Ur. 395. BbonnemenlS'Bcdi ngungen: tlbonnements- Preis pränumerando; Vicrteljährl. 3£0 W.I., monatl. 1,10 B!k., wöchentlich 28 Pfg, frei ms Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonnlags» nummet mit illustrierler Sonniags- Bcilage.Die Neue Well" 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutfchland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Posiabonnenienis nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 37. Jahrg. Crlcheint Wich aiißcr montaat. Vevlinev Volltslklnkt. Die Tnlertlons* Gebühr Beträgt für die fechsgespaliene Kolonel- geile oder deren Raum b0 Pfg,, für politische und gewcrlfchaftliche Vereins- und Vcrsammlungs-Anzcigen M Pfg. „lileine 3Jn-«ig-n". das erste(fettgedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes wettere Wort S Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müfscn biS 5 Nlfr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „SozialtUmokrat Berliirt s Zentralorgan der rozialdemohratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 17. Dezember 1910. Expedition: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1081. Die neue politische Lage in Großbritannien. London, 14. Dezember 1910.(Gig. Ber.) Obwohl noch über 100 Parlamentsvertrcter zu wählen sind, kann man die Wahl schon als entschieden betrachten. Die Parteien sind daher schon bei der Arbeit, die neue politische Lage zu erwägen und Pläne für die Zukunft auszuhecken. Die Konservativen sind recht böse und versuchen ihren Wählern einzureden, daß ihre Niederlage in Wirklichkeit eine Nieder- läge für die Regierung sei, daß das Wahlresultat nichts de- weise, daß die Parlamentsbill nicht durchgehen könne und daß die Wählerschaft der Regierung kein Mandat zur Einführung der irischen Selbstverwalttung gegeben habe. Solche Behaup- tungen sind wohl kaum mehr als Phantasien des Besiegten, der sich in seiner Ohnmacht über die wahre Sachlage hinweg- zutäuschcn versucht. Kommen sie erst wieder zu Verstand, so werden sich die Konservativen mit den Tatsachen bald ab- finden und sich die Schwierigkeiten der Regierung, die seht erst beginnen, zunutze machen. . Herr B a l s 0 u r hat ja schon halb zugegeben, daß die Lords nach diesem Urteil des Volkes die Parlamentsbill an- nehmen müssen. Es ist auch schwer einzusehen, wie sich das Oberhaus der Annahme lange widersetzen könnte, sollte es nicht, wie anzunehmen ist, gewillt sein,„die Krone der alten Verfassung in den Schmelztiegcl nachzuwerfen". Man kann daher mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Parla- mentsbill, von der die Liberalen so viel hoffen, die ihnen im Parlament„kair play" verschaffen soll, innerhalb weniger Monate der Verfassung des Landes einverleibt sein wird. Ob sie aber die Hoffnungen der Liberalen erfüllen wird, ist eine andere Frage. Eine Verfassungsänderung ist schließ- lich doch nur ein Mittel zum Zweck und nicht der Zweck selbst. Die Parlamentsbill ist das Werkzeug, mittels dessen der un- entbehrliche irische Bundesgenosse zu seinem Recht verholfen werden soll, und mit dem vor allen Dingen die Pluralwähler, die heule in so vielen Wahlkreisen mit ihren Stimmen die Würfel zugunsten der Konservativen fälschen, abgeschafft wer- den sollen. Hätten die Liberalen eine Majorität über alle anderen parlamentarischen Parteien, so brauchten sie sich in bezug ans die Wirksamkeit der Parlamentsbill keine grauen Haare wachsen zu lassen. Sie könnten dann ruhig abwarten, bis sich die Obstruktionstätigkeit der Lords, der die Bill großen Spielraum läßt, erschöpft hätte: sie könnten die echte liberale Politik mit dem Leitmotiv aus dem Krähwinkler Landsturm wohlgemut fortsetzen. Die Parlamentsbill ist ganz klar für eine parlamentarische Lage zugeschnitten, in der die liberale Partei eine von anderen Parteien unabhängige Mehr- heit besitzt, eine Mehrheit, wie sie die Regierung durch diese Wahlen zu erreichen suchte. Nun aber die Iren wieder Trumpf sind, ändern sich die Aussichten und die Regierung wird finden, daß sie auf ihrer langen Fahrt, die nach ihrer eigenen Schätzung drei bis vier Jahre danern soll, vielen ge- jährlichen Klippen und Brandungen begegnen wird. Man kann mit den gemachten Forderungen der Iren wohl sympathisieren, ohne sich darüber zu täuschen, daß die Nationalisten trotz ihrer warmen Freundschaftsbetenernngen uir die englische Demokratie eine rückständige Gesellschaft sind. Es gibt ja wohl einige Ausnahmen, aber die große Masse der irischen Nationalisten ist kaum besser als die klerikalenParteien des Festlandes. Unzuverlässig in Fragen des sozialen und kulturellen Fortschritts, lassen sie sich lediglich von der Parole leiten: Englands Verlegenheit ist Irlands Gelegenheit. Die Handlungsweise dieser offen opportunistischen Partei ist un- berechenbar. Wird sie die Regierung, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, vorwärts drängen, um die irische Frage zu lösen? Wird sie die lange Prüfungszeit, die ihr die Lords vorschreiben werden, bestehen können, ohne den demagogischen Ränken der Konservativen zu unterliegen? Solche und ähn- liche Fragen drängen sich einem unwillkürlich auf. Gladstone wies schon vor 25 Jahren auf die Gefahr hin, die der libe- ralen Partei drohe, wenn diese sich auf eine von den irischen Nationalisten gebilligte Mehrheit verlassen müsse. Zu diesen Gefahren, die der Regierung drohen, kommt noch die Oppo- sition, die sie unter Umständen von der Arbeiterpartei zu er- warten hak. Die Arbeiterpartei wird wohl numerisch unge- schwächt und durch die Acguisition einiger tüchtiger Sozialisten geistig gestärkt ins Parlament zurückkommen. Aber über ihrem Haupte schwebt noch immer- das Damoklesschwert des Osborneurteils. Die Versprechungen AsgmtHs beriibren die eigentlichen Schwieriakeiten der Partei nicht und hoben die Arbeitervertreter nicht befriedigt. Auch läßt die angekündigte Vorlage betrefsend die Besoldung der Parlamentsmitglieder und die Bezahlung der offiziellen Wablkosten durch den Staat viel zu wünschen übrig: man weiß zum Beispiel nicht, ob diese wünschenswerte Reform früh genug eingebracht werden wird, um bis zum Ende des Parlaments Gesetzes- kraft zu erlangen. Ein flüchtige Skizzierung genügt, um die Schwierigkeiten erkennen zu lassen, denen die Regierung selbst unter der billigen Voraussetzung, daß die Parlamcntsbill eine glatte Erledigung findet, entgegengeht. Man wird es daher ver- stehen, warum jetzt schon in der liberalen Presse der Gedanke einer Reform des Oberhauses auftaucht, durch die der Ob- struktionstätigkeit der Zweiten Kammer gegen liberale Vor- lagen ein Ende bereitet werden soll. Denn daß sich Herr Bal- sour auch in Zukunft des Oberhauses bedienen wird, um die Regierung in eine gefährliche Position hineinzumanövericren, dürfte doch selbstverständlich sein. Gestern schrieb die„West minster Gazette" zum Beispiel:„Aber das Veto bildet nicht, wie wir immer zugegeben haben, die ganze Reform der Zweiten Kammer, und wir stimmen vollkommen dem Vor schlag zu, daß sich beide Parteien zusammenfinden sollen, um eine bessere Zweite Kammer zu ersinnen, wenn sie es können, sobald die Vetobill(Parlamentsbill) Gesetzeskraft erlangt hat." Man wird wohl kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Zweite Kammer, die sich die Führer— wahrscheinlich während der Krönungszeit— zusammenbrauen werden, alles andere als demokratisch sein wird. In der Einleitung zur Parlamentsbill heißt es zwar, daß die von den Liberalen er strebte neue Zweite Kammer auf populärer und nicht auf erb- sicher Grundlage zu errichten sei: was man aber bis heute über die noch dunklen Pläne der Liberalen gehört hat, deutet darauf hin, daß man sich einen Senat wünscht, in dem die wohlhabenden Klassen die Oberhand haben. Das Wort „populär" ist ein sehr dehnbarer Begriff und man weiß noch nicht, ob man die oben charakterisierte Körperschaft auf in direktem Wege oder mit einem Wahlmodus, bei dem die un bemittelten Parteien übervorteilt werden, wählen lassen wird. Man wird sich angesichts dieser Lage der Dinge auf ein heftiges Ränkespiel der beiden regierungsfähigen Parteien gefaßt machen müssen. Besonders die Konservativen werden wohl versuchen, durch ihre widerliche Demagogie alles bisher Dagewesene zu überbieten. Für das Volk wird bei diesem Ringen um die Macht im Staat außer vielen Versprechungen wenig abfallen. Mögen die Liberalen auch immer Vorteil aus der Verfassungsänderung ziehen, dem Volke ist nicht da mit gedient, daß an die Stelle des Hauses der Lords ein Senat tritt, der es sich wie fein Vorgänger zur ersten Ausgabe machen, wird, der Annahme alter tvirksamen sozsalep Ne formen die größten Hindernisse in den Weg zu legen. Der Wahlkinnpf. London, IS. Dezember. DaS bisherige Wahlergebnis ist fol- gendeS: 2S3 Liberale, 2(51 Unionisten, 40 Vertreter der Arbeiten Partei, 67 Anhänger Rediiionds, 8 Anhänger O'BrienS. Die Liberalen gewannen 22, die Unionisten 26, die Arbeiterpartei 4 Sitze. In Eastham jChester) hielt Lloyd George heute eine Rede, in der er erklärte, der Sieg sei g e Iv o n n e n. Die Regie rungsmchrheit sei heute bereits größer als diejenige, die die Kornzollgesetze abgeschafft habe, und am Sonnabend werde sie zweimal so groß sein als die, welche DiSraeli sechs Jahre hindurch am Ruder gehalten habe. Dennoch behaupteten die Toryzeitungen, die Regierung sei geschlagen.- Die Konservativen seien eben der Ansicht, daß ein demokratischer Sieg niemals zähle, eS sei denn, daß er den Willen der Aristo- k r a t i e zur Ausführung bringe. Dieser Auslegung der Verfassung wolle die Regierung ein Ende bereiten. Die Konservativen seien bemüht, die Verfassung zu russifizieren, aber sie würden in wenigen Wochen einsehen, daß der Sieg der Regierung eine Tatsache sei. Die V e t o b i l l sei nicht der Abschluß, sondern der Beginn des Programms der Regierung; diese sei ent- schloffen, unter allen Umständen ihren Weg weiterzugehen, bis die vom Volke geforderten Reformen erreicht seien. Premierminister A s g u i t h bezeichnete in einer Rede in Retford die Behauptung der Konservativen als lächerlich, daß sich aus den Wahlen kein Schluß ziehen lasse. Asquith bestritt sodann, daß er, wie Balfour sagte, in seinen Reden zugegeben habe, das Parla- ment sei aufgelöst worden, um die Stellung der Regierung zu stärken. Die Majorität der Regierung würde über hundert Stimmen betragen, er habe aber niemals erklärt, daß die Regierung zur Erreichung ihrer Ziele eine so große Majorität'nötig habe. Weg mit dem Oberhaus! London, 16. Dezember. Barnes, der Vorsitzende der Ar- beiter Partei, erklärte gestern, die liberale Regierung habe jetzt ein zweites unzweideutiges Mandat erhalten. Er hoffe deshalb, daß man mit den Lords weiter keine Umstände machen werde. Die Arbeiterpartei könne überhaupt keine Notwendig- keit für ein Oberhaus anerkennen; das Fortbestehen des Oberhauses bedeute eine Beleidigung für die Intelligenz eines freien Volkes. Die Uneinigkeit der Konservativen. London, 16. Dezember. In politischen Kreisen veranschlagt man die Mehrheit, welche die Regierung nach den Wahlen besitzen wird, auf mindestens 120 und höchstens 124 Sitze. Im unionistischen Loger herrscht Uneinigkeit. Viele Mitglieder der unionistischen Partei sind über Balsours Referendum Parole ungehalten und machen ihn für den ungünstigen Ausfall der Wahlen veraut- wortlich. Balfour selbst soll zugestehen, daß seine Ta ktik ge- scheitert ist. Er soll sogar Gesundheitsrücksichten geltend machen, um demnächst zurückzutreten und die Leitung der unionistischen Partei niederzulegen. Auf feiten der Liberalen wird darauf hingewiesen, daß im unionistischen Lager nicht nur Mangel au einem festen Programm herrsche, sondern es noch mehr an hervorragenden Männern fehle, die geeignet wären, die Leitung der Partei zu übernehmen. I Beweisführung. Je weiter die Verhandlung des Moabiter Prozesses borschreitet, je mehr der Freiwilligen Jagows aufmarschieren, um so gebieterischer wird die Frage: was will die Staatsanwaltschaft. was will der Polizeipräsident mit diesen Zeugen eigentlich beweisen? In der Freitagssitzung trat ein solcher Jagowiter auf, der sich zum Zeugnis gemeldet hatte, um die Aussagen über die Ausschreitungen der Polizei durch seine glaubwürdige Versicherung zu widerlegen, daß er dergleichen nicht gesehen habe. Der Mann mußte auf den Vorhalt der Verteidigung selbst einsehen, daß solche Beweisführung nicht gerade überzeugend ist. Sein Eingeständnis ist eine vernichtende Kritik des ganzen Verfahrens, das die Staatsanwaltschaft und die Polizei durch das Vorführen solcher Zeugen, wie er einer ist— und fast alle Schutzzengen der Polizei haben nicht mehr auszusagen, wie er— eingeschlagen hat. Die Vernehmung der Leute ist die reinste nutzlose Zeitvergeudung, der einzige Effekt ist die Verlängerung der Verhandlung. Die Verteidigung wies auf diesen Punkt energisch hin— Herr Steinbrecht gab durch seine verlegenen Ausflüchte selbst zu, daß die Staatsanwaltschaft ihr Verfahren nicht zu rechtfertigen vermag. Allein sie hat offenbar nicht die Kraft, die sonderbaren Ansinnen des Polizeipräsidenten abzuiveiseu. . Nicht minder wirkt die Anklagebehörde auf unnötige Verlängerung der Verhandlung hin, indem sie versucht, selbst die Glaubwürdig- keit der einwandsfreiesten Zeugen anzugreifen. Wenn ein Zeugnis selbst nach polizeilichen Begriffen unangreifbar ist, so das des Zimmermeisters Otto in der Mittwochsitzung. Niemand, der den alten Herrn im Gerichtssaale gesehen hat, wird auf den Gedanken kommen können, daß dieser biedere 62 jährige Handwerksmeister etwa an Taten wider die Polizei teilgenommen hätte, noch daß er irgendwie den Sachverhalt zu Ungunsten der Polizei entstellen werde. Wenn Herr Otto einmal im Gcrichtssaale als Belastungs- zeuge wider streikende Arbeiter auftreten müßte, wie würde die Staatsanwaltschaft das Zeugnis dieses Mannes gegen etwaige Ein- wände der Angeklagten verteidigen, mit welcher Wärme würde sie den alten, ehrenfesten Bürger herausstreichen. Aber da Herr Otto Polizeibeamte belastet, so muß er sich gefallen lassen, daß eine ganze Kompagnie Schutzleute gegen ihn aufgeboten wizd/ die beweisen soll... Ja, was soll sie eigentlich beweisen? Wieder fragt man sich verzweifelt, was diese massenhafte Zeugenladung denn nur bezwecken soll? Daß Herr Otto mit dem Säbel erbärmlich geprügelt worden ist, das will die Anklagcbehörde doch wohl nicht bestreiten, daß er die Hiebe ganz unschuldigerweise bekommen hat, doch ivohl auch nicht! Kein ver- nünftiger Mensch wird dem alten Herrn zutrauen, daß er etwa die Polizei beworfen, oder daß er, als zur Räumung des Lokales aufgefordert wurde, sich widersetzt oder die Aufforderung der Polizei mit Johlen oder Schimpfworten beantwortet hat. Keiner der Polizei- zeugen hat denn auch ettoaS Derartiges zu behaupten gewagt. Sie suchten lediglich die Säbelci im Lokal mit der Behauptung zu recht- fertigen, daß die Ausforderung zur Räumung mit Gejohle be- antwortet, daß ihr von Gästen Widerstand entgegengesetzt worden sei. Selbst wenn das richtig Iväre, so gäbe das der Polizei noch lange nicht das Recht zur wahllosen Berprügelung aller Gäste, auch der ruhigen und friedlichen. Aber die Aussagen Ottos, des Wirtes und mehrerer Gäste stehen in schärfstem Widerspruch zu diesen Polizei« aussagen, deren Glaubivürdigkeit durch mehrere llmstände sehr er« schlittert wurde. Der Polizeileutnant Hcck 11 mußte nach der Ver- uehmung des Wirts seine anfänglich sehr bestimmte Aussage in wesentlichen Punkten modifizieren und geriet beim Kreuzverhör der» maßen in die Enge, daß er schließlich ganz verstummte. Der Vor- sitzende bestärkte ihn in diesem Schlveigen, Ivorüber Verteidiger Heine mit der beißenden Bemerkung quittierte:.Ich habe nichts dagegen, daß Sie mir die Frage abschneiden: keine Antwort ist auch eine Antwort." Noch schlimmer steht eS mit dem Zeugnis des Schutzmanns Walter. Wenn die militärische Entschiedenheit des Tons ein Zeugnis hieb- und stichfest machen könnte, so wäre das seinige gegen alle Angriffe gefeit. Aber der Ton erzielte hier die entgegengesetzte Wirkung, weil Herr Walter hinterher einige seiner entschiedenen Behauptungen doch nicht ganz bestimmt aufrecht erhalten konnte. Und er hatte das Malheur, Angaben zu machen die zwar mit der ursprünglichen Aussage dcS Leutnants Heck bis auf den Wortlaut, nicht aber mit der späteren modifizierten Aussage seines Vorgesetzten übereinstimmten. Daß er gar tolle Dinge von den Gästen des Lokals behauptete, die von diesen— in dem kleinen Raum!— keiner beobachtet hat, das geht in einem hin. Die einzige einigermaßen plausible Erklärung für diese Aussage ist. daß der Zeuge das Lokal Landserrat mit einem anderen ver- wechselt. Wie das möglich ist und wie die wörtliche Ucber» einstimmung einzelner Partien der Aussage mit der unkorrigiertcn des Leutnants Heck zustande gekommen ist, das erklärt vielleicht die Art, wie der Zeuge tags vorher von einem seiner Vorgesetzten ver- nommen worden ist. Es gibt Fragen, die einem geeigneten Zeugen— und der Untergebene ist bei Befragung durch einen Vorgesetzten meist ein solcher geeigneter Zeuge— die Ucber- zcugung beibringen können— ohne daß dies von dem Fragenden beabsichtigt zu sein braucht—, er habe erlebt, was er gefragt wird! Natürlich nötigt diese„Beweisführung" der Staatsanwaltschaft die Verteidigung, Gegenzeugen zu laden, so daß der Fortschritt der Verhandlung immer wieder aufgehalten und das Ende ganz un- absehbar wird. » Empörende Polizeibrutalitäten sind in dieser Sitzung wieder von den Zeugen der Verteidigung bekundet worden. Die Aussagen des Ehepaares Heidemann, der Zeugen Bredemeier, Gieseler, Brom- bach können selbst ruhigen Leuten das Blut zu Kopfe treiben. Aber es gibt polizeifromme Leute, die desartige Dinge anders beurteilen. Der Herr Kricgskorrcspond'enk ß. VInüer-Kriegelsteln, einer von d'er Garde Scherls, der sich auch verpflichtet fühlte, der Polizei beizu- springen, findet nichts dabei, wenn„Gesindel" verprügelt wird, auch wenn es nichts verbrochen hat. Ist doch— äh— Präventivmahregel! Und der geschniegelte Herr im Zylinder kommt ja nicht in Gefahr, von der Polizei für Gesindel gehalten und verprügelt zu werden. * Schon zu Anfang des Prozesses hatte die Verteidigung gegen polizeiliche Belästigung und Bespitzelung ihrer Zeugen protestieren müssen; die Staatsanwaltschaft rückte damals von der Polizei ab vnd versprach Abstellung des Verfahrens. Aber die Staatsanwalt- schaft besitzt wohl nicht die Macht, ihren Willen gegen die Polizei durchzusetzen. Denn am Freitag muhten die Verteidiger Dr. Cohn und Heine aufs neue gegen solchen Mitzbrauch der polizeilichen Aintsgcwalt protestieren. Wieder erklärte Herr Steinbrecht, dah er an diesen Mahnahmen unschuldig sei. Dann liegt ein skanda- löser Amtsmißbrauch der betreffenden Polizeiorgane vor. Denn die Polizei hat nur als Hilfsorgan der Staatsanwaltschaft, also nur auf Grund eines Auftrags der Staatsanwaltschaft, das Recht, über Zeugen Ermittelungen anzustellen! ** * Diese Beschäftigung von Polizeibeamten ist ein Amtsmihbrauch und zugleich eine Vergeudung von Steuergeldern. Das letztere gilt auch von dem Aufpasserdienst, den die massenhaft in und vor dem Gerichtssaal herumwimmeludcn Geheimpolizisten ausüben. Einer dieser Leute hat das wohl selbst schmerzlich empfunden und hat sich deshalb auf seine Weise nützlich zu machen gesucht. Er folgte nach Schluh der Sitzung dem Zeugen Bredcmeier zur Ge- richtskasse und beschuldigte ihn dort des Versuchs der Gebühren- überhebung und der Bestechung eines Gerichtsdieners. Er be- hauptete, der Zeuge sei schon lange vor Schluh der Sitzung ent- lassen worden, habe aber durch Bestechung des Gerichtsdieners er- langt, dah er bis zum Schluh im Saale bleiben konnte und habe das getan zu dem Zwecke, höhere Zeugengebühren zu erheben. Durch Anrufung des noch im Saale weilenden Borsitzenden wurde die Haltlosigkeit der Beschuldigung sofort erwiesen. Wie ein begossener Pudel muhte der eifrige Beamte abziehen. Er hat einen mildern» den Umstand. Wenn ihm seine Vorgesetzten zum unnützen Auf- passen im Gerichtssaal befehlen, ists schliehlich kein Wunder, dah er einmal eine Leistung aufweisen will. politifche Ocberfkht. Berlin, den 16. Dezember 1910. Der blocklüsterne Herr Bassermann. Herr Bassermann, der sanftgescheitelte Führer der Nationalliberalen, machte Herrn v. Bethniann Hollweg in einer Nersammlung in Brannschweig eine schmachtende Liebeserklärung. Er bekannte sich als feuriger Verehrer der Bethinannschen Idee einer Paarung aller„Ordnungs- Parteien". Er sagte: „Wir müssen unter allen Umständen uud mit aller Schärfe Front machen gegen das Anwachsen der roten Flut, andererseits aber bemüht sein, mit der Fortschrittlichen Volks- Partei uns über die Aufstellung der Kandidaten zu einigen, weil bei Ausstellung von zwei liberalen Kandidaten vermutlich keiner in die Stichwahl gelange. Viel Vertrauen bringt Bassermann dem Reichskanzler entgegen, der jetzt durch die scharfe ch�Adsage an die Gefolgschaft des Herrn von Heydebrand doch damit ernst machen wollte, sich nicht von der schwarzblauen Mehrheit lediglich ins Schlepptau nehmen zu lassen, auch jede Schulnieisterung von dieser Seite sich verbitte. Allerdings fügte Bassermann hinzu, dah von jetzt ab der Reichs« kanzler ganz andere Wege einschlagen müsse." Nur ein„Liberaler" vom Schlage Bassermanns kann die Scharfmacherankündignngen eines Bcthmann Hollivcg, die wortivörtlich den programmatischen Forderungen der„Kreuz- Zeitung" entsprachen, für eine„scharfe Absage" an die ' Gefolgschaft des Herrn von Heydebrand ausgeben! Und die „ganz anderen Wege" auf die Herr Bassermann de» Kanzler des Absolutismus und des Scharfmachertums zu locken sucht, sollen natürlich Herrn v. Bethmann Hollweg höchstens dem Zentrum ein wenig abspenstig mache», nicht aber auch seine innigen Herzcnsbeziehungen zum Junkertum lockern! Herr Bassermann wäre sofort bereit, sich an Stelle des Zentrums ins Junkerbett zu legen. Und vielleicht ist er selbst einer Triole nicht abgeneigt, wenn nur der Kanzler dieser perversen Buhlschaft durch ein paar salbungsvolle Phrasen die ärgste Anstöhigkeit nimint I Zeiriiwsliigen. Man schreibt uns: Die Bekämpfung der Sozialdemokratie durch da« Zentrum keimt man meistens nur durch die Fabrikate der Firma München-Glad- back. ES ist nickt zu leugnen, dah durch jahrelanges Metier diese Firma sich eine Routine in der Polenrik angeeignet hat, die gerade dem aufgeweckten Arbeitcrpublikun� die klare Einsicht in die Dinge zu verwirren geeignet ist. Indem' sie sich von allzu naive» uud allzu drastischen Lügen fernhält, heuchelt sie vorutteilSlose Wissen- schaftlichkeit. Und es gibt nichts, was den Arbeiler, auch den katholischen Arbeiter, mit gröberen Respekt erfüllt, als Wissenschaft und was danach aussteht. Wer den Kampf des Zentrums in seiner wahren Gestalt, ohne wissenschaftlichen Deckmantel, wer beobachten will, wie das Zentrmn ohne die Rücksicht auf die Arbeitcrmassen des Westens die Sozial- demokratie und ihre Ideale bekämpft,— der muh sich die Agitations- und sonstigen Schriften des frommen Moseltals, besonders die aus der berüchtigten Trierer Ecke, ansehen. Vor Ulis liegt ein solches zweibändiges Machwerk aus dem Kolporlageverlag in Wiebelskirchen. Wenn die darin aufgetischten Lügen nicht zu schamlos, die byzantinischen Selbstempfehltmgen nach oben nicht zu widerwärtig wären, wenn endlich nicht die Befürchtung nahe läge, dah in den Köpfen der ZentrumSivähler auch die gröhten Lügen ihren Zweck nicht verfehlen— dann möchte man diese „apologetischen" und„sozialpolitischen" Ergüsse eines gewissen Dr. Schäfer jedem Mißgestimmten zur Erheiterung, jedem Freunde politischen Humors als woblbekömmliche Nachtischleklüre empfehlen. Möglich aber, dah sie bei den meisten die entgegengesetzten Folgen haben und als Vomitiv wirken--- Man muh bedenken, dah das Material, das in solchen populär- apologetischen Handbüchern zusammengestapelt wird, nicht für die offene Agitation bestimmt ist. Die S3 Aussätze, die hier vereinigt sind, sollen vielmehr die Konzepte für Vorträge abgeben, die von den jeweiligen Vorsitzenden und anderen„hervorragenden" Mit- gliedern imierhalb der Lokalvereine gehalten werden. Natürlich mehr zur Erbauung als zur wahren Wissensverniittelung. Endlose Wiederholungen ermüden den Leser des Ganzen. Hat irgendwo und irgendwann ein Fürst oder ein Schriftsteller oder gar ein protestantischer Gelehrter etwas zum Lobe der katholischen Kirche gesagt, so muh das in jedem Aufsatz bald zum Beweis einer christ-katholischen Wahrheit, bald zum Beweis des Bankrotts alles FnümaurertmiiS, bald zur Bemäntelung eines der vielen ZentrumSumfälle im Reichs- tag herhalten. Alles m allem bekommen wir hier einen Einblick in die klägliche Art und Weise, wie das Zentrum außerhalb der NationaMberale Scharfmacher! Als der„Vorwärts" vor dem Beginn der Moabiter Prozeh- Verhandlungen die Anklageschrift unter die kritische Lupe nahm und aufwies, mit welch beispielloser Ungeschicklichkeit und Leichtherzigkeit die Anklageschrift aus dem Prozeh einen großen politischen Tendenzprozeh zu machen versuchte, war es gerade die nationalliberale„Köln. Ztg.", die dies Vorgehen der Staats- anwaltschaft hitzig verteidigte und den„Vorwärts" zu verhöhnen suchte, der, falls er wirklich von der Unschuld der Sozialdemokratie überzeugt sei, doch dem Staatsanwalt Dank dafür schulde, dah er den Prozeh auf eine breite politische Basis gestellt habe. Wir stellten demgegenüber sofort fest, dah unsere Kritik der uu- glaublichen Voreiiigenomtnenheit der Staatsanwaltschast ganz und gar nicht so gedeutet werden dürfe, als sei uns das Vorgehen der Anklagebehörde etlva unangenehm! Im Gegenteil, so ver- sicherten wir, die Staatsanwaltschaft habe uns gar keinen grötzeren Gefallen tun können! Daß diese Versicherung keine Renommisterei war, ist der „Köln. Ztg." inzwischen ja auch sehr peinlich zum Beivuhtsein ge- kommen. Denn toelcheu Eindruck der bisherige Verlans deS Prozesses auf die Oeffentlichkcit machen muhte, ergibt sich ja deutlich genug aus folgendem Stoßseufzer der„Kölnischen Zeitung": „Wie ein Alp lastete der Verlauf des Moabiter Prozesses auf allen Baterlandsfreunden. Man sollte es ruhig mit an- sehen, wie gewandte sozialdemokratische Verteidiger einen Stein nach dem andern zu einem sozialdemvkratischcu Triumphbogen türmten." In der Tat, es ist so ganz, ganz anders gekommen, als die brave Staatsanwaltschaft sich träumen lieh, als die„Köln. Ztg." hoffte, als sie dem Unternehmen der Staatsanwaltschast, den Prozeß auf eine„breite politische BafiS" zu stellen, so begeisterten Beifall zollte! Aber gerade weil der Moabiter Prozeh den Scharfmachern eine so furchtbare Enttäuschung brachte, gerade weil die Staatsanwaltschaft sich selbst in ihrem Uebereifer eine Grube gegraben hatte, feiert jetzt die„Köln. Ztg." den Reichskanzler, weil er— ganz im Gegensatz zu den Eindrücken und Ergebnissen des ordentlichen Gerichtsverfahrens!— die zerfetzte und totgeschlagene Scharsmachcrlcgcnde wieder zu galvaiiisicren versuchte! Ja, das süh reit de n a ti o n a l l i b e r a le Blatt bringt es fertig, die Bcthmann Hollwegschcn Trübungs- und BeeinflussungS- versuche noch folgendermaßen zu unterstützen: „Die Staatsanwaltschaft hat allerdings zu Beginn des Prozesses erklärt, daß sie den Nachweis erbringen könne, die Aus- schreiinngen seien auf das Konto der Sozialdemokratie zu setzen. Man mag das für klug oder für unklug halten, jedenfalls hat sie damit natürlich nur den Nachweis im juristischen Sinne gemeint. Und der kann nur mit nnzweideniig festgestellten Tat- lachen geführt werden. Im Sinne der Staatsanwalt- schaft ivnrde er z. B. erbracht fein, wenn die Rädelsführer als eifrige Parteigänger der Sozialdemokratie entlarvt würden. Das mühte aber sttr jeden einzelnen besonders nachgewiesen werden. Er würde erbracht sein wenn vielleicht Verbindungsfäden zwischen derStreik- leitung und dem Pa rteiv o r ft a n d aufdedeckt worden wären. Aber ob der Beweis in diesem Sinne gelungen i st oder nicht, das wird das Gericht am Ende des Prozesses zu entscheiden haben auf Grund der ihm nachgewiesenen Tatsachen. Lächerlich aber ist es, nnzmiehmen, dah die Rede deS Reichskanzlers eine so ch y p i, o t i si e r e ii d e Wirkung auf das Gericht auszuüben vermöchte, dah es den Angeklagten X als führendes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei bezeichnete, ohne dah dafür Beweise vorbanden wären.... Der Reichskanzler hat Ueber- zeugungen ottsgesprochen, Ueberzeugungen, die nian in den weiteste» Kreisen, was die s o z i a l d e m o- krattsche Verantwortung betrifft, heute schon durchaus teilt; das Gericht hat es nicht mit Ueberzeugungen, sondern mit einzelnen Tatsachen zu tun. Gerade des- wegen aber war das Wort des Reichskanzlers befreiend und durfte mich nicht bis zur Beendigung des Prozesses verschoben werden." Jedermann merkt, dah das Fingerzeige für die ratlos gewordene Staatsanwaltschaft, ja wohl auch zarte Winke für die Richter sein sollen I Aber davon ganz abgesehen! Welch frecher Unsinn liegt in der Scheidung: das Gericht wird nach Tatsachen urteilen— aber der oberste Beamte des Reiches und der ganze übrige ScharfmacherchoruS sollen unter Mißachtung aller gerichtlichen Fcststcllunge» um so eifriger die„ U e b er z c ug ung' verkünden. dah die Sozialdemokratie trotz alledem die Verant- Wartung trifft! Oeffentlichkeit bei seinen blind ergebenen Anhängern den Kampf gegen uns führt. Da in dem Buche beim besten Willen keine ein- heitliche Disposition und Auffassung zu entdeckeu ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als eS flüchtig durchzugehen und die dicksten der aufgetischten Lügen nebst den blödsiititigsten allgemeinen Ergüssen festzunageln. In einer Betrachtung über„die Gesellschaft itttd den barmherzigen Samariter" findet sich die Behauptung, dah— wir zitieren wörtlich—„die Gründer der Sozialdemokratie: Las falle, Marx und Engels jüdische G r o h- k a p i t a l i st e n gewesen seien, die nicht aus Verdienst angewiesen waren"(Seite 13). Die Lüge, daß Engels ein Jude war, ist bekanntlich ebenso fett wie die, dah Marx ein privatisierender Kapitalist war. Die Schafe des Herrn Dr. Schäfer können das nicht wissen. Aber er selber sollte sich schämen, angesichts des Elendes, das infolge der brutalen preußischen AuSweisungS- Politik in Marx' Haushalt notorisch geherrscht hat, solche Lügen- märchen zu verzapfen. Jeder Historiker weih, dah Marx bis an sein Lebensende um sein und seiner Familie Brot mit der Feder fronden muhte. Als lediglich belustigend registrieren wir die fernere Weisheit (S. 14), dah ,, s o w o h l i n Deutschland wie im Ausland an der Spitze der Arbeiterpartei meist reiche Kapitalisten st e h e n." Wer weih I Vielleicht entpuppt sich in der zweiten Auflage des Schäferbuches noch die ganze Sozialdemo- kratte als eine Verschwörung des Kapitals gegen den Katholizismus. In jederBeziehung aktuell jedoch und in die momentane Byzantiner« Politik des Zentrums vorzüglich hiiteiitpasseitd sind die geistvollen Ver- suche Schäfer«, den Patriotismus der Katholiken ins rechte Licht— nach oben natürlich— zu setzen. Die Katholiken sollen weniger patriotisch sein als die Protestanten?„Im deutsch-fran- zösischen Kriege sammelte man für die Verwundeten. In den protestantischen Provinzen kam nie ein Groschen auf den Kopf, in den katholischen dagegen neummdzwatizig Groschen auf den Kopf. Also sind d i e K a t h o l i k e n neun- undzwanzigmal patriotischer als die Protest a n t e�n. und dennoch sollen sie nicht patriotisch sein"(Seite 32). Jede Bemerkung würde das Gewicht dieser Argumentation abschwächen.— Die Geschichte von den frommen katholischen Provinzen ist aber noch gar nichts gegen das Märchen von dem falschen Patriotismus der Natioualliberalen. Man höre. was den frommen Mofelbouem, die die babylonische Sprach- Verwirrung für daS wahrste Ding in der Welt halten, von den klugen Schaföhirten aus Wiebelskirchen ausgetischt wird.„Als nach der babylonischen Sprachverwirrung die Völker sich nach Nationalitäten trennten, da lieh Gott einem jeden derselben eine Schüssel natio» nalen Patriotismus vorsetzen. Löffel der verschiedensten Größe und. Reichstags-Neuwahlett. Bisher haben nur sozialdemokratische und ltuksliberake Blätter die baldige Auflösung des Reichstag? gefordert; jetzt erklärt siF jedoch, veranlaßt durch das Ergebnis der letzten Tagung, auch da? offizielle Organ der nationalliberalen Parteileitung, die„Nationall. Korresp.", gegen sdie künstliche Verlängerung�der Lebensdauer des Reichstags. Das Blatt meint: Dah die Mahnung, in der gemeinsamen Arbeit die Gegen- sätze zu begraben, uns keinen Schritt weiter bringt, das muh nach dieser Etatsdebatte auch Herrn v. Bethmann Hollweg klar geworden fein. Die Nervosität, die über dem Ganzen lag. forderte geradezu gebieterisch nach einer Entladung, und diese Entladung können nur die Neuwahlen bringen. Schon die Jnter- pcllationen, mit denen so viele Tage dieser kurzen Session auS- gefüllt waren, zeigen zur Genüge, wohin der Wind weht; und wenn auch ad und zu eine darunter ist, die der positiven Arbeit zuzuzählen ist, so stehen doch schon am Eingang der Tagung ün künftigen Jayre neue Interpellationen, die zu den schönsten Wahl- reden Anlaß geben. Das Zeichen unserer politischen G e s a m t s i t u ä t i o n st e h t auf Neuwahlen. Möge die Regierung das rechtzeitig erkennen und den Einflüssen wider- stehen, die das Leben des jetzigen Reichstags noch künstlich ver- länger» wollen._ Tie„Gelben" und der Reichskanzler. Der Hauptausschuh der„gelben" Gewerkschaften hat am Sonn» tag in Magdeburg getagt und, begeistert durch die Aulündigung des Reichskanzlers im Reichstage, daß die Regierung besondere Bestim» mutigen zum Schutze der sogen.„Arbeitswilligen" oder Streikbrecher in das neue Strafgesetz hineinzitpraktizieren gedenke, folgende» Glückwunschtelegramm an Herrn v. Bethmann Hollweg gerichtet: „Euerer Exzellenz senden ehrerbietige Glückwünsche zur gestrigen bedeutsamen Retchstagsrede die zur ersten Tagung ihres gemein« sarneit HauptauSichusjes versammelten Vertreter der unterzeichneten natiounlett Arbeilerverbäitde mit mehr als Iii) MV Mitgliedern. Mit besonderer Genugtuung begrüßen wir die attgekündigl-ii Ge- setzeSmahregeln gegen die gewissenlose Verhetzung unseres Voltes durch fanatische Agitatoren sowie den von Arbeitgebern und der überwiegenden Mehrzahl der Arbeiter lange ersehnten, wirksamen gesetzlichen Schutz der persönlichen Freiheil und Selbstbestiminuug. Die heutige Gewaltherrschast der Sozialdemokratie muh beseitigt werden." Solche Zustimmung in den vaterländischen Kreisen der„Gelben" hat daS kindliche Herz des Kanzlers sehr gerührt. Tief ergriffen hat er sofort mit einem Danktelegramm geantwortet: „Für Ihre freundliche telegraphische Begrüßung sage ich meinen besten Dank. Alle Bestrebungen, die sich auf den Aus- gleich der wirtschaftlichen Gegensätze auf friedlichem Wege und nationaler Grundlage richten, sind mir bei meinen Bemühungen. die staatliche Ordnung uud persönliche Freiheit zu sichern, eine wertvolle Unterstützung. Reichskanzler v. Bethmann Hollweg.� Ein herziger Gemütsmensch, unser Reichskanzler I In den „Gelben" sieht er wertvolle, vaterländische Elemente, deren Be- strebungen sich auf den Ausgleich der wirtschaftliche» Gegensätze und auf die Sicherung der persönlichen Freiheit richten. Ja. was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt 1 Die Luftflotte. Wie die„Jkartis"-Korrespondenz aus sicherer Quelle erfahren haben will, hat sich das Reichsmari ne-Amt, gleich tietn Krieg sniinisterium, entschlossen, eine Anzahl Flug- Maschinen in Dienst zu st e l l e n. Frankreich soll gegen- tvärtig bereits 30 Sseäroplane besitzen, die in Toulon und Marsch lle stationiert seien. Auch England habe bereits mehrere Flugzeuge, die eigens für den Küstendienst konstruiert und ausgerüstet sind, er» ivorben. und Amerika habe eine größere Anzahl Farman-Flieger für diesen Zweck angekauft. In der Korrespondenz wird dann erzählt, daß Korvettenkapitän Lübbert im Austrage des Mariueamts bereits mit den Albatros- Werken in Jobanuistal in Verbindung getreten sei; in nächster Zeit sollen auch Offiziere in der Bedienung der Flugmaschincn aus- gebildet werden. Uebrigens scheinen interessierte Kreise ganz nach dem gestern von uns gekennzeichneten Vorbild der„Deutschen Munitions- und W a s s e n f a b r i k" an der Arbeit zu sein, um unseren Luft- niilitnrisnius künstlich zu forcieren. Offenbar von deutscher Seite ist nämlich in ein Pariser Blatt die Ente lanciert worden. dah Wilhelm II. von der Fluginnschine nicht viel halte und nur. um der öffentlichen Meinung nachzugeben(I), auch den militärischen Flugsport organisiert habe. Man erivartet offen- bar, dah diese Meidung nicht nur durch eine Erklärung der „Nordd. Allg. Ztg.", sondern auch durch neue Ankäufe von Flugmaschinen dementiert werde! Art lagen bereit. Da sprach Gott: Nehmt und esset. Und die Natioiialltberalen stürmten unverschämt heran, ergriffen den gröhten Löffel und aßen hastig von der nationalpatriotiichen Suppe. Die Katholiken— bescheiden iv i e immer— nahmen einen gewöhnlichen Eßlöffel und aßen. Der Löffel der Nationalliberalen war der Schaumlöffel gewesen, auf dem nur der Schaum der patriotischen Brühe sich befand, während die Kraft derselben durchgelaufen mar, die den Katholiken reserviert blieb. Daher ist auch der Patriotismus> der Nationalliberalen mehr schäuntend als kräftig wirkend, während der katholische Patriotismus mehr kräftig wirkt als schäumt". (Wörtlich mit dem kostbaren PassuS der katholischen Bescheidenheit auf Seite 34.) Aller iinkatholische Patriotismus ist faul und frech. Der katholische ist„treu" und„echt" und„wirkungsvoll". .Goethe schrieb seine unheilvollen Wahlverwaiidtschoften, als die Deutsche» in ihren Ketten schmachteten. Lesfing war total Vater- landslos. Noch kläglicher ist Hegels Nolle." Und Bismarck?„Von uns wird man nie sagen, daß wir unsere monarchische Gesinnung hätten revidieren wollen. Auch wird man niemals von uns sagen, waS Kaiser Wilhelm I. von Bismarck sagte:„Dah Bismarck mir nicht das Tintcnfah an den HalS geworfen, war alles".„Ich wage daher zu behaupten. dah der katholische Patriotismus echter«nd wirkungsvoller ist als der der Andersgläubigen und Liberalen."(Wörtlich S. 86 ff.) Wenn die Sache nicht ihre blutig ernste Seite hätte, wäre nmn geneigt, das ganze für eine Satire zu hallen. Es wird die ernst sozialreformierende Tätigkeit des West- lichen„demokratischen" Zentrums gerühmt. ES wird so getan, als ob eS diesen Leuten wirklich ehrlich auf vorurteilslose ErkeuittniS der heutigen sozialen Schäden und ihre Heilung ankäme. Besonders die„Versöhnung von Stadt und Land" spielt in ihren Pro- grammen eine große Rolle. Man lese daraufhin, wie das Zentrum seinen Anhängern die Probleme des modernen sozialen Lebens nahe bringt, auf welche Art und Weise es den„Ausgleich zwischen Stadt und Land", daS gegenseitige Ver- ständniS zu fördern bestrebt ist und bedenke, dah in folgendem von Arbeitern, nicht von Bürgern die Rede ist.„Hoch am Himmel steht die Sonne, wenn man in der Stadt sich langsam von seinem Lager erhebt. Man wäscht sich nach städtischer Manier mit abgekochtem bazillenfreien Wasser, pomadisiert und scheitelt das Haupthaar mitten über den Kopf. Man bespritzt das Taschentuch mit wohlriechendem Wasser... Mau begibt sich an die meist nur spielende Arbeit... Beim Frühstück schläft man in der Stadt vor Appetitlosigkeit fast ein... Die Unterhaltung dreht sich lediglich um Festlichkeiten, bald um diese, bald um jene Lumperei... Statt der Religion predigt man So sympathisch man der EntWickelung der F7»gn>asch!ne gegenüber- stehen mag. so scharf sind doch journalistische und chaudinistische MäZchen solcher Art zu verurteilen! „So viel Mut!" In der IVO. Reichstagssiyung vom 13. Dezember appellierte der Vertreter des Präsidenren, Herr Schultz, an den Mut der sozial- demokratischen Abgeordneten. Der Zusammenhang wird auS dem erst beute den Abgeordneten zugegangenen stenographischen Berich: ersichilich, und zwar auf Seite 3317 in C und D. Zunächst stellte der Kanzler eine Behauptung auf, deren Gegenrcil vom Ab- geordneten David nnnnrtelbar vorher voll und glänzend bewiesen war. WaS der Kanzler am Tage vorher unbewiesen— tveil un- beweisbar— behauptet hatte, wiederholte er in der 100. Sitzung. Der stenographische Bericht teilr darüber und über einen Teil der Zurufs von beiden Seile» des Hauses das Nachstehende mit: „Die moralische Mitschuld der Sozialdemokratie an den Moabuer Vorgängen bleibt bestehen l(Sehr richtig? rechts.— Lebhafter Widerspruch und wiederholte Zurufe bei den Sozial- demokraten: Beweise!— Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Schultz: Meine Herren, ich bitte Sie. jede Unterbrechung zu unter- lassen! iStürmische erregte Zurufe bei den Sozialdemokraten: B e- weise! Hat gelogen! Ist eine Lüge!— Große andauernde Bewegung.) Ich fordere den Herrn auf, welcher dem Herrn Reichskanzler zugerufen hat, er habe gelogen, sich zu melden. Wer war das?— Die Herren werden doch wohl so viel Mut besitzen, sich zu nennen, (Abgeordneter Kunert: Ich war eS') Herr Abgeordneter Kunert, ick rufe Sie dann zur Ordnung! (Lebhaftes Bravo.— Erregte Zurufe von den Sozialdemokraten,") Die Situation war die. daß nach den Worten des Kanzlers ein parlanicntarijcher Sturm durch das HauS ging; die Erregung war so mächtig und die große Bewegung so andauernd, daß man sich um Herrn Schultz, seine Glocke und seine Worte nicht kümmerte: man hörre und sah den Herrn überhaupt nicht. Man nahm nur wahr, daß innerhalb dieser elementaren Regung der Reichskanzler v, Bethmann Hollweg für Minuten nicht weitersprechen' konnte. Immerhin war er der zwar nicht imponierende, vielmehr Mitleid erregende Mittelpunkt: nicht aber stand Herr Schultz mit seinem sehr überflüssigen Appell an den Mut der Sozialdemokraten im Vorder- grund. Hätte er sich in dein Lärm früher zur Geltung bringen können, so würde er die richtige Antwort natürlich entsprechend früher erhalten haben._ Ein Anfruhrprozest. Unter der Anklage des Aufruhrs standen vor der Strafkammer in Trier 23 Personen ans Mandern(Hochwald). Bei einem nücht- lichen Auflauf gelegentlich der Kirchweih forderte der Gendarmerie- Wachtmeister Frings einen Haufen skandalierender Personen auf, sich zu entferuen. Sofort wurde der Beamte mit Steinen, Holz- stücken usw. bombardiert. Der Beamte schoß darauf aus seinem Revolver, ohne indes jemanden zu verletzen. Die Angeklagten bestreiten die Schuld, Eine Beteiligung an ocm Bombardement konnte niemand nachgewiesen werden. 11 An- geklagte wurden wegen Beteiligung an einem Auflauf zu je einer Woche Gefängnis bestraft, die übrigen freigesprochen. In Mandern ist zwar noch nie«ine sozialdemokratische Wahl- stimme abgegeben worden. Vielleicht aber versucht es Herr v. Belh« mann dennoch, die„moralische Schuld" an diesem Krawall der Sozialdemokratie zuzuschieben.__ Jagow bleibt. Die„Nordd. Allgem. Ztg." bestreitet halbamtlich die erneute Meldung der„Köln. Volks.stg.", daß der Berliner Polizeipräsident v. Jagow in: nächsten Frühjahr versetzt werden soll. Das Kanzler- blast schreibt? Die„Köln. VolkSzeitung hält in ihrer Rfimmer vom 15-&. M. die Nachricht ausrecht, daß die Verhandlungen des Moabiter Krawall- pi)ozesses zu einer anderweiten Verwendung des.Polizeipräsidenten v. Jagow führen würden. Wir sind ermächtigt, sestzustellen, daß diele Nachricht auf Erfindung beruht. Wir haben sicherlich nichts dagegen, wenn uns Herr v. Jagow erhalten bleibt, besonders wenn ihm auferlegt wird, noch häufiger als bisher sich auf dem Gebiete der Polizeipublszistik zu betätigen. Die Wehrstener. Wie die..Berliner Börsenzeitung" hört, beabsichtigt man notionalliberalerseitS einen Antrag wegen Erhebung einer Wehr- steuer im Reichstag einzubringen und zwar unter Hinweis auf die Schweiz, wo sie 7 Millionen im Jahre einträgt. Es sei aber»och «in anderes Moment für den Antrag maßgebend. Die Belastung der Landwirtschaft durch den Militärdienst, der er die Arbeitskräfie entzieht, sei eine sehr große. Durch die die Städte in erster Linie treffende Wehrsteuer soll gleichsam ein Ausgleich zu Wege ge- bracht werden._ Oeftcr reich. Trostlose Verhältnisse. Wien, 16. Dezember. Das Abgeordnetenhaus begann heute die zweite Lesung des Budgetprovisoriums. Abgeordneter in der Stadt den Zukunstsstaat, in dem die B r a t>v ü r st c nicht mehr gewogen, sondern mit dem Meter- maße gemessen werden. Da gibts kräftig solide Beefsteaks und Hammelkeulen für eilte Person. an denen sonst zwei genug haben möcht e n. Da gibts keinen Unterschied in Stand und Vermögen. Da wird � das Vermögen vergesellschaftet, das heißt geteilt. Da herrscht die freie Liebe wie unter den Katzen zur Nachtzeit.. (Wörtlich S. 44 bis 46). Die Hammelkeulen und Bratwürste im Zukunstsstaat scheinen f® dem hochwürdigeu Herrn Schäfer gewaltig angetan zu haben. Wir finden sie auf Seite 57 noch einmal. Hier hat er sie schon genau gemessen.„Da gibt cS recht lange Würste, diese werden nicht mehr auf der Wage abgewogen, sondern mit dem Metermaß abgemessen. Ein Meter zwanzig ist die durchschnitt- liche LAnge der Portion. Und zwar erhält jeder Ge- nasse und jede Genossin dieses, die alle k unter- bunt durcheinaudersitzen. Hei. welch' ein Leben ist das! Wein, Bier, Apfelwein werden nach Belieben verabreicht. Nicht jedocb alkoholfreie Ge tränke."(S. 67.) Dieses und die darauf folgende gemeine Schilderung einer sozialdemokratischen Zuknnstsorgie in einer Kirche hat ein akademisch abgestempelter Mann unter Nennung seines Namens veröffentlicht. Aber es kommt noch besser. Der saubere Herr begnügt sich nicht mit allgemeinen Redensarten, die er zu gegebener Zeit als rhetorische Uebcrtreibungen hinstellen könnte. Er geht aufs einzelne. „Die Führer der Sozialdemokraten lassen sich schwere Diäten aus der Parteikasse zahlen, und letztere ist nicht unbedeutend, da jeder Genosse in dieselbe j ä h r l i ch 66 M a r I zu z a h l e n h a t."(Seite 82.)„Durch den Jubel und Trubel der Großstadt ans die Sozialdemokratie vor- bereitet, läßt sich der ehemals fromme Bauernbursche in die Partei aufnehmen, wo er jährlich seine pflichtschuldigen 66 Mark zu zahlen hat"(Seite 47). Dieselbe lügnerische Be- hauptung findet sich noch an anderen Stellen deS Schäferschen Machwerks wiederholt. Wer den Würsten de« Zukunftsstaates daS Maß nimmt, ist geistlos dumm. Wer wider besseres Wissen faustdicke Lügen verbreitet, ist schamlos frech. Von der Höhe des allgemein-kulturellen und deS sozialpolitischen Standortes, den der Wiebelskirchencr Schäfer einnimmt, nur zwei drastische Beispiele.„Die älteskeit Menschen waren auch dem Lebens- alter nach die ältesten. Adam wurde 036 Jahre alt, Methusalem sogar 960. Daß die Menschen damals so alt wurden, kam daher, daß sie von der in unserer Zeit herrschenden Genußsucht nichts kannten. Sagt ja schon derDichter: DieLiebe undderSuff. die Dr. E h i a r i beklagie die trostlosen Verhältnisse nickst nur im Parlament sondern in allen Vertretungskörpern. DaS Ziel aller Politiker müsse die Schaffung einer großen arbeits- r e ich e n Mehrheit sein. Der deutschnationale Verband werde im Interesse der Äontmuität der Geschäftsführung für das Budget- Provisorium stimmen. Redner kam dann aus den deutsch-tscheckischen Sireit zu sprechen und erklärte, man käme in Oesterreich vor'dessen Ordnung nicht zu geordneten Verhältnissen. Trotz gegenseitigen Entgegenkommens seien in Böhmen die Ausgleichsverhandlmtgeii auf einen Punkt �gelangt, über den die Deutschen nicht hinaus- gehen könnten. So ausgicichsfreundlich die Deutschböhmen seien, kampfesmüde seien sie noch nicht. Zum Schluß gab Redner der Hoffnung Ausdruck, daß es zu einem Ausgleich von Volt zu Volk kommen werde. Frankreich. Die Feuerzeuge. Paris, 16. Dezember. Die Steuerkommission der Kammer hat beute einen Entwurf über automatische Feuerzeuge geprüft, den die Regierung binnen kurzem zur Beschlußfassung vorlegen wird. Nach diesem soll auf Feuerzeuge aus weniger wertvollem Metall ein Zoll erhoben werden, der um 20 ZentimeS höher ist als die im Jnlande erhobene Steuer. Der Zoll auf die besseren Sorten soll noch höher sein. Folgen der Maßregelung. Paris, 16. Dezember. In einer von mehreren Blättern der- öffentlichten Zuschrift erklären Angestellte der Nordbahn, der Dienst leide darunter, daß infolge des letzten Ausstandes gegen tausend Arbeiter entlassen wurden, die noch nicht ersetzt sind. Ihre Wiederanstellung würde viel zur Wieder- Herstellung des normalen Betriebes beitragen. K.ulZ1anci. Ein Ttudentenstreik. Petersburg, 15. Dezember. Die Hörerinnen der Hoch- schule in Moskau sowie die weiblichen Studierenden der Medizin und der Technologie in Petersburg haben als Demonstration gegen die P r ü g e l st r a f e in den Gefäng- nissen einen dreitägigen Streik beschlossen. Petersburg, 10. Dezember. Heute hielten etwa 3 0 0 0 Studierende der hiesigen Universität eine V e r s a m m- l u n g ab und beschlossen nach einstündiger ungehinder- ter Beratung, als Protest gegen die Vorgänge in den Gefängnissen von Wologda und Serentui den Vorlesungen bis zum 21. Dezember fernzubleiben. Amerika. Bürgerliche Parteiverschmelzung. In den Vereinigten Staaten herrscht, wie in England, das System der relativen Mehrheit, Stichwahlen gibt es nicht. So sind die Wahlsiege der Sozialisten größtenteils zustande gekommen. Eine absolute Mehrheit über die gesamten Gegner haben fie auch in Milwau kee noch nicht. Es ist daher begreiflich, daß bereits jetzt im Hinblick auf die nächste, in 16 Monaten bevorstehenden städtischen Wahlen au einer Verschmelzung der Republikaner und Demokraten gearbeitet wird. Der Gedanke ist durchaus logisch. Die Partei- scheidung ist in der Hauptsache verursacht durch den Gegensatz zweier Cliquen, die sich um den öffentlichen Futternapf raufen. Wenn nun die Gefahr bevorsteht, daß ihnen beiden der ganze Futternapf ent- zogen und durch die sozialistischen Siege das öffeut- liche Leben auf eine minder geschäftliche Grundlage gestellt wird, so ist«s durchaus logisch, daß beide Gruppen sich vereinigen, um wenigstens gemeinsam de» geliebten Napf zu ver� .txjdigxzr. Dep llnterstiitzung aller„Grafters", der öffentlichen, durch die sozialistische Verwaltung ausgeschalteten Lieferanten ürld GeVstditde-' diebe, wie der enttäuschten Stellenjäger, denen unter sozialistischem Regiment kein Weizen blüht, dürfen sie ebenso sicher sein wie der des gesamten Ausbeutertums. Im Interesse der Erziehung der Arbeiterschaft zum Klassenbewußtsein ist diese klärende Entwickelung natürlich zu begrüßen. Selbst, wenn sie, wie vorauszusehen ist, manche vorübergehende Rückschläge für uns bringen wird. fcinaäa. Die Handelspolitik der Farmer. Ottawa, 16. Dezember. Eine Delegiertenvcrsammlung der Farmer des Westens hat beschlossen, an die Regierung die Forde- rung zu stellen, daß alle Vorteile eines GegenseitigkeitsverrrageS, die den Vereinigten Staaten gewährt werden, auch Groß- britannien zugebilligt werden. Ferner soll eine de- deutend weitergehende Ermäßigung des Vorzugs. t a r i s c s verlangt werden, um die Herstellung vollkomme- nen Freihandels zwischen der Dominion und dem Mutter- lande innerhalb zehn Jahren sicherzustellen. Die Farmer sind mit einer direkten Besteuerung einverstanden, um die reiben den Menschen uff."(Wörtlich Seile 88).„Seit Noahs Zeiten kennt man den Wein. Die aus ihm sich ergebenden Leidenschaften schwächten aber das Geschlecht, und die Sünden der Väter rächten sich an den Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied. Moses wurde darum nur noch 120 Jahre alt, hatte aber, was auffallend ist, bei seinem Tode noch alle Zähne..."(Wörtlich Seite 88).„Woher kommen"— so fragt unser Bratwurstspezialist—«die heutigen hohen Fleischprcise?— Gewiß in erster Linie von dem heutigen starken F l e i s ch g e nu ß(!!) Da ißt man morgens zum Kaffee schon Fleisch, dann um 10 Uhr, um Mittag, um 6 Uhr und zum Abend- effcn."(S. 03). Warum leben die Leute nicht mehr wie früher im goldenen Mittelstand?— fragt Dr. Schäfer. Ja, warum benutzen sie nicht ihren Lohn in der richtigen Weise?„In der ersten Hälfte deS vorigen Jahrhunderts war der Tagelohn der Arbeiter 1 Mark? Dabei konnten die Leute damals bestehen. Heutzutage ist der Ar- beitslohn ini Durchschnitt 4 Mark.(! l) Nehme ich nun an"— und der Lügenpeter von Wiebelskirchen sieht allerdings keinen Grund, das nicht zu tun—„nehme ich nun an, daß die jetzige Lebensweise, wenn ich die Sache hoch anschlage, dreimal(!!) gegen die frühere sich verteuert hat, so müßte ein Familienvater in jeder Woche sechs Mark erspare» können.(!) Das macht aufs Jahr 300 M. und auf zehn Jahre 3000 M. ohne Zinsen und ZinseSzinseu."(Wört- sich S. 133). Man ist in der Tat bei solcher Lektüre am Ende. Ist es bewußte Bosheit oder naives Kindergemüt, wenn am Schlüsse des Buches gegen die Sozialdemokratie eingewandt wird:„D i c V c r- gesell schaftung der Produktionsmittel würde den Arbeiter schädigen, denn sie raubt ihm die freie Verfügung über seinen Lohn." Es kann keine Unwissenheit sein. Herr Schäfer lügt seinen Schafen vor, daß der sozialdemokratische Parleibeitrag wöchentlich 1 M. und 30 Pf. betrage. Er lügt ihnen auch weniger handgreifliche Dinge vor. Das Buch ist zu dumm, als daß es ein solches Eingehen lohnt— wird man sagen. DaS ist richtig. Es ist noch dümmer als auS den hier gegebenen Proben hervorgeht. Aber mit den diplomatiichen Reden der Hertling und Spahn hält das Zentrum seine Scharen nicht zusammen. Auch nicht mit den Parade- stücken der München-Gladbacher Polemik. Die Konventikel- Propaganda— nicht der offene Kampf ist es, womit daS Zentrum sich zusammenhält. Für diese Konventikel- propaganda ist das vorliegende Machwert typisch. Wir werden die gefährlichste und jedem Demokraten widerwärtigste Partei nur ver- Nichten können, indem wir sie bis in ihre dümmsten Winkelzüge hinein verfolgen. i Einbuße an Zöllen, die unter den ncuett Tarifbestimmungey enk- stehen sollten, auszugleichen. Mexiko. Neue Kämpfe. New Jork, 16. Dezember. Ein heftiges Gefecht zwischen RegierungStruppen und Insurgenten fand in der Nähe von Andres im Staate von Chihuahua statt. Der Ausgang ist unbekannt. Andere Meldungen bestätigen, daß die RegierungStruppen in den letzten Kämpfen keinen Pardon geben, sondern alle Gefangenen sowie die Verwundeten rücksichtslos töten. Eue der psrtei. Eemeindewahlerfolge. Eine schwere Niederlage des Zentrums brachte die Stadtverordnetcnwahl in Esse n. Im ersten Wahlgang behauptete das Zentrum einen Sitz, während es 6 Mandate an die Liberalen verlor. Unsere Partei steigerte bei der Hauptwahl ihre Stimmen von 3700 auf 6800 und brachte in dem bisher von den Sozialdemo- kraten innegehabten Bezirk ihren Kandidaten in die Stichwahl. Bei den Tonnerstag zu Ende gegangenen Stichwahlen siegte unser Ge- nosse Redakteur Steinbüchel mit 2179 gegen 2040 Zentrums- stimmen. In drei anderen Bezirken siegten die Liberalen, das Zentrum verlor dabei noch einen Sitz, so daß es im ganzen sechs Mandate einbüßte._ Erfolge der norwegischen Sozialdemokratie. Vor kurzem fanden in den norwegischen Städten die Neuwahlen der Gemeindevertretung statt. Man war auf das Ergebnis um so mehr gespannt, als das Gemeindewahlrecht der F r a u e n, das noch vor drei Jahren an einen Steucrzensus gebunden war, jetzt gleich dem der Männer allgemein geworden ist. wodurch sich die Zahl der weiblichen Wahlberechtigten um ungefähr 260 000 vermehrt hat. Dazu kommt, daß es sich in den norwegischen Gemeinden immer mehr um die eine Frage handelt, ob die Sozial- demokratie die Herrschaft erhalten soll, oder ob es dem Bürgertmn erlaubt sein soll, noch weiter zu wirtschaften. Die Gegensätze zwischen den bürgerlichen Parteien sind mehr und mehr verschwnn- den; sie haben keine Ideale mehr und ihr Programm erschöpft sich in den Schlagworten von der Erwerbsfreiheit, d. h. der Aus- beutungsfreiheit, und Verminderung der Steuerlasten, nämlich der direkten Steuern für die besitzenden� Klaffen. Darum ist ihre Wahlparole der Kamps gegen den Sozialismus. Am stärksten tritt das in K r i st i a n i a zutage, wo die Konservative» seit 12 Jahren die Herrschaft in Händen haben. Tie Zahl der Wahl- berechtigten ist hier seit 1007 von 70 034 auf 92 287 gestiegen: ab- gegeben wurden diesmal 61 938 Stimmen gegenüber 47 072 im Jahre 1007. Für die Kandidaten der Konservativen und der mit ihnen alliierten„freisinnigen Linken" stimmten 31 370 Wähler(1007: 24 661), für die Sozialdemokratie 22 366 (1007: 14 689, 1004: 0517, 1901: 4486. 1898: 1108, 1896: 480). für die Linken Partei 6262(1907: 6762), für die Abstinenz» Partei 1219(1907: 1661). Der Rückgang der Stimmenzohl der Abstinenzpartei ist darauf zurückzuführen, daß ihre Leute immer mehr die Ueberzeuaung gewinnen, daß die Bekämpfung des Alto- hols nicht für die Bildung einer politischen Partei maßgebend sein kann, weshalb sie sich der Sozialdemokratie anschließen. Nach dem Proportionalsystem, das für die Verteilung der 84 Stadtverordneten- Mandate maßgebend ist, erhält die Sozialdemokratie 31 Sitze statt bisher 27, die Konservativen und„Freisinnigen" 44 statt bisher 46, die Linkenpartei 8 statt bisher 10, die Absti- nenzlcrpartei 1 statt bisher 2. Die Konservativen haben damit auf weitere 3 Jahre ihre Herrschaft in der norwegischen Haupt- stadt'ssdsibert. Auchckn einer Reihe anderer Städte hat die Sozial- demokratie starke Fortschritte zu verzeichnen. So ist z. B. in JSLß ß,ain LiMiqiuanord die Zahl der sozialdemokratischen OuM- verordneten auf Äosten der Reacktionsparteien von Ist aflst 15 g e st i e g e n, in Frederik st ad bonJ7 auf 9, in G j ö v i k. wo bisher kein Sozialdemokrat in der Stadtvertretung saß, sind jetzt 6 gewählt. Allerdings ist auch in einzelnen Städten ein Rückgang der sozialdemokratischen Vcrtreterzahl erfolgt, z. V. in D r o n t h e i m, wo 22 statt bisher 25 Sozialdemokraten ge- wählt sind, was darauf beruht, daß man dem Bürgertum eine heillose Angst vor dem in handgreifliche Nähe gerückten Sozialis- mus eingejagt hatte. Uebrigens hat die Sozialdemokratie auch bei den Landgemeinde» wählen, die bereits im Oktober stattfanden, fast in allen Gemein» den, wo die Wahlen ein politisches Gepräge trugen, sehr starke Fortschritte erzielt und an mehreren Orten die Mehrheit in der Gemeindevertretung erobert. In einer Landgemeinde, N e d r e E k e r bei Drammen, sind sogar nur Sozialdemokraten gewählt. Unsere Parteigenossen siegten hier mit 806 gegen 523 Stimmen, und da die Gegner unterlassen hatten, ihre Kandidaten- liste ordnungsgemäß einzureichen, konnte daS nur fakultativ be- stehende Proportionalsystem nicht in Anwendung kommen, und die ganze Gemeiirdevertretung fiel somit der Sozialdemokratie zu. Personalien. Zum Parteisekretär für den A g i t a t i o n s- bezirk Ostsachsen(umfassend die ersten neun sächsischen OieichstagSwahlkrcise) wurde in einer BczirkSkonferenz in Dresden Genosse Otto Kühn gewählt. Genosse Kühn war bisher Buchhalter in der„Dresdener VolkSzeitung". Jugendbewegung. Eine Konferenz der JugcndauLschüffc der südlichen Hälfte der Rheinprovinz fand dieser Tage in Köln statt. Vertreten waren die Städte Aachen, Bonn. Eus- kirchen, Köln, Mülheim a. Rh. und Obcrstcin, jede durch einen Erwachsenen und einen Jugendlichen. Ferner waren Vertreter von Partei und Gewerkschaften erschienen, lieber die Tätigkeit im Bezirk berichtete Genosse Sollmann. Der Ausschuß habe seine Hauptiätigkeit auf die Städte Köln,' Mülheim a. Rh., Bonn, Ober- stein und Aachen verwendet: in dem übrigen Gebiet sei wegen dessen klemstädtischen oder ländlichen Charakters vor der Hand wenig oder nichts zu erreichen. Es seien vorhanden: in Köln 660 Abonnenten der„Arbeitcr-Jugend". in Mülheim a. Rh. 313. in Bonn 142, in Aachen 75, in Oberstein 44 und in Euskirchen 12, insgesamt 1246. Besonders bemerkenswert sei die Tatsache, daß die weitaus große Mehrzahl der Angehörigen der freien Jugend- bewegung unter 18 Jahren sei, im Gegensatz besonders zu den evangelischen Jünglingsvereinen. DaS Einvernehmen mit Partei und Gewerkschaften sei durchaus gut. An einem Vortrag des Jugendgcnossen Stöckcr über d i e praktische Arbeit in der Jugendbewegung schloß sich eine lebhafte Diskussion. Es wurde beschlossen, daß die Jugendausschüsse je zur Hälfte aus Erioachsenen und Jugendlichen zusammenzusetzen seien. Mit Ent- schtedenheit sprach sich die Konferenz für den v o l l st ä n d i g e n Wegfall der alkoholhaltigen Getränke bei den Veranstaltungen der Jugendausschüsse ans. Daö Beispiel der Erwachsenen sei hier von größter erzieherischer Bedeutung. Zwei weitere Anträge, die von Köln gestellt und zum Beschluß erhoben wurden, verlangen von der Zentralstelle sobald wie möglich die Herausgabe einer Korrespondenz für die Jugend- a u s s ch ü s s e. in der praktische Fragen der Jugendbewegung und-erzichung bebaudelt werden sollen. Der zweite Antrag er- sucht die Zentralstelle um Herausgabe der schon so lange und dringend gewünschten leicht verständlichen Agitationsschrift für die Jugendlichen, da sich diese als für die Werbe- tätigkeit und Schulung per gewonnene�.Anhänger Unbedingt ptig herausgestellt hgbc. Gewerhrcbaftlicbe�. Zum Hirtenbrief des Kardinals fifcber. Dell Zeiitrunischristen liegt das jüngste Hirten- s ch r e i b e n des Kardinals Fischer arg verquer. In gar nicht mitzzuverstehender Weise hat der Kardinal bekannt- lich die Erklärung, daß der Papst den beiden R i ch- t u n g e n der zeiltrumlichen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung in_ Teutschland„gleichmäßig neutral g e g e il ü b e r st e h e", mit der Bemerkung versehen, e s werde immer mehr sein Be st reden sein, „n e b e n d e n Gewerkschaften unsere spezifisch katholischen Arbeiterorganisationen— A r- beiterve reine, Jünglingsvereine, Gesellen- vereine. Kongregationen usw.— weiteraus- zubauen, sie nach Möglichkeit zu fördern und so den religiösen, den katholischen Geist in unserer braven katholischen Arbeiterwelt zu pflegen und zu vertiefen." Mit bollern Recht sieht die Oeffentlichkeit in dieser Kund- gebung eine Stellungnahme zugunsten der rein katholischen Organisationen, also auch der stubenreinen F a ch a b t e i l e r. Das will— und darf!— ja nun aber von den„christlichen" Gewerkschaften beileibe nicht zugegeben iverdcn. In diesem Falle, wo die„Christen" die sauren Trauben wirklich mal nicht wollen, tun sie nun, als hätten sie ihnen seit je init innerster Ueberzeugung und aus lauterstem Herzen nachgejagt. Ei, eil Tie„Christen" haben die konfessionellen Ar- beitervercine höchstens als Jagdgründe für die Stärkung ihrer Gewerkschaften abgepirscht Die Stärkung der katholischen Arbeitervereine s e l b st ist ihnen a u s e i g e n e m Willen nie beigefallen. Haben sich die „Christen" doch oft genug bitter beschwert, daß die meisten katholischen Arbeiter zur Doppelorgan i- s i e r n n g im katholischen Arbeiterverein und in der„christ- Ischen" Gewerkschaft nicht zu bewegen seien. So be- richtete einmal das Blatt der„christlichen" Metall- ?" t c r über einen gut organisierten Pürschversuch in den katholischen Arbeitervereinen: ..Wie das Resultat der gemeinsamen Aktion zwischen Ge- werkschaften und Arbeitervereine vor zwei Jahren gezeigt hat. t,t die übergroße Mehrzahl der Arbeiterver- einsmitglieder für die Gewerkschaften nicht zu haben. Wir handeln nur klug, wenn wir unsere Hoffnungen nach der Richtung hin um einige Löcher zurückstellen." In dem„P r o m e m o r i a" zuni zentrumschristlichen Gewerkschaftsstreit, das als„Aktenstück" in der nunmehr aus dem Buchhandel zurückgezogenen Schrift des Kaplans Schapen:„Köln, eine innere Gefahr für den Katholizismus" mit veröffentlicht wurde, sah der Ber- fasser, der beide Zentrumsgewerkschaftsrichtungen gern zu- fammenleimen mochte, bereits eine„Aufsaugung" aller ..Kulturdokumente des untergehenden(katho- lischen) Arbeitervereins" durch die interkonfessionelle Gewerkschaft. Weiter hieß es: „In der Gewerkschaft haben wir nach den unverkennbaren Anzeichen der sozialen Entwickelung die künftige Berufs- g e m e i n s ch a f t zu erkennen. Demgemäß ist der kleinere und schwächere Faktor, der Arbeiterverein, deni Untergang ver- fallen, wenn er auch vorläufig in manchen Gegenden vielleicht der äußerlich und numerisch stärkere Teil ist." � Run wird also als Ergebnis der Romreise des Kardinals ??ifch c r verkündet, daß trotzdem der Ausbau der rein katho- lischen Arbeitervereine„immer m e h r" das Bestreben des Klerus sein wird. � Es ist auch angebracht, zwei Vorgänge einander gegen- überzustellen. In in ihrer Kampfnummer gegen die Fach- abtciler vom Beginn dieses Jahres tat die M.-Gladbacher „W e st deutsche Arbeiter-Zeitung" noch sehr er- habe n und meinte: „Nur dann, wenn die Fachabteilungen ledig- lich als Vorstufe, gleichsam als spezieller Kursus zur Vorbereitung der gewerkschaftlichen Tätigkeit benutzt würde, nur dann wäre diese natürliche Gegnerschaft beseitig t." So vom hohen Roß herab urteilen die„Christen" jetzt nicht mehr über die Fachabteiler. Das Blatt der Zentrums- christlichen Metallarbeiter druckt den die GeWerk- schaften betreffenden Teil des Hirtenschreibens ab und meint zu der Mahnung zur Einigung, die Kardinal Fischer an beide Teile richtet: „Die katholischen Mitglieder und Freunde der christlichen Gewerkschaften werden der Mahnung zum Frieden gern und freudig nachkommen. Wir für unseren Teil waren stets und sind auch jetzt bereit, die Streitaxt zu begraben, sofern auf der anderen sFachabteilungs-) Seite derselbe gute Wille zum friedlich-schiedlichcn Neben einanderarbcitcn vorhanden ist und praktisch betätigt wird." So zeigt sich also, daß die zentrunischristlichen GeWerk- schaftsführer als„gehorsame Katholiken" den Weisungen des Klerus solgen wollen, wie es ja von Giesberts in seiner Schrift:„Friede im Gcwerkschaftsstreit" danials bereits an- gekündigt ist. Aber die Folgsamkeit kommt nicht aus willigem Herzen, sondern sie ist die Wirkung der„Realpolitik", wie sie die christlichen Führer zu befolgen gezwungen sind. Der Fuchs muß! Die sauren Trauben müssen heruntergewürgt werden? SerUn und Omgegcnd. GineS der traurigsten Kapitel in der Tätigkeit der Berliner Bierfahrer ist die Verpflichtung, das Bier, welches in der Brauerei bar bezahlt werden muß, an einzelnen Kunden zu verborgen. Die Kundschaft verlangt dies aus verschiedenen Gründen, einmal aus Bequemlichkeit, ein anderes mal, weil nicht genügend Mittel vorhanden sind und aus anderen Gründen. Wenn nun die Fahrer immer wieder in den Besitz ihres Geldes gelangen würden, wären sie froh und würden sich mit dem augenblicklichen Zustande abfinden, aber häufig gibts kein Geld. Leider finden sie auch nicht in allen Betrieben Verständnis für ihre traurige Lage, wie der folgende Fall zeigt: In der Brauerei I. Bötzow(Hoflieferant) wurde Mitte Mai dieses Jahres ein Re- s-rvefahrcr beauftragt, den in der Niederlage dieser Brauerei in Südende erkrankten Faßfahrer zu vertreten. Er hatte dort draußen auch mit einem Neftaurateur in der Schloßstraße 60 in Steglitz zu tun. Dieser Herr, welcher sein Bier wöchentlich bezahlt, verlangte von dem Fabrer, als dieser 38 M. und einige Pfennige einkassieren wollte, er sollte ihm über 438 M. quittieren, wovon angeblich 400 M. an den erkrankten Fahrer gezahlt waren. Das lehnte der Nescrvefahrer natürlich ab und nun entstand zwischen dem Herrn kilestaurateur und ihm eine gereizte Stimmung. Als nun der Fahrer wieder einmal für die vorausgegangene Woche für ge- lieferte neun Tonnen Geld holen wollte, gerieten beide in Streit und der Wirt verwies ihm sein Lokal. Das konnte und wollte der Fahrer nicht begreifen, da er glaubte, zunächst das Geld für das Bier haben zu müssen, zumal die Brauerei doch streng darauf sieht. daß die Fahrer Geld bringen und wurde nun auf sein Sträuben hin von dem Wirt und einigen im Nebenzimmer anwesenden verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil veranttv.; Gästen, darunter einem Mauerpolier, so furchtbar verhauen, daß er im Wagen nach Berlin geschafft und 4 Wochen an den Berletzun- gen krank lag. Zu allem Uebel kam weiter, daß der Fahrer bei dieser Affäre sein Portemonnaie mit 450 M. verlor. Eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und Oberstaats- anwaltschaft wegen Körperverletzung gegen die Schläger wurde ab- gewiesen und nachdem dies geschehen, erhielt der Geschlagene und um sein Geld Gekommene noch eine Anklage wegen Hausfriedens- bruch und ist dann auch wirklich zu öl) M. Strafe verurteilt. Durch einen unglücklichen Zufall war er ohne Rechtsbeistand, jedoch ist gegen das Urteil Berfung eingelegt. Die Brauerei tat in der ganzen Zeit nicht das Geringste, um dem Manne zu seinem Recht zu verhelfen. Nachdem der Termin stattgefunden hatte, wurde ihm vielmehr einfach gekündigt. Kalten Herzens wird, um einen Kunden zu erhalten, ein Familienvater auf das Pflaster gesetzt, der, wenn er wirklich schuldig sein sollte, zu seinem angcb- lichen Vergehen doch kam, weil er nicht nur seine Interessen, son- dern doch vor allem die der von ihm vertretenen Brauerei wahren wollte. Die Brauerei geht bei diesem System den Unannehmlich- leiten aus dem Wege, die mit dem Inkasso der Bierschulden ver- bunden sind. Bekommt einmal ein Fahrer diese Unannehmlich- ketten zu kosten, dann erhält er dazu noch einen Tritt von der Brauereileitung. Human ist das nicht. Die Bierfahrer aber sollten sich gegen ein derartiges Verfahren durch einheitliches vrganisato- risches Auftreten verwahren. Ocutkches Reich. Eine weitere Stärkung der Arbeitgeberorganisationcn im Baugewerbes Der gcschäftsführende Ausschuß des deutschen Arbeitgeber- Hundes für das Baugewerbe und dessen Vorstand, sowie die Vor- stände des Deutschen Betonbau-Arbcitgcbervcrbandes und des Deut- scheu Ticfbau-Arbcitgcbcrvcrbandcs hielten neuerdings eine ge- meinschaftliche Konferenz ab. in der beraten wurde, ob ein engerer Zusammenschluß dieser Verbände erforderlich sei. Diese Notwendig- keit wurde von allen Seiten einmütig anerkannt. Es wurde ein- gehend erwogen, ob eine Kartellierung oder eine Verschmelzung zu empfehlen sei. Die Entscheidung fiel zugunsten der Verschmelzung. Nach Ansicht der Beteiligten bilde die Kartellicrung der Verbände ein viel zu lockeres Band, deshalb müsse die Verschmelzung der Ver- bände in Aussicht genommen werden. Zur weiteren Verfolgung dieser Angelegenheit wurde eine Kommission, bestehend aus Angehörigen der drei Verbände, ge- bildet, die Mitte Januar 1911 zur weiteren Beratung zusammen- treten wird.. In die Kommission delegierte der Deutsche Arbeit- gcberbund für das Baugewerbe: Enkc-Leipzig, Feller- meier-Münchcn und Fritz-Essen; der Betonbau- Arbeit- geberverband: Rud. Wolle-Leipzig, Wilh. Langclott-Dresden und Max Hellermcher-Düsseldorf; der Verband der de ut- schen Tiefbauunternehmer: Dr. Krause-Berlin, Gust. Riedel-Berlin und C. Baresel-Stuttgart-Untertürkheim. Diese Verschmelzung wird auf jeden Fall zustande kommen und bedeutet eine Stärkung der Unternchmcrposition. Die Widerstands- kraft dieser Verbände wird erhöht, woraus die in Frage kommenden Arbeiterorganisationen lernen müssen, ihre Organisationen zu stärken und noch weiter auszubauen, damit sie zur gegebenen Zeit ein ausreichendes Gegengewicht bilden können. Scharfmacherei im Kampfe in der Pforzheimer Edelmetallindustrie. Der Arbeitgebcrvcrband für Pforzheim und Unigebung ver- öffentlicht in der„Post" unter der Ueberschrift:„Die badische Staatsgewalt unter sozialdemokratischem Tcrrorismus" eine Dar- ftellung des Streiks. Diese Darstellung, die im Sinne des Unter- nehmerverbandes gegeben ist, wird uns weniger interessieren, mehr dagegen die Klage über ungenügenden Schutz der Arbeitswilligen. Es heißt in der Zuschrift: „Bei diesem auf eine bedeutende Industrie lokalisierten Streik, der Millionen Verluste an Verdienst und Löhnen zur Folge hat, und ganz Pforzheim schwer schädigt, zeigt sich wiederum zur Evidenz, daß der wirklich Arbeitswillige so gut wie schutzlos ist. Wir haben wohl den§ 163 G.-O., die 8Z 116 und 240 R. St. G. B. und endlich§ 30 des Pol. Str. G. B. Aber leider kam der von Anfang an erbetene ausgiebige Schutz erst in den letzten drei Tagen, wo es bereits zu spät war, mit dem Mehraufgcbot von Schutzleuten und Gendarmerie, die Massen- abtreibung der Arbeiter aus den Fabriken zu verhindern und die Bedrohung und Abhaltung der Arbeitswilligen in den einzelnen etwa 70 Orten der Umgebung auf dem Wege zur Arbeit un- möglich zu machen. Schon am 12. November ging eine Eingabe an das Großherzogl. Bezirksamt und an die Ministerien in Karlsruhe und Stuttgart ab unter Darlegung der Situation. ...... Eine Behörde verletzt die Unparteilichkeit nicht, wenn sie alle gesetzlichen Mittel anwendet, Arbeitswillige zu schützen, oder sie besorgt ungewollt die Geschäfte einer Partei, welche die persönliche Freiheit mit Füßen tritt und mit Gewalt an Stelle von Vernunstgründen zu überzeugen sucht." Diese Scharfmacherci bei der badischen und württembergischen Behörde scheint ihre Wirkung doch nicht verfehlt zu haben, wie nachstehende Meldung zeigt: Neun Gendarmen zum Schutze eines Arbeits- willigen. Diese weise Fürsorge läßt die Behörde in Württemberg einem Arbeitswilligen aus der Gemeinde Enzberg angedeihen. Dort sind von 1500 Einwohnern eine größere Anzahl Gold- schmiede, die jetzt am Kampf in Pforzheini mit beteiligt sind; zirka 260 organisierte Arbeiter ruhen zu Sause nun nial von der ewigen Quälerei aus. Einige Arbeitswillige von dort konnten ihre Dienste dem Unternehmer nicht mehr anbieten, nachdem die Betriebe völlig geschlossen waren. Nur ein einziger Gold- schmied wandelt allein täglich zum Bahnhof, er hat das Glück, noch irgendwo den Rausrcißer spielen zu dürfen. Dem Manne redeten nun die anderen zu, doch auch da zu bleiben. Darüber fühlte sich der Arbeitswillige belästigt und ersuchte um Polizei- lichen Schutz. Die Behörde war nun wohl der Ansicht, daß die drei schon im Dorfe den ganzen Tag sich langweilenden Land- jäger noch Verstärkung haben müßten. Sic sandte sofort noch weitere sechs Mann zur..Aufrechterhaltung der Ordnung". Am 16. November— also drei Tage nach der Beschwerde der Unternehmer an die Regierung— erklärten diese Wächter der Ordnung, daß das Streikpostenstehen von jetzt ab ganz ver- boten sei, und daß es bei dem geringsten Vergehen sofortige Verhaftung gebe und mindestens für jedes Vergehen 16 Tage Haft.— Die württcmbergische Regierung will die Vorarbeiten machen, daß der 4. württembergischc Reichstagswahlkreis todsicher bei den nächsten Wahlen den Sozialdemokraten zufällt. Soweit lassen wir uns die Mitarbeit der Regierung ja gefallen, aber über das Verbot des Streikpostenstehens wird schon noch an anderer Stelle zu reden sein, und zwar echt schwäbisch. Achtung, Pnpierarbciter? Die Arbeiter der Papierfabrik Dr. Karl Fues in Hanau a. M. haben wegen Maßregelungen die Arbeit niedergelegt. Der Lohn beträgt bei dieser Firma 2,60 bis 3,10 M. bei zwölfstündiger Arbeitszeit. Arbeitsangebote sind also nicht so sehr verlockend, so daß um Fcrnhaltung des Zuzuges kaum gebeten werden braucht._• Husland. Der drohende Eiscnlmhnerstreik in Amerika. Die westlichen Eisenbahnen haben den Kommissar des Arbeilsamtcs der Ver- einigten Staaten OMeil und den Vorsitzenden der Interstate Eonimerce Commission Knapp zu Vermittlern in der Lohnstreit- frage mit den Lokomotivführern berufen. Hetzte piacftrfcMcti. Tie Verfassung für Elsah-Lothringen. Der Bundesrat hat der Vorlage, betreffend den Eni- Wurf eines Gesetzes über die Verfassung Elsaß-Lothringens und eines Gesetzes über die Wahlen zur zweiten Kammer des Landtags für Elsaß-Lothringen die Zustimmung erteilt. Die w e s e n t l i ch st e n Bestimmungen der beiden Gesetze sind: Der Statthalter wird vom Kaiser unter Gegen- Zeichnung des Reichskanzlers ernannt. Bundesrat und Reichs- tag scheiden als Faktoren der Landesgesetzgcbung Elsaß-Loth- riiigcns aus. Es sind zwei Kammern vorgesehen. Der Ersten Kammer gehören 18 Vertreter kraft ihres Amtes oder auf Grund bcrussständischer Wahl an: ebensoviele ernennt der Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats. Die Zweite Kammer geht hervor aus allgemeinen, direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung. Wahlberechtigt sind alle männlichen rcichs- nngehörigen Einwohner Elsaß-Lothringens, sofern sie über 23 Jahre alt sind und in der Gemeinde oder in dem Wahl- kreis drei Jahre wohnen oder bei einjährigem Wohnsitz ent- weder ein Grundstück besitzen oder ein stehendes Gewerbe oder eine Landwirtschaft selbständig betreiben oder ein öffentliches Amt bekleiden oder als Rechtsanwälte oder im Schul- oder Kirchendienst tätig sind. Wahlberechtigten über 35 Jahre stehen zwei Stimmen, Wahlberechtigten über 45 Jahre drei Stimmen zu. Tie Zahl der Abgeordneten zur Zweiten Kammer beträgt KV._ Ein Preßprozeß. Mülhausen i. E., 16. Dezember.(W. T. B.) In dem Prozeß wegen Beleidigung der deutschen Veteranen wurde heute der Heraus- geber der satirischen Zeitschrift„Durchs Elsaß" Z i s l i n zu zwei Monaten Gefängnis sowie der Verfasser des Artikels Buch- Halter W e b e r in Straßburg zu 200 M. Geldstrafe bezw. 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Die vom Staatsanwalt beantragte sofortige Verhaftung Zislius wurde abgelehnt. Aus der französischen Deputicrtenkammcr. Paris, 16. Dezember.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung der Deputiertenkammer führte W i l l m(geein. Soz.) bei seiner Interpellation über den Tod des Soldaten Weißrock aus, wie dieser als Elsässer in das 1. Regiment der Fremdenlegion eingetreten sei, um im französischen Heer zu dienen. W i l l m fuhr dann fort: Da Weißrock ein schlechter Soldat und kränklich war, so übertrat er das Verbot, aus gewissen Quellen zu trinken. Zur Strafe mußte er mehr marschieren. Als dies über seine Kräfte ging und er ein Maultier bestiegen hatte, hieß ein Bizc- feldwebel ihn wieder absteige» und so brach Weißrock erschöpft zu- sammcn und blieb hinter der Kolonne liegen. Ein Unteroffizier nahm ihm die Waffen ab und überließ ihn seinem Schicksal. Weiß- rock ist seitdem verschwunden. Vielleicht ist er von wilden Tieren zer- rissen worden, vielleicht von Räubern gefangen. Der Redner richtete schließlich an den Minister die Aufforderung, über das Schicksal Wcißrocks Auskunft zu geben. Der Kriegsministcr, General Dessill, erklärte, es seien achtzehn Desertionen in der Nähe von Muluya vorgekommen. Dies sei der Grund gewesen, warum man sich in der Folge nicht um das Schick- sal von Weißrock gekümmert habe. Der Minister schloß, kein Vor- gesetzter habe sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht. Der Tod Weißrocks sei auf die Unerfahrenheit derer zurückzuführen, die zu seiner Rettung berufen gewesen wären. Das Haus nahm hierauf mit 264 gegen 221 Stimmen die ein- fache Tagesordnung an, mit der die Regierung sich einverstanden erklärt hatte. Die Schilderung, die der sozialistische Deputierte Willm bei Begründung der Interpellation von dem tragischen Ende des clsässi- schen Fremdcnlegionärs Weißrock gab, machte großen Eindruck ulid rief namentlich auf den Bänken der Sozialisten wiederholt Aus- rufe des Entsetzens hervor. Die Antwort des KriegSministers wirkte weniger überzeugend. Als er unter anderem sagte, man habe Weißrock als Deserteur angesehen, weil er beim Appell gefehlt habe— sicher sei, daß Weißrock in diesem Augenblick nichts habe von sich hörn lassen— wurden Ausrufe des Befremdens laut. Willm entgegnete sehr leidenschaftlich, Weitzrock als Deserteur hinzustellen, sei eine durchaus haltlose Annahme. Weißrock sei überhaupt außerstande gewesen, zu marschieren, er habe gewiß nicht daran gedacht, zu desertieren. Der Offizier habe einen Sol, datcn, der ihm anvertraut gewesen sei, elend umkommen lassen. Das Budgetprovisorium angenommen. Wien, 16. Dezember.(W. T. B.) Das Abgeordneten- haus nahm in allen Lesungen die Borlage betr. das dreimonatliche Budgctprovisorium an, ebenso die übrigen Anträge des Budget» ausschusses, darunter den Antrag, die Regierung zu crmäch- tigen, durch eine Kreditoperation 109 Millionen Kronen für E i s e n- bahninvestitioncn zu schaffen, ferner einen im Laufe der Debatte vom Abg. Freiherr von Morsey gestellten und vom Finanzminister befürwortetcnZusatzantrag, wonach der bestehende Rechtszustand bezüglich des Privilegiums der österreich-ungarischen Bank bis zum 16. Februar des nächsten Jahres provisorisch ver- längcrt wird unter der Voraussetzung, daß ein ebensolches Prodi- sorium in Ungarn zustande kommt. Nachdem eine Reihe kleinerer Vorlagen erledigt worden war, trat das Abgeordnetenhaus seine Weihnachtsferien an. Die Wahlen in England. London, 16. Dezeniber.(W. T. B.) Bis 8 Uhr abends waren gewählt: 239 Liberale, 264 Nnionisten, 42 Vertreter der Arbeiterpartei, 67 Anhänger Rcdmoiids und neun An- Hänger O'Bricns. Tie Liberalen gewannen 22, die Unio- nisten 25 und die Arbeiterpartei vier Sitze. Einsturz eines brennenden Hauses. Trier, 16. Dezember.(B. H.) Bei einer Feueröbrunst im Moselorte Eutrich stürzte ein brennendes Haus ein. Ein beim Löschen beschäftigter Mann wurde getötet, eine Frau tötlich verletzt. London, 16. Dezember.(W. T. B.) Die infolge der Regen- Schwere Unwetter in England. güssr entstandenen Uebcrschwemmungen in der Grafschaft Somerset haben eine große Ausdehnung angenommen. Der Bahnverkehr ist beträchtlich gestört. Die Gleise befinden sich an einigen Stellen mehr wie drei Fuß unter Wasser. Die Lage erscheint sehr e r n st. Von den Küsten wird ein starker Sturm gemeldet. Em Dampfer des Kanaldienstes vermochte wegen des Sturmes nicht a u s z u I a u f c n, der in dieser Heftigkeit seit Jahren nicht zu verzeichnen war. Die Insel W i g h t ist an mehreren Stellen überschwemmt. Die Hauptstraße von Cowcs steht mehrere Fuß unter Wasser, losgerissene Boote treiben umher. Hierzu 6 Brunne»,~~ Uh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagianstaU Paul Singer& Co., Berlin S W. Nr. 295. 27. Jahrgang. 1. Keilize des Jotutb" Knlim WIKsblM Zonuabend, 17. Dezember 1919. Die Moabiter Vorgänge vor Sericht. Siebcnundzwlinzigster Tag. Nach Eröffnung der Sitzung wird gestern als erster Zeuge der Kaufmann Nadle Vernommen. Wie er angidt. hat er die Unruhen Von Anfang an beobachtet. In einem Falle hätten Leute auf die Arbeitswilligen geschimpfl und gesagt, die Polizeibeamlen, welche die Kohlenwagen begleiten, miitzten totgeschlagen werden. Die Polizei habe sich stets ruhig Verhalten, solange die Menge nur schrie und johlte, erst als Laternen eingeworfen wurden, sei die Polizei schärfer Vorgegangen, aber Überm ästig gehauen hätten die Beamten nicht. Der Zeuge hat seine Beobachtungen nur arn Tage, aber niemals am Abend gemacht. Auf eine Frage des Ersten S t a r s a n w a l t s gibt der Zeuge an. er habe sich des halb als Zeuge genieldet, weil er etwas in der Zeitung gelesen habe, was nicht wahr sei.— NecktSanw. Heine: Was für Dinge sind das, die in der Zeitung stehen?— Zeuge: Solche Schlägerei durch Beamte habe ich nicht gesehen.— Rechlsanw. Heine: Wenn aber solche Schlägereien durch Viele Zeugen belnndet werden, wollen Sie dann noch behaupten, so etloaS sei nicht passiert.— Zeuge: Das kann ich nicht behaupten. Debatte darüber, ob solch belanglose Zeugen zu hören seien. Auf eine Frage des Ersten Staatsanwalts antwortet der Zeuge, er habe gesehen, dast Leute, die von der Polizei fort- gewiesen wurden, nicht gingen.— Rechtsanwalt Heine bemerkt hierzu: Wenn die Staatsanwaltschaft nichts iveiter beweisen wolle, als dast sich Menschenmengen angesammelt haben und dast Fälle vorgekommen seien, wo Leute nach erfolgter Aufforderung nicht weitergingen, so würde die Vernehmung einer Anzahl Zeugen der Staatsanwaltschaft überflüssig sein und die Beweisaufnahme könnte erheblich eingeschränkt werden. Denn die Tatsache, dast An sammlungen stallfanden und Leute nach Aufforderung nicht weiter- gingen, werde nicht bestritten.— Der Erste Staatsanwalt wendet ein, es solle auch erwiesen werden, dast Leute, die in ihre Wohnung wollten. durch die AbsperrungSlinien hindurchgelassen wurden.— Rechtsanwalt Heine: Wenn es sich darum handelt, so kann ich wenigstens noch lOV Zeugen benennen, die in abgesperrten Slrasteu wohnen und obgleich sie sagten, dast sie nach Hause trollen, von Schutzlenlen geschlagen wurden.— Der Vorsitzende fragt, ob auf bestiniuite Zeugen verzichtet werde.— Rechtsanwalt Heine: Auf die Zeugen, die nichts weiter be- künden können wie dieser Zeuge, kann allerdings verzichtet werden. — Der Erste Staatsanwalt widerspricht.— Vorsitzender: Das Reichsgericht legt ja den Z 244 der Strasprozestordnung so aus, dast wir alle direkt geladenen Zeugen vernehmen müssen, obgleich es für das Gericht unerheblich ist.— Rechtsanwalt Heine: Ich kenne die Strasprozestordnung auch. Ich halte den§ 244 für die glücklichste Bestimmung des Strafprozestordnung.— Vors.: Darüber können wir hier nicht debattieren.— Rechtsanwalt Heine: Jedenfalls niöchte ich die Staatsanwaltschaft bitten, uns nur solche Zeugen vorzuführen, die konkrete Tatsachen angeben können, aber auf Zeugen zu verzichten, die nichts beobachtet haben. — Erster Staatsanwalt: Auch diese Zeugen sind not- wendig, denn die Verteidigung behauptet ja, die Unruhen seien durch unzweckmästiges Verhalten der Polizeibeamlen angestiftet.— Rechtsanwalt Heine: Wir haben nie behauptet, dast die Unruhen angestiftet sind durch unzweckmästiges Verhalten aller, sondern eines Teils der Beamten. Dafür berufen wir uns auf be- stimmte Einzelfälle.— Vorsitzender: Wenn nicht auf Zeugen verzichtet wird, hat diese Verhandlung keinen Zweck.— Rechlsanw. Heine: Vorläufig können wir nicht verzichte». Belästigung von Zeugen durch die Polizei. Rechtsanlvalt Cohn: Vor einigen Wochen ist hier der Zeuge Dr. Kochmann vernommen. Seine Aussage scheint der Staatsanwaltschaft nicht gefallen zu haben. Der Zeuge ist jetzt durch recherchierende Beamte belästigt worden.— Vors.: Auf die Maßnahmen der Staatsanwaltschaft hat das Gericht keinen Einflust. — Rechtsanwalt Cohn: Aber das Gericht mnst darauf halten, daß die Zeugen nicht eingeschüchtert werden und sich vor dem Gericht verbergen. DaS geschieht aber durch solckie Be- lästigungen. Unter der Maske eines Postbeamten hat sich ein Kriminalbeamter bei den Porticrleuten Dr. KochmannS ein- gestellt und gefragt. was Dr. Kochmann für ein Mann ist, ob er wirklich Doktor ist usw. Die Staatsanwaltschaft hat kein Recht, solche Mastnahmen vornehnien zu lassen, durch Kleines Feuilleton. ,.Freiheits"-Känipfcr 1815. Am lb. Mai 181S schrieb der Bürgermeister von Si. Goar einen Bericht, in dem er schilderte, wie die kurhessischen Truppen, die Deutschland vom„Joche Na- polcons" befreien halfen, bei ihrem Durchzug durch das Städtchen gehaust haben. Ter Bericht wird im letzten Heft des„Archivs für Kulturgeschichte" veröffentlicht. Es heitzt da:„Die Einquartierung war stark, Drohungen ungeheuer, die Forderungen der Einquar- ticrten meistens übertrieben, einzelne Handlungen selbst strafbar ... Ungeachtet das Amt hier 29 Fuhren gestellt hatte, sind doch noch einzelne Fuhren und Pferde in den Dörfern mitgenommen oder vielmehr von cinzclgehcnden Unteroffizieren und Gemeinen requiriert worden. Nachzügler gab es nicht minder, diese ver- langten Boten, nicht, um den Weg zu zeigen, denn der war, der offenen Straße nach, nicht zu fehlen, aber um Flinten und Tor- nister zu tragen, so daß, wenn acht Mann kamen, acht Boten ver- langt wurden... kurz, die Botensncht oder vielmehr die Gemäch- lichleit ging so weit, daß eine Truppe nebst den Boten, die sie schon hatte, noch einen Bauernknccht, der allein im Walde die Pferde hütete, von denselben weggeschleppt, geprügelt und mit Tornister beladen vor sich hcrgetriedcn hat... So mußte ein anderer Bauer mit dem Tornister und der Flinte auf dem Rücken nebenherlaufcn, während der Soldat auf dem Pferde des Boten sorttrabte, so daß letzterer ganz krank zurückgekommen ist." Der Kreisdirektor, der diesen Bericht iveitcrgab, verschärfte in seinem Geleitbrief noch die Schilderung:„Die Quartierträger, um hie Truppen zufrieden zu stellen, mußten alles aufbieten, um sie nur zu begnügen,' dies verhinderte dennoch nicht die Mißhandlung der Bürger.— Bei ihrem Abzug machte außerdem mancher Quartierträger die Entdeckung, daß zum Lohn seiner Verpflegung er in manchen angreiflichen Gegenständen als Uhren, Fenstervor- hängen, Kappen, Hüten usw. usw. l�raubt wurde.— Kurz, es ist nur eine Stimme in der ganzen Gegend, die das hessische Corps durchzog, daß der Durchgang der russischen Völker weniger Exzesse, weniger Mißhandlungen, weniger Raub veranlaßt habe, als dieser von unseren zunächst angrenzenden Nachbarn." Beigefügt ist dem Bericht noch eine Rechnung für die Ver- pflegung des kurhessischcn Brigadcgcnevals v. Engelhardt und seiner Umgebung. Danach hat dieser Freiheitskämpfer mit seinen Leuten sich gehörig Mut getrunken. An einem einzigen Tage leerten sie 31 Flaschen Wein und vertilgten dazu Unmengen von Fleisch. Man soff und fraß unter Musikbegleitung; 22 Flaschen Wein wurden den Musikanten gespendet! Nachtleben der Kinder. In der Monatsschrift für höhere Schulen regt Dr. Hermann Weimar die Sammlung statistischen Materials über die„Vergnügungen" der Kinder an. �Er selbst hat einige Zählungen vorgenommen. Er fand in einem Spezialitäten- welche die Zeugen eingeschüchtert werden.— Erster Staatsanwalt Stein brecht: Ich widerspreche der Bchtuiphmg, daß von uns veraniastt worden ist, Ermittelungen über hier vernommene Zeugen anzustellen. Ich habe keinen Auftrag gegeben, bei Dr. Kochmann Ermittelungen anzustellen. Wenn es der Polizei- Präsident veranlaßt habe» sollte, so wird das in der Absicht geschehen sein, um festzustellen, welche seiner Beamten für die Angaben Dr. Kochmanns in Frage kommen.— Rechtsanwalt Heine: Ach nein, so ist die Sacke nickt. Wir bekommen täglich Zuschriften von Zeugen, die durch solche Recherchen ängstlich gemacht worden sind und nicht vor Gerückt aussagen mögen, waS sie gesehen haben, weil sie die Rache der Polizei fürchten.— Vorsitzender: Ich schließe diese Debotte, die absolut nicht zur Sacke gebärt.— Erster Staatsanwalt: Ich werde den Polizeipräsidenten ersuchen, solche Ermittclnilgcn nicht mehr vornehmen zu lassen. In der weiteren Beweisaufnahme bekundet Zeuge Heide mann: Ein betrunkener alter Mann torkelte die Slraße entlang. Aus dem Publikum wurde dem Be- trunkenen etwas zugerufen. Dieser bob den Arni gegen den Rufer. Jetzt kam aus einer in der Nähe stehenden Schutzmaimskette ein Schichmnnil ans den Betrunkenen zu und bearbeitete ihn mit Faustschlägen. Dann kam noch ein zweiter Schutz- mann und schlug ebenfalls auf den Betrunkenen ein. Als das Publikum sich hierüber unwillig äußerte, wurde es aufgefordert, sich zu entfernen und leistete der Aufforderung Folge. Auch der Zeuge ging weiter. Er kam in die Otlostraße. Da irieb eine Schutz mannskette die Leute, die in der Straße waren, vor sich her, bis zur Turmstraße. Hier standen andere Schutzleute und die empfingen die Fliehenden mit Säbelhieben. Ein Erlebnis, welches der Zeuge am Abend des 28. September halte, schildert er so: Ich hatte zu- samnien mit meiner Fran Verwandte, die am Abend bei uns waren, ein Stück begleitet. Als ich mit meiner Frau allein zurückging durch die Jagowstraße, hörte ich Menschen hinter uns kommen. Sie rannten an uns vorbei, hinter uns waren die sie verfolgenden Schutz- leute. Wir beide fanden uns also ganz allein auf einem freien Raum zwischen den Schutzleuten und den Fliehenden. Vor dem Hanse Jagowstr. 21 stand ein junger Mann und versuchte, die Tür auf- zuschließen. Die Beamten in Zivil und Uniform, die hinter unS waren, stürzten anf den jungen Mann los und drängten mich und meine Frau ebenfalls vor die Tür des Hauses Nr. 21. Die Beamte» hieben furchtbar auf mich und den jungen Mann ei». Wir wurden in das Haus hineingedroschen. Der junge Mann schloß eilig die Tür zu. Nun war ich drin und meine Frau draußen. Durch die Scheiben sah ich, daß meine Frau von den Beamten geschlagen wurde. Einer schrie sie an:„Verfluchtes Aas, verdammtes Saustück, was treibst Du Dich hier herum? Was hast Du auf der Straße zu suchen?" Dabei schng der Schutzmann mit der Faust und mit dem Säbel ans meine Frau ein. Als ich das sah, rief ich von drinnen:„Was wollen Sie von meiner Frau, lassen Sie meine Frau in Ruhe." Als das die Beamten hörten, wollte einer von ihnen mit dem Säbel durch die Scheibe schlagen, er unterließ es aber, als ein anderer Beamter rief:„Da drin ist ja der Kerl von dem Weib, der muß rauS." Dabei holte der Beamte den Revolver aus der Tasche und wollte durch die Scheibe schießen. Nun zog ich mich in den Hausflur zurück. Schließlich gingen die Beamten weg, meine Fran auch. Diese traf ich später vor unserer Haustür wieder. Der Zeuge ist am Arm verletzt worden. Was würde Frau Reichskanzler zu der Belobigung der Polizei durch ihren Mann sagen, wenn sie wie folgt behandelt wäre? Frau Her m a un. die Frau des Vorzeugen, stimmt mit den Angaben ihres Mannes vollkommen überein. Die Mißhandlung, welche ihr selber zuteil wurde, stellt sie so dar: Nachdem mein Mann ins Haus gedrängt war, ichlug mir ein Beamter den Hut vom Kopf, dann holte er mit dem Säbel aus. Der Schlag sollte meinen Kopf treffen. ich hielt deshalb den Arm vor und fing den Säbelhieb damit anf. Mir wurde der Arm durchschlagen bis auf den Knochen. Ein Schutzmann rief mir zu: Du Aas, Du Saustück, was tust Du hier auf der Straße? Mach, daß Du fortkommst! Ich sagte: Ich bin eine anständige Frau, ich wohne hier Nr. 13. Da wollte der Schntzmann Wiederaus mich einschlagen, ich hielt die Hand vor, um den Schlag abzrr wehren, da rief der Schutzmann: WaS, Du Aas, Du willst mich anfasse»? Du kriegst gleich ein paar in die Fresse! Jetzt bemerkten sie meinen Mann auf dem HanSflur. Einer der Beantten sagte: Da drin ist ja der Kerl von dem Weib. Holt ihn rauS I Ich hatte Angst, daß mein Mann noch mehr Prügel kriegen würde, darum sagte ich, das ist nicht mein Mann. Der Schutzmann aber rief, das ist er doch Raus mit deni verfluchten Kerl! Jetzt kam auf der anderen Seite theater an drei aufeinander folgenden Tagen 3S, 26 und 43 Kinder; während der Ringkämpfe stieg die Zahl auf 83. Noch viel größer ist die Zahl der Schulkinder, denen bis auf die Mitternacht hinein auf Ausstellungen, in Kinos und Wirtshäusern der Schlaf geraubt wird. Auf der Wiesbadener Getverbeausstellung dieses Jahres zählte am 30. Septeniber Dr. Weimar 424 Kinder, die zwischen ll'/o und 11'A Uhr nachts die Ausstellung verließen. Gewiß ist es kaum minder verwüstend, wenn den Kindern der Schlaf durch zweifelhafte Vergnügungen, als Ivenn er durch Arbeit ihnen entzogen wird. Vernünftige Eltern werden ihre Kinder auch solch einem Treiben nicht aussetzen. Nur ist es mit der„Vernunft" allein nicht getan. Arme Eltern, die sich einmal ein Vergnügen leisten wollen, müssen die Kinder einfach mitschleppen, Iveil sie zu Hause für sie keine Aufsicht haben. Und dann gibt es für die große Masse der Kinder überhaupt keinen Schlaf in gesunden, luftigen, stillen Räumen. Die Verbreitung des Tclehpons in den Vereinigten Staaten. Der Bericht über die Entwickelnug des Telephons in den Vereinigten Staaten ist nunmehr nach dreijähriger Arbeit beendet worden. Die Feststellungen umfassen nur die Zeit vom Jahre 1880 bis zum Jahre 1907. Ans dem Bericht geht der außerordentliche und geradezu überrasche Aufschwung des Telephonlvcsens in Amerika hervor. Im Jahre 1880 belief sich die Länge der Telephonlinien auf 54 000 Kilo- metcr, im Jahre 1890 auf 400 000 und im Jahre 1902 schon auf 8 Millionen Kilometer, während sie im Jahre 1907 20 Millionen Kilo- meter erreichte. Die Zahl der Telephonapparate bclief sick im Jahre 1380 auf 54 319. im Jahre 1902 auf 2 371 044 und fünf Jahre später, im Jahre 1907, auf die enorme Zahl von 2 118 573 bei einer Bevöllcrung von 100 Millionen Menschen. Die Zahl der Telephonverbiiidmigen betrug im Jahre 1907 allein 11 Milliarden. Für den Staat New Jork wurden im Jahre 1902 gezählt 360 Millionen Tclcphonverbindungen, welche Zahl sich im Jahre 1907 auf 1 Milliarde erhöhte. Ein neuentdrcktcr Golfstrom. Aus Petersburg wird berichtet: Eine Entdeckung von weittragender Bedeutung ist der russischen Forschnngsexpedition gelungen, die unter Leitung des Geologen Ruffanoff im nördlichen Polarmeer und an der Nordkiiste Sibiriens wissenschaftliche Beobachtungen vorgenommen hat. Bei diesen Ar- beiten konnte festgestellt werden, daß ein warmer Golfstrom um die nördliche Seite der Insel Novaja Semlja herumführt, nicht aber durch die Enge des Karischen Meeres im Süden, wo man bisher vergeblich diese» warnien Meeresstrom gesucht hatte. Eine Reihe früherer Forschungen, an denen sich auch Nansen und englische Polar- fahrer wie der Kapitän Wiggins beteiligten, suchten stets die nord» östliche Durchfahrt im Süden der Insel Nowaja Semlja und stießen regelmäßig aus große Eisgc fahren. Die Entdeckung der russischen Expedition bedeutet die Möglichkeit, künftig auch im Winter mit den Mündungen der großen sibirischen Flüsse'den Schiffsverkehr aufrecht zu erhaltet». der Straße ein junger Mann vorüber. Die Schutzleute stürzten sich nun alle auf diesen und einer schlug ihn. Nim konnte ich ungehindert nach Hanse gehen. Auf eine Frage nach der SIrt ihrer Verletzung sagt die Zeugin: Der Säbelhieb ist am Ellbogen bis auf den Knochen gedrungen. Ich habe infolgedessen an vier Wochen an Kiiochenhautentziiiidung gelitte». U h r m a ch e r B e ck e r hat sich als Zeuge gemeldet, weil ihm der Verhaiidlungsbericht im„Vorwärts" nicht gefallen hat. Der Zeuge sagt: Die Polizei habe sich der lärmenden und pfeifenden Menge gegenüber ruhig verhalten. Nur einmal habe er gesehen, daß blank gezogen wurde, dann habe er sich sofort entfernt. Der Zeuge will auch Radfahrer gesehen haben, die immer bei der Menge waren und stets wieder auftauchten, wenn die von der Polizei ver- triebene Menge sich wieder sammelte. Ob die Nadfahrer in irgend einer Verbindmig mit der Menge standen, hat der Zeuge nicht gesehen. Zeuge Bredemeier hat von seiner Wohnung in der Huttenstraße aus folgende MißhandlungSfällc gesehen. Am 26. September nach Mitternacht wurde ein einzeln auf der Straße gehender Mann von einem Schutzmann niedergeschlagen. Der Mann blieb wie tot liegen. Ein Polizei- offizier wurde geholt und besah sich den Verletzten, der immer noch am Boden lag. Inzwischen hatten sich einige Leute angesammelt, die ihrem Unwillen über das Niederschlagen des Mannes Ausdruck gaben. Diese Leute wurden von den Beamten weggetrieben. Dann wurde auch der Verletzte von Polizcibeaniten fortgetragen. Als die Schutzleute zurückkamen, sagte der Offizier etwas zu ihnen, anscheinend hatte er gesagt, es sei nicht nötig gewesen, den Mann niederzuschlagen. Der Zeuge schließt das wenigstens aus der nach- folgenden Bemerkung der Schutzleute. Einer der Schutzleute sagte zu dem Leutnant: Ich habe ihm bloß zwei übetgezogcn, dann hat er sich gleich hingeschmissen. Am Abend des 29. September, als die Straße völlig menschenleer war, wurde jeder Passant, der sich auf der Straße blicken ließ, von Kriminalbeamten mit Stöcken fürchtcr- lich verhauen. Ein Mann, der aus der Straßenbahn stieg, wurde sofort von einem Beamten geschlagen. Nicht weit davon standen uniforinierte Schutzleute und auch ein Offizier. Diese müssen nach.Meinung des Zeugen gesehen haben, daß der Kriminalbeamte den Mann schlug. Wie höflich Palizeileutnants sind. Einer, der ebenfalls geschlagen wurde, ging zu dem Polizei- offizicr, erhob die Hände und rief: Herr Hauptmann, Herr Haupt- mann, wo soll ich hin, daß ich nicht geschlagen werde? Da bekam er von dem Polizeioffizier einen Tritt mit den Worten: Srijere» Sie sich weg! Ein köstlicher Polizeizcnge? Agent Goldammer ist am 29. September nach Moabit gefahren, um Beobachtungen zu machen. Er hat die Aussage des Dr. Kochm�iii gelesen und sich als Zeuge gemeldet, um diese zu widerlegen. Rechtsanwalt Heine macht darauf aufmcrk- sain, daß sich die Angaben Dr. Kochmanns auf den 28. bezogen. Ueber seine Beobachtungen am 29. sagt der Zeuge: Aus der Menge sei gerufen und geschimpft worden auf die Polizei, diese aber habe sich durchaus korrekt verhalten. Jeder Schutzmann habe sich wie ein Gentleman benommen. Vor der Polizeiwache in der Beuffcl- straße will der Zeuge auch aufgerissenes Stratzenpflaster gesehen haben und einen Schutzmann, der dabei stand um zu verhindern, daß Steine davon genommen ivürden. Daß jemand versucht hätte, Steine zu nehmen, hat der Zeuge nicht gesehen. Schließlich wird festgestellt, daß der Zeuge im Automobil durch Moabit gefahren ist und zwar so schnell, daß er nicht einmal angeben kann, welche Straßen er passiert hat. � Weitere Neberfälle auf friedliche Passanten. Kohlenhändler Gieseler kam eines Abends mit seiner Frau nach Hanse. Als er die Tür ausschließen wollte, kam ein Polizeilentnant und rief: Scheren Sie sich hinein! Der Zeuge awndtc ein. er müsse doch erst aufschließen. Der Leutnant rief nochmal, er solle sich hineinscheren. Wieder versicherte der Zeuge. er sei ja schon im Begriff aufzuschließen. Da rief der Leutnant einigen Schutzleuten zu: Haut den Hund! Inzwischen hatte der Zeuge die Tür geöffnet und konnte schnell hineinschlüpfen. Er wurde aber von hinten von einem Schutzmann getreten. Die Frau des Zeugen, die nicht so schnell zur Tür hineinkonnte, erhielt einen Schlag, daß ihr der Hut vom Kopf fiel. Nun stellte sich der Zeuge an das Fenster und beobachtete von seiner Wohnung aus die Stratzenvorgünge. Ein Schutzmann verlangte, er solle vom Fenster weggehen, sonst werde das Fenster eingeschlagen. Der Zeuge ist Humor und Satire. Moabiter Stoßseufzer.. O HiW ich niemals jemanden verklagt! Bei Gott, ich Hab' ins Wespennest gestochen. Hat mich der Teufel denn geplagt? Nun kam ich schmählich i» die Wochen, ja mondelnnge Prozessiererei und werde da blamiert bis auf die Knochen und gar nichts springt heraus dabei... Hütt' ich den Braten doch beizeit' gerochen! Ich sing' und bete früh und spät zu Gott: O daß ich tausend Zeugen-Zungen hätte! Doch Glied an Glied hängt wie zum Spott er an die gegnerische Zeugenkette. Und meine Zeugen, wenn ich die beseh': mir denen ist wahrhaftig nicht zu prunken, und hält ich auch so viel wie Flöh'— o Gott, hätt'st du beizeiten abgewunken! Denn meine Zeugen sind ja königstreu, ich aber brauchte welche von den Roten; denn diese führen auch herbei, für sie zu zeugen, stramme Patrioten. Ich sehe keinen Weg ans dieser Pein und wollte, der Prozeß wär' nie geboren; denn was auch mag das Ende sein, ich habe ihn auf jeden Fall verloren. _ Franz. Notizen. _ DaS Unterhaltungsblatt fällt heute aus technischen Gründen aus und erscheint dafür am Sonntag. — Vorträge. Im Wissenschaftlichen Theater der Urania wird am Montag, den 19. Direktor Franz Goerke einen Vortrag über„Märkische Landsckafts- und Gartenpoesie" halten. In dem Vortrag wird zum erstenmal der Versuch gemacht, die laudschaft- der Mark in einer geschlossenen Farben nach dem Lumiöreschen Der Vortrag wird nur am Mitt« licheii und baulichen Schönheiten Serie von Bildern in natürlichen Autochromverfahren vorzuführen. woch, den 21. wiederholt. — Die Berliner Sezession, ans der kürzlich erst das bisherige Vorstandsmitglied von König, der Führer der letzten Re- volte, austrat, hat es mit einem neuen Konflikt zu tun. Der Maler Eniil Nolde hatte an seinem Häuptling, an Liebermann, in einem Privatbriefe scharfe Kritik geübt und— es gibt also noch Idealisten— ihn davon ausdrücklich in Kennttiis gesetzt. Darin war Liebermann u. a. übergroße Geschäftigkeit und Nachlasien der künstlerischen Kraft nachgesagt. Nun soll über den„Verräter" der große Bann verhängt werden. öFer doch wieder ans Fenster gegangen und hat dann gesehen, daß icder, der aus den Straßenbahnwagen stieg und jeder, der an der Haltestelle auf eine» Wagen wartete, von Schutzleuten aufgefordert wurde, sich sofort zu entfernen. Die Leute taten das. Aber wenn sie einige Schritte gegangen waren, stürzten sich Kriminalbeamte auf sie und hiebe» fürchterlich auf sie ein. Jeder, der sich auf der Straße blicken ließ, wurde auf diese Weise geschlagen. Hunderte von ruhigen Strahenpassanten, sagt der Zeuge, sind so verhauen worden. Es ist zu bedauern, daß sich nicht alle gemeldet haben, die Prügel bekamen. Rechtsanwalt Heine: Es habe« sich über Süll gemeldet. Weiter hat der Zeuge von seinem Bcobachtungsposten aus gesehen, daß eine Anzahl von Polizeibeamten kamen, das Haus betrachteten und sagten: Hier ist es richtig. Dann gingen sie in ein in dem Hause befindliches Schanklokal und kamen bald darauf mit einigen Leuten heraus. Ein Militärschriftsteller für Schläge auf Borschuf!. Militärschrift st eller Freiher von Binder- K r l e g e l st e i n ist einmal am 28. September nach Moabit ge- gangen. Er sagt, seine Wahrnehmung sei für die Polizei die allergünstigste. Er habe als Korrespondent schon öfter derartige Szenen miterlebt. Er sei bei der russischen Revolution zugegen gewesen und müsse auf Grund der dort gemachten Wahrnehmungen sagen, daß sich die Polizei in Moabit durchaus korrekt verhalten habe. Ter Zeuge sagt, er habe an der Ecke der Wald- und Turm- straße eine Menschenmenge von zehntausend Personen gesehen. Die Menge habe gepfiffen und geschimpst und geworfen. Ein Schutzmann sei durch die Hand geschaffen worden. DaL hat der Zeuge aber nicht selbst gesehen, sondern nur aus einer Meldung entnommen, die einem Polizeileutnant gemacht wurde. Einmal hat der Zeuge auch gesehen, daß junge Leute von Kriminalbeamten geschlagen wurden. Er hatte die Empfindung, daß die jungen Leute zu Unrecht Prügel kriegten. Das sagte er einem Polizei- Offizier. Dieser aber wies auf die jungen Leute und sagte: «Bitte, sehen Sic sich doch mal an, was das für Leute sind." Nun nahm der Zeuge die jungen Leute näher in Augenschein und bekam den Eindruck, daß man ihnen wohl„zutrauen könnte, sie würden Radau machen", und nun hielt er es auch für richtig, daß sie Prügel von den Polizeibeamten bekamen. Das sei eine berechtigte Präventivmahregel gewesen, meint der Zeuge. Arbeiter Brombach wurde, als er abends nach Hause kam, zunächst ungehindert durch eine Schutzmannskctte hindurch- gelassen. Als er dann ganz allein auf dem Bürgcrsteig ging, kamen Schutzleute hinter rhm her und schlugen ihm mit dem Säbel. Der Zeuge drehte sich um und bekam nun noch ein paar Säbelhiebe von vorn. Die Verletzungen des Zeugen hatten eine lötägige Kur im Krankenhause zur Folge. Fünf Wochen war er arbeitsunfähig. Er hatte Verletzungen am Arm und am Kopf und kann einen ver- letzten Finger� heute noch nicht wieder gebrauchen. Lehrerin Fräulein Müller hat von ihrer Wohnung in der Wiclefstraße die Beobachtung gewacht, daß die Menschen- menge auf die Schutzleute fchimpste, von den Schutzleuten vertrieben wurde, sich wieder sammelte, wieder schimpfte und nochmal ver- trieben wurde. Die Polizei sei dabei immer maßvoll vorgegangen. Die Zeugin hat nie gesehen, daß jemand von Schutzleuten nieder- cschlagen wurde. Als ein Polizeileutnant vorbeigLritten kam, ätteu Leute, die vor einem Hause standen, durch Schreien sein Pferd scheu machen wollen. Der Leutnant habe die Leute ins Haus getrieben, dann sei ein harter Gegenstand, der aus einem Fenster geworfen wurde, unmittelbar vor ihm niedergefallen. Von ihrem zwei Treppen hoch gelegenen Balkon will die Zeugin abends bei spärlicher Straßenbeleuchtung gesehen haben, daß zwei Männer vorbeigingen, welche Steine von Mosaikpflaster in den Händen trugen. Ein andermal hat sie gesehen, daß einige junge Leute mit Schutzleuten sprachen und von diesen zurückgewiesen wurden mit den Worten:„Wenn Sie da wohnen, dann kommen Sie auch durch." Die Leute seien immer wieder an die Schutzleute heran- getreten und immer wieder sei ihnen gesagt worden, sie kämen durch,.wenn sie da wohnen. Als die Leute sich schließlich entfernt hatten und einer von ihnen nochmals zurückkam, bekam er von einem Schutzmann eins hinter die Ohren. Hierauf werden mehrere Zeugen vernommen über die Vor- gänge bei der Ausräumung des Lokals von LandSrat. Es handelt sich um den Fall, den der Zimmermeister Otto in der vorigen Sitzung angegeben hat. Polizeileutuant Folte sagt, er sei es, den Herr Otto um Schutz ersuchte, als er von einem Schutzmann angefaßt wurde. Daß der Zeuge Otto ge- schlagen wurde, habe er nicht gesehen. Die Räumung des Lokals sei erfolgt, weil er, der Polizeileutnant Folte, vom Polizeileutnant Heck II die Meldung erhielt, aus dem Lokal sei geworfen worden. Er selber hat nicht gesehen, daß geworfen ist, er hat auch nicht ge- sehen, daß bei der Ausräumung des Lokals jemand geschlagen wurde. Es seien nur Leute angefaßt worden, um sie hinauszu- bringen. Der Zeuge kann sich auch nicht entsinnen, daß die Hinaus- gebrachten draußen von Schutzleuten geschlagen wurden. Polizeileutnant Heck II gibt an, er habe gesehen, daß Leute, die auf der Straße nach der Polizei geworfen hatten, sich in das Lokal von. Landsrat flüchteten und dag auch aus dem Lokal selbst von Personen, die in der Tür standen, nach den Beamten mit Biergläsern und Steinen geworfen wurde. Er meldete das dem Polizeileutnant Folte und erhielt von diesem den Auftrag, das Lokal zu räumen. Er ging mit etwa acht Schutzleuten hinein. Weiter gibt der Zeuge an, er habe sich nach seinem Eintritt in das Lokal an eine Person gewandt, die er für den Wirt hielt und ihn ersucht, die Gäste zum Verlassen des Lokals aufzufordern. Der Wirt habe eingewandt, das könne er aus Geschäftsrücksichten nicht tun. Jetzt habe er, der Zeuge, selber die Gäste aufgefordert, das Lokal zu verlassen. Mit Hohngelächter, Schimpfen und Johlen sei diese Aufforderung beantwortet worden. Er habe seine Aufforde- rung noch zweimal wiederholt, aber die Gäste hätten ihm durch Redensarten Widerstand entgegengesetzt. Dann habe den Befehl gegeben, von der Waffe Gebrauch zu machen. Darauf hätten die Gäste eilig das Lokal verlassen. Von seinen Beamten hat der Zeuge erfahren, daß, als sie im Lokal waren, die Gäste auf sie geworfen hätten. Er selbst hat es nicht gesehen. Rechtsanw. Heine: Im Lokal ist geworfen worden? DaS ist ja ganz neu. Der Zeuge wird hierdurch in seinen Angaben unsicher und sagt schließlich: Aus dem Lokal oder vor dem Lokal wurde geworfen. Zimmermeister Otto wird dem Polizeilcutnant gegen- übcrgestellt. Er erklärt mit großer Bestimmtheit: es ist keine Aufforderung zum Verlassen des Lokals erfolgt. Sowie die Beamten hereinkamen, bekam ich Prügel. Es ist auch nicht wahr, daß wüst gejohlt und geschimpft wurde, als die Schutzleute im Lokal waren. Restaurateur Landsrat, der Inhaber des Lokals, be- kündet, daß sein Lokal an dem betreffenden Abend zweimal aus- geräumt wurde. Nachdem die erste Ausräumung erfolgt war, hielt er die Tür zm und ließ keinen Fremden hinein. Nur solche Gäste, die er persönlich kannte, nahm er auf. Zu diesen gehörte auch der Zimmermcister Otto. Bald nachdem dieser eingetreten war, rissen Schutzleute die Tür auf und riefen: Raus die Hunde! Und da hi»«>»n s,, auch schon ans die Gäste ein. Einige Gäste baten den Polizeilcutnant um Schutz, andere flüchteten nach der Retirade, die Schutzleute verfolgten sie, schlugen sie und brachten sie hinaus. Rechtsanw. Heine: Unmittelbar vor der zweiten Räumung soll auS Ihrem Lokal geworfen sein? Zeuge: Das ist ganz aus- geschlossen. ES waren höchstens 15—20 Gäste da, die ich meist per- sönlich kannte. Die Tür war ja auch immer geschlossen und ich selbst hielt sie zu. Nur wenn ich einen Gast zu bedienen hatte, entfernte ich mich auf kurze Zeit von der Tür. Rechtsanw. Hein«: Ein Polizeileutnant hat hier gesagt, er habe vor der Räumung mit Ihnen verhandelt und sie aufgefordert, die Gäste zum Verlassen des Lokals zu veranlassen. Sie hätten das aber ab- gelehnt. Zeuge: Das ist unwahr. Die Beamten kamen herein und ohne ein Wort zu sagen, hat gleich der erste mit dem Säbel lpsgeschlagrn..Vorsitzender: Das nehmen Tie auf Ihren Eid? Zeuge mit großer Bestimmtheit: Ja. Auf weitere Fragen gibt der Zeuge an, daß jeder von den Gästen, der durch die Tür hinaus- ging aus die Straße, von Schutzleuten, die an der Tür standen, ge- schlagen wurden. Rechtsanw. Heine: Also war es sozusagen ein richtiges Spießrutenlaufen? Zeuge: Jawohl. Der Erste Staatsanwalt richtet eine Reihe von Fragen an den Zeugen, die dahin gehen, ob der Zeuge bei seinen bestimmten Angaben bleiben will oder ob er in dem einen oder anderen Punkte einen Irrtum zugeben wolle. Konfrontation des Polizeileutnants mit dem Wirt. Hierauf wird Polizeileutuant Heck II dem Zeugen Landsrat gegenübergestellt. Beide bleiben bei ihren entgegenstehenden Aus- sagen. Polizeileutnant Heck sagt allerdings: Was zu Anfang im Lokal geschehen sei, könne er nicht wissen, toeil er nicht als erster das Lokal betreten habe, sondern einige von seinen Schutzleuten zuerst hineingegangen seien. Aber als er das Lokal betrat, habe er sogleich den Wirt aufgefordert, die Räumung zu veranlassen. Der Wirt habe sich geweigert und dann sei das wüste Schimpfen und Johlen losgegangen. Rechtsanwalt Cohn bemerkt hierzu: Die e r st e Aus- sage des Polizeileutnants Heck mußte zu dem Schluß führen, daß er an der Spitze der Beamten als erster das Lokal betrat. Jetzt sagt der Zeuge, vor ihm seien einige Schutzleute hineingegangen und er könne deshalb nicht sagen, ob vor seinem Eintritt ins Lokal jemand geschlagen wurde. Ferner hat der Polizeileutnant Heck zuerst gesagt, er tvandte sich an eine Person, die er für den Wirt hielt, jetzt sagt er, er habe mit dem Wirt gesprochen. Rechts- anmalt Heine sagt zum Polizeileutnant Heck: Sie wissen doch auch, woraus es ankommt. Wenn Sie uns gleich gesagt hätten, daß Sie nicht als erster das Lokal betreten haben, dann loäre ein großer Teil unserer Erörterungen überflüssig gewesen. Warum haben Sic uns das nicht gesagt?— Ehe der Zeuge eine Antwort gibt, greift der Vorsitzende ein mit der an den Zeugen ge- richteten Frage, ob er seiner Aussage noch etwas hinzuzufügen habe. Rechtsanwalt Heine wendet sich an den Vorsitzenden mit dem Bemerken: Wenn Sie die Antwort aus diese Frage ab- schneiden, dann sage ich: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Der Vorsitzende erwidert, er habe keine Antwort abgeschnitten. Der Verteidiger habe keine Frage gestellt. Rechtsanwalt Heine: Doch, ich habe eine bestimmte Frage an den Zeugen gerichtet. Vorsitzender: Das ist eine Frage, durch deren Be- antwortung sich der Zeuge rechtfertigen soll. Hier hat sich kein Zeuge und auch die staatsanwallschast nicht zu rechtfertigen. Frau Korsch hat von draußen gesehen, daß die Beamten in das Lokal von LandSrat eindrangen, drinnen mit den Säbeln herumfuchtelten. Ein Mann, der aus dem Loial kam, wurde von draußenstchenden Schutzleuten geschlagen. Er fiel hin und wurde von drei bis vier Schutzleuten weiter geschlagen. Was alles ein Schutzmann sah. Schutzmann Walter war an der Räumung des Lokals beteiligt. Mit großer Bestimmtheit yibt er an, Leutnant Heck habe den Wirt ausgefordert, die Gäste zum Verlassen des Lokals zu bewegen. Der Wirt habe gesagt, er könne das nicht, er müsse Rücksicht auf sein Geschäft nehmen. Dann habe der Leut- nant die Gäste aufgefordert, hinauszugehen Wir, sagt der Zeuge, faßten dann die Gäste an und wollten sie hinausbringen. Nun wurden wir geschimpft, Spitzbuben, Schweine- Hunde, Bluthunde, von allen Seiten wurde aus uns geworfen, ich wurde mit einem Bierglas auf die Hand geschlagen und bekam davon eine Verletzung am Daumen, auch an der Kniescheibe bin ich verletzt worden. Siner der Gäste hob sogar einen Stuhl hoch und wollte uns damit schmeißen. Nun kommandierte der Leutnant: Ein hauen! Wir trieben dann die Leute mit der Waffe hinaus. Vorsitzender: Wer hat zuerst das Lokal betreten? Der Zeuge antwortet ohne Besinnen und mit großer Bestimmtheit: Ter Herr Leutnant. Vorsitzender: Wissen Sie das ganz bestimmt? Der Zeuge antwortet etwas unsicher: Ich glaube, der Herr Leut- nant war der erste. Auf weitere Fragen antwortet der Zeuge. Ich bin ziemlich sicher, daß der Leutnant uuS voraus war, die Säbel hatten wir schon ans der Straße gezogen. Zimmermeister Otto wird vorgerufen und gefragt, ob er bei seiner Aussage bleibe. Der Zeuge erklärt mit großer Be- stimmtheit: Was ich gesagt habe, ist richtig, aber was der Schutz- mann gesagt hat, das ist nicht wahr. Schutzmann Walter gibt auf Befragen noch an, daß bei der Räumung des Lokals keiner von den beteiligten Beamten ohne Befehl oder vor dem Befehl des Leutnants eingehauen habe und daß vor dem Einhaucn die Gäste auf die Schutzleute geworfen. Rechtsanw. Heine fragi den Zeugen, ob jemand über die Aussage, die er hier machte, vor der Vernehmung mit ihm gesprochen hat. SchutzmannWalter gibt zunächst eine ausweichende Antwort und als Rechtsanwalt Heine nochmals fragt, ob jemand dienstlich mit ihm über seine Aussage gesprochen habe, antwortet der Zeuge: Darüber gibt das Polizeipräsidium Auskunft. Rechtsanw. Heine: Ich verlange von Ihnen eine Antwort. Schutzmann Walter zögert und wird dann auch vom Vorsitzenden aufgefordert, zu ant- Worten. Dann sagt er: Das Polizeipräsidium hat dir Beamten festgestellt, die an diesem Borfall beteiligt waren und hier als Zeugen geladen werden könnten, damit nur die geladen werden, die von der Sache etwas gesehen haben. Ich bin verhört worden durch einen Polizeioffizicr. Aus weitere Fragen der Verteidiger antwortet der Zeuge: Bei diesem Verhör sei Polizeilcutnant Heck nicht zugegen gewesen. Es sei dem Zeugen auch nicht mit- geteilt worden, was Polizeileutnant Heck ausgesagt hat. Rechtsanw. Heine: Es ist doch merkwürdig, daß Ihre Aussage nicht nur in der Sache, was ja öfter vorkommt, sondern auch fast Wort für Wort mit der Aussage des Polizeileutnants Heck übereinstimmt, und daß Sie Ihre Aussage so geläufig machten, als ob sie eingelernt wäre. Schutzmann Walter: ES ist uns gesagt worden, daß einer ausgesagt hat, er sei geschlagen worden und da wurden wir gefragt, ob wir etwas davon wissen. Ter Zeuge Walter wird von den Verteidigern in ein längeres Verhör genommen. Er bleibt dabei, daß vor der Aufforderung das Lokal zu räumen, niemand geschlagen worden sei. Auf die Frage, wer von den Beamten zuerst das Lokal betreten habe, ob Leutnant Heck oder die Schutz- leute, antwortet der Zeuge: Als zweiter oder dritter habe Leutnant Heck bestimmt das Lokal betreten. Als dem Zeugen vorgehalten wird, Leutnant Heck habe ja die Möglichkeit zugegeben, daß vor seinem Eintritt ins Lokal einer der Gäste von einem der zuerst eingetretenen Schutzleute geschlagen worden sein könne, antwortet er sogleich ohne Besinnen: Ich glaube ziemlich sicher, daß ich vor dem Leutnant drin war.?lls kurz darauf nochmals dieselbe Frage an den Schutzmann Walter gerichtet wird, antwortet er: Ich bin vor dem Leutnant drin gewesen. Rechtsanw. Rosen- selb hält dem Schutzmann Walter aus dem Protokoll seiner polizeilichen Vernehmung vor, daß Walter gesagt hat: Mit dem Herrn Leutnant an der Spitze betrat ich das Lokal. Rechts- anwalt Cohn fragt den Zeugen, ob er schon vor der Räumung des Lokals Leute geschlagen habe. Der Verteidiger macht den Zeugen aufmerksam, daß er die Antwort auf diese Frage ablehnen könne. Aber noch ehe der Verteidiger ausgesprochen hatte, fiel ihm der Zeuge ins Wort mit der im kräftigen Tone ausgesprochenen Bemerkung: Ausgeschlossen, ich habe nicht geschlagen. Auf eine Frage des Rechtsanwalts Heine bestätigt Polizeileutnant Heck, er habe daL Lokal betreten mit den Worten: Wer hier der Wirt ist, der soll die Gäste auffordern, das Lokal zu verlassen. An eine bestimmte Person habe er sich also nicht gewandt. Schutz- mann Walter sagt dagegen, der Leutnant wandte sich nn dir Person, die hinter dem Buffett stand und die man für den Wirr halten konnte. Hierauf werden noch zwei Augenzeugen des Vorfalles ver- nommcn. Der eine derselben, Oberkontrolleur Keller. ist auf der Straße bei einer Attacke umgeworfen worden, hat dabei einen Schlag oder Stoß gegen den Kopf bekommen, der für kurze Zeit ihm die Besinnung raubte. Dann begab er sich i» das i'-•• bekannte Lokal von Landsrat. Dieser Zeuge hat bei der Slusräumung des Lofals yichts Aufregendes he- merkt. Nach seiner Angabc ha! sich die Räumung ganz ruhig vollzogen. Nachdem er sich an den Leutnant gewandt, habe er ruhig stehen bleiben können, während die anderen Gäste hinaus- getrieben wurden. Tann aber habe ihn einer der Schutzleute auf- gefordert, das Lokal zu verlassen. Darauf sei er dann gegangen. Kontrolleur« t e h r hat bei der Ausräumung des Lokals auch einen Säbelhieb über den Arm bekommen und ist hinausgebracht worden. Auf der. Straße sagte er in Gegenwart von Schutzleuten: Mein Gott, hier kriegt man ja«schlage, ohne daß man was getan hat. Taraus erwiderte der Schutzmann: Mach, daß Du wegkommst, sonst gibt e» noch mehr. Ter Zeuge hat nicht bemerkt, daß die Gäste vor der Ausräumung vom Polizeileutnant zum Hinaus- gehen ausgefordert wurden, er hat auch nicht gesehen, dax nach den Schutzleuten geworfen wurde. Hier wurde die Zeugenvernehmung abgebrochen und die Ver- Handlung auf heute um£% Uhr vertagt. Die Wie von Uielttchin. Fünfter Tag. Gestern wurde bor Eintritt in die Verhandlung vom Gericht dem vorgestern vom Staatsanwalt Reiner gestellten Antrag zuge- stimmt, mit der Strafsache gegen Breithaupr, Engels usw. die zu- nächst abgetrennt gewesene Strafsache gegen Lang nunmehr zu ver- biniciu Vernommen wurde dann der Angeklagte Lang, der in Mieltschin gegen 30 Mark Monatsgehalt nebst freier Station zur Beaufsichtigung der Zöglinge angenommen worden war. Bei Züch- tigungen will er nur dreimal zugegen gewesen sein, beteiligt habe er sich nur auf Befehl. Seine Schilderung über die Zuslände in Mieltschin ergibt das schon bekannte Bild: für geringe Vergehen zahlreiche Peitschenhiebe und dann Arrest bei Wasser und Brot, das waren die„Erziehungsmittel" für ungehorsame Jungen. Im übrigen bezeichnet er den Pastor Breithanpl als einen„sehr guten Mann", der mit den Jungen spielte, wenn sie gehorsam waren. Böse konnte Breithaupt nur werden, wenn er züchtigte, und dann „waren die Züchtigungen reichlich". Lang selber habe einmal dem Zögling Piaskowski in Breithaupts Gegenwart auf Engels Befehl 20 Peitschenhiebe gegeben; im ganzen habe Piaskowski damals 100 Peitschenhiebe bekommen. Es wird dann wieder.in der Beweiserhebung fortgefahren, die sich jetzt dein Fall Ehrlich zuwendet. Hier werden drei verschiedene Züchtigungen erörtert, doch sind Gegenstand der Anklage nur die erste und die dritte. Wegen Fluchtabsichten bekam Ehrlich 50 Hiebe, von Breithaupt 25 mit dem Spazierstock und von Engels 25 mit der Pritsche. Die An- klage behauptet, daß hier im ganzen sogar 75 Hiebe gegeben worden seien, aber Breithaupt bestreitet das, so sehr er sonst geneigt sei, „lieber ein paar Hiebe mehr einzuräumen".— Vors.: Kamen Ihnen denn keine Bedenken, mit dem Spazierstock zu schlagen?— Angekl.: Nein.— Bei einer anderen Gelegenheit gab er dem Ehrlich gleichfalls Hiebe mit dem Spazierstock, docl,„höchstens 25", weil Ehrlich, den er vor Gericht als„sehr rohen Patron" bezeichnet, den Trcnske geschlagen habe. Die dritte Züchtigung diktierte er dem Ehrlich nach einer Flucht zu, 50 Peitschenhiebe, die Engels und Wrobel verabreichten. Daß Ehrlich im Arrest, der dann über ihn verhängt wurde, zwei Nächte mit auf dem Rücken gefesselten Händen zugebracht habe, bestreitet Breithaupt. Auch den Vorwurf, daß er Ehrlich, nachdem er bei der Arbeit einen Bruch eines Mittelsuß- knochens erlitten hatte, sogleich habe weiter arbeiten lassen, weist Breithaupt zurück. Ehrlich selber habe es im Bett nicht aushalten wollen, und auf eigenen Wunsch sei ihm erklärt worden, dem Kal- faktor bei der Arbeit zu helfen. Engels gibt die Ausführung dieser Züchtigungen zu. Von der zkveiten Züchtigung, die auf Breithaupts Konto allein kommt, weiß Engels nichts. Da aber Breithaupt selber sie erwähnt und eingc- X&pnt hat,, sp. bemerkt Staatsanwalt Reiner, die Staatsanwaltschaft iei nicht den Angaben der Zeugen gefolgt, sondern denen von Engels, weil sie die für glaubwürdiger gehalten habe. Wrobel gibt die Beteiligung zu, bestreitet aber, daß Ehrlich im Arrest mit den Händen aus dem Rücken gefesselt worden sei. Brosinskh bezeichnet Ehrlich als einen widerspenstigen Burschen, der gelogen und andere zur Flucht zu verleiten gesucht habe. Zögling Ehrlich erklärt in seiner Zeugenaussage, es wäre in Mieltschin„ja so weit ganz gut gewesen, wenn nicht die Hiebe ge- wescn wären". Nach seiner Bestrafung wegen Fluchtabsichten habe er zwei Tage im Arrest nichts zn essen gehabt, weil er das ihm gc- reichte Brot nicht habe essen können. Für die Nacht habe man ihm mit einer„Acht" die Hände auf den, Rücken gefesselt, so daß er nicht hätte liegen können, wenn er nicht, die Beine anziehend, die gc- fesselten Hände unter ihnen hinweg nach vorn gezwängt hätte. Als ihm später ein Fluchtversuch mit Winkler und Karnal zunächst gelungen, sie aber dann wieder ergriffen worden seien, habe Breit- Haupt sie schon außerhalb der Anstalt mit Prügeln empfangen und mit seinem Wcichselstock cingchauen, so daß er Winklcr unter dem Auge traf, lieber eine frühere Züchtigung sagt Ehrlich,� er habe 50 Hiebe bekommen sollen, habe aber bei 20 falsch gezählt, und nun sei von.vorn angefangen worden, so daß er 70 Hiebe bekam. Seine Prügelei mit Drenske sei weiter nichts als eine Backpfeife gewesen, für sie dann Breithaupt ihn, dem Zeugen, mit dem Weickselstock ans das Gefäß geschlagen habe. Bezüglich des Bruches eines Mittelfußknochens bekundet Ehr- lich, Kreisarzt Dr. Boehnke aus Witkowo habe die Sache für nicht schlimm erklärt und einen Verband angelegt, und schon nach drei bis vier Tagen habe dann er. Zeuge, wieder anfstehcn und dem Kalfaktor helfen müssen. Allerdings habe er nicht gesagt, daß er noch Schmerzen hatte.— Vors.: Warum nicht?— Zeuge: Weil ich fürchtete, daß ich Hiebe kriegen tvürdc wegen Arbeitsverweigerung. — Dem Angekl Brosinskh bestätigt Zeuge, daß er gut zu den Jungen gewesen sei und ihnen sogar manchmal seine Stulle gegeben habe. Sachverständiger Dr. Bernstrin hat in Mieltschin vci Ehrlich Narben gesunden, vermag aber nicht zu sagen, ob die Verletzungen durch Stockhiebe oder durch Peitschenhiebe entstanden sei» können. Sachverständiger Dr. Eteinbrück. der den später nach der Anstalt Warsow(bei Stettin) überwiesenen Ehrlich dort behandelt hat, be- merkte gleichfalls nock Narbe» und fand vor allem den Bruch des Mittelfustlnochens noch ungehcilt. Lehrer Hentjchel hat in Lichten- berg Ehrlich nicht für gewalttätig, sondern für einen rührigen Menschen gehalten, der nach Ausweis der Akten allerdings zum Umhertrcifcen geneigt habe. Zu dem Fall Karnal, der dann herangenommen wird, erklärt Breihaupt, er gebe zu, daß er dem Zögling Karnal wegen Flucht durch Engels 50 Peitschen- hiebe habe geben lassen und daß Karnal noch mehrfach und von ihm selber geschlagen»vordcn sei. Aber es sei ausgeschlossen, daß Breithaupt ihm, wie die Anklage behauptet, einmal 50 Stockhiebe gegeben habe.„Ich nehme." sagt er,„ja ganz gerne auf mick», daß ich 20, auch 25 Stockhiebe gegeben haben kann, aber Über 25 niemals". Für Karnal, der ein flinker Junge sei, habe er immer eine besondere Sympathie gehabt, und es habe ihm, dem Breit« Haupt,„immer weh getan, wenn 5iarnal gezüchtigt werden mußte". Karnal habe ihm einmal unmittelbar nach einer Züchtigung gesagt: „Herr Pastor, ich danke Ihnen, uft habe«8 verdient, ich will wieder artig sein." Als Br. Zweifel äußerte, habe Karnal erklärt:„Herr Pastor, ich wette mit Ihnen um eine Kiste Zigarren." Br. ver- sicOent, er have überhaupt zu seinen Jungen mit wenigen Aus- nahmen in einem durchaus vertraulichen Verhältnis gestanden, Brosinökv bestreitet, daß er bei einer Abstrafung Karnals mitgc schlagen habe; er habe ihn nur gehalten, um ihn am Entweichen zu hindern. � Zögling Karnal beginnt seine Zcugcnausiage mit der Klage, in Mieltschin sei es ihm immer schlecht gegange», nur«in paar Tage sei es nygl gut gewesen. Auch er wurde einige Male ge- schlagen, im CcsonSercn nach dem Fluchtversuch mit Ehrlich und Winkler. Bei der Wiedercinliefcrung habe Breithaupt auf dem Wege vom Mieltschincr Bahnhof nach der Anstalt„mit seinem Spazierslock immer von oben runter gehauen, auf den Kopf und überall hin". Bei einer Abstrafung, die Engels-in Breithaupts Auftrage an Karnal vornahm, sei er vor Angst unter einen Tisch geflüchtet, aber Engels habe immer weiter auf ihn eingehauen. Daß hierbei Brosinsky mitgehauen habe, weiß er nicht. Karnal bestätigt, daß Breithaupt ihn gern gehabt habe. Auch habe er dem Pastor tatsächlich mal gesagt:„Ich habe die Prügel verdient." Als der Borühende fragt, es sei am Ende doch wohl nicht so böse in Mieltschin gewesen, bricht Karnal plötzlich in Tränen aus. Ver- trete» der Staatsanwaltschaft, Assessor Dr. Simon: Sie sind wohl über�gi nicht gerne in einer Anstalt?— Zeuge: Nein.— Assessor Simon' Wie oft sind Sie schon weggelaufen?— Zeuge: zwölfmal. -> Es wird aus den Akten festgestellt, daß Karnal schon früher aus der Anstalt Nokitten einmal seinen Eltern geschrieben hatte:„In der weiten Welt kann aus mir nichts werden, wenn ich nicht bei Euch bin." Lehrer Hentschel bezeichnet den Karnal als durchaus nicht bösartig, als ganz zugänglich, zugänglich aber auch dem Schlechten. Aus der ihm verderblichen Nähe Berlins habe man ihn wegbringen loollen, darum sei er nach dem abgelegenen Mieltschin übertviesen worden.— Vorsitzender: Haben Sie dem Pastor Breithaupt gesagt, dag es ein von Freiheitsdrang beseelter Junge war?— Zeuge: Die Akten sind wohl mit nach Mieltschin gegangen.— Zwischen Hentschel und dem Vorsitzenden bezw. dem Verteidiger kommt es noch zu einer Auseinandersetzung darüber, ob Hentschel sich in seinem Urteil über Karnal geirrt haben könne. Zeuge Ehrlich, zum Fall Karnal vernommen, schildert jene Züchtigung, bei der Karnal sich unter den Tisch flüchtete. Schon vorher sei er vom Stuhl gefallen, so daß er mit dem Kopf auf den Fußboden schlug. Wrobel habe mit dem Gummifchlauch zuge- hauen; daß auch Brosinsky dabei einen Gummischlauch gehabt habe, weiß Zeuge nicht. Ueber Karnal gibt Angeklagter Schüler an, das sei immer„ein sehr gewandter Schauspieler" gewesen und könne„sich sehr ver- stellen". Sachverständiger Dr. Scelig hat gegen Karnals Glaub- Würdigkeit keine Bedenken. Er hat ihn auch körperlich untersucht und dabei Narben gefunden nicht nur auf dem Gesäß, sondern auch auf der Vorderseite des Oberschenkels. Offenbar habe die Peitsche mit ihrer Spitze so weit herumgereicht. Staatsanwalt Reiner vermutet, daß die Peitschen unten geknotet waren, aber Breithaupt bestreitet das. Bei dem Fall Winkler handelt es sich um acht Alte der Körperverletzung und eine Frei- Iicitsbcraubung, die dadurch begangen fein soll, daß Winkler im Keller eingesperrt und mit der großen Kette angeschlossen wurde. Breithaupt stellt Winklcr�als einen sehr aufsässigen und ganz ver- lohnen Burschen hin. Schon bei seinem ersten Eintreffen in Mieltschin habe er sich herausfordernd benommen. Als Breithaupt ihn bewillkommnete mit der Frage:„Bist Du der Max Wintler, von dem in den Zeitungen stand, daß er wegen Raubmordverdacht verhaftet worden war?" habe Winkler ihm höhnisch geantwortet: „Jawohl, der bm ich, das kann ich mir leisten." Winkler ist tat- sachlich mal unter diesem Verdacht festgenommen, aber sofort kvieder freigelassen worden, weil sich seine Schuldlosigkeit ergab. Aach dem Fluchtversuch habe Brcitbaupt ihn bei der"Wiederein- licfcrung begrüßt:„Na, da bist Du za!" Da Winkler unverschämt geantwortet habe:„Na, Mensch, tvas machst Du denn?" so habe er ibm in seiner aufwallenden Erregung einen Stockhieb auf die Schulter geben wollen, der unter das Auge getroffen habe. Daß er bei anderer Gelegenheit Winkler wegen einer Kirsche habe prügeln lassen, bestreitet er; da werde es sich wohl um einen anderen Anlaß gehandelt haben. Obst sei für die Zöglinge in Fülle vorhanden gewesen; aber, so fügt er hinzu. Winkler sei allerdings wegen, feines Verhaltens von Vergünstigungen ausgeschlossen worden. Nach seiner ersten Flucht sei Winkler im Keller einge- sperrt, aber nicht mit der großen Kette geschlossen worden. Diese sei ja erst vom Bezirksamt Witkowo geliehen worden, nachdem Winller mit einem Selbstmordversuch gedroht hatte. Er bestreitet, daß W. sechs Tage im Keller bei Wasser und Brot habe aushalten müssen. Auch das bestreitet Br., daß er ihm einmal 23 Hiebe auf die Fußsohlen habe geben lassen, oder W. müsse geradezu versucht habe», mit den Füßen das Gesäß zu schützen, so daß man genötigt gelvesen sei, durch Schläge auf die Sohlen seinen Widerstand zu brechen. Bestraft sei W. auch mal deshalb geworden, weil er nachts die Arrestzelle beschmutzt habe, damit der Urin durch die bretterne Decke in den darunter beftndlichen Schlafraum zweier Aufseher fließen sollte.— Vors.: Wieviel Hiebe waren es?— Angekl.: Ich entsinne mich nicht.— Vors.: Da werden es wohl 50 gewesen sein. — Angekl.: Hm, die werden's gewesen sein.— Angekl. Wrobel: La. der Herr Pastor sagte:„Zählen Sie ihm 50 über die Jacke!" Das tat ich.— Daß Breithaupt dem Winkler einmal 100 Hiebe habe geben lassen, bestreitet der Herr Pastor.„Ueber 30 habe ich nie angeordnet," sagt er. Auch Engels, der als ständiger Strafvollstrecker Bescheid hätte wissen müssen, erinnert sich keiner 100 Hiebe. Der Vorsitzende macht darauf aufmerksam, daß doch Wrobel und Wcndland, die schlagen helfen mußten, dem Untersuchungsrichter die Zahl 100 angegeben lzaben.— Engels: Davon weiß ich nichts.— Vors.: Es ist Ihnen wohl nicht mehr in Erinnerung, weil Sie sich dabei in die Arbeit geteilt haben.— Wendland erklärt, damals habe er im Gefühl des Hasses gegen Breithaupt so gesagt. Mehr als 30 seien es aller- dings wohl gewesen. Dem Winkler habe man übrigens 200 geben löuucu. ohne daß eS etwas ausmachte.— Riemschneider: Ich weift mit Bestimmtheit, daß es hundert waren; Engels und Wrobel gaben sie.— Dem Zögling Winkler gibt übrigens Riemschneider das Zeugnis, daß er gern arbeitet«. Tagegen erklärt Wendland, der ihn länger in seiner Kolonne hatte, ihn für böswillig. Schüler nennt den Winkler verlogen und sagt ihm Verstellungskunst nach. Auch Brosinsky äußert sich ungünstig über ihn. Sehr eingehend wurde der Zeuge Winkler vernommen. Nach der Flucht fei er bei seiner Wiedereinlieferung schon von Engels gequält worden, der ihm die Handfessel so fest zugedreht habe, daß heute noch eine Narbe zu sehen sei. Er zeigte sie dem Gericht. Dann schilderte er den Empfang, den der Herr Pastor mit seinem Weichsel- stock den Ausreißern bereitet habe, wobei Winckler die Verletzung unter dem Auge erlitt. Im Arreftkeller habe er 10 Tage gelegen und täglich nur einmal Wasser und Brot erhalten. Der Vorsitzende hielt ihm vor, daß er früher nur von 6 Tagen Kellcrarrest ge- sprachen habe. Winkler gab weiter an, er habe noch einige Tage in einer anderen Arrestzelle zugebracht. Im Kartofselkeller habe man ihm für die Nacht keine Decke gegeben, so daß er fror. Die Hände seien ibm auf dein Rücken gefesselt gewesen, in die Kartoffeln habe er sich so eingewühlt, daß er auf der Seite liegen und den Kopf auf einem Brett betten konnte. In dem anderen Arrest habe man ihm Fuftket«»« angelegt, aber ihm eine Decke und von nun an täg- lich dreimal Wasser und Brot gegeben. Erst nach Beendigung der Arrestzelle sei er geprügelt worden.„Engels stieß", sagte er,„die Tür auf: Komm! Ich folgte ihm, der Schemel stand bereit, er kommandierte:„Leg Dich über!" Er habe dann seine 30 Hiebe bekommen, ohne daß seine Bitte um eine Pause beachtet wurde. Ihm sei schwindlig geworden, er habe aber sofort an die Arbeit ge*-» müssen, die er in Fuftketten verrichten mußte. Einmal sei er geschlagen worden, weil er infolge Kostschmälerung hungrig ge- Wesen>i»:r»nd eine Stulle gestohlen hatte. Zunächst habe er ge- Hrill-'N, als aber Riemschneider mahnte:„Sage die Wahrheit, du bekommst keine Schläge", habe er eingestanden. Da aber habe Aufseher Lang ihn geohrfeigt und am anderen Tage habe Engels ihm 30 Peitschenhiebe verabreicht, weil Winkler(wie Wrobel ihm sagte) gelogen, d. h. nicht sofort eingestanden habe. Sogar das sei vorgekommen, daß ihm lüntcreinander 140 Peitschenhiebe gegeben wurden. Er habe eine heimlich zugesteckte Stulle bei der Arbeit ge- gesscn, da sei Wrobel gekommen:„Ach. schon morgens willst du esse». Na, komm mal ruber nach dem Schloß." Im„Schloß" war Brcithaupts Wohnung und dort gab es nun 75 Hiebe, mit dem Stock 23 von Brcithaupt selber, mit der Peitsche 23 von Engels und 23 von Wrobek. Beim 74. Hieb zählte er voreilig:„75". Da wurde, behauptet Winkler, von vorn angefangen— und so wurden es 149 Hiebe. Die Angeklagten bestreiten das, aber Winkler hält es aufrecht. Er hat früher diese Angabe nicht gemacht, sondern nur von 75 gesprochen. Auf wiederholte Fragen des Borsitzenden erklärt er das schließlich damit, daß er nur von 73 gesprochen habe, weil ihm nur 73 zugedacht gewesen und die 74 ersten Hiebe auch von Breithaupt nicht mitgerechnet worden seien. Justizrat Wronkcr bezweifelt, daß W. nach 140 Hieben sofort habe weiterarbeiten können. Er hält ihm auch vor, daß er sich gegenüber dem Pastor ungezogen benommen habe, indem er ihn bei seiner Wiedereinlieferung nach einem Fluchtversuch anredete: „Na, Mensch, was machst du denn'?" Als der Zeuge sich dessen zu- nächst nicht erinnert, ruft Justizrat Wronker:„Sie stehen vor dem Pastor, dem Berkünder des Wortes GotteS"— hier unterbricht ihn Lachen der Zuhörer—„ach, ich bitte doch sehr!— und da halten Sie das für angemessen? Aber so etwas vergißt man doch nicht!"— Zeuge: Ich will es nicht in Abrede stellen, es kann sein.— Der Vorsitzende richtete nach diesem Zwischenfalle an die Zuhörer mit einer scharfen Rüge die Drohung, den Zuhörerraum räumen zu lassen. In der weiteren Vernehmung äußert Zeuge Winkler sich auch über die Beschmutiung der Arrestzelle. Er bestreitet, daß das aus Böswilligkeit geschehen sei. Es habe ihm eben das Nachtgeschirr l gefehlt, aber seine Prügel habe er doch bekommen.— Angeklagter Breithaupt: Mir sagte man. es sei Niederträchtigkeit gewesen.— Wintler gibt an, einmal habe er Kartoffeln, die zum Schweine- futter bestimmt waren, essen wollen. Ter Zögling, der das Futter zu besorgen hatte, habe das gemeldet— in Mieltschin mußte jede Ungehörigkeit angezeigt werden—, und wieder habe es Prügel gegeben. Diesmal habe es sogar so weh getan, daß er annehme, es müsse noch etwas in der Peitsche drin gewesen sein. Wegen Lügens habe er einmal 100 Hiebe bekommen. Wendland habe ge- schlagen und habe schließlich einen Wcichselstock genommen, weil „die Peitsche wohl keinen Zug mehr hatte". Wendland weiß hier- von nichts. Von Engels habe er, weil er beim Kartoffelschälen sich gesetzt hatte. 10 Hiebe über die Fußsohlen bekommen. Sich zu setzen, sei ihm verboten gewesen, auch spreche» habe er nicht dürfen, sonst seien ihm Prügel zudiktiert worden. Die Gesamtzahl der erhaltenen Schläge wird von ihm auf 888 berechnet. Da er früher nur 600 angegeben hat, soll er jetzt eine Rechnung darüber aufmachen. Er erklärt, manche der erlittenen Züchtigungen seien ihm erst nachträglich noch eingefallen. Auch über großen Gewichtsverlust klagt Winkler. Mit 150 Pfund sei er nach Micltschin gegangen, schon nach 4 Wochen. habe er nur noch 127 Pfund gewogen. Als er nach dieser Fest- stellung zu Engels gesagt habe:„Dann habe ich also 23 Pfund abgenommen!" habe er ihm geantwortet:„Das ist besser als eine Entfettungskur."— Vors.: Es ist schon möglich, daß langdauernde, Ernährung nur mit Wasser und Brot zu einer Gewichtsabnahme führt.— Aus den Akten wird festgestellt, daß W. im Juli 1900 tatsächlich 127 Pfund gewogen hat. Die Frage, ob gegen Winkler eine Freiheitsberaubung be- gangen worden ist, wird noch einmal eingehend geprüft. Breit- Haupt behauptet, bei dem ganzen Wesen Winklers sei es nötig gewesen, ihn in dem verschlossenen.Keller zu verwahren und ihm auch noch eine Kette anzulegen. Tatsächlich sei auch so noch die Eni- wcichung eines Zöglings möglich geworden. Staatsanwalt Reiner erklärt, nach dem Ergebnis der Beweisausnahme sei>vohl nur Arrest und nicht Freiheitsberaubung anzunehmen. Der Bar- sitzende läßt, um sich durch den Augenschein zu überzeugen. Winkler durch Engels und Wrobel dir grofte Kette anlegen und ihm Hände und Füße fesseln. Winkler mutz dann die Haltung annehmen, die ihm im Arrestkeller möglich gewesen ist. Er kauert sich auf den Boden nieder, der Vorsitzende meint aber, eS müsse ihm möglich gewesen sein, zu stehen und auch zu liegen. ©chlirßlich wird noch die Frage aufgeworfen-«be-BPlitPncht. nach Aufdeckung der Mieltschincr Zustände dem ihm unbequemen Winkler, wie dieser behauptet, die Flucht z» erleichtern gesucht habe, um ibn aus der Anstalt loszuwerden. Breithaupt stellt das aufs entschiedenste in Abrede. Ueber Winklers Verhalten in Lichtenberg bekundet Lehrer Hentschel, daß er„sogar stets besonders höflich" gewesen sei. Nur einmal habe er gegenüber Angestellten sich unziemliche Redensarten erlaubt. Assessor Simon stellt fest, daß Magistratsrat Voigt ihn als den schlechtesten der Mieltschiner und als ganz unglaubivücdig bezeichnet habe. Auch Inspektor Buth äußert sich nicht günstig über ihn. Die Sitzung wird dann abgebrochen. Nächste Sitzung heute 9 Uhr._ Hus Indurtm und Handel. Die NahrungZmittelpreise im Jahre 1919. Einen recht bemerkenswerten Gegensatz in der Entwickekung der Nahrungsmittelpreise im Groß- und Detailhandel weist das Jahr 1910 auf: im Großhandel haben die Preise einen Rückgang, im Klein- Handel aber eine Steigerung gegenüber dem Vorjahre zu verzeichnen gehabt. Wie die Bewegung der Nahrungsmittelpreise im Jahre 1910 auf den Haushalt einwirkte und die Kosten der Er- nährung beeinflußte, das ersehen wir, wenn wir für 33 Städte Deutschlands auf Grund der Verpflegungsration des deutschen Marinesoldaten den wöchentlichen Nahrungsmittel- a u f>o a n d für eine vierköpfige Familie in der Weise berechnen, daß mlter Reduzierung von zwei Kindern auf eine Person das Drei- fache der Normalration des Marinesoldaten angesetzt wird. Zum ersten Male ist eS möglich, die so gewonnene Generalstandardziffer für eine Bevölkerung von zirka 10 bis 12 Millionen Köpfen vergleichbar mit dem Vorjahre zu ermitteln. Der NahrungS- mittelaufwand betrug nämlich im Durchschnitt der ersten elf Monate 1909: 23,13 M.. 1910: 23,54 M. Um 0,41 M. pro Woche oder um zirka 1,64 M. pro Monat hat sich der Rahrungsmittelaufwand im Durchschnitt bei gleichbleibender Qualität pro Familie verteuert. Gegenüber dem Standard von Anfang 1009 ergibt sich für den November dieses Jahres eine Erhöhung um nahezu 1 Mark pro Woche._ Folgen unserer Wirtschaftspolitik. Eine der Folgen der fälschlich als„Schutz der nationalen Arbeit" ausgespielten Wirtschaftspolitik ist die Auswanderung von Industrien. So wird jetzt die deutsche Kunstseidenindustrie durch zahlreiche Gründungen von Fabriken dieser Branche in Amerika und England, neuerdings auch in Rußland schwer geschädigt. Mit einem Aktienkapital von 4 Millionen Frank wurde jetzt unweit Sochaezew im Gouvernement Warschau eine neue Kunstseiden- fabrik gegründet. Die Hälfte des Kapitals ist von belgischen Interessenten aufgebracht worden, während der Rest von inländischen Kapitalisten in Warschau gezeichnet worden sein soll. Nicht genug damit, daß eine größere Knnstseidenfabrik in Tomaszow, deren Gründung im Anfang des vorigen Jahres gemeldet wurde, bereits fertiggestellt ist. ist auch jetzt wiederum von dem Maschinenfabri- kanten Otto Goldammer in Lodz unter der Firma Goldammer u. Eck eine Kunstseidenfabrik gegründet worden. Außerdem planen bekanntere größere Lodzcr Baumwollindustriellc und zwar Kam- mcrzienrat E. Herbst, Sigmund Richter, Emil Eifert und andere die Errichtung einer großen Kunstseidenfabrik, welche Kunstseide nach einem neuen System herstellen soll. Konkurrenz gegen das Hefesyndikat. Die Freie Bereinigung der Bäckermeister will sich dem Hefe- shndikat und der zwischen dein Syndikat und Germania-Verband ge» troffenen Vereinbarung nicht unterwerfen. In einer am DonnerS« tag im Königstadt-Kasino in der Holzmarktstraße abgehaltenen Versammlung der Vereinigung, an dbr auch andere Meister teil- nahmen, wurde ein Beschluß gefaßt, in dem gesagt wird: Wir sind damit einverstanden, daß eine bestehende Hefefabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird und verpflichten sich die Meister von dieser Aktiengesellschaft die Hefe auf die Dauer von zehn Jahren zum Preise von 45 Pf. pro Pfund zu entnehmen, und Aktien zu übernehmen._ Tarifpolitik. Wie aus Wien gemeldet wird, verhandelte das Abgeordnetenhaus am Donnerstag über einen Dringlichkeitsantrag Beer betreffend die Ermäßigung der Frachtsätze für böhmische Braunkohle. Der Eisenbahmninestcr sagte die Aufhebung � des Zweihellertarifs zu für den Braunkohlentransport nach dem sächsi- scheu Grenzgebiete und zur Elbe und betonte, daß die böhmische Braunkohle in Deutschland nicht nur gegenüber der englischen und schlesischen Kohle, sondern insbesondere auch gegenüber den dent- scheu Brikettfabrikcn eine schwere Konkurrenz zu bestehen habe. 5Zus aller Tlelt. Hus einer Zentrumsdcmiänc. Nach den Behauptungen der Ritter und Heiligen lebt in den noch nicht von der Sozialdemokratie etfaßten ländlichen Bezirken ein gesunder, moralisch hochstehender Menschenschlag. Wie weit diese Behauptungen aber von der Wahrheit abweichen, lehren Erhebungen, die der frühere Assistent des Professors Lehden, Herr Professor Dr. Jacob im Laufe dieses Jahres Rm Auftrage des preußischen Kultusministeriums in dem rein ländlichen Kreise Hümmling in Hannover gemacht hat. Ueber die Ergebnisse berichtete Professor Jacob, wie das„Berliner Tageblatt" mitteilt, in einer Versammlung der Medizinal- beamten zu O s n a b r n ck. Die SterblichkeitSziffcr an Tnber- kulose ist in dem Kreise fast doppelt so hoch, als die Durchschnittszahl der Todesfälle an Tuberkulose in Preußen. Die Wohnungen befinden sich in einem sehr elenden Zustande. Für die Gesundheitspflege wurde von der Bevölkerung bisher fast nichts getan. Wie eS um das Reinlich keitsbedürfniö der Bevölkerung steht, zeigt die von autoritativer Seite mitgeteilte Totsache, daß die meisten Bewohner im Kreise Hümmling andere Körper- teile wie das Gesicht und die Hände nur zweimal während ihres ganzen Lebens waschen; einmal nach der Geburt; das zweite Mal pflegen die Männer ihren ganzen Körper zu reinigen, bevor sie sich zum Militär- d i e n st stellen, und die Frauen, bevor sie heiraten. Dafür hat der KreiL aber den Lorzug. durch einen st r a m m e n Zentrums mann im Reichstage vertreten zu sein, denn von den etwa 17 000 Einwohnern des Kreises bekennen sich nur 83 zur evangelischen Religion, 109 sind Juden. Offenbar legt man es den ZentrumSmännern nahe, auch durch ihre Körperfarbe die Zugehörig- keit zu den Schwarzen zu dokumentieren. 24: Stunden an einem Baum gefesselt. In einem Tannengehölz am Uelenberge bei Kleinen- b e r g(Pyrmont) ist am Donnerstagabend von einem Spazier- gänger das aus Kleincnberg stammende Mädchen L ü t e f i n k an Händen und Füßen gefesselt und an einem Baum gebunden ailfgefunden worden. lim das Mädchen"am Schreien zu verhindern, hatte nian ihm Papier in den Mund gestopft und noch ein Tu'ch darüber gebunden. Das Mädchen nlachted die Angabe, es sei am Tage vorher auf dem Wege zur Sparkasse, ftwres- fem Betrag von 4(X) Mark einzahlen wollte, unweit der Stelle, wo es aufgefunden worden war, von zwei vermummten Männern angehalten, geschlagen, seiner Barschaft und des Kassenbuches beraubt worden. Das Mädchen hatte 24 Stunden au der bezeichneten Stelle ge- legen, ohne einen Ton von sich geben zu können. Teufel Bitru als Druekfehlerkobold. Dem„Fränk. Volksblatt", dem Organ des Zentrumsabgeordneten Gerstenberger in Würzburg, hat der Druekfehlerkobold einen schlimmen Streich gespielt. Ein kalholischer Priester Dr. K o l o n a t wandte sich in einem kräftigen Artikel gegen eine Broschüre über den Zwangszölibat der Geistlichen, die iin Verlage von Memminger in Würzburg erschienen ist und die einen ungenannten katholischen Geistlichen zum Verfasser hat. Der geharnischte Artikel enthält folgenden Satz: „Denr heiratslustigen angeblichen Pfarrer MemmingerS schreiben wir kath, Geistlichen für heute ins Stammbuch: Wir haben den ehrlosen jungfräulichen Stand freiwillig erwählt und halten ihn fest bis zum letzten Atemzug." So ganz unrecht hat das Tenfelchcn nicht; durch den ehe» losen Stand ist schon manches Pfäfflein ehrlos geworden. Ruhe sanft! Eine Neuheit auf dem Gebiete der Traueranzeigen hat eine Frau Seiferth in Wiesbaden erfunden. Vor einigen Tagen wurde die Dame durch den Tod ihres geliebten Hnndeviehs er» jchüttert. Die vor Gram Gebeugte sorgte für ein standcs» gemäßes Begräbnis des Köters und ließ in ein Wies« badener Lokalblatt folgende Traueranzeige einrücken: Allen Bekannte» wünsche ich mitzuteilen, daß mein Rehpinscher "•„Prinz Bobbitsch" nach achttägigem schweren Leiden Sonnabend begraben wurde. Frau O. Seiferth. Hoffentlich haben die Kaffeeschwestern der Frau Seiferth dem verstorbenen Liebling eine stille Tasse geweiht. Kleine Notizen. Ein Erdrutsch. In dem in der Nähe von Trier gelegenen Wein- orte Nie der- Rem niel hat ein Erdrutsch 2500 Quadrat» meter Weinberge vernichtet. Erfreulicherweise find Menschen nicht zu Schaden gekommen. Schwerer Zusammenstoß mit einem Unterseedoot. Das englische Transportschiff„ E l f i n das im Hafen von H arwich 100 Ma- trosen beförderte, stieß mit dem Unterseeboot V VUl zusammen. Das Transportschiff sank in wenigen Minuten, fünf Matrosen ertranken. Das Unwetter in Frankreich. Zu wiederholten Malen sind gestern über verschiedene Gegenden des südliche» Frankreich schwere Gewitter, begleitet von starkem Sturm, niedergegangen. In S a l i n d r e ö stürzte ein 60 Meter hoher Fabrikschvrnstcin um, wobei drei Arbeiter schwer verletzt wurden. Auch an der Küste herrscht schweres Sturniwetter, dem wahrscheinlich der Re- gierungSdmnpser„Jnfalignble" zuin Opfer gefallen ist. Das Schiff war am Mittwoch von Brest abgesandt worden, um den in der Gegend von Ouessant schiffbrüchig gewordenen deutschen Dampfer „Swakopmmid" Hilfe zu bringen und wird seitdem vermißt. Die Cholera in Konstautinopcl nimmt wieder zu. Am Donners- tag waren 23 Erkrankungen und 19 Todesfälle an Cholera zu ver- zeichnen. Erdstöße in Glasgow. Durch drei heftige Erdstöße wurden am Donnerstag die Bewohner der englischen Stadt Glasgow in Schrecken versetzt. In vielen Hänseeir wurden diq MöbelvonihrenStandor tengerückt. In den Restaurants flüchteten die Gäste, durch das Klirren der Gläser und Teller er- schreckt, panikartig auf die Straße. Die Dauer der Erschütterungen betrug jedesmal etwa drei Minuten. Dandorf&G Belle- Alliancestrasse Grosse Frankfurt erstrasse Brunnenstrasse Kottbuser Damm Soweit Vorrat Grosse Frankfurterstrasse Kottbuser Damm Soweit Vomt Bis 9 Uhr abends geCffnet Cenrclaftwurst............... Salamiwurst.................. Pfund 1.25 ThüringerKnobSauchwurstFM 1.25 Teewurst...................... pfund 1.25 ff. Leberwurst.............. Pfund l.©5 Landieberwurst............. pk°°d 95 Pf. MettWUrSt(BraanachweigerArt)Pfund 1,0® Rotwurst I pfnnd 75 pf II Pf-w-i 43 pf- Zwiebelleberwurst......... Pfand 48 pf tiussöhiRken............... �«1.25 Schinkensueck.............. Pfand 1.15 Gänsebrust.................. Pfund 1.55 BinfenstSalz TistüWer...... Tofeibotter...... Pfand > Pfund Pfand 63 pf l.io 1.20 Obermoseier................ Flasche 70pf- Moselblümchen........... nasche 78 Herxheimer................. nasche 95 pt St. Emiüon.................. nasche 75 pf firtysan Blaye.............. nasche 95?' Merioc Estephs........... nasche 1.15 Rum(Verschnitt) Flasche 1.10,1,25 Kognak(Verschnitt) naschel,10,1.25 Tafel-Kümmel........... nasch- 1.©5 Halb u. Halb................. nasch- 1.05 Alpenkräuter............'...nasche 93?' Stonsdorter............... nasche KApf Weizenmehl 000 5 Pfund Beutei 90?' Kaiser AuszugMehiSpfund-Bentel.OO Victoria Auszug Kehl 5 1.10 Sultaninen............. pmnd GI, 73?' Rosinen................. Pfand 52, 30?' Korinthen....................... p�nd 30?' Mandeln 1.25, 1�40 Zitronat......................... Pfand 55?' Backpulver.............. 3packete ZO?' Vaniiien-Zucker........ 3 Packet« 20?' ____ Pfand Pf.(holländischer)....... Pfund 1.35 H@yslia§t-Sdi®lkoiacle............ Pfand 6Sp Mischung II....Pfund �.lOf Mischung HI...Pfund 1 ,20 gemahlen........................................ 5 Pfund 9�Pf. Hasen gestreift............... stuck 2.oo, 2.75, 3.30 Hell........ Blätler<1.50, 2.25 Keulen 4.00, 6.50 Fettgänse�SS, 62, 33 Kasseler Rippespeer 75 Pf. Essäpfei.................... 5 Pfund 70 p' Kochäpfel.................. 5 Pfund 45?' Weintrauben................. Pfand ZHpf. Traubenrosinen............ Pfand 65 pr. Schalmandeln.............. Pfund 85?' Kranzfeigen................. Pfand 24?' Feigen......................... Kiste 28?' Datteln....................... Kanon 48?' Apfelsinen Dutzend 23, 23, 35?' Citronen............ Dutzend 25, 35?' Stangenspargel'/i Dosel. 20, 1.35 Bruchspargel mit Kopf...>/> Dose 95?' Bruchspargel ohne Kopf., i/i Dose 33?' Suppenschoten.........>/. Dose 38?' Junge Schoten.......... D-se 45?'- Feine junge Schoten..'/.Des- 55?� Gemischtes Gemüse»ose 45, 35?' Mirabeilen......... Kirschen mit stein. Pflaumen........... Preisseibeeren. Stachelbeeren.. Erdbeeren.......... l/s Dose'/« Dose 42, 38? 38, 35?' — 45?' 39, 68? 39, 38?' 48, 88? Früchte-Melange........ 58, 1.05 Birnen weiss oder rot....... 39, 38?' Sardinen in Gel dos«....... 38, 48 Sardinen oder Anohovls oh» 24? Brat- o. Bismarckheringe Dose 48? Brat-Heringe....... 4 Diter.Dose98?' Delikatess-Herlnge 48? Hering in Gelee.............. dos. 33 pt LaChS in Stücken................ Pfund 85 � Bücklinge.................. Sstoctlgpf. Sprotten.......... Kiste ca. 2 Pfund 38?'• Sonntag den 18. 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Briefliche Bniworl wird nicht erteilt. Eilige Kragen trage man in der Svrechstnnde vor. Tie juristische Sprechstunde fällt heute aus. der R. S.. Schwiebus. Der Standpunkt des Magistrats entspricht u.(i. irrigen Ztellungnahrwe des Oberverwaltungsgerichts.— H. 3« III Die Kasse ist nicht zu empsehlen.— M. Tü. 1Ö6. Nein.— R. fy. 100. Mit Beginn des der Entlassung solgenden Monats, falls ein steuerpslichtiges Einkommen vorhanden.— 1 00 1 L. Nein.— E. P. Sil». In zehn Jahren. Jede richterliche Handlung unterbricht jedoch die Verjährungssrist. — E. K. S». Beschweren Sie sich bei der Aussichtsbehörde— Magistrats. kommissar für Ortskrankenkassen, Stralauer Str. 3/6.— C. B. 90. 10 Monate nach dem Ableben.— Oestreich, Niederbarnimstr. Für den Anspruch auf Invalidenrente genügt die Markenanzahl. Das Weiterlleben empfiehlt sich schon mit Rücksicht auf den Anspruch aus Invalidenrente.— •£>. B., Franse ckystr. 38. Der Abzug ist nicht gerechtfertigt.— Rütli- straste 100. Das Auslösungsrecht der verbündeten Regierungen ist nicht beschränkt.— H. St. 88. 1. Nein. 2. Ja. 3. Das Ausland hat besondere Kirchengesctze.— O. P. 107. 1. Das ist möglich. 2. Höchstdauer sechs Monate.— F. R. 100. 2 061153.— A. 17.1. Der Versasscr des Verses ist unbekannt geblieben. 2. Wenden Sie sich an I. R. Brame, Nieder- Schönhausen bei Berlin. □ □□ om □□□ Theater und Vergnügungen DD DD □□□ Sonnabend, den 17. Dezember: Ansang 7'/z Uhr. Slünigl. Opernhaus. Carmen. Stönigl. Schauspielhaus. Wallen- steins Tod. Neues königl. Operu-Theater. Torquato Tasso. Deutsches. Othello. Kammerspiele. Der ver- mundete Vogel.(Ansang 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Berliner. Der Talisman. Nachmittags 3'/t Uhr: Macbeth. Lessing. Anatol. Neues Schauspielhaus. DerZer- rissene. Nachmittags 3 Uhr: Frau Holle. Komische Oper. Die Boheme. Westen. Das Puppenmädel. Nachmittags 4 Uhr: Rotkäppchen. Kleines. Verflixten Frauenzimmer. 1. Klasse. Neues. Der G. m. b. H.-Tenor. Drianon. Der heilige Hain. Residenz. Der Unterpräsekt. Thalia. Polnische Wirischast. Nachmittags 4 Uhr: Aschenbrödel. Schiller«». iSeaflnei. 41)eatci.) Die Kreuzelschreibcr. Schiller Eharlottenburg. Der Bund der Jugend. Friedrich- WilhelmstädtischeS. Hosgunst. Nachmittags 3'/, Uhr: Hermann- tchlachl. Neues Operette«. Der Gras von Luxemburg. LustiPielhauS. Der Feldherrn- Luisen. Der Reglstrator aus Reisen. Nachmittags 1 Uhr: Zwerg Nase. Modernes. Der Doppelmensch. Nachmittags 4 Uhr: Goldmarie und Pechmarie. Rose. Der Kaiserjäger. Herrnfeld. Eine verlorene Nacht. Der Derbysieger. Bolksoper. Robert der Teufel. (Ansang 8'/, Uhr.) FolieS Caprice. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang 81/, Uhr.) Metrovol. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wippchen. «lp-llo. Spezialitaten. Voigt. Die Barbara. Banage. Spezialitäten. Reichsballrn. Stettwer Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Walhalla. Bravo! Dacapo!(An- sang 8-,. Uhr.) Sanssouci. So wird'S gemacht. Spezialitäten.(Ans. 8'/, Uhr.) Karl Haverlaud. Spezialitäten. Urania. Taubeujtrasje 48/19. Nachmittags 4 Uhr: Der Vier- waldstätter See und der Gotthard. Wends 8 Uhr: Professor v. Hesse- Wartegg: Städte und Lander der Kronprinzenreise. Hörsaal 8 Uhr: Vortrag vom Pros. Dr. Donath: Die modernen elektrischen Lampen. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—62. �essinx-Tkeater. Sonnabend 8 Uhr: Anatol. Sonntag 8 Uhr: Anatol. Montag 8 Uhr: Jbsen-ZykluS, zehnte Vorstellung: Hcdda Gabler. berliner TKester. Heute- Der Talisman.«Uhr. Nachm. 3'/4 Uhr: Macbeth. Neues Theater. Täglich: ttM-f». Anfang 8 Uhr. Ikeater des Westens. 8 Uhr: Das Pappen madel. Mittw. u. sonnab. 4 Uhr: Rotkäppchen. Sonnt. 3'/. 11.: Oiejjeschiedene Frau. Modernes Theater (früher Hobbeitheater). Abends 8 Uhr: _ Doppelmensch._ Lusispielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhügel. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Sonnabend, 17. Dez., abends 8 Uhr: Ilolgunst. ?>/, Uhr: Die Hcruiaunschlacht. Sonntag 8 Uhr: Die Jungfrau von Orleans. 3 Uhr: Faust.(Kleine Preise). Montag: Hosgunst._ Theater des Weddings Müllerstr. 182/183— Sellerstr. 35. Täglich vor ausverkaustem Hause: Abgründe Drama in zwei Akten von Urban Gab. Außerdem das neue großartige Programm. Urania. Wissenschaftliches Theater Tanbenstraße 48/49. Nachmittags 4 Uhr: Der Vlerw alastiitter See and der Gotthard. Abends 8 Uhr: QeheimratProf. v. Hesse-Wartegg Städte und l.ttnder der Kronprinzenrcise. Hörsaal 8 Uhr: Professor Dr. Donath: Die modernen eloktrischen Lampen. Kaiser-Panorama. 4. Reise am schönen Rhein. Besuch v. Berchtesgaden, Salzbergwerr-Kö»igsee:c. Eine Reise 20 Pf., Kind nur 10 Ps. Abonnem. 1 M. Taus. Abonnenten. berliner Volksoper Belle-Alliancestrahe 7/8.— 8 Uhr: Zum erstenmal: Robert der Teufel. Residenz�heäfiirr Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Der Uttterpräfekt. Schwank in 3 Akten v. Leon Gandillot. Morgen und solgende Tage: Der Unterpräfekt. L-uisen- Theater. 4 Uhr: Graste Kindervorstellung: Zwerg Nase. Abends 8 Uhr: Der Kegistralor auf Deiskn. Sonntag nachm. 3 Uhr: Preziosa. 8 Uhr: Mudickes Reise nach Indien. Montag: Neueinstudierung: Hamlet. OSE=THEATE Große Frantsurter Str. 132. Nachm. 4 Uhr, kleine Preise: Goldhhrrhena Himmelfahrt. I suhr- Der Kaiserjager. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Im Zauberlande Rübezahls. Abends 8 Uhr: Der Müller u. sein Rind. (Abonnements gültig.)_ Ufetropol- Theater. Hurra! Wir leben noch! Große Ausstattungsrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musil v. V. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr— Rauchen gestattet. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Pariser Leben. Ab 8 Uhr: 10 neue graste Attraktionen 10 9 Uhr: Bellinl das telepathische Phänomen. Eine Terry, Operetten. Diva zu Pferde u. a. m. ÜAue d'Eve Exoentrique franfaise in ihrem Transforraationsaltt: Hiter Uta Mlle. Denarbers Luftballonsfahrt über den Köpfen des Publikums, und eine Auslese der anerkanntesten Kunstkräfte dreier Weltteile. _ Hänchen sc stattet! Reichsliallen-Tliealer. Stettiner Sänger. Weihnachls- Programm! „Bei Vater'n" Wcihnachtsbild v.Meysel. Ansang wochentags « Uhr Sonntags 7 Uhr. Scliiller SchMler-Theaior 0.(Wallner-Tbeat). Sonnabend, abends 8 Uhr: Die Kren�eksehrether. Bauernkoinödie mit Gesang in 3 Akten von L. Anzengrnber. Ende 10'/., U Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Ehre. Sonntag, abends 8 Uhr: Prinr Friedrich von Homburg. Montag, abends 8 Uhr: Sodom», Ende. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Bnnd der Jugend. Lustspiel in 5 Aufz. B. Henrik Ibsen. Deutsch v. W. Lange. Ende 10'/, Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Egmont. Sonntag, abends 8 U h r: Die Haeht der Finsternis. Montag, abends 8 Uhr: Der Dummhopf. r 1 Castans Panoptikum Fri(ePd:�ärp±8ti65 Größtes Schau-Etablissement Berlins. CsFoßes Künstler-Konzert und SpezIalithten-VorsteUung. � Täglich geöffnet von 9 Uhr vorm. bis 10 Uhr abends. � „CLOU" BEREIXEH KOXZERTIIAFS Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90-91 NM- Eintritt 50 Pf. Rente: Heiterer Abend. 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Eine veeloeene Macht, mit den Autoren in den Hauptrollen. Vorher: Der Derd/.SIegers Ans. 81Ihr. für die drei Weih» nachtsseiertoge u. ilvestervorstcllg. sind schon zu haben '.uoiocr: uer ueroy-o Billetts 1- Alt Moabit 47/48. Sonnabend, den 17. Dezember» nachm. 4 Uhr: Große Kinder- Vorstellung. Aschenbrödel' oder: Der gläserne Pantoffel« Nach der Vorstellung: Groste Gratisverlosnng. Trianon=Theater. Ansang 8 Uhr. Der heilige Hain. Folios Capriee. Der Feldtnthtlhllgel von Hengstler und Soda Soda. Neuer bunter Teil. Hotel zur Jungfrau. Tourifteiipossc von Satyr. Passage-panoNlftuin. Der bearnaisisebe■ Riese Russorc H Ist 110 mm grUßer als Machnow lebend zu sehen! W» Ohne Extra-Entree! nmi Bosporus am Moritzplatz. Das Variete-Konsum-System nur an Wochentagen gtiltlg. Entree frei. Sie lösen nur ein Programm pro Person 20 Pf., damit haben Sie 1 Glas Bier bezahlt. 8 Uhr: Das nene Wciaclits-IÄ-Prif, V olks- Theater Rixdorf, Hermannstr. 30. Sonntag, den 18. Dezember 1910: Rodert und Kertrai», die lustigen Vagabunden. Posse in 4 Akten von Raeder. Ansang 7 Uhr._ Bargtheater- Fesfsäle und Kinematograph Bonn. Groterjan. Jnhab.: Rud. Merz, Schönhauser Allee 139. Tel. 3, 9353. Eebende Photographien. Eintritt 30 u. 40 Ps., Kinder dieHalste. Ans. 7 U., Sonnt. 4 U. Vorzogskarten, nur wochent. gültig, 35 Ps. aus allen Plätzen. Stets wechs. Programm. Für den Inhal» der Inserate übernimm» die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Bkpgatlpprtnag. noch Ist es Zeit Ihron Einkauf fQr Weltmächten zu decken. Jedermann«*»(Credit Herren- Garderobe und zwar: Jackett-Anzüge, Gehrock- Anzüge, Paletots, Ulster u8*. Damen-Garderobe Plüsch-Mäntel, Paletots, Kostüme, Röcke, Blusen usw. i teppiohe|■ Kinder-Anzüge■ i portieren Pelzwaren=■= Schuhwaren /Anzahlung 5 Mar|<) t/ Abzahlung � Mark\ Wachsmann& Co Reinickendorferstr, 15 Ecke R a v e n 6- S t r a s s e neben der Feuerwache. 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OblglOS Festsäle,»Cliwedter Str.»8. Karscwskys Restaurant,»«Baner strae«»». Rosenthaler Hof, RoseBthaler SttaBe JMS. Lachniehls Restaurant,>»>.. Kronen-Brauerei, au Moabit 47/48. Gewerkschaftshaus, Engemier i«,«..i t. Berehts Festsäle, Ritterstraße»s. Heitmanns Festsäle, sCh«niein«tr.•. Wiemers Restaurant, buiow�. ss. LltflDS FeStSäle, Memelep Sfp.«7. Boekers Festsäle, wcbe«tr.»7. Rummelsburg, filumes Restaurant, Rlxdorf, Hoppes Festsäle, Repmann.tp. 4©. do. Zlbells Restaurant, Elbens. do. Rlickheims Restaurant, Tempelhof, Wilhelmsgarten, Bepunep«tr.». Charlottenburg, Volkshaus,«. Köpenick und Friedrichshagen, Lehmanns Restaurant, B�„nÄr„B."u.44 Steglitz, Clements Restaurant,»«ppei�p.?. Ädlershof, Reslels Restaurant, 14. Ober-Sehöneweide, Weißensee, Peukerts Restaurant, chl�il'ss. Pankow, Rozyckis Restaurant, Kv*n**tr.»-*. Spandau, Ruths Restaurant, Lmdcmaep»7. Tegel, Haifes Restaurant,««. � Chlie Mitglikdsbllch liann iiirmalid wShlrn! Tic Stimmzettel werden am Eingang zn dt» Wahllokale««erteilt. Wahllriter ist der Kollege En,» Oclslpp, Eharttdste. 3. Montag, den 19� Dezember, abends püttklich N Uhr: aass Versammlung für alle in der Wtißivnrtnindnilrik beschiistigten Kotlegen und üolle>li»nkn tZiuu-, Zink-, Kteigießer nud Stürzer, Gjiriler, Kleuipner, Feiler, Schleifer, Snivanlsenre, Krntzer, Fnchierer, Hilfsurbeiter und Arbeiterinnen) tn den Rittersälen. Ritterstraste 7». Tageßordiiuna! t. Vortrag des Genosse» A. Störme» übedt„Vater Staat und seine Ninder'. 2. DiSlussion. 3. Verbandsangelegenhelte». Kollegen lind ftölleglmten I Ön Andetrüiht der Wichtigkeit der 4ageB ordnüiig ecwartcn toir zahlreichen Besuch. Keiner darf sehten I NB. Die ÄtrirauenSleuIe and dieser Branche tcefsen sich Um 9'/, Uhr im oben genannten Uölal. Alhiiiiiii, Emtldslch Grinilic)! Der?Zeihnncht?scierIag« wegen siltdci die NttZzahlung der Kranken« UllterstiitzllNg wie folgt statt: ,;ür den 23. lind 24. Dezember am Kreitag, den 2«. Dezember, ,.. 25.. 23..„ Sonnabend, dctt 24. Dez-Niber. Zlni Sonnabend, de« tili. Dezember, bleibt da» Buren« von IL llhe ab geschlossen. Pfftt den 27. Dezember(3. Feiertag) wird am 27. Dezember bis 1 Uhr gezablt. INnchinittag geschlossen. Für den 30. und 3t. Dezember am Freitag, den 30. Dezember. Für den 2. Fnnnar Ivll am Sonnabend, den St. Dezember(Silvester) bis l Uhr Nachmittag geschlossen. Am Montag, de» S. Januar, bleibt das Bureau»orgen cruartalSschlu» den ganzen Tag geschlossen. Wege»»er Lznartalsabrrchuiittg wtrden nie MllglledSbNchec der kranken Nollegen eingezogen, und ersuchen wir, bis zum 31. Dezember d. J. das fällige Krantengkid abzuheben. Slnsztschlossrn davon sin» die- jenige!! Kollegen. Ivclche sich iii Kranlenhättsern oder Heilstätten befinde» und ihre Unter stlltznng erst nach Beendigung der Kranthelt abheben. MetsIIsrbeitei'-NotlsIislenÄei' ION Ztiirk 8» Pf. sind Im Bureau und bei den VezirkSkassiererii zu haben. 131/4 Bio«ptvvoprpeeUnBU. 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Ehre seinem««denken! � Die Beerdigung findet am j > �-anniag. den 13. Dezember, nach- ! initrags 3 Uhr, vo» der Leichen- s Halle der Luther- Gemeiiide in j Lanlwitz aus statt. 253/8 Um rege.veiestigung ersucht Bop P orstnml, Örube Allen Freunden und Befannten die traurige Nachricht, daß am 13. d. M. meine liebe Frau und unsere gute Mutier �nna KÄlser geb. Keßler im Aller von 31 Jahren nach kurzem, schwerem Kranfeulagcr verstorben ist. 22645 Dies zeigen ticsbetrübl an s fieinrich Kaiser nedst Kindern. Die Beerdigung findet Sonn- J lag, nachmittags 1 Ubr, von der Leichenhalle des TcutpelHoserFricd- aus statt. Für die Beweise inniger Teilnahlue und reichen Kranzspenden bei der Beerdigliua Meines lieben Klanties. utiseres guten Bäters 2244L Eduard �ovvach sage alle» Teilnehnteru herzlichsten Mathilde Nowack und ttinber. Danksagung. (siir die rege Beteiligung Mld reichen Kranzspenden sowie für Sic ehrenden, liebevollen und sreimdlichett Aorle tmo Gesang bei der Beerdi- Utifig meines Mannes sage allen Be« teiligten meinen herzlichsten Dank. PVitw« Anna HUIll 22856 liebst KiNbern. Eine MarK wöshentliche Teilzahlung elegante fertig und. nach Mass, feinste Verarbeitung:. S-HtoStuda Frankfurter Allee 76, I Ein«:.ue Tilslter Strasse. Hüte :: Mitglied:: und Lieferant der Konsumgcnoiseiischast Berlin u. Unig. tlNLt WaüOkO,Hüfinaoher Brilckenstr, ßa, ,a„noawÄck0. Nur für Herren welche BZert ans elegante Garderobe legen, bietet sich Gelegenheit. sich in dem Kaufhaus für MonatS-Gardc- j-Iut-ZlmoIll Dresdenerstr. 116 I(Kein Laden) am Oranienplatz Hut und Mfitzen Engrosgeschäft Einzelverkauf an auffallend billigen aber festen Preisen! Weichs Herrenhüte v. 1,50-6,00 Steife Her renhüic v. 2,00-7,00 JSktf fohlarfWie mocierne Wäre Nur fehlerfreie moderne Wortb CrSssio Auswahl lö Motzen und Pelzwaren. roben. 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Bekanntlich hatten Mitglieder des Korps versucht, die Lokomotive der Tampfstrasienbahn Bonn-Mehlcm abzukoppeln, andere besetzten die Dampf- Maschine und belästigten das Personal(einem Beamten wurde die Mütze vom Kopse geschlagen), andere löschten die Lichter aus, 37 Fensterscheiben der Wagen wurden zertrümmert. In der ersten Strafkammersitzung vom 1. Juni wurden drei Studenten wegen Sachbeschädigung und drei lvegen Ucbcrtretuna der Regierungspolizeiverordnuug für Klein- lehnen zu Geldstrafen von 30 bis 80 M. verurteilt; fünf Studenten sind freigesprochen worden. Gegen die damals nicht erschienenen Studenten Hermann W e i l l aus Alt- Ruppin und Adolf Baumann aus Buenos-Aires und gegen den Studenten Franz Q u c st c r aus Köln wurde jetzt verhandelt. Weil! soll einem Beamten die Mütze vom Kopfe geschlagen, Quester eine Scheibe eingeschlagen und Bau- mann mit aus der Maschine gestanden haben. Bauinann ist wieder nicht erschienen. Es steht in Frage, ob er die Ladung zum Termin, da er sich seit längerer Zeit im Auslande auf- hält, erhalten hat. Es wurde aber beschlossen, gegen Bau- mann zu verhandeln. Der Angeklagte Weill sagte aus, daß er sich an Einzelheiten nicht erinnere, gab aber zu, daß er einem Beamten die Mütze vom Kopfp geschlagen habe, um einen„Witz" zu machen. Der Angeklagte Banmann hat bei seiner früheren Ber- nehmung zugegeben, daß er während der Fahrt auf der Ma- schine gestanden habe, will aber nicht gehört haben, daß die Studenten aufgefordert worden seien, die Maschine zu der- lassen. Es wurden vier Zeugen vernommen, zwei Bahn- beamte und zwei Studenten. Das Urteil lautete gegen Weill wegen Uebertretung der Rcgierungspolizeiverordnung für Kleinbahnen auf 50 M., gegen Baumann auf 30 M. Geld- strafe. Quester wurde freigesprochen. Dies milde Urteil gegen Studenten, die, um sich einen Witz zu machen, sich zusammenrotteten, um mit vereinten Kräften Gewalttätigkeiten gegen Sachen und Personen zu begehen und hierdurch ein Eisenbahnunternehmeil gefährden, sticht auffällig von der mühsamen Konstruktion eines Land- sriedensbruchs gegen die Arbeiter ab, die ihrer Empörung über das zugunsten von Streikbrechern stattgefundene Ber- halten der Polizei und über zum Himmel schreiende Polizei- exzesse durch Schimpftvorte oder Tätlichkeiten Ausdruck gaben. Des Rätsels Lösung liegt darin: In Bonn waren die An- geklagten Studenten, an den anderen Orten Arbeiter. Durch cincs Pfarrers Schuld verhungert. Wegen favrlnsfiger Tötung ist am 21. September vom Land- gerichtc Landshut der Pfarrer Michael Stöger zu 14 Tagen Ge- fängnis verurteilt worden. Er ist seit Juni IlWg in Herbertsfcld Pfarrer. Im Dezember 190g erfuhr er, daß die 54 Jahre alte Ottilie H. auf Kosten der Heimatsgcmeinde Hcrbcrtsfcld in Mün- chcn liege. Er ließ die Kranke, die geistesgestört war, nach H. kommen, wo sie am 14. Mai 1910 infolge von Bcrhungcrung starb. Es waren monatlich 15 M. für die H. ausgeworfen. Das Geld wurde ihr nur in kleinen Raten übergeben, da sie sonst die ganzen 15 M. in der ersten Hälfte des Monats„verschwendete". Daß ihr das Mittagessen täglich ins Armenhaus gebracht wurde, schlug die H. schroff ab. Im März zeigte die H. alle Anzeichen von Geistes- störung. Trotzdcnr ließ der Angeklagte sie nicht in einer Pflege- anstalt unterbringen, weil er die Gemcindekassc nicht zu sehr be- lasten wollte. Die Kranke ivurdc in der Pflege vernachlässigt und der Angeklagte dachte nicht an sie. Sie war bei ihrem Tode derart Zusammengeschrumpft, daß sie den Eindruck eines 12jährigen lindes machte. Der Angeklagte, sagt das Urteil, konnte sich nicht darüber täuschen, daß die Kräfte der H. in lebensgefährlicher Weise abnahmen.— In seiner Revision führte der Angeklagte zu seiner Entschuldigung an, daß nicht einmal der Bczirksarzt festgestellt habe, daß die H. an Unterernährung leide.— Das Reichsgericht verwarf am Donnerstag die Revision, da die Fahrlässigkeit des Angeklagten ausreichend festgestellt sei. Wegen Amtsunterschlagung ist am 12. September vom Landgerichte Meiningcn der Pfarrer Anselm Nöbli zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Er war früher Franziskaner und als er den Orden verließ, behielt dieser sein Vermögen zurück. Er war danit zuletzt Pfarrer in O. und verübte dort, da er sich in schlechten Vcrmögcnsvcrhältnisscn befand, mehrfach Unterschlagungen an dem Äirchcnstiftungsvcr- mögen. Es handelt sich um 200 M.. 117 M., eine Ampel im Werte von 100 M. und mehrere Geräte von geringem Werte, die er ber- kauft hat.— Die Revision des Angeklagten wurde am Donnerstag vom Reichsgerichte verworfen. Witteruugsuberfickit vom 16. Dezember 1010, morgen« 8 Ulm Ctattsnen Wien «tattonen Ü »I Bettet "f I tavaranda 766 SO 2 Schnee etersburg 767 SO 2 Nebel Scillh 739 WSW 8 bedeckt «berdeeu 741 OSO 3 bedeckt Part» 754 S 6 Regen -4 1 11 7 9 Wettervrognoie für Sonnabend, den 17. Dezember 1010. Ein wenig kühler, zeitweise aufklarend, vorwiegend nebelig oder wollig mit leichten Regensällen und lebhastcn südwestlichen Winden. Friedrich-Strasse 75 Potsdamer Strasse 2 Tauentzienstrasse 19a Zentrale u.Versand: Jerusalemer Strasse 38-39 Könijf-Strasse 25— 26 Schöneberg, Hauptstr. 146 Rixdorf, Bergstrasse 25-26 Preiswerfe und nüizlidbe �ihnachis�cfcbenfe Herren-Stiefel Schnflr- oder Zugsticfel, Boxcalf, in breiten und scblanken Fassons.••• Schnür- oder Zugstiefel, Boxcalf oder Chevreau, mit n. ohne Lackkappen, auch Derby-Schaftschnitt, in allen modern. Fassons, Goodyear Welt, Schnallenstiefel in Boxcalf Schnürstiefel, Chevreau mit Lackbesatz, in eleganter Ausführung u. moderner, schlanker Fasson, Goodyear Welt....,.. Schnür- Knopf-, oder Zugstiefel, Boxcalf oder Chevreau, in modemer Fasson und tatelloser Ausführung, auch mit Doppelsohlen und Wollfutter, Goodyear Welt 10* 12* 12* Damen-Stiefel Schnürstiefel, Boxcalf oder Chevreau, mit Lackkappen und Derby-Schaftschnitt.. Kinder-Stiefel 875 M. Schnürstiefel, Boxcalf, durchgenäht 75—27 28-30 31-35 15* Schlittschuh-, Ski-Stiefel. 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Wer jetzt an Magenverstimmungen oder dergleichen leidet, betrachtet sich, wenn er Margarine genosien hat, als dadurch erkrankt. Der vorhandene, bisher noch durchaus unbewiesene Verdacht richtet sich nach den angestellten Erntittelungen einzig und allein gegen einen bestimmten geringen Teil unserer Produktion, der in der Zeit zwischen dem 23. und 26. November l. Js. hergestellt worden ist und gegen ein damals verwendetes Rohfett. Obgleich dieser Verdacht bisher durchaus nicht erwiesen ist, haben wir doch für alle ftälle sowohl die betreffende Margarine, wie midd jenes Rohfett gänzlich aus dem Verkehr und aus der Fabrikatton ausgeschieden, sodaß damit jede etwaige Gefahr beseitigt ist. Hiervon haben sich die zuständigen Medizinal-, Polizei« und Gewerbebehörden bei der am 12. Dezember l.Js. stattgehabten eingehenden Besichtigung unseres Fabrikbetriebes überzeugt. Sie haben deswegen irgend welche Anstände gegen diesen Betrieb nicht erhoben. Auch die Königliche Staatsanwaltschaft in Altona hat am 12. Dezember 1916 zunächst auf eine bei ihr eingelaufene Anzeige hin einschränkende Anordnungen über unseren Betrieb verhängen wollen, hat diele jedoch nach Kenntnisnahme von der Sachlage noch am nämlichen Tage zurückgezogen und Fabrikatton wie Verkauf freigegeben. Hieraus ergibt sich, dah unser Betrieb und unsere Ware I» gesnmlheitlieher Beziehnng gänr.Iich einwandsfrei ist. Daß auch die bezüglich der Vergangenheit gegen uns erhobenen Vorwürfe ungerecht sind, werden wir an zuständiger Stelle dartun. Zur- zeit genügt es. darauf hinzuweisen, daß die seit dem 26. November l. IS. von feiten der Behörden und der ersten staatlichen Chemiker Deutschlands angestellten Untersuchungen jenes Teiles unserer Ware und deS dazu verwendeten Rohstoffes irgend ein uns belastendes Ergebnis nicht erbracht haben können, da dies uns sonst zweifellos bekannt geivorden wäre. Bei diesem Sachverhalt dürfen wir an das Publikum die Bitte richten, fein Vertrauen uns nach wie vor zu erhalten. Die Besichtigung unseres BettiebeS steht jeder Behörde und jedem Privatem bis in die kleinsten Einzelheiten offen. Wie in der Vergangenheit, so werden wir auch in aller Zukunft unseren Betrieb als den Musterbetrieb gestalten, als welcher er von jeher bei Behörden und Privaten bekannt gewesen ist. Wir werden uns hierin durch Angriffe einer mißgünstigen Konkurtenz nicht erschüttern lasten und garantieren unseren Abnehmern tadellose«ad ein- wandslreio Ware. Altona, den 13. Dezember 1910. Altonaer Nlargapine-Werke Hohr& Co., G. m. b. H. J. H. Hohr. 142/5 : fc- I Vji'wl 1 :;W' Nr Jab.-Ver.Hc-.aestellt. »ifc'.p, rageedi-e Q;<.s it-pterty■ o n g en e:i rvV.n, 0 e:,e h ,. l rt,. Keine Schleuderware! Schnlmeister BERLIN SO, DresJener Sir. 4. Herbst« u. 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Zahl- reiche Beteiligung erwarten Die Lertrauensleutc. Adlcrshof. Die Genossen und Genossinnen, welche noch Bücher aus der Wohlvereinsbibliothek haben, werden gebeten, diese bis Sonntag, den 18. Dezember, zurückzugeben, da unsere Bibliothek bis zum 8. Januar geschlossen ivird. Der Vorstand. Königs-Wustcrhausen. Am Sonntag, den 18. d. M.. morgens 8 Uhr. vom Lokale Heidcrich, Berliner Str. 2ö, Verbreitung des Volkskalenders, Märkischer Landbote. Der Vorstand. Biesdorf. Sonntag früh 8>/z Uhr: Kalenderverbreitung. Treff- Punkt bei Gustav Berlin, Marzahner Str. 24. Die Bezirksleitung. Nenenhagen, Bruchmühle, Eggersdorf, Fredersdorf, PctcrShagcn. Sonntag früh 8 Uhr: Kalenderverbreitung. Das Material ist bei den Bezirksführern Sonnabendabend abzuholen. Niedcr-Schöuhauscn- Nordend. Sonntag, den 18: Kalender- Verbreitung nach den Landorten. Abmarsch 8 Uhr von Schüller- Nordend. Die Agitationskommission. ßerliner IVachrichten. In der Kindcr-Lcsehalle. Dem Kampf gegen die volksvergiftende Schundliteratur ist eine neue Seite abgewonnen worden. Berlin besitzt seit sechs Wochen die erste öffentliche Kinder- Lesehalle, eine Ein- richtung des von dem verstorbenen Otto v. Leirner begründe- ten Volksbundes. Als ich im Vorbau des städtischen Markt- Hallengebäudes ain Arminiusplatz in Moabit über einen engen Hof hinweg die Treppe zuni ersten. Stockwerk hinaufstieg und über dem Eingang etwas von Evangelischen Jüngiings- vereinen las, befiel mich ein gelindes Gruseln. Aha, Prosc- lytcnmacherei zur Kinderverfrommung? Aber nein— ich bekenne gern, daß es anders kam. Hinter der Tür im Garde- robenraum belegen mich sofort ein halbes Dutzend Knaben, offenbar Arbeiterkinder, höflich und nett mit Beschlag. „Wollen Sie nicht den Mantel ablegen? Es ist im Lesesaal sehr toacm!" Ich danke und gehe schnurstracks ins nächste Zimmer. An etwa zehn Tischen, auf Stühlen und kleinen Klappsesseln, selbst noch in den Ecken und unter den Fenster- mschen, sitzen wohl an hundert Kinder, sämtlich mit Büchern belvafsnet. Auf dem Oberteil eines niedrigen, breiten Sckwankes liegt ein Zehnjähriger lang auf dem Bauche aus- gestreckt, den Blondkopf in beide Hände gestützt, und liest so unverdrossen, als ob ihn die LLelt rings herum nichts an- ginge. Dicht an der Tür wieder ein Tisch als Buchausgabe. Eine jüngere Dame wird von freiwilligen Kinderhelfern unterstützt. Unmerklich hält eine Lehrerin die kleine Schar, wenn sie etwas laut wird, in Ordnung. Was das Bücher- Material betrifft, sollen Bücher kirchlicher Tendenz aus- geschlossen sein. Es soll ein harmonisches Zusammensein, ein erzieherisches, stillschiveigendes Einwirken auf die schönsten Widerklänge der ftmderpsyche versucht werden. Jeder Ein- fluß auf die kleinen Geister noch einer bestimmten Tendenz- richtung hin soll vermieden werden. Man ist von Anfang an darauf bedacht gewesen, auf statistischem Wege an der Hand einer mit peinlichster Sorgfalt ausgewählten, vorläufig ja noch kleinen Bibliothek festzustellen, was die Kinder am liebsten lcseü. In der Tat habe ich unter den etwa 230 Büchern auch nicht ein einziges gefunden, das bei irgendwem Anstoß er- regen könnte. Schriften prononziert patriotischen Inhalts, mit denen heutzutage unsere Jugend so gern großgefüttert wird, fehlten gänzlich und sollen auch nicht eingeführt wer- den. Alles, was ich durchblätterte, war zarte und edle Kost, von vorzüglichen Bilderbüchern, deutschen Sagen und Märchenschätzen für die Kleinen und Allerkleinsten bis zu schwererer Lektüre für die älteren Wissensdurstigen. Nicht Wahl- und ziellos findet die Verteilung statt. Jedes Kind hat das Recht, auf einen beim Eintritt abzugebenden Zettel sein Lieblingsbuch zu verlangen. Dabei wird darauf Bedacht genommen, daß die Kinder auch das erhalten, was für ihr Alter Paßt. Und da sich schon ein recht hübscher Stamm lesender Kinder herangebildet hat, kann auch auf in- dividuelle Veranlagung Wert gelegt werden. Erstaunlich ist es, mit welchem Eifer manche Kinder bei der Sache sind. Wie gebannt hängen sie an den Buchstaben und zeigen damit, daß auf die unverdorbene Kinderseele gerade die beste Jugend- lektüre höchsten Reiz übt. Aus was für Familien die kleinen Leser stammen? Es sind fast durchweg Arbeiterkinder, die zu Hause keine Jugendfchriften in die Hände bekommen. Trotz aller Bemühungen waren Kinder aus Mittelstandsfamilien nicht heranzuziehen. Ueberall, wo angepocht wurde,, hieß es, daß diese Kinder zu Hause lesen und anderen Lesestoff nicht nötig haben. Dafür lesen sie dann natürlich heimlich oder geduldet den größten literarischen, volksverdummenden Schund. Die Knaben in der Lesehalle überwiegen ganz beträchtlich die Mädchen, was wohl auf den allgemein größeren Bildungs- trieb der Jungens zurückgeführt werden muß. Noch auf- fälliger ist die Minderzahl von Kindern über zwölf Jahren. Neunzig Prozent aller Lesenden stehen unter dieser Alters- grenze. Wie die wenigen größeren Knaben selbst mit so- zialem Verständnis erklären, liegt dies einfach daran, daß die älteren keine Zeit zum Besuch der Lcseballc haben. Sie müsfen mitarbeiten, namentlich vor der Einsegnungszeit, um den Einsegnungsanzug zu verdienen. So scheitert die beste Absicht des Volkserziehers auch hier an beklagenswerten so- zialen Zuständen, an der gewerbsmäßigen Ausbeutung der Kindcskraft. Einmütig wurde die Wohlanständigkeit der Arbeiterkinder, die man gerade bei sogenannten„besseren" Kindern nicht immer findet, gerühmt. Erfreulich ist es auch, daß alles Schulmäßige fehlt. Die Kinder sollen sich frei und ungezwungen fühlen, vom Schulzwang losgelöst. Und daß sie gern kommen, beiveist der große Andrang, dem der be- scheidene Leseraum nicht entfernt genügt. Die erste Kinder�- Lesehalle ist jetzt jeden Dienstag, Mitt- tooch, Freitag und Sonnabend von 4— 6 Uhr geöffnet. Sehr bald sollen iveiterc Lesehallen- gleicher Art in anderen dicht- bevölkerten Vorstädten eröffnet werden, zunächst im Norden. dann möglichst zlvei im Osten und eine im Arbeiterviertel Charlottenburgs. Wenn es so bleibt und in die Institution nicht ein der wahrhaft edlen Volkscrziehung fremder Geist hineingetragen wird, kann man den Besuch der Kinder-Lese- Halle den arbeitenden Klassen nur empfehlen. Eine Altberliner Verordnung gegen Diebstahl. Im Jahre 1639 hatten in Berlin die Diebstähle und nächtlichen Ein- bräche überhand genommen, ohne daß man den Tätern auf die Spur kommen konnte. Speziell hatte man Soldaten im Verdacht, denn die Berliner Garnison bestand damals ja noch aus geworbenen Truppen aus aller Herren Länder, also nicht gerade aus dem besten Material. Der damalige Kommandant von Berlin, General v. Uffeln, wußte sich schließlich nicht mehr zu raten oder zu helfen und ließ daher am 9. Februar das folgende Edikt von den Kanzeln verlesen und unter Trommelschlag auf den Straßen ausrufen:„Weil durch solche Ungebühr allen ehrlichen Soldaten ein böser Name zu- wachse und endlich Mord und Totschlag daraus entstehen könne, so soll jeder, der über dem Diebstahl betreten würde, ohne einiges Urteil und Recht gehenkct werden. Zugleich erteilte er allen Einwohnern Gewalt und Macht, ihre Häuser und das ihrige, ja ihr Leib und Leben, deren sie vor solchen Nachtdieben sonst nicht gesichert, dergestalt zu schützen daß. wenn sie ins künftige nach dem Zapfenstreich jemand an ihren Türen und Fenstern verdächtig finden, sie denselben, ohne einiges Bedenken, als einen nächtlichen Dieb und Mörder totschießen mögen, und solle hernach solcher Erz- dieb dazu hinausgeführt und an den Galgen gehenkt werden. Wonach sich also ein jeder zu richten und sein gewiß zu er- folgendes Unglück bedenken." In der Tat scheint man in den folgenden Jahren nach diesem Erlaß Verfahren zu sein, denn eine Chronik berichtet vom Jahre 1663 u. a.: den 3. April ward ein Soldat nahmens Rudolfus wegen Diebstahl aufm Mulkenmarkt gehängt. Den 28. July ward auf dem Mulkenmarkt ein Soldat gehänkt und zween andere des Landes verwiesen. Vom Jahre 1666 heißt es: Den 16. July wurden zwei Reuter, darunter der eine ein Corpora!, wegen Straßenraubes vorm St. Jürgen Thor beim Nabenstein ent- hanptet. Und im Jahre 1676, den 4. April, wurde sogar ein Leutnant vorm St. Jürgen Tor wegen Diebstahl enthauptet. Eigentumsvergehen werden auch heute noch schwer ge- ahndet, wenn auch nicht gerade mit dem Tode. Tie juristische Sprechstunde fällt heute aus. Auf die Sonderabdrucke der„Neuen Welt", die mit Be- ginn des neuen Jahres auf gutem weißen Papier zur Ausgabe gelangen, möchten wir nochmals verweisen. Bestellungen sind umgehend an die Speditionen resp. an die Hauptexpedition des„Vorwärts", Lindenstr. 69, zu richten. Die Sonder- abdrucke werden an Interessenten mit 5 Pf. pro Nummer abgegeben. Eine verschwindende Stätte der Berliner Justiz. Gegenwärtig findet in Berlin ein eigenartiger Umzug statt: die Insassen des Zuchthauses in Moabit werden per Bahn nach anderen Straf- ansralten übergeführt und über kurz oder lang wird der düstere Bau des Zuchthauses an der Lehrter Straße, auch Zelleugesängius genannt, vom Erdboden verschwinden. Das Gebäude ist in den Jahren 1842— 49 von Busse nach dem Vorbilde von Pctonville er- baut und war für 565 Insassen eingerichtet. Es bereicherte damals die Zahl der Berliner Geftulgnisse, die längst nicht niehr aus- reichten, da die Kriminalität erheblich zugenoinmen hatte. Früher behalf man sich in Berlin mit weniger Gefängnisanstalten, denn in den frühesten Jahrhunderten der Stadtgeschichte kannte man die Einsperrung als Strafe kaum. Man-verwahrte die Verbrecher nur bis zur Verurteilung, der die Vollziehung der Strafe ineist äugen- blicklich folgte, und da früher viel mehr Todes- und Leibesstrafcn, Ausweisung usw. verhängt wurden, so war kein Bedarf an beson- deren Gefangenenanstalten. Trotzdem hat es zu allen Zeiten Ge- fängnisse in Berlin gegeben. Sic befanden sich meist in den Türmen, die zur Verstärkung der Stadtmauer dienten. IT. a. war der Eckturm, der an Stelle des jetzigen Hauses Grünstratze 14 be- stand, ein Gefängnis, das im Volksmunde die„Tasche" hietz. Ein anderer Gefangenenturm stand an der alten Notzstratzenbrücke beim Köpenicker Tor, ein dritter am Spandauer Tor. Das hierin be- findliche Gefängnis hieß der Hexenstall. Unter Joachim II. wurde der untere Teil des Glockenturmes, der neben dem alten Dom auf dem Schloßplatz stand, als Hausvoigteigefängnis benutzt, während in den oberen Räumen das Kammcrgericht tagte, ehe es das Haus Brüderstratze 1/2 bezog. 1698 kaufte der Magistrat den Halands- hos an der Klosterstratze und richtete ihn zum Gefängnis ein, bis ein Jahrhundert später das Gefängnis ain Molkenmarit, die Stadt- Voigtei, i» Benutzung genominen wurde. Die erste Abteilung dieses Gefängnisses, die Riesenburg, war das, was später das Moabiter Zellengefäugnis wurde, und es war mitbestimmend für die Verlegung der Strafanstalt, daß die Lage der Riesenburg. zwischen Spree und Krögel, sowohl das Entweichen von Ge- fangenen, wie das Hineinschmuggeln von verbotenen Gegenständen und die Korrespondenz mit der Außenwelt erleichterte. Man cr- richtete deshalb den Bau an der Lehrter Straße, der seinerzeit viel von Fachkennern bewundert worden ist, und dessen Tage nun- mehr auch gezählt sind. Der Entwurf zur Ausgestaltung des Geländes des ehemaligen Botanischen Gartens ist fertiggestellt und der Stadtverordneten- Versammlung zugegangen. Die Gesamttostcn, die in Höhe von 29 999 M. durch den Etat der Parkverwaltung für 1919 gedeckt sind, belaufen sich aus 453 499 M. ohne die Kosten für die Bclcuch- tungsanlage, die bei Verwendung von elektrischem Bogenlicht auf 12 899 M. veranschlagt worden sind. Die Anlage ist so gedacht, daß der von der Potsdamer Straße aus geplante Haupteingang von den ehemaligen 51önigslolonnaden flankiert wird. Rechts und links seitwärts von den Kolonnaden bis zu den in einer Ent- fernung von 39 Meter sich erhebenden, den Park umschließenden Wohngebäuden sind gärtnerische Anlagen und Terrassen geplant. Bei der Gestaltung dieser Gärten handelt es sich in der Haupt- fache um?lnpflanzung großer Bäume, da Werk darauf gelegt wer- den mutz, den Kolonnaden, wie zur Zeit ihrer ersten Erbauung. einen Hintergrund von grünem Laubwerk zu schassen, damit sie zu einer ihrem Kunstwert angemessenen Wirkung kommen. Gleich hinter den Kolonnaden gabelt sich die Einfahrt zu dem Umfahrt- weg, welcher rings die Parkanlage umschließt und eine Zufahrt zum neuen Kammcrgerichtsgebäude und den anliegenden Häusern ermöglicht. Die Fassaden der den Haupteingang umschließenden Gebäude sollen künstlerisch ausgeführt werden, wie überhaupt samt- liche den Park umschließenden Häuser nach der Parkseite zu gut durchgebildete Fronten erhalten müssen. Bei Aufftellung des En:- Wurfs für die eigentliche Gartcuanlage ist Bedacht darauf genom- inen worden, hier nicht lediglich eine gärtnerische Schmuck- und Zieranlage entstehen zu lassen, sondern eine reichlich mit Spiel- platzen für die Jugend versehene parkartige Erholungsstätte zu schassen. Ueberdies sind für die Aufftellung plastischer Kunstwerke geeignete Stellen vorgesehen worden. Eine Anzahl aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammender Figuren vom ehemaligen Kunst- akademiegebäude, die vom Staate der Stadt unentgeltlich über- eignet worden sind, und die mit der Eigenart der Kolannaden und der Parkanlage künstlerisch vorzüglich übereinstimmen, werden ebenfalls dort aufgestellt werden. Polizcivcrwaltung und Stadt Berlin. Der Magistrat hatte bei dem Oberpräsidenten angefragt, ob die Staatsregierung geneigt sei, wegen Uebcrtragung weiterer Zweige der ortspolizeilichen Verwaltung an die Stadt Berlin mit dem Magistrat in Verhandlung zu treten. Der Oberpräsident hat darauf dem Magistrat im Auftrage der zuständigen Minister des Innern, der öffentlichen Ar- beiten, für Landwirtschaft, Domänen und Forsten und für geistliche Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten mit- geteilt, daß nach eingehender Prüfung der in Rede stehenden Fragen von der Einleitung der angeregten Verhandlungen ab- gesehen werde, da eine Aenderung des bestehenden Zustandcs zurzeit nicht ins Aussicht genommen werden könne. Der Magistrat hat beschlossen, der Stadtverordnotenversammlung hiervon Kenntnis zu geben. Es bleibt also der bisherige Zustand bestehen, daß Berlin Wohl die Kosten für die Polizei zu zahlen hat, aber„nix to scggen hat". Und dabei waren Magistrat und Stadtver- ordnete so bescheiden, entgegen den wiederholten Anträgen der Sozialdemokraten nicht einmal die Verwaltung der g e- samten Polizei, insbesondere nicht der Sicherheitspolizei zu verlangen._ Bei den Nachforschungen nach dem Mörder der Frau Hoff- mann spielt ein Telcphongespräch eine wichtige Rolle, durch daZ der Pförtnerfrau Mieska vorgetäuscht lourde, daß sich Frau Hoff- mann in einer Familie befinde und dort bis zu ihrer Wiederher- stellung bleiben werde. Es muß angenommen werden, daß der Mörder dieses Gespräch, in dem er auch die Namen der Pförtner- frau und der Llufwärterin nannte, in irgendeinem Geschäft oder Restaurant geführt hat, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß er selbst einen Anschluß hat. Das Gespräch ist am Mittwoch, den 7. d. M., nachmittags zwischen 6 und 7 Uhr geführt worden. ES war ziemlich erregt und wurde kurz abgebrochen, lieber ein der- artiges Gespräch ist bisher bei der Kriminalpolizei nur eine Mcl- dung eingegangen, die nachgeprüft worden ist. Zur weiteren Auf» klärung des Mordes hat sie jedoch nicht beigetragen. Es handelt sich um die Meldung eines Mannes aus Lichtenberg. Der Mann will dort ein kurzes, erregtes Gespräch gehört haben und hat gut daran getan, seine Wahrnehmung mitzuteilen. Bei der Nach- Prüfung aber konnte cr nicht bestimmt sagen, zu welcher Zeit das Gespräch stattgefunden hat. Er weiß nicht einmal bestimmt, ob cS gerade am Mittwoch, den 7. Dezeniber gewesen sei, glaubt viclinehr eher noch am Montag oder Dienstag. Der Spur wird noch näher nachgegangen. Verschärfte Maßregeln wegen der Maul- und Klauenseuche sind auf dem Berliner Schlachthof von der Veterinärpotizei er« lassen worden. Außer den bisher in Anwendung gebrachten Maßregeln ist, wie die„Allgemeine Fleischerzcitung" berichtet, noch angeordnet worden, daß die Schlachtgarderobe derjenigen Gesellen, welche Seuchcnvieh geschlachtet, in der städtischen Waschanstalt auf dem Schlachthof zu wasche», alle übrigen Gegenstände, wie Messer, Beile usw. 6 Stunden in eine 4prozentige Lysollösung gelegt werden müssen. Rllckständigkeit in der Kgl. Bibliethek. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Wenn man viel ans der hiesigen Kgl. Biblio- thck zu arbeiten hat, kann man mancherlei Rücksiändigkeitcn beob- achten, die bei einem auf der Höhe moderner Leistungsfähigkeit stehenden Betrieb längst abgeschafft sein sollten. Dahin gehört z. B. die Art und Weise, wie im Zeitschriftensaal das Aufschneiden der neu eingelaufenen Bücher und Zeitschriften gehandhabt wird. Oiesc Arbeit, die rasch, gut und ohne jede Störung mittels einer Schneidemaschine hinter der Szene erledigt werden könnte, wird an der hiesigen Bibliothek noch durch Aufschneiden mit dem Messer durch die Diener besorgt, die dazu an gewissen Tagen viele Stunden vor den Augen und Ohren der Besucher verwenden müssen. Das ist nicht nur im Hinblick auf die Diener kaum sehr erfreulich, deren Arbeitskraft doch vermutlich eine bessere Verwendung finden könnte, sondern auch vom Standpunkt der Bibliothckbenutzer, denen das stundenlange Anhörenmüssen des monotonen Aufschneidegeräusches das Studium der Zeitschriften und Bücher sicherlich nicht erleichtert, ja erheblich erschwert und namentlich bei einigermaßen nervösen Personen das Arbeiten geradezu unmöglich macht. Vielleicht könnte sich die Direktion der Bibliothek einmal überlegen, ob sie nicht durch die Einstellung einer Schneidemaschine dem Prinzip der Arbeits- teilung und des technischen Fortschritts in ihrem Betrieb ein neues Feld erobern will; die Mehrzahl der Besucher der Bibliothek würde diesen Fortschritt gewiß freudig begrüßen. Zu dem Selbstmord des Kaufmanns Ascher, über den wir diesen Tage berichteten, teilt uns der in der Notiz genannte Makler Sch. mit, daß er mit der Margolinafsäre weiter nichts zu tun gehabt habe, als daß cr das Ersuchen des Grafen de la Raine, ihm eine Erbschaft zu beleihen, abgelehnt habe mit der Angabe, daß er der» artige Geschäfte nicht mache. Was die angebliche raffinierte Schie» bung betreffe, so habe er dabei nicht nur zwei schuldenfreie Bau- stellen, sondern auch bares Geld verloren. Ein bedauerlicher Unglücksfall hat sich bei dem Bau der See» straßeubrücke zugetragen, der von der Firma Dickerhoff u. Wid- mann ausgeführt wird. Arbeiter waren damit beschäftigt, die elf Zentner schweren Gelenke mittels Flaschenzug von dem zirka sechs Meter hohen Schuttgerüst herabzulassen. Dabei schlug plötzlich der aufgestellte Drcibock um und schleuderte den Arbeiter Borchcrt mit solcher Wucht vom Gerüst, daß er in weitem Bogen fortgeschleudert wurde und hart auf den Erdboden auffchlug. B. erlitt schwere innere Verletzungen und wurde nach dem Virchowkrankenhause ge- bracht, wo er schwer darnicderliegt. Es heißt, daß der Dreibock nicht korrekt aufgestellt war und daß auf dem Schuttgerüst kein Geländer vorhanden geivesen sei. Eine Untersuchung über den Unfall wurde sofort eingeleitet. Arbeitcr-Bildungsschule, Grcnadierstraße 37. Sonntag, den 18. Dezember, abends 7 Uhr, Mitgliederversammlung im Schul» lokal. Vortrag des Redakteurs Genossen Heinrich Ströbel über: Leo Tolstoi. Nur Mitglieder haben gegen Vorzeigunz der Mitgliedsbücher Zutritt. Das Berliner Adreßbuch für 1911 ist erschienen und gelangt von heute ab in der Hauptexpedition des„Berliner Lokal» Anzeigers", Zimmerstraße 36/41 und Jerusalemer Straße 53/54, von 9 Uhr vormittags bis 4 Uhr nachmittags zur Ausgabe. Von den Vorbestellern kann das Adreßbuch gegen Aushändigung der ihnen zugegangenen Legitimatiouskarte und Zahlung von 12 M. in Empfang genommen werden. Von Dienstag, den 29. d. M., ab erfolgt gegen eine Zustellungsgcbühr von 29 Pf. die Lieferung der nicht abgeholten Exemplare in die Wohnungen der Besteller. Der Berkauf nicht vorbestellter Bücher zum Ladenpreise, der um 2 M. höher ist als der Vorbestellpreis, findet nur in der vorgenannten Hauptexpedition, Zimmerstraße 36/41, statt.— In seinem Gesamt- umfang ist der Jahrgang 1911 mit seinen 6186 Seiten gegen den vorhergehenden um 239 Seiten vermehrt und um 3378 Seiten stärker als der Jahrgang 1896, der zum erstenmal im Verlage von August Scherl erschien. Auch dieses Jahr bringt der gesteigerte Umfang des Adreßbuchs die stetige Zunahme der Bevölkerung zum Slusdruck. Die Bearbeitung des Adreßbuchs hat sehr umfangreiche Wohnungsäiidcrungen ergeben, hervorgerufen durch die Er- schließung neuer Baugekände und durch die Verlegung industrieller Betriebe nach den Vororten. Der dem'Adreßbuch beiliegende große Verkehrsplan hat eine abermalige Ausdehnung durch Aufnahm« weiterer Vororte erfahren., � � � Zeugen gesucht. Paffanten, welche in der Nacht vom Montag, den 5. zum Dienstag, den 6. d. Mts. einer Sistierung in der Star- garder Strage beiwohnten und den betr. Schutzmann LZorhaltnngen über sein Verhalten machten, insbesondere der Herr, welcher dem Sistierten ein Buch abnahm, werden gebeten, ihre Adrefsen abzugeben bei Haler, Czarnikauer Str. 13 IV. Vorort- Nacbricbtcn. Rixdorf. Wahlrechtsschändung und kein Ende. Die Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am Tonners- jag hatte als ersten Gegenstand die Prüfung der letzten Wahlen auf der Tagesordnung. Drei Proteste lagen vor, welche bereits den Wahlausschuß beschäftigt hatten. Die in dem Ein- spruch von Otto Schmidt gegen die Wahl der Kandidaten Ficht- n e r und K a s ch o w im Wcstbezirk(2. Wählerabteilung) ange- führten Tatsachen seien, so führte Stadtv. K o y e als Referent aus, in allen Punltcn richtig. Der Kandidat Adolf«chultze fei tat- sächlich am 10. Oktober von Rixdorf fort- und am Tage der Wahl, >. November, erst wieder zugezogen. Er mar daher nach der Städteordnung weder wahlberechtigt noch wählbar und durfte nicht, wie geschehen, zur Stichwahl gestellt lvcrden. Der Wahl- ausschuh muhte infolgedessen zu dem Resultat kommen, die Un- gültigkeitserklärung der Wahl zu empfehlen. Die Wahlrechts- i auber-Mehrheit hatte cL aber anders beschlossen, sie pfiff ihren Gepflogenheiten gemäß auf das Gesetz und rettete ihre im West- bezirk gewählten Gesinnuugsgenoffen, indem sie deren Wahl mit 2b gegen 20 Stimmen für gültig erklärte. Dem zweiten, ebenso einwandfrei substantiierten Protest der Genossen A l scher, Scholz und Dr. S i l b o r st e i n gegen sämtliche im November stattgehabten Wahlen erging es nicht anders, nur mit dem Unter- schied, daß hier der Referent selbst die Führung übernahm. Mit tvenigen dürftigen Worten beantragte er die Abweisung deS Einspruches. Stadtv. Scholz(Soz.) führte demgegenüber aus, daß schon im Wahlausschuß der Referent sich gegenüber der Begründung des Protestes ausgeschwiegen hat. Das beweist, wie aussichtslos es überhaupt sei, in der Rixdorfer Stadtverordnetenversammlung noch mit Rcchtsgründcn zu kommen, wo nur noch Machtkitzcl ent- scheide. Es solle wohl ein„würdiges" Jubiläum werden; denn am Tage nach seien es gerade zwei Jahre, seit das Scheusal von Wahlrcchtsraub-Ortsstatut beschlossen ist. Redner weist darauf nach, daß die auf Grund dieses Ortsstatuts vorgenommenen Wahlen nach dem Wahlgesetz, nach den bedeutendsten Kommen- taren desselben, sowie nach einem Erkenntnis des Obcrverwal- tungsgerichts unztoeifelhaft ungültig seien und kassiert werden müßten. Die in Sachen des Rixdorfer Wahlrechtsraubes von Be° zirlsaüsschuß und Oberverwaltungsgericht gefällten Urteile sprechen klipp und klar dafür. Grobe Unregelmäßigkeiten enthalte die Wähler- liste auch in bezug auf die Anwendung des Kinderprivilegs. Erst sei es widerrechtlich unberücksichtigt geblieben, dann habe man sich aber bequemen müssen, 29 Bürger auf ihren Protest hin Nachtrag- lich in die Liste aufzunehmen, ohne jedoch dabei konsequent zu sein und gerechterwcise auch alle anderen in Frage kommenden. Wähler zu berücksichtigen. Ein weiterer Verstoß liege vor, weil diese 29 Wähler nicht dem berichtigten Steuersatze entsprechend eingereiht worden sind. Es soll gar nicht— so sagt Redner weiter— von dem unglaublichen Terrorismus gesprochen werden, den Sie(zur Mehrheit) gegen sozialdemokratische Wähler bei der Wahl geübt -haben.(Großes Halloh bei der Mehrheit.) Dafür sind Beweis die verlogenen Wahlflugblätter des reaktionären Wahlkomitees' und die Versammlungs-Sprengkolonnen, welche die„Erstklassigen" aus den Beamten organisiert hatten. Die vorliegenden Verstöße gegen Gesejs und Recht bei Aufstellung der Wählerliste sind so grohe, daß die Wahlen für ungültig erklärt werden müssen, sofern mich nur noch ein Funke von Gerechtigkeitssinn in diesem Saale vorhanden ist. lLebhaftes Bravo I bei den Sozialdemokraten.)— Stadtver- ordneter Koye warf den Sozialdemokraten Terrorismus vor und behauptet, Beweise zu haben.«Zuruf bei den Sozialdemokraten> Heraus damitl).— Stadtv. Grog er(Soz.) brandmarkte mit kräftigen Worten die in letzter Zeit von der Mehrheit beliebte Wanzentaktik. Sie sind natürlich— so sagt er— einer Rechtsbelehrung nicht mehr zugängig.(Wieherndes Gelächter bei der Mehrheit.)-Wenn Sie sich angesichts Ihrer empörenden Rechts- beuge aber noch als..staatserhaltende Elemente" bezeichnen, so ist das schamlose Heuchelei.(Lebhafte Unterbrechungen. Der Bor- steher rügt erregt den Redner.) Wenn so verfahren werden soll, wie hier bei den Wahlprotesten, und wenn die gesetzlichen Unter- lagen einfach mißachtet werben, dann ist es kompletter Unsinn, Wählerlisten überhaupt erst aufzustellen.— In sehr �reffenden Ausführungen beleuchten noch die Stadtvv. Kloth(Soz.) und Wutzky(Soz.) das gewissenlose Verhalten der Wahlrechtsräuber, wobei der letztere besonders dem Stadtv. Koye seine unquali- fizierbare Art vorhält, der sich nicht als Ausschußreferent, sondern als Referent der Rechtsbeuger gefühlt habe, übrigens auch ein Beweis, wie. es mit dem für die Beamten geprägten Motto Pro- feffor Webers bei manckem derselben ausschaut. Mit dem„treu" und„deutsch" sieht es im Punkte Gesetzlichkeit faul aus; nur das „pensionsberechtigt" habe offenbar noch seinen vollen Klang. Wenn die Mehrheit schon so weit gekommen sei, daß ihr Referent nicht einmal mehr den Schein des Rechts für sie in Anspruch nehme, dann liegt das jenseits von Moral und Charakter.(Zurufe: „Staatsstützen!"„Der Staat ist zu bedauern, der aus diese Stützen baut!")— Auf Antrag Grogcr und Genossen war die Ab- stimmung eine namentliche; 37 Stimmen wurden von der Wahl. entrechtungsmehrheit für die Gültigkeit der Wahlen, 29 sozial- -dcuwkratische Stimmen dagegen abgegeben.— Der dritte Protest, der des Bureauvorstchers Wilke gegen die Wahlen der 2. Abteilung, stützt sich auf dieselben Gründe wie der vorhergehende und wurde von der gleichen Mehrheit zurückgewiesen. Die Vorlage über Abänderung der BesoldungSord- n u n g für die L e h r p e r s o n c n an der höheren Mädchenschule und der Mädchenmittelschule wurde debattelos genehmigt, ebenso die Anstellung von acht Lehrern und fünf Lehre- rinnen an den Gemeindeschulen. In der Begründung zu letzterem Antrag wurde nachgewiesen, daß die Schülcrzahl im letzten Jahre um 1379 und von 26 413 im Jahre 1997 auf 31 692 im Jahre 1919 gestiegen ist. Die DiirchschnittsklässenfreqUcnz ist immer noch nicht nennenswert verbessert; sie bezifferte sich im Oktober 1999 auf 54,1 und kam im Oktober dieses Jahres auf 53,9. Die Zahl der fliegenden Klaffen ist ebenfalls unverantwortlich hoch; eS sind immer noch 59 vorhanden. Für eine Reihe von baulichen Aenderungen und Erweiterungen am neuen K r a n k e n ha u s. uud zum Abschluß der Abrechnung des ersten Bauteils wurden 253999 M. aus Anleihemitteln de- willigt. Eine weitere Vorlage fordert auf dem Rieselgut Waß- mannsdorf Neubauten für Wohnungen der Gutsleute, für -bessere Unterbringung der Pferde, zur Vermehrung des Rindvieh- bcstandes und der Getreidelagerräume; gleichzeitig sollen Anlagen zur Versorgung des Gehöfts mit Wasser und elektrischer Kraft ge- schaffen werden.— Stadtv. N i e m e tz wandte sich gegen die Ent- nähme der benötigten 115 999 M. aus dem Reservefonds der Ka- iialisationsverwaltnng und verlangte die Deckung aus Anleihevor- schüsssn.— Mit Recht lvandten sich Oberbürgermeister Kaiser und Stadtv. Heller(Soz.) gegen diese grundverkehrte Finanz- oolltik. Aber vergebens war auch der Hinweis des ersteren auf die Tatsache, daß Anleihemittel gar nicht vorhanden sind, auf welche Vorschuß genommen werden könnte. Unter Führung des Stadt- verordnetenvorstehers, welcher auch der nachkommenden Generation Schulden überlassen ivill, verhinderte die HauSbesitzermchrheit die Deckung der erforderlichen Miktel aus dem vorhandenen Reserve- foildv. Der Erhöhung des A n l i e g e r b e i tr a g e s für das laufende Meter neu ausizeführte EiitwäffcrungSlcitung von 50 M. auf 73 M. wurde zugestimmt, Gegen den Dringlichkerfsantrag des Magistrats, dem erst m letzter-stunde zugestellten Vertrag mit dem Eisenbahn- f>. s k u s wegen Herstellung von Unterführungen bei der bevor- stehenden Höhcrlegung der Ringbahn zuzustimmen, erhob Stadtver- ordneter G r o g e r(Soz.) Einspruch. Es wurde daraus dem Vcr- trage unter dem Vorbehalt zugestimmt, daß derselbe die Zustim- mung einer zur genauen Prüfung sofort einzusetzenden Kommission nachträglich findet. In die letztere wurden u. a. die Genossen Groger, Heller und I d e n gewählt. Nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen folgte eine geheime Sitzung.------- Schöneberg. Millioncnvcrkiiufe. Gegenwärtig schweben zwischen den Will- mannscheil Erben und einem Konsortium Berliner Banken, an dessen Spitze die Bodenaktiengesellschast Berlin Nord steht, Verhandlungen über den Ankauf des den Willmannschen Erben gehörigen, zwischen der Haupt-, Holbeinstraße und der Wannseebahn belegenen Geländes. Das Terrain, das einen Flächeninhalt von zirka 5299 Ouadratruten besitzt, ist bereits zum großen Teil reguliert und bebauungsfähig. Der PreiS dürste fich auf etwa 2 899 999 M. belaufen. Das Bank- lonsortium beabsichtigt, auf dem Gelände ein vonrehmeS Wohnviertel zu errichten. Steglitz. Dos Opfer einer Gasvergiftung wurde die 32 Jahre alte Post- beamtin Elisabeth Hörning aus der Sachseuwaldstraße. Fräulein Hörning hatte vorgestern abend infolge Uebermüdung beim Schlafen- geben den Gashahn versehentlich anstatt ihn zu schließen wieder geöffnet. Sie mußte dann während der Nacht die ausströmenden gifligen Gase einatmen und frühmorgens wurde sie von ihrer Aaf- warlefrau in völlig lel'losem Zustand aufgesunden. Erst nach langen Bemühungen gelang es einem hinzugerufenen Arzt mit Hilfe des Sauerstoffapparates die Bewußtlose wieder ins Leben zurückzurufen. In bedenklichem Zustande wurde Fräulein Hörning dann nach dem Krankenhause gebracht. Hermsdorf i. M. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich vorgestern abend gegen S'/l Uhr in der Graf-Roedern-Allee. Dort versuchte in der Nähe der Eisenbahnbrücke der Arbeiter August Weber kurz vor dem Krankenautomobil des Sanatoriums Hermsdorf die Chaussee zu passieren, wurde jedoch von dem Kraftwagen ergriffen und geriet unter die Räder. Der Schwerverletzte, der mehrere Rippenbrüche. Verletzung der Wirbelsäule und eine schwere Gehirnerschütterung er- kitte» hatte, wurde von dem Chauffeur in das nahebelegene Hernis- dorfer Krankenhaus geschafft. Die Schuld des bedauerlichen Unfalls soll infolge der schlechten Beleuchtung der Straße entstanden sein. Reinickendorf. Aus der Gemeindevertretersivung. Der Bürgermeister teilte zunächst mit, daß die Errichtung der geplanten Pflichtfortbildungs- schule zum 1. April k. I. gesickert sei. Einem Vergleich mit mehreren Eigentümern zwecks Abtretung von Straßenland an der zu verbreiternden Eickbornstraße wurde zugestimmt; ebenso den: Austausch eines Grundstückes mit dem Reinickendorfer Mefsingwerk. Die Frage, ob einzelne Teile und Straßenzüge des Ortes aus Grund des Gesetzes vom 15. Juli 1997 durch Erlaß eines ent- sprechenden OrtSstatutS vor der Verschandelung durch geschmack- lose Bebauung geschützt werden kann, soll durch eine sofort er- nannte Kommission, der auch unser Genosse Dom nick angehört, geprüft-werden. Für den in rascher Enttvickclung begriffenen Ortsteil„Schweizervicrtel" wird die Errichtung einer Schule zur unbedingten Notwendigkeit. Trotz vielfacher Beschwerden, Bitten und Pentioncn der Bewohner gelang es bisher nicht, den Ge- ineindevorstand zur Erfüllung seiner Pflicht zu bewegen. Die Bodenaktiengesellschast Berlin-Nord, die das Terrain erschlossen, hat sich nun erboten, das erforderliche Terrain gratis abzutreten und der Heiuetnde bis zum 1. Juli 1913 ein zinsfreies Darlehen von'hunderttausend Mark zur Errickstung. einer Schule zur Der» fügung zu stellen. Die Gemeindevertretung� beschloß, das Angcbol anzunehmen und mit der Errichtung der Schule an der Baseler. Ecke Holländer Skraße sofort zu beginnen. Für die 1. Gemeinde- schule soll ein Rektorat errichtet undvieses dem bisherigen Haupt- lehrer übertragen werden. Der von der Schuldeputation nachge- Wiesens Mehrbedarf an Lehrpersonen an den Gemeindeschulen im kommenden Etatsjahr wurde bewilligt. Der Zinssatz der hiesigen Sparkasse, der zurzeit 3lh Proz. betrügt, wird auf 3'ch Proz. erhöht. Buckow. Bei der gestern stattgefunden«! Ersatzwahl zur Gemeindevertretung in der dritten Abteilung wurde der sozialdemokratische Kandidat Genosse Gastwirt Klein mit 52 gegen 27 bürgerliche Stimmen gewählt. Nowalues. Nach dem Bericht des Hiesigen Konsumvereins über das ab- gelaufene Geschäftsjahr hat der Verein im verfloffenen Jahre leider nicht die EntWickelung genommen, wie sie die Verwaltung erhoffte. Wenn auch der Umsatz, der 225 259 M. beträgt, durch die Er» richtung neuer Verkaufsstellen in Michendorf und Wannsee gegen- über dem Vorjahr um 24 999 M. gestiegen ist, so haben doch von den am Schlüsse des Geschäftsjahres vorhandenen 1901 Mitgliedern nur 879 Marken abgeliefert; es ist der TurchschnittSumsatz pro Mitglied um 3 M. gegenüber- dem Vorjahre zurückgegangen. Das Unkostenkonto beziffert sich auf 16 931 M., während der Rcinge- winn ausschließlich der statutgemüßcn 5 Proz. Rückvergütung im Betrage von 12 259 M. 1265 M. beträgt. In die Sparkasse, die- sich des ständig zunehmenden Vertrauens der Mitglieder erfreut, sind von 182 Sparern 22 817 M. eingezahlt worden. Die im Verein mit der Potsdamer Konsumgenoffenschaft errichtete Bäckerei nimmt eine sehr günstige Enttvickelung. Um eine bessere Aus- Nutzung des Grundstücks zu erzielen, soll in nächster Zeit vor der Bäckerei ein Wohnhaus aufgeführt tverdcn, das auch später als Zentrallager dienen soll. Wünsckenswert wäre es. wenn die Ge- nossen mehr als bisher durch die Entnahme von Anteilscheinen zu der- finanziellen Sicherstellung deS Unternehmens beitragen und durch Werbung neuer Mitglieder eine weitere Kräftigung des Vereins herbeiführen würden. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Von den verhandelte» Sacken interessiert zunächst die Vorlage bezüglich der Einrichtung von zwei Polizeirevieren in der Neustadt und Einstellung von zehn neuen Polizeiiergeanten. Die Kosten hierfür sollen betragen ein- malig 4629 M. für die Einrichtung der Wachen und laufend 19 899 M. für die neuen Polizeisergeauten. Schon von vornherein war zu bemerken, daß man doch nicht gewillt war,[o immense Kosten zu bewilligen, bevor man nicht genau weiß, wie sich der neue Hauptetat mit seinen Steuerzuschlägen stellt. Der Referent der Borlage, Stadtverordneter Oberverwaltungsschreiber Tietze, der seinerzeit von der 3. Abteilung gewählt wurde, trat mit aller Lungenkraft für die Magistratsvorlage ci», ihm sind noch lange nichr genüg Polizeibeamte vorhanden, nicht etwa, weil diese für Polizeizweck« verwendet werden solle», sondern weil der Dienst für die jetzigen Polizeisergeanten zu anstrengend sei, wie der Polizei- inspcktor Franzius in einem längeren Schreiben erklärt habe. Der zweite Befürworter der Magistratsvarlage war der Stadtverordnete und Mittelstandsretter N e u s ch. Er meinte, man solle lieber an anderer Stelle sparen als an diesen durchaus notwendigen zehn neuen Polizcisergea-ilten. Der Oberbürgermeister als dritter De- fürwortcr der Vorlage glaubte wohl die Versammlung einzu- schüchtern, indem er ihr ven Bericht aus der Nr. 292 des„Vorwärts" vorlas. Aber dieser Bericht scheint da? Gegenteil von dem be-ivirkt zu haben, was' der Oberbürgermeister erwartete. Vielleicht hat gerade dieser Bericht verschiedenen bürgerlichen Stadtverord- netcn klar gemocht, wie unnötig die zehn neuen Polizeisergeanten sind. Einige bürgerliche Stadtverordnete verlegten sich gtiss Händeln, indem sie erllärlcn, für eine Rebierivache und 8 neue Polizeiscrgeanten zu haben zu sein. Genosse Pieper war der einzige, der strikte Ablehnung der Vorlage beantragte. Beschlossen wurde, die Vorlage au den 1. Ausschuß zurückzugeben. Bei Be» ratung der� Vorlage über die neue Friedhofsordnung nebst Tarist die genehmigt wurde, hatte Genosse Pieper zwei Anträge gestellt, und zivar 1., daß die Redehalle auf dem Fricdlfvf jedem, auch der Freireligiösen Gemeinde, zur Verfügung gestelli werde und 2., daß sämtliche Leichen von der Redehalle aus zur Gruft geschafft werden und nicht wie jetzt, die Leichen, bei denen kein Geistlicher zugegen ist, direkt vom Keller der Leichenhalle aus. Beide Anträge würden» gegen die Stimmen der drei sozialdemokratischen Stadtverordneten abgelehnt. Des weiteren erteilte die Versammlung-ihre Zu- stimmung zur Einbeziehung der in den eingemeindeten Teilen wohnenden Krankenkassenmitglieder zu den betreffenden Kranken-» kasscn der Stadt Spandau. Es betrifft hauptsächlich die Armee- Konservenfabrik in Haselhorst und die Motardsche Lichtfabrik in Paul-Stern. Freilich so glatt wird sich die Sache doch nicht er- ledigen lassen. Die Ortsirankentassen, denen diese Krankenkassen- mitglieder, die jetzt zur Ortstrankenkasse Spandau-Land gehören, überwiesen werden sollen, werden auch einen entsprechenden Teil des Reservesonos von der Ortstrankenkasse Spandau-Land ver- langen und diese wird sich weigern, davon ettvas herausgeben zu wollen. Eine Interpellation der Stadtverordneten Härta und Ge» nossen: Die unterzeichneten Stadtverordneten richten an derr Magistrat die Anfrage, od die Pflasterung und Neuregulierung der Pickelsdorser Straße entsprechend den genehmigten Plänen aus- geführt werde, verlies wie das Hornberger Schießen.- Man kritisierte die Unzweckmäßigkeit bei der Ausführung der Arbeiten, konnte aber weder Beschlüsse fassen noch Anträge stellen, da die» bei Interpellationen unzulässig ist. Das Gesuck der unverheirateten Lehrer um Gewährung derselben Mietscnlschädigung wie die verheirateten Lehrer hatte zwar nicht den vollen gewünschten Erfolg. Es gelangte aber ein Antrag zur Annahme, daß diesen Lehrern dieselbe Mietsentschädigung gezahlt wird, wie den unverheirateten Lehrerinnen. Diese erhalten 479 M., während die unverheirateten Lehrer nur 436 M. Mictsentschädigung erhalten. Von ejnigcn Stadtverordneten wurde vergeblich gegen diese Weder bei Staats» noch bei Kommunalbcamtcn bestehenden Unterschiede angctämpst. Versammlungen. Deutscher Kürschnervcrband. In einer außerordentlichen Generalversammlung der Filiale Berlin des KürscqnerverbandeS, die am Donnerstag in den Musikersälen stattfand, hielt Frau Regina Friedländer einen fesselnden Vortrag über die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft, der lebhaften Beifall fand. Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die Anstellung eines zweiten Beamten im Bureau der Filiale. Wie der Vorsitzende Fritze bemerkte, können die Arbeiten im Bureau mit der ständigen Zunahme von Mitgliedern— es sind jetzt schon fast 1699 in der Filiale— unmöglich mehr von einer einzigen Person erledigt werden. Bis jetzt ist nur der Vorsitzende Fritze als Angestellter der Filiale tätig, während Regge Redakteur� des internationalen Organs der Kürschner und internationaler Sekretär ist.— Die Anstellung des zweiten Beamten wurde nach kurzer Debatte einstimmig bc- schlössen und ebenso wurde einstimmig aus Vorschlag des Vor- staudes und der Vertrauensleute Karl D i i t m a n n für diese» Amt gewählt.-Die Anstellung geschieht mit dem 1. Januar.— Es wurde sodann noch allgemein der Wunsch nach Beschaffung aus- reichender Bureauräume samt eines Aufenthalts- und Leseraumes für die Arbeitslosen geäußert. Ter Vorstand wird sich mit dicjer Frage noch weiter befassen. SHefkafteti der Redahtfotl. P. H. 36. Beides zusmnmenqcsetzt ans Kodlenwasserslossc».— 68 K. 1..Eine, empjeblcllsivertc Postichule ist uns nicht bekannt. S. Jln drei Jahren.— 9t. 1666. 1, Ja, wenn die Zachen nicht mehr vorbanden sind. 2. Eine Rücksendungidslicht besteht nicht. Sic müssen die Gegen- siändc aber zur Beringung stellen. L. Aimahmeveriueig-rung.— dt. H., Mrchstratze. 1. Die Kasse ist nicht zu empsehlen. 2. Fragen Sie bei der Zenwalkommission der Zkraiitenkasscn, Engcluter 15, an.— E— S. 44. DaS Gesetz vom 2t. t2. 04 gibt den Polizeibehörde» das Recht, sosern das Feuerlöschwesen nicht durch ÖrtSstaütt geregelt ist. durch Verordnungen den Eiliwodnern die Vcrpflichinng zur persönlichen Hilseleistung bei Bränden und über die Gestellung der erforderlichen Gespanne zu erlassen. Die Richtbesolgung der Polizciverordnung kann Strafe nach sich ziehen. Ein Ministerialerlaß über die Errichtung von Freiwilligen Feuerwehren ist uns nicht bekannt.— 9t. W. 11. Versuchen Sie es mit einer neuen vtcllaiiiation unter Bernsung darauf, daß die srühcre Veranlagnng aus den angegebenen Gründen keine Wirkung haben kann.— A. L. 5. Nein. — P. Z, Andreasstraste 2000. Unseres Erachtens nicht.—<£. Tch. Pankow 3. DnS ist kein Grund zur Zurückhatinng der Rente.— (S.-2. 87. Die Adresse ist uns nicht bekanul.— iW. K. 18. 1. Lehrstellen weisen wir nicht nach. 2. Befragen Sie einen Zahnarzt.— ll. 21. Fordern Sie Beseitigung der Mängel unter Setzung einer etwa 14tägigen Frist und unter der tzindrohung, daß Sie nach Ab.'aus der Frist den Ver» wag sosort lösen werden. Können Sie Ihre Bebauvtungen beweisen, so halten wir Sie sür bercchiigt, nach Abiaus der Frist zu ziehen oder aus Lösung des Vertrages zu klagen.— Z. 80. 1. Ja. 2. Eine Klage aus Ersatz der Kosten'h ct Aussicht aus Erfolg, g. DnS ist zweckmäßig. 4. und -5. Dann, wenn der Bescheid der Staatsanwaltschajt vorliegt. 6. Den Eigen- tümer.— H. P, 88. 1. Ja. Bei der Krankenkasse nur dann, wenn sie in Berlin wohnt. Es cmpiiehit sich. Mitteilung an die zuständige Orts- krankenkasic bezw. an den Magistralskommissar sür Jlwalidcnversicherung, Am Köllnischen Part 8. 2. Die Behörden sind zu den Ernnltelungen nicht verpflichtet.— P. 8. 80. 1. 15—30 M., sür jeden Besuch 1—2 W. 2. So lange, wie rS gewünscht wird.— 31. W. 21 870. 1. DaS ist zweckmäßig. 2. Ja, am t. April. 3. Nach Ihrer Darstellung haben Sie vmn I. April 1311 ab keinerlei weitere Verpflichtungen.— M. 40. Nein. I. ft. 006. 1. Unsere» Erachten« nicht. 2 a und 3. Die Rechtsgeschäfte würden der Anfechtung unterliegen. 2 b. An einen Notar odc, an das Amtsgericht Wedding. c. Eilva 15 M.— 1 Mark. Der Bursche ist ersatzpflichtig.— A. R. 1886. Nur dann und soweit der Lohn 23,85 M. pro Woche übersteigt.—«. BS. 10. l.-20-45 M 2. 1-2 M. für jeden Tagesbcsuch.— E. Zt. 1877. 1. Nur bis zum Tage der Ent» lassung. 2. und 3. Wir halten Sic sür berechtigt, die Uederzeitarbeit be« zahlt zu verlangen.— F. M. 186. 1. Erziehungsanstalt„Am Urban-, Zchlendors bei Berlin, Dorotheenswatzc. 2. lieber die Höhe der Kosten ent» scheidet der Verein zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder. 3. An den Kommandeur des Landwehi bezirke oder an das Komando der Schifss- jungen-Division in Friedrichsort bei Kiel. 4. Dort erfahren Sie auch die Vedingungen.— R. 2. 200. Das ist nur zulässig, wenn Sie Ausländer sind. Der Antrag ist an den Magiswatskommissar sür Invalidenversicherung, Am Köllnischen Park, zu richten. Dort erfahren Sie auch, weiche Papiere nötig sind.— Mg. BS. 18. 1. Sie müssen ein neues Sühncversahren anhängig machen. DaS srühcre Armenattest dürste genügen. 2. Die Klage. die nicht aussichtslos erscheint, Ist durch einen Rechtsantvalt zu qr- heben. 3. Ihre Erklärung genügt, vorausgesetzt, daß die Kinder daS 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.— M. M. Nein. — O. it. 77. Nein. Wenn Sie mit dem Vermieter nicht in Güte einig werden, läßt sich nichts tun.— P. M. 2960. 1. Ja. 2. An die Lander- verstcherungsanftalt. 3. Das Institut ist uns nicht bekannt.— P. W. I. Das Perkehrsbureau, Unter den Linden 8, erteilt Ihnen ans Anfrage Aus. kmist.— 730. Ja, sofern da» Verlöbnis von der Gegenseite ohne gesctz- iichen Gnmd gelöst ist.— B. Trapp. DaS Patent schütz! vor unbciugtcr Benutzung der Zeichnung. Die Zeichnung selbst kann nicht ge. schützt werden.— O. M. 90. Wenn Ihre Sachen gepfändet werden, können Sie intervenieren. Der Lohn unicriicgt teistuekse dcr Piändung.— 2. 82. Der Wirt kann Hiniericgung des Auktion erlöse» verlangen.— C. L. 12a. Die Slbholung ist von dem Willen des Gläubiger» abhängig. Standgeld zu fordern sind Sie nicht berechtigt.— N. N. 83. Rein. Reklamieren Sie sosort. ®. 786. Wenn der Pächter bedingungslos au! dem Vertrage entla-icu ist, serner, wenn der Verpächter etwa weiter gepachtet hat, nicht, sonst ja. — Oswald Heidel, ReugerSdvrf. 1. Die 400 M. stellen offenbar die bisher fällig gewordenen Raicn dar. 2. Nein. 3. Psändniig kann ersolgeu. doch hat I. da» Recht, Freigabe zu fordern. 4. Den sälligsn Betrag ein- klage» und Zwangsvollstreckung vornehmen. 5. und 8. Die Vertrag bcslimmung ist unklar. Für die Auslegung find die mündlichen Abreden maßgebend. Ist darüber nicht gesprochen, so legen wir die fragliche Be- stimmung dahin aus, daß I. daS Eigentumsrecht erst dann verliert, wenn er die 8009 M. erhalten hat. Credit-Haus Bellealliance" B«»llealUHi:ce-Str. 100, I. Etage. Waren u. Möbel z. kulant. Beding. fllllll IIIMI■Mlllii|i| II W—liil, Berliner Credit-Haus - Kommandantenstr. 67. Türmstraße 55, Ecke Waldstr. gewährt Jeöeill b. spielend leichter An- u. Abzahlung mehrjährigen Kredit ! auf Waren und Miübel. mm, Spandau ■ PoJsdaHicrstr.23,1 Auf Abzahlung gibt Wilh. Neuraann, Pappelallee 83 Waren, Möbel, Garderobe. WslteaarUSr- t Alkohoifreie�atränire� SinalcojBMraiise) Gen.-Vertret. 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Ter Umstand, daß bei zwei sich gegenüberstehenden Gutachten das Schiedsgericht ein weiteres Gutachten zur Klärung des Sach- Verhalts nicht einholt, ist leider kein Mangel im Verfahren. stellt somit einen Revisionsgrund nicht dar. Wie notwendig es wäre, das an das Rcichsversicherungsamt zu richtende Rechts- mittel zu erweitern, statt es nach dem Vorschlage der Reichs- versicherungsordnung auch in Unfallsachcn zu beschränken, zeigt folgender Fall: Der Tischler Karl Sch. erkrankte am 13. Juli 19l)g und wurde erwerbsunfähig. Ter behandelnde Ilrzt hielt Sch. für invalide. Sch. beantragte daher bei der LandeSversicherungsanstalt Berlin die Gewährung der Invalidenrente. Nachdem von Herrn Dr. V. G. ein Gutachten eingefordert und am 31. Dezember 1903 erstattet, lehnte die Anstalt am 10. Februar 1910 den Zlntrag ab, im sie das Vorliegen von Invalidität bestritt. Gegen den ab- lehnenden Bescheid wurde Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung für den Stadttreis Berlin eingelegt. Ohne daß das Schiedsgericht nun einen anderen Llrzt hörte, wies es am 11. April die Berufung zurück I Wiewohl also der behandelnde Arzt, der doch Gelegenheit hatte, den Zustand des Antragstellers genau kennen zu�Icrnen, denselben für erwerbsunfähig erklärt hatte, folgte das Schiedsgericht ohne weitere Beweiserhebung dem von der beklagten Partei beigebrachten Gutachten. Gegen diese Entscheidung des Schiedsgerichts legte Sch. Revistou beim Rcichsversicherungsamt ein. Er machte geltend, daß in dem Nichteinfordcrn eines weiteren Gutachtens ein Mangel im Verfahren zu erblicken sei. Das Rcichsversicherungsamt wies jedoch dieser Tage die Revision zurück und erklärte, daß die Fest- stellung des Schiedsgerichts, daß Kläger noch nicht als invalide anzusehen sei, weder aktenwidrig noch rcchtsirrtümlich erfolgt sei. Wenn das Schiedsgericht dem Gutachten des Arztes der Landes- Versicherungsanstalt folgte und dem Gutachten des behandelnden Arztes keine Bedeutung beilegte, so war das Schiedsgericht nach dem Recht der freien Bewciswürdigung dazu berechtigt. Eine Ueberschreitung oder Verletzung dieses Rechtes könne nicht fest- gestellt werden._ Hus der frauenbewegimg. Tic Frauen als Wählerinnen und Gemeindevcrtreter. Bei den kürzlich vollzogenen Gemeindewahlsn in Norwegen hatten die Frauen, die verheirateten wie die ledigen, wie die Männer vom 25. Lebensjahr ab das allgemeine gleiche und direkte aktive und passive Gemeindewahlrecht. Wählerinnen, die durch triftige Gründe verhindert sind, an der Wahlurne zu erscheinen, z. B. bei Schwangerschaft, Pflichten der Kinderpflege, Kranken- pflege in der Familie usw., können durch eine Vertretung das Wahlrecht ausüben lassen. Die Tatsache, daß die Sozialdemokratie im allgemeinen weit größere Erfolge erzielt hat als bisher, läßt erkennen, daß das allgemeine Frauenwahlrecht ihr zum Vorteil gereicht. In Kristiania ist feit dem Jahre 1907 hauptsächlich in- folge der Verallgemeinerung des Fraucnwahlrechts die Zahl der Wahlberechtigten um 32 Proz. gestiegen, die Zahl der fozialdemo- kratifchen Stimmen stieg jedoch um über 50 Proz., die der bürger- lichen Parteien um kaum 22 Proz. Hier hat also offenbar die Schar der neuen Wählerinnen größtenteils für die Sozialdemo- kratie gestimmt. Eine genaue Uebersicht über die Gemeindewahlen im ganzen Lande liegt noch nicht vor, man kann jedoch aus den bis jetzt eingetroffenen Nachrichten schließen, daß, wenn auch das Verhältnis nicht überall so günstig ist wie in der Hauptstadt, die Sozialdemokratie in fast allen Gemeinden und auch auf dem Lande ein gutes Stück vorwärts gekommen ist. Unter den 31 in Kristiania gewählten sozialdemokratischen Stadtverordneten sind vier weibliche, die Genossinnen Ziener, Fernanda Nissen, Martha Thnäs und Fräulein Vikcr, unter den 44 Konservativen sind eben- falls vier Frauen und unter den Liberalen ist eine Frau.— In Schweden finden jetzt Stadtverordnetenwahlen statt, aber nicht an einem und demselben Tage, sondern in einer Stadt nach der anderen. Auch hier kann eine große Anzahl von Frauen zum ersten Mal ihr Stimmrecht ausüben, und die Frauen sind ebenfalls wählbar. Das Wahlrecht ist jedoch weit schlechter als das norwegische und für die Frauen schlechter als für die Männer, weil es an eine Steuerleistung gebunden, und nach der Steuer- leistung abgestuft ist, so daß der einzelne Wahlberechtigte über eine bis zu 40 Stimmen verfügen kann. Da die erwerbstätigen Frauen in der Regel weit weniger Einkommen haben als die Männer, haben sie natürlich auch in der Regel eine geringere Zahl von Wahlstimmen. Soweit die schwedischen Stadtverordneten- Wahlen bis jetzt vollzogen sind, hat in diesem Lande die Sozial- demokratie ebenfalls große Fortschritte gemacht. Auch in Schweden sind in verschiedenen Städten jetzt Frauen als Stadtverordnete gewählt, unter ihnen auch sozialdemokratische, z. B. in Gäfle, wo drei Sozialdemokraten gewählt sind und unter ihnen die Genossin Maria Quist. Die Tätigkeit der Frauen in Gemeindevertretungen läßt er- kennen, daß das Klasseuinteresse ihre stärkste Triebkraft ist. Eine weibliche konservative Stadtverordnete in Kristiania machte ihren Einfluß dahin geltend, daß die Speisung armer Schulkinder, die auf Kosten der Stadt erfolgt, durch lästige Vorschriften für die Eltern eingeschränkt wurde. Etwas ähnliches hat sich kürzlich in Stockholm abgespielt, wo bekanntlich schon seit längerer Zeit zwei Frauen, eine Konservative und eine Sozialdemokratin, in der Stadtverordnetenversammlung sitzen. Hier handelte es sich darum, einige tausend Kronen für ein Mädchenheim zu bewilligen, das vom »Weißen Band" errichtet ist und obdachlosen Mädchen und Frauen Schutz vor den Gefahren der Großstadt bietet. Unsere Genossin, Fräulein Mansson, hielt eS im Einverständnis mit den männlichen Genossen für geboten, den Antrag zu unterstützen. Aber wer den Antrag zu Fall brachte, war die andere weibliche Stadtverordnete, Fräulein Palmgrcn, obwohl es sich hier doch nicht allein um ein soziales Interesse, sondern noch ganz besonders um eine Angelegen- heit des weiblichen Geschlechts handelte.— Ebensowenig soziales Verständnis bekundete dieser Tage eine konservative Stadtvcr- ordnete in der dänischen Stadt Frederiksberg, der Nachbarstadt Kopenhagens. Hier lag ein Gesuch der Hilfskasse, die Leuten in bedrängter Lage Unterstützung gewährt, welche nicht als Armen- Unterstützung gilt, sowie ein Gesuch des Gewerkschaftskartells vor, betreffend kommunalen Zuschuß zur Unterstützung der Notleidenden und Arbeitslosen. Da kam die Stadtverordnete Fräulein Branth, eine Dame, die ein großes und reichen Gewinn abwerfendes Papiergeschäft besitzt, und erklärte, daß die konservative Mehrheit beschlossen habe, den Arbeitslosen alle kommunale Hilfe zu ver« weigern. Die Kommune habe keine Pflicht, solche Hilfe zu leisten. Die Arbeiter müßten sich in guten Zeiten durch vernünftige Haus. Haltung einrichten, und wenn sie arbeitslos würden, könnten sie ja das Geld aus den Gewerkschaftskassen nehmen. Aber im übrigen sollten sie sich an die'Armenpflege wenden. Das sei eine humane und gerechte Institution! Freilich gingen sie dabei ihrer bürger- lichen Rechte verlustig, aber das sei ganz natürlich, daß solche Leute keinen Anteil am Verwaltungsrecht in Gemeinde und Staat hätten. — Die Dame hatte dann auch den Erfolg, daß der kommunale Zu- schuß abgelehnt wurde._ Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 18. Dezember, vormittags 9 Uhr, Pappet-Slllee 15— t? und Rixdorf, Jdcalpaffage: Freireligiöse Vor. lesung. Vormittags II Uhr, Kleine Frankfurter Straße 6: Bortrag von Herrn Dr. Konrad Schmidt:„Optimismus und Pcssimisltm» in der Philosophie". Damen und Herren als Gäste willkommen. VSasserstandS-Nachricktten der Landcsanstalt für veivässcrkunde. mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. 0 4- bedeutet Suckts.— krall.—-) UMerpezrl.—•) Eisfrei, —*) EiStreiben.—') Oberhalb Thon» eisfrei. im l iclil BlütGniueisse�duft'ge Frische Wird der Wäsche leicht uerschajift Einzig durch der reinen, milden .SunlicKtscife Wunderfemft! Gegründet A.B. 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