Nr. 39L Abonnements-Bedingungen: Abonnements- Preis prSnumeranbo i Lierteljährl. 3£0 Ml., nioiiall. 1,10 Ml, wöchentlich 2a Pfg. frei WS Haus. Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags. itummct mit illusirierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Psg. Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Einaetiagen in die Posl.Zeitungs. Preislisie. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland g Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien. Dnnemarl Holland. Italien, Luxemburg. Portugal. Rumänien. Schweden und die Schweiz. 87. ZahrK. kklchilnl iZglich tiilll MsiilZgt. Vevlinev Volksblnkk. vle snlertlons-eedilhe OeMgt für die sechsgespaltene Kolonef. geile oder deren Raum K0 Psg., für politische und gewerlschaslliche Vereins. und Bcrsammlungs-Anzcigen W Psg. „Atelne Hnselflen". das erste lsctt« pedrulkte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas» flellen-Anzeigcn daS crsic Wort 10 Psg.. jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über lö Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gcössnet, Telegramm. Adresse: „S«ial(Uin«liHt Rttlitt" Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfcblande. Redahtlon: 8M. 68, Lindenstrasac 69. Fernsprecher: Amt I¥. Nr. 1983. Expedition: SRI. 68» Lindenstraoae 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984» Der IReici)$ltanzler auf der flnklagebanh. „... eö liegt ungemein nahe, daß es nicht ohne Eindruck bleiben kann, namentlich auf die Anträge der Staats- anwaltschaft, als auch auf die Auffassung des Gerichts, wenn der hoch st e Beamte deS Reiches an autori- tativer Stelle das Urteil, daS hier erst gefunden werden soll, vorwegnimmt und unbekümmert um all d a S, was hier bereits bekundet worden ist, er- Uärt, alle die Polizeibeamten hätten nur ihre Schuldigkeit getan. Das zwingt uns im Interesse der Angeklagten, den Gegen- beweis zu führen. Wir find... durch die Aeußerimg deS ReichslanzlerS genötigt, die Beweisaufnahme auszudehnen und unsererseits noch viele Zeuge» zu beneuuen. Wir müssen eS der Staatsanwaltschaft tiberlassen, den Reichskanzler als Zeugen zu laden, wenn sie glaubt, daß er von den Dingen, über dir er Behauptungen aufgestellt hat, wirklich etwas weiß. Wir glauben das nicht und stellen biesen Antrag deshalb n i ch t." (Verteidiger Heine in der Montagssitzung des Moabiter Prozesses.) „Allem der Umstand, daß der nach der Reichsverfassung zum höchsten Hüter deS Rechts bestellte Beamte in ein schwebendes Strafverfahren eingriff und die Ergebnisse der Berhandlung völlig unrichtig und einseitig wiedergegeben und einen ganz erheblichen Teil der Beweisaufnahme einfach ignoriert hat, zwingt uns jetzt, den vom Reichskanzler berührten Punkt, ob Uebrrschreitnugen der AmtSbesugnisse durch die Polizei vorgekommen sind, in breitestem Umfange unter Beweis zu stellen... Wir befinde» unS nach der Erkläning des Reichskanzlers gleichsam i«Stande der Notwehr..." (Verteidiger Dr. Heinemann in der Montagssitzung des Moabiter Prozesses.) Ein illustrer Angeklagter saß am Montag im Schwur- oerichtssaal zu Moabit auf der Bank der armen Sünder— Theobald v. Bcthmann Hollweg, des Deutschen Reiches Kanzler und Preußens Ministerpräsident. Der höchste Beamte in deutschen Landen, der verantwortliche Vertreter der Obrigkeit, in deren Namen das Recht gesprochen wird, angeklagt des Eingriffs in ein schwebendes Gerichtsverfahren, angeklagt des Versuchs, das Urteil der Richter zu lenken nach seinen Wünschen, unter skandalöser Mißachtung alles dessen, was die Beweis- aufnähme des Moabiter Prozesses bis jetzt ergeben hat. Herr Lieber hätte dem Reichskanzler gern die peinliche Anklage er- spart— aber er konnte die Verteidigung nicht Hindern, ihre Erklärung über die Beweisanträge, die noch zu stellen oder schon gestellt sind, in der Weise zu begründen, wie es ihr die gegenwärtige Situation gebot. Und dabei war an der Rede des Reichskanzlers vom 10. Dezember nicht vorbeizugehen; sie ist vielmehr ein Ereignis, das die Haltung der Verteidigung und den weiteren Verlauf des Prozesses in hohem Maße mit bestimmt. Herr v. Bethmann Hollwcg hat sich wohl nicht träumen lassen, daß er eine solche Antwort erhalten würde. Seine getragene, löschpapieren-trockene Rede läßt annehmen, daß der Sprecher seine Worte reislich überlegt. Und sicherlich hat der Kanzler mit voller Ueberlegung den Versuch unternommen, den Moabiter Revolutionspopanz vor den vernichtenden Schlägen der Beweisaufnahme zu retten, das Fiasko des Tendenzprozesses zu vertuschen, die Ocffentlichkeit— deren Einfluß sich auch die Richter nie völlig entziehen können— zur Ignorierung alles dessen zu bewegen, was die Beweisaufnahme über brutale Polizciexzesse und empörende Mißhandlungen friedlicher Bürger zutage gefördert hat. Diese Zivecke waren wohl bedacht und gewollt. Aber eins hat der Reichskanzler wohl weniger sorgfältig überlegt, als er in der Art eines Reichsverbandsredners vom Leder zog, als er, unbekümmert um die Würde des ersten Reichsbeamten, unbekümmert um die Pflichten eines zum obersten Hüter des Rechts Bestellten, unbekümmert um die Tatsachen, wie nur je ein Agitator des Reichsverbandes, den Prozeß seinen politischen Zwecken, der niedrigsten Sozialisten- hetze dienstbar zu machen suchte. Nicht bedacht hat er dabei wohl, daß die Verteidigung ihm antworten könnte, daß sie gegen dieses Untersangen, die Aussagen von hundert unanfechtbaren Zeugen einfach aus der Welt zu reden, nicht ganz wehrlos ist. Nicht bedacht hat Herr v, Bethmann Hollivcg. welchen I Eindruck es in der Oeffentlichkeit machen muß, wenn die Verteidigung vor aller Welt in feierlicher Rechtsverwahrung i erklärt, daß sie sich im Stande der Notwehr gegen � den Kanzler des Reiches befindet, daß sie zu wXterer Ausdehnung der Beweisaufnahme gezwungen ist, weil die Lage der Angeklagten verschlechtert ist, weil das. Ergebnis der bisherigen Arbeit der Verteidiger in Frage gestellt ist, weil das Recht gefährdet ist durch eine Rede des veranttvortlichen Vertreters der Reichs- und der preußischen Regierung. Herr v. Bethmann Hollweg kann sich nicht damit hcrans- reden, daß er diese Wirkung seiner Rede nicht gewollt, daß er sie nicht vorausgesehen habe. Für den Staatsmann, der die Politik eines großen Reichs leiten soll, wäre diese Ausrede schon kläglich genug. Aber sie ist überdies unmöglich, da ihn gleich zu Anfang seiner Ausführungen die Zwischenrufe der sozialdemokratischen Abgeordneten auf die Unzulässigkeit solches Eingreifens in ein schwebendes Verfahren aufmerksam gemacht, ihm gesagt haben, daß seine Rede den Versuch dar- stellt. Kabinettsjustiz zu etablieren. Er hat sich leichten Herzens darüber hinweggesetzt, um den Junkern gefällig zu sein, um die verhaßte Sozialdemokratie anschwärzen zu können, um eine Begründung für seine reaktionären Anschläge zu haben, um einen billigen Vorwand für die Ankündigung von Ausnahmegesetzen gegen die Arbeiterbewegung zu ge Winnen, deren Ausnahmecharakter unter der Marke des gemeinen Rechts verdeckt werden soll. Er klammerte sich an die paar beiläufigen Bemerkungen, die Genosse Scheide mann in seiner Rede über die Vorgänge in Moabit und über die Ergebnisse des Prozesses gemacht hat— Bemerkungen, die überdies lediglich eine Antivort auf die Versuche der Rechten waren, bei der Beratung des Arbcitskammergesetzes die Moabiter Ereignisse gegen die Arbeitcrbeivcgung auszu- schlachten—, um sich den Schein zu geben, als weise er sozialdemokratische Angriffe zurück. Aber er hat sich auf die Zurückweisung der Scheidemannschen Bemerkungen nicht beschränkt, er hat nicht etwa erklärt, wie eS allenfalls sein formales Recht gewesen wäre, daß er das. was der sozialdemokratische Redner aus der bisherigen Beweis aufnähme geschlossen hatte, noch nicht ftir erwiesen anerkennen könne, so lange das Verfahren noch nicht abgeschlossen sei. Sondern er hat, dem Urteil vorgreifend, sich in prononciertester Weise sür die Polizei eingesetzt, hat vor aller Welt zu erkennen gegeben, wie er das Urteil des Gerichts gefällt zu sehen wünscht und hat das getan unter eklatanter Nichtachtung alles dessen, ivas über das Verhalten von Polizei beamten durch die bisherigen Verhandlungen, durch die eidliche Aussage vieler, vieler einwandsfreier Zeugen er wiesen ist. Er tat das, obgleich er weiß, obgleich er wissen muß. welch ein ungeheuerer Unterschied es ist,— besonders in Preußen-Dentschland— ob ein Abgeordneter oder ob der Vertreter des Staatsoberhauptes, in dessen Namen Recht ge sprochen wird, ob der höchste Vorgesetzte der Staatsanwalt schaft sich über einen schwebenden Prozeß äußert. Wahrlich, selten hat sich ein zur Wahrung des Rechts Berufener un genierter über die Pflicht der Zurückhaltung hinweggesetzt, die ihm sein Amt auferlegt. Deshalb mußte die schärfste Antwort erfolgen, die möglich war und die Verteidigung hat sie gegeben. Ihre Erklärung ist eine Brandmarkung des Versuchs. Kabinettsjustiz zu pro dozieren. Und wie eine klatschende Ohrfeige wird in aller Welt die Bemerkung verstanden werden, daß die Staats anwaltschaft den Kanzler als Zeugen laden möge, wenn sie glaube, daß er über die Dinge, von denen er gesprochen, wirklich etwas wisse. In den Stand der Notwehr hat der Reichskanzler die Angeklagten und die Verteidigung gesetzt. Und wenn die Riesenverhandlung jetzt noch länger dauert, als sie nach den bisherigen Entschlüssen der Verteidigung hätte dauern müssen. so fällt Herrn v. Bethmann Hollweg die Schuld daran zur Last. Ihm ist es zuzuschreiben, wenn der Abschluß wieder weiter hinauSgerückt wird, ihm, der ein schleuniges, summa- risches Standgerichtsverfahren für Fälle, wie die Moabiter, dringend empfiehlt. Natürlich, denn bei solch kurzem Prozeß ist die Verteidigung des Angeklagten aufs schwerste behindert und können sich die Einflüsse der Erregung, die außergewöhn liche Ereignisse hervorrufen, auf die Richter noch weit stärker geltend machen als nach längerer Frist. Dies fummarische Verfahren, das der Reichskanzler auch als ein Mittel gegen die Sozialdemokratie empfiehlt, wäre eine förmliche Brutstätte der schlimmsten Tendenz- und Kabinettsjustiz. Und wenn wir auf die Nachbarstaaten hingewiesen werden, wo dieses Verfahren gilt, so haben wir darauf zu«ntworten, daß es allen- falls zu ertragen sein mag. wo sonst halbwegs freiheitliche Jnstitntionen'bestehen, wo die Demokratie die Sünden der Justiz unter Umständen schnell korrigieren kann— in Preußen- Deutschland aber würde solches Schnellverfahren die Schäden der Rechtspflege, unter der wir schon heute leiden, ins Un- erträgliche steigern. Die Angeklagten und die Verteidigung hat der Reichs- kanzler durch ein nicht rühmliches Mittel in den Stand der Notwehr setzen können— die Sozialdemokratie, die er treffen wollte, nicht. Das billige ReichsverbandSgerede von der moralischen Schuld an der Moabiter Revolution lockt keinen Hund hinterm Ofen vor. Es ist nur das Eingeständnis, daß der Versuch, die Unruhen als eine sozialdemokratische Emeute hinzustellen, bereits schmählich mißglückt ist. So zieht sich der Kauzler denn auf die billige Redensart von der moralischen Schuld zurück. Die Sozialdemokratie hat die Erbitterung gesäet, die zu Moabit explodierte, schreit Bethmann und hofft damit die Wähler in den Pferch des blau-schwarzcn Blocks zu treiben. Aber die Tatsachen reden eine zu laute, deutliche Sprache, als daß dieser Versuch, die Dinge auf den Kopf zu stellen, bei den denkenden Wählern Erfolg haben kögnte. Wer die außerordentliche Erbitterung schuf, das haben die Verhandlungen des Prozesses doch schon zu eklatant gezeigt. Das hat' besonders auch wieder die Montagsverhandlung gezeigt. Grauenhafte Metzeleien und Barbareien der Polizei sind bekundet worden, mit den Ausdrücken des tiefsten Abscheus und der flammendsten Empörung nur hat den Rechtsanwalt Ballten, ein kaisertreuer Mann vom Scheitel bis zur Sohle, von seinen Beobachtungen erzählen können. Scheußlichkeiten sind begangen worden, daß Frauen von Weinen erschüttert wurden, daß Männer vom Krampf erfaßt worden sind. Und was die Freiwilligen Jagows dem entgegenzusetzen hatten, waren wieder Allgemeinheiten, Urteile und das stereotype:„Von Polizeiausschreitungen habe ich nichts gesehen I" Andere haben sie schaudernd erlebt. Und hier ist der Schlüssel für die Erbitterung, für die der Kanzler die Sozialdemokratie verantwortlich machen möchte. Sie kann ruhig auf die Ergebnisse des Prozesses verweisen. Der Kanzler aber wird in diesem Verfahren der Angeklagte bleiben und jeder Tag des Prozesses wird ihn fester auf die Bank der armen Sünder drücken. * Jagows Klage. Nachdem der„Lokalanzeiger" vor rund acht Tagen schon mit« teilen konnte, daß der Polizeipräsident gegen den„Vorwärts" wegen des Artikels über die Lockspitzel in Moabit Strafantrag stellen werde, ist dein„Vorwärts" am Montag die erste amtliche Mitteilung darüber durch eine Vernehmung seines verantwortlichen Redakteurs, des Genossen Barth, vor dem Untersuchungsrichter geworden. Die Scherlpresse wird eben von der Polizei gut bedient, den Dank dafür stattet sie ab, indem sie die Berichte über den Moabiter Prozeß in skandalöser Weise tendenziös zurechtstutzt, indem sie die Oeffentlichkeit in unerhörter Weist über das Ergebnis der Verhandlungen täuschte. Der„Lokal-Anzeiger" gibt nämlich wohl die Aussagen der für die Polizei günstigen Zeugen wieder, unterschlägt aber konsequent die Zeugnisse über die Brutalitäten der Polizei I Wenn der Reichs« kanzler sich ein Utteil über den Prozeß nach den Berichten des „Lokal-Anzeigers" gebildet haben sollte, so hätte er Anspruch auf mildernde Umstände. UebrigenS hat Herr v. Jagolv nicht bloß Strafantrag gegen unseren Verantwortlichen gestellt, er möchte auch den Verfasser des Artikels wissen und die betreffende„Vorwärts"-Nnmmer beschlag» nahmt haben. Beide Wünsche sind bis jetzt njcht erfüllt. Der(chwarzdlaue lücicbshanzlcr. Wenn noch jemand zweifeln möchte, daß Herr v. B e t h- mann Hollweg in seiner Reichstagsrede sich ganz und gar der Politik der Junker angepaßt hat, so muß jeder Zweifel durch die begeisterte Aufnahme zerstreut werden, die die reaktionäre Presse dieser Rede bereitet. Es war sicher eine recht banale, ja stellentveisc geradezu einfältige Rede. So wenn der Kanzler, etwa in der Weise wie der Polizeiscelen um 18Z<1, von dem deutschen Volke sprach, das im Kern ge- sund, aber von den bösen Leuten, die nicht so wollen wie die Regierung will,„verführt" sei. Du lieber Himmel, warum der- sucht es dann nicht der brave Bethmann mit der„Verführung"? Er hat ja seiner Meinung nach Recht und Vernunft auf seiner Seite, hat außerdem alle Mittel, auf das Volk ein- zmvirken; warum will denn dieses Volk, das im Kern gesund ist, durchaus nichts mehr von ihm und seinesgleichen wissen? Und warum wächst schließlich überall in der Welt die Sozial- demokratie immer machtvoller heran, trotzdem es anderswo sogar Staatsmänner gibt, die immerhin verführerischer sind als preußische Minister? Mehr wie komisch muß es wirken, wenn der brave Beth- mann, der bisher wirklich noch nicht den Beweis erbracht hat, daß er viel politisches Urteil besitzt, patzig verkündet:„Götter- dämmerung gibt es nicht" oder„der Rausch der Wahlen wird versliegen" und ähnliche Urteile von sich gibt, die im Munde eines Reserveleutuants der„Fliegenden Blätter" weniger über- raschen würden als in dem deö sozusagen Ersten Beamten des Reiches. Aber Verstand haben die Junker nach dem Nassischen Ausspruch ihres Kröchers ja auch nie von ihrem Staats- mann verlangt. Und Stärke zu prästieren, hat sich ja Bethmann wirklich außerordentlich bemüht. Freilich ein paar liberale Polittker, deren Eigenschaft es ist nie zu hören, was es geschlagen hat, suchen stets nur zu hören, ivas sie wünschen, kwben vei-sucht, einiges Aufheben davon zu machen, daß Bethmann keine Ausnahmegesetze angekündigt hat. Die Braven haben nicht verstanden, daß Bethmann nur das Wort ablehnt, umsomehr aber den Scharfmachern ver- sprochen hat. die S a ch e zu fördern. Was Bethmann will. ist in der Tat dasselbe„Schutzgese tz". das Herr v. Heydebrand so stürmisch verlangt hat. Und die Sache wird nur schlimmer dadurch, daß Bcthmann die Bestimmungen gegen die Arbeiterklasse in das allgemeine Recht, vor allem in das künftige Strafgesetz hineinarbeiten lassen will. Der„Vorwärts" hat in eingehendster und schlüssigster Weise nachgewiesen, daß der neue Strafgesetzentwurf ohnehin eine große Reihe gefährlichster Ausnahmebestimmungen gegen die Arbeiterklasse enthält. Bethmann will den durch und durch reaktionären Entwurf auf Geheiß der Junker und Scharf- macher noch verschärfen. Wir glauben ihm gerne, daß er. gelänge der Plan, weitere Ausnahmegesetze nicht mehr brauchte. Wenn aber der Herr Kanzler meinte, daß die Hinterhältigkeit, mit der er Ausnahmegesetze in Worten ablehnt, während er zur abscheulichen Tat sich verpflichtet, irgend jemand beirren wird, dann wird er sich wie bis- her noch in allen politischen Berechnungen, gründlich täuschen. Vethmanns Rede wird nur aufrüttelnd wirken und diese Wirkung der Kauzlerrede kann nur gesteigert werden durch die Zustimmung. die sie bei den konservativen Volksfeinden ausgelöst hat. Die„K r e u z- Z c i t ri n g" ist natürlich. wie wir ja voraussagten, entzückt davon, daß der Kanzler die Wahrheit verschwieg und die Selbständigkeit und Unabhängig- keit der Regierung von allen Parteien behauptete. Die Schwarzblauen wissen, daß dieser Schein der Selbständigkeit nur ihre eigene Herrschaft erleichtert. Ebenso zufrieden ist das Brotwucherorgan mit dem angekündigten Kampf gegen die Sozialdemokratie. Sie sagt: .Der Reichskanzler erkannte die Unzulänglichkeit unseres Strafverfahrens an. ferner die Notivendigkeit, unsere sozialpoli- tischen Bestrebungen gegen den politischen Mißbrauch durch die Sozialdemokratie zu schützen, das Bedüfnis einer Reform u n- seres materiellen Strafrechts, zum Zweck eines Kampfe« gegen die verhetzende und aufreizende Tätigkeit fanatischer Agitatoren und eines erhöhten Eibutzes der persönlichen Freiheit und des persönliche» Selbst- bestimmungsrechls.... Auch wir sind der Meinung, daß die Ausbildung des gemeinen Rechtes ge- n ü g e n dürfte., um der revolutionären Umtriebe Herr zu werden." Und die.Kreuz-Ztg." sagt zugleich auch, was das nächste Ziel dieses Kampfes ist. Sie stimmt mit Begeisterung dem Programm zu, das Herr B u e ck formuliert hat, dem Pro- gramm der., R i c d e r W e r f u n g und Zertrümmerung der sozialdemokratischen Gewerkschaften". Mit beweglichen Worten fleht sie den Zentralverband deutscher Industrieller an, sich offen mit den Konservativen zu ver- bünden, um der Sozialpolitik ein Ende zu setzen und die Arbeiterorganisationen zu zerstören. Das Programm läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die Junker erklären sich bereit, gegen entsprechende Vergütung in Gestalt der Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle für die Industriellen die Rolle politischer Arbeits- williger zu übernehmen. Und in der Tat, die Rolle der Hintzcschen Sieben monatskinder würde den preußischen Junkern gut anstehen. keittcheohiede gegen Kerllner fürlorge- hinder. Unter dieser Ueberschrist veröffentlichten wir am 2S. Juli 1909 Mitteilungen über entsetzlich grausame Mißhandlungen, die in der am 1. April 1902 eröffneten.Fürsorgeanstalt" in Miltschin unter Leitung des Pastors Breithaupt gegen wehrlose Knaben von 16 bis 20 Jahren verübt wurden. 100 Peitschenhiebe und darüber, Fuß- bastonaden. Fesselungen. Einsperrungen— das waren die Erziehungsmittel in der Hölle von Miltschin. Unsere Enthüllungen über die systematischen Maßnahmen zur Austreibung des letzten Restes von Menschenwürde auS Kindern, deren sorgfältigste und vorsichtigste Erziehung die Pflicht von Staat und Gemeinde sein sollte, riefen allgemeine Empörung hervor. Aber eS fanden sich Blätter— in erster Reihe natürlich der.Lokal-Anzeiger"—, die die Stirn hatten, unsere Darlegungen als falsch zu bezeichnen und so für die Bestialitäten einzutreten. Auch die.Morgenpost' ließ sich.von zuständiger Stelle' telegraphieren, über Maffen« Mißhandlungen in Miltschin sei nichts bekannt Unsere Veröffentlichung chatte indes den Erfolg, daß'am 26. Juli eine amtliche Revision seitens der Regierung und des Magistrats vorgenommen wurde. Diese Untersuchung bestätigte«nsere sämtlichen Angabe», von WZtterti'abKesehen, die ttdch iihmii eine Besihöiiigung der in Miltschin verübten zum Himmel schreienden Greuel versuchten, wurde unser Verlangen, schleunigst alle Berliner Kinder aus Miltschin fortzunehmen und den verantwortlichen Leiter unter Anklage zu stellen allgemein. Magistrat und Stadtverordnete entsprachen trotz wiederholter Eefürworwngen, die Kinder doch in der Ouälanstalt zu lassen, dem Verlangen, die Kinder von dort fort zu nehmen. Die Anklage gegen die Mißhandler hat endlich gestern begonnen. Wir verweisen aus den ausführlichen Bericht an anderer Stelle. Auf« fallend ist, daß als Sachverständige nur Personen benannt sind, die mehr oder minder offene Anhänger eines Prügelsystems sind. In der Vernehmling räumte der Pastor Breithaupt die Bestialitäten zum Teil ein. Einen solche» Menschen, der eS für angebracht hielt, einem Kinde, das ei» Hühnerei entwendet hatte, 100 PettscheuHiebe zu verabfolgen und der auch nicht die Spur einer pädagogischen Borbildung aufzuweisen vermochte, bestellt man zum Leiter einer FürsorgeanstaltI Wer dafür verantwortlich ist, steht leider nicht als Angeklagter auf der Anklagebank, sondern soll wohl alS Sachverständiger und Zeuge aufmarschieren! Einen Mangel an Vorbildung weisen auch die meisten Mitangeklagten auf. Di« an Kindeni vollzogenen Bestialitäten zeigen, daß eher die Angeklagten als die armen, solchen Menschen überantworteten Kinder in eine Fürsorgeanstalt gehörten. Haarsträubende Mißhandlungen der Kinder und der Mangel jeglichen Verantwortungsgefühl» bei den Leitern einer Fürsorge« anstatt für die ihnen obliegende Pflicht deckte schon der gestrige Tag auf. Tille wahre.Fürsorge" soll die durch widerliche, soziale Umstände oder durch Anlage gehemmten körperlichen. geistigen und moralischen Fähigkeiten der Zöglinge wecken, fördern und zur Reife bringen. Die Behandlung in Miltschin zeigt fast noch grauen- hafter als die Vorkommniffe in der Colanderfchen Blohmefchen Wildnis, daß in schroffstem Gegensatz zu diesem Zweck die armen hilflosen jungen Leute schlimmer wie wilde Bestien behandelt sind. und, wenn nicht unsere Veröffentlichung ihrer Qual ein Ende be- reitet hätte, zu Bestien erzogen wären. Der Prozeß, desien Dauer auf zwei Wochen berechnet ist. zeigt von neuem, daß da« preußische Fürsorgesystem an Haupt und Gliedern reformbedülftig ist. Die Ashlei» In Cngland. London, 12. Dezember. Das Interesse für die Wahlen ist stark abgeflaut, da es klar ist. daß in dem Stande der Parteien keine nennenswerte Verschiebung eintritt. Es sind a e tv ä h l t: 180 Liberale. 226 Unionisten. 32 Vertreter der Arbeiterpartei, 57 Anhänger Redmonds und 6 Anhänger O'BrienS. Die Liberalen gewannen 18, die Unionisten 21 und die Arbeiterpartei gewann 4 Sitze. Es sind also noch 153 Mandate zu besetzen.» Die Mhrer der Regierungsparteien tun sehr zuversichtlich. Minister Churchill erklärte, die Regierung sei mit großer Mehrheit zur Macht zurückgekehrt und habe die Vollmacht erhalten, die V e t o f r a g e vor die Stufen d e S Thrones zu bringen. Er sei der Meinung, daß die Veto- frage durch die gegenwärtige Wahl endgültig erledigt sei. Noch siegesgcwisser ist der Führer der Iren. Redmond. der allerdings auch die Entscheidung über die NegierungS- fähigkeit der Liberalen in der Hand hält. Er erklärte in einer Rede, wenn die Lords bei den jetzigen Wahlen geschlagen würden, würde binnen wenigen Wochen ihr Veto abgeschafft und Homerule angenommen werden. Lin fürchterlicher luftlzmord. Aus Japan schreibt uns ein Genosse: Seit Monaten werden die Sozialisten von der Regierung unbarmherzig verfolgt und gehetzt. Man hat sie aller konstitutiv- nellen Rechte beraubt und geht in der Barbarei schon so weit, daß selbst die durch und durch sozialisten- feindliche und reaktionäre Presse Protest erhebt. Vor einigen Monaten hat man ein Dutzend Sozialisten unter der Anklage des Hochverrats verhaftet: seitdem sind in der Provinz fort und fort Verhaftungen unter der gleichen An- klage erfolgt. Nähere Umstände sind nicht zu erfahren, da die Presse weder über die Verhaftungen noch über den stattfindenden Prozeß mitteilen darf. Es heißt, daß 76 Per- fönest verhaftet und 151 in Untersuchung gesetzt worden sind. In den letzten Tagen soll der Prozeß vor dem höchsten Gericht— eine Berufung ist also ausgeschlossen— stattgefunden haben. Es heißt, daß 14 oder sogar 40 Todesurteile verhängt worden sind! Das Urteil soll heimlich v o l l st r e ck t werden. Auch Dr. T. K e t o, der dem Stuttgarter Internationalen Kongreß beiwohnte, ist verhaftet und seine Schriften konfisziert. Von allen Verhafteten fehlen seit Monaten alle Nachrichten. Soweit unser Genosse. Nun erfahren wir von anderer Seite die fürchterliche Tatsache, daß die unheimlichen Gerüchte nicht getrogen haben. Dr. Denjiro K o t o k u. seine Frau und vierundzwanzig Sozialisten und Anarchisten sind unter der Beschuldigung einer„Verschwörung gegen die kaiserliche Familie" von einem besonderen Gerichtshof i m geheimen Verfahren zum Tode verurteilt worden. Dr. Kotoku ist ein glänzender Schriftsteller, der später sich zum Sozialismus bekehrt hat und Werke von Karl Marx, Tolstoi, Bakunin und Kropotkin übersetzt hat. Er gab auch eine Zeitschrist�herans, die der Verbreitung eines kommunistischen Anarchismus diente und von der Regierung unterdrückt wurde. Der Geheimprozeß, den die japanische Regierung veranlaßt und der zu einem so fürchterlichen Massenmord führen soll, beweist dieBarbareiundinnereRoheitderherr- schenden Klassen Japans. Ter beginnende Kapi- talismus hat über die japanischen Arbeiter alle Greuel ver- hängt, die wir aus den Anfängen des Kapitalismus in Europa kennen. Zu dem ökonomischen Elend fügt die schwache Schicht der Herrschenden, deren Korruptheit und Bestechlichkeit in zahlreichen Finanzskandalen zutage getreten ist, die politische Unterdrückung, die vor keinem Mord und keiner Gewalttat zurückschreckt. Erfolg wird dies fluch- würdige Beginnen auf die Dauer nicht haben. Aber eZ ent- hüllt das niedrige Niveau der japanischen Machthaber und es berichtigt gründlich die voreilige Meinung, als ob Japan heute schon unter die Kutturstaaten zu rechnen wäre._ Politische Gcbcrficbt. Berlin, den 12. Dezember 1910. Sammlungsgetrommel. AuS dem Reichstag, 12. Dezember. In der heutigen Sitzung kamen außer zwei Staatssekretären nur Vertreter sökcher Parteien zum Wort, die die sogenannte Finanzreform mitgemacht haben. So erklärt es sich, daß sortgesetzt die Sanimtungstrommel zur Bildung einer reaktionären RegierungS- Mehrheit gerührt wurde. Der neue Staatssekretär des Auswärtigen, Herr von Kiderlen-Wächter. hielt seine Antrittsrede, wobeier schon etwas besser abschnitt, als in der mißglückten Produkion in der gelben Weste aus Bukarest, mit der er vor zwei Jahren im Reichstag debütierte. Mit lächelnder Selbst- ironisierung meinte er, seine damalige Verteidigung des Aus- wärtigen Amtes sei nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen worden. Mit einer gewissen Rücksicht auf seine offenbare körperliche Indisposition nahm das HauS seine übrigens kurzen Ausführungen wohlwollend aä notam. Inhaltlich hatte er wenig vorzutragen, da er bat. nähere Er- örterungen über den Stand der Auswärtigen Angelegenheiten für die Budgetkommission reservieren zu dürfen. BeachtenS- wert ist nur. daß er beruhigende Zusicherungen über die Ver- hältniffe in Marokko gab. Sehr ausführlich wurde dagegen der Staatssekretär für daS Kolonialamt Herr v. L i n d e q u i st. Ausführlich, aber eigentlich ganz inhaltlos. nur ausgefüllt mit selbstverständ- lichen Allgemeinheiten war diese Rede, aus der nur hervor- trat, daß er einerseits seinem Amtsvorgänger Arcnberg hohes Lob spendete, sich aber andererseits sorglich um die Gunst deS Zentrums mühte, die ihm denn auch später durch Herrn Erzbrrger wohlwollend zugesichert wurde. AuS dem Hause sprachen die beiden Antisemiten Latt» mann und Werner, die Vertreter ihrer zerspaltenen Ärüppchen. Beide hetzten gegen die Sozialdemokratie und um- schmeichelten den Reichskanzler, der in diesen haltlosen Ver- legenheitspolitikern allerdings eine würdige Kerntruppe für fem Sammlungsheer erhalten hat. Der polnische Graf MielczynSki suchte der schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, sich gegen die brutale Unter- drückung der Polen zu wehren und gleichzeitig die Unter- stützung der Finanzpolitik jener junkerlich- bureaukratischen Regierung zu rechtfertigen, auf deren Schuldkonto die haka- tistische Unterdrückungspolitik lastet. Dabei verirrte er sich in vieldeutigen Allgemeinheiten, die von der Reaktion ebenso wie von ihren Gegnern zu ihren Gunsten gedeutet werden können. Die Sozialdemokratie wird die polnische Fraktion jedenfalls nötigen müssen, daß sie offen Farbe bekennt: für oder gegen die Reaktion. Dann ergriff für das Zentrum Herr Erzberger zu einer mehrstündigen Rede das Wort. Trotz der vorgerückten Zeit überschüttete er daS Haus mit dem gesamten Zitatensack. den er in den Sommerserien auS der Presse zusammen- geschnitten hatte. Die Nationalliberalen, die Freisinnigen, schließlich auch die Sozialdemokraten letztere mit Reminiszenzen von 1869 angefangen— wurden wegen ihrer Steuerpolitik harangiert. Gegen die Kolonialpolitik Dern« burgs führte er den liberalen Kolonialpolitiker Rohrbach ins Feld. Als leitender Faden schimmerte aber durch den bunten Rosenkranz von Einzelheiten, den er abbctete. deutlich daS Bemühen zutage. sich den Bethmann Hollwcg u. Co. als freiwilliger Regierungskomiker anzubiedern. Mit Wohlgefallen schauten die Bundesratsniitglieder den Erz- bcrgerschen Fechtcrkunststücken zu. Tiefe Rührung zuckte über die Züge deS hölzernen KriegSnnnisterS, als der Zentrums- Beuiamin den Reserveoffizier und den Kaplan Hand in Hand zur Bekämpfung deS soztaldemo- kratischen Einflusses aus dt« Jugend auf- marschieren ließ. Offenbar war das eine erste schöne Frucht der Aufforderung von Beuron an die Benediktiner, zum Schutze des Thrones ihren wertvollen Einfluß geltend zu machen. Morgen geht die Debatte weiter. Eine Leuchte des Nationalliberalismus. Die Nationalliberalen Hannovers hielten gestern, am Sonntag, einen Spezial-Sonderparteitag ab, dessen Verlauf sich noch kurioser gestaltete als der berühmte Kasseler General- Parteitag. Selbstverständlich fand weiter keine Diskussion noch eine Abstimmung über irgend welche Anträge statt: die ganze sonntägliche Veranstaltung hatte keinen anderen Zweck, als Herrn Bassermann Gelegenheit zu geben, seine Kunst auf dem Gebiete der höheren WortequiUbnstik zu zeigen. Und, wie anerkannt werden muß, entledigte sich Herr Bassermann der ihm gestellten Aufgabe mit großer Meisterschaft. Er redete und redete— und sagte im Grunde genommen doch nichts. Unaufhörlich floß der Wortschwall auf die bedauerns- werten Zuhörer herab. Sie erfuhren, daß das Heer und die Marine notwendig seien, die Sozialpolitik und die Mittel- standspolitik aber auch, daß im Osten die Liberalen bei den letzten Wahlen Glück gehabt hätten, daß die letzte Reichsfinanz- reform schlecht gewesen sei und die nächste besser gemacht werden müßte, daß die preußischen Landräte manchnml die Rolle konservativer Agitatoren spielten und daß es in Deutsch- land auch Polen und Welsen gibt usw. usw. Eine lange An- einanderreihung der tiefgründigsten Gemeinplätze, wie sie in der Partei für Bildung und Besitz als Kennzeichen diplo- matischer Begabung gelten. Doch auch auf die letzten Etatsreden im Reichstag ging Herr Bassermann ein. Er erzählte den Anwesenden, daß der Reichskanzler erklärt habe, er stände über den Parteien, und als die Zuhörer ob dieser kuriosen Versicherung lachten, meinte Herr Bassermann ernst:„Wir können doch diese Erklärung nur durchaus begrüßen!" Tann drückte er seine Freude darüber aus, daß das Philosophengenie von Hohenfinow keine Ausnahmegesetze gegen die sozialdemokratische Arbeiterschaft Plane, verschwieg aber, daß allerlei Ausnahmebestimmungen gegen die„Aufwiegler" und die Gewerkschaften in da? neue Strafgesetz hineingearbeitet werden sollen. Nachdem er in dieser Weise seinen Liberalismus bekundet, erhielt die Sozialdemokratie, die er nach Bethmannschem Rezept als Urheber der großen Revolution in Moabit hinstellte, allerlei Vorwürfe an den Kopf geworfen. So meinte Herr Baffermann weisheitsvoll: „Die sozialdemokratische Gefahr sollte von uns allen nicht unterschätzt werden. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die sozialdemokratische Hetze, wie sie vielfach geübt wird, in den Zeiten der Unruhen den Charakter dieser Unruhen verschärfen muß. Wer in den Tagen von Moabit wie ich den.Vorwärts" regelmäßig gelesen hat, mußte zu dem Resultat kommen, daß seine Lektüre aufreizend wirken muß. Wenn die Regierung sich auf den Standpunkt stellt, daß gegenüber solchen Unruhen rück» sichtSloS der Staat seine Organe anwenden mutz zum Schutze des Allgemeinwohls, so ist daS nicht zu tadeln, sondern zu loben." So ging das Getratsche endlos weiter, mehrfach durch Zwischenrufe der anwesenden Sozialdemokraten und Welsen sowie stürmischen Beifall der Nationalmiserablen unter- brachen. Als endlich Herr Bassermann endete, wurde sofort der„Parteitag" geschlossen. Eine Debatte fand sticht stgtj. ES war auch des Guten sicherlich genug. Der Kaiser tei den Triariera. Üie Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft feierte heute im Ab-. geordneteuhause daS Fest ihres 25jährigen Bestehens. Die Minister' und alle sonstigen Größen der Regierung waren erschienen— an ihrer Spitze der Kanzler, der diesmal weder durch ein Jagdvergnilgen noch durch den Kantschen kategorischen Imperativ abgehalten wurde. Buch S. M. der Kaiser war dort und wurde von- seinen allergetreuesten.Triariern' stürmisch begrüßt. Wie üblich wurden verschiedene Ansprachen gehalten, unter anderm vom Reichskanzler, vom Landwirtschaftsminister und auch vom Kaiser. G. M. rühmte die Leistungen der Landwirtschastsgesellschast, ihren Nutzen für die EntWickelung deS Anbaus, der Tierzucht usw. Zum Sckiluß meint« er nach dem offiziellen Bericht: .Mit Meine» Glückwünschen zu der heutigen Jubelfeier verbinde Ich herzliche Wünsche iür die Zukunft. Möge die Deutsch« Land- wirischanSgesellichast ihren großen Zielen immer näher kommen, die deutschen Landwirte weiier unter ihren Fitligen sammeln und so auch an ihrem Teile da« Band festigen, das alle deutschen Gaue um- schließt. Möge sie es sich stets angelegen sein lassen, die Lieb« zur beimischen Scholle zn pflegen und in ihren Mitgliedern das Gefühl der BerufSfreudigleit und der Berufstreue zu stärken. damit die landwirtschaflireibende Bevölkerung sich allezeit als «in gesunder und verläßlicher Kern des deutschen BolkeS bewähre zu Nutz und Frommen des gesamten Vaterlandes!' Der ganze Festverlauf zeigt, wenn er auch sonst nichts Außer- gewöhnliches bietet, wie sehr sich wieder die Großagrarier der Gunst der Krone erfreuen._ Antisemiten in de« freikonservativen Jagdgründe». Die Antisemiten Ljebermannscher Richtung haben beschlossen, in einer Anzahl freikouservaiiver Wabltreise vorzugehen, so in Deutsch- Krone gegen v. Gamp. in KoltbuS gegen v. Dirisen, in Harburg gegen den jetzigen Vertreter Varenhorst usw. Die Antisemiten sind erbittert darüber, daß. während sie in ibren Wohnorten und Wahlkreisen sür Kandidaten anderer rechts« stehender Parteien arbeiteten, die Freikonservativen jetzt in Marburg, da« zu ihrem ältesten Besitzstand gehört, einen eigenen Kandidaten aufgestell» haben._ ..Freie" Wissenschaft. In einer ausführlichen Erörterung des Berliner Profcfforen« streitS ergehen sich die rechtSnattonalliberalen»Hamburger Nachrichten' in einer wütenden Philippika gegen den Katheder- sozialismuS. DaS Organ der hanseatischen Pfeffersäcke und Reeder fordert mit unverblümten Worten, daß die Wiffenfchast, die ja nach den Worten der Verfassung(die allerdings nichts sind, als eine Borspiegelung falscher Tatsachen).frei" sein soll, noch ganz anders geknebelt werde, als da» jetzt schon der Fall ist. DaS ehemalig« Bismarckorgan schreibt: .Wir halten die kathedersozialistischc Richtung, die durch die Professoren Schmoller, Wagner und Genossen repräsentiert wird. sür eine wahre Kalamität und begrüßen cs freudig, wenn versucht wird, eine Bresche in diese Hochburg eines intoleranten, herrschsüchtigen und verbohrten DoktrinariSmuSzu legen. Welche Gefahr die Katheder- sozialisten darstellen, bat vor etwa m Jahren erst der bekannte Universitätsprofessor Richard Ehrenberg in einem bcachtens- werGn Artikel dargetan. Er warf ihnen darin vor. daß sie seit langer Zeit, insbesondere seit der Entlassung des Fürsten Bis- marck, in steigendem Maße und mit»rwchsendem Erfolge die öffentliche Meinung und die Wiffenichast terrorisierten. Ihr Einfluß auf die„ösfcntlichc Meinung ermögliche es ihnen, den verantwortlichen Gtaatsmännern wertvolle Dienste zu leisten. Als Gegenleistung erreichten sie Zustimmung zu ihren weit- gehenden sozialpolitischen Zwecken sonne fast unbeschränkte Macht Lei Besetzung der nationalökonomischen Lehrstühle. Dadurch (öetSe ETe WkffensHaft EeraVgejvvrMgl zur Dieriftm-rgE Eet Politik und in ihrem Lebensmark, in ihren Wurzelsäften der- darben; Ruhe und Objektivität, Freiheit und Ehrlichkeit der Forschung würden untergraben.... Der Einfluh, den sie auf das Leben, auf die Politik, durch eine leidenschaftliche, haß- erfüllte Agitation gegen Besitz und„Arbeit- gebe r" ausübten, habe in den betroffenen Kreisen die gleichen Empfindungen, Erbitterung und H atz erweckt. Das sei auch kein Wunder. Namentlich Adolf Wagner habe mit direkt sozialistischen Gedankengängen und Be- griffen gearbeitet, habe solche sozialistischen Begriffe, durch seine wissenschaftliche Autorität verstärkt, in die. Matzen getragen und in der Politik mit Erfolg geltend gemacht. Er habe dadurch wesentlich zur Erschwerung der Stellung unserer Unternehmer beigetragen. Wir halten die Anklage, die Professor Ehreitberg hier gegen die Kathedersozialisten erhebt, für begründet. Auch Fürst Bismarck war ein ausgestzrcchencr Gegner dieser unheilvollen Richtung; zu seiner Zeit wäre sie nicht zu ihrem jetzigen Einfluh auf die staatliche Politik gelangt. Unserer Ansicht nach ist die Forderung, die gestellt werden mutz, datz die Professoren aufhören, in der bisherigen Weise Sozial- Politik und Finanzpolitik zu treiben, oder, was noch bester wäre, datz sie sich auf ihr eigenstes Gebiet beschränkten, wo noch so viel, ja fast alles zu tun»st, datz sie das Politi- sieren den Politikern überlassen, wodurch Wissen- fchaft wie Politik nur gewinnen würde.' Welchen Begriff mutz ein Ausländer von unseren Katheder- sozialisten bekommen, w'cnn er diese Schilderung eines erbitterten Unternehmerblattes liest. Dabei sind in Wirklichkeit unsere Katheder- sozialisten die harmlosesten und zahmsten Menschen, die man sich denken kann. Ueberall, wo der Fortschritt der Zeit und das Volks- intevcsse eine energische Stellungnahme der angeblichen geistigen Führer der Nation, denn als solche betrachten sich ja wohl unsere Herren Professoren, erforderte, bleiben selbst die verschriensten der Kathedersozialisten hübsch vorsichtig autzerhalb der Gefechtslima. Wo zum Beispiel sind unsere Kathedersozialisten geblieben, als es bei dem Berserkergeheul unserer Scharfmacher über die angebliche Moabitcr„Revolution" galt, das Proletariat und seine Organi- sationen gegen die infamen Verdächtigungen und Verleumdungen in Schutz zu nehmen? ES bedeutet schon eine wahrhast heroische Tat, wenn sie sich einmal für eine den Junkern oder einer anderen Interessengruppe nicht genehme Steuer, wie die Erbschaftssteuer oder die Wcrtzuwachssteuer, ins Zeug legen. Dagegen haben unser« Kathedersozialisten es nie an Schtvärmerei für Militarismus. Mari- niSuiuS und Kolonialpolitik fehlen lasseni Trotzdem herrscht das einflutzreiche Unternehmerorgan die armen Kathedarsozialisten wie unnütze Jungen an. Die Professoren sollen sich um die Politik überhaupt nicht kümmern, die Sozialpolitik soll die Nationalökonomen nicht das geringste angehen! Dafür sollen sich die Professoren bedingungslos in den Dienst der kapitalistischen Interessengruppen stellen. Bekanntlich hat Wilhelm II. die Anregung dazu gegeben, datz unsere Geldinagnaten sich der vom Staate so stiefmütterlich be- handelten Wissenschaft nach amerikanischem Vorbild in freigebiger Weise annehnren sollen. Die Folge gavon kann gar keine ander« sein, als datz unsere Universitätsprofessoren vollends zu Hand- langern der Kapitalsinteressen herabsinken! Da«? vom Hause Habsburg. Ueber.Moabiter Politik" wehklagt die»Deutsche Montag?- itung", die neue offiziöse und reaktionäre Pressegründung. Sie .Stait dem H i in m e l'z u d a n! e n, dotz endlich einmal ein seinem Oirtenschreiben mit- rdwelche Verurteilung irgend- �litstcherVorgaiig eine rein kriminelle, rein juristische Sette'''rpielt man den Prozetz in«-Politik th-es»Gfi» Wege unserer Beamte» find wirklich oft recht wunderliche. Statt politische Borgänge in juristische, verwandeln sie juristische in politische Prozedurelt. Auch das bescheidenste Maß von Äkugheit mutzte vor solchem Unternnehmen warnen, und ma» betritt das Reich der iinbegrenzien Uumöglichleiten. wenn mau nach den Motiven eines Eifers forkcht, der so sich, bei llar vor- gezeichnetem Zweck, in der Wahl seiner Mittel vergreist. Ahnte von den Matzgebenden denn keiner die Folgen, die eine Diversion der Juri st en ins Politische zeitigen mutzte?" Die Staatsanwaltschaft mag fich bei den Hintermännern des Blattes für diese schmeichelhafte Kritik bedenke»! ES mutz bitter web tun. für seinen besonderen Eifer und das feinsühlige Eingehen auf dke Intentionen gewisser Stellen von den Soldschreibern dieser nämlichen Stellen nach den, FiaSlo der staatSretterischen Aktion so blutig abgsrüffelt zu werde» I Die FriedenSbedingnnge» im christliche» Gewerkschaftsstreit. � Wie Kardinal Fischer in teilt, denkt der Papst nicht an irgendwelche einer katholischen Organisation. Im Gegenteil:„Er belobt und segnet sie." Und was die G« w« r k scha f t» frag e betrifft, so jätzt der Papst durch Kardinal Fischer erklären, dag er in dieser Frag« den bisherigen Standpunkt einnehme, datz er nämlich den beiden Richtungen, die in dieser Hinsicht in Deutschland be- stehen, den christlichen Gewerkschaften und den katholischen Fach- äbteilungeu. gleichmähig neutral gegenüberstehe. In dieser Frage hätte also weder die Richtung ÄreSlan-Berlin, die es mit den katholischen Fachabteilungen hält, noch die Richtung Köln-M.-Gladbach, die auf feiten der christlichen Gewerkschaften steht, gesiegt. Es bliebe demnach in der ultramontanen Arbeiter- b«wegung alles beim alten. Ab«r der Papst versteht sich nicht ganz bedingungslos zur Neutralillit. Er verlangt zunächst, datz für die Sukunft mehr noch als bisher die„spezifisch katholischen rbeiterorgani sationen sArbetter-, Gesellen- und Jüng- liiigSversine, Kongregationen usw.) gepflegt und gefördert werden, um so„den religiösen, den katholischen Geist in unserer braven katholischen Arbeiterwelt zu pflegen und zu vertiefen. Das Interesse für dies«„spezifisch katholischen Arbeiterorgani- sationen" war durch die christlichen Gewerkschaften etwas in den Hintergrund gedrängt worden, und das war auch der Gruno, wcS- halb namentlich die Bischöfe aus die christlichen Gewerkschaften scheel sahen, weil diese, die Arbeiter zu sehr mit weltlichen Jnter- essen beschäftigten und ausserdem der gefährlichen Bcrrihruna mit Andersgläubigen aussetzten. Die christlichen Gewerkschaften haben den Unmut der Bischöfe dadurch abzulenken versucht, datz sie jedes ihrer katholischen Mitglieder verpflichteten, auch einem katholischen Arbeiterverein beizutreten. Aber auch da? scheint nicht genügt zu haben, und so erfolgt denn jetzt die päpstlich« Mahnung, mehr noch als bisher die„spezifisch katholischen Organisationen" zu fordern, um aus diese Weise dem verweltlichenden Gifte, das die-brave katholisch« Arbeiterwelt" durch die Beschäftigung mit materiellen, gewerkschaftlichen Dingen empfängt, entgegenzuwirken. Und noch eine zweit« Bedingung stellt der heilige Vater in Rom dafür, datz er neben den katholischen Fachabteilungen«uch noch die christlichen Gewerkschaften duldet. Er verlangt nämlich, datz der zehnjährige Kampf zwischen den beiden Richtungen au f h S r t— eine Bedingung, die. wie Erzbischof Fischer versichert. dem Papste besonders am Herfen liegt.— ES soll nunmehr— so tut da» Oberhaupt der romischen Kirche durch den Kölner Kardinal der Welt zu wissen— endlich aller Hader und Zwist zwischen den beiden Richtungen auf gewerkschaftlichem Gebiet« aufhören. Mögen sie. wenn nicht miteinander, so wenigstens nebeneinander wirken, ohne sich gegenseitig zu beschuldigen und zu befeinden." Ans rnkeressierl hkerSel kesonders die Frage, lvke ssch dTs christlichen Gewerkschaften auf dies« päpstliche Mahnung hin verhalten werden. Sie haben wiederholt und in den schärfsten Ausdrücken die katholischen Fachabteilungen als arbeiter schädliche Or- ganisationen bezeichnet und sie mit Streikbrecher- organisationen aus eine Stufe gestellt. Sie haben ebensooft einen Frieden, eine Versöhnung mit der Berliner Richtung als u n. möglich bezeichnet und sich verschworen, nicht eher zu ruhen. als bis die Fachabteilungen vom Erdboden der- schwunden seien. Sie haben drittens zu verschiedenen Malen ihre Unabhäiigigkeit und Selbständigkeit ihrer Organisation gegen- über den politischen Parteien wie der Kirch« betont und sich jede Einmischung von auhen, komme sie, woher sie wolle, in entschieden« Weise verbeten. Jetzt hat die Kirche durch ihr Oberhaupt gesprochen. Sie der- langt von den christlichen Gewerkstchaften, datz sie den Kampf gegen die kaholischen Fachabteilungen aufgeben.?ieun Zehntel der Mit- glieder der christlichen Gewcrksckxtften sind Katholiken. Als solche müssen sie ihrem kirchlichen Oberhaupt« folgen. Aber die christlichen Gewerkschaften wollen doch Arbeiterorganisationen sein und als solche sich von niemandem in ihrem grundsätzlichen und taktischen Verhalten hineinreden lassen. Werden sie als Katholiken oder als Arbeiter handeln? Werden sie die Strerkbrecherorganisationen (Richtung Berlin) weiter bekämpfen— oder werden sie, um dem Papst zu gehorchen, die Streilbrechcrorganisationen als gleich- weriig und gleichberechtigt neben sich dulden? Auf ihre Entschei- dung in dieser Frage darf man gespannt sein) Die Slusführnng des Reichsvereinsgesetzes. Der Kampf, den unsere Genossen im Kreise Teltow- Beeskow seit sieben Monaten gegen den Amtsvorsteher in Zossen sowie den Landrat des Kreises Teltow um das Versammlungsrecht i» Motzen führen, scheint sich nunmehr doch seinem Ende zu nähern. Nachdem eine Unzahl von Beschwerden in dieser Sache an- hängig gemacht worden, sind endlich zwei Bescheide des Herrn Regierungspräsidenten eingelaufen, worin bekundet wird, datz die unteren Verwaltungsorgane dem Paragraph 7 des ReichSvereinSgesetzeS eine Auslegung gegeben haben, die ihre Beingnisse überschreitet. Die eine Beschwerde betrifft das Verbot einer Versammlung unter freiem Himmel, die zu Sonntag, den 8. Mai, nach dein Hofe des Eigentümer« Hertel in Motzen einberufen werden sollte.— Der Herr Amtsvorsteher teilte damals mit. datz die Genehmigung hierzu versagt werden müsie,—„da durch diese Veranstaltung in mehr- fach« Hinsicht Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu befürchten sei." Der Herr Landrat erklärte ebenfalls, datz er unter den ob- walt-nden Umständen nicht anzuerkennen vermöge, datz eS den, Ver- bot an einer ausreichenden gesetzlichen Begründung fehle, und wies deshalb die Beschwerde als unbegründet zurück. Der Herr Regierungspräsident Uetz zedoch nunmehr dem Be- schwerdeführer durch den Landrat folgenden Bescheid zugehen: .Die Genehmigung zur Abhaltung einer Bersammlung unter freiem Himmel am 8. Mai d. I. auf dem Grundstück des Eigentümers Hertel in Motzen ist Ihnen vom Herrn Amtsvorsteher versagt worden, weil er Gefahr für die öffentliche Sicherheit de- fürchtete. Ich vermag diese Befürchtung nichtzuteilen und habe den Herrn Amtsvorstcher mit entsprechender Anweisung versehen lassen. Der zweite Fall betrifft eine Versammlung, die zum Sonntag. den 28. August, nach dein Grundstück der Witwe Buschack in Motzen einberufe» werden sollte.— Der Herr AmtSvorsteher hatte vorher schon zweimal die Genehmigung versagt.— weil ihm der Zweck der Versammlung nicht mitgeteilt worden war, worauf ihm am lö. August schriftlich erklärt wurde, datz die Versammlung den Zweck habe.~ il Hänger für'die DozmkKrüoktisiie zu. werben Der Amtzvorsteher verweigerte trotzdem noch die Genehmsaung. tocil," ü5fe"W mWWe, die Versammlung i n m üt t e n ei n Bestrebungen de r Sozialdemokratie abgeneigten Bevölkerung stattfinden solle, sich hauptsächlich anS Ziegeleiarbeiter n zusammensetzen würde. Schlägereien in der dortigen Gegend an der Tagesordnung seien, und alle diese Dinge bei ihm die Befürchtung begründeten, datz es zur Störung der öffentlichen Sicherheit kommen könnte. Auch der Herr Landrat schloß sich in seinem Bescheide vom !S. September dieser Begründung der Ablehnung an und wies auch diese Beschwerde zurück. Der Herr Regierungspräsident ließ jedoch auch in diesem Falle durch den Landrat folgenden Bescheid zustellen: „Soweit sich Ihre Beschwerde auf das VersammlungSvcrbot am 23. August d. IS. erstreckt, ist sie gerechtfertizl. Dem Herrn AmiSvorsteher in Zossen habe ich in letzter Hinsicht entsprechend anweisen lassen." So werden sich ja wobl nun Landrat und AmtSvorsteher unter diese Antveisung beugen müssen.— Für die Bevöskernng bat der Besckiverdeweg jedoch nur einen recht vroblematiichen Wert, weil die Erledigung solcher Beschwerden, wie dieser Fall beweist, unter Umständen 7(sieben) Monate lang ans sich warten lätzt. Die Bürgerausschustwahlen in Württemberg« Am vergangenen Freitag fand die Bürg«ausschutzwahl in Stuttgart statt. Vierzehn Mandate waren neu zu besetzen. Der Wahlkampf wurde ziemlich scharf geführt. Bei der Bürger- auSschutzwahl vor zwei Jahren hatte die Sozialdemokratie 8648 Stimmen auf ihre Kandidaten vereinigt, 38 Proz. aller ob- gegebenen Stimmen. Je näher die Sozialdemokratie dem Ziel zurückt, mehr als die Hälfte du Stimmen auf sich zu vereinigen und so die Mehrheit in der Gemeinde''ertretung zu erlangen, um so erbitterter wird naturgemätz der Widerstand der bürgerlichen Parteien. Dazu kommt, datz daS Rekrutierungsgebiet der Arbeiterpartei in der Residenz durch die soziale Schichtung der Bevölkerung seine natürliche Grenze hat. Unter diesen Verhältnissen ist der Ausfall der Wahl, wenn auch nicht voll befriedigend, so doch auch nicht ungünstig zu nennen. Unsere Wählerzahl stiegt auf 10 215, rund 42 Proz. der abgegebenen Stimmen. Die Wählerzahl der bürgerlichen Parteien ging dem- gemätz zurück. Der Zuwachs an Stimmen reichte leider noch nicht au», zu den sechs Mandaten, die wir zu verteidigen hatten, ein siebentes Hinzuzugewinnen. Die Wahlbeteiligung war für eine BürgerauSschutzwahl ziemlich stark. ES stimmten rund 76 Proz. der Wahlberechtigten ab. Von sonstigen bemerkenswerten Wahlen seien noch erwähnt: In B o t h n a n g bei Stuttgart eroberten wir sämtliche sechs Mandate, in Unterreichenbach fünf, in Frankenbach und Wendlingen je vier, in Böckingen. Rellingen, Dennjächt und Neustadt ej drei, in Schwenningen und G e i s i n g e n je zwei usw. Selbst in erzkatholischen Ge- meinden macht die Sozialdemokratie überraschende Fortschritts. Er geht vorwärts auf der ganzen Linie. Prinz Löwenstei«, aus dessen Stallungen senchenkranke Schwein« nach dem Heidelberger Sckilacbibos verkaust wurden, sucht in ein« Berichtigung, die er o« .Mannheimer Volksstimme" sandte, jede Schuld von sich abzuwälzen. In der.Berichtigung" wird aber zugegeben, datz die Seuche so stark herrschte, datz 189 Schwein» der Abdeckerei überwiesen werden mutzten, und weiter, datz 80 Stück aus diesem verseuchten Stalle zum Berkauf für Schlachtzwecke gebracht wurden. Einkge Feststellungen. Genosse KarlLiebknecht, der kiiulich tzon seiner amerikanischen AgitationStour zurückgekehrt ist, schreibt uns: Ich mutz nun doch meinem Vorsatz untreu werden, all die Tartarennachrichten über meine amerikanischen Reden unbeachtet ihres Weges laufen zu lassen. Man hat mir eine schauerliche RcvolutionSprophezeiung in den Mund gelegt: Ueber Nackt werde den deutscken Kaiser ein portu- giesischeS Gesckick heimsuchen; wer weitz, vielleicht schon morgen. Dreimal schrecklich I! Gesogt habe ich etwa: Niemand in Deutschland glaube mehr an daS GotteSgiiadentnm.„Gottes Gnade" sei auch gar Wandel- bar. Beweis: Der portugiesische Wirbeisturm über Nacht, ein neues Mene-Tekcl für alle, die sich lächerlich cmbiiden, ein auf- geklärtes Vvlk k la Schafherde oder Rekrutenkompagnie in alle Ewigkeit terrorisieren zu können. Jede Kai'errede a la Königsberg sei ein Stück jenes merkwürdigen historischen Selbstmordes der Monarchie, dem wir natürlich kein Hindernis in den Weg leger». Im übrigen sei daL deutsche Kaisertum nicht von„Gottes Gnaden", sondern von„Kapitalismus Gnaden", von Gnaden all« Fraktionen des Kapitalismus, einschlietzlick der junkerlich-agrarischen, und mit ihnen auf Gedeih nnd Verderb verbunden. Gegenüber den Illusionen auch mancher amerikanischen Proletarier habe ick die grandioS-rücksichtSIoien Exzesse des amerikanischen Kapitalismus, seine fast völlige Echranlenlosigkeit, seine unerbörls Gleichgültigkeit gegen Leben und Gesundheit der Arbeiter und die unverbüllte tapitalistische Korruption der öffentlichen Gewalten scharf gekennzeichnet und betont, datz viele dieser wüsten Ausschreitungen in Deutschland nicht möglich seien; nicht möglich seien vor allem, weil sich das organisierte, klaskcnbclvutzte Proletariat eine entscheidende Machtstellung erobert habe und an vielen gefährdeten Stellen Schutz- dämme aufgerichtet habe. Jronisirrend fügte ich noch hinzu: Die amerikanischen Arbeiter hätten gewitz keinen Grund, sich vom Hafer stechen zu lassen; ich käme in diesem amerikanischen Hexen- »abbat fast in Versuchung, deutscher.Palriol" zu werden. Wenn es aber in Deutschland möglich geworden ist, zu leben, ja wenn es heute eine wabre Lust ist, in Deutschland zu leben, so dank dem frischen und kühnen Kampf der stets mächtiger und zielllarer voran- marschierenden Sozialdemokratie: Auf dieses Heilmittel verwies ich die amerikanische Arbeiterschaft. Auch von„Heimweh" habe ich drüben gesprochen: in Philadelphia, in New Dork, in Chwago, in PittSburg, i» Detroit, wo die„Kosacken" der Republik ganz k la Rbeinfelden und ManSfeld, 4 la Hannover, Franiiurt, Halle, Neumünster, Braunschioeig o tutti guanü und ä la Moabit gehaust haben; in Los Angeles, wo soeben eine Klassenjustiztragödie im Gange ist, die ein neneS Chicago zn werden droht; angesichts der Kasernen und Gesängnisse, die ich auf meinem Zickzackwege allenthalben in der neuen Welt traf. Wie ich aber über gewisse Personen denke, die Deutschland zwar beileibe nicht regieren, aber doch regieren möchten,'sich vielleicht sogar zu regieren einbilden, daS habe ich in Amerika wahrlich auch deutlich genug gesagt, und da der Herr Reichskanzler daS zu zitieren vergessen hat, will ich eS nachhole», wenn es auch etwas grob ist: „Von Herrn v. Bethmann Hollweg gilt, was jenes römische Sprich- wort besagt: ei tauriissss philoeophue rnansissos; wenn er doch geschwiegen hätte! vielleicht hätte man ihn dann Wirkich— wegen des Schweigens— für einen„Philosophen" gehalten. Er wirtschaslet in der Politik wie ein gewisses Tier im Porzellanladen. Die internationale Solidarität der deutschen Sozialdemokratie ist grotz; aber eins würden wir Euch amerikanischen Genossen doch um nichts in der Welt abgeben: unsere Perle von Reichskanzler. Gott erhalte u»S deutschen Sozialdemokraten unseren Bethmann Hollweg in alle Ewigkeit. Amen!"_ Oeftcmlcb. Demission des Ministeriums Bieuerth. Mimsterprp�nt �anö'cvi l\ Nlsnert� dein Kaiser Dom ission e{ a.r.t t c u>t u Inn e 1 1§. DmpMsec nahm die D emtnto n ssnwro Bmmite baff IfÜWTfett mit der ei»st>veiligen Fortführung der Geschäfte. Die Stellung deS Kabinetts war unhaltbar geworden, als die Polen drohten, bei der Abstiinmuug über das Budget- Provisorium aus der Arbeitsmajorität auszutreten. Ans die Frage deS Ministerpräsidenten an den Obmann deS Polen- klubs, ob die Polen für die in Verhandlung stehende Vorlage stimmen wurden, erklärte dieser. das nicht verbürgen zu können. Die Polen verlangen vor allem den Ausbau der Wasserstraßen und Kanäle, eine Forderung, der die Regierung aus finanziellen Gründen nicht zustimmen wollte. Wahrscheinlich wird zunächst die Bildung eines Uebergangs- Ministeriums versucht werden. Dieses UebergangSministerinnr hätte die Aufgabe, vom Parlament die E r l e d i g u n g der Staatsnotwendigkeiten zu verlangen, um so Zeit für die Bildung einer definitiven Regierung zu finden. franhrneb. Spekulationsmanöver. Paris, 12. Dezember. Die Deputierte nka in msr fuhr hsute mit der Beratung der Interpellationen wegen der übermätzig hohen Zucker- und Spirit urPreise fort. R i n g u i e r und T h a l a m a S sprachen ihr Erstaunen aus, datz der Spekulant Santa Maria nicht ausgewiesen worden sei. Der Minister antwortete, das gerichtliche Verfahren sei infolge eines non liguet- Beschlusses eingestellt worden. Schliehlich nahm die Kammer durch Handaufheben die von Dupup gebilligte Tagesordnung an, die da«. Vertrauen der Kammer zur Regierung dahin ausspricht, datz diese die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit der LieferungSgcschäste in Waren an den Produktenbörsen zu sichern wissen weide. Rußland. Neue Infamien. Petersburg, 12. Dezember. Im Wolagdaer Ge- fängiiiS liefe der Direktor tausend politische Ge- f a n g e n e, die sich über ungeuiefebarL Speisen beklagt hatten, trotz ärztlichen Einspruches durch- peitschen. In einem sibirischen Gefängnis wurde Jegor S a s o n o w. der P l e h w e getütet hat, zu Tode geprügelt. Auch in diesem Gefängnis werden die politischen Gefangenen mit Ruten gepeitscht. Unter den Gefangenen ist eine Selbst' mordepidemie ausgebrochen. BrariUen. Unterdrückung des Aufruhrs. Rio de Janeiro, 12. Dezember. In vergangener Rächt b:r- suchten die Meuterer zu fliehen; viel« von ihnen wurden gefangengenommen. Die RegieruiigStruppen besetzten heute früh die Insel das CobraS, wo sich noch einige Aufftöndisch» de« fanden, die keinen Widerstand leisteten. DaS Leben in der Stadt nimmt wieder überall seinen gewöhnlichen Charakter an- « London» 11. Dezember. Dem hiesigen brasilianischen Ge« sandten wird aus Rio de Janeiro telegraphiert, dafe der Befehls- Haber der Garnison 3iio de Janeiro während deS Born- bardements durch einen Schuß ins Bein verwundet wurde. Die Verluste an Atenschen leben seien zu Lande nicht bedeutend, doch wurde einiger Sachschaden angerichtet. 6ewerkrcbaftUcbce. Eile mit Meile! In der„Baugewerkszeitung" gab der Vorstand des Deut- scheu Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe vor einiger Zeit folgendes bekannt: �. „Der Deutsche Arbeitgeberbund für das Baugewerbe hat vom Staatssekretär des Innern in Berlin am 17. November dieses Jahres solgendes Schreiben erhalten: „Dem Deutschen Arbeitgeberbunöe für das Baugewerbe erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 25. Oktober, dah die Verhandlungen, welche erforderlich waren, um die Unparteiischen für das Zentralschiedsgericht zu bestellen, noch nicht abgeschlossen sind. Ich hasse, dem Arbeitgeber- bund in Kürze endgültig Nachricht geben zu können.'"' Diese Bekanntinachung kann erst richtig gewürdigt werden, wenn berüctsichtigt wird, daß der große Kampf im Baugewerbe am 1k. Juni durch den bekauuteu Schiedsspruch in Dresden für beendet erklärt und innerhalb einer Woche die Arbeit auch tatsächlich überall ausgenommen wurde. Wie unseren Lesern durch die eingehende Berichterstattung des „Vorwärts" noch in Erinnerung sein wird, sollten die Streitigkeiten und örtliche Vertragszusütze durch die örtlichen Instanzen— Schlichtungskommissionen und Schiedsgerichte — bis zum 15. Juli erledigt und die örtlichen Verträge ab- geschlossen werden. Der Hauptvertrag setzt außerdem noch eine dritte Instanz ein— das Zeillralschiedsgericht. Letzteres ist Berufungs- instanz zur Entscheidung grundsätzlicher Angelegenheiten und wenn eine Organisation die Durchführung einer Entscheidung der unteren Instanzen verhindert. Es besteht aus Vertrauens- niännern der Parteien und drei Unparteiischen, die der Staatssekretär des Innern ernennen soll. Es sind nun fast sechs Monate seit Fällung des Schiedsspruchs in Dresden verstrichen. Trotz- dem sind die Verhandlungen, welche erforderlich waren, um die Unparteiischen zu ernennen,„noch nicht abgeschlossen". Das sckieint also ein schwieriges Werk zu sein. Will diese Aufgabe dein Herrn Staatssekretär auch nicht gelingen? Es wäre doch recht interessant, wenn die Mitwelt erfahren könnte, welche Hindernisse sich der Erledigung dieses Auftrages ent- gcgenstellen! Die Folgen dieser unerklärlichen Zauderpolitik scheinen für die Beteiligten recht unangenehme Zustände im Gefolge zu haben. Berichtete doch die„Baugewerkszeitung" über eine große Zahl von Fällen, die der Erledigung durch das Zentral- schiedsgericht harren. Die Arbeiterorganisationen haben ebenfalls über eine Menge solcher Streitfragen zu klagen. So berichtet das„Zentralblatt für das deutsche Bau- gcwerbe" über einen Streitfall zwischen den Arbeiterver- bänden in Frankfurt am Main und dem Mitteldeutschen Ar- beitgeberverband für das Baugewerbe in Frankfurt a. M. Zur Erledigung der Streitfragen über die Zusätze zum örtlichen Vertrage im Bereiche des obigen Arbeitgeberver- bandes mußte das örtliche Schiedsgericht angerufen werden. Dieses tagte am 18. und 19. Juli unter dem Vorsitz des Stadt- rats Dr. Luppe in Frankfurt a. M. Es fällte einen Schiedsspruch, der 22 Einzelentscheidungen umfaßt. Wenn die Parteien diesen Schiedsspruch anerkannten, waren die Streitfragen restlos erledigt. Der Vorstand des �Mittel- deutscheu Arbeitgeberverbandes lehnte aber diesen tochieds» spruch ab, verweigerte fluch, den Vertrag zu unterfertigen, und verlangte, daß die Arbeitervcrbände bis zur Entscheidung des.Zeutralschiedsgerichts den friicher.en Vertrag als zu �R'echf bestehend anerkennen sollten! Durch diese Verschleppungspolitik der„Mitteldeutschen" ist iin Bereich dieses Verbandes ein latenter Kriegszustand eingetreten. Die Arbeiter sind natürlich sehr erbittert, denn die Verweigerung ihres Rechtes muß bewirken, daß die Be- nachteiligten aus Freunden des Tarifs zu seinen Gegnern werden. In einigen Orten, wie Friedberg und Bad Nauheim, ist es zu Arbeitseinstellungen gekommen. Die bestreikten Unter- nehmer jamnierten nun über den Vertragsbruch der Arbeiter. Letzteres veranlaßte die Vorstände der Maurer und Bau- Hilfsarbeiter in Frankfurt a. M., eine Aufklärungsschrift in Gestalt einer kleinen Broschüre herauszugeben, in der sie durch Auszüge aus den Schiedssprüchen in Berlin. Dresden und Frankfurt a. M. und an der Hand des Schriftwechsels mit dem Vorstand des Mitteldeutschen ArbeitgeberverbandeS, dessen illoyales Verhalten nachzuweisen suchen. Tie Arbeit- geber in den Orten mit Differenzen handeln allerdings in gutem Glauben, wenn sie den Arbeiterverbänden Vertrags- bruch vorwerfen, denn, wie in der Broschüre glaubhaft nach- gewiesen wird, wird ihnen von dem Vorstand ihres Bezirks- Verbandes die volle Wahrheit nicht mitgeteilt, so daß sie an- nehmen können, der Vertrag sei bereits abgeschlosten. „Infolge dieses haltlosen Züstandes in der Tarifpolitik ist die Zahl der Arbeitskonflikte vom Juni dieses Jahres ab weit größer wie in früheren Jahren und wäre wohl noch größer, wenn die Vorstände der Arbeiterorganisationen nicht für Ord- nung sorgten," sagen die Herausgeber der Broschüre. Das sind zumindest recht sonderbare Zustände, die inner- halb einer Periode des sogenannten wirtschaftlichen Waffen- stillstandes im Baugewerbe und nach baldigem'Ablauf des ersten Vertragsjahres bestehen. Die Oefsentlichkeit aber wird sich ganz verwundert fragen: Warum konnte das Zentral- schiedsgericht noch nicht in Funktion treten?— Berlin und Umgegend. Unzureichende Löhne in der Allgemeine» ElektrizktSts- Gesellschaft, Ackerstraste. Tiefgehende Unzufriedenheit in bezug aus Lohnzahlung macht sich gegenwärtig unter den Packern, Lager- und Werkstätten- Hilfsarbeitern in der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschast, Acker- straßc, bemerkbar. Außer den sehr spärlich gewährten Lohn- zulagen wird lebhast darüber Klage geführt, daß die Direktion sich beharrlich weigert, die Einstellungslohne mit denen der anderen Werke gleichzustellen. Obgleich in den anderen A. E.-G.-Betrieben die Einstellung benannter Arbeitergruppen mit 40 Pf. pro Stunde erfolgt, wird im Werk Ackerstraße die Einstellung immer noch mit 38 Pf. vorgenommen.— Die in Frage kommenden Ar- heiter können es sich nicht erklären, warum eine solche Zurück- sehung erfolgt. Wiederholt ist die Direktion und im besonderen Herr Direktor Zwarg auf dieses Mißverhältnis hingewiesen worden; dock, leider bisher ohne jeden Erfolg.— Zieht man die hohen Reingewinne, die die A. E.-G. im verflossenen Geschäftsjahr wieder erzielt hat, in Betracht, so ist nicht zu verstehen, warum hier noch Löhne, die als recht minimal bezeichnet werden müssen, gezahlt werden._ Tarifbewegung der Bademeister, Bademeisterinnen und Badeangestellten. Am Sonntag fand eine gut besuchte Versammlung statt, in der Dettloff über die Frage referierte, ob der Tarif, der jetzt drei Vecantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.j Jahre besteht und im April nächsten JahreS abläuft, gekündigt werden solle. Beim Abschluß desselben hatte das Gewerbegericht den Kontrahenten empfohlen, beim nächsten Tarifabschluß die Zahlung fester Löhne auf der Basis des Wochenlohnes festzusetzen. Da jedoch eine solche Aenderung des Lohnverhältnisses nicht ohne weiteres durchzusetzen ist, so soll den Arbeitgebern folgende Forde- rung unterbreitet werden, die einen Schritt auf dem vom Ge- Werbegericht empfohlenen Wege darstellt: Die Entlohnung in der Form von sogenannten Trinkgeldern soll wegfallen und die jetzt üblichen Sätze vom Arbeitgeber bezahlt werden, der seinerseits die Gelder vom Publikum einzieht. Der Tarifentwurf enthält, ent- sprechend den gesteigerten Wirtschaftsverhältnissen, eine Erhöhung der bisherigen Sätze.— An Stelle der jetzt bestehenden Arbeits- nachweise, unter denen sich die schädlichen Privatnachweise be- finden, soll ein einheitlicher paritätischer Stellennachweis ge- schaffen werden. Die Kosten sollen beiden Teilen zufallen. Der neue Tarif soll zwei Jahre laufen. Auch wird die Sonntagsruhe gefordert. Jetzt hat das Personal bis 12 Uhr Dienst. Um nun den Arbeitgebern und dem Publikum entgegenzukommen, sollen an Stelle der Sonntagsarbeit Sonnabends die Anstalten statt wie jetzt bis g Uhr bis 11 Uhr aufbleiben.— Nach längerer Diskussion wurde einstimmig beschlossen, den Tarif zu kündigen. Es wurde noch darauf hingewiesen, daß die Organisierten unter dem Badepersonal Legitimationskarten besitzen, die sie auf Wunsch dem Publikum vorzuzeigen haben. Achtung, Handlungsgehilfen! Die bei der Firma Karl Reich, Damenputz, Müllerstr. 141, bestehenden Differenzen sind nach beiderseitigem Ucbereinkommen voll und ganz erledigt. Zentralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilsinnen Deutschlands, Bezirk Berlin. OeutfcKeo Reich. Verlängerung der Arbeitszeit und Mastregeluug veranlaßte die Maurer des Unternehmers Baloch in Sommer- feld, auf den Bauten der Maschinenfabrik Flöter in Gassen die Arbeit einzustellen. Herr Baloch schurigelte seit Monaten die Maurer in rigoroser Weise. Jedem, der gegen seine selbstherrliche Wirtschaft opponiert, droht er mit Entlassung. Nach seiner Deduktion ist es der neue Vertrag, der ihm solche Rechte verleiht. Seltsamerweise haben die Sommerfelder Herren diesen Vertrag nicht einmal unterschriftlich anerkannt. Als vor einigen Tagen die ic>14stündige Arbeitszeit eingeführt werden sollte und mehrere Maurer, die dagegen Einspruch erhoben, entlassen wurden, riß den sonst über die Maßen langmütigen Maurern die Geduld und sie legten die Arbeit nieder. Hoffentlich gelingt eS, den Herrn energisch zur Ordnung zu rufenl DaS Ergebnis der Sicherheitsmännerwahlen im Lugau- OelSnitzer Revier ist ein Sieg des Verbandes der Bergarbeiter. ES wurden gewählt 19 Verbandsvertreter und 8 königStreue Knappen. Die Verwaltung der Zeche„LukaS", von der wir anerkannten. daß sie sich mit ihren Arbeitern verständiger als bisher irgendein Arbeitgeber im Ruhrrevier auseinandergesetzt habe, weist unser Lob bescheiden zurück und sendet uns folgende Berichtigung: „In Nr. 285 des„Vorwirts" vom 6. Dezember 1919 be- findet sich auf Seite 4 des Hauptblattes ein?lrtikel unter der Ileberfchrift:„Der Streik auf Zeche„Lukas" beendet", in dem behauptet wird, der Direktor der Zeche habe erklärt, die Streikkommission nicht anerkennen zu können, aber dennoch wieder mit ihr verhandelt. Diese Behauptung ist unrichtig. Der Unterzeichnete, welcher die Streikkommission empfangen hat. hat dieser ausdrücklich erklärt, daß er nicht mit ihr ver- handeln könne, und eine Verhandlung über irgendwelche Forde- rungen hat auch nicht stattgefunden. Weiter heißt es in dem Artikel, der Unterzeichnete habe auf Ehrenwort erklärt, daß ''die Kontraktsbrüchsträfen nicht einbchalten werden und auch keine Maßregelungen erfolgen sollten. Auch diese. Behauptung —»st-tunrichtig. Eine ehrenwörtliche Erklärung hat der Unterzeichnete nicht abgegeben. Richtig ist dagegen, daß keinerlei Maßregelungen der am Montag, den 5. d. M., angefahrenen Belegschaft stattgefunden haben. Richtig ist ferner, daß laut Anschlag die Belegschaft aufgefordert wurde, ihre Beschwerden bei dem Direktor der Zeche„LukaS" vorzubringen. Akt.-Ges. zu Siolberg und in Westfalen, Abteilung Kohlenbergbau, Dortmund. Nöh." Den feinen Unterschied zwischen einer Erklärung und einer „ehrenwörtlichen" Erklärung haben nicht wir, sondern diesen hat der Einsender der Berichtigung hervorgehoben. Wir legen mehr Wert als auf die Form auf die Tatsachen, auf die Aussprache mit der Kommission, die zwar keine Verhandlung war, aber eine zwar nicht„ehrenwörtliche", immerhin eine Erklärung brachte, die erfreulicherweise eingehalten wurde. Die Zeche„Lukas" die serhalb noch einmal zu loben, werden wir uns allerdings jetzt hüten._ Kein Pardon wird gegeben. Man schreibt uns aus Baden: Nach Pforzheim zog ein Fähnlein Regierungsmannen: der Großherzogl. Landeskommissär. Vertreter der Fabrikinspektion und ein Geheimer RegierungSrat; sie trachteten nach einem Waffenstillstand im Pforzheimer Gold- arbeiterstreik. Vergebens war ihre Misston. Der Arbeit- geberverband lehnte schon tage zuvor die von ihm erbetene Teil» nähme an einer Aussprache mit dem Metallarbeiterverband ab. Von letzterem erschienen drei Beamte, begleitet von zwei aus- gesperrten Kettenmachern. Diese Vertretung der Arbeiterschaft gab den Regierungskundschaftern gründlichen Aufschluß und be- lehrte die Staatsgewaltigen, wie es möglich wäre, das Unter- nehmertum von seiner irrigen und verstockten Auffassung über die Arbeiterforderungen abzubringen. Auch eine Vertretung der „Christlichen" war Herbeibeschieden, die ihre unmaßgebliche An- ficht über den Streik äußerte. Das Regierungsargan in Karls- ruhe, welches neulich das große Aufgebot der bewaffneten Macht in Pforzheim für eine Notwendigkeit der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung erklärte, muß jetzt respektvoll von der Dis- ziplin der ausgesperrten Arbeitermasse sprechen, von denen gegen 9000 eine Unterstützung aus der Kasse des Metallarbeiter- Verbandes beziehen. Die Arbeitswilligen find in schnöder Weise enttäuscht worden und deshalb verbittert; die Regierung hat ihrer Beschützung wegen diese Polizei- und Gendarmeriemacht auf- geboten. Die Streikenden dagegen befinden sich in einer so zu- versichtlichen Stimmung, daß sie sich durch keine Provokationen zu ernsthaften Ausschreitungen verleiten lassen. Die Fabrikanten begnügen sich mit den erbärmlichen SiegeStrophäen, die sie beim Gcwerbegericht erbeuten durch Versäumnisurteile gegen Arbeiter, von denen der Goldonkel-KrösuS Schadenersatz für angeblichen Vertragsbruch erzwingen will. In der bürgerlichen Presse erheben sich indessen Stimmen, welche dem Unternehmertum, das sich sogar eine Vermittelung des Oberbürgermeisters verbeten hat, ein konzilianteres Benehmen empfehlen. Aber der Pforzheimer„Ring der Uebelungcn" kennt keine Verständigung; ohne Pardon sollen die Arbeiter auf die Knie vor dem Paschatum liegen. So geht eS dem Feste der christ- lichen Nächstenliebe entgegen!_ Bcrgarbeiterstreik in Bayern. In Hausham sind gestern früh 1300 Bergleute in den AuS- stand getreten, nachdem in einer am Sonntag abgehaltenen Ver- sammlung der Abschluß eines Vergleiches abgelehnt worden war. Ruhestörungen sind bisher nicht vorgekommen. Von auswärts werden Gendarmericverstärkungen erwartet. Wie uns ein Privattelegramm meldet, sind von 1600 Mann Belegschaft nur reichlich 130 eingefahren. Der unterirdische Be- Gh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanftaU l trieb ruht vollständig. Das Gendarmeriekommando ist auf über 40 Mann angewachsen. Die Streikenden halten musterhafte Selbstordnung. Das Werk will im Ruhrrevier Heizer und Maschinisten anwerben. Zuzug ist streng fernzuhalten. Husland. Die Aussperrung der englischen Kesselschmiede. London, 9. Dezember 1910.(Eig. Bcr.) Den vereinten Be- mühungen der Regierungsvertreter und der den Kesselschmieden nahestehenden Gewerkschaften ist es gelungen, eine Konferenz zwischen den streitenden Parteien zustandezubringen. Diese Kon- ferenz, die gestern stattfand, entwarf einen Vertrag, der in der nächsten Woche den Mitgliedern der Gewerkschaft zur Annahme unterbreitet werden soll. Der Vertrag bedeutet einen offenbaren Rückzug des Unter- nehmerverbandes, der jetzt einsieht, daß es ihm nicht glücken wird, den Stolz und das Selbstgefühl der Arbeiter, die mehrere Male gegen entwürdigende Bedingungen ein energisches Veto eingelegt haben, zu brechen. Der Entwurf modifiziert den Edinburgher Ver- trag in folgenden Einzelheiten: Kommt es in Zukunft zu Streitig- ketten, so soll ein Ausschuß, zu dem die Arbeitgeber und Arbeiter je drei Vertreter stellen, entscheiden, wer den Vertrag gebrochen hat. Die Ausschußmitglieder dürfen nicht dem Betriebe angehören, in dem der Vertragsbruch stattgefunden hat. Die Arbeit darf unterdessen nicht eingestellt werden. Sollte sich der Ausschutz nicht einigen können, so muß ein schon vorher bestimmter Schiedsrichter angerufen werden. Der Ausschuß muß innerhalb sieben Tage zusammentreten und, wo es sich um Reparaturarbeiten handelt, innerhalb dreier Arbeitstage. DaS ist ein wichtiger Punkt für die Arbeiter, die sich bis jetzt stets darüber beklagten, daß eS nach den Bestimmungen deS Edinburgher Vertrages schwer sei. zu seinem Recht zu kommen. Die Arbeitgeber schoben die Entscheidung eines Streitfalles in vielen Fällen so weit hinaus, daß man die zur Zeit des Streitfalles herrschenden Arbeitsverhältnisse, die in einer In- dustrie, in der die Stückarbeit herrscht, beständig wechseln, nicht mehr feststellen konnte. Die Forderung einer Geldstrafe für Vertragsbruch haben die Arbeitgeber ganz fallen gelassen. Wenn in Zukunft der Vertrag von irgendeiner Partei gebrochen wird, d. h. wenn der Vertrags- bruch von dem Ausschuß oder dem Schiedsrichter festgestellt wird, so ist jede Partei verpflichtet, ihr Mitglied nach den Bestimmungen ihres Organisationsstatuts zu verurteilen. Weiter enthält der Ver- trag noch Bestimmungen über die Schlichtung ausgedehnterer. Streitigkeiten, die in ähnlicher Weise geregelt werden sollen. Höchstwahrscheinlich wird der Vertrag nach diesem Rückzug dev Unternehmer zur Annahme gelangen. Die englischen Kesselschmiede haben sich tapfer gehalten; diese Anerkennung wird ihnen jedermann zollen müssen. Sie hätten aber ihren Kampf wie ihre beut» schen Kollegen viel eher gewonnen, wenn sie in ihrem Berufe eine bessere Organisationsform besessen hätten. Im Laufe der Jahre haben sich die englischen Arbeitgeber, ohne viel Lärm zu machen, zu mächtigen Verbänden zusammengeschlossen, die nun den Versuch machen, mittels der sabischen Strategie das Gewerkschaftsheer auf- zureiben, indem sie sich auf die isolierten Truppenteile stürzen, um sie einzeln niederzumetzeln. Die Aussperrung der Kessel, schmiede hat den organisierten britischen Arbeitern die Augen ge- öffnet. Hoffentlich werden sie, die der Theorie so wenig zugänglich sind, diese empirische Lehre beherzigen und es nicht bei der Reso- lution des letzten Gewerkschaftskongresses, die zur Zentralisierung auffordert, bewenden lassen._ Neuer Eiseubahnerstreik in Amerika bevorstehend. Ein neuer Ausstand der amerikanischen Eisenbahnangestellten scheint unvermeidlich. Die 33 000 Lokomotivführer der in West- sicher Richtung von Chicago ausgehenden Eisenbahnlinien haben ihren Gesellschaften ein Ultimatum unterbreitet, in der sie eine Gehaltserhöhung von 15 Proz. verlangen. Die Gesellschaften haben dieses Verlangen abgewiesen. Gegenwärtig ftnden'Ver- Handlungen statt, um die Eisenbahner zu veranlassen, ihre Forde- rungen einem Schiedsgericht zu unterbreiten. L,czU ffoehticbtcn. Die Kabinettkrise in Oesterreich. Wien» 12. Dezember.(W. T. B.) Während der heutigen allgemeinen Audienzen äußerte der Kaiser zu einem hohen Würden- träger, er rechne darauf, daß Frhr. v. Bienerth die Neubildung deS Kabinetts durchführen werde. Die Session des A b g e o r d- netenhauseS wird noch Ende dieser Woche geschlossen. Die Regierung erwartet keine Obstruktion, sie wird vom Parlament das Budgetprovisorium, den serbischen Handelsvertrag und die Hausordnungsresorm bewilligt erhalten. Die Mitglieder der nächsten Delegation werden morgen in einer Abendsitzung ge- wählt. Nach Schluß der Session werden die deutsch-tschechischen Verhandlungen und die Rekonstruktion bezw. die Neubildung deS Kabinetts in Angriff genommen werden. 14 700000 Kronen für Arbeiterwohnungen. Kristiania, 12. Dezember.(Preß-Tel.) Eine soziale Bewegung der gesamten norwegischen Arbeiterschaft ist dieser Tage von Erfolg gekrönt worden: Die nor- wegische Wirtschafts- und Wohnungsbank hat in London eine Anleihe von 14 709 000 Kronen zu 4 Proz. aufgenommen, um billige Arbeiterwohnungcn zu schaffen. Ein Polizistenstreik in Neapel. Rom, 12. Dezember.(Preß-Tel.) Unter den Polizisten der Stadt Neapel ist eine Bewegung zugunsten eines Streike» entstanden. In den Lokalblättern sind Aufrufe erschienen, die die Polizisten zur passiven Resistenz und Einstellung ihrer Tätigkeit auffordern, um dadurch eine Lohnerhöhung zu erzwingen. Der Polizeipräsident hat Schritte gegen die Verfasser dieser Ausrufe, die unter den Polizisten selbst zu suchen sind, eingeleitet. Die sozialistische Interpellation abgelehnt. Petersburg, 12. Dezember.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung der Reichsduma brachten die Sozialdemokraten und die Arbeitsgruppe eine dringende Interpellation wegen An- Wendung der Körperstrafe an politischen Verbrechern in den Ge- fängnissen Wologda und Serentnisk ein, infolge deren sich Ssaso- notti, der Mörder Plehwes, und zahlreiche andere Gefangene das Leben genommen hätten. In Wologda feien 1000 Gefangene, die die Annahme schlechter Nahrung verweigert hätten, mit Körperstrafen belegt worden, obwohl der Arzt die Hälfte für körperlich schwach erklärt habe. Die Duma hat den Dring, lichkeitSantrag mit 121 gegen III Stimmen abgelehnt. Große Warcudicbstähle. Memel. 12. Dezember.(W. T. B.) Große Warendieb- stähle wurden auf dem hiesigen staatlichen Güterbahnhof von der hiesigen Polizei entdeckt. Der Wert des gestohlenen Gutes geht in die Tausende. Längere Zeit wurden von hiesigen Kaufleuten Ab» gänge an Waren wahrgenommen, die mit der Bahn an- kamen. Durch Haussuchungen bei drei Vahnarbeitern wurde ein ganzes Warenlager entdeckt, so daß mehrere Wagen zur Fort- schaffung nötig waren. Heute früh beging die Frau de? einen BahnarbciterS Selbst» mord. Zaül Singer& Co., Berlin SW.�Hierzu 3 Beilagen u-Unterhaltungsbl� |t.291. 27. Jahrgang.! 1. Map des Jormiitls" Kerlim pllalilatt. Diellstag, 13. Dezember 1910. Reichstag rechts) und nicht, die anzunehmen nur durch abgelehnten 9S. Sitzung. Montag, den 12. Dezember, nachmittags 2 Uhr. Am BnndeSratstisch: v. B e t h m a n n- H o l l w e g. Dr. D e l- brück, Mermuth, K t d e r le n- M ä ch t e r, Lisco, v. Heeringen, v. Tirpitz. Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt. Staatssekretär des R e i ch s j u st i z a m t S Dr. Lisco: Der Herr Abg. S ch e i d e m a n i» hat neulich mitgeteilt, dost der Frankfurter Stadtverordnete Wendel auf Grund einer Rede wegen Majestäts- beleidigung angeklagt und die Broschüre beschlagnahmt sei. Er hat dies Vorgehen in Verbindung gebracht mit der Rede des Herrn v. Heydebrand vom 26. November, die er eine Denunziation nannte. Ich kann demgegenüber ans Grund der Akten feststellen, daß die Staatsanwaltschaft in Frankfurt sich bereits Mitte Oktober mit der Angelegenheit besaht hat. Die Beschlagnahme hat sich ver« zögert, weil inzwischen auch der Herr Oberreichsanwalt sich mit der Sache besaht hat. Die Justizbehörden sind sich der ihnen gesetzlich obliegenden Pflicht durchaus bewuht und nicht abhängig von Anregungen aus diesem hohen Hause. (Bravo l rechts. Na, na! bei den Sozialdemokraten). Abg. Lattmann(Mirtsch. Vg.): Der Herr Reichskanzler hat neulich mit Recht die ihm angesagte schwarz-blaue Farbe abgewischt. Mir begreisen es. dah er so scharf betont hat. er sei von keiner Partei abhängig.(Bravo I rechts.) Der schwar-blaue Block ist lediglich ein Phantasiegebilde, bestimmt, um ängstliche evangelische Gemüter zu schrecken. Wenn die Linke sich über die Heranziehung des Zentrums bei der Finanzreform beklagt, so er innere ich an die Verhandlungen im Bundesratszimmer zwischen dem Reichskanzler und den Blockparteien, wo man wochenlang versucht hat. die ReichSfinanzreform ohne das Zentrum zustande zu bringen (Hört I hörl l im Zentrum.) Aber es war unmöglich infolge des vollständigen Versagens des Freisinns(Hört I. HörtI deshalb war man gezwungen ob gern oder dargebotene Hand des Zentrums Der Sieg der Liberalen in Labiau- Wehlau ist die Lüge erreicht worden, als sei am Stelle der Erbanfallsteuer die Zündholzsteuer getreten. Diese beiden Steuern hatten miteinander nichts zu tun. Nicht die Finanzreform an sich, sondern die Unwahrheiten, die darüber verbreitet sind, find schuld an der Unzufriedenheit im Volke.(Sehr richtig! rechts.) Allerdings sind auch Fehler auf feiten der Regierung und der Parteien in den letzten Jahren gemacht worden. So sind auch wir für die Oe ffent- lichkeit der Landtagswahl in Preußen. Freilich, als der Freisinn im Landtag die große Mehrheit hatte, hat er leinen Finger gerührt, um dies„verrottete" Wahlsystem zu ändern. (Heiterkeil rechts.) Interessant war, daß diesmal beim Militäretat von dem sozial- demokratischen Red"»� nicht wieder die alte Behauptung vorgebracht ist, daß infolge u.ncrer Wirtschaftspolitik die Verpflegungskosten des Heeres zu teuer würden. Weshalb haben Sie davon diesmal kein Wort gesagt?(Abg. Scheidemann: Wir sind keine Wieder- käuer wie Siel(Sehr gutl bei den Sozialdemokraten. Unruhe rechts.) Vizepräs. Schultz ruft den Abg. Scheidemann wegen dieses Zwischenrufs zur Ordnung. Abg. Lattmann(fortfahrend): Die Schindangerrede des Abg. Scheidemann... Vizepräs. Schultz: Sie düfen nun auf eine gerügte Bemerkung nicht wieder mit einer Beleidigung antworten. Das widerspricht ebenfalls der Ordnung des Hauses. Abg. Lattmann(fortfahrend) wendet sich des weiteren zur aus- wärtigen Politik und spricht gegen den englischen Abrüstungs- vorscblag. Der Rücktritt Dernburgs war eine Notwendigkeit, wie der Freisinnige Rohrbach selbst anerkannt hat. War doch Dern- bürg in der Verteidigung des von ihm abgeschlossenen Vertrages bis zur Täuschung desReichstags und der öffentlichen Meinung gekommen. (Hört! hört I rechts.) Wir begrüßen daher den Wechsel im Kolonial- aint und glauben auch die Hand des neuen Herrn im Etat schon zu erkennen.— Sehr bedauert haben wir das Wort des badischen Ministers v. Bodman, die Sozialdemokratie sei eine Kulturbewegung. Die Arbeiterbewegung ist allerdings eine Kulturbewegung, aber kultur- und volksfeindlich ist Sozialdemokratie.(Bravo I rechts.) Der Herr Reichskanzler hat ja neulich erfreulich frische Töne gegen sie gesunden.(Abg. Ledebour: Doch ein Bewunderer!) Nein, Herr Ledebour, es gibt noch mehr und der Reichskanzler würde mir leid tun, den Sie de- Klelned Feuilleton. Dezemberfrühling. Sehnlich wie im vergangenen Jahre bringt der Dezember auch diesmal wieder ungewöhnlich milde Tage. Vor Jahresfrist traten diese unmittelbar vor Weihnachten auf; diesmal ereignen sie sich etwas früher; aber es ist nicht ausgeschlossen, daß das abnorme Wetter noch längere Zeit andauert. Denn das außer- gewöhnlich tiefe Minimum, das bereits am Donnerstag westlich von Irland erschien, hat sich drei Tage hindurch nicht im geringsten von der Stelle bewegt, noch an Tiefe irgendwie abgenommen. Das Zentrum des Sturmwirbels lagerte bis zum Beginn der Woche mit einem niedrigsten Druck unter 724 Millimeter westlich von Irland und erstreckte seinen Bereich bis weit nach Mitteleuropa hinein. Infolge der auf der Vorderseite der anrückenden Depression wehen- den Winde aus südlichen Richtungen sind die Temperaturen im ganzen Lande beträchtlich gestiegen; nur in Süddeutschland kam es durch Ausstrahlung nachts zu etwas stärkerer Abkühlung. Dagegen hatte Aachen Sonnabend früh bereits 16 Grad Wärme, und im Rheinlande wurde tagsüber diese Temperatur stellenweise noch überschritten. Selbst in Norddeutschland stieg das Thermometer vielfach bis nahe an 16 Grad. Die zahlreichen Regenfälle, die Haupt. sächlich zwischen Weser und Weichsel stattfanden, waren nicht er- giebig; vielfach herrschte sogar wolkenloser Himmel mit hellem, bei so mildem Wetter im Dezember ganz ungewöhnlichen Sonnenschein. Wenngleich über dem östlichen Europa noch ein Hochdruckgebiet lagert, so hat dieses doch sehr an Stärke abgenommen, und Rußland ist bis weit ins Innere hinein gleichfalls srostfrei. Auf Weihnacht- liches Wetter mit Frost und Schnee ist somit, wenigstens in dieser Woche, noch nicht zu rechnen; die Witterung bleibt vorläufig recht mild. Die RevolutionSgräber unter der Juli-Säule. Aus Paris wird uns geschrieben: Es dürfte wenig bekannt sein, daß der Boden, aus dem sich einst die verabscheute Zwingburg des fran- zösischen Zlbsolutismus, die Bastille, erhob, jetzt die Helden zweier Revolutionen birgt. Im Kellergeschoß der Juli-Säule befinden sich zwei riesige Sarkophage, die aus einer Schicht ungelöschten Kalks, aus Sand und galvanischer Kohle hergestellt sind. In dem einen sind die Gebeine von 813 Opfern der Juliredolution, im anderen die von 486 gefallenen Kämps-rn der Februarrevolution aufbe- wahrt. Das Grab der Februaropfer hat durch die Ueberschwem» mung des Frühjahres stark gelitten. Infolge des Durchsickerns des Wassers aus dem nahen Kanal St. Martin senkte sich die Decke und die stützenden Steine gaben nach, so daß eine Ocffnung entstand, die die Gebeine bloßlegte. Die dringend notwendigen Reparatur- arbeiten sind schon genehmigt worden, nur— das Geld fehlt noch. Dem Sekretariat der schönen Künste ist es vermutlich wichtiger, wundern.(Bravo I rechts.) Die Sozialdemokratie sucht durch ihre Verhetzung das sittliche Verantwortlichkeitsgefühl in den Herzen der Einzelnen gegenüber Staat, Familie, Kirche den anderen Ständen und den Arbeit- geben: zu ersticken. Bezeichnend ist, daß in einer öffemlichcn Versammlung der Freien Studentenschaft in Leipzig nach einer Rede des sozialdemokratischen Führers B e r n st e i n zu einer anti monarchischen Demonstration ausarten konnte. Die überwiegende Zabl der Besucher waren allerdings ausländische Studenten resp. russische Juden mit Namen wie Apsel- bamn, Mandclbaum usw.(Heiterkeit bei den Antisemiten), die Professor Lamprecht als„Deutsche" eingeschrieben hat. Wir werden aus diesem Anlaß erneut uns gegen das Nebcrwuchern der Ausländer an deutsche» Universitäten wenden müssen.(Bravo I rechts.) Zu be- grüße» ist es. daß der Reichskanzler sich für eine verschärfte Handhabung der bestehenden Gesetze gegenüber der Sozialdemokratie aussprach. Wenn z.B. im S i mp l i c i s s i m u S ein Bild mit Bezug auf die Revolution in Portugal erscheinen konnte mit der Unlerschrift:„Da geht schon wieder eins von meinen Instrumenten flöten", so muß das dem sittlichen Gefühl des Volkes, besonders auf dem Lande, ins Gesicht schlagen.(Bravo! rechts. Zischen links.) Staa'.ssekretär des Auswärtigen Amtes v. Kidcrlen-Wächter geht auf die Mannesmann-Assäre ein und spricht den Wunsch aus, daß die Gebrüder Mannesmann sich mit den anderen Jnteresienten einigen. Was die von Herrn Wiemer angeregte Reform des Aus- wärligen Amtes anlangt, so habe ich mich darüber hier schon vor zwei Jahren geäußert. Besonders begeisterte Aufnahme haben ja damals meine Worte nicht gefunden.(Große Heilerkeit.) Trotzdem kann ich jetzt, nachdem ich mehrere Monate an der Spitze des Amtes stehe, nur wiederholen, daß mit Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Treue und auch mit Erfolg in sämtlichen Bureaus dieses Amtes, auch in den unteren gearbeitet wird. Das Auswärtige Amt braucht Vertrauen, deshalb bitte ich Sie. Wünsche und Beschwerden nicht hier im Plenum, sondern in der Konunission vorzubringen, dort werde ich mich immer gern offen darüber aussprechen.(Bravo I rechts.) Staatssekretär des Reichskolonialamts v. Lindeqiiist: Die Eni- Wickelung unserer Kolonien kann man in dem Worte zusammenfassen ES geht vorwärts.(Bravo!) Das trifft für alle Kolonien zu, nur in Südwestafrika ist die Entwickelung infolge des Krieges und der Diamantenfunde nicht so stetig. Immerhin marschiert gerade diese Kolonie infolge der Diamantenfunde an der Spitze, was die eigenen Einnahmen betrifft. An ein Aufgeben der Kolonien denkt wohl heute kein ernsthafter Politiker mehr. Die Gesamtentlastung des Reiches infolge der Entwickelung der Kolonien in den letzten Jahren beträgt 22 Millionen. Gegenüber größeren neuen Projekten wird die Kolonialverwaltung sich großer Zurückhaltung be- fleißigen müssen, bis die finanziellen Ergebnisse der neuen Eisenbahnen feststehen. Bisher haben fie die Erwartungen übertroffen. Der A l k o h o l k o n s u m ist sowohl in Südwest- afrika, wie in Togo und Ncu-Guinea erfreulich zurückgegangen. Es soll ein einheitliches Bezugswesen für die Landwirt- schuft eingerichtet werden, das den Farmern zugute kommen soll, aber auch den Eingeborenen; hier kommt besonders die k ü n st- liche Düngung in Betracht.— In allen tropischen Kolonien soll der Baum wollfrage besondere Sorgfalt zugewendet werden. Auch die aussichtsvolle» Versuche mit Tabak in einigen Kolonien sollen fortgeführt werden. Bei der Durchführung des umfangreichen landwirtschaftlichen Programms hoffen wir auf die Unterstützung der deutschen Landwirtschaft' und des Kolonialkomitees. Die große Mission, die wir mit der Ausrichtung der deutschen Herrschaft übern oininen haben, die Eingeborenen zu christianisieren und für ihre Gesundheit zu sorgen, können wir nur erfüllen, wenn wir ihnen die Arbeit lohnend machen. Wir müssen die Eingeborenen menschlich und gerecht behandeln, nicht nur. weil wir dadurch das Menschen- inaterial brauchbar für unsere» Handel machen, sondern weil es die Würde einer kulturell so hochstehenden Nation wie der deutschen der- langt. Damit ist nickit gesagt, daß wir ihnen überall nachgeben sollen, übergroße Milde und Weichheit am falschen Platz wird von ihnen leicht als Schwäche ausgelegt, daher muß als Grundsatz bei der Behandlung der Eingeborenen sein: Gerecht und wohlwollend, aber fest.— Mit der Ausdehnung der Sek st Verwaltung müssen wir überaus vorsichtig vorgehen. Erstaunlich ist auch die Beteiligung deutschen Kapitals an der Erschließung unserer Schutzgebiete in den letzten Jahren; hieran hat mein Amtsvorgänger zweifellos ein großes Verdienst. Doch brauchen wir neben dem Kapital auch tüchtige und selbständige Einzelarbeiter, ganz besonders in den Siedclungskolonien müssen sie das Rückgrat bilden.— Die Verminderung der Reichszuschüsse erstrebe auch ich; ich bitte aber nicht zu sehr zu drängen. Sie wird nicht möglich etlichen gutempfohlenen Farbenkonsumenten mittelmäßige Schinken abzukaufen, mit denen es dann die unglücklichen Verwalter der Provinzmuseen in Verlegenheit bringt. Theater. Deutsches Theater: Othello, Trauerspiel vonShake» speare. Für die Entfaltung bunt bewegter Massen, wie Rein- Harbs Phantasie sie liebt, gab der Othello ivenig Raum. Die Ans- stattung hält sich von jedem überflüssigen Prunke frei. Besonders eindrucksvoll baute sich das Bühnenbild der nächtlichen Senatoren» Versammlung im ersten Akte auf. An der kahlen Hinterwand des Zimmers als einziger Wandschmuck ein großes venezianisches Ge- niälde, darunter auf erhöhtem Podium die lange Tafel, an der zu beiden Seiten des Dogen in rötlichem Lichtschein die klugen Berater in glänzendem Ornate sitzen. Nahmen und Stil der Verhandlung waren vorzüglich darauf abgestimmt, eine lebendige Bor- stellung von dem Patrizierregiment des alten Venedig und seiner Macht hervorzurufen. Hell und heiter wirkte die Cypniche Hafen- zitadelle mit den Mastenspitzen der Schiffe im Hintergrund. Daß ein Paar Szenen, zur Vermeidung von Zwischenpausen, vor einem farbigen Vorhange gespielt wurden, erwies sich auch hier wieder als glückliche Neuerung. Von der jetzt ins Parket; hinausgebauten Vorbühne, deren Zweckmäßigkeit einstweilen noch recht zweifelhaft ist, wurde bei dieser Aufführung nur ganz gelegentlich Gebrauch gemacht. In der Hauptsache— darüberponnten! auch die üblichen Ovationen für Reinhard nicht wegtäuschen— schloß die Bilanz des Abends mit einem Defizit. B a s s e r m a n n, der in dem inodern-realistiscben Repertoire des Brahmfchen Theaters so wunderbar ausgereifte künstlerische Typen schuf, kommt in dem mehr Wucht und Größe als psychologische Raffinemens fordernden klassischen Drama über ein unsicheres Experimentieren nicht hinaus. Aus dem Helden- haften Mohren wurde ein breitlachender Nigger gewöhn- lichen Schlages, ein Natnrbürsch, dem man so wenig die ge- wonnenen Siege wie Desdemonas Liebe glaubt. Mit einem ge- mntlich überredenden Plauderton trägt er den Senatoren die be- rühmte Erzählung, wie ihm Desdemonas Liebe zuteil ward, vor. Wohl zitterten an Stellen auch Töne tiefer herzlicher Rührung, aber der Weichheit fehlt, was ihr bei Shakespeare erst Licht und Farbe gibt, der Kontrast der rauben Stärke. Immerhin interessierte die Skizzierung der Figur in dieser ersten Szene durch die Neuheit. Indes kein aufschlußreicher, originell frappanter Zug erschien, der die gewählte Tonart zu rechtfertigen oder auch nur zu erklären vermocht hätte. Die Konturen wurden immer blasser, und die gehäuften Kunst- pausen, die der Intimität zugute kommen sollten, ermüdeten nur die Geduld. Kein Schauer wehte einen an, auch in der Mord- szene nicht Umso Shakespearisch-vollblütiger war Wegener» Jago, ein robust geschmeidiger Hallmike in prallem grünen Wams mit breit- sein ohne Erschließung neuer Einnahmequellen, also ohne Besteuerung der Eingeborenen. Dabei werden wir sehr vorsichtig sein müssen, um nicht durch zu harte Steuern einen Aufstand hervorzurufen. (Bravo I rechts.) Abg. Gras v. Brudzcwo-Miclzynski(Pole): Die linksstehende Presse wirft uns wegen unserer Haltimg bei der Reichssinanzreform Zugehörigkeit zum fchwarz-blauen Block vor— als ob Einigung in einzelnen Fragen eine Allianz auf Leben und Tod bedeutet. Die Frei- sinnigen haben, als die Strahlen der Bülowschen Sonne sie erwärmten, der Ostmarkenzulage zugestimmt und überhaupt Gesetze bewill. gt, die auch der waschechteste Hakalist nicht verleugnen wird.(Sehr richtig! bei den Polen und Sozialdemokraten.) Und den Liberalismus der Nationalliberalen kennzeutmet die Tatsache, daß auf ihr Betreiben Summen zu Inspektionsreisen bei uns in den Etat eingesetzt sind. Wir haben gar keine Veranlassung, die Leute, die bei uns r u m- kibitzen und die Bevölkerung gegen uns aufhetzen. noch extra zu bezahlen.(Sehr richtig I bei den Polen.) Wir werden keinem Ausnahmegesetz zustimmen, um so weniger, als wir die unmoralische Verwüstung durch Ausnahme- gesetze vor Augen sehen. Das Vertrauen in die Justiz ist g e s lb w u n d e n. an den Grundfesten der Staatsautorität ist durch den Versuch, die Naturrechte zu vernichten, gerüttelt. Wenn man davon abgeht, sind wir gern zu positiver Mitarbeit bereit. (Bravo! bei den Polen.) Abg. Werner(Antis.): Wenn alle Sozialdemokraten so in der Welt herumreisen würden, wie Herr Liebknecht, so würden sie wie dieser bekehrt werden und einsehen, daß Deutschland doch nicht so schlimm ist.— Die letzte Finanzreform ist ei» großes Werk ge- wesen; die Herren, die daran nicht mitgearbeitet haben, lvie auch die Nationalliberalen, haben kein Recht, uns jetzt Borwürfe zu machen. Zu begrüßen ist die Erklärung des Reichskanzlers, daß die Arbeitswilligen-besser geschützt werden sollen. Die Veteranen- beihilfe sollte erhöht werden, und zwar mit rückwirkender Kraft, Die soziale Fürsorge muß ausgedehnt werden auf die Einkommen bis 3006 M. Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Lisco weist den Vorwurf des Abg. Graf Mielzynski zurück, daß in den polnischen Provinzen die Gerichte nicht objektiv urteilen. Abg. Erzberger(Z.): Wir sind voll einverstanden mit der Spar- samkeitspolitik des Herrn Wermuth. Seine AuSsührungcn haben be- wiesen, daß die Reichsfinanzreform ihren Zweck erreicht bat, die Fiiianzen des Reiches zu gesunden. Bier und Tabak wollten die Nationalliberalen viel höher besteuern. 466 Millionen indirekter Steuern wollten die Herren bewilligen und uns machen Sie einen Vorwurf daraus, daß wir 316 Millionen indirekter Steuern be- willigt haben. Dabei wären bei der Verwirklichung des Brannt- weinmonopolS, das die Nationalliberalen wellten, 25 660 neue Beamte nötig gewesen.(Hört! hört!) Die Skationalliberalen drängen jetzt schon wieder geradezu auf neue Steuern hin. Fand doch Herr Basserinann die neue Militärvorlage noch zu niedrig. Die Nationalliberalen rechnen offenbar so: kommt eine Erhöhung der Militärvorlage, so wird die Ausdehnung der Erbschaftssteuer notwendig und dann sind wir, die wir beides be- willigen wollen, Hahn im Korbe,(Heiterkeit.) Niemand darf behaupten, daß bei Annahme der Erbschastssteucr eine der indirekten Steuern überflüssig geworden wäre.(Lebhafter Wider- spruch links.) Es wäre lediglich eine Verschiebung in den Besitz- steuern möglich gewesen.(Sehr richtig! im Zentrum.) Auch die Freisinnigen wollten dem Besitz nie mehr als hundert Millionen auferlege». Die ganze Agitation der Linken gegen die Finanzreform ebnet nur den Weg der Sozialdemokratie.(Sehr wahr I im Zentrum.) Aber auch die Sozialdemokraten haben keinen Grund zu Angriffen gegen die Neichssinaiizreform; denn wie sie in der dritten Lesung zur Erbschaftssteuer gestimmt hätten, wissen sie.selbst nicht(Sehr gut I im Zentrum), und die Börsensteuer haben sie seit 1869 stets abgelehnt. In einer Berliner Ver- sammlung hat denn auch ein Genosse gesagt, das sei deshalb cr- solgl, weil die Fraktion unter dem Einfluß des Börsenbericht- erstatters der„Franlsurter Zeitung" stehe.(Abg. David(Soz.): Ein A n a r ch i st sagte das. Sie glauben es doch selbst nicht.) Ohl es war ein waschechter Genosse.(Heiterkeit im Zentrum.) Herr Scheidemann nennt unseren Etat einen fiir Unkultur. Er darf doch nicht vergessen, daß die Einzelstaatcu für Kultnrzwecke mehr ausgeben als das Reicki für Heer und Flotte.(Sehr richtig! im Zentrum.) Bei uns zahlen die unbemittelten Kreise weniger an in- direkten Steuern als in Frankreich und England, namentlich auch für Heer und Flotte weniger pro Kopf der Bevölkerung als in England und Frankreich, wo ja die Sozialdemokratie mehr Einfluß hat, als hier, wo man bekanntlich Sozialdemokrat gewesen sein muß, wenn man Ministerpräsident werden will.(Abg. Ledeb o u r(Soz.): Ein heruntergekommener Sozialdemokrat!) Ich knochigem Gesicht und starr gesträubtem Hanrschopf, ein Kerl, bis zum Rand gefüllt mit Bosheit, erfinderischer Luft am Lüge» uiid teufelsniäßigcr Kurage. Wenn er sich lauernd in' schadenfrohem Lachen niederduckte, glich er' einer spukhaft aufjzeblasenen Froschgestalt. Und doch empfand man nichts als Uebertreibung.— Elfe HeimS war eine schöne, sanfte und liebenswürdige DeSdemona. Zum Schlüsse sei noch BienSfeldts trottelhafter Rodrigo erwähnt, der als Karikatur aus dem Stil der Vorstellung gröblich herausfiel, aber durch er- fchiitternde Komik alle literarischen Sünden wieder gut machte. Bei der übermäßigen Dauer der Vorstellung— annähernd fünf Stunden — war man für solche kleineren Zerstreuungen um so dankbarer, dt Notizen. ,— Vorträge. Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag Dr. Fr. H o ch st e t t e r über die Abftbaffung des Neger-Sklavenhandels im Jahre 1866/67. Freitag Dr. K. We n k e über die Farben, Formen und Bewegungsweisen der Mecrcstiere (mit Lichtbildern). — M u s i k ch r o n i k. Ein humoristischer Klassikerabend des Volks-Lieder-Saals wird von Fritz Jacobsohn, der einen einleitenden Vortrag hält, am 13. Dezember veranstaltet. — Ein neues populäres Konzertunternehmen wird am ersten Weihnachtsfeiertagc im Blüthner-Saale seinen An- fang nehmen. An allen Sonn- und Feiertagen sollen nachmittags- bei einem Eintrittspreise von 56 Ps. die Perlen unserer Gesangs- literatur von ersten Künstlern zum Vortrage kommen. — JmZeichen der Operette. Die K o m i sch« O p c r, deren bisheriger Direktor Hans Gregor an die Wiener Hofoper berufen wurde, ist an die Hamburger Operettenunternehmer Ben. diner u. Philip verpachtet worden. Das einzige Berliner Opern- haus, das ernsthafte Opernpolitik betrieb— die Kgl. Oper ist be- kanntlich gänzlich rückständig— wird dadurch vom September 1911 an auch der Operette ausgeliefert. Das blöde, süßliche Zeug wird also noch in einem Theater mehr herrschen und dem„Zeit- geschmack" entgegenkommen. Die neuen Unternehmer beherrschen in Hamburg bereits zwei Operettentheater. — Der erste Waren-Verruf. Als Erfinder dcS Warenboykotts zu politischen Zwecken nimmt Paul Dehn in einer Abhandlung über„Verrüfe" sin Schmollers Jahrbuch) den großen englischen Satiriker, den Verfasser von Gullivers Reisen, Jonathan Swift in Anspruch. Im Jahre 1699 hatten die Engländer die Ausfuhr von Wollstoffen aus Irland verboten, um die irische Tuch- industrie zu unterdrücken und sich«en irischen Markt zu sichern. Darauf forderte Swift, ein Ire, 1723 in seinen„Tuchhändler- briefen" das irische Volk auf, keine englischen Waren mehr zu kaufen und nur irische Erzeugnisse zu verbrauchen, um die Eng- länder zu zwingen, Irland anständiger zu behandeln. VM nscht Me boZhnste Frage stellen, wkbiel BriandS Bei unserer Sozialdemokratie wäre», wenn sie hier sauf die Ministerbänke zeigend) Platz nehmen könnten.(Sehr gut I im Zentrum.) Auch von Kirchenpolitik ist hier gesprochen; daß über- schreitet die Kompetenz des Reichstags. Wie wenig die Herren Bastermann und Wiemer, die über Modernisteneid und Enzykliken gesprochen haben, davon verstehen, beweist der Umstand. daß sie die TSno�oUca pascendi von 1907 mit der Borromäus- «nzyklika von ILIO verwechselt haben.(Heiterkeit und Sehr gut! im Zentrum.) Herr Scheidemann sprach über Portugal und die Jesuiten. Die Austreibung der Jesuiten in Portugal ist eine Verletzung der Freiheit durch die Republik, und wer dielen barbarischen Akt noch verteidigt, legt Zeugnis ab von seinem rohen Geniüt sLcbhafter Beifall im Zentrum).— Dem Satz des Lleichskanzlers:«Keine Ausnahmegesitze" stimmen wir zu; die Freisinnigen haben ihm auch zugestimmt. Dann haben sie die Pflicht, auch die A n s n a h n, e g e i e tz e gegen das Zentrum zu beseitigen. tLcbhafte Zustimmung »m Zentrum.) Die Liberalen werfen dem Zentruin vor, Wahlhilfe verlangt zu haben. Reizen Sie uns nicht auf diesem Gebiete, sonst könnten wir unsere Mappe il aufmachen und erzählen, wie n, an che Freist nnskandidaten zun, Zentrum ge- kommen sind und um Wahlhilfe gebeten haben. (Zuruf rechts und im Zentrum: Kopsch. Unruhe bei der Volks- Partei.) Herr Scheide mann sagte, die Wahltaklik de? Zentrums rst eine Kiste gebrochener Ehremvörlcr. Nun, die Sozialdemokratie bat schon den Zukunftsstaat versprochen, den wir noch erleben sollen, und was hat sie nicht schon alles in die historische Rumpelkammer geworfen, ehernes Lohngesetz, Krisen- theorie, Verelcndungstheorie und was alles. Dr. David hat in seinem verdienstvollen Werk über die Landwirtschaft gesagt, dab die KonzentrationSthcorie auf dem Gebiete der Landwirtschaft Schiffbruch erlitten hat und datz das Programm auf diesem Gebiete einer gründlichen Revision zu unterziehen sei.(Abg. Dr. David sSoz s: Was verstehen S i e von der Konzentcationstheorie!) Um die Wahlreformen hat sich überall gerade da» Zentrum verdient ge- macht; daß da« allgemeine geheime Wahlrecht in Bayern und Baden nur dem Zentrum zu danken ist, hat auf dem Magdeburgischen Parteitage auch Bebel anerkannt; und wenn wir die preußische Wahlreform erreicht hätten, wäre das für Preußen ein großer Fort« schritt gewesen.(Zustimmung im Zentrum.) Die Sozialdemokratie treibt neuerdings eine vergiftende Agitation unter den Rekruten. In einem Flugblatt der Sozialdemokratie, das an Leute verteilt wird, die kurz darauf sich in der Kaserne zu stellen haben, heißt eS:«Der Rest der Menschenwürde und jedes proletarische Ehrgefühl wird in der Kaserne ausgetrieben. Wenn es soweit ist, daß der Proletarier auf Vater und Mutter schießt, hat das System, das in der Volksschule begonnen ist triumphiert." Diese Agitation der Sozialdemokratie unter den jungen Leuten erschwert außerordentlich die Erziehungsarbeit im Heere, dafür ist mir eine Unmenge Material zugegangen. Die bürgerlichen Parteien sollten dieser Agitation mit aller Macht entgegen- treten.(Bravo I im Zentrum und rechts.) In der Tempelhofer Feldangelegenheit hat aller- dings das Plenum den Nachtragsetat nicht verabschiedet, der dem Kriegsminister das Recht gibt, das Tempelhofer Feld zu verkaufen. Aber die Schuld daran trägt die Budgetkommission, die einstimmig— auch Herr Träger hat dafür gestimmt— gewünscht hat. das Plenum möge diesen Nachtiagsetat nicht verhandeln, da darin auch ein Truppenübungsplatz bei Zossen vor- gesehen war. und man befürchtete, daß sofort eine wüste Grundstück- spekulation in der Zossencr Gegend eintreten würde. Man verlangt immer kaufmännischen Geist in der Verwaltung und hier, wo der Herr Kriegsminister diesen kaufmännischen Geist bewiesen hat, stellt ,nan ihn als alten jüdischen Handelsmann hin. (Heiterkeit.) Uebrigens war keine Rede davon, daß Berlin Spiel- f l ä tz e auf dem Tempelhofer Feld anlegen wollte. Wenn Berlin olchen Wert auf Spiel- und Sportplätze legt, weshalb hat es denn den Friedenauer Sportplatz und den Sportplatz am Kurfürstendamm verkauft. Jetzt, wo Herr Haberland in Friedenau aufschließt, verkauft Berlin an Herrn Haberland.(Hört! höltl rechts.— Abg. Ledebour: Entschuldigt denn das den Kriegsminister?) Der Herr Kriegsminister hat keine Schuld, er hat nur nach dem Beschluß der Bugdetkommission gehandelt.(Abg. Gothein: Die Budgetkommission hat überhaupt nichts zu ge- statten I) Daß habe ich ja auch gesagt; die Schuld trifft hier die Budgeikommission, aber nicht den Kriegsminister. Die Verdienste des früheren Kolonialsekretärs erkenne ich gern an. Aber in das Lob des Herrn Wiemer für ihn stimme ich nicht ein. Meine schweren Vorwürfe gegen seine Diamantenverträge halte ich aufrecht, sie sind schlimmer als die Tippe lSkirch- Verträge, und diese Verträge vom Mai 1910 sind nicht von der Mehrheit de« Reichstages gebilligt, wie Herr Wiemer behauptete. An unseren Grundsätzen werden wir nicht irre werden, und wir sind überzeugt, daß auch nach den n ä ch st e n Wahlen eine starke Zentrumspartei hier wieder erscheinen wird.(Lebhaftes Bravo I im Zentrum.) Nach einigen unwesentlichen Bemerkungen deS Kriegsministers v. Herringen und deS Staatssekretärs v. Lindequist vertagt sich das Haus. Es folgen persönliche Bemerkungen. Abg. Kopsch(Vp.): Es war bisher nicht üblich, öffentlich über Privatgeschäfte zu sprechen. Im übrigen hat das osfizielle Zentrum meine Wahl 1907 bekämpft, nicht unterstützt. Abg. Erzberger(Z.): Nicht ich habe Herrn Kopsch genannt. sondern ein vielstimmiger Zwischenruf(Abg. Kopsch sVp.j: Woher wiffen ihn die Herren?). Von mir nicht. Sie sind ja auch überall im Wahlkreis herumgegangen und haben erzählt, der Abgeordnete Erzberger wünsche ihre Wahl.(Große Heiterkeit. Abg. Kopsch (Vp.): Das ist unwahr!) Die„Schlesische VolkSzeiwng" hat es be- richtet. Nächste Sitzung: Dienstag 1 Uhr. Fortsetzung der Etat- b e r a t u n g. Schluß 8 Uhr._ parlamentanfched* Ans der Reichswettznwachsstenerkommisfio«. In der Sitzung am Montag wurde zunächst über den zurück« gestellten§ 21 verhandelt. Es ist darin festgelegt, ob die Steuer vom Veräußerer oder vom Erwerber bezahlt werden soll, um das Reich vor Steuerhinterziehungen und Schädigungen zu schützen. Nach langer Debatte wird folgende Fassung beschlossen: «Für den Fall, daß die Steuer vom Veräußerer nicht bei- getrieben werden kann, haftet bei Veräußerungen, die nach Inkrafttreten de« Gesetzes erfolgen, der Erwerber für die Steuer bis zun. Betrage von L Prozent des BeräutzerungSpreiieS. Die Haftung fällt fort, sobald der Veräußerer einen entsprechenden Be» trag gezahlt oder sicher gestellt hat. Die Haftung findet keine An- Wendung auf Zwangsversteigerungen." Die§§ 38—48 werden mit kleinen Aenderungen angenommen. Zu 8 49 liegt ein sozialdemokratischer Antrag vor: Von den Erträgnissen der Steuer erhalten die Gemeinden 50 Proz. statt 40 Proz., tote es die Vorlage will. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, freisinnigen Volispartei und eines Nationalliberalen abgelehnt. Der Z 49 wurde in der Fassung der Vorlage angenommen.— Man hofft, Dienstag die dritte Lesung beenden zu können. Sie Holle m Meltlchio. Dke Prügelpädagogik des FürsorgcstiftS Mieltschin(Kreis Witkowo, Provinz Bosen), die im Sommer 1909 durch den„Vor- viirtS" aufgedeckt wurde, wird nun endlich— nachdem volle ändert- halb Jahre hingegangen sind»-- vor einem Gericht erörtert. Wegen der Mißhandlung dort untergebrachter Fürsorgezöglinge VerlinS ist das Gericht nicht von dein Berliner Magistrat bezw. seiner Waisenverwaltung angerufen worden, sondern von den Müttern zweier Zöglinge, die die Hölle von Mieltschin kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatten. Die Ermittelungen hatten sich zunächst nur gegen den Prediger Brcithaupt gerichtet, der als Vorsteher der Anstalt gewaltet hatte. Sie wurden aber dann auch auf mehrere seiner Erziehungsgehilfen ausgedehnt, die teils von dem Angeschuldigten Breithaupt mitbe- schuldigt wurden, zum Teil quch in der Zeugenvernehmung vor dem Untersuchungsrichter einander belasteten. Angeklagt wurden schließ- lich neu» Personen, die Angestellte der inzwischen gänzlich ge- schlossenen Anstalt gewesen waren: der Vorsteher Prediger Friedrich Breithaupt, sein Inspektor Kaufmann Julius Engels, seine Er- ziehungsgehilfen Schneider Karl Wrobel, Bautechniker Martin Wendland, Tischler Adolf Brosinsky, Waschmeister Emil Schüler, Beamter a. D. Max Riemschncider, Schneidergeselle Georg Lang, Kutscher Richard Habedank. Die Anklage lautet gegen Breithaupt auf Mißhandlung von Fürsorgczöglingen mittels gefährlicher Werkzeuge(Peitschen, Stöcke usw.) und in einer das Leben gefährdenden Weise, auch auf widerrechtliche Ein- spcrrung von FiirsorgezSglingcn, gegen die übrigen Angeklagten auf gleiche Mißhandlungen, außerdem gegen Breithaupt auf An- stiftung hierzu. Die Sache ist nicht dem Landgericht Gnefen überwiesen wor- den, das für die in Mieltschin begangenen Straftaten zuständig gewesen wäre, sondern dem Landgericht Berlin III, weil die als Zeugen zu ladenden Zöglinge wieder in die Obhut der Stadt Berlin zurückgenommen worden waren und von hier aus leichter zu erreichen sind. Verhandelt wird vor der Strafkammer 1 unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Gockel. Die Anklage wird vertreten durch Staatsanwaltsschaftsrat Reiner und Assessor Dr. Simon. Eine der Mütter, die Strafantrag gestellt haben, ist auf ihren Antrag als Nebenklägerin zugelassen worden und wird ver- treten durch Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld. Die Verteidigung ist übernommen worden für Breithaupt durch Justizrat Leonhard Friedmann und Rechtsanwalt Jllich, für Engels durch Justizrat Wronker und Rechtsanwalt Hirschfeld. Als Zeugen find geladen außer zahlreichen Fürsorgezöglingen unter anderem der Pastor Matthies aus Neu-Zedlitz(Kreis Witkowo), der über die Anstalt Mieltschin eine Art Oberaufsicht in erzieherischer Hinsicht zu führen hatte, sowie der Magistratsrat Voigt aus Berlin, der nach Auf- deckung der Mieltschiner Greuel durch den„Vorwärts" von der Waisenverwaltung nach Mieltschin geschickt wurde, um nunmehr zu revidieren. Als Sachverständige sind in Aussicht genommen unter anderem der Kreisarzt Dr. Boehnke aus Witkowo, dem eine ärztliche Aussicht über die Anstalt Mieltschin oblag, sowie der Stadt- verordnete Dr. Bernstein aus Berlin, der an jener durch die Waisenverwaltung angeordneten Revision teilnahm. Für den Pro- zeß wird wegen der großen Zahl der den Angeklagten zur Last ge- legten Straftaten aus eine Dauer von anderthalb Wochen gerechnet. Wegen der großen Zahl der Zeugen, von denen aber für den ersten Tag nur wenige schon geladen waren, findet die Verhandlung im Schwurgerichtssaal des Landgerichts III statt. Unter den Angeklagten fesselt besonders der Prediger Breit- Haupt das Interesse. Wer sich erinnert, daß in der Stadtverord- netenversammlung der Stadtrat Münsterberg ihn als eine„dem Aeußeren nach angenehme Persönlichkeit" schilderte, wird etwas enttäuscht sein. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, diesem Manne anzusehen, wie sehr er es zu den Aufgaben eines Erziehers zählt, die ihm anvertrauten Zöglinge vor allem seine„starke Hand" fühlen zu lassen. Der Angeklagte Lang fehlt; die Fälle, an denen er beteiligt ist, sollen abgetrennt werden. Vor Eintritt in die Verhandlung wird die Ladung eines be- sonderen Sachverständigen für Pädagogik vom Nebenkläger Rechts- nnwalt Rosenfeld beantragt. Er empfiehlt den Direktor Pastor Platz vom..Erziehungsheim am Urban"(Zehlendorf), der darüber vernommen werden soll, welche Grundsätze heute in der Fürsorge- erziehung herrschen und wie von ihnen aus das Verhalten der An- geklagten' zu beurteilen ist. Verteidiger Rechtsanwalt Jllich meint, Plaß habe über Fürsorgezöglinge reine Erfahrung, da solche in seiner Anstalt nicht seien. Er schlägt vor, die Anstaltsvorstehcr Pastor Brcdcreck und Pastor Seifsert aus Strausberg zu laden oder den Pastor Esche von der Inneren Mission. Das Gericht beschließt, als Sachverständigen den als Zeugen geladenen Baron von Lcpel, der in der Bodclschwinghschen Anstalt Bethel bei Bielefeld eine leitende Stellung hat, zu der Verhandlung hinzuziehen. Bei der Vernehmung der Angeklagten wird zunächst in einem allgemeinen Teil ihr Vorleben bis zu ihrem Eintritt in die Anstalt Mieltschin erörtert und ein allgemeines Bild von den in der Anstalt herrschenden Zuständen entworfen. Die Stadt Berlin hatte dem Evangelischen Verein für Waisenpflege in der Ostmark die Errichtung der Anstalt, durch die er Germans- sierungspolitik treiben wollte, überhaupt erst ermöglicht, indem sie vertraglich auf 19 Jahre die Ueberweisung von 199—209 Zöglingen zusicherte. Die Anstalt wurde gegründet als G. m. b. H. und erhielt zum Geschäftsführer den Pastor Matthies aus dem benach- karten Neu-Zedlitz, der dort eine Waisenanstalt leitete. Matthies machte zum Vorsteher der im April 1999 eröffneten Anstalt Mieltschin den Prediger Breithaupt, der damals 32 Jahre alt war. Breithaupts Lebcnsgang. Breithaupt» der Sohn eines Predigers, hatte sich zunächst der militärischen Karriere widmen wollen, war aber wegen eines Herz- fehlerS dann zur landwirtschaftlichen Karriere übergegangen. Später machte er noch auf einem Gymnasium das Abiturienten- examen, studierte Theologie und betätigte sich bis auf weiteres in Bodelschwinghs Anstalt Bethel bei Bielefeld, unter Pastor Philipps im Evangelischen Johannisstift bei Berlin und zuletzt in Bodel- schwinghs Arbeiterkolonie Hoffnungsthal bei Berlin. Gelegenheit, die Behandlung von Fürsorgezöglingen kennen zu lernen, bot sich ihm dabei nicht. Von Bethel aus ging er nur einmal auf ein paar Tage nach der Kolonie Wietingsmoor und sah dort flüchtig die Ar- beit an Fürsorgczöglingen. In Hoffnungsthal war er bereits als Seelsorger tätig, wie er auch schon vorher seinen Vater in dessem Amt vertreten hatte. Während seines Aufenthaltes in Hoffnungs- thal bereitete er sich ans sein zweites Examen vor, wozu er zweimal in der Woche nach Berlin fuhr, um an einem Repetitorium teil- zunehmen. Eines Abends ging er dort ein Glas Wein trinken. Als er das Restaurant verließ, bekam er— so erzählte er vor Gericht— plötzlich einen Hieb über den Schädel, fiel bewußtlos um, wurde nach einer Unfallstation gebracht und von da zur Polizeiwache sistiert. Als Bodelschwingh davon erfuhr, entließ er ihn aus Hoff« nungsthal. Der Vorsitzende bemerkte hierzu, die Polizei habe damals den Vorfall anders dargestellt, doch wolle er nicht weiter darauf eingehen. Im Frühjahr 1999 bestand Br. sein Examen, und Pastor Matthies machte ihn dann zum Borsteher der neuen Anstalt Mieltschin. Br. wußte, welche Aufgabe seiner harrte. Allerdings habe er, sagte er vor Gericht, darauf gerechnet, daß ihm nicht ein schwer, sondern ein leicht erztehbares Material überwiesen werden würde. Die nötige Fähigkeit zu seinem Amt habe er sich zugetraut, obgleich er bis dahin noch in keiner Fürsorgeanstalt tätig gewesen war. Matthies Haber vorher mit ihm über die ErziehungSgruud- fätze gesprochen. Dabei habe er. Breithaupt, dessen Auffassung über den Erfolg milder Behandlung nicht teilen können, vielmehr habe er den Standpunkt eingenommen, daß man, wo mit Milde nichts zu machen sei, von Strenge mehr Erfolg zu erwarten habe. Bezüglich der Strafarten sei ihm nur gesagt worden, daß die Disziplinar- Vorschriften der Berliner Anstalt Lichtenberg anzuwenden seien. Gekannt habe er sie allerdings nicht, vergeblich habe er Pastor Mat- thieL und auch den Inspektor Buth der Anstalt Lichtenberg um Beschaffung eines Exemplares gebeten.„Wie stellten Sie sich denn," fragte der Vorsitzende,„das nun vor. wie Sie da zu verfahren hätten?"„Wie ich es für recht hielt," versicherte der Angeklagte. Er behauptete, auf alle Fälle sei es seine Pflicht gewesen, auf strenge Disziplin zu schcn, um die auf Flucht sinnenden Zöglinge festzu- halten. Der Vorfitzende hielt ihm vor, daß er nicht nur wegen Flucht- verdacht strenge Strafen verhängt habe. Angekl.:„Getan mußte etwas werden, Vorschriften hatte ich nicht, da tat ich, was ich nach bestem Wissen und Gewissen für recht hielt." Borleben der übrigen Angeklagten. Engels war anfänglich Kaufmann, arbeitete dann von 1900 an in Bodelschwinghs Anstalten, in Bethel als Diakon, dann in Wie- tingsmoor als Erziehungsgehlife. Strafen durfte dort nur der Hausvater verhängen, 10—15 Schläge mit dem Rohrstock auf das Gefäß, in schlimmsten Fällen 20 Schläge. Diese? Maximum sei aber später vom Landeshauptmann verboten worden. Später ging Engels nach Hoffnungsthal. Nach Mieltschin würde er durch Breit- Haupt als Aufseher engagiert, und er zweifelte nicht, daß er diesem Posten gewachsen sei, wie er auch Breithaupts Befähigung für sein Amt nicht bezweifelte. Der Verteidiger Justizrat Wronker ließ fest- stellen, daß Engels beim Militär wie in Bethel das Zeugnis vor- züglicher Führung erhalten hat. Wrobel ist Schneider. Er führte, so gab er selber in seiner Vernehmung an, einen unordentlichen Lebenswandel, ergab sich dem Trunk, wurde wegen Nervenzerrüttung in die Charitee aufgenom- mcn, rettete sich nach Hossnungsthal als Kolonist— und wurde von dort durch Breithaupt«ach Mieltschin berufen. Er sei als Schneider und Aufseher engagiert worden, habe aber von Erziehung bis dahin nichts verstanden. Das habe auch Brcithaupt gewußt. Hier richtete der Vorsitzende an Wrobel und zugleich an die übrigen Angeklagten die Mahnung, sich nicht von einer Mißstimmung gegen Breithaupt leiten zu lassen, die bei ihnen vorzuliegen scheine. Auch Weudland, der der Sohn eines RegierungsbaumeisterS ist und das Bauhandwerk erlernt hat, gibt zu, daß er herunter- gekommen sei und in Hoffnungsthal Zuflucht gesucht habe. Von da ging er nach Bethel als Wärter und später rief ihn Breithaupt nach Mieltschin als Aufseher und Erzieher für Fürsorgezöglinge. Aus geordneten Verhältnissen kam Brosinsky, der Tischler war und wegen Kränklichkeit Stellung in Mieltschin annahm, um in der Anstalt als Tischlermeister ätig zu sein. Daß das eine Aufseher- stellung sein sollte, hatte er nicht gemeint. An Breithaupt war er durch Wrobel, den er kannte, empfohlen worden. Auch Schüler brachte keinerlei Vorkenntnisse für das Amt eines Erziehungsgehilfen mit. Er verließ, ebenso wie Brosinsky, die An- stalt schon nach kurzer Zeit wieder. Riemenschneider hat ziemlich am längsten in der Anstalt aus- gehalten. Er war anfänglich Handschuhmacher, brachte eL später zum Polizcibeamten in Friedrichshagen, wurde Versicherungsagent, nahm Aufenthalt in Bodelschwinghs Gnadcnthal als Kolonist und landete durch Breithaupts Gnade in Mieltschin. Habedank, ein gelernter Holzbildhauer, war Landarbeiter ge- worden, ging als Arbeitsloser nach Bodelschwinghs Lobcthal— und wurde von Breithaupt als geeignet zum Posten eines Erziehers fün Mieltschin befunden. Der Vorsitzende verlas dann die Dienstvorschrift für den In- spektor der Anstalt Lichtenberg, die auch für Mieltschin hatte gelten sollen. Sie setzt fest, daß nach vorheriger Anhörung des Zöglings über ihn verhängt werden können: Wersagung des Besuches Auge- höriger; Strafarbeit; Entziehung der Arbeitsbclohnung; Eni- ziehung des Urlaubs; Arrest; bei Versagen aller anderen Straf- maßregeln körperliche Züchtigungen mit einem Rohrstock bis zu ich in besonders schweren Fällen bis zu 29 Hieben. Bei Schwächlichkeit oder Kränklichkeit des Zöglings sowie bei Bestrafung mit mehr als 10 Hieben muß vorher der Arzt gehört werden. Nur mit seiner Zu- stimmung darf Arrest von mehr als 1 Tag verhängt werden, Arrest von mehr als 6 Tagen bedarf der Genehmigung des Vorsitzenden der Waisendeputation. Wie rs demgegenüber in Mieltschia gehalten wurde� ergab die weitere Bernehmung der Angeklagten. Den Angeklagten Breithaupt fragte der Vorsitzende: Was für Strafen haben Sie denn nun aus eigener Machtvollkommenheit fest- gesellt?— Angeil.: In erster Linie straften wir mit Schlägen.— Vors.: In erster Linie mit Schlägen!?— Angekl.: In zweiter Linie mit Einsperrung, in dritter Linie mit Kostentziehung. Vors.: Wäre es nicht zweckmäßiger gewesen, erst in dritter Linie mit Schlägen zu strafen? Als Pädagoge mußten Sie doch wissen, daß man mit den weniger strengen Strafen beginnt.— Angekl.: Das mag sein. Wir haben ja zuerst auch alles in Güte'versucht. Dann haben wir zunächst wenig Hiebe gegeben.— Angeklagter gab weiter an, zum erstenmal sei nach 14 Tagen einer geschlagen worden, und zwar der Zögling Pekel, der Zigaretten gestohlen und Fluchtabsichtcn geäußert hatte. Er, Breithaupt, habe da geglaubt, mit Strenge vor- gehen zu sollen.— Vors.: Mit Stock oder Peitsche?— Angekl.: Ich glaube, mit der Pritsche.— Der Vorsitzende zeigte zwei Reitpeitsche» und eine Klopfpeitsche, die als Ucberführungsstücke vor ihm lagen. Die geflochtene Klopfpeitsche habe, behauptet der Angeklagte, an» fänglich zum Kleiderreinigen gedient. Er versichert, er selber habe im Vaterhaus manchmal"mit solcher Klopfpeitsche Schläge bekom- men, es habe ihm nichts geschadet. Als die UntersuchungSkom- Mission nach Mieltschin kam, war von dieser Peitsche zunächst gar nicht die Rede, erst später kam sie zum Vorschein. Breithaupt will damals nicht an sie gedacht haben. Er hat auch zweimal mit seinen! Spazierstock geschlagen, einmal den Zögling Ehrlich, der sich bücken mußte, und einmal den Zögling Bollbrecht, bei dem er(sagt Breithaupt)„hinschlug, wo es traf". Daß auch Gummiknüppel in Gebrauch waren, gibt er zu. Sie seien für die Aufseher für den Fall einer Zöglingsreoolte angeschafft worden, auch zum Schutz gegen Angriffe der polnischen Bevölkerung, die ihn schikaniert und sogar nachts Schüsse gegen seine Wohnung gegeben habe. Auch über Schikanen durch Arbeiter, die bei den Bauarbeiten in der Anstalt beschäftigt waren, beklagt er sich. Der Vorsitzende vermutet, daß sie vielleicht nur die von ihnen beobachtete Behandlung der Zöglinge für unrecht hielten. Breithaupt glaubt, er habe bis 50 Schläge geben lassen, daß bis 190 Schläge gegeben seien, bestreitet er. 59 habe er nicht für zuviel gehalten. Daß er einmal„299 Schläge" angeordnet habe, erklärt er für möglich, doch Sabe er nicht damit rechnen können, daß sie wirklich gegeben würden. 99 Schläge für Entwendung eines Hühnereis seien gegeben wor- den, aber gerade hier habe er Strenge für nötig gehalten, weil der Bestohlene der Lehrer Wendler war. der ihm nicht wohlgesinnt ge- wesen sei und sich sonst vielleicht beklagt hätte. Anfangs pflegte Breithaupt selber zu schlagen, dann mutzte Engels heran, weil es ihm, dem Prediger Breithaupt,„direkt widerwärtig" gewesen sei. Bedenken über die Härte der Strafe und ihre Folgen hatte er nie, und als Engels solche äußerte, soll er ihm erwidert haben, er möge nur nicht weichherzig sein, 59—199 Hiebe könne ein Junge ver- tragen. Breithaupt bestreitet das allerdings. Außer Striemen und blauen Flecken habe er keine Folgen bemerkt; wenn später an Zöglingen schlimmere Verletzungen festgestellt worden seien, so müßten sie diese anderswo, aber nicht in Mieltschin erlitten haben. Der Vorsitzende fragte, wie alt denn der Jüngste gewesen sei. Breit- Haupt behauptete: 16 Jahre. Die Arrrststrafen wurden anfangs in einem finsteren Haus- keller verbüßt, erst später in einer auf dem Boden angelegten Zelle. In verschärften Fällen mußten die Arrestanten während der Nacht ohne Decke auf dem bloßen Fußboden schlafen. Bis zu 14 Tagen mußten manche diese Pein erdulden. Der Vorsitzende hob das her- vor, aber Breithaupt versicherte immer wieder, er habe das für nötig gehalten. Staatsanwalt Reiner wies darauf hin, daß in manchen dieser alten Hauskcller eine dumpfe Luft zu finden ist. Aber Breithaupt rühmte seinen Keller als luftig. Auch die Fesselung wurde oft zur Strafe des Arrestes hinzugefügt. Der Vorsitzende zeigt eine leichtere Fußkette und später die sogenannte große Kette, mit der eine Hand und ein Fuß gefesselt unv der Zögling an die Wand gekettet wurde. Diese Fesselungen sollen dazu gedient haben, Fluchtversuche zu verhindern. Aber der Vorsibende stellt fest, daß weder aus dem Keller noch aus der auf dem Boden ein- gerichteten Zelle eine Flucht zu erwarten war. Die Beköstigung im Arrest war Wasser und Brot; nur an jedem dritten Tag sollte die gewöhnliche Kost eingehalten werden, aber auch das untcrblicl zuweilen, sodaß manche Jungen während deS ganzen Arrestes nichtc als Wasser ynd Prot bekamen..Herausgelassen wurden sie fiid&i zu einem Spaziergang, sondern nur zur Verrichtung i'hrer Bcdürf- nisse. Straflistcn wurden nicht geführt. Assessor Simon als Ver- treter der Staatsanwaltschaft, lägt auch feststellen, daß auch in der Strafkolonne die angeblich Fluchtverdächtigen Ketten trugen und zwar bei der Arbeit. Was an sonstigen„Erziehungsmitteln" in Mieltschin noch in Gebrauch gewesen seien, fragte als Vertreter der Nebenklage der Rechtsanwalt Rosenfcld. Breithaupt erwiderte, er habe wohl ge- wüßt, daß bei diesen Jungen individuelle Erziehung nötig sei, habe sich persönlich um sie gekümmert, ihre Personalarten studiert, Briefe an die Eltern geschrieben usw. Einen eigentlichen Unter- richt gab es noch nicht, auch eine Bibliothek fehlte, aber„geeignete" Zeitungen waren vorhanden, außerdem wurden Andachten abge- halten und am Sonntag regelrechter Gottesdienst, auf den dann eine Sonntagscrholnng oder gar ein Spaziergang folgte. Rechts- anwalt Noscnfeld ließ schließlich noch eine Nachtragsfeststellung über die Bastonade machen. Brcithaupt sagte, als Strasmittel sei sie nicht angeordnet worden, aber den Zögling Schwarzenberg habe er auf die Fußsohlen schlagen lassen, weil er mit den Füßen die Schläge abzuwehren suchte. Die anderen Angeklagten stimmen im allgemeinen den An- gaben Breithaupts über das in Mieltschin übliche Straf- und„Er- ziehungs"-System zu. Sie selber seien sich, indem sie die angeord- ncten Züchtigungen vollzogen, nicht bewußt gewesen, daß sie sich strafbar machten. Breithaupt habe sie über diesen Punkt beruhigt, und auf ihn habe man sich verlassen.' Engels bestätigt, daß Breithauvt einmal Schwarzenberg, weil er strampelte, auf die Fußsohlen schlagen ließ. Gegenüber seiner in der Voruntersuchung gemachten Angabe, daß Breithaupt für den Zögling Mauthe ausdrücklich 2Qt) Schläge angeordnet habe, erklärte er seht, so genau wisse er das nicht. Uebrigens seien dann tatsächlich „nur" 60 bis 70 Schläge gegeben worden. Geschlagen hat Engels zuweilen auch aus eigener Machtvollkomiuenheit, weil er Breit- Haupts Zustimmung stillschweigend voraussetzte. Engels hatte die Klopfpeitsche anschaffen müssen. In wessen Auftrag und zu welchem Zweck der Erzichungsgehilfe Listander diese angeblich zum Kleider- reinigen bestimmte Peitsche hat zusammendrohen müssen, steht nicht fest. Der Vorsitzende bedauerte, daß der Zeuge Listander nicht zu finden ist. Wrobel hat auf seine Bedenken sich einmal von Breithaupt sagen lassen müssen:„50 Hiebe können die Jungen vertragen." Im Arrest wurden bit Zustände erst anders, als die Untersuchungs- kommission dagewesen war. Wendland hat nie Bedenken gehabt. Ucber Manthe hörte er Vreithaupt sagen:„Und wenn er 260 bekommt!" BrosinSky soll, wie Brcithaupt angibt, entlassen worden sein, weil er sich zum Erzieher nicht geeignet und besonders bei der Ab- strafung Schwarzenbergs ihm sehr mißfallen habe. Er selber er- klärt, seine Entlassung sei durch seine Beschwerde über schlechtes Essen veranlaßt worden. Geschlagen habe er nie. Aus Furcht, entlassen zu werden, Hai Schiller die Prügelbefehle Breithaupts befolgt. Bedenken habe er nicht gehabt, weil Engels ihm gesagt habe:„Der Pastor verantwortet alles." Nicmschneider erzählt, daß am Abend vor Ankunft»eines Trupps von Fürsorgezöglingen aus Berlin Breithaupt in einer Bc- sprechung mit seinen Gehilfen gesagt habe, er werde sich morgen einen Jungen herausgreifen und ihm den Ernst der Sache zeigen. Am anderen Tage habe er dann sogleich den Zögling Pekel als ersten verprügelt. Breilhaupt bestreitet diese Acußerung, Riem- schneider wiederholt seine Angabe unter Beteuerungen. Keiner der anderen Angeklagten erinnert sich jenes Vorfalles, aber Riem- schneider bleibt dabei, er müßte gegen sein Gewissen sprechen, wenn er es anders sagte. Auch Habedank war sich der Strafbarkeit nicht bewußt. Es wird dann in die Beweiserhebung eingetreten und mit den Zeugenvernehmungen begonnen. Magistratsrat Dr. Voigt berichtet über die Gesichtspunkte, welche bei Abschiebung der Zöglinge aus Lichtenberg nach Mielt- schin matzgebend gewesen seien, und über das Material, welches in Frage komme. Es wird dabei auch die Frage erörtert, ob man nicht einen Fehler begangen hatte insofern, als man nach Mieltschin Zöglinge geschickt habe, die wenig geeignet waren zum Aufenthalt in einer offenen Anstalt. Die Jungen, die nach Lichtenberg kommen, seien schon nicht die besten. Wie die Auswahl der Jungen, die nach Mieltschin kamen, stattgefunden, weiß der Zeuge nicht. Dagegen be- kündet er, daß in allen Vorverhandlungen immer darauf hinge- wiesen worden sei, daß in Mieltschin die Disziplinarbestiminnngen der Lichtenberger Anstalt sinngemäße Anwendung finden sollen. Es sei kaum denkbar, daß der Leiter der Anstalt nicht in den Besitz der betr. Anweisung gekommen sein sollte.— Der Vorsitzende weist in einer Zwischenbemerkung hin auf die Flucht des Zöglings Ruppert, auf die an die Waisenverwaltung gerichtete Beschwerde seiner Eltern, auf die Beröffentlichungeli im„Borwnrts", die zur Entsendung einer Untersuchnngskommission führten. Zeuge war im Auftrage der Waisenverwaltung zu- sammen mit dem Stadtverordneten Dr. Bernstein in Mieltschin. Da er wußte, daß er bei der Zeugenvernehmung mit Zeugen zu tun hatte, die nicht gerade die besten seien, habe er nur das als festgestellt in seinem Bericht angenommen, was mit den eigenen Angaben der Angeklagten übereinstimmte und was der Anblick an Ort und Stelle selbst bestätigte. So habe der Anblick der mit Fußketten herumlaufenden Zöglinge geradezu abschreckend gewirkt. Breithaupt habe ihm selbst zugegeben, daß er 50 Hiebe habe erteilen lassen. Breithaupt habe bei den Untersuchungsmaß- nahmen den Eindruck eines seelisch gebrochenen Mannes gemacht. Der Zeuge hat seinerzeit den Eindruck gehabt und auch in seinem Bericht wiedergegeben, daß Pastor Breithaupt wohl nicht gehauen habe, um zu hauen, daß er sich vielleicht nicht bewußt gewesen, durch seine Maßnahmen die Grenzen des erlaubten Züchtigungs- rechts zu überschreiten und daß er. kvenn ihm das Unangemessene dieser Erziehungsmethode streng klar gemacht wurde, er vielleicht noch weiter an seiner Stelle bleiben könnte. Der Betrieb in Mielt- schin sei damals leider noch nicht vollständig hergestellt gewesen, es wurde noch gebaut und Pastor Breithaupt klagte darüber, daß die Bauarbeiter häufig den Fluchtplänen der Zöglinge Vorschub leisteten. Inspektor Buth, der früher die Anstalt Lichtenberg leitete und jetzt pensioniert ist, bekundet über die Auswahl der nach der offenen Anstalt Mieltschin zu sendenden Zöglinge, daß kein Zögling„ab- geschoben" worden sei, nur um Ihn los zu werden. Buth wurde selber vom damaligen Vorsitzenden der Waisenberwaltung nach Mieltschin geschickt, um sich die Anstalt anzusehen. Er hat aber mit Breithaupt nicht eingehend über Erzichungsfragen gesprochen, weil das„Mißverständnisse hätte hervorrufen" können und ihm „unter Umständen einen Rüffel von der Waifenverwaltung ein- gebracht" hätte. Buth hat nur ans Herz gelegt, daß nicht die Aufseher die Zöglinge schlagen dürfen. Er erinnert sich, daß Breit- Haupt brieflich um die Lichtenbcrger Instruktion gebeten habe. Vors.:„Wie kam es, daß sie nicht geschickt wurde?" Zeuge:„Ich hatte gar keine Befugnis dazu." Die Verteidiger Rchtsanwalt Jllich und Rechtsanwalt Hirfchfeld weisen auf die Qualität der aus Lichtenberg überwiesenen Zöglinge hin. Buth erwidert, Breit- Haupt selber habe sich im ganzen lobend geäußert und nur zwei oder drei als„böse Burschen" bezeichnet. Zeuge Hentschel, der erste Lehrer in der Lichtcnberger Anstalt und Vertreter des Erziehungsinspektors, bestätigt, daß bei der Auswahl der nach Mieltschin zu schickenden Zöglinge nicht der Gedanke vorgewaltet habe, die schlimmsten Elemente los zu werden. Als er die Mieltschiner Anstalt besichtigt, habe er gefunden, daß sie äußerlich einen„ausgezeichneten" Eindruck machte. Er hat ver- schiedene Zöglinge gefragt, ob es ihnen dort gefällt und die Antwort erhalten:„Sehr gut." Einzelne erklärten, sie möchten nicht wieder zurück, sondern möchten dort bleiben; keiner hat erzählt, daß er gezüchtigt worden sei. Pastor Breithaupt, mit dem er sich unter- halten, scheine ein äußerst warmes Herz(?) für die Jungen zu haben. Er äußerte sich u. a. dahin, daß er ihnen hohe Löhne gut» schreiben wolle, damit sie sich nach eingen Jahren ein Anwesen kaufen könnten. Er hat wiederholt gesagt, daß für ihn die Dienstvor- schriften in Lichtenberg matzgebend seien und hat nicht zu erkenne» gegeben, daß er die Disziplinarvorschriften vermißte. Hierauf wird die Verhandlung auf heute um 0 Uhr vertagt. Eingegangene vruckfckriften. " Handarbeit für Knaben und Mädchen. 1. Papparbelt von Ehr. F. Morawe.— ü. Nadelarbeit, Puppenschneiderei.— 3. Spiel- zeug aus eigener Hand. Je 1 M.— B. G. Teubncr, Leipzig. Heinrich von Reders Gedichte, aus den Werken und dem Nachlaß ausgewählt und eingeleitet von Dr. KuUchcr. 1,50 M.. geb. 2,50 M. Der Galgenpeter und anderes, Geschichten aus Tirol von A. Pichler. 1,50 M., geb. 2,50 M..Die Lese", München. CicIvxanlivUsIirurfl Wollene Schlafdecken St, z-°4°»s°°s«> M Pferdedecken! 450 550 m. ittr dicke Portieren alle Farben Meter 1,75,%,50 bis 4,50. Abgepaßte Friesmttntel »,S5— 8 ffl. Versand unter Nachnahme. Emil Lefevre, 1 Berlin, Qranienstraße 158. 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Vor Eintritt in die Verkandlung beantragt Rechtsanwalt Heine: Wenn der von der Staatsanwaltschaft geladene Zeuge Rolf Sommer vernommen wird, die Alien des ErpressiingSprozesscS gegen Brubn und Genossen einzufordern, um an der Hand derselben die Glaubwürdigkeit des Zeugen Sommer zu prüfen. Hierauf wird die ZNigenvernehmung zum Fall Pilz fortgesetzt. Der früher vernommene Zeuge Baresel ist am K. Oktober, als Krimiualkonimissar Äuhn die Verhasiungen im Pilzichen Lokal vornahm, von Wellschmiedt beschuldigt worden, ihn geschlagen zu haben. Baresel ist darauf hin verhaftet worden. Glücklicherweise konnte er nachweisen, datz er am 5. Oklober bei dem Borfall mir Wellschmiedt überhaupt nicht im Pilzschen Lokal war. Aber er st nach fünf Tagen wurde Baresel aus der Haft entlassen. Als Baresel jetzt vor Gericht vernommen wurde, behauptete einer der als Zeugen anwesenden Arbeitswilligen, Baresel sei doch bei dem Vorgang mit Wellschmiedt zugegen gewesen. Ein anderer Zeuge gab an. Baresel werde offenbar verwechselt mit einem ihm ähnlich sehenden Arbeiter Wichmann, der zur fraglichen Zeit bei Pilz war. W i ch m a n n wird in der gestrigen Sitzung als e r st e r Z e u g e vernommen. Er hat in der Tat etwas Aehnlichkeit mit Baresel. Doch geht die Aehnlichkeit nicht so weit, datz er bei leidlich sorg- fältiger Betrachtung mit Baresel verweckselt werden könnte. Trotz- dem hat Wellscbnuedt, der nach Angabe des KriminalkominissarS Kuhn und des Kriminalwachtmeisters Faber die Perionen sehr sorg- fältig beobachtet haben soll, die Verwechselung begangen. Aber noch mehr. Die Vernehmung des Zeugen Wichmann ergibt, dag er am Abend des 5. Oktober zwar im Pilzichen Lokal war, aber schon vor der angebliche» Schlägerei fortgegangen ist, also bei dem unter Anklage stehenden Vorgang gar nicht zugegen war. Durch die Vernehmung einiger nun folgender Zeugen soll fest- gestellt werden, ob Pilz am 24. September, als zwei vorüber- fahrende Kohlenwagen angegriffen worden seien, von seinem Laden ans diesen Vorgang beobachtet hat und ob er am Tage vor- her der Abführung eines Sistierlen zugesehen und in die Hände ge- klatscht habe. Das hatte die Zeugin Kanne, die Frau eines Kriminalbeamten, in einer früheren Sitzung angegeben. Die Mutter dieser Zeugin, Frau Heinitz, bestätigt diese An- gaben. Auch sie sagt, dah sie die betreffenden Vorgänge vom Balkon ihrer Tochter beobachtet hat. Als sich der Vorgang mit den Kohlen- wagen abspielte, sei die Ladentür des Pilzschen Lokals offen gewesen, eine Anzahl Leute und Pilz selbst hätten in der Tür gestanden. Als die Wagen noch auf der Straffe standen, habe Polizeileutnant Folte die Pilzsche Ladentür zugemacht, sie sei aber immer wieder aufgerissen worden.— Polizeileutnant Folte bemerkt dazu, er sei erst gekommen, alö die Wagen schon fort waren. Da habe er allerdings von Pilz verlangt, er solle dafür sorgen, daff nicht Gäste des Lokals sich vor die Tür stellten.— Vier andere Zeugen geben an, daff Pilz zu der Zeit, wo ihn die Frauen Kanne und Heinitz gesehen haben wollen, in seinem Privat- zimmer war und anscheinend geschlafen habe. Mit der Vernehmung dieser Zeugen ist die Beweisaufnahme zum Falle Pilz-Kratzat abgeschloffen. Haftentlassungsanträge. Ein früher gestellter Antrag aus Haftentlaffung deS Angekkagten Kratzat soll nunmehr vom Gericht entschieden werden.— RechlS- anwalt Th. Liebknecht beantragt, de» Angeklagten Pilz aus der Haft zu entlassen. Die Verhandlung habe ergeben, daff Pilz, wenn überhaupt, so doch keineswegs so schwer belastet erscheine, daff wegen der zu erwartenden hohen Strafe ein Fluchtverdacht begründet wäre. Eventuell sei ja Pilz bereit, Kaution zu stellen.— Saatsanwalt S t e l z n e r widerspricht der Haftentlassung des Angeklagten Pilz, erklärt sich aber mit der Entlassung des Angeklagten Kratzat ein- verstanden, weil gegen diesen kein dringender Verdacht mehr vor- liege. Ter Borsitzende, Landgerichtsdirektor Lieber bemerkt, das Gericht habe noch Beschluff zu fassen über SS im Laufe der Berhandluirg gestellte Beweisanträge.— Die Bemerkung gibt Veranlassung zu einer längeren Erörterung über den vormiSsichtlichen Umfang der noch ausstehenden Bcweisanfnahmr. Verlängerung deS Verfahrens durch v. Bcthman» Hollweg. Rechtsanwalt Heine: Die Aeufferung deS Herrn Vor- sitzenden nötigt uns ebenfalls, über die Beweisanträge zu sprechen. Wir haben eine Menge erbeblicher Gründe, die Beendigung des Verfahrens zu wünschen, vor allem im Interesse der Angeklagten. Wir waren deshalb bereit, eine sehr erhebliche Einschränkung unserer BeweiSanträae vorzunehmen, und find auch jetzt noch dazu bereit. Aber in einem Punkte können wir da-»ilbt. In diesem Punkte können wir auf Aufklärung in vollem Sinne nicht ver- zichten. Die ganze Sachlage hat sich nämlich geändert durch die Erklärung, welche der Reichskanzler und preuffische Mini st erPräsident am Sonnabend im Reichstage abgab. Vorsitzender Landgerichtsdirektor Lieber un- terbricht den Verteidiger mit der Bemerkung, das habe auf das Urteil des Gerichts keinen Einfluß. Rechtsanwalt Heine: Der Meinung bin ich auch, daff das Urteil nur auf die Beweise gestützt werden kann, die tn der Haupiverhandlung erhoben worden sind. Doch liegt es ungemein nahe, daff eS nicht ohne Eindruck bleiben kann, namentlich auf die Anträge der Staatsanwaltschaft, als auch auf die Auffassung des Gerichts, wenn der höchste Beamte des Reiches an auto- ritativcr Stelle das Urteil, das hier erst gefunden werden soll, vorwegnimmt und unbekümmert um all das, was hier bereits bekundet worden ist, erklärt, alle die Polizeibeamte» hätten nur ihre Schuldigkeit getan. TaS zwingt uns im Jntereffe der An- geklagten, den Gegenbeweis zu führen. Ich erinnere an den Fall' Romanowski. der nur durch die Art. wie das anständige Publikum mißhandelt worden ist. aufgeregt und zu seinem bedauerlichen Ausruf veranlafft worden ist. In ähnlicher Lage ist eine Anzahl anderer Angeklagter. Wir sind nach wie vor bereit, uns die größte Beschränkung in den Anträgen auizuerlegen. Aber nicht verzichten können wir auf die Beweise über folgende Punkte: Wir wollen beweisen, daff bereits vor dem 26. September Polizeibeamte sich nicht darauf beschränkt haben, das Eigentum von Kupfer, die persönliche Sicherheit der Arbeitswilligen, die Ordnung auf der Straffe utio den öffentlichen Verkehr in angemessener Weise zu sichern, sondern daff sie schon an diesen Tagen in rücksichtslosester Weise gegen ganz Unbeteiligte vorgegangen find und harnilose Straßenpaffanteu bedroht und mißhandelt haben. Wir wollen beweisen, daß hierdurch bereits die Bewohner der be- treffenden Straffen und besonders die Arbeiter von Siemens und der A. E.-G. erbittert worden sind. Wir wollen beweisen, daff zweckwidrige und nutzlose Absperrungen und Menschenjagden am 26. September diese Erbitterung weiter gesteigert haben und daff gerade dieses Vor- gehen die Kriterien des Aufruhrs an einzelnen Stellen erst hervor- gerufen hat, so daff die Schuldfrage und die Höhe des Strafmaßes hiervon abhängen. Wir wollen aber vor allem beweisen, daff im weiteren Verlauf in einer noch viel größeren Reihe von Fällen so vorgegangen worden ist, als es hier schon in einer Anzahl von Fällen erwiesen ist, daff völlig unbeteiligte Leute, die sich nicht, auch nicht einmal zufällig in einer Menschenmenge befanden, ohne Anlaß mit rohen Redensarten beleidigt, mit Knüppeln un� Säbeln niedergeschlagen und ernsthaft verletzt worden sind. Zum erheblichen Teil durch Ucberfall von hinten und daff die Mißhandelten zum Teil, nachdeni sie schon am Boden lagen und nicht den geringsten Widerstand mehr leisten konnten, mit Sävclhieben und Fußtritten mißhandelt worden sind. Wir wollen dadurch und zwar gerade durch die Masscnhaftigkeit dieser Uebcrfälle beweisen, daff es sich nicht um einzelne Mißgriffe oder unglückliche Zufälle handelt, sondern daff eine große Anzahl vom Beamten mit bewußter und gewollter Brutalität, lediglich aus Lust an Brutalität unter Mißbrauch der Amtsgewalt gehandelt haben. Dies kann bei einzelnen Angeklagten auch für die Frage erheblich sein, ob über- Haupt die gesetzlichen Voraussetzungen des Aufruhrs gegeben sind. Wir bedauern, wenn die Verhandlung sich dadurch verlängert. Die Zahl der von uns zum allgemeinen Teil vorgebrachten Zeugen ist viel geringer als die der Staatsanwaltschaft. Wir sind, wie ge- sagt, durch die Aeufferung deS Reichskanzler- genötigt, die Beweis- aufnähme auszudehnen und unsererseits noch viele Zeugen zu bc- nennen. Wir müssen eS der Staatsanwaltschaft überlassen, den Reichskanzler als Zeugen zu laden, wenn sie glaubt, daß er von den Dingen, über die er Behauptungen aufgestellt ljat] wirklich etwas weiß. Wir glauben das nicht und stellen diesen Antrag des- halb nicht. Er st er Staatsanwalt Steinbrecht: Wir können nur ans Grund der Beweisanfnahme die Fälle erörtern und be- gründen. Wenn auch die Zeugen nach bestem Wissen und Gewissen ihre die Beamten belastenden Aussagen gemacht haben, so sind dies doch nur einseitige Bekundungen. Es mutz also doch auch die Gegenseite gehört werden. Es haben doch gewisse Fälle schon eine Aufklärung zugunsten der Beamten gefunden. So z. B. ist doch die Behauptung widerlegt worden, daff ein alter Mann, der Kohlen auf- gelesen hat, geschlagen wurde. Der Vorsitzende bemerkt: Ehe wir weiter debattieren, müssen doch uns erst Anträge vorliege».— RechtSanw. Heine: Die Verteidigung will noch etwa 50 Zeugen namhaft machen. RechtSanw. Heinemann: Die Bemerkung deS Ersten Staatsanwalts, daff die Zeugen der Verteidigung nur ein einseitiges Bild geben können, ist unzutreffend. Die von nnS benannten Zeugen bekunden im Gegensatz zu denen der Staatsanwaltschaft, dre nur negativ sagen sollen, daß sie nicht? Ungesetzliches gesehen haben, positiv, was ihnen passiert ist. Die Aussührnng des Kollegen Heine muff ich noch in einein Punkte ergänzen. Der Vorsitzende hatte wiederholt gesagt, daff das Gesetz das Gericht zwinge, manchen Beweis zu erheben, den es sonst nicht erhoben hapen würde. Da der Umfang der Beweisaufnahme bisher in durchaus loyaler Weise vom Gericht bestimmt worden ist, wollten wir diese Loyalität mit Loyalität erwidern und unsererseits auf vieles verzichten, wenn auch mit schwerem Herzen. Allein der Um st and, daff der nach der Reichs- Verfassung zum höchsten Hüter deS Rechts bestellte Beamte in ein schwebendes Strafverfahren eingriff und die Ergebnisse der VerHand- lung völlig unrichtig und einseitig wieder« gegeben und einen gan z erhebli che» Teil der Be- weiSaufnahme einfach ignoriert hat, zwingt uns jetzt, den vom Reichskanzler berührten Punkt, ob Ueberschreitungen der Ämtsbefugnisse durch die Polizei vorgekommen sind, im breitesten Umfange unter Beweis zu stellen. Die Verteidigung erwartet von der bisher geübten Loyalität des Gerichts, daß eS weiter auch so loyal sein wird anzuerkennen, daff die Verteidigung nicht die Schuld trägt, wenn sich die Verhandlung dadurch ausdehnt. Denn wir befinden uns nach der Erklärung des Reichskanzlers gleichsam in Notwehr. Scharf möchte ich betonen, nicht die Verteidigung trägt die Schuld, wenn sich die Verhandlung ausdehnt, denn sie wollte auf viele- verzichten, sondern allein der Eingriff des Reichskanzlers in den schwebenden Prozeß. Es kann kein Gesetz, welcher Art eS auch sei, geben, das den Angeklagten das Recht nimmt, sich zu verteidigen. Dies aber muff die Verteidigung jetzt gegenüber der Erklärung des Reichs- kanzlerL mit aller Entschiedenheit tun. Rechtsanwalt Heine: Wie notwendig die Beweis- aufnähme jetzt noch ist, beweist die Aeufferung des Ersten Staats- anivalts. ivelcher sagte, daff ein Fall zugunsten der Beamten aufgeklärt fei. während das durchaus nicht der Fall ist. Hierauf wird wieder in der Brwcisaufnahme über den allgemeinen Teil der Anklage fortgefahren. Frau Lösch gibt an, sie habe am 27. September abends in der Rostocker Straffe gesehen, daff ein Haufen junger Männer an einer Laterne standen und sangen:„Wir Männer in der Bluse'. Dann kommandierte einer der jungen Leute:„Eins, zwei, drei!' Dann warfen sie mit Steinen, die sie schon bei sich hatten, zwei Laternen ein. Der oft erwähnte„Schritcrhausen", der in der Rostocker Straffe brannte, bestand»ach den Wabrnchmungen der Zeugen aus Papier, welches von Anschlagsäulen abgelöst war. Die Zeugin ist während der Unruhen nie ausgegangen. Sie hat diese Beobachtungen von ihrer Wohnung ans gemacht. Daff die Menge „Bluthunde" und„Achtgroschenjungen' rief, hat sie gehört, aber nicht gesehen, daff Schutzleute auf das Publikuni einHieben. Zigarrenhändler Röttger hat am 29. September zwischen 9 und 19 Uhr gesehen, daff ein Mann von einem Kriminal- bcamten furchtbar verhauen ist. Mit einem Gummischlauch wurde der Mann bearbeitet. Er schrie:„Lassen Sie mich doch gehen, ich habe ja gar nichts getan." Ein anderer Mann wurde von drei Kriminal- bcamten mit Stöcken geschlagen. Tritt als Aiitwort auf Beschwerden. Als die Beamten ihre Roheit gekühlt hatten— sagt der Zeuge— ging der Geschlagene zu einem in der Nähe stehenden Polizetlrutnant und bat ihn mit erhobenen Händen:„Herr Hauptmann, wo sollich hin. daff ich nicht geschlagen werde.' Statt ihm zu helfen, gab der Polizeilentnant drm Mißhandelten einen Tritt. Später hörte der Zeuge jemand vor einem Hause rufen:»Emma, wirf mir den Schlüssel herunter." Aber Schutz der Mißhandelnden. Gleich darauf schrie dieselbe Person auf, so daff anzunehmen ist, sie wurde geschlagen. Als der ersterwähnte Mann von Kriminal- beamten geschlagen wurde, standen uniformierte Schutzleute etwa 2V Schritte entfernt. Sir taten nichts, um die Mißhandlung zu hindern. Aber die uniformierten Beamten hielten die Karabiner hoch und drohten zu schießen, wenn sich die Leute nicht von den Fenstern entfernen würden. Ein nicht verprügelter Gutsbesitzer a. D. Zeuge Schmidt, ein früherer Gutsbesitzer, ist am Abend des 28. September nach Moabit gegangen, um Studien über den Berliner VollScharakter zu machen. Ausschreitungen der Polizei hat er nicht bemerkt, die Beamten seien immer mit Ruhe und Ueberlegung vorgegangen. Sogar in Fällen, wo die Beamten angegriffen worden seien, hätten sie sich nur bemüht, mit der flachen Klinge zuschlagen, wenn es notwendig gewesen sei. Selbst als einmal eine johlende Menge vertrieben wurde, babe die Polizei nicht wahllos eingeschlagen, sondern sich nur die Exzedenten auf- Korn genommen. Ein Mann, der sich umdrehte und mit erhobener Faust die Schutz« leute bedrohte, sei nur mit der flachen Klinge geichlagen lvorden. Ein Schuß sei aus der Menge gefallen. Als der Zeuge durch eine SchntzmannSkette ging, kam ein Kriminalbeamter uiit erhobenem Stock auf ihn zn. Der Zeuge sagte:„Ich bin ein ruhiger Staatsbürger' und schützte sich dadurch vor der ihm zu- gedachten Prügel.— Rechtsainvalt Heine richtet eine Frage an den Zeuge». Dieser betrachtet den Verteidiger von der Seile und sagt:„WaS berechtigt denn den Herrn, mich zu fragen?'~ Rechtsanwalt Heine(lebhaft und mit starker Betonung):„Die Straf« Prozeßordnung und das Gesetz."— Der Vorsitzende belehrt oen Zeugen, daß er die Fragen des Verteidigers zu beantworten hat. Vom Reichskanzler belobte Schamlosigkeiten. Fräulein Günther ging eines Abends durch die Hutten- straffe, um Einkäufe zu machen. Als sie an einer Gruppe von fünf bis sechs Schutzleuten vorbeikam, sagte ein Schutzmann: „Olle Trine, mach' daß Du weiterkommst!" Die Zeugin drehte sich erschreckt um, da rief ein anderer Schutz» mann: „Haut doch die olle Sau, daß sie hinfällt!" Gleichzeitig bekam die Zeugin auch schon einen Schlag mit dem Säbel aus de» Rücken.— Bei einer anderen Gelegenheit � sah die Zeugin einen jungen Mann an der Haltestelle der Straffenbahn flehen. Ein Polizrileutiiant ging auf ihn zu und herrschte ihn an:„Was stehen Sie hier?" Der Mann sagte höflich:„Ent- schuldigen Sie, ich möchte mit der Elektrischen nach Hause fahre n." Da faßte der Polizeileutnant den Mann am Arm, schüttelte ihn und sagte:„Lausejunge, mach daß Du fort- kommst." Als der junge Mann die Einwendung machte:„Aber waswollenSie denn vonmir?'zogder Polizeileutnant den Säbel und schlug de» Mann. Fräulein Günther wollte sich dem jungen Mann als Zeugin zur Verfügung stelle», aber ein Schutz- man» wies sie zurück mit den Worten:„Was, Du willst Dich als Zcugi» melden? Mit dem Säbel kannst Du was kriegen." Nach der Mittagspause verkündete der Vorsitzende den Gerichts- beschluff: Der Angeklagte Kratzat wird auS der UntersuchlingShaft entlassen. Der Antrag, den Angeklagten Pilz aus der Haft zu entlassen, wird abgelehnt, da die bisherigen Gründe der Haft fortbestehen. Als Zeuge wird hieraus KammergerichtSrat D r. D a b e r k o w vernommen. Er hat sich die Vorgänge in Moabit angesehen, um ein eigenes Urteil über dieselben zu gewinnen. Drei- bis viernial war er in der Gegend. Während seiner Anwesenheit herrschte Ruhe in den Straffen, obwohl sich Polizei und Publikum gegenüberstanden, als ob sie den Augenblick des KampseS erwarteten. Aus gewissen Anzeichen schließt der Zeuge, daß in Zeiten, wo er nicht auf der Straffe war, Kämpfe stattgefunden haben müssen. So sah er Verwundete vorbeitragen, während er in einer Kon- ditorci saß. Ein Zeugnis zur Belehrung des Reichskanzlers. Rechtsanwalt Edmund Ballien hat von seiner Wohnimg an der Ecke der GotzkowSkystraffe und Alt-Moabit folgende Vorgänge gesehen: Die Straffe war ruhig und leer, soweit man sehen konnte. Da kamen etwa vier bis sechs Straffenpaffanten, etwa ebensoviel Schutzleute mit dem Säbel in der Hand, stürzte» sich auf diese Paffanten. Die Passanten rannten in wilder Flucht davon. Die Schutzleute stürzten hinterher und schlugen sie sämtlich zu Boden. ES war ein.. ,,„,,,0 fürchterliches Gemetzel, sagt der Zeuge. MS die Leute schon am Boden lagen, schlugen und stächen die Schutzleute noch nach ihnen. Die Frau des Zeugen schrie vor Grauen und Entsetzen auf, als sie das vom Balkon ans sah. AlS die Menschen alle niedergeschlagen waren, hörte der Zeuge aus der Gruppe der Schutzleute ein Hohngelächtcr, in das auch einige Zivilpersonen einstimmten. Es war eine wider- lichc Szene, sagt der Zeuge. Das Verhalten machte den Eindruck einer sinn- und zwecklosen Brutalitat und erfüllte mich mit größtem Ekel. In einem anderen Falle sah der Zeuge, wie ein Mnnn von mehreren Schutzleuten mit dem Säbel niedergeschlagen wurde. Noch einen dritten Fall hat der Zeuge beobachtet. Ein elegant ge- kleideter Herr und eine ebensolche Dame standen an der Haltestelle der Straffenbahn. Da kam ein Schutzmann und schubste die Dame. Der Herr zog seine Visitenkarte und ging in sehr ver- bindlicher Weise an den Schutzmann heran. Dieser aber ließ gar nicht mit sich reden, sondern verlangte, daff der Herr und die Dame fortgingen. Das geschah denn auch.— Rechts- anwalt Heine fragt den Zeugen, ob er Beziehungen zur Sozial- demokratie habe.— Zeuge Ballien antwortet: Ich gehöre keiner politischen Partei an. Ich bin ein glühender Patriot und Monarchist. Ich liebe den Kaiser. Nmsomehr empört mich diese Roheit der Vemeter der Staatsgewalt und treibt mir die Röte dcö Zornes ins Gesicht.— Auf eine weitere Frage dcö RechtSanw. Heine antworiet der Zeuge: Selbst wenn die Niedergeschlagenen Verbrecher gewesen wären, so wäre das Verhalten der Beamten unnötig, zwecklos und gesetzwidrig gewesen. Ein Zeuge der nichts sah. Gemeindeschulrektor Schröder hat von seiner Wohnung in der Roslocker Straffe aus vom 24. bis 28. September beobachtet. Er gibt eine sehr ins einzelne gehende grellfarbige Schilderung von den Straffenvorgängen. Der längere Vortrag des Zeugen beginnt mit' dem mehrfach erwähnten Ueberfall auf zwei Kohlenwagen. Er bezeichnet diesen Vorgang als ein gewalt- täliges Vorgehen gegen die arbeitswilligen Kutscher, dem die Polizei mit einer gröberen Rücksicht, als dem Zeugen angemessen erschien, begegnete. In gleicher Weise schildert der Zeuge auch die Vorgänge an den folgenden Abenden. Auch hier ist nach Angabe des Zeugen die Polizei mit größter Ge- duld und Langmut gegen eine radaulustige Menge vorgegangen. Die Polizei war»ach Ansicht dieses Zeugen so rücksichtsvoll, daff er. der Zeuge, in feiner Anffassnng, in einem geordneten Staatswesen zu leben, wankend wurde. Zusammenstöße zwischen Schutzleuten und Publikum hat der Zeuge von seiner Wohnung aus nicht wahrnehmen könne». Doch sah er einmal, daß Schutzleute in: Vorbeigehen mit dem Säbel zwei HauStürscheiben einschlugen. Der Zeuge meint, das hätten die Schutzleute wohl nur deshalb getan, um das Hans zu kennzeichnen, aus dem geworfen worden sei. Nach Angabe diese? Zeugen ist nämlich bei dieser Gelegenheit mit Blumentöpfen, Steinen. Kohlen, Flaschen, Kartoffeln und faulen Aepfcln auS den Hänsern geworfen worden. Das Auftreten von Kriminalbeamte», die mit Gummiknüppeln ausgerüstet waren, fruchtete am besten, sagt der Zeuge. Will der Reichskanzler mich folgende Roheit belobigen? Rohrleger Senf kam nachts mit seiner Frau»och Hause. Er hatte den Hausschlüssel vergessen und wollte deshalb einen Wächter suchen. Da vegeanete ihm ein Kriminalbeamter und fragte, was er auf der Straffe zu suchen habe. Der Zeuge erwiderte, er suche den Wächter und wohne in der Nähe. Der Kriminalbeamte erhob den Stock. Da kamen zwei uniformierte Schutzleute und schlugen den Zeugen mit dem Säbel nieder. Er raffte sich auf, fiel aber immer wieder zu Boden. Da sagte ein Schutzmann zu einem anderen: Laß den Hund liegen, laß ihn vcrlmtc». Später kam noch ein Schutzmann und brachte den Verwundeten nach der Unfallstation. Von da lomde er sofort inZ Krankenhaus übergeführt. Er hatte zwei Hieb- und zwei Stichwunden an beide» Armen. Aufzcrdcm hatte ihn ein Gäbelstich in die Seite getroffen, war aber glücklicherweise durch da? Taschen- messer. loelcheS der Zeuge in der Tasche hatte, aufgehalten worden. sodah dieser Stich mir die Kleidung beschädigt hat. Der Zeuge war sechs Wochen im Krankcnhaufe, doch hat er an der einen Hand einen dauernden Schaden rrlittem der seine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Als der Zeuge von den Schiihleute» niedergeschlagen wurde, war die Strafze menscheuleer und auber ihm niciuand in der Nähe. Damit schlofz die Sitzung. Heute um d'/a Uhr wird die Ver- Handlung fortgesetzt.. Hus der partcü Tie Fackel" beschlagnahmt. Unsere Druckerei erhielt gestern polizeilichen Besuch. Die Dezembarnummer der„F a ck c l", das monatlich erscheinende Agitationsorgan für die ländliche Bevölkerung der Provinz Brandenburg, scheint das Mißfallen der Behörde erregt zu haben. In ihrem Austrage erschienen daher zwei Beamte, um die Nummer zu beschlagnahmen. Allzu groü war die AnZ- beute nicht, nur 56 Ereinplare fielen den Beamten in die Hände. Die Beschlagnahme erfolgte wegen eines Gedichtes „Die Beichte", das aus einem bürgerlichen Freidenkerorgan übernommen ist._ Eine sozialdciiiokratische Geincindcvtrtrctcrkoufcreuz für den Agitationsbczirk Görlitz, der sieben nicderschlcsische Reichs- tagswahlkreife umfasjt, tagte am Sonntag in Görlitz. Im Bezirke sind 104 sozialdemokratische Stadtverordnete Und Gcmcindever- trcter vorhanden, davon waren 47 auf der Konferenz anwesend. Landtagsabgcordnetcr Genosse Hirsch. Charlotten bürg hielt einen Vortrag über:..Tic Aufgaben der Sozialdcmokrntte in den Gcmeiudevertretul.gcn". In der Diskussion wurde allgemein der Wunsch laut, die Partei möchte mehr Material s a m m o I u, was besonders den Gemcindcvertrctcrn der kleinen Orte zugute käme. Ein entsprechender Antrag soll dem nächsten preußischen Parteitag unterbreitet werden. Gemrlndcwahlsscg. Bei der Gemcinderatswahl in Gele na u i. Sachsen siegten unsere Genossen in beiden Klassen, Ansässige und Unansässige. Bei den Unansässigcn erhielten w i r 421, die Gegner nur 43 Stimmen. Während polizeilicbes» Oerlelmtehen ufw. Ter beleidigte Schudman». der Wahlrechtsbewegung hatte ln Mühl b a u' e n lThür.) das Verhalten' des Schutzmannes Sprich der ich früher schon durch Anzeige wegen..a l l z U l a u t e n Riese» 8" bekannt machte, Anlaß zur Kritik durch das»Mühl- hausener Volksblatt" gegeben. Er ging hin und klagte mit dem Erfolg, daß nicht nur der verantwortliche Genosse H a a se, sondern auch Genosse M a r k e w t tz als Verleger zu je 4 Wochen Gefängnis verurteilt wurden, weil man in letzterem den Ver- fasser vermutete. Bei Wiedergabe der Revisionsei, tschcidung waren einige Bemerkungen an das Urteil geknüpft, durch die sich der Schutzmann von neue m beleidigt fühlte. Genosse H a a s c wurde deswegen von der Mühlhauser Strafkammer erneut zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Ein Polizeiprozcß in Halle. Am Sonnabend verhandelte die Hallenser Strafkammer einen Prozeß, der von der Polizeiverwaltung gegen das„Volks- blatt für Halle" angestrengt worden war. Angeklagt war der ver- ontwortliche Redakteur, Genosse N i e b u h r, und zwgr wegen zweier Artikel, die anläßlich der O r d e n S d e k o r a t'i o n mehrerer Hallescher Polizaibeamten erschienen war. Am Tage vor dem Erscheinen der Artikel war von der- Polizei in Halle die bekannte Aktion gegen das ReichsbereiilSgesetz einge- leitet worden; eS hatte die erste Ueberwachung einer Mitglieder- Versammlung des Sozialdmnokrattschen Vereins seit Bestehen des ReichSvereinSgesetzcS stattgefunden. Unter dem Eindruck dieses neuen gesetzwidrigen Vorgehens entstanden die Artikel, die fum- marisch die Taten der Halleschen Polizei zusammenfaßten. Um den Beweis der Wahrheit für die Behauptungen der Artikel zu erbringen, hatte die Verteidigung, die die Rechtsanwälte, Genosse Landsberg- Magdeburg und Müller- Halle führten, etwa S0 Zeugen an Gerichtsstelle geladen, darunter eine Reihe ehemaliger Polizeibeamte. Nicht ein einziger dieser Zeugen wurde vernommen. Sämtliche Beweis. antrage fanden Ablehnung! Das Gericht erklärte, die Beweisanträge ständen mit den Artikeln in gar keinem Zusammen- hange. Trotzdem hielt das Gericht es für nötig, eine Art Gegen- beweis, gegen die Behauptungen des Angeklagten und der ver- teidigung zu führen, indem es ein Urteil in einem der vielen Wahl- rechtSprozeffe verlesen ließ. Hierin wird„festgestellt", nachdem fast sämtliche Zivilzeugen für unglaubwürdig, säintliche Polizei- zeugen jedoch für glaubwürdig erklärt worden waren, daß die Polizei am 13. Februar an einer bestimmten Stelle der Stavt— keineswegs bei der Hauptattacko— berechtigt gewesen sei, von der blanken Waffe Gebrauch zu machen! Auf Grund einer derartigen Beweisaufnahme Ijielt eS der Staatsanwalt für angebracht, acht Monate Gefängnis zu beantragen! Verteidiger Dr. Müller und der Angeklagte unter- ließen es angesichts dieses VerfahrenZ, zur Verteidigung auch nur daö geringste anzuführen. Nur Genosse LandSbcrg wieö auf die UnHaltbarkeit dieser AburteilungSmethode hin und legte in scharfpointierten Ausführungen die Stellung des Angeklagten gegen- über der Polizei dar, der lediglich in den Artikeln ausgesprochen habe, was Zehntauscnde der Halleschen Bevölkerung dachten und fühlten. Das Urteil lautete auf S00 M. Geldstrafe, hilfsweise 200 Tage Gefängnis(der Arbeitstag des Redakteurs wird also mit drei Mark bewertet). Es wird der RevisionS- inftanz unterbreitet werden. Jugendbewegung. Die bürgerliche Jugendbewegung. Bon Karl K o r ik. HerauS- gegeben von der Zentralstelle für die arbeitende Jugend(Fr. Ebert). Verlag Buchhandlung Vorwärts, Berlin L�V. 68, Lindcnstr. 69. 112 Seiten. Preis brofch. 1 Mk., gebd. 1,60 Mk. Die Schrift gibt in ihrem ersten Teile eine Uebersicht über die gesamte bürgerliche. Jugendbewegung. Die einzelnen großen Gruppcn der bürgerlichen Jugendbewegung, die katholischen Jugendvereine uwd Kongregationen, die evangelischen JunglingS- vereine in ihren verschiedenen Spielarten, die vielfachen Formen der sogeannten interkonfessionellen Jugendfürsorge, dazu die losen Veranstaltungen der Lehrlingshorte und-ftd�nibende, werden der Reihe nach vorgeführt, ihre Organisation geschildert, ihre Unter. schiede zu erfassen gesucht; auch die vorhandenen weiblichen Ver- eine werden bei jeder Gruppe berücksichtigt. Im zweiten Teil der Broschüre werden die Genossen Tatsachen- Material finden, das den meisten von ihnen vollkommen neu sein wird. Aus den konfessionellen und den bisherigen interkonfessio- nellen Jugendvereins- und Jugendfürsorgebestrebungen hat sich in jüngster Zeit eine neue Bewegung entwickelt, die staatliche Jugendpflege, die auf dem Felde des Kampfes um die Jugend den Zusammenschluß sämtliche Jntercssentengruppen deS Klaffen- ftaateö erstrebt zum gemeinsamen Vorstoß gegen die proletarische LugyidScwegung. Die Kornsche Schrift schildert die Eaistehimgsge schichte dieseZ neuen Kurses, sie zeigt die organisatorischen Kräfte, die hinter ihm stehen, sie legt seinen OperationSplan dar. Nur wenn die in der Jugendbewegung tätigen Genossen über die Taktik und die Organisation dieser neuen Bewegung orientiert sind, werden sie sich in dem Gewirr all der Meldungen zurechtfinden, die tagtäglich durch die Presse laufen. Sie werden dann vor allem auch Bescheid wissen, wie sie sich gegenüber den scheinbar unverfänglichen Formen, in denen sich die staatliche Jugendpflege auch an sie heranzumachen sucht, zu verhalten haben. Sie Iverden endlich erkennen, daß dieser neue Kurs mit der Hetze, die jetzt von Polizei und Gerichten wider die proletarische Jugend inszeniert wird, zusammengehört, wi« die beiden Seiten einer Medaille. Zur Bekämpfung der Jugendbewegung. Im August d. I. beschlagnahmte die Zollbehörde in Gelsen- k i r ch e n die von Robert Dannenberg in Wien verfaßte Schrift betitelt„Die Jugendbewegung der sozialistischen Intel- nationale". Die Staatsanwaltschaft in Essen erblickte in der Schrift eine Aufforderung an die Jugendlichen zum Ungehorsam gegen die Gesetze, insbesondere gegen da- VcreinsSgesctz und be- antragte auf Grund der§§ 41 und 42 des Str.-G.-B. die Einziehung der beschlagnahmten Exemplare. Die Strafkammer in Essen erkannte, trotzdem die Schrift lediglich einen historischen Be- rieht über die Jugendbewegung enthält, auf Einziehung der Schrift.___ Hus Industrie und Handel. Deutschlands Ernte 1910. Es liege» nunmehr die Hauptzahlen über die letzten Ernte- ergebnisie in Deutschland vor. Sie registrieren ein günstiges Resultat. Der Gesamtertrag der Ernte inklusive Kartoffeln, Klee, Luzerne und Wiesen ergibt eine Menge von 28 250 115 Tonnen gegen 22 140 027 rcsp. 27 076 007 Tonnen. Dieses PluS ist zu einem großen Teil aus den Mchrertrag der Wiesen, der gegenüber dem Vorjahre zirka 6 Millioneu Tonnen ausmacht, zurückzuführen. Im einzelnen wurden geerntet: Weizen Roggen Gerste Hafer Tonnen 1010.. 3861 479 10511 160 2 002938 7 900376 1909.. 3 755 747 11 343 415 3 495 616 9 125 816 1908.. 3 767 767 10 736 874 8 059 885 7 694 833 1907.. 3 479 324 9 757 859 3 497 745 9 149>33 1906.. 3 939 563 9 625 733 3 141 809 8 431 379 1905.. 3 090 382 9 606 827 2 921 953 6 546 502 1904.. 3 804 323 10 060 762 2 948 184 6 936 003 1903.. 3 555 064 9 904 493 3 323 639 7 873 385 1902.. 3 900 396 9 494 150 3 100 227 7 467 250 1001.. 2 408 851 S 162 060 3 321 102 7 050 153 1900.. 3 841 105 8 550 659 3 002 182 7 091930 1899.. 3 847 447 8 675 792 2 933 376 6 882 637 Der Ertrag an Weizen ist größer als im Vorjahre. Der dies- jährige Gesamtertrag des WeizenS ist in den letzten zehn Jahren nur zweimal übertroffen worden. Die Ernte von Roggen bleibt hinter dem Ertrag deS Vorjahres zurück, wobei zu berücksichtigen ist. daß im Vorjahre die bisherige Rekordernte an Roggen erzielt worden war und das diesjährige Resultat die zlveithöchste Ernte darstellt. Leider verbürgt»iue gute JnlandSemte keine niedrigen Preise. Dauk der famosen Eiufuhrscheine können unsere Junker deutsches Getreide aus den Auslandsmarkt werfen und dafür pro Tonne Brot- getreide an? der Tasche der JnlandSkonsnmcnten 50 resp. 55 M. Äiiöfiihrpräinle einstecke». Das Ausland darf sich auf billiges deutsches Getreide freuen, wenn in Deutschland RotstandSpttise be- zahlt werden müssen. Trotz der reiche» Ernten in den Vorjahren ist der JnlandSverbrauch pro Kopf der Bevölkerung ja auch erheblich gesunken. DaS ist der Segen der Brolwucherpolitik der Ritter und Heiligen l Und nun rüsten die Schnapsblockbrüder zu neuen Raub- zögen. Um das zu vertuschen, inszenieren sie eine ekelhaft« heuch- lerische Hetze gegen die Arbeiterbewegung. Wehe dem Volke, wenn «S nicht auf der Hut ist. wenn eS sich vou den moderueu Busch- kleppern wieder überS Ohr haue» läßt. Fleischpreise in Berlin von 1902 biS 1909. DaS soeben erschienene vierteljahrSheft zur Statistik des Deutschen Reiche» bringt nach amtlichen Marktberichten eine Zu- sammenstellung der Berliner Fleischpreise im Großhandel und Klein- Handel in den Jabrcn 1905—1909. Indem wir eine aus denselben Grundlagen ausgebaute frühere Statistik zu Hilfe nehmen, können wir für die Bewegung der Berliner Fleischpreise im Detail- Handel seit dem Jahre 1902 folgende Eutivickelung nachweise,»: ES kostete 1 Kilogramm in Pfennigen 1902 Rindfleisch, Keule, Oberschale 151 „ Brust.... 133 Kalbfleisch, Keule.... 162 » Brust.... 146 Hammelfleisch, Keule... 140 . Brult... 123 Schweinefleisch, Rücken.. 170 0 Schinken.. 145 1909 Steigerung luul' in Proz. 178 17,9 155 17,3 183 16,0 170 16,4 178 16.7 140 16.4 192 13,0 166 14,5 Wie man sieht, sind sämtliche Fleischpreise ohne Ausnähme ganz erheblich im Preise gestiegen. Dabei stellt das Jahr 1902 nicht etwa den AnSgangSpunlt der Preissteigerungen dar, sondern eS stand mit seinen Preisen schon bedeutend über dem Niveau der Vorjahre. ES ist natürlich gar keine Rede davon, daß die Arbeitslöhne in diesem Zeiträume im gleichen Verhältnis gewachsen sind. Die Preis- erhöhungen haben demnach zur Einschränkung deS Genusses eines der wichtigsten Nahrungsmittel oder zu sonstigen Entbehrungen ge- führt. Die Forderungen nach Oeffnung für die zollfreie Einfuhr von Fleisch, die von uns immer wieder erhoben wird, findet durch die hier gegebenen Zahlen eine wuchtige Unterstützung. Gelvinnsteigerung trotz ProduktionSvermiuderung. Daß die Brauereien mit den letzten Preissteigerungen nicht nur die Sicuercrhöhungen abgewälzt haben, sondern bei dieser Ge- legenheit ein feines Geschäft machten, dafür zeugen die Geschäfts- ergebnisse der Brauereien. Teilweise sind trotz Verminderung de? Absatzes erhebliche Gewilmsteigerungen zu konstatieren. Do auch bei der Germaniabraucrci A.-G.,Dor!muno. Die Gesellschaft hat zwar eine Verminderung deS Absatzes im AuSmaß von 13 Proz. zu ver- zeichnen sie kann aber doch eine Steigerung des Gewinnes von 1 297 640 M. auf 1 449 055 M. ausweisen. Der Neinüberschuß stieg vou 397 714 M auf 421 894 M. Der Steuerknebel wirkt also auch als Profiterhöher; die Konsumenten müssen doppelt bluten. LiebeSgabenbekäinPsung. Der„Vorwärts" schilderte erst kürz- lich wieder einmal, wie daS E i n f u h r s ch e t n s h st e m und seine methodische Ausnutzung besonders an der russisch-deutschen Grenze eine ganze Mühlenindustrie habe entstehen lassen. Infolge deS. deutschen StaatSzuschuffeS wird das im Inland« gewachsene Ge- ireide nach Rußland um rund ein Drittel billiger verkauft als auf dem deutschen Markt. In Rußland läßt man bei dem Ver- mahl.n die Kleie stark mehlhaltig und verkauft sie als äußerst hoch- wertigeS Futtermittel zollfrei nach Deutschland. Den hiesigen ftleiehändlerp vird damit eine böse Konkurrenz bereitet, tyeil sie bSn beft deutschen Mühlen itur K'eTe mit eiMN MlckSen Mehl- gehakt erhalten. Seit Monaten opponieren Interessentenkreise gegen daS lukrative Geschäft der russisch-deutschen Grenzmühlcn. Am 5. d. M. wurde eine Verfügung bekannt, die bei der Kleieeinfuhr ein eigentümliches Verfahren vorschrieb. Je nach den dabei er- zeugten Resultaten sollte die Kleie zollfrei oder zollpflichtiges Mühlcnerzeugnis sein. Tie Verordnung, die ganz plötzlich, ohne daß irgcndwelcke Fachkreise gehört wurden, erlassen war, hat nur ein ganz kurze- Leben gehabt, denn bereits am Sonnabend vergangener Woche meldete ein kurzes Telegramm, daß die ganze Verfügung — wieder aufgehoben sei! So ist wenigstens eine Unmenge Schreibarbeit verrichtet worden, eine imposante Regierungsverfügung er- folgte und wurde nach acht Tagen wieder zurückgezogen. Unser deutscher Regierungsapparat ist doch für die Witzblätter ein un- erschöpslicheS Reservoir._ Hus der Frauenbewegung. Streikende Kellueriunen. In einem der größten Münchener BierrestanrantS. dem Müttchener Kindl-Keller ist ganz plötzlich ein Streik der Kellnerinnen zum AuS- brach gelangt, dessen Entstehung auf Lohndiffercuzen zurückzuführen ist. Tie Kellnerinnen gehören dem Verbände der GasuvirtSgehilfen und-Gehilfinneu an und bekamen bisher pro Abend 50 Pf., Sonntags 1 M, Durch den Vcrbandesekrctär ließen sie vor einiger Zeit eine Entlohnung von 1,50 und 2,50 M. fordern, die der GeschäfiSsührer nicht bewilligen wollte; er werde über eine LohnerhöhmigSfrage mit der„Freien Vereinigung der Gastwirte" in Unterhandlungen treten, Diese Unterhandlungen kamen aber nicht zum Abschluß. Am katho- lischen Feiertage Mariä Empfängnis, nachmittags, stellten daher die Kellncrinne» die Arbeit ein. Di« dann eingeleiteten Verhandlungen führten zur Anerkennung der Forderungen, worauf die Kellnerinncn die Arbeit aufnahmen._ Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. DaS zweite der im Blüthnersaal veranstalteten Beethoven- Konzerte galt, unter Beachtung deS pädagogischen Gesichtspunktes: vom Leich- teren zum Schwereren, von einfacheren zu komplizierteren Stücken. der Vorführung einiger Kanimermusikwerke des Meisters. Zunächst wurde ein Quartett für Streichinstrumente gegeben. Ihm folgte eine der herrlichsten Kompositionen Beethovens: das Septett aus seiner ersten Entwickelungsperiode, welche dadurch charakterisiert ist, daß die ihr anfallenden Kompositionen wesentlich auf den durch Haydn und Mozart entwickelten Kunstformen und Geschmacksrich. tungcn beruhen, aber eine mit seltener Tatkraft und inniger Emp- findung ausgestattete künstlerische Individualität bekunden. Zur ersten und ztveiten Violine, sowie der durch ihre eigentümliche Ton- särbung hervortretenden Viola alta und dem Cello gesellen sich bei diesem Septett noch der Kontrabaß, zwei Holzblasinstrumente lKlarinette und Fagott) und daS Horn. Die Ausführenden, mit Professor Dessau an der Spitze, sind Meistermusiker von hohem Ruf und Namen. Was wunder also, daß sie ini solistischen und Zuianunenspicl wunderbare künstlerische Leistungen vollbrachten! Ein ähnliches Lob verdiente sich Fräulein Elisabeth O h l h o f f durch den vollendeten Vortrag mehrerer Beethovenscher Lieder. Uebrigens nötigte das begeistert applaudierende Publikum der durch Leo Kestenberg sehr zart auf dem Flügel begleiteten Sängerin noch eine Zugabe ab. Ter 1500 Personen fassende Saal war im Parterre und auf der Galerie dicht besetzt von andächtigen Lauschern. Das dritte Beethoven-Konzert(Orchester-Konzert) findet am Sonntag, den 15. Januar 1911, nachmittags 354 Uhr, im Blüthnersaal. Lützowstr: 76. statt. Mitwickeude:mJioline: Herr Alfrco Wittenberg, das Blüthncr-Orchestcr unter Leitung von Herrn Kapellmeister Josef Stranöky. So2ia!es. Steuerzahlcn und Bürgerrecht. Um die Gültigkeit von Stadtverordnetenwahlen handelte eS sich in einem eigenartigen kommunalrcchtlichen Streitfall. Die Wahl von 5 Stadtverordneten in Stargard. die am 15. November 1909 erfolgt war, war von Herrn Falk mit folgender Begründung angefochten worden: Nach einem Gemeindebeschluß sei der 15. No- vembcr, diesmal also der Wahltag, der Fälligkeitstag für die Iah- lung der Vierteljahrssteuer pro Oktober-Dczember gewesen. Die Steuerkasse schließe mittags 1 Uhr. Um diese Zeit am 15. No- vember 1909 hätten aber die meisten Wäbler der dritten Abteilung ihre Steuern noch nicht bezahlt gehabt, weil nach der Städteordnung zu den Voraussetzungen dcö Bürgerrechts gehöre, daß jemand scir einem Jahre die ihn betreffenden Gemeindesteuern bezahlt Hab.'. Somit seien die Wahlen zweier Rentiers, eines Oberinnung?» Meisters, eines Bücherrevisors und eines Handwerksmeisters uu- gültig. Der Bezirksausschuß wicS aber die Klage ab, und daS Over- verwaltnngSgericht bestätigte daS Urteil mit fclgender Begründung: Der Kläger mache erstens geltend, daß die meisten Wähler ihre Steuern nicht bezahlt gehabt hätten. Dieser Grund sei übcrhauvt nicht weiter erörternngSsähig, weil die Wählerlille hier allein mass- gebend sei. Wer in der Wäblerliste, die nicht angefochten odeo endgültig festgestellt ist. aufgeführt sei, der sei wahlberechtigt. Zweitens mache der Kläger geltend, die Gewählten seien nicht Wahl- fähig gewesen, weil sie ihre Steuern noch nicht bezahlt hätten. ES müsse aber verneint werden, daß sie ihr Bürgerrecht verloren hätten, weil sie bis zum 15. November ihre Steuern noch nicht be- fihlt hatten. Es könne dahingestellt bleiben, welche Bedeutung der älligkeitZtag überhaupt habe. Denn wenn die Städteordn'ung verlange, daß seit einem Jahre die Steuern bezahlt seien, dann könne ans keinen Fall der 15. November, der Wahltag, in dieses Jahr einbezogen werden. ES könne nur daS Jahr berücksichtigt werden, das vor dem 15. November liege. Und in dem Jahre seien die Steuern bezahlt gewesen. Also wären die Gewählten am 15. No- vember noch wählbar gewesen. Es sei demnach ganz gleichgültig, ob an diesem Tage Steuern bezahlt werden muhten, ob die Kassen- stunden um 1 Uhr schlössen usw. Die Wahlen seien gültig. Seridrts- Teitiing. Eine BcleidiaungSklaar gegen den Obermeister ber Berliner Schmiedeinnnng, Warncke, kam gestern vor dem Schöffengericht in Alt-Moabit zur endgültigen Entscheidung. Die Klage steht mit dem Schmiedestrcik im Sommev dieses JahreS im Zusammenhang. Im Juni erschien im„Vorwärts" in dem Bericht von einer Schmiedeversammlung ein Zirkular deS JnnungSvorstandeS, durch das die Schmiedemeister aufgefordert worden waren, dem Beschluß der JnnungSversamm- lung entsprechend die Forderungen der Gesellen nicht zu bewilligen und nicht mit ihnen zu verhandeln. Als dann die Vertreter der Gesellen, der 2. Filialvorsitzende dei Schmicdeverbandes, SchlinSki?, und der Altgeselle Vetter bei dem Obermeister anfragten, ob viel- leicht eine Verhandlung möglich sei. zeigte sich Herr Warncke sehr aufgeregt, meinte erst, eS sei alle? Schtvindel, was im„Vorwärts" stehe, und sagte dann von dem Zirkular:„Das haben Sie doch wohl von dem Müller"— dem früheren Altgesellen, der erst seit wenigen Jahren selbständig ist. Die Vertreter der Gesellen erklärten darauf ganz bestimmt, daß sie eS nicht von dem Sckimiedemeister A. Müller hätten, der Obermeister blieb jedoch bei seiner Behauptung und sprach dann— wie aus der gestrigen Zeugenvernehmung hervor- ging— noch davon, daß das eine Verräterei von Müller sei und dergleichen mehr. Der Schmiedeiucister Müller, der von den Aeuße- rungen des Obermeisters Kenntnis erhalten hatte, verklagte ihn tvrgra Beleidigung. Die Neu« Eröffnung unserer bedeutend vergrösserten Verkaufsstelle Müllerstr. 3 a Är, findet morgen, Mittwoch, nachmittag 4 Uhr statt •ScKuKKaus größten Fm gestrigen Termin, ier wie Ser vorhergegangene unter Vor- fih des Amtsgrichtsrats Wollnrr stattfand, erklärte der Angeklagte selbst, es habe ihm gar nichts daran gelegen, zu erfahren, wer das Rundschreiben, das übrigens auch kein geheimes und vertrauliches gewesen sei, den Gesellen oder dem„Vorwärts" geliefert habe. Sein Verteidiger, Justizrat Hennings»», suchte den Wahrhcits- beweis dafür zu erbringen, dag Müller wirklich das Zirkular ge- liefert habe. Ter Beweis mihlang völlig. Ter von der Vcr- teidigung geladene Zeuge Ziering, der 1. Filialvorsihcnde des Schmicdeverbandcs und ebenso der von der Gegenpartei geladene Zeuge Schlinsky sagten aus, dag das Zirkular nicht von Müller gekommen sei, weder direkt noch indirekt Der Verdacht, daß es Müller sei, stützte sich— und etwas weiteres konnte auch der als Zeuge vernommene schmiedemeistcr Kipp nicht aussagen—- im wesentlichen darauf, daß man unter den Mitgliedern der Innung oder des Innungsvorstandes allgemein dieser Ansicht gewesen sei, weil Müller in einer Gruppenversammlung der Meister für Vcr- Handlung mit dem Gescllcnvcrband gesprochen hatte. Es wurde ihm auch vorgeworfen, daß er die übrigen Rundschreiben des Jnnungs- Vorstandes den Gesellen ausgeliefert habe, und im Anschluß daran bemerkte der Verteidiger, daß er als Syndikus der Arbeitgeber- verbände nun schon seit lö Jahre» beobachte, das! selbst die ge- heimsten Besckilüsse aus Arbeitgebervercinigungen dem„Vorwärts" ausgeliefert würden. Tas mochte den Herrn schmerzen, rechtfertigt aber keineswegs die von seinem Klienten erhobene Beschuldigung. Der Vertreter des Privatklägers, Rechtsanwalt Fricdländer, betonte, daß Müller nach dem ersten Zirkular überhaupt keines von den Rundschreiben der Innung mehr erhalten habe, llcbrigcns sei es ganz unlogisch, daraus, daß Müller in der Meistervcrsannn- lung frei und offen für eine friedliche Einigung mit den Gesellen eintrat, schließen zu wollen, er habe hinterrücks das fragliche Zir- kular oder andere Rundschreiben den Gesellen übermittelt, lvas von dem Kläger auch ganz entschieden bestritten Wird.—• Ter Angeklagte erhob dann Widerklage, weil der Kläger in einem Brief an ihn die Behauptung, er habe den Gesellen das Zirkular ausgeliefert, als �.niederträchtige Verleumdung" bezeichnet hatte.— Nachdem die Verhandlung schon über zwei Stunden gedauert hatte, verlangte der Verteidiger des Angeklagten weitere Beweisaufnahme über die Auslieferung des Zirkulars an die Gesellen oder den ..Vorwärts" und beantragte, daß inrter airdercm der„Vorwäris"- Nedakteur Barth darüber vernommen werde. Tas Gericht lehnte jedoch die weitere Beweisaufnahme ab. Tas Urteil lautete dabin, daß das Gericht beide Parteien für schuldig aber straffrei erklärte, weil es sich um auf der Stelle erwiderte Beleidigungen handle, die durcheinander kompensiert würden. Wenn auch zwischen der Beleidigung des Ltlägers und dessen beleidigenden Brief ein gewisser Zeitraum liege, so sei dock? bei dem engen Zu- sammenhang zwischen diesen beiden Beleidigungen nach wieder- Holter Rechtsprechung des Reichsgerichts eine Kompensation mög- lich. In der Begründung wurde betont, daß nach der Beweisauf- nähme der Kläger aus der Verhandlung als ein Mann hervor! gegangen sei, dem nichts dergleichen, wie die Gegenpartei bs< hauptct hatte, vorgeworfen werden könne.— Tie Gerichtskosten sollen beide Parteien zu gleichen Teilen trogen; die Vertretungs- kosten sollen als kompensiert betrachtet werden. )Zu3 aller Sielt Unwetter in Tudeuropa. Seit mehreren Tagen wird daS südliche Europa, vor allem Italien und Spanien, von verheerenden Unwettern heim- gesucht. Jn Venezien. in der Lombardei und in L i g u r i e n sind zahlreiche Ortschaften überschwemmt. In der Provinz Porto Maurizio sind fast sämtliche Eisen- bah»Verbindungen unterbrochen. Der Gießbach Ar- gentina hat östlich von San Rcmo in den Olivenhainen und Obstgärten große Verheerungen angerichtet. Durch den Einsturz eineS BauernhanseS wurden zwei Menschen getötet. Bei Pallanza entgleiste ein Personenzug infolge eines Erdrutsches, der sich in der Nähe der Station ereignete.— In den spanischen Pro- v i n z e n sind die meisten Flüsse aus ihren Ufern getreten; besonders ist der T a g o um mehrere Meter gestiegen und gibt Anlaß zu ernsten Befürchtungen. Ein starker Sturm wütet seit Sonntag abend in ganz Spanien und richtet großen Schaden an. Mehrere Eisenbabnzllge sind infolge von Erdrutschen abgeschnitten und müssen auf offenem Felde stehen bleiben, wie z. B. bei Aranjuez, Eaccrcs, Eastillejo, Vilasca und Malaga. Bei Valencia sind zwei Züge e n t g l e i st. In Leon ist der Fluß aus seinen Usern getreten. Ein junger Mann ist von den Fluten fortgerissen worden und ertrunken. In der Nähe von Cordoba sind drei Hirten vom Wasser fortgeschwemmt worden; zwei fanden den Tod in den Fluten. In V a l l a d o l i d führte das Wasser mehrere L e i ch c n m i t s i ch, die noch nicht geborgen werden konnten..In der Provinz Cadix sind drei Personen durch einen Erdrutsch schwer verletzt worden, einer wurde getötet. In der Stadt Sevilla haben die Wasserfluten die niedrig gelegenen Straßen überschwemmt. Bei S a n t a n d e r strandete der Dampfer„Ja- vellanes". Die Mannsckiaft konnte gerettet werden. Der Dampfer- dienst zwischen den Balearen und Spanien ist eingestellt worden. Die Telephon- und Telcgraphenverbinduugen sind größten- teils zerstört._ Ein schweres Grubenunglück ereignete sich in der Nacht zum Sonntag auf der Zeche B r u ch st r a ß e bei Langendreer. Fünf Bergleute be- nutzten in einem Brcmsschacht der Zeche den Förderkorb, der mit ihnen in die Tiefe s a u st c. Drei von den Verunglückten waren sofort'tot, einer starb nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus, der fünfte ist schiver verletzt._ Ergebnisse der Volkszählung. Auch das letzte Jahrfünft hat wiederum ein unvcrhältnismäßigcS Anwachsen der Bevölkerungszahl der größeren Städte ergeben. So ist die Zahl der Städte niit mehr als Illv(XX> Einwohnern von 4t im Jahre 1905 auf 47 angewachsen. Städte mit über LlKXKX) Einwohnern zählte Deutschland vor fünf Jahren erst IS, während heute 23 solcher Städte gezählt werden. Die Zahl der Städte mit mehr als SOOOOl) Einwohnern, die vor fünf Jahren 8 betrug, ist heute auf 7 angewachsen. ES sind dies Berlin. Hamburg, Müiilben, Leipzig, Dresden, Köln, Breslau. Zwischen 300 000 und 500 000 Einwohner zählen 4 Städte, nämlich Frankfurt a. M., Düsseldorf, Nürnberg und Charlottenburg; doch sind fünf weitere Städte, nämlich Hannover. Essen, Chemnitz, Stuttgart und Magdeburg nur noch wenig von der Grenze entfernt. Die Zahl der Städte mit mehr als 100 000 Ein- wohner betrug 1900: 33. 1805:28, 1890:28, 1830: 14 und bei der ersten Volkszählung im Reiche am 1. Dezember 1871 nur 9. Pfarrherrlicher Sauherdenton. Als kürzlich in Südwestdeutschland eine scharf geschriebene Broschüre in Umlauf kam, welche die Eltern davor warnte, ihre Söhne katholische Theologie studieren zu lassen, wurde angenommen, diese Arbeit stamme aus der Meminger scheu Verlags- a n st a l t in W ü r z b u r g. Als sich der Vater eines Theologie- studierenden an die Firma wandte, erhielt er nach dem„Schwarz- Wälder Boten" folgenden Schreibcbrief: „Wir haben Ihnen kein Flugblatt zugeschickt, die Sache ging von einem katholischen Pfarrer aus. Wir können aber nicht um- hin, Ihnen zu bemerken, daß, wenn wir in E. wohnen würden, wir Ihnen eine in die Fresse schlagen würden, daß Sie Zeit Ihres Leben» ein Andenken an uns hätten. Meminger Verlagsanstalt und Buchdruckerei." An Deutlichkeit läßt dieses briefliche„Bekenntnis" sicher nichts zu wünschen übrig. Aber der liberale Pfarrer Grandinger hält seinen katholischen'Gemeindekindern in dem von'ihm herausgegebenen „Nordhalbener Grenzbote»" noch ganz andere Stand- pauken; so urteilte er über ein katholisches Blatt:„Und sagt man solchen Blättern auf den Kopf, daß sie rück- ständig bis auf die Knochen find, dann heult die Meute wie arretierte Der w i s ch e und alle Donner- Wetter schlagen auf einen loS. In jedem Kaff findet sich so ein vermaledeiter EselSkopf. der für den infamen, er- bärmlichen Wisch hausieren humpelt. Und in jedem Kaff gibt eS Schwachsinnige, Kielkropfige, Doldi, Dnpschädcl, H y st e r i s ch e, Mondsüchtige, Wasserköpfige. G e- Hirn brüchige, Schwülstige, Schwündigc, Wechselbälge und Veitstanzbehaftete—- und ans dieser Auslese rekrutiert sich der Leserkreis der Zentrums- presse." Der katholische Pfarrer Granding» muß es ja wissen. Kleine Notizen. Reue Margarinevergiftunge». Nach dem Genuß von B a ck a- Margarine aus den Margarinewerken von Mohr u. Co. in Altona sind in Elberfeld mehrere Personen erkrankt. Es wäre ivirklich an der Zeit, daß schärfere Maßnahmen gegen den Versand der vergifrelen Margarine ergriffen würden. Den Tod in den Flammen fand die Tochter eines Bauern im Dorfe Dein d orf in Bayern. Bei einein großen Brande, bei dem zwei Baucrnanwesen niederbrannten, ist das junge Mädchen mit verbrannt. Im Streit erschlagen. Bei einem Streit, der in der Nacht zum Montag zwischen zivei Arbeitern in B armen entstand, wurde der 2t jährige Arbeiter D o r m a n n mit e i n e m Z a u n p f a h l e r« schlagen. Der Täter wurde verhaftet. Bei dem Einsturz eines Gerüstes, auf dem 12 Arbeiter an der Ausbesfermig des im Trockenbock des französischen KricgShafenS von Toulou befindlichen LinieufchiffcS„Snffren" arbeiteten, wurde ein Arbeiter getötet. Drei Arbeiter erlitten schwere, die übrigen leichtere Verletzungen. Durch die Explosion in den West kanadischen Kohlen- b'e r g w e r k e n wurden nach einer neueren Meldung 20 Berg- leute getötet. 18 konnten gerettet werden, doch sind einige von ihnen schwer verletzt. Die Cholera auf Madeira. Nach den amtlichen Feststellungen sind auf der Insel Madeira bisher 422 Fälle von Cholera vorgekommen, von denen 130 tödlich verliefen. Gestrandeter Dampfer. An der Küste von Alaska ist der Dampfer„Olympia" auf Grund geraten. In einem drahtlosen Telegramm wird von Bord des Dampfers nach New Jork gemeldet. daß die See stürmisch sei, so daß das Schiff auf de» Klippen hin- und hergeworfeu werde. Au Bord des Dampfers befinden sich 100 P e r s En e n, unter ihnen 52 Passagiere. Eui/z Uhr, von der Leichen. Halle des Thomas- Kirchhofes in Rixdors, Hermaiinskafie, aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 131/1 Die Ortsverwaltung. ]r. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstp. 41, ÄZ, 10—2. 5— 7. ScmntBjfsJ.0— 12. 2—4 * Verantwortlicher Redakteur . Hierdurch allen Freunden und I Bekannten zur Nachricht, daß I mcin Mann, unser Vater, der | Schriftseher Albert Röhl | nach langen, schwerem Leiden im noch nicht vollendeten silns- zigslen Lebensjahre am 11. De- | zember gestorben ist. Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am I Donnerstag, den 15. Dezember, I nachmittags 1 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- I böses in Friedrichsseldc aus statt. Nach mehr als 25jäbr!ger Mit- arbeit an der technischen Her- stcllung deS.Vorwärts" starb am U. Dezember der Schriftsetzer Albert Röhl im noch nicht vollendeten 50. Le- bensjahre. Wir bedauern das Hinscheiden deS allezeit pflichttrenen und biederen Kollegen ans« tiesste und werden ihm freundliches Andenken bewahren. „Vorwärts" Bucbdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer& Co. Todes-Anzeige. Am 11. Dczbr.. früh'1,2 Uhr. verstarb nach längerem Leiden unser langjähriger Mitarbeiter, der Schriftsetzer Albert Röhl im 50. Lebensjahre. Sein ausrichtiger Charakter und sein kollegialischcS Wesen sichern ihm bei den Unterzeichneten ein dauerndes, ehrendes Andenken. Bas Personal der„Vorwärls"-Buchdrnckerei Paul Singer.& Co. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. Dezember, mittags 1 Uhr, von der Leichen- halle des Zentral- Friedhofes in Friedrichsfelde aus statt. 'typogrsphia. Unfern Mitgliedern die be- trübende Nachricht, daß unser langjähriges, treues Mitglied Albert Röhl nach langer Krankheit gestorben ist. Sein Andenken werden wir stets in Ehren halten. 0er Vorstand. Beerdigung stehe vorstehend.— Möglichst rege Beteiligung seitens der aktiven Mitglieder erwünscht. Nach schwerem Leiden verschied im 50. Lebensjahre meine innig- geliebte Frau L-ouiss Apitz. Dies zeigt allen Freunden und Genosien tiesbetrübt an Franz Apitz. Die Beerdigung findet am Mitt- woch, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenballe des Emmaus-Kirch- hoses, Rixdorf, Hermannstraße, aus statt. Danksagung. Für die zahlreiche Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdl- gung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter Natinsr Mars sagen wir hiermit allen Beteiligten, dem Genossen Waldeck Manasse, den Funktionären der 3. Abteilung, den Zeitungsträgerinnen der Spedition Lychlner Straße und dem Gesang- verein.Morgengrauen" unseren herz- lichen Dank, Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: 2225b Kurl Mars. Danksagung. Für die viclen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hinscheiden meiner geliebten Frau iUicie Ullrich geb. RIckert und für die zahlreichen Kranzspenden sprechen wir allen Freunden und Be- kannten, insbesondere dem.Arbeiter- Turnverein Schöneberg", dem Kegel- tlub„Bombe", der„Kranken- und Sterbekasse d, Schmiede", den Kollegen der Buchdruckcrci Gebhardt. Jahn u. Landt und dem Gesangverein„Lieder- tascl W." unseren innigsten Dank auS, Oer trauernde Gatto HI. Ullrich und Kind Die trauernden Eltern A. Itlokert und Uran nebst Kindern. Dr.Schunemann Spezialarzl für Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten, 6612* jetzt Oranicnftr. 139. gegenüber Kommnndantenstraße. 10—2, 5—7, Sonntags 10—12. EioWeihflaclitsgescIienli das Nutzen mit Freude verbindet. SINGER Nähmaschinen nähen, sticken und stopfen. 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Die Sonderdrucke werden pro Nummer zum Preise von 6 Pf. abgegeben. Die Be�irkSführer werden gebeten, den Spediteuren, zu denen der Bezirk gehört, schnellstens Mitteilung darüber zu machen, wieviel Abnehmer sich in ihrem Bezirk voraussichtlich für diese Neuerung finden würden. Die Parteispediteure bitten wir, der Expedition deS«Vorwärts" spätestens bis zum 17. Dezember Nachricht zu geben, wieviel Exeuiplare in ihrem Speditionsbezirke verlangt werden. Verband der sozialdemokratischen Wahlvcrcinr Berlins und Umgegend. Sechster Wahlkreis, t., 2., 3. Abteilung. Am morgigen Zahl- abend werden sämtliche Mitgliedsbücher der drei ersten Abteilungen zur Kontrolle und Umschreibung eingezogen. Die Genossen werden ersucht, vollzählig zu erscheinen. Marienfelde. Am Mittwoch, den 14. d. MtS., findet an Stelle des Zahlabends eine Versammlung des Wahlvereins statt. Genosse Groger spricht über das Parteiprogramm. Gäste haben Zutritt. Johannisthal. Heute, Dienstag, abends 8Vg Uhr: Zahlabend bei Senftleben. Die Bibliothek bleibt bis aus weitere" geschlossen. Der Vorstand. AdlerShof. An Stelle des am Mittwoch, den 14. Dezember. fälligen Zahlabends findet eine Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins im Lokal von Kaul. BiSmarckstr. 16, statt. Beiträge werden in der Versammlung entgegcngenonimcn. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, haben Zutritt. Der Vorstand. Königs-Wustcrhauscn. Morgen Mittwoch, abends 8 Uhr, im Lokale Hciderich, Berliner Straste 23, Zahlabend. Sonntag, den 18. d. M.. morgens T'/a Uhr, von den bekannten Bezirkslokalen(in Königs-Wusterhausen nur vom Lokale Heidcrich, Berliner Str. 23) auS Verbreitung deS AgitationskalenderS »Märkischer Landbote'. Der Vorstand. Bohnsdorf. Au, Mittwoch, den 14. d. MtS., bei Mcntel(Villa Kahl): Mi'.gliedervcrsannnlung deS Wahlvereins. Tagesordnung: Bericht von der Verbandsgencralversammlung von Grosz-Berlin, Diskussion. VereinSangelegcnheiten und Verschiedenes. Die Beiträge werden vor Beginn der Versammlung in Einpfang gcnominen. Der Vorstand. Mahlsdorf-KaukSdorf(Ostbahn). Die Genossen und Genossinnen werden ersucht, am Mittwoch zu de» Zahlabenden vollzählig zu er- scheinen, da sehr wichtige Angelegenheiten zu besprechen sind. Ferner machen wir daraus aufmerksam, dafi unsere diesjährige Weihnachts- frier am ersten WeihnacktStage, abends, im Lokale des Herrn Linke, Mahlsdorf. Grunowstrasze, stattfindet. Die Bezirksleitung. Französtsch-Buchholz. Morgen Mittwoch bci Kähme: Mitglieder- Versammlung. Vortrag und wichtige Parteiangelegenheiten. Lerlmer JVacbricbtcn. Der„silberne Sonntag" wurde merklich beeinslusit durch starken Nebel, der vom Sonn- abendabend bis m den Sonntagnachmittag hinein ununter- krochen anhielt. Alls den sZlußläufen in und rings um Berlin, wo man infolge des Schlffsunglücks auf der Oberspree bei Stralau besonders vorsichtig geworden war, stockte der Ver- kehr gänzlich. Viele Fernzüge liefen, da auch aufierhalb Berlins Nebel herrschte, mit erheblicher Verspätung ein, so daß die Sonntagspost nicht überall rechtzeitig bestellt werden konnte. Auf den Straßen konnte man noch gegen Mittag in dreißig Schritt Entfernung keinen Wagen sehen. Der Ausflug in die bis 8 Uhr abends geöffneten Geschäfte blieb zunächst in sehr mäßigen Grenzen und hob sich erst in den letzten Stunden, ohne den Umfang früherer Jahre zu er- reichen. In den großen Warenhäusern gab es zwar stellen- weise sehr starken Andrang, aber man schien sich die Kauflust doch mehr für den„goldenen Sonntag" aufgespart zu haben. Die beiden Sonntage vor Weihnachten haben allerdings von ihrer früheren Popularität immer mehr eingebüßt, weil selbst die weniger bemittelten Kreise sich daran gewöhnt haben, ihre bescheidenen Weinachtseinkäufe in der Woche zu besorgen. Von der rechten Weihnachtsstimmung war überhaupt nicht viel zu spüren, da die Großstadtstraßen erst am Montag das grüne Tannenkleid anzogen. Die LustSarkcitSfieuer in der Kommission. In der fünften Sitzung des mit der Vorberatung der obigen Sieuerordnnng betrauten Ausschusses wurde bekanntlich eine kleine Unterkommission eingesetzt, die versuchen sollte, die Pauschalsteuer auf eine andere Grundlage zu stellen. Diese kleine Konnnission, der ein Vertreter von uns angehörte, hat in drei langauSgedehnte» Beratungen sich ihrer Aufgabe unterzogen und die folgenden Be- fchlüsse gefaßt, die zu einem Teile Milderungen der Magistratsvorlage bedeuten: Während nach der Magistratsvorlage alle unentgeltlichen Ver- anstaltungen der Steuer unterliegen und Ausnahmen nur dann statt- finden, wenn solche Veranstaltungen ausschließlich Wissenschaft- liche oder bildende Zwecke verfolgen, wünscht die Kommission, daß alle unentgeltlichen Lustbarkeiten steuerfrei bleiben sollen. Bei entgeltlichen Theatervorstellungen, deklamatorischen Vorlesungen, Rezitationen und anderen Vorträgen sowie bei Tanzlustbarkeiten tritt die«leucrpflicht erst ein, wenn das Eintrittsgeld 1 M. über- steigt. Alle übrigen entgeltlichen Veranstaltungen sind steuerpflichtig, sofern ein Eintrittsgeld von mindestens 25 Pf. erhoben wird. Die Unterscheidung der' Steuer nach der Dauer der Veranstaltungen (über 11 bezw. 12 Uhr nachts hinaus) fällt fort. Programmpreise und Garderobengeld, soweit fie den Normalsatz von 20 bezw. 30 Pf. iiberschreiten, sollen zur Vermeidung von Umgehungen dem EinWitts- preis zugerechnet werden. Bei Ausgabe von Eintrittskarten gelang» immer die Kartensteuer zur Erhebung. Die Raumsteuer wird nur fubsidär vorgesehen. Eine Ausnahme soll nur bei den Kabaretts und den Tanzlustbarkeiten über 1 Mark gemacht werden, die beide immer der Raumsteuer unterliegen. Die Raumsteuer beträgt für diese zivci Arten von Veranstaltungen 20 M. bei einer Grundfläche von 100 Quadratmeter und weniger, sowie je 10 M. für je 1 bis 50 Ouadratmeter mehr. Diese Abänderungen der Magistratsvorlage unterlagen in der gestrigen, sechsten, Sitzung der Prüfung des Vollausschusses und wurden nach eingehender Beratung angenommen. Die§8 8 bis 18 betreffen das formale Verfahren: sie gelangten nach unwesentlicher Debatte nach den Vorschlägen des Magistrats zur Annahme. Die erste Lesung der Vorlage war damit beendet. In die zweite Lesung beabsichtigt man erst im neuen Jahr einzutreten. Lehrer und Volkszählung. Wie in anderen Orten, finden nun auch in Berlin Ermittelungen darüber statt, warum sich einzelne Lehrer an der Volkszahlung als Zähler nicht beteiligt haben. Die Stadtschulinspektoren verlangen die Angabe von Gründen, aus denen die Beteiligung als Zähler abgelehnt worden ist. Zum weiteren genauen Bericht werden die Gründe aufgeschrieben. In einem Erlaß hatte der Kultusminister die Beteiligung bei der Volkszählung als eine freiwillige bezeichnet. Es hieß in dem Erlaß:«Wie bei den früheren Zählungen die Lehrer das Ehren- amt eines Zählers freiwillig übernommen haben, so zweifle ich nicht, daß sie auch diesmal an der Lösung der Aufgabe im all- gemeinen Jntereffe freiwillig mithelfen werden." Wo bleibt nun die Freiwilligkeit, wenn hernach jeder sich rechtfertigen muß, warum er nicht mitgezählt hat? In einem gleichen Falle schreibt dazu die„Pädagogische Zeitung":„Es ist der alte Lauf der Dinge: Der Herr Minister zweifelt nicht, daß die Lehrer sich freiwillig an der Arbeit beteiligen werden; die Regierung erwartet schon bestimmt usw. Untergeordnete Instanzen fordern die Lehrer auf zu zählen, und der Schulinspektor läßt sich fchließlich bereit finden, mit strenger Amtsmiene zu fragen: Warum willst du nicht zählen? Die Begeisterung der Lehrer für die gute Sache wächst ins Ungemessene." lieber die ungenügende Beteiligung der Lehrer in den verfchiedensten Ehrenämtern dürfte man eigentlich an keiner Stelle klagen, sind doch ettva 25 Proz. aller Lehrer Berlins ehrenamtlich tätig. Wer an der Zählung nicht mitwirken wollte, der hat jedenfalls seine guten Gründe dazu gehabt, die fest- zustellen wahrlich unnötig erscheint. Bei den Beamten heißt es eben: Auch ein Wunsch ist ein Befehl. Merkt euch das fürs nächste Mal! Zur Förderung des Obstbaues im Kreise Teltow hat der Kreis- ausschuß die Gründung einer Obswcrkaufs- und Verwertungs- station als Gesellschaft m. b. tz. beschlossen, deren Betrieb unter Aufsicht des Kreises nach streng kaufmännischen Grundsätzen ge- dacht ist. Durch diese Einrichtung soll den Obstzüchtern höherer Nutzen aus ihren Ernten gesichert und vor allem die rationelle Ver- Wertung weniger haltbarer Obstsorten gewährleistet werden. Die Ernten werden hier sortiert und in zusammengezogenen Mengen entweder als Frühobst sofort auf den Markt gebracht oder als Spätobst in Obsthäusern bis zum eventuellen rationellen Verkauf gelagert. Weniger haltbares Obst soll zu Volksmarmelade und ähnlichem verarbeitet werden. Das Gründungsiapital soll 100 000 Mark betragen. Der Kreis wird sich mit einer größeren Summe beteiligen. Im Einverständnis mit der städtischen Deputation für die Kanalisaiionswerke und Güter hat der Magistrat Berlin beschlossen, fünf Geschäftsanteile von zusammen 2500 M. zu er- werben._ Taschen zu! Das„Vcrkagshaus für Volksliteratirr und Kunst", Berkin SW. 68, Gitschinerstr. 13, in ganz Deutschland bekannt durch die Herausgabe der ärgsten Schund- Und Schcküer- romane, glaubt in den jetzigen Tagen vor Weihnachten die Zeit für einen Extracoup gekommen. Seit Tagen werden wieder überall in Türspaltei» und Briefkästen die bekannten Zehnpfennighefte gesteckt, die den Anfang eines neuen „Romans" darstellen, der diesinal unter der vielversprechenden Flagge„Die Bettelgräfin oder die Schicksale einer Grafentochter" segelt, lieber das erbärmliche Gesudel, das— und da liegt die Spekulation!— mit dem Weihnachtsabend beginnt, auch nur ein Wort zu verlieren, ist der Mühe nicht wert; gottvoll aber ist der Vermerk auf dein Deckel des Heftes: Koniplett M. 16,—(!) Dieser Vermerk wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Geschäfts- Praxis dieses und ähnlicher Verlagshäuser. Da das Heft auch diesmal den bekannten Vermerk trägt:„Dieses Heft wird wieder abgeholt", so werden in den nächsten Tagen zweifellos die Agenten der Firma vorsprechen. Man lehne Aufforderungen zum Abonnement entschieden ab und halte die Taschen zul_ Ueber das Gänseausspielen brachten wir in der Nummer vom tl. November eine Notiz, in der dargelegt wurde, daß bei diesem Ausschieben lediglich der Veranstalter den Nutzen habe, sei eS durch entsprechende Mehreinuahme aus dem Erlös der verkauften Anteile oder durch die dabei gemachte Zecke. Wir sagten das, ohne auch nur den geringsten Vorwurf gegen die Veranstalter zu erheben. Deuil zum Schluß hieß es:«Aber Geschäft ist eben Geschäft und wer sich„bedebbern" läßt, soll sich' nicht beklagen." In seiner Nummer vom 10. Dezember kommt nun der„Freie Gastwirt" auf unsere Notiz zurück und meint, dieselbe habe„in Kollcgenkreisen be- rechtigten Unwillen hervorgerufen." Wenn auch eine solche Wirkung von uns nicht beabsichtigt gewesen ist, so gäben einzelne Aus- sührungen hinreichenden Anlaß dazu. Diejenigen Wirte, auf die unsere Bemerkungen teilweise gemünzt sein könnten, gingen frei aus, da deren Gäste nur selten Leser de»„Vorwärts" feien. Damit wird allein schon zugegeben, daß unsere Bemerkungen nicht allgemein auf alle Wirte— am allerwenigsten auf die reellen Gastwirte— bezogen werden können. Im übrigen enthielt unsere Notiz, wie jeder aufmersame Leser zugeben muß, nicht die geringste persönliche Spitze und wir wundern uns nur, daß nach vier Wochen bei einigen Leuten eine Empfindlichkeit zutage tritt, für die ein begründeter Anlaß wirklich nicht vorliegt. Ein Unfall ThclenS. Auf dem Flugplatz Johannisthal ereignete sich gestern nachmittag 1 Uhr ein Unfall des bekanuten Wright- fliegers Robert Theten, durch welchen eine Dame, eine Schülerin des Piloten, nicht unerheblich verletzt wurde. Theten hatte mit der Bildhauerin Fräulein Beese aus Dresden an Bord einen Passagier- flug gemacht und umkreiste ganz gegen seine Gewohnheit die Bahn in einer Höhe von 6—7 Metern. Plötzlich brach der rechte Holz- propeller und die Maschine sauste senkrecht zu Boden. Theten, der unverletzt geblieben war, bcfteite seine Schülerin auS de», Gelvirr der Drähte und Stangen und brachte die junge Dame, die sich in- folge eines Knöchelbruches, den sie bei dem Sturz erlitten hatte, nicht erheben konnte, zu einem AdlerShofer Arzt. Der Wright- apparat ist vollkommen zertrümmert. Ein gedecktes Niesenstadion für Berlin soll in naher Zeit er- richtet werden. Das den Becrschen Erben gehörige Grundstück, die Spreehalbinsel am Bahnhof Tiergarten, ist, wie wir erfahren, von der neugegründcten Arcnagesellschaft gekauft worden. Auf diesem 32 000 Quadratmeter umfassenden Terrain soll ein von allen spart- lichcn Kreisen längst ersehntes Stadion errichtet werden. Der Bau wird im Umfange des Colosscums zu Rom ausgeführt werden. Ein Freundschaftsdienst hat für zwei Arbeiter erhebliche Un- annehmlichkeiten heraufbeschworen. Ein in der Arndtstraße wohnender Arbeiter hatte, da er arbeitslos war, sich bereit erklärt, für einen Freund, der gerade Arbeit hatte, aber in Tegel«üte Vier- wöchentliche Gesäugnisstrase verbüßen sollte, diese Strafe abzusitzen. Unglücklicherweise hatte er aber den Geburtstag seines Freundes vergesse», Ivos sich bei der Entlassung herausstellte. Die Folge wird nun ein Verfahren gegen Beide sein. Zu dem Zusammenstoß auf der Oberspree am Sonnabendabend. über den wir in unserer Sonntagsnummer kurz berichteten, geben wir nachstehend den ausführlichen amtlichen Bericht. Gegen 5 Uhr nachmittags passierten zwei Schleppdampfer mit Kähnen den Treptower Park in der Nähe der Tabbertschcn Mörtel- werke. Der eine der Dampfer,„Achilles", der von dem Kapitän Bercher aus Stcpnitz gesteuert wurde, hatte einen mit Petroleum und Oel gefüllten Kahn im Schlepptau, der in Köpenick ausgeladen werden sollte. Ihm entgegen kam der Dampfer„Tahbert". der drei Frachtkähne der Rummelsburger Mörtelwerke nach Spandau befördern sollte. Der Dampfer„Achilles" und sein Schleppkahn hatten beide des dichten Nebels wegen, der über der Wasserfläche lagerte, vorschriftsmäßig Bug- und Hecklaternen ausgehängt. Als Kapitän Bercher bemerkte, daß er sich einem anderen Schleppzuge nahe, steuerte er nach liilks und näherte sich dem Treptower Ufer. Auch der Dampfer„Tabbert" hatte den„Achilles" gesichtet und gab den ihiy folgenden drei Kähnen Sirenensignale, daß ein Schiff von Backbord nahe. Offenbar hatte der Steuermann des ersten fol« genden Kahnes jedoch das Warnungssignal nicht verstanden, denn anstatt nach rechts, steuerte er scharf nach links. Infolgedessen schoß der Kahn mit großer Geschwindigkeit auf das Schleppfahrzeug des„Achilles" los und riß die linke Seitenwand des Bootes voll- ständig auf. In diesem Augenblick des Zusammenstoßes vermochte sich der Steuermann des angerannten Schleppers, Max Dölle aus Speenhagen, zu retten, indem er auf das Vorderdeck des Mörtel- kahnes sprang. Der Eigentümer des Oelkahnes, Karl Warnitz auS Dusendorf, befand sich im Augenblick der Katastrophe mit seiner Gattin in der Kajüte. Es gelang ihm, die ohnmächtige Frau auf das Deck zu schaffen, wo sie von seinem Steuermann auf den Märtclkahn hinübergeschafft wurde. Warnitz selbst stürzte noch einmal in die Kajüte, um sein llhjähriges Töchterchen zu retten. In diesem Augenblick versank jedoch der Kahn und riß den Schiffer mit seinem Kinde in die Tiefe. Die beiden Leichen konnten erst am Sonntagvormittag geborgen werden. Die Unfallstelle ist bis auf weiteres gesperrt. Etraßeubahnun fälle. Am Sonntagvormittag gegen 12 Uhr wurde auf der Schöncbergcr Brücke der Chauffeur der Kraftdroschke 9556 von dem Straßenbahnwagen 2197 der Linie 93 beim Kreuzen der Straßenbahngleise so heftig angerannt, daß die Karosserie zer- ttümmert wurde. Ter Insasse des Autos, Mufikdirektor Behne, Reichenberger Straße 145 wohnhaft, erlitt bei dem Zusammenstoß mehrere Kopfverletzungen und Schnittwunden im Gesicht, so daß er nach der Unfallstation am Schöneberger Ufer gebracht werden mutzte. Ein zweiter Straßenbahnunfall trug sich am Rixdorfer Ring- bahnhof zu. Dort wollte die 25jährige Frau Ernestine Beyer, Char- lettenburg, Bismarckstraße 24 wohnhaft, den Hinterperron des Motorwagens 1222 der Linie 55 verlassen, kam jedoch zu Fall und erlitt einen Bruch des linken Oberschenkels. Die Verunglückte wurde nach dem Buckower Krankenhaus gebracht.!-■ � Lebeschön haben elf Jungen im Alter von 8—14 Jahren gemacht bon 4000 Mark gestohlenem Gelde, da? kürzlich ein achtfähriger Junge einem Gänieschlächtcr auf dem Gärwerplatze in Nummelsburg entwendet hatte. Die Aelteren machten von dem Gelde Reisen, ver- anstalteten Zechgelage mit gleichaltrigen Mädchen und übten sich in einem Hippodrom in der Reitkunst. Auch die Kientöppe wurden fleißig besucht. Das Ende vom Liede dürfte Fürsorgeerziehung sein. Ein schwerer Bauunfall ereignete sich, wie uns erst jetzt berichtet wird, am Donnerstag auf einem Bau in der Linkstraße. Dort ist ein Lastfahrstuhl zur Beförderung deS Materials aufgestellt, er fährt bis zun: Keller. Vor vielen Steifen und Material war er laum zu sehen und so kam eS, daß ein Arbeiter gerade in dem Moment darunter hinwegging, als der Fahrstuhl von oben herunter kam. Dem Arbeiter wurde die Wirbeliäule gebrochen. In hoffiiungSloscin Zustand wurde der Verunglückte nach dem Urban-Kraitkenhause ge« bracht. Ein Opfer scincS Berufs ist in der Nacht zum Montag der 46jährige Droschkenkutscher Hermann Ludwig auS der Gleimstr. 58 geworden. Als L., der in der Badstratze hielt, gegen 1 Uhr den Kutschbock bestiegen hatte, um nach Hause zu sahreu. scheute plötzlich das Pferd vor einem vorübersauscnden Automobil und jagte in wilvem Galopp die Badstraße entlang. An der Ecke der Prinzen-Allee wurde der Kutscher, der die Herrschaft über das Tier vollständig verloren hatte, in weitem Bogen von seinem Sitz geschleudert. Er schlug so heftig auf das Straßenpflaster, daß er blulüberströint und besimiuiigslos liegen blieb. Von Passanten wurde der Verunglückte nach der Uufallstation in der Badstraße gebracht, wo bei L. schwer« innere Verletzungen, ein komplizierter Schädelbruch und eine klaffende Slirnwunde festgestellt wurden. In sehr bedenklichem Znstande wurde der Droschkenkutscher, nachdem ihm Notverbände angelegt worden waren, nach dem Rudolf-Birchow-Krankenhause übergeführt. Die Jugendschriften-Ausstcllung im GewerkschaftShause wurde am Sonntag von über 2000 Personen besucht. Heute und die folgenden Tage sind Jugendschriften- und Wandschmuck- Ausstellung von 3—9 Uhr geöffnet._ Vorort- ISfochrichtem Charlottenburg. DaS verhinderte Fricdhofsprojekt. Scharfe Schlaglichter auf die Fürsorge, die die preußische Re- gierung dem Wohle der großstädtischen Bevölkerung angedeihen läßt, wirst, außer dem Verhalte» deS KriegöininisterinniS beim Verkaufe des Tempelhofer Feldes das Bestreben der Regierung zum Vorteil der Kirchensliuoden die Errichtung neuer Gemeinde» Friedhöfe zu verhindern. Die Einuahnieii der Kirchen auS dem Klingelbeutel find heute nur spärlich; die Kirchensteuern dürfen nicht zu hoch geschraubt werden, da die zahlreichen AuStrittSerkläruugen aus der Landeskirche sich dann noch vermehre» würdeli. Aber wenn die Kirche so die Lebenden nicht genügend schröpfen kann, so geht sie bei den G e« st o r v e n e n um so unverfrorener vor. Ain meiste» schröpft sie dabei die Hinterbliebenen der Begrabenen. Allerdings sucht sie auS diesem Grunde auch die Leichenverbrennung möglichst zu verhindern und zu erschweren, und die preußische Regierung ist ihr dabei ebenso behilflich. wie sie den Agrariern zur Erhaltung hoher Fleischpreise behilflich ist. Die Kosten der Leichenverbrennung sind auch heut allgemein noch s» hoch, daß nur ein kleiner Teil der Bevöllcrung daran denken kann, auf diese Weise sich den Fingern der Kirche entziehen zu können. Meist müssen die Hii,terbliebe»e>i heut ihre verstorbenen Angehörigen beerdigen lassen, und wo eS keine kommunalen Friedhöfe gibt, müssen sie froh sein, wenn sie sie gegen schwere Gebühren aus einem kirchlichen Friedhofe veerdigen dürfen. Was aber die Kirche da mit den Begräbnisstellen für einen Boden Wucher treiben, ist ganz unglaublich. Für die Reservierung einer Kindergrabstelle auf einem Friedhofe an der Britzer Chaussee wurden nach Mitteilung der„Vossijchen Zeitung" vom 23. Mai 1609 2000 Mark verlangt. Diese kolossale Vrandschatzung der Hinterbliebenen Gestorbener durch die kirchlichen Friedhofsverwaltungen brachte allmählich die Gemeindebehörden auf den Gedanken, neben den im Besitz der 5tircheii befindlichen Friedhöfen seitens der Gemeinden ebensolche zu errichten. Hier wurden zunächst die Stadtarmen auf Kosten der Gemeinden beerdigt und für andere Beerdigungen nur solche Bei- träge erhoben, die ausreichen, um allmählich die gesamten Kosten der Herstellung und des Betriebes des Friedhofes zu decken, die daher bedeutend niedriger als die von den Kirchensynoden verlangten find. Sie wurden namentlich in den letzten Jahren deshalb auch vielfach von Angehörigen des besseren Mittelstandes benutzt. Selbst treue Angehörige einiger Kirchengemeindeu, deren bisherige Fried- Höfe voll belegt waren, und deren Verstorbene nicht auf andere» kirchlichen Friedhöfen untergebracht werden konnten, sahen sich ge- nötigt, dieselben auf dem Berliner Gemeindefriedhofe in Friedrichs- felde beerdigen zu lassen. Wie die Berliner Stadtsynode das merkte, entschloß sie sich,«in großes Terrain bei Stahnsdorf zwischen Potsdam und Teltow zu kaufen, um auf demselben einen Sammeifriedhof, den Z e n t r a l f r i e d h o f für Grotz-Berlin anzulegen, auf dem nicht nur verstorbene Mitglieder aller Kirchen« gemeinden von Grotz-Berlin, sondern auch Verstorbene, die außer- halb derselben gestanden hatten, gegen entsprechende Bezahlung beerdigt werden konnten. Allerdings dürfen hier diese Leichen Anders- gläubiger nur auf einem»separaten Beerdigungsblock" und ohne Ansprachen und andere Feierlichkeiten beerdigt werden. Dabei ist die Verbindung mit diesem Zentralfricdhof von Berlin und den meisten Vororten auD höchst umständlich und zeitraubend, teils per Bahn, teils mit Omnibus oder, wenn dieser besetzt ist, zu Fuß auf schlechtem Wege. Es ist eine ziemliche Tagereise hin und zurück, deren öftere Wiederholung sich für die meisten Leidtragenden schon der Kostspieligkeiten und der Zeitversäumnis wegen verbietet, wodurch den meisten Hinterbliebenen der öftere Besuch der Gräber ihrer Lieben und die pietätvolle Pflege ihrer Gräber geradezu zur Unmöglichkeit gemacht wird, denn auf dem schatten- nnd wasserlosen Terrain muß jeder Gräberschmuck ohne fleißige Pflege bald verdorren. Es entstand da- her in Berlin und den meisten Vororten bald eine ziemlich starke Abneigung gegen die Beerdigung verstorbener Angehöriger auf diesem Zentralfriedhofe bei Stahnsdorf. Aber wie die Synodalen das erfuhren, bestürmten sie die Regierung und die Ministerien, die Genehmigung zur Errichtung weiterer kommunaler und kirchlicher Friedhöfe zu versagen oder ihnen soviel Schwierigkeiten zu machen, daß man von ihrer Errichtung absieht. Denn es würde die Rentabilität des Stahnsdorfer Zentralfriedhofes schwer schädigen, wenn in Grotzberlin noch weitere Friedhöfe,, besonders für wohlhabende Kirchengcmcinden oder Kommunen errichtet würden. Sie hatten Er- folg. Als die treuesten und dienstbeflissensten Stützen des Thrones finden sie bei der Regierung stets Gehör und Förderung ihrer Interessen. Der Kultusminister ersuchte den Landwirtschaftsminister sowohl kirchlichen wie kommunalen Körperschaften fernerhin die Ge- nehmigung zur Anlage von �Friedhöfen auf eigenem oder fremdem Terrain zu versagen. Dieser tut es unter der Begründung, daß die bauliche Weiterentwicklung der eigenen oder anderen Gemeinden dadurch gestört oder gefährdet werde. So wurde auch jüngst der Gemeinde Charlottenbnrg, die nach vielen vergeblichen anderweitigen Bemühungen seit einiger Zeit mit dem Land- wirtschaftsminister wegen Ueberlassung eines Terrains am Tiefwerder bei Spandau behufs Errichtung eines dringend benötigten Gememde- friedhoss in Unterhandlung stand, die demnächst bei einem verein- borten Preise von zirka 2Vz Millionen Mark zum Abschluß komnien solllte, plötzlich dadurch unterbrochen, daß der Landwirtschafts- minister dem Charlottenburger Magistrat mitteilte, der Kultusminister habe ihm erklärt, er wünsche den Verlauf dieses Geländes für Friedhöfzwecke nicht, deshalb habe er kurz darauf über das Gelände anderweitig verfügt. Man hat es nämlich an einen anderen Re- flektanten, die Aktiengesellschaft der Charlottenburger Wasserwerke, mit der man— ähnlich wie eS in betreff des Tempelhofer Feldes gemacht worden ist— schon einige Zeit in Unterhandlung gestanden hatte, verkauft. Dieses Verhalten der Regierung ist geeignet, den größten Unwillen in der Bevölkerung hervorzurufen. Der Fall zeigt erneut, daß die Regierung den Großberliner Gemeinden bei Ausführung ihrer wichtigsten Aufgaben erhebliche Schwierigkeiten entgegenstellt. Partei- und Gcwcrtschaftsgeuossen- Am kommenden Zahlabend wird zum Beitritt für den in Char- lottenburg neugegründeten Verein„Arbeiter-Jugendheim" aufgefordert werden. Die Schaffung deS Vereins war eine dringende Notwendigkeit. Deshalb haben Vertreter von Partei und Gcwerk- schasten ihre volle Zustimmung dazu gegeben. Wollen wir nicht den Gegnern das Feld überlassen,' so müssen wir unserer Jugend ein Heim schaffen, in dem sie im Geiste einer freien Lebensanschauung herangebildet wird. Die dunklen Absichten der Gegner, der»Christ- lichcir" und„Patrioten" finden bei den Unternehmern und der Stadtverwaltung reiche Unterstützung. Mit ihrem Gelde sind in Charlotteuburg Lehrlingsheime geschaffen worden, die im Interesse der Besitzenden wirken sollen. Die Anstrengungen auf jener Seite, die Jugend für sich einzufaugen, mußte uns veranlassen, mehr als bishex für unsere Jugend zu tun. Wir fordern deshalb Mänuer und Frauen auf. sich dem Verein»Arbeiter-Jugendheim" anzu- schließen und erwarten, daß fich dieser Pflicht niemand entzieht. Sozialdemokratischer Wahlverein. Charlottenburger Jugendausschuß. Rixdorf. Dir Besihliißfasfuiig über die Gültigkeit der Stadtverordnete»- wählen steht auf der Tagesordnung der ain Donnerstag, den 16. De- zember, nachmittags 6 Uhr, im Räthause, Berliner Str. 63, statt- findenden Stadtverordnetenversammlung. Aus der übrigen Tages- ordnuug fei noch erwähnt: Einrichtung von neuen Lehrer- und Lehrcrinnenftellen an den Gemeindeschulen. Bauliche venderungen und Erweiterungen im ersten Bauteil deS städtischen Kraukenhauscs in Buckow. Neubauten auf dem Niesclgute WaßnianuSdorf. Er- höhung des Kanalisationsbeitrages. Steglitz. Ein schwerer Bmumfafl ereignete sich gestern vormittag an der Ecke der Göttinger und Friedrichsruher Straße. Dort wird ein Neubau aufgeführt, der bis zur vierten Etage gediehen ist. Als gestern vormittag gegen 10 Uhr die Maurer Paul Bollert und Richard Jappert in der Höhe des vierten Stockwerke?, auf dem Bau- gerüst stehend, arbeiteten, brach dieses plötzlich aus bisher noch nicht geklärter Ursache unter ihnen zusammen. Die beiden Männer stürzten kopfüber in die Tiefe und wurden unter den Brettern voll- ständig begraben. Von den Arbeitskollegen wurden die Verunglückten innerhalb weniger Minuten aus ihrer entsetzlichen Lage befreit und in besinnungslosem Zustande nach dem Swöneberger Krankenhause übergeführt, wo festgestellt wurde, daß sie schwere innere Verletzungen und eine Quetschung des Rückgrates erlitten hatten. Friedrichsfelde. Aus der Gemeindevertretung. In diesem Jahre Ivar die An. zahl der übertragbaren Krankheitsfälle, wie Diphtheritis, Scharlach usw. weit über Erwarten groß, so daß die Mittel, welche im Etat für Desinfektion eingesetzt waren, vor Ablauf des Rechnungsjahres aufgezehrt waren. Deshalb wurden 1000 M. nachgefordert und be- willigt, wobei der Wunsch zum Ausdruck kam, daß Erhebungen ange- stellt werden möchten, welche Ursachen die Häufung der Krankheits- fälle— bis 16. November waren ISS gegen 116 im ganzen Jahre 1609 gemeldet— herbeiführten, damit man eventl. VorbeugungS- maßregeln treffen könne. An Schulkinderspeisung und eine ver- nünftige Wohnungspolitik dachte hierbei wohl keiner der bürgerlichen erren. Genosse Pinseler wünschte, daß die Schulkinder, die durch rankheit in der Familie, besonders zur Uebertragung auf andere geeignet seien, früher vom Unterricht entbunden würden wie bisher. Eine andere Rachforderung, der man an sich zustimmte, weil sie verwandt werden soll bei der Verbreiterung des Fußsteigs der Schloßstrahe am Pfarrgrundstück zur Verschönerung des Straßen- bildes(an Stelle eines geschlossenen ZauneS eine sogenannte Pergola zu errichten, d. i. ein offener Lattenzaun in geschmackvoller Aus- führung, wie er am Schulgrundstück bereits vorhanden ist), erregte eine heftige Debatte deswegen, daß erst nachträglich die Zustimmung eingeholt wurde, nachdem die Arbeit bereits begonnen ist. Der Grund lag in der ursprünglichen hartnäckigen Weigerung des Super- intendenten a. D. Klügel, der das Treiben des christlichen Jungfrauenvereins nicht den profanen Blicken der SonntagSspazier- gänger preisgeben wollte. Die etatlichen Mittel zur Entschädigung für Vertretung er- krankter Lehrkräfte sind ebenfalls vorzeitig erschöpft worden, zu- folge mehrfacher und langandauernder Erkrankungen von Lehr- Personen. Genosse Oehlert glaubte die Schuld an dieser Erschei- nung auf Uebcrbürdung der Lehrkräfte zurückführen zu müssen und schreibt diesem Umstände auch die von uns kürzlich erst kritisierte Ueberhandnahme der Prügelpädagogik zu. Herr Beigeordneter Cape- bäum bestritt den Umfang der behaupteten Uebelständez er suchte das damit zu begründen, daß die Pflichtstunden voll zu leisten nicht einmal gefordert werde. Wie groß aber die Anzahl der zu unter- richtenden Schüler pro Klasse sei, was für die Beurteilung der Ar- beitsleistung doch auch sehr wichtig ist, das anzuführen, unterließ er. Dann kam die Interpellation unserer Genoffen über das Begräbniswesen zur Verhandlung. Es hat sich heraus- gestellt, daß bei Beerdigungen von Dissidenten, die, weil nur ein Friedhof der Kirchengemeinde vorhanden ist, auf diesem bestattet werden müssen, die christliche Duldsamkeit des Herrn Klügel recht sonderbare Blüten treibt. So z. V. wurden bei Beerdigung eines Kindes die Grabgesänge untersagt. Nach Ansicht des genannten Herrn Geistlichen sind dies Demonstrationen und mißbräuchliche Ausnutzung der„Vergünstigung", auf dem Friedhof der cvangeli- scheu Kirchengemeinde beerdigt zu werden, obgleich alle, die ihr nicht angehören, eine um 50 Proz. höhere Gebühr für die Grab- stelle entrichten müssen. Die bürgerlichen Vertreter waren mit den schriftlich abgegebenen Erklärungen des Geistlichen natürlich ein- verstanden und nahmen hochbefriedigt Kenntnis von dem Ver- sprechen, daß auch in Zukunft— es ist immerhin ein lukratives Geschäft— Dissidenten und Andersgläubige auf dem evangelischen Friedhos beerdigt werden dürfen. Rur Herr Schäfer ging etwas weiter, indem er forderte, daß man geeignete Schritte unternehmen möge, um der Frage der Feuerbestattung näher zu kommen. Unter Mitteilungen rief die Unver— frorenheit der Großen Berliner Straßenbahn ledhaften Unwillen hervor, die als Gegen- leistung für die zirka 1,5 Kilometer Verlängerung der Bahnstrecke von der Lück- durch die Rummelsburger Straße nicht weniger wie 10 Morgen Land zur Errichtung eines Depots unentgeltlich forderte und noch dazu in einer Gegend mit den höchsten Bodenpreisen. Dabei beklagte sich unser Genosse über die völlige Ignorierung des seinerzeit festgesetzten Fahrplanes. Jetzt folgen die Wagen der Linie 69—70 so dicht aufeinander, daß sie an den Haltestellen immer fast zu gleicher Zeit eintreffen. Der Verkehr in der Leipzi- ger Straße könne nicht die einzige Ursache sein. Einige Punkte wurden in die geheime Sitzung verlegt. Nieder-Schönhausen. Bei dem Märchcnvortrag ist ein neuer Schirui abhanden ge- kommen, es wird ersucht, denselben an F. Schaper» Lindenstr. 42, abzugeben. Spandau. Wegen Vergehens gegen% 173 des Strafgesetzbuches ist am Sonnragvormittag der 35 jährige Buchhändler Spitz, Bahnhofstr. 1, verhaftet worden. Spitz wird beschuldigt, sich an drei seiner Lauf- burschen im Alter von 14 bis 16 Jahren schwer vergangen zu habe». Vor zwei Wochen hatte einer der Knaben sich etwas zuschulden kommen lassen und war deshalb von seinem Dienstherrn sofort«nt- lassen worden. Darauf erzählte der Laufbursche seinen Eltern die Vorgänge, die sich im Hause des Buchhändlers abgespielt hatten und diese erstatteten gegen Spitz bei der Kriminalpolizei Anzeige. Nowawes. Umwandlung der Lciterstelle der gewerblichen F-rtbilbungS- schule in eine hauptamtliche. Diese Vorlage scheint sich nachgerade zu einem ständigen Beratungsgegenstand für unsere Gemeinde- Vertretersitzungen auSwackscn zu wollen, denn auch die letzte Sitzung hatte sich bereits zum vierten Male mit derselben zu beschäftigen. Und die Verhandlungen und Beschlüsse waren durchaus nicht da- nach, daß sie die Gewähr bieten, daß diese Frage endlich zur Ruhe kommen wird. Bekanntlich war in der vorletzten Sitzung be- schloffen worden, einen dritten hauptamtlichen Lehrer anzustellen, und wir gaben der Hoffnung Ausdruck, daß damit wohl die Frage der hauptamtlichen Leitung ihrer baldigen zufriedenstellenden Lösung entgegen gehe, da von diesen drei Lehrern doch einem die Leitung übertragen werden könne. Wir müssen aber beschämt ge- stehen, daß wir die Einsicht der bürgerlichen Gemeindevertreter, soweit sie sich um das Trifolium Rciff-Ouappc-Schneider, dieser würdigen Verireier einer neuzeitlichen Karikakur 5c§ Liberal, mus gruppieren, doch weit überschätzt haben. Leider sind wir nicht in der Lage, einen eingehenden Bericht über die Verhandlungen geben zu können, da die Vorlage aus wohlerwogenen Gründen in der nichtöffentlichen Sitzung beraten wurde. Mit welcher Gründ- lichkeit dies geschah, zeigt die Tatsache, daß dieser Teil der Sitzung über zwei Stunden dauerte. Von welchem Geiste diese Berhand- lungen durchweht waren, erhellt aus dem Beschluß, der über diese Angelegenheit gefaßt wurde; derselbe lautet dahin, daß sich die Vertretung bereit erklärt, einen hauptamtlichen Leiter anzustellen und die Stelle auszuschreiben, unter der Voraussetzung, daß die Re- gierung den von ihr in Aussicht gestellten Zuschuß leistet, aber wegen Raummangel die Bedingung zurückzieht, daß vom 1. April 1911 ab der Schulzwang auch auf die ungelernten Arbeiter aus- gedehnt werden soll. Selbstverständlich haben die sozialdemokra- tischen Vertreter auch in dieser Sitzung für den weitgehendsten Ausbau der Schule plädiert, wobei sie auch den Ministerialantrag für Aufnahme der ungelernten Arbeiter unterstützten. Aber da bei Annahme dieses Antrages die Gefahr besteht, daß dadurch einige jugendliche Fabrikarbeiter während einiger Tagesstunden ihrer für den Unternehmer so außerordentlich profitablen Berufs- beschäftigung entzogen werden, war es unmöglich, die Mehrheit zu einer vernunftgemäßen Lösung der Frage zu bringen. Es bleibt nur noch die Hoffnung, daß die Regierung auf ihrem Ursprung- lichen Standpunkt bestehen bleibt und den salomonischen Beschluß der Vertretung dadurch korrigiert, daß sie dieselbe zwingt, in kür- zester Frist gegen den angeblichen Raummangel Abhilfe zu schaffen. Aus der öffentlichen Sitzung ist erwähnenswert die Bestäti- gung und Einführung des neugewählten Schöffen. Obst.— Die Aufsichtsbehörde fordere die schleunige Aufstellung eines Gesamt- bebauungsplanes für Nowawes. Diese Arbeit soll der von der Re- gierung empfohlenen Spezialfirma Härtel u. Jcschal für den Preis von 1— 1,50 M. pro Morgen des zu berücksichtigenden Geländes übertragen werden. Die Eigentümer Rosenow u. Quappe beabsichtigen die Beseiti- gung des Baumbestandes ihres östlich der Klärstation gelegenen Waldgeländes, wogegen sich eine Petition, unterzeichnet von An- gestellten der Firma Orenstein u. Koppel wendet. Um das Waldgelände vorläufig zu erhalten, beschloß die Vertretung, das- selbe auf drei Jahre zu pachten. Einige wirtschaftliche und Hausbesitzervereine fühlen das Be- dürfnis, zur Vermehrung der Einwohnerzahl eine größere Propa- ganda für den Ort in die Wege zu leiten. Da ihr Lokalpatriotis- mus aber nicht so weit reicht, auch die Kosten dafür aufzubringen, ersuchen sie die Gemeinde um einen Zuschuß. Die Vertretung be- willigte hierzu 450 M. unter der Bedingung, daß sie im Verkehrs- ausschuß Sitz und Stimme erhält. Das vorläufige Ergebnis der Volkszählung in NowaweS ist folgendes: Ortsanwesend waren 11599 männliche und 12138 weib- liche, zusammen 23 737 Personen; demnach beträgt die Zunahme der Bevölkerung gegen die Zählung von 1905: 4712 Personen, also 24,77 Proz._ Jugendschriften-Ausstellungen. NowaweS. Eine Juaendschriften- und WandschmuckauSstellung veranstaltet der hiesige BildungsauSschuß vom 16. bis 23. d. Mts. im Lokale des Herrn Ernst Schmidt. Wilhelmftr. 41—43(Kleiner Saal, Eingang Friedrichstr. 9). Die Ausstellung ist an Wochentagen abend» von 5—10 Uhr am Sonntag von morgen? 10 bis abends 10 Uhr geöffnet._ eingegangene Druchlchnften. „In freien Stunden", Hcste 48—56. Verlag Buchhandlung Vorwärts. Berlin 3W. 68. Peel? pro Heft 10 Pf. „itominunale Praxis«. Heft 48 und 49. Dieselbe erscheint wöchent» lich und kostet pro Quartal 3 Mark. Wer die»Kommunale Praxis« noch nicht leimt, verlange-ine Probenummer vom Verlag Buchhandlung Vorwärts, Berlin 3 W. 68. Lebens, nittclwuchcr und Warentenernng. VerlagBuchhand- lu«g Vorwärts, Berlin 8>V. 68. Hest 6 der Serie Sozialdemokratische Flugschriften. Preis 16 Pf. An Organisationen ist eine billige Aus- gäbe ohne Umschlag zu Agitationszweckcn hergestellt, die ganz billig ab- gegeben wird._ Amtlicher Marktbericht der städNIchen Marktballen-DIreMon«der den Nroßbandel in den Zcntral-Marktballen. Marktlage: Fl ei Ich: Zufuhr stark. Geschält ruhig, Preise für Rind- und Schweinefleisch nach» gebend, sonst unverändert. Wild: Zusuhr reichlich, Geschäst etwa? lebhaster, Preise unverändert. Geflügel: Zufuhr genügend, Geschäft lebhast, Preise fest. Fische: Zufuhr sehr mäßig, Geschäst ziemlich rege, Preise leicht ausgebessert. Butter und Käse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obll und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft sehr still. Preise fast unverändert. Witternngsuberftib» vom Iii. Dezember 191«. morgens S Uhr. «Zetterp roflnoie für Dienstag, de» 1». Dezember 1910. 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