Ur. S. HbonnfmcntS'Rcdingungen: «bonnemenlS■ Preis pränumerando: Liertcljährl. ZP0 Mr, monotl. 1,10 Md. wöchentlich 2S Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags- nunimcr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland uitd Oesterreich- Ung>cr>t 2 Mark, für das übrige Zlusland L Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Aumäuien, Schweden und die Schweiz, 38. Jahrg. CrfAcInt täglich außer lilontaas. Vevlinev Volksblnkt. Die TnfertionS'Gebüljr Betragt für die sechsgespaltene Kolonel- zcile oder deren Raum K) Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- nnd Versammlungs-Anzeigen M Pfg. „liletn- Anreisen", das erste lseil- gedruckte) Wort 20 Pfg. jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes wettere Wort S Pfg. Worte über lb Buchstaben zählen inr zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S lthr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist pis 7 Uhr abends geöfsnet. Telegramm-Adresse: „ScziallUinolirit Rcrlin'* Zcntralongfan der fozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68, Linden Strasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Statt Blal)!reform reaktionärer fugendfang! Die Thronrede, mit der Herr V. Bethmann Holllvcg am Dienstag im Weißen Saale im Namen Wilhelms II. den preußischen Landtag eröffnete, hat folgenden Wortlaut: „Seine Majestät der Kaiser und König haben mich mit der Eröffnung des Landtags der Monarchie zu beauftragen geruht. Die Besserung der Staatsfinanzen dauert fort. Im abgelaufenen Rechnungsjahre 1909 haben sich die Einnahmen, und namentlich der bei den Staatseisenbahnen erzielte Reinüber- schuß so günstig entwickelt, daß die Rechnung mit einem weit ge- ringeren Fehlbeträge abgeschlossen hat, als im Etat veranschlagt war. Dank dieser günstigen EntWickelung, die sich im laufenden EtatSjahre fortgesetzt hat, konnten die Staatseinnahmen für das Rechnungsjahr 1911 entsprechend höher veranschlagt werden. Gleich- wohl reichen diese Mittel zur Deckung des Ausgabebedarfs nicht aus. Dabei ist indessen zu beachten, daß die im vorigen Jahre be- fchlossene Neuordnung des Eisenbahnetats den für 1911 veran- schlagten Reinüberschuß der Staatseisenbahnen nicht mehr voll für allgemeine Staatsausgaben bereitstellt. Der Etat, der Ihnen als- bald zugehen wird, schließt daher wiederum mit einem, wenn auch geringeren Fehlbetrage ab, der jedoch hinter der zur Auffüllung des Ausgleichfonds der Eisenbahnvcrwaltung vorgesehenen Summe noch zurückbleibt. Zur Erweiterung und besseren Ausrüstung des Staatseisen- bahnnetzes sowie zur Unterstützung von Kleinbahnunternehmungen werden wiederum erhebliche Mittel angefordert werden. Die Schwierigkeiten, welche der Erfüllung größerer kommu- naler Aufgaben in einheitlichen Wirtschaftsgebieten aus der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der beteiligten Gemeinden erwachsen, sind neuerdings immer schärfer hervorgetreten. Ihnen soll nach dem Wunsche des Hauses der Abgeordneten durch die Ausgestaltung des kommunalen Verbandswesens abgeholfen werden. Ein Gesetz- cntwurf über die Bildung von Zweckverbänden ist bereits ausgearbeitet worden. Die Entwickelüng Berlins und der umliegenden Gemeinden und Landkreise hat besonders auf den Gebieten des Verkehrs und der Bebauung eine Interessengemeinschaft herbeigeführt, die drin- gend der Organisation bedarf. Es soll daher durch eine Gesetzes- Vorlage, welche Ihnen sobald als möglich zugehen wird, für das Bahn, und Baufluchtwesen, sowie zur Erhaltung eines Wald- und Wiesengürtels ein Verband Groß-Berlin auf der Grundlage freier Selbst- Verwaltung geschaffen werden. Der in der vorigen Session unerledigt gebliebene Entwurf einer Novelle zu der Rheinischen Gemeindeordnung ist Ihnen wiederum zugegangen. Die zur Vorbereitung der Verwaltungsreform Ve- rufene Jmmediatkommission hat die ihr obliegenden Arbeiten nach- drücklich zu fördern gesucht. Auf Grund ihrer Tätigkeit ist zunächst eine vereinfachte Geschäftsordnung für die Regierungen erlassen worden. Einem weiteren Vorschlage der Kommission entsprechend wird Ihnen voraussichtlich noch in der laufenden Tagung ein Gesetz- cntwurf vorgelegt werden können, der die Rechnungsprüfung durch die Oberrechnungskammer vereinfachen soll. Das aus wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen erwachsene Werk der inneren Kolonisation schreitet fort. Unter Aufwendung erheblicher Staatsmittel sind neuerdings auch in den Provinzen Brandenburg und Pommern gemeinnützige Organisa- tionen geschaffen worden, die sich die Vermehrung des bäuerlichen Besitzes und die Scßhaftmachung von Arbeitern zur Aufgabe stellen. Es sind Verhandlungen darüber im Gange, inwieweit diese koloni- sierende Tätigkeit durch besondere Maßnahmen der Gesetzgebung gefördert werden kann. Auch die Erschließung der noch nicht kultivierten Moore und der sonstigen Oedländereien wird fernerhin en verstärktem Maße in Angriff genommen werden. Um die körperlichen und sittlichen Kräfte der schulentlassenen Fugend zu entwickeln und für das Leben zu festigen, hat sich die StaatSregierung entschlossen, eine planmäßige Ausgestaltung der Jugendpflege einzuleiten. Zur Durchführung dieser Aufgabe sind im Staatshaushaltsetat für 1911 besondere Mittel vorgesehen. Sie sollen vor allem dazu dienen, d i c bestehenden, auf freiwilliger Grundlage be- ruhenden Einrichtungen der Jugendpflege aus- zubauen und zu erweitern und die auf diesem Gebiete bisher schon bewährten Kräfte zusammenfassend zu unter- stützen. Von Erfolg werden die Absichten der Staatsregicrung nur begleitet sein können, wenn sie in der freiwilligen Mitarbeit weite- ster Kreise d-»? Volkes tatkräftige Unterstützung finden. Dem gleichen Zwecke wird die weitere Ausgestaltung des Fortbildungsschulwesens dienen, das die Wirtschaft- liche Förderung des heranwachsenden Geschlechts zum Ausgangs- Punkt für seine sittliche Erziehung nimmt. Ein Gesetz, durch das die Errichtung von Pflichtfortbildungsschulen für die männliche Jugend in den Gemeinden mit mehr als 19 999 Einwohnern sicher- gestellt werden soll, wird Ihnen demnächst zugehen. Der in der vorigen Tagung des Landtags nicht erledigte Eni- Wurf über die Verpflichtung zum Besuch ländlicher Fort- bildungsschulen in den Provinzen Brandenburg, Pommern, Sachsen und Westfalen, in der Rheinprovinz und den Hohenzollern- schen Landen wird Ihnen erneut zur Beschlußfassung vorgelegt werden. Ein weiteres gleichartiges Gesetz für Schleswig-Holstein ist in Aussicht genommen. Meine Herren! Indem ich Sie bei Wiederaufnahme Ihrer Arbeiten im Auftrage Seiner Majestät willkommen heiße, gebe ich der Zuversicht Ausdruck, daß Ihre Beratungen und Beschlüsse im Zusammenwirken mit der Königlichen Staatsregierung frucht- bringend sein werden zum Segen des Vaterlandes. Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers und Königs erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet." Wie nach den offiziösen Meldungen der letzten Wochen vor- auszusehen war, wird dem Landtage keine Wahlrechtsvorlage zu- gehen. Die Verschleppungsabsichten des Herrn v. Bethmann Holl- weg haben wir bereits in unserm gestrigen Leitartikel gewürdigt. Geradezu ungeheuerlich aber ist es, daß in der Thron- rede die Wahl reform auch nicht einmal mit einem Sterbenswörtchen erwähnt ivtrd! Das ist ein Beweis einer Nichtachtung der unter der gegenwärtigen Wahlrechtsschmach leidenden Bevölkerung, wie er eben nur in Preußen möglich ist! Hinzukommt, daß bereits die Thron- rede vom 28. Oktober 1908 die preußische Wahlreform als „eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart" bezeichnet hatte. Und dieser selbst nach der Auffassung der Krone so wichtigen Aufgabe wird in der neuesten Thronrede nicht einmal Erwähnung getan! Wir wissen nicht, ob das aus unerforsch- lichcr bethmännischer Staatsweisheit geschehen ist oder deshalb, weil man inzwischen über die Wichtigkeit der Wahlreform anderer Meinung geworden ist. Zu einer Zeit, wo man es endlich für an der Zeit gehalten hat, dem elsaß-lothringischen Volke ein Wahlrecht einzuräumen, das trotz aller kleinlichen reaktionären Kniffe dem Reichstagswahlrecht jedenfalls unendlich viel näher steht, als der Wahlrechtskarikatur, die sich in Preußen Wahlrecht nennt, sollte man das allerdings kaum für möglich halten. Wie dem aber auch sei: die Volksmassen, nicht nur in Preußen, sondern im ganzen Reich, wissen nun, daß eine durchgreifende Wahlreform für Preußen nur dadurch errungen werden kann, daß allen Reaktionären und Wahl- rechtsfcindcn bei den Reichstagswahlen eine zerschmetternde Niederlage beigebracht wird! Außer dem, was nicht in der Thronrede enthalten ist, verdient besonders der Passus besondere Beachtung, der eine „planmäßige Ausgestaltung der Jugend- pflege" ankündigt und eine staatliche Subvention der bürgerlichen Jugendorganisationen, überhaupt all der Jnsti kutionen fordert, die in„Jugendpflege" machen. Es handelt sich dabei um nichts anderes, als um einen neuen Husarenritt gegen die Sozialdemokratie. Statt einer Wahlreform soll dem Proletariat eine großzügige Organisation des reaktionären Jugendfangs beschert werden. Man will mit dem klaffen- bewußten Proletariate wieder einmal„um die Seele des Arbeiters" ringen, wie das Herr Delbrück, der verflossene preußische Handelsminister, seinerzeit bei der Einbringung der Berggesetznovelle so schön ausdrückte. Man will nicht nur der freien Jugendbewegung, die man obendrein polizeilich zu Tode zu drangsalieren sucht, den Boden abgraben, sondern die proletarische Jugend überhaupt dergestalt mit hurra- patriotischem Ungeiste erfüllen, daß sie für die sozialdemo- kratische Weltanschauung und Klasscnbewegung auch in reiferen Jahren verloren ist. Das ist ja nun eine Absicht, die die Sozialdemokratie mit innigem Mitleid für ihre Initiatoren erfüllen könnte, zugleich aber auch ein so charakteristisches Zeichen für das Sinnen und Trachten der Reaktion, daß diese pfäffisch- scharfmacherisch- bureaukratische„Jugendpflege" auf Generalunkosten der Steuerzahler eine gründlichere Be leuchtung verdient. Der Vorstoß der Reaktion, der sich in diesen Bemühungen um die Erhaltung demütiger Untcrtanengesinnung bei der heranwachsenden proletarischen Jugend verkörpert, kommt der Sozialdemokratie nicht unerivartet.. Gipfelt doch die treffliche Abhandlung des Redakteurs der„Arbeiterjugend", des Genossen Karl Korn, über„die bürgerliche Jugend- beweguug"') in dem Hinweis auf die geschäftigen Be- strebungen, die bürgerliche„Jugendpflege", die bisher noch ein ziemlich buntscheckiges Bild bietet, zu zcntrali- sieren und unter das Protektorat der kommunalen und staatlichen Behörden zu stellen. Denn daß mit der bisherigen Methode des konfessionellen, muckerischen Seelenfanges einer Klaffen- und Kulturbewegung wie der des modernen sozialistischen Proletariats kein Damm entgegen- zusetzen ist, hat man trotz aller Ruhmredigkeit doch allmählich begriffen. Nicht nur die Leiter der katholischen Jugeudvercine haben erkannt und es offen ausgesprochen, daß selbst inner- halb des Herrschaftsgebietes der katholischen Kirche die patriarchalische Organisations- und Agitationsform ihre Anziehungskraft auf die moderne Jugend einzubüßen begonnen hat, sondern auch die evangelischen Jugend- Pädagogen sind dahinter gekommen. daß es mit dem Anpredigen der Jugend endgültig vorbei ist. Einer der Vorkänipfer der Christlichen Vereine junger Männer, v. Hassell, hat es offen zugegeben,„daß es uns bisher nicht gelungen ist, die proletarische Jugend in nennenswertem Umfange in unsere Vereine zu ziehen und daß wir einen Weg hierzu noch nicht gefunden haben". So hat man sich denn, weil alle Reorganisationsversuche aus eigener Kraft nicht den gewünschten Effekt zeigten, an die preußische Bureaukratie herangemacht, um behördliche Förderung zu *) Verlag: Buchhandlung Vorwärts. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. erlangen und staatliche und kommunale Geld» mittel flüssig zu machen. Und die preußischen Staatsbehörden haben sich auch nicht vergeblich bitten lassen. Bereits im Jahre 1901 ersuchte der Handelsminister die Regierungspräsidenten um tatkräftige Unterstützung aller vorhandenen bürgerlichen Jugendvereine und-Bestrebungen. Und mit einem Erfolg, der den Re- gierungspräsidenten im Jahre 1905 bereits den Dank dreier preußischen Minister eintrug. Im gleichen Jahre erließ der Kultusminister Studt einen Erlaß„an die königlichen Re- gierungcn", in dem es hieß, daß die Frage, wie die schul- entlassene Jugend„durch Bildung, passenden Umgang und angemessene Unterhaltung zweckmäßig fortzubilden und f ü r ihre Bestimmung in der bürgerlichen Ge- s e l l s ch a f t zu erziehen sei. in letzter Zeit fortgesetzt Gegenstand eingehender Erörterung der Staatsbehörden gewesen" sei. Man schuf denn auch ein halboffizielles Institut, die„Zentralstelle für V 0 l k s w 0 h l f a h r t"(I), die im Sinne der Reorgani- sation und Zentralisation der verschiedenen Jugeudpflegc-Ein- richtungen fieberhaft tätig war. Im Jahre 1908 kam dann ein neuer Erlaß des Handelsministers heraus, durch den alle diese offiziellen und offiziösen, staatlichen und kommunalen Zentralisierungsversnche ihr organisatorisches Rückgrat an- gewiesen erhielten: die Fortbildungsschule. Es heißt in diesem Erlaß: „Gegenüber den überwiegenden Einflüssen, denen die Fortbildungsscvüler tagaus, tagein auf der Arbeitsstelle und im Kreise der Altersgenossen unterliegen, kann aber die erziehliche Einwirkung der Fortbildungsschule nicht von weit- gehender Wirkung sein, so lange sie sich auf die 4—9 Stunden wöchentlich beschränkt, die ihr die jungen Leute in der Regel nur angebören. Die vornehm st e Aufgabe der Fortbildungsschule aber wird ihnen die erziehliche sein, darum darf sie sich nicht aus die Zeit des lehrplanmätzigen Unterrichts beschränken, sondern muß bestrebt sein, auch außerhalb der Schulstunden Einfluß auf die ihr anvertraute Jugend zu gewinnen.... Das Ziel muß sein, eine willig aufgenommene innere B e> e i n f l u s s u n g d e r Jugend zu erreichen." Zu diesem löblichen Zweck, die Arbeiterjugend völlig im Geiste der herrschenden Klassen zu erhalten, empfiehlt der Minister, die Fortbildungsschüler in Vereine zu orga- nisieren, an denen die Leiter und Lehrer der Fort» bildungsschule beteiligt sind, ferner Lehrlingshciiuc, Versorgung der jungen Leute mit Lesestoff, Vortragsabende, musikalische Unterhaltungen usw. usw. Um„dem Zu- sammenivirken der staatlichen und kommu- nalen Organe Nachdruck und Geschlossenheit zu geben" empfiehlt er weiter Provinzialverbände unter der Leitung fest- besoldeter Beamten. Und die D a r m st ä d t e r Jugend- konserenz, auf der alles vertreten war, was sich mit„Jugendpflege" im«ordnungsfreundlichen", das heißt arbeiterfeindlichen Sinne betätigt, bestätigte und unterstrich diese ministeriellen Anregungen. Man sieht also völlig klar, wohin die Reise gehen soll. Die proletarische Jugend soll mit einem festgefügten Netz von Organisationen umsponnen und durch Jugendveranstaltungen aller Art derart bearbeitet werden, daß sie gegen die Lehren des Lebens, gegen die Einflüsse der Politik völlig immunisiert wird. Was katholische und protestantische Muckcrei, Lehr- lings-Verbäude und Jungfrauenbünde,„nationale" Turnvereine und patriotische Klimbim- Veranstaltungen auf tausend Wegen und oft mit den zweifelhaftesten Mitteln, mit Ünternehnierzwang und raffinierten Verführungs- lünsten, erstrebte, das soll jetzt aus Staatsmitteln unterstützt und organisatorisch zusammengefaßt werden! Der kapitalistische Zuchthausstaat soll durch Einfügen eines neuen Rings vervoll- ständigt werden. Aus der Schule, die in den Dienst des Kapitalismus gespannt wird, soll die Arbeiterjugend mit un- widerstehlichem Zwang in das geistige Prokrustesbett der „Jugendpflege" gestreckt und dann schließlich zum letzten Schliffe den uniformierten„Stellvertretern GottcS" ausgeliefert werden! Dieweilen die Jugend der b e- sitzenden Klasse ein freies, flottes Burschenlcben führt, soll die proletarische Jugend in die Zwangsjacke pfäffischcr und bureaukratischer Bevorniundung gesteckt und auf den Kaserneuhöfen geschliffen werden, auf daß man sie den Idealen ihrer Klaffe entfremde, dem Einfluß ihrer Arbeitsgcnossen und Eltern entziehe. Und dafür soll der Staat, ivie die Ucbersicht über den Etat in mörderischstem Amtsdeutsch es ausdrückt, 1 Million Mark„zu Beihilfen für Veranstaltungen dritter zwecks Förderung der Pflege der schulentlassenen männlichen Jugend sowie zur Ausbildung und Anleitung von für die Jugendpflege geeigneten Personen" bewilligen I Keine Wahlreform, keine Volksrechte, aber neue Er- drosselungsmaßregeln wider den Geist des KultursorkschrittS I Das ist der Kern der Thronrede! Und diejenigen, gegen die der Feldzug gerichtet ist? Für sie gelten die Worte Korns:„Daß>mr die Hände nicht in den Schoß legen, ist selbstverständlich. Daß wir unsere Jugendeinrichtungen ausbauen, dazu zwingen uns schon die verzweifelten Anstrengungen der Gegner, von denen ivir mancherlei zu lernen haben. Aber in dem, was in allen Gcisteskämpfen not tut, sind wir ihnen zweifellos überlegen. Noch haben sie die Gewalt, die sich auf die Vergangenheit be- ruft, aber wir repräsentieren die Kraft, die der Zukunft gewiß ist." Zufammenbriicl). Bor der Strafkammer Lieber hat am Dienstag Verteidiger Heine von dem bitteren Gefühle gesprochen, das ihn angesichts der Tatsache überkam, dah die vielwöchentliche Beweisaufnahme bei der Staatsanwaltschaft absolut unfruchtbaren Boden gefunden hat. Aber der Riescuprozeß ist doch nicht umsonst geführt worden. Nicht bloh wegen seines unleugbar tiefen Eindrucks auf die öffentliche Meinung. Im Schwurgerichtsprozeh war am Dienstag noch eine andere Wirkung zu spüren: die beiden ersten und Hauptzeugen der Polizei. Herr Major St lein und Herr Leutnant Folie konnten angesichts deS gravierenden Beweismaterials, da» die Strafkammerverhandluug aufgehäuft hat, ihre in dieser vorgebrachte Behauptung. da« ihre Beamten keine Aus- schreit, lngeu begangen hätten, nicht mehr aufrecht halten. Sie , nutzten diese Position als unhaltbar aufgeben. Und wenn sie auch ihre Zugeständnisse möglichst einzuschränken suchten, wenn sie natür» lich auch von einzelnen Berfehlungen sprachen und allerlei Ent- schuldigungsgründe vorbrachten— die Tatsache, datz die Vertreter der Polizei selbst von dem stolzen Piedestal herabsteigen mutzten. das sie anfänglich zu behaupten entschlossen wareir, redet so laut, so deutlich, datz nichts diese Stimme übertönen kann! Und noch lauter als dieses Zugeständnis spricht ein anderes, still- schwelgendes. Wenn der Kommandant der Polizeimacht von Moabit auf die Frage nach dem Verhalten der Kriminalbeamten den Ver- teidiger dringlich ersuchte, ihm die Antwort auf diese Frage zu erlösten, so weitz jeder, was das zu bedeuten hat und keiner wird sein, der da nicht die Wahrheit der Worte tief empfindet: Keine Antwort ist, auch eine Antivort. Diese Antwort und diese Nichtanwort bedeuten den Zusammenbruch der Behauptung, datz die Polizei sich musterhaft verhalten habe, datz sie keine Schuld trage an den Krawallen von Moabit, datz nur einzelne wenige Beamte sich vergessen und Ausschreitungen verübt hätten. Und noch eine andere Behauptung der Polizei und der ursprüng- lichen Anklage vor der Strafkammer ist in dieser Schwurgerichts- sitzung in die Luft geflogen. Man lese nach, was Herr Major Klein über die Nolle der Unberufenen gesagt hat, die sich überall ein- mischen und den Führer markieren. Das ist der Zusammenbruch der Phantastischen Behauptung von der„planmätzigen Leitung", Endlich aber verdanken wir Herrn Leutnant Folte noch eine wertvolle Bekundung. Er hat uns einen tiefen Einblick in die scharfmacherische Haltung der Firma Kupfer u. Co. vor dem Tage der Unruhen eröffnet, er hat gezeigt, wie unzugänglich die Firma den vernünftigen Vermittelungsvovschlägen des Herrn Leutnants war. Wieviel Unglück wäre vermieden worden, wenn die vernünfti, gen Vorschläge des Herrn Folte bei Herrn Buschmeier Erfolg gehabt hätten! Das letzte Treffen. In der Dienstagssitzung des Moabiter Strafkammer- prozesseS sind die Auseinandersetzungen zwischen Staatsanwalt- fchaft und Verteidigung zu Ende geführt worden. Noch einmal versuchten die Herren Steinbrecht und Stelzner zu retten, was nicht zu retten ist, noch einmal wurde das Sprüchlein von den.einzelnen Mitzgriffen", von den„Ausnahmen" vorgebracht, das angesichts der überwältigenden Masse der erwiesenen Mitzhandlungen und Brutali- täten nun einmal absolut nicht versangen kann. Aber es ist doch schon ein Rückzug der Staatsanwaltschaft zu bemerken. Wenn Herr Steinbrecht sich bemüht, die Polizeibeamten von dem Vorwurf zu eutlasten, datz die Ausschreitungen ein Produkt der Lust an der Roheit waren, wenn er sie lediglich als Folg« der Erregung der Beamten, als einen AuSfluh der Vorstellung hinzu- stellen versucht, datz sie von der Bevölkerung gefährliche Angriffe zu erwarten hätten, datz ihr Leben bedroht sei. so plädiert er für mildernde Umstände, so gibt er zu, datz es vieles gibt. loaS sonst nicht zu rechtfertigen ist. Gerade für die schlimmsten Brutalitäten aber, die Mitzhandlung ruhiger Passanten in menschenleerer Strotze trifft der mildernde Umstand der Erregung nicht zu. Diese Bru- talitäten sind kalten BluleS verübt worden, und die Beamten, die sich so vergangen haben, trifft der schwere Vorwurf, datz sie ouS reiner Lust an der Brutalität gehandelt haben, mit voller Wucht. Aber auch die andere Behauptung des Ersten Staatsanwalts, datz die schweren Ausschreitungen erst nach dem 26. September, erst nach den Angriffen auf verschiedene Beamte, erst nach dem Messerstich des Angeklagten Bock vorgekommen und der Erregung über diese Dinge entsprungen seien, treffen nicht zu. Schon am Nachmittag deS 20. sind Brutalitäten von Schutzleuten verübt worden und auch schon vorher, ehe noch die eigentlichen Unruhen begannen. Sehr sonderbar mutet au? dem Munde des Vertreters der Staats- anwaltschaft, die alles getan hat, um die einwandsfrcien Zeugen der Verteidigung zu diskreditieren, der Vorwurf an, datz die Verleidiger die Zeugen der Staatsanwaltschaft zu sckars angefaht haben, so datz sich viele Leute scheuen würden, überhaupt noch vor Gericht Bekundungen zu machen. Skrampfhast klanimert sich Herr Steinbrecht an den Ein- wand, die Aussagen der Verteidigungszeugen seien nicht beweis- kräftig, weil sie nicbt gesehen hätten, was die Mihhandelten vor der Verprügelung verübt hätten. Wir haben schon nachgewiesen, datz diese letztere Behauptung auf sehr viel« Zeugen einfach nicht zutrifft; autzerdem kann die Mitzhandlung eines am Boden Liegenden, eines Fliehenden, eines Wehrlosen auch dann nicht entschuldigt werden. wenn der Betreffende vorher eine Straftat begangen habe» sollte. Tie moralische Schuld der Sozialdemokratie an den Unruhe» will sich Herr Steinbrecht auf keinen Fall rauben lasten. Mit positiven Nachweisen kann er diesen haltlosen Vorwurf nicht be- gründen. So bringt er schillernde Scheinbeweise, billige Phrasen,' die Leute ohne Urteilsfähigkeit Gründe vortäuschen mögen. Welch ein durchschlagendes Argument ist doch der Schlutz: weil die Moabiter Arbeiter sonst ruhige Leute sind, so lätzt sich der Hätz gegen die Polizei, den sie bei den Unruhen gezeigt haben. nur durch fahrelange Verhetzung erklären. O nein, Herr Erster Staatsanwalt! Wenn die Moabiter Arbeiterschaft in normalen Zeitläuften ruhig und gesetzesliebend ist, so beweist ihre Erregung gegen die Polizei bei den Unruhen lediglich, datz die Taten der Polizei selbst bei ruhigen Leuten matzlose Erbitterung auslösen mutzten. Die Abneigung der Arbeiter gegen die Polizei besteht auch in normalen Zeiten— weshalb, das haben die Verteidiger beut- lich genug auseinandergesetzt—, aber diese Abneigung inacht sich gemeinhin isicht in törichten Worten oder gar Taten Lust, weil der moderne, klassenbewutzte Arbeiter in der Schule der Arbeiterbewegung Disziplin lernt. Wenn sie bei Ereignissen, wie die zu Moabit, bei einzelnen überschäumt, so liegt der Anlatz eben in diesen Ereignissen, eben in dem Verhalten der Polizei. Ganz und gar daneben trifft der Vorwurf, den Herr Steinbrecht gegen die proletarische Jugendbewegung erhebt, oder vielmehr dieser Pfeil fliegt auf den Schützen zurück. Weitz Herr Steinbrecht nicht, wie diese Bewegung von den Staatsgewalten auf Schritt und Tritt geschu- rigelt und geschädigt wird? Und dann beschwert sich der Anwalt des Staates darüber, datz die Bewegung noch nicht genügenden Ein- flutz ausübt! Eine kühne Behauptung stellte Herr Stelzner auf: Lockspitzel gibt es in Deutschland nicht! Auf den Beweis, den der Herr Staatsanwalt für den Prozeß gegen den„Vorwärts" der- sprachen hat, sind wir ehrlich neugierig I Wir sind indes heute schon gewiß, datz diese Neugier nicht befriedigt wird, datz Herr Stelzner sein Versprechen nicht wird halten können. Scharf replizierte die Verteidigung. Heine unterzog die wackligen Scheingründe der Anklagebehörde einer wahrhaft ver- nichtendcn Kritik. Schneidend war sein Nachweis, auf welcher Seite die Einschüchterung der Zeugen geübt wird, wo der Terrorismns gegen unbequeme Zeugen seine Statt hat, gravierend die Anführung, datz auch die Polizei dabei mithilft, so datz die Hilfe der Staats- anwaltschaft gegen sie gefordert werden mutz. Die Herren Staats- anwälte halten freilich erklärt, datz die Ausschreitungen von Polizeibeamten verfolgt werden sollen. Das klingt ganz schön, aber Heine konnte feststellen, datz bisher alle Versuche, die Anklage- behörde gegen solche schuldige Schutzleute in Bewegung zu setzen, vergeblich waren. Wir sind deshalb sehr neugierig, was bei diesem Versprechen der Staatsanwaltschaft herauSloinmen wird. Die meisten der polizeilichen Uebeltäter sind ja überhaupt nicht zu ermitteln und die Anklage, die Rechtsanwalt Dr. Cohn am Montag in seinem Plädoyer erhob, datz die Akten über den Fall Herrmann einen erkcheckend geringen Eifer der Polizei bei der Suche nach den uniformierten Totschlägern verraten, ist nur zu sehr begründet. Noch einmal beleuchtete Heine dann die Haltlosigkeit bej Einwände gegen die Aussagen der Verteidigungszeugen, und noch einmal stellte er unerbittlich die Tatsachen fest, die die Glaub- Würdigkeit der Polizeizeugen bös in Frage stellen. zeigte er die logischen und tatsächlichen Irrtümer, die der Anklagebehörde bei der Bemängelung verschiedener Zeugenaussogen unterlaufen sind. Zermalmend für die bequeme Ausrede von den„vereinzelten Mitz- griffen und Verfehlungen" war die Statistik der Mitzhandlungen, die er den Herren Staatsanwälten vorführte, eine Statcstik, die nur einen Teil der Zeugenaussagen umfatzt, und die doch schon ein geradezu erschreckendes Resultat ergiebt. Wenn 100 Zeugen 218 einzelne Fälle von Mitzhandlungen bekundet haben, wobei die Dutzende von Verprügelungen bei Lokalräumungen nur als ein Fall gerechnet sind, wcim u»ter diesen 100 Zeugen 36 sind, die die einzelnen Fälle nur als Illustration angeführt haben, die so massenhafte Brutalitäten gesehen haben— einer in einer Stunde 100, ein anderer 150— datz sie in ihrer Aussage nur die krassesten Ereignisse besonders zu beschreiben vermochten, so zerplatzt vor diesen Festslellnugen die Ausrede der Staatsanwaltschaft wie eine lustige Seifenblase! Unbarmherzig zerzauste der Verteidiger die Entschuldigung der Staatsanwaltschaft, datz die rohen Schiinpfworte der Polizeibeamten gewissermatze» kompensiert würden durch die Beschimpfungen, die ihnen von der Bevölkerung zuteil geworden seien; er zeigte, datz diese Gleichstellung die Anforderungen, die an den Beamten gestellt werden müsten, einfach ignorieren heitzt! Nicht die Erregung; die Ueberhebung der Beamten, ihre falsche Vorstellung von ihren Rechten gegen die Bevölkterung, das ist die Wurzel der polizeilichen Brutalitäten, und so wenig der Verteidigung ein- fällt, die strafbaren Handlungen auf der Seite der Bürger ouS der Welt zu reden, eS bleibt bei der Feststellung, so schloß Heine seine glänzende Rede, datz die Hauptschuld an den traurigen Borkommnisten der Polizei zuzuweisen ist! Nicht minder kräftig und unerbittlich ging der Verteidiger Th. Liebknecht den Ausreden und BeschönigungSversuchen der Staats- anwaltschaft zu Leibe. Mit ätzender Lauge übergoß er das unglaubliche Unternehmen, aus dem ganz offensichtlich ironischen Gebrauch des Ausdrucks„Moabiter Revolution" im„Vorwärts" zu deduzieren, daß unser Blatt die Vorgänge in Moabit wirklich als ernsthaste revolutionäre Bewegung aufgefaßt habe. Und mit schlagenden Argumenten wies er den lahmen Versuch der Anklagebehöcde ab. Eutschuldigungsgrllnde für die viehischen Mitz- Handlungen vorzubringen, die von der Hintzeichen Änüppelgarde aus dem Ktwferschen Kohlenhofe an wehrlosen Verhafteten verübt worden sind. Dann wandte er sich dem Falle Pilz zu und führte in scharffinniger Deduktion noch einmal die Schwäche der Anklage überzeugend vor, wir möchten fast sagen, er erbrachte den zwingenden Beweis für die Unschuld seines Klienten. Mit einem wirkungsvolle� Hinweis auf die bedenkliche Rolle, die die Kriminalpolizei noch jetzt in Moabit spielt, aus die von ihr geübte Methode der Zeugen- einscbüchterung schloß Liebknecht. Die famose Anklagerede deS Rechtsanwalts Ulrich haben die Verteidiger richtig bewertet, indem sie den gislgeichioollenen Erguß deS armen Verführten einfach mit Stillschweigen übergingen. Die Angeklagten erhielten das Schlußwort. Dabei stellte sich allerdings heraus, datz verschiedene von ihnen fehlten. Sie werden die Versäumnis heute nachzuholen haben. Und dann hat das Gc- rtcht das Wort.... Der„Vorwärts" vor Gericht. In später Abendstunde wurde gestern das Urteil gegen unseren verantwortlichen Redakteur, den Genossen Barth, gefällt. Es lautete auf 2 Monate Gefängnis und die üblichen Nebenstrafen(Vernichtung der Platten usw.). Unsere Leser erinnern sich aus dem gestrigen Bericht, daß Gen. Wendemuth-Solingen von der Elberfeider Strafkammer wegen vier bedeutend schärfere Arttkel, die sich mit derselben Angelegenheit befatzten, zu— 100 Mark Geldstrafe verurteilt wurde! Die Solinger Polizei hat sich, so meinte die erste Moabiter Strafkammer, am 6. März 1910 vollständig korrekt und tadellos benommen: sie konnte demnach nicht anders als in die friedlich einherziehende Menge eindringen, blindlings drauflosschlagen, am Boden liegende Personen. darunter Frauen und Kinder, mit dem Säbel bearbeiten usw. Wir werden den Bericht über die Verhandlung, die zu dem nach Strafhöhe wie nach Strafart selbst für die e r r e g t e st e n Zeiten auffälligen Urteil führte, morgen bringen. poUtilcke(leberlickt. Berlin, den 10. Januar 1911. Erziehung zur Sparsamkeit. AuS dem Reichstag, 10. Januar. Es sind doch gute Menschen, die amtierenden Bureaukraten, das deutsche Volk weitz offenbar gar nicht, was für Wohltäter es an ihnen besitzt. Aber die heutige Interpellation wegen der Z ü n d w a r e n st e u e r hat glücklicherweise dem Staatssekretär Mermuth Gelegenheit gegeben, der Welt ein leuchtendes Licht anzuzünden, das diese obrigkeitliche Fürsorge in hellstem Glänze erstrahlen lätzt. Nachdem namens der interpellierenden Fortschrittlichen Volkspartei der Abg. Enders die großen Nachteile der Zündwarensteuer für die konsumierende Bevölkerung, für die Industrie und die Arbeiter dargelegt hatte, erklärte in der Beantwortung der Staatssekretär Mermuth. datz die Negierung nicht an die Aus« Hebung der Steuer denke. Er verlangte eine Schonzeit für jede neue Steuer. Für die so überaus vexatorische Zündivarensteuer führte er aber unter anderem noch an, datz sie das Volk zur Sparsam- keit erziehe. Sorgfältige Beobachtung habe ergeben, datz jetzt weit weniger verschtvenderisch mit Zündhölzern umgegangen werde als früher. Damit hat er gemütlich ein Argument zur Verteidigung jeder Konsnmsteuer ent- deckt. Auch mit Fleisch und Brot wird seit ihrer Verteuerung weniger verschwenderisch umgegangen. Ja, es gibt schon tugendhafte Menschen, die infolge der Fleischteuerung gar kein Fleisch mehr essen. Wird diese obrigkeitliche Erziehung zur Sparsamkeit nur konsequent weiter betrieben, so wird die Tugend der Enthaltsamkeit noch ungeahnte Fortschritte machen, wenigstens bei den armen Leuten. In der Debatte fand Herr Mermuth freudige Unter- stützung bei dem Grafen Oppersdorf vom Zentrum, der die Liberalen frozzelte wegen ihrer ursprünglichen Hinneigung zur Zündwarensteuer. Der nationalliberale Herr Osann war einerseits für Zündwarenbesteuerung im Prinzip und andererseits gegen die bestehende Steuer in der Praxis. Ter konservative Dr. Diederich Hahn hielt seine dritte Wahlrede in diesem Sessionsabschnitt. Dann wurde ein Vertagungsantrag angenommen. Als der Prä- s i d e n t versuchte, auf die morgige Tagesordnung vor der Fortsetzung der Zündwarendebatte einige andere Punkte zu setzen, protestierte in scharfer Weise Genosse Singer, da dieses Verfahren die Sozialdemokratie ausgeschaltet hätte aus der Debatte. Darauf bequemte sich der Präsident wie die Vertreter der Mehrheitsparteien, den Antrag Singers zu akzeptieren, so datz morgen in der Zündwarendebattc zu nach st fortgefahren wird. Herrn Lentzes Debüt. Der neue Finanznumster, der frühere Magdeburger Oberbiirger- meister Dr. Lentze hat am Dienstag im Abgeordnetenhausc debütiert. Ihm war die Aufgabe zugefallen, den Viermilliardenetat einzubringen, eine schon an sich nicht leichte Aufgabe, die noch da- durch erschwert wurde, datz im Saale die größte Nuaufmerksamkeit herrschte. Die sogenannten Vertreter des preußischen Volkes zogen eS vor. anstatt den Worten deS Hüters der Finanzen zu lauschen, sich ziemlich laut und rücksichtslos zu unterhalten und ihre Ferien- erlebniffe auszutauschen. Freilich hat sich Herr Lentze diese mangelnde Aufmerlsamkeit selbst zuzuschreiben. da er sich im großen ganzen auf die Mitteilung trockenen Zahlenmaterials beschränkte, da? den Abgeordneten sowieso schriftlich zugestellt wird. Geflissentlich vermied er daS politische Gebiet, und auf daS Wirtschaftsgebiet ging er nur ganz kurz ein, als er von dem Anwachsen des Syudikatswesens und von dem Kampf oller gegen alle auf dem Arbeitsmarkte sprach, von dem namentlich die mittleren und kleineren Existenzen den Schaden haben. Ob und wie die Regierung hier eingreifen will, darüber äntzerte sich der Minister nicht. ES sckieint, datz er sich lediglich alS Ressortminister fühlt, der eine eigene Meinung nich» haben darf. Das Bild, das der Etac selbst bietet, ist ein erfreuliches. Schon ded Abscblutz deS Jahres 1909 hat ergeben, datz das auf 155 Millionen geschätzte Defizit nur 23 Millionen beträgt. DaS lätzt den Schlutz zu, daß der neue Etat nicht nur, wie die Finanzverwaltung annimmt, ohne Defizit abschließt, sondern sogar noch erhebliche Ueberscbüsse abwirft. Für Kulturaufgaben wird natürlich, den preußischen Traditionen entsprechend, trotzdem nichts übrig fein. Die Generaldebatte zum Etat wird am Sonnabend beginne«. Ursprünglich bestand die Absicht, bereits am Freitag eine Sitzung abzuhalten, um die Interpellation über die Wiuzernot zu besprechen, doch mutzte dieser Plan aufgegeben werten, da die Regierung sich noch nicht zur Beantwortung bereit erklärt hat.. Der preußische Staatshnnshaltsetat. Der dem Landtage vorgelegte Etat schließt in Einnahme und Ausgabe mit 4 Milliarden Mark ab. Die Mehrüber- schüsse bei den staatlichen Bctliebsvcrlvaltungcn sind auf 131,6 Milliouen veranichlagt, an denen besonders die Eisen- bahuverwaltung beteiligt ist. Tic Einkominensteuer ist mit 15 Millionen, die Ergänznngsstener mit ö1/., Millionen höher veranschlagt. Auch die Forstvenvaltnng und die Lotterie- Verwaltung weisen erhebliche Uebcrschüsse auf. erstere S'/j, letztere 8 Millionen Mark. Dagegen rechnet die Regierung bei der Bergverwaltung ans einen Minderüberschntz von 6 Millionen, teils infolge Sinkens der Kohlenpreise, teils infolge von Neu- und Erweiterungsbauten. Interessant ist der Rückgang an Ueberschüssen bei der Per- waltung der Zölle und indirekten Stenern, der auf 5.8 Millionen geschätzt wird. Bekanntlich verbleibt den Einzel- staaten nach der Reichsfinanzreform vom Jahre 1911 ab nutz noch ein Viertel der in ihrem Gebiet aufgekommenen Ein- nähme an Ncichserbschaftsstener, während sie bis dahin den Beirag ihrer Durchschnittseinnahme aus den Fuhren 1901 bis 1905 beholten konnten. Die Regierung schätzt die Minder- einnähme hieraus auf 3'/z Millionen. Ferner ergaben sich Mindereinnahmen bei der Stempelsteuer um 800000 M., bei den Vergütungen für Erhebung und Verwaltung der Reichs« steuern um 925 000 M., bei der Vergütung für Er- Hebung und Verwaltung der Branntwein- st euer allern um 1 853 000 M. Bei der Handels- und Äewerbeverwaltung ist die dauernde Ausgabe nur rrm 474 705 M. gestiegen, während die Justiz 4,8>Millionen, daS Ministerium deS Innern 3,2 Millionen mehr erfordert, teilweise infolge der Angliederung der Medizinal- abteilung, die bekanntlich vom Kulttisministertum losgelöst ist. Das Kultusministerium erfordert an dauernden Ausgaben 5,7 Millionen mehr, darunter eine Million zu Beihilfen für Veranstaltungen Dritter zwecks Förderung der Pflege der schulentlassenen männlichen Jugend. Man sieht, die Regierung läßt sich den Kampf gegen die Ausklärung der Jugend durch die Sozialdemokratie etioas kosten. Spartanerfinn. Einen recht interessanten Beitrag zur Ehanakteristik des „Krenzzeitungs"-Konservatismus, der sich bekanntlich im wesentlichen� mit der Richtung Hcydcbrand deckt, bietet eine „M ehr Spar tan ersinn" betitelte Zuschrift aus der Westpriegnitz, die die„Kreuzztg." ohne Kommentar abdruckt« In dieser Zuschrift heißt es: „Wenn ich mit den Veteranen sprach, so hörte ich zunächst oft: Wir müßten etwas kriegen, wir haben ja Deutschland erst gemacht und uns in Feindesland herumgeschlagen. Wenn ich ihnen dann sagte: Möchtet ihr wohl die Äriegsjahre in eurem Leben missen?, dann zogen sie ein langes Gesicht, und wenn ich ihnen sagte: Kinder, ihr seid doch furchtbar reich geworden für daS Leben, ihr habt was durchgemacht, ihr könnt erzählen, dann leuchteten ihre Augen. Das Vetcranengeld a l S schuldigen Ehrensold zu heischen, hat man ihnen hei» gebracht sie lassen e'S sich gern gefallen, obwohl sie innerlich ba- von n i ch t ü b e r z e u g t si n d. sonbern zugestehen, s i e h ä t t e n nur ihre Pflicht getan, und später würden sie genau so getan haben. Es ist eine wahre Krankheit, die Sucht, Rente zu bekommen. Die Jiwalidengesetzgebung hat auch diese gezeitigt. Wer das Glück hatte, 1870 mit draußen zu sein, schiebt nun Altersgebrechen usw. sofort auf den Krieg, als ob in den 40 Jahren seit demselben die Gesundheit von ihnen zart in acht genommen worden sei. Aber wer 70 einen Schnupfen hatte oder anal Leibschneiden, der hat sein jetziges Rheuma usw. sich dort geholt. Wenn ich das den alten, braven Kerlen sage, dann ge- stehen sie es lächelnd zu, aber ohne Gebrechen gibt es doch nichts. Spa rta n e r s i n n i st n o ch i m V olk, aber die w e ich lich e Art von heute sucht ihn auszutreiben." Ein recht billiges Vergnügen, den armen, kranken und hungernden Kriegsveteranen, die in ihrer Not nach einer kleinen Rente verlangen,„S p a r t n n e r s i n n" zu predigen und sie auf die Freude an ihren Taten zu verweisen. Wir haben noch niemals gehört, daß die„Kreuzzeitung", wenn höhere Gehälter für Offiziere(auch solche, die nie ähr Leben in einem Kriege aufs Spiel gesetzt haben) gefordert wurden, sich gegen solche Forderungen gesträubt und dm Herren Generälen„S p a r t a n e r s i n n" empfohlen hätte. Es ist uns auch ganz unbekannt, daß sich die„Kreuzztg.", als nach dem Krieg von 1870/71 die Herren Generäle ein Geschenk von 9 Millionen Mark erhielten und Bismarck mit dem Herrensitz Friedrichsruh beglückt wurde, gegen solche Ver- schwendung öffentlicher Mittel mit dem Einwand gewandt hätte, die Betreffenden, die Mdem nieist schoiu vorher sehr vermögende Leute waren, hätten nur ihre Pflicht getan und möchtm es sich an der Freude an ihren Tatm genügen lassen. Auch wenn schwerreiche Grvßgrundbesitzer eine Erhöhung landwirtschaftlicher Zölle verlangen, um auf Kosten der großen Volksmasse enorme Profite einzustecken oder wenn die Krone eine mehrere Millionen betragende Erhöhung der königlichen Zivilliste wünschte, hat noch niemals die„Kreuzztg." an den „Spartanersinn" gemahnt. Nur bei den armen, kranken Kriegsveteranen hält sie eine solche Mahnung für angebracht. Besser kann die söge- nannte Volksfreundlichkeit des Konservatismus kaum illustriert werden. Die„Canaille" ist gerade gut genug, auf den Schlachtfeldern ihr Blut für das teure Vaterland zu vergießen— die Vorteile gebühren lediglich den Edelsten und Besten. Die»�kölnische Zeitung" über die Thronrede. Die„Kölnische Zeitung" schreibt zu der Thronrede:„Die preußische Thronrede könnte ohne Begleitsatze hinausgehen, denn sie enthält nichts als eine lockere Aufzählung der Gesetzesvorlage», mit denen sich der preußische Landtag in seiner neuen Session zu befassen haben wird. Unter diesen Borlagen ist aber keine, die eine Ueberraschung bedeutet, keine, deren Schicksal die Nation in Leidenschast oder auch nur in Bewegung versetzen könnte. Die beutige Thronrede ist ohne Schwung und riecht nach der Kanzlei. Hat man die preußische Thronrede zu Ende gelesen, so weih man von den Fragen, die Preußens Politik bewegen, genau so viel wie vorher und doch gibt cS gerade in Preußen augenblicklich eine ganze Reihe ungelöster Rätsel, an denen die Regierung bei so günstiger Gelegenheit nicht so ohne weiteres hätte vorübergehen dürfen." Die„Köln. Ztg." vermißt u. a. die Frage der Polenpolitik und jede Bemerkung zu der Reform des Wahlrechtes.„Eine direkte Lücke im Programm ist, daß das halbamtlich angekündigte FeuerbestattungSgesetz nicht unter den Aufgaben des neuen Landtages steht. Es ist wieder verzögert worden, die einzige Hoffnung, die man an den neuen Minister des Innern geknüpft hat, muß wieder begraben werden. In Preußen kann mait in der Hoffnung arm genug sein." Zur Verteuerung des Fernsprechverkehrs. . In seiner Sitzung am Montag beschäftigte sich der Zentral- dusschuß Berliner kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Vereine mit der Stellungnahme zu den Beschlüssen der Budget- tommission zur Telcphonreforin. In der einstimmig angenomme- nen Resolution heißt ei:„Der Zentralausschuh erkennt den Weg- fall der ursprünglich vorgesehenen Einzelgesprächsgebühr an, sieht jedoch die Gestaltung der Pauschtarissätze als derart exorbitant an. daß die dadurch bewirkte Verteuerung der ursprünglich be- fürchteten Verteuerung in nichts nachstehen würde. Der Zentral- ausschuh fordert eine bedeutende Ermähiguug dieser Tarifsätze und schlägt hierfür folgende Staffel vor: Bis zu 3000 Gesprächen 75 M., von'3000 bis 6000 Gesprächen 125 M., von 6000 bis 9000 Gesprächen 150 M., von 9000 bis 12 000 Gesprächen 175 M., von 12 000 bis 15 000 Gesprächen 200 M., über 15 000 Gespräche dürfen von einem Apparat ans nicht geführt werden. Die Grundgebühr darf 100 M. nicht überschreiten, die Stichproben zur Ermittelung der GcfprächSzahlen müssen drei- bis viermal zu verschiedenen Zeiten gemacht werden, und der Durchschnitt muh maßgebend sein für den zu zahlenden Pauschalbetrag." Die..Norddeutsche Allgemeine Zeitung" wird trotz der Reso. kution dabei bleiben, es sei„unverständlich", dah dem neuen Ge- setzentwurf Vcrkchrsfeindlichkeit vorgeworfen werde. Arbcitsknmmergesetz und Werfarbeiier. Mehrere hundert Arbeiter der Werft in Wilhelmshaven beschlossen in einer Versammlung, an den Reichstag die Bitte zu richten, auch die Arbeiter in Staatsbetrieben unter das Arbeits- kainlnergesetz zu stellen._ Im Wahlkreise Dessau-Zerbst wo Genosse Rechtsanwalt Heine als sozialdemokratischer Kandidat aufgestellt ist, stellen die Nationalliberalen und auch die Demo- kratische Vereinigung eigene Kandidaten gegen den bisherigen Ver- treter Schräder auf. Für die Nationallibcralen kandidiert der frühere Oberbürgermeister pon Posen Witting. 1907 wurde Schräder unter dem Zeichen des Blocktaumcls im ersten Wahl- gange mit 19183 gegen 13 322 sozialdemokratische Stimmen ge» ivählt. 1903 erhielten: die Freisinnige Vereinigung 11416, die Nationalliberalcn 5704, das Zentrum 138 und die Sozialdemokraten 12 268 Stimmen. Hamburger Bürgerschaft. Am Montag wurden in einer mehr als zehnstündigen Dauer- sitzung des LandcspärlamentS zwei erfreuliche Beschlüsse gefaht. Da die Gefahr nahe liegt, daß der durch seine Naturschönheit be- rühmte Wilfedcr Berg in der Lüneburger Heide, der Ausftugspunkt vieler Naturfreunde, durch industrielle Unternehmungen ver- schandelt wird, wurde einem Antrage des Senats, zur Schaffung eines Naturschutzparkes in der dortigen Gegend dem Verein Natur- schutzpark zunächst für das Jahr 1911 eine Beihilfe von 10 000 M. zur Verfügung zu stellen, zugestimmt. Eigentlich wäre es ja Sache Preußens, die Initiative in dieser Richtung zu ergreifen, aber die Antragsteller mögen wohl nicht mit Unrecht daran gedacht haben, dah jenseftS der Landesgrenze für ästhetische und sonstige Auf- gaben wenig Neigung vorhanden ist. Schon einige Male hat unsere Fraktion angeregt, die st a a t- l ich e. V e r br e n n u ng der Leichen zu begünstigen. Um einen praktischen Erfolg zu erzielen, haben unsere Genossen den Antrag gestellt, den Senat um eine Vorlage zu ersuchen, betreffend staatSseitige Einführung der unentgeltlichen Leichenverbrennung, eventuell Einführung der ftaatsseitigen Leichenverbrennung nach dem Grundsatze, dah die Kosten der Feuerbestattung die der Erd- bestattung nicht wesentlich überschreiten, und dah ferner Leichen, über die nicht von privater Seite verfügt wird, verbrannt werden. Mit guten Argumenten befürwortete Genosse S t e n g e l e den Antrag, der aber bei aller„Sympathie" der bürgerlichen Mehrheit zu weit ging. Tugegen wurde mit großer Mehrheit der Antrag angenommen: „Die Bürgerschaft ersucht den Senat um eine Vorlage be- treffend Einrichtung einer staatlichen Anstalt, in der die Ein- äscherung von Leichen gegen Zahlung mähiger Gebühren erfolgen kann." Nebenher lief die Wahl eines kaufmännischen Senators, deren Modus an die Wahl des Oberhauptes der katholischen Christenheit erinnert. Als Sieger ging Herr S t r a n l e s hervor, der seiner- zeit da? ihm angebotene Kolonialamt ausschlug, worauf Dernburg Staatssekretär wurde. Der neue Senator, der, wie alle„könig- lichen Kauflcuie", der scharfen Richtung angehört, soll ein nauer Kenner Afrikas sein und hat ein Buch verfaßt, das im Unterricht des Kolonialinstituts viel gebraucht wird. Metzer Strahentumulte. Bei den Strahentunuilten, die am letzten Sonntag in Metz der Auflösung einer verbotenen Konzertveranstaltung der Lorraine Sporlive folgten, waren vor dem Marschall Ney-Denkmal drei Ver- hastungen vorgenommen. Einer von diesen Verhafteten wurde bald wieder sreigelasscn, während die anderen beide» Personen in Haft bleiben. Gegen diese beiden ist, wie telegraphisch aus Metz gemeldet wird, inzwischen die gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. Ein schlagfertiger Leutnant. Wegen Mißhandlung eines Untergebenen hatte sich gestern der Leutnant Wenzel von der Artillerie-Schießschule vor dem Kriegs- gericht der 1. Gardedivision zu verantworten. Der Angeklagte wurde beschuldigt, seinen Burschen, den 5kanonier Handle in zwei Fällen mit der Reitpeiische ins Gesicht geschlagen zu haben. Das eine Mal wollte er von H, dadurch gereizt worden sein, daß dieser Uniform- stücke nicht ordentlich gereinigt hatte. Darauf versetzte W. dem Untergebenen mit der Reitpeitsche einen Schlag ins Gesicht. Bei einer anderen Gelegenheit im Manöver hatte der Angeklagte seinen Koffer packen wollen und dabei vergeblich nach seinem Rasierzeug gesucht. Auch in diesem Falle ließ sich der Angeklagte zu einer ähnlichen Mißhandlung hinreißen. DaS Kriegsgericht nahm, wie gewöhnlich, sehr milde Fälle an und erkannte nur auf acht Tage Sttlbcaarrest._ ftankreieb. Bor Eröffnung der Kammer. Paris, 10. Januar. Die Mehrheit der radikalen Blätter be- kämpft heute offen die Kandidatur DeschanelS für die Präsidentschaft der Kammer. Es heißt übrigens, die meisten geeinigten Soziali st en würden sich bei der Wahl des Präsidenten der Stimmenabgabe enthalten. Der unabhängig-sozialistische Deputierte von Lyon Augagneur beabsichtigt, an den Ministerpräsidenten die Anfrage zu richten, unter welchen Bedingungen dem Klerus die Kirchen, die dieser zu Angriffen gegen die republikanische Partei mißbrauche, zur weiteren freien Verfügung belassen werden sollten. Augagneur will besonders auf ein am letzten Sonntag von den Kanzeln verlesenes Schrifistück hinweisen, in welchem die Bischöfe den Katholiken das Lesen einzelner republikanischer Blätter verbieten. Brissou wiedergewählt. Paris, 10. Januar. Bei der heutigen Neuwahl des Präsidenten der Depuliertenkainmer erhielt Brisson 250. DeSchanel2t2, Julcö G u e s d e 45 Stimmen. Für Delcassö. der nicht auf der Kandidatenliste stand, wurden neun Stimmen abgegeben. Der stell- vertretende Kammerpräfident machte bekannt, daß Stichwahl statt- findet. Beim zweiten Wahlgange wurde Brisson mit 270 Stimmen zum Kammerpräsidenten gewählt. Deschanel erhielt 197 und Guesde 50 Stimmen. Zu Vizepräsidenten der Depuliertenkainmer find gewählt Berteaux mit 371, Etienne mit 257, Dron mit 337 und Renault mit 297 Stimmen._ Ein Schülerstreik. Tonlon, 10. Januar. Mehrere hundert Schüler der Gewerbeschule durchzogen gestern unter Absingen der Jntcr» nationale die Stadt und enliandten auf das Bürgermeisteramt eine Abordnung, welche mitteilte, daß sie wegen der schlechten Heizung der Schule beschlossen hätten, in den A u S st a n d zu treten. Der Vertreter des Bürgeriiieisters erklärte, daß dem Uebel- stände abgeholfen werden solle. Die Schüler nahmen alsdann infolgedessen am Rachmittag den Schulbesuch wieder auf. Politische Bcaulteubespiheluug. Die„Humanitö" teilt aus dem Finanzministerium folgendes charalteristische Rundschreiben mit: Finanzministerium. Generaldirektion des RegisterwesenS, der Domänen und Stempel. Personalabteilung. An den Herrn Präfekten des Ddportemeuts... Falls Herr.... im Laufe des Jahres 191. für eine Ver- änderung im Personal in Betracht kommen sollte, habe ich die Ehre, Sic um gefälligste Mitteilung Ihres Urteils über die politische Haltung dieses Beamten zu bitten. Der Staatsrat, Generaldirektor, Pierre Morand." Dieses liebenswürdige Schriftstück zeigt, wie auch in der bürger- lichen Republik das bureaukratische System zur Gesinnungslosigkeit und zum Mißbrauch der Macht verleilet. Erst die volle Demokratie mit weitgehendster Dezentralisation und beruflicher Organisation aller Angestellten wird auch den Beamten Bürgerrecht und Menschen» würde wiedergeben. Die bürgerliche Republik aber, die wie ihre monarchischen Geschwister dem Schutze der Klassenherrschaft dient, entfernt sich nach Möglichkeit von dem Ideale echter Demokratie. Spanien. Ter Papst ist für Obstruktion. Paris, 10. Januar.„Matin" berichtet a»S Rom: Der Papst bat an die spanischen Abgeordneten, welche durch die Obstruktion gegen die Annahme des Sperr gesetzes gekämpft haben, ein Telegramm gesandt, � worin er ihnen seine» lebhaften Dank ausspricht und erklärt, daß ihre Namen in der Geschichte er» wähnt werden als unerschütterliche Verteidiger der Rechte der Kirche. Das Telegramm hat in spanischen politischen Kreisen lebhaftes Auf- sehen erregt. Riniiärnen. Ministerkrise. Bukarest, 10. Januar.(W. T. B.) Ministerpräsident Bra- t i a n o hat heute abend dem Könige die Demission des Kabinetts überreicht. Hinmfca. Stimmcnkauf auf dem Lande. ?lcw Jork, den 30. Dezember.(Eig. Ber.) Von den 3000 Wählern, welche in Adams County. Ohio, ge- zählt werden, haben mindestens 1500 seit Jahren ihre Stimmen verkauft. 956 Wahlberechtigte wurden in den letzten vierzehn Tagen von der Grand Jury in Anklagezustand versetzt; und mit jedem weiteren Tage, den die angestellte Untersuchung fortgeführt wird, stehen neue Anklagen in Aussicht. Hunderte warteten das Vorgehen der Grand Jury erst gar nicht ab. West Union, der Sitz der County-Verwaltung, ist ihr Mekka. Dorthin pilgern sie, um sich dem Richter Blair gegenüber aus freien Stücken der An- nähme von Bestechunqsgeldern schuldig zu bekennen. Ihr Gestand- nis entspringt nicht der Bußfertigkeit, sondern der� Angst und der Habgier. Um das Verfahren zu vereinfachen, erklärte der Richter Blair, er werde diejenigen, welche ihre Schuld aus eigenem An- triebe eingestehen, milder bestrafen. Nun kommen sie heran, die biederen Farmer, die Aerzte und Apotheker, die. Anwälte und Notare, die Kaufleute und Hand- werker» um peiter peccavi zu sagen und sich zu zehn Dollar Geld- straf«, sechs Monate Arbeitshaus und fünfjährigen Verlust des Wahlrechts verurteilen zu lassen. Die Geldstrafe wird gleich bar bezahlt, die Vollstreckung der Freiheitsstrafe aber bedingt aus- gesetzt. Vollzogen wird die Haft nur, falls der Betreffende inner- halb eines gewissen Zeitraumes abermals mit dem Gesetze in Kon- flikt kommt. Blair kennt seine Leute. Drum gibt er den Verurteilten einen guten Rat mit auf den Weg. In Adams County herrschr Prohibition; daher ist es verboten, einem anderen berauschende Getränke zu verabfolqen. Trotzdem hat so ziemlich jedermann sein wohlassortiertes Schnapslager, aus dem er nicht nur den eigenen Bedarf befriedigt, sondern auch Besuchern ein Gläschen vorsetzt. Der Richter macht die Verdonnerten darauf aufmerksam, daß sie die ihnen zudiktierten sechs Monate Arbeitshaus verbüßen müssen, wenn sie sich bei Schnapsgelagen erwischen lassen. Wie bezeichnend ist doch diese Prohibitionsheuchelei für Adams County. dessen Wähler sich erst im letzten Monat wieder für das Verbot des Handels mit geistigen Getränken aussprachen! Die Verhandlung spielt sich durchgehcnds in recht gemütlichen Formen ab. Richter und Sünder sind vielfach gute Bekannte, die sich gegenseitig mit dem Vornamen anreden. Die„besten" Kreise standen bei dem schmutzigen Wahlhandel nicht zurück. Der für die einzelne Stimme bezahlte Preis schwankte je nach dem Einfluß und der sozialen Stellung des Gekauften zwischen drei und fünf- undzwanzig Dollar. Ter Schwindel war in ein ganz raffiniertes System gebracht. Die Schuld dafür traf nicht so sehr die Kandi- baten und Parteiorganisationen als vielmehr die Bürger. Diese setzten den Preis fest und machten die Teilnahme an der Wahl von der Bezahlung einer gewissen Summe abhängig. Von Republikanern nahmen sie Geld und von Demokraten, so dah die Parteiführer bei der Aufstellung der Gleichung über das bevor- stehende Wahlresultat doch unbekannte Größen einzusetzen hatten. Es liehen sich nur Wahrscheinlichkeitsrechnungen anstellen. Nur das eine war sicher: Diejenige Partei, welche nicht mit dem Mammon herausrückte, machte sich die ganze„biedere" Wähler- schaft zur Feindin und wurde daher sicherlich geschlagen. Wenn die Korruption in AdamS County auch einen auSnahms- weise großen Umfang annahm und die Wahlbestechung wie ein redliches Gewerbe ganz offen betrieben wurde, so unterscheiden sich die dortigen Zustände prinzipiell doch nicht von denjenigen in anderen ländlichen Distrikten. Man weih schon lange, daß es bei den Wahlen auf dem flachen Lande noch viel unehrlicher zugeht als in den großen Städten. Auch einer der Gründe, warum die sozialistische Partei in ihrer Stimmenzahl hierzulande zurückgeblieben ist. Sie treibt keinen Stimmenkauf, der bei der politischen Unehrlichkeit in Amerika eine so große Rolle spielt. Em der Partei. Di» Errichtung einer GcnossenschaftSdruckerei wurde am letzten Sonntag von eine», außerordentlichen Kreistag des Wahlkreises Naumburg-Weißenfels- Zeitz beschlossen. Die Schwierig- keilen bei der Versendung de§ seit dem 1. Oktober v. I. eingeführten Kopfblattes und andere Umstände bedingen die Herstellung des Kreisorgans in eigener Druckerei. Der Vorschlag des Zentral- Vorstandes und der Preßkommission auf Gründung einer GenossenschaftSdrnckerci fand im ganzen Wahlkreise freudige Annahme. Von 91 stimmberechtigten Delegierten votierten nur zwei gegen die Gründung. In den Vorstand der neuen Genossenschaft, für die sofort rund 7000 M. Anteile gezeichnet wurden, sind die Genossen L e o p o l d t als Geschäftsführer, Wolf und Klix als Beisitzer gewählt. Die Druckerei soll spätestens am 1. Juni im Betrieb sein. Ein sozialdemokratischer Kreistagsabgevrdneter. Der erste in Rheinhessen gewählte sozialdemokratische KreistogSabgeordnete, Ge- nosse Adelung, Redakteur unseres Mainzer ParteiblatteS, wurde bestätigt. Er war von der Mainzer Stadtverordnetenversammlung als Kreistagsabgeordneter gewählt. Soziales. Als liebevoller Lehrherr präsentierte sich gestern vor der 5. Kammer des KaufmannSgerichtS der 40jährige SchlächtermeisterK. Wolff, Jagow str. S5a. Im Geschäft des SB., der verheiratet und Vater zweier Kinder ist, war zwecks Ausbildung das 16jährige Lehrfräulein H., ein hnbicheS frisches Mädchen, talig. In recht dreister Art und Weise unternahm es SB., die H. des öfteren unsittlich zu berühren und sie zu einem intimen Verkehr zu veranlassen. Da trotz Zurück- Weisung die Zudringlichkeiten des W. immer ärgere Formen annahmen, so entschloß sich die H. eines schönen TageS das Heim ihres licbebediirftigen Meisters kurzerhand zu verlastcu, beanspruchte aber das ihr entgangene Gehalt, Schadenersatz in Höhe von 42 M. Den energischen Vorhaltungen des Vorsitzenden, der den Beklagten auf die event. Folgen seines verwerflichen Tuns hinwies, gelang cS ihn zu bewegen, den geforderten Betrag ohne Urteil zu zahlen. Als einzigen EntschuldigungSgriind für seine Handlungsweise führte W- an, daß er wohl„nicht recht bei Sinnen gewesen sei". Zurücknahme einer Kündigung. Der Hilfsarbeiter S. klagte gestern gegen den Kommerzimrat Hugo Dcyhle, Inhaber der Firma Gebr. Deyhle u. Wagner, Buchdruckeret, beim Siewerbegericht. Er verlangte 19,08 M. rückständigen Lohn und 23.58 M Entschädigung wegen fristloser Entlassung. Der erste Teil der Klageforderung wurde vom Beklagten anerkannt, gegen den zweite» Teil wendete er ein, dein Kläger habe er fristgerecht gekündigt. De», hiell der Kläger entgegen, daß der Beklagte auf seine Beschwerde hin die vom Faktor ausgesprochene Kündigung zurückgenommen habe. DaS wurde auch vom Beklagten zugegeben. Er habe sich aber nachdem über das Vorgefallene erkundigt und gefunden, daß die Kündigung des Klägers durch den Fnktor zu Recht erfolgt fei. Auch habe sich der Kläger, als er ihm von dem Ergebnis der Prüfung des Streitfall» Mitteilung machte, sich ailßerordent- lich dreist und laut beirommen. Durch dies Auftreten fühle er sich beleidigt. Das Gericht schlug zunächst den Parteien einen Vergleich vor, wonach dein Kläger außer dem anerkannten Lohnrückstand noch eine Entschädigung von 16 SN. gezahlt werden sollte. Der Beklagte lehnte jedoch diesen Verglcichövorschlag ab, wiewohl er von einein Arbeitgeberbeisiver darauf hingewiesen wurde, daß er in der bedingungslosen Zurücknahme der Kündigung eine Itiigeschicklichkeit begangen habe. Das Gericht verurteilte daraufhin den Beklagten zur Zahlung der ganzen Klagestimme. ES anerkannte, daß sich der Kläger dem Beklagten gegenüber nicht so, wie es sich gehörl, betragen hätte, jedoch konnte eine gröbliche Beleidigung, die allein zur fristlosen Lösung des Slrbettsverlrnges nach dem Gesetz berechtigt, in dem Auftreten des Klägers nicht erblickt werden. GewerkfcbaftUcbee. ZentrumscbrirtUche Verlogenheit. Mail sagt vom Hasen, daß er wie hypnotisiert vor Angst smmer mit den Vorderläufen in der Luft herumtrommelt, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kommt, daß er seinen Gegnern nicht mehr entrinnen kann. Daß sie sich in einer Sackgasse befinden, erkennen zurzeit auch die init dem Fluche der Zentrumspolitik beladenen„christlichen Gewerkschaften" gut genug. Und in ihrer heillosen Angst wissen die Zen- trumschristen nichts anderes anzufangen, als nur immer fanatischer und sinnloser die Sozialdemokratie zu begeifern. Die zentrumschristliche Gewerkschaftspresse überschlägt sich in letzter Zeit förmlich in Anpöpelungen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Die Drahtzieher aus M.-Gladbach wissen, wie sie fortab einzig ihre Aufgabe vornehmen müssen, wenn sie gegenüber den Fachabteilern auch nur noch ein Weilchen geduldet werden wollen. In seiner ersten Nummer vom neuen Jahre kommt die besonders freche und verlogene M.-Gladbacher„W e st° deutsche Arbeiterzeitung" auf das Thema„S o- ziale Praxis und Sozialdemokratie" zu sprechen. Am Schluß heißt es da: „Nur mit tiefem Bedauern und mit innerem Ingrimm kann der überzeugte Sozialreformer dem wahnsinnigen und verwüsten- den Treiben des Radikalismus innerhalb der Sozialdemokratie und bis über ihre Grenzen hinaus zusehen. Wenn es überhaupt jemals wahr gewesen wäre, was Bismarck einmal gesagt, daß es ohne Sozialdemokratie keine soziale Reform gegeben, so wäre es längst nicht mehr wahr. Ohne Sozialdemokratie größere Fort- schritte in Sozialreform und Sozialpolitik!" Natürlich gkmbt das ultramontane Blatt selbst nicht an seine affektierte geheuchelte Entrüstung. Hat doch nicht nur Bismarck die Bedeutung der Sozialdemokratie für die Fort- schritte der Sozialreform anerkannt, sondern auch mancher waschechte Zentrumsmann. So sagte in der bayerischen Kammer der katholische Geistliche Reele: „Die Sozialdemokratie geht im allgemeinen darauf aus, daß sie den Mitgliedern des vierten Standes ihre Lebenshaltung zu verbessern sucht. Sie geht darauf aus— das ist ihre Tendenz —. die Arbeiter zu heben und zu schützen gegen die Uebermacht des Kapitals. Geleistet hat die Sozialdemokratie schließlich doch auch schon etwas, sie war hinter den anderen Parteien her und hat sie gedrängt, die Sozialreform energischer in die Hand zu nehmen und das Menschenmöglichste durchzudrücken. Ich leugne auch nicht, daß die Sozialdemokratie auch auf das Zentrum etwas in der Weise eingewirkt hat, daß dieses energisch und entschieden die Regierung zur Durchführung der Reformen drängt." Die„Kölnische V o l k s z e i t u n g" schrieb einmal zu »er Frage der parlamentarischen Vertretung der Zentrums- vartei: �„Ferner muß das Zentrum bestrebt sein, die Interessen aller Stände und Berufe, nicht bloß eines Berufes, zu fördern. Das Zentrum soll die Interessen der Arbeiter ebenso eifrig und warm vertreten, wie die Sozialdemokratie, aber es soll auch an andere Berufsklasscn denken." Damit ist klipp und klar zugegeben, daß sich das ange- fehene Kölner Zentrumsblatt eine noch eifrigere und wärmere Vertretung der Arbeiterin teres- sen, als es durch die Sozialdemokratie ge- schieht, gar nicht denken kann! Mit diesen Ohrfeigen aus dem eigenen Lager mag sich das keifende M.-Gladbacher sogenannte„Arbeiter"-Blatt dies. mal begnügen. Mit ihrer Raserei gegen die sozialdemo- kratische Arbeiterbewegung versperren sich die Zentrums- christen den Weg zur Arbeiterklasse ja nur noch mehr. Immer noch ist die Weltgeschichte auch das Weltgericht. Serlin und Umgegend. Eine Bewegung unter den Schneidermeister» der Tamenkonfektion. Der Arbeitgeberverband für das Damenschneidergewerbe hatte am Montag eine öffentliche Versammlung einberufen, die sich mit den Lohnverhältnissen in der Damenkonfektion beschäftigte. Sie war sehr zahlreich besucht und füllte den großen Saal der Neuen Philharmonie in der Köpenicker Straße. Der Vorsitzende des Ver- bandes, Schneidermeister Drews, schilderte die Lohnverhältnisse als äußerst traurig. Man habe schon bei dem Streik der Kon- fektionsarbeiter und»Arbeiterinnen im Jahre 1896 den Zwischen- meistern zu Unrecht die Schuld au den elenden Zuständen zu- geschoben, und denselben Eindruck habe man durch die Heimarbeits- ausstellung erweckt. Die Ursache liege jedoch an den schlechten Preisen, die die Kaufmannschaft den Meistern zahlt, welche sich allerdings, angetrieben durch die Konfektionäre und durch die Not- wendigkeit, Arbeit zu erhalten, gegenseitig unterbieten. Wird nun ein Paletot dem Meister mit 1,26 M. bezahlt, so kann er seiner Arbeiterin, wenn er seine Spesen aufs genaueste berechnet, höch- stens 89 Pf. zahlen. Die Arbeit erfordert aber vier Stunden, so daß eine tüchtige Arbeiterin 16 Stunden arbeiten müßte, um nur 3.29 M. den Tag zu verdienen. Wenn behauptet werde, daß das für eine Frau immer noch ein ziemlich guter Verdienst fei, müsse man bedenken, daß die Arbeit nur etwa ein halbes Jahr dauert. Auch die Behauptung, daß es sich um Nebenarbeit handle, treffe nicht zuz nur zu viele Frauen müßten ihre Familie allein er- halten.— Der Vorstand des Schneidermeisterverbandes hat sich bereits Mitte September des verflossenen Jahres sowohl an die einzelnen Konfektionäre wie an deren Verband mit einem Minimalpreistarif gewandt, ist dann auch nach langem Warten einmal zu einer gemeinsamen Sitzung eingeladen worden; aber die Herren Konfektionäre erklärten die Durchführung eines TarifcS für eine Unmöglichkeit und wollten nicht einmal auf die Fest- fetzung einer Mindestgrenze für die billigste Konfektionsware ein- gehen. Sie hatten jedoch versprochen, zu der in Aussicht genom- menen öffentlichen Versammlung zu kommen. Aber nun hatten sie doch abgelehnt zu erscheinen, und zwar mit der Begründung. daß sie am selben Abend eine Plenarsitzung ihres Vorstandes ab- hielten. Die Kaufmannschaft erklärt, daß sie infolge der hohen Einfuhrzölle auf Material in Deutschland und auf die fertige Ware in den Absatzländern nicht mehr konkurrieren könne, wenn sie höhere Preise zahlen müßte. Aber, meinte der Redner, wenn es so ist, daß nur eine Handvoll Leute sich bereichern können an der Konfektion, während die große produzierende Masse im Elend lebt, dann sei es besser, wenn ein solcher Industriezweig gänzlich zugrunde gehe, statt Sckundware in die Welt hinauszuschicken. Die Schneidermeister der Damenkonfektion sollten mit den Gewcrk- schafte» Hand in Hand gehen und mit derselben Energie wie die organisierte Arbeiterschaft für bessere Preise sorgen, um auch ihren Arbeitern und Arbeiterinnen anständige Löhne zahlen zu können. Der Redner trat im übrigen entschieden für die Errich- tung von Lohnämtern ein. In der regen Diskussion zeigte es sich, daß sich unter den Zwlschenmeistern der Damenkonfektion eine starke Entrüstung über die Prcisdrückereien geltend macht. Vertreter der Meister aus Breslau und Erfurt erklärten sich im Namen ihrer Sektionen solidarisch mit den Berlinern. Wenn es einmal zu einem Lohn- kamps kommen sollte, wollen sie keine Streika�beit machen.— Ais Vertreter des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen nahm 5 � Wort und sprach seine Freude über den Umschwung f9; l'ch letzt in den Kreisen der Zwischenmeister der Damen- lonfeition geltend gemacht habe. Das Elend der Arbeiterinnen verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: habe auch ein Verlreter seines Verbandes nicht schwärzer schildern können, als es hier in der Versammlung geschehen. Wenn die Meister wirklich ernsthaft Verbesserungen anstrebten und dabei auch für eine tarifliche Regelung der Arbeiterinnenlöhne sorgen wollten, sei der Schneiderverband gerne bereit, sie darin zu unter- stützen. Aber, sagte der Redner weiter, wenn wir die Heim- arbeiterinnen zu Sitzungen einladen, dann sollten Sie uns keine Schwierigkeiten machen, und nicht zu Ihren Arbeiterinnen sagen, daß sie dort nicht hingehen sollen. Oft haben wir schlechte Erfahrungen machen müssen; es sind sogar Spitzel aufgestellt worden, und man hat Arbeiterinnen gemaßregelt. Wir haben nie behauptet, daß die Zwischenmeister samt und sonders schlimme Ausbeuter seien, sondern immer betont, daß es auch anständige Arbeitgeber unter ihnen gibt. Aber das Zwischenmeistertum sehr sich aus sehr verschiedenen Elementen zusammeu, und es gibt allerlei verkrachte Existenzen darunter, die das ganze Gewerbe aufs schwerste schädigen, und gegen sie müssen wir uns wenden. Um jetzt schon mit vollem Erfolg einen Kampf mit den Kon- fektionärcn wagen zu können, dazu scheint mir Ihre Organisation noch zu schwach und leider muß dasselbe auch von den Heim- arbeiterinnen gesagt werden, die tiefer als je herabgedrückt sind. Wir müssen zuerst Lohnämter haben und alle Kraft einsetzen, um dieses Ziel erst einmal zu erreichen. Helfen Sie uns in unseren Bestrebungen, so wird auch Ihnen geholfen werden? Die Versammlung schloß mit einstimmiger Annahme folgender Resolution: „In der Erkenntnis, daß unsere Bemühungen für Ein- führung eines Minimalpreistarifes für die selbständigen Schneider der Damenkonfektion an dem Widerspruch der Kauf- Mannschaft gescheitert sind, ferner in der Erkenntnis, daß ohne Minimalpreistarif die Schneidermeisier in der Damenkonfektio:. nicht in der Lage sind, ihren Arbeitern und Arbeiterinnen gleichmäßige und durch Tarif festgelegte Löhne zu zahlen, er- blicken wir in der gesetzlichen Errichtung von Lohnämtern das einzige Mittel, die Löhne in der Heimindustrie der Damen. konfektion zu heben. Wir beauftragen daher den Arbeitgeber- verband für das Damenschneidergewerbe Deutschlands eventuell die Forderungen des am 12. d. M. tagenden Heimarbeitstages nach Errichtung von Lohnämtern ausdrücklich zu unterstützen und auch selbst bei dem Deutschen Reichstag um die Errichtung von Lohnämtern vornehmlich auch für die Heimindustrie in der Tamenkonfektion vorstellig zu werden." Die Arbeiter an den Holzbearbeitungsmaschinen, organisiert im Deutschen Holzarbeiterverband, beabsichtigen, für die Hygiene- ausstellung in Dresden die Häufigkeit und die Art der durch die Maschinen erlittenen Verletzungen zur Veranschaulichung zu bringen. Zu diesem Zwecke sind für die Maschinenarbciter Frage- bogen herausgegeben worden, ein kleiner für Deutschland, ein größerer speziell für Berlin. Die Branchenkommission hatte zum Montagabend die Vertrauensmänner zu einer außerordentlichen Versammlung nach dem Englischen Garten eingeladen, um die auf- gestellten Fragen näher zu erläutern. Eine gewissenhafte und streng wahrheitsgemäße Beantwortung der Fragen ist notwendig, um zuverlässiges Material zu gewinnen. Es wird erwartet, daß jeder, der eine Unfallrente bezieht oder bezogen hat, resp. mal verunglückt ist, sich daran beteiligt. Auch die Beteiligung der- jenigen wird erwartet, die nicht mehr im Beruf tätig sind. Der Fragebogen Nr. 2(Berlin) soll zugleich dienen, dem Verbände die Möglichkeit zu geben, Verbesserungen einzuführen, wo die Vcr- Hältnisse es erfordern. So wird neben der Frage über Unfälle an der Abrichtmaschine zugleich gefragt, ob die runde, eiserne Sicherheitswelle im Gebrauch war. Ferner soll Auf- klärung darüber geschaffen werden, ob in den Betrieben Staub- ab s auger vorhanden sind, und wo der Betrieb liegt, ob im Keller oder Schuppen oder sonstwo. Tann soll beleuchtet wer- den, wie oft und um wieviel die Renten bei Unfällen gekürzt werden. Die Nennung der Namen in den Fragebogen ist nur für den Verband bestimmt, zur Feststellung der Wahrheit. Die Frage- bogen müssen bis zum Donnerstag, den 12. Januar, an A. Wind- müller, Berlin O., Kochhannstraße 33, abgeliefert sein. Tic Fensterputzer in dem Fensterreinigungsinstitut Wal- ter u. Co., Groß-Görschenstr. 38, welche ohne Ausnahme Mit- glieder des Deutschen Transportarbeiterverbandes sind, haben mit der genannten Firma einen Tarifvertrag abgeschlossen, der einen Anfangslohn von 27 M. per Woche, steigend von sechs zu sechs Monaten um 1 M. bis zum Höchstlohn von 36 M., vorsieht. Für Glasdach-, Etagenarbeit usw. wird ein besonderer Aufschlag zum Lohn gewährt. Messingputzer erhalten einen Anfangslohn von 28 M., ebenfalls mit einer Steigerung. Auch die Arbeitszeit, welche vorher oftmals eine ausgedehnte war, hat eine Regelung erfahren, so daß täglich neun Stunden gearbeitet wird. Für Ueberstunden und Nachtarbeit sind die in dieser Branche üblichen erhöhten Sätze von obiger Firma ebenfalls anerkannt. Ein Urlaub unter Fort- zahlung des Lohnes ist gleichfalls, j« nach Dauer der Tätigkeit, von zwei bis sechs Tagen festgesetzt worden. Durch den Abschluß dieses Vertrages ist wiederum der Beweis erbracht, daß die mittleren sowohl als auch die kleineren Betriebe weit höhere Löhne zahlen als die großen Institute, Die oben- genannte Firma weist in einem an ihre Kundschaft gerichteten Zirkular darauf hin. daß die Forderungen ihrer Arbeiter als durch- aus berechtigt anerkannt werden müssen. Daß die Berliner Glaserinnungsmeister, bei denen zurzeit die Putzer in den Streik gedrängt sind, nach dieser Richtung hin kurz- sichtiger und egoistischer denken, ist den Lesern zur Genüge be- kannt. HusUrnd, Der Streik im Lütticher Kohlenrevier. Unser belgischer Mitarbeiter meldet uns unterm 9. Ja- nuar: Der gestern versammelte Vorstand der Bergarbeiterföderation des Lütticher Kohlenbeckens hat sich in ausführlicher Beratung mit der Lage des Bergarbeiterstreiks beschäftigt und sich auf die Fassung eines Manifestes geeinigt, in dem festgestellt wird, daß die Unter- nehmer jedes Entgegenkommen verweigern und dem Unternehmer- block der Arbeiterblock entgegengestellt werden müsse. Die Tages- ordnung des Föderativkomitees konstatiert eine Verschärfung der Situation durch die blutigen Vorfälle in Seraing und konstatiert ferner, daß vor den Verboten des Meetings sich keine Störung der Ruhe ereignet hat. Sie protestiert daher gegen diese und die uu- qualifizierbare Haltung der Gendarmen, die zur Verantwortung gezogen werden sollen. Zum Schluß erllärt das Komitee den Generalstreik als gebieterische Notwendigkeit.— In der Kammer wird der Bergarbeiterdeputierte D o n n a y aus Flemalle über die Vorfälle in Seraing und den Streik interpellieren. Ueber die Streiklage selbst ist zu berichten, daß sich nunmehr auch die Bergarbeiter der Cockerill-Kohlenwcrke wie der zirka 2g Gruben umfassenden Kohlenbergwerke von H e r v e dem Ausstand angeschlossen haben; auch die Arbeiter anderer Kohlenwerke haben für heute den Streik angekündigt. Aus einer Statistik eines Lütticher Unternehmerblattes geht hervor, daß von der Gesamtheit der Bergarbeiter des Lütticher Bassins 66 Proz. streiken, in Ziffern ausgedrückt gegen 26 666 Personen.— Indessen nimmt der Kohlen. Mangel überhand, und die vor allem an ihm zu leiden haben sind die, die ihr Leben lang die Kohle zutage schaffen. Denn in holder Einmütigkeit haben die Kohlenmagnaten Lüttichs beschlossen, keine Kohle für den Hausgebrauch zu liefern, um so erst ihre Stlaven, die sich ihrer drakonischen Grubcnordnung nicht beugen wollen, neben der Aushungerung auch noch mit dem Ausfrieren zu be- strafen, und dann das Publikum, das damit sehen soll, wohin die lh. Glvcke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt 3 Streiks führen.— Andererseits würde von Anfang an auf die Verbreitung der Meinung hingearbeitet, daß nur das neue Neun- stundengesetz an der ganzen Situation und den Streiks schuld sei, die Arbeiter selbst also gegen die staatliche Regelung der Arbeit seien— genau so wie die manchestcrlichen klerikalen und liberalen Grubenbesitzer! Daß die Konflikte von den Unternehmern ebenso provoziert wie von den sozialistischen Vertretern der Bergarbeiter vorausgesehen wurden, verschlägt bei diesen Machinationen wenig. Damit das Neunstundengesetz nicht erworbene Rechte jener Ar- beiter antaste, die vor dem Gesetz weniger als neun Stunden ar- beiteten, hatte der Bergarbeiterdeputierte Donnah bei der Votierung des Gesetzes ein Amendement eingebracht, das diese Rechte schützen sollte. Davon wollte die klerikale Mehrheit der Kammer nichts wissen, und nun wollen sich die Unternehmer durch ein nieder- trächtiges Strafensystem, durch Heranziehung alter Arbeiter zu einer ihnen nicht zustehenden Arbeit, durch Umstürzung der bisher bestandenen Ruhepausenordnung, kurz durch eine ausgepicht schika- nöse Anwendung und Auslegung des Gesetzes an dem Bissen Fort- schritt schadlos halten, den die gesetzliche Regelung und Beschrän- kung der Arbeitszeit in den Gruben darstellt.— Aber nichts zeigt mehr als gerade dieser Streik, daß der Kampf nur um die Rechte des Arbeiters und nur gegen das sich jedem sozialpolitischen Fort- schritt gehässig und feindselig cntgegenstemmcnde Unternehmer- tum geht._ Protettverfammlung in Creptow. Gestern abend fand im Sprcegarten zu Treptow die von Gegnern der Eingemeindung von Treptow in R i x d o r f einberufene Protestversammlung statt. Schon lange vor Beginn war der neuerbaute Theatergartensaal des Eta- blissements mit einer nach vielen Hunderten zählenden Menge von Personen beiderlei Geschlechts bis auf den letzten Platz gefüllt. Vertreten waren größtenteils Angehörige des Mittelstandes. Der Berliner Stadtverordnete Genosse Dr. Alfred Bernstein hatte das Referat zu dem Thema:„Die Zu- kunft Treptows" übernommen. Mit beißender Ironie kritisierte der Redner die angeblichen Vorteile der Eingemeindung Treptows in Rixdorf. Nach längerer Diskussion wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: Die heute am 16. Januar im großen Saale des Spree- gartens tagende öffentliche Versammlung aus allen Bevölke- rungsschichten beider Treptower Ortsteile erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten nach eingehender Debatte ein- verstanden gegen den Zusammenschluß der Ge- meinden Treptow und Rixdorf. Sie ersucht die Ge- meindevertretung Treptows, die weiteren Eingemeindungsver- Handlungen mit dem Rixdorfer Magistrat abzulehnen und die zur Eingemeindung in Berlin erforderlichen Schritte� der Aufforderung Berlins entsprechend, in die Wege zu leiten. Letzte JVachrichten. Vier Feuerwehrleute verunglückt. In der Lothringer Straße 16 brach gestern abend in der sieben- ten Stunde in einem Tapetenlager im Keller des Hauses ein größerer Brand aus, bei dem vier Feuerwehrleute an Rauchvergiftung erkrankten. Das Feuer hatte eine kolossale V e r q u a l m u n g im Gefolge, so daß bei der Ab- löschung Rauchschutzapparate angewandt werden mußten. Bei den Löscharbeitcn erkrankten die Feuerwehrleute Schenk, Schoder, Steiner und Oberfeuerwehrmann Dornbusch infolge starker Raucheinatmung. Von den vier Verunglückten mußte Schenk nach dem Krankenhause Friedrichshain übergeführt werden, während die anderen in ihrer Wohnung ärztlich behandelt werden. Die Arbeiten der Feuerwehr zogen sich bis nach 11 Uhr abends hin. Tie Sozialdemokraten au der Spitze. Helsingfors, 19. Januar. Bei den Wahlen zum finnischen Landtag erhielten in ganz Finnland bis heute abend: die Sozialdemokraten 283 617, die Altfinnen 160 821, die Jungsinnen 107 182, die Schweden 100 430, die Agrarier 60 690 und die christliche Arbeiterpartei 13 093 Stimmen. Ein lästiger Ausländer. Brüssel. 16. Januar.(B. H.) Wie verlautet, hat König Albert dem Herzog von Orleans wegen dessen hau- figen Reisen nach Brüssel zwecks Unterhandlungen mit feinen Anhängern zu verstehen gegeben, er wünsche, daß die Be- gegnungcn weiterhin nicht in Brüssel stattfinden. Der ftanzösische Kronprätendent muß es schon arg getrieben haben, daß ihm ein so deutlicher Wink gegeben wurde. Die Agitation des Herzogs zielt darauf hin. auf dem Wege der Gewalt die bestehende Staats-»nd Gefellfchaftsord- nung in Frankreich umzustoßen und sich zum König von Gottes Gnaden aufzuschwingen. Also glatter Hochverrat, der nach deutschem Reckt mit Tod ober lebenslänglichem Zuchthaus bedroht ist. Zum Bergarbeiterstreik in Belgien. Brüssel. 16. Januar.(B. H.) Mehrere Abgeordnete haben den Kammerpräsidenten benachrichtigt, daß sie den Arbeitsminister über den Bergarbeiterausstand zu interpellieren gedenken. Die Lage im Ausstandögebiet ist unverändert, die Zahl der Streikenden hat eher zu- als abgenommen. Sämtliche Zechen des Hervö- Plateaus haben sich dem Streit angeschlossen. Lüttich» 16. Januar.(W. T. B.j Die Anzahl der A u S- st ä n d i g e n im hiesigen Kohlenbecken wird heute auf 21 669 an- gegeben. Es wird eine mätzige Weiterausdehnung des A u s st a n d e s erwartet. Da die hiesige Industrie Kohlenmangel befürchtete, so wird sie seit gestern vom Ruhrgcbiet mit Kohle ver- sorgt. Alles ist ruhig._ Die Streikbewegung in Katalonien. Barcelona, 16. Januar. Der Streik der Kohlenarbciter und Entlader im Hafen dauert noch a». Gestern sind verschiedene Zu- sammenstöße zwischen Streikenden und Arbeitswilligen vor- gekommen. Schüsse fielen von beiden Seiten, mehrere Arbeiter wurden verletzt. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Müllabholer streiken auch. Weitere Streikertlärungen anderer Arbeitergruppcn stehen bevor. Von einer Lawine verschüttet. Bern, 16. Januar.(W. T. B.) Im K i e n t h a l wurden durch eine Lawine vier Holzarbeiter aus Scharnachthol verschüttet. Drei Mann sind tot. Einer wurde schwer vcr, wundet. Zwei der Umgekommenen sind Familienväter. Ein Tag ohne Cholerafall. Konstantinopel, 16. Januar.(W. T. B.) Da heute hier seit September vorigen JahrcS der erste Tag ohne Reiicrtrankung an Cholera vergangen ist» so scheint die Epidemie am Erlösche« zu sein.___ lul Singer 4c Co., Berlin ZW. Hierzu 3 Beilagen m Unterhaltung�bl.~ Nr. 9. 28. Jahrgang. nlilit des Lmels" Kciliscr Jiollisliliitl.»«•■* il. Ilttmr 191L Reichstag. 102. Sitzung. Dienstag, den 10. Januar 1911, nachmittags 2 Uhr. Sm YundeSratStisch: Mermuth. Präsik'ent Graf Schwcriu-Löwitz bringt dem Hause die aller- herzlichsten Neujabrswüusche dar und gedenkt der versturbeuen Mit- glieder. auch des Grafen B a l l e st r e m. der sich oufzerardeutliche Verdienste durch feine Führung der Geschäfte erworben und sich allgemeiner Beliebtheit erfreut habe auf Grund seiner strengen Unparteilichkeit und seiner mit köstlichem Humor gepaarten Liebens- Würdigkeit.(Bravo I) Auf der Tagesordnung steht die Interpellation der Freisinnigen auf Aufhebung der Zündholzsteuer. „Ist der Reichskanzler bereit, angesichts der schweren Mißstände, die sich aus der Besteuerung von Zündwaren für die beteiligte Industrie und Arbeiterschaft wie für die Verbraucher ergeben haben, die Aufhebung des ZündwarensteuergesetzeS vom IS. Juli 1909 schleunigst in die Wege zu leiten?* Schatziekretär Wcrinnth erklärt sich zur sofortigen Beantwortung der Interpellation bereit. Abg. EndrrS(Vp.): Die sofortige Aufhebung der Zündholzsteuer ist das einzige Mittel, um die niinSsc Wirkung dieses Gesetzes zu beseitigen. Wir vollen nicht wieder eine Debatte über die Reich-finanz- ekorm beginnen, obwohl die Zündholzsteuer die dufiendste tUume in diesem Steuerbukett ist. Wir wollen auch selbst den Schein vermeiden, als sei unsere Interpellation durch Partei- politische und taktische Erwägungen diktiert. Nur der schwere Notstand der Arbeiter und der Industriellen hat uns zu unserer Jnler- pellalion veranlagt. Der Vater der Zündholzsteuer ist Herr Dr. Rösicke In der Kommissionsverhandlung sprach er den lapidaren Satz, das; im Lande geradezu nach einer solchen Steuer geschrien werde. Davon hat niemand etwas bemerkt. Aber jetzt kann jeder hören, der Ohren zu hören hat, wie das ganze Land über die Steuer schreit. Die Ar- beiter schreien, weil sie die Arbeitsgelegenheit verloren und aufs Pflaster geworfen sind, die Fabrikanten schreien, weil ihre Unternehmungen zugrunde gehen und die Konsumenten schreien nicht nur, weil sie niehr belastet sind, sondern weil sie über die unsoziale und ungerechtfertigte Steuer empört sind,(Sehr richtig I links.) Mit der Notlage der Arbeiter hat sich der Reichstag schon im Mai v. I. beschäftigt. Fünf Petitionen aus Schlesien, Hannover, Bayern und Thüringen lagen vor. die dasselbe düstere Bild boten. Die Arbeiter waren entlassen und konnten in den weltabgeschiedene» Gegenden keine Beschäftigung finden. Ihr Elend ivar groß und deshalb baten sie, daß ihnen dieselbe Entschädigung wie den Tabakarbeitern gewährt werde. Der Reichstag hat diese Notlage anerkannt und einstimmig beschlossen, die Petitionen der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Ich frage den Schapsekretär, weshalb dieser einstimmige Beschlutz bis heute keine Berücksichtigung gesunden hat?(Hört! hört! links.) Im vorigen Jahre konnte man mit einem Schein von Berechtigung glauben, cS handle sich bei dieser Notlage um eine vorübergehende Erscheinung, sie sei lediglich hervorgerufen durch die Ueberproduktion des Inlandes, durch die Masteueinsuhr des Auslandes in Rücksicht auf die kommende Steuer. Mit der Zeit würde die ungeheure Worratsmasfe aufgebraucht werden. Das Argument hat sich als nickt stichhaltig erwiesen. Wäre die Annahme richtig gewesen. so hätten wir jetzt nach I'/z Jahren schon längst normale Zu- stände haben müssen. Das ist nicht der Fall, die V e r- k> ä llu is s e haben sich im Gegenteil verschlechtert. Aus allen Fabriken wird übereinstimmend über dauernde ProduktianSeinschränkungen berichtet, und hier und da selbst an dauernde Eiinstellung des Betriebes gedacht. Der Verband deutscher Znndbolzfabrikanten hat sestgestelli, datz nur noch die Hälfte der Arbeiter in der Industrie beschäftigt wird. Und diese Arbeiter sind die elendesten und gedrücktesten, die in den abgelegenen Gebirgsdörfern keine andere Beschäftigung finden. Wie steht cS mit den Unternehmern? Ihre Solidarität mit den Arbeitern ist in diesem Falle evident. Es geht ihnen gena» so schlecht wie den Arbeitern. Der Verband der Zündholzfabrikanten bc- zeichnet ihre Lage als trostlos. Seine Petition spricht die un« verfälschte Sprache der Empörung und der Hoffnungslosigkeit. Nur von einem unmittelbaren Eingreisen der Gesetzgebung erwartet er Hilfe, sei es die Aufhebung der Zündholzsteuer oder die Einführung des Staatsmonopols. oder des Betriebsmonopols unter Staatskontrolle. Die Hoffnung auf eine gesunde Enr- Wickelung aus eigener Kraft heraus haben diese Männer voll- kommen verloren und ihr Pessimismus ist berechtigt. Der koloffale Rleines feiallcton. AuS der Geschichte der Hexrnverbrennung. Die adligen Guts- Herren hatten bis in das 19. Jahrhundert das unumschränkte Recht auf Leben und Tod ihrer bäuerlichen.Untertanen'. Wenn auf ihrem Gut Viehkrankheiien ausbrachen, so habe» sie wohl auch zur Kur— eine Hexe verbrannt. Dieses furchtbare Junkerreckt wird durch eine Urkunde bezeugt, die in den.Mitteilungen der schlesiichen Gesellschaft für BolkSknnde' aus einer handschristlichen Chronik veröffentlicht wird. Danach wurde im Jahre 160l aus Befehl des Gutsherrn von Wohlan eine Frau verbrannt, weil sie Menschen und Vieh deö GutshofeS Läuse angehext halte. Der Bericht lautet: «Eine grotze Zauberin vorbrandt. Den 8 Juny hat der Burggroff zue Wolaiv Fridrick Mutschellinz auff seinem dorff seine vnterthanin, ein altes weib, vorbrennen lasten; ist eine Zauberin gewesen; hat Villen leuthenn ahn dem vihe groszen schaden» gethohnn; besonders vor ihrem Ende hat sie dem Inn kern« gemacht, das er vnd all sein ganz hoff voller leuse wordenn, das'ihm engstlich vnd banngc wordenn. wie er ferner bleiben wirbt gibt die Zeit." Ein balbes Jahrhundert früher, im Jahre 1SS9, wurde, wie eine Breslauer Chronik berichtet, ein 97 jährigeS Weib in Breslau ersäuft, weil fie eine Hexe gewesen: „Den 11. Augusti hm mahnn zue BreSlaw ein sehr altes weib in die 97 Jahr, wie mahn» ihr»ach gerechnet, die Zuckellhel'e genannt hinter dem Tdumb wonende alhie erseufft; war eine grosze Zaubenn vnd wie der henncker hinein warff. S«wahm sie Empohr wie ein Schaum auff dem wast'cr, woldt sie nun der henncker thodt hadenn, muste Er fie mit einer Stanngtnn erseuffen." Es war die Zeit, wo es auch noch Wäbrwölfe in Schlesien gab, worüber eine Chronik unter dem Jahre 1S79 berichtet: „Jhnn disem Jahr ist dise histeria glanbwirdig gcschehenn zu Gabell in Bebmen! ist alhir vill gutlen leuhtien bekmidt vnd zue- gei'chriben worden. Nemlich es hat eines Bürgers Tochter eines Bürgers Sohnn gesteht vnd mit ir Hochzeit gehaltenn. Vnd wie sich nun Braudt vnd Brentigam Schlaffen gelegt, ist der Breutigam )n der Nacht zu einem grimmigen Thier oder Behrr wolff wordenn. die Braudt vmbgebracht, vndter das Behtt gekrockienn, vnnder ding gewuhtet und getobet, da? nimandt zue ihm' gedorffr. Also hat man Rath gehaltenn. wie dem zu tbun, dormite niemaadt mochte von ihm beschedigt werden, haben ihmi denn henncker thodt schießen lassen," Mit ahnlichem grausenden Interesse, mit dem man heute diese Urkunden einer noch gar nicht fernen Vergangenheit liest, werden unsere Nachkommen einmal die Gutachten deutscher„Jntelleklucllcr" d«» 20. Jahrhunderts zugunsten der Todesstrafe lesen. Rückgang des Konsums ist infolge der Steuer nicht blotz' vorübergehend gewestn, sondern dauernd geworden. Die Ver- braucher der Zündhölzer sind an unglaubliche Sparsamkeit gewöhnt woiden. Auch diejenigen haben sich getäuscht, die da glaubten, datz die Zündholzersatzmittel weniger aus Sparsamkeit, als aus Aerger über die Steuer gekauft werden und datz ihr Absatz bald zurückgehen würde. Das Gegenteil ist richtig, eine neue blühende Industrie ist entstanden, und je billiger sie die Zündbolzersotzniitiel in zuverlässiger Form liesern wird, um so dauernder ist der Schaden stir die Zündholziiidnürie. Für diese er- gibt sich ein Konsiimriickgang von 40 Proz.(HörtI börl! links) Obgleich das Zündholzsyndikal 89 Proz. aller Betriebe umfatzte, war es nicht entfernt unstande, auch nur 40 Proz. seiner Produktion imlerzubringen. Nack sechs Monaten brach es zusammen. Ein wilder, verzweifelter Kampf aller gegen alle hat eingesetzt, der nur mit der Vernnbtung zahlreicher Existenzen enden kann.(Sehr wahr! links.) Das Ende der Entwickelung wird sein, datz ein paar grotze Unternehmer übrig bleiben und dem Publikum die P>eise diktiereu. Das nennt sich Mittelstands- und Sozial- potilik!(Sehr gut! links.) Und da hat Herr Erzberger den Mut gehabt, namens des Zentrums die Entschädigung der Zünd- Holzarbeiter abzulehnen und zu behauplen, durcb die Zündholz- Neuer werde am besten für die Zündholzarbeiter gesorgt!(Hört! hört! links.) Mit Recht hat damals ein Sozialdemokrat der schwarz- blauen Mehrheit zugerufen: Nur so weiter I Keine Steuer bat so sehr dazu beigetragen, die Entrüstung über die sogenannte Reichs- fiiiauzresorm in die weitesten Volksschichten zu tragen. Unbedingt ist die Abschaffung dieser ungerechtesten aller Steuern zu fordern.(Zuruf rechts: Sorgen Sie für die Deckung des Aus- falls?) Der Reichsi'chntziekretär sollte nochmals die E r b i ch a f t s- st e u e r einbringen,(Lärm im Zentrum und rechts.) Vielleicht findet sie jetzt die Mehrheit,(Lachen und grotze Unruhe rechts.) Die Abschaffnng der Zündholzsteuer ist eine Forderung der sozialen Ge- rechtigkett.(Bravo I links.) Zur Beantwortung der Interpellation erhält daS Wort Reichsschatzsekretär Mermuth s Der Interpellant hat die Verhältnisse in der Zündbolzindustrie keineswegs richtig dargestellt. Es ist auch nicht angängig, ohne weiteres die Jnieresse» der Konsumenten und Produzenten in dicier Frage gleichzusetzen. Ich kann hier nur ausführen, aus welchen Gründen der Herr Reichskanzler die von den Interpellanten geforderte Abschaffnng der Zündholzsteuer nicht befürworten kann. Nicht aber kann'ich auf das Für und Wider der Besteuerung der Zünd- Hölzer selbst eingehen und so gleichsam eine vierte Lesung der Steuer vornehmen,(Zustimmung rechts. Rufe links: Eine dritte Lesung! Eine zweite Lesung hat ja gar nicht stattgefunden.) Es wäre daS allerfalscheste, eine Steuer, kaum nachdem sie ein- geführt worden ist, wieder abzuschaffen. Eine Steuer bedarf einer gewissen Zeit, um sich einzuleben, um erprobt zu werden.(Sehr wahr l rechts.) Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Deckung des entstehenden Ausfalls. Der Lorredner schlägt allerdings einen Eriay vor, aber es ist doch sehr staglich, ob dieser Vorschlag die Zustimmung der ReickStagsinehrheit finden würde Zu der besonderen Unpopularität der Zündholzsteuer trägt bei, datz sie ganz besonders unmittelbar, persönlich, dem Einzelnen Opfer für die Allgemeinheit zumutet. So kommt eS, datz der menschlich sehr begreifliche Stenerärger in diesem Falle allgemeiner ist, als bei anderen Steuern. Es darf aber nicht vergessen werden, datz in anderen Ländern, wie in Frankreich, die Zündhölzer längst zur Deckung der Staatsausgaben in weil ausgiebigerem Matze heran- gezogen werden. Die vorübergehende Schädigung der Arbeiter der Zündbolzarbeiter ist weit weniger die Folge der Steuer als vielmehr der sogenannten Vorversorgung, deS manchmal etwas kleinliche» Bestrebens, vor dem Inkrafttreten der Steuer recht billig einzukaufen. Jw bin weit davon cnlsernt, lokale Not st än de abzustreiten, aber im allgemeinen haben die beschäftigunasloS gewordenen Zünd- Holzarbeiter anderweitige Beschäftigung gefunden, und die düsteren Prophezeiungen von einer Hungersnot am Bayerischen und Thüringer Wald(Heiterkeit recktS) haben sich durchaus nicht bewahrheitet. Die Lage der Züudbolzindnstrie wird viel- mehr durch innere Uneinigkeit als durch die Steuer gefährdet. Eine Petitton weist darauf hin, datz durch Ersatzmittel, Gasanzünder. Taschenseuerzeuge usw. der Konsum von Streichhölzern um lö Proz, bis 20 Proz. zurückgegangen ist. Frankreich und Italien haben diese Ersatzmittel mit hohen Zölle» belegt. Ter Frage der Besteuerung dieser Ersatzniittel werden auch die Verbündete» Regierungen ernsthaft näher treten müssen.(Hört! hört!) Freilich darf dabei nicht vergesien werden, datz diese Ersatzmittel ein wichtiger Ausfuhr- artilel sind. Die Insel deS OdyssruS. In der Pariser Akademie der In« schristen und schönen Literatur hat der griechische Deputierte CavvadiaS, Generolinspeklor der Monumente Griechenlands, einen Bericht über die von ihm geleiteten Ausgrabuiigen auf Kcpbalonia. der großen Jniel des jonischen MecreS. erstattet. Sie brachten Denk- mäler dreier Epochen zutage. Die erste, die der jüngeren Steinzeit angehört, reicht mindestens 3009 Jahre hinter unsere Zeitrewnuiig zurück. Sie wird durch einfarbige, sehr primitive Töpferarbeilen cuarakierisiert. Die Menschen wohnten in Holzhiiiten. Sie begruben ihre Toten in den Hütten selbst oder ganz in der Nähe von Erd- lockern von unregelmäßiger Kreis- oder Ellipsenform. Eine zweite, vor-mykenische Kultur ist zumindest 2090 Jahre v. Chr. zu datteren. Sie brachte schwarze, vrnanientlose Töpferarbeiten hervor. Die Gräber werde»! aus Kalksteinen errichtet. Die dritte, mykenische Kultur füllt in die Zeit von 1500—1900 v. Chr. Aus ihren Gräbern förderte CavvadiaS eine Menge Arbeiten in Gold, Bronze und GlaS zutage. In dieser Epoche wurden die Toten in hockender Stellung beigesetzt. Die Leicdeiiverbrennung wie der Gebrauch des Eisens waren noch unbekannt.— In seinen weiteren Allsfndniiigen bebandelte der Vortragende auch die Frage der Heimat des OdhsseuS, Daß die heute Jthaka genannte Insel, wie die Tradition will, mit dem Jihaka des Alten identisch sei, wird schon seil längerer Zeit bestritte». Dörpfeld, der Direktor des deutschen archäologischen Instituts in Athen hat nachweisen wollen, datz der wahre Jthaka in der benachbarten kleinen Insel Lenkas zu finden sei. Covvadias neigt der Ansicht zu, Odhffeus Reich sei Kephalonia gewesen.— So gar wichtig ist freilich die Frage nickt, vor allem weil der homerische Odysseus doch nicht wirklich gelebt hat. Und wenn schon... Wie Chopins Trauermarsch entstand. Von den merkwürdigen Umständen, unter denen Chopin seineu berühmten Tranermarsch komponierte, wird in einein Artikel der„Annales" erzählt. Der Maler Ziem war eines Abends bei einem Freunde, als einer aus der Geiellichaft sich einen Spatz machen wollte, das Licht auslöschte und ein im Zimmer hinter einem Schirm stehendes Skelett hervorholte und an das Klavier setzte... Von diesem merkwürdige» Eindruck erzählte Ziem nun Chopin, als dieser eines Tags nach schlafloser Nacht zu ihm kam. um ein wenig Ruhe zu finden. Chopin erschauerte, er schien sich in Träume zu verlieren und sein Blick fiel auf ein Klavier, dessen Seiten der Maler mit Seebildern und Mondscheinlandschasten bedeckt hatte.„Haben Sie auch ein Skelett im Hause?" fragte Chopin. Ziem hatte zwar keines, versprach dem Musiker jedoch, eö für den Abend zu besorgen. Er ließ das berühmte Skelett von seinem Besitzer abholen nnd lud die Freunde zu sich ein. Als Chopin das Skelett erblickte, ergriff er eö. hüllte sich in ein langes weitzeS Tuch und fetzte sich mit dem unheimlichen Knochenmann an das Piano. Sein Gesicht war bleich nnd seine Lugen glühten wie im Feuer. Und in dem düsteren Schweigen. Auf Antrag des Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.) wird in die Besprechung der Interpellation eingetreten. Abg. Graf Oppersdorf(Z.): Ich stimme dein Abg. Enders zu, datz der Notstand nicht blost vorübergehend und schreiend ist. Aber ich stimme ihm nicht darin zu, datz die Abschaffung der Steuer den Notstand beseitigen würde. Eine wesentliche Rolle spielt doch die gewaltige Vorversorguug. Merkwürdig ist auch, datz Herr EnderS, Mitglied einer Partei, die den Achtstundentag wünscht, sich darüber beklagt, datz in der Zündholzwarenindustrie nur noch S Stunden ge- arbeilet wird statt der früheren 19 Stunden:(Sehr gut! im Zen- trum.) Der Gedanke der Zündholzsteuer stammt ja aus liberalen Kreisen,(Sehr wahr! im Zentrum,) Abg. Osann trat sogar für das Monopol ein. Also die Zündholzsteuer ist ein Kind der Linken (Widerspiuch links), mindestens ein Adoptivkind.(Heiterkeit und Sehr gntl im Zentrum.) Die Linke hat sich seinerzeit durch Herrn Mommsen auch gegen eine Erhöhung des Schutzzolles und gegen die Koiitingeiittertmg gewandt. Wären wir ihm gefolgt, so wäre heute die Zündholzindnstrie nicht nur an der auswärtigen Konkurrenz, sondern auch an der sreien Konkurrenz im Jnlande verblutet. Der sozialdemokratische Abgeordnete S ck w a r tz- Lübeck hat übrigens schon damals darauf hingewiesen,. datz die Zündholzindustrie sich in einem gewissen Niedergange befinde und vor allem infolge der Aus» breitnng der Taiweiifeuerzeuge und der Elektrizitäts- undGasselbstzünder. Der Staatssekretär hat eine Reihe von Gründen gegen die Aufhebung der Steuern angeführt; sie würde vernichtend für die Industrie sein. Es würde die freie Konknrteilz eintreten mit allen ihren Folgen und die Gründung neuer Fabriken würde lediglich eine Kapitalsfrage lein. Die Stellungnahine meiner Freunde zur Frage der Eni- schädigung der Zündholzarbciter, wo wir gegen den sozialdemo- kratiicben Antrag auf Entschädigung stimmten, war veranlaßt durch das Bestreben, den Arbeitern Arbeilsgelegenheit zu schaffen, was besser ist, als eine einmalige Emichädigung; doch ist die Frage der Entschädigung erwägenswert. Zu erwägen ist auch, ob nicht für die Zündholzschachtelindustrie, die unter einem Mangel an Auf» trägen leidet, etwas getan werden kann.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Dr. Osa»»(natl.): Wir teilen nicht die Auffassung der Interpellanten, datz die von der Zündholzsteuer hervorgerufenen Mißstände so groß sind, daß sie eine Aufhebung des ganzen Gesetze? relblfertigen; wohl aber sind wir der Meinung, datz die Schäden groß genug sind, um eine ernste und eingehende Erwägung zu ver- dienen. Mit einer Aufhebung der Besteuerung sind die Zündholz- industriellen selbst nicht einverstanden. Das mutz für uns ausschlaggebend sein!(I) Wir halten es für daS richtigste, die ganze Zündholzindustrie von Reichs wegen zu monopolisieren, In einer ganzen Reihe von Staaten ist das Monopol bereits mit Erfolg durchgeführt. Abg. Dr. Hahn(k.): Auch wir verkennen nicht die über» aus mißliche Lage der Ziiiidbolzindtistrie. Der traurige tustand der Industrie kann nicht durch Beseitigung der ündbolzsteuer behoben werden, sondern durch gleiche Be» liistung der Ersatzmittel. Dann ist die Konkurrenz gleich und die Industrie wird eine grotze Erleichieriiug haben. Schuld cckl der Steuer sind doch auch vor allem die, welche die von der Regierung vor» geschlagenen indirekten Steuclii, die Reklame- und In» i' e r a t e n st e u e r abgelehnt haben.(Sehr richtig! rechts) Wären diese angenommen worden, so hätten wir die Zündholz- steuer nicht gebraucht, auch nicht die Erhöhung des Kaffee- und Teezolls,(Sehr richtig! rechts.) Der hohe Kaffeepreis ist übrigens nicht durch die Zollerhöhung veranlatzt, sondern durch Matznahmen der brasilianiichen Regierung mit Hilfe einer Anleihe, zu der auch deutsche Firmen beigetragen haben, vor aNein solche, die dem Hansabund angehören.(Sehr gut I rechts.) Die Linke meint, als Ersatz der abgelehnten Steuern sollte die ErbschaftL» steuer eintreten. Aber selbst die Abgeordneten Müller-Meiningen und Dr. Wiemer haben die Erbansaljsteuer als Eingriff in die Familie bezeichnet. Wir werden jedenfalls nicht Verschiveigen, datz wir diese Argumente der freisinnigen Volkspartei verdanken und werden betonen, datz wir nicht die Wandelbarkeit der Gesinnung haben wie die Linke.(Lacken links. Zuruf: Agrarisches Handbuch!) Der Artikel im agrarischen Handbuch ist von einem jüngeren Mitglied deS Bundes der Land» wirte geschrieben und die Herren Rösicke und v. WaiPeuheim können nicht jeden Satz im Handbuch kennen,(Lachen links,) Die Finanzreform von 1999 war ebenso wie die von 1909 eine harte Notwendigkeit und ihre Bewilligung eine politische Pflicht.(Stürmische Rufe links: Hurra, hurra I) Ich danke Ihne» meine Herren.(Bravo I rechts.) Hierauf vertagt sich das Haus. Abg. EnderS(Vp.)(persön- liche Bemerkung): Der Vorwurf dcS Grafen Oppersdorf, ich wäre gegen den Neunstiuideniag eingetreten, bedeutet eine Verdrehung meiner Worte, die lediglich eine Tatsache konstatierten. Präsident Graf Schwerin-Löivitz: Sie dürfen einein Ab» geordneten nickt vorwerfen, datz er Ihre Worte verdrehe. da« sich bei diesem Anblick auf die Gesellschaft gelegt hatte, tönten zum ersten Male die getragenen Akkorde des.Trauermarsches"... Humor und Tatire. «Es hat sich ergeben..." (AuS der Berliner Moidchronik.) geitungsnieldung des ersten TageS: Die Witwe Lehmann wird seit zivei Wochen vermißt; eS har sich ergebe», datz sie aus einem einsamen Spaziergang das Opfer eines Wege- lagerers geworden ist. Z e i l u n g s in e l d u n g d e S zweiten Tages: Es hat sich ergeben, datz der Wegelagerer die Witive Lehmann ver- mittelst eines Strickes erdrosselt hat. Der Strick ist bereits aus- gefunden. Der Wegelagerer nicht. Meldung des dritten TageS: Es hat sich ergeben. datz die Witwe Lehmann nicht erdrosselt wurde, sondern erichosien. Der Revolver ist bereits aufgefunden. Der Wegelagerer nicht. Die Leiche auw nicht. A m v i e r t e n T a g: ES hat sich e r g e b e n, datz der Wege» lagerer kein Mann war, sondern eine Frau. F ü n f t e r T a g: Es hat sich ergeben, datz die Mörderin der Witwe Lehmann kein Frau war. sondern ei» Kohlenkuticher Meier. Der Koblentutscher Meier ist bereits in Haft genommen. Sein Alibibeweiss ist ihm mißglückt. Sechster Tag: Es hat sich ergeben, datz der AlibibeweiS de« KohIeiikutscherS durchaus lückenlos ist. Der Kohlenkutscher wurde auS der Haft entlassen. Siebenter Tag: Es bat sich ergeben, daß nur ein im Hause wohnender Sattlermeister der Täter sein kann. Der Sattler- meister ist verhaftet und verwickelt sich immer mehr in Widersprüche. Achter Tag: Eö har sich ergeben, datz der Sattlermeister an der Ermordung der Witive Lehmaim imschnldig ist; daß der Strick, mit dem sie erdrosselt wurde, nichts mit der Sache zu tun hat; datz der Revolver, mit dem sie erschossen wurde, mir ein Zigarrenabschneider war; datz der Sattlermeister nicht in dem gleichen Hause wobnt; datz der Kohlenkutscher nicht Meier heißt, sondern Krawnt'chke; und daß die Witwe Lehmann Überhaupt nicht auf einem einsame» Spaziergang ums Leben gekommen, sondern nur zu ihren Verwandten nach Buxtehude gereist war, von wo sie heute wohlbehalten wieder in Berlin angelaugt ist. _(«Lustige Blätter'.) Notizen. — Vorträge. Auf Veranlaffuitg des D e u t's ch e n Der- eins für Volkshygiene. Ortsgruppe Berlin, spricht am Frei- tag, den 13. Januar, abends 8 Uhr. im Bürgersaale dcS Berliner Rathauses Prof. P. F. Richter über: DaS Alter« und daS Alter. Der Zutritt ist für jedermann frei. Wg. Dr. Müller- Melnwgen: Ich IjaBe In dem von Herrn Dr. Hahn erwähnten Artikel nur einige Bedenken gegen eine Erb- anfallsteuer vorgebracht. Herr Dr. Hahn hat aber� v e r s ch w regen, dag ich in demselben Artikel für die Erbanfallsteuer plädiert habe. (LebbafteS Hört I hört! links.) Präsident Graf Schwerin-Löwitz flblägt vor, die nächste Sitzung abzuhalten: Mittwoch 1 Uhr mir der Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Beratung der heutigen Tagesordnung vom zweiten Punkte an (Rechnungssachen) und 2. Antrag K a n i tz(l.) betr. Maiznahmen zum Schutz des Mittelstandes. Abg. Singerann den Zusammenstoß der Polizei mit den Arbeitern der Loewe- che» Fabrik. Als er sie mit blanker Waffe auf den Fabrikhof drängen und das Tor hatte schließen lassen, seien Steine über die Mauer geschleudert worden, so datz nur übriggeblieben sei, auch den Hof zu räumen. Er habe da eine völlige Pöbclherrsckaft gc- ünden oder wenigstens«ine totale Anarchie, gegen die das Kontor- -ersonal rat- und machtlos gewesen sei. Immer wieder seien ne Arbeiter ans den Türen herausgekommen, um Steine auf die abziehenden Schuhleute zu werfen. Ich überlegte, bekundet der 1 enge, was ich machen sollte. Der Widerstand mutzte unter allen Umständen gebrochen werden, wir konnten uns doch nicht zum Narren halte» lassen und uns auf der Nase herumtanzen lassen von Leuten, die uns hinterher ausgelacht hätten. Ich sagte mir: „Erreichen kannst du sie nicht mit der Klingel" Ich wollte gerade den Befehl geben:„Pistolen raus!" Da ertönte das Fabriksignal, und alle gingen sofort an die Arbeit.— Die Absperrung der um. liegenden Straßen, die dann begann, habe so milde wie möglich gehandhabt werden sollen, und das sei auch im allgemeinen gc» schehen. Am Abend des 23. September habe er Leutnant Goctze mit einem Kommando abgeschickt. VN die Sickingenstraße„wieder mal ein bißchen zu räumen." Auch ichm habe er Milde empfohlen, und das sei auch meist befolgt worden, wenigstens sei ihm, dem Polizeimajor Klein, keine Meldung zugegangen, daß das nicht ge- schehen wäre. Die geflüchtete Menge sei aber hinter der Polizei immer wieder, wie aus der Pistole geschossen, aus den Kneipen herausgekommen, und da habe doch die Polizei nicht feige zurück- weichen können, sondern habe'mm«r wieder gegen sie Front ge- macht. Die Zerstörung der Fenster der Reformationskirche sei zweifellos das Werk wirklichen Janhagels gewesen. Am 27. Sep- tember habe das plötzliche Verlöschen zahlreicher Laternen ihn auf den Gedanken gebracht, daß hier eine gewisse Direktive im Spiel sei. Er wolle aber keinen Verdacht nach bestimmter Richtung hin aussprechen, es gebe ja immer Unberufene, die sich eine Leitung anmaßen. Die Ruhe, die am 28. September in der Rostocker Straße«in- trat, erschien dem Polizeimajor Klein„auffallend still, unheimlich still". Er meinte, offenbar hatte die Anwendung der Schußwaffe, zu der es hie: am 27. September gekommen war, doch gefruchtet. Vielleicht habe auch eine Zeitungsnotiz, daß die Tumultuanten nichts mit der sozialdemokratischen Partei zu tun hätten, ernüchternd ge- wirkt. � Zeuge denkt hier, wie er später angibt, an«ine Notiz des „Vorwärts". Aber die Ruhe vom 23. September machte ihn doch mißtrauisch, sagt er, darum— requirierte er am 23. September Karabiner. Wäre es in der Rostocker Straße, so bekundet er, noch- mals losgegangen, so hätte ich rücksichtslos die Karabiner ange- wendet. Es wäre nickt» weiter übrig geblieben, als die Balkons mit dieser Schußwaffe zu bestreichen. Aber es kam nicht dazu. Am 30. September sei dann von der Polizei auch in der Turmstraße „so lange gearbeitet worden, bis Ruhe eintrat". Es seien aber in diesen Tagen alle möglichen Nachrichten eingelaufen. Die Brüssel- brücke wolle man in die Luft sprengen, ganz bestimmt! Da Hab« er wenigstens eine Patrouille hinschicken müssen. In der Siegesallee wolle ein Trupp alle Denkmäler demolieren! Mannschaften habe er hinbeordert, er selber habe sich in ein Automobil geworfen, aber in der Siegesallee sei alleS still gewesen. Im Kriminalgericht habe übrigens zum Schuh des Weges nach dem Tiergarten eine ganze Polizeihauptmannschaft bereitgestanden. Der Herr Polizeimajor machte ein verduzteS Gesicht, als der Vorsitzende ihn unterbrach, die weiteren Schilderungen interessierten nicht mehr. Die zur Anklage stehenden Straftaten reichen nämlich nur bis zum 27.«-eptember. Oberstaatsanwalt Preutz fragt nach den Borschriften über den Wasfengcbrauch. Polizeimajor Klein verliest die Instruktion, die sich auf eine Verordnung von 1854 stützt. Danach haben die Polizei- Mannschaften ohne Anweisung der Vorgesetzten die Waffe zu ge- brauchen u. a. dann, wenn ihnen Gewalt entgegengesetzt wird, wenn sie anders ihren Posten nicht behaupten können usw. Immer ober soll die Waffe mit mäglichstcr Schonung gebraucht werden und erst dann, wenn alle anderen Mittel fruchtlos angewendet sind. Oberstaatsanwalt Preuß fragt nach den Verletzungen der Mannschaften und Offiziere. Verwundet wurden 4 Offiziere und rund 8g Mann, durch einen Steinwurf auch Polizeiinajor Klein. Ebenso wurden Leutnant Rauschte und Leutnant Folte verwundet. Rechtsanwalt Heinemann: Aber wie verletzt?— Zeuge: Rauschke ist nicht sehr verletzt. Aber Leutnant Heck hat 14 Tage krank gelegen. Staatsanwalt Porzelt: Schutzleute wurden doch bis in die Wirtschaften hinein verfolgt? Zeuge: Fa. In der Rostocker Straße wurde ein Wachtmeister Pick verfolgt, er rettet« sich in ein Lokal und wurde von einer Familie gerettet, die er von früher her kannte.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Wieviel Zivilpersonen wurden verletzt? Wieviele wurden auf Unfallstationen und in Kranken» Häusern festgestellt?— Zeuge: Das weiß ich nicht.— Rechtsan- »alt Rosenfeld: Gewiß weit mehr als 80! Der Polizeimajor hat jetzt eine andere Auffassung. Rechtsanwalt Heinemann greift auf das Ergebnis der Beweis- aufnähme in der Strafkammerverhandlung zurück. Zum Zeugen: Vor der Strafkammer wurden Sie gefragt, was Sie dazu sagen. wenn Sie hören, daß die humanen Anordnungen in einer großen Anzahl von Fällen nicht beachtet worden sind, und daß auf härm- lose Personen eingeschlagen worden ist. Da sagten Sie: Das glaube ich nicht, daß das geschehen ist; ich glaube, daß ich für meine Beamten garantieren kann und daß, wenn es geschehen wäre, ich Meldung bekommen hätte. Hat das, was Sie inzwischen kennen gelernt haben, das Bild Ihrer Auffassung so erschüttert, daß Sie glauben eine Garantie für Ihre Beamten nicht mehr übernehmen zu können?— Zeuge Polizeimajor Klein: Ich bin sehr gewissenhaft und stets sehr gerecht. Ich muß insofern meine Aussage ändern. daß ich eine solche Garantie nicht mehr übernehmen kann. Nach den Verhandlungen vor der Strafkammer muß ich annehmen, oder kann man annehmen, daß tatsächlich einzelne Beamten meinen Intentionen und Anordnungen nicht entsprochen haben und da ein bißchen zu weit gegangen sind. Ich weiß nicht, warum? Ich kann nur annehmen, daß sie furchtbar ausgeregt waren oder daß da Vorgänge mitsprachen, die die Zeugen, die das bekundeten, nicht gesehen hatten.— Rechtsanwalt Heinemaon: Sie wurden ge- fragt, was Sie zu den rohen Schimpfwörter» sagten. Sie sagten: Das glaube ich nicht. WaS sagen Sie jetzt? Zeuge: Ich kann sie durchaus nicht billigen. Rechtsanwalt Hcinemann: Welche? Urteil haben Sic nun darüber, nachdem von so vielen Personen solche Aeuherungen bekundet worden sind?— Zeuge: Ich will sse nicht entschuldigen. Selbst wenn einzelne Ver- anlassung gehabt hätten zu schimpfen, so durften sie doch nicht so roh schimpfen.— Rechtsanwalt Heinemann: Hure zum Beispiel! Zeuge: Na ja, da« ist entschieden ungehörig. Rechtsanwalt Heinemann berührt auch die Frage des Schnapses, der von Schutzleuten getrunken worden sein soll und fragt, ob der Major das verboten habe. Zeuge bezaht das und glaubt auch nicht, daß das Verbot übertreten worden, mindestens sei nicht„offiziell" Schnaps getrunken worden, wenn es etwa mal vorgekommen sei. Er meint, seine Beamten gegen den Vorwurf verteidigen zu sollen, daß sie aus Kosten von Kupfer u. Co. sich gütlich getan haben. Schließlich gibt er noch an, daß unter allen Umständen, wenn in großer Menge Schnaps getrunken sein sollte, Bestrafung einzu- treten hätte. Wer hat die Kriminalbeamten geschickt? Rechtsanwalt Heinemann: Eine letzte Frage! Sie haben heute noch nicht von den Kriminalbeamten gesprochen. Forderten Sie die oder kamen die so? Polizeimajor Klein: Sie sind so ge- kommen.— Zeuge gibt an. Geheimer Regicrungsrat Hoppe sei mit Kommissar Kuhn nach dem Kupferschen Kohlenhof gekommen, habe sich nach den getroffenen Mahregeln erkundigt— und dann seien die Kriminalbeamten nach Moabit geschickt worden. Ich kann doch, fügt er hinzu, nichts dagegen tun, wenn der höhere Vorgesetzte es anordnet.— Rechtsanwalt Hcinemann: Welchen Eindruck haben Sie aus dem gewonnen, was Sie in der Strafkammervcrhandlung über die Kriminalbeamten erfahren haben?— Zeuge Polizeimajor Klein: Ja, daS kann ich wirklich nicht sagen. Da möchte ich doch wirklich bitten, mix die Antivort zu erlassen. Hiermit ist die Vernehmung des Polizeimajors Klein einst- weilen beendet und es folgt als zweiter Zeuge der Polizeileutnant Folte, der unter ihm in Moabit an den Polizeischlachtcn beteiligt gewesen ist. Auch er bekundet im wesentlichen wie in der Strafkammer- Verhandlung. Er schildert, wie er zunächst die Menge in licbens- würdigster Weise gebeten habe, doch weiter zu gehen. Erst als man auf ibn und feine Leute eindrang, habe er mit der Waffe vorgehen lassen. Ueber den Schuß des Arbeitswilligen, der am 26. September plötzlich die Erregung so sehr steigerte, bekundet er, daß er die Aufforderung, den Schießer festzustellen, mit den Worten beantwortet hat: Beruhigen Sie sich, wen» der Mann geschossen hat, so ist er feflgest-vt. Bei dem Versuch, die erregte Menge zurückzudrängen, kam es dann zur Attacke der Polizei gegen die Löwesche Fabrik. Im Anschluß an die Vernehmung dieses Zeugen fragt Oberstaatsanwalt Preuß: In der Presse ist dSr Polizei vorgeworfen worden, sie habe absicht- lich die Revolte groß werden lassen, weil sie ein Interesse daran hatte. Hat nicht gerade Leutnant Folte dem Geschäftsführer von Kupfer u.(So. den Rat gegeben, auf Vergleichsvcrhandlungen mit der Vertretung der Streikenden einzugehen?— Zeuge Folte: Jawohl.— Ich habe darüber mit der Verwaltung, mit Herrn Busch- meier und mit Herrn Stinnes gesprochen und habe mir eine Dar- stelluna der Ursachen des Streiks geben lassen. Als vom Trans- Portarbeiterverband Vergleichsverhandlungen angeregt wurden, versuchte ich, mich auch mit den Arbeitern in Verbindung zu setzen. Ich hatte den Auftrag, hierüber eine Ausarbeitung zu machen, da- rum wendete ich mich an den Gastwirt Pilz und bat ihn, mir be- hilflich zu sein, damit ich auch von den Arbeitern eine Darstellung bekäme. Pilz versprach das. Er sagte mir aber dann, der Streik- leiter komme nicht mehr zu ihm, ich möchte zum Gewerkschaftshaus gehen. Das konnte ich nicht tun. Herr Buschmeier erklärte mir. er sei bereit, mit den Arbeitern zu verhandeln, aber nicht mit dem Verband. Ich antwortete ihm, es sei doch wohl etwas rigoros unter den heutigen Verhältnissen, eine Gewerkschaft völlig zu ignorieren. — Rechtsanwalt Heinemann stellt fest, daß die Firma auch die Bermittelung des Oberbürgermeisters Kirschncr und des Gewerbe- gerichtsvorsitzenden v. Schulz abgelehnt hat, während der Verband bereit war, sich einem Schiedsspruch zu unterwerfen. Auch Polizeileutnant Folte ist jetzt anderer Ansicht. Auch den Zeugen Folte fragt Rechtsanwalt Heinemann, ob er aus der Straflammerverhandlung nicht den Eindruck gewonnen habe, daß die von Polizeimajor Klein und ihm selber gegebenen Befehle von den Beamten nicht durchweg befolgt worden seien.— Zeuge: Nach dieser Verhandlung kann ich allerdings diese Frage nicht verneinen, sondern muß leider sagen, daß Beamte sich Ueber- griffe erlaubt haben, die ich sehr bedauere. Ich bitte aber zu be- denken, daß wir auch nur Menschen sind und daß unsere Beamten sich zu manchem haben hinreißen lassen, was sie bei ruhiger Ueber. legung nicht getan hätten und was hinterher gewiß jeder bedauern wird. Der Polizeiberuf gestattet nicht lange Ucberlegung und stellt oft vor Lagen, wo rasch ein Entschluß gefaßt werden muß. — Rechtsanwalt Heinemann: Sind Sie nicht der Meinung, daß in manchen vor der Strafkammer vorgebrachten Fällen es sich nicht um bloße Uebereilung, sonder» um bewußte Mißhandlungen bandelt? Wie denken Sie jetzt über die Tätigkeit der Kriminal- bcamten?— Zeuge Polizeileutnant Folte: Es wird hier von mir eine Art Urteil verlangt. Das ist doch ein bißchen viel verlangt. ich bin ja- kein Richter, daß ich darüber urteilen soll, was erweis- lich wahr ist und was nicht. In einzelnen Fällen haben wohl Uebergriffe stattgefunden, aber ob dies bewußt geschehen ist, kann ich nicht wissen. Hierauf wird die Sitzung abgebrochen. Nächste Sitzung heute um 10 Uhr._ Abgrunde menschlichen Glends. In Oberfrankcn, dem nördlichsten bayrischen Regierungsbezirk, teilweise bekannt unter dem Namen bayerisches Sibirien, wird das gewerbliche Leben beherrscht von drei großen modernen Industrien: der Porzcllanindustrie, der Textilindustrie und der Glasindustrie. Stark vertreten sind ferner die Brauereiindustrie, doch hat sie weniger Bedeutung, desgleichen die Lederindustrie. In bezug auf die Höhe der Löhne, die von diesen Industrien gezahlt werden, laßt sich nicht viel Rühmenswertes sagen. Di« Or- ganisationen der Arbeiter aller Industrien sind noch Verhältnis- mäßig schwach und konnten bis jetzt noch nicht durch kräftiges und anhaltendes Vorgehen eine so notwendige und wesentliche Besserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse erreichen. Immerhin, so schlecht die Verhältnisse der Fabrikarbeiterschaft dieser Industrien vom Standpunkt der Arbeiterschaft aus sind, so unbefriedigend sie auch vom Standpunkt der bürgerlichen Volks- Wirtschafter erscheinen, sie sind wahrhaft glänzend gegenüber den Lahn- und Arbeitsverhältnissen der ungemein zahlreichen Heim- arbeiterschaft ObcrfrankenS, die in einer Zahl von ungefähr 25 000 beschäftigt sind in der Textil-, Glas-, Korbwaren- und Jßeder- industrie. Welch« von diesen Industrien die schlechtesten Verhältnisse hat, dürfte kaum zu entscheiden sein, sicher ist, daß sie olle gemein- sain unglaublich miserable Lohn- und Arbeitsbedingungen auf» weisen, die man im 20. Jahrhundert in einem Kulturland geradezu für unmöglich halten sollte. Und um es vorweg zu sagen: ES erscheint ausgeschlossen, daß diese total verelendete Arbeiterschaft aus sich selbst die Kraft findet. andere Verhältnisse zu verlangen und zu erreichen, will sagen zu erkämpfen. Hier muß die Gesetzgebung eingreifen, sollen nicht ganze Generationen unvermeidbar der Degeneration verfallen. Unglaublicherweise hat nun aber die Vertretung der Unter- nehmer, die Handelskammer für Oberfranken, in ihrer Sitzung vom 31. März 1310 jedes Bedürfnis zu einem gesetzlichen Eingreifen in die Verhältnisse der Hausindustrie energisch bestritten. Hören wir, was der Referent zu diesem Punkt der Tagesordnung: Stellung- nahm« zum Entwurf eines HauSarbeitSgesetzes, sagte. Magistrats- rat Rink-Hof führte u. a. auS:„In der oberfränkischen HauS- industrie bestehen Mißstände nicht. Die rigorosen Bestimmungen deS Gesetzentwurfs sind für unsere Verhältnisse ü b e r f l ü s s si g, die Verhältnisse der Heimarbeiter sind gute, die Löhne sind wesent- lich g e st i e g e n." Im selben Sinne sprachen noch mehrere Fabri. kanten und Kvmmerzienrät«. die namentlich betonten, daß die Heimarbeiter sich großer Selbständigkeit erfreuen, meist ihre eigene Scholle hätten und durchaus zufrieden seien. WaS hier behauptet wurde, steht mit den Tatsachen im schroffsten Widerspruch. Nur das stimmt, daß die Heimarbeiter teilweise zufrieden sind. Aber es ist«ine lief unglückselige Zufriedenheit, und wir unterbreiten es dem Urteil der Oeffentlichkeit. ob es nicht ein sehr verdienstvolles Werk wäre, diese zufriedenen Heimarbeiter mit ihrer Lage durchaus unzufrieden zu machen. Im Auftrag des Vorstandes des Schuhmacherverbandes wurden Mitte Dezember die Verhältnisse der Schuhmacher-Heimarbeiter in den oberfräntifchen Orten Kulmitz, Leupoldsberg. Räumlas, Lippertsgrün, Schwarzenbach a. W., Schwarzenstein, Enchenreuth und Presseck untersucht. Hierbei taten sich Abgründe menschlichen Elends auf. Die Leute arbeiten für Fabrikanten in Naila, Schwarzenbach a. W. und Presseck. Die wirtschaftliche Lage dieser Herren läßt nichts zu wünschen übrig und einige haben es in ziem- lich kurzer Zeit vom kleinen Krauter zum Besitzer gewaltiger Pro- duktionSstätten an verschiedenen Orten gebracht. Fabriziert werden von den Heimarbeitern in der Hauptsache die sogenannten Kanonenstiefel, schwere langschöftigc Stiefel, ferner Halb-Kanonenstiefel. gewöhnliche Schaftstiefel und Stiefeletten und sogenannte Triumphstiefel, die sich von den Stiefeletten nur durch den Schnallenverschluß unterscheiden. Da die gleichen Ursachen die gleichen Wirkungen, vielleicht in der Form etwas abweichend, hervorrufen müssen, erklärt es sich ohne weiteres, daß die Verhältnisse sämtlicher Heimarbeiter fast ohne jede Ausnahme die gleich erbarmungswürdigen sind. Betrachten wir daher einige der wahllos aufgesuchten Schuh- macher in ihrer Häuslichkeit, in ihrer großen„Selbständigkeit" und bei ihrer Arbeit mit den„gestiegenen" Löhnen näher. Vorausschicken möckten wir noch, daß ein Teil der Heimarbeiter in eigenen Häusern wohnt und der größte Teil derselben sich seinen Jahresbedarf an Kartoffeln selber baut. Auf die Lebenshaltung hat das aber keinerlei Einfluß weiter. Denn da die Leute kein Großvieh besitzen, müssen sie Düngerfahren und Ackern von anderen besorgen lassen und dafür bezahlen. Und was sie an Zeit für Feld- arbeit austvenden, geht ihnen natürlich verloren an Zeit zur „lohnenden" Heimarbeit. Die wirtschaftliche Lage der haus- besitzenden und selbst Kartoffel bauenden Heimarbeiter ist daher durchaus nickst besser als die der vollkommen besitzlosen, denn aus leicht erklärlichen Gründen sind WohnungSmieten und Kartoffel» preise ungemein niedrig. Die höchste WohnungSmiete betrug 80 R.« und sie ging herunter bis auf 24 M. im Jahr. Solche Beträge muß auch der Hausbesitzer an Steuern und Unterhaltskosten aufbringen. Kartoffeln stehen oft so niedrig im Preis, daß der Zentner für 1,50 M. zu haben ist. Ter einzige Unterschied zwischen den Heimarbeitern mit eigener Scholle und denen, die alles zum Leben Notwendige kaufen müssen, besteht in der Hauptsache darin, daß die«rstercn meist das ganze Jahr über Kartaffeln, die Grundlage und den Hauptbestandteil der täglichen Nahrung, haben, während die letzteren auch hierin manchmal Schmalhans Küchenmeister sein lassen müssen. Doch treten wir ein in die Stube des Heimarbeiters A. ES ist ein 63 Jahre alter Mann, der mit seinen beiden Söhnen zu- sammen Kanonenstiefel macht. Wegen schwacher Körperkonstitution sind beide Söhne militärftei geworden, der eine, unverheiratete, ist brustleidend, die Familie des anderen, die 3 Kinder zählt, lebt mit im Haushalt. Außer der Arbeits- und Wohnstube, die genau 20 Quadratmeter groß ist, enthält das Häuschen noch ein zweites Zimmer von 14 Quadratmetern Größe. Und in diesen beiden Räumen mit Zuhilfenahme des ebenso luftigen wie im Sommer heißen und im Winter eisigkalten Bodens wohnen, arbeiten und schlafen 2 Familien, bestehend aus 5 Erwachsenen und drei kleinen Kindern! Welches Wohnungselend drückt sich schon hierin aus. Aber es kommt noch„besser"! Die Zimmer sind 2,10 Meter hoch. Im Wohn- und Arbeits- zimmer hält sich die ganze Hausbevölkerung des Tags über auf. Dazu die Ausdünstung von etwa 30 Paar Kanonenstiefeln, die teilweise mit Tintensatz und Wach» behandelt werden müssen, ferner die Kochdämpfe und die Dünste trocknender, um den Ofen hänAender Wäsche; eine für den nicht daran Gewöhnten geradezu unerträgliche, unter allen Umständen aber gesundheitsschädliche Atmosphäre. Und was verdient A. mit seinen zwei Söhnen? Die Fertig- stellung eines solchen Paares Stiefel beansprucht volle 17 Arbeits- stunden eines kräftigen, geübten Arbeiters. Da nun aber doch ein Arbeiter, namentlich bei schlechter Ernährung, unmöglich 35 Stunden in einer Woche intensiv zu arbeiten vermag, so bringr ein Durchschnittsarbeiter in der Woche nur 4 Paar fertig. Da der alte Vater und der lungenleidende Sohn aber nicht voll leistungsfähig sind, so haben alle drei zusammen nur einen Jahres- verdienst von ganzen 1300 M.l Zu einem Paar Stiefel werden aber noch für 12 Pf. Zutaten, wie Stifte, Nägel, Pechdraht usw. verbraucht. Dies von dem für ein Paar Stiefel gezahlten Arbeits- lohn von 2,70 M. abgerechnet, ergibt pro Paar affo einen Nettoverdienst von 2,58(ungerechnet die Amortisation der Stepp- Maschine!) oder einen Arbeitsverdienst von 15 Pf. pro Stunde für einen leistungsfähige» Arbeiter! Nicht ohne Interesse dürfte sein, daß der alte Vater sich bitter beklagte über die— Fabriken! Früher habe er selbst die von ihm und seinen Leuten gefertigten Stiefel auf Märkten verkauft; aber die aufgekommenen Fabriken hätten ihm eine solche Kon- kurrcnz gemacht, daß er seine Selbständigkeit aufgeben und für die Fabriken arbeiten mußte. Auf meinen Einwand, daß eS doch eigentlich die Sozialdemokraten sein sollen, die die Handwerker ruinieren, meinte der biedere Mann: Soviel er wisse, seien die „Herren"(die Fabrikanten) keine Sozialdemokraten! Die tägliche Arbeitszeit wurde auf mindestens 13 Stunden angegeben, in der Regel betrage sie aber 14, 15, vor den Liefer- tagen auch 16— 18 Stunden! Infolge des günstigen Umstandes, daß hier 2 Familien 3 Ver- diener haben, gehört dieser Heimarbeiter zu den„Bessersituierten!" » Wie die schamlose Ausbeutung der Heimarbeiter diese wieder zur Ausbeutung der Arbeitskräfte, die sie als Gesellen oder als Lehrlinge annehmen, veranlaßt, das zeigte gleich das Beispiel des Heimarbeiters B. Seine Wohnung besteht aus einer Stube von 20 Quadratmeter Flächenraum und Anteil am Bodenraum. In der Stube, die 50 Kubikmeter Luftinhqlt hat, steht noch ein großer Kachelofen, ein zweischläfriges Bett für Mutter und Kinder und ein Küchen- schrank, deren Kubus also vom Luftraum abzuziehen ist. In dieser Stube halten sich nun ständig auf: Der Heimarbeiter mit seiner Frau und drei Kindern von 3—11 Jahren und ein Geselle von 18 Jahren und zwei Lehrlinge von 15 und 16 Jahren. Rechnet man die drei Kinder gleich zwei Erwachsenen, so haben also die 7 Personen je 7 Kubikmeter Luftraum zur Verfügung, während man in den Gesänguissen doch mindesten» 20 Kubikmeter auf einen Insassen rechnet! Bei dem Heimarbeiter kommt aber noch in Betracht, daß er oft bis zu 100 Paar Stiefel im Haus hat, die einen penetranten Ledergcruch ausströmen und zur Verbesserung der Atemluft gewiß nicht beizutragen vermögen. B. macht nur Bodenarbeit. Das heißt, er bekommt die fertigen Schäfte und muß nun die Kappen in die Stiefel eirnähen und die Sohlen darauf machen. Je nach der Größe der Stiefel be- kommt er fürs Paar 80 Pf. bis 1,25 M. Die Arbeitszeit der vier Mann dauert regelmäßig im Winter von Tagesanbruch, also spätestens von 8 Uhr an bis mindesten» abends 10 Uhr.„Es wird allerdings auch oft 11 Uhr und noch länger, wenn es gerade nötig ist," bemerkt ergänzend der Meister. Die durchschnittliche Wochenproduktion der vier Mann beträgt 22 Paar und der Bruttoverdienst durchschnittlich 30 M. Hiervon gehen ab: An Auslagen für Zutaten 2,60 M.; an Liefcrungskostcn 50 Pf. Bleibt ein Nettoverdienst von 26,30 M. Die gesamten Arbeitsstunden der vier Leute belaufen sich wöchentlich auf min- bestens 304(a Person 76 Arbeitsstunden pro Woche), somit der Stundenverbienst auf knapp S Pf.! Um jeden Zweifel auszuschließen, bemerken wir, daß die beiden Lehrlinge, soweit es ihre Körperkräfte zulassen, als Pollarbeiter gelten können. Der eine hat 1%, der andere 254 Jahre Lehrzeit hinter sich. Die einförmige, sich immer wiederholende Arbeit er- fordert aber zum Erlernen höchstens ein Jahr. Die Lehrlinge, bei denen natürlich von einer richtigen Ausbildung zum Schuh- macher absolut keine Rede sein kann, sind daher nichts weiter als billige Arbeitskräfte für den sogenannten Meister, dessen Lage sich durch die Ausbeutung der Jungen eben bessert. Bekommt doch auch der Geselle nur wöchentlich 5(fünf) M. ohne Kost und Wohnung! Sein Stundenverdienst beträgt daher nur 6i,d Pf.! Nur durch die schrankenlose Ausbeutung seiner Hilfskräfte gestaltet sich die Lage dieses Heimarbeiters einigermaßen erträglich und vielleicht ist dies wenig vorbildliche Beispiel eines Heimarbeiters einer von denen mir der„großen i-elbständigkeit" und der Zufriedenheit, von der die Herren von der oberfränkischcn Handelskammer erzählen. Die 13— I7stü»digc Arbeitszeit der Lehrlinge und des Gesellen aber ist sicher von schweren gesundheitlichen Nachteilen und fällt der Hausindustrie zur Last. Schuhmacher C. macht Triumpfstiefel und zwar auch Boden- arbeit. 35 Jahre alt. unverheiratet, erhält er seine Mutter, die ihn als tüchtigen und fleißigen Sohn rühmt. Seine Arbeitszeit beginnt morgens um'/a? Uhr und dauert nachts bis 10 und 11 Uhr. Er bekommt für ein Paar Stiefel 1,05 M. Die eine Woche macht er 10 Paar, die andere Woche 12 Paar. Hierzu braucht er, wie er bestimmt angibt, 90 Arbeitsstunden. An Auslagen hat er dann 1,20 M., so daß ihm ein Nettoverdienst von 11,40 M. bleibt, oder ein Stundenverdienst von 11� Pf.I Der Wohn- und Arbeitsraum ist 12 Quadratmeter groß. hat 30 Kubikmeter Luftraum und ist infolge des Fehlens Von Kindern zur Not erträglich. Schuhmacher D. macht dieselbe Arbeit und erzielt in genau der gleichen Arbeitszeit den gleichen Verdienst. Aber er ist verheiratet und hat 2 Kinder. Daher muß er sich mit der Wohnung schon etwa? einschränken. Sein Arbeits- und Wohnzimmer ist 9 Quadratmeter groß und enthält noch ein Bett, in dem die zwei Kinder schlafen! » Schuhmacher- ' Ii aeliR ** |* *4 Haoaranda 747 SA Petersburg 7K0S Scillh 779 NNO Äerveeu Paris 2 bedeckt—3 1 bedeckt 1 0 2 heiter I 6 ---- 4 wolkcnl 3 775 NNW 3 wolkcnl 2 I Ii l 769 SB V IU* V W-## VtH M. 1*7& JL« Etwa« kälter, zeitweise heiter, jedoch unbeständig mit leichten Schnee- sällen und ziemlich starken nordwestlichen Winden. Berliner Wetterdoreau. Lcrantwortlicher Redakteur: Han» Weber, Berlin, Für den Inseratenteil vcrantw.: Th. Glocke, Verlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdrucker« u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Eo.s Berlin SW. Nr. 9. 28. Zlihnza� 2. Kciltzt des Jinoirtf fittliiitt öollislilütt. Miooih. 11. latitiw 1911, Die lkoabiter Vorgänge vor Bericht. Dreiundvierzigfier Tag. Nach Eröffnung der Sitzung erteilt der Vorsitzende dem Ersten Staatsanwalt Steinbrecht das Wort, der unter anderem ausführt: Die Verteidigung hat 3l-h Tage Gelegenheit gehabt, die Rechte der Angeklagten in ihren Reden zu vertreten. Davon entfallen drei Tage auf die BeHand- lung des sogenannten allgemeinen Teils der Anklage. Der Polizei- Präsident hat diese Erörterungen nicht zu scheuen gehabt und hat sie nicht gescheut. Die Staatsanwaltschaft hat in allen Fällen, wo eine Aufklärung nötig schien, dem Polizeipräsidenten Mitteilung gemacht, der hat die dafür in Frage kommenden Zeugen ermittelt und sie sind hier vernommen worden. Doch nur zum Teil. Die Verteidigung ist zu dem Resultat gekommen, daß es sich nicht nur um einzelne Verfehlungen von Polizeibeamten handelt, sondern datz die Polizei an Haupt und Gliedern verurteilt werden mutz, und datz die Verfehlungen begangen seien aus Lust an der Roheit, aus Luft am Prügeln. Es ist weiter behauptet worden, die Staatsanwalt- schaft, besonders ich. hätte mit einer Handbewegung, mit einem „sie volv, sie jubeo"(So will ich's, so befehle ich's) die Zeugen, welche gegen die Polizei aussagten, beiseite geschoben und insge- samt für unglaubwürdig erklärt. Diese Behauptung muh ich zurückweisen. Ich habe nicht behauptet, die Zeugen sind unglaub- würdig, sondern ich sagte, ihre Aussagen genügen mir nicht, um daraufhin ein allgemeines Verdammungsurteil gegen die Polizei abzugeben. Ich habe ausdrücklich anerkannt, daß Fälle bedauerns- werter Mißhandlungen vorttegen. Ich habe sie aber zurückgeführt auf die Erbitterung der Schutzleute, welche ihre Ursache darin hatte, datz die Beamten schon vor den allgemeinen Unruhen be- schimpft und einzelne auch verletzt worden sind, und datz die Schutz- leute deshalb annehmen konnten, sie seien der Menge gegenüber in Lebensgefahr und hätten selbst von den Leuten, die sich umwandten, Angriffe zu befürchten. Ich bedaure die Leute, welche die Opfer von Versehlungen der Polizeibeamten geworden sind, aber ich kann nicht anerkennen, datz die Beamten aus Lust an Roheit gehandelt haben. Es ist behauptet worden, die Zeugen der Staatsanwaltschaft hätten nur negative Angaben gemacht. Demgegenüber mutz ich betonen, datz unsere Zeugen doch recht positive Bekundungen ge- macht haben. Sie wohnen in- Moabit, kennen die Bevölkerung und haben gesehen, datz die Beamten oft vom Publikum gereizt worden sind. Der Redner geht auf Einzelheiten der Verhandlung ein und sucht nachzuweisen, datz manche Angaben, welche die Polizei belasten, deshalb nicht zuverlässig seien, weil die Zeugen immer nur gesehen haben, datz Personen geschlagen wurden, aber nicht, was sie vorher getan hatten. Die Mihhandlung eines Krüppels, der unter den Wagen gekrochen war, sei in der Presse ausgeschlachtet worden. Nun habe sich aber später herausgestellt, datz der Krüppel für diesen Fall gar nicht in Frage kommt. Also ein Krüppel ist nicht gestochen worden.— Die Perteidigung hat es sich sehr bequem gemacht. Sic hat alles, was auf Seiten der Polizei vorgekommen ist, in Bausch und Bogen verurteilt. Sie hat behauptet, datz auch die Polizeiossiziere sich an den Roheiten beteiligt haben. Ich bin der erste, der so etwas verurteilt. Ich will zugeben, daß solche Roheiten vorgekommen sind. Es wäre besser gewesen, wenn die Schimpfworte unterblieben wären. Wenn sie auch Frauen gegen- über gebraucht worden sind, so ist das umsomehr zu bedauern. Aber sollten denn die Schutzleute, die geschimpft haben, nicht vorher ge- .eizt worden sein? Uebrigcns sind doch die Schimpfworte, die den Schutzleuten gegenüber gebraucht worden sind, auch recht saftig und zahlreich. Die Schutzleute sind beschimpft worden mit den Aus- drücken:„Pfui, solche Gemeinheit/ dann mit dem immer wieder- kehrenden Worte:„Bluthunde", ferner„haut die Hunde",„haut das Aas",„haut die Blauen",...Hallunke",„haut ihn in die Fresse", „Pfui Deibel, Ochse" usw. Es ist also auf beiden Seiten gesündigt. Man darf deshalb kein allzuschwues Urteil über die allgemeinen Verhältnisse fällen. Di« Zeugen der Staatsanwaltschaft sind von der Verteidigung so scharf angefatzt worden, datz sich viele scheuen werden, überhaupt als Zeugen vor Gericht aufzutreten. Es ist bemängelt worden, datz wir Hintze und seine Kniippelgarde nicht geladen haben. Die Staatsanwaltschaft hatte dazu keine Veranlassung. Wenn die Ver- teidigung Interesse an dieien Zeugen hatte, dann hätte sie ja die Ladung beantragen können. Unrichtig ist die Behauptung. Hintze habe sich der Militärpflicht entzogen. Er ist jetzt Soldat und wegen Fahnenflucht nicht bestraft. Es ist die Glaubwürdig- keit der Beamten angegriffen worden. Besonders hat ja der Polizeileutnant Folte den Zorn der Verteidigung erregt. Ich halte die gegen ihn sowie gegen die Polizeiossiziere Götze, v. Heeringen und den, Schutzmann Mätz erhobenen Vorwürfe für unbegründet. Ich bed».rere auch, datz der Zeuge Krieger als Jüngling ohne Mit- leid bezeichnet worden ist. Ich stimme dem Rechtsanwalt Heine darin zu, datz die Ar- heiter von Moabit ruhige Leute sind. Eben darum glaube ich, datz sie durch zahrelange Verhetzung zu Ausschreitungen gekommen sind. Natürlich war auch Janhagel dabei, aber doch nur zum kleineren Teil. Ich stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, datz nicht die Beamten, sondern die Bevölkerung den Anlatz zu den Ausschreitungen gegeben hat. Dabei bildete die Arbeiterbevölke- rung die Kerntruppe, der Janhagel nur den Anhang. Es ist gesagt worden, ein Streik mit 15V Beteiligten sei für den Transportarbeiterverband ein unbedeutendes Ereignis. Das trifft doch nicht zu. Der Transportarbeiterverband hat sich mit einem Aufruf zur Unterstützung des Streiks an alle organisierten Arbeiter gewandt. T. r-jn Moabit Zehntausende von Metall- arbeitern sind, welche sich mit den Streikenden solidarisch fühlten, so mutzte der Transpaftgrbeiterverband Borkehrungen treffen, datz keine Ausschreitungen vorkommen. Ich mutz der Streikleitung den Vorwurf machen, datz sie es bei der Auswahl der Streikposten an der nötigen Sorgfalt hat fehlen lasftn. Hat sie doch den An- geklagten Tiedemann, der wegen Landfriedensbruchs vorbestraft ist. als Streikposten bestellt.— Der Staatsanwalt geht auf die Einzelfälle ein und erklärt, die von ihm beantragten Strafmatze seien begründet. Wenn die Angeklagten noch jetzt ihre Ver- fehlungen zugeben würden, dann sei er der erste, der ein geringeres Strafmatz beantragen würde. Staatsanwalt Stelzner bezieht sich auf die Ausführungen Heines über die Matznahmen der Polizei. Diese Mahnahmen— sagt der Staatsanwalt— seien durchaus zwcckmätzig gewesen. Wer weitz, wie es in Moabit ge- worden wäre, wenn Rechtsanwalt Heine an de: Spitze der Polizei gestanden hätte. Der Staatsanwalt weist die Annahme zurück, daß Kriminalbeamte als Lockspitzel tätig gewesen sind. Diese An- nähme möge darauf zurückzuführen sein, daß in der Bevölkerung große Befürchtungen gegenüber den Kriminalbeamten herrschen. So sei es zu erklären, datz die Zeugen, welche Personen sahen, die sich in auffälligerweise an die Wand stellten, glaubten, das seien Kriminalbeamte. In dem von Oslath bekundeten Falle hätte die Staatsanwaltschaft nachweisen können, datz die von Oslaih beobachteten Personen unmöglich Kriminalbeamte gewesen fein können. Damit die an dir Aussage des Zeugen Oslath ge- knüpften Schlußfolgerungen als unrichtig erwiesen werden» ist ein Strafverfahren gegen den Redakteur des„Vorwärts" eingeleitet, der den Verdacht ausgesprochen hat, es seien Kriminalbeamte als Lockspitzel tätig gewesen. Es wird sich, wie ich schon jetzt sagen kann, herausstellen, datz von Spitzelwirtschaft in Moabit keine Rede sein kann.(Warten wirs ab. D. Red.) Soweit Mißhandlungen durch Beamte vorgekommen sind, wird die Staatsanwaltschaft natürlich ibre Pflicht tun es wird sich aber nicht alles aufklären lassen, du in vielen Fällen die Täter nicht festgestellt werden können. Für den Fall Hermann sind in dieser Verhandlung neue Momente vorgebracht worden. Die Staatsanwaltschaft wird auch über diesen Fall weitere Ermittelungen anstellen.— Der Staatsanwalt geht auf die Einzelfälle der Anklage ein und schlietzt die Erörterung des Falles Pilz mit den Worten: Rechtsanwalt Lieb- knecht fragte, ob ich mit demselben Gefühl der Reinlichkeit, wie er dem Angeklagten Pilz die Hand drücke, dem Zeugen Wellschmidt die Hand drücken möge. Dazu bemerke ich, datz ich vor einem Manne, der ehrlicher Arbeit nachgeht, mehr Achtung habe, als vor einem Manne, der Gewalttätigkeiten begeht. Rechtsanwalt Heine: Ich kann nicht anders, als mit einem gewissen bitteren Ge- fühl replizieren. Alles, was von unserer Seite vorgebracht worden ist, ist bei der Staatsanwaltschaft auf einen völlig unfruchtbaren Boden gefallen. Das ist um so mehr zu bedauern, als die Staats- anwaltschaft eine Behörde ist, die nach dem Gesetz und wohl nach ihrer eigenen Meinung über den Parteien stehen und alles er- forschen soll, was zur Feststellung der Wahrheit gehört. Die ein- gehende Beschäftigung mit den allgemeinen Verhältnissen war not- wendig. Denn die Anklagefälle sind ja durchweg sehr unbedeutend. Nur die Störung des öffentlichen Friedens, die in Moabit statt- gefunden hat, wird als Rechtfertigung für die außergewöhnliche Behandlung angeführt. Sollte ich unter diesen Umständen nicht den Beweis führen, daß die Schuld an dieser ungeheuren Zu- spitzung und Ausdehnung der Unruhen nicht auf feiten der Ange- klagten, sondern bei der Polizei liegt? Der Erste Staatsanwalt sagte, der Polizeipräsident habe die Ausklärung nicht zu scheuen ge- habt. Ja, warum hat denn der Polizeipräsident die Genehmigung zur Aussage der Beamten im weitesten Umfange verweigert? Das ist Scheu vor Aufklärung. Ich protestiere mit aller Entschiedenheit gegen den Vorwurf, datz wir in der Ausnutzung unseres Frage- rechts zu weit gegangen wären. Wir sind in dieser Hinsicht sogar sehr zurückhaltend gewesen. Der Herr Erste Staatsanwalt be- dauert meine Aeußerung über den Supernumerar Krieger. Ich mutz sagen: wenn jemand sich so hinstellt, wie dieser junge Mann, dann hat man wohl ein Recht darauf, hinzuweisen, datz er noch sehr jung ist, und datz gerade in seinem Alter solche mitleidslosen Aeutzerungen besonders abstoßend sind. Wenn dieser Zeuge, wie der Erste Staatsanwalt sagt, einen anonymen Brief bekommen hat, so will ich darauf hinweisen, datz wohl alle Prozetzbeteiligten anonyme Briefe bekommen haben. Auch wir Verteidiger haben eine ganze Anzahl anonymer Drohbriefe bekommen. Aber noch ein anderes, ich bekomme Briefe von allen Seiten, worin mich Leute bitten, sie nicht wieder als Zeuge in dieser Sache zu laden. Das kommt von dem Terrorismus, wie er von anderer Seite geübt wird, dem Terrorismus, unter dem die Zeugen leiden, welche gegen die Polizei ausgesagt haben. Der Zeuge Trevor hat uns ja gesagt, datz er von konservativen Leuten gesellschaftlich geächtet wird, weil er wahrheitsgemäß über polizeiliche Mißhandlungen ausgesagt hat. Wir haben auf Dutzende von Zeugen verzichtet, weil sie uns sagten, sie würden geradezu vernichtet werden, wenn sie ihre Wahr- nehmunge» über Mitzhandlungen durch Polizeibeamte vor Gericht bekunden. Ein Schankwirt hat mir erst kürzlich mitgeteilt, datz er seit dem Tage, wo er hier seine Aussage machte, von der Polizei in ausfallender Weise behandelt wird. Die Polizei hat einen Posten vor seine Tür gestellt, der aufzupassen hat, ob der Wirt pünktlich schlietzt...Dieser Wirt hat die Genehmigung zu einem Fest nachgesucht. Darauf hat ihm die Polizei geantwortet:„Bei Ihnen gibt es das nicht mehr, Sie kommen uns nichts mehr!" Ich werde übrigens wegen dieser An- gelegenheit eine Strafanzeige erstatten. Die Brutalitäten, welche der Zeuge Kuntze bekundet hat, sind bereits Gegenstand einer Strafanzeige. Doch ist in diesem Falle bis jetzt noch nichts ge- schehen. Die Bemängelung der Aussagen unserer Zeugen beweist, daß die Vertreter der Anklage den Verhandlungen nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit gefolgt sind. Der Verteidiger beweist das durch Erörterung mehrerer Einzelfälle. Insbesondere geht er auf die Aussage des Polizeileutnants Folte ein. Dieser Zeuge— sagt der Redner— hat im Falle Preutz Angaben gemacht, die— sagen wir— nicht zuverlässig sind und mit großer Fahrlässigkeit abge- geben wurden. Auch in dem von Frau Pflaumbaum bekundeten Falle sagte Herr Folte nicht etwa, er glaube, datz der Mann, den er festnahm, vor dem Lokal gerufen habe, fondern er sagte mit voller Bestimmtheit, er habe den Mann festgenommen, weil er unmittelbar vorher gerufen habe. DaS war aber, wie sich heraus- gestellt hat, ganz unmöglich. Wenn ein gebildeter Mann, der als Beamter zu besonderer Sorgfalt in seinen Bekundungen verpflich- tet ist, so unvorsichtig mit seiner Aussage ist, dann macht das einen sehr schlechten Eindruck. Wie ist es denn im Falle Lanzerat? Hier handelt es sich um Vorgänge in einem geschlossenen Raum, die so markant sind, datz sie von keinem Augenzeugen übersehen werden können. Jeder der im Lokal war, ist geschlagen worden. Ein Schutzmann, der unmittelbar neben dem Leutnant stand, hat geschlagen. Trotzdem sagt der Leutnant Folte, er habe nichts ge- sehen. Das ist mir vollkommen unbegreiflich. Auch Polizeileutnant Heck war bei demselben Vorfalle zugegen und sagte auch, er habe nichts gesehen. Von dem, was ich in dieser Hinsicht gesagt habe. ist nichts wegzuwischen. Wer solchen Dingen beigewohnt hat, der kann sich nicht mit einem„Ich weiß nicht", oder„Ich habe nichts gesehen", ausreden. Säbelhiebe in solcher Masse, die mit hoch- geschwungener Waffe ausgeteilt wurden, kann man doch nicht über- sehen. Um so weniger, da sich diese Dinge auf einem engen Raum abspielten. Das darf man auch nicht übersehen, wenn man der Kommandierende ist. Der Erste Staatsanwalt wies darauf hin, datz der Gemitzhandelte unter dem Wagen gar kein Krüppel war. Ich betone nochmals, datz ja keiner der Zeugen behauptet hat, es sei der Krüppel gewesen, sondern, datz das nur eine Annahme war, die durch eine ungenaue Aeutzerung des Krüppels zu einer Zeugin entstanden ist. Doch darauf kommt es gar nicht an. Die Haupt- sache ist, daß sich der Fall so zugetragen hat. wie ihn die Zeugen dargestellt haben. Was die Augenzeugen dieses Falles so sehr er- regte, das ist nicht die Mißhandlung an sich, sondern der Umstand, datz es ein Leutnant war, der nach dem Mann unter dem Wagen stach. Dieser Fall ist kein Beweis für die Unzuverlässigkeit, sondern gerade für die Zuverlässigkeit unserer Zeugen. Der Erste Staats- anwalt sagte, die Verteidigung habe sich bei der Vernehmung ihrer Zeugen als Anklagebehörde, als untersuchendes und erkennendes Gericht in einer Person gezeigt. Ich nehme es für mich und für meine Mitverteidiger als eine hohe Ehre an, datz wir es nicht unter- lassen haben, Personen in amtlicher Stellung anzugreifen, die schwere Verfehlungen, ja zum Teil Berbrechen, verübt haben. Wir sollen die Angegriffenen nicht gehört haben..Ja, sind sie denn nicht alle hier vernommen worden? Im allgemeinen wird der Ange- klagte nicht eidlich vernommen. Aber hier marschierten Schutzleute in großer Zahl auf. denen schwere Verfehlungen nachgesagt worden waren, und sie alle beschworen, sie hätten das, was gegen sie bekundet worden ist, nicht getan. Das ist nicht der Weg, um die Wahrheit festzustellen. Der Herr Staatsanwalt verweist auf einen Prozeß, wo nachgewiesen werden soll, datz sich Kriminalbeamte nicht als Lockspitzel beteiligt haben. Der Staatsanwalt sagte, alle Zeugen, die solche Bekundungen machten, seien von Vorurteilen der Berliner Bevölkerung gegen die Berliner Kriminalpolizei in- fiziert. Soll das auch für den Zeugen Pritschau gelten, der gar kein Berliner ist, sondern in Düsseldorf wohnt und unS gesagt hat, daß er mit Sympathie für die Polizei ausging, um Beobachtungen zu machen, daß seine Ansicht über die Polizei nachher aber eine andere geworden ist? Ich erinnere auch an die Aussagen der Zeugen Oslath und Frost, die auch keine Gegner der Polizei sind und der Sozialdemokratie fern stehen. Man kann doch nicht be- haupten, datz das alles falsche Kriminalbeamte gewesen sein sollen, die diese Zeugen gestchen haben. Der Erste Staatsanwalt sagte, es seien vielfach Mitzhandlungen vorgekommen, die besser unter- blieben wären. Gott sei dank, datz die Staatsanwaltschaft jetzt zu dieser Ansicht gekommen ist. Anfangs wurde behauptet, alle Zlngaben über Ausschreitungen der Polizei seien nicht wahr. Der Staatsanwalt erklärt die Mißhandlungen mit der Erregung der Schutzleute über vorhergegangene Angriffe, besonders mit der Ver- letzung des Schutzmanns Köppen durch den Angeklagten Bock. Die Niedermetzelung Bocks mag noch leidlich entschuldbar sein, aber gesetzlich zulässig ist sie nicht, denn der Mann ist ja noch mit deur Säbel geschlagen worden, als er bereits wehrlos am Boden lag. Wie will man aber die Hunderte von Ausschreitungen entschul« digen, die noch an den folgenden Tagen geschehen sind?_ Beamte müssen unter allen Umständen ruhig bleiben. Das wäre eine schöne Behörde, welche glaubt, nachdem zwei ihrer Beamten miß- handelt worden sind, könne sie sich gegen Hunderts, ja gegen Tausende so betragen, wie es die Polizei in Moabit getan hat. Das ist die merkwürdige lleberhebung, die auch an leitender Stelle bei der Polizei besteht, datz die Beamten sich einbilden: wir haben den Säbel in der Hand und können ihn gebrauchen, um uns zu rächen, w-mn wir belerdigt werden. Das sind unter allen Um- ständen grobe Ausschreitungen, wenn nicht schlimmeres, nämlich datz die Bevölkerung provoziert werden sollte. Das nehme ich für die ersten Tage nicht an. Aber für die letzten Tage läßt sich diese Annahme nicht von der Hand weisen. Von hundert Zeugen, derdn ?lussagen ich zusammengestellt habe, sind 218 Fälle von Mißhandlumgen und Brutalitäten der Polizei bekundet worden. Dabei habe ich den Fall Lanzerat, wo zehn bi? fünfzehn Leute gleichzeitig mßtzhandelt wurden, nur als einen Fall gezählt. Ebenso die anderen Fälle, wo Lokale mit Waffengewalt geräumt wurden. Unter diesen 100 Zeugen sind 36, welche die von ihnen beobachteten Mitzhandlungen nur als Beispiele an« führten, die ihnen im Gedächtnis geblieben sind. Außerdem sagten diese Zeugen, sind noch massenhaft derartige Fälle vorgekommen. Es sind demnach Hunderte, ja vielleicht Tausonde von Mißhandlungen geschehen, von denen wir gar nichts erfahren haben. Ter Herr Staatsanwalt sagte, es sei auch von der Bevölkerung auf die Be» amten geschimpft worden. Will der Herr Staatsanwalt nicht zu- gestehen, datz vergleichsweise entschuldbar, ist, wenn dumme Jungen und aufgeregte Weiber schimpfen? Wenm aber Beamte in Aus- Übung ihres Amtes Männer und Frauen,, die sich nicht dagegen. wehren können, mit solchen Schimpfworten überfallen, so ist das doch anders zu beurteilen. Das ist ein Zeichen von absolutem maugelhafter Disziplin. Die Beamten haben beim Militär Ge- legenheit gehabt, Selbstzucht zu lernen. Es scheint aber, sie habcm vom Militär die Neigung zu rohen und widerwärtigen Ausdrückem mitgebracht. Auf dem Kasernenhof mag so ettoas vielleicht hin- gehen, aber der Zivilbevölkerung gegenüber ist jedes derartige Wart schlimmer wie eine Ohrfeige. Es gehört eine maßlose Roheit dazu, wenn Beamte das Publikum in solcher Weise beschimpfey. Schlimmer ist aber noch, datz sich auch Offiziere a« den rohem Schimpfereken beteiligt haben. Der Verteidiger besprecht hierauf die taktischen Matznahmen der Polizei. Er tritt den Ausführungen, welche Staatsanwalt Stelzner zu diesem Punkte machte, entgegen und schließt mit der Bemerkung, die Staatsanwaltschaft habe ihn in keiner Hinsicht widerlegt. Rechtsanwalt Theodor Liebknecht geht auf die. Ausführungen ein. welche der Staatsanwalt über JickS Verhalten des Transportarbeiterverbandes machte. Der Verteidiger weist an der Hand der Zeugenaussagen darauf hin, datz der Verband alles getan hat, um den Streik ruhig und friedlich zu führen. Die Vorstrafe des Angeklagten Tiedemann sei der Streikleitung nicht bekannt gewesen. Die mehrfach erwähnte Angabe des Zeugen. von Reitzenstein über einen falschen Kriminalbeamten sei nicht dahin gegangen, datz der vermeintliche Kriminalbeamte irgendeine beliebige Person, sondern nach Annahme des Herrn von Reitzenstein ein Polizcivigilant war, der sich nicht zu erkennen geben wollte. Weiter sagt der Verteidiger: der Staatsanwalt sprach von dunkeln Einflüssen, unter denen verschiedene Zeugen gestanden hätten. Ich. kann auch etwas von solchen dunkeln Einflüssen sagen, die aber von anderer Seite ausgehen, als wie die, welche der Herr Staatsanwalt. meint. Bespitzelungen des Verteidigers. Immer, wenn ich im Interesse meines Klienten zu Frau Pilz ging, war ein Herr hinter mir, der alle meine Schritte beobachtete. Auch vor meinem Bureau hatte er sich aufgestellt. So sucht man die Leute auszukundschaften, mit denen ich mich im Interesse des Angeklagten in Verbindung setzen mutz. Das ist die?lrt, wie Zeugen beeinflußt werden. Davor haben unsere Zeugen Furcht, datz sie von der Kriminalpolizei hineingelegt werden, wenn sie eine der Polizei nicht genehme Aussage machen. Vorsitzender: Ich mutz es zurückweisen, datz die Kriminal- Polizei jemanden, der hier eine Aussage macht, hineinzulegen sucht. Rechtsanwalt Liebknecht geht nunmehr ausführlich auf den Fall Pilz ein und kommt zu dem Schluß, datz diesem Angeklagten gar nichts nachgewiesen sei und deshalb Freisprechung erfolgen nmsse. Der Vorsitzende erteilt nunmehr den Angeklagten das letzte Wort. Sie machen meistenteils nur ganz kurze Bemerkungen im Sinne der von ihrem Verteidigex gestellten Anträge. Rechtsanwalt Heine legt noch zum Falle Pilz in längeren Ausführungen dar: er stehe vollkommen auf dem Standpunkt des Kollegen Liebknecht, besonders auch in der Hinsicht, datz er den Zeugen Wellschmidt für durchaus unglaubwürdig halte. Aber eine Seite dieser Sache, die noch nicht erwähnt ist, erklärt er. möchte ich erörtern. Selbst wenn alles wahr wäre, was Well- schmidt gesagt hat, dann bleibt nichts weiter übrig, als daß Pilz durch Armbewegung zu erkennen gab, Wellschmidt solle ntcht hinter den Ladentisch kommen. Selbst wenn also Wellschmidt vcm. anderen geschlagen sein sollte, so hat sich der Angeklagte Pilz,. auch nach den Bekundungen Wellschmidts, in keiner Weise daran beteiligt. Er mutz also freigesprochen werden. Nimmt man aber selbst an, datz sich Pilz an einer Schlägerei beteiligt habe, dann handelt es sich doch nur um einen Fall, der unter gewöhnlichen Umständen an einem bisher unbestraften Mann mit einer Geldstrafe vol» 30 M. gesühnt zu werden pflegt. Hier aber hat der Staatsanwalt ein Jahr und vier Monate Gefängnis beantragt, weit di-ser Fall mit den Moabiter Vorgangen in Zu>ammcnhang georacht wird, obgleich er sich zu einer Zeit abspielte, wo seit mehreren Tagen Ruhe in Moabit herrschte. Wenn gegen Pilz wider Erwarten eine Strafe verhängt werden sollte, dann dürfte sie in keinem Falle höher sein, als daß sie durch die Untersuchungshaft, in welcher Pilz schon seit drei Monaten sitzt, für verbüßt er- achtet wird. Rechtsanwalt Liebknecht bemerkt, er sage kein Wort über das Strafmatz, denn nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme müsse Pilz unbedingt freigesprochen werden. Damit schlietzt die Sitzung. In der nächsten Sitzung, die heute nachmittag um 2 Uhr beginnt, müssen noch einige Angeklagte, die in dieser Sitzung nicht zugegen waren, das letzte Wort er» halten. Dann erfolgt, falls sonst nichts dazwischen kommt, die Beratung und Verkündung des Urteils Credit-Haus „Beliealliance" Ö�leaUUnfe-Sti*. 100, I. Etag«. Waren». Möb(*l z. kaUnt. Beding. Berüner Credit-Haus IM* Komraandantsitstr. 87. 1 TnrmitraSe 56, Ecke Waldstr. gewähr. Jedem b. spielend leichter An- u. Abwlilung meiirjShrlgeti Kredit anf Waren und Kfffibel. MrtP,L!!Ä Auf Abzahlung gibt WUh. Neumanu, Pappelalle« 83 Waren, Möbel, Garderobe. Mw.ürUrlÄ1"' f Alkoholfrei'» Qetränke� Sjnalco(Biizbrause) Qen.-Vertret. OttO Starlck XO, Landsberger Allee 0/7. -- Fernruf VII: iat>6 u. 1564.— Franz Abraham Hmob.Mesaina-u.Römertrank-Kell. N 4, Schlegelst. 9, Fernsp. III, 7727. DeCeBraüJ8L.ÄarfeerS.f«: $Rnfrfh Seiter- u, Liraonad.-Fabrik OUiUli, Thaerstr. 44. J. Ä. 7. 8176- & Stiut alkobol- i»5>l kai« Geiränk. 1 8erllH0,ün|gU|l.4 c ip.FalKJSri Landsb.AUoc 148, Rixd., Berget, 66. 1 gaekerelen. Kendl»»» 1 Eisenblir.idfu.vre'tf.jijB.iiiriil.(»;/ Feronia Alleinig.Fabr. Oebr.Hagen Lfchf Max Hägen, PalldorferKir. 16. Gaedicke's Bäckerei Oker- u. Niedersuhön«weide Korlalyjrst, BaurascU'Venweg. FJkerei„bionlstern" . Inh.: Gurt. Müller �Filjaleni. Tersehied. Stadtteilen ■Eld.orei Ostrteru Srt»niweleril,!} .Herberg, Paul, AHialerd.-8»r, 39. l?freoh«en)tf.l7. ßurgdorfelr.U. Jaroaeh, A„ WinsatraCo Nr. 67 Groübüikerel. Christburgerst.88 'SidsTrTäSchwed.. St.«k8oidilieret.30 Reinicltend-Sl. UA Rewickend-S». Ui Xunso, Grossbäckfirei Berlin K, fajikew, Waigense«. idMwrhMd Ä ftlch. Liebenow ntxderl', ßergatr- HS Krutfabrik. FUlalon In allen Stadttellea. WaldemarGeske, Treptow, EUeaatr.38. Wache, CarlW! »marherrt,, Keke Frankf. Alle«. 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König, A, RL, Berllnerstr. 102, flerm. Kejiel Große Frankfurterstraße 99 S�exlalhan�ür�oamenhüte. ( Reste.-handlungen} Carl Joch, NO, Palisadenstr. 97. Neumaun, Q., Greuadlerstr, 48. Jarcbow, A», Bergmannstr. 21. PauIJüttner,S0.,Grflnauer8tr9. M.3�a3ri©lBni;�.n8t'' G. Kerger, Boxbtgen, Grtnbj.-St.U . R. Klonka, Oranlenstr. 85. ! Martin Klein, Nene Hochstr. 25. Reste-Spitz, FfchrboIlinerSt.24pt.: Kniebusch, W., Frft. Chaussoeßl Schreiber, Barth., Sem KünlgstT. 15 J.Körner, Kcinckdf.J8srkitr.lxSM. ' Lehmann, Alb., Frankf. Allee 40. SchlrmfabHk IHm Sin-FM { Eugen Uchicnstein 1 Leiptlgentr. 78. BdllentT, Ix KtTflirs1cid.211.Wlliiori8.Str.48 | BwiL8tr.11/tt.8ckiBk.iIlcel61.{ TbibmIt. 17. Oruleittr. 68. Tegel, Berllnerstr. 4. Schlfne u. Stecke Krause 4 Co., Frankf.-Alleo 176. Emst Krämer wÄS. Frist«* _ 1 Str.il t anno äfav ßehwedier 3t. 2. l.«lligv,IHriA z Kast. A licet L. Lazarus, Petershurger Str. 62. LOddecJfi* Ri., Bergstr. 4. G. Dahinter, Rlxd.�s.-fTlf4rl«tistr.lO. Reparaturen, Bezüge billiget. Girod* F., Spandau; f otsdTS�r. 19. Job. JuBg, Reichenbergeratr. 26. Arth. PieBker, Chorinorstr. 61. A.KiisterNfg. G. Sehl« uss» er, W,rsehauerst.66. y>Ai..-.w w« in iiii__\»—.j————■— soergei fSahahwarea,«ahuhiw. J I sch6neinamB,0., Ri.Beri Emst Adam, Friedriehshagen.| p,Schoch1Ch«rl.,Knobel3d..Str.40. Herai. Adkr, Steglitz, SchloBst.llS sd,nmacfcer,0.a'egel,BerI..3t.6a. Anhalt, E-, Andresestr. 18. Schulz, Osw., Frankf. Allee 24. Ascher, ÄÄSÄ.' T- Ht0� Ch_«nssee.tr. 83. Lehmann, Wllh.. Kotth. Damm 23. ! Lelseganv, New., Lindenstr. 61. Lewin, Adolf,** i Fr. Meschke, Warschauer Str. 85. i 0. Neiimann, CharUftg.. Wallstr. 50 iRoHe, K. Ernloll Ml BramiEEStf. 112. £milQuadeHSCnÄ ' Qnttzew, Joh., Müiierstr. lt. Rampmaler, F., Skalitzarstr. 22. 1 Earl Eeichel H�T . Kledelüchf., Reinickendorf. St.71. Joh. Echallaa. Sckiiib. Allte 186 s. Ter. j Alfred Scheer, Turmstr. 40. I Carl Schlowtiisky, Koppenstr. 4. R.Schmelz,b«|Ä4s ScbSnemann, O., Ri., Neri Str. 72. Rieh. 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I Schch- Hermann- j Meierei und MUchkuranstalt.'»»iuJfiÄkli ßtr. 81.(I0�. j Emdene, Str. 46.:: Tel. 11. 2565. j f Muslklnstpumente 1 1 Lcdßler, Wllh., Sekiak Ulee>6—11. iZ-.,ii,, p,,, ii iia.ikk. i och warzwald, 1>I»!*—-» Alle Syriern*; TtilziU. otelx, F_ ffsruhwentl SI, E.Baru. Thevald W.,Iinfn* Str.MJ. f.äons. Tornow, Franz, Tegel, Bert-SU«. TtCSndffilffa Wllm.,Auz«staatr.l. ineflsmui, Alte SehÖBh,.6tr. 59. Ao. Uebrtek, Goltzstr. 51. Wegner, R., sÄlii. Sthnhwarcnhaus„Hannas" a.Z. Am' Gr. Frkf. Str. 117 ndr.-Str. Verlangen Sie „Edelweiß" Krone alier WaschmitteL Herkules Bleich- , Seif«»- schont die Wische i: Sparsam im Verbraneh. Chem. rabr. ,, Heyelia" ff olluhtr 64. SEvigo AsU«K 50 FUlalen In aßen Stadtollen. Fort7«ct2;t«vallnet. Thealer,) Husarenfieber, Sch ac:(riiarlottenburg. Die Fee Capriee, Friedrich. Wilhelmstädtisches. Di- blaue Maus,33. Ende nach 11'/,, Dramat. Gedicht in 5 Akten v. Schiller. Donnerstag: Sein Sündenregister. Sonntag: Don Carlos. Somiabendnachm,: Prinzessin Edel- traut, Abends: Der Müller u, sein Kind, e I» 1 1 1 Si'-T H SiUv i'. Schiller-Theater 0.(Wallner-Tdeat). Mittwoch, abends 8 Uhr: Ilii»»reiiflel>er. Lustspiel in 4 AU. v, Gustav Kadclburg u. Richard Skowronnek, Ende 10'/, U, Donnerstag, abends 8 Ubr: prior Friedrich von Homburg. Freitag, abends 8 Ubr: Der nimmel auf Erden. Schiller-Theater Charlottenburg. Mittwoch, abends 8 Uhr: Die Eee Capriee. Lustspiel in 3 Akte» v. O. Blumenthal, Ende 10 Uhr. Donnerstag, abends 8 Ubr: Die Daelst der Finsternis. Freitag, abends 8 Uhr: Hnsarenileber. 99 CLOU" BEREITER KO\ZEUTHACS Mauerstr. 82.-. Zimmerstr. 90-91 1 1 1 Heute I! I drojies Konzert. Eintritt SO Pf.— Anfang 8 Uhr. Wochentagen von 4 lentagen —7 Uhr: Eintritt (Ans, 8'/. Uhr.) IteS r Folie« Capriee. Der Feldwebel Hügel,(Ansang 8'/, Uhr) Metroooi. Hurra— Wir leben noch! Kasino. Julie Wippchen. Apollo. Spezialitäten. Voü'ngc. Spezialitäten. Voigt. Don Carlos, «richshnllen. Steitiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Sanssouci. Wie werde ich reich? Spezialitälen.(Ans. 8'/, Uhr.) Walhalla. Bravo! Dacapo I(An> sang 8'lt Uhr.) Karl Haverland. Spezialitäten. Urania. Daubenstraste 48/4S. Nachmittags 5 Uhr: Bierwald- stättersee und St. Gotthard. Abends 8 Uhr: lieber den elek- Irischen Lichtbogen. Im Hörsaal 6 Uhr: Die Bausteine des organischen Lebens. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57—82. Sport- Palast Entree' M- Potsdamer Sirajle 70-72a Entr8e' Größter Eispalast der Welt Feerie:„Am Nordpol/, Uhr: Hast und Liebe. Schwarzer Ädler T," Frankf. Chaussee 5. Neuer Spielplan! ETHEL LEVEY Amerikas Favorit. La belle Leonora Spaniens Stolz. Mlle. Oenarbers Luftballonfahrt über den Köpfen des Publikums sowie weitere 12 Star-Attraktionen 12 - Rauchen gestattet!- Theater Ans. 8 Uhr. Vorverlauf 11—2 Uhr. Zwei Schlager: Fine verlorene Nacht. Er, Sie und Er mit Anton und Donat Herrnseld in den Hauptrollen. Hichanl Arnhold. Mittwoch, den 11. Jannar 1011: Gr. Bockhierfest unter Mitwirkung der Leipziger Sänger. ilExcelsior-Liclitspielliaus; Rixdorf, Bergstr. 151/152.(Passage.) BC Heute:"HM Der Todesstarz des Aviatikers T.aironts mit seinem Passagler Pollas sowie das Neujahrs- Programm und Einlagen. Anfang Wochentags 6 Chr. X X Sonntags 8 Uhr. Jeden Sonnabend: Vollständig neues Programm. M6—»66666>6i Passage-Panoptikum Lebend! Lebend! Das biane Weib: Ein Opfer wilder Barbaren. Prinz Atom: der kleinste Mensch aller Zeiten. Der Mann mit dem eisernen Schlund. Buddhas Wundertafel. Alles ohne Extra- Entree! Köntgstadt-Kasino. ßoljmarllrtr. 72, Ecke Alcxanderstrasse. Die neuen Jaiinar-Spezialitäien. Eilen Teueri, MI6 Nelly, Gebr. Kühn, Gustav Bonne. Sylvester, Les Lands, Sport-All. Franz Sobatiski! „Hcrlincr Windbeutel." Schwank mit Gesang m 1 All. Ansang 8 Uhr. Sonntags 6'/, Uhr. Arneld Scholz IVen© Welt Hasenheide 108—114 Donnerstag, den 12. Januar 1911: Das Bockbierfest Im bayrischen Hochwald und im herrlichen Berchtesgaden. 6 I. Elits»Tag.$ Prämiierung der größten Pleureuseii-Damen-Feder. 3 bare Geldpreise: 50 Mm 30 M., 20 M. {Baron Muckl's Bauernkapelle. „ D* Defreggers Tiroler»Truppe. 8:::: Neue Welt» Orchester.:::: Anfang 7 Uhr.— 8 Kapellen.— Entree 80 Pf. Alt-Roabit 47/48. Donnerstag, den 12. Januar 1911: Die von HnMel. Lustspiel in 3 Auszügen von Stein unb Heller. Repertoirstück des LustspielhauseS. Kasseneröfsn. 7 Uhr. Ans. 8'/« Uhr. Nach der Vorstellung: = Tanz.= Trianon-Theater. Anfang 8 Uhr. Der heilige Hain. Bosporus am Morlizplatz. Das Variote-Kcmsumsystem bleibt Täglich 8 Uhr: MW» II«! Nach Schluß der Vorstellung: Bep des BoctirlniMs: »«!! 2 Kapellen, Vergnügungspark. Bis S Ehr nachts. Zirkus Busch.l Mittwoch, 11. Jan., abds. T'l, Uhr: Extra-Oala- Abend. 5 Cliftons 5. Aeros, höchst kom.Trapezkünstl.—[ Ber. Keiterfamilie Frediani.— j Gastspiel des Herrn Direktors! Pierre Althoff und Frau Direktor( Adele Allhoff m. ihren eleganten j Freiheitsdress.— Frl. Elisabeth j v. Oynar, Scbulreiterin.— Die 1 3 Gebrüder Frateliiui.' Um 9 Uhr ca. zum 20. Male: Die mit so gr. Beifall aufgen. I neue Ausstattungspantoimme I „Armln'S Theater„Groß-Kerliu" Mittwoch, den II. Januar, Neue Welt, e'/, Trikbl). ß'/i (Ein Opfer des Hstpiiotismus.) Eiit> ee 3 strasse 77/7! Ein urkoinischee Spezialitäten-Propi daS Tagesgespräch i neuen Jahre. Relcdsdaliee-Uieaier. Mi»» 8hzn. Reu! MusikanHeiliDaetit Genrebild von MeyseL Anfang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Hochbahnstation Koltbuser Tor. 8'/.- Wie werde ich reich? iv'/.: Fddia de Ferard Preisgekrönte Schönheit. 10'f4; Kcnheltl Lebende Schatten! Morgen: Mudickes Resse nack ilndi«.'_____-____ Verantwortlicher Redalteur: KanS Beber, Berlin, 0üe bei» Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts AuchdrLckerei u. VerlagSanTtalt Paul Singer zi. t5o., Berlin SW, «■»» 3. Keiltzt ilks Jormärts" Ittlintr lldllisllall.»»»->-»>» Heute, Mtwoch, 11. ZmuN: ZchlZbeuS in eleu WeÄrkeu SM-Keell»;. Partei- IZngelegendeiten. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins Zur Kanfmannsgerichtswahl! Der Magistrat von Berlin hat den in den Wählerlisten verzeichneten wahlberechtigten Kauflcuten besondere Bcnach- richtigungen für die am 15. Februar 1911 stattfindende Wahl der Beisitzer für daS Berliner Kaufmanu-Sgericht zugehen lassen. Die Empfänger dieser Benachrichtigungen ersehen aus den Karten, daß sie in die Wählerlisten eingetragen sind. Alle diejenige» wahlberechtigten Kanflcute, die eine solche Karte nicht erhalten haben, wollen nnumehr die heute am 11. Januar d. I. öffentlich im Wahlbnrea«, Postftr. 16, II, von nachmittags 4 bis abends 7 Uhr ausliegenden Wählerlisten einsehe». Wer nicht eingetragen ist, muß den Antrag auf Eintragung stellen. Wahlberechtigt ist jeder, der das 25. Lebensjahr vollendet, in Berlin eine Handelsniederlassung hat nud mindestens einen Handlungsgehilfen, Gehilfin, HandlungSlehrling oder Lehr- mädchen, Verkäufer oder Verkäuferin das ganze Jahr hindurch oder anch nur zu gewiffen Zeiten des Jahres beschäftigt hat. Angesichts der Agitation der birrgerlichen Arbeitgeber er- wächst allen Anhängern der Partei die dringliche Verpflichtung, noch an den letzten beiden Tagen für ihre Aufnahme in die Liste zu sorgen und alle, die mit uns synipathisieren, auf die Wahl und Listenausnahme aufmerksam zu machen. Der geschäftsführende Ausschuß. Zweiter Wahlkreis, Friedrichstadt. III. Abteilung.) Heute Gemeinschaftlicher Zahlabend bei Jul. Meyer, Oranienstr. 103. Vor- trag des Abg. Richard Fischer. Zahlnacht für Buchdrucker, Stereotypeure usw. heut abend'/,12 Uhr bei Jul. Meyer. Oranienstraße 103.„Das Referendum."' Referent: Albrecht Fülle. Ober-Tchäneweide. Den Parteigenossen zur Kenntnis, daß die Bibliothek vom 11. d. Mts. ab an den Wochentagen Mittwoch und Freitag nur noch von 8—9 Uhr abends geöffnet ist. Die Bezirksleitung. Dabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 14. d. M.. Mit- gliederversammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: Bericht von der Quartalsabrechnung und Verschiedenes. Außerdem am Sonntag, den 22. d. M., abends 7 Uhr, im Lokal des Herrn F. Winzeck, öffentliche Frauenversammlung. Referentin: Frau Frida Wulff- Berlin. Der Borstand. KönigS-Wusterhausen. Heute Mittwoch, abends 8 Uhr: Zahl- abend im Lokale von Heiderich, Berliner Str. 23. Der Vorstand. Eichwalde-Zeuthen-Miersdorf. Der Zahlabend am heutigen Mitllvoch fällt aus. Dafür findet im Laufe des Monats eine Generalversammlung statt. Gleichzeitig wird auf den am 14. Januar in Grünau bei Ehrhardt, Bahnhofftr. 1, staltfindenden Kunstabend hingewiesen. HcrmSdorf. Am heutigen Zahlabend erfolgt die' Kontrolle der Mitglieder über die Zugehörigkeit zu ihren Gewerkschaftsverbänden. Es ist deshalb das Verbandsbuch mitzubringen. __ Der Gruppenführer. Berliner JNfaebriebteno Kulturwohnmigen. Der kleine Haus stand frierend aus der Straße, die Hände in die Hosentaschen versenkt. Sein dünnes Röckchen ist vom Regen fast durchnäßt. Mit einem seltsam ernsten Blick in den dunkel umränderten Kinderaugen betrachtet er die Vor- übergehenden, die Autos mit den hellglitzernden Scheiben. und die Elektrischen, die in dieser Straße in einer fast un- unterbrochenen Reihe dahinfahren. Der kleine Hans wohnt nicht in dieser Straße, denn in ihr gibt es keine Hinterhäuser mit Stube und Küche. Er ist Wohl eine Viertel- oder auch eine halbe Stunde gelaufen, ganz ziellos, bis er hierher kam. u Hause, da hatte zum erstenmal das Grauen ein junges inderherz gepackt.„Großmutter liegt im Sterben, seid ruhig!" hatte der Vater heute mittag gesagt, als er wieder zur Arbeit ging. „Großmutter liegt im Sterben I" wiederholte der kleine Hans leise und drückte sich furchtsam in die schmale Ecke, die am Fenster zwischen Wand und Küchenschrank gelassen war. Er sah hinaus in den kalten Regentag und überlegte, ob es nicht doch noch auf der Straße besser wäre, als hier in der engen, von Wäschedampf erfüllten Küche, wo die todkranke Großmutter in ihrem schmalen Bett schwer stöhnte, die kleine Grete, die mit den Zähnen zu tun hatte, von Zeit zu Zeit markdurchdringend in ihrem Wagen schrie, und Mutter am Waschfaß auch nicht aufgelegt schien, seine Neckereien, die er sich sonst mit ihr erlaubte, gut aufzunehmen. Das alles überlegte der kleine Hans, und sah hinaus in den kalten Regen, der die Scheiben heruntertropfte, und lauter kleine Rinnsale bildete. Es mußte draußen auch noch sehr windig sein, denn die Leute hielten sich die Hüte fest. Hans wollte sich gerade entscheiden, ganz gegen seine sonstige Gc- wohnheil daheim zu bleiben.— da packte die kranke Großmutter wieder ein Schmerzanfall, daß sie laut stöhnte. Gleich- zeitig fing Gretchen an zu schreien, und Mutter mußte auf- seufzend ihre Arbeit verlassen, um das Kind zu beruhigen. Hans bedachte sich nun nicht länger. Er konnte das wehe Siöhnen der guten Großmutter nicht hören. In der kleinen Stube nebenan, ihrer einzigen, hatte er das Stöhnen durch die dünne Rabitzwand fast ebenso deutlich gehört, wie in der Küche. Also gab's nur eins— fort, auf die Straße I Hans lief schnell hinter der Mutter Rücken vorbei, die sich über den Kinderwagen beugte, die Treppe hinunter und fort, fort, durch Wind und Ziegen l Und nun stand er frierend aus der Straße und sah den Vorübergehenden nach und den hellackierten Autos. Und dann ging er weiter, in eine stillere, sehr breite Straße mit zwei Reihen hoher, alter Bäume, deren kahle Zweige sich ächzend im Winde bogen. Hier waren lauter neue Häuser errichtet. eins neben dem anderen. Sie hatten große, breite Fenster und stattliche Portale. Und die Wohnungen darin waren noch nicht bewohnt. Vor einem der Häuser war ein großes Schild angebracht. Hans las darauf:«Kulturwohnungen für �vornehme Mieter, lichte Diele, ideale Schlafzimmer, Speise- » iäle, Luxusbäder. Schrankräume, Wintergarten, Plättstube. Rollkammer, Balkons.. Kulturwohnungen! Der kleine Hans zergrübelte sich den Kopf über die Anpreisung. Er trat bis an die Bordschwelle zurück, und sah das Haus an. das so viel Schönes versprach „für vornehme Mieter". „Nur eine große Stube und eine große Küche möchte ich haben." sagte Hans bei sich, wie er seine Mutter so oft hatte sagen hören. Wie er noch so dachte, kam ein Herr und eine Dame daher, die lasen alle Wohnungsschilder. Und auch das der „Kulturwohnungen". Hans stand dabei und beobachtete ihre Gesichter, und dann war er ganz bestürzt, als sie trotz der versprochenen Pracht keine Miene verzogen. Die Dame sagte nur obenhin:„Das könnte man sich allenfalls ansehen!" Und dann ging sie mit dem Herrn an dem gaffenden kleinen Jungen vorbei zum Eingangsportal, und Hans hörte einen Augenblick neben sich ihre seidenen Röcke knistern, und unter den Röcken sah er ihre Füße, die steckten in hohen schwarzen Lackschuhen. „Die schönen Schuhe bei dem schlechten Wetter!" sagte Hans vor sich hin, und seine Augen wanderten wieder zu dem Schild:„Kulturwohnungen." Ihn fror Plötzlich sehr. Er wollte heim, heim in die enge, dampferfüllte Küche, wo die Großmutter im Sterben lag, und das Schwesterchen, das mit den Zähnen zu tun hatte, markerschütternd schrie. Als der kleine Hans heim kam, war die gute Großmutter tot und lag steif und kalt in ihrem Bett, und Vater und Mutter saßen daneben und weinten, und das Schwesterchen schlief. Hans drückte sich wärmesuchend an den Kochherd, er hatte zu sehr gefroren. Und als mit seinen erstarrten Gliedern auch seine Gedanken ein wenig auftauten, da konnte er nur immer grübeln über das eine rätselhafte Wort: „Kulturwohnungen!"_ AuS der Scheunenviertel-Kommission. 6 300000 zum ersten, 6700000 zum zweiten. 6850000 zum... 7 Millionen. 7 Millionen zum... 7 Millionen und Gewinnanteil bei Gewinnen über 10 Millionen... bah! Hier 7 300000 M.- 7 350000 M.— 7 600000 M.— 7 800000 M.— 8 Millionen. 8 Millionen zum ersten, zum zweiten und dritten. So stellt sich etwa das Bild dar, das die Angebote in dem von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzten Ausschuß zur Vorbcratung der Vorlage betreffend Verkauf des Scheunenviertelgeländes wiedergibt. Die ur- sprüugliche Magistratsvorlage lautete auf 6700000 M., aber unter Abzug der Wcrtzuwachssteuer, mit geringer Anzahlung und schlechter Verzinsung, so daß etwa 6 300000 M. den Preis im ersten Gebot der Neuen Boden-Aktiengesellschaft darstellen. Die Herren Lippmann und Luckner boten inehr, dann wieder die Neue Boden-Aktiengesellschaft. Als in der letzten Stadtverordnetenversammlung das Angebot der ge- nannten Herren mit 7 600000 M. vom Ausschuß empfohlen war. macbte bekanntlich der Oberbürgermeister die Mitteilung, daß die Neue Boden-Aktiengesellschaft ein neues Gebot ab- gegeben habe. Sie hat, wie in der gestern abgehaltenen Ausschußsitzung mitgeteilt wurde, nun proponiert 7 Millionen und einen in Höhe von 350 000 garantierten Gewinnanteil von 30 Proz. bei einem Erlös über 10 Millionen oder 7 300000 M. und einen mit 100000 M. als Mindestgewinn garantierten Gewinnanteil in Höhe von 15 Proz. 1 100 000 M. sollten bei der Auslassung gezahlt werden, der Rest vom 1. April ab mit 4 Proz, verzinst werden. Das letzte Gebot der Herren Lippmann und Luckner ging auf acht Millionen. Hiervon sollen 1800000 M. bei der Auflassung gezahlt, die Kaution soll auf 500000 M, erhöht, das Restkaufgeld mit 4 Proz. verzinst werden. Außer- dem ist die Verpflichtung übernommen, das Terrain spätestens zur Hälfte in den ersten drei, den Rest in sechs Jahren bebaut zu haben. Unsere Genossen(Basner. Dr. Cohn, Ewald. Stadthagen) legten dar. daß das durch ihren Einspruch gegen die erste Vertragsofferte erzielte Mehrangebot von rund l3/« Millionen die Herren dazu veranlassen sollte, den von ihnen gestellten Antrag auf Bebauung des Baugeländes in städtischer Regie zuzustimmen. Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt und sodann der Antrag angenommen, die letzte Vertragsofferte der Herren Lippmann und Luckner der Stadt- verordnetenversammlung zur Annahme zu empfehlen. Die Rodelbahnen, die an einigen Stellen der Stadt, wie bei- spielsweise am Kreuzberg und im Humboldthain zur Freude von Alt und Jung eingerichtet waren, werden infolge der eingetretenen milderen Witterung kein langes Leben haben. ES dürste aber jetzt schon darauf hinzuweisen sein, daß in Zukunft einige Maßnahmen zu treffen wären, die eine geordnetere Abwicke- lung der Benutzungsmöglichkeit verbürgen als das bisher der Fall war. AuS unserem Leserkreise wird angeregt, daß am Ende der Bahn Sand gestreut werde, damit die Fahrer nicht in das zuschauende Publikun, fahren, und daß serner zu beiden Seiten der Bahn ein Strick zur Abgrenzung der Fahrbahn gezogen werde. Ferner werden Wünsche geäußert dahingehend, der Magistrat möge bei der Verlvendung des Aufmarichgeländes am Kreuzberg auf die dauernde Einrichtung einer Rodelbahn Bedacht nehmen. Es sind ja leider in den letzten Tagen auf den Rodelbahnen der- ichiedene Unfälle vorgekommen, vielleicht lasse» sich dieselben durch entsprechende Maßnahmen auf ein bescheidenes Maß zurücksühren- Die außerordentlich große Inanspruchnahme der Bahnen haben be« wiesen, welch großes Bedürfnis für diesen gesunden Sport vor- handen ist. Unsere Parkdeputation hatte eine glückliche Hand gehabt, indem sie zur Befriedigung dieses Sportbedürsnisses ihr Teil bei- trug; vielleicht benutzt sie obige Anregungen, um auf diesem Gebiete fortzufahren. Die Verkehrszunahme beim Omnibus 1916. Die Allgemeine Berliner Omnibus-Gesellschaft hatte im Lahre 1910 gegen das Vorjahr eine Verkehrszunahme von rund 10 Millionen Personen zu verzeichnen. Im Jahre 1909 waren 134 602 912 Fahrgäste befördert worden, im Jahre 1910 dagegen 144 654 310. Interessant ist, daß etwa der vierte Teil der beförderten Personen auf die wenigen Auto- mobillinien entfällt. In Automobilen wurden allein 31 574 683 Personen befördert. Auf Zeitkarten fuhren im letzten Jahr 1 647 224 Personen. Mit der Zunuh-nc des Ver- kehrs stiegen die Betriebseinnahmen von 9214 954 M. auf 10 002 021 M. Die Mehreinnahme beträgt also mehr als drei Viertel Millionen. Zur Beförderung dieser Massen müßten die Pferdewagen der Gesellschaft über 19'/? Millionen Kilometer, die Automobilomnibusse 5,36 Millionen Kilometer zurücklegen. Von 645 Pserdewagen der Gesellschaft waren 490 in Betrieb, von den 151 Automobilen nur 105. Die Zahl der Pferde stieg im Laufe des Jahres von 4803 auf 4960. Gleichzeitig stieg die Zahl der beschäftigten Personen von 2787 aus 2987. Sämtliche Pferdelinien haben jetzt eine Länge von 143 Mlometern, die Automobillinien eine solche von 49 Kilometern. Die Länge der Pferdelinten ist um nicht ganz 2, die der Automobillinien dagegen um fast 17 Kilometer im letzten Jahre gewachsen. Zur LustbarkeitSstener. Der mit der Vorberaiung der Lustbarkeitssteuerordnung betraute Ausschuß trat in seiner siebenten Sitzung am Montagabend in die zweile Lesung der Vorlage ein. Nach längerer Beraiung wurden die ßZ 1— 4, die die steuerpflichtigen Veranstaltungen und die Steuer- formen behandeln, nach den Beschlüssen erster Lesung mit nur un- wesentlichen Aenderungen angenommen. Wir behalten uns vor. nach Abschluß der zweiten Beratung ausführlicher auf die Beschlüsse der zweiten Lesung zurückzukonimen. Der Anschluß Tcmpelhofs an die Nord-Slldtahn. Gestern fand im Polizeipräsidium unter Vorsitz des Polizei- Präsidenten zwischen den Vertretern der Regierung, des Eisenbahn- Ministeriums und der städtischen Verkehrsdeputaiion und der Ge- meinde Tenipelhof eine Besprechung über den Antrag TempelhosS statt, ihr den Bau einer Anschlußbahn an die von der Stadt Berlin beschlossene Nord-Südbahn zu ermöglichen. Die Vertreter der Stadt Berlin haben erklärt, daß man bereit sei, mit Tempelhof, von dem erst in der letzten Woche ein entsprechender Antrag bei der Stadt eingegangen sei, zu verhandeln, aber die Erwartung ausgesprochen, daß die Konzeision für den Bau der von Berlin in Aussicht ge- »oinmeneu Linie nicht bis zum Abschluß der schwierigen, wahr- scheinlich länger dauernden Verhandlungcu mit Tempelhof, das eine Uebernabme des Betriebes der Anschlußbahn durch Berlin wünscht, abgeschlossen seien._ Deutscher Heimarbeitertag am Donnerstag, den 12. Januar. in Berlin, Kellers Neue Philharmonie, Köpenicker Str. 96/97. Die Verhandlungen beginnen morgens 9 Uhr. Der Zutritt zur Galerie ist für jedermann frei. Die Sprengkatastrophe in der Alten Jakobstraße, bei der, wie wir meldeten, mehrere Frauen und Mädchen verletzt wurden, ist allem Anschein nach durch einen unglücklichen Zufall herbeigeführt worden. Es wirb darüber berichtet: Seit mehreren Tagen war eine Abteilung der Gardepioniere, bestehend aus einem Leutnant, einem Sergeanten und vier Mann, beschäftigt, die gewaltigen Fundamente, auf denen die Kesselanlage gestanden hatte, zu sprengen. Die Grundmauern waren in einem Abstand von IM Meter von den Erdmassen befreit worden, und in diesen so entstandenen Gräben arbeiteten die Mannschaften. Die Spreu- gungen wurden so vongenommen, daß die Dynamitpatronen, die übrigens durchaus keine sehr starke Ladung enthielten, etwa 1 bis IM Meter oberhalb der Grundsohle in Kanäle eingeführt wurden, die vorher von den Soldaten mit Bohrern in das Mauerwerk ge- trieben waren. Vor dem Entzünden der Lunte, eine Handhabung, die von dem Feldwebel ausgeführt wurde, waren alle Mieter recht- zeitig davon verständigt worden, daß in der nächsten Viertelstunde eine Sprengung erfolgen werde. ObivoU die Hausbewohner ge- warnt worden waren, sich in der Rahe dep Fenster aufzuhalten. wurde doch mehrfach beobachtet, daß die Arbeiterinnen an die Fenster traten, um die Sprengung beobachten zu können. Am Montagmittag um 12 Uhr war an dem südlichen Teil des Grund- stücks eine zwei Meter breite und drei Meter tiefe Gpundmager durch zwei Dtmamitschüffe umgelegt worden. Die Pioniere beab- sichtigten nun, die Fundamente des großen Schornsteins der Fabrik zu sprengen und trieben in die etwa einen Meter dicke Grundmauer drei Bohrlöcher hinein. Die Lunten waren ordnungsmäßig gelegt, so daß die drei Explosionen nacheinander erfolgen mußten. Durch einen unglücklichen Zufall sind bei dieser Sprengung alle drei Dynamitpatronen gleichzeitig explodiert. Obwohl über die Ursachen der Entzündung noch nichts Genaues bekannt ist, nimmt man au, daß die zweite und dritte Patrone durch einen allzu heftigen Stoß des sich verschiebenden Gemäuers zur Explosion gebracht wurden. Während bei einer einfachen Sprengladung für gewöhnlich Mauer- teile nicht durch die Luft geschleudert werden, lvar die Expansion�- kraft des Dynamits diesmal doch so groß, daß ein etwa faustgroßes Mauerstück 39 Meter fortgeschleudert wurde, eine Fensterscheibe des daneben gelegenen Fabrikgebäudes durchschlug und eine Arbeiterin am Arm nicht unerheblich verletzte. Etwa 22 kleinere Stücke zcr- trümmerten andere Scheiben, doch ist der Schaden nicht allzu be- trächtlich. Die Sprengarbeiten wuvden vorläufig eingestellt. Von den Arbeiterinnen der Hutfabrik erschienen gestern morgen 39 junge Mädchen nicht, die durch den ausgestandenen Schrecken so deprimiert waren, daß sie ihre Arbeit noch nicht wieder aufzunehmen ver- mochten. Das Befinden der Frau Bluhm, die durch den Aufprall des Mauersteines einen Armbruch erlitten hat, ist befriedigend. Unfälle auf dem Müggelsee. Seit einigen Tagen ist der Müggel- iee zugefroren, und obwohl die Eisfläche für den Sport noch nicht polizeilich freigegeben worden ist, kann man schon jetzt zahlreicke unvorsichtige Schlittschuhläufer auf der spiegelglatten Fläche be- obachten. Gestern brachen eine ganze Anzahl dieser Leichtsinnigen auf der Eisdecke, die noch nicht die notwendige Stärke hat, ein. In drei Fällen gelang es nur unter den größten Schwierigkeiten, die Verunglückten wieder aus den kalten Fluten herauszuholen. Auch auf dem Weißensee schwebten vier Personen in Lebens- gefahr. Dort hatten sich ebenfalls viele Wagehalsig-ruf die Eis- decke begeben, die plötzlich an einer Stelle einbraa,. Vier junge Männer versanken in der Tiefe. Erst als vom Ufer aus Laufbretter angelegt worden waren, konnten die Gefährdeten geborgen werden. Der Franenmord in der Älumcnthalstraße. In der Mordsache in der Blumemhalstraße werde» durch den UntersuchungSricbler die Vernehmungen fortgesetzt. Unter anderen wurde der Gastwirt aus der Möckernstraße vernommen und mit dem verhafleten Sattler Mielke konsrontiert. Wie bekannt, ist in dem Lokal jenes Gastwirtes das Telcphongespräch mit der Portierfrau Mieska geführt worden. Der Gastwirt gab an. daß Mielke nicht der Mann sei. der bei ihm telephoniert habe. Nach seiner Erinnerung sei der Fremde ein Mann mit dunklem Haar und einer ganz Breiteil Stirn gewesen. Melke dagegen hat ganz blondes Haar und eine schmale Snrn. Ferner ist jetzt oer Schuhmacher ermittelt worden, der am 7. Dezember mittags t'/z Uhr in der Gastwirtschast von K. gesehen hat, dag Mielle dort zu Mittag speiste. Neuerdings haben sich Personen gemeldet, die bei Melle Hand- schuhe gesehen haben wollen. Ob der bei Frau Hoffmann gefundene Handschuh einer von denen ist, die Melle angeblich getragen hat, wird nachgeprüft. Die Leiche eineS Mannes wurde gestern morgen im Hausflur des Hauses Linienstr. 29 gefunden. Wie uns berichtet wird, habe der Mann, der den Eindruck eines Arbeiters machte, bereits am Abend vorher im Torweg gelegen. Da man annahm, er sei be- trunken, liest man ihn liegen und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Es ist nicht recht verständlich, warum in der langen Zeit, als der Mann im Hausflur lag, sich niemand um ihn bekünmiert hat. Wie wir hgpen, soll in einem ähnlich liegenden Falle früher von der Polizei gesagt worden sein, die Polizei könne erst nach Einwilligung des Wirtes eingreifen. Für Angler. Alle Gesuche der in Berlin wohnhaften Personen um Erteilung der Erlaubnis zum Angeln mit der Rute während der wöchentlichen Schonzeit find unter Beifügung der für das Jahr tött gültigen Angelkarte direkt bei dem Polizeirevier anzubringen, in dessen Bezirk der Antrag. steller wohnt. Gesuche ohne Beifügung der Angelkarte für das Jahr 1911 sind zwecklos. Nicht in Berlin wohnende Per- sonen haben ihre Anträge bei der Polizeibehörde ihres Wohn- ortes einzureichen. Festgenommen wurde eine Schwindlerin, die seit einiger Zeit in Moabit, Lichtenberg und Berlin, besonders im Osten und Süd- osten, Uhrmacher brandschatzte, indem sie ihnen unter allerhand Vorspiegelungen Uhren ablockte, die andere Leute zur Ausbesserung gegeben hatten. Sie gab sich als Beauftragte der Eigentümer aus und fing es so geschickt an, daß sie in der Regel ihr Ziel erreichte. Jetzt wurde sie endlich erwischt und als eine 34 Jahre alte, aus Leipzig gebürtige ehemalige Buchhalterin Margarete Borrmann festgestellt. Durch einen Sturz vom Balkon tödlich verunglückt ist gestern vormittag um 19 Uhr der 34 Jahre alte Kaufmann Schaler in der Jerusaleme? Straße 4-S an der Ecke der Zimmerstratze. Schaler kam vor acht Tagen als Leiter einer englischen Wollhandlung nach Berlin, um hier ein Zweiggeschäft aufzumachen. Für dieses be- sichtigte er gestern vormittag in dem Neubau an der Ecke der Zimmer- und Jerusalemer Straße Räume im dritten Stock. Dabei trat ev auch auf einen schmalen Balkon hinaus, der mit einem niedrigen Gitter versehen ist. Um hinabzusehen lehnte er sich wahr- scheinlich zu weit über die Brüstung hinaus und verlor das Gleich- gewicht. Plötzlich lag er mit zerschmetterten Gliedmaßen auf dem Bürgersteig der Jerusalemer Straße. Der Verunglückte wurde mit einer Autodroschke nach der Unfallstation in der Kronenstraße gebracht, starb aber schon auf dem Wege dorthin. Eine große Blut- lache, die das Unglück auf dem Bürgersteig hinterlassen hatte, wurde von der Feuerwehr, von der ein Mannschaftswagen erschien, ab- gewaschen. In ernster Lebensgefahr schwebten gestern mittag vier kleine Kinder in dem Hause Jablonskistr. IS. Im vierten Stock wohnt dort der Maurer K r es s e r mit seiner aus Frau und vier Kindern bestehenden Familie. Die Frau besorgt nebenbei die Portierarbeiten, während der Mann auf einem Bau beschäftigt ist. Auch gestern hatten die Eheleute die Wohnung verlassen und die vier Kinder im Alter von S, 4, 3 und 2 Jahren eingeschlossen. Beim Spielen in j>er Küche rissen die Kleinen den Verbindungsschlauch von dem Gaskocher, so daß das Gas ausströmte. Nach einiger Zeit machte sich in dem Hause ein starker Gasgeruch bemerkbar. Als der Ver- Walter dem Geruch nachging, stellte sich heraus, daß er aus der LLohnung der Familie Kresser kam. Beim Oeffnen der Korridortür fand man die vier klein en�Kinder- bewußtlos in der Wohnung vor. Man benachrichtigte sofort die Feuerwehr, die bald mit mehreren Sauerstoffapparaten zur Stelle war. Nach längeren Bemühungen gelang es, die Kinder sämtlich wieder ins Leben zurückzurufen. Allerdings werden die Kleinen noch auf längere Zeit krank bleiben, da sie durch die Gaseinatmung schon arg mitgenommen waren. Der mysteriöse Leichenfund in der EberSwalder Stadtforst, über den wir vor kurzem berichteten, hat nunmehr feine Aufklärung ge- funden. Der Tote ist als der 17jShrige Handlungsgehilfe Emil Blankenburg auS Boxhagen-Rummelsburg rekognosziert. Der junge Mann, der in einer Berliner Fabrik angestellt war, hatte sich am 13. Dezember gegen Vs® Uhr morgens aus der elterlichen Wohnung entfernt, um sich angeblich nach seiner Arbeitsstätte zu begeben, ist dort jedoch nicht eingelroffen. Seit diesem Tage war B. spurlos verschwunden. Was ihn zu dem Selbstmord— denn ein solcher ist zweifelsfrei festgestellt— veranlaßt hat, ist vollkommen unbekannt und den Eltern und Angehörigen des Verstorbenen unerklärlich. Ein Arbeitsloser hat am Montag ein Portemonnaie mit zirka 20 M. Inhalt, 2 Badclarten und einem Gutschein für zwei Theater- Billetts in der Berliner Straßenbahn 73 verloren. Der ehrliche Finder wird gebeten, dasselbe bei Kratz, Kopernikusstraße 2, ab- zugeben._ Vorort-]Nad) richten* Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst berichtete der Referent Friedemann(lib.) über die Benutzung der Schulhöfe während der großen Ferien. Die Freigabe dieser Plätze für die Kinder zum Spielen, habe sich sehr gut bewährt. Auf einigen Schul- Höfen spielten 70, auf anderen Schulhöfen blö 120 Kinder trotz des schlechten Weiters im vergangenen Sommer. Einigen kleinen Un- liebsamkeilen sei soweit wie möglich sofort abgeholfen worden. Es sei erforderlich, daß alle Schulböfe zum Spielen freigegeben werden. Dem wurde zugestimmt. � Bei Angelegenheiten, die das höhere Schulwesen beireffen, soll in Zukunft eine fachmännisch gebildete Frau mit beratender Stimme zu den Sitzungen der Deputation für das höhere Schulwesen hinzugezogen werden.— Im Juni v. I. wurde beschlossen, den Finanzminister um eine Erhöhung der für die Wahr- nehmung der Auftragszahlungen durch die Stadlhauptkasse an die Milirärinvaliden und Witwen sowie an Offiziere, Beamte und deren Witwen, zu ersuchen und zwar von 10 000 aus 13 000 M. Wenn dem nicht zugestimmt werde, sollte die Kündigung ausgesprochen werden. Der Finanzminister hat die Erhöhung abgelehnt und die Kündigung abgenommen und gleichzeitig versngt, daß sämtliche Zahlungen nunmehr durch die Kreiskassen Nieder-Barnim und Teltow zu ersolgen haben. Genosse Obst wie? auf die Schwierigkeiten und Scherereien hin, die nun für die Pensionäre entstehen, wenn dieser Zustand aufrechterhalten bleibt, jedenfalls müsse auf die Empfänger Rncksichi genommen werden; man möge versuchen, eS bei dem früheren Zustand zu belassen.— Kämmerer M a ch o w i c z betont, daß es ausgeschlossen wäre, jetzt nachzugeben. Der Staat würde dann den Koinmunen noch viel mehr aufhalsen, als es bisher der Fall ge« Wesen. Um die Zahlungen erledigen zu können, müßten an jedem Ersten gegen zehn Beamte, die zu den tüchtigste» gehören, aus dem Dienst entnommen werden. Die eigentlichen Arbeiten dieser Beamten bleiben liegen, wodurch das Publikum erheblich benachteiligt werde. Auch sei die Zumessung des Betrages eine ungleichmäßige. Wilmersdorf habe gegen 2000 Zahlungen weniger zu leisten, erhalte aber denselben Zuschuß vom Staat wie Schöneberg. Die Pensionäre sollen sich beim Staat beschweren und Abhilfe verlangen.— L e s s i g(Unabh. Fr.) hält von der Beschwerde des einzelnen nichts Mld meint, die Angelegenheit müsse im kleineren Kreise im Ausschuß besprochen werden.— Die Angelegenheit wurde dem Etatsausschuß überwiesen. Wegen Errichtung einer städtischen Turnhalle teilt der Magistrat mit, daß die Angelegenheil noch nicht spruchreif sei, da die für den Bau erforderlichen Anleihemittel bei der Regierung zwar beantragt. aber noch nicht genehnngt worden sind. Die wegen Ermittelung eines geeigneten Grundstücks schwebenden Verhandlungen seien außerdem noch nicht zum Abschluß gelangt, so daß zurzeit sich nicht übersehen lasse, wann eine Vorlage gemacht werden könne. Ein provisorischer Schul- und Spielplatz soll an der Wilmers- dorser Gemarknngsgrenze zwischen Ringbahn und Stadtpark errichtet werden. Genosse H o f f m a n n verlangt, um Verzögerungen zu ver- meiden, die Sache gleich der Deputation zur Ausführung zu über- weisen, der die notwendigen Kräfte zur Berfügnng stehen. Der Magistrat schwieg sich aus. Die erforderlichen 1750 M. wurden be- willigt.— Bei Nachbewillignngen für die Volksbadeanstalt legte Genosse B ä u m l e r dar, daß die Badeanstalt in der Ebersstraße den Anforderungen nickt mehr entsprichr, die man an eine Volks- badeanstalt stellen muß. Die Anstalt ist ständig überfüllt. Abhilfe werde nicht geschaffen, obwohl vor einigen Jahren schon von dem Bau einer zweiten Anstalt die Rede war. Genehmigt wurde die Einreihung der Zeichcnlehrerinnen in die Kategorie der technischen Lehrerinnen auf eine Beschwerde der städtischen Körperschaften bei dem Unlerrichrsminister, so daß die Ortszulagen in gleicher Höhe genehmigt find. Dann erfolgte die Wahl der ständige« Ausschüsse. Steglitz. Eine in diesen Tagen vielbesuchte Rodelbahn hat der Ort auf dem Fichteberg. Zur erste» Hilfeleistung bei vorkommenden Unglücks- fällen hat die.Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz" einen Gruppenführer mit acht Sanitären nach dem Fichteberg be- ordert, wo in einem Borgarten der Kaiser-Wilhelm-Stratze eine SanitätSwache eingerichtet wurde. Bei 10 Unglücksfällen wurde Hilfe geleistet. Kaulsdorf. In besinnungslosem Zustande wurde vorgestern abend in einem Abieil dritter Klasse eines Vorortzuges ein junger Mann auf der hiesigen Station aufgesunden. Neben dem Bewußtlosen stand eine Flasche, deren Inhalt— Lysol— er ausgetrunken hatte. Es wurde sofort ein in der Nähe wohnender Arzt hinzugerufen, vor besten Eintreffen der Lebensmüde jedoch verstarb. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. In dem Verstorbenen wurde der 16jährige bei der Bahnmeisterei in Erkner angestellte Schreiber Karl Langisch fest- gestellt. Nowawes. Am heutigen Mittwoch, nachmittags S Uhr, findet die erste wichtige Gemeindevertretersitzung im Sitzungssaale des Rathauses, Priester- straße 82, statt. Da jedem Einwohner das Recht zusteht, soweit der zu diesem Zwecke verfügbare Raum eS zuläßt, den Sitzungen bei- zuwohnen, sollten es sich diejenigen Arbeiter, denen es die Zeit erlaubt, nicht nehmen lassen, die Sitzungen zu besuchen, um sich so über die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten wie über die Tätigkeit der von ihnen gewählten Vertreter auS eigener Anschauung ein klares Urteil bilden zu können. Potsdam. Ein Opfer bcS Rodelsportes wurde auf dem Ruinenberg der Polizeiwachtmeister Claaßen vom Revier Bornstedt, der in Aus- Übung seines Dienstes auf der Rodelbahn weilte und plötzlich von einem heransausenden Schlitten erfaßt und rücklings zu Boden ge- schleudert wurde. Der Verunglückte hatte eine schwere Gehirn- erschütterung und eine Leber- und Lungenquetschung erlitten. Gestern wurde er nach dem Krankenhaus Hermannswerdev trans- portiert. Der Unfall wurde durch die beiden Söhne des Rechnungs- rates Weicker, Viktoriastraß«, herbeigeführt. Außerdem erlitt ein Madchen schwere Verletzungen im Gesicht. Das Mädchen fuhr gegen einen Baum und zerschmetterte sich die Nase. Röche lpö wurde, sie vom Platz geschgsst. Am Brauhausberg kamen mehrere Knochenbrüche, jedoch nicht bedenklichen Charakters, vor. Ende im Schwachsinn. Im Potsdamer Bsirgerstist hat sich gestern der 75 Jahre alte Schiffseigner Stolle, der als Sonderling bekannt war, in seinem Stäbchen offenbar in einem Anfall von Schwachsinn erhängt. Hiid Induftrie und Handel. Ein Rück- und Ausblick. In der am Montag abgehaltenen Sitzung de? ZentralauS- schusseS Berliner kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Vereine erstattete Generalsekretär Dr. Koppel den Jahresbericht, aus dem wir folgendes hervorheben. Zunächst betonte der Bericht- erstattcr, daß die von einzelnen Wirtschafispolitikern für das Jahr 1910 gehegten Erwartungen sich nicht erfüllt und das neue Jahr nur wenig Hoffnung auf weiteren gewerblichen Ausschwung gestatte. Als ein Hemmnis der Entwickelung bezeichnete Dr. Koppel den Rückschlag in den Vereinigten Staaten als Folge der Schutzzoll- Politik mit ihrer die Lebenshaltung verteuernden Wirkung. Er bemerkte dazu: Die Vereinigten Staaten find mit Hochschutzzoll begnadet wie wir, mit einer Verteuerung der Lebenshaltung wie wir, mit einer künstlich und staatlich geschwächten Konsumkraft der breiten Massen wie wir; es zeigte sich, daß der forcierte Export des Vorjahres weit eher ein ungünstiges, denn ein günstiges Symptom war; es zeigte sich, daß die führenden Trusts die Kapitalkraft des Landes über- schätzten, als sie in der ersten Hälfte des Jahres ihre Produktion in einem Umfange steigerten, daß z. B. der Stahlwerksverband mit 27 Millionen Tonnen gegen 25,8 Millionen im Vorjahre und 15,9 Millionen 1908 einen Rekord erreicht hat. Die Folge davon war lediglich, daß der Stahlwerksverband in der zweiten Hälfte des Jahres gezwungen wurde, einen Teil seiner Werke, zuletzt so- Sar sein größtes Schienenwerk, still zu legen, daß der Bestand -iner Aufträge am 1. Dezember über 110 000 Tonnen niedriger war als 4 Wochen vorher, daß die großen Eisenwerke Betriebs- reduktionen bis zu 50 Proz. vornehmen mußten und daß die Roh- eisenpreise bis zu dem Nweau von 1908 gefallen find.... Als wesentlichstes Moment, das Zurückhaltung auferlegt,«r- sHeint die Unsicherheit der Verhältnisse in der Montanindustrie. Sie ist heute beherrscht von der Sorge um ihre zukünftige Organi- sation und damit von einem außerhalb der reinen Konjunktur- erwägungen stehenden Moment. Zwar käust der Syndikatsvertrag des Stahlwerksverbandes erst 1912, der des Kohlensyndikates erst 1915 ab, aber all die Betriebserweiterungen, Zusammenlegungen und Verschiebungen in den Montanrevieren stehen unter dem Zeichen der Erneuerung der Verträge. An die Stelle des Kampfes um den Absatz ist der Kampf um die Quote getreten, und die im Hinblick hierauf vorgenommenen Erweiterungen der Betrieve haben zu einer Erweiterung der Produktion über den Bedarf ge- führt, zu einer Verwirrung des Marktes, zu einer Forcierung de» Exports durch Wiederherstellung der am 1. April aufgehobenen Ausfuhrvergütung. Zwar hat der Kohlenbergbau die größte jemals erreichte Produktionsziffer zu verzeichnen, zwar hat die Roheisenerzeugung wieder einen Rekord aufzmveisen, aber die Tatsache der Ueberproduktion zugleich. Weist doch allein die Aus- fuhr des Stahlwerrsvcrbandes gegenüber den ersten 11 Monaten des Vorjahres ein Vlus von 777 000 Tonnen auf, darunter fast 390 999 Tonnen Roheisen.... Die Kauf- und Kapitalkraft der deutschen Bevölkerung er- scheint durch Teuerungen, Lohnbewegungen. Zunahme der Frauen. arbeit gehemmt. Wieder und immer wieder muß auf die Wir- kunyen unserer Zollgesetzgebung sowie der ReichSfinaozreform hin» gewiesen werden. Sowest eine Besserung und ein Fortgang der Konjunktur zu verzeichnen find, verdanken wir sie der gesteigerten Aufnahmefähigkeit tieS Weltmarktes, nicht aber bcS heimische» Marktes. Der Verlauf des Weihnachtsgeschäftes dürste dies belegt haben. Die Finanzreform hat die in allen Ländern zu beobachtende Verteuerung der Lebenshaltung kumuliert. Dazu kam in der Baumwollindustrie die Knappheit und Teuerung des Rohmaterials und eine weiter« Schwächung der Konsumkraft durch die Fleischtcuerung und ihre Folgeerscheinungen. Die erhöhten Kosten der Lebenshaltung setzen sich in das Streben der Arbeiter nach höheren Löhnen um, und die hierher gehören-« beginnende Gärung im Ruhrrevier verdient ernsteste Beachtung. Die Gefahr großer Arbeitskämpfe hat sich im vergangenen Jahre, abgesehen vom Baugewerbe, nicht realisiert, aber sie besteht weiter und es gilt von ihr das, was von künftigen Kriegen gilt, daß sie immer seltener werden, aber wenn sie eintreten, dann um so verheerender in ihren Folgen. Die ausschlaggebende Bedeutung des Arbeits- Marktes für unsere Volkswirtschaft kann nicht stark genug betont werden, und wenn hier auch im vergangenen Jahre eine weitere geringe Besserung zu konstatieren ist, so darf doch nicht übersehen werden, daß wiederum 399 999 Menschen ausgewandert sind, wie denn durch kein anderes Moment unsere Wirtschaft derartig beein» flußt wird, wie durch die Tatsache einer Bevölkcrungsvermehrung von jährlich 999 999 Menschen. Sind doch heute bei uns 65 Mil- lionen gezwungen, auf engem Spielraum zu konkurrieren, während die Hoffnungen, die in dieser Hinsicht auf unsere Kolonien gesetzt werden, sich im besten Falle nur langsam erfüllen können und tatsächlich durch den Rücktritt Dernburgs eine nicht wegzuieug- nende Abschwächung erlitten haben. So zeigt sich auch auf dem Gebiete der WirtschaftS« und Sozialpolitik kein allzu erfreuliches Bild: nach außen haben wir einen schlechten tzandelsvertray mit Portugal und Zollerhöhungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten zu konstatieren, wäh- rend Schweden und Japan dabei sind, ihre Zollmauern zu erhöhen. Im Innern ist uns das Kaligesetz beschert worden, das inzwischen bereits Fiasko gemacht hat, während die sozialpolitischen Vorlagen. vor allem das Arbeitskammergesetz und die ReichsversicherungS- ordnung noch der Verabschiedung harren und Wohl kaum mehr von dem gegenwärtigen Reichstage erledigt werden.... In Wirtschafts- und sozialpolitischer Be» ziehung steht das neue Jahr im Zeichen der kommenden Reichstagswahlen. Handel und Industrie müssen ihnen mit besonderem Interesse entgegensehen, müssen ihren Ausfall mit allen Mitteln in ihrem Sinne mitzubestimmen suchen. Wenn jemals Wahlen nicht so sehr politische als vielmehr Wirt- schafts-politische waren, so werden es diese nächsten Wablen sein. In dieser Hinsicht hat die Reichsfinanzreform eine wohltätige Wirkung ausgelöst; der heimische Gewerbefleiß ist er- wacht, ist politisiert worden. Er hat sich eine Organisation geschaffen in dem Hansabund; diese Organisation ist erstarkt und hat bereits erhebliche Erfolge zu verzeichnen. Die Schläge, die Handel und Industrie versetzt worden sind— zuletzt noch ein kleiner Backenstreich in Form der Telephongebührenvorla�e— waren denn doch zu nachdrücklich und hageldicht, als daß sie sich nicht fest in das Gedächtnis eines jeden einzelnen hätten ein- geprägt haben sollen. Und wehe jedem einzeliien, wehe der ge- samten Volkswirtschaft, wenn sie es wieder vergessen sollten, wenn nicht jeder Kaufmann, jeder Industrielle, jeder Gewerbetreibende die Forderung des Tages erftillen würde, die zur Forderung dieses Jahres geivorden ist: seine Pflicht zu tunund bereit zu sein! Dieses Jahr wird zum Schicksalsjahr für den deutschen Gewerbefleiß; versäumt er diese Gelegenheit, d,e sich ihm bietet, sich die Rechte zu erobern, die ihm gebühren, sich Licht und Luft zu erobern, die er gebraucht, die Schranken zu sprengen und sich die Bewegungsfreiheit zu schassen, die mit ihm auch dem Vater- lande notwendig ist zu seiner Fortentwickelung, so wird sie ihm ein zweites Mal so bald nicht wiederkehren— und das von Recht» wegen!— Wir möchten hierzu jetzt nur bemerken, daß man jedenfalls arge Enttäuschungen erleben wird, wenn die Beteiligten auf den offensichtlich immer mehr in das Fahrwasser der hochschutzzöll- ncrischen rheinisch-wesffälischen Großindustriellen steuernden Hansabund große Hoffnungen setzen. Mg der frauenbewegung. Emma Ihrer. Ter Besten eine ist von uns gegangen! Eine von denen, dle mit zu den Pionieren der proletarischen Frauenbewegung gehören, und die bis an ihres Lebens Ende ihr bestes Können und all ihr warmes Empfinden in den Dienst dieser Bewegung stellen. AIS unsere Genossin Ihrer begann, die Mühseligsten und Be» ladensten, die Frauen, um das Banner des Sozialismus zu scharen, da waren die Hindernisse noch schier unübersehbar, die eS zu über- winden galt. Die ganze Arbeiterbewegung war noch Verhältnis- mäßig jung, unentwickelt und schwach. Der bleierne Druck deS Sozialistengesetzes hemmte die Bewegungsfreiheit und die öffent- liche Agitation. Und wo sich doch hier und da die Bewegung wieder zu regen begann, da griffen Polizei und Justiz rücksichtslos und brutal ein, um jedes neue Aufleben im Keim zu ersticken. ES gehörte ungemein viel Geduld, Ausdauer, Kraft und Mut dazu, immer und immer von neuem wieder anzufangen und zehnmal Zertrümmertes wieder aufzubauen. Um so mehr, da eS gleich- zeitig noch den Kampf zu führen galt gegen die vielem Widerstände, gegen Rückständigkeit und Unverstand in den Kreisen der Arbeiterschaft selbst. Denn im Beginn der Arbeiterbewegung schleppten auch die Proletarier, männliche und weibliche.»Ach einen ganzen Sack alter Ueberlieferungen und Anschauungen mit einher. besonders gegenüber der Frau, ihrer Stellung in Staat und Gesell- schaft und ihrer Betätigung im öffentlichen Leben. Und mochte auch gerade unsere Emmy solche rückständigen Anschauungen begreiflich finden, mochte sie ihre geschichtliche Bedingtheit voll erfassen, da sie ja selbst sich hatte erst frei machen müssen ans orthodox-kirchlichen und kleinbürgerlichen Anschauungen, furchtbar mühsam und—. bitter waren diese Kämpfe darum doch, denn sie hemmten da? Vor- wärtskonlmen der Bewegung und waren für sie selbst ein perma- nenteS Golgatha: Unverstanden zu sein und bekämpft zu werden von denen, für die sie ihr Herzblut hergab! Doch auch daS ward überwunden mit dem Erstarken der Be- wegung, und sie selbst hat durch ihr treues Ausharren, wozu ihre Begeisterung für die Bewegung und ihre Frohnatur ihr die Kraft gegeben, nicht wenig dazu beigetragen. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes, als überall unker den Proletariern es sich kraftvoller zu regen begann, da war eS in erster Linie unsere Emmy, die in Nord und Süd, in Ost und West be- müht war, neben den Männern auch die Frauen zum Klassenkampf auszurufen. Und wenn auch fast überall die neuoegründeten Frauenvereine den reaktionären Bestimmungen der vielgestaltigen Vereinsgesetze zum Opfer fielen, so war auch diese Arbeit gewiß keine vergebliche. Der Gedanke:.Ihr Frauen müßt selber um eure Befreiung aus Geschlechts- und Lohnsklaverei kämpfen", er war unter die Massen geworfen. Und mochte auch, wie beim Säemann, manches Samenkorn auf steinigem Boden gefallen, manche? vom Unkraut überwuchert, manches zertreten sein, gar viele Samen- körner hatten fruchtbaren Boden gefunden, find aufgegangen und haben tausendfältige Frucht getragen! Nachdem die eine Form der Organisation für die Frauen zer- schlagen war. galt es eine neue zu finden, und gemeinsam mit anderen Genossinnen ward beraten und beschlossen, die lose Form der Organisation, das VertrauenSpersonensystem zu wählen. Die erste Frauenkonferenz in Mainz, an der auch die Genossin Ihrer teilnahm und mit ihrem klugen Rat und ihrer reichen ErfahrunD viele guTe Anregungen gaB, Brachle diese Form der Organisation erneut in Vorschlag und der Parteitag stimmte dem zu. Auf neuer Grundlage, aber im alten Geiste ward nun von Genossin Ihrer in gemeinsamer Arbeit mit den übrigen Genossinnen die Werbe- arbeit fortgesetzt, und als nach dem Inkrafttreten des Reichs- vcreinsgesetzes die gemeinsame politische Organisation für Manu und Frau geschaffen war, da hat die Genossin Ihrer in einer Anzahl von Touren und Einzelversammlungen zahlreiche Prole- tarierinnen der Partei zugeführt. Gehört Genossin Ihrer also zu denen, die die Grundsteine für die proletarische Frauenbewegung in Deutschland legen halfen, ja zu denen, die nicht weniger er- folgreich im Auslande wirkten, so in der Schweiz, in Oesterreich, und die während des internationalen Kongresses auch in Kopen- Hagen zu den Proletarierinnen sprach, so gehört sie aber auch zu denen, die unausgesetzt weiter Stein um Stein zu dem Bau unserer proletarischen Frauenbewegung herbeitrugen, und wenn wir zurzeit zirka 100 000 weibliche Parteimitglieder zählen, so steckt in dieser Zahl ein beträchtliches Stück der erfolgreichen Propagandaarbeit unserer Genossin Ihrer. Frühzeitig erkannte Genossin Ihrer, daß die mündliche Werbearbeit unter den Frauen unterstützt und verbreitet werden müsie durch eine entsprechende schriftliche. Daß eS nicht genüge, die Frauen auf die sozialistische TageS- presse zu verweisen, die zudem in der damaligen Zeit gar nicht imstande war, den speziellen Fraueninteressen die genügende Auf- merksamkeit zu widmen; dah vielmehr eine Zeitung, die sich speziell an die Frauen wende, sie bei ihrem ureigensten Interesse packe und alle sonstigen Fragen immer zwar im Sinne des Sozialismus, aber doch vom Gesichtswinkel der Frau aus betrachte, für die poli- tische Werbearbeit unter den Proletarierinnen überaus Wert- volles leisten müsse. Und Genossin Ihrer Mutzte es durchzusetzen. allen materiellen und persönlichen Hemmnissen zum Trotz, datz Anfang 1891 die erste Nummer der„Arbeiterin" herausgegeben werden konnte, deren Rebaktion sie bereitwilligst übernommen hatte. Ein Jahr später übernahm die Partei die Zeitung, die natürlich unausgesetzt mit grossen finanziellen Schwierigkeiten während der ganzen Zeit ihres Erscheinens zu kämpfen hatte, denn so schnell vermehrte sich der Leserkreis bei dem derzeitigen niederen Stande der ganzen Arbeiterbewegung, nicht. Als die Partei die Zeitung übernahm, schlug Genossin Ihrer die Genossin Zetkin als Redakteurin vor, die seitdem die Redaktion der Zeitung, deren Namen in„Gleichheit" umgewandelt wurde, in Händen hat. Ter Genossin Ihrer können wir es also danken, wenn wir heute eine sozialistische Fraucnzcitung haben, die uns bei unserer Ägitations- und Schulungsarbeit unentbehrlich geworden ist. Ebenso eifrig wie in unserer Partei- und Frauenbewegung war die Genossin Ihrer tätig für die Gewerkschaftsorganisation. Ihr klarer Blick und scharfer Verstand hatte früh erkannt, datz ein geistiger und intellektueller Aufstieg der Massen nur dann von Bestand sein könne, ja nur dann möglich sei, wenn sie wirtschaftlich emporgehoben würden, und datz die wirtschaftliche Besserstellung der AuSgebeutctsten auch die Vorbedingung für ihre Kampffähig- keit um eine endgültige Befreiung sei. Diese ihre Erkenntnis. verbunden mit dem lebhaften Wunsch, die Leiden der Arbeiterinnen möglichst schnell lindern zu Helsen, lietz sie zu einer unermüdlichen Agitätorin und Organisatorin werden. Es wird wohl schwerlich eine deutsche Gewerkschaft geben, für die Genossin Ihrer nicht tätig war. der sie nicht Mitglieder geworben, für deren Organ sie nicht Beiträge geliefert hätte. Seit Jahren aber leitete sie mit gutem Erfolg die Organisation der Blumen- und Blätterarbeiter �beiter-gj>llulig88e!iu!ö. Donnerstac, den IS. Januar 1911, abend« 8'/, Chr, Im SchulIoUal, Grenadlcrstr 87: Generalversammlung. Ta ges-Ordn ung: 1. Bericht des Vorstandes, des Lehrerbolleclams and der Revisoren. 2. Antrüge. 3. Neawahl des swelten Schriltlührers, eines Cnlcrrlchtsvertreter« und eines Hiltsbibliotliekars. 4. Schalangclcgen- helten und Verschiedenes, 6/2* ------------------- Kitglicdsbach legitimiert. UV Beiträge mässen bezahlt werden. llrtilRfir Zahlstelle Berlin. Achtung! Die für Donnerstag, den 12. Januar, festgesetzte Generalversammlung findet nicht statt. � Die Ortsverwaltung. und-ArBeUerrnnen tthb redigierke Beten Verbandsorgan. Eelk l zwei Jahren war Genossin Ihrer auch als Mitglied der Jugend- zentrale in der Jugendbewegung tätig. Ihr warmes Herz und ihr lebhaftes Mitgefühl für die Leiden ihrer Mitschwestcrn trieb sie in unzähligen Fällen zu hilfreicher Tat, soweit nur immer ihre Mittel es erlaubten. Und was diese Hilfe für die Empfänger so angenehm machte, sie in ihrer Verzagtheit so aufrichtete, daS war die feine, liebe Art, wie sie gewährt ward. Das konnte bei Genossin Ihrer auch nicht anders sein? Sie selbst, eine kraftvolle, charakterfeste Persönlichkeit, die grotze Willensstärke mit persönlicher Liebenswürdigkeit verband, sie hat immer alles getan, um auch bei anderen daS Selbst- und das Persönlichkeitsgefühl zu wecken und zu stärken. Nimmer hätte sie die Hand geboten, es zu verletzen oder zu unterdrücken. Dieser Charakterzug hat ihr neben der Anerkennung, die sie sich durch ihre Tätigkeit erworben hatte, viele persönliche Freundinnen ver- schafft. Sie alle, alle die unsere Emmy kannten, die Zeuge ihrer erfolg- reichen Tätigkeit waren, die ihre Persönlichkeit schätzen und lieben gelernt, sie stehen heute in tiefer Trauer an ihrem Grabe. Uns indem sie einen vollen frischen Kranz auf ihr Grab legen, werden sie sich geloben, ihr Andenken dadurch zu ehren, datz sie mit ver- einten Kräften an dem herrlichen Werk der Menschheitsbefreiung weiterarbeiten, an dem Werke, dem die Lebensarbeit unserer Toten galt._ L o u i s e Z i e tz. Gersammlungen— Veranstaltungen. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Mittwoch, den 18. Januar, abends 8'A Uhr, im„Englischen Garten", Alexanderstr. 27c. Vortrag des Parteisekretärs Hermann Müller über das Thema:„Die Wertung der Frauenarbeit einst und jetzt." Gäste willkommen. Eua aller Alelt. Grubenbrand auf Zeche Königin Elisabeth. Durch einen gestern nachmittag gegen drei Uhr im Schacht „Wilhelm" der Zeche„Königin Elisabeth" bei E s s e n a. Ruhr aus- gekommenen Grubenbrand schwebte eine Zeitlang die Belegschaft der Zeche in Lebensgefahr. Es gelang den Mannschaften jedoch, sich rechtzeitig durch den Schacht„Hubert" zu retten. Ter Brand griff sehr schnell um sich; ein Teil des Schachtes stürzte nach kurzer Zeit ein. Das Feuer zerstörte das Innere des steinernen Förderturms, so datz die Fördereinrichtung zusammenfiel. Die Weiterverbreitung des FeuerS nach dem Schachtinnern wurde durch Abdecken verhindert. Ter Betrieb ist vorläufig gestört.Die Belegschaft des Schachtes wird von den anderen Belegschaften der Gewerkschaft übernommen. Explosion einer Pulverfabrik in Argentinien. Ein Kabeltelegramm aus Buenos Aires berichtet über eine schwere Katastrophe, die sich in der Nähe des argentinischen Ortes San Martin zutrug. Aus bisher unbekannter Ursache erfolgte in einer Pulverfabrik eine gewaltige Explosion, durch die die gesamte Fabrik» anlage zerstört wurde. Aus den Trümmern wurden bisher zwölf Leichen geborgen, jedoch wird befürchtet, datz noch mehr Menschen der Explosion zum Opfer gefallen sind. Der durch die weithin hörbare Detonation angerichtete Sachschaden ist grotz. Keine Spur vom Ballon„HNdebrandt-. Wie wir gestern berichteten, find von Kiel aus zwei Torpedo« boote abgesandt worden, um nach dem vielleicht auf der Ostsee treibenden Ballon„Hildebrandt" zu suchen. Die Bemühungen sind leider vergeblich gewesen. Die von der Streife zurück- gekehrten Boote haben weder eine Spur des Ballon? noch seiner beiden Insassen finden können. ES ist mit ziemlicher Sicherheit an- zunehmen, datz die Luftschiffer, Rechtsanwalt Dr. Walter Kohrs und Prokurist K e i d e l, bei der Fahrt umö Leben ge- kommen sind._ Ein Polizeibeamter als Mörder. Grosses Aufsehen erregte in der französischen Stadt Lille die Verhaftung des P o l i z e i a g e n t e n D u f o u r, der am Montag- abend unter dem dringenden Verdachte des Mordes in Untersuchung?« hast genommen wurde. Am Montagmorgen wurde in ihrem Zimmer die Leiche einer Dirne, namens Leo nie Gamery aufgefunden. Die sofort vorgenommene Untersuchung ergab, dass an dem Mädchen ein Mord verübt worden war. Noch im Laufe deS Tages hausten sich die Verdachtsgründe gegen den Polizei- beamten, der zu der Prostituierten in näheren Beziehungen gestanden hatte, so dass auf Anordnung der Gerichtsbehörden seine Festnahme erfolgte. Kleine Notizen. Eine schwere Baukatastrophe ereignete sich in der Hemmcstrasse in Bremen. Dort stürzte ein im Rohbau fertiggestelltes zwei« stöckiges Wohnhaus in sich zusammen und begrub fünf Arbeiter unter sich. Einer der Verschütteten wurde als Leiche geborgen, zwei wurden schwer und ein Arbeiter leicht verletzt. Unfälle beim Rodeln. Auf einer Rodelfahrt bei Char« lottenbrunn in Schlesien in der Einjahrig-Freiwillige Hein vom Schweidnitzer Artilleriercgiment verunglückt und hat sich lebensgefährliche Verletzungen zugezogen.— In der Nähe von Innsbruck fuhr ein neunzehnjähriges Mädchen beim Rodeln gegen eine Mauer. Die Venmgliickte war sofort tot. Auch bei einem Preisrodeln im' Halltale in Steiennar! ereigneten sich zahlreiche schwere Unfälle. Eine Anzahl Schwer- verletzter muhte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ein Unteroffizier als Defrandant. Der beim Bezirkökommando in H ö ch st a. M. diensttuende Unteroffizier Moll ist seit einigen Tagen verschwunden. Wie sich jetzt herausgestellt hat, hat Moll einige tausend Mark aus der Menagekasse der Militärverwaltung unterschlagen und ist geflüchtet. Ins Kaspische Meer abgetrieben. Eine grosse Eisscholle, auf der 8ö Fischer auö A st r a ch a n mit 38 Pferden ihrer Beschäftigung oblagen, ist in daS Kaspische Meer Hinansgetrieben worden. Zur Rettung der Fischer ist ein Dampfer auSgesandt worden. Schweres Braudunglück in Spanien. Nach einer telegraphischen Meldung wurhe am Dienstag beim Einsturz eines Neubaues in der Nähe von Castro Urdiales eine Anzahl Arbeiter verschüttet. Bier Mann wurden getötet und fünf verletzt. «nitlicher Marktbericht der ftSdtilchen Marttdallen-Vtrektton über den Wrogbandel in de» Zentral.Marttballen. Marktlage: F l e i I ck: Zusichr genügend.«Beschäst rege, Preise unverändert. Wild: Zusubr sehr reichlich,«Seichäst schlepvend, Preise unverändert. G e t l ü g e l: Zuilihr mäßig, Gelchäil still. Preise unverändert. Fische: Zusuhr mäßig, Geschäft ziemlich lebhast. Preise für Flußfische anziehend. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obft und Süd» s r ü ck l e: Zusuhr genügend. Geichäst flau. Preise wenig verändert. Meine» Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß ich daS Itesttuu'iuit Bouclie-Str. 90/21 Ecke Gräti-Ttraste in Treptow übernommen habe. Gustav Fltttlng. Kolonie Nonnendamm. Die Jlitrbische Bodcngesellschaft, Berlin W, Leipziger Straße 1X3 a(Amtl, 2156), bietet in ihren Häusern zwischen Nonnendamm and Siemens-StraBfl allen Wohnnngsuchenden günstige Wohngelegenheit. Billige Mietspreise, geräumige, luftige, helle Zimmer, nur Vorderwohnnngen, Ersparnis der erheblichen Fahrspesen. Auskunft bei den Verwaltern und im Bureau, Nonnendamm, Reis-Straße 24. 2419L* Orts-Krankenkasse für das ßarMergewerbe zu Berlin. Laut Versügung deS Herrn Ober. Präsidenten ist der durchschnittliche Tagclohn für männliche Milglieder über lü Jabren, ausschließlich der Lehrling«, aus 3,60 M. erhöht. Diese Versügung Kitt mit dem 16. Januar 1911 in Kraft. Aus Grund dieser Verfügung ist eine Erhöhung deS Krankengeldes und der Beikäge erforderlich. Zu diesem Zwecke findet eine aaßerordentlleho General-Versammlung der Delegierten am Donnerstag, den IS. Januar, abends 9'/, Itbr, im Rosenthaler Hof» Rosenlhaler- ftraße 11/12, statt Tagesordnung: Abänderung der S§ 12. 13 und 28 des Statuts. In Anbetracht der Wichligen TageS zahlreiches ordnung erwartet scheinen Bor Vorstand. J. 91.-. Paul Schralle Er. �reittbei-x-Pestsäle, Besitzer: Otto Ernert, SW, Kreuzbrrgftr. 4«. Jeden Mittwoch u. Freitag: Großer IWani. Jeden Sonntag: Ofoßer Ball« Im März noch Sonnabende zu vergeben. l.V _ Vors. Orts-Krankenkasse der Stadt Schöneberg. In der Vorstandssitzung vom 6. Ja- nuar d. I. sind für das Jahr 1911 die Herren F. Krukow, Mühlenstr. S, als Vorsitzender, A. Wollet, Kolormensk. 20, alS stellv. Vorsitzender, 270/4 H. Habbich w Schöneberg. kaße R. als Schriftführer, Stz. Jobns, Brunhlldstr. 2, al« stellv.«chriMhrer gewählt worden. Der Borstand. Germanja-?rae!it-8Sle Carl Rlohter. Chanssee-Straße HO. Hente Mittwoch, Paol Nantheys ostige Sänger. mit Ernst Walters neuest. Schlager I Anfang 8 ühr. Eintritt 30 Pf. Vorzugskart. gelt. Anseht. Freitanz. Jeden Donnerstag: Gr. Bockbier-Konsert. m Original-Stamm Seisert, versende unter Garantie sür Wert u. leb. Ank. zum Preise von 8-25 M. Weibchen 3 M. PretSI. frei. Christ. Sondermann, Neuendorf bei Teistungen(Harz). Aelteste u. größte Züchtcrci d. Umgeg.' Verleih-Institut: Frledrichsl. 1 1 6/1, a.Orabg. 'Tor. Sieg. Frack, Gebrock 1.50,Holc l.00. Weste bOPs. BesldewZlirt« gesunde und J magen- darmkranke -KranlankosP Nahrung fllr: sowie ► schwächlich� in der Entwicklung ZurückgebliihenB Kinder. älm nesaer Weg Bouillon- �Wdel zu einer guten neisdibrühe/�; Ein Aufguß heißen Wassers auf eioeo 0X0 Braillon-M derCbmp-LIEBlO, Reis 5 Pfg. Wt n tWi sn Ttrttuinmg m Suppn, Sinn, 1 baaMt, eapfiaMI sieh die VsrveKdoos na Iii Eximt, 4u In Eigengescbmick dtr Speis»» I Fleisch. FiM-Bans„Friscti ü". Degen Inventur ÄWÄ Brnnnenstr. 35 am 12. DDd 13. d. M. yesetilossen. Wir bitten, bei Bedarf uuser« Filiale Kottbnser Str. 9 zu berücksichtigen. Große?irma vergib. Teppiche, Gardinen, Stores, Steppdecken, Portieren auf Teilzahlung ohne Anzahlung. Keine Kassierer. Chiffre S. 100,.Bor» wärtS". Spedition, Auguststr. 50.• Dem ReichZtagZalgeorbnelen Ge- Nosse» k'rlt« Zubull zu seinem 63. Geburtstage ein donnerndes Hoch. Mehrere Genossen deK KreiieS Teltow-Beeskow-Charlottenburg Zlm Sonntag, den S. Januar, erlöste der Tod unseren Kollegen, den Schrsttsetzer Karl Fiebig im 66. Lebensjahre von langem schweren Leiden. Er war uns stets ein Vorbild strenger Pflichtersüllung u. wahrer Kolleaiaiität. Wir werde» sein Andenren stet» in Ehren halten. V«ed»«I,mitgIi»ö»r der Buch- druckerei Liebheit& Thieseo. Beerdigung: Donnerstag, den 12. Januar, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des neuen Jakovi- ÄtrchhoseS, Rixdors, Hermann- stratze, aus. 26126 I Deutscher Metallarbeiter-Verband VerwaltuRgestelle Berlin. T«dea- Anseiiee. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metallarbeiter ttennstm Bauch am 0. Januar an Lungenletden gestorben isL Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Januar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- hoses in der Seestrage aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 0ie Drievernaltung. Deatseber Transportarlieiter-ferliaDl Bezirksverwaltung Groll- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Haus- diener Otto 8chul?e am 8. d. Mts. im Aller von 56 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken; Die Beerdigung findet am Mttwoch, den lt. Januar, nach- mittags 2>/,Uhr, von der Leichen- Halle des Gelhscinaue-Kirchhoses in Nordend aus statt. 63Jö Die BezirkSverwnltung. 3erlins und Umgegend. Am Sonntag;, den 8. Januar, starb die treue und eifrige Vorkämpferin unserer Prinzipien, die Führerin im Kamp! um die Eechte der Arbeiterinnen, unsere Genossin Emma Ihrer. Ihr langjähriges Wirken in unseren Reihen sichert der Dahingeschiedenen ein dauerndes Gedenken. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 11. d. M., nachmittags S8/. Uhr, auf dem städtischen Friedhofe in Friedricnsfelde statt Der Aktions-Ausschuß. Hierdurch die traurige Nachricht, daß mein innigst geliebter Mann, unser guter Vater, Bruder, Schwager u. Onkel, der Gastwirt Paul KobUS am Montasronnittag 8'/, Uhr, nach langem, schweren Leiden sanft enteohlafen ist 2613b Um stille Teilnahme bitten die trauernden Hinterbliebenen Hermlne Kobus nebst Tochter und Geschwistern. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. d. Mts., nachmittags a1/, Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofs der Freireligiösen Oe Oemeinde, SozialtlßffiokratisebJalilvemii Nieder-Barnim. ---- Bezirk Lichtenberg.— Den Mitgliedern die traurige Nachricht, dag unser Genosse, der Gastwirt Paul Kobns (Mliggelstr. 31) am Montag, den S. Januar, Im Alter von 45 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 12. Januar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allee 15—17, aus statt. 14/1 Um rege Beteiligung wird ersucht. Dr. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. PHnzenslr. 41, Äpuö. 10— 2. 5— 7. Sonntags 10—12. 2—4 pel-AUee, aus statt. Am Montag, den S. Januar, verstarb unser lieber Bater und Bruder, der Prester Ikeoclor ttsrms im 51. Lebensjahre. Freunden und Bekannten zeigen dies ttesbetrübt an Geschwister Harms. KiDise Rinck. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Januar. nachmittags 3 Uhr, aus dem Friedhos der Frcirejigiösen Ge< meinde in der Pappelallee statt. Vöibsnö deutscher Gastwirtsgehilfen (Ortsverwaltung Berlin I) Am S. d. M1S. verstarb nach läng erem Leiden unser atteS Mit- glied Paul Kobus Im Aller von 44 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Januar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle deS Freireligiösen Friedhofes, Pappelallee 15/17 aus statt. 283/1? Um rege Beteiligung bittet Der Borstand. vanksaxunx. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bc! der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres gulcn Vaters, sage ich hiermit allen Verwandten, Kollegen, Freunden und Bekannten, ?anz besonders der Freien Turner- chast Rummeisburg. 1. Abteilung, meinen herzlichsten Dank. Wltvre Ottilie Herftartli nnbnt Kindern. wdand der freien Gast- und Schankwirte Deutsehlands. Zahlstelle Lichtenberg. Am Montag, den v. Januar, starb unser langjähriges Mitglied Paul Kobus (Müggelftr. 31). AIS eifrige« Mitglied Im Verbände und in der Partei Ist ihm ein ehrenvolles Andenken gesichert! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den l2. Januar, nachmittags 3>/. Uhr, aus dem Friedhose der freireligiösen Ge- meinde, Pappel-Allee, statt. Um rege Beteiligung ersucht 2kl4b Die Ortsverwaltung Haben Sie Slott' kh tv hat davon Anzug od. PMJatot r.ach M aas, schidc, dauerh. Zatatan von 2S Mark«1. Moritz Labond, Neue PromenadeSdljStadth�dn� Extra- Abteilung Gesch.; Berlin W., Mahren- StraBe37a(2 Haus von der 1 lerusalemer Straße). |ll. Gesch.: Berlin NO., Grobe Frankfurt. Str. 116(2. Haus| von der AndreasstraBe). 1 Sehr er. Ausw. fert. Kleider, I J HOte, Handschuhe, Schleier| leto. v. einfachsten bis zum I | hochelegant Genre s.äußerst J niedrigen Preisen. Sonder-Abteilungi naUuiifertigung in 10 bis 13 Stunden. Totole Rtlim des Winfer-Lagers zu nachstehenden Preisen: i.' 28.-«.- il- IS.- tl Plflschmäntel (trUher z. 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