BbonwmentS'Bedlngimgen: IbU jik.\ As ml Die Tntcrtions- Gebühr «voimemenls- Preiz vrnnumer-mda! DW N �WM) WH flM ffSia I. vetrSgt für die scch«g-sp-Iten- Kolon» y.ertcl,ährü 3jam., monatl UO TOI, ES 99 �8 SB; B � H 9 ffi 9 Hl»Br�BTaPll �- ,eU- oder dcrcn Raum eo Pfg.. sür wöchentlich 2» Pfg. frei ins Haus. Hm JHn RR f C BH| eW«W WA pS3 W> J/ M H poNUsche und gewerllchafNiche Vereins- Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- VrWm Bl M» KS w) HB HB HB DM f Z IH p—'// und VerfamMlungS.Anzeigen 80 Pfg. Nummer mit illustrierter Connlags.«SÄ?? U�XjKS HD WH W> � BEB BW KB HM HB\m) HB HB A'.Kleine Bnzeiacn", das erste fsetl- Bcilage.Die Neue Bell" to Pfm Post- BW fjB W 9 9 999 99 9�9 91 AL ocbciiitc) Vfg, jede� weiftre Ew?eu?g-n' in d� P�°Z�w"gä vB 9 9 9 9 919191 9 9 9 9 M&SW/ Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf. Preislifle. Unter Kreuzband%t KB I. 1BH\ H» slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., Deutschland und Oesterreich- Ungarn W> HH i �S&/ �---- WH 7/ HB jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über � Mark, für das übrige Ausland WML HHa �W/ ZJ\f v/''V/ // DM 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. c Mark pro Monat. PostabonncmentS v_____-/ ▼/ �H�> // �H Inserate sür die nächste Nummer müslen zSÄrSZS � Vevlinev VolksblsR. ääs Zcntralorgan der fozialdcmohrati fehen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1S83. Der zweite Scblag. Im Moabiter Schwurgcrichtsprozch wurde Moiitagabeiid das Urteil gefällt.(Siehe deu Be- richt hi der 1. Beilage.) Nun hat die Reaktion den zweiten derben Schlag auf die schmutzigen Finger erhalten, mit denen sie der Arbeiter- klaffe an die Gurgel wollte. Die Sippschaft der Junker und Scharfmacher, die, derweil das Zentrum bereitwilligst Schmiere steht, dem deutschen Proletariat Stück um Stück seiner spärlichen Rechte nehmen möchte, und die bei diesen Plänen die verständnisvolle Beihilfe der regierenden Bureau- kratie findet, hat eine neue schwere Niederlage erlitten. Mit Pauken und Trompeten, mit schmetterndem Trara sind sie ausgezogen gegen„den Umsturz", den Popanz des„sozial- demokratischen Aufstandes von Moabit" an hoher Stange vor sich herführend, das Volk zu schrecken, auf daß es vor Angst sich aufs neue geduldig ins Joch beuge und ihnen zinse und fronde. Mt geknickter Helmfeder und zerbrochenem Schild, mit blutigem Kops und zerschundenen Knochen müssen sie jetzt heimziehen. Das große Schreckbild ist zerhackt von kräftigen Gegnern, Papierfetzen und Lumpen, die sein Inneres barg, liegen zutage, und die gräßliche Fratze, die den Schwindel bedeckte, ist zum Spott der Kinder geworden. Nach der Strafkammer hat das Schwurgericht gesprochen, nach den gelehrten Richtern die Laien. Und der Spruch der Laienrichter ist der zweite zerschmetternde Stoß, den die Interessenten am blutigen Moabiter Schwindel, an Ausnahmegesetzen wider die Arbeiterschaft trifft. Von achtzehn sämtlich des schweren Aufruhrs oder Land- friedensbruchs Angeklagten sind nur vier wegen dieser schweren Delikte, nur einer wegen einfachen Aufuhrs verurteilt worden. Bei den anderen Angeklagten haben die Geschworenen nur relativ harmlose Straftaten finden können, sechs sind nur wegen Uebertrewngen verurteilt worden, vier mußten ganz freigesprochen werden. Und den wegen der schweren Delikte verurteilten sind durchweg mildernde Umstände bewilligt worden. Damit ist der Lüge von der gefährlichen Revolution, die die Sozialdemokratie in Moabit entfesselt und insgeheim geleitet, endgültig das Genick gebrochen. Als das unbequeme Strafkammerurteil mit der für die Revolutionsschwindler so sehr fatalen Begründung erging, da trösteten sich die Herren insgeheim mit der Hoffnung auf das Schwurgericht, wo die schweren Verbrecher, wo die Rädelsführer vors Brett kommen würden. Sie kamen und sie entMppten sich als ganz gewöhn- liche Randalierer, Steinwerfer und dergleichen, denen selbst die Staatsanwaltschaft die mildernden Umstände nicht ver- sagen konnte. Und die Verhandlung endet mit einem Urteil, in dem der grobe Unfug, eine Uebertretung, die sonst vom Schöffengericht gesühnt wird, fast die Hauptrolle�spieltl In der ganzen Verhandlung aber blieb die Sozialdemo- kratie gänzlich aus dem Spiele. Die Staatsanwaltschaft hatte aus dem sür sie und ihre Mandantin, die Polizei, so sehr betrüblichen Verlauf der Strafkammerverhandlung so viel gelernt, daß sie sich schon in der Anklageschrift hütete, noch einen Versuch zur politischen Fruktifizierung der Mba- biter Vorgänge gegen die Sozialdemokratie zu machen. Das war der erste Rückzug der Anklagebehörde. Der zweite war die Zubilligung mildernder Umstände für sämtliche Ange- klagte. Sie war ein Zugeständnis, das die Staatsanwalt- schaft nach der Beweisaufnahme machen mußte, um nicht durch den Spruch der Geschworenen desavouiert zu werden. Da- mit war der generelle Verzicht auf die Verhängung der schärfsten Strafe, der Zuchthausstrafe, ausgesprochen. Und trotz dieses Zugeständnisses mußte die Anklagebchörde er- leben, daß bei den meisten Angeklagten die Frage nach Auf- rühr oder nach Landfriedensbruch glatt verneint wurde. Es wäre unseres Erachtens zutretender gewesen, wenn die Geschworenen diese Frage in allen Fällen verneint hätten. da bei der Massenhaftigkeit der Ausschreitungen von Polizei- boamten in Moabit es uns schlechterdings unmöglich scheint, zu entscheiden, wo und wann die Schutzmannschaft in bcrech- tigter Amtsausübung handelte und wo nicht. Der Zweifel mußte den Angeklagten zugute gerechnet werden. Aber wir unterschätzen die Schwierigkeit einer solchen allgemeinen Verneinung für die. Geschworenen iricht. Es waren durchweg Männer der besitzenden Klasse, meist Unternehmer und Hand- werksineister, die den Wahrspruch zu fällen hatten. Männer, auf die der Appell des Oberstaatsanwalts, die Straße nicht dem Mob zu überlassen, eine gewisse Wirkung ausüben konnte, für die die Sicherung des Eigentums und des Rechts der Arbeitswilligen zumeist mehr als platonisches Interesse hat. Unsere Schwurgerichte sind ja noch weit davon entfernt, Kolksgerichte zu sein, die Geschworenenbaük verkörpert noch lange nicht das Volk in allen seinen Bestandteilen. � Kein einziger Arbeiter war unter den Männern, die über die Ar- bester zu urteilen hatten, die auf der Anklagebank saßen, keiner, der auch beim besten Willen völlig die Gefühle hätte nachfühlen können, die sich in der Brust des klassenbewußten Proletariers regen müssen beim Anblick von Streik- brechern, die es sich zum Gewerbe machen, ihm in den Rücken zu fallen und die unter dem Schutze der Polizei sich in frechen Herausforderungen gefallen. Keiner war unter den Ge- schworenen, der die tiefe Abneigung der Arbeiterschaft gegen Dienstag, den Ä4. Januar die Polizei hätte nachempfinden können, die sie stets auf die Seite ihrer wirtschaftlichen Gegner, stets als das Werkzeug ihrer erbittertsten politischen Feinde sieht. Und deshalb ist der Spruch der Geschworenen, trotz der teilweisen Bejahung der Frage nach schwerem Ausruhr und Landfricdensbruch, doch eine empfindliche Niederlage der Staatsanwaltschaft oder vielmehr derer, die sie vorgeschickt hatten und von ihr mehr forderten, als sie leisten konnte. Das im Vergleich zur Anklage so magere Ergebnis des großen Prozesses ist für die Reaktion eine schmerzliche Eist- täuschung. Und zugleich ist es ein dicker Strich durch die Hetzreden der Dallwitz, Zedlitz, Arnim usw., die sich nun mit Bethmann Hollweg in die Blamage teilen können, vor der sie auch die neuen Ordensdekorationen, die sich am 22. Januar auf die Mannesbrüste der Jagow und Steinbrecht nieder- gesenkt haben, nicht retten. Alle Anstrengungen können jetzt nicht mehr verhindern, daß die deutschen Wähler den Schwindel des Moabit-Popanzes durchschauen und daß sie die verzweifelten Bemühungen der Reaktion, ihn auficcht- zucrhalten, nach ihrem wahren Wert erkennen. Es ist ja nicht anzunehmen, daß die edle Junkevschaft und ihre Ver- bündcten vor dem Urteil der Laienrichter mehr Respekt be- zeigen werden, als vor dem Urteil der gelehrten Richter, das sie, wenn nicht direkt, so doch deutlich gemig gescholten haben. Und wenn ein preußischer Polizeiminister sich nicht scheut, im Parlament Behauptungen aufzustellen, die den Feststellungen des Gerichtsurteils direkt ins Gesicht schlagen, und wenn er rücksichtslos die ehrenwertesten und einwand- frciesten Zeugen verdächtigt, weil sie ihm nickst passen und seine Polizei belasten, deren massenhafte Ausschreitungen und Amtsverbrechcn er unbesehen zu decken versucht, so können wir uns denken, wie die süßen Reichsverbandssöldlinge und die anderen„geistigen Kämpen" der Reaktion mit der Wahrheit umspringen werden. Aber das unsaubere Handwerk ist ihnen jetzt doch erheblich erschwert, die ungenierte Weise, wie sie gerichtliche Urteile aus der Welt zu schwatzen suchen werden, wird ihren Kredit bei manchem bislang gläubigen Zuhörer schädigen. Unsere Agitation aber hat eine neue Waffe erhalten. Der Schwurgerichtsprozeß hat daher das Werk des Stvafkammerprozesses vollendet, obwohl das Urteil hier wie dort nicht das Urteil ist, wie es die Arbeiterklasse gefällt hätte. Man kann von der Justiz des Klassenstaates billiger- weise nicht mehr verlangen, als sie verniinftigerweise leisten kann. Die Richter, die gelehrten wie die Laienrichter, können incht aus ihrer Haut, aus der Haut des Bourgeois heraus, sie können in Prozessen, in die der Kampf der Klassen, wenn auch nur sehr mittelliar hineinspielt— denn die Angeklagten beider Prozesse waren fast durckstveg keine Klassen- kämpfer und ihre Straftaten waren noch viel weniger Akte des Klassenkampfes—, die Richter unserer Zeit können in solck>en Prozessen nie aus ganz unparteiischen, von keinen Vorurteilen und Abneigungen getrübten Augen sehen. Deshalb ist die Urteilsbegründung der Lieberkammer, ist der Wahr- spruch der Geschworenen, so manckies darin steht, das wir ablehnen müssen, doch ein bemerkenswerter Erfolg der un- ermiidlichen, klugen Arbeit der Verteidigung, ein Erfolg für die Arbeiterbewegung, ein Mißerfolg ihrer Feinde. Die Geschworenen begründen ihr Urteil nicht, ihre Mei- nung über das Vorgehen der Polizei läßt sich nur aus ihrem Spruch mittelbar ableiten. Der Vorsitzende hat indes am Schluß in der Begründung der verhängten Strafen über das Verhalten der Polizeibeamten eine Bemerkung gemacht, die zu Anfang das niicderholt.»vas auch im Strafkammerurteil steht, in der Angabe über die polizeilichen Exzesse aber etwas milder lautet, als das Urteil der Kammer Lieber. Indes, wenn das als eine Differenz zwischen beiden Urteilen aufge- faßt werden sollte, so hätte die Kammer Lieber die umfang. reichere, gründlichere Beweisaufnahme für sich. Eine solche Differenz besteht aber nicht einmal, Landgerichtsdirektor Unger hat sich lediglich mit der Frage, in welchem Umfange die polizeilichen Ausschreitungen stattgefunden haben, in seiner Bemerkung nickst weiter beschäftigt. In seiner Rechts- belehrung hat er das sckstirfste Wort gesprochen, das wohl je über polizeiliche Amtsverbrechen gefallen ist, als er im Falle Hermann einen wohlgezielten Revolverschuß auf die Polizei- lichen Mörder als berechtigte Notwehr qualifizierte. In seiner Schlußerklärung hat er diese Bemerkung nicht zurück- genommen noch eingeschränkt, sondern sie lediglich gegen Miß- deutungen geschützt. Der Fall Hermann ist nun aber nicht vereinzelt in den Unruhetagen von Moabit, eine Legion anderer Fälle liegt ebenso, nur daß die Folgen der Polizei- lichen Brutalität nicht so furchtbar waren, wie im Falte Her- mann. Damit wollen wir nicht sagen, daß wir das Rezept des Herrn Landgerichtsdirektors unbedingt empfehlen können, bei der preußischen Justiz möchten wir keinerlei Garantie dafür übernehmen, daß im konkreten Fall die Ge- richte berechtigte Notwehr anerkennen. Theoretisch stimmt die Sache, aber mit der Praxis dürfte es arg hapern. Doch auf alle Fälle ist das Wort des Landgerichtsdirektors zum Falle Hermann ein bemerkenswertes Eingeständnis. Wenn ein Richter anerkennt, daß ein Bürger bcrechttgt ge- Wesen wäre. Polizeibeamte niederzuschießen, weil er sich in Notwehr befunden hätte, so ist das ein vernichtendes Urteil über unser Polizeisystem, mag Herr Unger es so gemeint haben oder nicht. Und so wird es wirken, wird der ganze Schwurgerichtsprozeß wirken. Expedition: 653. 68, Lindenstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. tS8I. Des sind wir gewiß. Und mit fester Zuversicht gehen wir darum an die Arbeit, die das Wahljahr� uns beschert. Der Moabiter Spuk ist verflogen und unsere Feinde stehen vor dem Nichts— wir aber vor der Ernte! «Dg» vor der Wahrheit. Furcht und nichts anderes ist der Grund, wenn die preußische Regierung erklärt, es beständen„Bedenken", einem Antrage des Abgeordnetenhauses stattzugeben, Furcht vor dem Bekanntwerden der idyllischen Zustände, die, was die Löhne der Arbeiter anbetrifft, in dem Betriebe der StaatSeisenbahn herrschen. Am 15. Juni vorigen JahreS beschloß das Dreiklassen- Parlament: „Die Königliche Staatsrcgierung zu ersuchen, im Bericht über die Ergebnisse des Betriebs der Staatseisenbahnen die statistischen Nachweise über die Löhne der Handwerker und Ar- beiter dahin zu erweitern, daß aus denselben ersichtlich sind die in den Eisenbahndirektionsbezirken verdienten reinen Arbeits- löhne(mit Ausschluß der Belohnungen usw.) 1. für Kolonnen- führer, 2. für eigentliche Handwerker, 3. für handwerksmäßig ausgebildete Arbeiter, 4. für Hilfsarbeiter in Werkstätten, 5. für Betriedsorbeiter. 6. für Güterbodenarbeiter und 7. für Bahn» Unterhaltungsarbeiter." Anstatt die Gelegenheit beim Schöpfe zu ergreifen, ihre viel- gepriesene Arbeiterfreundlichkeit auch dem ärgsten„Nörgler" zahlenmäßig und im einzelnen vorzudcmonstriercn, verschanzt sie sich hinter„Bedenken", Bedenken, von denen bei den Beratungen über die Moabitprozesse nichts zu merken war. Hier sind sie: „Die Angümcsscnheit der Arbeitc-rlöhne läßt sich nur unter Vergleichung dns wirklichen Lohneinkommens des einzcknen Ar- beiters mit seiner Tätigkeit und den allgemeinen Lohnverhält- nissen am Orte seiner Beschäftigung prüfen.. Durchschnittslöhne für größere Bezirke lassen einen Rückschluß auf die Angemessen» heit der Löhne im einzclivn nicht zu, zumal wenn die Bezirke in sich so ungleichartig sind, wie es bei einem großen Teile der DirektionSbczirke der Fall ist Die im BetricbSberichte bislang veröffentlichte Lohnstatistik soll auch nur einen U eberblick über die allmähliche Entwickclung der Löhne im ganzen g'währen. Der- artige statistische Angaben verlieren an Zuverlässigkeit, je mehr sie in di« Einzelheiten zerlegt werden. Auch die gewünschten Angaben über die Durchschnittslöhne in den DirektionSbezirken sind infolge des geringeren statistischen Zahlenmaterials größeren zu. fälligen Schlvonkungen unterworfen und daher unter Umständen geradezu irreführend. Eine andere Klasseneinteilung würde den Zusammenhang mit der Vergangenheit beseitigen, die Zuver. lässigkeit des statistischen Materials aber beeinträchtigen. Die Ausschaltung der den Arbeitern gewährten Belohnungen aus der Statistik würde eine erhebliche Mehrarbeit verursachen, dos Er» gebnis aber höchstens in der zweiten Dezimale beeinflussen." Wären die geltend gemachten„Bedenken" nicht so vertoünscht gescheit, man wäre versucht, sie herzlich dumm zu nennen. Denn klarer, als es durch diese„Bedenken" geschieht, konnte die Regierung nicht verraten, daß die Löhne der einzelnen Arbeiter das Licht der Oeffentlichkeit gu scheuen haben, daß ihr Be, kanntwerden den Nimbus der Arbeitcrfreundlichkeit gerstören würde, den sie nicht zuletzt sich selbst ums Haupt gewoben. Aus diesem Grunde will sie auch verhüten, daß irgend jemand in die Lage kommt, zu prüfen, ob die Löhne den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen angemessen sind. Die Staatsräson erfordert eS, daß die Löhne der einzelnen Staatsarbeiter Staatsgeheimnis bleiben. Die Regierung weiß, was sie tut. wenn sie sich weigert, das sorgsam gehütete Geheimnis profanen Blicken preiszugeben. Ja, wenn die Landstube noch sozialistenrein wäre! Aber heute? Nimmermehr! Heute mutz es genügen, wenn die Berichte„einen Ueberblick über die allmähliche EntWickelung der Löhne un ganzen gewähren". Die EntWickelung der Löhne ist in der Tat eine recht allmähliche. Dem„Bericht über die Ergebnisse des Betriebs der vereinigten preußischen und hessischen Staatseiscnbahnen im Rechnungsjahre 1909" zufolge, haben es die Hilfskräfte im unteren BahnbcwachungS- und Bahnunterhaltungsdienst, die Schranken- Wärter und Schreibgehilfen für Bahnmeister im Jahre 1999 glück- lich im Gesamtdurchschnitt auf 2,52 M. gebracht, zwei ReichSpfennige mehr als im Jahre zuvor. Die Hilfskräfte im Lokomotiv-, Maschinen- und Wagcnmcisterdienst errafften 2,99 Mark, die Hilfsschaffner und Hilfswagemvärter 2,73 M., also je zwei Pfennige mehr als im Jahre zuvor. Die(91 434) Bahnunter-' Haltungsarbeiter mit Einschluß der Hilfsrottenführer und der Ar- beiter der Oberbau- und Baumaterialienmagasine, der KieS- gewinnungSarbeiter, der TelegraphenuntcrhaltungSarbeiter und der Arbeiter bei den EchwellcntränkungSanstalten erhielten schon vier Pfennige mehr und brachten es auf 2,75 M. für den Tag. Die höchste Steigerung des Lohnes hatten die Hilfskräfte im inneren Dienst, sowie nichttechnische Burcaugehilfcn usw. zu verzeichnen. nämlich zehn Pfennig für den Tag. während die handwerksmäßig ausgebildeten Werkstättenarbeiter leer ausgingen. Im Gesamt- durchschnitt sämtlicher Klassen von„Bediensteten"(469970) stieg der Lohn für ein Tagwerk um fünf Pfennig auf 3,29 M. für den Tag. Blutige Wahrheit war es, als im November vorigen Jahres in einer Staatsarbeiterversammlung in Magdeburg ein Redner ausführte:„Weniger gelbe Knöpfe, aber mehr Lohn müsse die Parole sein." Wo bleibt denn angesichts solcher fast hundsföttisch zu nennenden Bezahlung das„volle Verständnis" der Eifenbahnvcrwaltung für die Lage der Angestellten, und ihr „Bemühen", diese Lage zu„verbesser«"? Ist diese unzulängliche Bezahlung der Erfolg der„dauernden Aufmerksamkeit", die nach der Versicherung des Eisenbahnministers die Eifenbahnverwaltung der Lohnfrage schenkt Z Dumme Fraget Hat nicht der Minister. at« et tan Sei» Bemüheii, 5fc Tage zu Seffern, Msch� einschränkend zugefügt,„soweit es möglich ist". Mehr war eben nicht möglich. trotz deZ Mehrüberschusses von 145 Millionen und des Reinüber- schusses von 133.5 Millionen Mark. Deshalb muhten auch die mehr als zweihunderttausend Handivcrker und Arbeiter im Betriebe der Sraatsetsenbahn mit einer„EntWickelung der Löhne" fürlieb nehmen, die in ihrer Gesamtheit bei weitem nicht an die Erhöhung der Zivilliste heranreicht. Doch ein Trost ist den emsigen Staatsbienen geblieben:„Um die treuen Dienste der Arbeiter," so heiht es in dem Bericht,«die bereits viele Jahre hindurch bei der Verwaltung beschäftigt werden. noch mehr als bisher anzuerkennen, sind mit Wirkung vom 13. März 1310 die Belohnungen unter Beibehaltung deS für eine Llljährige Beschäftigung vorgesehenen Betrages wie folgt erhöht worden." Und dann wird der Segen aufgezählt: für 25-, 30-, 34- und 40jährige Beschäftigung wird jetzt je 2v M. mehr als Belohnung gezahlt, also 50, 60, 80 und 100 M.; für 45jährige anstatt 100 M. 200 M. und für 50jährige anstatt 150 M. 300 M. Weih die Regierung wirklich nicht. daß der Sinn der Staatsarbciter nicht auf Belohnung, sondern auf bessere Bezahlung gerichtet ist? Ferner auf Anerkennung ihrer staatsbürgerlichen Rechte? Und daß sie nichts so sehr empört, als wenn die Verwaltung ihre Rase in Dinge hineinsteckt, die aus- schliesslich Privatsache der Arbeiter sind? Nicht nur die Lohnverhältnisse lassen in den Betrieben der StaatScisenbahn zu wünschen übrig, auch die Dauer der Arbeit. 54504.Bedienstete" mutzten, nach Abzug der planmässigen Dienst- Pausen von mindestens Vi Stunde, täglich über 10— 11 Stunden, 22 804 über 11—12 Stunden. 2249 über 13—13 Stunden. 389 über 13—14 Stunden und 56 über 14—1» Stunden sich abrackern. Da wird eS begreiflich, wenn von den 270750 gegen Krankheit versicher- tcn„Bediensteten" 95 593 erkrankten. Hätte die Eisenbahnvcrwaltung wirklich„Volles Verständnis" für die Lage der Angestellten und würde sie dementsprechend han- dein: fürwahr es stände besser um die PariaS der Junkerregierung »ind diese würde keine Veranlassung haben,„Bedenken" zu tragen, Aass die Bedenklichkeit der Zustände in den Musterbetrieben zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelange. Sei' ßankrott der„deuttcljen Invanon". Aus London wird uns geschrieben: In den Volksschichten, die die eigentlichen Träger der Auswärtigen Politik Großbritanniens sind, stehen sich zwei Schulen gegenüber: die Befürworter der Verteidigungspolitik und die Befürworter der Angriffspolitkk. Die ersteren legen das größte Gewicht auf den Besitz einer unüberwindlichen Flotte, die das Land nicht allein vor einem Einfall schützt, isondern Großbritannien auch zu einem höchst begehrenswerten Bundesgenossen macht und dadurch seine Machtstellung in der Welt befestigst Sie behaupten, daß ein großes stehendes Heer nach dem Muster der kontinentalen Heere für Groß- ibritannien ein unnützer Luxus sei: auch das gewaltigste Heer könne das Jnselreich nicht vor dem Untergange schützen, sollte es einem Feinde gelingen, die englische Flotte zu vernichten: die siegreiche feindliche Flotte brauchte nur vor den Toren zu warten, bis das Land ausgehungert worden sei. Diese Schule wird im großen und ganzen mit der liberalen Partei, der Vertreterin der Handels- und Exportinteressen, identifiziert. Tie zweite Schule betont nicht allein die Aufrechterhaltung einer unüberwindlichen Flotte, sondern verlangt auch stür- misch nach einem großen Heere und Einführung der allge- meinen Wehrpflicht. Sie befürwortet die Einmischung in die Politik des europäischen Festlandes und erblickt in der großen militärischen Streitmacht ein Mittel zur Führung festländischer Kriege. Das Sprachrohr dieser Sckmle ist der aus dem Burenkriege bekannte General Roberts und ihre Anhänger find in der konservativen Partei zu suchen. Wie diese militärische Schule in den letzten Jahren das englische Volk in beständiger Aufregung gehalten hat, dürfte noch in aller Erinnerung sein. Um für ihre Ideen Propa- ganda zu machen, durfte sie es nicht wagen, dem Volke ihre wahren Absichten vorzulegen: denn die große Masse des eng- lischen Volkes ist ebenso friedliebend und verspürt ebenso wenig Lust, den Nachbar anzugreifen, wie die große Mehr- heit des deutschen Volkes, das ja der Feind sein soll. Man griff daher zu dem Bismarckschen Rezept und suchte dem Volk Angst einzujagen. Man sprach von dem verteidigungs- losen Zustande deS Landes, der großen bevorstehenden Ge- fahr einer Landung deutscher Truppen, von der Katastrophe, die dem Lande drohe,„sobald die verfluchten Schufte einma! die Nase ins Land gesteckt hätten", wie sich ein alter choleri- scher hoher Militär in eleganter Weise ausdrückte. WaS nützen euch dann oure politischen Freiheiten? so hieß es. Was eure Sozialpolitik? Glaubt ihr, die Alterspensionen würden dann weiter ausbezahlt werden? Gin alter abgedankter Admiral, dem das schwer zu bewegende englische Volk nicht 'schnell genug toll wurde, rief aus:„Unsere Leute werden erst daran glauben, wenn sie die preußischen Bajonette im Bauch fühlen!" Diese systematisch betriebene Verhetzung, die aus jedem Worte eines wahnwitzigen Alldeutschen neue Nahrung sog, übte eine tiefe Wirkung auf die Geniüter aus und trug nicht wenig dazu bei, den Argwohn zwischen den beiden großen Kulturvölkern zu vermehren, der sowieso schon von den interessierten Kreisen genügend sorgsam gepflegt wird. Die aggresive Schule hat nun in den letzten Tagen einen wuchtigen Schlag erhalten, vor dem sie zurücktaumelte. Der Mann, der ihr diesen Schlag versetzt hat, ist kein geringerer als der Erste Seelord, Sir A. K. Wilson, anerkanntermaßen der weitaus größte Stratege, den England besitzt. Kein anderer englischer Seeoffizier kann auch nur annähernd die vielseitige Erfahrung und Fähigkeit beanspruchen, die dieser angesehene Offizier nach dem Zeugnis aller seiner Kollegen besitzt. Sir Ä. K. Wilson hat einen Anhang zu einem Buche des Generals Sir Jan Hamilton, das sich gegen die Ein- führung der allgemeinen Wehrpflicht richtet, geschrieben, in dem er in knappen, klaren und überzeugenden Worten be- weist, daß der vielbesprochene Einfall feindlicher Truppm in England praktisch undurchführbar ist, selbst wenn der Feind nur 70 000 Mann zu landen versuchte. Die Ausführungen deS Admirals haben unter den An- hängern der militärischen Partei wie eine Bombe gewirkt. �ie haben niemand, der sich mit dem Ersten Seelord messen könnte, und können auch schwerlich zu dem Mittel greifen, einen Mann in Mißkredit zu bringen, den sie noch vor kurzem als den Ausbund aller Flottenweisheit gepriesen haben. Die Enttäuschung auf ihren Gesichtem ist denn auch deutlich wahr- zunehmen. Zwar versuchen sie einige schüchterne Erwiderun» gen: aber man kann zwischen den Zeilen lesen, daß sie sich be- wüßt sind, daß man ihnen eine scharfe Agitationswaffe aus der Hand geschlagen hat. Uebrigens haben die Militaristen ja selbst nie exnstlich an die Möglichkeit einer Invasion ge- glaM« Welchen Einfluß das Eingrelfen Wilsons, der in Eng- land eine ähnliche Autorität besitzt wie früher Moltke in Deutschland, auf die Stimmung im Volke und die innere Politik haben wird, ist noch gar nicht abzusehen. Eins steht jedoch fest: den Leuten, die das Volk systematisch verhetzt haben, die bei jeder Gelegcnlieit das Volk mit dem bevorstehenden Einfall der Deutschen geängstigt haben, ist das Handli'erk sehr schwer gemacht worden. DaS Phantom des säbelrasselnden deutschen Soldaten, der zum Sprunge nach England ausholt, verschwindet in der Bühnenversenkung. Be- freit von dem Alpdruck, werden auch die der chauvinistischen Verhetzung am leichtesten zugänglichen Kreise des englischen Volkes dem deutschen Vetter freimütig und ohne Argwohn entgegenkommen. Auch in der auswärtigen Politik kann dieser Umschwung nicht ohne Folgen bleiben. Nie war in den letzten Jahren die Zeit für eine deutsch-englische Aussprache, ja eine herzliche Entente gün- stiger alsheute. Die militaristische Partei hat eine große Schlappe erlitten. Mit jedem Tage wird es klarer, daß die konservative Partei, die sich mit ihr identifiziert, auf Jahre hinaus hoffnungslos desorganisiert ist und keine Re- gierung stellen könnte, sollte die Regierungsmehrheit in diesem oder dem nächsten Jahre anseinvnderfallen. Die Kreise, die hinter der liberalen englischen Regierung stehen, haben kein Interesse an einem Konflikt und sind bereit, sich mit Deutsch- land im nahen Osten aus dem Wege eines Vergleichs abzu- finden. Wird die deutsche Regierung den moralischen Mut finden, dem Drängen der Panzerplattenpatrioten und aller derer, die in der herrschenden Atmosphäre des Mißtrauens und des Argwohns ihr Schäfchen ins Trockene bringen, zu widerstehen oder werden die kommenden Reichstagswahlen erst der Regierung beweisen müssen, in welcher Richtung die lvahren Interessen des deutschen Volkes zu suchen sind? poUtilcbe GeberHcht Berlin, den 23. Januar 1911. Tas Abgeordnetenhaus und sein Präsident. Die Sitzung des Abgeordnetenhauses am Montag war eine Stunde spater als gewöhnlich angesetzt. Der Grund war der. daß die bürgerlichen Patteien zu der„Beleidigung" ihres Präsidenten durch den Genossen Hoffmann vom Freitag Stellung nehmen wollten. Sie einigten sich samt und sonders — einschließlich der fortschrittlichen Volks- p a r t e i— auf eine Erklänmg. die darin gipfelt, daß die dem Präsidenten widerfahrene Beschimpfung auf das nachdrücklichste zurückgewiesen werden müsse, zumal da die sozialdemokratische Fraktion das Verhalten des Abg. Hoffmann nicht mißbilligt habe. Die Erklärung war dem Präsidenten v. Kröcher vorher mit- Seteilt, und so gestattete er denn ihre Verlesung durch den 'bg. Stengel. Dagegen verwies er unseren Genossen Hirsch, der eine Gegenerklärung abgeben wollte, damit an den Schluß der Sitzung. Die Hoffnung der bürgerlichen Patteien. unsere Fraktion werde den Abg. Hoffmann fallen lasfen, erwies sich natürlich als trügettsch. Genosse Hirsch er- klärte vielmehr, daß seine Freunde das Verhalten des Abg. Hoffmann durchaus billigen, weil sie darin einen ge- botenen Akt der Selb st Verteidigung erblicken. dessen Schärfe stch auS einer in einem deutschen Parlament bisher noch nicht dagewesenen Herabwürdigung eines Abgeordneten und aus wiederholten Verletzungen der parlamen- tarischen Form seitens des Präsidenten Segen ihn und andere Mitglieder der sozial- emokratischen Fraktion erklärt. Welche Einzel- fälle unser Genosse dabei im Auge hatte, wird jeder wissen. der die Vorgänge im preußischen Abgeordnetenhaus« mit Auf- merksamkeit verfolgt hat. Einstweilen dürfte der Fall damit seine Erledigung gefunden haben. Wir werden abwarten, ob die Scharfmacher vielleicht wiederum die Geschäftsordnung verschlechtern. Von den Gegenständen, die auf der Tagesordnung standen, nahm den größten Teil der Sitzung die Beratung von An- trägen ein. die bereits die Budgetkommission beschäftigt haben und die schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche verlangen. Zwischen allen Patteien herrschte Uebereinstintmung dann, daß alles geschehen müsse, um die Verseuchung deS heimischen Viehstandes zu verhindern. Auch Genosse Hoffmann sprach sich in diesem Sinne aus, allerdings unter ausdrücklicher Verwahrung dagegen, daß etiva Maß- nahnicn ergriffen werden, die nur scheinbar der Ausrottung der Seuche dienen, während sie in Wirklichkeit die Nahrungsmittel desVolkeS verteuern und den Agrariern die Taschen füllen. Im übrigen wurden eine Reihe kleiner Etats meist debattelos genehniigt. Am Dienstag beginnt die Generaldebatte zum Etat der landwitt- schaftlichen Verwaltung._ Preußische Polizei. Die Moabiter Prozeßverhandlungen haben in Len letzten Wochen verschiedene konservative und liberale Blätter zur Aufwerfung der Frage bestimmt:„WeShalb ist unsere Polizei so unbeliebt?" Die reaktionären Blätter kommen natürlich durchweg zu dem Ergebnis, daß die Schuld ausschließlich beim Publikum liegt, das noch immer nicht ge- lernt habe, die Ordnung und den Gehorsam gegen staatliche und kommunale Gesehe als Grundpfeiler des Staatswesens u scksiitzen und in dem Schutzmanne lediglich den wohlwollen- en Hüter dieser heiligen Staatsordnung zu erblicken. Gegen derattiges Geschwätz zu polemisieren, lohnt sich nicht der Mühe. Etwas tiefer hat die Ursache der sogenannten Polizei- feindlichen Gesinnung ein Polizeifachmann erkannt, der sich m der„Rheim-Westf. Ztg." folgendermaßen äußert: Der Unteroffizier in der Polizei, der in ihr herrschende „ÜnteroffizierSton" und UnteroffizierS-Geist ist eS, dem wir die Feindschaft verdanken, die die Bevölkerung der Polizei entgegenbttngt. Er. der„Unteroffizier", hat die Kluft geschaffen, die Polizei und Volk trennt. Zunächst ist fest- zustellen, daß der deutsche exekutive Polizeikörper zu etwa 9» Proz. aus ehemaligen Unteroffizieren be- steht. DieS gilt auch, mit einiger Einschränkung, von den oberen Beamten(Polizel-Jnfpektoren und-Kommissaren) der Gemeindepolizei. Bei den oberen Beamten der staatlichen Polizei sind Offiziere, Juttsten und Reserveoffiziere häufiger vertreten. Der Unteroffizier ist nun durch seine Exerziertätig- keit— das ihm obliegende„Dreffurgefchäft"— fast in allen Volkskreisen wenig beliebt. Offiziere und Mannschaften sind jedenfalls weit volkstümlicher. Der Dienst- ton im Heere ist hatt, rauh, befehlshaberisch. Der Träger dieses Tons aber ist vorzugsweise der Unteroffizier, Nach aenau vül-, Fizeichnelekt Richillmekt lfa! ft zu fjdnSelft gelefiif. SfMiWf/ energisch, blind gehorchend und von seinen Untergebenen blinden Gehorsam verlangend, die gegebenen Vorschriften buchstäblich befolgend,— dahin mußte er sich entwickeln, um als tüchtiger Unteroffizier dazustehen.--:.. Als solcher verläßt er nun die Truppe, um Polizeibeamter zu werden. Alles, was man im Heere bei ihm lobte. gilt hier als verpönt. Er muß sich wandeln. Das ge- lingt aber wenigen,.da eS an einer längeren polizeilichen Schulung fehlt und man auch meistens zu alt ist. Der Unter- offizier wurzelt auch als Polizeibeamtcr im Heere, er liebt militärische Uniform, Waffen und Grade, besitzt auch das über Gebühr entwickelte militärische Ehrgefühl. Er fühlt sich als Herr, und reizt damit den Widerspruchsgeist der Massen. Die Schwierigkeiten deS Polizeidienstes find dem Unteroffizier in der Armee bekannt. Wenn er dennoch zur Polizei geht, so gehorcht er vielfach nur der Not. Man ist im Jrant- dienste aufgegangen, der die Zeit zu einer Fortbildung nicht immer finden lieh. Vielleicht man auch zu sorglos, um sich Bureaukenntnissen zu widmen. Auf einmal war der Zeitpunkt des Ausscheidens da. Man muhte gehen! Aber wohin? Steuer. Post. Eisenbahn. Verwaltung stellen hohe Anforderungen. Diese Behörden wehren sich gegen die Militäranwärter. Unterkommen will man aber, sogehtmanschliessltchzurPolizei.... ES muh also festgestellt werden, daß von den zahlreichen Unteroffizieren, die alljährlich die Arme« verlassen, dergröhte und bessere Teil zur Verwaltung, Post. Steuer. Eisenbahn usw. geht, dir zweite Qualität als Sergeanten und Schutzleute zur Polizei gelangt. Die Bedeutung der Polizei für das Staats- wohl ist aber sehr groß und steigert sich täglich. Die Polizei ist der gewaltige Regulator unsere» gesamten, vielverzweigten, öffentlichen Leben?. Jede» Jahr weist ihr 40 neue Gesetze zur Durchführung zu— eine Tätigkeit, die umfassende Bildung, Takt und Kenntnis deS Vollsempfindens verlangt. Diese Tätig- keit auszuüben. istderehemaligeUnterofftziermit seinem militärischen Geiste und Ton«, seiner lückenhaften Bildung und seiner vielfach mangelhaften Beanlagung außerstande, selbst wenn die besten Elemente, und nicht— die zweite Qualität zur Polizei gelangten." Der Polizeifachmann der„Rhein.-Westf. Ztg." hat nicht so unrecht: aber der U n t e r o f f i z i e r s t o n, die l ü ck e n- hafte Bildung— in vielen Fällen kann man von dritter Qualität sprechen— erklären nicht allein den Haß der Bevölkerung gegen die Polizei. Hinzu kommt, daß das reaktionäre preußische Regiment in der Polizei das„gott- gegebene" Instrument erblickt, jedes Streben der ärmeren Volksschichteu nach größeren politischen Rechten-und nach Ver- besserung ihrer Lebenslage gewaltsam niederzuhalten und daß tatsächlich vielfach die Polizei zu einem gefügigen, blinden und brutalen Werkzeug dieses Machtwillens der herrschenden Kaste geworden ist. Ei« Ordensrcgea hat sich jetzt auch über diejenigen ergossen, die nur mittelbar an dem glorreichen Feldzuge in Moabit beteiligt waren. Als direkt Be» teiligter kommt nur der Berliner Polizeipräsident v. I a g o w in Betracht. Nach der Ordensdekoration der Schutzleute und Leutnants konnte ja auch seinem Verdienste der Lohn nicht vorenthalte» werden. Ob freilich der ihm verliehene Orden hinreicht, die bösen Nasenstüber auszugleichen, die ihm die beiden Moabiter Prozesse verabfolgt haben, dürfte sehr fraglich sein. Auch Herr Steiubr echt, öer Urheber der klassischen Anklageschrift, hat seinen Orden bekommen. Nach den argen Rüffeln, die dem unglückseligen Strategen wegen seines ja freilich hervorragenden Un- und MissgeschickeS von der Scharfmacherpresse zuteil geworden find. war dieser Trost in der Tat auch sehr vonnöten. Auch O k t a v i o v. Zedlitz hat seinen Orden weg, der ihm nicht minder zu gönnen ist, als den Steinbrrcht und Jagow. Hot sein staaiserhaltender Eiser. der ihn bei der Etatsdebatte deS Abgeordnetenhauses bis zur moralischen Selbstpreisgabe trieb und der ihm eine so saftige Abfuhr eintrug, doch ein SchmerzenSpflästerchen verdient.— Auch Herr Dr. Friedberg, dessen gequälter ManneS- brüst fich bei der Etatsdebatte so sehnsüchtige Sammlungsrufe entrangen, kann diese Heldenbrust jetzt mit dem Kronenorde» schmücken. Auch Herr Peter Spahn, der Präsident der regierenden Mehrheit ist nicht ohne Knopslochzierde davongekommen, ebensowenig wie der bewährte„freisinnige" Scharfiiiocher M u g d a n. Spärlich nur sind bei dem Ordenölegen die„Vettreter von Handel und Industrie" bedacht worden. Ihre.staatSerhaltend«" Ge- sinnung ist wohl nicht über allen Verdacht erhaben. Die nationalltberale Stichwahlpnrole. Verwandte Seelen finden sich zu Wasser und zu Land. Je nähtr die ReichstagSwahlen heranrücken, desto näher rucken die Nationalliberalen und Konservativen zusammen. Mit Sicherheit ist deshalb darauf zu rechnen, dah so ziemlich überall, wo ein Kon- servativer mit einem Sozialdemokraten oder einem LinkSliberalcn demokratischer Färbung in die Stichwahl kommen wird, die natio- nalliberalen Parteileiter die Stichwahlparole ausgeben werden: „Stimmt für den Konservativen!" Die„Magddk Zeitung" kündigt, voreilig, wie sie ist, bereit? in einem„Zur Klärung" überschriebenen Leitartikel an. daß es die hohe Pflicht de» echten deutschen Liberalismus ist, überall, wo Konser- vative und Sozialdemokraten in der Stichwahl stehen, den konser» vativen Kandidaten herauszuhauen. Das Blatt schreibt: Theoretisch wäre die gesunde Kampfordnung für die libe- ralen Wähler mit drei Fronten: gegen die Sozialdemokratie� gegen das Zentrum, gegen die Konservativen. In wenigen Wahlkreisen— wenn überhaupt— wird sich aber die schöne Theorie in die Praxis umsetzen lassen. Leider ist fast nirgends die liberale Wählerschaft so stark, um aus eigener Macht mit allen drei Gegnern abrechnen zu können. Und so wird sie auf die Stichwahl angewiesen sein und dort aktiv oder passiv die Wahl entscheiden helfen. Hierbei kommt nun die GewissenSfrage: Wer ist von meinen drei Gegnern der mir trotz allem am nächsten stehende? Die bisher bekannt gewordenen— sei eS, beabsichtigten, fei eS. schon geschlossenen Stichwahlabkommen— zeugen vo« einer unbegreiflichen Kurzsichtigkeit. Mag vorgekommen sein, was will— der bürgerliche Kandi- bat, also der Konservative, steht näher dem Liberalismus, wie Ultramoutaner und Sozialdemokrat und muß in der Stich» wahl gewählt werden. Ohne Zweifel wird das bei dem gegenwärtigen Schuldkonto der Konservativen auch recht gemässigt Liberalen nicht leicht fallen, aber reines Vergnügen hat eine politische Wahl noch nie bereitet. Die Wahl ist auch nicht zum Vergnügen da, sondern eine ernste Handlung«inschneidendster und weittragendster Be- deutung.... Welche Partei das tut leinen Sozialdemokraten unterstützt), vergiftet die noch gesunden politischen Be- griffe unseres Volkes vollends. Ju dem kommen- den Wahlkampf wird nicht siegen, wer die meisten Mandate er* ringt, snodern wer vor den vgen de» Bolke» besieht qlS in sich ge, festsgie Parker. Nicht abhängig von blinder Leidenschaft, nicht buhlend um dis Gunst der Masse, nicht die Zeitumstände in skrupellosem Egoismus ausnutzend, nicht schachernd um ein paar Mandate. Wie die Nationalliberalen stimmen sollen, wenn ein Sozial- Demokrat mit einem Ultramontanen in die Stichwahl kommt, ver- rät die„Magdeb. Ztg." noch nicht. Bald wird sie jedoch entdeckt haben, daß auch in solchem Fall die vaterländische Pflicht die Unterstützung des Gegners der Roten gebietet. Ter Zweck des Kampfes gegen die freie Jugend- bewegung. In der.Deutschen Tageszeitung" beklagt ein Adept der Oertel- schen Schule, daß zwischen der Schule und der Kaserne eine Zeit liege, in der die heranwachsende Jugend»der Zügel ledig" sei. Er meint: .Kein Boll Europas, kein Kulturvolk der Welt tut so wenig für die Heranwachsenden wie das deutsche. Wir. die Erfinder der allgemeinen Wehrpflicht, wir. die strengsten Durch- führer der allgemeinen Schulpflicht, scheren uns den Kuckuck darum, was die Objekte unserer nationalen Trziehungs- kunst zwischen der Schule und dem Heere treiben. Beim Kommifi fassen wir fie hart an. beugen sie unter feste Sotdatenzuckn, lassen ihnen, der Disziplin wegen, nur einen kleinen Teil s!!> des eigenen Willens. Borher aber gönnen wir ihnen bedingunglos jede Freiheit. Dem Zwanzigjährigen ist verboten, was der Fünf- zehnjährige sich lachend gestalien darf. Dies nennen wir Folge- richligkeit, und wir rühmen fie vor Fremden gern. Derselbe Fremde weiß indes, dag junge Burschen, die schon einmal aller Zügel ledig gewesen sind, nur knirschend wieder Ge- horsam üben. Dah ein Unreifer. dem bereits alle Laster der Erwachsenelt offenbart und gestattet worden sind, nie mehr in einen naiv aufrechten Jüngling zurück- verwandelt werden kann. Wie soll da« Heer gut machen, was Kneipe. Tanzböden, Gtratze ausgiebig verdorben haben? Wenn sich die Klagen über schlechtes Material, das besonders aus den Krotz- stödten zum Militär kommt, bedrohlich häufen, wen darfS Wunder nehmen?" Der ist wenigstens offen: Er verlangt Gehorsam, nicht den �knirschenden", sondern den des Leibeigenen. Alles Greinen der .Jugendfreunde" über den.enisittlichcnden" Einfluß der freien Jugendbewegimg ist verlogene und widerliche Heuchelei— man will unbedingte Zucht und Gehorsam, tiefste Devotion vor den»Edelsten und Besten"._ Politik der Nadelstiche. Auf eine Beschwerde des polnischen Komitees für Volksvorträge in Posen hat das preußische Oberverwoltungsgericht als höchste Instanz vor einigen Tagen eiitichieden, daß unter den Z 12 deS ReichSvereiiiSgefetzeS nur die öffentlichen Versammlungen fallen, die unmittelbar bezwecke», aus politische Angelegenheiten Einfluß aus- zuüben. Dogegen ist eS erlaubt, öffentliche Versammlungen in polnischer Sprache zu veranstalten, dt« BildungSzwecke verfolgen. Seit dieser Entscheidung finden in Posen Versammlungen zu Bildungszivecken ungehindert statt. WaS in Posen gilt, braucht natürlich in Oberschlesien nicht beachtet zu werden l Als vor einigen Tagen in Kattowitz ein öffentlicher Lichtbildervortrag in polnischer Sprache angekündigt war, löst« ein Pvlizeikommissar gleich naiti Eröffnung die Beriammlung wegen de« Gebrauchs der polnischen Sprache aus. Der vorfitzende de« Kattowitzer KonüleeS für polnische Volksvorträge, der polnische Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Seyda, ließ der Kattowitzer Polizei vor der betreffenden Versammlung die Abschrift de« Urteils des Oberverwaltungsgerichtö zugeben; die Polizei setzte sich aber trotzdem auf Grund eines Ukas des Regierungspräsidenten in Oppeln über jene Entscheidung hinweg. Herr v. Jagow und der Band der Jestbesoldeten. Vom Vorstand deS.Bundes der Festbesoldeten" ist beim Polizei- Präsidenten v. Jagow angefragt worden, ob es den Tatsachen entspreche, daß er den ihm unterstellten Beamten den Beitritt zum Bund untersagt habe. Herr v. Jagow antwortete, daß er den Bei- tritt nicht untersagt, sondern nur als.zur Zeit nicht empfehlenswert' bezeichnet habe. Das Schreiben des Polizei- Präsidenten schließt: .Die in dem dorsigen Schreiben enthaltenen Vorwürfe, daß ich durch diese Maßregel meine Beamten.politisch entrechtet" und .logischerweise" genötigt habe,.polilisch die Sozialdemokratie zu unterstützen", weise ich als unbegründet und ungehörig sowie al« eine Beleidigung aller dem Bunde nicht angehörenden Beamten hiermit auf das EiUschiedenste zurück." Diese Entrüstung ändert nicht« an dem Faktum, daß der Polizeipräsident seinen Beamten den Beitritt zu einer Organisation verbietet, die eö sich zur Aufgabe gemacht hat, die Jiuereffen der Beamten zu vertreten._ Tie„anständige" konservative Presse. Herr Oberst a. D. Gädke schreibt uns: „In Ihrer Nummer vom 21. Januar besprechen Sie in Ihrem Leitartikel den„Anschlag auf die anständige Presse". Sie er- wähnen dort, daß die„Deutsche Tageszeitung" mit„pharisäischem Augenaufschlag" darauf verweise, daß die gegen sie angestrengten Beleidigungsklagen jedesmal im Sande verlaufen seien. Die„Deutsche Tageszeitung" hat in der Tat ein außer- ordentlich kurzes Gedächtnis. Ich habe sie vor knapp zwei Jahren ivegen Beleidigung verklagt, weil sie mich einen„Lob- preis« de« Königsmordes" genannt Halle. Sie wurde in der ersten Instanz zu 600 M. Geldstrafe verurteilt und mußte sich in der zweiten Instanz bequemen, ihre Beleidigung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückzunehmen und die Kosten des Ver- fahrenS zu tragen. Auch jetzt bin ich wieder dabei, zwei konservative Zeitungen durch den Richter zu größerem Anstände erziehen zu lassen. In der Presse keiner anderen Partei wird mit so nichtswürdigen Mitteln persönlicher Beschimpfung und Verleumdung gearbeitet wie in der sogenannten staatSerhaUenden Presse. Ich erfahre das fost täglich am eigenen Leibe." Sieuerdriickebergerei mit behördlicher Hilfe? Eine befremdliwe Behauplung stellte in einem in Augsburg ge- haltenen Vortrage der Syndikus des Bayeriickicn Industriellen- Verbände» Dr. Kuhla auf. indem er sagte, im Finanzministerium zeige man selbst den Leuten den Weg. wie sie um eine höhere Be- steuerung herumkommen. DaS sei gewiß nicht im Geiste deS Gesetzes gelegen. DaS bayerische Finanzministerium wird nicht umhin können, sich hierzu zu äußern. Wie der„Bayer. Kurier" schreibt, gehen»>, München tatsächlich solche Mitleilimgen um. Besonders werden dre RückversicherungS-Gesellichaft und KathreinerS Malztaffee-Gesell ichaft al« solche genannt, die durch Steuerkouzessiouen de« Finanzministerium« bewogen worden seien. in Bayern zu bleiben. ES wird iogar behauptet, daß beide unter den neuen bayerischen Steuergesetze» weniger zahlen als bisher. Zum Studentenstreit in Hannover. . Da die Reise de» Direktors der Tierärztlichen Hochschule, des GehrimraiS Dammau. nach Berlin zum Minister für Landwirtschast in Sachen de« StudentenstreikS ohne Erfolg geblieben lst, beschlossen die Studenten heute vormittag, ihrerseits eilte Deputation an den Minister für Landwirtschaft zu senden, um die Erfüllung ihrer Wünsche zu erreichen. Auch sollen die Hannoverschen Landtags- abgeordneten ersucht werden, für die streilenden Studenten«inzu« treten. Eine weitere Deputation soll sich zum Stadldirestyr Tramm begeben, um diesen zur Intervention zu veranlassen. I« nach Erfolg dieser Schritte wird die Studentenschaft in den nächsten Tagen be- schließen, ob sie im Streik beharren oder den Besuch der Vorlesungen wieder aufnehmen soll._ Dr. v. Jazdzetvski. Abg. Dr. v. Jazdzewski sPole) ist heute vormittag 10'/z Uhr im Abgeordnelenhauie plötzlich an Herzschlag gestorben. Kurz vor dem angesetzten Ternii» zu einer Fraktionssitzung. etwa 10 Minuten nach 1V Uhr, als erst drei Mitglieder der polnischen Frakiiou sich im SitzungSsaale eingefunden hatten, erkrankte er plötzlich tiiiier«ymptonien von Schlaganfall. Das Mitglied der polnischen Fraktion, Pfarrer Kapitza, erteilte dem Sterbenden die Absolution, der unmittelbar darauf verschied. Ein Gewaltakt. Die Mandate der sechs in Haynau in Schlesien ge- lvählten sozialdemokratischen Stadtverordneten wurden vom Bezirksausschuh für ungültig erklärt; von den Gegnern, die gegen die Wahl Protest erhoben hatten, waren grobe V e r st ö ß e begangen worden. Eine Jnnungsgröhe. Geradezu Unglaubliches enthüllt« eine Verhandlung vor der Strafkammer in G l o g a u. Angeklagt war der Obermeister der Fleiicherinuung zu Nem'alz a. O. Reckzeh wegen Nahrungsmittel- sälichung. Er betreibt die Fleischerei seit 22 Jahren auSichlietzlich mit Lehrlingen. Ein von ihm schwer mißhandelter Lehrling er- -stattete Anzeige, daß sein Meister verdorbene Wurst verkaufe und verdorbenes Fleisch zu Wurst verarbeite. Bei einer polizeilichen Revision wurden unter dem Ladentisch vollständig mit Moden durchsetzte Lungenbraten und viele hundert verdorbene Würste gefunden.— Trotzdem der Angeklagte in der Verhandlung durch die Zeugen schwer belastet wurde, leugnete er alleS. ES half aber nichts. Sr wurde wegen Nahrungsmittelfälschung zu sich» Monaten Gefängnis verurteilt. Iftonaco* Berfassuagsfragen. Monaco, 23. Januar. Eine von etwa 400 Wählern besuchte Versammlung sprach sich gestern gegen den vom Fürsten genehmigten Verfassungsentwurf au«. Insbesondere wurde gegen die Teilung deS Fürstentunis in drei Gemeinden und gegen die Ernchumg eines NationalrateS ohne wirkliche Regierungsgewall protestiert. Aegypten. Die Unterdrückung der Preßfreiheit. Kairo, 23. Januar. Der Vorsitzende der ägyptischen National- Partei. Mohammed Ferid, wurde wegen Veröffentlichung des Vorwortes zu einem aufrührerischen Gedicht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. LKina. Unruhen. Hattkou, 22. Januar. Die englische Polizei ließ einen Kuli, den sie todkrank ausfand, nach der Polizeistation bringen: der Kuli starb uulerwegS. Die Chineseil behaupten nun, die Polizei hätte den Kuli getötet, und es brachen infolge davon U n« ruhen au». Von dem englischen Kanonenboot„Tdistle" und dem deutschen Kanonenboot.Jaguar" wurden Freiwillige aufgerufen und DetochemeniS gelandet, die von der Menge mit Steinen beworfen wurden. In dem nun folgenden K a m p f wurden acht Chinesen getötet. Der Bizekönig entsandte darauf chinesische Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung. Die Lage, die zuerst ernst war, wurde bald wieder ruhiger. Die Berfassungöbewegung. Peking, 20. Januar. Die Session der beratenden Versammlung ist durch«in Edikt um zehn Tage verlängert worden, um die Prüfung der Geschäfte zu ennöglichen. Die beratende Versammlung hat eine sehr große Rolle gespielt und man sieht mit Spannung der Zeit entgegen, wo fie nicht mehr das Sprachrohr der Nation sein wird. Nach dem Schlüsse der Session werden die einzelnen Agitationskomitees wieder an Bedeutung gewinnen, und sie werden den Kampf um die Annahme der vierten Bittschrift, die eine sofortige Einberufung des Parlamentes will, wieder aufnehmen. Amerika. Die Befestigung des Panamakanals. New Dork, 22. Januar. In einer Ansprache an die Vertreter der Pennsylvaniagesevsckaft in New Aork erllärte Taft, die Ab- änderung des Abkommens zwischen den Bereinigten Staaten und England über den Panamakanal habe zum Zweck. daS Recht zur Befestigung deS Panamakanals wieder zu erlangen. Der Vertrag mit Panama enthalte ausdrücklich die Anerkennung dieses Rechtes. Keine einzige Nation, einschließlich England«, habe bei den Vereinigten Staaten ein Unvermögen angenommen, den Kanal zu befestigen. Tost berührte sodann den Vorschlag, den Kanal durch ein internationales Abkommen zu neutralisieren. und fragte: Nachdem wir SOO Millionen Dollar zur Verbesserung der nationalen Verteidigung ausgegeben haben, sollen wir auf den halben militärischen Wert de» Kanal« verzichten, indem wir den Vorteil davon einer Nation zukommen lassen, die uns zu ver- nichten sucht? Tost erklärte dann weiter: Gerade durch die Be- dingungen de« Vertrages mit England sind wir verpflichtet. den Kanal in gutem Zustande zu erhallen, als einen Durchgangs- weg für alle kriegführenden Parteien, solange wir nicht selbst in den Streit mit hineingezogen werden. Er gebe niemand in der Friedensliebe nach und schlage vor. wenn er die Zustimmung der betreffenden anderen Staaten erlangt habe. dem Senat SchiedsgerichtSverträge zu unterbreiten, die in ihren Bestimmungen weiter al« alle bisher ratifizierten und weiter al« alle jetzt zwischen irgendwelchen Nationen bestehenden Verträge gingen. Aber er könne sich nicht vor der Möglich. keit eine« Kriege« verschließen. Man habe die Zeit noch nicht erreicht, wo man aus Beilegung aller internationalen Streitig- leiten durch Schiedsspruch rechnen könne. Mexiko. Eine Niederlage der RegierungStruppen. New 2)orf, 23. Januar. Aus Prcsidio in Texas wird gemeldet, daß etwa hundert Mann mexikanischer Regierung s- t puppen in einen, zweitägigen Kampf mit den Nevolutio- n ä r e n bei Ojibinaga gefallen seien. Bus der Partei Ein sozialdemokratisch» OrtSschulzr wurde iiN A l b r e ch t S bei Suhl gewählt. Zwei Kandidaten er- Sielten e fünf Stimmen; das Los entschied für den Genossen niter. fDolfzedtdies, CerlchtfMtts uf». Ein verständiges Urteil. Vor dem Hamburger Schöffengericht hatte sich am Sonn« abend der verantwortliche Redakteur de«„Hamburger Echo", Ge- nosse Köpke, tvegen Beleidigung eines dortigen Bäckermeisters zu verantworten. Vor einiger Zeit hatte unser Hamburger Partei- blatt einer Zuschrift Raum gegeben, wonach dem weiblichen Per- sonal deS angeblich Beleidigten Schlafräume angewiesen waren, die menschenunwürdig seien. Außerdem wurde in der Notiz die Aufsichtsbehörde auf die ungesetzliche, von 5% Uhr morgens bis 11 Uhr abends dauernde Arbeitszeit hingewiesen. Trotzdem der Bäckermeister erst am Tage vor der Verhandlung gegen Genossen Köpke wegen Uebertretung der Gewerbe- ordnung angeklagt und auch verurteilt worden war, ließ er sich trotz der eindringlichen Vorstellungen des Vorsitzenden, Amtsrichters Carls so n. zu einem Vergleich nicht herbei. Aber es kam anders, wie der Kläger erwartete. Nach eingehender Verhandlung erkannte das Gericht auf Freisprechung des Beklagten und legte dem Privatkläger sämtliche Kosten, einschließlich der dem Beklagten erwachsenen persönlichen Auslage n-, auf. Schon aus subjektiven Gründen müsse der Angeklagte frei- gesprochen»verde», da er in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe. In gutem Glauben habe er in sachlicher Weise nur das»nitgeteilt,»vas ihm von Zeugen, deren GsvjUbwürdigkeit außer Ztveifel stehe, mitgeteilt worden sei. Pflicht der Presse sei e«, auf Mihstände hinzuweisen, um die Behörden»um Einschreiten zu veranlassen. Schon auL diesen Gründen müsse da- hingestellt bleiben, ob die Mißstände, wie geschildert, vorhanden lvaren. Wenn in ähnlich verständiger Weis« auch andere Gerichte die Pflicht und Bedeutung der Presse erkennen würden, manches un- glaubliche Urteil gegen Preßsünder müßte eine Korrektur erfahren. Der beleidigte Bürgermeister. Bon der Düsseldorfer Straskaunner wurde Genosse Peter Berten von der Düsseldorfer„BolkSzeilung" wegen Beleidigung deS Bürgermeisters Hahn in Erkelenz zu 300 Mark Geld- strafe verurteilt' von der Anklage, auch den Erkelenzer Polizei- lvacbtmeister beleidigt zu haben, wurde Berten freigeiprochen. Die „BolkSzeilung" hatle in drei Artikeln Erkelenz» kommunale Vor- kommnisse kritisiert. Wegen zwei dieser Artikel soll später ver- bandelt werden._ Eine hochnotpeinliche Aktion. Am Sonnabend wurde im Austroge der StaatSanwaltschast durch den Polizeirat M a e d l e r- Beuthen O.-S. in der Reaktion der„Gazeta Robotnicza" in Kattowitz eine Haussuchung vorgenommen. Es wurde noch Manuskripten des Genossen Genossen Wojziechowski vermutet man den Verfasser des Artikels. Wojziechowsk i-Dorlmund gefahndet. Durcheinen imOktober lOtO veröffentlichten Artikel fühlt sich die Essener Polizei beleidigt; in dem ES wurden lediglich einige Briefe von ihm beschlagnahm� die keine Verbindung mit dem Artikel haben. Bus der fravenbewegung. Teutonisches. In einer tiefsinnigen Belrachtung über Mädchenerziehung und Rastenhygiene schreibt das Organ deS Deutschnationalen HandlimgS» gehilfenverbandes: „Die scharf gespannten Züge, das frühzeitige Welken so vieler Studentinnen lehren, wie schädlich angestrengte Hirnorbeit für den weiblichen Körper ist. Eigcnltich sollten— Ronn� ooib gut mal y pense!— die junge» Mädchen wie die jungen Kühe und Stuten geweidet werden. Wenn dabei nur ihr Gemüt, ihr Charakter und ihr praktischer Sinn gepflegt und entwickelt werden, könnten sie allen gelehrten Plunders sehr wohl ent- behren." Die Deutschnationalen lassen e« sich hoffentlich auch angelegen sein, durch Organisation von Triolen unter geschickter Meisterschaft für genügende Verwendung der Stuten zu sorgen. Kampf gegen die Rechtlosigkeit. Die sozialistische Frauenbeweguug unterscheidet sich von der bürgerlichen allein schon dadurch, daß sie kein„Ding für sich" ist, sondern nur ein Glied der großen internarioiialen Arbeiterbeivegung. „Die Bewegung zur Gleichberechtigung der Frau daliert in der Sozialdemolratie erst seit Bebel", schrieb kürzlich eine Frauen- rechllerin. Sie wollte damit— anders kann die Aeußerung ja nicht verstanden werden— jedenfalls sagen, die Sozialden'rotte habe sich zuerst auch nicht um die Frauen gelümmert und Bebel mußte erst kommen, um eine solche Bewegung aus dem Boden zu stampfen. Nach dieser Logik hätte» wir heute keine sozialistische Frauen- bewegung. wenn— Bebel nicht lebte. Was Bebel für das weib- liche Geschlecht getan hat. brauchen wir nicht besonders hervorzuheben. Der obige Borwurf baut aber schon aus dem Grund« daneben, weil unser alter Kämpfer Bebel das Fundament der aufkommenden Sozialdemokratie mit lege» half. Wer jedoch die Schriste» von Marx, Engels und Liebknecht liest, wird ohne weitere« feststellen können, daß unsere Altmeister der Frauen- frage mehr Bedeutung und Wert zugemessen haben al« die ganzen bürgerlichen Mondscheinpolitiker von heule. Der Sozialismus hat von Anbeginn den Kampf um die volle Gleichberechtigung auf allen Gebieten für da« gesamie iveibliche Geschlecht ebenso konieaueitt wie energisch durchgeführt. Ist es doch einer unserer wichtigsten Pro- granimpunkte, für alleS, was.Menichenantlitz trägt", einzulreten. Weiler heißt eS im Erfurter Programm:„Abschaffung aller Gesetze. welche die Frau in öffentlicher und privatrechtlicher Beziehung dem Mann« gegenüber benachteiligen." In unserer Partei ist dieser Standpunkt auch in die Praxi« um- gesetzt. Blicki man hingegen in das Lager der bürgerlichen Parteien, so findet man nicht eine, die der Frau die Gleichberechtigung zuerkennt. Mit den lächerlichsten, nbgeschinacktesten Mätzchen, mit den fadesten Ausreden drückt man sich um die Anerkennung einer selbst- verständlichen Forderung herum. Die ganze Art, wie die Herren der Schöpfung au« dem bürgerlichen Lager über diese Frage denken, wird in einem alten Herrn verkörpert, der sich in blirgerbchen Frauen« Versammlungen gewöhnlich zur Diskussion meldet und regelmäßig sein Sprüchlein mit den Worten beginnt:„Erst wenn die Frauen auch die Flinte auf die Schulter nehmen----" Man kann die.fortschrittlichen" Führer an dem Fingern einer Hand abzählen, die geneigt sind,„gegebenenfalls" fttr das Frauen- sliminrechr einzulreten. Trotzdem überbieten sich die guten Damen in rührender Aufopserung für ihre unerbittliche» RechlSverweigerer, leisten jegliche Arbeit, sammeln Gelder und schleppen bei den Wahlen für sie. Wären die bürgerlichen Frauen in ihrer Haltung nicht so jämmerlich schlapp, fie könnten ihren Herren Führern schon die Zähne weisen. Weiter aber, als bis zu einer gelegentlichen fürchterlichen Drohung, bei längerer Verweigerung ihrer Rechte zur Sozial- demokratie abzuichivcnken, reicht ihr Kämpfermut nicht. Das Wahl- rech» wird nicht init Weinen und Drohungen erobert: hinter dem Wort inuß die Tat stehen I_ Lefeabend. Niedcrschöncweid». Dienstag, den 24. Januar, beim Genossen Benasch, Britzer Str. 17." � KönigS-Wustcrhauscn. Mittwoch, den 2S. Januar, bei Witwe Med- Horn(Alte« SchützcnhauS). Bortrag:.Bürgerliche und politisch« Rechte der Frauen". CewerhfchaftUcbee. Hn ckke organisierten Bauarbeiter von Groß- ßerliii 1 Für die in der Berliner Landschaftsgärtnerei tätigen Gärtner und Gartenarbeiter bildet der Allgemeine Deutsche Gärtnerverein die zuständige gewerkschaft- liche Organisation. Diese Gärtner und Gartenarbeiter kommen nun vielfach mit Bauarbeitern zusammen, da die Landschaftsgärtnerei einen Teil des Baugewerbes bildet. Weisen sich nun die Gärtner und Gartenarbeiter als Mit- gliedcr des Allgemeinen Deutschen Gärtuervereins aus, so wird oft von den Bauarbeitern angenommen, es handele sich um die Mitgliedschaft in einer blauen Organisation. Wir wollen darum hier betonen, daß der Allgemeine Deutsche Gärtner- verein freigewerkschaftlich ist, d. h. der Generalkonimission der Gewerkschaften Deutschlands angeschlossen ist. Die in Groß Berlin arbeitenden Mitglieder führen als gewerkschaft- licheu Ausweis eine Kontrollkarte, die innen rot und außen schwarz ist und in der für jeden Monat eine„Be- zahltniarke" geklebt wird. Die Bauarbeiter wollen durch Fordern der Kontrollkarte die Organisation unterstützen. Aufmerksam macheu wollen wir noch auf den,, D e u t s ch e n Gärtnerverband. Diese Organisation ist ,. n a t i o n a l' und den christlichen Geiverkschaften angeschloisen. Da mitgeteilt wird, daß sich Mitglieder des Deutschen Gärtner Verbandes als freigeiverkschaftliche Arbeiter ansgewiesen haben, wollen die organisierten Bauarbeiter diese Unterschiede beachten. Allgemeiner Deutscher Giirtnerverei» (Ortsvenvaltuug Groß-Berlin). Berlin und Umgegend. Die Jungbierfahrer der Brauerei Luisenstadt, Jnh. E. Weber, Petersburger Sir. 3, befinden sich seil Moulag, den 23. d. M., im Streik. Die Ursache dieses Streiks ist folgende: Der Verein der Weiß- und Braunbierbrauereien hat mit dem Deutschen Transport- arbeiler-Berband, Bezirk Grofi-Berlin, einen Tarif abgeschlossen, welchen Herr Weber als Mitglied dieses Vereins auch anerkannt hat Da nun in obengenanntein Betriebe zwei Fahrer zu anderen Bedingungen, wie im Tarif vorgesehen, beschäfligt wurden, stellten sie den Anlrag, ebenfalls zu den im Taris vereinbarten Bedingungen zu fahren. ES fanden zu diesem Zweck im Oklober lSIv zwei Sitzungen mir dem EinignngSamt des Vereins der Weiß- und Braunbierbrauereien statt, in welchen Herr Weber sich bereit erklärle, die in Frage kam- Menden zum lv. Januar resp. 1. Februar 1911 zu den tariflichen Bedingungen fahren zu lassen. Dieiem Vorschlage stimmlen die Fahrer zu. Als nun der M. Januar herankam, erklärte Herr Weber, dag er seine Zugeständnisse zurückziehe und den betreffenden Fahrer überhaupt nicht mehr beschäftige. AuS dieiem Grunde sahen die übrigen Fahrer sich veranlagt, ebenfalls die Arbeit niederzulegen. Wir bitten die organisierten Kollegen, hiervon Notiz nehmen zu wollen. Die Bezirksleitung des Deutschen TranSportarbeiterverbandeS. Oeutkches Reich. Ein glänzender Reinfall der„nationalen" Arbeiter. Wegen der Vorgänge auf der Torpedowerft in WilhclShaven, in letzter Linie, weil in einer von der Werft einberufenen öffent- lichen Werftarbeiterversammlung diese eine Vertrauensresvlulion für die Werftleilung ablehnte, legte der Arbeiterausschug sein Amt nieder. Die Reuwahl wurde auf den 21. Januar festgesetzt. Von den einzelnen.nationalen" Organisationen, den Reichsverbändlent, Zlriegervereinlern, Hirschen und Christlichen wurde sowohl in Ver- sammlungen wie in der bürgerlichen Presse eine lebhafte Agitation entfaltet, um eine Kandidatenliste.nationaler" Arbeiter durchzubringen. Daß daS Vorgehen dieser Gesell- schaft.von oben herab" unterstützt wurde, versteht sich am Rande. Desto enttäuschter sind aber die Macher nun von dem Aus- gange der Wahl, der eine vollständige Niederlage der nationalen Arbeiter brachte. Früher, als die.Nationalen" sich nicht offiziell mit einer Liste an der Wahl beteiligten, gehörten von den 21 Mitgliedern des Arbeiterausschusses etwa zwei Drittel den freien Gewerkschaften an, der Rest bestand auS Gewerkvereinlern, Christ- lichen und Wilden. Bei der Wahl am Sonnabend gelang es den Gegnern der freien Gewerkschaften aber nur, einen einzigen ihrer Kandidaten mit einer geringen Mehrheit durchzubringen. In den übrigen 20 Bezirken erhielten sie nur eine geringe Anzahl Stimmen. Hoffentlich trägt dieser Denkzettel, den die Arbeiter den im Trüben fischenden Gegnern der gewerkschaftlichen Organisationen ge- geben haben, dazu bei, daß alle Arbeiter in Staatsbetrieben den Weg zu den freien Gewerkschaften finden. Lithographenstreik iu Leipzig. Am 20. Januar entschied sich eine von 429 Lithographen be- suchte Versammlung für den Ausstand in den Privatbetrieben, die die Vereinbarung über die Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht anerkennen. Die Kündigung wurde darauf am 21. Januar ein- gereicht bezw. die Arbeit niedergelegt. Soweit sich jetzt übersehen läßt, haben sich auch die Unorganisierten geschlossen der Bewegung angeschlossen. In 26 Werkstätten der Privatlithographen find die Lohiiverhältniffe geregelt, wodurch eine ganze Anzahl Arbeiter nickt an dem Konflikt beteiligt ist. Immerhin mußten noch 70 Werk- stätten der Privatlithographen geiperrt oder bestreikt werden. Da in Leipzig Arbeit für die halbe Welt gemacht wird, werden die Lithographen aufgefordert, Leipziger Arbeiten nur nach genauester Erkundigung bei der Organisation als einwandfrei zu behandeln. Da weiterhin noch nicht zu ermessen ist, welche Kreise die Be- wegung ziehen wird, mutz Leipzig bis zur Beendigung der Bewegung gemieden werden._ Aussperrung der Kürschner i« Leipzig. Der Kampf der Kürschner in Rötha bei Leipzig um das selbst- Verständliche Selbstbestimmungsrecht der Arbeiter in ihrer Organi- sation hat nunmehr zu einem verschärften Angriff des Unternehmer- tums geführt. Der Verband der Rauchwarenzurichtereien und Färbereibesitzer Deutschlands will die Arbeiterschaft mit allen Mitteln seinem Willen gefügig machen und hat deshalb DienStag früh über sämtliche in Leipzig und Umgegend arbeilenden Kürschner und Hilfsarbeiter die Aussperrung verhängt. Damit liegen die Kürschner, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen in Leipzig- Lindenau, Markranstädt, Rötha und Schkeuditz auf der Straße, etwa 1500 bis 1600 Personen. Die Aussperrung ist erfolgt, trotzdem in dem noch geltenden Tarifvertrag bei Entlassungen eine 14tägige Kündigung vorgesehen ist. Es beginnt den Anschein, als ob sich der Kampf gegen den Tarifvertrag überhaupt richtet. Natürlich werden sich die Arbeiter dem Diktum der Unternehmer nicht fügen und sind bereit, den Kampi mit allen Mitteln bis zu Ende durchzuhalten.— Zuzug ist fernzuhalten. HusUnd. Der Streik an den Wiener Theatern hat ein« recht merkwürdige Ursache. Der frcigewerkschaftliche Wiener Musikerbund hat sich vor kurzem mit der Union der Bühnenpersonale, der die technischen ilrbeiter-Abteilungsvorstände. zum Teil auch schon die Chorsänger angehören, verschmolzen. Daneben besteht aber der Oesterreichisch ungarische Musikerberband weiter und im Einverständnis mit diesem« und der Schauspielerorganisation beschloß der der Hauptstelle j der Arbeitgeberverbände angeschloffene Wiener Direktorennerband, die von der Musikersekiion der Union verlangte Gleichstellung ihrer Arbeitsvermittlung mit der de? Musikerverbandes abzulehnen. Auch die Anerkennung der Union wurde abgelehnt. Bald darauf wurden die der Union angehörigen Musiker des Theaters an der Wien, Raimund-Thealers und Apollo-Theaiers unter dem Vorwand der Beurlaubung ausgesperrt, ebenso die Bühnenarbeiter. Darauf- bin sind die Unionsangehörigen an drei weiieren Bühnen, die die Union nicht anerkannt halten, in den Streik getreten und zwar am Karl- Theater, Joiephstädter und Lustspiel- Theater. Das Johann-Strauß-Thealer. die Volksoper, das Deutsche Volkslhealer und die Theatervarietes, Colosseum und Ronacher. haben die Union anerkannt und blieben daher von der Bewegung unberührt. Die von dem Musikerberband und der städtischen Arbeilsvermittelung gestellten Streikbrecher arbeiteten so, daß die Pausen unglaridlick verlängert wurden und beispielsweise im Raimund-Theater in einer Pause das musikalische Zwischenspiel 12inal wiederholt werden mußte, ehe der Bühnenumbau glücklich be- endet war. Einen ersten Erfolg erzielte die Union im Apollo- Theater, das die Forderungen bewilligte und die Streikbrecher ent« Uetz. Direktor Jarno vom Josephstädter und Lustspiel-Theater erklärte, daß er nur gezwungen miimache und sich sowohl bei den Direktoren für friedliche Beilegung einsetzen, als keinem der Be- teiliglen etwas nachtragen wolle. Zur Situation im Lütticher Streikrevier. (Beschlüsse, die nicht eingehalten werden.) Unser belgischer Korrespondent schreibt uns: Der Beschluß der Plenarversammlung der Bergarbeiter- föderation auf Wiederaufnahme der Arbeit, mit 21 gegen 2 Stimmen und 6 Stimmenthaltungen gefaßt, war ein Appell an die Disziplin, dem nur in bescheidenem Maße Rechnung getragen wurde.... Obwohl der Beschluß dahin ging, den Arbeitern jener Gruben, deren Forderungen kein Gehör fanden, im Falle sie sich für eine Weiterdauer des Streiks entschließen, Unterstützung seitens des Verbandes zu gewähren, war dennoch von einer allgemeineren Aufnahme der Arbeit keine Rede. Im Lütticher Bassin und in H e r s t a l war die Zahl der Streikenden noch fast genau so kompakt und in Seraing, Flemalle und etlichen anderen Gruben, wo die Arbeit teilweise aufgenommen war, werden aufs neue Streiks gemeldet. Die Situation ist demnach nichts weniger als geklärt und im Hinblick auf die Beachtung von Beschlüssen einer in jedem Be- tracht kompetenten Versammlung befriedigend. Hier freilich, wie bei manchen anderen Anlässen während des Lütticher Streiks, zeigte sich gegenüber der Macht der Organisation die Macht der Unorganisierten, die mit einem plötzlich aus- geholten Schlag erobern zu können glauben, was nur in Etappen und vor allem auf der Basis einer zur Festhaltung und Kontrolle des Errungenen befähigten Organisation zu erreichen ist. Es ist nicht zu leugnen, daß eine kluge und allgemeine Befolgung des Beschlusses der Bergarbeiter- Versammlung, eines Beschlusses, der zudem an einen zweifellos reellen Sieg anknüpfte, die moralische Position der Bergarbeiter nur befestigt hätte, wogegen nicht abzusehen ist, was die chaotischen Scharmützel nach der Schlacht, ja nach den Friedensabschlüssen für praktische Erfolge bringen könnten. Ganz abgesehen davon, daß es in diesem Chaos, wo der eine Teil, der sich an die Be- schlüsse hält, zur Arbeit drängt, während der andere davon ab- hält, stets zu Zwischenfällen kommt, die nur den Unternehmern willkommen sein können. Daß es aber an solchen Zwischenfällen, den berüchtigten, in Belgien mit einem Ausnahmeparagraphen geschützten Angriffen aus die„Freiheit der Arbeit" nicht fehlt, zeigt fast jeder Tag. Mit schuld freilich an diesen und manchen anderen betrüblichen, im modernen Gewerkschaftskampf der Ar- bester nicht mehr üblichen Erscheinungen mag der Umstand tragen, daß es gerade in der belgischen Bergarbeiterschaft noch genugsam Elemente gibt, die weniger nüchternen Organisationsarbeiten, als einem an französischen Vorbildern genährten phrasenhaften Revolutionarismus anhängen, der bei solchen Gelegenheiten gerne seine Ausbeute macht. Zu diesen betrüblichen Erscheinungen kann man z. B. den Revolverangriff zählen, den nach einer heutigen Zeitungsnachricht drei Arbeiter auf eine Gruppe Berg- arbeiter verübten, die zur Arbeit nach Milmort zogen. Unorganisierte Arbeiter sind es auch, die die Meinung ver- sprengen, der Beschluß des Bergarbeiterverbandes sei nicht zu Recht gefaßt worden. Das heißt, daß die Wiederaufnahme der Arbeit nur auf einen Beschluß deS Föderativkomitees zurückgehe. Die Wahrheit ist aber, daß, wie selbswerständlich, der Beschluß von den Delegierten der einzelne» Gewerkschaften in der Plenarversammlung gefaßt wurde— mit einer, wie die anfangs erwähnten Ziffern zeigen, überwiegenden Majorität. Daß aber der Beschluß auch moralisch und materiell begründet ist, er- gibt sich aus den Tatsachen selbst, die für den größten Teil der Bergarbeiter eine Anerkennung ihrer Forde- r u n g e n bedeuten. Hoffentlich erweist sich der mächtige Lütticher Ausstand mit seinem Sieg wie mit seinen betrüblichen Nachklängen als eine heilbringend nachwirkende Lektion— für die Erkenntnis der Not- wendigkeit einer modernen, kraftvollen Organisation. Der anläßlich deS blutigen Zusammenstoßes in Seraing verhaftete Bergarbeiter L o g n o u l, den die Gendarmen zum Karnickel machen wollten, hatte sich gestern vor Gericht zu ver- antworten. Er wurde deS„Hou-Hou"-RufenS, der Gendarmen- beleidigung, der Verletzung der„Freiheit der Arbeit" natürlich und der„Widersetzlichkeit" bezichtigt. Wie Zeugen bestätigten, dürfte sich sein Verbrechen aus eine Aufforderung an seine Ge- nossen, die„Internationale" zu singen, beschränkt haben. Aber immerhin: angesichts der Gendarmengewalt...Er wurde in An. sehung der erwähnten Vergehen zu acht Tagen und b0 Fr. Geld- strafe verurteilt. Interessanter wird es sein, wie die Gendarmen in„Ansehung" ihrer Schießerei, der ein unschuldiges Menschen- leben zum Opfer fiel, ausgehen werden! Zu« Achtstundenkampf der Londoner Schriftsetzer. Der Londoner Setzerverein, der 12000 Mitglieder und ein Ver- mögen von 1,2 Millionen Mark besitzt, hat an die Druckereien die Aufforderung gerichtet, sofort die 20- und vom 1. Januar 1912 an die 48stündige Arbeitswoche einzuführen. Da die übrigen englischen Organisationen beschlossen haben, in keine Bewegung einzutreten. führen die Londoner sie auf eigene Hand. Sie haben durch Streik- Versicherung Anspruch auf Streikunterstützung von wöcheist- lich 10 Schilling pro Arbeiter bei dem National- Druckereiarbeiter- verband, desgl. auf S Sh. bei der Allgemeinen Arbeitskonsöderation. Ferner wurde beschlossen, daß die weiterarbeitenden Setzer wöchent- lick 2 Sh. Beitrag zahlen sollten. Der Leiter der 1300 Mitglieder zählenden Sektion der ZeitungSsetzer erklärte, daß diese zur Zahlung von 10 Sh. aufgefordert werden sollten. Falls die ein- geleiteten Verhandlungen ergebnislos bleiben, wird der Streik am 4. Februar beginnen._ Bergarbeiterstreik in England. London, 22. Januar. Die gewerkschaftlich organisierten Berg« arbeiter von NordwaleS haben ihren Arbeitsvertrag gekündigt, um hierdurch gegen die Anstellung nichtorgmrisierter Arbeiter zu pro- testieren. Infolgedessen dürfte in 14 Tagen ein Streik ausbrechen, der 8000 Arbeiter treffen wird. Abgeordnete der Bergleute von Northnmberland haben in einer gestrigen Versammlung zu Newcastle gleichfalls die Kündigung des ArbeitSkontralteS beschlossen, um eine Gehaltserhöhung von'30Proz. zu erzwingen. Dieser Streikbeschluß unterliegt noch der Abstimmung der Bergleute.(PT.) Gerichts-Deining. Der Kanzel-Paragraph, der in der Zeit des Kulturkampfes eine Rolle spielte, gelangte am 20. Oktober v. I. wieder einmal zur Anwendung. Das Land- gcricht Bromberg hat an diesem Tage den Probst Edmund Grpglewicz wegen Aufreizung durch Wort und Schrift(Absatz 1 und 2 des§ 130a) zu einer Gesamtstrafe von drei Monaten Festung verurteilt. Der Angeklagte ist seit mehr als 30 Jahren an der katholischen Kirche in Slesin angestellt. Im Februar v. I. hat er in der(polnischen) Neuen Prediger-Bibliothek zwei Predigten veröffentlicht, welche die Leitworte trugen:„Verlieren wir die Hoffnung nicht!" und„Bleibe bei uns. denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt". Nach der Veröffentlichung hat er auch die eine dieser Predigten am Ostermontag in kürzerer Form vor seinen Bauern gehalten. Er will nicht aufreizend, sondern nur eindringlich gesprochen haben. Das Gericht hat aber festgestellt, daß er in nicht mißzuverstehender Weise das Ent- cignungsgesetz vom 29. März 1998, das bis jetzt noch nicht zur Anwendung gekommen ist, zum Gegenstand der Erörterung ge- macht hat. Er habe ausgeführt, die Polen hätten die Hoffnung, daß auch für sie die Stunde der Auferstehung schlagen werde. Er habe dann das Leiden Christi ausführlich dargestellt und damit die Unterdrückung der Polen durch die Preußen verglichen. Die Polen seien an ein hartes Regiment gebunden, das sie mit ver- schiedenen Gesetzen, Erlassen und Verfügungen peitsche. Ihre Rechte und ihre Sprache habe man den Polen genommen. Nicht bloß der große Grundbesitzer, sondern auch der kleine solle seines Besitzes beraubt werden, der seinen Feinden gegeben werben solle. Im letzten Teil der Predigt„Was wird aus uns werden?" habe der Angeklagte ein ausführliches Programm zur Auferstehung des polnischen Reiches gegeben. Die Spannung zwischen polnischen und deutschen Kreisen, so heißt es weiter im Urteil, ist eine sehr hohe und hat schon zu Zusammenstößen geführt, wie der Schul- streik gezeigt hat. Die Predigt war geeignet, die Zuhörer zu Ausschreitungen gegen deutsche Beamte anzureizen. Niemand war sich dessen mehr bewußt als der Angeklagte, der schon aus Anlaß des Schulstreiks zu einer Geldstrafe von 200 M. verurteilt worden ist. Was die Veröffentlichung in der Bibliothek betrifft, so hat daS Gericht angenommen, daß der Angeklagte sie in Ausübung feines geistlichen Berufes vorgenommen habe, nicht lediglich, um sich als Schriftsteller zu betätigen. Er habe seine Berufsgenossen veranlassen wollen, gleiche Predigten zu halten.— Die Revision des Angeklagten kam am Freitag vor dem Reichsgericht zur Per- Handlung. Das Reichsgericht verwarf die Revision. Der Kanzelparagraph(§ 130a des Strafgesetzbuches) bedroht mit Gefängnisstrafe oder Festungshaft bis zu zwei Jahren einen Geistlichen oder anderen Religionsdiener, der in Ausübung oder in Veranlassung der Ausübung seines Berufes entweder öffentlich vor einer Menschenmenge oder welcher in der Kirche oder an einem anderen zu religiösen Versammlungen bestimmten Ort vor Mehreren Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Fieden gefährdenden Weise zum Gegenstand einer Verkündigung oder Erörterung macht oder Schriftstücke ausgibt oder verbreitet, in welchen Angelegen- heiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden ge- fährdenden Weise zum Gegenstand einer Verkündigung oder Erörterung macht. Der Kanzelparagraph ist während der Kulturkampfzeit als ausnahmsrechtlicher Strafparagraph(am 10. Dezember 1871 und 26. Februar 1876) beschlossen. Damals stimmten selbswerständlich gegen denselben, außer den Sozialdemokraten auch da? Zentrum und die Polen. Das regierungsfromme Verhalten dieser beiden Parteien in der letzten Zeit und ihr auffälliges Eintreten für Verschärfung von Strafvorschriften, welche die Meinungsfreiheit bedrohen, schützt, wie man sieht, ihre eigenen Freunde vor Strafe nicht. Im Gegenteil: an der Möglichkeit solcher Verurteilungen. wie der erwähnten, ist der Umstand mitschuldig, daß daS Zentrum und die Polen als ihre Gefolgschaft immer offener sich unter bat von den Konservativen errichtete Joch begeben haben. Bremer Krawallprozeß. Am Sonnabend wurde in Bremen noch eine aus Anlaß deS Straßenbahnerstreiks erhobene Anklage gegen zivei Lehrlinge verhandelt. Das Landgericht hatte die Erhebung der Anklage ab» gelehnt, auf Beschwerde des Oberlandesgerichts die Eröffnung der Haupwerhandlung jedoch angeordnet. Die Strafkammer sprach beide Angeklagte, die von Rechtsanwalt Dr. Herz(Altona) verteidigt wurden, frei. Damit haben die von der Scharfmacher- presse so ungeheuerlich aufgebauschten Bremer Prozesse ihr Ende erreicht. Hetzte ffoebriebten. Der D-Zug Kopenhagen— Berlin entgleist. Auf der Station Bollrathsrnhe(Mecklenburg-Schwerin) ist gestern abend der D-Zug 12 auf der Fahrt von Kopenhagen nach Berlin entgleist. Die Entgleisung wurde dadurch herbei- geführt, daß der D-Zug mit einem Güterzug zusammenstieß. Nach den bisher vorliegenden Meldungen ist eine Person der- letzt worden. Einzelheiten fehlen noch. Der D-Zug wird nach dreistündiger Verspätung in der ersten Morgenstunde auf dem Stettiner Bahnhof erwartet. Jnsluenza-Epidemie in Nürnberg. Nürnberg, 23. Januar.(B. H.) Die Jnfluenzaepide» m i e in Nürnberg macht weitere Fortschritte. In der vergangenen Nacht sind drei Personen gestorben. 692 liegen krank danieder. Wegen Gattenmord verurteilt. Nürnberg, 23. Januar. ch zu züchten(Lachen rechts), um damit zu erreichen, daß die Grenze hermetisch verschlossen werde. Die Tatsachen beweisen doch, daß mehr Seuchen auch bei Oeffnung der Grenzen in Preußen nicht herrschen können. Der Nachweis der EinschleppungSseuchen aus dem Auslande ist bisher übel Haupt nicht erbracht worden.(Widerspruch rechts.) Die gefährlichsten Seuchen sind gerade da vorhanden, wo eine Einfuhr von Vieh fast gar nicht in Frage kommt. Die Maßnahmen gegen die Einschleppnng von Vieh- seuchen aus dem Ausland dürfen jedenfalls nicht darauf hinaus- laufen, die Vieheinfuhr überhaupt zu unterbinden. Der badische Minister v. Bodman(Lachen rechts)— ich weiß ja, das ist kein Mann nach Ihrem Gemüt, aber glücklichem weise sind Sie noch nicht so weit, daß Sie auch in Baden die Minister machen können(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten)— hat nach der„Kölnischen Zeitung' erklärt, daß kein Anlaß mehr vorliege, die bisherige Sperre gegen Frankreich aufrechtzuerhalten, da dort schon seit 1'/, Jahren die Maul- und Klauenseuche vollständig erloschen sei.(Hort! hört! bei den Sozial demokraten.) Auch sei der Bezug von Schlachtvieh aus N o r d> deutschland bedenklich, weil dort fast niemals die Maul- und Klauenseuche erlösche. Wenn also das französische Vieh nach Bayern und Baden eingeführt werden kann, so ist nicht einzusehen, weshalb es für den preußischen Magen schädlich sein soll.(Sehr wahr I bei den Sozialdemo- de« christlichen Tempelherrn und des mohanunedanischen Sultans wieder zur Parabel. P a t e g g gab den Nathan mit einem Realismus. der das Vollblutjndentum der Lessingichen Figur bis in den kleinsten Nuance» festhielt und im Rahmen dieser Rassenart doch jeden Augenblick die Güte, wie die mächtige, geistige Ueberlegenheir durchschimmern ließ. Das Organ, das leicht Gefahr läuft, in eine etwas singend salbungsvolle Tonlage zu verfallen, gehorchte hier jedweder Intention. Ebenso vorzüglich gelangen die Szenen, in denen mächtiges Gefühl heiß hervorbricht, so die Erzählung von dem Klosterbruder. Würdig standen ihm die südländisch leidenschaftliche und schwärmerische Recha des hochbegabten Fräulein Alma und Paeschkes prachtvoll trotziger Tempelherr zur Seile. Von den übrigen sei nur noch Reimers einfältiger Klosterbruder namentlich erwähnt. Das einzig Störende war die Besetzung des Derwisches durch einen kor- pulenten Herr», der im Gegensatz zu diesem Körperphlcgma seine Reden mit um so atemloserer Hast herunterjagte. 6t. Neue Freie Volksbühne(im Kleinen Theater!:„Das Kind' von Oltomar Enking. Der Titel läßt Befürchtungen für ein Modethema aufkommen, daß innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft seit verschiedenen Jahren bis zum Ueberdruß diskutiert worden ist. Glücklicherweise scheint die Mär vom„Jahrhundert deS Kindes' noch nicht nach Koggenstedt gedrungen zu sein. I» diesem Provinznest, irgendwo im Holstenlande, spielt die Komödie. Dort mag die Trennung der Kinder von den Eltern wirklich noch zuweilen bitter sein und den Eltern es ähnlich ergehen wie der Henne, die Entlein ausgebrütet hat. Ida, die einzige Tochter der Familie Knees, ist als erwachsenes Mädel nach Hamburg gegangen. Not- wendig war das nach Ansicht der Eltern, die von einer kleinen Pension und Kapitalsrente ganz gemächlich leben, nicht gewesen. Schließlich hätte Ida einen braven Koggeniledter geehelicht und man wäre so hübsch beisamnien geblieben. Aber alles ist anders ge- kommen. Ida hat sich zu großstädtischer Anschauung hinaufgearbeitet und dann auch geheiratet, ohne die Alten zu fragen. Trotzdem bleibt„daS Kind' nach wie vor ihre einzige Sorge. Als infolge Bankkrach Idas Erbteil verloren geht, ziehen sie in eine Mansarde und schränken sich ein— nur. damit Ida nichts verliere. Endlich komint sie aui Besuch, sehr verwundert über die Veränderung. Sie offenbart den Eltern, daß sie sich scheiden lassen und aus eigene Gefahr ein Geschäft uberuehmen will. Hierzu bedarf sie ihres Erbteils. Da tommt'S nun zu unliebsamen Auskläningen. Die Eltern haben ihr mitgeteilt, daß das Geld verloren ging und daß sie um der Tochter willen gedarbt haben. Von soviel fürsorglicher Liebe ist Ida dermaßen gerührt, daß sie ihre beabsichtigte Ehescheidung aufgibt. DeS weiteren verzichtet sie aus ihr Erbe zugunsten der betagten Eltern, für die sie fortan sorgen will. KiieeS und Frau begreifen das nicht; im Gegenteil: sie wähnen sich iiuumehr gänzlich ihres„Kindes' beraubt, so, als ständen sie„ganz allein.'... So schließt die bittersüße Komödie, die, un- beschadet aller liebevollen Milieuschilderung und trefflichen Beleuchtung des innerlichen Wesens und äußerlich stillen Lebens der beide» alten Leute doch uur ein Bühnenstück ohne Handlung ist. kraten.) Die Agrarier wehren sich bei uns ja auch gegen die Einfuhr argentinischen Gefrierfleisches, mit dem man in Oesterreich bekanntlich die besten Erfahrungen ge« macht hat. Man gönnt bei uns den Arbeitern eben nicht die ge- ringite Ermäßigung der Fleischpreise.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Von einer Nichtgenießbarkeit des Fleisches kann keine Rede sein, unsere Agrarier genießen ja bekanntlich nach Schluß der Jagden Hasenfleisch, das durch Gefrieren lange konserviert ivird. Auch in ganz katholischen Kreisen empören sich die Arbeiter heute schon über die Art, wie das Zentrum im Berein mit den Junkern die Fleischpreise in die Höhe treibt. Wir sind, wie gesagt, für jeden Schutz unseres Viehstandes, wollen aber Garantien dagegen, daß der Schutz nicht gemißbraucht werden kann, um das Volk noch mehr als bisher auszuplündern.«Bravo! beiden Sozialdemokraten.) Abg. Graf Cramer(k.) bestreitet, daß'eine Einschleppung der Seuche aus dem Auslände nicht bewiesen sei. Damit schließt die Debatte. Die Anträge gehen an die Budget- kommission. Zur Abgabe einer Erklärung erhält das Wort Abg. Hirsch(Soz.): Nach dem amtlichen stenographischen Bericht über die Sitzung vom 20. Januar l911 hat der Herr Präsident den Zivischeuruf des Abg. Hoffmann:„Am vielen Lachen erkennt man den Abgeordneten v. Pappeuheim" mit den Worten gerügt:„Herr Hoffmann, ich kann Sie in diesem Falle nicht ernst nehme, l, sonst würde ich Sie zur Ordnung rufen". Darauf hat der Abgeordnete H o s f m a n n später erwidert:„Meine Herren, als ich vorhin bei der Rede des Abgeordneren Leinert auf eine Provokation von der rechten Seite einige Zurufe»lachte, sagte der Herr Präsident, der so liebenswürdig war, mich nicht zur Orb- nung zu rufen:„Herr Hoffmann, ich nehme Sie in diesem Falle nichr ernst". Ich bitte nun, daß der Herr Präsident mich jetzt ernst nimmt, wenn ich zur Geschäslsordnung sage: Ich halte diese Aeußerung für eine Unverschämtheit". Nach diesem Sachverhalt können wir uns der vom Abgeordneten Stengel ver- lesenen Erklärung aller übrigen Parteien nicht anschließen. 'Wir billigen im Gegenteil das Verhalten des Abgeordneten Hoffman» durchaus,(Hört! hört I rechts) weil wir darin einen geboteneu Akt der Selb st Verteidigung erblicken, dessen Schärfe sich aus einer in einem deutschen Parlament bisher noch nicht da- gewesenen Herabwürdigung eines Abgeordneten und aus wiederholten Verletzungen der parlameir- tarischen Fornr seitens des Präsidenten gegen ihn und andere Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion erklärt. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Dienstag 1l Uhr.(Fortsetzung der zweiten Beraiung des Etats der landwirtschaftlichen Ver- w a l t u n g.) Schluß 4 Uhr._ Die Moabiter Vorgänge vor dem Lchlvurgericht. Elfter Tag. In der gestrigen Schlnbverhalidlung im Moabiter Schwurgencht wurden 4 Angeklagte, Jahnke, Borowiak, Schadowski und Marquardt freigesprochen, ein Angeklagter, C i e s l i ck. wurde wegen Werfens voll Steinen auf Menschen zu zwei, fünf Angeklagte, Bonnet. Luksch, Albrecht. Scharfenberg und Minor, wurden wegen groben Unfugs zu je sechs Wochen Haft, zwei Angeklagte, Z o f k a und O r l o w s k i, wegen Wider st and s gegen die Staatsgewalt zu je drei Monaten, ein Angeklagter, R o h d e, wegen Sachbeschädigung zu vier Monaten, ein Angeklagter, F i tz n e r, wegen Aufruhrs zu acht Monaten, drei Angeklagte wegen schweren Aufruhrs, und zwar Trau zu neun Monaten. Kasimir und Jakob Adamski zu je 1 Jahr Gc- fängnis, B r u h n wegen schweren Landfriedens- b r u ch s zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Tie Unter- suchungShast wurde in vollem Umfange den Verurteilten an- gerechnet. Dank einer im ganzen recht sorgfältigen Aufführung, bei der die Vertreter des Kneesschen Ehepaares: Max Marx und Jlka G r ü n i n g schöne ausgeglichene Charalterleistungen darboten, war der„Äoggenstedter Komödie", die man allerdings lieber in einen Einalter zusammengeschlossen sähe, ein freundlicher Erfolg beschieden. e. k. Neues Schauspielhaus: Da S kleine Schoko- laden mädchen. Lustspiel von Paul Gavault. Das uiicr» und ungezogene Töchlerchen eines millionenschwere» Pariser Schokoladensabrikanten quartiert sich bei einem nächtlichen Automobil- unfall im Landhaus eines schüchternen Junggesellen ein, verärgert ihn durch hahnebüchcne Frechheit und bringt ihn dann noch obendrein durch provozierendes Verhalten inii seiner Verlobten auseinander. Als der gepeinigte Vertreter des stärkeren Geschlechts sich dazu auf- rafft, dem reichen Backfisch gründlich die Wahrheit zu sagen, erscheint das dem verwöhnteu Gänschen nur als eine neue und besonders anziehende Sensation. Endlich einer, dem die väterliche Schokolade nicht imponiert, einer, bei dem man sicher sein kann, daß er nicht des Geldes wegen heiratet. Sie verliebt sich alfo in den kleinen Beainten und läuft ihm durch drei Akte, so lana es eben der Theaterabend er- fordert, nach. Von irgend welchen Ansätzen zu psychologischer Durch- ftihrung ist dabei so wenig wie bei einem beliebigen Residenz- theatcrschwank die Rede. Die krassesten Unglanblichkeiten türmen sich auieinallder, nur spärlich hier und da mit einigen amüfanten Einfällen versetzt. Schlnßtrumpf: Fräulein Lagistolle sagt nach dem Fehlschlagen aller anderen Attacken im schwarzen Nonnenschleier dem teuren Bruder ein gerührres Lebewohl, was den letzten Stolz deö Mäiincrherzens zun, Säunelze» bringt. Es wurde gut gespielt. I» erster Reihe war es Ida W ü st S unzerstörbare Frische und Munterkeit, die das gebrechliche Fahrzeug durch alle Klippen ohne Unfall in den Hafen steuerte._ dt. Notizen. — K u n st a b e n d e. Marya Delbard und Marc Henry, da« auch in Arbeiterkreisen bekannte Küiistlerpaar, werden heute Dienstag, den 24.. und Donnerstag, den 26. Januar, im Künstler- Hause zwei Kainmerkunstabonde geben. Farbe, Ton und Wort haben die Künstler zugleich in ihren Dienst gestellt. � Die Kulturtätigkeit der Sozialdemokratie. In seinem Bortrag über die hygienischen Mißstände auf dem Lande benierkt Dr. Liebetrau, Kreisarzt in Recklinghausen:„Eine Begleit- erscheinuiig der unzulänglichen Ernährungsverhältniffe ist der Miß- brauch geistiger Getränke. Man darf jetzt, besonders nachdem die Sozialdemokratie den Schnapsboykott erklärt hat, wohl sagen, daß der SchnapSgennß auf dem Lande relativ viel größeren Umfang als in der Stadt hat." — Tie Phalanx der Tradition. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wählte im zweiten Wahlgang mit 30 Stimmen Branly zum Mitglied. Frau Curie erhielt 28 Stimmen. Der Mann und nicht die größere wissenschaftliche Bedeutung trug den Sieg davoii, Dem ausführlichen, unken folgenden Bericht über die Echlußverhandlung schicken wir zum besseren Verständnis vor- aus, was das Strafgesetz unter Aufruhr, schweren Aufruhr, Landfriedensbruch und schweren Landfriedensbruch versteht. Nach Z 115 des Strafgesetzbuchs wird wegen Aufruhrs bestraft, wer an einer öffentlichen Zusammenrottung teil- nimnit, bei welcher Widerstand gegen die Staatsgewalt oder Nötigung von Beamten mit vereinten Kräften begangen wird. Die Strafe beträgt 6 Monate bis 5 Jahre Gefängnis. Schwerer Aufruhr liegt vor, wenn der Täter Rädels führer war oder selbst Widerstand gegen die Staatsgewalt oder Nötigung eines Beamten begangen hat. Für diesen schweren Aufruhr droht das Gesetz Zuchthaus bis zu 10 Jahren an; sind mildernde Unistände vorhanden, so tritt Gefängnis strafe von 6 Monaten bis 5 Jahren ein. Landfriedensbruch liegt vor, wenn sich eine Menschennienge öffentlich zusammenrottet und mit vereinten Kräften gegen Personen oder Sachen Gewalttätigkeiten begeht. Es ist jeder Teilnehmer an solcher Zusanimenrottung mit Gefängnis von 3 Monaten bis 5 Jahren bedroht. Schwerer Landfriedensbruch wird bei den Rädels- führern und bei denjenigen Personen angenommen, welche Gewalttätigkeiten gegen Personen begangen oder Sachen ge- plündert, vernichtet oder zerstört haben. Die Strafe für schweren Landsriedensbruch ist dieselbe wie für schiveren Aufruhr. Unter starkem Andrang des Publikums bollzog sich gestern der Schlußakt des Prozesses. Eine letzte Auseinandersetzung zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft, ein letztes Ringen um den Begriff des Aufruhrs und Landfriedensbruchs leitete die Schluß- sitzung ein. Als erster Redner nahm Rechtsanwalt Dr. Heinemann das Wort. Er führte unter anderem aus: Wir haben uns be» müht, nachzuweisen, daß deshalb kein Aufruhr und Landfriedens- bruch vorliegt, weil die Angeklagten als Einzelne handelten und ihnen das Bewußtsein des Zusammenwirkens mit anderen fehlte. Damit würde das wesentlichste Merkmal des Landfriedensbruchs und Aufruhrs ausscheiden. Auch daö Merkmal des Widerstandes muß ausscheiden, weil die Staatsanwaltschaft den Beweis nicht er- bringen will und nicht erbringen kann, daß sich die für die An- klagefälle in Frage kommenden Beamten in rechtmäßiger Aus- Übung des Amtes befanden. Ja, wenn auch nur einer der Ange- klagten glauben konnte, daß keine rechtmäßige Amtsausübung oorlag, so kann er nicht wegen Widerstandes bestraft werden. Diese Auffassung ist im Gesetz begründet. Wenn sich auch das Reichs- Gericht auf einen anderen Standpunkt gestellt hat, so bitte ich die Geschworenen, nach dem klaren Sinn des Gesetzes zu urteilen. Die Staatsanwaltschaft hat Ihnen nahegelegt, durch Ihr Urteil zu ver- hindern, daß die Straße der Diktatur des Mobs überliefert werde. Ich glaube, es hätte dieses Appells nicht bedurft. Keiner unter uns will, daß einer Diktatur des Mobs und Janhagels die Wege geebnet werden. Wir alle hätten in Uebereinstimmung mit den Moabitern Bürgern gewünscht, daß die Polizei dem Treiben des Mobs ein Ende gemacht hätte, ehe er die wüsten Ausschreitungen bei Preuß, bei Rittberger und an der Reformationskirche begehen tonnte. Die Gefahr, daß dem Mob die Straße ausgeliefert wird, liegt durchaus nicht nahe. Aber schwierig ist es für die Bürger, der Diktatur des Polizeisäbels entgegenzutreten, wenn er zu Un- recht gebraucht wird, wie es hier in zahlreichen Fällen geschehen ist. Wir haben gehört, daß ehrbare Frauen mit dem gemeinen Schimpf- wort„Hure" belegt worden sind, wir haben gehört, daß friedliche Bürger, harmlose Arbeiter, wehrlose Frauen niedergeschlagen wurden und daß die Familie Hermann durch eine furchtbare Bru- talität der Schutzleute ihres Ernährers beraubt worden ist. Gegen diese Diktatur, gegen die Theorie, daß sich die Polizei dem Puoli- tum gegenüber in einer Gefechtsstellung befindet, heißt eS protestieren. Es hat die einmütige Zustimmung der Bürgerschaft ge- sunden, daß die Strafkammer in ihrem Urteil sagte: Es sind AuS- schrritungen der Polizeibeamtea in einer größeren Zahl von Fällen vorgekommen.— Diese Ausschreitungen haben die Bevölkerung mit Recht erbittert, und unter dem Einfluß dieser Stimmung haben die Angeklagten Handlungen begangen, die gleichbedeutend sind mit Dummrnjungenstreichen oder mit Studentrnstreichen, für die sie nun schon 4 Monate in Untersuchungshaft sitzen. Die Ange- klagten würden es nicht verstehen, wenn sie als LandfriedenHbrecher und Aufrührer mit Zuchthaus oder Gefängnis bestraft würden. Es ist ja hier in der Verhandlung manchmal zu etwas heftigen Erörterungen gekommen, aber zu Anfang kam ein gewisses ver. söhnendeö Moment zum Ausdruck in der Aussage des MajorS Klein, der unter dem Eindruck der Strafkammerverhandlung an- erkennen mußte, daß auf feiten der Beamten nicht alles so ist. wie eS fein muß.— Meine Herren, die Vorgänge in Moabit liege» hinter uns. Die Wunden, welche durch sie geschlagen wurden, sind größtenteils verheilt. Reißen Sie die Wunden nicht wieder auf. Geben auch Sie der versöhnlichen Stimmung Raum, die Major Klein hier zum Ausdruck gebracht hat. Staatsanwalt Porzelt bemüht sich nochmals, den Geschworenen glaubhaft zu machen, daß hier nicht Handlungen einzelner vorlägen, sondern Ausschreitungen einer bewußt zusammenwirkenden Menge und daß die Beamten in rechtmäßiger Ausübung des Amtes gehandelt hätten. Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht tritt in bezug auf den von ihm vertretenen Angeklagten Albrecht der Ansicht des Staatsanwalts entgegen, wonach derjenige, der an einer bereits zertrümmerten Laterne rüttelt, sich an der Sach. bcschädigung selbst beteiligt haben soll. Justizrat Leonhard Friedman» wendet sich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts Porzelt und betont mit Nachdruck, es sei nicht erwiesen, daß die Ange- klagten mit Bewußtsein und Absicht sich an den Ausschreitungen des Janhagels beteiligt haben. Bon den Angeklagten nahm keiner das ihnen zustehende letzte Bort. Es folgt sodann die Rechtsbelehrung des Borsivenden, Landgerichtsdirektor Nnger. Er schickt voraus, daß die Geschworenen an seine Rechtsbelehrung nicht gebunden seien.?lber an eins seien sie gebunden: an das Gesetz und an die Ausdrücke und einfach logischen Folgen, wie sie sich aus dem Sprach- gebrauch ergeben. Die Geschworenen haben ihren Spruch zu fällen nach ihrer Ueberzeugung, die sie aus der ganzen elftägigen Ver- Handlung gewonnen haben. Bei der Erörterung der einzelnen Rechtsbegriffe und insbesondere der Frage, ob sich die Beamten in der rechtmäßigen Ausübung des Amtes befunden, kommt der Vor- sitzende auch auf den Fall des getöteten Hermann beispielsweise zurück und führte dazu unter anderem aus: Die Beamten, welche dort die Straße zu bewachen hatten, be- fanden sich zunächst in rechtmäßiger Amtsausübung. Wenn sie dann aber, wie uns die Zeugen im Fall Hermann gesagt haben, den Mann, der ruhig über die Straße kam. mit dem Säbel nieder- schlugen, so daß er nicht wieder aufstand, so war das keine recht- «läßige Ausübung des Amtes, und wer sich gegen diese Brutalität gewehrt hätte, meinetwegen mit einem«ohlgrziclten Revolverschuß. der hätte nicht rechtswidrig gehandelt. Kurz nach 11 Uhr zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Um 5!/4 Uhr wurde der Wahrspruch der Geschworenen vtttüudet. Er geht dahin: ist schuldig des schwere» Aufruhrs? ihm werben mildernde Lmpande zugebilligt, Jahnke ist nichtschukbig. Boroviack ist nichtschuldig. Bruhu ist schuldig des schweren Landfriedensbruchs; ihm werden mildernde Umstände zugebilligt. Schadowski ist nichtschuldig. Bonnet ist schuldig deS grobe» Unfugs. Fitzner ist schuldig des einfachen Aufruhrs; ihm werden mil dernde Umstände zugebilligt. Zofka ist schuldig des einfachen Widerstandes; ihm werden mil- dernde Umstände zugebilligt. Orlowski ist schuldig deS einfachen Widerstandes; auch ihm werden mildernde Umstände zugebilligt. Luksch ist schuldig des groben Unfugs. Cieslick ist schuldig, Steine auf Menschen geworfen zu haben (Uebertretung nach§ 366 Ziffer 7 des Strafgesetzbuches.) Kasimir Adamski ist schuldig des schweren Aufruhrs; ihm werden mildernde Umstände zugebilligt. Jakob Adamski ist schuldig des schweren Aufruhrs; ihm werden mildernde Umstände zugebilligt. Rohde ist schuldig, Gegenstände des öffentlichen Nutzens(eine Laterne) zerstört zu haben. Albrecht ist schuldig des groben Unfugs. Marauardt ist schuldig deS groben Unfugs; er hat aber nicht die zur Erkennung der Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht besessen. Scharfenberg ist schuldig der Anstiftung zum groben Unfug. Minor ist schuldig des groben Unfugs. Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragten folgende Strafen: Gegen Trau 1 Jahr Gefängnis. Bruhn 1 Jahr Gefängnis, B o n n e t 6 Wochen Haft, F i tz n e r g Monat Gefängnis, Zofka 4 Monat Gefängnis, Orlowski 4 Monat Gefängnis, Luksch 6 Wochen Haft, C i c s l i ck 2 Wochen Haft, Kasimir Adamski 1 Jahr 3 Monat Ge- fängnis, Jakob Adam ski ebenfalls, Rohde 4 Monat Ge fängnis, Sil brecht 6 Wochen Hast, Scharfenberg 6 Wochen Haft, Minor 6 Wochen Haft. Allen Angeklagten soll nach dem Antrage der Staatsanwaltschaft die Untersuchungshaft voll an- gerechnet werden. Bezüglich der Angeklagten Jahnke, Boro- viak, Schadowski und Marquardt wird Freisprechung beantragt. Die Verteidiger plädierten für ein geringeres Strafmaß. Sie machten unter anderem geltend, die StaatSanlvaltschast habe die allgemeine Erregung der Bevölkerung bei Erörterung der Schuld frage nicht als mildernden Umstand in Betracht gezogen, aber doch mildernde Umstände für das Strafmaß in Aussicht gestellt. Wenn man jetzt die Anträge der Staatsanwaltschaft gehört habe, müsse man sagen:„Vor Tische las man's anders." Die beantragten Strafen feien durchweg zu hoch Es dürfe doch nicht, weil die Geschworenen in den meisten Fällen die schwersten Schuldfragen verneint haben, wegen der geringfügigen Uebertretungen, auf welche die Geschworenen erkannt haben, das höchste Strafmaß in Ansatz gebracht werden. Eine bedeutende Herabsetzung der beantragten Strafen sei geboten. Um TV* Uhr wurde das Urteil verkündet, dem Landgerichtßdirektor U n g e r folgende Erklärung vorausschickte: Eine Aeußerung, die ich in der Rechtsbelehrnng bezüglich des Falles Hermann machte, scheint in der Oestentlichkeit auf Mißverständnisse gestoßen zu sein. Ich habe nicht sagen wollen, daß man ohne weiteres auf exzedierende Beamte schießen darf. Ich habe nur andeuten wollen, wenn ein ruhiger Passant so nieder- geschlagen wird wie Hermann, daß man sich dann mit den schärfste» Mitteln dagegen wehren darf, weil sich der Beamte nicht in rechtz mäßiger Ausübung feines Amtes befindet. Das Urteil lautet: Es werden verhängt gegen; Trau 9 Monat Gefängnis, Bruhn 9 Monat Gefängnis, Bonnet 4 Wochen Haft, Fitzner 8 Monat Gefängnis, Zofka 3 Monat Gefängnis, Orlowski 3 Monat Gefängnis, Luksch 6 Wochen Hast, Cieslick 2 Wochen Haft, Kasimir Adamski 1 Jahr Gefängnis, Jakob Adamski I Jahr Gefängnis, Rohde 4 Monat Gefängnis, Albrecht 6 Wochen Haft, Scharfenberg 6 Wochen Haft, Minor 6 Wochen Haft. Allen Berurteilten wird die Untersuchungshaft voll angerechnet. Freigesprochen werden Jahnke, Boroviak, Schadowski und Marquardt. Aus der Urteilsbegründung, soweit sie am Pressetisch zu vev stehen war, geht hervor, daß die Richter die Angeklagten in zwei Gruppen teilen, solche, die am Streik beteiligt und solche, die nicht daran beteiligt waren. Die ersteren hatten das Recht, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, die zweite Gruppe habe nicht nötig gehabt, sich in diesen Kampf einzumischen; sie habe aus reiner Lust an Ordnungsstörungen gehandelt. Gegen diese Gruppe der Angeklagten seien, mit Rücksicht auf die schweren Folgen ihrer Ausschreitungen, die höchsten Strafen festgesetzt worden.— Im übrigen habe die Verhandlung ergeben, daß die Polizei in Ruhe und Besonnenheit ihres Amtes gewaltet habe, iy der Hoffnung, dadurch auch die Menge zur Ruhe und Ordnung zu bewegen. Doch sei das nicht gelungen, es sei zu schweren Ausschreitungen der Menge gekommen. Auch das habe bei der Strafabmessung berücksichtigt werden müssen. Gegen 8 Uhr wurde die Sitzung geschlossen. Damit hat der letzte Akt der Moabiter Ereignisse vor Gericht sein Ende erreicht. Sie AeMIng-erelgnisse vor Gericht. (Siebenter Tag.) Zu Beginn der gestrigen Sitzung teilte der Vorfitzende Land- genchtSdirektor Bahr mit. daß das Gericht am Sonnabend über die neuen Beweisantröge der Verteidigung zwei Stunden beraten habe, aber noch nicht zu einem Beschluß gelangt sei. Die Verteidigung stellte dann sogleich noch weiter» Vcwcisanträge. Rechtsanlo. Karl Liebknecht beantragt zum Fall Rudolph die Vernehmung eines Gastwirtes FuckS, der über Märchcnerzählungcn des Zeugen Schreiber bezüglich dessen angeblicher Tätigkeil für die sozialdemokratische Partei bekunden werde. Auch sei der Kaufmann Rudolf Schreiber darüber zu vernehmen, daß sein Bruder, der Zeuge Schreiber, ihn wiederholt bcstohlen habe. Rechtsanwalt Oskar Cohn stellt, gleichfalls zum Fall Rudolph und zur Prüfung der Glaubwürdigkeit des Zeugen Schreiber» einen umfangreichen BeweiSantrag. Er führt darin aus: Bei der Vernehmung Schreibers hat der Vorsitzende selber einen Umstand zur Sprache gebracht, der für die Glaubwürdigkeir von Bedeutung sein könnte, nämlich die Borbestrafung. Zeuge bat dann auch zugegeben, dasi er im November 1909 wegen Diebstahls mit 1 Jahr Gefängnis bestraft worden ist. Bereitwillig ist auch das Gericht auf die Anregung der Verteidigung eingegangen, die Akten über diese Straftat einzufordern, damit ihr bei anderer Charakter geprüft und daraus möglichenfalls ein weiterer Maßstab für die Beurieilung de« Zeugen gewonnen werden könne. Die Prüfung der Akten hat nun ergeben, datz die Bestrafung von 1V09 nicht die eiuzige ist, die Schreiber erlitten hat. Biel- mehr ist er, wie der Auszug aus dein Sttafregister beweist, mit knapp 13 Jahren wegen schweren Diebstahls zu S Wochen Gefängnis verurteilt worden, , ein halbes Fahr spater wegen Diebstahls zu 14 Tagen Gefängnis. wieder einige Monate danach wegen Sachbeschädigung zu 8 Tagen Gefängnis, � nacb fünf Vierteljahren wegen versuchten Betruges zu 3 Tagen Gefängnis, im März 1894 wegen schwere» Diebstahls im Rückfall zu 1 1ah« 6 Monalen Gefängnis,_,_ im April 1895 wegen Diebstahls im Rückfall zu 6 Monaten(Sc fängnis,_ im Mai 1895 wegen Diebstahls zu 6 Monaten GefangmS. im Februar 1895 wegen gemeinschaftlichen Hausfriedenbruchs zu 2 Wochen Gefängnis. Dann tritt eine Pause von beinahe elf Jahren em. WeZ- halb der Zeuge da nicht mit dem Strafrichter in Be- rührung kam, darüber kann man nur Vermutungen haben, deren Richtung aber durch einige Vermerke in den Alten migedeulet wird. Nicht ollein die zahlreichen Vorbcstrafungen erklären die Höhe der letzten Strafe von 1 Jahr Gefängnis, sondern auch die be- sonderen Umstände der letzten Slrastat. Es handelt sich nicbt um eine» gewöhnlichen Diebstahl, sondern um zwei mit besonderer Entschlossenheit und starkem verbrecherischen Willen ausgeführte Diebstähle. Schreiber hat nämlich in der Nähe der Zentralmarkthalle am bellen Tage zwei Fuhrwerke von offener Siratze weggenommen. Naw acht' Vorstrafen, die Schreiber in sieben Jahren erlitten hatte, begann 1898 eine elfjährige Pause. Womit er sie ausgefüllt hat, das ist— so führt Rechtsanwalt Cohn weiter aus— wichtig für seine Glaubwürdigkeit. Die Begründung des Beweisantrages weist hin auf die von Schreiber gemachten Versuche, nach seiner erneuten Besirasung von 1909 einen Strafaufschub zu erwirken. Nachdem seine Revision zurückgewiesen worden war, reichte er im Mai 1910 ein StrofanfschubSgeiuch ein. ES wurde zurückgewiesen, und Schreiber erhielt am 20. Mai 1910 mündlichen Be- sveid, datz er bis 1. Juni ferne Strafe aiizutreten habe. A»i 23. Mai reichte er ei» neues Gesuch beim Oberstaatsanwalt des KammergerichlS ein. das am 2. Juni abgelehnt wurde. Ein Haftbefehl wurde am 13. Juni erlassen, ausfallenderweffe aber nicht ausgeführt. Ein Aktenvermerk vom 19. Juni bezeichnet Schreiber als lungenkrank und nicht eintieferungskäbig. Von Lungelikraiikbeit ist in den Akten weder vorher noch nachher die Rede. Schreiber bat am 27. Juni von neuem um Aufschub bis 1. September und reichte am 28. August ein weiteres Ausschubsgesuch ein. Juzivischen war die Staatsanwaltschaft in eine gründliche Prüfung der KrankheitSbeschwerden eingetreten und lietz Schreiber vurch den Gerichtsarzt Dr. Slrotzmaim untersuchen. Dieser erklärte, datz sichere Zeichen für die von Schreiber behaupteten epileptischen Krämpfe nicht vorlägen, seine Angaben aber die Krankheit höchst- wahrscheinlich machlen. Es wurde eine Auskunft der Epileptiker- austalt Wuhlgartcn eingefordert, wo Schr. im Februar und März lölv wegen seiner Krampfanfälle gewesen sein wollte. ES ergab sich, datz dort eine KrankheitSgeschichle von Schreiber nicht vorlag. Schr. sei in der Nacht vom 2. zum 3. Februar, nach Alkohol riechend, auf- genommen und am 3. Februar aui seinen Wunsch wieder entlassen worden. Jetzt lehnte die Staatsanwalt chaft die Bewilligung des StrmistmsschubS endgültig durch Bescheid vom 9. November ab und erließ, immer noch mit auherordentlicher Rücksicht, Anweisung zum Strasautritt bis 28. November. Das war also schon nach den Vorfällen auf_ dem Wedding. Nunmehr ereignet sich etwas, was nicht ganz gewöhnlich ist. In die Gerichisukten gelangt ein amtlicher Vermerk des Krimmalkom- missars Kuhn, der, wie schon in den Moabiler Prozessen, so auch bei der Untersuchung der Vorfälle aus dem Wedding die kriminalpolizei- liche Leitung hatte. Dieser Vermerk lautet: .Schreiber hat in der Aufruhrsachc Weddiag die Festitahme eitieS Menschen veranlaßt, der eine Laterne zertrümmert hat. Er wird be- stimmt in dieser Sache als Zeuge geladen werden. Er möchte nun nickt bei der Verhandlung aus drr Strafhnft vorgefahrt werden und bittet, dir Bollftrecknng der Strafe von einem Jahre bis zur Er- ledigung drr Verhandlung in Sachen„Streit Wedding" hinaus« zuschieben." ES kann zweifelhaft sein, ob der Wunsch, den BelastungSzengen nicht aus der Strafhaft vorgeführt zu sehen, in erster Lime ein Wunsch deS Zeugen und nicht vielmehr ein Wunsch der Kriminal- Polizei war. Jedenfalls glaubte Kommistar Kuhn sein Eintreten für den Wunsch deS Zeugen Schreiber noch besonders begründen zu müssen. So ist wohl der folgende Zusatz zu verstehen, den Herr Kuhn macht: „Schreiber ist auch sonst für die Polizei tötig." Die Worte„auch sonst" eröffnen, meint die Verteidigung, ün- geahnte Perspektiven bezüglich des sogenannten Aufruhrs auf dem Wedding. Die freundliche Rücksicht auf das Zartgefühl deS Zeugen■ Schreiber sei aber keine private Leistung des Herrn Kuhn. Auch der Dirigent der Kriminalpolizei. OberregierungSrat Hoppe, sei für den Zeugen Leo Schreiber eingetreten. Kuhn übersandte seinen Vermerk mit dem Zusatz„nach Rücksprache mit dem Herrn Dirigenten" und unter der Firma„Der Polizeipräsident Abtei- lung 4" dem Ersten Staatsanwalt beim Landgericht l und bat ihn, falls besondere Bedenken nicht entgegenstehen, dem Strafaufschubs- gcfuch des Schreiber zu entsprechen Ja, noch mehr, dem neunmal vorbestraften Zeugen Leo Schreiber wurde das besondere Ver- trauen geschenkt, datz er den Brief an den Ersten Staatsanwalt selber überbringen durfte, während sonst für den Verkehr dieser beiden Behörden der Aktenwagen oder die Post oder ein Schutz- mann benutzt wird. Kuhn erbot sich sogar, falls inzwischen der Haftbefehl gegen Schreiber ergangen fei, diesen Haftbefehl anzu- halten. Der die Angelegenheit bearbeitende Staatsanwalt schrieb dann auf Anweisung des AbteiiungsvorsteherS am 26. November an Schreiber, von zwangsweiser Einlieferung werde zunächst Ab- stand genommen, über den Strafantrittstermin werde noch Be- scheid kommen. Der letzte Aktenvermerk ist am 17. Januar 1911 von dein betreffenden Staatsanwalt geschrieben und lautet:„Die Verhandlungen wegen der Wedding-Krcrwalle schweben zurzeit." Gegen den Antrag des Rechtsanwalts Cohn, den Zeugen Schreiber nochmals zu vernehmen und zwar darüber, daß er seit zirka 10 Jahren im Dienste der Kriminalpolizei gegen feste Vergütung tätig gewesen sei und auf dem Wedding Unruhen ange« listet und Schimpfworte auf Schutzleute ausgestoßen habe, wendet Staatsanwalt Brüning ein, Schreiber habe das bereit» eidlich iu Abrede gestellt. Rechtsanwalt Cohn erwiderte, bei der Vernehmung des Zeugen Schreiber sei der soeben vorgetragene Akteninhalt noch nicht berannt gewesen, sonst wäre seine Aussage anders beurteilt worden. Das Gericht beschließt, Schreiber zu nochmaliger Ber- nehmung sofort zu laden. ES wird dann in die Erörterung der Sache deS Angeklagten Fahrstuhlarveiter Rehaab eingetreten. Er soll am 29. Oktober abends an der Eck« Remicken- dorfer und Scherer-Stratze in einer zusammengerotteten Menge gerufen haben„Ihr Bluthunde!" und ist deshalb wegen Aufruhrs und Polizeibeleidigung angeklagt. Als ihm bei der Festnahme die Hand aus der Paletottasche gerissen wurde, um sie zu knebeln, ent. fiel der Hand ein Messer. Rehaab erklärt hierzu, er habe das Messer, mit dem er kurz vorher Wurst geschnitten hatte, in die Paletottasche gesteckt und es unbewußt ergriffen. Die Zeugen berittener Schubmann Pttke und berittener Schutzmann Wilde bekunden den zweimaligen Ruf„Ihr Blut- Hunde!" Festnehmen ließen sie ihn durch die Fußschutzleut« Pla- mann und Schünemann. Diese haben aus RehaabS Hand daI Messer fallen sehen. Rehaab behauptet ans ber Wache Ecke Utrechter und Max- jtraße mißhandelt worden zu sein. Hierzu bekunden die Eltern >es Angeklagten, daß er ihnen am anderen Tage sofort diese Mit- teilung gemacht und ihnen auf seinem Rücken die Striemen gezeigt habe. Rechtsanw. Cohn bittet, die beiden Schutzleute zu ver- nehmen, die ihn festnahmen und abführten; gegen diese richte sich der Vorwurf der Mißhandlung. Der Borsitzende stellt fest, daß nach der vom Polizeipräsidenten erteilten Genehmigung ausgesagt werden darf nur über Vorgänge auf Straßen und in Häusern. StaatSanw. Brüning: Wir Mmes nW an. daß sich die.Ge nehmt- fliing ait'J) auf die Dachen LezieHI. Rcchtsaniv. Eohu: Daraus kvnute die Auffassung gefolgert werden, eine Wache vertrage es »ich!' ss man hiiieinguckt.— Vors.: Wir wollen die Zeugen selber cmicheiden lassen.(Zum Zeugen Schutzmann Schünemann): Sie sollen Rehaab aus der Wache geschlagen haben.— Zeuge:(sofort einfallend): Nein!— Vors.: Ja, wollen Sie denn überhaupt aus- sagen?— Zeuge: Ich weiß nicht, ob ich darf.— Zeuge Leutnant Liulke: Ich werde an Stelle des Beamten aussagen.— Vors.:(zum Zeugen Schünemann): Haben Sie Bedenken wegen der Genehmi- gung?— Zeuge: Ich glaube, ich darf aussagen.— Vors.: Haben Sie geschlagen?— Zeuge: Nein. Wieder stellt die Verteidigung BeweisantrSge. Rechtsanw. Cohn und Rechtsanw. Puppe beantragen zu den Fällen Lnbe und Tiefc die Vernehmung von Zeugen, deren Aus- sage die Glaubwürdigkeit der Zeugin Frau Bray, die beide Ange- klagte belastet hat, erschüttern werde. Verzichten will Rechtsanw. Puppe aus seinen Antrag, wenn die Staatsanwaltschaft schon jetzt erklären wolle, daß sie die Anklage gegen Tietz fallen läßt. Rechts- onwalt Cohn beharrt bezüglich des Falles Lube bei seinem Antrag. Auch zum Fall Sühring beantragt Rechtsanw. Puppe noch Ladung von Zeugen, durch die er die Aussage der Bclastungszeugin Frau Abraham entkräften will. Staatsanw. Brüning versichert, er zweifle nicht an der Glaubwürdigkeit der Frau Abraham. Dagegen gibt er nunmehr die Erklärung ab. daß die Anklage gegen Tietz nicht aufrecht erhalten wird, doch besage das nichts gegen die Glaubwürdigkeit der Frau Bratz. Diesen neuen Beweisanträgen wird durch Gerichtsbeschluß stattgegeben. Dagegen behält sich das Gericht die Beschlußfassung vor über einen von Rechtsanw. Cohn eingereichten Beweisantrag bezüglich der Mißhandlungen auf der Wache Utrechter Ecke Maxstrahe. Rechtsanw. Cohn führt hierzu aus, er halte es für eine unzulässige Beschränkung, daß nur die Mißhandlungen zur Sprache kommen dürfen, die von den hier als Zeugen vernommenen Polizeibeamten verübt fein sollen. Für die fragliche Wache komme nur eine ge- ringe Zahl von Beamten in Betracht, darum werde man diesem Beweisantrag stattgeben müssen, auch wenn nicht die Beamten näher bezeichnet werden konneu. In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober seien etwa von 10 Uhr abends bis 2 Uhr nachts aus deu Räumen des 107. Polizeiburcaus von Zeit zu Zeit klatschende Schläge und laute Schreie gehört worden. Von einzelnen HauS- bewohnern seien, wie schon in früheren Fällen, so auch Ende Oktober über die nächtlichen Ruhestörungen und Mißhandlungen Festgenommener Beschwerden gekommen. Es solle bewiesen werden. daß am Abend des 29. Oktober drei Kriminalbeamte auf der Treppe zum Polizeiburcau einen älteren Mann, der sich nicht im mindesten widersetzte, vor sich herstießen und fortwährend mit Gummiknüppel und Stock schlugen; ferner, daß einem Herrn, der den Beamten des- halb Vorhaltungen machte, ebenfalls Schläge angedroht wurden. Zum Fall Lube wird dann der von der Verteidigung geladene Gastwirt Tamme vernommen, nach dessen Bekundung Luve bei ihm von 1612 Uhr bis kurz vor 12 Uhr nachts geweilt hat, also nicht stundenlang ununterbrochen vom Flur des von ihm bewohnten Hauses Schererstraße 12 in die sich immer wiederholenden Auf- läufe eingegriffen haben kann. Lube war so betrunken, daß er ein- schlief, nachher wurde er aber von einem Bekannten noch in eine andere Kneipe mitgenommen. Dem Antrag des Rechtsanw. Cohn auf Ladung weiterer Zeugen, die das bekunden können, wird statt- gegeben. Wegen Pokizeibeleidigung und Aufforderung zu strafbaren Handlungen haben die Angeklagten Arbeiter Wolter und seine Ehefrau sich zu verantworten. Sie sollen zum Fenster hinaus geschimpft baben„Bluthunde! Spitzbuben! Verbrecherl" usw., sollen die Menge zum Widerstand angereizt und selber die Schutzleute be« droht haben, ihnen»eins auf den Kopf" zu werfen. Beide geben nur zu, von oben den Schutzleuten„Pfui! Schämt Euch!" zugerufen gu haben, weil sie Mißhandlungen auf der Straße beobachteten. Leutnant Kulke, der zu der Zeit eine Attacke leitete, bekundet, «ine Zivilperson namens Behrens habt ihn auf das Schimpfen auf- nierksam gemacht, und er habe dann selber die Schimpfworte gehört. Allerdings habe er von einer Aufforderung zum Widerstand nichts gehört.. Aehnlich lautete die Aussage eines Schutzmanns Lorenz und eines Zivilzeugen Jllus. Die Zivilperson namens Behrens ist Redakteur am„Lvkal-Anzeiger". Herr Behrens ist als Berichterstatter auf dem Wedding tätig ge- Wesen und hat dabei auch der Polizei seine Unterstützung geliehen. Er gibt an. aus dem Walterschen Fenster auch den Ruf gehört zu baben:„Laßt euch das nicht gefalle», schlagt die Verbrecher nieder!" Er glaubt, sagen zu können, daß in der ganzen Etage nur das eine ?snster erleuchtet und besetzt war. Der Vorsitzende weist darauf in, daß z. B. die Angeklagte Frau Rohloff, die in demselben Hause wohnt, nach ihrem eigenen Geständnis gleichfalls hinausgeschimßst bat.— StaatSanw. Linde(zum Zeugen): Haben Sie mich die Vorgänge in Moabit mitangesehen?— Zeuge: Ja.— Staatsanw. Linde: Haben Sie beobachtet, daß die Vorgänge auf dem Wedding beinahe noch schlimmer...— Rechtsanw. Cohn: Diese Frage beanstande ich.— Rechtsanw. Cohn richtet dann an den Zeugen die Frage, woher das Material zu den„Losal-Anzeigir"-Artikeln über di« Weddingunrnheu bezogen worden sei.— Zeuge antwortet, er habe sich au? Auskünfte der Polizei und auf eigene Beobachtungen gestützt.— Rechtsanw. Cohn: Haben Sie keine Ausarbeitung von der Polizei bekommen.— Zeuge: Nein. — Rechtsanw. Cohn: Auch nicht vom Kommissar Kuhn?— Zeuge: Nein. Beim AMick eines Sistiertentransportes soll die Angeklagte Frau Plataw ..Bkuthunbe!" geschimpft haben; sie hat sich daher wegen Polizei- beleidigung gu verantworten. Frau Platow bestreitet jede Schuld. Die Zeugen Schutzmann Petzel und Schutzmann Bagusat be- künden, nur sie könne diese Schimpfworte ausgestoßen haben. Ihrer von ihr weglaufenden Freundin habe sie nachgerufen:„Tonv, Tonh, bleib bei mir!" Hinterher habe sie erklärt, die andere habe geschimpft, doch kenn« sie sie nicht. Auf der Wache sollen auch die Schutzleute in Zweifel darüber gewesen sein, welche von beiden geschimpft hatte.— Rechtsanw. Liebknecht(zum Zeugen Petzel): Auf der Wache wurde der An- geklagten gesagt:„Wenn Sie's nicht Ivaren, tvar es die andere." — Zeuge: Ich sagte das nicht. Den Ehemann, der nach der Wache kam und behauptete, daß seine Frau es nicht gewesen sei, fragte ich: „Waren Sie es dann?" Er sagte: Ich bin Sozialdemokrat vom Scheitel bis zur Sohle, meine Frau ist zu dumm dazu.— Rechtsanwalt Liebknecht: Wozu zu dumm?— Zeuge: Na, er meinte wohl, so etwas zu rufen.— Rechtsanw. Liebknecht: Ach, das muß tvohl ein Irrtum von Ihnen sein. Frau Platow klagt, auf der Wache habe ein Beamter zu ihr gesagt, sie sie sei wohl eine van der Straße� Schutzmann Bagusat erklärt: Ich habe das nicht gesagt, habe eS auch nicht gehört.— Angekl.: Dieser Beamte sagte eS.— Vors.: Sie können auf die Frage, ob Sie es waren, die Aussage der- weigern.— Zeuge: Solche Ausdrücke gebrauche ich nicht.— Rechtsanwalt Liebknecht: Ja, das ist gar keine Antwort.— Zeuge: Ich kann mich nicht entsinnen, ich glaube es nicht.— Vors.: Sie können die Aussage verweigern.— Zeuge: Ich verweigere die Vussagr. Fra» Benni», die Freundin der Angeklagten, schildert, wie au« der Menge„Bluthunde" gerufen worden sei. Da sie sich nicht wohl fühlt, wird ihr ei» Stuhl gereicht. Sie sinkt dgvn plötzlich hinten über, so daß die GerichiMener hinzuspringen und sie aus- richten müssen. Nachdem sie sich ein wenig erholt hat, stammelt sie: „Frau Platow rief„Bluthunde!" Der Vorsitzende stellt fest, daß Zeugin im Vorverfahren damit zurückgehalten hat und erst jetzt unter ihrem Eide die Wahrheit sagt. Vors.: Haben auch Sie ge- rufen?— Zeugin: Wenn ich gerufen hätte, hätte mich der Schutz- mann festgenommen.— Vors.: Ja, haben Sie nicht gerufen? Sie können die Aussage verweigern.— Zeugin: Ich verweigere sie. — Vors.: Aber das ist richtig, daß Frau Platow rief?— Zeugin: Ja.— Angekl.: Herr Kuhn hat ihr so den Kops verkeitt. Er hat ihr gesagt: Es ist gut, wenn Frau Platow es nicht war, dann waren Sie es! Zum Fall Rudolph wird dann, um die Glaubwürdigkeit deS Zeugen Schreiber zu prüfen, der auf Antrag des Rechtsanwalts Cohn geladene Gastwirt Fuchs vernommen. Er bekundet, daß Schreiber an dem Tage, wo er hier vor Gericht vernommen worden war, abends in sein Lokal gekommen sei und dort gesagt habe, nur im Interesse der Partei habe er das getan, daß er einen jungen Bengel. der Laternen einwarf, der Polizei übergab. Schreiber habe hinzu- gefügt, er sei seit 4 Jahren Mitglied der sozialdemokratischen Partei und sei Bezirksführer gewesen. Als Fuchs ihm sagte:„Na, dann würden Sie doch auch den„Vorwärts" halten", habe Schreiber versichert:„Ja, den halte ich schon vier Jahre zu Hause." Darauf habe Fu-hs gerufen:„Du verfluchter Schwindler, Du! Heute früh stelltest Du Dich vor den Nichtertisch und sagtest. Du hältst ihn nicht!" Darauf habe Schreiber sein Bier stehen lassen und sei schleunigst gegangen. Zeuge Schreiber, der telephonisch herbeigerufen worden ist, wird daraufhin nochmals vernommen.— Vors.: Sie haben uns hier gesagt, daß Sie den„Vorwärts", den Sie in der Tasche zur Schau getragen haben sollen, gar nicht halten. Nun haben Sie doch aber eine ganz eigenartige Angabe bei Fucbs gemacht.— Zeuge: Ich muß bedauern, hier überhaupt eine Aussage gemacht zu haben und möchte gar keine Aussage mehr machen. So, wie mich die Zeitung schon abgemalt hat...— Vors.: Sie sind Zeuge und mügen aussagen.— Zeuge: Ja, ich habe bei Fuchs gesagt, ich lese den„Vorwärts", bin im Wahlverrin und war Bezirksführer. Die Gäste machten mich schlecht, sie schimpften mich„Strolch" und „Schuft" und machten Miene, mich zu verprügeln. Da sagte ich schnell, ich bin Bezirksführer gewesen und ging raus.— Vors.: Sie sollen Ihren eigenen Bruder bestohlen haben.— Zeuge: Davon weiß ich nichts.— Vors.: Wollen Sie sagen, Sie haben es nicht getan.— Zeuge: Ich habe es nickt getan, das bestreite ich ganz ent- schieden.— Rechtsanw. Cohn: Wie verhält es sich denn eigentlich mit Ihren Borstrafen?— Zeuge: Ich sage darüber überhaupt nichts mehr.— Vors.: Das müssen Sie.— Zeuge: Ich verweigere meine Aussage.— Bors.: Dann können Sie bestraft werden.— Zeuge: Ich kann mich ja nirgends mehr sehen lassen, so bin ich in der Zeitung abgemalt worden.— Rechtsanw. Cohn verzichtet nunmehr auf die Frage nach den Vorstrafen, forscht aber jetzt nach dem Zu- standckommcn des StrafaussckubgesuchS. Er sagt: Kannten Sie den Kommissar Kuhn schon früher?— Zeuge: Nein.— Rechtsanw. Cohn: Von polizeilicher Seite wird das Gegenteil behauptet. Bei Uebersendung des Strafaufschubgesuchs hat die Polizei der Staats- anwaltschaft mitgeteilt, daß Sie auch sonst im Dienste der Polizei stehen.— Zeuge: Darüber habe ich mich auch schon gewundert. Das hat der Kommissar Kuhn aus Versehen geschrieben.— Rechtsanw. Cohn: Sie bestreiten das unter Ihrem Eid?— Zeuge: Ja.— RechtSanw. Cohn: Auch, daß Sie bezahlt worden sind?— Zeuge: Ausgeschlossen!— Rechtsanw. Cohn: Nachdem Sie die ersten Strafen erlitten hatten, was haben Sie dann vom Jahre 1898 an gemacht?— Zeuge: Gearbeitet.— Rechtsanw.: Cohn: Wo?— Zeuge: Sie haben mich schon so schlecht gemacht, ich gebe Ihnen überhaupt keine Antwort mehr.— Vors.: Sie dürfen nicht so er- regt sein, wenn man recht ruhig bleibt, geht alles am besten.— Rechtsanw. Dr. Cohn: Ich beantrage nunmehr, den Kriminal- kommissar Kuhn darüber zu vernehmen, daß der von ihm her- rührende amtliche vermerk:„Schreiber ist auch sonst für die Polizei tätig", der Wahrheit entspricht. Staatsanwalt Brüning: Ich bitte diesen Antrag doch schriftlich einzureichen. Rechtsanw. Dr. Cohn: Herr Staatsanwalt, ich habe bis jetzt geschwiegen über die sehr merkwürdige Art und Weise, mit der der Herr Polizeipräsident von der Verteidigung verlangt, An- träge, die sich auf die Vernehmung von Polizeibeamten in nicht an- genehmen Dingen beziehen, schriftlich niederzulegen. Ich erkläre zetzt. daß es uns gar nicht einfällt, dem Folge zu leisten. Hier ist eine mündliche Verhandlung und das Gericht ist verpflichtet, auch mündliche Anträge entgegenzunehmen.— Rechtsanw. Dr. Karl Liebknecht: Ich stelle ebenfalls den Antrag, den Kriminalkommissar Kuhn zu vernehmen, und erkläre gleichfalls, daß ich mich nicht vcr- anlaßt sehe, diesen Antrag schriftlich zu fixieren.(Zu dem Zeugen Schreiber gewandt): Hat Ihnen der Kriminalkommissar Kuhn, als er Ihr Strafaufschubgesuch befürwortete, vielleicht gesagt: Eine Hand wäscht die andere, ich werde dafür sorgen, daß Sie nicht ver- ljaftet werden, Sie müssen aber auch für die Polizei hin und wieder tätig sein?— Zeuge: Nein, davon weiß ich nichts.— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Ihr Bruder Rudolf soll doch auch ein sehr abfälliges Urteil über Sie fällen?— Zeuge: Der kann meinetwegen sagen, was er will.— Rechtsanwalt Dr. Puppe: Hat der Kommissar Kuhn jenen Vermerk vielleicht in Ihrer Gegenwart gemacht, daß Sie ihn lesen konnten oder Ihnen vielleicht mitgeteilt, was in dem Briefe stand?— Zeuge: Na, soll ich denn hier nochmals sagen, was schon in der Zeitung gestanden hat? Der Kommissar hat mir nichts da- von gesagt.— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Vorhin hat der Zeuge aber gesagt, er habe sich schon damals über den Vermerk gewundert, er muß demnach doch davon Kenntnis gehabt haben. Diese Sache ist doch heute hier das erstemal zur Sprache gebracht worden.— Vors.: Waren Sie vielleicht vorhin im Zuschauerraum?— Zeuge: Nein.— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Sie haben uns neulich hier gesagt, Sie wären außer der letzten Strafe nur einmal vor sechzehn Jahren vorbestraft. Ist das teiin richtig?— Zeuge: Ich bin ja auch nur einmal bestraft.— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Ich weiß nicht, ob die Staatsanwaltschaft jetzt nicht einen Antrag gegen den Zeugen stellen wird. Es ist ja einfach unglaublich, daß der Zeuge dies in Abrede stellt.— Borsihcnder: Wie aus den Akten hervorgeht, sind Sie doch schon mehrfach bestraft.— Zeuge: Dann habe ich das wohl falsch verstanden, ja, früher bin ich allerdings mehrfach bestraft.— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Der Zeuge hat aber hier ganz deutlich auf wiederholte Fragen gesagt, er sei früher nur ein- mal bestraft und hat dies dem Vorsitzenden neulich auch leise mitgeteilt, worauf dieser uns zurief:.242". Der Zeuge Fuchs tritt nochmals vor und bezeichnet es als eine glatte Unwahrheit, wenn der Zeuge Schreiber hier behaupte, er sei in seinein Lokal bedroht worden und habe npr aus Angst ge- schwindelt. Der Angeklagte Rudolf bittet an den Zeugen Schreiber die Frage richten zu dürfen, weshalb er ihn denn gerade nach dem 91. Polizeirevier habe bringen wollen.— Das Gericht lehnt diese Frage ab. Der Angeklagte Rudolf bemerkt noch, daß es ihm bekannt geworden sei, daß sich Schreiber sogar mit mehreren Beamten dieses Reviers duze.— Vorsitzender: Na, selbst wenn!— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Ja, die Beamten pflegen sich doch nicht so ohne weiteres duzen zu lassen!— Der Vorsitzende erklärt die Frage für unerheblich.— Rechtsanwalt Dr. Cohn stellt fest, daß die Polizei damals dem Zeugen Schreiber noch so viel Glauben schenkte, daß sie ihm auf der Wache die aus einer Gastwirtschaft auf seine Ver- anlassung sistierten Personen vorführte und sie von ihm bezeichneten festnahm. Einer wurde drei Wochen in Untersuchungshaft festgehalten und mußte dann außer Verfolgung gesetzt werden. Zum Fall Lube wird noch Gastwirt Soms. der die Zeugin Bratz als nicht jehr vertrauenswürdig bezeichnet. Zum Fall Lube wird noch Gastwirt SomS vernommen, der die Zeugin Bratz als nicht sehr vertrauenswürdig bezeichnet.. DaS Gericht beriet dann über die Beweisantrage, über die Ll>K lejüe SuMeidung ßciipffea ist. und kommt zu folgende«! Beschluß: DaS Gericht sictk die VeKekSankräze?er BsrkeldkgMkg teilweise abgelehnt, da sie als BeweisermittelungSanträge anzu- sehen seien, teilweise auch, da eine Beweiserhebung insoweit nicht zulässig sei, wenn die von den zu ladenden Zeugen zu bekundenden Tatsachen Urteile darstellen. Andere Punkts in den Beweis- antrügen hat das Gericht als wahr unterstellt. Das Gericht hat ferner als wahr unterstellt, daß sich die Angeklagten in dem Glauben befunden haben, es seien Handlungen, wie sie von der Verteidigung behauptet werden, tatsächlich von der Polizei unter- nommen worden. Die Anträge auf Ladung des Kriminalkommissars Kuhn und deS Obsthändlers Schreiber werden abgelehnt, da die in ihr Wissen gestellten Tatsachen für die Entscheidung des Gerichts ohne Bedeutung sind. Die Sitzung wird hierauf auf Dienstag O'/i Uhr vertagZ. Hud aller Melt. JVIcbr Hrbcitcrfchutz— weniger JVIeiifcbeiiopfer. Ein schreckliches Brandunglück hat sich vor einigen Tagen in der Zelluloidabteilung der Kannnfabrit Brunhuber in Naumburg ereignet. Bei dem Unglück sind 20 Personen verletzt worden, davon sieben schwer. Einem Arbeiter. der vor einigen Jahren bei einem ähnlichen Brandunglück schon einenArm verlor, wird auch der zweiteab�enommen werden müssen. Außerdem wurde ihm das rechte Auge herausgerissen. DaS Unglück wurde heraufbeschworen durch daS Einlöten der Versandkisten. Die Arbeiter behaupien. daß das hierzu verwendete Metall zu schwach gewesen sei, so daß der Löthammer dasselbe durchbrannte. DaS Unglück wurde dadurch besonders groß, daß die Kiste» in einem Räume verlölet wurden, über dem sich Familienwohnungen befinden. Durch die Explosion des Zelluloids, die in einem Parterrezimmer erfolgte, flog die Decke, sowie auch das Dach des zweistöckigen HauseS in die Luft und die verletzten Personen Ivurden teil- weise durch die Fenster und Türen ins Freie geschleudert. Durch das direkt angrenzende Zelluloidlager erhielt das Feuer reiche Siahrung, so daß eine Reihe weiterer Personen in Gefahr geriet. Schon vor einiger Zeit hat der Holzarbeiterverbaud in Gemein» schaft mit den übrigen Verbänden, zu denen die Zelluloidarbciter ihrer Berufstätigkeit nach gehören, sich in einer Petition an die Reichsregierung wie auch an den Reichstag gewendet, um einen größeren Schutz gegen die Feuers» gefahr in den Zelluloidfabriken zu erreichen. Insbesondere wurde in der Petilion verlangt, daß die Räume, in denen Zelluloid verarbeitet und aufbewahrt wird, von den Wohn- räumen isoliert werden sollen. An die gesetzgebenden Körperschaslen muß aus Anlaß dieses Falles mit aller Energie die Forderung gestellt weide», daß die Verarbeitung und Aufbewahrung von Zelluloid in besonders dazu hergerichteten Räumen geschieht und die Schutzvorrichtungen für Leben und Gesundheit der Arbeiter verschärft werden._ Schweres Eisenbahnunglück in England. Am Montag vormittag stieb in der Nähe der englischen Stadt Pontypridd auf dem durch das Flußtal des Taff führenden Schienenwege ein Personenzug mit einem Kohlenzuge zusammen. Die ersten Wagen des Per» sonenznges schoben sich ineinander, die anderen Wagen bilden einen Trümmerhaufen. Bisher sind elf Tote unter den Trümmern hervorgeholt werden. Unter den bei dem Eisen- bahnunglück Getöteten befinden sich drei Mitglieder des Ex ekutiv aus s ch uss es des Bundes der Bergarbeiter von Süd-Wales, die nach London reisten, um an der allgemeinen Bergarbeiter- konferenz teilzunehmen._ Tie Pestgefahr im Osten. Wie aus Tientfin telegraphiert wird, hat sich die durch den AuSbrigh der Pest geschaffene Lage weiter verschlimmert. In Peking waren gestern neun, in Tientsin acht Todes» fälle an der Pest zu verzeichnen. Die Nachrichten aus C h a r b i n lassen erkennen, daß eine Abnahme der Erkrankungen noch nicht ein» getreten ist. In T s ch i f u sind 13 neue Todesfälle vor- gekommen. Man hegt Besorgnis für die Sicherheit Schan- g h a i S..Daily Mail" meldet aus Peking, daß dort wegen der Ausbreitung der Eeucke das diplomatische Korps daS Gesandt» chajtSviertel abgesperrt habe. Auch die Absperrung des europäischen Viertels dürfte im Laufe deS gestrigen Tage» erfolgt sein._ Kleine Notizen. 50 000 M. Schmucksachen gestohlen. Reiche Beute machten Gin- brecher, die am Sonntagnachmittag ein Goldwarengeschäft in Würzburg heimsuchten. Den bisher unbekannten Tätern fielen für etwa SO 000 Mark Uhren und Juwelen in die Hände. Ein Opfer feines ärztlichen Berufes wurde der Assistenzarzt an der Kinderklinik in Breslau Dr. Ernst Blumenthal. Der im Alter von 23 Jahren stehende Arzt, der Sohn eines Fabrikbesitzers in Berlin, war Stationsarzt der Scharlachabteilung der Kinderklinik. Er infizierte sich vor fünf Tagen mit Scharlach und erlag am Sonntag der 5lrankheit. Bluttat eines Fahnenflüchtigen. Wie die„Pfälzische Presse" aus Speyer meldet, hat der Pionier Klotz, ein Schlosser aus Pforz- heim, der aus Furcht vor einer Strafe desertiert war. bei seiner Verfolgung durch 20 Pioniere einen Offizier und einen Unteroffizier lebensgefährlich verletzt. Als Klotz dann bei Dudenhofen gestellt wurde, tötete er sich durch einen Schuß aus seinem Dienstgewchr. Schweres Unglück in einem franzäsischeu Bergwerk. Wie ein Telegramm aus S t. C l a i r e im Departement Oiie meldet, sind in einem dortigen Bergwerk vier Bergleute verschüttet worden; zwei von ihnen wurden als Leichen geborgen. Die übrigen liegen noch unter den Gesteinsmassen. Folgenschwere Explofionen. Gestern nachmittag explodierte in der nnlitärtechniichen Anstalt in Wien ein eisernes, Schwefel- säure enthaltendes Faß. Durch die gewallige Explosion wurden dreiSoldatensehr schwer verletzt.— Jusolg« einer Gasolinexplosion geriet in Moskau ein Restaurant in Brand. Drei Personen sind in den Flammen um- gekommen, sieben Bedien st ete deS Restaurants wurden schwer, vier leicht verletzt. Noch ein Opfer dcr japanischen Reaktion. Die Mutter des zum Tode verurteilten Dr. Kotoku. die nach der Verhaftung ihres Sohnes erkrankt war. ist am Tage nach der Verkündigung des Urteils infolge der Aufregungen gestorben. Bneftaften der Redahtion. C8. Gkehm n. Gen. Infolge eine» Versehens der Druckerei ist»in kleiner Teil der Auflane von der Unterhaltungsbeilage Nr. S verdruckt worden. Leser, die die Unterhaltungsbeilage ausbewahren. können sich die Nummer nachliesern lassen , evctterprognoke für Dienstag, den 34. Januar 1911. Zunächst etwas kühler, vorwiegend heiler bei mäßigen südöstlchen Winden; ipätcr wieder zunehmende Erwärmung und Bewölkung vhiie erhebliche Niederschläge. Berliner Wetterburea» des 6. Berl. Relebstass- Wahlkreises. Todes• Anzeige. Am 21. Januar verstarb unser Genosse, der Arbeiter �uxust Werner Usedomstraße 12a. Vhrr seinem Andenken Z Die Beerdigung findet am Dienstag, den 24. Januar, nach- mittags Z Nbr, von der Leiche»« balle des Fricdhoscs der Himmel- sahrts-Gemciiide auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 224/11 Idee Voestnnd. Irbeiler-Railfahrer-VerEin Oroß- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Sportgenosje �rtur Lcdrüäer gestorben ist. 10/1 Ehre seinem Andenken Z, Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 25. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- jalle des neuen Jakobi-Kirch- «oses in Rixdorj, Hermannstraße auS statt. Dei> Vorstand. | Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. (Zahlstelle Berlin.) Am Sonnabend, den 21. Januar, oerstarb unser Mitglied Lmil Peters. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung findet am Dienstag, den 24. Januar, nach- mittags 3 Uhr, vom Moabiter Kranlcnhause, Birlenstraße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet S3/2 vis Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf! Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mstglied, der Dreher Aikfec! Triemer am 19. Januar an Lungenleideu gestorben ist. Ehre seinem Andenken 1 110/13 Oie Ortsverwallung. Zentral-Kraiikeii- und Sterbe- Fillale WeiBeueee. Nachruf. Am 15. Januar d. I. verstarb in der Heilanstalt in Eberswalde unser Mitglied und Freund sowie Berufskollege Nermsan Noetzel. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten I 257/2 Der Borftand der ftittnte Weihensee. Allen Verwandten und Be- kannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser herzensguter Vater, der Drechsler Luslk? flaberland S onntag früh Tlt Uhr nach langen IchwerenLeiden sanft entschlafen ist. DieS zeigt tiefbetrübt an Ole trauernde Witwe nebst Kindern. Die Beerdigung findet Mittwoch. den 25. Januar, nachmittags 3 Uhr, vom Smmaus-Kirchhos auS statt. Danksagung. : die zahlreichen Beweise herz- her Teilnahme anläßlich der Beerdi- O meiner lieben Frau sage allen ltgten. Verwandten und Freunden besten Dank. 230Sb Kranz Zpata und Tochter. Dr.Simmei Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, ÄZ-, 10— 2. 6—7. Sonntaga 10— 12. 2— i Allgem. Deutscher Gärtner-Verein. OrtsTerwaltnng Groß- Berlin. firanclie Laudsehansgärluerei. Gärtner! Gartenarbeiter! D i rn S t a g, den 24. Januar, abends S'/a Uhr, in Hicthes Festüiälcn Nachf., Schön eberg, Hauptstr. 5/6: Branchen'Veriamrolung. TageS-Ordnung: 1. Die Taktik bei Lolinbetvegiingeu in der Landschaftsgärtuerei. Neserent: Kollege do»ivk Bn�vti. 2. Unsere J-orderungen f«r dieses Frühjahr. Rejerent: Kollege HV»lt«r Ii»»».nllr. _ Die s challplatten Verleili-lostitui. VerBand auch nach auswärts. I Prospekt gratis und franko. Kurl itorbw, Berlin 50, 1 Noue Ko'nigstraBe 38. H.Pfau,»anjasisl DlreksenstFaße 20 zwischen Bahnhos Ale�anderplatz und Polizeipräsidium.— Amt VII, 13799. Für Damen Frauen-Bedienung.• Lieferant jür alle Krantenkaneu. 'OaslTodvund HalrsovnAsI°n.a.m.-.i .R.es vo 1 u t i ort'" Mein Anbrennen der SpeisenT] Gieiehmassiqsla Hi)Kevert,eiiung.| [?üi3 lit'iken,zu(Ii grosser Kühlen hwvsiragtnd ijeeiqnel.VerblUffaid.] Bester u.billiqster Ersatz für Feuerzeug� Warrnha Iten von Speisen ehna Gas.' \ Kflln Ansengen der Klaid� SdiOnung g�heissenGeschirrgriffei ,ac�eine Sechster Wahlkreis! Dienstag, den Ä4 Januar, abends 8'/« Uhr: Im Moabiter Gesellschaftshans, Wiclefstraße 24: Tagesordnung:-. Volks staat oder Beamteustaat? Referent: Reichstagsabgeordneter IdeÄvlZofU'. 2. Freie Diskussion. In den Pharns-Sälen, Müllerstraße 142: TageSorbnung: I Nußlttttd und Preußen! Referent: Landtagsabgeordncter Vf. Ii.ai'1 2. Freie Diskussion. . Alfred Paersch, Oldenburger Straße 10. _ Euibcrufcr: Buchholz, Brüsseler Straße 47. EininaiigeAnscivafoi Kocht ohne SrnngerKauTpreiS� G a s weiter. Grosss�v�ss�rs��rn�s� Ceinfluslbschen der Flammen durch Luftzug, GustavFischerzJngenieur, Beruhe Schifter] Spezialabteilung: fiasafisdaratabau.Ofl'stH Ehlertsche Kranken- und Sterbe- kafie Nr. Z7. 28186 Sonntag. 29, d. Mts., vormittags lO1!, Uhr, Am Johannistisch 3: Auherordentliche Versammlung. TageS-Ordnung: Beratung eines neuen Statuts. Wahl zweier Vorsteher-Stellvertreter. der Dach-, Schiefer- und Ziegeldecker zu Berlin. Die 7. Abänderung des Statuts (Unter stützun gen für Familienangehörige) ist genehmigt und vom 15. 1. 11 ab in Krast getreten. 270/14 Der Vorstand. Gustav Hohdorf, Vorsitzender. �ofastoffe Riesenauswahl aller Qualitäten. Wolle- Pacfot noeqaetts. Piasch-nColC. Satteltascben. Muster bei näherer Angabe franko. Ell leftfTB, O�amenstV. 188. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meiner liebe» Frau, unserer guten Mutter sage hiermit allen Bekannten und Freunden, so. wie meinen Aibeiiskollegen bei der Firma Auer, Abteilung J., auch dem Wahtverein des 4. Kreises(35l. Bez., Teil ll, meinen innigsten Dank. Otto Braacbbe nebst Kindern. m • n Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: Hos L Amt 3, 1239. CharithstraBe 3. Hos 1£L Amt 3, 1987. Mittwoch, den 25. Januar, abends S'/a Uhr: Versammlung der Gold- und Silberarbeiter im Dresdener Garten, Dresdener Straße 45. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Wissel über:„Unfallversicherung". 2. Sonstige Angelegenheiten. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird ersucht. Mittwoch, den 25. Januar» abends v Uhr: Versammlung der chirurgischen Branche im Rosenthalcr Hof, Rosenthaler Str. 11/12. Tages- Ordnung: 1. Jahresbericht der Kommission. 2. Diskussion. 3. Neuwahl dir Kommission. 4. Neuwahl des ArbeilSvermittlers. 5. Verschiedenes. Die wichllge Tages-Ordnung macht daS Erscheinen jedes Kollegen erforderlich. Wir erwarten von jedem einzelnen, daß er rege jür den Besuch dieser Versammlung agitiert._ 110/17 Graveure! Ziseleure! Mittwoch, den S5. Januar, abends SV- Uhr: == Versammlung in de« Korona-Prachtsälen, Kommandanteustraße 72. Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Herrn H. Weiß, Redakteur deS.Kunstgewerbezeichner'. über:„Der Arbeiter in der bildenden Kunst-«. 2. DiS» kussion. 3. Verschiedenes. Rege Beteiligung wird erwartet. Die OrlsverwaUnng. Kinmku- und fuatnbinbrrri 000 Robert Meyer,' tor Mlmannrn.Slraßt 2. Lerantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Jnseratenteilverantw.: Th.Gloike, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Verwaltung; Berlin. Hürnen' und IPinielmacber. Mittwoch, den 25. Januar er., abends 8'/, Uhr, im Lokale von t'. Dreiiß. Holzmarktstr. 65: Branchen-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Die Teuerung und ihre Ursachen. Neser.: Kall. I. Hildebrandt. 2. Jahresbericht der Koinuiisfion. 3. Branchenangelegcnheiten. Wegen Ausgabe d. Kontrollkarten sind die Mitgliedsbücher mitzubringen, Um zahlreiches u. pünkli. Erscheinen ersucht Oie Sranehenkoininlssloo. Stellmacher. M i t t w ofch, den 25. Januar, abends S1/» Uhr, im Bosenthaler Hof, Rosenthaler Straße 11/12: Branchen»Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Branchenkommission und daS Ergebnis der Statistik in den Waaensabriken über die Lohn- und ArbestSbediiigungen. 2. Wahl der Branchenlommi sion, der Delegierten zur General« versamu.lung und der Zentralkomisjion. 3. Branchenangelegenheitc». Die liommlsslon. Perlmutt- und Knopfarbeiter. Mittwoch, de» 25. Januar, abends U Uhr, im Kvwerh» sel>attsli»i»s, Engclufer 14/15(Saal V): Branchen»Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht der Branchenkonimission. 2. Wahl der Branchenleitung. 3. Wahl der Delegierten zur Generalversammlung. _ Die Kommission. Donnerstag, 26. Jan., abends 87, Uhr: SP Kombinierte Versammlung der Ortsverwaltungen und Kontrollkommissionen Berlin, Charlottenburg, Rixdors, Schöneberg. Steglitz und Grosi-Lichterfelde. Lokal: Andreas-Feftsäle, Slndreasstr. St. Ptnhtzer Zounabend. den 2«. Januar. abeudS S Uhr,»el Olnietzer Boeker, BSeberstr. 17: Großes Winter- ▼ e rg n ß g e n.______ 78/S Kindersegen und Arbeiterklasse__ oder: Wie schiiht man sich vor starkem Faniilienziiwachs mit und ohne HllfSmitt l auf gesunde Art?— Preis»0 Pf.—(Segen vor. ewsendung von»5 Pf. in Biiesm. portofrei ins HauS durch de» Verla« °°n V. �Ißner. Je»a-Oft(--aale), sowie durch die Bnchhaudlung Vorwärts. Berlin Lw.«8. 8t. 20. 28. Jahrgang. 2. Jfilnot Ks Jornirtf Knlimr Pclliolilntt. Dienstag, 24. Inttnnt 191t Der Kampf ums preukiiche Nahlrecht ist Von der Sozialdemokratie erneut aufgenommen worden, nachdem die sregierung zu verstehen gegeben hat, daß sie in absebbarer Zeit an eine Aenderung des gegenwärtigen Wahl- systems nicht denkt. Nicht weniger als 31 Versammlungen im Weichbilde Berlins und mehr als ihrer 70 in Groß-Berlin überhaupt, beschäftigten sich am Sonntag mit der Frage der Wahlreform. Welches Interesse die Masse diesem Thenia entgegenbringt, zeigte sich an dem Besuch der Versammlungen, die fast ohne Ausnahme überfüllt waren. In allen Versammlungen wurde folgende Resolution angenommen: Die heute tagende Volksversammlung spricht ihre tiefste Entrüstung über die Art aus, in welcher unsere Regierung und der reaktionäre blauschwarze Block das Versprechen dcS Königs, dem preußischen Volke endlich eine der heutigen Kultur angcmcsseue Vertretung zu schaffen, verleugnen und zu deuteln versuchen. Dir Mehrheit deS deutschen, deS preußischen BolkeS, auS den Anhängern der Sozialdemokratie bestehend, hat allerdings von den herrschenden Klassen keine andere Handlungsweise als Hohn, Spott und bnitale Vergewaltigung zu erwarten. Die Versammelten geloben wiederum, unablösfig zn wirken und zu agitieren, um die schamlose Retktiou in Preußen zn bekämpfe», besonders die kommenden ReichStagswahlen durch sozialdemokratische Stimmabgabc zu einer vernichtenden Nieder- läge der Junker und Scharfmacher zu gestalten und dir Re- gierung zur Gewährung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheinien Wahlrechtes zu zwingen. Im erste» Berliner RcichStagSwahlkreise hatte man als Versammlungslokal die Cüysäle am ReichStagSufer in Aussicht genommen. DaS Lokal liegt nahe dem Bahuhos Friedrichslraße diesseits der Spree, also dicht bei der Straße„Unter den Linden". Da« war unseren Polizeistrategen außerordentlich be« denllich. Tie Versammlung durfte hier nicht stattfinden. Und sie wurde denn in letzter Stunde aus— baupolizeilichen Gründen der- boten. Unsere Genossen sorgten schleunigst für Ersatz. Bei DräselS in der Nven Friedrichstraße fand nunmehr die Versammlung statt, die sich eines außerordentlich gutel�Besuches zu erfreuen hatte, ob- wohl erst am selben Morgen der„vorwärts" die Ortsvcränderung mitteilen konnte. AuS Anlaß des Jahrestages deS Begiiliies der russischen Revolution ehrten die Anwesenden die Opfer des an- dauernden Freiheitskampfes sowie die Opfer der japanischen Klaffen- justiz durch Erheben von den Plätzen. Außerordentlich stark besuchte versammlim /v hatte der zweite Wahlkreis aufzuweisen. Man versammelte sich hier an drei Stellen: In der Dennewitzstraße bei Nißle. im Riesensaal der Bockbrauerei am Tempelhofer Berg und bei Kliem in der Hasenheide. DaS letzt- genannte Lokal wurde abgesperrt. Mindestens SOO Personen mußten umkehren, während drinnen 1800 Personen versammelt waren.— In der Bockbrauerei, wo, wie bei Kliem, auch der allerletzte Steh- platz vergeben war. können an 3000 Personen gewesen sein. Die Polizei machte sich wenig bemerkbar, doch gab eS überall fliegende Wachen. Dritter Wahlkreis. Die Versammlung in den, Armin hallen� war sehr stark besucht, so daß der große Saal mit seinen Galerien kaum Plag genug bot. Vor dem Eingang zum unteren Saal standen einige junge Leute von den christlichen JünglingSvereinen. die offenbar ihre Schäflein vor Verirrnngen in die Wahlrechtsversammlung be- wahren sollten. Die christlichen Jünglinge hatten dort auf 1 Uhr eine öffentliche Versammlung einberufen, in der über„Unsere Gegner' gesprochen werden sollte. Die Wahlrechtsversammlung dauerte nicht lange, so daß die christlichen Jünglinge samt ihren Gegnern, die offenbar zahlreicher als sie erschienen waren, den oberen Saal füllen konnten. Diese Versammlung, die ihre drei Stunden dauerte, war wohl die Ursache davon, daß man noch am späten Nachmittag jenseits deS Lokals verschiedene Polizeibeamte herumgehen und stehen sah. Man befürchtete offenbar irgend welche Ungehörigkeiten. Aber die jungen Leute gingen schließlich ebenso ruhig ihrer Wege wie vordem die Besucher der Wahlrechts- Versammlung. Im„GewerkschaftShauS� waren Saal und Galerien überfüllt. Eine polizeiliche Absperrung fand nicht statt, in Ruhe kehrten große Mafien von Besuchern wieder um, wenn sie keinen Platz mehr fiuden konnten. Die im Südosten des vierten Kreise» in der Nähe des GewerkschaftShaufeS gelegenen Versammlungslokale.„GraumannS" in der Nauntinstratze und das „GesellschaflShauS Südost". Waldemarstraße, waren ebenfalls über füllt; da« letztere wurde durch einen Kriminalbeamten abgesperrt. Die uniformierte Polizei hielt sich in anerkennenswerter Weise zurück. Auf den Straßen kamen keine Ansaminlnngen vor. Bor dem Schlesischen Tor, wo unser VersammlungS- lokal, die„Drachenburg", schon um halb zwölf Uhr überfüllt war und später abgesperrt wurde, sammelten sich einige Male große Men- schenmossen an. die ober in Ruhe weiterzogen, als sie hörten, daß die„Drachenburg" keine Besucher mehr aufnehmen konnte. Nirgends wurde der Verkehr gestört, überall herrschte Ruhe und Ordnung. Polizei war zuerst nur wenig zu sehen, hier und da ein einzelner Posten; später zogen weitere Posten auf und Geheime waren mehr als sonst zu bemerken. Im Osten warm die Versammlungen fast durchweg überfüllt. In einzelnen Lokalen war der Andrang außerordentlich stark. Große Scharen, die in die polizeilich abgesperrten Säle nicht mehr hineinkamen, wanderten in losen Gruppen nach anderen Versammlungen. LitfinS Saal war schon um l2 Uhr überfüllt und wnrde abgesperrt. Desgleichen die„Prachtsäle des Ostens". Im Hofe hatte man noch eine zweite Versammlung arrangiert. Die .Prachtsäle dcö OstcnS" liegen schon auf Lichtenberger Gebiet, gerade an der Grenze zwischen Berlin und dem östlichen Lorort. Da der„vorwärts"— so behauptete der überwachende Beamte— für Lichtenberg nicht„PnblikationSorgan" ist, so war die vor- geschriebene Form der Anmeldung eigentlich nicht gewahrt, und die Versammlung brauchte eigentlich nicht„gestattet" zu werden! In- dessen, sie wurde schließiich doch geduldet, nachdem die ver- anstalter darauf hingewiesen waren, daß sie sich strafbar machten. Man ersieht aus diesem Vorkommnis wieder, mit welchen Bureankräkeleien auch dnS neue ReichSvereinSgesetz noch immer bepackt ist: Kleinlichkeitskrämereien, die der nächste Reichstag hoffentlich beseitigen wird. Im„ E l y s i u m" fanden ebenfalls zwei Versammlungen, eine im großen, die andere im kleinen Saal statt. B o e k e r S F e st s ä l e in der Wcberstraße füllte ein dicht- gedrängtes Publikum, während bei V o r g m a n n in der Andreas- straße der Saal auch ziemlich stark gefüllt war. In Kellers Festsälen konnte der große Saal die ungeheueren Mafien nicht fassen, so daß noch zwei Säle voll wurden und trotzdem noch Hunderte umkehren mußten. Nach Schluß entfernten sich die Besucher ruhig; die Polizei war nur schwach vertreten und verhielt sich sehr zurückhaltend. Infolgedessen ereignete sich auch kein Zwischenfall. Fünfter Wahlkreis. Die Männer und Frauen aus dem fünften Wahlkreis hatten sich außerordentlich zahlreich bei Lipps am Friedrichshain ver- sammelt. Bald nach 12 Ilhr war der große Saal schon voll besetzt und nur noch auf den Galerien Platz zu finden, und es dauerte nicht lange, da war auch hier kein Platz mehr übrig. Der Ernst und daS lebhafte Interesse, womit die Versammelten dem Vortrage folgten, zeugten dafür, daß daS preußische Volk nicht erlahmen wird in seinem rastlosen Streben zur Erringung einer wirklich demokratischen Verfasiung. Auf der Straße war alles ruhig und die Sckmtznianitschafl war nicht besonders zahlreich vertreten, wenigstens nicht sichtbarlich, so daß die Ansammlung Neugieriger vermieden wurde und damit auch das sonst übliche„Säubern" der Straße. In den Sophiensälen war der Andrang weniger stark, doch war auch hier der große Saal samt den Galerien voll besetzt. Die versammelten gaben in lebhafien Beifallsäußerungen ihr Ein- Verständnis mit den Ausführungen des Referenten, ihren uner- scbütterlichen Willen zur Erringung des allgemeinen, gleichen Wahl- rechts kund. Die Polizei, die in der engen Straße durch mehrere Beamte vertreten war, hatte nichts zu tun. Für den sechsten Wahlkreis waren allein nicht weniger als 14 Versammlungen einberufen worden. Sehr gut besucht war die Versammlung in der Schönhauser Borstadt und auf dem Gesundbrunnen, so bei Obiglos in der Schwedter Straße und die nach dem„Swine- münder GcsellschaftShauS' einberufene. Auch dort drängte sich vor den Referementischcn Mann an Mann, um möglichst vielen die An- Wesenheit zu ermöglichen, aber auch hier hieß es für die etwas später gekommenen Wahlrechtskämpfer umkehren, draußen warten oder zu versuchen, in einer der anderen Versammlungen der Schöw hauser Vorstadl ein Plätzchen zu finden. Die meisten dieker Genosien und Genossinnen macdren jedoch den eiligst nach der Schönhauser bczw. Kastanienallee eingeschlagenen Weg umsonst, sie konnten schon aus den weithin wahrnehmbaren Menschenansammlungen auf die Ueberfüllung der Säle schließen. Ties war auch tatsächlich der Fall. Keines der beiden Lokale, weder die Mila-Säle noch das Praier- Theater, war groß genug, um alle, die gekommen waren, ihr ver- langen nach Rechtsgleichheit zu bekunden, aufnehmen zu können. Die Versammlungen auf dem Gesundbrunnen in den nebeneinander liegenden Lokalen von Ballschmieder und Franke waren schon lange vor ihrem Beginn überfüllt, obgleich die Tische entfernt und. um Platz zu gewinnen für die anströmenden Mafien, nur wenige Sitzgelegenheiten gelasien wurden. Immer noch eilten Männer und Frauen herbei— die Referate anzuhören, blieb ihnen jedoch versagt; sie mußten außerhalb der Säle den Schluß der ver- sammlungen abwarten, und es waren Hunderte, die sich hiervon trotz des recht unfreundlichen Wetters nicht abhalten ließen. So bot denn die Badstraße um diese Tageszeit das von früheren Wahlrechts- demonstrationen gewohnte Bild. Wir schätzen die Besucher der Versammlungen auf dem Gesund- brunnen und in der Schönhauser Vorstadt aus ca. 10 000 bis 12 000. Was die Polizei anbelangt, verhielt sie sich sehr„zurück- haltend", d. h. es waren nur wenige ihrer Vertreter vor und in der Umgebung der Versammlungslokale anzutreffen. DaS Gros hielt sich im Hintergrund, hatte aber zu irgend welchen Moabitereien keine Gelegenheit. So stark die Versammlungen auch besucht waren, sie leerten sich in bester Ordnung und Ruhe. Wir sind überzeugt, wenn e« Herr v. Jagow über sich brächte, seine Untergebenen in der Respektierung der Staatsbürgerrechte zu bis- ziplinieren, die Polizeisäbel würden rosten in der Scheide und die Brownings, diesmal so bescheiden unter dem Mantel getragen, könnten ganz und gar in den Magazinen aufbewahrt bleiben als Erinnerungszeichen an eine Zeit, zu der man glaubte, die Arbeiter Preußens ließen sich abschrecken in der Fortsetzung ihres Kampfes um das allgemeine Wahlrecht, um Recht und Gerechtigkeit! Auf dem Wedding fanden fünf Versammlungen statt, die sämtlich überfüllt waren. Die Versammlung in Cranz' Festkälen in der KöSliner Straße war ebenso wie die Versammlung bei Raabe in der Kolberger Straße von etwa 1200 Personen besucht. In der Bockbrauerei mußte ein erheblicher Teil der Besucher in den übrigen Gasträumen verweilen, weil im Saal kein Platz mehr war. Eines besonders regen Zustroms erfreuten sich die beiden ver> sammlungen in den Pharus-Sälen. Die geräumigen Säle reichten nicht auS, um alle die Erschienenen, die mit 4000 nicht zu hoch beziffert sind, zu fassen. Die großen Parterreräume deS Restaurants sowie auch der Garten konnten noch einen ganz ansehnlichen Besuch verzeichnen. Einen erhebenden, fast feier- lichen Eindruck machte die Versammlung in dem oberen, dem größeren der beiden Säle. Die Weddinger Abteilung vom Arbeiter- Sängerbund hatte auf der Galerie Platz genommen, von wo auS sie in wohlgelungener Weise die Versammlung mit einem FreiheitS- liede einleitete und schloß. Während die Versammlungen bei Raabe, Cranz und der Bockbranerei von der polizeilichen Ab- sperrung verschont blieben, hatte sich die Polizei der Bersamm- lungen in den„PharuSsälen" aber um so mehr angenommen. Mit minutiöser Pünktlichkeit wurden die beiden Säle zu der an- gesetzten Versammlungsstunde(12 Uhr) den Nachströmenden unzu- gänglich gemacht. Etwa ein halbes Dntzend Schutzleute hatten auf der Straße im näheren Umkreise der Versammlungen Posta gefaßt In geradezu auffallender Weise wurden die Blicke Neugieriger nach dem Hause Müllerstr. 35 gelenkt, wo ein immerhin beträchtliches Polizeikommando ein kleines Kriegslager aufgeschlagen hatte. Eine willkommene Zielscheibe des Berliner Volkswitzes bildete der in mehreren Exemplaren vertretene Berliner Kriininalschutzmann, der erst kürzlich durch seine staatsreitenden Heldentaten bei dem„großen Moabiler Volksalifstande" so viel von sich reden machte. Trotzdem verliefen die Kundgebungen vollkommen ruhig und würdevoll. Für den Stadtteil Moabit waren zwei Versammlungen einberufen worden, eine nach dem „ArtnShos" in der Perleberger Slraße und eine nach der„Kronen- brauerei" in der Straße Alt-Moabit. In den Straßen mischte mit den paar Kirchgängern, die aus dem Gottesdienst heimwandelten, sich der mehr uud mehr anschwellende Strom der Männer und Frauen, die den Versaminlnngsiälen zustrebten. Vor einer Kirche in der Nähe des„Artushos" standen drei Schutzleute bereit, wie wenn sie die Weibtein, die da heraustrippelten, vor einer Berührung mit den Wablrechtsforderern behüten wollten. Sonst aber sah man in den Straßen nur ganz vereinzelt mal einen Vertreter der„ordnungschaffenden" Polizei, deren jüngste Leistungen gerade in Moabit noch in frischer Erinnerung sind. Die Ver- sammlungSsäle füllten sich rasch, sodaß sie noch vor Beginn der Versammlungen die Flut der Einlaßbegehrenden nicht mehr aufzu- nehmen vermochten. Im„AriuSh of" saßen und standen Kopf an Kopf in dem großen Saal an 1800 Personen, während noch mehrere Hundert Personen, die kernen Zutritt mehr gefunden hatten, wartend in den Vorräumen und im Garten verweilten. In der„Kronenbrauerei" erwteS der große Saal sich als bei weitem zu klein, die 3500— 4000 Männer und Frauen zu fafien, die hier zusammengeströmt waren. Um allen die Teilnahme an der WahlrechtSkundgebung zu crtnöglichen, wurde sofort unter freient Himmel im Garten noch eilte zweite Versammlung ab» gehalten. Nach Schluß der Versammlungen begaben die Mafien sich n a ch Hause, ohne von der Polizei belästigt zn werden. In der Umgebung deS„Artushof" wie der„Kronenbratterei" hielten die durch die Straßen schlendernden Schntzmannspatrouillen sich in gentefiener Entfernung, so daß sie kaum bemerkt wurden. Die Berliner Vororte hielten über 40 Versammlungen ab. Der Besuch auch dieser Ver- sammlungen war durchweg ein guter. Und zwar nicht nur in den Berlin begrenzenden großen Arbeiterstädten, sondern auch in den entferntesten Orten der beiden Riesenwohlkreise Teltow-Beeslow und Niederbarnim. Wer von den Referenten durch die wohlüberlegte Strategie des Berliner AktionSauSt'cbtisseS nach einem fernen Ort ver- schlagen wurde, dessen Existenz vielleicht sogar der geographischen Wifien- s»aft nicht bekannt tst, der stand zunächst einmal nach dem Verlafien des Bahnhofes hilflos auf der Straße. Aber nicht lange. Bald merkte er, daß in der einheimischen Bevölkerung das Bestreben herrschte, die Schritte nach einer bestimmten Richtung zu lenken. Wandte er fich selbst ebcndorthin, so ergab sich bald, daß der ganze politisch rege Teil der Einwohnerschast sich auf der Wanderung nach dem Ver» sammlungslokal befand, zu dem ein ununterbrochener Zustrom von Menschen stattfand. Wer sich diesem Strome anvertraute, gelangte fast überall ohne zu fragen zum Ziel. Teltow-Bccskow. In Rixdorf war der Andrang zu den vier Versammlnngen so stark, daß die Säle teilweise sction vor Beginn polizeilich gesperrt wurden. In den Pafiage-Festsälen in der Bergstraße mußren wenigstens 500 Personen wieder abziehen. Hoppes Festsäle in der Hernianustraße hätten noch einmal so groß sein können, um die Besucher alle zu fassen. Auch hier mußten Hunderte wieder um- kehren. Eine dichtgedrängle Masse lauschte sowohl im Lokal von Felsch in der Knesebeckstraße wie auch im Feldschlößchen in der Elsen- straße den AuSsührungen der Redner. Neberall kam der tiefe Groll der Mafien lebhaft zum Ausdruck und der scharfen Kritik der Redner folgte überall demonstrativer Beifall. Die Resowlion fand in allen Versammlungen einstimmige Annahme. Die Polizeidireltion hat viele Schutzleute um ihren Sonntags» frllhichoppen gebracht. Außer der Verlehrsstörung durch fortgesetztes Heranziehen von neugierigen Kindern in der Bergstraße und in der Hermannstraße stiflele die Polizei keinerlei Unheil. Im Charlottenburger Voltshause sollten zwei Versammlungen statifiiiden. doch waren die Geiatturäume lauge vor Beginn überfüllt und immer neue Mafien begehrten Einlaß. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Schöiiedetg. In zwei überfüllten Versammlungen, in denen über 2000 Besucher anwesend waren, demonstrierten Männer und Frauen gegen da? Dreiklassenwahlunrecht. Einstimmig wurde die vorgelegte Resolution angenommen. In Trebbin waten 200 Personen anwesend. In den„Kottkordia-Sälen" in Treptow waren über 1100 Personen anwesend. Die überwachenden Beamten, welche auS Unkenntnis des ReichS-VereinSgesetzcs vom Vorsitzenden genaue Angaben über die Person der Redner haben wollten, mußten sich erst die nötige Rechtsbelehrung unter dem Beifall der Versammlung geben lassen. In seinem Schlußwort erinnerte der Vorsitzende an den denkwürdigen 22. Jamiar 1905, den Beginn der russischen Revolution, daS Klasienurtetl in Frankreich gegen den GewerkschaflSselrelär Durand und daS ungeheuerliche Urteil gegen die Fretheitskämpfer in Japan. Unter Führung des Gesangvereins„LiedeSfreundschaft" schloß die imposome Versammlung mit dem Absingen der Marseillaise. In JohanitiSthal waten im Biirgcrgarten 350 Personen versammelt. in Ablershof im Lokal von Eschner sogar deren 1000. In Briy-Bukow schätzte man die Zahl der Anwesenden auf 700—800. Auch hier sang ein Arbeitergesaiigverein. In Tcmpclll»k der Saal des„Wilhelmsgarten" überfülll. 300 Personen zählte in Marieitdorf. In Groß-Lichteifelde tagte man das erste Mal im Lokal„Schützenrasl", das in der Steglitzerstraße gegen» über der Kaserne liegt. Den Soldaten soll angedroht worden sein, daß jeder, welcher da» Lokal betritt, drei Tage Arrest erhält. In Zehlenborf war die Versammlung im GescllschastöhauS sehr zahlreich besucht. Hier waren auch viele Geitoficit auS Teltow anwesend. Jü LLilnirrsborf-Halcnfee wurde die von 1000 Personen besuchte Dersamniluiig durch den Arbeiter- gesangverein„WilmerSdoxser Männerchor" eröffnet und geschloffen. Auch in Nowawcs schuf ein vom„Freien Männerchor' vorgetragenes Arbeiterkampflied die rechte Stimmung in der imposanten Ver- sammlung. In KönigS-Wusterhausen protestierten im Wedhornschen Lokal 600 MZnntt und Frauen. In Wittenau eröffnete evenfalls ein Arbeiterlied die von 700 Personen auS Wittenau und Borfig- Wolde besuchte Bersamnilurig. Selbst in Dabendorf bei Zossen zählte man noch 160 Versammlungsteilnehmer. Nieder-Baruim. Die Versammlung, welche in TrappS Festsälen in Tegel stattfand. war von etwa 1500 Personen besucht. In Wilhelmsruh waren 450— 500 Versammluiigsbesucher anwesend. In Rrinickcndorf-Ost zählte man über tOOO Männer und Frauen. ES war die» die gröstte Versammlung, die je am Orte stattgefunden hat. � Auch die Versammlung in Pankow im Restaurant„Zum Kurfürsten" war von über 1000 Personen besticht. Ueberkülll war die Versammlung in Steffens.Lindengarten" in Niedcr-SchSnhauscn. Die Versammlung in Bernau war von 200 Personen besucht. In Lichtenberg war der geräumige Saal deS.Schwarzen Adler" gerammelt voll, selbst auf der Bühne hatten die Genossen Platz genommen. Trotzdem konnte ein Teil der Besucher leinen Einlast mehr finden und muhte auf der Strohe bleiben. Vor dem Lokal waren in Abständen über ein halbes Dutzend Schutzleute mit umgeschnalltem Revolver postiert. Für Fricdrichsfeld« und Neu-Lichtenberg fand eine gut besuchte Versammlung bei Bube statt. Die Versammlung wurde durch ein Lied des Arbeitergesangvereins eingeleitet und ebenso geschloffen. Mit einem dreifachen Hoch auf ein freies Wahlrecht ging die von zirka 400 Frauen und Männer besuchte Versammlung auseinander. RumuielSburg. Sämtliche Räume des„Casö Bellevue" waren von Protcstirilnehmern überfüllt, so dah die Versammlung nach dem Garten verlegt werden muhte. Die Versammlung war von 2500 Männern und Frauen besucht. Eingeleitet wurde die Ver- sammlung vom RummelSburger.Männerchor" mit dem Liede .Empor zum Lickt". OSer-Schöncwcide. Die Versammlung im.Wilhelminenhof" war von 1400 Personen besucht. Obgleich die Tische hinausgeschafft wurden, muhte» viele Nachzügler umkehren. Der Gesangverein .Ober- Schöneweider Liedertafel" eröffnete die Versammlung m,t dem Gesang des Liedes.Empor zum Licht". Köpenick. Die im Stadtthealer tagend» Versammlung war äuherst zahlreich besucht, Saal und Galerien waren dicht besetzt. Die Resolution fand einstimmige Annahme. Friedrichshagcn. Die Genossen und Genossinnen von FriedrichShagen, verbunden mit Schöneiche und Um- gegend, protestierten in einer von gut 700 Teilnehmern besuchten WahlrechtSverfammlung. Eingeleitet und geschloffen wurde die Ver- sammlung durck Gesänge des Männerchors. Eine von Männern und Frauen aus den beiden Orten Mahl» dorf und KaulSdorf sehr gut besuchte Demonstrationsversammlung tagte z» Mohlsdorf im Linkcschen Lokal. Auch die Versammlung in Ertner-WolterSdorf war für die dortigen Verhältniffe gut besucht. Die Versammlung in Kalkbergc-RiiderSdorf zahle zirka SVO Personen, unter denen viele Frauen waren. •' Wahlrechtsversammlungen in der Provinz. Auch in den Übrigen Teilen deS preutzischen PolizeistaateS fanden meist auhergewöhnlich stark besuchte Versammlungen statt. Bisher gingen darüber folgende Nachrichten ein: Spandau. Weit über 2000, darunter viele Frauen waren dem Rufe gefolgt und am Sonntag mittag in die Versammlung bei Böhle, Havelstr. 20, gekommen. DaS Lokal war überfüllt; bis auf den Hof und die Straße standen die Erschienenen. Brandenburg(Havel). Die zwei hier abgehaltenen versamm- lungcn waren von 2000 Personen besucht. Ferner fanden in Finsterwald«. Flirsteawalb« Sommerfeld, Sch wiebuS. Rüdnitz. Preazlau Nauen. RheinSberg guibeluchte Versammlungen statt. Königsberg. Zwei große Versammlungen trotz schlechten Wetter» von 8000 Personen besucht. GroheS Polizeiaufgebot. Die Demon- stration verlief ruhig. In Ostpreußen fanden weiter« Versammlungen statt in 18 um» binnen. Tilsit. Mernel, Rastenberg. Lhck. Broun« berg und Osterode. BreSla». Sech» überfüllte Versammlungen, an denen zirka 8000 Personen teilnahmen. Die Polizei war zurückhaltend. Landkreis Breslau. 13 Versammlungen. Provinz Schlesien. Es fanden mehr als 60 verfammlungen in der Provinz statt. In allen Versammlungen fand eine Resolntion Annahme, die gegen das Schweigen in der Wahlrechtsfrage in der Thronrede protestiert. Görlitz. Sechs Versammlungen, außergewöhnlich stark besucht. kiel. Im Kieler Wahlkreis« wurden lOVersammtungen abgehalten. Die Beteiligung war sehr stark. In Kiel allein beteiligten sich zirka 8000 Perionen. Harburg. Zwei überfüllte Versammlungen protestierten einmütig und verliefen sonst ruhig. Elmshorn,. Eine gutbesuchte Versammlung süber 1000 Pesonen). Altona. Große Versammlung s4000 Teilnehmer). Wandsbek. Heber füllte Versammlung. Ferner fanden ver» sammlungen in Schiffbek(800 Personen) und Sonden(600 Per- sonen) statt. Lüneburg. Stork besuchte Versammlung. Halle. In den acht Wahlkreisen des Bezirks Merseburg fanden 63 Demonstrationsversammlungen statt, die ausnahmslos sehr stark besucht waren. Die vier Versammlungen in Halle waren polizeilich abgesperrt. Vor den Versammlungen fand eine Flugblattverbreitung statt, wobei zirka SO Genoffen von der Polizei fistiert wurden. Grund wurde den Verhafteten nicht angegeben. Magdeburg. Zwei Demonstrationsversammlungen, darunter eine unter freiem Himmel, waren sehr stark besucht. Die Zahl der Teilnehmer wird auf 8000 geschätzt. Die Polizei hatte ihre Streit- kräste im Außendienst durch Doppelposten verstärkt, ste verhielt fich jedoch passiv. Erfurt. In Erfurt und Umgebung fanden drei Versammlungen statt, die insgesamt von ra. 8000 Personen besucht waren. Elberfeld. In Elberfeld und Barmen fanden vier Versamm lunge» statt, sie waren durchgängig überfüllt. Die Besucherzahl belies sich auf ca. 5000. Die Versammlungen prolesiierten gleichzeitig gegen die sogenannte Reform der rheinischen Landgemeindeordnung, die die Borrechte der Besitzenden erhalten will. Remscheid. Die Versammlungen im Remscheider Wahlkreis und im Kreis Hagen- Schwelm verliefen bei sehr starker Beteiligung ruhig. Köln. Im Kölner Kreis fanden S. im Mühlheimer Kreis 6 und im Aachener Kreis 5 durchgängig überfüllte Versammlungen statt; in B o n n eine Versammlung. Dnffeld»rs. Im Kreis Düffeldorf wurden 9 Versammlung«» ab gehalten, die auch überfüllt waren. Esse«. Im Stadt- und Landkreis Essen protestiert« die Be völkerung in vier Versammlungen. Die Versammlungen waren, wie überall, sehr stark besucht. Die Polizei hielt fich überall zurück. Lüdenscheid. In Lüdenscheid, Iserlohn,«ltina, Werdohl, Grüne und Deilinghofen wurden 6 Ver- sammlungen abgehalten. Besucherzahl 5000. Dortmund. Der Wahlkreis Dortmund veranstaltete 12 Ver« sammlungen. Ste waren gut besucht. Zwischenfälle find nicht zu verzeichnen. Bochum. In Bochum fanden 6 guivesuchte Versammlungen statt. Auch die Versammlungen in Herne und Gelsenkirch«» waren sehr stark besucht. Bielefeld. In Bielefeld und den Vororten fanden drei Versammlungen statt. 8000 Besucher. Hundert« fanden keinen Platz mehr. Kassel. Eine Versammlung war von 2000 Personen besucht. Die Polizei hatte umfassende Maßnahmen getroffen. Zu irgendwelchem Einschreiten kam eS nicht. Frankfurt a. M. Im Frankfurter Gebiet wurden SV ver« sammlungen abgehalten. Diese versamnilungen, sowie die De» monstrotionSveranstaltlmgen in Hanau, Höchst und Wiesbaden waren meist gut besucht. Hus Industrie und Kandel. Dt» Hunger geht um. Re« Aork, S. Januar. Trübe ist die Lage des amerikanischen Arbeitsmarktes und düster dir Aussicht für die nächste Zukunft. Binnen» Das gleich« Bild im Osten der Vereinigten Staaten, tm lande und an den Gestaden des Stillen Ozeans! In dem dieser Tage veröffentlichten Rechenschaftsbericht der sigen Kommission für Wohltätigkeit und Besserung der Woy- nungSderhältniffe heißt es:„Rund 500 000 Personen werden in der Stadt New Fort(bei einer Bevölkerung von nicht ganz 5 Millionen Köpfen) von WohltätigkeitSanstalten unterstützt. Niemand vermag zu sagen, wie viel« Leute der Unterstützung bedürftig sind. Aber eS ist einwandfrei dargetan, daß mindestens ein Neuntel der Go- ämtbevölkerung der Mildtätigkeit zur Last fällt." Erstattet Ist der erstehend zitierte Bericht im Namen von 571 Vereinen; auf da» tädtische UnterstützungSwesen nimmt er nicht einmal Bezug. Sonst würde er noch viel, viel trostloser lauten, obwohl er schon ohnedies ein erschütterndes Bild von der Lage des Proletariats tn der reich- ten und so ziemlich die besten Arbeitsverhältnisse aufweisenden Stadt der Bereinigten Staaten entwirft. von den 200 000 Arbeitern,»eiche noch im dritten� Quartal des letzten Jahre» in der Eisen- und Stahlindustrie von" rowr*-** 6'"* waren, Mehr denn lOOOd Männer traten die Äeise über den Atlantischen Ozean an. Rur ein Teil von ihnen wartet die Wiederkehr besserer Verhältnisse ab, um nach Pennsvldanien und West-Virginia zurück. zukommen. Die meisten der Rückwanderer sind amerikamüde und entschlossen, in Europa zu bleiben. Von den«baelegten entfallen fast 30 000 auf das PittSburger Eisenrevier, wo ln» zum Juli 1910 annähernd llOOOO Arbeiter beschäftigt waren. Die Zahl der Entlassenen gibt noch kein richtige» Bild de» Arbeitsmarktes. Denn die 80 000 noch beschäftigten Männer de» PittSburger Revier» arbeiten im Durchschnitt kaum halbe Zeit. In Wheeling, youngstown und Johnstow», Städten mit gewaltiger Eisen» und Stahlindustrie, ist es nicht besser, sondern allem An. schein nach noch schlimmer. Tie dortigen Werke verweigern jegliche Auskunft über die Situation. Gewerkschaften, deren Sekretäre Auskunft erteilen könnt«», bestehen nicht. Wenn trotzdem 80 000 Arbeitslose ermittelt werden konnten, darf man getrost annehmen, daß noch viel mehr Leute ohgelegk tvorden flnS. Bon ihren 17 000 Arbeitern entließen die Cambria Steel Worls zu Johnstown gegen 5000; der Rest wird zwei bis drei Tage per Woche beschäftigt. Die Leute verdienen gerade genug, um sich vor dem Verhungern zu schützen. Noch trostloser steht eS in Wheeling und Umgebung au*. 12 000 Arbeiter sind dort abgelegt. Das Walzwerk La Belle, da? 3500 Leute beschäftigte, ruht gänzlich. In den Aetna Steel Mills sind noch 3500 Mann beschäftigt, während die normale Zahl der Arbeiter 6000 beträgt. Die Laughlin-Werke halten nur in vier von ihren 22 Abteilungen den Betrieb aufrecht. Ebenso arg ist es in den der Carnegie Steel Co. gehörigen Walzwerken in Bellaire. Für die Beurteilung der Lage der Eisen- und Stahlindustrie bietet der Umfang der KokSproduttion einen Maßstab. Sie ging nach dem offiziellen Bericht der Hochofenbesttzer des Reviers Connelsville von 449 082 Tonnen in der ersten Januarwoche 1910 auf 292 436 in der lctzlen Woche des verflossenen Jahres zurück. Von den 60 000 in der KokSproduttion beschäftigte» Arbeitern wurde rund ein Drittel brotlos. Nicht minder ungünstig lauten die Nach- richten aus dem Westen. Vorstehend wurde die Sdjwerindustrie nur darum herausgegriffen, weil ihre Lage daß ganze Wirtschaftsleben und damit den Arbeitsmarkt allgemein fühlbar beeinflußt. Auf eine Besserung ist vorläufig nicht zu hoffen. Unter dem Vorsitze Garys, des eigentlichen Leiters des Stahltrusts, traten im November 1910 Vertreter der Stahlindustrie zusammen; ste reprä- 'entierten 95 Proz. der Produktion. Die Effektuierungen �teilten en en st sich damals auf etwas über 50 Proz., die vorliegenden Bestellung auf weniger als die Hälfte der LeistungSfähigkett; sie sind nach v> Neujahrsveröffentlichungen inzwischen noch geringer geworden. Auf der Konferenz wurde vereinbart, die Preise auf der gegenwärtigen Höhe zu halten. Auf der anderen Seite find die Abnehmer, in erster Linie die Eisenbahnen, entschlossen, bei den jetzigen Notie- rungen mit Auftrögen zurückzuhalten.„Iran Age, ein gewandt redigiertes Fachblatt, das sich warm der Interessen der Stahl- industriellen annimmt, schreibt in seiner lehten Nummer:„Die zuversichtliche Erwartung niedrigerer Preis« übt einen bestimmen-- den Einfluß auf den Eisen- und Stahlmarkt aus. Die gehegte Hoffnung ist angesichts des übersättigten Marktes recht wohl bc- gründet." Mit der Zurückhaltung von Aufträgen verfolgen die Bahnen noch ihre besonderen Zwecke. Auf Grund der im Juli letzten Jahres in Kraft getretenen Mann-Elk nS-Akte suspendierte die Bundes- kommission für zwischenstaatlichen Verkehr die von den Bahnver- waltungen angekündigten Erhöhungen der Frachtsätze. Sine Ent- scheidung ist noch immer nicht ergangen und vor März oder April auch nicht zu erwarten. Obwohl die Dividenden für die drei ersten Quartale 1910 gegenüber den gleichen Zeiträumen des Vorjahres Äst allgemein stiegen, lassen die Bahnverwaltungen schon seit fünf Ronaten verbreiten, daß sie infolge der verminderten Rentabilität nicht über die zur Ergänzung des rollenden Materials und zur an« gemessenen Unterhaltung der Strecken und anderen Anlagen er- forderlichen Gelder verfügen. Vom Standpunkte der Aktionäre aus ist es ja bis zu einem Grade begreiflich, daß die Eisenbahnen im Hinblick auf die noch ausstehende Entscheidung über die Er» höhung der Frachtsätze eine abwartend« Haltung einnehmen. Aber die demagogische Bearbeitung der öffentlichen Meinung zum Zwecke der Beeinflussung der zwischenstaatlichen Verkehrskommission ist on im Hinblick auf die verhöngnisvollen Folgen für weite Ar» «iter. und Geschäftskreise höchst verwerflich. Andererseits könnten die Stahlindustriellen ohne den ihnen durch die Zölle geschaffenen Schutz gegen die Auslandskonkurrenz ihr« gegenwärtigen Wucher» preise nicht behaupten./ Di« rückläufig« Bewegung unsere» Wirtschaftsleben», welche sich trotz der guten Ernte und oer gesteigerten Kohlenförderung seit einigen Monaten bemerkbar macht, wurde durch das Verhalten ver ~n. und Stahlmagnaten, wenn auch nicht verschuldet, so doch beschleunigt und wesentlich verschärft. Für die Sünden des wucherischen Kapitals müssen in letzter Linie die Arbeiter büßen. «mtlickier Marttdertck» der äSdtff«>«n MarNdallen-Dtrektton aber den»rohbandel in den Zentral-MarNballen Marktlage: ffleilch: Zusudr stark. GelchSII fchlkppend, Preis« sllr Kalv- und Zchvelneflelsl) an- ziehend, sonst imveriindert. wild: Zufubr reichlich,»«schüst ziemlich rege. Preise fast unoerSnderl. Geslügeli guiuhr mihlg,«eichüsi schleppend, Preil« behauplei. Fisch«: Zusudr knapp, Geichnj! ruhig, Preis« wenig veränderi. Builer und Kaf»! Ecickäsi ruhig, Preis« unveränderi. « e m a i«. Ob st undSübsracht«: Zufuhr genügend, Gejchtsi sehr still, Preis, fast unvirSndert. «VaNrrttan»«'Vlaeti richte« der Lande« an stall für Gewässerkunde, milgetelli von Berliner WeNerbureau. Wassersland Kemel, Illssi P e« a« l, glifterdurg «eichsei. Tdarn Oder. Katwar , Krassen , Arantiuri 8«( 1 1«, Schrinn» , La»d«b«rg Ketz«, PoiOomm gibt, veilmeritz . Dresden , varba , Magdeburg Wasserssand Saal«, GroSIitz Ha»«l. Spandau•) , ItaibtnatD*) Spri«. soremberg») ,«eeskow w«1 ti, Münden , Minden > h« i a, M-upmiltanSau , Kaub , Köln Neckar. Heilbroiw Mai«, wende,» M, I« l. Tri« am 22. 1. am 138 110 139 210 116 -14 «7 348 173 198 104 'eil 31. 1. am1) -S —3 +1 0 0 -1 +11 1 4- bei) tutet»md«,- ssoD.—•) llttierpeael.—•) Eid stand.— st oberhalb und unterhalb der vngerappbrucke SiSstand.— st eiSsrei. Syphilis- Nactiwels in allen frieoh u.»eraltBt. iwalfelhaft Fäll durch wissenschasil. Untersuchung. sasort; deSgl. Harn-(spez. aus Aal norrhoe-Fäden) u. Sputum-Anatyse» Dr Home/ep ck Ca.. S Friedrichsir. 189, vpezlal-Laborat., zw. Kronen« und Aldhrenslraße), l. 8724. P-rs. Rückfpr. diSlr. u loslenl. Geöftnel von 8—8 Sonntags von 12—1.* pollmanns �Bandagen Oekchlft, nebft Hrtlhel zur Gesundtieits- u. Ktankenpflege, VerbaiKlstoife, Gunimiwarcn«tc. Berlin N., Lothringer Str. 60. 'Lielerant liir Krankenkassen. Eigene Werkstatt. 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Der geldherrn- Hügel. «nsstellungö-Dheater. MeherS. stlnsang 8',« Uhr.) Luiien. Der Millionenjunye. Modernes. Das glüilliche Gelicht. «Ansang ß", Uhr.) Koir Don Carlos. Hcrrnfrld. Eine verlorene Nacht. Er. Sie und Er. Volksoper. Die Jüdin. (Ans. 8',. Uhr.) Folirs(kaprice. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang 8',. Uhr.) Meer,.. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Divpchen. Ülpollo. speztalilalen. VnNage. Spe,ial>täten. Voigt. Ein seltsamer Fall. Rrichsvallen. Steiliner Sänger Wtniergnrtell.«petialilälen. Sanssouci. So wird's gemacht. Epezialitätcn.(Ans. 8'/. Uhr.) Walhalla. Bravo! Dacapo l(Ai sang 8'I, Uhr.) Stadt» Theater Moabit. DaS Glück Im»inlel.(Ans.»'/, Uhr.) Wcddtng. Lichtspiele. Kart<'nve>ln»>>.«ve>ialität«n. Urmiia. Taudeiistraft« 4K/4V. Abend« 8 Uhr: Dir. gianz Goerke: Meine Ntlsahrt bis zum zweiten Katarakt. Hörsaal abends S Uhr! Proseflor Dr. B. Donath: Wellenlehre und Schall. Abend» 8 Uhr: Pros. Dr. Artur Binz(Handelshochschule): Der ««gemvartiae Stand der chemt- Ichen Srotzindustri« In Deutsch- land. Sternwarte, Jnvalidenstr. 87—«2. l-essiux-TKeater. 8 Uhr: Die Ratten. Millwach 8 Uhr: Wen« der junge Wein blüht. berliner Tiieater. Täglich 8 Uhri Bnmm elstttden te n. km Theater. Täglich: Oer 6. nr, b. H.-Tenor. ilniimg 8 Uhr. Theater des Westens. r: Oan I'appcnniildel. b. nachm. 4 Uhr: RoIkBppchen. ag nachm. 3'/, Uhr: Die ge- 8 Uhr: Sonnab............... Sonntag nachm. 3'/. Uhr: »odloöea« Frllu. Modernes~Theater (früher Hebbelthetter). Abends 8 Uhr: Poppelme.mch. Berliner Volksoper »ellr Alliancesttah» T/8.->/,« Uhu IMe Jtldtii. Luftispielhaus. Abend, 8 Uhr i Der Feldljerrnliiigrl. frledrlch-WilhelmslädtiscfiM Schauspielhaus. DienStag. 24, Januar, abend« 8 Uhr Die Erbtante. MIllwoch: Di« Räuber. Donnerstag: Die Erbtante. Freitag». erstenmal: Graf«ffex. Luisen-Theater. Abend» 8 Uhr: Der Alillionensunge. Volksstück ln 4 Akten v. N. SdristmaS. Mittwoch u. Donnerstag: Mudicke» Reise nach Indien. uralhalla-Tliealer.! �Rosenth.Tor.) KeintergSm. 20 1 Ansang 8'/. Uhr: Jamiaf-iSileriieuestes in Bravo! Da Capo! Sin« Allerweltt- Revue in TlranV». �lssensvknktUoKes l'hsalsr Ionbsnstrs.lls 48/4Ü. �donäs 8 Lllrr: Direktor?r»ua Ooorks: Zl«lne Xiltnln-t kl» znm zweiten Katarakt. Hörsaal 6 Uhr: Professor Dr. B. Donath: Wcllenlehrc nnd Schall. Abends 8 Uhr: Prof. Dr. Artur B i n ss(Handels- hochsohtde): Der gegenwärtiae Stand der chemiechen GroSinduitrle in Deutschland. Kaiser-Panorama. K on! Mittelmeer-Heiee. Schloß Achilleion. L W. Wintersport i Ofaerengadin. Eine Reise 20Pf. Kind nur lOPf. Abonnements t M. Tausende Abonn. Residenz-Theater, Direktion: Richard Alexander. Anfang 8 Uhr. Pariser Men». Drei Gänge va» Georges Fehdeau und Veber-Abric. 1. Gang:.K2 Meier über PariS-, l. Akt von Veber-Ablie. 2. Gang:»Eine Rachtsttzung", 1 Akt von Georges geydeau. 3. Gang:„Nach dem Mäuschen- ball', 1 Akt von Georges Fehdeau. Grog« Ftniitliirt« Str. 132. 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Heute Dienstag, den 24. Januar, abends 8'/» Ubr, Generalversammlung des Wahlvereins bei Benno Mickley. Tagesordnung: Bericht des Vorstandes und der Fuuktionäre. Der Vorstand. Adlershof. Heute Dienstag, den 24. Januar, abends 8'/z Uhr. im Lokal des Genossen Bayer, Bismarckstr. 10, Generalversammlung deS Wahlvereins. Tagesordnung: t. Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Vortrog des Landtagsabgeordneten Genossen Heinrich Ströbel über:.Historischer Materialismus". 3. Bericht des Vorstandes. 4. Parteiangelegenheiten und Verschiedenes. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, haben Zutritt. Der Vorstand. Berliner J�acbricbten. Unter den Linden am 22. Jannar. Seit Jahren zum ersten Male sah es rings um das graue Schloggeniäuer an der Spree, sobald der Hof ein Fest feiert, wieder mal einigermaßen manierlich aus. Die Polizei, die bisher bei solchen Gelegenheiten schon Gespenster sah, wenn halb Berlin noch im Sonntagsschlaf lag und nicht mal träumte von Nevolution, zog vorgestern erst in zwölfter Mittagsstunde auf— ohne Browning, im gurtlosen blauen Kittel. Hat man sich am Alexanderplatz nun endlich genug blamoren? Ist man den Achtgroschenjungen und den noch tiefer stehenden scharfmacherischen Drahtziehern allzu oft auf den reaktionären Leim gegangen? Die umgebenden Brücken und die sonstigen Hauptzugänge zur Festung des Preußenkönigs waren ja noch immer ganz überflüssig mit Posten besetzt, aber es fiel doch sofort auf, daß die Polizei-Fcldherrn nicht den fünften Teil ihrer früher üblichen Macht aufgeboten hatten. In Privatgebäuden, Banken, in Börse und Dom waren keine Detachements untergebracht zum„Schutze" gegen einen eingebih deten Feind. Nur im Bauch des Schlosses verschwanden etwa hundert Mannschaften, um sich bei Alkohol und Skat die Langeweile zu vertreiben. Die Berittenen konnten gezählt werden. Die Bevölkerung blieb dem höfischen Ordenskultus fern bis auf die gewohnheitsmäßige Lindengalerie der Sonntags gaffer, die bald von den Jnselperrons im Lustgarten verjagt wurden und keine Stiefelspitze über die Bordschwelle setzen durften. Es hat immer etwas ungemein Komisches und zugleich Erniedrigendes an sich, wenn beim bekannten Sirenenklang die patriotischen Maulaffen in wilder Hast nach vorn drängen und sich den Hals ausrenken... Was sehen sie? Eine orden besäte Uniform, einen grellbunten Federhut, an dem man den seltenen Vogel erkennt, und— einen Menschen. Vorgestern gabs überhaupt nichts zu sehen, denn der ganze Ordens� rumme! spielt sich hinter den Schlotzkulissen ab. Den uw aufhörlich vorbeisausenden Benzinkutschen entstiegen erst im Schloßhofe ergraute Generäle, die den Ördenszauber zum soundsovielten Male blasiert mitmachen, gespreizte Staatsbeamte, denen die Ordenszier an die wackere Amts brüst fliegt, wenn die halbe Mandel Dienstjahre voll ist oder der hohe Vorgesetzte gut gefrühstückt hat. Hunderte von Offizieren, die ohne erkennbares Verdienst auf Bcbändcrung der Tapferkeitsweste unfehlbar Anspruch haben.... und die Ordensproleten, die nach einem Menschenalter mit knapper Not das Allgemeine Ehrenzeichen ergatterten, ziehen in die Königsburg auf Schusters Rappen ein. Bis die verheißungs Vollen Schleusen der Hofküche sich öffnen, wird die Magen geduld aus eine harte Probe gestellt. Vor des Leibes Atzung muß droben in der Schloßkapelle, wo nach höfischer Etikette die neugebackenen Ritter das fünfte Rad am Hos wagen sind, die Seele abgefüttert werden. Dann erst gehts mit steifer Gemessenheit, unter den zere moniösen Kinkerlitzchen der Höflinge und mit Fanfaren� geblase zum leckeren Mahle. Im Geiste sehen wir den Herr lichsten aller Kanzler. Wie eine Trauerweide läßt die ellen> lange Gestalt die philosophischen Flügel hängen. Die strahlende Hohenzollernsonne lacht ihm zwar noch. aber der große Kulissenschieber hat sich seit Wochen gehörig den Magen ver darben. Am anderen Ende der Tafel würgt der Polizei gewaltige an einem mächtigen Knochen. Daß er nur nicht daran erstickt! Und da hinten bei den Ordenszaungästen.. sind das frischdekorierte blausilberne Helden von Moabit Ein feiner, eiskalter Sprühregen hat die Mehrzahl der Straßengaffer in das Zeughaus getrieben. Hier können sie die aufgespeicherten Orden Wilhelms des„Großen" und des Ersten Napoleon bewundern, desselben klugen Korsen, der von Orden so geringschätzig dachte, daß er sie monarchische Kinder klappern nannte. Erst das Aufziehen der Wache, natürlich mit der obligaten Stegerkranzhymne, bringt wieder etwas mehr Leben in die Lindenstaffage. Ein paar abgerissene, frierende arme Teufel aus dem Obdachlosenasyl, von Gentlements scharf aufs Korn genommen, stellen Vergleiche an zwischen Glanz und Elend, Ueberfluß und Hunger. Oben von den Schloßfenstern äugen Minister. Generäle. Landräte auf die mäuschenstille Menge herab. Wo bleiben denn bloß die Krawaller. die Barrikadenbauer und Schloßstürmer? Da könnt ihr lange warten! Und so durften die da in den Prunksälen ungestört ihre metallene Renommierbrust mit des Königs Champagner be- gießen...._ Die T,rberkulose-AuSstellang. Mit einfachen Mitteln hat die Stadt Wilmersdorf dieser Tage die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken gewußt. Wir reden nicht vom Straßenbahnvertrag, auch nicht vom Gänsegeschnatter des Herrn Leidig, sondern von der T u b e r- kulose- Ausstellung� die dank der Tätigkeit der städtischen Gesundheitskommission vor gut acht Tagen in der hübschen Aula der Cecilien-Schule am Nikolsbnrger Platz er- öffnet wurde. Es handelt sich hier um eine Wanderausstellung. die nach dem Muster des Tubcrkulose-Museums von den Ge- fahren der furchtbaren Volkskrankheit ein Bild geben soll. Dieser Zweck wird erreicht durch Abbildungen und stafistische Tafeln, durch natürliche Präparate und Röntgenbilder und am deutlicksten wohl durch eine große Anzahl Wachspräparate, die uns veranschaulichen, welche entsetzlichen Zerstörungen namentlich der Lupus und die Hauttuberkulose am mensch- lichen Körper anrichten. In jungen Jahren hat wohl mancher tn gewiffen anatomischen Museen schaudernd gesehen, welches Unheil venerische Krankheiten verursachen. Ob solche Anschauungs- lcktion irgend jemand dauernd vor Infektion geschützt hat, wissen wir nicht; wohl aber konnte man die theoretische Möglichkeit einer derartigen Wirkung behaupten. Solches ist nun im Hinblick auf die Tuberkulose nicht angängig; denn auch der brutalste Lobredner der heutigen Ordnung bringt es wohl nicht fertig, den hunderttausend Deutschen, die jährlich dieser Volkskrankheit zum Opser fallen, eigenes Verschulden vorzuwerfen und etwa den zur Arbeit in staubigen Schwindsucktshöhlen verdammten Proletariern zu be- deuten, daß sie durch Vorsicht sich hätten gesund erhalten können. So wäre der Wert der Wilmersdorfer Ausstellung denn ziemlich belanglos, wenn sie nicht auch auf die Mittel hintviese, durch die die Krankheit geheilt und unter Umständen auch verhütet werden kann. Wir erfahren von dem hohen Wert der Heilstättenbehandlnug sowohl wie auch von der Möglichkeit, durch peinliche Sauberkeit Körper und Wohnung vor Krankheitskeimen zu schützen und durch genügende Er nährung, sowie durch Vermeidung von Alkohol die Wider standskraft des Körpers zu heben. Vor allem aber dienen verschiedene Vorträge von Fachleuten in dieser Hinsicht zur Aus klärung; besonders erwähnen wir, daß am nächsten Donners� tag, abends 8'/» Uhr, Professor Dr. Nietner über die Betätigung der Frau in der Tuberkulosebekämpfung und am selben Abend um 9 Uhr Professor Dr. B e n d i x über die Tuberkulose im Kindesalter sprechen werden. Es versteht sich, daß der Teil der Ausstellung, der die Heilung und Verhütung der Krank- heit veranschaulicht, den sozialen Einrichtungen des Reiches ein nicht gering bemessenes Lob spendet. Wir sind die letzten. die die Bedeutung des Versicherungswerkes herabmindern wollen. Doch meinen wir, daß eine städtische Behörde bei einer Ge- legenheit wie der vorliegenden sich auch zur Anerkennung der Versuche bequemen könnte, die die Arbeiter selbst zur Ver- besserung ihrer Lebenshaltung und damit zur Bekämpfung der Volkskrankheit unternommen haben. Von den rastlosen Bestrebungen der Gewerkschaften in dieser Hinsicht, von dem sozialdemokratischen Kampfe gegen den Alkohol ist leider mit keinem Worte die Rede. Hoffentlich nicht deshalb, weil Ge- werkschaften«nd Sozialdemokratie von den heufigen Lenkern des Staates der Sozialreform ingrimmig bekämpft werden und weil nach dem Willen einer pflichtvergessenen Regierung der heilsame Einfluß der Arbeiterschaft in den Kranken- lassen bis zur Wirkungslosigkeit herabgemindert werden soll. Doch was hier noch an Mängeln vorhanden ist, kann bei späteren- Ausstellungen ergänzt werden, und wir möchten bei dieser Gelegenheit gleich den Wunsch aussprechen, daß der zum ersten Male von Wilmersdorf unternommene Versuch recht bald an anderen Stätten Groß-Verlins wiederholt werde. Die zahlreiche Beteiligung, die die Ausstellung und besonders die Vorträge aufweisen, spricht für die Bedeutung des Unter- nehmens und ist zugleich die beste Anerkennung für alle, die sich in seinem Dienste bemüht haben. Wir wiederholen, daß die Ausstellung diese ganze Woche noch täglich von 3 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends geöffnet bleibt und daß der Besuch völlig unentgeltlich ist. Die Versorgung der SäuglingSsürsorge der Stadt Berlin mit Milch, welche auf den eigenen Gütern der Stadt gewonnen ist, ist seit einem Jahr durchgeführt und bewährt sich durchaus. Diese Milch wird nicht mehr, wie Las früher üblich lvar, dadurch als Säug- lingsnahrung geeignet gemacht, daß sie durch Sterilisation von Krankheitskeimen befreit wird. Vielmehr hat die Stadt auf dem Gute Albertshof, welches in gewöhnlicher Weife ohne Berieselung bewirtschaftet wird, eine eigene Anlage zur Gewinnung keim freier Milch geschaffen. Die dort mit allen erdenklichen Vorsichtsl matzregeln gewonnene Milch von 200 Kühen wird einer eigenen Behandlung unterzogen. Die menschliche Hand darf nicht mit der Milch in Berührung kommen. Diese wird nach dem Melken über mehrere Siebe und Wattefilter geleitet, tief gekühlt, dann sofort selbsttätig in sterilisierte Flaschen gefüllt, welche mit allseitig paraffinierten Pappscheiben verschlossen werden. Die Flaschen kommen in einen Kühlschrank, aus dem Kühlschrank in den Kühl' Eisenbahnwaggon, in Berlin in die Kühlwagen, welche die Milch in die einzelnen, über die ganze Stadt zerstreuten, etwa 70 zumeist bei Schuldienern oder sonstigen städtischen Angestellten befindlichen Niederlagen bringen, werden dort in einen Kühlschrank gestellt und dort den Müttern auf die Ordination des jeder der sieben Säuglingsfürsorgestellen vorgesetzten Arztes hin ausgehändigt. Es ist naturgemätz, datz eine derartige Milchgewinnung und Ver- teilung bis in die Hand der Mutter nicht billig sein kann. Die Nachrichten aber, welche kürzlich durch die Presse gingen, datz die Abfuhr allein SO 000 M. Kosten im Etatsjahre 1S09 verursacht habe, sind aus mangelndem Verständnis des Kassenabschlusses der Güter entstanden. Die Abfuhr hat im vergangenen Etatsjahr, wie aus dem Kassenabschlutz sich ergibt, 19 400 M. gekostet. Der Bau der Nord-Südbahn. Das statistische Nachrichtenamt schreibt: In verschiedenen Zeitungen ist die Nachricht gebracht worden, die städtische Verwaltung habe die Absicht, den Bau der Nord-Südbahn auf die lange Bank zu schieben. Diese Mitteilung ist völlig unzutreffend. Man wünscht im Gegenteil, sobald wie möglich mit dem Bau der Bahn beginnen zu können. Das kann aber erst geschehen, wenn hierzu die Genehmigung der Aufsichts- behörde vorliegt, was bisher nicht der Fall ist. Zu de« Selbstmord eines Soldaten des dritten Garde-RcgimentS, von dem wir in unserer Sonntagsnummer Notiz nahmen, berichtet heute eine Korrespondenz, datz eS sich um den 22 jährigen Grenadier Rietzer handelt. Danach soll Rietzer mit seinem KorporalschaflS- führer wegen einer kleinen dienstlichen Uuregelmätzigkeit eine Aus- einandersetzung gehabt und der KorporalschastSführer gedroht haben. ihn bei dem Hauptmann zu melden. Daraufhin habe Rietzer, der bestraft zu werden fürchtete, in sehr aufgeregter Stimmung das Zimmer verlassen und sich nach dem dritten Stockwerk begeben. Dort sprang er, ohne datz ihn jemand hindern konnte, aus dem Fenster auf den gepflasterten Hof hinab. wo er mit zerschmetterten Glieoern und schwere,,, inneren Verletzungen liegen blieb. Der Grenadier wurde nach dem Garnisonlazarett übergeführt, wo er edoch nach zwei Tagen verstarb. Die sofort eingeleitete Unter suchung ist noch nicht abgeschlossen. Leichte Nebenbeschäftigung. In der„Welt am Montag' lesen wir:„Im.Lok.-Anz." las man vor einigen Tagen folgendes Inserat: Leichte Nebenbeschäftigung für junge Frau oder Mädchen. „Fabrik.. Königsgraben lagernd. Eine Dame, die darauf reagierte und sich nach der Art der Nebenbeschäftigung erkundigte, erhielt dann folgende Zuschrift: Berlin C. 25, den 12. Januar 1911. Frau L... Da ich unverheiratet bin, suche ich auf diesem Wege eine Dame, die sich damit einverstanden erklärt, datz an ihr Artikel auf ihre praktische Verwendbarkeit hin angepatzt und probiert werden. Es handelt sich um Artikel, die für Damen bestimmt sind und wäre es nichts für eine zu prüde Dame, da«S natürlich da- bei etwas frei zugehen muß. Da eS sich um eine autzergewöhnliche Sache bandelt, ist die Bezahlung auch etwa zehnmal so grotz, als sonst für die auf- gewendete Zeit.— Derartige Proben würden jede Woche etwa zweimal erforderlich sein, könnten zu jeder Ihnen genehmen Zeit in Ihrer Wohnung, sonst allerdings erst des Abend- in der Fabvit vorgenommen werden und zwar in vollkommen diskreter Ich werde gern von Ihnen hören, ob Sie der Angelegenheit näher zu treten beabsichtigen, welche Zeit Ihnen eventl. patzt und autzerdem Angabe des Alters.— Damen über 30 würden nicht in Frage kommen. Ich versichere Sie meiner vollkommensten Hochachtung und erbitte Ihre gest. Antwort postlagernd an Postamt Königsgrabcn lagernd. Als auf diese Offerte hin, um bei dein Herrn„Fabrikdirektor" auf den Busch zu klopfen, ein weiterer harmloser Brief an ihn er- ging, zog er es vor, nicht mehr zu reagieren. So datz man leider nichts Näheres über die„Fabrikation" erfahren konnte. Vielleicht kennt jemand in unserem Leserkreise die„Fabrik" des auf solchem noch nicht ganz gewöhnlichen Wege Nnschlutz suchenden Herrn. ES wäre interessant genug, den Betrieb kennen zu lernen. Von den beiden Millionnrinnen im Jrrenhause, über die wir berichteten, soll die eine, die am 19. Dezember polizeilich intcr- nierte 73jährige Rechtsanwaltswitwe Dr. Matthias, schon in den nächsten Tagen als gesund wieder entlassen werden. Wie es jetzt heitzt, sollen sich gewisse Personen an Frau Dr. M. herangemacht haben, um ihre Neigung zur Wohltätigkeit in nicht einwandfreier Weise auszuschlachten. Man habe die alte Dame, um sie dem un- heilvollen Cinfluh dieser allzu„liebevollen" Pfleger zu entziehen, in Schutzhaft genommen und behördlicherseits die einstweilige Unterbringung in der hlsison de sante verfügt, auch erst nachher die ausserhalb lebenden Verwandten ermittelt und diese von den Vorgängen in Kenntnis gesetzt. Gegen die„guten Freunde" soll auf Antrag der Schöneberger Kriminalpolizei ein Untersuchungs- verfahren bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eingeleitet sein. Wenn diese der„Voss. Ztg." entnommene Meldung, die an- scheinend aus Schöneberger Polizeiquelle stammt, richtig ist, so würde sie das Vorliegen eines polizeilichen Mitzgriffs bestätigen. Da die alte Dame sich schon jetzt, nach nur vier Wochen, so weit erholt hat, datz ihre Entlassung aus der Anstaltspflege bevorsteht, konnte von einer Geisteskrankheit und von der unbedingten Not- wcndigkeit der Unterbringung im Jrrenhause Wohl schwerlich die Rede sein. Die Polizei hätte richtiger gehandelt, die Verpflegung in einem Sanatorium ohne Jrrenhauscharakter zu veranlassen. Wäre Frau Dr. M. arm, so hätte sie wahrscheinlich nicht Aufnahme in einer Privatirrenanstalt gefunden. Zusammenstoß zwischen Automobil und Straßenbahn. Einen traurigen Abschlutz fand Sonntagmittag eine Automobil- fahrt, die der Kaufmann Artur Grünthal. Tempelhofer Ufer 4 wohnhaft, mit der Familie des Kaufmanns Otto Stern aus der Dahlmannstr. 13 zu Charloltenburg und� dem Rechtsanwalt Born aus der Friedrichstr. 13 unternahm. Als das Automobil durch die Baumschulenstratze in Treptow fuhr, stietz es an der Kreuzung der Neuen Krugallee mit einem elektrischen Strassen- bahntvagen der Ostbahn zusammen. Der Anprall war so ge- waltig, datz die Insassen herausgeschleudert wurden. Vier von ihnen trugen so schwere Verletzungen davon, datz sie mit Kranken« wagen in Krankenhäuser geschafft werden mutzten. Der Besitzer des Automobils, Kaufmann Artur Grünthal, der Chauffeur und ein junges Fräulein Hedwig Weingarten aus Kassel erlitten nur leichte Wunden und konnten sich nach ihren Wohnungen begeben. Schwerverletzt sind: Rechtsanwalt Born. Kaufmann Otto Stern, dessen Ehefrau und die 21jährige Nichte Gertrud Stern. Herr Stern, der einen Schädelbruch erlitten hat, wurde nach dem Krankenhause in Ober-Schöneweide gebracht, wo er in der Nacht gestorben ist, während seine Frau mit anscheinend schweren inneren Verletzungen im Krankenhause Bethanien Aufnahme fand. Rechts- anwalt Born wurde im Britzer Krankenhause aufgenommen; er hat anscheinend eine schivere Gehirnerschütterung davongetragen. Fräulein Gertrud Stern hat einen Armbruch erlitten und wurde nach der Charite transportiert. Da sich ihr Zustand im Laufe des nachmittags besserte, wurde sie am Abend einstweilen wieder nach der Wohnung entlassen. Herr Grünthal befindet sich in seiner Wohnung tn Behandlung. Das Automobil wurde stark beschädigt. Die Schuldfrage ist noch nicht aufgeklärt. G Von einem Augenzeugen wird uns berichtet: Als gegen %12 Uhr vormittags das von sieben Personen besetzte im rasenden Tempo gefahrene Automobil gegen die elektrische Bahn stietz, flog das Auto trotz seiner 30 Zentner Gewicht wie ein Gummi- ball durch die Luft, überschlug sich und deckte noch zum Teil die Insassen, welche wie Bündel auf der Landstratze zerstreut lagen. Das furchtbare Schauspiel spielte sich in wenigen Sekunden ab. Zum Glück für die Verunglückten lvar der die Kreuzung Neue Krugallce nach Treptow fahrende elektrische Wagen von Besuchern der Protestvcrsammlung stark besetzt. Wie auf Befehl stürmten die Genossen nach der Unfallstelle und stellten den schweren Wagen wieder auf die Räder. Eine Genossin und mehrere Genossen wickelten sofort die eine Dame aus ihren Tüchern und Kleidern heraus und gaben den anderen Verunglückten eine vernünftige Lage. Hervorheben möchte ich. datz Gemeindebeamten(Gendarmerie)! in dieser Zeit nicht zur Stelle waren. Die Staatsbeamten be- fanden sich dort, wo die„Nevolution ausbrechen sollte". Das nächste, was einer unserer Genossen tat, war. daß er ein Privatautomobil anhielt, die Herren bat. auszusteigen und mit dem Chauffeur die Baumschulweger Aerzte Dr. Schmidt und Dr. Bildt nach der Unfallstelle holte. Einer der Herren konnte sofort mitgebracht werden, der andere Herr, welcher nicht zu Hause war. kam etwas später. Als der l e tz t e B e r u n g l ü ck t e nach dem Lokal geschafft werden sollte, erschien die freiwillige Sanitätskolonne Ba u m s ch u l e n w e g und der erste Kranken- wagen. Die Rettungsmannschaften hatten jetzt nur noch die Ver- unglückten zu verladen. Natürlich reichten der Treptower und der später eintreffende Krankenwagen nicht aus, die Verunglückten zu trmtSportieren und mutzten wir im Einverständnis des Herrn Dr. Schmidt die Elektrische umlegen lassen, um einen Verunglückten fortzuschaffen. Allgemein fiel es auf, datz die bis an die Zähne bewaffnete Gendarmerie, welche von ihrem Standort am Karpfenteich weggeholt worden war, nicht soviel Herr der Situation war. datz sie die Kinder, welche stark vertreten waren, von der Unglücksstelle wiesen. Grosse Blutlachen bezeichneten die Unfallstelle, aus denen die Autoruine hervorragte. Das Unglück hat gezeigt, wie notwendig es ist. datz die grosse Ortschaft Baumschulenweg-Treptow eine ständige Rettungswache. Unfallstation, bekommen mutz. War es doch der reine Zufall, datz im Augenblick de» Unglücks gegen ö0 Arbeiterfäuste zur Rettung bereit waren. Dem unglücklichen Nutomobilbescher Herrn Gräntha! mZchie ich als Fachmann den guten Rat geben, einen 24/30 PL.-Wagen in belebten Gegenden nicht mit aller Kraft laufen zu lasten, und erst recht nicht in stillen Gegenden, da dort bei einem Unglück Aar nicht auf Hilfe zu rechnen ist. Professor Neriist soll Stadtverordneter werden; er ist in einer liberalen Wählerversammlung an Stelle des verstorbenen Stadt- verordneten Seeger als Kandidat aufgestellt worden. Ein langgesuchter Mesterheld ist jetzt dingfest gemacht worden. Die Polizei hat einen 28 Jahr« alten Maler Richard Bennewitz vorgestern bei einer Schlägerei verhaftet; in seinem Besitz fand man u. a. auch ein spitzes Messer. Drei Fälle, in denen Strassen- oiädchcn im Juli 1909 durch Messerstiche in den Unterleib sehr schwer verletzt wurden, sind dem Bennewitz nachgewiesen. Dagegen steht eS noch nicht fest, ob B. auch die im Februar 1909 erfolgten Attentate auf Mädchen und Frauen an der Warschauer Brücke und im Schlesischen Busch verübt hat. Erster Aufstieg des Sicmcn-Z-BallonS. Schon seit 14 Tagen war das Luftschiff der SiemenS-Schuckert- Werke bereit, eine Luftfahrt zu unternehmen. Aber seine Führer waren wegen der schlechten Witterung immer wieder gezwungen, davon Abstand zu nehmen. Gestern endlich legte fich der Wind, der Himmel klarte sich auf und unter allgemeiner Spannung wurde der 129 Meter lange Riesenleib des Ballons aus der drehbaren Halle gezogen Gehalten von zahlreichen Gutsarbeitern aus der Uu. �ebung von Biesdorf wurde das Luftschiff, welches im ganzen sechs Propeller auS Chromnickelstahl besitzt, aus eine 2