Ur. 10. ntorniemnitS'Bedlndonsen: BBonnfmenlä■ Pietz pränumerando J Lierleljährl. 330 3Kf, monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 2» Pfg. frei inS Haus. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nummer mit Mustrierter Sonntags- BeUage»Die Neue Well' 10 Pfg. Post- vbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung?- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn L Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Poftadonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Nilien, Luxemburg. Portugal, liumänien, Schweden und die Schweiz. 88. Jahrg. CrfditlDt iZgllch außer Cicntags. * Sevlinev VolKsblcltt. Die TntertlenS'Getfl� beträgt für die fechsgefpaltene kolonel- zeile oder deren Raum bo Psg., für politische und gewerkschaftliche BereinS- und BersammlungS-Anzeigen SV Psg. „«leine Sn-eigen", das erste fsctt- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Echlaj- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expeditum abgegeben werden. Die Expedition iit bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SwialdcmoHrat Rerliirt Zcntralorgan der(ozialdemohrati fchen Partei Deutfcblands. Redaktion: SSI. 68, Ltndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. ißlungen! DaS Urteil im Strafkammerprozeß wider die wegen Beteiligung an den M 0 a b i t e r Unruhe« Au- geklagten wurde Mittwochabend kurz nach 6 Uhr verkündet. Es wurden verurteilt: die Angeklagten Tiedemann zu l1/* Jahren Gefängnis (3 Monate Untersuchungshaft werden angerechnet). Merten zn 6 Monaten Gefängnis (2 Monate Untersuchungshaft werden angerechnet). Raschtut zu 8 Monaten Gefängnis (6 Wochen Untersuchungshaft werden angerechnet). Plaster zu 2 Monaten Gefängnis (1 Monat Untersuchungshaft wird angerechnet). Lietwicki zu 6 Monaten Gefängnis (10 Tage Untersuchungshaft werden angerechnet). Meyer zu 9 Monaten Gefängnis (3 Monate Untersuchungshast werden angerechnet). Rörenberg zn 2 Monaten Gefängnis (1 Monat Untersuchungshaft wird angerechnet). Mnslewski zu 2 Monaten Gefängnis (1 Monat Untersuchungshaft wird angerechnet). Krämer zu 3 Monaten Gefängnis. Frau Domiuiak z« 6 Wochen Gefängnis (2 Wochen Untersuchungshaft werden angerechnet). Breyer zu 6 Wochen Gefängnis. Hagen zn 3 Monaten Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshaft verbüßt). Trepkowski zn 4 Monaten Gefängnis (3 Monate Untersuchungshaft werden angerechnet). Lock zu 3Vs Jahren Gefängnis (3 Monate Untersuchungshast werden angerechnet). Frau Friese zu 2 Tagen Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshast verbüßt). Heide zn 9 Monaten Gefängnis (3 Monate Ilnterfuchungshaft werden angerechnet). Heincmann zn 3 Monaten Gefängnis (3 Wochen Untersuchungshaft werden angerechnet). Rothe zu 2 Monaten Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshast verbüßt). Herm. Weiß zu 6 Monaten Gefängnis (2 Monate Untersuchungshaft werden angerechnet). Wandt zu 9 Monaten Gefängnis (3 Monate Untersuchungshaft werden angerechnet). Schulz zu 2 Monaten Gefängnis (6 Wochen Untersuchungshaft werden angerechnet). Albrecht zu 59 Mark Geldstrafe. Zollchow zn 8 Wochen Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshast verbüßt). Otto Weiß zn einem Monat Gefängnis und 3 Tage Haft (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshaft verbüßt). Romanowski zn einem Monat Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshast verbüßt). Miersch z» einem Monat Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshast verbüßt). Kliche zn 59 Mark Geldstrafe. Eiscurcich zn einem Monat Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshaft verbüßt). Senf zn einem Monat Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshaft verbüßt). Weidemann zu 49 M. Geldstrafe. Pilz zu 3 Monaten Gefängnis (die Strafe gilt als durch die Untersuchungshast verbüßt). Die Angeklagten Krahat, Frau und Fräulein Sattler wurden freigesprocheu. Eine Staatsaktion ist zu Ende gegangen, ein Anschlag gegen die Arbeiterbewegung mißlungen. Die Begründung des oben mitgeteilten Urteils ist die Bankrotterklärung der G. m. b. H. zur Ansschlachtung der Moabiter Krawalle gegen die Arbeiterbewegung, gegen die Sozialdemokratie I Die Mit- glieder dieser Kumpanei, die Junker und Scharfmacher, der Reichsverband und die Ordnungspresse, die Regierung und die Polizei, sie alle haben eine bittere Niederlage zu beklagen. Und mit ihnen hat die Staatsanwaltschaft zu trauern. Um- sonst hat sie ein Stück des Ansehens der Justiz aufs Spiel gesetzt, indem sie durch auffällige, ungewöhnliche Matzregeln den Riesenprozeß vor die dritte Strafkammer brachte, vor die er nie hätte gelangen können, wenn die Anklagebehörde von vornherein die Verbindung der Anklagen vorgenommen hätte. Der Wucht dieser Beweisaufnahme konnte kein Gericht inider- stehen, die komproinittierliche Suche nach zuverlässigen Richtern war ganz vergeblich. Dieser mit lautem Trara be- gonnene große politische Tendenzprozeß gegen die„Umsturz- Partei" war für die Reaktion schon verloren, sobald den Zeugen der Polizei die ersten Zeugen der Verteidigung gegen- übertraten. Jeder Tag der Verhandlung hat dieses Ergebnis bekräftigt und der Spruch des Gerichts hat nun das Siegel darauf gesetzt. Soweit die Aktion der Anklagebehörde politischen Charakter trug, ist sie schmählich und restlos zu- fammengebrochen. Das zeigt die Begründung des Urteils. Das W e s e n t- li ch st e an ihr, was am meisten in die Augen sticht. ist das, was ihr fehltl Kein Wort enthält sie über den politischen Einschlag der Anklage! Mit keiner Silbe ist Herr Lieber auf das eingegangen, was für die Heydebrand und Bueck, für die Bethmann Hollweg und Jagow das wichtigste an diesem Prozesse lvar, nämlich auf die Behauptung, daß die Sozialdemokratie und die freien Gelverkschaften zum mindesten moralische Schuld an den Moabiter Unruhen tragen. Auf die moralische Schuld der Arbeiterbewegung hatten sich Regierung und Polizei ja schon im Verlauf der großen Retirade, die ihnen durch die Beweis- aufnähme aufgenötigt wurde, zurückgezogen. Daran aber hielt sie um fester, je schmerzlicher ihnen die Erkenntnis war, daß der Nachweis direkter Verantwortlichkeit der Sozialdemokratie für die Krawalle unmöglich sei. Noch im Plädoyer hat die Staatsanwaltschaft mit Zähnen und Nägeln den Satz von der moralischen Schuld verteidigt, getreu den Spuren des Reichskanzlers folgend. Das Gericht hat ihn ignoriert, hat ihn stillschweigend links liegen lassen. Und dieses Schweigen redet Bändel Hier gab es nichts festzustellen, nicht einmal anzudeuten, nichts zu vermuten l Diese Lücke des Urteils ist ein dicker Strich durch die gequälten Deduktionen der Staatsanwaltschaft, die robusten Lügen der Scharf- macherpresse und die Etatsredcn des Reichskanzters. Ein Totenglöcklein läutet: Mißlungen, nnßlnngen! Geäußert aber hat sich das Gericht über die Anklage, die die Verteidigung gegen die Polizei erhoben und mit über- reichem Material begründet hat. Und was es dazu sagt, das ist für die Polizei nicht sehr erfreulich. Das Gericht erkennt an. daß nicht nur vereinzelte Ausschreitungen der Polizei vor- gekommen sind, es hat festgestellt, daß in einer größeren Zahl von Fällen, wie es sich vorsichtig ausdrückt, Ausschreitungen von Polizeiorganen statt- gefunden haben, daß namentlich vielfach Bürger durch grundloses rohes Schimpfen grob belästigt worden sind. Allerdings hat das Gericht für diese Erscheinung allerlei Milderungsgründe zu erkennen geglaubt, und wenn es unter der Wucht dieser allen Zweifel erdrückenden Beweisaufnahme die größere Zahl der polizeilichen Ausschreitungen zugeben mußte, so hat es doch die Polizeibeamten gegen den Vorwurf in Schutz zu nehmen gesucht, daß sie in einem erheblichen Teil der Fälle aus purer Lust an der Roheit an der Brutali sierung Wehrloser gehandelt haben. Das Urteil erklärt die Mißhandlungen ruhiger Passanten, die Niedersäbelung Unschuldiger, das Schlagen auf zu Boden Gestreckte, auf Verivundete samt und sonders ans der Erregung, die die Schutzleute ob der Angriffe vom 26. September ergriffen habe. Er vermeint, daß sich bis dahin die Polizei vorwurfsfrei gehalten habe, daß in den Tagen vor den angeblichen Unruhen und am 26. September noch die Schuld an den Zusammenstößen mit der Polizei lediglich die Arbeiterschaft treffe. Dagegen läßt sich sehr viel sagen, die Verhandlungen haben vieles ergeben, was gegen diese Auf- fassung des Gerichts spricht, was sie nach unserer Ansicht über den Haufen wirft. Doch wir versagen uns hier ein weiteres Eingehen darauf— wir registrieren vorerst die Feststellung des Urteils über die Ausschreitungen von Polizeibeamten. Wer preußische Justiz kennt, der weiß, was diese Feststellung bedeutet, der weiß, daß dieser Satz des Urteils mehr sagt, mehr beiveist, als hundert vielspaltige Leitartikel der Scharf- wacher- und Junkerpresse, die das Gegenteil behaupten, daß er lauter spricht als alle Reden von Ministerbänken und anderen hoch- und niedriggestelltcn Sitzgelegenheiten, als alle Reden, die die Polizei reinwaschen möchten mit der abge- griffenen Ausrede von den„einzelnen Ausnahmefällen". Dieser eine satz-des Urteils wiegt schwerer als alle Orden und allgemeine Ehrenzeichen, die für tapferes Verhalten bei den Unruhen von Moabit an Polizeibeamte verliehen worden sind! Es steht manches in dem Urteil, dem wir nicht beipflichten können, so namentlich die Behauptung, daß Lockspitzelei in Moabit nicht erwiesen sei. Es ist das Gericht der Arbeiter- schaft nicht ganz gerecht geworden, wenn es sie die Kerntruppen der an den Unruhen Beteiligten nennt und dem Janhagel nur die Rolle eines Anhängsels zuweist. Das stimmt nicht— dies angebliche Anhängsel hat für sich operiert, auf sein Konto kommen die wüsten Ausschreitungen gegen das Eigentum, die Ueberfälle auf einzelne Polizeibeamte, auf den Pastor Schwebe!, die Steinwürfe gegen die Kirchenfenster und anderes niehr, die Vorgänge in der Nacht vom 26. bis 27. September. In der Wertung der Polizeizeugen und der Beurteilung der Verteidigungszeugen, die Polizciausschreitungen bekundeten, müssen wir dem Urteil widersprechen. Aber dem stehen Stellen gegenüber, wie die über die Hintzesche Streikbrecher- kolonne, wie man sie sonst selten in Urteilen preußischer Richter findet. Tie zähe, geschickte Arbeit der Verteidigung. das wochenlange Ringen mit der Staatsanwaltschaft und der hinter dieser wirkenden Polizei hat Frucht getragen. In solchen Stellen des Urteils zeigen sie sich. Das deutsche Proletariat darf mit Befriedigung auf den Ausgang der neunwöchigen Verhandlung schauem Der Miß- brauch der Justiz zur Anscksivärzung der Arbeiterbewegung ist verhindert worden, die wohldurchdachte Offensive der Ver- Expedition: SM. 68, I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984� teidigung hat die Polizei zur Angeklagten gemacht, hat die Rolle, die sie zu Moabit gespielt, vor aller Welt enthüllt. � Die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften verlassen mit reinem Schild die Wahlstatt, mit Beulen und Flecken bedeckt aber ist der der Polizei._ Die Feinde der Arbeiterklasse sind die Enttäuschten. Und wie sie sich auch Mühe geben mögen, die Ergebnisse des Pro- zesses zu verdunkeln, zu fälschen, sie werden angesichts dieser Bweisaufnahme und angesichts dieses Urteils alle ihre uw- reinen Künste vergeblich spielen lassen. Eine Grube sollte der Sozialdemokratie gegraben werden — aber sie geht stolz und unerschültert ihres Weges weiter und in der Grube liegt— die Polizei! Das ist das politische Ergebnis des Riesenprozesses! Zu den Strafen, die das Urteil über die einzelnen Auge- klagten verhängt, wollen wir heute dies sagen: Die Beschwer- den, die Anklagen, die die Verteidigung zu Anfang des Pro- zesses gegen die außerordentlich ungewöhnliche— Leichtigkeit erhoben hat, mit der gegen viele Angeklagte die Unter- suchungshaft verfügt wurde, sind durch die verhängten Strafen fast durchweg gerechtfertigt worden! Das Urteil liefert so einen bemerkenswerten Beitrag zu der Forderung, daß Garan- tien gegen die unnötige Verhängung der Untersuchungshast getroffen werden. Hart ist das Urteil gegen den Arbeiter Tiedemann. Es läßt uns ahnen, wie es dem Gastwirt Pilz ergangen sein würde, wenn das Gericht nicht in dem wichtigsten Punkte der Äa llcche wider ihn, die ongeblichie BeSpiliguifg an der Verprügelung des Wollschmidt betreffend, zuni Freispruch gekommen wäre. Hier hat die Zähigkeit und Unermüdlichkeit, mit der sich der Verteidiger Th. Liebknecht der Sacke seines Klienten angenommen hat, einen erfreulichen Erfolg gehabt. Er hat das Zeugnis des Wellschmidt in emsiger Ar- beit unterminiert, und so mußte die Anklage, die sich schließ- lich nur noch auf diesen einen Pfeiler stützte, endlich kläglich zusammenbrechen. Es sind einige harte, sehr harte Strafen ausgesprochen worden: das Gericht ist einige Male noch über die Anträge der Staatsanwaltschaft hinausgegangen, Aber in den meisten Fällen ist es darunter, zum Teil sogar weit darunter geblieben. Die Arbeit der Verteidigung hat den Angeklag- ten genützt— auch nach dieser Richtung ist die Anstrengung der neun Wochen nicht vergeblich gewesen. Sie wird auch im Schwurgerichtsprozeß den gleichen Er- folg haben. Die Reaktion hat umsonst auf die Karte Mgabit gesetzt! iZer lheimarbeitettag. Der Reichstag ist im Begriff, eine Bilanz seiner Sozial- Politik zu ziehen, es stehen am Schlüsse der Tagung einige sehr wichtige sozialpolitische Gesetze zur Verabschiedung, die der Regierung und auch den bürgerlichen Parteien einige Hindernisse in den Weg stellen. Die Unternehmerverbände strengen alles an, um die sozialpolitischen Gesetze in dieser Tagung nicht mehr zum Abschluß zu bringen, denn sie hoffen, daß nach den Wahlen die Sozialpolitik noch etwas mehr ab- flauen wird als gegenwärtig und für sie heißt es: Zeit ge- womien, alles gewonnen! Auf der anderen Seite möchten allerdings die bürgerlichen Parteien im Reichstage nicht ganz mit leeren Händen vor ihren Wählern erscheinen, besonders denkt man auf den Unmut über die Steuervorlage eine Be- ruhigung durch einen sozialpolitischen Aufguß zu erzielen. Aber wie die Aufgabe lösen, das ist die Schwierigkeit des Problems. Schon vor der Vertagung des Reichstages ist die zweite Lesung des Arbeitskammcrgesetzes erledigt, ohne daß mit Sicherheit auf das Zustandekommen des Gesetzes zu rechnen ist: denn die Regierung hat eigentlich ziemlich bestimmt erklärt, daß in der Form, wie der Reichstag das Gesetz beschlossen hat, eine Verabschiedung nicht möglich sei, und in der Zwischen- zeit sind die Kräfte aus Unternehmerkreisen mobil gemacht, um gleichfalls ihr Veto einzulegen. Was aus der Rcichspersicherungsordnung werden wird, liegt ganz im Ungewissen, denn noch hat die Kommission einen erheblichen Teil der Arbeit zu erledigen: die Differenzpunkte über die die bürgerlichen Parteien mit der Regierung zu ver- handeln suchen, sind ziemlich erhebliche, so daß nicht abzusehen ist, bis wann der Handel den Abschluß findet und die Erledi- gung der Vorlage im Plenum erfolgen kann. Das dritte Gesetz dieser sozialpolitischen Vorlage ist das Heimarbeiter- gesetz, über dessen Gestaltung sich der Reichstag entschließen soll. Auch hier haben sich Differenzpunkte ergeben. Diese Situation hat es den Kreisen, die um einen Schutz der Heim- arbeiter bemüht, nahegelegt, noch einmal zu versuchen, die Oeffentlichkeit für diese wichtige sozialpolitische Aufgabe zu interessieren und auch den verantwortlichen Personen, die über den Gesetzentwurs die Entscheidung zu fällen haben, noch ein- mal nahezulegen, wie und in welcher Form den Heiin- arbeitern die Hilfe aus ihrer bedrängten Lage gebracht werden kann. Die Anregung zn dem Gesetz kiegt weit zurück. Jahre- lang haben die gewerkschaftlichen Organisationen, die unter der Heimarbeit zu leiden haben, das Verlangen gestellt, die Gesetzgebung möge die Regelung der Arbeitsverhältnisse und die Beseitigung der tiestrauigen Zustände herbeiführen. Im Kahre 1901 kam in Berlin ein d'sr MmarLeiker zu- stand?, der nicht nur von den freien Gewerkschaften, sondern auch von den Geiverkvereinen und einigen Gruppen der christ- lichen Gewerkschaften beschickt war. Offiziell hatten die christ- lichcn Gewerkschaften die Beteiligung abgelehnt. Auf diesem Bongreß ist mit einer gewissen Uebereinstimniung. dem sich auch bürgerliche Sozialpolitiker anschlössen, eine Art Programm beschlossen, da» die wichtigsten Forderungen des Heimarbeiter- fchutzes enthielt. Eine noch grösicre Bedeutung darf wohl die im.«ahre 1900 in Berlin veranstaltete.Heinmrbeitausstellung beanspruchen, die von ollen gewerkschaftlichen Gruppen eine rege Förderung erfuhr. Die Bedeutung der Ausstellung lag unzweifelhaft darin, dasi sie mit erschreckender Deutlichkeit den Besuchern vor Augen führte, welche unglaublich niedrigen Löhne in der Heimarbeit bezahlt werden und unter welchen ge- sundheitsschädlichen Verhältnissen die Arbeit vollzogen wird Man hat sich nachträglich bemüht, den Eindruck dieser Ausstellung herabzusetzen, man hat die Angaben über die Löhne bezweifelt und den Ausstellungsleitern den Vorwurf der Uebertreibung gemacht. Aber all diese Angriffe sind nur leere Behauptungen geblieben, eingehenden Untersuchungen, die insbesondere mit Zuhilfenahme der Heimarbeiter selbst unternommen wären, ist man aus dem Wege gegangen. Tagegen»varen die Uirternehmcrkreise, die an der Heim- arbeit interessiert sind, mehr befriedigt von dem Ergebnis der Frankfurter Ausstellung, die im Jahre 1909 stattfand. Hier waren zum Teil nicht die elenden Löhne zu verzeichnen, wie in der Berliner Ausstellung. Indes, es mutz dabei berücksichtigt werden, daß diese Ausstellung mw einen bestimmten Bezirk umfaßte, der gerade nickt durch eine Elendsindustrie sich be- sonders charakterisiert. Es ist ein Unterschied, ob die Heim- arbeit der Großstadt oder einer Industrie wie z. B. die Porte- �euillesfvbriklation, die bereits die LohnreguUerung durch Tarife festgelegt hat. oder die ElendSindnstrie des sächsischen (Erzgebirges und der schlesischen Weberei, wie es auf der Ber- liner Ausstellung geschah, gezeigt wird. Immerhin bot die Ausstellung, soweit die Angaben insbesondere von Arbeitern ausgingen, keineswegs eine Bestätigung der Angaben, daß die Lohn- und Erwerbsverhältnisse nicht dringend der Aufbesse- rung und des sozialreformatorischen Eingriffs bedurften. Endlich kam im Jahre 1907 die Regierung mit einer Novelle zur Gewerbeordnung, die die Regelung der Heim- arbeit in Vorschlag brachte. Der Gesetzentwurf blieb leider in der Kommission stecken und erlebte in der folgenden Session des Ideichstages 1909/10 ein Wiederaufleben in der Form eines neuen Gesetzentwurfs, der nicht mehr als eine Novelle Zur Gelverbeordnung erschien, sondern als besonderes Gesetz. Ueber diesen Gesetzentwurf hat die Kommission des Reichs- tages schon im Frühjahr vorigen JahreS die Beratung beendet. Obwohl die Beschlüsse der Kommission über das, was die Vorlage enthielt, hinausgegangen sind, so befriedigen sie den- noch keineswegs, denn sie lassen die wichtigsten Anforderungen eines HeimarbeiterschutzeS vollständig außer Betracht. Ver- geblich hat sich die sozialdemokratische Fraktion bemüht, Ver- besserungsanträge im Sinne der Beschlüsse des Heimarbeiter- tongresses und ihres Entwurfes eines Heimarbeitergesetzes, der dem Reichstag seinerzeit unterbreitet wurde, zur Durch- führung zu bringen. Selbst die Maßnahmen, die in einigen sich nähern dem. was der Heimarbeiterkongretz gefordert hatte. blieben nur eine Halbheit und unvollständig. So hat die Kommission z. B. den Aushang der Lohntafeln, der in allen den Räumen stattfinden soll, wo Heimarbeit aus. gegeben wird, mit der Einschränkung vorgesehen, daß der Bundesrat von diesen Anforderungen einzelne Berufszweige befreien kann. Der geringe Wert dieser Vorschrift ist schon daraus erkenntlich, daß in der Kommission die Regierung er- klärte, diese Bestimmung des Gesetzes würd? sehr spät in Kraft treten, denn es müsse ja die Regierung erst ermitteln, für welche Berufe die Ausnahme geboten erscheint. Die Regie- rung wollte deslsakb den umgekehrten Weg, es sollte ihr die Befugnis erteilt werden, für einzelne Industrien die Lohn- tafcl anzuordnen. Da aber die Kommission in ihrer Mehrheit nicht gerade ein sehr großes Vertrauen zum Bundesrat hatte, daß er in einem weitgehenden Umfange die Lohntafeln an- ordnen würde, so entschied man sich für eine allgemeine Zwangsvorschrift und konstruierte die Ausnohmebefugnis für den Bundesrat. Der Wert dieser Einrichtung wird deshalb auch noch beeinträchtigt, weil in denjenigen HeimardeitSindu- sirien, wo für die Produkte der Heimarbeit im eigentlichen Sinne des Wortes Löhne nicht gezahlt werden, sondern der Preis des Produktes fixiert wird, dieso Preisangaben nicht allgemein gefordert werden, sondern hierüber dem Bundesrat die Befugnis der Anordnung überlassen bleibt. Aber selbst diese sehr unvollständigen Vorschriften sind in der Kommission nnt so schwacher Majorität angenommen, daß es sehr unsicher erscheint, ob sich im Reichstag eine Majorität dafür findet. Das gleiche trifft für die Einrichtung der Lohn- bücher zu. die die ReichStagskommission forderte, und zwar all- gemein für alle Heimarbeiter. Auch hiergegen haben die inter- essierten Fabrikanten lebhaften Einspruch erhoben, obwohl sie eigentlich diese Einrichtung nur begrüßen sollten, denn wenn es wahr ist. daß durch die HeimarbeitauSstellung und auch durch die Angaben der Heimarbeiter unwahre Darstellungen über die Löhne gegeben wurden, dann könnte das Lohnbuch und die Lohntafel eine sehr einwandsfreie Grundlage für die tatsächlich gezahlten Löhne abgeben. Die Heimarbeiter haben diese Nachprüfung ihrer Angaben nicht zu scheuen, anders da. gegen verhält eS sich mit den Wortführern aus Fabrikanten- kreisen. Unbefriedigt ist der Gesetzentwurf in bezug auf dre An- ordnung sanitärer Vorschriften. Die Anforderungen, die an die Industrien gestellt werden können, die Gefahren für Leben und Gesundheit der Arbeiter bieten, sind ungenügend: denn in all diesen Fällen ist der Polizei, der Landeszentralbehörde oder dem Bundesrat nur die Befugnis erteilt, gewisse An- ordnungen zum Schutze der Arbeiter zu treffen. Keine dieser Behörden mutz diese Anordnungen vornehmen, sie kann nur und zwar ganz nach freiem Ermessen von den Vorschriften Gebrauch machen. Natürlich fand auch der Vorschlag der sozialdemokratischen Vertreter, der Nahi-ungsnnttclindustrie die Heimarbeit zu «mtersagen. von keiner Seite Unterstützung, es bleiben also hier alle Schäden nach wie vor bestehen. Die wichtigste Frage, in der die Reichstagskomnsission versagte, betraf die Einführung der Lohnkommissionen. Auch hier hatten sich die sozialdemokratischen Vertreter an die Be- schlüsse des Heimarbeiterkongrosses gehalten, der allgemein die Einführung solcher paritätisch gebildeten Konnnissionen empfahl, um für die Heimarbeit Mindestlolmsätze festzulegen. Der Antrag wurde mit außerordentlicher Lebhaftigkeit von der Regierung und den bürgerlichen Parteien bekämpft, schließlich aber in erster Linie ein Antrag des Zentrums an- genonrmen, der dem Bundesrat das Recht gibt, für einzelne Industrien, die besonders niedrige Löhne den Arbeitern zahlen, solche Lohnkommissionelt einznseßen. Dieser Antrag ist schließlich in der zweiten Lesung der Kommission wieder abge- lehnt, und fehlt somit in der Vorlage jeder Lorfchlag einer Lohnregulierung. Die Lohnsrage ist aber die bedeutungsvollste jür die Heimarbeiter. In der Zwischenzeit, nach Abschluß der Kommissionsver- Handlung bis gegenwärtig, haben eifrige Bemühungen ein- gesetzt aus den Kreisen der Handelskammern und Unternehmer- Vereinigungen, um die Vorlage vollständig wirkungslos zu gestalten und gegen alle Verbesserungen der Vorlage Front zu machen. Gegenüber diesen Bemühungen erschien es wohl an- gebracht, noch einmal vor dem Abschluß des Gesetzes auch die Meinung der Heimarbeiter zu Worte kommen zu lassen. Der Heimarbeitertag, der am 12. Januar in Berlin tagen wird, findet alle Gruppen der gewerkschaftlichen Organisationen vertreten, und zwar in umfangreicherer Weise, als es auf dem ersten Kongreß geschah. Es ist nicht ausgeschlosien, daß in einigen Punkten auf diesem Kongreß auch die Meinungen auseinandergehen, aber eL darf wohl nach der Stellung, die die verschiedenen Korpo- rationen zur Heimarbeit eingenommen haben, erwartet werden, daß in den wichtigsten Fragen, insbesondere in denjenigen, die bei dem gegenwärtigen Gesetzentwurf eine Rolle spielen, Ilebereinstimmung vorhanden ist. Es wird immerhin von Bedeuhrng sein, an der Hand der Verhandlungsergebnisse dieses Kongresses zu konstatieren, wie die Heimarbeiter selbst die vorgeschlagene gesetzliche Hilfe bewerten und wie sich die- jenigen dazu verhalten, die über den wirklichen Schutz der Heimarbeit das letzte Wort zu sprechen haben. Die gefährdeten fchwarz-weigen Grenzpfähle. Wie seit 20 Jahren hatte die Hamburger Polizeidirektion auch tgtv der Leitung der Hamburger Sozialdemokratie und dem Getverk- schastskartell die Genehmigung zu einem Maifestzug am 1. Mai erteilt. Der Zug sollte sich durch bestimmte Straßen des Hambur- ger Gebiets bewegen. Der Amtsvorsteher zn Poppenbiittel in der benachbarten Provinz SchleSloig-Holstein erteilte dem Besitzer des 12 Meter ratung abgebrochen werden und die zweite Lesung des Etats be» ginnen. Dadurch würde eine Woche Zeit für die Etatsberatung gewonnen. Die Kontingentierung der Beratungszeit für die einzelnen Ressorts, die der Präsident vorgeschlagen hat, enthält eine sehr starke Beschränkung der BeratungStage, so daß der Zweifel bestehen bleibt, ob der Etat bis zum 31. März überhaupt fertig zu stellen ist. Die stüher beschlossenen steien Srtzungstage für den Reichstag werden auch dieses Jahr innegehalten und zwar fallen die nächsten auf den 21.— 23. Januar und auf den 2.— 5. Februar. Der Präsident wird dem Reichstage über diese steien Tage eine besondere Auf» stellung geben. Dann kam der Präsident aus die GeschäslSordnungs- debatte vom gestrigen Tage zurück. Er erklärte, daß er völlig loyal Versahren sei, Rücksprache mit den einzelnen Parteien gehalten und geglaubt habe, daß die Patteien mit seinen Dispositionen völlig einverstanden seien. Er habe die Sozialdemokratie von der Beratung der Interpellation über das Zündwarensteuergesetz nicht ausschließen wollen. Demgegenüber hielt der Abg. Sin ger an seiner Meinung fest, wenn auch er die Loyalität deS Präsidenten anerkannte. Es wurde nochmals festgestellt, daß. wenn eine Inter« pellation zur Beratung steht, ein Redner der interpellierenden Partei in der Besprechung der Interpellation noch zum Wort kommen soll. Der abgeblitzte Denunziant. In seiner berüchtigten Scharfmacherrede zu der sozial- demokratischen Interpellation über die Kaiserreden leistete sich der konservative Führer Herr v. Heydebrand auch eine niedliche Denunziation. Er behauptete damals, ein sozial- demokratischer Redner habe in Frankfurt a. M. die Parole ausgegeben:„Kopf ab. mit den Fürsten!" Wir waren damals sofott in der Lage, festzustellen, daß Herr v. Heydebrand an der zitierten Stelle eine höchst bc- denkliche, wahrheitswidrige Korrektur vorgenommen habc. Dem betreffenden Redner, Genossen Wendel, war eS natürlich gar nicht eingefallen. zum Köpfen der Fürsten auf- zufordern, vielmehr hatte er den historischen Tat- fachen gemäß festgestellt, daß es bei den großen b ü r g e r- lichen Revolutionen auch für die Fürsten geheißen habe „Kopf ab". Genosse Wendel sandte denn auch sofort eine Richtigstellung an Herrn v. Heydebrand. in der er auf Grund der stenographischen Aufnahme seiner Rede nachwies, daß es sich dabei lediglich um eine rein historische Remi- n i s z e n z gehandelt habe, die jeder Nutzanwendung auf die Gegenwart entbehrte. Bis dahin war dies Stenogcantin der Rede Wendels, das in Broschürenform verbreitet worden war, völlig unan- gefochtcn geblieben. Nun aber nahm sich der Staatsanwalt der Sache an und stellte Strafamrag wegen angeblicher Majestätsbeleidigung. Aber Herr v. Heydebrand hat Pech über Pech. Wie ihm die schar finacherische AuSschlachtung der „Revolution" in Moabit völlig vorbeigelungen ist, so hat cr auch mit seiner Denunziation durch seine Parlamenlsrede kein Glück gehabt. Wie uitS nämlich aus Frankfurt a. M. tele- graphisch gemeldet wird, hat die dortige Etöffunngskammer die Einleitung des Verfahrens gegen Wendel abgelehnt. Ob sich Herr v. Heydebrand nunmehr ein gewissenhafteres Zitieren angewöhnen wird? Diese Erfahrung und die Blamagen, die sich sein Freund und Scharfmacherkollege v. Aniim-Znsedom im Abgeordneteiihause bei ähnlicher Gelegenheit geholt hat, sollten ihn wenigstens etwas vorsichtiger machen l_ Freisinniger Wahlrechtsantrag. Die Fortschrittliche Volkspartei de» AbgeordnetmhcmseS hat ihren alte» Antrag aus Einsührung deS allgemeinen, gleichen, direlte» lmd(jcljeimcn Wahlrechts in Preußen sowie Neueinteilung der Wahlkreise erneut eingebracht. Zugleich Hai sie folgende Interpellation eingereicht: „WaS gedenkt die königliche SraalSregierung zu tun. um den in eiuseiligeni Parteiintercsse erfolgenden Uebergriffeu von Landräten und anderen RegierungSbeanuen entgegenzuwirken, wie solche in dem gegen den Rittergutsbesitzer.Becker- BartmannShagen ein- geleiteten Strafverfahren sowie be» der letzten ReichStagSeriatzwahl in Labiau- Wchlau und bei anderen Borkonunuisieu festgestellt worden find?' Die fozialdeniokratifche LandragSfraktion ist nach der Geschäfts- ordnung deS Abgeordnetenhauses ihrer geringen Zahl wegen nicht in der Lage, einen selbständigen Antrag oder eine Interpellation einzubringen.___ Ultramontane Volksaufklärung. „Keine Partei leistet soviel Aufklärung zum Besten deS Bolkswobls in apologetischer, sozialer und politischer Beziehung wie daS Zentrum!"— fo verkündete jüngst in einer Kölner ZentrumSversaminluug der Generaldirektor des katholischen Volksvereius, Abgeordneter Pieper. Worin diese„Aufklärung" besteht, bewies der Herr Abgeordnete, in- dem er in seiner Rede die sozialdemokratische Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses wie folgt schildern zu müssen glaubte: Die Sozialdemokraten haben gerade die allernngeeignetsten Abgeordneten in den Landrag entsandt, man kann wohl sagen die Wildesten der Wilden. Da sehe» wir den all- bekannten Zehngebote-Hoffmann, den die Partei selbst nicht ein- mal mehr ernst nimmt, den Sohn deS früheren Abgeordneten Liebknecht, den gewesenen Arbeiter Lcinert, den Ab- geordneten Borgmann, ein Führer einer Berliner Athleten- aruppe. Die Leute überbieten sich da, jeder in seiner Art, in den wildesten KraftauSdrückcir. Man gewinnt den Eindruck, daß eS ihnen absolut nicht darum zu tun ist, bei den anderen Parteien Verständnis für ihre Ansichten und Forderungen zu finden, sie gehen aus in ödester Schimpferei nach dem Musler ihrer vcrschiedcntlichen Pnrteitagverhandlungen. Sachlich erreichen sie gar nichts, denn jeder vernünftige Ab- geordnete verläßt bei den Danerreden der roten»Wilden" den Sitzungssaal. Das nennt sich nun„Aufklärung zum Besten des Volkswohls", und dabei hat der Mann, der sich ein solches Geschimpfe leistet, den Mut, anderen Morallehren über den gute» Ton zu geben. Unsere Genosicn im Dreiklasienhause werden die Mißachtung des Leiters der M.-Gladbachcr Schinipfschule zu verwinden wissen und gern daraus verzichten, als„Volksvertreter" vom Schlage des königlichen Abgeordneten Josef Filser sich den Beifall dcrUltramonlanen zu sickern. Was im übrigen die„AufklärungS"bestrebungen deS Zentrums betrifft, so weiß man, daß diese Bestrebungen erst da einsetzen, wo den Ullramontanen das rote Gespenst im Nacken sitzt. Wo das Zentrum diesen Gegner nicht zu fürchten hat, da herrscht Grabes- stille in seinen Gefilden. In den letzten Tagen des vorigen Jahres noch war in der„Kölnischen Volkszeit nng" folgende Zuschrift eines Vertrauensmannes der Zentrumspartei in einem ländlichen Wahlkreise zu lesen: Ich gehöre beinahe ein Jahr einem Wahlkreise an, dessen Abgeordnete für Reichs- und Landtag mir trotz regelmäßiger ZeitungSlektüre auch bloß dem Rainen nach kennen zu lernen kaum möglich w a r. Soviel ich erfahren, hat an dem anderen Ende des Kreises zu Anfang diese» Jahres eine ZenMimsversammlung statlgesunden. Die Organisation ist abgeschlossen, die Satzungen befinden sich fein abgedruckt in den Händen der Bürgermeislereiausschüsse, diese AuS- schüsie find gewählt und bestehen. aber ob sie auch sunktionleren, das ist eine andere Frage; hierorts wenigstens sind die Bei- träge für d i e Kre i s ka s s e diesesJahr noch nicht eingezogen worden. Vielfach gehören diesen Bürgermeisterei- auSschüssen Herren an. die kann, wissen, daß siehinein- g e w ä h l t s i n d. Da wäre eS doch in Anbetracht der bevor- stehenden ReichStagSwahlen sehr zu empfehlen, diese Ausschüsse einmal prakiizieren zu lassen. Sonst könnten sie in den Tagen der Wahlagitation versagen. Die Organisation muß auch hineindringen ins Voll, muß dem Volke bekannt werden. Das Voll muß die Vertreter der Organisation und ihren Aufbau kennen lernen; um so größeres Vertrauen wird eS zu der Partei haben, von der diese Organisation ausgeht. Ordnung imponiert. Deshalb möge bier der Wunsch geäußert werden, daß auch in den entlegeneren Teilen der einzelnen Kreis- organisationenVersammlungenstattfinden. Eine kleine Aussprache genügt, um das Interesse für die Dinge, die im nächsten Jahre bevorstehen, zu wecken und eine zeitige Entschließung herbeizuführen. Das ist die„Aufklärung", die das Zentrum in Gegenden treibt. wo nicht die Sozialdemokratie als Treiber hinter ihm fitzt, und wo es noch sicher sein kann, daß sein Gefolge sich den Stimmvieh- charakter bewahrt hat. Nicht, wie Herr Prälat Pieper meint,„zum Besten deS Volkswohls", sondern einzig und allein zum Schutz der gefährdeten Parteiinterefien gehen seine Führer unter die Mafien und die„Aufllärung" die sie dort verbreiten, wird betrieben nach dem Grundsatz: Der Zentrumszweck heiligt auch das schlechteste Mittel!_ Eine neue Reichstagsersatzwahl. - Der Reich?« und LandtagSabgcordnete Philipp Köhler ist am DienStag in Langsdorf an einem Herzschlage gestorben. Der „Bauer von Langsdorf" trat tSSv in der antisemitischen Bewegung hervor. Von 1005—1908 war er zweiter Präsident der hessischen Kammer. Im Bunde der Landwirte gehörte er dem engeren Ans- schusie an. Er vertrat im Reichstag den Krei» Gießen-Nidda, wo cr 1907 in der Stichwahl mit 11548 gegen 10 575 nationatliberalen Stimmen gewählt wurde. In der Hauptwohl wurden 9017 anti- semitische. 7484 nationalliberale und S39S sozialdemokratische Stimme» abgegeben. Die Aussichten, diesen KreiS für unsere Partei zu erobern, find recht günstige, da der Antisemitismus auch in, Wahlkreise Gießet,« Nidda beträchtlich abgcwirlichastet hat und überdies die National« liberalen vor einiger Zeit in dem Profesior Dr. GiseviuS eiiieii Kandidaten aufgestellt haben, der auf dem äiißersteii rechten Flügel des NationalliberalisinuS stebt und eigentlich zu den Konservativen zählt. Bei richtiger Ausnutzung der politischen Situalion erscheint eS daher keineswegs auSgeschlosien. daß der sozialdeinokrattsche Kandidat mit beträchtlicher Stimmenmehrheit in die Stichwahl mit den Anlisemiten gelangt.__ Ter preustischc Eiscnbahnfiskus und die Eisenbahner. Die Eisenbahner Preußens sind bekanntlich mit ihren Löhnen und sonstigen Verhältuissen wenig zufrieden. Diese Unzusriedenheit kam in einer vom Verband deulicher Eisenbahnhandwerkcr und Arbeiter gestern in Frankfurl a. M. abgehaltenen außerordentlichen Mitgliederversammlung, an der auch mehrere LandtogSabgeordnete teilnahmen, zum entschiedenen Ausdruck. Bemerkenswert waren besonders die AuSfübriingen des Vor- sitzenden Wilhelm, der auf die Behauptung deSl Ministers, daß kein Arbeiter mehr unter dem ortsüblichen Togelohn stehe, darauf hin- wie», daß in Frankfurt a. M. der Mindestlohn 3.40 M betrage, die Arbeiter aber von der Direktion Löhne von S.IO M. bekämen. Roch größer sei die Differenz zwischen den Löhnen der StaatSarbeiter und denen der Stadt, sie differierten vielfach um 70 Pf. Die Stadt gewähre zudem WohnungSgeld. Bei der Eisenbahn habe man sich zu einer derartigen sozialen Tat aber noch nicht aufschwingen können. Auch bezahle die Stadt die Feiertage, die in die Woche sielen und suche das Minus zwischen Krankengeld und Tagesverdienst auszugleichen. So etwas gebe eS bei der Eisenbahn auch nicht. Die in Baden, Württemberg, Bayern, Elsaß-Lothringen gezahlten Löhne an die Eisenbahuarbeiter seien alle wesentlich höher wie die Löhne, die in Prenßen-Hcssen gezahlt würden. Es sei notwendig, daß im Ab- geordnetenhause auf die schlechten Löhne hingewiesen werde. Revision des Spionagegesetzes. Die im Reichsjustizamte schon seit längerer Zeit vorbereitete Revision des Spionagegesetzes soll im wesentlichen bezwecken, die in diesem Gesetze vorhandene„Unstimmigkeit" auszugleichen, daß der Versuch der Spionage mit Zuchthaus bestraft werden, wäh- rend die vollendete Spionage mit Festungshaft geahndet werden kann. Ei» eingestelltes Verfahren. Auf eine Denunziation des Zentrumsorgans„Pfälzer Zeitung" war gegen den Redakteur Genossen K l e e f o o t von der„Pfäl- zischen Post" ein Strafverfahren wegen ReligionSvergehcnS eingeleitet. Der Angeschuldigte hatte in einem Artikel die Rekruten- exerziticn in dem frommen katholischen Paulinostift bei Landau besprockien und geäußert: „Schon längst haben die Pfaffen aus einer Religion des Friedens und der Liebe eine Religion des HassenS und des Mordens gemacht." Tie Eröffnungskammer des Landgerichts Frankenthal hat je- doch daS Verfahren eingestellt und die Kosten der Staatskasse auf- erlegt._ Auf der Suche nach Anarchisten. Wie aus München gemeldet wird, erschienen dort gestern abend um 10 Uhr in einer Wirtschaft am Glockenbach Kriminal- beamte, besetzten die Ausgänge der Wirtschaft und begaben sich zum Teil in das Lokal. Es handelte sich um die Aufhebung eines anar- chistischen Zirkels, der seit einer Reihe von"Wockien jeden Dienstag Zusammenkünfte hatte. 24 Personen, darunter drei Frauen, die in der Versammlung anwesend waren, wurden verhaftet und zur Feststellung ihrer Personalien nach der Polizei gebracht. In dem Lokal wurden einige Flugschriften beschlagnahmt. Außerdem fanden verschiedene Haussuchungen statt. OcFtcrrdcb. Daö argentinische Fleisch. Dienstag nach ist in Wien die zweite Sendung deS argentinischen Fleisches angekommen. Es waren 73 000 Kilo- gramm. Die Untersuchung ergab eine tadellose Qualität. Das Fleisch wird im Tctailverkauf zu Preisen, die zwischen 110 und 160 Pfg. pro Kilogramm schwanken, abgegeben werden. Beim Verkauf mutz das Fleisch durch Plakate als argentinisches Fleisch kenntlich gemacht werden. Die Gesamtlicferung argentinischen Fleisches für Oesterreich beträgt 450 000 Kilogramm. Davon sind 270 000 Kilogramm für Wien bestimmt. Der Rest geht in die Provinzen. Portugal. Ausstand der Eisenbahner. Lissabon, 11. Januar. In einer heute abgeschlossenen Versaininlung: haben die Eisen bahnange st eilten, denen die Verroaltiing einen Teil ihrer Forderungen bewilligt hat. beschlossen, diese teilweisen Zugeständnisse abzulehnen und mit dem heutigen Tage in den Ausstand zu treten. Ter Verkehr der internationalen Züge soll jedoch, um inter- nationale Schwierigkeiten zu bcrmeiden, nicht verhindert werden._ Für Arbeiterschntz. Lissabon, 11. Januar. Gestern sollte ein Erlaß veröffentlicht werden, der die Arbeitszeit der Handlungsgehilfen auf die Zeit von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends festsetzt. Als er nicht erschien, veranstalteten die Gehilfen Kundgebungen vor den Zeitungen und drohten mit dem Ausstand. Ter Beginn des Streiks. Ltgabon» 11. Januar. Die Handelsange st ellteu haben es durchgesetzt, daß zahlreiche Geschäfte, besonders in der Innenstadt geschlossen blieben. Um die Mittagszeit erschien der M i n i st c r des Innern in offenem Wagen und verhandelte auf der Straße mit den aus- ständigen Handelsangestellten. Diese protestierten gegen die Bestimmungen des neuen Gesetzes über den wöchentlichen Ruhetag: sie bemühen sich, ihre Kameraden in den anderen Städten zum Anschluß an die Bewegung zu veranlassen. Die Straßen der Stadt sind sehr belebt: es herrscht iedoch voll- kommene Ordnung. Rumänfcn. Tic Ministerkrise. Bukarest, 11. Januar. Der K ö n i g hat den konservativen Parteiführer P e t e r C a r p mit der Bildung des Kabinetts betraut. perlien. Ei» Appell. London, 11. Januar. Wie dem Rentcrschen Bureau anS New shork gemeldet wird, hat der dortige persische Konsul ein Eomm nnique veröffentlicht. daS das Siegel der pcrsi- scheu Regierung und die Unterschrift des persischen Ministerpräsidenten trägt und in dem die Nationen ausaefordert werden, Persien gegen die englisch- russische Invasion zu schützen._ parlamcntanrcbcös Aus der NcichsvcrsichcrungZordnnngS-Komnnssion. Sitzung am Mittwoch, den 11. Januar. Die Kommission setzte die 2. Beratung der Kranken- Versicherung fort. Dauer der Krankenhilfe. Die Krankenhilfe soll nach dem Entwurf spätesten? mit Ablauf der 26. Woche nach Beginn der 5tranlbeit enden; wird jedoch da» Krankengeld erst von einem späteren Zeitpunkt ab bezogen, so ist die Krankenhilfe bis zum Ende der 26. Woche nach Beginn des Krankengeldbezugs zu gewähren. Hat der Kranke innerbalb dieser Zeit nur Krankenpflege, also nur ärztliche Behandlniig und Heilmittel, erhalten, aber kein Krank-r» g e l d, dann wird trotzdem auch für den Bezug des Krankengeldes die ganze Zeit gerechnet, so daß der Kranke daS Kranken gelb tatsächlich nicht für volle 26 Wochen erhält. Um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. beantragten die S o z i a l d e m o- k r a t e n. daß nach jener Bestimmung die Zeit nicht mitgerechnet wird, fllr die die Kasie dem Kranke» mir Kranken pflege gewährt. Der Antrag tottrde a n g e n o m in e n. Die Kasse kann sortier durch Statut für gewisse Fälle die Dauer der Krankenbilfe auf 13 Wochen und auf die Regelleistungen be- schränken. DaS soll für Versicherte gelten, die anS ettter Krankenkasie btunen 12 Monaten bereits für 26 Wochen hiniereinander oder ins- gesamt Krankeichilfe bezogen haben und im Laufe der nächsten zwölf Monate insokge derselben nicht gehobenen Krankheitsursache wieder erkranken. Auch hier sollte die Zeit mitgerechnet werden, für die die Kasse dem Kranken nur Kranken pflege gewährt. Auch diese Ungerechtigkeit wurde auf den Antrag der Sozialdemokraten beseitigt, in- dem als Voraussetzung für die verminderte Kranketthilfe festgesetzt wurde, daß der Kranke jene 26 Wochen hindurch auch Krankengeld bezogen haben muß. Dagegen wurde ein weiterer Antrag der Sozialdemo« k r a t e n abgelehnt, nach dem die verminderte Krankenhilse nur dann zulässig sein soll, wenn der Kranke das Äranlcngeld sür 26 Wochen hintereinander bezogen halte. Einer Anregung der Sozialdemokraten bei der In» validcnverstcherung folgend, halten die Zentrums abgeordneten Dr. Fleischer und Becker- Arnsberg beantragt: Ein Kranker, der von seiner Krankenkasse ausgesteuert ist, ober keine Invaliden- reute bezieht— weil er nicht inv-Oid im Sinne der Invalidenversicherung ist— erhält von drr Kraitkettkasie für die weitere Dauer der ArbeitSunsähigkeit die Hälfte deS Kranken« gelbes in Höhe der Negelletstnngeit; die Kotten sind der Kasie von der Juvaltdenoersichmitig zu ersetzen. Gegen den Antrag stimmten außer den Konservativen und National- liberalen auch die Zentrums abgeordneten Hitze, Trim» born und Herold und brachten ihn dadurch zu Fall. Gegen die freien und christlichen Gewerkschaften. Erhält ein Versicherter Krattkettgeld aus seiner ZwongSkasie und gleichzeilig aus einer anderen Versicherung, so hat die Krankenkasie ihre Letftitttg so weit zu kürzen, daß daS gesamte Krankengeld des Kranken den Dnrchschuittsbetrag seines täglichen Arbeitsverdienstes nicht übersteigt. Die Satzung kann die Mitglieder verpflichten, andere Bersichernngsverbältnisse. die ihnen Anspruch auf Krankenhilfe geben, im Erkrankungsialle auf Befragen dem Kassen» Vorstande mitzuteilen. Hier war ans Autrag der Sozialdemo- k r a t e n in der ersten Lesung die Eiittchränkung gemacht, daß nur solche Versicherungen in Betracht kommen, die einen Rechtsanspruch geben, also nicht die Unterstützungen der Gewerkichaslen. Jetzt beantragte Abg. Dr. M u g d a n die Streichung der Ver- besierung, weil die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften ihren Mit« gliedern einen Rechtsanspruch geben, mithin keinen Vorteil von der Beschränlung haben und deshalb schlechter als die freien und christlichen Gewerkschaften gestellt seien. Leider wurde wirklich diese Verschlechterung gegen die' Stimmen der Sozialdemokraten beschlossen. Darauf handelte es sich noch darum, daß der Kranke seiner Be- triebskrankenkasie, also seinem Arbeiigeber, angeben muß, ob er eine Unterstützung von seiner Gewerkschaft e r- hält, also auch ob er seiner Gewerkschaft angehört. Er muß sich selbst denunzieren. Unterläßt er eS, so macht er sich strafbar. Die Sozialdemokraten verurteilten scharf diese unerhörte Zumutung. Schließlich nahm die Mehrheit die Bestimmungen an, daß der Kasie nur die Höhe der Unterstützung ans der anderen Ver- sicherung mitzuteilen ist. und daß die Kasie nicht danach fragen darf, s!) ivclcher anderen Versicherung der Kranke noch angehört. Nächste Sitzung Donnerstag. Em der partei. Deputierter Tarbouriech gestorben. Paris, v. Januar. sEig. Ber.) Die geeinigte Partei, der der Tod in der letzten Zeit eine Reihe tüchtiger Mitarbeiter entrissen hat, hat heute einen besonders schweren Verlust erlitten. Genosse Ernest Tarbouriech, der durch seine Teilnahme an den internationalen Kongressen auch vielen ausländischen Genossen bekantn war, ist im Alter von bloß 45 Jahren gestorben. Er war einer der begabtesten und gelehrtesten unter den jüngere» Juristen Frankreichs. Er hatte die Lehrbefähigung für eine Reihe von Fächern an der Rechts- fakultät erworbeit, an der freie» Hochschule für Sozialwissenschaft war er von Anfang an Profesior, in den letzten Jahren einer der Direktoren. Seinem außerordentlichen Arbeitseifer verdankt die Wissenschaft und die sozialistische Partei eine Reihe größerer Werke, so über die Unsallversichcrung, die Zukuiiftsgesellschaft und das Eigentum. Tarbouriech war auch ein Spezialist sür die Agrarfrage und das Geuossenschaftsweseii. Er gehörte dem reformistischen Flügel der Partei an. Sein Mandat im Bezirk von Saint Claude im Iura. hatte er im letzten Mai in der Stichwahl erobert. Em Industrie und Rande!. Fromm und geschäftstüchtig. Den frommen Schäflein ist schon oft bewiesen worden, daß ihre Hüter und Führer sich sehr gut auf profane Scherarbeit versteheu, Es sei nur daran criniiert, wie der brave Stocka mit Kalianteilen seine Gesckiäfte entrierte. Nun hat ein katholischer Geist- licher und strammer ZentruntSvertretcr im Reichstage und bayerischer LandtagSabgeordneter Liborius Gerstenbecger, der noch nebenbei Haupiredakleur in Würzburg ist, sich mit der Gründung einer Würzburger N i t r o g e n- G e f e l l s ch a f t m. b. H. be- schäftigt. Tnich einen Prospekt fordert cr zur Beteiligung auf. DaS Unternehmen soll allerdings nach den irdiscken Verkündigungen deS Liborius nicht Nitrogen herstellen, sondern sich nur mit der Erbauung und dem Betriebe eines Kohleusätire« Werkes beschäftigen. Später will man auch noch reinen Stick- stoff gewinnen. Schon die ganze Aufiiiachuiig des Prospektes läßt darauf schließen, daß die Gründung für kleine Kapita» listen berechnet ist. Im besonderen findet dicS seine Besiätigung in der famosen Rentabililäisbcreckiiung, die ein richtiger Geschäfts- mann als übcr.optiniistiich" ablehnen muß. Es werden da außer einer fünfprozentigen Verzinsung deS Anlagekopitals weitere 34,5 Proz. Superdividende in Aussicht gestellt! Von fach- männtscher Seite hätte sich der liebe Gerstenberger aber sehr schnell unterrichten lassen können, daß er für ein Kilogramm Kohlensäure nicht 25 Pf., wie er meint, sondern nur Wlt Pf. belommcn wird. Auch hat er die Nnschaffungskosten sür die eisernen Zylinder unterschätzt. Bei dem durch den Prospekt ersichtltchen Unifang des Betriebes der Gesellschaft müßten dafür rund 850 000 M. ansgegeben werden. Die Berechnung der Betriebsausgaben steht ebenfalls auf wackeliger Basis. Von der Kohleiisäuregdellschaft bleibt bei genauerer Be- trachtung nur der sauere Geschmack. Der kommt allerdings stets erst hinterher. Vielleicht blüht die katholische Nitrogenfabrik schon und dann wird es auch bald.Stickstoff" geben. Die Wild- und Gesiügelpreise. Seit dem Beginn der Preissteigerung am Schlachtviehmarkt haben sich anih die Preise sür Wild und Geflügel erhöht. In Berlin z. B. kostet ein Hirsch ziemer, der Ende 1904, alio tnrz bevor die Preishausie am Schlachtviehwarkt begaitn. 10 bis 24 M. kostete, im Dezember des Vorjahres 13 bis 30 M., der Preis für Htrschkenle ist gar von 8 bis 20 auf 10 bis 30 M. gestiegen. Fllr Rehkeule ging der Preis in dem gleichen Zeitramn von 4 bis 6 M. auf 4.50 bi« 7 M binanf. Für Hasen stieg er von 1.75 bis 3 M. auf 2.50 bis 3.60 M. Ein Truthahn kostete damals 4 bi» 9. im letzte» Monat 5 bis 10 M., der Preis sür Kapaun ist von 1.50 bi» 2.50 auf 2 bis 3 M. hinaufgegangen. Bei zahmem Geflügel ist die Preisrichtnng ebenso: das Bratbnhn kostet 1 bis 2 M. gegen 0,75 bis 1,50, die Gans 5 bis 10 gegen 4 bis 8 M. Nur der Preis für Enten und Tauben ist gleichgeblieben. In anderen Städten ist ebenfalls eine Prctssteigermig zu beobachten. 0ewcrfcrcbaftUd>C3. Die Arbeitslosigkeit im Deutsd�en IMauferverband. Daß die Bauarbeiter, insbesondere die Maurer, nicht nur während der Zeit des wirtschaftlichen Niederganges mit großer Arbeitslosigkeit zu rechnen haben, zeigt eine Arbeitslosen statistik, die der Zentralverband der Maurer unter seinen Mitgliedern veranstaltet hat. Wenn auch ein großes Teil der Berufsangehörigen nicht von der Statistik erfaßt werden konnte und sie aus diesem Grunde nicht völlig einwandfrei ist, so dürfte das durch die Statistik zutage geförderte Material doch einen ziemlich genauen Aufschluß darüber ergeben, unter welch ungünstigen Verhältnissen die Maurer im allgemeinen zu leiden und zu leben haben. Die Erhebungen wurden zu dem Zweck vorgenommen, um einmal den Mitgliedern selbst Klarheit über den Umfang der Arbeits losigkeit im Maurergewerbe zu verschaffen. Die Statistik ist aber auch für die Oeffentlichkeit von Bedeutung. Nicht nur deshalb, weil sie dem Fernstehenden Einblick in die Arbeits� Verhältnisse der Männer vom Bau gewährt, sondern Haupt sächlich deswegen, weil in den trockenen Zahlen all die Not und Sorge zum Ausdruck gebracht wird, mit der rüstige Männer jahraus und jahrein zu kämpfen haben. So ist auch diese Statistik eine neue Anklage gegen die bestehende Wirtschaftsordnung und ein weiterer Beweis dafür, daß eine öffentliche Arbeitslosenfürsorge dringend erforderlich ist. Die Arbeitslosenzählung erstreckte sich über das ganze Jahr 1909; als Zähltag kam der jeweilig letzte Sonnabend im Monat in Betracht. Diesen Tag wählte man deshalb, weil im Barr gewerbe des Sonnabends am allerwenigsten grundlos gefeiert wird. Die Zählung wurde von Zählern in der Wohnung der Mitglieder vorgenommen. Wenn sich auch eine Reihe von Zweigvereinen nicht an der Zählung beteiligt hat, so sind doch von der Gesamtmitgliederzahl durchschnittlich 89,98 Proz. befragt worden. Dies Ergebnis kann als erfreulich bezeichnet werden, zumal da es die erste Zählung in der Organisatiou war. Als Ursachen der Arbeitslosigkeit unterscheidet die Statistik Arbeits- Mangel, Krankheit umd Witterungsverhältnisse. Indessen, wenn letztere auch einen mehr oder minder großen Einfluß aus die Arbeitsverhältnisse im Baugewerbe ausüben, so läßt sich ihre dauernde Einwirkung ans die Arbeitslosigkeit doch nicht durch eine einmalige Stichprobenstatistik feststellen. Darauf weist auch der Bericht ausdrücklich hin. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß die Witterungsverhältnisse nur in solchen Orten auf die Bauarbeit einwirken, wo ivährend des ganzen Jahres gearbeitet wird. Das ist aber nur in den großen und größeren Städten der Fall. In den Kleinstädten und auf dem flachen Lande übt das Wetter wenig oder gar keinen Einfluß auf die Bauarbeit aus. Hier beginnt sie in der Regel im April und endet im Oktober, und zwar ohne Rücksicht auf das Wetter. Vom Oktober bis in den März hinein sind diese Maurer ständig auf eine andere, vielfach schlechter entlohnte Tätigkeit angewiesen. Das Ergebnis der Arbeitslosenzählung an den einzelnen Zähltagen war folgendes: Zähltag An der Zählung waren beteiligt Davon waren arbeitslos ins- gesamt in Proz. Von je l(X) Arbeitslosen feierten wegen Arbeits- mangel Witte- rungs- ver- bältmsse Krankheit 80. Januar... 143 074 90037 62.67 49.16 40,59 10.25 L7. Februar... 147 737 92 273 62,46 52,20 4l.52 6,28 27. März.... 147 863 31687 21,43 77,60 6.90 15,50 24. April.... 150 704 9 325 6,19 54,12 1,94 43,94 29. Mai..... 158 002 8 490' 6,37 42,83 13,22 43,95 26. Juni..... 161 464 6 813 4,22 46,44 1,66 51,90 81. Juli..... 159 143 8 542 5,37 52,32 6,14 41,54 23. August.... 161 463 9 919 6.14 61,40 2,28 36,32 25. September. 162 013 11 701 7,22 63,30 6,37 30,33 30. Okiober... 160 125 10 807 6,75 63,85 1,33 34,82 27. November.. 155 214 35 475 22,86 43.70 42,43 13,82 24. Dezember.. 150 805 43 867 29,09 68,32 20,66 11,02 So sieht es mit der Arbeitslosigkeit unter den deutschen Maurern aus! Wer aber weiß, was Arbeitslosigkeit für den deutscken Arbeiter bedeutet, dem zeigt diese Aufmachung all das Elend, das unter den bestehenden Verhältnissen durch die Arbeitslosigkeit verursacht wird. Die Statistik teilt das Baugewerbe seiner Eigenart gemäß in drei Perioden ein: Die eigentliche Bauzeit: Monate April bis Oktober, die Uebergangszeit: Monate März. November und Dezember, und die stille Zeit: Monate Januar und Februar. Jede dieser drei Perioden weicht in bezug auf den Umfang sowie auf die Ursachen der Arbeitslosigkeit weit voneinander ab. In der eigentlichen Bauzeit waren an der Zählung durchschnittlich 158 988 Maurer beteiligt. Davon waren durschnittlich 5,90 Proz. arbeitslos. In dieser Periode entfallen 3,30 Proz. auf Arbeitsmangel, 0,28 Proz. auf Witterungsverhältnisse und 2,32 Proz. auf Krankheit. In der Uebergangszeit waren an der Zählung durchschnittlich 15l 294 Maurer beteiligt, von denen durchschnittlich 24,46 Proz. arbeitslos waren. Davon entfallen 15,43 Proz. auf Arbeits- Mangel, 5,80 Proz. auf Witternngsverhältnisse und 3,23 Proz. auf Krankheit. In det stillen Zeit wurden durchschnittlich 145 705 Maurer befragt, von denen durchschnittlich 62,55 Proz. arbeitslos waren. Hiervon feierten wegen Arbeitsniangel 32,18 Proz., wegen der Witterungsverhältnisse 26,19 Proz. und 4,18 Proz. wegen Krankheit. Wie sich die Arbeitslosigkeit auf die einzelnen Ortsgrößenklassen verteilt, das zeigt folgende Aufmachung. Es waren arbeitslos: durch die Gesellschaft selbst geheilt werden. Mein hierzu fehlt der herrschenden Klasse der gute Wille! Für diesen Zweck hat der auf„christlicher" Grundlage be- ruhende Staat keine Gelder übrig. Das braucht er zu anderen, nicht mit dem Geiste der christlichen Liebe zu der- einbarenden Zwecken. Aber steter Tropfen höhlt den Stein! Und die organisierte Arbeiterschaft wird auch auf diesem Gebiet Material über Material zusammentragen, wird den Klassenstaat doch früher oder später zwingen, die für den Arbeiter so nachteiligen Folgen der Arbeitslosigkeit durch eine angemessene öffentliche Arbeitslosenfürsorge zu beseitigen. 26. Juni Proz. 5.60 4,03 2.67 3,01 2,87 24. Dez. Proz. 21,99 32 24 35.33 37.64 37,83 In Orten mit 100 000 und mehr Einwohnern „ 20 000 bis 100 000 5 000 bis 20 600 , 2 000 bis 5 000 ,„ unter 2 000„ Danach ist während der eigentlichen Bauzeit in den Groß- städten die Arbeitslosigkeit fast doppelt so groß wie in den lleincn und mittleren Orten, während es im Dezember um- gekehrt der Fall ist. Das Jahr 1909 war ein Jahr mit mittlerer Bautätigkeit. Man kann daher mit einiger Sicherheit annehmen, daß die Arbeitslosigkeit, soweit sie nicht durch die Witterungs- Verhältnisse verursacht wurde, eine alljährlich wiederkehrende Erscheinung im Manrergewerbe ist. Arbeitslosenunterstützung gewährt der Maurerverband bisher nicht. Nach Lage der Sache ist dies auch für die Zukunft unmöglich, wenn anders der Verband nicht seine Kampfstellung dem Unternehmertum gegenüber aufgeben will. Und dies ist nach dem Stand der Dinge auch völlig ausgeschlossen!— Die Wunden, die die Arbeitslosigkeit den deutschen Arbeitern schlägt, können nur Lerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. LerUn und Umgegend. Der Streik der Fensterputzer bei der Glaserinnnng. Der Direktor Rubarth von der Fensterreinigungsanstalt Ber- liner Glaserinnungsmeister hat Pech mit seinen Arbeitswilligen. Von den 22 Mann, die er am Montag eingestellt hatte, waren ande- ren Tages nur noch vier übrig; die übrigen hatten keinen Ge- fallen gefunden an den schönen Zuständen und auskömmlichen Löhnen der Firma. Allerdings ist es dann gelungen, 14 neue Leute herbeizuschaffen, so daß man Dienstag mit 18 Mann„arbeiten" konnte. Gestern waren es jedoch nur noch 16. Die Kundschaft scheint die Arbeit dieser Leute, die man aus allerlei Herbergen herangeholt hat, nicht recht zu behagen. Wenigstens wird uns versichert, daß verschiedene Bankinstitute und Versicherungsgesellschaften sich die Zusendung derartiger„Fensterputzer" verboten haben. Den Kunden behagt das große Polizeiaufgebot nicht, von dem die Arbeitswilligen begleitet und bewacht werden. Es will doch keine Firma gern in den Verdacht kommen, daß in ihrem Hause ein Verbrechen passiert sei. Die bedauernswerten Opfer des Unternehmertums haben es offenbar schlechter als gefangene Verbrecher. Im Keller des Hauses, wo die Firma ihre Geschäftsräume hat, ist ihnen ein „Heim" bereitet. Man bat eine Fuhre Langstroh angefahren, und eine in Arbeiterkreisen nicht gerade rühmlichst bekannte Gerüstbau- firma hat die nötigen Strohsäcke geliefert. Das dumpfe Kellerloch hatte keine verschließbare Tür. Da mußte erst ein Schlosser komme» und ein Schloß anbringen. Es ist kaum anzunehmen, daß die Be- Hörde eine derartige Behausung längere Zeit duldet. Herr Rubarth scheint im Vertrauen auf die Polizei noch immer in der Hoffnung zu leben, daß er bei dem Streik gut davonkommen werde. Wie uns von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt wird, hat er zu Kunden, die auf Erledigung der Arbeit drängten, gesagt, daß von nächster Woche ab wieder geputzt werde, und daß er sich nicht vor dem Kampf fürchte. Er wolle, wenn nötig, hinter jeden Arbeitswilligen einen Schutzmann stellen, und die Schutzleute seien jetzt nicht mehr so zart wie früher; das hätten die Vorgänge in Moabit bewiesen.— Ob die Polizei in jeder Hinsicht den Befehlen Rubarths nachkommen wird, ist wohl doch noch zweifelhaft. Gestern abend war sie allerdings wiederum außerordentlich zahlreich in der Neuen Jakobstraße vertreten, und zeitweilig sah man neben den vielen Schutzleuten und Kriminalbeamten noch vier Leutnants. Solchen Personen, die man für Streikende ansah, wurde nicht nur das Stehen, sondern auch das Gehen in dem belagerten Teile der Straße verboten. Da die Streikenden jedoch jede ungesetzliche Handlung streng vermeiden, wird Rubarths Hoffnung auf ein zweites Moabit jedenfalls nicht in Erfüllung gehen.— Die kaufmännischen Angestellten die Firma haben sich sämtlich entschieden geweigert, die Streikbrechertransporte zu begleiten, und statt dessen auf den Direktor eingeredet, sich doch mit den Streikenden zu einigen. Aber Herr Rubarth drohte den Angestellten mit Eni- lassung, weil sie nicht mit Streikbrechern und Polizei durch die Straßen marschieren wollten. Auch der Unternehmerverband be- müht sich fortdauernd um eine Einigung und hat zu diesem Zweck sogar eine besondere Kommission gewählt, die auch bereits mit Rubarth Rücksprache genommen hat, allerdi-gs vergeblich. Der ganze Unternehmerverband im Fensterreinigungsgewerbe scheint gegen ihn zu sein. Die Glaserinnung zahlt ihren Putzern aber auch mindestens 2 M. weniger Lohn als alle übrigen Firmen. Uebrigens hat man im Untcrnehmerverband erkannt, daß tarifliche Abmachungen durchaus nicht zu verwerfen sind, und deswegen in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung beschlossen, einen eneraltarif mit dem Transportarbeiterverband abzu- schließen. Der Termin für die Verhandlungen ist bereits festgesetzt. — Von den Streikenden der Glaserinnung ist nicht ein einziger abtrünnig geworden. Sie halten tapfer im Kampfe aus, so lange er auch dauern mag. Veubkcbes Reich. Wohlfnhrtseinrichtungen für Arbeiter haben für die dann: beglückten Arbeiter in den Betrieben meistens nur sehr problematiicden Wert. Die Unternehmer benutzen diese nur dazu, den Arbeiter von der wirksamen Vertretung seiner Jineressen durch die Organisation abzuhalten. Auch in Seif- Hennersdorf in der sächsischen Oberlausitz find vielfach solche Ärbeiler-Wohlfabrtseinrichlunge» anzutreffen, und die OraamiationS- Verhältnisse der dortigen zahlreichen Industriearbeiter lassen deshalb vieles zu wünschen übrig. Jeyt sind uun diese Arbeiter sehr un- sanft aus ihrem Verlrauenödusel anfgerütielt worden. Die Fabrik von H. R. Marj, in der eine solche Arbeiterstiftung bestand, aus der alte Arbeiter eine kleine Rente oder eine Kapital- abfineung erhielten, machte Konkurs. Die„Pfründner" der Arbeiter- iliflung erhielten von dem Konkursverwalter die Mitteilung, daß ihre Renten und Ansprüche nicht als bevorrechtigte Forderung an- zusehen seien und daß er außerdem von dem im Statut der Stiftung dem Unternehmer vorbehaltenen Rechte Gebrauch macht und die Renten aufhebe.— So sind die alten vertrauensseligen Arbeiter, die glaubten in ihren alten Tagen eine, wenn auch eine sehr be- scheiden? Rente zu bekommen, die Genasfiihrten. Solche Vorfälle sind durchaus geeignet, die Arbeiter darüber aufzuklären, daß ihnen solche von den Unternehmern gestisteten Wohlfahrtseinrichtungen nichiS nützen, daß nur die Organisation der Arbeiter ihnen helfen kann. TJusland. Achtung, Stockarbcitcr k Vom Dänischen Holzarbeiterverband wird berichtet, daß der Inhaber der Stockfabrik I. S t e f s e n s e n in Olterup lFünen) seine sämtlichen Arbeiter ausgesperrt hat, um die Organisation zu vernichten. Ein Agent ist unterwegs, um Stock- arbeiter in Teutschland und Oesterreich als Streikbrecher an- zuwerben. Zuzug ist streng fernzuhalten. Deutscher Holzarbeiterverband. Aus der französischen Eisenbahnerbewegung. Paris, 9. Januar.(Eig. Ber.) In Reims haben gestern die Ostbabuer ihren Kongreß abgehalten. Er war geeignet, in niancherlei Beziehungen Interesse zu erregen. Vor allem iollre er zeigen, wie die Gewerkschaft die Streikkrise überstanden hat, ferner, wie sie über die gaitze Slreikunteruehmung urleilt, endlich sollte er die Stellung der Eisenbahner zu den Ncgieriingsenlwürfen präzisieren. Was linn die Organisation betrifft, so ist unleugbar, daß sie durch den Streik stark erschntterr worden ist. Eine Reihe Ortsgruppen sind ganz außer Funktion, andere sehr geschwächt. Immerhin sind genügend kräftige Kaders erhalten geblieben, die mit Zuversicht am Wiederaufbau des zerstörten Organismus arbeiten. Der Kongreß beschloß dann auch, die bisherige Administration in ihren Funktionen zu bestätigen und den Posten des ständigen Sekretärs, den der ehe- malige resormistische Sekretär der C. G. T. Niel innehat, anftecht zuerbalten. Die Diskussion über den streik wurde unter Ausschluß >cr Oeffentlichkeit geführt, ans Rücksicht auf den noch nicht beendigte» Prozeß gegen die Mitglieder des ersten Streikkomitees. Tie Ostbahner, die in ihrer Mehrheit dem reformiftischen Flügel der Gewerkschaften angehören, erheben gegen diejenigen, die den treik herbeigeführt und in seiner ersten Periode geleitet haben. ernste Anklagen. Genosse Granvallet hat sie in einer im marxistischen Wochenblatt„Socialisme" beröffentllcht« IkrttW« serie zusammengefaßt. Ihre gründliche öffentliche Erörterung kann aber erst auf dem Verbandskongreß im April erfolgen. Immer- hin hat der Kongreß der Ostbahner schon einen unverhüllte» Tadel ausgesprochen. Er nahm einstimmig eine Resolution an, die dem Exekutivkomitee und dem Vorstand des Ostbahimetzes die vollständige Billigung dafür ausspricht, daß sie den Streik aus Solidarität be- schloffen und die Verwaltung der Gewerkschaft.in ernster, überlegter und hingebungsvoller Weise" geleitet haben.„Er bedauert, daß Gruppen, auf die man zählen konnte, dem Appell ihres Netzes und des nationalen Syndikats nicht gefolgt sind und behält sich vor, auf dem nationalen Kongreß die Verantwortlichkeit der- j e n i g e n sestzustellen, die die Bewegung außerhalb der vom letzten nationalen Kongreß vorgeschriebenen Be- ding un gen eingeleitet haben." Weiter drückte der Kongreß sein Bedauern darüber aus, daß das Exekutivkomitee des nationalen Syndikats Verhandlungen über die den Bahngesellschafte» das Koniitee auf, dies unter Ver- nicht versucht hat. die Forderungen des Personals mit wieder aufzunehmen und forderte Mittelung der Regierung zu tun. Ueber die Regierungsprojekte waren die Meinungen geteilt. Niet', der ein ausführliches Referat über den Entwurf über das Schiedsverfahren hielt, legte dar, daß er für die Arbeiter u n- annehmbar sei, da er indirekt auf die Vernichtung des Streikrechts hinnnslanfe. Dieses Recht aber müsse als äußerstes Verteidigungsmiltel der Arbeiter aufrecht erhalten bleiben. Er legte einen Gegenentwurf vor, der ein freiwilliges Schiedsverfahren vorsieht. Der Kongreß beschloß eine Resolution, die diesen Gedanken ausführt und eine Agitation gegen den Re- gierungsenlwurf fordert. Die Praxis der Ärbeiterkämpfe beweise, daß die Arbeiter Streiks eher vermeiden, als provozieren. Ter Streik sei ein Mittel und kein Ziel. Aber die Möglich- keit de? Streiks fei zuweilen die einzige Garantie für die Durch- setzung gerechter Forderungen und die wesentliche Bedingung der ge- werlschaftlichen Organisation und Betätigung. Soziales. Kaufmännischer Angestellter oder GewerbegchUfe? Mit dieser Frage beschäftigte sich die 2. Kammer des Kauf- mannSgerichtS unter Vorsitz des Magistratsassessors L i e b r e ch t. Der Kläger Schlächter Biedermann war bei der Firma A. Jandorf u. Co.. Warenhaus, in der Lebens- niittelabteilung als Verkäufer feit 14. September v. I. beschäftigt. Im AnstellungSvertrage, den Kläger unterschrieben, waren 35 M. Wochenlohn sowie siebentägige Kündigung vereinbart. Am 5. No- vember wurde dem Kläger ver Austritt 12. November 1910 seine Stellung gekündigt. Kläger war nun hiermit nicht einver- standen und beanspruchte Erfüllung einer monatlichen Kündigung. Da er sich in seiner Eigenschaft als Verkäufer als Handlungsgehilfe und nicht als gewerblicher Angestellter betrachte. Dem widersprach der Vertreter der Beklagten. Er führte aus, der Kläger sei nur wegen seiner technischen Eigenschaften engagiert. Kaufmannscigenschasten besitze Kläger nicht, denn als„künsilicher" Handlungsgehilfe muß er mindestens drei Viertel Oualisilation als solcher besitzen. Ferner wendet Beklagte ein, daß Kläger bei Unterschrift des Ver- trageS, der den Kläger als Gewerbegehilfe anspreche, nicht gesagt habe, daß er sich als Handlungsgehilfe und nicht als gewerblicher Angestellter betrachte. Seine Handlungsweise sei also arglistig. Man zable doch schließlich keinem„DurchschiiittSverkäufer" wöchentlich 35 M. Der als gerichtlicher Sachverständiger geladene Fleischer- meister Koch bekundete, daß bei einem.Fleischverkäufer" lediglich das Einteilen und richtige Abwiegen der Ware Hauptbediiignng sei, auf kauf» inännische Gewandtheit kommt eS dagegen wesentlich nicht an. Ein Beisitzer bemerkt bierzu. daß ein Warenhaus doch gewiß als Verkäufer nur kausmäimische und mchl gewerbliche Angestellle be- schäftige. Im Urteil wurde angeführt, eS war zu prüfen, ob Kläger Handlungsgehilfe war oder nicht. Kläger hätte allerdings de» ihm vorgelegten VeNrag nicht unterschreiben dürken, da er ge- wüßt, daß er Handlungsgehilfe war, aber diese angeführte Tatsache genüge nicht, Kläger arglistig ericheinen zu lassen. Da ferner nach Aussäge des Sachverständigen eine gewisse Technik erforderlich, so vertritt das Gericht die Ansicht, daß Kläger als Handlungsgehilfe aiiziiiehen sei, und demnach die Beklagte zu verurteilen sei, anKläger 105 M. z u zahlen. Das Urteil ist zutreffend. Die Begriffsauslegung.Handlung«- gehilfe"»st aber nach unseren wiederholten Darlegungen viel zu eng. Der Fleischveikäuser Hot nicht mit Be- oder Verarbeitung der Ware, sondern mit ihrem Umsatz ollein oder überwiegend zu tun. Er ist deshalb stets Handlungsgehilfe. Leseabende. Marlendorf. Donnerstag, den 12. Januar, S Uhr, fei Lues», Königstr. 14._ letzte ffachrfcfrtcm Familientragödie. In unmittelbarer Nähe der Rennbahn Rnhleben am Kraftwerk Unterfpvee wurden gestern nachmittag drei Leichen aus der Spree gelandet. Es handelt sich um eine etwa 30 Jahre alte Frau und zwei Kinder(Knabe und Mäd- chen) im Alter von etwa 6 und 8 Jahren. Tie Seichen waren f e st z u s a in n; e n g e b u n d e n und mit einem G e- wicht beschwert. Ausweispapiere wurden nicht ge- funden, mir eine Papiertüte mit der Aufschrift„Haupt. bahnhofBreslau. Die Leichen wurden nach der Leichen- Halle in Schildhorn gebracht. Landtagsersatzwahl i« Württemberg. Heilbronn, 11. Januar. Bei der heutigen LandkagS- ersatzwahl im Bezirk H e i l b r o n n, der bisher durch die Sozialdemokratie vertreten war. wurde im ersten Wahlgang der 5landidat der Sozialdemokratie Hornnng mit 66 Stimmen Mehrheit gewählt._ Tas itene rnmämsche Kabinett. Bukarest, 11. Januar.(W. T. B.) Das neue Kabinett ist folgendermaßen zusammengesetzt: Carp Präsidium und Finanzen. Johann Lahovary Ackerbau, Marghiloman Inneres, M a j o r e s r u Aeußeres, Michael Cantacuzene Justiz, Konstantin Arion Unterricht, Nikolaus FilipeSco Krieg, NienitzeSco Handel, Delavrancea Oeffentliche Ar- beitcn. Der Ausstand der Eisenbahner in Portugal. Lissabon, 11. Januar.(W. T. B.) Vor dem Ministerrum dcS Innern, in dem sich die Minister versammelt hatten, fanden sich heute nachmittag Gruppen von Leuten ein, um gegen den Ausstand der Eisenbahnangestellten, der, wie man glaubt, nur angezettelt worden ist, um der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Kund» gedungen zu veran st alten. Für die Beförderung der Postsachen sind Automobile herangezogen worden. Lissabon, 11. Januar.(W. T. D.) Der Ausstand der Eisen- bahnangestellten legt den Verkehr im Inland und mit dem AnS- land lahm. Die Handelsangesrellten streiken nicht einmal in der Hauptstadt allgemein. Zwffchen Ausständigen und Arbeitswilligen ist es zq _ Zusammenstößen gekommen, die aber nicht von Belang waren. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer L Co.,Berlin ZW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsbl. |r.lO. 28. Zllhrgavg. 1. Knlügt des Jonuartf Serlinn Itaifelilnft. Donnerstag, 12. Jannnr 191L Reichstag 108. Sitzung. Mittwoch, den 11. Januar 1911, nachmittags 1 Uhr. Bm BundeSratstisch: Mermuth, v Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrt das Haus das Andenken des gestern verstorbenen Abg. Köhler(Sintis.) in der üblichen Weise. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Fortsetzung der Jnter- pellation Dr. Ablaß und Genossen(Vp.) betreffend Aushebung des Zündwarcnsteucrgcsetzes. Abg. Schöpflin(Soz.): ES ist begreiflich, daß man gleich bei dem Inkrafttreten dieses Gesetzes im Volke nach seinen Urhebern fragte. Sluch hier fragte man gestern wiederholt: Wer ist der Vater? Herr EnderS bezeichnete den Dr. R ö s i ck e als den Vater des Gesetzes, aber Graf Oppersdorfs suchte ihn in Betätigung der schwarzblauen Solidarität gegen diesen Vorwurf zu verteidigen und wies auf Herrn Osann hin. Herr Dr. Hahn aber meinte, es seien viele hinreichend verdächtig, der Vater dieses Kindes zu sein, selbst die Freisinnigen sollten wieder einmal eine schwache Stunde gehabt haben. Herr Hahn konstatierte, außer der Sozial- demokratie find alle Parteien schuld an dem Zustandekomiiien dieses Gesetzes. Dafür sei bedankt mein lieber Hahn!(Heilerkeit.) Als ich gestern sah. wie einer dem anderen die Schuld an dem Znstande- kommen dieses Kindes zuzuschieben suchte, da sagte ich mir: Feine Familie das! So viele Väter und keiner will es gewesen sein. Der seelige Busch scheint diese Situation vorausgeahnt zu haben, als er schrieb: Vater werden ist nicht schwer. Vater sein dagegen sehr.(Heilerkeit.) Alle Redner außer Herrn Euders haben gestern versucht die Zündwarensteuer zu beschönigen. Der Slaatsselretär hat wieder davon gesprochen, daß dadurch die Gefahr einer Feuersbrun st gemildert werde und bat auch die Sparsam- keit beim Verbrauch der Zündhölzer gerühmt, gleich als ob mit diesem Gesetz eine verdienstvolle Tat getan wäre. Bei seiner Ein- führung sagte man, der Rückgang des Konsums werde bald wieder verschwinden. Vor allem sagte man da§ deshalb, um unseren An- trag auf Eutschädigung der Züudholzarbcitcr abzulehnen. Der Haupt- schuldige hieran ist das Zentrum. Die Einführung des Kontingents zeigt ja ganz deutlich, daß die Produktion eingeschränkt werden mußte. Der Staatssekretär macht die Vorversorgung für den Pro- duktionsrückgang verantwortlich. Aber das Gesetz besteht jetzt l1/« Jahre, und wen will man denn glauben machen, daß die Masse der Zündbolzverbraucher sich für diese ganze Zeit versorgt haben. Ueber Tau sende von Zündholzarbeitern hatdas Gesetz großes Elend gebracht. Aber der Staatssekretär sagt, sie sind ja noch nicht verhungert, und die Rechte brach hierbei in ihr bekanntes sattes Hohnlachen aus.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Nicht nur Zündholzarbeiter, auch Arbeiter anderer Betriebe sind geschädigt, denn die arbeitslosen Zünd- Holzarbeiter müssen ja in anderen Betrieben unterzukommen ver- suchen, und infolgedessen werden dort die Löhne gedrückt. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ter Staatssekretär meinte, die Fabrikanten seien mit dem Gesetz zufrieden. Aber er hat nur mit ein paar Großunternehmern verhandelt. llnS sind aus Fabrikantenkreisen Briefe zugegangen, welche deutlich zeigen, wie man auch dort über die Wirkung des Gesetzes denkt. Die Arbeiter haben sich schon vor Monaten mit einer Ein- �abe an die Regierung gewendet, aber bis jetzt sind sie noch ohne zede Antwort. Bei landwirtschaftlichen Vereine» und bei Flottenvereinen beeilt sich die Regierung ganz anders.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Graf Oppersdorfs hat sich am 1. September� herbeigelassen, in Habelschwerdt in einer Volks- Versammlung zu reden. Der Grimm und die Wut über das Zenlrum ist dort ganz außerordentlich gestiegen, und Graf Oppersdorff suchte die Schuld an dem Zündbolzsteucrgesetz zunächst auf die National- liberalen abzuschieben. Da er aber einen besonderen Eindruck damit nicht machte, schlug er zum Schluß die Knlturkampspauke. Das tut das Zentrum j a stets, wenn es die s ch tv e r st e n S ü n d e n gegen das Volk begangen hat.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auch die Schweidnitzer Handelskammer bestätigt die schlimme Wirkung der Zündholzsteuer. Der Redner schildert das Elend, das besonders in Habelschwerdt unter den Zündholzarbeiter» aus- gebrochen ist; eine Fabrik, die früher 420 Arbeiter beschäftigte, hat den Arbeiterbestand aiif 27 reduziere» müssen, und so ist es überall. Die Arbeiter leben nur noch von Kaffee, Brot und Kartoffeln. Fleisch kommt Höchstens einmal als Pferdefleisch auf den Tiich. Die Dinge sind so. daß selbst die christlichen Gewerkschaften sich in einem Flugblatt an die Arbeiter wandten und Kleines feuilleton. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften(oder wie !ie mit ihrem byzantinischen Namen heißt: die Kmser-WUHelm-Ge- cllschaft) hielt am Mittwoch in Berlin die konstituierende Sitzung ab. Der Zweck der Gesellschaft ist die Förderung besonders der Naturwissenschaften unabhängig von irgend einem Lehraustrag an Universitäten. Wie wir bei der Ankündigung dieser kaiserlichen Gründung bereits bemerkten, ist die Trennung von Forschung und Lehramt, wie auch Proseffor Ostwald anerkennt, zweifellos auf manchen Gebieten von Nutzen, wenn auch die Universitäten damit noch nicht zu bloßen Drillanstalten herabgedrückt zu werden brauchen. Aber ein Kulturstaat, der die hohen ideellen und praktischen Aufgaben der Wissenschast nicht zu würdigen wüßte, würde ihre Organisation und Durchführung als eine der wichtigsten Staatömteressen bebandeln. Da der Klossenstaal für dergleichen bei uns wenig übrig hat, unsere Geldmagnaten aber im Unterschied zu den amerikanischen aus eigenem nichts dafür leisten, so hat man zu einer Art Zwaugsgeiellschast ge- griffen, in die die freiwillig-unfreiwillige» Förderer der Wissenschast hineingenöligt oder durch Aussicht aus Orden und Titel hineingelockt werden. Der Tribut an die Wissenschaft beträgt 20 000 M. als Auf- Nahmebeitrag und 1000 M. jährlichen Beitrags. Das Sliftungs- kapital ist inzwischen auf 11 Millionen Mark angewachsen. Die beratenden und ausführenden Organe der Gesellschaft werden teils gewählt, teils vom sumwus episcopus scientiarum (obersten Bischof der Wissenschaften, wie man den kaiserlichen Pro- tektor nennen könnte) ernannt. Es ist also dafür gesorgt, daß die kaiserliche Wissenschaft weder kapitalistische noch absolutistische Interessen verletzen darf. Freilich ist es mit dem Racker Wissenschaft ein heikel Ding: man weiß nie, zu welchen Konsequenzen und Folgen sie führt. Die größten technischen, sozialen und ideologischen Umwälzungen hat gerade die Natur- Wissenschaft im letzte» Jahrhundert hervorgerufen, und sie wird ihre revolutionäre, Wirtschaft und Menschen unigestaltende Rolle auch in Zukunft weiter spielen. Für die zunächst geplanten chemischen Forschungsinstitute wurden die Professoren Ernst Beckmann(bisher in Leipzig) und Fritz Haber(bisher in Karlruhej berufen. Beide haben sich als tüchtige Praktiker bewährt, Beckmann hat insbesondere die Nahrungsmittel- (Hernie, Haber die Elektrochemie gefördert. DaS Theater der Taubstummen. Aus London wird berichtet: Eine ungewöhnliche Theatervorstellung hat in diesen Tagen in tarringay ftattgefimden. eine Aufführung, bei der man weder im ublikum noch auf der Bühne ein Wort sprach oder hörte. Es war «ine Vorstellung, die im Auftrag der Königlichen Gesellschaft zur betonten, daß eS so nicht mehr weiter gehen könne. Aber flugs erklärte der Abgeordnete Fleischer in seinem Fachorgan, das sei Aufreizung zum Klasicnkampf, und der christliche„Gcbirgs- böte" schlug in die gleiche Kerbe gegen die christlichen Gewerl- schaften. Wir Sozialdemokraten sind für Aufhebung der Zündwareusteiier. Und meine Freunde haben auch in der Reilbsmertzuwackssteuer- Komiuission einen entspreckien Antrag gestellt, leider ist er dort ab- gelehnt; Sie haben dadurch beklkvdet, daß Sie die Steuer be- halten wollen. Auch der Staatssekretär meint, er hat 15.7 Millionen durch die Steuer und die will er behalten. Er warnte vor der Ab- schaffung als vor einem verhängnisvollen Experimentieren. Warum ist es den Experimentierenden erst jetzt verhängnisvoll, warum war es das nicht bei der Einführung der Steuer? Dabei wäre die Aufhebung gar kein Experiment, sondern nur die Wiederherstellung des alte» Zustaudes. Der Staatssekretär ist auck darüber unmutig, daß gerade gegen dieses Ge'etz so stark„gehetzt" werde. Er bat eben eine große Vorliebe für indirekte Steuern namentlich für solche, bei denen das Volk nicht so leicht merkt, was es zahlt; aber wir verlangen direkte Steuern, damit jeder weiß, was er zu zahlen hat. Der Staatssekretär hielt eine sehr schöne Rede über die Er- ziehung zur Sparsamkeit. Daß er uns diesen alten Rat gibt, be- weist, daß er sich nicht mehr wohl süblt. Sein Vorgänger, Herr. Stengel, gab uns denselben Rat bei der Finanzreform von 1900, Damals sagte er. Bier braucht man ja nicht zu trinken, der Bier- und Tabaksteuer kann sich jeder entziehen. Wenn das deutsche Volk solch schönen Rat befolgen würde, müßte es bald verhungern, denn in Deutschland sind ja all« NahrungS- und Genußwittel mit Stenern belegt, auch das Reich würde dann nichts bekommen, da sein Etat nur auf die in- direkten Steuern aufgebaut ist. Man tut gerade so, als ob bisher eine Verschwendung mit Zündhölzern getrieben ist und die Bevölkerung deshalb unter Vormundschaft gestellt ist. Der Staatssekretär hat sich mit großer Liebe der Steuerkiuder des schwarzblauen Blocks angenommen und sie als eine recht hoffnungs- volle Schar bezeichnet. Deshalb will er dieses eine nicht missen. Das Monopol hat er gester» abgelehnt. Ich konnte gestern nicht heraushören, ob es eine wirkliche entschiedene Ablehnung war. Aber selbst wenn das der Fall wäre, so ist allzuviel bei unserer Regierung darauf nicht zu geben, ich erinnere nur an Fürst Bülows Wort: Ohne Erbschaftssteuer wird die Finanzreform nicht gemacht.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Aber jeden- falls lehnt er das Monopol ab und w i r tun eS ebenfalls, denn Monopolware ist überall teuer und schlecht. Die Nationalliberalen haben die Steuer als ein Bei- spiel für die Leichtfertigkeit der Gesetzgebungskunst des schwarz- blauen Blocks bezeichnet. Aber trotzdem ist Herr Osann nicht bereit, das Gesetz aufzuheben. DaS ist alles echt nationalliberal, erst waren sie bereit, die Steuern zu bewilligen. dann waren sie wieder ein biff'el dagegen und nannten eS ein leicht- fertiges Gesetz, das den Betrieb ruiniert. Aber das Gesetz aufheben, Gott bewahre I Die deutsche Zündholzindustrie ist auf daS russische Faßholz an- gewiesen und dieses hat wieder der schöne Zolltarif 1902 verteuert. Ich möchte an Sie den Appell richten, im Interesse der Tausende von schwergeschädigten Arbeitern, im Interesse der schwer- geschädigten Industrie die Aufhebung der Ziindwarensteuer zu beschließen. Ueber diese Steuergesetze, die sich je länger je mehr als viel gefährlicher herausstellen, wie man vorausahnen konnte, rechnen wir bei den Wahlen gründlich ab. Sie reden so viel über nationale Aufgaben. Die größte nationale Aufgabe ist jetzt, den schwarzblaucn Block zu zertrümmeru und mit den Leuten, die solche Gesetze geschaffen oder Beihilfe dazu geleistet habe», auf- zuräumen. Schärfster, rücksichtslosester Kamps gegen eine Mehrheit, die solche Gesetze beichlicßt.(Lebhaftes Bravo bei den Sozial- demokraten.) Abg. Frhr. v. Gamp-Maffaunen(Rp.): Wir find keine Bewunderer der Zündholzsteuer und hätten andere Steuern vorgezogen. Aber die Herren der Linken entzogen sich ja der Mitwirkung. Nach- dem wir die an sich gewiß nicht ideale Zündholzsteuer einmal be- konrmen haben, können wir sie nicht so ohne weiteres abschaffen. Herr Schöpflin hat viel zu sehr verallgemeinert, wenn auch gewiß vielerorts die Zündholzsteuer als drückend empfunden wird. Wir sind bereit, die Korrekturen der Steuer vorzunehmen, die notwendig sind, die Industrie zu erhalten. Wir haben so viel soziales Empfinden und so viel Miileid, daß wir uns der Frage der Ent- schädigung nicht durchaus ablehnend gegennberst. llen. Die Mittel, um für die geschädigten Arbeiter einzulrelen, müssen natürlich durch Unterstützung der Taubstummen veranstaltet wurde und bei der vier von den auftretenden sechs Schauspielern taubstumm waren. Man gab das Lustspiel.Für nichts gut" von Buckiloue. das bei einer ge- ivöhnlichen Aufführung eine Zeit von vielleicht 50 Minuten bean- sprucht hätte, in der Taubstuiiiinendarslelluug aber erheblich länger dauerte, weil die Wort- und Laittzeichen mehr Zeit erfordern als das gesprochene Wort. ES konnte überraschen, wie die völlige AllSschaitung des Ohres die dramatische Wirkung nicht beeinträchtigte; im Gegenteil, die Notwendigkeit, durch den Körper auszudrücken, was sonst Stimme und Tonfall vermitteln, zwang die Darsteller, ihren Gebärden eine Realistik zu geben, die man bei mancher anderen Thealcrauffübrung vergeblich suchen mag. Nur zwei der Schauspieler, die mit der Taubstummeniprache nicht ge- nügend vertraut waren, mußten hin und wieder die Finger in An- ipruch nehmen, um einzelne Worte zu buchstabieren. Das Pttblikinn verstand alle» vollkommen, und nian konnte beobachten, wie die Natur die Unglücklichen, denen sie die Gabe des Wortes und des Hörens versagte, diese Enterbten durch ein köstliches Gegengeschenk entschädigt hatte: durch einen ausgesprochen lebeiidigeu Sinn für Humor und Komik. Man sah das Auditorium von Herzen lachen, und mehrfach wurde bei komischen Stellen das Spiel durch ein be- geisterteö Klatschen unterbrochen. Ein Brief Gobineauö auS den Kommunetagen. Im„Journal des DvbalS" veröffentlicht T. de Visa» eine Reihe von Briefen, die Graf Gobineau, der Begründer der„Rasienlbeorie", im Jahre 1871 an seine vor einigen Tagen verstorbene Frau gerichtet hat. In einein dieser Briefe, der in dem von den Versaillern belagerten Paris am 14. April geschrieben ist, sagt Gobineau:„Uns allen gehl es sehr gut und tvir sind vollkommen ruhig und in Sicherheit— bis auf die Unntöglichkeit, aus Paris hinauszukommen. Du darfst nicht alles glauben, was die Zeitungen schreiben. Die Unordnung, die man sich vorstellt, ist nicht im geringsten vorbanden. Die ver- hasteten Geistliche» werden durchaus nicht mißhandelt. Die Kam« niune ist weit weniger gewalttätig, als sie sich den Anschein gibt" DieieS Zetigniö des den Revolulionären nichts weniger als günstig gesinnten feudalen Sozialttieorctikers ist eine neue Widerlegung der Verleumdungen, die mit besonderem Eifer just von jenen wieder- gekäut werden, die sich heute Gobineaus Schüler nennen. Wieder ein genähtes Herz. Das Raufen in Bayern scheint jetzt etwas weniger gefäbrlich� geworden zu sein. Wenigstens zeigt ein Beispiel, da? Dr. Fuchsig vor dem Verein der Aerzte in Ober-Oesterreich vortrug, daß jetzt selbst so schwere Verletzungen, wie sie früher unbedingt zum Tode sührten, unter Um- ständen noch geheilt werden können. Der fragliche Fall be- zog sich auf einen jungen Maurer, der beim Nausen einen Stich in die Brust erhallen hatte. Er muß eine gute Natur gehabt haben, da er trotz der später festgestellten Verletzung eine Ersatzsteuer geschaffen werden. Wenn die Sozialdemo- kraten dann dagegen stimmen werden, wird sich zeigen, daß es ihnen mit der Fürsorge für die Arbeiter gar nicht ernst ist.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: E r b s ch a f t s st e u e r I) Der Herr Staats- sekretär bat schon gesagt: eS genügt nicht, irgend eine Steuer zu nenne», schaffen Sie eine Majorität für die Erbschaftssteuer oder die Vermögenssteuer, dann können wir weiter darüber sprechen. Abg. Kulcrski(Pole): Die Notlage der Zündholzindustrie ist »ichl bestritten. Eine Eutschädigung der Arbeiter halten auch tvir für geboten. Das sympathischste wäre uns die Aufhebung der Steuer, gegen die wir immer gewesen sind. Abg Lattmaun(Wirtsch, Vg.): Die Interpellation ist doch wohl etwas Wahlmache, sonst hätte der Interpellant die Ersatzsrage ernster behandeln müssen. Die Unannehmlichkeiten und Schwierig- keilen, uiter denen die Zündbolzindustrie zu leiden hat, sind keines- wegS ausschließlich von der Steuer veranlaßt; andererseits hat aber auch die Steuer zur Vermehrung der Schwierigkeiten beigetragen. Vielleicht werden mir der Eiilschädiguugsfrage näher treten müssen, vorher aber muß über den Umfang und die Deckung der Entschädi- guilg Klarheit geschaffen werden. Zuzugeben ist, daß die Zündholz- steuer mehr als alle anderen Stenern Entrüstung im Lande hervor- gerufen hat.(Hört! hört! rechts.) Man sollte die Zündholzsteuer durch die Dividendcusteuer ersetzen.(Bravo I rechts.) Abg. Werner(Antis.): Man hätte die I n s c r a t c n st e u e r einführen sollen, dann wäre die Zündholzsteuer überflüssig gewesen. B?it der Aufhebung der Steuer ist eS nicht getan, es muß auch für Ersatz gesorgt werden. Nachdem die reichen Verleger«in die Jiiierateiisteuer herumgekommen sind, sollte man an eine Abonnenten- stcurr denken.(Bravo! bei der Reformpartei.) Abg. Dr. Hcckschcr(Vp.): Uns war es mit unserer Jnter- pellation darum zu tun, vor dem Lande zu zeigen, wie eine von der konscrvativ-klerikalen Mehrheit beschlossene Steuer eine bedcnt- same Industrie, Unternehmer wie Arbeiter, auf das schwerste geschädigt hat. Vergebens haben sich der Staatssekretär und die Redner der Mehrheit bemüht, den Gegenbeweis zu führen. Der Herr Schatzfekretär wies auf das Ausland hin, wo zum Teil die Zündhölzer noch höher belastet seien, als bei unS. Warum zieht man nie das Ausland Hera», wenn eS sich um konstitutiv- uelle Forderungen handelt?(Sehr gut! links.) Graf OpperSdorff suchte die Zündholzsteuer der Linken als Kind unter- zuschieben.(Große Heiterkeit.) Nein, Herr Graf, die Zündholz- sreuer ist ein legitimes Kind der Rechten und des Zentrums. Das Zentrum wirft uns vor, daß wir bei dieser Interpellation keine praktischen Vorschläge gemacht haben. Dabei ist es gerade das Zentrum gewesen, daS in der Kommission durch seine Verschleppungstaktik verhindert hat, daß aus unseren Anträgen etwas wurde, die Möglichkeit zu schaffen, bei Interpellationen Anträge zu stellen.(Sehr wahr I links.) Nicht unsere Aufgabe ist es, Vorschläge zum Ersatz der Steuer zu machen, sondern die Herren. die die Suppe eingebrockt haben, mögen sie auch ausessen. (Bravo I links.) Damit schließt die Besprechung. Abg. Oslin»(natl.): Herr Schöpflin hat gesagt, meine Freunde seien grundsätzlich für die Aufrechterhaltung der Steuer. Ich habe nur gesagt, nach den Erklärungen der Regierung sei auf eine Auf- Hebung nicht zu rechnen. Hierauf werden eine Reihe von RcchnungSsachen debattelos erledigt. Bei der Rechnung für den HauShalt der afrikanische» Schutzgebiete für 1902 und 1903 ergreift das Wort Abg. Rosle(Soz.): Der vorliegende Bericht ruft die Erinnerung wach an die Zeiten der a l l e r ä r g st e n K o l o u i a l s ch l a ni p e r e i. In den Jahren 1902 und 1903 ist im Etat den Schutzgebieten nur eine sehr geringe Bedeutung geschenkt. Jetzt ist ja angeordnet, daß korrekter verfahren wird, und man erhält auch den Eindruck, daß es geschieht. Wir sehen, daß die Kritik hier endlich einen Erfolg gehabt hat, uin so unberechtigter war ihre ftühere Zurückweisung. Charakteristisch ist, daß wir erst nach 20jähriger Arbeit dahin gelangt sind, daß nicht mehr mit der früheren Leichtfertigkeit und Lodhrigkeit verfahren wird. Wie wenig man sich in den Schutzgebieten um den Rat gekümmert hat, dafür liefert der Bericht des Rechnungshofes einige Beispiele. Eine genaue Nachprüfung über die richtige Vcrlveudung der Gelder ist, wie er sagt, zum Teil gar nicht möglich Quittungen über Beträge von 1800 M. sind einfach verloren gegangen und sonstige Belege sind nicht vorhanden. Wenn das ichon in ruhige» Zeiten geschieht, köliiieirwir uns nicht wundern. daß der Umfang der nicht beizubringende» Belege wahrend des Auf- standes einen geradezu riesigen Umfang angenominen habe. Das sind aber alles Läppereien im Vergleich zu anderen Dingen. In Südwestafrika hat die Eisenbahuverwaltung ursprünglich das des Herzens und trotzdem er erst sechzehn Stunden nach der Verwundung ins Krankenhaus kam, doch noch ge- rettet werden konnte. Der Arzt konnte daher zunächst gar nicht a» eine Verletzung des Herzens glauben, sondern stellte die Diagnose, daß der Stich den Magen getroffen habe. Bei der Operation jedoch ergab es sich, daß der Magen unverletzt war, dagegen das Herz durch daS Zwerchfell hindurch eine zwei Zentimeter lange Stich- wunde erhallen halte. DaS Blut schoß in dickem Strahl daraus hervor, ließ sich aber soweit stillen, daß eine kunstgerechte Naht an- gebracht werden konnte und darauf hörte die Blutung gänzlich auf. Auch die Wunde im Herzbeutel und im Zwerchfell wurde laugsam vernäht. Um die Lebenskraft zu beben, wurden Klystiere mit Kochsalz und Digitalis verabreicht. Die Herztöne waren noch mehrere Tage unklar, der Puls blieb stark gesteigert, und das Fieber dauerte bis zum elften Tage. Dann aber trat eine ununterbrochene Genesung ein, und nach etwas inehr als einem Monat konnte der Kranke als völlig geheilt entlassen werden. Wieder ein Beweis sür die enormen Forlichritte, die von der Chirurgie in der Behandlung der zartesten Organe gemacht worden sind. Uebrigens ist von einem anderen Fachmann hervorgehoben worden, daß die Veränderungen, die daS Herz bei Truukiüchtigen erfährt, eine Rettung auf chirurgischem Wege bei solchen Verletzungen unmöglich machen köimcn. Notizen. --Theaterchronik. Das Lessing-Theater nimmt nächsten Sonntag die regelmäßigen Sonntagnachnilttags-Vorsiellungen mit„Rosenmontag" wieder auf. — Vorträge. Die Ortsgruppe Berlin der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft veranstaltet am Freitag, den 13. Januar. Sl/4 Uhr, im Rathaus. Zimmer Nr. 109 (Eingang Jüdenstraße), einen Vortragsabend. Herr R. Weiße spricht über:„Kautschuk, seine Anpflanzung, Gewinnung und Ver« Wendung."(Mit Lichtbildern.) Gäste haben freien Zutritt. — Wissenschaftliche Kinematographie. In der „Gesellschaft natnrforschender Freunde" wurde am Dienstag die Ent- ivickelung eines befruchteten SeeigeleieS kinemalographisch vorgeführt. Und wenn sie a»ch naturgemäß nichts Neues zeigen konnte— ist doch gerade das Seeigelei, seine Befruchtung und fortschreitende Teilung ein bevorzugtes Objekt mirroskopischcr Forschung—. so war der wie lebend vorgeführte, wenn auch zusammengezogene und dramati» sierte biologische Prozeß von größtem Reiz. Tie Vorführung, die vom Institut für wissenschaftliche Kinematographie ausging, bewies. loelche interessante und fruchtbare Aufgaben, besonders für die Po- pularisierung wissenschaftlicher Ergebnisse, der durch den Kientopp etwas degradierten Kinematographie harren. Die Veranstaltung wird am 1ö. Januar im Blüthnersaale öffentlich mit erläuterndem Vortrage wiederholt. Personal derprodlantieri und für daS dierte Quartal 1902 find die Susgaben hierfür im Betrage von etwa 6009 M. zweimal nach- gewiesen. Ein gegen den Proviantmeister anhängig gemachtes Strafverfahren ist wieder eingestellt worden. Aber auch zivil- rechtlich kann er nicht haftbar gemacht werden, VtU nach dem Ermittelungsverfahren sämtliche Belege verloren gegangen sind. (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten) Da hört doch alles auf. Hier mich man doch fragen, wer diese Sachen in Veiwahrung hatte und ob dieser Mann nicht noch nachträglich zur Rechenschaft gezogen werden kann. Wir müssen diesen Feststellungen um so größere Bedeutung bei- legen, als schon jetzt feststeht, daß auch in den folgenden Jahren zum Teil nicht geringere Ungehörigkeiten vorgekommen sind. In dem uns gestern zugegangenen Bericht für das Jabr 1904 Hobe ich schon bei flüchtiger Durchsicht diesclben groben Unregelmäßig- kritrn feststellen müssen. Im Jahre 1902 allerdings war die Schlamperei der normale Zustand. Die Rechnung für 1903 bringt uns die Erinnerung an den früheren so viel genannten Gouverneur von Kamerun, Herrn v. Pu tt- ka mer. Er hatte 1902 20 000 M. für das Gouvernememhans anfordern lassen, und dann, ohne daß der Reichsing es bewilligt hatte, und gegen den Befehl seiner vorgesetzten Behörde, 164 000 M. verwendet. Statt eines einfachen Anbaues ließ er ein großartiges Gouvernementshaus errichten. Jeder Unterbeamte, der so gegen die Befehle der vorgesetzten Behörde handelt, würde natürlich disziplinarisch bestraft werden. Hier sagte das Kolonialamt. es sah sich genötigt, da der Bau schon halb fertig war, den Weiterbau zu genehmigen. Das Reichsschatzamt betonte aller- dings schon damals, der Gouverneur müsse haftbar gemacht werden, falls die Kosten den Betrag von 70 000 M., die das Kolonialamt nunmehr in Anschlag brachte, überschreite. Der Gou- verneur hat dann mitgeteilt, er würde nach den Anweisungen des Kolonialamts verfahren. Er hat aber dann lustig weitergebaut und auch die 70 000 M. noch um mehr als 80 000 M. überschritten, die jetzt der Reichstag bewilligen soll, falls er Herrn V. Puttkamer laufen läßt. Daß Herr v. Puttkamer wiederholt die Befehle seiner vorgesetzten Behörde in den Wind geschlagen hat, kann doch kein Grund sein, ihn nicht haftbar zu machen, um so mehr, als das Reichs- schatzamt ihn seinerzeit daraus hingewiesen hat. Ich meine, hier muß ein Exenipel statuiert werden.(Bravo I bei den Sozial- demokroten.) Abg. Dr. Görcke(natl.): Naturgemäß ist an die Kolonren ein anderer Maßstab anzulegen, als an die Verhältnisse in der Heimat; ober in Geldsachen hört die Gemütlichkeit aus und mit Reichsgeldern darf auch jenseits des Ozeans nicdt gewüstet werden.(Sehr wahr l links.) Auch ich muß scharf das Verhallen der Regierung in Sachen des Kameruner Regierungsgebäudes rügen. Ob freilich Herr v. Puttkamer. wie der Vorredner will, regreßpflichtig zu machen ist, müßte erst untersucht werden. Abg. Erzberger(Z.); Diese verspätete Rechnungsablegnng macht da? Budgetrecht des Reichstages nahezu illusorisch. Der RechnungS- Hof sollte bei diesen Debatten hier im Hause vertreten sein. Alle Parteien des Reichstags verlangen geordnete koloniale Rech- nungslegung. Wann kommt endlich die Regierung diesem be- rechtigten, einmütigen Verlangen des Reichstags nach? Der ssall deS Regierungsgebäudes in Buna ist vielleicht die krasseste Miß- ochtnng des BudgetrcchtS, die wir hier erlebt haben. Staatssekretär des Reichskolonialamts v. Lindeqmst gibt der Hoffnung Ausdruck, daß in Zukunft die Rechnungslegung, die ja leider, freilich aus begreiflichen Gründen, zurzeit sehr im Rück- st a n d e sei, prompter erfolgen werde. Es ist zuzugeben, daß beim Bau deS Regierungsgebäudes von Buna sich sehr bedenkliche etatSrechtliche Verstöße ereignet haben. sHört I hört!) Aber dem Gouverneur standen mildernde Umstände zur Seite. So war z. B. ein Sitzungssaal dringend notwendig. Ich denke, daß in Zukunft solche Verstöße nicht wieder vorkommen werden. Abg. Dave letzt. Die Situation war so ernst, daß Polizeimajor Klein mit sich beriet, ob er nicht von der Schuß- waffe Gebrauch machen lassen solle. Zum Glück ertönte in dem» selben Augenblick die Fabrikpfeife, die Arbeiter gingen an die Arbeit, die Unruhen waren hier beendet. Von mm an gestalteten sich die Dinge ander». Wenn die Unruhen bisher nur aus Erbitterung der Arbeiter- bevölkerung gegen die Arbeitswilligen und die Polizei ent- standen waren, io kam vom Abend des 26. Sepieniber ab in erheb- lichem Teil der Mob, der Janhagel hinzu. Die Polizei konnte an- nebmen, daß nach Fabrilschluß, wenn sich die aus den Fabriken heiuikehreiiden Arbeiter von der Straße verlaufen hatten, wieder Ruhe eintreten würde. Darum zog sie sich zurück. DaS benutzte der Janhagel, der nun mit aller Gewalt hervorbrach. Da einstanden die schweren Angriffe auf das Eigentum. Schutzleute wurden verfolgt und verletzt, bei Preuß wurde der Laden zerschlagen, Pastor Schwebel wurde belästigt. Trotzdem es der Arbeiterbevölkerung zum Bewußtsein kommen mußte, wie hier der Janhagel gehaust hatte, und sich die anständige Bevölkerung von dieiem Treibe» zurückziehen mußte, geschah daS Neue, daß nach den Schutzleuten aus den Fenstern geworfen wurde. Darauf erhielten die Beamten den Besehl, jeden Wurf aus den Fenstern mit der Schußwaffe zu beantworten. Am Abend des 27. September herrschte in der Rostocker Straße ein Zustand, von dem Major Klein sagte, e» sei die richtige Anarchie geweien. Als darauf die Polizeibeamten mit Karabinern bewaffnet erschienen, trat Ruhe ein. Das Erscheinen der Karabiner muß die Gefimwng der StviMenmg geündert hn?en. Trotzdem sich alle diese schweren Vorgänge ereignet hatten und man sehen mußte, was danach koinmt, wurden noch später, namentlich am 4. und 5. Okiober Arbeitswillige, und zwar nicht die von Hintze beschafften, sondern solcke, die zu dem besseren Teil der Arbeitswilligen gehörten, mißhandelt, sobald sie aus dem Gesichts- kreis der Polizei waren. Die Arbeitswilligen wurden auf der Straße angegrissen und in das Pilzsche Lokal geführt. An diesen Mißhandlungen haben sich mcht nur die Koblenarbeiter beteiligt. die Rechtsanw. Rosenfeld als minderwertige Elemente bezeichnete, fondern eS ist uns bekundet worden, daß Arbeitswillig«, die nach dem Pilzschen Lokal gebracht und zum Anschluß an den Streik bewegt wurden, von Streikenden begleitet worden sind, um sie vor Angriffen von feiten der Arbeiter der A. E.- G. und der Löweschen Fabrik zu schützen. Die Verteidigung führt zur Entschuldigung der Angeklagten ver- schiedene Momente an: dir Provokasio» durch die Arbeitswilligen, die Mnßirahiiieil der Polizei und daß die Beamten in einer großen Zahl von Fällen ihr Amt mißbrauchten. Was die Pro- dokation durch die Arbeitswilligen betrifft, so kann von einer solchen an den ersten Tagen keine Rede sein. Auch nicht bei den Vorfällen am 4. und b. Oktober, wo Arbeitswillige auf der Straße überfallen wurden. Dagegen wird man zugeben muffen, daß die Leute, die Hinge hergebracht hat, anderer Art sind, wie die sonstigen Arbeitswilligen. Wenn man bedenkt, wie die Hintzeicbe» Leute geworben wurden, so wird man annehmen müssen, daß bei ihnen«ine gewisse Abenteurerlust herrscht. Man wird auch annehmen müssen, daß es der Polizei nicht gelungen ist. die nach dem Kohlenplatz gebrachten Arrestanten in allen Fällen vor Mißhandlungen durch die Arbeitswilligen zu bewahren, dre sich auf dem Platz berumtrieben und die Gelegenheit benutzten, um ihre Abeuteurerlust zu betätigen. Was die Maßnahmen der Polizei betrifft, so erklärt die Ver- teidigung. die Aufforderung:„Fort vom Fenster, sonst wird ge- schössen", sei erfolgt, um unbequeme Zeugen zu entfernen. Näher liegt jedoch die Annahme, daß. nachdem aus Fenstern und von Balkons geschossen war, diese Maßnahme der Polizei durchaus zweckmäßig war, um das Werfen zu verhindern.— Das hat die Leute erregt, ebenso die Absperrung der Siraßen. ES muß berück- sichtigt werden, daß in einem stark bevölkerten Stadtteil jede der- artige Maßnahme Erregung hervorrufe» mußte. Dasselbe gilt von den Atrocken. Aber das Gericht muh ablrhuen zu entscheiden, ob diese Maßnahmen der Polizei richtig getroffen sind. Das sind tech- niiche Maßnahmen, die hinterher vom grünen Tisch aus nicht in bezug auf ihre Zweckmäßigkeit und Nolloendigkeit beurteilt werden können. ES wird behauptet, die Polizei habe sich des MißbranchS der Amtsgewalt schuldig gemacht und dadurch Erregung hervorgerufen. Räch dieser Richtung iitiißte Beweis erhoben werden, weil das für die Strasabmessnng erheblich ist. Auf den Umfang dieser Beweis- erhebung hat das Gericht keinen Einfluß nach der Strafprozeßordnung und der Judikamr des Reichsgerichts. Eshateinaußerordentlichnmfangreicher Beweis stattgefunden. Es muß als erwiesen gelten, daß Mißgriffe undNeber- fchrritungen der Amtsbesngnisse vorgekommen sind. Es fragt sich, ob vereinzelt, oder in groger Zahl und von welchem Zeitpunkt au. Um das festzustellen, mutz man die Zeugenaussage» abwäge». Jeder Zeuge hat Anspruch darauf, daß das. was er vor Gericht bekundet, so lange als wahr gilt, bis nachgeioieien werden kann, daß er eine falsche Aussage beschworen hat. Das entbindet aber das Gericht nicht von einer sorg- same» Prüfung, ob die Beiuiidungen der Zeugen den Tatsachen ent- sprechen. Das ist ja im vorliegenden Falle außerordentlich schwer Viele Zeugen haben nur einen Teil der Vorgänge beobachtet. Darunter leidet ihre Objektivität. Die Verteidigung hat ja anerkannt, daß Haß gegen die Polizei besteht. Haß erschwert aber die Beobachtung und Beurteilung. ES ist auch zu berücksichtigen, daß seit den Vorgängen eine Zeit velflossen ist, daß seitdem überall. besonders in der Presse von den Vorgängen gesprochen wurde. Man mutz annehmen, daß. je mehr der Ptvzeß dem Ende nahe kam. die eigenen Wahrnebinungen der Zeuge» und das, was sie«gehört hatten, durcheinandergingen Den Polizeibeamten ist vor- ? geworfen, daß ihre Bekundungen ungenau und unrichtig gewesen eien. Hier ist zu berücksichtigen. daß es sich in allen Fällen um Vorgänge handelt, die sich � blitzschnell abspielten. Die Zeuge» baben gesagt. waS sie in ihrer Eriiineriing hatten. Wenn diese Zeugen, wie Rechtsanwalt Heine sagte, unter die Zange genommen wurden, so ist nicht zu verwundern, daß sie dann in ihren Angaben unsicher wurden. In dieser Hinsicht ist Polizeileutnant Falle ein krasses Beispiel. Er war zuerst außer» ordentlich ruhig und gewandt. Als dann fortgesetzt seine Wahr- heitsliebe angegriffen wurde, da wurde er unsicher, unruhig und zum Schluß sogar nervös. Wenn sämtliche Einzelheiten einer Aussage nadjgeprüft werden— livelcher Zeuge soll dann noch sicher bleiben? Also der Vorwurf, daß dieser Zeuge bowußt mit der Wahrheit zurückgehalten hat, muß zurückgewiesen werden. Das gilt besonders auch von dem Polizeileutnant Götze. Polizeileutnant Schirmer soll sich widersprochen haben. Es ist zweifelhaft, ob das, was er tat, gesevlich war. Aber den Eindruck hat er gemacht, daß er nickst mit der Wahrheit hinter dem Berge hält. Auch der Schutz- mann Metz hat keine bewußte Unwahrheit gesprochen, sondern sich geirrt, als er in einem der Zeugen einen der Angreifer auf einen Kohlenwagen zu erkennen glaubte. Auch im Falle Pfloumbaum kann dem Polizeileutnant Folte kein Vorwurf gemacht werden. Kann sich denn nicht Frau Pflaumbaum geirrt haben? Hat si« nicht in anderer Hinsicht geirrt?.Hat sie un» nicht gezeigt, wie mit den Mngnesiumfackeln geschlagen wurde, obgleich uns der Brand- meister bekundete, daß die Fackeln brechen, wenn damit geschlagen wird? Wenn man olles das berücksichtigt, dann bleibt soviel be- stehen: Es handelt sich nicht um vereinzelte Mißgriffe der Be- amten, sondern das Gericht bat die Ucvcrzeugnng. daß Mißgriffe und Uebergriffe der Polizeibeamten in größerer Zahl vorgekommen sind. Besonders sind vielfach grundlose Beleidigungen und Be- schimpfungcn von Beamten verübt worden. Es ist ckoer erwiesen, daß sich das erst datiert von dem Vorfall mit den Löweschen Ar- bcitern am 26. September. Umgekehrt muß man auch berück- sichtigen, daß die Polizeibeamten in jenen Tagen den schwersten Dienst hatten, sich in Lebensgefahr befanden und bis aufs Blut gereizt wurden, und daß die ruhigen Bürger für den Janhagel Partei ergriffen. So sind die Uebergriffe der Beamten bedauer- lich, aber menschlich zu erklären. Es ist die Pflicht des Gerichts, die Vollstreckungsbeamten, die ein schweres Amt haben, mit voller Energie zu schützen. ES ist nicht erwiesen oder doch nicht hinreichend aufgeklärt, baß Lockspitzel in Moabit tälig waren. Ob in früheren Zeiten Lock» spitze! tätig waren, kommt hier nicht in Betracht. Es ist ferner nicht erwiesen, daß der Waffenmißbrauch nur auf Lust an Roheit zurückzuführen ist. Die außerordentliche Erregung der Beamten hat dabei mitgesprochen. Völlig beweiSlos ist die, freilich nur an- dcutungsweise aufgestellte Behauptung, die Lokalleitung der Ber- liner Polizei habe den Waffenmißbrauch gewollt oder gar zu Zwecken der Provokation gewünscht. Hier muß im Gegenteil daraus hingewiesen werden, daß in den Tagen Berichterstatter der Zei- kungen aller Parteien in Moabit anwesend waren, Berichterstotter, die eine sogenannte objektive Korrespondenz haben, die sie sowohl dem„Vorwärts" wie der„Kreuz-Zeitung" zustellen. Die Beamten haben auch den Journalisten bereitwillig Auskunft über den Ort der Unruhen gegeben. Herr Steinberg sagte hier, er halte sich sonst vollkommen zurück, als er aber sah, wie die Polizei bei ihrem Zurückgehen aus einem Lokal mit Steinen beworfen wurde, da stieg ihm das Blut deS Staatsbürgers zu Kopf, er machte die Polizei auf das Lokal aufmerksam, und et nahm selbst einen Mann fest, der allerdings entkam. Aus diesem Gesamtbild heraus müssen die Straftaten der An- geklagten beurteilt werden.— Der Vorsitzende geht hieraus kurz auf die einzelnen Fälle ein. Zum Fall Pilz führt er auS: In dem Lokal von Pilz hatten die Streikenden sich niedergelassen, und eine Anzahl von Arbeitswilligen wurde in das Lokal geführt. Zu diesen gehörten auch die Zeugen Wellschmidt und Gottschalk. Das Gericht Kalt für erwiesen, daß Gvttschakk nichk mn bsn Skreikenben Vorhaltungen gemacht worden sind, sondern daß ihm auch Pilz gesagt habe, er sollte sich schämen, zu arbeiten, man werde ihm die Knochen im Leibe entzweischlagen. Da diese Drohung den Gottschalk zur Niederlegung der Arbeit veranlaßt hat, so mußte Pilz wegen Ver- gehens gegen§ 153 der Gewerbeordnung verurteilt werden. Was den Fall Wellschmidt betrifft, so ist erwiesen, daß Wellschmidt zu- nächst in den Hinteren Räumen des Lokals gewissermaßen vor ein Tribunal gestellt wurde, daß er dann nach vorn kam, von Pilz auf Anordnung der Streikleitung Essen und Bier bekam und daß er schließlich von den Streikenden, die aus den Hinteren Räumen kamen, geschlagen wurde. Nun soll nach der Darstellung Well» schmidts Pilz ihn zurückgestoßen oder zurückgehalten haben. Das Gericht verkennt aber nicht, daß dnS Zeugnis Wellschmidts allein nicht ausreicht, um einen bisher unbescholtenen Mann zu ver- urteilen. Wellschmidt selbst mag alles für wahr halten, was er sagt, aber es bleibt immer noch zweifelhast, ob es wirklich so ge- Wesen ist. Es bleibt die Lücke im Belveis, wie weit Pil, an der Mißhandlung des Wellschmidt beteiligt ist, ob Mittäterschaft, Bei- Hilfe oder überhaupt eine Straftat vorliegt. Nach eingehendster Beratung ist das Gericht da zu einem ncm liquet(es steht nicht fest) gekommen. In diesem Falle wird Pilz freigesprochen. Es handelt sich um die ganze Existenz eines Menschen, und da muß ein schärferer Matzstab angelegt worden. Das Gericht kann hier die Verantwortung für eine Verurteilung nicht übernehmen, es hat hier nicht die Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten gewonnen. Hinsichtlich des Strafmaße? ist zugunsten der Angeklagten eine gewisse Erregung geltend zu machen und daß sie zu" den weniger gebildeten Leuten gehören, die sich leicht zu Tätlichkeiten hinreißen lassen, und daß totsöcklich die Meinung vorhanden war, daß die Beamten in vielen Fällen Mißbrauch mit ihrer Amtsgewalt ge- trieben haben. Aber zuungunsten der Angeklagten mutz berück- sichtigt werden, daß durch die Vorgänge ein ganzer Stadtteil in Unruhe versetzt und der öffentliche Frieden außerordentlich er- schüttert war. Jeder, der dabei mitgewirkt hat, mutz die ganze Strenge des Gesetzes fühlen, damit sich derartige Vorgänge nicln wiederholen. An sich kommt nur die Tat der Angeklagten in Frage. Das Verhalten nach der Tat kommt nur soweit in Frage, ob der Angeklagte aufrichtige Reue zeigt. In solchem Falle könnte die Strafe milder ausfallen. Di« Angeklagten haben aber nur in geringem Matze ein offenes Geständnis abgelegt und Reue gezeigt. Daß ein Angeklagter aus guter Familie stammt und gut erzogen ist. kann nicht strafmildernd, sondern eher strafschärfend wirken.— Das Gesetz geht davon aus, daß die Tat strenger zu bestrafen ist, wenn sie sich nicht gegen einen einzelnen, sondern gegen die Ge- samtheit rickitet. Der Rechtslehrer Jhering sagt in seinem Buche: „Der 5bampf ums Recht":„Die Gerechtigkeit hält als Svmbol in der einen Hand die Wage, mit der sie das Recht abwägt, in der anderen führt sie das Schwert, mit der sie es behauptet. Das Schwert ohne die Wage ist freilich die Willkür, aber die Wage ohne das Schwert ist die Ohnmacht des Rechts." Es muß also Schuld und Strafe bei jedem Angeklagten sorg- fältig abgewogen werden. Das ist geschehen. Die Begründung deS Urteils in den einzelnen Anklagefällen gab der Vorsitzende mit so leiser Stimme, daß sie trotz gespanntester Aufmerksamkeit an den Tischen der Presse nicht verstanden werden konnte. Wir können deshalb auS diesem Teil des Urteils nur wenig anführen. In bezug auf den Angeklagten Tiedemann hält das Gericht nicht für festgestellt, daß er geworfen oder geschimpft hat. Aber es gilt als festgestellt, daß er sich in der Menge befand, aus der nach einem Kohlenwagen, bezw. dem Arbeitswilligen geworfen und dieser verletzt und beschimpft wurde. Tiedemann ,st deshalb wegen Land- friedensbruch zu bestrafen, wobei berücksichtigt ist. daß er wegen des gleichen Delikts mit S Monaten Gefängnis vorbestraft ist. Ferner sind verurteitt: Merten und Raschtut wegen Landfriedens- bruch. Auch diese beiden befanden sich nur in einer Menge, die Ge- Walttätigkeiten verübte, an denen sich aber die Angeklagten nicht beteiligten. Bei P l a si e r liegt nur Beleidigung vor. Bei Sit- wicki und dem jugendlichen Georg Meher nimmt das Gericht Aufruhr an, weil es für erwiesen halt, daß sie aus einer Menge geworfen haben. Nörenberg, Muslewski. Frau Domi- niat und Breyer sind der Beleidigung schuldig befunden, Krämer der Beleidigung und des Widerstandes. H'a g e n ist wegen Widerstandes, Trepkowski wegen Beleidigung und Bock wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Ferner nimmt das Gericht an: bei Frau Fries« Beleidigung, bei H e i d e. H e i n e» mann und R o h t e ebenfalls Beleidigung.(Teilnahme an einer Zusammenrottung ist bei Rohte nicht erwiesen.) HermannWeiß ist verurteilt wegen Widerstandes(Wurf eines Blumen- topfes vom Balkon)/ Wand wegen Widerstandes und Sach- besckädigung, Schulz wegen Sachbeschädigung. Alb recht und Z o l l ch o w wegen Beleidigung, Otto Weiß wegen Auflauf und Unfug, Romanowski wegen Beleidigung, M i e r s ch wegen Beleidigung und Widerstand. Kliche, Eisen- reich, Senf und Weidemann wegen Beleidigung, Pilz wegen Nötigung und Vergehen gegen 8 153 der Gewerbeordnung. Hagen und Pilz, deren Strafen durch die Untersuchungshaft für verbüßt erachtet sind, werden freigelassen. Die Untersuchuiigs- Haft gegen Meyer, Heide und Wand wird aufgehoben und die Ent- lassung auch dieser Angeklagten angeordnet. Die lüoabiter Vorgänge vor dem Schwurgericht. Dritter Tag. Gestern wurde die Beweisaufnahme in sehr flottem Tempo fortgesetzt, so daß anzunehmen ist, dieser Prozeß werde in er- heblich kürzerer Zeit alz die Verhandlung vor der Strafkammer zu Ende kommen. Zunächst wurden noch Zeugen vernommen, aus deren Aus- sagen das Gericht sich ei» zusammenhängendes Bild von den Moabiter Vorgängen machen soll. Polizeileutnant Göhr, der cm der„Unterdrückung der Un- ruhen" beteiligt war, schildert, wie er die ihm gestellte Aufgabe zu lösen versucht hat. Vom 27. September erzählt er, daß er an der Ecke der Deussel- und Sickingenstraße blank ziehen ließ. Er habe aber erst einHauen lassen, als Steine und Flaschen geflogen kamen. Am 20. September trieb er an der Beuffel- und Turm- straße die Menge gleichfalls mit der blanken Waffe zurück.— Rechtsanwalt Rosenfeld weist darauf hin, daß nicht nur aus dem Publikum geworfen worden ist, sondern z. B. auch eine Schutz- mannöfrau aus ihrer Wohnung Wasser auf das Publikum ge- gössen hat.— Zeuge Götze: Ich weiß nicht, ob das eine Schutz. mannsfrau war.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Es ist vor der Strafkammer festgestellt worden; Sie waren ja dabei.— Staats- anwalt Stelzner: Fiel Ihnen auf, daß die Menge stets für die Exzedenten Partei nahm?— Zeuge: Ja, vorn standen Frauen und Kinder, die Werfer standen hinten; die Menge deckte sie.— Staatsanwalt Porzelt: Wie verhielten sich Ihre Beamten?— Zeuge: Meine Beamten haben sich immer gut benommen. In der ganzen Zeit sah ich keinen Ucbergriff von ihnen. Polizeiwachtmeister Pitt ist am 26. September in der Rostocker Straße von der Menge bedrängt worden, so daß er sich in die Gastwirtschaft von Menzel(Rostocker Straße 2) hinein- flüchtete. Er gibt an, daß er aus dem Hinterzimmer, in dem er sich eingeriegelt hatte, unter Zurücklassung seines Uniformrockes und Säbels auf den Hof hinaussprang und die Nacht bei einem Bewohner des Hauses zubrachte. Gastwirt Menzel bekundet: Pitt sei in das Lokal hinein- gestürmt und sofort verschwunden. Draußen habe man gerufen: „Du willst Parteibudikcr sein und beherbergst hier Schuhleute?" Er habe geantwortet:«.Mein Lokal steht jedem zur Verfügung!" Es sei«Be« keiner von der Menge Pneingekommest. iMHIich habe man dann die Schaufensterscheiben eingeschlagen. Menzel stieg nachher vom Hof aus in das Schlafzimmer, in dein er nur noch Uniform und Säbel fand. Er sagt, daß eine Frau Wiesner, die Frau des früheren Inhabers des Lokals, die Sachen an sich genommen habe. Diese habe ihm später mitgeteilt, ihr selber seien sie auf dem Hofe durch einen großen Mann vom Arm genommen worden.— Wachtmeister Pitt gibt noch an, er habe sich bei einem im Ouergebäude wohnenden Arbeiter aufgehalten, dem er sich zu erkennen gegeben hatte.— Oberstaatsanwalt Preuß: Nahm der Sie ohne weiteres auf oder machte er Schwierig- leiten?— Zeuge Pitt: Nein, der hat das sehr gut verstanden, der war ein sehr vernünftiger Mann.— Vorsitzender: Verlangten die Leute, daß Sie den Schutzmann herausgaben?— Zeuge Menzel: Nein.— Menzel sagt, es seien meist junge Leute ge- wesen, namentlich Rowdies.— Oberstaatsanwalt Preuß: Es müssen aber doch auch Leute dabei gewesen sein, die Menzel als „Parteibudiker" kannten.— Zeuge: Ja, der Wahlvereiu tagt ja bei mir. Daraus werden sie'L wohl geschlossen haben.— Borsitzender: Sie sagten, es seien Rowdies gewesen.— Zeuge: Ich glaube; denn sonst hätten sie sich nicht so benommen.— Ober» staatsanwalt Preuß: Es müssen doch Sozialdemokraten gewesen sein, sonst würden sie Sie doch nicht kennen. Im weiteren Verlauf der Beweisaufnahme wird auf Veranlassung des Rechts- anwalts Heincmann festgestellt, daß Menzels Lokal durch auS- gehängte Plakate schon von außen als Berkehrslokal von Sozia!« demokraten gekennzeichnet war. Dem Kaufmann Preuß, dem Besitzer des Warenhauses Ecke Beussel- und Huttenstratze, sind in der Nacht zum 27. September zwei Schaufenster und ein Schaukasten eingeschlagen worden. Noch in derselben Nacht wandte er auf der Straße sich an die Polizei: „Bei mir sind die Fenster eingeschlagen worden." Er bekam die Antwort:„Scheren Sie sich fort!"— Rechtsanwalt Heinemann: Hatten Sie nicht eigentlich erwartet, daß Ihnen die Polizei zun: Schutz Ihre? Lokales zur Verfügung gestellt werden würde?— Zeuge: Ja.— Preuß schildert dann, wie er zwei Tage darauf am späten Abend einige Stunden hindurch vom Balkon seiner an de« Turm- und Beusselstraße gelegenen Wohnung beobachtete, daß die Polizei auf Leute, die offenbar ganz unschuldig waren, blindlings einhieb. Ein harmloser Mensch von 15 bis 16 Jahren sei von Kriminalschutzleuten so unheimlich geschlagen worden, daß er weinte und flehte:„Ich habe doch nichts gemacht!" Aber immer wieder seien sie„wie die Räuber auf ihn eingedrungen", und auch Fußtritte habe man diesem jungen Menschen gegeben.„Es war schrecklich!" schließt Zeuge diese Schilderung. Er hat noch eine große Reihe anderer Fälle gesehen, in denen Vorübergehende— gleichviel ob Arbeiter oder Bessergekleidete— geschlagen wurden. Wer nichts bekam, habe von Glück sagen können.— Rechtsanwalt Heine: Waren das sicher Kriminalschutzleute? — Zeuge: Sie sprachen ja mit Uniformierten, und dieselben Leute nahmen nachher auch von dem Proviant, der im Automobil für die Uniformierten gebracht wurde.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Sie wurden von Ihrem Balkon getrieben? Warum denn?—- Zeuge: Damit ich nicht sehen sollte, was geschah.— Vorsitzender: Wie kommen Sie zu diesem Eindruck? Sie wurden doch zu Ihrer eigenen Sicherheit aufgefordert, wegzugehen, damit Sie nicht ge- troffen würden, wenn aus dem Hause geworfen würde und die Schutzleute dann schössen.— Zeuge: Es ist ausgeschlossen, daß auS unserem Hause geworfen wurde.— Staatsanwalt Stelzner: Können Sie sagen, daß in irgendeinem Falle ganz ohne Provo- kation geschlagen wurde? Viele aus dem Publikum haben sich doch frech benommen.— Zeuge: Das war dort meiner?Neinung nach nicht der Fall.— Rechtsanwalt Heinemann: Hat der junge Mann, der geschlagen wurde und Fußtritte bekam, sich friedlich be- nommen?— Zeuge: Von diesem Manne kann ich ganz bestimmt ftigen, daß er sich nicht provokatorisch benahm.— Zeuge fügt hinzu: Ich konnte alles hören, sogar die pfeifenden Stockhiebe.— Staatsanwalt Porzelt: Wenn sie pfiffen, waren es also ganz dünne Stöcke.(!)— Zeuge: Ochsenziemer waren cS.— Rechtsanwalt Heine: DaS Pfeifen, darf ich mir zu bemerken erlauben, hängt davon ab, mit welcher Wucht man haut.(Heiterkeit auf der Ge- fchworenenbank.)— Oberstaatsanwalt Prenß protestiert gegen die Erörterung dieser Vorgänge vom 29. September, während andere Zeugen so weit nicht vernommen worden seien.— Justizrat Leonhard Friedmann: Aber die sachliche Bedeutung dieser Bekundung wird doch nicht bezweifelt? Pastor Schwebe! von der Reformationskirche berichtet über die Bedrohung, die ihm am 26. September gegen Mitternacht wider- fuhr. Als er mit der Straßenbahn ankam und der Wagen aufgc- halten wurde, hörte er plötzlich seinen Namen und den Ruf: „Schlagt den Pfaffen tot!" Er flüchtete sich in seine Wohnung und hörte von hier aus, daß draußen gegen die Tür geschlagen wurde. Schaden nahm er nicht, die Tür auch nicht. Am anderen Morgen erfuhr er, daß etwa 1! oder 12 Steine durch die Fenster der Kirche geworfen waren. Der Schaden ist auf 369 M. fest- gestellt worden. Die Schutzleute Pricskow und Sperling von der Charlotten- burger Polizei sind in der Nacht zum 27. September in der Huttenstratze, nahe der Beusselstraße, bedrängt worden. Prieskow feuerte aus seinem Revolver 6 Schuß ab und rettete sich dann vor den Steirwürfen in das Lokal von Rittberger(EraSmuSstraße), das danach von der Menge demoliert wurde. Sperling wurde von einem Herrn Juhl, der im Hause Erasmusstraße 16 wohnt, auf- genommen. Schutzmann Maß schildert einen Vorgang vom 21. September, bei dem in der Gegend des Spandauer Bocks eine größere Gruppe von Personen ein paar Kupfersche Kohlenwagen anhielt. Er meint, e? seien Streikende darunter gewesen.— Rechtsanwalt Roscnfcld: Können Sie das bestimmt sagen?— Zeuge: Denken Sie. daß ein anderer ein Interesse daran hat?— Maß gibt dann an,— einer der Kutscher habe es ihm gesagt. Kutscher Budcrjahn, der mitfuhr, kann hierüber nichts be- künden. Gastwirt Kunze beobachtete schon am 23. September verschiedene Polizeiattacken. Ein Herr, der durch eine SchutzmannSkette hindurch wollte, bekam einen Stoß, daß er beinah« hinfiel. Als er sich beim Leutnant beschwerte, sagte ihm dieser, er solle machen, daß er wegkomme. Ein anderer Leutnant antwortet« ihm: Sie Affe, machen Sie, daß Sie wegkommen. Kunze sagte dem Herrn:„Sehen Sie, nun sind auch Sie ein Affe, trotzdem Sie besser gekleidet sind." — Als Kunze von einem Schutzmann in sein Lokal hineingewiesen worden war, kam ein anderer Schutzmann und forderte, er solle hinauskommen. Dabei setzte er dem Gastwirt den Revolver auf die Brust und rief ihm zu: „Sie sind ein S.... breck, hier sind wir die Herren!" Der Frau Kunze wurden Backpfeifen angedroht; gegen den betreffenden Schutzmann, dessen Nummer ermittelt tmirve, hat Kunze Strafantrag gestellt. Am 27. September drang Polizei in Kunzes Lokal ein. Er hatte die Jalousie heruntergelassen, aber von hinten wurde an die Tür geklopft, die Tiirsiillnug fiel heraus, ein Leutnant guckte durch und drohte:„Wenn Si« jetzt nicht auf- machen, schieße ich!" In dem Lokal wurde anscheinend nach einem Flüchtling gesucht, der aber nicht darin war. Frau Kunze sollte die Polizisten»n die Keller geleiten, sie weigerte sich aber aus Furcht vor ihnen. Gefunden wurde niemand.— Oberstaatsanwalt Preuß: Wen suchten die Schutzleute im Keller? Sagten sie nichts?— Kunze: Nein.— Rechtsanwalt Heine: Wenn schon Vermutungen geäußert werden, so will ich vermuten, daß sie daran dachten, daß ein paar Tage vorher ein Hausbesitzer ein roh mißhandeltes Mäd- chen bei sich aufgenommen hatte.— Der Vorsitzende weist diese Bemerkung zurück.— Staatsanwalt Stelzner beantragt noch einige Polizeibeamte als Zeugen zu laden, die bekunden sollen, daß Kunze Schutzleute durch Schimpfwort« beleidigt habe und daß am 27. Sc?» tember sich eine Person zu ihm geflüchtet habe.— Rechtsanwalt Heinemann beantragt Ladimg mehrerer Gegenzeugen. Schlosser Meß sah, wie am 24. September in ber Wittstocker Straße ein ArbeitSwiMge« das Publikum mit dem Revolver bc- drohte. Als Metz einen Sdhutzmann aufforderte, dem Arbeitswilligen den Revolver abzunehmen, wurde ihm höhnisch ins Gesicht gelacht. Am 26. September beobachtete Metz mittags vor der Loeweschen Fabrik, wie ein Arbeitswilliger fchosi und dadurch all- gemeine Erregung der Arbeiter bewirkte, aus die dann die Polizei die bekannte Attacke machte. Zeuge versichert, datz nach seiner Beobachtung vor dem Schutz nicht geworfen worden sei. Ueber eine Füll« von Beobachtungen berichtet eine Frau Berg- 1 mann. Am 23. September nachmittags sah sie, wie vom Kupfer- schen Kohlenhof aus ein Arbeitswilliger nach Passanten mit Kohlen warf. Vorsitzender: Was soll das für einen Sinn gehabt haben? — Zeugin: Ich kann mir nicht anders denken, als datz das Publi- kum gereizt werden sollte.— Am 24. nachmittags sah Zeugin, wie «in Schutzmann einem 13— ttjährigen Jungen einen Säbelhieb mit der flachen Klinge gab. Es sei„ein besser gestellter Junge" ge- Wesen, fügt sie hinzu. Am 26. nachrnittags beobachtete sie in der Eickingenstratze die Revolverschicßerei eines Arbeitswilligen. Abends erlebte sie in der Nähe des Bahnhofs Beusselstratz« eine Säbelattacke von Schutzleuten, die wahllos auf die Menge einHieben. Sie selber hob einen total zerschlagenen Verwundeten auf, nach- dem die Schutzleute ihn noch mit Zützen gestotzen und geschlagen hatten. Am 27. September zerschlugen die Schutzleute die Scheibe» in den Haustüren. Zeugin sagt: Zum Vergnügen sozusagen. Ein Schutzmann kam zurück, und weil die eine Scheibe noch ganz war, schlug er die auch noch ein. Am 28. September beobachtete Zeugin in der Eickingenstratze am Abend, wie ein Schutzmann einer Frau einen Tritt in den Hintern gab.— Staatsanwalt Porzelt wundert sich, datz Zeugin„so viel zu beobachten" Gelegenheit gehabt habe.— Zeugin lätzt sich dadurch nicht beirren und schildert weiter, was sie erlebt hat. Ein Kriminal- schutzmann schrie: „Wollt Ihr rennen, Ihr Hunde!" und schlug immer auf die Leute ein. Dann kamen Uniformierte dazu und schlugen mit. Als Zeugin gegen Abend vor der Tür stand und dem Aufzug der Schutzleute zusah, sagte der eine zu ihr:„Na, was steht Ihr denn alle vor der Tür, bei Euch stinkt's wohl oben in der Bude?" Ein anderer rief: „Euch Aasbande mühte man anspucken." Kutscher Bodcnhagcn, der als Arbeiter von Kupfer u. Co. mit- streikte, wurde am 22. September von Schutzleuten unter dem Ruf: „Du Aas, kannst wohl nicht rennen?" mit dem Säbel über Rücken und Hand geschlagen.— Vorsitzender: Mit dem 22. September haben wir es doch hier nicht zu tun.— Rechtsanw. Heinemann: Auch der 22. September ist wichtig für uns. Wir behaupten doch gerade, datz damals schon das Publikum provo- ziert wurde. Der Dreher Hoffmann hat am 24. September eine Attacke beob- achtet, die der Polizeileutnant Folte leitete. Eine Veranlassung da- zu habe er nicht bemerkt. Auch habe er nichts von einer vorherigen Aufforderung �gehört. Am 27. September bcwillkomnlncte ihn in der Rostocker Stratze ein Schutzmann:„Du Hund, Du kannst wohl nicht laufen?" Ein anderer schrie ihn an:„Du AaS, Dir werde ich in'n Arsch treten, daß sich der Mastdarm verbiegt!"(Heiterkeit im Zuhörerraum.) Rechtsanw. Heinemann: Die Herren haben nicht verstanden.— Zeuge(wiederholend):«Du Aas, Dir werde ich in de» Arsch treten, daß sich der Mastdarm verbiegt." Schlosser Roßbach hat am 24. September nachmittags in der Sickingenstratze beobachtet, wie die Kutscher zweier Kupferscher Kohlenwagen von einer Menge aufgefordert wurden, die Wagen zu verlassen. Das geschah. Die Menge rief:„Bravo!" und Rotzbach selber drückte dem einen Kutscher die Hand:„Das hast Du brav ge- macht!" An demselben Nachmittag sah Rotzbach in der Rostockcr Stratze. wie ein Polizeileutnant— er meint, es sei Folte gewesen— einen alte» Mann, der Kohlen auflesen wollte, zweimal über den Rücken schlug.— Zeuge schildert, wie am 26. September halbwüchsige Burschen die Schutzleute mit Steinen bewarfen, bei Attacken in die Häuser flüchteten und dann dieses Spiel von neuem begannen. Dafür seien dann die von der Arbeit heimkehrenden Arbeiter vor die Säbel der Schutzleute geraten. An demselhen Abend wurde das Lanzeratsche Lokal von der Pvlizei mit blanker Waffe geräumt. Ein Mann, der mit blutendem Kopf sich an ein Haus lehnte, wurde nochmals von Schutzleuten mit dem Säbel geschlagen.— Uebex den Arbeitswilligenschuh s' vom 24, September befragt Rechtsanw. Heinemann nochmals den Zeugen. Dieser versichert, es sei ohne Anlaß geschossen worden, darauf habe die Polizei eine Attacke gemacht und dann erst seien Steine geflogen. Die vom Zeugen geschilderte Arbeitsnieder- legung arbeitswilliger Kutscher soll, so meint Staatsanwalt Stelz- ner, keine freiwillige gewesen sein.— Zeuge: Das ist nicht wahr. Der Vertrauensmann überredete ihn dazu, dem Arbeitswilligen kamen schlietzlich die Tränen in die Äugen.— Staatsanwalt Stelz- ner: Das hatte vielleicht einen anderen Grund.— Rechtsanw. Hrinemann: Bitte, keine Vermutungen!— Justizrat Lconh. Friedmann: Na, vielleicht wird das Verbot aufgehoben. Auch Eindrücke sind in der Beweisaufnahme zu verwerten.— Der Vorsitzende bleibt dabei, datz die Beweisaufnahme sich auf Tatsache» beschränken müsse. Zeuge gibt noch an, datz am 27. September ein Schutzmann einem Jungen, der mit anderen aus der Zeichenstunde kam, ohne weiteres eine Backpfeife gab. Er fährt fort: Und dann habe ich noch ge- sehen.... Der Borsitzende unterbricht ihn: Na, nun ist's ja wohl genug, solche Borgänge interessieren ja nicht.— Staatsanwalt Stelz- ner will beweisen, datz jene arbeitswilligen Kutscher tatsächlich nicht freiwillig abgestiegen seien. Der Zeuge Rektor Schröder werde be- künden, datz ein Kutscher geschlagen worden sei. Schröder sei schon geladen und warte drautzen.— Rechtsanw. Heine bietet den Gegen- beweis an. Der Vorsitzende fragt, wo die Zeugen seien.— Rechts- anwalt Heine: Ja, unsere Zeugen holt die Staatsanwaltschaft nicht im voraus. Da Rektor Schröder beim Aufruf nicht anwesend ist, so wird einstweilen noch ein Zeuge der Verteidigung vernommen, der Arbeiter Schmidt, der in der A. E.-G. beschäftigt ist. Von dort aus beobachtete er am 24. September die sich immer wieder- holenden Attacken der Polizei. Zu seinem Kollegen sagte er: „Wir wollen uns beeilen, datz wir raus kommen, sonst kriegen wir auch noch was." Sic gerieten dann tatsächlich doch aufs neue den attackierenden Schutzleuten vor die Säbel. Schmidt wurde geschlagen, obwohl er den Schutzleuten sagte, daß er aus der Fabrik komme und nach Hause wolle. Nutzlose Beschwerde. Er wandte sich an den Leutnant Folte, der aber antwortete ihm:„Scheren Sie sich weg, sonst kriegen Sie noch mehr." Zeuge sagt, Folte habe dahei ausgeholt, wie wenn er ihn ins Gesicht schlagen wolle. Ein Kriminalschutzmann an der Arbeit. Am 27. September bemerkte Schmidt an der Sickingenstratze einen Herrn, der„Bluthunde!" rief und dann verschwand. An einer anderen Stelle beobachtete er später denselben Herrn und denselben Vorgang. Am 29. September traf er ihn dann an der Ecke der Beussel- und Turmstraße und hörte, wie ein Leutnant ihm sagte:„Horchen Sie mal, was da vorgeht."— Er versichert, in ihm den Bluthundrufer bestimmt wieder erkannt zu haben. Er nimmt an, datz jener Herr wenigstens im Dienste der Polizei steht.— Staatsanwalt Porzelt: Mutz denn jeder, der mit einem Polizeibeamten spricht, in Polizeidiensten stehen?— Rechtsanwalt Roscnfeld: Der Mann bekam doch wohl von der Polizei einen Auftrag?— Zeuge: Ja.— Rechtsanwalt Heine: Und es durften Wohl auch in diesen Tagen andere Leute nicht so ungehindert mit der Polizei sprccyen?— Zeuge: Nein.— Rechtsanwalt Rosen- feld: Schrie infolge dieses Bluthundrufes auch das Publikum Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth. Berlin. Für den „Bluthunde"?— Zeuge: Nein, ich nehme an. sie hatten Furcht vor den Schutzleuten, die ja in der Nähe waren.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Wie weit war denn der Mann von der Polizei ent- fernt?— Zeuge: So weit wie dieser Saal lang ist. Aber keiner versuchte, ihn festzunehmen. Rektor Schröder, der sich inzwischen eingefunden hat, schildert, wie am 24. September, nachmittags etwa um 3 Uhr, die Kutscher zur Arbeitsnicdcrlcgung bewogen wurden. Er sei durch einen Tumult j aus seinem Mittagsschlaf geweckt worden und habe dann zwei Kupfersche Kohlenwagen bemerkt, deren einer schon führerlos war. Die beiden Arbeiter, die noch auf dem anderen Wagen satzen, seien von 560 bis 606 Männern, Frauen und Kindern umringt ge- wesen. Die Situation wurde mir bald klar. Man verfolgte die Absicht, die beiden Kutscher vom Wagen zu bringen. Zu diesem Zweck drangen Männer und auch Frauen auf sie ein. Unterstützt wurden die Leute durch Personen, die aus den Fenstern mit Kohlen und Steinen warfen. Sie trafen meist nicht, aber jeder Treffer löste freudige Bewegung aus. Die Kutscher sahen bleich und zusammengekauert aus dem Wagen. Der eine hielt es offenbar für besser, sich zu ergeben. Dann stieg auch der andere ab und wurde mit grotzem Hurra und Bravo in Empfang ge- nommen. Nach dieser an Vermutungen reichen Bekundung, die den angekündigten Beweis, datz die Kutscher geschlagen worden seien, nicht erbrachte, schlotz der Vorsitzende: Also �ie Leute gingen freiwillig runter.— Staatsanwalt Stelzner: Sie wurden doch bombardiert.— Borsitzender: Na ja, aus den Fenstern. Der bei der A. E. G. beschäftigte Werkführer Karper sah am 26. oder 27. September, 7 Uhr abends, einen alten Mann, der am Kopf stark blutete und von zwei Frauen geleitet wurde. Der Mann sagte, er sei von Schutzleuten geschlagen worden und lehnte es ab, zur Unfallstation zu gehen. Er habe ein reines Gewissen, doch wolle 'er sich nicht noch anzeigen lassen. Zeuge hörte an demselben Abend von seiner in der Waldstraße gelegenen Wohnung aus furchtbare Schreie, die aus der Wiclefstratze zu ihm drangen. Sein Sohn fragte ihn:„Das kann doch nicht die Obrigkeit sein, die so ein- schlägt?"— Rechtsanw. Heine: Sagte er nicht auch„Das kann doch nicht die Obrigkeit sein, die Gott verordnet hat?"— Zeuge: Ja, so ähnlich brachte er das raus. Durch die Nachrichten der Zeitungen vom 27. September wurde der Architekt Woitschack angeregt, abends nach Moabit zu fahren, uni sich die Zustände anzusehen. Er schildert, wie die Polizei attackierend darauflos schlug; dabei stürzte eine Dame. Ein Polizeileutnant stieß einen Mann mit dem Degen in den Nacken. Ein Herr, der seine Visitenkarte borwies, bekam einen Hieb. Auf einen, der am Boden lag, wurde noch eingeschlagen. Zeuge schlietzt: Ich habe durchaus keinen Blaukoller, ich habe im Gegenteil mit der Polizei geschäftlich sehr zu tun.— Vorsitzender: Datz Sie nicht glaubwürdig seien, hat keiner behauptet.— Zeuge: Aber bei dem letzten Prozesse stand doch in den Zeitungen....— Rechtsanw. Heine: Ah so, die Erklärung des Polizeipräsidenten! Der 65jährige Zimmcrmeister Otto hat sich in dem Lokal von Lanzcrat befunden, als dieses von der Polizei geräumt wurde. Ein Leutnant mit 8 bis 16 Schutzleuten stürmte herein, und der gleich vorn an der Tür sitzende Otto bekam vier Hiebe über Arm und Schulter.— Er ging zum Leutnant:„Bitte, nehmen Sie mich in Schutz, ich bin ein ehrbarer Bürger." Dann machte der Leutnant eine Handbewegung, und der Schutzmann lietz von ihm ab. Auch die übrigen Gäste waren, sagt Zeuge,„sehr ordentliche Leute, sogar mehrere Meister". In dem Lokal hatte keiner Unfug getrieben, Otto satz dicht hinter der Tür und hätte das merken müssen. Auf Befragen des Rechtsanw. Hrinemann gibt Zeuge an. er habe mehrere kommunale Ehrenämter bekleidet, sei 12 Jahre praktischer Lehrer an einer Fortbildungsschule gewesen und gehöre zu keiner Partei.— Rechtsanw. Jacobi: Sind Sie königstreu oder nicht?— Borsitzender: Wir wollen doch nur feststellen, ob Aufruhr vorliegt, aber nicht, ob einer königstreu ist.— Justizrat Friedmann: Nur, ob er wahr- heitstreu ist! Architekt Rockmann schildert, wie er seine am Fenster sitzende Frau samt ihrem Kinde weggerissen habe, als er bemerkte, datz unten ein Schutzmann den Revolver hob und nach dem Fenster zu schießen drohte. Wiederholt hörte er von den Balkons„Bluthunde" rufen; er erklärt das aus der Erregung über die Berprügelungen Harm- loser Paffanten.— Einen 13jährigen Jungen sah er eine Laterne auslöschen. 16 Minuten lang beobachteten den Jungen Kriminal- beamte, ohne einzuschreiten.— Vorsitzender: Woran erkannten Sie sie?— Zeuge: Man hat doch dafür einen Blick, man erkennt sie an der uniformierten Physiognomie, das sieht man ja auch hier auf dem Korridor. Vorhin zeigte man mir einen Mann, der ein Restaura- teur sein sollte, aber es war dann wieder mal ein Kriminal- schutzmann.— Zeuge bekundet, bei von ihm heobachteten Mitzhand- lungcn seien zwei Offiziere ständig zugegen gewesen, einer sei mit den Händen in den Paletottaschen auf und ab gegangen. Schlimmes weitz auch der Gastwirt Wagner aus der Turmstrahe über das Borgehen der Polizei zu berichten, er, der früher selber Kriminalschutzmann gewesen ist. Auch sein Lokal wurde geräumt, nachdem ein Schutzmann angekündigt hatte:„Die Stampe müssen wir auch ausräumen." Zeuge sagt, in seinem Lokal verkehre besseres Arbciterpublikum und Beamte. Die Räumung wurde so ausgc- führt, datz die auf die Stratze hinauseilenden Gäste drautzen von Kriminalbeamten und Uniformierten unbarmherzig geschlagen wurden. Zeuge versichert, datz sei ohne jeden Grund geschehen, keiner der Gäste habe auch nur einen Ton gesagt. Er hat auch gesehen, wie gegenüber seinem Lokal ein Mann, der geschlagen und zusammen- gebrochen war, von zwei hinzukommenden Schutzleuten noch weiter geschlagen wurde.— Rechtsanw. Heine: Leistete er Widerstand?— Zeuge: Dazu war er nicht imstande, er hatte ja genug.— Auf Befragen des Vorsitzenden gibt Zeuge an, datz er von der Polizei frei- willig wegen Dienstuntauglichkeit abgegangen ist. Auch Frau Engclmann aus der Rostocker Straße hat dort beob- achtet, daß ein junger Mann, der eine Laterne auslöschte, von Schutz- leuten, die nur etwa zwanzig Schritte entfernt waren, nicht daran gehindert wurde. Am 28. September abends sah sie, wie eine Frau, die ein Kind an der Hand und ein Kind auf dem Arm hatte, von Kriminalbeamten geschlagen wurde. Zu einer korpulenten Frau, die nicht schnell genug laufen konnte, sagte ein Polizist, er werde ihr Pfeffer und Salz in den Hintern streuen. Auf eine Anregung von Justizrat Friedmann b»kundet der vorher vernommene Zeuge Roßbach noch, auch er habe beobachtet, daß Laternen in Gegenwart von Kriminalbeamten gelöscht wurden. Wenn Leute geschlagen wurden, hätten die Offiziere nach einer ganz anderen Richtung geschaut, um nichts zu sehen. Als an der Reformationskirche eine Frau niedergeschlagen wurde und ein Schutz- manu noch viermal auf' sie einschlug, rief man ihm aus den Fenstern zu:„Bluthund, Du hast ja ein Weib erschlagen!"— Ein Schutzmann rief zu einer Farn hinauf:„Verfluchte Sau, wen» Du nicht vom Fenster weggehst, schieße ich Dir eine Kugel in den Schädel!" Zigarrenhändler Mischte bekundet: Am 26. September abends habe in der Beusselstratze vor seinem Laden ihn ein junger Mann von der Ausräumung eines Lokals erzählt, und dabei gesagt:„Der eine griff sofort nach der Plempe." Das hörte ein Schutzmann, der schlug den jungen Man» mit dem Säbel über den Rücken» und Kriminalbeamte hieben mit Stock und Gummischlauch ein. Am 27. September sah Zeuge, wie ein Verwundeter von Leuten der Sanitätskolonne vorbeigctragen wurde. Ein Leutnant und Schutzleute lachten höhnisch dazu. Als dann aus dem einen Fenster „Pfui, Bluthunde!" gerufen wurde, stürzten die Polizisten den Trägern nach. Aus den Fenstern erscholl allgemeines Angst- geschrei, die Träger liehen de» Verwundeten im Stich und ent- flohen. Hausbesitzer Zack hat in der Wittstocker Stratze beobachtet, wie die Polizei die Scheiben von Haustüren einschlug. Am 28. Sep- tcmber sah er in der Rostocker Stratze. wie vor der anrückenden Polizei das Publikum sich entfernte und gleichzeitig ein einzelner Mann einen Revolver in das Schaufenster des Warenhauses von Meier abfeuerte. Als die Polizei diesen Mann erreichte, machte der ihr Platz, trat an die Bordschwelle und ließ die Polizei an sich vorbeistürmen. Abends fragte Zack von dem Balkon seines > Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Hauses einen Polizeileutnant, ob er daZ Hau» zuschließen solle. Der Leutnant antwortete:„Wnnn Sie nicht vom Balkon runter gehen, schieße ich Sie runter!" Um Mitternacht sah er am gegen- überliegenden Hause, Nr. 26, wve ein heimkehrendes Ehepaar die Tür nicht zu öffnen vermochte. Ter Mann entfernte sich etwas; plötzlich schlugen drei bis vier Schutzleute ganz erbärmlich auf ihn los, so datz er. wie Zeuge sagst, fürchterlich brüllte.— Auf eine Frage des Rechtsanwalts Roscmfeld bekundet Zeuge noch, er habe jenen schießenden Mann pir einen Kriminalschutzman» ge- halten, weil die Polizei ihn u»behelligt lietz. Bei dem Schuß seien die Schutzleute nur 16 Schritte von ihm entfernt gewesen, doch hätten sie nichts getan, um ihn zu fassen. Erst durch den Schutz seien die Schutzleute veranlaßt worden, noch schneller gegen das Publikum vorzugehen. Zeuge Zack gibt noch an, anr 27. September habe er einen Polizeiofsizier, der wohl ein Haupt- mann war. zu zwei Leutnants sagen hören:„Lassen Sie nur feste schießen und hauen, die Halunkon wenden wir schon kriegen!" Hier bricht der Porsitzende die Sitzung ab. NäMe Sitzung Freitag um 16 Uhr. Soziales. AuS dem JnmaigsschicdSgericht. Sitzung vom 10. Januar. 1. Bezahlung des Feiertag?. Der Bäcker M. war bei dem Bäckermeister Handle bis zum 28. Dezember beswästigt, hat aber den 26. Dezember(2. Weihnachls- feiertags nicbt bezahlt erhalten und klagte deshalb auf Zahlung des schuldigen Lohnes mit 4.56 M. Der Beklagte, der durch seinen Filiolleiter vertreten wurde, lietz durch diesen einwenden, datz nach seiner Meinung im Bäckcrgewerbe die Woche nur sechs Arbeitstage zählt, weil den Gesellen an Stelle des Sonntags ein Wochentag freigegeben werden müsse. Den Tag näher zu bestimmen habe der Arbeitgeber. Das Schiedsgericht vertrat jedoch die Ansicht, datz der zweite Feiertag gesetzlich festgelegt und somit der Bestimmung des Arbeitgebers entzogen sei. Ueberdieö sei es im Bäckergewerbe üblich, daß die Feiertage bezahlt werden müssen. Das Schiedsgericht empfahl dem Vertreter des Beklagten die Klageforderung anzuerkennen. Der Rat wurde befolgt. 2. Die nicht angemessene Lohnforderung? Der Tapezierer F. war vom Tapeziercnneister Otto Thiele zum 14. Dezember zur Arbeit bestellt worden. Als er sich zur Arbeit einfand, wurde über die Entlohnung verhandelt. F.. der im Akkordlohn arbeiten sollte, foiderte die Lohnsätze, die der ehemals für das Tapezierergcwcrbe gültige Tarif vorsah, der aber bei seinem Ablauf nicht erneuert worden ist. Dem Meister waren diese Lohn- sähe zu hoch und da der Geselle für die vom Meister gebotenen Löhne nicht arbeiten wollte, durste er nicht anfangen. F. klagte nun auf Entschädigung für den 14. Dezember mit 7 M. Das Schieds- gericht wies wider Erwarten die Klage ab, weil Kläger die Schuld daran trage, datz er nickt arbeiten durste. Auf die ehemals gültigen Tariflöhne als angemessen habe er sich nicht berufen dürfen. Die Entscheidung ist durchaus irrig. Der Bertrag war zustande ge- kommen. Danach hätte Beklagter anstagen lassen müssen und dann die im Streitfall vom Gericht festzusetzenden Löhne zahlen. 3. Die Wartezeit. Die Putzer D. und H. klagen gegen den Maurermeister Her- mann Fechner auf Zahlung von je 43 M. Entschädigung. Der Be- Nagte hatte angeordnet, datz die Kläger zwischen Weihnachten und Neujahr aussetzen sollen, ohne bei ihnen auf Widerspruch zu stoßen; im Laufe der Woche schickte er ihnen aber die Papiere zu, mit dein Bemerken, datz die Arbeit auch am 2. Januar noch nicht forlgesetzt werden tonne. Das Schiedsgericht hielt eine Emschädigung für die ersten drei Tage, bis die Abbestellung der Kläger erfolgte, fiir berechtigt und ver- urteilte den Beklagten, an jeden Kläger 24 M. zu zahlen. 4. Ein unberechtigtes Verlangen des Beklagten. Der Maler D. verlangte vom Malermeister StorSberg noch 24.35 M. rückständigen Akkordlohn, der ihm vorenthalten worden ist, weil er keine Aufstellung über die geleisteten Arbeiten gegeben hat. Das Schiedsgericht verlangte deshalb vom Kläger eine solche Auf- stellung, die auch dem Beklagten zur Gegenäutzerung zugestellt worden war. Diese Gegenäutzerung hat der Beklagte unterlassen, er lehnte auch im zweiten Termin am Dienstag ab, sich zu der Aufstellung zu äutzern, sondern verlangte, datz der Kläger auch die Matze bei den einzelnen Arbeiten angebe. Um dies tun zu können, hätte der Kläger nochmals nach dem Bau gehen müssen und seine Arbeiten auSmessen. Dieses Verlangen des Beklagten hielt das Schiedsgericht nicht für berechtigt und verurteilte denselben ent- sprechend dem Klageantrage. 5. Von der Zuständigkeit deS Schiedsgerichtes. Der Arbeiter U. verlangte von der Firma gebe u. Sohn, Reichenberger Str. 16, eine Entschädigung von 26,10 M., weil ihm die Papiere nickt rechtzeitig ausgehändigt worden seien. Die Be- klagte wandte Unzuständigkeit des Schiedsgerichts ein, denn der Kläger wäre im Zweiggeschäft in Königslvustcrbausen beschäftigt gewesen. Das Schiedsgericht erklärte sich jedoch für zuständig. In der Sache wies eS jedoch den größten Teil der Klageforderung ab, da der Kläger die Papiere nicht gefordert hatte; es sprach ihm 2, lg M. für drei Stunden zu, die der Kläger für die Abholung der Papiere aufzuwenden gehabt hätte. 6. Wer ist der Arbeitgeber? Der Steinschläger M. klagte gegen Steinsetzmeister Georg Wickel, n Firma F. Wickel u. Co., auf Zahlung von 25,75 M. schuldigen Akkordlohn. Der Beklagte will nicht der Arbeitgeber des Klägers gewesen sein. Der Kläger erklärte hierauf auf Befragen, datz er von dem Vater deS Beklagten, der Prokurist des Geschäftes sei, engagiert worden ist und die Arbeit zugewiesen erhallen habe. Das Schiedsgericht verurteilte den Beklagten, weil nach seiner Ueber- zeugling die Firma Wickel u. Co., deren Inhaber der Bellagte ist, Arbeitgeberin des Klägers gewesen sei. Sericbts- Leitung. Ein verständiges Urteil. Vor der Strafkammer in Zwei brücken erschienen am Montag. zehn Mann hoch, der gesamte Geineinderat sowie der Bürgermeister deS Ortes Kirkel als Kläger gegen den Bergmann Kleis. Dieser hatte in einer öffentlichen Wählerversammlung seinem Mitzfallen über die Gemeindeverwaltung Kirkels u. a. mit den Worten Ausdruck gegeben:„Bei dem alten Gemeinderat wird alles versaubuddelt, die Verwaltung kostet bei uns mehr, wie in jeder anderen Gemeinde, es ist keiner im Gemeinderat, der selbständig ist". Durch diese Be» merkung fühlte sich der Gemeinderat beleidigt und er stellte Strafantrag. DaS Schöffengericht verhandelte nicht weniger als dreimal über den Fall, der schon durch Zohlung einer Doppelkrone von feiten des Beklagten an die Armen- lasse erledigt schien, als der Gemcinderat sich doch noch entschlotz, eine gerichtliche Sübne herbeizuführen. Die Angelegenheit lief aber zu seinen Ungunsten aus. Das Scköffen- gericht verurteilte allerdings den Beklagte» zu 36 M. Aber die Strafkammer als Berufungsinstanz hob dieses Urteil auf und sprach Kleis von Strafe und Kosten frei. Hierbei drückte der Präsident sein Befremden darüber au«, datz der Gemeinderat in Kirkel sich so leicht beleidigt fühle, wenn man überall in der Weise vorginge, mutzte man eigene Gerichtshöfe für Beleidigungsklagen errichten; der Gemeinderat in Kirkel sei vielleicht doch nicht so über jede Kritik erhaben, um eine derartige Empfindlichkeit gerechtfertigt erscheinen zu lassen. In der Begründung wurde dann noch gesagt, in Wahlzeiten müsse sich eine Gemeinde- Verwaltung eine derartige Kritik gefallen lassen. Eine vorsätzliche Beleidigung sei aus der Form der Aeuherung nicht zu erkennen. Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin LVV. Nt.V. 28. Ilthrgavz. z. DtilNc Ks Jonräls" Ktllim AlllsdlR Dsmerstag. 12. Illnuar 1911. msas Der„Vorwärts" vor Sericht. so haben wir am Dienstag und gestern die Berichte über die Verhandlung gegen unseren Genossen Barth betitelt. Wir hätten mit größerem Rechte schreiben können: Das Gerichthinterdem„Vorwärts"! Denn der weitere Verlauf und der Ausgang des Prozesses haben bewiesen, daß in der Tat Staatsanwalt und Richter hinter uns her sind wie der Teufel hinter der ihm verfallenen armen Seele. Der Anklagevertreter arbeitete unter Anwendung aller Mittel, um das vermeintlich verletzte Ansehen der Polizei zu flicken. Unter Anwendung aller Mittel! Dazu gehört nach altem Staatsanwaltsbrauch, und Herr Merschberger brach den alten Brauch nicht, daß man bei dem Preßsünder„annimmt", er sei sich bewußt gewesen, eine falsche Darstellung ins Blatt zu bringen. Dazu gehört ferner ein fast bis zur Aufhebung jeglicher Kritik gehendes absolutes Solidaritätsgefühl für alles, was die Polizei zu tun oder zu lassen für gut befindet. Dazu gehört sodann, daß man einem Redakteur die auf dem Felde der journalistischen Ehre erlittenen„Strafen" so ankreider, als wenn es sich um die Vor- strafen des ersten besten Raubmörders und Zuchthäuslers handelt. Dazu gehört schließlich, daß man auf jeden Fall Freiheits- strafe beantragt, weil angeblich eine Geldstrafe ja doch nur von den Parteigenossen des Verdonnerten getragen würde—: ein Gedankengang, dem der Verteidiger, Karl Liebknecht, mit der glück» liehen Erwiderung begegnete, daß in Verfolg dieser gefühlvollen Gedankenkette Reiche grundsätzlich nur zu Freiheitsstrafen ver» urteilt werden dürften, weil sie ja eine Geldstrafe nicht spürten, und daß ebenso Redakteure prinzipiell, also auch beim aller- kleinsten Vergehen, ins Loch geworfen werden müßten! All jene Darlegungen des Staatsanwalts hätten schließlich federleicht gewogen, wenn er sich nicht, wie schon erwähnt, die kühne Behauptung geleistet hätte: die Tendenz des„Vorwärts" gehe dahin, alle Dinge in einer die Behörden tadelnden und her- unterreißenden Weise darzustellen, um zu Hetzen, zu verhetzen! Daß der Staatsanwalt zuguterletzt auch dieses Feuerwerk ab» brennen zu sollen meinte, ist begreiflich. Denn ihm lag ja daran, nicht nur eine Freiheitsstrafe, sondern eine hohe gar heraus- zuschlagen! Und so kam er denn mit seinem Antrag auf i Monate Gefängnis, einem Antrag, der nach Lage der Dinge so ungeheuerlich war, daß der Verteidiger, wohl seinen Ohren nicht trauend, die Bemerkung machte: er habe nicht recht verstanden, ob der Staatsanwalt etwa 4 Wochen Gefängnis beantragt habe!? AuS der Begründung des ungeheuerlichen Urteils: 2 Monate Gefängnis fei einiges skizziert. Die Entlastungszeugen, die im Zuge marschierten, kommen wenig oder gar nicht in Betracht, weil sie nur Teil- beobachtungen machen und nicht den ganzen Zug überschauen konnten... Die Entlastungszeugen, die nicht im Zuge, sondern den Vorgängen von außerordentlich günstigen Beobachtungsposten gefolgt waren, die kommen nicht in Betracht, weil sie keine Teil- beobachtungen gemacht, sondern bald nach rechts, bald nach links geschaut, also zuviel gesehen haben! Die Belastungs- zeugen aber sind klassische Zeugen, Zeugen, denen man glauben muß, wo immer sie sich befunden, ob sie viel oder wenig, alles oder gar nichts gesehen haben! Das Herz im Leibe aber lacht dem hohen Gerichtshof und dem Staats anwalt, wenn das Zeugnis eines kommissarisch ver nommenen Zeugen verlesen wird: eines Soldaten, der„nicht abkömmlich" ist, der beim Militär zu Protokoll verhört ist und Dinge gehört und gesehen haben will, die weit über das hinausgehen, was irgendeiner der im Prozeß vereideten zwölf Polizisten zu bekunden� in der Lage war... Verständnis für die Spracheigentümlichkeiten fehlten dem Gericht. Dadurch entging ihm, daß für den Laien der Begriff „ein geordneter Zug" etwas ganz anderes bedeutet als für Staats- anwälte, Gerichtspräsidenten und-Beisitzer. Ein freudiges Lächeln huschte jedesmal über das Gesicht des Borsitzenden, wenn die ein. fachen Solinger Arbeiter auf seine Frage:„War's denn ein geordneter Zug?" die bieder-harmlose Antwort gaben:„Ge- wiß, es tvar ein geordneter Zug!" Verständnisvoll lächelnd blickten die Juristen am grünen Tisch sich bei solcher Auskunft an. Dte „Würde des Gerichts" ist ein gar kitzlig Ding. Sonst hätte man den Herren zurufen, zuschreien mögen: Merkt ihr denn nicht, was die schlichten Menschen unter„geordnetem" Zug verstehen? Sle verstehen darunter: Daß es ordentlich herging, daß keine Lausbübereien und Rüpeleien keine Gewalttätigkeiten begangen wurden!! Daß die Menge im„geordneten Zuge" nicht merkte, was die in weiter Entfernung mit Säbeln und Armen herumfuchtelnden Polizisten eigentlich wollten(nämlich: die Herausgabe der so- genannten roten Fahne), das kreidete der scharfsinnige Land- gerichtsdirektor ihr um deswillen ganz besonders böse an, weil e i n Entlastungszeuge erkannt hatte, was die Pantomime zu bedeuten habe. Aber dieser Entlastungszeuge hatte den Ereignissen vom Fenster seiner im zweiten Stockwerk belegenen Wohnung aus zugesehen: daß man aber bei solchem Standort Dinge zu er- kennen vermag, die einem unverständlich oder gar unsichtbar sind, wenn man mitten in einem sehr großen, dichtgedrängten„geord. neten Zuge" marschiert, fiel dem Gericht nicht auf. Recht interessant war's auch zu hören, weshalb dem„Vor- wärts" die Beschäftigung mit der Solinger Polizeiaffäre vom 6. März 1910 schärfer angerechnet werden müsse als der in Solingen selber erscheinenden„.Bergischen Arbeiterstimme". Nämlich deshalb, weil der an Ort und Stelle veröffentlichte Bericht von den Lesern auf seine Richtigkeit nachgeprüft werden konnte, wäh- rend die Leser des„Vorwärts" ihn ungeprüft hinzunehmen ge» zwungen waren. Diese Gegenüberstellung ist„interessant": sie beweist nämlich, wie dem sozialdemokratischen Redakteur alles, aber auch alles erschwerend angerechnet werden kann. Während Genosse Barth am Dienstag hören mutzte, daß er wegen der Auf- nähme des Artikels über den Solinger Wahlrechtssonntag als ein ganz besonders arger Sünder zu betrachten sei, haben in ähnlich gelagerten Fällen andere Richter schon des öfteren erklärt: Der Redakteur, der die Behörden am Erscheinungsort des Blattes schlecht macht, das ist ein mit aller Strenge des Gesetzes zu be- strafender Missetäter; denn er untergräbt an Ort und Steltr das Ansehen, die Autorität von Polizei. Gericht, Staat, Kirche, wer dagegen in einer Zeitung, die hundert Meilen entfernt vom Tatort erscheint, veröffentlicht, was der„Vorwärts" über Solingen veröffentlicht hat, der ist milder zu bestrafen, weil man ja in Berlin wohl kaum mehr als die„Ehr e" einer 10 Kilometer entfernt wirkenden Stadtpolizci„untergraben" kann. Wir sehen immer wieder: Der„Jurist" Goethe wußte Bescheid, als er seinen, Faust, der ja auch„Juristerei durchaus studiert mit heißem Be- mühn", die Worte in den Mund legte: „Wer Recht behalten will und hat nur eine Zunge, Behält's gewiß." Herr Landgerichtsdircktor Schmidt verkündete auch: Der An- geklagte muß schon deshalb höhere Strafe erleiden, weil der„Vor- wärtS" überall gelesen wird, auch im Ausland! »» « Ein Zeuge gab dem Vorsitzenden eine hübsche kleine Lektion: Gestört durch die öfteren Unterbrechungen, mit denen jener ihm Wiederholt das Wort Mitten durchschnitt, bat der Zeuge den Präsidenten, ihn doch einmal ausreden zu lassen, was Herr Schmidt denn auch mit süß-saurem Lächeln versprach. An die Aussage jenes Zeugen knüpfte sich übrigens noch eine zweite charakteristische Szene: Als der Mann unter seinem Eide erklärte, daß die Teilnehmer an der Solinger Wahlrechtsdemon- stration bei Schluß der Versammlung ausdrücklich auf- gefordert wurden: ruhig nach Hause zu gehen, da mischte sich ein beisitzender Richter ein und fragte: ob nicht vielleicht die Praxis bestehe, daß solche Aufforderung in Wirklichkeit bedeute: die Arbeiter sollten nicht ruhig nach Hause gehen, sondern einen Zug veranstalten, singen, das Wahlrecht hochleben lassen usw.!! Wir glauben, daß dieses Zeugnis richterlicher Weltfremdheit verdient, dem Schicksal der Vergessenheit entrissen zu werden, zumal da der Geist, aus dem diese Auffassung geboren ist, gar manches zu erklären vermag, was sonst unbegreiflich, unverständlich, un- erklärlich wäre. Dagegen ist es nur z u erklärlich, daß bei so geartetem richter- lichen Gemüt weder das glänzende Plädoyer des Genossen Karl Liebknecht noch die aufrechte Shlußrede des Angeklagten Barth auf das Fünferkollegium Eindruck machte und die unglaubliche Strafe von 2 Monaten Gefängnis wohl noch als„milde" und„an. gemessen" erscheinen sollte.— «* * Der unscheinbare Prozeß hat manches enthüllt, was wir gur gebrauchen können, um zu zeigen, daß dieses und jenes faul ist im Staate Dänemark. Es ist unmöglich, auf alle Einzelheiten ein- zugehen. Eine kleine Lehre, die nebenbei abfiel, möchten wir aber noch herausheben: Der Polizeinspektor von Solingen, das Oberhaupt der Exekutive, Herr Kircher, betonte mit Nachdruck: es sei ein gutes Zeichen für Polizei und Bevölkerung der Stadt Solingen, daß man bei 00 000 Einwohnern mit„nur" 28 Polizisten aus- komme... Nun, der Prozeß gegen den Genossen Barth hat be- wiesen, daß man in einer Stadt von 50 000 Einwohnern sogar mit halb soviel Polizisten und ohne„Oberhaupt" auskommen kann! Hat sich doch ein Dachend der Solinger Beamten— der Inspektor, der Kommissar und zwei Wachtmeister an deren Spitze— vier Tage lang in der Reichshauptstadt aufgehalten, ohne daß„Zucht" und„Ordnung" in Solingen zum Teufel gingen. Man verringere in ganz Deutschland die Polizei um die Hälfte, und wir werden nicht mehr über so schreckliche Dinge zu klagen haben wie jene, die sich am 6. März 1910 in Treptow bei Berlin und in Solingen ereigneten. Gerichte-Zeitung. Breitscheid wider Pfemfert. Von dem beklagten Redakteur Pfemfert erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! In Ihrer Sonntagnummer äußern Sie mit Recht Ihr Be- fremden ob der Tatsache, daß die Vergleichsverhandlungen im Prozeß Breitschcid/Pfemfert unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefunden haben. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihren Lesern auch meine Antwort mitteilen würden. Ich, der Beklagte, habe nicht nur kein Interesse gehabt, die Presse ausschließen zu lassen, ich habe sogar die Pressevertreter zu dem Prozeß(in dem der Privatkläger Dr. Breitscheid meine in erster Instanz erfolgte Freisprechung als einen Fehlspruch entlarven wollte) herbeigewünscht. Wie Ihnen, geehrte Redaktion, so habe ich fast allen maßgebenden politischen Zeitungen(„Ber- liner Tageblatt",„Frankfurter Zeitung" usw.) rechtzeitig mitgeteilt. wann und wo sich Herr Dr. Breitscheid seine Rechtfertigung er- streiten würde. Ich, der Beklagte, habe die Redaktionen gebeten, Vertreter zur Verhandlung zu entsenden. Ich tat dieses, da der Gegner, der seinerzeit der Presse„falsche Berichterstattung" vor- warf, selbst in seinem eigenen Organ nichts von dem Termin ver- lauten ließ, von dem Termin, der ihn rechtfertigen sollte. Ich erkläre, daß ich energisch dagegen protestiert haben würde, wenn der Ausschluß der Oeffentlichkeit, wenn die Räumung des Pressetisches und des Zuhörerraumes in meiner Gegenwart ver- kündet worden wäre. Ich habe von dieser Räumung erst jetzt durch die Presse erfahren. Als ich, fünf Minuten vor der für meinen Prozeß angesetzten Zeit, im Gerichtssaal erschien, war bereits ein vollständiger Vergleichsentwurf skizziert gewesen, so daß ich, überrascht von dieser seltsamen Fixigkeit, auf alles andere eher achten konnte, als auf die Leere des Pressetisches. Ich hatte dafür zu sorgen, daß der Vergleichseifer nicht etwa feststehende Tatsachen verhüllte... Während der Verhandlungen konnte ich(der ich von der zwangsweisen Entfernung der von mir geladenen Presse- Vertreter nichts wußte) nicht nach der Presse rufen, da ich ja nicht vermutet habe, daß die Herren zur Stelle waren. Ich habe vielmehr angenommen, der Moabiter Krawallprozeß beschäftige alle Kräfte. Ich danke Ihnen im voraus für die Aufnahme dieser Zeilen. die den Verdacht abwehren sollen, als sei der Ausschluß der Oeffent- lichkeit mit meiner Zustimmung erfolgt. In vorzüglicher Hochachtung Franz Pfemfert. Schriftleiter des„Demokrat'. Wir haben dieser Zuschrift die Aufnahme nicht versagen wollen; an der von uns am Sonntag kritisierten Lage ändert sie nicht das geringste. Hue aller Melt. endlicb allein! Der exilierte König von Portugal weiß sein Geschick mit Würde und Humor zu tragen. Als sich am 5. Oktober v. I. Gottes Gnade von ihm abwandte und ihm die Krone vom engstirnigen Kopfe fiel, konnte man nach den bürgerlichen Preßbcrichten annehmen, daß er der unglücklich st e aller Menschen sei. Arm und mittellos sollte er„sein Land" verlassen haben, tiefe Trauer über die unverständliche Unbolmäßigkeit seiner geliebten Untertanen schien ihn zu erfüllen. Alles Schwindel! Den nötigen Mammon hatte er schon beiseite gebracht, als er noch an den vollen Fleisch- töpfen Portugals saß; die Ursache der ihn erfüllenden Trauer war nicht in dem Scheiden von seinen Landeskindern zu suchen, sondern in den Zweifeln, die ihn plagten, ob die kleine Brettlkünstlerin Gaby Deslys, die sich in das Herz des Königs hineingetanzt hatte, ihm auch als hinausgeworfenen König treu bleiben würde. Und das ist geschehen. Wie der„Jntransigent" erfährt, befindet der Exkönig sich in L o n d o n, wo er in einem molligen Nestchen den Krankenpfleger der angeblich an Influenza erkrankten niedlichen Gaby spielt. Wie das Blatt schreibt, lasse der gute Junge seine Geliebte keinen Augenblick allein und bewähre sich als Krankenpfleger vor» z ü g l i ch. Auf diesem Umwege wird Don Manuel schließlich doch noch einmal zu einem einigermaßen nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft werden. Explosion in einem Schwefelbergwerk. Wie uns unser römischer Korrespondent meldet, hat sich in der süditalienischen Ortschaft T u f o, wo sich das größte Schlvefelbergwcrk des snditalienischen Festlandes befindet, ein furchtbares Grubenunglück ereignet. Eine Mine scheint früher, als man berechnet hatte, explodiert zu sein, wobei 16 Arbeiter nicht mehr Zeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen. Sieben»vurden auf der Stelle durch giftige Gase getötet, die anderen liegen gräßlich verbrannt danieder. Das nächste Hospital ist viele Stunden weit entfernt. Wen die Verantwortlichkeit an dem Unglück trifft, ist noch nicht festgestellt, aber es ist leider nur allzu bekannt, daß bei dem Abbau der Schwefel- gruben in ganz Süditnlien mit allem gespart wird. außer mit Menschenleben. Die Bestie im Menschen. Gestern morgen ist in Lille der Mörder de? Kassenboten Antoine mit der Guillotine hingerichtet worden. Der Mörder F a v i e r stammt auS einer gut situierten Familie, sein Vater ist Chefingenieur in den Kohlengruben von A n z i n. Bei der Hinrichtung FavierS, der bis zum letzten Augen- blick vergeblich auf seine Begnadigung durch den Präsidenten der Republik gehofft hat, haben sich Szenen abgespielt, die so recht den verrohenden Einfluß der Todes st rafe auf das Gemüt des Menschen erkennen lassen. Die Guillotine wurde um 3 Uhr nachts vor dem Gefängnis aufgestellt. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich eingefunden, und die Polizei, Gendarmerie und Truppen waren in der Nähe des Gefängnisses postiert. Die Gefängniszelle des Verurteilten befand sich gerade nach der Seite der Straße, wo die Guillotine erbaut wurde, so daß Favier während der Nacht ganz genau das Geräusch der Volksmenge und die Bor- bereitungen zu seiner Hinrichtung vernehmen konnte. Es wurden hohe Preise für Fenster in der Nähe des Gefängnisses bezahlt, um Zeuge des grausigen Schauspiels zu fein. Es wurden, wie es heißt, bis 2000Fr. für einzelne Fenster bezahlt. Das unglaublichste aber ist es, daß der Bater des Verurteilten sowie seine beiden Brüder bei den Behörden um Bewilligung von Plätzen nachgesucht hatten und diese auch erhielten._ Kleine Notizen. Mit einer Scheune verbrannt. In dem nahe Halle«.<5. ge» legenen Orte Z e r b e n brannte in der letzten Nacht eine Scheune nieder. Beim Wegräumen deö Schuttes fand nian die Leichen zweier Männer und einer Frau, die in der Scheuue ein Obdach gesucht hatten. Ueberall Rodclunfälle. Der in letzter Zeit sehr in Uebung ge« kommeue Wiutersporl fordert fortgesetzt Opfer. In Pfaffendörf bei Koblenz erlitt ein Beamter durch Absturz von, Schlitten eine so ickwere Kopfverletzung, daß er in Lebensgefahr schwebt. Im Stadiwalde in Koblenz haben beim Rodeln mehrereDamen die Beine gebrochen. Im Schwarzwald ereigneten sich auf einer Rodelbahn au einem Tage zwölf schwere Unfälle. Schwerer Unfall im Straßenverkehr. Gestern vormittag stieß an der Kreuzung der Pralerstraße und der Aspernbrückengaffe in Wien ein mit Passagieren besetzter städtischer Omnibus mit eine in Straßenbahn ivagen zusammen. Der Omnibus wurde umgeworfen; 6 Passagiere wurden mehr oder minder schwer verletzt. Die Passagiere des Straßenbahnwagens blieben unverletzt. Durch einen Brand wurde in der letzten Nacht in Cincinnatt tV. St. v. N.--A.) das Gebäude der Handelskammer zerstört. Der Schaden beträgt mehr als eine Million Dollar. KmfKafon der Kedahtion. Sic»rtftttibk eorciAfntnvt ftnvel Stnvenfrrafft OTt.(10, vorn »irr?rcvv»u— Fadrftutil—, woaientäglich von 4'lt bis 7'Ji Ndt obtiivs, «oiinabcnds von 4>/z bis 6 Ith-»achmitlags iintt. Aed« für den Ärief» tasten bcsiimoitcn itnfrag- ist ein«tiichklnbe und eine Zadl als wtert- ieilben beiAnttiae».«ritflltfie llnrtuurt wird aili» erleilt. Eilige »ragen trag» man in der Svrechftnnd» bor. Sturm, Solingen. In der fraglichen Gegend gibt eS eine Anzahl Notare. Die Adresse lönnen wir Ihnen daher nicht mitteilen.— W. T. 11. Das Gesetz gestattet sür den Fall der Weigerung eine Ausiündigung zum l. Juli. Durch die in Berlin üblichen Mietsverträge ist dieses Recht aber ausgeschlossen und Sie würden bis zum Abiaus dcS Vertrages sür die Miete hasten. Vrüsen Sie daraushin Ihren Vertrag. ES bleibt dann nur der Versuch gütlicher Einigung.— S. II. sie können Klage erheben aus Lohnzahlung sür 14 Tage.— R. 9t, 44. 1. Fragen Sie bei den Ge- meindcvorständen an. 2. Mit derartigen, rein fachlichen Fragen können wir uns nicht beschästigen— St. E. 13. Die Ansechtungs klage, die nur in Frage kommen könnte, erscheint nicht durchsührbar.— A. 123. Fragen Sie beim Polizeipräsidium an.— 3k. P. Köpenick. Ihr Sohn ist schulpflichtig.— H. G. 3». Zablungspflicht besteht. Jedoch unterliegt nur der 28,85 M. wöchentlich übersteigende Verdienst der Beschlagnahme. Soweit die Psänduug sich weiter erstreckt, kann beim Amtsgericht, das den Psändungsbcschluf; erlassen hat, Beschwerde gejührt werden'— I. 9k. S. 1. Die Steuer ist zwar widersinnig, aber gesetzlich begründet. toiurrunqstibetnmi vom 11. Januar Il'll. morgens t» iinu CiatSanai S- «2 « It sZ I «f fflettn Swm-Nlde £>amk>uro Berlin Franti.a Vt iViln ch cd Wien 7S3WSW .764 WSW !766W 770 SW 773 SW 770 W 5 bedeckt 5 bedeckt 4 bedeett 3 Nebel 2wolkenl—6 4 Schnee> 0 toc oll HÜ» 2 2 2 — 3 »tattonen - 3 1| i»®- e H 8? Oeflrr tt Ü Havaranda 743 Still Petersburg 74g SW Sctlly ,76153® lberdeen i 747 SSW Ports 770 SO I I Nebel— 22 2 bedeckt— 1 6 bedeckt 1 0 4Rcgen I 5 5 wollcnl— 8 escttrrprognoie für Donnerstag, den IS. Jannar ISII. Zunächst etwas wärmer, vorwiegend trübe mit Niederschlägen und sehr lebbasien südwestlichen Winden; später wieder langsam aufklarend und neue Abkühlung. Berliner Wetler'urean. Svasserttauds.Stacvrtckiten Wasserstand M e m e l. Tllstt V r e g e I. Jnsterbmg Weichsel, Tboru Oder, Ratibor , Krollen , Frankiurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leinneritz , Dresden # Barbv , Magdeburg 1+ bedeutet Wuchs,— Stall.—*) Unterpegel.—•) Starkes Eis- treiben—*) Schwaches Eistrciben.—•) Eisfrei.—•) GrundeiSgang.— C Eistreiben. Donnerstag. 12. Januar. Ansang V/s Uhr. KSnigl. Opernhans. Salome.(An- fang 8 Ubr.) LiSutgl. Schauspielhaus. Der Kaufinan» von Venedig. Neues königi. OPern-Thrarer. Äeschlossci,. �c-uncyes. Ot�AIo. ü a in m e r s p i e l e. Lanzelot. (Ans. 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Neues Operetten. Die schöne Ris-Ue. Lesftng. Analol. .«toiniiciF Oper. Die Bohöme. Neues Zchaufpielhaus. Mt- Heidelberg. Berliner. Bummelstudenten. Westen. Das Puppenmädel. Neues. Der G. m. b. H.-Teiirr. Trtanon. Der heilige Hain. Nesidenz. Familie Bolero. Thalia. Polnische Wirlschast. Schiller o> e�lil«-,»' sneai«) Prinz Friedrich von Homburg. Sch»> i�hariottendurg. Die Macht der Finsternis. i?rtedrich. Wilhelmstädtilches. Die blaue Maus.(Ans. 81/. Uhr.) ÄlcineS. Studcntcnltebc. fAnjang Tl. Uhr.) PuftspielhanS. Der Feldherrn« Hügel. ZluSstelliingS Theater. Meyers. Vuisen. MudickeS Reise nach Indien. Modernes. Der Doppelmensch. «Ansang 8--. Uhr.) Role. Sem Sündemegister. Hrrrnfeld. Eine verlorene Rächt. Er. Sie und Er. BolkSoper. Die Dollarprinzessin. (Ans. 8'/, Uhr.) FolirS Eapric«. Der Feldwebel- Hügel.(Anfang 8'/« Ubr.) Metroovl. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wippcheu. Rpiilln. Spezialitäten. Baliage. Spezialitäten. Voigt. Der Stabstrompeler. RrichSlmllen. Steltincr Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Sanssouci. Wie werde ich reich? Spezialitäten.(Ans. 8'/, Uhr.) Walhalla. Bravo I Dacapo I(An- fang 8'l. Uhr.) Karl Haverland. Svezialitätcn. Arania. Taubeustraste 48/49. Abends 8 Uhr: Bon san Remo S7—«2. nach Florenz. Sternwarte, JnvaNdenstr. l�essinss-Ikestef. Donnerstag 8 Uhr: Ana toi. Freiwg, 7'/-Uhr. ziun l.Malc: Die Natten. Berliner Tragikomödie in b Alten von Gerhart Hauptmann. berliner'stiester. Heute: kllMMölStllllglltSll. S Uhr. Morgen: Bummelstudenten. VMRM WSMMMMMVMW'HM Neues Theater. Täglich: Der G. m. b. H.-Tenor. Anfang 8 Uhr. »» mmm»» mmmmmmm Theater des Westens. 8 Uhr: Das Puppen mttdel. Mittw. u. Sonnab. 4 Uhr: stotlcäppeden. Sonntag 3'/t Uhr: Ein Watzertraum. Modernes Theater (IrQher Hebbeltheater). Abends 8 Uhr: Doppelmensch. Berliner Volksoper AbendS B'/, Uhr: Die Dollarprinzessin. Lusispielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhugel. Friedrich-Wilhelmstadtisches Schauspielhaus. Donnerstag, abend» 8'f, Uhr: Die blaue Maus. Freitag: Die blaue Maus. Sonnabend 8'/,: Krieg im Frieden. Rachm. 3'/, Uhr: Die Hermannschlacht. Ueeilleei-Ibeetel. Direltiou: Richard ZNcxander. Ansang 3 Uhr. Familie Bolero Schwanl in 8 Allen von Maurice Hennequin und Paul Bilhaud. Morgen und folgende Tage: Familie Bolero. L.uisen- Theater. Abends 8 Uhr: Mndlckts Reise llüch Mit». Morgen: MudickeS Reise nach Indien. Urania, Wissenschaftliches Theater Tauhenstraße 48/49. Abends 8 Ubr: Von San Remo nach Florenz. Kaiser-Panorama. Neu! II. Tour v. Chamounix in das Monlblanc. Gebiet. Iii. intcress. Reise in Indien. Eine Reise 20Pt. Kind nur 10PI. Abonnements I M. Tausende Abonn. Mchiller-Tlieater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat). Donnerstag, abends 8 Uhr: Prinz Friedrich von Homburg. Schauspiel in 5 Zilien v. H. v. Kleist. Ende 10-/. Uhr. Freitag, ab e n d S 3 Ubr: Der inmniol auf Erden. Sonnabend, abends 3 Uhr: Prinz Friedrich von Hamburg. Schiller-Theater Charlottenburg. Donnerstag, abends 8 Ubr: DZ« Tlacht der Finisternl«. Schauspiel in 5 Zilien von Leo N. Tolstoi. Uebersetzt von R. Löwen seid. Ende 10»/. Uhr. Freitag, abends 0 Uhr: llnfmrenfleiber. Sonnabend, nachm 3 Uh r: Das Kätheben von Heilbronn. Sonnabend, abends 8 Uhr: DiiMrenfleiber. OSE=THEATE «Srotze Franfiuilei Str 132. Ans. 8 Uhr. Ende»/.II Uhr Sein Sondenregister, Luslsp. in 3 Akt. o. Friedmann Frcderich Freitag, Sonntag. Montag: Don Carlos. Sonnabendnachm.: Prinzessin Edel. traut. AbendS: Der Müller u. seinKind. 8 Oiir: v«s ÜVeltstadt-pfogramnt. »'/, VI,r: Das Tagesgespräch Berlins; Otto Re utter mit vollständig neuen Zchlagern. Sfietropol-Hteater. Abends 8 Uhr: Rauchen gestattet. Hurra! Wir leben noch! Große AusstattungSrevu« in 7 Bildern v. I. Freund. Musik o. B. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. OW Xeuer Spielplan!"VQ ETHEL LEVEY Amerikas Favorit. La belle Leonora Spaniens Stolz. Mite. Denarbers Luftballonfahrt über den Köpfen des Publikums sowie weitere 12 Star- Attraktionen 12 ■ Rauchen gestattet!------- ■Wbohentäglich 4-7 Uhr: „CLOU" BKRLiI1V£R KOXZERTHACS Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90-91 Eintritt 50 Pf. !!! Heute!!! Gastsp!8lyDnJol).Straus8 aus Wien mit seiner vollständigen Kapelle. Fromenaden-Konzert"«r «»IS Ans. 8 Uhr. Vorverlauf 11—2 Uhr. Zwei Schlager: Bilie verlorene �gcdt. Br, Sie und Er mit Union und Donat Herrnseld in den Hauptrollen. Ps88sge'Pkvop!iKllmH Eadand! I-Sbend! hlane Weih: Ein Opfer wilder Barbaren. Prinz Atom: der kleinste Mensch aller Zeiten. Der Dann mit dem efaernen Schlund. Buddhas Wundertafel. Alles ohne Extra- Entree! Folies Caprice. Täglich 8'/. Uhr: Die abgetretene Frau. Neuer bunter Teil. felÄmbelhiigel. Trianon-Theater. Anfang 6 Uhr. Der heilige Hain. Alt-DnuhU 47/48. Donnerstag, den 12. Januar 1911; Die 010 HnWtel. Lustspiel in 3 Auszügen va» Stein und Heller. Rrpertoirstück des Lnstspielhauses. Kasseuerössn. 7 Uhr. Ans. 8'/. Uhr. Nach der Vorstellung: ----- Tanz.----- ZPÄrt-?A!sst ?vt8iiWer Strajle 70-72a Entree t M Entree t M, Größter Eispalast der Welt Feerie;„Am Blordpol".•0HnsEu,eruf" — Außergewöhnliche Lichteitekte.— 2 Künstlerkapellen.— Restaurant fttr 6000 Personen. Unterricht im Eislauf. Täglich von 11—1 Uhr vormittags; KONZERT. Jeden Sonntag 4 Uhr: NachmittagSaVorstellung. Brauerei Friedrichshain.■ Am Königstor. Größte Sehenswürdigkeit Berlins. Heute und solgcnde Tage: (Zroker BocksJubel u. sTrubel„Auf der Alm". Der berühmteste Fcslwirt Zekorsok 8hrengrtiber mit seiner Truppe(60 Personen) aus München. Ansang 8 Uhr. Enlree 30 Ps. Passierkarten haben volle Gültigkeit. Morgen, Freitag: Elite- Tag. ExcelsiorLiclitspielliaus ]• Rixdorf, Bergstr. 151/152.(Passage.) iMT* Heute: Der TodeHMtnrz des AvintikcrH I.afTonts mit seinem Passaetcr JPolias sowie das Keujahrs- Projfraram und Einlagen. AnfaiiK Wochentags O Ihr. X X Sonntag» 3 Uhr. Jeden Sonnabend: VollstUndi ig neaes Programm. Donnerstag,, den 12. Januar, abends 7'/, Uhr: Ganz Berlin spricht von der kolossalen AusstattiingSpantomime UergroGs toup 9-/, Uhr. der 9-/, Uh-. Schmuggler. Im 3. Akt die große amerikanische Zirkus-Parade. Briff-Braff-ßroff. Arconi-Truppe, 4 Personen. Foot-Ball— PuHh-Ball Polo-Ball Kreisel-Globus, neueste Kreation des Direktors Zl l b. S ch n m a ii n lotuic die übrigen Ättraktivnei!. vosporns am Moritzplaiz. Das Variete-Konsumsystem bleibt Täglich 8 Uhr: r- lit! Nach Schluß der VorsteUung: Bepn lies BoekbierWs: lierlesii 2 Kapellen, Vergnügungspark, Bin 8 Uhr nacht-, Reieiishalien-Theater. Sietlinsr Sänger, Neuk Mösikanfeii-WeüinaElit Genrebild von Mcyscl. Anfang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Zirkus Busch. Donnerstag, 12. Jan., abds. 7'/, Uhr; Große Gala Vorstellung. Gastspiel des Herrn Direktors Pierre Althoff und Frau Direktor Adele Althoff m. ihren eleganten Freihoitsdressiuou. 6 Cliltons 5. Fredlanis, her. Reiterfamilie.— Troika, ger. v. Hrn. Hub. Mirow. Die Aeros, kom. Trapezkünstler.— 3 biebrttder Fratellinl. Um 9 Uhr ca. aum 20, Male: Die mit so gr. Beifall auf gen. neue Ausstattungspantonume „Ann in4: M 0 Hochbahnstaiion Koltbuser Tor. Wie werde ich reich? 10-/.- Fedm de Ferard Preisgekrönte Schönheit. lo»;,: STenhelt! Lebende Schatten! Bnrgtlieater- Festsäle und Kinematograpb vorm. Groterjan. Jnbab.; Rud. Merz, Schönhauser«llee 139. Tel. 3. 9353 Uebcnde Photographien. Ginfiit: 30 u. 40 Ps.. Kinder dieH.ilste. Ans. 7 U.. Sonni. 4 U. Vorzugskarten, nur wocheni. gültig, 25 Ps. auf allen Plätzen. Stet» wechs. Programm. Alila-SSle Schönhauser Allee 130, Milastr. 3 Jaden Dienstag, Donnerstag und Sonntag: jf" Kavailer-Bnll-ME bei großem Streichorchester. Tana und Entree: Herren 50 Pf., Damen 30 Pf. Vorzugskartan haben Gültigkeit. Anfang: Wochentags 8 Uhr, Sonntags 6 Uhr. * Carl Elitnep. Neues Schauspielhaus Slonna Tanna. Der Zerrlstiene. Lessiug-Tbeater Das Konzert. Eptravorslellung Tor Üounenaulgang 240/2 Der Torstand. Thalia-Theater Operette Die schüne Helena. Nesideuz-Tbeater Die 300 Tage. Herrnseld- Theater Der Herr Senator. Nächste Serie: .4a d. Reiches Pforten. V.- G. Winkler. Arnold Scholz j\Teue Welt Hasenheido 108-114 Donnerstag, den 12. Januar 1911: Das Bockbierfest Im bayrischen Hochwald und im herrlichen Berchtesgaden. « I. EHtesTag.» Prämiierung der größten Pleureuseii-Damen-Feiler. 3 bare Geldpreise: SO M., 30 M., 20 M. II Baron MuckFs Bauernkapelle.| v D* Delreggers Tirolers- Truppe. s: z: Neue Welt= Orchester. •••• »»•• Anfang 7 Chr.— 3 Kapellen.— Entree 30 Pf. Soeben eingetroffen: Alexanderplatz. Moritzplatz. Hasenheide (UnionsBraoerei).) Casino-Theater Laibringer Strasie 37. Täglich 8 Uhr: DaS Original Berliner Boslsstück Julie Wippchen. Urberliner Humor! Urberliner Typen! Fm Stile der ehem. Wallner-Bühue. Vorher erstklassiger bunter Teil. Sonntag ü'i. Übe: Hast und Liebe. tf slIialla-Ttiesiei'. RRoscnthDor.) Weinbergsw.LOI Aniang 8'/« Uhr: �M-illlei'iiellezlsz in Bravo! va vapo! Eine Allerwelts- Revue in 5 Bildern mit vielen neuen Einlagen, CoupietS und Aitraklionen. Sonntags nachm. 3'l, Ubr: Unsere Don Juans. Posse mit Gesang u. 2 »leine Prciie. inigsiadt-Rasino. Holzin arllstr. 72. Ecke Alexanderitraße. Die neuen Januar�Zpezialitäte». Eilen Teueri. Miß Mellsr, Gohr. Kühn, Gustav BonnA Sylvester, Les Lands, Sporl-AIt. Eranr, Mobaiiski. ,, Berliner Windbeutel," Sdjmani mit Gesang in 1 Akt. Ansang 8 Ubr. Sonntags 6'/, Uhr. Karl Haveriand- Ansang ThojfüP Konimandanten- präz. 7>/, U. lUCOltr. strafet 77/7». Inniinp Et» urkomische» Ja Speziaütäten-ProgramB daS Tagesgespräch in ' neuen Jahre._ Theater des Weddlngs Müllarstr. 182,483- Sellerstr. 35. Täglich vor ausverkaustem Hause: Abgrlinde Drama in zwei Akten von Urban tön». Aufeerdcm daS neue grofeartig» Programm.__ Theater„Groß-Kerlill". bmi2nnÄ': Puhlmaens Theater S'/. Trilby. a*/« (Ein Opfer des Hypitotism«».) Entree 30— 100 Ps. BorzugSt. billig». Dieses Inserat gilt alS BorzugSkarte. Freitag: Artushot: Blumenkäthe. LIGHTSPiELE. MOZART- SAAL. Nollendorf- Platz. Beginn 6 Ubr. Kasscneröfftning 7 Uhr.'Aniang 8 Uhr. Gesundbrunnen, Badstrafe« 58. Donnerstag, den 12. Fanuar 1911: Gastsp. in Trapps Festsälen, Tegel. ver 8ladslrompeler. Bollsstück mit Gelang in 4 Alte» von W. Manstaedt. Musik von G. Stessens. ufu Populäre Lieder- I Tacbmittagc. Sonn- ! tag, 15. Jan., 5 L'hr, 1 ausnahmsweise im Klindworth- Scharwcnka-Saal. Heitere Lieder, Gesänge zur Laute, Recitationen: Th. Leonhard, Ehepaar Tetter, O. Thtiiu-1 ler. Waiden, Tilli f j Eise Pleschel und ein! | bekannter Kezitator j und JSchauspieler. Karten 0.50 u. 1 M NißieTFesl-Säle Dennewltzstraße 15. Jeden Donnerstag und Sonntag: Großer Ball. 2615&* C. XIBIe. 20 Säle und Vereinszimmev mit modernen Buhnen, In allen DrABen sowie 8 neu renovierte Kegelbahnen an Wochentagen (auch einige Sonnabende und Sonntage) noch frei. Sophien-Säle Pracht-Säle Alt-Berlin C. 54, Sopbienittr. 17-18 Blnmcnsti-. 10 leb Hl 2783 Tel VH 3095 Inhaber: Paul Baatz.* «in donnernd Hoch dem Ge. burtStagZkinde, unserer lieben Mutter und Tante, Frau Xuxuste �ieaäort wünschen Familien l.s>imsnn und Paul, � Dem Genossen l kM Gutilke nebst Fran S die besten Glückwünsche zur' � silberne» Hochzeit. 2SWb„ r Die Genossen des 720. Bezirks. Z »»««»»««»«»««»«««««» ZlüisIlielllolii'sllZcliei'VMvenü! -los ß. Seil. KMtsgz-MIImlzez. Voelen-�n-eixe. Am gl Januar verstarb unser Genosse, der Presscr IKeoäoi- Uarms Bornholmer Straße 4. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den t2. Januar, nachmittags Z Uhr. auf dem Fried' bos der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allee, statt. 224/4 Um rege Beteiligung ersucht Ter Borstand. veutscker öllcvbniliei'-Vei'M. (Zahlstelle äerlin.) Den Mitgliedern die traurige Mitteilung, daß unser langjähriges Mitglied, der Presser IKeoctor Harms am 9. d. Mts. nach kurzem, aber schwerem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet DonnerZ. tag. den 12. d. Mts., nachmittags 3 Ufir, von der Leichenhalle des Freireligiösen Friedhoses, Pappel, allee, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 23/3 Die Ortsverwaltung. SczlaldemokratiselierWahlvereui Rixdorf. Den Parteigenossen zur Nach, rlcht, daß unser Mitglied, da Rähmenmachcr Raul Polens Fuldaslr. 33(6. Bez) verstorben ist. Ehre feinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonnabc. id, den 14. Januar, nach» mittags 3'/, Uhr von der Leichen, Halle des Rixdorfer Gemeinde. Friedhofes, Mariendorfer Weg. aus statt._ Ferner verstarb unser Mitglied, der Gürtler J&arl Weber Warth estr. 46(16. Bez.) an de» Folgen einer Operation. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Januar, nach» mittags 2 Uhr. von der Leichen. Halle des Rirdorser Gemeinde. Friedhofes, Mariendorfer Weg, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 234/1 Ter Borstand. ipMen-iitferbekasse li!giitsefieiißreefislerUB,noemn" E. H. 86. VerwallungSst. Berlin 8 Am 8. d.M. verstarb nnierMilglied friedrick Beiz. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Januar, nachm. 3 Ubr. von der Leichen, halle des ZenwalsriedhoseS in FrtedrichSselde aus statt. 286/19 zozIällleiiioknltlscIlei'VadIverelii LKarlottenburx. 1. Gruppe. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Packer Paul Zernicke Potsdamer Str. 17, am Montag, den 9. Januar 1911 gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Süd-West-Kirchhoses in Stahnsdorf aus statt.— Die Ge- nofien tteffcn sich um 1 Uhr bei Bade, Nehringstr. 25. Abjohrl des ZugeS vom Charlottenburger Bahnhos um 2,07 Uhr. Rege Beteiligung erwartet 260/3 Der Vorstand. ßeiitsetier fransportarteiter-ferlianl Zweigbureau Charlottenburg. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Haus- diener Paul Zernicke am 10. d. Mt». im Alt« von 32 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andeuken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Januar, nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Südwest. Kirchhofes in Stahnsdois aus statt. 66/6 Um rege Beteiligung ei sucht Tie Bezirksverwaltuug. Oeutsclm Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schrauben. dreher Paul Hekrke am 9. d MtS. an Herzschlag ge» starben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Bartholomäus- Kirchhofes in Weißensee, Falten- bergstraße, auS statt. Ferner starb unser Mitglied, der Gürtler Karl Weber am 9. d. MtS. an Blinddarm- leiden. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Januar, nachm. 2 Uhr, von der Leichenhalle des Rixdorser Gemeinde- Friedhofes, Mariendorfer Weg, aus statt. Rege Beteiligung«wartet 110/8 Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes TOKelm Büttner sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Schmiede- verein, den Kollegen der A. E.-G. und dem Metallarbeiter- Verband unseren herzlichsten Dank. 2619b Die trauernden Hinterbliebenen Frau Martlea ItUttner _ geb. Machue._ -GaMe Karl Ernst (Inhaber Willi Ernst) jetzt: KfipeniokerStr.SSb, I. Amt IV, 14089. Gr. Auswählt Bill. Preise I Borzeiger dieser Annonce er- hält 10 Proz. Preisermäßigung. Meiter-Bildungsseliale. Sonntag, den 15. Januar 1911, in Freyers Fests3Ien, Koppenstraße 29: Zur Feier des 20. Stiftungsfestes » UltaUi U I M Hill LH* unter Ilitwirtung von Frau Küthe Hyan(Lieder im Voliston zur Laut« und Gitarre) und erster Kräfte hiesiger Bühnen, unter Regie des Herrn 9Iax Jung, Regisseur am Berliner Theater (Rezitationen altdeutscher Dichtungen und Aufführungen Hans Sachsseher Schwanke). Festvortrag: Dr. Franr Dledcrlch-Drosden Später: ZM" T 3 Bl Z"WW Eröfftanng O Uhr.[5.4] Besinn 7 Uhr. Billette im Vorverkauf 00 Pf. sind zu haben im Schullokal Grenadierstr. 37 Donnerstagabend 8—9 übr und in nachstehenden Zahlstellen: Gottfried Schulz, Admiralstr. 40a; Reul, Bamimstr. 42; Vogel, Lortzingstr. 37; Kaczorowski, Ravcnestr, 6; Kersch, Kngel- Ufer 15, und im Restaurant Koppenstr. 28; an der Kasse 70 Pf. Öeffentl. �npud-Versammlung Freitag, den 13. Januar, abends 8>/z Uhr» im großen Saale des Gewerkschaftshauscs, Engelufer 15. i. Vortrag des Schriftstellers Lmsnuel WunAi: „Heise ins Weltall".- 2.<5». MT Lehrlinge, jugendliche Arbeiter und Arbeiterlunru! Erscheint zahlreich! 238/13* Bor Elnhomtor. Zahlstelle Berlin. Achtung! Die für Donnerstag, den 12. Januar, festgesetzte Generalversammlun findet nicht statt. m Die Ortsverwaltung. ZahlKtellc llcriin. Branche der Maschinen-Arbeiter Montag, den IL. Januar, abends 8 Uhr: Branchen- Vcrfammlung der Maschinen-Arbeiter Grotz-Berlins in den AndreaS-Festsälen. RndreaSstr. Lk. TageS-Ordnuug: 1. Die SygienealiSstellung in Dresden 1911 und unsere Gefahren au den HolzbearbcitungS-Maichincn, verbunden mit photographischen Ausnahmen verunglückter Kollegen. 2. Wahl der Delegierten zur Gencräloersammlung. 3. Tätlgkeitsbericht der Branchenkommission vom Jahre 1910. : il otm / ak-JM'& 3UTÄif5ft%t AGgjckfarb ■ ■ Orts- Krankenkafs e s des Maarergewerbes. Der Borstand hat sich für daS Kalenderjahr 1911 in folgender Weise konstituiert: 1. Vorsitzender: i. Herr A. Daohne, Putzer, Carmen- Sywa-Str. 1S8. 2. Doi fitzender: 2. Herr tz. Schmidt, Maurermeister, Bötzowstr. 34. 1. Schriftführer: 3. Herr C. Leimig. Putzer, MahlZdors- Süd, Secstr. 24. 2. Schrislsühr«: 4. Herr G. Lebmpsuhl, Putzer, Wolliner Sir. 34. Beisitzer: 6. Herr?. Bäicll, Ralsmaurer- meister, Flensburger Str. 16. 6. Herr H. Völker, Maurermeister, Huselandftr. 3b. 7..Herr R. Frnmd, Maurermeister, Braunsberg er Sir. 23. 8. Herr A. Linde, Maurerpolier, Swinemünder Str. 103. 9. Herr E. SimanowSkt, Putzer, (xolOKoizholtsItaiRkl Wollene Schlafdecken Ist 35» 4"J g" Q» K i Pferdedecken! 250 350450 550 M ist. für dicke Portieren 10. Müll-rstr. la. Herr A. Hoch Haehnel, Maurerpolier, 6)roße Franlsurter Str. 124. 11. Herr A. Vogel, Putzer, Rixdorf, Leinestr. 6. Ii. Herr A. Grassau, Maurer, Dieffenbachstr. 19. Berlin, 10 Januar 1911. vor Vorstand. 270/7 alle Earben | Meter 1,73, 2,50 bis 4,50. I Abgepaßte Friesmftntel 1 3,«5-8 M. Versand unter Nachnahme. Emil Lefevre, i Berlin, Oranienstraße 158. 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Kassenbericht 2 Wahl deS Vorstandes. 3. WabI von zwei Reoiloren. 4. Wahl der Kranlentontrolleure. 5. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheine» der Mit- glleder ersucht 26115 Ter Vorstand. 0. Tschoppe. '« D-gen Jnvenlur ÄWS Brunncnstr. 35 am 12. nnd 11 d. M. geseiilossen. Wir bitten, bei Bedars unsere Filiale Kottbuser Str. 9 zu berückfichügen. ictori a=Bi*auerei Aktien sQesellschaft Berlin b Sfralan— Fernsprecher: Amt VII Nr. 383S— empfiehlt in Gebinden und Flaschen: Victoria=Saazer=Bräu(Pilsener Art) VlctoriasExport=Bier(Münchener Art) Victoria=TafeI»Bier(ganz hell) O C k= 13 ier(hochfein) Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort(fettgedruckt) 20 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 flg.; das erste Wort (fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. =j Kleine Anzeigen|j= ANZEIGEN die nächste Nummer werden in den Annahme- für Berlin bis I Uhr. für die Vororte bis In der Haupt-E pedition, Lindcnstrasse 69, bis 5 Uhr angenommen. Verkäufe. 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Der ßixdorfer 0ablrccl)tsraub beschäftigte gestern wieder einmal den Bezirksausschuß in Potsdam unter Vorsitz des Verwaltungsgerichtsdirektors Dr. Joachimi. Diesmal handelte es sich um die Anfechtung der einen großen Teil der Rixdorfer Arveiterschaft und Kleinbürger entrechtenden Wählerliste vom Jahre 1910, die am 15. Juli 1919 offengelegt worden war. Nach dieser Liste, der zweiten unter der Herrschaft des Ortsstatuts über Einführung des anderthalbfachen Durch- schnitt-, hat Rixdorf 315 Wähler der 1. Klasse, 2138 der 2. Klasse und nicht weniger als 37763 der 3. Klasse. Und die Wähler der dritten Klasse zahlen danach für sich allein noch etwas mehr Steuern als die der ersten und zweiten Klaffe zusammen. Eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen. Wie verhält es sich nun mit dem von unseren Genossen bekämpften gesetzwidrigen Zustande. Schon vor dem Ortsstatut vom 29. Januar 1999 tvaren die Rechte der Wähler erheblich in Rixdorf verschlechtert worden durch die am 18. Januar 1919 vom Oberverwaltung-- gericht für gesetzwidrig erklärte Ausstellung der Wähler- liste für 1998. A n sich findet beim kommunalen Dreiklassen- recht, wie eL in den sieben östlichen Provinzen(einschließlich Brandenburg) und in Westfalen sowie im Rheinland u. a. gilt, die Abgrenzung der Wählcrabteilungen nach der Drittelung der von den Wahlberechtigten insgesamt aufgebrachten Steuern statt. Um zu plutokratischer Wirkung vorzubeugen, ist durch § 2 des Gesetzes vom 39. Juni 1999 in den Städten mit mehr als 19 999 Einwohnern eine Ausnahme zugelassen worden. Die Ein- reihung der Wähler soll hier so verändert werden, daß jeder Wähler, der mehr als den auf den einzelnen entfallenden Durchschnittsbetrag der Steuer zahlt, stets der höheren Klasse, also mindestens der zweiten Klasse, zu- gewiesen werden. Das ist klipp und klar im Gesetz ausgesprochen worden, wie später auch das Obervcrwaltungsgericht(18. Januar 1919) ausgesprochen hat. Was tat nun unter Billigung der Mehr- heit der Stadtverordnetenversammlung der Rixdorfer Magistrat damals? Er warf die vielen Wähler, die nicht den Durchschnitt zahlten, aber bei den eigenartigen Rixdorfer Verhältnissen nach dem Drittelungsprinzip in die zweite Klasse gehörten, aus der zweiten Klasse hinaus und zählte sie der d r i t t e n zu. So suchten sich die Herren den 8 2 des genannten Gesetzes in völliger Umkehrung seines vom Ge- setzgeber gewollten Sinnes zunutze zu machen. Ein Heldenstückchcn ererbter Baucrnschlauheit, über da» man lachen müßte, wären nicht die verstimmende Absicht und die entrechtenden Folgen so verteufelt ernst. Nun— das Oberverwaltungsgericht erklärte die so zustande gekommene Liste für ungültig, weil gesetz- widrig, indem es aussprach, daß nach jenem 8 2 nur ein Hinaufrücken in die höhere, niemals aber ein Hinab- drücken in eine niedrigere Klasse statthaft sei. Dem ersten Wahlrechtsraub folgte der verschärfte zweite. Es wurde das Ortsstatut gemäß 8 3 desselben Gesetzes geschaffen. Dieser 8 6 nimmt ausdrücklich Bezug auf den 8 2(siehe oben) und besagt, daß in den dort erwähnten Gemeinden mit mehr als 19 999 Einwohnern durch Ortsstatut bestimmt werden könne, daß an Stelle des einfachen Durchschnitts der anderthalbfache trete. Ganz klar ist, daß das dargelegte und vom Oberverwaltungs- gericht anerkannte Prinzip des 8 2 hierbei ebenfalls zur Geltung kommt. Das heißt: ES kann kein nach dem Drittelungsprinzip zur zweiten Klasse gehöriger Wähler um deswillen in die dritte abgeschoben werden, weil er weniger al- den anderthalbfachen Durchschnitt von Steuern zahlt. Magistrat und Stadtverordnetenmehrheit wollten aber durch Schaffung des Ortsstatuts gerade eine solche Ab- schiebung herbeiführen. Das geschah denn auch gesetzwidrig bei Aufstellung der Wählerliste für 19 99. Der Bezirks- ausschuß erklärte deshalb diese Liste für ungültig. Diese Sache schwebt beim Oberverlvaltungsgericht. 1919 wiederholte sich dasselbe Schauspiel und über die Unzulässigkcit des Verfahrens und über die Ungültigkeit dieser neuesten Wähler- liste sollte gestern der Bezirksausschuß auf die Klage des Genossen Karl Conrad u. a. entscheiden. Als Vertreter der Kläger war an Stelle des verhindertes Genossen Heine Rechtsanwali Dr. B e h r e n d erschienen. Zu einer Entscheidung konnte eS leider noch nicht kommen, weil der Bezirksausschuß von ihm gewünschtes Zahlenmaterial erst am Tage vor der Sitzung vom Magistrat zugesandt erhalten hatte. Der Bezirksausschuß glaubt nämlich, einen Finger- zeig bezüglich der formalen Fassung seiner Entscheidung de- rücksichtigcn zu müssen, den tmS Oberverwaltungsgcricht im Urteil vom 18. Januar 1919 gegeben hat. Danach hat der Ac- zirksausschuß, wenn die Entscheidung noch während der ein- jährigen Geltungsdauer der angefochtenen Wählerliste(also hier der Liste vom Juli 1919) ergeht, rechnerisch festzulegen, wie die Liste auszusehen hat, und hat dabei auch alle die Verschiebungen in der Tittelung und der Verteilung der Wähler auf die einzelnen Klassen zu berück- sichtigen, die sich aus den von den städtischen Be- Hörden als berechtigt anerkannten Einsprüchen ergibt. Auf ein entsprechendes Ersuchen des Bezirksausschusses hat der Magistrat für die beklagte Stadtverordnetenversammlung unzureichendes Material zu spät eingesandt. Rechtsanwalt Dr. B e h r c n d mmchte darauf aufmerksam, daß im übrigen ja die Gesetzwidrigkeit der Liste ganz offen zutage liege und nach der Rechtslage und den Darlegungen des Vor- sitzenden ja gar kein Zweifel sein könne daß der Bezirksausschuß im Prinzip wieder im Sinne der Kläger entscheiden werde. Es wäre vielleicht angebracht, einfach die Liste für ungültig zu er- klären, wie in den früheren Fällen. Denn die Stadwerordneten- Versammlung lege sicher doch wieder Berufung ein, und ehe dann das Oberverwaltungsgericht entscheide, wäre die Geltungszeit der Liste vom Juli 1919 abgelaufen und die rechnerische Berichtigung der Liste durch das Gericht wieder gegenstandslos. Das Ober- Verwaltungsgericht als letzte Instanz werde sie dann doch einfach für ungültig erklären, wie im Urteil vom Januar 1919 die Liste von 1998. Für schnelle Erledigung spreche die deutlich zutage tretende Absicht der Rixdorfer Stadtverordnetenmehrheit, Zeit zu gewinnen, die Sache absichtlich hinauszu- zögern. Nach erfolgter Beratung beschloß der Bezirksausschuß doch die Vertagung. Er meinte, er komme angesichts der Entscheidung des Obcrverwaltungsgerichts über d i e rechnerische genaue Berichtigung der Wählerliste für die Fassung des Urteils nicht hinweg. Um aber eine Verzögerung zu verhinder. setze der Be- zirlsaus schlitz dem Magistrat xine bestimmte Frist von drei Wochen. Innerhalb dieser Frist solle der Magistrat dem Bezirksausschuß eine Wählerliste vorlegen, welche zunächst nach dem Drittclungsprinzip und dann unter Berück- sichtigung des Durchschnittsprinzips im Sinne der bisher ergangenen Entscheidungen aufgestellt werde und bei welcher die vom Magistrat anerkannten Einsprüche auch in der DrittclungSliste berücksichtigt werden. Für jeden, der mit der Materie auch nur einigermaßen ver- traut ist, enthält dieser Beschluß schon die Entscheidung. Er be- deutet: Ter Bezirksausschuß will auch diesmal im Sinne der Kläger, unserer Genossen, entscheiden und sich nur noch die zahlen- mäßige Unterlage für eine richtige Wählerliste beschaffen. Neuer Termin am 21. Februar 3 Uhr. Partei-?Zngelegenkeiten. Waunsce. Sonnabend, den 11. d. abends 8 Uhr, im Restaurant„Fürstenhos*: Wohlvereinsversammlung. Bezirk Bernau. Heute, Donnerstag: Zahlabend, für den ersten und zweiten Bezirk im Lokale des Genossen A Hermann, Gasthos .Zum goldenen Hirsch", Bürgermeisterstraße. Die Bezirksleitung. Falkenhage»- Seegefeld. Zur Flngblattverbreitung finden sich alle Genossen am Sonntag, den 15. Januar, morgens 7% Uhr, bei ihren Bezirlssührern ein._ Der Vorstand. Berliner JVadmebten* Wer ist es? Ihr kennt ihn alle, ob ihr nun im Norden oder Osten, im Süden oder Westen wohnt. IHN I Fast an jeder Straßenecke steht er und sieht mit schläfrigen, verdrossenen Augen auf die Straßen, die für den Verkehr da sind. Die Hände hat er meistens dort liegen, wo der Rücken anfängt, feinen ehrlichen Namen zu verlieren; oder er hat sie in den Manteltaschen vergraben. Zuweilen gleichen seine Arme den Windmühlen- flügeln; sie rasen in der Luft herum und beschreiben ge- heimnisvolle Bogen und Kreise, die die Kutscher derart hypnotisieren, daß sie nicht wissen, ob rechts oder links, ob vorwärts oder zurück! Meistens aber steht er verdrossen und gelangweilt an den Straßenecken. Um ihn braust der Ver- kehr! Wagen fahren hin und her, Arbeiter gehen eilig zur Werkstättc, junge Kaufleute und Geschäftsmädchen hasten an ihn vorbei, Händler ziehen mühsam ihren kleinen Kramwagen, alles, alles arbeitet, alles hat seine ganz bestimmte Verrichtung vor, und jeder einzelne ist froh, wenn er in Ruhe ungehindert seinem Ziel zustreben kann. Es sind das alles Großstadtmcnschen, vernüftige Menschen, die einander möglichst wenig Hindernisse zu bereiten suchen. Nur der Mann hat nichts zu tun. rein gar nichts. Und für diese Tätigkeit der Untätigkeit wird er sogar noch bezahlt. Nun hat er lange genug die Straßen und die Menschen. die Pferde und Wagen, die Häuser und Bäume angesehen. So kommt er aus den Gedanken, sich selbst einmal an- zuschauen. Langsam und wohlgefällig gleitet der Blick an seiner Gestalt herab und macht zunächst Station an einem knallgelben Leibriemen, der ein gleichfalls knallgelbes, sonder- bar geformtes Futteral hält, in dem sich ein Knallcisen be- findet, für Gerechte und Ungerechte. Der Blick des Mannes reißt sich schwer los und rutscht endlich hinunter auf die Stiefel. Ei ja, daS sind herrliche Stiefel mit schweren Schäften, breiten Sohlen und genagelten Absätzen... Stiefel sind zum Gehen da l Und so überlegt der Mann, daß er jetzt eigentlich sich einmal ein bißchen die Beine vertreten könnte. Nur ist er sich nicht im klaren, welchen Fuß er zuerst vorsetzen soll. Schließlich entscheidet er sich für den rechten. Er ist immer für das Rechte. Langsam erhebt er ihn, langsam f�lgt der linke nach. So wandelt er gemessen einher, jetzo wachsamen Auges. Jede Dame, die allein geht und ein Täschchen hat. ist für ihn„so eine", jeder Mann, der seinen Schnauzbart nach unten trägt, ein Anarchist oder Sozial- demokrat, jeder junge Mann, der keinen Slehkragen hat, ein Rowdy, ein Strolch, zwei junge Männer ohne Stehkragen sind ihm„lichtscheues Gesindel", drei ohne gestärkte Halscisen „Mob", vier ohne Faltenvorhemd„ein gefährlicher Auflauf". den man im Auge behalten muß... In langsamem Trab biegt eine Droschke um die Ecke, aber, der verruchte Rosselenker fährt links statt rechts. Da kommt Leben in unseren Mann. Er schreit den Mann an, er ruft:„Haaaalt l" Der Rosselenker zoppt seine Rosinante:„Wat is'n los?" „Sie sind links gefahren, Sie.. Damit krabbelt der Mann in seiner Manteltasche herum und holt ein dickes Buch raus, zieht sich einen Handschuh aus und fängt an zu schreiben: Name des Droschkenkutschers (Vor-, Ruf-, Zu- und Spitzname), Stand, Wohnung, Staats- angehörigkeit, Religionsbekenntnis, geboren wann, wie, wo, konfirmiert wann, wie, wo, vorbestraft wann, wie, wo,... Inzwischen erhebt sich am Ende der Straße ein entsetz- liches Geschrei, aber der Mann schreibt weiter: Ledig oder verheiratet und mit wem? Das Geschrei wird größer, ein Automobil rast vorbei. Der Chauffeur starrt schreckensbleich auf den Mann, der weiter schreibt: Ehe kinderlos oder wieviel Kinder? Welchen Ge- schlechts, ob männlich, weiblich oder mittlere Linie? Eine Menge wälzt sich heran, schreit und lärmt:„Hier is er vorbeijefahren. er hat'n ja sicher uffjeschriebcn." Der Mann schreibt weiter: Sind Sie nüchtern von Hause weggefahren? An welchen Kneipen haben Sie ge- halten? Wieviel Glas Bier haben Sie getrunken? Da ertönt es aus der Menge:„Sie, dct Automobil hat'n alten Mann dot jefahrcn. Det Automobil hätt'n Se man uffschreiben soll'n. Aber so ist et immer. Wenn man'n braucht, is er nich dal" Schwupp, da hat der Mann mit dem Buch den Redner gefaßt und transportiert ihn. Zwei Wochen später wird der Arretierte verurteilt wegen öffent- lichen Lärmens, Beamten�eleidigung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Verursachnng eines öffentlichen Auflaufes, Be- Hinderung des Verkehrs usw. Aber der andere I Kennt ihr den? Zweckverband Groß-Berli«. Der Magistrat von Charlottenburg hat den Minister> des Innern in einer Eingabe gebeten, den Entwurf des in der i Thronrede angekündigten Zweckverbandgesetzes vor der Ein- bringung in den Landtag den Gemeindckörperschaften zur gutachtlichen Aeußerung mitteilen zu wollen.„Eine zweckmäßige Gestaltung des so ungemein wichtigen Gesetzes unter ausgleichender Berücksichtigung der besonderen lokalen Interessen, ins- besondere der Vorortgemeindcn gegenüber der Stadt Berlin wird", so heißt es in der Eingabe,„die Wirksamkeit des Ge- setze» und seines berechtigten Gedankens außerordentlich er- höhen. Aus der Fülle der kommunalen Erfahrung und aus der Vielseitigkeit der in den Selbstverwaltungsorganen liegenden Kräfte werden sicherlich wertvolle Anregungen ge» geben werden können, welche die Vorschriften für den zu schaffenden Sekbstverwalwngskörpcr zweckmäßig beeinflussen dürften."_ Die Deputation für daS städtische Turn- und Badewescn beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung u. a. mit dem Projekt zu einer für Berlin neuen Einrichtung, und zwar der Aus- nützung des Abdampfes einer Pumpstation für die Bade- Wassererwärmung eines Volksbades. Es handelt sich dabei nicht um direkte Anwendung dcL Abdampfes für Badezwecke, sondern um die Einrichtung von Oberflächenkondensatoren, bei denen reines Brunnenwasser durch den Abdampf angewärmt wird. Die Einrichtung ist geplant bei der Pumpstation Holzmarktstraßc in Verbindung mit denO Volksbade an der Schillingsbrücke. Die Bedingungen für diese Neueinrichtungen sind gerade bei diesen Anstalten sehr günstig, da sie eng an- einander liegen. Dem Umstände, daß die Betriebszeiten der beiden Anstalten sich nicht ganz decken, wird durch Anlegung eines Reservoirs für das warme Wasser Rechnung getragen werden. Die Deputation beschloß, das Projekt nach Vor- nähme einiger Acnderungen und Ergänzungen den Gemeinde- behörden zur Ausführung zu empfehlen. Man ist der Ansicht, daß sich der Betrieb der Badeanstalt durch diese Einrichtung wesentlich billiger gestalten lvird. Ein neues pädagogisches JnformationSmittel. In der deutschen Uuterrichtsabteiluicg der Brüsseler Weltausstellung wurde zum ersten Male gleichzeitiges Zusammenwirken von Kinematograph und Grammophon vorgeführt als Jnformationsmittel für pädagogische Zwecke. Man sah und hörte zu gleicher Zeit Unter- richtsproben und Vorgänge aus dem deutschen Schulleben. Diese Idee stammt von dem Charlottenburger Oberlehrer Dr. Driesen, der sie unter verständnisvoller Förderung der Charlottenburger Schulverwaliung und der städtischen Körperschaften auf charat- teristische Leistungen des Charlottenburger Schulwesens anwandte. Diese Demonstrationsvorträge wurden in Brüssel mit großem Bei- fall ausgenommen, so daß die Direktion der Lichtspiele in Berlin die Initiative zu einer Wiederholung in Berlin ergriff, ein G» danke, der sich mit einem längst gehegten Wunsche der Charlotten- burger Stadtverloaltung deckte,«o laden denn jetzt gemeinsam der Magistrat der Stadt Charlottenburg und die Direktion der Lichtspiele zu einer Wiederholung des Brüsseler Vortrages des Herrn Dr. Driesen vor geladenen Gästen auf Freitag, den 13. Januar, mittags 12 Uhr, in den Räumen der Lichtspiele (Mozartsaal am Nollendorfplatz) ein. Eine größere Verkehrsstörung hemmte Dienstagabend von ?�11 bis%12 Uhr den Verkehr im mnteren Teil der Leipziger Straße. An der Ecke der Charlotten- und Leipziger Straße fuhr der Motorwagen 2939 der Linie 54 in eine falsche Weiche und stieß gegen den Vorderperron des aus entgegengesetzter Richtung kom- Menden Motorlvagens 1255 der Linie 54. Bei dem Zusammenstoß wurde der Wagenkasten aus dem Kugellager gehoben, so daß der Wagen das Gleis in der Richtung nach dem Halleschen Tor zu sperrte. Durch Mannschaften des Rettungswagens wurde der defekte Motorwagen wieder transportfähig gemacht. Die Wagen der Linien 34. 43, 53 und 55 wurden über den Hausvoigteiptatz, Jerusalemer- und Zimmerstraße und von der Jerusalemer Straße durch die Leipziger- und Charlottenstraße abgelenkt. Die Wagen der Linie 54 wurden durch die Französische- und Mauerstraße ge» leitet. Konkurse. Die bekannte Baufirma Wagenknecht u. Cunitz, Köpenick, und dcr Bauuniemehmer Julius Rotkopf in Erkner, die bei Bauten in Groß-Berlin groye Verluste erlitten haben, sind in Konkurs geraten. Der Zusammenbruch dieser beiden Firmen ist für viele Bauhandwerker und Arbeiter ei» harter Schlag. Ein Wagenunfall hat den 54 Jahre alten Kutscher Friedrich Bahne aus der Elbingerstraße Nr. 77 in den Tod getrieben. Bahne fuhr seit drei Jahren für einen Fuhrherrn aus der Greifswalder «tratze einen Attcnwagen des Magistrats. Vorgestern morgen gegen 8 Uhr stieß er an der Ecke der Spandauer und Königstraße mit einem anderen Aktenwagen zusammen. Obwohl die Wagen nur leicht beschädigt wurden, ließ sich Bahne in übertriebener Furcht vor den Folgen seines Mißgeschicks von dem Fuhrherrn doch seine Papiere geben und legte die Arbeit nieder. Vor Aerger betrank er sich dann und ging erst abends um IVM- Uhr nach Hause. Seine Frau war schon zu Bett gegangen. Bahne stellte sich vor sie hin und nahm nach den Worten:„Dieses ist dcr letzte Labctrunk!" eine» großen Schluck aus einer Lysolflasche. Nach zehn Minuten war er wt. An eine Offizierßtragödie erinnert ein Selbstmord, über den aus der Hussitenstraße berichtet wird. Dort hat sich die 44 Jahre alte, aus Posen gebürtige frühere Wirtschafterin Marie Gleditsch vergiftet. Diese war die Tochter eines Eisenbahnbeamten in Posen, hatte dort mit dem damaligen Rittmeister Reisch seit dem Jahre 1888 ein Liebesverhältnis und überwarf sich deshalb mit ihrer Familie. Bei seiner Uebersicdelung nach Berlin nahni Reisch, der unterdessen Mazor geworden war, im Jahre 1991 seine Geliebte mit. Dreie führte ihm auch hier noch l'A Jahre die Wirtschast. Major Reisch entließ sie dann, weil er seine Mutter zu sich nahm. Marie Gleditsch kehrte zunächst nach Posen zu ihrer Familie zurück. Nach einem neuen Zerwürfnis kam sie ein halbes Jahr später wieder nach Berlin und wohnte hier an verschiedenen Stellen. Als»un Major Reisch in einem Fräulein H. eine Hausdame zu sich nahm, wurde seine frühere Wirtschafterin so eifersüchtig, daß sie eines Tages zu Revolver und Messer griff. Am 23. Mai 1993 erwartete sie den Major in dem Hause Steinmetzstratzc Nr. 49a, als er von einem Ausgange zurückkehrte. Aus der Treppe stehend, feuerte sie zwei Revolverschüsse auf ihn ab, die aber fehlgingen. Dann zog sie ein spitzes Messer, das sie zuweilen in der Küche verwendet und be- sonders mitgebracht hatte, und stieß es ihm in die Brust, so daß er tödlich verwundet zusammenbrach und bald verschied. Nach der Tat ging Marie Gleditsch, die unbemerkt entkommen war, das in Zci- tungspapier eingewickelte Messer und den Revolver im Pompadour. äußerlich ganz ruhig, durch den Tiergarten nach der Chausseestraße zu ihrer letzten Wirtin, erzählte dieser, daß sie sich wit dem Major grundlich ausgesprochen habe und begab sich dann nach' ihrer Woh- nung in der Sebastianstraße. Hier wurde sie von Kriminalbeamten, die das Haus schon besetzt hatten, festgenommen. Den Pompadour mit dem Revolver und dem Messer hatte sie in der Chausseestraße zurückgelassen. Marie Gleditsch bestritt die Absicht, den Major, der ihr mit erhobenem Stock entgegengetreten war, zu töten, und behauptete. daß sie ihm nur habe einen Denkzettel geben wollen. Das Gericht verurteilte sie unter Annahme mildernder Umstände zu 513 Jahren Gefängnis. Nachdem sie diese vor 1% Jahren verbüßt hatte, ernährte sie sich zunächst durch Schneiderarbeiten. Dann führte jie wieder einem Kaufmann B.. der ihr Borleben nicht kannte, die kktfüykrft. Eines Lage? geriet V. in einer Castki'rtschafi mit! Brunnenstraße 107a, Ecke Eustav-Meher-Mee, gerufen. Dort war einem Bekannten in Streit. Dieser warf ihm vor. daß er mit seiner' in der in einem einstöckigen Anbau untergebrachten L a ck i e r e r c i Wirtschafterin ein Liebesverhältnis unterhalte. B. verklagte darauf seinen Bekannten wegen verleumderischer Beleidigung. Marie Gleditsch gab jetzt ihre Stellung, die sie ein halbes Jahr bekleidet hatte, auf und wohnte seitdem für sich allein in der Oranienstraße. Bon dort zog sie vor vier Wochen zu einer Stellenvermittlerin in der Brüderstrahe. Ihre Lage war so schlecht, daß sie dort Miete und Kostgeld schuldig bleiben mutzte. Noch mehr bedrückte sie aber die Aussicht, in dem Beleidigungsprozetz als Zeugin erscheinen zu müssen. Nachdem sie einen Termin ohne Entschuldigung ausge- blieben war. beschlotz das Gericht, sie zur nächsten Verhandlung zwangsweise vorführen zu lasten. Am 23. Dezember ging sie von der Brüdcrstratze weg und kam nicht wieder. Am nächsten Morgen, erhielt ihre Wirtin eine in Berlin aufgegebene Postkarte, auf der l sie ihr mitteilte, datz sie auf einige Tage nach Eberswalde fahre.> Die Wirtin möge sich nicht ängstigen, sobald sie zurückkehre, werde sie ihre Schulden bezahlen. Die Lebensmüde fuhr aber nicht nach Eberswalde, sondern begab sich nach einem Hospiz in der Hussiten- stratze. Dort nahm sie am Neujahrsmorgen Sublimat und mutzte nach dem Lazaruskrankenhaus gebracht werden. Hier ist sie den Wirkungen des Giftes erlegen. Der„verlorene Sohn". Ein ganz eigenartiger Vorfall wird auS dem benachbarten Müncheberg gemeldet. Dieser Tage verzog der Arbeiter Franz Konrad von dem Dorfe Garzin nach Müncheberg. Seine Habseligkeiten hatte er auf einen Wagen geladen, auf den er dann noch, gut in Betten verpackt, seinen vierjährigen Sohn fetzte. In Sieversdorf machte der Arbeiter Rast und gab seinem Kinde zu essen, das er dann wieder auf den Wagen setzte und vor- sorglich festschnallte. Auf der Weiterfahrt kümmerte man sich nun nicht weiter um den Kleinen. Um so größer war der Schrecken, als bei der Ankunft m Müncheberg der Knabe von dem Wagen ver- schwunden war. Es Ist nur anzunehmen, datz das Kind unterwegs heruntergerutscht ist, eine Entführung dürfte wohl kaum in Betracht kommen. Eine genaue Absuchung des zurückgelegten Weges war resultatlos, und bisher ist es auch den Nachforschungen der Polizei- behörden nicht gelungen, den Verbleib des auf so sonderbare Art verloren gegangenen Kindes zu ermitteln. Nicht ausgeschlossen erscheint eS, datz der Knabe von fremden Personen aufgenommen ist, möglich ist eS aber auch, datz der Junge, der vielleicht selbst vom Wagen herabgeklettert ist, in icner Gegend sich verlaufen hat. Ein gefährlicher Kautionsschwindler treibt in Schöneberg sein durch Entzündung von Benzinlackcn Feuer ausgebrochen. Als die Feuerwehr anrückte, hatte das Fabrikpersonal schon zwei Schlauch- leitungen vorgenommen, so datz die Ilauuncn bald erstickt werden konnten._ Am Grabe Emma JTjrers. Auf dem städtischen Friedhofe in Friedrichsfelde wurde am gestrigen Nachmittag unsere Genossin Ihrer zur letzten Ruhe Be« stattet. Ein unabsehbarer Zug von Männem und Frauen wogte dem Totenacker zu, um der verstorbenen Kämpferin das letzte Geleite zu geben. In der Kapelle, wo der Sarg aufgebahrt war. hatte sich schon frühzeitig eine zahlreiche Schar Teilnehmer eingefunden, so datz auch nicht daS kleinste Plätzchen mehr frei war als die Feier begann. Ein frischer, herber Duft von Blumen und Kränzen füllte den Raum; durch die bunten Scheiben der Fenster grüßte bereits der scheidende Tag und die Kerzen flackerten und zuckten durch die dämmrige Stille, als vom Nebenraum her, weich und klagend, das ergreifend fwöne Lied:«Ruhe sanft", gesungen vom„Gesangverein Kreuzberger Harmonie", erklang, in daS sich das verhaltene leise Schluchzen der Trauernden mischte. Als die letzten Töne verklungen waren, trat Genossin Klara Zetkin an den Sarg, um der teuren Ver» storbenen den letzten Grutz und Dank zu widmen. Mit schmerz- erstickter Stimme zeichnete sie mit warmen Worten das Charakter- bild der dahingegangenen Kämpferin. ihr Leben, ihre Verdienste um die Arbeiterbewegung, ihre unverwüstliche Arbeitskraft, ihre Selbst» losigkeit und Treue, ein leuchtendes Beispiel für alle Mitkämpfer. „Was sie geleistet, gehört der Geschichte an, und ihr Bestes lebt fortl" In diesem Sinne ließ Genossin Zetkin ihre Worte, aus denen das heiße Weh um die unvergeßliche Mitstreiterm zitterte. auSklingen. Dann sprach Genossin Thiede, die besonders die organi- satorifche Arbeit der Verstorbenen würdigte. Nach ihr ergriff Luise Z i e tz im Namen des ParteivorstandeZ daS Wort und schilderte mit Wärme den Eutwickelungsgang der Genossin Ihrer, die in anderen Verhälwiffen aufgewachsen, sich Unwesen. Er sucht seine Opfer durch Zeitungsanzeigen. Zuletzt unter schweren, seelischen Kämpfen zu ihrer neuen Weltanschauung prellte er einen jungen Burschen, der auf eine Anzeige geschrieben hatte, um 25 Mark. Bei dem Arbeitsuchenden erschien ein Mann, der sich Militärjournalist Thcophil Brehmer aus der Johannis- stratze 23 nannte. Er nahm den Bewerber als Schreiber und Reise- bcgleiter an, verlangte und erhielt von ihm 23 M. als Sicherheit und trat sofort eine Reise mit ihm cm. Diese ging aber nur bis Potsdam. Dort ließ der..Militärjournalist" seinen Reisebegleiter sitzen. Der Gauner ist wahrscheinlich der 35 Jahre alte, aus Düffel- dorf gebürtige„Schriftsteller" Theophil Brehmer. der schon früher von der Polizei gesucht wurde. In der Johannisstratze Nr. 23 hatte er nur eine halbe Stunde„gewohnt". Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einem Braue» und einem Straßenbahnwagen ereignete sich vorgestern abend gegen 7 Mi Uhr vor dem Stratzenbahnhof in der Markusstratze. Dort fuhr der Trans- portwagen Nr. 45 des Böhmischen Brauhauses gegen die linke Scitenwand des den Bahnhof verlassenden Rangierwagens 1133. Der Kutscher Stanislaus Feld. Tilsiter Stratze 64 und der Mit- fahrer August Pfarr, Pintschstratze 8 wohnhaft, stürzten vom Bock und erlitten Kopfverletzuimen. Der Mitfahrer trug bei seinem Sturz auch eine leichte Gehirnerschütterung davon. Die Verletzten wurden nach der Unfallstation und von dort aus in ihre Wohnungen geschafft. Die Gasvergiftungen nehmen in Berlin, seitdem die Hergiftungen abgenommen haben, überhand. Fortgesetzt wer! solche Vergiftungen gemeldet. Am Dienstag wurde der Feuerwehr i aus der Kurfürstenstraße 164 gemeldet, datz dort Gas ausgeströmt und Menschenleben in Gefahr seien. Bei ihrem Eintreffen fand die Feuerwehr mehrere GaShähne in der Kellerwohnung deö Schuh- macherS Karl Donath offen. Der Wohnungsinhaber wurde mit Sauerstoff behandelt und mit Droschke nach dem Elisabeth-Krankcn- Haus gebracht. Gestern früh um 3 Uhr lief ein Alarm aus der Lindenstratze 43 ein. Dort hatte sich das Dienstmädchen Marie Müller. daS auter Hoffnung ist, mit Leuchtgas in der Wohnung des Kaufmanns Petzall vergiftet. Das Mädchen hatte soviel Gas auS» strömen lassen, daß auch andere Personen in großer Gefahr schweb- ten. Samariter der Feuerwehr hatten mit ihren WiederbelebungS- versuchen Glück. DaS Mädchen wurde dann nach dem Krankenhaus Lysol- weroen am Urban gefahren.— Mit Gas vergiftet hat sich auch die 31 Jahre alte Zigarrenhändlerin Gertrud Bürger. Am Friedichshain Nr. 6. Die Grldfchrankeinbrüchr werden jetzt immer häufiger. Täglich werden der Polizei mehrere derartige Einbrüche gemeldet, ohne daß es bisher gelingen konnte, die Haupturheber zu ermitteln. ES kommen als Urheber verschiedene Verbrecherbanden, die bald in diesem, bald in jenem Stadtteil auftreten, in Betracht. Heute wird uns über zwei Geldschrankdiebstähle berichtet. In dem G.schen Fabrikbureau. Georgenkirchstratze 22, erbeuteten Geldspindknacker über tausend Mark bareS Geld.— Weniger Erfolg hatte eine andere Bande, die der Firma Katzenellenbogen. Jerusalemerstraße 8, eine nächtliche Visite abstattete. Sie raubten etwa 4M Mark bares Geld. Die Hauptsumme war am Abend vorher an anderer Stelle unter- gebracht worden, so datz sie den Dieben entging. Die Uhrcnschwindlcrin, von der wir gestern Berichteten, ist von der Kriminalpolizei noch nicht festgenommen worden. Einen schrecklichen Tod hat der 60 Jahre alte Kutscher August Grohn aus der Seelowerstratze gefunden. G. war mit einem Manen aus der Fahrt nach Fürftenwalde begriffen. Auf der Fürftenwalder Chaussee kam er beim Passieren einer glatten Stelle plötzlich zu Fall. Er stürzte so unglücklich zu Boden, datz er mit dem Ober- korper unter den Wagen geriet. Die Räder des schweren Gefährts gingen ihm über den Brustkasten hinweg und zermalmten diesen vollständig. Als bald darauf ein anderer Kutscher vorüberkam, fand er G. als Leiche unter dem Fuhrwerk auf. Wer ist die Tote? Die Leiche eines jungen Mädchens wurde gestern nachmittag aus dem Charlottenburger BerbindungSlanal gelandet und nacd dem Schauhause in Charlottenburg gebrocht. Die Tote, deren Periönlichkeit noch nicht festgestellt werden konnte, ist etwa 15—18 Jahr« alt und trug auf dem Ringfinger der rechten Hand einen goldenen schmalen Ring mit zwei roten und einem weißen Stein, Feuer bei der IL GL G. In der vierten Nachmittagsstunde wurde estern der 19. Löschzug der Berliner Feuerwehr nach dem abrikkomplex der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in der durchringen mußte. Sie werde durch das, was sie getan, uns un- vergeßlich bleiben. Auch Genosse Bauer von der Generalkommission widmete der Toten einen tief empfundenen Nachruf, in dem er besonders auf ihre große Selbstlosigkeit und Unermüdlichkeit hinwies. Nachdem noch ein Vertreter des Verbandes der BlumenarBeiter und-Arbeiterinnen den großen Verlust, den diese Gewerkschaft durch das Hinscheiden der Genossin Ihrer erlitten, geschildert hatte, setzte der Gesang wieder ein. Genossin Wenge!» legte mit einem letzten Gruß einen vom Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine gespendeten Kranz auf den Sarg nieder, der die Inschrift trug: „Sie hat für unseren Kampf auf Erden Ein scharfes Schwert verlieh'», Daß eine neue Welt soll werden! Drum ehret sie!— lind das Gewerkschaftliche Arbeiterinnenkomitee hatte auf der Kranzschleife folgende Worte gewidmet: „Wirken für andere war ihres Glücke» ergiebigster Quell!" Am Grabe klang noch einmal stimmungsvoll durch den eisigen Winterabend:„Ruhe sanft!" Dann sank der Sarg in die Tiefe; Scholle um Scholle fiel dumpf in die Gruft und die Kranzspenden häuften sich in großer Zahl auf. Genossin Ihrer ist nicht mehr, aber ihr Geist weilt für alle Zeiten unter uns, und aus dieser Ucberzeugung heraus senkt daS kämpfende Proletariat die Fahne am Grabe der tapferen Streiterin, mit dem unverbrüchlichen Schwur, fonzukämpfen in ihrem Sinne im grotzm Befreiungskämpfe der unterdrückten Menschheit! Vorort- jVa cd ricbtm. Rixdorf. Die Brrwaltvng der Smigesellschaft„Ideal" kann in ihrem Be- richt für das vierte Geschäftsjahr abermals über weitere erfreuliche Fortschritte berichten. Durch die Vollendung des am Beginne deZ Berichtsjahres bereits fertiggestellten Rohbaues Brusendorfer Stratze 2—5 konnten den Mitgliedern weitere 114 Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Wohnungen und vier Läden wurden zu Ostern bezogen. Schon nach einem halben Jahre am 1. Oktober 1910 standen weitere 84 Wohnungen, fünf Läden und ein Restaurant in der Mareschstratze bezugsfertig da. In sämtlichen der Genosienschaft gehönge» Häusern ist, auch für Kleinwohnungen, Badegelegenheit. Dampfheizung und Warmwasserversorgung vorhanden. Mit dein Bau Jdealpassage ver- fügt die Genossenschaft jetzt bereits über 400 Wohnungen. An Mit- gliedern sind im abgelaufenen Geschäftsjahr 256 hinzugewonncn worden, so datz sich die Gesamtmirgliederzahl jetzt auf 900 beläuft. Die Haftsumme stieg um 27 000 M. aus 151 000 M. Die Ein- zahlungen auf die Geschäftsanteile sind laut Bilanz auf 61 068,41 M. gestiegen. In dem Bericht wird bereits mitgeteilt, datz sich die Ver- waltung mit einem neuen Projett beschäftigt, das vom bisherigen Kasernensystem abweicht und sich dem Kleinhaus mit Garten nähert. Genaue Berechnungen sollen ergeben haben, datz wenn die kleinen Häuser auch an kleine Wohnstraßen gestellt werden, die Wohnungen auf keinen Fall höher im Preise zu stehen kommen, als sie heute sind. Tchönederg. In den Ausschüssen der Stadtverordnetenversammlung sind unsere Genossen folgendermaßen vertreten: Im Ausschuß für Anstellung und Wahlen von Gcmeindebeamten die Genossen Hoffmann, Obst: Ausschuß für Petitionen: Däumig, Rotiländer; RedniungSauSschuß: Küler. Magnan. Rottländer, und als deren Stellvertreter Obst, Bernstein, Väumler: WahlprüfungsauSschuß: Däumig. Molkenbuhr: Ausschuß für Prüfung und BeförderungSangelegenheiten: Bernstein, Rottländer; Etatsausschutz: Küter. Bernstein, Molkenbuhr, als deren Stellvertreter: Bäumler, Obst, Däumig. Charlottenburg» Am Sonntag, den 15. Jamiar, abends 8 Uhr. findet im Kaiser» Friedrich-Festsaal(Gymnasiums, Knesebeckstr, 24, der 6, Volks- K u n st a b e n d der Stadt Charlottenburg statt. � Das Programm lautet: Ludwig Anzengruber, sein Leben und seine Werke. Vor- tragender Herr Dr. Kurt Walter Goldschmidt. Rezitationen: Herr Dr. Manz. Lieder zur Laute: Herr Schmidi-Kayser. Billetts zu ermäßigten Preisen von 30 Pf. sind zu haben im Vollshaus, Rosinenstr. 3, bei Will, Kirchstr. 30, und in der Vorwärts- Spedition, Sesenheimer Str. 1. Wilmersdorf. Selbstmordversuch im Straßenbahnwagen. Aus Nahrungs- sorgen versuchte gestern die 28jährige Wirtschafterin Katharina Sch. sich das Leben zu nehmen. Sie hatte am Kaiserplatz einen Straßenbahnwagen der Linie 66 bestiegen und fiel sofort durch ihr aufgeregtes Wesen auf. In der Augsburger Straße zog die Sch. plötzlich ein Fläschchen hervor, dessen Inhalt sie zum Enftetzen der zahlreichen Fahrgäste trank. Die Lebensmüde brach sofort be- sinnungslos zusammen und muhte nach dem KreiS-Krankenhause in Grotz-Lichtcrfelde übergeführt werden, wo eine schwere Acthcr- Vergiftung festgestellt wurde. Die Wirtschafterin hatte am 1. Januar ihre Stellung aufgeben müssen und es war ihr bisher nicht gelungen, eine neue zu finden. Ober-Schönctveide. Gcmcindcverttcterfitzung. Mitgeteflt wurde, datz die von der Gemeinde Rummelsburg und dem Grundeigentümer Nadge gegen die Eingemeindung des for st fiskalischen Terrains bei Nobelsbof eingelegten Einsprüche vom Bezirksausschuß zurück- gewiesen find; als leple Instanz hat eventuell noch der Provinzial- rat in dieser Angelegenheit zu sprechen.— Von der Allgemeinen ElektrizitälS-Gesellichasl sind für die Anlage eines arctntettoni- ichen TrinkbrunuenS im Treppenhause des RealgyninasiuniS 3000 Mark gespendet worden.— Für die Zustellung der staatlichen Einkominensteuerveraiilagungen durch die Gemeinde sollen hinfort von der Regierung 7 Pf. statt 5 Pf. per Zustellung erstaltet werden: die Vertrnung stimmte einer solchen Borlage zu. — Von der Friedhofskommission ist eine Erhöhung der Grab- stellengcbühren für fremde Leichen vorgeschlagen; Genosse Muth erklärte, datz eS nicht angezeigt sei, den manchmal in einer Zwangslage befindlichen Angehörigen die ohnehin erheblichen Auf- Wendungen für Bestattung noch zu verteuern. Gegen die Stimmen unserer Genosien, welche nur sür die stärkere Heranziehung der ErbbegiäbniS- und Wahlstelleninhaber stimmten, wurde die Vorlage jedoch angenommen.— Der Gesellschaft Berliner Ost bahnen wurde die Anlage einer zweiten Gleiseinfahrt zu ihrem Grundstück genehmigt.— Der Ans- nähme eines zinsfreien Darlehn» beim KreiSkommunalverbande für den Ausbau der Stratze vor dem Krankenhaus stimmt die Bertrclmig zu.— Die Vergebung verschiedenet Arbeiten für das Realgymnasium loird nach den Vorschlägen der Baukommission vorgenommen: in- folge erhobener Einwendungen gegen eine Firma, welche bei fiüheren Arbeiten angeblich minderwertig geliefert habe, wurde beschlossen, diese Arbeiten zurückzustellen bis zur Klärung der Angelegenheit. Köpenick. Bon der Straßenbahn abgestürzt ist vorgestern früh in der sechsten Stunde der 16— 17jährige Arbeiter Äuglich aus Friedrichs- bogen, der mit der Elektrischen nach Köpenick fuhr, um seine Arbeitt- stelle auf dem Kabelwerk in Ober-Scköneweide aufzusuchen. DaS Unglück erfolgte hier an der Ecke Bahnhof- und Fnedrichshagener Stratze. als unter den Passagieren, die ebenfalls auf die Ober- Schöneweider Linie übersteigen wollten, auf dem Perron ein Ge- dränge entstand. Hierbei fiel K. rücklings zu Boden und schlug mir dem Hinterlopf auf. Man brachte den Verunglückten zu einem Arzt, woraus sich der Verletzte soweit erhotte, datz er seine Arbeit aus dem Kabelwerk antreten konnte. Später erkrankie er so schwer, datz seine Uebersührung nach dem Krankenhause eriolgen mutzte. Dott wurde eine schwere Gehirnerschütlerung festgestellt. Spandau. Für die hiesige» StaatSwerkstatte» existiert bekanntlich ein Arbeitsnachweis, der sich im FeuerwerkS-Laboratorium befindet. In Zeilen, wo vielleicht Arbeiter in den Staatswerkstätten benötigt wurden, hat man jeden Arbeiter oder jede Arbeiterin, die nicht gerade als sozialdemokratische Agitaioren bekannt waren, ein- getragen. Wenn dann die Einstellung erfolgt war, wurde bei der Polizei Auskunft über den Eingestellten erfordert. War dieftr der Polizei als fteigewerkschafrlich organisiert oder gar als Sozial- demottat bekannt geworden, dann erfolgte prompt nach einigen Tagen die Entlasiung ohne Angabe von Gründen. Jetzt werden an die Arbeitsuchenden, die sich im staatlichen �lrbeilSnachweiS eintrage» lasten wollen, folgende Anforderungen gestellt. Sie müsien nach- weisen, datz entweder die Eltern. Groß- oder Schwiegereltern, Bruder oder Schwester oder ein sonstiger naher Verwandter in einem Staatsbetriebe längere Zeit beschäftigt sind. Ist dies nicht der Fall, dann wird die Eintragung abgelehnt. WaS man damit eigentlich be- zweckt, ist nicht recht verständlich, oder ist man in den Direktionstteisen der Staatsbetriebe der Ansicht, datz ein in den StaaiSbelrieben beschäftigten Arbeiter oder Arbeiterin seine ganz« Familie immun gegen die Sozialdemokratie oder die freien Gewerkschaften macht? Oder hat man vor der kommenden Reichstagswahl Angst, so daß man jetzt schon anfängt, das Personal der SiaatSwerlstätten für Rausreißerdieliste der Konservativen auszusuchen? Der durch den Rohrbruch am RothauSplatz angerichtete Schaden ist noch nicht völlig beseitigt. Trotzdem man verschiedene Fichren Erde in die entstandene Oeffnnng geschüttet, hotte sich in der Tiefe wieder eine Menge Wasser a»igesan,>i>ett und die Erde wieder fort- gespült. Es wird noch einige Tage dauern bis die Stratze wieder ganz passierbar ist. Potsdam. Umfangreiche Unterschlagungen werden dem bei der Getreide- engrossirma Kcnnpfmeyer. Babelsberger Str. 2. angestellten Reisenden Karl Solms zur Last gelegt. Die Veruntreuungen sollen eine Höhe von 50—100 000 M. erreichen. «mtltcher Markibertch» der ttSMtlchen MarNbrillen-DkeMon 06 et den Grotzbandet in den Zemral-Marktballen. Markttage: F l e i'-b: Zufuhr schwach, Geschäsl ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr sehr reichlich, Geichäll ruhig, Preis« behauptet. G« j l 0 g e l! Zuiuhr mäßig, Geildäii ruhig, Preiie säst unverändert. Fische: Zufuhr mäßig, iSelchäst ziemlich lebhast, Preise wenig verändert. Buller und Käse: Geschäft ruhig, Preiie unverändert. G e m ü i e. Dbft und Süd- r ü t e: Zufuhr reichlich. Geichäft still, Preise fast unverändert. ft/r/sTr 3Ffg. Oearette