart und Kneifer trägt, Und sehr verdächtig sich bewegt. Der angerührt in Moabit, Den ganzen staatsgefährl'chen Kitt. An allen Ecken tat er steh»; Ein Journalist hat ihn gesehn, Wie er verdächtig hat gewinkt Und mit den Augen aucki geblinkt. Wie er, der ganz verschwunden jetzt, Auf die Polente hat gehetzt Den süße» Mob, der frech versucht, Sich aufzulehnen gegen Zucht Und Ordnung, gegen Staat und Throk� DaS heiligste bespie mit Hoihit, Und eine Kirche ließ verschwinden, Dag niemand mehr sie heut tät finden. Das alles hat er angerichtet, Den keiner kennt von Augesicht. Drnm ans und sticht ihr Herren Greifer, Den Mann mit Spitzenbart und Kneifer. Der angerührt in Moabit, Den ganzen ekelhaften Kitt! Der Undekaunt«. tiie wirklichen Zweike Los Vereins selbständig imler Berüch ficht igung aller zur Kenntnis gekommenen Tatsachen, namentlich nach der Tätigkeit, die er entwickelt hat, beurteilt werden.. Nun heißt es gleich weiter, daß der Gerichtshof die U e b e r zeugung erlangt habe, daß der vom beklagten Oberpräfidenten konstruierte Zusammenhang deS klagenden Vereins mit der sozial- demokratischen Partei bestehe. Und zum Beweise dieser»Ueber- zeugung" wird nun aus dem Protokoll der Verhandlungen des kßarteftageS in Nürnberg(1908) der die Jugendbewegung be- treffende Teil des Vorstandsbcrichtes mit der vom Partcivorstande vorgelegten Resolution, sodann die von der vom Parteitage ein- gesetzten Kommission beantragte Resolution mit der ganzen Rede des Berichterstatters Genossen Haase, und schließlich die im An- schlug an die Abstimmung über die Resolution vom Genossen Singer gehaltene Rede zitiert. Diese Zitate bilden gewissermaßen das Fundament des Urteils. Die nun folgenden Ausführungen sollen lediglich dem Zwecke dienen, den Nagenden Verein mit den Verhandlungen des Parteitages in Verbindung zu bringen. Die Art und Weise dieser„Beweisfühirung" eines der höchsten preußischen Gerichte ist eine feinie Selbstcharakteristik der preußischen Judikatur und zugleich ein Beweis für die Befangen. fifc U der am Urteil mitwirkenden Richter. Es heißt da: .. AuS der Resolution sowohl wie aus der Begründung selben geht mit voller Deutlichkeit hervor, daß der Parteitag jjjj bereits vorhandenen Organisationen lediglich aus dem Grund».' hl,t fortbestehen lassen, weil s,e diejenigen Aufgaben, welcl>- d.'n neri zu bildenden Jugendkoonmisstonen zugewiesen werden sou �>i, bereits erfüllten..." Daß schon.vor dem Parteitage in Nürnherg(am 1. Juni 1908) die„Arbeitende fugend'", das damalige Organ der freien Jugend- organisatioiien die beabsichtigte Bildnng von Kolmnissionen als Ergänzung der Jugendorganisationen willkommen geheißen hat, ein Beweis also, daß die Kommissionen andere Aufgaben als die Jugendorganisationen erfüllen sollten, kümmerte den Gerichts- Hof nicht. Lustig heißt-eS im Urteile Wetter: „Damit hat der PArteitng ein unzweideutiges Zeugnis dafür abgelegt, daß die freien Jugendorganrsatwnrn, zu welchen auch der von dem klägertschen Vorstand geleitete Berein gehört, genau dieselben Ziele verfolgen und dieselben Zwcrke erfüllen wie die von dem Parteitage geschaffenen Jugendkommissionen, nämlich, wie es in der angenommenen R'-solution heißt, dafür zu sorgen, daß die Arbeiterjugend im Sinne der proletarischen Weltanschau- iing erzogen wird." Was nach der von demselben Gericht anerkennten Definition des Begriffs„politisch" doch wahrlich- keine politische Tätigkeit sein würde! Denn es ist zu unterscheiden zwischen Erziehung und Be- tätigung. Die politische Erziehung an sich ist noch keine politische Tätigkeit. Unbeirrt der logischen Purzelbäume heißt es weiter: „Darin liegt zugleich das Anerkenntnis, daß die freien Jugendorganisationen, wenn sie auch mit Rücksicht auf die Be. stimmungen des Vereinsgesetzes mit der Partei als solcher nicht organisch verbunden werden konnten, doch nach ihrem Wirten als zur Partei gehörig zu betrachten sind, daß ihre Bestrebungen mit denjenigen der sozialdemo- kratischen Partei zusammenfallen und daß trotz der schein. baren äußeren Selbständigkeit doch ein fester innerer Zusammenhang der gedachten Organisationen mit der Partei besteht..." Also schon ihre Vermutung ist den Richtern Beweis! Aus diesen Ausführungen spricht recht deutlich, mit welcher Befangenheit die preußischen Richter der Arbeiterbewegung gegenüberstehen. Daß die Jugendorganisation mit der sozialdemokratischen Partei in Verbindung stehe, gehe auch aus dem Z 4 der Vereinssatzung Herbor, „nach welcher Mitglieder, die ihre Lehrzeit beendet haben. und jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen, die das 18. Lebens» jähr überschritten haben, nur dann in dem Verein verbleiben dürfen, wenn sie sich ihrer gelverkschaftlichen Organisation anschließen. Daß hiermit die sozialdemokratischen Gewerkschaften gemeint sind, kann einem begrün- deten Zweifel nicht unterliegen." „Ja, ich bin klug und weise, ja, mich betrügt man nicht!" So Unterschiebt das Gericht dem Verein eine bestimmte Absicht, die es ihm zwar nicht beweisen kann, die aber einem„begründeten Zweifel" nicht unterliegt, um dann auf Grund der nackten Unter. stcllung zu beweisen: „Hängen aber die sozialdemokratische Partei und die Jugendorganisation innerlich in dieser Weise zusammen(l), so bedarf es keines weiteren Nachweises(!), daß ihr Zweck ein eminent politischer ist." Höher geht's nimmer. Wäre die Sache nicht so bitter ernst, möchte man ob dieser„Logik" herzhaft lachen. Der Hinweis des klagenden Vorstandes, daß in den Vereinsversammlungen niemals Politik getrieben worden sei,„ist gegenüber den vorstehenden Dar- legungcn nicht entscheidend"(sie!). „Entscheidend ist allein das Ziel, auf welches der Verein losgeht, zu dessen Erreichung er überhaupt begründet ist, und dies ist ein politisches." Die Gründung des Vereins wurde am 10. Oktober 1904 von Jugendlichen beschlossen. Zu einer Zeit also, wo von den Beschlüssen eines Parteitages in Nürnberg, der 1903 stattfand, wahrlich keine Rede sein konnte. Den äußeren Anlaß zur Bildung des Vereins bol der Selbstmord eines Schlosserlehrlings namens Nähring, den die später vor Gericht erwiesenen brutalen Mißhand- lnngen durch seinen Meister in den Tod getrieben hatten. Der Zweck und das Ziel der Gründung des Vereins war denn auch: die arbeitende Jugend vor den Uebergriffen der Unternehmer zu schützen und die geistige EntWickelung der Jugend zu fördern. Das Ziel, welches hier das Gericht dem Verein unterschiebt, lebt nur im Hirne deS Oberpräfidenten, ist also lediglich etwas Gedachtes, nichts durch Tatsachen Bewiesenes! Trotzdem heißt es im Urteil, daß die von dem klagenden Vorstand angebotenen Beweise, daß der Verein in seinen Versammlungen usw. keine politische Tätigkeit entfaltet habe, daher(!) keiner Erhebung bedürfen! Denn: „daß der Verein trotz seines statutenmäßigen„unpolitischen" Zlvcckes tatsächlich bestrebt gewesen ist, die Ideen der sozialdemo- kratischen Partei zu verbreiten und zu befestigen.. gehe aus dem Inhalte der Vereinsargane hervor. Und nun werden zwanzig der besten Zitate auS Artikeln der früheren„Arbeitenden Jugend" und des Mitteilungsblattes des Vereins nach dem bekannten Ge- schmack des Oberpräfidenten serviert. Was hier an Belegen für den angeblich politischen Zweck deS Vereins bei den Haaren herangezogen wird, betrifft erstens gar nicht den eigentlichen Zweck des Vereins, zweitens ist aber auch jedes Zitat, wenn es in seinem organischen Ganzen betrachtet wird, auf Grund der obigen Rcichsgerichtsdesinition des Begriffs„politisch"unanfecht» bar. Die hier geübte Zitierkunst wird nur erklärlich, wenn man bedenkt, daß sie von Angehörigen der herrschenden Klasse, die durch die aufsteigende Arbeiterklasse ihre Position bedroht sieht, geübt worden ist. Die trockene Schilderung dernacktenwirtschaft» lichen Tatsachen, des Gegensatzes zwischen Arm und Reich, erscheint dem Gericht als politisch. Beispielsweise soll ein Gedicht, das die„Arbeitende Jugend" gebracht hatte, politischer Natur sein, weil es„daS Elend der proletarischen Jugend schildert, die gezwungen sei, die Gelüste der Reichen zu stillen". Dasselbe gelte von dem Krille'schen Gedichte„Gesang der Jungen", das das VereinSvrgan einstmals abgedruckt hatte.! Ein Artikel soll politisch seilt, Seil darin gesagt wird, Laß die jugendlichen Arbeiter„durch die Organisation geschult werden sollen zu dem späteren Kampfe, den die Arbeiterschaft in ihrer Gesamtheit zu führen habe". Ein Vortrag über Kunst soll ein politischer gewesen sein, weil am Schlüsse der Refere-A gesagt haben soll: erst wenn die Produktionsmittel im Dienste deS ganzen Volkes stehen, würde auch der Arbeiter Mittel und Muße haben, sich an der Kunst zu ergötzen. Daß in diesem Schlußsatze eines Vortrages über Kunst— der übrigens als das einzige in Betracht kommende Bcweismaterial anzusehen ist, weil es der eigentlichen Arbeit des Vereins entstammt— der politische Zweck des Vereins gegeben sein soll, kann schlechterdings nicht behauptet werden. Dem Gerichte genügte es aber, daß die Sätze so ähnlich klangen wie ein Satz des Erfurter Partei- Programms, um den ganzen Bortrag zu einem politischen zu machen. Ein weiterer Artikel soll politisch sein, weil in ihm„es als die heiligste Pflicht der Jugend bezeichnet" wird,„mit- zukämpfen in dem Kampfe der Arbeiterschaft gegen das Unter- nehmertum". Dieser allgemeinen Fassung ist nicht zu entnehmen, daß es sich um einen politischen Kampf handeln muß, vielmehr deutet die Anwendung des Wortes„Unternehmertum" darauf hin, daß der wirtschaftliche Kampf gemeint ist. Jedenfalls muß es als unbewiesen bezeichnet werden, ob hier der politische Kampf in Frage gezogen werden sollte. Ein anderer historischer Artikel über den 18. März soll politisch sein, weil in ihm— nebenher— aus die materialistische Geschichtsauffassung hingewiesen und dazu bemerkt wird, daß mit der Aneignung dieser Auffassung der Glaube falle,»daß die Ordnung der Dinge, wie wir sie jetzt haben, eine ewige sei". In einem anderen Artikel„Bürgerliche und prole- tarifche Jugend" sieht daS Gericht die Wiedergabe einer Forde- rung des sozialdemokratischen Parteiprogramms, weil er— der Leser erschrecke nicht!—„von dem Klassengegensätze zwischen Armen und Reichen und der Notwendigkeit einer Aenderung dieser Verhältnisse, also der besteheirden Gesellschaftsordnung, handelt". Die bürgerliche Forderung nach sozialer Schulung der Assessoren erfährt hier eine harte ungewollte Begründung. Sehr sonderbar muß es aber anmuten, wenn ein ebenfalls als Beweismittel dienender Artikel über die Junge Garde in Belgien herangezogen wird, in dem als charakteristisches Gepräge dieser Bewegung selbst- verständlich auch der Kamps der Jungen Garde gegen den Mili- tarismus ertvähnt werden mußte, was dem Gericht zu dem Satze Veranlassung gibt:„Darin soll(!) offenbar(!!) die Mahnung liegen, die deutsche Jugend möge ebenso verfahren und so zur Er- reichung des in Nr. 3 des Erfurter Programms erstrebten Zu- standes beitragen". Um diese vage Behauptung als einen lediglich den Wünschen des beklagten Oberpräsidenten Rechnung tragenden Fehlschluß zu kennzeichnen, genügt eS, darauf hinzuweisen, daß diesem Artikel eine Einleitung voraufgeht, in der eS heißt:„Wir, die deutsche Jugend, die wir noch im Anfangsstadium der Tätig» keit auf diesem Gebiete stehen, können von der Jugend anderer Länder sehr viel lernen, ohne natürlich damit die Ar- beiten irgend einer ausländischen Jugend- organisation auf die unsere schematisch über- tragen zu wollen". Und in dem referierend gehaltenen, lediglich die Tatsachen der Bewegung aufzählenden Artikel ist kein Sterbenswörtchen enthalten, das eine Empfehlung an die deut- scheu Jugendorganisationen, den Antimilitarismus der belgischen Jungen Garde nachzuahmen, ausdrücken könnte. Ebenso wurde ein Flugblatt des Vereins einer Korrektur des Gerichts unterzogen. Es handelt sich um ein Flugblatt„An die schulentlassene Jugend", in dem„der Gegensatz zwischen Arm und Reich betont und die Jugend aufgefordert wird, mit den Brüdern in den Streit zu ziehen"..Gemeint ist," heißt eS in dem Urteil mit prophetischer Weisheit,»ohne Zweifel(I) der Kampf, den nach dem sozialdemokratischen Parteiprogramm die Arbeiterschaft gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und Ver- fassung führen soll". Wohlgemerkt: Das Flugblatt wendet sich an die schulentlassene Jugend, schildert deren Leiden und ermahnt dann den jugendlichen Leser, seine Brüder, die sich in einer Jugendorganisation zusammengeschlossen haben, in ihrem Kampf um die Rechte der Jugend zu unterstützen. Das ist der ganze Inhalt des Blattes! Und schließlich mag von den sogenannten„Belegen" noch ein Beleg angeführt werden, um die korrekte Beweisführung des Preußischen Oberverwaltungs- gerichts zu illustrieren. In einem Artikel des Mitteilungsblattes des Vereins(1909, Nr. 4) wird über eine Protestversammlung der Jugend gegen den von der Handelskammer Berlin verübten Raub des Koalitionsrechts der Lehrlinge berichtet. „Dabei wird davon gesprochen, daß die„bürgerliche Presse" und die„bürgerlichen Zeitungen und ihre Hintermänner" fälsch- lich das Gerücht ausgebreitet hätten, es sei am 21. Februar 1909 eine Straßendemonstration der Jugendlichen beabsichtigt ge- Wesen. Später ist niit Beziehung hierauf von dem„Schivindel von sozialdemokratischen Straßendemonstrationen" die Rede, ein Beweis dafür, daß das„Mitteilungsblatt" die Demonstrationen der jugendlichen Mitglieder des Vereins mit den sozialdemo- kratischen Demonstrationen identifiziert." Also weil das Organ des Vereins seiner Pflicht genügte und den Alarm der bürgerlichen Presse:„eine sozialdemo- kratische Straßendcmonstration sei von der Jugend geplant", als einen blanken Schwindel nachwies, habe sich die Jugendorganisation mit den Demonstrationen der Arbeiterschaft identifiziert! Wer kann da noch ernst bleiben! Das sind die Beweismittel, deren sich das Preußische Ober» Verwaltungsgericht bediente, um wenigstens einen inneren Zu- sammenhang der Jugendorganisation mit der sozialdemokratischen Partei zu„beweisen", um daraufhin„von Rechts wegen", wie die Phrase lautet, der Jugendorganisation den Todesstoß versetzen zu können. Indessen: die proletarische Jugendbewegung wird auch ohne die Konzession des Preußischen Oberverwaltungsgerichts ihren Weg machen. Gegen die aufsteigenden Massenbewegungen historisch gewordener Klassen haben sich die papierenen Waffen der zur Ohn- macht verdammten herrschenden Klaffen bisher immer wirkungs- los erwiesen. Auch die EntWickelung der in den wirtschaftlichen Verhältnissen fest verankerten proletarischen Jugendbewegung wird den Dienern der herrschenden Klassen Dialektik einpauken« daß ihnen Hören und Sehen vergeht. Eue Induftrie und Handel Ein Notschrei. Wenn in gottgegebener Abhängigkeit Minister sich als Sub- alterne der Junker fühlen und die unleugbare Fleischteuerung mit der saloppen Bemerkung abtun, gutes Gemüse und bessere Fische seien ebenfalls empfehlenswerte Nahrungsmittel, so ist damit der Notstand natürlich nicht beseitigt. Und die Großindustriellen, die mit Rücksicht auf ihre Zollwünsche und Scharfmachcrabsichten sich gern die Freundschaft der Junker erhalten, können dann die bangen Sorgen wegen der bösen Folgen der Fleischteuerung, die natur- gemäß den Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit der schwer schaffenden Arbeiter stark beeinträchtigt, nicht ganz unter- drücken. Kürzlich schon deröffentlichte die„Deutsche Bergwerks- zcitung" einen Notschrei über die Gefährdung der Lebenshaltung der Arbeiter durch die kraß egoistische, skrupellos agrarische Wirt- schaftspolitik. Nun beschäftigt sich die.Köln. Ztg." in einem auS- führlichen Artikel mit der Frage der Ernährung des deutschen Volkes. Es wird da betont, daß das Spielen mit Zahlen, wie es die Regierung liebt, den tatsächlichen Notstand nicht forttäuschen kann, ihn aber auch nicht beseitigt. Weiter wird nachgewiesen. daß die zu beobachtende Entwickelung in bedenklicher Weise die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie bedrohe, denn diese sei wohl oder übel abhängig von der Qualität der Ernährung der Arbeiter. Es heißt dann weiter in dem Artikel: „Nach verschiedenen Haushaltsberechnungen macht zurzeit das Fleisch etiua ein Viertel des Gesamtaufwandes für die Nah- rung in städtischen deutschen Haushaltungen aus. Daß deshalb eine Teuerung des Fleisches, die allgemein heute zugegeben wird, auf dem Volke schwer lastet, ist leicht verständlich. Der Hinweis, daß man das Fleisch durch andere Nahrungsmittel ersetzen kann, ist ganz verfehlt. Was sollte hier wohl in Betracht kommen? Eier sind noch kostspieliger. Fische lassen sich in größeren Men- gen nicht heranholen. Milch und deren Produkte sind heute schon in Deutschland so knapp, daß die meisten Molkereien über mangelnde Milchlieferung klagen. Es bleiben die Leguminosen, die aber erfahrungsgemäß nicht von der Bevölkerung bevorzugt werden und. wie schon Ritthausen nachgewiesen hat, auch physiologisch das animalische Eiweiß nicht ersetzen können. Rubner sagt hierüber: Leguminosen haben sich, wenn auch periodisch ihr Gebrauch zunimmt, merkwürdigerweise bei uns niemals in größerem Umfang als Bolksnahrungsmittel ein- gobürgert. würden auch in der Richtung der GeschmackSverbessc- rung wenig leisten. Billige Animalien fleischartiger Natur werden also in erster Linie immer wieder«IS Zusätze einer Kost verlangt werden, die ohne sie nur ungenügend für den Körper zu sorgen vermag." So steht es fest, daß der Fleischkonsum nicht ersetzt werden kann, und daß im Interesse einer guten Volks- ernährung sogar dessen Menge gesteigert werden müßte. Die Preise der Nährwerteinheitcn sind aber schon bei ganz niedrigen Fleischpreisen wesentlich höher als tn vielen anderen NahrungS- Mitteln, und eS muß deshalb eine übermäßige Steigerung des FleischpreiseS als volkswirtschaftlich höchst nachteilig bezeichnet werden." Der Verfasser bekenn! sich dann ganz entschieden zu dem„un- umstößlichen Grundsatz",»die Produktion der notwendigen Nah, rungSmittel im Inland in erster Linie zu fördern". Wer er warnt davor, mit solchen Bestrebungen die Existenz des ganzen Volkes aufs Spiel zu setzen. Er schließt seine Ausführungen mit einer offenen Verhöhnung der als Schutz der nationalen Arbeit deklarierten Einfuhrerschwerungen, die anders nichts sind als ein Sicherheitsschloß gegen agrarische Portemonnaieschäden. Er schreibt: „Trotz der Bedeutung einer nationalen Wirtschaftspolitik ist in diesen Dingen die Abhängigkeit von dem Weltmarkt nicht zu beseitigen, und gerade für eine gesunde Volkscrnährung sollten die Vorteile anderer Länder herangezogen werden. Die deutsche Landwirtschaft kann durch Schutzzölle begünstigt werden. Auch gefrorenes Fleisch z. B. kostet 45 M. für 100 Kilogramm.� Alle Maßnahmen darüber hinaus können jedoch zum Verhängnis werden und drücken das Niveau Deutschlands im Vergleich mit anderen Nationen herab. Derartige Mißstände liegen aber zurzeit für die Fleischnahrung unbedingt vor. Eine Berstär- ri_____ �. f � 1? JT.•» O*»....» rx u. k».. r.T. X I ,%... 1 s.e. O S t_ produziert. Sie tonnen aber infolge der jetzigen Wirtschaftö- Politik nicht für die Ernährung des deutschen Voltes nutzbar gemacht werden. Der Schutz der deutschen Viehbestände gegen Seuchen muß unbedingt aufrechterhallcn werden. Aber in der dreitägigen Reichstagödebatte ist kein stichhaltiges Moment vorgebracht worden, weshalb nicht die Einführung von gefrorenem Fleisch und Fleischkonserven erleichtert werden könnte. Die Be- ltimmung des Beschaugesetzes, daß mit dem Fleisch auch die Innern Organe in gefrorenem Zustande eingeführt werde» müssen, und daß jede Büchse Fleisch bei dem Eintritt in Deutsch- land einer Untersuchung unterworfen werden muß, verhindern die Einfuhr billiger, gesunder Fleischwarcn, ohne der deutschen Landwirtschaft etwas zu nützen, weil eS sich um die beste und teuerste Ware handelt, während dem Volk ein gutes, billiges Nahrungsmittel dadurch entzogen wird. Mit dem gleichen Rechte könnte man beispielsweise fordern, daß Apfelsinen und Süd» fruchte nur eingeführt werden dürfen, wenn die Zweige an denen sie gewachsen, beiliegen, damit man eine Untersuchung auf Parasiten anstellen kann, oder, wenn jede? einzelne Stück behördlich auf Freiheit von Pflanzenschädlingen untersucht wird. Derartige Bestimmungen würden natürlich die Einführung eineS hochwichtigen VolksnahrungsmittelS unterbinden. Wir glauben mit vorstehenden Ausführungen nachgewiesen zu haben, daß für unsere Volksernährung gewisse Mißstjinde heute vorliegen, denen aber die Regierung und die Mehrheit der politischen Parteien nicht genügendes Verständnis und energischen Willen zur Besse» rung entgegenbringen." Werden die frechen Verfechter der in? Große übertragenen. modernisierten Strauchritterpolitik auch jetzt noch wagen, die Klagen über die Teuerung als.Rummel" zu bezeichnen? Und wird nun endlich die Regierung dea Notschrei höre» und beachten?_ Amtliche Statistiken. Die amtliche Statistik hat in dem Kampfe Ler Negierung gegen eine Linderung der F l e i s ch n o t wieder Orgien gefeiert. ES ist nicht das erstemal, daß den Geheimräten der Regierung falsche statistische Ergebnisse nachgetviesen worden sind. Nachfolgend stellen wir die Zahlen aus verschiedenen amtlichen Denkschriften zusammen. Man ersieht daraus, wie man statistisch gewünschte Resultate gewinnen kann. Man wählt Gewichtseinheiten, die das erforderliche Quantum ergeben. Es unterstellteu ein Durchschnitts- schlachtgelvicht in Kilogramm: Es ist klar, daß je nach dem Einheitsgewichke auch der Fleischverbrauch verschieden groß— berechnet wird. Erhebliche Preisermäßigung. Wie aus Dortmund gemeldet wird, hat die ZiegelverkaufSvereinigung den bisherigen Preis von 18 M. pro 1000 Steine ab Ringofen für 1911 auf 13,50 M. und 14 M. ermäßigt. Die Preisermäßigung dürfte jedenfalls den Verkauf und auch die«ächstjährige Bautätigkeit günstig decin- flussen.__ Amtticher Marktbericht der städtischen Narktballen-DireMon«der dm Orogbandel in den Zentral-Marktballen. Markilage: Fl ei Ich» Zufuhr reichlich, TcschSN ruhig, Preise unverändert. Wild! Zufubr ge- nügcnd, Gekäst nicht lebhast genug. Preise fast unverändert. N e i l ü g e l Zuiuhr reichlich, Geickäst etwas lebhaslcr, Preise saft unverändert. Fische: Zusuhr etivas reichlicher, Geschäft«tlvaS belebter, Preis« weiter auf- gebessert. Sutter und Käse: Geschäft ruhig, Press« unverändert. Gemüse. Obst und Südfrüchte: Zusuhr gnügend, Geschäft ausfallend still. Press« gedrückt. «Dauer vom 3.-10. Dezbr. Dauer vom 3.-10. Dezbr. Ausnahmepreise«rTausende«.Knaben-Sachen nur so lange Vorräte reichen. Günstige Kaufgelegenheit f. Bescherungen 60pt 2.00 Mk. 2.35 Mk. 3.50 Mk. 4.50 Mk. Blaue Cheviot-Anzüge � Matrosenfonn und hpchflejchlossen. 9 qa ,,, pör 3»8 Idhre............. durchweg Mk. 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Aus dem geltenden Recht ist in die Vorlage für die Reichsver- sicherungsordnung die Bestimmung übernommen worden: Wenn die Sonderanstalt besondere oder erhöhte Beiträge für die reichs- gesetzlichen Leistungen erhebt, so darf sie diese auf ihre anderen Leistungen nur soweit anrechnen, daß sie durchschnittlich jeder Mit- gliederklasse mindestens den Reichszuschuß zahlt. Diese Bestimmung wurde in das geltende Jnvalidenversicherungsgesetz eingefügt mit Rücksicht auf den Allgemeinen Knappschaftsverein zu Bochum. Bei den anderen Kasseneinrichtungen werden entweder besondere Bei- träge für die reichsgesetzliche Invalidenversicherung nicht erhoben, oder, sofern dies der Fall ist, werden die reichsgesetzlichen Leistungen unabhängig von den übrigen Kassenleistungen und ohne Aufrechnung gewährt. Inzwischen hat dies selbst der Allgemeine Knappschafts- verein zu Bochum durchgefuy�t. Trotzdem wollten die Regierungen die alte Bestimmung mit Rücksicht auf die Hinterbliebenenversiche- rung beibehalten. Nur damit erllärten sie sich einverstanden, daß jeder Witwe'oder Waise der volle Betrag des Reichszuschusses statt des Durchschnittsbetrages zugezahlt werden muß. Die Sozialdemokraten wiesen in der Donnerstagfitzung nach, daß dies eine Ungerechtigkeit gegen die beteiligten Ar- beiter sei. Der Reichszuschuß falle allen Steuerzahlern zur Last. Darüber hinaus müßten die Arbeiter höhere Beiträge für die Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung bezahlen, damit nach ihrem Tode ihren Hinterbliebenen eine Rente gewährt wird. Diese Rente würde den Arbeitern in den Sonderanstalten nach dem Vor- schlage der Regierungen entzogen, trotzdem sie die höheren Beiträge bezahlen müßten. Deshalb beantragten die Sozialdemo- kraten, daß in jenen Fällen die reichsgesetzlichen Leistungen unabhängig von den übrigen Kasfenleistungen und ohne Auf- rcchnung zu gewahren sind. Der Antrag wurde jedoch gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und des Polen abge- lehnt und die Vorlage mit der von den Regierungsvertretern an- geregten Aenderuna angenommen. Ein Antrag der Konservativen, der Rentenent- ziehungskommissionen für das ganze Reich verlangte. wurde nach einer Debatte, in der unsere Genossen auf die Schäd- lichkeit des Antrages hinwiesen, vorläufig zurückgezogen. Anrechnung der Schwangerschaft als Krankheit. ' Als Beitragswochen soll, ohne daß Beiträge entrichtet sind, auch die durch eine Schwangerschaft oder ein regelmäßig verlaufendes Wochenbett veranlasste Arbeitsunfähigkeit angerechnet werden. Aber nur für die Dauer von höchstens acht Wochen, von denen min- bestens sechs Wochen auf die Zeit nach der Nieder- kunft fallen müssen. Diese letzte Beschränkung wurde auf Antrag der Sozialdemokraten gestrichen. Ein Umfall des Zentrums. Die OuittungSkarte soll binnen zwei Jahren nach dem Tage der Ausstellung zum Umtausch eingereicht werden. Hierzu hatten die Sozialdemokraten in der ersten Lesung einen Zusatz beantragt, der es ermöglicht, den Arbeitgeber, der die Quittungs- karten seiner Arbeiter liegen läßt, ohne die Marken zu kleben und die Karten umzutauschen, für den dadurch verursachten Schaden haftbar zu machen. Schließlich schlug das Zentrum als Kompromiß folgenden Zusatz vor: Ist die Karte im Besitz des Ar- deitgebers, so hat dieser sie dem Versicherten spätestens eine Woche vor Ablauf der Umtauschfrist zu übergeben oder sie selbst umzu- tauschen und dem Versicherten die Bescheinigung auszuhändigen.— Dieser Zusatz ist damals einstimmig angenommen worden. Jetzt, in der zweiten Lesung, beantragte Abg. Herold vom Zentrum, den Zusatz wieder zu streichen. Vergeblich bemühten sich nicht nur unsere Genossen, sondern auch der Zentrumsabge- ordnete Becker nachzuweisen, daß der Zusatz im Interesse der Arbeiter unentbehrlich sei. Vom Zentrum stimmten so viele Ab- geordnete— darunter auch die Herren Dr. Hitze und T r i m- born— mit den Konservativen und Nationalliberalen, daß der Zusatz g e st r i ch e n wurde. Am Freitag beendete die Kommission die zweite Lesung der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung, ohne sachliche Aende- rungen vorzunehmen. Am nächsten Freitag beginnt die Kommission die zweite Lesung der Krankenversicherung. Aus der Budgetzkommisfion. Die Kommission erledigte in ihrer Freitagsitzung die erste Lesung des Reichsbesteuerungsgesetzentwurfs. Zu dem Z 8, der die Heranziehung des Reichs zu den Gemeindesteuern vorsieht, wurde auf Antrag Gröber beschlossen, daß das Ein- kommen aus privatwirtschaftlichen Unternehmungen und die Ge- bäude gleichfalls zur Steuer herangezogen werden. Ein von unseren Vertretern gestellter Antrag, der in der Besteuerung keinerlei Unterschied zwischen Reich und Privatpersonen machen will, wurde gegen die Stimmen unserer Genossen abge- lehnt. Zur Begründung deS Antrages war unter anderkm an- geführt worden, daß es gleich sein müsse, ob Privatpersonen Häuser bauen und Wohnungen vermieten oder ob das vom Reich geschehe. Ebenso bringt die Verpachtung der Bahnhofswirt- f ch a f t e n den Reichseisenbahnen viel Geld ein, das Reich müßte entsprechend der Einnahme zur Steuer herangezogen werden. Der § 4 des Entwurfs, wonach die Gemeinden von der Rückerstattung der Oktroigebühren für Waren, die von den Militärverwaltungen eingeführt wurden, in Zukunft befreit sein sollen, erhielt auf An« trag Gröber folgende Fassung: Die Erhebung der Oktroivergütungs« gelber(Kasernierungskostenbeiträge) von den oktroiberechtigten Ge- mcinden in Elsaß-Lothringen kommt spätestens mit dem Jnkrast- treten dieses Gesetzes in Wegfall. Nach dem Beschluß der Kom- Mission soll das Gesetz vom 1. April lSH ab Geltung haben. Nächste Sitzung Dienstag(Telephongebühren). AuS der Rcichswertzuwachssteuerkommifsion. In der Freitagsitzung lagen wiederum eine ganze Anzahl Ein- gaben für und gegen das Gesetz vor. Bei Fortsetzung�der General- dcbatte erklärten sich ein nationalliberales und freisinniges Mitglied fürdas Gesetz; beide haben große Bedenken gegen die Bei- beHaltung des Umsatzstempels und wollen im äußersten Falle den StempelbiS 1814 behalcken. Ein Mitglied der Wirtschaft- lichen Vereinigung wünscht eine schnelle Abfertigung des Gesetzes. Eine lange Debatte entstand über die Frage, ob daS Gesetz Anwendung auf die Bergwerksbetriebe findet. Abg. Berg- rat Vogel verneint die Frage, den Bcrgwcrksbesitzern sei das Mutungsrecht gegeben, um nach Kohle und Erz unter der Erde zu suchen, es handle sich somit bei den Bergwerken nicht um Grund st ücke, auch bei Veräußerungen könne die Zuwachssteuer nicht zur Anwendung kommen. Ein Konservativer stimmte dem zu. Von einem Regierungsvertreter wurde in ausführlicher Weise diesen Anschauungen widersprochen, bei Veräußerungen und Wert- fteigerungen fallen die Bergwerke unter die Best im- M u n g e n des Gesetzes. Mehrere Mitglieder der Kommission schließen sich den Aus- Führungen an. Die§§ 1 und 2 werden mit einigen Abänderungen a n g e- Kommen. Hierauf erfolgt Vertagung. Soziales. Bersicherullgsfragen im Ausschutz des Berliner Kaufmauusgerichts Der Ausschuß des Berliner Kaufmannsgerichts beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit den am 13. d. M. beim Kauf- mannsgericht eingegangenen Anträgen des Zcntralverbandes der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands, die Verbesse- rungen zur Reichsvcrsicherungsordnung fordern. In der General- diskufston forderten die bürgerlichen Kaufleutebeisitzer von unserem Vertreter betr. der Alters- und Invalidenversicherung sowie der Witwen- und Waisenversicherung eine prinzipielle Erklärung, daß diese im Anschluß an die Reichsversicherungsordnung erfolgen solle, anderenfalls würden die Kaufleutebeisitzer es ablehnen, überhaupt in eine Diskussion der Vorschläge einzutreten. Ter Beisitzer des Zcntralverbandes brachte hierauf folgenden Antrag ein: „Da durch eine besondere Pensionsversicherung die Verwal- tungskosten übermäßig gesteigert werden, verlangen wir, daß auS diesen und anderen Gründen die Versicherung der Privatangestell- ten auf dem Wege des Ausbanes der bestehenden staatlichen Ber- sicherungszweige erfolge." Für diesen Antrag stimmten 9 Kaufleutcbeisitzer und 3 Hand- lungsgehilsen. 5 Handlungsgehilfen(Deutschnationale und Leip- ziger Verband) stimmten dagegen. Der Vertreter des Vereins der jungen Kaufleute enthielt sich der Abstimmung. Nachdem der Antrag angenommen war, wurde in die Spezialberatung der Anträge eingetreten. Es wurde die Beseitigung der Vorschrift in der Krankender- sicherung gefordert, nach der die Handlungsgehilfen nur bis zu einem Jahreseinkommen von 2088 M. versicherungspflichtig sind'. Hierzu lag ein Abänderungsantrag von feiten der bürgerlichen Kaufleutebeisitzer vor, die Gehaltsgrcnze auf 4888 M. festzusetzen, von feiten der Handlungsgehilfen wurde als Grenze 5888 M. verlangt. Für den letzten Antrag stimmten 9 Handlungsgehilfen und der Vorsitzende, dagegen 3 Kaufleutebeisitzer.(Der sozial- demokratische Kaufleutebeisitzer mußte bei der Abstimmung als Jüngster ausscheiden, da von der Gehilfenseite der Beisitzer des Vereins für Handlungskommis von 1858 fehlte, für ihn auch kein Ersatzmann zur Stelle war.) Eine Ergänzung zu dem vorigen Antrage, welcher verlangte, daß die Mindestleistungen der 5kranken- kassen erhöht werden, wurde mit den Stimmen der 8 Kaufleute- beisitzer und der Stimme des Vorsitzenden gegen 8 Stimmen der Handlungsgehilfen abgelehnt, ebenso ein Antrag, die heutige Zer- splitterung der Versicherungsträger(Gemeindekrankenversicherung, Orts-, Betriebs-, Bau- und Jnnungskassen) zu beseitigen und dafür einheitliche Krankenversichexungskassen zu schaffen. Für diesen Antrag sprach sogar ein bürgerlicher Kaufleutebeisitzer(Mit- glied im Vorstande der hiesigen Ortskrankenkasse der Kaufleute). Nur dieser und der Vertreter des Zentralverbandes stimmten für den Antrag, der Vertreter des Vereins der jungen Kaufleute ent- hielt sich der Abstimmung, alle anderen Beisitzer und der Vor- sitzende stimmten dagegen. Einstimmig angenommen wurde fol- gender Antrag: „Die Krankenkassen haben das Recht der Freizügigkeit insofern zu gewähren, als dem Versicherten alle bei irgend einer Kasse er- wordenen Ansprüche ebenso wie die zurückgelegte Wartezeit von derjenigen Kasse, die für den Bezirk seines etwaigen neuen Wohn- ortes besteht, angerechnet werden müssen." Ein weiterer Antrag verlangt, daß die Vorschriften über die Unfallversicherung auf alle kaufmännischen Angestellten ohne Unter- schied der Geschäftszweige und des Gehalts ausgedehnt werden. Hierzu beantragen die bürgerlichen Kaufleutebeisitzer wieder, eine Gehaltsgrenze für den Versicherungszwang von 4888 M. pro Jahr festzusetzen, während von Gehilfenbeisitzern die Grenze auf 5888 Mark beantragt wird. Der Antrag ohne Gehaltseinschränkung wurde mit den Stimmen von 8 Kaufleutebeisitzern gegen 4 Stim- men der Handlungsgehilfen(5 von letzteren enthalten sich der Ab- stimmung) abgelehnt, dagegen der Antrag mit der Gehaltsgrenze von 5888 M. mit 8 Stimmemn der Handlungsgehilfen und der Stimme des Vorsitzenden gegen die 8 Stimmen der Kaufleutebeisitzer (welche für 4888 M. waren) angenommen. Der letzt« Antrag verlangt, daß„bei der Alters- und In- validenversicherung sowie der Witwen» und Waisenversicherung die Vorschrift gestrichen wird, wonach nur solche Handlungsgehilfen versicherungspflichtig sind, die ein Einkommen bis zu 2088 M. haben. Die Versicherungsleistungen sind zu erhöhen und höhere Lohnklassen einzuführen." Gegen diesen Antrag wandten sich die deutschnationalen Handlungsgehilfen und der Vertreter deS Leipziger Verbandes. Nach den Worten des Vertreters deS Reichs- kanzlers im Reichstage, führten sie auS, fei an einem besonderen Pensionsgesetz für Privatbeamte nicht mehr zu zweifeln. Dieses sei für die Handlungsgehilfen zweckmäßiger, weil die Gefahren- klassen, die durch die Arbeiter der Bau- und Metallindustrie in die Versicherung hineingebracht werden, die Handlungsgehilfen zu sehr belasten! Man solle nicht alles in einen Topf bringen wollen, die Anträge feien für sie undiskutabel, weil man erst die Novelle zur Versicherungsordnung der Privatbeamten abwarten will, eventuell könnte man dann nach Ablehnung dieser mit Anträgen kommen. Der Antragsteller sowie der sozialdemokratische Kaufleutebei- sitzer traten für die Anträge ein, ebenso die bürgerlichen Kaufleute- beisitzer. letztere auS den Gründen, weil eine Sonderversicherung den Handel, der zurzeit und auch durch die neue Reichsversicherungs- ordnung bereits außerordentlich belastet wird, noch mehr belasten würde. Auch hier wurde von den Kaufleutebeisitzern wiederum der An- trag eingebracht, eine Gehaltsgrenze von 4888 M. festzusetzen, während von Gchilfenseite prinzipiell verlangt wurde, jede Ge- Haltsgrenze zu beseitigen, eventuell dieselbe aber auf 5888 M. zu erhöhen. Von den Kaufleutebeisihern wurde zum letzten Antrage noch ein Zusatzantrag eingebracht, welcher verlangt, daß derzenige. welcher aus der Versicherung ausscheidet oder selbständig wird, das Recht auf Wciterversicherung behält. Der Antrag, die Gehaltsgrenze völlig zu beseitigen wurde mit 8 gegen 3 Stimmen(6 Gehilfenbeisitzer enthielten sich der Stimme) abgelehnt und dann der Antrag mit dem Zusatzantrag und der Gehaltsgrenze von 4888 M. mit 8 Stimmen der Kauf- leute, des Vorsitzenden und des Vertreters des Zcntralverbandes angenommen, die übrigen Beisitzer(1 Kaufmann und 8 Hand- lungSgehilfen) enthielten sich der Stimme. In der Hetze gegen das Selbstverwaltungsrecht der OrtS» krankenkassen ist auch der Prozeß des Leipziger OrtSkrankenkassenSorsitzenden Pollender gegen einige bürgerliche Redakteure ausgeschlachtet wor- den. Von der ganzen Reichsverbandspresse wurde, nachdem Pollender gutmütig genug gewesen, die Beleidiger mit einem Ver- gleich laufen zu lassen, die folgende perfide Fälschung des Sach- Verhalts verbreitet: „Das Gericht ist in vier Punkten zu einer Freisprechung des Angeklagten gekommen, indem es folgende Behauptungen als erwiesen ansah: Bei den vom Kasscnvorstande angeordneten Beamtenprüfun- gen fehle es an jeder Garantie dafür, daß diese Maßregel in neutraler und unparteiischer Weise gehandhabt werde, und daß diese Garantie unbedingt nötig sei, solange die Krankenkassen unter sozialdemokratischer Verwaltung im Fahrwasser der Partei- Politik gehalten würden. Bei der Anstellung von Beamten spielte die politische Ge- sinnung eine Rolle. Die Krankenkaffenkontrolleure wurden mit Vorliebe sozialdemokratischen Parteigängern entnommen. Die Verquickung von Verwaltung und sozialdemokratischer Parteipolitik habe auch in der Leipziger Ortskrankentasse zu ernsten Mißständen geführt. Als Berufskontrolleure würden mit Vorliebe„Genossen" angestellt. Notorische Streikführer ohne berufliche Vorbildung hätten Anstellung im Dienste der Kasse gefunden." Pollender hat nun unter Berufung auf das Preßgesetz die Zeitungen aufgefordert, folgende Berichtigung zu bringen: „Es ist unwahr, daß die von mir gegen mehrere sächsische Blätter angestrengte Privatklage, nachdem der Prozeß verschiedene Stadien durchlaufen, mit der Freisprechung der Beklagten in vier Punkten„ihren Abschluß gefunden", indem das Gericht die dies- bezüglichen Behauptungen als erwiesen angesehen hätte. Wahr ist vielmehr nur, daß die Freisprechung in vier Punkten in erster In- stanz durch das Schöffengericht erfolgte, während es wegen der übrigen Anklagepunkte zu einer Verurteilung gelangte. Soweit das schösfengerichtliche Urteil zu einer Freisprechung kam, wurde von mir Berufung eingelegt, und zwar um so mehr, als ich davon über- zeugt war und noch bin, daß der einzige im Schöffengericht sitzende Bernfsrichter das Urteil selbst für falsch hielt, also von den mit- wirkenden Schöffen, ein paar Arbeitgebern, überstimmt sein mußte. Das Landgericht als Berufungsinstanz hat in der Anklagesache zwar drei Verhmchlungen von jedesmal längerer Dauer abgehalten, ohne aber von neuem Beweis zu erheben. Es beschränkte sich, gestützt auf das schöffengerichtliche Berhandlungsprvtotoll und die zeugen- eidlichen Aussagen vor dem Schöffengericht, allein darauf, den ganzen Streit durch Vergleich abzuschließen, durch den, wie das Landgericht selbst betonte, nicht nur das schösfengerichtliche Urteil selbst, sondern auch die im Urteil erfolgten„Feststellungen" beseitigt wurden! Dieser Vergleich ist in der Landgerichtsvcrhandlung vom 18. November zustande gekommen. Er stellt fest, daß die Beklagten ihre Behauptungen im guten Glauben erhoben, sich aber durch die Beweisaufnahme davon überzeugt haben, daß sie sie nicht in allen Punkten aufrecht erhalten konnten. Ferner kommt in dem übrigens vom Gericht selbst formulierten Vergleich zum Ausdruck, daß sich der Privatkläger gegen die beleidigenden Behauptungen verwahrt und erklärt hat, daß er jederzeit bestrebt gewesen sei, die Leipziger Ortskrankenkasse in völliger Ucbereinstimmung mit den übrigen Vorstandsmitgliedern nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu leiten." Für Wahrheitsliebende wäre eS ausgeschlossen, nach diesem Vergleich wieder auf das beseitigte schöffengerichtliche Urteil zu» rückzugreifen. Wird diese Klarstellung die Reichsverbavdspresse abhalten, weiter zu verleumden? Unterliegt ein geschlossenes Gewerkschaftsvergnügen ber Lnst- barkeitssteucr? Die Zahlstelle Finsterwalde des Deutschen Holzarbeiter-Ver- bandes hatte im Lokal von Bauer in Finsterwalde ihr<�tiftungS- fest abgehalten, zu dem nur die Mitglieder und ihre Angehörigen nebst einigen eingeführten Gästen Zutritt hatten. Der Magistrat zog die Zahlstelle zur Lustbarkeitssteuer heran, weil das Ver- gnügen einem öffentliche» Vergnügen gleich zu achten sei, das nach der Steuerordnung der Besteuerung unterliege. Die Zahlstelle klagte auf Freisprechung. Sie machte geltend. daß die Festlichkeit als geschlossene der Lustbarkeitssteuer nicht unterliege. Der Bezirksausschuß wies die Freistellungsklage mit folgender Begründung ab: Da nur Mitglieder und ihre Angehörigen im wesentlichen Zu- tritt hatten, so hänge die Entscheidung der Frage, ob eS sich um ein öffentliches Vergnügen handelte, hier lediglich davon ab, ob sich die Zahlstelle als ein geschlossener Verein darstelle, oder ob eS sich um eine sogenannte lose Organisation handele, deren auch auf den Mitgliederkreis usw, beschränkte Veranstaltungen stets als öffentliche zu behandeln feien. Der Deutsche Holzarbeiter-Ver- band erstrecke sich nun aus ganz Deutschland und sei als ge- schlosiener Verein nicht anzusehen, da unter der Gesamtheit der Mitglieder wechselseitige persönliche Beziehungen nicht entstehen könnten und das gemeinschaftliche Streben nach günstigen Lohn- und Arbeitsbedingungen allein keineswegs ein inneres Band sei. Die Voraussetzungen für einen geschlossenen Verein könnten nun aller- dings bei Ortsvereinen solcher Verbände zutreffen, die den allge- meinen Vereinszweck in örtlich abgeschlossener Wirksamkeit zu für- der» haben. Das Vorliegen dieser Voraussetzungen sei aber hier nicht dargetan. Die Zahlstelle sei alö selbständige Organisation nicht anzusehen, da sie in wesentlichen Punkten vom Hauptverband abhängig sei.(Es wird auf verschiedene Paragraphen des Statuts verwiesen, die die Befugnisse des Hauptvorstandes und deS Ge» samtverbandeS regeln.) Was die Zahlstelle Finsterwalde selber an- gehe, so habe im Jahre 1988 die Zahl ihrer Mitglieder 378 be- tragen und sei 1888 auf fast 488 gestiegen. Infolge des Zu- und Wegzug? wechselten jährlich durchschnittlich ein Drittel der Mit- glieder der Zahlstelle. Weder die Organisation, noch die Bedin- gungen des Verlusts der Mitgliedschaft entsprächen dem Charakter eines geschlossenen Vereins. Ferner mache der große Wechsel der Mitglieder wechselseitige persönliche Beziehungen unter der Ge» samtheit der Mitglieder der Zahlstelle zur Unmöglichkeit. Dem- gegenüber könne es nicht in Betracht kommen, daß die Mitglieder ein paarmal im Jahre gesellig zusammenkämen, daß die Zahlstelle gewisse eigene Aufgaben habe, und daß ihre Mitglieder in Lohn- fragen sich solidarisch erklärten. Der Beweis, daß die Zahlstelle ein geschlossener Verein sei, wäre nicht erbracht. Der Vorstand legte Revision ein, die Rechtsanwalt Roth in ein- gehenden RechtSauSführungen vor dem Oberverwaltungsgericht vertrat. Das Obervrrwaltungsgericht verwarf baS Rechtsmittel. Die Gründe gingen dahin: Der Bezirksausschuß habe zunächst geprüft, ob es sich bei der Zahlstelle überhaupt um einen selbständigen Ver- ein handele oder lediglich um einen Teil des großen Verbandes, und dann, wenn man ersteres annehme, ob die Zahlstelle ge- schloffen war, d. h. ob es sich bei ihren Mitgliedern um einen nach außen bestimmt abgegrenzten Kreis von innerlich miteinander ver- bundenen Personen handelte. Ein wesentlicher Mangel deS Ver- fahrens sei dem Bezirksausschuß nicht vorzuwerfen. Und soweit sich die Entscheidung aus tatsächliche Feststellungen berufe, sei sie der Nachprüfung durch die Nevisionsinstanz, als welche in diesem Falle das Oberverwaltungsgericht funktioniere, entzogen. Es könne dahingestellt bleiben, ob die Zahlstelle ein selbständiger Verein sei. Ohne Rechtsirrtum sei jedenfalls festgestellt, daß sie fein ge- schlossener Verein sei._ eingegangene Druchrcbrlften. Handbuch für Heer und Flotte. Lieferung SS— St. Herausgegeben von<Ä. v. Alten. Lieferung 2 M. Bong u. Co, Berlin W. 57. Die Bedeutung der Charitas für das Heilverfahren.von Dr. P. Kirschner. 1.50 M. 4. Ebering. Berlin MW.?. Theater und Vergnügungen Sonnabend, Dezember. Slnsang T/j Königl. Opernhaus. Der Prophet. Köiiigl. Tchauspielbaus. JuUuS lK'ar. Neuro kSnigl. Opern-Dheater. Gelchlolse». Deuiichro. Herr und Diener. Kamme rspiele. Komödie der ßmiuflei,. Heirat wider Willen. Lesfiug.«natoll Ansang S tthr. Neues SchauipteldauS. Der ger- rillene. Kouii'chr Oper. ToSca. Westen. DaS Puppenmädel. Nachmitiags 4 Uhr: Rotkäppchen. Kleines. Die verfluchten grauen- »immer. Berliner. Der scharse Junker. Nachmittags 3'/, Uhr- Macbeth. Neues. Der G. m b. H-Tenor. Trianon. Der heilige Hain. Residenz. Der Unlcrpraiekt. Thalia. Polnische Wirtschast. Nachmittags 4 Uhr: Aschenbrödel. Tchiller», tralluei- 4.!-eo>«>) SodomS Ende. 90) n-(fbari Ottenburg. DaS Urbild des Tmtüff. Arirdrie»- Wilhcliustädtisches. Die Räuber. Nachmittags ä'l, Uhr: Hermann- Ichlacht. Neues Oueretten. Der Gras von Luxemburg. Nachmittags 3'/, Uhr: Die goldene Märchenwelt. Zustivielhaus. Der Feldherrn- Hügel. Luisen. Preciosa. Nachmittags 4 Uhr: Hansel und Grelel. Modernes. Der Doppelmensch. Urania. Taudenstraste AHjiO. Abends 8 Uhr: Der Bierwald stätter See und der Gotthard. Hörsaal 8 Uhr: Pros. Dr. Donath: Die Wärmewiitungen dtZ elevrlschcn Stromes. Nachmittags« Uhr: Eine Nllsahrt bis zum zweiten Katarakt. Sternwarte, Jnoaltdcnstr. 57—82. Tli'ttiti». VissonscKasdHcstss Theater TaubenstraiSe 48/49. Nachmittags 4 Uhr t Eine Wtlfnhrt bi««nm zweiten Katarakt. Abends 8 Uhr: Der Tlerwaldatatter See and der tiotthard. Hörsaal 8 Ukr: Prafessar Dr. Danath: Die Wärme- Wirkungen de« elektrischen Stromes. Kainer-Panorama Z. 2. Male: Tirol. Kar- »veudel und Wetterstein- Gebirge. Land und Leute an. Ei�e Reise 20 Ps., Kind (. J. Slbonnem.. 8 Reisen 1 Di von nurl Lessing-Theater. 7'/.: Z. I.Male: Anatol. 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Auf dem Verbandstage habe Regierungsrat Dominicus im Privatgespräch erwähnt, daß auf dem Racktzvets in Straßburg den Arbeitgebern die Namen der Streikenden bei der Stellenvermittelung bekanntgegeben werden und daß das zu keinen Unannehmlichkeiten geführt habe. Nach dem Malerstreik habe ein Malermeister zehn Gesellen verlangt und dabei sei ihm mitgeteilt worden, es wären sechs Streikende darunter; aber der Meister habe sich gar nicht daran gekehrt und sie alle zehn ein- gestellt. Der Redner meinte, daß, wenn in dem gemütlichen süd- deutschen Straßburg die Bekanntgabe der Namen Streikender der Arbeiterschaft vielleicht keinen Schaden bringe, die Sache/ nach Norddeulschland verpflanzt, ein gan.z anderes Bild ergeben werde. Bei diesem Verlangen werde vergessen, daß die Unternehmer eine weit größere Macht darstellen als die Arbeiter und es viel leichter in der Hand haben, sich gegrnscltig zu verständigen. Der Vorstand des ArbeitsnachiveisverbandeS war Wohl sicherlich der Meinung, er könne durch Konzessionen die Unternehmer zum Aufgeben ihrer Nachweise veranlassen. Aber- das ist ein Irrtum. Der Verband hat auch nicht die Anfgabe, die Sympathien der Unternehmer zu gewinnen, sondern vielmehr die, sich die Sympathie der Arbeit- nebmer zu erhalten. Wenn das Vertrauen der Arbeiter verloren geht, wird die Entwickclung dieser Arbeitsnachweise gehemmt. Ter Redner weist serner daraus hin. in welcher Weise sich die kom- inunalen Arbeitsnachweise in Zukunft entwickeln können und welche Aufgaben ihnen dann vielleicht in der Regelung der Arbeits- losenunterstützung zufallen werden. Er macht ferner auf die große Gefahr aufmerksam, die in den Feldarbeiterzentralen liegt, die sich namentlich, wenn die private Stellenvermittelung vcr- schwindet, zu immer größeren VermittelungsbureauS entwickeln. Es fragt sich, ob die Landarbeiter, wenn sie auf die Weise von den istellenvermUtlern befreit werden, nicht vom Regen in die Traufe kommen. Klotz. Vertreter der Maler, betont gegenüber dem Vor- redner, daß der süddeutsche Malermeisterveikbaud, zu dem auch Straßburg gehört, in mancher Hinsicht noch reaktionärer sei als die norddeutsche» Malermeister, so daß man da kcincLivcgs auf eine besondere süddeutsche Gemittlichkeit rechnen könne. Uebrigens wisse er aus der letzten Zeit von keinem Malerstreik in Straßburg. ES könne sich dann nur um eine unter ganz eigentümlichen Um- ständen veranstaltete Aussperrung handeln. Man sei hier in Berlin bei den Freundschcn Arbeitsnachweisen den Unternehmern schon zu weit entgegengekommen dadurch, daß man den Arbeit. suchenden erst am Schalter mitteile, wenn es sich bei einer Firma um Differenzen handele. Das müsse eigentlich gleich beim Aufruf der Stellen gesagt werden. Kör sie n bemerkt noch unter anderem, daß die Gewerkschafts- kommission sich seit einiger Zeit mit der Ausarbeitung von Eut- würfen für die Arbeitsvermittelung beschäftige. Im übrigen hebt er hervor, daß es nach der Auffassung der Juristen ein Irrtum ist, wenn man behauptet, die Landarbeiter hätten kein Streikrecht. Das Streikverbot der Gcsindeordnung beziehe sich nur auf die zu persönlichen Tienstleistgngcn verpflichteten Angestellten. Kapitzki, Vertreter der Zimmerer, bemerkte in längeren Ausführungen unter anderem, daß die Beteiligung der Gewcrk- schaflsvertrcter an solchen Veranstaltungen wie dem Verbandstag der Arbeitsnackftveise überflüssig und der Kosten nicht wert sei, dic dafür ausgegeben werden. Dieser Auffassung tritt Brückner in seinem kurzen Schluß- wort mit aller Entschiedenheit entgegen. Die vorgeschlagene Resolution wurde darauf einstimmig angenommen, CUtenoi P -« i= isj 1 K'»I ;ii Setter Swmemve 767 D 2 bedeckt fr.RifctrrQ(766 031®] a bedeckt etrftn 17650 ckrnnfi.a SR 702 SD ri üii /Yen|783D Wien 763Slin 2 bedeckt »Regen LNw-l Nebel MK ri» t! Mi Stettonen P g ch 1 ""l e 3'Äl 5 ö 1" a 1 Ä = 1 B« 1 c Si»•§ Haonranda 759 3 vetei eterSburg 758® Scilla ilber. eeti Uc.n; 772 D 760 DSD I Bettet *5 c-» 5» h *£ 4 bedeckt—® ISchnco—4 L bedeckt i I halb bd.' I i tSetterurugnose für Soiiliabciid, den 3. Tezember 1910. Ein wenig kälter, vorwagend nebelig aber wolkig bei mätzige» nurdöst- lilhen Winden; leine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbursau. ; * ♦ ♦ 4 4 4 t : I i 4 4 4 4 4 : 4 4 4 i Möhra Palmato werden nur aus den feinsten ausgesuchtesten Rohmaterialien hergestellt. Für vollständig; einwandfreie Fabrikation sowie für höchsten Nährwert und beste Bekömm* Üchkeit übernehmen wir nach wie vor jede Garantie. &. L. Mobr G. m. b. B. 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Den Kollegen ferner zur Nach- richt, dafi unser Mitglied, der Gürtler Gustav Dreßier avt 29. d. MtS. an Bcinfistel gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. Dezember, nachmiilags 3'/, Uhr» von der Leichenhalle des Heilig-Kreuz- KirchhoseS in Marienvors aliS statt. Rege Bctclligung erwartet 126/12 Die Onsverwaltung. Fritz LudwBg9 Zahntechniker, verzogen nach Landsberger Allee 153. Heute nacht verstarb unerwartet am Herzschlag, im Alter von 62 Jahren, mein lieber Mann, unser treusorgender Pater, Bruder und Schwager, der Schankwirt Frnst Frey. Um stille Teilnahme bittet im Namen der Hinterbliebenen Panlioe Frey geb. Hense Lichtenberg, scharnweberttr. 25. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 4. Dezember, nachmittags 31/» Uhr, von der Fried- bosshalle in Marzahn aus statt. Abfahrt der Züge 2.42 und 3.24. Allcn Freunden und Bekannten I I Hiermit zur Nachricht, daß unsere I j liebe Schwester 1200L I �nns Schostag nach kurzem Leiden verstorben ist. j Dies zeigen ticsbelrübt an Paul Sckostaxl und Geschwister. Die Beerdigung findet am I Sonntag, nachmittags 3 Uhr, von I der Leichenhalle des Thomas- KirchhoseS aus statt. Tode«-Ail�eis«. Am 29. November verschied sonst mein lieber Vater, der Lchuslsetzer Otto Rothhardt im 65. Lebensjahre. DicS zeigen betrübt an Huxo Rothhardt nebst Kindern und Verwandten. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 3. Dezember. nachmittags 3 Uhr, von derLeichen- halle des St. PauIslirchhoseS bei Plötzensee aus statt. 20735 Alle» Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nach- >icht, das) meine liebe Frau und Mutter Henriette Jogsch am Donnerstag, den 1. Dezember, ganz unerwartet verschieden ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 4. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, vom Trauerhause Petershagc» a. Ostb., Hennilleu- dorser Straße aus statt. 2036b Der tiesbelrübte Gatte lädnnrd JagHcb ncbxt Tochter narthn. osBBBSBaBammaa Ärbeiter-Turnvereln zu Adlershof. Mitglied d. Arbelter-Turnerbundet. Den Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unsereTurnschwester Fr°u Anna Gremser I am Donnerstag, den t. Dezember, plötzlich verstorben Ist. 294/7 Ehre ihrem Andenken! Enorm billiger Verkauf elegant. MonatSgardcroben früher S»-»««i.. jetzt I«-28 M. Deotscbes Bekleidungsliaus, J Grosie Ztzraukfneterstrafie 89, | Nur 1 Treppe, kein Lade».| Fahigeld wird vergütet. vaullsaljung. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme und reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich allcn Fi eundcn nnd Betannlen, insbesondere den Kollegen der Firma Gebrüder ilrnbt sowie dein Personal und Kollegen der Firma Alexander Kremencr meinen herzlichsten Dank. 2085 b Albert Prostack »iib Tochter._ Eine MarK wSchentiiclie Teilzahlung elegante f[ fertig und nach Masa, feinste Verarbeitung. 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JOhne Gewähr.)(Xaehdruck verboten.; '■ S»3 46[1000] 54[500] 534 S8 740 43 Ii IG 410[500] «87 74 089 701 825 21,3 GS 361 423 88 750 83-1 051 JOGG '744 910 4 6 91 4012 268 557 6X3 H[500] 749 58 90 047 COM[lOCö] 197 701 816 2 0 976 6011 155 322 65 608 793 «04 7001 215 315 94 449 13000] 63 559 709 8122 860 O084 133 544 808 47 i 10067 99 114 24 35 286 482 96[8000] 11« 19 51 151 »13 78 407 65 83[1000] 659 823 1 2264 368 160 fSOOO) 72 «06 757 856 1 3 006[2000] 99 115 404 13 577 701 54 839 (14238 87 687 731 42 67 852 904 1 5146 93 552 666 96 996 1 8305 529 615 63 812 997 1 7107 11 301 8 429 71 623 «98 1 8080 81 119 68 387 173 611 851 900 1 9032[1000] «3 88 127 212 52* 83 671 748 72 903 63 1 2 0373 577 2 1 307 626 813 2 2016 124[500] 404 605 798 23li7 33 423 576 744 800 24244 79 318 590 626 28 W 91 26217 471 27060 89 HZ 900 22 58[300] 28021 [500] 44 92 193[500] 262 321 30 883 968 2 9 235 326 66 (600] 420 636 3 0292 891 409 558 83 718 31101 77 324 580[1000] 688 848 903 42 62[3000] 32 109 14U 367 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verblieben: 1 Prämie*n 500 000 M. 1 Gewinn zu 100 000, 1 zu 70 000, 2 50 000, 3 zu 40 000. 2 zu 30 000. 4 zu 15 000, 22 zu 10 090, 29 VI 5000, 4)7 zu 3000, 781 zu 1000, 1254 zu 500 21. Ziehung 5. KL 223. Kgl. Preuss- Lotterie. . Ziehung vom 2. Dezmber nachmitlags. Rur die Gewinne über 240 Mark sind den beireffenden Nummern in Klammern beigefügt. iObne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 179 83 410 53«<59 823 921 1275 309 80 411[3000] t) 577 911 70[1090] 2162 588 725 913 3 230 4331 41 [500] 48 5113 235[500] 418 920 67 718[3000] 25 6lU 26« 403 18 701[8000] 855 SO 903 7103 227 37 821 469 647 773 869 926 80 8061 72[500] 03 179 813 769 73 [500] 91 853 999 9183 246 iro 43 10054 191 370 581 11029 313 403 53 607 32 70 720 37[500] 43 853 95 1 2116 303[500] 61[500] 453 13018 106[SOOO] 217[lOCO] 342 403[3000] 38 66 834 61[500] 973 92, 14018 103 74 240 319 84 460 648 99» 15034 583 624 50 789 079 97 1 6107 227(10 000) 81 363 818 45 1 7148 UOOO] 43« 839 934[3000] 18018 106[500] 67 281 350 521 67 78 623 1 9017 22 06 108 234 350 451 64 536 845 20046 142 502[3000] 11 65 634 79? 867 72 926 21107 270 98[ 500] 427 600 957 78 2 2 030[1000] 233 88 305 630[SOOO] 709 23202 347 83 554 676 873 926 24100 96 211 831 900 2 5(90 619 817 914".0019 201 382 96[500] 476 94 825[1600] 89 910 2 7037[1600] 171 S42 475 572 624 790 811 901 2 8337 53) 60 95 689 717 19 64 974 2 9314 515 723 61 76 3 0353 673 622 85 714 70 3 1 014 SSO 503 32009 81 [500] 839 3 3043 53 122 72[500] 212 89 720 949 3 4009 186 250 71 481 804 40 944 3 5099 111 80[3000] 498 806 54 960[500] 3 6389 479 677 95 664 3 7250 423 42 60 717 846 94 38038[100«] 835 79 593 601 7 35[1000] 746 931 39U0 43 76 338 51 529 48 709[500] 23 83 95 837 4000«[1000] 146 439 52? 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602 653 848 82 2 8 5(150 279 83 95 97 409 6U4 79 2 8 8 026[ 500] 75 322 77 482 509 666 2 8 7186 96 470»<0 997[1000] 288134 288 366 469 787 914 2 8 0026 68 83 694 715 50 850 290075 107 4S 859[5001 29 1 403 513 93 687 848 29200) 35 230[500] 435 63 72 83 555«40 703 S�S 293116 206[lOOOl 361 68 97 426 617 676 987 2 9 4073 108 218 389 440 630 751 834 2 9 5093 174 89 554 83 95 845 913 41 84 296138 262»98 756 979[500). 297"«6 13« 323 32 07 422 C2 539 784[3000] 816 914 15 298063 132 [3<00) 51 75 83 2'0 880 480 552 62) 872 2 9 9060 294 410 14[SOOO] 89 41 699 3 0 0061 582 849 963 68 3 0 1 024 549 941 78 3 02922 67 79 IIS 92 664 813 45[5'0] 78 303041 202 402[500] 64 »9 517 844 Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für de« gnieratenteil verantw.: Ttz. Glocke, Berlin. Druck u. vertag: Vorwärts Buchdruckerei u. BerlagsanstaU Paul Singer st Co« Berlin SW, hk a.»« 4. KMßt iltS Jnnuittü" öttliiiet llolliililall. Hue der frauenbeivegung. Der geistige Fortschritt der Frauen. Die geistige Minderwertigkeit der Frau wird trotz zahlreicher Gegenbeweise immer noch als Tatsache hingestellt. Die Verfechter derartiger Behauptungen schenken sich die Prüfung, ob nicht zu der Beschäftigung, die der Frau zugewiesen war, doch ein gut Teil Intelligenz gehört. Zu allen Zeiten hat es geistig hervorragende Frauen gegeben, doch sei zugestanden, dast jahrhundertelang der Frauen geistige Fähigkeiten in der thitwiikelung gehemmt wurden und sie daher auch in gewissem Umfange verkümmerten. Die Frau, die ehedem in öffentlichen Angelegenheiten mit entscheiden konnte, wurde ins Haus verbannt. In allen öffentlichen Fragen ward der Mann Herr und Meister. Die Uebermacht des mann- lichcn Geschlechts machte sich auch im häuslichen.irr eise bemerkbar, sie verwies die Frau in die Rolle des bedingungslos nach anderem Urteil Gehorchenden. Diese Verhältnisse vererbten sich wie eine Krankheit von Generation zu Generation. So erklärt sich ganz natürlich der beschränktere Gesichtskreis der Frauen im Vergleich mit dem der Männerwelt. Inzwischen haben neue Umwälzungen die Frauen aus dem häuslichen Kreis wieder herausgerissen. Nickt so schnell wie die Umtvälzur.g sich vollzog, eroberte die Frau poli- tische und gesellschaftliche Rechte. Was jahrhundertelange Unter- drückung fest verankert hat, ist nicht im Handumdrehen zu bcseiti- gen. Ter Geist mutz erst nach und nach für die neuen Begriffe geweckt werden. Datz es gelingen wird, die Krau auf dieselbe geistige Höhe zu bringen als den Mann, dafür sind genügend An- zeichen und Tatsachen vorhanden. Naturgemätz werden die durch das unbarmherzige Schicksal in? Erwerbsleben hinausgestohenen Frauen sich zuerst als dem Mann vollständig ebenbürtig erweisen. Das ist auch eine Konse- quenz der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Sie fordert die Wieder- belebung der geistigen Betätigung der Frauen. Datz dabei gerade jetzt über die Minderwertigkeit der Frauen soviel geschwafelt wird, erklärt sich zuni Teil aus männlicher Äonkurrcnzfurcht und aus politischen Erwägungen. Ter denkende Arbeiter hat den Kampf gegen die Frau als Konkurrentin längst aufgegeben. Aber auch in den Kreisen der Bourgeoisie bekam die männliche Autorität längst einen Ritz, der immer grötzer wird, je mehr weibliche Per» sonen auf den Universitäten und den sonstigen Bildungsanstalten das Rüstzeug für eine entsprechende Existenz holen. Für die Ar- heiterin ist das wichtigste Mittel zum geistigen Aufstieg die Organi- sation. Wenn es in der Frage der Gleichberechtigung noch zu ge- ringen Meinungsverschiedenheiten kommt, so liegt das an den Um- ständen. Genau so wie die Frauen noch vieles ihnen Angeborene und Anerzogene abzustreifen baden, haben auch die Männer den „alten Adam" noch nicht vollständig ausgezogen. Die vollständige Gleichberechtigung erobert sich die Frau durch ruhiges und ziel- bewutztes Arbeiten in der Arbeiterbewegung. Allerdings, die Re- gierung und die herrschende Klasse werden alles daransetzen, die Rechtlosigkeit der Frauen zu einer dauernden Einrichtung zu machen. Dagegen haben die Frauen mit aller Macht anzukämpfen, alle Intelligenz aufzubieten, um der Reaktion zu zeigen, datz es mit der Geduld der Frauen zu Ende ist. Nur kämpfend werden die Frauen erreichen, was ihnen die herrschende Gesellschaft nie geben wird._ Der weibliche Postbeamte. Ter neue NeickshauL Haltetat enthält unter anderem auch rund 400 neue Stellen für weibliche A n g e st e l l t e im Post- und Telegraphendienst. Also auch hier rückt die weibliche Arbeitskraft immer mehr vor. Die Zahl der im staut- lichcn Post- und Tclegraphendienst beschäftigten weiblichen Per- sonen wird, wenn die neu vorgesehenen Stellen besetzt sind, rund 2 0 0 0 0 betragen: 1880 waren es erst 220. Beachtet muh dabei werden, datz bei den meisten dieser 20 000 weiblichen Poststelleu das Wörtchen„etatmätzig" fehlt. Nur rund ein Viertel gehören zu den Posten, die mit allen Rechten in bezug auf die Pensionierung usw. ausgestattet sind. Hierin drückt sich noch recht deutlich aus, datz auch im deutschen Staatsdienst die tveio- liehe Arbeitskraft ungeschützt ausgenutzt wird. Da die Kranken- ziffcr unter den weiblichen Angestellten höher ist als unter den männlichen, bestehen seit 1005 genaue Bestimmungen, die der Ge- fahr einer höheren Ausgabe in der„glücklichsten" Weise vorgebeugt haben. Am schlechtesten ist jetzt noch das Heer der Markenverkäufe- rinnen gestellt. Hier steigt die tägliche Vergütung bis zu ganzen 0,75 M.! Die Verkäuferinnen sind ohne jede Bcamtcncigenschaft angestellt._ Das Frauenstimmrecht in England. Man schreibt unS aus London: Parlamente erweisen sich in ihren Sterbestunden oft als fruchtbarer als während der ganzen Zeit ihres übrigen Lebens. Die Notwendigkeit für die Regierung, sich ohne Aufschub dem Volksgericht gegenüberzustellen, hat auch die Frage des Frouenwahlrechts um einen bedeutenden Schritt vorwärts- gebracht. Der Premierniinister Asgujlh hat auf eine Anfrage im llnterhause erklärt, datz die Regierung in der nächsten Session der sogenannten V e r s v h n u n g s v o r l a g e der SuffrageltcS zum Siege verhelfen werde, falls sie so abgeiagtsei, datz ein im d c m o- k r a t i s ch e n Sinne gehaltenes Amendement mögllch fei. Jene Vorlage wurde, wie erinnerlich, seinerzeit von Churchillund Llohd Georges mit der Vegründimg bekämpft, datz sie nicht demokratisch sei, und berechtigt war der Vorwurf jedenfalls, was auch die wirk- lichen Beweggründe dieser Minister gewesen sein mögen. Siegen also die Liberalen diesmal, dann wird eS mit dem Ausweichen und den Zweideutigkeiten ein Ende haben müssen. Seinen Ziveck hat das Versprechen allerdings nicht erreicht; die Suffragettes sind ebenso entschlossen wie bisher, die Regierung bei den Wahlen zu bs- kämpfen._ Hub aller Melt. JVIarrcnvergiftung durch JMargarüic. Innerhalb der letzten Tage sind in H a in b u r g- Altona und in der näheren und weiteren Umgebung eine ganze Reihe von Erkrankungsfällen angezeigt worden, die auf den Genusi von Margarine zurückzuführen sind. Die Zahl der Er- krankten hat bereits 150 überschritten und noch immer werden neue Erkrankungsfälle gemeldet. Von den erkrankten Personen sind bereits vier gestorben. Die Leichen sind von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden. Es handelt sich bei der vergifteten Margarme um eine neue Marke, die von der A l t o n a e r M a r g a r i n c f a b r i k Mohr u. Co. unter dem Namen„Backa" in den Handel ge- bracht worden ist. Die chemische Untersuchung der Margarine ist noch nicht abgeschlossen: es wird angenommen, datz der Krankheitserreger sich in einem neuen aus England ein- geführten Fettöl befindet. Wie verlautet, wurde das betreffende Ocl früher zur Seife nfabrikation verwendet._ Eine Leichenschändung. Der grotze Konzcrtredner Maximilian Harden hielt am Donnerstagabend im dichtgesüllten Sophiensaale in Wien einen Vortrag über Tolstoi. Als er dem Toten den Vorwurf machte, er sei reaktionär gewesen, ertönte von der Galerie der Zuruf: „Sie reden Unsinn." Hierauf entstand ein grotzer Tumult. Zahlreiche Personen verlietzen, entrüstet über die Beschimpfung Tolstois, unter Protest den Saal, so datz Harden seinen Vortrag erst nach einiger Zeit fortsetzen konnte. Das Hochwasser in Frankreich. Wie aus Nantes gemeldet wird, ist die Stadt an vielen Punklen infolge Hochwasser der Loire überschwemmt. In zahl- reichen Fabriken mutzte die Arbeit eingestellt werden. Tie Lage ist eine trostlose. Durch das Hochwasser der O r n e ist die Stadt E a e n und Umgegend überschlvemmt. Die Bergung der Bc- wohner aus den bclvohiitcu Häusern gestaltet sich sehr schwierig. In A n g e r s erreichte die Maine eine Höhe von 0,70 Metern, einen Stand, der seit dem Jahre 1711 nicht mehr er» reicht worden ist. Die Versorgung vieler Ortschaften mrt elektrischem Licht i st abgeschnitten. Ebenso hat der Stratzcn- bahn- und Eisenbahnverkehr in der vom Hochwasser betroffenen Gegend eine sehr erhebliche Beeinträchtigung erlitten. In Pari s macht sich durch die deschränkte Zufuhr von Lebensmitteln bereits ein gewisser Mangel bemerkbar. Da noch ei» weiteres Steigen des Hochwassers zu erwarten ist, wird die Lage in den nächsten Tagen sehr bedrohlich werden. * Auch Belgien hat unter Hochivasser sehr zu leiden. Tie Maas und ihre Nebenflüsse sind in den letzten Tagen bis zwei Meter über den Nor malwasser st and gestiegen. In Namur und Dunant stehen die Keller und teilweise auch Wohnungen längs der Ufer unter Wasser. Die Schiffahrt mutzte wegen der fiarkeu Strömung eingestellt werden. Kleine Notizen. Das Wunder von Reuengammr erloschen. Nachdem die Vor» bereitungsarbciten erledigt waren, gelang es gestern nachmittag der Hamburger Feuerwehr, die brennende E r d g a s f l a m m c in Neuengamme zu löschen und a b z n s ch l i e tz e n. Das Gas loird industriellen Zwecken dienstbar gemacht werden. Bei Lotscnarvciten crtruntcn. Am Donnerstagabend ertranken in Swinemünde nach dem Ausbringen zweier Dampfer der Lotse Daut scher und der Bootsführer I u h n k e durch Um- schlagen des mit vier Mann besetzten Bootes. Die anderen beiden Insassen konnten sich retten. Ein Opfer der Kälte. Einen elenden Tod hat der Kutscher Hermann aus Rathenow gefunden, der morgens auf einer Chaussee tot aufgefunden wurde. Die Untersuchung des Toten, von dem man annahm, datz er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei, hat als Todesursache Erfrieren ergeben. Wieder ein Bcrgwcrksnnglück. Aus dem Schacht I der Zeche „Dannenbaum" im Rheinland sind zwei Bergleute gestern von herabbrechendem Gestein getötet Wörde n. Zwei andere Bergleute, die mit verschüttet wurden, konnten gerettet werden. Ein Streik der Bäckermeister. Die ehrsamen Ääckermeister der französischen Ortschaft Villeneuve-sur-Lot haben den Betrieb ihrer Bäckereien eingestellt, weil der Ge- meinderat sich geweigert hat, eine Erhöhung der Brotpreisc zu be- willigen. Explosion einer Höllenmaschine. In einem Güterschuppen der Station Lt u m a ii o w o in der Türkei wurden durch Explosion einer Höllenmaschine fünf Arbeiter schwer verletzt. Man vermutet, datz die Explosion auf ein bulgarisches Attentat zurückzuführen ist. tre�ruvdet 1867 Zentrale and Versand: Jerasalemer Str. 38-39 Frledrtch-Strafie 75 Potsdamer Strafie 2 Tauentzien- Straße 19 a König-Straße 25-26 Schöneberg, Haopt-str. im Riadorf, Berg-Str. 25-26 Januar 1911: | Rosenthaler Str. 5 :. 3 ReidüDustnerter H«upt-Katalo j{ratia Preiswerte Herbst-Schuhwaren Nur erstklassige Fabrikate n Konkurrenzlos in Qualität und Passform Für Herren: Koia-Cbevreaa.Schnürstiefel mit Lack. kappe, moderne breiteFassoo, besonders preiswert Bozealf- Der by• Schnürstiefel mit oder ohne l ackkappe, in modeinen Formen, Rand gedoppelt, seht baltbar.............. Bozealf- und Chevreau-Schnürstief ei in allen modernen Fassons, konkurrenzlos in Qual. n. Ausfuhr., auch m. 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Hantitburcau: Hof l. Amt S. 1239. CharitistraSe 3. Hos lU. Amt 3. 1987. Montag, den S. Dezember I91O: KeÄrks- Versammlungen für die gesamte Verwaltungsstelle ßerlin in folgenden Lokalen: Horten und Tegel: ffirSÄ5' Vortrag des Kollegen Wisseil. NOrdBQ* obil�los f'eatsale> Schwedter Strafte 33, abends Genossenfchaitswefen und GewerkfchastSkamps. Ref.: Koll. A. Wusch ick. Norden: Frankes FestsUle, Badstr. 19, abends S'/z Uhr. NiONlill' Fraoktsaie htorck-HFest, Wiclefstrafte 3t, abend» 8-,. Uhr. Vortrag des Genossen R. und Arbeilerkonlrolle. > o l d t über: Moderne Fabrikorganlsatton Westen und SeMneberg: Osten und Lichtenberg: R""'" Stralau u. Rummelsburg: Südenbezirke: ISluÄWk""'' Berichterstattung vom Internationalen Metallarbeiter-Kongreß. Ref.: Kollege A. Cohen. Granniunn« F«ii>t«aie, Nnnnhnstr. 87, abends 8'/, Uhr. Vorwag. WaiRoncoo* Pcnkerts Bestanrant, Kouigchaufiee 38, CliJCUSeC. abends 81/, Uhr. DiTdnnf* Verelnsbraaerel, Hermannstr. 311/319, abends nllUUn. g'/a Uhr. 126/11 Charlottenburg: VolUslian«, Mostnenftr. 3, abend» S'/, Uhr. �ianUtw Restaurant Scbellhaee, Ahornstrafte 15», abends aiegmi. sv, uhr. Vortrag des Kollegen Bahn. Wenteku.kr!edrtebsbagen:�/.ÄA�o..,i«. strafte 71, abends 81/, Uhr.— Neuwahl der Beztrtsleitung. vnantjail' Bestanrant Vorwärts, Schönwaldcr Str. 80, opttllUKll. abends 8'/, Uhr. nktap-�pkonolltroitia' Bestanrant WVernleke, UUvr-abUvllv«vlUv. Wilhelminenhofstr. 18, abdS. 5'/, Uhr. Tagesordnung: Bericht von der letzten Generalversammlung. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Die OrtsTerwaltnng. üMuss* Schneiderei INr cleganto Herren-Hoden FertlB u. nach Mmi. Garantie fUr Udellosen Silz u. beste Verarbeite. Auf TeSizaiiiung Wochenrate von 1 M« J. Kurzberg tffrskt am II, Hsoksoh. Markt, L Laden u. 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Morgen, Sonntag, den 4. De- iMber, abends 6 Uhr. in Habels Brauereiausschauk, Bergmann- trotze S/7: Familienabcnd. Vortrag deS Genossen Piek. Nachher: Tanz. Eintrittskarten a 10 Pf. find bei den Bezirksführern zn haben. Der Abteilungsführer. Charlottcnburg. Heute, Sonnabend, abend veranstalten die 8. und 7, Gruppe Gruppenvergnügen im Volkshause. Die reichhaltigen Programms versprechen den Besuchern einen heiteren Abend. Anfang 8 Uhr. Der Vorstand. Biesdorf. Sonntag 3 Uhr: Flugblatt- und Broschürenverbreitung von Gustav Berlin, Marzahner Straße 24, aus. Die Bezirksleitung. FriedrichSfclde. Sonntag, den 4. Dezember, morgens 8 Uhr: Wichtige Flugblanverbreitung. Die Bezirksleitung. Fricdrichshagcn. Am Sonntag, den 4. Dezember, früh 8'/z Uhr. findet von den Bezirkslokalen aus eine Flugblattverbreitung statt. Rudow. Am Sonntag, den 4. Dezember, abends 6 Uhr: Mit- gliederverfanunlung bei Palm. Köpenicker Str. 81. ßerlitier JVadmcbten. Auf historischen Boden Alt-Berlins. Tis fetzt dem Abbruch bestimmten Häuser der Stralauer Strohe stehen zum grohen Teil auf Historischein Grund und Boden, speziell auf Gelände, das zuerst von Berlin bebaut worden ist. Unter anderen war das Haus Nr. 50 der Stralauer Ltrahe ein sehr altes Gebäude. Es gehörte in der katholischen Zeit dem Kloster zu Zinna, dessen Abt es ber seinem Aufenthalt in Berlin bewohnte. Nach der Reformation kam es an den AmtLhanptmann zu Jüterbog, von Klitzing, später an einen Bürger Korn und 1681 an den Hauptmann v. Britzke. Seitdem hat es vielfach den Besitzer gewechselt und war 1830 Eigentum des Butterhändlers Adlung. Tas Haus Nr. 56 stelzt auf der Stelle, an welcher sich bis 1685 die Kalkscheune des Berliner Magistrats befand. Im genannten Jahre muhte die Sclzcune auf Befehl des Kurfürsten abgebrochen und vor die Stadt verlegt werden. Ihren Platz bezeichnet die Kalk- schennengasse, nahe der Ziegelstrahe. Der gewonnene Platz wurde mit zwei Häusern, 56 und 57, besetzt, die von den Vür- gern Koppen, und dem Porzellanbrenner WoWeer errichtet wurden. Hinter der Kalkscheune lag der alte Stadthof, auf dessen Terrain später das Friedrichs-Hospital, nachher Waisen- haus, erbaut wurde. Dagegen befand sich neben dem er- wähnten Hanse Nr. 56 das Grundstück eines Färbers, Nr. 55, welches nach dem Besitzer noch im 18. Jahrhundert die„blaue Hand" genannt wurde. Im Stadthof hat sich in sehr alter Zeit jedensalls ein Gefängnis und eine Folterkanmrer bcfun- den und es geht auch die Sage, dah die berüchtigte„eiserne Jungfrau", die der Volksmund gern nach dem Grünen Hut im alten Schloß verlegt, hier im Stadthof in Wirksamkeit ge- Wesen sei. Ein Verzeichnis des Magistrats von 1717 führt diese Eiserne Jungfrau tatsächlich auf und es ist auch inöglich, daß fie in Berlin angewandt worden ist. Indessen hat sich bisher nichts Näheres darüber nachweisen lassen und man weih nicht einmal, zu welchen Zeiten dieses Werkzeug„inode" gewesen ist, denn auch auf dem Gebiete der Folter haben sich bekanntlich mannigfache Veränderungen im Lause der Jahrhunderte bemerkbar gemacht._ Sterngucker. Es ist Vollmond und sternklarer Himmel.— Weit reicht der Blick ja nicht inmitten der Häusermauern, aber so weiter reicht, ist nirgend» ein Wölkchen zu sehen; vorhin noch schwammen im Norden zwei winzige Federwolken, die wollten nach Süden hinüber, aber auch sie sind nun plötzlich fort— spurlos— zerflossen oder versunken... Von der lichtblauen Kuppel, an der langsam der Mand aufsteigt, rieselt milchiges Licht hernieder, dazwischen sprüht und blinkt und funkelt es von Myriaden von Sternen.... In den Anlagen des WittenbergplatzcS. abseits vom Wege. („Die Straße dient dem Verkehr"'. Jagolv.) steht eine selt- same Gruppe. Auf den ersten Blick ein Häuflein Menschen, aus deren Mitte ein langes Rohr schräg gen Himmel ragt. Vor dem Rohr aber stolziert ein Männlein auf und ab, macht einladende Handbcwegungen und wiederholt unaufhörlich mit einer gewissen komischen Würde: „Sternklarer Himmel... Nehmen Sie die Gelegenheit wahr, meine Herrschaften! Sie sehen durch dieses verstellbare hochprima Zeih-Fernrohr(mit einer Bewegung nach oben) unseren ständigen treuen Trabanten— den Mond—, den berühmten Wunderplancten Saturn, genannt„der Stern mit den Ringen"— mit den Fenerringen—; des ferneren auf besonderen Wunsch und gegen eine einmalige Nachzahlung von zehn Pfennig(Kinder und Soldaten die Hälfte) unseren Nachbarplaneten Mars, zu dem der amerikanische Luftschiffer Wellmann demnächst auffliegen wird— bestimmt auffliegen wird— ja... sehen Sie sich diesen Planeten deshalb recht- zeitig an... wie?... jawohl!— ich bitte sehr, meine Herrschaften!" Die meisten Paffanten, wohlhabende Bürger des Westens, gehen achtlos an dem hochprima Fernrohr vorüber.— wenn es sie lockt. Astronomie zu treiben, so fahren Sie eben zur Sternwarte hinaus; andere aber, zumeist kleine Handwerker und Arbeiter, bleiben stehen, überlegen und treten schließlich heran, bereit für einen Ausflug zum Mond oder zum„Wunder- Planeten Saturn" ihren Obulus zu opfern. Allmählich gibt es ein regelrechtes Gedränge. „Immer der Reihe nach, meine Herrschaften," sagt das Männlein,„immer der Reihe nach.." Vor dem Fernrohr ordnen sich die Reihen. Allzulange währt der Ausflug zum Saturn und zum Mond allerdings nicht, denn das Männlein ist auf seinen Profit bedacht, was es damit begründet, daß„der Mond ja bald wieder weggeht" und die Hintcnstehenden„wollen auch noch was sehen". Immerhin hat man Zeit, Krater und Höhenzüge des Mondes ein Weilchen zu betrachten und der Phantasie Lauf zu lassen. Im übrigen aber ist das Warten so schlimm nicht, denn wer Sinn für Humor hat, amüsiert sich köstlich,— besser(und billiger I) als in manchem Berliner Theater. Um die Zeit zu kürzen, werden Gespräche angeknüpft, Witze gerissen und alle möglichen Fragen an die Sterngucker gerichtet. Die meisten anttvorten nur mit Knurren, denn sie gehen ganz in der Beobachtung auf, bann aber kommt ein Witzbold an den Apparat, der erzählt, berichtet und unterhält die ganze Gesellschaft. „Am Eingang zum Mars patrouillieren zwei preußische Schutzleute..."„Die billigeren Fleischpreise stehen noch immer— in den Sternen..." Das alles wird eifrig die Reihe entlang kolportiert und weckt Schmunzeln und Lachen. „Wie—? Was hat er gesagt?" Lärm und Gelächter. Der Witzbold will noch was entdeckt haben. „Er sagt," berichtet der Lordermann, es tut ihm leid. sagt er, aber es scheine, die preußische Wahlreform--" Oho—o r Ja. die Wahlrcform liege— im Monde „Na, da irrt er aber gewaltig!" „Und selbst»venu sie da wäre." sagt ein junger Arbeiter, „na. da käme sie eben'runter! Keine Sorge, dafür werden wir schon sorgen!.. Neue Sterngucker. Neue Gespräche, neue Witze. Die Kette der Wartenden wird länger. Nach wie vor aber stolziert das Männlein vor der Gruppe aus und ab, weist gen Himmel, macht einladende Handbewegnngen und erklärt begeistert: „O oh, sternklarer Himmel!... Sic sehen hier unseren treuen Trabanten— den Mond—, den Wunder- Planeten Saturn, genannt„der Stern mit den Ringen"— mit den Feuerringen—; des ferneren gegen einmalige Nach- zahlung von 10 Pfennigen(Kinder und Soldaten die Hälfte) den„ersten Stern", unseren Nachbarplaneten Mars, zu dein Wellmann demnächst auffliegen wird— bestimmt auffliegen ivird— wie...? jalvohl,— hier... ich bitte sehr, meine Herrschaften..._ Zwangsverband Grosz-Berlm. Wie die„Vossische Zeitung" berichtet, finden seit einiger Zeit im Ministerium des Innern Verhandlungen mit Vertretern einer Reihe Gemeindeverwaltungen von Groß-Berlin über die Bildung eines Zwangsverbandes statt. Zu Grunde liegt den Beratungen ein im Ministerium ausgearbeiteter Gesetzentwurf be° treffend die Vereinigung der Stadt Berlin und der benachbarten Kommunalverbände zur ge. meinsch östlichen Wahrnehmung kommunaler Angelegenheiten. Der Verband soll zuständig sein für 1. die Regelung deö Verhältnisses zu den öffentlichen Personen- transportanstalten(Konzessionierung, Linienführung, Erwerb, Tarife u. dergl.); 2. die Festsetzung des Bebauungsplanes und die gutachtliche Mitwirkung bei Erlaß einer Bauordnung für das Gesamtgcbiet des Verbandes; 3. die Erwerbung, Ausgestaltung und Erhaltung größerer, von der Bebauung freizuhaltender Flächen(Wälder, Wiesen, Parks, Schmuck-, Spiel-, Sportplätze usw.). Die Verbandsversammlung, die beschließende Körperschaft soll hundert Mitglieder zählen; den Vorsitz soll der Oberbürgermeister von Berlin führen. Der Anteil an der Versammlung bestimmt sich nach der Einwohnerzahl der einzelnen Gemeinden; indessen seil Berlin nur ein Drittel der Gesamtstimmenzahl erhalten. Neben der Verbandsversammlung soll ein Ausschuß gebildet werden zur Führung der Geschäfte. Für Beschlüsse über den Erwerb von Vahnunternehmungen, umfassende Bauten und ähnliche Maßregeln ist eine Zweidrittel- Mehrheit vorgesehen. Bei Einbringung von Vermögenswerten, beispielsweise Bahn- Unternehmungen, in den Verband sollen Streitigkeiten über die Höhe der Entschädigung in letzter Instanz vom Oberverwaltungs- gericht entschieden werden. Auf der Stadtbahnstation Hcrmannstraße in Rixdorf haben sich in den frühen Morgenstunden Zustände herausgebildet, die aller Beschreibung spotten. Die Züge sind so überfüllt, daß viele Arbeiter entweder nicht mitkommen oder aber bei dem Gedränge und bei dem Kampf um einen Platz vielfach ihr Leben ausS Spiel setzen. Tolle Szenen spielen sich oft um 6 Uhr 33 Min. morgens ab, wenn der Vollring abfahren soll. Die Beförderung ist nicht nur eine un- vollkommene, sondern auch eine menschenunwürdige. Auch die Ar- beiter haben ein Recht, für ihr Geld korrekt befördert zu werden. Der Eisenbahnverwaltung kann der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie diesen Zuständen tatenlos zusieht, denn es ist nicht das erste Mal. daß über unzulängliche Beförderung von der Station Hermami- stratze geklagt wird. Sollen erst Personen zum Krüppel gefahren werden, ehe eine Aenderung dieses unerhörten Zustandes eintritt? Eine neue Automobil- OumibuSlinie eröffnet die Allgemeine OinnibuS-Gesellschaft am nächsten Moinag, den S. Dezember. Sie erhält die Bezeichnung 24 Görlitzer Bahnhof— Stctliner Bahnhof. Die Linie gebt durch die Wiener und Orauienstratze, Heinrich- und Oranienplatz. Moritzplatz. Prinzen-, Neander-, Brücken-, Alcxandcr- straße, Alcxanderplatz, Münz-, Weinmeister-, Gips-, August-, Kleine Hamburger, Garten- und Jnvalidenstraße. Die Wagen verkehren alle 6 Mimiten. Der erste Wagen geht werktags vom Gö- litzer Bahnhof b.tä, vom Stettiner Bahnhof 6.11. Die letzten Wagen gehen 12.62 und 12.49. Sonntags dauert der Betrieb von beiden Endpunkten von 7.99 früh bis 1.4t nachts. Die ganze Strecke kostet 15 Pf., auf den» Deck 19 Pf. Teilstrecken zu 19 Pf. sind Görlitzcr Bahnhof— Holzmarktstraße. Heinriwplatz— Alexanderplatz, Orauien- platz— Kaiicr-Wilhelin-Siraße, Moritzplatz— Noscnlhaler Straße, Köpe- nicker Straße— Eljasier Straße. Berechtigten Unwillen rief ein Vorgang hervor, der UNS von einen, Augenzeugen so geschildert wird: Am Mittwochabend wurde von Arbeiter» in der Nähe des Domes ein junger Mann aus der Spree gezogen, der in der Absicht, sich das Leben zu nehmen, soeben ins Wasser gesprungen war. Man rief nacki einem Scknitzmann. Ein Beamter der Strompolizei kam hinzu. Der dem Wasser eilt- zogcne Lebensmüde stand schon wieder auf den» Trockenen. Da sagte der Swutzmann zu ihm:.Warum bist Du nicht bei der Schleuse hineingespiuiigen. da hätte Dich niemand heraus- geholt". Als der junge Mann die Landungstreppe hinauf- geführt wurde und dabei schwankte, rief'hm der Schutzmann zu:„Wenn Du nochmal veriuchst, wieder ins Wasser zu springen, dann haue ich Dir eins hinter die Obren," Dies Wer- halten des Schutzmanns erregte Unwillen bei dem Pilblikum, welches sich inzlvischen angesammelt hatte. Jemand ans dem Publikum rief dem Beamten die treffende Bemerkung zu:„In Moabit gibt sich die Polizei seit drei Wochen Mühe, nachzilweiseii. daß sie nicht ichlägt, wenn sie nicht schwer angegriffen wird, und hier bietet ein Polizei- beamter einem hilflosen Meit'chen Schläge an."— Der Schiitzinann antwortete nicht auf dicie Kritik seine» Verhaltens. Hoffentlich hat er ciiigesehen, daß sie berechtigt ist. Auf der Brandstätte in der Köpenicker Forst hat die Situation sich wenig verändert. Die Berliner Feuerwehr ist noch unansgesetzt mit 3 Dampfspritzen und der Pittlerpumpe tälig. Aus dem Tank VI sind bis jetzt 17 999 Liter Benzin abgezapft worden. Man hat aber diese Arbeit wieder einstellen müssen, da das Benzin zu heiß und die Geiahr somit zu groß war. Sehr gefährdet sind nach wie vor die Tanks in und IV. Aus der Potsdamer Gesellschaft berichtet eine Korrespondenz: „Ein unliebsames Vorkommnis bei dem Bazar, den das Prinzen- paar August Wilhelm vor einigen Tagen in Potsdam veranstaltete und bei dem auch zahlreiche Damen und Herren der ersten Ge- sellschastskreise aus Berlin anwesend waren, beschäftigt zurzeit die Potsdamer Gesellschaft. Einer Teilnehmerin des Bazars ist eine Boa im Werte von 699 M. abhanden gekommen. Das Schmuck- (tück»st spurlos verschwunden. Die Nachforschungen, die man tu- zwischen angestellt hat, sind ergebnislos gewesen. Man will immer noch nicht recht daran glauben, daß eine böswillige Absicht im Spiele ist und hofft, daß nur eine Verwechselung vorliegt. Es ist jetzt noch- mals ein dringlicher Appell an alle Besucherinnen des BazarS gerichtet worden, das geeignete zu tun, um die Sache aufzuklären. Wem» das nicht Erfolg hat, muß die Kriminalpolizei die Sachs weiter verfolgen." Zur Flucht des Direktors a. D. Karl Wahl aus der Dn, Weiler fchen Privatirrcnanstalt in Westend werden uns noch dia folgenden Angaben gemacht: Aus Briefen der Gattin des Ent- flohenen, welche am 6. Oktober 1319, ein halbes Jahr nach der unter ihrer Beihilfe bewirkten Jnternierung des Ehemannes Selbstmord durch Vergiften und Erschießen verübte, geht klar hervor, daß der Selbstmord aus Ge-wissensblssen erfolgte. Nebenbei hat sich die Ehefrau auch in der Hoffnung, die Verniögensverwal- tung in eigene Hände zu bekommen, bitter getäuscht gesehen. Be-- kaninlich wird nach der psychiatrischen„Wissenschaft" zeder Selbstmörder und sogar jeder Selbstmoedkandidat als Geisteskranker be- trachtet. Als die Ehefrau ihren Mann brieflich für„nicht mehr" geisteskrank erklärte und ihn wieder heraus haben wollte aus der Weiler'schen Anstalt, widersprachen die Anstaltsärzte in Westend, wo für Wahl nach Vereinbarung mit dem Vormund, wie aus de» Akten hervorgeht, ein Pensionspreis von jährlich 8999 Mark bezahlt worden istll Der Jnternierung war eine höchst charak- teristische Szene voraufgegangen. Direktor Wahl war passionierter Sportsman und u. a. Mitglied der Versuchsanstalt für Handfener» Waffen. In dieser Eigenschaft besaß er zu Hause eine ganze An- zahl Pistole», Revolver und Gewehre. Während er eines Tages gewohnheitsmäßig ein Gewehr nachsah, schrie die Ehefrau plötzlich laut auf, alarmierte das Gesinde und erklärte, daß ihr Ehemann sie erschießen wolle. So war vor„Zeugen", wie sie ja leider jedem modernen Psychiater und der Polizei genügen, der erwünschte Grund zur„Gemeingefährlichkeit" und damit zur Jnternierung gefunden. In der Weiler'schen Anstalt wurde Wahl äußerst ab- geschlossen gehalten. Niemand außer den allernächsten Verwandten fand Zutritt ohne Genehmigung des Vormundes. Zudem wurde die Nennung deS Namens de» Vormundes verweigert. Selbst Dr. Ehrenfried als prozcßbevollmächtigter Anwalt Wahls mußte sich die Zulassung zu seinem Klienten, den er in Begleitung eines bekannten Berliner Nervenarztes aufsuchte, erst erkämpfen. Dem zuständigen Vormundschaftsrichter in Charlottcnburg ist Mitte November von dein genannten Rechtsanwalt sowie von dem Redakteur der Zeitschrift„Jrrenrechtsreform" die feste Zusicherung gegeben worden, daß man die Befreiung Wahls aus einer Anstalt, wo er mit der Zeit wirklich geisteskrank werden könne, nur auf durchaus legalem Wege zu erreichen wünsche. Wie die Befreiung aus der geschlossenen Anstalt bewerkstelligt worden ist, entzieht sich vorläufig der Erörterung. Direktor Wahl befindet sich heute im Auslande. Die Gerichtsverhandlungen dürften nähere Aufschlüsse in der ganzen Angelegenheit geben. EinbnichSdiebstahl im städtischen Nmienamt. Gestern früh 4 Nhr ist im städtischen Armenamt in der Turmstr. 39 ein Einbruch ver- übt worden. Das Armenamt liegt im ersten Stock, der Spitzbnbe ist mit einer Leiter vom Hof aus. nach dem Eindrücken des Fensters, in die Räume eingestiegen. Er hat dann drei Pulle erbrochen und stark beschädigt. Dabei fielen dem Einbrecher 1699 M. in Wert- papieren und 166 M. in barem Gelbe in die Hände. 49 M.. die sich außerdem noch in dem Pult befanden, hat der Dieb übersehen. Der Pförtner, der über dem Armenamt wohnt, wurde durch daS Geräusch wach und benachrichtigte die Polizei. Der Dieb konnte noch auf der Flucht ergriffe» werden. Er entpuppte sich auf der Wache als ein schon mit 8 Jahren vorbestrafter Schlosser Ratzinann aus der Perleberger Straße 4. Die Beute wurde»och bei dem Einbrecher vorgefunden. Einen Unfall hat Donnerstag abend der frühere Reichstags» abgeordnete Graf Arnim zu Wuskau erlitten. Der Graf wollte gegen 7 Uhr bor dem Hause Grolmannstr. 38, Ecke des Kur» fürstendamines, die Straße überschreiten und bemerkte nicht, daß ettva drei Meter vor ihm der Motorwagen 1684 der Straßenbahn». linie 99 in der Richtung nach Charlottenburg herannahte. Der Führer des Bahmvagenö sah die Gefahr, in der sich der alte Herr befand, gab sofort WarnungSsignal und bremste. Trotz alledem. bei der nahen Distanz konnte das Gefährt nicht rechtzeitig zum Stehen gebracht werden, und wohl durch das Warnungssignal über- rascht und erschreckt, blieb der Graf aus dem Gleis stehen, wiewohl er mit zwei Schritten aus jeder Gefahr gewesen wäre. Er wurde umgestoßen und geriet mit dem rechten Arm und rechten Bein unter den Schutzrahmcn des Vorderperrons. Mittels mitgeführter Winden wurde der Verunglückte von den Straßcubahnbeamten aus seiner gefährlichen Lage befreit, so daß die vom Publikum alarmierte Osttvache der Charlottenburger Feuerwehr nicht mehr in Tätigkeit zu treten brauchte. Der Graf, der die erste Hilfe auf der Unfallstation am Zoologischen Garten erhielt, wurde nach der Privatkliuik des Professors Israel. Augsburger Straße 69, gebracht, tvo festgestellt tvurde, daß Graf v. Muskau eine schwere Gehirn- erschütterung sowie Verletzungen am rechten Arm und am rechten Bein erlitten hatte. Das Befinden des greisen Patienten hat sich im Laufe des gestrigen Vormittags ein wenig gebessert, doch besteht noch immer Lebensgefahr. Ein schwerer Antomobiluufall rcignete sich am gestrigen Nach- mittag in der Kolonieslraße. Als gegen'/xll Uhr mittags die Kinder aus der dort belegenen Gcmeiudeichule aus die Straße hinaus« strömten, kam die Autodroschke 9902 im ichärssten Tempo heran» gefahren und saufte mitten in die Kinderschar hinein. Die Kleinen stoben schreiend auseinander und e» gelang drei von ihnen noch kurz vor dem Fahrzeug den rettenden Bürgcrsteig zu gewinnen. Die acht- jährige Gertrud Werner, Exerzierstr. 16 wohiihafr, vermochte sich jedoch nicht mehr zu retten und geriet unter de» Kraftwagen, dessen Räder der Kleinen über den Unterleib hinweggingen. In hoffnungslosem Zustande wurde das Kind nach dem Krankenhause in der Lteinicken- dorser Straße übergeführt. Ein zweiter Unfall ereignete stch vor der Gemcindeschnke in der Marltstraße zu Lichtenberg. Dort fuhr die Krasidroschke 7429 in eine Schar spielender Jungen hinein und schleuderte de» zehnjährigen Walter L.. Badstr. 19 wohnhaft, gegen den Bürgersteig, so daß er eine Gehirnerschütterung erlitt. Die Schuld trifft nach Zeugenaussagen in beiden Fällen die Chauffeure. Aus der besten der Welten. Wegen Arbeitslosigkeit Selbstmord verübt hat der Tischler Richter aus der Cuvrystraße. R. war schon längere Zeit ohne Lcschäftignng und da er befürchtete, er werde so- bald nicht wieder Arbeit erhalten, zog er es vor, sich da» Leben zu nehme». Er erhängte sich am Hcldekampwcg am Treptower Park an einem Baum. Ein Handtaschenräuber ist gestern abend in ber Corneliusstraße aufgetreten. Er entriß einer Frau Charlotte F. vom Alexanderufer ihre braune Krokodilledcrtasche und lief mit der Beute nach dem Tiergarten zu davon. Der Räuber wurde zwar noch Verfolgs ent« kam jedoch unerkannt. KIlideSmord. D!e Leiche eine? neugeborenen Knaben wurde gestern von einem Arbeiter in, Luisenstädtischen Kanal gefliiiden, vor dem Hause Elisabethufer S/S gelandel und nach dem Slbauhanse ge« bracht. Sie war nnverhiillt. Vielleicht ist eine Papierhülle im Wasser herabgefallen. Spuren äußerer Gewalt sind an der kleinen Leiche nicht sichtbar.__ Vorort- Nacbricbtem Tbarlottentnirg. Ein gewaltiger Dachstuhlbrand, wobei ein Brandinspektor und vier Feuerwehrleute verletzt wurden, wütete in der letzten Nacht in der Windicheidstraße 20 am Stuttgarter Platz. Als die Gefahr von einem gegenüberliegenden Hause gegen 10 Uhr abends bemerkt wurde, schlugen aus dem Dachgeschoß schon an vcr- schiedenen Stellen Flammen vermischt mir Rauch hervor. Aus mehrfachen Alarm rückte bald die gesamte Charlottenburger Feuer- wehr unter Führung des Branddirektors Bahrdt an. Da das Feuer bereits den ganzen mittleren Teil vom Dachstuhl des Vorderhauses ergriffen hatte, ließ der Branddirektor sofort zwei Dampfspritzen in Tätigkeit treten. Der Löschangrist erfolgte von der Windscheidstraße und vom Stuttgarter Platz aus. Als eine Abteilung die eiserne Bodentür an der Wiudscheid- straße gewaltsam öffnete, bildete sich im Bodenraum eine scharfe Stichflamnie, die bis zu der Bodentür am Stuttgarter Platz durch« schlug, wo eine andere Löschabteilung Posten gesaßt hatte. Die Stichflamme traf den Brandinspektor v. Leupoldt, zwei Oberfeuer- leute und zwei Feuermänner, die sämtlich Verletzungen im Gesicht erlitten. Die Ablöschung der Flammen erfolgte mit sechs Schlauch- leitungen. Da auch über eine mechanische Leiter wirksam gegen das verheerende Element vorgegangen werden konnte, so blieb das Feuer ackf den Dachstuhl des Vorderhauses beschränkt. Gegen Mitternacht war die Gefahr beseitigt, doch zogen sich die AufräumnngSarbeiten bis 3 Uhr morgens hin. Schöneberg. Das Ergebnis der zur Beratung der Frage einer Arbeitslosen« Versicherung eingesetzten Kommission liegt nunmehr in zwei Eni- würfen vor, die von dem hiesigen Magistrat ausgearbeitet worden find. In der einen Ordnung wird die Ausführung von Notstands- arbeilen geregelt, während der zweite Entwurf die Selbstversicherung der Arbeiter und Angestellten, sowie die Selbsthilfe einzelner durch Einlegung von Spargeldern bei der Schöneberger städtischen Spar« käste behandelt. Die prinzipielle Frage, ob für Schöneberg die Einführung einer Arbeitslosenunterstützung sich empfiehlt, ist für die städtischen Körperschaften von großer Bedeutung, denn Schöneberg würde die erste unter den Gemeinden Groß-BerlinS sein. die die seit langem theoretisch erörterte Materie in die Wirklichkeit umsetzt. Der Mogistrat ist nach eingehender Prüfung zu dem Ent- schlug gelangt, daß von einer Bereitstellung von Mitteln für Not- standsarbeiten künftighin abzusehen, dagegen eine Förderung der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit zu empfehlen sei. Die Magistrats- Vorlage sieht zwei verschiedene Arten der Unterstützung Arbeitsloser vor. Nach der ersten Form, dem sogenannten Genter System, hat die Stadt einen Zuschuß an die BersichcrungSkassen der Ver- einigungen von Arbeitern und Angestellten zu zahlen. Nach der zweiten Form ist ein Zuschuß an die einzelnen Personen abzuführen. die aus irgendeinem Grunde einem Versicherungsverein oder einer Organisation nicht angehören, aber bei der städtischen Sparkasse über Spargelder verfügen. In beiden Fällen wird den Arbeitslosen nur Geld geboten: für die einpfangenen Zuwendungen haben fie keinerlei Arbeiten zu leisten. WahlvereluSversammlung. Der vorgesehene Vortrag über.Die politische Lage" mußte wegen Nichterscheinens des Referenten aus- fallen. Tie Versammlung beschäftigte sich dafür mit organisatorischen und politischen Fragen.— Wie schon früher, so werden auch in diesem Jahre empfehlenswerte I u g e n d s ch r i f t e n und Klassiker im Grosserschen Tunnel ausgestellt werden, und zwar in den Abend- stunden des 4.. lv., 11,, 17., 18., 20., 21. und 22. Dezember.— Die Versammlung des Wahlvereins und der Frauen-Zahlabend fallen im Dezember auS, dagegen wird am 0. Januar ein gemeinsamer Zahlabend der Frauen abgehalten werden.— Am 27. Dezember <3. Feiertag) veranstalten die Genossinnen in den„Neuen RathauS- fälen" ein Weihnachtsvergnügen, das in seinem Programm u. a. auch eine Kitidei Vorstellung enthält und durch den mäßigen Eintritts- preis von 30 Pf.(Tanz 30 Pf.) den Besuch von Eltern und Kindern ermöglichen wird.— Die Ausführung dcS Theaterstücks„Kasernen- lufr hat solchen Anklang gefunden, daß für Mitte Januar nächsten Jahres eine zweite Aufführung in Aussicht genommen ist. Anstell nz von Schulärzten im Hauptamt. Der Magistrat hat beschlossen, am 1. April 1011 an Stelle der jetzt nebenamtlich be- schästigten sieben Schulärzte zwei Schulärzte im Hauptanrt an- zustellen, die als höhere Beamte gelten und ein Gehalt von 3000 M. beziehen. Die Anstellung ist zunächst ans eine Dauer von 6 Jahren in Aussicht genommen. Den jetzigen sieben Schulärzten und den Assistenten der Tuberkulose-Fürsorgestelle und der Sänglings-Fürsorge« stelle soll am 1. April 1011 gekündigt werden. Zunächst wird sich die Stadtverordnetenversammlung damit zu beschäftigen haben. Rixdorf. Die Bergewaltigting der Arteiterjugend durch die Polizei oder die Auflösung der Freien Jugendorganisation Rixdorf- Britz, lautet das Thema, über das am Sonntag, den 4. Dezember, iniltags 12 Uhr, in der„Neuen Welt', Hasenheide, in einer großen Prote st Versammlung Neichötagsabgeordneter Eichhorn sprechen wird. ES wird auf Massenbesuch gerechnet. Unter die Röder deS Krankcnautomobils geriet vorgestern nach' mittag der neun Jahre alte Sohn Marlin des Gastwirtes FabriciuS aus der Kaifer-Friedrich-Str. 248, als er de» Danmi überschreiten wollte. Der Knabe erlitt einen schweren Schädelbruch und wurde von seinem Vater gleich zu einem Arzt und von dort nach dem städtischen Kraiikeiihalise in Buckow gebracht, wo er sehr bedenklich daniederliegt. Nach Aussage des Vaters des Verunglückten soll der Führer de« städtischen KcaukenauloinobilS auf der falschen'Straßen- seile gefahren sein. Deshalb soll auch der Knabe den Wagen über- sehen haben. Der Umtausch der alten Straßeniahnabonucmcntökarten gegen neue kann von jetzt an bis zun, 23. Dezember im Warenhaus Joseph u. Co., Berliner Straße, vorgenommen werden. Plötzlicher Tod. Der 47 Jahre alte VerstcherungSbeamte Alfred Rode aus der Lichlenrader Str. S8 kam gestern morgen um 8'/z llhr in die Gastwirtschaft von Kaczmarek an der Ecke der Mahlower und Fontanestraße und bestellte eine Tasse Kaffee. Während die Wirtin diesen in der Küche zurechtmachte, hörte sie in der Gaststube plötzlich ein starkes Gepolter. Sie eilte hin und fand den Gast regungslos am Boden liegen. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende ge- macht. Die Polizei beschlagnahmte die Leiche und ließ sie nach dem Schauhause bringen. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Die Sitzung begann nach Er- ledigung verschiedener eingegangenen Schreiben mit der Beratung einiger Etats. Zunächst der Schlachthofkassenctat. der in Einnahme und Ausgabe mit 130 000 M. balanziert. Hierbei stellte sich heraus, daß der Erat ein Defizit von 27 000 M. aufweist, das entstanden ist durch den Rückgang der Schlachtungen und aus dem 83 000 M. betragenden Reservefonds gedeckt werden soll.� Es wurde hierbei auch die Frage angeschnitten, woher denn der Rückgang und das Defizit komme. Der Oberbürgermeister Koeltze und ver Stadtverordnete Schlächtermeister Schaub führten den Rückgang auf das Freiziigigkeitsgesetz zurück, wonach auswärts geschlachtetes und hier eingeführtes Fleisch nicht mehr nachuntersucht werden braucht. Ferner wurde die Schuld auf das Warenhaus, auf die Wochenmärkte und auf den Militärfiskus, der die Lieferung nach Berlin vergeben, geschoben. Keinem der Stadtverordnelen siel es ein, die Frage zu prüfen, ob denn nicht etwa infolge der Grenz- sperren, überhaupt der ganz verkehrten Zollgesetzgebung, eine der- artige Verteuerung des Fleisches hervorgeufen woden ist, daß ein großer Teil der Einwohner auf den Fleischgenuß verzichten oder den- selben wesentlich einschränken mutz. Der Etat wurde in der an- gegebenen Höhe festgesetzt. Beim Straßenreinigungsetat, der eine Einnahme von hl 192 M. und eine Ausgabe von 51 192 M. aufweist, wurde vom Oberbürgermeister bekannt gegeben, daß der städtische Zuschuß diesmal über 100 000 M. betragen werde. Er mußte zu- gestehen, daß dies daher komme, weil man die Reinigung der Straßen, welche früher den Hausbesitzern obgelegen, auf Stadt- kosten übernommen habe. Ans der Rede des Oberbürgermeisters klang deutlich das Bedauern über diesen damaligen Beschluß, den natürlich die Hausbesitzer durchgedrückt, trotzdem ihn die Sozial- dcmokraten bekämpften, heraus. Der Etat wurde in der oben- genannten Höhe festgesetzt. Der Friedhofsetat weist eine Einnahme von 11708 M. und eine Ausgabe von 1825 M. aus. Von einer Aerbilligung der Friedhofsgebühren oder von einer Vereinfachung der BeerdigungZformalitäten war diesmal keine Rede. Das einzige, was der Genosse Pieper durchdrückte, war eine Verbesserung des Waldweges durch die Kisseln und die Aufstellung eines Unter- kunftsraumes für auf dem Friedhof beschäftigte Handwerker. Als unser Redner in seinem Schlußwort als Referent nach dem Ver- bleib seines Antrages, die Redehalle auch der freien Gemeinde zur Verfügung zu stellen, fragte, wurde ihm diese Frage vom Vor- steher als unzulässig im Schlußwort abgeschnitten. Der Etat wurde genehmigt.— Für den Ausbau deS TiefwerderwcgeS wurden 56 000 M., für die Herstellung einer Entwässerungsanlage in Hasel» Horst 192 000 M. bewilligt.— Trotz des heftigen Protestes des Ge- nassen Pieper und des Stadtverordneten Tietze erklärte sich die Versammlung damit einverstanden, daß die Arbeiter wachen- karten bei der Straßenbahn nur an einheimische Arbeiter und nicht auch an die Arbeiter von Pichelsdorf, Tiefwerder und Amalienhos abgegeben werden.— Vom Magistrat war die Vorlage eingebracht, jedem der hiesigen Kriegsveteranen ein Ehrengeschenk von ganzen 10 M. zu machen. Es handelt sich um zirka 500 Vete- ranen. Die Vorlage wurde nochmals zurückgegeben.— Die Versammlung sollte sich serner damit einverstairden erklären, daß die Maurer- und Putzerarbeiten beim Rathausneubau nicht der mindest- fordernden Firma Burchardt in Lichterfelde, sondern der nächst- fordernden, über 5000 M. teueren, Firma Mcrkowia. Spandau, über- tragen werden. Besonders interessant wird die Sache noch dadurch, daß zwei Ausschreibungen stattgefunden haben. Die erste wurde wegen eines Formfehlers für ungültig erklärt. Hier war auch die Firma Burchardt die billigste. Der Inhaber der Firma Makowka ist Stadtverordneter und Mitglied der Baudeputation. Er wohnte der Oeffnung der Offerten, trotzdem er selber eine solche abgegeben, in seiner Eigenschaft als Mitglied bei und wirkte auch wohl mit. daß die erste Ausschreibung für ungültig erklärt wurde. Bei der zweiten Ausschreibung ging er dann mit dem Preise herunter, kam aber doch nicht unter die Firma Burchardt. Von verschiedenen bürgerlichen Stadtverordneten wurde hervorgehoben, daß es auch im Interesse der hiesigen Arbeiter läge, wenn ein hiesiger Unter» nehmer die Arbeit erhalte. Wie aber gerade dieser Firmeninhaber Stadtverordneter Makowka die hiesigen Arbeiter berücksichtigt, das hat man bei der Abtragung der Festungsivälle gesehen. Lauter auswärtige Arbeiter, ja sogar Frauen wurden zu niedrigen Lohn- sähen eingestellt und die Spandauer Arbeiter und Arbeitslosen konnten zusehen, wie die polnischen und ruthenischen Frauen den Sand abkarrten. Ein Antrag des Genossen Pieper, zu be- schließen, daß bei Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern der Bau nicht ruhen dürfe, wurde abgelehnt. Trotz eines eingegangenen schriftlichen Protestes der Firma Burchardt stimmte die Versammlung der Vorlage zu und schanzte ihrem Kollegen Makowka die Arbeit'zu. Als nach Annahme der Vorlage der Stadtverordnete Makowka wieder in dem Saal erschien, wurde er von seinem Kollegen Diedrich mit sanftem Händedruck beglück- wünscht.— Der KrankenhauSetat balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 313 461,37 M., der des Siechenhauses mit 17Ä3,25 M. Der Tarif wurde nicht geändert und der Etat genehmigt.— Auch der Armenkassenetat wurde obne jede Debatte in Einnahme und Ausgabe mit 230 000 M. festgesetzt.— Beim Kanalisationsetat versuchte der Vorsitzende des Grundbesitzervcreins, Stadtverordneter S i e f e r t, indem er ein großes Klagelied über die armen Grund» besitzer anstimmte, eine Herabsetzung der Gebühr von 2� au� 2Vi Proz. des Nutzungswertes herbeizuführen. Es gelang ihm dieS zwar noch nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Nach seinen Andeutungen steht zu erwarten, daß die Grundbesitzer auch die Kanalisationsgebühr auf die Allgemeinheit abwälzen wollen. Der Etat wurde in Einnahme und Ausgabe mit 434 000 M. fest- gesetzt.— Der Wasserwerksetat balanziert. mit 640 000 M. in Ein- nähme und Ausgabe und wurde in dieser Höhe festgesetzt.— Der Sparkassenetat wurde mit 50 200 M. festgesetzt. Die Delegicrtenwahlcn für die Allgemeine Ortskrankenkasse fanden am Mittwochabend im Restaurant Krause. Schönwalder Straße 2. statt. Es waren zu wäblen 41 Delegierte und 41 Stellvertreter der Arbeitgeber und 83 Delegierte sowie 83 Stellvertreter der Arbeit- nehmer. Die Wahlbeteiligung der Arbeitgeber war für diese eine wahr- Haft beschämende. Von etwa 800 in Frage kommenden Wählern waren außer den drei Vorstandsmitgliedern ganze zwei Mann er- schienen. Darunter befand sich noch der Wirt des Lokals, in dem die Versammlung stattfand. Die Beteiligung der Arbeitnehmer da- gegen war in diesem Jahre stärker als in den Vorjahren. Es übten 3l0 Personen, darunter verhältnismäßig viel werbliche Mitglieder ihr Wahlrecht auS. Tie vom Gewerkschaftskartell und von den Arbeitgebern aufgestellte Liste wurde mit 300 reip. 6 Stimmen gewählt.— In der sich anschließenden General- Versammlung wurden in den Vorstand neu- resp. wiedergewählt.' von den Arbeitgebern HauSinami und Rothe; von den Arbeitnehmern Burchardt. Albert Kemnitz, Hermann Korn, Fritz Hoffnimm und G. Illingbeil. In die NechmmgSprüfungökoinmiision wurden gewählt Kaufmann Prager von den Arbeitgebern, Max Weiß und Emil Wilde von den Arbeitnehmern. Der Antrag, die Versammlung ab- ivechselnd im Restaurant Krause und im Restaurant Böhle. Havel- straße, abzuhalten, gelangte zur Annahme. Jugendveranstaltungen. Schöneberg. Tie freie Jugendorganisation veranstaltet heute abend '/zS Uhr im großen Saale der.Neuen NatdauSsäle' ihr StiltungSseft. Künstlerisches Programm ünter Mitwirkung des Frl Marianne Key er, Lieder zur Laute und Nczitaiion Herr E. Burmanir Eintritt für Erwachsene 3V Pf., sür Jugendliche l5 Ps. Nachdem Tanz. Herren, die dm an teilnehmen, zahle» 50 Pf. nach. Jugendliche unter IL Jahren 25 Pj. Die Arbeiterschalt wird um regen Besuch gebeten. Gerichts-Leitung. vruhn gegen die„Freisinnige Zeitung". Ein Beleidigungsprozeß, den der Verleger der„Wahrheit", Wilhelm Brnhn, gegen den verantwortlichen Redakteur der„Frei- sinnigen Zeitung", Dr. Reinhold Jßbcrner, angestrengt hatte, be- schäftigte gestern unter Vorsitz des Amtsgerichisrats Dictsih das Schösfcngerichat Berlin-Schöneberg. Gegenstand der Privatklage bildete ein am 20. Oktober d. I. in der„Freis. Ztg." unter der Spitzmarke:„In Sachen des Abgeordneten Bruhn und seiner „Wahrheit"" erschienener Artikel. In diesem wurde der Verdacht ausgesprochen, daß Bruhn vor der bei ihm stattgefundenen HauS- suchung Belastungsmaterial verbrannt und alles beseitigt habe, tvaS gegen ihn zeugen kömike. AT? Beweis hierfür wurde er« wähnt, daß man in"dem Ofen ganz- und halbverbrannte Papiers gefunden habe. Wegen dieses Artikels erhob Bruhn die vorliegende Privatklage. Aus Vorschlag des Amtsgerichtsrats Dietsch wurde von dem Rechtsanwalt Paul Bredercck sür Bruhn und Rechtscm- walt Dr. Hugo Sonnenfeld folgender Vergleich formuliert: Der Beklagte erklärt, daß er den in der„Freis. Ztg." vom 20. Oktober ausgesprochenen Verdacht, daß sich unter den verbrannten Papieren Belastungsmaterial gegen den Kläger befunden habe, nicht aufrecht erhalte und er erkennt an, daß der Verdacht einer strafbaren Handlung des Klägers durch das Urteil der ersten Straf- kammer des Landgerichts I vom 8. November dieses Jahres be- seitigt ist, auch nimmt er sonstige in dem Äriikel vom 20. Oktober etwa enthaltene Beleidigungen bereitwilligst zurück." Dieser Vcr- gleich wurde von den Parteien genehmigt, die Kosten übernahm der Beklagte._ Ein Prozeh gegen Homosexuelle. Ein Prozeß gegen 17 Homosexuelle begann am Donnerstag vor der Strafkammer des Magdeburger Landgerichts zur Ver» Handlung. 17 junge Leute, fast sämtlich den besseren Gesellschafts- kreisen angehörig, Schauspieler, Söhne reicher Fabrikbesitzer, Kauf- leute, Handlungsgehilfen usw., haben sich wegen Verfehlungen im Sinne des Z 175 des Strafgesetzbuchs zu verantworten. Die An- geklagten, von denen einige in Haft sind, haben angeblich einen „Freundeskreis" gebildet. Zusammenkünfte in verschwiegenen Hinterstuben besserer Lokale, aber auch in Privattvohnungen ge- I�lbt, wobei vielfach Geburtstag gefeiert wurde. Bei diesen Ge» legenheiten sollen sie die Verfehlungen begangen haben. Die An- geklagten behaupten fast alle, homosexuell veranlagt zu sein und aus innerer Herzeusneigung sich gegenseitig geliebkost zu haben, bestreiten aber, gegen die Bestimmungen deS§ 175 verstoßen zu haben. Die Angeklagten geben ferner zu, daß einige von ihnen jahrelang feste Liebesverhältnisse untereinander unterhalten haben, die zur innigsten Freundschaft geführt haben. Nur ein Angeklagter stellt in Abrede, homosexuell zu sein, gibt aber zu, sich gegen Be- zahlung perversen Leuten hingegeben zu haben. Ein ISjähriger Sattlerlehrling, der auch aus Herzensneigung, wie er behauptet, mit einem 22jährigen Schauspieler ein Liebesverhältnis unter- halten haben will, hatte sich durch Redensarten und sonstiges Ver» halten bei seinem Meister verdächtig gemacht. Der Meister nahm den Lehrling ins Gebet, darauf legte der junge Mann schließlich ein offenes Geständnis ab. Auf vieles Drängen machte er den Freundeskreis namhaft, worauf der Meister der Polizei Anzeige erstattete. Bei den vorgenommenen Haussuchungen wurden zahl- reiche Liebesbriefe gefunden, die von gegenseitigen Liebesbeteue- rungen, den heißesten Schwüren der Treue und größten Zärtlich- leiten überflössen. Die Angeklagten, die zumeist in Magdeburg, einige in Berlin und Braunschweig wohnen, stehen fast sämtlich im Alter von 18 bis 24 Jahren. Zivei Leute sind außer wegen homosexueller Betätigung auch wegen Kaippelei angeklagt. Zu dem angeklagten„Freundschastskreis" ge�rte auch ein Offiziersbursche, der sich jedenfalls vor dem Kriegsgericht wird verantworten müssen, Ueber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Berliner Nrbeiter-Schachklnv. Osten I: jeden DienSIag'/zg Ubr bei Böbl. Rüdersdorfer Etr. 2S. , II: jeden Donnerstag'/,g Uhr bei Boß, Weberstr. 6. Südost: jeden Freitag Y.9 Uhr bei Nilschke, Reichenbcrger Straße SS, Eist Gloganer Straße. Süden: jeden Dienstag'/.9 Uhr bei Uebeleisen, Wassertorstr. S. Weste»: jeden Freitag'/, 9 Uhr bei Päßler, KailSbad t?. Ecke Flottwellstr. Norden I: jeden Freitag'/.9 Udr bei Lachenich, Maxstr. l3b. , II: jeden Freitag'/l9 Uhr bei Fritsch, Drontbeimcr Str. 4. , III: jeden Freitag'/',9 Uhr bei Baganz. Gaudustr. 3. , IV: jeden a-onnabend V,g Uhr bei Kersten, Bernauerstr. SS. Ecke Swin münder Straße. Nordwest: jeden Freitag'/,9 Uhr bei Lampreibt, Putlihslr. 10. Eharlottenvurg: jeden Donnerstag'1,9 Uhr bei Brünn, Spreeftr. 17. Lichtenberg: jeden Ficttag l!t9 Uhr bei Blume, AII-Boxbagcn 56. Oder-Schöueweide: jede» Freitag'/,9 Uhr bei Rodeubujch, Wilhelminenhoj» Nraye 64, Ecke Ratbcnanslraße Rixdorf I: jeden Dienstag'1,9 Udr bei Stabmann, Reuterstr, 46. . II: jeden Donnerstag'1,9 Uhr bei Weihe. Hcrmannstr. 160. Ecke Emser Saaße. . Ol: jeden Freitag'/,9 Uhr bei Rau, Wildenbruchstr. 56, Ecke Weser» straße. Jrctretigiö» Genietude. Sonntag, den 4. Dezember, vormittags 9 Uhr, Pappel-Allec 15—17 und Nixdorf, Jdcalfassage: Freireligiöse Bor- lesung: vormittags 11 Uhr, ZUeiue Frankfurter Straße 6: Bortrag von Herrn Dr. Bruno Wille:„Das Unendliche.'' Damen und Haxen als Gäste willkommen. ßnefhaften der Rcdahtion. DI« inrtftllib«(Ebrcitiftunbt Anbei äinbcnfim/. Ndr adend», Sonnabend» von 4'f, biS C Ilhi nachmitiagS ftott. Jeder für den Vrief- kafre» bestimm»«» Stittraa? ift ein<«uchr>a»c und eine Zabl als a'iert- zeiaiei, v->»n»iiae». Briefliche Stmluiiri wird Ulch» erietlr. Eilige graue» irnge man IN der Snrechininde vor. St. 100. I, Ja, wenn begründeter Anlaß vorliegt. L. An den Regle» rungSxräsidenteii. Kosten unerheblich.—®. H. C. 59. 1. Leidet nicht. 2. Der UliterslüßungSanspruch Ihrer Mutter geht durch de» Ailfenthalt in Berlin nicht verloren. Don dein zur Unterstützung veinflichtclcn Ort kann aber die Uebersührung Ihrer Mutter in seine unmittelbare Fürsorge— also die Rückkehr— verlangt werden.— Tucty 1009. la. Buchhandlung Borwärls. b.©oncouit. Preis 90 Ps. 2a. Vielleicht KaSpen- Sauer, lieiiie italienische Sprachlehre mit Schlüssel, b. Euensalls Buchband- lung Vorwärts, zum Preise von 2,60 M. 3a. Polizeipi üsid um Berlin, b. Fünf Jahre, o. GeburtSurlunde, etwaige Militärpapiere. — M. H. 18. Erkundigen Sie sich bei Stahlmann, Reutcrstraße 46.— S. 100. Ja.— M. P. 218. 1. Die Höhe des Honorars unter lügt der Vereinbarung mit dem Verteidiger. 2. Eine solche Straftat dürste<üä Schciduiigsgrund ausreichen. 3. Ja. 4. Die Kosten deS Scheiöungs- Prozesses richten sich nach dem vom Gericht sestzusetzeiidcn Objekt. tzllS Giundlagc für die Objellsfestsetzung dienen die EinkoinineuS- und Ver» mögensvcrbältntssc der Parteien.— B. B. 1. 1. Ja. Sic könne» außer- dem Ersatz des WertcS des abbanden gekommenen Hemdes verlangen. 2. Ihr Bruder hat, wenn er angestellt war, Anspruch auf Fortzahlung deS GehaltS, sür den Fall der Dicnslniisäbigkeit Anspruch aus Pension.— P. K. B. 52. Ein Anrecht an den HauShaltungsgegenständen haben die Geschwister nicht.— Ztzrttz M. 100. Niemand, da Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit nicht nachweisbar erscheint,— BS. K. 1. Nein. Klage bei dem ziisländigcn Kericht. 2, Nein. Mitteilung an den Gewerbcinipeklor. — Zigarren 32. Aumeldepslicht besteht. Zuständig zur Entgegennahm« ist dw Gemeindebehörde(Magistrat).— K. Z. 25. 1. Die kurze zweijährige VerjährungSsrisi brgiunt erst mit Ende des Jahres, in dem die Forderung entstände!, ist. 2. I» diesem Falle Handell es sich um ein Dar- leben, daS eist in 30 Jahren verjährt.— Puck. Rüpeuick. In Fragen deS LanderwerbS müssen Sie selber emschciden,— G. A. Das jetzt Geltung habende JnvalideuversicherungSaejetz ist mit dem 1. Januar 1900 w Kraft getreten, rvasserstandS-Nackn-ickite» der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom B-rkkner Wetlerbureau. Wasserstand M e m e t. TUM B r« g e l, Jnilrrbmg Weichsel. Tbaru Oder. Rattbor , Kronen , Frankiurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leinnerrtz . Dresden , Bardo , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlktz Havel, Svandau') , Rathenow') Spree, Sorcnrberg') , Beeslow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximütanSau . Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main. Werrbeu» Mosel. Trier am! kett 1. 12. 30.11. orn cra') 200 03 120 150 144 78 90 565 419 553 208 273 401 +54 — 1 +2 + 40 +2 -11 +42 +22 +50 +59 —57 +32 —33 ')+ bediiilet Wu»»,— Kall.—•) Nnieroeaet.—•) Starkes Eis, treiben.— ♦) Oberhalb der Angerappbrücke Eisstand—') Eiötreiben in '/, Strombreite.—*) EiStrclben._ Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Für dengnseratenteil verantw: Th. Glocke, Berlin. Druck n. Verlag-Vorwärt« jvuchoruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer st Co..»erkm LW, Nr. 383. 37. Jahrg. jirilnp drs„ildrniirls"■ AHtigw füt Oßm. giiiini, Pejeii, 3. Atjtmbkr 1910. Vorort- JSacbnchtcn* Zehlendorf(Wannseebahn). Aus der Gemeindevertretung. Eine schriftliche Anfrage Thornlons ging dahin, ob der Gemeindevorstand beabsichtigt, ein -Lrtsstatut vorzulegen, das den unbebauten Grundbesitz stärker be- steuern soll wie bisher. Der Bürgermeister versprach, die Frage dem Gemeindevorstand vorzulegen. Ter Gemeindevorstand, in dem ja gerade einige der Herren sitzen, die Herr Tlwrnton treffen will, dürfte kaum ein Interesse haben, der Frage näher zu treten. — Wir zeigten vor einiger Zeit, welchen Dampf die Villenbesitzer der Gemeindevertretung zu machen wissen, daß das vor nicht zu langer Zeit in Verbindung mit der Oberrealschule beschlossene Reformrealghmnasium möglichst umgehend gebaut wird. Aber die Umfrage an die Bewohner von Zehlendorf-West war nur der An- fang. Jetzt ist es ihnen schon gelungen, eine Anzahl Gemeinde- Vertreter zu einer unverbindlichen Sitzung zusammenzubringen. Im Auftrage dieser Sitzung unterbreitete der Vertreter Münzer ein Bukett von Vorschlägen, die sofort diskutiert werden sollten, und die bezweckten, daß die ganze Angelegenheit möglichst forciert wird. Die Vertretung trug diesen! Dringlichkeitsantrag insofern Rechnung, als sie beschloß, in allernächster Zeit eine besondere Sitzung mit der ganzen Angelegenheit zu beschäftigen. Die Herren haben ihren Zweck erreicht.— Daß sich die Besitzenden auf jede Weise vor Steuern zu drücken wissen, ist ja ein offenes Geheimnis und brauchte nicht mehr konstatiert zu werden. Interessant ist es aber doch, die verschiedenen Methoden kennen zu lernen, mit denen es ihnen immer wieder gelingt, den Steuergesetzen eine Nase zu drehe». So sah sich die Vertretung genötigt, einem Antrage des Vorstandes zuzustimmen, die Ordnung für die Erhebung von Ge- meindcsteucrn bei dem Erwerbe von Grundstücken, einer Aenderung zu unterziehen. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die Wert- zuwachssteuer vielfach umgangen wird. Wie es gemacht wird, lehrt folgender Fall. Eine Berliner Terraingesellschaft hat im Süd- gelände von Zehlendorf von einem Urbesitzcr— darunter versteht man hier solche, die länger wie 30 Jahre im Besitz der Ländereien sind— einen größeren Baublock gekauft, hat sich aber die Auf- lassung noch nicht geben lassen. Sic veräußert nun fortgesetzt ein- zelne Grundstücke und veranlaßt die Auflassung dann direkt an ihren Käufer durch den Urbesitzer. Damistjvill sie ganz offenbar die Steuer umgehen oder mindestens den Satz herabdrücken. So- genannte Urbesitzcr zahlen nämlich eine weit geringere Wert- zuwachssteuer, als wenn der Rechtsnachfolger, in diesem Fdlle die Terraingesellschaft, nach kurzer Zeit das Grundstück weiter der- äußert. Sie würde mit einem entsprechend höheren Satz belastet werden. Der Schöffe Rohde meinte zwar, daß der Steuerverlust der Gemeinde ein verhältnismäßig geringer sei, und suchte den Anschein zu erwecken, daß die Vorlage nur auf Grund des Weit- blickes des Gemeindevorstandes entstanden sei. Wir können dieser optimistischen Auffassung aber nicht zustimmen, sind vielmehr der Meinung, daß sich bei näherer Prüfung ganz gewaltige Beträge ergeben. Denn dadurch, daß der Urbesitzer an den Käufer aufläßt, kann er nur zu den Beträgen herangezogen werden, und zwar zu den sehr ermäßigten auf Grund seines Urbesitzrechts, die nach dem Kaufpreis, den er erhalten hat, zutreffend ist. Die wirkliche Be« sitzcrin aber, die Terraingescllschaft, tritt hier in der Rolle einer Vermittlerin auf. die hohe Gewinne in die Tasche steckt, aber steuertechnisch zur Wertzuwachssteuer gar nicht herangezogen werden kann.— Von der Schuldeputation lag ein Antrag vor, die Michaelisklassen eingehen zu lassen. Dabei zeigte sich in den Aus- führungcn des Referenten, Herrn Rektor Hoffmeister, die ganze Buntscheckigkeit unseres Bolksschulwesens. Zehlendorf hat nämlich drei Arten von Volksschulen, eine einklassiae in Schönow, eine. dreiklassige in Schlachtcnsec und eine sicbenklassige in Zehlendorf selbst. Die beiden ersten haben nur Osterklassen. Weil es sich durch die im Bau befindliche Schule in der Wilhelmstrahe, die am 1. April 1912 eröffnet werden soll, möglich machen läßt, sollen fortan nur Ostereinschulungen vorgenommen werden. Ein Aach- teil für die Kinder entsteht dadurch nicht. Tie Befähigteren aus den Michaclisklassen sollen durch Nachhilfestunden so gefördert werden, daß sie schon nach einem halben Jahre die höhere, also in diesem Falle die Osterklasse erreichen, während die schwächeren Kirwer VA Jahre in derselben Klasse verbleiben würden. Dieses tlebergangsstadium bestände nur, solange noch die jetzige Schul- gencration vorhanden ist und wäre demnach in acht Zahren er- ledigt. Die Vertretung stimmte dem zu, mit der Maggabe, daß schon vom 1. April. 1911 an die Michaelisklassen in Fortfall kommen. Buckow. „Was uns not tut", dieses Thema wurde vor ein paar Tagen in einer vom„Bund der Landwirte" im Lokal von Schwarz einberufenen schwach besuchten Versammlung behandelt. Der Referent, Herr Klinger aus Lankwitz, schien seine Aufgabe sonderbar auf- zufassen, denn anstatt den eingeladenen Landleuten, Handwerkern und Geschäftsleuten zu sagen, wie ihre nicht gerade rosige Lage ver- bessert werden könne, sprach der Herr von der Notwendigkeit. Heer und Flotte zu stärken. Hierauf zog er über die Sozialdemokratie in der den Aposteln des Bundes der Landwirte eigenen Art vom Leder. Zum Schluß leistete sich der Redner noch einen kleinen Ausfall gegen das den Mittelstand ruinierende Ueberhandnehmen der Warenhäuser. An der Diskussion beteiligten sich als einzige Redner unsere Genossen Händel und Friedrich, die denr seichten Geschwätz des Referenten auf den Grund gingen und die gegenwärtige politische Lage vom sozialistischen Gesichtspunkt be- leuchteten. Als zum Schluß Genosse Händel nochmals ums Wort bat, meinte der Referent:„Das geht doch nicht, daß nur Sie als Gegner hier sprechen." Ein Beweis, wie unangenehm es ihm war, daß unsere Genossen ihm in die Parade gefahren waren. Andere Diskussionsredner meldeten sich nicht zum Wort. Marienfelde. Der letzten Gemeiudevertreterfitzung lag ein Gesuch des Direktors Archenhold von der Treptower Sternwarle vor, worin auf die Nütz- lichkeit des Instituts hingewiesen und um eine materielle Unter- stützung gebeten wurde. Das Gesuch wurde einstimmig abgelehnt. Ein Antrag des Turnvereins„Jahn" wegen unentgeltlicher Ueber- lassung der Gemeindeschul-Turnhalle für die Schüler'abteilung wurde angenommen. Für die Benutzung der Halle durch die Männer- abteilung zahlt der Verein jährlich 72 M., ferner für den Schul- diener für jede Stunde SO Pf. Beim Berliner Magistrat ist eine Separationskarte von Marienfelde aus dem Jahre 1891 aufgefunden worden. Es wurde beschlossen, davon eine Kopie anfertigen zu lassen, die Kosten sollen 129— 150 M. betragen. Die Bibliothek des Ortsvereins soll unentgeltlich in den Besitz der Gemeinde übergehen. Um das Bauverbol für die Parallelstraße aufzuheben, beschloß die Vertretung die betreffende Straße im nächsten Jahre pflastern zu lassen. Für den Bau des Feuerwehrgebäudes ist eine Nachbewilligung von 1399 M.. notwendig. Die Mehrkosten sind dadurch entstanden, daß der Amts« baurat, trotzdem er selbst die Zeichnungen angefertigt, auch den Bau gegen Entschädigung geleitet hatte, bei der Abnahme Mängel fand, die abgeändert werden mußten Bei der Beratung über die Ver- Wendung des Gemcindegrundstücks in der Dorfstraße regte Vertreter Beiß an, das Grundstück nicht zu verpachten, sondern an Unterstützung nachsuchende Einwohner unentgeltlich zu verteilen. Es wäre dann so gekommen, daß man anstatt den Bedürftigen bar Geld, ein Stück Land zur Bewirtschaftung übergeben hätte. Vom Vertreter Beyrodt wurde angeregt, den Platz mit Rasen zu bepflanzen und der Jugend und den Turnern als Spielplatz zu überlassen. Drahendorf(Kreis Beeskow). Die erste öffentliche Versammlung am hiesigen Orte fand am Sonntag, den 27. November, im Gasthofe von Lehmann statt. Das Referat hatte der Abgeordnete des Kreises, Genosse Fritz Z u b e i l, übernommen. Aus der näheren und weiteren Umgegend waren die Bewohner, unter ihnen auch einige Frauen, herbeigeeilt und füllten das Lokal. Nach langjährigen Bemühungen ivar es nun endlich gelungen, in diesen schwarzen Winkel des Kreises Bresche zu legen. Kam es doch in dem nahe gelegenen Pfaffcndorf bei der Reichstags- wähl 1997»och zu Tätlichkeiten gegen unsere Genossen durch dortige Eingesessene. Nun sind die ersten Samenkörner gelegt, hoffentlich tragen dieselben bald reiche Früchte. Es geht überall vorwärts. Nummelsburg. Ein öffentliches Turnen der Zöglingsabteilungen veranstaltet die Freie Turnerschaft Rummelsburg und Umgegend am Sonnlag, den 4. d. M., nachmittags von 3— 5 Uhr, in der Turnhalle, Eingang Wühlischstraße. 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