»».«. Movmmentt'Ne-NngMM- CBonnf men«■ Preis pmnmnniMtw: Sicrtelinhrl. 330 SRI., monatl. 1,10 BS, wSchmtlich 28 Pfg, frei ins H»uS. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nmmner mit wuftrierter Sonntags- BeUage.Die Neue Weit" 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Poft-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland Z Marl pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien. Luremburg, Portugal. Rumänien. Schweden und die Schweiz, LS. firtNP Crtchttot täglich außer IBntut. Berliner Volksblntl. Wt iekägt für die fechsgefpaliene KolonÄ- zeile oder deren N Ballestrem war ein solcher lapsus linguae gar nicht denkbar, nicht einmal bei Forckenbeck. Der also angerempelte sozialdemokratische Abgeordnete replizierte, wie es der Moment ihm eingab, und seine Fraktion deckte ihn. Die neue Praxis, die Herr von Kröcher einführen wollte, ist gleich beim ersten Versuch gescheitert. Die Junker- schaft schäumt vor Wut, weil der Abgeordnete Ho ff mann die Anrempelung nicht geduldig hingenommen hat, wie es vielleicht ein au den Junkern mit ehrfürchtiger Scheu auf- blickender natwnalliberaler Streber getan hätte. Man sprach sogar davon, eine Abänderung resp. Verschärfung der Ge- schäftsordnung in Erwägung zu ziehen ob des„unerhörten" Auftretens des Abgeordneten Hoffmann.„Unerhört!" Wirklich! Wenn das niedliche Demagogenspiel, wie immer in solchen Fällen, auch jetzt wieder in der reaktionären Presse be- ginnt, nun. so wollen wir einige historische Beiträge dazu liefern. _ Die gebräuchliche Blumensprache so vieler„Edelsten und Besten" ist bekannt. Sie zeigt natürlich außerhalb des parla- mmtarischen Bereichs die üppigste Farbenpracht. �„Die Minister können uns sonst was!" rief zur Bismarckzeit ein der- ärgerter„Edelmann" und der Säkularmensch Bismarck be. schwor auf öffentlichem Markt zu Jena den Schatten Götzens von Berlichingen gegen seinen Nachfolger C a p r i v i herauf. Aber bleiben wir bei den parlamentarischen Rede. blüten der� Junkerschaft. Während des preußischen Wer- fassungskonflikts, bei den Verhandlungen über die Armee- reorganisation, sprach am 5. Mai 1865 der Abgeordnete G n e i st: „Der Herr Kriegsminister ist nicht bloß ein politischer Mann, sondern auch ein religiöser Mann, und darum wird er mir glauben, wenn ich sage: Die Reorganisation mit dem Kainszeichen des Eidbruches an der Stirn, die reorganisierte Armee aus dem Boden des Verfassungsbruches, wäre dock) sicher eine Armee, die nun und nimmermehr eine dauernde Jnsti- tution dieses Landes werden kann, so lange eine göttliche Ge- rechtigkeit über diesem Lande waltet!" Tarauf erwiderte der Kriegsminister von Roon: „Der He«.! nannte mich einen religiösen Mann. Ich könnte ihm dafür danken, denn es ist allerdings seit längerer Zeit mein Bestreben, diesen Namen zu verdienen. Wenn er aber daran die Frage knüpft: Wie kann dieser religiöse Mann sich zu einem Werke bekennen, welches das Kainszeichen des Eidbruches an der Stirn trägt, wenn er das gesagt hat in be. zug auf mich, den religiösen Mann, dann muß ich mich aller- dings wundern, daß er nicht deswegen von dem Präsidenten zur Ordnung verwiesen ist. Da dies nicht geschah, so bin ich meinerseits in der unangenehmen Lage, ihm zu erklären, daß seine Aeußerung jedenfalls an der Stirn trägt den S t e m p e l her Ueberhebung und der Unverschämthei t." Die konservative Presse konnte sich mit Vergnügen über diese wie sie meinte, überaus treffende Antwort gar nicht oenu'a tun. Aber wie fiel sie über Virchow und Schulze. Delitzsch her.»eil diese vom„preußischen Großmachtskitzel" sprachen. hat es an persönlichen Schmähungen im «tWnment nicht fehlen lassen. Wir wollen nicht von denen die er gegen die Sozialdemokratie schleuderte: wir wollen nur daran erinnern, daß er in offener Reichstagssitzung �n Abgeordneten Komberger ein sujet cnxte nannte. Er wußte allerdings, wen er vor sich hatte. Aber Bamberger, der doch sonst nicht auf den Mund gefallen war, antwortete nur ziemlich kläglich:„Ich kann nicht doppelt so grob sein, wie gewisse Leute!" Jaja, so möchten es die Herren Junker haben: für sich das 1 Privilegium der Grobheit, für ihre Gegner aber die verschärfte Geschäftsordnung. Es kam diesmal aber anders. Wie man in den Wald hineinrief, so schallte es zurück. Und wenn dieselben Leute, welche die Grobheiten von Roon und Bismarck bewunderten und„treffend,, fanden, sich jetzt auf einmal zart besaitet und feinnervig stellen, so kann man sich an solchem Schauspiel er- götzen._ Die Verfaffung für€liaß-Cotl)ringen. Mit der ersten Lesung der beiden Gesetze zur Begründung einer Berfasiung für Elsaß-Lothringen wurde gestern im Reichslage be- gönnen. Schon am Ende der Sitzung mußte sich die Regierung jedenfalls sagen, daß sie für diesen Entwurf keinesfalls eine Mehr- heit finden wird. Er trägt wie alle gesetzgeberischen Leistungen der heutigen TageS amtierenden Bureaukratie das Gepräge der Rück- ständigkeit und Unzulänglichkeit an der Stirn. Die Begründungsrede wurde dem Entwurf durch den Staats- fekretär Delbrück gegeben. Der Reichskanzler v. B e t h m a wn H 0 l l w e g erschien zu spät und nahm mit süß-saurer Miene an der Sitzung teil. Uebrigens ist das ja auch ziemlich belanglos, ob der Kanzler spricht oder nicht, denn sein politisches Ansehen ist bisher durch seine gelegentlichen kurzen Ansprachen ebensowenig ge- fördert worden, wie durch sein verlegenes Schweigen. Herr Delbrück entledigte fich seiner Aufgabe in der ge- wohnten formal korrekten Weise, aber man bekam auch von originellen Gedanken absolut nichts zu hören. Was er sagte, war nur eine Umschreibung der Vorlagebegründung: ganz die Auf- fasiung des preußischen Bureaukraten, der nur ein Herrschaftsverhältnis zwischen Regierung und Volk kennt und Verfassungen als Geschenke betrachtet, die dem Volke je nach dem Grade seiner Mündigkeit und Reife von einer väterlichen Regierung gegeben werden. Als erster Redner aus dem Hause kam der Elsasser Vonderscheer sg.) zum Wort. Mit den meisten Einzelheiten der Borlage war er nicht einverstanden. Zur Kennzeichnung der demokratisch schimmernden Klerikalen des Reichslandes diente eS aber, daß er die Erste Kammer im Prinzip akzeptierte, wenn er auch eine andere Zusammensetzung wünschte, und daß er den Gedanken der republikanischen Staalsform preisgab. Als sein Ideal stellte er sogar eine eigene Dynastie für Elsaß- Lothringen hin, wobei er allerdings verschwieg, welche Familie er auf den Thron setzen möchte. Der gegenwärtig stellungslose Manuel würde vielleicht nicht abgeneigt sein, in Straßburg eine neue Filiale des weitverzweigten Hauses Koburg zu begründen. Herr Vonderscheer will sich aber auch mit einem Statthalter aus Lebenszeit begnügen, wenn ein vollwichtiger Kronenträger nicht zu haben ist. Ganz anders ins Gericht mit dem Machwerk borussischer Staatsweisheit ging ein anderer elsässischer Abgeordneter, Genosse Emmel aus Mülhausen. Er erklärte rund heraus, daß das elsaß-lothringisch« Volk in seiner Mehrheit nur mit republikanischen Staatseinrichtungen zufrieden sein würde. Als er dann eingehend die Rachteile der Monarchie gegenüber der Republik darlegte, versuchte der elsässische Pfarrer D e l s 0 r zwar durch den Zwischenruf.Robespierre!" eine Diversion zu machen, aber in keiner der bürgerlichen Parteien zeigte fich eine Spur von jener Entrüstung, die nach den Behauptungen einer be- schränkten Scharfmacherclique eigentlich die Brust jedes deutschen Patrioten durchtoben müßte, sobald nur im Reichstage ein empfehlendes Wort für die Republik ausgesprochen wird. Für die heutigen Monarchisten ist die Frage: Republik oder Monarchie, nur eine Zweckmätzigkeitsfrage. Natürlich forderte Genosse Emmel auch das Einkammersystem und das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle mündigen Männer und Frauen. Dabei war es äußerst wirksam, als er nachwies, daß das sächselnde Pluralwahlrecht der Vorlage, das den Männern über 45 Jahren drei Stimmen, denen von 35 bis 45 Jahren zwei Stimmen zuweist, die Wirkung haben würde, gerade den Einfluß der franzosenfreundlichen, weil an Jahren älteren Bevölkerungsteile zu stärken und so den an- geblichen Germanisierungstendenzen entgegenwirken würde Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die Bureaukratie in ihrer beschränkten Angst vor der Sozialdemokratie und den Arbeitern überhaupt ihr eigenes Hauptwerk selbst zu zerstören bereit ist. Lieber den Einfluß der Französlinge stärken als den der deutschen Arbeiter, das ist echt borussische StaatSkunst! Der Abg. Bassermann war als Nationalliberaler in der Hauptsache mit dem Entwurf einverstanden; der Einwurf Emmels wegen der Wirkung des Pluralwahlsystems hatte ihn aber doch soweit stutzig gemacht, daß er sich gegen diese monströse Be- stimmung erklärte. Die freisinnige Opposition gegen den Ent- Wurf wahrte Herr Naumann in ganz interessanten Be- trachtungen, wobei er das treffende Wort prägte, die Vorlage sei ein Produkt hi st arischer Arterienverkalkung. Nur sprach er sich nicht präzise genug gegen die Einzelbestimmungen aus. Als den„mittleren Durchschnitt berechtigter Wünsche" begrüßte dagegen der Neichsparteiler und Reichs- verbändler v. D i r k s e n die Vorlage. Er stützte seine Be- vormundungSargumente mit geschmackloser Ausnutzung der Metzer Unruhen, die auS dem Polizeiverbot einer Festlichkeit hervorgegangen waren, ganz wie Theobald Moabit ausgeschlachtet hatte. Am Sonnabend gcht die Debatte weiter.______ Parteitag der Meiterpartei. Aus London wird ans geschrieben: Der elfte Parteitag der Arbeiterpartei wird am 31. Januar in der Temperance Hall in Lcicester zusammentreten. Die Tagesordnung unterscheidet sich nicht viel von der voran- gehender Parteitage. Nur der erste Punkt, der von der Ab- änderung der Parteikonstitution handelt, dürfte zu interessanten und längeren Debatten Anlaß geben. Die Abänderung der Konstitution wird von dem Parteivorstande mit dem Hinweis darauf begründet, daß die im Jahre 1903 geschaffene Konstitution immer mehr veralte und daher mißverstanden werden könnte. Die wichtigsten der vorgeschlagenen Abänderungen be- treffen die Klauseln II, III und VI. Die Klausel II hieß bis jetzt:„Zweck— Das Betreiben der Wahl von Kandidaten zum Parlament und die Organisation und Erhaltung einer parlamentarischen Arbeiterpartei mit eigenen Einpeitschern und einer eigenen Politik." Der Vorstand schlägt folgende neue Fassung vor:„Zweck— Die Organisation und Erhaltung einer politischen Arbeiterpartei im Parlament und im Lande." Die Klausel III hieß bis jetzt:„Kandidaten und Mitglieder— Kandidaten und Mitglieder müssen diese Konstitution annehmen, Ich verpflichten, die Entscheidungen der parlamentarischen artei bei der Durchführung der Ziele dieser Konstitution an- uerkennen, sie müssen vor ihren Wählern nur unter dem amen Arbeiterkandidaten erscheinen, sich streng enthalten, sich mit den Interessen irgend einer nicht affiliierten parla- mentarischen Partei oder deren Kandidaten zu identifizieren oder diese Interessen zu fördern, und sie dürfen keinem Kandidaten entgegentreten, der von dem Parteivorstand an- erkannt wird." Der Parteivorstand schlägt nun folgende neue Fassung der 5llausel Iii vor:„Kandidaten und Mitglieder müssen diese Konstitution aufrechterhalten, vor ihren Wählern nur unter dem Namen Arbeiterkandidaten erscheinen, sich streng ent- halten, sich niit den Interessen irgendeiner anderen Partei zu identifizieren oder deren Interessen zu fördern, und sie müssen die durch die parlamentarische Praxis geschaffenen Ver- pflichtungen anerkennen." Von zwei der Arbeiterpartei angeschlossenen Organisationen sind wie in vergangenen Jahren wiederum Anträge auf Abänderung der bestehenden Klausel III gestellt worden, die darauf hinzielen, die Kandidaten der Partei anstatt ausschließ- lich Arbeiterkandidaten Arbeiter- und sozialistische Kandidaten zu nennen. Es soll damit den Sozialisten in der Partei Ge- legenheit gegeben werden, ihrer Ueberzeugung auch äußerlich Ausdruck zu verleihen. Ob diese Aenderung aber diesmal angenommen werden wird, ist höchst zweifelhaft. In der Klausel VI schlägt der Parteivorstand die Ab- änderung der Absätze 3 und 4 vor, die jefft lauten:„3.(Der Parteivorstand) soll der in Betracht kommenden affiliierten Organisation über irgend ein Parlamentsmitglied, einen Kandidaten oder höheren Beamten Bericht erstatten, der einem Kandidaten der Partei entgegentritt oder gegen den Geist der Konstitution handelt; 4. und seine Mitglieder sollen sich streng enthalten, sich mit den Interessen irgend einer nicht affiliierten parlamentarischen Partei oder deren Kandidaten zu identifizieren oder deren Interessen zu fördern". Die vorgeschlagene neue Fassung dieser Absätze lautet:„(Der Parteivorstand) soll alle notwendigen Maßregeln treffen, um diese Kon- stitution aufrecht zu erhalten, und seine Mitglieder sollen sich streng enthalten, sich mit den Interessen irgend einer anderen Partei zu identifizieren oder diese zu fördern." Mit der Wahrung der Unabhängigkeit haben es die Par- lamentarier der Arbeiterpartei bisher nicht sehr genau gehalten; besonders trifft dies auf die Arbeiterparteiler zu, die früher der liberalen Partei angehörten. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß man durch den Austausch der alten präzisen Fassung gegen die vorgeschlagene neue verschwommenere eine Besserung dieser Zustände herbeiführen wird. Der Vorstand selbst scheint sich seiner in bezug auf diesen Punkt nicht ganz sicher zu sein; denn er fügt seinen Abänderungsvorschlägen die Bemerkung hinzu:„Wir wünschen es ganz klar zumachen, daß diese Vorschläge, wenn sie angenommen werden, in keiner Weise die Unabhängigkeit der Partei untergraben werden. Nach Annahme dieser Abänderungsanträge wird es für die Mitglieder ebenso unloyal sein, mit anderen politischen Parteien in Verbindung zu treten wie jetzt." Der eigentliche Zweck dieser Abänderungen dürfte in dem Wunsch zu suchen sein, der Regierung entgegenzukommen. Bekanntlich spielte bei der Entscheidung des Osbornefalls in letzter Instanz der Charakter der Arbeiterpartei, die nach der Ansicht der Richter durch ihre Konstitution gebunden ist, eine entscheidende Rollo. Man will nun der Regierung beweisen, daß die Arbeiterpartei eine politische Partei in demselben Sinne ist. wie die anderen Parteien, und hat zu diesem Zweck das Wort„annehmen"(»eosxt) zu Anfang der Klausel III sowie auch die Verpflichtung der Parlamentsmitglieder, die Entscheidung der parlantentarischen Partei anzuerkennen, fallen laffen. Ob dieses Entgegenkommen bei der Regierung etwas ausrichten wird, scheint jedoch sehr zweifelhaft Wichtig scheint auch der Passus, der sich sowohl in der Klausel III wie VI befindet, in dem an die Stelle des Au?-- drucks„irgendeine nicht affiliierte parlamentarische Partei" die Motte„irgendeine andere Pattei" treten sollen. Die neue Fassung ist viel umfassendep; wird sie angenommen, so wird et einem der Arbeiterpartei angeschlossenen Sozialiften in Zukunft nicht gestattet sein, die Kandidatur eines sich außer- halb der Arbeiterpartei befindlichen Sozialisten zu befürworten. Er wird deshalb wohl kaum zur Verträglichkeit führen. Von Interesse ist auch ein Antrag des Bradforder Gewerkschaftskartells über die Taktik der Arbeiterpartei. Er lautet:„Um die Autorität der gewählten Volksvertreter im Parlament zu etablieren gegenüber dem übermächtigen politischen Einfluß, der von den Ministern ausgeübt wird. die fast jede wichtige Entscheidung des Unterhauses als ein Vertrauensvotum behandeln, dessen Vorenthaltung als Strafe eine Auflösung zur Folge haben kann, ersuchen wir die Gruppe der Arbeitervertreter im Unterhause, alle derartigen möglichen Folgen zu ignorieren und ihre Absicht zu erklären, daß sie ihre eigenen Forderungen mit Nachdruck vertreten und in den ihnen unterbreiteten Fragen beständig nach dem Werte(msrits) dieser Fragen stimmen werden. Die in dem Antrag angedeutete Taktik ist bekanntlich die- selbe, die der frühere Vorsitzende der I. L. P. Jowett, Parla- mentsmitglied für Brädford. vertritt und die auch allem An- schein nach von dem Vorsitzenden der Arbeiterpartei Barnes gutgeheißen wird. Es wird interessant sein, zu erfahren, ob sich der Parteitag der Arbeiterpartei mit dieser forscheren Taktik einverstanden erklären wird. poUtifcbe dederlicht. Berlin, den 26. Januar 1911. Agrarische Wünsche im Abgeordnetenhanse. Bei der weiteren Beratung des Etats der landwirtschaftlichen Verwaltung am Donnerstag brachten die Agrarier immer wieder neue Wünsche vor. Der Staat soll helfen, auf welchem Ge- biet auch immer es sei. Er soll nicht nur durch hohe Schutzzölle dem Großgrundbesitz zu Hilfe kommen, sondern auch sonst in jeder Beziehung das tun. was eine kleine Kaste verlangt. So fordert das Zentrum wieder einmal die Einführung des Religionsunter- richtS in den Lehrplan der ländlichen Fortbildungsschulen, weil seiner Meinung nach die Jugend auf dem Lande sonst zu aufgeklärt werden und sich nicht mehr von den Junkern ausbeuten lassen könnte. Von anderer Seite wurden Wünsch« zur Förderung der Ziegenzucht, zur Hebung der einheimischen Fleischproduktion und zur Förderung der Fischzucht vorgetragen, Wünsche, die an sich gewiß nicht unberechtigt sind. Nur darf bei ihrer Erfüllung nicht das Interesse der Gesamtheit hinter dem einiger Großagrarier zurückstehen. Zu Beginn der Sitzung gab der Landwirtschaftsminister Frhr. V. Schorlemer seiner Genugtuung über die Beendigung des„Streiks" der Studierenden an der Technischen Hochschule in Hannover Aus- druck. Die Konservativen stimmten ihm zu, daß es sich dabei um eine als Entgleisung zu bezeichnende Bewegung handele, ja sie munterten ihn sogar auf, auch in Zukunft mit aller Energie gegen solche„russischen" Zustände vorzugehen. Demgegenüber betonte Genosse L e i n e r t, daß die Sozialdemokraten keine Veranlassung hätten, in die Verurteilung des Streiks der Studenten mit ein- zustimmen, sondern daß sie im Gegenteil darin eine berechtigte Auf- lehnung gegen die staatliche Bureaukratie erblicken. Daß diese Aeußerungen nicht den Beifall des DreiNassenparlaments fanden, versteht sich von selbst._ Noch eine Unverschämtheit. In Halle begann am 24. die 16. ordentliche Plenar- versammlung der Landwirtschastskammer für die Provinz Sachsen. Auch Herr v. K r ö ch e r gehört dieser Kammer an, er war indessen nicht erschienen. Durch Herrn v. Erffa, seinen Fraktionskollegen, ließ er sich, nach der„Halleschen Zeitung",„mit der humorvollen Wendung" entschuldigen, „daß er nicht kommen könne, er hätte mit der Beauf-j sichtigung der Sozialdemokratie viel zu tun". Dieser Kröchersche„Humor" ist in Wirklichkeit nichts als eine neue hahnebüchene Unverfrorenheit des Erkorenen der Junkermehrheit. Es ist beiläufig auch eine Herabsetzung der beiden Vizepräsidenten, die Jordan v. Kröcher. der„starke Mann", damit für unfähig erklärt, für die Ordnung im Hause zu sorgen. Schon vor seinen neuesten Provokationen hat Herr v. Kröcher von bürgerlichen Abgeordneten eine Anzahl weißer Zettel erhalken. Wenn er es noch einige Zeit so weiter treibt, wird er sich vollends unmöglich machen. Vielleicht aber gelüstet es ihn, seine präsidiale Laufbahn mit einem Skandal zu beschließen. Wenn er pattout nicht anders will — dem Manne kann geholfen werden! Parlamentarischer Jnnkerstrdf. Die„Freikonservative Korresp." schreibt: „Von der konservativen und freikonservativen Fraktion ist dem Vorsitzenden des Seniorenkonvents im Abgeordneten- Hause mitgeteilt worden, daß beide Fraktionen fich mit Rücksicht auf da« Verhalten der sozialdemokratischen Abgeordneten bis auf weiteres an den Verhandlungen de» Senioren- konvent» nicht beteiligen könnten, weil fie jede» nicht durch die Geschäftsordnung geboten« Zusammenwirken mit diesen Abgeordneten ablehnen müßten." ES ist nicht recht ersichtlich, was die Herren eigentlich mtt ihrer Streikdrohung bezwecke». Wollen fie etwa die Mehrheit des Hause» zwingen, die Sozialdemokratie von der Vertretung im Seniorenkonvent auSzuschlletzen? Dann sollten fie doch schon den Mut der Dreistigkeit haben, da» auch unumwunden auszusprechen. Die sozialdemokratische Fraktion ihrerseits kann e» mit aller Gelassenheit abwarten, wie sich die übrigen Parteien zu dem echt junkerlichen Ansinnen stellen. Lassen ste fich zu einer«er- gewaltigung drängen, so hat die Sozialdemokratie wahrhaftig keinen Schaden davon I Schon jetzt haben die fortgesetzten Provokationen des Herrn v. Kröcher und seiner Leute selbst die zahmsten Gemüter de» Liberalismus zu kritischen Bemerkungen genötigt. So schreibt bei- spielsweise die nichts weniger als draufgängerische„Boss. Ztg.": „Es ist bedauerlich, daß der peinliche Zwischenfall seinen Ursprung in einem Mißgriff des Präsidenten hat und daß die Schlußrede des Präfidenten ebenfalls Aeußerungen ent- halt, die als einwandftei nicht gelien können. Herr v. Kröcher hat selbst zugestanden, daß er gefehlt habe; er habe freilich ge- fehlt„aus reiner Gutmütigkeit". Damit deckt sich seine spätere Be« merkung. er habe einzelnen Mitgliedern ein gewisses Wohlwollen bewiesen. Aber die Volksvertreter und Gesetzgeber haben vom Präsidenten Recht, nicht Wohlwollen zu verlangen. So er- haben steht er nicht über ihnen, daß fie Wohlwollen von ihm zu erwarten oder anzunehmen brauchte, r. Auch ist dringend zu wünschen, daß eS nicht Gewohnheit der Präsidenten in deutschen Parlamenten werde, einem Abgeordneten, wenn auch au» reiner Gutmütigkeit zu sagen:„Ich nehme Sie in diesem Falle nicht ernst." Eine solche Gut- mütigkeit ist u n a n g e b r a ch t. Und es ist einem Abgeordneten, weicher Partei er auch angehöre, nicht zu verdenken, wenn er fie mißversteht und zurückweist. Die Zurückweisung durch st«, Abgeordneten Hoffmann war nicht unberechtigt; uur ihr« gnrn war«mrötig verletzend. Auch wird eS hoffentlich nicht Sitte der Präsidenten deutscher Parlamente werden, Betrachtungen über den Takt und da» Anstandsgefühl anzustellen in einer Fassung, auS der— vielleicht gegen den Wunsch des Redners— enlnommen werden könnte, daß er diese Eigenschaften einer ganzen Gruppe von Abgeordneten ab- spreche. Der Präsident beschwört nur neue Zwischen- fälle herauf, wenn er sich in derart polemische Erörterungen einläßt. Was er aber heute gegen die eine Partei tut, kann morgen gegen eine andere Partei geschehen. Reaktionäre Parteiführer berufen fich nicht selten für die ver- schärfung der Geschäftsordnung auf England. Mit Fug hat schon Eugen Richter geanlwortet: Man gebe uns den englischen Parlamentarismus und wir geben ohne weiteres dem Sprecher die verschärfte Geschästsordnuilg. Allein in welcher Ruhe und Majestät thront nicht der Sprecher des englischen Unterhauses auf seinem Sitz I Er übt eine Zurückhaltung, die in schroffem Gegensatz zu dem bei uns herrschenden Brauch steht, überall überwachend, bevor- mundend, rügend und strafend einzugreifen. Der Ab- geordnete in England kann so scharf, selbst so beleidigend werden, wie er will, gemeinhin fiebt und Hört der Sprecher nichts, wenn er nicht ausdrücklich um seine Einmischung angegangen wird. Bei uns dagegen regnet es Ordnungsrufe bei den unerheblich st en Anlässen. Man ist über- empfindlich wie Neuro st heniker." Wir können also nur wiederholen: gelüstet eS die Junker nach einer Kraftprobe, so mögen ste sich nur ja nicht genieren! Ein parlamentarisches Moabit wird unter den Massen im Lande nicht minder aufrüttelnd wirken wie das polizeiliche Moabit I »Schutz der nationalen Arbeit." In der Plenarversammlung der Landwirtschaftökammer für die Provinz Ostpreußen beschwert« fich ein Kammermitglied: Trotz der ausdrücklichen Zusicherung der StaatSregierung, beim Bau des masurischen EchiffahrtSkanalS keine inländischen Arbeiter zu beschäftigen, wurden bei den Staubeckenanlagen aus« schließlich inländisch« Arbeiter beschäftigt, und zwar gerade von der staatlichen Bauleitung, während die private Bauleitung Ausländer beschäftige. Di« Folge sei. daß den Grundbesitzern unentbehrliche Dienstleute einfach fortgelaufen seien und beim Kanalbau Arbeit an- genommen Hätten. Der Oberpräsident von Ostpreußen erklärt« sofort, die Zusage, keine inländischen Arbeiter zu beschäftigen, werde auch jetzt noch voll- ständig aufrecht erhalten und von der Regierung strikte durchgeführt. Wahrscheinlich handele eS sich um einen Unternehmer, der auShilfS- weise zu inländischen Arbeitern gegriffen habe. Er, der Ober- Präsident, werde die Angelegenheit sofort prüfen. Die deutschen Arbeiter»erden also wahrscheinlich in den nächsten Tagen entlassen werden. Da fie jetzt auf dem Lande nur schwer Arbeit erhalten, werden fie einfach dem Hunger überliefert! Ein Schlag ins Wasser. Eine starke Dosis von Naivität verraten die Anträge, die im vermeintlichen Interesse der Staatsarbeiter von freisinniger Seite im Dreiklassenparlament gestellt worden. In dem einen der An- träge wird die Staatsregierung ersucht, die Befugnisse der Ar» beiterausschüsse in den staatlichen Betrieben dahin zu erweitern. daß die Ausschüsse über die Lohnhöhe und über die Festsetzung der Akkordsätze gehört werden. Einmal angenommen, das Abgcord- nctenhaus stimme diesem Antrage zu, und auch die Regierung trüge keine„Bedenken", ihm stattzugeben—: was wäre damit für die StaatSarbeiter erreicht? Nichts! Ob die Ausschüsse über die Lohnhöhe oder über die Festsetzung der Akkordsätze„gehört" werden oder nicht, ändert an den geringen Löhnen auch nicht das allergeringste. weil niemand da ist. der den Vater Staat zwingt, dem „Gehörten" auch Rechnung zu tragen. Was sind denn die Arbeiter- ausschüsse? Welche praktische Bedeutung haben sie? Wort für Wort trifft auf sie zu. was Geheimrat H i l g e r in jener berüch- tigten Geheimkonferenz der Berggewaltigen im Berliner Palast« Hotel von de» Arbeiterkontrolleuren sagte:„Wenn man nun nach den Erfahrungen fragt, kann man sagen, daß die Arbeiterkontrol- leure genau daS gehalten haben, was wir un» von ihnen versprachen. ES sollte die ganze Sache meinem Willen nach weiße Salbe sein, und es ist auch weiße Salbe geblieben." Genau so steht es mit den ArbeiterauSschüssen; solange fie nur „gehört" zu werden brauchen, sind sie nur Schaustücke. ES ist eben, um im Jargon des Geheimrats Hilger zu reden, selbstverständlich ein Aberglaube, zu glauben, daß die Arbeiterausschüsse irgend- welchen Einfluß auf die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse in den Staatsbetrieben ausgeübt hätten. Mit dem Antrag« ist also den StaatSarbeitern nicht im gering- sten gedient. Ebensowenig aber auch mit dem anderen, der den Mitgliedern der ArbeiterauSschüsse und den anderen im Ehrenamt tätigen Arbeitern der Staatsbetriebe„dieselben Sicherungen ihres Arbeitsverhältnisses" gewähren will,„die durch die neu« Berggesetz» gebung den Sicherheitsmännern gewährleistet sind". Selbst wenn diese Sicherungen gewährt würden, waS wir bezweifeln, würden sie nur papierenen Wert haben. Wenn jemand gehängt werden soll, findet sich schon ein Strick. Will der Vater Staat einen Ar» beiter, der sich mißliebig gemacht, entlassen, findet er stets einen Anlaß dazu, oder er zwingt den Arbeiter auf die eine oder die andere Weife, dem Staatsarbeiterparadiese Valet zu sagen. Ar- beiter, die ernsthaft die Interessen der Arbeiter vertreten, werden einfach nicht geduldet. Der Zweck der Anträge wird erst erreicht werden, wenn die in den Staatsbetrieben beschäfttgten Arbeiter selber Hand mit ans Werk legen und unbekümmert um die Grimassen ihrer Vorgesetzten den gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen beitreten. Auch für die StaatSarbeiter gilt da» Wort:„Selbst ist der Rann!" Eingabe der Studentenschaft. Im Namen zahlreicher studentischer Körper- schatten ist dem Abgeordnetenhause eine Eingabe zugegangen, in der eS helfet: „Die am 4. November t»1Y in verlin(Sophiensäle) gleickizeitig mit den Kommilitonen in Bonn, Braunschweig. Breslau. Danzig, Darmstadt, Eisenach, Göttingen, GreifSwald, Halle, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Marburg. München. Stuttgart versammelten Studenten und Akademiker find der Ansicht, daß die Disziplinar« Vorschriften für Studierende einer grund- legenden Reform bedürfen. Sie sprechen die tllsiuung aus, daß die preußische Regierung der einmütigen timme aller Parteien, die in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom IS. Juni zum Ausdruck kam, in vollem Um- fange Rechnung tragen wird. Sie erwarten, daß insbesondere die Bestimmungen über das studentische Vereins- und Versammlungsrecht eineReuge staltung nach Maß- gab« der allgemeinen Reichsgesetzgebung er- fahren werden. Die Versammlung wünscht endlich ein« im Geiste einheitliche Regelung d«A Studeutenrechtö in allen oeutschen Staaten". Wachsender Wohlstand des Volkes? Ein besonders günstiges Ergebnis der Sparkassen zeigen die vorläufigen statistischen Feststellungen für das Jahr 1909. In Preußen haben sich die Bestände um 7W Millionen Mark vermehrt. wovon 3lv Mllionen Msrk Zinsen find. 4VS Millionen Mark dagegen den Ueberfchutz der neuen Einzahiungev über die Abhebungen ausmachen. Eine solche Steigerung ist bisher noch nle dagewesen. Auch in den anderen deutschen Staaten haben die Gelder der Spar- lassen ungewöhnlich stark zugenommen. Fürs ganze deutsche Reich liegen die endgültigen Ziffern für 1909 noch nicht vor, der Zuwachs wird aber auf nicht weniger als 1100 Millionen M. geschätzt. Trifft dies zu, so würde der Bestand sämtlicher deutschen Sparkassen Ende 1909 15 300 Millionen Mark betragen haben. Bei der Annahme eines auch nur annähernd gleichen Wachstums im Jahre 1910 wäre somit der gegenwärtige Bestand aus mindestens 16 500 Millionen zu veranschlagen. Diese starke Zunahme der Spargelder ist ein beliebte» Argu- ment unserer Gegner. Da doch nur der Arbeiter und klein« Mann — so pflegen sie zu sagen— seine Spargroscben zur Sparstisse trägt, so sei dies ein Beweis für ein erfreuliches Steigen des Wohlstandes bei der großen Masse des Volkes, und die sozialdemo- kratischen Hetzer haben unrecht, wenn sie die wirtschaftliche Lage der Massen als traurig hinstellen. Es ist deshalb von Interesse, daß eine bürgerliche Finanzschrift, die„Bank", auf Grund sorg- fältiger fachmännischer Erwägungen zu ganz anderen Re- sultaten kommt. Wir geben im folgenden den Gedankengang ihrer Ausführungen wieder. Die Zunahme der Spargelder im Jahre 1909 beschränkt sich nicht auf die ländlichen Gegenden, wo sie durch die beiden guten Ernten der Jahre 1908 und lS09 verursacht sein mag, sondern ist fast ebenso stark in Industriegebieten, wie Rheinprovinz, Westfalen, Brandenburg,„obwohl doH der Geschäftsgang 1909 noch kein be- sonders reger war und die Löhne zum Teil sinkende Tendenz yatten". Man muß daraus schließen, daß die Zunahme der Spar- geüder nicht nur einem Wachstum des allgemeinen Wohlstandes zu danken sei, sondern daß mindestens zum Teil die Gelder nur von einer Stelle auf eine andere gebracht worden seien, daß also„der Ueberfülle bei den Sparkassen ein Mangelan irgendeiner anderen Stelle entspricht". Diese andere Stell« sind die Kreditgenossenschaften. Deren Bestände haben 1909 nur um 150 Millionen Mark zugenommen. Dies ist um so auffälliger. weil die sonstigen Anlagestellen für erübrigtes Kapital— die Banken und die Lebensversicherungen— ein normales Wachstum gezeigt haben. Man kann hiernach annehmen, daß es sich bei der gewaltigen Zunahme oer Sparkassenbestände zum großen Teil um Gelder handelt, die sonst den Kreditgenossenschaften zufließen und nur aus besonderen Gründen diesmal zu den Spartassen gekommen sind. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil die Gesetzgebung die Sparkassen in jeder Weise begünstigt, so daß sie tatsächlich Bankgeschäfte machen können, wobei sie aus ver- schiedenen(von der..Bank" angegebenen) Gründen häufig in der Lag« sind, höhere Zinsen zu zahle» als die Kreditgenossenschafte». Daraus folgt, daß ein sehr großer Teil der Gelder, die heutzutage zu den Sparkassen kommen, gar keine Sporgroschen kleiner Leute sind, sondern angelegtes Kapital von großen und kleinen Kapitalisten! Aus dem Bank- charakter, den die Sparkassen allmählich angenommen haben, folgt weiter, daß die ihnen zugeflossenen Gelder auch wieder— wie bei jeder anderen Bant— den.Kapitalisten zur Verfügung gestellt werden.„Denn da der Sparende als erste und oft genug als ein- zige Bedingung fordert, daß sein Geld durchaus sicher angelegt werde, so ist die Folge, daß die Kapitalien in die L>ände von Leuten gelegt werden, bei denen man die größtmöglichste Gewähr für regelmäßige Verzinsung und pünktliche Rückzahlung voraussetzt. Es ist klar, daß das nicht eben die kapitalarmcn Klassen der Bevölkerung sein werden.... Je mehr also die Kleinkapitalisten darauf verzichten, ihre Ersparnisse selbst zu vevwalten. um s o mehr stärken sie die Macht des Großkapitals und schwächen sie die Widerstandskraft des Kleingewerbes.... Als Resultat dieses Prozesses, der die Gegen- sätze von Mammonismus(übermäßigem Reichtum) und PauperiS- mus(totale Verarmung), von Herrschaft und Abhängigkeit wesent- lich verschärfen hilft, ergibt sich dann eine ungeheure Zunahme der öffentlich sichtbaren und statistisch erfaßbaren Gelder bei den Spar- lassen und sonstigen Kapitalreservoiren,«ine Zunahme, die von oberflächlichen Volkswirten als Wachstum des Volks- reichtumS angesehen und von den Regierungen bei neuen Steuer- vorlagen gern im gleichen Sinne verwertet wird. In Wirklichkeit bandelt eS sich bei einem sehr erheblichen Teil der zifternmäßige» Zunahme nur um eine Verschiebung großer Kapitalssummen," Unterschlupf für Bassermamt. Aus Saarbrücken wird gemeldet, daß die Vertreterverfamm- lung des dortigen nationalliberalen Vereins einstimmig de« Bor» schlag einer Kandidatur BassermannS angenommen hat. Die Proklamierung der Kandidatur in der zweiten Vertreter- versainmlung am 22. Februar sei gesichert.— Bassermann wird aufatmen, daß er auf seiner Irrfahrt jetzt endlich den Hafen erreicht hat. Sicher liegt fem Boot jedoch auch dort nicht vor Ankert Bürgerlicher Schwindel. Bürgerliche Blätter teilen mit, Genosse Schwartz-Lübeck habe eine Wiederaufstellung für die kommende ReichStagSwahl abgelchnt. — Wir können mitteilen, daß diese Meldung völlig erfunden ist. Merkwürdig ist übrigens, daß die Nachricht jedesmal vor einer neuen Reichstagswahl auftaucht. Vielleicht will man auf Schwartz einwirken, nicht wieder zu kandidieren. NeichSwertznwachSstener und Veteranenfürsorge. Z Der Reichsschatzsekretär läßt durch da» Wolffsche lelegr.-Bureau folgende Nachricht verbreiten: „Die Darstellung einiger Zeitungen, wonach die Reichsfinanz» Verwaltung fich in der Lage sehe, die erhöhte Veteranenfürsorge im» abhängig von der Erledigung deS Zuwachssteuergesetzes eintreten zu lassen, wird amtlicherieitS als irrtümlich bezeichnet. Der Staats- iekretär de« Reichsschatzamtes hat fich dahin geäußert, daß«S ge- setzeStechnisch unangängig fei. die in denj Etat gehörige Regelung der Veteranenbezüge in das Zuwachssteuergesetz selbst auszunehmen. An der Notwendigkeit, den Mehrbedarf für die verbesserten Bezüge der Veteranen ebenso wie für die HeereSvorlage au« den Erträgnissen der Zuwachssteuer zu decken, hat sich nicht« geändert, da bei Auf- rechterhaltung des Gleichgewichts im Etat für 1911 und für die folgenden Jahre eine anderweite Deckung nicht beschafft werde« kann."_____ Geistliche Schnlinspektio». Tolle Sachen weiß unser Mllnchener Parteibtatt, die.München«. Post", von dem Echulinspektor und Pfarrer Peter Schamper in Bogenhausen, dem nordöstlichen. Stadtteile München«, z« erzählen. ES wird u. a. berichtet: Seit Pfarrer Schamper in der vogenhauser Volksschule Religionsunterricht erteilt, regnet e« auf die Kinder Stockprügel! Mi- Angst sehen die Kinder der ReligionS- stunde entgegen. Das tadellose Hersagen auswendig gelernter Sätze ist ihm die Hauptsache. Als er jüngst eine Schülerkloss« zur Beichte und Kommunion borbereitete(?) und da« schablonenhafte Hersagen der einzelnen Artikel nicht überall ganz klappte, verabreichte er während einer halben Stunde 52 Tatzenl Der Stock des Klassenlehrers genügte dem geistlichen Schulinspektor aber nicht, darun, brachte eine» Tage« die Pfarrersköchin ein neues spanisches Rohr. Sine Stande, in der das Thema von der„heilig- machenden Gnade" erörtert wurde, begann der Pfarrer mit der Frage an einen Schüler:„Hast Du den Stock hergerichtet?" Ein Schüler, der das G in„Gnade" wie K sprach, erhielt zwei Tatzen I Als der Junge schüchtern meinte, er habe doch nicht» tolicheS gesagt, bekam er noch zwei dazu. Ein etwa« kränkelnder chüler stotterte etwas während deS hochnotpeinlichen Examens. Der Pfarrer rief:„Der stottert ja" und gab dem Kinde zwei Tatzen. An diesem Tage der Gnade kam die lLasse.gnädig" mit 24 Tatzen weg. Nach den letzterwähnten empörenden Borlommnisien kam eS. wie ewe ganze Anzahl Schüler übereinstimmend erzählt, im Klassen- zvnmer zu einem Auftritt zwischen dem Pfarrer und dem anwesenden Lehrer, der dieser ungerechten Behandlung nicht mehr mit zusehen konnte. Als dann der Lehrer wegging, ver« bot der Pfarrer den Schülern, von dieser Episode weder unter sich noch zu den Eltern zu sprechen.(Anleitung zur Wahrhaftigkeit!) Ein Ätudentenkrawall vor dem Kriegsgericht. Drei Studierende der Kaiser-Wilhelm-Akademie hatten sich gestern vor dem Kriegsgericht der Königl. Kommandantur wegen Ausschreitungen zu verantworten. Ei> waren die Kandidaten der Medizin Rox und Poludnick und der Student der Medizin Volger. Dem letzteren wurde grober Unfug und Beleidigung eines Polizei- beamten, dem R. grober Unfug und Vergehen gegen die Straßen- Polizeiordnung und P. außer den gleichen Delikten ein tätlicher Angriff auf einen Polizcibeamten zur Last gelegt: Ausschreitungen, die sich in der Sonnabendnacht des ö. November am Oranienburger Tor abgespielt haben. Etwa fünfzig Studenten hatten sich infolge eines Auflaufs am Oranienburger Tor angesammelt. Unter ihnen befanden sich auch die Angeklagten, die mit einer Anzahl Kommili- tonen von der Kneipe der„Saxonia" auf dem Heimweg be- griffen waren. Als der Zettelankleber K. sich mit der Leiter im Arm der Anschlagsäule näherte, wurde er mit dem Ruf empfangen: „Jetzt kommt der Kleisterfritze I" Einer der Studenten kletterte nun die Leiter hinauf, und als ihn K. mit den Worten:„Herr Doktor, Sie brechen auf der Leiter ein!" aufforderte, herunter zu kommen, wurde ihm erwidert:„Herr Professor, heute kleben wir!" Jetzt erschien der Schutzmann Burkhardt vom Polizei- revier 7. Er trieb die jungen Leute auseinander, und als sich der Angeklagte Volger, der nach der Behauptung des Schutzmanns auf der Leiter gestanden und die Anschlagplakate unter dem Beifall der anderen Studenten in humoristischer Weise abgelesen hatte, einige ulkige Bemerkungen machte, verhaftete er ihm Die beiden anderen Angeklagten drängten sich nun dem Schutzmann auf. Sie verlangten, mit zur Wache geführt zu werden. B. wies sie jedoch zurück. Eine große Menschenmenge, die zumeist aus Studenten bestand, schloß sich dem Zuge an. Vor dem Wachlokal in der Novalis- straße wurde das alte Lied:„Nieder mit den Hunden von der Reaktion, das Blut soll fließen knüppeldick" gesungen. Der Schutzmann schloß die Haustür hinter den Ange- klagten ab. und als der Angeklagte P. zögerte, vorwärts zu gehen, faßte er ihn am Arm und am Rücken, um ihn vorwärts zu zerren. Im nächsten Augenblick packte ihn P. an der Brust und versetzte ihm einen Stoß, daß er gegen die Flürwand stürzte. Nun bekam der Beamte den Studenten zu fassen. Er griff ihn am Kragen und würgte ihn nach den Angaben des Beschuldigten. Auf dem Bureau benahmen sich die Angeklagten nach den Be- kundungen der Schutzleute.uiwrhört. Volger äußerte z. B.:„Von solch einem Menschen muß man sich zur Wache bringen lassen. Ich werde dafür sorgen, daß er morgen den blauen Rock nicht mehr anzieht." P. machte die Bemerkung, er werde sich beschweren. Der Schutzmann habe ihn getreten, er werde dies beschwören. Vor Gericht waren die Angeklagten in der Hauptsache geständig. P. gab an, er sei von dem Schutzmann im Flur gewürgt und zwi- scheu dessen Beine gezerrt worden.. Der Schutzmann beeidete, daß dies nicht der Fall gewesen sei.- Er habe den Angeklagten nur energisch angefaßt. Das Gericht ließ im Falle P. Milde walten. Es erkannte nichtaufGefängni.s, sondern a uf e i n e Ge ld st ra fe. die auf 30 Mark bemessen wurde. Wegen der anderen Straftaten wurde gegen den Angeklagten eine Geldstrafe von a ch t z e h n, gegen Rox die gleiche Strafe und gegen Volger eine solche von sechzehn Mark ausgesprochen. Man vergleiche mit diesen Urteilen die der Moabiter Straf- kammer und des Schwurgerichts. Wieder einer! Das Dresdener Kriegsgerickit der 1. Division verurteilte den 27 Jahre alten Bizefeldwebel und Zahlmeisterafpfranten von der 8. Kompagnie des Jnfanterie-Regiments Nr. 178 in Kamenz HanS Artur Drechsler wegen Unterschlagung, gewinnsüchtiger und ein- falber Urkundensälschiing im begrifflichen Zusammenhang mit Betrug und Beiseileschaffung von Urkunden zu vier Monaten Gefängnis und Degradation. Während de? Herbstmanövers 1009, als der Angeklagte noch dem Pionier-Bataillon Nr. 12 in Dresden angehörte, erhielt er vom Abteilungssührer 1400 M. Vorschuß zur Bestreitung der Quartier- Verpflegung usw. Von dem Gelde hat D. 172 M. unterschlagen und von dieser Summe Alimente für ein außereheliches Kind sowie einige Schulden bezahlt. Um die Unterschlagung zu verdecken, hat er dann höhere Summen für die einzelnen Kompagnien aufgesetzt. aber nicht zur Auszahlung gebracht. Er hat weiter Quittungen und Forderungsnachweise gefälscht und sie zur Unterschrist dem Ab- teilungsführer und Oberzahlmeister vorgelegt. In einem Falle hat er die Unterschrift des AbteilungSführers selbst vollzogen. Von den Manipulationen des Angeklagten hat niemand etwas gemerkt; selbst auf der Kommandantur sind- Unregel- Mäßigkeiten nicht festgestellt worden. Die Sache wäre auch nicht entdeckt worden, wenn D. ihr nicht selbst eine andere Wendung gegeben hätte. Er hat nämlich im Mai 1910, kurz vor seiner Ablösung nach Kamenz, aus dem Recknungsbuch die dort eingehefteten Quittungen und Belege herausgerissen und durch vollständig neue, von A bis Z gefälschte ersetzt. Als der Nachfolger D.s eine Nechnungsaufstellung nach dem Muster des Angeklagten machen wollte, stellte sich heraus, daß die gemachte Abrechnung unter keinen Umständen stimmen ionme. Strafmildernd hat daS Gericht berücksichtigt, daß der Angeklagte die Entdeckung selbst herbeigeführt hat._ OeltemidvCliigani. Eine Polizeigeschichte. Budapest, 26. Januar. Die Polizei verhaftete heute einen aus Varna gebürtigen Mediziner namens Peter Serafinow, der im Rufe eines gefährlichen Anarchisten steht. Bei der Leibesuntersuchung wurden Empfehlungsschreiben der Kragujevazer serbischen revolutionären Partei vorgefunden, in denen Serafinow als begeisterter Terrorist und Anarchist sämtlichen Anarchisten der Welt zur Unterstützung empfohlen wird. Serafinow war aus M o s k a u, wo er wegen terroristischer Umtriebe zum Tode ver- urteilt wurde, nach Budapest geflüchtet und hatte mit den hier wohnenden Serben, Bulgaren und Russen verkehrt. Bei der Der- jhaftung gestand er, der Moskauer terroristischen Partei anzu- gehören. 8chwdz. Eine vierfache Bolksabstimmang. Zürich, 24. Januar.(Eig. Ber.) Die Stimmberechtigten des KantonS Zürich haben am nächsten Sonntag über vier Gesetzes- vorlagen abzustimmen. Die erste betrifft die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes mit Einschluß der Verleitung von Angestellten und Arbeitern zum Berrat von Geschäftsgeheimnissen in Konkurrenzunternehmungen und deren Schmiergelder an An- gestellte und Arbeiter zur Erlangung von Austrägen. Die sozial- demokratische Fraktion des KantonSrateL hatte sich bemüht, posuive Arbeit zu leisten und das Gesetz auch für die Arbeiterinteressen gegenüber unlauteren Ausbeutungspraktiken von Unternehmern nutzbar zu macheu. Da aber alle ihre bezüglichen Anträge von der kom- Pakten bürgerlichen Majorität abgelehnt wurden, hat der sozial- demokratische Parteitag beschlossen, daS ganze Gesetz in der Volks- abstimmung zu verwerfen. Besonderes Interesse bietet die zweite, an anderer Stelle be« sprochene Vorlage betreffend daS Wahlrecht der Frauen. In der dritten Vorlage, in der es sich um die Revision der Kodifi- kation des Rechtspflegegesetzes handelt, ist die Wählbarkeit der Frauen bereits aufgenommen und zwar die für die g e w e r b- lichen Schiedsgerichte. Darüber besteht jetzt ein Spezial- gesetz, das nun wie eine Reihe anderer Gesetze dem allgemeinen Rechtspflegegesetz einverleibt wurde. Sollte der VerfassungSartikel verworsen werden in der Volksabstimmung, so würde natürlich auch die Bestimmung über die Wählbarkeit der Frauen in die gewerblichen Schiedsgerichte hinfällig werden. Die vierte Vorlage betrifft die Revision des Gesetzes über die staatliche Gebäudeversicherung und ist besonders die schätzenswerte Neuerung erwähnenswert, aus der Brandversicherungs- kasse auch Gebäudeschäden voll zu vergüten, die durch Hagelschlag, Rutschungen, Steinschlag oder Hochwasser verursacht sind. Unsere Partei tritt für die Annahme dieser drei Gesetzes- vorlagen ein. Frankreich. Die Eisenbahnerbewegung. Paris, 26. Januar. Der Sekretär des Eisenbahner- Verbandes hat einem Berichterstatter mitgeteilt, daß der jüngst genehmigte Entwurf betreffend die Ruhegehälter unter den Eisenbahnern eine Erregung hervorgerufen habe, die um so größeren Umfang annehmen könne, als die Eisenbahngesell- schaften, abgesehen von der verstaatlichten Westbaßn, bisher keinen der wegen Streiks entlassenen Eisenbahner wieder- eingestellt habe._ Gegen die Weinfälscher. Epernay, 26. Januar. Der Präfekt hat den Wein- Händlern verboten, die für sie auf dem Bahnhof ange- kommenen 1106 Fässer Wein nach den Kellern zu bringen, da der Wein nicht aus der Champagne stamme. Zwischen der Regierung und den Deputierten, die die Champagne vertreten, ist es zu einer Einigung über einen Gesetzentwurf gekommen, den die Regierung am Montag der Kammer zugehen lassen wird und der den Forderungen der Winzer und des Syndikats der Weinhändler in der Champagne Rechnung trägt._ Ein Gesetz gegen die Sabotage. Paris, 26. Januar. Der Abgeordnete Lauraine, welcher mit der Ausarbeitung eines Gesetzes über die Sabotage be- auftragt worden ist, hat einen entsprechenden Entwurf fertig- gestellt. Derselbe wird in den nächsten Tagen in der Kammer eingebracht werden. Bngland. Sir Charles Dilke. Wie aus London telegraphiert wird, starb heute Charles Dilke im 63. Lebensjahre. Dilke war einer der Führer des radikalen Flügels der liberalen Partei, ein entschiedener Demo- krat, der auch für die sozialpolitischen Forderungen Verständnis hatte. Dem Unterhause gehörte er seit dem Jahre 186S mit einer kurzen Unterbrechung an. Er war ein angesehener politischer Schriftsteller, der sich hauptsächlich für die Entwickelung der Kolonien interessierte; er vertrat stets mit Entschiedenheit die Auffassung, daß nur die Gewährung voller demokratischer Selbst. Verwaltung dag Mittel sei. die Kolonien mit dem Mutterlande zu dem„Größeren Britannien"— Dilke ist der Schöpfer dieses Wortes— zu verbinden. Das Wort wurde dann von Chanrberlain in seiner imperialistischen Agitation ausgenützt, die Dilke � als Freihändler stets bekämpft hat. Dilke hatte als englischer Radikaler alten Schlages für den Klassenkampf als Mowr der geschichtlichen Entwickelung kein Verständnis und hat den Sozialismus immer abgelehnt, innerhalb dieser Begrenzung aber war er ein zuverlässiger Freund des politischen und sozialen Fortschritts. Griechenland. Hastentlassung. Athen, 26. Januar. Oberst LapathiokiS, d'er frühere K r i e g s m i n i st e r, ist wieder in Freiheit gesetzt worden, nachdem die Untersuchung ergeben hat. daß es sich bei ihm nur um einen Akt von Jntzjsziplin handelt. Amerika. Die Befestigung des Panamakana!«. Guayaquil, 26. Januar. Die Vereinigten Staaten bemühen sich, von Ecuador die pachtweise Abtretung der Gala- pagoSinseln zu erlangen und bieten 33 Millionen Dollar für 99 Jahre an unter Aufrechterhaltung der Oberhoheit Ecuadors. In Ecuador wird der Vorschlag gegenwärtig in Erwägung ge- zogen. Diese Inseln sollen als wichtiger Stutzpunkt für die Be- festjgung des Panamakanals dienen, t—' parlamentarifcbcö* Aus ber NeichsversicherungSordnungS-Kommisfion. Sitzung am Donnerstag, den 26. Januar. Die Abstimmung über das Ausnahmerecht gegen die landwirtschaftlichen Arbeiter ergab, daß von den Per- sonen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, nur die Gärtner sowie die vorübergehend in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeiter einer Ersatzkasse beitreten dürfen. Das beschlossen die Konser- vativen, Nationalliberalen und das Zentrum. Dieselbe Mehrheit lehnte den Antrag der Sozialbemo- kraten ab, nach dem für die Mitglieder der Ersatzkaffen der Arbeitgeber seinen Beitragsteil an die Ersatz- lasse zu zahlen hat. Die übrigen Bestimmungen der Krankenversicherung werden unverändert angenommen. Darauf begann die Kommission mit der zweiten Lesung des 1. Buchs über die gemeinsamen Borschriften. Dabei wurden von den Konservativen, Nationalliberalen und dem Zentrum die LandesversicherungSämter wieder zugelassen, die in der ersten Lesung gestrichen Karen. Das Zentrum erklärte, daß seine Stellung für die Landesversiche- rungSämter nur.vorläufig" sei. In bezug auf die Bersicherungsämter blieben die bürgerlichen Parteien im allgemeinen bei den Be- schlüssen der ersten Lesung. Mithin sollen die Versicherungsämter als selbständige Behöroen nicht errichtet werden, sondern nur eine Abteilung der unteren Verwaltungsbehörde bilden. Eine Ausnahme hiervon werde nur für die Bundesstaaten zugelassen, in denen ein einziges Versicherungsamt besteht. Diese Ausnahme ist besonders von Hamburg verlangt worden. Eine weitere Aenderung bezog sich auf den standigen Stellvertreter des Vorsitzenden. Von einem solchen wollten die meisten bürgerlichen Parteien in der ersten Lesung nichts wissen. In der Zwischenzeit aber haben die Regierui�en die bürgerlichen Parteien wohl davon überzeugt, daß dieser neue Beamte ganz ungefährlich ist, denn jetzt, in der zweiten Lesung, wurde ohne Debatte feefäioflety daß ein ständiger StMertrefer Les Vorsitzenden bestellk Kerden soll; kle Bestellung vellatf ffet Zustimmung des Oberversicherungsamts. Die Sozialdemokraten wiesen darauf hm, daß nach dieser Bestimmung auch ganz ungeeignete pensionierte Offiziere als stellvertretende Vorsitzende der Versicherungsämter versorgt werden würden. Geheimrat Dr. Wiedefeld erklärte, � daß so etwas den Behörden ganz fern liege. Es sei gerade für die stcllvertreten- den Vorsitzenden eine sachgemäße Vorbildung oder Erfahrung ge- fordert worden, um zu verhindern, daß ungeeignete Personen in diese wichtigen Stellen gebracht würden. Die Erklärung des Rc- gierungsvertreters wurde zu Protokoll genommen. Für die Wahl der Versicherungsvertreter ist vorgeschrieben, daß sich die Stimmenzahl einer Kasse nach der Mitgliederzahl richtet und von dem Versicherungsamt festgesetzt wird. Hierzu brachte Abg. D rösch er die Tatsache zur Sprache, daß in Mecklenburg für derartige Wahlen die Stimmen ein für allemal festgesetzt worden sind, so daß die Kasse dieselbe Stimmen- zahl behalt, auch wenn sie im Laufe der Jahre eine große Zahl von Mitgliedern verliert oder gewinnt. Um solche— Matznahmen zu verhindern, wurde beschlossen, daß die Stimmenzahl vor jeder Wahl festgesetzt werden mutz. Nächste Sitzung: Dienstag. Aus der Budgetkommisfiyn. Bei der Weiterberatung des Marineetats wurde eine Aus« gäbe von 213 000 M. zum Bau von Wohnungen für verheiratete Unteroffiziere in Cuxhaven lebhaft bemängelt. Die Bausumme von rund 9000 M. für eine Wohnung wurde als zu hoch be- funden; es müsse billiger und zweckmäßiger gebaut werden. Die geforderte Summe wurde gestrichen, der Regierung aufgegeben, eine Abänderung der Garnisonbauordnung herbeizuführen und eine Resolution angenommen, die neue Vorschrcften über den Bau solcher Wohnungen vom Reichskanzler verlangt.— Für eine Offiziersspeiseanstalt auf H elgoland werden 173 000 M. gefordert. Von sozialdemokratischer Seite wurde diese Forderung lebhaft bekämpft, weil ein solcher Luxusbau nicht notwendig sei. Werde aber eine Speiseanstalt gebaut, sei die Frage auszuwerfen, ob dann die sehr hohen Zulagen noch weiter gezahlt werden sollen. Bei dieser Ge- legenheit wurde auch die schmutzige Affäre angeschnitten, die vor Monaten durch die Presse ging und in diedreiOsfiziere ver- wickelt waren. Wie der Staatssekretär mitteilte, sind die beteilig- ten Militärs freigesprochen oder die auf eigenen Antrag eingeleiteten Verfahren wieder eingestellt worden. Es sollen zwei sehr„minderwertige" Mädchen in Frage kommen, die sich„in der aufdringlichsten Weise" an die angegriffenen Leute herangemacht hätten. Weiter wurde von sozialdemokratischer Seite die S ch ä d i- gung der Fischer bei der Flensburger Föhrde zur Sprache gebracht, die durch die dortige Riarinestation eingetreten sein soll. Der Staatssekretär erklärte, an ihn seien keine Beschwerden heran- getreten; kämen solche, würden sie wohlwollend geprüft werden. Für den Bau eines Dienstgebäudes der obersten Marinebehörden in Berlin werden im ganzen 3 730 000 M. gefordert. Eine erste Rate von 730 000 M. ist bereits bewilligt; 430 000 M. werden für den nächsten Etat verlangt, die auch bewilligt werden.— Für Helgoland wird ein Marinelazarett gefordert, das 300 000 M. kosten soll; daS macht für einBettüber8000 M., eine enorm hohe Summe, die kaum bei den mit größtem Luxus ausgestatteten Krankenhäusern erreicht wird. Die Abstimmung darüber wurde vertagt._ Fabrikantenrecht vor Arbeiterrecht. In der Sitzung der Gewerbeordnungskommission vom Donnerstag wurde die Debatte über den ß 114b, in dem die Regierungsvorlage bestimmt wissen will, daß den Arbeitern kosten- frei Lohnbücher geliefert und, mit den vorgeschriebenen Ein- tragungen(§ 114a) versehen, ausgehändigt werden müssen. Hierzu hatten die Nationalliberalen, Fortschrittler und Konservativen Ab- änderungsanträge gestellt, die alle darauf hinausliefen, dem Bun- deSrate die Befugnis zu erteilen, dort, wo durch Aushändigung der Lohnbücher Fabrikationsge heji rn nft ff e verraten werden könnten, die Aushändigung zu erlassen. Zu allen diesen Anträgen beantragten die Sozialdemokraten Zusätze, um zu erreichen, den Erlaß jener Ausnahmebestimmungen auch von der Zustimmung der beteiligten Arbeiter abhängig zu machen. Genosse Albrecht sprach sich prinzipiell gegen die Ausnahmen aus; es bestehe die Ge- fahr, daß sie den Wert des Gesetzes illusorisch machten. Die Abge- ordneten Merkel(natl.) und Schmidt(Rp.) erklärten sich für die Annahme des sozialdemokratischen Antrags, da es einem loyalem Fabrikanten gelingen werde, sich mit den Arbeitern zu verständigen. Auch der Abg Manz(Vp.) hatte keine prinzi- piellen, sondern nur Bedenken wegen der praktischen Ausführung des sozialdemokratischen Antrages. Genosse Stadthagen er- läuterte die juristische und gewerbepolitische Seite der Anträge auf Gestattung von Ausnahmen und wies nach, daß die Arbeiter ohne den sozialdemokratischen Zusatzantrag dem Willen der Unternehmer und dem des Bundesrats auSge- liefert seien. Der Zentrumsabgeordnete Schwarze- Livp- stadt wandte sich heftig gegen den sozialdemokratischen Antrag; oer Bundesrat müsse die Ausnahmen sogar gegen die Zustimmung der Arbeiter gestatten, wenn die Fabrikanten die Verletzung von Fabri- kationsgeheimnissen befürchteten. Genosse H u e stellte fest, daß sich drei sachverständige KommissionSmitglieoer, die Fabrikanten seien (Merkel, Schmidt, Manz), gegen die Arbeiterschutzanträge entgegen- kommender als die Sprecher des Zentrums perhielten.— Nachdem sich aoch die Abgg. Everling.Dr. Kolbe(Rp.) und Dr. P i e- per(Z.) gegen, die Genossen Stadthagen und Albrecht wiederholt für das Zustimmungsrecht der Arbeiter ausgesprochen hatten, wurde der sozialdemokratische Antrag abgelehnt. Dafür stimmten außer den Sozialdemokraten nur die Abgg. Merkel« Schmidt und der polmsche Vertreter. Dann beschlossen die bürgerlichen Kommissionsmitglieder die Einfügung der Ausnahmeborschrift m daö Gesetz für den Fall, daß sie von den Fabrikanten beantragt werde. Die Arbeit« sollen sich vorder nur«äußern" können. Hirn der Partei. Singer» Erkrankung. Die fieberhafte Erkrankung des Genossen Paul Singer dauert noch an, doch hat das Fieber eine Abnahme erfahren. Der Zustand ist immerhin ernst, gibt aber zu Befürch» tungen glücklicherweise keinen unmittelbaren Anlaß. polireiUcheg, Serkcbrikcdes u!w, Abgelagerte ReichSvcrbanbSware. Im Oktober 1910 veröffentlichte die„Chemnitzer Volksstimme" einen Artikel, in dam mitgeteilt wurde, der Reichsverband habe Chemnitzer Fabrikanten alte Flugblätter als neue zugestellt. Das Reichsverbandsverfahren wurde mit dem Handel mit alten Lumpen verglichen. Dadurch fühlten sich zwölf Vorstandsmitglieder des Reichsverbandes beleidigt und klagten gegen unseren Genosse» Bartels als Verantwortlichen. Vor dem Schöffengericht bekannte sich Genosse Heil mann als Verfasser des Artikels; Bartels wurde freigesprochen; gegen Hcilmann konnte wegen Ber- jährung des Falles nicht mehr eingeschritten werden. Die Reichsverbändler legten gegen das freisprechende Urteil Berufung ein und hatten den Erfolg, daß Genosse Bartels300 MarkGcldstrafe zudiktiert erhielt. In der Begründung dcS neuen Urteils heißt es: Bartels habe den Artikel vor der Verbrei- tung überflogen uiü> komme deshalb als Täter in Frage. Der Schutz des ß 193 sei dem Angeklagten zu versagen. Auf Geld- strafe sei exkgMit worden, weil ex ntäi Verfasser des Artikel» sei Gewcrfercbaftlichee. Sin„chnftltches" Bekenntnis zur Lohnbewegung der Bergleute. Im Ruhrrevier behaupten tue Oberchristen Ebenso wie die Zentrumspresse, die Lohnbewegung der Verbündeten Organi- sationen sei undurchführbar und auch gar nicht ernst gemeint. Eine Lohnerhöhung von 15 Proz. würde den Ruin der Grubenherren bedeuten. In Widerspruch hiermit stehen frei- lich die eigenen Berichte des Syndikats und der Bergwerks- gesellschasten, nach denen die Lage recht befriedigend ist und vielfach steigende Gewinne zu verzeichnen sind. Einige Gesell- fchasten haben sogar höhere Gewinne verteilt, als je zuvor. Die Besorgnis um das Wohlergehen der nationalliberalen Grubenherren des Ruhrkohlenbezirks ist um so bemerkens- werter, als man im Siegerlande ganz andere Töne anschlagt. Es ist notorisch, daß der Erzbergbau keineswegs sich so günstig stellt als der Kohlenbergbau. Nichtsdestoweniger haben die „Christlichen" auf den sauerländischen Gruben„S i z i l i a" und„Siegen a" die Forderung einer 15prozentigen Lohn- erhöhung gestellt. Und weil die Grubenverwaltungen sich ab- lehnend verhalten, Wjjt der Vorstand des Gewerkvereins es soyar zu einem Streik kommen. Die Belegschaften haben be- rerts gekündigt. Der„Bergknappe" sagt in seiner neuesten Nummer: „Es ist von unseren Gewerkvereinen lange genug versucht worden, eine friedliche Lösung der Differenzen herbeizuführen. An dem Gewerkverein liegt es also nicht, wenn eS zum Kampfe kommt." Es ist nun doch höchst sonderbar, daß im Ruhrbezirk in Grund und Boden verdammt wird, was man im Sauerlande propagiert. Hier sieht man, daß im Ruhrbezirk der Gewerk verein sich von politischen Motiven, von Rücksichten auf die Wahltaktik des Zentrums leiten läßt. Die nationalliberalen Scharfmacher sollen unter allen Umständen bei guter Laune erhalten werden. Im Sauerlande erlaubt man sich aber einen Streik, da ist die 15prozentige Forderung berechtigt, da mag es den Unternehmern ruhig an den Kragen gehen. Vielleicht wird dort trotz Hüskes auch noch von„vofr gefressenen Strümpfen" geredet. Recht interessant ist aber auch noch die Aeußerung des Landtagsabgeordneten I m b u s ch zu der Lohnbewegung im Sauerlande. Jmbusch redete dieser Tage in einer Versammlung in Huckarde bei Dortmund; da meinte er, die Lage im Sauerlande sei viel günstiger, dort könne man die Unternehmer mit Erfolg zwingen. Dann aber komme in Betracht— dies muß man sich besonders merken— daß dort die Hirsch-Duncker schon genau so stark seien, wie die„Christ l i ch e n", und von denen ließen sie sich nicht an die Wand drücken. So, nun weiß man, daß die Streikbewegung im Sauer lande lediglich wegen der Konkurrenz der Hirsch-Dunckerschen inszeniert wird. Dadurch wird erst die Niedertracht, mit der die Bewegung im Ruhrrevier von den Christen kaput gemacht wird, ins rechte Licht gerückt. Pfui Teufel, über diese Heuchler und Komödianten! ßcrHn und Umgegend. Die Stellmacher, organisiert im Deutschen Holzarbeiterver- band, haben eine Statistik über die Lohn- und Arbeitsbedingungen in den Wagenfabriken aufgenommen. Festgestellt wurde, daß die Akkordarbeit unter den Stellmachern sich immer weiter ausbreitet. Unter S06 Beschäftigten zählte man 190 Lohnarbeiter und 316 Akkordarbeiter. Di« Lohnverhältniffe zeigen große Ver- schiedenheiten. In 11 Fabriken der Automobilindustrie wurde der Akkordlohn im Durchschnitt auf 75 Pf., in drei anderen Fabriken auf nur 64 Pf. pro Stunde berechnet. Bei Lohnarbeit stellte sich der Verdienst auf durchschnittlich 65 Pf. pro Stunde. Vielfach wird Ueberzeit gearbeitet. Die regelmäßige Arbeitszeit ist in einigen Ausnahmefällen 51 und 52 Stunden pro Woche, in der Regel aber 53 und 54 Stunden. Eine einheitliche Regelung dieser Verhältnisse wie auch die Abschaffung zahlreicher Mißstände, die durch die Statistik aufgedeckt wurden, wäre dringend geboten, wie die Branchenkommission in ihrem Bericht betonte, den sie einer Ver- sammlung von Stellmachern am Mittwochabend im„Rosenthaler Hof" erstattete. In der Diskussion über den Bericht wurde hervor- gehoben, daß die durch die Statistik festgestellten Lohnverhältnisse nicht als allgemein gültig betrachtet werden dürften. Außer den Wagenbetrieben beständen noch zahlreiche Betriebe, zum Beispiel Fuhrgeschäfte, wo Stellmacher nur 45 und 56 Pf. Stundenlohn er- halten. Die Aufmerksamkeit der Mitglieder wurde noch auf den paritätischen Arbeitsnachweis gelenkt, und man verlangte, daß das sogenannte„Umschauen" nach Arbeit unterbleiben müßte. Gegen- wartig ist die Konjunktur in der Automobilindustrie und in den Militarwerkstätten gut, und die günstigere Lage sollte vor allen Dingen die bessere Organisation unter den Stellmachern ermög- lichen. Die Branchenkommission zeigte in einem Ueberblick über mancherlei Differenzen im Jahre 1916, daß nur immer in solchen Betrieben, wo die Arbeiter organisiert waren, die ausgebrochenen Differenzen vorteilhaft geschlichtet wurden. So gelang es mehr- mals, Lohnreduktioen abzuwehren und ungehörige Zumutungen zurückzuweisen. Dagegen mußten sich die Arbeiter viel gefallen lassen, wo sie nicht Verbandsmitglieder waren und der Verband keinerlei Macht besaß. Die bestehenden Organisationsverhältnisse sind noch sehr wenig befriedigend. Die gewünschte einheitliche Re- gelung der Arbeitsbedingungen kann aber nur von einer starken Organisation durchgeführt werden. Die Wahlen zum Gehilfenausschnh der Berliner Gasttvirteinnung gingen am Mittwoch unter reger Beteiligung vor sich. Das„Nationale Kartell", welches sonst mit Hilfe der JnnungSherren versucht hatte, den„Roten" den Sieg streitig zu machen, hatte eS vorgezogen, sich gar nicht bemerkbar zu macheu. Die Liste des Verbandes deutscher Gastwirtsgehilfen wurde mit 156 Stimmen gewählt. Ocutrcbes Reich. Erfolgreiche Lohnbewegung der Straßenbahner in Magdeburg. Vor vierzehn Tagen leiteten die Angestellten der Magdeburger Straßenbahngesellschaft eine Lohnbewegung ein. In überfüllten Versammlungen beschäftigten sie sich mit dem Verhalten der Direk- tion, die lange Jahre hindurch alle Wünsche ihrer Angestellten hartnäckig ablehnte. Die einmütige Haltung der Angestellten war diesmal von Erfolg gekrönt. Die Direktion hat die Löhne der Schaffner um 16 bis 15 M. monatlich aufgebessert und die der Führer um 26 Mk.; dazu kommen noch einige andere Zugestand- nisse, wie z. B. eine bessere Bezahlung der Ueberstunden, auch die Bildung eines Arbeiterausschuffes wurde zugestanden. Montag hat der Aufsichtsrat der Gesellschaft seine Zustimmung zu den Zugeständnissen gegeben. Im Vordergrunde des Lohn- kampfes standen Erörterungen über das Koalitionsrecht der Eisen- bahner. Die Direktion suchte in Bekanntmachungen und spalten- langen Veröffentlichungen in der bürgerlichen Presse nachzuweisen. daß für die Straßenbahner noch der§ 182 der alten preußischen Gewerbeordnung vom 17. Januar 1845 Geltung habe, wonach An- gestellte mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft werden können. wenn sie die Einstellung der Arbeit oder eine Verhinderung der Arbeit verabreden oder zu einer solchen Verabredung auffordern. Kerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Der Transporkarbeiker?er?and, der die LohndeKegung leileke, Me's nach, daß dieser Paragraph durch den§ 24 des Reichsvereinsgesetzes aufgehoben sei, so daß den Straßenbahnern wie allen Arbeitern das uneingeschränkte Koalitionsrecht zustehe. Die Direktion zog sich schließlich darauf zurück, daß sie erklärte, sie wolle ihren Ange- stellten das ihnen nach dem Gesetz zustehende Koalitionsrecht nicht beschränken und gestatte ihnen die Zugehörigkeit zu jeder Organi- sation. Sie dürften jedoch keinem sozialdemokratischen Verein an- gehören, womit die Reichssektion der Straßenbahner gemeint sein soll, die nach den„Ermittelungen" der Straßenbahndirektion als Teil des Deutschen Transportarbeiterverbandes eine sozialdemo- kratische Vereinigung sei. Die Straßenbahner haben sich zunächst mit den Zugeständnissen zufrieden erklärt. Es wird abzuwarten sein, ob die Direktion Klug- heit genug besitzt, es wegen der Zugehörigkeit der Angestellten zu einer Gewerkschaftsorganisation nicht zu einem neuen Konflikt kommen zu lassen. Gegenwärtig werden die Angestellten allerdings scharf beobachtet, alle Versammlungen werden durch Kontrolleure überwacht, selbst Kriminalbeamte sollen zu diesem Zwecke zur Ver- fügung stehen._ Achtung, Metallarbeiter! Die Firma Niebaum u. Guten- berg in Herford(landwirtschaftliche Maschinenfabrik) sucht nach ihrer eigenen Angabe in etwa 36 Zeitungen durch Inserate Tischler, Schlosser, Dreher, Hobler und Fräser und andere Metall- arbeiter. Die Streikbrecherkolonne von Gottfried F e r b e r ist schon wieder an die Luft gesetzt worden, weil sie nichts leisten konnte. Angeblich soll die Gesellschaft nach Remscheid wandern. Da der Streik resp. die Aussperrung noch nicht beendet ist, wird ersucht, den Zuzug fernzuhalten. Auch sucht der berüchtigte Gott fried Ferber von Barmen aus unorganisierte Former, Schlosser, Dreher, Schmiede und Arbeiter im Arbeitsmarkt. Es wird ersucht, auch auf derartige Inserate in der dortigen Presse aufmerksam zu machen, auch sonst auf diese Annoncen ein wachsames Auge zu haben._ Eine Urabstimmung im Gewerkverein der christlichen Bergarbeiter. Die christlichen Strategen des Gewerkvereins haben sich ein Vertrauensvotum über ihre geniale Taktik bei der Lohnbewegung im Ruhrrevier ausstellen lassen. Durch Urabstimmung haben sie ihre Mitglieder befragt, ob sie mit der Haltung der Zentralleitung bei der jetzigen Bewegung einverstanden sind. Auf diese Frage haben 44 655 Mitglieder mit Ja und 86 Mitglieder mit Nein ge antwortet. Die christliche Leitung tut sich nicht wenig darauf zu gute,„daß die ganze Hetze der Genossen an der Einsicht und Vernunft der Gewerkvereinsmitglieder abprallte". Der Streik der Mälzereiarbeiter der Malzfabrik Eisenberg in Erfurt wurde nach dreitägiger Dauer zugunsten der Arbeiter beendet. Die Firma bewilligte den Arbeitern 2 Mk. Lohnerhöhung pro Woche und vollzog den Abschluß einer Vereinbarung mit dem Brauerei- und Mühlenarbeiterverband, mit dem sie erst nichts zu tun haben wollte. Sämtliche Ausständigen werden innerhalb vier zehn Tagen wieder eingestellt, die Arbeitswilligen müssen das Feld räumen._ Scharfmacher und schwarze Listen in der Mühlen- industrie. Wir berichteten schon über den Kampf des Brauerei- und Mühlen- arbeiterverbandes mit dem Inhaber der Hafenmühle in M a g d e« bürg, Herrn Bergmann, der seinen Arbeitern das Koalitions- reckt glaubte vorenthalten zu können. Gleichzenig teilten wir eine Notiz der„Mühle", eines Unlernehmerorgaiis, mit, derzufolge die Unternehmer sich gegenseitig verpflichtet hätten, kontraktbrüchig bezw. ausständig gewordene Mühlenarbeiter nicht einzustellen. Die Unternehmer allerorts wurden ersucht, nur uuorgauisierte Arbeiter einzustellen bezw. ihre Arbeiter zu veranlassen, daß sie dem Verbände den Rücken kehren. Diese Notiz hat Herrn Bergmann zum Urheber, der dies in einem vertraulichen Schreiben den Mühlenbesitzern bekannt gibt. In dem Schreiben werden die gelernten Müller, die dem Verbände an- gehören, als moralisch gesunken bezeichnet. Dann liegt dein Schreiben ein Namensverzeichnis der ausständigen Müller bei mit der Bitte. bei eventueller Bewerbung der Genannten von deren Einstellung Abstand zu nehme». An Herrn Bergmann wird sich der Brauerei- und Mühlen- arbeiterverband erinnern, wenn seine schwarze Liste bezw. seine in die Welt gesandte Aufforderung der von ihm Verfemten Erfolg haben sollte. Aber Herrn Stresemann, dem Syndikus dcS Verbandes Sächsischer Industrieller empfehlen wir, auch dieses Material in seine Sammlung aufzunehmen, und in den gesetz- gebenden Körperschaften über diese Ausschreitungen zu berichten; hier hat er einwandfreies Material und braucht dann nicht er- dichteten Schwindel nachzubeten, wie das Märchen vom Terrvrismus im Plauenschen Lagerkeller in Dresden. Hustand. Der Wiener Theaterstreik ist beendet. Aber dieses Ende ist nicht, wie man nach den Meldungen der Berliner Theaterblätter meinen könnte, eins Niederlage der Streikenden, sondern der Erfolg des Mittwoch früh in allen Theatern und Varietes durchgeführten Generalstreiks der Unionsangehörigen Personale, den die Arbeiter über die Vorschläge ihrer Leitung hinaus beschlossen hatten. Darauf- hin zeigte sich im Mnsikerverband die Neigung zum Frieden mit den in der Union der Bühnenpcrsonale organisierten Musikern. Das Zusammentreten einer Einigungskommission der Musiker überhob aber die Arbeitzr der Notwendigkeit, den Solidaritätsstreik fortzu- setzen, selbst wenn dadurch die Union einen Nachteil erlitt. Der Direktorenverband ermäßigte seine zuerst sehr hochgespannten Be- dingungen(Austritt der Arbeiter aus der Union) ganz erheblich und eS kam schließlich die Vereinbarung zustande, daß keiner der Streikenden gemaßregelt wird; bloß gegen zwei Lrute, die angeblich ihre Direktoren persönlich schwer beleidigt haben, dürfen die Unternehmer die ihnen notwendig erscheinenden Maßnahmen ergreifen. ES werden zwar künftighin Einzelverträge abgeschlossen, aber Entlohnung und Ruhezeit bleiben wie bisher, die Verträge müssen von den Gewerbeinspektoren vidiert werden und die Direktoren erklären, durch die Schaffung der Einzel- vertrüge leine materielle Verschlechterung der Neu- aufgenommenen bewirken zu wollen. Gewiß ist dieses Ergebnis des ganzen, etwas— p a r i s e r i s ch anmutenden Kampfes kein er- freuliches; das ist mit der noch nicht genügenden Stärke der Orga- nisation zu danken. So haben es die Arbeiter auch aufgefaßt und sie werden daraus die nötige Lehre gewinnen. stoffversorgung im Jahre 1910 recht hoch gestekkt. Denn ob« wohl die Menge der Mehreinfuhr im Jahre 1919 niedriger war als seit sünf Jahren, war der Wert der Gesamtzufuhren doch wieder höher als im Jahre 1993 und blieb nur hinter dem Wert de? Jahres 1999 zurück. Er betrug im Jahre 1919 insgesamt 1999,73 Millionen Mark gegen 1991,31 Millionen im Jahre 1999, aber gegen 955,93 Millionen Mark im Jahre 1998. Während also die Znfuhrmenge von 1999 auf 1919 um 19,7 Proz. gesunken ist, ist der Wert in demselben Zeitraum nur um 7,5 Proz. zurückgegangen. Gegenüber dem Jahre 1998 ergibt sich folgendes Bild: die Mehr- einfuhr sämtlicher Rohstoffe der Textilindustrie betrug in den Jahren 1998 1919 Gegen 1998 in Doppelzentnern. 8 491 272 7 928 279— 472 993 in 1999 Mark... 955 939 1 999 733+ 53 893 Wollte man den Durchschniltsivert eines Doppelzentners Rohstoff für diese Jahre berechnen, so ergäbe sich für 1919 ein solcher von 127,4 M. pro Doppelzentner gegen 113,8 M. im Jahre 1993. Von den s e ch s H a u p t g r u p p e n. in die wir die Texlilrohstoffe ein- teilen, haben drei eine Abnahme, drei eine Zunahme gegenüber 1999 aufzuweisen: abgenommen hat die Zufuhr von Rohbaumwolle, Roh- jute und Hanf, Hede, Ramie usw.; zugenommen hat die Versorgung mit ausländischer Rohwolle, mit Rohseide und Flachs. Kohlenverbrauch nach Jndustriegruppe«. Eine Statistik über den nach Abnehmergruppen eingeteilten Versand des Kohlensyndikats an Kohlen. Koks und Briketts gibt einige Anhaltspunkte dafür, in welchen Betriebszweigen oder zu welchen Zwecken die vom Syndikat versandten Mengen verwendet werden. Es geht daraus zunächst hervor, daß die Kohle größten- teils industriellen Zwecken dient. Der Menge nach folgt sodann die Verwendung für Vereehrszwecke zu Wasser und zu Lande und an letzter Stelle steht, jedoch immerhin noch mit erheblichen Mengen, die Verwendung für Hausbrand. Bei den nachfolgenden Angaben ist zu berücksichtigen, daß in den angegebenen Mengen auch Koks und Briketts, in Kohlen umgerechnet, enthalten find. Für Koks ist ein Ausbringen von 78 Proz. an- genommen, so daß 199 Tonnen Koks mit 128.2 Tonnen Kohlen be- rechnet sind, und für Briketts ist ein Pechzusatz von 8 Proz. gerechnet, wonach 199 Tonnen Briketts 92 Tonnen Kohlen entsprechen. Die Zusammenstellung des Syndikatsversandes nach Verbrauchszwecken ergibt folgendes Bild. Von dem Gesamtabsatz bezogen, in Prozent: 1908 1999 Die Metall- und Eisenhütten, Metall- und Eisen- Verarbeitung, Maschinenindnstrie..... 38,92 49,92 Hausbedarf.............. 14,84 14,77 Eisenbahn- und Straßenbahnbetrieb...... 12,18 10,86 Gewinnung von Steinkohlen usw....... 6,97 7,42 Schiffahrt............... 4,11 4,79 Industrie der Steine und Erden....... 4,47 4,25 Chemische Industrie........... 3,42 3,32 Webstoffindustrie, Bekleidungsgewerbe..... 3,33 3,32 Gasanstalten.............. 3,28 3,26 Elektrische Industrie........... 1,46 1,49 Papiergewerbe............. 1,26 1,15 Brauereien und Branntweinbrennereien.... 1.15 1,97 Industrie der übrigen Nahrungs- und Genußmittel 1,99 1,99 Glasindustrie.............. 9,83 9,75 Zuckerindustrie............. 9,79 9.69 WasferversorgungSanlagen usw........ 9,53 9,50 Erzgewinnung............. 0,54 0,46 Salzbergwerke und Salinen........ 0,50 0,46 Leder- und Gummiindustrie........ 9,34 9,35 Holz- und Schnitzstoffe......... 0,17 0,16 Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß der Haupt- abnehmer des Syndikats mit rund des Gesamtversandes die Metallindustrie, insbesondere die Eisenindustrie, ist, die im Jahre 1999 beinahe 999 999 Tonneit mehr als im Jahre 1908 bezogen hat. Hetzte ffochrlcbtetn Das Urteil im Mordprozest Tippe. Nach Mitternacht wurde in dem Mordprazeß Meli Ken Wjährigen Gärtner PaulTippe(siehe den Verhandlung- bericht in der 1. Beilage) das Urteil gefällt. Der Wahrspruch der Geschmoreneu erklärte den Angeklagten des schweren Diebstahls unter Berncinnng der nul- dernden Umstände und des Verbrechens nach§ 2l4(vorsätzliche Tötung zweier Menschen bei Begehung einer strafbaren Handlung, um sich der Ergreifung auf frischer Tat zu entziehen).�— Erster Staatsauwalt Hagemann beantragt lebenslängliche Zuchthausstrafe.— Der Gerichtshof verurteilt den Angeklagten wegen Verbrechens gegen§ 214 zu lebenslänglichem Znllsthans, ferner wegen schweren Diebstahls zu 1 Jahr Zilchthans und zu dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Ans dem österreichischen Abgeordnetenhans. Wien, 26. Januar.(W. T. B.) Das Abgeordnetenhaus bc- endete heute die erste Lesung des Budgets und vertagte sich sodann wegen des Beginns der Delegationsverhandluugen bis zum 7. Februar. Diäten der französischen Deputierten. Paris, 26. Januar.(W. T. B.) Nach ziemlich erregter De- batte lehnte die Deputiertenkammer mit 316 gegen 210 Stimmen den Antrag auf Beseitigung des Gesetzes ab. durch welches die Diäten der Deputierten auf 15 009 Frank jährlich festgesetzt werden. )Ziis Induftne und Randel. Die Rohstoffversorgung des TexttlgcwerbcS. Hauptsächlich infolge der Preisgestaltung am Baumwollmarkt zeigte die Rohstoffveriorgung des deutschen Textilgewcrbes im Jahre 1919 der Menge nach eine ganz andere EntWickelung als dem Werte nach. Der Menge nach ist eine scharfe Abnahme gegen 1999 eingetreten. Die Einfuhr abzüglich der Ausfuhr von sämtlichen Textilrohstoffen d. h. die Versorgung, soweit sie durch Zu- fuhren vom Auslande bewirkt wird, stellte sich im Jahre 1919 auf 7 923 279 Doppelzentner; sie hatte im Jahre 1999 8 879 311 Doppel» zenlner betragen. DaS Minus der Versorgung stellt sich auf 951 932 Doppelzentner oder auf 19,7 Proz. BiS zum Jahre 1994 muß man zurückgehen, um eine noch niedrigere Versorgungsziffer zu finden. Noch nie war die Abnahme von einem Jahr zum anderen so stark wie im lehren Jahre. Auch der Rückgang im Jahre 1993 war ungleich schwächer als der des Jahres 1919. Wie bei der Preishausse am Bauinivollmarkt nicht anders zu erwarten war, hat sich nun der W ert der Roh- Eine neue Zeitrechnung in Frankreich. Paris, 26. Januar.(W. T. B.) Der S en a t trat in die De- batte über den 1898 von der Kammer angenommenen Vorschlag betreffs Neuregelung der französischen Zeit, um sie mit dem in Europa herrschenden Zeitensystem in Einklang zu b r i n g en; die französische Zeit würde so mit der englischen über- einstimmen. Kommission und Regierung beantragten die Dring- l i ch k e i t, die aber abgelehnt wurde. Nachdem noch ein Ne- gicrungskommissar auf den Nutzen der Aenderung für das intcr- nationale Reisepublikum hingewiesen, wurde der einzige Paragraph des Antrages, der die französische Zeit neu regelt, in erster Ab- jtimmung angenommen. Folgenschwere Explosionen. Paris. 26. Yanuar.(W. T. BZ Aus Nizza wird g?- meldet: Durch die Explosion einer Tynamitpatrone wurden drei beim Bau einer Straße beschäftigte Arbeiter getötet und zwei verwundet. Bergurtte(Dep. Pas-de-Ealais), 26. Januar.(W. T B) In einer hiesigen Stahlhütte hat sich eine folgenschwere Gas- explopon ereignet. Mehrere Personen wurden getötet und etwa zwölf verletzt. Ans dem mexikanischen Ausstandsgebiet. New Jork, 26. Januar. Bei den Kämpfen um La Eeiba sind, wie der„New Dork-Herald" meldet, 12 Revolutionäre und 8 Soldaten der Bundestruppcn gefallen, unter ihnen der General Guerrero. 70 Mann, meist Revolutionäre, sind verwundet worden. Aerzte von englischen und amerikanischen Kriegsschiffen richteten ein Rotlazarett ein, in das die Verwundeten gebracht wurden. Inseratenteil verantw.: Ttz. Glocke, Berlin. Druck u. Perlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer L Co.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Untcrh�ltmigsbiT' Kr.ZZ. 28. Jahrgang. tilnp des, Amiirls" Atlinrt Alblilalt. kreitag» 27. Januar 1911. Reichstag. 116. Sitzung. Donnerstag, den 26. Januar 1V11. nachmi.tags 1 Uhr. Tm BundeScaiZtisch: b. Bethmann Hollweg. Dr. Del- Krück. LiSco, Mermuth, Zorn v. Bulach. Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung der Gesetz- entwürfe über die Verfassung Elsass-Lothringens und die Wahle» zur Zweiten Kammer des Landtags für Elsaß- Lothringen. Staatssekretär Dr. Delbrück: Der gegenwärtige RechiSzustand von Elsaß-Lolhringen ist die Folge einer Reihe von Gesetzen, die 1879 ihren Abschluß fanden. Die darin gemachten Konzessionen waren recht erheblich, trotzdem hielt niemand den Zustand für einen definitiven. Die Frage der definitiven Regelung ist daher wiederholt in den Reichslanden und auch hier erörtert worden und auch eine reiche Literatur ist darüber entstanden. ohne daß die Frage dadurck geklärt wurde, es wurde nur die Reihe der möglichen Lösungen durch neue Vorschläge ver- mehrt. Das ist nicht verwunderlich, denn die Frage ist sehr kompliziert: sie ist nicht nur für die Elsaß-Lothringer wick'tig, sondern auch für das Reich, und dann ergeben sich noch besondere Schwierigkeiten aus der Natur des Reichs'landes als gc- mciniamcn Besitz der Bundesstaaten. Fürst Bismarck kannte diese Schwierigkeiten sehr Wohl. Er zog seinerzeit die Schaffung des Reich-Uandes der Einverleibung in Preußen vor, er meinte. d>c Elsaß-Lothringer würden lieber Deutsche sein als Preußen, und Elsaß-Lothringen solle so lange unmittelbares Reichs- land bleiben, bis die Elsaß- Lothringer in der deutschen Bölkerfamilie mündig geworden seien und selbst in der Lage seien, ihre Wünsche zu äußern über die Gestaltung ihrer Beziehungen zu Deutschland. Wenn die Elsaß-Loihringer also jetzt ihre Wünsche äußern, so können sie sich auf die Worte des Fürsten Bismarck berufen. Um aber die Erfüllbarkeit dieser Wünsche zu prüfen, müssen wir auf die Vergangenheit einen Rückblick werfen. Bei der Einverleibung Elsaß-LothringenS war es im wesentlichen deutsch; aber wenn die Elsaß-Lothringer auch ihr Deutschtum be wahrt hatten, so hatten sie doch die große Bedeutung der Zugehörig keit zu einem großen einheitlichen Staatswesen erkannt und haben keinen Anteil an der politischen Entwickelung Deutschlands gehabt und keinen Auteil an der Epoche deutschen Geisteslebens, die mit den Namen Kant, Schiller. Goethe gekennzeichnet ist und aus deren Schultern die Generation steht, welche die deutsche Einheit schuf. Wie mächtig die französische Tradition war. zeigte sich in den scharfen Protesten gegen die LoSlösung von Frankreich. An die Stelle des Protestes ist ober jetzt ein Zustand getreten, der sich auf den Boden des historisch Gewordenen stellt, und die deutsche Kultur ist im Begriff, die fremdländische zu überwinden, wenn die Politik, die auf eine ollmähliche Verschmelzung der Reichslande mit dem deutschen Vater lande hinausläuft. konsequent weiter verfolgt wird. Freilich kann diese Ausgabe nicht in ein oder zwei Jahrzehnten gelöst werden. WaS verlangen nun die Elsaß- Lothringer selbst? Sie wollen eine grundsätzliche Ausschaltung des Reichstages bei der Landesgesetz gebung. Die Möglichkeit der Einwirkung des Reichstages, die beim Landesausschuß besteht, aber seit langer Zeit nicht ausgeübt ist, soll also wegfallen. Dieser Wunsch ist begründet. Begründet ist auch der weitere Wunsch der Ausgestaltung des Landesausschusses zu einem wirklichen Parlament, und damit entsteht die Frage nach dem Wahlrecht für dieses Parlament. Jetzt wird der LandeSauSfchuß durch kommunale Körperschaften gewählt, die sämtlich aus dem allgemeinen direkten Wahlrecht hervorgehen. das in Elsaß- Lothringen für vie Wahlen für die Gemeindevertretungen von j e H ej: bestanden hat. moderiert durch gewisse Forderungen der Seßhaftigkeit. Ein Parlament, das aus kommunalen Landtagen und Reichstagen hervorgeht, wird im wesentlichen eine Vertretung aus Oderbürger- meistern sein, bei denen lokale Interessen maßgebend find. In einem solchen Parlament tritt«ine klwre Scheidung in Parteien nicht ein, und keine Regierung kann mit einem solchen Parlament vorwärtSkonimen. Hinzu kommt, daß gerade in diesen Kreisen die französische Tradition mächtig ist, die wir überwinden wollen. Auch ei» nach dem Besitz und der Bildung abgestuftes Wahlrecht würde dieselben Kreise stärken, deren Politik dem allgemeinen politischen Ziele entgegengesetzt ist.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Gerad' wie in Preußen!) Deshalb schlagen die verbündeten Regierungen doS allgemeine Wahl- recht vor. aber mit zwei Einschränkungen: mit der Einschränkung Rleines f cullleton. Kolumbus als Heiliger. Ein ergötzlicher Streit spielt sich um die arme Seele des großen'Eindeckers schon einige Jahrzehnte ab. Es handelt sich darum, ob die katholische Kirche, deren treuer Sohn Kolumbus allezeit gewesen sein soll, den Kolumbus in den Rang eines Heiligen oder, wenn das schon zu hoch ist, eines Seligen er- heben kann und soll oder nicht. Die Frage wurde zuerst von einem Grafen Roselly im Jahre 1844 aufgeworfen. der in feinem Buche„DaS Kreuz in den beiden Welten" auf die hohen Verdienste hingewiesen hat, welche Kolumbus um die alleinseligmachend« Kirche dadurch erwarb, daß er die Seelen der armen verirrten Heiden aus des Satans Krallen erlöste. Sein Vorschlag. Kolumbus zu kanonisieren, fand viele An- Hänger, wurde sogar von den Päpsten Pius IX. und Leo XIII. in ernstliche Erwägung gezogen, siblug aber schließlich nicht durch. Den Hauptstei» des Aergernisfes bildete nicht Kolumbus' grausames Auftreten gegen die Eingeborenen, nickt feine fklavenhändlerifcheu Neigungen, auch nicht feine Hab- und Ruhmsucht, sondern... na, man kann sich daS bei der katholischen Kirche schon denken. Er unterhielt ein zarteS, gleichfalls ein sündiges Verhältnis mit Beatrice Enriquez, einer Dame aus Cordovo, die. obgleich das Verhältnis mit einem Sohne gesegnet war. sich keineswegs als eine eheliche Gattin des Kolumbus zu legitimieren vermag. Diele Tatsache, von den Gegnern der Kanonisation haarscharf und notorisch nachgewiesen, hat die Seele des Kolumbus zum ewigen gesellschaftlichen Umgang mit den übrigen profanen Seelen verdammt. Denn obgleich vor kurzem der Erzbischof von Philadelphia wiederum m Rom ein for- melleS, mit zahlreichen Unterschristen versehenes Gesuch um die Kanonisation eingereicht hat, so wird er nach Anficht des sachver- ständigen Herrn Vignaud, der im.Journal de la Sociötü des «märicanistes de Paris" die ganze Angelegenheit eingehend bespricht. doch wenig Glück damit haben. An dem unkeuschen Leben des Amerikaentdeckers wird auch dieser Versuch zerschellen... Entbehrt schon die ganze Sache an sich nicht des komischen Bei- geschmackS, so wird sie noch pikanter, wenn man sich daran erinnert, daß eS vornehmlich die hohen Geistlichen waren, die ihr Gutachten über den Plan des Kolumbus dahin abgegeben hatten, daß er»auf schwachen Grundlagen beruhe uud unausführbar fei". Hätte sich damals Kolumbus dieser Entscheidung der hohen geistlichen Herren ae'ügt, so brauchte jetzt nicht die katholische Kirche über sein an- stößiges Verhältnis mit der schönen Beatrice die peinlichsten Unter- suchungcn anzustellen. Die Widerstandsfähigkeit gegen die Tuberkulose ist bei der« einzelnen Nassen eine sehr verschiedene. Im allgemeinen kann man annehmen,- der A I t e r s st i m m e n, denn gerade im Elsaß zeigte sich, daß bei den letzten Demonstrationen die Jugendlichen und politisch Unreifen die Hauptrolle spielten. Der Bundesrat ist wenig geeignet, unmittelbar in die LandeSgesctzgebnng einzugreifen, seine Anteilnahme in den Reichs- landen war bisher eine mehr fonnale. Wenn wir aber auf ihn verzichten, so ist für die Ueberwachnng ein Ersatz nötig. ES ist also zur Abschwächnng der Wirkung des allgemeinen Wahlrechts und als Ersatz sür die überwachende Tätigkeit des Bundesrats eine Institution notwendig, und somit ergivl sick eigeutlich von selbst die Koustruklion des Oberhauses. Darin i ollen die Berufs stände vertreten sein, die bei dem allgemeinen Wahlrecht zu kurz kommen, und der Kaiser soll durch die Ernennung von Mitgliedern auf Vorschlag deS Bundesrates einen Ersatz für die bisherige llebcrwachung a»S- üben. Diese Art des Oberbauses ist also aus den Verhältnissen herausgewachsen und einspricht in gleicher Weise den Bedürsiiiffen des Landes uud des Reiches. Wenn mau berücksichtigt, daß das Recht des LandeSherrn zur Berufung in das Oberhaus auch sonst in Deutschland besieht(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Leider!), daß hier daS Recht beschränkt ist uud daß das Oberhaus ausgelöst werden kann, so wird man zugestehe», daß dies eine liberale Ausgestaltung ist.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sehr liberall) Mehrfach wird auch die Ernennung eines Statt- hallers auf Lebenszeit geiordert. Sie ist aber u n d u r ch- f ll b r b a r. wenn der Statthalter Miiiislcrbesugniffc behält, dadurch winde der Kaiser als Landesherr und jeder Einfluß des Reiches ausgeschaltet werde». Würde aber die Ministerbesugnis des Statthalters aufgehoben, so würde die Einführung des Stntthallers auf Lebenszeit im wesentlichen die Errichtung eines Hofes im Reichsland bedeuten. Weiter verlangte man die Verleihung des Stimm- rechts im Bundesrat, wenigstens bei innerpolitischen und wirtschaftlichen Fragen für die Reichslande. Es ist aber gar nicht abzusehen, wann eine Frage aufhört, eine allgemein-politische zu sein und als wirtschaftliche oder iimerpolitische zu beurteilen ist Bon einem partiellen Stimmrecht kann daher ebensowenig die Rede sein wie von einem allgemeinen. Die Vorlage bedeutet einen Schritt zu dem Ziel der voll- ständigen Verschmelzung der Reichslande mit dem Reich.(Bravo! rechts.') Abg. Bonderscheer(Z.): Der Vorschlag eines Straßburger Profesivrs, Elsaß-Lothringen in Preußen einzuverleiben, ist eine Halluzination: was Fürst Bismarck für unmöglich hielt, kann ein Theobald Z i e g l e r von Slraßburg nicht vollsiihren. (Heiterkeit.) Fürst Bismarck verlangte, daß wir den elsässiichen Parti- kularismus pflegen: wir sind stolz darauf, unsere Eigenart zu pflegen und daS Reich darf uns darin nickn stören. Nun zur Borlage selbst. Durch ihre Einbringung hat der Reichskanzler sein Versprechen nur äußerlich eingelöst. Wir hegten die Hoffnung. Elsaß-Lothringen werde als vollberechtigter Bundesstaat aufgenommen werden vom Reich. Das ist leider nicht geschehen. Die Grundlage der Verfassungsrcform bildet der ß 1 „Die Staatsgewalt in den Reichslanden übt der Kaiser auS". Damit soll Elsaß-Lothringen auch weiterhin bloßeS RcichSland sein, weiterhin ein erobertes Land, weiterhin ein Volk mit Verlust der staatlichen Ehrenrechte. Welche Erniedrigung für ein in f r e i h e i t l i ch e n G r u n d s ä tz e n groß gewordenes Volk! Wie erbitternd das wirken muß. muß jeder fühlen, der nicht durch Voreingenommenheit geblendet ist. Nach einer Wartezeit von 4v Jahren hätten wir wohl die volle Autonomie verlangen können, mn so mehr, als sie von Fürst Bismarck schon bei der Annektierung als das Ziel der Reichs« Politik gegenüber dein Reichslande bezeichnet wurde. Den Paragraph 1 bemängele ich nicht etwa wegen der Perlon des Kaisers, dessen ritterliche Gesinnung den Elsäffern gegen« über mehrfach zur Gelttmg gekommen ist. Aber wir wünschen einen eigenen Landesherrn an der Spitze, denn die republikanische Staarsform scheidet aus naheliegenden Gründen aus. Will man uns den eigenen Landesherrn nicht bewilligen, hätte doch die Annäherung an die bundesstaatliche Berfaffung größer sein müssen uud wir hätten eine Vertretung im Bundesrate bekommen müssen. Solange sie keine gebührende Vertretung im Bundesrat erhalten. sind die Elsaß-Lothringer Deutsche minderen Recht?. Wenn man an der Statthalterschaft festhält, so wollen wir wenigstens einen lebenslänglichen, von Reichs wegen bestellten Statthalter, nicht aber einen auf Zeit bestimmten, der im wesentlichen ein Man- datar Preußens ist. Erhält Elsaß-Lothringen nicht eine wirklich, wenigstens einiger maßen seinen Wünschen entsprechende Verfassung: so wird die Ouellc der Unzufriedenheit nicht verstopft werden. Anzuerlennen ist, daß je nordischer ein Typus, desto größer seine Disposition für die Tuberkulose ist. Eine Ausnahme von dieser Regel machen nur die Neger und die Indianer. Bekannt ist die große Immunität der Juden gegen die Schwindsucht, die sich nickt etwa daraus erklären läßt, daß die Angehörigen dieser Rasse im ollgemeinen unter besseren Bedingungen lebe», als die übrige Bevölkerung. Auch da, wo die Juden die ärmsten Bevölkecungs- bestaiidteile bilden und unter den fürchterlichsten Verbältuissen Hausen, bleibt ihre Sterblichkeit an Tuberkulose weit hinter der der christ- lichen oder mohammedanischen Bevölkerung zurück. So starben in Tunis m den Jahren 1889— 1960 von je 1000 Lebenden 5,13 Europäer. 11,3 Araber und nur 0,75 Juden an Tuberkulose. In Wien kamen in den Jahren 1901—1903 auf je 100 000 Angehörige der ver- schiedenen Religionen Todesfälle au Tuberkulose bei den Katholiken Protestanten Juden männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. 452 831 263 221 157 104 Auffallend groß ist die Neigung der Indianer für die Seuche. Daß diese Nasse nicht längst von der Krankheit hinweggerafft ist, erklärt sich daraus, daß früher die AnsteckungSinöglichkeit sehlle. Wo die Berührung mit der weißen Bevölkerung diese Möglichkeit bietet, wütet die Schwindsucht entsetzlich unter der roten Rasse. So gehen fast alle Dienstboten, die bei Weißen Stellung nebmen, auch wenn in der betreffenden Familie selbst keine Spur von Tuberkulose zu finden ist, über kurz oder lang an der Krankheit zugrunde. WaS Titel kosten.„Zu folgenden Preisen erhältlich: Herzog 20 000 M., Marquis 1000Ö, Graf 9000, Baron 6000, gewöhnlicher Adel 4000 M. Eine reichhaltige Auswahl von Orden und AuS- zeickmungen jeder Art zu Preise» von 400-10 000 M.' Mit diel-m amüsanten Prciskurant bietet die kleine Republik San Marino ehr» geizigen und titelsüchtigen Leuten bequeme Gelegenheit, all ihren Hoffnungen und Wünschen Erfüllung zu gewähren. Der Ertrag dieses schwunghaft betriebenen Handels wird deni Waisenhause der Republik zugewiesen und soll ganz anständige Erträge liefern. Die Republik von San Marino steht jedoch mit solchen An- erbietungen und Preiskuranten nicht allein da. Es gibt bestimmte Finnen, die sich vorzüglicher Konnexionen rühmen und gegen eine bestimmte Summe sich bereit erklären, allerlei Titel und Dekorationen zu besorgen. Besonders werden Auszeichnungen an- geboten, wie sie Persien, die Türkei, Spanien, Portugal und andere Länder verleihen. Der portugiesische ChristuSorden kostet einer solchen Preisliste zufolge zwischen 4000 und 6000 M., der Orden der Jiabella von Spanien, dessen Band mit dem des preußischen Stolen AdlerordenS identisch ist, kostet 4000 M. und mehr. Den bekannten türkischen Medschidieh-Lrden soll man sür daß die Verfassung Elsaß-Lothringen endlich eine selbständige Gesetz- gebung gibt, die aufräumt mit dem Filtr i e r w a h l s y st em uud ein bis zu einem gewissen Grade dem Reichstagswahlrecht an- genähertes Wahlrecht gewährt. Diese Teile der Vorlage noch von mancherlei Schlacken zu besreicn, mutz Aufgabe der Kommission sein. Die genannten Fortschritte sind um so erfreulicher, als vor noch nicht langer Zeit Herr v. Kölker hier den elsaß-lothringischcn Landesausschuß als Musterparlament hinstellte.(Heiterleit links und im Zentruni.) Uebcr Einzelheiten wird in der Kommission zu sprechen sein. Zu erklären habe ich aber schon jetzt hier, daß eS völlig un- angängig ist. die Wahlkreiseinteilung dem Wer- ordnungswege zu überlassen. Die Bender u n g d e r Wahlkreise ist Sache der Gesetzgebung.(Lebhaftes Sehr richtig I im Zentrum und links.) Ich bin nicht Gegner einer Ersten Kommer überhaupt: aber die Erste Kammer, wie sie uns ge- boten wird, mit einem so weitgehenden kaiserlichen Er« nennungsrecht usw. ist für uns unalmehmbar..(Hört! hört!) Höchst bedenklich ist eL, daß die Wahlprüsungen dem Parlamente entzogen werden sollen: völlig unannehmbar aber ist eS. daß sie dem kaiserlichen Rate, einer ans abhängigen, ihr Richieramt im Nebenamt versehenden Beamten bestehenden Behörde(Hört I hört I im Zentrum und links) übertragen werden sollen. Auf eine Kritik weiterer Einzelheiten will ich hier verzichten. Wir sehen den Entwurf als geeignete Grundlage an; aber viele Verbesserungen sind noch nötig. Ich schließe mit der Wiederholung des Kanzlerwortes: Schwierigkeiten sind da. um vom Reichstag und vom Bundesrat in gemeinsamer, emsiger Arbeit überwunden zu werden.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) Abg. Emme!(Soz.): ES ist anzuerkennen, daß der Staatssekretär die Angelegenheit hier in einer ruhigen Weise behandelt hat, die angenehm absticht von der Art und Weise, wie die nationalistische Presse spricht, wenn von Elsaß-Lothringen die Rede ist, namentlich wenn es sich um„Fälle" handelt, die meist erst künstlich geschaffen worden sind. Vom Metzer Fall will ich hier nicht sprechen, weil er noch der gerichtlichen Ansklärung harrt. Aber welchen Lärm hat die all- deutsche Presse über den Dornacker Fall geschlagen. Dornach steht in engster geschäftlicher Verbindung mit Belsort. Der Dornacher Musikverein macht manchmal Ausflüge nach Belfort uud wird dort von der Bevölkerung und auch von den Behörden festlich empfangen. Als nun aber der Belforter Musikverein seinen Gegenbesuch machte, wurden polizeiliche Maßnahmen von geradezu grotesker Kleinlichkeit ergriffen. Sogar eine internationale Rettungsmedaille zu tragen wurde ver- boten.(Große Heiterkeit und Hört! hört I links.) Daß darüber Erbitterung entstand, ist begreiflich. Glücklicherweise ist die Dar- nacker Bevölkerung ruhig und friedlich und hat es vorgezogen, lieber, statt Krawalle zu veranstalten, Krach in der Oeffentlichkeit zu schlagen. DaS ist auch der beste und wirksamste Weg. Wenn man den„berühmten"„Fällen" nachspürt, wird man in 99 von 100 Fällen entdecken, daß die Polizei, oft bis weit hinauf, der wahre Schuldige ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es ist so oft die Rede von den elsaß-Iothringischen„Nationa-' listen". DaS sollen ganz fürchterliche Leute sein, wie namentlich die . Straßburger Post" behauptet. Aber die Wetterlö. Preiß usw. sind wirklich keine Ungeheuer.(Heiterkeit.) Sie haben, um den Ausdruck zu gebrauchen, dem Minister v. Koller aus der Hand gefressen(Heiterkeit) und haben dazumal einen Antrag hier im Reichstag eingebracht, dem Kaiser landesherrliche Rechte in Elsaß» Lothringen zu übertragen. Als sie dann aber beim neuen Staats- sekretär Zorn v. Bulach, den sie erst als reichSIändisches LandeSkiud freudig begrüßten, den Anschluß verpaßten, da wurden sie wild(Heiterkeit) und liebäugelten mit dem republikanischen Ge- danken, den Herr Kollege Bonderscheer freilich eben weit von sich gewiesen hat. Eine große Rolle in den Einwänden gegen eine selbständige Stellung Elsaß-LothringenS spielen allerhand PreßauSschreitungen französischer Blätter. Ohne Zweifel und bedauerlicherweil r kommen solche vor: aber sie werden meist provoziert durch die Sprache der Alldeutscheu Graf Reventlow, General Keim und Konsorten und reichen an Maßlosigkeit meist an diese längst nicht heran.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Und wenn da neulich erst gerichtlich festgestellt wurde, daß ein Straß- burger Leutnant in der JnstniktionSstunde kurzweg behauptete: „Alle Elsässer sind Schweine!" (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), so kann das gerade nicht germanisatorisch wirken.(Lebhaftes Sehr richtig! links und im Zentrum.) Wir Sozialdemokraten haben oftmals auf den einzigen Weg verwiesen, der zur Lösung der elsaß-lothrmgischen Frage führe» kann: 3500—6000 M. erhalten können. Wer 3000 M. anlegt, kann sich mit dem ebenso pomphasten wie romantischen Titel eines schwedische» Ritters vom Orden des Polarsternes schmücken. Tie Sankt-GeorgS- Kreuze schwanken in den verschiedene» Ländern sehr im Preise. In Sizilien sind sie für 1500 M. erhältlich, in Rußland soll man sie sogar schon für 200 M. erwerben können. Um den Titel eines RrtterS von Montenegro zu erhalten, bedarf eS nach dem Preis- lurant keiner größeren Summe als 300 ivi. Recht ansehnliche Summen fließen Griechenland aus der Verleihung des Erlöserordeus zu. Für seinen Erwerb werden 1000 M. bezahlt. Noch wohlfeiler ist der persische Soinienorden: wer nur 200 M. ausbringt, kann sich schon mit ihm schmücken. In London kommt eS nicht selten vor. daß Titel versteigert werden. Verarmte Mitglieder altadliger Geschlechter verauktionieren die Würden, die sie von ihren Vorfahren ererbten, an den Meistbietenden. So wurden vor einiger Zeit in London drei Titel, der eines Prinzen, eines Grafen und eine« Marquis meist- bietend versteigert, wobei die Preise die kolossale Summe von 800000 bis 2 000000 M. erreicht haben sollen. Humor und Satire. Epilog. Bethmann spricht: Diese Richter, diese Richter babcn nichts von uiisrer Kraft! Sind das Rächer und Vernichter blutiger Empörerschast? Dallwitz. Jagow, liebe Brüder, ach. mein christlich Herz knickt nieder. Die Brüder sprechen: Die Geschwor'nen, die Geschtvor'nen haben die denn Staatsverstand? Ach. vielleicht sind die Verlor'nen ohne Hurra- Vaterland I Bethmann, hoher teurer Meister, Pöbel wird jetzt bald noch dreister. Der rote Michel spricht(für sich): Bravo l Bravo I Wenn im Staate Mal ein Rest Verstand aufblitzt, sorgt Ihr. daß es mir nichts schade. daß nur ja kein Wähler flitzt. Exzellenzen muß man loben,— ja: der Segen kommt von oben. Pippo. Friedliche Derstündizung wie mii«kle» Nationen, s» anch mit Frank- � reich uud völlige Gleichberechtigung für Elsaß-Lothrlngc». (lebhaftes Sckir richtig! bei den Sozialdemokratm.) Denselben Standpunkt nehmen auch unsere französischen Genossen ein und I a u r ö s hat ihn oftmals wirksam zum Ausdruck gebracht Nun zum Gesetzentwurf selbst. Er bringt eine Berprcußung des Reichölandcs und ist, abgesehen vom Wahlrecht, eine Berschlechternng des bestehenden Z n st a n d e s.(Sehr rick'tig I links.) Von einer Selbständigkeit Elsag-Lothringens ist im Entwurf nicht im ent ferntesten die Rede. Die Erhebung zum Bundesstaat wird von der Begründung unter nichtigen Einwänden abgelehnt. Der Reichs tqg wird völlig ausgeschaltet, alleS wird dem neuen Landtage übertragen, der zur Hälfte vom Könige von Preußen ernannt wird. Bisher sprachen im Bundes- rate doch wenigstens die süddeutschen Regierungen mit, die ihren Vertreter zur Rechenschaft ziehen konnten. Der Gesetz entwnrf widerspricht direkt den Bersprechnngen, die man vor 40 Jahren den Elsatz-Lothringern gemacht hat. Im Gesetz entwnrf für die Einverleibung steht ausdrücklich, dag auf eine Vertretung des Reichslandes im Bundesrat hin gewirkt werden solle. Elsast-Lothringen hat die gleichen Lasten zu tragen, eS müssen ihm deshalb die gleichen Rechte wie den anderen Bundesstaate» eingeräumt werden.(Beifall links.) In dem Bericht der ReichStagSkommission, die 1871 über die Einverleibung beriet, ist die Rede von der Notwendigkeit einer wohlwollenden Be- Handlung durch das Deutsche Reich. Nun, wir haben von dessen Wohlwollen bisher nur wenig verspürt. Die Auffassung der ReichSrcgierung, der Kaiser habe das Gesetzgebungsrecht in Elsast-Lothringen. i st falsch. Ein solcher Antrag ist damals von der ReichStagSkommission abgelehnt worden.(Hört l hört! links.) Der württembergische Justiz min ist er hatte sich mit Schärf« gegen diesen Antrag ans gesprochen, der im Plenum überhaupt nicht wieder aufgetancht ist. (Hört! hört! links.) Wenn die Begründung dieses Einwurfes be- hauptet, der Kaiser hätte das Gesetzgebungsrecht, so ist das ei» Beweis für die Leichtfertigkeit von Regierungserklärungen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dazu hätte es eines be- sonderen Gesetzes bedurft. Wenn jetzt der Bundesrat widerspruchslos der Berpreußung Elsast-LothringenS zugestimmt, so beweist da« eben. daß der bayerische Löwe zahnr geworden i st(Oho I> Rufe im Zentrum), ich meine nur, sotveit die Vertretung im Bundes- rat in Frage kommt.(Heiterkeit.) Bayern hätte gegen dieses ein- nehmende Wesen Preußens Einspruch erheben müssen.(Heilerkeit.) Die Bevölkerung Elsaß-Lothringens ist mit dieser Regelung nicht zufrieden. daS würde eine Volksabstimmung deutlich zeigen. Für die VerpreußungSbestrebungen, die jetzt bei den Patent-Elsässern hervortreten, dankt die Bevölkerung, zu einer Zeit der Moaditer Schande, der Landratswillkür in Preußen, zur Zeit, wo in Preußen Ausnahmegesetze gegen die Arbkit» verlangt werden; eine Berpreußung würde eine große Erbitterung hervornise» und die GermanisierungSbestrebungen schädigen. Deutsch sind die Elsaß-Lothringer und deutsch wollen sie bleiben, wenn man sie in Ruhe läßt, aber preußisch wollen sie nickst werden. sie wollen nicht daS Schicksal der Polen und Dänen in Preußen teilen. Sie wollen Sclbswrrwaltung und Selbständigkeit, und zwar nicht in monarchischer, sondern in republikanischer StaatSform. DaS wünscht die große Masse der Bevölkerung und da« entspricht auch dem Interesse des Reiches. DaS Reich hat ja Republiken. Hamburg, Bremen Lübeck. Trotzdem hat man in Deutschland geradezu ein Grauen vor Republiken. Der ober- elsässische Bezirkstag sprach auf unseren Antrag den Wunich nach der republikanischen StaatSform au«; der Statthalter aber annullierte diesen Wunsch. Diese Furcht ist geradezu kindisch.(Sebr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Elsaß-Lothringen hat ja auch eine mehrhundertjährige republikanische Vergangenheit, wo soll da Begeisterung für eine Monarchie herkommen! Der Staatssekretär berief sich aus Bismarck. Nun. Fürst Bismarck bat 1872 einer Abordnung eli'ässischer Notabein versichert. tu Elsaß-Lothringen brauche man Arbeiter, nicht Prinzen, Prinzen würden dort wenig Zerstreuung finden, und sie wollen sich doch im wesentlichen amüsieren. Wir wollen den Prinzen das Amüsement lassen, aber sie sollen uns die republikanische SraatSform lassen. Diese ist billiger, einfacher. schütztmehrvorUnfähigkeit, in ihr ist daS angedichtete Uebermenschentum unmöglich. Freilich kommen auch in Republiken Ueberraschnngen vor.(Sehr ricknig I reckitS). Auch der Republikaner Hauß ruft: Sehr richtig I (Heilerkeit.) Jodensalls sind Ueberraschnngen in Republiken sellener als in Monarchien und ungeeignete Personen find in Republiken leichter zu entfernen als rn Monarchien, denn nicht alle Monarchen sind so modern, wie der letzte König von Portugal, der friedfertig ging; andere würden venuchen, ihre Machtmittel zu einem Blutbad anzuwenden, «he sie gehen. Daß in einer Monarchie das Boll nicht zu seinem Recht kommen kau», beweist die Aufrechtcrhaltung des DreiklasjenwahlrechtS in Preußen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die preußische Monarchie erweist sich als Stütze der reaktionären junkerlichen Politik, deshalb verlangen wir. daß in Elsaß-Lothringen nicht eine preußische Nebenregierung errichtet wird, sondern eine Republik. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Staatssekretär erklärte eine Erste Kammer für not- wendig; den Landesausschuß erklärte er für gänzlich unbrauchbar. und die Erste Kammer will er trotzdem ähnlich zusammensetzen wie den jetzigen Landesausschuß. Besonders traurig ist es, dag ganze Gruppen sich nach einer Vertretung in der Ersten Kammer drängen, die N o t a r e, die H a u ö- und Grundbesitzer, die Hand- Wertskammer, die Klerikalen wollen statt ihrer beiden Bischöfe.ganze Domkapitel hinsenden.(Heiterkeit.) Die Nachtwächter und Hundefänger haben sich noch nicht ge- meldet.(Unruhe rechts.) Die Leute, die sich so sehr nach der Ersten Kammer drängen, muß man heruntersetzen und verächtlich machen (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), und wenn eS aus die Notwendigkeit der Arbeit ankommt, so hätten die Nachtwächter und Hundesänger eher Anspruch auf die Vertretung in der Ersten Kammer.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die ganze Vorlage ist ein Produkt des Mißtrauens. Der Kaiser soll einwirken können auf die Gesetzgebung aus Miß- trauen gegen die Erste Kammer, die Erste Kammer wird ge» schaffen aus M i ß t r a n e n gegen die Zweite Kammer, und das Wahlrecht zur Zlvciten Kammer wird Verschlechterl ouS Miß- trauen gegen das Volk. Nur vom Volk verlangt man Vertrauen.— Das preußische Klasse»Wahlrecht hat man nickit gewagt, den Elsaß-Lothringern anzubieten, und auch nicht alle Swönheiten des sächsischen Wahlrechts, bei dem eine An- leihe freilich gemacht ist. Damit ist von der RcichSregierung anerkannt, daß auch in Preuße» und Sachse» das Klaffenwahlrecht nicht haltbar ist. Das Wahlrecht soll nach der Vorlage zwar allgemein sein, aber nicht gleich, benachteiligt werden die jungen Leute. welche deutsche Schulen besucht und im deutschen Heere gedient baben und sich deutsch fühlen, bevorzugt werden gegenüber den Ar- beitern, die stch als Deutsche empfinden, die nationalistischen und klerikalen Kreise, die ihre freie Zeit in Frankreich verbringen und die guten Seiten Deutschlands nickit kennen.(Zuruf rechts.) Ab- gesehen von Preußen hat Deutschland gute Seiten. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Geschieht diese Begünstigiuig der nationalistisch-llerikalen Kreise a»S Angst vor der Arbeiter- bewegung oder aus Liebe zum fchwarzblauen Block? Beim Pro- Porz würde in Elsaß keine nationalklerikale Mehrheit zustande kommen; gerade deswegen find die Rotabeln, welche anfangs den Proporz wollten, umgefallen und wollen von ihn» nichts nichr wisien. Dir aber protestieren gegen die See hunzung des Wahlrechts.(Sehr richtig I bei den Sozialdem.) Weiter wird verlangt, daß die Abgeordneten Gehorsam der Ver- fassung und Treue dem Kaiser schwören. Gegen diese Form des Eides legen wir entschieden Verwahrung �in, es ist an- gebracht, Treue zum Reich zu versichern, nicht aber gegen die Person des Kaisers. 8 ö der Vorlage gestattet der Regierung, wenn der Etat nicht rechtzeitig fertig wird, nach dem alten Etat zu wirtschaften. Diese Bestinimimg nmß beseitigt werden, sie würde das Budgetrecht deS Landtages völlig aufheben. Das verhunzte Wahlrecht zur Zweiten Kammer kann zu einer nationalistisch-klerikalen Mehrheit führen und als Schutz dagegen will man die Erste Kammer einführen. Aber wir fürchten die klerikale Mehrheit nicht, wir fürchten uns nicht vor dem Teufel, wenn er auch noch so schwarz ist.(Heiterkeit.) Wir lehnen den Gedanken einer Erste» Kammer überhaupt ab. Wir wollen keine GesetzgebungStriole.(Heiterkeit.) In anderen Ländern schafft man die Dynastien und die Oberhäuser ab, bei unS führt man diese Mittelalterlichkeiten ein. Wir verlangen für Elsaß-Lothringen die republikanische Staatsform, die sich stützt auf das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Dann werden auch die Fähig- leiten an die Spitze kommen. Die Scheinrepnblik mit dem lebens- länglichen Statthalter lehnen wir gleichfalls ab. Von der R e- publik mit dem Großherzog an der Spitze oder mit einem lebenslänglichen Schultheiß wollen wir nichts wissen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Wir treten ein für ein wirklich demo« kratisches Wahlrecht für beide Geschlechter vom 21. Lebensjahr ab. Danebenher gehen müssen Volksabstimmungen, die da? Parlament zu kontrollieren hätten. Selbstverständlich muß Elsaß-Lothringen eine seiner Stärke angemessene Vertretung im Bundesrat erhalten. Die Regrerung muß der Volks- Vertretung verantwortlich sein. Wir beantragen die Ueberweiiung der Vorlage an eine Kommission von 28 Mitgliedern. In der Konmiission werden wir bestrebt sein, dem Grundsatz Geltung zu verschaffen: alles für das Volk und alles durch daS Volk.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bassermann(natl.): Eine sreundliche Aufnahme bat ja die Vorlage btsher gerade nicht gesunden. Wir unsererseits sehen in dem Entwurf eine geeignete Grundlage, ohne uns mit allen Einzelheiten rdentifizieren z u wollen.— Auf keinen Zoll dürfen wir den reichsländischen Nationalismus stärken, andererseits sollen wir aber den nationalistischen Regungen keine übertriebene Bedeutung beimessen. Kleine Unruhen, lokale Krawalle, an denen der Janhagel, vielfach der Auswurf der Bevölkerung sich beteiligt, kommen überall vor. Selbst- redend wünschen wir, daß solche Ausschreitungen mit allen Mitteln der Staatsaurorität unterdrückt werden. Was wir aber ebenso wünschen, ist, daß das Liebäugeln der reichsländischen egierungSk reise mit den nationalistischen Ele« m e n t e n aufhört, wie eS namentlich zur Zeit Kölkers üblich war.(Lebhaft« Zustimmung bei den Nationalliberalen.) Ein rechts- stehender Abgeordneter aus dem Reichslande. der Kollege Dr. H ö f f e l, hat schon vor Jahren mit Recht erklärte, daß Z u- gesiändnisse allein die Unzufriedenheit der«lsaß-lothringiichen Vevölterung beseitigen können. ES ist die Aufgabe einer ver- tändigen Regierung, zur rechten Zeit Zugestand- nisse, z. B. in bezug auf daS Wahlrecht zu»rochen. Lebh. Zustimmung auf der gesamten Linken.) Sonst ereignet es sich oft, daß die Aendtnnigen in viel radikalerer Weise eintreten.(Erneute lebhafte Zustimmung links. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Preußen!) Wir Nationalliberalen stehen auf dem Standpunkt, den hier chjon bei früherer Gelegenheit unser Kollege Dr. H i e b e r dargelegt hat: Wir verlangen sür Elsaß-Lothringen eine wirklich«, aus Volkswahlenhervorgehendevolksvertretungund Stimmen im Bundesrot. Dem ersten Verlangen kommt der Entwurf entgegen. Er gewährt eine Volkskammer, die aus all- zemeinen, geheimen, direkten Wahlen hervorgeht, nur das gleiche Wahlrecht ist durch die AllerSstimmen modifiziert. Ganz aus- leschaltet kann freilich die Reichsgesetzgebung nicht werden. Die Zu- timmung der gesetzgebenden Faktoren des Reiches zur Abänderung der elsaß-lothruigischen Versasiung ist im Entwurf vorgesehen. Es wäre vielleicht zu prüfen, ob nicht auch die Zustimmung dieser Faktoren zu Aenderungeu des Wahlrechts in Elsaß- Lothringen nötig sein soll.(Hört! hört!) Bei der Gestaltung des Wahlrechts zur Zweiten Kammer darf nicht vergessen werden, daß die Elsaß-Lothringer stets Vergleiche mit dem breiten und demolratischen Wahlrech» der benachbarten üddcutschen Staaten ziehen werden.(Sehr wahr! links.) Große Bedenken gerade auch in altdeutschen Kreisen baben die Bestimmungen über die Ansässigkeit hervorgerufen. Unftaglich begünstigt die Differenzierung, wie sie im Entwurf vorgesehen wird, die Alteinheimischcn auf Kosten der Zugewanderten. Vielleicht empfiehlt eS sich, von der Differenzierung abzusehen und ganz allgemein einen zweijährigen Aufenthalt, aber nicht im Wahl- ireise, sondern im Lande vorzuschreiben. Ob die Alters stimmen die beabfichtigte Wirkung haben werden, mag zweifelhaft sein, wenn eS auch viel Verlockendes an sich hat, die Erfahrung des Alters staatsrechtlich zu prämiieren. Sehr zu prüfen wird sein, ob sich nicht die Einführung deS Pro- porzeS, deS gerechtesten aller Wahlsysteme(Sehr richtig I links), empfiehlt.— Riebt verstehen kann ich, daß der Abg. Emme! sich sehr über die Erste Kammer auftegt. Man darf nicht vergessen. daß Elsaß-Lothringen nun einmal eine Grenzprovinz ist und daß schon darum Kautelen nötig sind.(Sehr richttg l bei den Rational- liberalen und rechts.) Viele gute Liberale im Reichsland stehen auf dem Standpunkt, daß eine Erste Kammer die notwendige Ergänzung einer demokratischen Volkskammer ist. Selbstredend stehen wir durchaus auf dem Standpunkt des 1. wonach die Staatsgewalt in Elsaß-Lothringen er Kaiser ausübt. An dieser Stellung Sr. Majestät des Kaisers müssen wir um so mehr fest- alten, da wir so weitgehende Zugeständnisse z. B. in bezug auf das Wahlrecht machen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Eckst liberal I) Ja, meine Herren, hier kommen doch nicht bloß liberale, 'andern auch sehr gewichtige nationale Interessen in Betracht.(Sehr ricktig l bei den Rationabiberalen und rechts.) Eine Vertretung Elsaß-LothringenS im Bundesrat wird sich nicht erreichen lassen, aber bei innerpolittfchen Fragen ollte man sie zugestehen, daS würde die Machtverhältnisse nicht ändern und den wirtschaftlichen Interessen Elsaß-Lothringens gerecht werden.— Gegen die Vorlage der Regierung find die p r i n z i- prellen Gegner der Fortbildung desWahlrechts rn Preußen, weil sie fürchten, daß in Preußen daS Wahlrecht nicht haltbar ist, wenn in den Reichslanden ein liberales Wahlrecht gegeben wird; ferner find Gegner nationale Kreise, welche die Entstehung eines klerikale» Erenzstaares mit selbständiger Verfassung fürchten: diese Furcht ist begreiflich, wenn ich sie auch für irrig halte, die dritte Gruppe der Gegner sind die klerikal angehauchten Nationalisten oder nationalistisch angehauchten Klerikalen, welche ihre Felle wegschwimmen sehen, wenn Beruhigung eintritt. Um so mehr hoffen wir, daß eine Einigung zu- stände kommt auf einer mittleren Linie, die Elsaß-Lothringen eine Volkskammer mit einem modernen Wahlrecht gibt.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. v. Naumann(Vp.): Ob wirklich die Beruhigung eintreten wird, die der Vorredner erhofft, erscheint mir zweifethafl. ES soll hier die Verfassung cineS EinzelstaateS gemacht werden nicht von diesem selbst, sondern von einer Körperschaft, die nur in loser Bezieh ilng zu ihm steht. Bei Anträgen, die m e ck l e n- burgische Verfassung von Reichs wegen zur Räson zu bringen, wurde vom Bundesrat geantwortet, wenn die Mecklenburger ihre Der- fossnng als eine gottgewollteNotwendigkeit ansehen, solle ' daS Reich ihnen nicht dreinredeitt— Nun find 40 Jahrs vorbei, und die Elsässer verlangen die Autonomie. Da erhebt sich die große Schwierigkeit der Unterbringung dreier neuer Stimmen im Bundesrat, hie große Frage. werden diese drei Summen preußisch sein oder nickit.(Heiterkeit links.) Da redet man so viel von dem mangelnden Reichssinn der Bevölkerung inr Reichslande; aber im Bundesrat geht es doch noch recht frank« furterisch zu.(Sehr richtig! links.)— Gegen den Kai' er per- sönlich hat man in Clsaß-Lolhringan nicht mehr einzuwenden. qlS anderwärts auch; ober es zeigt sich, daß das monarchische Prinzip rn Elsaß-Lothringen in den vergangenen 40 Jahren keine moralilchen Eroberung« ir gemacht hau Es scheint, daß auf einem Boden, aus welchem der monarchische Gedanke einma» vertilgt war, er sehr schwer wieder neu zu pflanzen ist. Ein erblicker Landesfürst ist dsr Elsaß-Lothringern eine ähnlich fremdartige Vorstellung geworden, wie etwa den Berlinern der Gedanke eines erblichen Oberbürgermeisters.(Sehr gut! und Heiter« keit bei den Sozialdemokraten.) Betrachtet man sich die Elsaß-Lothringen im Entwurf ver» liehen« Verfassung, so springt uns zunäckist das Zwei- kammersystem mS Ange. Und mit dem Zweikammersystem erhebt sich gleich wieder die alte Frage: Was geschieht mit dem Budget, wenn die Kammern sich nicht einigen? Die Antwort lautet: Die Regierung tut dann, was sie will.(Heiter- keit.) Aber immerhin: die Elsaß-Lothringer ziehen doch noch eine Erste Kanrmer in Straßburg dem Bundesrat in Berlin vor.(Sehr gut! links.) Und nun die Zusammensetzung der Ersten Kammer. Mit ihr verglichen ift daS preußische Herrenhaus ein natürliches Gebilde. Das Herrenhaus ist ein AdelShauS. als solches Vertreter eines nun einmal vorhandenen Adels— natürlich wünschen wir nichts sehnlicher, als daß die Macht dieses Herrenhauses recht bald soweit beschränk! sein wird, wie es die Macht des englischen Oberhauses nun alsbald iein wird.(Lebhaste Zustimmung links.) Bei der eliaß-lorhringi scheu Ersten Kammer haben wir es zu tun mit einer wahren Muster karte von Ernennungen. Und so viele ErnemmngSwünsche sind auf- getaucht, daß wir wirklich bald genötigt sein werden, ste zu kontin- gentieren.(Heiterkeit.)— Die lebenslängliche Statt« halterschast würde trotz aller theoretischen Bedenken den eine» Vorzug haben, ein engeres Band zwi'chen dem Lande und dem Statthalter zu knüpfen.— Es zeugt nicht von einer vorgeschrittenen Auffasiung. daß die Verfafiung kein Wahlrecht der Frauen kennt.(Sehr wahr! links.) Auch die Verschiedenheit der Aufenthaltsbeschränkung soll man doch fallen lassen, und ebenso die königlich fächfischa Altersbeschränkung. Wenn man zunimmt an Alter und Weisheit vor Gott und Menschen, so ist es doch fraglich, ob daS im Verhältnis von 1: 3 geiwicht.(Heiterkeit.) Mit solchem Kleinkram holt man nichts heraus.(Sehr rrchrig I links.) Im übrigen freuen wir uns. daß das vorgeschlagene Wahlrecht große Vorzüge vor dem in Preußen hat, und wir freuen uns, daß der Reichskanzler Gelegenheit hat. mit der Harmonie und Systematik. die ihn auszeichnet(Heiterkeit), das für Elsaß-Lothringen vor« geschlagene Wahlrecht vor rmS zu verteidigen wie das Klassenwahlrecht in Preußen.(Bravo l bei der Vollspartei.) Abg. v. Dirksen(Rp.): In bezug auf die Beurteilung de« Ent« wrrrss find meine politischen Freunds geteilt, aber der Kom- miisionSberatung stimmen wir Tämtlich zu. Der Hauptfehler ist vor 40 Jahren gemacht worden, als man versäumte, Elsaß-Lothringen dadurch unlöslich mit dem Reich zu verbinden, daß man«» unter die benachbarten Bundesstaate» aufteilte. (Lachen links.) Die Aufhebung des Diktaturparaaraphen hat mcht genützt, sondern geschadet.(Zustimmung rechts.) Wie gegenüber Dänen und Polen sind auch gegenüber den Elsaß-Lothringern arge Mißgriffe gemacht worden(Sehr richtig l links), Statthalter und Staatssekretäre, deren Namen ich nickit nennen will, haben ihren Anteil an dem verhängnisvollen System der Systemlofigkeiten.— Die vorgeschlagene Verfassung ent- spricht nicht den extremen Wünschen, aber gerade darum verdient sie wohlwollende und objektive Beurteilung. Im allgemeinen stehen wir dem Entwurf sympathisch gegenüber. Wir können un» sogar mit dem direkten, geheimen und all- gemeinen Wahlrecht abfinden, da? ja keineswegs auf allen Seiten des Haufe» mit gleicher Begeisterung begrüßt wird. Frei- lich müssen wir darauf bestehen, daß die vorgesehenen Kautelen nicht von der Landesgesetzgebung abgeändert werden könne», sondern daß zu ihrer Abänderung die Zustimmung der Faktoren der Reichsgesetzgebung nötig ist. Bedenken haben wir dagegen, daß den ArbeitSkammern, nocki ehe ste geschaffen find, eine Vertretung in der Ersten Kammer zugesprochen werden soll. Unsere allgemeinen Bedenken find gesteigert worden durch die Metzer Borgänge, die von verschiedenen Parteien diese« HauseS und auch von der Regierung wohl zu leicht genommen werden.(Zustimmung rechts.) Angesichts dieser Vorgänge ist eS sehr bedauerlich, daß in der französischen Kammer I a u r ö S sich erlaubt hat, von der Möglichkeit eurer Regelung der elsaß-lothringischen Frage durch ein internationales Schiedsgericht zu sprechen. Es gibt keine«lsoß-lotbringische Frage, ste ist vor 40 Jahren mit Blut und Eisen gelöst worden.(Lebhaftes Bravo l rechts und bei den Nationalliberalen.) Ob angesichts solcher Vor- gänge die Borlage eine Beruhigung der Gemüter erreicht, erscheint uns zweifelhaft. Wir wollen eine Verfassung für alle Ewigkrite« geben,(Schallende Heiterkeit links) jedenfalls eine, die nicht neuen Agirattonssteff liefert, sondern eine, die. für absehbare Zeiten Ruhe schafft. Ob jetzt schon der Zeitpunkt daftir ist. darüber sowie über die einzelnen Bestimmungen einer solchen definitiven Verfassung werden wir un» in der Kommission unterhalten.(Bravo i bei der Reichspartei.) Hieraus vertagt das HauS die Weiterberatung auf Sonnabend 11 Uhr. Schluß'/»« Uhr._ Mgeoränetenkaus. 18. Sitzung vom Donnerstag, den 2S. Januar, mittags 12 Uhr. Am Ministertisch: v. Schorlemer. Die zweite Beratung des Etats der Landwirtschaftlichen Verwaltung wird fortgesetzt. Beim Kapitel: Landwirtschaftliche Lehranstalten nimmt das Wort LaudwirtscöastSminister v. Schorlemer: Wie mir mitgeteilt worden ist, haben die Studenten in Hannover den Besuch der Vor- lesnngen wieder aufgenommen. Ich glaube, das HauS wird mit mir einverstanden sein, daß ich dieser zweifellos al» Entgleisung zu bezeichnenden Bewegung mit aller Energie entgegen« getreten bin.(Bravo I rechts.) Abg. Stull(Z.) betont die Notwendigkeit des Religionsunterrichts in den ländlichen Fortbildungö« schulen und bittet den Minister um Förderung der Bestrebungen deS Vaterländischen Frarumvereins bei Einrichtung von Kochkurien sür die weiblickie Jugend auf dem Laude. Abg. Hciue �natl.) fordert obligatorische Einführung von HauS« haltungsschulen auf dem Lande. Das Kapitel wird bewilligt. Es folgt daS Kapitel Tier« ärztliche Hochschulen. Abg. Wulfctt-Meyer(fr!.) dankt dem Minister für seine Er- klärung zum Studemenstreik in Hannover. Eine derartige an russische Zustände erinnernde Sache dürfen wir UNS hier in Preußen nicht gefallen lassen.(Bravo! rechts.) Abg. Lcinert(Soz.j: In die Verurteilung des Streiks der Studenten in Hannoder kann ich n» ch t einstimmeu. Dieser Streik war eine berechtigte Auflehnung gegen die staatliche Bureaukratie. die wir mit lebZaster Freude begrüBt baben.(Lachen rechts.) Das Profesjorenkollegium der Tierärztlichen Hochschule hat Schritte unter- nommen, um vom Landwirtschastsminifter die Zustimmung zur Ein- sührung der Rektoratsverfassung zu erholten. Das hat der Minister abgelehnt, weil der jetzige Direktor Prof. D a m m a n s e i n Ky jähriges Jubiläum«och itls Direktor und nicht als Rektor feiern soll. Den Studenten ist mitgeteilt worden, daß sie kein Recht hätte», sich in die Verfassung der tzochscbule einzumischen. Dabei wurde die Einführung der Rektoratsversassuug schon 1S7S versprochen. Das der Hochschule mittlerweile verliehene PromotionS- recht setzt auch, wenn es eiuen Wert haben soll, eine freie Verfassung der Hochschule voraus. Der Zweck des Streiks, weitere Kreise von der Unzufriedenheit der Studierenden und der Professoren mit den jetzigen Verhältnissen in Kenntnis zu setzen, ist erreicht worden. Ich begriiste es lebhaft, daß die Studenten so zielbewußt vorgegangen sind und in der gestern von ihnen an- genommenen Resolution zun, Ausdruck bringen, daß. wem, ihrem Wunsche nicht Rechnung getragen wird, sie im nächsten Semester die Hochschule nicht mehr besuchen werden. Das beweist an- crkennenswerten Mut. Der Minister sollte schleunigst Schritte unter- nehiiie,,. um den Wünschen der Studierenden und der hinter ihnen stehenden Professoren entgegenzukommen. Die Behauptung des Ministers in der Kommission, der Streik sei ein sozialdemokratisches Mittel, ist geradezu absurd. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Streiks gab es schon, ehe die Sozialdemokratie über- Haupt bestand, und es gibt auch Streiks voi, Berufsgruppen, die mit der Sozialdemokratie nichts zu haben. Ich erinnere an die As rz t est r e i ks, die Lebe» und Gesundheit der Krankenkassen- Mitglieder gefährdeten und die von der Regierung lebhaft unterstütz, worden sind.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraien.) Selbst Herr v. Bethmann Hollweg streikt seit Eröffnung dieses Hauses.(Heiterkeit.) Die Studenten haben in ihrer Resolution erklärt,, daß ihr Borgchen diktiert sei vom reinsten JdcalisniuS. Dieser Idealismus ist der Drang nach Freiheit, und wir begrüßen es mit besonderer Genugtuung, daß dieser Drang nach Freiheit die Studenten auch dazu getrieben hat, das moderne Mittel rincS DemonswatioaSzugeö bei ihrem korporativen Spaziergang am letzten Sonntag zur Anwendung zu bringen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten, Lachen rechts.) Wir freuen uns. daß auch Kreise der Intellektuellen zu der Erkenntnis der geeigneten Mittel gekommen sind, um dem preußischen Staate Rechte und Freiheiten abzuringen. Ich hoffe, daß es uns gelingt, mit denselben Mitteln das gleiche Wahlrecht durchzusetzen.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozial- demokratc», Lache» rechts.) Das Kapitel wird bewilligt. Beim Kapitel Förderung der Viehzucht begründet _ Abg. Lüders(fk.) einen Antrag, die Regierung zu ersuchen, im nächsten Etat erhebliche Mittel zur Förderung der Ziegenzucht vorzusehen. Abg. v. Stockhauscn st.) betont die Notwendigkeit der Hebung der einheimischen Fleischproduktion. Minister v. Schorlcmcr stellt die Bereitwilligkeit der Regierung fest, für die Förderung der Ziegenzucht daö Möglichste zu tum Der Antrag wird an die Budgetkommission verwiesen. Abg. Gyßling(Vp.) tritt für eine Förderung der Fischerei ein und hofft auf baldige Vorlegung des Fischerei- gesetzes. Minister v. Schorlemcr sagt diese für die nächste Session zu. . Räch längerer Debatte beim Kapitel der Landesmeliorationen Vtrd der Rest des OrdinariumS bewilligt. Hieraus wird die Weiterberotung aus Sonnabend 11 Uhr vertagt.(Außerdem: Etat der GestütSverwaltung und der F o r st v e r w a l t u n g.) Schluß S Uhr._ IHordprczcß tippe. Die Mordtat des 20jährigen Gärtners Paul Tippe beschäftigte Gestern das Schwurgericht am Landgericht II. ES ist noch frisch in der Erinnerung, welches Entsetzen seinerzeit durch die Nachricht hervorgerufen wurde, daß am 6. November im Hause Potsdamer Straße 33 das Damenschneider Tctzkesche Ehe- paar, welches bei der He, inkehr in ihrer Wohnung einen Einbrecher in voller Arbeit angetroffen hatte, von dem Verbrecher einfach über den Haufen geschossen worden sei. Der Täter war ent- kommen, wurde jedoch bald nach der Tat auf Grund der Anzeige des Gärtners Rems, den Tippe ursprünglich zur Teilnahme an seiner verbrecherischen Tat hatte überreden wollen, festgenommen. Er ist jetzt beschuldigt, durch zwei selbständige Handlungen den Eheleuten Tetzke gehörige Sachen mittels Einbruchs und unter Mitführung eines Revolvers bestohlen und den Damenschneider Robert Tetzke und dessen Ehefrau Gertrud, geborene Reichhold, ermordet zu haben. Der Angeklagte hat in der Voruntersuchung die Tat selbst in ihren Einzelheiten zugegeben, er leugnet aber. die Tötung deS Ehepaare? mit Vorsatz und Ueberlegung ausgeführt zu haben. Er behauptet, daß er durch das plötzliche Zurückkehren der Eheleute in eine furchtbare Erregung versetzt worden sei und ohne jede Ueberlegung losgeschossen habe, um sich freie Bahn zu schaffen. Unter kolossalem Andränge des Publikums, unter welchem die überwiegende Zahl der zum Teil recht elegant gekleideten Damen besonders auffällt, begann gestern die Verhandlung.— Den Vor- sitz im Gerichtshof führt Landgerichtsdirektor Dr. Forstmann, die Anklage wird von dem Ersten Staatsanwalt Dr. Hagemann der- treten. Als Verteidiger des Angeklagten fungiert Rechtsanwalt Dr. Walter Joffe.— Der Angeklagte ist ein mittelgroßer und schein- bar kräftiger Mensch mit blassem und ausdruckslosem Gesicht. Als bei dem Zeugenaufruf die Namen seines Vaters, eines biederen Bergmannes auS Staßfurt, und seiner Schwester verlesen werden, fängt Tippe an zu weinen.— Nach Auslosung der Geschworenen und erfolgter Verlesung des Eröffnungsbeschlusses wird Tippe von dem Vorsitzenden ausführlich vernommen. Es wird festgestellt, daß Tippe in Bremen wegen wiederholten Diebstahls zü b Monaten und eine Woche Gefängnis vorbeitraft ist. Diese Strafe ist dann mit einer zweiten später gegen ihn erkannten DiebstahlSstrafe zu einer Gesamtstrafe von 7 Monaten zusammengezogen worden.— Vors.: Sie haben in der Voruntersuchung zugegeben, eine schwere Bluttat auf sich geladen zu haben. Bleiben Sie jetzt auch noch dabei?— Angekl.: Ja.— Vors.: Ich will Ihnen den Rat geben, daß Sie das, was Sie getan haben, zugeben und ihr Gewissen erleichtern. Ich will zunächst Ihren Lebenslauf mit Ihnen durchsehen. Der Vorsitzende stellt durch Befragen fest, daß der Angeklagte bis zum 13. Lebensjahre die Stadtschule zu Staßfurt bis zur zweiten Klasse besucht hat. Dann ist er nach Hohenerxleben in die so leicht nicht.— Bors.: Ist es richtig, daß Sie zu dem als Zeugen bürg a. Harz gekommen, wo er noch ein Jahr als Lehrling und dann als Gehilfe blieb. Später arbeitete er in Magdeburg und Westfalen in verschiedenen Stellen als Gärtner. Nachdem er noch einige Monate in Harburg gearbeitet hatte, ging er auf Wander» schaft. DammS im Alter von 18 Jahren beging er mit einem Arbeiter Schnöckel mehrere kleinere Diebstähle. In Bremen ver- übte er einen Einbruchsdiebstahl in dem Warenhause von Neu- müller u. Ciu. in Harburg bestahl er mittels Einbruchs seinen früheren Arbeitgeber, in dessen Villa er Bescheid wußte. Im Juni 1203 ging der Angeklagte zu seinen Eltern nach Staßfurt zurück und blieb dort bis zum Winter 1202/10. Im Frühjahr 1310 kam er nach Berlin und wohnte bei seiner verheirateten Schwester, der Frau Strehlau in Schöneberg. Sedanstr. LS. Er arbeitete in verschiedenen Stellungen, zuletzt in dem Konfektions. geschäft von Max Arnsdorfs in Rixdorf, wo er am 27. Oktober entlassen wurde. Am Tage vorher soll er dort Schlüssel gestohlen haben.— Bors.: Zu welchem Zwecke?— Angelt.: Ich hatte mich nbtz ihn geärgert und wenn man mir etwas sagt, das vergesse ich io leicht jijjch.— Kerlff es richtig, fcßfe Sie zu dem als Zeugen geladenen Monteur Knab geäußert haben, Sie hätten die Ahsicht, eines Nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr, wenn die Frau Arnsdorfs allein zu Hause sei, in die Wohnung einzudringen? Haben Sie nicht auch gesagt, daß Sie dort Geld holen und auch eine Waffe mitnehmen wollten?— Angekl.: ES ist möglich, daß ich so etwas ähnliches gesagt habe.— Bors.: Haben Sie nicht auch gesagt, daß «ie willens sind, bis zum äußersten zu gehen?— Angekl.: Nein, da» ist nicht wahr, das habe ich nicht gesagt.— Bors.: Der Zeuge Knab wird es uns nachher sagen. Sie sollen dann am 4. November in dem Keller des Vereins„Vollswohr aus einem Koffer, den Sie aufschnitten, LegitimationSpapiere auf den Namen.Thiele" lautend, gestohlen haben. Ist dies richtig?— Angekl.: Jawohl.— Bors.: Wir wollen nun zu einem Punkt kommen, bei welchem die Oeffentlichkeit wegen Gefährdung der Sittlichkeit auszuschließen ist.— Die Oeffentlichkeit wird hierauf aus kurze Zeit ausge- schlössen. Dann wird in der Vernehmung öffentlich fortgefahren. Bors.: Sind Sie krank gewesen?— Angekl.: Ich habe als Schulkind viel Rückenschmerzen. Darmkatarrh und Leibschmerzen gehabt.— Bors.: In: übrigen sind Sie nicht krank gewesen?— Angekl.: Nein.— Erster Staatsanwalt Hageman«: Sie sind doch auch als Jäger- barsche tätig gewesen?— Angekl.: Ja, aber geschossen habe ich nicht, ich war mehr als Treiber tätig.— Vors.: Haben Sie nicht auch mal einen Revolver besessen?— Angekl.: Ja, aber nur zwei Tage, ich habe mit dem Revolver nach Sperlingen geschossen.— Vors.: Haben Sie nicht auch bei dem Stankwirt Grabert geschossen?— Angekl.: Ja, freihändig nach der Scheibe.— Bors.: Haben Sie häufig das Zentrum getroffen?— Angekl.: Nein, nur zweimal.— Rechtsanw. Dr. Jafse: Der Angeklagte hat gesagt, daß er sehr leicht in Wut und dann in Streit gerate. Weiß er spezielle Fälle?— Angekl.: Herr Dr. Geist in Staßfurt weiß von einem solchen Fall.— Bors.: Dann werden wir dies später erörtern. Jetzt kommen wir zur Sache selbst. Ihre Schwester Ida war Dienstmädchen bei den Tetzkeschen Eheleuten. Sie haben sie oft besucht, auch Sonntags nachmittags?— Angekl.: Ja.— Bors.: Nun haben Sie von Ihrer Schwester Ida gehört, daß die Tetzkeschen Eheleute des Sonntags nach Lichtenrade zu der Mutter der Frau Tetzke zu fahren pflegten und gewöhnlich gegen%11 Uhr zurückkehrten.— Angekl.: Jawohl, das wurde mir erzählt.— Bors.: Nun war bei Tetzke ein kleines Kind angekommen und da pflegten die Tetzkes stets früher heimzu- kommen.— Angekl.: Davon weiß ich nichts.— Vors.: Sie baben bei Ihren Besuchen auch volle Kenntnis von den Räumlichkeiten erlangt?— Angekl.: Jawohl, ich bin manchmal durch die Zimmer gegangen.— Bors.: Also auch durch das Zimmer, in welchem der Geldschrank stand. Was hat Ihnen Ihre Schwester Ida von dem Ehemann Tetzke gesagt? Hat sie Ihnen nicht gesagt, daß er ein sparsamer Mann ist?— Angekl.: Das hat sie auch gesagt- Sie hat mir auch erzählt, daß im Schreibtisch immer viel Wirtschaftsgeld liege.— Bors.: Haben Sie auch einmal im Schlafzimmer eine goldene Uhr liegen sehen?— Angekl.: Ja.— Bors.: Wann sind Sie auf den Gedanken gekommen, bei Tetzke einen Diebstahl zu begehen.— Angekl.: Ich bin darauf gekommen, weil der Monteur Knab eines Tages fragte, ob ich nicht wüßte, wo etwas„au machen" sei. Da bin ich auf den Geoanken gekommen, die Schlüssel zu stehlen.— Vors.: DaL muß also vor dem 26. Oktober gewesen fem. Angekl.: Ja, ich habe dann darüber nachgedacht und habe ihm dann die beiden Pläne von Arnsdorfs und von Tetzke erzählt. Er wollte auch mitmachen. Wir wollten die Tat bei Tetzke erst am 23. Okto» ber begehen, es wurde aber nichts daraus.— Bors.: Warum nicht? Angekl.: Knab hatte gerade keine Zeit und ich wurde auch miß- trauisch gegen ihn.— Bors.: Weshalb wurden Sie mißtrauisch?— Angekl.: Er hatte mich gefragt, ob ich ihm nicht ein paar seidene Kleider von Arnsdorfs beschaffen könnte. Da sagte ich mir: er wollte mich überreden, bei Arnsdorfs zu stehlen, um mich dann bielleicht bei Arnsdorfs anzuschwärzen und mich aus der Stelle herauszudrängen.— Bors.: Ich will gleich hierbei darauf hinweisen, daß Sie sich nicht in Not, sondern in fester Stellung befanden.— Angekl.: Trotzdem hatte ich kein Geld, denn wie ich nach Berlin gekommen war, hatte ich Schulden machen müssen und mußte diese zurückzahlen.— Bors.: Da hätte Ihnen doch Ihre verheiratete Schwester gern ausgeholfen?— Angekl.: DaS hätte ich aber nicht angenommen.— Bors.: Also von Ihrer Schwester wollen Sie kein Geld nehmen, lieber geben Sie stehlen? Der Vorsitzende stellt sodann fest, daß der Angeklagte, dessen Schwester von Tetzke entlassen worden war. schon am 80. Oktober abends an der Tetzkeschen Wohnungstür geklingelt hatte. Tetzke war aber zuhause und öffnete dem Angeklagten. Dieser behauptet, er habe mit Tetzke im Erkerzimmer gesessen und habe mit ihm darüber gesprochen, weshalb die Schwester entlassen werden sollte. — Bors.: Ihre Schwester war aber doch schon am 21. Oktober«nt- lassen worden und außerdem mußte doch auffallen, daß Tetzke an diesem Sonntage nicht in Lichtenrade, sondern zu Hause war. Hatten Sie nicht schon an diesem Tage die Absicht, dort einen Ein- bruch zu verüben?— Angekl.: Nein.— Vors.: Haben Sie nun an Stelle des Knab. dem Sie nicht mehr trauten, einen anderen Genossen zu werben gesucht.— Angekl.: Ja. den Gärtner ReinS. den ich im Arbeitsnachweis kennen gelernt hatte. Da habe ich ihm den Plan deS Diebstahls bei Tetzke erzählt.— Vors.: Sie sollen mit Reins auch gleich von einem Revolver gesprochen haben?— Angekl.: Ich habe nur gesagt, es wäre gut, wenn wir einen Revolver hätten, damit, wenn wir überrascht würden, wir den Betreffenden in Angst setzen könnten.— Bors.: Sie haben dem Reins auch gleich die auf den Namen.Thiele" lautenden Papiere gezeigt, die Sie gestohlen hatten. Sie haben ihm aber Ihren richtigen Namen nicht genannt. Weshalb denn nicht?— Angekl.: Wenn wir überrascht würden, sollte keiner von uns wissen, wie der andere heißt!— Bors.: Am 3. November hatten Sie Ihrer Schwester 20 M. ge- stöhlen.— Angekl.: ES war kein Stehlen, das Geld lag immer da. auch wenn ich etwa? sparte, wurde das Geld dort hingelegt. Ich kriegte cS nicht fertig, meinem Schwager zu sagen, daß er mir Geld geben sollte und da habe ich die 20 M. genommen, in der festen Absicht, sie bald wieder hinzulegen. Der Angeklagte erklärt dann weiter: Mit den 20 M. sei er nach dem Bahnhof gefahren in der Absicht, nach Bremen zu fahren. wo er sich Arbeit suchen wollte. Als er aber gesehen, was das Billett kostete, habe er sich überlegt, daß er mit den 20 M. doch nicht reichen werde und sei in Berlin geblieben. Er habe sich dann in der Potsdamer Straße einen Revolver gekauft und habe dabei einen recht billigen verlangt, da er„doch nicht schießen, sondern nur drohen" wollte. Er habe schließlich einen alten Revolver mit 11 Patronen erstanden.„Lediglich aus Neugierde, wie er schießt, sei er in die Heide gegangen und habe einen Schutz abgegeben." Dann habe er sich an verschiedenen Stellen herumgetrieben und versucht, noch einen anderen Mann zur Teilnahme an der Tat zu überreden.— Erster Staatsanwalt Dr. Hagemann: Der An- geklagte ist in derselben Woche vor der Tat zweimal in dem Tetzke- schen Hause gewesen. Da? eine Mal hat er versucht, ein geschlossenes Treppenfenster aufzuwirbeln. Er ist dabei aber durch eine herab- kommende Frau gestört worden und hat sich dann angeblich im Auf- trage eines Rechtsanwalts nach einem Mieter erkundigt. Ein zweite» Mal hat er bei Tetzke geklingelt, und als Frau Tetzke aufmachte, hat er gefragt, warum den» seine Schwester entlassen worden sei.— Vors.: Wir kommen nun zu der Tat selbst. Am Sonntag, den 6. November, zwischen 7 und 8 Uhr, betraten Sie das Haus und gingen die schon erleuchteie Treppe hinauf. Sie brachen von einem dreiteiligen Treppenfcnsler, das zu einer Galerie führt, den einen engen Teil aus und zwängten sich durch diesen schmalen Seitenflügel hindurch auf die Galerie.— Angekl.: Ja- wohl. Ich hörte nämlich die Haustür gehen, und da die Frau, die ins Haus trat, mich nicht sehen sollte, kroch ich rasch hindurch, zog das Fenster zu und hielt mich an einer Dachrinne fest, bis die Frau vorbei war. Dann sprang ich erst auf die niedriger gelegene Galerie und kletterte von da an der Dachrinne zu der höher gelegenen Galerie empor, von wo ich in die Tetzkesche Woh» nung kam.— Bors.: Sie hatten einen Kerzenstummel mitge- nommcn, ferner allerlei Brechwerkzeuge und ein Brecheisen. Was haben Sie in der Wohnung gemacht?— Angekl.: Ich öffnete gewaltsam alle Behältnisse, um nach Geld zu suchen. Ich saui> ßficr cur P{cttnigc( feie ich g» sjjch wHm.«HS eiyige Papiere, ßle IH KsMcht zur SegitlmaNsn gessrsuch-n durchwühlte die Betten, fand aber dort nichts. AuS dem schlaf» zimmer nahm ich die dort Hängends Uhr und Kette sonr.e ermge Kleinigkeiten an mich.— Bors.: Wie lange waren Sie m der Wohnung? Sie haben nacheinander in den einzelnen Zimmern, die Sie durchsuchten. Gas angezündet. Dann wollten Sie gehen und löschten das GaS wieder auS. Dann aber wollten toie doch noch einmal sehen, ob wirklich kein Geld da wäre, steckten den Lichtstumpf an und gingen wieder n dag Erkerzimmer. Waqreiid Sie auf dem Fußboden knieten und vor dem Zylinderbureau ,n den herausgerissenen Papieren suchten— was geschah da?— Angekl.: Ich hörte zu meinem Schrecken, draußen die Tur offnen. Jemand fragte:„Wo sind denn die Schlüssel?" Ich bekam einen furchtbaren Schreck, ich überlegte blitzschnell, ob ich nicht nach dem Schlafzimmer durchlaufen, den dortigen Balkon erreichen und m die Nebenwohnung klettern könnte. Da sah ich in der Duntetheit eine Gestalt in unbestimmten Umrissen eintreten.— Bors.:«o sehr dunkel war es doch nickt gewesen. Die Frau. d:e erntrat, hatte ein kleine? Kind mit einem weißen Mäntelchen auf dem Arm; letzteres leuchtet doch.— Angekl.: Ich denke, daß der Mann das Kind getragen hat und nicht die Frau.— Bors.: Und da haben Sie dann auf die Frau geschossen, so daß sie sofort zu Boden sank. — Angekl.: Ich sah die Gestalt und schoß l-S, bloss um zu drohen. Ich wußte gar nicht, was ich tat.— Vors.? Es wird auch behauptet, daß die Zimmer von der Straße aus ganz hell erleuchtet sind.— Anzekl.: Darum bitte ich ja um eiu»a Lokaltermin. Ich habe wrr bei der ganzen Sache nichts überlegt. Aus weitere Fragen erzählt der- Angeklagte: Als dl« Frau am Boden lag. kam der Ehemann und rief:„Was ist denn los? Da habe er auch auf diesen geschossen, ohne zu wissen, was er tat. Er sei so aufgeregt gewesen, daß ihm das Blut in den Kopf ge- stiegen sei und er Tränen in den Augen hatte. Er habe dann die Entreetür zu erreichen versucht, da habe Tetzke dort gestanden. der um Hilfe rief und die Sicherheitskette vorgelegt hatte. Er babe da hinausgewollt, den Tetzke beiseite geschoben und dabc, noch einen Schuss abgegeben.— Bors.: Der zweite Schuß ging aber in» Genick. Sie müssen also von hinten geschossen haben. Wie sich auS der weiteren Vernehmung des Angeklagten er» gibt, ist dieser nach der Tat auf einen gerade vorüberfahrendcn Straßenbahnwagen gestiegen. Er stieg alsbald wieder ab und ging auf Umwegen in feine Wohnung in der Sedanstraße. Dort langte er um �11 Uhr an. Er ging dann in ein Schanklokak, um ein Glas Bier zu trinken. Bei seiner Rückkehr ging er in das Hofklosett und versteckte dort den Revolver. Die Werkzeuge und die erbeuteten Sachen verbarg er auf dem Abort des Seitenflügels. Dann er- zählt er seinem Schwager, daß er ihm 20 Mark genommen habe und versprach, das Geld ihm wiederzugeben, sobald er Arbeit habe. Am nächsten Mittag ist er infolge der Anzeige des Zeugen ReinS be, der Polizei festgenommen worden. Er wollte erst leugnen, hat dann ein Geständnis abgelegt, aber die Ueberleaung bestritten. Erster Staatsanwalt Dr. Hagemann hält dem Angeklagten vor, es sei doch sehr auffallend, daß er sich scharfe Patronen gekauft habe, wo er doch angeblich nur„drohen" wollte. Der Angeklagte erklärt, daß er neugierig gewesen sei, wie der Revolver schieße. Der Vorsitzende meint, daß der Angeklagte, nachdem er seine Neu» gierde befriedigt hatte, doch den Revolver auf dem Tempelhofer Felde dann nicht nochmals mit scharfen Patronen laden brauchte. Dies sei doch ebenfalls sehr auffällig. Der Angeklagte gibt eine ausweichende Antwort... � Die Vernehmung des Angeklagten ist hiermit beendet. � Vor Vernehmung der Zeugen bittet der Angeklagte, bei den Aussagen seiner Verwandten aus dem Saal geführt zu werden. Der Vor» sitzende gibt ihm anHeim, sich so zu stellen, daß er seine Verwandten nicht anzusehen brauche. Einige von Rechtsanwalt Dr. Jafse geladene Leumundszeugen schildern den Angeklagten als einen im ganzen ruhigen und guk- mutigen Menschen, der insbesondere auch gut zu Tieren gewesen sei. Er habe z. D. nicht zusehen können, wenn ein Schwein ge» schlachtet wurde.— Die Eltern des Angeklagten bekunden auch, daß der Angeklagte in seiner Kinderzeit mehrfach Krankheiten durch- ?umachen gehabt habe. Der Vater. Bergmann Tippe auS Staß- urt, bezeugt, daß sein Sohn gegen Eltern und Geschwister Zimmer nur gut gewesen sei. Er habe früher an epileptischen Ärämpfc» gelitten und gestottert. Von den von seinem Sohn verübten Dieb- stählen und seiner Verurteilung habe er, Zeuge, keine Kenntnis gehabt. Mehrere Leumundszeugen wollen sogar an dem Ange» klagten ein„weiches Herz" entdeckt haben, er sei allerdings ein bißchen aufgeregt, aber doch immer anständig gewesen, so daß man nach Bekanntwerden der Tat allgemein gesagt habe:„Der Mensch muß nicht recht richtig sein!" Nach dem Zeugnis der Mutter sollen in der Familie Geisteskrankheiten vorgekommen sein. Der Kaufmann Arnsdorfs aus Rixdorf, bei welchem her Ange« klagte seinerzeit beschäftigt gewesen war und dem er, wie schon er- wähnt, mehrere Schlüssel gestohlen hatte, bekundete, Tippe habe sich zuerst ganz anständig benommen und sich auch gut geführt, später sei er dagegen wiederholt zu ihm frech geworden. Er habe Tippe schließlich wegen des Schlüsseldiebstahls entlassen, da er be» fürchtete, daß T. bei ihm einen Einbruchsdiebstahl begehen wollte. Die Schwester des Angeklagten, Ida Tippe, war vom Juni bis 23. Oktober bei den Eheleuten Tetzke als Dienstmädchen in Stellung. Ihr Bruder hat sie oft besucht und von ihr erfahren, daß die TetzkeS des Sonntags nach Lichtenrade fuhren und etwa um 9 Uhr zurückkehrten. Ihr Bruder hat es gesprächsweise ge« hört, daß Tetzke im Schreibtisch Geld und Papiere aufbewahrte, Unter den weiteren Zeuge» befindet sich auch die Freundin der ermordeten Frau Tetzke, die Modistin Untucht, welche den Vorgang an dem Sonntag vor dem Morde schildert, an welchem Tippe sich angeblich nur nach dem Grunde der Entlassung seiner Schwester bei Tetzke erkundigen wollte. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er nicht schon an diesem Tage hingegangen sei, um zu stehlen, erklärt der Angeklagte, daß er nur wissen wollte, weshalb seine Schwester entlassen sei, da er seinem Vater Bescheid schreiben wollte. Dr nächste Zeuge. Monteur Knab, war im Nebcnhause be- schäftigt, und ist seinerzeit mit Tippe bekannt geworden. Eine? Tages habe er ihm, wie der Zeuge bekundet, folgende Geschichte erzählt: Er sei, als er Porträtreiscnder war. einmal in der Elek- irischen mit einem eleganten Herrn, der eine BrillantschlipSnadcl und große Brillantringe getragen habe, bekannt geworden. Als der Herr dann am Alexanderplatz ausstieg, sei er. Tippe, diesem un» auffällig gefolgt, bis er in ein Haus hineingegangen sei. Er habe sich dann bei der Portierfrau als Kriminalbeamter ausgegeben unv gefragt, wie der Herr heiße, der eben in das HauS hineingegangen sei. Auf diese Weise habe er erfahren, daß der Mann Mendelsohn heiße. Er habe dann die Absicht gehabt, diesen zu überfallen, sei aber dabei gestört worden und habe die Flucht ergriffen. Er sei über mehrere Dächer gelaufen und schließlich in eine Waschküche hineingeklettert, die aber verschlossen gewesen sei. Er habe dann die Tür aufgebrochen, dabei aber immer daS Brecheisen in der Hand ghabt. Wenn eine Frau nach oben gekommen wäre— so habe N-chpe gesagt—, hätte er sie einfach zusammengeschlagen.— Der Zeuge hat dann, da er neugierig geworden war. gerne wissen wollen, worauf Tippe hinauswolle und hat deshalb weiter gefragt. Tippe erzählte ihm dann, daß er in der Potsdamer Straße bei einem Damenschneider eine gute Sache habe, es sei nur schade, daß er seinen, Revolver nicht mehr habe, der ihm in Hamburg abge» nommen worden sei. Auf seine Frage, was er getan hätte, wenn er überrascht worden wäre, habe Tippe geantwortet, wer ihm in den Weg komme, de» steche er nieder und springe an ihm vorbei. Auf die Frage des Borsitzenden, waS er hierzu zu sagen habe, ant» wartet Tippe: Das ist ja Blödsinn.— Bors.: Solche Ausdrücke ge» brauchen Sie hier lieber nicht. Auf eine weitere Frage des Rechts- anwoltö Dr. Jaffa erklärt der Zeuge, daß er nicht bestraft fei, und daß er die ganze Geschichte bald darauf dem Gastwirt Lirabert er, M!t. der fegfeei gesagt Me; Der NUß feerMt teill. Der Zeuge Gärtner� Friedrich Neins ist derZenige, der die Polizei auf die richtige Spur des Täters geleitet hat. Er hat den Angeklagten bei dein sogenannten Arbeitsnachweis„Vollswohl" in der Linkstrahe kennen gelernt und nach dem gemeinschaftlichen Weggange von dort hat ihm der Angeklagte gesagt, er wisse, wo etwas zu machen sei. Er zeigte ihm unterwegs auch die von ihm gestohlenen Papiere auf den Namen Hermann Thiele und ging mit dem Zeugeit die Potsdamer Straße herunter. Er sprach dann näher über seinen EinbruckBPlan und als sie vor dem Hause Pots- damer Straße 83 vorbeikamen, zeigte der Angeklagte nach der Tetzkeschen Wohnung hinauf und �erklärte dem Zeugen, daß der «Einbruch bei den dort wohnenden Schneidersleuten stattfinden solle. Er suchte vergeblich den Zeugen zu überreden, an dem Einbruch teilzunehmen und bedauerte, daß er seinen Revolver nicht habe, weil ihn die Tetzkeschen Eheleute doch kannten. Dann habe der Angeklagte alier auch wieder gesagt, er wolle den Revolver nur zmn Schrecken gebrauchen, denn er sei kein Freund von Hinrichtungen. Ter Angeklagte habe dem Zeugen auch erzählt, daß er schon am Dienstag im Hause gewesen sei und sich orientiert habe. Nach der weiteren Bekundung des Zeugen hat ihm der Angeklagte auch noch den Plan zu einem anderen Verbrechen mitgeteilt, das er ausführen lvolle, wenn die Sache bei TetzkeS nicht gelingen sollte. Er wisse, daß die Frau des Geschäftsinhabers in Rixdorf, wo er als.Hausdiener tätig gewesen sei, in der Zeit von 4—8 Uhr nach- mittags allein in der Wohnung sei. Er wolle in die Wohnung eindringen, der Frau einen Revolver vorhalten, um sie zur Heraus- Habe von Geld zu zwingen. Er fügte noch hinzu, daß er vor dem äußersten nicht zurückschrecken würde. Die Zeugin Frau Pauline Lüdrcke, Portiersfrau im Hause Potsdamer Straße 83, gibt der Schwester des Angeklagten, dem Dienstmädchen Ida Tippe, kein gutes Zeugnis. Die letztere habe bei einem kleinen Streit ihr zugerufen:„Ich werde es meinem Bruder sagen, dem kommt es auf ein paar blaue Bohnen und auf ein Menschenleben gar nicht an. Na warten Sie nur, Sie werden etwas erleben und die da oben werden an mich denken." Die Zeugin Ida Tippe bestreitet entschieden, diese Worte gebraucht zu haben, Frau Lüdecke bleibt jedoch ebenso entschieden bei ihrer Be- Häuptling. Ihr ist es auch vorgekommen, als ob zwei Menschen nach der Tat aus dem Hause herausgestürzt seien.— Borsivender: Wenn Sie so durch das Fenster gestiegen sind, wie Sie es hier ge- schildert haben, so ist eigentlich schwerlich anzunehmen, daß Sie dies ohne Unterstützung eines anderen vollbracht haben können. Sagen Sie doch in vollem Unifange die Wahrheit.— Angeklagter: Wenn noch einer dabei gewesen wäre, hätte ich es schon gesagt. Es war aber kein zweiter dabei. Der Zeuge Restaurateur Grabert bestätigt, daß der Angeklagte bei ihm verkehrt und vielfach sich bei Prämienschießen nach der Scheibe mitbeteiligt habe. Er habe auch recht gut geschossen. Richtig sei es. daß der Zeuge Knab ihm eines Tages mitgeteilt habe, dag Tippe ein ganz gefährlicher Mensch zu sein scheine, denn er habe ihm von einem Plan erzählt, wonach er einen Raubanfall auf die Frau seines früheren Arbeitgebers ausführen wollte. Tippe sei ihm manchmal nicht ganz richtig vorgekommen, denn er habe vielfach über Schmökern grübelnd dagesessen, sei dann wieder plötzlich aufgesprungen und habe sonderbare Reden geführt. Der in dem Hause Potsdamer Straße 83 wohnhafte Rechts onwalt Borchert hat, als er an dem Mordtage abends noch einen Brief zur Post bringen wollte, das Ehepaar Tetzke auf der Treppe getroffen. Als er dann zurückkam, hörte er einen Menschen, der, wie sich später herausstellt«, der Angeklagte Tippe war, in sehr schnellem Tempo, immer eine Stufe auslassend, die Treppe her- unterkommen. Der Zeuge hat dem Tippe noch zugerufen: Na, na, was soll denn das! Als er dann die Treppe weiter hinaufging, fand er den Ehemann Tetzke vor der Korridortür auf der Erde liegen. Er habe den T. nicht gleich erkannt, sondern erst die Portierfrau habe ihn als Tetzke bezeichnet. Der als Zeuge vernommene Untersuchungsrichter, Land- gerichtsvÄ Rahncr äußert sich hauptsächlich über die BeleuchtungS- Verhältnisse in dem Zimmer, die er als soweit ausreichend be- zeichnet, daß man einzelne Gegenstände in der Wohnung erkennen rann. Der Kriminalkommissar Nasse I. der die Ermittelungen in dieser Sache geleitet hatte, bekundet, daß die Kriminalpolizei nach eingehender Besichtigung der Wohnung sofort zu der Uebcrzeugung gekommen sei, daß nur jemand in Frage kommen könne, der mit den örtlichen und auch den privaten Verhältnissen in der Familie Tetzke sehr gut vertraut sein mußte. Als Tippe dann in der Woh- nung seiner Schwester in der Sedanstratze verhaftet wurde, habe er höchst entrüstet getan und zu ihm gesagt:„Aber, Herr Kommissar. etwas Derartiges brauchen Sie mir nicht zutrauen, so etwas hätte ich vielleicht früher vor meiner ersten Strafe getan." Bei dieser Vernehmung habe Tippe die Sache sehr scherzhaft aufgefaßt und wiederholt gelacht, so daß er, Zeuge, sich dies verbeten habe. Erst als er ihm das ganze Belastungsmaterial vorgehalten habe, sei Tippe plötzlich zusammengeklappt und habe gesagt:„Ich bin der Täter, ich habe beide erschossen!" Tippe habe hierbei aber gleich gesagt, er habe nicht von vornherein die Absicht gehabt, einen Menschen zu töten, er habe vielmehr nur stehlen wollen. Der Sachverständige. Hofbüchkenmacher Varella, gibt hierauf «in längeres Gutachten über die Schußwaffe selbst ab, mit der er verschiedene Experimente vorgenommen hat. Durch diese Versuche sei er zu der Ueberzeugung gekommen, daß der auf die Ehefrau Tetzke abgegebene Schuß nicht, wie der Angeklagte behauptet, aus größerer Entfernung, sondern höchstens aus der Entfernung von etwa 33 Zentimetern auf die Getötete abgegeben worden sein müsse. — Der nochmals vorgerufene Kriminalkommissar Nasse I bekundet, daß auch bei dem Ehemann Tetzke ganz deutliche Pulvereinspren- gungen zu konstatieren gewesen waren, so daß auch dieser Schuß anscheinend aus unmittelbarer Nähe abgegeben worden war. Uns der frauenbewegimg« Lerfassungsiinderung zwecks Einführung des Fraucnstimm- rechts in der Schweiz. Im Kanton Zürich findet am 23. Januar eine Volksabstimmung statt über vier Gesetzesvorlagen(siehe unter„Schweiz"), wovon die eine die Revision der Kantonsverfassuug zum Zwecke der Ein- führung des Frauenstimmrcchts betrifft. Der vorgeschlagene neue Verfassungsartikel lautet:„Die Gesetzgebung hat zu bestimmen, inwieweit bei der Besetzung öffentlicher Aemter das Stimmrecht und die Wählbarkeit auch Schweizer Bürgerinnen verliehen werden können". Es handelt sich also nicht um die Statuierung der glatten politischen Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern, son- dern nur um die verfassungsmäßige Festlegung des Grundsatzes der aktiven und passiven Wahlberechtigung des weiblichen Ge- schlechts, dessen praktische Anwendung von Fall zu Fall der Ge- setzgebung vorbehalten bleibt. Der Regierungsrat sagt zur Be- gründung der vorgeschlagenen Verfassungsänderung, daß sich schon seit einer Reihe von Jahren die zürcherischen Behörden mit der Frage zu befassen hatten, ob und in welchem Maße den Frauen das Recht zur Anteilnahme an der öffentlichen Verwaltung von Staat und Gemeinde eingeräumt werden soll. Dann wird u. a. ausgeführt: Es ist nicht zu verkennen, daß die Stellung der Frau im praktischen Leben durch die wirtschaftliche Entwickelung der letzten Jahrzehnte eine ganz andere geworden ist, als sie es früher war.. Nun ist ja freilich sicher, daß das Bedürfnis nach der Mitarbeit der Frauen in öffentlichen Angelegenheiten nicht überall gleich entwickelt ist. Es kann daher auch keine Rede davon sein, das weibliche Geschlecht in der Beteiligung an der Staats- und Ge- meindeverwaltung ohne weiteres dem männlichen gleichzustellen; . die weitere Zukunft wird erst zeigen müssen, in welchem Umfange diese Gleichstellung sich als wünschbar und für das Wohl der Ge- famtheit als nutzbringend erweisen kann.... Die Vorlage ist von keiner Seite bekämpft, wird also voraus- sichtlich in der Volksabstimmung angenommen werden. Geridns- Leitung. Bestechliche Presse. Die Frage der Bestechlichkeit der Presse spielte in einer Be- leidigungSklage eine Rolle, die der Schriftsteller A. O. Weber gegen den verantwortlichen Redakteur der„Königsberger Hartungschen Zeitung" Saß angestrengt hatte. Sie kam am Mittwoch zum AuS- trag vor dem Charlottenburger Amtsgericht. Gegen Weber hatte der Pfleger seiner Frau einen Prozeß an- gestrengt, in dem er verlangte, dem Beklagten solle die Verwaltung des Vermögens seiner Frau(frühere v. Schönebeck) entzogen wer- den. In diesem Prozeß hatte Weber nach Prozeßberichten vor dem Kammergericht behauptet, einen Posten von 3030 M. in seiner Auf- stellung über die Verwendung der Gelder seiner Frau sei verwandt, um einigen Zeitungen, namentlich ostpreußischen, Annoncen zu- zuwenden, damit diese Schmähartikel unterdrücken. Diese Behaup- tung hatte die„Königsberger Hartungsche Zeitung" als gewissenlose Ehrabschneiderei gekennzeichnet. Deshalb klagte Weber. In dem Termin erklärte er, er bestreite, daß er oder sein Rechtsbeistand. Rechtsanwalt Beyer, vor dem Kammergericht die vom Beklagten kritisierte Aeußerung getan habe. Ich habe, sagte er, aber tatsäch- lich oftpreußischen Zeitungen Annoncen zugewendet in der Absicht, Schmähartikel zu verhindern. Ich habe mir gesagt, wenn ich den Zeitungen große Inserate aufgebe:„Na, da wird man doch auf mich als Inserenten auch Rücksicht nehmen!" Ich habe auch gewissen Zeitungen die Annoncen rein in der Absicht gegeben, um Schmäh- artikel zu verhindern. Ich hätte z. B. einem Blatte mit so geringer Auflage wie die„P o st" in Berlin aus geschäftlichen Gründen nie- mals Annoncen gegeben. Es war mir aber mitgeteilt worden, daß Dr. Russak gegen mich einen Schmähartikel schreiben werde, und da habe ich mich gewvgen gefühlt, zu inserieren. ES ist bann auch kein Angriff gegen mich erfolgt. Ich habe noch heute die Ueber- zeugung, daß in der Presse derartiges geschieht, wenn man eS auch nicht zugibt. Ich würde die Erklärung annehmen, aber die Ein- schränkung machen, daß ich gewissen Zeitungen in dieser Absicht Annoncen gegeben habe. In dem Prozeß behauptete weiter Weber: Soweit ich unterrichtet bin, wurden Herrn Gerlach von der„Allen- steiner Zeitung" schon vor zwei Jahren von meinem Schwager, Hauptmann Karl Lüders, 330 M. angeboten, und er hat die 300 Mk. genommen. Herr Lüders hat nnr dann vor dem Prozeß geschrieben: die„Allensteiner Zeitung" habe einen günstigeren Standpunkt ein- genommen, nachdem er mit dem Redakteur„vernünftig" geredet habe. Mein Schwager hielt es für angebracht, ihm noch weitere 300 M. zu geben. Diese Zuwendung lehnte aber Herr Gerlach mit der Motivierung ab. daß der Prozeß nun zu nahe bevorstehe. Darauf sagte ich mir, wenn er direkt kein Geld nehmen wolle, dann will ich der„Allensteiner Zeitung" Annoncen zuwenden. Sie hat auch von mir mit Wollust für mehrere hundert Mark Annoncen aufgenommen. Ich hätte aus geschäftlichen Gründen nicht nötig gehabt, in Allenstein zu inserieren. Nicht 3000 M.. sondern 11 000 Mark habe er zur Fütterung von Zeitungen mit Annoncen aus- gegeben. Große Zeitungen kämen dabei allerdings nicht in Frage. Der Prozeß endete schließlich mit folge, idem Vergleich:«Der Privatkläger bedauert, daß seine bezw. seine? Anwalts, Rechts- snlvaltS Beyers, AeußeruttgcN zu der Auffassung Anlaß gegeben haben, daß et die„Königsberger Hartungsche Zeitung" durch den Vorwurf der Bestechlichkeit beleidigt habe. Der Privatklägec nimmt nunmehr und mit Rücksicht darauf, daß der Zweck seines Artikels, die Namen der Redakteure zu erhalten, die sich der Be- stechung zugänglich gemacht haben sollen, durch die Verhandlung er- reicht ist, den Ausdruck„gewissenloser Ehrabschneider" mit Be- dauern zurück. Er wird diesen Vergleich innerhalb einer Woche in der„Hartungschen Zeitung" an der Spitze des lokalen Teils ver« öffentlichen. Die Kosten des Verfahrens übernimmt der Privat- beklagte." '* Die„Post" erklärt in ihrer gestrigen Nummer, soweit Webers Behauptung sich auf den neuen, seit dem 1. Juli be- stehenden Verlag der„Post" beziehe, sei Webers Behauptung eine bewußte Unwahrheit. Dr. Russak sei schon vor Uebernahme der Zeitung durch den neuen Verlag aus dem Redaktionsverband geschieden. Er habe keinerlei Einfluß auf die Aufnahme eincS Artikels gehabt und sei dem jetzigen Verlag ganz unbekannt. Ob der neue Verlag oder der alte Verlag der„Post" in Frage kommt, interessiert erst in zweiter Linie. Eine Aufklärung zu der Beschuldigung WeberS gegen das bekannte Scharfmacherblatt die„Post" und gegen Dr. Duffak gibt weder der neue Verlag noch die Redaktion der„Post". Eine solche darf man aber erwarten, wenn nicht die Beschuldigung des Schriftstellers Weber für wahr gelten solle. Die„Post" und die„Allensteiner Zeitung" haben die Mittel in der Hand, gerichtlich festzustellen, ob die Webersche, gegen sie spezialisiert gerichtete Behauptung wahr ist. Sind die Webersche», Darlegungen wahr, so sind sie ein netter Beitrag für die Grundsatz- losigkeit und Bestechlichkeit bürgerlicher Pretzorgane. Nach den Eni- hüllungen im Prozeß gegen die„Wahrheit" über den Charakter konservativer Hetzorgane dürfte die moralische Pflicht gerichtlicher Feststellung des Sachverhalts besonders stark sein. Ist ein einfaches Versprechen klagbar? Verbindlichkeiten entstehen in der Regel nur auf Grund cineS bestimmten Schuldverhältnisses(Darlehen, Arbeitsvertrag, Miete usw.). Ein Schuldversprcchen, ohne daß ein Grund für die Abgabe des Versprechens besteht, ist nach tz 780 des Bürgerlichen Gesetzbuchs nur gültig, wenn es schriftlich ist. Es ist das das so- genannte abstrakte Schuldverhältnis.§ 350 des Handelsgesetz» buches schließt nun das Erfordernis der Schriftlichkeit aus, wenn es sich bei dem Versprechen um ein Handelsgeschäft handelt. Für Kaufleute und Handelsangestellte von Interesse� ist ein am Mittwoch vom Reichsgericht gefälltes Urteil. Es bejaht die Frage, ob daS mündliche Versprechen des Prinzipals, dem An- gestellten eine Entschädigung zu zahlen, gültig ist. Der Prozeßstoff behandelt eine Klage des Photographen ff. in Berlin gegen das Warenhaus Hermann Tietz in Berlin. Kläger ist bei einer Blitzlichtaufnabme. die er als Angestellter des photo- graphischen Ateliers des Beklagten vornahm, verunglückt. Er klagte auf Schadloshaltung und machte unter anderem geltend. daß der Beklagte ein halbes Jahr nach dem Unfall ihm erklärt habe: er solle die Sache nur ruhen lassen, denn er könne sich auf sein Wort verlassen, daß er anständig entschädigt werde. Infolge- dessen ist auf einen Eid des Beklagten erkannt worden, daß er eine solche Zusicherung nicht gemacht habe. Das Landgericht Berlin wies dei Klage ohne Berücksichtigung des Eides ab, weil in der erwähnten Zusicherung des Beklagten e,ne verpflichtende Erklärung nicht enthalten sei. Dagegen hat das Kammcrgericht zu Berlin die Klage für den Fall der Ver» Weigerung des Eides als gerechtfertigt anerkannt. Schwört der Beklagte, die Zusicherung nicht gemacht zu haben, so gilt die Klage als abgewiesen. DaS Kammergericht erblickt in der Zu- sicherung des Beklagten ein abstraktes Schuldversprechen, für da» nach§ 350 des Ha nde ls ge setzb uches die schriftliche Form nicht er- forderlich ist. Es habe sich darum gehandelt, wer die Schuld an dem Unfall zu tragen habe. Durch die Zusicherung habe der Beklagte seinem Willen Ausdruck verliehen, die Ersatzpflicht, ab- gesehen von allen anderen Feststellungen, anzuerkennen. Gegen das Urteil des Kämmergerichts hatte der Beklagte Revision beim Reichsgericht eingelegt. Der 3. Zivilsenat wies die Revision als unbegründet zurück und bestätigte damit das Vorderurteil._ vvasserltanvs.vla-vrtivte» »asserstand Memel, Tilgt B r e g e l. gniterdma 93 e i ch i e l, Tborn Oder, Rattbor . lbroife» . Krantlnrt Warthe, Schrimm , Sandsberg Reh«, Lordamw Elbe, Letnnentz . Dresden ,«arbv . Magdeburg st+ bedeutet Vucks,— stall. *) EiStreiben.— st Eisbewegung. — st llnierpegel.— st Eisstand.— Konsumverein für Tegel ---------------- and Umcegend, 1 1 Freitag, den 6. Februar, adends 8 Uhr. in Trebefch» FeftfSlrn, Bahnhofstrafte 1: ZZI General-Ter samminiig. TageS-Ordnung: 1. HalbjahrSbericht. 2. Verlelung des RevistonSberichtS. S. Ergän» zungSwahl des AufsichtSrateS. 4. Vereinsangelegen heiten. Der Auffichtsrat 103/8 des Konsumvereins für Tegel und Umgegend, «ingetragene Genossenschast mit beschränkter Hastpflicht, Baindt, Vorsitzcndcr._ Jeiiiner Irleiter- Haillalirer-Ifereiir Ritglied de» Arbeite«' Radsahrer-vunde» »eolidarität-. Touren zum Sonntag, 29. Januar. Sämtlich» Abteilungen: VI, Uhr: Steglitz(Birkenwäldchen). den bekannten Stellen. Start an 10/2 Jutaster-CoapoM'Jiesie, wunderbare Frühjahrs- Neuheiten für Anzöge, Ulster, Kostüme etc., Meter 3.-~, 4.—. 5.--. Sirichhaar- Loden, imprägniert für Weiter- Pelerinen, Meter 1,50, 2.—. Tuchlager Geriraadtea- straße 20-21, Koch& See/and, Gesellschaft m. b.H., vis-a-vis d Petrikirche. Tcrleih-lnstltnt: FriedriohtU 15/1, a.Orabg. "Xor. Eleg. Frack, Gehrock 1.5a$ofel,00. Weste 50Ps. ZOMAROM Bouillonlllürfel derbeste und billigste Nährmlltellabrik„Zomarem" MBnchen, RromenadestraSe 8. Genoralvertreter: Alfred Hirsch, Berlin W. SO, Bamberger Straße 45. Fernsprecher: Amt VI No. 5737. Zigarettenfabrihanten, die w der Lag« find, wirklich gute Qualitäten zu liesern und nicht dem Maplcenschutzverband wen ersucht, zwecks Lieferung an dl« Mitglieder der Freien der Zigarrenhändler Groft'BerltnS Offerten nebst Muster nden Q. lllcbalüby, BSeiftcusce. Berliner Allee Sit, =„SilesiasBad": 11242* SehlesUche Str. 81 Alle Arten medlxiulache Bttder. 1 I Lieferant aller Kassen. Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin, Für den Inseratenteil verglUV..: Ttz, Glocke, Lerlisi, Drück L. Verlag t PorwärtI Aßchdryckerci u. Pcrlogsanstalt Patzl Singer u-Cp-,. Berlin SW» angehören, werden ersucht, zwecks Lieferun veretniguug der.�...... an den Vorfitzenden umgehend einzusenden. Auf Wunsch Muster retour. f .____ Dämon ckie die Rundtänie schon tsozen junge lydlllCII, können, können an dem Sonntag, den 29. Janaar. nachmittags 3 Uhr, beginnenden Kurana kür Contre-Taaz, Quadrille H la eour, Fiprentioze teilnehmen. Honorar mlBIg. Mlltwocb, den I. Febrnar, abends 8 Uhr, im Artnsbot, Perleberger Str. 26, bolnrnt Februar-Kursus � hS Anmelduniea erbitte rechtzeitig vor Beginn des Unterriohts sowie in meiner Wohnung Wrangelitr. 107, Amt 4, 10381 zu richten. Hochachtungsvoll Richard Heinrich, Tanzlehrer. t ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ; ♦ ♦ Zur 2. Klasse(Ziehung 10. und II. Februar) Preuss- Lotterie '/«'/«'/» Original-Lose (Porto 13 Pk.) «. MllllBr, ' IM» Dm 10/11, 14/3» nahe Hermannpl. Dr. 23. 28. Zahrgavg. 2. KkilM te Joniörts" Strüntt lolblilntt. fttituü, 27. laut« 1911 Stadtverordneten-verlammlnng. 4. Sitzung vom Donnerstag, den 26. Januar, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Michelet eröffnet die Sitzung nach 5� Uhr mit Worten ehrenden Nachrufs für den gestern verstorbenen Stadtrat Dr. Mün st erber g. In die Stiftungsdeputation ist für den verstorbenen Stadt- verordneten Seeger Ersatz zu wählen. Vorgeschlagen ist Stadtver- ordneter George(Fr. Fr.), gemeldet Leid(Soz.). Gewählt wird George mit 57 gegen 33 Stimmen. Den Ankauf der Wuhlheide hat der niedergesetzte Ausschuß einstimmig gutgeheißen. Referent ist Stadtv. I a c o b i(A. L.). Der Ausschuß hat die Bildung eines eigenen Gutsbezirks als die Voraussetzung für die Annahme des Vertrages mit dem Forst- fiskus angesehen. Stadtv. Goldschmidt(N. L.) befürwortet einen Antrag, der diese Voraussetzung noch ausdrücklich als Bedingung der Annahme erklären will. Er verweist auf den inzwischen dem Landtage vor- gelegten Entwurf eines Zwangszweckverbandes, wonach Berlin nur % der Stimmen erhalten, aber% der Kosten tragen soll. Nach einer Erwiderung des Kämmerers gelangt die V o r- läge mit dem Antrag Goldschmidt,„die bestimmte Erwartung auszusprechen, daß die Bildung eines selbständigen Gutsbezirks erfolgen wird", zur Annahme. Mit der Einräumung eines Erbbaurechts für 86 Jahre auf dem städtischen Gasbehältergrundstück an der Augsburger Straße an die„Berliner Eispalast-Gesellschaft" hat sich der ein» gesetzte Sonderausschuß einstimmig einverstanden erklärt und den vorgelegten Vertragsentwurf gebilligt. Ohne Debatte tritt die Versammlung dem Ausschußantrage auf Genehmigung bei. Die am 16. November 1916 einem Ausschuß überwiesene Vor- läge betreffend 1. die Leitsätze für die Bewirtschaftung der Güter und Rieselfelder der Stadt Berlin, und 2. die Herstellung von Bau- lichkeiten auf den städtischen Gütern, die Vornahme von maschi- nellen Aenderungen an den P u m p st a t i o n e n I und VII, sowie den Ankauf eines D a m p f f l u g e s für 66 666 M. für die südlichen Administrationsbezirke hat drei Ausschußsitzungen in An- fpruch genommen. Mit allen gegen zwei Stimmen hat der Aus. schuß der Versammlung empfohlen,„sich damit einverstanden zu erklären, daß nach den Leitsätzen weitergearbeitet, und daß mit der seit kurzem nach kaufmännischem Prinzip begonnenen Rechnungs- legung fortgefahren werde". Von den Bauten haben nur da? Sägewerk in Hobrechts- � felde und die Chaussee B u ch— Sch ö n e r l i n d e lebhaste Anfechtung erfahren; die Anträge der Gegner sind aber ebenfalls gegen zwei Stimmen abgelehnt worden. Referent ist Stadtv. Modler(A. L.). Stadtv. Mommsen(Fr. Fr.): Auch wir stimmen heute den Ausschußanträgen zu: damit«vollen aber meine Freunde sich be- züglich der Leitsätze für die Zukunft nicht binden lassen. Stadtv. Rettig(A. L.) empfiehlt die Zustimmung zu den Aus- fchutzanträgen. Stadtrat Marggraff: Die Kanaldeputation wird niemals ohne die Zustimmung der Versammlung vorgehen; sie hält sich keineswegs für unfehlbar. Die Ausschußanträge werden einstimmig angenommen. Vom Stadtv. L a d c w i g(N. L.) ist mit Unterstützung von Mitgliedern der Alten Linken und der Freien Fraktion der A n- trag eingebracht: „Den Magistrat zu ersuchen, als neue Straßennamen eine „Albert Niemann-Straße", eine„Friedrich Haase-Straße", eine „Josef Kainz-Straße" und eine„Matk'owsky-Straße" zu schaffen." Unter lebhaften Zurufen und wiederholter Heiterkeit der Ver- fammlung erhält Stadtv. L a d e w i g das Wort. Unmittelbar vorher wird ein Antrag verlesen,„den Antrag dem Magistrat mit dem Ersuchen zu überweisen, Straßen nach den Namen b e r ü h m- ter Männer in Literatur. 5hinst und Wissenschaft(Vielfache Rufe: Ladewig I und stürmisch« Heiterkeit) zu benennen." Der Antragsteller erklärt unter fortdauernder Unruhe und Heiterkeit der Versammlung Albert Niemann für den größten Darsteller unter den Sängern, und hält es für eine Ehrenpflicht Berlins, die Größen der Schauspielkunst, auch die bereits der Ge- schichte angehörenden, wie Helmerding(Heiterkeit) u. a. auf diese Art zu ehren. Stadtv. Cassel(A. L.) hält die Anregung für wohl beachten?- wert. Einzelne Namen auszuwählen sei aber nicht richtig, da zahlreich« andere das gleiche Recht hätten. Es müsse angenommen werden, daß der Magistrat in der Richtung des Antrages gern wirken werde, den er mit den Kollegen Mommsen und Rosenow gestellt habe. Der Antrag L a d e w i g wird zurückgezogen, der An- trag Cassel gelangt zur Annahme. Zur sofortigen Aufnahme der AptierungSarbeiten auf dem neuen Fr,edhofsgeländeinBuch sollen 25 OOO M. bewilligt und auf den Fonds für unvorhergesehene Ausgaben übernommen werden. Die Versammlung stimmt zu. Der Magistrat beabsicktigt. einer Reihe von gemeinnützigen Anstalten. Vereinen, Gesellschaften usw. im nächsten Etat er- höhte oder neue Zuwendungen zu machen und teilt die Liste derselben mit. Insgesamt sollen 15 Zuwendungen erhöht, 13 neu eingestellt werden. Beabsichtigt ist u. a. die Erhöhung der Zuwendung an den Hauvtverein Kinderbort von 12 666 auf 18 666 M., an den Verein Mädchenhort von 7666 auf 12 666 Mk., an das Lokalkomitee Groß-Berlin deS Deutschen Zentralkomitees für Schulzahnpflege von 16 666 auf 15 666 M., an das Zentral- komitee der Auskunst- und Fürsorgestellen für Lungenkranke und Alkoholkranke in Berlin und Vororten von 25 666 auf 36 666 M., an die Zentrale für private Fürsorge von 3666 auf 5666 M., an den Verein für die Berliner Arbeiterkolonie von 2666 auf 3666 M., an den Gemeinnützigen Verein für Rechtsauskunft in Groß-Berlin von 5666 auf 9666 M.. an den Zentralverein für Arbeitsnachweis von 59 666 auf 89 666 M. An neuen Zuwendungen sollen u. a. erhalten: Die Vereinigung zur kirchlichen Fürsorge für die Fluß- und Kanal- schiffer 2666 M., die Lampsonschen Kinderarbeitsstätten 1566 M., das Deutsche Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik in München 166 M., das Zellerhaus(Rettungsheim für verlassene und gefährdete Trinkerkinder) 2666 M., der Verein für Krankenküchen 3666 M., der Hauptausschuß zur Förderung von Leibesübungen in Groß-Berlin 1666 M. der Berliner Frauenverein gegen den Alkoholismus 1666 M., der Verband deutscher Berufs- feuerwehren 200 M.. der Organisationsausschuß für den deutschen Ueberlandwettflug 36 666 M. Stadtv. Liebenow(A. L.) beantragt Ausschußberatung, da über jede Position eingehend beraten werden müsse. Geprüft werden sollte zumal, ob gewisse Vereine, die bald nach ihrer Grün- dung notleidend würden, tatsächlich die Unterstützung der Stadt verdienten. Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): Auch wir sind für Ausschuß- b e r a t u n g. halten aber für nötig, sofort näher auf die Vorlage einzugehen. Es kommen allerdings auch Vereine in Betracht, denen man sehr genau auf die Finger sehen muß; im wesentlichen aber handelt es sich doch um Aufgaben, die hier in Berlin nach altem, probatem Rezept der privaten Wohltätigkeit überlassen werden, während deren Erfüllung nach unserer Ansicht der Stadt obliegt. Ein solcher Verein wirkt zuerst im Kleinen; bald aber verschwindet der Enthusiasmus der ersten Spender; beim Wachsen seiner Verpflichtungen gerät der Verein in eine immer größere Geldklemme und schließlich geht er an den Slllvater Magi- strat. Daß soviele Vereine derart sich bilden, daran ist die Untätig- feit, die mangelnde Initiative der Stadt schuld; sie glaubt sich durch eine Art Subbentionspolitik loskaufen zu können. Zahlreiche Ver- eine, die sich als durchaus existenzberechtigt erwiesen haben, ist die Stadt schließlich gezwungen worden zu übernehmen, wenn sie den guten Zweck nicht notlciden lassen wollte. Wir meinen, in dem Kampf gegen Armut, Elend und Not ist es Sache des Staates und der kommunalen Korporationen, diese Aufgaben zu erfüllen, kann aber auf die Dauer nicht Sache der privaten Wohl- tätigkeit sein. Diese unsere Auffassung dringt erfreulicherweise auch immer mehr in die bürgerlichen Kreise ein. Der Vorstand des Vereins„K i n d e r h o r t", an dessen Spitze Stadtschulrat Fischer und Kollege Gericke stehen, hat uns eine Eingabe gemacht, in der er eine höhere Subvention von 29 966 M. verlangt, weil die privaten Mittel immer geringer zuflössen usw. In der Eingabe heißt es ferner:„Für solche Schädigungen, die die Gesamtheit durch ihr wirtschaftliches Leben erzeugt, mutz auch die Gesamtheit eintreten; Wunden, die das Volk schlägt, muß es auch heilen." Vor solcher Auffassung kann ich nur meinen Respekt bezeugen. Der kommunal-sozialistische Bazillus hat also schon sehr erheblich um sich gegriffen. Der Magistrat erklärt nun. die Ge- Währung des Verlangens des Vereins würde für den Verein die Gefahr mit sich bringen, daß die in freier Liebestätigkeit dargebotene Mithilfe und Miterziehung Schaden leiden würde. Mit gleicher Motivierung lehnt er auch die Forderung des Vereins„Mädchen- Hort" ab. Es steht fest, daß in Berlin noch immer 16 666 Gemeinde- schulkinder in ihrer schulfreien Zeit der notwendigen Aufsicht und Erziehung entbehren. Welche großen sittlichen und körperlichen Gefahren dies im Gefolge hat, brauche ich nicht auszumalen. Der Magistrat will auch den Zentralverein für Arbeitsnachweis um 16 666 M. höher subventionieren. Der Etat des Arbeitsnachweises balanziert mit 169 666 M., und der Magistrat würde damit bei städtischer Verwaltung des Nachweises nicht auskommen, aber mit der Zuwendung von 16 666 M. ist es nicht getan; es bleiben 8666 Mark Schulden, es bleibt Flickschusterei: der Arbeitsnachweis gehörr in die Verwaltung der Stadt! Das Zentralkomitee für Zahnpflege soll 5666 M. mehr erhalten; voriges Jahr baten wir ihn vergeblich um diese Zulage. Jetzt hat sich die unbedingte Notwendigkeit herausgestellt, noch eine Klinik in Moabit zu er- richten; wie soll man mit diesen 3 Kliniken bei nur 15 666 M. Zu- schuß fertig werden? Unnütz oder mindestens nicht gehörig be- gründet sind die beantragten Zuwendungen an den gemeinnützigen Verein für Rechtsauskunft. Es sollen Berichte über die Wirk- samkeit des Vereins verbreitet worden sein, uns ist davon nichts bekannt; wir wissen nur, daß es sich um eine Art Gegengewicht gegen die Auskunftsstellcn der freien Gewerkschaften, also um eine Art unlauteren Wettbewerbes handelt. Der Verband deutscher Bcrufsfeuerwehren soll auch 266 M. erhalten; wie sollen wir dazu kommen, eine solche Subvention zu geben? Mit aller Entschieden- heit wenden wir uns aber gegen die Gewährung von 2666 M. für die Vereinigung für die kirchliche Fürsorge der Fluß- und Kanah schiffer. Wenn die Schifferkinder sonst keinen Schulunterricht er halten, dann hätte unsere Schulverwaltung dafür zu sorgen; aber unter keinen Ilmständen darf eine Vereinigung, die unter � dem Deckmantel, Kindern Unterricht zu erteilen, pietistische Zwecke verfolgt, subventioniert werden. Psäffische Tendenzen zu fördern, haben wir hier ebensowenig Veranlassung, wie voriges Jahr bei der Heilsarmee. Ich bitte Sie, im Ausschuß uns und dem Magistrat die Möglichkeit zu geben, alle erhobenen Anstände zu prüfen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Herzberg(Fr. Fr.) bemängelt, daß der Magistrat für das deutsche Museum für Naturwissenschaft und Technik in München nur den Mitgliedsbeitrag von 166 M. gezeichnet habe. Eine Reihe von deutschen Kommunen, auch das Reich, der Staat Bayern und wissenschaftliche Vereine wüßten die hohe Bedeutung dieser Anstalt anders zu würdigen. Er stellt eine Erhöhung des Beitrages dem Ausschusse anhcim. Stadtv. Goldschmidt: Auch uns erscheint es etwas eigenartig, wenn Berlin seiner Würdigung dieses Institutes lediglich durch die Erwerbung der Mitgliedschaft Ausdruck gibt. Die Reichshauptstadt sollte eine andere Stellung einnehmen. Die Kinderhorte haben in erzieherischer Richtung ihre große Bedeutung; wird zeitig das Ge nügende getan, so beugen wir sicherlich bei einer großen Zahl von Kindern der Verwahrlosung vor. Nur 4666 Kinder finden in den sämtlichen Horten Berlins Pflege, während 12— 14 666 solcher Pflege bedürfen. Daß die Beiträge nicht mehr so fließen, wie eS das wachsende Bedürfnis erfordert, veranlaßt mich gerade, au die Privattvohltätigleit zu appellieren, denn aus den Berichten geht hervor, daß die Geburts-, Finanz- und Gcistesaristokratie fast gar nichts beisteuert. Die erhöhte Subvention für den gemeinnützigen Verein für Rechtsauskunft kann ich nur befürworten; ich sehe in dem'Verein kein Konkurrenzunternehmen gegen dje Rechts- auskunstsstellen der Gewerkschaften und Gcwerkvereine. Der bisherige Beitrag Berlins steht nicht im Verhältnis zu dem, was andere Städte geben. Die 36 666 M.-Subvcntion für Flugver- suche zu bewilligen, scheint mir doch bedenklich. Die Kühnheit der Flieger wird zweifellos auch durch die hohen Preise angestachelt, und immer neue Opfer fordert der Flugsport. Stadtv. Cassel bittet den einzusetzenden Ausschuß, die Unter- stützung für den Kinderhort so hoch wie möglich zu bemessen, da hier Sparsamkeit zu üben direkt zweckwidrig wäre. Die Vorlage geht an einen Ausschuß. Zur Fertigstellung des Schillerparkes weichen 388 366 M. ver- langt. Stadtv. Reimann(A. L.): Die Vorlage hat einen unangenehmen Beigeschmack, denn es handelt sich um eine Ueberschreitung von mehr als 56 Proz. Für den Schillerpark wurden 686 666 M. verlangt, jetzt erhöht sich der Bedarf ayf über eine Million! Unsere damaligen Warnungen hat der Magistrat zurückgewiesen; jetzt ist die Bescherung da! In dieser Weise darf die Verwaltung nicht weiterwirtschaften; bei Vorschlägen der Art inuß vorsichtiger zu Werke gegangen werden, sonst muß schließlich die ganze Etat- aufftellung ins Wanken geraten. Wir nehmen aber die Vorlage mit Rücksicht auf die Dringlichkeit ohne Ausschutzberatung an. Stadtv. Hintze(Soz.): Auch ivir sind für sofortige An- nähme. Bei den ungünstigen Bodenverhältnissen der Rehberge ist eS eben nicht möglich gewesen, den Voranschlag, wie auch wir gewünscht hätten, innezuhalten. Die Forderung wird bewilligt. Die Vorlagen tvegen Festsetzung de« Kostentarifs für Bcr- pflegung von Geisteskranken und Epileptischen in Dalldorf, Herzberge, Buch und Wuhlgarten für die Rechnungs- jähre 1911— 1914, betr. die Erweiterung des Operationshauses im Krankenhause Friedrichshain und betr. bauliche Verändc- rungen in der Volksbadeanstalt Turmstraße 85a werden ahne De- batte genehmigt. Der Magistrat bringt das Schreiben des Oberpräsidenten der Probinz Bva-ndenburg zur Kenntnis, wonach die StaatSregierung auf die Anstage, ob sie geneigt sei, wegen Uebertragung weiterer Zweige der Ortspolizei auf die Stadt Berlin mit dem Magistrat zu verhandeln, ablehnend geantwortet hat,„da eine Aenderung des bestehenden Zustandes zurzeit nicht in Aussicht genommen werden kann". Stadtv. Cassel: Es sind an diesen Gegenstand Anträge aus der Mitte der Versammlung geknüpft worden, die die Frattionen noch nicht haben erörtern können. Ich beantrage, den Gegenstand erst in der nächsten Sitzung zu verhandeln. Die Versammlung beschließt demgemäß. Schluß 8 Uhr._ Soziaice. Kindersegen und Gcmeindew ahlrecht. Die Novelle zum preußischen Einkommensteuergesetz vom 28. Mai 1969 hat unter anderem in das Gesetz durch§ 26a folgende Bestimmung hineingebracht:„Die in den ß§ 19 und 26 gewährten Ermäßigungen sind bei Berechnung der zu entrichtenden Steuerbcträge für Wahlzwecke außer Betracht zu lassen." Der Geschäftsgehilfe Hehr und 21 weitere Bewohner von Weigelsdorf (Kreis Reichenbach) waren für das Steuerjahr 1969 mit einem tatsächlichen Einkommen von mehr als 866 M. veranlagt worden. Wegen ihrer Kinderzahl kam ihnen jedoch die Steuerermäßigung aus 8 19 des Einkommensteuergesetzes zugute. Sie wurden des- halb nur nach einem Jahreseinkommen von 666 M. und weniger zu den Gemeindeabgaben herangezogen. Das nahm der Gemeinde- vorstand von Weigelsdorf zum Anlaß, sie nicht in die gemäß Z 39 der Landgemeindeordnung vom 3. Juli 1891 zu führende Liste der Gemeindeglieder aufzunehmen, welchen das Gemeinde» recht zusteht. Er ging davon aus, daß nach§ 41 eine der Voraus- setzungen des Gemeinderechts die Heranziehung zu den Gemeinde- abgaben nach einem Jahreseinkommen von mehr als 686 M. sei. während die Kläger tatsächlich nach einem geringeren Ein- kommen herangezogen seien. Da das Gemeinderecht zugleich das Stimmrecht umfaßt, so erhoben Hehr und Genossen nach vergeblichem. Einspruch bei der Gemeindevertretung die Klage im Berwaltungsstreitverfahrcn, mit dem Antrage, sie in die Gemeindegliederliste aufzunehmen. Sie seien mit einem tatsächlichen Einkommen von mehr als 666 M. veranlagt und nach einem geringeren nur wegen ihrer Kinder infolge Ermäßigung nach 8 19 des Einkommensteuergesetzes herangezogen worden. Da diese Ermäßigung aber nach dem zitierten 8 26s des Einkommensteuergesetzes bei Berechnung der zu entrichtenden Steuerbeträge für Wahlzwecke außer Betracht zu lassen sei, so hätte der Gemeindevorstand beziehungsweise die Ge- meindcvertretung nur die Veranlagung, nicht aber die erst infolge jener Ermäßigung ermöglichte geringere Heranziehung zur Grundlage ihres Handelns nehmen müssen. Danach hätten sie aber als stimmberechtigt in die Liste aufgenommen werden müsse», denn der veranlagte Betrag genügte an sich dem gesetzlichen Er- fordernis. Der Kreisausschuß und der Bezirksausschuß wiesen jedoch die Kläger ab. Sie erachteten die tatsächliche Heranziehung zur Gemeindesteuer für maßgebend. Für die Aufnahme in die Ge- meindegliederliste könnte der 8 26s des Einkommensteuergesetzes hier nicht verwendet werden. Die Kläger legten beim ObcrverwaltungSgericht in Berlin Revision ein. Das Oberverwaltungsgericht hob am Dienstag die Bor- entscheidung auf und entschied, daß die Kläger in die Wähler- liste aufzunehmen seien. Der§ 19 und§ 26s des Einkommensteuergesetzes, so wurde ausgeführt, bedeute einen Akt sozialer Fürsorge. Wer eine große Kinderzahl habe, solle Ermäßigungen in der tatsächlichen Heranziehung der Steuern erlangen. Und durch 8 26s solle Fürsorge getroffen werden, daß die Ermäßi- gungen nicht zu einer Beeinträchtigung des Wahlrechts führen. Diese Bestimmung sei aber absolut und müsse unter allen Um- ständen innegehalten werden, weil das Gesetz sie nicht beschränke. In der Landgemeinde sei nun zwar die Grundlage des Stimm- rechts das Gemeinderecht. Aber das Gemcinderecht werde in- sofern alteriert, daß die, die sonst das Gemeinderecht erfüllen» aber infolge des Kindersegens nicht soviel Steuern zahlen, zu Wahlzweckcn zugelassen werden müssen. Daraus ergibt sich die Entscheidung. Es ist unseren Genossen zu raten, Berichtigung der Wähler- liste überall da zu verlangen, wo die Liste entgegen der Novelle die Herabsetzung der Steuer in der Wählerliste berücksichtigt hat. Vergnügungsfahrt oder Arbeitsverhältnis? Der arbeitslose M. betrat mjt noch einem Arbeiter am 12. Februar 1969 eine Gastwirtschaft, um ein Glas Bier zu trinken. In der Wirtschaft traf er den Kutscher H. und dessen Mitfahrer Mch., die beide stark bezecht waren. Im Laufe des Gesprächs stellte der Kutscher H. die Frage an den M., ob er mit ihrem Fuhrwerk mitfahren und beim Abladen der zirka 8 Zentner schweren Ma- schine mithelfen wolle? M. ließ sich, nachdem ihm ein Lohn be- st i m m t zugesagt war, zum Mitfahren bewegen. Plötzlich stürzte der Kutscher vou seinem Sitz und fiel auf den Scherbaum. M. sprang, um den Kutscher zu retten, vom Wagen. Dabei kam er zu Fall und wurde überfahren. Nach seiner Genesung stellte M. den Antrag auf Gewährung einer Unfallrente, weil er durch die Annahme zum Abladen der Maschine in den Betrieb des Fuhrherrn Mhbk. eingetreten sei. Er wurde indessen mit seinen Ansprüchen von der Fuhr- werks-Berufsgenossenschaft abgewiesen. Der Unternehmer, hieß es in dem Bescheid, habe seine Arbeiter nicht bevollmächtigt, eine Hilfsperson anzunehmen. Dies sei auch gar nicht nötig gewesen, denn die Maschine habe nur 5 Zentner ge- wogen und sei am Bestimmungsort von Arbeitern des Empfängers abgeladen Hieraus erhelle, daß M. gegen den Willen des Betriebsunternehmers und auch nicht im Betriebsintereise die Fahrt mitgemacht habe. Ein Notstand zum Eingreifen in den Betrieb seitens des betriebsfremden M. habe durchaus nicht vor- gelegen. Allenfalls könnte man von einer Tätigkeit im Interesse des Betriebes sprechen, wenn M. die Weiterfahrt der fast sinnlos Betrunkenen verhindert oder selbst die Leitung deS Fuhrwerks übernommen hätte. Das hatte er aber nicht getan. Es könne daher nicht anerkannt werden, daß M. in dem hier versicherten Betriebe verunglückt sei. Es sei auch kein Arbeitsverhältnis zu- stände gekommen. Denn ein Dienstverhältnis mit einer geistig nicht zurechnungsfähigen— in diesem Falle betrunkenen— Person könne als gültig geschlossen nicht betrachtet werden. Zudem sei die Behauptung des Verletzten, er sei lediglich zum Zwecke des Ab- ladens des schweren Gegenstandes mitgefahren, deshalb nicht glaubhaft, weil er sich sagen mußte, daß er mit zwei nahezu sinn- los Betrunkenen das Abladen einer nach seiner Schätzung acht Zentner schweren Maschine gar nicht bewerkstelligen konnte. Bei dieser Sachlage sei die Annahme nicht von der Hand zu weisen, daß er an der Fahrt nur zum Vergnügen und Zeitver- treib teilgenommen habe. Die gegen den Ablehnungsbescheid beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung für den Regierungsbezirk Potsdam eingelegte Berufung des Verletzten wurde im wesentlichen au» denselben Gründen zurückgewiesen. Der Verletzte rckurierte gegen die Entscheidung de» Schied»- gerichts beim Reichsversicherungsamt. Der Rekurs des Klägers hatte Erfolg. Die Fuhrwerksberuft- genossenschaft wurde verurteilt, den Verletzten gemäß§ 9 des Äewerbe-Unfallversicherungsgesetzcs zu entschädigen. Der er- ennende Senat(VII) begründete das Urteil im Tenor etwa wie folgt: „Es könne dahingestellt bleiben, ob M. bei der Annahme durch den Kutscher H. in den Betrieb des Fuhrherrn Mhbk. eingetreten sei. Jedenfalls erfolgte das?lbspringen des M. von dem Wagen aus dem Grunde, um das Fuhrwerk zum Stehen zu bringen. Pferd und Wagen sind indessen Betriebsmittel, sie dienen dem Betriebsinteresse. Wollte M. den Kutscher retten, dann muhte zu- nächst das Gefährt zum Stillstand gebracht werden; dadurch wurden indessen Pferd und Wagen vor schwerem Schaden bewahrt. Da nun Pferd und Wagen unzweifelhaft Betriebsmittel sind und dem Betriebsinteresse dienen, muß der Unfall als ein im Betriebs- interesse geschehener und damir als Betriebsunsall anerkannt werden." Der arme Teufel erhält nunmehr eine Unfallrente. Ueber die Höhe derselben entscheidet ein neues Verfahre� Theater und Vergnügungen 27. Januar. Ansang VI, Uhr. ltlnigl. Opernhaus. Die gauier Der öle. «önigl. Schauspielhaus. deutsche König. Deutsches. Ein Sommernachtskam». Kammerspiele. Gawsn. (Ans. S Uhr.) Ansang 8 Uhr. Neue» königl. Opern-Theater. Geschlossen. Lesstiig. Analol. Komische Oper. Tiesland. Kleines. DaS Kind. Neues Operette«. Di« schöne Risette. Neues Schauspielbaus. Kleine Schokoladenmädchen. Nachm. 3 Uhr: Die Hosen des Herrn o. Bredow. Berliner. Bumoielstudenten. Westen. DaS Puppenmädel. Neues. Der G. m. b. H.-Tenor. Triauon. HippolhteS Abenteuer. Residenz. Pariser Menü. Thalia. Polnische Wirlschast. Schiller O.> Wallner* Theater.) Husaren sieb er. Schills'<5barlotte»b»r>. Der Himmel aus Erden. Friedrich. Wilhelmstädttsches. Gras Essex. Lusispielbaus. Der unbekannte Urania, Wiasensohaftliches Theater TaabenstraCe 48/49. Abends 8 übi: Was uns der Mond erzählt. Kaiser-Panorama. Neu! Mittelmeer-Beise. Schloß Ächilleion. L, W. Wintersport i Oberengadin. Eine Reise 20Pf. Kind nur lOPf. Abonnements t M. Tausende Abonn. Luisen- Theater. Abends 8 Uhr: Die Dosen des Derro von Bredow. Vaterländisches Schauspiel in 4 Akten von Oskar Wagner. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Max und Moritz. 8 Uhr: Die Hosen des Herrn von Bredow. Sonntag nachm. 3 Uhr: MudickeS Reise nach Indien. 8 Uhr: Die Hosen des Herrn von Bredow. Montag: MudickeS Reise n. Indien. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theal). Freitag, abends 8 Uhr: Hiisa renfleber. Lustspiel in 4 Akt. v. Gustav Kadelburg u. Richard Skowronnek. Ende UP/, U. Sonnabend, abends 8 Uhr: Dar Himmel auf Erden. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Ehre. Sonn tag, abends 8 Uhr: Sodoms Ende. Schiller-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Der Himmel anf Erden. Schwank in 3 Akten von Julius Horst. End- 10 Uhr. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Das Käthcben von Heilbronn. Sonnabend, abends 3 Uhr. ükatban der Welse. Sonntag, nachm. 3 Uhr: ?rlnr Friedrieb von Homborg. Sonntag, abends 8 Uhr: Da» Urbild des TartttlT. Tänzer. Ausstellungs-Theater. MeherS. des Herrn lAnsang 8'/, Uhr.) Luisen. Die Hosen v. Bredow. Modernes. Der Feldherrnhägel. Roie. Der Glücksschmied. Herrnfeld. Eine verlorene Nacht. Er, Sie und Er. BolkSoper. Die Dollarprwzesfin. (Ans. 8-/, Uhr.) Folios(kapriee. Der Feldwebel Hügel.(Ansang 8'/, Uhr.) Metro not. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wippchen. Apollo. Spezialitäten. VnNoge. Spezialitäten. Voigt. Ein seltsamer Fall. Reichsballen. Sieltmer Sänger. Wintergarten. 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Gong:.52 Meter über Paris-, 4 Akt von Beber-Abric. 2. Gang:.Eine Nachtsitzung', 1 Akt tum Georges Fehdeau. 8. Gang:.Nach dem MäuSch«»- ball', 1 Akt von Georges Fehdeau. [Lustspielhaua, i Abends 8 Uhr zum erstenmal: IDer»nbekanute Tiiiwr. Friedrich-Wiihelmstädtisches Schauspielhaus. Freitag, den 27. Jan., abends 8 Uhr: Zum I. Male: Chraf Essex. Trauerspiel iu 5 Ausz. v. H. Laube. Sonnabend einmalige Aufsührung: Die Rabensteinerin. Waldalla-Ideatei'. liRosenth.Tor.) WeinbergSw. 20 1 Ansang bist. Uhr: Jaouäi'-lliki'iiöiiestes Bravo! Da Eine Allerwells« Capo! Revue i Groge Franksurte» Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Der Gliicksslhmikd. VolkSstiick in ü Akten von Görner und Spannuth-Bodenstedi. Sonnabend nachm.: Prinzesfi» Edeltraut. Abends: Don«karlos. Sonntag nachmittag: Die Räuber. Abends und Montag: Der Glüit4 schmicd. Akstropol-Tkestsr. Hurra! Wir lebe« noch! Grotze Ausstattungsrevue in 7 BUdern v. F. Freund. Musik v. V Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. 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Paul Bengecb, Nieder- Schöne weide, Beiher Str. 17. LICHTSPIELE. MOZART- SAAL. Nollendorf-Platz. Begtaa 6 Uhr. Ernst und heiter «»tnhalttad and lehrreich find die Vorführungen im Ibealer des Veddlvgs Eiebtapiel-Pal a.t MQIIerstr. 182/183— Seilers tr. 38. Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Hippoljte's ibentener. Verkauf in Raschen und Fässchsn 19t! Januar und Februar QberaH zu haben BOCKBIER BSHMISCHES BRflOHRUS Landsberger Allee 11/13 Teleph.: Amt VII, 4098-4090 Verkauf in Kannsn und Syphons Zirkus Busch. Freitag, 27. Jan., abds. 7st, Uhr: Große Gala- Fest- Vorsfellang. Gastsp. d. Herrn Direktor Pierre AlthofstFrau Direktor Adele Althofi mit iliren exzellentesten Prei- heitsdressnren.— Die Aem, kom.Trapezkünstl.— Berühmte Beiteriamilie Fredianis. 5 Cliftons 5. Frl. Martha Mohnke. SohaJreit. Gebr. Fratellinis, urkom. CIowm. Um 9 Uhr ca. zum 39. Maie: „Armin." Vorher das grolle Galaprogrann. Hochbahnstation Koltbuser Tor. 3st«Uhr: 7 Koller Lkstinx xirle. 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Burleske vo» MeyfeL Anfang Wochentag« 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. M Sclmin-U KarliitraS«. nie, Freitag, sowie täglich: roj�er Bockbier- Jubel«nd Trubel. Bosporus »m 8 Lbr. Das pbäQomsQnI« VsrletS-proxrsmm Das Varietä-Konsoffl- Systoi hat auch für das nachfolgende Trlampbator-Fest Gültigkeit. Bis 2 Uhr nachts großer Betrieb. 2 Kapeileo. Für de« Inhalt der Inserate «deruiwmt die Redaktion dem Publikum gegenuder keiner te Verantwortung. % Alle» Kollegen, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, datz wem herzensguter Mann, unser treusorgender Vater und Bruder, der Schristsetzer Werra plötzlich im 50. Lebensjahre am Mittwoch, morgens 3 Uhr, der- storden ist. Um stilles Betleid bitten 01» tiefbbtrQbte Witwe und Kinder. Die Beerdigung findet am Sonnabend, nachmittags 3 Ubr, Dm, der Leichenhalle des städtischen Zentral- gricdhoses ui Friedrichs- feldc aus statt. Sozialdemokratischer WabM für de» 2. Herl Reiebstagsvalreis. Bezirk 63. Am 25. d. M. verstarb plötzlich unser Mitglied und BezirkSjührer, der Schristsetzer Oskar Werra Kursllrstenstr. 13. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 28. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Zentral-FriedhoseS, Friedrichs- selbe, aus statt. 200/4 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Am 25. d. M. starb plötzlich unser lieber Mitarbeiter Schriftsetzer Oskar Werra im 50. Lebensjahre. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Vorwärts Bucbdrackerel and Verlagsanstalt Paul Singer& Co. Am 25. Januar, morgens 2 Uhr, verstarb plötzlich unser Mitarbeiter. der Schristsetzer Oskar Werra im 50. Lebensjahre. 2838p Sein ausrichtiger Charakter und sein kollegialisches Wesen sichern ihm bei den Unterzeichneten ein dauerndes, ehrendes Andenken. Das Personal der Vorwärts- Buchdruckerei Paul Singer dt Co. Die Beerdigung findet am onnabend, den 28. d. M., nach. mittags 3 Uhr, von der Halle des Zentral-FriedhoseS w Friedrichs- j clde aus statt. SoziaidemokratlselierW&lilverelD für den 2. Berliner Reichstags-Wahlkrels. (Bezirk 95.) Am 24. Januar verstarb unser Mitglied, der Sattler Ksr! Hannemann Möckernstr. 104. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 28. d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Heilig-Kreuz-Kirchhose« auS statt. 210/3 Um rege BetetllgUW ersucht Der Vorstand. Vörbiuri der Sattler and Portefeuiller. Ortsverwaitung Berlin. Am Dienstag, den 2». Januar, verstarb nach schwerem Kranken- lager unser langjähriges Mitglied Karl Hannemann. Ohne Unterbrechung gehörte Hannemann der Organisation seit der im Jahre 1889 ersolgten Gründung an. Wir versteren in ihm einen aufrichtigen und selbstlosen Kol- llegen.- Ehre seinem««denken! Di« Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. d. MtS., '"' von der Kreuz. ------------- Eise- »tcher Straße, aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 56/3 Die OrtSberwaltung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unsere liebe, Herzens- gute Mutter. Schwiegermutter und Großmutter Ida Prottunann nach kurzem, schwerem Leiben im Alter von 61 Jahren am 25. Januar 1911 verstorben ist. Dies zeigen tiesbetrübt an vi» trauernden Mnterdliebenen Prothmann, Bixdorf, Weserstr. 26/27. Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 23. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Gemeinde- Frtedhojes, Mariendorser Weg, aus statt. SozialdemokratiseiierWalilfereln für den Bezirk 139. Am 24. b. M.»erstarb unser Mitglied, der Tischler (Dtto Krafack. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Januar. nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Kreuz-Kirchhoses, Marien- dors, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Per Vorstand. Am 24. Januar 1911 verstarb unser Kollege, der Tischler Otto Krafack im Krankenhause am Urban. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigmig findet am Sonnabend, den 28. d. M., nach- mittags 4 Ubr, von der Leichen- Halle des KreuzkirchhoseS, Marien. dors, aus statt. 2814J Die Kollegen der Pianofabrik Gort 4 Kallmann. Verband derBureauangestelltea und der Verwaltungsbeamten der Krankenkassen and Bernfsgenossenscbatten Deutscblands. Ortsgruppe Grofi-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Ulbert kufmelster (OrtSkasse der Kausieute) am 24. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 28. Januar, 4 Uhr nachmittags, von der Leichenhalle des städtischen Friedhoses in Fried- richssclde aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwünscht Die Ortsleitung. Am 24. d. M. verstarb plötzlich im 71. Lebensjahre unser lang- jähriger Kollege Ulbert kurmeister am Herzschlag. 277/16 Wir verlieren tn dem Ent- schlasenen einen ausrichttgen und treuen Kollegen, dem wir ein dauerndes Andenken bewahren werden. Die Beamten der Orts Krankenkasse l&r den Gewerbebetrieb d, Kanflente etc. Die Beerdigung findet am Ionnabend, den 28. d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des städtischen Friedhofes w Friedrichsseide aus statt. Dslitsohsk Metallarbeiter-Verband Verwaltungsatelle Berlin. Toden-Anselgen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Putze, �uxust pantke am 25. d. MtS. an Influenza gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 28. Januar, nach- mittags 3 Uhr. von der Leichen- halle des DmikeS-KirchhoieS in Reinickendors-West auS statt. Dm Kollegen serner z« Nach- richt, daß unser Mitglied, der Metallarbeiter Wilkelm Pade am 24. b. Mt». an Lungenieiben gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 28. Januar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Pauls- Kirch- hoseS, Seestraße, aus statt. Ehre ihrem Andenke«! Rege Beteiligung erwartet 111/2 Die Ortsverwaitung Sozialdemokrat VaiiM Adlershof. Den Mitgliedern»ur Nachricht, daß unser Genosse, der Arbeiter Gustav Schulz am 25. Januar im KretSkranken- hause zu Britz verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 29. Januar, nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen. Halle des Britzer Gemeindesried- HoseS, Chausseesttaße, auS stall. Die Genossen und Genossinnen ircffen fich nachmittags pünktlich 2 Uhr im Jugendheim, Bismarck- straße 11. Zahlreiche Beteiligung erwartet 202/2 Der Vorstand. Tischlerverein. i h, ss. Sonnabend, den 28. Januar, abends 8'/, Uhr, Melchiorftr. 15: Vortrag des Herrn H. Fromhold über: Die Zukunst. Ausnahme neuer Mitglieder. Zahlen der Beiträge. Berschiedenes. 198/2 Der Borstand. Am Dienstagabend 91/. Uhr verstarb unser lieber Sohn, Bruder und Schwager Pade. Dies zeigt tiesbetrübt an Pmenill« Pade, Martin-Opitz-Straße 3. Die Beerdigung findet am Sonnabendnachmtttag 4 Uhr von der Halle des neuen Pauls-Kirch- hoses aus statt. 2837b Hierdurch die traurige Nachricht, daß am Mittwoch mein lieber Mann, unser guter Vater, der frühere Strumpfwirker und Gastwirt lernst Großer im Atter von 64 Jahren plötzlich am Herzschlag verschieden ist. Um stilles Beileid bitten �.nna GroOer und Kinder, Simon-Dach-Straße 28/29. Die Beerdigung findet am Sonnabendnachmittag 2 Uhr von der Leichenhalle des Zentral- Friedhoses, FriedrichSselde, aus statt. 28395 Danksagung. ür die so überaus herzliche Teil» nähme und die vielen Kranzspenden beim Hinscheiden meines innig geliebten Gatten und guten VakerS, des Gastwirts >V!lhelm Reckling spreche ich hiermit allen Verwandten, Freunden, Gästen, Kollegen und Be- kannten meinen innigsten Dank aus. Uartda Reoklins geb. Wartig nebst Tochter. 28406 Prinzen-Allee 38. die zahlreichen Beweise herz- ltcher Teilnahme anläßlich der Beer- digung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter sagen allen Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. Augnst Xettner 2835b und Sohn nebst Vrant. Op.Simmel Spezial-Arzt* (Cr Haut- und Harnleiden. Prlnzenstr. 41, Äwz. 10—-2, 5—7. Sonntags 10—12, 2—4 N achruf! Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nach- richt, daß meine liebe Frau und gute Mutter. Tochterund Schwester Alane Kleiaau geb. Wolll am 14. Januar b. I., in London gestorben ist. Richard Kleinau 28152 nebst Kind. London, den 25. Januar 1911. Am Mtttwoch, früh VI, Uhr. verschied nach schlverem Kampfe unsere Mutter und Großmutter Lllssbeldleollör�dv. Dies zeigen tiefbetrübt an Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Sonnabendnachmittag 3'/, Uhr, von der Halle des Zentralsried- hoseS in Friedrichsfelde, aus statt. Für die vielen Beweise herzlicher Antellnabme bei dem Hinscheiden meines geliebten ManneS, des Tischlers Karl Kalbe sage ich allen meinen besten Dank. Besonderen Dank Herrn Pastor Pratsch für die trostreichen Worte am Graben sowie den Kollegen deS Verstorbenen für daS Krabgelett und die zahlreichen Kranzspenden. 14/3 Berlin, den 26. Januar 1911. Berta Kalbe. Danksagung : die vielen Kranzspen di Kranzspenden und Teilnahme bei der lieben SohneS Für die zahlreiche Beerdigung unseres und Bruder» Paul Bergfcld sagen wir allen Freunden, Kollegen und Bekannt« unser« herzlichsten Dank. 28162 Marie Bersfeld und Sohn. telnarbelter! Sonntag, den 29. Januar 1011, vormittags 10 Uhr, in den Armlnhailen, Kommandantenstr. 53/59: General-Versammlung. Tages. Ordnung: 1. Jahresbericht. 2. Neuwahl der Ortsverwaitung. S. Stellungnahme znm Zwischenunternehmertum. 4. Verschiedenes. Kollegen aller Brauche«! Agitiert für gute« Besuch! 171/3» vi« OrtawsnrmltunU. ZeMImblllld der UWiiilltii md Kehn fanit KttiifggtiiOn DkiiWimd» TerwaltungsstcIIc Berlin. Sonntag, den 29. Januar, mittags pünktlich£ vhr: Versammlung in den Arminhallen, Kommandantenstraße 58/59. TageS- Ordnung: Vortrag de» Herrn Jng. P i e f k e der GaSmotorenfabrik Benz über: .Die ErpIofionSmoior«".— Bericht über die ausgegebene Siatlstik.— Verschiedenes. 145/4 Ein zahlreiche» Erscheinen erwartet Die Verwaltung. Baubanteker-Xrankenkasse fftr Berlin nnd Umgegend(®in3t[�,6n8).§iI,ätaf,e Sonntag, de» 12. Februar 1911, vormittags 10 Uhr, bei Wille, Sebastianstraße 33: Griiciillilht Gcllergl-Vkchiiimliilig. Tagesordnung: 1. Jahres-Abrechnung und Revisionsbericht, Bericht deS vorstände» nnd Ausschusses. 2. Ersatzwahl deS Vorstande»(d«S ersten Kassierer«, des zweiten Vorsitzenden, 2 Beisitzer und 4 Ersatzmänner), Wahl de» Ausschusses und 4 Ersatzmänner. 3. Innere Kassenangelegenheiten. 33/1 DM- NB. Dir Versammlung wird pünttlich eröffnet:-WM Sitglledsbuoli legitimiert I Der Vorstand. Terwaltnng Berlin. Heute, Freitag, abends 8>/z Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel- afer 14/15, Saal 4 sArbeitsloseusaal): Sitzung der Ortsverwaltung. Achtung! Lehrlinge«.jugendlicheArbeiter der Holzindustrie! Sonntagnachmittag von 3—8 Uhr abends ist der ArbeitSIosensaal im GewerkschastShause, Engeluser 14/15, al« Lesesaal für die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter geöffnet. Sämtliche Bücher und Zettschristcn der Jugendbibliothek liegen zur freien Benutzung auS. Die Werkstattbertranensleute werden gebeten, die Lehrlinge auf den Besuch des Lesesaales aufmerksam zu machen. GtnTetTet" Sonnabend, den»8. Januar, abends S Uhr, bei omicczcr. Bo�er,«öeberstr. 17:«roSe* Winter- vergnügen. 78/3 Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: Hoj l. Amt 3. 1239. CharitbstraBe 3. Hos Ol. Amt 3, 1987. Schlosser. Sonntag, den 39. Januar er., vormittags 10 Uhr: Branchen»Versammlung der Scbioffer Berlins und Umgegend in den Andrems-FentsiUen, Andrcasstr. LI. Tages-Ordnung:> 1. Vortrag deS ReichstagSabg. Kollegen Rnrl Severine:„Was steht bei den nächsten Reichstagswahlen für die Gewerkschaften anf dem Spiel?" 2. DiSkusfion. 3. Bericht der Kommission und Neu- wähl derselben. 4. Verschiedenes. Pflicht aller Kollegen ist es. in der Versammlung zu erscheinen. Sonntag, den 29. Januar, vorm. 10 Uhr, im«Kovvrllnelmfl»- hans, Engclufer 15 sSaal IV): flußerordentl. lilitglleder• Oerlammlung der Rohrleser o. Helfer Berlins ii. Umgegend. Tages-Ordnung: I. Bericht der Agltationskommijfion. 2. Diskussion. 3. Wahl der Agitationskommission und der Brauch envertretcr. 4. An die Kommisston gelangte Anträge. Kollegen! Es muß Eure Pflicht sein, bei der Wichtigkeit der Tages- Ordnung die Versammlung recht zahlreich zu besuchen. Keiner dars fehlen, auch der letzte Mann muß tn dieser Versammlung erscheinen. Ohne Rltffllcdtibnch kein Zutritt. Sonntag, den S9. Januar, vorin. I« llhr, in Reiler»„Tfeiie Philharmonie'*, Köpenicker Ztr. 96/97(großer Saal): Branchen- Versammlung d. eichtromonf eure u. Helfer Großberlins. Tages-Ordnung:. 1. Vortrag deS Kollegen Ad. Cohen über:»Die Aufgaben der Gewerkschaften«. 2. Brauch eiiangelegenhciten. 3. Verschiedenes. Pflicht aller Kollegen ist es, in dieser Versammlung zu erscheinen. Sonntag, den S9. Januar, dorm. 9'/, Uhr, in den Armlnhullen, Kommandantenstr. 58/59: Branchen-TcrfamtnUmg der Werkzeugmacher(Sdjiiittbfliifr, Fehrenbimer, Schneidsengmachtr, Einrichter, Uerkseugschltifer) sowie siimtl. in Anchdruckmoschinkusobrikeu beschiift. Kollegen. Tagesordnung: 1. Bericht der Kommission. 2. Neuwahl des BranchcnleiterS und Ersatz» Wahlen z. Agttationskominijsion. 3. Branchenangelegenheiten u. Verschiedene». itlltUlledUhneh legitimiert. Die wichtige Tagesordnung erfordert das Erscheinen aller Kollegen. Sonntag, den LS. Januar, vormittags 10 Uhr: Kranchen Urrsammlung aller Slkkeki' u. Iffolationsarbeitcr u.-Arbeiterinnen Berlins u. llwg. im„Volgt-Thoator", Badstraße 58. Tagesordnung: 1. Humoriftifche Rezitationen. Vortragender: Herr E. Kfihne, Mitglied des Residenz-Theaters. 2. Branchenangelegenheiten und Verschiedene». ivie versau« mlun'''" Zahlreicher wird pünttlich eröffnet. wird erwartet. Sonntag, den LS. Januar, abend« 6 Vhrt Allgemeine Mtarbeiter-Yersammlnng mit Frauen in den„Andreas•FeststUen'", Slndreasstr. 21s Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollege» Raiin über:»Ist der Arbeiter im Staate gleichberechtigt 2. DiSkusfion. Die Kollegen und Kolleginnen der Firma Lerm& Ludewig sind hiermit besonder» eingeladen. Ebcnsalls sämtliche Zaunausfteller anS allen Betrieben. Kollegen, agitiert für guten Besuch. Nach der Vcrlammlung: Geselliges Beisammensein mit Tanz. Am Sonntag, den 29. Januar 191t. findet für die Kollegen des Bezirks Charlottenburg ein gemeinschaftlicher Besuch der Arbeiter- Wohlfahrts- Ausstellung statt. Treffpunkt: BolkshauS, Rofincnstr.», nachmittags 1»'/- Uhr. Abmarsch pünktlich'1,1 llhr. 111/1 Montag, den SO. Januar 1911: Bezirks- Versammlungen für die gesamte Verwaltungsstelle Berlin in folgenden Lokalen: Norden! Pharns- Sitte, Müllerstrasie 14», abends S'/, Nhr. Norden* SV1�10* Featsa10*®�tpetltct Straffe SS, abend» Norden! Franke« Fcstsftie, Badftr. 19, abends S'/, Uhr. Vannl» Eichbornskle, Reinickendorf, Eichbornstraße 60, abend« »CgBI. 6 Uhr. Moabit* SrordWent» Wiclefstrafte S4, abend» .__- Schönebera, S'/. Uhr. . Memeler Straffe«7. abends 8>/, Uhr. ...»44,4. Veslen und 8edöneberg: Osten und Lichtenberg: Stralau u. Rummelsburg:®Ä?« sÄn'ÄSt: SQdeObeZirke: �»»nln. asrangclftr. 10, abend, S-/, Uhr. Vei�fM'5ee- Penkerts�Restaarant, Berliner Allee SSI, Rivitank' Hoppe« Pe«t«aie, Hermannstr. 49, abends ö>/, Ubr. ai�UUil. Reuwahl der Bezirksleitung. Chari0t(6nbUrg: Volk«baa«, Rofiuenstr. 8, abends 8'/, Uhr. StegütZ* Scheuhasc, Ahornstraffe 15a, abends Hpenlc'k ü-Frieilrlclishajen: ÄÄ'Ä«««. straffe 74, abends S'/i Uhr. nhoP.CrhXnonroilio* Restaurant Hassciwerder, uuerocuuilcweiue. Haffelwerderstr. 1«. abends 5',. Uhr. Spandau: Restaurant Bhhlo, Havelstr. 20, abends 8'/, Uhr. Tagesordnung in allen Versammlungen: Stellungnahme zur Generalversammlung des Gesamt- Verbandes in Mannheim. Anträge der Kollegen zum Verbandstag können an die VersammIungS» leiter oder auch an da» Bureau, Eharitöstr. 3, abgegeben werden. Httfflledahncli legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet vi« OrtuverwaltuBK. JUNO g Jedes Paar— Oesetz/. OeschüUh unfer liachnahmel Jedes Wort 10 Pfennig. Du erste Wort(lettgedruckt) 20 Plg. Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen S Plg.; das erste Wort (fettgedruckt) 10 Plg. Worte mit mehr als IS Buchstaben zShlen doppelt. Kleine Anzeigen ( ANZEIGEN (flr die nichste Nummer werden In den Annahmestellen IQr Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-Expedition, Llndenstrasse 60, bis 5 Uhr angenommen. Orts- Krankenkasse Friedenan. Bekanntmachung. Der in der Generalversammlung vom 2t. November Igt» beschlossene VII. Statutennachtrag ist vom Be- zirkZausschuß zu Potsdam in seiner Sitzung vom 3. Januar 1911 ge- nchmigt und tritt mit dem 29. Ja- nuar dieses wahres in Krast. Die wöchentlichen Kassenbeiträge betragen demnach vom 29. Januar 191 l ab sür Mitglieder der I. Lohnklasse. 1 M. 02 Pf. II.. 90„ III.. 78, IV.. 66„ V. 57. VI.... 39. Friedenau, den 25. Januar 1911. Der Vorstand. 270/15 g. A.: tiensol, Vorsitzender. Hagen, Schriftführer. Es gibt nur ein Dr.öentner'5 Vopzüölictiste Schuhcreme Sdiutimarke Kaminfeger. Verbraucher erhalten werh voie Geschenke. All.febriKanls Carl Oeiüiw, Göppingen. challplatten Yerleiii-lnslitui. I Versand auch nach auswärts. Prospekt gratis und franko. Karl Borbs, Berlin 50,| Neue KSnfgstraBe 38. Berlin 0. 27, verkaufe ich Ohne jede Anzahlung Ifianos erstklassiges Fabrikat (9inal prämiiert Staatsmedaille) in allen Holz- und Stilarten von wunderbarer Tonfülle. jp(FlOgelton) gegen kleinemonatllcheTellzahlnng:, fe,_ ohne jeden PrclsanfHchlag._ 3/11* «9 Für jedes Instrument gewähre ich 20jähr. schriftl. Garantie. Conrad Krause Nclifjj,, Eck�KurVu�ste���eL�chfr�mio. Auch Sonntags geölTnet. A Bfl 10 Jahre Garant. Teilz. wöchentl. 1 M. Plomben AiAllVIB gm OVIa 1,50 M. 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Januar, nachnürlags 4 Uhr. findet nur in dem Lolal„Treptower Kontordia-Säle" statt. _ Der Vorstand. Berliner IMacbricbten» Die Stadtverordneten genshmigteu gestern den Ankauf derWuhlheide nach dem Vorschlag des Ausschusses, der zur Vorbereitung dieser Magistratsvorlage eingesetzt worden war. Auf Antrag des Stadtverordneten Eoldschmidt sprachen sie zugleich die Er- Wartung aus,� daß der Gedanke, einen selbständigen Guts- bezirk Wuhlheide zu bilden, seine Verwirklichung finden werde. Hoffentlich! Aber mit Hoffnungen und Erwartun- gen hat Berlin in letzter Zeit bekanntlich nicht viel Glück ge- habt. Auch den der Versammlung im Herbst vorigen Jahres vorgelegten Leitsätzen für die Bewirtschaftung derRieselfelderundGüterderStadtBerlin, über die ein Ausschuß beraten hat, wurde gestern nach Be- richterstattung des Ausschusses zugestimmt. Es kam nicht mehr zu einer Wiederholung der Redekämpfe, die im vorigen Jahre über diesen Gegenstaird geführt worden waren. Ein paar Freisinnsredner schienen Lust zu haben, noch ein kleines Rückzugsgefecht beginnen zu wollen. Erwidert wurde es wicht. Eine umfangreiche Vorlage über Erhöhung oder Neu- bewilligung von Zuwendungen an gemeinnützige und wohltätigeVereine wurde einem Ausschuß über- wiesen, dem mehrere Redner allerlei Anregungen und Wünsche mitgaben. Genosse Wehl legte dar, daß gegenüber einigen dieser Vereine der Unterstützungseifer des Magistrats durch- aus unangebracht erscheint. Dagegen müsse man mehreren anderen der zur Berücksichtigung vorgeschlagenen Vereine eine um so reichlichere Beihilfe wünschen. Unser Redner ging bei dieser Gelegenheit erneut auf die schon oft erörterte Frage ein, ob die Stadtgemeinde ihre Pflicht sozialer Hilfe auf die Privatwohltätigkeit abwälzen dürfe. Er führtn aus, es sei Sache des Staates und in zweiter Linie der Stadt, den Kampf gegen Armut und Not aufzunehmen. Genehmigt wurde die Hergabe weiterer Mittel zur Fertigstellung des Schillerparks. Genosse H i n tz e richtete an den Magistrat die Mahnung, die Ans- führung der noch ausstehenden Arbeiten nach Kräften zu be- sch'-nnigen. Das ist in der Tat dringend zu wünschen im Hin- dli auf die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit, die dadurch mög.ich wäre._ Patriotismus auf Bestellung. Onkel Bureaukratius ist ein sehr gewissenhafter Herr. Mit peinlicher Genauigkeit sorgt er dafür, daß zum Wiegenfeste des Landesherrn und seiner Angehörigen, in rangmäßiger zentimeterweiser Abstufung nach unten, alles wie am Geburts tagsschnürchen geht. Kennt ihr die königlich preußische Fahnen und Jlluminationsordnung? Eine uralte, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer byzantinischer zurechtgestutzte Ministerial Verfügung regelt bis ins Kleinste, wie und wann die Geburts tags sahnen zu flattern und die Geburtstagslichter zu brennen haben. Sogar die Zeitdauer des Fahnenwehens ist genau an gegeben und die Zahl der Flluminationskerzen cm jedem Fenster. Wo irgend ein Staatsgebäudedirex über den Etat hinaus seinem patriotisch überströmenden Herzen Luft machen will, muß er nicht etwa in die eigene Tasche, sondern in den mit Wilhelms Güte überall vorhandenen Allerleifonds zur Disposition greifen, aus dem bei uns die wundersamsten Aus- gaben auf Generalunkosten gedeckt werden. Nicht ganz so echt patriotisch schlagen, wenn Unter den Linden etwas los ist, die Herzen des zum Hofe in engsten Beziehungen stehenden Privat klüngÄs. Manche dieser tüchtigen Geschäftsleute würden kein Fähnchen herausstecken und kein Dreierlicht brennen lassen, wenn es nicht die Reklame geböte. Wehe dem Hoflieferanten, der nicht mindestens eine lorbeergeschmückte Gipsbüste ins Schaufenster stellt. Es soll Aufpasser geben, die sehr genau kontrollieren, wie man in diesen Kreisen den Tag des Königs feiert. Insbesondere hat der speichelleckende Hofchronikeur aus der Zimmerstraße ein scharfes Auge dafür, wie die Hos lieferantenliga und ihre katzbuckelnde Anwärtcrschar in gc schäftsmäßigem Patriotismus macht. Schon mancher hat auf diese Weise mit der Patriotenwurst die königliche Speckseite geangelt, wenn er sich jahraus jahrein die Geburtstags illumination einen schweren Batzen Geld kosten ließ und vielleicht noch ein paar„Bväunlinge" für einen Kirchbaufonds drauflegte. Noch viel mehr geleistet wird in Petriotismus auf Bs- stellung. Fast alles, was seinen kratzfüßigsten Glückwunsch stammelt, erscheint doch auf allerhöchste!, Befehl. Und der Be- schenkende ist in umgekehrter Weltordnung, da Fürsten immer nobel sein müssen, der Gefeierte selbst. Die hundertein Ka »»an.enschüsse, die zur Mittagszeit dumpf über den Lustgarten rollen, sie sind bestellt. Was der Festprediger in der Hof- kirche verzapft in den streng abgezirkelten Grenzen des Vor- geschriebenen, wird hergeleiert wie ein Rosenkranz. Bestellte Arbeit sind die Schulfeiern, bei denen in Monarchenvergötte- rung das Menschenmögliche geleistet wird, um die unange- nehm bildungslustige moderne Jugend in die alten ausge- tretenen Bahnen zu locken. Kommandiert sind die Tausende von Kindern, die von der Schule nach der Feststraße strömen und die lungenkräftigsten Hurraschreier abgeben. Und selbst noch die patriotischen Schwärmer, die sich in die im Schlosse auSliegende Gratulantenliste, die das Geburtstagskind wohl niemals zu sehen bekommt, einzeichnen, verfolgen mit ganz geringen Ausnahmen irgendeinen sehr realen Selbstzweck. Nun erst die unzähligen Feiern der Beamten- und Offiziers- Welt in der Reichshauptstadt und im Reiche, bei denen der Patriotismus durch Kehle und Magen geht! Bestellte Arbeit, wohin inan sieht. Wer nicht mitmacht an dein, wozu ihn Amt und Würde verpflichtet, ist in der Gesellschaft, der er angehört, aus lange Zeit, vielleicht für immer geächtet. Ob eS wohl im Sinne des alkoholseindlichen Geburtstagskindes liegt, daß hier aus diesen Festschinausereien der Alkohol in Strömen fließt-- Weinselig fallen sich alte Exzellenzen mit den jüngsten Staatsrettern uin den Hals, führen einen SAwips bwi Hannen, her bei näherem Zuschauen ein fjone- büchener Festaffe ist. Unmengen Alkohol vertilgt an diesem Tage die atädemische Jugend, um gleich daraus straffrei sich in Straßenexzessen zu gefallen— alles zu des Königs Preis und Ehre. Und das Volk? Es steht in seiner überwiegenden, impo- santen Masse auch heute abseits vom Throne. Es kümmert sich nicht um die Patriotenpurzelbäume auf Bestellung und kann keine herzlichen Gefühle heucheln für den Träger eines Systems, in dem das Recht des Volkes in Fesseln ge- schmiedet ist._ Die Nord-Südbahnbcschwcrde an den Minister. Die Beschwerde des Berliner Magistrats über den Polizeipräsidenten, der die Nord- Südbahn nicht vor einer Einigung mit der Gemeinde Tempelhof zu genehmigen erklärt hat, ist gestern an den Minister der öffent- lichen Arbeiten abgegangen. In der Beschwerde wird, wie ein hiesiges Blatt erfährt, an- geführt, daß dem Polizeipräsidenten zu seiner Stellung der Stadt Berlin gegenüber der Rechtsgrund fehle; auch durch die tatsächlichen Verhältnisse sei seine Erklärung nicht begründet. Berlin sei bereit, mit der Gemeinde Tempelhof über den Anschluß einer Bahn an die städtische Nord-Südbahn zu verhandeln, könne aber nicht zugeben, daß die Genehmigung für die selbständige lliord-Südbahn von dem Ergebnis dieser Verhandlungen abhängig gemacht werde. Der Magistrat richtet daher an den Minister der öffentlichen Arbeiten die Bitte, er möge den Polizeipräsidenten anweisen, in eine Prüfung des neuen Entwurfs der Nord-Südbahn zwecks Herbeiführung der staatlichen Genehmigung einzutreten. Für den Postverkehr treten heute folgende Bestiminuw gen in Kraft, die wir nochmals wiedergeben: Die Post schalter und Paketausgabestellcn sind von 8— 9, 12— 1 und 5—7 Uhr geöffnet. Die Annahme von Telegrammen und der Verkauf von Postwertzeichen in kleinen Mengen findet ununterbrochen von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends statt Die Geld- und Paketbestellung wird nur einmal, die Brief- bestellung dagegen zweimal ausgeführt. Das Postscheckamt ist im Verkehr mit dem Publikum nur von 19—1 Uhr ge öffnet._ Handwerksmeister gegen die Fortbildungsschule. In einer vom Jnnungsausschuß zu Charlottenburg am 21. Sep- tember v. I. nach den Handwerkskammersälen einberufenen Hcmfr Werkerversammlung wurde als wichtigster Punkt:„Das Fort brldungsschulwesen und die Forderungen des Handwerks" erörtert. Es wurde ausgeführt, daß unter den heutigen Untcrrichtsverhäli nissen bei den Pflichtfortbildungsschulen Handwerkersöhast und Lehrerschaft in scharfem Gegensatz zu einander ständen. Eine Kommission von Jnnungsmeistern habe sich veranlaßt gesehen, zum Zwecke einer Reorganisation der Pflichtfortbildungsschulen folgende Mindestforderungen aufzustellen: 1. Mehr Wahrheitsliebe der Fortbildungsschullehrer in ihrer Schulpresse. 2. Verstärkung der Schulkuratorien durch praktische Hand werler bis zu-A der Majorität. 3. Unbeschränkte Rechte der Mitwirkung bei Aufstellung der Lehrpläne seitens der Vertreter des Handwerks. 4. Ausscheidung des Zeichenunterrichts bei den Pflichtfort bildungsschuleru B.(Entbindung vom Besuch der Pflichtschule beim Besuch einer Fachschule und Berechtigung der Fachschulen zum Unter- richt in Deutsch und Rechnen. 6. Da nach einem ministeriellen Erlaß vom 11. Dezember 1909 vielfach von Gemeindebehörden unfähige Pädagogen ange- stellt werden, wodurch die Interessen der Gemeinden oder der Schule Schaden erleiden müssen, und da ferner der Minister an- geordnet hat, daß bei Besetzung von Lehrerstellen etwa vor handenen Fachlehrern vor den Pädagogen der Vorzug gegeben werden soll, so fordern wir strengste Durchführung der ministe� riellen Anweisung bezüglich der Berücksichtigung vorhandener Fachlehrerbewerbungen seitens der Schulleitungen. Am Schlüsse der Sitzung wurden zwei Resolutionen ange- nommen, von denen die eine sich im wesentlichen mit den vorge- nannten Forderungen deckte, die andere gegen die Entlassung des Fachschullehrers W. Petit als Lehrer der 2. Handwerkerschule und gegen die feste Anstellung des Dr. Grundschcid als Direktor des Fach- und Fortbildungsschulwesens in Berlin Protest erhob. Beide Resolutionen wurden in einer Eingabe dem Minister für Handel und Gewerbe unterbreitet. Dieser hat darauf folgenden Bescheid erteilt: „Ich habe ebenso wie meine Herren Amtsvorgänger stets darauf gehalten, daß bei der Verioaltung der gewerblichen Fort- bildungsschulen die Gewerbetreibenden, insbesondere die Hand- werker, in angemessener Weise beteiligt werden, ich habe auch selbst in grundsätzlichen Fragen des Fortbildungsschulwesens wiederholt die geordneten Vertretungen des Handwerks gehört und den Rat erfahrener Handwerksmeister eingeholt. Ich werde an diesem Ver fahren auch in Zukunft festhalten und darüber wachen, daß zwischen den Fortbildungsschulen und der gewerblichen Praxis die nötige Fühlung gewahrt bleibt. Wenn demgegenüber der Jnnungsausschuß der Handwerker- innungen zu Charlottenburg in der mir überreichten Resolution, ohne auch nur den Versuch einer tatsächlichen Begründung zu machen, in Bausch und Bogen die schwersten Vorwürfe gegen die Pflichtfortbildungsschulen, ihre Lehrerschaft und die an ihrer Ver- waltung beteiligten Behörden erhebt, so liegt es mir ob, diese Ber- unglimpfnng auf daS entschiedenste zurückzuweisen und Lehrerschaft wie Behörden gegen leichtfertig erhobene Angriffe in Schutz zu nehmen. DieS gilt in gleichem Maße auch für die mir weiter überreichte Resolution über die Entlassung des Fachlehrers Petit, bei der die beteiligte städtische Behörde sich durchaus innerhalb des Rahmens ihm Zuftäirdigkeit bewegt und außerdem zu ihrem Vorgehen vollen Anlaß gehabt hat." Dle Herren JnnungLmeister haben in dieser Antwort eine recht derbe Lektion ob ihrer Unverschämtheit erhalten. Der Besuch der Tuberknloseauöstcllung in Wilmersdorf ist ein so reger, daß schon wegen Uebersüllung Klagen kommen. Ein Leser schreibt uns:„Ich fuhr am Montag von Ripdorf nach Wil- mcrsdorf, um die Ausstellung zu besichtigen; auch interessierte mich als leichten Lungenkranken einer der Vorträge. Zu meinem Be- dauern fand ich schon um �49 Uhr die Ausstellung durch Polizei- beamte wegen Uebersüllung gesperrt. Mit mir erging es noch einigen hundert Menschen so, welche(durch Geschäftszeit bis 8 Uhr usw.) nicht früher abkommen konnten. Mein Versuch, wenigstens doch die Ausstellung, welche bis 10 Uhr geöffnet sein sollte, zu be- sichtigen, war vergebens, da die Vorträge in dem Ausstellungssaa-l stattfanden. Auch nach dem ersten Vortrag toar es unmöglich, Einlaß in die Ausstellung zu bekommen, da fast alle Besucher auch dem zweiten Vortrage beiwohnten. Ich mußte meine Bemühung um 9 Uhr— nach dreiviertelstündigem Warten, was bei dem ge- rade sehr kalten Wetter kein Vergnügen tvar— aufgeben und kann nur die Besucher darauf aufmerksam machen, nicht an einem Tage, an welchem abends Vorträge angesagt sind, die Ausstellung zu besuchen; es ist schade um die Zeit und Kosten der Fahrt. Können die Vorträge nicht in der NachbarsKaft in einem geeigneten Saal abgehalten werden?" Die abgewiesenen Millioucnbaucrn. Eine die Allgemeinheit interessierende Entscheidung hat am Mittwoch das Oberverwal- tungSgericht getroffen. Bekanntlich ist die Schönebergcr Umsatz- und WertzuwachSstcuerordnung vom Jahre 1909 durch Urteil dxK Oberverwaltungsgerichtes für ungültig erklärt. Eine Klage mehrerer Millionenbauern aus Freistellung von der Umsatzsteuer wegen Ungültigkeit ber Ordnung von 1999 wurde aber von dem- selben Gericht zurückgewiesen, weil die der Ordnung von 1909 vor- angehende Umsatzsteuerordnung von 1906 in Kraft geblieben sei. Das Oberverivaltungsgericht führte aus, daß eine Stcuerordnung so lange in Geltung bleibe, bis sie zu einem von vornherein be- stimmten Zeitpunkte ihr Ende erreiche oder bis sie in rechtsgültiger Weise aufgehoben werde. Die Ordnung von 1909 sei nun in ihrem ganzen Umfange ungültig, da die grundlegenden Bestimmungen keine Rechtsbeständigkeit hätten und sie sei infolgedessen so onzu- sehen, als ob die Ordnung von 1909 überhaupt nicht da wäre. Des- halb gelte die Umsatzsteuerordnung aus dem Jahre 1908, die durch den§ 20 der ungültigen Ordnung von 1909 habe aufgehoben werden sollen, weiter fort und habe ihre Geltung nie verloren. Soweit die Veranlagungen den Bestimmungen der Ordnung von 1906 errt- sprächen, könnten sie auf diese Ordnung gestützt werden, auch wen» sie ursprünglich auf Grund der Ordnung von 1909 erfolgt wären. Die Heranziehung der Kläger zur Umsatzsteuer bestehe daher zu Recht,'da die Veranlagung den Vorschriften der Ordnung von 1906 entspräche. Die Trauerfeier für den verstorbenen Stadtrat Dr. Münster- berg findet a>n Sonnabendnachmittag auf Wunsch der Familie und im Sinne des Verstorbenen nur im allcrengsten Familienkreise in der Dörnbergstraße 6 statt. Die Einäscherung der Leiche soll am Sonntagnachmittag um 2 Uhr in Hamburg ohne alles Gepränge erfolgen. Magistrat und Stadtverordnete werden sich diesen Wünschen entsprechend an dem Leichenbegängnis nicht beteiligen. Für später ist eine Trauerfeier in Aussicht genommen. Eine Zentrale für BermittclungSschwindel ist von der Krimi- nalpolizei in der Lindenstraße 85 aufgehoben. Gegründet war daS Geschäft von den Stellcnvecmittlern Möbius und Döhring. Sie nahmen schon den Leuten, die sich um eine Stelle bei ihnen be- warben, mehr ab, als die gesetzlichen Vorschriften zulassen. Die Bowerber mußten aber nicht bloß bei ihnen, sondern noch ein zweites Mal bei anderen bluten, an die sie von der Zentrale ver- wiesen wurden, denn ungefähr 80 von 100, die mit der Zentrale in Verbindung standen, sind der Polizei als Stellen- und Kautions- schwindler bekannt. Diese Untervermittelung nahm den Leuten laut Revers noch 5 Proz. der Kaution ab, die sie zu leisten hatten. Wie alle Permittler, waren auch diese beiden Zentralschwindler sehr höflich und zuvorkommend, solange sie noch Geld zu erwarten hatten oder wenigstens in Ruhe gelassen wurden. Kamen die Be- trogenen aber, um ihr Geld zurückzuverlangen, so wurden die Herren Vermittler ungemütlich und setzten die Bewerber vor die Tür. Auf mehrere Anzeigen hin hob die Kriminalpolizei endlich die Zentrale auf und brachte Möbius und Döhring hinter Schloß und Riegel. Eine Sichtung der beschlagnahmten Papiere erbrachte auch den Beweis dafür, daß die beiden den Heiratsschwindel betrieben hatten. In der Maske einer Stubentin trat eine Schwindlerin auf, die jetzt in Königsberg i. Pr. festgenommen wurde. Das 23 Jahre alte frühere Dienstmädchen Hedwig Müller verstand vor einigen Mo- naten hier in Berlin so geschickt die Rolle der Kommilitonin zu spielen, daß ihr eine Anzahl Studenten ins Garn gingen. Sie war ein„flotter Bursch", machte mit den Kommilitonen, mit denen sie freundschaftlich verkehrte, auch wohl kleine Kneipfahrten und nahm ihnen unter dem Vorwande, daß der Wechsel noch nicht ein» gegangen sei, bares Geld und Geldeswert ab. Als sie sich nicht mehr sicher fühlte, verschwand sie eines schönen Tages und kam nicht wieder. Die betrogenen Studenten warteten vergeblich auf ihr Geld, das bald zurückgegeben werden sollte, und wandten sich end- lich an die Polizei. Diese ermittelte, daß die angebliche Studentin nach Königsberg abgereist war und benachrichtigte die dortige Be- Hörde, die sie jetzt festnahm. Auch dort hatte sie wieder Anschluß an Studenten gefunden und sich mehrere falsche Namen beigelegt. Man war nicht wenig erstaunt, als sich die Kommilitonin als ei» früheres Dienstmädchen entpuppte. Wegen RabattmarkcnschwindelS hat die Kriminalpolizei den Kaufmann Albert Minie aus der Wilhelm Stolzestraße 15 und den Papierreisenden Franz Gertler festgenommen. Minia, der eine Umtauschstelle des Rabattsparvereins Oststern hatte, verband sich anfangs vorigen Jahres mit Gertler zu einem ausgedehnten Schwindel. Sie kamen überein, sich die Rabattmarken selbst an- fertigen und durch Frauen und Kinder umtauschen zu lassen. Erst ließen sie sich bei einem Graveur im Süden der Stadt Klischees machen, um nicht aufzufallen, angeblich für zwei Bereine, Südstern und Oststcrn. Weil diese Klischees für ihre Zwecke nicht zu ge- brauchen waren, gingen sie nach Spandau und ließen sich dort andere anfertigen. Die beiden Schwindler gerieten später in Zwist. Minia arbeitete seitdem auf eigene Faust. Im Norden der Stadt ließ er von den Klischees neue Abzüge machen,"die er dann in seiner Umtauschstelle mit dem Kontrollstempel versah und wiederum durch Frauen und Kinder vertreiben ließ. Die Ver- hafteten bestritten anfangs jede strafbare Handlung, wurden aber von der Kriminalpolizei überführt. Bei einer Wohnungsdurch- suchung kamen noch die Platten imd ein« ganze Menge Marken- bogen zum Vorschein, die alle beschlagnahmt wurden. Gegen Minia schwebt auch noch ein Aerfahren wegen Wechselschwindels. Für Kraftwagenführer. Als amtliche Sachverständige, die befugt sein sollen, Kraftfahrzeuge und Führer von solchen zu prüfen und darüber Gutachten und Zeugnisse auszustellen, sind jetzt noch die Ingenieure Max Steinberg und Friedrich Wedekind, Ingenieure beim Dampftessel-Revisionsverei»„Berlin" zu Berlin dlW. 23, Lessingstr. 34, für den Landespolizeibezirk Berlin ernannt Ivorden. In großer Lebensgefahr schwebten in der letzten Nacht zahl- reiche Personen in der Schreinerstratze 41. Dort war um Mitter- nacht in einer Wohnung unbemerkt Feuer ausgekommen, das an Kleidungsstücken schnell Nahrung gefunden hatte. Als der 7. Lösch- zug an der Brandstelle eintraf, war die Wohnung schon vollständig verqualmt. Da sich noch Personen in der Wohnung befinde» sollten, drangen Feuerwehrmänner in die brennenden Räume ein und brachten vier Kinder sowie eine Frau Berta Werder und den Tischler Max Pfeffer in Sicherheit. Die Flammen konnten in kurzer Zeit gelöscht werden.— In der Zorndorfer Straße 3 erlitt der 9 Monate alte Knabe Karl Pietsch bei einem Brande, der durch Entflammen eines verspäteten Weihnachtsbaumes entstanden war, Brandwunden zweiten Grades im Gesicht und an den Händen, Samariter der Wehr nahmen sich des kleinen Kindes an. Feuer in einer Akkumulatorenfabrik. Gestern vormittag gegen 10 Uhr wurde die Berliner Feuerwehr nach der Stendaler Straße 4 gerufen, tvo in den Akkumulatorcnwerken von Dr. Sonnenschein durch Ueberkochcn von Teer Feuer ausgebrochen war. Die Fabrik- räume der Firma liegen im ersten Stock des Fabrikgebäudes auf dem zweiten Hofe. Das Feuer hatte sich bei Ankunft der Feuer- wehr schon sehr ausgedehnt, da in den Räumen auch Zelluloid- ab fälle lagerten, die im Nu von den Flammen ergriffen wurden. Auch einige Regale und Werktische waren schon in Brand gerate». Das Fabrikpcrsonal hatte sich noch rechtzeitig in Sicher, heit gebracht. Die Gefahr war innerbalb einer halben Stünde be- scitigt. Der Fabrikraum ist größtenteils ausgebrannt. Vorort- Fladmebten. Die Gemeindetvählerlistcn liege««ur«och bis zum 39. Januar in den Gemeiudcburea«» z»r öffentlichen Einficht ans. Wer sich bisher noch nicht davon Lierzeugt hat, ob sein Name in der Liste steht, überzeuge sich hiervon. Diejenigen, die in Ermangelung von Zeit an der Einsicht «ahme in die Liste verhindert sind, kSnnen auch einen der bereits bekannt gegebenen Genossen damit betrauen. Wer nicht in der Liste steht, darf, sofern in diesem Zahre eiue Wahl stattfindet, nicht wähle». Eharlottsnburg. Die Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung vom Mitt- tsoch hatte den Charakter einer Feftessitzung. Oberbürgermeister Schustehrus wurde, nachdem er nach Ablauf seiner AintSperiode auf 12 Jahre wiedergewählt und bestätigt war, durch den Regie- rungspräfidcnten v. d. S ch n l e n b u r g in feierlicher Weise ein» geführt und verpflichtet. Namens der Stadtverordnetenversammlung begiüstle ihn der Borsteher Äaufmann, namens des Magistrats der Bürgermeister M a t ti n g. Oberbürgermeister Schustehrus eutwiekclte in seiner Erwiderung die Aufgaben, die Cbarloltenburg in nächster Zeit bevorstehen: der Zusammenschlug der tSemeiiidcu EIeost»Berliiis, die Aufschliestung des bisher deruachlässtgken nörd» lichen Stadtgebietes jenseits der Spree, die Schaffung des Bolls- Parkes Jmigfcrnheide, wabrscheinlich auch die Anlage eines Hafens, die Heistellnng von Schnellbahiien. namentlich nach Spandau. Nachdem die Vorlagen betreffend Erweirerungsbaule» auf Gas- onstalt II und betreffend Festsetzung von Fluchtlinien für den Kirch- Platz genehmigt waren, erfolgte die Wahl eines städtischen Medizinal rats. Von«ZI Stimmzetteln lauteten 60 auf den Namen des bisherigen unbesoldeten Stadtrats Dr. G o t t st e i n, einer war un« beschrieben. Sein Gehalt wurde aus 12 000 M. festgesetzt, obwohl die Stelle mit 9000 bis 12000 M. eiatisiert ist. d. h. er bekommt sofort das Höchstgehalt. Unsere Genossen ließen durch Dr. Borchardt die Erklärung abgeben, daß sie mit dieser Art der GehaltSnormierung nickt einverstanden seien, sondern auf Jnmr Haltung des NormalelatS beständen. An die Sitzung schloß sich ein Festessen, von dem die Sozial demolraten sich fernhielten. Ei» aufregender Borfall spielte sich vorgestern früh in dem Hause Schliiterstr. 62 ab. Dort war seit einigen Monaten bei einem Kaufmann das 17jährige Dienstmädchen Ida Günther in Stellung. Als die G. den Tisch abgeräumt hatte, brach bei dem Mädchen plötzlich die Tobsucht aus. Die Günther zertrümmerte einen Teil der Wohnungseinrichtung, wobei sie sich erheblich an den Armen verletzte und bedrohte die anwesende» Personen mit einem Küchenmesser. Dann versuchte die Bedauernswerte aus dem Fenster der im vierten Stockwerk belegenen Wohnung zu springen; die Kranke konnte nur mit Mühe von ihrem Vorhaben zurückgehalten und überwältigt werden. Sie wurde dann nach einer Heilanstalt übergeführt. Gegen die Schundliteratur. Der Mogistrat CharlottenburgS der- sucht dem Feilbieten der Schundliteratur dadurch entgegenzutreten daß er den ZeUungS- und Druckschriftenhändlern die Genehmigung zur Aufstellung der bekannten transportablen Verkaufsstände nur»nit der Bedingung erteilt, daß das Feilhalten von Druckschriften. die geeignet sind. auf die fugend einen verrohenden oder sonst auf die sittliche«Äitwickelung nach. töiligen Einfluß auszuüben, unterbleibt. Die� Entscheidung über die Frage, ob eine Druckichrist zur Schundliteratur gehört oder nicht, hat sich der Magistrat vorbehalten. Er beabsichtigt vor allem, auf die Beseitigung der Kriminal- und Dete'iivromane hinzuwirken. Eine Reihe derartiger Produkte wie Sherlock Holmes Nick Carter. König der Apachen. Buffalö Bill u. a. sind nunmehr, da auch in den Zeitungskiosken diese Sckundliteretur nicht feilgehalten werden darf, aus dun Charlottenburger Straßenhandel unfernt. Durch Beauftragte deö Magistrats wird die genaueste Beachtung des Verbots überwacht. Schöneberg. Polizeilich verboten ist die auf Sonnabend, den 23. Januar. vnbsraumte Theateraufführung„Kasernen luft". Die Vor stellung findet an einem noch zu bestimmenden späteren Wochentage statt. Die bereits gelösten Billetts behalten ihre Gültigkeit. Rixdorf. Den Tod im Landwehrkanal gesucht und gefunden hat der Möbelpolierer Hugo Lehfeld. welcher bei seinen Eltern Sander straße 9 ivohnte. Der junge Mann war schwer lungenleidend und aus Verzweiflung hierüber sprang er in der Nacht zum Dienstag an der Hobrechtbrücke in den Landwehrkanal und ertrank. Augen- zeugen des Vorfalls suchten den Lebensmüden aus dem Wasser her- auszufischen, doch gelang ihnen dies nicht. Die Leiche ist bisher nicht gefunden worden. Die bedauernswerten Eltern haben erst vor kurzem aus gleiche Weise ein« blühende Tochter, die aus Liebes- gram in den Tod gegangen ist, verloren. Brrschnmnde» ist seit vorgestern der SS Jahre alte Magistrats- böte Otto Taubert aus der Thüringer Str. 81. Der Mmm verabschiedete sich vorgestern von seinen beiden Kindern in sehr betrübter Stimmung. Was Taubert veranlaßt hat, den Dienst und seine Familie zu verlassen, ist nicht bekannt. Ebensowenig weiß man. wohin er sich ge»oandt haben kann. Vermutet wird, daß er sich ein Leid angetan bat. Ei» gefährlicher Wohnungsbrand beschäftigte die Rixdorfer Feuerwehr in der Mainzer Straße 13. Dort hatten mehrere Kinder im dritten Stock des«Zeitenflügels mit einem Kinemato- graphen experimentiert. Dabei erplodierte ein Film. Die Kinder ergriffen die Flucht und kamen mit dem Schrecken davon. Der Feuerwehr gelang es dann, den Brand auf die Wohnung zu schränken. Der über der Wohnung befindliche Boden hat nur wenig gelitten. Wilmersdorf. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst wurde die «offizielle Mitteilung von der Amtsniederlegung des Stadt- derordnetenvorstehers Leidig entgegengenommen. Auf die An. frage des demokratischen Stadtverordneten Moll, die Aufnahnie der Borsitzenden der Armenkommissionen in die Armen. d e p u t a t i o n betreffend, gab der Stadtrat B r o h m im Namen des Magistrats die Erklärung ab. daß demnächst eine besondere Vorlage die Wünsche des Fragestellers befriedigen sollte. Lebhafter wurden die Stadtväter erst, als die Frage ausgerollt wurde, ob der Stadtverordnete Schulz mit Recht oder Unrecht sein Amt nieder- gelegt habe. Der Herr hatte dem Magistrat mitgeteilt, daß er als Staatsbeamter wegen beruflicher Uebcrbürdung zur Ausübung seines Mandates außerstande sei. Nachdem daö geschehen, bc- stimmten ihn wahrscheinlich äußere Einflüsse, sich eines anderen zu besinnen, denn es traf nach einigen Tagen die Meldung ein, daß er sich, was die Ueberbürdung betreffe, geirrt habe, und daß er des- halb bitte, die Niederlegung des Mandates als ungeschehen zu bc« trachten. Der Ansicht des Ausschusses, daß daunt die Angelegenheit erledigt sei und Herr Schulz weiter als Stadtverordneter funk- ttonieren könne, traten sowohl verschiedene Stadtverordnete als auch der Magistrat entgegen. Gestützt auf Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts vertrat man hier die Ansicht, daß die einmal erfolgte Nicderlegung des Mandates nicht wieder rückgangig gemacht werden könne und oaß höchstens die Frage zu prüfen sei, ob die in der Städteordnung für eine solche Handlung als maß- gebend erachteten Gründe im vorliegenden Falle zuträfen. Dieser auch von uns für zutreffend gehaltenen Anschauung suchten andere Stadtverordnete mit einem beträchtlichen Aufgebot juristischer Ein- wände entgegenzutreten. Nachdem ein Schlußantrag mit IS gegen 14 Stimmen angenommen war. siegte mit knapper Mehrheit die .Richtung, die Herrn Schulz auch ferner in Amt und Würden sehen will.— Nunmehr sollte die«tadtvercrdnetenversanuitlung die Frage entscheiden, ob der einseitig aus Mitgliedern der konservativ tiailonalliberalen Fraktion gebildete Wahlausschuß die Gesamtheit der Stadtverordneten bei der Zusammensetzung der Aus- s ch ü s s e den Grundsätzen der Gerechtigkeit entsprechend bedacht habe. Eine von dem Ausschuß aufgestellte Liste war wegen gar zu vieler Schönheitsfehler zurückgewiesen worden; eine zweite Liste hatte man dann zwar etwas sachlicher zusammengestellt, jedoch gab auch sie noch sehr viel Ursache zur Bemängelung. Da bei der Zu- stellung der neuen Liste an die Stadtverordneten jedoch nicht die satzungsgemäße Frist eingehalten war, mußte aus den Einspruch der Opposition hin die Wahl der Ausschüsie bis zur nääfften Sitzung verschoben werden. Dasselbe Schicksal erlitten in der nunmehr ab- gehaltenen geheimen Sitzung die Gegenstände der Tages- ordnung, die die Besetzung der Deputationen betrafen. Es wurde einzig die Wahl der Kasseuprüfer und die Wahl der Mitglieder einer Deputation vollzogen, die zu dem Gesetzentwurf eines Z wangszweckverba n dcs Stellung nehmen soll. In diese Deputation wurde u. a. der Sozialdemokrat Schröder gewählt. Die beiden sozialdemokratischen Mitglieder hatten beabsichtigt, beim Magistrat anzuregen, daß er die Tuberkulose-AuS- stellung in der Cecilienschule am NikolSburger Platz, die be- kanntlich mit Ablauf dieser Woche geschloffen werden sollte, noch weiter geöffnet halte. Diese Anregung erübrigte sich, da der Magistrat aus eigenem Entschluß die Ausstellung noch min- destens bis zum Sonnabend. 4. Februar, dem Publikum zugänglich machen will. Einen große» Dachstuhlbrand hatte die WilmsrSdorfer Feuerwehr am Mittwoch in der Fasanenstraße 63 an der Schaperstpaße zu löschen. Die Gefahr wurde erst bemerkt, als das Vorderhaus und ein Teil des Seitengebäudes schon brannten. Die Qualm- entwickelung, unter deren Einwirkung drei Feuerwehrmänner zu leiden hatten, erschwerte den Angriff gegen den Brandherd un- gemein. Ein Wehrmann mutzte auf ärztliche Anordnung nach dem Krankenhause gebracht werden. Die Ursache des Brandes, der viel Arbeit verursachte, konnte nicht ermittelt werden. Der Schaden ist ganz erheblich. Zehlendorf(Wannseebahn). Eine sonderbare Praxis scheint die hiesige Polizei auf her Suche nach«Einbrechern, die seit längerer Zeit den Ort unsicher machen. anzuwenden. Vor einigen Tagcy meldete der Polizeibcricht, daß in der Nackt zum 20. zwei Obdachlose festgenommen, aus der Polizei- wache eingeliefert und bis zum nächsten N- argen festgehalten wurden. Der Grund:»Man batte sie bei einer Streife zweck- und mittellos auf der Straße getroffen und sie„schienen" den Beamten verdächtig. Um strafbaren Handlungen vorzubeugen, wurden sie daher in polizeiliche Verwahrung genommen." Schrumm I Diese Tat der Polizei ist ein Mißbrauch der Amtsgewalt. Die Beamten haben niemand festzunehmen, wenn er ihnen nur verdächtig erscheint. Sie können nur festnehmen, wenn sie jemand bei einem EigentumSvergehen ober einem Verbrechen erioppen, nicht aber schon auf die Vermutung hin, daß jemand, weil er sich zweck- und mittellos auf der Straße befindet, vielleicht einen Einbruch begehen tanm Wo kämen wir da hin! Die kapita- listische Wirtschaftsordnung zwingt viele Taufende mittelloser Pro- letarier. von einer Stadt zur andern zu wandern; und auf der Chaussee von Potsdam nach Berlin, die durch Zehlendorf führt, findet man zu jeder Tageszeit solche Armen. Wollte die Poli.zei alle festnehmen, nur um ihre Findigkeit zu beweisen, so würde sie damit nichts weiter tun, als den wirklichen Langfingern freie Bahn zu schaffen. Adlershof. Die Generalversammlung des Wahlvereins nahm nach einem trefflichen Referat des Genoffen llnger über Schule, Kaserne und Presse den Borstandsbericht des Genossen Klo dt entgegen. Danach gehören dem Wahlverein gegenwärtig 508 männliche und 118 weib- liche Mitglieder an...Vorwörts"leser find 685 vorhanden. Der Kassenbericht des«Äe nossen Hitze weist eiue Einnahme von 710,33 Mari und eine Ausgabe von 699,09 M. auf. Zur Kreisgeneral- versammlung�wurden. die Genossen Neumaim und Schönfeld dele. giert. Am Schluß ermahnte her Vorsitzende die Mitglieder, sich mehr wie bisher an den Parteiarbeiten zu beteiligen. Nowctves. Am Sonnabend, den 28., und Sonntag, den 29. Januar, findet im Lokal von Schmidt, Wilhelmstr. 11—43, das erste Gastspiel deS Märkischen Wandertheaters unter Leitung von Dr. Emil Geyer statt. Zur Anffübrung gelangt am Sonnabend„Mutter Landstraße", Schauspiel in drei Akten von Schmidt-Bonn, ujid am Sonntag Minna von Bornhelm", Lustspiel in fünf Akten von Lessing. Die Vorstellungen beginnen am Sonnabend um 8>/z Uhr und am Sonn- tag um 6 Uhr abends. Karten zum Preise von 50 Pf. sind m den bekannten Stellen zu haben. An der Abendkasse 60 Pf. Der BildungSauSschuß. Spandau. Aus der Havel gelandet wurde vorgestern bei Saäiwinkel die Leiche, der 36jährigen Ehefrau des Vorwiegers W. aus Spandau, die am 19. November mit ihrem vier Monate alten Kinde heimlich ihre Wohnung verlassen hatte und seitdem vermißt wurde. Die Leiche des KindeS wurde bereits vor Weihnachten im Tegeler See aufgefunden. Jetzt bat sich die Vermutung, daß die Verschwundene Selbstmord verübt hat. bestätigt. Vorgestern nachmittag wurde auch die Leiche der Frau W. von Fischern am Ufer bei Saatwinkel bemerkt und gelandet. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt und nach der Plötzenseer Leichenhalle übergeführt. Hus aUsr Melt. Me ist äie Leitung so«iterelTaiit... Bekanntlich ist in Deutschland für den Arbeiter bis ins hohe Lebensalter so reichlich gesorgt, daß die gefüllte Kompottschüssel nahe am Ueberlausen ist. Sehr zu begrüße» sind daher die von autoritativer Seite erfolgten Eimahnungen zu größerer Sparsamkeit. Wie weit diese gut � gemeinten Lehren das Volk zu spartanischer Einfachheit zurück« geführt haben, illustrieren einige ZeitnngSausschmtte. die wir sämt- lich der„Boss. Ztg." entnehmen: Der 55 Jahre alte Almosen« empfänger Karl Schulz wurde in seiner Schlafstelle in einem Hause der Köpenicker Straße an der Tür erhängt aufge- funden. Sch. hatte bereits �mehr- fach Selbstmordgedanlen geäußert und die Tat wegen Na h ru n gö- sorgen begangen. Lokalbericht. 21. 1. 1911. Der 24 Jahre alte Molkerei- gehilfe Otto Haak warf sich auf der Kreuzung der Dororheen« und Friedrichstraße vor einen in vollerFahrt befind- lichen Straßenbahnwagen, doch gelang es dem Fahrer, noch rechtzeitig zu halten.. Man führte den Unversehrten nach der Woche des 2. Polizeireviers, von wo ihn der benachrichtigte Bruder abholte. Motiv: Arbeitslosigkeit. Lokalbericht, 21. 1. 1911. Wegen Eisenbahnkontravention wurde auf dem Ringbahnhof Frankfurter Allee der wohnungs« lose 26 Jahre alle Maler Anton Cerwaenta festgenommen und zur Polizeiwache geführt. Als er hier seine Legitimationspapiere herausgeben sollte, zog er gleich- zeitig einen Revolver hervor und gabeinenSchutz auf sich ab, ohne sich äb:r zu treffen. Arbeitslosigkeit bildete auch hier den Grund der Tat. Lokalbericht 21. 1. 1911. Jugendveranstaltungen. Tchöneberg. Heute. Freitag, den 27. Januar, abends S'/. Uhr, bei Poschmann, Borvergstr. 9: Vortrag. Der Ausschuß. EinAegsn�cne vruclifckrlften. Von der„Neue« Zeit" kStuttgart, Paul Singer) ist soeben das 17. Hest des 29. Jahrgangs erschienen. AUS dem Inhalt des HcsteS heben wir hervor: Di- Politik der Bcrzweiflung.— Pas stanzSsische Drama und die sranzösische Malerei im achtzehnten Jahrhundert vom Standpunkt der materinlislischen KeschichtSausfasstmg. Bon Ö). Plechanow. Aus dem Russischen uoi, Dr. Jennp Herzmark. kSchluß.)— Droht der Menschheit et:,- Ueberoölterung r Bon P. Raßlosf.— Dt« sozialistische Jugendinter nationale. Von Max Peters.— Literarische Rundschau. Feuilleton der Neuen Zeit Nr. SS: Eine ästhetische Werttheorie. Von Heinrich Ströbel. RcligionSgcschichtliche Streiszüge. Bon Heinrich Cuno. II. Eine Schiller-Ausgabe. Vou F. Mehring.— Bücherschau. Die„Neue Zeit' erscheint wöchenWch einmal. Das einzelne Hest kostet 22 Psenntg.________ ßmffcaftcn der Redafttfcii. — E 5(. M. 1890, 1. Das bedentet, daß eine Einziehung unwahr. scheintich ist. 2. Reklamation, die sich aber in diesem Falle erst dann cmpsiehtt, wenn Ihr Sohn etwa angesetzt wird. 3. DaS wäre zweckniäxig. Jnvalideukarte. Sie sind versicherungspflichtig. Di« Karte müssen Sie vour Polizeirevier befchassen und dem llnicrnchmer übergeben.— <£. K. 8. 1. Nein. 2. Ja. Die Stesse ist aber zu den statutarischen Mindestleistungcu vcrpfiichtet— H. 3:4. 1. Miudesteiis 100._ 2. An den OrtSvorstehcr. 3. Zurückgezahlt wird nichts. Die Weite.Versicherung ist weckmäßig.— EV. 10. 1. Jb, wenn Sie Ihre Behauptung beweisen «önnen und wenn Sie de« Lermieter vorher unter Setzung einer ange- messenen Frist zur Abbilse ersolgioS aufgesordcrt und de» Rücktritt vom Vertrage angedroht haben. 2. Ja.— St. 395. 1. 400 W.. wovon 300 M. osort gezahlt werden sollen. 2. Polizeipräsidium.— W. R. Ja.— L. SO. Steuervstichtig von dem Ersten desjenigen Monats, der dem Monat sslgt, an dem der Betressende in Arbeit getreten ist «rttervrognose für Freitag, de» 27. Januar 1911. EtwaS lühler. zeitweise«ssklarmd, aber veränderlich mit gerwgercu Niederschlägen und srischen westlichen Winde». Berliner Setterbureau. ... Auch auf der gestrigen Coutz boten die H o f t o i l e t t e n vieler anwesenden Damen einen Anblick von ahrhaft bleu- Sender Schönheit.... Ein wahres Feengewand war eine hellroia Toilette; ein aus rosa Chiffon bestehendes. Überreick mit Silber ge- stickteS Kleid, über das eine Sckleppe ans gleichfarbigem Samt vom zartesten Rosa fiel, von der sich in t ö st l i ck e r Silber st ick�rei ausgeführte Rosen und Schleifen abhoben. Mindestens ebenso schön erschien den Zuschauern das Kleid aus S i I b e r t ü l l, daö mit Spitzen und Perlen der- ziert war und durch eine Schlepps aus hellblauem Samt mi: eingestickten Lehren und Swleifcn Louis XV. ergänzt wurde. Vielleicht das prunkendste von allen war das aus Gold- brokat mit Türkisen- st i ck e r e i angefertigte Kleid, dessen Schleppe aus türkisfarbigem Samt bestand, von dessen leuch- tendem Grund sich in erhabe- ner Arbeit aufgelegte goldene Rosen in köstlicher Ausführung abhoben. Hofbericht 21. 1. 1911. Der Kronprinz, den der Gouverneur der United ProvineeS Sir John Hcwett begleitete, hatte heule in den Dschungeln einen sehr guten Jagd- t a g. Der Kronprinz schoß einen Tiger von nahezu zehn Fuß Länge. Auch Graf Finkenstein erlegte einen prächtigen männ- lichen Tiger. Der Kronprinz sprach über den Auvflug seine volle Befriedigung aus. Hofbericht 21. 1. 1911. Das Kaiserpaar verweilte nach dem Gottesdienst kurze Zeit un Marinesaal; die Geladenen nah- men ihre Plätze an den Tafeln im Weißen Saal, der Weißen Saalgalerie, der Bildergalerie und den anstoßenden Räumen ein. Die Tafeln zierten die großen goldenen und silbernen Aufsätze. Armleuchter und Blumenschalen, ge- füllt mit den schönsten O r- ck i d e e n. Die Hoffouriere, Kellermeister. Büchsenspanner und Leibjäger walteten in großer Gala ihres Amte«, die Pagen in ihren roten Röcken mit Spitzenjabot und Ga- lanteriedegen stellten sich hinter die Stühle der Fürstlich- leiten, das Heer der silber- betreßten Lakaien harrte der Befehle. Alle Säle wa- ren voll beleuchtet. Hofbericht 24. 1. 1911. Die russische Schlamperei. Vor einigen Tagen brachten wir eine Nachricht über un- erhörte sanitäre Zustände in russischen Kranken» und Findelhäusern. Jetzt komint aus Odessa eine tele- graphische Meldung, daß das in unserer Notiz miterwähnte Findelhaus in Jekaterinoslaw, wo die Sterblichkeit der Kinder die Zahl von 146 auf je 1000 erreichte, ge- schlössen worden ist. Die eingeleitete Nntersuch'.lng hat geradezu entsetzliche Barbareien ergeben. Von 63 besoldeten Pflege- rinnen waren nur drei wirklich tätig. Die Vernach- lässigung der Kinder war außerordentlich. Nach Zeugen- aussagen sollen Kinder tatsächlich neben der leeren Milchflasche in ihren Betten verhungert sein. Die Schlafstuben strotzten vor Schmutz und sieben Kinder sind an Cholera gestorben. Der Aufsicht führende Arzt vernachlässigte die bei der Cholera vorgeschriebene Behandlung. Alle Angestellten sind verhaftet worden, um sie vor einem Lynch gericht der entrüsteten Bevölkerung zu schützen._ Kleine Notizen. Untergang einer Barke. In der Nähe von O l h a o tu Portugal st ein Fisckdauipfer mit einer Barle zusammengestoßen. Die Barke ist mit e l f M a n n der Besatzung untergegangen. Eigenartiges Bauunglück. Unter der Eisenbahubrücke deS Boulevards de Bercy in Paris waren zwei Maurer auf einem Gerüst mit Reparaturarbeiten beschäftigt, als ein Automobil mit großer Heiligkeit gegen einen der Pfosten anrannte und d a S Gerüst» m w a r f. Die beiden Maurer fielen aus einer Höhe von drei Metern auf die Erde und wurden unter den Trümmern begraben. Einer der Maurer wurde tot unter den Trümmern hervorgezogen, während der andere le b en S g e f ä h r l i ch der» letzt ins Hospital geschafft wurde. Die Pest i» Asien. Wie ei» Telegramm auS Cbarbin meldet, ist das Stadtgebiet von dem verseuchten Vorort Fudiansian und den anliegenden Dörfern auk eine Strecke von 15 Werft durch Polizeiposten abgesperrt tvordcn.— Am 24. d. M. waren wegen Pestverdacktes 1252 Personen in Beobachtung, unter ihnen zwei Europäer; in den letzten 24 Stunden sind 39 Personen an Pest gestorben._ «rntltcter Marktbericht der ftäbtilchen MarNdalleu-Dtrektlon üb« den Grotzbandel in den Zentrai-Marktballen. Marktlage: Fleischt Zusi-hr stark, Geschäft schlrppeud, Preise für Rind», Kalb- und Schweine» fleisch nachgebend, sonst unverändert. Wild: Zuficht genügend. Geichäst ziemlich rege, Preise sast unverändert.«Geflügel: Zusuhr genügend, Geschäft etwa« rege, Preise zmn Teil nachgebend. Fische: Zusuhr ge- nügend, Geschäft ruhig. Preise wenig verändert. Lutter und K�ä s e: Geschalt ruhig, Preis« Irüchtl: Zusuhr Der Arveiter Wilhelm S u n d e l S wurde m seiner Woh« ming zn der Rigaer Straße er- hängt aufgefunden. Schutzleute scknitlen ihn ab und stellten Wieder- belebungsversuche an, die auch von Erfolg begleitet waren. Län- aere Arbeitslosigkeit bilden den Grund zur Tat. Lokalbericht 25. 1. 1911. Der Schlosser Max Höh» d o r f f hat sich m der Küche seiner Wohnung in der Grünthaler Straße durch Einatmen von Gas getötet. H. war herz- leidend, dabei starker Trinker und seit Jahren ohne Be» s ch ä f l i g u n g. L o k a l b e r i ch t 25. 1. 1911. WWW�� verändert. Preist imverändert. Gemüse. Obst und Süd, genügend, Geschäft anhaltend still. Preise gedrückt. LergntwortliZer RedalteLr: Bichard Barth, Berlin. Für vxg Inseratenteil vergytü?.:Th.Glpckr,iöerlm. DrtijkL, Verlag: Vorwärts Nllchdruckerei ji. Perlagsanßglt Paßl Swger zi. Co., Derlm S\Y.