Str. IS. HbonnfmentS'Btdlngnngen: MonnemmIZ> Preis pränumerando i Sicrteljiihrl. 320 ÜKf, tnonail. 1,10 WO., wöchentlich 2» Pfg. frei in« Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. mimmet mit illustrierter Sonntags- BeUage.Die Neue Welt" lv Psa. Post- Abonnement: l.tll Mar! pro Monat. Eingetragen in die Poft.Zeitungs. Vreisliste. Unter Kreuzband für Deuifchland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an:-felgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. 88. Jahrg. CrWictm tZgllch außer montags. Nevlinev Volksblatt. Die Tnlertlont'GebQBr BeWigl für die fechsgefpallene Kolonel- geile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- lind Versammlungs-Anzeigen M Pfg. „Kleine anreigen", das erste(feil- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllcn-Anzcigen das erste Wort lo Pfg.. jedes weitere Wart 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Warle. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gcLsjnct. Telegramm-Adresse: „SoziallUnttlirat Berlin'*. Zentralorgan der rozialdemokratifcben partes Deutfchlands. Redaktion: SSI. 68, Linden Strasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 1.4. Januar Expedition: SSI. 68» Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Lex Aagner. l Durch eine unwürdige Ueberrumpelung ist am Donnerstag im Reichstag bei der 2. Lesung der kleinen Strafgesetz- Novelle ein Beschlutz zustande gekommen, der, wenn er in dritter Lesung Gesetz werden sollte, jede Kritik, jede freie Meinungsälitzerung in Deutschland ersticken mutzte. Die Annahme des Antrages Wagner und Genossen auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage. solveit sie die Verschärfung der Belcidigungsparagraphcn betrifft, ist ein Attentat auf das Recht der freien Rede, auf das bitzchen deutsche Pretzfreiheit, das noch besteht, wie es schlimmer gar nicht ge- dacht werden kann. Mit diesen Bestiinmungen wird die Presse einsach geknebelt, wird über die Zeitungen, über die Redner das Schwert des Damokles verhängt, wird der öffentlichen Kritik ein Maulkorb vorgelegt. Die verschärften Belcidignngs- Paragraphen würden eine ständige Bedrohung der kleineren Zeitungen mit dem finanziellen Ruin bedeuten, sofern sie je- mals irgend etivas zu veröffentlichen wagen, was der Regie- rung oder irgend einer Behörde oder einem Beamten oder einem Mitglieds der herrschenden Klasse unbequem ist. Die Freiheit der Kritik ist eine der wesentlichsten Be- dingnngcn des modernen Lebens. Sie ist die Waffe, die den Beherrschten, den nicht mit Glücksgütern, Konnexionen und sozialein Einflutz Gesegneten, die dem Volke gegen die Macht- mittel der Herrschenden fast als einzige zur Verfügung steht. Das Wahlrecht kann das Volk nur alle fünf Jahre gebrauchen und in Preutzen und anderen Bundesstaaten ist es zudem ein Messer ohne Heft und Klinge. Das Vereins- und Versanimlungsrecht, das Koalitionsrecht wird in spanische Stiefel geschnürt und verlieren einen erheblichen Teil ihres Wertes, wenn die Freiheit der Rede und der Schrift noch mehr verkümmert wird, wie eS jetzt schon ohnehin der Fall ist. Das freieste, beste Wahlrecht wird in seinen Volks- befreienden Wirkungen gewaltig gehemmt, wenn die Agitation durch die Zeitungen, das Flugblatt, die Rede unter drakonische Strafbcstiiumungen gestellt werden, geeignet, einen ehrlichen Mann an den Bettelstab und auf Jahre ins Gefängnis zu bringen. Und das tut die Lex Wagner. Sie ist. so unscheinbar sie aussieht, so gering an Umfang sie ist, eines der gefährlichsten Unterdrückungsgesetze, das je von einem reaktionären Kopfe ausgesonnen wurde. Das ist beileibe keine Uebertreibung. Man sehe sich die Bestimmungen an. Der§ 186, der berüchtigte Paragraph von dereinfachen Beleidigung durchBehauptung„nicht erweislich wahrer Tatsachen", soll so geändert werden, datz das Höchstmatz der Geldstrafe von 600 auf 1000 Mark erhöht wird. O e s f e n t l i ch e Beleidigung aber— mündliche Beleidigung vor mehreren, an öffentlichen Orten, namentlich in Versammlungsreden, schriftliche Beleidigung in Zeitungen, Flugblättern. Plakaten, Broschüren und Büchern— wofür heute das Höchstmatz der Geldstrafe 1500 Mark beträgt, soll künftig niit Strafen bis zu 10 000(Zehntausend!) Mark belegt werden können. Und während jetzt nur e n t- weder Geldstrafe oder Freiheitsstrafe verhängt werden darf, würde nach Inkrafttreten der Lex Wagner Geld- und Freiheitsstrafe zugleich ausgesprochen werden dürfen. So datz ein Angeklagter, dem der Wahrheitsbeweis niitzlingt— wogegen der geivissenhafteste Mensch nicht gesichert ist— bei öffentlicher Beleidigung bis zu zwei Jahren ins Gefängnis gesteckt werden, daneben mit Geldstrafe bis zum Betrage von 16000 Mark belegt und. wenn das Gericht annimmt, datz die Beleidigung„nachteilige E~olgen für die Vermögensverhältnisse. den Erwerb oder das onkoninien des Beleidigten" mit sich gebracht habe, überdies noch zur Zahlung einer B u tz e bis zum Betrage von 20 000(Zlvanzigtauscnd) Mark an den Beleidigten verurteilt werden kann. Denn die Abänderung des§ 188 sieht vor, datz der Höchstbetrag der Butze von 6000 auf 20000 Mark erhöht ivird. Beleidigung wider besseres Wissen(§187), die bisher bei An nähme mildernder Umstände mit Geld- strafe bis zu 900 M. geahndet werden durfte, würde nach der Lex Wagner mit Geldstrafe bis zu 6000 Mark belegt werden können. Und auch hier ivürde neben der Freiheits- strafe auch die Geldstrafe zulässig sein, während jetzt nur eine dieser Strafarten verhängt werden darf. Ein nur flüchtiges Anschauen dieser Bestimmungen zeigt, datz das, was wir oben über sie gesagt haben, durchaus nicht zu stark ist. Die oppositionelle Presse ist unter solchem Gesetz beständig von der Gefahr des Ruins bedroht. Kleinere Blätter lverden einfach an den Rand des Ruins gebracht, wenn die Gerichte Geldstrafen bis zu 10000 Mark und Butzen bis zu 20 000 Mark neben Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahrer, verhängen können. Die Ordnungspresse allerdings hat diese Bestimmungen nicht zu fürchten. Denn wenn sie wirklich einmal wegen unflätiger Besudelung eines Sozialdemokraten vor den Riwter kommt, so darf sie auf wohlwollendes Verständnis und Milde rechnen. Diese Bestimmungen sind zum Fallbeil für die oppositionelle Presse bestimmt und für die oppo- sitionellen Agitatoren. Und je mehr die Klassengegensätze sich zuspitzen und die bürgerlichen Parteien sich zum großen antisozialistischen Block zusammenschließen, um so ausschließlicher fällt der sozialdemokratischen Presse und Agitation die Kritik an öffentlichen Mißständen zu. Gegen sie r--i)tet sich die Lex Wagner im besonderen, sie gehört mit zu den Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie, die nicht Ausnahmegesetze heißen, die unter der Marke des gemeinen Rechts gehen sollen, wie sie das Programm Bethmann Holl- Wegs vorsieht. Aber die bürgerlichen Parteien— mit Ausnahme der Konservativen— können sich nicht bei dem Gedanken be- rilhigen, datz sie vor der Anwendung dieses drakonischen Gesetzes sicher sind. Für die Freisinnigen liegt das zurzeit klar auf der Hand. Seit die Zeit des Bülowblocks vorbei ist, seit sich der Gegensatz zwischen Liberalismus und schwarz- blauem Block infolge des Streits um die Reichsfiilanzreform verschärft hat, seit sie gar des Zusammengehens mit der Sozialdemokratie beschuldigt werden, weht— namentlich in Ostelbien— für sie kein guter Wind mehr.— Das Urteil gegen den Gutsbesitzer Becker im Greifswalder Landratsprozetz läßt an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Wo der Nationalliberalismus mit den Junkern zusammenstößt, ist er vor ähnlichem auch nicht völlig geschützt. Aber nicht einmal die Partei, die jetzt neben den Junkern die Minister dirigiert, nicht einmal das Zentrum, ist vor den Stacheln und Widerhaken dieses Monstrums von Strafgesetz gefeit. Jetzt aller- dings sitzt es im Regiment, jetzt sieht kein Staatsanwalt, sieht keine Behörde mit heißem Bemühen die Zentrumspresse durch, ob etwas Strafbares darin zu finden ist. Aber ist das Zentrum so sicher, datz es alleweil so bleibt? Hat es die Garantie, datz keine Aenderung der Parteikonstellation es wieder in die Reihen der Opposition stoßen kann, weiß es schon so gewiß, wie es nach den nächsten Reichstagswahlen kommen wird? Die älteren Zentrumsjournalisten können sich aus den Zeiten deS Kulturkampfes wohl noch erinnern, wie danials das Gefängnis für so manchen ehrenhaften Zentrumsredaktcur ein nicht so seltener Aufenthalt war. Wer sagt ihnen, datz es nicht eines Tages wieder so kommen kann? Datz der Kulturkampf wiederkehrt, ist freilich aus- geschlossen, aber ist es nicht möglich, daß das Zentrum einst in die Notwendigkeit versetzt wird, gegen eine ihm nicht genehme Schulgesctzgebung anzukämpfen? Daß seine konservativen Verbündeten keine sichere Stütze sind, das weiß das Zentrum doch sehr gut. Gesetze aber sind schneller gegeben als wieder aufgehoben. Und für die Redner und Redakteure und Zeitungsverleger des Zentrums wäre es einst ein erhebendes Bewußtsein, wenn sie auf Grund eines Gesetzes zu langen Freiheitsstrafen und zu ruinösen Geldstrafen verurteilt werden sollten, das von den Parlamentariern ihrer eigenen Partei mit beschlossen worden ist. Die anständige Presse hat das Strafgesetzbuch nicht zu fürchten, sagen mit biedcrmännischem Augenaufschlag die geschlechts- und charakterlosen Papiere, die ihre jeweilige Meinung aus den Amtsstuben der Minister und der Polizei- dirigenten beziehen. Kein anständiger Mensch fällt auf den Schivindcl hinein. Angeklagt und verurteilt wird in Deutsch- land nur die anständige Presse, die öffentliche Mißstände zu rügen wagt, die ihre Pflicht als öffentliches Gewissen zu er- füllen sucht. Die unanständige Presse, die Sumpfgewächse, die den Hurrapatriotismus durch pikanten Dreck schmack- hast zu niachen suchen, Blätter, die. wie die „Wahrheit", die öffentliche Ausschlachtung von Familien- skandalosa, von Ereignissen des Privatlebens ohne jedes öffentliche Interesse zum Geschäft machen, solche Blätter werden nicht angeklagt, und passiert es ihnen doch einmal, so verlassen ihre Leiter mit einem Attest über ihre moralische Unversehrtheit den Gerichtssaal! Nicht gegen die schmutzigen Skandal- tmd Klatschspekulanten richtet sich die Lex Wagner, sondern gegen die ehrenhaften Männer, die ernsthafte soziale Kritik üben. Man verweise uns nicht auf England, wo es hohe Be- leidigungsstrafcn gibt. Wenn wir englische Rechtsprechung hätten, wäre die Gefahr der Lex Wagner nicht entfernt so groß wie bei der engherzigen RechlSpraxis, die in Deutschland herrscht I In England wird nicht wegen jeder Lappalie Straf- antrag gestellt, wird nicht jede Anulkung eines Nachtwächters als höchst strafbare Beleidigung angesehen. In England besteht wirklich Freiheit der Schrift und der Rede, soweit das im kapitalistischen Staat überhaupt möglich ist. Man gebe uns beides, dann kann die Lex Wagner nicht mehr viel schaden. In Händen deutscher, preußischer Richter aber ist sie eine Guillotine für die freie Presse und die freie Rede. Mögen die bürgerlichen Parteien allesamt, die links von den Herren'Deutschlands, von den Junkern, sitzen, wohl bedenken, datz ihre eigenen Leute, ihre eigenen Blätter vor diesem Messer nicht sicher sind. Die Sozialdemokratie hat das Sozialistengesetz überwunden und würde«nich die schweren Opfer zu verwinden wissen, die sie die Lex Wagner kosten würde. Für die bürgerlichen Parteien aber könnte die Anwendung dieses Gesetzes den völligen Verlust ihrer Presse, oder doch die Kastration ihrer Presse bedeuten! Daß sie ein Verbrechen am deutschen Volke begehen, wenn sie ihm die Waffe der Kritik nehmen, ein Verbrechen wider die Kultur, indem sie die Fenster des deutschen Hauses vor jedem frischen Luftzug verschließen, das wird manchen der Herren im bürger- lichen Lager, insbesondere denen vom Zentrum nicht viel ausmachen. Ob sie aber alle mitmachen, wenn sie erkennen, daß sie sich selbst die Finger verbrennen können? Im Interesse des deutschen Volkes wollen wir wünschen, datz die fehlende Einsicht bis zur dritten Lesung kommt. Auch im Interesse unserer Partei, das verhehlen wir nicht. Kommt's aber anders, so wird die Sozialdemokratie, das mögen unsere Feinde sich sagen lassen, auch unter der Lex Wagner zu kämpfen und zu siegen wissen! Schßtrmsmu-LoliSaritst unil Schulzmanns-Glaubwürdiglteit. „Ein Berliner Schutzmann wird einen Berliner Kollegen nicht hereinreißen, deshalb kann man in seiner Gesellschaft schon einen Arrestanten verprügeln"— das war der Sinn der Aus- sage eines Schutzmanns, der in der FreitagSsitzuug gegen den An- geklagten Trau als Zeuge auftrat. Auf die Frage deS Verteidigers an den Schutzmann Laurs, ob er den Angeklagten nach der Verhaftung mißhandelt habe, erfolgte prompt die Verneinung. Aber der Zeuge empfand das Bedürsuis, seine Angabe noch besonders glaubhaft zu machen, die Beschuldigung, die der Angeklagte gegen ihn erhob, gründlich zu widerlegen. Und so fügte er denn hinzu:„Der andere Schutzmann, der bei mir war, war ja ein Eharlotteuburger, des- halb.. Der Vorsitzende winkte ab, aber auf das Ersuchen des Verteidigers, den Zeugen doch ausreden zu lassen, wurde der Satz also vollendet:„... deshalb konnte ich doch nicht willen, ob der Charlottenburger Kollege dasselbe aussagen würde wie ich." Der Verteidiger zog den naheliegenden Schluß, den wir oben angeführt haben. Merkwürdigerweise ver- meinte der Vorsitzende darin eine Ungebühr zu finden, doch fand er selbst bei Herrn Oberstaatsanwalt Prenß keine rechte Unterstützung, und das Gericht kam denn auch nicht zu einer Ordnungsstrafe, sondern beschränkte sich auf'eine Verwarnung, deren Berechtigung uns und wohl der Oeffentlichkeit überhaupt nicht einleuchten will. Denn wenn der Verteidiger das Fragerccht hat, so muß er auch Folgerungen aus den Antworten des Zeugen als Frage stellen können. Jedenfalls wäre, wenn es nicht der Verteidiger getan hätte, der Schluß aus der Aussage des Schutznianns von der öffenllichcn Meinung gezogen worden. Denn er ist gar nicht zu umgehen, er drängt sich zwingend auf. Und aus dieser Folgening ergibt sich die andere, daß es mit der Glaubwürdigkeit der Schntzmannszeugcn nicht immer zuin besten bestellt ist. Besonders, wenn sie Ans- schreitungen gegen Verhaftete verneinen. Was freilich nicht neu ist. Aber wesentlich ist doch, daß diese Erfahrung durch Schutzmanns- mund selbst bestätigt wird. In der NachmittagSsitzung wurde noch ein Beitrag zu diesem Thema geliefert. Drei Kriminalbeamte als Zeugen gegen den An- geklagten Zofka. Der erhebt die Beschuldigiing, daß et- auf dein Wege zum Kohlcnhofe von einem der Bcamien und auf dem Kohlen- Hofe unter den Augen der drei Beamten von den Streikenden miß- handelt worden ist. Keiner der Kriminalschutzleute hat ihn geschlagen, keiner hat gesehen, daß ihn ein anderer, ein Beamter oder ein Streik- brecher, geschlagen hat. Das ist der übliche Verlauf solcher Erörte- rungen. Aber hier gab eS noch einige bemerkenswerte Begleit- umstände. Der Kriininalschutzmann Lebat entivickelt einen mächtigen Eifer in der Zurückweisung der Beschuldignng. Er versichert zu- nächst, daß er gar nicht schlagen konnte, nimmt einen Anlauf, um zu beweisen, daß es physisch unmöglich war, meint dann, als der Verteidiger darauf hinweist, daß er doch bei der Festnahme des Angeklagten»ach eigener Au- gäbe eine Hand freibehielt, eS habe kein Grund vor- gelegen, den Verbasteten zu schlagen, da er ja ganz artig, ohne jedes Widerstreben mitgegangen sei. Auf eine Frage versichert er: „Ich habe keinen Stock gehabt." Später greift der Verteidiger darauf zurück, fragt eindringlich, ob diese Angabe aufrecht erhalten werden soll, und da sagt der Zeuge:»Einen Stock... ja, einen Stock... den habe ich gehabt; aber ich habe nicht damit geschlagen." Zugegeben wird von den Beamten, daß ihr Arrestant aufj dem Kohlenhof von Streikbrechern bedrängt worden sei, zwei meinen, er sei aber nicht geschlagen worden, sie hätten eS wenigstens nicht gesehen, der Dritte erklärt: „ES war nicht zu verhindern, daß er einen Schlag erhalten hat". während der Angeklagte behauptet, daß er geschlagen worden sei. bis die Beamten sagten:„Nun hat er genug". Jedenfalls ist durch die Zugeständnille der Beamten erwiesen, daß die Streikbrecher die Verhafteten gewohnheitsmäßig anfielen. Aber nichts ist offenbar geschehen, um dem ein Ende zu machen. Da; liioaditer Arteil im Spiegel der Presse. Im Anschstitz an dm gestrigen Leitartikel über die Polizci� im Moabiter Gerichtsurteil veröffentlichten wir eine Reihe Pretzstimmcn grötzercr Berliner Blätter. Zur Ergänzung lassen wir diesen im Nachfolgenden einige Auszüge aus den Urteilen hervorragender Blätter anderer Grotzstädte des Reichs folgen: „Hamburger Rachrichten": Man darf wohl annehmen, datz in der Oeffentlichkeit zwei Eindrücke überwiegen werden: einmal, datz die Angeklagten im großen und ganzen recht milde behandelt worden sind, und ferner, daß, im Zusammenhang mit diesem Ergebnis, die Polizeiorgane nicht gerade gut dabei wegkommen. Datz diese Eindrücke aller Vor- aussicht nach in der öffentlichen Meinung die Situation beherrschen werden, ist eine Folge des Verfahrens der Verteidigung, die von ihrem Standpunkt au» große Geschicklichkeit bewiesen hat, und fc'eilct ein MturlicheZ Ergebnis des ganzen Gerichtsverfahrens selbst..... Es ging Lbev die Aufgabe des Gerichts hinaus, eine Sühne für die Verletzung der Staatsautorität zu schaffen, wie sie sich in dem Gesamtbilde der Moabitcr Vorkommnisse darstellt. Der Richter tonnte eben nur entscheiden, welchen Schulsanteil an den vorge- kommenen Ungesetzlichkeiten die einzelnen ihtn vorgeführten Ange- klagten hatten. Darüber hinaus sagt das Urteil gar nichts und kann auch nichts sagen. Dos war natürlich auch der Verteidigung klar, die innerhalb des' Rahmens, den die Strahprozefordnung für die Rechte des Verteidigers aufstellt, Mittel genug fand, um erstens den Prozeß mit Hilf« der Schwierigkeiten der Tatsachcnermittelung in die Länge zu zighen und dadurch die öffenlliche Meinung zu ermüden, sowie von den sien Ausgangspunkt beherrschenden Stimmungen ab- zulenken..... Wenn wir aber bei der Betrachtung des Prozesses zu zwei Er- gcbniflen gelangen, nämlich erstens, daß Gerichtsverhandlungen dieser Art überhaupt nicht geeignet sind, die aus fehlerhaftem Ver- halten der � Behörden entspringenden Schädigungen der Staats- autorität zu sühnen, und zweitens, daß ein Verhalten, wie' es der Polizei durch die Behörden anbcfohlew worden war, zuletzt not- wendig auch zu Mißgriffen und Ausschreitungen dieser P o l i z e i o rga n e selbst führen muß, so ergibt sich die Lehre aus diesem Prozeß von selbst. Die Lehre besteht darin, daß man es gar nicht erst so weit kommen läßt, daß diese dösen Folgen eintreten können. Energische, schnelle Verhinderung der � leicht vorauszusehenden Ausschreitungen durch scharfes, ernstes Zu» fassen in den Anfängen, geschickte schnelle Anordnungen bei be- ginnenden Menschenansammlungen, um Unbeteiligte fernzuhalten und dazwischen geratenen Unschuldigen das Herauskommen zu er- möglichen, umsichtigeres Fahnden nach den Aufwieglern in den AnsangSstadien der Krawalle, kein langes Zögern, wenn es gilt, ernsten Widersetzlichkeiten rücksichtslos zu begegnen.— das wird mehr putzen als daS scheinbar menschlichere, in Wirklichkeit zu viel lravrigercn Folgen führende Abwarten und Vermeiden der äußer- stcn Maßregeln— mit den schließlichen Attacken einer durch Gefahr und Entbehrungen auf das äußerste gereizten, halb erschöpften Schutzmannschaft auf eine zu drei Vierteln unschul- digc Menge und die vielen, die beim besten Willen nicht mehr aus dem Knäuel herauskönnen. „Frankfurter Zeitung": Wenn aber auf Grund des anfänglichen Maßhaltens der Polizei in einem großen Teil der Oefsentlichkeit der Glaube ent- Nauden war, daß die Polizei sich bei den ganzen Krawallen im all- gemeinen musterhast benommen habe, so hat die Beweisauf- nähme des Moabiter Prozesses diesen Glauben grausam zerstört. Selbst die Urteilsbegründung spricht cS bei aller Vorsicht in der kritischen Beurteilung der Polizei doch aus, daß Uebergriffe und Mißhandlungen der Polizei vorgekommen seien, und zwar— das ist das wichtigste— nicht nur vereinzelt, sondern in einer größeren Zahl von Fällen. Mit dieser Feststellung ist nicht nur die ursprüngliche Auffnssung der AnklagebedSrde, sondern auch die Stellungnahme des ReühSkanzlers zu den Moabiter Krawallen gründlich desavouiert. Herr v. Belhmann Hollweg hatte der Polizei feierlich ihr Wohlverhalten bezeugt, und er hatte eine„moralische Mitschuld" der Sozialdemokratie konstruieren wollen, die die Auf- merksämkeit von der Polizei weg auf die Parteipolitik lenken sollte. DaS Moabiter Urteil hak mit feinen Feststellungen über die nicht nur moralische, sondern tatsächliche Mitschuld der Polizei diesem Bemühen die letzte Handhabe genommen. Es ist deshalb nicht unberechtigt, wenn der„Vorwärts" in dem Ausgang des Moa. biter Prozesses eine Niederlage der Polizei und der Regierung sieht. „Rheiuisch-Wcstsälische Zeitung": Die Strafkammer sollte für das Schwurgericht gewissermaßen daS Vorspiel bilden, ihm ein gesichtetes und geprüftes Material bieten. Diese Absicht allein gewährt eine Erklärung dafür, daß der Staatsanwalt diese Massenonklagen zusammengc- faßt hat zu diesem Massenprozeß. Ob dieser Plan durch den Prozeß gerechtfertigt worden ist, daS ist freilich eine andere Frage. Je weiter die Verhandlungen ins Land gingen, desto mehr verschob sich das Bild, so daß man gar nicht mehr deutlich sah, wer eigentlich auf der Antlagebank saß. Die Annahme der An- klagcbehörde, daß eine planmäßige Leitung in jener Mvabiter Sep- kemberwoche vorgelegen habe, ist von der sozialdemokratischen Ver- teidigung dazu ausgenutzt worden, eine planmäßige Leitung durch die sozialdemokratische Partei und ihre Gewerkschaften anzunehmen und hiergegen ihre Beweisführung zu richten, dazu aber auf die Anklagebank immer mehr die staatliche Einrichtung der Polizei zu setzen und so den kriminellen Pro- zeß zu einem politischen umzuwandeln. Diese Folgen hätte die A n k l age b e h ör d e bedenken müssen, als sie den Massen- und Dauerprozcß einleitete. Do aber ist unser Volk monatelang durch die unnötig wichtig gemachten Strafverhandlungen aufgeregt, die Angeklagten noch dazu nach langer und, wie die wiederholten nachträglichen Haftentlassungen kehren mußten, nicht überzeugend notwendiger Untersuchungshaft geradezu zu Märtyrern, zu politischen Märtyrern gestempelt worden. „Magdelmrgischc Zeitung": Im Laufe des Prozesses hat sich teils durch die Tatsachen selbst, teils durch die Geschicklichkeit der Verteidiger mehrfach eine Verschiebung des Gesamtbildes vollzogen. Für we ollgemeine Be» urteilung kamen Tage vor. in denen nicht die Angeklagten, son- dern vielmehr die Polizei auf der Anklagebank zu sitzen schien. Und unsere öffentliche Meinung, schnell fertig mit den Worten und leicht bestimmbar in Gunst und Haß, machte bielfach aus sämtlichen Angeklagten unschuldige Märtyrer. So gingen die Wogen hin und her. Einen dramatischen Höhepunkt erreichte der Prozeß durch die wiederholte Erklärung des Kanzlers im Reichstage, daß er die Sozialdemokratie für diesen Prozeß politisch verantwortlich mache. Leidenschaftlich haben sich die soziat. demokratischen Abgeordneten dagegen gewehrt; und das heißeste Bemühen der sozialdemokratischen Verteidiger ging dahin, unter allen Umständen festzustellen, daß die Krawalle keinen politischen Eharakter gehabt haben t und daß sie keineswegs von der Sozial- demokratie veranlaßt worden seien. Wir halten cS für belanglos, ob formell der Beweis glückte oder nicht. Wir wollen sogar unterstellen, daß die Sozialdemokratie weder die Krawalle inszeniert noch nach ihrem Ausbruch unterstützt bat. Und doch behaupten wir, daß der Reichskanzler mit seinem Ausspruch im R e ch t g e w e s e n i st, und glauben, daß alle Unbefangenen in dieser Anschauung geschlossen hinter dem Reichskanzler stehen. „Kölnische Zeitnug": Wenn auf manchen Seiten die Erwartung gehegt wurde, daß ein Zusammenhang zwischen den Unruhen und leitenden Stelle» der Sozialdemokratie nachgewiesen werden würde, so ist das nicht in Erfüllung gegangen. Der Staatsanwalt selbst hat in seiner Schlußrede anerkannt, daß eine solche Verbindung nicht erwiesen worden ist. und man kann es unker diesen Umständen nur bedauern, daß vor Beginn dos Prozesses vielfach aus die Wahrscheinlich. keit einer solchen Beweisführung hingewiesen wurde. Juristisch, und wir können auch wohl sagen, nach dem Urteil der öffentlichen Meinung, ist die Sozialdemokratie von dieser Beschuldigung freigesprochen worden, doch ändert das nicht das Geringste daran, daß wir unsere/Ansicht von einem psychologi- •scheu Zusammenhang ausrecht halte», der die Moabiter Unruhen und die verhetzende Tätigkeit der Sozialdemokratie miteinander verbindet. Auf dem Untergrunde dieser Verhetzung sind die Wider- standSgelüste der Menge entstanden und gejvachsen, und dieser Zu- sammenhang allein erklärt es auch, daß die sozialdemokratische Presse ununterbrochen und leidenschaftlich für die Ruhestörer und gegen diejenigen Organe, die für Herstellung der Ruhe zu sorgen hatten, Partei ergriff. Wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß dir Sozialdemokratie den Ausgang des Prozesses als einen großen Erfolg anspre- chen und mit allen Mitteln der Reklame berkün- den wird. Aber gerade dem gegenüber ist es doppelt nötig, die Tinge aus ihren realen Grund zurückzuführen. Erleichtert wird der Sozialdemokratie ihr Vorgehen durch die zum Teil recht anstösiigei! Feststellungen, die der Prozeß gegen da» Vorgehen von Schutzleuten erbracht hat, und die doch zu häufig auftraten, als daß man sie lediglich als Einzelverfrhlungen an- sehe» konnte.... Nun bat freilich das Bild nicht nur einige Male, sondern leider recht häufig eine sehr unangenehme Färbung angenommen. Bei vielen Schutzleuten scheint der„Blaukoller", mit dem sie verfolgt wurden, rückwirkend eine ähnliche Er- scheinung hervorgebracht zu haben. Der„Blau- koller" ist der sinnlose Haß deS Pöbels gegen die Polizei, und unter seiner Wirkung scheint sich der Polizei nur zu oft eine ebenso sinnlose Berserkerwut gegen alle bemächtigt zu haben, die ihnen in den Weg liefen. In einwandfreier Weise ist nachge- wiesen worden, daß Leute, die tatsächlich harmlos ihres Weges gingen, aufs nachdrücklichste verprügelt oder sogar mit Säbelhieben mißhandelt wurden. Wie gesagt, man kann nicht ver- langen, daß im Handgemenge feine Unterschiede gemacht werden, aber in den meisten dieser Fälle handelte es sich nicht um Massen- kämpfe, sondern um daS brutale Vorgehe» gegen einzelne Leute., Hier setzt ein Verschulden der Polizei ein, das nicht nur die einzelnen Schutzleute trifft, son- dern das auch von einer mangelhasten Aussicht und Beeinflussung durch die Vorgesetzten zeugt. Wir find bereit, den Schutzleuten und ihren Offizieren alle mil- dernde» und entschuldigenden Umstände zu bewilligen, aber vieles, was geschehen ist, durste nicht vorkommen, und manches hätte auch vermieden werden können. Es ist von«Einzeljagden" gesprochen worden, und gerade dieses sehr charakteristische Wort zeigt uns, wo die Ver- sehlung der Polizei zu suchen ist.... „Münchencc Neueste Nachrichten": Ucberblickt man noch einmal die Geschichte dieses Unglück- seligen Prozesses, so erinnert man sich zunächst daran, wie die Staatsanwaltschaft den freilich hinterdrein nach völligem Mißlingen abgeleugneten Versuch gemacht hat, aus dem Prozeß Waffen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie zu gewinnen, man erinnert sich, mit welchem Jubel die rechts st eh ende Presse aus daö scheinbar f 0 ergiebige Thema sich gestürzt hatte, und man denkt mit Unbehagen daran, daß selbst der erste Beamte des Reichs sich nicht gescheut hatte, zweimal sein Urteil über das. was bin Richter in diesem Prozeß erst finden sollten, der Volksvertretung mit der ganzen Autorität des von den Erinnerungen einer große« Zeit noch umkleideten Reichskanzleramts vorweg zn sagen. Man denkt ferner an die höchst unkluge und bedauerliche Maß- nähme der Tekoriernng der bei der Unterdrückung der Unruhen beteiligten Polizeibeamten fast unmittelbar vor dem Spruch des Gerichtes.... Weiter ist der ganze Verlauf des Prozesses eine eindringliche Lehre für die Regierung, künftig in solche» Prozessen aufs pein- lichste nicht nur den Versuch, sondern auch schon den Anschein eines Versuches einer Beeinflussung der Stimmung der Richter zu der- meiden, weil der Schaden, der durch solche Versuche angerichtet werden kann, unendlich größer und nachhaltiger ist, als der Nutzen. der im besten Fall herausspringt. «» Die„Kreuzzeitnng", die bis heute mittag noch immer derniaßen unter dem Ein- druck des Moabiter Urteils litt, daß sie kein Wort über dieses Urteil zu sagen wußte, hat endlich ihre allbefaimte junkerliche Uiwersrorenbeit wiedergefunden. Sie schreibt: Was aber gesagt worden kann und gesagt werden muß, ist dieses: Mag cS auch gelungen sein, in einer Mehrzahl von Fällen polizeiliche Uebergriffe festzustellen, so ist darum doch auf die Polizei selb st und auf die in Moabit schwer geprüften Beamten kein Makel gefallen. Solche „Uebergriffe" kommen bei Krawallen überall— auch in dem ge° priesenen England(Kohlenstreik in Südwales!) und in Frankreich (Eisenbahnerstreik!)— vor. RackMwicsen ist dagegen, daß an dem sozialdemokratischen.Lotzt »Verden. Der Streit drehte sich um das Maß der Lcr- schärfung und um die Bi'grenzung des Alters bei den Opfern jener mißhandelnden Scheusale. Die Sozialdemokraten, aber auch Polen, Freisinnige und die Mehrheit des Zentrums wie einzelne Mitglieder anderer Parteien traten für die Heraufsetzung des Schutzalters auf 13 Jahre ein; die anderen wollten sich,»vas auch die Zustimmung der Regierung fand, mit einem Schutzalter von 16 Jahren be- gnügen. In der eingehenden Debatte kontrastierte Genosse Stadthagen sehr lvirknngsvoll die gestrige Strafverschärfung für Preßsünder mit der von den nämlichen An- tragstellern heute besürwotteten Milderung des Gesetzes zu- guustcir der Breithaupt und Konsorten. Bei der Abstiinmung fand schließlich das Schutzalter von IL Jahren die Mehrheit des Hauses. Morgen geht die Beratung weiter. Das übliche Tementi. Die„Norddeutsche Allgemeine Zettung" schreibt an der Spitze ihrer Sonnabend-AuSgabc: „Ein Teil der Presse beichästigt sich mit einem Artikel deS „Neuen Jahrhunderts" Über angebliche Einwirkung des Reichs- tanzlcrs in Rom bei den Verhandlungen des Kardinals Fischer und der Abgeordneten Spahn und P!eper mit der Kurie über die Gewerlschaflcn in Deutschland. Soweit er die Haltung d e S Reichskanzlers und des preußischen Gesandten beim Vatikan betrifft, entbehrt der Artikel jeglicher Grundlage." Je bestimmter ein Dementi des Kanzlerblattes klingt. um so berechtigter ist bekanntlich die Vermutung, daß Tat- sächliches dahinter steckt._ Eröffnung des württembergischen Landtages. Der Landtag Ivurde, wie telegraphisch aus Stuttgart gemekdet wird, heute vormittag vom König mit einer Thronrede eröffnet, die die Befriedigung über die Ergebnisse des ersten Landtages ausspricht und den ungestörten Fortgang der gedeihlichen EntWicke- lung de? Landes konstatiert. Ten neuen Landtag crN'arte eine Fülle von Arbeit, vor allem die Feststellung des HauShaltSetats für die letzten zwei Finanzjahre. Die Thronrede stellt fest, daß die fortdauernde Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse den Entwurf des Staatshaushalts- ctatS vorteilhaft beeinflußt hat. Tic Thronrede kündigt dann eine Denkschrift an über die Vereinfachung der Staatsverwaltung, Ge- sctzentwürfe betreffend die Aufhebung des Geheimen Rats, die Ein- tührung der Berussvormundschaft zur Verstärkung des Schutzes der Minderjährigen, die nachhaltige Förderung des Verkehrswesens, darunter bedeutende Summen für die Verbesserung und Erweite- rung der vorhandenen Betriebseinrichtnngcn und zur Vermehrung der Etsenbahnfahrzeuge. Ausgearbeitet sind ferner noch Entwürfe zur gesetzlichen Regelung der Verwaltung der Staatseinnahmen und Ausgaben, sowie zur Kontrolle des Staatshaushaltes. � ch � Dem Landtag ist der neue Hauptfinanzetat von 1911/12 zu- gegangen Der Staatsbedarf beträgt für 1911 193 879 138 für 1912 196 549 516 M. Die Einnahmen sind auf 195 424 143 M. bezw. 197 837 145 M. geschätzt. Es würde also ein Ncberschuß von 1 554 997 M. bezw. 1 297 329 M. entstehen, wenn nicht die Gehalts- aufbesserungen für Beamte, Geistliche und Lehrer Mittel im Ge- samtbetrage von 3,1 bezw. 9,1?Rilliouen fordern würden. Davon entfallen 2,9 Millionen auf die Eisenbahnvorwaltung. Diese können aus dem in Aussicht zu nehmenden höheren Betriebsübecschuß der Eisenbahn gedeckt werden. Dagegen müssen für den übrigen Mehr- bedarf neue Einnahmen geschaffen werden, und zwar durch Zu» schlage zu den Steuern und den Ertrag einer einzuführenden Staatßlotterie. Für Bestreitung außerordentlicher Bedürfnisse der VerlehrSanstaltcn sind zwei neue Anleihen im Gesamtbetrage von 36 Millionen Mark auszunehmen, so daß die Staatsschuld ins- gesamt rund 956 999 999 lM. beträgt. Ter Finanzminister betont ausd rückt ickx daß angesichts der hohen Anforderungen, die die unumgänglich notwendige Gehalts- aufbesserung an die Stenerkraft des Landes stellt, weitere neue Anforderungen an die Staatskasse zurückzuweisen sind. Die Maß- nahmen zur Vereinfachung der Staatsverwaltung Iverden nur all- mählich wirken, und so bedarf es, um dem Staatshaushalt die er- forderliche feste Grundlage zu sichern, der äußersten Sparsamkeit in ollen Zweigen des öffentlichen Dienstes, sowie der wirtsck>aft- lichften Ausnutzung und der Zusammenhalkung der bestehenden Ein- nahmcquellen. Laut„StaatSanzeiger" werden die außerordentlichen Bedürf- nisse der Verwaltung der württembergischem VerkchrSanstalten im neuen Etat auf 49 599 999 M. veranschlagt. Wo bleibt die Konsequenz? Für die Prügelstrafe begeistert sich wieder einmal die„Deutsche Tagesztg.'. Sie schreibt: „In Coswig bei Dresden hat ein 17jähr!ger Fort- bildungSschüler dein Nachtsckiutzmanae, der 62 Jahre alt und 23 Jahre im Dienste der Gemeinde war, durch einen heitige» Fußtritt in den Unterleib eine derartige Verletzung beigebracht, daß der Beamte nach wenigen Stunden unter furchtbaren Schmerzen starb. Der Beamte war beanfirogt worden, den Fortbildungöschlller in eine Zelle abzutühren, da er wegen unverschämten Betragens zu mehrstündiger Karzerstrafe venirteilt ivorden war. WaS geschieht nun dem Burschen? Er wird allerhöchsten« zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt und während dieser Zeit ans Staatskosten ausreichend verpflegt. Ist die GefängSniSslrase für einen solchen Burschen wirklich eine genügende, entsprechende und zweckmäßige Sühne und Strafe? Diese Frage immer und immer wieder zu wiederholen, iverden wir nicht müde werden. Eine solche Tat heischt gebieterisch eine andere, angemessenere Sühne. Hier ist nur wiederholte, nachdrückliche, empfindliche Erlegung körperlichen Schmerzes am Platze." Wäre e» nicht viel begründeter, wenn das Agrarierblatt die Prügelstrafe fiir Unteroffiziere empfehlen würde, die ihre webrlvlen Opfer mit Fußtritten regalieren oder sonst viehisch roh mißhandeln? Oder für Schutzleute, die Wehrlose brutal malträtieren? Solche Rohlinge, die obendrein ihre? Alters wegen ein ungleich größeres Maß sittlicher Selbstbeherrschung besitzen sollten, erhalten häufig nichteinmal ein paarJahreGe- sängnisl Vielleicht macht sich das Junkerblatt an die Ausarbeitung eine» Prügellarifs für RobeitSverbrecher. bei dem auch uniformierte Exzedenten nicht vergessen werden l Gcw sfenlosigkeit. In Nosswitz bei Glogau wurde der Besitzer eines grossen GnteS zur Anzeige gebracht, der seit den, 15. November 1vl9 Milch von »olch-n Kühen, die an Manl- und Klaiiensenche- ertrankt waren, an Glogauer Hotels, Private und Krankenhäuser geliefert hatte. Eine Reihe von Rindern crkrankle nach dem Genüsse dieser Milch. Das Vorhandensein der Seuche lvurde erst am 5. Januar durch einen Stallkchiveizer deS gcmeingcsährlichcn Agrarier« verraten, nachdem er von seinem Herrn Schweigegelder in dzr Höhe von 3—5 Mark erhalten 5 eitle. Dadurch, daß der AnstcckunAherd nicht bekannt war, ist fast ver ganze Ort verseucht worden. Die«Sehnsucht der Nationallibcralen nach dem Bülow-Block. läßt nicht nach. Jüngst bat. wie die„Kölnische Zeitung" berichtet. der nationalliberale Reichstagsabgeordnete LandgcrichtSdireklor Heinze aus Dresden im Wahlkreise Alte na-Isert ahn gc- redet. Der Herr Abgeordnete widerlegte in seiner Rede die Bor- würfe der Konservativen, daß die Rationalliberalen mit der Sozial- demakratie liebäugelten. NationaUiberale und Sozialdemokraten, so hob der Redner hervor, seien durch unüberbrückbare Gegensätze von einander getrennt. Nachdem Herr Heinze die Trennungslinie nach links gezogen hatte, wandte er sich mit unverkennbarem Wohlwollen nach rechts: Bei der jetzt dem Reichstage vorliegenden Gesetzgebung zeige sich, daß die Konservativen mit dem Zentrum gar nicht zusainmenarbeiten könnten, sondern mit den Nationalliberalen sich zu positiver Arbeit zusammenfinden müßten. Bei dem Arbeitskammergesetz, bei der Reichsversicherungsordnung, bei der Strafprozeßordnung seien die Konservativen auf die Nntionalliberale» angewiesen: ihr PundeS- genösse, das Zentrum, versage i» vielen Fällen. In den Reichstags- wählen werde das Volk sein Urleil über die Zerit timmerung veS alten Blocks und de» neue» Block sprechen. Herr Heinze hofft also ans eine Wiederkehr des glorreichen konservativ-liberalen Blockes. Wir sind sicher, daß das Urteil des Volkes gleich vernichtend ausfallen wird über den einen wie den anderen Block!_ Reaktionärer Terror. Die vor einiger Zeit von unseren Genossen deS l. Berliner Wahlkreises im Tiergartenhof veranstaltete Versammlung scheint ge- wissen Leuten Albdrücken verursacht zu haben. Der Wirt bekam daS unangenehm zu spüren. Davon zeugt die folgende per Postkarte an unseren Genossen Ph. Bernstein gerichtete Mitteilung: Charlottenburg, den V. 1. 11. Werter Herr Bernstein I Hierdurch teile ich Ihnen höflichst mit. daß Sie zu Ihren Zwecken meinen großen Saal nicht erhalten können, da sonst für mich große Verluste entstehen könnten. Zur mündlichen Aussprache stets zu Ihren Diensten. Hochachtungsvoll F. Wolff(A. Bielecki Nachf.) In der mündlichen Unterredung hat sich der Wirt bitter über TerroriSmuS von gestnnungSlüchtiger Seite beklagt. Aus Be» merkungen von Polizeiorganen will er die Drohung gehört haben, lein Lokal werde von der Militärbehörde und von Militärvereimn boykottiert, falls er den Sozialdemolraten seine Räume noch einmal zur Verfügung stelle. Na, die Sozialdemokratie macht man mit solcher Politik nicht tot, aber sie wirkt doch aufreizend. Nötig haben wir solche Mitwirkung bei der Agitation ja nicht,'edoch: je mehr, je bester l_ Nachtvehen der Wahl in Labiau-Wehlau. Wie dem„Berl. Tagebl." gemeldet wird, hat der KreiSauSschuss in Wehlau unter dem Vorsitz des LandratS Weber beschlossen, dem Bürgermeister Wagner die Verwaltung dcö KreisannenhauseS abzu- nehmen und ihn aufzufordern, die Geschäfle am 1. Februar d. I. seinem Nachfolger, dessen Name ihm noch mitgeteilt werden wird, zu übergeben. Die Wohnung im Vereinsarmenhau,e ist ihm zum l. Oktober d. I. gekündigt worden AIS Grund wird angegeben, daß Wagner infolge seiner Wöhr zum Rcichstagsabgeordnelen einen großen Teil des JahreS von Tapiou fern sein werde. Km 18. April dieses JahreS läuft die Amtsperiode deS VürgermeisterS Wagner, der dann 24 Jahre lang sein Amt versehe» bat, ab, und er ist be« reits am 7. d. MtS. einstimmig wiedergewählt worden Portugal. Die Strcikbewcgmig Lissabon, 13. Januar. Tie Forderungen der ausständigen Vahnangestellten sind von der Gesellschaft im ganzen ab» e l e h n t worden. Es wurde ihnen aber eine allgemeine ohnerhöhung von 2b Centimes und ein Zuschlag von 10 Proz. auf ihren gegenwärtigen Lohn angeboten. Die Ausständigen sind von diesen Zugestäudnissen nicht b e» friedigt. Sic haben auch die Forderung deS Ministers des Innern, den Südexprcß abfahren zu lassen, zurückgetviescn. Der Ausstand zeigt keine Veränderung. Die Bahnhöfe sind verlassen. Die Versorgung der großen Orte mit Lebensmitteln geschieht dura» Wagen und auf dem Wasser- wegc. Der Minister des Innern Almeida hatte eine neuerliche Besprechung mit einer Abordnung der Eisenbahner und niit Vertretern der Eisenbahngescllscha'ft, um Mittel ausfindig zu machen, die den Dienst, insbesondere den internationalen Dienst, sichern. Die Metallfabrikcn werden militärisch überwacht. Es herrscht vollkommene Ruhe. Anndgebnngen. Madrid, 13. Januar. Noch einer beim Minister des Innern eingegangenen Depesche deS Gouverneurs von Badajoz, hat ein miS der portugiesischen Grenzfestung E l v a S gekommener Reisender erzählt, daß gestern dort Soldaten und Arbeiter laute Kundgebungen veranstaltet, Aufbeiierung ihrer Bezüge verlangt und ihre Forderungen nach Lissabon telegraphiert hätten. Nnzufriedenheit in Oporto. Oporto, 13. Januar. Nach Prokknmicrimg der Republik waren die Gemeindebehörden von Lissabon und Oporto alö die einzigen im Amte gelösten worden mit Rücksicht aus ihre rcpu- blikanische Gesinnung. Gestern hat die Genieindevertreiung von Oporto kollektiv ihre Entlassung eingereicht und dies mit dem Mangel an Vertrauen seitens des RegicrungSvertreterS in Oporto begründet. Der Gouverneur hat gleichfalls seine Entlassung eingereicht. Rumänien. Schöne Brrsprechnngc«. Bukarest, 12. Januar. Der Mini st erPräsident hat heute vor dem Exekutivkomitee der konservativen Partei sein Programm entwickelt. Danach beabsichtigt die Regierung, Unfall-, Kranken- und AlterSversichcrungSgesetze zugunsten der Hand» werker und Arbeiter zu schaffe», die Steuern auf Landgüter unter 9 Hektar auszuheben. Zölle und Eisenbahntarife herabzusetzen, die Arme« zu verstärken sowie Verwaltungsreformen einzuführen. Amerika. Der Panamakanal. Washington, 12. Januar. Präsident Taft hat dem Kongress eine Sonderboischast zugehen lassen, in der er die Befestigung des Panamakanals als dringend notwendig bezeichnet und für die ersten Arbeiten hierzu die Bewilligung von 6 Millionen Dollar noch in dieser Session fordert. Die Japanfeindschaft. San Francisco, 12. Januar. Der hiesige japanische General- konsul hat in einem Schreiben an den StaatSsenator Wright gegen die dem kalifornischen Parlament vorliegenden antijapanischen Gesetzvorlagen protestiert mit der Begründung, daß die An- »ahme dieser Vorlagen die Verhandlungen über einen japanisch- amerikanischen Vertrag ungünstig beeinflussen würde. Inclien. Religionskämpft. Bombay, 12. Januar. Aus Anlaß der Muharremfeier kam es heute zwischen mohammedariischen Sekten zu Zu» s a m ui e n st ö ß e n. Polizcibeamte wurden mit Steinen beworfen, Straßenbahnwagen aufgehalten und die Insassen mißhandelt. Schließlich mußten Truppen eingreifen, die Feuer gaben, wobei elf Ruhestörer getötet und vierzehn verwundet wurden. Die Ruhe ist wiederhergestellt. GewerkfcbaftUd�ee. Tom KoaUtionsrecbt der Stfcnbabner. Einen Beitrag dafür, wie die Staatsbehörden ihre Ar- Leiter van dem Besuch von Versammlungen abzuhalten der- stehen, können wir aus Frankfurt a. O. liefern.— Zum Dienstag, den 10. Januar, war eine öffentliche Versammlung ein- berufen, zu der in der Hauptsache die in den Staatseisenbahn- Werkstätten in Frankfurt a. O. beschäftigten Arbeiter einge- laden waren. Reichstagsabgeordneter R o b. Schmidt- Berlin sollte sprechen über: Warum will die Regie- rung den Eisen bahnwerk st ättenarbeitern die Vertretung in den Arbeitskammern vor- enthalten? Die Betriebsleitung der Frankfurter Eisenbahnwerkstätte sah in der Ankündigung dieser Versammlung schon ihre Auto- rität untergraben. Sie glaubte zweifellos, daß die Arbeiter der Staatswerkstätte nicht zu wissen brauchten, warum �>ie Ar- beiter der Betriebswerkstätten im Arbeitskammergeseh von der Regierung anders behandelt werden sollen, wie die Arbeiter der Privatindustrie. Die Betriebsleitung fand heraus, daß die Versamnilüng eine sozialdeinokratische sei. Durch Anschlag machte die Betriebsleitung bekannt, daß die Versammlung von sozialdemokratischer Seite einberufen sei und die Direktion nicht„wünscht", daß diese Versammlung von den Arbeitern besucht werde. Einigen Arbeitern wurde jedoch unter der Hand anhcimgestellt, daß sie hingehen und Mitteilung machen sollen, wieviel von den Werkstättenarbeitern an dieser Ver- sammlung teilgenommen haben. Weil also ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter in der Versammlung über ein die Eisenbahnwerkstättenarbeiter außerordentlich stark interessierendes Gesetz reden wollte, stem- pelt die Betriebsleitung die Versammlung zu einer sozial- demokratischen und„wünscht", daß die Arbeiter diese Ver- sammlung nicht besuchen. Wie ein solcher, von der Betriebs- leiwng ausgesprochener„Wunsch" zu verstehen ist. weiß jeder, der schon einmal in solchem staatlichen Betriebe gearbeitet bat, und auch die Arbeiter wissei. es, die noch darin arbeiten. Hier wird der„Wunsch" Befehl. Will die Betriebsleitung damit verhindern, daß der Reichstagsabgeordnete Robert Schmidt die Gründe, die der Minister Delbrück gegen die Einbe. ziehung der Staatswerkstättenarbeiter ins Feld geführt hat, den Arbeitern der Frankfurter Werkstatt bekanntgibt? Glaubt die Betriebsleitung, daß die Rede eines sozialdemokratischen Abgeordneten ihre Arbeiter überzeugt, daß die angeführten Gründe der Regierungsvertreter zu diesem Gesetzentwurf nicht zutreffend sind? Mit dieser Annahme dürfte die Betriebs- leitung der Regierung den schlechtesten Dienst erwiesen haben. Der„Wunsch", die angekündigte Versammlung nicht zu besuchen, ist auch von den Arbeitern der Frankfurter Eisen- bahnwerkstätte verstanden worden. Sie zogen es vor, der Ver- sammlung fernzubleiben, um sich nicht den Denunzianten der Betriebsleitung auszuliefern. Es wird sich aber eine andere Gelegenheit finden, auch die Arbeiter der Staatsbetriebe darüber aufzuklären, daß sie als Arbeiter wie Staatsbürger zweiter Klasse behandelt werden. Terrorismus ist das Verhalten der Betriebsleitung in Frankfurt a. O. allerdings nicht. Wer das behauptet, ist ein Nörgler! Bertin und Qnigeqend. Tie Spandauer Polizei als Helferin der Gelben. Gestern, Freitag, den 13. Januar, fanden in den gesamten Werken von Siemens u. Sehuckert und Siemens u. Halste die Ar- beiterausschußlvahlen statt. Da nun trotz aller gelben Bemühungen immer noch Tausende in jedem Werk durch ihre Stimmabgabe bekunden, daß sie Anhänger der freien Gewerkschaften sind, wird bei allen Wahlen besonders kraß gelber Terrorismus getrieben. Es wird den Gelben mit allen nur erdenklichen Mitteln geholfen, der Tätigkeit der freien Gewerkschaften aber stets und besonders bei den Wahlen alles nur erdenkliche an Hindernissen bereitet. So wird z. B. seitens der Betriebsleitung verboten, auch nur in leisester Weise für die Liste der freien Gewerkschaften Propa- ganda zu machen. Im Gegensatz dazu wird von der Direktion. den oberen und niederen Angestellten(und derartige Leute werden bei Siemens nicht wenig durch Langweile geplagt) in der offensten Weise, manchmal geradezu im Befehlston gelbe Propaganda ge- macht. Angesichts der allgemeinen Situation blieb den Arbeitern der Siemcnswerke nichts anderes als die Propaganda außerhalb des Werkes. Diese wurde denn auch in ausreichendem Maße, sehr zum Aerger der Obergelben und ihrer Hintermänner in den Direk- tionszimmern, betrieben. Um nun dieser Propaganda, die man durch Bestimmungen am schwarzen Brett nicht mehr verhindern konnte, entgegentreten zu können, hat man seitens der Firma oder auch durch einige mit der Polizei gut bekannte Obergelbe die Spandauer Polizei zur Hilfe geholt. Als gestern morgen außer- halb der Grundstücke, vor den Toren der Betriebe Zettel mit ent- sprechender Anweisung zu den Wahle» verteilt wurden, kamen plötzlich aus dem Kabelwerk Siemens einige dunkle Gestalten, in denen man alles andere, nur keine Polizeibeamten vermutete, forderten von den Zettelverteilern Zettel und nachdem sie solche erhalten, wurden die Verteiler aufgefordert, mit zur Polizeiwache zu kommen. Das gleiche spielte sich am Eingang Thnamoioerk und Autobau in der Motardstraße ab. Auch am Blockwerk, Char- lottenburger Gebiet, erschienen Personen, die nach dem Bericht der Arretierten nicht den Eindruck von Polizeibeamten machten. Nach der Aufforderung, sich doch gefälligst mal zu legitimieren, zeigten sie eine bekannte Marke. Obgleich die Zettelverteiler erklärten, sie befänden sich außer- halb des Gebietes der Spandauer Polizei, auf Charlottenburger Terrain und obgleich zwei Mann sich durch Erlaubnisscheine, aus» gestellt vom Charlottenburger Polizeipräsidium, ausweisen konnten, führte man sie zur Wache und nahm ihnen die Zettel ab. Ins- gesamt wurden 10 Personen sistiert. Gegen diesen anscheinend vorliegenden polizeilichen Uebergriff werden die notwendigen Schritte eingeleitet. Doch darum handelt es sich im Augenblick nicht. Wir wollen nur öffentlich konstatieren, welche Mittel der gelben Oberleitung bei Siemens(sprich Direktion) recht sind, um die Oeffentlichkeit über die wahre Meinung und Gesinnung der in den Siemenswerken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen zu täuschen. Im übrigen haben wir nicht die Absicht, über diese gelbe Tätigkeit zu hadern und Trübsql zu blasen. Wir haben auch keine Ursache dazu. Denn wir sind zu gut informiert, welche guten Fortschritte unsere Bewegung bei Siemens macht trotz Dr. Fellinger und seiner gelben Busenfreunde. Metallarbeiterverband. OrtSveNvaltung Berlin. Der Fenstervotzerstreik bei der Glaserinnung. Eine Verände- rung in der Lage dieses Streiks ist im allgemeinen nicht einge- treten. Die Bemühungen der Firma, die Arbeit durch Streik- brecher oerrichten zu lassen, haben jedoch immer weniger Erfolg. Gestern hatte sie nur noch 11 Arbeitswillige zur Verfügung und die wurden, wie uns berichtet wird, überall von der Kundschaft ab- Berantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw. gewiesen. Erst wurden sie nach Treptow gebracht, wo sie in einem Großbetriebe die Fenster putzen sollten, man wollte sie aber dort nicht haben, und so mußten sie wieder weiter transportiert werden. Sie kamen nach Lichtenberg, aber auch dort wurden sie von der be- treffenden Kundschaft, die mit Leuten, welche in Polizeibegleitung kommen, nichts zu schaffen haben wollte, zurückgewiesen. Ebenso schlecht erging es ihnen in Berlin in einer chemischen Fabrik, wo von vornherein die Arbeiterschaft dagegen protestierte, daß solche Leute ihnen die Fenster putzen sollten. Die Arbeitswilligen wurden somit den ganzen Tag herumgeschickt, ohne einen Schlag Arbeit zu leisten. Da selbst die wenigen Arbeitswilligen, die man mit Mühe und Not und großen Geldopfern herangeschafft hat, von der Kundschaft nicht einmal zur Arbeit herangelassen werden, können die Streiken- den den weiteren Verlauf des Kampfes ruhig abwarten. Die Glaserinnung oder ihre Fensterreinigungsgenossenschaft wird sich doch schließlich genötigt sehen, mindestens dieselben Löhne zu zahlen wie die übrigen Fensterreinigungsfirmen, und wenn sie meint, daß ihr Geschäft sich nur bei den alten unzureichenden Löhnen rentieren kann, muß sie sich eben einmal erkundigen, wie die anderen Firmen es bei den besseren Löhnen fertigbringen, mit Gewinn zu arbeiten. veutlcbes Ketek. In der Bergmannsmiihle zu Magdeburg haben die im Brauerei- und Mühlenarbeiterverband organisierten Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Eine Verhandlung über die eingereichten For- derungen lehnte die Firma ab, auch den Arbeiterausschutz, der verhandeln sollte, wies sie ab; die ihr zugesandten Schreiben nahm sie nicht an, und als der Bezirksleiter des Verbandes es nochmals versuchte zu unterhandeln, wurde er auch wieder abgewiesen. Die Firma stellt sich also auf den absoluten Herrn-im-Hause-Standpunkt. Diese protzige Abweisung konnten die Arbeiter nicht ruhig hin- nehmen und legten sie die Arbeit nieder. Zuzug ist fernzuhalten. Der Gipfel kapitalistischer Gelbenzüchtung. In Leverkusen(unrerer Kreis Solingen), wo die Bayerschen Farbenfabriken ihr Domizil haben, über deren sogenannte Wohlfabrts- einrichtungen die bürgerliche Presse in letzter Zeit wieder viel Auf- hebenS machte, wurden an Häusern gegenüber der evangelischen Kirche Zettel mit folgendem Jnbalt angehestet: Turn- und Spieltlub Leverkusen. Neu eintretende Mitglieder erhalten eine sofortige Lohn- erhöhung von 20—30 Pf. täglich. Der Vorstand. Die Zettel stammen ohne Zweifel aus dem Betriebe der Bayerschen Farbeniabriken, in deren Betrieben bei Strafe der sofortigen Brot- losinackung kein organisierter Arbeiter geduldet wird. Wenn die Direktion der Farbwerke schon zu solchen Mitteln greifen mutz, um einen Verein am Leben zu erhalten, dann ist es allerdings schon weit gekommen._ Erfolgreiche Lohnbewegung in der Klavierindustrie. In Eisenberg(S.-A.) sind in den Klavierfabrilen rund 300 Arbeiter beschäftigt. Das Gebiet Zeitz-Ebenberg-Gera war von jeher für die Mnfikinstrumentenarbeiter Deutschtands ein Schmerzenskind, weil von dort den übrigen Fabriken wegen der zuiückgebliebenen Lohn- und Arbeitsbedingungen eine nn- heimliche Konkurrenz bereitet wurde, die auch aus das Streben der Arbeiter dieser Industrie um bessere Arbeitsbedingungen nicht ohne Wirkung blieb. Während m den anderen Orte» schon seit Jahren S4 und weniger Wochenstunden als die übliche Arbeitszeit galten, teilweise sogar die 48stündige Arbeitszeit eingeführt ist, herrschte in diesen Orten, Ivo Taufende von Musilinslrumenten- arbeitern beschäftigt werden, bis vor wenigen Jahren noch 57 bis 00 stündige Arbeitszeit und Löhne, die weit unter das sonst übliche Matz herabgingen. Die letzten Jahre haben nun eine er- freuliche Besserung gebracht. Insbesondere sind die Eisenberger und Zeitz« Klavierarbeiter recht fleißig im Ausbau ihrer Organi- salion gewesen und könne» sich demgemäß auch recht schöner Erfolge erfreuen. Nachdem im Laufe des verflossenen Jahres in Zeitz eine erfolgreiche Lohnbewegung durchgefühlt werden konnte. die die vertragliche Festlegung der 54 stündigen Arbeitszeit mit entsprechender Lohnerhöhung brachte, ist jetzt über eine erfolg- reiche Bewegung in Eisenberg zu berichten. Der abgeschlossene drei- jährige Vertrag bringt die Verkürzung der Arbeitszeit auf 54 Wochen- stunden, eine Erhöhung sämtlicher Stundenlöhne um 6 Pf. und der Akkordpreise um 12 Prozent. Der Mindestlohn beträgt 44 Pf. pro Stunde und steigert sich während der VertrogSperiode weiter. Der Vertrag sieht ferner vor die üblichen Aufschläge für Ueberstunden. Trans- port von Instrumenten usw. Die zur Ueberwachung des Vertrages zu bildende Schlichiinigskoinmission hat nach de» zwischen dem Vorstand des ArbeitgcberichutzverbandeS und dein Deutschen Holzarbeiterverband vereinbarten Bestinunungen ihre Funktionen auszuüben. Der schöne Erfolg konnte ohne Streik erreicht werden. Das war nur möglich, weil die beteiligten Arbeiter fast ohne Ausnahme organisiert sind und dem Deutschen tzolzarbeitervelbande an- gehören._ Ein eigenartiger Gewerkschaftskampf. Einen Kampf ganz eigener Art haben gegenwärtig die Ar- beiter in den Rauchwarenzurichtereien des Städtchens Rötha bei Leipzig zu führen. Die Arbeiterschaft dieses etwas über 3000 Ein- wohner zählenden Ortes, in dem etwa drei Viertel der Bevölkerung von der Rauchwarenzurichterei leben, führt seit Jahren einen hart- näckigen und heftigen Kampf um ein Versammlungslokal. Bisher mutzte sie zur Freude der Röthaer Honoratioren ihre Versamm- lungen, Sitzungen, Feste usw. im Nachbardorf G e s ch w i tz ab- halten; um so größer war nun der Grimm der Röthaer Ehrbarkeit, als im Sommer vorigen Jahres zunächst für die Gewerkschaften und im Herbst dann auch für die Partei der mitten im Städtchen gelegene Gasthof„Stadt Leipzig" frei wurde; sie setzte alle Hebel an, um das Lokal wieder abzutreiben. In diesem Kampfe be- tätigte sich in ganz besonderem Maße die Schützengesellschast, in der die Rauchwarenfabrikanten eine hervorragende Rolle spielen; sie beschloß, bei ihren Festen nicht mehr in„Stadt Leipzig" anzu- treten, was natürlich mit einer Schädigung des Wirtes verbunden war. Auf diesen Beschluß hin verließen nun auch die übrigen Vereine— Krieger-, Gesang-, Dramatischer Verein usw.—„Stadt Leipzig". Da nun aber diesen Vereinen noch eine Reihe Mitglieder des Kürschnerverbandes angehörten, veranstaltete die Röthaer Filiale eine Besprechung mit diesen Mitgliedern mit dem Ergeb- nis, daß fast alle in richtiger Erkenntnis ihrer Klasscnlage diesen Klimbimvereinen den Rücken kehrten. Nur zwei der Schützen- gesellschaft angehörende Kürschner blieben den völlig loyalen Vor- Haltungen gegenüber taub; sie führten in dieser Gesellschaft Schulter an Schulter mit ihren eigenen Ausbeutern den Lokal- kämpf gegen ihre Klassengenossen. Empört über dieses Gebaren und ihr sonstiges provokatorisches Austreten beschloß nun die Filiale Rötha den Ausschluß der beiden Schützenbrüder wegen Schädigung der Verbandsinteressen. Diesen Ausschluß hielten nun die Röthaer Spießer für den geeigneten Augenblick, um gegen die Röhtaer Arbeiterschaft zu einem Schlage auszuholen. Die Rauch- Warenfabrikanten forderten vom Verband die Wiederaufnahme der beiden Ausgeschlossenen, anderenfalls sie die gesamten Kürschner Röthas aussperren würden. Sie begründeten ihr Vorgehen mit der Tarifbestimmung, daß die Unternehmer nur organisierte Kürschner beschästigen dürfen, die ausgeschlossenen Schützenbrüder also mindestens am Orte im Berufe arbeitslos seien; denn auf die objektive Mitteilung vom Ausschuß hatten die Unternehmer die beiden Schützenbrüder zunächst entlassen. Sie versahen die beiden aber rasch mit Rechtshilfe, richteten eine Beschwerde an Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstal den Verbandsvorstand und erwirkten auch die UngültigkeitS« erklärung des Ausschlutzbeschlusses. Seit der Stunde arbeiten die beiden Ausgeschlossenen wieder bei ihren Schützenbrüdern. Da je- doch die Filiale die Wiederaufnahme der Unternehmerlieblinge verweigerte und hierbei auch vom Verbandsausschutz, der den Vor- ftandsbeschlutz aufhob und den Ausschluß als zu Recht erfolgt er- klärte, Unterstützung fand, machten nunmehr die Unternehmer ihre Androhung wahr und sperrten am Tage vor Weihnachten über 200 Kürschner aus. Der Hauptmacher war hierbei daS Kürschnervorstandsmitglied Fabrikant H e i n i ck e. Kurze Zeit darauf kündigten sie an, die ganze Sektion Leipzig(Leipzig, Markranstädt, Schkeuditz und Rötha) auszusperren, wenn sich nicht Rötha füge. Seitdem ist nun die Zahl der Ausgesperrten auf 250 Mann gewachsen; die Unternehmer aber versuchten, ihre Betriebe mit den Lehrlingen und Hilfsarbeitern bis zum Beginn der Saison(Ende Januar) aufrechtzuerhalten. Durch diese Rechnung haben jedoch die Kürschner jetzt einen Strich gemacht. Sie haben am Mittwoch begonnen, aus den Fabriken, in denen der Geschäftsgang wieder flott ist, die Hilfsarbeiter herauszuziehen, bis jetzt 75 Mann,� so daß die Zahl der Ausgesperrten und Streikenden über 300 beträgt. In den letzten Tagen wird sich, falls die Unternehmer hartnäckig bleiben, diese Zahl bedeutend vermehren, und es ist zweifelhaft, ob es nicht zu einem Kampfe in der ganzen Sektion Leipzig kommen wird. Und das alles, weil wild gewordene Spießer der Arbeiter- schaft das Versammlungslokal abtreiben wollen. Man wollte die Kürschner, die stärkste Organisation am Orte, die weit über 400 Mitglieder zählt, klein kriegen, um dann der übrigen Arbeiter- schaft de» Fuß auf den Nacken setzen zu können. Dieses saubere Plänchen ist schon jetzt gescheitert, denn die gesamte Arbeiterschaft steht wie ein Mann zusammen und wird den Kampf ehrenvoll durchsetzen._ Erfolgreicher Brauereiarbeiterstreik. Der Streik der Brauereiarbeiter in Zwickau i. S. konnte mit Erfolg beendet werden. Erreicht wurde eine Lohnerhöhung von 2 M. pro Wocbe, ab 1. Januar 1913 eine weitere von 1 M.. Handwerker erhalten 1 M. mehr Zulage._ Die Verkürzung der Arbeitszeit beträgt für die inneren Betriebsarbeiter Va Stunde täglich, von 10 auf 9'/z Stunden, für das Fahrpersonal 2 Stunden täglich im Winter und'l Stunde im Sommer. Urlaub ohne Lohn- abzug nach einjähriger Täiigkeil 3 Tage, nach zweijähriger 6 Tage. Außer- dem wurden noch verschiedene beachtenswerte Verbesserungen erzielt. Wichtig und für die Arbeiter vorteilhaft ist die Bestimmung, daß den in eine andere Tarifbrauerei dieses Bezirks übertretenden Arbeitern in der Lohnhöhe bezw. Lohnsteigerung ihre bisherige Tätigkeit an- gerechnet wird. Kuslanck. Achtung, Stockarbeiter! Vom dänischen Holzarbeiterverband wird berichtet, daß der Inhaber der Stockfabrik I. S t e f f e n s e n in O t t e r u p(Insel Fünen) sämtliche Arbeiter entlassen hat, weil sie sich weigerten, aus ihrer Organisation auszutreten. Ein Agent ist unterwegs, um in Deutschland und Oesterreich Streikbrecher anzuwerben. Zuzug ist streng fernzuhalten, £er Streik der belgischen Kohlengräber. Brüssel, 12. Januar.(Eig. Ber.) Gestern sprach eine Depu- tation der streikenden Bergarbeiter unter Führung des sozialdemo- kralischen Deputierten Dejardin. des Präsidenten des Berg- arbeiterverbandes, beim Arbeitsminister Hubert vor, um diesen um seine Intervention bei den halsstarrigen Grubenbesitzern zu ersuchen, was der Minister auch versprach.— Im ganzen ist die Streiklage unverändert. Gegen die zirka 400 im südlichen Bassin, die die Arbeit aufgenommen haben, stehen einige Hunderte neu hinzugekommene Streikende in Sesains. so daß sich die Zahl von 22 000 aufrecht erhält. Trotz verschiedener imposanter Demon- strationen bleiben die Streikenden in ihrer ruhig zuwartenden Haltung. � Hetzte ffachrichten. Großfeuer in Reinickeudorf-Ost. Gestern abend gegen 10 Uhr brach im Hammerwerk in Re i n i ck e n d or f- O st(Holländer Straße 11) Grosse fener aus. Das Feuer entstand in der W e r k st ä t t e und breitete sich mit riesiger Schnelligkeit aus, so daß �die Feuer- wehren von Reinickendorf-Ost und-West mehrere Stunden in angestrengter Tätigkeit zu tun hatten, um das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Der Tachstuhl und die Werk- statten sind ausgebrannt, doch scheint ewe Betriebs- störung nicht einzutreten. Tie japanischen Handelsverträge. London, 13. Januar. Das Reutersche Bureau erfährt über die jetzt hier stattfindenden Tarifvcrhandlnngcn Mischen der englischen und der japanischen Regierung: Als über die jetzt ablaufenden Handelsverträge Japans mit Großbritannien, Frank- reich und Deutschland verhandelt wurde, suchte Japan die Abschaffung der Exterritorialität zu erlangen und erklärte sich bereit, seinerseits Zugeständnisse in anderen Richtungen zu ge- währen. Der damals in die Verträge aufgenommene Konventional- tarif ist daher gänzlich«inseitig. Japan verlangt, daß die neue» Verträge mehr auf Gegenseitigkeit'beruhen sollen. Di« jetzt mit Großbritannien und anderen Ländern stattfindenben Verhand- lungev zielen darauf ab, diesen Gedanken der Reziprozität zu ver- wirklichen. Was den türzlick» in Japan eingeführten neuen Tarif anlangt, so wird erklärt, daß er nach der japanischen Berfasiung durch SpezialVerträge mit fremden Mächten ersetzt werden kann, ohne daß das Parlament um seine Zustimmung ersucht zu werden braucht und obschon das Tarifgesetz selber unverändert bleibt. Die neuen Handelsverträge werden in ihren Grundzügen den ablaufen- den Verträgen folgen, aber mit dem wichtigen Zusatz, daß in ge- wissen Fällen ein neuer Spezialtarif hinzugefügt werden soll. Ter belgische Bergarbeitcrausstand. Lüttich, 13. Januar.(B. H.) Der Generalvcrband der Bergarbeiter beschloß im Einvernehmen mit den Syndikats- delegierten, die Arbeit nicht eher wieder aufzunehmen. bis die Antwort der Grubcndirektoren auf die Forderungen der Arbeiter dem ArbeitSministcr zugestellt sein wird. Sollte die Ant- wort ungünstig lauten, so wird der Grubenverband Schritte unternehmen, um einen Generalstreik aller industriellen Betriebe in Belgien herbeizuführen.— Die Lage im AuSstandSgebiet hat sich noch verschlechtert und eine weitere Zunahme des AuSstandrS ist zu verzeichnen. Schneestürme in Spanien. Madrid, 13. Januar.(W. T. B.) Die Eisenbahnver» bindungen in Nordspanien sind infolge Schneesturmes fast vollständig unterbrochen. Mehrere Züge sind an verschiedenen Punkten im Schnee steckengeblieben. Elf Personen getötet. Huelva(Andalusien), 13. Januar.» J«Birts" Kerlimr DollisMntt. ZMübeud. 14. Januar 1911. Reichstag» 105. Sitzung. Freitag, den t3. Januar 1911, nachmittags 1 Uhr. «m Bundesratstisch: Dr. LiSco. Die zweire Lesung der Novelle zum Strafgesetzbuch Wird fortgesetzt. Es läuft folgender Antrag Stadthagen(Soz) ein: Als Ziffer 5a d-r Vorlage einzuschallen: Der Z 193 Strafgesetzbuch erhält folgende Fassung: Tadelnde Urteile über wissenschaftliche, k 2 n st- lerische, gewerbliche, politische oder mili- t ä r i s ch e Leistungen, ingleichen Aentzerungen, welche zur Ausführung oder Verteidigung von Rechten oder zur Wahrnehmung berechtigter ihn oderDriite angehender Interessen, insbesondere auch öffent- licher Interessen auf politischem, religiösem oder anderem Gebiet, oder solcher Interessen, die zur Ausübung eines berechtigten Berufs gemacht werden,>owie Vorhaltungen und Rügen der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen, dienstliche Anzeigen oder Urteile von seilen eines Beamten und ähnliche Fälle sind nur in- soferil strafbar, als das Vorhandensei» einer Beleidigung aus der Form der Aeusierung oder aus den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht. Wird einem Beamten die Genehmigung zur Aussage als Zeuge nicht erteilt, oder lehnt er selbst die Aussage über eine in bezug auf ihn veibreitete oder behauptete Tatsache ab, so ist die Behaupiung oder Verbreitung einer den Beamten oder eine Behörde beleidigenden Tal- fache nur dann strafbar, wenn sie erweislich u n- wahr»ind wider besseres Wissen aufgestellt ist. Präsident Graf Schwerin-Löwitz: Nach meiner Aulsassung gehört dieser Antrag zu der Materie der Ziffer 4 betr. die öffentlichen Be- leidigungen. die gestern erledigt ist. Ich werde aber dos Haus darüber befragen, ob cZ bereit ist, den AnUag noch bei Ziffer S zu bebandeln. Abg. Stadthagen(Soz., zur Geschäftsordnung): Der Entwurf geht nicht nach Materien, sondern nach der Reivensolge der Para- graphcn. Wir würden unseren Antrag zu Nr. 4 gestellt habe», wenn nicht gestern am Schlutz der Sitzung das Wunderbare passiert wäre, dafz über diese Ziffer und einen Antrag Wagner dazu so schnellt abgestinnnt wurde, dag bis zur Abstimmung nichts davon bemerkt wurde, datz es sich um diese lv i ch l i g e Materie handelt. Eventuell könnte ja nachher bei der rebaltionellen Gestaltung der Vorloge der Antrag in Ziffer 4 ein- gereiht weiden. Abg. Gavip(Rp.): Zulässig ist alles, dem nicht von einem Mit- gliede des Hauses wideriprocheii wird. Hier liegt die Sawe aber so, dah nicht nur die Materie erledigt ist, sondern daff der Antrag ur- sprünglich auch von den Antragstellern zur Ziffer 4 gestellt worden ist. ES geht nicht an, dast wir eine Materie, die bei einem früheren Paragraphen erledigt ist, später durch einen andere» Paragraphen wieder umstoben. Die Herren können ja bei der 3. Lesung ihren Antrag wieder eilibrinaen. Abg Dr. Müllcr-Meinigen(Vp.): Herr Gainp irrt. Es handelt sich nicht darum, dab wir bereits gefaffte Beschlüsse jetzt umstoben sollen, sondern eS handelt sich um die Fortsetzung der B e schlüsse in Richtung der Ziffer 4. Ich möchte auch an ihre Gerechtigkeit und B'lligkeit appellieren. Es ist gestern der seltene Fall passiert, daff einsehr wichtiger Antrag inr letzten Moment eingebracht worden ist. Fast daS ganze Hau« hat angenommen, dab mit der Erledigung der Schächtsrage die Verhandlungen abgebrochen werden sollten. sSehr richtig I links.) Wir wubten überhaupt gar nicht, worüber abgestimmt wurde.(Hörtl hörtl rechts.) Auch die Herren im Zentrum sahen ursprünglich, da kam im letzten Moment Herr Gröber hinein, machte eine Handbewegung, woraus sie alle aus- standen. Es würde also einfach ein Akt der Loyalität sein, diesen Antrag zur Verhandlung zu stellen. Wenn man auf die 3. Lesung verweist, so wissen Sie doch alle, daß in der dritten Lesung solch wichtige Anträge schwer hereinzubringen sind. Rleines fcirillcton. Tolstois nachgelassene Werke. Dem.Eorriere della Sera' be richtet man aus Petersburg: Ueber die Herausgabe der nachgelassenen Werke ihres verstorbenen Vater« hat die Gräfin Alexandra Tolstoi jetzt definitive Beschlüsse gefaht. In Ruhland wird sie selbst die Herausgabe der Werke besorgen: sie sollen hier im April oder im Mai, zugleich mit den llebersetzungen, die im Auslande heraus- gegeben werden, erscheinen. Der literarische Nachlab Tolstois wird zwei grobe Oktavbände von je 600 Seiten umfassen. Hier die ge- naue und vollständige Liste aller ungedruckten Werke, die Graf Tolstoi hinterlasse» hat:.Chadji Murad",„Vater Sergius',„Nach dem Ball',„Der Teufel',»Der Leichnam',„Ein falscher Possen- reitzcr',.Da« Tagebuch eines Wahnsinnigen',„1-� in tenebris" (Licht in der Finsternis),„Ein junger Zar',„Das posthume Tagebuch Theodor Kussmitsch«',„Wer bat recht?',„Die Ge schichte eincS Bienenstocks',„Alioischa Gottschkow',„Was ick im Traume sah",„Sie besitzt alle Eigenschaften', „Tichon und Melanie',„DaS Tagebuch einer Mutter', „Sie sind nicht schuldig',„Wer hat getötet?'.„Kindliche Weisheit'. „Durch Zufall',„Die Geschichte eines Duchoborzen',„Der moderne Sozialismus'. Auherdem sind siebzehn historische und soziologische Studien und eine Komödie mit dem Titel„Die Weise' vorhanden. Ferner bat Tolstoi, wie man schon seit langem weih, ein Tagebuch da« sein eigenes Leben betrifft, hinterlassen: er begann mit den Ausi zeichnungeil im 25. Lebensjahre und die Memoiren sollen nicht weniger als 30 Bände bilden. Diese« Rieseinverk soll erst nach einigen Jahren veröffentlicht werden. Die Gräfin Alexandra Tolstoi hat sich in den russischen Verband dramatischer Ailtoren ausiichmen lassen. Bi« jetzt durften alle Theater Tolstois Dramen aufführen, ohne Tantiemen zu zahlen. Der erwähnte Theaterverband hat nun zu- nächst den russischen Theatern niitgeteilt, datz sie vom 1. Januar ab für die Aufführung Tolstoischer Dramen Tantiemen zu zahlen haben. Man siebt, die Gräfin versteht das Literaiurgcschäst ein biffchen besser als ihr Vater. Der heilige Martin auf der Wanderschaft. Die Komödie der Flora-Büste wird an Pvssenhaftigkeit von der Geschichte des„Hauptes deS heiligen Martin', die die französischen Blätter erzählen, wo- möglich noch übertrofie». Besagtes Haupt, ein ziselierter und enlaillierter Reliqnienbchälter aus vergoldetem Kupfer, der aus dem lö. Jahrhundert oder dem Anfang des 16. stanimt, war der gröfite Schatz der Kirchs des Dorfes SoudeilleS im Departement Correze. Auf der Weltausstellung von lOOO war es unter den schönsten Arbeiten der Emailleure deS Mittelalters zu sehen. AlS nun ein Inspektor der schönen Künste, der es damals kennen gelernt hatte, im letzten November eine Dienstreise in die Corräze unternahm, stellte er fest, dah daS Kunstwerk durch eine ge- schickte, aber wertlose Kopie ersetzt war. Da es seit 1891 als ein ohne Genehmigung unveräusserliches geschichtliches Denknial klassifiziert war. wurde Strafanzeige erstattet. Einige Tage darauf wurde fest- gestellt, daß der Gemeinderat es unter Vermittelnng des Deputierten Delmas an einen Brüsseler Kunsthändler um 41 000 Fr. verkauft hatte. Am selben Tage verschwand die Kopie aus ihrem eisernen Präsident Graf Schweriii-Löwib: Ich will gewiß der Billigkeit des Hauses nicht irgendwie vorgreifen, aber ich muß doch hervor- heben, daß ich gestern allen Herren, die mich gefragt haben, aus- drücklich gesagt habe, ich würde die Vertagung bei der ersten Ziffer naev Ziffer 3 vorschlagen, bei welcher Wortmeldungen nicht vor- liege», und daß ich, bevor wir zur Abstimmung gekommen sind, ausdrücklich gebeten habe, die Herren möchten achtsam sein. Abg. Wagner(k.): Mein Antrag kann nicht überraschend ge- kontnien sein, denn er war längst gedruckt.(Widerspruch links.) Tie Auffassung deS Herrn Stadlhagen, daß nach Paragraphen die Reihen- folge bestimmt würde, ist unrichtig, das Gesetz ist nach Materien geordner. Abg. Gröber(Z> schließt sich dein Vorredner an. Abg. Stadthageu(Soz.): Unier Antrag war in der Komniission gestellt für den Fall der Annahme der Kominissionsbeschlüsse erster Lesung zum Z 186. In zweiter Lesung der Kommtision waren diese ganzen Beschlüsse und auch die Regierungsvorlage beseitigt, und wir konnten nicht wissen, daß im letzten Moment ein Antrag kommen würde, die Regiernngsvorlage wiederherzustellen. Die eigene» Freunde des Konimisfionsberichterslaiters haben sogar nicht gewußt, um was es sich handelt. Es ist also klar, daß hier ein außergewöhnlicher Vorgang vorliegt. Die Mate, ie, die unser Antrag behandelt, ist noch nicht ausgeschieden; ich bitte Sie. diese neue Mawrie zuzulassen. Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): ES handelt sich durchaus nicht um eine Unachtsamkeit auf unserer Seite. Wir konnten verlangen, dass die Begründung eines so wichtigen Antrages ei folge und daß auch der Referent dazu das Wort nahm. (Sehr wahr! links.) Abg. Bassermann(natk.): Juristisch ist eS zwar nicht zu bean- standen, daß. wenn der Herr Piäsident gestern gesagt bat, wir kommen zur Beratiiiig der Ziffer 5 � ich habe es allerdings auch nicht gehört— die Ziffer 4 erledigt ist. Dagegen würde ick meinen, man iollte aus Billigkeit beschließen, daß wir in Gottes Namen in die Debatte eintreten. Ob wir sie jetzt haben oder in der dritten Leiung ist ganz gleich. Herrn Müller- Meiniiigen muß ich zugeben: Verstanden ist die Sache gestern nicht, auch die Herren auf der anderen Seite wurden erst durch Zuruf veranlasst, mitzustimmen Abg. Gnmp iRp.i: Für uns kommt in Betracht, daß viele Mit- glieder des Haines jetzt schon ihre Dispositionen danach getroffen hoben, dass Ziffer 5 zunächst zur Verhandlung kommt. Im übrigen ist es doch auch nicht gerade loyal von den Herren, dass sie ihren Antrag erst jetzt plötzlich einbringen, statt gestern abend.(Zuruf links: Antrag Wagner!) Der war gedruckt, als wir darüber ab- stimmten. Wenn die Herren sich von vornherein ans den Stand- Punkt der Billigkeit gestellt hätten, hätten wir wohl die Debatte nicht gehabt. Abg. Lcdebour(Soz.): Den Vorwurf de? Herrn Gamp muß ich mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Wir konnten unseren An- trag gar nicht früher ttellen.(Abg. Ganip: Gestern abend!) Nein, unser Antrag ivar nicht notwendig, solange nicht der Antrag Wagner angenommen war. und dass dieser angenommen werden koimte, konnte niemand wissen. Herr Wagner hat in ganz un- gewöhnlicher Weise auf die Begrüildnng seines Antrages ver- zichtet, der erst kurz vor Schluß verteilt wurde. Noch niemals ist ein so wichtiger Antrag durch bewussren Verzicht auf die Be- grniiduiig dem Hause durch Neberrumpelinig aufgedrängt worden. (Sehr wahr! links). Jedenfalls ipricht die Billigkeit für die Zulassung unseres Antrages. Wir niachen dadurch einen Teil des Unrechts gut. das gestern hier passiert ist.(Sehr richtig! bei den Sozial demokraten.) Präsident Graf Schwerin- Läwitz: Von einer Uebernimpelung kann nicht die Rede sein. Gerade der Unistaiid, dass die Herren der Linken richtig gestimmt haben und zum Teil die Herren der Rechten falsch, beweist, dass die Herren der Linken besser infornncrt waren. (Heiterkeit.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Ein Neckt, den Antrag noch zur Ver- Handlung zu bringen, ist nickt vorhanden. Das muß festgestellt werden, damit kein Präzedenzfall geschaffen wird. Wenn die Herren darum bitten, dass man den Antrag aus Billigleitsgründen zuläßt, so lönnten wir das wohl zugestehen. Abg. Wagner(k.): Ueber nieinen Antrag ist zwischen ver- schiedenen Parteien den ganzen Tag über verhandelt worden, er ist mindestens 1 Stunde vor der Absiimmuiig verleilt worden.(Wider- Schrein, zu dein nur der Bürgermeister den Schlüssel besaß. Nun muß noch erwähnt werden, daß Herr Delmas und der Bürgermeister von Soudeilles seit lvOO wiederbolt verflicht hatten, die Reliquie a»S der Liste der klassisizienen Kunstwerke streichen zu lassen. Herr Delmas bot es auch für 60000 Fr. der Verwaltimg des Louvre- Muleums zum Kauf a», doch beschloß der Ministerrat, dass die Kunst- werke der Provinz in ihrer Heimat bleiben sollen.— Das schönste ist. datz sich Herr Delmas jetzt damir heransznreden sucht, dass das ver- laufte Objekt ja gar nicht das klnisifizierte Kunstwerl. sondern die wertlose Nachahmung sei. Danach hätte er den Brüsseler Händler betrogen. Der Brüsseler Händler erklärte allerdings, dass er bereit sei, gegen Rückstellung der 4! 000 Fr. daS Kunstwerk herauszugeben. Es fragt sich nur, ob das Original oder die Kopie. ES ist bekannt- lick üblich, bei solchen Uiiterschiehiiligen von Kunstioerken dem Ver- känfer eine Kopie zur Tauschung des PiihlikumS zu liefern. Wenn der edle Mann in Brüssel da« Original seinerzeit um nur 41 000 Fr. gekauft hat und jetzt die Kopie um eben diesen Preis loSbräckte, wäre das ein doppelt gutes Geschäft. Die Frommen von Soudeilles aber fragen sich besorgt, ob sie ihren heiligen Martin wiedersehen werden, mit einem oder zwei Köpfen. Tbeater. Kleines Theater: Studenten liebe, Schauspiel von Leonid Andrcjew. Mit einer prächtig stimmungsvollen. frischen Bilderreihe setzt das Drama ein. Ein verzücktes Liebes- Pärchen, der Student Gluchowzetv und seine Nachbarin, ein acht- zehnjähriges Mädel, erscheint auf einer birkenumstandenen Höhe, hinter der— unsichtbar für den Zuschauer— weit unten tn der Ebene sich das vom Abendlicht beschienene mächtige Häusermeer Moskaus dehnt. Selig versunken atmen sie die stille, feierliche Schönheit. Des jungen Menschen Herz ist voller Dankbarkeit und Andacht, er fühlt sich in seiner Liebe frei und stark und rein. Sein Auge Windet einen Strahlenkranz um die Geliebte. Die Freunde folgen. Fröhlich lagert sich die Schar im Kreise. Man scherzt, man disputiert echt russisch, trinkt und singt, und lauscht dann wieder ergriffen dem fernen Klang der Moskauer Abend- glocken. Wie wunderbar und märchenhaft ist diese Sladt! Einig« Glieder aus der Runde treten, in wenigen Strichen hingeworfen, markant anschaulich hervor:� so der Spötter Mischko, Blochin, der sentimentale Bursch. der für sein Leben gern gefühlvoll singen möchte und sich aufs äußerste empört, wenn man ihn seiner falschen Töne wegen immer wieder auslacht, und vor allem der Herzens- gute humoristisch liebenswürdige Dauertrinker Onufrcy, der den Alkohol zum Gegenstande tiefsinnigen Philosophierens macht. Eine „stille Familie", bei der er wohnen könnte, ist sein liebster Traum. Einmal hat er auch schon gesunden, was er suchte. Aber da gab es Mißverständnisse, und schleunige Ausquartierung war das Ende. Das farbige, durch und durch echt anmutende Kolorit dieses ersten Aktes bot soviel des Jnleressanten, daß man das Fehlen einer Handlung oder der Einsührung in eine solche hier kaum vermißte. Im weiteren Verlaufe wird der Mangel an allem eigentlich Dramatischen, diese im russischen Schauspiel stets wiederkehrende Formlosigkeit, die nur losgelöste Episoden bietet, dann freilich um so drückender. Wenn Titel und Anfang auf etwas Typisches zu deutcu fchiei:, drängen sich in den beide» Mittelakten ganz zufällige spruch links.) Ich hätte ihn begründet, wenn ich hätte annehmen können, daß sich eine Debatte daran knüpfen würde. Ich hielt die Begründniig sür ü b e r f l ü s i i g, weil es sich nur dorui» hmidelte, die Regiennigsvorluge in einigen Punkten wieder herzustellen, deren Begründung ja gedruckt vor- liegt. Abg. Lltttnliinn(wirtsch. Vg.): Der VilligleitSstandpnnkt könnte mir ni Frage lominen, wenn sich die Antragsteller selbst auf die Billigkeit und nicht auf das Recht berufen hätten. Abg. Dr. Frank(Soz.): Wir haben gar keine Veranlassung, jetzt förmlich um Gnade zu betteln.(Sehr wahr l bei den Sozialbemo- kraten.) Billigkeitsgründe zu berücksichtigen, wäre ihre Sacke, nach- dem Sie heute durch die Debatte sich habe» überzeugeil müssen, daß ein grosser Teil des HanseS gestern im Irrt um geiveien ist. Dem Herrn Präfidenten persönlich ist von keiner Seile der Vorwurf ge- macht worden, daß er absichtlich diese objektive Utberrumpelmig herbeigesührt habe. Tatsache aber bleibt, dass die eiitscheidendc Scklnssbciiierkinig des Präfidenten, daß die Materie erledigt sei, nicht gehört ivorden ist. Der Herr Präsident hätte nicht nötig gehabt, aus der Tatsache, daß die Linke richtig und die Rechte falsch gestimmt hat, das Gegenteil zu folgern, denn wir sind gewohnt, daß das so ge'chiebt.(Heiterkeit.) Abg. Frohme(Soz.) betont gleichfalls, daß von einer Unacht- samkeit seitens der Linken nicht die Rede fein konnte. Präsident Graf Schwrrin-Löwitz: Ich werde dann daS HauS be- fragen. Es handelt sich also um die Frage, ob der neue Antrag zur Verhandlung kommen soll, nickt etwa darum, ob noch einmal aus die ganze Ziffer 4 zurückgegriffen wird. In der A b st i m m u n g wird die Zulassung der Beratung des Antrags Sladthagen gegen die Stimmen der Sozialdenio- kraten, Frelsinnigen und des größten Teils der Nationallibcralen abgelehnt. Nach Ziffer 5 des Entwurfs wird als neuer Paragraph 232», Absatz 2 bestimmt: „Gleiche Strafe tritt ein, wenn gegen eine noch nicht 18 Jahre alte oder wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit wehrlose Person, die der Fürsorge oder Obhut des Täters untersteht oder seinem Hausstände angehört, eine Körperverletzung mittels wiederholter roher oder boshaiter Behandlung begangen wird, oder wenn der- jenige, der zur Fürsorge oder Obhut einer solchen Person� ver- pflichtet ist, duldet, daß ein anderer gegen diese Person eine Körper« Verletzung der vorbezeichneten Art begeht." Hierzu beantragen die Abgg. Alb recht und Genossen(Soz.), das Wort„wiederholter" sowie den letzten Satz von„oder wenn' ab zu streichen. Ein von allen bürgerlichen Parteien unterstützter Antrag Dr. Dahlem(Z.) will statt der 18 Fahre 16 Jahre setzen und hinter „oder leineni HauSstolide angehört", cinsügen„oder dieser Fürsorge- Pflichtige der Geivalt des Täters überlassen bat". Den letzten Absatz will dieser Antrag ebenso wie der Antrag Albrecht streicke», dann aber zusetzen:„In besonders schweren Fällen kann auf Zuchthaus bis zu tünf Jahren erkannt Werve»'. Abg. Dr. Faßbrnder(Z.) befürwortet diesen Kompromißantrag. Die Aufnahme der Zuchthausstrafe hält er deshalb für angebracht, weil es sich hier häufig um Zuhälter und ähnliche Elemente handelt, für die das Gefängnis nichts Unangenehmes oder gar Abschreckendes hat. Auch bei proben K i n d e r m i ß h a n d I u n g e n ist die An- drohung der Zuchthausstrafe, die brutale A b s ch r e ck n n g S theo rie am Platze. Der Redner bittet schließlich sür den Fall der Annahme des Antrages vor dem letzten Satze noch einzufügen: Bei geivohiiheitsmäßigeu Mißhandlungen tritt Gefängnisstrafe nicht uiner 6 Monaten ein. Abg. Stadthagen(Soz.): Der Zusatz des Antrags Dahlem, daß Strafe auch dann ein- treten loll. wenn der Fürsorgepflicktige die wehrlose Person der Ge- walt des Täters überlassen hat, kann in seiner Tragweite so schnell nicht übersehen werden. ES erscheint mir fraglich, ob mit diesem Zusatz diejenigen getroffen werden, die getroffen werden tollen und deshalb kann ich mich im Augenblick— der Antrag ist ja eben erst eingebracht— nicht dafür aussprechen. Derj Antrag unterscheidet sich ferner von unserem dadurch, daß er auch Zucht- ha uS st rase zulaffen will. Dagegen habe ich mich bereit» in der Knmmission gewendet, leider vergeblich. Ich halte es für un» gehenerlich, bei einer neuen Strafbcsliminung gleich niit Zuchthaus zu kommen, ohne scharf zu umgrenzen, was bestraft werden soll. und abseits führende Wendungen vor. Man sieht auch nicht im allgemeinsten Umrisse, worauf das Ganze schließlich hinaus will. Wie sich der Vorhang zum zweiten Male hebt, sitzt das erst so hochgemute Bärchen müde und traurig auf einer Bank vor einem Moskauer Konzertgarten. Olga rückt mit verblüffenden Gestand- iiissen heraus. Ihre Mutter, die nobeltuende, auf ein paar Rubel Pension angewiesene Offizierswitwe, habe sie von klein auf ge» zwungen, sich reichen Herren als Mätresse zu verlaufen. Gluchow- zews Erstarrung löst sich in tiefes Mitgefühl. Er will sie retten, will, selbst ein armer hungernder Gesell, Erwerb und Arbeit für sie finden, Olgas Liebe, die sie die Schande plötzlich so bitter fühlen läßt, scheint ihr auch Kraft zu geben, ihr zu folgen. Doch als die Alte, die inzwischen einen neuen zahlungsfähigen Lieb- haber aufgeangelt hat, das Mädchen drohend ruft, fügt sie sich wieder sklavisch. Gluchowzew, in Scham und Schmerz versteincri, wird von den Kameraden fortgeschleppt. Der Branntwein soll die Qual betäuben. Die kraß naturalistische Ausmalung der kupplerischen Wirt- schaff fügt der Psychologie des Mädchens, die trotz ihrer Leiden die hilfreich ausgestreckte Hand des Geliebten zum zweitenmale feig zurückstößt, kaum irgendwelche neuen Züge zu. Erst in dem letzten Akte spürt man wieder etwas von AndrejewS großer symbolisch dichterischer 5lraft. GluchowzewS edle Schwärmerei erlischt in trüber, jämmerlickier Stickluft. Eine fratzenhaft groteske Komik, höhnisch äffend, rankt sich um seinen Seelenschnierz, zieht alles, was er fühlte, in den Staub. Die Betäubung, die er tm Altohol suchte, hat auch seinen Stolz gebrochen. Auf die Einladung eines lärmend-naivcn, in feiner Trunkenheit für alles Studentische enthusiasmierten Provinzialleutnants— eine glänzend gelungene typisch russische Figur— nimmt er mit Onufrey an einem Gelage in Olgas Zimmer teil. Plötzlich übermannt ihn die zornige Er- innerung. Er beschimpft das Mädchen. Ein Streit entsteht. Doch die Berauschten werden rasch zur Ruhe gebracht. Sie tauschen Bruderküsse, daS Bachanal und der Gesang geht weiter. Olga kauert zu GluchowzewS Füßen nieder, sie darf gewiß sein, daß er jetzt, so wie sie nun einmal ist, ihre Liebe nicht verschmähen wiro. Die Tarstellung war ausgezeichnet. In erster Reihe standen Jlka G r ii n i n g in der Figur der Mutter, Abel, der den Gluchowzew, und Adalbert, der den Onufrey spielte. Auch S t e i n b e r g als Leutnant und Mathilde Brandt als Olga. diese namentlich im ersten Akte, honen aus ihren Rollen starke Wirkungen heraus._ dt. Notizen. — Wagners Memoiren waren,«vle weiter bekanm wird. bereits in 12 Exemplaren in Luzern gedruckt worden, mn nicht durch Zufall verloren zu gehen. Und zwar waren sie der Vorsicht halber von italienilchen. der deutschen Sprache nicht mächtigen Setzer» gesetzt ivorden. Das Original fall itun, wie von Bayreuther Seite" ver- sichert wird, unverändert neu gedruckt iverden. — Der unbesiegbare Nordpol. Wie aus W a s h i n g- ton gemeldet wird, erklären die amerikanischen Sachverständigen. die die Prüfung der Dokumente des Kommandanten Peary vor- genommen baben, daß Peary den Nordpol nicht erreicht hat. Er fei ungefähr lö— 20 Kilometer vom Pol entfernt gebliebe». La» weiter dm KommissionZvorschlag für un» so wertvoll macht ist der Umstand, daß zur Strafverfolgung nicht mebr ein Antrag erforderlich ist, sondern dnh sie von AmiS wegen einzutreten hat, und diesen einzig kleinen Vorteil nehmen sie wieder, wenn sie jetzt daZ Alter von 18 auf iß Jahre bernnlersetzen. DaS ist eine außerordentliche Verschlechterung der Kam missionSvorlage. Der Schutz, den unser Antrag den Lehrlinge und dem Gesinde gibt, wird dadurch wieder illusorisch g macht. Tann gefallen mir auch die in der Vorlage gebrauchten Ausdrücke.roh" uich.boshaft" besser, als der in dein Antrag Dahlem gebrauchte Ausdruck„grausam". Vor kurzem ist im.Vor wärts" mitgeteilt worden, daß ein Dienstmädchen von wenig mehr als IS Jahren von ihrem Hausherrn geschwängert w u r d e, er bat sie gezwungen, ihm zu Willen zu sein, und als das Kind in anderen Umständen war. hat er sie eben deswegen geschlagen. Aus welchem Grunde soll dieser Fall, der nach der Kommissionsvorlage unter die von Amts wegen zu verfolgenden Fälle fällt und mit Gefängnisstrafe von mindestens zwei Monaten bedroht ist. herausgenvmmen werden. Jeder normal empfindende Richter würde eine solche B e st i e ja auch jetzt zu mindestens zwei Jahren verurteilen. Warum wollen Sic in solchem Fall die Ver folgung von Anits wegen nicht eintreten lassen. Auch Lehr l i n g c sind gewöhnlich über IL Jahre alt, ebenso Fürsorge zöglingc. Gegenüber den schreienden Mißhandlungen, die der evangelische Pastor Brcithaupt in der Hölle zu Mieltschin an seineu Fsirsorgezöglingen im Alter von IS bis 21 Jahren begangen hat, rst es gewiß nicht angebracht, hier eine Einschränkung eintreten zu lassen. Das würde allenfalls konsequent sein, wenn unser Für- sorgesystem nur bis zum IS. Jahre reichte. Wir haben aber in einer Reihe von Staaten, voran in Preußen, die Bestimmung, daß die Fürsorge bis zum 18. Jahre angeordnet und bis zum 21. durch- geführt werden kann. In M i e l t s ch i n ist festgestellt, daß in roher und boshafter Weise die Kinder mit Peitschenhieben für nichts und wider nichts mißhandelt sind. Und zu diesen Exe kutionen wurde der Wirtschaftsinspektor und eine Schwestei Olga eingeladen. Hier liegt jedenfalls Grausamkeit, Roheit und Bosheit vor. Warum wollen Sie nun diese Fälle, welche die Oeffentlichteit am meisten empört haben, nicht besonders scharf treffen? In den meisten der Mieltschiner Fülle würde die Strafverfolgung von Amts wegen nicht eintreten können, die Mißhandelten können den Strafantrag nicht stellen, wenn sie das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Eigentümlich ist, daß als letzter Unterzeichner unter diesem Antrag derselbe Herr Wagner steht, oer gestern im letzten Augenblick einen Antrag einbrachte wonach öffentliche Belerdigungeu schärfer gc troffen werden sollen. Den Redakteur des.Vorwärts", der die Mißhand lungen des PastorS B r e i t h a u p t zur öffentlichen Kenntnis bringt, will Herr Wagner schärfer treffen, mit Gefängnis bis zu zwei Jahren»der 20 UM M. Geldstrafe. Aber diese Bestialitäten selbst will Herr Wagner nicht, wenigstens nicht von Amts wegen verfolgen und nicht mit einer Minoeststrafe von �wei Monaten belegt haben, und das angesichts des milden UrterlS gegen den Pastor Breithaupt. Auch bei den Mißhandlungen in der Bloome. scheu Wildnis durch Herrn Eolander handelt es sich um Kinder in dem Alter von 14 bis IS Jahren. Der raheste Zuhälter ist noch immer nicht so roh und gemein und brutal wie die beide» von mir genannten Leiter vo« Fürsorgeanstalten(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), die hier gewerbsmäßig ihre Roheiten be- gangen haben gegen die ihnen überantworteten Zöglinge. Unser ganzes Fürsorgesystem ist ein sehr bedauerliches, das das Erl gegengesetzte von dem erreicht, was eS erreichen soll, und notwendig solche Brutalitäten erzeugt. Das preußische Ministerium bebauptel freilich, seine Resultate seien gute, und verweist darauf, daß 7b Proz. der Zöglinge nicht verdorben seien. Ich sage, diese TS Proz. sind nicht verdorben, obwohl sie dieser Fürsorge über- antwortet waren, daß aber die anderen LS Proz. verdorben sind, ist ausschließlich aus dieses Für sorgesystem zu setzen. Lassen Sie die 18 Jahre stehan, so würde der Fall Breit- Haupt von Amts wegen zu oerfolgen gewesen sein. Der wahre Grund, warum Sie von 18 aus IS Jahre heruntergehen wollen, ist folgender: In dem Fall Breithaupt würde natürlich auch der Pastor Matthies zu bestrafen sein, NPlcher revidiert und revi- diert hat, und diese schandbaren Untateu tagauL. tagein u n g e» hindert vornehmen ließ. Das äver wollen die Hinter- männer dieses Antrages nicht.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- traten.) Aber die Presse, speziell die sozialdemokratische Presse, wollen Sie treffen. Aber Sie täuschen sich. Keine Strafe, auch die Zuchthausstrafe nicht, wird die sozialdemokra- tische Presse zurückhalten, solche schreienden Mißstände zur Sprache zu bringen(Zustimmung bei den Sozialdemokraten), wie sie auch die Fälle Eolander und Mieltschin ans Licht gezogen hat. Je höher der betreffende gestellt ist. desto ehrenvoller ist eS für die Sozialdemokraten, solche Peiniger der Jugend, solche Verderber des Vaterlandes an den Pranger zu stellen. Ich komme noch einmal auf Ihren Zusatz, daß auch der Für- sorgepflichtige bestraft werden soll, welcher die wehrlose Person der Gewalt des Pflegers überlassen hat. Wie stellen Sie sich da? eigentlich vor? Wenn etwa eine Kommune, z. B. Potsdam, ein Kind der Fürsorge des PastorS Breithaupt übergeben hat, so ist dann der Dirigent der Kommune oder diejenigen, die de» Beschluß gefaßt haben, strafbar. Dasselbe wäre der Fall mit Vorständen wohltätiger Vereine, denn nach dem Wortlaut JhreS Antrages ist der Tatbestand der strafbaren Handlung erfüllt, wenn der Fürsorge- Pflichtige die betreffende Person der Gewalt deS Täters überlassen hat, daß er um die Mißhandlungen gewußt hat, ist nicht nötig, dann wäre er ja»hnehin wegen Mittäterschaft strafbar. Durch diese Art des Vorgehens im kleinen Gremium(unter wenig Personen) mit Ausschluß unserer Partei neue Anträge zu beraten, kommen dann solche gesetzgeberische« Ungeheuerlichkeiten zustande, da das SolidaritStSgefühl für die Antragsteller die Parteien nachher veranlaßt, für die Fehler einzutreten. Ich fasse also zusammen und bitte Sie, in dem Antrag Dahlem das Wort„sechzehn" durch das Wort.achtzehn" zu ersetzen, die Worte„oder die der Fürsorgepflichtige der Gewalt des Täters überlassen hat' zu streichen, das Wort.graukam" durch.roh und boshaft" zu ersetzen und den Schlußsatz, der die Zuchthausstrafe androht, zu streichen. Im Vereins gesetz haben Sie die jungen Leute unter 18 Jahren für politisch unmündig erklärt. Sie schützen sie davor, in konservativen Versammlungen allerhand dummes Zeug zu lernen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Hier aber nehmen Sie dem Kinde den Schutz gegen Prügel, Sie hindern die Kinder von IS bis 18 Jahren, sich zusammenzutun und gegen solche Brutalität aufzutreten. Sie rauben ihm also den Schutz. wenn nicht etwa der Vormund, der Fürsorgepflichtige selbst den Strafantrog stellt. Wenn dieser aber selbst der Mißhandelnde ist, so vergehen Monate, ehe ein Pfleger bestellt wird. Hier besteht eine klaffende Lücke im Gesetz zum Schutze gegen Roheit und Brutalität. Ich bitte Sie. diese Lücke zu schließen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Es läuft ein Antrag Stadt Hägen und Fr oh ms(Soz.) entsprechend dem vorletzten Abschnitt der Ausführungen Stadt- Hägens ein. Abg. Dr. Heckscher(Vp.) erklärt in seiner Eigenschaft als Be- richterstatter, daß die Kommission e i n st, m m i g das 18. Jahr als geeignete Altersgrenze betrachtet habe. Auch die Frage, ob sich eventuell die Androhung der Zuchthausstrafe empfehle, sei eingehend Untersucht und schließlich verneint worden. Abg. Dr. Heinze(natl.): Es besteht schon jetzt die Möglichkeit. Körperverletzungen und Mißhandlungen scharf zu bestrafen. Das selbstredend höchst wichtige Prinzip des Schutzes der Kinder und der Hilflosen darf nicht so weit ausgedehnt werden, daß unbedeu» tende Ausschreitungen drakonisch be'straft wer» den. Im allgemeinen werden 16— 17jährige Personen imstande sein, sich zu kehren oder sich an die Polizei zu wenden. ES genügt also die im Kompromißantrag vorgeschlagene Altersgrenze von IS Jahren. Es geht auch nicht an, allzu schematisch zwischen einmaligen und wiederholten Handlungen zu unterscheiden. Ein- malige Mißhandlungen können unter Umstände» sehr schwere, wiederholte bisweilen sehr leichte sein. Dagegen empfiehlt es sich, für besonders schwere Fälle Zuchthausstrafe eintreten zu lassen. So dürfte der Kompromißaiürag in allen Punkten das Richtige treffen. Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): Zu dem Kompromitzantrag haben sich Anhänger geradezu entgegengesetzter Standpunkte, wie Dr. Fatzbender und Dr. H e i n z e, zusammengesunden. Darum ist dieser Antrag so widerspruchsvoll in sich selbst. In der Kommission waren wir alle für das 18. Lebensjahr als Schutz grenze, ganz besonders Dr. Faßbender.(Hört! hört!) Mit Zlecht hat Stadthagen ans die Lücke hingewiesen, die durch Festsetzung des 16. Lebensjahres entstehen würde. Ich bitte also, es beim 18. Jahre zu lassen.— Wir waren uns ferner in der Kom Mission im allgemeinen darüber einig, daß es besser sei. in dem Ge- setze von einer„rohen oder boshaften", statt von einer„grausamen' Behandlung zu sprechen. Daß man nun wieder mit einem Antrag kommt, die Kommissionsfassung umzustoßen, ist geradezu ein grausame Behandlung des Plenums.(Heiterkeit.) Ich glaube nicht, daß die Lehrerschaft von der Kommissionsfassung irgend etwas zu befürchten hat. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn in der Schule überhaupt nicht geprügelt würde (Lebhafte Zustimmung bei den Fortschr. und Sozialdemokraten! und glaube, daß auch die große Mehrheit der deutschen Lehrerschaft auf diesem Standpunkt steht.(Bravo! links.)— In jeder Beziehung verdient die Kommissionsfassung den Vorzug vor dem Kompromiß» antrag, den ich abzulehnen bitte.(Bravo! links.) Staatssekretär Dr. Lisco(schwer verständlich, zum Teil direkt unverständlich) wendet sich gegen die Kommissionsfassung, der die Regierungsvorlage in jeder Beziehung vorzuziehen sei. Der Kom- promißantrag verdiene den Vorzug vor der KommissionS sassung, doch empfehle eS sich, den Passus über die Zuchthausstrafe wegzulassen. Ganz besonders sei es zu begrüßen, daß der Kompromißantrag die Altersgrenze von 18 auf IS Jahre herabsetze. Abg. Kölle(Wirtsch. Vgg.) tritt für den Kompromihantrag ein. der zwar gewiß nicht ideal sei, aber das Gesetz vielleicht vor dein Scheitern bewahren werde. Personen zwischen 16 und 18 Jahren könnten doch kaum mehr als besonders schutzbedürf- tige Personen angesehen werden. In vielen Fällen genügen junge Leute in diesem Alter bereits ihrer Wehrpflicht. Die im Kompromiß vorgeschlagene Maximalzuchthausstrafe von fünf Jabren scheint mir etwas reichlich hoch.— Wir werden für den Antrag Dahlem stimmen, hoffen aber, daß bis zur dritten Lesung noch eine bessere Fassung gefunden werden wird. In erster Linie ist der Schutz der unehelichen Kinder gegen die Mißhandlungen der Zuhälter nötig. Abg. v. Tzicmbowski-Pomian(Pole): Das Züchtigungsrecht ollte überhaupt nurden Eltern zustehen. Aber auch der Miß brauch des Züchtigungsrechts seitens der Eltern muh schärfer als bisher bestraft werden. Das Schutzalter muß auf 18 Jahre her- aufgesetzt werden. Unverständlich ist mir, wie man bei Kindermiß- Handlungen sagen kann: Roheit genügt nicht, es muß Grausamkeit vorliegen. Zumal Sie gestern eine rohe Behandlung von Tieren unter Strafe gestellt haben.— Unter wiederholter Mißhandlung haben wir in der Kommission systema tische Mißhandlung verstanden. Sollte der Ausdruck mißverstanden ein, so wären wir bereit, ihn fallen zu lassen. Was die Fürsorge- zöglinge anbetrifft, so wollen wir, daß der klnstaltsleiter für alle vorkommenden Mißhandlungen verantwortlich gemacht wird. Abg. Gröber(Z.): Wir find ziemlich allein auf weiter Flur. (Sehr wahr! links.) Es liegen jetzt so viele Anträge vor, daß die Abstimmung schwierig werden wird, wir werden uns bemühen, recht aufzupassen.(Heiterkeit.) Herr Faßbender hat den Kompro- mißantrag unterschrieben, obwohl er selbst für den Schutz bis 18 Jahre ist. Wie verderben doch die Kompromisse die guten Herzen!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Auch das Wort„grausam" geht nicht weit genug. Ich bin für die Fassung des Antrags Frohme:„roh oder boshaft. Den Ausdruck„wieder- holt" haben wir gewählt, um Mißhandlungen zu treffen, die über die momentane Erregung hinausgehen. Ter zweite Teil des Kom- iromihantrageS entspricht mehr dem Herzen meines Freundes Faßbender, er würde am liebsten die T o d e« st r a f e fest- etzen.(Heiterkeit.) Mir erscheint aber die Zuchthausstrafe hier doch zu weitgehend. Diese schwerste Strafe wird sonst nur verhängt, wenn ganz außerordentlich schwere Folgen aus der Straftat ent- stehen. Mehrere Jahre Gefängnis sind auch schon eine sehr kräftige Strafe. Ein RegierungSkommiffar: Wir haben an dem Schutzalter von 16 Jahren festgehalten, weil es sich hier um den Schutz von Kindern handelt und weibliche Personen mit 16 Jahren bereits h e f ä h i g sind, männliche mit 17 Jahren Soldat sein können. Im übrigen halte ich die Fassung des Kompromißantrages für besser als die Kommissionsfassung. Das Wort„grausam" trifft volkstümlicher Weise den Charakter der Kindermißhandlungen und die Richter werden diesen Begriff gewiß richtig auslegen. Abg. Frohme(Soz.): Ich hoffe, daß das hohe Haus an dem Schuhalter von 13 Jahren festhält. Wenn der RegierungSvertreter meinte, man könne doch dann nicht mehr von Kindermißhandlungen sprechen. o können wir ja sagen, es soll ein strafrechtlicher Jugend- ch u tz sein, dann steht der Wahl deS 18. Lebensjahres nichts mehr im Wege. Irgend etwas Stichhaltiges gegen dies Schutzalter ist nicht geltend gemacht worden. Es handelt sich ja nicht nur um den Schutz von Kindern. In der Begründung heißt eS:„Die Vor- 'chrift trifft nicht nur Eltern. Adoptiveltern, Pflegeeltern, Vor- mündcr und Pfleger, denen die Fürsorge für die Person des Mißhandelten obliegt, sondern unter Umständen auch Lehrer. Erzieher, Äerzte und andere Medizinalpersonen, ferner die in Gefängnissen, Waisenhäusern, den zur Pflege Kranker und Hilfloser bestimmten und ähnlichen Anstalten beschäftigten Personen, sofern der Miß- handelte ihrer Obhut untersteht. Nicht minder gehören Zieh- mütter hierher, welche die Pflege neugeborener, insbesondere un- ehelicher Kinder übernehmen, sowie Dienstboten, denen die Kinder von ihrer Herrschast anvertraut werden und dergl." Dadurch Ist der KreiS der Personen, die geschützt werden sollen, noch gar nicht erschöpft. Ich verweise nur aus die vielen Tausende von Lehr- ingen im Handwerk und anderen Berufen, die manchmal recht bSSartigen systematischen Quälereien ausgesetzt sind, auf jugendliche Dienstboten usw. Der Kompromißantrag entzieht alle diese Gruppen von Personen dem Schutze gegen Mißhandlun« gen. Herr Kölle meinte, ein Mensch über 16 Jahre ist nicht mehr wehrlos. In Wirklichkeit liegen die Dinge doch nicht so. Es kommt darauf an, in welchem Maße eine solche Person durch dw Handhabung der Autorität eingeschüchtert ist, um alles, was zu ihrem Schutze dient, zu unterlassen. Der Mißbrauch der Autori- tat ist«s gerade, der getroffen werden soll. Andere Staaten wie England und Italien kennen eine Altersgrenze für solche Mißhand- lungen unter Mißbrauch der Autorität überhaupt nicht. Ich bitte Sie, unserem Antrag zuzustimmen.(Bravo! bei den Sozialdemokr.). Abg. Hormann(Vp.) tritt für den Kompromißantrag ein. Den Scharfsinn der Juristen in Ehren; solche Gesetze müssen aber in erster Linie dem BollSempfinden Rechnung tragen. Herr Stadt- Hägen meint, daß man eigentlich das 21. Jahr als Schutzgrenze estsehen solle. Das steht doch im Widerspruch zu den sonstigen Anschauungen der Sozialdemokratie, die das Wahlrecht mit dem 20. Jahre beginnen lassen will. Das Züchtigungsrecht der Eltern wird in keiner Weise angetastet. Aber Milde gegenüber den Miß- handlern schutzloser Kinder ist durchaus unangebracht. Das Gesetz muß in erheblich verschärfter Form verabschiedet werden.(Beifall.) Abg. Dr. Wagner- Sachsen(k.>: Selbstredend sind auch wir Är die schärfste Bestrafung der Mißhandlung schutzloser Kinder, ijenau wie wir für die verschärfte Bestrasung gemeiner Ehr- abschneidereieu eintrete». Einer alten Gewohnheit de» Hause» zufolge lasse ich die persönlichen Anzapfungen Stadthagen mir gegenüber geleistet hat.»»k--. die sich der Abg. mir gegenuver geleigel yai. unbeantwortet.(Lachen bei den"Sozialdemokraten!) Tie Frage der Altersgrenze ist eine reine Ztveckmäßigkeitssrage.. Abg. Faßbender(Z): polemisiert gegen seinen Fraktionssreund Gröber und verteidigt den Kompromißantrag. Abg. Sind, Hagen(Soz.): Selbstredend haben wir keine Veranlassung, die Zuhälter von der Wirkung des Gesetzes auszunehmen; wir bestreiten nur. daß die Fassung des Kompromißantrages geeignet ist. die ZuHalter zu treffen. Herrn Hormann gegenüber bemerke ich. daß wir durchaus nicht daran denken, gerwrell alle Personen bis zum 21. Jahre unter das Kinderschutzgesetz zu bringen; wol?l aber wünschten wir die Schutzbestimmungen des Gesetzes auf alle Per- sonen bis zum 21. Jahre ausgedehnt, die ssch irgendwie ui Fürsorge befinden. Wir wünschen eine Ausdehnung des Schutzalters namentlich auch deshalb, weil wir die Möglich- keit schaffen wollen, daß bei Mißhandlung von Lehrlingen usw. von Amts wegen eingeschritten wird.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdcmolraten.) Damit schließt die Diskussion. Dr. Fastbender(Z.) zieht seinen Eventualantrag zum Antrag Dahlem zurück. Die Anträge Stadthagen und Frohme. ,n dem Antrag Dahlem das Schutzalter von 16 auf 18 Jahre heraufsetzen, das Wort „grausam" durch die Worte„roh und boshaft" zu ersetzen und" Zuchthausstrafe zu streichen, werden angenommen der so gestaltete Antrag Dahlem. Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Sonn» abend 11 Uhr. (Borher 3. Beratung deS Militärstrafgesetzbuches. nachher Petitionen.) Schluß 6 Uhr. die dann parlamentarifcbes. Aus der RelchSbersicherungsordnungS-Kommissio». Sitzung am Freitag, den 13. Januar. Besondere OrtSkrankcnkaffeu. Wo bei Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung eine Orts- krankenlasse für einzelne oder mehrere Gewerbezweige oder Be- triebSarten oder allem für Versicherte eines Geschlechts besteht, wird sie unter gewissen Vorallssetziingeii auch fernerhin neben der all-- gemeinen Ortskrankenlasie als besondere Ortskrankenlasse zugelassen. Zu den Voraussetzungen gehört die, daß die Kasse nach der Vorlage mindestens bOO Milglirder haben muß. Auch hier verschlechterten die Konservativen. National» liberalen und das Zentrum die Vorlage, indem sie trotz deS entschiedenen Widerspruches der Sozialdemokraten die Mindeft- mitgliederzahl der zuzulassenden Kassen auf 250 herabsetzten. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die besonderen Kassen nur dann weiter bestehen bleiben sollen, wenn die Mehrwert der Personen, die Pflichtmitglieder der Kasse werden� sollen, damit einverstanden ist. Die Regierungsvertreter erklärten, daß eine derartige Bestimmung im Einführungsgesetz vorgeschlagen werde. Betriebskrankenkassen. Die Regierungsvorlage schlug vor: Ein Arbeitgeber kann für jeden Betrieb, in dem er dauernd mindestens 500 Berstcherungs- Pflichtige bescbästigt, eine Betriebskrankenkasse errichten, aber auch eine gemeinsame für mehrere Betriebe, in denen er dauernd zu- lammen mindestens 500 Versicherungspflichtige beschäftigt. In der ersten Lesung wurden alle Bestimmungen über die Betriebskranken» lassen abgelehnt, weil das Zentrum einem von den Sozialdemokraten beantragten Zusatz zugestimmt hatte, nach dem auch eine Betriebs- krankenkasse nur dann errichtet werden kann, wenn sich die Mehrheit der Personen, die ihr als Pflichtinitglieder angehören sollen, dafür erklären. Dieser Antrag wurde in der ersten Lesung angenommen und darauf stimmten die Konservativen und NationaUicheralen gegen die BetriebSkrankenkassen überhaupt. Jetzt aber lam ein gemeinsamer Antrag der Konservativen, Nationalliberalen und de» Z« n t r u m S. d» die Bestim- mnngen der Vorlage wieder-aufulmint und zugwich in dem wichtigsten Punkte noch weiter verschlechterr. Denn nach diesem Antrage soll die Mindestinitgliedcrzahl für die BetriebSkranlenkassen auf 100 und bei einem landwirt- schastlichen Betriebe oder BinnenschiffohrtSbelrieb sogar auf SS herabgesetzt werden. Auf Ans Antrag des Abg. Trimb orn wurde hier statt 100 Mitglieder 150 geletzt, im übrige, der Antrag u n- verändert angenommen. Außerdem beschtlossen die Kon- ervativen, Siationalliberalen und das Zentrum. daß eS in Eaisonbetrieben tür die Errichtung einer Betriebskrankenkasse schon genügt, wenn die Mindestzahl während zweier Monate vor- handelt ist. Die Sozialdemokraten wandten sich— leider vergeblich— sehr entschieden dagegen, daß so lleine BetriebSkrankenkassen zugelassen werden, weil sie leistungö- unfähig sind. Die Sozialdemokraten wiederholten daher ihren Antrag aus der ersten Lesung, daß eine Betriebskrankenkasse nur dann errichtet werden darf, wenn sich die Mehrheit der beteiligten Arbeiter damit einverstanden erklärt. Das Zentrum schwieg sich jetzt zu dem Antrage au» und begnügte sich damit, zusammen mit den Koniervaliven mid Ratio nalliberalen den Antrag niederzustiminen. Ferner wiesen die Sozialdemokraten darauf hin. daß bereits wiederholt Arbeiter durch den Bankrott eines Unter- nehmer» geschädigt worden seien, der eine Betriebslrantcnkasse ein» gerichtet hatte. Die Debatte ergab, daß eS hier in der Tat an dem notwendigen Schutze der Arbeiter fehlt. DcShalb beantragten die Sozialdemokraten, daß der Arbeitgeber, dessen Betriebskraiikenknsse weniger als 250 Pflichtmitglieder hat, bei der für seinen Be« schästigungSort zusländigcu OrtS- oder Landlrankenkosse den Betrag der Höchstleistung der be» Kasse für jeden Versicherten hinter» Die bürgerlichen Parteien lehnten auch diesen An» doppelten treffenden legen muß. trag ab. Nächste Sitzung: Sonnabend. Bcamtenwirtschaft in den NeichSämtera. Am Freitag wurde in der Budgetkommissio» de» Reichstags eine geradezu unglouibliche Wirtschaft in den Reichs- ämtern zur Sprache gebracht. K«apitel 45 des Marineetats enthält eine Ausgabe von 1087 113 für mittlere und Kanzleibeamtc im Marineamt. Als im RcichSvmt des Innern von den Beamten, die im vorigen Jahre eine gknzende GshaltSregelung erzielten. tatt der sechsstündigen eine sieben st ündige Bureauzett ver- langt wurde, streilten die Herrschaften einfach. Der Betrieb unltioniert so ausgezeichnet, daß die Abschreibegebühr für einen Bogen auf fünf Mark zu stehen kommt, wahrend die Gebühr bei der bayerischen Regierung nur 80 Pf. beträgt. Im Marineamr oll der Bogen„nur" etwa L M. kosten. Erst in neuere" Zeit ist bei den Zentralbehörden eiu Pflichtpenium von 6 Bogen und von Bogen bei den Provinzialbehörden eingeführt worden. Die Be- amten nehmen nicht selten Sck>reibarbeit mit nach Hause, die sie flänzend bezahlt erhalten; cS herrscht vielfach die einträgliche Praxi», diese„Hausarbeit" als„Nachtarbeit" zu bezeichnen, die dann noch besonders hoch bezahlt wird. Manche dieser Kanzleibcamten l)aben so. wie in der Kommission nachgewiesen wurde, ein höheres Einkommen als Landgerichts» direktoren. Tie Regierung mußte zugeben, daß solche tollen Zustände tatsächlich b�tandrn baben; nach der Einführung deS Pflichtpensums seien die Hausarbeiten eingeschränkt worden, womit die Beamten nur sehr wenig zufrieden seien. Von sozialdemokratischer Seite wurde diese Wirtschaft auf dag schärfste gegeißelt; al» Gegenstück wurde auf einen GenchtSbericht Im„�JorfrSttS* Com DomittSiag verwiesen, nach Vem ein Lolzn- ichreiber der Kieler Werft, Vater von sechs Kindern, nur einen Tagelohn von 2. öl) M. erhielt. Aus Not beging der Mann Unterschlagungen und wurde bestraft; aber selbst der Ge- richtsvorsitzende erklärte, bei einer solchen Bezahlung müsse man ja zuin Verbrecher� werden. T i r p i tz versprach eine sofortige Untersuchung des Kieler Falles. Von nationalliberaler Seite wurde das Verhalten der Reichstags st enographcn einer scharfen Kritik unterzogen. Die Stenographen erhalten seht 721X1 M. Gehalt und 600 M. Wohnungsgeld. Sie haben im Sommer frei und betreiben, wie erklärt wurde, außerdem noch recht einträgliche Nebengeschäste. Trotzdem fordern sie für jede Stunde, die sie etwa vormittags in einer Kommission tätig sein müssen, neun Mark. So sind für die Ausnahme von KommissionSverhandlungen einzelner Etats viele hundert Mark besonders ausgegeben worden. Hierbei sei noch auf eine andere„Eigentümlichkeit" der Reichstagsstenographeu hingewiesen: einzelne von ihnen verzeichnen mit Sorgfalt jeden gegen sozialdemokratischen Redner gerichteten Zwischenruf, haben aber eine merkwürdige Scheu, Beifalls- bezeugungen für sozialdemokratische Redner zu verzeichnen. Ueber dieses Verhalten ist auch schon beim Prä- sidenten Beschiverde eingelegt worden. Die Kommission nahm eine Resolution an, in der der Reichs- kanzler aufgefordert wird, vorbeugende Maßnahmen gegen die teure Wirtschaft in den Reichsämtern zu treffen. Einige neu ge- forderte Stellen wurden gestrichen, außerdem wurde die etat- mäßige Anstellung von drei weiteren Registratoren im Marineaml Venveigert.— Die Zahl der höheren Seeoffiziere soll vermehrt werden; ein beantragter Abstrich fand keine Mehrheit, doch ent- spann sich über die materiellen und dienstlichen Verhältnisse jener Herren eine längere Debatte, in der auch auf die Broschüre des Vizeadmirals Ahlefeldt verwiesen wurde. Ahlefeldt hatte ge- schrieben, aus den vielen ihm zustehenden Extraein na hmen könne sich ein Admiral ein Rittergut zusammen- sparen. Tirpitz behalf sich mit der üblichen Methode, jene,. Kritiker als einen nicht ernst zu nehmenden Mann abzutun. Von sozialdemokratischer Seite wurde diese Methode scharf gekenn. zeichnet. Tirvitz bestritt, daß sich die aktiven Seeoffiziere von ihren Bezügen Ersparnisse machen könnten.— In der nächsten Sitzung sollen die Offizierszulagen einer eingehenden Erörterung unterzogen werden._ Kolonialgerichtshof in Hamburg. DaS wesentlichste Ergebnis mehrerer Sitzungen der Kom- Mission betr. Errichtung eines Kolonial- und Konsulargerichtshofes ist folgendes: Als oberster Gerichtshof soll ein nicht nur aus Richtern bestehendes Gericht fungieren. Unter Durchbrechung des Prinzips unabhängiger Richter beschloß die Mehrheit, einqn Berwaltungsbeamten im Nebenamt als Richter zuzu- lassen. Freilich sei diese Besetzung nur als vorübergehende Miß- rcgel geplant. Bei der Frage, ob in Berlin oder in Hamburg das Gericht seinen Sitz haben soll, entschied sich gestern nach lebhafter Befürwortung Hamburg? durch die hanseatischen Bürgermeister die Kommission mit 8 gegen 4 Stimmen bei einer Stimmenthaltung für Hamburg. Der Staatssekretär für die Kolonien erklärte darauf, er glaube, daß mit dieser Bestimmung die Vorlage für die Regierung unannehmbar sein werde. Für Hamburg waren zwei Zentrumsangchörige, die beiden Nationalliberalen, die beiden Frei- finnigen, das Mitglied der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Sozialdemokrat sStadthagen). Hus der Partei. | Ucbertritt eines schwedischen Professors zur Sozialdemokratie. Der bekannte Nationalökonom Professor Gustav Steffen fjat sich am Dienstag in Stockholms Arbeiterkommune, der Orts- äbteilung der sozialdemokratischen Partei Schwedens, zur Aufnahme gemeldet. Sein Name aw einer der bedeutendsten Stationalöko- nomen Skandinaviens ist weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt. Er studierte ursprünglich die Naturwissenschaften, wurde jedoch in den Jahren l88S— 1887, als er sich in Berlin aufhielt, der- maßen von den sozialen Verhältnissen ergriffen, daß er sich mehr und mehr der Nationalökonomie zuwandte. Dann lebte er tO Jahre lang in England. Studien zur Geschichte der englische» Lohn- arbeiter, drei Bände, 1901— 1005 in deutscher Sprache erschienen, sind sein Hauptwerk. Seit 1903 war er Professor der National- ökonomie an der Hochschule zu Göteborg, und erst vor kurzem wurde er nach Stockholm berufen. Gemeindewahlerfolg. Die am Freitag in Guben vorgenommene Stadtverordneten- ersotzwahl brachte unserer Partei einen großen Erfolg. Die drei von der Sozialdemokratie aufgestellten Kandidaten ver- einigten 2000 Stimmen aus sich, 400 mehr, als bei der letzten Wahl, die vom Oberverwaltuugsgericht kassiert worden war._ Jugendbewegung. „Arbeiter-Jugend". Die soeben erschienene Nr. l hat unter anderem folgenden Inhalt: Die Zukunft, die wird unser sein. Gedicht von Jürgen Brand.— Frisch-fröhliche Jugend(Gegen den Alkohol). Von W. Sollmann.— Ter junge Arbeiter vor dem Gewerbegericht.— In Dalarne. Rciseskizzen. Von Engelbert Ems(mit Bild).— Der Arbeitslohn. Von G. Eckstein.— Vom Kriegsschauplatz.— Aus der Jugendbewegung(Ostpreußen, Thüringen, Kiel).— Die Gegner an der Arbeit usw. Beilage: Mutter Schancttchen und Schlumps.— Ch. F. Schubart(mit Bild).—..Die Naturfreunde"(mit Illustrationen). Von M. Rapoldi-Jnnsbruck.— Gedichte von Sckmbart.— Jugendliche Redner.— Der Teufel in Louisiana. Von Erwin Rosen.— Der Nummer ist das Inhaltsverzeichnis des zweiten Jahrganges bei- gelegt.__ Soziales. Einen Kampf mn da» Recht auf Erhöhung der Steuer der Wohl eine Seltenheit sein dürfte, führten die Aumannschcn Erben, nachdem sie vom Erfurter Magistrat zur Gemeindegrund- steuer herangezogen worden waren. Sie behaupteten, die Steuer sei vom Magistrat zu niedrig veranlagt worden. Er habe die Grundstücke, um die es sich handle, zu niedrig bewertet. Der Klage. ontrag der Zensiten ging aus eine ganz wesentliche Erhöhung der Steuer.(Tae Kläger glaubten nämlich, die Grundstücke würden enteignet n erden und sie würden dabei zu kurz kommen, wenn die niedrige Steuerveranlagung des Magistrats bestehen bleibe.) Der Bezirksausschuß wies die Klage als unzulässig ab. Er meinte, eine Klage des Zensiten auf Erhöhung der vom Magistrat veranlagten Steuer gebe es nach dem Gesetz nicht. Der Zensit könne nur klagen, wenn er überhaupt übergangen oder zu hoch veranlagt sei. Das folgerte der Bezirksausschuß aus dem Kom- munalal'gabtngesctz. Tie Kläger legten Revision ein und machten geltend, daß sie doch auch ein Recht haben müßten, durch Klage die richtige Ver- anlogung herbeizuführen, wenn sie zu niedrig herangezogen seien. Das Oberverwaltungsgericht gab der Revision statt, hob die Lorcnticheidung auf und verwies die Sache zu anderweitcr Ver- Handlung und Entscheidung an den Bezirksausschuh zurück. Begründend wurde ausgeführt: Es sei anzunehmen, daß den Zensiten auch ein Einspruchs- und Klagerecht gegen zu niedrige Heranziehung Berantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den zur Steuer zustehe. Die Fassung des F 60 des Kommunalabgaben- gesetzes sehe ganz allgemein vor, daß die Abgabepflichtigen gegen die Heranziehung Einspruch erheben könnten. Demgemäß stehe ihnen auch das Klagerecht nicht nur gegen zu hohe Veranlagung, sondern auch gegen zu niedrige Heranziehung zu. Der Bezirksaus- schuß müsse darum materiell nachprüfen, ob der Magistrat die Grundstücke zu niedrig bewertet habe und die Kläger also zu niedrig veranlagt seien. Werde das festgestellt, dann müsse die Steuer ent- sprechend erhöht werden._ Hus Industrie und Kandel. Der Großbetrieb im Bankgewerbe. Eines der Gewerbe, denen mit die größten Summen durch Neuiitvestierungen alljährlich zufließen, ist das Bankgewerbe. Der private Bankier wird mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, er wird von den großen Riesen überschatlet. Die gewalligen Summen werbenden Kapitals, die dem Banlgewerbe alljährlich zu- fließen, dienen natürlich in erster Linie den Interesse» der großen Unternehmungen.- Das gebt schon daraus hervor, daß die Summe der Kopitalserhöhungen die der Nciigründungen bedeutend über- trifft. Die folgende Zusammenstellung enlbält die dem Bankgewerbe in den letzten vierJahren durchNeuinve stierungen zugeflossenen Kapitaissum nien, getrennt danach, ob sie für Neugrnirdungc» oder für Kapitalserhöhungen benutzt wurden. Es wurden Millionen Mark neuinvestiert: 1907 1003 1900 1010 Insgesamt.... 173 226 102 6S0 193 618 190 939 Davon als Ncugrsindungen 3l 768 32 660 44 604 24.649 Kapitalserhöhungen.. 146 453 69 990 149 014 166 290 Natürlich überwiegt im Bankgewerbe die Aktien- g e s e l l s ch a f t als Unternehmungsform. DaS wird ganz deutlich erkennbar, wenn man die neuinvestierten Summen danach trennt, ob sie Aktiengesellschaften oder Gesellschaften m. b. H. zuflössen. Im Jahre 1910 sind 14 Aktieilgesellschaften mit einem Aktienkapital von 19 952 000 M. neugegründet worden, denen 32 neue Gesellschaften m. b. H. mit einem Stammkapital von 4 697 000 M. gegenüberstehen. Kapitalserhöhungen geschahen bei 46 Akliengesell- schaflcn in einein Gesamtbetrage von 163 590086 M.. während 7 Gesellschaften m.b.H. ihr Stammkapital um 700 000 M. erhöhten. Wie sehr im Bankgewcrbe die großen Unternehinniigen, überwiegen, geht aus folgendem hervor: 498 Bonkaktiengcsellschaften. die ini Laufe des Jahres 1910 ihre Bilanzen vergleichbar mit dem Vorjahre ver- össentlichte», hatten im Geschäftsjahre 1908/09 ein dividendenberechtigtes Aktrenkapital von 3 705 969 000 M. und 1909/10 ein solches von 3 811 892 009 M. Unter diesen Banken befanden sich 200 mit einem Aktenkapital von je über einer Million Mark und 134, die je weniger als eine Million Mark Aktienkapital besaßen. Die 200 Banken mit mehr als einer Million Mark Aktienkapital arbeiteten mit 2 774 614 000 M. im Jahre 1906/09 und 2 860 912 000 M. im Jahre 1909/10. Auf die übrigen 134 Banken mit je unier einer Million Mark Aktienkapital entfielen im Jahre 1908/09 insgesamt nur 31 993 000 000 M. und 1909/10 34 882 000 M. Heute repräsentieren schon ö Berliner Großbanken ein Aktienkapital von 825 Mill. Mark, also rund �Milliarden. Daß der Aufsaugungs- und Konzen- trationsprozeß bald zu einem Ende kommen wird ist nicht wahr- schetnlich._ Der Stahlwerksverband. Wie sehr die Stahlproduktion fortgesetzt wächst, zeigt die folgende Tabelle, welche die BeteiligungSziffern für die einzelnen Produkte seil 1907 festhält. Halbzeug.... Eisenbahnoberbailstoffe Formeisen... Zusammen Produkte A Halbzeug für Schlesien Stabeisen.... Walzdraht.... Bleche...... Röhren..... Guß- u. Schmiedestücke 1. April 1907 Tonnen 1 348 755 2 381 765 2 323 564 Zusammen Produkte B 6 054 084 49 000 3 304 991 741 806 960 827 138 672 622 237 5 817 533 1. April 1010 Tonnen 1 882 893 2 420 122 2 421 483 1. Januar 1911 Tonnen 1413 378 2 432 122 2 420 998 gegen den 1. April 1907 Tonnen + 69 623 + 55 357 -4- 07 434 6 221 498 62 383 8 477 766 730 653 073 494 146 672 641 196 6 032 119 6 271 499-|-217 414 62 333 2 493 996 751 999 1 028 794 221 839 638 196 13 388 -- 189 005 -- 10193 67 967 83 167 -f 16 959 6 197 157+379 624 Gesamtmenge A und vj 11 871 617 12256617 12 468655+597038 Besonders beachlenSwert ist der rasche Zuwachs an B-Produkte». Er zeigt, wie gerade in diesen Fabrikatioiiszweigen daS AuS- dehiiungsbedürfnis der Unternehmiingen die Hülle immer mehr ge- spaiinr hat. Dabei muß aber beachtet werden, daß die B-Produkte, die der StahlwerkSverbaud beeinflussen kann, nicht alle Mengen dar- stellt, die von dem dem Verbände angeschlossenen Werken produziert werden._ Der Schlachtviehmarkt im Jahre 1910. DaS Angebot von Schlachtvieh hat im Jahre 1910 so wenig zugenommen, daß eS mit dein Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt hielt. Aus den monatlichen Beröffentlichuiigen über den Viehauftrieb an 40 deutschen Marktorten gehl näinlich hervor, daß vie Einfuhr von lebendem Scklnchrvieh in die 40 Städte abzüglich der Wiederaiiöiuhr nach einem dieser Orte sich im Jahre 1910, i» Schlachtgewicht limgerechnet, aus 819,69 Millionen Kilogramm stellte, während sie im Jahre 1909 816,25 Millionen betragen halte. Diese geringe Zunahme will nichts besagen; zieht man näm- lich die Bewegung der Bevölkerung in Betracht, so er- gibt sich ein Minus gegen 1909. Da bereits seit mehreren Jahren das Angebot von Schlachtvieh knapp ist, so gewinnt der neuetliche Rückgang im Jahre 1910 erhöhte Bedeutung. Daß nicht etwa eine Abnahme der Nachfrage diese Einschränkung deSA»- gebotS veranlaßt bat, das geht schon daraus hervor, daß die Zahl der dem Schlachthofe der einzelnen Orte zu- geführten Tiere sehr viel stärker zugenommen hat als die Zahl der an den Marli gebrachten: es ist also als sicher an- zunehmen, daß der Verkauf trotz des knappe» Angebotes sehr viel reger war als ein Jahr zuvor. Nun ist aber noch nicht einmal das Angebot aller Vieh'octeii gestiegen, sondern da? Plus ist nur durch eie starke Zunahme des Schweineauftriebeö veranlaßt worden, Denn bei den einzelnen Vieharten betrug die Menge des»n Monat an den Markt der 40 Städte gebrachten Viehes auf Grund amtlicher Durchschnittsgewichte in 1000 Kilogramm o. 6. 1909 iaty Gegen 1909 Rinder... 339 473 328 812—10 66» Kälber... S3 419 54 095— 4 324 Schafe... 26 355 25 081— 374 Schweine.. 391998 410 302+18804 Der Rinderauftrieb hat ganz bewnderS in den letzten beiden Monaten des Jahres iideraus ichars abgenommen; er betrug im November und Dezember zusamnien nur 48,36 Millionen Kilo- gramm gegen 58,80 Millionen in derselben Zeit 1909. Auch der Auftrieb an Kälbern und Schafen blieb gerade in diesen beiden Monaten scharf hinter dem vorjährigen zurück. Die Stück- zahl des im Jahre 1910 an den Markt gebrachten Schlachtviehes betrug bei Rindern 793 825 Stück gegen 813 639 Stück im Jahre 1909, bei Kälbern 1 195 426 gegen i 287 392 Stück, bei Schafen 952 573 gegen 958 834 Stück und bei Schweinen 3 932 343 gegen 3 773 330 Stück.___ Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. T ruck u. Verlag: Vorwärts Hus der frauenbeweguug. Gesunde Schwangerschafk. Die schwangere Frau soll, wenn sie es irgendwie ermöglichen kann, sich täglich mindestens eine Stunde im Freien bewegen; besser sind zwei oder noch mehr Stunden. Die ergiebige, tiefe Einatmung von frischer, reiner Luft ist ein wesentliches und einfaches Mittel, die schwangere Frau vor manchen Beschwerden zu behüten und die gesunde EntWickelung ihres Kindchens zu fördern. Deshalb ist auch eine Hauptregel, durch fleißiges Lüften für gute Lu" in der Woh- nung, namentlich auch im Schlafzimmer, zu sorgen. Am besten ist es, bei offenem Fenster zu schlafen, fürchtet man das, so lasse man das Fenster im Nebenraum offen. Zugluft ist aber stets zu ver- meiden. Auch im Winter soll das Schlafzimmer gut gelüstet, aber nicht kalt, sondern überschlagen sein» also eine Temperatur von etwa 12 Grad haben. Die anstrengende Tätigkeit im Haushalte kann die Bewegung draußen in frischer Lust nicht ersetzen. Tie Schwangere, die zu einer sitzenden Tätigkeit genötigt ist und sich einen längeren täglichen Spaziergang nicht erlauben kann, muß unter allen Umständen drei- mal täglich regelmäßige Turnübungen machen, und zwar macht sie zuerst die Rumpfbeuge vorwärts und seitwärts, dreht dann den Rumpf und bewegt ihn im Kreise, stößt die Arme vorwärts, seit- wärts, aufwärts, abwärts und führt sie im Kreise, schwenkt dann die Beine, hebt und senkt sich auf den Zehen und macht die Knie- beuge, jede Prozedur fünf- bis zehnmal je nach Kräften; Ermüdung darf nicht eintreten, wenn das doch der Fall, mutz die Schwangere mit den Uebungen sofort aushören. Diese Uebungen stärken gleich- mäßig alle Muskeln, fördern die allgemeine Körperkräftigung. wirken zahlreichen Schwangerschaftsübeln entgegen und wirken dahin, eine leichte und schmerzlose Geburt zu erzielen. Ferner sind noch folgende spezielle Widerstandsübungcn, vor allen Dingen für jede Schwangere, die genötigt ist. viel zu sitzen, ganz unum- gänglich: 1. Der Leib wird auS liegender Stellung fünfmal ohne Hilfe aufgerichtet. 2. Die Beine werden liegend an den Körper herangezogen und dann das Kreuz im Liegen ohne Hilfe hochgehoben. I. Die Knie werden im Liegen unter Widerstand gespreizt und 4. Die*1 Beine werden im Liegen unter Widerstand gebeugt und gestreckt. Die Beine werden unter Widerstand vorwärts und rücklvärts gehoben. Unter Widerstand werden die Arme gehoben, geprcizt und im Kreise geführt. Den Widerstand leistet eine andere Person dadurch, daß sie den Körperteil, der bewegt werden soll, mit ziemlicher Kraft festhält, so daß die Schwangere die Bewegung nur mit Kraftauswand aus- führen kann. Jede Uebung wird fünf- bis zehnmal, je nach den Kräften der schwangeren Frau, ausgeführt. Zu beachten ist auch hier, daß niemals Uebermüdung eintreten darf. Diese Uebungen kräftigen hervorragend die Rücken-, Kreuz-, Bauch- und Becken- Muskulatur und erzielen glänzende Erfolge. Frauen jedoch, die zu Fehlgeburten neigen, dürfen die genannte» Uebungen nicht machen, sondern müssen sich hinsichtlich der für sie empfehlenswerten Be- wegungen und Uebungen vom Arzt beraten lassen. Langes Stehen und Sitzen, sowie andauerndes Treten der Näh- Maschine muß vermieden werden, da cS, schon an und für sich für jeden nachteilig, doppelt nachteilig für die Schwangere ist und leicht zu Fehl- und Frühgeburten führen könnte. Aus dem gleichen Grunde müssen die Schwangeren Radfahren, Tanzen, Lausen. Springen, Abspringen von Wagen, Fahren auf schlechten Wegen und in federlosen Wagen, längere Eisenbahnsahrten, Heben und Tragen schwerer Lasten, das Hochheben über den Kopf, unterlassen. Die äußeren Geburtsorgane und die Brüste muß jede schwan- gere Frau landeren Frauen aber auch sehr anzuraten) täglich mit viel Seifenschaum waschen, um das Wundwcrden und die Ansiede- lung von Bakterien zu verhindern; die Bakterien können bei dlir Geburt, bezw. im Wochenbett verhängnisvoll werden. Haben sich unter den Brüsten oder in der Schcnkelbeuge oder sonst wunde Stellen gebildet, so werden diese sorgfältig gewaschen, täglich, und mit Streupulver, das man sich aus der Apotheke verschafft, ein- gepudert. Zum Waschen der Brüste ist kühles Wasser zu nehmen. nur bei ausgesprochener Abneigung nehme die schwangere abge- standenes oder laues Wasser. Die Waschungen fördern die Entwicke- lung und Schönheit der Brust und härten sie ab. Bilden sich auf den Brustwarzen Krusten, so erweicht man dieselben zuerst mit Borsalbe oder Lanolin und wäscht sie dann mit Seifenwasser vor- sichtig ab; die Einfettung der Brustwarze und des Wnrzenhofs kann, um sie geschmeidig zu erhalten, wöchentlich einigemal vorgenommen werden Bei der vielfach herrschenden Stillunfähigkeit ist jeder schwangeren Frau die Untersuchung der Brüste in der zwanzigsten Woche durch eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt zu emp- fehlen, damit, wenn sie untauglich sind, dieselben durch Massage und anderes mehr stillfähig gemacht werden können. Durch Massage der Brüste nach Dr. Mensinga während der Schwangerschaft sind die besten Resultate erzielt worden; allerdings auch noch während des Wochenbetts werden überraschende Erfolge erzielt. DaS Her- ausziehen der Warzen unterlasse man; es ist nicht nur ganz zweck- los, sondern kann durch starke Reizungen und Infektionen Unheil stiften. Jedenfalls mutz der eheliche Verkehr unter allen Umständen eingeschränkt werden und sollte in den ersten und in den letzten Monaten der Schwangerschaft ganz unterbleiben. Lebt die schwangere Frau nach den hier und früher gegebenen Regeln, so wird sie bei nicht zu starker krankhafter Belastung eine gesunde Schwangerschaft und leichte Geburt haben. Das Kindchen wird allerdings nicht als Posaunenengel geboren werden, sondern ein geringes Gewicht haben, gleichzeitig aber eine große Lebens- encrgie, und die Posaunenengel an Gesundheit und Zähigkeit über- trffen. Und das ist die Hauptsache. FreirellgiSs« Gemeinde. Sonntag, den 15. Januar, vormittags S Uhr, Pappel-All« 15—17 und Rixdorß Jdeaipassage: Freireligiös« Vorlesung.— VonnitlagS 11 Uhr, Kleine Frankfurter Straße 6: Vortrag von Frl. I. Altmann:„Bildung— Menschheilsbildung". Dame» und Herren als Gäste sehr willkommen. Zlllg, meine«ranken, und Sterbekasse der Metallarbeiter (E. H. 29. Hambin g). Filiale B e r l i n 11. Sonntag. 15. Januar, vor- mittags 10 Uhr. Versammlung bei Nießle, DcnncwitzsU. 13.— Filiale P a ti l a m. Sonnabend, den 14. Januar. Milgllederversauimliing bei Schröter, Florailr. 5.— Filiale B a n m s ch u l e n w e g. Den Mitgliedern, die in Treptow wohnen, zur Kemitni», daß beute Sonuabend, abends von 8—10 Uhr im Lokal von Jul. Schmidt, Kiesholzstr. 22, kassiert wird. ??aflerttandS.Nachrt>1lte» der LandeSanstalt sür Gewässerkunde. milgeteiU vom Berliner Wetterbureau. vasserttand M e m« l. Tllill v r« g e l, Jinterburg Weichsel. Tboru Oder. Kattbor , Kroge» , Franknirl Warthe, Sckriinm , LanoSberg Netze, Vorvamm Elbe, Leimieritz , Dresden , Barbv . Magdeburg U 4- bedeutet Wuchs,— 14a II.—•) Unierveaeb—•) Eis'tand.— Schwache» Eistreiben.—•) EiSsrel, unterhalb der Pegelstelle schwaches Eistreibeii.—•) Eisbewegun g Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin LW. Spittelmarkt Belle-Ailiancestr. Grosse Frankfurterstr. Brunnenstr. Kottouser Damm Die Ausgabe der Rabattmarken bleibt bestehen. Soweit Vorrat � Bis Sonnabend den 21. Januar.— Die annoncierten Artikel stellen nur einen kleinen Auszug aus einzelnen Abteilungen dar. CBDien-Konlektion 1 Matinee dunkle Muster 95pf. Mhsftsoriikel— Emaille Pin ca Hemdfasson, aus Bar- DIU So client, mit Satin- QCp. Ueoerk ragen Plncn Hemd fasson aus popelin- DiUbo artigen Stoffen, qcd, Vorderteil in Falten UilFr. DlncA Hemdfa�son aus DIUSG Kretonne WM— Scfiürzen 95 Pf. 95 pi. Unterrock Kretonne-VoJant uurt. 1 Unterrock ans tucharügeu Stoffen, mit besetztem QCp. Volant 5)0 Pf- 1 Rnssenkittel aus tuchartigen » toffen. mit verschiedenen QCp- Borten bes. öUrl. 1 Kinderkleid aus dun�ei Kariertem Velour- Barchent. mit besetzter Passe, arge- s�tzt�m Volant u.Lackgilrt. 95 Pf bochelegantes Jabot im Karton, in vielen aparteu QCp- Au führungen Matrosen-Garnitur 95 Pf. ftti Kinder, Kragen. Manschetten. u. t'lli el, marine �toff, weiss garn. 1 Spachtel-Garnitur 95 p» für Damen, Kragen, Manschetten und Bäffchen. 1Kinder.Gamitnr �'�° nnd weiat. PiqnÄ, Stickerei irarniert, Manschetten reich mi, 1 Unterrock-Volant 95 Pf. MeterStickereistoff sehr hübsche Muster uOPf. 3 Eüchenbandtäcber95pf Reitüe.nen. gesä mt» gebfln ert 3 Käcbenbandtächer 93 Pf. Halbleinen, Gersten» oru, gesäumt und g' händerl 3 Stnbenbaudtticber 95 Pf. Halbleinen, Di eil, gesäumt und ge ändert 6 Geschirrtücher?e-. u. geb. 12 gelbe Poliertücher od. imit. Ledertücher 95 pf. 1 Jacquard Rolltuch Q[. 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Taschentücher farUerrea.nt.biau.gelb od-braun Stmmpie 3 Paar Herrensocken schwarz, leder- od r buntfarbig 3 Paar Herren- Schweiss- wöllg' iulscI.to V gugue BUUJkeUgraameliert.Fuss o.Naht 6 Paar Kaffeetassen Borzeilan de kor., Bchalen qr oder höh Form"OPf. 6 Dessertteller mit Qoidb&nd und K nien oder Blumendekoren 6 Speiseteller"ef oder Ii cü mit�oldrand u. Linie ööPL 1 Waschgarnitur 4 teilig, cremiarb. o. dekor. 95 1 Kaffee-Service Porzeua», mit da«« pa s./ dem Tablett 1 Satz Salatieren �Kdngu» neu»- Form 95 Pt 1 Satz Salatieren Diamant» hüff-Im ia' viereckig od. rund 1 Käseglocke 1 geschliffen .—> zusammen 1 Butterglocke J 95 pl © © G rauchen Fehlfarben der 6 Pf»- Clffarre NO» 61 10 Stück 50 Pf. 7 Pf.• Cisrarre NO» 30 10 Stück 55 Pf. 10 Pf.- Clgarre NO. 95 10 Stück 75 Pf. «J eMei2maim Berlin. Begründet 1850. Ilauiiiurg. Cigarrenfabriken. lieber ÄOO Niederlagen in Dentütchland. Fehlfarben sind in Qualität den sortierten Cigarren ebenbürtig -0. a Pfund 1.20 M. 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Weicher Art das Publikum ist. das w den„Winzer- finden" verledrt. ist uns nicht bekannt.— B. 199. Die Verpflichtung zur AuSkunstserteilung bestebt dann, wenn etwa ein Ermstteluiigsversadren gegen die Betreflende wegen einer strafbaren Handlung eingeleitet ist.— T. 38. Führen Sie bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk der Sohn wohnt, gegen den Psändungsoeschlust Beschwerde, autzerdem beantrage» Sie die Entscheidung des Kreisausschuises, der jür die Gememde tltauxet zuständig ist, über die Verpflichtung zur Beisteuer zum Unterhalt.— Steuer Geuosie. l. Ja. 2. Beim Reichstag und Abgeordnetenhaus � ja Beim Kastellan, g. Ja. Versastungen, Parlamentshandbncher. Autklärende Schitsten aus dem Gebiet erhalten Sie in der Buchhandlung Vorwärts.— S. 11. Kommen Sie mit den Schriststücken in die Sprechstunde.•— Tteplian 100. Fragen Sie bei der isentralkommission der Krankenkassen, Engeluser lb, an.— B.(S. 85. Wenn beide Ellern verstorben sind: 333,35 Mark.— 5?. R. II. t. Das ist aus Antrag zulässig. 2. Nein. Falls Psändung ersolgt, mutz Ihre Frau intervenieren. 3. und 4. Wegen der Kosten ist Hast unzulässig. Lohnpfändung ist zulässig, soweit der Lohn 28,8S M. wöchentlich übersteigt.— A. H. 13. Halten Sie in einer Vogel» Handlung Nachfrage.— A. 5t. 60. Wein; das ist Schwindel.— C». SS. 77. Auskunsispslicht besteht nur dem Gericht gegenüber.— F. O. 11. h.— Ida SS. Nein.— M. H. St.-16. Sind Ihnen die Bilder mit Zu'�mmung sämtlicher Milerven übereignet, so können Sie aus Herausgabe klagen.— F. T». l. und 2. Ja.— H. B. 5S. Dir.— H. O. 101. mir.—(et. M. Spandau. 1. Virchow-KrauletihanZ. L. Ja. 3. soweit bekannt, etwa 50 28. Thealer und Vergnügungen Sonnabend, 14. Januar. Ansang Tl, Uhr. Aöniql. Opernhaus. Königs- linder. Köntgl. Schauspielhaus. Der Störenfried. Neu. s kvnigl. Opern-Theater. Geschlossen. Teurfchr». Othello. K a m m e r s p i e l e. Komödie der Irrungen. Heirat wider Willen. (Ansang 8 Uhr.) Ansang' Uhr. Lessing. Tie Ratten. Kleines. Die verflixten Frauen. zimmer. 1. Klasse. Varietä. Neues Operetten. Die schöne Nisette. Komiime Oper. Die Boheme. Neues Tcfiaii'l'ielbaus. Der Herr Verteidiger. Ztuchmitlags 3'/« Uhr: Maria Stuart. Berliner. Bummelstudcnten. Nachmittags 3>t, Uhr: Macbeth. ZSefte». Das Puppenmädel Nackmittag« 4 Uhr: Nottäppchen. Neues. Der G. m. b. H.Tenor. Trinnon. Der beilige Harn. Residenz. Der Iliiterprasekt. Thalia. Polnische Wirischast. Schiller»>. er-»»».- eai»,) Prinz Friedrich von Homburg. Sch»- Ebariottendurg. Die Macht der Finsternis. Nackmiltags 3 Uhr: Das Käthchen von Heilbronn. Friedrich- SSilhelmstädtifcheS. Krieg im Frieden. Ansang L'/, Ihr. Nachmittags 3'/, Uhr! Hermann«» schlackt. LustsPielbauS. Der Feldherrn- Hügel. Ansstelliings- Theater. Meyers. Luisen. Kean. Nachmittags 4 Uhr: Max und Moritz. ModerueS. To« glückliche Geficht. (Ansang 8", Uhr.) JCvic Der Müller und sein Kind. Nachmittag« 4 Uhr: Prinzessin Edeltraut. Herrilfeld. Eine verlorene Nacht. Er. Sie und Er. Volksoper. Die Dollarprinzesfin. (Ans. U'l, Uhr.) Folies(knpriee. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang S'l, Uhr.) Metnn.oi, Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wipvchen. Zipollo. Spezialitäten. Ba-'Oge. Sdezialüäten 'Voigt. Der S>abstrompeler. StrickiS� ollen. Sleltwer Sänger. •ISimergartcn. Spezialitäten. Sanssouci. Wie werde ich reich? Spezialitäten.(Ans. 81/, Uhr.) Walhattn. Bravo! Dacapo I(An- sang Ubr.) Karl Havertand. Sveztalitäten. Urania. Taubenstrafte 18/10. Abends 8 Uhr! Bon San Nemo nach Florenz. Hörsaal 8 Uhr: Professor Dr. B. Donath: Der Energiebegrifl und die Ausbreitung der Energie durch Sirvhlimg. Nachmittags 6 Uhr: Grönland und die Eskimo«. Sternwarte, Invaliden str. S?— 82. Lessing-Theater. Sonnabend 8 Uhr: Tie Ratten. Sonntag, 3 Uhr: Rvieumoniag. Sonntag, 8 Uhr: Tie Ratten. berliner TKester. Heute- BüniPlstllllflnlen.« Uhr. Morgen: Bn-nmelstudenten._ Neues Theater. Zum~0. Male: Der G. m. b. H.-Tenor. Ansang 8 Uhr. Morgen und folgende Tage: Dieselbe Vorstellung. Ikeater des Westens. 8 Uhr: Da» l'uppcnmilelel. Mittw. u. Sonn ab. 4 Uhr: Rotkäppchen. '.ornitag 3'/, Uhr: Ein Walzertraum. £ln£rfols ohne(alelcbcn Otto Reutters neueste Schlager sowie das grolle Sensatloiis- Programm. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Nachmittags S Uhr: Christian I.oden, Kristianin: Grünland: die Eskimos, Ihre Tänze und ihre Musik. Abends 8 Uhr: Von San stein» nacb Florenz. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. B. Dorath: Der Energie. begriff und die Ausbreitung der Energie durch Strahlung. Kaiser-Panorama. h eu t II. Tour v. Chamounix in das Montblanc-Gebiet. IM. Interess. Reise in Indien. Eine Reise 20PI. Kind nur lOPt. Abonnements I M. Tausende Abonn. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Abends 8 Uhr: _ Doppel nie asch._ Berliner Volksoper Belle-Allianee-Straste 7/8.'/s9 Uhr: Die Dollarprinzessin. Lusispielhaus. Abends 8 Uhr: Der Feldherrnhügel. RsÄlbz-Ttiösks. Direktion: Richard Alexander. Anfang 8 Uhr. Der Nuterpräfekt. Schwonl in 3 Akten von L. Gandillot. Morgen und folgende Tage: Dei> Unterpriifekt. Sonnlagnachm. 3 Uhr: Noblesse oblige Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Snnnabd., 14. Januar, abb«. 8'/, Uhr: Krieg im Frieden. Nachm. 3'/, Uhr: Die Hermanuschlacht. Sonnlag 8 Uhr: Eyrauo von Bergerac. Nachm. 3 Uhr: Die Räuber. _ Montag: Die blaue Maus._ Luisen- Theater. Sonnabend nachm 4 Uhr. Max und Moritz. Abend« 8 Uhr: Kean. Stenn... Direktor Karl Alling OSc-THLMT! roste Frantfurle» Str. I3ü. Ans. H Uhr. Ende nach ll'L Der liier und sein Kind. I VolSdrama in 5 Allen von Raupach. Soiinabendnachm. 4 Uhr: Prinzessin hrdcltraut. Märcheuspiel mit Gesang u. Tanz in b Akten von Joh. Wendt. Sonntagiiachmiltag: Der Müller und sein Kind. Abend« 8 Uhr und Montag: Don Carlo«. lÄetropor- Theater� Abends 8 Ubr: Rauchen gestattet. Hurra! Wir leben noch! Graste Au«stattungsrevue in 7 Bildern d. I. Freund Musik v. V Holländer. In Szene geletzt von Dir. R Schultz. Morgen 3 Uhr: Pariser Lebe». p�-Vencr Spielplan!-�6 ETHEL LEVEY Amerikas Favorit. La belle Leonora Spanions Stolz. Mite. Denarbers Luftballonfahrt über den Köpfen des Publikums sowie weitere 12 Star- Attraktionen 12 Morgen 3 Uhr: Nachmittags-Vorstellung. _ Kloine Preise. Theater desTWeddlngs Mflllerstr. IW/tss— Sellerstr. 35. Täglich vor auSve, laustem Hause: Abgründe Drama in zwei Akten von Urban Gab. Austerbem das neue großartige Programm. Sohiller-Thester 0.(Wallner-Tbeal). Sonnabend, abend« 8 Uhr! Prinz priedrlch von ilomdurx. Schauspiel in 5 Akten v. H. v. Kleist. Ende lO3/, Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr! Die Hhpe. Sonntag, abend« 8 Uhr: Unsi&renfleber. Montag, abend» 8 Ubr! Den Dliniuel ant Erden. Tlaeater. Schiller-Theater Charlsltenburg. Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Das Käthchen von lleildronn. Gr. histor. Rilterschauspiel in ö Akten von H. v. Kleist. Ende 8 Uhr. Sonnabend, abends 8Ubr: Die Dacht der Elnnternln. Schanipiel in b Akten von Leo R Tolstoi. Uebersetzt von R. Löwenseld. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Egntent. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Hlimnel auf Erden. „CLOU «♦ Anfallt; 8(Ihr. BERLINER KONZEKTHAES Mauerstr. 82 Zimmersir. 90-91 Heute k Erltes Gattfpiel-Konzert der „Dlavoii rossi di Pianelia" Zum ersten Male in Deutschland. !!! 50 erlte Wettftreitpreife!!! Dir. Cilovannino Ualdlnt. M7i-3Su"hnr,:a' Gr. Konzert-Matinee bei treiem Eintritt. Sport- Palast Entree 1 M. Potsdamer Strajle 70-72a Enlree 1 M. Größter Eispalast der Welt Feerie:„Am Nordpol",*0ktfuer»te Übernimm« die Redaktion dem Publikum gegcuüder keinerlei Tlerantwortung. c Abzahlungsgoechafto D Credit-Haus LBellealliance b Ci »lloftlllasee-Str. 100, I. Etage. area».NSdel z. knlaat. Beding. Berliner Credit-Haus BIP Ksrnnrandintcnstr. 67.'9@ TurmitraBe 55, Ecke Waidstr. gewährtjedemb. spielend leichter An- n. Abzahlung mahpJShrlgen Kredit «nf Waren und Möbel. Auf Abzahlung gibt WUh. Neumann, Pappolailee 83 Waren, Möbel, Garderobe. Weinmeister- , Straße 141. 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JTar dl« Gewinn« Uber 60 Merk sind den bctreSendon Nummern In Klammern bcigefücl- (Ohne Grwälir.)(Nachdruck w�rhofea.) 614'N>2 Ins 27Z[1001 333 799 2312 S» 70« 3lM 414 76 583 639 751 956 4051[lOOOl 303 504 7C6 828 68 (100) 934 5026 67, 6059 147 224 520 739l) 985 105215 1100) 643 Si« 29 109 13 104624 211 853 45, 5541 9419 10505« 161 225 811[100] 546 938 106611 741 91 107095 537 SS 765 931 108044 101 280 314 908 13U01 83 109052 250[100] 414 523|100) 681 833 83 HOlOO 320 052 895 111321[<00j 37» 435 966 112107 51[IOOJ 268 850 79 U00] 48» 656»II 963 113107 71 240 4 3 53 429 SO 70» 63 981 114275 83« IHOOOl 503 099 115313 95 82« 36('S 908 116730 117123 364 669 655 118530 621 119031 328 56 345 42« 52 701 830 62 910 74 12OI20 313 759 600 1 21175 220 55 367 605 14 988 122.21 417 550«04 711 123 23!' 526 607 708 1200) 12 4335 412 714 1 2 5 239 380 752 12 6020 123 243 443 519 95 752 99 864 121005 235 301 71 74 42»«33 12800« [100] 102 388 456 815 89 1 29-27 459 537 900 44»3 905 .„i30021 73 75 383 830 800 1 3 1 063-58 73 313 132249 384[100] 621 798 824 1 33119[100] 76 64« 74»«IS»75 85 134li0 ,04 500 15 750 851 133106 584 13 6014 33 343 646 718 68 924 95 000 TO 13 7122 47 89 96 405 703$65 1 38160 550 723 87[400] 844 139294 373 43» 624 2« 793[2,«)] 829 37 48 140523 650 SSO 870 950 1 4 1 041 876 049 1 4 2 671 707 812 013 1 43115 7 4 350[300] 632 1 44153 245 394 <77 574[200] 601 72 617 75 14&078 127 43 314 620 73 146221 33 41« 55b 147092 10» 234 1400) 143 71 885 98 148022 94 181[200] 44 OSo 82»4 977 1 49 023 4" 242 327 501 751 1-00] 037 150062$9 151 321 32[100] 640 78» 817 151126 435 riOOJ 93 574 818 78 922 1 52 018 102 578 825 944 1 53681 m 33» 41 541 98 654 793 877 084 1 54100 379 495 641-»8 44•?7Z-?''1 155217 404[100] 6 54 769 910 1 50(192 330 81 157229«6 301[110]»14 37 735 43 198 1 5 8079[ 400! 158 307 301[ISO] 651 X59S2S 39 841 905 I1SO0«:. 2«« 694«02 161194 162015 333 81[lon] 962 14 3:77 504 flOO] 740 1 6 4 210 083[200] 983 163051 434 68.«39 1 6 6 272 355»4 834 ll00| 945 1 67099 874 76« 70[soo; 168246 m 375 405 502 27 600 710 1 69054 187 342 408 ,545 49 889 1701« 406 TU[100] 800 58 1 7 1 089 260 647 765»14 1 7 2356 621 23 CO 937 97 908 1 73,26 614 174011[54.11 73 4S0 710 11(1»0I 175035 111 SO 37 6-9 962 1 76123 810 1 77 298 073 707 840 003 1 78338 4-3<1 991 179112,91 IIB'1001£57 77» 814 180216 4.5 410 SS 738(100] 87»04 1 8 1 25« 1824,6 «38 855 183251 SM 717»67 1 84017[100] 33 284[3(r00l 870«03 784 1850X2 279 83 454 552 735 921 28 1 86105 548 1 87017 85\ 35 4 22»74 7»4 188145-43 397 18915« IlOOj 283 425 825[1001 I. Ziehung 1, Kl. 224. Kgl. Preuss- Lotterie. Ziehung wem 13. Januar nacbmlflaga. Kur die Gewinne über 50 Mark sind den tetieBendon Nummern In Klammern bei--lügt. (Ohne Gewihr.)(Nachdruck verboten.] 17 38 92-25-« TS 31» 585 942 1 311 42»«13 380 92 2162[SOO]«7 73[IOC] 462 524 83«25 82 795 862»49 3379 919 4lt7 423 528 74 891 BS 994 5-84 5«0 622 [5000] 992 6 274 383 662 921 7034 35« 730«3 8410[100] 512 9-75«35 938 11224 4 45 97»79 90» 1226« 587«49 13217 320 «7 483 762 14073 1 5031 30« 14 394«13 1 6113 233 777 85 957 97 1 7033»4 89 544 860 71 18124[100]«7 260 881 938«4 19257 374 448 33« 84»77 20271«76 917 21137-15«31 728 989 22394 550 751 813[200] 67 2 3304 400 644 805 2 4103»10[100] «8 9"0 2516« 354 743 72 2 6117 352 2 7039 151 87 811 «7§0«21[100] 771 874»99 2 8193-48 57 60 487 519 29n3O3t68D1096T- 750 952 3 1 392 479 777 81[100l«84 32»41 74 86 511 29 768 24 33387 507 94 935 34053 81-49 317«99 935 3 504« 238 W« 715 33 874 36006 442 56« 849 3 7197 817[100] 20 452 5-4 49 692»1 728 836 38100 98-43 320 511 732 87 69 83 800 12 9» 39100 E>"0 4O05T[200] 464 573 896 943 4 1 0«» 37 413[100] 517 SO 84 42"92 227 345[200] 52 78 92? 43091[-00]-05 311 99 55« 94 65« 825»50 44164 45079[100] 517 870 4605« 67 71 139 80 201 51 611 961 A7l«: 374 482 731 855 74 979[100] 48052 6« 75 206 39- 638»80 49,63 91 SOri-00 438 53« 693 510M 238 701 52515 57 Tton] 943~ 53:69"43 71 54"" I'32[1001 42 679 768 7« 96« 55374 7«7»35 56129 773 57285 467 713 824 59080 409«'S f-ool 77».__ 600.15[300] 909 42 957 6 1 086[200] 377 538 62091 <«i 710 6 31 14 484 537»IS 37 308 64148 316 597««3 6 5 08- 447 74 333 BW 29 885 6 6571 776 88 811 9-6 78 670«5 804 flOO) 58 430 665 812 716 78 82»13 68080 83 180 97 331«O 434 683 40 753 6 9207 90«[100] 18 7O030 45 426 74 501 805 7 1 045[100] 15» SOO 753 »11 81 7? 155 238 53.3 815 7 3009 65 155 89 9» 231 411 89» 74063 40« 704 f-00] 2« 7 5 235 341 433 7 62.31 414 tlflO] 77077 SOS[100] 1» 7« 9.31 909 87 67 7 8320 489 «93 858 67[ 400] 9-2 79352 4a0 709 891 8O042 91««9 819 87.315 7«« 911 82037-25[100] 81 598 430 594[100] 797 83-01 341 51 z 60« 49 792»4272 3«4$02 8 5204 453 5.31 745 939 8 60*0 1«! 231 73 507 «8 705[100]»0 87007 31« 493 703 818«1 88292 4«8 [-00] 89047 547 727 901 43 90"I4[100] oin-n«» jas«8»7 SSJ 504 701 88 73 92156 348 89[-04» 93239 88»15 460 5S4 824 94"0 97 632 878 9 5193 508£43 73 711 96145 4«1 605 53 85 7«7 941«7 97395«0« 98135 52 889 71 813 CO riO 99032 108 813 520 692 739 10 0294 414 552 734 857 9«3 lOIläO 254 33« 844 102151 301 450 701 1« 10311« 73 594 1 04021 7,1 1O5IS0 87 323«15 741 106011[lOo].,s ij., 9« 1070» 877 580 81 65« 949 1O8047 II« 554 3.4 27 425«»n Chauffeur Kugelmann vor länger als Jahresfrist in seiner Kraftdroschke eine von einem Passagier vergessene Handtasche mit dem angeblichen Inhalt von 40 000 Rubel in bar und 50 000 M. Schmucksachen ge- junden haben sollte, und es wurden lange Erörterungen darüber angestellt, wem nun das Objekt gehöre, da der Verlierer sich nicht gemeldet habe. ES hieß, daß auch der Besitzer der Kraftdroschke Anspruch an das Fundobjekt erhoben habe. Jetzt schreibt dieser Besitzer der Autodroschke, in welcher der Fund gemacht sein sollte, der„Vossischen Zeitung" folgendes:„Kugelmann war von Mitte Dezember bis Ende Dezember 1909 in meinem Kraftdroschken- betrieb angestellt. Einige Tage vor Weihnachten meldete er, daß er in der Droschke 8726 eine Tasche gefunden habe, worauf ich ihm sagte, daß er sie an die Polizei abgeben möge. Nach einiger Zeit erzählte mir Kugclmann. dass die Tasche, welche er damals ge- fundcn habe, in seiner Gegeivvart auf dem Polizeiamt geöffnet worden sei und 40 000 Rubel in bar und Schmucksachen im Werte von 50 000 M. enthalten habe. Dieser Erzählung schenkte ich damals keinen Glauben. Da die Sache schliesslich durch die Presse ging und namentlich in letzter Zeit ganz bestimmte Angaben darüber auftauchten, Kugelmann auch in meiner Wohnung er- schien, um sich nochmals die Nummer des Wagens aufzuschreiben, in dem der Fund gemacht worden war, so nahm ich endlich doch an. daß die Geschichte kein leeres Gerede mehr sein könne. Zurzeit als Kugelmann den Fund machte, war ich Inhaber einer Verkehrs- anstatt in Charlotlenburg. Marchstrasse 14, und ließ drei Auto- droschken laufen. Ich setzte mich also mit der Polizeibehörde in Verbindung und bat um Informationen, damit ich event. meine Rechte zu wahren vermöge. Heute, am 12. Januar, habe ich denn auch den Bescheid vom Polizeipräsidium erhalten, und zwar hat sich herausgestellt, dass Kugelmann am 2V. Dezember 1909 tatsäch- lich eine verschlossene Tasche aus dem Polizeirevier 38 in der Char- lottenstrasse abgegeben �hat. Die Tasche ist am 21. Dezember 1903 verschlossen auf dem Fundburcau eingeliefert worden. Bei der Oeffnung dort hat sich aber ergeben, dass der Eigentümer ein Herr Holz aus dem Parksanatorium in Pankow gewesen war. Die Tasche enthielt weiter nichts als schmutzige Wäsche und einige wertlos« russische Papiere. Kugelmann hat auf Finderlahn und Anrecht seinerzeit verzichtet." An den vermeintlichen reichen Fund sind allerlei Kommentare dar- über geknüpft worden, ob der Mammon dem ehrlichen Chauffeur oder dem Besitzer des Fuhrwerkes zufallen werde; auch um die Fundsteuer stritten sich bereits Berlin und Charlottenburg. Jetzt stellt sich heraus, dass alles unnützes Gerede war. Ein Eisenbahnunglück bei Trebbin. Ein schweres Eisenbahnunglück, bei dem zwei Personen umS Leben kamen, ereignete sich gestern früh kurz nach 6'/z Uhr auf dem Lahnhof Thyrow bei Trebbin. Der Klcmpnermeister Buch betreibt im Südwesten Berlins ein kleines Geschäft. Tie Familie hält sich zeitweise in der Ortschaft Thyrow an der Anhalter Bahn auf, wo sie ein kleines Landhäuschen besitzt. Auch in den letzten Tagen weilte Buch mit seiner Frau wieder in Thyrow. Gestern früh wollten beide nach Berlin zurückfahren und den Personenzug aus Dresden, der kurz nach 6Vz Uhr auf der Station Thyrow hält, benutzen. Während der Mann pünktlich auf dem Bahnhof war, hatte sich seine Frau etwas verspätet. Als sie an den Uebergang kam. war die Schranke schon geschlossen. Trotzdem betrat Frau Buch das Gleis, da sie den Zug nicht versäumen wollte. In demselben Augenblick nahte aber auch sckon der Zug. Der Bahn- Hofsvorsteher Brandt, ein Mann in den fünfziger Jahren, stürzte hinzu, um die gefährdete Frau noch in Sicherheit zu bringen. Bei der Glätte rutschten aber beide Personen aus, und zum Schrecken der auf dem Bahnsteig wartenden Fahrgäste geriete» die Verunglück icn unter die Räder des Zuges. Der Vorsteher Brandt wurde auf der Stelle getöter; Frau Buch wurde ein Arm und ein Bein glatt ab- gefahren. Da sie aber noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde sie mit dem bald darauf eintreffenden Müuchener Schnellzug nach Berlin befördert. Ehe der Zug aber auf dem Anhalter einlief, war sie schon gestorben_ Die Berliner Armenverwaltung läßt neuerdings in zwangloser Folge, in der Regel monatlich, die„Blätter für Berliner Armen- und Waisenpflege" erscheinen. Als amtliches Organ werden sie den Mitgliedern und Vorstehern der Armenkommissionen und des Gemeindewaisenrats von Amts wegen zugestellt. An andere Personen werden die Blätter— bis auf weiteres unentgeltiich— auf Antrag bei der Armendirektion, Milhleudainm, gegeben. Die erste Nummer ist jetzt erscbienen. In einem Artikel„Zur Einführung" wird der Zweck der Blätter dargelegt. Ausserdem ent- hält die Nummer einen Artikel über die Säuglingsfürsorgestellen, einen Bericht über den Arbeitsmarkt, anitliche Nachrichten und Erlasse sowie Mitteilungen aus der armenpflegerischen Praxis. Ein Maschinenhaus unter der Straße wird gegenwärtig am Senefelder Platz erbaut. Es soll die stattliche Länge von 45 Metern, eine Breite von 20 und eine Höhe von 6 Metern erhallen und direkt unter dem Fahrdamm der Metzer Strasse liegen. Tie unterirdische Anlage erhält, wie schon jetzt erkennbar, zwei große Räume; in dem einen werdlen Akkumulatorenbatterien. in dem andern elektrische Transformatoren ihren Platz finden. Das Ganze schließt sich recht- winklig an den Tunnel der Untergrundbahnlinie Spittel- markt-Alexanderplatz-Schönhauser Allee an, die ihren Arbeitsstrom aus dieser„Umformer st ation" erhalten soll. Ein hoch- gespannter Drebstrom von lv 000 Volt Spannung wird vom Kraftwerk Unterspree bei Westend nach dieser Hilssstation geleitet und hier in Gleichstrom von 750 Volt Spannung umgeformt, der dann den Stromleitungsschienen der Bahn zugeführt wird. Die Stromkabel gehen vom Bahntunnel durch einen Kanal in die Umformerstation. die im übrigen in sich geschlossen und mit einer besonderen Zugangs- treppe von der Metzer Straße her versehen ist; im Bedarfsfälle. zum Beispiel wenn später die Maschinen dieser Hilfsstation vermehrt werden sollen, kann aber auch vom Tunnel her ein Zugang zum Umformerraum durch Herausnahme einer Seitenwand geschaffen werden. Der unterirdische Bau wird, wie der Tunnel, aus Stampf- beton mit Eisenarmierung hergestellt, die Dcckengewölbe tragen zwei- rcihige Mitlelstützen, zum Teil soll er durch das Glasobcrlicht von der Promenade her erleuchtet werden. Zur Lüftung dient ein Luft- schacht, der in der Raienflacbe der Straße ausmündet. Die Bau- arbeiten sind in vollem Gange. Das Ende eines Arbeits- und Obdachlose». Als am DonnerStagnachmittag mehrere Arbeiter durch die in Lichtenberg belegene Straße 53a gingen und die dort belegene „Schwarze Brücke" überschritten, sahen sie an einem Brücken- Pfosten einen leblosen Mann hängen. Der Körper wurde sofort abgeschnitten und nach der nächsten Polizeiwache geschafft, wo in- dessen nur noch der Tod des Mannes konstatiert werden konnte. In dem Toten wurde der 34jährige Schiffer Otto Schöneberg, der seit mehreren Wochen obdachlos ist, rekognosziert. Bei ihm wurde ein Brief an seine Braut, die im städtischen Krankenhause am Friedrichshain krank daniederliegt, gefunden, in welchem Schöne- berg angibt, daß er in den Tod gehe, weil er keine Arbeit finden könne. Er habe Lysol getrunken, traue jedoch der Wirkung des Giftes nicht und wolle deshalb seinem Leben durch Erhängen ein Ende machen. »»Schließt von selbst!" Die Eiseubahndirektion Beabsichtigt, mit den auf der Lichterfelder Vorortstrecke bereits erprobten selbst- tätigen T ü r s cd l ö i s e r n einen größeren Versuch zu machen. Die Riegel dieser Schlösser sind so eingerichtet, daß auch die Hand- griffe nach dem Zuwerfen der Tür in ihre Schlnßstellung treten»nd die Bahiisteigschaffner nicht nötig haben, den Zügen nachzulaufen und die nicht ordnungsmäßig geschlossenen Türen mit Gefahr ihres Lebens zu schließen. Rücksichtsvolle Fahrgäste, welche die Nerven ihrer Mitmenschen gern schonen möchten, pflegen die Türen vor- sichtiger ins Scvloß zu drücken, dabei soll die neue Einrichtung ober nicht immer funktionieren. Die E>sc»bah»>Verkehrsweicn-Aklien- gesellschaft hat daher einen noch vollkommeneren Türverschluß kou» struicren lassen, der die Riegel wie den Drücker mit Handgriff in Ordnung bringt, auch wenn die Tür von„zarter Hand" geschlossen wird. Eine Probeaneführung, die uns in der Fabrik der Gesell- ichakt, Urbanstr. 100, vorgeführt wurde, vollbrachte selbst beim gerSnscvlosestcn Türverscblnß die gewünschte Leistung tadellos. Schließlich wird man auch noch an de» Türen der Eisenbahnabteile lesen können:„Nicht zumachen! Schließt von selbst!" __ Die elektrische Straßenbahn Groß-Lichtcrfeldc— Steglitz— Lankwitz- Südende wird bis naiv Mariendorf verlängert werden. Der Regderungspräsident zu Potsdam bat dem Kreise Teltow soeben die G e n e h n, i g u n g S u r k u n d e für die neue Schienenverdindling (von 1 Meter Spurweite) ausfertigen lasse». Für die Herstellung und den Betrieb der Vcrlängerungslinie sollen die für die Stamm- strecke im Jahre 1906 aufgestellten Bediiigungen gelten. Ein bedauerlicher Unfall ereignete sich Donnerstag abend am Königsior. Als dort der 85jährige Buchbinder Alfred Sachs, im Hospital in der Große» Hamburger Straße 10 wohnhaft, den Fahr- dämm überschreiten wollte, wurde er von dem Motorwagen 2144 der Linie 59 erfaßt, umgestoßen und geriet mit dem linken Arm unter den Schutzrahmen. Mit Hilfe von Straßenpassanten wurde der Wagen aufgehoben und der alte Maiin aus seiner schwierigen Lage befreit. Sachs wurde nach dem Krankenhaus am Friedrichs- Hain übergesühit. wo festgestellt wurde, daß er eine Ouelschung der linken Hand und eine Sehnenzerrung erlitten hatte. � Ein zweiter Unfall ereignete sich am Luisen-Ufer und Gitschiner Straßen-Ecke. Dort geriet ein junger Mensch mit seinem Hand- wagen zwischen einen Rollioagen und einen Wagen der elektrischen Straßenbahn. Dubei wurde der Laufbursche von der Elektrischen so scharf angefahren, daß er in weitem Bogen auf da« Straßenpflaster geworfen wurde und besinnungslos liegen blieb. Der arme schwer- verletzte Kerl wurde auf den zugigen Vorderperron der Straßenbahn gesetzt, um nach dem Krankenhaus mitgenommen zu werden Das Publikum hatte sich darüber empört, daß Schutzleute sich nicht sofort um ein geeignetes Transportmittel umgesehen hatten. Eist als der Knabe mit der Straßenbahn weg war, kam ein Schutzmann mit einer Droschke an. Sensationell aufgebauschte Rachrichten wurden dieser Tage von einer polizeilich inspirierten Korrespondenz über einen versuchten Raubanfall auf einen Geldbriefträger verbreitet. Es wurde berichtet, bah cht in Paniow wohnender Kaufmann B. unter dem Verdacht verhaftet worden sei, einen Ranbansall auf einen in der Breslauer Strotze diensttuenden Geldbriefträger geplant zu haben. Dieser Verdacht war entstände», weil B. in der genannten Stratze wieder- holt aus- und abgegangen tvar und sich in ein HauS begeben hatte, in welchem der Geldbriefträger zu tun halte. Der Verdacht hat sich nicht bestätigt und B. wurde wieder aus der Haft entlassen. Man mutz sich nur wundern, datz der Name des Verhafteten in alle Welt hinausgetragen wurde, noch ehe ihm ernstliche Verfehlungen nachgewiesen worden waren. Es ist doch sonst nicht erlaubt, aus dem Gange einer Voruntersuchung Mitteilungen zu machen; am allerwenigsten aber kann es für zulässig erachtet werden, Personen schwerem Verdacht auszusetzen, denen nichts Unehrenhaftes nachzw weisen ist. Ei» eigenartiger Unfall ereignete sich gestern nachmittag in der Chausseestratze. Vor dem Hause Nr. 59 wollte der Chauffeur Gicrink. Grotze Frankfurter Str. 75, seinen Motor andrehe», doch versagte mehrere Male Zündung. Schlietzlich öffnete der Chauffeur den Gas- zuführungshah» vollständig. Als dann G. die Kurbel einmal herum- drehte, sprang der Moior mit voller Kraft an und die Handkurbel schleuderte den Chauffeur einige Meter seitwärts auf das Strotzen- bahngleis. In diesem Augenblick kam der Motorwagen 1910 der Linie 68 in der Siichlung Seestratze heran und erfatzte Gierink. Der Chauffeur wurde beiseite gestotzen und erlitt einen Schädelbruch so wie einen Knöcbelbruch der rechten Hand. Der Verunglückte wurde nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt. Der Berliner Bolkschor sM. d. A-S.-B.) veranstaltet heute abend 7 Uhr pünktlich in der Aula des Sophieu-Realgymnasiums, Steinstr. 31—34, einen Fritz-Reuter-Abend zum Besten seines Orgelfonds. Den Borftag hat Herr Dr. Zander freundlichst über- »onunen. Einlatzkarten an der Abendkasse, die um 6 lL Uhr geöffnet wird._ Vorort- J�acbricbtetn Charlottenburg. Ein aufregender Borfall ereignete sich gestern in dem Hause Kantstratze 54. Der dort mit seiner Frau und vier Kindern wohnende 43jährige Arbeiter Seide hatte vor mehreren Jahren einen schcoercic Unfall erlitten und zeigte seit jener Zeit häufig Spuren von Geistesgestörtheit. Er mutzte deshalb wiederholt in eine Heilanstalt übergeführt werden. Der Zustand des Arbeiters besserte sich aber in letzter Zeit derartig, datz er vor etwa einem halben Jahre entlassen werden und seiner Beschäfti- gung nachgehen konnte. Vorgestern hatte sich der Arbeiter in der Fabrik infolge eines kleinen Mißgeschicks sehr aufgeregt, und als er gegen)411 Uhr abends nach Hause kam, erlitt er einen Tobsuchtsanfall. Er demolierte die Wohnungseinrichtung und drang auf seine Frau ein, die sich nur mit äußerster Mühe des Rasenden zu erwehren mochte. Dann versuchte Seide seine vier Kinder aus den» Fenster zu werfen und hätte sein Vorhaben zweifellos ausgeführt, wenn nicht im Augenblick höchster Gefahr auf die Hilferufe der Frau Hausbewohner herbeigeeilt wären. Zwischen diesen und dem Geisteskranken cnspann sich ein er- bitterter Kampf, der durch Hinzukommen eines Schutzmanns mit der Ueberwältigung des Tobenden endete. Auf Anordnung eines Arztes wurde der Kranke wieder der Heilanstalt zugeführt. Teltow. Daß die Gegner auch am hiesigen Orte alle Mittel anwenden, um die Lokalbesitzer an die Hergabe ihrer Lokalitäten für sozial- demokratische Versammlungen zu verhindern, verrät ein kürzlich '.m hiesigen Lokalblatt erschienenes Inserat eines Saalbesitzers. In demselben wird betont, datz das Gerücht, er. der Saalbesitzer, habe sein Lokal anderweitig verpachtet sowie„noch anderes m ehr", auf Unwahrheit beruhe. Unsere Genoffen erfuhren hierauf, daß unter den Worten:„noch anderes mehr" die Hergabe des Lokals an die Sozialdemokratie gemeint sei. Der Wirt sei auf eine den Gegnern zu Ohren gekommene dahingehende Nachricht von letzteren gezwungen worden, das Inserat in der Zeitung zu veröffentlichen. Hieraus geht hervor, daß die bürgerlichen Ver- eine alles aufbieten, der Sozialdemokratie die Erlangung von Versammlungsräumen zu vereiteln. Es erwächst unseren Genossen daher die Pflicht, daß sie, da wir für den bevorstehenden Wahl- kämpf auch Vcrsammlungssäle dringend gebrauchen, den Kamps um letztere in verstärkter Weise fortführen. Vermisit wird seit vier Wochen der Arbeiter Georg Zwick aus der Potsdamer Stratze 9. Z. stand in letzter Zeit bei den Char- lottenburger Wasserwerken in Beelitzhof in Arbeit. Dort hat er aufgehört und ist seitdem verschollen. Sericbtg- Leitung. Negerbehandlnng in Kamernn. Vor dein Schöffengericht VI in Hamburg gelangte am Donnerstag eine Sache zur Verhandlung, die einen Einblick in das Verhältnis zwischen weißen„Kulturträgern" und der eingeborenen Bevölkerung Afrikas gewährt. Die Schand- taten der Schröder, Leist, Arenberg usw. sind noch in aller Gedächtnis, durch sie ist das Deutschtum im Auslande in argen Mißkredit gekommen, wie dadurch vor aller Welt die Ver. waltung in unseren Kolonien arg blosgestellt worden ist. Aber auch andere Weiße, die nicht zur Verwaltung gehören, suchen es den Herrenmenschen gleich zu tun. Die Neger gelten ihnen als eine minderwertige Rasse, der man mit Rinozerospeitsche oder mit anderen Kulwrinstrumenten Mores beibringen zu müssen glaubt. Und ebenso dachte auch der auf der Großfarm Monemzuba als Aufseher angestellt gewesene frühere Schweizer (Meierist) Josef S t i e r l i, ein Schweizer deutscher Zunge, der seine geistige Ueberlegenheit den Schwarzen in mehr als drastischer Weise und sehr„fühlbar" zu verstehen gab. Ein kleiner Arenberg, hatte er sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung zu ver- antworten Als im Juni 1910 der Schwarze Ndema die Verteilung der Verpflegung nicht zu seiner Zufriedenheit auS- führte, ergriff Stierli. der über stiermäßige Kräfte verfügt und somit der ersten Silbe seines Namens Ehre macht, den Unglücksmenschen, band ihn mit einem Riemen, v erarbeitete ihn mit einem Holzscheit und trat ihn mit Füßen, so daß der N?gcr schwer amHinterkopfverletztwurde. Kurz darauf schoß er aus ein cm Revolver auf den vor ihm flüchtenden Neger jungen Pha und verwun- deteihnamHinterkop f. Zwei andere Neger bedrohte er mit Totschießen. Als nun viele Neger die Flucht ergriffen und sich ob dieser Behandlung der Neger des betreffenden Distrikts eine große Erregung beniächtigte, wurde Stierli entlassen, in Haft g c n o m m enundnach Hamburg geschafft. Nach Begehung, seiner Schandtaten erklärte Stierli. er werde doch noch die schwarzen Kerle, die ihn„de- bricht" hätten, über den Haufen schießen. Die von ihm miß- handelten und brutalisiertcn Neger haben beim Bezirtsgericht zu Duala Strafantrag gestellt. Der Angeklagte ent- schuldigt seine Bestialitäten mit Trunkenheit und behauptet auch, in„Notwehr" gehandelt zu haben. Aus den zur Ver- besung gelangten kommissarischen Vernehmungen von ein. wandsreien weißen und schwarzen Zeugen geht hervor, daß von einer solchen Notwehr nicht die Rede sein kann, weil die Neger vor ihm die Flucht ergriffen, sobald sie seiner ansichtig wurden. Wegen seiner herkulischen Kräfte und Krakeelsucht sei der dem Trünke ergebene Stierli sehr gefürchtet gewesen. Als strafmildernd für den Angeklagten führt der Amtsanwalt an, daß die Stellung der wenigen Weißen unter der schwarzen Bevölkerung eine schwierige sei, aber aus politischen Gründen wie im Interesse unserer Kolonien müßten die Schwarzen gut behandelt werden. Ter Antrag lautet auf zwei Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte aber gar nur auf e i n e n M o n a t G e f ä n g n i s. Als strafmildernd zieht es die afrikanisckien Verhältnisse in Betracht, die nicht mit deut- schem Maßstäbe gemessen werden könnten. Von einer Notwehr könne jedoch angesichts der Tatsache, daß die Neger vor dem Angeklagten geflüchtet seien, nicht gesprochen werden. Die Strafe gilt durch die längere Untersuchungshaft als verbüßt. Und wenn durch die Taten solcher„Kultnrpioniere" ein Negeraufstand ausbricht, regnet es blaue Bohnen und der deutsche Michel hat die Kosten zu zahlen. Monbit. Auch während der ganzen nächsten Woche wird das Kriminal- gcricht noch unter dem Zeichen der Stratzenunruhen stehen. Wie bereits mitgeteilt worden, schließt sich an den jetzt noch vor. dem Schwurgericht im Gange befindlichen Prozeß wegen der Moabiter Stratzenunruhen am Montag vor der t. Strafkammer des Land. gerichts III die Verhandlung der gleichfalls recht umfangreichen An- klage gegen die Teilnehmer der Unruhen auf dem Wedding an. Wie schon erwähnt ist, richtet sich hier die Anklage gegen 18 Personen, die bei den Stratzenunruhen am 29. und 30. Oktober verhaftet worden sind. Den Vorsitz im Gerichtshofe führt Landgerichtsdirektor Bahr. Eine Pfändung mit Hindernissen. Wegen Körperverletzung und Beleidigung hatte sich die Haus- eigentümerin Klara Quast aus der Grünthaler Stratze 29 vor dem Schöffengericht Berlin-Wedding zu verantworten. Am 23. Sep- temb er d. I. hatte der Steuererheber Ebel in dein Hause der An- geklagten eine Pfändung bei dem Arbeiter T. vorzunehmen. Da bei dem Arbeiter T. nicht geöffnet wurde, fragte er bei der Portier- frau an, ob sie ihm über den Aufenthalt des T. Auskunft erteilen könnte. Um die Pfändung vornehmen zu können, wollte Ebel einen Schlosser holen und war im Begriff, das Grundstück zu verlassen, als eine Frau vom Flurfenster des Vorderhauses aus nach dem Hofe zu etwas rief. Ebel, der der Meinung war, datz ihm der Ruf galt, ging nun- die Vordcrtreppe hinaus und fand hier die Haus- eigentümerin Quast, die ihm vorwarf, er hätte auf dem Wege zur Portierfrau hin den Rasen betreten. Als der Steuererhcber Ebel dies verneinte, wurde Frau Quast immer erregter und rief dann dem Beamten beim Verlassen des Hauses eine Tierbezeichnung nach. Als Ebel sich nun auf der Stratze defand, rief Frau Quast ihn zurück. Ebel kam dem nach, kaum hatte er das HauS wieder betreten, er befand sich eine Treppe niedriger wie Frau Quast stand, als er von der Hauseigentümcri» mit einer Reitpeitsche mehrere heftige Schläge über den Kopf erhielt; autzerdem be- schimpfte sie ihn in gröblichster Weise. Während dieser Szene trat der Ehemann Quast hinzu und verbot dem Steuererheber das Haus. Ebel kam dem nach, machte aber den Ehemann Quast daraus aufmerksam, datz er Beamter sei und sich legitimieren könne. Daraus verzichtete Quast. In der Verhandlung bestritt Frau Quast, sich strafbar gemacht zu haben, sie hätte nur in Notwehr gehandelt, auch hätte sie nicht gemutzt, datz Ebel Beamter wäre. Der Steuererheber Ebel schilderte den Vorfall wie üben mitgeteilt. Der Amtsgewalt beantragte gegen Frau Quast wegen gesährlicher Körperverletzung eine Woche Gefängnis und wegen Beleidigung eine Geldstrafe von 20 M. Das Gericht billigte der Angeklagten wegen ihrer Erregt- heit mildernde Umstände zu und erkannte wegen der gefährlichen Körperverletzung auf eine Geldstrafe von 100 M., wegen der Be- leidigung auf eine solche von 20 M. Weitere Angriffe auf das bestehende Versammlungsrecht werden aus Halle a. S. gemeldet. In den letzten Wochen haben dort mehrfach gerichtliche Verhandlungen wegen angeblicher Ueber- tretuugen des Reichsvercinsgesebes stattgefunden. Ein Genosse wurde verurteilt, weil er in der Einladung zu einer Versammlung der Lohnsklaven in der chemischen Industrie nicht bemerkt hatte, datz die— kaufmännischen Angestellten von der Versammlung ausge- schlössen seien. Dadurch, so folgert das Gericht, ging die Versamm- lung über den Rahmen des§ 152 der Gewerbeordnung hinaus und sei somit keine gewerkschaftliche, sondern eine politische Versamm- lung gewesen. Eine andere Versammlung wurde für politisch er- klärt, weil der Referent in seinen Ausführungen auch die Zivilliste des Königs vergleichsweise gestreift hatte. Tie wahren Mitzächter des Reichsvereinsgesetzes bleiben natürlich auch in Halle ungeschoren. So ist dieser Tage wieder die Hallesche Polizei in eine Mitglieder- Versammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes eingedrungen, nachdem sie einige Versammlungen desselben Verbandes vorher un- behelligt gelassen hatte. Irgendwelche Gründe gab die Polizei für dieses ihr Vorgehen nicht an. Der Beschwerdeweg— es schweben von Halle aus gegenwärtig neun Beschwerden wegen polizeilicher Verletzung des Reichsvereinsgesetzes— ist sehr langwierig, und die sonst so rasch zugreifenden Staatsanwälte haben für Uebergriffe der Polizei weder Auge noch Ohr. Das Ganze nennt man die Freiheit eines Kulturstaates._ Tie coDvalslk. Dr. Magnus Hirschfeld und der Oberarzt der Eleison de sante ersuche» uns um Aufnahme folgender Ergänzung zu dem Artikel:„Der Tic convulsil" in unserer Nummer vom 8. Januar dieses Jahres: Der Angeklagte I. H. ist nicht wegen eines Tic«rn- vulsil, nicht wegen«eines plötzlichen, nervösen, das Bewuhtsein momentan ausschlietzenden ZuckenS" exkulpiert worden, sondern wegen seiner angeborenen„epileptoiden" Konstitution, die zeit- lebens mit einer Anomalie der sexuellen Triebrichtung und Stärke einherging, und die namentlich in den letzten Jahren zahlreiche kör- perliche und besonders auch psychische Svmptome'in deutlicher Pro- gredienz gezeitigt hatte. Der jetzige Zustand konnte ohne weiteres in das große Gebiet der epileptischen Erkrankungen gereckinet werden, und er stellte sich als ein so schwerer dar, daß die Staatsanwaltschaft auf Grund der ärztlichen Gutachten die Freisprechung des Angeklagten beantragte, die dann auch erfolgt ist.- � Hus aller Alelt. Der„geständige" Mörder. Das Geständnis des Arbeiters Fischer, datz er das Attentat aus den Rittmeister v. Krosigk verübt babe, scheint auf einer ganz absonderlichen Renommisterei Fischers zu beruhen. Wenigstens haben die bisherigen Nachforschungen keine Anhalts- punlte dafür ergeben, datz Fischer den Mord verübt hat. Ans Grund der Mannschaftslisten ist festgestellt worden, datz bei der vierten Schwadron des elften Dragonerregimentö. deren Ches Rittmeister v. Krosigk vor seiner Ermordung war. zu der in Frage kommenden Zeit ei» Dragoner namens Fischer nicht gedient hat, wohl ober findet sich dieser Name unter den damaligen Mannschaften der ersten Schwadron. UebrigenS hat Fischer jetzt sein.Geständnis", das er seinem Schachtmeistcr abgelegt hatte, bei einer Vernehmung im Gefängnis in Rodenberg widerrufen. Eine Haussuchung, die bei Fischer vorgenommen wurde, förderte seine Milimrpapiere zutage, auS denen hervorgeht, daß Fischer zwar im Jahre 1901 bei dem Dragoner- regiment Rr. 11 gedient hat, aber bei der ersten Eskadron unter Rittmeister v. Gustorf stand, dessen Eskadron in Stallupönen lag, während Rittmeister v. Krosigk die vierte Eskadron in Gum- binnen führte._ Schwere Dampferkatastrophe. In der Nähe des Nordernep- Feuerschiffes ist" am Donnerstag der Hamburger Dampfer„Marie Ruß"- durch Ueberschießen der Schiffsladung ge-> funken. Zwölf Mann der Besatzung sind er-- trunken, die übrigen drei wurden von dem Lotsenschooner „Peter", welcher trotz der stürmischen See ein Boot aussetzte, gerettet. Die Geretteten sind der Zimmermann, ein Matrose und ein Heizer. Der Lotsenschooner ist mit den ge- retteten Seeleuten am Donnerstagabend in Bremerhaven. eingetroffen._ Vandalismns im Amsterdamer Museum. Im Amsterdamer RcichSmuseum wurde gestern das berühmte Rembrandt-Gemälde. die„Nachtwache" durch mehrere Messerstiche schwer beschädigt. Der Täter, ein 23jähriger ehemaliger Schiffskoch der Marine, namens S i g r i st, wurde verhaftet. Er gibt an, aus Rache gegen den Staat gehandelt zu haben, weil er nach einer ärztlichen Untersuchung nicht wieder angenommen worden war. Die dem Bilde zugefügte Beschädigung besteht in einem ziemlich tiefen Stich in der Gegend der Ruine, der vordersten Hauptgestalt, ferner in der oberflächlichen Beschädigung in der Höhe der Brust bei der ersten und zweiten Hauptfigur. Man hofft, dag Gemälde so gut wieder herstellen zu können, datz von der schwerm Beschädigung nichts zu sehen sein wird. Kleine Notizen. Große Schneemengen sind in Lberschlesien nieder, gegangen. Wegen Schneeverwehung mutzte der ge- samte Verkehr auf der Eisenbahnstrccke Friedland in Böhmen— Hcrmsdorf eingestellt werden. Hotelbrand. Seit gestern mittag steht das Hotel„Continental" im Kurort Montreux am Genfer See in Flammen. Die Hotelinsassen konnten sich retten, dagegen ist das gesamte Reisegepäck der Gäste verloren. Opfer der Kälte. In Nordtirol herrscht grimmiges F r o st w e t t e r. Nächst E h r w a l d wurde der Bauer Reimer und in der Nähe von Sterzing ein Fabrikarbeiter erfroren aufgefunden. Folgenschwere Gasexplosion. In einem Ladengeschäft dep nordamerikanischen Stadt Connetsville ereignete sich eine Gasexplosion, als gerade viele Käufer anwesend waren. Die Wände stürzten ein und die Trümmer fingen Feuer. Drei Mädchen wurden getötet, zwanzig der Anwesenden verletzt, darunter drei schwer. Eiscnbahnkatastrophe. Auf der New Dork-Zentralbahn in Batavia im Staate New Jork, fuhr gestern ein Zug auf einen anderen auf. Bisher wurden sechs Leichen geborgen; die Zahl der Verletzten beträgt 18. Immer neue Erdstöße. Die Erdbeben in Zentralasien dauern immer noch fort.'— Um Mitternacht des gestrigen Tages fand ein heftiger Erdstoß mit starkem Getöse st a t t. In der Ortschaft Ä e b e r y im Pischpekbezirk wurden die Leichen von 2 0 4 Kirgisen ausgegraben, die bei dem früheren Beben verunglückt waren. tlmrltMer Marttbertcbt der ftädlllchen den Srotzbandet in den Zeiltral-Marttballen llarltdalleii.Dtrettion über -.vtartllcigc: Fleisch: knapp, Geschäft lebhaft. Preise beftiedigend. B n t l er und Käse: Gc- schüft ruhig, Preise unverändert. M e m ü i e. Ob» und Südfrüchte! Zufuhr genügend. Geschäft anfangs still, später lebhafter; Preise fast unverändert. «vitternngsuberüchl vom 13. Javuar 101». morgen»» Udr. etätonen Hl i| i|, 8f <®-i_ iZettrr »K d« Ii SttUonen IC sl l8! « 5 n 2 isf i§ I IM 5!- «Setter B"* h Mi Swmnnbe 7559? 3 bedeckt 1 Hamburg 753 NNW 4 heiter— 2 Berlin 17559t> 3 bedeckt X ijtanfl.« SR 757 NO t bedeckt—1 Nüncheri 757 SÄ! 2 bedeck!— 1 «M>n 757 Still i halb bd.-7 «vertervrognoic nir Sonnabend, den 1». Januar lvl». Zunächst zeltweise heiter, etwa» kälter be! ziemlich lebhasten füdweft« lichen Winden; später neue Erwärmung, Trübung und geringe Rieder« Ichlüge» Berliner Wetterdureau. rdaoaranda 75t Still! bedeckt— 16 Petersburg 716 9! NO 1 2 Schnee— 5 Seilld 76? NO' 6wotkig 1 6 ilberoecn 768®N© 3 wolkig| o Parti ,7619t i 6 wollen!—» >1 Ii s Oit-Rrsiikeflkässe wckW. Außerordentliche General-Versammlung am Montag, den 23. Januar, abends 8 Uhr, im Lokal Stheinschloß. Rhein- strafte Nr. 60 hterlrlbst. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Albert Kohn. Berlin über:„Reue Zlulgiben der Krankenkassen". 2. Wahl eines Bor« slandSmtgliedc»«Arbeitnehmer). Z.Bc- schliißsaflimg über daS vom Bo> stand beschlossene Penfionsregulativ. 4. Ver- schiedenes. 270/8 Ter Borstand. 0. ttenovl. Vorsitzender. Nied. Nagen, Ichrislsührer. l Mark «öcbenllielie TeilzaMunp liefere elegante kenige Berrtii- ireau für MaB. AUert. n. Mag Tadellose Ausf Müs Falio Schnaidermstr. Große Frank- funeretr. 3711 EingangSlraut- berger Platz. II. GescbSft; Tarmi-ir. 18 aur erste Etage, kein laden. »♦0—— 5 Proz. Rabatt bei Voreeig, dieses Inserats ?ür Samen In dieser Woohe! OroBcr InyenliHiisverlaiil meines Engros-lagers, Zu jeden« nur irgend annehmbaren Freies verkaufe: Engl. Paletota, Mlnfel) Jacketts, Blusen, Röcke, Kleider u.Abendmäntfll. ! 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I Kirchhoses in Rixdori, Hermann- I straste, aus statt. >>92/3 Ter Vorstand. ■Ansa, dio unserer lieben Freundin und Genossin Emma Ihrer die letzte Ehre erwiesen haben, sagt im Namen der Angehörigen herzlichsten Dank 26376 Martha Tletz. Dr. Simmel Spezial-Arzt' für Haut- und Harnleiden. Prlnzenslr. 41,„X"«, 10—2, 5—7. Sonntags 10—12, 2—4 Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dost meine tiebe Frau, unsere gute Mutter, Tchwicgcr- und Eroszmutter l(srv!lne VVilke geb. Ruck nach kurzen Leiden im 75. Lebens. jabre verstorben ist. 201b Die Beerdigung sindit Zonntag, den 15.. nachmittags 3'/. Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofes in Marzahn, aus statt. Oiv trsuervlleii Hinlerbllebenon. 5 Ludwig•iöiltf, stüher Putzer, jevt Handelsmann, nebst Kindern, Lichtenberg. Wartenbcrgstr, 22. Graste heimische, delikate 270/6* Harzer Landkäse Kiste mit 58 Ztnck für M. 3.50 st. N. G Mackenrodt, Quedlinburg 10. 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Die Beerdigung findet am ronntagnachmiitag 2'/, Uhr von I der Kapelle des Neuen St. Ja- iobi-Kirchboses, Rixdorf, Hermann- straste, aus statt. Deutschei' Buchbinder-Verband. (Zahlaleila Berlin.) Ten Mitgliedern zur Nach- richt, dast am 11, Januar 1911 unsere Kollegii, Tohauva 8tpp!i nach langem Leiden gestorben ist Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung iiiidet Sonn- abend nachmittag 3*/� Uhr aus I dem iiädlischcn gnedhofe ins FriedrichSselde stait. Zahlreiche Betel. igung erwarte!\ 23/4 Die Ortsyerwaltung. Dautsagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnatimc beider Beerdigimg unseres liebe» Vaters und Bruders TheotZem Harms sagen wir alle» Freunde» und Be- kanntlM. insbesonder Herrn Waldeck Manvssc sür die trostreichen Worte, dem 512. Bezirk des 6. Berliner RcichstagSwahItrcijeS ii. dem Deulschc» Buchbinderverbaiid unseren herzlich st- n Dank. 2dl2b Grschwister Harms _ Luise Rinck. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und die Kranzspenden vei? er Beerdigung meines lieben Mannes. nnsereS guten BrndcrS und Schwagers, des Metall- orb eilcr S 2643b tlermsnn Bauch sagen wir allen Freunden und Be- fnmuen dem Gesangverein„Bleibt Treu. dem Deutschen Metallarbeiter- verband und besonders den Kollegen if n»f,lnna®oi'siß unseren herzlichsten Die trauernden Hinterbliebenen. , Hiiierteit, Katarrh u. Bcr- 1 l schlciinung, Krampf- und i iieuchhusten, als die fein- schmeckenden S Lrnst-Earümkllev "mit den„Drei Tannen". not. begl. I Zcugu. v. I «träten u. Prioaten ! verbürgen den sicheren Ersolg. Pake» IM» Pfennig.'> ' stu haben in Apotheken, Drogerien, Kclenialwarenhandlg. ;«krltcltt für Berlin: II. Thiele, Bärwaldslr. 8 MMMüßSäge Herabgese�te Preise zwecks Räumung der Inventur- Bestände BaetvSohn Kleider-Werke Chausseestraße 29-30 a 11 Brückenstraße 11 Cr. Frankfurter Straße 20 D Schöneberg, Hauptstr. 10 I Der Pelt-Kaialog No, 40 a. der Haupt-Katalog No. 41 kostenfrei. 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Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung wird um vollzähliges Slscheinen cisucht. Der Zweigveretusvorstand. Zahlstelle Grost-Berlin. Bureau: Linienstr. 2t5. Geöffnet v. 9-1 u 4-S Uhr. Tel. Amt III 938. Bezlrhs• Verlammlungen Sonntag, den 15, Januar» vormittags v'/e Uhr» Gruppe der Kuuststeinarbeiter bei Kaherlauck, Linienstr. 73. Sonntag, den IS. Januar, vormittags«'/- Uhr: Gruppe der Schallplattenarbeiter im„Rosenthaler Vereinshaus", Rosenthalerstr. 57. Sonntag, den 13. Januar, vormittags S'/i Uhr: Filr Ädlcrsiiof bei Kant, Blöinarckstr. 16. Sonntag, den 15. Januar, vormittags OVa Uhr: Für Reinickendorf bei Wohlfahrt, Eichbornftr. 18. Sonntag, den 15. Januar, nachmittags A'/a Uhr: Für Köpenick im«tackttdeater(kl. Saal). Friedrichstraste. Sonntag, den 15. Januar, nachmittags 4 Uhr: Für Johannisthal«»»»«,«00«�.«. Sonntag, den 15. Januar, nachmittags 5 Uhr: Für Rummclsbarg U. Hing.™ Blame, Alt-Boxhagen 56: Mittwoch, den 18. Januar, abends 8�2 Uhr: Für 8chönhsuscr Vorstadt«lnceRf84«. Mittwoch, den 18. Januar, abends 8'/a Uhr: Für Südost II. Süden Bei Hahn, Lausttzer Plast 1». Mittwoch, den 18. Januar, abends SVa Uhr: Für Rildorf bei Geliert, Steinmcststr. 93. Donnerstag, den 19. Januar, abends 8Vg Uhr: Für NOrdeD bei Krämer, Hussttenstr. 40. Donnerstag, den 19. Januar, abends 8'/a Uhr: Für Nordwest bei Klrschkowskl, Bcuffelstr. 9. Donnerstag, den 19. Januar, abends 8Va Uhr: Für Cbarloltenburg im ToUnhanse, Rosinenstr. 8. DonnerStag, den 19. Januar, abends 8'/a Uhr: Für Velllensee w Content, Lchdcrstr. 5. Donnerstag, den 19. Januar, abends S'/a Uhr: Für Schöneberg b-i»«»e. Stcgiü?, Düpp-lstr. 3«. Donnerstag, den 19. Januar, abends 8Va Uhr: Für OSteil bei Zletz, Warschauer Straste 61. Sonntag, den 22. Januar, nachmittags 2'/, Uhr: Für Tegel bei Kakles, Berliner Str. 9S. Sonntag, de« 22. Januar» nachmittags 4: Uhr: Für Niederlehme bei Koek(„Jägersruh«). Sonntag, den 22. Januar, nachmittags 4i/z Uhr: Für Ober-Scbönewelde M Rabe, WUhriminenhofsir. 43. Bar* Zwecks Ausübung einer Kontroll« über Teilnahme an den Bezlrksversamnitungen wird darauf aufmerksam gemacht, dag die Mitglieder ihre Bücher mitbringen sollen, um de» Besuch der Versammlung durch Stempel im Mitgliedsbuch eintragen zu können! Zahlreichen und pünktlichen Beiuck) erwarten 63/1 Die BcKirksleiter. Nur für Herren welche Wert auf elegante Garderobe legen, bietet sich Grlegrndelt. sich in dem KaiiflinuS für Monats-Garde- roden, Greste Frankfurter Strafte 93, mit gebrauchter moderner Kleidung zu versehe». Wir beziehen unsere Anzüge, Paletots ,c. teils auö ersten Abonnements- Häuser», teils von Herrschaften. Toktoreu. Kavalieren ,e.. die»nr bei erste» Schneidern arbeiten lassen.5wabl. RingcauSwahl. Echnnidsachen. BrotzbrUm» aller« billigster Warenvei laus im Pfandleih- Haus Heiniannplatz ö. Auch«onn» tags geöstnet.__* M onatsanziige und Winter« palclolS von 5 Mari sowie Hosen von 1,50, McKrockanzüge von 12.00, KraclS von 2,50, sowie jüi korpulente Figure». 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Februar 1911 einen in der Kassenberwallung durchaus er» fahrenen, stellvertretenden Ren» danten sowie einen mit allen Kasseu» arbeiten vertrauten Beamten.* Bewerbungen find zu 1 mit der Ausschiist.Stellvertreter', zu 2 mit der Ausschrist.Beamter' vlS zum 20. Januar 1911 an das Kassendureaq, Waksertorsttaße 10/11. einzuicnden. IZei» VorMtand. 8- G. Liesack. Vorsitzender. Äeigntlvortlichcr Ncöäftestr: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: TH.Glocke, Berlin. Druck u.Berlag: Vorwärts Bstchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SW. Ar. 12. 28. Keilllßt iltS 14. Januar 1911. Die Moabits!' Vorgänge vor Äew Schwurgericht. VHinUt Tng. Gestern wurde noch eine Reihe von Zeugen vernommen, deren Bekundungen das allgemeine Bild der Moabiter Polizeiattackcn noch vervollständigten. Der Zriseurgehilfc Hillmcc hat am 2$. September abends gegen Uhr in der Turmstratze am kleinen Tiergarten mit angesehen, wie ein alter Herr, der ruhig seines Weges ging, von einem ihm nachrennenden Schutzinann>uit dem Säbel itber den Rücken gc- schlagen wurde. Dabei schrie der Schutzmann:„Was treibst Du Dich noch aus der Straße nun!'?" Hillmer selber ging mit seinem j-reund Ger lach, den er nach Hause brachte, in eine Bedürfnis- nstalt. Während sie beim Urinieren waren, ivurden sie von lehreren Schutzleuten mit Säbeln zu Boden geschlagen. Hillmer rlitt Wunden am tropf und am Unterarm, brach beivuszttos zu- ,anrmen, mußte 13 Tage im Krankenhaus zubringen und war nach- her noch 14 Tage arbeitsunfähig. Sein Freund hat im Kranken- haus ziemlich 7 Wochen zugebracht.— Staatsanwalt Porzelt: Sahen Sie an der Bedürfnisanstalt ein größeres Schutzmanns- kommando?— Zeuge: Ungefähr 10 Schubleute standen da in Reih mid Glied.— Staatsanwalt Porzelt: Wurde zu der Zeit eine t».enge zurückgedrängt?— Zeuge: Nein. Der ö2jährige Arbeiter Kühl war ani 20. September abends sach V28, von der Arbeit heimkehrend, auf Bahnhof Beusselstraße angekommen und wollte nach Hause gehen. Er verließ als einer der allerersten den Bahnhof. In der B�usselstraße, die er ganz menschenleer fand, wurde er von unerivattet attackierenden Schutz- leuten zu Boden geritten. Als er aufstand, bekam er mit einem Säbclgriff einen Stoß, daß er wieder hinstürzte. Er wurde dann noch, sagt er,„mit Füßen getrampelt". Auf der Unfallstation wurden Verletzungen am Ellenbogen und an der Schulter festgestellt. Acht Tage war er krank, und an den Folgen leidet er noch heute. Ich bin, fügt er hinzu, ein Veteran aus dem Feldzug von 1870/71 und habe Orden bekommen. Im Feldzug sagte uns unser Premier- leutnant, wir sollten Greise, Frauen und Kinder schonen. Hier aber muß ich so gemein niedergemacht werden, daß ich daran zu tragen haben werde, solange ich lebe.— Rechtsanwalt Heine: Machten die Leute, die aus dem Bahnhof kamen, einen Angriff? — Zeuge: Nein.— Auf Veranlassung des Staatsanwalts Stelzncr wird über diesen Vorgang der Polizcileutnant Zolte befragt, der die Attacke kommandiert hat. Er bekundet, er sei damals dem Polizeileutnant Goetze zu Hilfe gekommen, habe dreimal aufgefordert, auseinander- zugeben und habe dann angreifen und die Menge nach drei Seiten zurückdrängen lassen. Es sei bedauerlich, wenn der Herr da gerade hineingeraten und als Unschuldiger verletzt worden sei.— Rechts- antra lt Rosenfcld: Kühl sagt dock, es war da gar keine Menge.— Zeuge Folte: In dem Moment kam die Menge jedenfalls an.— Rechtsanwalt Rosenfcld: Es war ja gar keine da.— Zeuge Folte: Sie war an der Kreuzung der Beusscl- und Sickingeustraße.— Zeuge Kühl gibt an. daß er bis zu dieser Kreuzung noch gar nicht gekommen Ivar und daß er v 0 r sich keine Menge sah.— Rechtsanwalt Heine zum Zeugen Folte: Sie wußten doch, daß da Leute vom Bahnhof kamen?— Zenge: Wir mußten doch die Leute, die gelvalttätig waren, zurückdrängen!— Rechtsanwalt Heine: Die waren wahrscheinlich schon weg. Trotzdem kollidierte die Polizei *och mrt denen, die vom Bahnhof kamen! Der Arbeiter Brambach hatte am 20. September gegen Mitter- nacht in der Turmstraße an der Waldstraße die SchutzmannLiette nach Porweisung seiner Papiere passieren dürfen, wurde aber dan»r in der Huttenstraße, wo er wohnt, durch zwei oder drei Schutzleute von hinten angegriffen und bekam unter dem Ruf:„Dich Aas werden wir schon kriegen!" Säbelhiebe, über Kopf nnd Stirn, so daß er hinstürzte. Eine Menge lvar nicht da, nur vereinzelte Passanten hatte er gesehen, aber Polizei stand in Gruppen umher. Brambach mußte 10 Tage im Krankenhaus liegen und war nachher noch 5 Wochen arbeitsunfähig.— Rechtsanwalt Rosenfcld: Vcr- Ivandte von Ihnen sind Schutzleute?— Zeuge: Ja.— Rechtsanwalt Rosenfeld: Als man Tie vor den Schuhleutcn warnte, was sagten Sie da?— Zeuge; Ich sagte:„Wenn man anständig entgegen- kommt, lasse» sie einen durch." Aber nachher wurde ich überfallen. In der Nacht vom 27. zum 28. September gegen%1 Uhr geriet in der Waldstraße nahe der Turmstraße auch der von der Arbeit heimkehrende Bierabzieher Weiß der Polizei in die Säbel. Zunähst gab es einen Stoß mit dem Säbel in den Rücken:„Wollen Sie laufen!" Als dann Weiß nach seiner ihm vom Kopf gefallenen Mütze sich bückte, regneten Säbelhiebe ihm ans Arm»nd Rücken. Aufs neue bückte er sich nach einem ihm entfallenen Palet. Da rief ein Schutzmann: „Sie Strolch, ich werde Ihnen laufen lernen!" und ein Säbelieb traf den Kopf, so daß Weiß besinnungslos zu- fammenbrach. Als er wieder zum Bewußtsein kam,�>varen die Schutzleute verschwunden. Er fuh� nach einer Unfallstation, ließ sich dort eine 18 Zentimeter lange Kopfwunde verbinden, lehnte die Ueberweisung an ein Krankenhaus ab und machte sich von neuem auf den Heimweg. Als er am ArminiuSplatz Schutzleute begegnete. rief ihm einer zu:„Tie Schweinekerl haben ordentlich was abge- kriegt!" Drei Wochen lang mußte W. sich von einem Arzt bc- handeln lassen. Er weist seine zcrbauene Mütze vor, deren durch- schlagene Stahlschiene von den Geschworenen besichtigt lvird.— Bor- sipender� Waren, als Sie geschlagen wurden, Menschen da?— Zeuge: Ich weiß nicht./ Die Schutzleute kamen in einer Kette die Turinstraße runter hinter mir heri Ich drehte mich nicht um, ich wollte doch nach Hause.— Rechtsanwalt. Heine: Als Sie geschlagen wurden, war in der Nähe auch keine Menge, die sloh?— Zeuge: Nein.. Ter Rohrleger Senfs zeigt bei der Eidesleistung die erhobene Rechte noch im Verband. Sie ist ihm am 28. September gegen Mitternachts in der Wittstocker Straße von Polizeisäbcln zerschlagen worden. Senfs war mit seiner Gattin von einem bei seiner Schwiegermutter gemachten Besuch heimgekehrt und hatte, weil er nicht ins Haus hinein konnte, nach einem Beamten der Wach- und Schlicßgcsellschast gesucht. Es handelt sich hier wohl um den Vor- gang, den der am Mittwoch vernommene Hausbesitzer Zack aus der Wittstocker Straße beobachtet hat. Senfs wurde beim Suchen in der menschenleeren Straße von einer Zivilperson angehalten und aufgefordert, zu machen, daß er von der Straße komme. Als er antwortete:„Ich suche einen Schließbeamten", gab diese Person einen Wink, und nun kamen vier oder fünf Uniformierte und hieben auf Senff ein. Die Säbellnsve trafen die Hand, mit der er seinen Kops zu schüyen suchte. Er siel hin, stand nach einer Weile aus, lief ein paar.oäuscr weit r-uo fiel wieder um. Einen Schutz- mann hörte er sagen:„Laßt den Hund liegen, laßt ibn verbluten!" Schließlich brachten ihn zwei Schutzleute zur Unfallstation. Unter- Wegs wurde dem Erschöpften auS einer Gruppe von Schutzleuten zugerufen:„Nun laufen Sie aber, sonst schlage ich Ihnen noch einö übers Kreuz!" Senff hat sechs Wochen im Krankenhaus zubringe» müssen und ist infolge einer Knochenhautentzündung noch jetzt ar- beitsunsähig.— Rechtsanwalt Heinemann stellt fest, daß Senfs Schadenersatzansprüche gestellt hat, die vom Magistrat anerkannt worden sind.,., v- In die Polizeisabel geriet auch der 17 zahrige Kaufmanns- kehrNiig Kolfchinsti, der am 28. September aus einer ihm ver- wondten Familie von einer Einscgn»iigsseier kam. In der Wald- Es folgt die Erörterung des Falles Borowiak. Schubmann Monse gibt an, er habe einen Kohlentransport nach der Taubenstraße begleitet. In der �.ckingenstraße sei das Werfen nach dem Kutscher losgegangen. Der sei am Kopfe verletzt wordeil und habe nicht weiterfahren wollen. Aus Zureden des Zeugen fei .,._.........er aber doch weitergefahren. Der Transport sei dann, immer von raus!", sah vier«chutzleute aus sich losstürmen und brach Arbeitern begleitet, nach der Taubenstraße gekommen. Auf dem Säbelhieben zusammen. Auf Kopf und»and fielen die Rückweg, als die Wagen a» der Ecke der Bcussel- und Sickingen- „„h frf,nn g.rSo m.f cxnh.h. ankamen, sei das Werfen wieder losgegangen. Vorn hätten Frauen und Kinder gestanden und„hinter dieser Deckung" die Werfer. Der Zeuge sagt, er habe gesehen, daß der Angeklagte einen Stein warf. Als er ihm das sagte, habe der Angeklagte gestritten. Auf Veranlassung des Zeugen ist der Angeklagte dann von einem Futzschutzmann festgenommen worden. Auf die Behauptung des Schutzmamis, daß der Angeklagte ge- worfcn habe, antwortet Borowiak in bestimmtem, aber durchaus ruhigem Ton:„Ausgeschlossen."— Borsibender: Sprechen Sie hier nicht in solchem Ton.— Bald darauf hält der Angeklagte dem Schutz- mann vor, daß er vor der Sistierung mit ihm gesprochen habe.— Schubmann Monse: Davon weiß ich nichts.— Angell. Borowiak: Aber ich weiß es.— Wieder rügt der Borsibcnde den Ton des Angeklagten. Rcchtsanw. Heine: Ich mutz doch bitten, den Angeklagten in dem Tone reden zu lassen, den er gewohnt ist.— Vors.: Das bestimme ich.— RechtSanw. Heine: Aber das ist eine Beschränkung des Bcr- tcidigungsrechts der Angeklagten— die Angeklagten sind keine ge- bildeten Leute—, wenn sie nicht in dem Ton reden dürfen, der ihnen geläufig ist. Wie oft haben Schutzleute gcsagt.„ausgeschlossen", ohne daß es gerügt worden ist. Wenn ein Angeklagter diesen Ausdruck gebraucht, das ist doch keine Uugehörigkeit.— Vors.: Ich bitte, mir keine Vorhaltungen zu machen.— Rcchtsanw. Heine: Ich beantrage einen Gerichtsbeschluß» da ich in dem Verhalten des Herrn Vorsitzenden eine Beschränkung der Verteidigung der Angeklagten sehe.— Vors.: Ich deschränke nicht die Verteidigung des Angeklagten, ich sage nur, daß er in anderem Ton reden soll. Von den drei folgenden Zeugen, die noch zum Falle Borowiak vernommen wurden, stand der eine dicht neben Borowiak, die beiden anderen drei bis vier Schritte seitlich hinter ihm. Alle drei Zeugen geben übereinstimmend an: Borowiak hat nicht geworfen, fondern ein dicht hinter ihm stehender junger Mann in blauem Anzüge, der unmittelbar nach dem Wurf fortlief. Der Angeklagte Bruhn wird durch die Angabe zweier Schutzleute beschuldigt, einen Stein nach einem arbeitswilligen Kutscher geworfen und diesen auch gc- troffen zu haben. Das war am 23. September mntags, als die Löweschen Arbeiter vor dem Fabriktor standen und drei Kohlen- wagen vorübcrfuhren.— Der Angeklagte sagt, ihm«-i von hinten ein Stein in die Hand gesteckt worden. Den Stein habe er weg- geworfen. Nach dem Wagen habe er nicht geworfen. Diese Angahe gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch die Aussage des 0 is der Untersuchungshaft als Zeugen vorgeführten Arbeiters Kloß, der damals als Arbeitswilliger neben dem Kutscher des Kohlenwagens saß. Kloß macht die von ihm gesehene Bewegung des Steinwurfs vor. tsic bewegt sich mehr in der Richtung nach dem Bode,. als nach der Höhe eines Kutscherbockes.— Von den beiden zu die ein Fall der- nommenen Schutzleuten behauptet der eine, Zander» der Kutscher ZielowSki habe, nachdem er durch den Steinwurf getroffen war, einen Sckrcckschuß aus einem Revolver abgegeben. Der andere Schutzmann hat keinen Schutz gehört. Derselbe Vorfall, um den es sich hier handelt, ist in dem Strafkammerprozeß öfter erwähnt wor- den, doch niemals war von einem Schuß die Rede. Der einzige Fall, wo ein Arbeitswilliger von einem in der Sickingenstraße an der Löweschen Fabrk vorüberfahrenden Kohlenwagen schoß, ereignete sich in der Mittagstunde des 20. September und bildete den Ausgangs- Punkt der großen Polizciattacke auf die Löweschen Arbeiter.— Dem Schubmann Zander wird das vorgehalten mit dem Bemerken, er müsse sich irren. Doch der Schutzmann bleibt mit voller Bestimmt- heit dabei, daß bei dem Vorfall am 23. der Kutscher g> schössen habe. Zum Fall des Angeklagten Schadowski gibt der Schutzmann Lidicke an, er habe gesehen, daß der Angeklagte einen Stein warf und sich darauf bückte, anscheiuend. um noch einen Stein aufzuheben.— RechtSanw. Heine hält dem Zeugen vor, daß er in der Voruntersuchung gesagt hat: Der Angeklagte bückte sich, um sich hinter einem vor ihm stehenden Manne zu verstecken.— Ter Zeuge beschränkt sich nunmehr aus diese Erklärung des Bückens »nd läßt die Annahme, der Zeuge habe einen Stein ausheben wollen, fallen.— Der Angeklagte bestreitet, daß er geworfen habe.— Zu diesem Fall werden auf Antrag des Rechtsanwalts noch einige Zeugen geladen. Der Angeklagte Bonnct soll nach Angabe des reitenden Schutzmannes Wieprecht, als am 24. September ein Kohlenwagen durch die Rostockerstraße fuhr, hinter einem Geschäftswagen in einer Gruppe von 10—15 Personen gestanden und von da aus nach dem Kohlenwagen geworfen haben. Auf Veranlassung des Schutzmannes Wieprecht ist Bonnet durch den Futzschutzmann Bendler festgenommen worden.— Der Zeuge Litwicki(einer der im Strafkammcrprozeß Verurteilten) ist zur fraglichen Zeit mit Bonnct zusammengegangen und weiß bestimmt, daß Bonnet zu dieser Zeit nicht geworfen hat. In demselben Augenblick— sagt der Zeuge— wo er weiter ging, Bonnet aber stehen blieb, drehte sich ein Schutzmann um und sagte:„Eben hat einer geschmissen, ich glaube: Der war es." Da wurde Bonnct festgenommen. Der Angeklagte Zoftä gibt zu, daß er am 20. September in der Sickingeustraße, als em von 4 reitenden Schutzleuten begleiteter Kohlenwagen vorüberfuhr, einen Stein geworfen hat. Die Kriniinalschutzlcute Sciscl, Letar und Thomas haben den Angeklagten festgenommen, beziehungsweise abgeführt. Diese drei Zeugen machen Angaben über die näheren Umstände des Falles und hoben hervor, daß Lctat von einem Steinwurf im Rücken getroffen und Thomas einen Schlag über die Hand bekommen habe, nachdem sie den Angeklagten fesr- genommen hatten.— Der Angeklagte Zofka sagt, nachdem ihn die beiden jlriiiiinalschutzlcute festgenommen hatten, habe ihn einer derselben mit einem Stock über den Kops geschlagen.— x�at und Tbomas, die beiden Kriminalschutzleutc, welche hierfür in Frage kommen, behaupten, sie bätten nicht geschlagen, sie hätten aw* dickst gesehen, daß Zofka geschlagen wurde.— Ein Kriminalbeamter unter» geschlagen.— Zeuge LaarS: Ich habe ihn auf der Wache sofort abgegeben und hatte dann nichts mehr mit ihm zu tun. Außerdem lvar doch der andere ein Cbarlottenburger Kollege; wir kannten uns doch gar nicht, da hätte er doch....— Vors.:(unter- brechend): Ach, das sind Betrachtungen...— Rcchtsanw. Rosen fcld: Aber, bitte, lassen Sie doch den Zeugen erst aussprechen!— Zeuge Laars: Wir kannten uns gegenseitig nicht. Da wußte ich doch nicht, ob der nachher auch dasselbe sagen würde, was ich sagen würde.— Rechtsanw. Rosenfcld: Also bei Berliner Schutzleuten sind Sie es eher sicher, daß...(Große Heiterkeit im Zuhörer räum.)— Vors.: Bitte, unterlassen Sic solche Bemerkungen, das gehört nichts zur Sache.— Rechtsanw. Rosenfeld: Ich möchte er- klären, wieso es zur Sache gehört.— Vors.: Es bedarf keiner Erklärungen.— Rechtsanw. Rosenfeld: Tann ist der Vorwurf völlig ungerechtfertigt.— Vors.: Herr Oberstaatsanwalt—?— Oberstaatsanw. Preuß: Da muß dos. Gericht schon selber sehen, ob darin eine Ungebühr liegt. Ich stelle Bestrafung anheim.— Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Vor Verkündung des Bc- schlusses fragt der Vors.: Haben Sie etwas zu erklären?— Rechtsanwalt Rosenfeld: Ich weiß gar nicht, was ich dazu weiter erklären soll.— Bors.: Sie haben gesagt: Bei Berliner Schntzlenten wäre das eher möglich. Diese Bemerkung wurde im Zuhörcrraum mit Lachen begrüßt.— Rechtsanw. Rosenfeld: Ich habe sagen wollen: Tann meinen Sie lvohl, daß es bei Berliner Schutzleuten eher möglich wäre. Ich habe nur eine Konsequenz aus dem gezogen, was der Zenge sagte. Wodurch das Lachen hervorgerufen wurde, weiß ich nicht.— Bors.: Eine Ungebühr liegt in dieser Bemerkung; das Gericht sieht aber von einer Strafe ab, in der Erwartung, daß derartiges nicht wieder vorkommen wird und in Zukunft solche Reflexionen unterbleiben werden. Nach diesem Zwischenfall schildert Schutzmann Schmidt aus Berlin, der gleichfalls an der Verhaftung Traus teilgenommen hat, die Vorgänge. Er schildert sie ähnlich wie die beiden Vor- zeugen, doch hat cr nicht gesehen, daß Trau gebissen hätte. Zum Falle des Angeklagten Iahnke gibt Schutzmann Rathmann an. er habe am 23. September nach- mittags vor dem Kupferschen Kohlcnplatz Posten gestanden. Ein Kohlentransport sei vorübergekommen. Aus einer Menschenmenge, die sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße angesammelt hatte, sei nach den Kohlenwagen geworfen worden. Ter Zeuge sagt, er habe deutlich gesehen, daß Iahnke einen Wurf ausführte, er sei dann hinübergegangen, um Iahnke festzunehmen. Der sei fort- gelaufen, aber gleich darauf von anderen Schutzleuten festgenommen worden.— Der Angeklagte sagt dagegen, es sei richtig, daß Leute aus der Menge warfen, er habe aber nicht geworfen, sondern nur den Arm erhoben, um sich vor einem Stein, den er fliegen sah. zu decket!. nalschutzmann Lctat: Ich konnte ja gar nicht schlagen.— Rccktsnn», Rosenfcld: Warum denn nicht?— Zeuge Lctat: Ich hielt ihn dock mit meiner Hand fest.— Rechtsanw. Rosenfeld: Aber die andere Hand war doch frei.— Zeuge Leta.: Ich konnte ihn unniöalick schlagen.— RechtSanw. Rosenfeld: Aber warum denn nicht?—- Zeuge Letat: Weil er doch nichts machte.— RechtSanw. NoseiEeld' Hatten Sie einen Stock?— Zengc Letat(ohne Besinne», aan- v-- stimmt): Einen Stock hatte ich nicht. 0 Es vergehen einige Minuten, in denen Fragen an den Kriminal- schntzmann Thomas gerichtet werden und der Angcklatge mit aller Bestimmtheit dabei bleibt, daß er unmittelbar nach seiner Feit- nähme durch Letat eine» Schlag mit einem Stock über den Koos bekommen hat.— Nu« richtet Rechtsanw. Rosenfcld an den Krimi- nalfchutzmann Lctat nochmal und zwar in cindringlicher Weise die Frage, ob er einen Stock gehabt habe.— Der Zeuge Letal antwortet nach kurzem Besinnen:„Einen Stock? Ja gewiß habe ich einen Stock gehabt." Diese Antwort erregt allgemeines Aufsehen. Rechtkanw. Nosenfeld hält dem Zeugen vor, er habe doch kurz vorher gesagt, er habe keinen Stock gehabt.— Kriininalschnhuunin Lctat: Nein, das habe ick nicht gesagt. Ich hatte erst verstanden, ob ich mit dem Stock geschlagen habe. Das habe ich verneint. Ein Geschworener erhebt sich und sagt: Der Zeuge hat aus die erste Frage geantwortet: Er habe keinen Stock gehabt. Mehrere Geschworenen und auch der Borsibende bestätigen daS. Darauf er- klärt Kriminalschnhmann Lctat, dann habe er die erste Frage falsch verstanden.— Bei dieser Gelegenheit kommt auch die Lerpriigelung von Arrestanten durch Arbeitswillige unter den Augen der Polizei zur Sprache. Der Angeklagte Zofka sagt, er sei nach seiner Festnahme aus den Kohlenplatz gebracht und während ihn einer der Kriminalschubleute am Arm hielt, von Ar- deitswilligen geschlagen worden. Kriminalschutzmann Letat sagt dazu: Als wir den Platz betraten, drängten sich mehrere Leute an den Angeklagten heran, die haben wir aber sofort beiseite gestoßen. Angekl. Zofka: Ja, nachdem ich ein paar abgekriegt hatte. Krimi- nalschntzman» Thomas sagt: Auf dem Kohlcnplatz, dicht am Ein- aange, hielten sich lO— 15 Arbeitswillige auf. die kamen auf uns zu :s ist möglich, daß der Angeklagte einen Schlag bekommen hat. ES war nicht zu vermeiden, das: er geschlagen wurde. Nach kurzer Zeit, während der der Zeuge Thomas weiter befragt tourde, be» hauptet er ganz bestimmt, er habe den Angeklagten nicht geschlagen, er habe auch nicht gesehen, daß er geschlagen wurde. Nun hält ihm Rechtsanw. Hcinemann vor, daß er doch eben gesagt habe: „Es war nicht zu vermeiden, daß der Angeklagte geschlagen wurde." Auch von der Geschworcnenbank wird bestätigt, daß der Zeuge so gesagt hat. Ter Zeuge bleibt jetzt dabei, er habe nicht gesehen, daß der Angeklagte geschlagen wurde.— Der Angeklagte Zofka bemerkt noch, als er nach seiner Vernehmung aus dem Kontor des Kohlen- Platzes wieder hinausgeführt wurde, habe er den Kriminalschutz- mann, der ihn begleitete, gebeten, er möge dafür sorgen, daß er nicht nochmal geschlagen werde. Aber als wir herauskamen— sagt der Angeklagte— schlug mir ein Arbeitswilliger mit der Faust ins Gesicht. Da sagte der Schutzmann: „Run ist es genug!" Tie Angeklagten Scharfenberg und Rohde bitten ums Wort und erklären, daß sie auf dem Koftlenplatz von dem Kriminalschutz- mann Thomas geschlagen worden seien.— Auf Antrag des Rechts- nnwalt Seinem ann soll Thomas bei der Erörterung der Anklage- fälle Scharfenberg und Rohde ebenfalls als Zeuge vernommen werden. Hierauf wurde die Verhandlung auf Sonnabend 10 Uhr vertagt._ Vorort- JVacbnchten» Rixdorf. Die Stadtverordnetenversammlung hielt am DonnerStaguach- mittag 5 Uhr ihre erste Sitzung im neuen Jahre ab. Die Wahl des Genossen B y t o m s i i im 13, Bezirk der ll. Abteilung wurde nach dem Vorschlage des Wahlausschusses für gültig erklärt. Hier- auf fand die Einführung der bei den Ersatz- und Ergänzungs- Wahlen neu- resp. wiedergewählten Stadtverordneten statt. Die Verpflichtung derselben geschah durch Oberbürgermeister Kaiser. welcher im Anschluß daran auch dem neugewählten unbesoldeten Stadtrat Adam den Eid abnahm. Bei der N e u k o n st i t u i e r u n g der Versammlung wurde der bisherige Stadtverorduetenvorstehcr Sander durch Akkla- mation wiedergewählt. Aus das Amt des stellvertretenden Vor- stehers erhoben die Sozialdemokraten als zweitstärkste Fraktion Anspruch. Siadiv. G r o g e r(Soz.) plädierte eindringlich für die endliche Anerkennung Parlamentär iPhcr Gepflogenheiten. Tie Stimmzettelwahl ergab jedoch 47 Stimmen für den Stadw. Vögelkc, während Siadtv. W u tz k y(Sog.) mit 22 Stimmen in der Minderheit blieb. Die Wahl der Beisitzer Stadtvv, Prange und Scholz(Soz.) sowie der Schriftführer Bureaw direktor M a e r k e r und Stadtsekretär Lehmann erfolgte ein- stimmig. Als Publikationsorgane der Stadtverordneten- Versammlung wurden die„Rixdorfer Zeitung" und das„Rip dorser Tageblatt" bestimmt. Stadtv. G r o g e r(Soz.) nahm den Antrag auf Schaffung eines„Gemeindeblattes", der im vorigen Jahre einer Kommission überwiesen, aber nicht erledigt worden war, wieder aus. Nachdem Stadw. Mehle prinzipiell für ein solches Blatt, jedoch gegenwärtig aus finanziellen Gründen da- gegen sich erklärt hatte, ersuchte der Oberbürgermeister um Zurück- stellung des Antrages bis zur Etatberatung. Der Magistrat habe die Absicht, die Einrichtung einer eigenen Druckerei in Vorschlag zu bringen, bei welcher Gelegenheit auch das„Ge° meindcblatt" beraten werden könnte. Die Antragsteller waren damit einverstanden. Die Stadtvv. Glase mann und Genossen haben beantragt, für Beratung des Gesetzentwurfs über den Zwangszweckver- band Groß-Berlin eine gemischte Kommission von 6 Magi- stratsmitgliedern und 15 Stadtverordneten einzusetzen. Ober- bürgermeister Kaiser erklärte sich damit einverstanden. Er bemängelte, daß nach dem. was über das geplante Gesetz bekannt ist, wichtigste Fragen unbeachtet gelassen worden sind, wie bei- spielsweise die Verteilung der Schullasten. Die östlichen und süd- lichen Gemeinden müssen deshalb Wert darauf legen, als selbstän- dige Faktoren im Zweckverband zur Geltung zu kommen; anderen- falls hätten sie kein Interesse für einen solchen.(Äustimmum;.) In die Kommission wurden unter anderem auch die Genossen Eonrad. Groger, Schuch, Dr. Silber st ein und W u tz k y gewählt. Bei der Begebung eines weiteren Teiles(1 Million Mark) der 83 Millionenanleihe bemängelt Stadtv. Conrad (Soz.) die zu zahlende Vermittlcrgebühr und fragte an, ob dem Magistrat nicht die Zentralstelle der dcutsihen Städte in Kassel bekannt sei, welche die Aufgabe verfolgt, überschüssige städtische Gelder provisionslos an Anleihen suchende Städte zu vermitteln. Der Oberbürgermeister bemerkte, daß diese Zentvalstelle nur vor- übergehend Geld vermittelt. Es sei ja wünschenswert, daß Pro- Vision nicht gezahlt werden braucht. Eine solche sei aber nicht zu vermeiden; hat doch selbst eine städtische Sparkasse dem Magi- strat auf seine Anfrage zunächst erklärt, daß sie kein Geld habe, ein paar Monate später aber schon durch einen privaten Vermittler eine Anleihe angeboten.(Zuruf: Das nennt man Korruption!) Der Einrichtung von Stall- und anderen Räumen für 32 Läuferschweine auf dem Rieselgut Boddinsfelde wurde zugestimmt, um einen Versuch mit der Einführung der Schweine- z u ch t zu machen. Es folgte eine geheime Sitzung. Potsdam. Ein schreckliches Ende fand vorgestern der 71 Jahre alte Kriegsvetcran Wilhelm Staae. Seit 1878 lebte St. von seiner Frau geircnnt und hatte im Hause Jägerstraße 5 eine Dreizimmer- Wohnung inne. In der letzten Zeit wurde der hilflose Greis mehrfach von Nerven- und Schwindelanfällen befallen und auf Veranlassung seines Arztes sollte er vorgestern ins städtische Krankenhaus gebracht werden. Um 6 Uhr besuchte den Patienten der Arzt. Nach der Visite des Arztes zeigten sich bei St. Spuren von Aufregung und in einem ausbrechenden Nervenansall stieß St. die brennende Tischlampe herab. Mobiliar und Kleider des Greise« singen Feuer und bald war der alleinstehende alte Mann in Flammen gehüllt, deren Schein von Nachbarn bemerkt wurde. Die Hilfe laut leider zu spät. St. hatte bereits so gefährliche Brand- wunden erlitten, daß er bald verstarb._ Potsdam soll Luftschiffstation werden. Ein großes Projekt sagt jetzt im Rathause das andere. Ter Zweck des in geheimer Stadtverordnetcnsitzung beratenen Ankaufes eines Grundstückes an der Pirschheide war der Oeffcntlichkeit bisher unbekannt. Jetzt kommt aus dem Rathause die Nachricht, daß dieses Gelände und noch weitere Grundstücke in der Neuen Luisenstraße der Zeppelin» luftschiffgesellschaft zur Anlegung einer Luftschisshalle gur Verfügung gestellt werden soll. Die Ankaufssumme beträgt zirka 1 Million Mark. Ein Berliner Danklonsortium wird aus diesem Platze eine Luftschiffhalle und ein Restaurant errichten. Fiir die ersten Jahre ist eine Verzinsung vorgesehen, später soll die Stadt am Gewinn beteiligt sein. Man verspricht sich am Vlatze einen großen wirtschaftlichen Erfolg von diesem Projekt. Der Ausbau der Straßenbahnlinie, ja sogar eine event. Errichtung einer städ- tischen Gasanstalt in der Brandenburger Vorstadt ist m AuSsick genommen.> mma Grosser Inventur-V Nach beendeter Inventur sind unsere noch reich- haltig sortierten Läget' zum Teil bis auf den halben Preis herabgesetzt. Wollplüsch-Mäntel Qu extra gute Tragen, in Flüsdi-I juatitflten. unverwüstlich Im allen Grössen und Längen. ifläntel Jadcetts Paletots Wert 27-90, Jctxl 18, 24, 27, 33, 39, 48, 62 M. Abend- und Theatermänlel Wert 15-68, jetzt 9, 12, 15. 21, 27. 32, 42 M. Paletots aus engl. Stoffen Werl 15-45, jetzt 7, 9, II, 18. 19, 21, 27»I. tzKimo-Mitall-IMI Wert 21-75, jetzt 12, IS, 19. 21,27, 33, 42 M. Jackett- und Paletot-Kleider Wert 18-95. jetzt 8.50. 12. 16.50, II. 30, 38. 45 M. Kostiimröcke blau u. schwarz Wert 12-33. jetzt 5.75, 7.50, 11, 13.60, 18, 21 M. Französische Kleider Wert 42-125, Jetzt 28.50, 36, 42, 48, 55, 68 M. ——— Besonders preiswert>—— Ca. 150 Jacke)tkiei(ler eus enjHsch. Stoff.,(ein ge. A50 streift u.ker.Jackett auf Futter".V.. 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