Ztr. 293. HbonnemenfS'Bcdingnngen: Abonnements- Preis pränumerando 1 Lierteljährl. S30 Ml., monoll. l,JO Ml. wöchentlich 28 Psg. frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nunimcr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" lv Pfg. Polt. Slbonnemente 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen m die Post-Zeitungs- WreiSIilic. Unter Kreuzband für Dewfchland und Oesterreich- Ungarn L Marl, für daS Übrige SluSIan» » Marl pro Monat. Postabonnements nehnien an: Belgien. Tnneniarl, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, CrMKint täglich juß?r montags. Berliner VolKsblnil. 27. Jahrg. VIe Insertion!-eedilhi' Nelrägt sür die sechSgespallenc KolonOt- zeile oder deren»iauin 60 Pfg., für politische und gcwerlfchastlichc Vereins- lind Versammlungs-Anzeigen M Psg. �Näesne Rnzeigtn", das erste lfclt- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- slellcn-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg., jede« weitere Wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer niüssen bis Z Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „Soiiaitleinolii'iit Btrliirt Zcntralorgan der rozialdemohratifcben Partei Deutfcblands. Redabtiom 8RI. 68, Lindcnstrassc 69, Fernsprecher: Amt FV, Nr. 1983. llriachen der mexikanischen Erhebung. Aus New Aork wird uns geschrieben: Die Erhebungen, welche fast gleichzeitig in den merikani- schen Staaten Durango, Chihuahua, Eoahuila, Torreon und Guerrero ausbrachen, sind von der Soldateska des Diktators P 0 r f i r i 0 T i a z anscheinend in Strömen von Blut er- stickt worden. Die Verließe der mexikanischen Gefängnisse sind überfüllt mit Tausenden, die auf den bloßen Verdacht der Gegnerschaft wider das Diazsche Regiment hin verhaftet wurden. Tie„Ruhe" ist wieder hergestellt. Aber, muß man fragen, auf wie lange? Denn das Symptom nur ist beseitigt, die Ursachen sind geblieben. Schon seit Jahren wird in Mexiko eine Erhebung in einent Teile des Landes nur unterdrückt, um bald darauf anderwärts von einer neuen Revolte abgelöst zu werden. Aus die Wahlunruhen des letzten Juni folgte im Juli in den Staaten Aucatan und Quintana Roo der Maya-Aufstand, bei welchem 7000 Indianer und etliche Tausend Mestizen und Weiße die Waffen gegen die Regierung ergriffen hatten. Die Aufstände der letzten Wochen sind an und für sich keine so ungewöhnlichen Erscheinungen: sie fanden nur deshalb mehr Be- achtung, weil sie sich über so weite Gebiete Mexikos erstreckten. Das schauerliche Lynchgericht, welches in Rock Springs, Texas, an dem lebendigen Leibes verbrannten Mexikaner Rodriguez geübt wurde, brachte im Zusammenhang mit der in Oklahoma und Texas auf Mexikaner gemachten Jagd den südlich des Rio Grande kochenden Amerikanerlsaß wieder ein- mal zum Ueberschäumen und bot die äußere Veranlassung zu einer ganzen Reihe von Erhebungen wider Tiaz, der nicht nur im Bunde mit seinen Satrapen und Kreaturen einen einzigen fortgesetzten Niesenraub an dem mexikanischen Volke begeht, sondern auch als Büttel der Hochfinanz� insbesondere der ame- rikanijchen, der Ausplünderung des Landes Handlangerdienste leistet. So wirkten das Verlangen, für die auf amerikanischem Boden an Mexikanern verübten Schandtaten Vergeltung zu üben: der Haß gegen die Autokratie eines Tiaz und seiner Schergen und die Erbitterung über die ausländische, vorzüg- lich die amerikanische Ausbeutung zusammen, um den Mexi- lauern die WaffSn in die Hand zu drücken. Ohne vorherige Verabredung, ohne festen Plan brach im Norden, Osten und Westen Mexikos die.Revolution aus. Die Einzelaufstände tvaren die Aeußerungen einer elementaren Volksbewegung, an deren Spitze sich in elfter Stunde Francisco I. M a d e r 0, der bei den Juniwohlen> von Porfirio Diaz, freilich nur durch die verwerflichste Wahlkorruption geschlagene Präsidentschafts- tandidat, zu stellen suchte. Ausländischen Gesellschaften gewährte Diaz die wert- vollsten Konzessionen. Bergbau und Petroleumgewinnung, Gummiindustrie und Eisenbahnen, Viehzucht und Groß- schlächtereien, Handel und Großgrundbesitz befinden sich fast ausschließlich in den Händen von Ausländern. Der Unter- stützung, die die Vereinigten Staaten ihm leisten, verdankt es Diaz zu einem guten Teile, daß er noch am Ruder ist. Sich das Wohlwollen der Washingtoner Regierung zu erhalten, begünstigt der mexikanische Diktator die Amerikaner in ganz besonderem Grade. In den 22 Jahren von 1886 bis 1908 wurden in Mexiko insgesamt 954 Millionen Dollar(amerikanischer— 4,20 M.) in neuen wirtschaftlichen Unternehmungen angelegt.� Von dieser Summe wurden 295 Millionen in Mexiko, 355 Mil- lionen in den Vereinigten Staaten und der Rest von 304 Mil- lionen in anderen Ländern, insbesondere in Großbritannien, istanada, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden auf- gebracht. Die vorstehenden Zahlen geben aber noch kein rich. tiges Bild von der Verteilung der wirtschaftlick>en Macht in Mexiko. Denn das mexikanische Unternehmerkapital rührt großenteils von Gesellschaften her, welche zwar in Mexiko do- miziliert sind, aber Ausländern gehören. Außerdem ver- schiebt sich das Verhältnis auch noch mit jedem neuen Jahre mehr zu Gunsten der Amerikaner. Man darf getrost sagen, daß 800 Millionen Dollar in Mexiko angelegt sind. Die Nationalbahn, nominell im Besitze Mexikos, wird von einem amerikanischen Syndikat und der amerikanischen Bundesregierung zugleich kontrolliert. Ihre Beamten sind fast ausschließlich Amerikaner. In Ausführung eines Pro- jektes des verstorbenen Harriman baut die Southern Pacific Railway eine von Arizona durch Mexiko nach Guatemala führende Eisenbahn. Eine in Kalifornien ins Firmenregister eingetragene Gesellschaft versorgt die größeren merikanischen Städte, darunter auch die Hauptstadt Mexiko mit Gas. Die International Rubber Co., an welcher Aldrich, Ryan, Guggen- heim, Morgan und Rockefeller beteiligt sind, beherrscht die gesamte mexikanische Gummiproduktion: die Standard Oil Co. brachte fast die sämtlichen petroleumhaltigen Ländereien an sich. Die Kupferproduktion liegt in den Händen der Guggenheimschen American Smelting and Resining�Co., deren Tochtergesellschaft, die Megardina Mining and Smel- ting Co., allein pro Tag lOOO Tonnen Blei- und Kupfererze verarbeitet. Im letzten Jahre produzierte Mexiko sür 22,4 Millionen Dollar Gold und für 35,4 Millionen Dollar Silber; mehr als die Hälfte der gewonnenen Edelmetalle entfällt auf amerikanische Unternehmungen. Eine einzige Donuerstag. den 15. Dezember 1910. Gesellschaft mit einem Aktienkapital von 2,5 Millionen Dollar schüttete letztes Jahr 1,8 Millionen Dollar an Divi- dende aus. Diese fabelhaften Gewinne werden aus der Lebenskraft der Lohnsklaven gemünzt, die bei täglich zwölf- und vierzehn- stündiger Arbeitszeit einen Lohn verdienen, der sie zum la- teilten Verhungern verurteilt. Das Koalitionsrecht wird den Aermsten vorenthalten. Jeder Versuch, den Unternehmern durch einen Streik Zugeständnisse abzuringen, wird mit Säbel und Flinte vereitelt und an den„Rädelsführern" mit Zuchthaus gebüßt. Und noch weiter spitzen sich diese unhaltbaren Zustände zu. Immer mehr erwerben die Uankees die wirtschaftliche Herrschaft über Mexiko. Erst in den letzten Monaten erstand eine kurz zuvor mit einem Aktienkapital von 20 Millionen Dollar gegründete Gesellschaft in dem Staate Chihuahua acht Millionen Acres Land(Acre— 40 Ar), also ein Gebiet von der Größe des Staates Rhode Island. Die zwei Millionen Acres große Palamela Ranch ging erst vor einigen Wochen in den Besitz eines kalifornischen Syndikats über: der zum Anbau von Zuckerrohr geeignete, 5,5 Millionen Acres große, sich am mexikanischen Meerbusen von Vera Cruz bis Tampeca erstreckende Distrikt Haustica wurde Eigentum von Ameri- kauern. Im Staate Chipava erwarb ein Texaner erst vor ein paar Monaten sechs Millionen Acres Land. Die Gerechtsame zum Betrieb von Bergwerken, Gas- anstalten, Eisenbahnen usw. werden von den Amerikanern mit nicht minder verwerflichen Mitteln erworben wie Grund- besitz von den hohen mexikanischen Beamten. So„erstanden" der Gouverneur O. Molina des Staates Jucatan und der frühere Gouverneur Terrazza des Staates Chihuahua um nominelle Kaufpreise je 15 Millionen Acres Landes, größere Gebiete als die Neu-Englandstaaten zusammengenommen. Wie sie es anstellten? Sie ließen neue Steuern einführen und von den Bauern nicht einsordern. Eines schönen Tages wurde Grund und Boden für die Steuerrückstände kcmsisziert und kam unter den Hammer. Wehe dem, der es gewagt hätte. bei der Versteigerung des Landbesitzes gegen den Gouverneur zu bieten! Gewiß! Auch Deutsche und Engländer, Franzosen und Holländer treiben es toll in Mexiko. Aber die Amerikaner haben nicht nur den Vorteil der größeren Nachbarschaft für sich, sondern auch denjenigen, daß die Diazsche Herrschaft fast ganz auf die Gnade der Washingtoner Heloten unserer Hoch- finanz angewiesen ist. Denn der Präsident von Mexiko macht stets gemeinsame Sache mit den„reichen Räubern der Ver- einigten Staaten". •• • Fortdimer der Revolution. Washington, 13. Dezember. Trotz der offiziellen Ableugmmgen dauern die revolutionären Unruhen, wenn auch in geringerer Stärke fort. Wie der hiefige mexikanische Botschafter erfährt, stießen heute nachmittag mexikanische Truppen bei Cierroprieto(Provinz Chihuahua) auf eine revolutionäre Schar, von der 70 Mann getötet sowie viele verwundet und gefangen ge- nommen wurden. Die Truppen verloren 1S0 Mann. Nach weiteren amtlichen Meldungen, die beim Staatsdepartement eingegangen find, haben die mexikanischen Truppen die Stadt Guerrero den Aufständischen wieder abgenommen. Der amerikanische Botschafter in Mexiko telegraphiert, dah in dem Staate Chiahuahua und den anderen Teilen des Landes jeder organisierte Widerstand gebrochen ist. Lin Klaisischer Zago�-�euge. Im Moabiter Pro, eh haben wir Dank des verzweifelten Notrufs des Polizeipräsidenten schon manchen Zeugen auftreten sehen, der den Mangel an tatsächlichen Angaben durch. Ausgeburten einer üppigen sozialistenfresserischen Phantasie zu ersetzen versuchte. Aber keiner dieser Zeugen kann sich an Wirkung vergleichen mit dem Herrn Graveur Kluge, der am Mittwoch im Gerichtssaal eine Pauke hielt, wie er sie schöner in einer konservativ-antisemitischen Radau- Versammlung nicht hätte halten können. Wenn nicht bis« weiten der Vorsitzende und schlletzlich die Verteidiger die Suada des redefrohen Herrn etwas eingedämmt hätten, er würde bis zum Schluß der Sitzung gesprochen haben und noch darüber hinaus. Uu- erjchöpflich sprudelte die sittliche Entrüstung des wildgewordenen Ordnungsmannes: prüft man aber den Redeschwall auf die tatsäch- lichen Angaben, die für die Beurteilung der Moabiter Schreckenstage verwendet werden könnten, so bleibt nur ein sehr spärlicher Bodensatz zurück. Herr Kluge hat sich in der Hauptsache darauf beschränkt, die Stimmung der Moabiter Bevölkerung zu studieren, und hat dabei mit Betrübnis konstatieren müssen, daß eine furchtbare Er- bitterung Wider die Polizei bestand, eine Erbitterung, die nicht nur die Männer erfüllte, sondern die auch die Frauen ergriffen hatte— die„sozialdemokratisch infizierten Weiber", wie Herr Kluge ge- schmackvoll sagte, waren nach seiner Versicherung„noch schlimmer als- die Männer". Im übrigen kann Herr Kluge die Ruhe und Geduld der Polizeibcamten nicht genug bewundern. Wie eS zuging, wenn sie zur Attacke schritt, wie sie nach den Attacken friedliche Paffanten behandelt hat. daS hat er allerdings nicht gesehen, denn er hat sich als ordnungs- liebender Staatsbürger schnell entfernt, sobald er vermutete, daß irgendwo irgend etwas losgehen könnte. Aber wenn er darüber auch nichts weiß, so gibt er doch mit viel Emphase seine Meinung kund, daß ein jeder, der von der Polizei verprügelt wurde, sich das Expeditzlon: 8M. 68» Lindcnstraesc 69. Fernsprecher: Amt IV» Nr. 1984. nur selbst zuzuschreiben hat. Denn wenn er ebenso rechtzeitig weg- gegangen wäre, wie der vorsichtige Herr Kluge, so wäre ihm sicher- lich nichts passiert. Daß Leute in Moabit wohnen und die Straßen von Moabit passieren müssen, daß sie die Zeit dazu nicht nach ihrem Belieben bestimmen können, daß vor allen Dingen die- jenigen, die in menschenleeren Straßen von Schutzleuten an- gefallen worden, unmöglich ahnen konnten, daß sie das Objekt des Polizeisäbels werden würden, alles das braucht Herr Kluge nicht zu wissen, denn sonst könnte er seine große Pauke sür die Polizei und gegen die böse Sozialdemokratie nicht halten und dazu halte er sich doch gemeldet. Er mußte reden und zeugen, ob- gleich er von den Vorgängen, die für die Beurteilung der Sache eigentlich allein in Frage kommen, so gut wie nichts gesehen hat. Er mußte das Vaterland retten und was ihm dabei an Geschick mangelte, das ersetzte er durch überströmenden blinden Eifer. Kein anderer der Jagow-Zeugen kann sich ihm an Wirkimg vergleichen— keiner seiner Vorgänger hat so vergnügt schmunzelnde Mienen auf den Gesichtern der Verteidiger erzielt, wie Herr Kluge, der durch die Art seiner Aussage nicht nur sich selbst, sondern auch das Jagowsche System der Polizeireinwaschung in einer Weise charak- terisiert, daß die Verteidigung mit diesem Effekt allerdings zufrieden sein kann. Im übrigen brachte die Mittwochverhandlung wieder eine ganze Reihe von Aussagen über empörende Polizeibrutalitäten. Was der kgl. Förster a. D. Trevor bekundet hat. gehört zu dem Abscheulichsten, was bisher zur Sprache gekommen ist. Die Aussagen des Zimmer- meisters Otto zeigen, wie blindwütig die Polizei bei manchen ihrer „Sicherungs"maßnahmen vorgegangen ist, und was sich Schutzleute an Mißhandlungen friedlicher Leute unter den Augen von Polizeileutnants erlauben durften. Der Aktuar Schur hat das Schicksal so manches ruhigen Straßcnpaffantcn teilen müssen. So bringt jeder Tag neue Zeugnisse aus dem Munde von Leuten, die schon durch ihre soziale Stellung vor dem Verdacht geschützt sind, als ob jsie etwa der Soziatdemokratie zu Liebe die Tatsachen entstellen könnten. Jeder Tag vermehrt das Belastungsmaterial wider die Polizei:— der Reichslanzler aber spricht von„vereinzelten Fällen". Wo mag für Herrn v. Bethmann Hollweg die Massen- hastigkeit beginnen? • Eine sehr eigenartige Wendung nahm in dieser Sitzung der Fall Pilz. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen Wellschmiedt ist durch die Zeugnisse seiner Anverwandten in starker Weise erschüttert worden— auf die Aussage eineS solchen Menschen hin würde man einen unbescholtenen Mann wie Pilz schwerlich verurteilen können. Die Angaben anderer Zeugen, daß Pilz bei anderen Vorfällen daS Vorgehen von Gästen seines Lokals gegen Arbeitswillige und Polizei begünstigt und die Polizei verhöhnt habe, sind ebenfalls durch entgegenstehende Bekundungen anderer Zeugen als zweifelhaft erwiesen. Da meldet sich plötzlich ein Zeuge, der Glasermcistcr Marunde, um den angeklagten Gastwirt schwer, zu belasten. Seine Aussage mutet sehr sonderbar an. ES ist nicht leicht, zu glauben. daß sich ein Gastwirt, der doch weiß, daß er leicht festgestellt werden kann, so unvorsichtig gegen einen unbekannten Gast benehmen wird und noch seltsamer klingt die Angabe des Grundes, der den Herrn Glaserineister nach Moabit geführt hat, wo er dann ganz zu« fällig in daS Pilzsche Lokal geriet. Daß jemand nach einem ent- fernten Stadtteil geht, wo er sonst nichts zu tun hat, um zu sehen, ob Leute, die ihn nichts angehen, eine kindische Drohung ausführen werden, die sie in erregter Debatte ausgestoßen haben, das ist ja nicht ganz unmöglich, aber sicherlich nicht sehr wahrscheinlich. Herr Marunde hielt seine Aussage bei allen erregten Prolcsten des Angeklagten aufrecht, merkwllrdig ist dabei, daß der Mann, der an- fänglich die Namen einiger Leute nicht nennen wollte, um sie an« geblich vor gerichtlicher Verfolgung zu bewahren, sich aus eigenem zum Zeugnis wider Pilz gedrängt hat. Die Aussage dieses Zeugen gibt manche Rätsel auf. Herr v. Jagow scheint mit der Tätigkeit seiner Aunoncenzeugeu nicht ganz zufrieden zu sein— was wir ihm nicht verdenken können. Er versucht deshalb die Ocffentlichkeit noch auf andere Weise als durch seine Zeugen zu beeinflussen. Der Presse wird vom Polizei- Präsidium ein längerer amtlicher Bericht des Polizeileutnants Rauschke zugesandt über einen Vorfall vom 24. September in der Sickingenstraße, wo zwei Kupfersche Kohlenwagen von einer Menschenmenge angehalten wurden. Es ist die Wiederholung der Aussage, die der Herr Leutnant schon als Zeuge im Prozeß gemacht hat, nur um eine Nuance bereichert. Der Bericht wendet sich nämlich gegen den Vorwurf, den die Polizei wohl aus einigen Aussagen iibereiftiger Jagowzeugcn herausgehört hat, daß sie bei jener Gelegenheit nicht forsch genug vor- gegangen sei. Ilm das zurückzuweisen, soll anscheinend die Presse in Anspruch genommen werden. Es ist bezeichnend, daß dieser Vorwurf sofort die Federn im Polizeipräsidium in Vewcgung setzt. Miß- Handlungen friedlicher Passanten, haarsträubende Brutalitäten können der Polizei en wasss vorgeworfen werden, ohne daß am Alexanderplatz ein Tröpfchen Tinte ffir eine öffentliche Kundgebung verschrieben wird. Es ist allerdings auch möglich, daß Herr v. Jagow diese Anklagen eben nicht entlräften kann. Es wäre dann durch die Aussagen von Zeugen, die nichts gesehen haben! Die Aahieo in Lvglsnd. London, 14. Dezember. Bisher sind gewählt: 217 Liberale, 249 Unionisten, 38 Vertreter der Arbeiterpartei, 60 Anhänger Redmonds und 8 Anhänger O'Briens. Die Liberalen ge- Wannen 19, die Unionisten 24 und die Arbeiterpartei gewann 4. Sitze. In West- Fifc siegte A d a nl s o n. der Kandidat der Arbeiterpartei, mit 6128 Stimmen über den L i b e» ralen Hope, der 3426 Stimmen erhielt. Da dies ein Sieg der Arbeiterpartei über die Liberalen ist, so verändert er das Stärkevcrhältnis zwischen Regierung und Opposition nicht. Bisher sind im Ganzen 572 Abgeordnete gewählt, so daß noch 98 Mandate zu besetzen sind. Uneinigkeit unter den Konservativen. London, 14. Dezember. In einem grotzen Leitartikel deutet heute die konservative. M o r n i n g Post- die Möglichkeit an. daß sich die Anhänger der Darisreform von der unio- nistischen Partei trennen. Das Blatt erklärt, es sei nicht länger möglich und auch nicht angezeigt, den E r n st d e r L a g e zu verkennen, in welche die unionistische Partei in den letzten vier- zehn Tagen hineingetrieben worden sei, infolge des untun- lichen und unglücklichen Vorschlages BalsourS, die Tarifreform und das Budget einem Referendum zu unterbreiten. Die Anhänger der Tarifreform hätten nichts gegen die alte britische Verfassung, gegen welche Balfour unbewußt seinen Schlag gerichtet habe, und würden die alte Verfassung zum Ausgangspunkt ihres nächsten Feldzuges machen. Auf jeden Fall müßten sie unverzüglich darauf dringen. in ihrer Vereinigung mit der unionistischen Partei freie Bahn zu haben. DaS liberale Blatt„Daily News" schreibt: Balfour habe am Montag in seiner Rede in Dartford seine Niederlage zugegeben und sich darin gefunden, daß daS nächste Parlament die Vetobill annehmen werde, und fügte hinzu, Balfour sei vollkommen berechtigt, zu erNären, daß er die Bill aufheben werde, sobald er wieder zur Macht gelange. DaS Blatt glaubt aber nicht daran, daß er jemals die Genehmigung der Nation hierzu erhalten werde. Der konservative„Daily Telegraph" begrüßt das Versprechen Balfours, der Annahme der Vetobill im Parlament einen langen, entschlossenen Widerstand entgegenzusetzen- polttifcbe Oebcrficbt. Berlin, den 14. Dezember 1910. Kehraus im Reichstag. AusdemReichstag, 14. Dezember. Wäre es nach dein Wunsch des Schnapsblocks gegangen, so hätte heute nach zweistündiger Debatte der Reichstag sich vertagt. Nach einer demagogischen Schnapsblockrede des Antisemiten Raab sollten die Reickisboten in die Ferien entlassen werdent Es war auf eine Ueberrumpelung der Linken abgesehen. Die Absicht, einen Schlußantrag zu stellen, war geheim gehalten worden. Sie war trotzdem durchgesickert, und so waren denn auch die Fraktionen der Linken zur Stelle, als der Schluß- antrag zur Abstiimnung gebracht werden sollte. Die Vertreter der Liberalen und Sozialdemokrateil protestierten gegen dieses Verfahrens Genosse Singer kennzeichnete den Antrag als den ersten Vergewaltigungsversuch des Schnapsblocks in diesem Sessionsaoschnitt. Herr W i e m e r beantragte namentliche Abstimmung über den Schlußantrag. Da die Schnaps- blockmehrheit schwächer vertreten war als die Linke, und die Polen als ewige Minderheitspartei gegen den Schluß stimmten, wurde der Antrag mit 113 gegen 112 Stimmen a b- gelehnt. Den Ausschlag hatte noch der kurz vor Schluß der Abstimmung erscheinende Genosse Leber gegeben, der deshalb auch verdientermaßen als„Retter des Vaterlands" gefeiert wurde. Die Debatte nahm nunmehr ihren Fortgang und spann sich bis 19 Uhr abends fort. Einen Hauptteil der Sitzung nahm ein katholisch-protestantisches T h e o- logiegezänk in Anspruch, an dem sich Gröber vom Zentrum, von den Nationalltberale» Everling und von den Freisinnigen Schräder beteiligte. Auch sonst verlief sich die Debatte vielfach in Nebensächlichkeiten, weil die bür- gerlichen Parteien sich untereinander ihre Wahlsünden und Llbstinnmmgssünden gegenseitig unter wachsender Erbitterung vorrechneten. Auf die bedeutsame Auseinandersetzung zwischen dem Reichskanzler und der Sozialdemokratie brachte erst in einigen kurzen Auseinandersetzungen Genosse Frank die Debatte zurück. Er rechnete dabei mit dem nationalliberalen Herrn H e i n z e ab, der sich nicht gescheut hatte, in das reaktionäre Gezeter über sozialdemokratischen Mißbrauch der Kranken- kassen einzustimmen. Den halben Rückzug des Kanzlers in der Moabiter Sache erklärte er damit, daß der Versuch, d-n Prozeß als politischen Tendenzprozeß umzuschlachten, jetzt schon mißglückt sei. Er erinnerte dann daran, daß, wie Bethmann jetzt die Moabiter Exzesse der Sozialdemokratie, so einst Bismarck den Attentäter Kullmann dem Zentrum an die Rockschöße hängen! wollte. Damals habe das Zentrum, wie gestern die Sozialdemokratie, der Entrüstung über ein solches Verfahren kräftig Ausdruck verliehen. Frank faßte dann sein Urteil über die gegenwärtige RegierungSmethode dahin zusammen, es sei das System von Gummi und Blech. Mehrere Stunden ging dann die Debatte noch hin, bis schließlich 10 Uhr abends der Etat der Budgetkom- Mission überwiesen werden konnte. Dann vertagte sich das Haus bis zum 10. Januar. Herrn v. Bethmanu Hollwegs gottgewollte Abhängigkeit. Herr v. Bethmann Hollweg, der fünfte Kanzler des neuen Deutschen Reiches— nicht nur der Reihenfolge nach, sondern auch bezüglich der geistigen Qualität— hat in seiner EtatSrede vom 10. d. MtS. erklärt, daß er zwar gegen so- genannte Ausnahmegesetze sei, aber das geltende Recht nicht für ausreichend halte, um der„aufhetzenden und aufreizenden Tätigkeit" fanatischer sozialdemokratischer Agitatoren. wirksam entgegentreten zu können— deshalb beabsichtige die Re- gierung, in das zur Beratung stehende neue Strafgesetz einige Bestimmungen gegen Aufwiegelung und gegen Verherrlichung vergangenerVer brechen sowie ferner zun: Schutz des persönlichen Selbst- b e st i m m u n g s r e ch t s hinein zu praktizieren. In der Presse sind diese Aeußerungcn recht verschieden gedeutet»vorden. Eine als offiziös geltende Korrespondenz gibt deshalb näher bekannt, wie sich der langgestreckte konfuse Protagoras von Hohenfinow die Verhunzung des neuen Strafgesetzbuches denkt. Sie schreibt: „Während daS bisherige Gesetz nur die Aufforderimg zu be« stimmten Handlimgen für strafbar erklärt, soll in Zukunft dem Auffordern das Aufreizen gleichgestellt werden. Die Wahrnehmungen, daß gerade die gefährlichsten VolkSmifwiegler die Form der Aufforderung vermeiden und dafür die bisher straflose Anreizung wählen, lassen eS als notwendig erscheinen, einen wirksameren Schutz zur Abwehr von Angriffen gegen die Sicherheit deS Staates zu schaffen. Dabei soll nicht nur die Auf- fordcruug zur Begehung von Verbrechen oder Vergehen. sondern auch die Anreizung zur Auflehnung gegenGesetze oder rechtsgültige Verordnungen und gegen die von der Obrigkeit innerhalb ihrer Zuständigkeit ge- troffenen Anordnungen unter Strafe gestellt werden. Damit werden alle strafgcsctzlichen, also auch die Neber- tretungSverbote u m f a ß t I Neu eingefügt in daS Strafgesetzbuch soll eine Vorschrift gegen das VerHerr- lichen begangener Verbrechen werden. Wer eine Verbrechenstat als erlaubt darstellt oder rühmt, kann dies in einer Weise tun, daß er zur Begehung der Tat andere aufreizt. In diesem Falle ist er auch heute bereits strafbar. Dieser Nachweis ist aber selten zu führen, zumal gerade den ge- schulten Agitatoren gegenüber, da diese sich auS Klugheit an der Tatsache der Verherrlichung, von der sie die Wirkung von selbst erhoffen, genügen lassen, ohne sonstigen Beweise für ihren An- reizungsvorsatz zu liefern. Gegen dies Verfahren, die sogenannte agitatorische Glorifikation, sollen nun Strasbestimmungen geschaffen werden, denen derjenige verfällt, der öffentlich oder durch Verbreitung von Schriften begangene Verbrechen verherrlicht. Dieser Vorschlag beruht auf der Erwägung, daß in steigendem Maße in einem Teil der Tagespreffe und in öffentlichen Versammlungen Morde an Fürsten und Staats- männern in einer Weise verherrlicht wurden, die in iveiten Kreisen der Bevölkerung An st oß und Entrüstung erregt hat. Diesem Treiben entgegen- zutreten, war bei der Lage der gegenwärtigen Gesetzgebung nicht möglich. Solche Erwägungen haben bereits in anderen Ländern in großem Umfang dazu geführt, Strasbestimmungen gegen die Verherrlichung von Verbrechen zu schaffen, so in Frankreich, Italien, Italien, Oesterreich, Spanien, Norwegen usw. Auch in Deutsch- land ist ein gleicher Versuch bereits im Jahre 1804 durch eine dem Reichstag vorgelegte Novelle zur Aenderung und Ergänzung des Strafgesetzbuches gemacht worden. Dieser Versuch ist allerdings mit dem ganzen Entwurf gescheitert. Seitdem sind jedoch die da- mals beobachteten Mißstände in so vermehrtem und verstärktem Maße hervortreten, daß eine Wiederholung der früheren Forde- rungen geboten erscheint." Diese Andeutungen genügen, um zu zeigen, wie sehr Herr v. Bethmann Hollweg, der komischerweise den Anspruch erhebt, über den Parteien zu stehen, im Schlepptau der konservativen Macher segelt. Man braucht nur die obigen Ausführungen mit den von der„Kreuzztg.". der„Konserv. Korresp." und Herrn v. Heydebrand gestellten Forderungen zu vergleichen, um sofort zu erkennen, daß sich Deutschlands genialer Kanzler mit erstaunlicher Anpassungsfähigkeit in dem Zeitraum von kaum einer Woche den konservatien Wünschen unterzuordnen verstanden hat— wahrscheinlich weil er in den preußischen Junkern die gottgegcbencn Gewalten erkannt hat, von denen sich unabhängig machen zu wollen, gegen seine schöne Philosophie der gottgewollten Ab- hängigkeiten verstoßen würde. Ein große Philosophie fügt sich bekanntlich willig in das Gottgewollte und Unvermeidliche, zumal wenn er in seiner eigenen Unzulänglichkeit das Maß aller Dinge erblickt. Fraglich ist nur. ob die Regieruug mit ihren Versuchen Glück haben wird. Sicher, die Konservativen machen mit, ebenso auch der größte Teil der National- liberalen: aber daS Zentrum dürfte doch wohl wenig Neigung verspüren. die alte Umsturzvorlage an- zunehmen, selbst wenn diese nach Heydcbrand-Bethmann- schem Rezept schematisch in das neue Strafgesetzbuch hineingearbeitet wird. Möchte das Zentrum sich auch gerne die Freundschaft der Konservativen erhalten und besitzt auf seine Entschlüsse auch heute der hohe Klerus einen größeren Einfluß als jemals zuvor, so muß es doch auf die katholischen Arbeiter Rücksicht nehmen; und diese zu reizen, nur um die Macht der ostpreußischen Krautjunker und der junkerlichen Burcaukratie zu stärken, fällt dem Zentrum schwerlich ein. Freisinnig-nationalliberales Wahlabkommen für die Provinz Brandenburg. Während die konservative und klerikale Presse urteilslos die alberne Erfindung der„Halleschen Ztg." weiterverbreitet, die Sozialdemokratie hätte mit der Fortschrittlichen Volkspartei einen geheimen Wahlpakt abgeschlossen, sind die Frei- sinnigen und Nationallibcralen in den verschiedensten Teilen des Reiches an der Arbeit, sich über ein gemeinsames Vor- gehen bei der nächsten Reichstagswahl zu verstäudigen. Auch für die Provinz Brandenburg ist am Sonntag in einer Konferenz der brandenburgischen Provinzial- leitungen der nationalliberalen Partei und der Fort- schrittlichen Volkspartei ein solches Wahlbündnis verein- bart worden. Es wurde, wie freisinnige Blätter melden, be- schlössen, ein gemeinsanics Vorgehen beider Parteien für die nächsten Reichstagswahlen herbeizuführen, damit jede gegen- fettige Bekämpfung liberaler Kandidaturen vermieden werde. Zugleich kündigt der Vorsitzende der nationallibcralen Partei der Provinz Brandenburg, Dr. E. L e i d i g, in den „Nationalliberalen Mitteilungen" an: Den Parteifreunden bringe ich folgende? zur Kenntnis: Zwischen den Provinzialvorständen der Fortschrittlichen Volks- Partei und der Nationalliberalen Partei in der Provinz Branden- bürg ist für die nächsten Reichstagswahlen ein Uebcreinkommen dahin getroffen worden, daß in jedem Wahlkreise nur «in liberaler Kandidat aufgestellt wird. Zwischen den beiden Vorständen ist auch gleichzeitig eine Einigung darüber herbeigeführt worden, welcher der beiden Parteien die einzelnen Wahlkreise zur Aufstellung der Kandidaten überwiesen werden. Diese Uebereinkunft wird nunmehr schleunigst den Organi- sationen der einzelnen Wahlkreise zur Genehmigung vorgelegt werden. Der Vorsitzende der Nattonalliberalen Partei in der Provinz Brandenburg. Dr. Leidig. Verwandte Seelen finden sich zu Wasser und zu Land. Es ist mit Sicherheit darauf zu rechuen, daß bei der nächsten Reichstagswahl in einer ganzen Reihe von Provinzen und Bezirken die Fortschrittler und Nationallibcralen gemeinsam ihre Kandidaten aufstellen werden. Uns kann's recht sein. Die preußisch« Wahlrechtsvorlage. Die«Deutschen Nachrichten", die enge Beziehungen zu Beamtenkrcisen haben, wissen mitzuteilen, daß in der Wahl- rechtsfrage sofort nach dem Wiederzusanimentriit des Land- tags durch eine Erklärung der leitenden Stelle ein bestimmter Entschluß mitgeteilt werden soll.— Diese leitende Stelle kann nur der Ministerpräsident Herr v. Bethmann Hollweg sein. Ueber die Richtung, in welcher sich der gefaßte Entschluß be- wegt, vermag das Blatt näheres nichts mitzuteilen. Die Hochanstandkgen. Die„Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht folgende»Bericht!- gung" des Hansa-Bundes: An die Redaktion der„Deutschen TageS-Zeitung", Hier. Nachdem wir Ihnen mitgeteilt haben, daß daS angebliche Rundschreiben Nr. 53 des Hama-Bundes. welches Sie von eineni Unbekannten abgedruckt haben, nicht erlassen worden ist, veröffentlichen Sie in Ihrer Nr. 592 unrer der Ueberschrist: „Zirkular 53 des Hansa-BundeS" ein Schreiben eben dieses oder eines anderen mit ihm Hand in Hand arbeitenden Unbekannten. und fordern uns zu einer Erklärung über dessen Inhalt auf. Wir teilen Jbnen ergebeust mit, daß wir gern bereit sind, Ihnen die gewünschte Erklärung abzugeben, sobald Sie UNS den Namen jenes Schreibers angegeben haben. Daß wir auf anonyme Zuschriften offizielle Erklärungen abgeben sollten, dürfte wohl niemand von uns verlangen oder erwarten können. Unter Bezugnahme auf§ 11 des Preßgesetzes ersuchen wir um Aufnahme dieser Berichtigung. Hochachtungsvoll ergebeust (gez.) Knoblauch. Mit der ihm eigenen eingebildeten Ueberlegeuheit fügt in seiner gespreizten Weise daS„Jntelligenzblatt des Bundes der Landwirte" hinzu: „Der Name deS Briefschreibers tut wahrhaftig nichts zur Sache. Wir verlangen keine andere„offizielle Erklärung" als lediglich die, daß im Haniabunde das bekannte Rundschreiben nicht verfaßt worden ist. Die Erklärung, daß es nicht erlassen tvorden sei, genügt nicht. Ob es talsächlich erlassen worden war, konnten wir nicht Iviffen. Wir bleiben aber dabei, daß das Rundschreiben, daS wir wortgetreu veröffentlichten, im Hansabnnde verfaßt worden ist. Weshalb man schließlich davon abgesehen hat, es zu erlassen, kann man sich wohl denken; aber auch darauf kommt es nicht an." Der jetzige Streit zwischen Hansabund und„Deutsche Tages- zeitung" interessiert uns im ganzen recht wenig; aber wir verstehen nicht, wie das ehrsame,„h o ch m o r a l i s ch e" Bündlerblatt ohne weiteres ein Zirkular abdrucken konnte, über dessen Entwendung aus dem Bureau des Hansabundes es durchaus nicht im Zweifel sein konnte, zumal die Veröffentlichung nicht im geringsten eine Wahrnehmung allgemeiner Volksinteressen bedeutet, sondern lcdig- lich den Zweck hat, die Leitung des HansabundeS zu diskreditieren! Wenn früher der„Vorwärts" ihm zugegangene Schriftstücke auS den Bureaus der Regierungen und Behörden veröffentlichte, um dort geschmiedete reaktionäre Pläne zu enthüllen, dann bekam die„hochanständige"„Deutsche Tageszeitung" rcgel- mäßig einen moralischen Wutkrampf, schimpfte über Moral-, Gewissens- und Skrupellosigkeit deS„Vorwärts" und bezeichnete ge- wohnlich das Schriftstück als„gestohlen" und„ergaunert". Nun ihr aber selbst ein geheimes Schriftstück auf den Redaktionstisch fliegt, nimmt sie trotz ihres ausgeprägten Moralsinncs keinen Anstand, dieses Schriftstück zu veröffentlichen, obgleich es sich in diesem Fall absolut nicht um die Wahrung irgendeines Volks- interesses handelt; ja sie hat die Veröffentlichung des„gestohlenen" oder„ergaunerten" Zirkulars so eilig, daß sie sich nicht mal die Mühe nimmt, nachzuforschen, ob denn auch dieses Zirkular wirk- lich abgesandt worden ist. Die Möglichkeit, dem Hansabund einL auszuwischen, ergriff dermaßen das empfindsame Gemüt der Redaktion des Bündlcrblattes, daß sie alle ihre heiligen gefestigten Moralprinzipien vergaß und schmunzelnd dem jesuitischen Grund- sah folgte:„Der Zweck heiligt die Mittel!" Faseleien. Die.Hallesche Zeitung", die den Schwindel von dem sozial- demokratisch-fortschrittlichen Wahlbündnis in die Welt gesetzt hat, besitzt die Unverschännheit, allen Dementis zum Trotz ihre Tartaren- nachricht nicht bloß aufrecht zu erhalten, sondern sie auch noch zu ergänzen. DaS alberne Blatt schreibt nämlich: „Das Abkommen ist natürlich nicht in die Form eines schrift- lichen Vertrage» gebracht worden. ES ist auch absichtlich nicht zwischen den Parleivorständen oder den Parteileitern abgeschlossen tvorden, damit diese die Möglichkeit haben, e» abznstreiten. Aber diejenigen, die als Vertreter der Parteien bei dem Abschlüsse tätig gewesen sind, sind auch von der anderen Seite überzeugt worden, daß die Parteileitungen im Ernstfälle nach dem Abkommen her- fahren werden. Natürlich sollte dasselbe möglichst vor den ein- zelnen Wahlkreisen nnd namentlich vor der Menge der Wähler geheim gehalten Iverden. Seine Durchführung ist so gedacht, daß von der Zentralstelle in die anfgegebenen Wahlkreise kein Geld und keine Redner geschickt würden." Sogar die Wahlkreise werden namentlich aufgeführt, die an- geblich von der Sozialdemokratie den Fortschrittlern überlassen werden sollen. Es sind das die Kreise: Osterburg-Stendal, Jerichow, Liebenwerda-Torgau, Schweinitz-Miteiiberg, Sangcrhausen-EckartS- berga, Morseburg-Ouerfurt, Nordhauscn und Mülhausen-Langensalza« Weißensee. Wir haben bisher auf diese neuen naiven Märchen der„Hall. Ztg." nichts erwidert, da erstens die freisinnige Presse sofort mit Dementis geantwortet hat, und wir zweitens trotz unserer Geringschätzung der geistigen Qualitäten der Blätter vom Schlage der„Kreuzztg." und der„Deutschen TageSztg." nicht anzu- nehmen vermochten, daß irgendein Blatt so einfältig sein könnte, die Fabeleien der„Hall. Ztg." ernst zu nehnien. Wie wir ober gestehen müssen, haben wir doch den politische» Verstand der Leiter dieser Organe überschätzt. Sie halten tatsächlich die naiven Faseleien deS Haller Blattes nicht nur für möglich, sondern sogar für höchst wahrscheinlich. So meinte zum Beispiel die.Kreuzzeitung", in ihrer Dienstag- Abcndimmmcr, indem sie eine neue Mitteilung der„Halleschen Zeitung" weitergibt, der zufolge die Sozialdemokratie der Fortschrittlichen Volkspartei den Wahlkreis Labian-Wehlau dadurch absichtlich in die Hände gespielt hat, daß sie von vornherein eiven Teil ihrer Wähler freisinnig wählen ließ: «Die Mitteilungen find so bis ins einzelne gehend, daß eine ganz beiläufige ableugnende Bemerkung des„Vorwärts"(in einer Besprechung der Wahl in Labian-Wehlau) und kurze, die Ver- legenheit zu deutlich verratende Bemerkungen der„Freisinnigen Zeitung", eS handele sich um ein Märchen, nicht alS genügend erachtet werden können, um die Meldungen als völlig unbegründet erscheinen zu lassen." Wir können darauf nur mit aller Bestimmtheit erklären, daß die ganzen(die älteren wie die letzten) Angaben der„Hall. Ztg." über ein sozialdemokratisch-freisinnigeS Wahlbündnis leere Fabel find. Schon die Zusammenstellung der Wahlkreise, die wir an- geblich dem Freisinn überlassen wollen, muß jedem politisch Denk- fähige» das Hirnverbrannte der aufgestellten Behauptung zeige». In den meisten der Kreise, auf die die Sozialdemokratie angeblich verzichten will, standen wir in Stichwahl mit den Gegnern. Mag die ehrsame.Kreuz-Ztg." uns auch von ihrem schönen politischen Moralstandpunkt für noch>o verworfen halten, so sollte sie doch nicht glauben, daß wir so dumm sind, einen derartigen Pakt abzu- schließen. Es ist total verkehrt, wenn das konservative Hauptorgan von seinem eigenen Verstand aus den anderer Leute schließt. Aus dem mecklenburgischen Landtag. Ans dein mecklenburgischen Landtage wurde durch den Bund der Bürgermeister die Regierungsvorlage zur Ablehnung gebracht, die aus der LandeSsteuerkiisse einen Zuschuß von 1 800 000 M. für die gro�herzogllche Kasse forderte. Der Großherzog hat das Geld mit der Begründung verlangt, dah er ohne diese Mittel die Regierung nicht in der Weise, wie es nötig sei, weiterführen könne. Zündholz- Kapitalisten. Eine Abordnung der deutschen Iündholzsabrikanten erschien am Dienstag beim Reichsschatzsekretär Wermuth, um ihm die Klagen der Industrie zu unterbreiten. Ihre Wünsche gehen dahin, daß entweder ein Zündholzmonopol geschaffen wird oder daff die Zündholzersatz- mittel mit einer hohen Steuer belegt werden. Im Falle des Mono- Pols wollen die Fabrikanten ihre Fabriken dem Staate verpachten.— Weiter tonn die kapitalistische Unverfrorenheit sicher nicht getrieben werden. So schwer auch die Arbeiter der Zundholzindustrie durch die Zündholzfteuer geschädigt worden sind, so wenig trifft da« auf die Fabrikanten zu, die durch ihr Syndikat es verstanden haben, die Preise hochzuhalten. AuS irgendwelchen Gründen geht nun das Syndikar aus dein Leim und um nicht in gegenseitigen Wettbewerb eintreten zu müssen, muten die Zündholzfabrikanten dem Reiche zu, ein Monopol einzuführen und rhnen die Fabriken für teures Geld abzupachten._ Die verletzte Disziplin. Gegen die geheiligte militärische Disziplin gefehlt hatte am 17. November fceini Exerzieren auf dem Kaserncnhofe der in Mann- heim geborene Soldat Adolf Bihler von der 8. Kompagnie des Ib. Infanterieregiments Nr. 181 in Chemnitz. Wegen Ungehor- iams in Dienstsachen und vor versammelter Mannschaft stand er deshalb vor dem Kriegsgericht. Womit hatte der junge Vaterlands- Verteidiger die Disziplin gefährdet? Nach der Anklage hatte er den Befehlen dcS Leutnants G. nur zögernd und ungenügend Folge geleistet, war zu langsam gelaufen und hatte den K o p f n i ch t r i ch ti g e r hob cn.(!) Die Schwere solcher militärischer„Straftaten' bringt dem Laien erst die ausgeworfene Strafe zum Bewußtsein. Das Chemnitzer Kriegsgericht erkannte nämlich auf vier Monate Gefängnis! Wie ein Leichnam sollt Ihr werden, Seelenlos und willenlos! Oerterreicb. ObstrultionSfolgeu. Prag, 14. Dezember. Wegen der Nichterlcdigung beS Budgets und der Steuervorlagen infolge der fortdauernden deutschen Obstruktion im Landtag schließt der Landesvoranschlag Böhmens für 1S11 mit einem Defizit von rund fünfzig Millionen Kronen ab, welches durch Erhöhung verschiedener Landesumlagen gedeckt werden soll. Annahme der Geschäftsordnung. Wie», 14. Dezember. Abgeordnetenhaus. Bei der Bc- ralung der Borlage betreffend die Verlängerung der provisorischen Geschäftsordnung für das Abgeordnetenhaus bis zum Dezember 1911 sprachen fich die Vertreter aller großen Parteien für die Borlage au». Rur die T s ch e ch i s ch- R a d i k a l e n und die R u t h e n e» lehnten fie ab, da die W a f f e der O b st r u k t t o n im Kampfe um die nationalen Rechte ihnen unentbehrlich sei. Schließlich wurde die Vorlage mit überwiegender Mehrheit an- genommen. Schweiz. Gegen de» MlitariSmuS. Bern, 13. Dezember.(Eig. Ber.) Die zu ihrer Wintersession hier tagende Bundesversammlung hat von dem Militär- l-udget von rund 44 Millionen Frank e»ne Million abgestrichen. Die verbleibenden 43 Millionen Militärausgaben bilden aber immer noch eine große Last für das kleine Land, an die jeder der zirka 4 Millionen Einwohner rund 11 Frank beisteuern mutz. Erfreu. lich ist, daß die dem Militärmoloch entriffene Million zu einem wahrhaft gemeinnützigen und volkstümlichen Zwecke verwendet wurde, nämlich zur Erhöhung der Einlage in den Fonds für die Kranken- und Unfallversicherung von 4 auf S Millionen Frank. Es ist damit bewiesen, daß die für den Militarismus verwandten großen Summen jederzeit anderweitige Verwendung zur Förde- rung des Volkswohls finden könnten. Der Bundesrat hat denn auch beschlossen, den Bundesrat einzuladen, durch eine Kommission die Möglichkeit weiterer Ersparnisse im Militärwesen prüfen zu lassen und ein Programm über die in Zukunft notwendigen außer- ordentlichen Ausgaben für das Militär vorzulegen. Italien. Unzufriedene Unteroffiziere. Rom, 14. Dezember. Dem Blatte„Adriatico" zufolge ist General Zuccari in Venedig eingetroffen, um eine Unter- suchung einzuleiten über die Agitation unter den Unteroffizieren. Eine ähnliche Aufregung macht sich auch unter der Marine bemerkbar. Di« Behörden sind benachrichtigt worden, daß die Unteroffiziere planen, eine gemeinsame Aktion in den größeren Garmsonstädten zu veranstalten, um eine Aufbesserung ihrer Lage sowohl vom materiellen als auch vom moralischen Standpunkt aus zu erhalten.„Gazetta di Turina' zufolg« haben die Unteroffiziere der Turiner Garnison eine Ber- s a m m l u n g abgehalten, worin sie das Vorgehen der Kameraden von Venedig und anderen Städten billigen und den Kriegsminister wegen seiner Teilnahmlosigkeit gegenüber ihren Forderungen tadeln. Die Kundgeber trennten sich mit den Rufen:„Es muß Wandel geschafft werden!" Rom, 14. Dezember. Deputiertenkammer. Der Unter- staatssekretär des Krieges Mirabelli erklärte in Beantwortung einer Anfrage über die Lage der Unteroffiziere, die Meldung von einer geheimen Vereinigung von Unteroffizieren sei völlig grundlos. Die Regierung vertraue auf den Geist der Disziplin, der die überwiegende Mehrheit der Unteroffiziere beseele. Wenn eS einige Toren gebe, denen dieser Geist fehle, so werde die Regierung ihre Pflicht zu tun wissen und energisch Maßregeln ergreifen, um bei ollen Unteroffizieren die Disziplin aufrecht zu erhalten, die die Grundlage derStarke und des Zusammenhalts derArmee bilde.(Beifall.) Mirabelli kündete ferner an. er werde dem Parlament in Kürze einen Gesetzentwurf über die Verbesserung der Lage der Unter- offiziere vorlegen, aber das Ministerium werde ihn nie unter dem Druck von Agirasion vorlegen.(Beifall.) KulZlatici. Die Gefängnisgreuel. Die russische Regierung versucht in einer amtlichen Dar- stellung die fürchterlichen Bericksie über die T o t p r ü g e- lung politischer Gefangener abzuschwächen. Sic muß aber selbst die barbarischen Züchtigungen zugestehen. Es heißt in der offiziellen Darstellung: Ssasanofr erhielt unter Eßwaren«in Buch zugesandt, in -dem fünfhundert Rubel verborgen waren. Durch euie Unter» suchung wurde festgestellt, daß das Geld für die Befreiung einiger politischer Gefangenen bestimmt ivar. Diese Tatsachen bt�wogen die Verwaltung, die Uebcrwachung der Gefängnisse im Ncrtschinskgebiet z» verstärken. Am 19. November ordnete der Chef des Gefängnisses in Sorcntui die körperliche Br- ftrafung zweier Sträflinge an. Als Protest dagegen schnitten sich drei Sträflinge die Pulsader auf. Drei andere, unirjr ihnen Sfafinoff. nahmen Morphium. Ssafanoff ist gestorben. Fast alle politischen Ge° fang-nen verlangen eine Aenderung der Bestimmungen über die K ö r pe r st r a f e und andere Erleichterungen des Ge- fängnisstatuts und beschlossen zur Durchsetzung ihrer Forde- rungen den Hungerstreik. In dem Gefängio von Wologda weigerten sich am 28. November die Sträflinge, zur Arbeit zu gehem Sie verlangten Fleischspeise statt der vorgesetzten Faftenspeisc, Erst nach vier Tagen, nachdem ihnen mit Körper- strafe gedroht war, nahmen sie die Arbeit wieder ans. Ein Sträfling wurde jedoch in v er s ch ä r f t c H a f t gesetzt. Seine Abteilunasgenosscn leisteten darauf den Aufsehern Widerstand, erhoben Lärm und schlugen die Türen ein. Infolgedessen wurden 59 Sträflinge auf Anordnung der GefängnisinspeHion mit Ruten gezüchtigt. Der Justizminister hat zur Feststellung des Tatbestandes«ine strenge Untersuchung angeordnet. Mit dein letzten Satz gibt die Regierung selbst zu, daß der Tatbestand noch gar nicht festgestellt ist. In Wirklichkeit hat sich der Vorgang in dem Gefängnis Wologda, wie uns aus Petersburg geschrieben wird, folgendermaßen abgespielt: Da die V e r p s l e g u n g der Gefangenen, wie in allen russi- schen Gefängnissen(es wird für die Verpflegung pro Person und Tag nur 8 Kopeken bewilligt, von denen die Hälfte ge- wohnlich gestohlen wird!), auch hier ganz entsetzlich war, drückten die Gefangenen der Gefängnisadministration ihre Unzufriedenheit wegen der schlechten Speise aus. Das Ergebnis dieses mündlichen Protestes war die Verfügung des Gcfängnisinspektors, alle Unzufriedenen durchzu- peitschen I Von den über 100 Personen, die der Exe- kution unterlagen, wurden mehr als die Hälfte als u n f ä h i g erkannt, diese Exekution zu überstehen. Der Gefängnisarzt, der diese Erkenntnis ausgesprochen hatte, reichte nach der Exekution unverzüglich seinen Abschied ein. Das Ergebnis dieser grauenhaften Maßregel war natürlich eine große Zahl von Selbstmorden der Gefangenen. Daß diese grauenhaften Prügeleien stattgefunden haben. muß ja der amtliche Bericht selbst eingestehen. Angesichts dieser Gemeinheiten der zarischen Schergen wirkt das Ver- halten der Duma um so empörender, die es nicht einmal der Mühe wert gebunden hat, her Interpellation über diese Greuel die Dringlichkeit zuzuerkennen. Chili». Die Reformbewegnng. Peking, 13. Dezember. Das Gesuch des ReichSouSschusieS um die Ernennung eines verantwortlichen Kabinetts ist heute dem Staatsrat unterbreitet worden. Der ReichSauSschuß beabsichtigt, dem Thron ein« Bittschrift um Freilassung der politischen Verbrecher, die im Jahre 1898 gefangen gesetzt worden find, einzureichen. 1ap»n. Der Justizmord. Jokohama, 25. November.(Eig Ber.> Vor einigen Wochen sollen einige Anarchisten den Versuch gemacht haben, die jetzige Regierung zu stürzen und den Kaiserpalast in die Lust zu sprengen. Ob etwas Wahres an dieser Geschichte ist, weiß kein Mensch. Viel scheint an der Sache nickst zu sein, denn die Regierung hüllt sich in eisiges Schweigen und die Untersuchung geht hinter verschlossenen Türen vor sich. Die Verhafteten sind in Einzelhaft streng verwahrt und jeder Ver- kehr mit der Außenwelt ist ihnen abgeschnitten; nicht ein- mal ein Verteidiger wurde während der Untersuchung zugelassen. Wer sind denn nun die Verhafteten und tvaS ist ihr Ver- brechen? Kein Mensch hat von einem beabsichtigten Attentat eine Ahnung und keiner, der die Verhafteten kennt, traut ihnen solche Tat zu. Auch der Sozialismus, dessen Propaganda von der japanischen Regierung mit aller Gewalt unterdrückt wird, zählt heute nur wenige Anhänger. Aber gerade diese, die sich hauptsächlich wissenschaftlich betätigen, waren der Regierung ein Dorn im Auge und standen ständig unter polizeilicher Bewachung. Wer einen dieser Leute be- suchte, hatte sicher zu erwarten, daß der aus der Straße be- findliche Polizist den Horcher machte und konnte er nichts er- horchen, so wurde der Besucher auf offener Straße angehalten, mußte sich legitimieren und über Zweck und Absicht des Be- suchs Rede und Auskunft geben. Diese Personen wollte die Regierung unschädlich machen. Nichts kam daher gelegener, als der sogenannte Attentatsversuch. Sofort wurden alle irgendwie fortschrittlich gefilmten Per- sonen oder die solcher Gesinnung verdächtig waren, verhaftet und bis jetzt in geheimer Untersuchung gehalten. Es sind 26 Personen, darunter auch eine F r a il. Ein Teil der oppositionell gesinnten Presse machte gegen das summarische, sonst nur in Rußland befolgte Verfahren Front, bekam aber sogleich eins auf den naseweisen Schnabel. Auf Grund des berüchtigten Paragraphen des japanischen Preßgesetzes erging an die Presse daS Schweigegebot. Am 11). De- zember soll nun die Verhandlung stattfinden und zwar öffent- lich, wie die Regierung erklärt, um zu zeigen, daß sie nichts zu verbergen habe. Jedermann ist aber überzeugt, daß die Verlfandlimg nach den ersten paar Worten! sicherlich in eine nichtöffentliche ver wa n d e l t wird.(Ist bekannt- lich geschehen. Anm. d. Red.) Erst 14 Tage vor der Vorhand- lung hat das Gericht den 26 Angeklagten 5 Verteidiger beige- ordnet, von den Angeklagten erwählte Verteidiger aber abge- lehnt. Was das für eine Verteidigung werden wird, kann umn sich denken, denn über den Verteidigern schwebt ebenfalls das Damoklesschwert, falls sie ein Wort zuviel sagen. Daß sie das nickst tun. dafür hat das Gericht schon durch die Aus. wähl streng regierungsfreund lichor Rechts- anwälte gesorgt. Abgesehen von dem der Presse zugegangenen Schweige. gebot ist jetzt ein neuer Erlaß der Presse bekamst gegeben worden, wonach es ihr verboten! wird, vor, während oder nach der Gerichtsverhandlung irgendwelche Betrachtungen, Kri. tiken usw. anzustellen oder das ergehende Urteil in irgend einer Weise anzugreifen, kurz, jede Er- örterung zu unterlassen. Sie habe sich lediglich auf die tat» sächliche Berichterstattung zu beschränken. Ein gleiches Ver- bot ist auch den Vertretern der fremden Presse zugegangen. Es soll in Regierungskreisen besprochen sein, jeden fremden Journalisten auszuweisen, der sich eine Kritik über das Vorgehen der Regierung erlaube, ja. wenn Gründe vorliegen, ihn erst noch unter Anklage zu stellen. Das Spionagesystem geht aber noch weiter. Es gibt eine Anzahl Lumpensammler, die den Auftrag haben, alles Papier aus den Körben- von Diplomaten. Ministern, Beamten usw. bis zum armseligen Zeitungsschreiber hinunter sorgfältig zu durchsuchen und Briefumschläge, Briefe, Zeitungen usw., die gefunden werden, an eine bestimmte Stelle abzuliefern. Durch ein solches Spioniersystem war es natürlich der Regierung leicht, jene 26 Sozialisten, oder wie die Regierung sagt„An- archisten" einzustecken und ihnen den Prozeß zu machen. Auch in Jokohama wurden zwei„Sozialisten" vorgestern zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie sozialistische Ideen verbreitet hätten! Die japanische Regierung scheint vom Abenidlande nur das Verkehrteste gelernt und sich Rußland zum Muster genommen zu haben. Für die am 10. Dezember vor Gericht kommenden„Ver. schwörer" liegt die Sache noch schlimmer. Bei der Eigenart 5er sassanischen Verfassung. Sfe Fett MikaFo als höchste? gok- gleiches Wesen ansieht, setzt das Strafgesetzbuch auf derartige Vergehen die Todesstrafe, und es wird allgemein auge- nommen, daß diese auch ausgesprochen wird.(Dies ist bekanntlich wirtlich geschehen. Anm. d. Red.) Vielleicht wer- den einige zu lebenslänglich„begnadigt" werden, die anderen aber werden hingerichtet werden, als warnendes Beispiel, da die Regierung durch Gelvaltmaßregelu das Volk einschüchtern will. Dieses System hat zwar in K o r e a geholfen: ob auch die I a p a u e r es sich auf die Dauer werden gefallen lassen, ist eine andere Frage._ Hus der Partei. Gcmeindcwahlerfolge. Bei den Geincindewahlen in verschiedenen kleineren sächsischen Ortschaften errangen unsere Genossen recht erfreuliche Erfolge. In L o ck iv i tz wurden zwei sozickldeniokratische Kandidaten mit 171) resp. 171 Stimmen gegen 107 rcsp. 08 der bürgerlichen Gegner gewählt. In demselben Orte gelang es, in der Klasse der An- sässigen zum ersten Male einen Genossen durchzu- bringen. In Niedcr-Sedlitz erzielte unser bisheriger Vertreter 168 Stimmen, der Gegner nur 01 und das, trotzdem in den letzten 24 Stunden vor der Wahl die Gegner nicht weniger als vier von Verdrehungen st rotzende Flugblätter verbreiten ließen. In Leuben wurde ein Genosse gewählt. In Döhlen erhielten die sozialdemokratischen Kandidaten 384 Stim- men, die Gegner 86 Stimmen. In Zauckerode wurde bei einer Wahlbeteiligung von 73 Proz. der sozialdemokratische Kandidat mit 189 Stimmen gewählt, während der bürgerliche Kandidat nur 28 Stimmen auf sich vereinigte. In Treuen im Vogtl. wurde ein sozialdemokratischer Kandidat mit 416 von 617 abgegebenen Stimmen gewählt. Mit ihm zieht derersteSozialdemokrat in das Stadtparlament ein. Bei der Dienstag stattgesundenen Stadtverordnctenwahl in Fricdberg(Hessen) wurde der sozialdemokratische Kandidat mit 624 Stimmen gewählt. Seither saß nur Reichstagsabgeordneter Bufold als einziger Sozialdemokrat in der Stadtverordneten- Versammlung._ Unberechtigtes Verbot eines MoiumzugeS. Zur Feier de» 1. Mai hatte die Gewerkschaftskommisston in Flensburg einen Gewerkschaftsaufzug, in dem Fahnen und Musik mitgeführt werden sollten, geplant. Die Polizeiverwaltung lehnte aber die Genehmigung ab, weil eine empfindliche Beeinträchtigung des allgemeinen Verkehrs und demgemäß auch der öffent lickien Sicherheit zu be- fürchten wäre. Die Polizeiverwaltung stützte ihre Nichtgenchmigung auf den§ 7 des VereinsgesetzcS. Die beim Regierungs- Präsidenten eingelegte Beschwerde wurde zurück- gewiesen, da durch den Umzug Gefahren für den Verkehr und die öffentliche Sicherheit beständen hätten. ES sei nicht aus- geschlossen, daß der Umzug zu Reibungen Anlaß geben werde. Auch der O b e r p r ä s i d e n t. der nunmehr angerufen wurde, billigte die Gründe des Regierungspräsidenten. Die Ver- anstalter klagten daraufhin beim Oberverwaltungsgericht gegen die ungesetzliche Nichtgenchmigung des Umzuges. In der Verhandlung am 13. Dezember machte der Vertreter der Kläger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenberg, unter anderem folgendes geltend: Ein ordnungsmäßiger Umzug auf nicht sehr belebten Straßen könne ohne jede Gefährdung der öffentlichen Sicherheit erfolgen und noch vielmehr ohne Ge- fährdung deS Verkehrs. Es komme aber nur auf die Ge» fährdung der öffentlichen Sicherheit an, denn nur wenn eine solche vorläge, könnte ein öffentlicher Aufzug nach tz 7 verboten werden. Eine solche liege noch lange nicht vor bei irgendeiner Belästigung des Verkehrs. Es müßte sich schon um große Stauungen handeln, bei denen Menschen erdrückt werden könnten. Davon aber könne hier gar nicht die Rede sein. Im übrigen sei nach Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts für ein Verbot beziehungsweise eine Versagung der Genehmigung aus 7 des Vereinsgesetzes erforderlich, daß die Behauptung der Gefahr für die öffentliche Sicherheit mit Tatsachen belegt sein müsse, aus denen sich nach vernünftigem Ermessen eine nahe Möglichkeit der Verwirklichung der Gefahr ergebe. Nichts sei in der Beziehung beigebracht. So müsse das Verbot aufgehoben werden. Das Oberverwaltungsgericht folgte auch dem Antrage und erklärte unter Aushebung der Beschwerdebescheide das Verbot des Aufzuges für unberechtigt. Bc- gründend wurde kurz gesagt: Gründe, welche nach dem Gesetz(tz 7) die Vcrsagung der Genehmigung zu einem öffentlichen Aufzuge rechtfertigen würden, seien von den Behörden nicht an- geführt worden. Infolgedessen war die Versagungsverfügung der Polizeiverwaltung aufzuheben. So2iales. Schlagfertigkeit eines Arbeitgebervertreters. Der Zahntechniker B. hat am 2. Oktober sein Arbeitsverhältnis mit dem Inhaber eines zahntechnischen Instituts Paul Wohlfeil gelöst, weil er von dem ersten Zahnassistenten mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden ist. Er forderte im Klagewege noch 6,33 M. rückständigen Lohn und 41,1? Vi. Lohnentschädigung für die Kündigungsfrist. Der Beklagte behauvtcte, daß der Kläger die Arbeit zu unrecht niedergelegt habe, uns hielt deshalb auch die Forderung auf Schadensersatz für unberechtigt; die Lohnforderung mit 6,33 M. wurde von ihm anerkannt. Die Beweisaufnahme ergab, daß dem ersten Assistenten die eigentliche Leitung des Instituts oblag und er auch fonst'den Beklagten zu vertreten hatte. Insbesondere hat er auch dem Kläger die Arbeiten angewiesen. DaS Gewerbegericht sah mit Recht in ihm einen Vorgesetzten des Klägers und Vertreter des Arbeitgebers. Die durch ihn dem Kläger zugefügte Mißhandlung stelle somit einen gesetzlichen Grund zur fristlosen Lösung dcS Vertrages dar. Für de» Schaden, der dem Kläger durch die fristlose Lösung des Vertrages entstanden ist, hat der Beklagte zu haften. Es mußte somit dessen Verurteilung entsprechend dem Klageantrage erfolgen. Arbeitslosenunterstützung. Auf Antrag der Sozialdemokraten bewilligten die Stadtver- ordneten in Mainz 19999 M. zur Barunterstützung an Arbeitslose. Nuentgeltlichkeit der Lehrmittel i» der Schweiz. Heber die Kosten der Unentgeltlichkeit der Lehrmittel, Schreib-, Zeichen« und Arbeitsmaterialien im Kanton Zürich wird berichtet, daß im Jahre 1090 die Ausgaben für die 64 916 Volksschüler 262 990 Fr.(durchschnittlich 4 Fr. pro Schüler) betrugen, wovon 60 837 Fr.(1,09 Fr.) auf die Lehrmittel, 166 865 Fr.(2,60 Fr.) auf die Schreib- und Zcichenmatenalicn, 17 207 Fr. auf die Ar- beitsmaterialien der 18 449 Arbeiterschülerinnen<03 Cts.) ent- fielen. Für die 16 466 Realschüler belicfcn sich die Kosten der Lehrmittel auf 38 962 Fr.(2,39 Fr.), der Schreib- und Zeichen- Materialien auf 74 401 Fr.(4.59 Fr.), der ArbeitSmatcrialie» der 4323 Schülerinnen auf 4963 Fr.(03 Cts.i, total 6,80 Fr. bezw. 7,73 Fr. Die Gesamtausgaben machen 360 612 Fr. aus, eine ge- radezu ideale KulturauSgabe von der allergrößten Bedeutung, die daher in allen Ländern, die Anspruch darauf erheben, Kultur» länder zu fttn{ gemacht werden sollte. GewerhrcbaftUcbe� fort mit der Heimarbeit. Die Heimarbeit ist eines der dunkelsten Gebiets unseres Wirtschaftslebens. Wie ein fressendes Uebel zehrt diese Abart kapitalistischer Fron am Volkskörper und unheilvoll sind die Wirkungen, die sie ausgelöst hat. Als die erste Heimarbeiter- ausstellung in Deutschland die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich lenkte und erschütternde Bilder tiefsten menschlichen Elends enthüllte, da ging ein Schrei des Entsetzens durch die gesamte Kultnrwelt. Daß in einem großen, nach außen in Glanz und Prunk strahlenden Staatswesen eine so grauen- volle Ausbeutung von Menschen jeglichen Alters und Ge- schlechts niöglich war, hatten die meisten jener Glücklichen, die in gesicherten Verhältnissen leben und dem in der Tiefe schaffenden, ringenden und darbenden Volke fernstehen, nicht geahnt. Ueber die Lebensbedingungen exotischer Volksstämme mochten viele von ihnen mehr'oder weniger unterrichtet sein; der Jammer an ihrer Seite, daS Schluchzen der eigenen aus- gepreßten Volksgenossen war ihnen entgangen. Von der Tochter des Exstaatsministers Posadowsky. die in Begleitung die Berliner Elendsausstellung besucht hat, lvird erzählt, daß sie geäußert habe:„Die Leute müßten sich organisieren l" Ob dieser Ausspruch einer tieferen Erkenntnis entsprungen war, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls traf er den Nagel auf den Kopf. Daß durch Organisation der be- treffenden Arbeiter und Arbeiterinnen, und nur durch sie, tat- sächlich eine Beseitigung dieser unwürdigen Zustände erzielt werden kann, hat sich in den letzten Jahren gezeigt. Ueberall sind Fortschritte zu verzeichnen und selbst der Widerstand eines Teiles der Heimarbeiter, der durch die Beseitigung der Heimarbeit Nachteile befürchtete, hat fast durchweg einer besseren Einsicht Platz gemacht. Selbst in einem der konservativsten Ge- werbe, in der Kleiderkonfektion, war es nach und nach möglich. in die dort ganz besonders entwickelte und eingewurzelte Heimarbeit Bresche zu schlagen. In fünfzehn Jahre langer, zäher Pionierarbeit ist es dem Verbände der Schneider gelungen, in der Herrenkonfektion die Heimarbeit teils einzuschränken, teils ganz zu beseitigen. Mit derselben Zähig- keit hatten aber auch die Unternehmer denselben Zustand ver- teidigt und geltend gemacht, die Aufhebung der Heimarbeit in diesem Gewerbe bedeute für sie den Ruin. Heute ist nun der strikte Beweis erbracht, daß dies nicht nur nicht zutrifft, sondern im Gegenteil, der Unternehmer dabei noch besser fährt, wenn er einen Betrieb großzügig und modern aus- gestaltet. Wir hatten dieser Tage Gelegenheit, die neu er- richteten„Kleidcrwerke" der Firma Bär Sohn zu be- sichtigen, deren Inhaber uns rund heraus erklärten, daß sie aus Werkstättenarbeit erhöhten Vorteil zu ziehen gedächten. Der Betrieb befindet sich in einem modernen Geschäftsbau in der Chaufscestraße. Weite, helle und gut ventilierte Arbeitsräume nehmen den Eintretenden auf. In langen Reihen sitzen die Arbeiter und Arbeiterinnen vor ihren Maschinen mit elektrischem Antrieb. Da das System der Teilarbeit herrscht, so geht jedes Stück Arbeit durch viele Hände, ehe es verkaufsfertig ist. Bei der maschinellen Einrichtung sind die neuesten Erningenschasten angewendet. So macht allein eine Näh- Maschine 4000 Stiche in der Minute. Die Plätteisen lösen aus mechanischem Wege einen kolossalen Druck aus und mit scharfen, senkrecht eingestellten Messern werden die Stoffe lagenwcise glatt durchgeschmtten. Nur eine Forderung der Schneider ist zurzeit noch nicht durchgeführt, nämlich die Trennung der Bügler, bei deren Arbeit sich Dünste ent- wickeln, unter denen auch die übrigen Arbeiter unnütz leiden. Doch wird auch hier wohl eine Aenderung eintreten, zumal ja di» Firma ihre Räume schon in absehbarer Zeit erweitern will. Sonst aber sind für das Personal Vorrichtungen getroffen, die wir gerne in allen Betrieben schon sehen möchten. So haben die Arbeiter Gelegenheit, in einem Speiseraum, der an sauberen Tischen ihre Mahlzeiten einzunehmen. Für Koch- und Waschgelegenheit ist auch gesorgt und ein Wandschrank beherbergt das Eß- und Kochgeschirr des Personals. Auch die Bedürfnisanstalten entsprechen allen Forderungen der Sauber- keit und Hygiene. Die Arbeitszeit beträgt 9 Stunden. An Lohn erhalten die Bügler und Einrichter 38, die übrigen Arbeiter 35 und die Arbeiterinnen 20 M. Es ist hier ein- wandfrei festgestellt, was seitens der Gewerkschaft schon längst erkannt war, daß ein modern eingerichteter Werkstattbetrieb leistungsfähiger ist, als ein Geschäft, das sich auf Heimarbeit stützt. Aber auch für die Arbeiter springen die Vorteile einer ge- regelten Werkstattarbeit unverkennbar in die Augen, da sie vorher bei 12— Ii stündiger Tätigkeit nicht mehr verdient hotten als jetzt in 9 Stunden. Ganz zu schweigen von der Mitarbeit der Angehörigen. von dem Liefern der Zutaten, Licht und Maschinen usw., was hier alles fortfällt. Der größte Gewinn für sie dürfte jedoch darin bestehen, daß sie nunmehr ein Heim besitzen, in dem sie, losgelöst von der Arbeit, sich wirklich in ihren gewonnenen freien Stunden mit ihrer Familie erholen können. Aber auch die Kundschaft kann diesen Fortschritt nur be- grüßen, denn so erhält sie Ware, die in gut ventilierten, hygienisch und sanitär einwandfreien Räumen hergestellt wird, was bei der Heimarbeit so gut wie unmöglich ist. Der Firma Baer Sohn und ihren Betriebsangestellten gebührt unzweifelhaft das Verdienst, auf diesem Gebiete den ersten entscheidenden Schritt getan zu haben. An- sähe waren allerdings schon vorhanden. So hat die Firma Peek u. Cloppenburg auch schon seit zwei Jahren sehr saubere Werkstätten, in denen aber nur ein Teil ihrer Arbeit verfertigt wird, und die auch in technischer Hinsicht hinter dem Betrieb von Baer Sohn zurückbleiben. Doch trägt sich die Firma mit der Absicht, ihren Betrieb zu verlegen, und es ist zu erwarten, daß auch sie dann ihre Einrichtungen technisch vervollkommnet. Ferner hat auch die Firma Leineweber Werkstattbetrieb, sodaß in Engros-und Detailgeschäften zusammen 500 Personen in Werkstätten beschäftigt sind. Rechnet man noch 1100 aus der Maßschneiderei hinzu, so kommen 1500 bis 1600 Arbeiter in Betracht, die unter tariflich ge- regelten Verhältnissen arbeiten.( Besonders zu beachten wäre noch die Gcnossenschafts- schneideret„Hoffnung", die 40 Personen beschäftigt und seit 1906 besteht. Es war die erste Werkstatt dieser Art und hat bahnbrechend gewirkt. Dort wurde von Anfang an nur in Wochenlohn gearbeitet, die Arbeitszeit beträgt neun Stunden. So ist auf diesem Gebiete ein Stück Kulturarbeit geleistet worden, und es hat sich gezeigt, was eine Gelverkschaft bei zäher, unermüdlicher Tätigkeit zu leisten vermag. Mögen jene Arbeiter, die heute noch abseits stehen, die Lehren daraus ziehen._ vergntw. Ktdakt.:«iKard Barttz, Verlin. Inseratenteil verantw.z Kerlin unck llmgegenck. Miststände bei der Firma Flohr. Die in den Maschinenfabriken von Karl Flohr, Chaussee- straße und Wittenau beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen be- sprachen in einer Betriebsversammlung, die am Dienstagabend in den„Germaniasälen" stattfand, mancherlei Mißstände im Be- triebe. Es wurden dieselben Klagen wiederholt, die schon in einer früheren Versammlung laut wurden. Ein Arbeiterausschuß be- steht nicht mehr; es ist nun aber vielfach der Wunsch geäußert worden, daß ein solcher Ausschuß wieder eingesetzt werde. Die Arbeiter erwarten, daß ihren Wünschen endlich Rechnung getragen werde. Viel geklagt wird über den ausgeübten Zwang und Druck, Ueberstunden zu arbeiten, und werden die Arbeiter durch die Organisationsvertreter immer wieder ermahnt, diesem Druck nicht nachzugeben. Sehr mangelhaft ist noch die Ventilation, was be- sonders in der Werkzeugmacherei, wo gehärtet wird und wo die Schleifmaschinen keine Absaugeyorrichtung haben, schwer ins Ge- wicht fällt. In der elektrischen Abteilung fehlt es bei den Schmirgel- und Schleifeinrichtungen ebenfalls an den Staub- saugern. Ungenügend sind die Garderobe- und Wascheinrichtungen sowie die Klosetts. Die Löhne sollten, so wünschen die Arbeiter, wöchentlich und zwar am Donnerstag oder Freitag verrechnet werden. Vielfach sind die Akkordpreisc sehr schlecht. Sehr wenig verdienen die Hilfsarbeiter, die mit 36 bis 45 Pf. Stundenlohn zufrieden sein müssen. Die Monteure klagen, daß sie höchstens 721h Pf. pro Stunde verdienen. Viel Unwillen hat das rigoros geübte Strafsystem erregt, das besonders diejenigen schwer trifft, deren Verdienst sehr gering ist. Die Strafgelder wie die Kau- tinenüberschüsse fließen angeblich in eine Unterstützungskasse, aber die Arbeiter haben keine Kontrolle darüber. Ueber die Behand- -lung der Arbeiter wird auch geklagt, oft schlagen die Meister wie auch der Betriebsleiter Hornung einen sehr groben Ton an. Be- schwerden werden einfach abgewiesen. Noch mancherlei Klagen wurden aus der Mitte der Versammlung vorgebracht. In dem Werk in Wittenau herrschen in der Hauptsache dieselben Miß- stände wie im Werk in der Chausseestraße. Die Werkstatt in Wittenau ist direkt auf dem Erdboden errichtet und hat weder Pflaster noch Dielen, wodurch im Sommer viel Staub, im Winter aber viel Kälte erzeugt wird. Schwer empfunden wird da der Mangel einer Gelegenheit, sich ein wärmendes Getränk zu ver- schaffen. Die Nieterkolonnen in Wittenau beschweren sich, daß nicht dafür gesorgt sei, daß die Dünste abziehen können.— Die Versammelten nahmen eine Resolution an, in der sie dagegen protestierten, daß ihren Beschwerden kein Gehör geschenkt wird; sie forderten zum Eintritt in den Deutschen Metallarbeiterverband auf und wählten dann eine Kommission von fünf Mitgliedern, die bei der Firma vorstellig werden soll. Veudlches Reich- Zum Streik in den Malzfabriken zu Langensalza. Die Unternehmer der Malzfabriken in Langensalza ver- breiten die Nachricht, daß der Streik beendet sei. DaS ist nicht der tall. Den Unternehmern wird der Slreik immer unangenehmer. üe Brauereiarbeiler in den Brauereien, wo Malz aus Langensalza verarbeitet wird, üben scharfe Kontrolle und verlangen von den Brauereien, die Geschäflsverbindungen mit diesen Malzfabriken auf- zugeben. Die Wirkung zeigt sich bereils, und so wird versucht, die Brauereien und die Oeffentlichkeit zu täuschen. Aus Umwegen soll das Malz an den Mann gebracht werden. Da aber die Brauerei- arbeiter diesem Treiben recht schnell auf die Spur kamen und diese Schiebungen vereiteln, versuchen die Unternehmer jetzt, die Situation für sich günstiger zu gestalten mit der Mitteilung, daß der Streit beendet sei. Zuzug ist nach wie vor fernzuhalten. Auf dem Kupfer- und Messingwerk Hettstedt(Südharz) ist den Drahtziehern ein Lohnabzug von 30 Proz. angekündigt. Zuzug ist fernzuhalten._ Brauereiarbeiterstreik in Gelsenkirchen. Die organisierten Arbeiter der Brauerei„Glückauf" haben wegen Tarifdifferenzen die Arbeit niedergelegt. Die Brauerei ist im kürzlich abgeschlossenen Bezirkstarif für Rheinland-Westfalen nicht mit einbegriffen worden. Sie wich den Verhandlungen mit der Motivierung aus, daß sie nach Zustandekommen des Bezirkstarifes einen Tarif mit der Organisation vereinbaren wolle, der ein Muster- tarif sein sollte. Jetzt denkt die Firma nicht an die Einlösung ihres Versprechens und verlangt, der Gruppe Dortmund zugeteilt zu werden. Die Brauerei ist aber nicht dem Wirtschaftsgebiet der Dortmunder Gruppe zugehörig. Die Arbeiter würden sich, wenn der Wunsch der Firma übrigens erfüllt würde, schlechter stehen, als bisher. Da Verhandlungen scheiterten, legten die Arbeiter am 13. Dezember cr. die Arbeit nieder. Zuzug ist fernzuhalten. Moabit i« Baden. Das von der badifchen Regierung nach den Streikorten Rastatt und Pforzheim abkommandierte Aufgebot der bewaffneten Schutz- mannfchaf ten scheint an der Gemütsruhe der Streikenden keinen Gefallen zu finden. Wie dem„VolkSsteund" aus Rastatt berichtet wird, bemühen sich die Schutzleute, die Streikenden von einer Ver- ständigung mit den importierten Streikbrechern fernzuhalten. Da ist es vorgekommen, daß die Polizisten ohne zede Ursache blank zogen und mit Säbeln und Gummischläuchen in der Luft herumfuchtelten. Dabei seien Tätlichkeiten vorgekommen und Beschimpfungen der Arbeiterschaft seitens der Schutzleute, während die Gendarmerie sich passiv verhielt. Letzteres sei auch nur so zu verstehen, daß sie zusah, wie von Angestellten der Fabrik drauf- geschlagen wurde. In Karlsruhe besteht infolge der Abkommandierung der Staatspolizei nach den Streikgebieten ein Mangel an Polizisten zur Verwaltung des Sicherheitsdienstes. DaS Regierungsorgan„K a r l S r. Ztg." verwahrt fich gegen den Vorwurf einer ungenügenden Beschützung der Arbeitswilligen, der in Unternehmerzeitungen gegen die Regierung gemacht wird. Obschon der Vorstand der F a b r i k i n s p e k t i o n polizeiliche Maß- .nahmen nicht für angebracht hielt, sei zu verschiedenen Zeiten eine Verstärkung der bewaffneten Macht vorgenommen worden, jetzt be- fände sich noch ein Extraaufgebot von 42 Schutzleuten und 33 Gen- darmen in Tätigkeit. Die Zahl der gemeldeten Vergehen, die von Personen der Lohnbewegung herrühren, habe„keine besondere Bedeutung". Damit gibt das Regierungsorgan zu, daß der polizeiliche Belagerungszustand in Pforzheim ungerechtfertigt ist. Die Badische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen a. Rh. macht durch Anschlag vom 12. Dezember 1910 bekannt, daß fiir alle Arbeiter mit seither zehn, die Neunstundenschicht, mit Wirkung vom 1. Januar 1911 bei gleichbleibendem Lohn Platz greifen soll. Für die Zwölfstundenschicht-Arbeiter im kontinuierlichen Betrieb bleibt vorerst die Arbeitszeit bestehen, jedoch erfolgt als teilweiser Aus- gleich eine Lohnerhöhung von 2 Pf. pro Stunde. Es handelt sich um einen chemischen Riesenbetrieb mit zirka 7000 Arbeitern, die zum großen Teil unter sehr gesundheitsschädlichen Verhältniffen arbeiten. Die unausgesetzte Aufklärungsarbeit hat ihre Früchte getragen. Hoffentlich folgt alsbald die Abschaffung der mörderischen 24stiindigen Wechselschicht. Huslancl. Eine allgemeine Aussperrung in der Schuhindustrie Schwedens soll mit dem 1. Januar durchgeführt werden. Die Verhandlungen mit der Fabrikantenvereinigung über einen neuen Tarifvertrag sind gescheitert hauptsächlich an der Frage der Minimallvhne, außerdem jedoch auch daran, daß die Fabrikanten gewisse„Prinzipien" der Schwedischen Arbeitgebervereinigung in den Tarifvertrag hinein haben wollen. Diese Schuharbeiteranssperrung wird der erste große Kampf nach den Massenaussperrnngen und dem Generalstreik von 1909 sein. Der Vermittlungsbeamle Cederström hat jedoch gleich nachdem die Arbeitgeber ihren Aussperrungsbeschluß bekanntgaben, eingegriffen und damit erzielt, daß beide Parteien sich zu noch- moligen Verhandlungen bereit erklärten. Es wird jetzt von der It. Gi»cke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdr, u. PerlagsgnM» schwedischen Regierung ein besonderer Vergleichsbeamter auZersehen, der die Verhandlungen zu leiten hat. Die Kohlenlader von Barcelona find behufs Unterstützung deS Ausstandes der Elektrizitälsarbeiter in den streik getreten. Drei Dampfer konnten mangels Kohlenansirahme den Hafen nicht ver« lassen. Die Behörden beschäftigen sich mit der Frage, den Dienst der Kohlenverlader durch Militär versehen zu lasten, um weitere Zwischenfälle zu vermeiden. ver Frauenmord in Berlin N. Wie nunmehr durch die Untersuchung festgestellt ist, ist Frau Hoffmann erschossen worden, als sie schon im Bett lag. Was für eine Rolle bei der Untersuchung ein Handschuh spielen wird, der bei der Ermordeten gefunden wurde, läßt sich noch nicht absehen. Einen Zusammenhang mit dem Verbrechen hat er gewiß. Der Gcrichtsarzt Dr. Strauch fand ihn bei der Besichtigung der Leiche. Er lag zwischen zwei Unterröcken. Es ist ein grauer wildlederner Männcrhandschuh ohne Knöpfe, für eine ziemlich starke Hand bestimmt.- Man muß annehmen, daß er von dem Täter herrührt. Einen Anhalt für die Ermittelung des Täters hat sein Fund bisher noch nicht gegeben. Die Ortsbcsichtigung, die mehrere Stunden in Anspruch nahm, hat für die Förderung der Untersuchung kein bestimmtes Ergebnis geliefert. Die Wohnung der Frau Hoffmann besteht aus einem kleinen Flur, drei Zimmern und der Küche mit einem kleinen Hinterflur. Die ganze Einrichtung ist nicht gerade reich, aber doch gediegen. Bei der Ortsbesichttgung ließ nun gestern der Amtsrichter alle Behältnisse, die zum Teil mit kleineren und größeren Gebrauchs- und Schmucksachen bestellt waren, öffnen. In dem kleinen Bücher» spind, das nur eine ziemlich minderwertige kleine Bibliothek ent- hielt, fand man unten in der Ecke vorn rechts eine a n g e- schraubte Kassette, die verschlossen war und ebenfalls erst geöffnet werden mußte. Hierin verwahrte Frau Hoffmaun ihr Testament auf, aus dem hervorgeht, daß sie in sehr guten Verhält- nissen gelebt hat. In einem altmodischen Zylinderbureau oder Klappschreibtisch, dem Bücherspind gegenüber, fand man eine große Menge Briefe und andere Schriftstücke, die fast nach Jahrgängen geordnet waren. Hiernach hat Frau Hoffmann einen recht regen Briefwechsel gepflogen. Die alte Dame war noch sehr l e b e n s- lustig. Nicht selten kam sie erst gegen Mitternacht nach Hause. Es ist merkwürdig, daß sie, die sonst so mißtrauisch, vorsichtig und ängstlich war, bei solchen Gelegenheiten gar keine Furcht empfunden zu haben scheint. Frau Hoffmann verlor ihren Mann schon nach elfmona- t i g e r Ehe. Als junge Witwe führte sie dann einem alten Herrn den Haushalt und pflegte ihn bis an sein Ende. Dafür setzte er sie zur alleinigen Erbin ein. In verschiedenen Kästen fand man noch Wertpapiere, die sie wahrscheinlich erst in der letzten Zeit gekauft hatte. Ihre zum Teil sehr wertvollen alten und neuen Schmucksachen hatte sie in der ganzen Wohnung verteilt, wahrscheinlich aus Vorsicht. Man fand sie in allen Behältnissen, in- Kästchen und Schublädchen. Einen bestimmten Anhalt für die weiteren Ermittelungen lieferte die Durchsuchung nicht. Nach ihrem ganzen Ergebnis ist anzunehmen, daß in der Wohnung nichts fehlt als das Scheck, buch. Wo dieses geblieben sein kann, steht noch nicht fest, lUtzte ftachrlchtcm Zur Lohnbewegung der Rnhrbergleute. Bochum, 14. Dezember.(Privatdepesche des„Vorwärts".)' Heute nachmittag fand hier eine Konferenz der Verbands- vorstände des alten Verbandes, der polnischen Berufsvereini- gnng und des Hirsch-Tnncktrsche» Gewerkvereins statt. Es wurden die Antworten des Zcchcnvcrbandes und der fiska- lisckicn Grubenvcrwaltnng Recklinghausen auf die von den genannten Organisationen gestellten Forderungen beraten. Es bestand bei den Konferenzteilnehmern Einmütigkeit dar- über, daß die Begründung des Zechenbcrbandes und der königlichen Bergwerksdircktion, deren Standpunkt bezüglich ihrer ablehnenden Haltung nicht rechtfertigen könne. Ein. stimmig wird beschlossen, in kürzester Frist Revierkonfe» renzen stattfinden zu lassen, um mit den Vertrauens- leuten der Bergarbeiter die weiteren cinschliiglichen Schritte zu beraten. Die Konferenz bedauert, daß der Gewerkderein christlicher Bergarbeiter beginnt, die Lohnbewegung auf das politische Gleise zu schieben. Rachklänge vom Wahlrechtskampf in Reumünstcr. Kiel, 14. Dezember. Privattelegramm des„Vorwärts".) Zum zweiten Male beschäftigte fich heute die hiesige Strafkammer mit den blutigen Polizeiexzessen vom 13. Februar in Neumünster. Am 4. Mai verurteilte die hiesige Strafkammer den Arbeitersekre- tär Radlof wegen Veranstaltung eines nicht genehmigten Um- zngeS und wegen Auflaufs zu zwei Monaten Gefängnis und zehn Tagen Haft» JnrS wegen Veranstaltung eines nicht genehmigten öffentlichen Aufzugs zu fünf Tagen Haft, Frau Radlof und Studt wegen Auflaufs und Widerstandes zu 50 Mark Geldstrafe, Westphalen wegen Auflaufs zu zwei Wochen Gefängnis, Frau Westphalen wegen Auflaufs, Widerstands und Beleidigung zu einem Monat Gefängnis, Richter und G r a b k e wegen Auflaufs und Widerstands zu drei Wochen Gefängnis, Södge und Wen- s i e n wegen Beleidigung zu drei bezw. zwei Wochen Gefängnis. Das Reichsgericht hatte der von den Angeklagten ein- gelegten Revision stattgegeben und die Sache an die Strafkammer zur nochmaligen Verhandlung zurückverwiesen. In der heute stattgefundenen Verhandlung wurden neun An- geklagte zu obigen Strafen wieder verurteilt. Nur die Strafe gegen Södge wurde von drei Wochen auf zehn Tage Gefängnis herab- gesetzt. Die neuen englischen Dreadnoughts. London, 14. Dezember.(W. T. B.) Die technische Zeitschrift „Motorboot", kündigt an, daß einer der im diesjährigen oder dem nächstjährigen Programm vorgesehenen Dreadnoughts mit Motormaschincn von 12 000 Pferdekräften ausgerüstet werden soll, die bereits in England gebaut würden. Diese gäben eine Schnellig- keit von 21 Knoten und würden mit Rohöl geheizt. Der höchste Punkt der Maschinen liegt ziemlich tief unter der Wasserlinie, wodurch sie tatsächlich unverletzbar würden. Der ersparte Maschinen- räum sei zur Aufnahme von Extrabrennmaterial eingerichtet, das das Schiff in den Stand setze, zweimal solange auf hoher See zu bleiben, als ein mit Dampf getriebenes Schlachtschiff. Schwere Grnbenkatastrophe. Norton(Virginia), 14. Dezember.(W. T. B.) Infolge einer Explosion sind in einer M i ne in der Nähe von Tacoma, die der Bond Coal Conipany gehört, 26 Berg- lente verschüttet worden. Gegen 26 Mann sollen tot sein. UgnlSmgerL Co, Berlin LÄt, Hierzu S Beilage» u. vaterhalt»«,»». fc». n.mm. i. KkilAt des Jotmärts" Inlinet VolksbIM Reichstag 101. S i tz u n s> Mittwoch, den 14. Dezember. mittags 12 Uhr. Am Bundesratstisch: Dr. Delbrück, v. Heeringen, LiSco, V. Lindequist, Mermuth, v. Tirpitz. Eingegangen ist eine Interpellation Ablaß n. Gen.(Vp.) betr. Aufhebung der Zündholz st euer. Fortsetzung der Etatsberatung. Abg. Dr. Hcinze(Natl.): Nach der vorgestrigen Rede des Abg. Erzverger muß auch ich auf die Finanzrcform und unsere Stellung dazu eingehen. Wir haben gegen sie gestimmt, weil sie die großen Vermögen so gut wie gar nicht getroffen hat.(Sehr richtig j b. d. Natl.) Die Haltung des Zentrums war in erster Linie von politischen Erwägungen bestin.mit, es stimmte gegen die Erbschaftssteuer, um den Reichskanzler zu stürzen.(Lebh. Widerspr. i. Z.) Auch die Rechte wurde nicht durch volkswirtschaftliche Er- wägungen geleilet, sie wollte die Liberalisierung Deutschlands ans- halten. Was erreicht ist durch die Finanzreform und was wir nicht lvünschen, das ist die Radikalisierung.(Lebh. Sehr richtig! b. d. Natl.) Unsere Kritik der neuen Militärvorlage scheint Herr Erzberger objektiv nicht würdigen zu können.(Sehr richtig I bei den Nationalliberalen.) Auf eine Kritik der inneren preußischen Politik könne» wir um so weniger verzichten, weil sie aufs innigste mit der Reichspolitik verbunden ist, und deshalb können wir auf eine Forte itlwftckel ii ng Preußens im liberalen Sinne nicht verzichten, insbesondere nicht auf eine Um- änderung des Wahlrechts im liberalen Sinne.(Lebhafte Zustimmung bei den Nationalliberalen.) Jin Reich verlangen wir eine unab- hängige, über den Parteien stehende Regierung Weiter verlangen wir eine Fortsetzung unserer bewährten Wirlschafts- Politik, Schutz der nationalen Arbeit, aber nicht einseitig, sondern gleichmäßig für die Landwirtschaft und der Industrie. Der badische Großblock, den Herr Pntlitz für die politische Zerrissenheit verantwortlich machen will, spielt für Deutschland keine erhebliche Rolle. Was aber jeden Frieden unmöglich macht, ist das Vorgeben des Bundes der Landwirte, wie es bei seinen Angriffen gegen uns in Hannover zutage trat.(Lebhaste Zustimmung bei den National- liberalen.) Hiergegen müssen wir uns wehren durch Angriffe in Preußen.(Sehr richtig! bei den NationaUiberalen.) In der Sozialpolitik wollen wir Fortschritte, aber sie darf nicht unter die Botmäßigkeit der Sozialdemokratie kommen; die vom Staate geschaffenen Institutionen dürfen nicht in die Macht der Sozialdemokratie gelangen, deshalb haben wir auch bei den Arbeits- kammern gegen die Zulassung der Gewerkschaftssekretäre gestimmt. Auch die Krankenkassen können wir unmöglich dem T e r r o- rismuS der Sozialdemokratie ausliefern. In dem idealen Zukunftsstaat würde eS mit der Meinungsfreiheit auch schlecht bestellt lein, das zeigten gestern die Unterbrechungen bei der Rede des Reichskanzlers.(Sehr richtig I bei den Nationalliberalen und rechts.) Wir wollen keine Ausnahmegesetze, aber die bestehenden Gesetze muffen streng gegen den Terror der Sozialdemokraten an- gewendet werden. Wie groß dieser Terror ist, ersehen wir aus den Vorgängen in der Chemnitzer Krankenkasse, die durch gerichtliches Urteil festgestellt sind.(Erregte Zurufe bei den Sozial demokraten: Das ist alles Schwindel.) In der zweiten Instanz hat man sich verglichen, aber die einzelnen Punkte sind sestgeftellt.(Rufe bei den Sozialdemokraten: Das ist unwahr I) Der Reichskanzler hat sich in seiner Rede zu denselben Punkten bekannt wie wir: Unabhängigkeit der Regierung. Festhalten an der Wirtschaftspolitik, keine Ausnahmegesetze. Weil wir ihm deshalb Öffentlich zustimmten, sagt man, er locke uns auf den Leim, er will ein Ausnahmegesetz auf Umwegen. Er hat von ganz konkreten Dingen gesprochen, von der Beschleunigung des gericht- lichen Verfahrens und einer anderen Formulierung bestimmter Paragraphen des Strafgesetzbuches, die Erregung darüber begreife ich nicht.(Lebhaftes Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Fürst Hatzfeldt(Rp.>: Die Finanzreform hätten meine Freunde ja etwas anders gewünscht; aber wir müssen zugeben, daß wir in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs leben, an dem auch die minder bemittelten Klassen teil k)umor. Heinz Sperbers sozial-ästhetifche Betrachtungen haben in Partei- genössischen Kreisen manchen Widerspruch gefunden, einmal sogar eine regelrechte Entgegnung im„Vorwärts". Auch ich habe nicht jede seiner Ansichten geteilt, mich aber im allgemeinen über sein forsches Zupacken gefteut. Wer so frischfröhlich dreinhaut, wird manchmal daneben hauen. Das ist nicht schlimm und vermag meine Sympachien nicht zu mindern. Aber wenn Heinz Sperber so eigen- artige Ausfassungen verficht, wie in seiner letzten Epistel„Humor", so erscheint mir dagegen der schärfste Widerstand geboten. Nicht nur der Sache, sondern auch Heinz Sperbers selbst wegen. Der Sache wegen, weil eS kompromittierend wäre, ohne Protest An- schauungen für proletarische Aesthetik ausgeben zu lassen, die jedes freie künstlerische Schaffen gefährden müßten. Heinz Sperbers wegen, weil er durch fein letztes Feuilleton seine eigenen verdienstlichen Absichten diskreditiert, seine Absichten, der in Klassenvorurteile» und schulmeisterlich-doktrinärer Enge erstarrten Bourgeoisästhetik eine sozialwissenschaftlich fundierte Kunst anschauungSlehre entgegenzusetzen.� Also: Heinz Sperber hat sich diesmal gründlichst verhauen. So- wohl in den Abstraktionen seiner Theorie, als in dem zur Erhärtung seiner Theorie herangezogenen Musterbeispiel. Zunächst seine Theorie. Humor im dichterischen Sinne ist ihm die Kundgebung eines guten mitleidigen Menschen. Diese Definition ist nicht falsch, wenn auch gerade nicht erschöpfend. Umfassender hat Guido Weiß, wie wir dem Reuter-Artikel Mehrings enwehmen, den Begriff Humor dahin erläutert, daß er„die langsam reifende Frucht der Studien an sich selber und an der Welt" und eine„sinnige Resignation" sei. Humor, sagt Heinz Sperber weiter, könne und dürfe nie ver- letzen, er lasse mitlächeln. Schön, er läßt mitlächeln; nur freilich nicht jedermann, sondern den. der Leben und Dinge humoristisch zu sehen vermag. Humor ist die Kunstgattung für das reifere Alter, das die Dinge und nicht zuletzt sich selbst mit künstlerisch-realistischem Behagen und einem guten Schuß wehmütiger Resignation belächeln gelernt hat. Der leidenschaftliche Drang der Jugend gibt dem stürmisch drängenden Palhos, dem feurigen Ethos und der stach- ligen Satire, die letzten Endes dem gleichen Seelenquell entspringt wie das Pathos, den Vorzug. Nun stellt Heinz Sperber aber ein paar besondere Thesen auf, die ganz und gar unrichtig sind. Der bürgerliche Humorist, der proletarische Verhältnisse behandelt, bleibt, so sagt er, unbedingt in den Auffassungen seiner Klasse stecken; dieser Bourgeoishumor ist darum dem Arbeiter ekelhaft. Deshalb: ein Bourgeois kann sich humoristisch nur über einen Bourgeois äußern, ein Arbeiter über einen Arbeiter. Nein I Ein echter Bourgeois, ein in den kapitalistischen Klassen- Vorurteilen aufgehender Bürgerlicher, wird auch die Bourgeoisie nicht im Lichte dichterischen Humors schildern können. Ist er ein seriöser Charakter, so wird er die Dinge in verlogener Weise ver- herrlichen; ist er ein Zyniker, so wird er karikieren und in Zynisinen schwelgen. Wer aber bürgerliches Leben wirklich humoristisch zeigt, der ist eben kein Bourgeois, sondern ein—— Dichter. Und der nehmen. Den Ritz mit den Liberalen bedanern wir; sie werden ja mit den Konservativen keinen Pakt schließen können. Wenn sie von der Rechten aber auch eine tiefe Kluft trennt, so von der äußersten Linken ein unüberbrückbarer Abgrund.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Die Sozialdemokraten sind ausgesprochen Republikaner, aber noch nicht die Hälfte ihrer Wähler sind mit ihnen einverstanden. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Mit Freude haben wir gehört, daß der Reichskanzler kein Aus- nahmegesetz will; mit Ausnahmegesetzen haben wir immer nur schlechte Erfahrungen gemacht. Aber mit allen Mitteln muß die staat- liche Autorität aufrecht erhalten werden.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Bei einer Politik der ruhig fortschreitenden Entwickelung werden wir stets mitarbeiten.(Bravo I bei der Reichspartei.) Abg. Raab(Antis.) polemisiert gegen die Nationalliberalen. Die„Morgenpost" hat sehr richtig geschrieben: Die oppositionelle Stellung der Nationalliberalen war eine Jiitereffenbegeisterung schlimmster Art. Das Kapitel der Techtelmechtel der Nationalliberalen mit der Sozialdemokratie schwillt von Tag zu Tag an. Der Rekord der Wandelbarkeit, den die Nationalliberalen aufgestellt haben, wird sicher nie geschlagen werden. Die nationalliberale Partei macht es wie jenes Tier, das an der einen Seite einen weißen an der anderen Seite einen roten Sack Mehl hat. Vizepräsident Schultz: Sie dürfen eine Partei dieses Hauses nicht mit einem Tier vergleichen, das verstößt stark gegen die O r d n u n g des Hauses. Abg. Raab fortfahrend: Herr Dernburg ist hier von liberaler Seite sehr gelobt worden. Redner wendet sich gegen einen Artikel im„Berliner Tageblatt". Der schwarzblaue Block ist nichts als ein Prodult der orien talische it Phantasie der Liberalen. Die Liberalen haben dem Fürsten Blllow die Treue gc- brachen. Es war wohl ein Fehler, ihnen den Preis im voraus zu bezahlen mit dem Börsengesetz. Man sollte mit ihnen Ge- schüft e nur Zug um Zug machen.(Heiterkeit rechts/ Freisinn und Sozialdemokratie kann man ja heute unter einer Ueberschrift behandeln. Früher hat man auch auf libe- raler Seite in das Wort von den vaterlandslosen Gesellen gegen über der Sozialdemokratie eingestimmt, heute kann man bald von vaterlandslosen Meistern und Gesellen sprechen.(Große Unruhe links.) Präsident Graf Schwerin-LSwitz: Ich nehme an, daß Sie damit kein Mitglied dieses Hauses gemeint haben. Abg. Raab fortfahrend: Nein.(Heiterkeit rechts). Ich will nur noch anführen, daß Bismarck gesagt hat, an den Freisinnigen sei Hopfen und Malz verloren.(Ahg. David: Wählt Sab orl)— Die Sozialdemokratie ist ja freilich nicht so leicht zu besiegen. (Zuruf bei den Sozialdem.: Sie werden es nicht fertig kriegen.) Heiterkeit.) Denn eS gibt Dinge, die werden immer bestehen, das ist die Unzusriedenheit der Menschen, das sind Krankheiten, Schwäche usw. und das ist vor allem die Dummheit(Lautes Lachen bei den Sozialdemokraten, lebhaftes Bravo I rechts.). Und wenn nur zu- gerufen wurde, auch ich würde die Sozialdemokratie nicht besiegen, so antworte ich: Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. (Große Heiterkeit rechts.) Bei der Wahlagitation sagen Sie immer nur kritisierend was Sie nicht wollen, nie positiv was Sie wollen, denn dann würden Sie manchen Mitläufer verlieren.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Triolet) Dieser Zwischenruf ist Hunds- gemein. Präsident Graf Schwerin: Ich rufe Sie zur Ordnung. Abg. Raab(fortfahrend): Nim zur Kopfab fache. Die „Neue Welt" schrieb 1893, eine junge Republik muß zu ihrer Sicheo heit die Tyrannen töten, und in demselben Tone klingt es aus allen anderen ihrer Organe. Herr N o§ k e wies auf Portugal bin. Nun anders würden sich deutsche Fürsten jedenfalls benehmen wie der König Manuel. Sollten Sie je die Gelegenheii haben, gar zum deutschen Kaiser jemanden mit der Abdankungsulkunde zu schicken, so bestimmen Sie dazu ja nicht einen Familien- vater. denn es ist ein gefährlicher Auftrag.(Lachen links, B r a V o I rechts.) Es läuft ein S ch l u ß a n t r a g ein, der von den Konservativen und dem Zentrum unterstützt wird. Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.)(zur Geschäftsordnung): Es ist im höchsten Matze bedauerlich, daß die einzige Gelegenheit, die für das deutsche Parlament besteht, die gesamte politiswe Situation Arbeiter, der das proletarische Leben wirklich mit dichterischem Humor schilderte, ohne theatralische Schminke und mit feinem Sinn siir das Menschlich-Allzumenschliche auch im begeistertsten Klassenkämpfer. der wäre— als Literat— hinwiederum nicht in erster Linie Kläffern kämpfer und Sozialdemokrat, sondern-- Dichter! Daß Klassenzugehörigkeit auch gewisse Beeinflussungen durch die Klasienpshche mit sicki bringt, werde ich, der das selbst in literarischen Besprechungen unzählige Male nachzuweisen versuchte, zu allerletzt bestreiten. Aber daß das Seelenleben deS Proletariates etwas so ganz Eigenartiges und Geheimnisvolles sein sollte, daß es sich dem aus bürgerlichen Kreisen stammenden Dichter— nicht zu verwechseln mit dem„Bourgeois" I— nicht erschlösse und umgekehrt auch die Psyche des Bürgertums nicht dem Verständnis des Dichters von proletarischer Herkunft, ist eine geradezu maßlose Uebcrtreibung! Danach wäre zum Beispiel der Dichter der drei gerechten Kammacher kein Humorist, weil er nicht selbst Kammacher gewesen, und Ludwig Thomas prachtvolle Humoresken aus dem Kleinbürger- und Bauernleben wären„durch und durch schlechte Bücher", weil ja Thoma nicht Handwerksgeselle oder Bauer, sondern als Oberförsters- söhn Studio und Assessor gewesen I An der ganzen Theorie Heinz Sperbers ist also nur so viel richtig, daß ein gelegentlich schriftstellerndcr Bourgeois den Arbeiter und ein gelegentlich literarisch tätiger Arbeiter den Bourgeois nicht realistisch und humoristisch, sondern satirisch oder karikaturistisch dar- stellen würde. Handelt eS sich aber nicht um zufällig schreibende Bourgeois und Arbeiter, sondern um wirkliche Humoristen und Dichter, so werden diese Poeten auch daS Seelenleben solcher Personen tiefgründig zu erfassen vermögen, die nicht ihrer Klasse an- gehören. Daß nicht alle Dichter Humoristen sind, daß es andererseits auch echte Dichter gibt, die Tendenzdichter und bewußte Vorkämpfer einer jeweiligen Klasse sind, darüber bin ich mit Heinz Sperber natürlich ganz, einer Meinung. Diese Tendenzdichter sind dann aber entweder Satiriker(Aristophanes, Heine) oder Pathetikcr(der junge Schiller, Fbeiligrath), nickt aber Humoristen. Wobei ick unter cineni Humoristen natürlich immer nicht etwa einen Witzbold. Spaßmacher und Schwanlfabrikanten, sondern einen echten Dichter verstehe. Wie die Theorie Heinz Sperbers, so geht bei näheren» Zusehen auch sein typischer Schulfall in die Brüche. Georg Hermanns Kubinke" soll ein„durch und durch schlechtes Buch" sein, weil es proletarisches Leben nur aus der„Liebe und Güte zur Bourgeoisie" heraus schildere und einen Humor zeige, den die„humoristisch be- trachteten Arbeiter nur mit Ekel enipfanden". Gleich diesem„Ekel" wage ick ein dickes Fragezeichen zu widmen. Freilich, es fragt sich, welche Arbeiter Heinz Sperber im Auge hat. Von den Hedwig, Pauline und Kubinke bezweifle ich allerdings, daß sie von dem Buch erbaut sein würden. Um sich selbst im Spiegel einer humoristischen Dichtung genießen zu können, dazu bedarf es allerdings einer geistigen titeife, die nicht jeder primitive Mensch besitzt. Zun, dichterischen Verständnis gehört nun einmal eine höhere geistige Kultur. gleichviel. wie sie immer erworben sein möge. Das primitive Individuum ist am empfänglichsten für möglichst plump aufgetragene Romantik; das reale Weltbild erscheint ihm öde und entgöttert.— Möglich zu behandeln und zwischen den Parteien eine Aussprache herbeizu- führen, durch einen solchen Schlnßantrag verkürzt wird. Nach dem gestrigen Verhalten der Parteien mußten wir annehmen, daß die gestern gemeldeten Redner noch zu Worte kämen.(Sehr wahr! links.) Nach den mit einem parlamentarischen Ausdruck gar nicht zu bezeichnenden fanatischen Angriffen des Vorredners gegen die Linie mit ihren ungeheuerlichen unwahren Behauptungen bedeutet ein solcher Schlußontrag eine ganz ungeheuerliche Ver« gewaltig» n g der' Minderheit, gegen die wir mit aller Entschiedenheit protestieren.(Unruhe rechts, lebhafte Zustimmung links). Abg. Evcrling(natl.): Es ist ja verständlich, daß Ferienstimmung im Hause herrscht, aber ich glaube doch, daß es Pflicht der Abgeord- neten ist, hier noch auszuhalten.(Sehr richtig! links.) Wie mir ältere Parlaniemarier gesagt haben, ist bisher eine solche Art und Weise, die erste Lesung des Etats abzubrechen, im Hause nicht üblich gewesen. Ich protestiere ebenfalls gegen den Antrag und hoffe, daß sich keine Mehrheit für ihn findet. Abg. Singer(Soz.): Es handelt sich hier um die erste Aktion des schwarzblauen Blocks in dieser Session.(Sehr wahr! links.) Ob der Antrag angenommen oder abgelehnt wird, die bloße Tatsache, daß ein Schlußantrag in diesem Moment kommen konnte, beweist, daß der schwarzblaue Block bei der Vergewaltigung der Minderheit in die Spuren seines Vorgängers zu treten gewillt ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdeniokraten.) Abg. Wicmer(Vp.) beantragt nanrentliche Abstimmung über den Schlnßantrag.(Bravo! links.) Der Antrag auf namentliche Abstimmung wird von der ganzen Linken einschließlich der Nationalliberalen unterstützt. Die Abstimmung ergibt 112 Stimmen siir den Schlußantrag, 112 dagegen bei 5 Stimmenthaltungen. Der Scklußantrag ist also abgelehnt. Das Resultat wird von der Linken mit großer Heiterkeit begrüßt, die sich erneuert, als auch ein darauf gestellter Antrag Speck(Z.) auf Vertagung abgelehnt wird. Dagegen stimmen auch die Polen und Antisemiten. Abg. Dr. Böhme(Bauernbund) polemisiert gegen die Wahltaktik der Rechten, ist aber bei der noch herrschenden Erregtheit auf der Tribüne zunächst nicht verständlich. Von rechts werden erregte Zwischenrufe gemacht. Präsident Gras Schwerin: Herr Abg. Pauli, ich bitte Zwischen- rufe zu unterlassen. Abg. Dr. Böhme(fortfahrend): Herr v. Putlitz sprach über ame- rikanische Wahlpraktiken in Labiau-Wehlau. Wenn man davon sprechen will, so doch nur von den Wahlmanövern der Kon- servativen. So wurde in einer Versammlung Freibier ge- geben und den Leuten ausdrücklich gesagt: daS ist konservatives Bier. (Hört I hört I links.) Der Redner wendet sich dann zur WlrtschaftS- Politik und den Getreidczvllen, die Deutschland in der Getreide« Produktion vom Ausland unabhängig gemacht haben. Wir wollen an dem Zolltarif von 1302 festhalten; dann darf man aber die In- dustrie nickt unnötig angreifen. Eine Gesundung unscrei. Verhält- nisse kann nur durch innere Kolonisation eintreten, durch eine Aenderung der Grundbesitzverhältnisse im O st e n. Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): Herr Raab hak uns vorgeworfen, mit der Sozialdemokratie zu paktieren. Ich halte ihm solgeude vier Feststellungen entgegen. Im Jahre 1993 hat Herr Raab in seinem Wahlkreise den Sozialdemokraten ein Wahlbündnis angetragen, das diese jedoch znrückgcivicscn haben.(Abg. Raab: Da sind Sie schon hereingelegt, Herr Doktor I) Mit Ihnen mich sonst irgendwie einzulassen, daran würde mich schon mein Reinlich« k e i t s g e fühl verhindern, wenn Sie mich nicht dazu gezwungen hätten. (Sehr gut! bei der Vp.) Zweitens, die Darstellung de? Herrn Raab bezüglich der Abstimmung meiner Freunde beim Jesnitengesetz ist unwahr. Die Mehrheit meiner Freunde unter der Führung von Eugen Richter hat gegen die Aushebung des§ 1 deS Jesuitengesetzes gestimmt. Drittens: Die Darstellung der Verhandlungen des frei- sinnigen Gegenkandidaten des Herrn Raab ist unwahr, und zwar hat Herr Raab diese unwahre Darstellung wider besseres Wissen ge- geben. Vizepräsident Schultz: Hierin liegt eine schwere Kränkung und Beleidigung eines Abgeordneten. Ich rufe Sie zur Ordnung. (Bravo! rechts.) allerdings, daß es auch manchen intelligenteren, politisch gescknlteren Proletariern fo ergeht, wie Heinz Sperber selbst, daß ihm der Humor des„Kubinke" unsympathisch ist. Liegt dock in dieseni Humor so gar kein Kampfzorn, aber umso mehr stille Resignation. Ja, ein Lesebuch für den proletarischen Klassenkampf ist die tragikomische Gesckichte von dem unselig- seligen Frisenrgehilfen Kubinke freilich nicht! Aber dazu taugt überhaupt kein Werk der humoristischen Literatur! Ein so erfreuliches Zeichen für die jugendlich ungestüme Vegeisternng mancher Arbeiter und Arbeiterinnen aber auch diese Abneigung gegen eine humoristische Wellbetrachtung sein mag, so wenig beweist sie doch gegen den Hunior an sich. Es heißt deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn Heinz Sperber aus den von ihm auseinandergesetzten Gründen den„Kubinke" ein„durch und durch schlechtes Buch" nennt. Total rätselhaft ist mir, waS die Schilderung des sozialen Elends der Friseurgehilfen in Sperbers Aufsatz bezweckt. Nirgends ist im„Kubinke" auch nur der leiseste Anhalt für die Annahme ge- geben, daß Hermann das Los der Frisenrgehilfen etwa für ein be- neidenswertes halte. Ja, der Verfasser läßt die zwei oder drei Friseurgehilfcn auch dieses besseren Geschäfts in Berlin W. armselig genug in einer Bodenkammer Hansen. Nirgends wird auch nur mit einer Silbe für die Prinzipale gegen die Gehilfen, für die„Herr- schaften" gegen die Dieifftboten Partei ergriffen. Der Roman will überhaupt nichts die soziale Frage traktieren, sondern nur ein Stück Menschenleben schildern. Ein Stück Menschenleben, bei dem der menscklicke Urtrieb, die Liebe, die Hauptrolle spielt, ein Stück Menschenleben, bei dem sich nicht das Laster erbricht und die Tugend zu Tisch setzt, sondern ein gutes, harmloses Menschen- kind unter die plumpen Räder eines groteSk-brutalen Schicksals gerät. Gerade deshalb ist der Humor des„Kubinke" echt, weil ihm die tragische Note nicht fehlt, weil ihn„sinnige Resignation" durch- zittert. Ganz unwahr ist es, daß der Humor des Romans in Bourgeois- spaßen über Friseurgehilfcn, Dienstboten, Portiers, Briefträger und Schlächtergesellen bestehe. KnbinkeS Prinzipal und die„Herrschaften". die Familien Löwenberg und MarkowSki, werden von dem Lickt des Humors gleich intensiv bestrahlt. Ob der Verfasser deS„Kubinke" und der„Jettcken Gebert" es in seinen Lebensumständen zum „Bourgeois" gebracht hat, weiß ich nicht und kümmert mich nicht; in seinem„Kubinke" ist er es nicht, sondern der Dichter, der alle seine Geschöpfe mit der gleichen Liebe umfaßt. Der Dichter des„Kubinke" hat— dazu hat er seiner ganzen Anlage nach auch schwerlich das Zeug— nicht kämpfende Proletarier, nicht organisierte Friseurgehilfen, nicht zum Klassenbewußtsein er- wachte Dienstboten geschildert, sondern„Gesinde" jenes alten Schlages, wie es das alte patriarchalische System erzeugte. Aber ist schon deshalb ein Dichter ein Bourgeois, ein Spatzmacher des Mast- bürgertums, weil er aus einigen Proletarierschickten Typen heraus- gegriffen hat, die— leider I— noch immer die Mehrheit dieser Schichten bilden? Aber es fällt Georg Hermann gar nicht ein, diese Dienstboten usw. lächerlich oder verächtlich zu machen. Oder ist die derbe Sinnlich- keit der Hedwig, die Lust am Wohlleben und an schicken Kleidern, die bei der langen Emma hervorsticht, etwa an sich ein Verbrechen? Und find nicht vollends die gemütvolle rotblonde Panline und der Ubq. Dr. Müller-Meiiungen(fortfahrend): Im Gegensatz zu Ihrer Beschuldigung hat bei den Wahlen von 1907 der deutsch- soziale Kandidat v. Nichthofcn versprochen, bei Abstinuuungen über das Jesuitengcsetz hinauszugehe», und dafür hat er die Zentrums- stimmen erhalten.(Hörl i hört! links.) Weiter will ich mich mit Herrn Raab und der schöpferischen Tätigkeit seiner Zwergpartei nicht befassen.(Heiterkeit links.) Ich wende mich nun von Unwesentlichem zu Wesentlichem.(Heiterkeit und Sehr gut! links.) Nichts beleuchtet die gegenwärtige politische Situation klarer als das Auftreten des Herrn Erzberger. Das ist genau wieder das Zentrum vom Jahre 1906. Herr Erzberger fühlt sich zurzeit tvieder als der politische Mittelpunkt Deutschlands. Sein Genie umfaßt ja ein noch viel größeres Gebiet. Nirgends in der Welt, nicht in den Vereinigten Staaten, nicht in Asien, bei den Botokudcn, nicht am Nordpol, nicht am Südpol kann irgend etwas passieren, ohne daß Herr Erzberger sein Gutachten darüber abgibt.(Heiterkeit und Sehr gut I b. d. Freisinnigen.) Unerträglich ist Herr Erzberger nach seiner ganzen Vergangenheit als moralischer Zensor, als Erzieher zur Wahr- haftigkeit.(Sehr wahr! links.) In den Broschüren der Herren Erzberger, Müller-Fulda und Lattmann über die Ihnen so un- bequemen Steuern wie die Zündholzsteucr usw. hnufr» sich die Un- Wahrheiten. Herr Erzberger spricht von der„sozialen" Reichssinanz- reform. Dabei lassen sie drei Milliarden von vier im Erbgange übergehenden Milliarden unbe steuert und kratzen die ein- zelnen Mark zusammen durch die dem Volke verhaßte Zündholz- stcucr.(Sehr wahr! links.) Eine so arme Industrie wie die Zündholzindustrie haben sie mit einer Steuer von 200 Proz. des Wertes belegt, so daß große Arbeiterentlassungen notwendig wurden. Ihr neuestes Fraktionsmitglied, Herr Martin Spahn, nannte Ihre„große nationale Tat" jrohe, ungeschickte Stenern, die Talonsteuer bezeichnete er als plumpes Gesetz.(Hört I hört! links.) Freilich, für die Talonsteuer kann man mit einigen antisemitischen Phrasen leicht die Allerdümmsten einfangen. Herr Raab lächelt mich verständnisinnig an.(Große Heiterkeit.) In der konservativen Presse kommt der gesunde Menschenverstand nur mal in der Sonntagsbeilage zutage. Da war in der„Kreuz- Zeitung" in der Fraucnrundschau ein Zwiegespräch„Am häuslichen Herd" abgedruckt. Da belehrt die Frau den Mann, einen k o n s e r- vativeii Abgeordneten, daß die Haushallungskosten durch die neuen Steuern um 180 Mark jährlich verteuert wurden(Hört! hört! links) und sagt ihm: Ich werde mich von den neuen Steuern und Zöllen möglichst zu entziehen suchen.(HörtI hört! links.) Vor den letzten Wahlen hieß es in einer Broschüre des Herrn Erz- b e r g e r: Wenn das Zentrum in alter Stärke wiederkehrt, wird das Volk vor neuen Steuern bewahrt bleiben.(Hört I hört I links.) Damals schrieb Herr Erzberger: Wir sind gegen die Erhöhung der indirekten Steuern! (Lebhaftes Hört I hört l links.) Das ist derselbe Herr Erzberger, der anderen Parteien Inkonsequenz und Umfall vorivirft.(Sehr gut! links.)— Eine merkwürdige Geschichtsklitterung war es. was Herr v. Bethmaun Hollweg über das Verhalten seines Vorgängers vorbrachte. Er sagte, Fürst Biilow habe den Abschluß der Reichsfinanzreform für eine Lebeusforderung erklärt und dieser Forderung seine Person unterworfen. Nein, Fürst Biilow hat durch den damaligen Reichsschatzsekretär wiederholt erklären lasten, daß ohne die Erbschaftssteuer die Finanzrcform für die Verbündeten Re- gierungen unannehmbar wäre.(Sehr wahr! links.) Fürst Bülow ist gegangen, weil er nicht eine Vorlage unterzeichnen wollte, die er für verhängnisvoll und sozial ungerecht hielt. Er sah ein, daß auch die Pflicht gegen den Kaiser die Grenze in seiner eigenen lieber- zeuguug findet und er hat damit konstitutionell gehandelt. Nicht so der jetzige Herr Reichskanzler, der auch Mitglied der Regierung war, welche die Finan, reform ohne die Erbschafts- steuer für unannehmbar erklärt hat.(Sehr wahr I links.) Er hat nach dem Worte gehandelt: Und w> n daS Geld im Kasten klingt, Regierung mit dem Zentrum springt.(Stürmische Heiterkeit.) Aber nicht blos die Finanz- reform hat so tiefe Erbitterung im Volke hervorgerufen, sondern auch das Schicksal der preußischen Wahlrechtsvorlage und die Farce, die sich bei der Besprechung der Borromälts- Enzyklika im Ab- geordnetenhause abgespielt hat.(Sehr wahr! links.)— Mit Herrn Erz- berger erkenne ich an, daß die sozialdemokratische Agitation im Heere ein Unfug ist und eine große Gekahr, der mit aller Schärfe von feiten der Militärverwaltung begegnet werden muß. Aber ebenso bedauerlich ist das Hineintragen konfessioneller Gegensätze in die Armee. Schließlich werde das Zentrum noch katholische Regimenter verlangen.(Heiterkeit.) Die Herren Erzberger und Raab haben wieder das verlogene Schlag- träumerische Kubinke liebe, sympathische Menschen? Daß sie eben Menschen sind, daß die kreuzbrave, ehrlich verliebte Pauline in der Sommerfrische gleichwohl ein wenig mit einem anderen anbandelt und der tiefer veranlagte, fürs„Höhere" schivärmende Kubinke sich durch seinen Autoschal gehoben fühlt— ja ist daS denn nicht echt und allgemein menschlich? Nicht der Dichter setzt diese Proletarier herab, sondern höchstens der argwöhnische Kritiker, der ein Messen mit dem Maßstab armseligster Philister- moral vermutet, wo der Dichter nichts geschaffen hat. als Fleisch von seinem, von unser aller Fleisch, als Menschen, Menschen, Menschen. � Wenn„Kubinke" kein„durch und durch schlechtes" Buch ist, braucht er darum noch gerade kein klassisches Meisterwerk zu sein. Ich halte ihn etwa der„Jeltchen Gebert" für gleichwertig, das heißt für einen der besten deutschen Romane der letzten Jahre, lind es ist mir nur schleierhast, wie Heinz Sperber, der der„Jettchen Gebert" wegen von dem„talentvollen" Autor spricht, den„Kubinke" in Grund und Boden verdonnern konnte, der in seiner ganzen künstlerischen Art ein leiblicher Bruder des sympatischen Jettchenö ist. Immerhin, hätte es sich nur um die Verschiedenartigkcit der literarischen Wertung eines Romans gehandelt, so hätte ich schwerlich hier widersprochen. Aber nicht um eine gleichgültige Differenz des Geschmacks handelt es sich ja, sondern um eine neue ästhetische Klassenkampftheorie. Diese Theorie erscheint mir aber gewaltsam konstruiert und engherzig. Der intellektuellen Reputation der Sozial- demokratie wegen verdient sie mit aller Entschiedenheit abgelehnt zu werden. Mag Heinz Sperber fortfahren, uns von den ästhetischen Scheu- klappen der Bourgeoisie zu befreien. Aber wir bedanken uns gründ- lichst, uns dafür die Scheuklappen unkllnstlerischen Schablonifierens als Merkmal sozialistischer Zielbewußtheit anpreisen zu lassen. H. Ströbel. ES freut mich sehr, daß meine sozialästhetischen Betrachtungen In„parteigeuössischen Kreisen", wie Genosse Ströbel wohl durch ein Privatreferendmn erfahren hat,„manchen Widerspruch gefunden haben". < Ich werde diese?„Referendum" nicht mit den mir gewordenen Zustimmungen zu widerlegen versuchen. Ich bin vielmehr durchaus davon überzeugt, daß Genosse Ströbel mit seinen Ansichten nicht allein steht, weil es bis jetzt leider in der Partei meist Brauch ge- Wesen ist, die verschiedenen Kuustprodukte, Theaterstücke, Romane, Novellen usw. mehr mit bürgerlichen als proletariswen Augen zu beurteilen. Je mehr Entrüstung ich nach dieser Richtung hin hervorrufe, je mehr wird das, wenn auch nicht für mich persönlich, so doch für unsere auf die Kunstgebiete bisher noch wenig ausgedehnte Weltanschauung von Nutzen sein. Denn von einer neuen),ästhetischen Klassenkampftheorie" hören wir nur selten, und ich glaube, daß Genosse Ströbel, der in seiner Eni- gegnung für Sozialdemokraten höchst wunderbare, aber für Literaten nicht sehr neue Meinungen verkündet, uns nicht gleich mit einem Extrazug in das gelobte Land führen wird. Ich sprach so populär wie möglich und selbstverständlich mit Rücksicht auf das Arbeiterpublikum dieses Blattes über den abstrakten Gegenstand Humor. Als Hauptargument gab ich an:„Humor ist die Kundgebung eine? wirklich guten und mitleidigen wort von der freisinnig- sozialdemokratischen Verbrüderung bor- gebracht. Es ist der Gipfel der Heuchelei, wenn man uns vorhält. daß wir in Labiau-Wehlau die Unterstützung der Sozialdemokratie angenommen hätten. Selbst die äußerste Rechte hat wiederholt eine solche Unterstützung nicht zurückgewiesen.(Sehr wahrt bei den Sozialdemokraten.) Zwischen uns und der Sozialdemokratie liegt eine Weltanschauung, die Sozialdemokratie sieht uns lediglich als. kleineres Uebel an, deshalb hat sie uns unterstützt. Das Zentrum selbst hat in Bayern wahre Orgien des Zusammen- gehens mit der Sozialdemokratte gefeiert.(Zuruf links: Das war damals I Damals! Heiterkeit.) Der Herr Reichskanzler hat zum Schluß seiner Rede zu einer Art Sammlungspolitik auf- gefordert. Wir erwidern ihm: Wer gemeinsam arbeiten soll, niuß auch das gleiche Recht verlangen. Diesen Kampf um das gleiche Recht führt der Liberalismus. Auch wir müssen Sammlungspolitik treiben, die Sammlung aller liberalen und demo» kratischen Elemente.(Bravo I links.) In diesem Sinne heißt es für uns, für alle liberal und demokratisch gesinnten Leute: Zurück auf die Schanzen, es lebe der frisch, fröhliche Kampf, der Vater jedes polittschen Fortschritts.(Lebhaftes Bravo I links; Zischen im Zentrum und rechts; erneuter Beifall links,) Vizepräsident Schultz rügt nachträglich den vom Abg. Müller- Meiningen gebrauchten Ausdruck(„Reinlichkeitsgefühl" gegenüber dem Abg. Raab. Abg. Gröber(Z.): Auf die persönlichen Angriffe des Herrn Vorredners gehe ich nicht ein, sie richten sich in den Augen jede? objektiv Denkenden.(Sehr richtig! im Zentrum.) Jede einfältige Acuhcriiiig eines Einspänners in unserer Partei hat Herrn Müller- Meiningen wieder genügt, um gegen uns Material zusammenzutragen.— Herr David hat uns an unseren Autrag zur Sicherung des Wahlgeheimniffes gemahnt. Dieser Antrag ist bereits vom Hause angenommen und wir warten i» Ruhe die Ent- schließung des Bundesrates ab. Wie wir uns zu Aus- n a h m e g e s e tz en stellen, weiß Herr David(janz genau. Der Hauptpunkt der Rede des Herrn Müller-Meinmgen ist der Aerger seiner Person und seiner Partei über den Verlans der Reichsfinanzreform.(Sehr richtig I im Zentrum.) Sie haben sich geärgert und haben auch allen Anlaß dazu. Sie glaubten, eine entscheidende Stellung erringen zu können, und sind dann mit dem Brett, das keine richtige Unterlage hatte, herab- gefallen. Herr Müller-Meiniiigen hat von unserer systematischen Einarbeitung auf die Trennung des deutschen Volkes gesprochen. Ich weise diese Verleumdung zurück.(Unruhe bei den Frei- sinnigen.) Vizepräsident Schultz: Ich verstehe, daß Sie einem Mitgliede des Hauses Verleumdung vorwerfen.(Abg. Gröber: Nur objektiv.(Große Heiterkeit.)) Dann bitte ich Sie, den Vorbehalt zu machen, daß Sie ein Mitglied des Hauses nicht meinen. Abg. Gröber fährt in seiner Rede fort. Vizepräsident Schultz: Sie nehmen also daS Wort Verleumdung zurück. Abg. Gröber: Ich habe das Wort in dem Sinne gebraucht, daß Herr Müllcr-Meiningen wider sein besseres Wissen uns den Vorwurf gemacht hat, daß wir systematisch auf die Spaltung des deutschen Volkes hinarbeiten. Vizepräsident Schultz: Dann muß ich Sie wegen der parlamen- tarisch unzulässigen Aeußerung zur Ordnung rufen. Abg. Gröber: Das ist eine Unterstreichung meines Satzes. Vizepräsident Schultz: Diese Wiederholung der Aeußerung, für die Sie zur Ordnung gerufen sind, muß ich rügen. Abg. Gröber(forlfahrend): Ich begreise nicht, wie Herr Schräder die Existenz der konfessionellen Vereine auf katholischer Seite tadeln kann und nicht auch auf protestantischer Seite.(Abg. Schräder (Vp.): Ich bitte ums Wort. Abg. Frhr. v. G a m p(Rp.): N a ch Weihnachten. Große Heiterkeit.) Der Redner wendet sich dann in längeren Ausführungen gegen die gestrige Rede des Abg. Schräder, dem er die ödeste K u l t u r k ä m p f e r e i vorwirst. Abg. Dr. Frank(Soz.): Sie werden eS verstehen, wenn ich auf die theologischen Debatten, die wir soeben gehört haben, nicht eingehe, jedenfalls sind sie ein neuer Beweis für die Richtigkeit unserer Forderung der Trennung von Kirche und Staat.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Im übrigen kann ich es Herrn Gröber und seinen Freunden nachfühlen, daß sie es mit Freuden sehen, wie die Etntsdebalte von dem politischen und wirtschaftlichen Gebiet auf daS religiös-kirchliche Gebiet abgelenkt worden ist.(Sehr richtig I bei den Sozialdem.) Und auch der Herr Reichskanzler wird sicher eine tiefe innere Freude darüber empfinden, daß der Reichstag über diese Menschen und Humor verlangt den gleichen gesellschaft- l i ch e n Boden." Ferner behauptete ich:„Der bürgerliche Humorist bleibt in der Liebe und Güte seiner Klasse stecken." Jeder denkende Genosse wird mir darin sofort zustimmen, daß diese Aufsasiung unbedingt ein Kind unserer Weitanschauung ist. Ströbel ist nur relativ damit einverstanden. Besser, sagt er wohl an die dreimal, ist anzunehmen, daß der Begriff„Humor" eine„sinnige Resignation" sei. Wenn wir Sozialdemokraten mit dieser Ansfassung einverstanden wären, würden wir weiter kein Wort über die„sinnige" oder „wehmütige" oder„stille" Resignation verlieren, weil eine... resignierte Kunstauffassung vielleicht einem Anhänger Tolstois, aber nie einem überzeugten Sozialdemokraten irgendwie sympathisch sein kann. Und Genosse Ströbel ist hiermit auch soweit einverstanden, daß er nach einer langen Auseinandersetzung selbst erklärt, daß „kein Werk der humoristischen Literatur für den proletarischen Klassenkamps taugt". Schalten wir also die brave, rührselige Re- signatton aus... Und schalten wir etwas anderes dafür ein: bürgerliche und Proletarische Kunst! Nein, sagt Genosse Ströbel: wer bürgerliches Leben wirklich hnmoriftisch zeigt, der ist ein... Dichter. Und der Arbeiter, der das proletarische Leben wirklich mit dichterischem Humor schildert, der ist ein... Dichter. Ich glaube. daß man auf diese Weise genau so schlau behaupten kann, daß ein Bourgeois ein Mensch, daß auch ein Arbeiter ein Mensch ist, daß beide Menschen sind, daß eS deshalb nur Menschen gibt und der Begriff Klassenkampf ein irriger Gedankengang eines gewiffen Herrn Marx ist. Wir aber, die wir einen ernstlichen und nicht zu überbrückenden Unterschied zwischen bürgerlichen und proletarischen Dichtern machen, wir, die wiffen, daß das Proletariat von heute sich noch leider größtenteils mit bürgerlichem Abfall behelfen muß, weil 99 Prozent der sogenannten„Dichter" ausschließlich für ihre eigene untergehende Klasse dichten oder für sich selbst(in einer.Selbstanzeige" im„Literarischen Echo" vom 1. Dezember schreibt der Autor KubinkeS wörtlich:„Zuerst ein- mal fühle ich mich ja nicht als Erzähler von Geschehnissen, sondern als Denier und Schilderer meines eigenenJchS") wir werden uns hüten, in den asten gemüt- lichen Fehler zu verfallen, einen Dichter für eine Art Wesen an» zusehen, das wie jeder atavistische Herrscher von Gottes Gnaden „über alle Weltanschauungen erhaben" ist. Ein humoristischer Dichter unter den modernen Proletariern ist kaum denkbar. Wohl ein leidenschaftlicher oder mit seiner Ironie geißelnder proletarischer Dichter. Und der bürgerliche humoristische Dichter, der Mann „mit Liebe und Güte"(und rührseliger Resignation) ist als Mitglied seiner Klasse allenfalls zu ertragen, wenn er mit seinem Humor die eigene Klaffe vorspottet. Der bürgerliche Humorist vom Genre Georg Hermanns, der von einer Zeitungsnotiz inspiriert(im obenerwähnten„Literarischen Echo" sagt er auch wieder wörtlich:„Was sich mir bot, war eine Zeitungsnotiz...") einen humoristischen Roman in eine andere ihm ganz un- bekannte Klaffe verlegt, und ohne Kenntnis dieser Klaffe Proletarier„humoristisch" behandelt, ist und muß einem guten Sozialdemokraten, der da weiß, wie eS im Volke hergeht, ein Ekel sein. Das ganze Buch Kubinke, das ich als Beispiel herausgriff, gibt, so weit eS über Proletarier spricht, ein ganz erlogenes Lebensbild. Und darum ist der aus diesem erlogenen Lebensbild erbaute Humor, von welchem Stand- Punkt aus man ihn auch betrachtet, abstoßend und eine Beleidigung Debatten ihn und seine Sünde» so völlig vergessen hat.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich will deshalb auf die politischen und wirtschaftlichen Fragen wieder zurückkommen. Die bürgerlichen Parteien haben versucht, sich die Schuld respektive daö Verdienst an der Reichsfinaiizreform wie einen Gummiball zilzuwerfen. Mit Recht ist schon gesagt worden, daß die Fiuanzreform ein geschichtlicher Prozeß ist, über den das Urteil nicht hier im Hause, sondern draußen von der Wählerschaft gesprochen wird. Der Herr Reichskanzler ist für eine Abkürzung des gerichtlichen Versahrens eingetreten. Um so mehr bedauere ick>, daß er dieseu Grundsatz nicht arub überträgt auf diesen politischen Prozeß und dem Volt erst spät Gelegenheit geben will, das Urteil in diesem Prozeß zu fällen.(Sehr gut! bei den Sozial- demokraten.) Er verzögert die Sache endlos, er hat sogar aus- drücklich abgelehnt, zu sagen. unter welcher Parole später der Wahlkampf vor sich gehen soll, mit der Begründung, daß, wenn er seine Parole mitteilen würde, sich sofort die Kritik darauf stürzen würde. Bon dem großen Verttauen auf die Sache der Regierung zeugt eine solche Stellungnahme nicht.(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten.) Im allgemeinen kann man sagen: was keine Kritik vertragen kann, steht unter aller Kritik.(Sehr richtig! bei den Sosialdemokraten.) Einen wesentlichen Teil des Schlachtrufs für die nächsten Wahlen soll ja offenbar der Schutz der nationalen Arbeit bilden. Das ist im wesentlichen ein Schutz der Grundrente, ein Schutz de? Kapitals. Es ist merkwürdig, daß man bei dieser nationalen Arbeit, die ge« schützt werden soll, gerade die Arbeiter nicht mitzählt. Dieselben Herren, die die nationale Arbeit schützen wollen, sorgen ja auch dafür, daß der deutsche Osten durch slawische Arbeiter überflutet wird. Dan» hat der Reichskanzler schärfere Bestrafung der Vergehen bei Streiks usw. angelündigt. Wohl niemals ist eine solche Ankündigung einer Regierungsvorlage erfolgt, ohne daß auch nur der Versuch gemacht worden wäre, Tatsachen z» ihrer Be- griindung vor�ubriugen. Der Reichskanzler muß aus der Statistik wiffen, daß die Bestrafungen der in Betracht kommenden Vergehen in den letzten Jahren geringer geworden sind, obwohl die Staats- anwaltswaften in de» verschiedensten Teilen Deutschlands ihr mög» lichstes tun, die Zahl der Verurteilungen zu vergrößern, indem sie bei den nützlichen Elementen, den Arbeitswilligen, anfragen ob sie nicht die Freundlichkeit haben wollen, fich beleidigt zu fühlen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Trotzdem hält der Reichs- kanzler ein neues Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen für not- wendig. Er kann nicht bestreiten, daß die Entwickelung daS Gegenteil von dem beweist, was er behauptet. Gerade so lange keine Organisationen der Arbeiter bestanden, kamen die Versuche, mit Ge- walt die Lage der Arbeiter zu verbessern, häufig vor. Im Laufe der Entwickelung. wesentlich durch das Verdienst derArbeiter- organisationen, sind die Arbeiter zur Ueberzeugung gebracht worden, daß auf friedlichem Wege die Lage der Arbeiter verbessert werden kann.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Die Be- strebungen, durch Sabotage die Arbeitskämpfe zu führen, haben in Deutschland bekanntlich nicht Eingang gesunden. Das ist nicht das Verdienst der deutschen Regierungen, sondern daS Verdien st der deutschen Arbeiterbewegung.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Eine Arbeiterbewegung wie die deutsche, die erst im letzten Jahre noch durch ihren Kampf gegen das, was der Rechten heilig ist, gegen den Schnaps, ihre Selbstbeherrschung in großartigem Maße gezeigt hat. kann Anspruch darauf erheben, daß sie nicht mit derartigen beleidigenden Ausnahmegesetzen verfolgt wird.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten) Der Reichskanzler hat ursprünglich offenbar gehofft, daß die Begründung ihm geliefert werden würde durch den Moabiter Prozeß. Ich stelle fest, daß trotz des entschiedenen Tones, mit dem der Herr Reichskanzler gesprochen hat, seine Ausführungen von gestern ein Rückzug gewesen sind. Ursprünglich wurde der Staatsanwalt beauftragt, in einer Nachtragsanklage zu behaupten, daß die sozialdemokratische Partei hinter den Unruhen in Moabit stünde, man wollte mit Gewalt aus dem Prozeß einen politischen Tendenzprozeß machen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Nachdem sick, nun gezeigt hat durch un- anfechtbare Zeugen, daß dort für die Polizei und die ReichSbehörde» keine Lorbeeren zu holen sind, hat man sich zurückgezogen, da hat man erklärt, wenn auch kein direkter Beweis zu führen ist, so liegt doch eine moralische Schuld vor. Das Wort„moralische Schuld" in diesem Zusammenhange gebraucht, ist unmoralisch, eS zeugt nicht des erwachten Proletariats, wofür Genosse Ströbel und ich doch schreiben, und zugleich ein kleiner Beweis für meine Behauptung, daß Humor den gleichen gesellschaftlichen Boden ver- langt. Mit vollem Recht hat schon der„Vorwärts" vor Monaten gegen die niederträchtige Weise, mit der in diesem Roman die weiblichen proletarischen Typen„humoristisch" geschildert werden. scharf protestiert. Für uns, für unS Sozialdemokraten, ist Kubinke ein durch und durch schlechtes Buch. Hier spricht nicht der„argwöhnische Kritiker", sondem die moderne, proletarische Lebensanschauung. Und eS ist ein merkwürdiges Symptom, daß während beifpiels- weise ein sehr guter bürgerlicher Kritiker— Willi Rath in der „Täglichen Rundschau" seine Meinung über dieses Buch dahin äußert: „So sicher die meisten Züge aus dem Triebleben des groß- städtischen Gesindes auf Wirklichkeit beruhen, in dieser Zusammen- stellung(zweiundeinhalb rohe Dirnen aus zwei Mädchen auS dem Volke) liegt doch Unwahrheit. Bei stellenweise täuschendem An- schein von objektiver Lebensschilderung wird im Grunde bloß Karikatur gegeben.. gerade von sozialdemokratischer Seite die Lobesposaune über diesen Humor erschallt! Nein, wirklich, die sozialästhelische Bettachtung deS Genossen Ströbel kann man nur mit stiller, finniger, wehmütiger Resignation genießen-- als einen nicht ganz gelungenen humo- ristischen Versuch. __________ Heinz Sperber. Humor und Satire. David und Goliath. Da steht der lange Goliath. Seht nur, wie grimmig er sich hat. Sein Auge rollt in wilder Wut; Nehmt euch in acht, das fetzt noch Blut! Sein Horizont ist rot gefärbt— Paßt auf, der will, daß David sterbt! Schon holt er mit der Pranke aus— Oh Gott, das wird ein schlimmer Strauß! Nanu und ob— kam da was mang?— Der lange Laatsch liegt längelang l Er richtet stöhnend sich empor Und kratzt sich sinnend hinterm Ohr: Hab' ich mich da nicht selbst versohlt? War das zu grimmig ausgeholt? Au— oh— und ah! Ein Schleuderpfeil Fuhr ihm mit Schwung ins Hinterteil. Der Riese schrie: mich zwickt's und beißt's Am Sitz des Philosophengeists I Er seufzte schwer: Nun Wied mir klar, Daß dies des Davids Schleuder war I Er hinkte wehmutsvoll iiack HauS, Da rief man seinen Sieg schon aus. Er nickte: Wenn man'ö recht bedenkt Dem David Hab ich's eingetränkt. Indes: laßt das Triumphgekreisch— Still, denn mich schmerzt mein Sitzefleisch l Vonderza» bon VerantwortlichkeitSgesiM(Sebr lvahr! B.&.So�) Gegenüber diesem Versuch, einer großen Partei ohne Beweis eine Schuld zuzuweisen. sollten sich alle Parteien des Reichstages ohne Ausnahme wenden. Vor allem wäre zu erwarten gewesen, daß das Zentrum ein Wort der Abwehr gegen diese Art des politischen Kampfes von der Regierungsbank aus gefunden hätte. fSehr wahr! bei den Sozial- demokralen.) Man ist im Zentrum offenbar nicht gern daran erinnert. daß es Zeiten gegeben Hat, wo auch dem Zentrum gegenüber von der Regierungsbank ähnliche Töne erklungen sind, wie uns gegenüber, �ch erinnere an jene Tage, wo Bismarck der Zentrumspartei zurief, daß sie den Mörder Kullmann nicht von ihren Rockschößen ab- schütteln können. Ich will Sie daran erinnern, daß Sie damals dieselben Zeichen der Einpörung zum Ausdruck brachten wie gestern wir. Graf Ballestrem rief damals dem Kanzler sein Pfui ent- gegen und Bismarck erläuterte das dahin, daß das ein Ausdruck von Ekel und Verachtung sei. 1874 also zeigte die Zentrums- Partei Zeichen von Ekel und Verachtung gegenüber den Verluch, einer politischen Partei, die Talen eines einzelnen zuzurechnen. Heute hat Ihr Redner kein Wort der Abwehr dafür gefunden, weil der Angriff einer gegnerischen Partei galt. Das ist aber keine Parteisache, sondern Sache des ganzen Parka- m e n t S, sich gegen derartige Uebergriffe zu wehren.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler wollte uns die moralische Ver- antworiung zuweisen. Durch dies Zurückziehen auf das moralische Gebiet hat er zugegeben, daß er kriminalistische Beweise nicht hat. Wohin käme wohl die Regierung, wenn wir ihr gegenüber dasselbe täten, wenn wir bei jedem Diebstahl auS Not sagten, die Regierung trägt die moralische Verantwortung, weil sie durch ihre Politik die Armen in Not und Berzweiflung treibt.(Lebh. Sehr gut l bei den Sozial- demokraten.) Es ist auch hingewiesen auf unsere republikanische Gefininiiig. Ich will schon Gesagtes nicht wiederholen, aber ich will betonen, die UmsMrzvorlage von lSSb ist ursprünglich unter Caprivi verfaßt worden ans persönlichen Wunsch des Kaisers. Auch die Zucht- Hausvorlage ist auf persönliche» Wunsch des Kaisers eingebracht. Die jetzt angekündigte Borlage, welche Umsturz- und Zuchthausvorlage zu einer höheren Einheit verbindet, ist also wohl jedenfalls auch auf besonderen Wunsch des Kaisers zurückzuführen. Ich glaube nicht, daß die monarchische Gesinnung der Arbeiter durch die Koustatierung dieser Tatsache gefestigt wird. sSehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die neue Vorlage soll notwendig Schutz der persönlichen Freiheit. Ich will nicht wiederholen, was gestern zum Nachweis des Terrorismus auf der rechten Seite ge- sagt ist. Aber eö ist doch seltsam, daß die Anwendung terroristischer Mittel immer nur auf feiten der Arbeiter entdeckt wird. Ist eS der Regierung unbekannt, daß die großen Arbeitgeber- verbände, die Existenz ihrer Organisation ausschließlich auf An- Wendung des rücksichtslosesten Zwanges gründen? (Sehr richtig! b. d. Soz.) Vielleicht kann sie uns Mitteilung machen über die interessanten Urteile des Reichsgerichts in Sachen der Spiritusinteressenten. Vielleicht ist ihr bekannt, wie bei der großen BauarbeiterauSsperrun g gerade die kleinen Unternehmer gezwungen wurden, die Aussperrung mitzumachen, wie ihnen gedroht wurde mit der Entziehung der Materialien, mit der Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz.(Lebh. Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Warum zeigte sich nicht damals die Neigung zum Einbringen einer Borlage zum Schutz der persönlichen Freiheit? Was der R e i ch s! a n z l e r als sein Programm, wenn auch nicht als seine Parole angekündigt hat. war weniger interessant als das, was er verschwiegen hat. All die Lobsprüche für den Etat, für die Millionen aus dem Born der Reichsfinanzreform können die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die Balanzierung des Etats nur möglich war dadurch, daß die Regierung ihre großen sozialpolitischen Pläne gestrichen hat. Die Privatbeamten muffen sich klar machen, daß ihre Wünsche das Gleichgewicht des Etat? stören würden, ebenso ist die Witwen- und Waisenversicherung nur ein Schein. Stur eine Jnvalidenveisicherung für sie soll eingeführt werden. Das ist nur ein Spiel mit Worten.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Der Reichskanzler hat auch nicht geantwortet auf die Frage, wie es mit dem Versprechen des preußischen König? zur Aenderung des Wahlrechts steht. Da helfen keine Kompetenzausreden. Das Lächeln des Reichs- kanzlers, fein Augurenlächeln bei dieser Frage, wird dem Volke beweisen, daß er nicht in der Lage ist. das Versprechen deS preußischen Königs einzulösen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) In der Debatte ist auf die nächsten Wahlen hingewiesen. Man meinte, sie werden günstig sein für meine Partei, und Fürst Hatzfeld fand schon den Trost. daß unsere Stimmen zum großen Teil die von Mitläufern sind. Wie kommt eS denn aber, daß jeder. der unrecht zu leiden glaubt, es für selbstverständlich hält, sich uns anzuschließen. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Uebrigens hat gerade die freikonservative Partei weder ein Programm noch Parteimitglieder, sie besteht also nur aus Mitläufern.(Heiterkeit b. d. Soz.) Herr Raab warf uns Uneinigkeit und Mangel an Klar- heit vor. Daö Muster der Einigkeit. Klarheit und Wahrheit müssen wir in seiner Partei suchen.(Schallende Heiterkeit links.) Er ent- rüstet sich, daß einzelne Parteien bei den Wahlen mit uns gehen. Sein Parieigenosse Voigt- Hall hat eS fertig gebracht, an demselben Tage einen Brief an den sozialdemokratischen Kandidaten zu schreiben, und ihn um Wahlhilfe zu bitten und ebenso an den fortschrittlichen. (Große Heiterkeit.) Herr Raab mag also den Erzieher in seiner Partei spielen.(Abg. Raab: DaS habe ich mit Erfolg getan!) Ach ja, nach der Wahl, glaube ich. bereut Herr Voigt-Hall sein Vor- gehen, und als er die beiden Briefe veröffentlicht gelesen hat, hat er sich wohl gesagt, ja, ich bin ein unvorsichtiger Politiker. (Große Heiterkeit! und Sehr gut! links.) Herr Heintze hat hier Dinge vorgetragen, die mit der objektiven Wahrheit nicht im Einklang st ehe n. Aus der Reichsver- bandspresse hat er alles herangezogen, was über sozialdemokratischen Einfluß aus die Kassenvcrwaltungen gesogt ist. Aber auf der Kon- ferenz, die im Jahre 1008 unter dem Borsitze des Reichskanzlers stattfand, waren es gerade die Arbeitgeber, welche ausdrücklich her- vorhoben, die Vorwürfe, die Sozialdemokraten trieben Politik in den Krankenkasien. seien unberechtigt.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Der Kommerzienrat M e n l in Altona hat in der„Arbeitgeberzeitung" ebenfalls einen Artikel im gleichen Sinn geschrieben. Was Abg. Heintze über die Ortskrankeiikaffe in Chemnitz vorgetragen hat. entspricht in keiner Weise der Wahrheit und ist zurückzuführen auf.Enthüllungen" von Leuten, die bald darauf wegen Erpressung zu Gefängnisstrafen ber- urteilt worden sind.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Er hat die Leipziger Dinge ganz entstellt. Von den zirka 400 Angestellten der Leipziger Ortskrankenkasse sind drei Viertel keine Sozialdemokraten.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Die Klage des Vorsitzenden Pollen der war an- gestrengt auf Beschlutz des Borstandes, einschließlich der Arbeit- geber!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Heintze wollte den falschen Eindruck hervorrufen, als ob die von ihm vorgetragenen Dinge in einem rechtskräftigen Urteil ständen. Das schöffengerichtliche Urteil ist nie rechtskräftig geworden, und in der BerusungSinstanz kam ein Vergleich zustande, worin der Beschuldigte den wesentlichen Teil seiner Angriffe als unrichtig zugegeben hat.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Gröber hat auf die an das Zentrum gerichtete Frage geantwortet, das Zentrum sei selbstverständlich nach wie vor Gegner von Ausnahmegesetzen. Aber das hat ja das ganze Hau« und auch der Reichskanzler gesagt. Damit allein sind wir nicht zufrieden. Er hat abgelehnt, sich zu äußern, wie sich das Zentrum stellt zu dem Plan des Reichskanzlers, durch eine Aenderung des Strafgesetzes und Strafprozesses und weiteren Schutz der Arbeitswilligen den gleichen Effekt herbeizuführen wie durch ein Ausnahmegesetz. Nach ihm genügt es, sich zu erinnern, wie sich das Zentrum zum Zuchthaus- und Umsturzgesetz gestellt hat. Aber daraus kann man nicht folgern, daß das Zentrum nach vierzehn Jahren noch der- selben Anschauung ist.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokralen.) Außerdem hat uns Gröber etwas über die angebliche Taktik von damals mitgeteilt, was nicht sehr beruhigend war. Das Zentrum habe damals die Ideen der Umsturzvorlage bis zu ihren Konsequenzen verfolgt. ES habe nicht bloß den Umsturz von unten treffen wollen, sondern auch den Umsturz durch die Wissenschaft, den„Umsturz", den die Herren Professoren, die Dichter an der Religion und dem christlichen Glauben, an dem Unsterblich- keitSglauben usf. versuchen!(Heilerkeit links.) ES war nicht die Schuld des Zentrums, daß die Umsturzvorlage scheiterte, dieses habe auch den Umsturz dazu genommen, der ihm besonders unangenehm sein würde. Nun, wer birgt uns dafür, daß die Re- gieruug nur angesichts dieser Konsequenzen sagt, wir wollen lieber gar keine.Umsturzvorlage. Wer bürgt uns dafür, daß, wenn das Zentrum Strafparagraphen gegen die Wiffeuichaft und die Professoren bekommen kann, daß es dann nicht auch die Umsturz- vorläge dankbar akzeptiert, die gegen die Arbeiter gerichtet ist. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten, Schweigen im Zentrum.) Ich hätte also lieber eine klare Erklärung Gröbers gehört, aber die ist ausgeblieben.— Vom Abg. Heinz e ist dann noch versucht worden. der angekündigten Novelle zum Strafrecht und Strafprozeß jede Spitze zu nehmen, es handele sich lediglich um die raschere Durchführung der Prozesse, die allen zugule kommt. An sich ist es etwas Wünschenswertes, wenn manche Strafprozesse, namentlich ihr Vor- bereitungsstadium, nicht zu lange dauern. Das würde auch den Sozialdemokraten zugute kommen, die oft monatelang in Unter- suchungshaft sitzen müssen.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Aber die Art, wie dies der Reichskanzler hier vortrug, sagte klar, daß man bei Vergehen gegen die öffentliche Ordnung eine Beschleunigung verlangt. Es war nur eine Umschreibung dessen, daß man bei Prozessen gegen Gewerkschaften oder Sozialdemokraten ein abgekürztes standrechtliches Verfahren haben will(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich bin der Meinung, daß die nächsten Wahlen wenn auch nicht eine Götterdämmerung, so doch vielleicht eine Götzendämmerung bringen werden.(Sehr gui I links.) Ich meine, daß die nächsten Wahlen zweifel- los einen Umschwung in unserem politischen Leben herbeiführen können und werden. Notwendig ist dabei allerdings, daßgewisseHerren in diesem Hause nicht weiter Angst vor ihren eigenen Siegen bekommen.(Heiterkeit. Sehr gut! links.) Die Art, wie Abg. Heinze sich entschuldigte, daß die Nationalliberalen sich erlaubt haben, im Osten über die Konser- vativen zu siegen, ist nicht die, wie man politische Kämpfe beginnt, und sie hat mich erinnert an jenen Vers von Wilhelm Busch: „Lauter KlagS- und Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei!" (Große Heiterkeit links.) Die Nationalliberalen sollten doch keine Angst haben vor ihren Siegen im Osten,' wenn es ihnen ernst ist mit ihrem Kamps gegen Konservative und Bund der Landwirte. Die Konservativen haben in ihrer Presse wiederholt dem Kaiser zugerufen: Markgraf, werde hart! Da» ist ein Beweis dafür, wie sehr der politische Kamps die Begriffe ver- wirrt. Die„Deutsche TageSzeiiung" und andere, die diese Wehlaute nach Labiau-Wehlau ausstoßen,(Heiterkeit) werden übersehen haben, daß dieser Ruf ihre bedrängte Situation beweist. Der Schmied von Ruhla, der dem Landgrasen im Schwingen seines Hammers zuruft: Werde hart I beklagte sich darüber. daß"die Edelleute den Namen des Fürsten miß- brauchen und das Volk schinden.(Hört! hört I Heiterkeit.) Er ruft den Landgrafen an zum Schutze und Sie wissen, eS hat Erfolg. Der Landgraf pflügte selbst den Acker und spannte vier Edelleute vor.(Große Heiterkeit links.) Wenn also die Konservativen und der Bund der Landwirte rufen, daß der Landgraf hart werden solle, so wollen sie offenbar ein Verhängnis gegen sich herauf- beschwören, ohne eS selbst zu wissen.(Sehr gut! link«.) Wir rufen keinen Landgraf auf, daß er hart werden möge, uns ist es gleichgültig, ob der Landgraf hart oder weich werden will, der Schmied von Ruhla, der heute seinen Hammer schwingt, schmiedet Waffen für den eigenen Gebrauch, und die Waffen, die er schmiedet, die werden zum Siege führen. Wir sind der Meinung, daß die nächsten Wahlen die Entscheidimg bringen werden, daß eS keine Macht gibt, die den Prozeß nicht nur zur Liberalisierung, nein zur Demokratisierung Deutschlands auf- halten kann.(Sehr wahr I links.) Es hat ein Starker versucht, diese Entwickelung aufzuhalten, es war ein Mann von klugem Geist. Das, was jenem System von Blut und Eisen nicht gelungen ist, das wird auch nicht gelingen dem heutigen System, dem System auS Gummi und Blech!(Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Dr. Delbrück: Die Ausführungen des Herrn Vorredners gipfelten darin, daß der Reichskanzler ein Ausnahmegesetz in Aussicht gestellt habe. Er nahm dabei bezug auf das Gesetz von 1805 und auf das Gesetz von 1803 und wies daraus hin, daß diese Entwürfe durch besondere Ereignisse ausgelöst worden seien, nachher in diesem hohen Hause aber keine Majorität gesunden habe. Er wies auch darauf hin, daß die Gesetze damals einer ausreichenden, tatsächlichen Begründung entbehrten, und er sagte dann, so wird eS auch mit dem Gesetzentwurs sein. der unS jetzt angekündigt wird. Demgegenüber möchte ich fest- stellen, daß der Reichskanzler am Schlüsse seiner Ausführungen aus- drllcklich erklärt hat, Vorschläge zu Ausnahme- a e s e tz e n mache ich Ihnen nickt. Mit dieser SchlußauS- führung deS Reichskanzlers befindet sich auch der erste Teil seiner Rede im Einklang. Der Reichskanzler hat einmal gesagt, eS erscheine wünschenswert, daß bei bestimmten Delikten nach dem Vorbilde anderer Länder ein etwas rascheres Verfahren einirete, als es bei unS ziirzeii der Fall ist. Um dieses Ziel zu erreichen, hat aber der Reichskanzler überhaupt keine Vorlage in Aussicht gestellt. sondern lediglich daran erinnert, daß diesem Hauie bereits seit längerer Zeit der Entwurf einer nenen Strafprozeßordnung vorliegt, in dem für bestimmte Fälle ein beschleunigtes Verfahren vorgesehen ist, und die Hoffnung daran geknüpft, daß es dem Reichstage gelingen möge, diesen Vorschlägen eine zweckmäßige Form zu geben. Ganz allgemein hat der Reichskanzler dann die Frage auf- geworfen, ob sich nicht die Verhältnisse seit Erlaß des geltenden Strafrechts so verändert hätten, daß wirksame Strafbcstimiiiungen zum Schutze des SclbstbestimmungS- rechts, der persönlichen Freiheit und des persönlichen Friedens erlassen werden müßten. Er hat im Anschluß daran auf die allen Herren bekannte Tatsache hingewiesen, daß ein V o r e n t w u r f z u einem neuen Strasrecht ausgearbeitet sei. Er liegt der Oeffentlichkeit schon seit geraumer Zeit vor und ist auch in der sozialdemokratischen Presse schon kritisiert worden. Es handelt sich also nicht um eine besondere neue Vorlage, sondern der Reichskanzler hat lediglich erklärt, daß bei der bevorstehenden Beratung eines neuen Strafgesetzbuches es auch zweckmäßig sein würde, zu prüfen, ob in den von mir näher bezeichneten Materien eine Verschärfung der Strafen notwendig sei. Die Regierungen werden die Kritik, die geübt ist- zu prüfen und demnächst einen Entwurf aufzustellen haben, und wenn er in Ihre Hände gelangt sein wird, dann wird es auch erst möglich und an der Zeit sein, die erforderlichen tatsächlichen An- gaben dazu zu machen.(Beifall rechts und im Zentrum.) Abg. Everling(natl.): Der Ton, in dem Herr Gröber gegen ein fast achtzigjähriges Mitglied des Hauses sprach, war mir sehr peinlich.(Sehr wahr! links.) Herr Gröber hätte niemals annehmen dürfen, daß Herr Schräder verlangt hat, Katholiken dürfen keine Staatsstellungen bekommen; hat doch Herr Schräder selbst für den Toleranzantrag gestimmt. Redner polemisiert des weiteren gegen den Abg. Erzberger und über die BorromäuS-Enzyklika. Abg. Kreth(k.): Der Schlußantrag wäre doch besser an- genommen worden, denn in den letzten vier Stunden ist neues nicht gesagt worden.(Sehr richtig I rechts.) Ich kann nur als gläubiger Protestant mein Bedauern darüber ausdrücken. daß der prote st antische Glaube hier zur Waffe im Wahlkampf erniedrigt wird.(Bravo! rechts.)— Herr Böhme sprach von Beeinflussungen der Beamten zugunsten der Konservativen; nun, in Olctzko-Lyck ist ein Staatsanwalt umhergefahren in einem Auiomobil, auf dem zu lesen war: „Wählt Kochhann!" Herr Müller-Meiningen warf uns vor, die Konservativen wären auf einem dunklen Punkt im Privat- leben des liberalen Kandidaten Wagner herumgeritten; aber es handelte sich dabei nur um eine freundschaftliche Aus- cinandersetzung, die schließlich mit schlagenden Gründen zum Ausirag gebracht wurde.(Große Heiterkeit rechts; entrüstete Zwischenrufe bei der Fortschritts Bolkspartei; Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Schultz: Es geht so nicht weiter; wenn die Glocke des Präsidenten ertönt, verlange ich Ruhe. Abg. Kreth fährt fort, die Wahlpraktiken der Jortfchrittk« Volkspartei und der Naiionalliberalqi zu kritisieren und wendet sich darauf gegrn die Ausführungen der Abgg. Frank und David. Die sozialdemokratische und die ihr nahestehende Presse hat ja schon lange angedeutet, daß die Polizei die Tumulte hervorgerufen habe, um für Ausnahmegesetze Material zu ver- schaffen. Der Kanzler hat gebührend diese Ausstreuung zurück- gewiesen.— Die Sozialdemokraten behaupten, nur theoretisch Republikaner zu sein. Mir ist es aber ganz gleichgültig, ob ich theoretisch oder praktisch geköpft werde.(Hu! hu! bei den Sozialdemokraten.) Von der Meinungsäußerungsfreiheit im sozialdemokratischen Zukunftsstaat gaben die gestrigen Tumult» fzenen einen schönen Vorgeschmack.(Bravo! rechts.) Die Könige von Preußen sind stets die Schirmherren der Schwachen gewesen. Der preußische Staat wird dem Ansturm der Sozialdemokratie standhalten.(Bravo I rechts.) Abg. Raab(Wirt. Vg.): Herrn Müller-Meiningen bemerke ich, daß ich schriftliches Aktenmaierial für alle meine Behaup, tungen habe. Abg. Schräder(Vp.) weist die Angriffe des Abg. Kreth gegen die Volkspariei zurück und betont dem Abg. Gröber gegenüber noch einmal, daß der Modernismus und der Modernisteneid sowie die päpstlichen Enzykliken keineswegs lediglich innere Angelegen- heiten der katholischen Kirche sind. Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte an« genommen. Der Etat wird der Budgetkommission überwiesen. Nächste Sitzung: Dienstag, 10. Januar, nach» mittags L Uhr.(Interpellation Ablaß u. Gen.(Vp.) be- treffend Aufhebung der Zündholz st euer, Petitionen, Rcchnungssachen.) Schluß 10 Uhr._ parlamentarilebes. Ans der RcschSwertzuwachSsteuerkommlssion. Bei der Beratung de« ß SS entwickelte sich in der Sitzung am Mittwoch eine längere und lebhafte Debatte. Schließlich erhält der umstrittene Absatz 2 des§ 66 folgende Fassung: Bei Veräußerungen, die in die Zeit vom 12. April 1910 bis 80. November 1910 fallen, bleiben Veräußerungen, bei welchen der Veräußeriingspreis auf bebaute Grundstücke nicht mehr als 20 000 M.. bei imbebaiiteii Grundstücken nicht mehr als 5000 M. beträgt, für die Erhebung der Zuwach« st euer außer Betracht. Hierauf kam ein zu Beginn der Sitzung von den Sozialdemokraten eingebrachter Antrag zur Verband- lung. der-folgendermaßen lautet: Mit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes wird daö Zllndwarensteuergesetz vom 15. Juli 1 909 aufgehoben. Nach eingehender Begründung durch ein sozialdemokratisches Mitglied wendet sich der S t a a t s» s e k r e t S r gegen den Antrag, weil eine Verbilligung der Z ü n d w a r e n in Aussicht sei. da sich das ZNiidwarensyndikat aufgelöst habe. Die Herren seien bei ihm gewesen und hätten daS Zündholzmonopol oder die Besteuerung der Ersatz» mittel verlangt. Beides habe er. der Staatssekretär, abgelehnt. Der sozialdemokratische Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozial» demokraten und Fortschrittler abgelehnt. Damit ist die dritte Lesung des Gesetze« beendet. unliekt 0X819 Jm Jahr betrag!: der WeLtverbrauch Probukh'on sämmUFAbriken. 1 (Dieses dar/man stolz betonen!) Von Sunlicht Sei/endoppelstäck' Ein Tausend Millionen! Frettag, den 16. Dezember, abends 9 Uhr, im Gcwcrkschaftshause, Engelufer 15, Saal 1: Tagesordnung: Der Kampf der Gemeiuden gegen den Alkohol. Referent: Genosse Redakteur Ernst Mehllch ans Dortmund. Dir sozialdemokratische» Gcmcindevertreter sind hiermit freundlichst eingeladen. Hei» k Eintritt 1« Ei. 295/2 Der Einberuser: Paul Frenzel, Lichtenberg, Bürgerheimstr. 91. Zlrbettsnactiweis: Hos l. Amt 3. 1239. BerwaltungSsteNe Berlin. Hauvtdurea«- vbantsetraSo 3. Hos III. Ämt Z. 1987. Sonntag, 18. Dezember, vormittags 10 Uhr bis nachm. 1 Uhr, findet die Aahl von vier neuen Angestellten in folgenden Lokalen statt: ssseioroNSlli8 feslsale,«�«»s-tr.«. Wernickes Feslsäle, Ackermr. 133. Voigt-Theater, sadstr. s». Hönischs Restauranl, wicueptstp. s. Obigios Festsäle, schwedtep stp.«s. Karsowskys Restaurant, stpaB««». Rosenthaler Hof, Bosenthalep Straße 1118. Laehnichts Restaurant, Ma«tp. isv. Kronen-Brauerei, AitMoab« 47/4». Gewerksehaftshaus, Enseiaiep is.«»»i Berchts Festsäie, mttepstpaße ys. Heitmanns Feslsäle, schnaieinstP.«. Wiemers Restaurant,»m«�stp. s«. LitfinS FeStSäle, Memelep Stp.«7. Boekers Feslsäle, weberstp. i?. Rummelsburg, BlUuies Restaurant, Aitsoxhagea so. Ripdorf, Hoppes Festsäle, Hermannstp. 4». . jelis Restaurant, Bibe.tp.8. do. RUekheims Restaurant,»s. Tempelhof, Wilhelmsgarten,». Gharlottenburg, Volkshaus,««siaea.tp.». Köpenick und Friedrichshagen. Lehmanns Restaurant, Bttfn kS�I.44 Steglitz, Clements Restauranl, i»«??«istp.?. Ädlershof, Reslels Restaurant, Epiedei.-tp.i4. Ober-Schöneweide, Weißensee, Peukerts Restaurant, cba�-lf'ss. Pankow, Rozyckls Restaurant,«r«°-stp.».4. Spandau, Ruths Restaurant, Lindenuiep 17, Tegel, Halfers Restaurant, epanowstp.«a. öljne Mitgtikdstinch kann niemand mahlen! Die Stimmzettel werden am Eingang z« den Wahllokalen verteilt. Wahlleiter ist der Kollege Emil«eisiep, Charittstr. 3. |d)tiiii0, Erwerdslist(fitankt)! Der Weihnachtsseiertage wegen findet die Auszahlung der Kranken» «Nteriliitzung wie folgt statt: � � Für den 23. und 24. Dezember am Freitag, den 23. Dezember, , 25.„ 26.„» Sonnabend, den 2t. Dezember. Am Sonnabend, de» S4. Dezember, bleibt das Bureau von IS Uftr ab geschlossen. Für den 27. Dezember(3. Feiertag) wird am 27. Dezember biZ 1 Uhr gezabit Nachmittag geschlossen. Für den 30. und 31. Dezember am Freitag, den 30. Dezember. Für de» 2. Januar 1911 am Sonnabend, den 31. Dezember(Silvester) VIS 1 Uhr. Nachmittag geschlossen. An, Montag, den S. Januar, bleibt das Bnrea» wegen Quartalsschlusi den ganzen Tag geschlossen. Wegen der Quartalsabrechnung werden die Mitgliedsbücher der kranken Kollegen eingezogen, und ersuchen wir, bis zum 31. Dezember d. I. das fällige Krankengeld abzuheben. Ausgeschlossen davon sind die- jenigeu Kollegen,'welche sich in Krankenhäusern oder Heilstätten befinden und ihre Unterstützung erst nach Beendigung der Krankheit abheben. lsietZllsrbeiter.liotiZlislenckel' INI Stück 6« Pf. find im Bureau und bei den Bezirkskassierern zu haben. ,91/2 vie Optsverwaltnng. Deutsclier Tabakarbeiter-Verband. Zahlstelle Bcpiin. Freitag, den 16. Dezember, abends 8'/. Uhr, in de« Musikersälen, Kaiser-Wilhelm-Straße 18m: Hfl iigliedei«- Versa mm lung. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom 3. Quartal 2. Unsere Ausgaben in der jetzigen Situation. 3. Verschiedenes. DM- Ras Epseheiaeii aller Ältgllcder ist geboten."81 187/16*__ Die Ortsverwaltung Filiale Berlin. Morgen Freitag, den-16. Dezember 191«, abends 6 Uhr, lim Gewerkschaftshause, Engelufer 15(grotzer Saal):, �, Mitglieder=V ersammlung. TageS-Ordnung: 1. Vortrag beS LandtagSabgeordneten Genossen Adoli Hoffmann über:„Göttliche Weltordnung oder Kapitalistische Unordnnng«. 2. Ergänzungswahl der Lohnkommission. 3. Verschiedenes. 191/4 - Ansang präzise. SS* Zahlreichen Besuch erwartet _ Der Vorstand. Dr. Sitinmel Spezial-Arzt* für Haut» und Harnleiden. Prinzenstr. 41, lÄam 10—2, 5—7. Sonntags 10—12, Moritzplatr, 2-4 Dr.Schünemann Spezialarzt für Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten, 6612* jetzt Oranienstr. 139, gegenüber fiommanbantcnf trage. 10—2, 5—7, SonntagS 10—12. Sugendaussehuß für Groß-Berlitt. Sonntag, den 18. Dezember» abends 6 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 68—39: lugend-Versammtung. Vortrag des SchriststellerS Helnriob Sebain: Was ist uns Weihnachten? 295/1* Gesellige Unterhaltung. Garderobe 10 Ps. Nach dem Vortrag: ZzM- Der Eintritt ist srei.-7> Alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen sind zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen�_ — a l'SO M.; lO Jahre Garantie. Fast vollst. ÄesBBälC schmerzlos. Zahnziehen 1 M. Plomben 1,50 M. Zahnärztliches Institut, Potsdamer Str. 55(Hochbahnstation). 9—7 EThr. MM- WM ; 5' ■ MM . MM r,■■■>* Mß MMA» b tem i M Die Süßten Künstler der Welt haben für das Reperto!r dei> Pathd-Platterv gesungen und gespielt, welche durch Ihre unerreichten Vorzüge: kein Nadelwechsel• keine Plattenabnutzung eine Umwälzung auf dem ganzen Gebiete der Sprechmaschine bedeuten. D er Gipfel der Vollkommenheit ist erreicht! Es gibt keinen Naöelwechsel und keine Platten» abnutzung mehr! Das sind die eminenten Vorteile der Pathe-Platten, deren Siegeszug durch die ganze Welt durch nichts aufgehalten werden kann! Pathe-Platten werden mit einem unzerstörbaren Saphirstift gespielt, vermeiden mithin den kostspieligen und lästigen Nadelwechsel und nützen sich im Gegensatz zu Nadelplatten niemals ab. Die Überlegenheit des niemals auszuwechselnden Saphirstiftes gegenüber der ständig zu erneuernden und trotzdem jede Schallplatte dauernd angreifenden Stahlnadel istjn die Augen springend. 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PathS» Platten sind Original-Aufnahmen, wovon sich außerdem|eder Interessent durch unsere risikofreie Probesendung selbst überzeugen kann. jikumiwortlictjec Redakteur Richard BarlH, Berlin, pr deo Hiifergtcntejl ectgjittoj TH.Glvcke, Berlin. Druck u. Verlag: VprwärtH jvuchdrvckerej ij, VerlagSanftalj Paul Singer& Berlin SW, |t. 298. 27. Iahtgllv?. 2. KrilliP dtt.loriüärtü" Itrliitft WlllsM Dolllltlstag, 15. Atzeikber 1910. derfaht habe, welcher g e r i ch t" bei Pilz daß er den Bericht Sie ffioabiter Vorgänge vor l-ericht. Eechsundzwanzigster Tag. Rechtsanwalt Th. Liebknecht fragt in der gestrigen Sitzung den Zeugen Steinberg, ob e r den Zeitungsbericht den Fall Wellschmiedt als ein.Fem- schildert.— Der Zeuge gibt zu, verfaßt hat, er glaubt aber, die Ueberschrift rijhre nicht von ihm ber. Seine Äorrespondenz werde so abgefaßt, daß sie von den Zeitungen aller Parteien benutzt werden könne.— Rechtsanwalt Liebknecht macht darauf auf- merksam. daß der Bericht nichts davon sagt, daß Wellschmiedt bei Pilz zu essen und zu trinken bekommen hat, was Steinberg doch wissen mutzte, wenn er die Sache so sorgfältig unter- sucht hätte, wie er angab.— Der Zeuge sagt, es könne möglich sein, daß er dies Moment im Drange der Arbeit übersehen habe.— Rechtsanwalt Heine fragt den Zeugen Stemberg, wie viele Menschen am 27. September an der Ecke der Sickingen- und Brüssel- straße ein Arbeiterlied gesungen haben.— Zeuge: Meiner Meinung nach die ganze aus 2— 3000 Personen bestehende Menge, wie ich schon' gesagt habe.— Rechtsanwalt Heine beantragt, den .BorwärtS�-Berichterstatler Reinke als Zeugen zu vernehmen, der denselben Vorgang beobachtet hat und bekunden wird, daß nur 3—4 Betrunkene sangen.— DaS Gericht behält sich den Beschluß vor. Hierauf wird der Zeuge Gill vernommen. Es ist der Mann mit dem Stelzfuß, der sich nach Angabe anderer Zeugen unter einen Wagen verkrochen hat, nachdem er mit dem Säbel geschlagen wurde. Der Zeuge sagt, er ging an dem betreffenden Tage durch die Sickingeustraße, wurde von einer Schutzmannskette überholt und bekam von einem Schutzmann einen Stoß, so daß er bcsiiuiungslos niederfiel. Er wurde in ein Haus getragen. Nachdem er wieder zur Besinnung gekommen war, ging er auf de» Rat anderer Leute zu einem Polizeileutnant, um sich wegen der Mißhandlung zu be- klagen. Der Leutnant wies ihn nach der Wache auf dem Kohlen- platz, er solle sich dort melden. Als er dorthin kam und zu zwei an der Tür stehenden Schutzleuten sagte, der Leutnant habe ihn ge- schickt, bekam er wieder einen Stoß von einem Schutz mairn, daß er gegen den Zaun flog. Der Zeuge weiß nichts davon, daß er unter einen Wagen gekrochen ist. Er sagt, von dem Augenblick an, wo er besinnungslos niederfiel, wisse er nichts mehr, er könne nicht einmal sagen, wie er nach Hause gekommen sei. Dessen entsinnt sich aber der Zeuge, daß er zu der in Frag« kommenden Zeit das Zigarrcugeschäfl von Noa betrat und durch seine zerrissene und beschmutzte Kleidung Aufsehen erregte.— Der Zeuge Roa erkennt den Zeugen Gill wieder, er kann aber nicht sagen, ob eS derselbe ist. der unter den Wagen kroch und mit dem Säbel hervorgestochert wurde.— Schutzmann I g n a i gibt an, er habe den Zeugen Gill in der Menschenmenge gesehen und be- leidigende Worte aus seinem Munde gehört� er habe Gill nicht ststiert, weil er ein Krüppel sei, er habe ihm nur gesagt, er solle nach Hause gehen.— Der Zeuge Gill weiß nichts davon. Nunmehr werden noch einige Zeugen zum Falle Pilz vernommen. Glasermeister M a ch u n d e sagt, er sei auf dem Bau mit z»et Rohrlegern im Gespräch über die Moabiter Vorgänge in Streit geraten. Die Rohrleger hätten gesagt, sie würden auch nach Moabit gehen, die Schutzleute müßten niedergestochen werden usw. Er sei am 27. September nach Moabit gegangen, um zu sehen, ob die beiden Rohrleger da wären und ob sie ihre M o r d p l ä n e gegen die Schutzleute ins Werk setzen würden. Eriorderlichenfalls habe er verhindern wollen, daß sich die beiden Rohrleger unglücklich machten. Bei seinem Streifzuge durch Moabit sei er in das ihm bis dahin unbekannte Lokal von Pilz gekoinmen. Er habe gesehen, daß mehrere Personen einen jungen Mann hereinbrachten und aus ihn schimpften. Sie sagten, er solle ihnen nicht in den Rücken fallen und einer sagte:„Wenn Du Aas nicht aufhörst, schlagen wir Dir die Knochen entzwei." Ein anderer habe dem Wirt zugerufen:„August, lang' mir mal den Gummi schlauch her l" Darauf habe Pilz einen Gummischlauch hervor geholt. Jetzt schien dem Zeugen die Situation gefährlich, er ver- ließ deshalb das Lokal. Zwei Tage später— sagt der Zeuge— sei er wieder in das Lokal von PUz gegangen. Da sei viel geschimpft worden, auch der Wirt habe geschimpft. Aus dem Hiuterzimmer seien zwet Arbeitswillige gebracht worden. Sie seien umringt lvorden. man habe auf sie geschimpft und verlangt, sie sollten aufhören. Man habe ihnen andere Arbeit versprochen, aber einer der Arbeitswillige» habe gesagt, man möge ihn doch noch bis Sonnabend bei Kupfer arbeiten lassen. Man habe dem Arbeitswilligen zugerufen:„Willst Du nun aufhören oder nicht." Dabei sei er geschubst und ans die Füße getreten worden. Nun sei der Zeuge hinzugetreten und habe den Leuten vorgehalten, es sei nicht recht, die Arbeitswilligen so zu behandeln, in Güte würden sie es besser machen. Da habe der Budiker dem Zeugen zugerufen:„Du rothaariges AaS, wenn Du nicht stille bist, kriegst Du erns ins in die Fresse." Da habe er— der Zenge— von einigen Leuten ein paar Schläge inS Genick be kommen und sei hinausgedrängt worden. In der Tür sei Pilz erschienen, habe ihm mit einem Gummischlauch gedroht und gerufen:„Du Achtgroschenjunge, komm' nicht noch mal in mein Lokal."— Angekl. Pilz: Ich habe diese» Mann nie ge- sehen» er war nie in meinem Lokal. Ich habe noch nie einen Menschen bedroht oder beschimpft. Was der Zeuge sagt, das ist eine Lüge.— Der Zeuge M a ch u d e bleibt mir voller Bestimmtheit bei seinen Angaben.— Rechtsanwalt Liebknecht weist darauf hin, daß Pilz nicht August, sondern Fritz mit Vor- nainen heißt. Frau Bösenberg, die Hauswirtin der Mutter Wellschmiedt?, gibt an, daß ihr diese sehr ungünstige Mitteilungen über den Charakter WellichmiedtS gemacht hat.— Frau Man topf, eine Schwester Wellfchmiedts, schildert diesen ebenfalls als einen unglaubwürdigen und unmoralischen Menschen. Er fei in einer Erziehungsanstalt gewesen, weil er sich die Rächte herumgetrieben habe und ein Haus anstecken wollte. Hauptsächlich wird dre Zeugin vernommen wegen der bereits früher erörterten Unterredung mit Wellschmiedt am 9. Oktober, wo ihn seine Mutter und Schwestern zur Aenderung seiner Aussage zu verleiten versucht haben sollen. Frau Manko pf sagt, Wellschmiedt habe bei dieser Unterredung behauptet, bei seiner polizeilichen Vernetz- mung hätte ihm der Kriminalbeamte gesagt, er solle nicht sage», daß er nur mit den Händen geschlagen Uinrde, sondern er solle sagen, die Leute hätten ihn mit Gummischläuchen über den Kopf geschlagen. Daranf habe sie zu ihrem Bruder gesagt: So siehst Du doch nicht aus, als wenn sie Dich mit Gummi- schläuchen geschlagen haben, an Dir ist ja nichts zu sehen. Bedenke, daß Du vor Gericht schwören mußt und sage die Wahrheit. Darauf habe Wellschmiedt gesagt: Ich weiß, was ich zu sagen habe, mir ist es ganz egal und wenn sie zehn Jahre lriegen. Frau Lücke, die Mutler Wellschmiedts, macht ebenfalls sehr «»günstige Angaben über dessen Charakter und sagt unter anderem, daß Wellschmiedt sie schon öfter geschlagen hat. Zwei Zeugen, die zum Fall Ticdemann-Merten vernommen werden, geben an, daß zwar aus der den Kohlenwagen begleitenden Menge geworfen und gerufen wurde, Merten aber habe nicht ge- warfen. Auf Antrag des Rechtsanwalts Heinemann wird der Angeklagte Hermann Weiß aus der Unters, ichungshaft gegen eine Kaution von 2000 M. entlassen. Hierauf wird die Erörterung der allgemeinen Situation wieder aufgenommen. Der 10 jährige Gymnasiast Emil Daberkow, der Sohn des früher vernommenen Kammergerickitsrats Daberkow hat gesehen, daß Schutzleute auf die Menge schlugen ober, sagt er, die Schutzleute seien dazu gereizt worden, denn die Menge habe sie fortgesetzt verhöhnt. Daß Steine nach den Schutzleuten geworfen wurden, hat der Zeuge n i ch t gesehen. Ein- mal sah er einen Schutzmann mit verbundenem Kopfe aus einem Krankenbause kommen. Da habe jemand aus der Menge dem Schutz- manu zugerufen: Das ist Dir recht, DuAas, Du mußt noch mehr kriegen! Bei einer anderen Gelegenheit sah der Zeuge einen Mann, der aus einem Geschäftslokal kam. Der Mann wollte sich, wie der Zeuge sagt, auf einen Schutzmann stürzen und die Frau habe den Mann nur mit Mühe zurückhalten können. Trevor, königlicher Förstera. D., hat von seiner Wohnung in der Bredowstraße aus folgendes beobachtet: Mehrmals wurden die wenigen Menschen, die auf der Straße waren, von Schutzleuten Vertrieben. Als die Straße völlig menschrnleer war, kamen vier Pesouen, die vor den Beamten, welche kurz vorher eine Attacke gemacht hatten, flüchteten. Als sie an die Straßenecke kamen, stürzten vier Schutzleute auf sie. Ein Schutzmann rief: Was ist hier los? Gleichzeitig schlug er einen der Fliehenden mit dem Säbel nieder. Der Anblick war so fürchterlich» sagt der Zeuge, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. An der Stelle, wo der Mann nieder- geschlagen wurde, hat der Zeuge am folgenden Tage eine Blutlache von 80 Zentimeter im Durchmesser gesehen. Als der Flüchtling den Schlag mit dem Säbel erhalten hatte, taumelte er und fiel dann mit den, Kopf vornüber an eine eiserne Jalousie. Auch jetzt»och schlugen die Schutzleute auf den Man» ein und zwar mit solcher Wucht, daß der Zeuge aus seinem in der zweiten Etage liegenden Ballon die Säbel- hiebe durch die Luft sausen hörte. Einer der Säbelhiebe traf die eiieuie Jalousie und ein langer Feuer strahl wurde sichtbar. Der Geschlagene raffte sich auf und lief in rasender Flucht davon. Einige Schritte weiter traf er auf andere Schutzleute, die ihn nochmals schlugen. Zimmernleister Otto, ein alter Herr, erzählt in an- schaulicber Weise einen sclbsterlebten Vorgang. Er wollte seine Frau vom Bahnhof Beusselslraße abholen, sah aber, daß die Straße durch Schutzleute abgesperrt war und z.og es deshalb vor, in das Lokal von Landsrat, Ecke Siemens- und Beusselstraße einzukehren. Der Wirt hielt die Ladentür zu und ließ niemand hinein. Der Zeuge aber fand Einlaß, weil er dem Wirt bekannt war. Im Lokal waren etwa acht Gäste, darunter fünf Handiocrksmcister, die dem Zeugen persönlich bekannt sind. Der Zeuge nahm in der Nähe der Tür Platz. Draußen waren eine Menge Schutzleute unter dem Kommando eines Lentnaiits. Der Leutnant hob den Arm, die Schutz- lcute stürzten nach verschiedenen Richtungen. Ein Teil der Schutzleute und der Polizei leutnant kamen in das Lokal, Ivo sich der Zeuge aufhielt. In dem Augenblick, wo die Beamten das Lokal betraten» rief der Lcut- nant Raus! und ein Schutzmann rief: Haut die Hunde oder Haut die Bande! Diese Aufforderung wurde nun auch sogleich ausgeführt. Der Zeuge Otto bekam schnell hintereinander drei Säbelhiebe über das Kreuz und cincn Hieb über die linke Schulter. Er wandte sich an den Polizcileutnant und bat ihn um Schutz, denn er sei ein ehrbarer Bürger. Darauf entfernte sich der Schutzmann von ihm. Wäre ich nicht zum Leulnant gegangen, sagt der Zeuge, dann würde mich der Schutzmann vielleicht totgeschlagen haben. Der Zeuge ist infolge dieser Prügel und der Aufregung längere Zeit krank gewesen und leidet, wie er sagt, heute noch an den Folgen des Ileberfalles. Auf eine Frage des Rechlsanwalts Heine anlworlet der Zeuge, er stehe der Sozialdemokratie fern und gehöre keiner politischen Partei an. Er sei ein ehrbarer Bürger und würde nie daran denken, der Polizei etwas in den Weg zu legen. Umsomehr habe ihn die Behandlung, die ihm widerfuhr, aufgeregt. Graveur Paul Kluge, ein bekannter christlich« sozialer Agitator und Versammlungsredner, ist an mehreren Tagen nach Moabit gegangen und hat sich dort von vormittags 10 Uhr bis nachmittags 3 Uhr aufgehalten. Da zu dieser Tageszeit im allgemeinen überall Ruhe herrschte, so hat der Zeuge natürlich nichts auf der Straße gesehen, trotzdem hat er sich bei der Polizei als Zeuge gemeldet. Er bemüht sich nach Kräften und mit dem an ihm bekannten Wortschwall. der Polizei das beste Zeugnis anSzustellen, AuS der Rede, die Herr Kluge vor Gericht hielt, ist zu entnehmen, daß er seiner bekannten Gewohnheit, als Reakcionär und Feind der modernen Arbeiterbewegung zu wirken, auch in Moabit wen geblieben ist. Da er auf der Straße nichts sah, besuchte er verschiedene Schanklokale. Da hörte er, daß sich die Gäste über die Slraßenvorgänge unterhielten und das Verhalten der Polizei kritisierten. Herr Kluge mischte sich in die Unterhaltung der Gäste und betätigte sich als eifriger Anwalt der Polizei. Begreiflicherweise wurde er deshalb von den Gästen mit mißtrauischen Blicken betrachtet und für einen Polizeispitzel gehalten. Das wurde ihm auch öfter deutlich zu erkennen gegeben. Herr Kluge zog sich dann zurück und setzte seine Tätigkeit an anderen Stellen fort. Einmal hat Herr Kluge gesehen, daß ein borübersahrender Kohlenwagen von dem Publikum mit Johlen und Pfeifen begrüßt wurde. Als der Wagen mitsamt dem Publikum vorüber war und t ein reitender Schutzmann eine Bewegung machte, als ob e eine aufdcn, Bürger st eig einzeln gehende Frau attackieren wollte, gab das Publikum sein Mißfallen hierüber zu erkennen. Herr Kluge aber Verteidigte die Polizei und nun wandte sich der Unwille des Publikums gegen ihn und er drückte sich. Ihm ist auch bei dieser Gc legenheit kein Haar gekrümmt worden. Herr Kluge findet, daß sich die Polizei viel zu nihig verhalten habe. Wenn er, so sagt er ausdrücklich, Schutzmann gewesen wäre, er hätte es nicht ruhig mit angesehen» daß die Menge die Polizei verhöhnte, obgleich er nicht Schutzmann ist, kribbelte cS ihm schon jetzt in den Fingern und er wäre der Polizei am liebsten mit gutem Beispiel vorangegangen und hätte auf die Menge losgeschlagen. Daß Schutz- leule blank gezogen hatten, hat Herr Kluge nie gesehen, Er erklärt es für unerhört, daß viele Zeugen in Moabit Janhagel gesehen haben. Er selbst habe keinen Janhagel gesehen, sondern nur Leute, die bei den Wahlen für die Sozialdemokratie stimmen. Gekannt hat er aber keinen von den Leuten, die er in Moabit sah. Die von der Sozial- demokratie infizierten Weiber seien die schlimmsten gewesen. Sie hätten auf der Straße immer die ausfallendsten Bemerkungen gemacht. Auf die Frage des Lorsitzenden, wie eS kommt, daß Herr Kluge sich als Zeuge gemeldet habe, auiwortet Herr Kluge. weil hier so exorbitante Sachen zum Ausdruck gebracht worden seien, so habe er sich verpflichtet gefühlt, sich als Zeuge zu melden. Die. Sozialdemokratie bringe ja so viele Zeugen auf, weil überhaupt in den Werkstätten von der Sache gesprochen wird, und jeder, der etwas wisse, gedrängt werde, sein Zeugnis abzugeben. Der Zeuge macht hierauf längere Ausführungen über seine Ansicht von den Be- ziehungen der Sozialdemokratie zu den hier behandelten Angelegen- heiten. Nachdem er längere Zeit seinen politischen Einpfinduugen in unerschöpflichem Redeschwall Ausdruck gegeben hatte, bemerkt Rechts- anwalt Heine: Nun hören Sie aber aus! Der Vorsitzende sagt hierauf lächelnd: Aber, Herr Rechtsanwalt, das ist dach meine Sache, zu sagen, hören Sie auf.— NechtSaniv alt Heine: Der Zenge redet schon lange nicht mehr von dem, was er gesehen hat» sondern er hält ein Plaidoycr für die Polizei und bringt seine politische Meinung zum Ausdruck, daS muß doch wirklich aufhören! Der Redestrom des Herrn Kluge war nunmehr erschöpft und der Zeuge trat ab. Malermeister Kreuz sagt, er habe gesehen, daß bei den Ansammlungen ans der Straße junge Leute inir Steinen warfen, die ihnen von anderen zugetragen wurden. Daß jemand durch Steinwürfe getroffen wurde, hat der Zeuge nicht gesehen. Eine Menschenmenge sei die Straße entlang gekommen und habe sozialdemokratische Lieder gesungen. Laternen seien von Jungen? ausgedreht worden und Blumentöpfe seien aus den Fenstern geworfen. Gerichtsaktuar Schur stand an einer Straßenbahnhalte- stelle in der Turmstraße und zwar ganz allein nur in Vcgleitnng eines Freundes. Da kam ein Schutzmann und schlug den Zeugen mit dem Säbel. Als er darauf etwas sagen wollte, bekam er noch zwei Säbel- hiebe. Damit schließt die Sitzung. Am Donnerstag fällt die Sitzung aus. Am Freitag 9 hg Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt. Die Höffe von MeMchin. Dritter Tag. Der Angeklagte Lang, der cmi ersten und zweiten Tage gefehlt hatte, war gestern zur Stelle. Für ihn muß die Verhandlung wiederholt werden; eine besondere Sitzung wird zu diesem Zweck auf Donnerstag 10 Uhr anberaumt. Für gestern waren geladen unter anderen als Sachverständiger und Zeuge der Arzt Stadtverordneter Dr. Bcrustein-Berlin, der die Anstalt Mieltschin im Auftrage der Waisenverwaltung revidiert hat, als Sachverständiger der Arzt Dr. Seclig aus der Irrenanstalt Herzberge, der die ärztliche Aufsicht über das Erziehungshaus Lichtenberg führt. Von den als Zeugen geladenen Fürsorgezöa- lingen fehlen mehrere, die nicht zu ermitteln waren. Die Beweiserhebung wendet sich dem Fall GraSke zu. an dem Vreithaupt und Engels beteiligt sind. Zögling Clraske war aus Mieltschin entflohen und bekam nach seiner Wieder- crgreifung auf Breithaupts Befehl von Engels 50 Peitschenhiebe. Breithaupt will das damit begründen, daß Graske ihm aus den Akten als besonders gefährlicher und auch sittlich nicht einwand» freier Bursche bekannt gewesen sei, wenn er auch gegen sein Ver» halten in der Anstalt sonst nichts habe einwenden können. Die An- klage behauptet, Br. habe am anderen Morgen, weil er bei dieser Züchtigung nicht selber zugegen gewesen war, Gr. nochmals züchtigen lassen. Ar. weiß davon nichts; wenn Gr. nochmals geschlagen lvorden sei, so habe er sich eben nochmals etwas zuschulden kommen lassen. Engels bestätigt, dnß er auf Br.s Befehl schlug. Besonders kräftig habe er aber nicht geschlagen, denn er, Engels, habe ja „nichtö weiter gegen ihn gehabt". Gr. sei nachher mit der Fußkette gefesselt und zur Arbeit geschickt, ober nicht in der Nacht im Arrest angeschlossen worden. Das ist auch Wendlauds und Wrobels Meinung. Zeuge Graske, der jetzt 20 Jahre alt ist, bekundet, er sei nach seiner Wiedereinlieferung von Pastor Breithaupt gar nicht erst nach dem Grund seiner Flucht gefragt, sondern sofort dem Inspektor Engels zur Züchtigung überwiesen worden. Durch die 50 Peitschen- hiebe, die er selber zählen mußte, seien wunde Stellen entstanden. loenigstens habe er das später aus der Verschorfung geschlossen. Nach der Bestrafung habe er in Hose und Hemd barfuß zur Arbeit gehen müssen und die Hose habe er dabei mit der Hand festhalten müssen, weil die Knöpfe abgeschnitten worden waren, um eine noch» malige Flucht zu verhindern. Für die Nacht sei er im Arrest so nngcschlofsc» worden, daß er sich nicht legen, sondern nur auf einem Eimer sitzen konnte. Drei Nächte habe er im Arrest zugebracht, dann habe er wieder in seinem Bett schlafen dürfen, doch sei ihm auch da noch während der Nacht ein Bein an das Bett angeschlossen worden. Als Mitglied der Strafkolonne habe er zwölf oder wenigstens zehn Tage hindurch weiter nichts alS Wasser und Brot genossen. Er habe nichts anderes zu essen genommen, weil er wußte, daß er anderes nicht nehmen durfte. Während der Arbeits- pausen habe er sich nicht setzen dürfen, und das sei das Schlimmste gewesen, denn die Arbeit habe ihn sehr ermüdet. Man habe ihn bei der Ausräumung eines Teiches beschäftigt, aber trotz der Durchnässung seiner Hosen habe er in ihnen die Nächte ini Arrest ohne Decke zubringen müssen, so daß er davon das Reißen be- kommen habe. Später habe Brcithaupt ihm wegen Rauchens wieder durch Engels 25 Peitschenhiebe geben lassen; diese Züchtigung ist indes nicht Gegenstand der Anklage, die sich auf Züchtigungen mit 50 oder mehr Hieben erstreckt. Dr..Vernsteiu hat in Mieltschin als Mitglied der von der Stadt Berlin entsandten Untersuchung?- kommission Graske t.sichtigt, aber Narben nicht gefunden. Vor der Untersiichungskommissio» der Regierung, die nach Aufdeckung der Mieltschincr Zustände dorthin entsandt wurde, hat GraSke nichts von dieser Züchtigung gesagt.„Da war ja,"-erklärt er jetzt,„In- spektor Engels und Schwester Olga dabei, darum trauten wir uns das nicht." Vreithaupt bestreiket die Anschließung GraSke? im Arrest: Was da geschehen ist, habe ich ja fast durchweg angeordnet, und ich übernehme ja auch für alles die Berantwortung, aber diese Fessc- lung habe ich nicht angeordnet. Graske erinnert sich,-daß Wrobel es war, der ihn fesselte. Wrobel erklärt, dann könne er es nur auf Vreithaupts Beschl getan haben. Er und Breithaupt behaupten, es sei trotz Anschließung möglich gewesen, sich bequem hinzulegen. Ein vor Gericht mit der Kette gemachter Versuch läßt das als möglich erscheinen, doch nimmt der Vorsitzende au. daß der Druck der Kette das HinWen erschwert haben werde. Graske sagt, das angeschlossene Bein sei ihm dabei eingeschlafen, so daß er nicht liegen konnte. Wenn er sich bewegte und die Kette rasselte, wurde ihm von Aufsehern, die es hörten,„Ruhe!" geboten. Wcndland bestätigt, daß er in der Nacht dadurch gestört worden sei. Graskcs Angaben über seine Ernährung mit Wasser und Vrot werden noch eingehend geprüft. Wer die Kostschmälerung anae- ordnet hat und aus wie lange sie in der Regel angeordnet wurde, ließ sich nicht aufklären. Vreithaupt bestreitet, daß Graske zehn Tage hindurch nur Wasser und Brot bekommen habe. Angeklagter Riemschneider erklärt: Auf lange Zeit wurde manchmal nur Wasser und Brot gegeben. Oft gab ich dann aus Mitleid mein Frühstück, deshalb wurde ja auch Pastor Brcithaupt so aufgebracht gegen mich. Ich sah einmal, ivie Winkler, der in der Strafkolonne war, Hände voll Getreide aß. Auf eine Frage des Verteidigers Justizrat Wronker, wer denn Kostschmälerungen anzuordnen pflegte, antwortete Riemschneider: Wir waren ohnmächtia wlbcr zu handeln, wir handelten nur im Auftrage des Pastors Breit. htzupt»-»- BreijhgM exklgzt» in dxr Tgt hqbe er auch die Koste schmälerungm angeordnet, aber jeder dritte Tag habe ein„guier s auch auf die Fußsohlen geschlagen wurde. Schwarzenberg sei vor- Tag" mit gewöhnlicher Kost sein sollen, und auch so sei mir seinem, her gefragt worden, ob er habe mit ausrücken wollen. Wissen die Dauer der KostfchmSlerung nicht über 14 Tage aus« 1 Zum zweitenmal ist Vollbrecht, so bekundet er weiter, ge- gedehnt worden. GraSke bleibt ber semen eingaben. Er fugt auf schlagen worden, weil er sich zu Maurern ungünstig über Breit- Befragen hinzu, daß er von den Züchtigungen gesundheitlichen Haupt geäußert und ihn für einen rohen Patron erklärt hatte. Schaden nicht erlitten habe. Breithaupt habe ihm mit seinem Stock wohl an 20 Hiebe versetzt. £>6 GraStc glaubwürdig sei. darüber werden Inspektor Butt. Dann habe ihm im StationZhause Engels auf Äntrag des Pastors und L-Hrer Hcntschel befragt. Sie erklaren ihn rnr energielos und! noch 50 Peitschenhiebe auf das Gesäß verabfolgt, die ihn sehr unzuverlässig insofern, als er immer wieder zu entlaufen gesucht schmerzten. Er sei dann in die Arrestzelle gebracht und dort ange- �be�ber Lllgrnl�ftigkeit haben sie an ihm nicht bemerkt. Justiz- schlössen worden, und zwar in der ersten Nacht mit der großen rat W ranker weist auf Graökes Vorleben hin, im be>onderen auf- Kette. Bei Tage habe er gearbeitet, und zwar in der Strafkolonne. seine Bestrafung wegen widernatürlicher Unzucht. Assessor Dr. dieser Strafkolonne sei er vier Wochen gewesen und habe die Simon hebt hervor, daß die Strafe nicht eigentlich wegen dieses Deliktes, sondern wegen einer daran anknüpfenden Erpressung hoch bemessen worden sei. Auf Antrag des Rechtsanwaltö Jllich wird über di« Glaubwürdigkeit von Fürsorgezöglingen der Arzt Dr. Seeltg als Sachverständiger gehört. Dr. Seelig meint, gegen Für- sorgezöglinge müsse man im allgemeinen vorstchtig sein, schon im Hinblick auf die bei ihnen oft vorkommenden vshchischen Abnormi- täten, für besonders unglaubwürdig aber halte er solche, die eine Neigung zu widernatürlicher Unzucht haben. Im Anschluß hieran wird Medizinalrat Dr. Hoffmann dar- über vernommen, ob Audcrs und Graske eine im Sinne des Ge- setzes lebensgeflihidcnde Behandlung erlitten haben. Im allge- meinen seien SO Peitschenhiebe nicht üblich, man habe früher selbst in Zuchthänsern 30 alö das Höchste für zulässig gehalten. Demnach könne man nicht ohne weiteres diese Züchtigungen mit der Peitsche für lebensgefährdend erklären, so schmerzhaft sie auch seien. Frei- lich komme dazu gewöhnlich ein Nervenchoc, und das sei sehr ge- wichtig einzuschätzen. Schläge mit den« Weichselstock, der unelastisch sei, sehe er eher als möglicherweise lebensgefährdend an, doch sei bei AuderS nach den wenigen Stockhieben, um die eS sich da gehandelt habe, eine solche Wirkung nicht eingetreten. Bei Graske sei das Zusammentreffen mehrerer Momente zu berücksichtigen, die Ernährung mit Wasser und Brot nach scharfer Züchtigung, dabei die Arbeit im Teich und nachts der Schlaf in nasser Hose bei unbequemer Lagerung. Das alles sei wohl geeignet gewesen, zu einer Erkrankung zu führen, und das habe von den Angeklagten auch vorausgesehen werden können. Brcithaupt bestreitet bezüglich der durchnäßten Hose die Absicht, GraSke zu schädigen. Wrobel und Schüler bezweifeln, daß die Hose überhaupt sehr naß geworden sein könne. Die Verteidiger Justizrat Friedman» und Rechts- anwalt Jllich machen geltend, daß das Bewußtsein der Gefährdung gefehlt habe. ES folgt bann die Erörterung deS Falles Schwarzenberg. Zögling Schwarzenberg sollte Anfang Mai an einem Fluchtplan mehrerer Zöglinge, dessen Ausführung gar nicht erst versucht wurde, beteiligt gewesen sein. Breithaupt ordnete gemeinsame Züchtigung von 7 Zöglingen in Gegenwart aller anderen Zöglinge an, und in deren Verlauf kam es zu einer sehr stürmischen Szene, als auch Schwarzenberg geschlagen werden sollte und sich dagegen wehrte. Breithaupt hatte vorher Haselstöcke schneiden lassen uno hatte auch— das gab er vor Gericht selbst zu— den Aufsehern gesagt, sie sollten auf alle Fälle sich Gummiknüppel einstecken, um sie zu etwa notwendiger Abwehr einer Revolte bereit zu haben. Es entwickelte sich ein förmlicher Kampf zwischen Schwarzen- berg und mehreren Aufsehern, wobei Engels seinen Revolver zog und Schwarzenberg das Fensterkreuz zertrümmerte, um durch das Fenster zu entfliehen. Schließlich ließ er sich bändigen und bekam nun die ihm zugedachten 50 Pritschenhiebe von Engels und Riem- schneider. Brcithaupt bestreitet nicht, daß er außerdem angeordnet habe, dem Schwarzenberg Peitschenhiebe auf die Fußsohlen zu geben, doch sei das nur geschehen, weil er durch die hochgehobenen Füße das Gesäß vor Schlägen zu schützen suchte Während des Kampfes habe Schwarzenberg auch einen Hieb mit dem Gummi- tnüppel abbekommen: Breithaupt meint: von Brosinsky oder viel- leicht auch von einem anderen der Aufseher. Schwarzenberg habe sich sonst gut geführt, später habe er ihm(Breithaupt) seine Unschuld beteuert und bei einem folgenden Fluchtversuch sei er dann nicht wieder geschlagen worden. Engels bestätigt, daß Breit- Haupt gegen den strampelnden Schwarzenberg befahl: „Dann schlagen Sie doch auf die Fußsohlen!" Der Verdacht, den Gummiknüppel gebraucht zu haben, wird auch gegen Habedank geltend gemacht. Dieser behauptet, Breit- Haupt habe bei Beginn der Abstrafung ihm schweigend einen Gummiknüppel in dir Hand gedrückt, doch glaube er(Habedank) nicht, geschlagen zu haben. Brosinsky bestreitet auf das Bestimm- teste, überhaupt einen Gummiknüppel gehabt zu haben. Er habe in dem allgemeinen Tumult nur Schwarzenberg wehrlos machen wollen, habe nach seinen Beinen gegriffen und dabei die des Auf- . sehers Listander erwischt. Der jetzt 22jährige Schwarzenberg, der über diese Vorgänge be- fragt wird, kann sich nicht an alle Einzelheiten erinnern. Es sei aber völlig ausgeschlossen, daß er mit den Füßen das Gesäß zu decken versuchte. Dem Gericht macht er vor, wie er auf dem Schemel lag. Erst nach dem 50. Hiebe habe Breithaupt befohlen: ..Jetzt istS genug! Jetzt auf die Fußsohlen!" und da habe ihm Engels noch 30—40 Hiebe auf die Fußsohlen gegeben. Auf Befragen gibt Schwarzenberg noch an, daß Breit- Haupt und Engels sonst„nett" zu den Zöglingen waren. Nach einer Mittagspause werden zusammen die Fälle Bollbrecht, Drenske, Clemens, Scdig verhandelt. Bollbrccht wurde mehrmals geschlagen. Einmal bekam er wegen Aeußernng von Fluchtgedanken auf Breithaupts Befehl von Wrobel 25 Hiebe und von Engels 25 Hiebe; daß das Personal so sich beim Schlagen ablöste, geschah öfter, sagt Breithaupt selber. Ein ander- mal hatte Vollbrecht über Breithaupt den Bauarbeitern fälschlich gesagt, daß gegen den Pastor wegen Züchtigung eines Zöglings eine Untersuchung eingeleitet sei. Dafür schlug'Br. ihn sofort mit dem Weichselstock. Er meint, hiermit habe er sein Züchtigungs- recht nicht überschritten. Engel« mußte dann noch 50 Peitschenhiebe geben. Riemenschneider sagt, beim Baden nach einigen Tagen habe Vollbrecht ausgesehen wie ein tätowierter Indianer. Der Zögling DrenSke, ein skrophulöser Junge, ist gezüchtigt und mit 50 Peitschenhieben bedacht worden, weil er zu einem anderen von Zigaretten und Ausreißen gesprochen hatte. Die Hiebe sollen Wunden am Gesäß und rechten Oberschenkel hervor- gerufen haben. Dr. Bernstein hat am 27. Juli 1S0S an seinem rechten Oberschenkel zwei von Schlägen herrührende Narben vor- gesunden.— Nngekl. Breithaupt erklärt hierzu, daß Drenske mehrere Male geschlagen worden ist, daß aller Anlaß dazu vorge- legen, daß die Schläge aber nicht sehr stark waren, nachdem man sich das erste mal von der körperlichen Beschaffenheit des Burschen überzeugt hatte. Der Zögling Clemens hatte emes Ta�s eine Anzahl frisch gepflanzter Zwiebeln auS einem Beete gerisM und zum Teil auf- gegessen. Am nächsten Tage hat ihm Breithaupt dafür 25 Peitschen- hiebe versetzt. Als er dann die Frage, ob er wisse, wofür er die Schläge bekommen, verneinte, gab ihm Engels auf Anordnung von Brcithaupt noch 25 Peitschenhiebe auf das Gesäß. Clemens soll von den Schlägen geschwollene und sehr schmerzhafte Stellen am jLesäß gehabt Huben. Der Zögling Scdig hat im Mai wegen LügenS und Zigarettenrauchens 50 Peitschenschläge erhalten und zwar je 25 von Engels und Brcithaupt.. Bollbrccht, der jetzt im 17. Jahre steht, bekundet, er sei schon wenige Tage nach seiner Ankunft in Mieltschin wegen Flucht- verdacht bestraft worden. Das geschah, wie gewöhnlich, zur Früh- stücközeit. Er sollte 50 Hiebe bekommen, bekain aber nur 25. Ein Zögling mußte ihn halten, Engels schlug. Nachher sollte auch Schwarzenberg geschlagen werden. Da er sich nicht überlegen wollte, so wurde„einfach drüber geschlagen", von Engels mit der Peitsche, von Breithaupt mit dem Spazieritock, von Wrobel mit dem Gummiknüppel, meint Vollbrecht. Genau weih er das nicht, weil er „wegguckte, dg er eS nicht mit anselze» konnte". Er glaubt, daß j lung teilniznmt. leichtere Fußkette getragen. Während der ganzen vier Wochen habe er nur Wasser und Brot als Kost erhalten, niemals Fleisch und nie- mals Suppe, doch habe ihm manchmal der Meister Albrecht, bei dem er arbeitete, etwas Suppe heimlich zugesteckt. Er sei dann zwei Tage aus der Strafkolonne genommen, nachher aber wieder hinein- gesteckt worden und habe wieder die Kette tragen müssen. Nachdem die Kommission und Dr. Bernstein in Mieltschin gewesen, habe er den dritten Tag immer die richtige Kost erhalten.— Vors.: Nach den Akten haben Sie bisher niemals etwas davon gesagt, daß Sie vier Wochen lang bei Wasser und Brot haben zubringen müssen. Wie ist das zu erklären?— Zeuge: Ich bin nicht danach gefragt worden.— Vors.: Ist das aber auch wirklich wahr? Ueberlegen Sie es sich ganz genau, ob Sie sich nicht doch irren, und es sich doch vielleicht um eine wesentlich kürzere Zeit handelt.— Zeuge: Ganz genau kann ich eS nicht sagen, eS mögen aber drei bis vier Wochen gewesen sein. ES war noch unter dem Kommando des Angeklagten Riemschneider.— Vors.: Riemschneider, Sie hören, was der Zeuge sagt. Wie stellen Sie sich zu der Sache!— Angekl. Riemschneider: Wie lange Zeit die Diät bei Wasser und Brot dauerte, weiß ich nicht. Richtig ist, daß bei einzelnen Arrestanten Wasser und Brot angeordnet wurde, doch glaube ich nicht, daß eS vier Wochen gedauert haben kann.— Justizrat Wronker wünscht genaue Angaben über die Quantitäten von Brot und Wasser, die täglich verabfolgt sein sollen. Der Zeuge erklärt: Morgens zwei Stullen und ein Becher Wasser, mittags ebenso und abends ebenso.— Justizrat Wronker verweist darauf, daß nach den Wiegelisten der Zeuge in Mieltschin an Gewicht zugenommen habe. Das würde doch wohl unmöglich sein, wenn er wirklich vier Wochen lang nur Wasser und Brot genossen hätte. Nach verschiedenen Vorhalten kommt der Zeuge damit heraus, daß er so oft wie möglich Gelegenheit gesucht und gefunden habe, sich heimlich Nahrungsmittel zu beschaffen und sich auf diese Weise satt zu essen. Er bleibt aber dabei, daß die offizielle Beköstigung mit Wasser und Brot doch länger als drei Wochen gedauert habe. Vollbrecht glaubt, nur einmal gewogen worden zu jein. Lehrer Hcntschel gibt art, daß Vollbrecht am 26. April 1909 in Lichtenberg 64 Kilogramm wog, im Alter von 16 Jahren. Der Vorsitzende stellt aus den Akten fest, daß Vollbrecht in Mieltschin im Juni 67 Kilogramm, im Juli 88 Kilogramm ge- wogen haben soll. Vollbrecht erklärt diese Zunahme daraus, daß ihm oft heimlich andere Kost zugesteckt worden sei. In Mielt�chin habe er von allen diesen Dingen der Untersuchungskommission nichts gesagt, weil er Furcht gehabt habe. DronSke berichtet über die Schläge, die er erhalten. Es ist dies viermal gewesen: einmal 20 Schläge, einmal 25 und zweimal je 50, darunter einmal vom Pastor, einmal von Engels. Bei dem letzteren Fall handelte es sich darum, daß er eine Hose beseite ge- legt hatte, um sie bei einer geplanten Flucht gebrauchen zu können. Auch dieser Zeuge gibt Vreithaupt und Engels das Zeugnis, daß sie zu denen, die nichts verbrochen hatten, auch recht freundlich und nett sein konnten. Staatsaiuvaltsassessor Dr. Simon kommt auf die Narbe zurück, die am rechten Oberschenkel des Zeugen festgestellt sei. Diese rühre nicht von den Schlügen in Mieltschin her, sondern von einem Hundebiß, den der Zeuge vor seiner Neberführung nach Mieltschin erlitten habe. Dieser Zeuge sei vorher aus anderen An- stalten mehrfach entwiche», habe sich längere Zeit umhergetrieben und sei schließlich, ganz zerfressen von Ungeziefer, von seiner Mutter aufgenommen worden, die ihn von dem Ungeziefer befreite und ihn von der Hundebißwunde heilte. Er sei dann nach Lichten- berg gekommen und von dort nach Mieltschin geschickt worden. Eine Zeugin aus der polnischen Bevölkerung, Frau Main- scharska aus Mieltschin, wird mit Hilfe eines Dolmetschers der- nommcn. Sie hat gesehen, wie Jungen vom Pastor und auch vom Inspektor geschlagen wurden. Im besonderen beobachtete sie, wie der Pastor mit dem Stock zuhieb. Ein früherer Zögling Blcchschmidt ist selber nie geschlagen worden. Andere seien übermäßig geschlagen worden, wenn sie sich des Ungehorsams schuldig machten, der meist im Ausrücken be- standen habe. Der frühere Zögling Knopf schildert eine Bestrafung DrenSkes, bei der dieser sich in die Hosen gemacht habe. Drenske erklärt dazu, er habe nicht mehr austreten können, als die Bestrafung vorgenommen wurde. Breithaupt bestätigt, solche Bcschmutzungen seien ein paar» mal vorgekommen, er ist aber fest überzeugt, daß das nur geschah, um die Bestrafung zu verhindern. Eine„anständige Behandlung" hat der frühere Zögling Jahn genossen. Wer bestraft wurde,„betrug sich danach". Er findet aber, daß die Strafen doch ein bißchen zu viel waren. Der frühere Zögling Sedig hat wegen Rauchens 25 Peitschen- hiebe von Engels bekommen. Bei derselben Gelegenheit habe Breit- Haupt ihm Stockhiebe gegeben. Er schildert jetzt diese Bestrafungen als nicht sehr schlimm, während er vor dem Untersuchungsrichter in diesem Punkt wesentlich anders ausgesagt hat. Die Abstrafung Vollbrechts ist auch von dem früheren Zögling Günther mitangesehen worden. Er gibt die Zahl der Schläge auf 60 an. Er selber sei nie geschlagen worden, weil er sich gut geführt habe. Im großen ganzen sei man„reell behandelt" worden, doch sei manchmal zu streng gestraft worden. Sonst sei Breithaupt freundlich gewesen. Günther ist nach seiner Entlassung freiwillig als freier Arbeiter in die Anstalt Mieltschin zurückgekehrt. Zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit einzelner der vernom- menen Fürsorgezöglinge wird Lehrer Hcntschel über sie befragt. Schwarzenberg habe in Lichtenberg zu erheblichen Klagen keinen Anlaß gcgoben. Drenske ist schwach befähigt, aber willig; in seiner jetzigen Lehre wird er geloht. Sedig sei etwas oberflächlich, aber nicht unzuverlässig. Stadtverordneter Dr. Bernstein wird darüber vernommen, nach welchen Gesichlspunkten die Zöglinge für Mieltschin ausgc- wählt wurden. Leider habe es da an bestimmten Gesichtspunkten gefehlt, die Entlastung Lichtenbergs sei die Hauptsache gewesen. Auch schwer zu behandelnde Zöglinge könne man in offenen Anstalten unterbringen, aber dazu bedürfe eS der geeigneten Erzieher, und daran habe es in Mieltschi» gefehlt. Nach der Aufdeckung der dortigen Zustände ist Bernstein von der Waiscnverwaltung nach Mieltschin entsandt worden. Bei den Verhören gewann er den Eindruck, daß die Jungen im wesentliche» bei der Wahrheit blieben. ' Er konnte auch Spuren der Mißhandlungen feststellen, die da be- i hauptet wurde», Breithaupt, dessen ganze Persönlichkeit unter der � Last der Beschuldigungen zusammenzubrechen schien, habe alles Wesentliche zugegeben. Bernstein erklärt vom Standpunkt des ArzteS aus die Strafen von 50 Peitschenhieben kür grausam und barbarisch. In der Waisenvcrwalbung sei allmählich die Meinung durchgedrungen, daß die Prügelstrafe ihr BeVentlicheS hat. Bernstein ist der Meinung, daß durch Schläge auf das Gesäß das geschlechtliche Triebleben angeregt und oft in falsche Bahnen gelenkt wird. Medizinalrat Dr. Hoffmann sieht in Schlägen ans die Fuß- sohlen nicht(!) eine lebenSgcfährdcnde Behandlung. Er glaubt, daß sie auch nicht sehr schmerzhaft gewesen sein können, da doch die Sohle härter als das Gesäß sei. Auch die Kostschmälerung hält er nicht für gefährlich, wenn sie nicht gerade einem sehr schwächlichen Zögling auferlegt wird. Eine direkte Lcbensgrfährdung nimmt er in keinem der erörterten Fälle an. Ilm Ä? Uhr abends schloß die Sitzung, die um 9 Uhr morgens begonnen hatte. Heute wird gegen den Angeklagten Lang be- sonder» verhandelt, der dann morgen in die Reihe der übrigen Angeklagten eintritt und mit ihnen an dem Fortgang der VerHand- Hiis Induftm und ftandd* Gotthardtbahnverstaatlichung. Di« Rückkaufsaktion der Gotthardtbahn steht für die schweiz«-- rische Bundesregierung unter keinem glücklichen Stern. Erstens haben sich die beiden anderen Gotthardtsubventionsstaaten Deutschland und Italien für ihre Verstaatlichungszustimmung recht schwer- wiegende finanzielle Tarifzugeständnisse zu fiebern gewußt und zweitens machen auch noch die Gotthardtaktionäre der Regierung das Leben so schwer wie möglich. Das Aktienkapital der Gotthardt- bahn beträgt 50 Millionen Franken und befindet sich meistens in Wiener Händen. Zu diesen 50 Millionen kommen noch III Mil. lionen Obligationen Inzwischen vom Bunde übernommen) und. 118 Millionen Staatsiubventioncn. Nach den Rückkaufsbedingungen muß die Schweiz die Gott- Hardtaktien zum 25fachen Durchschvuttsertrag« der letzten 10 Bc- triebsjahre übernehmen. Schon bei dieser einfachen Sachlage gehen die Aktionärsbercchnungen mit denjenigen der Regierung nicht konform. Die Aktionäre fordern für ihre 50 Millionen Aktien einen UeberirahmepreiS vön 216 838 000 Frank, die Regierung will aber „nur" 209 167 000 Frank anerkennen. Während nun aber zu den 216 Millionen Uebernahmeprcis die Gotthardtaktionäre noch weitere 0 539 000 Frank für Vergütung von Anlagen und Ansckmffungen seit der Rückkaufsankündigung fordern, also im ganzen 222 877 000 Frank, will die Regierung von ihren anerkannten 209 Millionen noch 63 482 000 resp. 69 782 000 Frank streichen, so daß sie den Aktionären 168 894 000 bezw. 162 294 000 Frank zahlen will. Eine recht niedliche Millioncndiffercnz! Den Abstrich begründet die Regierung damit, daß die Gott- hardtbahn sich nicht in dem gesetzlich vorgeschriebenen Zustande bc- finde, ein Zugeständnis, welches um so pikanter wirkt, da ja die Sckweiz als Aufsichtsstaat jahrelang nichts gegen einen derartigen Zustand getan hat. Wenn die Bundesregierung jetzt für nicht vor- handene oder den bahnpolizeilichen Anforderungen nicht ent- sprechende Anlagen, für mangelhafte Lawinenverbauung, fehlende zweite Gleise usw. allein die Summe von 46 Millionen fordert, so läßt das tief blicken. Einwandfrei und korrekt ist die Verwal- tung der Gotthardtbahn ja sickier nicht gewesen. Das beweist schon die Tatsache, daß allein die HilsSkassc der Gotthardtbahnangcstelltcn und Beamten ein Defizit von 6 300 060 Frank infolge fehlerhafter Berechnungen austveist, für welches die Regierung Verwaltung und Aktionäre ebenfalls haftbar macht. So glatt, wie sie gehofft, werden also die Gotthardtaktionäre auf keinen Fall ihr Heu ins Trockene bringen. Aber selbst wenn es der Bundesregierung gelingt, mit ihren Millionenabstrichen voll- ständig durchzudringen, sind die finanziellen Aussichten für die in- szenierte Rückkaufsaktion doch noch keine rosigen. Unzweifelhaft ist der Zeitpunkt der Verstaatlichung recht ungünstig von den maß- gebenden Faktoren gewählt worden. Die der AbtösnngSquote zu- gründe liegenden Betriebsjahre standen im Zeichen einer lebhaften Hochkonjunktur. Während im Jahre 1894 das BruttoerträgniS der Gotthardtbahn 16 500 000 Frank betrug, stieg dasselbe im Jahre 1904 auf 22 600 000 Frank und ist inzwischen noch weiter gestiegen. Diese Prosperität der Gotthardtbahn wird aber von dem Augenblicke an einen starken Stoß erleiden, in dem die im Bau be- findliche Lötsebbergbah» dem Verkehr übergeben worden ist. Denn die Lötschbergbahn in Verbindung mit der Linie Münster-Grenchen (beides Privatbahnen) kann überhaupt nur rentieren, wenn sie dem Gotthardt einen Teil des ostsranzösisch-belgischen Transites ab- kapect. Im Jahre 1907 betrug der Transitverkehr Ftalien-England 6 196 Tonnen, Jtalien-Belgien 103589t Jtalien-Franlreich 65 651, Italien-Deutschland 743 274 Tonnen. Wenn eS dem Lötschberg mit Hilfe der französischen Nordostbahn, die am Bau der Münster- Grenchcnbahn riit 10 Millionen beteiligt ist, gelingt, auch nur 100 000 Tonnen Gottbardttransit wegzunehmen, so wäre das schon ein recht fühlbarer Einnahmeverlust. Außerdem ist der kommende Ostalpendurchstich(Splügen oder Greina) doch nur noch eine Frage verhältnismäßig kurzer Zeit. Auch er wird dem Gotthardt einen ansehnlichen Teil des südweskdeutsch-italicnischen Transites rauben! Hätte die schweizerische Regierung gewartet, so hätte der Konkurrenzkampf Lötschberg-Gotthardt sicher den Uebernahmeprcis der Gotthardtaktien um viele Millionen gedrückt. So hat der Bund in der Zukunft mit verminderten Betriebseinnahmen durch Lötsch- berg und Ostalpenkonkurrenz zu rechnen und außerdem den ZinS von mindestens 110 bis 115 Millionen Mehraktienkapital heraus- zuwirtschaften, welches er den Gotthardtaktionären in den Schoß werfen mutz. Zu alledem kommt noch, daß sich der Bund in dem neu abgeschlossenen Gotthardtvertrage vom vorigen Jahre zu einer einschneidenden Reduktion der Gotthardttarife hat verstehen müssen, die das Erträgnis der Gotthardtbahn abermals im un- günstigen Sinne beeinflussen werden. Huo der frauenbewegung. Das Amazonenkorps des Rcichsverbandes. Eine der jüngsten Organisationen in der arg zersplitterten bürgerlichen Frauenbewegung ist der im Februar 1909 mit gewal- tigem Tamtam gegründete„Deutsche Frauenbund". Er wollte die Frauen aller Stände sammeln und belehren; Politik sollte ausgeschlossen sein, trotzdem wollte man die Frauen — politisch schulen. Mußte schon dieser Widerspruch verdächtig erscheinen, so konnte ein Zweifel über die eigentliche Bestimmung des Frauenbundes kann mehr obwalten, als der ber— ühmte ReichsverbandSzcncral Liebert mit dem nicht minder geachteten konservativen Politiker Dr. Arendt an die Spitze der neuen Per- einigung traten, als Sozialistentötcr wie Oldenburg-Januschau. Malkewitz, der unvermeidliche Krekh und Mugdan in den Vor- tragskursen sich die politische„Belehrung" der Frauen angelegen sein ließen.„Unser Volkstum ist in Gefahr!" Unter dieser Devise wurden die Frauen zusammengetrommelt. Man schilderte ihnen die Größe der nationalen Aufgabe, an der sie mitzuwirken hätten, man umgarnte sie mit schönen Redensarten und prieZ sie als Retterinnen des Vaterlandes. Und die so geköderten Frauen kamen in Scharen. ES war alles da:„Alle Parteirichtungcn, alle Kon- fessionen, alle Lebensalter und alle Stände finden wir im Deut- scheu Frauenbund. Hier sitzt das einfache Mädchen ans dem Volke, die Arbeiterfrau neben der eleganten Dame, der Künstlerin und der Frau der Wissenschaft." So schrieb eine leider auch in Ar- beiterinnenkreisen vielgelesene Wochenschrift, die„Berliner HauS- frau", in einem Leitartikel, der die neue Vereinsgründung warm empfahl. Gegenwärtig betreibt der Verein sehr eifrig die Grün- -düng von Ortsgruppen in der Provinz. Magdeburg, Naumburg und Halberstadt sind einige seiner letzten Aktionsplätze, und hkr war es, wo er seine eigentliche Bestimmung völlig unverhüllt erkennen ließ. Di?..Halberstädter Allgemeine Zeitung" vom 25. Oktober berichtete über eine bei der Gründung der Halber» städter Ortsgruppe gehaltene Rede deS Generalleutnants z. D. v. Wrochem-Berlin, der folgendermaßen vom Leder zog: „Die Zeiten sind ernst, der Materialismus hat da? goldene Kalb zum Götzen erhoben. Die Apostel der Gleichmachcr ver» drehen Millionen unserer Arbeiter di« Köpfe und säen Haß an Stelle von Zufriedenheit." In diesem Tone ging der reaktionäre Phrasenunsinn noch eine Weile weiter, bis der Rotkoller, von dem der kriegerische Redner offenbar in bedenklichem Grade de- fallen war. ihn zu folgenden Gefllhlsausürüchcn hinriß:„Es ist ' zu bedauern, daß die Behörden nicht mit den ihnen zu Gebote stehenden Machtmitteln gegen die staatsfeindlichen Umtriebe der Sozialdemokratie vorgehen, und daß sich die Meldung, bei den Streikunruhen in Moabit seien Hunderte von Demonstranten niederachanen worden, nicht bewahrheitet hat." Es folgte ein Appell an die Frauen, ihre» Einfluß als Mütter zu gebrauchen, um ihre Kinder mit Gottesfurcht. Liebe zum Vater- laNde, Treue zu Kaiser und Reich usw. zu erfüllen und selbst mit- zuwirkcn an der nationalen Arbeit. Am Schlüsse der Versamm- lung betonte der General in einer Erklärung:„Vor allem müssen Aestdeumgen im Versammlungsrecht gesunsev, unh di« Preß, frechett muß eingeschränkt Werdens Wenn dazu die Behörden nicht die Hand bieten, so müssen die Parlamente die Initiative er« greifen/ Das also ist des Pudels Kern! Niederbütteluna der um ihre elementarsten Reckite kämpfenden Arbeiterklaffe ist daS Ziel der Drahtzieher hinter den Kuliffcn des Deutschen Frauenbundes. Dieser soll nichts weiter sein als eine weibliche Schutztruppe der Reaktion, ein Amazonenkorps des ReichSvcrbandcS. 053 ist als sicher anzunehmen, daß diese Art der Frauenbewegung nicht die Mißbilligung erfahren wird, die den Frauen, die für ihre und ihrer Klaffe wirtschaftliche, politische und soziale Befremnä kän!p- fcn, von— sozusagen— allerhöchster Seite zuteil wurde. Bei den kommenden Reichtagswahlen wird die Hilfe der BundeZfrauen bei der Bekämpfung der Sozialdemokratie gewiß die„allerhöchste" Billigung erfahren.... Nun, uns soll cS recht sein. Wir sind es gewöhnt, gegen«ine Welt von Feinden zu streiten. Auch mit der weiblichen Linie des Neicl>svcrbandes werden wir fertig werden. Dazu gehört aber, daß wir die Proletarierinnen auf- klären über den wahren Zweck der politischen Schulung im Deut- schen Frauenbünde, damit sie ihren kämpfenden AröeitSbrüdern und-schwestern nicht in den Rücken fallen. Das einfache Mädchen aus dem Volke, die Arbeiterfrau gehört in die Reihen der Sozial- demokratie und nicht in den Heerbann der Liebertgarde.. GericKts- Leitung. Urteil im Dorfcncr Bierkrawall-Prozeß. Nach zehnlägiger Verhandlung endete gestern der Dorfener Bierkrawall-Prozeß. über den wir bereits am 4. d. MtS. berichteten. Ein Angeklagter wurde zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis, neun An- geklagte zu 3—9 Monaten Gefängnis und drei Angeklagte zu 1— S Wochen verurteilt. Zwei Augcklagte wurden freigesprochen. )Zus aller Melt. . Me Heb Hrbeit er morde verhüten lassen. Rom, den 19. Dezember. In einer furchtbar ernsten Situation haben am 9. d. M. mehrere Karabinieri durch vernünftiges und menschliches Benehmen ein Blutbad und einen Konflikt von nicht zu ermessender Schwere zu verhüten verstanden. In N e p i. Provinz Rom, agitiert da» Land- Volk seit mehreren Jahren gegen die llsurpation seiner Gemeinde- rechtsame durch die Latifundisien. Line Weide, die seit Menschen- gedenken allen Einwohnern für ihr Vieh freisteht, soll jetzt auf einmal auf Grund einer angeblichen Ablösung u n e i n g e- schränkt eö Eigentum des Abgeordneten Sili ge- worden sein. Dieser ließ durch seinen Großpächter das Recht der Bevölkerung, Vieh auf diese Weide z» treiben, anfechten und erzielte ein Gerichtsurteil, das die Beschlagnabmung des Viehs verfügte. Am Morgen nach dieser Bcschlagnahmung erschienen die Landarbeiter von neuem mit einer noch größeren Herde Vieh, die aber ebenfalls beschlagnahmt wurde. Nun bewaff- nete sich das Landvolk, das, seines Weiderechts beraubt. überhaupt kein Vieb mehr halten könnte, und zog mit Sicheln und Beilen in dicht geschlossener Kolonne zu der Scheune, wo das Vieh war. Diese Scheune war von Karabinieri bewacht, die sich einer drohenden, zum äußersten getriebenen Menge gegenüber saben. Sie hatten nur die Wahl, auf diese Menge zu schießen, oder ihr das Vieh preiszugeben. Vernünftigerwchfe wählten sie daS letzte. Sie sagten sich wohl, daß weniger an der Aufrechterhaltung einer gerichtlichen Beschlagnahme als an dem Leben von Menschen liegt und räumten ruhig und besonnen das Feld, tapferer in diesem Siege über sich selbst, als wenn sie mit ihrem Rcpetiergewehr den Sensen und Aexten gegenüber getreten wären. Die Landarbeiter nahmen ihr Vieh wieder und brachten eS schleunigst auf die Weide zurück, die der Herr Abgeordnete Sili sich anmaßt, die seine zu nennen._ Unwettervcrheerungen in Frankreich. Die in den letzten Tagen über Frankreich niedergegangenen Un- Wetter haben allenthalben großen Schaben angerichtet. Die Oriswaft Rieux ist in einein Umfang von drei Hektaren im Abrutschen begriffen. Der Hügel, aus dem die Ortschaft erbaut ist, senkt sich stetig dem Flusse zu. Die Einivohner mußten ihre Wohnungen räunien und sind mit ihrem Bieh ins Tal ge- flüchtet.— Die furch ibaren Stürme an der fran- zösischen und spanischen Küste habe» mehrere große Dampfer zum Scheitern gebracht. Der Dampfer „Palermo", einer Hamburger Reederei gehörig, scheiterte an der spanischen Küste. Es ist gelungen, die M a n n s ch a f t e n z u retten. DaS Schiff gilt als verloren. Der norwegische Dampfer „T i f l i S" ist infolge des Sturme» bei Orotowa ge- scheitert. Vier Matrosen sind bavei umgekommen. Der Dampfer„Swakopmnnd", der Hamburg-Amerika-Linie, ge« hörig, treibt nach einer funkentelegraphischen Meldung hilflo» auf der H ö h e V o n O u e s s a n t an der französischen Küste. Da? Schiff hat das Steuerruder verloren und dringend um Hilfe gebeten._ Kleine Notizen. Zehn Millionen Dollar für den Weltfrieden. Der bekannte amerikanische Millionär Andrew Carnegie hat zehn Mil» lionen Dollar gestiftet, die im Interesse der Bestrebungen, die Kriege aus der Welt zu schaffen, verwandt wer- den sollen. Vorläufig ist die Summe einem Fonds zugrunde gelegt worden, der den Namen Carnegie-FriedcnSfondS erhält. Erderfchülterung in Oberschlesien. Auf der Concordiagrube bei Zabrze verursachte daS Zubruchgehen eines großen Kohlen- feldeö eine furchtbare Erderfchüttcrung, von der die ganze Ge- meinde und Umgegend betroffen wurde. In den Wohnungen fielen Möbel und dergleichen um. Eine Anzahl Berg- leute wurden in der Grube eingeschlossen, es gelang jedoch, nach mühevoller Rettungsarbeit sämtliche Arbeiter in Sicher- heit zu bringen. Ein gesunkener Schoner. Der Rendsburger Schoner„Wik- Helm" ist auf einer Fahrt von Schweden nach Hamburg im Kattegat gesunken. Der Kapitän deS Schiffes ist er» trunken. Zwei Matrosen hielten sich am Mast fest, wo sie 13 Stunden aus hielten, bis sie von einem Fischdampfer aufgenommen wurden. Fcrnbebcn. Die Seismographen der Aschen er Erdbeben» station zeigten am Dienstag ein starkes Fernbeben an. Die Aufzeichnungen dauerten über drei Stunden. Die Eni- fcrnung des Erdbebenherdes beträgt etwa 6olX> Kilometer. Coot dementiert. Der„Nordpolcntdecker" Dr. Cook hat an daS Kopenhagener Blatt„Politiken" ein Telegramm gesandt, in dem er chcsireitet, daß er irgendwelche Veröffentlichungen über seine angebliche Geisteskrankheit gemacht habe. Auch habe er keinerlei Geständnis abgelegt. Erst im Januar werde er eine Erklärung über seine Reise abgeben. Ob er dann für seine Flunkereien mildernde Umstände zugebilligt erhält, ist sehr zweifelhaft. ü Dem Aenosscn 2280b Albert Röller 3 zum 60. ffieburätnge die herz J lichsten(tzlückwünsche. Die Ge * noff.V. 600.W. 601. Bez. 0. Kr.{ J Na Albert, recht Hab' Ich oder doch, j SozIiüdemokratlseherWaiiM 4. für den Bert. Reietistapalillrä. Petersburger Bicrleb Bezirk 3? 3b. T-U Ul. Den Mitgliedern zm Nachricht, daß unser Genosse, der Buchdrucker Albert Röhl gestorben ist. 223/16 Ehre feinem Andenten! Die Beerdigung findet am DonnerSiag, den 15. Dezember, nachmülags 1 Uhr, von der Lclchenballe de« Zentral- Fried- hos'S in Friedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Zentral- fertiaiiil der Haiirer Deiitscblamis. Zwelgvcreln Berlin. Sektion der Putzer. Am DienSlag, den 13. d. M.. verstarb unser Ehrenmitglied Atixust Krause im 73. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags S'h Uhr. auf dem neuen Slisabelh- Kirch- Hose in der.Wvllanlstiatze statt. 134/13 Der Boritand. Verbanii der Fatirtkarlieiter Deutschlands (ZahUtelle Berlin). Am Montag, den 12. De- zember. verstarb unser Mitglied Panl Türk an der Proletanertrankheit. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. Dezember, nachmittags 2 Uhr, aus dem Rixdolser Gemeinde- griedhol«, Mariendorscr Weg statt. Rege Beteiligung erwartet 64/8 Dio OrUverwallung. Allen Verwandten und Be- kannten zur Nachricht, daß meine liebe Frau, unjere gute Mutter kerlks Pretiel-.�.aa am 13. Dezember 1910 ver- starben ist. 2244b Die Beerdigung findet an, Freitag, den 16. Dezember, nach- miltagS 3 Uhr, von der Leichen- Halle des TH>'maS-Airchhojes, Rirdorf. auS slatt. Ol« trauernden Hinterbliebenen. Am DienSlag, den 13. d. MtS., vorm. 10°/, Uhr, entichlies nach längerem schwerem Lcid-n mein lieber Mann, unser guter Vater, der Brauer 2251b Viliielm Mis im 52. Lebensjahre. Dies zeigt ichmerzersüllt an Frau Marie aaeob» nebst Rindern. DI» Beerdigung findet am Frei- tag, den>6. Dezeiiider, nachmittags 8 Uhr, von der Leichenhalle des Rixdorser Gemeinde- Friedhofes, Mariendorser Weg. aus Nait. Verband der Brauerei- und Milbleuarbeiter Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern diene zur Nachricht, daß der Kollege sBrauer) Wilhelm dscods (Nordsternbraueretj am Dienstag, den IS. d. M>S„ gestorben ist, Ehre feinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Freitag, den 16. d. MtS., nachmiitagS 2 Ubr, von der Leichendalle d«S Rixdolser Ge- meinde-FriedhoseS, Mariendoljer Weg, aus statt. 44/2 Um rege BcicUigung ersucht Die Ortvvertoaltung. veulzehei' HolzarbeUer-VerbanO Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Rollege, der Tischler Paul Keumann am 12. Dezember verstorben ist. Ehre seinem Audenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 16. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen. Halle des ZentrallriedhoseS in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 34/17 Die OrtSverluoltuiig. Isulral-Verband der Slelnarbeller. BlMule Berlin. Am 13. Dezember starb unser Kollege 172/1 1 Julius Zetzsche im Alter von 52 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung erfolgt von der Jrrenanii.Ut zu Eberswalde. Die Ortsverwaltuug. Für die Beweise inniger Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines liebe» Mannes und guten VaierS Karl Bialucha sage allen Teilnehmern herzlichsten Dank. Zinna Bialuoha and Toehier. Nachruf! Am 9. Dezember verschied unser treuer Sangesbruder, der Porte« seiuller Max Donath im 30. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Gesangferain SorpfreL _(M. d. A-I.-B.) Qrojle Firma°-rgib. Teppiche, Gardine, Stores, Steppdecken, Pertieren ans Deiizahlnug ohne Anzahlung. Keine Kaisierer. Chiffre 3. 100,.Vor« wärtS'-Spedttlon, Auguftstr. SO.» Danksagung. Für die vielen Bclvcise herzlicher reil"-*- Teilnahme und Kranzspenden beim Hinscheiden unseres lieben Sohne» Max Donutb sagen«vir allen Verwandten. Freunden. Bekannten und Kollegen sowie Herrn Paul Schuhmann und Per- sonal, dem Gejangverein„Sorgen- srei", Kegelklub„Hopp-Hopp" und dem Petional von Fritz Donath innigsten Dank. 2245b die trauernden Hinterbliebenen Sensationelle Neuheit! Imitiert. 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Verteilung des Reingewinnes. 4. Ergäiiznngswablen zum Aus- fichtsrai und Ncuwadlen sür de» Bor- stand(§ 3 Abs. 2 de» Statut«.) Um zahlreiches und püukiicheS Er- scheinen ersucht Der AussichtSrat. S. A.: Bruno Fiedler. G nmmiwaren aller Art. An fr. erb. Gummi- Grosso- Haus C. A. Growald, Oharlottenbg.-Bln.37,P.-A.2. Versand nur an Private. Bekanntmachung. Die crdentliche Generai-VersainmiQDn der Nationalen KraDken-u.Sterbetoß d. Droschkenkutscher#B"rr:i8Sn E. H. Nu. 75 findet am Dienstag, den 31. Januar 1011, nachmittags 3 Uhr, im Grwerkschaftshause, Engel« User 15, Saal 3. zu Berlin stall. Tagcs-Ordnnng: 1. Geschäslöbericht des Vorstandes sowie Kassenbericht. Dechargecrtcilung aus Bericht der Reviiorcn. 2. Fest- sctzung der Beioidungen und Remune- rationell sür die Mitglieder das Vor» stände« laut tz 33 des Statuts. 3. Neuwahl de« Vorstandes sowie der Revisoren, ß 26 de« StatuiS. 4. Be. ratung eventuell gestellter Autriige.- Die Abgeordneten werden zu dieser Versammlung hierdurch eingeladen und ersucht, sämtlich und Pllnlliich zu erscheinen. 294/20 Berlin, den 14. Dezember 1910. Ter Borstand. Rt. iinvlter, Vorsitzender. >Varmmx! Trotz wiederholten Hinweises sind in letzter Zeit Nachahmungen meines Kapitän» Kautabak« in Umlauf. Der Kapitän>Kautabak ist nur i echt mit Zetteleinlage und Etikette mit der Aufschrift: Demeinsame öris- Krankenkasse für Adlersho! lind öwgead. Bekanntmachung. Wir teilen hierdurch mit, daß am DonnerStag. den 88. Dezember d. I., im Restnurant Eschner zu AdlcrShos am Bahnhos die Wahl von 88 Vertretern der Kaffenmitglitder »md 41 Vertretern der Arbeitgeber vorzunehmen ist. Die Wahl der Arbeitgeber beginnt um 5 Uhr, die der Kassenmitglieder um 6 Ubr, und dürfen Stimmen bi» 6 Ubr resp. 8 Uhr abgegeben werden. Wahlberechligt und wählbar sind nur diescaigen Kassenmitglieder, weiche grotzjährig und im Besitze der bürger« lichen Ehienrechle sind. Zutritt zum Wahllokal und Ausübung de« Stimm« rechts ist nur denen gestattet, die nachweisen, dah sie am Tage der Wahl noch Mitglied der Kasse sind, sei e» durch ordnlli>g«»iäj,ig ab« gestempeltes Onittuligsbuch oder durch Bescheinigung des Arbeitgebers. Die Stimiuzeliel müssen Vor» und Zu- namen sowie Wohnung deS zu Wählenden genau dezeichuen. AdlerShos. den 13. Dezember 1910. Ter Borftauv. 297/17 R. Hanstn, Vorsitzender. Seblafe patent Hygienische"Ä1?' Drogerie Karemba, iveindrrgsmeg 1, dir. a.Nosentbalcr Tor. ♦ Billigste Bezugsquelle I Versuch s. zur dauernde» Kuiidlchasi. ixe«. g-e«ehtlt»t 73 0ki8). dleine werte Kundschaft bitte ich, Knpitfin-Kau- tabak ohne obige Bezeichnungen als unecht zurückzuweisen und mir F&Lle von Naohahmangen mitzuteilen, damit ich dagegen einschreiten kann. M. Karl Röcker, Tabak Fabrik, Bertin 0. 27, Gruner Weg 118.(VII. 3801.) Kolonie Nonnendamm. 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An dem Revolver, der auf dem Tische lag. hat man bei genauerer Untersuchung auch Blut gefunden, besonders an der SichcrheitSstange. Hier zeigt eS sich deutlich an den Ein kerben des Kopfes. Nach der Lage der Leiche muß der Täter von links an da» Bett herangetreten fein. Der Schuh mußte in der rechten Schläfe sitzen. Das Ergebnis der Obduktion stimmt mit dem örtlichen Befund überein. Außer der Schußwunde stellte die Obduktion an der linken Hand fünf eingetrocknete Stellen fest, die darauf schließen laffen, daß die alte Frau Schläge auf die Hand bekommen hat, vielleicht mit einem Schlagring. Den Ein drücken entsprechen auch die Blutverhältnisse. An beiden Knien zeigten sich blutunterlaufene Stellen. Wahrscheinlich hat sich die Frau gewehrt, als der Mörder sie auf das Bett warf. DaS ganze Ergebnis der Obduktion läßt darauf schließen, daß ein Kampf zwischen dem Mörder und seinem Opfer stattgefunden hat Diese» ist wahrscheinlich nach der Schlafstube geflüchtet und hat dort den Hieb mit dem Schlagring erhalten, nach der Art der Eindrücke bei einer abwehrenden Handbewegung. Der Mörder warf dann die alte Frau mit Gewalt in da» Bett, mit dem Gesicht nach unten und drückte die Obcrbetten auf sie. Während sie schon im Bett lag, gab er aus unmittelbarer Nähe den Schuß auf sie ab. Daß es auf einen Raub abgesehen war, unterliegt wohl keinem Zweifel. Frau Hoffmann hat nach den bisherigen Er- Mittelungen über 100 000 M. Vermögen besessen. Erst vor nicht allzu langer Zeit erbte sie SO 000 M. Sie hatte das Geld zum Teil an Verwandte ausgeliehen, zum Teil bei einer hiesigen Groß dank angelegt. Auf diese besah sie auch ein Scheckbuch, das noch nicht gefunden ist. Ob der Mörder e» geraubt hat oder wo«S sonst geblieben ist, weiß man noch nicht. DaS Guthaben hat über 60 000 M. betragen. Ob nach dem Mordtage auf der Bank noch Geld abgehoben worden ist, steht noch nicht sicher fest. Gestern nachmittag um 3% Uhr nahmen ein Amtsrichter, ein Staatsanwalt und die Kriminalkommissare, die bis dahin die Vernehmungen der Hausbewohner und anderer Zeugen fortge- setzt hatten, eine eingehende Besichtigung der Wohnräume vor. Hierbei hörte der Richter auch die wichtigsten Zeugen. Aus allen Aussagen geht hervor, daß Frau Hosfmann noch sehr lebenslustig, im Hause aber vorsichtig und scheu war, AuS Vorsicht konnte sie sich auch nicht entschließen, ein Dienstmädchen zu halten. Sie fürchtete stets, daß gerade ein Dienstmädchen ihr verhängnisvoll werden könnte. Es könne Verhältnisse anknüpfen, meinte sie, und die Männer könnten dann dazu kommen, sie zu bestehlen oder gar umzubringen und zu berauben. Mit der Durchlegung der Charlottenstraße nach der Linden- straße durch das Grundstück der Kgl. Sternwarte hat sich gestern die städtische Tiefbaudeputation eingehend beschäftigt. Es wurde beschlossen, die Sache einer Unterkommission zu überweisen. Aus der nenen Gebührenordnung für bahnamtlich anzurollende Güter, die am heutigen Donnerstag in Kraft tritt, heben wir die nachfolgenden Sätze, die für das P r i v a t p u b l i k u m zunächst in Betracht kommen, hervor. Es sind zu zahlen: für das Abrollen von den Bahnhöfen nach den Behausungen oder Geschäftsräumen der Empfänger im Postbestellbezirk Berlin sowie im Stadtgebiet von Schöneberg usw. von E i l st ü ck g u t, sperrigen, leicht zerbrechlichen usw. Gütern im Gewicht bis zu 20.Kilogramm einschl. Abtragen 60 Pf., von St— 50 Kilogramm einschließlich Abtragen 70 Pf., von 51—100 Kilogramm ausichließlich Abtragen 90 Pf., für je weitere 50 Kilogramm 35 Pf.: von Frachtstückgut, den obigen Gewichts« grenzen entsprechend, 30, 50, 50 bezw. 20 Pf. Kur das Ab- tragen der Guter nach Kellern, Hofgebäuden bis zum L. Stock- werk sind zu entrichten: für je angefangene 50 Kilogramm, wenn die Stücke einzeln nicht mehr als 50 Kilogramm wiegen, 10 Pf., für jedes Stück im Einzelgewicht von 51—75 Kilogramm 20 Pf.. von 76—100 Kilogramm 40 Pf., von 101— 126 Kilogramm 60 Pf., bis 160 Kilogramm 1 M. Nach höheren Stockwerken treten an Stelle dieser Sätze die folgenden Beträge: 15. 80, 60 Pf.. 1, 1,50 M. Die Maul, und Klauenseuche gewinnt auf dem Berliner Vieh- und Schlachthof immer mehr an Ausdehnung. Sämtliche Schweine auf dem Schlachthof find, wie die„Allgemeine Fleifcher-Zeitung" berichtet, von der Seuche ergriffen, so daß der städtische Schlachthof als vollständig verseucht zu betrachten ist. Sämtliche Schweine auf dem Schlachthof, die Ueberständer auf dem Viehhof mußten bis Dienstag abgeschlachtet werden und um die» zu erreichen, war man genötigt, auch die Nachtstunden zu Hilfe zu nehmen. Auch unter den Rinderbeständen wurde noch an mehreren Stellen die Maul- und Klauenseuck)« festgestellt. Die Desinfektion aller Ställe, Straßen und Kammern wird von neuem vorgenommen. Ein tidlicher Automobilvnfall hat sich bei vuchholz zugetragen. Auf der Fahrt von gürstenwalde nach Buchholz wollte ein Berliner Automobil ein Fichiw.rk Überholen. DaS Auw geriet dabei in losen Sand und blieb darin stecken. Der Chauffeur Paul Paschen au» Reinickendorf wurde aus dem Auto herausgeschleudert. Er erlitt so schwere Verletzungen, daß er gleich darauf starb. Gegen die geplante Hochbahn in der Frankfurter Alle« wollen die beteiligten Grunddesitzervereine de» Ostens und von Lichtenberg haben, der einen blonden, englischen Schnurrbart trug. Ändere's Einspruch erheben, Protestverfammlungen einberufen und eifrig in Ge Partei- Hngelegcnbclten. Zossen. Sonntag früh 8 Uhr von Kurzner auS: Kalenderverbreitung. Trebbin. Arn Sonnabend, den 17. Dezember, abend« 8Vs Uhr, im Gesellschaftshanse jEmil Schulze): Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: 1. Nasse und Ausnahme neuer Mitglieder. 2. Partei' angelegen heiten. 3. Bericht von der Generalveriammlung Groß- BerlmS. 4. verschiedenes. Buch jBezirk Franz.-Buchbolz). Am Sonnabend, abends 8'/, Uhr, bei Swike: Zahlabend. Es sind wichtige Angelegen- heilen zu erledigen.__ ßerlincr JVachricbteiio Ein Frauenmord in Berlin W. Die Auffindung der Leiche der Frau Hoffmann in Blumenthalstraße 1. von der wir gestern Meldung machten, zu eingehenden Nachforschungen der Kriminalpolizei Veranlassung gegeben, wobei sich herausstellte, daß Frau Hoffmann einem Ver- brechen zum Opfer gefallen ist. Ein Täter oder eine Täterin— man rechnet auch mit der Möglichkeit, daß eine Frau in Frage kommt— sind noch nicht ermittelt. Der Polizeipräsident hat auf die Ermittelung deS Täters eine Belohnung von 3000 M- ausgeschrieben. Eine polizeiliche Bekanntmachung an den Säulen lautet: Am 13. Dezember 1910 wurde die Witwe Margarete Hoffmann, geb. Schiller, in ihrer Wohnung in der Blumen- thalstrahe 1 im Bett liegend tot aufgefunden. Die Leiche war mit allen Betten und Bettdecke zugedeckt, wie bei einem geord- neten Bett, war also nicht sichtbar, so daß Verletzungen und die Todesursache noch nicht festgestellt werden tonnten. Die Leiche zeigt starke Verwesungsmerkmale. ES ist festgestellt, daß am Mittwoch. 7. d. M., gegen 2 Uhr nachmittags laute Hilferufe au» der Wohnung der Hoffmann ertönt sind. Auf daS Klingeln der Portierfrau ist dieser nicht geöffnet worden. Hierauf sind ein Schutzmann und ein Schlosser geholt worden. Als diese ' Einlaß begehrten, hat eine Person mit Frauenstimme geantwortet, daß sie nicht aufmache, ihr sei schon besser. Die Portierfrau erklärte, eS fei die Stimme der Hoffmann. Der Beamte hatte trotzdem die Korridortür öffnen lassen, worauf die Person sich in der Stube eingeschlossen und wiederum«r- klärt hat, nicht zu öffnen. Es ist auch diese Tür geöffnet worden. doch hatte die Person sich bereits wieder nach den hinteren Räumen zurückgezogen und die dorthin führende Tür verschlossen. Al» dann noch dies« Tür geöffnet war, wurde niemand mehr in den hinteren Räumen gefunden. Dagegen stand die nach der hinteren Treppe führende Tür offen. Hausbewohner wollen be- merkt haben, daß eine Person die Treppe hinabeilte. Gegen 7 Uhr desselben Nachmittag» wurde.die Portierfrau nach dem gegenüberliegenden Schlächterladen gerufen, wo ihr telephonisch mitgeteilt wurde, daß Frau Hoffmann sich in einer Familie befinde und sehr aufgeregt sei. Wahrscheinlich werde ein Dienstmädchen kommen und für Frau Hosfmann einige Sachen holen. E» ist aber später niemand erschienen. Nach dem Befund ist die Hofsmann schon am 7. d. M. ge- tötet und unter den Betten versteckt worden. Das Telephon- gespräch hat der Täter offenbar gehalten, um Nachforschungen zu verhüten. Die obige Belohnung ist für solche Personen aus- gesetzt, die Angaben machen können, die zur Ermittelung des Täters führen können. Mitteilungen nehmen die Polizeireviere und die Kriminalabteilung entgegen. Berlin, den 13. Dezember 1910. Der Polizeipräsident. Gez. v. Jagow. Bei der genauen Besichtigung des Schlafzimmers, tn der die Leiche gefunden wurde, endeckte die Polizei an der Wand neben dem Bett Blutspritzer. Möglicherweise ist also die Frau noch nicht ganz tot gewesen, al» der Mörder sie in da» Bett warf. Dort muß sie. dann erstickt worden sein. An der Speisezimmertür. die nach der Küche führt, fand man an der Klinke einen zwei Meter langen Strick. ES ist anzunehmen, daß der Mörder die Absicht gehabt hat, Frau Hoffmann, nachdem er sie betäubt hatte, auf- zuhängen, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Diese Absicht hat die ziemlich starke und korpulente Frau, die trotz ihre» Alters noch sehr rüstig war. durch ihren Widerstand vereitelt. Sie konnte noch um Hilf« rufen, lockte dadurch Hausbewohner an und lieh so dem Mörder nur noch Zeit, ihr das Messer in den Leib zu stoßen und sie dann zu ersticken. Die Leiche war ganz bekleidet. Auch das Haar war gemacht. Ein Schuh der Ermordeten log auf dem Sofa, das dem Bett gegenübersteht, der andere in dem Speisezimmer, dem Berliner Zimmer, unter einem Sessel. Auf diesem mag Frau Hoffmann gesessen haben, als sie der Mörder überfiel. Daß dieser Zutritt in die Wohnung der Frau gefunden hat, ist auffallend. Sie legte stets die Sperrkette vor und öffnete erst dann ganz, wenn sie wußte, wen sie vor sich hatte. Selbst dem Briefträger traute sie nicht. Sie ließ ihn nicht ein, hatte vielmehr angeordnet, daß er klingeln und dann die Briefe in den Kasten stecken mußte. Diese Porsicht der alten Dame mag der Täter gekannt haben. Weil er hiermit rechnen mußte, so ist e» wahrscheinlich, daß er vorher die Bekanntschaft seines Opfer» gesucht und gefunden hat, viel» leicht im Konzert im Zoologischen Garten oder tm Theater, da» Frau Hoffmann an gewissen Tog�n öfter zu besuchen pflegte. Der verrostete Revolver, der auf dem Fußboden des Schlafzimmer» gefunden wurde, scheint der Ermordeten gehört zu haben. Mehrere Hausbewohner wollen einen gut gekleideten jungen Mann an dem Mordtage auf der Treppe de» Hauses gesehen haben diesen jungen Mann auf dem Straßendamm längere Zeit auf, und abgehen sehen und beobachtet, wie er unausgesetzt nach den Hoffmannschen Fenstern hinübersah. Geraubt ist anscheinend nicht», der Mörder ist durch die gewaltsame Oeffnung der Türen feiten» der alarmierten Hausbewohner daran gehindert worden. die Schmucksachen und Geld au» den Kommoden und Kassetten zu nehmen. Die Ermordete entstammt einev angesehenen Berliner Familie. Sie hat von ihrem Manne ein großes vermögen ge- erbt und auch ein Haus, da» vor einigen Jahren vom FiSkuS an» gekauft wurde, wobei Frau H. annähernd 100 00V M. verdient haben soll. Im Laufe deS gestrigen Vormittags ist als de» Morde? ver- dächtig ein jüngerer Mann verhaftet worden. Er konnte jedoch sein Alibi nachweisen und mußte wieder entlassen werden. Ferner hat die Kriminalpolizei festgestellt, daß Frau Hoffmann auf einer Bank ein offenes Bankkonto hatte und- sich im Verkehr mit ihr eines Scheckbuchs bediente. Diese» Scheckbuch fehlt. Es fehlen ferner noch verschiedene Schmuckstücke, darunter ein« goldene Kette und mehrer« Broschen. Ferner fehlen di, Schlüssel zu Behältern, Frau den Wagen zu ihrem Broterwerb notwendig gebraucht, werden Personen, die über den Verbleib desselben irgend welche Angaben machen können, gebeten, sich bei Kanapinn, Oderberger Straße 84, vorn 2 Treppen zu melden. Einen erheblichen Verlust hat am Sonnabend, den 10. Dezember, ein dreizebnjähriges Mädchen erlitten, das jür die Eltern einen größeren Posten Ware abgeliefert hatte und den erhaltenen Betrag in Höhe von 147,40 M, auf dem Wege von der Mauerstraße bi« zur Kommandanlenstraße 34 in der Zeit von 8— 8>/, Uhr abends verlor. Das Portemonnaie, das das Geld enthielt, war in ein Kuvert verpackt. Der Finder wird um Abgabe an den Schuhmacher Beck, Kam« mandantenftr. 34 gebeten. Vorort- JNacbrlcbtem Rlxdorf. Da» städtische Beerdigungswesen betrifft eine Klage, dle unS unterbreitet wird. Einem in der Erkstraße wohnenden E£h paar H. war in der Charitö ein Kind gestorben. Anf dem Amte bezahlte Frau H. die Kosten für die Uebcrfühiung der Leiche von der Charilö nach dem Friedhofe am Mariendorfer Weg und die Kosten der Beerdigung. Die Ueberführung sollte om Sonnabend, den 10. d, M., stotifinden. In der Charit» warteten aber Frau H. mit ihrem Bater vergeblich auf die bereits bezahlten Lcichenträger. Schließlich fanden sich im letzten Augenblick gegen entsprechendes Trinkgeld andere Perionen, die die kleme Leiche nach dein Kinderleichenwagen trugen. Als dieser aber an dem städtischen Friedhos anlai», waren gleichfalls leine Leichen« träger zu sehen. Um nun mit der Leiche nicht nach Hauie fahren zu müssen, blieben der Mutter und deren Bater nichts anderes üdrig, als selbst Leichenträgerdienste zu verrichten und selbst anzufassen. Man kann sich deiiken, wie der trauernden Mutter dabei zu Mute gewesen sein mag. Auf Beschwerde der Mutter wurde ihr ans dem Amte geantwortet, es wäre ein Versehen vorgeloininen. Bold darauf crichien auch bei Frau H. ein Mann, der gleichfalls erklärte, ein Versehen länie über- all einmal vor, daS sür die Leichenträger bezahlte Geld solle sie am anderen Tage, an dein die Beerdigung des Kindes erfolge, auf dem Friedhofe zurückerhalten. DaS verletzte die H.schen Eheleute, die da meinte», eS gehöre sich, daß ihnen der Betrag sofort nach ihrer Wohnung hätte zurückgeiendet werde» sollen. zu»>al sie auch die Vebübren auf einmal hätten zahlen miisie» und außerdem der Fried- hos nicht der Platz und die geeignete Gelegenheit zur Rückzahlung sei. Gester» Mittwoch halte» die Leute das Geld noch nicht zurück- erhallen. Wen» schon ein Versehen eininal vorkoinnie» kann, so sollte man umgehend«in solche» so schnell wie möglich gut machen und nicht in der Weise verfahren, wie im vorliegenden Falle. Sonderbare Klagen gehen UNS über da» hiesige Amt»» gerichtSgefängniS zu. Ein ehemaliger Insasse de» Gefäng» niileS teilt un» mit, daß er in seinem Bett eine Anzahl Wanzen vorgesiindcn hätte. Die gleichen Klagen, so versichert un« der ve- schwerdeführer, könnten auch von anderen Gefängnissen vorgebracht iverden Er Hab« den Inspektor de« GefäiiginsseS einmal auf daS llngezieser aufmerksam gemacht und dieser habe auch versprochen, iür Abhilfe zu sorgen. Klagen über Ungeziefer wie über Unsauberkeit in Gefängniffen sind un« in nennenswerter Weise bisher eigentlich nicht mitgeteilt worden. Um so mehr niühten wir u»S wnndern, wenn die Leitung deS obengenannten Gefängnisse» nicht ihr«ugeninerk auf die in einer solchen Nustalt erforderliche Sauberkeit richtete. Die Freie Turnerschaft Rixdorf-Britz hat in ihrer Versammlung am Dienstag di« bisher bestehende Jugendabteilung für die Schüler unter 14 Jahren a u f g e l ö ft. WilmerSdorf-Halcnsce. Dle Stadtverordnetenversammlung befaßte sich am Mittwoch- abend mit der Prüfung der Stadtverordnetenwahlen vom November h.'~ didaten Ceti meinschaft mit allen übrigen Interessenten, Geschäftsinhabern. Mietern usw. agitieren. Sie verlangen eine Untergrundbahn. Geschäftliche Verluste haben den 36 Jahre alten Schankwirt Max Finger auS der Elisabetbkirchstr. 10 in den Tod getrieben. Seit 14 Jahren hatte Finger in der Frankfurter Alle« 136 eine Pfand- leihe, die er vor drei Wochen ausgeben mußte, da sie in letzter Zeit schlecht ging. Seit einem Vierteljahr betrieb er im Haus« Elisabeth- kirchstr. 10 eine Schankwirtschast, die aber auch nicht recht ging. Au der Schönebrrgrr Brücke wurde von der Feuerwehr eine Frauenleiche aus dem Kanal geholt, deren Identität noch nicht fest» gestellt werden konnte. Die Leiche wurde dann nach dem Schauhause gebracht. Srurr im Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinder-Krankenhausr in einickendorser Str. 61 alarmierte gestern früh die Berliner Feuerwehr. Als sie dort ankam, brannten im Laboratorium Tische und ein Schrank usw. ES gelang, die Flammen mit einer Schlauch« leitung aus den Brandherd zu beschränken und eine Beunruhigung der kleinen Patienten zu vermeiden. Einer ZeitnngSauSträgerin ist am Dienstagnachmittag in bor Seit von 2 bis Vi# Uhr au« dem Haufe Oderberger Ska>« 84 ein inderwagen mit braunem Korbgestecht gestohlen»»eben. Da die I. E» wurde beschlossen, die Wahl des bürgerlichen Kan- d a t c n O e r t l e r im 1. Bezirk Halensee, die der Wahlausschuß zu Unrecht proklamiert hatte, für ungültig zu erklären. Ucber den Inhalt zweier Proteste, die sich gegen die im 9. Bezirk erfolgte Wahl des Sozialdemokraten Riedel und deS Demokraten Lazarus richtete, sollen Erhebungen veranstaltet werden. Die Wahl des Sozialdemokraten Schröder im 8. Bezirk wurde für gültig er- klärt, desgleichen sämtliche Wahlen der 1. und 2. Abteilung, Zehlendorf(Wannseebahn). Die Gemeindevertretersiynno wollte sich zunächst mit einer Vor- läge des GemeindevorstandcS über Verbesserung des PolizeiwefenS befassen. Inzwischen war der Vorstand zu der Ucberzeugnng ge- kommen, daß sich eine solche Vorlage zur Behandlung in der öffent- liehen Sitzung nicht eigne. Der neu angestellte Kriminalivacht- meister hat dem Vorstand nämlich die Auffassung beibringen können, daß ein« ganz« Anzahl von Zehlendorfer Straßentypen mit nächt- lichen Einbrechern identisch seien. Da Herr Hammer als rettender Engel auch noch die„persönlichen Moment« ins Feld führen konnte, weil möglicherweise nicht alle Nachtwächter zur Ucbernahme bei der Polizei geeignet seien", beschloß die Vertretung die Ver- legung.— Durch Ucberbürdung der jetzigen Lehrkräfte, zum Teil bedingt durch notwendig gewordene Teilung von Klassen, ist an der Realschule die Gründung einer nenen Oberlehrerstelle(Geholt 4500 Mark) und einer Zeichenlehrerstelle erforderlich geworden. An der höheren Mädchenschule sind aus denselben Gründen sioben neue Stellen einzurichten und zwar die Stellen für zwei Oberlehrer, eine Oberlehrerin, drei Lehrerinnen mit seminaristischer Bildung und eine Zeichenlehrerin. Die Gesamtmehrausgabe beträgt hier 13 860 pro Jahr. An der Gemeindeschule soll eine technische Lehrerin angestellt werden, die Unterricht im Turnen, Zeichnen und in Handarbeit erteilen kann. Das Schulgeld an den höheren Schulen wird für auswärtig« Schüler auf 200 M. erhöht. In die Steuerordnunoi für die Umsatzsteuer wurde vom Borstand die Auf- nähme eines Paragraphen befürwortet, der die Grundstücke stcucr- frei läßt, die von Stiftungen und die zur Gründung von Familien» fideikommissen erworben werden. Dieser Passus war schon einmal darin enthalten und von der Vertretung gestrichen worden. Wie der Schösse Rhode darlegte, hat aber in letzter Zeit der Re- aierungSpräsident einige Nachdargemeinden angehalten, eine solche Bestimmung in die Steuerordnung aufzunehmen. Um einem leichen Eingriff zuvorzukommen, wurde der Vorschla2 vom Bor» >and gemacht. Es wurde vom Schöffen zwar zugegeben, daß die »tädte eine solche Bestimmung nicht haben, daß auch der Eingriff ungerecht ist, aber auf einen Kampf mit dem RegierungSPräst- deuten will man«S nicht ankommen lassen. So werden vorfint- flutliche Einrichtungen in die Neuzeit gerettet, obendrein noch zum Schaden der Gemeinden. War hiergegen aber der Widerspruch gering, so war er um so schärfer bei einem eigenmächtigen Antrag de» Schöffen, einen Dchutzparagraptzen in die Steuerordnung auf- zunehmen, beim Berkauf von Erbschaften den Steuersäckel vor Schaden zu bewahren. ES hat sich«n Fall abgespielt, daß ein Erbe sein erworbene? Grundstück schon nach Jahresfrist verkaufte. Erb- schaften sind im allgemeinen von der Umsatzsteuer ausgeschlossen. Bei dem Verkauf des Grundstücks hielt sich der Erbe nun nur ver- psltchtet. den Wertzuwachs des einem Jahres zu versteuern. Die sache schwebt und der Ausgang ist zweifelhaft, da die Steuerord- nung eine Lücke hat. Der Schöffe schlug nun vor. einen P� Wilmersdorf sind etwaige Mitteilungen an Frau M a r k e w i tz, Weimarische Str. 12, zu richten. Jngendveranstaltnngen. Schöneberg. Freitag, den 16. Dezember, abend? 8'/, Uhr, bei Posch« mann, Vorbergstr. 9: Vortrag des Herrn A. Urban. Tegel-Borsigwalde. Wir machen hiermit aus unsere Jugcndschrlften- ausstellung ausmcrlsam, die bis einschließlich Sonntag, den 1«. Dezember, an Wochentagen von 7—10 Uhr, Sonnlags von 3—8 Uhr abends im .Jugendheim", Schiieperstr. 30, geöffnet ist. »meltiver Marktbericht der stiidtilchen Martthallen-DireMon aber den Großbandel in den Zeniral-Markthallen. Marktlage: Fleilchj Zusuhr schwach. Geichält still, Preise unverändert. W> l d: Zusuvr genügend, iöelchäst nicht lebhast, genug Preise fast unverändert. M e. , l ü g e l: Zniuhr genügend.(Seschäft jlau, Preise kaum verändert. Mische: Zufuhr etwas reichlicher, Gesch.iit ziemlich rege, Preise wenig verändert. Bullerund Käse: Geschäft ruhig, Preile unverändert. Gemüle, Obil und S ü d s r ü ch t e: Zusuhr genügend, Geschäft leblos, Preise fast unverändert. WitteningSilberNcht vom 14. Dezember 1910. moraens» Uhr. «tatwnen 3 e « 2 lB=s -Z lR o-tt-r S?:| 759 SO 756 OSO 758 D rwlnelnde Hamburg nerliv Jrnilfl.a M 757 Still R wichen 759 NW Wien 758 S 3 halb bd. 3 beiter 3 bedeckt Dunst 4 heiter 2 wolkig «ä* »Ii i? mS> «tatlonen Jl si;»? 5 Jl' te-l Vetter a«zi e-» 1- tzcwaranva 767 NO Petersburg 763 SW Scillh 747 SSW lberaeen Parts 753 S 757 SSW 2 bedeckt 1 bedeckt 4 halb bd. 5 bedeckt 3 wolkig —21 1 10 8 « ivettervroguose nir Doliuerstag. den 13. Dezember 1910. Ein wenig wärmer, vorwiegend nebelig oder wolkig bei mäßigen licheu Winden; keine erheblichen Niederlchläge. Berliner Wetterbureau. süd- VInsserstandS, Nachrichten der Landesanstalt sllr Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Vetterbureau. Wafferltand M-m-l. Tillit P r e g e l, Jm'terburg K e i ch I e l, Tborn Oder. Ratibor , Kronen , Frantiurt Warthe, Schrimm , Landsberg Reh«, Vordainm Elbe, Leitmerttz , Dresden , Bardo , Magdeburg 4- bedeutel Wuchs,— Hall.—») Unterveael.—*) Eisstaud.— •) von 9—10'/, Uhr vorm. 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Berndt: Einige besonders wichtige Organsysteme des Menschen und der höheren Tiere. Schiller-Tlieater. Schiller-Theater 0. Donnerstag, Kaiser-Panorama. 4. Reife am schönen Rhein. Besuch v. BcrchtrSgade», Salzbergwerk-Köiiigseezc. Eu e Reise 29 Ps., Kind nur 10 Ps. Abonnem. 1 M. Taus. Abonnenten. Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. AbendS 8 Uhr: Der Uiiterpräfekt. Schwank in 3 Allen v. Leon Gandillot. Morgen und folgende Tage: Der Uiiterpräfekt. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Donnerstag, 15. Dezbr., abends 8 Uhr: Die gkruunuischtadit. Freitag: Hosgunst. Sonnabend nachm. 3'/, Uhr: Die Heemannschlacht. Sonntag: Die Jungfrau o. Orleans. Luisen-'Riester. Abends 8 Uhr: Der Kegikrator auf Rklsen. Freitag: Mudtckcs Reise nach Indien. � Sonnabend nachm. 4 Uhr: Zwerg Nase. Abends 8 Uyr: Der Registrator aus Reisen. (Wallncr-Tbcal). abends 8 Uhr: Iii« I'eo Caprice. Lustfpiei in 3 Allen v. O. Blumenthal. Ende 10'/« Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: l8odoius Ende. 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