Kr.»S7. HbonnementS'Redingungen: Abonnements- Preis pränumerando: »icrtcljäbrl. 3�0 Mb, Mona», t.lv Mb, wöchentlich 2a Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Seit" 10 Pfg. Pofl- Abonncmcnl: 1,10 Marl pro Man ab Eingetragen in die Post. ZeitimgS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ziusland 3 Marl pro Monab Postabonnements nehmen an: Belgien. Dnnemarl, Holland. Italien. Lurcniburg. Portugal, «umänien, Schweden und die Schweiz. 87. IM«*. CifAdnt Kg»» auBtr montags. Berliner Volksblntt. Die Tnlertlons-GcbObP Beträgt für die sechSgefpaltene Kolonelzeile oder deren Raum b0 Pfg.. siir politische und gewcrlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pf». „Atetne Plnreigen", das erste(fett- gedrucktes Wort 20 Psg, jedes wen«» Wort 10 Pfg. Stellengesuche und«anM stellen-Zlnzeigen das erste Wort i« PM., jedes weitere Wort b Pfg. Worte«e»» IS Buchstaben zählen für zwei»ww». Inserate für die nächste Nummer musie» bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist ' bis 7 Uhr abends geössneb Telegramm-Adreste: „Sozialdemokrat Berlin" Zentralorgan der rozialdemokratifcben partel Dcutfcblands. Redaktion: 8M. 68, Lindcnstrassc 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. €xpcditton: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. eine königliche Polle. Aus Paris wird uns geschrieben: Im royalistischen Lager ist jetzt ein ergötzlicher Zank loS. Die allergetreuesten Untertanen des„Königs" rebellieren. Der„König"— so läßt sch nämlich der Herzog Philipp von Orlöans von seinen Anhängern betiteln— hat sie im Zorn von seinem Thron verwiesen.— Man darf übrigens die monarchische Partei nicht unterschätzen. So wenig sich ihr Einfluß auch in den Wahlergebnissen zeigen mag, so hat sie doch im Land oder genauer in einzelnen Teilen des Landes einen rührigen Anhang. Die konservative Ätatur des Menschen zeigt sich in der Hartnäckigkeit, mit der sich die mon- archischen Gefühle zwei Generationen hindurch nach dem Sturz des Königtums erhalten haben. Mit den Persönlich- leiten Louis Philipps, Karls X. und Ludlvigs XVIII. läßt sich wirklich nicht Staat machen, aber Tatsache ist es, daß es immer noch Leute gibt, die die Restauration restaurieren möchten. Auch arbeitet besonders seit dem Sieg des Anti- klerikalismus in der inneren Politik der Ultramontanisnius gegen die republikanischen Einrichtungen. In derselben Richtung wirkt ein mondäner und ästhetischer Snobisinns. Die„gute Gesellschaft", die alten Familien und diejenigen, die dafür gehalten werden möchten, malkontente Militärs, ver- säuerte Betschivestern und radaulustige Angehörige der goloenen Jugend, blasierte Literaten und mystische Gottsucher finden sich im Haß gegen die Demokratie zusammen. Die mon- archistischc Partei hat im letzten Jahrzehnt, seit der Dreyfus- Affäre, nicht wenig Anhänger von 5lanien und Bedeutung ge- Wonnen. Jules Lemaitre und Maurice Barres kamen von verschiedenen Flügeln der Literatur und der Politik zu ihr. Besonders bemerkenswert ist der Zufluß, den sie aus dcni Kreise des anarchistischen Aesthetentums bekam. Poeten und Künstler, die vor 15 Jahren die„schöne Geste" des Boniben- Werfers bewunderten, leben nun in Ehrfurcht vor der hoheitsvollen Gebärde der Angestammten und der ehrwürdigen Konstruktion alter politischer und sozialer Ordnungen. Sogar der ebenso geist- volle wie konfuse Gelehrte S 0 r e l, der Philosoph des Syndikalismus, flirtet jetzt mit der antiratioualistischen Staats- und Gesellschaftslehre der Monarchisten. Diese Eroberungen aber wurden selbst zur Ursache einer Krise in der monarchistischen Partei. Die Ankömmlinge fanden eine sehr geschlossene Gesellschaft vor, die sie mit Mißtrauen eine neue Theorie und Taktik verkünden hörte. Der Mon- archismns des alten Stils stellte sich hauptsächlich in einer gesellschaftlichen Fronde dar, in einem Boykott, den die„vornehme Welt" über die Republik verhängte. Ohne Fähigkeit, die Sprache des Volkes zu reden, warteten seine Anhänger mit spöttischer Geduld auf den Zusammensturz der Demokratie, der entweder infolge einer äußeren Krise oder wahrscheinlicher in einer Revolte aller Besitzenden gegen den drohenden Sozialismus eintreten würde. Das Hauptorgan dieser Richtung ist der '„Ganlois", den der getaufte Jude Meyer, ein Herr von komischer Gespreiztheit, die weltmännische Vornehmheit markieren will, leitet. Der neue Stil wird durch jüngere, draufgängerische Literaten repräsentiert, die in der„Action Francaise" unleugbare Proben journalistischer und politischer Geschicklichkeit gegeben haben. Die„Action Francaise" drückt die Anschauungen einer gleichnamigen Ver- einigung der jung- monarchistischen Elemente aus. Sie krittsiert nicht, sondern greift an, ist nicht skeptisch und boshaft, sondern fanatisch und ordinär, nicht aristokratisch, sondern demagogisch. Und der wichtigste Unterschied liegt in ihrem Verhalten zum sozialen Problem. Die Altkonservativen hoffen auf den verzweifelten Bourgeois, die Leute von der „Action Francaise" möchten den revolutionären Zorn des Proletariats mißbrauchen. Sie kokettieren gelegentlich mit dem Syndikalismus, dessen antiparlamentariscke Redensarten sie übernommen haben und noch verstärken, klagen die Republik des Verrats an der Arbeiterklasse an und predigen wie die Revolutionsgewerkschaftler die„Aktion" der entschlossenen Minoritäten und gleich d«i Hervsisten die der„Kampf- organisationcn" und der Individuen. Ihre Kampf- orgayisation aber sind die„CJamelots du roi", Gruppen junger Leute, die sich aus der aristokratischen Lebejugend, aus der, namentlich an der Pariser Rechtsfakultät zahlreichen klerikalen Studentenschaft und verpfafften Arbeitern rekrutieren. Ihre Taktik besteht in der Organisation von Straßen- demonstrationen, gewalttätigen Kundgebungen gegen Pro- fessoren, die nicht genug Respekt vor dem Chauvinismus und der Kirche gezeigt haben, Verunstaltung von Denkmälern republikanischer Politiker und Schriftsteller. Auch die neuliche Attacke L a c 0 u r s auf B r i a n d, wie seinerzeit die des Fleischers M a t t h i L auf F a I l i s r e s geht direkt auf ihre Propaganda zurück. Die Monarchisten des alten Stils sahen die Fortschritte der„Jungen" mit begreiflichem Mißvergnügen. Nicht nur, weil ihnen viele ihrer eigenen Anhänger abspenstig wurden, sondern weil sie fürchten mußten, daß schließlich die monarchistische Politik überhaupt in die Hände dieser Konkurrenten geraten würde. Sie setzten darum ihre einzige Kraft in Bcivegung— ihre gesellschaftlichen Beziehungen und bearbeiteten den Prätendenten, der sich in der Tat dazu herbeiließ, die Taktik der„Action Fran?aise" zu desavouieren uab ihre Anhänger zur Mäßigung zu mahnen. Diese scherten sich indes nicht im geringsten vm die offiziellen Kundgebungen, die der„König" durch sei», politisches Bureau erließ und schließlich wendeten sie sich gegen das„königliche" Ge- ' bot ungefähr in derselben Weise, wie Götz von Berlichingen zunächst die Majestät des„schuldigen Respekts" versichert, um dann ihrem Hauptmann das bekannte Wort zuzurufen. Die„Action Francaise" griff den Chef des politischen Bureaus, den Grafen de Larögle in heftigster Weise an, und als der Herzog von Orleans diesem in einem Brief, der nebenbei den Gipfel lächerlicher Selbstüberhebung darstellt, das Vertrauen be- stätigte und den Leitern der„Action Francaise" für ihren „Ungehorsam" und ihre„Revolte" den Tadel aussprach, mit der Androhung„strengerer Strafen" im Fall weiterer Wider- setzlichkeit, eröffnete die„Action Fran?aisc" erst recht eine Kanonade, in der sie alle Herrlichkeiten des alten Monarchismus zusammenschoß. Larögle wurde als„Bandit" und gemeiner Schiviudler hingestellt, der ein Werkzeug der von Meyer im Einverständnis mit der Regierung geleiteten „jüdischen Intrige" sei. Zugleich wurde eine Sanimlung zur Bekämpfung der„jüdischen Presse", d. h. des„Gaulois" er- öffnet, die in II Tagen über 100 000 Fr. eingebracht hat. Es hat sich gezeigt, daß wirklich schon ein großer Teil der feudalen Elemente zur neuen Richtung übergegangen ist. Der„König" aber mußte nun seine Drohung erfüllen. Er erließ im Organ des Politischen Bureaus, der„Cor- respondence Nationale" eine Erklärung, wonach er den Leitern der„Action Franyaise" alle weiteren Beziehungen aufsagt und seinen regionalen Delegierten wie den Präsidenten der monarchistischen Komitees alle politischen Beziehungen mit diesen Personen verbietet. Auch setzte er den Grafen von L u r- S a l u r e s, der bisher sein Delegierter in der Region des Südivestens und Präsident des royalistischen Komitees der Gironde war, ab. Die Extrem-Moiiarchisten sind also von ihrem„Monarchen" in Verruf erklärt. Sic tun aber nicht Buße. Die Gemäß- regelten verkünden heute in der„Action Frauyaise":„Der König lvird keine friedlichen Untertanen haben als uns, sobald er erst den Thron bestiegen hat. Heute aber sind wir in einem Frankreich ohne König. Dieses Frankreich empfängt täglich neue Wunden von seinen Tyrannen. Wir verlangen von niemand die Erlaubnis, es zu rächen und zu befreien. Und diese Befreiungsaktion läßt sich durch nichts aufhalten, durch nichts, nichts, nichts I" Die Situation ist sicherlich sehr amüsant: der König ohne Land, der donnert:„Wenn ich gebiete, hat man mir zu ge- horchen!" und die Anhänger des Gottesgnadentums, die ungeniert auf das göttliche„Instrument"— pfeifen, müssen alle Freunde politischer Excentric-Komik höchlichst belustigen. Aber sie ist auch ein neuer Beitrag zur Geschichte vom Fürstendank. Denn unzweifelhaft haben die Charles M a u r r a s und Genossen den Monarchismus, der unter dem System Meyer zu einer beweihräucherten Leiche geworden war, wenn nicht lebendig gemacht, so doch effektvoll galvanisiert. Talent und Hingabe werden vom„König" dem leeren Höflingstunt kalt geopfert._ IPolizeirätfcl. Eigentlimliche Streiflichter wirft der Moabiter Prozeß auf die Taktik der Polizei. In der Montagsverhandlung wurden Tatsachen bekundet, die uns die Sicherheitsbehörde, die in der Zeit der Unruhen io vielen friedlichen Passanten zu dem Inbegriff aller Unsicherheit und Gefahr geworden ist, in einer recht nierkwürdigen Rolle zeigt. Der Janhagel, der am Abend des Montags(27. September) Laternen ausdrehte und die Umhüllung einer Litfaßsäule anzündete, war in seinen Operationen ebenso wenig behindert, wie jene Menge, die das Rittbergersche.Lokal demolierte. Ja, er befand sich dabei sogar unter polizeilicher Obhut. Frau Engelmann hat be- zeugt, daß nicht weniger als fünf Schutzleute dem Ausdrehen der Laternen zuschauten, ohne eine Hand zu rühren. Eine Erklärung für diese mehr als auffällige Passivität fehlt. Die Zeugin war der Ansicht, daß vieles, was nachher passiert ist, hätte verhütet werden können, wenn die Polizei in diesem Moment eingeschritten wäre. Vielleicht wäre manche schneidige Attacke nicht nötig gewesen, wenn hier zu Anfang etwas mehr Tätigkeit und Umsicht entwickelt worden wäre. Nur ein Teil der Energie, die die Schutzmannschaft später bei der Mißhandlung ruhiger Leute aufgebracht hat, hätte ge- nügt, um dem Janhagel das Spiel erheblich zu erschweren. Die fünf feiernden Schutzleute, die vor ihrer Nase Laternen ausdrehen lassen, sind nicht das einzige Rätsel, das uns die Polizei aufgibt. Nicht minder schwer ist die Erklärung dafür zu finden, daß bei manchem Polizeioffizier eine merkwürdige Gedächtnis- schwäche zu verzeichnen ist. Am Sonnabend war das am Leutnant Folte zu konstatieren, in der Montagssitzung am Charlottenburger Polizeihauptmann v. Heeringen. Di»se Gedächtnisschwäche muß auch der Staatsanwaltschaft sehr unangenehm sein. Denn wenn die Herren sich so wenig an Vorfälle erinnern können, die für die Polizei nicht sehr angenehm sind, was soll dann aus dem großen Beweis zur Reinwaschung der Polizei werden, mit dem Herr Stein- brecht die bösen Verteidigungszeugen niederschmettern will. Acht Polizeioffiziere und 33 Kriminalbeamte sind an- und aufgeboten, um zu bezeugen, daß sie nicht gesehen haben, was die VerteidignngS- zeugen an Mißhandlungen bekundeten, die Polizcibeamte an fried- lichen Straßenpassanten begangen haben. Der ganze schöne Beweis Wird elend zu Wasser, wenn immer mehr die Fälle sich häufen, daß die Herren Polizeioffiziere von ihrem Gedächtnis bedenklich im Stich gelassen werden. Eine Erklärung und zugleich einen mildernden Umstand gibt eS allerdings für diese auffällige Gedächtnisschwäche, aber wir wissen nicht, ob sie der Polizei paffen werden. Es wäre möglich, daß sich gerade die Prügelszenen deshalb dem Gedächtnis der Herren Offiziere so wenig eingeprägt haben, weil sie ihnen kein Interesse geschenkt, weil sie sich nicht darüber auf- geregt, weil sie solche Verprügelungen, auch wenn sie ganz friedliche Menschen betrafen, als angebracht und nützlich angesehen haben. Das ist zwar nicht schmeichelhaft für die Herren, aber diese Annahme hat den Vorzug, mit einer ganzen Reihe von Bekundungen einwand- freier Zeugen, die uns Polizeiosfiziere als gleichgültige, unbewegte Zuschauer solcher für unser Gefühl empörender Prügelszenen zeigen, sehr gut zusammcnzustinunen. Auch in der Montags- sitzung wurden ja wieder mehrere solche Angaben gemacht, und nicht bloß als passive Zuschauer, auch als Täter sind Polizeileutnants nach den Zeugenaussagen bei solchen Roheitsakten beobachtet worden. Und im Schintpfen haben manche dieser Herren erhebliche Leistungen aufzuweisen, die denen der Schutzleute in keiner Weise nachstehen. Jener Leutnant, der einer Frau, die nicht so schnell vorwärts konnte, wie er wünschte, Salz und Pfeffer in eine gewisse Körperöffnung zu stecken drohte, befriedigt jedenfalls alle Absprüchc, die man auf dem Gebiet der saftigen Schweinerei nur stellen kann. Es ist ohne weiteres anzunehmen, daß das leuchtende Beispiel solcher Vorgesetzter von tiefem Eindruck auf die Schutzmannschaft gewesen sein wird. Der Skandal' der Jagowschen Beweisführung wird täglich größer. Am Montag wurde gar einer dieser negativen Zeugen ver- nommen, der nicht viel mehr als die eingeworfenen Blitzen- scheiden der Kirche gesehen hatte I Ob die Staatsanwaltschaft nicht einsieht, daß sich die Polizei lächerlich macht, wenn sie solche Zeugen heranschleppt? Oder gelten ihre Bedenken hier nicht? Der Bankrott des Jagowschen Aufrufes tritt um so greller hervor, als die Zeugen der Verteidigung immer anfs neue für die Polizei schwer belastende Tatsachen deponieren. Immer gewal- tiger schwillt dieser Berg von.Anklagen an. Die Montagssitzung hat wieder eine ganze Reihe krasser Fälle aufgedeckt, so den des Bier- abzicherS Weiß, der wahrscheinlich das Schicksal des erschlagenen Arbeiters Hermann geteilt hätte, wenn seine Mütze nicht eine Stahl- einlage gehabt hätte, bei deren Durchhalten die Wucht deS Säbel- Hiebs doch ettvas geschwächt worden ist. Die Reihe der Schulze, Bars, Schack, Kluge und anderer Perlen der Polizeisreiwilligen wurde in dieser Sitzung durch einen viel- versprechenden jungen Mann vervollständigt, der so viel„gute Ge- sinnung" produzierte, wie man bei seinem Alter kaum für möglich halten sollte. Zugleich erinnerte er lebhaft an das Wort eines Franzosen, daß die Jugend das Alter ohne Mitleid ist. Dem Ver- leidiger Dr. Cohn kostete eine sachlich sehr berechtigte Oualifizic- rung dieses Jünglings 30 M. Ungebührstrafe— der Herr Super- numerar hat nicht nötig, sich als einen dummen Jungen be- handeln zu lassen. Er hat das gerichtliche Attest über diese Tatsache und das ist für ihn wertvoll. Die freie lugcndorganlfaflon. Gestern hat das Landgericht Berlin I als Berufungsinstattz die Freie Jugendorganisation, jene Vereinigung zur geistigen Hebung der Jugend und zur Bekämpfung der Schmutzliteratur, für einen— politischen, verbotenen Verein erachtet. Das Landgericht hat durch diesen Fehlspruch ebenso wie die jüngst ergangene Entscheidung des Oberverwaliungsgerichts wider Willen den Bestrebungen zur Ver- rohung der Jugend und Verbreitung der Schund- und Schmutz- literatur einen Dienst geleistet, um den wir die Gerichte' nicht be- neiden. Der Extrakt der Gesamtverhandlntig, über den wir nach- stehend berichten, läßt sich dahin ausdrücken: Da die jungen Leute versucht haben, das VereinSgcsetz nicht zu übertreten und sehr ver» ständige Zwecke verfolgten, die auch die Sozialdemokratie fördert, mithin im Gegensatz zu den zweifellos politischen, nicht verfolgten Jugendvereinen radaupatriotischer Natur stehen, mußte Bestrasung einweten. Ueber die Verhandlung geht uns folgender Bericht zu: In der Anklage gegen die Vorstandsmitglieder der inzwischen aufgelösten Freien Jngendorganisation für Berlin und llmgegend wegen Unterlassung der Anmeldung der Vorstandsmitglieder, der Einreichung der Statuten und ivegcn Duldung von unter 18 Jahren alten Mitgliedern hatte die Staatsanwaltschaft gegen das frei- sprechende Urteil des Schöffengerichts vom 25. April Berufung eingelegt. Gestern kam die Angelegen- heit vor der Berufungsinstanz, dem Landgericht l, zur Verhandlung. Das Urteil des ObervcrwaltungSgerichtS über die Auflösung der Jngendorganisation kam zur Verlesung. Die Angeklagten Heyne, Scholz, Wenzel und H 0 l z h ü t t e r bestritten daS Vorliegen einer Schuld. Es sxi der frühere Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter im Juni 1909 in die Freie JugcndoDanisation umgebildet. Hierbei habe es sich im wesentlichen mir>'«. eine Namensänderung gehandelt. Die Angeklagten sahen die Organisation nicht für politisch an und hielten sich deshalb nicht für verpflichtet, den Vorschriften für politische Vereine nachzukommen. Der Verein bezweckte die In g e n d b i l d u n g. Es sind Vorträge über ver» schicdene Wissensgebiete gehalten worden und die Referenten wurden allemal vorher vom Vorstand aufgefordert, das politische Gebiet nicht zu berühren. Dies wurde auch auf Grund persön- licher Ersahrung von Rechtsanwalt Heine, der mit feinem Kollegen Dr. Kurt Rosen feld die Verteidigung über- nommen, bestätigt. Das Register des Liederbuches der Jugend- Kewegung gelangt dann zur Verlesung. ES ergab sich, daß eZ sich s dazu lomuien, so würde ein Komitee don Akademikern, die bereits hier meist um belannte Volkslieder handelt, die nichts Politisches enthalten. Das eine beanstandete und lonfiszierte Lied von den ..Arbeitsmännern" ist im Buche überdruckt und wurde schon seit langem nicht mehr gesungen. Der Staatsanwalt Müller hielt daran fest, daß der Verein ein politischer sei und den Zweck gehabt habe, wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar auf politische Angelegenheiten einzuwirken. Die Angeklagten hätten sich somit strafbar gemacht und seien je zu 20 M. Geldstrafe oder vier Tagen Haft zu der- urteilen. Rechtsanwalt Heine führt demgegenüber aus, es komme darauf an, ob Handlungen zutage getreten seien, die be- wiesen, daß der Verein politische Zwecks verfolgte. Das sei durch- aus nicht der Fall. Der Zweck des Vereins war, die Jugend sittlich und körperlich zu bilden und er habe eine sehr segensreiche Tätigkeit entfaltet. Auch ein Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Partei, wie ihn daS Obervcrwaltungsgericht in seinem Urteil annahm, komme nicht'in Betracht. Vielmehr habe sogar zeit- weilig ein gewisser Gegensatz zwischen dem Verein und der Partei bestanden. Aber selbst wenn wirklich eine gewisse der- artige Beziehung angenommen werde, sei daS kein Grund, den Verein für politisch anzusehen. Denn eS gäbe keine Partei, die nicht nebenbei auch unpolitische Ziele anstrebe oder auf unpolitischem Wege für Irgend welche Zwecke eine gewisse Tätigkeit entfalte.— Rechts- anwalt Dr. Kurt Rosenfeld betont noch, daß ein Verein doch nur bann als politisch gelten könne, wenn er Einfluß auf die staatliche Organisation, die Gesetzgebung, die Verwaltung oder sonst auf staatliche Organe zu gewinnen suche. Das trifft hier keineS' wcgs zu. Der Berein habe die Mitglieder aufgefordert, d i Schundliteratur zu meiden, dafür gute Bücher zu lesen und nicht in Wirtshäusern herumzuliegen. DaS Gericht kam gleichwohl zu der Entscheidung, daß es sich um einen Verein handelte, der einen politischen Zweck verfolgte Dazu komme, daß er im Sinne einer bestimmten Partei zu wirken gesucht habe. Das sei aber nach Auffassung des Gerichts bewiesen. Hinsichtlich der N i ch t anm e l d u n g der Vorstandsmitglieder sei Verjährung eingetreten; insofern müsse das Verfahren e i n g e st e l l t werden. Im zweiten Falle, wegen Duldung von Personen unter IS Jahren als Vereins Mitglieder, habe das Gericht auf zehn Mark Geldstrafe erkannt. Es handle sich um ein Dauerdclikt.— Soweit Verjährung eingetreten und daS Versahren eingestellt ist, fallen die Kosten der Staatskasse zur Last, soweit Verurteilung erfolgte, den Angeklagten Werden so Gerichte gezwungen, wegen Eintretens für sehr ver- ständige und lobenswerte Zwecke zu verurteilen, so folgt hieraus die Dringlichkeit einer Aenderung des Reichsvereinsgesetzes. Klleder ein Denunzianlenflüclt. Der.Vorwärts" und die bürgerlich-demokratische Presse Berlins haben die von siebzehn antisemitisch-reichsverbändlerischen Reichstags abgeordneten— darunter der nationalliberale Abgeordnete Görcke-Brandenburg— veranstaltete.Protestveksammlung Berliner Akademiker gegen die Leipziger Freie Studentenschast" im wesent lichen mit ironischen Bemerkungen abgetan, und wenn es bei der Polterci sich nur um eine Kundgebung antisemitisch-reaktionärer Ansichten gehandelt hätte, so würde zu weiterer Beschäftigung mit der Versammlung auch kein Anlaß vorliegen. Es liegt da aber mehr vor. Dieser Berliner Protest steht mit einer sehr bösartig denunziatorischen Aktion des Dr. Ernst Henrici in enger Verbindung und zielt wie diese auf Terroriserung derFreieu Studentenschaften der deutschen Universitäten ab. Der Geist freier wissenschaftlicher Diskussionen, der sich bei ihnen zeigt, soll ihnen ausgetrieben wcrdeir. Was ist die Beschwerde der Henrici und Genossen? Daß sich die Freie Studentenschaft Leipzig von einem sozial> demokratischen Schriftsteller und Politiker einen Vortrag über das Programm und die Bestrebungen der Sozialdemokratie halten ließ. Dieser Vortrag war ein Teil eineS Zyklus von Borträgen über die politischen Parteien Deutschlands, zu deren jedem ein Vertreter der in Betracht kommenden Parteien als Referent gewonnen war. Hätte man von diesem Grundsatz im Fall der Sozialdemokratie»ine Ausnahme gemacht, so hätte das natürlich keinerlei Schädigung der Sozialdemokratie geheißen, die auch ohne dergleichen Vorträge ihren Weg macht, sondern im Gegenteil ein Eingeständnis der Furcht vor der Sozialdemokratie. ES wäre ein Zeichen geringen Vertrauens in die Widerstandskraft der Studenten gegenüber der sozial demokratischen Gedankenwelt gewesen. Wollte die Leipziger Freie Studentenschaft sich dieses Zeugnis nicht ausstellen, sich von der Sozialdemokratie nicht auslachen lassen, so konnte sie gar nicht anders handeln, als wie sie getan hat. DaS haben in Leipzig nicht nur die akademischen, sondern auch die politischen Behörden eingesehen, denen man Voreingenommenheit für die Sozialdemokratie gewiß nicht nachsogen kann. Sowohl beim Rektor der Universität, dem bekannten Geschichtsforscher Karl Lamprecht, wie bei der Kreis hauptmannschaft Leipzig ist Herr Henrici mit seiner Denunziation abgeblitzt. Anders wird es ihm tvohl auch beim sächsischen Kultus ntiiiisterium nicht gehen, ai» daS er sich noch einer Mitteilung in der heutigen Nummer de»„Berliner Tageblatt" nunmehr denunziatorisch gewendet hat, und bei ollen sonstigen Behörden, die er sonst noch mit seinen Beschwerden heimsuchen sollte. JndeS so albern sich Herr Dr. Henrici in dieser ganzen Sache benommen hat, so ist er doch nicht so unwisiend, als daß er nicht im voraus ganz gut gewußt hätte, daß er mit seinen Denunziationen eine Maßregelung in aller Form nicht erwirken werde. Aber ist's nicht dieses, so ist'S ein anderes, heißt eS in solchen Fällen. Wer nur ein wenig den Geist kennt, der bei den deutschen UniversitStSbehörden vorherrscht. weiß, wie sehr diese mit sehr wenigen Ausnahmen ängstlich allem aus dem Wege gehen, was irgendwie ihre Ruhe stören könnte. Unzählige Male haben sie Dinge, denen sie innere Berechtigung nicht absprechen konnten, bloß darauf» hin verboten, daß nach ihrer Meinung unliebsame Szenen oder Er» örterungen sich daran knüpfen könnten. Auf diese Angst der Uni» verfitätsbehörden spekulieren die Herren Rcichsverbändler, und wenn die Zeitungsberichte stimmen, so haben sie auch wirklich schon er- reicht, baß der Rektor der Universität Halle die schon erteilte Er- laubnis zum Vortrage SüdekumS über die Bestrebungen der Sozial» demokratie ei du Hallescher Löwentrotz!— schleunig wieder zurückgezogen bezw. den Vortrag jetzt verboten hat. Das ist die erläuternde Illustration zum Vorgehen der Reichs- verbändler und zeigt jedem, der es nicht von vornherein durchschaute. die wahre�Tendeuz, den denunziatorisch-terroristischen Zweck ihres.Protestes". Ihn gebührend zu kennzeichnen, ist nur die Pflicht der unabhängigen Preffc. Es handelt sich nicht um eine Parteinahme für die Sozial- demokratie, wir ivissen, wenn es uns darauf ankommt, auch ohne die Erlaubnis der Herren UniversitätSrektoren an die Studenten hcronzukoinmen. Berliner Akademiker haben sich an mich mit der Anregung gewandt, den in Leipzig gehaltenen Vortrag auch hier zu halten. ES spricht mancherlei dafür, indes kann ich im Augen- blick nicht darüber entscheiden, da ich vor einer Reise stehe, die mich vierzehn Tage außerhalb Deutschlands halten wird. Sollte es später außerhalb der Universitätsdisziplin stehen, die Einberufung der Ver- sammlung übernehmen, wir können die Erlaubnis des Rektorats entbehren. Was allenfalls Sinn gehabt hätte, als die Universitäten noch von Klostermauern umgeben waren, ist als Schutzmaßregel in der Acra des hochentwickelten öffentlichen Lebens Schildbürgerei ge- wordeii. Aber eS ist unwürdige Bevormundung der Studenten, und jeder Versuch! den Jüngern der Wissenschaft in der Wahl ihrer Vortragenden Beschränkungen aufzuerlegen, muß mit der größten Schroffheit zurückgewiesen werden. Berlin, den 19. Dezember 1910. _ Ed. Bernstein. politifcbe Gcbcrficbt Berlin, den 19. Dezember 1910. Ueber die Absichten Bethman» Holltvegs läßt sich die.Rh. Wests. Ztg." aus Berlin allerlei Scharf- macherisches melden. Die Regierung betrachte es als ihre ernsteste Pflicht, gegen die revolutionären Umtriebe der Sozial- demokratie beizeiten Front zu machen. Das werde zuerst bei der dritten Lesung de? Arbeitskammergesetzes in die Erscheinung treten, da sie weder der Einbeziehung der Eisenbahn- werkstättenarbeiter noch der Wählbarkeit der Arbeiteriekretäre zustimmen werde. Auch bei der ReichSversicherungSordnung werde die Regierung an ihrem Standpunkt, die Arbeiier zu entrechten, be- dingungslos festhalten und lieber die Gesetze scheitern lassen, als Konzessionen machen. Ebenso werde sie bei der Strafprozeß- o r d n u n g die Forderung der Ausdehnung der Jmmuniint der Abgeordneten, die nur der Sozialdemokratie zugute kommen werde, strikt ablehnen. Aber auch bei allen Wahlreformen werde Herr v. Bethmann Hollweg eS für notwendig erachten, daS Wahl- recht so zu gestalten, daß die Aussichten aus stärlere Vertretung der Sozialdemokratie, will sagen der Arbeiterklasse, nur geringe seien! Ob diese Berliner Meldung wirklich auf Informationen beruht oder nur aus den bekannten Erklärungen der Regierungsvertreter auf die künftige Haltung der Regierung schließt und dergestalt nur eine scharf macherischeFe st legung des Herrn v. Beth- mann Hollweg bezweckt, mag dahingestellt bleiben. Bei einem Bethmann Hollweg darf man freilich auch nichts anderes voraussetzen, alS die ärgste politische Knrzsichtigkeit und den Willen zur brutalsten Realtion I Ein tückischer Anschlag. Der Berliner Vertreter der„Münchener Neuesten Nachrichten" teilt seinem Blatt mit, daß in der Frage der Krankenkassenbeiträge eine Verständigung zwischen Konservativen, Nalionalliberalen, Zentrum und der Regioeung zustande gekommen ist. Diese Ver- ständigung soll auf folgender Basis beruhen: „Die Arbeiter zahlen nack wie vor in den OrtSkrankenkaffen doppelt so hohe Beiträge wie die Arbeitgeber; eS bleibt also bei der Drittelnng der Beiträge wie bisher. Ebenso bleibt eS bei der Verteilung der Sitze im Vorstand beim gleichen Maßstab, und damit haben auch künstig bei der Bemessung der Leistungen der Krankenkassen die Vertreter der Arbeiter das Heft in Händen. Eine grundlegende Aenderung aber tritt bei den Wahlen des Vorsitzenden und der oberen Beamten der 5iassen- Verwaltung«in: hier sollen künftig die Arbeitgeber- und die Arbeit- »ehmervertteter da? gleiche Gewicht an Stimmen habe». indem eine Arbeitgeberstimme so viel gilt wie zwei Arbeiter- stimmen. Die Wahl bei einer solchen itio in partes wird nun häufig ergebnislos verlaufen, da Arbeitgeber und Arbeiier sich ge- schlösse» gegenüberstehen Dann tritt die Aufsichtsbehörde der Kaste mit einem Ergänzungsverfahren ein und ernennt einen Bor- fitzenden, der auch die Entscheidung bei der Anstellung der Ober- beamten trifft, für so lange Zeit, bis sich die Parteeien geeinigt haben." Nach allem, was man bisher hörte, scheint diese Mitteilung keineswegs grundlos zu sein. Beruht sie auf Wahrheit, so ist dieser Plan noch erheblich niederträchtiger, als die im Entwurf des Gesetzes enthaltenen Absichten der RegierMtg. Zur Selbstverwaltung der OrtS- kranlenkasteu gehört in erster Linie mit: Freie Hand in der Auswahl der Beamten. Gerade daS wollen aber Regierung und Scharfmacher verhindern, dieOrtSkrankenkassen sollen eine Versorgungsanstalt für Militärs n Wärter undGünstlinge des Unternehmer» tu ms werden. Aach dem Entwurf der Regierung hätten die Unter- nehmer wenigstens tief in die Tasche greifen müssen, nach dem Komproiniß bliebe ihnen daS erspart und der Zweck, den Versicherten die Selbstverwaltung zu nehmen, würde doch erreicht. Möglich, daß mit der Meldung des Münchener Blattes nur ein Fühler ausgestreckt werden soll, um die Meinung der Beteiligten zu hören. Jedenfalls aber liegt etwas in der Luft. Die Arbeiterschaft wird natüllich nicht ermangeln, ihre Meinung über diese neueste Unver- rorenheit mit aller Deutlichkeit zu äußern. Ein alter Streit. Zwischen der englischen und deutschen Regierung schwebte seit längerer Zeit ein Streit über Ersatzansprüche für die während de« Burenkrieges geschädigten deutschen Ansiedler. Diese Ver Handlungen haben, vorläufig wenigsten», kein Resultat ergeben Die„Rordd. Allg. Ztg." teilt die» in folgender Form mit: „Die britische Regierung hat sich nunmehr in der Frage der deutschen Schadenersatzansprüche aus dem britisch-siidastilanischc» Kriege geäußert. Sie lehnt ein Eingehen auf alle Reklamanonen, die seinerzeit den in Britisch-Südafrika ein- gesetzten britischen Kommissionen unterbreitet worden sind, a b und ist hinsichllich dieser Reklamationen auch nicht bereit, de», deutschen Antrage auf Ueberweisung der Angelegenheit an den Ständigen Schiedshof im Haag zu entsprechen. Nur für einige Fälle, welche den Kommissionen in Britisch-Südafrika nicht vorgelegen haben, e r k e n n t s i e a n. daß eS stch dabei um eine Rechtsfrage handelt, und will diese dem Haager Schiedshof unter- breiten. Da? Auswärtige Amt hat die beteiligten Deutschen mit Nachricht versehen. ES gedenkt die Angelegenheit bei der britischen Negierung weiter,» verfolgen und wird nähere» darüber mitteilen, sobald die englische Regierung von den beabsichtigten Schritten unterrichtet sein wird." Diese Mitteilung der„Rordd. Allg. Ztg." fällt durch die chroffe Form auf. in der die ablehnende Haltung Englands mitgeteilt wird. Bei diesen Entschädigungsanspiüchen handelt es ich um rein juristische Erwägungen. Daß die englische Re- gierung so Ivcnig entgegenkommend ist. ist sicher nicht erfrenlick, da aber die deutsche Regierung die Verhandlungen fortsetzt, war dieser aufgeregte Ton. der übrigens sonst nirgends Widerhall finden wird. ehr überflüsstg. Der alldeutsch, agrarische Klüngel wird vielleicht gewissenlos genug sein, ein bißchen antienglische Hetze zu versuchen. In ihrer Verlegenheit könnten ja die Herren eine kleine chauvinistische Erregung ganz gut als W a h l v orb e rei tung brauchen. Aber diese Absicht wäre zu durchsichtig, als daß sie jemanden täuschen könnte. Mecklenburgische Verfafsungöscharmützel. Die Regierung von Mccklenburg-Schwerin hatte bekanntlich an den Landtag die Forderung gestellt, ihr als Zuschuß zu den Kosten üben des Landesregiments das nette Sümmchen von 1 800 000 Mark zu bewilligen. Die Ritterschaft erklärte sich bereit, zwei Drittel der Forderung, also 1200000 Mark, zu bewilligen, während die Landschaft(b. h. die Vertreter der Städte) die Forderung rundweg ablehnte, und zwar mit der Motivierung, daß sie so beträchtliche, ständig wiederkehrende Mehrforderungen nicht ohne Erteilung des Budgetrechts bewilligen, daß aber andererseits die Regierung einem Ständelandtag daS Budgetrecht nicht zugestehen könne, ohne die Oligarchie der Ritter in das Land schädigender Weise zu stärken; darum könne eine Geldbewilligung er st nach Einführung einer Verfassung erfolgen. Da die Zustimmung beider Stände erforderlich ist, war damit die Regierungsfordcrung ohne weiteres gefallen. Wer, wie es scheint, denkt die Regierung nicht daran, sich zufrieden zu geben. Als Antwort auf die Ablehnung ist heute den Landtagskommiffaren in Malchin ein Reskript der Regierung zugegangen. In diesem wird ausgeführt:- „Tie Ablehnung jeglichen Zuschusses aus der Landcssteuer- lasse, also auch die Ablehnung derjenigen Mittel, welche von den Ständen selbst durch die bisherigen Bewilligungen als notwendig anerkannt sind, offenbart den ganzen Ernst der Situation und legt klar vor Augen, daß eine Reform der Landesverfassung unter Ge- Währung des Budgetrechts unabweisbar notwendig geworden ist. Die Erteilung des Budgetrcchts ist aber mit der ständischen Ver- fassung unvereinbar. ES muß daher dringend verlangt werden, daß die Stände durch weiteres Entgegenkommen eine Verständigung über die Verfassungsreform herbeiführen. Wenn eine Einigung nicht zustande kommen sollte, dann müsse die Regierung zu ihrem tiefsten Bedauern zur Durchführung eines geordneten Landesregi- ments die Mittel aus dem Domanialkapitalfonds oder aus einer Anleihe entnehmen." Mit anderen Worten: die Regierung droht, sich über die ihrem Verlangen entgegenstehenden Rechtsbcstimmungcn hinwegzusetzen und en rniniaturc zu staatsftrcicheln. Das Zentrum nnd die Arbcitskammern. In einer Polemik gegen die„Freisinnige Zeitung" versichert die„Germania" vom 17. Dezember: „Auf die Wählbarkeit der Arbeitersekrctäre wird das Zentrum jedenfalls nicht verzichten. Ob sich eine das Zentrum zufriedenstellende andere Fassung finden wird, müssen wir abwarten. Der Staatssekretär sprach davon, daß man ja später, wenn das Gesetz die erhoffte friedliche Wirkung gehabt, vielleicht einmal den Widerstand gegen die Wählbarkeit die Arbeitersekreläre aufgeben könne. Diese, zudem noch sehr un- bestimmte Zusage kann das Zentrum schwerlich befriedigen." Große Bestimmtheit spricht nicht aus dieser Erklärung, sie sieht einer Vorbereitung zum Umfall verzweifelt ähnlich. Das kleine Ende einer grosten Staatsaktion. Vor der Strafkammer in Lissa wickelte sich in diesen Tagen einer der üblichen polnischen Gchcimbundsprozcsse ab, wie sie im angeblichen Interesse der EtaatSraiion ab und zu angestrengt zu werden pflegen. Die Anklage lautete aus Geheimbündelei und Auf- reizung zu Gewalttätigkeiten. DaS Ende vom Lied war die Frei- sprechung von diesen Delikten; es wurden lediglich sechs Vorstands- Mitglieder des Vereins wegen Ueberlrcluiig des VereinSgesetzeS zu je 20 M. Geldstrafe verurteilt. Diese Straftat erblickte das Gericht darin, daß die Verurteilten den Verein nicht angemeldet hatten, als seine Tätigkeit das Gebiet der Politik zu ersassen begann. Willst Tu nicht mein Bruder sein... Die schlimmste Intoleranz, den brutalsten TcrroriSmus die lautesten Schreier über sozialdemokratischen Terror, nicht im Kampfe gegen den Feind, sondern auch gegen die eigenen Ge- sinnungsgenossen, wenn diese einmal wagen, eine nicht abgestem- pelte Parteimeinung zu äußern. Ganz bcsoist>crs nervös ist das Zentrum gegenüber Kritiken an der Reichsfinanzreform. Zwar ist diese unter hervorragender Mitwirkung des Zentrums dem Volke bescherte Reform kein katholischcr Glaubensartikel, aber sie hat im Kreise der gläubigen Wähler doch böses Blut gemacht, und darum müssen die Zentrumöorgane das Machwerk wider die Wahrheit und wider die eigene Ileberzeugung als ein Prachtstück loben. Wehe dem, der— nicht lügt! Ihm wird.der Brotkorb höher gehängt. So ergeht es der ultramontanen„Rccklinghäuser Zeitung", eines der ältesten ZcntrumSoraane, weil die» Blatt sich in einigen Angelegen» besten eine eigene Meinung bewahrt hat, die nicht immer mit jener des offiziellen Zentrums übereinstimmt. In einer in Dorsten statt» gefundenen Versammlung gaben der Vorstand und Ausschuß der Zentrulnst>artei des Wahlkreises«ihrer Entrüstung Ausdruck über die gehässige Art und Weise, mit der die„Recklinghäuser Zeitung" widerholt der Zentrumspartci und ihren Organen in den Rücken gefallen ist und damit die Geschäfte der Gegner der Zentrums- Partei gefördert l)at". Weiter liest man in der Entschließung:„Die Versammlung ist aus diesen Tatsachen heraus zu der Ucberzeugung gelaugt, daß die.Recklinghäuser Zeitung" als Zentrumöorgan nicht mehr angesprochen werden kann noch darf und keinerlei Unterstützung von den Anhängern der Zentrumspartci verdient." Man sieht hieraus, daß es in der Zentrrnnspartei deS heiß» umstrittenen Wahlkreises bröckelt. Reichskanzler nnd Staatsarbeiter. Das Kartell deutscher Reichs- und Etaatsarbeitcr-Verbände hat am 23. September eine Entgabe an den Reichskanzler gerichtet. die die Gründung des Kartells anzeigt und um Aufbesserung der Löhne ersucht. Fast drei Monate später hat der Reichskanzler diesen— natürlich durchaus national gesinnten Arbeitern folgende kühle, vom 11. Dezember datierte Anttvort zugeben lassen: „Von der Gründung deS Kartells deutscher Reichs» und StaatSarbeiter-Berbände habe ich Kenntnis genommen. Ich spreche die zuversichtliche Erwartung aus. daß das Kartell getreu seinen Satzungen, sich die Pflege nationaler undvater» ländischcr Gesinnung angelegen sein läßt. Zu der mir gleichzeitig überreichten Resolution um Herbei- führung emer allgemeinen Lohnerhöhung Stellung zu nehmen, bin ich n i ch t in der Lage. Für die Gestaltung des Arbeitsverhältnisses der Reichsarbeiter sind zunächst die einzel. neu Fachbehörden und für die Regelung deS Arbeitsverhältnisses der Staatsarbeiter sind die Bundesstaaten, nicht das Reich zu« stand ig. Ich muß eS aus diesem Grunde den einzelnen, in dem Kartell vertretenen verbänden» betlassen, sich wegen etwaiger Wünsche an die zuständigen Behörden deS Reiches oder der Bundesstaaten zu wenden." Gegcnsätze�im" Zentrum. In Bccklnflö mit dem Deutschen Metallarbeiterverbande abgeschlossen, er wurde dann mit unwesentlichen Aenderungen im August 1999 erneuert. Damals brach ein Streik aus, da die Unternehmer Verschlechterunge» ein- führen wollten, lvährend die Arbeiter Verbesserungen erwarteten. Die Arbeiter klagen auch jetzt wieder, daß die Verhältnisse in mancher Beziehung sich verschlechtert haben und daß die Akkord- preise so niedrig gehalten werden, daß sie oftmals nicht den Stum- denlohn von 69 Pf. erreichen. Bei den großen Firmen wie P a n- z e r und A r n h e i m, besteht viel Unzufriedenheit unter den Ar- beitern. Sie sind es überdrüssig, von„schlechtem Geschäftsgang" zu hören und sich Abzüge gefallen zu lassen, wenn sie auf der andern Seite von hohen Dividenden hören, welche die Fabriken zahlen können. Die Vertrauensleute und die Kommission machten der Versaminlung keinerlei Empfehlung, die Arbeiter sollten selbständig zu der Frage der Kündigung Stellung nehmen. In der Diskussion erklärten sich alle Redner gegen die Fortdauer des bisherigen Ver- tvages; auch der Vertreter des H.-D. Gewerkvereins, Joseph, sprach sich für die Kündigung aus. Nach einer Ansprache des Ver- treterS vom Deutschen Metallarbeitervertande, Behrend, der betonte, daß eine Verbesserung der Lage der Arbeiter in den Geld- schrankfabriken notwendig geworden sei und errungen werden könnte, wenn die Arbeiter fest zusammenhalten und ein ernstes Bestreben darauf richteten, wurde die Abstimmung vorgenommen. Mit allen gegen 5 Stimmen wurde die Kündigung beschlossen. Der Vertrag läuft am 31. März 1911 ab. Die Versammelten wählten eine Kommission von zehn Mitgliedern, um die nächsten Aufgaben der Tarifbewegung vorzubereiten. Der Versammlung lag dann noch eine wichtige Frage, den Ar- beitsnachweis betreffend, vor. Der Deutsche Metallarbeiterver- band hat die folgende Aufforderung an die Schlosserinnung ge- richtet: „Die Berliner Schlosser-Jnnung hat den bisherigen paritäti- scheu Arbeitsnachweis in der Rückerstraße aufgehoben. In denselben Räumen, in welchen bisher der Nachweis der Innung war(Rückerstraße 9), ist nun seit dem 1. September 1919 «in neuer paritätischer Arbeitsnachweis errichtet worden. Dieser neue paritätische Nachweis ist allein maßgebend für unsere Or- ganisativn, und ersuchen wir alle Verbandsmitglieder, nur diesen Nachweis, Rückerstraße 9, zu besuchen. Jeder andere Nachweis ist zu meiden." Die Innung hat ihren Nachweis dem der Metallindustriellen dngegliedcrt und ihre Mitglieder durch ein Rundschreiben davon in Kenntnis gesetzt, daß der bisherige Nachweis aufgehoben sei. Gegen diese willkürliche und ungesetzliche Maßregel protestierten die Ar? beiter sofort und beschwerten sich dann bei der Gewerbedeputation. Von dort erhielten sie auch einen günstigen Bescheid; die Maßnah- men der Innung wurden nicht anerkannt, die Innung wurde ange- wiesen, erst einmal mit dem Gesellenausschuß zu konferieren. Die Konferenz soll am 18. Januar stattfinden.— Di« Versammelten waren mit der Aufforderung des Verbandes, nur den Nachweis in der Rückerstraße 9 in Anspruch zu nehmen, einverstanden.— Der Vorsitzende machte darauf aufmerksam, daß die Betriebsbesprechun- gen in der nächsten Zeit sehr wichtig sein werden und ersuchte die Anwesenden, für eine vollzählige Teilnahme an diesen Besprechun- gen lebhaft zu agitieren._ Der„konstitutionelle" Arbeitgeber k Die bürgerliche Presse durchläuft gegenwärtig ein Waschzettel des„ReichSverbandeS zur Bekämpfung der Sozialdemokratie". welcher aber nur unter Mitwirkung des Herrn F r e e s e. Jalousie- und Holzpflasterfabrik in Nieder-Schönhausen, um dessen Betrieb eS sich handelt, zustande gekommen sein kann. Selbstverständlich werden, wie nicht anders zu erwarten, die Dinge auf den Kopf ge- stellt. Zur Klarstellung der ganzen Sache ist folgendes zu sagen: Mit der Firma Freese wurde im Jahre 1995 vom Holz- arbeiterverband ein Vertrag für die Jalousie fabrik vereinbart. Dieser Vertrag wurde im Jahre 1997 von den Arbeitern des Be- 'ffexonttp. Vi-dakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw., triebes bis zum Jahre 1911 verlängert; er läuft erst am 1. März 1911 ab. Im letzten Sommer wurde mit den übrigen Jalousie- fabrikanten Berlins ein neuer Vertrag vereinbart, der Herrn Freese gelegentlich einer Rücksprache durch einen Vertreter des Holzarbeiterverbandes überreicht wurde, und kam man dahin über- ein, daß dieser Vertrag bei den neuen Verhandlungen als Grund- läge dienen sollte. Weiter wurde vereinbart, daß die Verhand- lungen über das neue Vertragsverhältnis mit den Arbeitern des Betriebes vor sich gehen und im Dezember beginnen sollten. Un- wahr ist also, daß der Holzarbeiterverband der Firma Freese Forderungen übermittelt hat. Wahr dagegen ist, daß die übrigen Jalousiefabrikanten Berlins den Arbeitsnachweis des Deutschen Holzarbeiterverbandes anerkannt haben, sofern er in der Lage ist, innerhalb 24 Stunden geeignete Arbeitskräfte zu übermitteln. Das ist aber gar nichts Neues, da die Anerkennung des Verbands- Arbeitsnachweises von einer ganzen Reihe Arbeitgeberorganisa- tionen erfolgt ist. Im Oktober dieses Jahres fand nun eine Ge- burtstagsfeier statt, an welcher eine Anzahl Arbeiter des Freese- scheu Betriebes teilnahmen. Unter den Arbeitern kam es zu Aus- einandersetzungen über Dinge, die Herrn Freese nichts angingen. Herr Freese Erlaubte sich jedoch am anderen Tage, den Arbeiter- ausschuß vorzuladen, und wollte von diesem eine genaue Darstellung des privaten Streites haben. Der zweite Vorsitzende des Arbeiter- auSschusses zog es vor, Herrn Freese Auskunst nicht zu geben, in der Annahme, daß Herr Freese sich um diese Dinge gar nicht zu kümmern hätte. Herr Freese kündigte darauf diesem 13 Jahre im Betriebe beschäftigten Arbeiter das Arbeitsverhältnis. Als ein Vertreter des Holzarbeiterverbandes dieserhalb bei Herrn Freese vorstellig wurde, erklärte derselbe, daß bei der Kündigung einzig und allein persönliche Verhältnisse maßgebend gewesen seien, und erklärte sich auch bereit, an Stelle des Entlassenen ein anderes Mitglied des Holzarbeiterverbandes vom Arbeitsnachweis zu be- ziehen. Für den Holzarbeiterverband war damit die Angelegenheit erledigt. Das wurde auch in einer Versammlung des Betriebes, welche am 23. November stattfand, ausdrücklich festgestellt. In dieser Versammlung wurden nun verschiedene Mängel, welche auch im Betriebe des Herrn Freese noch vorhanden sind, besprochen, ins- besondere, daß, falls der Inhaber des„konstitutionellen Betriebes" ableben würde, man keine Sicherheit habe für die den Arbeitern gutgeschriebenen Gelder. Diese Besprechung fand statt unter den bei Freese beschäftigten Arbeitern, und wurte darüber nichts in die Oeffentlichkeit gebracht. Tagegen wurde sie Herrn Freese durch Zwischenträgerei bekannt, welcher dann Anlaß nahm, den Arbeiterausschuß aufs neue vorzuladen und diesem wie auch den übrigen Arbeitern zu empfehlen, ihren Austritt aus den„sozial- demokratischen Verbänden" zu erklären. Es kommen im Betriebe außer dem Holzarbeiterverband noch der Fabrikarbeiter-, Trans- lportarbeiter- und Metallarbeiterterband in Frage. Am 28. No- vember wurde eine Versammlung von den Verbänden einberufen und dort festgestellt, daß Differenzen irgendwelcher Art mit der Firma nicht beständen. Inzwischen waren die„Aasgeier des Schlachtfeldes", die Hirsche und Christen, auf dem Plane erschienen. Die Vertreter derselben gingen bei Freese ein und aus, um das Feld für ihre Verrätertaktik zu sondieren. Daß sie hierbei Glück haben würden, war vorauszusehen, und als Erfolg derselben darf folgender Anschlag, der am 3. Dezember erfolgte, gelten: „1. Infolge des auf der Generalversammlung vom 28. v. M. bekannten Vorgehens des„Deutschen Holzarbeiterverbandes", sehe ich mich genötigt, die Herren Beamten meiner Firma zu ersuchen, Mitglieder dieses Verbandes nicht mehr einzustellen. 2. Das gleiche gilt für: den Deutschen TranSportarbeiterver- band, den Deutschen Fabrikarbeiterverband und den Deutschen Metallarbeiterverband, die sich sämtlich dem Vorgehen des zuerst genannten Verbandes gegen mich angeschlossen haben. 3. Ist die Einstellung von Arbeitern in der Fabrik oder anderSwo nötig, sind die sich meldenden Personen nach ihrer VerbandszugehSrigkeit zu fragen. Ergibt sich, daß sie einem der vorgenannten Verbände angehören, so ist von der Einstellung Abstand zu nehmen. 4. Ich lege Wert darauf, daß bei Anstellungen möglichst die Mitglieder a) der deutschen Gewerkvereine(Hirsch-Duncker), b) der christlichen nationalen(evangelischen) oder christlichen Arbeiterverbände berücksichtigt werden. Sowohl beim Hauptgeschäft wie auswärts sind zunächst die Arbeitsnachweife dieser Organisationen zur Entsendung von Ar- beitern jeder Art aufzufordern. Bei auswärtigen Arbeitern ist es ratsam, den Bedarf an Arbeitern schon vorher bei dem Ar- beitsnachweis dieser Verbände anzumelden. Erst wenn diese nicht genügend Arbeiter beschassen können, dürfen Nichtorganisierte Arbeiter oder solche aus andere» Ver- bänden eingestellt werten unter Ausschluß der umstehend ge- nannten vier Verbände, die durch ihr rücksichtsloses und gewalt- tätiges Vorgehen den Frieden unseres Betriebes gestört haben. 5. Arbeiter, die nach§ 4 Absatz 1 der Arbeitsordnung ohne Kündigung emgestellt sind, sind vor Unterzeichnung des neuen Eintrittscheines zu fragen, welchem Verbände sie angehören. Das Ergebnis ist dem obersten Betriebsleiter vorzulegen, ehe die Unterzeichnung des Eintrittsscheines erfolgen darf.— Ich be- daure sehr, daß ich zu diesen Maßnahmen genötigt worden bin, deren gewissenhafte Ausführung ich allen Beamten besonders empfehle. Nieder-Schönhausen, den 3. Dezember 1919. (gez.) Freese." Der„Gewerkverein" und der gelbe„Bund" stimmen jetzt schon ein Freudengeheul über diesen neuen„Sieg" an und schimpfen gehörig über die sozialdemokratischen Gewerkschaften und ins- besondere über den Deutschen Holzarbeiterverband. Ob hierzu nach der gegebenen Darstellung irgendwelche Veranlassung vorliegt, darüber kann sich jeder Einzelne ein Bild machen. Auch darüber, ob es sich bei dem Vorgehen dieses„konstitutionellen liberalen" Ar- beitgebers um eine„empfindliche Niederlage der Sozialdemokratie" handelt. Von den Verbänden und den Arbeitern wurde weiter nichts als ihr gutes Recht ausgeübt, nämlich Agitation zu betreibe» und ihre Arbeitsverhältnisse zu besprechen. Interessant ist es, daß gerade Herr Freese, der seit lange» Jahren sich besonders viel auf seine„sozialpolitische Einsicht" zugute tut, in dieser Weise verfährt. Das Urteil hierüber überlassen wir gern der Oeffent- lichkeit. Die hartleibigen Bauunternehmer. Da? Einigungsamt des Gewerbegerichts in Potsdam an- gerufen haben die Bauunternehmer. Sie wollen sich den Eni- fcheidungen des Schiedsgerichls in Dresden gelegentlich der dies- jährigen Bauarbeiteraussperrung nicht fügen. Die Zulage von 5 Pf. innerhalb der Gültigkeitsdauer ist ihnen zu hoch Die Potsdamer Unternehmer möchten also ein Extrawürftchen haben. Beide Parteien haben dem Gewerbegericht bereits die Namen ihrer Unparteiischen eingereicht. Deuttebes Reick). Der Streik bei der Firma Wizemann in Obertürkheim, Fabrik für künstliche Butter, sogenannte Palmbutter, ist durch Unterhand- lungen mit den Beteiligten, Organisationen der Fabrikarbeiter und Metallarbeiter, am Mittwoch, den 15. Dezember, beigelegt worden. Ttz.GIvcke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Berlag»ansta0 Die schriftlich niedergelegten Abmachungen wurden zn re» sanunlung der Streikenden mit Mehrheit angenommen und erfolgt die Wiederaufnahme der Arbeit von einem Teil der beteiligten Arbeiter und Arbeiterinnen am Montag, den 19. Dezember. Die übrigen werden etappenweise wieder eingestellt, soweit sie nicht bereits anderwärts in Arbeit stehen. ZZuslanck. Die amerikanischen Baugewerkschaften bilden seit drei Jahren einen großen Verband, der der American Federation of Labor an- geschlossen ist. Die vielen heftigen Grenzstreitigkeitcn unter den einzelnen Verbänden und die dadurch bedingte Zersplitterung der Kräfte gegenüber den Unternehmern haben schließlich die Nolwen- digkeit erwiesen, sich zu einem alle Baugewerkschaften umfassenden Verbände zusammenzuschließen. Wie weit diese Vereinigung ge- diehen ist, wurde auf dem jüngst abgehaltenen Verbandstag in St. Louis gezeigt. Angeschlossen haben sich 29 internationale und 2 Staatsvcrbände, sowie 125 örtliche Zcntralkörper. Die Mit- gliederzahl beträgt 492 864._ H119 der Frauenbewegung. Die geschlechtliche Erziehung. Unter dey Führung priesterlicher Kulturträger hat die Psyche der Menschheit einen grotesken Purzelbaum geschlagen und das Geschlechtsleben offiziell in Acht und Bann getan und eine Erb- sünde daraus gemacht., Das Geschlechtsleben ist nach der herrschen- den Anschauung etwas Niedriges, Unanständiges und die Mehrzahl der Menschen, die vom Geschlechtsleben sprechen, können davon nur in ekelhaften, widerlichen Zoten sprechen. Das Geschlechtsleben und die Geschlechtsorgane an sich können gar nicht niedrig und irgendwie„sündhaft" sein. Sie dienen dem Leben, sie sind Ouellen des Lebens und daran ist gewiß nichts Schlechtes oder Verwerfliches. Tie geschlechtliche Erziehung unserer Jugend ist von falschen Anschauungen ganz und gar beherrscht und das Uebel, der Ge- schlechtsmißbrauch in jeder Form wird dadurch grenzenlos ge- fördert und Gesundung, Reinheit und„Reinlichkeit" des Ge- schlechtsleben» ganz unmöglich gemacht. Soll es anders werden— und es muß anders werden, das ist eine Kulturpflicht, daran müssen und daran können wir alle arbeiten— also, soll es anders werden, dann vor allen Dingen in die Rumpelkammer mit der „Erbsünde" und mit den Zoten, dann vor allen Dingen die An« schauung unserer Jugend vom.Geschlechtsleben umgewandelt in eine keusche, rein und reinliche— dann, erst dann kann der Miß- brauch selbst betänipft werden. Denn erst dann haben wir ihm den Boden entzogen, auf dem er heute so üppig gedeiht. Die Mütter haben es nun vor allen Dingen in der Hand hier umwälzend und bahnbrechend zu wirken und den Kindern eine natürliche und reine, eine ganz keusche Anschauung vom Geschlechts- leben zu geben. Tu heißt es allerdings zuerst: Fort mit allen Lügen! Fort mit allem Verstecken und Heimlichtun! Fort mit allen Zoten! Nie dulde die Mutter eine Zote, weder gegenüber sich, noch gegenüber dem Kinde, noch vom Kinde selbst! Nie dulde die Mutter, daß vom Geschlechtsleben zweideutig, unanständig, gemein gesprochen oder dieses als etwas Schmutziges, Gemeines dargestellt werde. Nie mache die Mutter ein Geheimnis aus den Geschlechtsdingen. Nie lüge die Mutter dem Kinde etwas vor vom Storch oder anderen albernen Dingen. Jede Frage des Kindes beantworte die Mutter ruhig und einfach ohne viel Getue mit reinem Gemüte, wahrheitsgemäß, entsprechend der AuffassungS- kraft des Kindes. Z. B. das Kind fragt die Mutter, wo es her- gekommen sei, dann antworte die Mutter: Sieh, so wie die Blumen aus der Pflanze wachsen, die Frucht aus dem Baume, so bist auch Du aus der Mutler herausgewachsen und deshalb bist Du mein liebes Kind, das ich so lieb habe. Man lasse die Kinder auch ruhig zusehen, wenn die Haustiere ihre Jungen werfen; hier» bei kann nian anknüpfen und der Kinder"Fragen beantworten. Die Mutter bedenke immer: wenn sie das Kind belügt und ihm nicht eine reinliche Anschauung vom Geschlechtsleben gibt, dann kommen aber totsicher andere und klären ihr Kind zu seinem großen Schaden in schmutzigster Weise auf. Und dann ist etwaS im Kinde zerbrochen und zertreten, was nie wieder gut zu machen und der Verführung zu geschlechtlichen Verirrungen und Lastern ist ein Weg bereitet, der nicht so leicht wieder verbaut werden kann. Gerade die schmutzige Aufklärung ist häufig die Ursache, daß namentlich die Knaben sehr frühzeitig der geschlechtlichen Aus- schweifung verfallen und damit auch den ekelhaften und gefähr- lichen Geschlechtskrankheiten, während die jungen Mädchen nicht selten durch ihr vages Halbwissen, das gewipenlose Schurken aus» nutzen in Schande und Not getrieben werden. Sobald das Verständnis der Kinder es zuläßt, etwa mit Ein» tritt der geschlechtlichen EntWickelung vom 12., 13. oder 14 Jahre an, erkläre die Mutter den Kindern die Wichtigkeit, die große Bedeutung der Geschlechtsfunktion hinsichtlich der Fortpflanzung. Sie sage ihnen aber auch, daß die Geschlechtsfunktion auch die Aufgabe habe, die Nervenkräftc der erwackssenen Menschen zu. erhalten und zu steigern. Sobald aber der Mensch mit der Ge» schlechtsfunktion Mißbrauch treibe, also ausschweifend lebe, würden seine Nervenkräfte in schädlicher Weise verbraucht, schädlich für ihn und seine Nachkommen, während ein gesundes, mäßiges Geschlechts« leben ihn und die Nachkommenschaft sehr fördere, ihn und die Nachkommen zu starken Menschen mache. Die Erziehung muß in den Kindern, namentlich auch in den Knaben ein starkes geschlecht« liches Verantwortlichkeitsgefühl wecken, die feste Ueberzeugung: als vernünftiger und sittlicher Mensch bin ich für jeden Geschlechts. akt verantwortlich, niemals darf ich Geschlechtsmißbrauch treiben, jeder Geschlechtsmißbrauch ist eine Kulturschande. Erreicht die Mutter durch ihre Erziehung das, dann hat sie erreicht worauf es ankommt: reines, gesundes Denken und reine? gesundes Handeln in allen Geschlechtsdingen. Dann hat die Mutter eine Kulturtat allerersten Ranges geleistet. Denn ein gesundes Ge- schlechtsleben trägt ungemein dazu bei das Proletariat körperlich und sittlich stark zu machen. Und das starke Proletariat allein kann die politische Macht erobern und behalten und den Kapita» lismus stürzen. Also, ihr Mütter, voran in den Kampf gegen den Geschlechtsmißbrauch. Eure Kinder aufgeklärt und zu reioe.»- starken Menschen erzogen. letzte JVachrkbtcn. Drei Kinder erstickt. Köln, 19. Dezember.(W. T. B.) In W i e S d o r f sind heute nachmittag drei Kinder eines Arbeiters, die vermutlich mit dem Ofenfeuer gespielt. hatten, in der Wohnung erstickt. Die Mutter, die die Kinder auf kurze Zeit allein gelassen hatte, fand bei ihrer Rückkehr'die Stube verqualmt, die Ofenbank brennend und die Kinder leblos i» einer Ecke vor. Verzollung von Taschenfeuerzcugen. Paris, 19. Dezember.(W. T. B.) Die Deputierten» kammer hat den Gesetzentwurf betreffend die Verzollung von eingeführten Taschenfeuerzeugcn, Anzündern für Gas- und Azetylcnlicht, Zündhütchen und anderen Materialien, die zu deren Herstellung dienen, mit 445 gegen 65 Stimmen angenommen. Verhängnisvoller Gerüsteinsturz. Budapest, 19. Dezember.(B, H.) In der Wienstraße stürzte heute nachmittag das Gerüst eines Neubaues ein, wodurch ein Arbeiter getötet, drei schwer und mehrere leichter verletzt wurden._. Die Cholera in der Türkei. Koustantlnopel, 19. Dezember.(W. T. B.) Heute find 3? Er- kranlungen und 17 Todesfälle an Cholera zur Anzeige gebracht worden.__ Maul Singer& Co,, Berlin SW, Hierzu 3 Beilagen«. Unterhalt»«»»«. ir.297. 37. IahrgWg. 1. Anlage des Jonuitts" Kerlim Itollioliliilt. Dltüsillg. 20. ZtMbtt 1910. Die llioabiter Vorgänge vor Geriebt. Neunundzwanzigster Tag. Dor Eintritt in die Verhandlung werden don den Verteidigern mehrere BeweiSanträge gestellt.— Rechtsanwalt Heine mann: Das Polizeipräsidium hat den Beamten die Genehmigung erteilt. Auskunft zu geben, wieviele Beamte der 7. Abteilung in Moabit dienstlich beschäftigt waren. Unser Antrag geht weiter, wir wollen wissen, ob auch Beamte der Sittenpolizei oder anderer Abteilungen, in welcher Meidung und mit welchem Auftrage sie in Moabit waren. Ich beantrage, die Genehmigung zur Aussage über diese Punkte nach- zuholen.— Im Falle Gill, wo jemand, der von Beamten mihhandclt war. unter einen Wagen kroch und weiter mißhandelt wurde, hat sich herausgestellt, daß sich dieser Fall genau so zugetragen hat. wie wir behauptet haben, nur mit dem Unterschiede, daß der Mißhandelte nicht Gill, sondern ein anderer ist. Die Verwechselung ist zurückzuführen aus das Gespräch Gills mit Frau Noa. Wir haben dafür mehrere Zeugen, auch den Mißhandelten.— Erster Staats» anwalt: Der Name des Mannes?— Rechtsanw. Heine- mann: Den nennen wir nicht. Wir laden ihn selbst. Es ist ein Gelber. RechtSanw. Rosenfeld: In der vorigen Sitzung hat Polizeileutnant Folte und der Zeuge Drekolt Angaben gemacht, aus denen geschlossen werden könnte, daß ein Zusammenhang zwischen der Redaktion des.Vorwärts" und den Unruhen be- stehe. Ich beantrage deshalb: Redakteur Ströbel und die noch namhaft zu machen de ir anderen Re- dakteure des.Vor w.", Redaktionssekretäre und Redaktionsboten werden bekunden, daß ihnen niemals mitgeteilt worden ist. irgendwelche Personen hätten sich Urlaub genommen und beabsichtigten während des Moabiter Krawalls die Polizei auf einen Haufen zu locken, oder Rohrleger seien bestellt, um das Gas abzuschneiden. Diese Zeugen werden ferner bekunden, daß in den Tagen der Moabiter Unruhen niemand telephonisch, schriftlich oder mündlich in der Redaktion des .Vorwärts" angefragt hat, bis wann am Abend Berichte eingeliefert werden müßten, daß niemand im.Vorwärts" die Auskunft erteilt hat, Berichte würden nur bis 11 Uhr abends aufgenommen und daß eine solche Auskunft auch falsch gewesen wäre, da auch zu späterer Stunde noch Berichte für den »Vorwärts" aufgenommen werden. Das Gericht behält sich die Beschlußfassung vor. Hierauf wird die Zeugenvernehmung fortgesetzt. Der Dank an Veteranen. Arbeiter Kühl trägt die Kriegsdenkmünzen von 1870/71 auf der Brust. Er sagt: Ich habe in Moabit soviel abbekommen, daß ich zeitlebens daran zu tragen habe. Ich fühle heute noch Schmerzen. Ich kam vom Bahnhof Beusselstraße. Auf dem Damm blieb ich einen Augeublick stehen. Da kam eine Reihe reitender Schutzleute, die eine Attacke auf das Publikum mackiten, welckics vom Bahnhof kam. Ich wurde zu Boden gestürzt. Als ich mich erheben wollte, bekam ich einen Stoß mit dem Säbclgriff. Dann wurde ich auch noch mit Füßen getreten. Ich habe mich nach der Unfallstation geschleppt, wo ich verbunden wurde. Am Ellbogen und an der Schulter bin ich verletzt. Die Schuller schmerzt mich heute noch. An den Ver- lctzzmgen habe ich 8 Tage krank gelegen. Techniker Lönge hat nicht gesehen, daß Polizeibeamte Ausschreitungen begangen haben. Das wesentlichste was der Zeuge bekundet ist das: In einem Automobil, welches die Polizeikette passierte, stand ein Mann und schwenkte den Hut gegen die Menschen- menge. Möglich, daß er jemand in der Menge grüßte. Straßenbahn schaffner Graue hat am 28. September folgende Beobachtungen gemacht: An der Haltestelle Ecke Turm- und Beusselstraße standen Kriminalbeamte. Sie schlugen einen Herrn zu Boden, der eben aus dem Wagen gestiegen war. Als sich der Herr erhob, rief einer der Beamten:„Verfluchtes Aas, bist Du noch nicht weg". Dabei wurde der Herr nochmals mit Fäusten geschlagen. An der nächsten Hallestelle stieg ein Herr ein, der von einem uniformierten Schutzmann von hinten geschlagen wurde. Als stcki der Herr umsah, rief ihm der Swutzmann zu:„Verfluchtes Aas, ich hole Dich raus". Der Herr erzählte, er wollte eigentlich nach einer ganz anderen Richtung fahren, aber er habe sich in Kleines feuilleron. Genie und Warenproduktion. Zu den beliebtesten Argumenten der bürgerlichen Kritik der sozialistlschen Ideen gehört der Einwand, daß in der sozialistischen Gesellsckiast den Künstlern und damit der Kunst die heute gegebenen Möglichkeiten und Antriebe der Entfaltung verloren gehen würden. Ein charakteristisches Beispiel der Einwirkung der angeblich unentbehrlichen bürgerlichen Produktionsweise auf das künstlerische Schaffen findet sich in dem Werke Romain Rollands über Hektar B e r l i o z. Rolland erzählt: Als Berlioz' Frau einst schwer krank war, erwachte in ihm in einer Nacht plötzlich die Idee einer'Sinfonie. Er stand auf, um sie niederzuschreiben, aber da fiel ihm folgendes ein:„Wenn ich dieses Stück beginne, werde ich die ganze Sinfonie schreibe». Das ist eine bedeutende Arbeit, die mich drei oder vier Monate ganz in Anspruch nehmen wird. Ich werde kein Feuilleton mehr ichreiben(Berlioz war damals Musik- kritiker und bezog dafür 1500 Fr. jährlich) und nichts mehr ver- dienen. Denn wenn die Sinkonie fertig sein wird, werde ich der Versuchung nicht widerstehen können, sie kopieren zu lasten(macht 1000 bis 1200 Fr. Ausgaben), dann sie zur AtiMbrung zu bringen. Ich werde ein Konzert geben, dessen Einnahme kaum die Hälfte der Kosten decken wird, ich werde verlieren, was ich— nicht habe, werde nicht das für die arme Kranke Not- wendige haben, nichts mehr für meine persönlichen Ausgaben.... Diese Gedanken machten mich schauern. Ich warf die Feder weg und sagte mir: Ach was, morgen werde ich die Sinfonie vergessen haben. In der folgende» Nacht hörte ich das Allcgro vollkommen klar. Es schien mir, als ob ich es geschrieben sähe. Ich war fieber- Haft aufgeregt, sang das Thema und wollte schon aufstehen... Aber die Gedanken des Abends hielten mich zurück, ich bot der Ver- führung Trotz und klamnierle mich an die Hoffnung, zu vergessen. Endlich schlief ich ein und am nächsten Morgen, beim Erwachen, war jede Erinnerung in der Tat für immer verschwunden."— Kann es etwas Erschütternderes und Abscheulicheres geben, als diese einem Genie auferlegte bürgerlich-ökouomische Nützlichkeitsrcchnung? Musik. Die„Freie Volksbühne" hatte in früherer Zeit häufig Opernvorstellungen gegeben oder sich vielmehr solche von festen Ensembles geben lassen. Damit konnte sie freilich nicht so Pro- duktives leisten, wie sie es mit dem gesprochenen Drama getan. Denn erstens bedarf dies höherer Mittel, als ihr für gewöhnlich zur Verfügung stehen; zweitens waren nur minderwertige Ensentbles vorhanden; und drittens fehlten neue Werke. Mit der Zeit schlief das Operninteresse der„Freien" ein. Nun erwacht es zu unserer Freude wieder, und die Aufführung der„Schönen Helena" von I. O f f e n b a ch, die Sonntagnachmittag im Thalia» Theater erfolgte, gab für weitere Versuche' gute Hoffnungen. Man hatte vor allem einem bewährten, geschinackvollen Manne die Regie übertragen: F. W i t t e- W i l d. Dadurch konnte das Ensemble, diesen Wagen geflüchtet, weil die Schutzleute jeden schlugen, der an der Haltestelle stand und nicht in deu ersten ankommenden Wagen einstieg. A u g u st e B u ch lv a l d, die Frau eines Schutzmanns gibt in lebhaftem Redefluß eine sehr abfällige Charakterisierung des Straßen- Publikums. Die Menge— sagt die Zeugin— schimpfte furchtbar auf die Schutzleute.„Bluthunde",„Lausejungs",„Scharfrichter- knechte" wurde gerufen. Kinder rissen das Straßenpflaster auf. Ein Mann sagte zu ihnen:„Kinder, buddelt man tüchtig, das können wir heut abend brauchen." Wenn die Leute von Schutzleuten ver- trieben wurden, riefen sie:„Bluthunde, was habt Ihr uns zu sagen" und gingen nicht fort und schmissen nach den Schutzleuten mit Steinen. Leute, die von der Polizei vertrieben wurden, liefen in das Haus, wo ich wohne, Sickingenstr. 1. Einer sagte, inimer rein, daß mein Haus voll werde. Ich kam gerade mit einer Milchkanne vom Kühstall. Als ich ins Haus wollte, drängten sie mich zurück und einer sagte:„Du bist ja auch eine blaue Trine." Als ich oben in meiner Wohnung war, riefen sie:„Komm mal runter, blaue Trine." Blumentöpfe und Flaschen sind runtergeschmissen worden, daß sogar die arnien Pferde der Schutzleute geschrien haben.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Haben Sie Wasser vom Balkon gegossen?— Zeugin: Ich habe nur die Blumen begossen.— Rechtsanwalt Rosen feld: Gießen Sie immer im Stockdunkeln die Blumen?— Zeugin: Diesmal hatte ich nickt anders Zeit.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Sie wußten, daß unten Menschen standen und haben Wasser hinunter gegossen.— Zeugin: Unten riefen Sie Blut Hunde, ich hielt gerade die Kanne über der Ballonbrüstung und da ist Wasser runtcrgcfallen. Ich war so erregt, wenn ich gekonnt hätte, ich hätte noch mehr gemacht. Ich sagte damals:„Man müßte kochendes Wasser auf die Leute runtergießen.— Vor- sitzender: Na. Sie haben also etwas mehr Wasser auf die Blumen gegossen wie nötig ist.— Zeugin: Ja. warum schimpfen denn die Menschen auf die Schutzleute, die Schutzleute sind auch Familienväter, sie müssen ihr Brot sauer verdienen.— Ferner sagt die Zeugin, weil der Kaufmann Voigt aus die Schutzleute geschimpft hatte, habe sie ihn gefragt, ob er ihr noch etwas verkaufen würde. „Selbstverständlich", habe der Kaufmann gesagt und ihr verkauft, was sie haben ivollte. Auf die Frage, was Vogt geschiinpft habe, antwortet die Zeugin, er habe gesagt, die Schutzleute können machen, was sie wollen, und das Publikum wird geschlagen. Arbeiter K u f a l z hat auf dem Wege nach seiner Arbeitsstätte, der Turbinenfabrik, abends gegen 11 Uhr folgende Beobachtungen gemacht: Eine von einem Polizeileutnant geführte Linie von Schutz leuten trieb eine Menge von 40—50 Personen vor sich her. Die Menschen liefen schnell davon. Wen die Schutzleute kriegen konnten, der wurde mit dem Säbel geschlagen, Männer und Frauen ohne Unterschied. Der Leutnant gab ein Zeichen durch einen Signalpfiff. Da hörten die Schutzleute auf mit Schlage» und steckten die Säbel ein. Eine Frau, die ruhig an einem Hause stand, wurde von einem Schutzmann zur Seite geschleudert. Sie taumelte, suchte sich aber auf den Beinen zu halten. Da rief der Schutzmann„alte Sau" und gab ihr einen Stoß, daß sie zu Boden fiel. Ein Mann bekam einen Schlag, er sah sich erstannt um, da bekam er noch einen Schlag. Als der Zeuge an einer Straßcnbahnhalte stelle stand, sah er, daß an der Ecke, wo das Warenhaus Deutsch- land ist, Schutzleute stehen, die jeden Vorbeikommenden mit Fäuste» »ud Fußtritten bearbeiteten. Ein junger Mann, der aus diese Weise verprügelt wurde, verlor den Hut. Ehe er ihn aufheben konnte, trampclte ein Schutzmann den Hut entzwei. An den Prügeleien be- teiligien sich uniformierte Schutzleute und Kriminalbeamte. In der Nähe der prügelnden Beamten standen zwei Polizcioffiziere, sie wandten ihre Blicke»ach der Stelle, wo die Leute geschlagen wurden, schritten aber nicht dagegen ein. Wenn die Offiziere merkten, daß sie von den an der Haltestelle stehenden Personen beobachtet wurden, wandten sie ihre Blicke nach der Seite, wo nichts los war. Kaufmann Stellmacher gibt an, er sah am Bahnhof Charlottenbiirg eines Abends gegen 0 Uhr einige Arbeiter mit Hämmern. Sie sagten, wir fahren nach Moabit und schlagen de» Blauen die Köpfe ein. Die Arbeiter stiegen in denselben Zug wie der Zeuge, dieser stieg auf dem Bahnhof Beusselstraße aus, sah sich aber nicht um, ob die vermeintliche» Totschläger hier auch aus- stiegen oder weiterfuhren, lieber die Vorgänge auf der Straße sagt der Zeuge, wer sich anständig benahm, wurde von den Schutzleuten auch anständig behandelt. Wer ausrückte, der zeigte dadurch, daß er was verbrochen hatte. Nur einmal hat der Zeuge gesehen, daß jeniand von einem Schutzmann geschlagen wurde.— Auf eine Frage des Rechtsanwalts Cohn bemerkt der Zeuge, die Leute mit den Hämmern sahen aus wie Handwerker, die von der Arbeit kamen, ihre Redensarten hielt der Zeuge nicht für ernst gemeint- das diesmal eigens für den Zweck zusammengestellt war(zum Teil aus dem genannten Theater), bereits zu einem guten Zusammenspiel eingeübt werden; und wohl nur Kenner wissen, was das heißt. Am schwersten wohl war's, dem Graziösen. Sprudelnden und Wirbelnden der Operette gerecht zu werden. Wenn dies in der ersten Hälfte des Stückes weniger gelang als in der zweiten, so trug dazu vielleicht dazu eine Besorgnis bei, im„höheren Blödsinn" zu weit zu gehen. Allein es verträgt's noch und muß deshalb noch nicht unkünstlerisch werden.— Die Besetzung der Titelrolle durch eine gute Säugerin wir Ihnen Pfeffer und Salz in deu Hinter» stecken, damit Sie laufen lernen." o.® u''®rnu,merar Krieger sagt unter anderem: Die Leute wollten m unverschämter Weise durch die Schutzmanns- ketten. Die lliiverschämtheit bestand darin, datz sie sagten.„Ich wohne hier- ich habe das Recht, hier durchzugehen". Der Leutnant wies diese Leute zurück. Er wird wohl gewußt haben, datz sie dort nichts zu suchen haben. Ich habe die Uuffanung, datz diese Leute plamnützig vorgingen. Aus der dunkle» Roslocker Slratze kam ein großer Lastwagen. Der fuhr gerade auf den Herrn Leutnant und mich los, so datz wir gefährdet waren. Der Herr Leutnant ritz mich zurück und wandte dadurch die Gefahr von mir ab. Leute, die an der Haltestelle standen, gaben bor, datz sie mit der Stratzenbahn fahren wollten. Ein Wachtmeister fragte, mit welcher Linie sie fahren wollten. Manche gaben freche Antworten, sie sagte»»: „DaS geht Sie gar nichts an." Eine Droschke mil höheren Polizei- bcaniten kain vorüber. Die Beamten wurden angepöbelt. Ein Strolch sagte:„Au, da sitzt Herr v. Jagotv drin, schn»eitzt nial een Stein rin." Leute mit blutenden Wunden wurden wie Helden in der Menge gezeigt.— Rechtsanwalt Heine: Oder wie Opfer?— Zeuge: Ach nein, ich glaube nicht, datz da Ovfer ge- fallen sind.— RechtSanw. Heine: Was Sie glauben, ist gleich- gültig. Ich meine, ob die Verwundeten nicht als Opfer des Vor- gehens der Polizei betrachtet wurden.— Zeuge: Das Herumzcigen sollte aufwiegelnd wirken.— Vors.: Hatten die Leute vielleicht Mitleid mit den Verwundeten?— Zeuge: Ich persönlich hatte kein Mitleid.— Rechtsanw. Heine: Wie alt sind Sie?— Zeuge: Zwanzig Jahre. Gleichzeitig wendet er sich nach dem Tische der Verteidiger und sagt erregt:„Ich verbitte inir solche Beinerkungen." Dann wendet sich der Zeuge an den Vor« sitzenden mit den Worten:„Herr Vorsitzender, ich bitte um Schutz. Der Verteidiger sagt, ich solle erst etlvaS kennen lernen. Er will mich also als dummen Zungen hinstellen."— Der Vorsitzende richtet hierauf an den Staatsanwalt die Worte: Es ist voin RechtSonivalt Cohn die Beinerkung gemacht worden:„Lernen Sie erst etwas kennen." — Erster Staatsanwalt: Einem Zeugen, der hierunter seinem Eide eine Aussage macht, darf nicht eine solche Bemerkung zugerufen werden. Ich stelle anheim, eine Ungebührstrafe zu verhängen.— Rechtsanwalt Cohn: Meine Beinerkung ist nicht vollständig wiedergegeben. Ich sagte:„Dann lernen Sie ettvaS kennen im Lebe»»." Diese Bemerkung ist veranlaßt durch die Aeutzerung. daß er kein Mitleid empfunden hat mit den geschlagenen und verwundeten Opfern, sowie überhaupt»nit den Geschlagenen. Diese Aeutzerung deS Zeugen scheint mir nur erklärlich dilrch die von ihm bekundete außer- ordentliche Gehässigkeit und daS autzerordentlich unreife Urteil, ivelches er hier vorgetragen hat. Ein von so völliger Unreife zeugendes Urteil lvürde er nicht abgegeben haben, wenn er mehr Lebenserfahrung hätte. Eine Ungebühr kann ich in dieser Bemerkung nicht finden.— Vors.: Sie nehmen Ihre Aeutzerung nicht zurück und sprechen kein Bedauern darüber aus?— Rechtsanwalt Cohn: Wenn ich nicht durch die Aeutzerung des Zeugen in Erregung geraten wäre. dann würde ich meine Bemerkung im Plaidoyer, aber nicht jetzt gemacht haben. Mein Bedauern kann ick, nicht aussprechen. Das Recht der Kritik von Zeugen, welches der Vcrteidnng zusteht, würde beschränkt iverden, weil» eine zu einer Zeugenaussage gemachte rein kritische Bemerkung als Un- gebühr angesehen werden sollte. Eine Absicht der Beleidigung lag selbstverständlich nicht vor. Die Person deS Zeugen ist mir voll- kommen gleichgültig. Nach längerer Beratung deS Gerichts verkündet der Vorsitzende: Da die Aeutzerung deS Rechtsanwalts Cohn:„Dann lernen Sie erst etwas kennen im Leben" eine Ungebühr enthält, zumal vom Vor- fitzenden wiederholt darauf hingewiesen ist, datz Zwischenbeinerkunaen bei den Zeilgenvernehmungen unstatthaft sind und der Verteidiger sich zu einer Ztirücknahme nicht verstanden hat, wird gegen den Rechtsanwalt Cohn eine Ordnungsstrafe von 30 M. verhängt. Rechtsanwalt Cohn stellt und begründet einen Antrag auf Haftentlassung des Angeklagten Heide, eventuell gegen Kaution oder Bürgschaft durch den Vater.— Nach kurzer Beratung lehnt daS Gericht de» Antrag ab. Damit schlietzt die Sitzung. Heute lsi/s Uhr wird die Verhand- lung fortgesetzt.__ Hud Induftne und Ftandel Rheinisch-Westfälisches Kohlensyndikat. Die Förderung stellte sich im November insgesamt auf 7114 373 (6 822 522> Tonne» oder arbeitStäglich auf 294 896(282799) Tonnen und im vorigen Monat aus 7182113 resp. 276 23ö Toinien. Der Versand einschließlich Landdcbit, Deputat und Lieferungen der Hüttenzechen an die eigenen Hütteniverke betrug in Kohlen bei 24l/z (24'/«) Arbeiistagen 4 797 684(4 693 469) Tonnen oder arbeitstäglich 196 133<196 493) Tonnen; an Koks bei 39(39) Arbeitstagen 1447799(1233444) Tonnen oder arbeitstäglich 48267(42731) Tonnen; an Briketts bei 24'/«(24'/°) Arbeitstagen 288 829(268896) Tonnen oder arbeitstäglich 11 972(19 723) Tonnen. Rentabilität der ElektrizitätS« und Gaswerke. Insgesamt haben in den ersten elf Monaten d. I. 193 Betriebe »nit einem Aktienkapital von 468,26 Millionen Mark iin Jahre 1998/99 und 696,27 Millionen im Jahre 1999/19 ihre Geschäftsabschlüsse für da« letzte Betriebsjahr veröffentlicht. Ein Vergleich der Gewmnergebnifle mit den vorjährigen ist nur bei 182 Gcsellschaflen möglich, die 1998/99 ein Aktienkapital von 444.18. im Jahre 1999/19 ein solches von 488,69 Millionen Mark aufwiesen. Nach dem Hauptzweck unterschieden, gruppierten sich die mit einem Reingewinn arbeitende» Gesellschaften, wie folgt: eS betrug Zahl der Gesell- Aktienkapital Reingewinn schaften in Millionen Mark in 1999 M. 1998,09 1999/19 1908/99 1999/19 1098/99 1999/19 ElektrizitätS- gesellichasten 66 68 349,29 379,69 33,70 38.9« GaSgescll- schafien.. 73 79 64,61 81,39 12,61 16.82 Elektrizit.- u. GaSgescllsch. 33 34 24,49 24.69 1.61 2,90 Die reinen Gasgesellschaften haben ihren Gewinn relativ am kräftigsten zu steigern vermocht. Die Dividendenergebnisse waren bei den Gesellschaften, bei denen sie sich mit den vorjährigen vergleichen liehen, folgende. Es betrug»ach den iwährend der ersten elf Monate bekannt gegebenen Bilanzen: h.„ Aktienkapital in Dividende in Millionen Mark Prozent Gesellichasten 1908/09 1909/19 1008/99 1909/19 Elektrizitäts-Gesell- schaslen.... 57 854,52 389,43 7,2 7,8 GaSgesellschaflen. 74 62.43 78,78 13,4 12,3 ElektrizitätS- und Gasgesellschaften 36 24,69 24,76 5,2 5.4 Bei den reinen GaSgesellschaften ist die Dividei»de zurück- gegangen._ Die europäische Znckcrerzcugnng für 1910/11. Die Internationale Vereinigung für Zuckerstatistik veröffentlicht nachstehende Schätzungen der Zuckererzeugung pro 1919/11 als Er- gebliis ihrer Umfrage voin 7./14. Dezember 1919: 1999/19 1919/11 Steigerung in 1999 Tonnen in Prozent Rübenverarbeitung... 49 603 51 917 27,8 Zuckererzeugung.... 6 092 7 947 80,5 Hierzu bemerkt die Vereinigung: In Deutschland haben vier Fabriken die Umfrage nicht beantwortet; die Rübeiiverarbeitimg und Zuckererzeugung derselben sind schätzungsweise eingesetzt. Die Oktober- Umfrage ergab 14 962 699 Tonnen Rüben und 2 323 769 Tonnen Zucker oder 14,94 Proz. Ausbeute. Die Novcmber-Unisrage ergab 16 276 380 Tonnen Rüben und 2 424 849 Tonnen Zucker oder 16,23 Proz. Ausbeute. Die neueste Schätzung übersteigt die vor- herigen abermals. Die Ausbeute der Rüben verarbeitenden Fabriken stellt sich durchschnittlich auf 16,51 Proz. gegen 16,11 Proz. im Vorjahre. Als Erzeugung an Melassezucker für 1919/11 sind 99 909 Tonnen gerechnet und in den obenstehenden Zahlen mit enthalten(im Vor- jähre»vurden 89 817 Tonnen erzeugt). In der Zahl der voraussichtlichen österreichisch-ungarischen Zucker« erzeugung für 1919/11 sind geschätzte 19990 Tonnen Melassezucker- erzeugting enthalten. Die Rohrzuckererzeugung der spani'cben Koloinen»vird für 19t9/11 mit 24 990 Tonnen(Rohrernte 240 999 Tonnen) gegen 19 090 Tonnen(Rohrernte 189 999 Tonnen) in 1999/19 angeiiominen._ Gcrichtö- Zeitung Tienstbote und Gutsverwalter. � Von den Leiden, denen ländliche Dienstboten ausgesetzt sind, entrollte eine Verhandluitg vor der Strafkammer in Stolp ein entsetzliches Bild. Wegen Körperverletzung war der Gutsverwalter Karl Krämer aus Breitenberg vom Schöffengericht in Pollnow zu 3 Woche»r Gefängnis und 65 Mk. Geld st rase verurteilt»vor- den. Gegen dieses Urteil war Berufung eingelegt, die Verhandlung ergab folgenden Tatbestand. Bei dem Angc- klagten war die 20 Jahre alteMartha Hinz als Wirtschafterin tätig. Trotzdem der Angeklagte verhei- ratet und Vater von drei Kindern ist, veranlatzte er die Wirt- schafterin zuin intiinen Geschlechtsverkehr mit sich. Die Ver- führte kam iil andere Umstände ui»d wurde später wegen versuchten Kindesmordes zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Als der Angeklagte die Folgen seines intimen Verkehrs sah, verübte er gegen die Schwangere fortgesetzt Mitzhandlunge:». Er schlug sie mit der Reitpeitsche ins Gesicht. Schläge mit dem be— rühmten„Spazierstöckchen" auf allen Körperteilen, wcch- selten»nit Fußtritten(der Angeklagte trug lange Reitstiefel) und Ohrfeigen ab. Die gemeinsten Schimpfwörter mutzte die Verführte über sich ergehen lassen. Sogar nach überstandenem Wochenbett wurden Schläge ausgeteilt. Der Angeklagte gab als Grund für dieses schändliche Treiben„Unbotnrätzig- keit" des Dienstboten an. Die Schläge seien teilweise auch nur „aus Scherz" geschehen. Wenn sie etwas grob ausfielen, so sei sein leicht erregbarer Zustand daran schuld, denn er sei krank und leide an gichtischen und rheumatischen Schmerzen und nach den Zornausbrüchen sei sein Znstand stets besser ge- worden, er hätte dann Linderung von seinen Schmerzen ge- spürt. Festgestellt wurde unter anderem, datz er die Hinz, als diese schwanger war, mit deu Fützen gestotzen hat. so datz sie aus der Tür aus den Misthaufen fiel. Auch zwei andere Dienstboten hatte dieser hochgebildete„Gnädige Herr" mit den gemeinsten Schimpfwörtern beleidigt und sie»nitzhandelt. Der Staatsanwalt hielt nach der Beweisaufnahme die erkannte Strafe für zu niedrig bemessen und forderte eine Erhöhung auf 1 I a h r G e f ä u g u i s. Der Angeklagte habe das Mädchen, das seiner Obhut anvertraut war, nach Befrie- digung seiner Gelüste in das Unglück gestürzt und sich einer systematischen Quälerei schuldig gemacht. Das Urteil lautete auf K Monate Gefängnis wegen gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen. Begründend wurde ausgeführt: Der Angc- klagte, der verheiratet und Vater von drei Kindern ist, hat sich nicht gescheut, die Hinz zur Zeit des Geschlechtsverkehrs und nachher in brutalster Weise zu mißhandeln. Das zeugt von einer Gefühlsroheit sondergleichen. Wenn auch der Arbeit- gcber vor deu Angriffen der Arbeiter geschützt werden mu�, so hat aber auch das Gesitlde Anspruch auf Schutz vor Miß- Handlungen des Arbeitgebers. Wäre die unendlich rohe Tat möglich gewesen, wcmr nicht die Fesseln der Gesindeordnung und der Koalitions- beschränkung beständen? Wäre die Wirtschafterin Mitglied des Verbandes der Hausangestellten gewesen, so wäre den zum Himmel schreienden Roheiten bald ein Ziel gesetzt. Verführung Minderjähriger. Die schon so lange schlvebende und so oft erlvähiite Strafsache gegen den praktische»» Arzt Dr. med. Egon Härtung in Rixporf kam gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Licpmann zur Verhandlung. Die ursprunglich auch auf Notzucht gerichietei» Beschutdigungeu gegen Dr. Härtung sind im Laufe der Zeit zusammengeschrumpft. Be- züglich der Beschuldigung der Notzucht ist Dr. H. durch Gerichts« beschluß außer Verfolgung gesetzt worden, da die belastenden An- gaben der betreffenden Zeugin und deren Angehörigen nicht auf- rechtcrhalten werden konnte»». Es blieben nur noch zwei Fälle übrig, in denen sich Dr. Härtung der Verführung einer Minder- jährigen bezw. der Freiheitsberaubung schuldig gemacht haben soll. Die Anklage wurde vom StaatSanwaltschaftsrat Pabst vertreten, der Angeklagt« vom Rechtsanwalt Bah» verteidigt. Die Verhand- lung fand zum größten Teil unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Der Angeklagte bestritt auch in diesen beiden Fällen jede Schuld. In dem Fall der angeblichen Verführung habe er das botreffende Mädchen, tvelches»veit über seine Jahre entwickelt sei. kennen gelernt, als er einen Kassenarzt vertrat. Als er dann»ach Rirdorf übergesiedelt sei, habe sich das Mädchen, von der er absolut nicht annehmen konnte, daß es erst 16 Jahre alt war, ihm genähert, allerlei Liebesbriefe geschrieben und rhu in seiner Wohnung auf- gesucht. In dem Falle der angeblichen Freiheitsberaubung gegen eine Freundin seiner früheren Empfangsdame sei von einer gewalt- samcn Zurückhaltung des Mädchens gar keine Rede, vielmehr habe das Mädchen ohne jede Schwierigkeit aus dem betreffenden Zimmer hinausgehen können. Die Beweisaufnahme fiel so günstig für den Angeklagten aus, datz der Gerichtshof entsprechend dem Antrage d-s Staatsanlvalts und des Verteidigers auf Frrisprrchnng erkannte. Hus aller Alelt. öebwere GxploHon in einer KraftTtation. Durch eine heftige Gasexplosion in der neu- erbauten Kraftstation der New Jorker Zentralbahn wurde gestern in N e w A 0 r k ein schweres Unglück angerichtet. Aus bisher nicht bekannten Ursachen kam es zu der Gasexplosion, der einen Augenblick später eine Dynamitexplosion folgte. Die Wirkting der Explosion war eine entsetzliche. Zwölf Menschen wurden getötet und dreißig schwer verletzt. Das Gebäude stand sofort in Flammen. Die Gewalt der Dynaniitexplosion war so stark, datz ein mit Passagieren besetzter Wagen der elektrischen Bahn durch den Liiftdruck in die Höhe gehoben wurde. Der Wagen stürzte dann auf ein vorbeifahrendes Automobil vieder. Durch dieses neue Unglück wurden vier Menschen getötet und eine große Anzahl schwer verletzt. In weitem Umkreise wurden durch den Luftdnlck die Fensterscheiben der Wohnhäuser eingedrückt und auch sonst erheblicher Sachschaden verursacht._ Flugkoukurrenzen 1911. Die„Flugzeugkommisfion", die Vertretung der avlatischen Sportklubs, hat bereits die Termine für die für das Jahr 1911 geplanten Flugkonkurrenzen festgesetzt. Der große inter» nationale Ueverlandflug �artS— Setliit— Srüffel— London— Paris soll danach vom 4.— 18. Juni stattfinden. Ferner werden eine ganze Reihe von deutschen Ueberlandflii gen und Flugwochen an folgenden Terminen stattfinden: 1. 0.— 21. April Fernflug Ulm— Friedrichshafen. 2. 16. April Wetifliegen in Dresden. 3. 27. April— IS. Mai Fernflug Aachen— Berlin. 4. 4.— 12. Juni Flugwoche in I o h a n n i s t h a l. S. 18.— 22. Juni Flugwoche in Kiel, daran anschliefiend Fernflug Kiel— Ha m« bürg— Berlin. 6. 1. Juli 1911—30. Juni 1912 Groher Jahres flug-Wettbew erb. 7. Zwischen dem 1.— 17. Sep- tember Flug iiber den Harz. 8. 24. September— 10. Oktober Wettfliegen in Johannisthal. 9. September oder Oktober Wettfliegen in Breslau. 10. im November Motorenwettbewerb in Berlin.— An Preisen sollen insgesamt über eine Million Mark zur Berfiigung gestellt werden. Plünderung eines Jutvelierladens am hellen Tage. In Dresden schleuderte gestern Nachmittag gegen 4 Uhr ein gutgekleideter, etwa 25 Jahre alter Mann einen großen Stein in das Schaufenster des Juweliergeschäfts von E l i n r e y e r. Ehe sich die Passanten von der durch daS Niederprasseln der Scherben ver- ursachten Ueberraschung erholt hatten, raffte der kühne Räuber aus der Schaufensterauslage Schmucksachen im Werte von etwa 36 000 Mark zusammen und entfloh. Von mehreren Personen verfolgt und in die Enge getrieben, flüchtete der mit einer Gesichtsmaske bedeckte Räuber in das Gebäude der kgl. Kreishauptmannschaft, wo er die Treppen hinauffloh. Auf der Treppe vom ersten zum zweiten Stock jagte sich der junge Mann, dem ein Entweichen unmöglich war, eine Kugel in den Kopf, die ihn sofort tötete. Dem Beraubten konnten sämtliche Wertsachen zurückgegeben werden._ Erdbebenkatastrophe in Südamerika. Nach einer der„New Uork Times" über Port Limon (Republik Honduras) zugegangenen Nachricht hat sich infolge eines Erdbebens die Insel im Jlopangosee bci San Salvador gesenkt. Es sollen etwa 170 Personen ertrunken sein. Vom Flugsport. Einen Acht-Stuiiden-Rekordflug machte am 18. Dezember H e>l r y F a r m a n. Er überbot damit den bisher längsten Daucrflug Tabuteaus um zwei Stunden. Jedoch legte er in dieser Zeit 2,1 Kilometer weniger zurück als Tabuteau, der mit seiner schnelleren Maschine eine Distanz von 404,7 Kilo- meter zurückgelegt hatte. Absturz Graham WhiteS. Graham White, der Sieger des Gordon-Beimet-Megens, der den Kanal überfliegen wollte, stürzte am 18. Dezember in Dover bei einem Probefluge mit seinem Bleriot-Apparat ab, wobei er erhebliche Verletzungen im Gesicht erlitt. Er hofft jedoch, in acht Tagen wieder- hergestellt zu sein und will dann sofort den Kanalflug an- treten. Einen bemerkenswerten Flug führte Cattaneo dadurch aus, daß er die Mündung des Rio de la Plata überflog. Da er sich unterwegs verirrte, gebrauchte er zur Znrücklegung der 130 Kilometer langen Strecke 2 Stunden 20 Minuten. Kriegervereins-Terrorismns. In dem schleswig-holsteinischen Orte Unaften sollte am vergangenen Sonntag eine sozialdemokratische Versammlung statt» finden, wozu der Wirt aus geschäftlichen Gründen sein Lokal her- gegeben hatte. Als diese„Missetat" bekannt wurde, erschien in den „Jlensburger Nachrichten" folgendes Inserat:_ An ble Gewehres Militärverein Handewitt und Ilmgegend. Den Kameraden zur Nachricht, daß der Wirt in Nn» asten seine Lokalitäten für sozialdemokratische Zwecke zur Verfügung gestellt hat, und ist beschloffen worden, die Kaiser-Geburtstagsfeier in der Gastwirtschaft in Ellund abzuhalten. Der Borstand. Und diese Gesellschaft erdreistet sich, über TerrorismuS der Sozialdemokratie zu zetern._, Kleine Notizen. Eine menschliche Fackel. Die Frau eines Schloffers JaSlowSki aus Halle a. S. übergoß nach einem Streit mit ihrem Eheinaim ihre Kleider mit Petroleum, zündete diese an und stürzte sich, einer Feuersäule gleichend, auS dem ziveilen Stockwerk a u f d e n H o f h i n a b. In hoffnungslosem Zustande wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Nach einem kurzen Wortwechsel erschoß in B e r i ch im Fürstentum Waldeck am Sonntag ein italienischer Erdarbeiter den Kantinen- wirt M a r t i g u o n. Auch die Frau des Erschossenen wurde durch eine zweite Kugel lebensgefährlich verletzt. Der Totschläger wurde verhaftet. Vom Spiel in den Tod. In Nietleben bei Halle a. S. vergnügten sich die vier Kinder eines Arbeiters mit brennenden W e i h n a ch t s k e r z e n; dabei gerieten ihre Kleider in Brand. Ein Kind erlitt den Flamentod, während die übrigen drei schwere Brandwunden davontrugen. Umsturz eines PostautomobilS. Das Postautomobil, da» in den Tiroler Alpen den Lokalverkebr zwischen Neumarkt und Predazzo vermittelt, ist am Sonntag umgestürzt. Zwei Personen wurden schwer und zehn leicht verletzt. Unter den Verletzten be- finden sich keine Reichsdeutsche. Nntcrgrgaagener Dampfer. In der Nähe der schwedischen Hafen- stadt Geste ist der schwedische Dampfer„Cedric", der mit einer Besatzung von 16 Mann eine Ladung englischer Kohlen beförderte, gesunken. Von der Besatzung sind zwölf Mann ertrunken. HDSSHHch-««»«»»»SS. & Unserem Kollegen Paul Vn.»*. a ,1 A»♦ 1 « » Q 9 9 egl Dochow nebst grau zur silbernen Hochzeit die herz- lichstcn Glückwüniche. 2Z2gb Die Kollegen der Abt. Hollen. Vach, Turbinen-Fabrik. sSSSSASSHSSGSl Am 17. Dezember, vormittags IG1/« Uhr. verstarb nach langem, schweren Leiden mein lieber Mann und guter Bater, der Gürtler �uxust Neckmaaa im Sö. Lebensjahre. Dies zeigen ttesbetrüdt an Anns lieckmann geb. Günther und Lohn. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den LI. Dezember, nach- mittags 3 Uhr. von der Leichen- halle deS neuen Jerusalem-Kirch- hoseS, Hermamistratze, aus statt. llevtseligs Metallarbeiter-Yertand Verwaltungsstelle Berlin. Toden-ilnzelffen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Milglied, der Gürtler Heekmann an Nerven- August am 17. Dezember leiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den LI. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- alle deS neuen JerusalemS-Kirch- oseS, Hernrannftrabe, aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Gürtler Sermann Albreedt am IS. Dezember durch Freitod. Die Beerdigung findet am DienSiag, den Lv. Dezember, nachmittags S'/, Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde-Fritd- hoseS in Erkner aus statt. Ferner starb die Arbeiterin unser Mitglied, Harltta Stabs am 17. Dezember, Die Beerdigung findet am Dienstag, den L0. Dezember, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle deS Maricndorscr FriedhoscS InMariendors aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 131/6 Die Ortsverwaltung. Wanil der Sratirt- mi HHeiter SIÄÄ. Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß am 17. Dezember der Kollege Joseph HolTricbter Patzenhoser Brauerei, Abteilung ll verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung ersolgt heute, Dienstag, nachmittag« 2'/, Uhr. von der Leichenhalle deS städtischen FriedhoseS, Müller-, ElkeSecstraße au«. 44/4 Rege Betelligmig erwartet _ Die OrtSderwaltung. Danksagung. ir die uns anläßlich des Zeiitral-Kraolteii- buiI SterM Ortsverwaltung Bezirk 8 (Gesundbrunnen). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Karl Butm am Sonnabend, den 17. Dezember, verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den LV. Dezember, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle de» städtischen FriedhoseS, Mällerstraße, Ecke Leeftr., aus statt. Um rege Beteiligung bittet 2330b Die Ortsverwaltung. Am Sonnabend, den 17. d, M., starb nach langem, schwerem, mit stiller Geduld getragenem Leiden meine inniggelicbte Frau und herzensgute Mutter meiner ein- zigen Tochter EEmiHe Lieschke geb. Richter im Mter von 48 Jahren, Die« zeigen mit der Bitte um stille Teilnahme ticsbetrübt an Prleelrleh I-lenchhe nebst Tochter. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 21. d. M., nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des EminauS-Kirchhosc«, Hermannstrahe, auS statt, 2328b Allg. Bolks-Wolinnngs- Bau- u.Sparverb.lvr.Bcrlin Dienstag. 27. d. M.. nachm. 4 Uhr, bei Sternowski, Gledilschstr. 47 außeroi-deuttlehe Generai-Versammlung Tagesordnung: StaNitenändennig. Onnksasnng. ür die liebevolle Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Be- erdigung meines unvergeßlichen Mannes und unsere? Sohne» sprechen wir allen Freunden und Bekannten, dem Kassen-Ouartett der O. K. K., sowie dem GewcrkSoerein selb- ständiger Handwerksmeister, ins- besondere dem Genossen Waldeck Manass« für seine wohltuenden Worte am Sarge deS Entschlajenen unseren innigsten Dank ans, 22886 Die trauernde Witwe Iba Brrska. geb. Bogatsch. Franz Breska und Frau. Offeriere tn nur srischer, schöner Ware: SV Nur ein Preis!"VGI S Gänse 0,65 8-14 Pfund schwer.• SM- Nur allererste Qualität GänserOmpfe, V2 Ganse. Fette Suppenhühner, jge, Brathühner. �v�nvr, SQ., Marianncnstr. 84. Damen-Konfektion direkt der Fabrik. Kein Laden. Auch Einzelverkauf enorm billig! Kostüme Kostüm-Röcke Paletots Kimonos Gott-Jacketts Mädchen- Paletots. IHobertSaumgartenl Hausvogteiplatz II, 1. Etg.j schrägüber Untergrund-Bahnhof. f Santa-- Lucial BlCIBrUKISCA Vlfeihnachts• Cettänkl feurig süsser Kraft-Rotwein Rasohe 1.50 u. 2.00 Dr. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prlnzenstr. 41, Ä'X, 10—2. 6—7. Sonntags 10—12. 2—4 Bei Vorzeigung dieses In I serntes an der Kasse werden I 5"/0 Kebatt vergütet. 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In der Beweiserhebung haben von den 13 Zöglingen, bei denen die Anklagebehörde der ihnen widerfahrenen Züchtigungen als Mißhandlungen ansieht, bisher 13 ihre Leidensgeschichten vor- getragen. Bon den noch ausstehenden Fällen wird jetzt der Fall Preußer erörtert. Zöglina Preußer� der inzwischen nach Vollendung des 21. Lebensjahres aus der Fürsorgeerziehung ausgeschieden ist, wurde wegen des Verdachts, eine Flucht beabsichtigt zu haben, auf Pastor Breithaupts Befehl durch den üblichen Strafvollstrecker Engels mit 75»der mehr Peitschenhieben bestraft. Die Aufseher Wrobel und Wendland halfen schlagen, weil es einer allein nicht schaffen konnte. Halten mutzten den Preutzer mehrere Zöglinge, die als Zuschauer hinkommandiert worden waren. Die Anklage behauptet, daß Preutzer nach dem ersten Hieb aufsprang und um Schonung bat, weil er einen Bruch habe. Engels mit Wrobel und Wendland hieben blindlings auf ihn ein, bis er sich wieder über den Schemel legte und nun von Engels und Wendland regelrecht mit ihren Reitpeitschen bearbeitet werden konnte. Wrobel soll dabei, wenn Preutzer strampelte, ihn mit einem Gummiknüppel auf Waden und Sohlen geschlagen haben. Der Gezüchtigte wurde mit der großen Kette geschloffen und soll im Arrest so an die Wand gekettet worden sein, daß er weder geradestehen noch sich legen konnte. Breithaupt, der sonst überall zugegeben hat, selber die Be- strafungen angeordnet zu haben, bestreitet das im Falle Preutzer; tatsächlich sei er bei der Auspeitschung nicht zugegen gewesen. Ich übernehme aber, sagt er, die Verantwortung, auch wenn ich nicht dabei war; denn wenn einer bestraft wurde, so war es Pflicht des Anstaltsleiters, dabei zu sein.— Breithaupt räumt aber ein, daß er Preutzer nach der Züchtigung mit der großen Kette schließen ließ. Er erzählt schließlich auch eine in der Anstalt vorgekommene Diebstahlsaffäre, die Ausraubung einer der Schwester Olga ge- hörigen Sparbüchse, und fügt hinzu:„Das war auf das Konto Preutzers zu setzen, nehme ich an." Engels„glaubt", daß Preutzer im ganzen 75 mit der Reit Pritsche bekam, doch er„weiß es nicht genau", weil er„zu aufgeregt war". Wrobel bestreitet, daß er mit einem Gummiknüppel schlug. Preutzer habe mit Gewalt niedergelegt werden müssen. Auch Wendland wehrt sich dagegen, daß er den Gummiknüppel benutzt habe. Lang hat in der Voruntersuchung, wo er noch nicht Angc- ilagter war, ausgesagt, Wrobel oder Wendland habe mit dem Gummiknüppel fünf auf die Wade gegeben. Jetzt weiß er es nicht mehr, aber er erklärt, es aufrechterhalten zu müssen, wenn er es damals gesagt habe. Zu der Frage, ob in dem Fall Preutzer auch Freiheits- beraubung vorliegt, stellt der Vorsitzende durch Verhör von Engels fest, daß der durch eine starke Bohlentür verwahrte Arreftraum von einem nicht ohne Werkzeug zu öffnen war. Wrobel behauptet: Ich schloß die Zöglinge immer nur so an, daß sie sitzen und auch sich legen konnten.— Vorsitzende�: In der Voruntersuchung haben Sie gesagt, daß sie nur eine gebückte Haltung annehmen konnten.— Wrobel: Das war übertrieben, ich hatte das aus Aerger gesagt Ueber die Persönlichkeit Preußers will Breithaupt unzureichend informiert gewesen sein. Ihm sei nicht bekannt geworden, daß Preutzer erst im März 1999 in Lichtenberg einen Oberschenkelbruch erlitten habe. Auch wisse er Nicht, daß schon bei Preutzers Ueber Weisung zur Fürsorgeerziehung Zweifel an seiner Geistesgesund> heit geäußert worden seien. Er sagt, Preutzer sei ihm im Gegen teil sehr verschlagen vorgekommen.— Vertreter der Staatsanwalt� schaft Assessor Liman: Im UeberweisungSbeschlutz ist ausdrücklich gesagt worden, das sei zu berücksichtigen.— Breithaupt: Den tleberweisungsbeschluß babe ich nie zu Gesicht bekommen.— Lehm: Hentschel aus Lichtenberg bekundet, Preutzer sei der Anstalt als ein körperlich und geistig stark verwahrloster Bursche zugeführt worden, habe sich aber nie widersetzt. Er sei unzuverlässig und unwahr, doch nie gewalttätig. Die Anstalt Lichtenberg habe übrigens in ihren Akten nicht den endgültigen Beschlutz auf Ueberweisung zur Fürsorgeerziehung gehabt, sondern nur den vorläufigen, in dem nichts von Geistesminderwertigkeit gestanden habe. Inspektor Buth bezeichnet Preutzer als leichtfertig, aber in geistiger Hinsicht bedenkenfrei. Den Zeugen Preußer, der aus Strafhast vorgeführt wird, fragt vor der Vereidigung der Vorsitzende: Worin besteht das Wesen des Eides?— Zeuge: Man kann einen Meineid sckwörcn. — Borsitzender: Was ist das, ein Meineid?— Zeuge(nach einigem Besinnens: Dazu bin ich zu dumm.— Vorsitzender: Aber das haben Sie doch schon in der Schule gelernt.— Nach erfolgter Belehrung und Vereidigung bekundet Preutzer, in Mieltschin habe es ihm zunächst ganz gut gefallen, bis er Prügel bekam� Geprügelt habe man ihn, weil er zu einem der Zöglinge gesagt hatte, er bleibe nicht mehr da.— Borsitzender: Warum nicht?— Zeuge: Na, ich war ausgolernt, da wollte ich doch auf meine Profession arbeiten. — Preutzer ist Bäcker, aber in Mieltschin beschäftigte man ihn als ungelernten Arbeiter. Die Einzelheiten seiner Bestrafung sind ihm offenbar nur noch sehr unsicher in Erinnerung. Er gibt an, un- gefähr 209 Hiebe erhalten zu haben. Von drei Mann sei auf ihn eingehauen worden, und zwar mit Peitsche, Hasclstock und Gummi- schlauch, wie ihm nachher von Zöglingen, die zusehen mutzten, gesagt worden sei.— Vorsitzender: Woher wissen Sie die Zahl 290?— Zeuge: Es können soviel gewesen sein. Mit Zählen kam ich bis b9, dann konnte ich nicht mehr zählen. Nachher wurde ich ohn- mächtig, aber der Inspektor sagte, das sei Verstellung.— Nach vollzogener Bestrafung wurde Zeuge im Arrest an die Wand an- geschloffen, so daß er sich nur niederkanern konnte. Mit der großen Kette gefesselt, so daß nur die eine Hand freiblieb, mutzte er am anderen Tage auch zur Arbeit gehen, und dabei bekam er drei bis vier Tage hindurch nur Wasser und Brot. Im Arrest ließ e>r in der ersten Nacht Urin auf die Dielen, weil ein Nachtgeschirr fehlte. Dafür gabs am anderen Morgen wiederum Prügel, 25 Peitschen- hieb« oder 59, sagt Preutzer. Von dieser nochmaligen Abstrafung wissen Bveiithaupt und Engels nichts, versichern sie. Zögling Anders, der die Auspeitschung Preutzers mitansehen mutzte, bekundet: Preutzer kam eines Tages zu mir ran:„Anders, ich rücke ausl" Ich sagte:„Edwin, laß lieber sein! Du weißt, wenn sie Dich kriegen, kriegst Du Keile." Ich sprach darüber zu einem andern Jungen, der riet mir:„Sage es lieber dem Herrn Pastor, sonst kriegst Du Deine Keile." Der andere Junge sagte es dann dem Inspektor. Der fragte mich, da wollt« ich erst lügen, aber— sonst hätte ich auch noch was bekommen! Als es dann am Abend reine Hosen gab. sagte Preutzer zu mir:„Jetzt können wir uns aus der Landstraße sehen lassen." Das mutz der Inspektor ge- hört haben.-�Die Strafe, die Preutzer nun bekam, wird vom Zeugen so geschildert: Preutzer kriegte einen Schlag, da sprang er aus:„Herr Inspektor, ich habe einen Bruch! Bitte schlagen Sie mich nicht!" Aber Herr Engels sagte:„Na, über, über! Los! los!" Da wollte er wohl nicht— und da sah ich mit einem Male wie Preutzer auf der Erde lag und die Hände immer so gefaltet hat: «Herr Inspektor, schlagen Sie mich doch nicht!" Aber der Inspektor schlug mit der Peitsche auf ihn ein.— Nach den weiteren Bekun. düngen be» Zeugen wurde Pr. dann wieder übergelegt, bekam seine Hiebe, strampelte aber furchtbar, so daß mehrere Zöglinge zufassen und ihn halten mußten. Hierbei habe Wrobel ihn mit einem Gummiknüppel über die Beine geschlagen. Pr. sei gleichzeitig von Engels und Wendland geschlagen worden:„Jeder nahm eine Peitsche und dann machten sie Doppelschlag." Zeuge ergreift bei diesen Worten eine der vor ihm liegenden Peitschen und holt weit zum Schlagen aus, um zu zeigen, wie zugehauen wurde. Er be- kündet weiter: Während des Schlagcns wurde Preutzer nachher ganz ruhig. Da hörten sie eine Wcile mit Schlagen aus, weil er gar nichts mehr sagte. Der Inspektor sagte:„Preußer verstellt sich". Aber Preutzer sagte:„Ich verstelle mich nicht." Es wurde weiter geschlagen, und dann gab es Arrest und große Kette. Zögling Günther sckjätzt die Zahl der Hiebe im ganzen auf 199— 150. Er erzählt: Angesagt waren 59 oder 75. Preutzer wurde unruhig, da wurde der Herr Inspektor aufgeregt, da hat Pr. mehr bekommen. Er kippte um mit dem Stuhl, da schlug Herr Wrobel auch noch zu mit dem Gummischlauch Auch dieser Zeuge bekun- det, daß Engels und Wendland abwechselnd schlugen. Preutzer habe dem Inspektor von vornherein gesagt, daß er einen Bruch habe. Zögling Kirsch, der in Mieltschin tagsüber bei einem Bauer arbeitete und nur nachts in der Anstalt war, ist nie geprügelt wor- den und denkt nicht mit Bitterkeit an Mieltschin zurück. Er erklärt, von dem Herrn Pastor habe er Gutes gehabt, Sonntags habe er ausgehen dürfen usw. Preutzers Bestrafung sah er mit an, doch weiß er nicht mehr, wer schlug. In der Arrestzelle habe er nachher Preutzer gesehen. Preutzer habe nicht gerade stehen können, weil er mit der Berbindungskctte zwischen Arm und Bein zu kurz geschlossen war. Der frühere Zögling Piaskowski sagt, daß auf Preutzer„alle Mann schlugen" und er„über 199 Schläge" bekam. Von einem Bruch habe Pr. sofort gesprochen. Dem Vorsitzenden wird bekannt, daß auf d«r Zeugenbank soeben Günther dem Preußer etwas zugesteckt hat. Ein sofort mit ihnen angestelltes Verhör ergibt, daß es sich um— Streichhölzer handelt. Preutzer will ein paar Zigaretten rauchen, die Auders, wie dieser eingesteht, ihm zugesteckt hat. Der Vorsitzende ordnet strenge Tren- nung der Zeugen an. Unmittelbar nach diesem Zwischenfall bringt Staatsanwalt Reiner zur Sprache, daß aus den Zeugenvernehmungen sich immer wieder ergeben habe, wie in Mieltschin einer den anderen dcnun- zierte. Dieses Angebefpstem, das eine Quelle von sich immer wieder- holenden Anspeitschungen war, scheint selbst dem Staatsanwalt be- denklich zu sein. Er befragt den Zeugen Piaskowski, wer ihn wegen des Eierfundes gemeldet habe. Als Vollbrecht genannt wird, stellt er fest, datz gerade Vollbrecht im Laufe der Verhandlungen öfter als Angeber genannt worden sei. Ob es etwa Bevorzugungen bei solchen Anzeigen gab, fragt er. Breithaupt versichert, er habe keinen Zögling zum Verrat verleitet. Um festzustellen, ob Preutzer tatsächlich einen Bruch hat, wird er im Beratnngszimmer von den anwesenden Aerzten untersucht. Sie geben übereinstimmend ihr Gutachten dahin ab, datz er keinen Leistenbruch und auch keinen Knochenbruch gehabt hat. Dem Preutzer hat, gibt er an, einmal während seiner Schulzeit ein Arzt etwas von einem Bruch gesagt. Vom Mebijsinalrat Dr. Hoffmann wird die Frage, ob die dem Preutzer widerfahrene Behandlung eine lcbensgcfährdende sei, in derselben Weise beantwortet, wie in den früheren Fällen: bedenk- lich scheint ihm nur die große Zahl der Hiebe. Es folgt dann die Erörterung der Fälle Wulff und Beil. Aus Mieltschin entliefen Wulfs und Beil schon am zweiten Tage nach ihrer Einlieferung, weil sie Schläge fürchteten, nachdem sie sogleich am ersten Abend die Ansveitschung dreier Zöglinge mit- angesehen hatten. Nach ihrer Wiederergreisung wurden auch sie aus Breithaupts Befehl von Engels geprügelt. Die Anklage nimmt zwar an, datz mindestens Beil weniger als die übliche Zahl 5V bekommen habe, mit der für die Staatsanwaltschaft die Züchtigung in Mißhandlung auszuarten beginnt. Da aber in diesen beiden Fällen der Spazicrstock des Pastors benutzt worden sein soll, so läge von vornherein eine Mitzhandlung vor. Breithaupt schildert Beil als einen ruhigen Jungen, der sich nicht widersetzt habe. Deshalb habe Beil weniger bekommen. Dem Wulff sagt er„schauspielerisches Talent" nach, ein„Haschen nach Effekten" in der Schilderung seiner Lage. Engels bestreitet, datz er mit dem Spazierstock geschlagen habe. Breihaupt gibt als mög- lich zu, datz er selber mitgeschlagen und dabei den Stock benutzt babe. Die Gezüchtigten wurden eingesperrt, Beil auf 1 oder 2 Tage in einen Waschraum, Wulff auf 3 Tage in einen fensterlosen Teil des Kellers. Dabei sollen beiden die Füße mit der kleinen Kette und die Hände auf dem Rücken mit der großen Kette gefesselt ge- wesen sein. Als Nahrung gab es Wasser und Brot. Datz der Keller, in den Wulff gesperrt wurde, völlig dunkel und sehr dumpfig war, bestätigt Riemschneider, aber Breithaupt bestreitet es. Wulff wurde noch mehrfach geprügelt. Bald nach seiner Eni- lassung aus dem Arrest bekam er auf Breithaupts Befehl von Engels 99 Peitschenhiebe, weil ein Meißel bei ihm gefunden worden wav, mit dem er seine Futzketten hatte öffnen wollen. Datz es dies- mal 69 statt 59 waren, ist dem Breithaupt„entschwunden". Be- züglich der Wunden, die Wulff erlitt, behauptet Breithaupt, bei einer anderen Gelegenheit habe er beobachtet, datz Wulff geradezu ein Vergnügen daran hatte, Wunden wieder aufzureißen." Ein andermal erhielt Wulff von Engels und Schüler fünfzig Peitschenhiebe, weil er sich gesetzt hatte. Das für die Strafk-lonne geltende Sitzverbbt war damals von der ganzen mit Kartoffelschälen beschäftigten Kolonne übertreten worden, so datz zusammen mit Wulff noch eine ganze Anzahl Zeugen hintereinander ausgepeitscht wurden. Engels„glaubt nicht", datz er alle geschlagen habe. Schüler beteuert, er selber habe Wulff nicht geschlagen. Zögling�Beil erklärt vor seiner Vereidigung: Ich kann nicht bei Gott schwören; nachdem, was ich in Mieltschin rrbulbet habe, kann ich nicht mehr an Gott glauben. Der Borsitzende belehrt ihn. datz er trotzdem die Wahrheit zu sagen hat, und vereidigt ihn dann. Beil schildert, wie am ersten Abend nach seiner Ankunft in Mieltschin Auders und Drenske geprügelt worden seien. Auch Ruppert habe Hiebe bekommen sollen, da habe er angegeben, datz Auders soeben erklärt habe, er werde doch wieder ausreißen. Der Anblick dieser Auspcitschungen ließ in Beil sofort den Entschluß reifen, selber zu entfliehen, und das tat er baldigst zusammen mit Wulff. Nach ihrer Wiederergreisung wurden ihnen in der Anstalt mit einer Leine die Arme gebunden. Beil sagte: „Herr Pastor, Sie brauchen mich nicht zu binden; ich habe meine Schläge verdient, ich will sie auch tragen." Breithaupt antwortete, er wolle sie nur fesseln und ein paar' Tage fasten lassen. Aber nach der Fesselung gab es die üblichen Hiebe. Wulff kam zuerst heran. Zeuge bekundet: Er mutzte zählen, und ich mutzte mit- zählen; bis 197 habe ich mitgezählt. Wulff widersetzte sich und schimpfte:„Das lasse ich mir nicht ge- fallen!" Ich staunte selber, daß er solche Worte gebrauchte. Er strampelte und fiel vom Stuhl. Bergemann und Eggert mutzten ihm helfen, daß er sich wieder überlegte. Auch Schläge ins Kreuz und auf die Füße kriegte er, weil er strampelte. Meiner Meinung nach waren es im ganzen 129 Schläge, — Dann sei Beil selber herangekommen. 69 Hiebe seien ihm zu- diktiert worden, als Engels für ihn um Milde bat, und auf erneute Bitte von Engels, der wiederholt im Schlagen einhielt, habe Breit- Haupt 39 festgesetzt. Im Arrest wurde Beil, weil ihm die Hände gefesselt waren, von einem anderen Zögling mit den abgebrochenen Brocken des ihm gereichten trockenen Brotes gefüttert. Als Beil Mitte Juli nach Berlin entkam, konnte er seiner Mutter noch die Spuren der im Mai erlittenen Fesselung an den Oberarmen zeigen. Frau Beil gibt an, ihr sei von Lichtenberg aus, wo ihr Sohn zunächst untergebracht war, gar nicht mitgeteilt worden, datz man ihn nach Mieltschin überwiesen habe. Eines Tages sei er der Ahnungslosen plötzlich in Berlin auf der Straße in der Näh« ihrer Wphnung entgegengetreten. Sie glaubte ein Gespenst zu sehen, so abgemagert und grau war sein Gesicht. Zu Hause angekommen fragte er angstvoll:„Mutter, Du willst doch nicht die Polizei holen und mich wieder nach Mieltschin bringen lassen?" Und nun zeigte er ihr die Spuren der erlittenen Mißhandlungen, die noch deutlich sichtbaren Strangulationen an den Armen, und erzählte, wie er in Mieltschin sogleich am ersten Wend durch den unerträglichen Anblick der Auspeitschungen zur Flucht angeregt worden war. Zögling Wulffs Aussage über seine Abstrafungen ergänzt die Aussage des Zöglings Beil noch in manchen Einzelheiten. Mit dem Weichselstock sei, als er vom Schemel gefallen war und auf der Erde lag, so auf ihn eingehauen worden, datz der Stock zerbrach. Er zählte nicht mit, sondern schrie nur immer. Nachher sei er zunächst im Schweinestall angebunden und dann in den Keller gesperrt worden. Bei der zweiten Züchtigung, die er für Beiseiteschaffung eines gefundenen Meißels bekam, beschmutzte er sich mit Urin und Kot, nicht aus Schikane, wie Breithaupt annimmt, sondern aus Angst. Im Keller bettete er sich auf einigen Brettern, die er sich zurecht packte. Eine Frage des Sachverständigen Dr. Bernstein, ob ihm nicht Wulff in Mieltschin angegeben habe, von Breithaupt bei jener ersten Züchtigung mit dem Spazierstock auch über den Kopf geschlagen worden zu sein, wird von Wulfs bejaht. Ein ehemaliger Fürsorgezögling H., der zu den Fällen Wulff und Beil vernommen werden soll, stottert in geradezu Mitleid- erregender Weise. Er bringt nur heraus, einmal sei er wegen Fluchtversuch geschlagen worden, und klagt dann:„Ich sollte mal etwas sagen, das bekam ich nicht gleich heraus. Da hat Herr Engels mich so lange gcbackpfeift, bis ich es rauskriegte." Diese Bekundung machte offensichtlich einen tiefen Eindruck auf das Richterkollegium. Ueber die Folgen der Mißhandlung Wulffs bekundet Dr. Bern- stein, datz er in Mieltschin an ihm Narben feststellte, darunter eine, die auf lange Eiterung und langsame Heilung schließen ließ. Ueber der linken Ferse fand er eine schmierige Wunde da, wo die Futzkette gescheuert hatte. Sie war bedeckt mit schmutziger Watte, die eher geeignet war, zu infizieren, als vor Infektion zu schützen. Bezüg- lich der Schläge mit dem Spazicrstock, die Wulfs über den Kopf er- halten habe, macht der Sachverständige darauf aufmerksam, datz hier die Gefahr einer Gehirnblutung vorliege, also eine Lebens- gcfährdung anzunehmen sei. Dr. SteinHück, der Wulff noch Ende Dezember in der Anstalt Warsow untersuchte, hat an ihm im allgemeinen dieselben Spuren gefunden. Medizinalrat Dr. Hoffniann nimmt bezüglich der Fesselung Beils an, datz sie, wenn die Spuren vom Mai bis Ende Juli ficht- bar blieben, sehr intensiv gewesen sein müsse. Beil macht hierzu die ergänzende Mitteilung, datz noch im Januar und Februar Spuren zu erkennen waren. Dr. Steinbrück erklärt, datz in der Tat so lange Nachwirkungen und noch längere vorkommen. Ueber Wulffs Glaubwürdigkeit bekundet Inspektor Buth, daß ihm Fälle von Lügenhaftigkeit nicht bekannt geworden sind, während Lehrer Hentschel angibt, Wulffs Lehrmeister habe über Unwahr- haftigkeit geklagt. Bei dem Fall Mauthe kommen Scheußlichkeiten zur Sprache, die alles überbieten, waS in diesem Prozeß bisher erörtert worden ist. Mauthe hatte Ende Juni gegenüber einem Zögling geäußert, daß er dem Aufseher Riem- schneider Geld, Stiefel und Revolver wegnehmen und dann aus- reißen werde, um die Mieltschincr Zustände anzuzeigen. Als das bekannt wurde, bemächtigten Engels und Wrobel sich seiner und Breithaupt diktierte ihm dann 299 Hiebe z«. Mauthe wurde an einen Baum gebnnden- und nun— so behauptet die Anklage— hieben drei Mann auf den Jungen ein, der Pastor mit seinem Spazierstock, Engels mit der Peitsche, Wrobel mit dem Gummiknüppel. Als Mauthe in den sich lösenden Stricken zusammensank, ließ Breithaupt ihm Wasser über den Kopf gießen. Dann wurde M. wieder festgebunden und weiter geprügelt. Auch nachdem er schlietzlich losgebunden worden war, war es dem Herrn Pastor noch nicht genug. M. wurde noch über einen Schemel gelegt und von Engels, unter Assistenz Wrobels, ausgepeitscht. Man gab dem M. nicht die zudiktierten 299 Hiebe, aber 199 sollen es im ganzen gewesen sein. Des Pastors Stock hatte ihm eine blutende Wunde im Gesicht beigebracht. Breithaupt schildert auch diesen Zögling als einen„ganz durch- triebenen Schauspieler". Er bestreitet, 299 Hiebe angeordnet zu halien. Bei der Züchtigung sei er, der Pastor, so aufgeregt gewesen, daß er gar nicht mehr weiß, was da geschehen war. Er weiß nur, daß„der Junge hinfiel, sich hinwarf, eine Ohnmacht simulierte". Da sei ihm dann das Wasser über den Kopf gegossen worden, und dann habe man wcitergrschlagen. Er versichert: Die ganze Be- strafung sah äußerlich schrecklich ans, ist aber nicht so schlimm ge- wesen; höchstens hat er 75 bekommen. Engels gibt zu. daß Mauthe tatsächlich gar keinen Revolver genommen hatte, das sei ihm aber nicht bekannt gewesen, als sie daran gingen, ihn zu überwältigen.„Hatten Sie wirklich alle Angst vor dem Jungen?" fragt zweifelnd der Vorsitzende. Engels Schilderung, Ivie der Junge gepackt wurde, entfloh, vom nachlaufen- den Pastor Stockhiebe bekam, dann an den Baum gebunden und von Engels geschlagen wurde, zusammensank und mit Wasser über- gössen und von Engels, Wrobel und Wendland aufs neue geschlagen wurde, veranlatzte den Vorsitzenden zu der Frage: Es scheint mir bald, wie wenn fortgesetzt auf ihn eingeschlagen worden ist. Engels antwortet: Wir waren so aufgeregt, da wußte überhaupt keiner nachher, was er getan hatte. Daher scheinen auch Engels und Breithaupt„nichts davon zu wissen", datz M. nachher noch über einen Schemel gelegt und aufs nc»c geschlagen worden ist. Sie be- streiten diese in der Voruntersuchung von einigen Zöglingen ge- machte Angabe, aber Wrobel bestätigt sie.— Vors.: Dann"ist also doch richtig, was die Jungen gesagt haben! Wer schlug?— Wrobel: Der erste war, wie immer. Engels— und der zweite war ich.— Vors.: Wieviel gab's auf dem Schemel? 59?— Wrobel: Es können 59 gewesen sein, es können vielleicht noch mehr gewesen sein.— Vors.: Wieviel bekam Mauthe im ganzen?— Wrobel: Bielleicht 120.— Vors.: Wieviel hatte Breithaupt angeordnet?— Wrobel: Angeordnet wohl nichts.— Vors.: 200?— Wrobel: Es kann mög- lich sein, aber in dem Tumult habe ich nichts gehört.— Vors.: Blutete Mauthe im Gesicht als er abgefiihrt wurde?— Wrobel: Er hatte Schrammen an der Stirn.— Auf die Frage, ob M. dann mit der großen Kette gefesselt und in den Keller gesperrt worden sei, antwortet Wrobel: Nicht eigentlich in den großen Keller, son» dern in das Loch.— Vors.: Also Loch nennen Sie das jetzt?_ Wrobel meint den fensterlosen Kellerteil, der als Arrest gedient hatte. — Wendland hat die Exekution am Baum nur vom Fenster aus beobachtet und sich erst später an der Exekution auf dem Schemel beteiligt. Er sagt: Die ganze Sache am Baum war eigentlich nur ein Borspiel. Nachher schlugen Engels, Wrobel und ich, jeder gab 22— 30 Schläge.— Vors.: Das lvaren also noch bis 00.— Wendland: gezählt wurde Dicht. Der Pastor sagte:„Hören Sie Sttfl" Der beireffende hörte dann auf, ffab die Peitsche dem Nächsten, und der schlug weiter. Wendland hatte vom Fenster aus gehört:„Es ist ganz egal, und wenn eS 200 sind." Er meint aber: Es war gar keine richtige Strafe meiner Ansicht nach.— Vors.: Rein, es war noch schlimmer. Er lvar angebunden und wurde geschlagen von vorn nnd von hinten. Bei einer richtigen Strafe macht man das nickst; insofern kann ich Ihnen nur beistimmen. Rirmschneider, der an diesen Misthandlungen nicht beteiligt war. sagt, er sei durch sie überaus schmerzlich berührt worden, das sei das Schlimmste gewesen, was er dort gesehen. Es sei aus M. eingeschlagen worden, dast das Blut runterlief. Riemschneiders Revolver habe sich unberührt in seinem Zimmer vorgefunden, geladen sei er nicht gewesen, und an die unter Verschluß gehaltenen Pa- tränen habe M. nicht herangekonnt. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Assessor Simon stellt fest, daß Wrobcl im Herbst töM in seiner gegen Breithaupt er- statteten Anzeige mitgeteilt hat, Breithaupr habe bei Mauthes Züchti- gung geschrieen:„Mag er krepieren wie ein Hunds"— Wrobel: Ich war damals in Aufregung, ich möckste das jetzt vollständig zu- riicknehmcn.— Auch Ricmschneider hat von einer ähnlich rohen Aeußerung erzählt. Bor dem Untersuchungsrichter hat er bekundet, Brrithaupt habe dem zusammengesunkenen Wauthe zugerufen:„Du verfluchter Hund, Du willst Dich wohl verstellen?" Riemschneider erklärt, was ich damals als Zeuge gesagt habe, halte ich aufrecht. Hiermit schließt die Sitzung. Heute um 3 Uhr wird in der Erörterung des Falles Mauthe fortgefahren und eS kommt dann noch ein Fall Ruppert. Das Urteil wird möglicherweise schon am Mittwoch gesprochen werden. Eue aller dielt Unwetterschäden. Die in den letzten Tagen im südlichen Europa fast ununter- brachen niedergegangenen Unwetter haben in den verschiedensten Ortschaften schwere Unglücksfälle hervorgerufen. An der spanischen Küste bei Chip io na wurde ein Boot von einer großen Welle auf einen Felsen geschleudert; sieben Matrosen er- tranken. Die Einwohner der französischen Hafenstadt Gre» noble sind durch eine Flutwelle überrascht worden, die sämtliche Straßen der Stadt überschwemmte. Die Einwohner sind' in ihren Häusern vom Verkehr abgeschnitten. Aus den verschiedensten Orten werden Einstürze von Häusern gemeldet, die durch die niedergegangenen Regenmassen der letzten Tage unterspült worden sind. Bei einem Hauseinsturz in I a u z a c sind zwei Personen unter den Trümmern umgekommen. Bei dem Einstürze eines Wohnhauses in CirgueS wurden achk Personen, die das zweite Stockwerk bewohnten, unter den Trümmern begraben. Alle haben sehr schwere Ver- l e tz u n g e n erlitten.— Auch in der italienischen Ortschaft Sa- l e r n o ist infolge Unterspülung der Fundamente ein Wohnhaus eingestürzt, wobei drei Personen getötet und vier vcr- l etz t wurden._ BrUfhaften der Redaktion. <55. M. 1. Der Wahrheit entsprechende Talsachen könne» eingetragen werden. Sprechen Sie im Bureau des Zentralverbande« der HauZ- angestellten, Micharlkirchplatz 1, vor.— P. TS. 3. Sie.— C.«• Mit Vollendung des St. Lebensjahres tritt Grohjährigteit und die BesugntS ein. ohne Einwilligung zu heiraten.— Lichtenberg 13. 1. Von dem Aachlag der Mutter erhalten die Kinder"L. der überlebende Mann l!i. 2. Ja, wenn das Testament mit Ortsbezeichnung und Datum versehen und eigen- händig ge- und unterschrieben ist. 3. Als Zweck ist angegeben! Alte» würdigen Bürgern Berlins, die seit 10 Iabren Bürgerrecht besitzen, über 60 Jahre alt sind und sich durch den selbständigen BetrUi eine» bürgerlichen Gewerbes ernährt habe», eine ZufluchlSliätte zu bieten.— 1000. O. H. Ein weitergehender gesetzlicher Anspruch besieht nicht,— Krakatau II. Das Eigentumsrecht lüjjt sich auch ohne schnsltichen Verlrag durch Vorlegung der Rechnung und eidcsstattllche Lcrsicherung Dritter glaubhast machen. mm Theater und Vergnügungen Dienttag, den 20. Dezember: Ansang 7'/, Uhr. «Snigl. OPeruhanS. Sinsonle. Konzert. «Snigl. Schauspielhaus. Die Nabcnsteinersn. Reues tanigl. OPeru-Ddeater. Sinfonie- Matinee.(Ansang mittags l2 Uhr.) Deutsches. Othello. Kamm erspiele. Die Komödie der Irrungen.— Heirat tpidcr Willen.(Ansang 8 Uhr.) Ansang i Uhr. Berllner. Der Talisman. Lefsiug. Anatol. »tri, es Schauspielhaus. DerZer- risscne. Korniiche Oper. Die vohsme. TSrsten. Da« Puppenmädel. KleiueS. Verflixten Frauenzimmer. 1. Klasse. ReueS. Der G. m. b. H,-Tenor. Triauon. Der beilige Hain. Residenz. Der Unterpräsekt. Thalia. Polnische Wirischast. Schiller«« uvimiif! ibenler) Prinz Friedrich vom Homburg. Sch>". ikharlottenburg. Die Fee Eaprice. Friedrich- WilhelmstübtischeS. Die Räuber. Renev Overetren. Der Gras von Luxemburg. Luftivielbaus. Der geldherrn- hügel. Luisen. MudickeS Reise nach Indien. Modernes. Der Doppelmensch. (Ansang 8»/� Uhr.) Rate. Der Kaiserjäger. Hcrrnfcld. Eine verlorene Nacht. Der Derbysieger. Bolkooper. Die Dollarprinzesstn. »„lÄÄÄt Hügel.(Ansang 8'/, Uhr.) Metro i.ai. Hurra— Wir leben noch l Kasino. Julie Wippchen. »lp'Ho, Spezialitäten. Voigt. Die Barbaren. V»>.»ge. Svezlalitäten. Reichsballeu. Siciiiner Sänger. VZi»«crgar»en. Spezialitäten. Tvaihalla. Bravo I Dacapo!(An- sang 8-i. Uhr.) Eanssouci. So wird'« gemacht. Spezialiiiten.(Ans. 81/. Uhr.) Karl Havelland. Svezialitälen. Urania. Tanbeuftraste 48/4V. Abends 8 Uhr: Der Bierwald- stätter See und der St. Gotthard. Sternwarte, Jnvalidensir. 57—62. I„e88inx-Tkester. Dienstag 8 Uhr: Zlnatol. Mittwoch 8 Uhr: Jbsen-ZykluS, eiste Vorstellung:«lein Gvolf. berliner Tlieater. H-ui-- Der Talisman,«mr. Morgen: Taifun. Neues Theater. Abends 8 Uhr zum»S Male: Mülk-Iw. Mittwoch und olgende Tag«, Der G. w. b, H,-T«nor. Idesior c!e8 Westens. 8 Uhr: Da* Punncnmüdel. Mitim. u. Sannab. 4 Uhr i Roikäppchan. Sonnt. 3i;4 U.; Dia geachlailena Frau. Modernes Theater (frOhar Hebbeltheatop). Abend» 8 Uhr: Doppelmeiiacb. Residenz-Theater. DireMon: Richard Alexander. Abend» 8 Uhr- Der Unterpräfekt. Schwant ist 3 Alien v. Leon Gandlllot. Morgen und folgende Tage: Der U nterp rnfekt.______ ßerliner Volksoper Belle-Alllancestrabe 7/8.—'Jt9 Uhr: Die Dollarprinzessin. friedrich-Wilhelnistadlisches Schauspielhaus. DienStag. d. 20. Dez., abend« S Uhr: Die Ränder. Riitwoch: Hosgunst. Donnerstag; Hosgunst. Freitag zum i. Wale: Eyrawo von Lcrgcrac. Urania, Wissenschaftliches Theater TaubenetraOe 48/40. Abends 8 Uhr: Der Vienvaldsfätter See und der Gotthard. KatMcr-Panorainn. Reu I II. Besuch u. Floreuz. Letzte Woche: Reise am Rhein von Mainz bis Köln. Tauscnde Familien schenken zu Weib- nachten Abonnements. 8 Reisen IM. tmusispivlksu». Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhugel. Uuisen- Theater. Abends 8 Uhr: ladilkes Kkilz nach Indien. Großes romaiitisch-PhaiitastischeS AuS- statlungsstück mit Gesang und große Balletteinlagen in il Biidev» von Frederic Ernst MichcllS. Musik von tzl. Lescvcre. Mittwoch 4 Uhr: Grosie Kindervor- ftcllung: Goldhärchens Himmel- fährt. 8 Uhr: Debyrah. Donnerstag: Wilhelm Tell. Freitag: GoldhärchenS Himmelfahrt. onnabend: Geschlossen._ Seil Itter Schiller-Theater 0.(Wallner-Theal). DienStag, abend» 8 u h r: Prinz Friedrich von Homburg. Schauspiel in 5'Alten v. H. d. Kleist. Ende 10-/. Uhr. Mittwow, abends SUhri IM« Fee Caprlcc. Donnerstag, abends 3 Uhr: Prinz Friedrich von Homdorg. Tlieater. Schiller-Theater Charlottenburg. Dienstag, abend« 8 Uhr: Die Fee Caprlce. Lustspiel in 3 Alten V. O. Blumenthal. Ende 10 Uhr. Mittwoch, abend« 8 Uhr: Zum t. Male: Hnaarenfleber. Donnerstag, abend» 8 Uhr: Die Slacht der Flnaternt«. Silvester-Ball in den LICHTSPIELEN Ülozart-Haal— Xollendorrplata. Komische Vorträge. Oedipus und andere Zirkusacherze. Honte neuer Wochen-Mpielplan."W OSE=THEATE Große Kranksurter Str.>32. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Der Kaiserjägtr. Komödie in 3 Allen von Brennert und Oslwald. Mittwoch 4 Uhr: Goldhärchens Himmelsabit. 8 Uhr: Der Müller und sein Rind. Donnerstag: Der Raiserjäger. Jtfetropol- Theater. Hnrra! Wir leben noch! Große Ausstattimgsredue In 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. V. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. 'Ansang 8 Uhr— Rauchen gestattet. CLOU" BERLIKEK KOXZBRTHAVS Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90-81 Eintritt 50 Pfennig. !!! Honte III Gastspiel von Johann Strauß aus Wien. WoohentägL 4—7 Uhr: Gr. Promenadenkonzert bei freiem Eintritt, 8 Uhr: 10 groste Attraktionen 10. 9 Uhr: Das Tagesgespräch Berlins; Per OedankenleHer Bell in 3. 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Jahrgang. 3.|cii)t i>ts.lotiüiirts" Ictliiirt lolblilolt. Dienstag. 20. Dezember lSIO. Partei- Hngelegcnbciten. Trrptow-Baumschulenweg. Der Bedarf für den Weihnachtstisch «m Jugendschriften sowie jeglicher Parteiliteratur kann in unseren Speditionen Robert Gramenz, Kiefholzstr. 412. und Ernst Hornig, Marienthaler Str. 13 l, gedeckt werden. Mariendorf. Der Unterhallungsabend für Eltern und Kinder findet am 27. Dezember(3. Weihnachtsfeiertag), abends 7 Uhr, bei Preug, Kurfürstenstr. 44, statt. Billetts a 20 Pf. sKinder frei) sind bei den Bezirlsführern und in den bekannten Bezirkslokalen zu haben. Marienfelde. Am 2. Feiertage, nachmittags x!$ Uhr, im Lokal von Adolf Berger, Berliner Str. 114: Oeffentliche Versammlung für Männer und Frauen. Genossin Ida Altmann, spricht über das Thema:»Freie Weihnacht*. Im Anschlug hieran: Theatervor stellung unter Mitwirkung des Arbeitergesangvereins Mariendorf. Vorträge ernsten und heiteren Inhalts. Ball, Verlosung und Prämienschietzen. Eintritt 20 Pf. Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. Donnerstagabend: Handzettelverbreitung. Der Vorstand. Cchcnkcndorf b. Kgs.-W. Heute abend 8 Uhr: Mitgliederver saminlung des Wahlvereins. Tagesordnung: Vortrag der Genossin Marie Juchacz, Rixdorf, über:„Die Frau im öffentlichen Leben*. Bericht von der Generalversammlung Grotz-Berli». Bericht unserer Gemeindevertrcter. VereinSangelegenheite» und Verschiedenes. Der Vorstand. Remickcndorf-West. Heute abend 8V2 Uhr im Lokal des Genosien Wohlfahrt, Eichbornftr. 13: Mitgliederversammlung des Bezirks- Wahlvereins. Tagesordnung: Vortrag des Genossen A. Stürmer. Bericht von der Berbands-Generalversammlung. Vereinsangelegen- heiten und Verschiedenes. Die Bezirksleitung. Tegel. Die heute fällige Mitgliederversammlung fällt aus. Am 31. Dezember findet eine Silvesterfeier bei Klippenstein, Spandauer Stratze 4, statt. Eintritt und Tanz gegen Vorzeigung des Mitglieds- buches ftei. Die Bezirksleitung. Teltow. Heute Dienstag, abends 8 Uhr, im Lokale des Gen. W. Bonow: Regelmätzige Mitgliederversammlung des Wahlverems. Tagesordnung: Bericht von der Verbands-Generalversammlung. Der Vorstand. Potsdam. Mittwoch, den 21. Dezember, abends 8 Uhr, in allen Bezirken: Zahlabend. Besprechung über einen regelmätzigen Extra- Keitrag zum Wahlfonds. Berliner JVacbricbteno Die Berliner Sanitätskommission »»- so schreibt man uns— hielt dieser Tage im Polizei- Präsidium unter Vorsitz des stellvertretenden Präsidenten, Ge- Heimrats Friedheim, eine Sitzung ab, die auf Antrag des Genossen Dr. Wehl einberufen war, um Stellung zu nehmen zu den wiederholt im„Vorwärts" veröffentlichen Beschlverden über Verzögerung der Wohnungsdesinfektion bei ansteckenden Krankheiten. Unsere Leser erinnern sich noch besonders eines Falles aus jüngster Zeit, wo erst 6 Wochen nach dem Tode einer an Lungenschwindsucht verstorbenen Frau die Desinfektion stattfand. Auch der Laie muß erkennen, daß eine Desinfektion. wenn sie überhaupt ihren Zweck erfüllen soll, unmittelbar nach der Anzeige des behandelnden Arztes vor sich gehen muß. Es war durch den„Vorwärts" bereits einwandsfrei festgestellt worden, daß die städtische Desinfektionsanstalt prompt nach der ihr von der Polizei zugehenden Meldung ihre Arbeit verrichtet. Die Verzögerung mußte sonach auf einen Fehler in der Organisation der Polizeibehörde zurückgeführt werden. Das Polizeipräsidium hat nunmehr durch Ein- sührung einer doppelten Kontrolle Matz- nahmen getroffen, um eine Verzögerung der Ausführung derDeSinfektion für dieZukunft möglich st zu verhindern. Zwei Tage nachdem der Todes- oder Ansteckungsfall gemeldet ist, erscheint ein Beamter in der infizierten Wohnung, um zu kontrollieren, ob die er- forderliche Desinfektion stattgefunden hat. In der Ver- Handlung wurde auch festgestellt, daß gelegentlich auch ver- spätete Anzeigen des behandelnden oder Krankenhausarztes bei übertragbaren Krankheiten eine Verzögerung der Wohnungs- desinfektion zur Folge haben. Aus diesem Grunde soll das Publikum durch Vermittlung der politischen Presse auf den Nutzen und die Notwendigkeit der Desinfektion bei ansteckenden Krankheiten hingewiesen werden. Die ärztliche Fachpresse soll ferner die zur Anzeige verpflichteten Aerzte wiederholt zu einer schleunigen Anzeige bei Fällen übertragbarer Krankheiten auffordern. Bekannt- lich ist es den jahrelangen Bemühungen unserer Genossen im Stadtparlament zu danken, daß in allen Fällen übertragbarer Krankheiten die Desinfettion unentgeltlich erfolgt.— Es wurde dann noch beschlossen, daß in den zur Anzeige dienenden Meldekarten, sobald es sich um Schulkinder handelt, eine Frage über Schule und Schulklasse hinzugefügt wird. Es tvird dadurch erreicht, daß die Schulklasfe, die ein von einer Infektionskrankheit befallenes Kind besucht, sofort der er- forderlichen gründlichen Säuberung unterzogen wird, so daß die weitere Ucbertragung der Jnsektionskeime auf noch gesunde Kinder nach Möglichkeit verhütet wird. Der„Vorwärts", der durch Veröffentlichung jener Be- schwerden den Anlaß zu den erwähnten Maßregeln gegeben, hat sich dadurch unstreitig um die Gesundheüsverhältnissc Berlins wohlverdient gemacht. Der„goldene Sonntag" ist doch für die Berliner Geschäftswelt noch immer ein„Rausreitzer". Gute Beobachter des Weltstadt lebens an der Spree können mir Recht behaupten, daß auch dieser Haupterntetag vor dem Weihnachtsfest schon viel von seiner frühe- ren Signatur verloren hat. Bon den anderen Sonntagen vor dem Fest zeichnet er sich noch immer aus durch den bedeutenden Zustrom der Massen nach den Geschäftsvierteln der Innenstadt. Von Wetter- Jaunen hängt dabei erfahrungsgemäß gar nicht so viel ab. Es hat sich gezeigt, daß Hunderttausende durch Regen, Schnee und selbst Dauerncbel, wie vor zwei Jahren, sich nicht hindern lassen, die große Parade über die weihnachtliche Kraftprobe der Geschäftsleute abzunehmen. Das sind die Hunderttausende, die aus Rücksicht auf Frondienst und Geldbeutel eigentlich nur diese paar Sdachmittags- und Abendstunden übrig haben, um der Geschenkmode ihren Tribut zu zollen. Der„goldene Sonntag* bringt auch regelmäßig außer- ordentlich starken Zuzug von außerhalb, namentlich vom platten Lande der nahen Umgegend. Wenn nicht der Massenspaziergang und der Extraschmuck der Schaufenster gewesen wäre, hätte es aber auch vorgestern in Berlin wenig weihnachtlich ausgesehen. Frau Holle streikt konsequent und entzteht uns vorläufig noch den Weih. nachtsschnce, der erst dem Weihnachtsfest die richtige Weihe gibt. Die leichten, aber anhaltenden Regenfälle vermochten die Feststim- inung nicht gerade zu heben. Die Großswdtstratzen im Berliner Lvltrum gliche« einem sandelnden ZÄkehemecr unter Regen-. schirmen. Und die auffallend warme Witterung, die nun schon wochenlang dauert, ist für Geschäftsleute, die mit dem Rüstzeug des Winters handeln, ein gewaltiger Strich durch die Rechnung. Man hat keinen Schneid, Pelzwerk und Schlitten und Schlittschuhe zu taufen, wenn fast Frühlingslüfte wehen. Die großen Waren- Häuser waren, wie immer am goldenen Sonntag, zeitweise so über- füllt, daß auf kurze Zeit die Zugänge aus Sicherheitsgründen ge- sperrt werden mußten. Doch auch die kleinereu Ladengeschäfte hatten offenbar keine Ursache zu Klageliedern. Nur ist es eine alte Erfahrung, daß an diesem Tage zivar viel, aber nicht teuer gekauft wird. Es ist eben der Tag des„kleinen Mannes*, der für sein sauer verdientes Geld eine Menge billigen Kleintrams einhandeln muß, um den Weihnachtstisch zu füllen. Ueberaus flott ging der Tannenbaumhandel, obwohl die Preise nicht mäßig waren. Noch kurze acht Tage, dann ist der Weihnachtszauber der Weltstadt, der lange nicht mehr das richtige gemütliche Gepräge zeigt, wieder mal glücklich vorüber. Alle Freud hat ein End... und das schöne Geld aus der Tasche des Volles ist auf Umwegen in die Hand bei Kapitalismus abgewandert._ Die Regulierung der Königchaussee. Ueberaus häßliche Zustände herrschen seit mehr denn 20 Jahren in der Greifswalder Straße, der sogenannten Königchaussee, die die Verbindung zwischen Berlin und Weißensei herstellt. Bis zur Verbindungsbahn ist sie schon seit einigen Jahren fertiggestellt. Bon dort ab aber nur auf der westlichen Seite bis zur EarmenSylva Straße. Da dieser Teil wesentlich höher liegt als der alte Straßen- teil, da ferner die Straße von der Carmen-Sylva-Straße bis zur Weißcnseer Grenze noch völlig unreguliert ist, so bestehen dort Zustände, für die die Bezeichnung siandalös noch zu mild ist. Diese Zustände wirken um so hätzlicher, als der Vorort Wcitzensec seine Hauptstraße bis zum Berliner Weichbild in eine Prachtstraße um- gewandelt hat. Nach langen Verhandlungen hat sich jetzt die Ge meinde Weißensee. für die der Chausseegraben die Vorflut bildet. bereit erklärt, 400 000 M. zu den Regulicrungskosten beizutragen. Ein wesentliches Hindernis bildet aber noch das Gelände an der östlichen Seite. Dieses gewaltige Terrain befindet sich im Besitz der Gebrüder Bötzow:„Bruder Hermann und Bruder Julius" Hermann, der die Geschäfte führt und auf einem Rittergut in der Mar! lebt, hat seither jede Verhandlung abgelehnt und sich dahin geäußert:„Ich will von der ganzen Geschichte nichts wissen; was sollichdennmitdemganzenDveckvonMillionen ichweißjagarnicht.wasichdamitanfangensoll; das mögen meine Erben machen." Herr B. ist ein rüstiger Sechziger und kann noch lange leben. Solange kann der jetzige Zustand un- möglich bestehen bleiben. Geht auch aus den Aeußerungen des Bruder Hermann hervor, daß Geld für ihn Dreck ist, so erscheint bei den Verhandlungen der Bruder Julius jedeSmak aus der Ver- senkung, um Einspruch zu erheben, wenn das Gelände etwa„zu billig" verkauft werden soll. Die Beiden ergänzen sich bekannter- maßen in reizvoller Weise, so daß eigentlich niemand weiß, wie man mit den beiden„Brüdern" dran ist. Da der Zustand der Straße unbedingt beseitigt werden mutz, sollen nach Beschluß der Tiesbaudsputation die Gebrüder Bötzow nochmals zur Aeußerung aufgefordert werden. Erfolgt dieselbe wieder ablehnend, so soll der Magistrat ersucht werden, das Enteignungsverfahren wegen des notwendigen Straßengeländes einzuleiten. Wenn der Vertrag mit Weißensee zum Abschluß gekommen ist, soll die ganze Straße auf Kosten dev Stadt reguliert werden. Wenn später das Bötzowsche Gelände bebaut werden soll, müssen die Besitzer, in Form von Anliegerbeiträgen, die Kosten wieder zurückerstatten. Jedenfalls zeigt dieser Vorgang von neuem, wie der Privat besitz am Grund und Boden ganze Gegenden in der EntWickelung hemmen kann, wie die Besitzer in„ihren Millionen" fast ersticken, well Werte von ihnen eingesackt werden, die ohne ihr Zutun entstanden sind. Putlibbrücke. Nach Mitteilung der Bauverlvaltung soll die im Bau befindliche Putlitzbrücke im April 1012, spätestens aber im Mai dem Verkehr übergeben werden. Damit erhalt der Stadtteil Moabit eine direkte Verbindung nach dem Vircholv-Krankenhaus, da die sogenannte Föhrerbrücke über den Spandauer SchiftahrtS- kanal bereits fertiggestellt ist. Die Uferstraße am Kanal soll im Laufe des Jahres mit gepflastert werden. Druckfehlerberichtigung. In der Notiz unter der Ueberschrift: „Bestätigte Stadträte* ist von dem Setzerkobold der Name des Stadtverordneten Unger als gewählter Stadtrat eingeschmuggelt worden. Herr Unger ist erst dieser Tage als Stadtverordneter ein- geführt worden, kommt also als Stadtrat nicht in Frage. Weiter ist in der Notiz:„Eine Weihnachtsfreude für Lehrer" im letzten Absatz die Rede von 900 Mark Not zulage. Orts- zutage muß es heißen, da es Notzulagen für Lehrer nicht gibt. Betcranenbeihilfe in Berlin. Um Gewährung einer Veto ranenbeihilfe sind infolge des Beschlusses der Stadtverordneten- Versammlung über 6000 Personen vorstellig geworden. Diese Zahl übersteigt die frühere Annahme ganz erheblich, denn Stadtrat Namslau nannte in der Sitzung der Stadtverordneten die Zahl 2000, die nach seiner Auffassung so groß sei, daß eine Prüfung in der kurzen Frist nicht möglich wäre. Trotzdem scheint man in Magistratskreisen die Absicht zu haben, an die Prüfung heranzu- gehen, was nur zu billigen ist, und die Sichtung so zu fördern, daß wenigstens noch vor Schluß des EtatSjahres, Ende März 1911, die Unterstützung ausgezahlt werden kann. Damit würde sich der Ma- gistrat dem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung anbequemt haben, die Beihilfe schon im laufenden Geschäftsjahr zur Aus- zahlung zu bringen. Jedenfalls hat er sich der Einsicht nicht ver- schließen können, welchen kläglichen Eindruck es machen müßte, wenn der Magistrat den Stadtverordnetenbeschlutz aus, Mangel an Mitteln und nicht genügenden Arbeitskräften ablehnt, wie es Herr Namslau seinerzeit versuchte. In der Säuglingsfürsorgestelle I, Blumenstraße 78, findet im Januar je einmal wöchentlich Unterricht in der Säuglingspflege mit prallischen Uebungen statt. Meldungen hierzu schriftlich oder münd- lich: Bureau des Kinderhauses, Blumenstr. 78, vorn links parterre. Bureauzeit werktäglich von 2—4 Uhr. Die Wahl der Beisitzer für das KaufmannSgericht der Stadt Berlin findet für die Handlungsgehilfen am Sonntag, den 12. Februar 1911, von früh 19 bis nachmittags 3 Uhr, und für die Äaufleute am Mittwoch, den 15. Februar 1911, von 12 bis 4 Uhr nachmittags, statt. Die Wahl wird in 24 Wahlstellen vollzogen und zwar nach den Grundsätzen der Verhältniswahl. Die Wahlberechtigten haben schon Vor- schlagslisten eingereicht. Wettere Listen können noch eingereicht werden und dürfen höchstens 189 Kaufleute oder Handlungs- gehilfen enthalten. Die Zusammengliederung in der Berliner Presse, so lesen wir In der Zeitschrift:„Presse, Auch, Papier", macht weitere Fort- schritte. Von: 1. Januar ab wird die freikonservative„Post" in der Druckerei der„Deutschen Tageszeitung" hergestellt. Dieses Blatt hat vor kurzem auch die antisemitische„Staatsbürger-Zei-- tung" an sich gezogen, der sie auch einen Teil des Satzes liefert.— Die süddeutschen Kompagnons der August Scherl G. m. b. H., SpepWUi, Kröner uflv, jlLd, wie mv hört, aus dM Schcrl-Kon- zern ausgetreten. Die Abfindungssumme soll 19 Millionen Mark betragen. Auch in der inneren Organisatwn des Hauses Scherl sind Aenderungen eingetreten. Wie dieselbe Zeitschrift aus zuverlässiger Quelle hört, wird die„Königlich privilegierte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen(Vossische Zeitung)" vom 1. April 1911 ab auch eine Montagsausgabe veranstalten. Weihnachtspaketzüge und Weihnachtsbahnhöfe. Der Weih- nachtspaketverkehr tritt am 19. Dezember auf seinen eigentlichen Höhepunkt. Bis zum 18. Dezember herrscht noch das Geschäfts- paket vor. Jetzt schwillt die Masse der Pakete mit Geschenken von Tag zu Tag mehr und mehr an. Trotz aller Mahnungen werden die meisten Pakete eben in den letzten Tagen aufgeliefert. Schon vom 18. Dezember an läßt die Post Sonderzüge verkehren, die ausschließlich Wagen enthalten, die bis oben mit Weihnachtö- paketen angefüllt sind. Solche Züge verkehren in diesem Jahre in vermehrter Zahl. Zwischen Berlin und Frankfurt a. M. über Etsenach verkehren bis zu drei Zügen täglich. Sie gehen auf dem alten Dresdener Güterbahnhof ab und kommen auf dein Anhalter Personenbahnhof an. Bis zu zwei Zügen laufen zwischen Berlin und Dirschau. Ebenso sind zwei Züge zwischen Berlin und Breslau notwendig. Die Züge nach und von dem Osten endigen alle auf dem Schlesischen Bahnhof. Vom Lehrter Bahnhof, wo sich eure besondere Postladestelle befindet, geht je ein Zug zwischen Berlin und Hamburg, zwei Züge nach Köln, während von dort drei Züge ankommen. Die Pakete nach den einzelnen Städten werden nach Möglichkeit auf besondere Wagen verteilt, so daß diese ungeöffnet bis zum Bestimmungsort durchlaufen können. Für die Be- arbeitung der durchgehenden Pakete sind auch besondere Maß- nahmen in Berlin getroffen. So werden die Pakete für die Sonderzüge nach Schlesien in den Wagenschuppen auf der Post- Verladestelle am Schlesischen Bahnhof verarbeitet. Auf dem Gör- litzer Bahnhof hat man ein besonders großes Zelt zur Lagerung der Pakete und zur Unterbringung der Handwagen errichtet. Auch der alte Dresdener Güterbahnhof pflegt nur zur Weihnachtszeit von der Post benutzt zu werden. Auf dem Lehrter Bahnhof be- nutzt man die sonst für die Verladung der Milch bestimmte Räume teilweise für den Weihnachtsverkehr. Ueber die geplante Bildung eines Zwangszweckverbandes für Grost-Berli» fand gestern im Ministerium des Jimern eine Konferenz statt, in der Vertreter der Gemeinden und Kreise, die in Frage kommen, ihre Ansichten und ihre Wünsche vortrugen. Von einigen Seiten wurde angeregt, auch das Schul- und Armen- Wesen einzubeziehen. Die Konserenz hatte für die Regierung nur einen informatorischen Charakter. Der Mörder der Frau Hoffmann ist noch nicht ermittelt. Ans die Angaben des HandschuhlväscherS Dilma aus Charlottenburg hin hat die Kriminalpolizei den von Dilma näherbezeichneten Kutscher Otto Schulz ermittelt und verhaftet. Es hat sich aber ergeben, daß dieser Mann mit der Tat nicht in Zusammenhang gebracht werden konnte. Schulz fuhr für ein Warenhaus Waren aus und eS ist festgestellt, daß er sich an dem Mordtage von seinem Begleiter nicht getrennt hat; er ist infolgedessen aus der Haft entlassen worden. Dem Handschuhwäscher scheint bei seinen Angaben die Phantasie einen Streich gespielt zu haben, wodurch wiederum die Kriminalpolizei auf eine falsche Spur geraten ist. Eine große Rolle bei dem Verbrechen spielt der gefundene Hand- schuh, den Dilnia genau als den wiederzuerkennen glaubt. den er früher bei Schulz gesehen haben will. Der ge- fundene Handschuh hat aber einen Druckknopf mit Oese, während die von dem Handschuhwäscher bezeichneten Handschuhe mit Knopf und Knopflöchern versehen waren. So ohne weiteres ist kein Kutscher in der Lage, an solchen Handschuh einen Druckknopf an- zubringen, das wird jeder Sachverständige feststellen können. Und Wildlederhandschuhe, die umgefärbt werden, gibtS eine Unmenge. Der Handschuh Nr. 7s/4 ist von gutem Wildleder und sorgfältig ge- arbeitet und genäht. An der Stelle, die den Handrücken bedeckt, be» finden sich Zeichen von einem Stempel, die noch nicht entziffert sind. Die Waffe ist ein älterer Lefaucheuxrevolver, Kaliber 7, für sechs Patronen. Der braune Holzschaft wird ans beiden Seiten durch zwei Schrauben festgehalten. Der Lauf ist etwas lang und hat ein ziemlich hohes und scharfes Korn. Er war ursprünglich ganz blank, zeigt�aber jetzt große Rostflecke. Der Revolver ist Dutzendware, wie sie in jeder Eisenwarenhandlung für billiges Geld zu haben ist. An? ihm sind, bevor er zu der Mordtat gebraucht wurde, ohne Zweifel schon Schüsse abgefeuert worden. Die Lichteurader Bomdenaffäre, die im Juli großes Aufsehen erregte, ist in ein neues Stadium getreten. Es wird berichtet, daß zwei G endarmen in den Verdacht geraten sind, die Höllen« Maschine angelegt zu haben, wodurch der Gutsbesitzer Kratz ver- letzt wurde. Die Beamten sollen das zu dem Zwecke getan haben, um den Verfasser der Expresserbriefe in die Hände zu bekommen. ES soll dieser Tage in Lichtenrade ein Ortstermin stattfinden. Schwerere Folgen hätte leicht ein Auäoomnibus anrichte» können, der am Sonnabend abend an der Ecke der Adalbert- und Oranienstraße infolge des schlüpfrigen Pflasters mit dem Hinter- teil ins Rutschen kam und dabei einen Laternenpfahl einer Groß- destillation umriß. Die Scheiben des Transparents gingen in Scherben, wodurch einem gerade vorbeitgehenden jungen Man» die Hand zerschnitten wurde; das schwere eiserne Oberteil der Reklamelaterne fiel einer Frau auf den Kopf, ohne glücklicherweise 'chlverere Verletzungen herbeizuführen. An einem Stückchen Kuchen erstickt ist Sonntag nachmittag die 1�4 Jahre alte Tochter Margarete des Stallschweizers Lorenz aus der Mittenwalderstr. 5. Frau Lorenz trank gegen 5 Uhr mit ihrem 3 Jahre alten Töchterchen Erna und der kleinen Margarete Milch und aß dazn Streuselkuchen, von dem sie auch den Kindern gab. Margarete litt seit drei Tagen an Schnupfen und Husten. Nachdem ihr die Mutter ein kleines Stückchen Kuchen in den Mund gesteckt hatte, bekam sie plötzlich einen Hustenanfall. Der Kuchen war ihr in die Luftröhre geraten. Ein junges Mädchen, das bei den Leuten wohnt, lief gleich zu drei Aerzten in der Nachbarschaft, traf aber keinen zu Hause. DaS Mädchen des dritten gab ihr den Rat, mit dem Kinde nach der Unfallstation am Teml�hofer Ufer zu gehen. Frau Lorenz, die noch nicht lang« in Berlin wohnt und »eshalb von dieser Einrichtung keine Kenntnis hatte, eilte jetzt, mit dem Kind auf dem Arme, nach der Station bin. Als sie aber dort ankam, war die Kleine schon tot. Die Leiche wurde beschlagnahmt. Unbekannter Selbstmörder. Am 14. Dezember sprang bor Schifsbaucrdamm 14 ein etwa 40 Jahr- alter au- cheinend bartloser Mann in die Spree und ertrank. Einige Schiffer versuchten den Lebensmüden zu retten, was ihnen aber nicht gelang. In ihren Händen verblieh nur eine d linkelgraue Lodenpelerine, ziemlich leichter Stoff, mit Armlöchern und Kapuze versehen. Dieselbe kann während der Dienststunden im Zimmer 349 III des Polizeipräsidiums besichtigt werden; da- selbst, sowie in jedem Polizeirevier werden Mitteilungen über die Persönlichkeit des Toten, dessen Leiche noch nicht geborgen ist, entgcgengcnoplinen._ Selbstmord in einem Hotel. In einem Hotel in der Chaussceftraße wurde vorgestern ein junger Mann, der erst neu zugezogen war, in seinem Zimmer dewußtlos aufgeftmden. Er hatte de« Gashahn geöffnet, um sich zu vergiften. Da er noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde sofort ein Arzt hinzugerufen, der Gegenmittel anwandte und seine Ueberführung nach der Charite anordnete. Wenige Stunden später starb aber der jugendliche Selbstmörder, ohne seine Besinnung wieder erlangt zu haben. Die polizeilichen � Er- Mittelungen ergaben, daß es sich um den LSjährigen Landwirt Franz Lockstädt aus Neuendorf handelt. Das Motiv der Tat rst unbekannt._ Die Gesangvereine„Neu Erwacht" und„Sorgenfrei" gaben im Etablissement Brauerei FriedrichSbain ein Konzert, das über den gewohnten Nahmen hinausragte und durch ein interessantes Programnr sowie desien bemerlcnswerte Abwickelung allgemeine Teilnahme verdiente. Was an diesen Sängerchören auffällt, ist ihre musterhafte Schulung, das Vermögen eines von der Partitur völlig unabhängigen künstlerischen Vortrags, der sich weit weg von jedweder Sucht eines reklamehaften VirtuosentumS bewegt. Nur in seltenen Fällen dürste eine Sängervereinigung dies hohe Mah von Freiheit erreichen. Jedenfalls gebührt dem Chormeister Heinz B l e i l die Anerkennung aller, dieses mit dem Arbeitergesang ernst meinen. Zwei Glanzpunkte des Programms waren für die obengenannten Vereine Franz Abts schwieriger Männerchor mit Orchesterbegleitung:„Siegessang der Deutschen naw der Hermannsschlacht" und noch mehr„F i n g a l", ein von Arnold Krug für Soli. Männerchor und Orchester komponiertes Ton- gemälde von schönem Klangreichtum und dramatischer Wucht, das hinsichtlich der Figuration wie der Instrumentation mancherlei ver» wandischaftliche Züge mir Wagners Musik in den„Nibelungen" ver- rät. Hier führten zwei Berusskünstler, nämlich Frau Margarethe Böhme-Heiden reich sSopran) und Herr Gustav Franz (Bariton) die solistischen Parts mit Auszeichnung durch und sicherten so ihrerseits den grogen Erfolg, an dem natürlich die Arbeitersänger und das Berliner Sinfonie-Orchester des Kapellmeisters Maximilian Fischer unter Heinz BleilS Direktion den gleichen Anteil hatten. Brillant fang aicherdei» Herr Franz mit Orchesterbegleitung Robert Schumanns Heine-Ballade:„Die beiden Grenadiere"; während Frau Böhme-Heidenreich zwei kirchliche Sachen von Gounod und Hummel vortrug. Leider erwies sich die Orgel in wenig konzert- gemäßem Zustande, weshalb eS dem Organisten, Herrn Dr. A. Böhme, nicht leicht fiel, den Rapport zwischen der Gesangsstimme und seinem Jnstninient herzustellen. Interessant war eine Serenade von Oehlschlägel für Harfe, Bioline und Cello, wunderfein durch die Herren Ed. Saal(Harfe), Bruno Schulz(Geige) und Franz Grosse(Cello) zum Vortrag gebracht. Endlich mögen die Leistunge» des bereits genannten Sinfonie- Orchesters hervorgehoben sein, das trotz seines wenig hinreichenden Streicherchors doch mit schönem Gelingen sich an so große Aufgaben wie Mendelssohns Hebriden-Ouvcrture und Wagners„Abschied WotanS" nebst dem„Feuerzauber" auS der„Walküre" wagen durfte. Vorort-]Macbncbten. Charlottenburg. Erweiterungsbauten der Gasanstalt II und des Krankenhauses auf Westend werden die nächste Stadtverordnetenversammlung am Mittwoch beschäftigen. Im elfteren Falle handelt cS sich um den Bau von weiteren 16 Generatoröfen, um die Aufstellung eines Ammoniakwäschers und eines Naphtalinwäschers. Die Gesamtkosten der Neubauten und der damit zusammenhängenden Erweiterungsanlagen werden auf IIIS 666 M. bemessen. Mit der Zeit soll die Gasanstalt ll derart erweitert werden, daß die Gasanstalt I, die am Charlotten- burger Ufer liegt und deren Ruß- und Rauchausladungen zu wiederholten Klagen der Anwohner führten, ganz eingezogen werden kann. Das Krankenhaus auf Westend soll durch zwei Häuser für Leichterkrankte erweitert werden, was einen Kostenaufwand von S36(XX) M. erfordert. Durch den Neubau wird die Zahl der Krankenbetten im Krankenhaus von 662 auf 782 erhöht. Eine städtische Eisbahn auf dem Lictzensee? Seit einiger Zeit ist bekanntlich der im Südwesten Charlottenburgs gelegene Lietzen- see in das Eigentum der Stadt übergegangen. Da früher, als der See sich noch im Privatbesitz befand, im Winter aus dem See eine Eisbahn eingerichtet war, beantragten die sozialdemokratischen Stadtverordneten, daß auch in diesem Winter, wenn es die Witterungsverhältnisse gestatten, auf dem Lietzensee eine Eisbahn eröffnet werden soll. Und zwar soll die Stadt das Unternehmen selbst betreiben und die Eisbahn ohne Gewinnaufschlag den Ein» wohnern, in erster Linie jedoch den Schulkindern zur Verfügung stellen. Es ist zu erwarten, daß diese von unseren Genossen der Stadtverordnetenversammlung gegebene Anregung allgemeine Zu- stimmung finden wird. Einmal ist es nur zu wünschen, daß der gesunde Sport des Eislaufens den weitesten Kreisen der Be- völkerung ermöglicht wird— und zu diesem Zweck sieht der Antrag bor, daß die Benutzungsgebühr für Erwachsene nicht über 16 Pf. betragen darf, während außerdem den Gemeindeschulkindern die Benutzung der Eisbahn unentgeltlich gestattet werden kann.— Zum anderen liegt kein plausibler Grund vor, aus dem die Stadt die Errichtung einer öffentlichen Eisbahn abweisen sollte. Was bereits in anderen Städten, und dort mit dem besten Erfolg nütz- lich war, wird sich auch für Charlottenburg durchführen lassen. Rixdorf. Ei» schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich vorgestern nach- mittag um 4 Uhr an der Hermann-, Ecke Zietenstraße. Als die 62jährige Frau Auguste Faßbutter, Prinz Handjerystr. 44/46 wohn- Haft, den Damm überschreiten wollte, wurde sie von dem Motor- wagen 184lZ der Linie 29, dessen Warnungssignale die Frau offen. bar überhört hatte, erfaßt und bei Seite geschleudert. Im be- sinnungslosen Zustände wurde Frau F. nach der Unfallstation in der Steinmetzstratze gebracht, wo festgestellt wurde, daß die Ver- unglückte eine schwere Schädelwunde und eine Verletzung an der linken Brust erlitten hatte. Frau F. wurde auf eigenen Wunsch yach ihrer Wohnung übergeführt. Bollständig freie Dienstkleidung soll vom 1. April 1911 ab dem gesamten Dienst- und Wartepersonal de« städtischen Krankenhauses gewährt werden.— Zur Veranstaltung einer Weihnachtsfeier im Krankenhause wird auf Beschluß der Kraukenhausdeputation ein Betrag von 2460 M. bereitgestellt.— Des weiteren wird beabsichtigt, ähnlich wie in anderen Krankenhäusern von Zeit zu Zeit Konzerte oder sonstige Unterhaltungen für die nicht bettlägerigen Kranken und das Pflegepersonal einzuführen. Die Direktion des Krankenhauses soll hierzu geeignete Vorschläge machen. I» einer öffentlichen Verfaimnlung im Lokal von Hoppe hielt der Stadtverordnete Herr Dr. S i l b e r st e i n einen äußerst lehr- reichen Vortrag über:„Wesen, Bedeutung und Notwendigkeit des Sportes und Manderns für die Arbeiterschaft, gleichviel ob jung, ob alt". Auch in der darauffolgenden ausgedehnten Diskusston wurde eindringlichst auf die Vorteile einer geregelten gesunden Leibesübung hingewiesen. Es wurde ein aus den Herren Dr. W. Fürst, F. Lord, Karl Rohr. Rob. Secgert, E. Blau, I. Reinecke, K. Liersch bestehender) Ausschuß mit de» Vorarbeiten für einen neuzu gründenden Elternverein betraut. Geplant ist eine Vereinigung größeren Stils zur Pflege von Bewegungs- spielen, des Schwimmcns, EislaufenS, Veranstaltung längerer Wanderungen, sowie Sportübungen allgemeiner Art. Im Monat Januar 1611 werden Ve?sp.M!nlunaen zur Gründung einer solchen Vereinigung einberufen werden, worauf die Arbeiterschaft Rix- dorfs jetzt schon besonders aufmerksam gemacht sei. Rummelsburg. Aus der Gemeindevertretung. Die Eimnauerung de? neuin Krankenhauses wurde in namentlicher Abstimmung mit 16 gegen 9 «craulwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Stimmen von der Gemeindevertretung beschlossen. Da auch nach der Besichligung des Krankenhauses und der Ansicht der Herren Aerzte gegen die Bebauung die Grundbesitzer im Bau- und Finanz- ausschuß allen Veriiunftgründen zum Trotz aiif den Verkauf der Front- grundstllcke vor dem Krankenhaus an der Prinz-Albert-Straße be- harrren und alle ihre Mannen in der Gemeindevertretung ebenso stimmen müssen, so nahm unser Genosse John Veran- lassung, dieses Gebaren in gebührend scharfer Weise zu kritisieren. Nacbdem unser Redner alle die Gründe, welche es durchaus nötig machen, daß die betreffenden Grundstücke unbebaut bleiben unv zu Kranienhauszwccken bereit zu halten sind, nochmals eingehend dargelegt hatte und dabei auch dem Bürgermeister Dr. Hahn manche Wahrheit über sein gar zu gefügiges Benehmen den Grundbesitzern gegenüber zu hören gab, geißelte er noch besonders die engherzige. spießbürgerliche, dein allgcineine» Wohl direkt entgegenwirkende Gemeindepolitik dieser Art Gemeindevertreter. Auch der mehrfache Eigentümer und Bau- Unternehmer Leichnitz, dem der Ausdruck„spießbürgerlich" nicht behagte, erklärte feierlich, daß er und die Grund- besitzer lediglich nur die Jntereffen der Gemeinde wahrnehmen. Unsere Vertreter Berger und Ritter wandten sich gleichfalls in scharfer Kritik gegen die Gruiidbesitzervereinsclique und forderten dieselbe auf— ihre Jnteresienpolitik in öffentlicher Geineindewählerversamm- lung zu vertreten. Die Gegenausfübrungen des Bürgermeisters Dr. Hahn klangen recht matt, er plädierte gewissermaßen für sich um mildernde Umstände, da er als ausführendes Olga» der Genieinde- Vertretung doch gezwungen sei, auch solche Beschlüsse der Grundbesitzer- Mehrheit, mit denen erselbstnichtharmoniert, zur Ausführung zu bringen. Zum Dank für seine Anpasiungspolitik mußte sich der Bürgermeister in der anschließenden nichtöffentlichen Sitzung von dem neugebackenen Führer der Grundbesitzervertreter Herrn Vettrieck— welcher sich allSm Anschein nach bereits in die Rolle eines König Heydebrand versetzt fühlt— bei dem begründeten Ersuchen um Anstellung eines Ge- meindebaumeisters sagen lassen, daß sie(die Grundbesitzer) es sich noch sehr überlegen werden, ob sie ihm(dem Bürgermeister) den verlangten Baumeister bewilligen. Beigeordneter Assessor Moser, welcher Gegner des Verkaufs der Krankenhausgrundstücke ist, wagte leider auch nicht gegen den Stachel zu löken— er enthielt sich der Abstimmung. Wenn es auch menschlich begreiflich erscheint. daß Assessor Moser cS unangenehm empfinden mutz, als noch neues Gemeindevorstandsmitglied gegen den ersten Bürgermeister wie gegen die geschlossene Grundbesitzermehrheit seine Stimme abzugeben, so muß aber doch gesagt werden, daß auf die Dauer eine solche Rück- sichtnahme ein Zwitterding ist. In der nichtöffentlichen Sitzung wurde denn auch gleich eines von den Krankenhausgrundstücken zum Preise von Sgl M. für die Ouadratrute an«ine» Herrn Klatte verkauft. Debattelos wurde hierauf die Gründung eines GrundstückserwerbSfonds beschlossen, diesem Grundstückserwerbsfonds sind sofort 26 Gemeindegrundstücke, welche einen Ankaufswert von über 2Vz Millionen Marl präsentieren und zurzeit bestimmten Zwecken»och nicht dienen, überwiesen worden. Der Grundstücks- erwerbsfouds hat nun den Zweck, die Gemeinde in der Jetztzeil insofern zu entlasten, alS die Zinsen für diese meist brachliegenden Grundstücke nicht mehr durch laufende Mittel im Etat zu decken sind. sondern durch Anleihemittel, welche der GrundstückserwerbSfonds aufnimmt. Diese zur Verzinsung aufgenommenen Anleihen sind aus den Pacht- und sonstigen Erträgen, wie aus der Wertsteigerung der Grundstücke selbst zur Tilgung resp. Abtragung zu bringen. Der nächste Etat wird hierdurch um zirka S6666 M. entlastet. Fricdrichshagen. Aus der Gemeindevertretung. In der am 16. Dezember abgehaltenen Sitzung erfolgte die Verlängerung des Pachtvertrages mit dem Motorbootbesitzer Basedow auf fünf Jahre gegen eine Jahrespocht von 166 M. Der Pächter verpflichtet sich, den Motor- bootfahrpreis während der Vertragsdauer nicht zu erhöhen, den- selben dagegen bei besseren Betriebsverhältnissen von IS Pf. auf 16 Pf. zu ermäßigen. Der Auflassung der Straßen 38 und 39 wurde ohne Debatte zugestimmt. Die Anlieger erklären sich bereit, das Stratzenland kosten- und lastenfrei der Gemeinde abzutreten, während sich die Gemeinde verpflichtet, nach erfolgter Auflassung sofort mit dem Ausbau der Straße zu beginnen. Gegen den Wunsch der Anlieger, die Straße„Hahns Mühle" zu nennen, wurden keine Einwen- düngen erhoben. Die Veränderung der Baufluchtlinie in der Seestraße westlich der Friedrichstraße vor den Grundstücken Nr. 17 bis 21 und Nr. 116 bis 117 ist durch die schwierigen Verkehrsverhältnisse eine unbedingte Notwendigkeit geworden. Es wurde beschlossen, die, Baufluchtlinie bis 1,46 Meier hinter die Vorgautenfluchtlinie zurückzurücken, um die erforderliche Straßenbreite zu erzielen. Zu dem Zusammenlegungsverfahrcn des östlichen Gemeinde- bezirks berichtet der Bürgermeister Dr. Stiller, daß mit sämtlichen Eigentümern eine Uebereinstimmung erzielt wurde mit Ausnahme des Rentiers Goldmann, der im Gegensatz zu den übrigen Besitzern eine Mehrabfindung beanspruche. Der Ge- meindevorständ empfiehlt daher folgenden Beschlutz zu fassen:„Die Gesamtheit der beteiligten Eigentümer hat kein Interesse daran, daß das Goldmannsche Parkgrundstück in das ZusammenlegunaS- verfahren einbezogen wird. Die von Goldmann beanspruchte Mehrabfindung bedeutet«ine größere Belastung der Gemeinde. Es wird daher empfohlen, das Goldmannsche Parkgrundstück aus dem Zusammenlegungsgebiet auszuscheiden." In der Debatte traten die Vertreter G l oe de, S o n n« n b u rg und Ge sel» bracht für die möglichste Beschleunigung des Verfahrens ein. Vertreter Sonnen bürg bedauerte lebhaft, daß bei einer für die baulich« Eutwickelung der Gemeinde so wichtigen Frage ein vermögender Mitbürger so wenig Gemeinsinn bekundet. Der Vor- schlag des Gcmeindevorstandes wurde einstimmig angenommen. Zur schärferen Milchkontrolle beschließt die Vertretung, mit dem Nahrungsuntersuchungsamt vom 1. Januar 1911 ab einen Vertrag abzuschließen, nach welchem die Milchkontrolle von Be- amten dieses Instituts ausgeübt wird. Der Erlös!>cs am 5. November d. I. abgehaltenen Wohl- tätigkeitsfestes im Betrage von 1886 M. ist von dem Festausschuß der Genieinde überwiesen. Diese Summe soll als Grundstock eines Wohltätigkeitsfonds dienen, aus dessen Zinsen bedürftigen Mitbürgern, um nicht die öffentliche Armenpflege in Anspruch nehmen zu müssen, Unterstützung gewährt werden soll. Die Bev tretung stimmte der Annahme der 1886 M zu. Da voraussichtlich am 1. Oktober 1911 die Gasanstalt an die Gemeinde übergeht, fällt das bisher der Anstalt zustehende Monopol der Gasversorgung fort. Der Einführung von Elek- trizität steht daher kein Hindernis im Wege. Der Gemeinde- vorstand empfahl deshalb, da eine gründliche Erörterung dieser Frage erforderlich ist, zur Vorberatung eine Kommission zu wählen. Die Vertretung stimmte dem zu und wählte in die Kommission Bürgermeister Dr. Stiller. Schöffe Dr. Wall« bürg, die Vertreter Görling, Grau, Gloede und Geselbracht. Da der Vertrag mit der„Niederb. Ztg." als Amtsorgan ab- gelaufen, beantragte der Verleger dieser Zeitung, den Vertrag nicht wie bisher auf drei, sondern auf fünf Jahre zu verlängern und lediglich der„Niederb. Ztg." die amtlichen Bekanntmachungen zu überweisen. Hierzu bemerkt der Bürgermeister, daß neben der „Niederb. Ztg." auch i�och eine andere Tageszeitung erscheinen werde, Seren Verleger ebenfalls beantragt hat, die amtliche Publikatlonskraft zu erhalten. Der Gemeindevorstand habe des- halb beschlossen, den Vertrag mit der„Niederb. Ztg." nur auf drei Jahre zu erneuern. Dieselbe bleibe also daS amtliche Organ. Dagegen habe der Gemeindeborstand es al>gelehnt. die Bekannt- machungcn n u r der„Niederb. Ztg." zu überweisen. Vertreter Sonnenburg(Soz.) wandte sich dagegen, daß mit dem Ver- leger der neuzugründenden Tageszeitung ein Vertrag abgeschlossen wird, da derselbe den deutschen Buchdruckertaris noch nicht unter- schriftlich anerkannt habe. Der Vorschlag dcS Gemeindevorstands wurde angenommen.-- Nach der Volkszählung vom l. Dezember beträgt die Ein- wohnerzahl von Friedrichshagen einschließlich der Kolonie Hirsch- Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt» ll garten 14 319(6674 männliche und 7645 weibliche) Personen. Seit der letzten Volszählung im Jahre 136S ist die Einwohnerzahl um 1111 Personen gestiegen. Gruna». Ein Portemonnaie mit 45 M. Inhalt ist einem Parteigenosse» auf dem hiesigen Postamte oder in der Nähe desselben am Sonn- abendabend abhanden gekommen. Da der Verlierer durch den Ver- lust in die äußerste Verlegenheit geraten ist, wird der ehrliche Finder gebeten, es bei Lasotzki, Falkenberg. Falkenbrunnstr. 2, abzugeben. Bernau. In der letzten Siabtverorbnetenversammlung wurde vom Vor� steher das Schreiben des unlängst zum Ratsherrn gewählten Herrn Devrient verlesen, wonach derselbe aus Gesurrdheitsrück- sichten die Wahl ablehnt.— Da vergeblich auf die Besetzung der Assistenzargtstelle am hiesigen Krankenhause gewartet wurde, hatten mehrere Stadtverordnete, darunter auch unsere Genossen, einen Antrag eingebracht, wonach ein Chefarzt ohne Privatpraxis, und zwar unter Fortsall der Assistentenstelle, angestellt werden soll. Flugs erschien der Magistrat mit einer dringlichen Vorlage au) dem Plane und offerierte der Versammlung einen Assistenzarzt mit einem jährlichen Gehalt von 2466 M. bei freier Station und einer vierwöchentlichen Kündigungsfrist. Nach längerer Diskussion wurde jedoch der Antrag, einen Chefarzt zu einem Jahvesgehalt von 4566 M. anzustellen, mit 12 gegen 16 Stimmen angenommen. — r Einer Erhöhung der Hauerlöhne in der hiesigen Stadtforst wurde zugestimmt. Spandan. Der Bezirk Nonnenbamm des hiesigen Wahlvereins hat er- freuliche Fortschritte gemacht, was den Kommissar Marx anscheinend nicht ruhig schlafen ließ. Ms am Donnerstag die Nonnendammer Genossen in dem Lokal von Dreier ihren Zahlabend abhielten und über die Polizeistunde hinaus tagten, drang plötzlich Polizei- kommissar Marx mit einem Polizcibeamten in das Lokal ein und verlangte sofortige Räumung desselben. Die Genossen protestierten energisch gegen daS gesetzwidrige Vorgehen des Beamten. Herr Marx spielte noch einen besonderen Trumpf aus, indem er bc- hauptete, das Zimmer, in dem die Sitzung stattfand, wäre nicht konzessioniert. Diese Behauptung hat sich als unwahr heraus- gestellt. Anscheinend handelt es sich um einen Versuch der Ein- schüchterung des Wirtes. Der Bezirksführer hat Beschwerde beim Oberbürgermeister erhoben. Die Jugendschriftcn- und Büchcrausstellung, Havelstr. 26, oberer Saal, ist nur noch bis Donnerstagabend, täglich von 5 bis 9 Uhr, geöffnet. Die Parteigenossen werden ersucht, ihren Bedarf an guten und billigen Büchern für den Weihnachtstisch nur hier zu decken._ Jugendveranstaltnngen. Freie Jngendorganisaiion Treptow. Am Sonntag, den 25. De» zember(1. Weihnachtssciertag), abends 8 Uhr, veranstaltet die Freie Jugendorganisation Treptow im großen Saal« der Radrennbahn, am Bahnhof Treptow, ihre WeihnachtSseier. Das reichhalllge Programm enthält neben dem Fcstvortrage des H-mi Willi Schulz Rezitationen(Herr Schauwiclcr B e ck), Konzert. Theater und turnerische Vorsuhrungen. Zu dieser Feier sind die Jugendlichen beiderlei Geschlechts nebst ihren Eltern und Angehörigen sreundlichit eingeladen. Eintrittskarten zum Preise von 25 Pp sind bei sämtlichen Mitgliedern und in den Jugendheimen zu haben. Kanfmönntsche Kranke»- und Sterbekasse von 1885.(®. t. 71.) Dienstag, den 20. Dezember, abends 9 Uhr. im Restaurant Jüdenstr. IS/1»! Sitzung. Eingegangene DruckTchnftcn. Von der..Gleichheit-. Leitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul singer). ist uns soeben Nr. 6 des 21. Jahrganges zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: PhilisterweiSheit vor dem Reichstage.— Weihnacht. Von B. Selinger. — Dte Beschlllsse der RelchsversicheruiigSordnungs-Kommission in erster Lesung: II. Die Leistungen der Ber-cherung. Von gh.— Säuglings- ernährung und Säuglingssterblichkeit. IV. V und Schlußsätze. Von Dr. Ä. Lip- sius.— Eine Wanderung durch die Weltaussiellung in Brüssel. III. Bon A. Th.— Wcihnachtsllänge. Von Mary Prclß.— Mit den Beilage» ür unsere Aiütter und Hausfrauen und Für unsere in d e r. Die. Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 16 Pf., durch die Post bezogen beträgt der AdonnementspreiS vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahresabonnement 2,60 M. Die WeihnachtSnnmmer des„Wahren Jacob- Ist soeben IS Selten stark mit reichen lexilichen und bildlichen Beiträgen erschienen. Der Preis der Nummer ist 10 Ps. Probennmmeni sind jederzeit durch den Verlag Paul Singer in Stuttgart sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen Die Welt des Kaufmanns. Heft 12. MonaiSschrsit. Herausgeber: I. Buschmann. Halbj. 3 M. G. D. W. Callweh, München. Amtlicher lvtarttbertebi der ftädttichen Marktballen-Dtrektlon über de» Großhandel in den Zentral-Marttballen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geichäsl schleppend. Preise wenig verändert. Wild: Zusubr genügend, Geichäst rege, Prell« fast unverändert, G e s I ü g e I: Zujuhr genügend, Geichäil etwas lebhasier, Preise säst unverändert. Fische; Zu- suhr mäßig, Geschäft etwas belebter, Preise wenig verändert. Butt er und Käse: Geschäft rubig, Prelle unverändert, Gemüie, Obst und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise fast unverändert. Witterungstiberiilbt vom IS. Dezember ISIS, morgens 8 Uhr. Wetterprognose für Dienstag, den SS. Dezember ISIS. Zunächst etwas kälter, vielfach heiter, bei ziemlich lebhasten westlichen Winden: später wieder Erwärmung unter zunehmender Bewölkung ohne erhebliche Niederschläge. Berliner Wetlerburean. WaüersiandS-vintbrtchre» der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. si+ bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Unlerpegel.—•) einzelne Schollen.______ uchdruckerei u. Vcrlagsa ristalt Paul Singer&. Co.. Berlin SW.