Pr. 306. HfcennfltientS'Bedlngimg«!- ■BormmenlS. PrkiS pränumeranda i Bierlcljä�rL 330 S»f., Olünatl, 1,10 Mk, »vöchenllich 28 Pfg frei ins Haus. Einzelne Nummer K Pfg, Sonntags- nummer mii Muttrierier Sonntags- Beilage.Die Neue Well" 10 Pjg, Post. slbonnement: 1,10 Mari pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitunzs. Preisliste. Unier Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn L Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PoftnbonnementS tiehmcn an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portiigal, Numänien, Schweden und die Schweiz. klfchtl»' liglich uS(r montigi. «7. Ilchrg. Vevlrnev Volksblakk. Zcntralorgan der rozialdcmokrati fehen Partei Dcutfcblands. Die TnfertlonS'GeMftr erfragt für die fechsgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum so Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Petrins- und Vcrsammiungs-Anzcigen 80 Pfg. „Kleine Hnxeigtn", das elfte tlett. gedruckte)«ort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stcllcugeiuchc und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 18 Buchstaben zählen für zwei Worte. Anserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sozialdtnokrat RtrliDa. Rcdahtion: SM. 68» Lindctiatraeec 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Sonnabend, den 81. Dezember 1910. Expedition» SM. 68, Lindcnstraese 69, Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981« Legen Sie Flottentreiber! Noch ist die neue Militärvorlage nicht unter Dach und tach gebracht worden, noch ist es rätselhaft, wie das trotz des teuerraubzuges des schwarzblanen Blocks im Etat klaffende gewaltige Defizit gedeckt werden soll, und schon regen sich die Panzerplatteninteressenten, um die Regierung zu einer Durch- brechung der Flottcnvorlage, zu einem gesteigerten Wettrüsten zu drängen. Vor wenigen Monaten noch leugneten die enragiertesten Flottenpatrioten, daß sie an eine neue Steige- rung der Flottenausgaben dächten, und es war einzig die sozialdemokratische Presse, die das Volk davor warnte, sich durch das harmlose Gebahren der Flottentreiber in Sicherheit wiegen zu lassen. Und selbst als der„Vorwärts" wiederholt daraus hinwies, daß es doch ganz ausgeschlossen sei, daß sich unsere Panzerplattenpatrioten ohne äußersten Widerstand damit abfinden würden, daß vom Jahr 1912 ab jährlich nur noch zwei Schlachtschiffe in Bau gegeben würden, während bis zum Jahre 1911 einschließlich je vier solcher Riesenschiffe auf Stapel gelegt worden seien, fand es die reaktionäre Presse für gut, sich über die Flottenfrage vorsich literweise völlig aus- zuschweigen. Ihre Taktik ging offensichtlich dahin, die Flotten- frage vor den Wahlen völlig auf sich beruhen zu lassen. Nach den Wahlen konnte man ja dem Volke immer noch mit der Bescherung kommen. Inzwischen aber beginnen unsere Flotteutreiber nachgerade doch die Geduld zu verlieren. Vielleicht haben sie inzwischen auch wahrgenommen, daß sie mit ihrer Vogelstraußpolitik bei den Wahlen doch kein Glück haben werden. So haben sie denn begonnen, ihre Karten aufzudecken. Der Präsident des Flottenvereins, der sich doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem abgehalfterten Keim, diplomatischer Zurückhaltung befleißigt, hat zu wiederholten Malen in ostentattver Weise die Forderung erhoben, vom Jahre 1912 jährlich drei Schlachtschiffe zu bauen. Er hat oavei die originelle Entdeckung gemacht, daß das keine Durchbrechung deL FlottengesetzcS sei, da ja nicht die Zahl der nach dem Flottengesetz zu bauenden Linienschiffe vermehrt. sondern nur ihre Bauzett zu- sammengedrängt werden solle. Als ob dann nicht spätestens 1914 die Forderung einer Schiffs Vermehrung erfolgen würde, da ja. bei einer Befolgung des Vorschlages deS Flottenvereinspräsidenten, vom Jahre 1915 ab jährlich nur noch ein Schlachtschiff gebaut werden dürfte! Außer- dem aber bildet auch der Flotten b a u p l a n einen u n- trennbaren Teil des Flotbengesetzes selbst, so daß schon deshalb eine Beschleunigung der Flotten- bauten eine unzweifelhafte Durchbrechung des Flotten- gesetzeS wäre! Bezeichnend ist auf alle Fälle, daß die konservative, ultramontane und nattonalliberale Preffe keinerlei Stellung gegen die Forderung des Präsidenten des Flottenvereins ge- nommen haben. Ja, eine Anzahl von Blättern dieser Parteien haben die Darstellung des ObcrflottenttetberS, daß fein Vorschlag keinerlei Verletzung des Flottengesetzes bedeute, ohne jeden Kommentar abgedruckt! Hinzukommt, daß nun auch die„ P 0 st" für eine Be- schleunigung der Flottenbauten einttitt. Aehnlich so, wie der Präses des Flottenvereins, begründet auch das Organ der am Kriegsschiffbau interessierten Unternehmerkreise die Not- wendigkeit der Beschleunigung der Neubauten damit, daß eine ganze Klasse von Kreuzern, die„Hertha"-Klasse, von der Marineverivaltting ihrer eigentlichen Aufgabe entzogen und als Schulschiffe verwendet worden sei. Folglich müßte schleunigst Ersatz für diese ihrem Berufe entzogenen Kreuzer geschaffen werden. Wir wollen uns nicht erst mit der Fadenschcinigkeit dieser Begründung aushalten. Denn zu welchen Zwecken nachttäglich die Marineverwaltung die einzelnen Schiffe verwendet. spielt für das Flottengesetz und für die Verteilung der Ersatzbauten nicht die geringste Rolle. Wir wollen nur konstatieren, daß die„Post" ganz in die Kerbe des Flottenvcreinsvorstandes haut und die Regicrung anzutreiben sucht, das Flotten- gesetz abermals über den Hausen zu werfen und die Schiffe rascher zu bauen, alS nach dem Bauplan vorgesehen l ES unterliegt also nicht mehr dem geringsten Zweifel, daß unsere Voraussage prompt eingetroffen und das so ein- siußreiche Panzerplatten- und Reederkapital bereits emsig an der Arbeit ist, für eine neue Flottcnvorlage Stiinmung zu machen, die 150—180 Millionen Mehrkosten verursachen und dabei doch nur ein Provisorium fiir drei Jahre— bis zum Jahre 1915— bedeuten würde 1 Diesen skrupellosen Flottentreibern gegenüber verdient ein Artikel doppelte Beachtung, der in der Freitagsiiummcr des„Tag" erschienen ist und aus der Feder des Kapitäns zur See a. D. L. Persius stammt. Persilis verttitt im Gegensatz zu der„Post" und dem Präsiden des Flotteiivereius den Standpnnkt, daß die deutsche Flotte eine derarttge Stärke erreicht hat, daß sie jetzt mit Ausnahme Englands allen anderen Staaten weitaus überlegen ist. während sie noch vor sieben Jahren erst an fünfter Stelle rangierte. Ist doch, wie Persius durch eine Tabelle zeigt, der Bestand an Schisssmaterial der folgende: DreadnoughtS: fettig im Bau Aeltere Linienschiffe Panzerkreuzer ........ � 34 14 21 12 10 8 6 Oe 30 66 16 10 15 5 4 6 Torpedoboote 105 225 46 72 68 23 14 80 Deutschland England.... ffiet. Staaten.. Frankreich... apa».... talien.... esterreich... Rußland.... Deutschland hat also nicht nur Rußland, sondern auch Frankreich und die Vereinigten Staaten so beträchtlich über- flügelt, daß es in der Tat eine Fttvolität sondergleichen ist, wenn unsere Prozentpalriotcn lediglich mit Rücksicht auf ihre gefährdeten Profite eine Beschleunigung der Schiffsbauten, die dann aber in Wirklichkeit auf eine Vermehrung der Schlachtschiffe um mindestens drei große Kreuzer hinausläuft, zu fordern wagen I Aber noch eine andere Stelle des Artikels des Kapitäns zur See a. D. v. Persius ist von größtem Interesse: Persius nimmt nämlich den bereits andcrwätts aufgetauchten Vor- schlag auf, vom Etat für 1911 einen der vorgesehenen vier Schlachtschiffbauten abzusetzen und a u f das Jahr 1912 zu verschieben. Er begründet das wie folgt: „Eine solche Zurück st ellung des vierten Schlacht» schiffes dieses Etats, die keineswegs dem Sinn des Flottengesetzes widerspricht, vielmehr im Gegenteil eine konsequentere Durch- sührung darstellt, wäre im Interesse der Reichs- siuanzen wie in dem der Industrie erwünscht. Wenn ein langsaines Herabsinken deS Baues von vier auf drei und auf zwei Schiffe erfolgt, vermögen unsere Werften spater besser der geringeren Be- schäftigung zu begegnen. Zudem mahnen bevor- stehende Umwälzungen in der Konstruktion großer Schisse zu äußer st er Vorsicht auf technischem Gebiet. In englischen Fachzeitschriften sickert durch, daß ein» der im diesjährigen Programm vorgesehenen Schlachtschiffe bereit» mit Motorenmaschinen ausgerüstet werde» wird. Noch vor kurzem fanden sich in unserer Presse Fachleute, die den Gedanken eines DreadnoughtS mit Moioren in die allerfern st«Zukunft verwiesen. Nun erfolgt der erste Vorstoß gegen die Kohlenfeuerung sogar in der Kriegsmarine, bei einem Schlachtschiff. Auf Handelsschiffen hat man Molorenantrieb bekanntlich schon seit längerer Zeit in Gebrauch genommen. Es heißt, der neue englische Dreadnought solle drei Motoren erhalten, die 36 000 Pferdelräfte indizieren. Die Raumersparnis, die durch die neue Maschinenanlage erzielt wird, ist enorm. Der Aktionsradius wird Verdoppelung er- fahren, die S ch 0 r n st e i n« werden verschwinden, und die Rauchentwickelung wird b eseitigt." Jierr Persius hätte bemerken können, daß dte Forderung. chiffsbautcn zu verlangsamen, vom„Vorwätts" bereits vor geraumer Zeit mit allem Nachdruck erhoben worden ist, und daß es ebenso der„V 0 r w ä r t s" war, der bereits vor mehreren Monaten auf die bevorstehenden Umwälzungen im Kriegsschiffbau hinwies. Damals glaubten die Manne- sachverständigen der bürgerlichen Presse sich über die Wissen- schast des„Vorwärts" lustig machen zu können— heute müssen sie die Richtigkeit unserer Meldungen bereits zu ig Prozent zugestehen. Voraussichtlich werden die journalistischen und politischen Handlanger des Flottenkapitals die Darlegungen von Persius heftig bekämpfen und um so energischer Propaganda für die Beschleunigung der Schiffsbauten machen. Diese Propaganda ist aber am wirksamsten dadurch zu durchkreuzen. daß der Reichstag mit der Forderung der Verlang- s a m u n g der Schiffsbauten seinerseits E r n st macht. Verab- säumen die Parteien, eine solche Vorbeugungsmaßregel gegen die Forderungen der Flotteutreiber zu treffen, so tragen sie die Verantwortung dafür, wenn nach den Wahlen die neue Flottenvorlage tatsächlich kommt! «ia Das SchreckensregtoKDl. Die letzte Verhandlung de» Moabiter Prozesses Im alten Jahre, die am Freitag stattfand, brachte noch eine reiche Fülle von Bekundungen, die das Wort vom Schreckensregiment der Polizei mehr als rechtfertigen. Charakteristisch für die Stimmung selbst höherer Polizeibeamter, von denen man am ersten kühlen Kopf und Besonnenheit verlangen darf, ist die Aeußerung eines PolizeileutnantS. die der Griinwarenhändler Dorn bezeugte. Auf seine Bitte nm Schutz, da er eine Hebamme holen müsse, wurde Herr Dorn j von dem Offizier mit den Worten angefahren:.Wa» heißt hier I Hebamme, hier wird keine Rücksicht mehr genommen, ob Kinder kommen oder nicht I Sie haben selbst schuld an den Zuständen, die hier jetzt herrschen I" Der Herr Leutnant bat diesen nnqualifizierbaren Ausfall freilich später wieder gut gemacht, indem er schließlich selbst 1 zur Herbeischaffnng der Hebamme behilflich war. Aber daß die Aeußerung überhaupt fallen konnte, ist schon bezeichnend genug und erklätt vieles, wa« der Polizei zur Last gelegt werden muß. Bei solcher Auffassung, wonach die ganze Bevölkerung von Moabit als Feind betrachtet wurde, dem keine Rücksichten mehr geschuldet werden, dem man selbst die Wohltat der Genfer Konvention, die Respektierung der Fürsorge für Verwundete und Kranke nicht mehr zuzugestehen braucht, da mußte das Schreckensregiment entstehen, das die Be- wohner von Moabit mit so tiefer Erbitterung erfüllt hat. Bor einer Verletzung der Genfer Konvention im Kriege gegen den äußere» Feind würde das offizielle Deutschland ängstlich zurücklchcuen, müßte es sich doch von alle» Kulturvöller» der schlimmsten Barbarei zeihen lassen. Während der Moabiter Unruhen aber, in« vermeintlichen Kampfe gegen den vermeintlichen inneren Feind konnte sich eine Zeitlang im Kopfe eines Polizeioffiziers die An« schauung festsetze», daß nian dem„Feinde" selbst die Hilfe in der dringendsten Leibesnot versagen dürse! Schauerliche Einzelheiten über die Aeußerungen des Polizei- lichen Schreckenregiineilts sind in dieser Sitzung vorgetragen lvorden. Es sind in den Verhandlungen des Riesenprozesses viele schlimme Dinge zutage gekominen, aber kaum jemals ist in einer Sitzung so viel des gravierendsten Belastungsmaterials gegen die Polizei zu- fanmiengetragen worden wie in dieser. Mit einer einzigen Ausnahme hatte jeder der Verteidigungszeugen Fälle zu schildern, bei denen sich, um einen Ausdruck des Zeugen Dorn zu gebrauchen, einem das Herz im Leibe umdrehte. Die Aussagen der Jagowschen Freiwilligen aber waren wieder von der gewohnten Bedeutungs- losigkeit, die mit dem Forlschritt des Prozesses stetig zuzunehmen scheint. Ebenso wenig Glück, wie mit ihren Zeugen hatte die Staats- anwaltschaft auch in dieser Sitzung mit dem Versuch, die Aussagen der Verteidigungszeugen durch Gegenüberstellung der beschuldigten Polizeibeamten zu erschüttern. Die Zeugin Pflaumbaum hatte allerdings Bekundungen gemacht, die die Kriminalbeamten so außerordentlich schwer belasteten, daß man den Wunsch der Staatsanwalt- schast, dieses Zeugnis zu entkräften, von ihrem Standpunkt aus begreiflich findet. Aber der Versuch mißlang schmählich, die Vernehmung des Herrn Kriminalkommissars Werner hat die Sache für die Polizei lediglich arg verschlimmert. Die Zeugin Yflanmbaum ist eine resolute Frau, die bei ihrem Wort steht und die weiß, was sie gesehen und gehört hat, eine Frau, deren Augen und Ohren nicht minder scharf sind wie ihre Zunge. Herr Kriminal-.. koinmissar Werner mußte vieles, was die Zeugin angab, bestätigcii wo die Sache für ihn unangenehm wurde, da— verließ ihn sein Gedächtnis. Er hat nicht gesehen, daß geschlagen wurde; er glaubt nicht, er erinnert sich nicht, geschimpft und geschlagen zu haben. Die Unbestiinmtheit dieser Verneinungen sagt genug. Sie waren im Grunde genommen Bestätigungen. Sehr bezeichnend ist die Angabe de» Herrn Werner, er sei vor den Eheleuten Pflaumbaum gewarnt worden, e» sei ihm gesagt worden, er solle recht vorsichtig sein, da von diesen Leuten seine Maßnahmen jedenfalls genau beobachtet werden würden. Wenn das Pflaumbaumsche Lokal mit den ge- fürchteten Aufpaffern also nicht im Wirkungsbereich de» Herrn Kommissars gelegen hätte, so hätte man ihm Vorsicht und Zurück- Haltung nicht zur Pflicht gemacht? I Sehr wichtig ist in der Aussage deS Herrn KommiffarS auch die amtliche Bestätigung der Behauptung, daß Kriminalschutzleute einen Beamten der politischen Polizei, der in Arbeiterkleidung in Moabit tätig war, verprügelt haben. Die Arbeiterkleidnng diese« Beamten ist ein Moment, das bedeutsame Schlüsse gestattet. Bon großem Interesse ist ferner die Bekundung deS Nestau- rateurs Wagner, der, obgleich früher selbst Kriminalbeamter, erklären mußte, daß er starr war ob deS Borgehens der Polizei. Die lebendige Schilderung, die er von der Räumung seines Lokals gab, spttcht Bände. Auch der Zeuge Anler schilderte eine solche Lokalräumung. Sie sind anscheinend alle nach demselben Schema vor sich gegangen: wahllose Verprügelung auch der ruhigsten Gäste und Wiederhowng der Prügel, indem die au» dem Lokal Gc- hauenen draußen Spießruten laufen mußten zwischeu Schutzmannssäbeln. Der Zeuge Wagner hat auch die Taktik der Kriminalbeamten sehr gut gekennzeichnet, indem er auf die Frage, weshalb sie auf einzelne, ruhige Passanten einschlugen, die Antwort gab:„Sie kriegten plötzlich einen Einfall und schlugen darauf los!" Der Zeuge Roßbach hat auch einen wettvollen Beittag zu diesem Thema ge- liefert, indem er anschaulich beschtteb, wie die Kriminalbeamten ihre Opfer förmlich beschlichen, sich den zu zwei oder drei gehenden oder stehenden Leuten gemütlich schlendernd näherten und dann plötzlich auf den Ruf:«Lo§ I" die Prügel niedersausen ließen. Noch viele andere skandalöse Vorfälle sind von den VerteidigungS- zeugen in dieser Sitzung bekundet worden. Die letzte Sitzung im alten Jahre hat alles das, was bisher über das Schreckensregiment der Polizei ans Licht gezogen ist, noch einmal kräftig unterstrichen. Im Polizeipräsidium wird man das Neujahrsfest mit der Ueber« zeugung begehen müssen, daß der Jahresschluß ein sehr, sehr un- günstiger war.. eil» interessanter lüechtska!!. London, 27. Dezember 1910. In dem Lärm der Wahlen ist einem Prozeß, den der be- rüchtigte Herr Osborne gegen die Gewerkschaft der Eisen- bahner gesiihrt hat, nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden. Herr Osborne war bekanntlich der Sekretär der ! Walthamstoiver Sektion der Eisenbahnergewerkschaft, der die langwierige Klage anstrengte, die damit endete, daß die Ge- werkschaft der Eisenbahner und mit ihr die britischen Gc- werkschaften im allgemeinen ihr seit langen Jahren aus- eübtes Recht, sich politisch zu betättgen, verloren. Der läger hatte durch seine Handlungsweise unzweifelhaft dte Iuteresien feinet Organisation geschädigt und würde daher ouf Grund der Statuten aus dem Eisenbahncrverband auS- geschlossen; auch löste der Vorstand der Organisation die Sektion Walthamstow auf, die ihren Sekretär Osborne in seinem organisationsfeindlichen Unternehmen untersliitzt hatte. Hiergegen erhob nun Osborne Klage. Er führte an, daß sein Äusschluß und die Auflösung seiner Sektion im- gesetzlich und daß die Statuten, nach denen der Ausschluß vollzogen worden, ebenfalls ungesetzlich und daher null und nichtig seien; ferner verlangte er einen Jnhibitionsbcfchl, der die Eisenbahnergewcrkschast daran hindern sollte, ihre Beschlüsse auszuführen. Er wurde am 30. November mit seiner 5klage und seinem Verlangen abgewiesen. Die beklagte Gewerkschaft stellte sich auf den Standpunkt, daß sie nach dem„Common Law" eine ungesetzliche Vereinigung sei und die Klage daher der Gerichtsbarkeit des Gerichtshofes nicht unterstehe. ES sei hier zur Erklärung des Falles angeführt, daß die Gewerkschaften Großbritanniens nach dem„Common Law" als Vereinigungen zur Einschränkung des Erwerbslebens (Trade) ungesetzliche Verbindungen sind. Unter„Common Law" versteht man in England die Grundsätze, nach denen nach der normannischen Eroberung in den königlichen Ge- richtShöfen Recht gesprochen wurde. Ueber dem„Common Law" steht aber das„Statute Law", d. h. das Recht, wie es in den Beschlüssen des Parlaments niedergelegt worden ist. Das Gewerkschaftsgesetz dcS Jahres 1871 bestimmt nun. daß die Zwecke irgend einer Gewerkschaft nicht einfach, weil sie au die Einschränkung deS Erwerbslebens zielen, als ungesetzlich in dem Sinne betrachtet werden sollen, daß sich irgend ein Mitglied der Gewerkschaft der Verfolgung durch das Strafgesetz aussetzt oder daß irgend ein Kontrakt null und nichtig ist. Das Gesetz bcstimnlt serner, daß nichts in diesem Gesetz irgend einem Gerichtshofe die Macht geben soll, irgend ein gerichtliches Verfahren zu genehmigen, das den Zweck hat, die Jnnehaltung irgend welcher von gewissen Kontrakten zu erzwingen oder Ent- schädigung für den Bruch solcher Kontrakte zu erhalten. Hier- zu gehören auch Kontrakte über die Verwendung der Gelder der Gewerkschaften zur Zahlung von Unterstützungen an Mit- glieder. Dem Sinn und Wortlaut des Gesetzes gemäß entschied der Richter, daß der von den Mitgliedern der Gewerkschaft geschlossene Kontrakt nach dem„Comnion Lalv" ungesetzlich sei, da er die Erwerbstätigkeit beschränke, und daß die Klage daher von dem Gerichtshof vor dem Inkrafttreten des Gewerk- schaftsgesetzeS nicht hätte genehmigt werden können; daß das Gesetz den Gerichtshof nicht ermächtige, die Klage zu verhandeln; daß die Klage ein Verfahren darstelle, daß eingeleitet worden sei, um die Beobachtung eines Kontrakts bezüglich der Ver- Wendung der Gewerkschaftsgelder für die Unterstützung der Mitglieder direkt zu erzwingen, und daß das Gesetz deshalb dem Gerichtshofe untersage, den Fall zu verhandeln. Der Richter entschied ferner, daß der Vorstand der Gewerk- schaft billigerlveise und ehrlich gemäß den Statuten zu dem Beschluß koinnien könne, daß ein Mitglied, das sich weigere, sich der Handlungsweise seiner Kollegen anzuschließen, die Gewerkschaft schädige; daß der Gerichtshof daher, wenn der Vorstand billigerweise und ehrlich zu dieser Ansicht komme und das Mitglied ausschließe, nicht ein- greifen und die Bestimmung des Statuts, nach der das Mitglied ausgeschlossen worden sei, für ungesetzlich und null und nichtig erklären könne. Daß sich die Gewerkschaft auf ihr ungesetzliches Dasein berufen mußte, um sich zu schützen, wirft ein eigentümliches Licht auf die alten, bizarren Rechtsformalitäten— die Chinoiserie des Gesetzes, wie die Franzosen recht treffend sagen dieses Landes. politische deberfubt. Berlin, den 30. Dezember 1910. Die Protestvewegung gegen das neue elsast-lothringische Berfafsnngsmonstrnm ist in den Reichslanden lebhaft in Fluß gekommen, nachdem der sozialdemokratische Landesvorstand schon am Sonnabend vergangener Woche in einem Aufrufe an die Parteigenossen des ganzen Landes dem Vorgehen der Partei- und Gewerk- schaftSorganisationcn im Kreise Mülhausen beigetreten ist und mit den Partei- auch die Gcwerkschaftsgenossen aufge- fordert hat, überall da. wo die Möglichkeit dazu gegeben ist, am Sonntag, den L. Januar 1911, Demonstrationsversamm- lungen zu veranstalten. Eine solche Versammlung mit nach- folgendem Straßenumzug ist— abgesehen von Mülhausen— vorgesehen in Gebweiter, wobei die Liberalen zur Mit- Wirkung eingeladen sind; Massenversaninilungen sind bis jetzt ferner vorgesehen für C o l m a r und für Straßburg. Es darf angenommen werden, daß sich Lothringen mit dem Parteivororte Metz noch anschließen wird. In Mülhausen, wo die Partei an die Demokraten und die Liberalen die öffentliche Anfrage gerichtet hatte, ob sie bereit sind, sich der Kundgebung anzuschließen, hat die Demokratische Partei beschlossen, ihre Partei- Mitglieder und alle freiheitlich gesinnten Bürger zur Teilnahme an der Kundgebung aufzufordern. Tie Antwort der L i b e r a l e n, die noch aus- steht, dürfte nach den Andeutungen ihrer Parteiorgane ab- lehnend ausfallen, was auch im Januar 1910 bei der damaligen Wahlrechtsdemonstration der Fall war, die aber trotzdem unter Beteiligung von 10— 12 000 Personen in der imposantesten Weise verlief. Die liberale Parteileitung be- gründete die Ablehnung damals mit ihrer„prinzipiellen" Abneigung gegen„öffentliche Straßendemonstrationen". Dieselbe Abneigung bekundet auf dieser Seite der Vogesen die Zentrumspartei, deren Gesinnungsgenossen jen- scits der Grenzberge in Frankreich als camelots du roi und dcrgl. bekanntlich nicht so spröde sind; aber dort handelt es sich ja auch nicht um die Durchsetzung von Volksforde- rungen im Sinne der Demokratie, fondern um die Interessen von Thron und Altar, da kann man die werte Person schon el?er aus der Straße einsetzen. An die Zentrumspartei, die wie im Landesausschuß auch in ihrer Presse mit seltener Ent- schiedcuheit gegen den Proporz Stellung ninimt, hat der Sozialdemokratische KreiSverein eine Einladung zur Mit- Wirkung auch gar nicht gerichtet. Die Kundgebung wird sich unter diesen Umständen nicht nur gejjen die Regierung,'sondern auch gegen das Zentrum und seine liberalen Schlepp«»- träger richten. So bereitet sie zugleich in geeigneter Wesse die neuen Wahlen vor._ Eine gründliche Abfertigung der„Krenz-Ztg." Die„Kreuz-Ztg." brachte vor einigen Tagen einen Artikel, in welchem sie borschlug, der Preffe allerlei Daumschrauben anzulegen, damit diese sich nicht mehr erfreche, die höheren Klassen, Stände und Berufe zu beleidigen und zu bemäkeln. Deshalb, so forderte das Blatt der Hammersteinlinge, müsse der gerichtliche Schutz gegen solche Beleidigungen und Kritiken viel weiter ausgedehnt werden. Vor allem»nützten ständische Genossenschaften und Berufs Vereinigungen, auch wenn sie nicht als juristische Persönlichkeiten anerkannt sind, ganz allgemein daS Klagerecht erhalten. Ferner geniige es nicht, daß nur der Verantlvortliche Redakteur zur Verantwortung gezogen werde; auch die Zeitungen selbst und ihre Besitzer mutzten möglichst hoch bestrast werden, und zwar»nützten bei der Strafabmessung die« Iv i r t s ch a s t Ii ch e n Verhältnisse" der Besitzer und die. A us br eitun g der Zeitung" mit in Betracht gezogen werden. Der Artikel war geradezu verrückt. Er stand tatsächlich»mter aller Kritik. Wir hoben deshalb auch darauf verzichiet, dieses komische Produkt eines allem Anschein nach in hohem Matze neurasthenischen Mitarbeiters der„Kreuz-Ztg."— möglicherweise rührt da? Geschreibsel auch von einer hysterischen Nachfolgerin der Flora Gatz her— zu kritisieren; denn wir bermochten diese schöire Leistung auf dem Gebiete der Journalistik absolut nicht ernst zu nehmen. Was uns interessierte, war nur, datz eine Redaktion, die so viel auf politische Reputation hält, sich dazu verstehen koirnte, solches juristische Geschwätz aufzunehmen. Doch erkennen wir, mit- leidig wie wir sind, datz die.Kre»z-Zeitungs"-Redaktion in An- betracht der eigenartigen EigentumSverhällnisse des von ihr heraus- gegebenen Blattes und der vielen konventionellen Rücksichten, die sie zu nehmen hat, gezwungen ist,»nancheS zu publizieren, dessen politischen und literarischen Wert sie selbst oft sehr gering ein- schätzen mag. Nicht so humoristisch wie wir, haben verschiedene liberale Blätter den Artikel genommen. Sie leisten sich eine scharfe Zurückweisung der gestellten Forderungen. Jnteresiant ist aber, datz selbst so reaktionären, scharfmacherischen Blättern wie der„Post" und der „Tägl. Rundschau" die juristische» Albernheiten der„Kreuz-Ztg." zu bunt werden und sie dieser deshalb eine gründliche Abfertigung zuteil werden lassen. So schreibt zum Beispiel die„Tägliche Rundschau": Die„Kreuz-Ztg." trägt sich mit Selbstmordgedanken. Sie der- öffentlicht einen Artikel, in welchem der Wunsch geäutzcrt wird, es möchten bei der bevorstehenden Aenderung des StrnfrechlS und Straf- prozetzverfahrens auch die Verleumdungen in der Presse mit möglichst hohen Strafen belegt werden. Der Artikel weist auf England hin, wo neulich während der Wahlkampagne eine liberale Zeitung wegen verleumderischer Beleidigung eines konservativen Kandidaten zu 100 000 M. Geldstrafe verurteilt wurde, und wo eines Tages die „TimeS" wegen Verleumdung des JrcnführerS Parnell eine Million Mark zahlen' mutzte, und der Verfasser möchte ähnliche Strafen auch in Prcutzen eingeführt sehen. So sympathisch der Gedanke eines grvtzeren Schutzes der persönlichen Ehre durch die Gerichte ist, so verwunderlich ist es, datz die„Kreuz-Ztg." ihn auSsplichts. der schon Bismarck und nach ihm so viele, viele andere vorgeivorsen haben,„datz sie sich nicht entblödet, die schändlichsten und lügenhaftesten Verleumdungen über hochgestellte Männer in die Welt zu bringen, in solcher Form, datz sie nach dem Urteil der höchsten juristiichen Autoritäten gerichtlich nicht zu fasse» sind, aber doch derjenige, der sie gelesen hat, den Eindruck gewinnt: hier wird den Ministen» vorgeworfen, datz sie unredlich gehandelt haben". Und datz die„Kreuz-Zeilung" auch in dieser Hinsicht auf Tradition hält, wissen alle, die sie keimen. Sie hat eS auch noch in diesen Tagen durch niederträchtige, unwahre An- griffe auf den Direktor des Evangelischen Bundes Abgordneten Everlillg und durch ihre Verleumdungen gegen Erz.««tzmann erhärtet. Wieviele Millionen glaubt sie wohl, datz sie bezahlen mühte, wenn da? von ihr vcrlanate Gesetz rückwirkend geinacht werden könnte, und auf»vieviel Hunderttausend macht sie sich gefatzt, wenn eS wirklich beschlossen»verde» sollte? Wir glauben, datz die Strafen für sie unersckiwinglich würden, auch wenn ihre zweite Forderung, datz„die Geldstrafen in einem Verhältnis zur Ausbreitung der angeklagten Zeitung stehe» mühten", erfüllt Ivird. Da die Ausbreitung der„Krenz-sjeihmg" sehr klein ist, würde das allerdings sehr strafmildernd wirken; aber gefährlich wäre diese RechtSreform für sie auch bei Annahme diesoS ZufatzantrageS; denn die liebe Gewohnheit, die sich bekanntlich nur schwer ausjäten lätzt, gliche wahrscheinlich die mildernden Umstände durch dieHäufig- keit der Fälle auS._ Eine antimilitaristische Schrift. Der konservative wcimarische Landtazsabgeordnete, Herr Heinrich Ziehn, hat eine Schrift, betitelt„Erinnerungen eines sechsten Ulanen an 1870/71", geschrieben, in der er seine Erlebnisse im dcutsch-französischen Kriege schildert. Der Zweck seiner Schilderung ist. den PatriottSmus zu»nehren und zu stärken; bei sittlich fühlenden Lesern dürfte jedoch dieser Zweck kaum erreicht werden, denn Herr Zieh», erzählt geradezu widerlich-barbarische Vorgänge auS jenem Feldzuge. So heißt es z. B. auf der Seite 45 ff.: „Der 16. Oktober war der Tag fürchterlichster Vergeltung für den Ort Vartge, wie auch für Eivry." Wörtlich heitzt eS dai»n» „ES»vurde vo»n Rittmeister von Stockhausen, unS wie den übrigen Truppen auch, der Befehl gegeben: Ihr witzt, wie sich diese Dörfer gegen nnS vergangen haben. Es soll ein Exempel statuiert werde»», und eS ivird alles, waS vor die Lanzen kommt, er- stachen oder erschossen, einerlei ob alt oder jung, ob Mann oder Frau..." ES wird dann drastisch geschildert, wie der Befehl ausgeführt worden ist: „Da komint aus dem Ort heraus eine zirka SS Jahre alte Frau mit einem Säugling auf dein Arm auf mich zu, gewaltig schinipfend ilnd den Durchlatz fordernd. Ich brachte es aber wirklich nicht fertig, gerade diese(I) alte Frau mit dem Kind zu erschietzen, durchlassen durfte ich sie aber auch nicht, also setze ich ihr die Lanze auf die Brust, sie zurücktreibend. Da kommt aus dein brennenden Ort heraus mein schon mehrfach erwähnter Rekrutenleutnant». Langermann mit zwei Mann grsprei»gt, mich anrufend:„Run, Ziehn, waruin erschießen Sie die Frau nicht, sie schimpft doch fürchter- lich auf Sie", und alS ich etwa? entgegnen wollte, sagte er: „Nun, dann befehle ich Ihnen, die Frau zu erschietzen." Da natürlich half alles nichts. Der Schutz krachte, streifte aber nur einen Arm der Fra»».„Kannst nicht schieben," sagt einer seiner Leute, welcher damals mit bei Leutnant Fleischer gewesen war. Ein Krach, die Frau fiel tot vornüber, daS Kind flog in» Bogen auf den Acker, wo es schrecklich weinend liegen blieb... Einer wollte den daliegenden Säugling mit dem Bajonett durch- stech en mit den Worten:„DaS Wurm wird, einmal gerade so schlecht wie die andern," ein anderer nahm auf mein« Bitte daS Kind und trug eS hinter einen zirka 100 Meter entfernten Schober, wo ich es, so lange ich noch blieb, weiter weinen hören konnte..." Wir möchten Herrn Ziehn empfehlen, eine ganz billige Massenauflage semer Schrift herstellen zu lasse». Auf unsere Empfehlung kann er rechnen! Eine neue Sorge der Ztlkohvl-Triarler. Die Rede, die Wilhelm II. in Mürwick gegen den Alkoholgenutz gehalten hat, tut ihre Wirkung. Die in Flensburg garnisonicrende 4. Kompagnie des Infanterieregiments Nr. LS will den Geburtstag des Kaisers alkoholfrei begehen. In agrarischen Kreisen wird man diese Nachricht mit schnierzlichen Gcsühlen aufnehmen. und der Schmerz wird zu bedenklicher Höhe sich steigern, wenn das Flens- burger Beispiel in der Arinee Nachahmung finden sollte. Für die„Triarier Seiner Majestät" brechen bedenkliche Zeiten an. Zur Erhöhung der Wehrfähigkeit. Das preußische Kriegsininisierinm hat wieder eine grotze Tat hinter sich. Es wurde nämlich verfügt, datz künftig die Offiziers- säbcl anders als wie seither getragen werden sollen. In der Kabinettsorder ist genau berechnet, ivie lang und wie stark die einzelnen Haken sein müsse»».— Wie viele Offiziere im Kriegs- Ministerium mögen wieder damit befaßt worden sein, diese Neuerung auszuhecken und dann in allen Einzelheiten festzusetzen. Wir zweifeln selbstverständlich nicht daran, daß die Schlag- fertigkeit der Armee durch diese Neuerung ganz kolossal ver- mehrt wird._ Knebelung der freien Stildentenschaft. Die UniversiiätSbehörden Preußens find eifrig am Werl, den letzten Rest akademischer Freiheit zu ersticken. In Halle a. S. hät der dortige Rektor verfügt, datz ihm künftighin jedes Wort, das in Vorträgen oder Veranstaltungen der freien Studentenschast gesprochen werden soll, vorher„unterbrettcl"»verde. Wegen des von der freien Studentenschaft herausgegebenen Studentischen Taschenbuches sowie wegen eines von der literarischen Abteilung der Freistudcntcnschaft veranstalteten„Brettl-Abends" wiirde gegen einen Studenten ein Disziplinarverfahren eingeleitet. DaS»ozialc Gedickt, das brnipt- säcklich zur Denunziation der freien Stndentenschaft sühne, stammt von Richard Dehmel. Da« Verfahren wurde jedock eingestellt, da- für kam aber die Verfügung heraus, datz bei den Veranstaltungen der Frcistudenten kein Wort mehr gesprochen»verde» dürfe, das nicht zuvor vom Rektor genehmigt»vorden sei. Drn Anstoß zu der ganzen Aktion hat der geplai»te Vortrag deS Genossen Südekiun gegeben._ DaS Gottesgnadentum im Gy»nnasi»m. Gewaltiges Aufsehen»nacht in Elsatz-Lothringen dieRelegation elneSGymnasiasten wegen— Majestätsb eleidigung. ES handelt sich uin einen nahezu LOjährigen Oberprimaner Baur auS Venfeld, der im Schnlhofe des Gymnasiums von Schlettstadt— nach einer anderen Lesart ouf dem Heim- weg von der Schule— gegenüber dem Untersekundaner Winger, dem Sohne des Hauptmannes und BezirkSoffizicrS Wingcr, in leidenschaftlichem Schiilerdispnt eine abfällige Neutzerung über das Gottesgiiadentntz» des Kaisers fallen ließ. Auf welchen Kaiser sich dieses Schülerurteil bezog, darüber fehlt für die Oeffent- lichkeit jeder zuverlässige Anhaltspunkt,— fest steht nur, datz der Bater des Untersekundaners Winger, der die Unterhaltung zu Hause erzählte, eS für seine Offizierspflicht hielt, den Oberprimaner Baur, der Altelsässer ist, wegen— Majestätsbeleidigung bei dem Direktor de» Gymnasiums zu denunzieren. Der Direktor machte kurzen Prozetz: er berief das Lehrerkollegium, und diese» beschloß nach Feststellung des Sachverhaltes, den der junge Ver- breche? freimütig zugegeben haben soll, die strafweise Entfernung deS „Angeklagten' auS dem Gymnasium. Da« beleidigte GottcSgnadcntum ist gerettet. Oder?... Selbst die regierungsftomine nationalliberale„Stratzburger Post" ftrnn dir Beftirchnmg nicht unterdrücken, datz die für den jungen Menschen so folgenschwere Ahndung seiner Pribatäntzerung dazu führen werde, datz in der„durch diesen Fall beunruhigten Schule" die„ E l s ä s s e r" und die„ S ch iv o b e n" sich in Zukunft trennen werden, und datz die ersteren auch fernerhin kritische Worte sprechen werden—„nur wird von ihnen sie keiner verraten". So kommt die„Stratzb. Post" zu dein Schlüsse:„Gebessert wird nicht», verdorben aber wird vieles werden." Damit ist das Urteil nicht nur über diese» MajestätSbeleidigungZ« prozetz im Gymnasium, sondern über alle Majestätsbeleidigungs- Prozesse gesprochen. Sie taugen alle nichts! Ganz besonders gilt dies freilich dort, wo ihre Lächerlichkeit tötet— und hier hat man zweifellos einen solchen Fall vor sich. LandratSherrschaft. DaS brutale Herrschaftsregiment der pommerschen Junker ist bekannt. Recht grell wu>ck>e cS erst jüngst wieder durch die Ver- Handlungen im Grimmer Landratsprozeß beleuchtet. Wie weit da« skandalöse Treiben und der grenzenlos« TerroriS-muS aber geht, er« hellt schon daraus, datz sich die Gasuvtrte in Hinterpommern nicht tzetraucn, den Liberalen ihre Säle zu Versammlungen zur Ver» sügung zu stellen. Kürzlich wurde von liberaler Seite bei sämtlichen ländlichen Gastwirten des Wahlkreises Kolberg-Köslin und des Kreises Schlawe— etwa 240— angefragt, ob in ihren Lokalen libe- ral« Bezirksvcrsammlungen abgehalten werden könnten. Jeder An- frage war eine adressierte und ftankiene Postkarte betgelegt. 70 Gastwirte antworteten überhaupt nicht. Von den übrigen sagten 17 zu, 158 lehntenabl Viele motivierten die Ablehnung nicht, andere vertrauten sich nicht einmal der öffentlichen Postkarte an, sondern griffen zum geschlossenen Brief. Von denen, die ihre Weige- rung begründeten. lehnten zwei ab, weil sie Mitglieder eines kon- servativen Vereins waren, und einer fungierte als konservativer Vertrauensmann. Die weitaus meisten aber erklärten ihre Weige- rung mit dem Druck, der auf ihnen laste. Manche schreiben, daß sie abhängig seien, ihr Geschäft verderben wurden, oder daß der Amtsvorstehcr eS nicht gern sähe usw. Drei sagten anfänglich zu. um die Zusage nach einigen Tagen wieder zurückzunehmen. Nene Stadtverordneten«vahlen in Mnhlhausen!. Thür. In Mühlhausen i. Thür, errangen unsere Genossen bei der letzten Stadtverordnetenwahl mit sechs Mandaten in der dritten Ab- teilung einen glänzenden Sieg über das Bürgertum. Die Stadt- »erordnetenversammluiig erklärt jetzt sämtliche Mandate für ungültig, weil angeblich bei der Wahlhandlung die Ersatz, und ErgänzungS- Wahlen nicht genau auseinandergehalten wurden." Schweiz. Ein neues ErbschaftSsteuergesetz. Im Kanton Schaffhausen ist bei schwacher Beteiligung der Stimmberechtigten in der Volksabstimmung mit 443S gegen 1684 Stimmen das neue Erbschaftssteuergesetz angenommen worden. Das Gesetz bestnnmt, datz die Steuer nach Matzgabe der Ver- Wandtschaft des Erben zum Erblasser bcziv. Schenkcr von den der Besteuerung unterliegenden Werten folgendermaßen berechnet wird: 1 Proz. bei Nachkommen, Vorfahren und Ehegatten. 3 Proz. bei vollbürtigen und halbbürtigen Geschwistern, ö Proz. bei den anderen Verwandten des elterlichen Stannnes. 10 Proz. beim grotzelterlichen Stamme. 20 Proz. bei anderen Erwerber». Bezieht ein Erwerber mehr als 2000 Fr. steuerpflichtigen Vermögens, so tritt Pro- ression ein, und zwar mit einem Zuschlag von ein Zehntel is aus 10 000 Frank, für jeden weiteren Betrag von 10000 Frank je ein Zehntel mehr bis auf zehn Zehntel. Von der Steuer sind für jeden einzelnen Erwerber befreit: ein Betrag von 200, bei Schenkungen unter Lebenden jedoch 1000 Frank, überall, wo kein besonderer gesetzlicher BesrenmgSgrund vorliegt. Ferner ist befreit ein Betrag bis auf 10 000 Frank für eheliches, angenommenes oder anerkanntes außereheliches Kind oder Enkelkind, den Vater, die Mutter oder den Ehegatten des Erblassers oder Schenkers. Zu- Wendungen von Dienstherren an Angestellte. Arbeiter und Dienst- boten Ms auf 2000 Frank sind ebenfalls von der Steuer befreit. der Begriindimg der vorgeschlagene» Erhöhung der Erb- •fchafissteuer wird ausgeführt, daß es weder in der Macht noch im Wesen noch im Verfassungsrechte unseres StaatsiveseilS liegt, die Haupteinnahmeposten der Staatskasse d u r ch indirekte Steuern au beschaffen, und das} bei der Erbschaslssteuer die Leistung des Steuerertrages leichter erfolgt, als bei der direkten Steuer, denn der Erbe bezahlt die Steuer von einem Vermögen, dos er ohne eigene Arbeit erworben hat. Ueber solche.sozialistische Theorien" der aus- schlichlich bürgerlich zusammengesetzten Schaffhauser Regierung wird sich die.Deutsche TageSztg." entsetzen, denn da muh ja der .Familiensinn" vollständig zerstört werden. Diese schauerliche Wirkung befürchten jedoch die Schaffhauser von ihrer höheren Erb- schaflssteuer nicht und sie setzen sie daher schleunigst schon mit dem 1. Januar lgll in Mast. DaS Verhängnis der Fannlienzerstörung und der Vermögens- konfislation nimmt also im Kanton Schaffhauscn unaushaltsam seinen Lauf. O wildeS Land l franhreicb. Die Aktion für Durand. PariS, L9. Dezember. sEig. Ber.) Das Justizverbrechen. das an D/Sand begangen worden ist, beginnt nun auch Angehörige der bürgerlichen Klassen zu beunruhigen. Die Verwerfung seiner Nichtig- keltSbeschwerde durch den Kassationshof hat dem Gnadengesuch, das ber radikalsozialistische Deputierte Meunier ausgearbeitet hat. rasch 150 Unterschriften von Deputierten aller Parteien verschafft. Wie Meunier in einer Nachschrift zu einer heute vom„Maiin" als Leitarrikel veröffentlichten klaren und überzeugenden Darlegung der Rechtswidrigkeit des Urteils bemerkt, hat er vom Justizminifter die Autoritaiion zur Einsichtnahme in die Untersuchungsakte» gefordert. Sie befinden sich aber im Augenblick bei der Gnaden- kommijsion. Es ist zweifellos, daß das Todesurteil an Durand nichi vollstreckt werden wird. Für die Stimmung de» großen Publikums ist schon die Haltung des.Matin" bezeichnend, der sich keineswegs einen der öffentlichen Meinung zuwiderlaufenden, profitschädigenden Fekdzug leisten würde. Aber wie Meunier anerkennt, genügt die Begnadigung nicht und die Revision des Prozesses ist not- wendig. Mcuiiier will selbst in Hkvre eine Untersuchung deS Falles an- stellen. Die.Humanits" hat ihm trefflich vorgearbeitet. Das von Genossen L u q u e t veröffentlichte und verarbeitete Material ergänzt Jauräs Deduktionen in einer die letzten Zweifel tilgenden Weise. Zugleich nimmt die Protestaktion der Arbeiterschaft an Intensität und Leidenschaft zu. Der Borstand der C. G. T. hat einen neuen Aufruf erlassen, der Durands Befreiung mit allen Mitteln fordert und als solches auch den General st reik nennt. Das Manifest weist auch auf die Kundgebungen der Organisationen deS Auslandes hin und ruft mit allen Proletariern alle freien und ehrenhaften Menschen auf. WaS für den Hauptmann D r e y f u s möglich gewesen fei, müsse auch für den Arbeiter Durand getan werden können. Auster diesem Aufruf, der nur durch die Aufforderung zur An- Wendung der Talion(der Vergeltung des Gleichen mit dem Gleichen) im Fall der Vollstreckung des Todesurteils entstellt wird— eine Ausforderung, die angefichts der sicheren Be- gnadigung als ein zweckloses Bramarbasieren erscheint— sind noch zahllose Kundgebungen von Organisationen in allen Teilen des Landes zu verzeichnen. Einen besonders wichtigen Beschlust aber hat der Vorstand deS Verbandes der Seine-Gewcrkschaften gestern nacht gcfastt. Er beschloß nämlich, dah die Organisationen innerhalb zehn Tagen alle Mitglieder einzuberufen und den �Generalstreik mit allen seinen Konsequenzen" zur Durchsetzung der Befreiung Durands und der Revision seines Prozesses vor- zubereiten haben. Italien. Wegen Wählervcrgewaltigung im Gefängnis. Rom, den 23. Dezember.(Eig. Ber.) Die Parlamentswahl von Gioja del Colle. bei der Vito de Bellis durch allerhand Ve» Bewältigungen ein Parlamentsmandat errang, hat eben vor dem Gericht von Bari ein Nachspiel gehabt. Drei Parteigänger von de Belli? wurden wegen Vergewaltigung und Bedrohung zu je drei Jahren zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie mehrere Wähler am Wahltage gezwungen hatten, ihre Wohnung nicht zu verlassen. Allerdings hat dieft Form der..Wahlagitation" die Kammer nicht abgehalten, die Wahl zu konvalidieren.. Eue der parteü 20 Jahre Parteiblatt. Am 31. Teyember 1610 kann die„Brandenburger Zeitung" ihr 20 jährige» Jubiläum feiern. Im Jahre 1890 erschien im fünften Jahre in Brandenburg unter dem Namen „Brandenburger Zeitung" als Ableger eines Potsdamer bürger- liehen Blattes ein kleines Blättchen, das mit finanziellen Sck>wierig° ketten zu kämpfen hatte. Eiwcr Anregung des Genossen Ewald folgend, beschloh eine in Brandenburg am 3. November 1890 tagende Wahlvereinsversammlung, das Blättchen aufzukaufen und unter eigener Redaktion als Parteiblatt herauszugeben. Für 37S0 Mark wurde das Blatt nebst Druckerei und samt- lichem Inventar gekauft. Die Geschäftsführung und Redaktion des neuen Parteiblattes übernahm Genosse Ferdinand Ewald, die Expedition Genosse Otto Sidow. Die Gründung schien damals sehr gewagt und die EntWickelung deS Blattes ging auch nur sehr langsam bor sich; doch schlangelt« es sich durch alle finanziellen und sonstige Fährnisse glücklich hin« durch. Es gehört zu den wenigen Parteiblättern, die> k e i n e Zu- schüsse vom Parteivor stände erforderten. Bis zum Jahre 1903 erfolgte der Druck der Zeitung durch Schnellpressen; jetzt wird er durch eine achtseitige Frankenthaler Notationsmaschine besorgt. Im Jahre 1900 besah das Blatt noch nicht mehr wie 0500 Abonnenten; nun erscheint es in einer Auflage von IS 000 Exemplaren. Druckerei und Redaktion haben ihr „Heim" in gemieteten Räumen im Laufe der Jahre mehrmals wechseln müssen. Jetzt hat die Zeitung für 90 000 Mark ein sehr günstig gelegenes Grundstück gekauft, wird also bald ins eigene Heim übersiedeln körnten. Don gerichtlichen Strafen blieb da? Parteiorgan natürlich nicht verschont. Für die verschiedenen Redakteure fielen insgesamt 1 Jahr 9 Monate 4 Tage Gefängnis und 18 Wochen und 2 Tage Haft ab. Ausserdem waren Geld- strafen in der Höhe von rund 11221 M. zu zahlen. Möge, das Wirken des Brandenburger Parteiorgans von weite- ren Erfolgen im Interesse des Proletariats begleitet seinl Gemeindewahlerfolg. In Eppelheim(Badens verbanden sich unsere Genossen mit der bürgerlichen Opposition bei der G e m e i n d« r a t s w a h l. um die alte Rathaushcrrschaft zu stürzen. Dabei kam in der Person deö Genossen Schuhmacher der erste Sozialdemokrat in die kommunale Verwaltung.__ Ausschluß eines städtischen Beigeordneten. Der Landesvorstand der Partei für Eisast- Lothringen hat den vom Kreisvereiii Gebweiler beantragten Ausschluss des städtischen Beigeordneten Schreinermeistcr August S i e S in Gebweiler aus der Partei beschlossen. SieZ, der als Schre'mermeister vor etlichen Wochen sich dazu hergab, für eine» Bauunternehmer in Mülhausen, dessen Schreiner wie die Schreiner in ganz Mülhausen mit Um- gebung seit mehreren Monaten im Streik stehen, Streikarbeit herzustellen, hatte es gar nicht versucht, sich gegen die Anschuldigung zu verteidigen._ Opferwilligkeit für die Presse. Für das deutsche sozialdemokratische„Tagblatt" in Böhmen sind in wenigen Monaten durch Widmungen der Organi- sationen im Lande löOOOKrvnen dem Gründun gSf o n d s zugeflossen. Es besteht also Hoffnung, dass diese politische Notivendigkeit für das deutsche Proletariat Böhmens bald verwirklicht werden kann. Hm Industrie und RandeL Der internationale Arbeitsmarkt im Jahre 1910. Im Jahre 1910 zeigte die Signatur des Arbeitsmarktes in den wichtigsten Industrieländern eine weitgehende Uebereinstim- mung: die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahre hat durchweg weiter abgenommen, überall hat sich aber auch der Grad der Besse- rung im Laufe des Jahres abgeschwächt. In Deutschland blieb der Andrang am kräftigsten im ersten Semester hinter dem vorjährigen zurück, in Grossbritannien wurde der Höhepunkt der Besserung im Juni erreicht, in Frankreich blieb die Arbeitslosigkeit am stärksten schon im Januar hinter der des Vorjahres zurück und für Belgien gilt genau das gleiche. In Grossbritannien begann das Jahr 1910 mit einer Arbeitslosigkeit von 6,8 Proz., die um 1,9 Proz. hinter der vom Januar 1909 zurückblieb. Ohne jede Unterbrechung ging sie dann Monat für Monat zurück, um im Juni mit 3,7 Proz. ihren niedrigsten Stand zu erreichen, der zugleich die kräftigste Abnahme gegenüber dem Vorjahre bedeutete. Von da ab nahm die Arbeitslosenzisfer dann wieder unentwegt zu und wies im November mit 4.6 Proz. nur noch eine Besserung von 1,9 Proz. gegenüber dem Vorjahre auf. Wenn die Gunst am Arbeitsmarkte Großbritanniens sich im Laufe des Jahres allmählich etwas verlor, so dürfte dies in erster Linie auf die Ermattung im Bergbau und Baugewerbe zurückzuführen sein. Im Bergbau hielt sich bis Jahresmitte die Intensität der Fördertätigkeit noch über der vor- jährigen, von Juli ab blieb aber die Zahl der geleisteten Arbeits- tage hinter der vorjährigen zurück. Für das Baugewerbe lätzt sich die Arbeitslosigkeit der Maurer und Zimmerer verfolgen; sie war im ersten Halbjahre beträchtlich niedriger als im Vorjahre, doch brachte das dritte Quartal bereits wieder eine leichte Zu- nähme gegen 1909. Auch in der E i s e n i n d u st r i e ging eine geringe Abschwächung vor sich; die Zahl der in Betrieb befind- lichen Hochöfen ging mit dem Vorrücken des Jahres nicht mehr so erheblich über die des Vorjahres hinaus wie zu Jahresbeginn, und die Arbeitslosigkeit in der M a s ch i n e n i n d u st r i e, die im Juni um 7,7 Proz. hinter der des Vorjahres zurückblieb, wies im November nur noch eine Erleichterung von 3,7 Proz. auf. In der Wollindustrie, wo das Lohnniveau im Januar noch um 14.6 und im Februar um 14,9 Proz. höher war als 1909, war im No- vember nur noch eine Lohnerhöhung um 7,0 Proz. gegenüber 1909 zu verzeichnen. Besser hat sich das Lohnniveau in der Baum- w o l l i n d u st r i e entwickelt, wo das Minus von 1S.7 Proz. im Januar sich in ein Plus von 7,6 Proz. im November verwandelte. In Frankreich belief sich die Arbeitslosigkeit im Januar auf 7,5 Proz. und blieb damit um 6,0 Proz. hinter der von 1909 zurück. Unter Schwankungen sank die Arbeitslosigkeit bis auf 4,4 Proz. im Juli, wo sie aber nur um 1,9 Proz. niedriger war als im Vorjahre. Von August an ging es wieder sscharf aufwärts und im November betrug die Besserung bei einer Arbeitslosigkeit von 5,9 Proz. nur noch 1,8 Proz. Von den verschiedenen Gewerbe- zweigen weisen der Bergbau und die Metallinoustrie eine allmäh- liche Abschwächung auf: die Zahl der im Bergbau wöchentlich tzeieijteten Arbeitstage, die im Jahresanfang noch über die vor- jährige hinausging, stellt« sich im Oktober nur aus 5,67 gegen 5,82 im vergangenen Jahre. In der Metallindustrie verringerte sich das Minus der Arbeitslosigkeit, das im April bis auf 4,9 Proz. gestiegen war, allmählich so, daß es im Oktober nur 2,6 betrug. Auch in der Textilindustrie erfolgte eine Abschwächung: im Januar stellte sich die Arbeitslosigkeit in der französischen Textil- Industrie ans 3,7 Proz. oder um 3,3 Proz. niedriger als 1909, im Oktober ging sie mit 6,3 Proz. um 0,4 über die vorjährige hinaus. Recht kräftig und durchgreifend gebessert hat sich die Lage des Arbeitsmarktes im Baugewerbe, wo die Arbeitslosigkeit sich noch Ende Oktober auf 3,4 Proz. stellte gegen 13,0 Proz. im ver- gangenen Jahre. Für Belgien gibt die amtliche Statistik die Arbeitslosigkeit im Oktober 1910 mit 2,0 Proz. an; sie hatte im Januar 2,8 Proz. betragen.. Während sie aber im Januar noch eine Besserung von 4,5 Proz. gegenüber dem Vorjahre aufwies, stellt sich die Erleichterung im Oktober nur noch auf 0,4 Proz. Für die einzelnen Gewerbe wird eine amtliche Arbeitslosen. statistik, wie z. B. in Großbritannien und Frankreich, noch nicht bekanntgegeben; aus den Situationsberichten läßt sich aber soviel schließen, daß in der Montanindustrie der Beschäftigungsgrad zwar reger als im Vorjahre, aber doch auch allmählich ermattend ver- laufen ist.� Tie Textilindustrie war im allgemeinen nicht befriedi- gend beschäftigt. Auffallend ist, daß in Oesterreich ebenfalls die nämliche Tendenz vorherrscht: bis zum Juni bleibt der An- drang hinter dem vorjährigen zurück, wenn auch das Minus von 11,7 im Februar schon auf 0,1 im Mai sinkt— von Juni bis Oktober aber bringt jeder Monat eine Verstärkung des Andranges gegenüber dem Vorjahre, die sich im Oktober auf 5,3 stellte. Der Andrang, der im Vorjahre von 76.3 im Januar auf 81,3 im Okto- ber, also um 5,0 stieg, ist in derselben Zeit d. I. von 69,5 auf 86,6 oder um 17,1 in die Höhe gegangen. In den Vereinigten Staaten von Amerika endlich verlief das erste Semester genau wie in den übrigen Ländern: die Arbeitslosigkeit. die z. B. im Staate New Dork während des Monats Januar mit 16,5 Proz. noch um 9,9 Proz. hinter der des Vorjahres zurückblieb, hatte im Juni mit 11,7 Proz. nur noch eine Besserung um 0,4 Proz. gegenüber dem Borjahre auszuweisen. Vornehmlich im Bau- und Eisengewerbe blieb die Arbeitslosigkeit hinter der vorjährigen zurück. Da aber in diesen beiden Gewerbezweigen das zweite Halbjahr eine merkliche Abschwächung brachte, so dürfte auch die Arbeitslosigkeit hier wieder zugenommen haben. Reichsfinanzreform und Zigarrcnindustrie. Welche Schläge die Reichsfinanzreform des Schnapsblocks der Zigarrenindustrie versetzt hat. das schildert die Bremer Handels- kammer in ihrem Jahresbericht u. a. also: Die vor der Steuererhöhung von den meisten Fachleuten geäußerte Ansicht, daß nur ein kleiner Teil der Raucher die durch die Mehrbelastung erforderlich gewordene Preiserhöhung zahlen würde, ohne seinen Rauchgenutz qualitativ oder quanti- tativ zu beschränken, hat sich als' richtig erwiesen. Namentlich in den billigeren Preislagen ist vorzugsweise der quantitative Rückgang eingetreten. Es dürfte verfrüht sein, schon hevte Schätzungen über dessen Höhe und Dauer anzugeben, da zu sicheren Schlüssen die Lage noch zu wenig geklärt ist, doch kann jetzt schon darauf hingewiesen werden, daß auch eine Abwände- rung des Konsums zur Zigarette seit der Verteuerung des Zigarrengenusses besonders stark zu beobachten ist. Zum großen Schaden der Industrie hat außerdem ein häufiger Wechsel in oen hergestellten Sorten stattgefunden; die alt eingeführten Stamm- sorten, die das Rückgrat der Fabrikation in gesunden Betrieben der Branche bildeten, sind in ihrem Absatz vielfach außerordent- lich zurückgegangen, und die Zigarrenfabrikanten sahen sich in die Notwendigkeit versetzt, ibre Geschäfte zum großen Teile auf einer den veränderten Verhältnissen entsprechenden Basis voll- itänditz neu aufzubauen. Es ist selbstverständlich, daß dies bei den einzelnen Fabriken mit wechselndem Erfolge geschehen ist, für die Gesamtheit war aber der starke Wechsel der Sorten, der sich noch jetzt fortsetzt, außerordentlich nachteilig für die gesamten zu treffenden Dispositionen. � Als Folge der geschilderten Zustände Kar namentlich in den Frühjahrs- und Sommermonaten eine sehr starke Arbeitslosig- keit in der Industrie zu beobachten. Einen Anhalt für deren Umfang bilden die Ziffern über die gemäß Art. IIa des Tabak- steuergesetzes vom 15. Juli 1309 ausgezahlten Unterstützungen an geschädigte Tabakarbeiter. Diese erreichten erst im April 1910 ihren höchsten Monatsbetrag mit 763 620 M., um dann wieder allmählich zu sinken. Es ergibt sich daraus, daß die Fabrikanten zunächst ihre Arbeiter zu halten versucht und sich erst später unter dem zwingenden Drucke der Verhältnisse zu Entlassungen entschlossen haben. Insgesamt sind nach den uns vorliegenden Zahlen bis zltm 30. September 1910 6 411386 M. an Unterstützungen aus Reichsmitteln ausgezahlt worden. Die der Arbeiterschaft insgesamt entgangene Lohnsumme ist indes weit höher, weil anfangs nur 75 Proz. deS entgangenen Lohnes und vom 16. Juli ab noch erheblich weniger erstattet wurde. Um die unzufriedenen Arbeiter einzulullen, schwindelt die ultramontane Presse trotzdem, gottesfürchtig und frech, die Finanz- reform habe sich als durchaus segensreich erwiesen, Soziales. Ruhepause in offenen Verkaufsstellen. Den � 139 der Gewerbeordnung sollte der Geschäftsführer Kuhlmey übertreten haben, weil eine Verkäuferin in einer Berliner Filiale von„Kaisers Kaffcegeschäften" an bestimmten Tagen keine llstündige, ununterbrochene Ruhepause hatte. Das Landgericht verurteilte ihn auch zu einer Geldstrafe wegen Verletzung deS § 189 c Absatz 2. Danach muß in Gemeinden mit mehr als 29 000 Einwohnern für Gehilfen und Lehrlinge in offenen Verkaufsstellen die Ruhezeit mindestens 11 Stunden betragen, wenn dort zwei oder mehr Gehilfen und Lehrlinge beschäftigt werden. Der Angeklagte legte Revision«in und machte geltend,§ 139 c Absatz 2 der Gewerbeordnung treffe hier gar nicht zu. Er setze nach seiner Auf- fassung voraus, daß die mindestens zwei Personen, von denen die Rede sei, in der offenen Verkaufsstelle voll beschäftigt würden. Das sei aber hier nicht der Fall gewesen. Die eine der beiden Damen, die im Geschäft tätig waren, sei immer nur in den Vormittags- stunden zur Unterstützung der anderen dort gewesen. DaS Kammergericht verwarf dieser Tage die Revision deS An- geklagten. Es erklärte die vom Angeklagten hervorgehobene unv auch vom Landgericht festgestellte Tatsache für unerheblich. Auch wenn die zweite Dame alle Tage nur ein paar Stunden im Geschäft mit tätig war, seien die Voraussetzungen des§ 139 c Absatz 2 der Gewerbeordnung erfüllt._ Wie man Unfallrenten quetscht! Wird dem Verletzten auS Anlaß eines Unfalles eine Rente gewährt, dann ist derselben der von dem Verletzten erzielte„an rech- nungsfähige" Jahrcsarbeitsverdienst zugrunde zu legen. Danach kommt der persönlich verdiente Lohn nur in Frage, wenn der Ver- letzte selbst vom Tage deS Unfalles ab ein volles Jahr zurückliegend in dem Unfallbetriebe beschäftigt war. War das nicht der Fall, dann kommt der Arbeitsverdienst eines dem Verletzten gleichwer- tigen Arbeiters für die Rentenbcrechnung in Betracht. Beträgt nun der JahreSverdienst 1806 Mk., dann werden zunächst 1560 M. voll, die übrigen 300 M. indes nur mit einem Drittel in Anrech- nung gebracht. Der..anrechnungsfähige" JahresarbeitSverdienst würde demnach 1600 M. betragen. Hiervon kommen indessen nur zwei Drittel, also 1066,66 M. für die Rentenberechnung in Be- tracht. Der Verletzte erhält somit von seinem 1800 M. wirklich betragenden JahresarbeitSverdienst— im Falle völliger Erwerbö- Unfähigkeit— nur 1666,66 M. Bollrente als Schadenersatz. Noch weit ungünstiger gestaltet sich die Berechnung des JahreS- arbeitSverdienstes für die liliidlichen Proletarier. Ist der Verletzte ein„Facharbeiter", dann wird die Unfallrente gemäß Z 1 Abs. 6 deS land- und forstwirtschaftlichen UnfallversicherungsgesctzcS wie oben erwähnt berechnet. Indessen bei allen anderen„gewöhn- lichen" Landarbeitern wird der behördlich„festgesetzte" Jahres- arbeitsvcrdienst der Rentenberechnung zugrunde gelegt. Dieser. „festgesetzte" JahresarbeitSverdienst schwankt zwischen ganzen 450' bis 550 M. Höher ist er sehr selten. Würde also völlige Erwerbs- Unfähigkeit bestehen, dann würde die Vollrente zwei Drittel von 550 gleich 366,66 M. pro Jahr betragen. Dieser„festgesetzte" Jahresarbeitsverdienst könnte nach An- sicht der Agrarier aber dem Landproleten vielleicht ein„Schlem- mer"-Leben ermöglichen. Da muß Vorsorge dagegen getroffen werden, daß die armen notleidenden Landagraricr und Junker �u sehr mit Rentenlasten bedrückt werden. Wie das geschieht, dar- über gibt ein in den jüngsten Tagen vor dem Reichs-VcrsicherungS- amt verhandelter Fall Aufschluß. Ein Arbeiter K. hatte im Februar 1909 einen Betriebsunfall dadurch erlitten, daß er von einer auf ihn stürzenden Erdwand bis zur Brust verschüttet wurde. Die Brnndenburgische landwirt- schaftliche BrrnfSgenossenschaft erkannte den Unfall an und ge- währte dem K. die Vollrente. Bei der Berechnung deS JahresarbcitSverdiensteS entdeckte nutk die Berufsgenossenschaft, daß der Verletzte schon vor seinem im Februar 1909 erlittenen Betriebsunfall um 69 Proz. in seiner Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt gewesen ist. Deshalb, meinte sie. sei der 900 M. für männliche land- und forstwirtschaftliche Ar- beiter betragende JahreSverdienst um 60 Proz., also auf 3'80 M. zu kürzen. Hiervon kommen zwei Drittel gleich 240 M. Vollrente für die Zeit der völligen Erwerbsunfähigkeit in Betracht. Indessen es kommt noch besser. Die Unfallfolgen sollten am 2. August 1909 gehoben sein. Daher war die Vollrente im Betrage von 69 M. nur für die Zeit vom 3. Mai bis zum 2. Angnst zu ge- währen.„Nach dem 2. August ist der Zustand wieder derselbe wie vor dem Unfall, daher kann nach dem 2. August 1909 Ihnen eins Rente nicht mehr gewährt werden," heißt es im Bescheide. Der Verletzte, der bis zum 31. Oktober 1908 in einer Brauerei1 alS Heizer zu einem Wochenlohn von 31 M. beschäftigt war und dann, da er in der Rrisenzeit nicht gleich eine passende andere Be- schäftigung farch, bei der städtischen Parkverwaltung in Char» lottenburg Arbeit angenommen hatte zum selben Lohn wie andere dort beschäftigte Arbeiter, konnte nicht glauben, daß er schon vor dem Unfalltage— 1. Februar 1909— um mehr als die Hälfle in seiner Arbeitsfähigkeit behindert gewesen sein sollte. Er focht den Bescheid der BerufSgenossenschaft ourch Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherunz für den Regierungsbezirk Potsdam in Berlin an. Aber auch hier wurde er abge- wiese». Das Schiedsgericht nahm in„Uebercinstiminung" mit seinem Vertrauensarzt Dr. H. und dem behandelnden Arzt Dr. L. an, daß die direkten Unfallfolgen bereits am 6. März 1909 bei der Aufnahme in daS Krankenhaus W. beseitigt waren. Die indirekten Unfallsolgen— früher schon vorhanden gewesene Hüftgelenks- und Kreuzbeschwerden— seien durch die Behandlung im Krankenhause bis zum 2. August 1909 behoben worden. Auch die Kürzung des Jahresarbeitsvcrdicnstes war gerechtfertigt. Der Kläger bezieht seit dem 2. August 1909 die JnvalidenrLiite, weil er an chronisch deformierender Hüstgelenkentzündung beiderseits, rechtsseitiger Leistenbruchanlagc, Lmigenblähung und Arteriosklerose leidet. Da muß der BerufSgenossenschaft das Recht zugestandeil werden, den Verletzten um 60 Proz. in seiner ErwerbSfähigkeit schon vor dem Unfall geschädigt zu erachten". Der Verletzte legte gegen dieses Urteil beim Neichs-Derstchcrungöamt Rekurs ein. Auch von der höchsten Instanz wurde der arme Teufel abgewiesen. Der er- kennende Senat konnte, so etwa wurde bei der Verkündigung des Urteils gesagt, bei Erwägung aller Tatsachen doch nicht zu einer anderen Entscheidung gelangen. Denn dadurch, daß der Verletzte den Antrag auf Invalidenrente gestellt bat, sei er selbst über- zeugt gewesen, daß er in seiner ErwerbSfähigkeit schon recht erheb- lich beeinträchtigt gewesen ist. Das dürfe wohl angenommen wer- den, denn auch als Heizer in der Brauerei habe er schwere Arbeiten nicht verrichtet und bei den Parkarbeitern würden mehr oder weniger Invaliden beschäftigt. Der Rekurs ist daher zurück, zuweisen. Gewerkfcbaftlicbee. Komödianten! Die„christlichen" Zentrumsgewerkschaften können sich nur so lange noch bei rückständigen Arbeitern einigen Anhang sichern, als es ihnen gelingt, die Dinge anders scheinen zu lassen, wie sie sind. Im„Brustton" der Komödianten stellen sich denn auch die„Christen" auf die Rednerbühne und faseln davon, daß man die„christlichen" Gewerkschaften„ganz anders beachten müsse" wie die freien. Die „Christen" könne man nicht einfach mit der Redensart abtun, daß sie den„Umsturz" wollten usw. Als ob es den Unternehmern irgendwie darauf ankäme, wer ihnen ans Portemonnaie will, als ob es nicht allein auf die Macht der Organisation selbst ankäme! Die Zentrumschristen haben doch oft genug und zwar sogar an Kämpfen mit frommen christkatholischen Unter- nehmern erkennen können, daß ihre Konstruktion recht windig aussieht und vor der Wirklichkeit absolut nicht standhält. Andererseits verzichten die„Christen" ja auch absichtlich auf alle gewerkschaftlichen Attribute, um nur bei den Behörden geduldet zu werden. So hat der gegen Peter Molz ge- gründete neue„christliche" Eiscnbahnerverband folgende Sätze im Statut: „Der Verband st eht treu zu Kaiser und Reich. Die Mitglieder sind sich bewußt, daß zu einem geregelten Dienst Disziplin notwendig ist. Deshalb wird jedes Mitglied des Ver- bandes seinen Dienst pünktlich, treu und gewissenhaft ■ erfüllen, denn nur treue Pflichterfüllung gibt ein Recht, Ber- besserungen seiner Lage zu fordern. Der Verband will aber die Lage seiner Mitglieder nicht verbessern durch Kampf mit den vorgesetzten Stellen, sondern im Ein» vernehmen mil denselben. Jedes Mitglied verpflichtet sich deshalb beim Eintritt in den Verband, treu nach de» Grund» sätzen des Z 3 zu handeln." Also eine Mischung von Kriegerverein und gelber Werks- vereine. Anscheinend ist dieses famose„Gewerkschafts"-Statut auch„im Einvernehmen" mit der Regierung entstanden, hat sich ja seinerzeit Frz. Behrens große Mühe bei einem Beamten der Regierung gegeben, um gegen Molz, der damals noch starrköpfig war, etwas„Christliches" zustande zu bringen. An diese Vorgänge werden wir wieder erinnert durch einen wehleidigen Artikel:„Das bayerische Verkehrs- Ministerium und die Sozialdemokratie" in Nr. 26 des„Zentralblatt der christlichen Gewerkschafte n". Ganz im Widerspruch zu der vorhin betonten Pausbackigkeit wird da gejammert, daß der„christ- liche" bayerische Eisenbahnerverband vor dem angeblich sozialdemokratischenSüddeutschenVerbande zurückgesetzt werde. Was die schwarzen Gaukler ja nicht abhalten wird, bei nächstbester Gelegenheit doch wieder davon zu fabulieren. wieviel mehr an- gesehen doch die„christlichen" Gewerkschaften seien als die sozialdemokratischen. Bei dem weinerlichen Gegreine des„christlichen" Zentralblattes erfahren wir aber nun die wichtige Tatsache, daß das Statut des „christlichen" bayerischen Eisenba Hner-Ver- bandes von— der Eisenbahnbehörde bezw. von der Regierung gemacht worden ist! Denn darauf läuft es doch hinaus, wenn es im„christlichen" Zentral- blatt heißt, daß die Gründung des bayerischen Eisenbahner- Verbandes„unter den denkbar schwierigsten Umständen" vor sich gegangen sei. Die„Führer" seien„von feiten ihrer staat- lichen Vorgesetzten"„von Verhör zu Verhör gejagt" worden. Wiederholt wird erklärt, daß der Verband im Statut dies und jenes habe„erklären müssen". Der Passus aus dem Statut, der dann zitiert wird, deckt sich zuerst mit den vor- erwähnten Sätzen des gegen Molz gegründeten Eisenbahner- Verbandes. Dann folgt noch folgende Stelle: «Nicht Umwälzung, sondern soziale Reform ist da? Ziel des Verbandes. Deshalb bekennt sich jeder Eisen- bahner durch den Eintritt in den Verband als Gegner der sozialdemokratischen Grundsätze und Bestrebungen und verpflichtet sich, getreu nach den im Statut niedergelegten Grundsätzen zu handeln." „Natürlich" ist der„christliche" bayerische Eisenbahner- verband Mitglied des„politisch neutralen" Ge- samtverbandes„christlicher" Gewerkschaften. Die„Christen" schluckten also wie gehorsam apportierende Hunde, was von ihnen verlangt wurde, sie ließen sich zum Selben Kriegerverein und zur Sozialistenhatz ausnutzen, damit ie Regierung sie nur existieren ließ. Nachdem die Zentrumschristen solcherart Selbstentmannung treiben, sind sie ja gewiß die richtigen Kerle, um die„un- geheure Macht" der„christlichen" Gewerkschaften auszuschreien. Komödianten! L erlin unck llmgegencl. Die Redaktion dcS Blatte«„Der kanfmännische Angestellte", gezeichnet Lüdemann, sendet uns folgende Zuschrift: „In Nr. 304 deS„Vorwärts" vom 29. Dezember 1910 wurden unter dem Titel„Gewerkschaftliches" irrige Mitteilungen über den „Kausmännischen Angestellten" gemacht. Unter anderein wurde dort gesagt, die erste Probenummer habe dargelegt,„daß sich die Handlungsgehilfen von der Sozialdemokratie ganz naturgemäß abgeschreckt fühlen müßten". Diese Behauptuna entspricht nicht den Tatsachen, denn in Wirllichkeir ist i� dem„Kaufmännischen Angestellten' nur der Satz verfochten worden, daß die enge organisatorische Verbindung eines An- gestelltenverbandeS mit der Arbeiterbewegung für den betreffenden Verband notgedrungen zu einer unerwünschten Beschränkung seiner Ausbreitungsmöglichkeiten führe,» muß. Diese Wirkung erfährt— das ist die zweite Behauptung— eine nicht unerhebliche Verschärfung durch die engen Beziehungen zwischen den einzelnen Richtungen der Arbeiterbewegung und be- stimmten politische» Parteien. Um welche politische Partei eS sich dabei handelt, ist für diese grundsätzliche Feststellung von umer- geordneter Bedeutung, wenn eS auch für die agitatorischen Erfolge deS Verbandes je nach dem Anhang, den die betreffende Partei in der Berufsgruppe hat, von graduell verschiedener Wirkung sein mag. Wer mit der Psyche der Privatangestellten nur einigermaßen vertraut ist, wird die Richtigkeit dieser Behauptungen bestätigen müssen. Sie zur Diskussion zu bringen und aus den ermittelten Tatsachen Folgerungen für die gewerkschaftliche Organisierung der Privatangestellten zu ziehen, kann niemals eine Schädigung der Arbeiterbewegung bedeuten. Die Redaktion des„Kaufmännischen Angestellten" weiß sich jedenfalls frei von jedem Vorurteil und jeder Antipathie gegen die gewerkschaftliche wie die politische Arbeiterbewegung. Sie glaubt aber, daß für die soziale Bewegung überhaupt ein erhebliches Interesse besteht, daß endlich einmal Mittel und Wege gefunden werden, um auch die Privat- angestellten in größerem Umfange als bisher auf gewerkschaftlicher Grundlage, also unter Anerkennung des bestehenden Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit, zu organisieren." Wir wollen über die„Psyche" der Privatangestellten nicht streiten. In Beziehung auf die Stellung, welche die Mehrzahl der- Dsrantw. Redakt..- Richard Borth, Berlin. Znjeratevteil verantw.» selben zur Arbeiterbewszuug einnimmt, hat„Der kaufmännische Angestellte" vielleicht allzu recht. Etwas anderes ist eS, ob man solche Vorurteile durch RechnungSträgerei verewigen oder nicht lieber an ihrer Beseitigung arbeiten soll. Nun haben wir aber bereits Organisationen der kaufmännischen und der Bureauangestellten, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen. Eine Förderung dieser Organisationen enthalten die Erörterungen deS Blattes„Der kaufmännische Angestellte" nicht, sollen sie auch nicht enthalten, sonst wären sie so überflüssig, wie die Gründung dieses Blattes überhaupt._ Deutkchce Reich. Mausergewehre für Streikbrecher? Die Zeche Langenbrahm in Essen-Rüttenscheid hat von einer Firma in Essen eine Partie Mansergewehre mit den dazu gehörigen Patronen bezogen. Die Gewehre werden auf dem Zechenbureau aufbewahrt. Es wird versichert, daß auch andere Zechen sich mit Waffen versehen hätten, doch konnte bisher nur von Langenbrahm bestimmtes in Erfahrung gebracht werden. Die Verwaltung der Zeche Langenbrahm hat seit einiger Zeit sich sehr für die Schaffung einer lokalen gelben Organisation interessiert. Die Zechenbeamten agitieren sehr lebhaft für den Beitritt. Die Mitgliederversammlungen werden sogar durch Anschlag auf der Zeche bekanntgegeben. Vielleicht denkt die Verwaltung daran, im Falle eines Streiks die gefürchtete„Sabotage" an den Betriebs- einrichtungen zu verhindern, indem die Beamten und die getreuen Gelben mit Mausergewehren ausgerüstet werden. Oder will man gar mit Flintenkugeln die gerechten Forderungen der Bergarbeiter beantworten? Das ist der Weisheit letzter Schluß: Wenn gar nichts mehr verfangen will, Der Säbelhieb, der Flintenschuß, Sie machen beide stumm und still. Der Kampf in der Pforzheimer Edelmetallindustrie beendet! Ein Riesenkampf, der wohl selten seinesgleichen findet und eigentlich nur mit dem Kampf in Crimmitschau verglichen werden kann, hat sein Ende gefunden. Die Pforzheimer Fabrikanten, die zum großen Teil auS kleinen Ansängen heraus es i» Verhältnis- mäßig kurzer Zeit zu ziemlichem Wohlstand, auch zu großem Ber- mögen gebracht haben, empfanden schon lange das Bedürfnis, die Organisation der Arbeiter zu vernichten. Den Anlaß dazu bot ihnen ein von den Kettenmachern eingereichter Ent- wurf zu einem Lohn- und Arbeitsvertrag. der Haupt- sächlich eine geregelte Preisfestsetzung der Akkordarbeiten, Er- höhung der Stundenlöhne und Regelung der alles überwuchernden Heimarbeit wollte. Es war auf eine gütliche Erledigung gerechnet. Die Unternehmer aber drohten eine allgemeine Aussperrung an. So führte die Bewegung zur Kündigung auch anderer Berufe und die Fabrikanten, die erst glaubten, ohne die organisierten Arbeiter mit den verbleibenden Arbeitswilligen weiterarbeiten zu können. sahen sich getäuscht und mußten am 2. Dezember die Betriebe ganz schließen. Das Weihnachtsgeschäft war vollständig verloren. Die Fabrikanten forderten die Arbeiter auf. sich zu erklären, ob sie am 2. Januar wieder in Arbeit treten wollten, wenn sie die Betriebe öffnen; wer sich meldete, sollte wieder eingestellt werden. In dieser Situation galt es, für die Arbeiter eine Entscheidung zu treffen. Die Unternehmer hatten unausgesetzt erklärt, sie würden gerne verhandeln, wenn die Kettenmacher ihre Forderungen zurückziehen Der Regierung hatten sie zwar schon zweimal eine glatte Ab- lehnung zu teil werden lasten, als diese Vermittelungsvorschläge machte; die Unternehmer redeten sich dabei auf die noch nicht zurück- gezogenen Forderungen heraus. Da stellte der Vorstand des Metall- arbeiterverbandes am 23. Dezember an den Arbeilgeberverband die Anfrage, ob er verhandeln wolle, wenn die Keltenmacher die Forde- rungen zurückziehen. Nun mußten die Herren Farbe bekennen. Sie erUärten: Wenn die Forderungen zurückgezogen find, sei doch nichts mehr zu verhandeln; sollten trotzdem Verhandlungen statt- finden, dann müßten sie erst prüfen, ob neue Vorschläge zu Verhandlungen geeignet erscheinen; von den Forderungen der Kettenmacher dürften sie nichts enthalten. Alle anderen Organi- sationen müßten zu Verhandlungen zugelassen werden-und ebenso eine Vertretung der Nichtorganisierten. Die Verhandlungen müßten unter Vorsitz deS Oberbürgermeisters von Pforzheim stattfinden, und der Bezirksleiter des Metallarbeiler-VerbandeS dürfte nicht dabei sein. Darauf ließen sich natürlich weder der Vorstand deS Metall- arbeiter-VerbandeS noch die Arbeiter ein. In einer von über 300 Delegierten besuchten Versammlung am 28. d. MtS. wurde in 3>/zstündiger Berawng die ganze Simation erörtert und mit allen gegen 2 Stimmen beschlossen, am 2. Januar die Arbeit wieder aufzunehmen und die ganze Bewegung aus eine günstigere Zeit zu vertagen. Die Unternehmer dürsten an diesem Beschluß nicht ungeteilte Freude haben. Was sie beabsichtigten, die Vernichtung der Organi- sation, mißlang ganz und gar. Die Organisation geht ebenso stark, wie sie vordem war. aus den, Kampfe hervor. Sie behält ihre Schlagfertigkeit und ist jederzeit in der Lage, in günstigerer Position herauszuholen, was jetzt einzig und allein nur durch die ungünstige Konjunktur nicht möglich war. Die EinsiMtigkeit der Arbeiter, die sich vom Ansang bis zum Ende des Kampfes musterhaft gehalten haben, dürfte den Sieg der Fabrikanten in«inen„Pyrrhussieg" verwandeln. Der Kampf wurde von den Fabrikanten mit einer an nichts sich überbietenden Gehässigkeit und Kleinlichkeit geführt. Die bürgerliche Presse half ihnen dabei in bekannter„Unparteilichkeit". Wie die„Post" meldet, ist den aus Anlaß deS AuSstandeS nach Pforzheim kommandierten fremden Schutzleuten durch den Groß- herzog eine Weihnachtsllberraschung bereitet worden. Jeder der Beamten bekam als Weihnachtsgeschenk ein neues Dreimarkstück mit dem Bildnis des Großherzogs. Die Ausgabe erfolgte am 24. De- zember. Das Geschenk wurde gegeben, weil die Schutzleute Weih- nachten nicht bei ihrer Familie zu Hause feiern konnten. Versammlungen. In der Zahlstellenversammlung des ZentralvcrbandeS der Zimmerer wurde zunächst die Quartalsabrechnung ohne Debatte er- ledigt.— Der Vorsitzende der Zahlstelle, Witt, referierte dann über:„Oertliche Organisationsfragen". Redner tadelte im Ver- laufe seines Vortrages die Lässigkeit der Berliner Kameraden. Durch diese ist der beklagenswerte Zustand eingetreten, daß die Zahlstelle Berlin, die jahrelang an erster Stelle stand, in die dritte Stelle zurückgedrängt ist. Redner untersucht im einzelnen die Ur- fachen deS Rückganges der Organisation am Orte und kommt da- bei auch auf jenes schändliche Treiben der in Berlin noch vor- handencn Gruppe lokalistischer Zimmerer zu sprechen, die nicht nur in Berlin, sondern auch im Lande sich bemerkbar machen, nicht etwa, um unter Indifferenten zu werben, sondern ausgesprochen zu dem Zweck, die Verbandsbewegung zu sprengen. Ihr Kampf richtet sich nicht gegen die Scharfmacher im Baugewerbe, sie rühren auch keinen Finger, die Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu verbessern. Gh. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u.iverlaa»anW« sondern besorgen allüberall belvußt die llnlernehmerlnseressest, Ks« sie nicht besser von bezahlten Subjekten verfochten werden können, Ihr Lebenszweck ist: unter allen Umständen Kampf dem Zentral- verband. Der Referent verweist nun auf die Rüstungen des Arbeit- geberbundes für die kommenden Kämpfe, und ermahnt die Kameraden, ein gleiches zu tun, alles daran zu setzen, um auch in Groß-Berlin bessere Zustände im Organisationsverhältnis zu schaffen; unter dem Beifall der Versammlung ruft er die An- wesenden auf zum Kampf gegen Unvernunft und Jndifferentismus und gegen Fleisch- und Brotwucher. Von einer Diskussion wurde abgesehen. Der Grundgedanke des Referats hat sich zu einem Antrag ver- dichtet, der sich eingehend mit der Leistung der Extrabeiträge be- faßt und nach unerheblicher Diskussion gegen drei Stimmen an- genommen. Der Vorsitzende bemerkt, daß dieser Antrag allen Be- zirken zur Beratung und Beschlußfassung borgelegen hat und nuv unwesentliche Aenderungen beantragt sind, die bereits mit berück- sichtigt sind. Der Antrag fordert:. 1. Alle Verbandskameraden, ganz gleich in welchem Be- rufe sie während der ncunwöchentlichen Aussperrung im deutschen Baugewerbe beschäftigt gewesen sind, haben gemäß den Be» schlüssen unserer außerordentlichen Generalversammlung vom 4. und S. April d. I. in Berlin die Verpflichtung, für jeden Arbeits- tag eine ihrem Verdienst entsprechende Extramarke zu kleben, 2. Mitglieder, die sich weigern, diese Extrabeiträge zu ent- richten, haben keinerlei Anspruch auf die statutarischen Rechte und Ilnterstützungseinrichtungen des Verbandes; sie scheiden ohne weiteres aus dem Verbände aus. Erfatzbücker für vollgewordene Mitgliedsbücher werden nur dann ausgestellt, wenn die Streik- karte 1910 in Ordnung ist und im alten Buche sich die„Verpflich- tungsmarke" befindet. 3. Mitglieder, die wegen Schulden gestrichen werden mußten oder solche, die während der Bewegung unserem Zentralverbande nicht angehörten, haben bei ihrem Eintritt in den Verband außer dem statutarischen Einschreibegeld von 1,b0 Mk. bezw. 50 Pf. eine Extra-Aufnahmegebühr von 3 Mk. zu entrichten. Für Jung- gesellen und solche Kameraden, die aus Ortschaften kommen, wo zur Zeit der Aussperrung 1910 noch keine Verbandszahlstelle be» stand, findet diese Bestimmung jedoch keine Anwendung. 4. Handelt es sich bei den wegen Schulden gestrichenen Mit- gliedern jedoch um solche, bei denen mit Sicherheit anzunehmen ist, daß sie sich nur um das Bezahlen der Extrabciträge drücken wollten, so haben dieselben bei ihrem Wiedereintritt in den Ver- band außer dem statutarischen Einschreibegeld von 1,50 Mk. den restierenden Betrag ihrer nicht geklebten Extramarken 1910 in die Lokalkasse zu zahlen. Wie diese Kameraden sind auch jene zu bebandeln, die nach dem 1. April 1910 ibren Austritt erklärten, um sich auf diefa Weife ihren Verpflickitungen zu entziehen. 5. Die Zahlstellenversammlung spricht die Hoffnung aus, daß diejenigen Verbandskameraden unseres Zahlstellengebietes. die heute noch mit ihren Extrabeiträgen 1310 sich im Rückstände befinden, nun endlich begreifen lernen, daß ihre Handlungsweise im höchsten Grade unsolidarisch ist und sich in keiner Weise recht- fertigen läßt.> Im Interesse des Ansehens und der so notwendigen Ge- schlossenheit der Berliner Zimmcrerbewegung richtet sie an diese Kameraden den eindringlichen Appell, nunmehr ihre Streikkarten 1910 in Ordnung zu bringen und damit ihre proletarische Pflicht der deutschen Zimmererbewegung gegenüber zu erfüllen. Zu diesem Zwecke, das heißt um den npch restierendea Kameraden jede Möglichkeit zu geben, ihrer eigenen Sache die Treue zu bewahren, wird der Zahlstellenvorstand beauftragt/ beim Zentralvorstand des Verbandes den Antrag zu stellen, der Zahlstelle Berlin und Umgegend die Extramarlen 1910 eventuell noch bis zum Jahresschluß zu überlassen. 6. Für diesen Beschluß verpflichtet sich die Zahlstcllenver» sammlung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln einzutreten und zu agitieren. Es wurden dann noch einige kleinere Anträge erledig!. Eitzte ftachrfchtcn. Erneute Niederlage der Ehristeu. Bochum, 36. Dezember.(Privattelegramm deö„Bor- warts".) Heute fanden im Ruhrrevier 24 Nachwahlen der Knappschastsältrstcn statt. Von den 22 bekanntgewoOenen Resultaten erhielten der alte Bergarbcitervcrband 13, der chri st liche Gewerkverein 3 und die P o l e n k Man» date. Zwei Sprengel stehen noch aus.� Auch diese Nachwahlen bedeuten eine schwere Niederlage des christlichen Gewerkvereins. Keine Unruhen in Portugal. Paris, 30. Dezember.(W. T. 50.) Der hiesige portugiesische Geschäftsträger erklärte einem Berichterstatter, er habe von seiner Regierung heute morgen mehrere Depeschen erhalten, denen zu« folge die Lage in Portugal durchaus ruhig sei. Die alarmierenden Gerüchte dürften aus Madrid oder London stammen, wohin sich zahlreiche Anhänger des KönigshofcS geflüchtet hätten. Tie portu- giesische Regierung stehe zweifellos mancherlei Schwierigkeiten gegenüber. Die republikanische Partei sei entzweit, und auch im Volke herrsche eine gewisse Unzufriedenheit. Unter den Arbeitern der öffentlichen Betriebe seien Ausstände ausgebrochen, doch dürf» ten diese dank des Eingreifens der Regierung bald beigelegt sein. Die Republik sei keineswegs bedroht. Fortschritt der Aviatik. Bue bei Versailles, 30. Dezember.(W. T. 50.)®ct A v i a t i k e r Tabuteau hat heute den Rekord für die Ent- fernung geschlagen, indem er 584 Kilometer 299 Meter in 7?L Stunden zurücklegte. » Leutnant de Caumont ist heute in St. Ehr bei einem Versuchsfluge mit einem neuen Eindecker aus etwa 20 Meter Höhe abgestürzt und hat beide Arme und ein Bein' gebrochen. Nach einem späteren Telegramm ist Leutnant de Caumont heute abend seinen Verletzungen erlegen. Von der Straßenbahn überfahren. Frankfurt a. M., 30. Dezember.(W. T. B.) Ter 34jährige Monteurmeister der Berliner Borsigwerke, Franz Schweizer» der sich zurzeit bei den Kupferwerken in Heddernheim auf Montage befindet, ist heute abend von der Frankfurt— Oberurseler Straßenbahn überfahren und getötet worden. Explosion in einer Pulvermühke. Brüssel, 30. Dezember.(W. T. B.) Durch eine Explosion im Trockrnraum der Pnlvcrmühle in Wetteren bei Gent wurden acht Arbeiter getötet. Ein Arbeiter wird vermißt. Der Sachschaden ist nicht bedeutend. Die Interpellation über die Stndentenunruhen. Petersburg, 30. Dezember.(W. T. B.) Nach erregten Debatten lehnte die Reichsduma mit den Stimmen der Rech» ten. der Nationalisten und der Oktobristen die Dringlichkeit der Interpellation über die Studentcnunruhen in Odessa ab und vertagte sich dann bis zum 30. Januar 1911. Waul Singer LSo„BerlmLlV. Hierzu S Beilagen u. Unter tzaituagspt, Hr. 306. 27. Jahrgang. t Knlttt des Jotiuitlä" Lerlim PolKdlM Soltttllbrnd, 3l. Dezember l910. vis Moabiter Vorgänge vor Sericht. Sechsunddreißigster Tag. In der gestrigen Sitzung wurde die allgemeine Situation Wieder durch eine Reihe Von Einzelbeobachtuugen illustriert. Der zuerst vernommene Arbeiter Ramm stand am 27. September mit anderen Hausbeivohncrn vor der Tür. Ein junger Mann stellte sich zu ihnen. Als auf der anderen Seite der Slraste ein Trupp Schutzleute vorüberging, rief der junge Mann„Blut- Hunde". Zwei Schutzleute stürzten sich auf die vor der Tür stehenden Leute, diese flüchteten ins Haus. Der Zeuge kam als letzter hinein. Auf dem Hausflur versetzte ihm ein Schutzmann zwei Säbelhiebe. Der Zeuge fiel zu Beden. Als er sich wieder aufgerafft hatte, bekam er noch einige Stöße mit dem Säbel- griff. Ain 23. stand der Zeuge wieder mit anderen vor der Tür. Die Beamten verlangten, daß die Leute ins Haus geben. Als das nicht sogleich geschah, rief ein Schutzmann:„Seid Ihr Bande noch nicht drin?" Die Leute rannten hinein und schloffen die Tür hinter sich. Dann schlug der Schuhmann mit dem Säbel die Tiirscheibeu ein.— Erster Staatsanwalt: Warum stellten Sie sich am zweiten Tage wieder vor die Tür, nachdem Sie doch am ersten Tage schon unangenehme Erfahrungen gemacht hatten?— Zeuge: Ich wollte sehen, was los ist.— Erster Staatsanwalt: Sie hatten doch schon am ersten Tage gesehen, wie die Neugier be- straft wird.— Rechtsanwalt Heine: Den Verkehr haben Sie nicht gehindert und auch nicht auf die Polizei geschimpft?— Zeuge: Nein.— Rechtsanwalt Heine: Wie sah denn der junge Mann aus, der sich zu Ihnen gesellte und„Bluthunde' rief.— Zeuge: Wie ein Arbeiter sah er nicht aus, ich hielt ihn für einen Polizeispitzel. Frau Pflaumbaum schildert mit großer Bestimmtheit und in lebensvoller Darstellung folgende Vorgänge. Am 26. Scp- tember zwischen 6 und 7 Uhr waren viele junge Männer und junge Mädchen, wie man sie aus dem Rummelplatz sieht, in der Rostocker Straße. Sie lärmten und pfiffen und die Schutzleute jagten mit blanken Säbeln hinter ihnen her. Ein Schutzmann, der wohl ärgerlich war, weil er keinen gekriegt hatte, rief sehr laut:„Räuberbande, Schweinebande, Euch müßte man anspucken".— Am 28. war mein Lokal aus polizeiliche Anordnung geschlossen. Ich stand innen am Fenster. Da hörte ich draußen vor meiner Ladenlür jemand sagen:„Ist das hier richtig bei Pflaumbaum?' Als ich meinen Namen hörte, sah ich zum Fenster hinaus. Da standen vor dem Lokale 6—8 Mann, die ich für Kriminalbeamte hielt. Ein Herr, der oberste von den Kriminalbeamten, gab in schneidigstem Kommandotone Befehle an die Leute. Ich fragte:„Was wünschen Sie denn von Pflaumbanm?" Da antwortete der Herr, es soll ja Herr Kuhn gewesen sein:„Ja, Tante Pflaumbaum, jetzt sind wir hitr. Wir haben uns hier häuslich niedergelassen. Wir befinde» uns hier im Belagerungszustand. Die uniformierten Schutzleute werden nicht respektiert, die haben nicht ordentlich aufräumen können. Aber jetzt, wo wir da find, wird erst ordentlich aufgeräumt." Dann kommandierte der Herr: „Fenster zu, weg vom Fenster!" Auf der Straße sah ich Männer mit langen Blechröhren. Ich dachte, wozu sind denn diese Dinger. Mit einmal waten die Dinger in Funktion. Ein junger Mann ging ganz ruhig auf der Straße. Da fielen 8— 10 Mann über ihn her und schlugen ihn mit den Blechröhren. Das war fürchterlich. So was habe ich noch nie gesehen. Ein alter Mann. Er sollte schneller laufen.- Er bat: Lassen Sie mich doch in Ruhe, ich kann ja nicht schnell laufen, ich tue ja niemanden etwas.—«ater der Beamten schrie den alten Mann an:„Oller Popelfritze, will er machen, daß er fortkommt."— Der Oberste von den Kriminalbeamten, Herr Kuhn, rief:„Runter vom Balkon, Fenster zu'. Eine Frau rief zum Fenster hinaus:„Na. ich werde doch ein bißchen Luft schnappen können'.� Da erteilte der Herr einem Beamten die Weisung: „Wenn sich die alte schwarze Gau nochmal am Fenster sehen läßt- dann schicken Sie sofort eine blaue Bohne hinauf". Nach einem Fenster wurde auch geschossen. Etwa? später hielt Herr Kuhn eine Zigarrenkiste unter dem Arm und verteilte Zigarren an die Beamten. Da ging ein junger Mann an ihn heran und lüftete die Mütze. In demselben Augenblick bekam er von dem Herrn ein paar schallende Ohrfeigen.— Erster Staatsanwalt: kleines feuiUeton. Eine Flugmaschine im 17. Jahrhundert. Es ist alles schon da- geivesen.— An dieses Wort des alten Ben Akiba wird man er- innert, wenn man hört, daß schon im 17. Jahrhundert ein Italiener eine Flugmaschine gebaut hat, die im wesentlichen nach denselben Prinzipien konstruiert war, wie unsere heutigen Schwerer-als-Luft- Maschinen. Es war dies der im Jahre I6lb in Venedig geborene Livio Burattini, von dessen merkwürdiger Erfindsing uns Carl von Klinkowström im„Prometheus" erzählt. Burattini kam, nachdem er mehrere Reisen nach Aegypten gemacht hatte, im Jahre 1845 an den Hof des Königs von Polen, wo er sich bald einen Ruf als geschickter Mathematiker und Techniker erwarb. Sein Traum war die Erbauung einer Flugmaschine, zu der er auch zweifellos ein Modell angefertigt hat. Nach einem Briefe Pierre de Noyers, des Sekretärs des Königs von Polen, war dieses Modell folgendermaßen konstruiert: Es hatte 4— 5 Fuß Länge, einschließlich des Schwanzes, 4 Flügel, die zum Tragen, und 2, die zum Tragen und zur Fortbewegung dienen sollten. Die Flügel waren so gebaut, daß sie beim Aufwärtsschlagen sich zusammen- falteten, und beim Abwärtsschlagen sich ausbreiteten. Ucber dem ganzen war eine Art Aufsatz angebracht, der sich spannte, wenn man eine Feder löste, und bei einem Sturze als Fallschirm fun- gieren sollte. Der Apparat wurde durch eine Schnur, die unter dem Schwanzteil heraustrat, angetrieben. Die Schnur setzte Räder und Federn in Bewegung, durch die das Schiff in die Luft ge- hoben würde. Es trug eine Katze, die man hineinsetzte und blieb 50 lange in der Luft, als man durch die Schnur die Räder in Zewegung setzte. Noyers meinte, wenn die Katze Verstand hätte, so könnte sie dies selbst tun, und sich andauernd in der Luft er- halten. Burattini verlangte nun 566 Taler von dem König von Polen, um das Schiff im großen auszuführen. Ob ihm diese Forderung bewilligt worden ist und ob er seine Maschine wirk- lich im großen ausgeführt hat, darüber wissen wir nichts Be- stimmtes. In seinem Werke„Närrische Weisheit und weise Narr- heit"(Frankfurt 1662) erzählt Joh. Joachim Becher von einem am königlichen Hofe in Polen lebenden Italiener namens Borattini, der ein Schiff oder Maschine aus Stroh oder Rohr an- gefertigt habe, mit der er sich selbst direkt von der Erde geschwungen habe. Es habe aber alle Zeit etwas zur Perfektion gxfehlt, wie- wohl der Erfinder anfangs vorgegeben habe, damit in 12 Stunden von Warschau nach Konstantinopel fliegen zu können. Der Gewährs- mann Bechers, der englische Wachspossierer M. Simon, will die Maschine samt Jnventario in Polen einst gesehen haben. Danach scheint Burattini also in der Tat ein größeres Modell gebaut zu haben, dem aber leider zur Perfektion immer etwas gefehlt hat. Sehr natürlich, denn ohne die heutigen Maschinen würde ja auch der denkbar vollkommen konstruierte Flugapparat sich niemals auf lange in die Luft erheben können. Also alle Leute mußten» vom Fenster fortgehen, aber Sie konnten das alles vom Fenster aus ruhig beobachten?— Zeugin: Bei mir war es dunkel, mich konnten die Beamten nicht sehen. Als sie mich bemerkten, wurde auch mir zugerufen: „Fenster zu, gehen Sie schlafen." Dann habe ich auch nichts mehr gesehen.— Erster Staatsanwalt: Sie sagen, es wurde mit Blechröhren geschlagen?— Rechtsanwalt Heine: Das werden die Fackeln der Polizei gewesen sein. Die bestehen aus eisernen Röhren.— Zeugin: Ja, damit wurde geschlagen.— Polizei- leutnant Götze: Die Fackeln sind nicht Eis enröhre», sondern Zinkröbren, die mit dem Leuchtstoff gefüllt sind.— Aui Befragen gibt Frau P f l a u m b a u m noch an, daß der junge Mann erst von wenigstens 8 bis 10 Mann mit den Fackeln und dann noch von zwei nniformierten Schutzleute» mit Säbeln ge- schlagen wurde. Ferner gibt die Zeugin an: Einer der Beamten sagte zu dein Herrn Kuhn:„Haben Sie schon gehört? Im kleinen Tiergarten soll das Blut in Strömen fließen." Dann sagte ein anderer: Einen haben sie in den Unterleib ge- stachen. Da sagte der Herr:„In den Unterleib? Das ist gut. Das ist gut." Frau Bergmann sagt unter anderem: Am 26. haben die Schutzleute ohne Veranlassung geschossen. Danach kamen Leute von allen Seiten. Sie wurden aufgefordert, auseinanderzugehen. Ehe sie das konnten, hieben die Schutzleute darauf los. Ein Mann wurde niedergeschlagen und als er am Boden lag, von Schutzleuten noch mit Füßen gestoßen. ES wurde furchtbar geschlagen, von Schutz- leuten mit Säbeln und von Kriminalbeamten mit Gummi- knüppeln.— Am 28. schlugen Schutzleute im Vorbeigehen mehrere Haustürscheiben ein. Zwei Arbeitswillige auf einem Kohlenwagen schössen gleichzeitig, wie auf Kommando, nach beiden Seiten des Wagens über die Menschen hinweg, in Gegenwart der Schutzleute, die den Wagen begleiteten, aber nicht gegen den Unfug der Arbeits- willigen einschritten.— Als abends nach 10 Uhr ein Mann mit einer Frau am Arm über die Straße ging, stieß ein Schutzmann ohne Veranlassung die Frau von hinten.— Die Zeugin bestätigt die von Frau Pflaumbaum bekundete Verprügelung eines jungen und eines alten Mannes in der Roftocker Straße. Der alte Mann wurde deS- halb geschlagen, weil er nicht schnell genug laufen konnte. Werkmeister Roloss hat von seiner Wohnung in der Beusselstraße gesehen, daß nach einer Attacke, als die Straße fast menschenleer war, zwei Jungrns von 13—14 Jahren ruhig an den Häusern entlang gingen. Da lief ein Kriminalbeamter aus die beiden Jungens zu Und schlug dem einen mit dem Stock derart über den Kopf, daß der Stock zerbrach und das abgebrochene Stück in weitem Bogen fortflog. Dann ging der Beamte, als wenn nichts geschehen wäre, zu den anderen Schutzleuten. Po st böte Schasseburg macht unwesentliche Angaben über Straßenvorgänge. Grünkramhändler Dorn hat am 26. gesehen, daß ein Arbeitswilliger von einem Kohlenwagen schoß. Am 27. abends kam eine Kundin des Zeugen in seinen Laden und sagte, fie wollte für ihre Nachbarin eine Hebamme holen, die notwendig gebraucht werde. Aber sie traue sich doch nicht über die Straße, weil die Schutzleute fortwährend Attacken machten und niemand ohne Lebensgefahr die Straße passieren konnte. Der Zeuge erbot sich, der Frau den Gang zur Hebamme abzunehmen. Er ging an ein SchutzmannSkommando heran. teilte seine Absicht mit und bat um polizeilichen Schutz. Doch der wurde ihm nicht gewährt. Ein Schutzmann fuhr den Zeugen an:„Ach was, zur Hebamme gehen. Darauf wird jetzt keine Rück- ficht genommen und daran sind Sie selber schuld." Als der Zeuge noch mit den Schutzleuten parlamentierte, kam ein Samariter hinzu und der erbot sich, den Zeugen unter dem Schutze des Roten Kreuzes zur Hebamme zu begleiten. So kam der Zeuge glücklich zur Hebamme, aber die war nicht zum Mitgehen zu beivegen, weil sie die Gefahr auf der Straße fürchtete. Jetzt bat der Zeuge einen Polizeileutnaut um Schutz für die Frau. Nachdem dieser der Hebamme versichert hatte, sie könne mitgehen und auch der Samariter wieder auf den Schutz des Noten Kreuzes verwiesen hatte, ging die Frau mit. Am 23. abends hatte der Zeuge sein Pserd in den Stall gebracht. Er konnte aber nicht vom Stalle nach seiner Wohnung gehen, weil auf der Straße fortwährend Polizeiattacken gemacht wurden. Nach Die Jahresbilanz der Schiller-Theater. Wie auf der General- Versammlung am Donnerstag mitgeteilt wurde, kann die Schiller- Theater-Akfiengesellschaft auf ein verhältnismäßig befriedigendes Geschäftsjahr zurückblicken. Nach etwa« reichlicheren Abfchreibnngen, als sie die Vorjahre gestatteten, blieb ein Reingewinn von 22 53g M. Es kommt die satzungsgemäße Höchstdividende von 5 Proz. zur Ver- teilung, ferner wurden die Milglieder, die länger als fünf Jahre dem Institut angehören, in gewohnter Weise beteiligt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Volfitzende des schmerzlichen Ver- lusteS, den die Gesellschaft durch den Tod ihres Mitbegründers und Leiters Raphael Löwenfeld erlitten hat. Der Aufsichtsrat und die Mitglieder des Instituts werden am Sonntag, den 8. Januar, eine Gedenkfeier veranstalten. Der neue Aussichtsrat konstituierte sich sofort nach der Sitzung und ivählte zum Borsitzenden Herrn Pro- fessor Wilhelm Foerster. Des weiteren wurde beschlossen, daß die Leitung der Geschäfte vorläufig in denselben bewährten Händen be- lassen wird, die schon während der langen Erkrankung deS verstorbenen Direktors die Vertretung übernommen haben, so daß die Fortführung deS Betriebes in der bisherigen Weise stattfindet. Spiiinenscide. Die Kokons der Seidenraupe werden, trotz aller Fortschritte im modernen Maschinenbau, noch immer mit der Hand abgewickelt, waS wegen der großen Länge des seinen Fadens sehr zeilraubend ist und daher auch nur in solchen Ländern lohnend aus- geführt werden kann, in denen die Handarbeit ivohlfeil ist. Hauptsächlich wegen dieser und einiger anderer unumgänglicher Ver- teucrungen der Seidenfabrikation haben sich schon seit längerer Zeit Fachleute und Erfinder mit dem Problem beschäftigt, das Produkt der Seidenraupe durch das eines anderen Insektes zu verdrängen. Erst in neuerer Zeit bot, wie eine englische Wochen- schrift meldet, die„Britische Vereinigung von Seidenfabrikanten" eine Belohnung von 20 006 M. für den aus, der die Spinne als Seidcnproduzenlen nutzbar zu machen verstände. Die Idee an sich ist durchanS keine neue, denn schon Kleopatra besaß ein berühmtes Gewand, das ganz aus Spinnenseide gewebt war. Die Schwierig- keit bestand nur darin, genügend viel des Fadens erlangen und ihn soaufwindcn zu können, daßer wederzerreißen noch sichverwirren konnte. Einen Preis erhielt vor einiger Zeit ein Franzose Cachot, der eine Maschine mit winzigen Röllchen erfunden hatte, die sich fort- während drehten und an die er je eine Spinne„angespannt" hatte. Er wand den Faden auf, während ihn die Spinne spann, nicht nach- dem sie ihr Netz fertig halte. Das Ende des Netzes, das noch mit dem Körper der Spinne in Verbindung stand, griff er auf und be- festigte es an einem der Röllchen. Dann setzte er die Maschine in langsame Bewegung. Als die Spinne ihr Gewebe so davongleitcn sah. stemmte sie sich naturgemäß dagegen an, um nicht mitgezogen zu werden. Glücklicherweise zog sie nicht stark genug, um den Faden zum Reißen zu bringen. Durch die Bewegung war sie ge- nötigt, das Gewebe weiter zu spinnen, das nun nach und nach ganz aufgewunden wurde. Nachdem Cachot eine genügende Anzahl Spinnen auf diese Weise ausgebeutet hatte, wurde das erzielte Produkt zu einem Stoffe ver- stundenlangem Warten wagte er es, mit der brennenden Stallaterne in der Hand über die Straße zu gehen. So kam er glücklich nach Hause, während sein Begleiter einen wuchtigen Säbelhieb bekam.— Auf der Straße sah der Zeuge, daß ein ruhig daherkommender Mann von einem Schutzmann niedergeschlagen wurde. Als der Mann am Boden lag. bekam er noch einen Fußtritt. Es war furchtbar mitauzusehen — sagt der Zeuge— das Herz im Leibe bebte mir.— Gegen S Uhr forderte ein Kriminalbeamter den Zeugen auf. das Licht zu löschen und seinen Laden zu schließen. Als der Zeuge Einwendungen machte, sagte der Beamte:„Wer sich nach 9 Uhr auf der Straße sehen läßt, wird niedergeschossen." Der Zeuge schloß den Laden und hörte nachher auf der Straße das furchtbare Geschrei von Leuten, die von den Kriminalbeamten verhauen wurden, nachdem man sie kurz vorher durch die Absperrungslinie hilldurchgelassen hatte. Kaufmann Helm gibt an, daß die Menschenmenge auf der Straße johlte, daß auf die Schutzleute geschünpst wurde und eine Fran sagie, man müsse einen Nachltopf ans die Schutzleute iverfen. Die Polizei habe sich ziemlich ruhig Verhalten, sie habe nicht gleich geschlagen, sondern iinmer erst, wenn nach erfolgter Aus- forderung die Leute nicht weitergingen, sondern johlten und schrien. Restaurateur Wagner macht folgende Angaben: Am 27. gegen 10 Uhr sah ich, daß Menschen, hinter denen Schutzleute herliefen, an meinem Lokal in der Turmstraße vorbeirannten. Ich trat vor die Tür, um zu sehen, was los ist. Als ich mich mndrehte, um wieder hineinzugehen und schon die Tür in der Hand hatte, be- am ich einen Schlag mit dem Säbel. Am 28. abends sind in der Nähe meines Lokals sehr viele Menschen von uniformierten Schutzleuten und von Kriminalbeamten geschlagen worden. Ein von einem Schutzmann verfolgter Mann fiel hin. Da schlug der Schutzmann auf dem am Boden Liegenden mit dem Säbel ein. Der Mißhandelte raffle sich auf, fiel aber bald wieder nieder und wurde von anderen Schutzleuten nochmals mit dem Säbel geschlagen.— Am 29. stand ich vor meinem Lokal, um z>» verhindern, daß zweifelhaste Elemente von der Straße herein- kämen. Schutzleute kamen vorüber. Einer sagte zu einem anderen: „Diese Stampc müssen wir auch noch räumen." Gleich darauf kam ein Leutnant und forderte mich auf, das Lokal zu räumen. Ich sagte: Jawohl und meine Gäste gingen sofort hinaus, ohne erst ihr Bier auszutrinken. Einer der Schutzleute sagte:„Wir dürfen nicht so kraß vorgehen, die Gäste müssen erst ihr Bi» austrinken." Ein anderer Schutzmann aber rief:„Ach was, immer raus, raus." Als die Gäste auf die Straße kamen, wurden sie von den draußen stehenden Kriminalbeamten vcrhnncn. Wer einen Augenblick stehen blieb, um sich umzusehen, nach welcher Richtmig er gehen müsse, be- kam sofort seine Prügel. Die. Kriminalbeamten hatten ihre Stöcke am unteren Ende angefaßt und schlugen mit der Krücke immer auf die Kopfe. Der Zeuge zeigt einen Hut vor, den er nach dieser Prügelei auf der Straße fand. Der Hut ist an zwei Stellen durchlöchert und eingerissen. Die Beschädigungen lassen auf Schläge mit lvuchtigen harten Gegenständen schließen.— Auf eine Frage des Rechts« anwalts Rosen selb antwortet der Zeuge, er sei früher Kriminalbeamter gewesen und könne deshalb mit Sicherheit erkennen, wer als Kriminalbeamter anzusehen sei.— Erster Staatsanwalt: Warum sind Sie von der Polizei abgegangen? — Zeuge: Weil mir die Tätigkeit nicht mehr gefiel.— Auf eine Frage des Rechtsanwalts Heine erklärt der Zeuge, es sei ganz unmöglich, daß von seinem Lokal ans irgend welcher Unfug verübt worden sei, der die Polizei zum Einschreiten hätte veranlassen können.— Weiter bekundete der Zeuge, daß vor seinen Augen auch ein alter Mann, der gar nichts gemacht hatte, von Schutzleuten unbarmherzig geschlagen wurde. Der alte Mann fffc"*" hin und wurde noch weiter geschlagen. Der Zenge sagt, er ha«/� viele derartige Fälle gesehen. Die Schutzleute standen eine Zeitlang ruhig da, dann bekamen sie plötzlich einen Einfall, zogen blank und schlugen los ans jeden der ihnen vor die Klinge kam. Fahrmeister Schmidt hat den Straßenbahnwagen ge» fahre», in dem Pastor Schwebe! am 26. hineinfuhr. Wie der Zeuße angibt, wurde aus der auf der Beusselstraße versammelten Menge em Stein in den Wagen geworfen, wodurch ein Fahrgast verletzt worden ist. Maschinist Grosser besuchte am 26. ein Schanklokal. Drinnen und auf der Straße war es ruhig. Plötzlich drangen Schutzleute ein. Der Zeuge wurde hcrausgestoßen und draußen von Schutzleuten derart verhauen, daß er vierzehn Tage arbeitsunfähig war und jetzt noch Schnierzen hat. webt, der sich an Feinheit, Elastizität und Festigkeit der gewöhn» lichen Seide stark überlegen erwies. Dennoch ist vorläufig die Spinncnseide noch nicht als kommerziell verwertbar zu betrachten. Sie ist so kostspielig, daß sich höchstens Milliardärsgattinnen den Luxus eines aus ihr gewebten Gewandes leisten könnten. Unsere einheimischen Spinnenarten sind nämlich für diese Art Seiden» Produktion nicht geeignet. Nur eine aus Madagaskar eingeführte Art liefert das richtige Gespinst, das im Verhältnis zäher als Eisen ist. Humor und Satire. Professoren. Tänzerinnen und.. Unter dem Titel„Gelehrten- Anekdoten" ist eine von Dr. W. Ahrens herausgegebene Sammlung bei Hermann Sack in Berlin erschienen, der wir eine charakteristische, aber auch wahre Anekdote entnehmen: Mit Alexander von Humboldts Befürwortung wurden drei der in Göttingen amtsentsetzten„Sieben": Dahlmann und die Brüder Grimm, später in Preußen wieder angestellt; deshalb vor- wiegend, so meinte Humboldt, haßte der König Ernst August von Hannover ihn. Einmal sagte er ihm in Potsdam geradezu: „Nun, Humboldt, noch immer Republikaner und doch in Sanssouci? Haben Sich da um die Professoren bemüht. Sind Leute, die immer wohlfeil zu haben sind, wie die deutschen Handwerker und das, was man im Französischen putain(H»re) nennt. Sind wohlfeil zu haben." Humboldt eulgegnete:„Das ist nicht so. Sie haben Sich außer« ordemlich bemüht und doch mit allem Gelde lange nichts erhalten." — Bei einer anderen Gelegenheit, als der frivole Hannoveraner seinen oft wiederholten Spruch von den wohlfeilen Professoren, Tänzerinnen und putains— dieses Mal aber deutsch— zu Humboldt gewandt an der Tafel des preußischen Königs hersagte, soll dieser (Friedrich Wilhelm IV.) ihm die Antwort gegeben haben:„Sie müssen es ihm(Humboldt) gröber sagen, so fein versteht er cS nicht." Notizen. — Vorträge. Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag, den 3. Januar, Dr. A. Merz-Berlin: Das Mittelländische Meer und seine Einwirkung auf das Klima seiner Küsten; Freitag. den 6. Januar, Kapitän Wiltmer über die Zusammensetzung und Taktik der Schlachiflotten in Vergangenheit und Gegenwart. — Der„König Lust ick" auf der Bühne. Das Rcsidenztheater zu Kassel hat ein Stück des bekannten Partei» genöisischen Schriftstellers Wilhelm Bios zur Uraufführung an» genommen. Es betitelt sich„Wilbelmshöhe", historische Komödie in 5 Akten und gibt ein Bild von dem Hofe des Königs Jerome von Westfalen, und behandelt weiter den Zusammenbruch dieses Kölligrei»« — Die Groß; Oper, eine der vielen projektierten Opern» gründungen, kommt nicht zu stände. Das Baugesuch war vom Polizeipräsidenten abgelehnt worden. Die dagegen eingelegte Be» schwerde ist vom Munster abschlägig beschieden worden. Gastwirt Soljmantt lvoh»t in der Königgrätzer Strahe und ist an mehreren Tagen nach Moabit gegangen, um dort Be« obachtungen ,u machen. Er sah einen am Kopf verwundeten Kohlen- triiger. Diesem gab er den Rat, sich verbinden zu lassen: aber der Verwundete meinte, es ging- auch so. Der Zeuge sah einen von sechs Schutzleuten begleiteten Kohlenwagen. Leute, welche dem Wagen folgen wollten, sagten, da drüben sind keine Häuser, da können wir doch nichts machen. Ferner sah der Zeuge zwei Frauen, die sich auf der Straße verabschiedeten. Die eine sagte zu der anderen: Kommst Du heute abend? Die andere antwortete: Ja. ich habe mir schon Scherben zurecht gelegt, es ist ja egal, einen Tod kann man ja bloß sterben. Darauf sagte die erste Frau wieder: Wenn Sie nur meinem Mann eins über den Schädel hauen möchten. An einein anderen Tage sah der Zeuge, daß ein Verhafteter von Schutzleuten abgeführt, aber weder geschlagen»och gestoßen wurde. Einmal hatte Zeuge auch gesehen. daß jemand, der nach der Aufforderung eines Schutzmanns nicht so- gleich fortging, mit der flachen Klinge geschlagen wurde. Monteur Auler kehrte auf einem Ausgange mit seiner Frau in ein Lokal ein. In dem Lokal waren nur fünf bis sechs Gäste, alle verhielten sich ruhig. Da kamen Schutzleute mit gc- schwungrnrm Säbel herein. An einem Tisch saß eine Frau mit zwei Kindern. Tie Kinder wurden von den Schutzleuten umgerannt und bei dem allgemeinen Tumult trampelten die Schutzleute auf den Kindern herum. DaS geschah jpdoch nicht mit Absicht, aber, sagt der Zeuge, man hätte doch Mücksicht auf die Kinder nehmen können. 5—6 Schutzleute hämmerten auf einem älteren Herrn herum, der so korpulent war, daß er sich beim besten Willen nicht schneller entfernen konnte. Als die Schutzleute in das Lokal hereinstürmten, riefen sie: Raus, ihr Hunde! und schlugen dann gleich auf die Gäste los. Vor nur und meiner Frau, sagt der Zeuge, stand auch ein Schutzmann mit erhobenem Säbel. Hätte er zugeschlagen, dann hätte ich mich ge- wehrt. Zum Glück kam eS nicht so weit. Ich kam ohne Prügel davon. Ein Erlebnis am 27. nachmittags S Uhr auf dem Bahnhof Beuffelstraße schilderte der Zeuge folgendermaßen: Am Schaller stand ein Herr und löste eine Fahrkarte. In den,- selben Augenblick trat aus einer Tür im Obergeschoß des Bahnboses ein Schutzmann, eS schien, als ob er etwas zu dem Herrn am Schalter sagte. Aber im selben Moment kriegte er den Mann beim Wickel und stieß ihn mit einem Tritt in die Tür, wo bielleicht eine Polizeiwache gewesen sein mag. Nach ganz kurzer Zeit flog der Mann mit einem Fußtritt wieder zur Tür hinaus. Ich fragte den Mann, was er denn auSgefresscn habe. Der antwortete: ich«riß nicht, was man von mir will. So was muß man sich als anständiger Bürger gefallen lasse». Auf Befragen erklärte der Zeuge noch, er hätte es unbedingt sehen müssen, wenn der mißhandelte Mann den Schutzmann beleidigt oder sonstwie Anlaß zum Ein- schreiten gegeben haben sollte. Als der Zeuge vom Bahnhof nach Hause ging, fragte er auf der Straße einen Schutzmann, ob er hier durchgehen dürfe, der Schutzniann erwiderte: heben Sie man Ihre krummen Berne hoch, sonst kann et Ihne» noch dreckig gehen. Der Zeuge sagte darauf zu dem Schutzmann, er solle sich doch schämen. Dann ging er weiter und bekam aber an der Heilands- kirche noch einen Puff von einem Schutzmann. Konfrontation des Obersten der Kriminalbeamten mit Fra» Pflaumbaum. Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft ist Kriminalkommissar Werner telephonisch herbeigerufen worden. Dieser ist es, den Frau Pflaumbaum als den Obersten der Kriminalbeamten bezeichnete und mit dem Kommissar Kuhn verwechselte. Kriminalkommissar Werner wird vernommen, er bestätigt, daß er zu der angegebenen Zeit in der Rostocker Straße eine Anzahl von Kriminalschutz- leuten der vierten Abteilung kommandierte. DaS Lokal von Pflaumbaum sei ihm vorher nicht bekannt gewesen. Er sei aber darauf aufmerksam gemacht worden, daß in diesem Lokale Exzesse stattgefunden hätten, und daß er sich besonders vor Frau Pflaumbaum in acht nehmen müsse. Als ihn Frau Pflaum- verbanorgte, ob er Kriminalbeamter sei und waS er wolle, habe er : DaS können Sir sich doch denken, er sei mit seinen Be- amten zur Unterstützung der uniformierten Schutzmannschaft ge- kommen. Er habe Frau Pflaumbaum geraten, in ihrem Interesse da« Fenster zu schließen. Auf Fragen dcö Vorsitzenden erklärt der Zeuge, er habe nicht gesehen, daß Leute, die ruhig gingen, Prügel bekamen. ES sei auch gar nicht denkbar, daß die Schutzleute mit den Magnesiumfackeln geschlagen hätten.— Es wird dem Ge- richt ein Exemplar einer Magncsiumfackel vorgelegt. Sie besteht aus einem Zinkrohr von zirka 5 Zentimeter Durchmesser und 1>/z Meter Länge. Das Gericht und die Verteidiger besichtigen die Fackel'— Rechtsanwalt Heine sagt: das ist zweifellos ein gefährliches Werkzeug. Die Vernehmung des Kriminalkommissars Werner wird hierauf fortgesetzt. Auf ein« Frage de« SlaatsanwaltS antwortete der Zeuge, die Fackeln seien alle unbeschädigt abgeliefert. VI e ch t S a n w a l t Heine bemerkt hierzu. eS liegt doch näher zu fragen, ob nicht die Leute, welche m't den Fackeln geschlagen wurden, beschädigt worden sind. Die Fackeln selbst werden wohl schwerlich beschädigt worden sein. Kriminalkommissar Werner gibt weiter an. daß er zum Einschreiten gegen das Publik»« gar nicht gekommen sei, dazu habe sich keine Beranlassung ergeben. Wohl sei einmal ein Blnmentopf aus dem Fenster ge- worfen worden. Der Wurf sollte nur als Demonstration gelten, aber nicht ein Angriff auf die Beamten sein. Auf Befragen gibt der Zeuge noch an, er wisse nicht, ob auch Kriminalbeamte der 7. Abteilung in Moabit tätig waren, doch habe er gehört, daß ein Beamter der 7. Abteilung, der sich in Arbeiterkleibung nach Moabit begeben hatte, � von seinen Kollegen verhauen worden sei. So etwas könne wohl vorkommen, wenn jemand in Arbeiterkleidung sich bei solchen Situationen ins Gedränge begibt.— RechtSanw. Heine: Wurden denn alle Leute in Arbeiterkleibung verhauen?— Zeuge: Nein, das nicht. Ich meine nur. wenn jemand inS Gedränge kam, dann konnten die Beamten doch nicht unterscheiden, ob er schuldig war oder nicht.— Im übrigen be st reitet der Zeuge mit voller Entschiedenheit die Angaben von Fra» Pflnnmbaum. Frau Pflaumbaum wird den, Krim.-Kom. Werner gegenübergestellt. Sie hält ihre Angaben in allen Punkten aufrecht und sagt dem Kriminalkommissar Werner ms Gesicht: Als Sie attkamen, Herr Werner, da riefe» Sie gleich, nun aber a tempo immer los, los, ihr Lausejungens, macht daß ihr fortkommt. Auf Ihre Veranlassung. Herr Werner, wurden die jungen Leute mit diesen Dingern(die Zeugin zeigt auf die Magnesiumfackeln) grgcylagen.— Kriminalkommissar Werner: Ja, ich habe allerdings zu 2 jungen Leuten gesagt, wenn Sie nicht hier lvohnen dann machen Sie, daß Sie hier fortkommen. Aber daß die jungen Leute geschlagen wurden habe ich nicht gesehen, ich glaube es auch nicht.— Frau Pflaumbaum: Herr Werner, es ist aber doch in Ihrer Gegenwart auf die Leute geschlagen.— Kriminalkommissar Werner: Sollten Sie sich nicht irren. Frau Pflaumbaum? Frau Pflaumbanm: Rein, ich irre mich nicht. Der eine rannte rechts, der andere rannte link«. Und der wurde furchtbar mit diesen Dingern geschlagen. Dann kamen noch 2 Schutzleute, die ihn mit dem Säbel schlugen.— Kriminalkvmmissar Werner: Außer 2 Be- rittenen waren ja keine uniformierten Schutzleute da.— Rechts- a» w a l t Heine macht darauf aufmerksam, daß doch in un- mittelbarer Nähe der hier in Frage kommenden Stelle an den Straßenecken uniformierte Schutzleute i» großer Zahl aufgestellt waren. Es könnte doch möglich sein, daß der junge Mcmn von diesen Schutzleuten geschlagen wurde. Kriminalkommissar Werner: Das wäre möglich. Rechtsanwalt Heine: Haben Sie denn die jungen Leute nicht schreien hören?— Kriminalkommissar Werner: Das Schreien habe ich gehört, das war aber ziemlich weit von mir enfernt. Auf weitere Fragen gibt der Zeuge an, daß er Lausejungens und Lümmel gesagt habe könne er nicht zu- geben.— Recht S a n w a l t Heine: Wollen Sic sagen, daß Sie eS nicht gesagt haben oder erinnern Sie sich dessen nicht.— Zeuge: Ich glaube nicht, daß ich es gesagt habe.— Frau Pflaumbaum tritt an d.-n Kriminalkommissar Werner heran, zeigt auf ihn und sagt, das ist der Herr, der gesagt hat: Sowie die schwarze Sa» nochmal zum Fenster heraussieht, wird eine blaue Bohne hinaufgeschickt.— Kriminalkommissar Werner: Ich habe das nicht gesagt, vielleicht war es der Wachtmeister.— Fra» Pflaumbaum: Dieser Herr hat es gesagt. Ferner hält die Z-ugin dem Kriminalkommissar vor, daß er mit einer Zigarrenkiste in der Hand einen Jungen georfeigt habe.— Kriminalkommissar Werner sagt dazu: Zigarren habe er allerdings an die Beamten aus einer Kiste verteilt, aber der Vorgang mit dem Jungen sei ihm durchaus nicht mehr erinnerlich. Wie sollte er denn dazu kommen einen Jungen zu ohrfeigen? Ebenso entschieden bestreitet er, die von Frau Pflaumbaum angegebene Aeuyerung, daß im kleinen Tier- garten Blut fließe und er sich darüber gefreut haben sollte, daß jemand in den Unterleib gestochen worden sei. Richtig sei nur, daß ihm erzählt worden sei, ein Schutzmann sei durch emeu Stich in den Unterleib verwundet worden.— Frau Pflaumbaum: Aber Herr Werner, dann brauchen Sie sich doch nicht darüber zu freuen I Ich habe doch deutlich gehört, daß einer zu Ihnen sagte: Es ist jemand in den Unterleib gestochen worden und dazu sagten Sie ganz freudig, das ist gut. das ist gut.— Kriminalkommissar Werner bleibt dabei, daß er von alledem nichts wisse. Schlosser Rotzbach war Zeuge eines schon öfter be- sprochenen Vorganges, der sich am 24. in der Rostocker Straße zu- trug. Es soll dort ein arbeitswilliger Kohlenkutscher der Bedrohung von Streikenden nachgegeben und den Wagen verlassen haben. Der Zeuge sagt, ein Mann vom Verband sprach ruhig mit dem Kutscher. Diese ruhigen Vorstellungen machten einen solchen Eindruck auf den Kutscher, daß er freiwillig von dem Wagen stieg und dem Manne folgte. Ferner hat der Zeuge noch folgende Beobachtungen gemacht: ein alter Mann, der sich von den aus einem Wagen ge- fallenen Kohlen etwas auflesen wollte, wurde von einem Polizei- lrutnant mit dem Säbel geschlagen. Darauf schrie das Publikum: das ist eine Gemeinheit. Bald nachher sah der Zeuge an einer anderen Stelle einen Kohlenwagen, von dem ein Arbeitswilliger zweimal nach dem Publikum schoß. Darauf antwortete das Publikum mit Schreien und Steinwllrfen gegen den Arbeitswilligen. Der Wagen jagte davon. Schutzleute trieben das Publikum mit dem Säbel auseinander. Zu einer anderen Zeit sah der Zeuge, daß ein Arbeiter, der au« der Fabrik kam, von einem Schutzmann mit der Faust inS Genick geschlagen wurde, so daß dem Arbeiter der Hut vom Kopfe flog. Als der Geschlagene Einwendungen hiergegen machte, stieß ihn der Schutz- mann fsrt. Eingehende Angaben macht der Zeuge über Straßenvorgänge am Abend des 26. September. Der Lärm und Unfug wurde nur von halbwüchsigen BengelS ge- macht. Diese rannten fort, wenn die Schutzleute vorgingen, aber die ruhigen Straßenpassanten bekamen Prügel von den Beamten. Der Zeuge hat auch gesehen, wie bei der schon öfter erwähnten Ausräumung des Lokals von Lanzcrat die hinausgeworfenen Gäste auf der Straße von den Schutzleuten verhauen wurden. Ein Mann, der schon mit blutigem Kopfe aus dem Lokal herausflog, wurde draußen nochmals von den Schutzleuten geschlagen.— Vor seiner Haustür sah der Zeuge einen Mann mit gespaltenem Schädel liegen.— Ein Herr, der einen Augenblick stehen blieb, als die Straße geräumt werden sollte, wurde von einem Schutzmann mit dem Säbel geschlagen. Später kam ein junger Mann von etwa 14—15 Jahren mit einem Mädchen über die Straße. Das Paar ging wohl nach Meinung der Schutz- leute zu langsam. Da stürze sich ein Schutzmann auf sie und schlug de« jungen Man» mit dem Säbel. Der junge Mann rannte die Straße entlang und rief„Mein Kopf, mein Kopfl" Da« Blut lief ihm immer vom Kopfe herunter. Nachdem die Straße geräumt worden war, blieben nur noch Rowdys und Schuljungens da. Die machten die Laternen auS und trieben Unfug. Die ganze Wittftocker Straße war voll von solchen Lümmels, sagt der Zeuge. Diese BengelS setzten den Feuermelder in Tätigkeit, steckten die Litfaßsäule an und als die Feuerwehr kam, warfen sie sie mit Steinen. Diese Lümmels hätten wirklich Prügel verdient. Aber bei dieser Gelegenheit war keine Polizei da. Ferner hat der Zeuge gesehen, daß ein Schutzmann eine Frau mit dem Säbel schlug. Beim zweiten Hieb fiel die Fra« zu Boden. Sie schrie laut auf vor Schmerz. Dann versetzte ihr der Schutzmann noch vier Säbelhiebe. Jetzt riefen die Leute aus den Fenstern: „Bluthunde, Mörder, Ihr habt ein Weib totgeschlagen." Einer Frau, die sich an diesen Rufen beteiligte, rief ein Schutzmann zu: „Verfluchte Sa», wenn Du nicht gleich vom Fenster weggehst, schieß ich Dir den Schädel ein."— Am 27. September beobachtete der Zeuge das Treiben der Kriminalbeamten. Er macht hierüber folgende Angaben: wenn die Straße geräumt war, kamen ab und zu wieder einzelne Leute aus den Häusern. Auf der Straße schlenderten Kriminalbeamte in kleinen Gruppen, ihre Stöcke auf dem Rücken haltend, wie harmlose Spaziergänger hin und her. Ab und zu kommandierte einer von ihnen:„loS", und dann schlugen sie mit ihren Stöcken auf jede» ein, den sie er- reichen konnten. Andere Kriminalbeamte hatten sich hinter einem Leitergerüst versteckt und machten von da Ausfälle auf die Straßen- Passanten. Auf eine Frage des R.-A. Heinemann antwortet der Zeuge: er habe bisher Sympathie für die Polizei gehabt, aber seitdem er diese Beobachtungen gemacht hat, sei seine Sympathie verschwunden. Eines Morgens sah der Zeuge einen großen Haufen von Hüten, Kaffeekannen und Arbeitszeug auf der Straße liegen. Diese Gegenstände waren die Ueberbleibsel von den Attacken der vorher- gegangenen Nacht. Frau W egener bestätigt die Angaben der Zeugin Pflaumbaum betreffs des Jungen, der vom Kriminalkommissar Werner ein paar Ohrfeigen bekam. Nach Angabe dieser beioen Zeuginnen soll sich dieser Vorgang abends ungefähr um 9 Uhr abgespielt haben.— Kriminalkommissar Werner be- hauptet mit aller Bestimmtheit, er habe die Zigarren um 7,50 Uhr verteilt. ES solle aber später ein Mann gesehen worden sein, der den Beamten auf der Straße Zigarren und Bier zum Kauf anbot. Vielleicht liege hier eine Verwechseln»» vor. Professor Dr. Rotter ging am 28. September abends mit seinen beiden Söhnen durch die Turmstraße. Die 8 Herren stellten sich in eine Haustürnische, um die Stratzenvorgänge zu beobachten. Die Straße war ziemlich leer. Da wurde eine Attacke gemacht und von den vor der Polizei Flüchtenden traten 4— 5 Personen in die Nische. Von der gegenüberliegenden Seite der Straße stürmten 4 Schutzleute mit blankem Säbel heran. Sie fuchtelten mit dem Säbel zwischen den Leuten in der Nische herum. Herr Rotter entfernte sich schleunigst und blieb infolgedessen unverletzt. Seine beiden Söhne dagegen wurden von den Schutzleuten ge- schlagen, aber nicht erheblich verletzt.— Diese Angaben werden auch durch einen der beiden Söhne des Zeugen bestätigt. Brandmeister Steiner ist von ver Staatsanwaltschaft geladen, um Auskunft über die Mvgnestumfackeln zu geben. Er sagt, die Fackeln, welche die Feuerwehr der Polizei lieferte, seien bis auf 2 unbenutzt und unbeschädigt zurückgegeben worden. Was aus den beiden anderen Fackeln geworden ist, wisse er nicht. Als Sachverständiger befragt, gibt der Brandmeister an. daß die Fackeln wohl nicht unbeschädigt geblieben wären, wenn damit geschlagen Norden wäre. Um das zu demonstrieren, schlägt er mit der Mitte her Fackel an die Kante einer eichenen Tischplatte. Die Fackel verbiegt sich durch den Schlag sehr erheblich. Nach längeren Er- örterungen und weiteren Demonstrationen gibt der Brand- meister zu, daß die Fackel wohl nicht verbiegen würde, wenn sie zum Schlagen auf einen weichen Gegenstand, beispielsweise a.uf den mehrfach bekleideten Rücken eines Menschen, benutzt wird und die Fackel nicht in der Mitte, sondern am Ende aufschlage. Frau Pflaumbaum wird vorgerufen, um zu demon- strieren, wie mit den Fackeln geschlagen wurde. Die Zeugin ergreift die Fackel, zeigt, wie sie von den Beamten getragen wurde, holt aus, führt einen wuchtigen Hieb durch die Luft und sagt:„So haben sie geschlagen." Eigentümer Stechmann hat nichts für die Polizei Nachteiliges bemerkt. Werkmeister Kalitz hat gesehen, daß ruhig gehende ein- zelne Leute von Schutzleuten verhauen wurden. Ein Herr, der bei einigen Schutzleuten vorbei kam, wurde von einem derselben ge- stoßen und als er darauf etwas sagte, schlug ihn ein Schutzmann immer über den Schädel. Zwei anständig aussehende junge Leute, anscheinend Laufburschen, kamen um die Ecke und wurden ohne weiteres von Kriminalbeamten geschlagen. Sie hieben immer von oben runter, wie der Zeuge sagt. — Eine Autodroschke wurde von Polizeibeamten angehalten. Auf Verlangen der Beamten mußten die 3 Personen, welche in der Droschke saßen, aussteigen. Sobald sie draußen waren, schlugen die Schutzleute auf sie ein. Damit schließt die Sitzung. Heute findet keine Sitzung statt. Am Montag 9)4 Uhr wird die Verhandlung' sortgesetzt. Aus dem Dkwllltlingsbkriltit der Ehllrlotttllbmgtt Armelldilkktioll. In den letzten Jahren hat dieser Etat ganz bedeutende Erhöhungen erfahren müssen, da soivohl die Zahl der Unter- stützungsbedürftigen in noch weit höherem Maße wuchs, als die rasch steigende Eimvohnerzahl dieser Stadt, und auch die Höhe der einzelnen Unterstützungsbeiträge sich steigerte. Die im vorjährigen Berichte ausgesprochene Befürchtung, daß noch weitere Steigerungen der Unterstützungsgesuche unaus- bleiblich seien, hat sich leider bewahrheitet. Die Zahl dieser Gesuche stieg von 13 316 im Jahre 1908 auf 13 894 im Jahre 1909. Die Gründe dafür sind außer einer zeitweise recht empfindlichen Arbeitslosigkeit, den immer noch steigenden Mietspreisen der Kleinwohnungen, die großen Verteue- rungen aller notwendigen Lebensbedürfnisse, die weit über die gleichzeitig erreichten Lohnstelgerungen hinaus- gingen und die Erhöhung der einzelnen Unter- stütztmgSbeträge notwendig machten. Der Durchschnitt der monatlichen Unterstützungen mußte von 16,20 Mark aus l5,88 M. erhöht werden und die Gesamtausgaben der Armen- Verwaltung, die 1886 97 014 M-, 1908 1 557 297 M. betragen hatten, stiegen 1909 auf 1 795 067 M. Während vor 20 Jahren 1889 aus 100 Einwohner 1,97 von der Armendirektion Unter- stützte kamen und die Kosten dafür auf den Kopf der Be- völkerung pro Jahr 1.47 betrugen, kamen im Jahre 1909 auf 100 Einwohner 3,39 Unterstützte und pro Person 5,15 M. Kosten. Gegenüber dem Jahre 1908 stiegen im Jahre 1909 die laufenden monatlichen Unterstützungen von 589 252 M. auf 663 807 M.; die laufenden monatlichen Pflegegelder für Pflegekinder von 185 723 M. auf 214 372 M-, die SßcrpJIeaunflS- kosten in den städtischen Krankenhäusern von 145 730 M. auf 228370 M., die Verpflegung im Bürgerhause von 186152 M. aus 202 756 M. Die Unterstützung an frühere Insassen des Bürger- Hospitals von 2793 M. auf 5771 M.; die Kosten für Be« klcidung von 38 885 M. auf 44 641 M., für Arzneien von' 57 144 M. alif 65 414 M., die Kosten für Verpflegung im städtischen Obdach von 5683 M. auf 13 074 M. usw. Die Ursache der laufenden Unterstützungen war auch 1909 über- wiegend Krankheit, allein oder in Verbindung mit anderen Ursachen. Auf sie entfallen von 4137 Fällen nicht weniger als 3856, ein Beweis auch dafür, daß unsere Kranken- Versicherung noch sehr unvollständig ist. Infolge von bös- willigem Verlassen, allein oder in Verbindung mit anderen Ursachen mußten 313 Frauen unterstützt werden. Von den überhaupt in irgend einer Weise unterstützten 9356 Personen hatten 2022 das 60. und 880 das 70. Lebensjahr überschritten. 6781, d. h. 72 Proz., hatten den Unterstützungswohnsitz in Char- kottenburg. Als ein Zeichen der auch in diesem Jahre sich steigern- den Verschlechterung der Verhältnisse ist auch anzusehen, daß die Zahl der erteilten Armutszeugnisse zur Prozeßführung von 2176 im Jahre 1008 auf 2466 im Jahre 1909 gestiegen ist. Die Zahl der armenärztliche Hilfe in Anspruch Nehmenden ist von 8745 in 1908 auf 9481 in 1909 gestiegen. Eine Erleichterung ist für solche Kranke insofern eingeführt, als die Säuglinas- und bis Lungenkrankcnsürsorgestellcn und die Schulen hilfS- bedürftige Unbemittelte unmittelbar den Stadtärzten zur Behandlung überweisen können. Lungenkranke können seit 1. April 1909 auf Kosten des Etats für Gesundheitspflege ohne Prüfung der Organe der Armenpflege in Heil- stätten geschickt werden. Die Zahl der Kinder, die in städtische Kostpflege genommen werden mußten, hat wiederum stark zugenomnien, 1909 waren eS insgesamt 1392 Kinder (31,97 Proz. eheliche und 67,03 Proz. uneheliche). Von letzteren standen unter Generalvornnmdschaft 1. 4. 1910 1149 Mündel, von denen 390 bei der Mutter, 383 in Haltepflege und 313 in städtischer Pflege sich befanden. Für sie hatte der General- vorniund im Jahre 1909 98 l69,67 M. an Alimenten usw. eingezogen. Seine Aufgabe sieht er nicht nur darin, für die Heranziehung der Väter zur Alimentenzahlung zu sorgen. sondern auch mit Hilfe aller ihm zu Gebote stehenden Mittel sich um das Wohl der ihm anvertrauten Kinder zu kümmern und den Zusammenhang zwischen Mutter und Kind möglichst zu bewahren. Ein Uebelstand in der SäuglingSsürsorge ist noch der häustge Wechsel der Pstegestellen unr> daS Fehlen von Pflegeanstalten für syphilitische und tuberkulöse Säuglinge. Ueber die Gesnndhcitsverhältnisse im allgemeinen betont ein Stadtarzt, daß sich wohl manches gebessert habe,„daß aber bei manchen Personen die ErnährungS- und Wohn- Verhältnisse durchaus noch nicht den Mindestforderungen ent- sprochen haben". Ein anderer sagt,„daß die WohnunaS- Verhältnisse deshalb vielfach nicht günstig seien, weil eine Anzahl Hauswirte in der Erwartung, daß über kurz oder lang ihre Häuser modernen Neubauten Platz machen oder von der Stadt angekauft werden dürften, Reparaturen überhaupt nicht vornehmen". Auch ein weiterer Berichterstatter hat die Empfindung,„daß das Verschwinden gewisser Kellerwohnungen und die Verbesserung der Wohnungen noch innner sehr nötig ist und daß, wenn es geschähe, viele Krankheiten verhütet werden könnten". Hier findet das im neuen Jahre in Tätig- keit tretende Wohnungsamt ein großes Gebiet für eine segens- reiche Tätigkeit! Hus der Frauenbewegung. Die Frauen in der politische» Organisation. Außerordentlich erfreuliche Fortschritte hat die politische Organisierung der proletarischen Frauen und Mädchen gemacht. Konnte der Bericht des Parteivorstandes an den Parteitag melden, daß zirka 83 000 weibliche Parteimitglieder gemustert seien, so ist ihre Zahl, nach den inzwischen eingegangenen Meldungen, mindestens auf 10 0 000 gestiegen. Die von der Partei eingeleiteten Protestaktionen gegen den Lebensmittelwucher haben in hervorragender Weise zur politischen Erweckung der Frauen beigetragen, desgleichen auch die Per- sammlungen, die sich mit dem„Mutterschutz" und der Witwen- und Waisenversicherung beschäftigten. Sind aber die Frauen erst einmal zur politischen Erkenntnis und zum politischen Leben erwacht, dann ist ihre Einreihung in die Organisation der nächste selbstverständliche Schritt. Es kann uns natürlich nicht genügen, eine stattliche Zahl weib- licher Mitglieder gewonnen zu haben, es gilt vielmehr, diese zu schulen und zur Mitarbeit in den Organisationen zu erziehen. Wie erfolgt nun am besten die Schulung unserer neu- gewonnenen Mitglieder? Sie müssen unsere sozialistische Literatur lesen, unsere Broschüren, Tageszeitungen und die'„Gleichheit", unsere sozialistische Frauenzeitung, die vierzehn- tägig erscheint, zum Preise von 10 Pf. und die bei jedem Zeitungs- tröger zu haben ist. Dann gilt es zu hören: Vorträge m öffentlichen und in Mitgliederversammlungen, es gilt an den Bildungskursen sich so viel wie möglich zu beteiligen, die jetzt überall von der Partei veranstaltet werden. Und schließlich gilt eS zu d i s k u t i e r e n. um das Gehörte und Gelesene fester in sich aufzunehmen, Zweifel zu beheben. Mißverstandenes oder Nichtverstandenes zu klären. Wo kann man das? Zunächst in den Parteiversammlungen: den Kreis- oder Orts- Versammlungen der Mitglieder, oder in noch kleineren Gruppen, den Distrikts, oder Bezirkszusammenkünften, wo im Anschluß an einen Vortrag eine Diskussion stattfindet. Für die Frauen sollen aber außerdem— so beschloß der Nürnberger Parteitag— Diskussions- oder Lese- oder Bildungsabende abgehalten werden. Zwei Gründe waren es, die diesen Beschluß diktierten: Einmal sind Frauen im politischen Leben noch weniger bewandert als die Männer. Manche einfachen politischen Begriffe und Kenntnisse sind ihnen noch fremd, die müßten sie erst kennen lernen, bevor sie ganz verstehen können, was in den Mitgliederversammlungen, wo man ein be- stimmtes Quantum politisches Wissen voraussetzt, vorgetragen und besprochen wird. Die Disiussionsabende sollen also eine Vorbereitung für die Mitglieder- Versammlungen sein und ihre Ergänzung bilden, aber nimmer als Ersatz dienen; der Besuch der Mit- gliederversammlungen darf keineswegs vernachlässigt werden. Ein weiterer Grund für die Schaffung der FrauendiskussionS- abende war der Umstand, daß in vielen Familien Mann und Frau nicht gemeinsam in die Parteiversammlungen gehen können, weil sonst die Kinder ohne Aufsicht bleiben müßten. In solchen Fällen müßten diese Abende allerdings ein teil- weiser Ersatz der Mitgliederversammlungen sein, sollen es aber unter keinen Umständen ganz werden, sondern hier muß es eine Sache des Uebereinkommens zwischen Mann und Frau bilden, der Frau wenigstens teilweise einen Besuch der'Mitglieder- Versammlungen zu ermöglichen. Es ist zu»ehr eine Lebensfrage der Sozialdemo- Iratie, nicht nur die proletarischen Männer, sondern auch die proletarischen Frauen zu überzeugen, ge- schulten und d i sz ip l i n i et e n Genossen zu machen. Jede überzeugte Sozialdemokratin vermehrt die Zahl unserer Kämpfer, unserer Agitatorinnen und vor allem die Zahl der sozialistischen Jugenderzieher, denen kein Polizist und kein Staatsanwalt beikommen kann, weil deren Macht glück- licherweise nichts vermag über die Gestaltung unseres Familien- lebens und unserer Kindererziehung durch die Familie. Doch nicht nur schulen sollen»vir die Frau, sondern auch zur Mit- arbeit heranholen. Weibliche Vorstandsmitglieder zählen wir etwa ö 0 0; deren Zahl muß noch eine weit größere werden. Wenn wir das sagen, berufen wir unS nicht auf das statutarische Recht der Frauen und nicht auf ParteitagSbeschlüsse, obgleich beides hier vorliegt, sondern wir berufen unS auf das Partei- interesse, die Frauen in allen BerwaltungSarbeiten zu schulen, ihre Kräfte der Bewegung nutzbar zu machen. In manchen Kreisen und Bezirken hapert es damit noch arg, in anderen aber steht es in dieser Beziehung auch lviedcrum glänzend. Da vergeht keine Flugblatt-, keine K a l e n d e r Verbreitung, an der nicht Frauen beteiligt wären. die mit heiligem Eifer ihre Arbeiten verrichten. Keine Wahl vergeht, an der die Frauen nicht mitarbeiten, entweder als Stimmzettelverteilerin. als Bureauarbeiterin oder als Schlepperin säumiger Wähler. An anderen Orten wiederum haben die Frauen ganz allein das Kassieren der Beiträge über- nommcn und kassieren nicht nur gut und pünktlich ein. sondern benutzen ihr Amt, um fortgesetzt zu agitieren, neue Mit- g l i e d e r, männliche und weibliche, zu werben.— Aus verschiedenen Kreisen wird gemeldet, daß bei einer vorgenommenen Hausagitation die Frauen mit die besten Resultate er- zielten. In den Versammlungen beim Aufnehmen von Mit- gliedern und beim Werben von Abonnenten der Parteipresse, da spornt der erzielte Erfolg zu immer eifrigerer Tätigkeit. Und so soll und muß es auch sein: eine gemein» same Organisation, ein gemeinsames Hand- in. Hand. arbeiten der sämtlichen Mitglieder. Dabei gewin nt die Partei, und— die Frauen. deren Intellekt gehoben, deren Gesichtskreis erweitert wird, reifen zu Persönlichkeiten heran. Mit einem guten Erfolg schließt somit das alte Jahr ab.-- Dieser Erfolg, er muß zum vorwärtstreibenden Element werden für eine um so eifrigere Agitations- und Organisationsarbeit im neuen Jahre; zu einer Organisationsarbeit im allgemeinen, be- sonders aber unter den Frauen. Um so mehr, da das neue Jahr das Jahr der Reichstagswahl sein wird. Jede Agitation, die wir jetzt entfalten, stärkt des- halb nicht nur unsere Organisation, sondern sie ist bereits eine Vorbereitung für die kommende bedeutungsvolle Wahl. Der Kampf der Münchener Kellnerinnen um bessere Arbeitsbedingungen nimmt erfreulicherweise immer mehr eine systematische, von der Organisation geregelte Form an. Die Erfolge bleiben denn auch nicht aus. Mit einer Reihe von Arbeitgebern sind in den letzten Tagen durch den Verband deutscher Gastwirtsgehilfen Tarifvertrage abgeschlossen worden. Wie notwendig eine solche Regelung ist. geht aus der Tatsache herbor, daß die Kellnerinnen gerade in den größten Etablissements nicht nur keinen Lohn erhielten, sondern selbst noch dafür, daß sie be- dienen durften, Abgaben aller Art an ihre„Arbeitgeber" entrichten mußten. Das Trinkgeldunwesen bedeutet bei den steigenden Bier- preisen eine zunehmende Belastung für die Gäste. So sucht der Unternehmer einen großen Teil seiner Betriebsausgaben einzu- sparen und sie auf die Gäste in dieser indirekten Art zu laden. Die Kellnerin war ihm dazu das bequemste Mittel. Dieser unwürdigen Fessel werden sich die Kellnerinnen allmählich bewußt. Auch dort, wo der Unternehmer, mehr der Form halber, Lohn zahlt, ist dieser oft so gering, daß er nicht einmal mehr ein Trinkgeld genannt werden kann. So traten zum Beispiel am Montag die Kellnerinnen im Hackerkeller in Streik. Sie haben dort bisher einen Lohn von 30 Pfennig pro Arbeitstag erhalten. Dafür mußten sie Sonntags von mittags 2 Uhr bis 12 Uhr nachts arbeiten und am nächsten Tag noch das Geschirr reinigen, was häufig auch noch 3 bis 4 Stunden in Anspruch nahm.— Mit welchen Mitteln von manchen Saalinhabern vor- gegangen wird, um der Organisation in ihrem Kampfe gegen diese schändliche Ausbeutung hinderlich zu sein, zeigt das Vorgehen des Pächters des Hackerbräukellers, der den Streikposten st ehen» den Kellnerinnen die Polizei auf den Hals zu hetzen suchte. Sie fand aber bei dem musterhaften, disziplinierten Ver- halten der Kellnerinnen keinen Anlaß zum Einschreiten. Die organisierte Arbeiterschaft Münchens unterstützt die Kellnerinnen in ihrem berechtigten Kampfe, indem sie die Lokale, in denen keine tarifliche Regelung zustande kommt, meidet. Dienstbotenorganisatiou in Kristiania. In der norlvegischen Hauptstadt hat sich kürzlich ein Fachverein der Dienstmädchen gebildet, der die Verbesserung und Regelung der Lohn« und Arbeitsverhältnisse anstrebt und auch für die allgemeine Hebung des Dienstbotenstandes sorgen will. Gerichts-Leitung. Gesundbeter-Prozeß. Die Mitglieder der in Hannover in hoher Blüte stehenden Gesundbeter-Gemeinde(der Ersten Kirche Christi, des Skientisten) sind augenblicklich in nicht geringer Sorge wegen eines Zivil- Prozesses, den ein früheres Mitglied der Gemeinde gegen einige Führerinnen angestrengt hat. Der Kläger, ein mit einem ver- alteten Augenleiden behafteter Handwerksmeister, der merk- würdigerweise immer noch auf die verschrobene Idee der„Christian Skience" schwört, d. h. deren Anschauung vertritt, daß Krank- heiten, überhaupt alle Leiden, nur„Irrtümer" darstellen und aus dieser Erkenntnis heraus, besiegt werden müssen, begab sich vor länger als sechs Jahren in die Behandlung der leitenden Damen und will damals gute Erfolge der„Kur" an sich verspürt haben. Gleichzeitig war er mit den Lehren der„Christian Skience" etwas vertraut geworden, und er begann selbst, wie übrigens verschiedene andere Personen, mit der Behandlung Kranker, zunächst im Kreise seiner Bekannten. Mit der Zeit war dies aber nicht nach der Mütze der die Gemeinde leitenden„privilegierten" Heilerinnen. Meister T. wurde wiederholt verwarnt und schließlich aus der Gemeinde herausgenötigt. Mit seinem Augenleiden ging eS seitdem so rapide abwärts, daß er bald nichts mehr sah und ge- führt werden mußte, bis er schließlich— gegen seine Grundsätze— sich einem Spezialarzt anvertraute, der ihm durch eine gelungene Operation das Augenlicht wiedergab. Inzwischen hatte Meister X., der an eine sein Leiden ungünstig beeinflußende, von den Hannoverschen Heilerinnen per. Distanz geführte„Behandlung" glaubte, gegen diese Schritte unternommen und zunächst die Rück- zahlung des von ihm gezahlten Honorars erwirkt. Weiter ver- langte er eine tägliche Entschädigung von 0 M. für die Dauer von sechs Jahren mit der Begründung, daß er für diesen Zeitraum in seinem Erwerbe behindert gewesen sei, was vermieden worden wäre, wenn seinerzeit die Heilerinnen von ihrer Kur Abstand und Meister X. überließen, sich von einem Augenarzt behandeln zu lassen, der die jetzt vorgenommene Operation vor sechs Jahren mindestens mit dem gleichen Erfolge ausgeführt haben konnte. Der so begründete Anspruch wurde indessen nicht anerkannt. Darauf ließ sich X. das Armenrecht bewilligen und stellte die Klage beim Landgericht Hannover an. Termin ist für Anfang Januar anberaumt. Die„Gesundbeter" finden ihre Gläubigen leider nicht nur in sehr wohlhabenden und adeligen Kreisen. Offizielle„Niederlagen" der„Christian Skience"(Sitz in Boston, Massachusetts) befinden sich in Deutschland in Berlin(1 Vertreter und 0 Vertreterinnen, darunter Gräfin Fanny von Moltke, Salz- burger Straße 4), Breslau(1 Vertreterin). Dresden(4 Ver- treterinnen), Frankfurt a. M.(4 Vertreterinnen, und zwar 3 Eng- länderinnen und Baronesse Poldine Senfft von Pilsach), Hannover (4 Vertreterinnen) und Stuttgart(1 Vertreterin). Anklagen wegen Betruges gegen Gesundbeter haben teilweise infolge An- erkennung des guten Glaubens der Angeklagten mit Freisprechung geendet._ Aus dem Reuen Opcretten-Theatcr stammt eine Privatbeleidigungsklage, die gestern unter Vorsitz des AmtSgerichtsratS Wollner das Schöffengericht Berlin-Mitte beschäf- tigte. Als Kläger stand der Direktor Viktor Drechsler-Palsi, ver- treten durch R.-A. Dr. Hugo Marcus?, dem Schauspieler und Sänger Julius Spirlmann, vertreten von Rechtsanwalt Paul Bredereck, gegenüber. Am 13. Mai v. I. während der Aufführung der„Dollarprinzessin" weigerte sich der Beklagte am Schlüsse der Vorstellung nochmals aufzutreten. Da Spielmann bei seiner Weigerung verblieb, konnte die Vorstellung nicht zu Ende geführt werden und die Direktion muhte den Vorhang fallen lassen. Diesem Vorgang, der im Publikum nicht geringes Aufsehen her- vorgerufen hatte, lagen folgende„Kulissengeheimniffe" zugrunde. Zwischen dem Direktor Palfi und dem Beklagten herrschten schon seit längerer Zeit Differenzen, die teils auf künstlerischem, teils aus persönlichem Gebiete lagen. Der Beklagte behauptet, daß der Kläger wiederholt eine Gelegenheit gesucht habe, ihn zum Kon- traktbruch zu veranlassen. An dem fraglichen Abend habe der Kläger offensichtlich eine Gelegenheit gesucht, einen Streit zu provozieren und ihn während eines kurzen Aufenthalts hinter den Kulissen in einer Weise„gerüffelt", die ihn in seiner künstlerischen Ehre auf das tiefste gekränkt habe. In der höchsten Erregung habe er dann die zur Anklage stehenden Schimpfworte, wie„Lausbube" usw. gebraucht.— Nach längerer Verhandlung kam zwischen den Parteien folgender Vergleich zustande: Der Beklagte spricht dem Kläger sein Bedauern über die zur Anklage stehenden Beleidigungen mit dem Bemerken aus, daß er sich nur infolge seiner damaligen hochgradigen Erregung dazu habe hinreißen lassen. Er nimmt die dem Kläger gemachten Vorwürfe zurück und zahlt in Abgeltung der hier zur Anklage stehenden Vorgänge 100 M. zur Abführung an die«Deutsche Bühnengenossenschaft" für wohltatige Zwecke. Unterschlagungen in Höhe von über 94000 M. hat sich der Kaufmann Johannes Gottschalk zuschulden kommen lassen, der gestern aus der Untersuchungshaft der 3. Hilfsstraf- kammer des Landgerichts I vorgeführt wurde.— Der Angeklagte war seit mehreren Jahren bei einer Luxuspapierfirma angestellt. Da dieses Unternehmen sich in kurzer Zeit sehr ausdehnte, wuchs die dem Angeklagten aufgebürdete Arbeitslast derartig, daß ihm hier und da kleine Fehler unterliefen. Da er außerdem noch für den Inhaber der Firma verschiedene Prozesse zu führen hatte, so entstand allmählich in der von ihm verwalteten Geschästskasse eine Konfusion, die schließlich dazu führte, daß der Angeklagte eines Tages ein Manko von 1000 M. feststellen mußte. Nachdem er dieses zum Teil durch Gehaltsabzüge wieder aus der Welt geschafft hatte, entdeckte er bald darauf einen neuen Fehlbetrag von zirka 2000 M. Er verfiel nun auf die törichte Idee, den Verlust durch Rennwetten wieder aufzubringen. Da er anfänglich Glück hatte, wagte er einen größeren Coup, zu welchem er Geschäftsgelder verwandte. Als er verlor, versuchte er es von neuem am„Toto" und von diesem Zeitpunkt ab begann bei ihm ein mehr als unsinniges Wetten, welches Taufende und Abertausende verschlang, so daß er selbst schließlich nicht mehr wußte, wie hoch die von ihm unter- schlagene Summe war. Als er die Entdeckung vor der Tür sah, raffte er sich endlich auf und legte seinem Chef ein offenes Geständ- nis ab, der vorläufig keine Anzeige erstattete, da ihm der Angeklagte zusicherte, daß er durch die Verwaltung einer seinem Vetter ge- hörenden Farm in Südwestafrika die Mittel aufbringen wollte, um den Schaden wieder gutzumachen. Als sich jedoch herausstellte, daß die Unterschlagungen weit über 90 000 M. betrugen, wurde doch noch Anzeige erstattet und G. wurde, als er sich schon auf dem Dampfer„Admiral" befand, verhaftet.— Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren, während Rechtsanwalt Bahn um eine erhebliche Herabminderung des Strafmaßes mit Rücksicht darauf bat, daß ein Teil des Schavens gedeckt»norden sei. Das Urteil lautete auf 2 Jahre Gefängnis. Der Angeklagte trat die Strafe sofort an. Em aller Welt. Erdbeben in Griechenland. In der griechischen Provii,z Elis sind durch mehrere heftige Erdstöße mehrere Häuser eingestürzt. Besonders in Mitleidenschaft gezogen.sind die Ortschaften Lechena und Andra- v i d a. Die Einlvohnerschast hat in panischem Schrecken die Orte verlassen und kampiert auf freiem Felde. Die Regierung hat nach den von dem Beben betroffenen Gegenden Zelte nnd Lebens- mittel entsandt. Die über das Unglück vorliegenden Meldungen sagen, daß Menschen bei den HauSeinsiürzen nicht umgekommen sind. Die Cholera auf Madeira. Endlich haben die Behörden der portugiesischen Insel Ma- d e i r a ein Radikalmittel gefunden, um dein Wüten der Cholera ein Ziel zu setzen. Selbstverständlich handelt eS sich nicht etiva um Maßnahmen sanitärer Natur, wie zweckentsprechende Verpflegung, kostenfreie ärztliche Behandlung und unentgeltliche Abgabe von Medizin; die Bezirksregierung hat vielmehr ein Edikt erlassen, das den Ortsbehörden die Unterdrückung tendenziöser und beunruhigender Nachrichten über die Epidemie zur Pflicht macht. Auch sollen Maßregeln zur Sicher st ellung der öffentlichen Ordnung getroffen werden. Der zu erwartende Erfolg ist denn auch nicht ausgeblieben. Die aus Lissabon vorliegenden offiziösen Meldungen über den Stand der Cholera besagen, daß die Seuche im Abnehmen begriffen sei. Bei weiterer objektiver Berichterstattung wird wohl bald festgestellt werden, daß dort nieinals Choleraerkrankungen vor- gekommen sind._ Die Leiche des Fliegers Graee gefunden. Bei dem Versuche, den Kanal zu überfliegen, war seit einigen Tagen der englische Flieger G r a c e verschwunden. Die Vermutung, daß er mit seinem Apparate in das Meer gefallen sei, hat sich leider bestätigt. Jetzt ist an der Belgischen Küste der Leichnam des Verunglückten angeschwemmt worden. Ein r"", artiger Zufall will eS, daß die Stelle, an der der Körper ges(Ä#?. wurde, die»Panne" benannt wird. Das Massengrab von Bolton. Die Direktion der Bolton-Mine veröffentlichte"gestern die offizielle Liste der Opfer der Grubenkatastrophe, welche 343 Namen von Verunglückten aufweist, von denen 190 unverheiratet sind. Durch das Unglück wurden 1ö3 Frauen zu Witwen gemacht,»vährend 276 Waisen den Berlust ihres Ernährers beklagen._ Den Gipfel der Bureaukratie stellt wohl folgender Fall, über den der„General-Anzeiger für Duisburg" berichtet: Bei einem größeren Postamte ist die Be- stimmung getroffen, daß die Beamten, die Blaustifte erhalten, die nicht mehr verwendbaren Stümpfe abzuliefern haben. ES wurde kürzlich ein Beamter vo» dem erwähnten Amte nach einem andern Ort versetzt. Er vergaß die Ablieferung seines völlig wert- losen Blaustiftstumpfes. Bald darauf wurde der Beamte durch sein früheres Amt aufgesordert, unverzüglich den Blaustiftstumpf ein- zusenden! Da er diesen nicht mehr beibringen konnte und weitere Unannehmlichkeiten vermeiden wollte, schnitt er einen Stumpf von einen» andern Blau st ist ab und sandte ihn gut verpackt und versiegelt an sein früheres Aint ab, dort wurde der Blaustiftstumpf vernichtet I Aber auch ein anderes originelles Vorkommnis zeigt, daß der Amtsschimmel in der Postverwaltung sich bester Gesundheit erfreut. Im Amtsblatt des Reichspostanrts wurde vor klirzem darauf arlfmerksam gemacht, daß beim Postaint Limburg ein Einpfennigstück gefunden worden sei. Nachfrage»» sind an die Oberpostdirektion Frankfurt a. M. zu richten. ES geht doch nichts über Ordnung! Ein teurer Orden. Der P a p st hat dem Herzog von Norfoll, dem Führer der englischen Katholiken, den Orden des goldenen Sporn verliehen. Der Herzog ist einer der eifrigsten Spender für den Peterspfennig; im Laufe von dreißig Jahren hat er dafür nicht»veniger als 10'/, Millionen Frank aus seinen» eigeiren Vermögen gestiftet, die Spenden belvegten sich zwischen 50000 und 300 000 Frank. Kleine Notizen. Schneestünile in Bade». Sehr erheblichen Schaden haben Schnee» stürme verursacht, die die Umgebung v o n K a r l S r u h e heiin» suchten. Schwer geschädigt»vlirden die telegraphischen Verbindungen durch das Umbrechen von Telegraphenstangen. Einen» Bierkutscher fiel bei Grünlvinkel eine Stange mit 40 bis 70 LeitungS» d r ä h t e» auf den Wagen, ihn und die Pferde unter sich be» grabend. Explosion in einer Dachpapprufabrik. In M i n d e n i. Wests. entzündeten sich in einer Dachpappenfabrik durch Oesfnen einer Teergrube die darin entwickelten Gase. Bier Ar« b e i t e r wurde» durch hie Explosion erheblich verletzt. BerzmeifliingStat eines Geistlichen. In der»»»garischen Ortschaft e v e s A t a n y hat der 24jährige reforinierte HllfSgeistliche i l i I seine Frau Ivegei» Srellungslosigkeit erschosseir und sich dann eine Kugel in den Kopf gejagt und sich sehr schwer verletzt. Bei dein Untergang einer Schaluppe, der durch den Zusammeir» stoß mit einem anderen Fahrzeug in der Nähe von Ostend« er- folgte, sind fünf Matrosen ertrunken. Punsch-Extrakte Ru" Arak An*n" Schlummer, Glühwein, Rotwein V, Flasche Pf.....>/i Flasche Kaiser, Burgunder, 1.55 Deutsche Schaumweine y..«__ Vi Flascne äpfei-Sest zur Bowle besonders geeignet, W jee Vi Flasche■■Od Spittelmnrkt Dandorf&0 Belle- Alliancestrasse BramcnetrasM Kettboser Di — Verkaufsstelle für ftbonnements-Warken der grossen berliner ötrassenbafjn und der Allgemeinen berliner Omnibus-Aktien-geseUscftaff_i �Lerantwortttcher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke» Berlin. Druck».Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer 6c Co« Berlin SW. ßnefhaften der Redaktion. Am heutigen Sonnabend findet die juristische Sprech- stunde nicht statt. Dt- inrtfttsit,« Evrechstunde finde» Ltndeoftrahe Nr. 89, dorn dler Tr-Vpcn— Z-alirftudl—, wocbentänliili von 4'lt bif?'/, Nbr abend», Eonnabcnd» von 4>/z biK 8 Nhr nachmittags ftat». Jeder für den Brief- kaftc» bcftimmtc»'Anfrag» ist ein Bnchsrabe und eine Zabi als Viert- zeimen beinunigeu. Briefliche Aiitivvri wird nicht erteilt. Eilige Kragen trage man in der Svrechftnude vor. F. B. 33. Nein,— E. D. 37. Wir raten, beim Arbeiter-Steno- graphenbund, Vorsitzender I, Zlrndt. Naunynstr. 70, IV. anzufragen,— R. ft. 66. Im Berliner Adreßbuch ist ein Sanitätsrat Dr, Wesselmann nicht oerzeichnet.— 21. H. 21. 1, bis 3. Nein, 4. Kann verkaufen, ohne sich strafbar zu machen.— C. 8. 100. Fragen Sie bei Genossen Barenthin (Vors. der Kinderschutzkoinmission), Stralauer Platz t/2 an.— O. B. 127. 3t. Dezember.— H. W. Leider ja.— I. 7-1. Wenden Sie sich an das städtische Sttstungsburcau, Poststr. 16.— 8. P. 62. Fragen Sic bei der Waisenhausvcrwalwng, Alte Jalobstr. 33/35 an.— A. R., Fürbringer- strasie. Das Wort wird so ausgesprochen, wie es geschrieben wird.— S. O. 27. 1. Der Anwaltkostenvorschuß beträgt etwa 45 M., der Gerichts- kostenvorschuß etwa 20 M. 2. Bei dem Amtsgericht, wenn der Wert 600 M. nicht übersteigt. 3. Nein, unter derselben Boraussetzung. R. Rieger, Poststr. 34. Preisermäßigung findet nicht statt. Bezug nur durch Spedition.— B. 20. 1. Nein, sofern Sie vor Vertragsschluß nicht noch besonders auf die Bestimmung ausmerksam gemacht worden sind. 2. Fordern Sie von dem Eigentümer Beseitigung der Mängel unter Setzung einer 14 tägigcn Frist unter der Androhung, daß Sie nach ersolglosem Ab- lauf der Frist den Vertrag lösen werden. Wenn Sie Ihre Behauptungen beweisen können, so bandeln Sie der Androhung gemäß.— Tibor 1870. Die Klage, die aber wenig Aussicht aus Erfolg hat. wäre beim Amtsgericht anhängig zu machen.— L. F. Das im Jahre 1365 bei Kröner-Stuttgart erschienene Buch kostete damals 2 Taler. Ob es heute noch zu haben ist, dürste eine Anfrage beim Verleger A. Kröner in Stuttgart ergeben.— Wittenau 7. In diesem Falle halten wir den Wirt nicht für hastbar.— St. 6. Nein.— K. K. 1866. Das ist zulässig. Ein Antrag ist, wenn möglich unter Beifügung eines ärztlichen Attestes, an die Landes- Versicherungsanstalt zu richten.— E. R. III. 1. Nein. 2. Unbestimmt. — M. F. 27. 1. Nach Ablaus von sechs Monaten können derarttge Handlungen nicht mehr als selbständiger Scheidungsgrund herangezogen werden. 2. Nein. 3. 40 bis 50 M. monatlich.— W. I. 31. Die Zinsen fallen den Erben zu. Die Kinder erben zu gleichen Teilen. Der Zins- anspruch, soweit er länger als vier Jahre zurückliegt, ist aber verjährt.— F. B. 100 Britz. Verjährung liegt nicht vor.— Schöurberg 342. Die Kosten scheinen richtig berechnet zu sein. Die Mutter des Kindes hat Slnspruch aus Zahlung des Restes, falls im Vergleich nichts andeies be- stimmt ist.— F. Ä. 19. 1. Vorsitzender Wilh. Hinz, Prinzcnstr. 66 IV. 2. Erkundigen Sie sich bei der Zenttalkommisfion der Krankenkassen, Engel- user 15.— E. D. 10. Ja.— Zl. G. 72/73. 1. Ja. Die Steuer- bchörde nimmt aber häufig einen anderen Standpunkt ein. 2. Nichts. 3. Nein. 4. und 5. Ja. 6. Nein. Nur wenn neben dem Unterhalt sür ein eheliches Kind auch dem Vater oder der Mutter Unterhast gewährt wird, besteht Anspruch aus Ermäßigung um eine Stuse.— Moabit 88. 1. Ja. In der Regel eine geringe Geldstrafe. 2. Nach den in Berlin üblichen Mietsverträgen: ja.— 21. 6. Der Minderjährige ist hastbar.— O. Nein. Aintltebcr Marktbericht der städttschen Marttballeu-Dtrektton über den Großhandel in den Zenwat-Marttballen. Marktlage: Klii'ch: Zufuhr reichlich. Geschäft schleppend, Preise unverändert. Wild: Zufuhr reichlich, Gcichäst flau, Preise zum Teil nachgebend. G e t I ü g e I: Zuiuhr genügend, Geschäft flau, Preise behauptet. Fische: Zusuhr reichlich, Ge- schäst lebhaft, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäst rubig, Preis« unverändert. Gcmüie.Obn und Süds rückte: Zu» fuhr reichlich, Geschäst anfangs still, später lebhajter, Preise wenig verändert. WtttcrungSUderücbt vom 30. Dezember 1910, morgens 8 Ubr. ZchaSniancteln Pfand 85pi - Ein Posten Traubenrosinen FwnaGSpt Apfelsinen v°t-.od 28, 25«. Zitronen Dutzend JtVPt 60.000 Uelnkoidie und Römer Römer altdeutsche Form....... 10, 13 pt. Römer auf hob. Pas», med. Form 28, 35 Pf. Weinkelche giatt.................. 13 p,. Weinkelche mit Bordare......... 16 Pf. Portweinkelche.................. 12 pt Likörkelche...................... 10 Pf. Groggläser.................... 8, 10 pt. Groggläser geschliffen......... 19, 22 pr Bowlengläser.................... 28 pt Bierbecher mit Goldrand............. 7?-. Tee- oder BierbecherCdarelOpt Punschbowlen farbig, mit 12 Glasern............ 4.75 Viktoriabecher 15 pt LkÖrbeCher mit Goldrand..... 8, 10 Pt Likörkelche mit hohem foss...... 18 pt Sektkelche mit Bordun............. 42 Pt Selterbecher.... 5pt, mit Bcrdar. 10 pt Bowlenkannen �futer'inhau 95 pt Punschbowlen f�cht 3.35 Inhalt X d) C 6 Flaschen"radsv 12 Flas'hen 6.50 Ein Posten Saiatieren ?Ss;ä 10, ZO, 33, 45 r, Konplteller 5». In versch. Aus fahr. Q Q Blentlefel�1 ru 2. 2>l. oder 3 Liter 1.45 Stationen Wen er Swinemde. 757 SW 4 Schnee Hamburg! 759 WSW 4 bedeckt Berlin 759 SW 2 bedeckt Franki.a M 764 SW 5 bedeckt München 768 W 5 Schnee Wien 765 W! 6 wollig Haoaranda 760 NO 4 bedeckt— 11 Petersburg 761 0 3 beheckt— 4 Seilst! 772 N 2halbbd. 7 Aberveen.767WNW 5wolkig 3 Pari-!770l-W i 2 bedeckt j 2 Ii Ii I Wetterprognose für Sonnabend, den 31. Dezember 1910. Zunächst ausklarend, etwas kälter bei mäßigen westlichen Winden* später wieder langsame Erwärmung, zunehmende Bewölkung und geringe Niederschläge. Berliner Wettcrbureau. Sylvester-Scherzartikel Soweit Vorrat Knackmandeln, Pralinees, Nüsse, gemischtes Konfekt, Fondants, Knallbonbons mit scherzhaften Einlagen, Konfetti, Pfannkuchen, Luftschlangen, Zigarrenspitzen, Schneebälle, Qiessbiei, Papiermützen, Ansteckartikel usw. mit I Goldschnitt 1, Z, 3, 5, 6, 8p. Z5, 35, 45, 55p- Keujahrspostklllteil pfÄ. 3, 5, 8, 10p,.esw-t 10 neujahnkarten RUHl-Verschnitt................. v, riuch, 1.10,1.25 Bromsllber 4 P Pt 2 StUck J Jpf. K0gnak Verschnitt.........>/.Fia°chc I 10, 1.25 Obermoseler............................. nwche 70 pt 1 St. Emilion................................. Fia-cho 75 Moselblümchen......................... Fia-ch- 73 pe I Herxheimer............................... Fia-ch« 95 Artysan Blaye.......................... Fia°ch. 95pt Medoc StEstephe...................... Pia**. Lis it. 306.?7. Iahtgav� 2. KnlUt Ks Jontiörtf ßnlititt lolbliliitt. Zmmttck, ZI. 5fitntiitt 1910. Iliomentblldtr aus der Berliner Arbeiter bewegung des Zahres 1910. Zu Beginn des Jahres hatte es den Anschein, als ob für die kächste Zeit schwere wirtschaftliche Kämpfe, besonders im Bau- aewerbe, bevorständen. Die Verbände der Maurer, Zimmerer, Bauarbeiter, Maler und Holzarbeiter standen schon seit Wochen in Tarisverhanolungen mit den Unternehmerorganisationen. Der Friede in diesen Berufen war bedroht durch ein scharfmacherisches Unternehmertum. Auf politischem Gebiet stand die Frage der preutzischen Wahlreform im Vordergrund des Interesses. Schon vie ersten Tage des Januar. zeitigten bedeutsame Ereignisse sowohl auf politischem, wie au gewerkschaftlichem Gebiet. Vom 3. bis S. tagte im Gewerkschafts Hause der preußische Parteitag, dessen Beratungen und Beschlüsse das eine Ziel hatten: Erringung eines demokratischen Wahlrechts für Preußen. Am 4. wurden die früher vertagten Tarifverhandlungen der Maler wieder aufgenommen. Zu einer Verständigung der Par- teien führten sie nicht, deshalb fällte das Einigungsamt am 8. einen Schiedsspruch. Am 0. nahm die Generalversammlung deS Kreises Nieder Barnim den Bericht vom preußischen Parteitag entgegen. Am 11. wurden der Partei zwei alte bewährte Mitkämpfer durch den Tod entrissen: Genosse Raschle, der bis an sein Lebens� ende im sechsten Wahlkreise gewirkt hatte, und Genosse W a s e � Witz, der im vierten Wahlkreise viele Jahre lang tätig und vor kurzem nach Güstebiese übergesiedelt war. Am 13. verfügte der Polizeipräsident von Berlin die Auf lSsung der Freien Jugendorganisation. Am 14. sprach die Genossin Marie Schlesinger-Eckstein aus Wien in einer großen Frauenversammlung, die in Kellers Saal tagte. Am Sonntag, den 16., fand in diesem Jahre die erste Kund gebung für die preußische Wahlreform statt. 65 Massenversamm lungen wurden abgehalten. Am 18. wurden Schlosser Tschernick und Klempner Böse, die aus Anlaß eines von Gendarmen attackierten JugendanSfluges wegen Auflauf, Aufruhr und Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze angeklagt waren, freigesprochen. Der Staatsanwalt hatte zwei Monate Gefängnis beantragt. Am 22. schlössen die Fliesenleger nach vorhergegangenen Ver Handlungen einen Tarifvertrag mit den Unternehmern ab. Am 23. stimmten die in den Brauereien beschäftigten Arbeiter «nd. Handwerker den von ihrer Kommission ausgearbeiteten Forde- rungen für die Tarifbewegung zu. Am 25. nahmen die Versammlungen der sechs Berliner Wahl- Irrise den Bericht vom preußischen Parteitag entgegen. Februar. " Am 1. fanden drei große Protestversammlungen statt aus An laß der Staatsstreichdrohung des Abg. v. Oldenburg-Januschau, der im Reichstage gesagt hatte, der Kaiser müsse jederzeit in der Lage sein, den Reichstag durch einen Leutnant und zehn Mann auseinanderzutreiben. Am 6. nahm eine massenhaft besuchte Generalversammlung des Zweigvereins des Maurerverbandes Stellung zu der drohenden Aussperrung und beschloß die Erhöhung des Beitrages zur Stär- Inng der Kampfmittel. Am g. riß der Tod den Genossen Robert'Weber, der schon zur Zeit des Sozialistengesetzes tätig war, aus den Reihen seiner Mit kämpfer. Am 11. verhinderte die Polizei in Lichtenberg die Abhaltung eines Bortragsknrsnß zur Aufklärung der Jugend und löste eine dem gleichen Zwecke dienende öffentliche Versammlung widerrechh ilich auf. An demselben Tage wurde ein Flugblatt zum Wahlrechts- ?ampf in 1 700 000 Exemplaren verbreitet. Am 13. wurden eine Anzahl von Wahlrechtsversammlungen abgehalten. Nach Schluß der Versammlungen kam es zu Straßen kundgebungen, die ihren Abschluß fanden in einer imposanten Demonstration im Humboldthain. Am 17. wurde auf Antrag unserer Genossen die Wahlrechts frage in der Berliner Stadtverordnetenversammlung verhandelt. Die Versammlung erklärte sich einstimmig für die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen. An demselben Tage starb der Genosse Franz Wilknitz, ein alter Parteikämpfer, der dem zweiten Wahlkreise angehörte. Am 2ö. feierten die Funktionäre der Partei und der Gewerk- schaften in der„Neuen Welt" den 70. Geburtstag deS Genossen Bebel. Am 27. fand eine Generalversammlung des Wahlkreises Tel- tow-BeeSkow statt, wo der Vorstandsbericht erstattet wurde. An demselben Tage wurden 1 128 000 Exemplare eines Flug blattes zur Agitation für die Wahlvereine und die Parteipresse verbreitet. Am 28. forderten vier vom Schneiderverbande einberufene Versammlungen vom Reichstage die Erweiterung des Schutze? der Heimarbeiter. März. Am 1. hielten die sechs Berliner Wahlkreise Generalversamm lungen ab. Die Geschäftsberichte wurden erstattet und die Wahlen zur Generalversammlung des Verbandes vorgenommen. Der Polizeipräsident versagte die Genehmigung zur Abhaltung einer Wahlrechtsversammlung im Treptower Park. Am 2. brachte der„Vorwärts" den ersten Hinweis zur Ber- anstaltung eines Wahlrechtsspazierganges im Treptower Park. weil der Polizeipräsident die Abhaltung einer Versammlung nicht gestattet hatte. Am Sonntag, den 6.. umstellte die Polizeimacht von Berlin und Umgegend den Treptower Park, um den Wahlrechtsspazier- gang zu verhindern, der um dieselbe Zeit unter massenhafter Be- teiligung im Tiergarten stattfand und einen gewaltigen Eindruck machte.— Säbelattacken führte die Polizei sowohl im Tiergarten, wie in der Nähe des Treptower Parks aus. Am 7. wurden bei den Gemeindewahlen in Tegel zwei Partei- genossen gewählt. Am 8. fand die Gemeindewahl in FriedrichShagen statt. Unsere Parteigenossen behaupteten ihre bisherigen Mandate. Am 9. wurden in Schmargendorf zwei Parteigenossen in die Gemeindevertretung gewählt. Am 13. nahm die Generalversammlung deS Verbandes der Wahlvereine von Groß-Berlin den Geschäftsbericht des Vorstandes entgegen. Am 16. demonstrierten 48 imposante Versammlungen für ein Jreies Wahlrecht und gegen die unsere Wahlrechtsbewegung hin- ernden Polizeimaßregeln. Am 18. wurden die Gräber der Märzkämpfer im Friedrichs- Hain durch große Bolksmaffen besucht. Am Abend machte die Polizei wieder Säbelattacken auf das Publikum am Friedrichshain. Am 19. stellte der„Vorwärts" den Kriminalbeamte» Mahlow an den Pranger» weil derselbe einen Parteigenossen— natürlich ohne Erfolg— zur Spitzelei zu verleiten suchte. ?lm 21. wurde das erste Opfer der Polizeitaten am 6. März wegen Schutzmannsbeleidigung vom Schöffengericht zu einem Monat Gefängnis verurteilt.— Ebenso harte Strafen wurden in den folgenden Wochen noch gegen mehrere Teilnehmer der Demon- ftratlva vor dem Treptower Park ausgesprochen. April. Am 2. spielte sich vor dem Schöffengericht ein Wahlrechts- Prozeß ab. Genosse Barth, der verantwortliche Redakteur des„Vor- wärts", wurde wegen der Aufforderung'zum Wahlrechtsspazier- gang, die das Gericht als Einberufung einer nicht genehmigten Versammlung unter freiem Himmel auslegte, zu einem Monat Haft oerurteilt. Am 3. hielt der Holzarbeiterverband eine Gaukonferenz ab Am 4. hielten in Berlin die Maurer, Zimmerer und BauhilfS arbeiter Verbandstage ab, welche die Antwort auf die Herausforde rung durch die Unternehmer erteilten. Die Arbeiter erklärten sich zur Annahme des von den Unternehmern in nahe Aussicht go stellten Kampfes bereit und rüsteten zur Abwehr. Am 10. sah Berlin eine gewaltige, in dieser Art noch nie da gewesene WahlrechtSdemonstration. Zehntausende von Proletariern versammelten sich unter freiem Himmel im Treptower Park, im Friedrichshain und im Humboldthain. Der Polizeipräsident hatte gegen seinen Standpunkt von Anfang März einen Rückzug ange� treten. Ungehindert demonstrierte das Berliner Proletariat für ein demokratisches Wahlrecht in Preußen. Am 12. wurde Genosse Adolf Hoffmann an Stelle des zurüch getretenen Genossen Heimann als Abgeordneter für den sechsten Berliner Landtagswahlkreis gewählt. Am 16. konnte die Organisation der Lithographen und Steim brucker auf ihr 2Sjähriges Bestehen zurückblicken. Am 17. tagte im Charlottenburger Volkshause die Gaukonfr renz der Schuhmacher. Am 25. beschlossen die Schuhmacher, in den Kampf für die all gemeine Durchführung des mit der Innung vereinbarten Tarifs einzutreten. An demselben Tage stand der Borstand der Freien Jugend organisation Berlins vor dem Schöffengericht unter der Anklage, die für politische Vereine geltenden Bestimmungen des Reichs Vereinsgesetzes übertreten zu haben. Das Gericht erklärte den Berein für unpolitisch und sprach die Angeklagten frei. Am 25. und 26. tagte in Berlin ein außerordentlicher Gewerk schaftSkongreß. Er nahm Stellung zu dem Regierungsentwurf der Reichsversicherungsordnung. Mai. Am 1. beging das klassenbewußte Proletariat das Weltfest der Albeit in gewohnter Weise und unter massenhafter Beteiligung. Am 2. bestätigte die Berufungsinstanz das Urteil gegen den Genossen Barth, betreffend Aufforderung zum Wahlrechtsspazier gang. Am 8. wurde die Lohnbewegung der Brauereiarbeiter nach langen Verhandlungen durch Abschluß eines Tarifvertrages» der einige Verbesserungen brachte, zum Abschluß gebracht. Der 8. brachte den organisierten Arbeitern wieder eine Trauev botschaft, nämlich den Tod des Genossen Siegrist in Rixdorf, eines alten, bewährten Parteigenossen. Vom 24. bis 29. tagte im Gewerkschaftshause der Verbands tag der Gastwirtsgehilfen. Am 27. begannen in Berlin die zentralen Verhandlungen über den Tarif der Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter. Sie endeten mit der Fällung eines Schiedsspruches, der am 31. verkündet wurde Am 31. wurde im Gewerkschaftshause der Berbandstag der Bäcker und Konditoren unter Teilnahme des Genossen Bebel ev öffnet. Juni. Am 5. feierte der Verband der Bäcker und Konditoren in Kellers Festsälen sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. An demselben Tage wurde im Charlottenburger Volkshause eine Konferenz der Gemeindevertreter des Wahlkreise? Teltow BeeSkow abgehalten. Am 6. hielten die Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter Ver bandstage ab, welche dem zum allgemeinen Teil des Tarifs ab- gegebenen Schiedsspruch der Unparteiischen zustimmten. Am 7. fand eine große Protestversammlung gegen da? Projekt der LustbarkeitSsteuer statt. Die Versammlung war von den Leitungen der Partei, der Gewerkschaften, der Freien Volksbühne. des ArbeitersängerbundeS und des Verbandes der freien Gastwirte veranstaltet. Vom 7. bis 12. tagte im Gewerkschaftshause der BerbandStag der Brauereiarbeiter, durch den auch die Verschmelzung mit dem Verbände der Mühlenarbeiter vollzogen wurde. Am 10. verbreiteten die Parteigenossen ein Flugblatt zugunsten deS Schnapsboykotts in 1 210 000 Exemplaren. Am 14. nahmen die Versammlungen der sechs Berliner Wahl kreise Stellung zum internationalen Kongreß und wählten die Delegierten zu demselben. Am 20. stimmte ein Verbandstag der Maurer und Bauarbeiter dem Schiedsspruch der Unparteiischen zu, welcher sich auf die ört lichen Löhne usw. bezieht. Vom 20. bis 25. tagte im Gewerkschaftshause der LerbaudStag der Textilarbeiter. Am 21. verwarf das Kammergericht die gegen die Verurteilung deS Genossen Barth wegen Aufforderung zum Wahlrechtsspazier gang eingelegte Revision. Am 22. verurteilte das Schöffengericht den Genossen Barth als verantwortlichen Redakteur des„Vorwärts" zu der horrenden Strafe von 500 M. Er sollte dem Prokuristen Krüger in einem Artikel Ehrenwortbruch vorgeworfen haben. Am 24. verbreiteten die Parteigenossen ein Flugblatt in 1% Millionen Exemplaren. Das Flugblatt behandelte das Ende der Wahlreform und die Erhöhung der Zivilliste. Am 27. stimmten die dem Schneiderverbande angehörenden Zuschneider einem mit mehreren Firmen vereinbarten Tarlfver trage zu und beschlossen, denselben überall durchzuführen. An demselben Tage traten die bei den Jnnungsmeistern be� schäftigten Schmiede in den Streik. Juli. Am t. starb Genosse Christian Hentschke, einer der alten Parten kämpfer, der seit langer Zeit im sechsten Wahlkreise tätig war. Am 3. nahm eine außerordentliche Generalversammlung des Verbandes Groß-Berlin Stellung zum internationalen Kongreß, An demselben Tage wurde die JahreSkonferenz der Freien Bereinigung der Krankenkassen der Provinz Brandenbug abge halten. Unter anderem nahm sie Stellung zur Reichsverficherungs ordnung. Am 5. wurden 801 000 Flugblätter verbreitet, welche sich mit der Reichsversicherungsordnung beschäftigten. Am 7. wurden sechs Versammlungen abgehalten, welche die Reichsversicherungsordnung beleuchteten und für eine ausreichende Arbeiterversicherung eintraten. Am 12. fällte der Bezirksausschuß in Potsdam ein Urteil gegen den Rixdorfer Wahlrechtsraub. Die von unseren Genossen an- gefochtene Gemeindewählerliste für 1909 wurde für ungültig erklärt. Am 24. nahm eine Generalversammlung deS Wahlkreises Niederbarnim Stellung zum Parteitage. Am 26. beschäftigten sich die Generalversammlungen der sechs Berliner Wahlkreise mit derselben Angelegenheit. Am 30. leitete der Schneiderverband die Tarifbewegung der Stapelkonfektion ein, nachdem die vorher abgeschlossene Tarif- bewegung in der Herrenkonfektion recht gute Erfolge gebracht hatte. August. Am 2. fanden Generalversammlungen der sechs Berliner Wahl- kreise statt, welche die Geschäftsberichte entgegennahmen. Am 6. starb Genosse Paul Welkisch, der 14 Jahre lang Vor- rtzender der Berliner Filiale des Glasarbeiterverbandes war. Am 7. nahm die Generalversammlung deS Wahlkreises Teltow- Beeskow Stellung zum Parteitage, Am 9. wurde der Streik der Schmiede als beendet erklärt. Am 21. fand eine Generalversammlung des Verbandes Groß- Berlin statt. Der Geschäftsbericht wurde erstattet und unter anderem die Erhöhung des Beitrages im Prinzip beschlossen. Am 30. wurden 33 Protestversammlungen abgehalten. Der Protest galt der Fleischnot, dem persönlichen Regiment und der Königsberger Kaiserreoe. September. Am 7. verwarf die Strafkammer die vom Genossen Barth ein- gelegte Berufung in Sachen des Prokuristen Krüger, wonach B. zu 500 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Am 8. hielt die Freie Volksbühne eine große Protestversamm- lung in der Neuen Philharmonie ab. Den Anlaß dazu bot die Zensurverfügung des Polizeipräsidenten. Am 11. wurde im Gewerkschaftshause die Parteikonferenz für die Provinz Brandenburg abgehalten. Am 18. beschlossen die Kohlenarbeiter der Firma Kupfer u. Co. den Streik. Am 22. löste die Polizei in Lichtenberg widerrechtlich eine für Jugendliche und Erwachsene einberufene Versammlung auf und verhaftete den Referenten, weil er sich dem gesetzwidrigen Verlangen der Polizei nicht fügte. Zwei Protestversammlungen gegen dieses Vorgehen der Polizei wurden am 26. in Lichtenberg und Friedrichs- felde abgehalten. Am 28. sprach das Landgericht die Genossen Taubman« und Fuhrmann aus Weißensee frei von der Anklage, nach einer Wahl- rechtsversammlung einen„Zug" angeführt zu haben. Am 29. löste die Lichtenberger Polizei abermals eine für Jugendliche und Erwachsene bestimmte Versammlung widerrecht- lich auf. Oktober, Am 2. hielt der Wahlkreis Niederbarnim eine Generalversammlung ab. Es wurde der Bericht vom Parteitage erstattet. Am 4. beschäftigten sich die Generalversammlungen der sechs Berliner Wahlkreise mit derselben Angelegenheit. Am 4. hatten die Parteigenossen wieder den Tod eines alten Mitkämpfers, des Genossen Hermann Ramlow in Schönholz zu betrauern. Am 9. wurde ein Flugblatt verbreitet und 21 BolkSverfamm- lungen wurden abgehalten aus Anlaß der Moabiter Borgänge, die sich'an den Streik bei Kupfer knüpften. Am 10. verurteilte die Strafkammer den Genossen Barth, weil er als verantwortlicher Redakteur des„Vorwärts" über zu hohe Liquidationen eines Generals zwar die Wahrheit gesagt, aber— wie es im Gerichtsurteil hieß—«dem General eins anhängen wollte". Am 14. fällte das Oberverwaltungsgericht ein Urteil, wodurch in Uebereinstimmung mit dem Polizeipräsidenten die Freie Jugend- organisation für Berlin als ein politischer Berein erklärt und ihre polizeiliche Auflösung besiegelt wurde. Gegen dieses Urteil protestierte am 16. eine Versammlung ber arbeitenden Jugend. Am 17. verurteilte die Strafkammer den Genossen Böske, weil er durch Herausgabe eines Liederbuches verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten aufgereizt und außerdem das Pretzgesetz übertreten haben soll. Am 20. wurde Genosse Bernhard Jost durch den Tod der Partei- und Gewerkschaftsbewegung entrissen, in der er seit seiner Jugend hervorragend tätig war. Am 25. brach bei der Firma Morgenstern ein Streik der Fleischer aus, der dadurch viel von sich reden machte, daß es einige Tage schien, als werde er durch unzweckmäßiges Verhalten der Polizei ähnliche Vorgänge wie der Streik bei Kupfer nach sich ziehen. Tatsächlich fanden an mehreren Abenden PoliAÄui*�':'! statt.— Diese Vorgänge wurden besprochen in einer am 31. heiu»-'' gegebenen Extranummer des„BorwSrtS","•>«* November. Am 3. beschlossen die Schraubendreher, s« eine Lohnbewegung einzutreten. An demselben Tage wurde bei den Stadtverordnetenwahlen in Wilmersdorf durch die Wahl von zwei Parteigenossen Bresche ge» legt in die reaktionäre Stadtvertretung.— In Rixdorf brachte die Stadtverordnetenwahl unseren Parteigenossen den gewohnten Sieg in der dritten Abteilung. Am 4. hielten die Potsdamer Parteigenossen eine Protestver- sammlung gegen den Besuch des russischen Zaren ab. Am 6. verfügte der Polizeipräsident von Lichtenberg die Auf« lösung der Freien Jugendorganisation der östlichen Bororte. Am 9. begann vor der dritten Strafkammer der große Pro- zeß ans Anlaß der Moabiter Straßenkrawalle, in welchem sich die Staatsanwaltschaft vergebens bemüht, die Leitung der Partei und Gewerkschaften für die Unruhen verantwortlich zu machen. � Am 13. wurden die Arbeiterbeisitzer zum Berliner Gewerbe- gericht gewählt. Das Resultat war: Vermehrung der für die Liste der freien Gewerkschaften abgegebenen Stimmen und 64 Mandate gegenüber 4 Mandaten, die anderen Organisationen zufielen. Am 14. hielt die Freie Volksbühne wieder eine Protestversamm- lung gegen die Zensurverfügung der Polizei ab. Am 17. forderte eine große Protestversammlung der städtischea Gasarbeiter Berlins die Erfüllung ihrer bescheidenen Forderungen. Am 17. und 18. trieb die Rixdorfer Polizei unter Androhung von Gewaltmaßregeln die Jugendabteilungen deS Arbeiterturnvereins aus dem Turnsaal und verbot ihnen das Turnen unter ihrem Leiter. Am 19. beendeten die Schraubendreher ihre Lohnbewegung durch Abschluß einer Vereinbarung mit den Unternehmern. Am 21. fand im Gcwerkschaftshause eine Gaukonferenz der Maurer und Bauarbeiter statt. Am 29. wurden in Groß-Berlin 23 Volksversammlungen ab- gehalten, welche eine Ausdehnung des gesetzlichen KinderschuveS verlangten. An demselben Tage erklärte das Amtsgericht Pankow den dortigen Bezirk des KreiswahlvereinS für Riederbarnim als einen selbständigen Verein und verurteilte den Bezirksleiter, Genossen Spiekermann, wegen angeblicher Uebertretung des VereinSgeketzeS. Das Kammergericht bestätigte ein Urteil der Strafkammer, wo- nach Genosse Barth zu 500 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Am 30. erhob eine Versammlung der Berliner Gewerkschafts- kommission Protest gegen einen von Deutschen Arbeitsnachweis- kongreß gefaßten Beschluß, dessen Verwirklichung gleichbedeutend 'ein würde mit der Verbreitung schwarzer Listen durch die pari- ätischen Arbeitsnachweise. Dezember. Am 1. verfügte die Polizei die Auflösung der Rixdorf-Britzrr Jugendorganisation. Am 2. erklärte sich eine Versammlung ber städtischen GaS- arbeiter durch die ihnen gewährten Lohnzulagen nur zum Teil befriedigt, sah aber von einem Streikbeschlutz ab. An dem gleichen Tage errang der Verband der Bäcker und Konditoren einen Sieg bei der Wahl zum Gesellenausschuß der Gevmania-Jnnung. Am 4. beschloß die Generalversammlung des Verbandes der ozialdemokratischen Wahlvereine von Groß-Berlin die Erhöhung des Beitrages auf 40 Pf. für männliche und 20 Pf. für weibliche Mitglieder monatlich. •Sln demselben Tage fand in der„Neuen Welt" eine Protest- Versammlung statt gegen die polizeiliche Auflösung der Freien Jugendorganisation von Rixdorf-Britz. Am 7. wurde das zweite Berliner Arbeiter-Jugendheim in der ! rankfurter Straße feierlich eröffnet. Lm 18. forderte her Berliner Polizeipräsident de» Jugend, »uSsHuß für Grofi-Berlin auf, bre für politische Bereine geltenden Bestimmungen des Vereinsgesetzes zu erfüllen. An demselben Tage beschlossen die Geldschrankschlosser. ihren Tarif zu kündigen. Am IS. hob die Strafkammer das den Vorstand der Freien Jugendorganisation von Berlin freisprechende Urteil des Schöffengerichts auf, verurteilte die Angeklagten und stempelte damit die genannte Organisation ebenfalls zu einem politischen Berein. Mit einer Episode aus dem Kampf gegen die Freie Jugend- organisation schlopew also die bemerkenswerten Ereignisse deS Jahres ab. Doch wenn auch die Polizeifaust die Organisation der Jugend zerschlagen kann, so ist sie doch nicht imstande, zu hindern, dass das große Werk, die ProlettfrierjugenL aufzuklären und zum Klassenbewußtsein zu erwecken, im neuen Jahre mit demselben Eifer, wie der Kampf für die Interessen des Proletariats über- Haupt, fortgesetzt wird. Gonnabend, den Zt. Dezember Ansang T/i Uhr, ttönigl. Opernhaus. Der Waffen- ichmied,(Anfang 7 Uhr,) KSuig». Schauspielhaus. Der Schlagbaum,(Ansang 7 Uhr,) Neues königl. Opern-Dhearer. Mcschloffen, DeiiltchrS. LumpaelvagabundeS. (Anfang 7 Uhr.) Kammtrspiel». Komödie der Irrungen. Heirat wider Willen, (Ansang» Uhr) Ansang 8 Uhr, NcueS SchausPtelhauS. Der Zerrissene; Nachm. 3 Uhr: Frau Holle. Neue» Operetten. Die schöne Risette,(Ansang 7 Uhr.) Konitsche Over. DaS vergessene Ich. Ansang 7 Uhr.) Berliner, vummelstudent.(An- sang 7 Uhr.) Lesslug. Anatvl. Weste». Daö PnppenmSdcl. Nachmittags 4 Uhr: Rotkäppchen, ZUeiurs. Verflixten Frauenzimmer. i. Klaffe.(Anfang VI, Uhr.) ReueS. Der G, m, b. H,-Tenor. (Ansang VI, Uhr.) Triauon. Der heilige Hai». Rcüdruz. Familie Bolero. Thalia. Polnische Wtrlschast.(An- sang VI, Uhr.) Schiller w.«allner- Thealer.) Husarenfieber. Sch a l>lmrlottcnburg. Himmel aus Erden. Friedrich- WtlhelmftSdttsche». LufUvirlhanS. Der Feldherrn« Hügel.(Ansang VU Uhr.) Luisen. MudlckcS Reise n. Indien. Nachmittags 4 Uhr: Sneewlttchen. Modernes. Der Doppelmensch. (Ansang Vi, Uhr.) NachmiiiagS 3 Uhr:(Soldmarie«Nd Pechmarie. Roi« Sein Sündenregister. Herrnfcld. Eine verloren« Nacht. Der Derbysteger. BolkSoper. Die DollarprinzeMn. FolieS Eaprtee. Der Feldwebel- hllgel.(Anfang«-/. Uhr.) Metranol. Hurra— Wir lelen noch l Stasiuo. Julie Wippchen. Apollo. Spezialitäten. Paiiagr. Spezialitäten. Voigt. Die Rosa-DomtnoS. NrichSdallen. Steitinee Singer. Wintergarten. Spezialitäten. GanSsonci. Wie werde ich reb S"?NlilöltN.(Ans. 6*1, Uhr. .'->-,i,alln. Bravo I Dacapo I '" sa.m 8'i, Uhr.) Karl Havceland. Gvezlalitäten. Urania. Tandenstrafte 48/4S. Abend» S Uhr: Von San Nemo nach Florenz. Nachm. 4 Uhr: Der Dicrwald- statter See und der Gotthard. Sternwarte. Jnvaltdenftr. 57—82. Lessing-Theater. Sonnatcnd 8 Uhr: Anatol. Sonntag 3 Uhr: Anatol._ reich? ihr) (An. Berliner Theater. ».»= Buininelstudenten. Morgen: Bummeistudenten._ Neues Tlieater. Anfang VI, Uhr. Oer G. in. b. H,-Tenor, Sonntag und folgende Tage: Der<0. m. p. H.-Tenor._ Theater des Westens. 7 Uhr: Dm Puppenmädei. Miltw. u. Sonnab. 4 Uhr: liollcdppedsn. Sonnt. 8'/. U.: Die geschlBdens Frau. Modernes Theater ((rflher Hebbeithnater). Abends 8 Uhr: _ Poppe Im eu»ch._ Berliner Volksoper Belle-RManeestraße 7/8.- 8 Uhr: Die Dollarprinzessin. Friedrich-Wilhelmstadtisches Schauspielhaus. Gonnabend, den 31. Dez.(Silvester), abend« 8 Uhr: IZofgKmst. Sonnta, (8 Uhr: Chrono von Bergerac. 'ic Rauber.) TIi'NlUiÄ. WiszenscKaftUestM Theater T&ubenstraße 48/49. Nachmittses 4 IThr: Der VlerwalucitJitter See and der Gotthard. Abend» 8 übr: Von San Remo nacb Florenz. Beginn der Höreaalvorträge 11. Januar. Preapekt kostenlos. Hchlller-Theater. Kaiser- Panorama. Ken! Reise Ins Pharaonenland von Trlest nach Kairo. II. Wanderungen u.Klettereien In der alehslsohen Schweiz. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theal). Sonnabend, abends 8 Uhr: Da»>!»rei>tlel>er. Lustlpiel in 4 Akt. v. Gustav Kadelburg u. Richard Skowronnct. Ende 10*1, U. Sonntag, nachm. 3 Uhr! Die Dkre. Sonntag, abends 8 Uhr: DawurenUelier. Monlag. abends 8 Uhr: hiodoms Knde. Luisen-Theater. TSglich 8 Uhr: Großes Ausstattungsstück mit Gesang und Tanz in 11 Bildern von MichellS. Musik von A. Lescvre. Gonnabend 4 Uhr: Große Kinder- Vorstellung: Tiiccwittchen. I0SE=THEATE Große Franksurter Str. l3S. Nachmittags 4 Uhr: «oldtitirelienG DiminelDsIirt. Abends 8 Uhr zum ersten Male: Sein SUndcnreiglater. Lustsp. ln3Att. V.Friedman» Frederich. Nach der Barstellg.: Silvcsterseier. Heute Ansang VI, Uhr. 8'/. Uhr: Letztes Austreten des Gedankenlesers Bellini. Morgen Sonntag: Große Premier« mit IHS~ Otto Heatter."WS Lusispielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feldherrn Ifügel. Kesiiienk-Tbnnlös. Direktion: Richard Alexander. Ansang 8 Uhr. Familie Bolero chwanl In 8 Akten von Maurice Hennequin und Paul Sllhaud. Morgen und solaende Tage: Familie Volero. Trianon-Theater. Ansang 7 Uhr. Der heilige Hain. Mstropol-Tksstsr. Hurra! Wir leben noch! 11'/. Uhr: Gin Oftertpaziergang. yoD Guido Tfiielsclier. Blumen- und Konfectischlacht. Ansang 3'/, Uhr Rauchen gestaltet. Deute: ! Sllvesler-sorslelhing! Linne d'Evc, Excentrique francjaise in ihrem Transformationsadt: „Vor nnd hinter den Kulissen". Mite. Denarbers Ludballonfatui über den Köpfen des Publikums, n. eine Ansleae der anerkanntesten Kunstkräfto dreier Weinelle. Anfang 7 ühr. ygf miitltr-Konzcrt"TDE ausgef. von der Kap. des Kaiser-| Alexander-Oren.-Reg. Nr. 1 unter i persönl. Leitung des kgl. Ober-( mnsikmeistors Ernst Nenmann. I Abend« 8—11 ühr: Hedi Herdins Normann French nnd das � T 0 ß C Festprogramm ! Passaie-Panoplikum. Während der Welhnachtsferien v. 18. Dezember bis 1. Januar VolUetnge. Jedermann 1 Kind freit Jed Kind erh. ein Qesehenk. Der hearaalsiacho a Biese; Duaore D größte Mensch, d. je gelobt 110 mm größer eis Mnchnow. mm grö Alles ohne Extra- Entree! Burgtheatcr- Festalle and Kinematograpb Venn. Groterjan. Inhab.: Rud. Merz, SchSnhanier ANee 129. 2et.3."9353. Lebende Photographien. (Antritt 30 u. 40 Pf.. Kinder oie Hälfte. Anf.7 U., Sonnt. 4 U. Vorzugskarten, um Dochent gültig, 25 Pf. auf allen Plätzen. 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Saal I: Tanzkränzchen unter Leitung des Tanzlehrers Herrn Rieh. Heinrich. W. Groese, Oekonom. Sportpalast Potsdamer Straße 70-72a Entree 1 M. Enlrea 1 M. Großen Rheinischen „Ein Fest Im Reiche Größter Eispalast der Welt Vom 25. Dessember bia 8. Jannar: Feerie:„Weihnachten am Nordpol4*. StUndie 2 KUnatlcrkapellen. — AaBergewObnliche Lichtellekte.— 200 Eislanlkflnstler.— Unterricht im Eislauf. TSglich von 1t— 1 Uhr vormittags: KONZERT. Jeden Sonntag 4 Uhr: NachmittagSsVorstellung. Große SUvcftcr-f cur der Karnevals• Gesellschaft des Prlnson Karneval." Plätze M. 4,—, Reserviert M. 6,—. Donnerstag, d. 5. u. Freitag, d. 6. Januar 1911, abends: Zum Besten des Vaterländischen Frauenvereins Berlin Zwei Konzerte der Bonner Liedertafel (2. Preis euf dem Wettstreit in Frankfurt a. M.) 230 Sänger Joseph Werth. Reservierter Platz 5 M. u. 3 M., alle anderen 2 M. Vorverkauf bei: HofmusikaUenhandlnng Bote& Bock, Leipziger Str. 37; Musikaiienhandlung Stahl, Potsdamer Straße 39; A. 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Ballniufik de« gesamten Musikkerp» de« 8.«arde-Feld-Artillerie-Reg. MW- Für den voll ist nichts nachzuzahlen. Wklludla-Ihssler. |: Skofenfh.Svr.) WelnbergSw. 20 1 Otttang 81/, Mr: PezemberAllerneufteS! »vnvo l— Da Capo: I neiWerweltS�teuue in Svildl \ In Szene gelebt v. Direktor I James Klein. �Inkus Lusvk.i Sonnab., 31. Dez., adds.?'/, Uhr:! dr. Gala-Vorotellune! i Gastepiel des Horm Oiroktor I Pierre Althoff, Frau Direkter Adele I Althoff mit ihren exzellentesten I Preiheits-DrOBSuren.— Die I Fredianis berühmte Reiterfamilie. — Die 14 Fezzant. Gebr. Hamsel, j trrkom. Radfahrkünstler.— 3 Gebr. Fralellinit, itol. Clowns. — Frl. Elisabeth v.Oynar, Schuir, j Um 9 Uhr zum 8. Mal«) j Die neue gr. Aust.-Pantüinime I »z Armin' Sohan- Qr. Original- Manege-Soh stück des Zirkus BnsohinSÄkt. H 0 Hochbahnstation Äoltbuset Tor. 8*1, Uhr: Wie werde ich reich? Gastspiel Fsdl Firard, preisgekrönte Schönheit. Große Slivesterteier mit Ball. 1. Januar nachmittag«: Die Dollarprinzessin. 1- Alt floablt 47/48. Sonnabend, den 31. Dezember 1910 (Silnesttr): ©roher Pacherfolgk Die Wahrsagerin. Schwank w 8«nen von I. Jarno nnd G. Richelt. Nach der Vorstellung: Silvesterball. Kaffeiieröfsn. 7 Uhr. Ansang 3'/. Uhr. Sonntag, den 1. Januar 1911: Der Irenpter m Säckingen. Romantisches Schanfpicl mit Gesang In 3 Allen von ttm't Hildebrcuidt unk Julin» Keller. »affeneröffn. 8'/, Uhr. Ans. 7>,�llhr. Iliesler des Veddlngz klllllerstr. 132/133- Sollerslr. 35. Täglich vor auSve, kauslem Hanse: Abgründe Drama in zw, i Allen vo» Urban Gab. Außerdem da» neu« großartige Programm. Sonnabend, 31. Dezember: Gr. Sliventer-Fctcp. Berlins sxöfite Silvesterfeier - mit Bail- Berlin im Wackeltopp dar für diese Naoht vereinigten Btebliesements PassagenTheater LindeimKabarett Bler«Kabarett. In allen Sälen Vorstellungen und Darbietung. Uebcrrasehung auf Üeberraschung. 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Fischer. i Germania» Pracht- Säle Karl Richter, ST., tthaniieeftr. 110. Heute Sonnabend(Silvester): Paul Mantheys lustige Sänger. ——- AnserwahiteS Programm.—— Ansang 8 Uhr. Eintritt 50 Ps. Im meisten Saale D»|| von 8 Uhr ab:»««III» Bon 11 Uhr ab in sämtlichen Sälen: =: Großer Silvester» Ball verbunden mit Gratl»- Punsch, und Pfanntuchen-Polonäse. Jlniir63s~i6stsäl6 Hermaun lorgmann Andreasstraße 21. Gegenüber dem Andreasplatz. Sonnabend, 31. Dezember 1010: MF" Große Silvester-Feier"WU unter Mitwirkung der Apollo-Singer o. der stark besetzten Haaskapelle. is ihr GroBe Punsehpolonäse. reber?Ä.ngen. Riesen-Weihnachtsbaum. SaelSffnung 8 Uhr. Beginn S Uhr. Eintritt 75 Pf., Ververkauf 60 Pf. Tai und QröBte Nacht gedftnet I Sehenswfirdi Bronnenstr. 181. enswfirdigkeit des I Cafe Boland Sehr gemütlich t des Nordens! Hochelegant eingerichteter großer Billard iS£ Große Silvester' mit Ueberrsschnngen- Verabreichung von —— Feenhan« Belenchtnng. Bronnenhot. and Speisesalon. Feier von PrSeenten. 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Festspiel mit Gesang, sowie Extra-Spezialitäten: tan RudoKI, Diaboloipieler. Los two Clalron», Gymnastiler usw. Anfang 8 Uhr. Sonntags k'/, Uhr. _ Feiertags 5'/, Uhr._ Folies Caprice. Täglich 8'/. Uhr: Die abgetretene Frau. Neuer bunter Teil. selclivebeihiigel. Thkater„Groß-Kerti«" in Fnblmann» Vbcater. 1. Jau? tili iiijgles Gefängnis. Montag, den 2. Januar: Der Trompeter von Säckingen. Hnf. Tonnt. 7, Moni. S'U®iitt.30Pf Inserat gilt Montag als BorzugSkarte. �oKAt-VlirsUcr Gesundbrunnen, Badstrasie 58. Sonnabend, den 81. Dezember 1910 fS'lvester): Die Rosa-Dominos Silvester-Komödie in drei Akten von sL Dclacour und A. Hennequin. Kasteneröstn. 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. Karl Haverland- Ansang Tholtop Kommandanten. präj. 8Uhr. IDCfllCr. ftrafje 77/79. Jubel- u.Trub2lüorst8llung Großer SIIve8ter>BaU. 3 Musikkapellen. Nililes Fest-Säle Dennewltzstraße 13. Reute: Gr. Silvester- Ball. Jeden Donnerstag und Sonntag: Großer Ball» C. Niftle. Junuugshrankenkilsse der Tischler-Innung. Wahl der Vertreter zu den Generalversammlungen für 1»n u. 101». Die Wahl sür die Kassenmitglleder findet am Dienstag, den 3. Januar 1311, von 8 bis 3 Uhr abends statt. 1. Diejenigen Mitglieder, welche recht? der Svree beschäftigt find, wählen Alcranderslr. 27 tm Englischen Karlen; die Zahl der zu wählenden Vertreter fft 144. 2. Diejenigen Mitglieder, welche lililS der Spree beschäftigt find, wählen im GcwerlschaftshauS, Engel ufer 15; die Zahl der zu wählenden Verireicr ist 70. 3. Die Jniiungsniilglieder, welche Kassenmitglieder beschäftigen und Bei- träge sür dieselben auS eigenen Milieln zahlen, wählen am 3. Januar t3il, abends von 8 bis 3 Uhr. Ska- litzer Str. 30/31 bei Zscheyge,.Zur Hütte-; die Zahl der zu Wähleiii Vertreter ist 101. Wahlberechtigt und wählbar find nur diejenigen, welche das 21 Lebens wngsbuch zur Legiiimation unbedingt erforderlich. Um pünktliches Erscheinen wird ersucht. 238/1 Der Vorstand. ÜrTSImmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, JZZ, 10—2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Gegründet 1864 waren. Engros— Export S. Schlesinger, Neue tSnlgslr. 91 (Otdonnnnzbansj Kein Laden t II. Etogo. Einzelyerkaai wie alljkbrlicb ri bllllgston Froisen Felz-Stolas Muffen Elslaufbarefts. Keparaturen sauber und billig. __ Sonntags geöffnet.__ 81| Kein Katalog.|äl Allen Freunden und Bekannten, sowie den Kollegen und Kolleginnen der A. E.°G. sagen wir für die be» wiesen« Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung unseres teuren Enischlasenen herzlichen Dank. DIga Krause nebst Kindern. Enorm bUUger Verkauf elea.iiit. Monatsgarderoben früher 5«— 80 M.. jetit l*-2« M. Denfsehes Bekleldnngshans, ! Droste Ztzrankfiirterftraste 80, j Nur 1 Treppe, kein Laden. Fahigeld wird vergütet. Danksagung Allen denjenigen, welche an der Beerdigung meiner lieben Tochter, Schwester und guten Braut Helene Pfeilschmidt teilgenommen haben, unseren herz» lichsien Dank. Wwe. Anna Pfollsohmlin, Brüder und Br&utlgam. Danksagung. Allen Freunden und Bekannten, welche an der Beerdigung meiner lieben Frau und guten Mutter teil» genommen haben, sagen wir ans diesem Wege unseren herzlichsten Dank. 244öb Rudolf Cllrlcb u. Sahn. JA. Sebulmeisier BERUH SO., Dresdener Sir. 4. HÄÄ?° Herbst« u. Winter» UlsterZlM 54 m. Winter» Paletots 25">». 65 m 1 und 2 reihige Jackelt-Anzüge 24m.«. M. Rock-u.Cehrock- Anzüge 36mo-70m. Herren-Beinkleider. Phantasie-Westen Burschen- und Knaben- Garderobe Kur eigens Konfektion Ohne jede Anzahlung verkaufe loh Piaoos erstklassiges Fabrikat (SmaJ prämiiert Stnats- medaille) in allen Holland Stüartca von wunderbarer Tonfülle. | :5(Fltlgelton) gcgenklolnemonatlfchcTollzablang.— a ohne Jeden PreiNaafuchlag. 136/4* S 5 Für jedes Instrument gewähre ich 20jähr. scnriftl. Garantie. S Conrad Krause birst.,' Aach Sonntags geOfThet. Maas- Schneiderei lOr clepontc Herren-Hoilen ('artig d. nach Hast. Garantie fUr tadelloaeD Sitz u. beste Verarbeite, Aal TeSisahlung Wochenrate von 1 M»«n. J. 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Ehre ihrem Andenken 1 Rege Beteiligung erwartet 181/14 Ois Ortsverwaltung Deutscher Holzarbeiler-Verband Nachruf. Am 23. Dezember starb unser Kollege, der Tischler Paul Ahner. Ehre seinem Andenken k Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Diehard Krone am 27. Dezember gestorben Ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 31. Dezember, nachmittags l'l, Uhr, vom Krankenhaus Friedrichsham au« nach dem Zeniralsriedhos in FriedrichSselde statt. Um reg» Beteiligung ersucht 95/18 Oie Ortsverwaltung. ßeBtsehcr I Bezlrksvarwaltung G.| Dm Milgtiedcrn zur Nachrichl, daß unser Kollege, der Droschken- jührer WNIielm l�einke am 29. Dezember im'Alter von 83 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke« 1 Die Beerdigung findet am Sonntag, dm 1. Januar 1311, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle de« alten Georgen. «Urmhoses. Königstor, aus statt. 53/13 Ol. Betieksverwallung. Die Beerdigung unseres lieben Vater» Kar! Reehtenbaeb findet Sonnabend, de» 81. De» zcmber, nachmittags S'/, Uhr, von derLeichenhalledeS George»- kirchhofeS statt. vie trauernden SStme. Todes)- Anzeige. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß am 23. d. M., meine liebe Frau, Tochter, wiegertochter, Schwester, Tante. wägerin, Cousine und Nichte Pmma Zimmer geb. ntlller nach langem schwerem Leiden der» storbcn ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Januar 1311, nachiintiagS 4 Uhr, von der Leichenhalle des Treptower we< meiiidesriedhoss, Neue Krugallee, aus statt. Um stille Tcllnabme bittet wi Namen der Hinterbliebenen Gnstav Kiminer, Todes» Anzeige. Allen Freunden und Bekamttm die ttaurige Nachricht, daß meine liebe Frau, unsere gute Mutter Frnesline Köhler nach langem, schweren Leiden sanft entschlasen ist. Im Namen der trauernde» Hinterbliebenen: Gantew Kuhler, Beigste. 5. Die Beerdigung findet am Montagnachmittag 3 Uhr von der Halle deS 0» qalha- Kirchhofs. BarsuSstratze, aus statt. Klnmen- Hill) äratubiubmi Püu Robert lleyer,* ttiit Mnmnnril'Äraße 2. DZ zzz Weine, Liköre, Kognak, Jamaika- Rum, irrak, Punsch, Grog u. Glühwein-Extrakte :: in bekannt guten Qualitäten zu billigen Preisen:: W. OledtUch-Stra««e U SV. Bergmann-Strasse 24 Blücher-Strasss 14 Unden-Strass« 103 SO. Dresdener Strasse 16 Falckensteinstrasse.41 Helnrlchsplatr PUcklerstr. 17 Relehenberger Str. 115 Frankfurter Allee 188 Qr. Frankfurter Str. 83 Kfinlgsberger Strasse 28 Madal-Strasse 13 Proskauer Strasse 11 Warschauer Strasse 24 .Weidenweg 64 NO. Landsberger Alles 46 Llppehner Strasse S Neue KSnlge-Strasse 57 FILIALEN Bad-Strasse 12 Brunnen-Strasse 54 Danaiger Strasse 8 Invaliden Strasse 163 Elsasser Strasse 37 Müller-Strasse 156 B Reinickendorfer Str. 7. Schönhauser Allee 186 See-Strasse 68 f. Wlchert-Strasse 159 NV. Hütte n-Strasse 2 Wald-Strasse 7 Wl Isnacker Strasse 57 Wullenweber Strasse 6 Schdneberg Kolonnen-Strasse 57-58 Goltz-Strasse 43 Tempelhofer Strasse 23 Chorlottenbarg Pestalozzi-Strasse 78 Spandauer Strasse 35 .Wilmersdorfer Str. 10 Boxbag.-Runinielsbg. Sonntag-Strasse 33 Türrschmidt-Strasse 39 Tsmpelbof Berliner Strasse 83 Norleniiorf Chaussee-Strasse 34 Veissensee KSnlgs-Chausee 47b Steglitz Schloss-Strasse 03 PonHov Berliner Strasse V Tegel Brunew-Strasse 39 RelBichendorf-Vest Scharrnweber-Str. 61 Rixdorf Berg-Strasse 55-56 Herrmann-Strasse 50-70 Herrmann-Platz 8 Kottbuser Damm 102 Leipziger Str. 45 Königstr. 34 Oranienstr. 3$ Oranienstr. 47m Rixdorfi Bergstr. 7— 8 Müller str. 3m j*jtwihn»dd.Om- baue* Verkauf viu�L* vi* Müllerstr. 194 Eine Mark wöchentliche Teilzahlung elegante fertig: und nach Masa, feinste Vsr»rdeitunx. SBoltuch Frankfurter Allee 75, I Eingias Tilalter Struse. >>>>>>>>>>>>>>>>>>>> Hygienische Drogerie Zaremba, Weinbergsweg 1. dir. a.Rolentbaier Tor. 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Wegen Streik und Lohn, disterenzen stnd gesperrt: Tischlerei Bitisniscb dk Cm., Knichtstr. 35, Knopffabrik Kaal A Thlo- ■nunn, Ripdorf, Pstügorftr. !Pianofaf)rUXeiter& Winkel- niann. Brauufchweig, fürMaschinenarboitcr Breslau DaS Berliner Arbeitswilligen- vcrmittclnngSburcau d. gelbe» „HaiidwerkerschutiverbandeS". Die LrtSberwalenng Berlin beS Deutsch. HotzarbetterverdandeS Nr. 806. 27. Zahrgmlz. 3. KcilM Ks Jsrairls" Kcrlim Jullisllall. Zonttkl'tud. 31. Dtzembtt 1910. Partei-?Zngelegenkeiten. Zur Lokalliste! In Südende l'.-K. sind die Lokale von Dahl(„Schultheiß) und Breoereck, in Mariendorf T.-B.„Graßls Gesellschastshaus", Chausseestrabe 305, nach wie vor gesperrt und daher streng zu meiden. Außer den in der Lolaliiste bezeichneten Lokalen wird den Kirchhorsbeiuchern das Lokal von August Fehlberg, Eisenacher Str. 11, enlpsohlem In Steglitz sind die Lokale„Schloßpark" und„AlbrechlShof" streng zu meiden, da die Besitzer alle Verhandlungen mit der Lokal» kommission ablehnen.__ Die Lokalkommission. Dritter Wahlkreis. Heute findet im groben Saale de-"> GeWerl- schaflSbauses. Engelnfer 15, eine Silvesterseier unter Mitwirkung des Humoriste» Genossen E. Gnörich statt. Anfang 9 Uhr. Entree inklusive Garderobe 29 Pf. Herreu, welche am Tanz teilnehme», zahlen R> Pf. nach. Der Vorstand. Schöneberg. Donnerstag, den 5. Januar 1911, abends 8 Uhr, im Gesellschaftshaus des Westens, Hauptstraße 31—32: Volksver- sammlung. ReichstagSobgeordnetetr Genosse Emil Eichhorn spricht über die R e i ch s t a g s w a h le n 1911. Am 2 8. Januar findet in demselben Lokal die Aufführung des Volksstückes Kasernenluft zum zweiten Male statt. Billetts sind bei den Bezirksführern zu haben. _ Der Vorstand. Berliner JVachricbtens Silvester. Die Berliner Neujahrsnacht war draußen im Lande, Ivo man die Reichshauptstadt an der Spree vielfach noch immer als ein großes Babel betrachtet, seit Jahrzehuten berühmt und berüchtigt. Denen, die niemals Berliner Pflaster um die Jahreswende getreten hatten, wurde es von den Muckern als eine Art Großstadt-Tollhans dargestellt, in dem die Puuschgeister, Arm in Arm mit Zoten uad Roheiten, auf offener Straße die wüstesten Orgien feierten. Es ist richtig, daß die bier-, wem- und punschselige Stimmung der aus alter Gewohnheit in zwölfter Stunde nach den„Linden" zu- sammenströmenden Massen aus allen Ständen mitunter etwas über die Stränge schlug und im Uebermut sich keineswegs bloß zu harmlosen Tollheiten verstieg. Es soll auch richtig sein, daß der Janhagel, besonders der im Zylinder und Lackschuhen, auf den die Neujahrsnacht ebenso magische Wirkung ausübt wie Paraden und andere höfisch-militärische Schaustellungen, mit Vorliebe nach der mittleren Friedrichstraße zog, um zu skan- dalieren und Händel zu suchen. Das Eintreiben jedes Zylinderhutes, der sich auf die Straße wagte, das Umhalsen wildfremder Frauen und Mädchen, der Sturm auf überfüllte Restaurants und ähnliches ging sicher über bloßen Neujahrs- ulk oft weit hinaus. Das hat ja nun erheblich nachgelassen. Wer Genuß hat an einem überaus bunten und eigen- artigen Weltstadtbild, das sich eben in dieser Manier alle Jahre nur einmal zeigt, kommt zwar immer noch auf seine Rechnung. Viele Fremde, die in der Sylvesternacht hier weilen, bewundern sogar die gerade in diesen wenigen Stunden so recht uan Ausdruck kommende Urwüchsigkeit des Berlinertums. Viel Geschrei und wenig Wolle I Etwas weniger Radau und mehr Witz wäre besser. Denn die Tausende von Radaustötcn, langen Pappnasen, bunten Papiermützen haben doch im Grunde genommen etwas überaus Kindliches an sich und wirken hier humoristisch nur durch die Massenhaftigkeit ihrer Benutzung. Es gibt aber Tausende, denen etwas fehlt, wenn sie nicht dabei sein können. Und auch eine spezifisch berlinische Seite dieses Silvesterrummels ist die starke Beteiligung des Ewig- weiblichen, vom blutjungen Geschäftsmädel, das am Arm des ersten besten„Kavaliers" hängt, bis zu bedenklich reifen, auf die Tasche spekulierenden Jahrgängen. Daneben ist natürlich auf der Straße wie in den Bierrestau- rants, Weinstuben, Bars, Kabaretts, Ballokalen, Cafts so ziemlich alles vertreten, was auch sonst die Nacht zum Tage macht und stets erntet, ohne viel zu säen. Hat es einen Sinn und Zweck, sich unter diese bunt zusammengewürfelte Gesell- schast zu mischen, sich die Kehle heiser zu prosten, von nervösen Polizeiern angeschnauzt und von eigens dazu dressierten Gäulen auf die Hühneraugen getrampelt zu werden? Das denkende Volk feiert zu Hause im trauten Familienheim oder unter Gleichgesinnten nach harter Arbeit den Anbruch des neuen Jahres— aber nicht mehr, wie so lange, mit der weltbekannten deutschen Zipfelmütze über dem Schädel und umnebelt vom unmäßigen Alkoholgenuß. Das neue Jahr wird hoffentlich auch die letzten Schläfer wachrütteln und ihnen den Kampfruf des Proletariats siegkündend in die Ohren gellen. Bericht der Arbeiter-BildungSschule. Ein Jahr, reich an Arbeit wie Erfolgen, hat die Arbeiter- Bilduugsschule wiederum zurückgelegt. So kann denn auch der soeben erschienene Geschäftsbericht mit berechtigter Genug- wung konstatieren, baß die Schule auch im vergangenen Jahre, in der Zeit vom!. Oktober 1909 bis zum 30. September 1910, in der EntWickelung stetig vorwärts geschritten ist und eine erfreuliche Zunahme von Hörem aufzuweisen hat. Wenn dies in einer Zeil möglich war, wo die Wogen! der wirtschaftlichen und politischen Kämpfe ziemlich hoch gingen, wo ein öffentliches Ereignis das andere jagte, und die Kräfte der organisierten Arbeiterschaft in hohem Maße in Anspruch genommen wurden, so lassen� sich hieraus sehr erfreuliche Schlüsse aus die Tätigkeit der Schule ziehen. Tatsächlich ist denn auch unter den gegebenen Umständen das möglichste getan worden, um allen Anforderungen, die an ein wissenschaftliches Institut für Arbeiter gestellt werden können, nachzukommen. In den beiden ersten Ouartalen des Geschäftsjahres, die den Herbst und Winter umfassen, waren so ziemlich alle Abende durch Unterricht ausgefüllt. ja. einzelne Abende mußten sogar doppelt belegt werden. Außer- deni wurde fortlaufend am Sonntagvormittag unterrichtet und gerade diese Stunden gewannen naturgemäß an Wert und Interesse, da die körperliche und geistige Frische des Auditoriums an einem arbeitsfreien Morgen die Aufnahme- fähigkeit erheblich steigert. Der Unterricht erstreckte.sich im 4. Quartal 1909 auf folgende Wissensgebiete: Naturerkennwis(1. Teil), Rechts- kuude(Arbeiterversicherungs-Gesstzgebung), Gewerlschaftswesen (Von den Anfängen der deutschen Gewerkschaftsbewegung bis zur Gegenivart), Redekunst(Form, Inhalt, Dispositionslehre. technische Hilfsmittel, Registratur usw.). Geschichte(Geschichte des modernen Sozialismus), FortschrittskursuS(National- ökononiie). Ferner für Lichtenberg-Rummelsburg: Gesetzeskunde(Verfassungswesen). Im 1. Quartal 1910: Natur- erkenntnis(2. Teil), Gesetzeskunde(Strafrecht. Straf- Prozeß usw.). Rednerschule, Gewerkschaftsivesen(Aus Theorie und Praxis der Gewerkschaftsbeivegung), Geschichte(Geschichte des 16. Jahrhunderts), Nationalökonomie(Die Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie, 1. Teil). Ferner im Fort- schrittskursus: Nationalökononüe(Die Mehrwerttheorie) und in Lichtenberg-Rummelsburg: Geschichte(Geschichte der Reichs- gesetzgebung und der Sozialpolitik). Im 2. Quartal 1910: Gesetzeskunde(Die Verfassungen der außerdeutschen Staaten), Einführung in den Wissenschaft- lichen Sozialismus, Rednerschule. Geschichte(Das Zeitalter des dreißigjährigen Krieges), Nationalökonomie(Die Grund- begriffe der theoretischen Nationalökonomie, 2. Teil). Der Vorstand hatte auch, wie in den Jahren vorher, Propagandaversammlungen und auch solche mit Wissenschaft- lichen Vorträgen veranstaltet, die sich durchweg eines starken Besuches erfreuten. Im 4. Quartal 1909 waren Mitglieder eingeschrieben: 975(68 weibliche), im 1. Quartal 1910: 1003(94 weibliche), im 2. Quartal 1910: 861(77 lvcibliche). Im verflossenen Geschäftsjahr ließen sich einschreiben: 1543(145 weibliche) Mitglieder. Politisch und gewerkschaftlich zugleich organisiert waren 944. 184 hatten keine Angaben gemacht. Bezüglich des Alters verteilten sich die Teilnehmer folgendermaßen: unter 20 Jahren 120, 20— 30 Jahre 945, 30—40 Jahre 810, 40—50 Jahre 51, zwischen 50 und 60 Jahren 7 Mitglieder. Unter den Berufen waren 56 Handlungsgehilfen. 21 Kauf- leute, 10 Buchhalter, 10 Gcwerlschaftsbeamte, 9 Bureau- angestellte, 8 Kontoristinnen, 7 Bureaugehilfen, 7 Schreiber, 6 Zahntechniker. 5 Versicherungsangestellte. 4 Beamte, 4 Korrespondentinnen, 4 Musiker, 4 Stenotypistinnen, 4 Studenten, 3 Handlungsgehilfinnen, 3 Photographen, 3 Schriftsteller, 3 Zeichner, 2 Bureauvorsteher, 2 Journalisten, 2 Kolporteure. 2 Kontoristen, 2 Lageristen, 2 Lageristtnnen, 2 Techniker, 1 Arzt, 1 Dentist, 1 Handelsschüler, 1 Lager- Halter, 1 Lagerverwalter, 1 Lehrerin, 2 Patentanwälte, 1 Privatsekretär, 1 Rechtsanwalt, 1 Redakteur, 1 RedaktionS- fekretär, 1 Registrator, 1 Reifender.— 1478 Mitglieder hatten ihren Beruf angegeben. Die Bibliothek wurde im Berichtsjahre um 236 Bände der- mehrt, sie umfaßt jetzt 2302 Bände. Für Neuanschaffung und Instandhaltung wurden 308,30 M. ausgegeben. Verliehen wurden 2527 Bände. Am stärksten in Anspruch genommen wurde die schöne Literatur(886 Bände), Naturwissenschaft, Reisen, Gesundheitspflege 363 Bände, Philosophie, Ethik. Religion 184 Bände, Pädagogik und Volksbildung 56, Politik, Nationalökonomie, Sozialpolitisches 581, Gesetzgebung, Statistik 81 Bände. Unter den am meisten Verlangtelt Werken sind zu nennen: Bebels, Lassalles. Kautskys und Mehrings Schriften. Ferner BloS, Maurenbrecher, Corvin, Rosenow. Bölsche, Darwin, Schopenhauer. Zola. Goethe. Schiller, Hauptmann, Gorki, Heine, Fritz Reuter. Klara Müller u. a. m. Alles in allem zeigt es sich, daß die Tätigkeit deL Vor- standeS und des Lehrerkollegiums eine reiche und frucht- bringende war und es ist zu wünschen, daß die gesamte Arbeiterschaft diese Anerkennung darin zum Ausdruck bringt, daß sie tu noch viel höherem Maße alS bisher dem segens- reichen Institut ihr Interesse entgegenbringt, isidem sie sich noch viel zahlreicher daran beteiligt: sich und der Arbeiter- bewegung zum Nutzen, der Schule zu Dank und Ehre! Am heutigen Sonnabend findet die jnristische Sprech- stunde nicht statt. Die neue Hansabrücke ist gestern vormittag offiziell dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Hiermit wird die alte. im Jahre 1892 erbaute, hölzerne Brücke, welche bislang die Vcr- bindung des neuen Hansaviertels mit dem Innern der Stadt herstellte, außer Betrieb gesetzt und binnen kurzem ganz ver- schwuirden sein Die neue Brücke überspannt die Ladestraße des Schleswtaer Ufers in einer gewölbten Ocffnung von 11 Meter und den Wasserlauf der Spree mit flußeisernen Bögen von 59 Meter Weite. Die Fahrbahn ist 11 Meter breit mit beiderseitigen Bürger. steigen von 4 Meter. Der zwischen beiden Brückenöffnungen liegende starke Zwischcnpfeiler ist der Länge nach durchbrochen und für Zwecke der Stadtvertoalwng nutzbar gemacht. Sein Vorkopf wird noch einen künstlerischen Aufbau erhalten, der in Verbindung mit den elegant gespannten eisernen Bögen und der ansprechenden Sandstoinfassade die Hauptzierde des Bauwerkes bilden soll. Die Baukosten betragen rund 539 999 Mark. Sanft entschlafen ist„Das Reich", daS längere Zeit mit Bus- nähme einiger weniger Artikel denselben Text wie die„Staats- bürger-Zciluiig" enthielt und zuletzt die Interessen der christltch- sozialen Arbeiter vertreten wollte. Um die Abonnenten nicht ganz im Stiche zu lasten, wird ihnen seit einiger Zeit der„ReichSbole" geliefert und dafür Propaganda gemacht, daß die ehemaligen .Neich"-Leser Abonnenten deS.Reichsboten" werden. Damit sind wiederum manche Leute nicht einverstanden und sie versuchen, an Stelle des eingegangenen.Reich" eine andere Tageszeitung zu gründen, die dieselbe Tendenz haben soll. Das schmerzt nun wieder das ehe- malige ZwillingSorgan, die.StaatSbiirger-Ztg.", die sich inzwischen wieder gemausert hat und im Verlage der.Deutschen TagcSztg." erscheint. Sie hofft, daß der Vorstand der christlich-sozialen Partei den Gründern der neuen Tageszeitung, die den Namen:.Der Morgen" führen soll, bald einen Dämpfer auffetzen werde. Warum die.Staatsbürgerin", die soeben erst selber mit Hängen und Würgen noch einmal vom Tode errettet worden ist. dieses Eingreifen des Vorstandes der christlich-sozialen Partei herbeisehnt, ist sebr einfach: ES ist die Angst, daß die paar Abonnenten, die ihr anscheinend vom„Reich" zu- geführt worden sind, verloren gehen, denn sie schreibt: „Nach dem Eingehen de«.Reich" ist an eine christlich-soziale Tageszeitung in Berlin wohl nicht mehr zu denken..Das Volk" in Siegen dürfte vollkommen den Ansprüchen der Partei gerecht werde» und außerdem besteht ja in Berlin noch ein Blatt, das der ckiristlicki-sozialcn Partei zrtmindest nahestehen sollte— die„Staats- bürger-Zeitnng". Was soll also diese Eigenbrödelei und was sagt Herr Lrz. Mumm, der langjährige Leiter deS. Reich" dazu? Trauen die unternehmungslustigen Herren ihrem verdienstvollen Führer im Zeitungswescn kein Urteil zu? Ihn sollten sie doch erst befragen!" Es scheint also nicht alleS so zu klappen wie man dachte. Die Beerdigungen an Sonntagen werden immer mehr ein- geschränkt. Die Gemeindekirchenräte der drei Gemeinden Golgatha, Johannes-Evangelist und der Gnadenkirche haben in Aufhebung eines früheren Beschlusses beschlossen, daß am Sonntag nur die Lejchen derjenigen.Personen begraben Verden dürfen, die von Mittwoch nachmittag 4 Uhr bis Donnerstag nachmittag 4 Uhr im Winter, und im Sommer von Mittwoch nachmittag 6 Uhr bis Donnerstag nachmittag 9 Uhr gestorben sind. Ausnahmen werden nicht gemacht und Dispense nicht erteilt außer auf behördliche An- ordnung. Das Kgl. Konsistorium hat diesen Beschluß genehmigt. Wir können uns den Bestrebungen auf Einschränkung der Sonntagsbeerdigungcn nicht anschließen und sehen auch gar keinen zwingenden Grund hierfür. Die große Masse d.r minder» bemittelten Bevölkerung hat an der Sonntagsbeerdigung sogar ein dringendes Interesse. Die Angehörigen und Freunde Vcr- storbener bringen bei einer Beerdigung an einem Wochentage große Opfer an Zeit und Geld, und mancher, der einem auten Freunde die letzte Ehre erweisen möchte, muß von seinem Vorhaben abstehen, weil er in der Woche.seine Arbeit oft gar nicht verlassen kann. Wir sind gewiß für strenge«onntag-ruhe, allein es gibt Berufe, bei denen dieselbe nicht durchführbar ist, wie beispielsweise auch bei den GastwirtSgehilfen. In solchen Fällen muß verlangt werden, daß den Angestellten eine entsprechende Ruhezeit an einem Wochentage gewährleistet wird. Ein Todesfall, der durcki Schädelbruch herbeigeführt wurde, wird in der Gegend der Nostizstraße viel besprochen. Der Schneider Stilluer, der im Hauie Nostizstr. 10 wohnte, wurde am zweiten Weihnachtsfeiertage morgens gegen 4 Uhr im Flur dieses Hauses in silier Blutlache liegend oufgefmidcn. Durch einen herbeigerufenen Schutzmann wurde er nach dem Urban-Krankenhause geschafft, er starb aber dort noch am Vormittag an einem Schädelbruch, den er erlitten hatte. Wie Stillner zu dieser Vertetzung gekommen ist, hat sich bisher nicht feststellen lassen. Zwei in demselben Hause wohnende Frauen halten, gegen Mor- gen vor der Tür stehend, ihn heimkehren sehen, hielten ihn aber für betrunken und gingen weg. Als sie nach einiger Zeit wiederkamen, stießen sie im Hausflur aus Stillner, der zusammen- gesunken war und stöhnte. Bei näherem Zusehen ergab sich, daß er aus einer Kopfwunde stark blutete. Stillner hatte den vorher- gehenden Abend in einer befreundeten Familie zugebracht und lvar dann in der Nacht nach einem Restaurant in der Mariendorfer Straße gegangen, wo er bis nach 2 Uhr morgens verweilte. An» gehörige von ihm haben der Kriminalpolizei gemeldet, daß er in diesem Restaurant noch einen 59 Mark-Sckein zu wechseln versucht hatte, daß aber nachher bei dem Verwundeten kein Portemonnaie und in der Hosentasche lose aufbewahrt der Betrag von nur 8.59 M. vorgefunden worden sei. Auf der Straße vom Tode überrascht wurde gestern nach- mittag der 72 Jahre alte Nachtpförtner Julius Haeger aus der Bremer Straße 47. Man fand den alten Mann in der Wicles- straße hilflos auf dem Burgersteig liegen. Ein Schutzmann brachte rhn niii einer Droschke nach dem Krankcnhause Moabit, wo er bald nach der Aufnahme starb. Wahrscheinlich ist der Greis einem Herzschlage erlegen. Seine Leiche wurde beschlagnahmt. Ein kostspieliges Abenteuer erlebte ein Schlächtermeister aus einem westlichen Vorort in Berlin. Ein Mädchen, das er in der Nähe des Oranienburger Tores kennen lernte und nach der Wohnung begleitete, stahl ihm aus der Jackettasche die Brieftasche, die 2799 Mark in Papiergeld und 259 Mark in Gold enthielt. Der Meister hatte sich von dem bescheidenen und stillen Wesen seiner Bekanntschaft bestechen lüssen und mußte nun sein Vertrauen sehr teuer bezahlen. Eine Masscnbeschlagnahme in der Passage hat die Berliner Kriminalpolizei vorgestern vorgenommen. Im Austrage der Staatsanwaltschaft beim Landgericht I beschlagnahmte sie in einer Reihe von Geschäften der Passage ganze Wagenladungen von Scherzartikeln, die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft als un- züchtig zu betrachten sind. In Wirklichkeit handelt es sich um ver- hältnismäßig harmlose Artikel, wie Aschbecher und Nippeök>a;rr-n—. die schon seit einer Reihe von Jahren unbeanstandet in sr.Vr-nx««»».!» fenstern der betreffenden Geschäfte auSgelcgen haben von einem„ganten, der an diesen Artikeln„sittlichen Anstoß genommen chat, der Behörde angezeigt wurden. Einbrecher hausten in den letzten Nächten wieder an mehreren Stellen. In der Kürassiorstraße 19a brachen sie an dem Geschäfts- keller des Ledechändlers Louis Denker, der im Erdgeschoß wohnt, mit einem Stennneisen das Vorhängeschloß der Hoftür ab und räumten dann unter den Vorräten gründlich auf. Sie erbeuteten für nahezu 2999 Matt Leder verschiedener Art und außerdem Fette und Lack, lldiemand hat von den Tätern etwas gesehen oder gehört.— Schaufenstereinbrecher zerschnitten die Ladenscheibc des Geschäfts für tchotographische Artikel von Gras u. Worff in der Markgrafenstraße 19 und holten für 1599 Mark Apparate und Theatergläser aus der Auslage heraus. Das bestohlene Geschäft hat auf die Ergreifung der Täter und die Wiederbeschaffung der gestohlenen Sachen 259 Mark Belohnung ausgesetzt.— Während ihrer Weihnachtsreise wurde eine Hauseigcntümcrin aus der Wiesenstraße von Klmgelfahrern arg heimgesucht. Die Verbrecher öffneten alle Behältnisse in der Wohnung und schleppten für über 2599 Mark Kleidungsstücke, Wäsche und Gold- und Silbersachen weg, ohne daß jemand im Hause ctivas merkte. Einen schaurigen Fund machten Kinder im Tegeler Forst. Im Jagen 91 entdeckten sie in einem Gcbüscki ein Paket, dem ein penetranter Geruch entströmte. Es stellte sich dann heraus, daß die Hülle die Leiche eines bereits in Verwesung übergegangenen Kindes enthielt. Der kleine Körper war in ein Stück werden Bettbezuges und in braunes Packpapier eingewickelt. Die Leieb« bat etwa acht Tage hindurch am Fnndort gelegen. Ob ein Verbrechen vorliegt, wird erst durch die Odduktiou ermittelt werden können. Zu der Warnung vor der Deutschen Kranken-UnterstützungS- kasse zu Werne, jetzt Bochum, die wir kürzlich veröffentlichten, teilt uns Herr Otto Köppe, Müllerstraße 34. mit, daß er die Vertretung der Kasse am 39. Oktober 1919 niedergelegt habe, als er eine Auf» klärung über den Stand der Kasse von der Direktion in Bochum nicht hätte erholten können. Rekognosziert ist die jugendliche Selbstmörderin, deren Leiche, wie gemeldet, aus der Spree bei Hirschgarten gemeldet worden ist. Es bandelt sich um die Istjährige Verkäuferin Frida Spudach aus der Dolzigerstraße- 40. Das junge Mädchen war seit längerer Zeit in einem großen Berliner Geschäft angestellt, aus dem es am 29. Oktober plötzlich fortblieb. Seit dieser Zeit war Frida Sp. spurlos verschwunden. Offenbar ist das junge Mädchen planlos in der Umgebung Berlins umhergeirrt und hat dann Selbstmord in der Spree verübt. Was die Verkäuferin in den Tod getrieben hat, ist nicht bekannt. Die Leiche ist bereits von der Staatsan- waltschaft zur Beerdigung freigegeben. Vorort- Nachrichten. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Der Verein königstreuer Männer, der nur aus Arbeitern der hiesigen Staaiswerkstätten in sehr be- schränkter Zahl besteht, hatte an den Magistrat ein Gesuch gerichtet, Schritte gegen die Fleisckteuerung zu umernehmcn. Es wurde vom Magistrat wie von der Stadtverordnetenvelsanimlung Ucbergang zur Tagesordnung beschlossen. Nicht einmal die Mitglieder des Reichs» Verbandes sprangen ihren Fremiden(!) bes. Hiernach nahm die Versammlung die Beratung verschiedener Etats vor. Der Forst« Etat weist eine Einnahme von 59 999 M. und eine Ausgabe von 37 999 M. auf. Genosse Pieper regte hierbei wieder an, daß man doch armen Leuten die Raff» und Leic-Holzzettel gratis geben solle, Me MagistratSbertreier würdigten dieses durchaus berechtigte Ver- langen aber teincr Antwort, und auch die bürgerlichen Stadtverordneten übergingen die Sache mit Stillschweigen. Der Erat wurde genehmigt. Der Scvulkasseuetat balauziert in Einnahme und An-Zgabe mit 1 249 135,75 M. Der städtische Zuschuß beträgt 906 165 M. Der Magistrat hat hierzu eine Aufstellung über die Verteilung der Zu- schüffe an die einzelnen Schulen gemacht, welche mit aller Deutlich- keil nachweisen, daß für die höheren Schulen verhältuismähig weit mehr Zuschnsz geleistet werden muß, als für die Gemeindeschulen. So erfordern zum Beispiel die Oberrealschule mit 554 Schülern 75 Zvö.OS M., die höhere Mädchenschule mit 375 Schülern 33I l5,00 Mark, die mittlere Mädchenschule mit 438 Schülern 29 098,98 M., die 1. Gemeindeschule mit 732 Schülern 37 005,44 M., die 2. Gemeindeschule mit 837 Schülern 41,961,00 M., die 3. Gemeindeschule mit 758 Schülern 36 243,00 M., die 4. Gemeindeschule mir 736 Schülern 33182 M., die 3. Gemeindeschule mit 1375 Schülern 50 773 M., die 9. Gemeindeschule mit>353 Schülern 53 340 Mark Zuschuß usw. Bei Beratung dieser Etats wurde auch die Wiederrichtung einer Bürgerschule befürwortet, die man' erst vor knapp zwei Jahren hat eingehen lassen, um dafür die Realschule ins Leben zu rufen. Jetzt sollen einzelne Klassen der Realschule überfüllt sein. Genosie Pieper sprach hierbei den Wunsch aus, daß alle Kinder, ob arm oder reich, zunächst mal erst die Volksschule besuchen sollten und dann nach ihrer Befähigung in die höheren Schulen versetzt werden. Trotzdem diese Ansicht unserer Genossen sogar bei einzelnen bürger- lichen Stndlverdneten Beifall fand, wird sie vorläufig wohl ein frommer Wunsch bleiben. Der Etat wurde in der geforderten Höhe festgesetzt.— Der Gaskassenetat balanziert in Einnahme und Aus- gäbe mit 1 173 000 M. Er weist einen Ueberschuß von 153 000 M. auf. Bei der Beratung dieses Etats, der genehmigt wurde, nahm sich Genosse Pieper der Gasarbeiter an. indem er ersuchte, bei etwaigen Entlassungen derselben diese in anderen städtischen Be- trieben unterzubringen,' was auch zugesagt wurde. Ferner gelangte ein Antrag zur Annahme, daß am Sonnabend und Sonn- tag sowie an Festlagen sämtliche Laternen bis 2 Uhr nochis brennen bleiben.— Der Stiftnngskaslenetat wurde mit 14 034,56 M. sestgeictzt. Der Straßcnbahn-Elat weist zwei Teile auf. Zunächst den Etat der Spandaner Straßenbahn, der mit 882 250 M. balanziert und einen Ueberschuß von 63 918 M. erzielt? dann den Nonnen- danimbahn-Etat, der mit 145 919,76 M. balanziert und einen Fehl- betrag von 63 918 M. aufweist, welcher durch den ersteren Ueberschuß gedeckt wird. Ob der Etat sich so gestaltet, wie er ausgestellt, kann man zurzeit noch nicht lagen, da sehr viele Neuerungen, z. B. die Einführung von Schaffnern u. a. getroffen sind. Der Etat wurde genehmigt.— Der ElekirizitätS-Etat schließt ab in Einnahme und Ausgabe mit 425 100 M. und weist einen Ueberschuß von 22 500 M. aui.— Der Brennmaterialien-Etat wurde mit einer Ausgabe von 47 738,32 M. festgesetzt.— Endlich ist man auch so weit ge- kommen. den Kriegsveteranen eine Ehrengabe zu stiften. die freilich immer noch ziemlich dürftig auSgesallen ist. Die Vorlage hatte die Versammlung schon vor Weihnachten einmal beschäftigt, da sollte jeder Veteran 10 M. bekommen. Man konnte sich aber nicht einigen und wies die Vorlage an eine Kom- Mission. Diese hat nun festgestellt, daß in Spandau vorhanden sind 134 Veteranen ohne Einkommen. Die Versammlung beschloß, den nig übrigen je 10 M. Ehrengeschenk zu geben. trägt etwa 7850 M. � das Geld schon ausgezahlt erhalten.— Bei einer Vorlage über die Eingabe einer Berliner Handelsfrau wegen Nichtzulassung zum Wochen- markt, wünscht der MiltelstandSretter Stadtv. N e u i ch die Be- seitigung des ganzen Srraßenhandels. Ed meint, daß unter den Straßenhändlern viel Leute sind, welche meist nur Diebstähle auS- baldowern. Es ist eigentlich ein starkes Stück, daß dieser Herr so ungerügt den ganzen Stand der Straßenhändler beleidigen durste. Das Gesuch der Frau wurde abgelehnt. Gleichfalls abgelehnt wurde ein ergötzliches Gesuch der Malerzwangsinnung, ihr die städtischen Arbeiten zu übertragen, damit fie dieselben unter die Mitglieder der Innung verteilen kann. «ttm der Straßenbahn angefahren wurde vorgestern mittag in . �Vafyraße ein Mann, der den Fahrdamm überschreiten wollte. Er wurde-zur Erde gestoßen und blieb besinnungslos liegen, bis man ihn auf ein benachbartes Grundstück schaffte, von wo er nach dem städtischen Krankenhause übergeführt worden ist. Rixdorf. Der Regierungspräsident zu Potsdam hat genehm dem 1. Januar 1911 das in Buckow belegene stadkis jenigen Veteranen mit einem Einkommen bis 900 M. je 30 M., den - rengcschenk zu geben. Die ganze Ausgabe be- Zum Silvester sollen die alten KriegSveieranen t, daß mit e Kran- kenhaus bezw. Krankenhausgrundstück von dem Standesamts- bezirk„Nr. 43 Buckow" abgezweigt wird und von diesem Zeit- punkte ab einen eigenen Standesamtsbezirk mit der Bezeichnung „N r. 6 7 B u ck o w 2" bildet. Zum Standesbeamten ist der Bureau- assistent Albeck, zum Stellvertreter der Assistent Morande ernannt worden. Die Geschäftsräume befinden sich im Verwaltungsgebäude des Krankenhauses. Diese Neuerung ist für die Krankenhaus- Verwaltung und das beteiligte Publikum sehr erwünscht, da da- durch eine schnelle Abfertigung bei standesamtlichen Anzeigen ge- währleistet ist und die bisherigen weitläufigen Wege erspart werden. Wegen Einrichtung einer besonderen Postagentur im Krankenhause, die sich ebenfalls als notwendig erwiesen hat, sind Verhandlungen eingeleitet. Steglitz. Die Liebestragödie eines jungen Manne? rief vorgestern am Friedrichs»»her Platz Aufsehen hervor. Der 21 Jahre alte Haus- diener Gustav Sprecha aus Berlin hatte mit einem jungen Haus- mädchen, das bei einer Herrschaft in der Bergstraße in Stellung ist, ein Liebesverhältnis unterhallen. Das Mädchen wandte sich jedoch kürzlich von Sp. ab und vergeblich versuchte sich der letztere dem jungen Mädchen wieder zu nähern. Vorgestern erschien er wieder bei der Geliebten, doch ohne Erfolg. In seiner Ratlosigkeit jagte er sich auf dem Friedrichsruher Platz eine Kugel in die Brust und brach zusammen. Sterbend wurde der junge Lebensmüde nach dem Kreis- krankenhause gebracht. Steglitz-Friedenau. In der Dezembersitzung des hiesigen GewerkschaftskartellS er- stattete Genosie Hagen in einleitenden Worten einen kurzen Bericht von den zu erwartenden Verschlechterungen in der sozialen Gesetz- gebung, die auch vom gewerkschaftlichen Standpunkte aus nicht scharf genug bekämpft werden können.— Die Krankenkassenwahlen beider Orte endeten, wie nicht anders zu erwarten war, mit einem vollen Sieg der Listen der freien Gewerkschaften.— Die Frage des Anschlusses an die Gewerkschaftskommission Berlin entfesselte eine sehr hitzige Debatte, die endlich mit der Annahme des Vor- schlages der Kartelleitung, den Anschluß mit dem 1. Januar 1911 zu vollziehen, ihr Ende fand. Es wird sich nun empfehlen, daß die örtlichen Gewerkschaften ihre Kartelldelegierten in den Januar- versaniinlungen wählen, damit diese dann in der Ende Januar stattfindenden Sitzung die Leitung des. nächsten Jahres wählen können.— Nichtanwesend war der Delegierte der Maschinisten und Heizer. Lankwitz. In der letzten Mitgliederversammlung deS WnhlvereinS referierte Genosse Dr. G o l d i ch m i d t über:„Leo Tolstoi und leine Werke". Das ausgezeichnete Reserat fand ungeteilten Beifall. Genosse Zack gab alsdann den Bericht über die außerordentlicke Generalversainm« lung Groß- Berlins. Des weiteren teilte der Vorsitzende mit, daß die Bibliothek bedeutend erweitert sei? er forderte die Mitglieder auf. dieselbe in weitgehendster Weise zu benutzen. Desgleichen wurde gewünscht, die Leseabende der Frauen mehr als bisher zu berück- sichtigen. Am nächsten Leseabcnd, Miliwoch, den 4. Januar, soll über.Naturheilverfahren" gesprochen werden. Zehlendorf(Wannseebahn). Einbrecher treiben mehr als sonst in letzter Zeit am hiesigen Ort ihr Unwesen. Bald sirid es Wohnungen die gerade von den Bewohnern unbeaufsichtigt gelassen werden, bald sind es Villen. denen die ungebetenen Gäste ihren Besuch abstatten. Die Letzteren werden besonders von den Herren Langfingern bevorzugt, da sie ja ihrer ganzen Bauart nach nicht so leicht von allen Seiten beauf. sichtigt werden können. Daran scheitert alle Kunst unserer Nacht- Polizei. Und hierüber hilft auch nicht die Fähigkeit unseres neuen Kriminalwacht mpisters hinweg, der bei den Straßentvpen bei Tage schon häufig die Identität mit nächtlicher, Einbrechern wittert. Seit langer Zeit sucht man diesem, mit dem Villencharakter des Ortes naturgemäß verbundenen Uebelswnd durch ständige Reform-- versuche an der Nachtpolizei abzuhelfen. Aber die Sache hat auch eine ernstere Bedeutung. Diese ständigen Reformen tosten natürlich viel Geld. Und dieses Geld müssen alle Steuerzahler Zehlendorfs aufbringen. Für das Interesse also, das reiche Rentner an dem Bestehen des Villencharakters des Ortes haben, hat auch die Be- völkerung Zehlendorfs zu zahlen, die gar kein Interesse an dem Villencharakter hat. Es wäre daher nur recht und billig, wenn der. jeniige, für deren Eigentum sich besondere Sicherheitsmaßnahmen notwendig machen, auch ausschließlich zu ben Kosten herangezogen würden. Marienfelde. Die„Freie Turnerschaft Marienfelde"(M. d. A.-T.) veranstaltet am heutigen Abend im Lokale des Genossen Adolf Berger eine Silvesterfeier, bestehend in huinoristischen Vorträgen und Ball. Da genannter Verein bei Parleifesttichkeiten stets mitwirtt, werden die Genossen um rege Beteiligung ersucht. Friedrichsfelde. Gegen die Schmutz- und Schundliteratur richtet sich ein Merk- blatt der Schuldeputation, das den Schulkindern für die Eltern mitgegeben worden ist. In demselben heißt es u. a.: Wiederholt haben Beobachtungen seitens der Lchrerschaft in den Schulklassen gezeigt, daß Kinder trotz aller bisher versuchten Erziehungsmaßnahmen, wie Ermahnungen, Belehrungen, Vcrmitte- lung guter Lektüre durch die Schülerbibliotheken, immer noch Geld und Zeit vergeuden an die schon der Bilder wegen so grauenhaften Erzeugnisse dcjr Schundliteratur. Es ist allgemeine Erfahrung. daß Unlust, Zerfahrenheit und Faulheit mit dem Lesen und Ver» breiten dieser modernen Schundichristen Hand in Hand gehen. Aber nicht allein die Schäden dieser Lcktüre für eine ge» ordnete, erfolgreiche Schularbeit erregen die Bedenken der Lehrer- schast, sond.wn vielmehr noch die Mißstände, welche das Lesen dieser Schauergeschichten für das sittliche Leben der Jugend zur Folge hat. Es ist durch Tatsachen erwiesen, daß manche Verbrccker in ihrer Jugend durch das Lesen von Schauergeschichten aus diese schiefe Bahn gedrängt worden sind. Der Erziehung durch Eltern und Lehrer wird durch diese Schundbücher geradezu entgegengearbeitet, und die berechtigten Klagen über zunehmende Verrohung unserer Jugend werden sich verringern, wenn es gelingt, die Kinder vor dem Anschauen und Lesen schmutziger Bilder und Bücher zu be» wahren. Zum Wohle unserer Jugend und in Ihrem eigenen Interesse werden Sie daher mit Ermächtigung der hiesigen Schul- dcputation, die sich mit der gesamten Lehrerschaft eins weiß im Kampfe gegen diese verderbliche Schundliteratur, ersucht, bei Ihren Kindern mit aller Macht diese Lesewut und das Kaufen derartiger Bücher, die sich schon durch ihre schreienden Titelbilder kennzeichnen. zu unterdrücken." Potsdam. Zu dem erdichtete» Raubanfall der Aufwärterin Frau Bogatzki, die, wie berichtet, am 9. d. M. in der Wohnung der Frau Dr. Greve in der Charlottenstr. 102 geknebelt und gefesselt aufgesunden wurde, wird mitgeteilt, daß es der Berliner Kriminalpolizei vorgestern gelungen ist, den Milläter in der Person des Fürsorgezöglings Hugo Bogatzki zu verhaften. Bogatzki, der schon in einem Arbeitshaus interniert war, wurde auf dein Stettiner Bahnhof von Kriminal- beamten erkannt und festgenommen. flretrellglSse«emetnde. Sonntag, den 1 Januar, vormtttag» 11 Uhr, Kleine Franksurter Straße 0: Fcstvortrag von Herrn Walter Trojan. Damen und Herren als Gälte sehr willkommen. Lese- u«d DtSkuticrklub„Diid-Oft-'. Heute abend 8'/, llbr, bei Neldliardt, Görlitzer Ltraße 58: Versammlung. Vortrag über:.Rückblick über das vergmigene Jahr." Diskussion. Gäste willkommen. rvagerstauvS.Rachrtchte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasierltand M- m» l. TUM V r e g« l. Jnlterbmg W e i ch I e l. Tboru Oder. Ratibor , Krollen , Frankiurt Barth», Zchrnnm , LandSberg Netze, Boroamm Elbe, Leinneritz , Dresden , Barbe , Magdeburg vasserftand Saale, Krochlttz Havel, Spandau') , Ratbenow') Sbree. Svremberg') , Seeskow Weier, Münden , Minden Rhein, MaHmUianSau , Kaub , Köln Neckar, HeUbronn Main, Werlbeim Mosel, Trier am j lest 29 12.28.12. ora') 165 106 127 152 184 32 154 318 448 138 280 272 -13 —2 +2 —10 +1 —37 -23 +13 +« -22 —5 -35 ')+ bedeutet Such»,— jtzall.—*) Unterpeael. Iritmisis AnsgaltesteUen und Inseruten-Annahme. : Albert H a b n i s ch. Auguftitr. 50. Eingang Joachimstraße. «. WalilkrelB, W.: Guit. Schmidt. Kirchbach,'tr. l4. Hochvarterre. L. und SW.: Hermann Werner. Gneiienauftr. 72. S. Wnltllo-clss St. Fritz. Priiizenstr. 3l. Hos rechts Varl. 4. Wnlilkrei*: Cn e n: Robert Sengeis. Gr. Franlsurterstr. 120. — Richmd Hackelbusch. Pe.ersburgervlatz 4(Ladeii). 4. Wahlki-eh». S ii d o sl c n: Paul B ö b m. Lausitzervlatz l4/lb. 5. Wahlki-eli,; Leo stucht, Jmmanuelkirchftr. 12(Hos). 6. M nhlkrci»( 81« n Ii i t): Karl Anders. Salzwedelerstr. S. 81 ,-«I«IIiix: Karl Weiße. Nazaretbkirchiwaße 49. KuKeiitlialer und Oranienbiirgei* Vorstadt: Wilhelm B a il in ci n n, Bernauersir. 9, vorn�part. kSMiiidlii-aiiaoii: F. Trapp, Stettinerstr. lO. £*o]i�nliaiiNCi* Vorstailt: Karl M a rS. Lychenerstr. 123. itdlri'Nliof: KarlSchwarzlose, Hofsmannitr. 9. Alt-t.lirnlcke: Wilhelm Dürre, Rudvweritr. 83 II. Ila»i>»w«'I>»Ir!»a ex: H. Hornig, Marienthalerstr. 13, I. 1t rrnaii, ItOntgenial. JÄepornlck, Schünow und SchOn* brück: Heinrich B r o j e, Hobeileiiiilr. 74, part. »Kcsdorx: Leopold Peters. Dorsstr. 38..„ BohiiHdorf und Kalkoiiberg; Alois Lauf. Bohnsdorf, Ge. nossenschastshaus.Paradies"._ Charloiirnkiii-R: CSuilnn Scharnberg, selenbeim-rstraBe 1. Dieb,, aide. Xentben. Mlermlorf und Hankcla Ablage: Oskar Mahle, Eichwalde, Stubeiirauchstr. 99. ürkaer; Ernst H o s s ni a n n, Friedrichshagener Chaussee. l!'re«Ier«d>9. Hos I, in Steglitz._, Frlcdrlclitthagpii: Ernst See[mann, Köpenick« Straße 18. 4»i iinan: Franz Klein. Bahiihositr. 6 III. dobaniiiict I>»I: P i e l i ck e, Kniier-Wilhelm-Platz 4. Karloboract: Richard K ü t e r, Rödelslr. 9, II._,. IibnigN-\V utiterhauKcn: Friedrich B a u m a n n, Bahnhosstr. 13. tziiinenick: Emil W i ß I e r, Kietzerstr. 8, Laden. KJcfitenberg, Fried rlchofelde, Wilhelmoberg; Otto Seilet, Kroiiprinzciisiraße 4, L„ m kSahlHdorf, KaiilMA. Rosenkranz M-Boichagen 56. Schöiicbcrg: Wilhelm Läumler, Martin Lutherstr. 51, im Laden Spandau: Koppen. Jagowstr. 9. Siegel, ISoi*Hlgwaldc, Wittenau« Waidmannslust, llcrnuadorl* und Itcinlckendorf• West: Paul Kienast, Borsigwalde. Räiischstraßc 10. Veltow: Wilhelm B o n o w, Teltow, Zehlendorfer Str. 4. Vempelhof: Albert Thiel, Berliner Straße 41/42. Vreptow: Rod. Grauienz, Kiesholzstraße 4l2. Laden. Welbeusee: K. Fuhrmann. Sedanstr. 105, parterre. Vi liiiicradurr-Hulensee-ScItniargendorf: Paul Schubert WiheliiiSaue 2V. 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