Ihr.««. ntorniemtntS'Beitlngnnsen: KbonnementS■ Preis pränumerando i Liertcljährl. 3P0 SKt., monatL 1,10 KR!., wöchnttlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nmnmer mit illustrierter Sonntags- BeUage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- dwonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitunas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland Z Marl pro Monat. PostabonnemeniS nehmen an: Belgien. Dänemark Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, illumänien, Schweden und die Schweiz, «chÄltt ttga» uttr montags. Vevlrner Volksblnkk. 28. Jahrg. Die TntertionS'Gebflßr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeilc oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewcrlschaflliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen«0 Pfg. „Klririe Rnr-igen", das erste fielt- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weiters Bort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- ftellcn-Rnzeigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächst- Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist piS 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse: „Sozialittmoknt Berlin''. Zentralorgan der lozialdcmokratl fehen parte» Deiitfcblands. Redaktion: SM. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1388. Dienstag, de« 31. Januar 1311. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die älertzuwacbsfteuer. Heute Dienstag beginnt die dritte Lesung des Wertzulvachssteuergesetzes im Reichstag. Da die zweite, siebentägige, erst Mittwoch voriger Woche zu Ende ging, liegen ganze sechs Tage, darunter ein Sonntag, zwischen beiden Lesungen. Die Regierung hat es also sehr eilig mit der Fertigstellung dieses Gesetzes! Wer die Dinge auch nur einigermaßen näher kennt, dem ist das freilich nicht verwunderlich. Ehe das Wertzuwachs- stcuergesetz nicht zustande gekommen ist, schwebt der viel- gerühmte Wermuthsche Reichsetat für 1911 völlig in der Luft. Die paar Millionen, die die Zuwachssteuer bringen soll, im ersten Jahr 13---15, in dem folgenden 22—25 Millionen Mark, bilden geradezu die Grundlage, ohne die der Etat schlechterdings nicht ins Gleichgewicht zu setzen ist. Schon drohen selbst die Beratungen in der Budgetkommission ins Stocken zu geraten, wenn dieser Grund- und Eckstein im Etatgebäude noch länger fehlt. Was Wunder also, daß der Reichsschatz- sekretär Mermuth und seine Kommissare fast fieberhaft hinter den Kulissen arbeiten, um allerhand Bedenken bürgerlicher Abgeordneter gegen den Entwurf der zweiten Lesung zu be- seitigen, neue Verschlechterungskonzessionen zu machen und so das Gesetz so rasch als möglich unter Dach und Fach zu bringen. Ain Abend des 1. Februar schon soll es an- genommen sein. Diese ganze Situation beweist uns unwiderleglich: S ch 0 n heute hat die Reichsfi nanzreform von 1999 unseligen Angedenkens schmählich Bankrott gemacht. Aller Jubel der Bcthmann Hollweg, Wcrmuth. Erzbcrger und Genossen, daß diese Finanzreform das Reich endgültig auf trockenen Boden und feste Füße gestellt, ist eitel Schaumschlägerei gewesen: das Geld, das man mit jenen neuen Hunderten von Millionen indirekter Steuern dem deutschen Volke auspreßt, langt schon heute wieder nicht aus, um den Etat trotz angeblicher höchster Sparsamkeit zu balancieren. Und schon beginnt dieselbe Komodie wieder wie nach 1998, nach der famosen Stengelschen Finanzreform: Die Wert- zuwachssteuer ist, fürchten wir, der Anfang eines neuen dritten, noch größeren Steuerraub- z u g s auf die Taschen der arbeitenden Massen. Eine zweite Etappe auf diesem Wege ist ebenfalls schon von weitem zu erkennen. Aus Andeutungen des Rcichsschatzsekretärs und blanschwarzer Abgeordneter geht hervor, daß man auch an eine Besteuerung der Zündwarenersatzmittcl denkt. So ist der Kampf um die Wertzuwacbssteuer von besonderer symptoma- tischer Bedeutung. Das Volk hat alle Ursache, ihn gespannt zu verfolgen, mißtrauisch gegenüber dieser neuen Steuer zu bleiben. Diese Darlegung wird noch durch einen anderen Umstand neu erhärtet. Während die Zuwachssteuer ursprünglich als eine Ersatzsteuer gedacht war für einen Teil der ebenfalls 1999 beschlossenen Uiusatzstempelsteuer, hat sie sich jetzt zu einer ganz selbständigen Steuergröße ausgewachsen. Mindestens bis 1914, wahrscheinlich aber in alle Ewigkeit wird auch das zweite Drittel des Umsatzstempels, das vom 1. April 1911 ab wegfallen sollte, bestehen bleiben, und da- neben bei Grundstücksverkäufen nun auch noch Zuwachssteuer erhoben werden. Auch diese Tatsache beweist, wie schnell die Finanzreform von 1999 bankrott gemacht hat. Man braucht, das ist das Resultat, zu dem auch diese Tatsache führt, schon wieder Steuergroschen vom Volke, aber nicht für das Volk. Denn charakteristisch, für Deutschland freilich schon selbst- verständlich, ist, daß die neuen Erträgnisse au s d e r W e r t z u w a ch s st e u e r wieder fast ausschließlich für militärische Zwecke veriv endet werden sollen. Mit fast ausdringlicher Deutlichkeit hat es der Reichsschatzsekretär in der Kommission wie im Plenum des Reichstags bei jeder sich bietenden Gelegenheit offen ausgesprochen: er brauche das Geld, um damit die neue Heeres- Vorlage des Kriegsministers bezahlen zu können. Auf füilf Jahre hinaus ist also bereits der Ertrag aus dieser in diesem Augenblick noch nicht einmal bewilligten neuen Steuer fest- gelegt und vorausbestimmt für den Moloch Militarismus. Angesichts dieser neuen Erfahrung ist es geradezu Wahnsinn, noch zu glauben, daß Deutschland jemals aus dem Steuer- elend hcrausgelangen könne ohne endgültige Vernichtung dieses Ungeheuers, dem alle Dinge, auch alle Steuern gegen- wärtig zum besten dienen müssen. Trotzdem hat die sozial- demokratische Fraktion Ivie schon in der Kommission so auch bei der ziveiten Lesung des Zuwachssteuergesetzes im Plenum den Versuch gemacht, vor ihm zu retten, was noch etwa zu retten möglich schien. Sie beantragte Ver- Wendung des Zuwachssteuerertrages zum Zweck einer Aufhebung des Zündwaren st euer- Gesetzes. Das wäre umso möglicher, als die Zulvachssteuer etwa die- selben Summen bringen soll, die man aus der Zündholzstcuer erhält und noch in Zukunft erwartet. Der Antrag aber fand nur bei der Fortschrittlichen Volkspartei Unterstützung. Alle anderen lehnten ihn hohulächelnd ab. Als Genosse Göhre ihn mit nachdrücklichem Ernst begründete. stieß er gar auf stürnüsche Unruhe und lautes Gelächter. So sehr pfeift diese Gesellschaft vom schwarzblauen Block mit ihren national- liberalen Trabanten auf die Not der Zündholzarbeiter und auf die Entrüstung des ganzen Volkes über die schmähliche Zündholzsteuer I Auch das muß die Massen aufpeitschen, muß ihnen eine neue Lehre dafür sein, daß sie bei den nächsten Wahlen alle Kraft anwenden müssen, um ihre Peiniger endlich zur Raison zu bringen. Noch immer geben diese Hochmütigen ihr Spiel nicht verloren, noch immer hoffen sie, den deutschen Michel abermals über den Löffel barbieren zu können. Ganz ähnlich ging es, als unsere Fraktion beantragte, im Zuwachsstcuergesetz ausdrücklich eine Bestimmung auf- zunehmen, den Veteranen 6 Millionen Mark aus den Erträgnissen der neuen Steuer zu reservieren. Sechs Millionen wären wenigstens annähernd ausreichend, um den Veteranen einen erträglichen Lebensabend zu schaffen. Aber wieder waren nur die Fortschrittler dafür zu haben. Alle anderen lehnten auch diesen Antrag kühl überlegen ab, nachdem der Reichs- schatzsekretär versprochen hatte, an einer anderen Stelle des Etats eine Vcterailenfiirsorge vorzusehen. Tin Stelle wirklicher Hilfsaktion also nur ein neues Versprechen I Wenn es über- Haupt eingelöst wird, so wird es jedenfalls nur in unendlich viel bescheidenerem Umfange geschehen, als wir Sozialdemo- kraten es gefordert. Die Veteranen, die Opfer des Mili- tarismus, werden, darüber besteht gar kein Zweifel, gerade so viel erhalten, als der Bedarf für die Heeresvorlage von dem Zuwachssteuergelde übrig läßt. Bleibt, was vielfach vermutet wird, der Ertrag gar hinter der Berechnung des Schatzsekretärs zurück, so wird, was die Veteranen erhalten werden, ein Pappenstiel und Bettelpfennig sein. Abermals werden dann die Opfer des Militarismus ein Opfer des Militarismus werden. Was immer aber sie schließlich erhalten werden, ob mehr oder weniger, das werden sie den Sozialdeniokraten zu danken haben. Denn nur indem diese immer und immer wieder während der Beratungen über dieses Gesetz die Veteranen- fürsorge forderten, haben sie die Regierung zu Versprechungen gebracht, die sie nun schwerlich ganz unausgeführt lassen kann. Neben der Negierung hat aber noch jemand ein brennendes Interesse daran, daß das Zuwachssteucrgesetz so schnell als möglich zustande kommt. Das ist der blau- schwarze Block, der jene aushält. Er hofft, mit der Durchsetzung der Zuwachssteuer das Schandmal von sich ab- waschen zu können, das er sich durch Ablehnung der Erb- schaftssteuer aufgebrannt hat. Er kalkuliert so, daß auch die uwachssteuer genau wie die Erbschaftssteuer eine direkte esitzsteuer sei: jene könne also als ein vollwertiger Ersatz für diese angesehen werden. Freilich nur von einem politisch Blinden. Denn während eine gesunde, festzugreifende Erb- schaftssteuer für das Reich Hunderte von Millionen bringen würde, bringt diese Zuwachssteuer im Beharrungszustande jährlich höchstens ein Viertclhundert Millionen. Aber die Blauschwarzen hoffen wahrscheinlich in ihrer Bauernschlauheit, daß das Volk diese ungeheure Differenz im Ertrag der beiden Steuern nicht bemerkt, und so gedenken sie denn bei den nächsten Wahlen niit Erfolg mit dieser Zuwachs- stener krebsen gehen zu können. Das aber muß ihnen gründlich versalzen werden. Und schon der Hinweis auf jene Differenz im Ertrag ist ein erfolgreiches Hilfsmittel dabei. Noch wirksamer aber, geradezu durchschlagend, wirkt in dieser Beziehung ein anderes. Die Tatsache nämlich, daß die Blauschwarzen alles, und zwar mit diabolischem Erfolge, alles daran gesetzt haben, um die Steuer so zu gestalten, daß von ihr die Agrarier so gut wie verschont bleiben werden, trotz der ungeheuren Wertsteigernngen, die auch der landwirtschaftliche Grundbesitz infolge der Zollpolitik von 1994 erfahren hat, und trotz der immer noch zunehmenden Zahl der Umsätze in landwirtschaftlicheu Gütern, die die Folge dieser Preissteigerungen ist. Der blauschwarze Block hat also auch bei dieser Steuer genau so operiert, wie 1999 bei der großen Finanzrcform: sich selbst hat ervonsogut wie jeder Steuerbelastung gedrückt, dafür die schwachen Schultern der breiten, arbci- ten den Massen nur um so schwerer bela st et! In diesem Falle hat er das dadurch zu erreichen gewußt, daß er den an sich berechtigten Grundsatz, jeden durch Arbcitsauf- Wendung verdienten Wertzuwachs steuerfrei zu lassen, für das platte Land ungeheuerlich überspannt. Von diesem Grundsatz aus hat er dem ländlichen Grundbesitz das Recht zugeschanzt, von dem eingetretenen Wertzuwachs soviel Steuerabzüge vorzunehmen, daß es heute feststeht, daß der landwirtschaftliche Grund- besitz so gut wie steuerfrei bleibt. Selbst derjenige der sogenannten Millionenbauern vor den Toren der wachsenden Großstädte wird auf diese Weise ungeheuerlich bevorzugt; und auch die eigentlichen Terrainspeknlanten. die man doch vor allem treffen wollte, werden durch diese agrarischen Mani- Pulationen leicht in der Lage sein, sich wenigstens zu einem gut Teil von der Steuer zu drücken. So wenigstens hat einer von der Tribüne des Reichstags es verkündet, der es genau wissen muß. der freikonservative Herr Arendt. Die Hauptlast der neuen Steuer werden die mittleren und kleinen Haus- und Villenbesitzer in den Städten zu tragen haben. Auch sonst lverden die Kommunen fast allein belastet werden. Zwar kommen nunmehr auch alle diejenigen Tausende von Gemeinden zu einer Zuwachssteuer, die bei dem herrschenden kommunalen Dreiklassenwahlrecht und der dadurch geschaffenen Uebcrmacht der HauS- und Grundbesitzer in der Gemeindevertretung noch aus lange hinaus eine solche Steuer nicht erhalten haben würden,— dafür aber ist diese Steuer so roh zugeschnitten, so sehr Schablone, läßt den einzelnen Kommunen so wenig Bewegungsfreiheit, daß der geringe Anteil von 49 Proz., den ihnen das neue Gesetz nur zulveist, unverhältnismäßig geringer ausfällt, als er sein würde, wenn sie bei der Steuerveranlagung selbständiger Verfahren und dabei sich den lokalen Bedürfnissen hätten anpassen können. So erweist sich in jeder Beziehung dies Zuwachsstcuergesetz als ein echtes Kind des blauschivarzcn Blocks, das die Nationalliberalcn natürlkch pflichteifrig mit zur Welt bringen helfen: es i st ein durch und durch agrarischesJnteressengesetz, ein Gesetz gegen die Städte, für die„Triarier seiner Majestät". Der gute Grundgedanke, der jedem ZulvachSstcuergesetz inue- wohnt, ist in ihm gänzlich blauschwarz verhunzt, entstellt, verfärbt. Das Zuwachsstcuergesetz ist so ein würdiges Geschlvister der Stcuergesctze von 1999 geworden. Es wird Ausgabe der Agitation sein, dies vor dem Lande noch genauer darzulegen und dadurch die Hoffnungen zu zerstören, die die Blau- schwarzen auf die Wirkung dieses Gesetzes in ihrem Interesse setzen. Eine interessante Verhandlung wird es bei der dritten Lesung wegen der Steuerfreiheit der Landes- fürsten geben. Es wird schon jetzt hinter den Kulissen alles versucht, um diese wieder in das Gesetz hineinzubringen. Wahrscheinlich werden die Polen, die sich in der zweiten Lesung an diesem Punkte der Stimme enthielten, gegen Be- lohnung umfallen. Auch sonst sollen, so munkelt man, neue Versckilechterungeu vorbereitet sein. Es gilt also, daß das Volk mit denkbar größtem Mißtrauen die dritte Lesung dieses Gesetzes verfolgt. Der Mftand in Ponape. lieber die Ermordung der vier weißen Beam- ten auf Ponape liegt nunmehr ein ausführlicher Bericht des Negierungsarztes Dr. Girschner vor. Danach ist die Erhebung auf den allzu harten Arbeitszwang gegenüber den Eingc- borenen zurückzuführen. Wie wir seinerzeit bei dem ersten Be- kanntwerden mitteilten, hat die deutsche Regierung da? Lchns- Verhältnis der Eingeborenen zu ihren Häuptlingen dadurch abzn- lösen versucht, daß sie den Häuptlingen eine Rente aussetzte, wofür die von der Lehnspflicht befreiten Eingeborenen der Regierung jährlich 1b Tage Zwangsarbeit zu leisten hatten. Die Eingeborenen der Landschaft I e k 0 y waren im vorigen Jahre noch nicht in die Vereinbarung über die Ablösung der Lehne hinein- bezogen worden, da dies aber nachgeholt wurde, sollten nunmehr die Eingeborenen in diesem Jahre die Zwangsarbeit leisten. die eigentlich auf zwei Jahre hätte verteilt werden müssen. Sie sollten also unentgeltlich 30 Tage arbeiten. Die Eingeborenen waren darüber begreiflicherweise unzufrieden. Am 17. Oktober vorigen Jahres kam es zu Zwistigkeiten zwischen dem Aufseher der Arbeit, dem Bureauassistentcn H 0 l I b 0 r n und den Eingeborenen. Einer dieser Letzteren zeigte sich bei der Arbeit ungehorsam, worauf er eine Strafe von IvStockhieben zudiktiert erhielt, deren Vollziehung den Aufruhr zur Folge hatte. Die Eingeborenen legten die Arbeit nieder, bedrohten die weißen Aufsichtsbcamtcn, so daß sie sich in die Missionsgesellschaft flüchteten. Der Regicrungsrat Bäder in der eigenen Ansiedelung der Weißen auf Ponape wurde um die Entsendung von Polizei- soldaten ersucht. Er fuhr jedoch mit seinem Sekretär und mehreren Dienern allein nach Jekoy. Dort wurde er mit Schüssen empfangen, die ihn tödlich verwundeten; auch sein Begleiter und mehrere Diener wurden von den Aufständischen erschlagen. Ebenso wurden die beiden Aufsichtsbeamten bei dem Versuch, sich in das Boot des Regierungsrats zu flüchten, getötet. Die beiden Paters dagegen wurden geschont und ebenso wurde ein Halbspanier, der im Dienst der Regierung stand und sich in Jekoy befand, zwar gefangen genommen, aber sonst gut behandelt und am 20. Oktober freigelassen. Die übrigen Eingeborenenstämme schlössen sich der Erhebung nicht an, leisteten vielmehr den übrig gebliebenen Weißen jede mög- liche Hilfe, so daß die Aufständischen bei ihren Versuchen, die Ko- lonie anzugreifen, zurückgeschlagen wurden. Sie haben sich nunmehr in den eigentlichen Aufruhrdistrikt nach der gleichen Insel Jekoy zurückgezogen. Diese Insel wird von einem steilen Bergrücken durchzogen, der an Schluchten und Höhlen gute Schlupfwinkel gc- währen soll. Auch haben die Aufständischen Schutzmauern er- richtet, um sich der zu erwartenden Angriffe besser erwehren zu können. Der Bericht des Dr. Girschner erklärt deshalb, daß Ar» t i l l e r i e zur Ermöglichung der Landung unbedingt notwendig sei. Aus dieser Darstellung geht hervor, daß der Aufstand der Einge- borenen durch die harte und ungeschickte Maßregel der Verwaltung von Ponape und � durch die rücksichtslose Verhängung von Prügel st rasen verschuldet worden ist. Und unserer Ansicht nach wäre es deshalb unbedingt Pflicht der Regierung, sich mit einer Bestrafung der wirklich Schuldigen zu begnügen und den übrigen Aufständischen Pardon zu gewähren. Durch eine längere Belagerung dürften zweifellos die Aufständi- schen zum Nachgeben zu zwingen sein, ohne daß ein großes Blut- vergießen nötig wäre. Wir erwarten von der Regierung, daß sie ungesäumt derartige Instruktionen an die inzwischen am Tatort angelangten Kriegsschiffe und Polizeimannschaften gelangen läßt. poUtifcbc üeberRcbt Berlin, den 30. Januar 1911. Petitionen. NuS dem Reichstag, 30. Januar. Bei dem Zu- sammendrängen der Neichstagsgeschäfte auf immer kürzere Perioden, wie sie durch die Regierung in den letzten Jahren betrieben wurde, sind besonders die Petittonen zu kurz ge- kommen. Die Sache war so schlimm geworden, daß die Petitionskommission mit dem Streit drohte, wenn nicht endlich einmal mit der Erörterung der Petitionsberichte im Plenum ein Ansang gemacht würde. Heute waren die fertig gestellten zwei Dutzend Berichte denn auch endlich auf die Tagesordnung gesetzt worden. Weit kam man aber nicht. Schon bei der dritten Pesitton blieb die Debatte stecken. Den Löwenanteil der Debatte der- schlang die Petition eines früheren Jntendanturrats Uhlenbrock betreffend die Dienstverhältnisse der Militärintendanten. Sie war aus einer früheren Debatte zurückgesetzt worden, weil damals keine Regierungsvertreter erschienen waren. Um so mehr waren heute zur Stelle. Zur allgemeinen Ueberraschung benutzte der Kriegsminister v. Heeringen diese Gelegenheit zu einer anderthalbstündigen Rede über die Ge- schäststätigkeit der Jntendanturbeamten. Die ministerielle Redesülle erklärt sich wohl daraus, dast der Herr General früher einmal als Abteilungsdirektor dieses Ressort unter sich gehabt hat und nun zeigen wollte, was er konnte. Er hielt natürlich im Gegensatz zu dem Petenten das Intendantur- Wesen nicht für ernstlich verbessernngsbedürstig. In der Debatte wurde hauptsächlich darüber gekämpft, ob die Vor- schlüge des Petenten berücksichtigt werden sollten, wie Frei- sinnige und Sozialdemokraten forderten, oder nur der Regie- rung zur Envägung zu überweisen seien. Dabei ge- riet Genosse Kunert hart mit dem Herrn Erz- b e r g e r aneinander, weil die eifrige Unterstützung des Regierungsstandpunktes durch den Zentrumsredner von Kunert als die Rede eines freiwilligen Regierungskommissars bezeichnet wurde. Nach vierstündiger Debatte— Herr v. Heeringen nahm zum zweiten Male das Wort— wurden die sachlichen Vorschläge der Regierung zur Erwägung überwiesen, über die Forderung des Herrn Uhlenbrock, wieder angestellt zn�werden, ging die Mehrheit zur Tagesordnung über. Eine Petition der Mainfischer und anderer Fluß- tnteresscnten gegen die Verunreinigung des Mains wurde sehr rasch durch Annahme des Antrages auf Ueber- Weisung als Material erledigt. Eine lange Debatte spann sich dann aber auS über eine Petition der Jmpfgegner gegen das Impf- g e s e tz. In dieser Frage, die ja keine politische Parteifrage ist, gehen die Meinungen in allen Fraktionen auseinander. Von einigen Seiten wird die Beseitigung des Impf- zwanges gefordert, von anderen eine gründliche Nachprüfung der Jmpffrage beantragt. Nachdem zwei Redner dazu gesprochen, wurde um 7 Uhr die Debatte wegen der Fülle der Meldungen vertagt. Am Dienstag steht die dritte Lesung der Wert- Zuwachs st euer aus der Tagesordnung. Das koalitionsfreundliche Zentrum. Im preußischen Abgeordnetenhaus» sist ei am Montag gelungen, dein Zentrum daS wertvolle Zugeständnis zu entlocken, daß diese an- geblich für Wahrheit und Recht kämpfende Partei die Koalition»- freiheit schonungslos mit Füßen tritt. Auf der Tagesordnung stand die Beratung des Forstetats, die unserem Genossen Ströbel Veranlassung gab. in einer großzügigen Rede eine Reihe wichtiger Fragen anzuschneiden, darunter auch die Frage des Koalitionsrecht? der Forstarbeiter, deren Lohn- und NrbeitZverhältnifie so viel wie alles zu wünschen übrig lasten. Der neue LandwirtschastSminister Frhr. d. Echorlemer de- nutzte die Gelegenheit, vor dem Lande darzuwn, daß er ein würdiges Mitglied de? reaktionären, arbeiter- und vollsseindlichen Ministeriums Vethmann ist. Rund heraus bestritt eS da« Bedürfnis für eine Organisation der Waldarbeiter und fügte als echter Scharf» macher hinzu, daß Arbeiter, die fich an sozialdemokratischer Agitation beteiligen, in forstfiskalischen Betrieben nicht» zu suchen haben. Ja, er niuulerte die Oberförster sogar auf, organisierte Arbeiter, die den Frieden zwischen Arbeitern und Unternehmern stören, kurzerhand zu entlasten. Daß diese Worte dm Konservativen und Nationalliberalen aus dem Herzen gesprochm waren, versteht fich von selbst. Daß auch daS Zentrum im Grunde seines Herzens durch und durch arbeiter« feindlich ist und mn, um Stimmenfang zu treiben, eine ihm durch- aus fremde Arbeiterfreundlichkeit zur Schau trägt, ist gleichfalls kein Geheimnis. Aber während das Zentrum sich bisher gehütet hat, Redner vorzuschicken, die sein PartetgeheimniS preis« gaben, war eS diesmal so unvorsickNig, den Abg. Busch loszulassen, seines Zeichen« Postverwalter und Vorstandsmitglied des rheinischen Bauernvereins, und dieser Herr plauderte auS der Schule in einer Weise, für die wir ihm unseren aufrichtigen Dank aus« sprechen müssen. Nachdem er vom Minister zunächst da« Zu- geständnis erlangt hatte, daß die Forstarbeiter sich in christlichen Gewerkschaften organisieren dürfen, daß dagegen der Zusammen- schluß in freim Verbänden ihnen verboten sei, dankte er der Re- gierung für ihr Entgegenkommm gegen die christlichm Gewerk- schasten und bezeichnete eS als ganz selbstverständlich, daß frei- organisierte Arbeiter in Staatsbetrieben nicht geduldet werden. Genosse Ströbel gab ihm die gebührende Antwort. Leider konnte unser Redner die Abrechnung mit dem Zentrum nicht vollenden, denn unmittelbar nach einer Erwiderung des Abg. Busch, durch die er fich noch mehr in die Nesteln setzte, kam der obligat? Schlußanttag, für den das Zentrum stimmte, um seinem Vertreter eine neue Niederlage zu ersparen. Jedenfalls ist da«, was Herr Busch gesagt hat, völlig genug, um aller Welt zu beweisen, wie arbeiterfeindlich das Zentrum ist. AuS der übrigen Rede Ströbels fei hervorgehoben sein warme« Eintreten für die Erhaltung der Wälder um Berlin, sein« Befür- wortung der Verpachtung der Jagden in den StaaiSforsten und seine Forderung auf Besserstellung der Forstarbeiter. In bezug auf die Waldverkäufe um Berlin erklärte der Minister, daß die Regierung zwar ihren Besitz nicht zu besonders billigen Preisen ob- geben könne, daß sie aber andererseits daraus Rücksicht nehmen müsse, daß die Wertsteigerung durch die Zunahme der städtischen Bevölkerung herbeigeführt sei und daß er deshalb den Städten entgegenkommen und nicht die äußersten Preise fordern werde. Dunkel ist der Rede Sinn. Warten wir ab. was die Regierung fordert! Wir fürchten, daß auf ein Entgegenkommen von ihrer Seite nicht zu rechnen ist. Dienstag: Etat der Domäncnvettvaltung und kleinere Vor- lagen._ Erledigt. Herr o. Jägow, der Polizeigewaltige Berlins, wird selbst fcfin einem Teil seiner einstige� Freunde als ein politisch toter Maiui belrachtet. Das„Kieme Journal", Las mancherlei Be- Ziehungen zu Berliner Hoflreisen hat, schreibt ihm bereits eine Art Nekrolog. Vor einem Jahre, so meint daS Blatt, habe zwar die in so frischer Form zum Ausdruck gebrachte Energie(Jagows: „Ich warne Neugierige!") bei vielen» Freunden des Bürger- friedens Verständnis und Anerkennung gesunden; aber nach denr Fiasko von Treptow hätten die Berliner begonnen, an ihrem neuen Polizeipräsidenten irre zu werden. Nach dieser verheißungsvollen Einleitung heißt es weiter: „Heute blicken wir auf eine einjährige Tätigkeit deS Herrn v. Iagow am Alexanderplatz zurück und müssen erlennen, daß wir uns in seiner Persönlichkeit getäuscht haben. Als Mann von wenigen Worten führte er sich ein, nur um in der Folge durch eine ununterbrochene Reihe von Warnungen, Reden und Zuschriften an die Presse diesen guten Ruf wieder völlig zu untergraben. Man hatte von dem Berkünder dcZ Bürgerrechts auf die Straße zwar Tatkraft erwartet, wie sie ein tüchtiger Polizeipräsident unbedingt besitzen mutz, aber gleich- zeitig eine gerechte Objektivität in der Beurteilung aller Fragen, die die Stellung der Polizei zum Publikum berühren. Diese Hoffnung ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Bei den Bor- gängen im Tiergarten wie jüngst während der Moabiter Kra- walle hat Herr v. Jagow kein Verständnis für den Standpunkt und die Wünsche der Bürgerschaft gezeigt. Das schlimmste aber ist, daß er zu jenen gehört, die begangene Fehler nicht eingestehen können, und auch jetzt noch, nachdem drei Gerichtshöfe das Urteil über Moabit und Wedding gesprochen, in seiner Voreingenommenheit gegen daS Publikum und für seine Untergebenen verharrt." lieber den guten Geschmack der KaisergeburtswgSrede des Herrn v. Jagow, die eine Verherrlichung der Polizei als kaiserliche Leibgarde bedeute, lasse sich streiten. Aber i?m Kaiser sei jedenfalls damit kein Dienst erwiesen: „Die Redewendung erscheint auch deshalb besonders unglücklich, weil durch sie der Anschein erweckt wird, als wenn die Ereignisse von Moabit sich indirekt gegen die Person des Monarchen gerichtet hätten, was selbst diejenigen, die in ihnen eine keimende Revolution witterten, sich niemals zu behaupten erkühnten. Ebenso bedenklich ist das Lob, das Herr v. Jagow der Berliner Schutzmannschaft in ihrer Gesamtheit in seiner Rede ausstellt. Er folgt dabei zwar nur dem Beispiele deS Reichskanzlers, aber das peinliche Aussehen, das die Worte Herrn v. Bethmann Hollweg» in der Oeffentlichkeit hervor- riefen, hätte ihn darüber belehren sollen, daß er eine ebenso aufreizende wie unhaltbare These aufstellt, wenn er behauptet, daß die Schutzmannschaft ohne Ausnahme„tadellose Manneszucht" hielt; fich also auch nicht in Einzelfällen Ueber- griffe zuschulden kommen ließ. Wenigsten? einer der Richter, die über Moabit zu Gericht saßen, und zwar derjenige, der als der„schneidigste" im preußischen Sinne galt— Landgerichts- direktor Lieber— hat gar in seiner Urteilsbegründung so zahl- reiche von der Polizei verübte Mißhandlungen konstatiert, daß man nicht mehr von vereinzelten Fällen sprechen könne. Trotz- dem braucht eS nicht unsympathisch zu berühren, wenn Herr v. Jagow sich mit seiner vollen Autorität für sein« Untergebenen einsetzte, wenn er nur gleichzeitig al« Vorgesetzter auch sein Mißfallen über die vorgekommenen Miß- griffe ausgedrückt und eine ernste Mahnung an alle die unentdeckt gebliebenen Beamten gerichtet hätte, deren Vergehen einwandfrei vor Gericht festgestellt worden sind. Er hat ti nicht getan, sondern die Feststellungen der Gerichte in diesem Punkte als entsprungen aus„Phantasie, Suggestion. System" von dem„Ehrenschild der Schutzmannschaft" fortzuwischen ver- sucht. Ein Beginnen, das schon deshalb verkehrt ist, weil es kaum gelingen dürste." Ein objektives Urteil über die Befähigung des'Herrn v. Jagow als Berliner Polizeipräsident könne nur die Form erhalten: „ES muß gesagt werden, daß er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen gezeigt hat... Die Tat- fache bleibt bestehen, daß er diese Schwierigkeiten, die vielleicht auch seine Borgänger nicht einwandfrei überwunden hätten, fortgesetzt durch provozierendes persön- licheS Eingreifen verschärft und erhöht hat. Selbst in weniger sensationellen Angelegenheiten, als die Unter- drückung von Straßenumzügen und Unruhen, hat der Polizei- Präsident keine glückliche Hand gehabt. Wo immer er in daS öffentliche Leben der Reichshauptstadt mit Polizeiverord- nungen eingriff, entstand Verärgerung und Ver- w i r r n n g. Mochte es fich um das Verbot volkstümlicher Theaterveranstaltungen oder auch nur von Boxkämpfen han- dein, stets erschien sein Eingreifen, auch dann, wenn daS Recht auf sein-r Seite war, brüsk und von reaktionären: Geist diktiert. Es würde zu weit führen, alle die Fälle zu rekapitulieren, in denen sich Herr v. Jagow während seines ersten AmtsjahreS im Widerspruch mit der öffentlichen Meinung in Berlin befunden hat... Aber die Frage drftugi sich auf, ob es der ruhigen und gesunden EntWickelung der Stadt Berlin und ihrer Bevölkerung dienlich ist, wenn dauernd zwischen ihr und dem mit so großen Machtbefugnissen ausgestatteten Polizei- Präsidenten ein gespanntes und verbittertes Verhältnis herrscht." Schon vor längerer Zeit wurde bchauptet, Jagow habe sich„unmöglich" gemacht und werde binnen kurzem sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden. Diese Meldung wurde entrüstet dementiert, und Herr v. Jagow dekoriert. Auch jetzt, nach seiner neuesten seltsamen Leistung, seiltet kuriosen Kaiscrfcierrede, wird man ihn nicht sofort gehen heißen; denn das könnte als ein Zugeständnis an die öffent. liche Meinung betrachtet werden, und solche Zugeständnisse verstoßen gegen die Tradition deS Preußischen Kulturstaates. Dennoch ist sicher, daß Herr v. Jagoiv auch in den l>errick)enden Kreisen mehr und mehr als ein Mann betrachtet wird, der den Ansprüchen seiner Stellung nicht genügt: und die neu- liche komische Kaiservcrherrlichung des Herrn Polizei- Präsidenten, in der er die in den Augen deS In- wie dcZ Aus. landes stark diskreditierte Berliner Schutzmannschaft gewisser- maßen als Spezial-Leibgardo des Kaisers aufmarschieren ließ, hat diese schwache Position des Herrn v. Jagow durchaus nicht gestärkt._ Die preußische Regierung und der Vatikan. Die preußische Regierung hat fich zu einer gewaltigen Kraft- leistung aufgeschwungen. Sie hat den preußischen Gesandten beim Vatikan. Herrn v. Miihlberg, beauftragt, gegen den vom Papst an den Erzbischof Fischer von Köln gerichteten Brief in irgend einer Fonn Verwahrung einzulegen; und Herr v. Mühlberg hat sich dieser heiklen Aufgabe dadurch erledigt, daß er am KaiserSgeburtStag in seiner Festrede auf den Brief des Papstes Bezug genommen und an dieses Schreiben einige den Vatikan zur Friedfertigkeit mahnende Worte geknüpft hat. Nach der offiziellen Meldung des.Wölfischen Telegr. BureflUS" spielte sich der Borgang folgendermaßen ab: „Bei einer gesiern zur Feier de? Geburtstage? de? Deutschen Kaiser« veranstalteten Tafel wies der preußische Gesandt« beim päpstlichen Stuhl. Dr. V. Mühlberg, in seiner Rede auf die Krisis im vergangenen Jahre hin und betonte, daß der konfessionelle Friede in Deutschland sowie die Beziehungen seiner Regierung zum Vatikan bedroht schienen. Man befände sich in Rom in einem Irrtum, wenn man behaupte, daß die kalho- tische Religion in Dcuischland verfolgt werde. Di« Ansprache deS Kaisers im Kloster Beuron enthalte eine so klare Anerkennung des Wertes de« Glaubens für das deutsche Volk, daß darüber bei jedem Patrioten die trennenden Punkte in beiden Konfessionen verschwänden und nur die Momente hervorträten, die die beiden christlichen Konfessionen einen und zusammenschließen sollen zu einer gemeinsamen Arbeit für das Vaterland und zum Schutz der kulturellen Interessen." Allem Anschein nach nimmt Herr v. Bethmann Hollweg an. daß derartige halbversteckte Mahnungen auf die römische Kurie tiefen Eindruck machen. In Wirklichkeit beweist er nur damit, daß er sich über die Stärke des päpstlichen Stuhles und die Schwäche der preußischen Regierung in einer naiven Selbsttäuschung befindet. In Rom weiß man ganz genau, daß die preußische Regierung in ihrer verzwickten Lage notwendig die Hilfe des Zentrums braucht, und man nutzt dort diese Zwangslage zur Slärkung der eigenen Machtstellung rücksichtslos aus._ Verurteilter Soldatenschinder. Das Oberkriegsgericht der Ostseestatioki hat heute die Strafe gegen den Torpedo-Maschinisten-Maat W o r sch ke. welcher ain'9. Dezember wegenMißhandlung des Torpedoheizers Brand zu 7 Jahren und 1 Monat Zuchthaus verurteilt wurde, auf lü Jahre 1 Monat Zuchthaus erhöht. Worschke hatte den Brand dermaßen mißhandelt, daß er an den Mißhandlungen starb._ Zam Wahlrechtskampf im Zkreise Gießen-Ridda. Wie das.Bcrl. Tagebl." meldet, sind die Einigungsversuche zwischen Naiionalllberalen und Fortschrittlicher 0o»spartri für die ReichktagSersatzwahl in Gießen-Ridda gescheitert. Die Vertrauens- männer der gorlfchrittlichei, Vollsparte, beschlossen daher gestern. allein in den Wahlkamps einzutreten und ihren Kandidaten in einigen Tagen belaimizugeben. Die Nationalliberalen halten an der Kandidatur deS Professors GiseviuS-Eießen fest; die Bündler und Antisemiten protlamierten gestern Oberlehrer Werner-Butzbach als Kandidaten._ Bayerische Landtagsersatzwahl in Weistenbnrg. Bei der LandtagSersatzwahl im bayrischen Wahlkreis Weißenburg siegte der vom Zentrum unterstützte konsevvatwe Kantor Walz-Heidcnheim mit Löüv Stimmen. Auf den libe- ralen Kandidaten entfielen 1933, auf den Genossen H a u g e n- st e i n- Nürnberg 1333 Stimmen. In diesem fast rein ländlichen Wahlkreis ist die sozialdemokratische Stimmenzayl seit den allge- meinen Wahlen um 109S Stimmen gestiegen. DaS Schicksal deS Schiffahrtsabgabengesetzes. Abg. Boss ermann erklärte in einer Versammlung der Pariikularschiffer in Ruhrort. daß der gegenwärtige Reichstag das ScknfsahrtSabgabengesetz nicht mehr erledigen werde. Von der Re- gierung müßten neue Unterlage» gefordert werden, die dann erst der öffentlichen Kritik zu unterbreiten sind und dann werde der neue Reichstag hoffentlich zu einer Ablehnung des ganzen Ge- setzes kommen._ Moderne ReligionSkämPfe. AuS Köln wird uns geschrieben: Der Evangelische Lberkirchenrat in Berlin hat gegen den Pfarrer Jatho in Köln das Ermittelungsverfahren wegen.Irrlehre" eröffnet. Als im Herbst 1909 der Entwurf deS sogenannte» Irr- lehregesetzcS erschien, da wurde sofort von einer Lex Jatho- Traub gesprochen. Seit Jahresfrist haben die Blätter der evangelische:: Orlhodoxie unablässig den Oberlirchenrat zu einem Vorgehen gegen den.Jrrgeist am Rhein' getrieben. Nun scheinen ste ihren Willen zu bekommen. Jedoch so glatt, wie ste eS sich gedacht haben, wird die Sache nicht ablausen. DaS zeigten die großen Protest« kundgebungen am letzten Sonntag. Die Freunde JathoS, der seit zwei Jahrzehnten in Köln wirkt. beriefen eine Kundgebung in den Riesensaal deS städlischen Gürzenich» Gebäude? ein. Innerhalb einer halben Stunde waren sämtliche Zulaßkarten vergriffen. Eine sofort arrangierte Parallelveriamm« lung in, ReichShallen-Theater war eine Stunde vor Beginn bereits überfüllt. Im Gürzenich redete Pfarrer Traub au» Dortmund, in den ReichShalleu Professor Geffken von der Kölner Handels- hochschnle. In beide» Versammlungen wurde einstimmig eine von Geffcken verfaßte Resolution angenoinmen, worin die Versamm- sammlungen als Vertretung einer„weitüberwiegenden Mehrheit der Kölner evangelischen Kirchengemeinde" gegen das Verfahr«, Einspruch erheben._ Mißbrauch der Dienstgewalt und Betrug. Da» OberkriegSgericht in Posen verurteilte als BerufungS- instanz den Unteroffizier Georg Dopke zu zehn Wochen Gefäng- niS. Dopke, der beim 37. Jnfanterie-Regiment in Krotoschin steht, hatte einen Gewehrstock gefunden und veranlaßte nun einen Sol- baten, sich bei ihm einen neuen zu lausen, wofür er ihm für zwei Mlark den gefundenen gab. Tarauf pumpte er noch seine Unter, gebenen um zusammen öl M. an, mit dem Versprechen, sie wieder« zugeben— was er jedoch vergaß. Das Gericht gahiu Mißbrguch ber Dienstgewalt und Betrug an. Oeftemick-Gngarn. Die auswärtige Politik. Budapest, 39. Januar. In der ungarischen Delegation hielt der Minister des Aeußeren. Graf Aehrenthal erne Rede, in der er sagte: Die Rede des deutschen Reichskanzlers vom 11. Dezember 1919 hat berechtigtes Aufsehen hervorgerufen. Herr v. Vethmann Hollweg war nämlich in der Lage, die Be» Ziehungen Deutschlands zu England und Rußland in einer Weise zu erläutern, welche jeden Freund der Konsij- lidierung der Verhältnisse in Europa mit Genugtuung erfüllen muß. Er sprach von der Geneigtheit Deutschland«, sich mit Eng- l a n d durch eine offene und vertrauensvolle Aussprache über die gegenseitigen Interessen zu verständigen; dies sei das sicherste Mittel zur Beseitigung des Mißtrauens wegen des gegenseitigen Kräfteverhältnisses zu Wasser und zu Lande. Ueber die Beziehungen zu Rußland und insbesondere über die Potsdamer Entrevue war der deutsche Reichskanzler in der Lage zu konstatieren, daß der dort gepflogene MeinungS- austausch zu einer Annäherung beider Ret che geführt, ohne daß jedoch in der allgemeinen Orientierung ihrer Politik eine Aenderung eingetreten wäre. Diese Annäherung vollzog sich auf dem Gebiete allgemeiner Grundsätze, so unter anderem durch die neuerliche Bekräftigung des Grundsatzes der Erhaltung des Status quo im nahen Orient, ferner durch eme Ver, ständigung über die beiderseitigen Interessen in P e r s i e n. Unsere eignen Interessen in Persien sind keine bedeutenden. Ich t laude indes, daß die deutsch-russische Verständigung über persische ierkehrSfragen beitragen dürfte, das Prinzip der offenen Tür in diesem Lande, welches ja die beiden benachbarten Mächte, Rußland und England, vor drei Jahren feierlich verkündeten, dauernd zur Geltung zu dringen. Es ist in unserem Interesse gelegen, die Selbständigkeit und friedliche EntWickelung der Türkei zu fördern, sowie auch die Unabhängigkeit und friedliche Entvickelung der übrigen Balkan, Ilaafcn, Stet!« fffmttci ttft mft Shifetan# SSete'm und Kks 6«. rechtet mich zu der Erwartung, daß unsere Beziehungen zu Rußland, welche heute gute find, auch weiterhin eine de. friedigende Gestaltung annehmen werden. In unserem Verhältnisse mit Frankreich und England, welches ebenfalls ein gutes ist, hat sich keine Aenderung ergeben. Der Minister schloß seine Ausführungen mit dem üblichen Appell, die Mehrforderungen Molochs zu bewilligen. Ein Universitätsstrcik. Krakau, 80. Januar. Die österreichischen Klerikalen suchen immer mehr die Universitäten in ihre Stacht zu bekommen. In Krakau haben sie den Theologieprofessor Dr. Zimmermann. einen Nichtskönner, der philosophischen Fakultät aufzuhängen ge- wüßt. Die freifinnige Studentenschast protestierte in einer Ver- sammlung sehr energisch gegen die Vorlesungen dieses Herrn. Der Universitätssenat schritt nun zu Maßregelungen, relegierte zwei Studenten und erteilte L40 einen Verweis. Die Studenten sind deshalb in den S t r e i k getreten. Heute fanden fichLOOkle» rikale Streikbrecher, die in die Vorlesungen kamen. Als die freisinnigen Studenten zur Universität kamen, fanden sie aber die Tore geschlossen. Sie verschafften sich gewaltsam Eingang, stürmten in die Hörsäle und erzwangen die Einste l lung sämtlicher Vorlesungen. franfcreicb. Armee und Bourgeoisie. Paris, 80. Januar. Der Führer der geeinkgken Sozialisten, Jules Guesde, hielt gestern abend in einer sozialistischen Ver- sammlung in Bordeaux eine Rede, in welcher er sagte:„Wir werden in der Armee, welche die letzte Hoffnung der Bourgeoisie bildet. einen unschätzbarenBeistand finden. Es gibt Offiziere, die nicht mehr die Rolle von Verteidigern deS Geldschranks spielen wollen. Zahlreiche Soldaten erinnern sich, daß sie Proletarier sind.. Die Bourgeoisie kann nicht mehr auf die ganze Armee rechnen!" Gemeindewahlen. Parts, 30. Jan. Bei der gestrigen GemeinderatSersatz- Mahl eroberten die Konservativen das Sorbonneviertel, in welchem Robaglia als Nachfolger des radikal-sozialistischen Unter- staatssekretärS Lefevre mit 217? Stimmen gewählt wurde; der Kandidat dergeeinigtenSozialisten erhielt 1720 Stimmen. In P o i f f y war von den Sozialisten der Gewerkschastssekretär Durand als Kandidat aufgestellt worden, zum Protest gegen das Todesurteil der Geschworenen. Er erhielt aber nur 108 Stimmen. Gewählt wurde der radikale Kandidat mit 080 Stimmen, Portugal. Das ueue WahlgeseH. Lissabon, 29. Januar. Der Ministerrat hat die ersten sechs Artikel des Wahlgesetzentwurfes durchberaten.. Danach soll das P r op o r t i o n a lwa hl syste m zur Aw Wendung kommen und die Stimmabgabe nicht obligatorisch sein. In den Provinzen Lissabon und Porto sollen alle lese, und schreibkundigen portugic- fischen Bürger das Wahlrecht erhalten, wofern sie am 1. April 1911 21 Jahre alt oder in die letzten Wahl- listen ordentlich eingetragen sind. Nicht wahlberech- t i g t wären aktive Soldaten, Leute, die Armemmterstützung erhalten, Verurteilte, Entmündigte und Bankerottierer. W ä h l o a r sollen alle Lese- und Schreibkundigen sein, ausge- uonunen aktive Militärs, Beamte, Mönche irgendeiner Religionsgemeinschaft, Personen, die durch Vertrag an den Staat gebunden sind, und Direktoren staatlich subventionierter Gesellschaften. Zahl und Ausdehnung der Wahlkreise sind noch nicht festgesetzt, mir für Lissabon und Porto sind je zwei Wahlkreise in Aussicht genommen, deren jeder acht Abgeordnete entsenden soll. Jeder andere Wahlkreis sollvierAbgeordnete wählen, jede Kolonie einen. Dem Ministerrat bleiben nunmehr noch sieben Artikel zur Durch- beratung. Cnglanc!. Eine MajestätSbeleidigung. London, 29. Januar. Mehrere Sonntagsblätter bringen die Meldung, daß der Attorney General und der Solicitor General im Namen des Königs ein Prozeßverfahren gegen Edward I. M Y l i u S eingeleitet haben. Der Fall wird vor dem Lord- Oberrichter und einem Sondergericht am nächsten Mittwoch zur Verhandlung kommen. Die Angelegenheit steht im Zusammen- hang mit einer Meldung, die in Paris von dem Blatt The Libe- rator veröffentlicht worden �ist und sich, wie es heißt, auf die seit Jahren umlaufenden Gerüchte bezieht, daß der König als Prinz von Wales in Malta niit der Tochter eines Admirals eine morganatische Ehe eingegangen sei, Gerüchte, denen schon nach der Thronbesteigung des Königs in bestimmter Weise entgegengetreten worden ist. Mylius ist am 26. Dezember vorigen JahreS verhaftet und ins Gefängnis gebracht worden, da er die auf 20 000 Pfund Sterling festgefetzte Kaution nicht aufbringen konnte. Cilrhd. Neue Kämpfe. K-ustantinopel, 30. Januar. An der Hedschaöbahn hak eln neues Gefecht stattgefunden, das mit einer Niederlage derBeduinen endigte. Die Beduinen verloren über 3 0 0 T o t e. Verwundete und Gefangene, die Truppen hatten 13 Tote und gg Verwundete. Wie„Jkdom" erfährt, wird wegen des Ernstes der Lage im Demen die Vorbereitung eines zweiten Expeditionskorps geplant. Außerdem sollen die Ersatzreservisten im zweiten, dritten und vierten Korpsbereich einberufen werden. EhneriKa. Ter japanische Justizmord. New Jork, 30. Januar. Gegen zweitausend Anarchisten mar- schierten gestern Abend unter Absingung der Marseillaise den Broadway entlang zu einer Versammlung, wo heftige Reden gegen die jüngsten Hinrichtungen in Japan gehol- ten wurden. Nach der Versammlung wurde der Versuch gemacht, das japanische Konsulat anzugreifen, die Demon- stranten wurden jedoch von der Polizei zerstreut; mehrere Rädels- jührer wurden verhaftet. Hus der Partei. Die Krankheit de? Genossen Singer. Das Befinden unseres Genossen Singer ist andauernd sehr ernst. Es sind häufig Anfälle von Herzschwäche zu ver- zeichnen. Auch das Bewußtsein ist zeitweise getrübt. Ausgestaltung der literarischen Institutionen der Parte!. Die literarischen Einrichtungen der sozialdemokratischen Partei erfahren zurzeit eine erhebliche Erweiterung. Am 1. Februar d. I. wird das in dem MteiporjtandÄ.crjcht W den Wa.gdeburger Parkeikag angekündigte SozialLemokrakische vurea« für Rheinland-Westfalen in Düsseldorf, Kaiser- Wilhelm-Straße 33. eröffnet. In daS Düsseldorfer Bureau treten die Genossen Heinrich L i m b e r tz. bisher leitender Redakteur unseres Essener Parteiorgans, und Franz P o k o r n y, bisher lei- tender Redakteur der„Bergarbeiter-Zeitung", als Redakteure ein. Als Sekretär des Bureaus wird Genosse Peter Winnen, bisher im Kölner Parteisekretariat beschäftigt, fungieren. Gleichzeitig werden die vorhandenen Berliner Enrichtungen zur Herausgabe von Agitationsmaterial besser ausgestattet. Die bisher mit der Redaktion der„Parteikorrespondenz" verbundene Registratur wird erweitert und neuorganisiert. Genosse Hugo P o e tz s ch, zuletzt Redakteur des Fachorgans der Gastwirtsgehilfen, tritt Ende Februar in die Redaktion der„Sozialdemokratischen Parteikorrejpondenz" ein, in der Genosse Schröder zuletzt allein tätig war. Ferner siedelt Genosse Konrad Hönisch, bisher leitender Re- dakteur unseres Dortmunder Organs, nach Berlin über, um die systematische Bearbeitung desgegnerischenFlugblatt-und Flugschriftenmaterials zu übernehmen. Genosse Otto Heinrich, der Leiter unserer Straßburger Druckerei, der seit dem Nürnberger Parteitage im Nebenamt die Parteigeschäfte revidierte, die zu der Gesamtpartei finanzielle Be- ziehungen haben, wurde vom Parteivorstand zum technischen Gutachter für Druckerei- und Presseangelegeu» heilen gewählt. Er wird von Mitte Februar ab seinen Sitz in Bertin haben._ Hu 9 Industrie und Kandel. Beteiligung und Absatz beim Stahlwerksverband. Der Stahlwerksverband hat in seiner Hauptversammlung vom 25. d. M. sämtliche Anträge auf Veränderungen der Beteiligungs« ziffern abgelehnt. Nehme» wir die Beteiligungsziffern in A und B» Produkten, wie sie beim Stahlwerksverband in der Denkschrift über das Kartellwesen ols erstmalige Beteiligungen angegeben wurden, und stellen ihnen die Anteile, die vom t. Januar 1911 ab gelten, gegenüber, so erhalten wir solaendeö Bild der EntWickelung. Die Beteiligungsziffern betrugen m Tonnen für sämtliche angeschlossenen Werke: 1904 1911 Gegen 1904 Produkte A... 4 638 683 6 271 498'---- Produtte B... 8 587 265 6 197 157 4- 34,6 Proz. + 75,2 Gesamtbeteiligung 8 193 930 12 468 653-f- 62,2 Proz. Die Gesamtbeteiligung hat also seit der Gründung deS Stahl- Werksverbandes um 52 Proz. zugenommen. Die Beteiligung in B-Produkten ist gar um 75 Proz. gewachsen und bleibt absolut nur noch ganz unwesentlich hinter der Beteiligung in A-Produkten zurück. Unter den B-Produkten weisen wieder Stabeisen, Röhren und Guß- und Schmiede st ücke eine auffallend stark« Er- höhung der Beteiligungen auf. während die Beteiligung in Halb- zeug für Schlesien zurückgegangen ist. Die Gesamtbeteiligung in A-Produkt«n ist nun zwar nicht derartig gestiegen, doch stellt sich die Zunohme immerhin auch noch auf 34,6 Proz. Verfolgt man demgegenüber die Absatzziffern des Stahlwerksverbandes, die in seiner Versandtätigleit sich wiederspiegeln, so zeigt sich, daß der Absatz sich nicht entfernt so«msaltet bat wie die Beteiligungs- ziffern. Denn es betrug der Versand des StahlwerkSverbande« an Produkten A im Jahre 1005, für welches erstmalig Jahreöziffern vorlagen, und im letzwergangenen Jahre in Tonnen 1905 1910 Gegen 1905 Halbzeug....... 1910 634 1554118— 18.7 Proz. Eisenbohn-Oberbanmaterial 1 631 464 1 877 576 4- 15,0„ Formessen...... I 673 266, 804 840 4- 7,9„ zusammen 5 215 364 5 286 614 ft- 0,4„ Während also die Beteiligung in A-Produkten Von 1904 auf 1910 um 34,6 Proz. in die Höhe gegangen ist, ist der Versand von 1905 auf 1910 nur um 0,4 Proz gestiegen. Nun war der Versand weder im Jahre 1905 besonders hoch, noch ist er 1910 besonders niedrig gewesen, denn er ließ 1910 sogar den Versand aus beiden Vorjahren noch hinter sich zurück. Im Jahre 1909 wurden 4 965 574, im Jahre 1903 wurden 4 763 893 Tonnen A-Produkte versandt. Be- nierlenSwert ist, daß auch die Beteiligung in Halbzeug wie der Halbzeugversand zurückgegangen ist, allerdings nur um rund 6 Proz., während der Versand um 18,7 Proz. sank. Bei Träger- sormeisen hat die Beteiligung um 65 Proz. zugenommen, während der Versand nur um 7,9 Proz. stiejj. Für die B-Produkte läßt sich ein entsprechender Vergleich nicht durchführen, da die Versand- Ziffern erst für die beiden letzten Jahre veröffemlicht worden. Da sind denn die gesamten BeieiligungSziffern in B> Produlten von 0 022119 Tonnen am 1. Januar 1910 auf 6 197157 Tonnen am 1. Januar 1911 hinaufgegangen; sie nahmen also um 2,9 Proz. zu. Der Versand in B-Produkten ging von 4 589 197 Tonnen in den ersten 11 Monaten 1909 auf 5 267 438 Tonnen im gleichen Zeitraum 1910 hinauf; er stieg um 14,8 Proz. Der SchiffSba» der Welt im Jahre 1910. Die alljährlich vom„Lloyds Register of British and Foreign Shipping" veröffentlichte Uebersicht über den Schiffsbau der Welt ergibt für die letzten Jahre folgende Entwickelung.(Die Zusammen- stellung erfolgt nach Bruttoregistertonnen.) Zu Wasser gelassene Tonnage in 1000 Tonnen: Jahr England Deutschland Ver. Staaten Japan Total 1903 1623 253 308 32 2515 1906 1828 818 441 42 2920 1907 1608 275 475«6 2778 1908 930 208 306 00 1838 1909 991 129 210 52 1602 1910 1143 139 331 30 1958 Nach dem starken Rückschlag der Jahre 1908 und 1909 hat sich der Wellschiffsbau im letzten Jahre wieder etwa« erholt, wenn auch die im Jahre l906 erzielte Rckordziffer noch längst nicht wieder erreicht ist. DaS Verhältnis zwischen den schlffSbauenden Nationen hat sich in den letzten Jahren nicht unerheblich verschoben. Während England 1392/97 noch 77,4 Proz. oller Schiffe baute, waren eS 1910 nur noch 58 Proz. Dagegen ist der Ameil Deutschland« von 7,3 auf 8,1 Proz. gestiegen. Relativ noch stärker wuchs der Anteil der Vereinigten Staaten, Hollands und Japans. Zu den hier gegebenen Ziffern treten noch die für Kriegsschiffe. die für den Schiffsbau der ganzen Welt 310 854 Tonne» betrugen, wovon 134645. also über 43 Proz. aus Großbritannien entfiel. Soziales. Können Weihnachtsgeschenke an Arbeiter zurückgefordert werden? Diese Frage ist zu verneinen. So entschied mit Recht gestern die Kammer 1 des Gewerbegerichts in dem Prozeß des Packers H. gegen den Schneidermeister Gabbe. Der Kläger war beim Beklag- ten lange Zeit beschäftigt. Er hatte von diesem ein Weihnachts- geschcnk von 25 M. erhalten. Diese wurden ihm aber, als er am 10. Januar die Stellung aufgab, vom Lohn wieder in Abzug ge- bracht. Der Beklagte hält die vom Kläger am dritten Weihnacksts- feicrtag ausgesprochene Kündigung für einen so groben Undank, der ihn berechtige, das Geschenk zurückzufordern. Das Gericht unter Vorsitz des Magistratsrats Dr. Leo gab der Klage statt und verurteilte den Beklagten zur Zahlung der 25 M., da das Weihnachtsgeschenk eine jener Schenkungen ist, auf die die Bestimmung des§ 534 des Bürgerlichen Gesetzbuches anzuwenden ist. Diese lautet:„Schenkungen, durch die einer sittlichen Pflicht oder einer aus den Anstand zu nehmenden Rückficht entsprochen wird, LNkerliegen nicht Set StütffoAetung tfn!» Sem Widerruf." Die Frage, ob die Anrechnung nicht besonders dem K 394 B. G.-B. widerspricht, brauchte deshalb nicht geprüft zu werden. Sie wäre übrigens zu bejahen gewesen._ Ungültige Vorschrift der Ministerialverorbnung über die Gnmd» stücksmakler. Nach§ 33 der Gewerbeordnung sind die Zentralbehörden be» fugt, Vorschriften darüber zu erlassen, in welcher Weise die im tz 35 Absatz 2 und 3 verzeichneten Gewerbetreibenden ihre Bücher zu führen haben und welcher polizeilichen Kontrolle über den Um- fang und die Art ihres Geschäftsbetriebes sie sich zu unterlvcrfcn haben. Zu diesen Gewerbetreibenden gehören die gewerbsmäßigen VermittelungSagenten für Jmmobilarverträge.— Die preußische,, Ministerialvorschriften, die auf Grund dieser Befugnisse auS tz 33 erlassen sind, bestimmen»un unter Ziffer 8:„Die Ortspolizci- behörden und ihre Organe können von dem Geschäftsbetriebe Kenntnis nehmen und zu dem Zwecke die für den Betrieb bestimm- ten Räume jederzeit betreten und dort die Geschäftsbücher und Handakten einsehen. Sie können auch verlangen, daß Geschäfts- bücher und Handakten im Dicnstraum der Ortspolizcibehörde vor- gelegt werden usw." Unter Bezugnahme auf diese Vorschriften ist dann unter Ziffer 9 bestimmt:„Diese Vorschriften finden auf Per- sonen, die als Kaufleute zur Führung von Handelsbüchern ver- pflichtet sind, keine Anwendung, jedoch sind die Ortöpolizeibehördcn befugt, auch diesen Personen die Befolgung der Borschriften ganz oder zum Teil zur Pflicht zu machen." Auf Grund der letzt wiedergegebencn Bestimmung hatte die Ortspolizeibehörde von Ostrowo den GesckmftSführer Nowicki von der dort domizilierenden polnischen Jmmobilienbank, die auch den Erwerb von Grundstücken vermittelt, aufgefordert, ihr die Bücher dieser Genossenschaft mit beschränkter Haftung zur Kontrolle vor- zulegen. Da er der Aufforderung nicht nachkam, so wurde er wegen Uebertretung des tz 88 der Gewerbeordnung und der zitierten Ministerialvorschriften angeklagt und in zweiter Instanz von der Strafkammer auch verurteilt. Nowicki legte Revision ein und machte geltend, die Bank als Kaufmann und als Genossenschaft falle überhaupt nicht unter die Bestimmungen, die im übrigen eine unzulässige Delegation von Be-- fugnisscn an die Ortspolizeibehörden enthielten. DaS Kammergericht hob die Vorentscheidung auf und sprach den Angeklagten mit folgender Begründung frei: Während die übrigen Einwände deS Angeklagten verfehlt seien, greife der Ein- wand durchs daß in den Vorschriften des Ministers eine unzulässige Subdelegation liege. Der tz 88 der Gewerbeordnung gebe den Zentralbehörden nur die Berechtigung, Vorschriften in seinem Sinne zu erlassen. Eine solch« Berechtigung schließe in sich, daß davon auch in einem geringeren Maße Gebrauch gemacht werde; die Zentralbeliörden seien nicht verpflichtet,«S im ganzen Umfange zu tun. Wenn nun hier der preußische Minister als Zentralbehörde sage, die Borschriften fänden auf Kaufleute(wozu die Bank gehört) kein« Anwendung, die Ortspolizeibehörden könnten sie auf solche aber anwenden, dann habe er damit gesagt, er wolle nicht darüber befinden, aber er wolle den Ortspolizeibehörden die Möglichkeit geben, Ausnahmen zu machen. Damit habe er ein nach tz 38 der Gewerbeordnung nur ihm zustehendes Iiecht in bezug auf die Kauf- leute an die OrtSpolizeibehördcn übertragen. Das sei unzulässig und die fragliche Borschrifi deshalb unwirksam. Daraus folge die Freisprechung deS Angeklagten. Klus der frausnbe�egung. Die Frauen im Reichöland. Bei den ReichitagSdebatten über den elsaß« lothringischen Ber» fassungSentwurf, ist mit vollem Recht darauf hingewiesen worden, daß man bei dieser Reform die Frauen vollkommen übergangen hat. Wer die Psyche unserer verzopften Regierlmgskreise kennt, wundert sich über diesen Umstand keineswegs. Wie der Kaiser über die Auf« gaben der Frau denkt, ist ja durch seine KönigSberger Rede sattsam bekannt geworden. Bei der Art, wie die oberen Kreise stets den Mantel nach dem„Höhenwind" zu hängen gewohnt sind und sich jeder eigenen Willeusmeinung enthalten, ist eS ganz selbstverständlich, daß sie der Auffassung, die in den höchsten Regionen herrscht, sich auch dann unterordnen, wenn sie selbst schon von modernen Ideen an» gekränkelt wären. Zum Glück bleiben unseren Ministern und Geheim» raten derartige Gewissenskonflikte erspart, da sie ihrem ganzen Wesen nach so wie so ein paar Meilen hinter der Entwickelung her» hinken. Nötig aber ist eS immerhin, zu betonen, daß in der Zeit deS fessellosen Kapitalismus, dem rücksichtslosen Umwerter aller Werte, dem Beseitiger der starrsten Gewohnheiten und Traditionen, der vollkommen neue Begriffe geprägt und allein in Deutschland Millionen von Frauen und Madchen in den Erwerbskampf gerissen, Hau« und Familie revolutioniert hat, einem Lande eine Verfassung angeboten werden kann, in der jeder, aber auch jeder Hinweis auf die Rechte des weiblichen Geschlechts fehlt. DaS Land hat nicht nur eine weit» bekannte glänzende Textilindustrie, sondern auch sonstige ausgedehnte Erwerbszweige, vor allem eine hochentwickelte Schwerindustrie, und die weibliche Bevölkerung ist hier in hohem Matze am Enoerbslebeu beteiligt. Neben den Tausenden handarbeitenden Proletarierinnen stehen viele Frauen auS dem Handel und Kunstgewerbe, stehen die Intellektuellen. Lehrerinnen uiw.. die alle ein brennendes Interesse haben, dort mitzuraten und taten, wo eS sich um Lebensfragen, nicht nur ihres Geschlechts, sondern der Nation und Menschheit handelt. Wohl steckt in der reichsländischen Bevölkerung ein auS der Eigenart des Landes sich ergebender konservativer Zug, der aber unter der kraftvoll stürmenden WirlschaftSe»t>vickel»ng zusehends verschwindet. Nationale Strömungen, durch täppische Maß- nahmen preußischen PolizeigeisteS immer wieder frisch genährt, haben allmählich der EiiisiÄl Platz gemacht, daß der Kampf um die Zukunft lohnender ist als unfruchtbares Grollen um eine vergangene Epoche. Besonders aufklärend unter der arbeilenden Bevölkerung hat die weit- umfassende Lehre vom Sozialismus gewirtt, die jeder chauvinistischen Neigung den Boden entzieht. So hat denn auch die Sozialdemo» kratie im Reichsland feste Wurzel geschlagen und den armen, ab- gerackerten Sklavinnen des Kapitals einen neuen Lebensinhalt ge- geben. Die Gewerkschaften haben ihre Werbearbeit mit zähem Fleiß durchgesetzt und die Agitatoren und Agitatorinnen der Partei fanden unter den Proletarierinnen des Reichslandes eine dankbare Zuhörer- schaft. Doch sind auch die bürgerlichen Frauen nicht miiisig geblieben und vorzugsweise die norddeutschen haben sich bemüht, Frauenvereine zu gründen oder die vorhandenen zu zentralisieren. Den Lehrerinnen war ja gnädigst erlaubt worden, sich in Vereinen zusaminciizuschließeti, da bei ihnen eine„Gefahr" nicht zn befürchteil war. Auch Flick-, Koch« und Fortbildungsschulen für Mädchen, sowie Vaterländische Frauenvereine werden gestattet. Im Jabre 1903 wurde der Verein für Frauen- bildung im Reichslande gegründet, der die Möglichkeit der Gymnasial» bildung für Madchen erstrebte. Der Verein für Frauenbildung wollte vor allem versuchen, den„Mädchen aller Schichten" eine gute Bildung zu sichern. Lesezimmer und Diskussionsabende wurden eingerichtet und Heimarbeiterinnen-Vereine ins Leben gerufen. Schließtich er» folgte die Gründung eines Etsaß-Lothringischen Frauenverbandes, der den Zusammenschluß sämtlicher reichsländischer Frauenvereine auf interkonfessioneller Basis sich zum Ziele setzte. Seitdem haben diese Bestrebungen noch weiter um sich gegriffen, so daß man von einer bürgerlichen Frauenbeweguiig auch in Eliaß-Lothringen reden kann. Wie weit jedoch ein fortschrittlicher Geist in ihr gediehen ist, wird sich zeigen, wenn der Kampf für daS allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl- und Stimmrecht für die Frauen ohne Unterschied entbrennt._ Versammlungen— Veranstaltungen. Verein für Frauen und Mädchen der ArSeiterklasse. Einlaßkarten zu dem Stiftungsfest am 5. Februar sind bei Frau Köhler, Schrei ii er st raße 68, zuhaben, nicht„Schlcsischestraße". wie in der SonutagSnummer dcö»Vorwärts" infolge eines Druckfehlers angezeigt worden ist, Gewerhrchafrllcbee. Vle„IMorgenpoft" fucht nicbtorgainfkrtc Zcitungsfetzei' als Streikbrecher I Es ist nicht das erste Mal, daß eins von den Berliner Blättern, die sich„unparteiisch" oder gar„arbeiterfreundlich" geberden, den Arbeitern durch Streikbrechervermittelung in den Rücken fällt. Aber wenn wir auch dergleichen bis zu einem gewissen Grade schon gewohnt sind und uns und unsere Leser nicht gem mit solchen Alltäglichkeiten beschäftigen mögen, so zwingt ein Inserat in der..Morgenpost" uns doch, die Praxis dieses„arbeiterfreundlichen" Blattes einmal an die Ocffentlichkeit zu ziehen. Da lesen wir folgendes Inserat: 1V Zeitungssetzer lwöcheinlich 40 Mary, ein Faktor (60 Mary. ein Mnotypesetzer (60-65 M.), nur Nicht-Verbändler. per 4. Februar für London gesucht. Hälfte der Reisekosten vergütet. Offerten.....(Hier folgt die Adresse eines Londoner Blattes.) Bekanntlich befinden sich die Londoner Setzer in einer Bewegung zur Erringung besserer Lohn- und Arbeits bedingungen. Sie haben Forderungen aufgestellt, die auch von der„Morgenpost" bei Gelegenheit als berechtigt der fochten worden sind; sie verlangen den Achtstundentag. Da sucht nun die„Morgenpost" Streikbrecher, welche die berechtigten Forderungen der englischen Buchdrucker abschlagen helfen sollen. Die„Morgenpost" sucht„Nicht-Verbändler", während sie per Gelegenbeit in langen Artikeln die Organi- sation der Arbeiter als berechtigt und notwendig hinstellt. Nicht das allein: Der Verlag der„Morgenpost" gehört der Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker an, er befindet sich in einem Vcrtragsverhältnis, in dem als einer Kontrahent der Verband deutscher Buchdrucker gilt. Der Verlag der „Morgenpost" befindet sich nicht gezwungen in diesem Ver- hältnis. er sieht dasselbe als eine erfreuliche Erscheinung im Wirtschaftsleben an. Wenigstens vertritt die Redaktion des Blattes nach außen hin diesen Standpunkt. Mit diesem Vertragsverhältnis zum Verband deutscher Buchdrucker hält es die„Morgenpoft" durchaus für vereinbar, wenn sie in ihren Spalten die„Nichtverbäudlcr" sucht, die aus dem tnseratenteil der tariftreuen Fachpresse mit Rücksicht auf die arifgemeinschaft verschwinden mußte. Der Zeitpunkt für die Strcikbrechersuche ist auch nicht unübel gewählt. Die deutschen Buchdrucker befinden sich gegenwärtig ebenfalls vor einer Tarifrevision. Sie haben in der hinter ihnen liegenden schweren Zeit der Krise am eigenen Leibe und am Vcrbandssäckel erfahren müssen, wie notwendig auch ihnen eine Verkürzung der Arbeitszeit wäre. Und nun fordert man sie auf, als Streikbrecher nach London zu gehen, um dort eine Verkürzung der Arbeitszeit illusorisch machen zu helfen! Hoffentlich gelingt der Streich nicht. Die Spezies der„Nichtverbäudlcr" ist im deutschen, speziell im Berliner Buchdruckgewerbe, doch zu dünn gesät, als daß man darauf große Hoffnungen setzen dürfte. Die organisierten deutschen Buchdrucker haben aber doch zu viel Ehre im Leibe, um aus- läudischen Kollegen in den Rücken zu fallen, die sogar aus einem bestimmten Gebiete ihre Vorkämpfer sein wollen! Kerlin unck llmgezend. Achtung, Metallarbeiter! Im Betrieb der Firma Siemens« S ch u ck e r t, Charloltenburg, ist ein Streik ausgebrochen. Der Betrieb ist gesperrt und ersuchen wir dringend, denselben zu meiden. Deutscher Metallarbeiter-Verband(Ortsverwallung Berlin.) Eine Statistik der Maschinisten und Heizer. Die Ortsverwaltung Berlin des Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenosien hat über die Arbeits- und Or- ganisationsverhältnisse im Beruf eine Statistik aufgenommen, deren Ergebnisse der Vorsitzende S ch w i t t a u bekannt machte in einer Versammlung, die am Sonntagnachmittag in den„Arminhallen" stattfand. Die Statistik ist nur unvollständig, da es von vielen Seiten an der notwendigen Unterstützung fehlte, aber sie bietet vielfach interessante Aufschlüsse. Sie umfaßt etwa 1200 beschäf- tigte Personen(ohne das Personal in den Brauereien und den Berliner Elektrizitätswerken). In der Metallindustrie wurden 54 Betriebe gezählt. Beschäftigt waren 98 Maschinisten, davon waren 76 organisiert und 66 gehörten zum Zentralverband. Beschäftigt waren ferner 106 Heizer, davon waren 56 organisiert sämtlich im Zentralverband. Beschäftigt waren auch 73 HilsL- arbeiter, davon waren 19 organisiert, II gehörten zum Zentral- verband. Der Lohn betrug pro Woche 32— 41 Mark, die Arbeitszeit 8. 9, 13 und 13'ch Stunden täglich. In der Holzindustrie zählte man 35 Betriebe. Beschäftigt waren 35 Maschinisten, davon waren 32 organisiert, 31 im Zentralverband. Von 20 beschäftigten Heizern waren 14 organisiert sämtlich im Zentralverband. Von 9 Hilfsarbeitern waren 2 or- ganisiert, die zum Transportarbeiterverband gehörten. Gearbeitet wurde 8'ch— 13 Stunden täglich Ueber die Löhne wurden keine genauen Angaben gemacht. Im graphischen Gewerbe, Druckereien usw., zählte man 12 Betriebe. Beschäftigt waren 30 Maschinisten, organisiert 29, sämtlich im Zentralverband. Von 22 Heizern waren 19 organisiert, nur im Zentralverband. Von 16 Hilfsarbeitern waren 10 organl- siert, alle im Zentralverband. Ter Lohn betrug pro Woche 29, 30 und 33 M., die Arbeitszeit 8— 12, auch 13% und 14 Stunden. In 17 städtischen und st a a t l i ch e n Betrieben waren 68 Maschinisten beschäftigt, davon 13 organisiert, 13 im Zentralver- band. Von 93 Heizern waren 34 organisiert. 32 im Zentralverband. Bei Tagelöhnen von 4 M., 4,25 M. und 5 M. muß 8— 12 Stunden gearbeitet werden Wochenlöhne betrugen 31, 33 und auch 38 M., Monatslöhne 120, 140 M. und für leitende Stellen 162 und 180 M. In 3 B l o ck st a t i o n e n(Elektrizitätswerke) waren 26 Ma- schinisten beschäftigt, davon 10 organisiert, alle im Zentralverband. Von 69 Heizern waren nur 7 organisiert, die zum Zentralverband gehörten. Von 76 Hilfsarbeitern waren 5 organisiert, einer im Zentralverband. Die Löhne betrugen 26,28, 30, 31, 36 und 38 M. pro Woche bei 10—12 Stunden täglicher Arbeitszeit. In 1l Waren- und Geschäftshäusern waren 18 Ma- schinisten beschäftigt, davon 13 organisiert, die alle zum Zentral. verband gehörten. Von 20 Heizern waren 9 organisiert, alle im Zentralverband. Von 13 Hilfsarbeitern gehörten 10 organisierte zum Zentralverband. Die Arbeitszeit beträgt 7, 10— 12 Stunden; Monatslöhne werden in Höhe von 115, 120, 135, 140 und 160 M. gezahlt; einzelne Wochenlöhne betragen 38 M- In 8 Baugeschästen waren 26 Heizer und Maschrmsten beschäftigt, davon waren 18 organisiert, 12 im Zentralverband. Die Arbeitszeit beträgt 10—12 Stunden. Lohnhöhe wurde nicht an- gegeben. In der Textilindustrie wurden 4 Betriebe gezählt mit 5 Maschinisten. 3 Heizern und 4 Hilfsarbeitern. Organisiert, und zwar im Zentralverband, waren 4 Maschinisten. 1 Heizer und ein Hilfsarbeiter. Die Wochenlöhne betragen 33—36 M., bei 10 bis 12 Stunden täglicher Arbeitszeit. In diversen Branchen: chemische Industrie. Schoko- ladenfabriken usw„ wurden 69 Betriebe gezählt. Beschäftigt Lerantw. Redakt.: Rich«rd Barth, Berliu. Inseratenteil»erantw.: waren 124 Maschinisten, davon 73 organisiert, 69 im Zentralverband. Beschäftigt waren ferner 112 Heizer, von 64 organisierten gehörten 61 zum Zentralverband. Von 76 beschäftigten Hilfsarbeitern waren 17 organisiert, 10 im Zentralverband. Die Arbeitszeit betrug 9, 12 und 13 Stunden täglich. Wochenlöhne von 22, 25, 27, 28—38 Mark, und Monatslöhne von 120— 165 M. und 180 M. werden bezahlt.— Die Verhältnisse liegen überall verschieden, häufig sind große Mängel zu beklagen. In zwei Betrieben gibt es Wechsel- schichten von je 24 Stunden, in zwei anderen Wechselschichten von je 13 Stunden._ Ocutfchcs Reich. Lohnbewegung bei der Glashütte Stralau A.-G. In einer Versammlung der Glasarbeiter am Sonntag, die sehr stark besucht war, wurde e i n st i m m i g beschlossen, in eine Lohnbewegung einzutreten. Der Vorsitzende begründete die beabsichtigte Lohnbewegung mit den enorm gesteigerten Lebensverhält- nissen, die sich unter anderem schon aus dem Umstand ergeben, daß in den Betriebskantinen die Portion in den letzten 3 Jahren von 30 auf 50 Pf. im Preise gestiegen ist, auch ist seit 1906 keine Lohw zulage mehr erfolgt. In dem neuen Tarifentwurf besteht die wesentliche Forde rung in einer anderen Regelung der bisherigen Staffelung, so daß, statt wie jetzt, wo die Sorten von 100 zu 100 Gramm berechnet werden, in Zukunft von 50 zu 50 Gramm gestaffelt werden sollen. Die geforderte Aenderung ist für die Arbeiter von großer Wichtigkeit, da sie hierdurch zu euer gerechteren Entlohnung gelangen Für die Lohnbewegung kommen zirka 400 Personen in Betracht. Eine Kommission soll mit dem Vorstande zusammen den Tarif noch einmal durchberaten und am Sonntag in einer weiteren Ver- sammlung Bericht erstatten. Zum Schlüsse stimmte Sie Versammlung noch einem Antrage der Schürer zu, die ebenfalls Forderungen einreichen wollen, die sich auf einen Ruhetag in der Woche beziehen, den sie früher schon einmal hatten. Für diese Kategorie kommt nur alle 14 Tage ein freier Sonntag in Betracht, der bloß 24 Stunden umfaßt._ Achtung, Schiffszimmcrcr! Auf der Werft von H. M ü tz e l f e l d in Kuxhaven sind Differenzen ausgebrochen. Dieser Unternehmer hatte mit den Arbeitern vereinbart, die Stundenlöhne um 2 Pf. auf- zubessern. Sämtliche Schiffszimmcrcr sollten die Zulage erhalten. Am Sonnabend wurde einem Schiffszimmerer der erhöhte Lohn nickt ausgezahlt. Dieser forderte sich nun am Monlag das zu wenig erhaltene Geld. Der Unternehmer verweigerte die Nach- zahlung. Die Sckiffszimmerer legten daraufhin die Arbeit sofort nieder und Mützelfeld vollzog die Aussperrung sämtlicher Schiffs- zimmerer. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Mützelfeld Schiffszimmcrcr von auswärts sucht, um seine Arbeit fertig zu bekommen. Er meinte, er könnte Schiffszimmerer genügend bekommen, mehr als er brauche. Darum ist es Pflicht eines jeden Schiffszimmcrer bei Mützelfeld nicht eher Arbeit zu nehmen, bis die Sache dort geregelt ist. Lohnforderungen wegen„fallender Lebensmittelpreise abgelehnt. Die Firma Kreh u. Sommerlad, Knnstanstalt für gra« phische Erzeugnisse in Niedersedlitz bei Dresden, lehnte eine Lohnforderung eines Teiles in ihrem Betriebe beschäftigter Arbeiter mit der Begründung ad:. „... und weiter ist auch festgestellt worden, daß die Preise für Lebensmittel in der letzten Zeit sich eher auf absteigender Linie bewegen, so daß von einer fortgesetzten Preissteigerung der Lebens- und sonstigen Bedarssmittel nicht gesprochen werden kann...."' Leider wird nicht verraten, wer diese überraschende Feststellung der absteigenden Tendenz der Lebensmittelpreise gemacht hat. Sie entspringt vermutlich der Partei der Geschäsisleitung, die dabei ganz übersehen hat. daß die Lobnzulage des preußischen Königs eben- falls vorwiegend mit der Steigerung der Preise aller Bedarfsmittel begründet wurde. Nach der Ansicht dieser Firma müssen alle die, die diese Millionenzulage vertreten,— geschwindelt haben. )Zuslan«i. Streik und Aussperrung im Londoner Buchdruckergewerbe. London, 28. Januar 1911.(Eig. Ber.)' Wie schon berichtet wurde, sollte die Konferenz zwischen den Vertretern der Gewerkschaften der Buchdrucker und verwandten Gewerbe und den Vertretern der Arbeitgeber am 10. Januar die Forderung der Arbeiter über die Einführung einer allgemeinen 48stündigen Arbeitswoche endgültig erledigen. Die Verhandlungen über diesen Punkt hatten schon 20 Monate gedauert, und die Ar- beiter waren schließlich ungeduldig geworden. Sie drohten damit, unverzüglich die Kündigungen einzureichen, sollten sich die Arbeit- geber nicht dazu verstehen, die modifizierten Forderungen der Ge- werkschaften auf eine 50stündige Arbeitswoche in diesem Jahre und eine 43stündige im nächsten Jahre anzunehmen. Die Konfe- renz kam zu keinem Ergebnis. Die Arbeitgeber stellten sich auf den Standpunkt, daß die Forderungen der Arbeiter unberechtigt seien; den Arbeitern im Buchdruckgewerbe gehe es heute schon weit besser als den meisten anderen Arbeiterkategorien. Auch würde die Neue- rung, so sagten sie, zu diel Geld kosten; die Arbeit würde inö AuS- land getrieben werden; übrigens hätten die Gewerkschaften auch nur einen Bruchteil der in dem Gewerbe beschäftigten Personen hinter sich und hätten kein Recht, im Namen der Gesamtheit der Buchdrucker zu reden. Alle diese Argumente mit dem nötigen statistischen Material, das sehr anfechtbar ist, wurde von der bürger- lichen Presse Londons jeder Richtung in langen Spalten veröffent- licht. Von dem aber, was die Gewerkschaftsführer gegen die Be- hauptungen der Arbeitgeber vorzubringen hatten, erschien in dieser „demokratischen" Presse kein Wort. Dieser Anfang des Kampfes beweist wieder einmal recht deutlich, wie wenig sich die Arbeiter- schaft auf die Hilfe der bürgerlichen„Demokratie" verlassen kann, selbst wenn sie sich, wie in England, zeitweilig so radikal gebärdet. Die Arbeitgeber hatten darauf gerechnet, daß ein großer Teil der Buchdrucker bei der angedrohten Arbeitseinstellung nicht mit- machen würde. Ihre Hoffnung erfüllte sich bis zu einem gewissen Grade; denn nach dem Scheitern der Konferenz erklärte die Provinzialabteilung des Verbandes der Buchdruckergewerkschaften, daß sie die Einreichung der Kündigungen noch aufschieben möchten. Die Londoner beschlossen jedoch, bei ihrer Abficht zu bleiben und reichten am 23. Januar die Kündigung ein. Zwei Tage nachdem fand wiederum die Konferenz zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern statt. Auf dieser Konferenz erklärten die Arbeit- geber. sie seien bereit, die Frage einem Schiedsgericht zu unter- breiten, wenn die Kündigungen zurückgezogen würden. Darauf ließen sich die Arbeiter aber nicht ein. Sie wußten, daß sich die Arbeitgeber nicht einig waren, und daß unter diesen Ilmständen ein Kampf nicht von langer Tauer sein würde. 73 Geschäfte hatten schon die 48stündige und 83 die fünfßigstündige Arbeitszeit gewährt. Die beste Taktik der Gewerkschaften war deshalb, still zu sitzen. bis die Schwäche und Uneinigkeit der Arbeitgeber das unvermeid» liche Resultat herbeiführten. Wenn die Mehrheit der Arbeitgeber inzwischen nicht nach. gibt, so wird der Streik in ihren Betrieben in der ersten Woche des Monats Februar ausbrechen. Die Arbeiter, die gekündigt haben, weigern sich, Ueberstunden zu machen. Diese Weigerung fiihrte letzten Donnerstag zur Aussperrung der Hilfsarbeiter in einem großen Londoner Betrieb. Dies ist ein Zeichen der Erbitte« rung unter den Arbeit�bern, die sich auch in den Worten ihrer Führer bemerkbar macht. So erklärte einer von ihnen:„Dies ist nicht nur eine Frage betreffend die Arbeitszeit. Die Zeit ist ge- kommen, wo die Arbeitgeber zeigen müssen, daß sie Herren in ihrem eigenen Hause sein wollen." Wenn dieser„Herr" nicht einen echten englischen Namen trüge, so könnte man glauben, daß er aus einer gewissen Gegend des europäischen Festlandes stamme. Ein bemerkenswertes Ereignis in diesem Kampfe ist auch das Erscheinen einer täglichen Streikzeitung, die von den Buchdruckern herausgegeben wird, solange der Streik dauert. Diese einfache Tatsack)« wirft wohl ein helleres Licht auf die mißlichen Verhält- nisse der Arbeiterpresse in diesem Lande, als alle langen Ausein- andersetzungen. In ganz Großbritannien besteht keine einzige Tageszeitung, auf die sich die Arbeiter verlassen können, von der sie annehmen könnten, daß sie nicht falsche oder irreführende Be- richte über einen Streik oder eine Aussperrung verbreitete! Man hat es den englischen Gewerkschaftlern in Kopenhagen sehr übel genommen, daß sie sich den schwedischen Arbeitern in ihrem großen Kampfe nicht hilfsbereiter gezeigt haben. Der Hauptgrund für dieses befremdende Verhalten der Briten ist wohl noch nirgends genügend gewürdigt worden. Er ist in der Tatsache zu suchen, daß während dieses Kampfes die gesamte Tagespresse Großbritanniens, die liberale wie die konservative, die Ereignisse in Schweden ver- schwieg oder entstellte, so daß die Masse der englischen Gewerk- fchafter kaum eine Ahnung davon hatte, was in Schweden vor sich ging.— Das Erscheinen dieser Streikzeitung der Buchdrucker wird dem Festländer manches erklären, was ihm bisher unbegreiflich schien._ K-ctzte ffochficbtcn« Die Eingemeindung Treptows. Die im Vordergrund des Interesses stehende Frage der Eingemeindung Treptows mar gestern abend der Gegenstand einer grossen öffentlichen Versammlung, die im Gesellschafts- haus in Treptow tagte und vom Grundbesitzerverein des Berliner und mittleren Ortsteils einberufen war. Der Ver. sammlung wohnten, auch einige Berliner Stadtverordnete bei. Das Hauptreferat hielt Herr Jansen. Er beleuclstete die von Rixdorf gemachten Versprechungen und kam zu dein Schluß, daß die Stadt Berlin nach jeder Richtung hin mehr bieten könne als Rixdorf. Dann schilderte er den Empfang einer Deputation beim Oberbürgermeister Kirschncr. Bei dieser Unterredung habe Oberbürgermeister Kirschner bestimmt erklärt, daß Berlin die Eingemeindung Treptows erstrebe und daß er persönlich der Meinung sei, die Regierung werde schließlich ihre Zustimmung zu dieser Eingemeindung nach Verlin geben. Er befürwortete die Fassung einer R e s o- l u t i o n, in der den Gcmeindevertretern anheimgegeben wird, die Eingemeindungsverhandliingen mit Rixdorf abzu- brechen und einstweilen zu prüfen, ob sich die Selbständigkeit des Ortes nicht aufrechterhalten ließe. Wenn dies nicht der Fall wäre, so müßten Unterhandlungen mit Berlin gepflogen werden. In der Debatte sprachen sich die meisten Redner in derselben Richtung aus. Am Schlüsse der Versammlung wurde denn auch eine Resolution angenommen, die sich für eine Ein- gemeindung nach Berliu erklärt. Die Revision des Genossen Wesemeier verworfetl. � Leipzig, 30. Januar. Das Reichsgericht verwarf heute die Revision des Genossen Redakteur August Wese» meier vom„Volksfreund" in Braunschweig. Wesemeier war bekanntlich am 13. Mai v. I. von der berüchtigten Braun. schweizer Roßmann-Kammer wogen angeblicher Be- leidigung der Landesregierung in einem Fall»md wegen Beleidigung der Braunschweiger Polizei m sechs Fällen zu der horrenden Strafe von neun Mouateu Ge. fängnis verurteilt worden._ Der Studentenstrei? in Krakan. Krakau, 30. Januar(W. T. B.) Die streikenden Sku» deuten räumten, nachdem sie die Slbhaltung von Vorlesungen verhindert hatten, eine große Zahl von Bänken weg und zertrüm- Merten mehrere Saaltüren. Das Universitätsgebäude ist durch einen Polizeikordon und zwei Kompagnien Infanterie abgesperrt worden. Der Rektor teilte den Streikenden auf tele» graphische Anweisung die Schließung der Universität mit; die Stu- denten verließen das Universitätsgebäude erst am Abend, nachdem die Mitteilung von der Schließung in der Universität angeschlagen. • Ein Sympathiestreik der Lemberg« Studenten. Lemberg. 30. Januar.(W. T. B.) Die HSrer der Universität und de? Polytechnikums find in einen Sympathiestreik eingetreten. Eisenbahnkatastrophe in Russland. Moskau, 30. Januar.(W. T. B.) Auf dem Bahnhof N a r a der Eisenbahn Moskau— Lgo sticss ein Personenzug mit einem Güterzuge zusammen. Drei Schaffuer wurden gc- tötet, ein Maschinist und ein Heizer sowie drei- zehn Passagiere wurden verwundet. Ein schauerlicher Mord. Charleroi, 30. Januar.(B. H.) Hier wurde die 79jährige Frau Renaux von ihrem früheren Geliebten mit einer Axt er- schlagen. Der Mörder hat seinem Opfer 12 Axthiebe bei- gebracht. Der Kopf war grausam verstümmelt. Die älteste Tochter der Ermordeten entdeckte die Leiche der Mutter und alarmierte die Nachbarn. Das Drama hatte sich wenige Minuten vorher abge- spielt. Der Mörder versuchte sich zu erhängen, wurde aber noch rechtzeitig abgeschnitten. Er erklärte, er werde später Rede stehen, was ihn zu der Tat veranlaßt habe. Meuterei in einem italienischen Genieregimen». Rom, 30. Januar. Das Blatt„Vita" berichtet aus F l o r e n z, daß unter dem dortigen Genieregiment eine große Agitation ausbrach, die an Meuterei grenzt. Alle Offiziere und Sol- baten einer Kompagnie sind mit Arrest bestraft worden. 7 Sol- baten sind mit Gefängnis bestraft worden. TaS Erdbeben auf den Philippine»»« .Ranila, 30. Jcmuar.(W. T. B.) Nach einer weiteren Meldung über den vulkanischen Ausbruch im Talbezirk sind fünf kleine Dörfer zerstört. In der Flutwelle sind mindestens dreihundert Menschen umgekommen, viele sind bei den FenerSbrünsten verbrannt, die durch die geschmolzenen Lavamassen entstanden.(Siehe auch unter„Aus aller Welt.) Zh.«lacke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSaaftalt Paul Singer k lo.. Berlin SW. Hierzu 3«eilageu«. lluterhaltuagSbl. |t. 26. 28.IahrglMS. L KnlGt des Jurmätts" Setlinct Pblilntl Dienstag, 31. Jannar 1911. Reichstag 117. Sitzung. Montag, den 30. Januar 1911, nachmittags 2 Uhr. Am BundeSratstisch: Dr. Lisco.d. Heeringen. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die bei einem obersten Landesgericht ein- zulegenden Revifione» in bürgerliche« Rechtsstreitigkeiten. Staatssekretär Dr. Lisco: Die Vorlage ist veranlaßt durch einen von Bayern beim Bundesrate gestellten Antrag, der der durch den Mißstand hervorgerufen ist, daß das baye rische Recht vor dem Reichsgericht nicht revisibel ist. Nach dem Entwurf soll die Zuständigkeit zwischen dem Reichsgericht und dem Obersten Landes- Sericht nach den Rechtsnormen bestimmt werden, die für die Eni- heidung in Betrackst kommen. Abg. Dr. Jmick(natl.): Im Interesse der Rechtseinheit können wir nicht zugeben, daß es im Belieben bayerischer Gerichte steht, eine Sache vor das Reichsgericht zu bringen oder nicht. Bayrischer Justizminister Ritter v. Miltner sucht die Bedenken des Abg. Junck zu zerstreuen; es werde durch die Vorlage dem Reichsgericht nichts genommen. Abg. Speck(Z.) erklärt, daß seine politischen Freunde der Vor- läge zustimmen werden und zwar ohne Kommissionsberawng. Damit schließt die Debatte. Da Kommissionsberalung nicht beantragt ist, wird die zweite Lesung sofort vorgenommen und die Vorlage in dieser debattelos angenommen. Es folgen Petitionen. Eine größere Zahl von Petitionen wird entsprechend den An. trägen der Petitionskommission debattelos dem Reichskanzler als Material überwiesen resp. wird über ste zur Tagesordnung über- gegongen. Der Wirkliche Geheime KriegSrat Uhlenbrock petitioniert: Der Reichsmg möge 1. durch eine Kommisston die Verhältnisse in der Militärverwaltung prüfen und Vorschläge machen, wie ste auf eine gesetzliche Grundlage zurückgeführt und gesetzwidrige Einwirkungen unverantwortlicher Offiziere unmöglich gemacht werden können; 2. möge der Reichstag daraus hinwirken, daß auS dem§ 2S des Reichsbeamten- gefetzeS die Militärintendanten ausgeschieden werden; S. möge der Reichstag beschließen, daß dem gesetzwidrig seines Amtes entsetzten Petenten Gerechtigkeit zuteil werde. Die Kommission beantragt, die Punkte 1 und 2 dem Reichs« kanzler zur Erwägung zu überweisen, über Punkt S zur TageS- ordnung überzugehen. Die Abgg. Ablaß sVp.) und Genossen beantragen, die Punkte 1 und 2 der Budgetkommission zur Erledigung, Punkt 3 dem Reichs- kanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Die Abgg. Sommer sVp.). Dr. Doormann sVp.s, Dr. Stengel(Vp.) beantragen, die ganze Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Preußischer Kriegsminister v. Hceringen: Geheimrat Uhlenbrock behauptete, daß vor seiner zur DispofitionSstellung seine geschäftlichen Handlungen niemals bemängelt wurden; diese Behauptung ist unzutreffend. Bereits in den Jahren 1896 und 1897 und dann wieder 1899 ist ihm amtlich eröffnet worden, daß Klage darüber geführt werde, daß er bei Verträgen wenig orientiert sei und einen Mangel an selbständigem Urteil habe.— Verein- sachungen in der Heeresverwaltung halte auch tch für nottoendig, eine Kommission des Kriegsministeriums ist auch mit der Aus« arbeitung von Vorschlägen beschäftigt und ich hoffe, daß sie zu Ende des Jahres mit ihren Arbeiten fertig geworden sein wirb.— Wie alles Menschliche, so mag auch in der Militär- Verwaltung diese oder jene Einzelheit unvollkommen sein, das System in seiner ganzen Gesamtheit hat die Feuerprobe dreier sieg- relcher Feldzüge überstanden.(Lebhafte« Bravo I rechts.) Abg. Sommer(Vp.) begründet seinen(nicht fraktionellen) Antrag auf Ueberweisung der gesamten Petitionen zur Berücksichtigung. Hätte ein Kommissar des KricgsministeriumS in der PetilionS- kommisfion unS das Material mitgeteilt, dann wärm diese peinlichen Erörterungen, diese Auseinandersetzungen über die Persönlichkeit deS G-heimratS Uhlenbrock hier im Plenum uns erspart geblieben.— Wenn Herr Uhlenbrock so dienstunfähig war. worum hat man ihn denn in noch gar nicht so hohem Alter zum Geheim rat gemacht? (Sehr gut! links.) Rleines fcuületon. Wie Ludwig Uhland die Piepmätze ausschlug. Zur Zeit der OrdenSsaison. wo die einfarbigen und bunten Piepmätze gleich in Hunderten und Tausenden von Exemplaren aus das angestammte Vaterland herniederhageln und neben den Polizeischergen auch die Knopflöcher liberaler Parlamentarier mit irgend einer schönen Medaille oder Bündchen geschmückt werden, dürfte eine Reminiszenz an Ludwig Uhland und seine OrdenSgeichichte angebracht sein. Uhlaud war Profeffor an der Tübinger Hochschule, als er 133S von neuem als Abgeordneter in die Zweite württembergische Kammer gewählt wurde. Da der Regierung diese Kammer, ebenso wie heute der Reichstag der preußischen, ein Dorn im Auge war. verweigerte sie Uhland den Urlaub zur Ausübung seines Mandats und erteilte ihm hieraus die von ihm erwünschte Entlassung aus dem Staats» dienst.sehr gern". Als dann nach der Bewegung der vierziger Jahie die Reaktion allenthalben wieder in vollster Blüte stand, glaubte der Preußenkönig den schwäbischen Dichter damit zu ehren, daß er ihn zum Ritter des von Friedrich II. gestifteten Ordens„pour ls mvrits" vorschlug. Und zwar glaubte man den Dichter mit dieser Ehrung zu überraschen. Aber man halte sich hierbei gründlich ver- rechnet. Zum Erstaunen A. v. Humboldts, der Kanzler des Ordens war. lehnte Uhland entschieden ab. Auch aus die wiederholten Vorstellungen Humboldts, daß derKönig das Patent bereits unterschriebeu habe und daß es doch schon deshalb nötig sei,.damit ein so schöner Name nicht aus der Liste mangle, welche die größten Männer des Zeitalters ent- hallen iolle', lehnte er erneut ab und zwar mit der schriftlichen Be- gründung. daß er.dadurch in unlösbaren Widerspruch mit seinen literarischen und politischen Grundsätzen geraten würde'. Dieser Widerspruch wäre um so schneidender, wenn er mit diesem Ehren- zeichen geschmückt wäre,.während solche, mit denen ich in Vielem und Wichtigem zusammengegangen bin, weil sie in der letzte» Zerrütiuug weiterschrUten. dem Verluste der Heimat. Freiheit. ja selbst dem Todesurteil verfallen sind.' Uhland hatte hierbei die Blururteile der badischen Standgerichte vor Augen, gegen die er wiederholt protestiert hatte. Auch den im gleichen Monat(De- zember 13L3) ihm vom bayerischen König verliehenen Orden lehnte er auS dem gleichen Grunde ab. DaS war vor beinahe sechzig Jahren. Aber:»wenn heut ein Geist herniederstiege'--- Theater. Freie Volksbühne(im Gebrüder Herrnfeld-Theater): SN deS Reiches Pforten. Von Knut Hamsun. Der Titel dieses Echau'pielS hat symbolistische Deutsamkeiten. Der Zuschauer könnle zunächst ein Thema mit politischen oder religiösen Hinter- gründen verniuten. Es handelt sich jedoch lediglich um das Problem einer Schriflslellerehe. präziser ausgedrückt darum: inwieweit das häusliche Glück sich unter dem Kampf eineS in freier Unabhängig. feit beharrenden Geistes mit seiner konservativ gearteten Umwelt be- haupten kann oder nicht. Rur ein wirklicher Dichter vernrochte dteS eigenartige Problem aufzugreifen und zu erschöpfen. Die sehr alle Kriegsminister v. Herringen: Ich war im Interesse des Staates genötigt, hier auf die Persönlichkeit des Herrn Uhlenbrock einzugehen, was ich gern Unterlasten hätte. Abg. Kunert(Soz.): Es scheint doch recht bedenklich zu sein, die Intendanten, als die Sachverständigen für militäriscke Verwoltungsangelegenheiten, derart bedingungslos Nichtfachmännern, den kommandierenden Gene- ralen unterzuordnen.— Im Einklang mit Herrn Sommer bin ich der Meinung, daß rechtzeitige Mitteilungen in der Kom- Mission hier diese Erörterungen im Plenum unnötig gemacht hätten. Der Antrag Ablaß scheint uns aber in diesem Falle bester zu sein als der weitergehende Antrag Sommer, der die ganze Angelegenheit zur Berücksichtigung über« weisen will.— Das Bedeutsame an der Sache ist schließlich nicht die Persönlichkeit des Geheimrats Uhlenbrock, sondern das Verlangen des Petenten, daß die Militärverwaltung ans eine ver- fassungsmäßige Grundlage gestellt wird. Daß dies der springende Punkt ist. hat ja auch der Herr Kriegsminister ganz richtig herausgefühlt. Es ist unleugbar, daß Herr Uhlenbrock mit seiner Auffassung von der Notwendigkeit der Reorganisation der Militär- verwalmng unter den Militärintendanten durchaus nicht allein st e h t. Im Zusammenhang mit dieser Frage steht auch das Vor- handensein direkt ungesetzlicher Fonds in der Militärverwaltung. Darum verlangen Uhlenbrock und der ebenfalls als Fachmann fach- verständige Stägemann, daß die Verwaltung deS Reichseigentums beim Heere anderweitig geregelt werden solle, eventuell einer nur dem Reichstag verantwortlichen Behörde übertragen werde. Beide Herren weichen sehr ab in Einzelheiten, darin sind sie aber einig, daß etwas faul ist im Staate Dänemark und daß eine Reorganisation nötig ist, die besonders auch die Militärintendanten schützt vor ivillkürlicher Entfernung aus dem Amte. Bei der Gelegenheit darf auch nicht vergessen werden, mit den ungesetzlichen Fonds aufzuräumen, wie sie z. B. in S a ch s e n bestehen. Jedenfalls ist hier noch recht viel zu reformieren.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Sächs. Bundesratsbevollmächtigter Generalmajor Frhr v. Salza: Unseres Wissens existieren in Sachsen keine ungesetzlichen Fonds. Wenn der Abg. Kunert Material über solche Ungesetzlichkeiten besitzt, so stelle er es uns zur Verfügung. Inzwischen hat der Abg. Sommer(Vp.) seinen Antrag dahin abgeändert, daß er statt Ueberweisung an den Reichskanzler zur Berücksichtigung Zurückverweisung an die Kommission ver- langt. Abg. Erzierger(A.): Die Sache ist vollkommen spruchreif und kann nach den Anträgen der Kommisston entschieden werden. Abg. v. Byern(k.): Den KommissionSanträgen zu 2 und 8 stimmen wir zu, Punkt 1 halten wir für überflüssig. Abg. Dr. Weber(natl.): Die persönliche Seile der Angelegen- heit häne in der Konimission erledigt werden können, wenn der Kriegsminister seine Ausführungen dort gemacht hätte.(Sehr wahr I links.) Die Resultate, zu welchen die vom Kriegsminister eingesetzte Kommisston kommen wird, werden uns hoffentlich in einer Denk» s ch r i s t zugänglich gemacht werden. Abg. Werner(Anns.) schließt sich dem Abg. v. Byern an. Abg. Sommer(Vp.): Wenn uns eine Denkschrift in der vom Abg. Weber angeregten Weise zugesagt wird, find wir bereit, unsere Anträge zurückzuziehen. Kriegsmininer v. Heeringen: Ob eine Denkschrift dem Reichs- tage wird vorgelegt werden können, läßt sich heute noch nicht über- sehen. Wenn eS möglich ist. wird es geschehen. Abg. Sommer(Vp.)(zur Geschäftsordnung): Ich ziehe unsere Anträge nach dieser Erklärung des KriegSministers zurück. Abg. Kunert(Soz.): Dem sächsischen Bundesratsbevollmächtigten gegenüber und Herrn Trzberger gegenüber, der sich als freiwilliger Regierung«- kommissar betätigt hat. halte ich an der Behauptung fest. daß im sächsischen Militäretat fcbwarze Fonds vorhanden sind. Den Beweis werde ich beim Militäretat erbringen. Da« Vor- handensein solcher Fonds ist«in Zeichen außerordentlicher Unordnung und muß geradezu als ein Skandal bezeichnet werden. Herr Erzberger mag sich merken, daß sich zwischen Berlin und Dresden manche Dinge ereignen, von denen seine Schulweisheit nichts träumen läßt. Abg. Erzberger(Z.): Gegen die Behauptung, daß schwarze Fonds im Militäretat vorhanden sind, muß ich inich als Referent deS Mililäretats wenden, da« heißt nicht, freiwilliger Regierung«- kommissar sein. Beweise für seine Behauptung hat der Abg. Kunert nicht erbracht. Abg. Kunert(Soz.): Ich habe schon gesagt, daß ich die Beweise bei anderer Gelegenheit erbringen werde, heute bin ich natürlich nicht auf diese Sache vorbereitet. Herr Erzberger ist nicht als freiwilliger Re- gierungskommissar aufgetreten, sondern viel besser und schneidiger als ein Regierungskommistar.(Heiterkeit.) Damit schließt die Debatte. Die Anträge der 5loinmission werden angenommen. ES folgt eine Reihe von Petitionen, welche über die Verunreini- gung des Mains durch Fabrikabwässer Klage führen und um Abhilfe bitten. Die Konnnission beantragt, die Petitionen dem Reichskanzler als Material zu überweisen. Abg. Dr. Pfeiffer(Z.): Die Stadt O f f e n b a ch hat bis heute noch keine Kläranlage gebaut; es wäre an der Zeit, etwas Dampf dahinter zu machen. Abg. Brühne(Soz.): Bei dieser Forderung soll man nicht vergesten, daß die Er« richtung der Kläranlage von der Stadt Offenbach ungeheure Summen erfordern wird.— Die Verunreinigung deS Mains und das dadurch verursachte Absterben der Fische ist um so mehr zu be- dauern, als die Fische bei den hohen Fleischpreisen als ein gutes VoUsnahrungsmittel in Betracht kommen. Der Antrag der Kommission wird angenommen. Eine größere Reihe von Petitionen verlangt Aenderungen deS Jmpfgesetzes, resp. Aufhebung des Impfzwanges. Die Kommission beantragt, über diese Petitionen zur Tages» ordnung überzugehen. Die Abgg. Sachse(Soz.), Severing(Soz.) und Genosten beantragen, soweit die Petitionen die Aufhebung des Impfzwanges bezw. Einführung der Gewissensklausel nach englischem Muster ver« langen, wonach die Eltern, die vor der Behörde erklären, die Impfung ihrer Kinder nach ihrem Gewissen nicht verantworten zu können, davon befreit werden, sie dem Reichskanzler zur Berück- sichtigung, die übrigen Punkte als Material zu über- weisen. Die Abgg. v. D a m m und Genossen(Wirtsch. Vg.) beantragen, in den Antrag Sachse noch einzusägen:»und soweit sie befürworten, den durch die Impfung Geschädigten einen Anspruch auf Entschädigung gegen den Staat einzuräumen. Abg. Erzberger(Z.) und Genosten beantragen, eine Kom« misston aus Jnipffreunden und Jmpfgegnern einzuberufen, die er- neut die Anträge und Anregungen zur Aenderung des JmpfgesetzeS prüfen soll. Die Abgg. Dr. Faßbender(Z.) und Dr. Pfeiffer(Z.) beantragen, die Petitionen dem Reichskanzler als Material zu über- weisen und den Reichskanzler um Vorlegung eines Gesetzentwurfes zur Revision des Jmpfgesetzes zu ersuchen, wobei die Gewissens- klausel in das Gesetz ausgenommen wird. Die Abgg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.) und Genosten beantragen, den Antrag Faßbender so zu fassen, daß die verlangte Revision des JmpfgesetzeS die bestehenden rechtlichen Unklarheiten de« Jmpfgesetzes beseittgt, und daß die Einführung der sogenannten Gewisscnsklausel von neuem wissenschaftlich geprüft und dem Reichs- tag darüber eine Denkschrift vorgelegt wird. Abg. Dr. Pfeiffer(Z.): Für meine Person bin ich Anhänger der Impfung. Aber wir können die Ohren nicht verstopfen vor den Notschreien von Tausenden von Eltern, deren Kinder durch daS Impfen geschädigt sind. Jmpffchäden existieren trotz aller Beschwichtigungsversuche. Als ein absolutes Zwangsgesetz ist da« Jmpfgesetz niemals gedacht gewesen. Bisher glaubte ich, dl« Polizei lei zum Schutze des Publikums da; aber der Jmpfdezernent beim Polizeipräsidium in Frankfurt a. M., Herr v. Bitter, hat am 17. September 1310 erklärt, er werde dir Eltern in Ketten lege« lasse«, um da» Impfe» zu erzwingen. Hoffentlich gibt e» noch Richter in Deutschland, die einem solchen Polizei-Jupiter die Grenzen seiner Uebermenschheit klar machen. Ist es denn wirklich notwendig, daß ein Kind, welches gesund zur Welt kommt, erst durch die Pinzette des Jmpf- arztes zu einem vollkommenen Menschen gemacht wird. In sozial besser gestellten Kreisen weiß man freilich nichts von Jmpffchäden. Aber auf dem Lande, wo die Mütter die Kinder meilenweit zum Jmpfarzl bringen, herrscht Maffenbetneb beim Impfen und da» Anschauung, daß für den schöpferischen Genius, ganz gleich, ob Mann oder Weib,«ine ungleichartige Ehegemeinschast Hemmnisse, wo nickst gar eine völlige Erlötung der Produktivität im Gefolge habe, beruht doch aus triftigen Erfahrungsgründen. So würde also dies Drama zu- vörderst„allen, die es angeht', verständlich sein— wäre Knut Hamsun nicht Dichter genug gewesen, daS ernsthafte Problem auch auf die Basis allgemeinverständlicher Menschlichkeit zu stellen. Freilich, auS der Tiefe sozialer und ökonomischer Ursachen hat er sein Drama nicht emporgehoben. Am schlimmsten von allen ist natürlich jeder Schriftsteller daran, der neben seinem Talent auch noch seine politischen Ideale gegen den Ansturm kapitalistischer Mächte behaupten will. Von dlesem Boden aus baut nun Hamsun sein Drama allerdings nicht auf. Die Frau des Schriftstellers Jvar Kareno stammt auS einer wohlhabenden Familie vom Lande. Würde er weniger steifnackig sein, so brauchten sich die jungen Leutcven welt weniger um die Existenz zu mühen; und ihm ver- bliebe wohl Zeit und Gelegenheit. seiner Ueberzeugung zum sieg« zu verhelfen. Kareno will jedoch keiner Menschenseele materiell verpflichtet sein. DaS liegt in seinem Charakter und in seiner Denkungsart. Seine Frau ist wieder aus völlig anderem Stoff gesormt. Ihr geistiger Horizont gleicht nicht dem seinen. Sie hat weder ihre ländliche Naiviiät abgestreift, noch auch vermag sie ihre kleinbürgerlichen Anschauungen dauernd niederzuhalten. Drei Jahre hat sie mitaedarbt, mitgehofft, mitgeglaubt. Aber sie ist nur Weib; und als solches empfindet sie je länger je mehr jedwedes Konzentrationsbestreben des Manne« auf seine Arbeit als Ver- nachlässigung, als Raub an ihrer seelischen Hingabe. Sie zweifelt schließlich an ihres Mannes innerlicher Neigung. Man wird Elina schwerlich unrecht geben dürfen— auch selbst dann nickt, als sie sich einem geckenhaften Journalisten und Schürzenjäger an den � Hals wirft und das HauS auf Nimmerwiederkehr verläßt. Zweifellos hätte ihre Liebe zu Kareno standgehalten, wenn er seine Mission als Schriftsteller den gegebeneu Verhältnissen angepaßt hätte. Aber das kann Kareno, der als einziger de» Kampf gegen alle führt, nicht. Er gibt auch den Freund auf, als er gewahr wird, daß dieser seine Ueberzeugung verkauft hat. Elina geht, weil Kareno unbeugsam ist. DaS ist die schwerste Täuschung, der herbeste Schlag für ihn. Dieser Verlust wird ihn vernichten. Hamsun läßt hier den Schleier fallen, aber wir ahnen es. Wenn wir sein Drama vom menschlichen und künst- lerischen Standpunkte, aus betrachten, so bleibt eS eine der stärksten Bühnendichtungen gerade durch die Kraft der Ideen und seelischen Konflikte. Eine in jeder Hinsicht ausgezeichnete Aufführung unterstützte den starken Eindruck des DramaS. Die beiden Hauptpersonen:� Jvar Kareno und seine Frau, wurden durch Marie Wendt-Bettinger und Paul P a u l j e n mit geradezu elementarer künstlerischer Kraft und erschütternder GemülSwärme gegeben. Auch die übrigen Mit- wirkenden boten ganz vorzügliche Charakterchargen. Direktor W i t t e- W i l d hatte für das Zustandekommen einer würdigen Aufführung diese» schwierigen und interessanten Schauspiels alle» aufgeboten.«. k. Humor und Satire. Uniformierte Wissenschaft. (Für die Senatoren der neuen kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft wurde eine AmtStracht eingeführt.) Wie ging die Wissenschaft verludert Im bloßen Hemd als SanSculott, Die roten Backen ungepudert, Fast nackig wie der liebe Gott l Was hat die Menschheit Zeit verplempclt, BiS sie die Weisesten erkannt! Nun wird er staatlich abgestempelt Und man erkennt ihn am Gewand. Auf allen Vieren kommt gekrochen Der preußisch-deutsche Argonaut. Ist königStreu bis auf die Knochm Und von den Knochen bis zur Haut. Die Haut aus feinem grünen Tuche Verrät von fern das Forscheramt; Stolz trägt der denkende Eunuche DeS AermelaufschlagS roten Samt. Der Mann(beachtet, was ich sage 1), Der mit dem goldgestickten Kleid Gelöst die Toilettenfrage, Hat uns von schwerem Alp besteig Auch das verbummeltste Stndentche« Erkennt— der Fortschritt ist enorm— Nunmehr Genies und Leutenäntchen Totsicher an der Uniform. (Edgar Steiger im.Simpllcissimu»'. Notizen. — Der Bildhauer Emil Hundrieser, einer der Künstler, die in unserem byzantinischen und denkmälergierigen Zeit- alter große offizielle Aufträge auszuführen hatte, ist im Alter von 64 Jahren>n Berlin gestorben. Bekannt ist seine Kolossalfigur der „Berolina' auf dem Alexanderplatz, die aber genau wie seine andere» Werke große Kunst nur im räumlichen Sinne ist. Ein Großindustrieller des Verlagsbuch» Handels ist mit Adolf K r ö n e r in Stuttgart gestorben. Der Konzentrationstendenz, die die kapitalistische Wirtschaft kennzeichnet, hat er in großem Maße im deutschen Buchhandel zur Geltung ver» Holsen. Mit seiner eigenen Firma(Gebrüder Kröner) vereinigte er nach und nach die Verlagsgesellschaft„Union", den Verlag von Keil m Leipzig und die altbekannte Cottasche Buchhandlung und brachte damit eine Fülle buchhändlerischer Unternehmungen unter eine Kon- trolle. Die„Gartenlaube", die früher eine gute, bürgerliche Auf« klärungSzeitschrift gewesen, verlor unter ihm ihre Tendenz und begann den Abstieg, den sie unter den Fittichen de» Kulturbrinaers Scherl vollendete. »UtH«ntftehen die ZmpfschZden. Man sov doch so blU Achtung vor der Persönlicheft Freiheit haben, die Eltern nicht zun, Jmpfenlassen der Kinder zu zwingen. Der Antrag Erzberger wird nichts er- reichen; ich bitte daher um Annahme des Antrages Fahbendec. Vizepräsident Schultz: Im Obergeschoß, befindet sich eine AuS- stellung von Wachspröparaten über Pockenkranke aus der Eharitö. Entree kostet es nicht I sGrosje Heiterkeit.) Gebeimrat Kirchner: Schon jetzt will ich betonen, daß es in keiner Weise feststeht, daß Herr v. Bitter die Aeuszerung von dem Jnlettenlegen der Eltern gemacht hat. Abg. Dr. Arning siiall.) polemisiert gegen die Jmpfgegner und tritt entschieden für Aufrechterhaltung deS Impfzwanges ein. Hierauf wird ein Vertagungsantrag angenommen. Nächste Sitzung: Dienstag l Uhr.(Dritte Lesung der Neichswertzuivachssteuer.) Schluß 7-/« Uhr._ Klbgeoränetenbaus. 16. Sitzung vom Montag, den 30. Januar, mittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Schorlemer. Auf der Tagesordnung steht die zweite Lesung des Etats der Forstverwaltung. Bei den Einnahmen klagt Abg. Dr. Wrndtlandt(notl) über die Wirkung des Ausnahme- tarifs für Nonnenholz und wünscht eine Aufstellung darüber, ob die einheimischen Forsten in der Lage sind, den Bedarf an Eisenbahn- schwellen für Preußen zu decken. Oberlandforstmeister Wcscner bejaht diese Frage und teilt mit, daß die russische Zufuhr auf Grund des Ausnahmetarifs für Nonnen» holz neuerdings g e s p e r t worden sei. Abg. Ströbcl(Soz.): Der Forstetat ist einer der wichtigsten, eS handelt sich dabei nicht nur um materielle Werte, sondern höher als diese steht der ideelle Wert der Forsten für die Volkswohlfahrt. Je mehr infolge der Industrialisierung Preußens die Bevölkerungs- dichtigkeit zunimmt, je intensiver der Broterwerb der arbeitenden Be- völkerung wird, um so mehr wächst das Erholungsbedürfnis der Massen und um so notwendiger ist es, daß genügend Erholungsstätten ln Gestalt unserer Wälder für diese industrielle Bevölkerung erhalten werden. Da ist es sehr bedauerlich, daß in Preußen der Staat, der doch der Repräsentant der Interessen der Allgemeinheit sein soll, diese Bedeutung der Forsten für die Gesundheit der Bevölkerung noch nicht genügend würdigt. Nur knapp Sl Proz. der preußischen Wälder befinden sich im Staatsbesitz. l6 Proz. sind Gemeindeeigentum, 53 Proz. aber Privateigentum, wobei der Großgrundbesitz hervorragend beteiligt ist. Die Sozialdemokraten stehen natürlich auf dem Standpunkt, daß die Wälder in erster Linie Eigentum des Staates fein müssen. In diesem Sinne hat bereits 1868 ein internationaler Kongreß beschlossen. Alle Volkswirtschastler und Hygicniker sind sich darüber einig, daß der Wald ein außer- ordentlich wichtiger Faktor der nationalen Ge- s u n d u n g i st.. Die H 0 ch iv ä l d e r. die hierfür besonders in Betracht kommen, die hervorragend auf Gemüt und Nerven erfrischend einwirken, betragen nur 3 Proz. der Privatforsten, dagegen 40 Proz. bei den preußischen Staatsforsten. Auch der Laubwald wird von den Privatforsten zuviel vernachlässigt. Vor allem sollte der Staat auf die Erhaltung gemischter Waldflächen Wert legen, die nicht nur von hohem ästhetischen Netz sind, sondern in denen sich auch die Nonnenplage und andere Insektenplagen nicht so verbreiten. Eine äußerst unsoziale Politik wird von dem Forstfiskus bei seinen Waldverkäufen in der Nähe der Großstädte betrieben. Er nimmt dabei sehr wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung, sondern sucht nur recht viel Geld dabei heraus- zuschlagen. Davon kann gerade Berlin ein Lied singen. Große Teile des G r u n e w a l d S hat der Staat verkauft, ebenso ist die Schg n holz er Heide, die für die Arbeitel bevölkerung des Nordens besonders wichtig war. der Parzellierung preisgegeben und im Südosten ist die W 11 h I h e i d« verkaust worden und ein weiteres Stück an der Görlitzer Bahn zwischen Niederschöneweide und AdlerShof ist für 21 000 000 Mark an eine Terraingesellschaft verkauft worden. Gerade diese Gebiete waren wichtige Erhelungs- stätten für die Arbciterbcvölkerung der südöstlichen stark bevölkerten Stadtteile, speziell auch für die Arbeiterschaft NixdorfS. das bereits 300 000 Einwohner zählt. Es ist durchaus un- sozial, wenn der ForstfiskuS in dieser Weise der Bevölkerung die notwendigen Erholungsstätten raubt. Man jammert immer über die zunehmende Militäruntaglichkeit der heranwachsenden Bevälke« rung, da sollte man um so weniger einen solchen forstfiskalischen Bodenwucher treiben, durch den die Verkümmerung und P e r e l e n d u n g deS großstädtischen Proletariats aeradszu ge- fördert wird. Die Bevölkerung von Berlin W. uiio WW. hat solche Erholungsstätten nicht so nötig, fie wohnt in feudalen Villen- Vororten, in Wohnungen mit Gärten, sie fährt sogar im Winter zu ihrer Erholung ins Gebirge. Aber die Millionen des Proletariats, die tagaus, tagein in dumpfen Hofwohnungen schmachten, diese schwerarbeitende Bevölkerung wird durch einen solchen fiskali« chen Bodenwucher ihrer sonntägliche» Erholungsstätten beraubt. Das st keine vernünftige, weitschauende Politik, sondern eine Politik der brutalen BolkSaussangung. Durch eine solche Politik vereitelt der Staat auch die kommunale Fürsorge. Ich erinnere an das Vorgehen des Reiches beim Ver- tauf des Tempelhof er Feldes, und ebenso treibt es der preußische Staat. So verfährt man gegenüber einem Volksteil, der den größten Teil der Steuerlasten aufbringt, von den 337 000 000 M. Einkommensteuer werden 257 000 000 M. von den Städten auf- gebracht, von Berlin allein 51000 000 M. Statt daß aber der Staat deshalb diesen Bevölkerungskreisen besonders entgegenkommt, werden sie noch politisch entrechtet durch die Wahlkreiseiutcilung, die die ländliche Bevölkerung bevorzugt, und werden sozial geschädigt durch die Forstpolitik. So etwas ist nur möglich in dem Junker st aate Preußen. Aus einen ganz anderen Standpunkt stellt sich der Staat an- gesichts unserer Forderung auf Verpachtung von Jagden. Hier nimmt man Rücksicht auf das sogenannte ideale Moment zur Ausübung der Jagd durch die Forstbeamteu. Auf ein paar Millionen mehr oder weniger kommt es da dem Staate nicht an. Gegenwärtig beträgt der Ertrag aus den Jagden nur etwas über eine halbe Million. eine geradezu lächerliche Summe. Nach der letzten existierenden Jagdstatistik ans dem Jahre 1885 ist damals in den preußischen Wäldern Wild im Werte von 12000 000 M. erlegt worden. In- zwischen hat das Wild sicher nicht abgenommen, sondern zu- genommen und der Wert dieses Wildes ist damals auch außer» ordentlich niedrig angesetzt worden. Hasen sind zum Beispiel mit 2—2,50 M. bewertet worden. Wir können also annehmen, daß sich der heutige Wert des in Preußen erlegten Wildes auf mindestens 15 000 000 Mark beläuft. ES ist nun höchst eigentümlich, daß in dieser Statistik der Wert deS in den Staatsforsten erlegten Wildes ein außerordentlich niedriger ist, nicht etwa 3 200 000 M. entsprechend der Tatsache, daß 30 Proz. deS Waldbestandes Staatsforsten sind, sondern nur 622 000 M. Auch wenn wir berücksichtigen, daß Rebhühner und Hasen auf dem Felde geschossen werden, so bleibt doch das Wißverhältnis ein außer- ordenilich großes. In O st p r e u ß e n z. B.. wo die Staatsforsten 57 Proz. ausmachen, betrug der Wert des in nichtforstfiskalischen Teilen erlegten Wildes 478 000 M., des auf fiskalischem Gebiet er- legten 46567 M.(Hört k hört!) und dies verblüffende Mißverhältnis zeigt sich überall. Die einzige Erklärung liegt darin, daß in SlaatS« forsten das Wild geschont wird, damit es in den nich>»> staatlichen Gebieten abgeschossen wird. Eine solche Politik, durch die die Jagden der Privaten, vor allem per Großgrundbesitzer begünstigt werden, könne» wir nicht guiheißen. Die Staatsforslen bilden nicht das Wildreservoir für die Gemeindeforsten, wie ein konservativer Redner im vorigen Jahre sagte, sondern für die Privat- f 0 r st e n, die weit umfangreicher sind. Mit diesem System muß endlich einmal gebrochen werden, indem die Jagden der Staatsforsten verpachtet werden. Dabei könnten mindestens zwei bis drei Millionen Mark herausgeschlagen werden, die man zur Erhöhmig der Löhne der Waldarbeiter benutzen könnte. An eine Ausrollung des Wild- bcstandeS, die man bei der Verpachtung der Jagden befürchtet. denken natürlich auch wir nicht. NanientliÄ das Rehwild ist zweifellos eine Zierde unserer Wälder. Aber der Abschuß läßt sich ja sehr leicht regeln. Jeder Forstbeamte kennt ungefähr den Wildbestand seines Reviers und kann jeder- zeit kontrollieren, wieviel abgeschossen wird. Eventuell könnte ein bestimmter Preis für den Abschuß des Stück Wildes erhoben werden. So wird es in Deulsch-Lstafrika gemacht, und wenn die Kontrolle in dieser Kolonie möglich ist, wird sie doch auch in Preußen durchgeführt werden können. Man kann ja begreifen, aus welchen Gründen die Herren Großgrundbesitzer dagegen sind, daß ihnen dies Wildreseivoir der Slaalsforslen genommen wird, wir haben aber aus die privaten Interessen der Großgrundbesitzer keine Rücksicht zu nehmen, uns mug das Wohl der Gesamtheit am Herzen liegen. Wenn man behauptet, die Forstbeamten würden dnsJnteresse iiir die Waldpflege verlieren, wenn Mansie des Vergnügens der Jagd beraubt, so ist das eine Beleidigung unserer Forslbeamlen. Wir sind überzeugt, unsere Forstbeamten sind so tüchtig, daß sie auf jeden Fall die nötige Sorgfalt auf die Pflege des Wildes verwenden werden. Ueber die Verhältnisse der Waldarbeiter, ihre Löhne, BcschäftigungSzeit usw. haben wir leider keine genauen Mitteilungen erhalten. Der deutsche ForstwirtschaftSrat hat eine Umfrage über diese Verhältnisse veranstaltet, die aber einseitig von den Forstbesitzern ohne Beteiligung der Arbeiter aus- gearbeitet worden ist. Wir verlangen, daß uns eine zuverlässige Statt st ik über die Lage der Forstarbeiter vor- gelegt wird, wie das in Oesterreich geschehen ist. Dort ist ein Forstarbeiterausschutz gewählt worden und bei Ausarbeitung der Statistik sind die Forstarbeiter und ihre Organisationen hinzugezogen worden. Daß die Lohn- und Arbeitsverbältnisse der preußischen Arbeiter noch sehr verkehrsbedürftig sind, dafür bedarf es bei uns kaum eines Beweises. In der O b e r f ö r st e r e i Dassel z. B. beträgt der Tagclohn der Forstarbeiter 2,10 Mark, weniger als der ortsübliche Tagelohn, der dort 2,30 Mark beträgt. Hier wird auch, wie fast überall, Klage geführt über Lohnabzüge zu- gunstcn der Borarbeiter, der sogenannten Regimenter, die den Forst« arbeitern gemacht werden. In Dassel betrug der Lohnabzug 3 Proz., in anderen Gegenden geht er bis 5. Proz. Aus SchleSwig-Holstein wird Klage darüber geführt, daß Forstarbeiter wochenlang auf ihren Lohn haben warten müssen und ihn dann nicht einmal in voller Höhe bekamen. Ich hoffe, daß die Forstverwaltung sich nicht von dem Geiste beeinflussen läßt, der auf der 16. Tagung des Deutschen ForstwirtschastSrateS herrichte. Dort sagte zum Bei- spiel ein Herr v. B 0 d e l s ch w i n g: Je mehr die Löhne der Forst- arbeiter steigen, desto eher sind die Arbeiter geneigt auszubleiben, wenn man sie braucht. Man handele im Interesse der Arbeiter, wenn man sie darauf hinweise, daß fortgesetzte Lohn- sleigcrungen nicht zu ihrem Segen seien. Die Mehrheit des ForstwirtschaftSratS war übrigens auch der Meinung, daß zur Erzielung eines tüchtigen, seßhaften Waldarbeiterstandes an« ständige Löhne gehörten. Besonders niedrig sind die Löhne natürlich in O st e l b i e n. dort betragen sie 1,90—3,50 M. Man hat sich mm bemüht, sich dadurch tüchtige Arbeiter zu schaffen, daß man die Forstarbeiter seßhaft macht, aber man hat dabei auch wieder die Furcht, man könnte auf diese Weise sozial- demokratische Arbeiter ansiedeln, die man dann nicht wieder loS würde. Man macht daher die Anwesen so klein, daß die Besitzer von dem Ertrage ihrcS Landes unter keinen Umständen leben können. Diese ganze Ansiedelungspolisik läuft schließlich auf nichts heraus, als auf Lohndrückerei.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokr.) Weiter wird darüber gellagt, daß vielfach von Forstbeamten«in UN- zulässiger Terrorlsmns gegenüber den Forstarbeiter» ausgeübt wird, indem man eine politische Gesinnung, die dem vor- gesetzten unangenehm ist, auf jede Weise unterdrückt. So sind nach einem Bericht der masurischen Zeitungen Forstarbeiter sogar deshalb gemaßregelt worden, weil sie den n a t i 0 n a l l i b e r a l e n Kandidaten Kochann gewählt hatten.(Hört! hört! bei den Soz.) Sehr bedauerlich ist eS auch, wenn man den Organisationö- bestrebunaen der For st arbeiter entgegentritt und eS wäre aufs schärfeste zu verurteilen, wenn die Regierung den Versuch machen wollte, dem Verbände der Land-, Wald- und WeinbergSarbeiter Hindernisse In den Weg zu legen. Fast in allen übrigen Staaten Deutschlands machen die Regierungen diesem Ver» bände keinerlei Schwierigkeiten. Er ist anerkannt in Ba yern, von der württembergi'schen und selbst von der sächsischen Re- gierung. Ich hoffe, daß die preußische Regierung an sozialer Einsicht nicht länger hinter diesen Staaten zurückstehen wird. Der ch r i st- liche Verband wird ja von der Regierung toleriert. DaS spricht gewiß nicht zu seinen Gunsten, denn ein Verband, der heute bei den preußischen Behörden gut angeschrieben ist, liefert dadurch den Beweis, daß er nicht allzu ernsthaft für die Verbesserung der Verhältnisse der Arbeiter eintritt. Die Herren der Rechten fürchten jedenfalls, daß durch die Entwickelung der Organisationen der Land- und Forstarbeiten auch sie gezwungen werden könnten, ihren Forstarbeitern höhere Löhne zu zahlen. Sollten die Herren Junker aus diesen Gründen etwa die Regierung gegen den ge- nannten Verband scharf gemacht haben, so hoffe ich, daß die Forst- Verwaltung sich dadurch nicht einschüchtern lassen, sondern die Jnter» essen der Arbeiter ebenfalls wahrnehmen wird. Dieser Verband ist kein politischer, sondern eine rein wirtschaftliche Organi- s a t i 0 n, das haben verschiedene Landgerichte anerkannt. Wir fordern für die Forstarbeiter Erhöhung der Löhne. Regelung der Arbeitszeit, Einführung von Arbeiter- auSschüssen, Witwen- und Waisenversorgung, Wünsche, wie sie vom Bayerischen Landtag vertreten worden find. Auf die Herren der Reckten werden wir in Preußen dabei ja nicht fi rechne» haben. So lange das Dreiklasienwablrecht, d a s Geld« ackswahlrecht besteht, werden in diesem Junkerparlament alle Anstrengungen gemacht werden, um eine vernünftige Sozialpolitik zugunsten der Forstarbeiter zu verhindern. Die Forstarbeiter werden daraus den Schluß ziehen, daß auch sie dafür kämpfen müffen, daß endlich auch in Preußen ein vernünstigereS Wahlrecht durchgesetzt wird. Abg. Müller-Prüm(Z.) bemangell die jetzige Art deS Wild- schadenersatzes durch die Gemeinden. Abg. Hammer(k.) wendet sich gegen einen verkauf der Wälder am nördlichen Uter deS S ck l a ch t e n s e e S. Abg. von Biilow-Homburg wünscht, daß der FiskuS größere Waldverkäufe nicht ohne die vorherige Genehmigung deS Landtages vornimmt. Minister von Schorlemer: Wie ich bereits den Vertretern de» demnächst zu gründenden ZweckverbaudeS gegenüber grfagt habe, kann der ForstfiskuS seinen Besitz in der Nähe der Großstädte nicht verschenken, aber er bedenkt auch, das; die Zunahme der städtischen Bevölkerung den Wert dieser Grundstücke gesteigert hat, und daß er von den Städten nicht die äußersten Preise fordern müsse. Auch der Staat hat ein Interesse daran, so großen Menschen- ansammlungen entspiechend Lust und Bewegimg zu verschaffen. Die Arbeitszeit der Waldarbeiter beträgt durchschnittlich im Sommer ungefähr 9,9 Stunden und im Winter ungefähr 8,1 Stunden. Biersünftel der Waldarbeiter find sog. Saisonarbeiter. die tm Winter in den Städten arbeiten. Die Lage der Waldarbeiter ist wirklich nicht so trostlos. Die Leute haben beinahe kostenlose Wohnung. Sie zahlen im Höchstfalle 30 M. Miete und haben eine Reihe Nebcneinnahmen. Die Löhne sind nicht unerheblich aufgebessert worden. Daß die Forstarbeiter selbst nicht ihre Lage so Mmmerkich ansehen, ergibt die Tatsache, daß 1903, wo der große Schneebruch in Oberschlefien war, ein großer Teil der in die Industrie ab- gewanderten Waldarbeiter sofort zurückkehrte, um im Walde weiter zu arbeiten.(Hört I hört! rechts.) Ein besonderes Bedürfnis für eine Organisation der Waldarbeiter kann ich nicht anerkennen. (Sehr richtig! rechts.) Ich habe keine Absicht, von den Grundsätzen des gewiß arbeiterfrenndlichen Staatsministers Frhrn. v. Berlepsch abzuweichen, der gesagt bat:«An und für sich gebären Mitglieder einer Partei, deren Ziele auf Zerstörung des Staates gerichtet sind, in staalliche Betriebe nicht hinein. Man kann aber den im staatlichen Betriebs beschäftigten Arbeiter auf sein politisches Glaubensbekenntnis nicht untersuchen. Wenn er sich aber an sozialdemokratischer Agitation beteiligt, die darauf gerichtet ist. den Frieden zwischen der Verwaltung und den Arbeitern zu zerstören, dann wird er aus der Arbeit der fiskalischen Betriebe entlaffen.* (Lebhafter Beifall rechts.) Wenn der einzelne Oberförster zu der Ansicht kommen sollte, daß es sich mit der Arbeit in seinem Betriebe und mit dem Frieden unter den Arbeitern und ihren Arbeitgebern nicht vertragen tollte, dort organisierte Arbeiter zu beschäftigen, so werde ich ihn keinesfalls hindern, die organisierten Arbeite» z» entlassen. (Beifall rechts. Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn uns Süddeutschland als Muster vorgehalten wird, so darf ich doch bei aller BundeSfreundlichkeit hier offen aussprechen, daß sich nicht eins für alle schickt, daß wir zunächst vor unserer eigenen Tür kehren (Sehr richtig! rechts) und daß wir keine Veranlassung haben, unsere sozialen Rezepte aus Süddeutsch- land zu holen.(Beifall rechts.) Abg. Frhr. v. Maltzah»: Der Standpunkt des Ministers in der Organiiationsfrage der Forstarbeiter findet durchaus unsere Billigung.(Beifall rechts.) Abg. Lüdcrs(fk.) bittet, den kleinen Gewerbetreibende» da» Bezug von Nutzholz aus den fiskalischen Forsten zu erleichtern. Abg. Weißermel(k.), Abg. Gci-lcr(Z.), Abg. Hammer(k.) be- sprechen lokale Fragen. Abg. Busch(Z.): Die Stellungnahme des Ministers in der Orgaiiitationsfrage hat uns einigermaßen überrascht. Wir hätten gewünscht, daß er zwischen christlichen Organisationen und den sozialdemokratischen unterschieden hätte.(Sehr richtig! im Zentrum.) Minister v. Schorlemer: Wenn ich ein Bedürfnis für die Or- qanisaiion der Waldarbeiter nicht anerkenne, so trifft das allerdings j-dr Organisation. Ich hebe aber ausdrücklich hervor, daß Maß- nahmen, die evenwell gegenüber einer staatsfeindlichen Agitation notwendig werden, natürlich auf die christlichen Verbände keine Anwendung finden sollen. Abg. Ströbrl(Soz.): Die Erklärung des Ministers hat bewiesen, daß Preußen in be» zug auf Sozialpolitik im Reiche nicht vorangeht, sondern weit zurückbleibt. Ich protestiere gegen diese Erklärung in schärfster Weise.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Billigung der Reckten begreife ich. Wenn die Löhne der fiskalischen Forstarbeiter erhöht werden, dann müssen die privaten Waldbefitzer folgen. Sie verlangen also in ihrem Interesse, daß der Staat verhindert, daß der Verband der Land-, Wald» und WeinbergSarbeiter bei den Staatsarbeilern Eingang findet. DaS Interesse der Junker ist, wie immer, auch vrrSmal st» unsere Regierung maßgebend. Daß die Organisation den Frieden zu untergraben suche, ist nur eine Ausrede. ES ist ein Skandal, daß die preußische Re- gierung den Arbeitern ein Recht verweigert, das ihnen die meisten deutschen Staaten zubilligen. Dadurch beweist die Regierung»mr. daß die Regierungsvertreter ein Instrument deS Unternehmertums und Handlanger der Junker find. Bedauerlich ist, daß der Vertreter des Zentrums nicht» gegen diese Stellung des Ministers gesagt hat. Wir verlangen, daß all« Organisationen gleichberechtigt sind. Wenn man freilich alle Organisationen, die wirklich Arbeitcrinterefien vertreten, sozialdemokratische nennt, dann stellt man der Sozialdemokratie ein glänzendes Zeugnis aus.(Sehr gut! b. d. Soz.) Jedenfalls hat keine der bestehenden Organisationen daS Recht, eine besondere Begünstigung durch den Staat zu verlangen. Wenn daS Zentrum wünscht: Die christlichen Organisationen sollen geduldet werden, die sozialdemokratischen können verfolgt werden, so ist daS ein Standpunkt der brutalsten Arbeiterfeindlich» keit.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Minister v. Schorlemer: Der Herr Vorredner hätte vielleicht recht, wenn das Wohl und das Glück der Arbeiter nur auf dem Wege der Erfüllung sozialdemokratischer Forderungen gefunden werden könnte.(Sehr wahr I rechts.) Die große Mehrheit dieses Hause» ist wohl mit mir der Meinung, daß man in der Fürsorge für die Arbeiter gewiß so leicht nicht zu weit gehen kann, daß e» aber dazu iozialdemokratischer Hilfe absolut nicht bedarf.(Bravo I recht».) Die Erfahrungen, die im vergangenen Jahre in Frankreich gemacht worden sind, können wahrhastig den Staat als Arbeitgeber nicht veranlassen, für eine Organisation der Arbeiter in Staatsbetrieben irgendwie die Hand zu bieten.(Bravo! rechts.) Abg. Boschfcrafnmee Bit»« LtndeuftraH« OTt.##, vor» biet Trrvvcn— Tf a!i r ft n b 1—, woviciirägliid von 4'/« bis V1]? Ubr abend?, Sa»»abc»d.' van-l'/j bis 0 Nh> nachmitiags ftntt. Aedee für de« Briefkasten bestimmten-JlntraB» ist ein Buchstabe und eine Zabl alS Merkzeichen bcizufÜBeu. Briefliche■Uimuori wird nicht erteilt. Eilili» »eraaen iraue man in der Gnrechstmtde bor. E. D. 107. Erkundigen Sie sich bei dem Transportarbeitcrverband, Engelufer 15.— A. 5. 1. Nur aus Antrag. 2. Sie können Auseinandersetzung fordern. 3. Die Hälfte deS gesetzlichen Erbteils. 4. Herausgabe fordern, auch beim Nachlaiigerichl die Bestellung eines Nachlahpflegers be» antragen.— St. 334. An den Vorsitzenden der Veranlagungskonnniision, Jüdenstr. 58/60.— A. M. 30. 1. Ja, soweit sie ohne Geiährdung ihres eigenen Unterhaltes dazu imstande ist. 2. Die Miterben haben Anspruch aus'Auseinandersetzung.— S. U. 100. Es bleibt nur die Anzeige bei der Staatsanwallschast übrig.— F. F. 70. Wetten entscheiden wir nicht. — W. D. 118. Ja. Entziehung kann nur aus Gnmd eines ärztlichen Atlestes ersolgen.— C. R. O.-14. Sie müssen rellamiere» innerhalb der vicrwöchenilichen Frist.— W. K. 100. Anstellmlgeu ersolgen nur durch Vennittelung der gewerkschajllichen Organisation.— K. S. 383. 1. Be- rusung. 2. Innerhalb eines Monats. 3. Ja, und zwar einen beim Land- gerecht III Berlin zugelassenen. Die Bcrusung kann nur durch einen Anwalt eingelegt werden. Kosten: 40 bis 50 M. 4. Beschwerde findet nicht statt. 5. Aus die Berusung wird vor dem Landgericht III verhandelt. — S.«17. 1. Wenn das Statut nichts anderes besagt, kalten wir die Kasse sür zahlungspflichtig. 2. Klage beim Amtsgericht, wenn nicht etwa im Statu! vorgesehen ist.— M. 100. Als Scheidungsgrund verjährt.— St. 3. 1. Verjährung liegt nicht vor. 2. Ja, salls die Zwangsvollstreckung fruchtlos aussälll. 3. Zunächst muß der Austritt bei dem Amtsgericht Berlin-Mitte angemeldet werden. Sic erhalten alsdann ewe Vorladung.— t. M. 100. Die Gesetzesvorschrist gilt nur sür weibliche Arbeiterinnen.— ■ L. 0038. Vom Lohn etwa 3 bis 4 M. wöchentlich.— A. B. 100« Ja, die.öauptsorderung und die Zinsen sür die letzten 4 Jahre.— F. St. 100. Wenn eS sich um eine Warenlieserung sür den Privat» gebrauch handelt, so ist der Anspruch verjährt.— H. B. 1185. Fordern Sie den Schuldner unter Setzung einer Frist zur Einlösung deS PsandcS unter der Androhung aus, dag Sie den Gegenstand nach sruchllosem Ablauf der Frist versteigern fassen werden. Nach Ablauf der Frist kann ein Gerichts- Vollzieher mit der Versteigerung beaustragt werden. Der Versteigerungs- termin, von dem der Schuldner Kenntnis erhallen muß, dars aber nicht früher als ein Monat nach Empsang der Androhung stattfinden. In teurer der sparsamen vorzügliche Dienste. Nach wie bor kosten 2—3 Teller.) Sie schmecken, nur mit Wasser" kurze Zeit gekocht, ebenso kräftig wie die beste Hausfrau Big.(Ein sie nur 10 Psg.(Ein Würfel für mit Fleischbrühe hergestellte'Suppe. Man verlange ausdrücklich fn�kCrGtl«* Suppen(Schutzmarke Kreuzstern). Mehr als 30 Sorten. „HAGGIs gute, sparsame Küche". Heute Dienstag nachmittags 4 Uhr Eröffnung unserer neuen 1. Verkaufsstelle Tauentzienstr. 20 Edce Passauer Strapc. Unsere 5 gropen Sdiaufenstcr weisen die letzten Sdiöpfungen der Sdvuhmode auf, deren cxclush/cr Schick bei gröpter Preiswüidigkeit den höchsten Anforderungen entspricht,:: ** Unserem allseitig verehrten Kollegen Karl Mischke und seiner treue» Lebensge- sährtin bringen wir zur Feier ihrer Silberhochzeit unsere herzlichsten Glückwünsche dar Verband der freien Gastwirte. � Verwaltungsstelle I Treptow-Baumschulenweg.» Allen Genossen, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dag mein lieber Biann, unser guter Vater, Schwieger- und Groß- vater, der Arbeiter üidwix Degner am Sonnabend, den 28. Januar, abends 8'/, Uhr, noch kurzem, schwerem Leiden im 82, Lebens- jähre an Herzschwäche gestorben ist, Dies zeigen tiesbetrllbt an Die trauernde Gattin nebst Kindern. Rixdors, Nogatstr. 41. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. Februar, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Halle des Neuen Rixdorser Gemeinde- Friedhoses, Gottlieb-Dunkelstratze aus statt, 2Sl0b SozialdemokratisetierWalilverein Rixdorf. Am 28. Januar verstarb unser Mitglied, der Arbeiter L-tidwg: Degener Nogatstr 41(15. Bez.) im Alter von 61 Jahren. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am DonnerStag, den2, FebruarHiachm 2'/, Uhr, von der Leichenhalle deS Rixdorser G-meinde- FricdhoseS, Mariendorser Weg, auS statt. Rege BeleUtgung erwartet Der Borstand. Nachruf! Den Parteigenossen zur Nach richt, dag unsere Mitglieder, der Stukkateur Eduard Boll (14. Bezirk) und der Maurer Karl Gorzitze (1. Bezirk) verstorben find. Ehre ihrem Andenken: ver» Voratand. verband der Maler, Lackierer, Anßrejcherllsw. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachrichi. dag unser Kollege, der Maler �duhold Müffke verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Dienstag, den 31. Januar, nach- mittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle des Rixdorser Gemeinde- Friedhoses, Mariendorser Weg, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 128/7 Tie Ortsverwaltung. Deulseker Kolisrbeller-Verdsllll Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Einsetzer Ulbert Lyczywek am 21. Januar verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Msttwoch. den 1. Februar, vor» mittags 9'/, Uhr, von der Halle des Zentralsricdhoscs in Friedrichs- selbe, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 78/6 Die Ortsverwaltung. lleuiseliei' Holzsrbeller-Vel'bsiill Zahlstelle Rixdorf. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unser Kollege, der Tischler Rudolf Ulner am 28. Januar gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Dienstag, den 3t. Januar, nach, mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Rixdorser Kirch- hoseZ, Mariendorser Weg, aus statt Um zahlreiche Beteiligung ersucht 78/6 Die OrtSverwaltung. Für die überaus rege Teilnahme an der stillen, aber doch erhebenden Begräbnisfeier meines Sohnes sowie für die groficn Kranzspenden von Bereinen, Werkstubenlollegen und Freunden sage ich nebst Angehörigen meinen innigsten Dank. 23ö6L A. Hannemann. Am Sonnabend, den 28. Jan.. abends 81/, Uhr, verschied plötzlich und unerwartet unser lieber Kollege und langjähriger Mitarbeiter l*»iiK L tT m W VI. Berl. Beiehstags-Wahlkreises. Dienstag, den 31. Januar 1911, abends 8Vs Uhr: 13 Mtglieder-Verlammlungen in folgenden Lokalen: t. �vluiullg: 2. Abteilung: 3. Abteilnug: 4. Abteilung: 5. Abteilung: 6. Abteilung: 7. Ohlxlo« Festsftle, Schwedter Str. 23 24. Berollna-Fe«t»äle, Schönhauser Allee 28. Konzertballen Siißmllch Bornholmer Str. 7, BoraMMia- Säle, Acker- strasie K/7. Bnmboldt- Stile, Hussiten- strafte 40. GescllschaftHhans 31. SchOlzel, Boycnstr. 42. Roabiter tiesellMchafts- bans, Wielefstr. 24. 8. Abteilung: 9. Abteilung: 19. Abteilung: 11. Abteilung: 13. Abteilung: 13. Abteilung: Sfoablter BürgeraHle, Beusselstr. 9. Pharns• Stile, SRfiDer« strasie 142. Pharus- Säle, Müller» strafte 142. Cranz' Fcwtsäle, KöS» liner Strafte 8. Frankes Festsäle,©ab» strafte 19. SrvlneniUnder Gesell- schaftHhaas, Swinemünber Str. 42. Tagesordnung: i. Wahl der Delegierten zur Verbands-Generalversammlung. 2. Vortrag. 3. Diskussion. Referenten: Dr. Alfred Bernstein« Karl Bethke, Dr. Oskar Cohn, Adolf Domnick, Ferdinand Ewald, Theodor Fischer, Dr. Karl Lieba kneebt, Robert Le inert, Carl Leid, Gustav Nathow, Max Schütte, Albert Störmer, Dr. Hermann Weyl. Mitgliedsbuch legitimiert.__ 224/14*_ Der Vorstand. 1903- �- 5- 6- 7- 8- 1909 vieles Bild zeigt- in genauenMaßen- die enorme Umsatzsteigerung von PALMIN (Pflanzenfett) und PHLMONfl(Pflanzen* Butter»Margarine) in Deutschland Inner* halb der letzten 7 Jahre.- Ein stärkerer Beweis für das Bedürfnis nach PALMIN und PflLMONfl und für die Beliebtheit tmlerer Produkte ift kaum denkbar. H. 6CHLINCK& CIE., 0. ' � V Vi AkMNW fflssrnmäsca aEBiwwfSOB» OerKonsum steigt! nte. Wieviel das ist, davon gibt obige Abbildung einen ungefähren Begriff. Der Konsum des eoffelnfreien„Kaffee Äag"(Schutzmarke Rettungsring) steigt fortgesetzt, weil ihn jeder, der ihn einmal versucht hat, wegen seines vorzüglichen reinen und feinen Geschmacks und Aromas sowie wegen seiner gesundheitlichen Eigenschaften schätzt. Der einzige reine Tropenkaffee, den üerz-, Nieren-, Nerven- und Stoffwechselkranke sowie Kinder und stillende Mütter unbedenklich trinken dürfen Das beste Abendgetränk, da er keine Schlaf* losigkeit verursacht. Wird in allen besseren ÄotelS und Cafes auf Wunsch serviert. Überall zu haben. Nach langen schweren Leiden starb am Sonnabend mein« liebe Frau, unsere Mutter, Schwester, Schwägerin und Tante LSI 2b Berts Bischer geb. ScbiiTke. DieS zeigt tiesbetrübt«t im Namen der Hinterbliebenen HVlIbolm Fischer, Hessenwinkel, Kastanien str. 16a. Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 1. Februar, von der Kapelle in Hefienwinkel auS statt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines geliebten ManneS, unseres Bater» 29085 Oskar Werra sagen wir allen Kollegen, Freunden und Bekannten, insbesondere Herrn Grunwald für seine schlichten, herz- lichen Worte am Sarge de« Eni- schiasenen, sowie den Kollegen vom Gesangverem.Typographia* für den erhebenden Gesang, der Geschäfts» leiiung und dem Personal der VorwärtS-Buchd' uckerei, dem Bei ein Berliner Buchdrucker und Schrift- giejzer, dem Wahlverem des 2. Kreise» unseren innigste» Dank. vis trauerndon Hinterbliebenon. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz» spenden beim Hinscheiden meines lieben Mannes Albert Bnrmelstcr sage allen daran Beteiligten, ins- besondere dem Vorstand, und den Kollegen der Ortskranlenkasie der Kausieute, den» Verbände der Bureau- angestellten sowie dem Genossen Manasse für die trostreichen Worte am Grabe meinen innigste» Dank. LLöSL Die trauernde Wilwe Herta llnrnicUter, challplatten Verleili-Instilui. I Versand auch nach auswärts.| Prospekt gratis und franko. Karl Borbs. Berlin SO, I Neue KBnigstraSe 35 S Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck».Verlag-Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer».Co. Berlin SV� Dl. ZK. Z8. Zahrgavz. 2. Sküqk ko Sitnslug, BI.|«iiiiatl!)lI. VK Kreis-Gencralverlammlung von liiederbarnlm. Der sozialdemokratische KreiSwahlvereln für Nie- derbarnim hielt am Sonntag im„Cafe Bellevue" zu Rummels- bürg seine Generalversammlung ab. Vor Eintritt in die Tages- ordnung ehrte die Versammlung das Andenken der im letzten Halb- jähr verstorbenen Genossen uns gedachte besonders auch der Ge- npsfin Ihrer. Dann gab Genosse Brühl den Tätigkeitsbericht. der sich auf die Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1910 erstreckt. Es sind in der Zeit wiederum große Fortschritte gemacht worden, nicht nur hinsichtlich der Mitgliederzahl, sondern auch im Ausbau der Organisation in den verschiedenen Orten. Auch im Vergleich zu den anderen Kreisen Groß-Berlins ist das Ergebnis der Tätig- keit als befriedigend anzusehen. Der Vorstand hat an zwanzig Kon- ferenzen teilgenommen, und in sämtlichen Orten ist mit den Be- zirksleitungen Rücksprache wegen der Vorbereitungen zur Reichs- tagswahl genommen worden. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Agitation unter den Frauen gewidmet. Es haben verschiedene Frauenkonferenzen stattgefunden, die sehr gut verliefen, wie sich auch die Genossinnen, die als Referenten tätig waren, gut bewährt haben. Als eine Hauptaufgabe wurde vor allem die Lanbagitation betrieben. Dabei zeigte es sich auch, wie außerordentlich wichtig die Rechtsauskunftsstellen für die Landbevölkerung sind, und daß diese Sache noch weit mehr als bisher gefördert werden muß. Von der Auskunftsstelle in Bernau wurden im letzten Halbjahr 199 Aus- künfte erteilt, und es wurden neun Touren nach einer Reihe kleiner Orte unternommen. Es wird schon ziemlich viel geleistet, aber in einem Teil der Vororte schenkt man der Sache noch nicht die Be- achlung, die sie verdient. Der Kreisvorstand wird die Angelegenheit in einer besonderen Konferenz noch mehr zu fördern suchen. Die Ausbildung von Genossinnen zu Referenten hat recht gute Früchte Setragen, so daß z. B. für die Versammlungen über den Kinder- hutz sämtliche Referenten aus ihren Kreisen gewonnen wurden. Oeffentliche Versammlungen haben im Wahlkreise während des der- flossenen Halbjahres 109 stattgefunden, Mitgliederversammlungen 109. Vom Kreisbureau sind 30 Referenten vermittelt worden. Agitationstouren wurden 117 unternommen, Flugblätter 3S8 909 verbreitet: außerdem 53 200 Exemplare der„Fackel", 20 500 des Märkischen Volkskalenders, 1500 des polnischen Kalenders und 12 500 Broschüren„Die Sozialdemokratie und das Heer". In der Agita- tion für den„Vorwärts" wurde dieselbe Methode angewandt wie in Berlin, und zwar mit gutem Erfolg; die Abonnentenzahl war am Jahresschluß 18 059. Die Bibliotheken der Bezirksabteilungen zählten im ganzen 6152 Bände. Man wird sich, meinte der Redner, bald auch mit der Frage der Schaffung einer Zentralstelle für die Bibliotheken befassen müssen. Daß die Jugendbewegung mit so großer Stärke einsetzte, hat dazu geführt, daß nun auch überall gleich die Frage der Jugendheime aufgegriffen wurde. Als ob jeder Ort nun ein Jugendheim haben müßte, wozu doch nicht immer gleich die Mittel vorhanden sind. Hier und da, wo Jugendheime errichtet sind, werden sie nicht so in Anspruch genommen, wie es den Kosten entsprechen würde. Die Mitgliederzahl des Wahlvereins ist von 12 853 auf 14 316 gestiegen; die Zahl der männlichen Mitglieder von 11 262 auf 12 386, die der weiblichen von 1591 auf 1930. Namentlich in den kleinen Orten ist ein starker Zuwachs an Mit- gliedern zu verzeichnen, in einem Ort sogar über 100 Proz. Der Referentenkursus hat nicht in jeder Hinsicht den Erfolg gebracht, der zu wünschen war. Die ausgebildeten Referenten sind leider nicht so zu Vorträgen herangezogen worden, wie eS zweckmäßig ge- Wesen wäre, weil man am liebsten immer Reichstagsabgeordnete als Referenten haben möchte. Der Redner forderte zum Schluß zu weiterer eifrigster Arbeit in der Agitation und Organisation auf. Die ganze Kraft muß nun für die kommenden ReichstagSwahlen aufgeboten werden. Die Abrechnung für die BerichtSzeit schließt mit 29 683,86 M. Einnahmen und 17 163,52 M. Ausgaben ab und mit einem Kassenbestand von 12 520,34 M. gegenüber 6407,75 Mark vom ersten Halbjahr 1910. Für Beitrags- und Eintritts- marken sind an Groß-Berlin 7000 M. abgeführt. Der Kassierer B ü h l e r machte zu dem gedruckten Kassenbericht eine Reihe ergän- zender Ausführungen und zeigte namentlich, wie nach der Zahl der verrechneten Beitrage die Organisation in den einzelnen Orten ge- wachsen ist. Eine Ausnahme machen in dieser Hinsicht nur vier Bezirke, wo ein Rückgang eingetreten ist, der sich zum Teil, wie be- sonders bei Bernau, aus einer Abwanderung der Bevölkerung er- klärt, wo dann auch in den Landbezirken die Mitgliederzahl zuge- nommen hat. Zum Kassenbericht bemerkte der Redner weiter, daß man sich mit Rücksicht auf die Reichstagswahlen eine größere Summe gesichert habe, um aus dem Vollen schöpfen zu können, und deshalb von den Ueberschüssen nichts an Groß-Berlin abgeführt habe. Es sei dabei zu bedenken, daß der Kreis schon weit über 3000 M. für Landagitation aufgewendet habe, und wenn man noch das hinzu- rechne, was aus den Bezirkskassen dafür ausgegeben werde, so sind eS gewiß mehr als 4000 M. Wenn dem Kreise vielleicht ein Vor- wurf daraus gemacht werden sollte, daß nichts abgeführt wurde, so sei daS nicht gerechtfertigt. Die Abrechnung selbst sei im allgemeinen befriedigend; eS müsse jedoch noch mit mehr Stetigkeit gearbeitet werden. Mit Rücksicht auf die ungeheure Zahl der organisations- fähigen Personen jm Kreise ist eine fortlaufende unermüdliche Arbeit nötig. In der Diskussion gibt Genosse Schmidt- Mahlsdorf Auskunft über die Mitglieder- bewegung an jenem Orte, um nachzuweisen, daß dort nichts ver- säumt worden und ein Rückgang nicht eingetreten ist. Es seien mehrere Mitglieder nach anderen Orten verzogen, und außerdem müsse damit gerechnet werden, daß ein Teil der besseren Hand- werker, die etwas Grundbesitz erwerben, sich dann manchmal nicht mehr getrauen, sich zur Partei zu bekennen. Genosse B ö s k e, Vertreter Groß-Berlins, bemerkt, daß die Reichstagsabgeordneten der Partei leider als Referenten nicht immer so zur Verfügung stehen, wie es zu wünschen wäre. Anderer- seitS herrsche aber auch bei den Parteigenossen der Eigensinn, daß sie immer Reichstagsabgeordnete. Stadtverordnete oder mindestens einen Doktor als Redner haben wollten. Man sollte aber doch nicht immer nach solchen Genossen schreien, sondern einsehen lernen, daß andere auch etwa« Tüchtiges leisten. Daraus, daß Niederbarnim keine Gelder an Groß-Berlin abgeführt habe, sei den Genossen bis jetzt noch kein Vorwurf gemacht worden, sie seien jedoch eigentlich wohl verpflichtet, das überflüssige Geld abzuführen, und nachdem nun ein guter Bestand vorhanden sei, würden sie wohl auch einige hundert Mark übrig haben. Genosse Schmidt- Stralau weist darauf hin, wie wichtig die Landarbeiterorganisation ist und welchen Wert sie für den Fort- schritt auf dem Lande hat. Genossin A r e n d s e e- Tegel: Unsere nächste Aufgabe muß vor allem auch die Schulung der Frauen sein. Die Leseabende haben in dieser Hinsicht schon viel geleistet. Es gibt jedoch einige Orte, die noch nicht an eine solche Einrichtung heranwollen. Es muß noch viel mehr in dieser Hinsicht getan werden. Besonders mit Rücksicht auf den Frauentag am 19. März muß überall, wo es irgend möglich ist, dafür gesorgt werden, daß Leseabende eingeführt werden. Nach kurzen Schluhbemerkungen der Genossen Bühler und >«Shl war die DiSknM» beeu�et. Hierauf wurde das Ergebnis der Mandatsprüfung bekannt- gegeben. Es sind 126 Vertreter anwesend, und zwar 86 Delegierte der Bezirksabteilungen, 24 Bezirksleiter und 16 Vorstandsmitglieder. Es fehlen je ein Delegierter von Herzfelde, Hohenschönhausen, Oranienburg, Reinickendorf-West, sowie zwei Delegierte von Ober- schöneweide. Aus Herzfelde fehlt auch der Bezirksleiter, so daß dieser Ort überhaupt nicht vertreten ist. Die abgegebenen Mandate wurden sämtlich als gültig anerkannt. Da Genosse B e r g e r sich aus Rück- ficht auf seine Familie genötigt sah, sein Amt als Beisitzer im Kreis- vorstand niederzulegen und statt dessen Bezirkslciter geworden ist, war eine Ergänzungswahl zum Kreisvorstand notwendig geworden. Gewählt wurde Genosse Witzle- Rummelsburg. Sodann hielt Reichstagsabgeordneter Stadthagen einen Vortrag über: Die bevorstehende Reichstagswahl. Nach dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde Genosse Stadthagen einstimmig wiederum als Rcichstagskandidat für den Wahlkreis Niederbarnim aufgestellt. Der darauf folgende Punkt der Tagesordnung waren Anträge der Bezirke zur Ueberweisung an Groß-Berlin. Einstimmig wurde der An- trag Lichtenberg gutgeheißen: „Die Gewerkschaftszugehörigkeit der Parteigenossen ist nach- zuprüfen, um den Beschlüssen des Mannheimer Parteitags nach- zukommen." Ebenfalls aufAntragvonLichtenberg erklärte die Ver- sammlung sich gegen eine Stimme mit dem Antrag einverstanden: „Die Zeitungskommissionen sollen auch für die Zukunft als Beschwerdetommissionen bestehen bleiben resp. wieder eingeführt werden." Ein dritter Antrag Lichtenberg, das Material über den Moabiter Prozeß als Agitationsbroschüre herauszugeben, war über- flüssig geworden, da der Zentralvorstand dies bereits beschlossen hat und die Broschüre scf"'- in Arbeit ist. Ein Antrag des Be- zirks Pankow: „Der Kreis möge auf das Erscheinen einer Montagsabend- auSgabe des„Vorwärts" hinwirken, insbesondere während der Reichstagswahlbewegung". wurde einstimmig angenommen. Eine lebhafte Debatte rief der Antrag des Bezirks Waidmannslust hervor: „Parteigenossen dürfen nicht Mitglieder von HauS- und Grundbesitzervereinen fein." Genosse S o r a u e r- Waidmannslust begründete den Antrag. Die Sozialdemokratie wird von den HauS- und Grundbesitzcrver- einen meist heftig bekämpft, und die Genossen, die dort Mitglied sind, kommen in Widerspruch mit dem Parteiprogramm. Der Red- ner äußert sich über verschiedene üble Erfahrungen, die man in dieser Hinsicht gemacht hat. Er ersucht die Versammlung, den An- trag gutzuheißen, und zwar ohne einen von Reinickendorf- Ost gestellten Zusatzantrag, hinter„Grundbesitzerver- einen" einzufügen: „die sich politisch in gegnerischem Sinne betätigen". Zur Begründung des Zusatzantrages führte Genosse Schön- berg aus, daß die Genossen, die etwas Land besitzen, eine ganze Reihe Interessen preisgeben müßten, wenn man ihnen unter allen Umständen verbieten wollte, Mitglieder solcher Vereine zu sein, und daß aus diesem Grunde wohl ein Unterschied zwischen den Vereinen gemacht werden müsse. Einige Diskussionsredner äußern sich in ähnlichem Sinne und betonen, daß Grundbesitzervereine bestehen, in denen die meisten Mitglieder Sozialdemokraten sind. Andere Redner sprechen für den Antrag Waidmannslust und führen Bei- spiele dafür an, wie die Parteigenossen in dem einen oder anderen Ort einen Grundbesitzer in die Gemeindevertretung hineinbrachten, aber dann die Erfahrung machen mutzten, daß er die Interessen der Grundbesitzer eigentlich mehr vertrat, als die der Partei. Demgegen- über betont S p l i et h- Karlshorst, daß die Schuld bei solchen Er- fahrungen an einer gewissen Mandatshascherei liege. Man solle sich die Leute erst einmal genau ansehen, ehe man sich zur Aufstellung der Kandidatur entschließe, und wenn man keinen durchaus zuver- lässigen Genossen finde, das Mandat lieber den bürgerlichen Leuten überlassen. Uebrigens könne der Antrag weder hier, noch von Gross Berlin endgültig erledigt werden, denn das sei Sache der ganzen Partei und ihres Organisationsstatuts. Nachdem sich noch einige Redner zu dem Antrag geäussert hatten, trat auf Antrag vom Genossen M i r u s Debattenschlutz ein. Der Antrag von Waidmannslust wurde dann ohne den Zusatzantrag mit starker Mehrheit gutgeheißen. Damit war die Tagesordnung erledigt, und die Versammlung wurde gegen 4 Uhr mit Hochrufen auf die Sozialdemokratie ge- schlössen._ Das SDedtraufnaltmmrfahren des effener Ifieineldsprozeffes. (Unber. Nachdr. verb.) Essen, 30. Januar 1911. Telegraphischer Bericht. DaS Wiederaufnahmeverfahren deS MeineidprozesseS(siehe auch den Leitartikel in' der Sonntagnummer des„Vorwärts") gegen das Vorstandsmitglied des Deutschen Bergarbeiterverbandes, den einstigen Kaiserdelegierten Ludwig Schröder-Bochum und Genossen nimmt am heutigen Montag vor dem Essener Schwur- gericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors König seinen Anfang. In demselben Saale, in dem vor 15 Jahren die Angeklagten wegen Meineids verurteilt wurden, begann heute das Wieder- aufnahmeverfahren. Der Zuschauerraum ist fast ganz durch die Presseplätze ausgefüllt(in der vorigen Verhandlung waren die Plätze im Sitzungssaal selbst), deshalb sind nur noch wenige Karten für das Publikum ausgegeben worden. Bei der Eröffnung der Sitzung waren etwa 10 Zuhörer anwesend. Auf der Anklage- bank nehmen Platz der einstige Kaiserdelegierte Schröder, der frühere Kassierer des Verbandes Julius Meyer, ferner die Berg- leute Beckmann, Willing und Thiele, während Imberg gestorben ist und Gräf sich im Auslande befindet. Schröder und Meyer sind inzwischen weißhaarige Greise geworden. Meyer sieht schwer, leidend aus. Die Verteidigung führen die Rechtsanwälte Dr. Victor Niemeyer und Pricß-Essen. Die Anklage wird ver- treten durch ersten Staatsanwalt Eger und Staatsanwaltschafts- rat Pfaffe. Jm Saale hängt eine Tafel mit einer Darstellung der Oertlichkeit des Baukauer Versammlungslokals. Der Vor- sitzende Landgerichtsdirektor König eröffnet die außerordentliche Schwurgerichtsperiode mit folgender Ansprache: Bei Beginn unserer gemeinsamen Arbeit begrüße ich Sie, meine Herren Geschworenen. ES ist eine besonders schwere und verant- wortungsvolle Aufgabe, welche Sie erwartet. Die erste Woche wird ausgefüllt werden von der durch das Oberlandeßgericht angeord- neten Wiederaufnahme und Erneuerung deS Meineidsprozesses Schröder und Genossen vom Jahre 1895. Der Fall hat besonderes Aufsehen erregt, die Gescbichte und der Sachverhalt wird Ihnen ja aus der Tagespresse bekannt sein. Der Prozeh hatte einen po- litischen Hintergrund, er war erwachsen in den politischen und ge- werkschaftlichen Kämpfen der sozialdemokratischen und christlichen Bergarbeiterbcwegung. Von den 7 Angeklagten wurden 6 von den Geschworenen für überführt erachtet und zu Zuchthaus und Ehren. strafen verurteilt. Während einer wegen fahrlässigen Falscheides zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Die 6 wegen Meineides verurteilten Angeklagten gehörten der sozialdemokrati- schen Partei an. Das Urteil erfuhr in der Oeffentlichkeit heftige Angriffe, man sprach von Klassenjustiz und politischer Boreinge- oommeoheit, die den Blick der Geschworenen getrübt hätte, und auch in weiteren Kreisen wurden Zweifel laut, obwohl der Schuld- beweis m weitestem Maße geführt worden sei. Diese Kritiken hier zu prüfen, ist nicht unsere Aufgabe. Sie, meine Herren Ge- schworenen, haben die Sachlage als solche zu prüfen und zu er- wägen, ob bei der erneuten Prüfung der Sachlage die Angeklagten der Schuld wieder überführt werden können. Da ermahne und bitte ich Sie, Ihr Urteil nur nach dem zu fällen, was sich hier im Saale abspielt. Treten Sie ohne Voreingenommenheit und un» befangen an diese Aufgabe, verschließen Sie sich allen Einflüssen von außen. Fürchten Sie sich nicht vor einer Kritik Ihres Urteils, sondern lassen Sie sich nur leiten von Ihrem Gewissen und dem Eid, den Sie leisten werden. Ihre Aufgabe ist eine schwierige, eine viel schwierigere als die der Geschworenen im ersten Prozeß, denn damals waren die Vorgänge erst kurz vorher passiert. Sie cherden eine Menge widersprechender Aussagen hier hören und müssen auf jedes Moment achten, um die widersprechenden Aussagen auf ihren Wert abzuschäben. Trotz der Schwierigkeiten denken Sie aber nicht, daß nicht die Möglichkeit besteht, auch jetzt noch, nach so langer Zeit, Feststellungen zu treffen. Dazu ist Ihre gespannteste Aufmerksam- keit notwendig. Es handelt sich um wichtige Interessen für die An- gehörigen und für die Rechtspflege.— Es folgt sodann die Aus- losung der Geschworenen.— Der Verhandlung wohnt Oberstaats- anwalt Dr. Schultze-Sölden aus Hamm bei. Drei Ersatzgeschworene werden ausgelost. Die Verteidigung lehnt 5, die Staatsanwaltschaft einen Geschworenen bei der Auslosung ab. Es erfolgt dann die Feststellung der Personalien der Angeklagten. Ludwig Schröder ist 1348 geboren und bekleidet jetzt das Amt des zweiten Vorsitzenden im Deutschen Bergarbeiterverband. Er ist Vater von 10 Kindern, Inhaber der Kriegsdenkmünze von 1870/71 und der Landwehrauszeichnung zweiter Klasse. Wegen öffentlicher Beleidigung und Widerstands gegen die Staatsgewalt hat er Vor- strafen erlitten.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Niemcyer: Es handelt sich in sämtlichen Fällen um Prestdelikte. Der zweite An- geklagte Julius Meyer war früher Verleger der„Bergarbeiter- Zeitung", er wohnt jetzt in Eisenach und ist leidend. Der Vor- sitzende gestattet ihm, während der Verhandlung sitzen zu bleiben. Der Angeklagte Beckmann ist heute noch als Bergarbeiter tätig, der Angeklagte Thiel dagegen hat inzwischen bei der Allgemeinen Elek- trizitätsgesellschaft als Fräser Stellung genommen, während der letzte Angeklagte Willing wiederum noch heute Bergarbeiter ist.— Vors.: Der heutigen Verhandlung liegt der Eröffnungsbeschluß aus dem Jahre 1895 zugrunde. Durch den Beschluß des Ober- landesgcrichts Hamm ist das Verfahren zurückversetzt worden in das Stadium vor Beginn der ersten Hauptverhandlung.— Erster Staatsanwalt Eger: Ich beantrage, das Verfahren gegen die als verschollen geltenden Angeklagten Gräf und Uinberg abzutrennen.' — Bors.: Das Gericht beschließt demgemäß.— Bert. R.-A. Dr. Nicmeyer: Ter Reichstagsabgeordnete Hue will sich, nachdem der Reichstag die Genehmigung zu seiner Vernehmung versagt hat, hier freiwillig als Zeuge vernehmen lassen.— Vors.: Er wird heute nachmittag vernommen werden. Der Abgeordnete Brust wird Mittwoch erscheinen.— Es erfolgt nun die Verlesung des ersten Urteils, durch das 6 Angeklagte zu Zuchthaus- und Ehrenstrafen verurteilt worden waren.— Bors.: Auf Antrag der Verteidigung hat das Obcrlandesgcricht Hamm am 8. März 1910 die Wieder- aufnähme des Verfahrens beschlossen.— Es beginnt die Vernehmung des Angeklagten Schröder. Vors.: Ich nehme an, daß die Angeklagten auch heute wie während des ganzen Verfahrens sich dahin erklären wollen, daß sie der ihnen zur Last gelegten Verbrechen und Vergehen nicht schuldig sind, sondern nach bestem Wissen und Gewissen im Prozesse Margrafs ihre Aussagen gemacht haben.— Die Angeklagten nicken zustimmend.— Bors.: Es handelt sich um eine von christlicher Seile nach Baukau einberufene Vergarbeiterversammlung. Wer waren denn damals die leitenden Elemente in der christlichen Bergarbeiter- bewegung?— Angekl. Schröder: Vor allem der jetzige Abgeordnete Brust.— Bors.: Warum gingen Sie in diese christliche Versamm- lung?— Angekl. Schröder: ES war eine öffentliche Bergarbeiter- Versammlung mit freier Diskussion. Ich war in der Agitation tätig und hielt mich für verpflichtet, hinzugehen. Ich glaubte auch an freie Diskussion, da kurz vorher uns in Oberhausen das Wo« gegeben worden war. In Baukau sagte aber Brust merkwürdiger- weise:„Das Wort gibt es nicht, daß ist unsere Versammlung."— Bors.: War die Versammlung stark besucht?— Angekl. Schröder: Nein, als wir hinkamen war der Saal noch leer.— Bors.: Unv später, waren da die Anhänger Ihrer Partei in der Mehrheit?— Angekl. Schröder: Ja:— Vors.: Hatte Ihnen Brust nicht vorher privatim gesagt, Sie könnten sich den Weg nach Baukau sparen, da gebe es keine Diskussion?— Angekl. Schröder: Rein, das würde ich wissen, denn ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.— Bors.: Nimmr der Bergarbeiterverband ausschließlich Bergarbeiter als Mitglieder auf?— Angekl. Schröder: Ja.— Bors.: In der Baukauer Ver- sammlung sollen aber auch Angehörige anderer Berufe dagewesen sein, so auch Schneider.— Angekl. Schröder: Die kamen wohl mehr aus Neugierde.— Bors.: Es war damals wohl eine ziemlich be- wegte Zeit?— Angekl. Schröder: Ja.— Bors.: Hatte aber nicht vorher in Herne eine von christlicher Seite einberufene Versamm- lung stattgefunden, in der Ihnen und Ihren Anhängern das Wort nicht gestattet war?— Angekl. Schröder: Ja, man hatte mir aber gesagt, in Baukau würde es freie Diskussion geben. Ich war des- halb über das Verhalten Brusts sehr erstaunt. Er sagte mir, ich solle sofort den Saal verlassen. Ich ging auch sofort. Da sah ich hinter mir den Gendarmen Müntcr, der, als er mich sah, sagte: „Da ist ja der Schröder, der mich schon den ganzen Tag belästigt hat!" Münter ging dicht hinter mir. Ich ging zum Kassierer und verlangte mein Eintrittsgeld zurück. Der Kassierer aber antwortete mir: Geld gibt es nicht. In diesem Augenblick bekam ich einen Stoß in den Nacken» so daß ich nach dem Saal zu flog. Als ich mich etwa? erheben wollte, bekam ich den zweiten Stoß. Ich riß mich loS und(jiny hinaus. Als ich hinauslief, sah ich eine Menge Polizisten, die sich im Hause versteckt haben mußten. Ich hatte das Gefühl, daß sie irgend etwas geplant hatten. — Bors.: ES handelte sich um die Zeit vor der Beratung der Umsturzvorlage, und in der sozialdemokratischen Presse war davon gesprochen worden, daß die Regierung für die Umsturzvorlage Mvteria! sammelte.— Angekl. Schröder: Ich wunderte mich dar- über, daß für eine einfache Versammlung so viel Polizei aufgeboten war. Als ich draußen war, hörte ich von drinnen rufen:„Alles, was zu Schröder gehört, alles, was Sozialdemokrat ist, muß den Saal verlassen!" Meine Freunde und ich gingen nun nach Herne und von dort nach Hause.— Vors.: Sie sagen, daß Sie nicht gehört haben, wie Brust gesagt hätte, diesmal gebe es die 10 Pf. nicht zurück.— Angekl.: Rem, sonst wäre ich ja nicht hinaufgegangen.— Vors.: Und nun sagen Sie. als Sie an den Kassentisch traten, sei Gendarm Münter hinter Sie getreten, habe die Hand auf Ihre Schulter gelegt und gesagt: Nun ist eS Zeit!— Angekl.: Ich trat an den Kasscntisch, der am Podium stand. Zum Podium führte eine Stufe. Ich sagte zum Kassierer: „Gib mir meinen Groschen Wiederl" Er antwortete mir ganz gemütlich, indem er mich beim Vornamen nannte:„Nee, Lutz, hier gitt nix wier, dat eö verboen!" Ich hatte das Gefühl, daß Münter schon gleich hinter mir hergegangen war. Am Kassentisch stand er dicht hinter mir. Als der Kassierer das gesagt batte, wollte ich gehen. Ich wollte mich gerade halb umdrehen, als ich in demselben Moment eine» starken Stoß in den Nacken erhielt, der mich nach vorn auf die Hände zu Boden warf.— Vors.: Hat Münter etwas dabei gesagt?— Angekl.: DaS weiß ich nicht mehr.— Vors.: Er soll gesagt haben: Nun aber raus!— Angekl.: Das kann ich heute nicht»ezr sagen.— fistj.: Haben Sie beim Stoß die Hand Mimler Z ge�eHen?»- Nngckl.: Nelü, a?er sesüW habe ich sie im Nacken. Es war niemand sonst da. Als ich den aweiten Stotz erhielt, lag ich noch an der Ecke deS Podiums.— Vors.: Auch beim zweiten Stoh haben Sie Munter nicht gesehen oder seinen Arm?— Angekl.: Nein, nur gefühlt. Ich sprang dann schnell aus und lief hinaus. Draußen kam mir viel Polizei entgegen.— Bors.: Sahen Sie, daß beim zweiten Stoß viele Leute herumstanden, die es mit ansahen.— Angekl.: Als ich aufsprang, waren schon viele Leute aufgestanden, die neugierig waren, was da passiert sei.— Bors.: Die allgemeine Aufforderung, hinauszugehen, haben Sie nicht ge- hört?— Angekl.: Nein, nur nachher erfuhr ich. daß der Kommissar später gesagt habe, alle Sozialdemokraten sollen hinausgehen.— Bors.: Sie sagen, daß außer Ihnen am 5knssentisch nur Munter war?— Angekl.: Jawohl.— Bors.: Wo war denn Polizeikommissar Brockmeyer?— Angekl.: Als ich mich zum zweiten Male aufkrab- belte, sah ich, wie er zur Tür hereinkam.— Vors.: Also Sie meinen, daß kein anderer als Munter Ihnen den Stoß gegeben haben kann? — Angekl.: Nein, kein anderer.— Bors.: Halten Sie es für aus- geschlossen, daß der Stoß nicht direkt erfolgt ist. sondern, wie Münter es in der ersten Verhandlung als möglich erklärte, durch die allgemeine Berührung seines Leibes entstanden sein könnte?-- Angekl.: Rein, das ist ausgeschlossen.— Bors.: Sie haben sich dann mit Ihren Freunden getroffen und über die Borgänge sich aus- gesprochen.— Angekl.: Ich wollte gegen den Gendarm eine Anzeige erstatten.— Vors.: Sie glaubten, daß eine unberechtigte Ueber- schreitung der Amtsgewalt vorliege?— Angekl.: Ja, das wollte ich mir nicht gefallen lassen.— Vors.: Sie waren sich also nicht bewußt, sich deS Hausfriedensbruchs schuldig gemacht zu haben?— Angekl.: Nein, mir war es neu, daß mir mein Groschen nicht ausgehändigt werden sollte. Ich hatte nicht die Absicht, zu stören und wäre von selbst gleich gegangen. Soviel war mir an meinem Groschen nicht gelegen. Ich hatte schon in vielen Versammlungen früher gesprochen und man wird mir wohl soviel Anstandsgefühl zutrauen.— Vors.: Sie machten dann auch Mitteilung an die Presse? — Angekl.: Ja. der Redaktion der„Berg- und Hüttenarbeiter� Zeitung" habe ich erzählt, wie eS in der Versammlung zugegangen ist. Es ist dann ein Bericht erschienen, damals war mir noch alles in frischer Erinnerung.-- Bors.: Haben Sie denn nun Schritte getan, um Münter zur Verantwortung zu ziehen?-- Angekl. Daraufhin wurde ich ja schon in Dortmund vernommen, weil die Gendarmerie sich durch den Artikel beleidigt fühlte. Vors.: Das war aber doch wohl erst vier Wochen später.— Angekl.: Borher hatte schon Meyer einen Anwaltzeugen für den Vorgang benannt zum Zweck der Beschwerde über Münter beim Brigadier. Vors.: Bei der ersten Strafkammerverhandlung waren nur Sie. Meyer und Gräf als Zeugen, seitens der Anklage Münter und Brockmeyer. Es ergaben sich Widersprüche, und es wurde die Verhandlung ver- tagt. Zur zweiten Verhandlung waren viele Zeugen da. Inzwischen hatten Sie sich ja wohl nach Zeugen umgesehen, in Ihrer Zeitung war aufgefordert worden, daß sich Augenzeugen melden sollten. Sie wußten za auch, was Ihnen drohte. Der Staatsanwalt hatte schon in der ersten Verhandlung den Antra» gestellt, Sie wegen Verdachts falscher Aussage zu verhaften.— Angekl. Schröder: Jawohl.— Vors.: Am Schluß der zweiten Verhandlung... Angekl. Schröder (einfallend): Sind wir alle verhaftet worden.— Vors.: Münter legte Ihne» die Hand auf die Schulter und sagte: Sie sind mein Arrestant. Sie haben das als neue Gehässigkeit aufgefaßt und in dem Hand- auflegen auch eine Ueberschreitung der Amtsgewalt erblickt. Sie wußten aber nicht, daß es die vorgeschriebene Form der Verhaftung ist und daß Münter vom Staatsanwalt damit beaustragt worden war.— Bert. Rcchtsanw. Dr. Niemeher: Den Herren Geschworenen bitte ich zu bemerken, daß dies aber nichts mit der Sache selbst zu tun hat.— Angekl. Schröder: Ich hatte mich darüber gewundert. daß gerade Münter die Verhaftung vornahm.— Vors.: Dann kam es zur Hauptverhandlung. Sie haben schon damals zugegeben, daß Ihre Aussage richtig protokolliert worden war. wir kommen nachher zu deren Beriesung. Eins möchte ich Ihnen nur noch als Wider» spruch Ihrer Aussage vorhalten: Sie hatten seinerzeit gesagt, daß Sie den uniformierten Arm Mllnters gesehen hätten.— Angekl.: Dann habe ich es damals noch in Erinnerung gehabt, jetzt weiß ich es nicht mehr.— Erster Stnatsanw. Eger: Ich bitte, den Angeklagten zu fragen, in welchem Umfange er an jenem Tage geistige Getränke zu sich genommen hat.— Angekl.: Ich war den ganzen Tag unter- wegS. da trinkt man wohl einige Glas Bier. ES ist aber nicht wahr» daß ich angetrunken war. Ich neige überhaupt nicht sehr zu geistigen Getränken. Vors.: Einige Zeugen wollen aber aus dem unsicheren Gang, mit dem Sie nach vorn sich begaben, und auch aus der Art, wie Sie vorher schon dagesessen hatten, geschlossen haben, daß Sie angetrunken waren.— Angekl.: Das ist nicht der Fall.— Bert. Dr. Niemeyer: Ich bitte, den Angeklagten zu fragen, ob er nicht überhaupt einen etwas wiegenden Gang hat.— Angekl.: Ich glaube wohl, daß ich beim Gehen etwas mit dem Körper wippe.— Vors.: Wir werden Sie das einmal bei späterer Gelegenheit vormachen lassen.— Es wird darauf zur Vernehmung des Angekl. Meyer ge- schritten, der seine Aussage mit stark stotternder Stimme macht. Er erklärt, daß er auf seinem Platz stand, um hinauszugehen. Schröder sei an die Kasse gegangen.— Vors.: Was haben Sie nun gesehen, oas mit Schröder vorging?— Angekl.: Daß er gestoßen wurde, und daß Schröder, der sehr gelenkig war, ausspringen wollte. Aber da bekam er nochmals einen Stoß.— Vors.: Und das haben Sie ge» sehen und beschworen?— Angekl.: Jawohl(heftig weinend): Das habe ich beeiden müssen, und die Heiligkeit des Eides hat mir drei- einhalb Jahre Zuchthaus eingebracht.— Der Angeklagte Meyer gibt dann weiter an, daß Schröder beim Hinausgehen noch ein paar Worte sagte, wie etwa:„Kerls, seid ruhig!" oder so etwas ähnliches. — Vors.: Konnten Sie denn das aus so weiter Entfernung hören? — Angekl. So weit war ich gar nicht weg.— Vors.: Haben Sie bei Münter Armbewegungen gesehen oder nur geschlossen, weil er allein bei Schröder stand, daß er diesen gestoßen hatte?--- Angekl.: Ich habe direkt gesehen, wie er gestoßen hat. Das zweitemal hat er mit der geballten Fanst gestoßen, das erstemal mit der Hand. Auf weiteres Befragen er- klärt der Angeklagte wiederum unter Weinen: Mein Gedächtnis hat unter der unschuldig erlittenen Zuchthausstrafe schwer gelitten. Ich habe alles verloren, Kind, Frau und Eltern.— Der Angeklagte Beckmann erklärt, er habe genau gehört, daß Schröder das Geld an der Kasse zurückverlangte. In demselben Augenblick habe er hintereinander zwei Stöße bekommen. Münter folgte dem Schröder dicht aus dem Fuße.— Vors.: Haben Sie gesehen, daß Münter dem Schröder, der hingefallen war. ge- Holsen hat?— Angekl.: Rein.— Bors.: Hat sich Münter bücken müssen, als er Schröder stieß?— Angekl.: Das habe ich nicht ge- sehen.— Vors.: Munter war ein großer Mann, 1.92 Meter groß.— Angekl.: Er war erheblich größer als ich. Der nächste Angekl. Thiel bekennt sich jetzt als Anhänger der Sozialdemokratie, erklärt aber. 189S sich überhaupt noch nicht poli- tisch betätigt zu haben. Er habe deutlich geseheu, daß Münter zweimal ausholte und den Schröder zweimal stieß. Vors.: Wie ist es gekommen, daß Sie damals als Zeuge vernommen wurden?— Angekl.: In der„Bergarbeiter-Zeitung" war ein Auf- ruf erschienen, es möchten sich Leute melden. Daraufhin habe ich mitgeteilt, daß ich die Stöße Münters genau gesehen habe.— Der letzte Angeklagte, Willing, der sich wegen seines schlechten Gedächt- nisses entschuldigt, gehört dem alten Verbände nicht mehr an.— Vors.: Sie brauchen es nicht zu sagen, wenn Sie� nicht wollen.— Wählen Sie sozialdemokratisch?— Angekl.: Ich wähle natürlich so» zialdemokratisch.— Vors.: Sie waren auch bei der Baukauer Ver- sammlung?— Angekl.: Ja. Ich sah, wie Münter an Schröder herantrat und ihn stieß. Schröder fiel zu Boden und bekam einen zweiten Stoß» als er sich aufrichten wollte.— Vors.: Na, Ihr Ge- hächtniS ist doch ganz gut.— Angekl.: Herr Vorsitzender, das ist ejn Ereignis, das einem durch Mark und Knoche« geht und seitdem ppr Auge« steht. I Nur die Einzelheiten Ceiß ich nicht mehr.— Vors.: 1895 haben Sie vor dem Untersuchungsrichter angegeben, in dem Prozeß Margrafs seien Sie so verwirrt gewesen, daß Sie gar nicht wußten, was Sie eigentlich ausgesagt hätten.— Angekl.: Ich weiß eS auch heute nicht. — Vors.: Ihre Aussage ist aber doch protokolliert worden, und Sie haben Sie unterschrieben.— Anzekl.: Das weiß ich auch nicht, ich war zu verwirrt.— Vors.: Sie haben in Ihrer Aussage anscheinend etwas dick aufgetragen. In der Verhandlung und vor dem Unter- suchungsrichter haben Sie übereinstimmend gesagt, Schröder sei drei bis vier Meter weggeflogen. Wenigstens steht es so in der „Dortmunder Zeitung".— Bert. Dr. Niemeyer: Der Bericht ist dick ausgetragen.— Vors.: Er hat dasselbe aber auch vor dem Unter- suchungsrichter gesagt.— Angekl.: Auch da war ich verwirrt, weil der Untersuchungsrichter mit Verhaftung drohte.— Bert. Dr. Nie- mcyer: Der Angeklagte hat mir erst vorgestern einen außerordenk lich drastischen Vorgang aus dem Prozeß Margrafs geschildert, der ihn verwirrt gemacht haben soll.— Llngekl.: Das weiß ich nicht mehr. — Vcrt.: Das ist charakteristisch für seine mangelhafte Auffassung. Er hat mir gesagt, der Staatsanwalt hätte ihn angefahren, gleich sam als ob er ihn habe pressen wollen, und hätte gesagt: Das ist ja alles nicht wahr.— Angekl.: So war es. Damit ist die Vernehmung der Angeklagten beendet, und es gelangt zur Verlesung der inkriminierte Artikel der„Bergarbeiter- Zeitung", wegen dessen im Interesse des Gendarmen Münter An- klage wegen Beleidigung gegen den Redakteur Margrafs erhoben worden war. Der Artikel ist überschrieben:„Die Väter des tot» geborenen Kindes an der Arbeit." Mit dem totgeborenen Kinde wird die christliche Bergarbeiterorganisation gemeint.— Vors.: Die Gegensätze waren wohl damals überhaupt etwas schärfer und die Tonart dementsprechend.— Angekl. Schröder: Na ja.— Vors.: Der erste große Bergarbeiterstreik wirkte noch nach und die Um- sturzvorlage stand bevor. Da wurde manches scharfe Wort ge- sprachen und gedruckt.— Angekl. Schröder: Ja.— Bors.: Haben Sie den Artikel geschrieben?— Angekl.: Nein, ober wenn ich den Artikel geschrieben hätte, hätte ich dieselbe Sachdarstellung gegeben. — Es folgt dann die Verlesung der Protokolle der einzelnen Aus- sagen, wegen deren die Angeklagten seinerzeit verurteilt wurden. — Vors.: Von diesen Aussagen habe ich Abschriften für die Ge- schworenen anfertigen lassen. Nach einer kurzen Pause wird in die Zeugenvernehmung eingetreten. Erster Zeuge ist der frühere Besitzer des Dreikaifer. saales in Baukau, der jetzige Rentier Sichtermann. In diesem Saale hatte die fragliche Bergarbeiterversammlung stattgefunden. Zeuge schildert die Größe des Saales, die Stellung der Tische, die Art der Beleuchtung usw. Der Saal war für diese Versammlung durch den Bergmann Tunk für den christlichen Bcrgarbeiterverband gemietet worden. Für eine sozialdemokratische Versammlung hätte Zeuge den Saal nicht zur Verfügung gestellt.— Vors.: Kannten Sie den Gendarm Münter?— Zeuge: Jawohl.— Vors.: Er renommierte wohl ein bißchen?— Zeuge: Das kann ich nicht sagen; er war ein lebhafter Mensch, über den ich weiter nichts sagen kann. Den Vorfall selbst hat Zeuge nicht gesehen.— Zeug« Reichs- tagsabgeordneter Hne war 1895 in der Redaktion der„Bevg- arbciter-Zeitung" tätig und hat den Bericht über die Baukauer Versammlung verfaßt. Schröder gab die Informationen; weiter wurde für den Bericht benutzt ein Bericht, der direkt von Baukau geschickt worden war. Der Bericht kam erst in die Zeitung, nachdem auch Meyer, der damals Verbandskassierer war, die Richtigkeit der Sachdarstellung bestätigt hatte. Zeuge wurde dann an Stelle des inhaftierten Margrafs fester Redakteur der„Bergarbeiter-Zeitung" und hat in dieser Eigenschaft der ersten SchwurgerichtSverhand- lung beigewohnt.— Bors.: Ist Ihnen aufgefallen, daß der An- geklagte Willing verwirrt war?— Zeuge: Ja, er sagte am Schlüsse beinahe das Gegenteil von dem, was er am Anfange gesagt hatte. Thiel und Willing wurden auch dadurch verwirrt, daß die vernommenen Entlastungszeugen abtreten mußten, während die Belastungszeugen im Saale blieben. Ich glaube auch, daß Thiel und Willing unter der ständigen Furcht aussagten, gleichfalls wie ihre Kameraden verhaftet zu werden. Dann traf wohl auch der Vorsitzende mit seinen feinen Unter- scheidungen nicht dir AusdruckSweise der Arbeiter.— Vors.: Und was können Sie uns über die Aussage MünterS sagen?— Zeuge Reichstagsabgeordneter Hue: Und wenn ich IVO Jahre alt werde, werde ich den Eindruck dieser Aussage nicht vergessen. Er gab von dem Vorgang drei Versionen, dir sich direkt widersprachen. — Vors.: Von drei Versionen weiß ich nicht».— Zeuge: Die zweite und dritte Verston decken sich wohl ungefähr.— Vors.: Münter bat wohl erst nach Vorhaltungen deS Vorsitzenden auch andere Mög- lichkeiten zugegeben.— Zeuge: Nein, er hatte zuerst jede, auch die geringste Berührung Schröders bestritten.— Vors.: Bei dem zweiten Stoß ist Niünter aber dabei geblieben, jede Berührung zu bestreiten.— Zeuge: Das mag sein, dafür brachte er hier die neue Version, Schröder sei aus Angst gefallen.— Vors.: Aus Angst oder Schreck ist doch auch unerheblich.— Zeuge: Ich würde auch darauf kein so großes Gewicht legen, wenn nicht bei den Eni- lastungSzrugen eine ganz andere Praxis befolgt worden wäre.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Riemeyer: Ist es richtig, daß ich die Protokollierung der Münterschen Aussage im Prozeß Margrafs beantragte und baß sie abgelehnt wurde?— Zenge: Ja.— Verl. Rechtsanw. Dr. Niemeyer: Ist es richtig, daß ich mich im zweiten Termin gegen Margrafs als Zeuge angeboten habe zur Feststellung der Münterschen Widersprüche? — Zeuge: Jawohl: wir fürchteten schon, wir müßten uns einen neuen Verteidiger besorgen.— Vors.: Worin sollen denn nun die eigentlichen Widersprüche Münters bestehen?— Verl. NechtSonw. Dr. Riemeyer: Ich möchte wirklich nicht wieder Gefahr kaufen, als Zeuge geladen zu werden. DaS Unglück ist mir schon in der ersten Schwurgerichtsverhandlung passiert.— Staatsanwalt Pfaff: Von wem stammt der Aufruf in der„Bergarbeiter-Zeitung" eS möchten sich Zeugen für den Vorfall Münter-Schröder melden?— Zeuge: Wohl vom Borstand deS Verbandes.— Verl Rechtsanw. Dr. Niemeyer: Wird in diesem Aufruf nicht ausdrücklich hin- gewiesen auf die schwere Strafe, die auf Meineid steht?— Zeuge: Jawohl. Ich muß weiter sagen: Schröder war damals Vorsitzender deS Verbandes; wir hatten viele Konflikte mit den Gerichten ge- habt und waren finanziell ziemlich geschwächt worden. Deshalb wachte Schröder mit geradezu kleinlicher Pedanterie darüber, bah nichts in die Zeitungen kam, was irgendwie Anstoß erregen könnte. — Vors.: In dem Artikel über die Baukauer Versammlung sind aber auch persönliche Verunglimpfungen der Gegner enthalten.— Zeuge. DaS ging hin und her.— Vert. Rechtsanw. Dr. Niemeher: In den Akten befindet sich ein Bericht MünterS, in dem gesagt wird: Was Schröder für ein Mann sei, ergebe sich schon daraus. daß er seine NeichStaaSkanbldalur für eine Lage SchnapS an Sachse habe verkaufen wollen. Ist da? überhaupt möglich? Hat da? überhaupt einen Sinn?— Zeuge: Nein. Sachse kandidierte 1893 in Waldenburg, während Schröder hier in Essen kandidierte. Zeuge Dr. Franz Lütgcnau hat über die erste Schwurgerichts- Verhandlung eine Broschüre verfaßt„Geschichte und Glossen des Essener MeineidSprozesscs".— Vors.: Meinen auch Sie, daß die Zeugen in dem Prozeß Margrafs verwirrt waren?— Zeuge: Offenbar glaubte der damalige Vorsitzende den Entlastungszeugen nicht und seine Borhaltungen wurden immer schärfer. Es herrschte eine peinliche Stille im Saale und diese äußere Situation drückte ans die Zeugen. Das war jedenfalls wein Eindruck.— Vors.: Und welches ist Ihr Eindruck über die Münterfch« Aussage?— Zeuge: Er hat mit seinen Aussagen häufig gewechselt. Erst hat er be- stritten. Schröder überhaupt berührt zu haben. Er meinte. Schröder sei betrunken gewesen und deswegen gefallen. Das konnte er nicht aufrecht erhalten und sagte dann, Schröder sei wohl gefallen auS Angst v»r seinem, Münters, energischem Auftrete«. Schließlich gab, er auf Vorhabt des Vorsitzenden die Möglichkeit zu, Schröder berühr? zu haben, und zwar mit der Brust. Dadurch könne Schröder viel» leicht gefallen sein. Zeuge Redakteur Thiemt-Tortmund war in den Vorprozeffen als Berichterstatter für die„Dortmunder Zci- tung" tätig, kann sich aber auf Einzelheiten nicht besinnen.— Zeuge Redakteur Karl Schncidt-Berlin ist von der Verteidigung als Zeugs darüber benannt worden, wie Schröder über de« Begriff des poli- tischen Meineides denkt, mit dem in der ersten Schwurgerichtsver- Handlung operiert worden sei.— Zeuge Schneidt: Ich traf 1590 in Halle mit Schröder gelegentlich des ersten Bergarbeitertages zu- sammen. Damals saß der Anarchist Ncve im Zuchthaus, der dis Berechtigung des politischen Meineides vertreten hatte. Dafür hatte Schröder absolut kein Verständnis. Mit einem gewissen Fanatis- mus wandte er sich gegen Neu«. Er begriff gar nicht, daß man auch aus idealen Motiven einen Meineid leisten iönne. Er sagte: Wer die Arbeiter auf eine höhere Stufe der Zivilisation heben will, müsse selbst das beste Beispiel geben und dürfe von der bürgerlichen Moral nicht abweichen. Als Schräder 1895 verurteilt worden war, war ich fest von seiner Unschuld überzeugt.— Vert. R.-A. Dr. Nie- meyer: Gehören Sie der sozialdemokratischen Partei an?— Zeuge: Nein, ich gehöre gar keiner Partei an, ich bin freier, unabhängiger Schriftsteller.— Zeuge Gewerkschaftssekretär Bartels-Dortmund war Augen- und Ohrenzcuge, als Anfang der vver Jahre sich Schröder mit größter Schärfe im internen Parteikreise gegen den dem Anarchismus zuneigenden Deub wandte, der den politischeil Meineid verteidigte. Den Schluß der Sitzung bildet die Verlesung der Aussage des im Mai 1910 im Krankenhaus Friedrichshain in Berlin nach einer Gallensteinoperation verstorbenen Gendarmen Münter. Er bc- kündet, Schröder sei lärmend zweimal an den Kassentisch heran- getreten und habe sein Geld verlangt.— Angekl. Schröder: Das ist falsch.— Vors.: Und beim zweiten Herantreten hat Münter die Möglichkeit einer Berührung zugegeben, hat aber das Stoßen bc- stritten.— Angekl. Schröder: Zuerst hat er alles bestritten, er hatte aucki gesagt, ich sei betrunken gewesen.— Vors.: Er wußte wohl nicht, daß Sie von Natur aus einen etwas schwankenden Gang haben. Hierauf wird die Weiterverhandlung ans Dienstag vertagt. EnlFegangene vruekfcknfren. Vom»Wahren Jacob- ist soeben die 3. Nwnmer deS 28. Jahrgangs erschienen. Der Preis der IL Zeiten starke» Nummer ist tv Ps. Bon der„Sileiäibcit-, Zellschrist sär die Interessen der Arbeiterinnc» (Stuttgnrt, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Nr. S deS 2t. Jahr- ganges zugegangen. Aus dem Jichalt dieser Nummer beben wir hervor: Die proletarischen Frauen als politisch Organisierte. Von Luise Zieh.— Ei» Gruß der finnilchen Sozialdemotraüunen an ihre Schwestern in Deutichlnnd. Von Hilja Parlsinen.— Ein Nachwort zu dem Prozeß der Mieltichiner Breuel.— Zur Schulreform in Hamburg. Von s. g.— Folgen der Ehescheidung. II. Von Einst Oberbolzcr.— DaS Werk der Arbeiter- liasse. Von Julian Sorchardt.— Mehr Schutz der weiblichen ArbeitSlrast. Bon w. d.— Sckauspieleriniienelend. Von mg. Mit den Beilagen:Fiir unsere Mütler undHauSsrauen und Für unsere Kinder. Die.Gleichheit' ericheint alle ll Tage einmal. Preis der Nummer tv Ps.. durch die Post bezogen beträgt der AdonncmcntSpreiS vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Ps.; unter Kreuzband LS Ps. Jahresabonnement S.ö0 M._ Nmiitwer«Marttbkrtchi der ftädMchen Marktballen-DweMon über den»rohbandel in den Zenwal-Marktballen. ivtartilage: Fleisch: Zusuhr reichlich. Geichäst etwas reger, Preise für Rind-, K.ssb- und Schweinefleisch anziehend. W> i b: Zufudr mätzig, Geichäst schleppend, Presse unverändert. G e l l ü g e l: gutuhr genügend, Seichäst lebhast, Preise(est Fische: Zusubr knapp, Geschäsl ruhig, Presse wenig ver- ändert. Bulter und Käl«: Geschäst ruhig, Presse unverändert. Gemüse, Obst und Südsrüchle: Zusutzr genügend, Geschäst sehr still, Presse wenig verändert. yvttiernnasnverNd» von, 30. Januar 1911, morgen« 8 Mtr. g■§' se §3 •2_ 0(8(1 m emtnttnv« 778 N öaxntnat 1 780 ONO Berlin 778 R .yrantt a SU 775 NO München 775 O Wien 773 NN« t*c d* u 3 wolkig—1 8 woikenl— 2 3 wollig— 8 Lwoikeiil—3 5 woltenl—8 3 bedeckt-,-3 Ii! *****!ßZ!|| i|"*« �* IB, A u Hl Ä Havaranfta 778 S) 2 bedeckt— 17 Petersburg_— 1—|_ Scrnc 765 DSD s bedeckt 1 7 Äxroeev!773$S28 3 bedeckt 8 Pari! l7ä7DNO, 2 wollen!—2 I I l «rnrrprogiiolr für DicnStog. den 31. Jannar 1911. Trockenes, vorwiegend heiteres Frostwetter mil mäßigen nordöstlichen Winden. Berliner Wetterbureau. «Vafferstands.Stnchrlcheev vasserlland Memel. TUM P r e g e l, Jiistcrbnrg Weichsel. Tborn Oder. Ratibor » Krossen , Franburt Warthe, Schrimw , LandSberg Netze, Voroanim Elbe, Leümeritz , Dresden , Bardo . Ragoeburg am 22. 1. om 301') 57») 220' 378») 279«) 283') 138 too 48 145 —10 250 191 i(il 28.1. «in') -16 0 -32 +23 + 17 +8 +5 +7 +66 +40 +12 -3 Wasserstand Saal«, Grochlttz Havel, LoandauZ , Rathenow») S v r« I, Soremberg') , BeeSlow Weier. Münden , Minden Rhein, MarnnlltanSau » Kaub , Köln Neckar. Heilbrom» Main, Wettheiw Mosel. Trier am 29. 1. ein 150 115 140 182 176 63 90 834 184 212 108 1Ä |'est 28. t. cm') +16 —3 +1 +12 —1 +23 +24 0 +9 + 19 —7 +10 '1+ bedeute! Wuchs,— stall.—•) llmerveoet.—•) Eisstand.— «) Sistreidcn.—•) Höchster Wasserstand am LS. um 12 Uhr miliagS: 394 cm.—*) Vom 23. 6 Uta nachmittags bis 29. 8 Uhr morgenS: 280 em. —©est 2 Uhr nachts unverändert Der Flutwelle der oberen Oder folgt eine zweite, eben« sallS nicht bedeutende Welle, deren Scheitel gestern um Ist, Uhr nach- mitlagS am Pegel Natibor 396 cm('', ra unter Aususer ungShöde) erreichte. Heute morgen betrug der Wasserstand dort nur noch 314 cm. Der Scheuel der ersten Welle besand sich von gestern um 4 Uhr nachmittags bi« beute um 7 Uhr morgens mit 466 cm(st, w über Aususerungshöhe) am Pegel Brieg. JMisw-Csupons-Jtesie. wunderbar* Früh ich r* Neuheit tn fü> Anzüge. ULler, Kostüme etc.. SUtet 3—, 5.— Strichhaar- Loden. imprägniert für Wetter- Pelttiuen, Metes /•SO. 2.-». Tu chlore/ Ceriraadten- etraße 20-21, Koch£ SceJ&nd, Ge eelUchult m. b.H.vi- ü visd Pefr kirche Neuheiten und Ersindnttgen für die Vereinigten Staaten ver. langt. Finanzierung. Palcnikoste» bezahle, wen» Anieil am Paiente oder Gewinn gegeben wird. Schreibe äutzeiste Bedingungen. Modelle erwünscht, wenn Zeichnung nicht genügend. Nur wirtliche Neuheiten Osserten an 2906d' Karl Kalle, 229 Broadway, Sfew York C.»• A. Gclcscnhcltstkaaf t Wollene Sciilafdecken Ist 350 4E0 500 goo u Pferdedecken! ist 2603,0480560 m. n«fir dicke rTICS Perile�ein «l!o Farben { Motcr 1,75,«,50 bis 4,50. 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Braunicknoet«, für Maschineuardetter Breslau Da« Berliner ZlrbettSwtHtgeu. vermiiteiungsbureau d. gelben »Haudwerkerichnyverbaiides«. Tie Orisvermaitung Berit» de» Trntfch. chOizarbetterverbaude» Buchdruckerei». verlogSanftalt Paul Singer u. Co.. Berlin S\AL if.26. 28. ZahrMz. 3. fifilajc iito„Kiwiirls" Krlintt Sitwl«!), 31. lanom 1911 Zu den KaufmannsgerUbtswalileD. Am Sonntag, den!2. Februar 1911. 10—3 Uhr. finden dte Wahlen der Handlungsgehilfenbeisitzer zum Berliner Kaufmannsgericht statt. Zur Teilnahme an den Wahlen sind nur berechtigt solche Handlungsgehilfen, welche das 25. Lebensjahr vollendet haben und in Berlin beschäftigt sind, sofern ihr Jahresarbeits- verdienst an Lohn oder Gehalt den Betrag von 5000 M. nicht übersteigt. Nicht wahlberechtigt sind: s) Personen weiblichen Ge- schlechts; b) Ausländer; c) Personen, welche die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter infolge strafgcrichtlicher Vcr- urteilung verloren haben; 6) Personen, gegen welche das Hauptverfahrcn wegen eines Verbrechens oder Vergehens er- öffnet ist, das die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte oder der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter zur Folge haben kann; e) Personen, welche infolge gerichtlicher Anordnung in der Verfügung über ihr Vermögen be- schränkt sind. Zur Ausübung des Wahlrechts ist eine Bescheinigung des Prinzipals oder der Polizeibehörde erforderlich. Amtliche Formulare für diese Bescheinigung sind zu haben beim Zentralvcrband der Handlungsgehilsen und Gehilfinnen Deutschlands(Bezirk Berlin), Geschäftsstelle: UV. 43, Neue Königstr. 36, geöffnet werktäglich 9—7 Uhr(Montags bis abends VslO Uhr) und in der Buchhandlung Vorwärts. Lindenstr. 69, Laden. Jeder Leser sorge dafür, daß alle Handlungsgehilfen. welche obigen Bedingungen entsprechen, ihr Wahlrecht benutzen und ihre Stimme abgeben für die Liste 3 des ZeutralverbaudeS der Handlungsgehilfe» »od Gehilfinneu Deutschlands. Partei-?Zngelegenkeiten. Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend. Unseren Mitgliedern zur Nachricht und gefälligen De- achtung. Am Dienstag, den 7. Februar: Generalversammlung der sechs Berliner Kreise. Am Mittwoch, den 8. Februar: Zahlabend in Groß-Berlin. Am Donnerstag, den 9. Februar: Beginn des zweiten Frauen-Kursus. >m Sonntag, den 12. Februar: Massenversammlungen in Groß-Berlin. km Sonntag, den 26. Februar: Ordentliche Verbands- Generalversammlung. Am Montag, den 27. Februar: Frauen-Leseabend. Die Kreisvorstände bitten wir freundlichst, bei ihren Dis- Positionen die angeführten Veranstaltungen in Betracht zu ziehen._ Daö Berbandsbureau. 6. Wahlkreis. Die Mitglieder des Wahlvereins werden auf die heut« statt- findenden Versammlungen der Abteilungen aufmerksam gemocht, in denen neben der Wahl der Delegierten zur BerbandS-Beneral» Versammlung auch Borträge auf der Tagesordnung stehen. Schöneberg. Heute DienStafl. den 31. d. M., abends 8'/, Uhr. in den Rathauslälen, Meininger Str. 8: Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlvcreins. Tagesordnung: Kommunal- Politik im Reichstag und Landtag. Referent: Reichstag«. abgeordneter Genosse H. Molkenbuhr. Diskussion. Kassenbericht. Wahl der Delegierten zur Kreisgeneralversammlung. BereinSangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Schmargendorf. Heute DienStag. 81. Januar, abends 8 Uhr: Generalversammlung bei Gastwirt Bartel, Warnemünder Straße S. Zossen. Am Mittwoch, abends'/i? Uhr. von Kurzner auS: Flugblattverbreitung.,_ Freitag, abends 8 Uhr. in demselben Lokale: Volks- veriammlung. Thema:.Die Wahrheitsliebe der Diener Gottes und der hiesige christliche Volksverein." Referent: Genosse E. U n g e r- Berlin. SönigS-Wusterhansen. Mittwoch, den 1. Februar, abends 8 Uhr. im Lokale der Wilwe Wcdhorn, AlteS SchützenhauS: Wahlvereins- Versammlung: T.-O.: 1. Fortsetzung über die verschiedenen Partei- Programms. Referent: Genosse G r o g e r- Rudorf. 2. Kassenbericht. 8. Wahl von zwei Delegierten zur Kreis-Generalversammlung. 4. Patteiangelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Rcinickendorf-Ost. Heute, abendS 8 Uhr. in RamlowS Kastanien- Wäldchen, Schönholz Nr. 14: Generalversammlung des Wahl- verein». Berliner JVachricbten. Ei» Fraucninord bei Stolpe beschäftigt die hiesige Kriminalpolizei und die Vorortbehörden. Die 84 Jahre alte Zicgeleiarbeiterfrau Pauline GorgolewSki, geb. Hennig. deren Mann auf der Ziegelei Stolpe beschäftigt ist, wurde Sonntag- morgen an einem Feldwege ermordet aufgefunden. Wahrscheinlich liegt e,n Lustmord vor. Z�uelei. die zu dem Gute Stolpe an der Nordbahn gehört, liegt e wa ein Kilometer von dem Dorfe und etwa drei Kilometer von der Rordbahnstat.on. zu der die Villenlolonien Stolpe und Hohen-Neuendort gehören, enifernt. Die Frauen der Ziegeleiarbeiter pstegw Sannabends m Stolpe- Hohen- Reuendorf einzukaufen. So auch Frau GorgolewSki Als sie nicht zurücklehrte. wandte sich ihr Mann, nachdem er vergeblich selbst gesuch. hatte, an den AmtSvorsteher Hauptmann Grav-nst-'n. D.e.er bot alsbald die Gendarmerie und ebenso die GulSknechte und Z'cgeleiarbeiler auf. um da« Gelände absuchen zu la,sen. Nachdem die Nachforschungen am Sonnabend erfolglos geblieben waren, wurden sie Sonniagmorgen wieder auf- genommen. Jetzt fand man die vermißte Frau in der Nähe der Kleinbahn, die die Ziegelei mit den Tongrube,, und der Havel ver- bindet, in einer Schonung erdrosselt aus. Nach den seitherigen Er- Mittelungen lauerte der Mörder der Frau auf dem Fußwege nach Hohen-Nenendorf auf, warf ihr eine Schnur um den Hals und zog sie mit einem Ruck zu Boden. Trotzdem setzte sie sich in dem «ieferngebüsch unmittelbar am Wege noch zur Wehr. Dem Mörder wurde dabe, der Hut vom Kopfe gerissen, so daß ein Stück Futter, das lose darin lag, herausflog. Der Hut ist ohne Zweifel mindestens einmal auf den weichen Lehmboden gefallen und muß also besudelt worden sein. Von der Ueberfallstelle schleppte der Mörder sein Opfer, wie Schleifspuren deutlich zeigen, zunächst 30 Schritte in den Wald hinein. Dort kam es noch einmal zu einem Kampfe. Von dieser ersten Lagerstelle wurde die Frau dann noch 20 Schritte weiter in den Wald geschleift. Wahrscheinlich hat der Mörder es zunächst nur auf eine Vergewaltigung abgesehen gehabt. Als er dann sah, daß die Frau tot war, hat er ihr auch ihr altes schwarzes, abgegriffenes Klapporlcmonnaie mit etwas über 10 Mark abgeuoininen. Mit Kieferzweigen, die er von dem niedrigen Gezweig abbrach, deckte er die Leiche zu, damit sie nicht so leicht gesehen werde. Dann ging er über das freie Feld nach Frohnau davon. Frau GorgolewSki ist gegen 1 Uhr von ihrer Wohnung auf der Ziegelei weggegangen. Vier Arbeiter der Ziegelei haben sie gesehen. Obwohl sie nur einige hundert Meter von der Unfallstelle entfernt arbeiteten, hörten oder sahen diese Männer nichts Verdächtiges. Der Polizeihund Bolko nahm Witterung und verfolgte eine Spur einige hundert Meter weit durch das Tannenholz. An einer Blöße, die einige Morgen groß ist und mit Rauhreif bedeckt war, hörte sie aus. Bei ihren Nachforschungen nach dem Täter durchsuchte die Gendarmerie besonders auch die sogenannten Schnitterkasernen in der Gegend von Stolpe. Hohen- Ncuendorf und Frohnau, die anderswo um diese Zeit leer zu stehen pflegen, hier aber von Bahn-, Kanal-, Terrain- und Ziegeleiarbeitern benutzt werden. Dort finden auch wohl Leute Unterschlupf, die Arbeit suchen öder umherbrnurneln. Wahrscheinlich ist in solchen Kreisen der Mörder zu suchen. Dieser mag wohl auch nach der Tat irgendwo eine Schankwirtschaft aufgesucht haben, wo er wegen seines beschmutzten Hutes aufgefallen sein könnte. Das Mitbringen von Eßwaren nach den städtischen Irren- anstalten— so wird uns geschrieben— bedarf der einheitlichen Regelung. Es wird von den Angehörigen der Patienten darüber geklagt, daß die Anstaltsdirektionen diese Frage nicht bloß aus ihrer Mochtvollkommenheit heraus entscheiden, sondern zum Teil auch rigoros behandeln. Man kann volles Verständnis dafür haben, daß auf allen Stationen, wo zahlreiche Patienten ihrer Natur nach ständig unter Fluchtverdacht stehen, eine Kontrolle der mitgebrachten Eßwaren stattfindet, also besonders in den„festen Häusern", wo ja das Einschmuggeln von Ausbruchswerkzeugen und Kassibern in Eßwaren früher garnichtS Seltenes war. Auf den Stationen für solche Leichtkranke, die strafrechtlich nichts oder wenig auf dem Kerbholz haben, könnte wohl die Kontrolle wesent- lich einfacher gehandhabt werden. Hier ist der Einwand, daß diätetische Rücksichten geübt werden müßten, doch nicht so zu recht- fertigen wie in den Siechenstationcm Wenn Angehörige sich erst zum Oberarzt bemühen müssen, um die Erlaubnis zur Ueber- gäbe von ein paar gekochten Eiern oder eines Stückes Wurst an einen körperlich völlig gesunden Patienten zu erwirken, so ist das eine übertriebene Vorsicht und geradezu eine Bevormundung. Die Direktion in Herzberge ist der Ansicht, die Verpflegung sei so gut und ausreichend, daß für die Angehörigen keine Veranlassung vor- läge, außer Obst und allenfalls Kuchen irgend etwas mitzubringen. Das kann nicht als richtig anerkannt werden. Patienten, die nicht arbeiten können oder wollen, erhalten zum zweiten Frühstück lediglich«ine Margarinestulle ohne Belag und ohne Kaffee oder Milch. Das genügt also gerade, um den Hunger zu befriedigen. Zum Abendessen wird durchgängig, auch an arbeitende, kein Belag geliefert. Wer also Wochen- oder monatelang nicht arbeiten kann. dem ist Wohl eine bessere Pflege auf Kosten der Angehörigen zu gönnen. Die Anstalten Dalldorf und Buch sind in dieser Be- ziehung bedeutend einsichtiger und duldsamer. Hier findet bei den Leichtkranken überhaupt keinerlei Kontrolle statt. Jeder Besucher bringt mit. IvaS ihm beliebt, und kann daS Mitgebrachte ohne jede Behinderung dem Patienten übergeben. Wiederholt sind in Herzberg« Pakete mit Eßwaren nach der Kontrolle durch den Ober- Pfleger beziehungsweise Stationsarzt nicht in die Hände der Patienten gelangt. Ferner sollen hier Verwechselungen häufiger vorkommen. Bestehen über alle diese Dinge keine einheitlichen Vorschriften, so müssen sie eben getroffen werden. ES darf nicht in das Belieben jedes Direktors gestellt sein, die Angehörigen im Mitbringen unschädlicher Eßwaren zu beschränken und damit die ungenügend verpflegten Patienten um einen harmlosen, aber für sie außerordentlich wertvollen Genuß zu bringen. RnckfichtSlosigkrit der Großen Berliner. Man schreibt unS: Am Sonnabend, den 28. Januar, vormittags 9'/, Uhr, bestieg ich an der Ecke der Stolpischen Straße einen Anhängewagen der Linie 49 (Niederschönhansen— Fichtestraße), um nach dem Engeluser zu fahren. Am Alexanderplatz wurden die Fahrgäste ausgefordert, in den vorderen(Motor->Wagen Platz zu nehmen, da der Anhänger nur bis zum Alexanderplatz mitgeführt würde. Da der Motorwagen aber völlig besetzt war. erklärte der Schaffner mir und noch einem Fahr gast des Anhänger«, er könne uns nicht mitnehmen, der Wagen sei überfüllt. Ich mußte also, um nach dem Engeluser zu gelangen, noch cinial 10 Pf. aufwenden. In dem Anhänger war weder ein Hinweis darauf angebracht, daß der Wagen nur bis zum Alexander- platz mitfährt, noch machte der Schaffner mich daraus aufmerksam. Durch solche geschäftlichen Tricks werden dem einzelnen nicht nur unnötige Ausgaben verursacht, eS erwachsen ihm unter Umständen auch andere Unannehmlichkeiten. Vor allen Tingen entstehen aber da- durch VerkehrSunsicherheilcn. die sich eine Gesellschaft, der man die Straßen Berlins ausgeliefert hat. nicht zuschulden kommen lassen sollte. Unsere» Erachten» käust die oben geschilderte Praxi» der Großen auf eine Rücksichtslosigkeit und Prellerei de« Publikums hinaus. Emil Voigt. Ein braver Parteigenosse ist in der Person des Genossen Emil Voigt gestorben. Genosse Voigt— der nur bl Jahre alt geworden ist— ist den Genossen im Südosten des vierten Wahlkreises gut bekannt gewesen und war einer von den vielen, denen die Partei über olles ging, ihr zu jeder Zeit und Stunde zur Ver- fügung stand und ihr alle Kräfte weihte. Die Tätigkeit des Genossen Voigt lag im engeren Kreise. Die so mühevolle Kleinarbeit war sein Gebiet, auf dem er sich in der opferwilligsten Weise betätigte. Longe Jahre versah Emil Voigt das Amt eines Vertrauensmannes im vierten Wahlkreise, im Jahre 1901 wählten ihn die Genossen in die Stadtverordnetenversammlung, wo er in seiner Weise seine Pflicht erfüllte. Von Beruf war Voigt Korbmacher, später Lager- balter und betrieb zuletzt in der Naunynstraße eine Gastwirtschast. Glänzend ist CS ihm nie gegangen. Bon einfachem, schlichtem Wesen. erfüllte unseren Freund ein hoher Idealismus, der ihn zu den größten Opfern bereit fand. Er war einer von dem Schlage, die für ihre Ueberzeugung alles hingeben und auf die man sich in allen Fällen verlassen konnte. Die Partei wird dem Verstorbenen ein gutes Andenken bewahren._ lieber die Regulierung der GreifSwalder Sttaße brachten wir Ende Dezember eine längere Notiz, in der dargelegt wurde, daß ein wesenelicheS Hindernis bei der Regulierung das Ver- halten der Gebrüder Bötzow bilde, in deren Besitz sich daS Gelände an der östlichen Seite befindet. ES wurde von den beiden Brüdern gesagr, daß der eine auf einem Rittergut in der Mark lebe und jede Verhandlung ablehne, weil er nicht wisse, was er mit dein»Dreck von Millionen" machen solle. Jedesmal aber erscheine der andere Bruder Julius, um Einspruch zu erheben, damit das Gelände nicht »zu billig" verkauft werde. So hätten sich die Verhandlungen hin- gezogen, ohne zu einem Resultat zu gelangen. Die Bötzowschen Erben sollten aber von der Tiefbaudeputation nochmals zu einer Aeußerung aufgefordert werden, erfolge wieder eine ablehnende Antwort, so solle der Magistrat ersucht werden, daS Enteignungsverfahren wegen des notwendigen Straßenlandes einzuleiten. Dieser Darstellung gegenüber erklärte uns Herr Kommerzienrat Julius Bötzow, daß sie— die Bötzowschen Erben— bereits im September 1897 in einem in Abschrift vorgelegten Schreiben an die Tiesbau- deputation sich zur unentgeltlichen Abtretung und Freilegung des Straßenlandes der Greifswalder Straße bereit erklärt hätten, sobald die Pflasterung wirklich zur Ausführung gelange. An amtlichen Stellen, an denen wir m dieser Sache haben Rück- frage halten lassen, wird uns bestätigt, daß die Behauptung des Herrn Julius Bötzow zutrifft. Es wird uns aber mitgeteilt, daß man die obige Erklärung für unverbindlich gehalten habe, da eine grundbriefliche Eintragung von Herrn Hermann Bötzow abgelehnt wurde. Könne man hoffen, daß die Bötzowschen Erben noch jetzt zur unentgeltlichen Abtretung des Geländes bereit seien, so Würde von der Tiefbaudeputation das weitere veranlaßt werden. Der Stadtverordnete Rentier Adolf Mertens ist am Sonntag nach längerer Krankheit im 88. Lebensjahre verstorben. Mertens, ein früherer Bäckermeister und Mitglied der Fraktion der alten Linken, vertrat zuletzt den XV. Gemeindewahlbezirk in der I. Abteilung. Die Lokalpatrioten in Moabit, wie Hausbesttzervereine, Bürger« verein, Handwerkerverein, Kriegerverein und andere Korporationen haben die 50 jährige Zugehörigkeit des Stadtteils Moabit zu Berlin mit einer großen Festlichkeit begangen, bei der verschiedene Rede» geredet wurden. Der Bürgermeister Reicks befand sich gleichst>as unter den Festrednern. Die Straße dient dem Berkehr, so diktierte im vorigen Herr v. Jagow. Da verbot er den Wahlrechtskämpfern, in den Straßen Berlins spazieren zu gehen. Jetzt scheint der Berliner Polizeipräsident anderer Meinung geworden zu sein, denn er erteilte dem Klub der Rheinländer die Erlaubnis, am Sonntag eine närrische Kappenfahrt durch Berlin zu veranstalten. Ein Bericht über die Karncoalsveranstaltnng besagt:»Am Bahnhof Alexanderplatz waren um 12 Uhr mittags etwa 60 Equipagen aufgefahren, deren Kutscher und Diener teils in friderizianischer, teils in LandSknechtSnniform gekleidet waren. Tausende von Neugierigen hatten sich eingefunden, welche die Ankunft der„Gecken" mit lautem Hoch begrüßten. Die Rhein- ländcr trugen die dreispitzige Narrenmütze, deren Glöckchen bei jedem Schritt leise erklangen. Die Mitglieder des Kleinen Rais, sowohl vom Alaaf wie vom Klub der Rheinländer, waren im vollen Ornat, mit Ketten und Orden geschmückt, erschienen. Punkt 12 Uhr wurden die Wagen bestiegen und unter Voranfahrt der Spielleute, Lands- knechte und Narren setzte sich der lange Zug in Bewegung. In der engen Königstraße entstand gar bald ein leoens- gefährliches Gedränge. Autobusse, Straßenbahnen, Droschken und Autos schoben sich in drangvoller Enge zusammen, um die»Narren" vorüberzulassen. Zwischen den Equipagen Männ- lein und Weiblein, die mit den Rheinländern lustige Scherzworte tauschten. Aus den Wagen flogen unausgesetzt Blumenspenden, um die auf der Straße manch heißer Kampf entbrannte. So ging es am Rathause vorbei nach den« Schloßplatz, wo Schutzmannsketten vergeblich die zahllosen Tausende der Mitläufer abzuhalten ver» suchten. Die Musik intonierte das Prcußenlied, jedoch erschien der Kaiser, von dem man gehofft hatte, daß er den Zug vom Fenster an? besichtigen würde, nicht am Fenster. Im lang- samen Schritt fuhren die Wagen durch die mit Menschen übersäte Straße Unter den Linden— selbst die aufziehende Wache ver- mochte kein Interesse zu erregen— und nachdem man an der Friedrichstraße eine längere Verkehrsstörung überwunden hatte, ging es im schlanken Trab durch das Brandenburger Tor, die Char« lottenburger Chaussee entlang durch den Westen bis zum Zoologischen Garten. Bon hier ans traten dann die Rheinländer die Rückfahrt nach ihrem Klublokal an." Man sieht aus der Veranstaltung und dem Verhalten de» Herrn v. Jagow bei dieser Gelegenheit, daß der Berliner Polizeigewaltige auch anders kann, als Neugierige zu warnen. Nur darf eS sich nicht um Sozialdemokraten handeln! Drei Straßcnbahnunsälle ereigneten sich am gestrigen Sonntage. In der Schönhauser Allee, nahe der Stolpischenstraße, stürzte gegen 11 Uhr mittags der Photograph Albert Houben ans der Schivel- beiner Str. 37 von einem Straßenbahnwagen der Linie 47, den er während der Fahrt besteigen wollte. Houben geriet unter den An- Hänger und erlitt eine starke Quetschung der linken Kopsseite.— In der Königgrätzer Straße schlug die Kontakfftange eines Sttaßenbahn- Wagens auS unbekannler Ursache in eine Seitenscheibe eines anderen Straßenbahnwagens der Linie 14. Die Scheibe ging in Trümmer, wobei das Ehepaar Rahmstorf aus der Gneisenaustr. 101 leicht ver- letzt wurde.— Am Schönhauser Tor geriet ein noch unbekannter Mann unter den Vorderperron eineö Straßenbahnwagens der Linie 1. Der Verunglückte erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und mußte in bewußtlosem Zustande nach dem Krankenhaus am Friedrichshain geschasti werden. Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einem Automobil und einem Straßenbahnwagen ereignete sich gestern früh gegen 1�9 Uhr in der Nähe des Königsplatzes. Vor dem Hause Bismarck- straße 6 versuchte der Chauffeur der Autodroschke l. A. 9713 vor einem ihm entgegenkommenden Straßenbahnwagen der Linie 23 E das Geleis zu kreuzen, nahm jedoch die Kurve zu kurz und stieß gegen den Vorderperron des BahnwagenS. Ter Anprall erfolgte mit großer Wucht, so daß das Auto stark demoliert wurde. Der Insasse der Droschke, Direktor Wernike aus Posen, der sich zur- zeit besuchsweise in Berlin aufhält, wurde bei dem Zusammenstoß gegen die Seitenwand des Autos geschleudert und erlitt innere Verletzungen und durch umherfliegende Glassplitter erhebliche Schnittwunden im Gesicht. Der Verunglückte wurde nach der Charite überführt. An dem Bahnwagen wurde die Schutzweste beschädigt. DaS Opfer eines eigenartigen Unfälle» ist der 19jährige Hand- lungsgehilfe Kälber aus Oranienburg geworden, der in einem Fabrikgeschäft in Berlin beschäftigt ist und täglich den Hin- und Rückweg mit der Vorortbahn zurücklegt. Vor etwa 14 Tagen hatte der junge Mann zur Nachhausefahrt den um 8.40 Uhr abends von Berlin abgehenden Zug benutzt. Kurz hinter der Station Pankow wurde von einem Passagier die Notbremse gezogen und bei dem plötzlichen Halten des Zuges wurde K. heftig mit dem Kopf gegen die Rückwand des Abteils geschleudert. Seitdem klagte er über heftige Kopfschmerzen. Aber erst nach einigen Tagen, als die Schmerzen immer heftiger wurden, zog man einen Arzt zu Rate, der eine schwere Gehirnerschütterung feststellte. Leider war nun arztliche Hilfe zu spät. Noch an demselben Tage stellte sich tiefe Bewußtlosigkeit ein und nach viertägigem Krankenlager ist gestern der bedauernswerte junge Mann dcrstorben. Der Gipfel der Spitzbubeiifrcchhcit. In der Rächt zum Montag wurde bei dem Uhrmacher Hermann Rennert, Frankfurter Allee 164 cm Einbruch verübt, bei welchem den Dieben für etwa 1200 m' Goldwaren in die Hände fielen. Der Einbruch, der qegen'4 Uhr morgens erfolgte, war unbemerkt geblieben, so daß die Spitzbuben mtt ihrer Beute ruhig abziehen konnten. Gegen 8 Uhr früh wurde an der Tür des parterre wohnenden Uhrmachers beftia aeklovlt. Der Bestohlene. der noch im tiefsten Sckilafe lag. fuhr auf und ragte, was es gäbe. Darauf wurde ihm von draußen aeant- Dottel, daß bei ihm eben eingebrochen worden sei und der freundliche Warner fügte lachend hinzu:»Wenn Sie sich schnell anziehen, können Sie die Kerle noch laufen sehen". Der Uhr- macher riß da» Fenster auf und sah gerade noch zwei Männer in der Dunkelheit verschwinden. Der Bestohlene eilte nun in den Laden und fand zu seiiieni Schrecken die Angaben der freundlichen Warner, die keine anderen als die Diebe selbst waren, bestätigt. Auch an anderen Stellen der Stadt wurde eingebrochen. Schwer geschädigt wurden dabei verschiedene Arbeiter, denen so ziemlich die gesamte Wohnung ausgeräumt wurde und die nun vollkommen hilf« und mittellos dastehen. Was sich die Aermsten in vielen Jahren mühevoll erworben haben, ist ihnen mit einem Male von Spitz- buben genommen worden. Gerade diese kleinen Leuten werden bei einem Wohnungsdiebstahl am schwersten getroffen, da sie nicht versichert sind. Wer sind die Ertrunkenen? Am 26. dieses Monats abends gegen 8?� Uhr sprang von der Weidendammer Brücke eine unbe kannte Frau mit einem kleinen Kinde in die Spree. Beide er- rranken. Die Frau war etwa 2S— 26 Jahre alt und trug Mantel und Hut; das Kind mochte etwa 3—6 Jahre alt sein und war mit einem Paletot bekleidet. Die Leichen sind noch nicht geborgen. Personen, die über die Persönlichkeiten dieser beiden Angaben machen können, wollen sich mündlich an ein Polizeirevier oder schriftlich an das Polizeipräsidium zu 41ö IV. 55. 11 wenden. Der Berliner Arbeitrr-Radfahrerverein(Mitglied des Bundes „Solidarität") hielt am 24. Januar er. seine Generalversammlung ab. Aus dem Jahresbericht geht hervor, dast 7 Generalvemmm langen, 14 Zentraloorstandssitzungen und eine Mitgliederversammlung stattgefunden haben. An Unterstützungen wurden gezahlt: Unfall- Unterstützung 1471.56 M. für 662 Kraukheilöiage; Sterbeunterstützung in acht Fällen mit 438 M.; Notfalluuterstützung 86 M. Also eine Gelamtunterstützungssumme von 1686,56 M. Einem Mitglied der Jugendabteilung wurde für sein gestohlenes Nad aus der Vereins lasse Ersatz geleistet. Agitation wurde in 21 Gewerkschafts- und 8 politischen Versammlungen getrieben und 7866 Flugblätter der- breitet. Grenziarten für zollfreie UeberschreUung der Grenzen wurden neun ausgestellt. Aus dem Bericht des Kassierers ist zu entnehmen, daß die Bilanz vom 4. Quartal in Einnahme und Ausgabe die Summe von 2517,26 M. aufweist. Der Bericht der Kommission des FahrradhanseS ergab, daß der Umsatz im Jahre 1616 zirka 566 666 M. betragen hat. Bei Parteifestlichkeiten und Gewerlschaftsvergnügungen wurden 46 Reigen der Zentralriege gefahren, Da sich die Reigenriege großer Beliebtheit erfreut, wurde beschlossen, vier weitere Reigenräder an- znscbaffen, so daß eine Zwölfer-Maunschaft gebildet werden kann. Beschlossen wurde, der Parieikaffe 166 M. für die Neichstagswahlen zu überweisen. Sämtliche für den Berliner Arbeiter-Radfahrer-Verein bestimmten Sendungen sind wie bisher an den Genossen Richard Karras, 8. 59, Schönleinstr. 11, vorn I, zu richten. Derselbe erteilt bereitwilligst Auskunft über alle Vereins- und Bundesangelegenheiten. Feuer bei der Berliner Paketfahrtgesellschaft. Durch dreifachen Alarm wurde in der Sonntagsnacht die Berliner Feuerwehr nach dem Hauptdepot der Berliner Paketfahrtgesellschast in der Ritter- straße 68/99 gerufen._ Als die Löschzüge dort eintrafen, stand das Obergeschoß des MaschiueuhauseS und die Dachkonstruktion dieses Gebäudes in hellen Flammen. Der Brand war auf bisher un- aufgeklärte Weise in einer Reparaturwerkstatt ausgekominen und von den, Wächter erst bemerkt worden, als die Flamnien schon an der- schiedeuen Stellen herausschlugen. Auch ei» Baugerüst, das Wege» eines Umbaues errichtet ist. hatte bereits Feuer gefangen. Zum Glück war der Funkenflug sehr günstig, so daß der Lagerschuppen und ein angrenzendes Fabrikgebäude vom Feuer verschont blieben. Die Löicharbeiten zogen sich bis nach 3 Uhr früh hin. Die Reparaturwerkstatt ist ausgebrannt, ebenso wurde der Dachstuhl ein Raub der Flammen. Auf einer Radtour deS«rbeiter-Radfahrer-Veretns Solidarität ist am letzten Sonnlag im Birkenwäldchen ein Rad vertauscht worden. Ter bei diesem Irrtum in Frage Kommende wird gebeten, sich zwecks Umtausche» an Aibin Schubarth. Bergstraße 75, Hof parterre. zu wenden. In einem OmnlboS der Linie 7(Oranienplatz— Stettiner Bahnhof) hat am Donnerstag eine Arbeiterfrau eine grünlederne Handlafcb« mit Inhalt verloren. Der Finder wird um Abgabe an Wieschnewski, Luisenuser 52, gebeten. Vorort- IVach richten. Rixdorf. Die Annahme von Kofienvorschüssen bei der KrankenhanSaufnahme Von Selbstzahlern soll einem Bescvluß der Krankenhausdepulation zufolge in Zukunft nach den Vorschlägen der Armendeputation vom 29. Dezember v. I. erfolgen.— In der Angelegenheit betreffend die Einführung einer unenigeltlichen poliklinischen Sprechstunde für Unbemittelte im städtischen Kranken Hause beschloß die De- putation, zunächst von anderen Krankenhäusern Auskunft über den Umfang, die Zweckuiäßigleit und die Kosten solcher Einrichtungen einzuholen.— Des weiteren wurde die Beschaffung einer fahrbaren, mir abnehmbarer Bedachung versehenen' Tragbohre für den Trans- Port nach den einzelnen Stationen beschlossen. Die von der Direktion beantragte Aufstellung von Holzgerüsten zur Lüftung von Betten und Matratzen, wie solche in anderen Krankenhäusern üblich find, wurde genehmigt.— Mit der Akkuinulatorenfabrik A. G. soll nach dem Angebot vom 2. v. M. ein Revisionsabkommen bezüglich der elektrische» Lichtanlage auf ein Jahr abgeschloffen werden.— Das vom Hochbauamt vorgelegte Projekt für den im zweiten Bau- teil vorgesehenen zweigeschossigen Jsolierpavillon wurde genehmigt. Lichtenberg. Aus der Gewerkschaftslintcrkommissien. In der letzten Sitzung gab der Obmann Genosse Fr. Jbscher den Jahresbericht. Dem Kartell sind 15 Gewerkschaften angeschlossen mit insgesamt 36 Dele- gierten. Einzelne Berufe wie Bäcker, Barbiere, Schlächter usw. find leider immer»och nicht im Kartell vertreten, trotzdem das hiesige Gewerkschafisleben ein recht regeS ist. und gerade diese Gewerk- schoflen bei Durchführung ihrer Forderungen am meisten auf die solidarische Haltung der übrigen Gewerkschaften angewiesen sind. Da durch die Augliederung der Orte Hohenschönhausen, RummelSburg und Stralau die Arbeit des Ausschusses eine größere geworden ist. wurde dieser verstärkt, er besteht nunmehr aus 16 Personen. Als Lbmaim des Kartells wurde der Genosse K r e i s i n g, 0. 112, Niedcrbarnimstr. 25, gewählt. An denselben sind alle die Unter- konintisfion betreffenden Zuschriften und Anfragen zu richten. Un- entschuldigt fehlten die Gastwirtsgehilfen und Bureauangestellten. Cdarlottenbnrg. In der gut besuchten Generalversammlung der hiesigen Zahlstelle des Deutschen Holzarbeiterverbandes wurde die Neuwahl der OrtS- Verwaltung und der Kommissionen vorgenommen. Da der lang« jährige Bevollmächtigte und der Kassierer«ine Wiederwahl ab- lehnten, so wurden zum ersten Bevollmächtigten Kollege Otto Storch, Krummestr. 56, und zum Kassierer Kollege August Hammel, Charlottenburger Ufer 12 wohnhaft, gewählt. In die Werkstattkontrollkommission wurden die Kollegen Gnegler, Makensy, v. Neubert. Röhrchen. E. Scharnberg. E. Scholz, Wöhlert, Wenzel und Winkler gewählt. Stralau. In der Generalversammlung des WahlveremS gab nach Auf» nähme 29 neuer Mitglieder Genoffe Gundlach den Kaffenbericht. Danach war am 31. Dezember 1916 ein Bestand von 366.74 M. vorhanden. Wie hierauf Genosse Rausch in seinem Geschäftsbericht mitteilte, haben im letzten Halbjahr 3 Mitglieder- und 3 öffentliche Versammlungen stattgefunden. Bei der letzten HauSagitation wurden 12 Abonnenten für den.Vorwärts" und S neue Mitglieder ge- Wonnen, so daß der Mitgliederbestand jetzt 363 beträgt. Zum Schluß seiner Ausführungen forderte er für die kommende Reickstagswahl zu reger Agitation ans. Die Bibliothek hat zurzett einen Bestand von 164 Bänden. Als Delegierte wurden die Genossen Rausch. Schmidt und Wiesenthal, als Ersatzwahl Genoffe Eichler gewählt, ebenso wurde die Genossin Halwaß als Beisitzerin bestätigt. Der Ueberschuß vom WeiHnachtSvergnügen beträgt 55,55 M. Karlshorst. In der Mitgliederversammlung des hiesigen Bezirkwahlvereins referierte Genosse ReichstagSabgeordneter Robert Schmidt unter lebhaftem Beifall über:„Die politische Situation und die bevor- stehenden Reichstagswahlen". Genosse Förster gab hierauf den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen 375,51 M., die Ausgaben 267,82 M. Der Mitgliederbestand beträgt 246 gegen 217 am 1. Juli; davon sind 53 weibliche Mitglieder. 32 männliche und 5 weibliche Mitglieder entfallen auf Biesdorf. Den Vorstandsbericht vom ersten Halbjahr erstattete Genosse Richard Küter. Es haben stattgefunden vier Mitgliederversammlungen und eine öffentliche Frauenversammlung. Eine stvttgefundene Elternkonferenz kam zur Wahl eines Jugendausschusses. Die Zahl der„Vorwärts"leser ist innerhalb der Berichtszeit von 229 aus 262 gestiegen. Redner ermahnte, obwohl erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen seien, zu unablässiger Mitarbeit; dieselbe fei besonders gegenwärtig not- wendig. Es erfolgte noch der Hinweis zur Beteiligung an den für die Genossen Nieder-Barnims veranstalteten.Urania"-Vor- trägen. Diskutiert wurde der Antrag Pankow betr. Herausgabe des„Vorwärts" an Montagen während der Wahlzeit. Es soll dahin gewirkt werden, daß eine dauernde Montagsausgabe geschaffen wird. Die Beisitzerin. Genossin Kaiser, wies auf die Bedeutung des Frauentages am 19. März hin und ersucht um rege Propaganda dafür. Teltow. Wie sehr die Eröffnung einer SerkaufSflekle des Zehlendorfer Arbeiter-KonsumvekeinS in Teltow den hiesigen GefckästSleuteii wider den Strick geht, zeigen die marktschreierischen Inserate, die diese jetzt im hiesigen Blatt loslassen. Da werden mit einmal den Konsumenten 4 Prozent Rabatt auf Waren gewährt, und eS wird besonders betont, daß die Kundschaft unter dieser Vergünstigung nicht erst eine„größere Summe baren Geldes als Geschärtseinlage" zu entrichten hätte. Die hiesige Arbeiterschaft wird sicher den reklamehasten Lockungen der Geschäftsleute nickt folgen. Es ist klar, daß die von letzteren angebotene Dividende von 4 Prozent mit der Ware bezahlt werden muß und daß die Geschäftsleute nur die Kon- lurrenz des Konsumvereins fürchten. Tie Arbeiterschaft wird daher nur um so eifriger für den Konsumverein Mitglieder werben. Nowawes. Gewrrkschaftskartell. In der letzten Sitzung erstattete der erste Vorsitzende, Genosse Engel, den Jahresbericht. Aus demselben ist u. a. folgendes zu entnehmen: Im verflossenen Jahre wurde eine Agitationskommission für den Konsumverein ins Leben ge- rufen, die eine nutzbringende Agitation für den letzteren geleistet hat. Neue Tarifabkommen erzielten die Schneider und die Tabal arbeiter. Ein schon lange gehegter Wunsch, die Errichtung eines Gewerbegerickts, wurde zur Wirklichkeit. Tasselbe trat am 1. Ok- tober in Kraft. Von der Liste des Gewerkschaftskartells wurden von sechs Arbeitgeberbeifitzern drei und von secks Arbeitnehmer- beisitzern fünf gewählt, so daß wir von zwölf Beisitzern acht�Man- date bekommen haben. Für die Bildung der hiesigen Arbeiterschaft sorgte in ausgiebigster Weise der rührige BildungsaüSschuß, indem er mehrere Theater- und Vortragsabende, sowie einen Kunstabend veranstaltete. Auch die Jugend am Orte, sowie die Bibliothek wurden, soweit eS möglich war. unterstützt. Bei dem Riesenkampf der Bauarbeiter wurden von NowaweS insgesamt 1796,25 M. aufgebracht. Auch ein erfreuliches Zeichen der Solidarität. Das Ge- werkfchaftsfest konnte in diesem Jahre zum ersten Male im Freien gefeiert werden; jedoch hatte dasselbe sehr unter der Ungunst deS Wetters zu leiden. Auch eine Anregung zur Gründung einer Samariterkolonne wurde gegeben; es standen die in einer kam- binierten Sitzung anwesenden Gewerkschaftsvorstände derselben sehr sympathisch gegenüber. Am Anfang deS Jahres waren dem Kartell 18 Gewerkschaften angeschlossen, wieder eingetreten 1, neu hinzu- gekommen 2. so daß am Schlüsse deS Jahres 1916 21 Gewerkschaften dem hiesigen Kartell angeschlossen waren. Dieselben haben ins- gesamt 2559 Organisierte, davon 198 weibliche. In der darauf- folgenden Ausschußwahl wurde der alte Ausschuß einstimmig wiedergewählt, mit Ausnahme des Schriftführers. An dessen Stelle trat Genosse Gruhl. Hoffen wir auch im neuen Fahre eine weitere gedeihliche Fortentwickelung de» GewerkschastSkartellS. Spandau. Die Bahnhofsanlagen in Spandau erfordern noch weitere Z'/zMillionen Mark. Für den gewaltigen Umbau, der sich bis zum Auswanderer- Bahnhof Ruhleben erstreckle, find bereits lö.6 Millionen Mark bereit» gestellt worden. Nachträglich hat sich die Norwendigkeit ergeben, zur Herstellung zweckmäßiger Erfatzbauten für die durch den Umbau berührten Straßenzüge eine Wegeunterführung im Zuge des östlich von Ruhleben belegenen ElSgrabenS herzustellen. Dies führt zu einer Umgestaltung der Abzweigung der Sirecke Spandau-Charlvtten- bürg von der Strecke Spandon-Berli»(Lehrter Bahnhof) und damil zu einer Ausdehnung der Umbauten über die östliche Grenze deS früheren Planes hinaus. Weiter ist eine Aenderung auf dem West- ende deS Bahnhofs Wustermark erforderlich. Hier kreuzen sich die Gleise in Schienenhöbe und soll deshalb eine ichienenfrei« lleber- führung hergestellt werden. Endlich soll die Strecke zwischen Spandau und der Abzweigung der Strecke Spandau-Charlottenburg vierglcisig ausgebaut werden. Alle diese Umwandlungen verursachen«inen Ge- famtkostenaufwand von 18 166666 M. DaS Restaurant Stadtpark wurde gestern in gerichtlicher Zwangsversteigerung für 157 756 M. vom einem Herrn Nietzsche aus der Kolonie Grunewald erstanden. Das Restaurant liegt dicht am Eingang zum Stadtwald. Der bisherige Besitzer, ein Herr Behrendts, hat das Grundstück seinerzeit für einen erheblich billigeren Preis von der Stadt gekauft. Die sozialdemokratischen Stadt- verordneten hatten seinerzeit heftig gegen den Verkauf an Behrendts protestiert. Für die organisierten Arbeiter Spandaus ist das Lokal bisher nie zu haben gewesen und wird auch wohl künftig nichl zu haben fem. Die jeweiligen Pächter haben allzu gute Geschäfte bisher nicht gemacht. Zu bedauern ist nur, daß wieder ein Stück vom Spandauer Stadtwald in Privathände übergegangen ist. Falkenhagen-Seegefeld. Die Arbeiterturnsache iu unserem Ort nimmt einen lebhaften Aufschwung. Seit kurzem finden jeden Dienstag und Freitag im neu gewonnenen Lokale von Nicolay in Seegefeld Turnstunden statt. Die Zahl der Mitglieder bat sich inzwischen bedeutend vermehrt. Beim ersten Bereinsvcrgnügen am vergangenen Sonnabend wurden die prächtigen Leistungen der Turnerschar von dem sehr zahlreichen Publikum stürmisch applaudiert. Der Festredner betonte, daß un« geachtet aller Schwierigkeiten(der Verein hatte u. a. fl-hrelang Pro- zesse auf Herausgabe der ihn, gehörigen und ihm vorenthaltenen Geräte zu führen) die Arbeilerturner kräftig an der Heranbildung unserer Jugend arbeiten. Alle jungen Leute und alle der Turnsache sympathisch Gegenüberstehenden müßten sich dem Arbeiterturnverem anschließen. Potsdam. Nachdem die Bebauungspläne der Tcliower und Brandenburger Vorstadt unter Dach gebracht worden sind, soll auck etwas für die Nauener Vorstadt getan werden. Im vorigen Jahre kaufte die Stadt die Schweinegruberfchen Grundstücke an und machte damit den Anfang. Nunmehr hat sie einen Vertrag mit dem Herrn v. Mendelssohn geschlossen, der in der Nauener Vorstadt große Be- fitzungen hat. die gleichsam den Ecklüssel zur Erschließung eines wenvollen Geländes bilden. ES soll ein Villenviertel errichtet werden. Herr v. Mendelssohn gibt der Stadt Besitz in der Höben» straße. die bis zum Jahre 1613 anbonfähig hergestellt werde» soll. Außerdem zahlt er über 36 666 M. Dafür gibt ihm die Stadt 9t* sitz in der Bertinistraße und zieht die ganze Straße ein. Sollte die Aufsichtsbehörde die Uebereignung des städtischen Besitzes an Herrn v. Mendelssohn nicht genehmigen, dann soll dasselbe auf 36 Jahre an ihn verpachtet werden. Anfangs sollte nach dem Vertrage die Einziehung der Bertinistraße am 1. April 1912 erfolgt sein, dabei waren an die Nichterfüllung für die Stadt recht ungünstige Be- dingungen geknüpft worden. Dieser Zeilpunkt ist jetzt um 1 Jahr verlängert worden._____ Gerichts-Zeitung* Schwindelbank. Ein Betrugsprozeß gegen den Darlehnsvermittler Karl Dicck- mann, der beschuldigt war, in zahlreichen Fällen Tarlehns- und Kautionsschwindeleien verübt zu haben, hat die 2. Strafkammer des Landgerichts I eine volle Woche beschäftigt und ist erst gestern zu Ende gegangen. ES handelte sich um den erfindungsreichen Ange- klagten, der seinem schwindelhaftcn„Bank"-Unternehmen den tönen- den Namen„Deutsche Bank, Verkehrsgesellschaft m. b. H." gegeben hatte. Auf Grund der sehr umfangreichen Beweisaufnahme bean- tragte Staatsanwalt Jacobi gegen den Angeklagten, gegen den auch mehrere Fälle der schweren Urkundenfälschung vorlagen, eine Ge- samtstrafe von 4 Jahren Zuchthaus und 6 Jahren Ehrverlust. Ter Gerichtshof hielt nicht für genügend dargetan, daß de: Angeklagte bei de» Darlehusgeschäften von vornherein die Absicht vthllbt habe, Darlehen nicht zu gewahren, sondern nur die von ihm verlangten Vorschüsse einzuheimsen. Der Gerichtshof kam daher fast in allen Fällen des behaupteten Darlchnsschwindels zu einer Freisprechung, dagegen hielt er 12 Betrugsfälle, 5 Fälle des uerftichten Betrugs und 3 Fälle der schweren Urkundenfälschung für erwiesen. Das Gericht hat es für richtig gehalten, dem Angeklagten trotz schwerer Bedenken noch mildernde Umstände zu gewähren. Andererseits hat daS Gericht berücksichtigt, daß der Angeklagte doch sehr hinterlistige Kunstgriffe angewendet und sich als eine äußerst raffiniert vorgehende Persön- lichkeit gezeigt und Jammer und Elend über viele Personen gebracht hat. Das Urteil lautete daher auf fünf Jahre Gefängnis und fünf Jahre Ehrverlust._ Klatschgeschichten, die in einer Gerichtsschreiberei entstanden waren» bildeten den Gegenstand eines umfangreichen Prozesses, der vor der Strafkammer des Landgerichts Prenzlau zur Verhandlung kam. Wegen verleumderischer Beleidigung waren der Amtsgerichts- sckretär Wilhelm Strahlendorff und der Kanzlist Karl Brüse, beide aus Angcrmünde, angeklagt. Die beiden Angeklagten waren bei dem Amtsgericht Angermünde angestellt. Zwischen ihnen und dem Ober- sckretär Nell bestand schon seit langem ein sehr gespanntes Verhält- nis, welches fast täglich zu Reibereien führte. Anläßlich einer Re- Vision durch den Landgerichtsprüsidenten trat der Angeklagte Strah- leudorff an diesen heran und teilte mit. daß er von Nell in ge- hässiger Weise verfolgt und kontrolliert werde. Dies habe seinen Grund darin, daß er von Nell zu viel wisse. Auf eine Frage des Landgerichtspräsidenten, behauptete der Angeklagte dann, er habe entdeckt, daß Nell zu der Frau des in dem Gerichtsgebäude wohn- hasten Kastellans Sörgel in intime Beziehungen getreten sei. Auf die Antwort des Präsidenten, er solle sich lieber um seine Grund- bücher kümmern, erklärte Strahlendorff in der Pose sittlicher und moralischer Entrüstung, daß die Räume des Dienstgebäudes doch rein bleiben müssen. Die hierauf eingeleiteten Ermittelungen ergaben, daß die beiden Angeklagten derartige Erzählungen, an denen, wie sich herausstellte, kein wahres Wort war, auch an anderen Stellen verbreitet hatten.— Die Folge war die jetzige Anklage wegen Wer- leumdung. Der Vertreter der Anklage beantragte mit Rücksicht dar- auf, daß yrade die Angeklagten als Gerichtsbeamte sich vor der- artigen frivolen Verleumdungen doppelt in acht nehmen müßten, eine Gefängnisstrafe von je fünf Monate«. Da» Gericht erkannte auf je zwei Monate Gefängnis wegen Übler Nachrede. Wie man Anfsichtsrat und Generaldirektor wird! Dresden hat schon von jeher auf Jndustrieritter und Betrüger eine große Anziehungskraft ausgeübt und mit Erfolg haben die Gauner schon manchen ehrsamen Bürger die Taschen geleert. Grelle Schlaglichter werfen die Verhandlungen in dem großen Bergwerksschwindelprozeß. der seit nunmehr acht Tagen das Dresdner Landgericht beschäftigt, auf die heutigen Zustände und die Leichtgläubigkeit der Kapitalisten. Gelehrte und Studenten, vermögende alleinstehende Frauen und vielbeschäftigte Aerzte sind blindlings in daS Garn jener Jndustrieritter gegangen, die jähre- lang in Dresden und anderen Städten in wertlosen Minenaktien ihr Unwesen getrieben haben. Wie raffiniert die»Minenbesitzer" Stern und Ärauß vorgingen, die Aktienkäufer zu täuschen, geht aus einer Besichtigung des„Bergiverks" hervor. Zwei Aktien» käufer, der Konsul Hölze! und der Kaufmann Tscherne, wollten sich von dem Vorhandensein deS„Kupferbergwerks" überzeugen. Der Kaufmann Ripp schloß sich ihnen an. Er hatte daS„Berg. werk", die alte RochuSmine. schon ein Jahr zuvor gesehen. Für die Besichtigungen wurden Vorbereitungen getroffen.„Bankier" Stern und der jetzig« Angeklagte„Mincnbesitzer" Krauß führten die Besucher in die Grube. ES waren etwa zwölf Arbeiter da, und an der Mine standen gegen acht Ochsenkarren mit Erz be. laden. Während des Besuches ließen die„Bergwerksdirektoren" auch Sprengungen vornehmen und Aktienkäufer Konsul Holzel nahm Sprengstücke mit nach Freiberg zur Untersuchung. ES wurden dann photographischc Aufnahmen gemacht, in denen der Moment festgehalten worden war. wie alle zusammen die Mine verließen. In der Nähe waren Arbeiter und die Ochsenwagen zu sehen, auch sah man einen Eisenbahnzug vorüberfahren. Von dieser photographischen Aufnahme hatten die Betrogenen keine Ahnung. Der Eisenbahnzug ist auf der Photographie auf ae. schickte Weise nachträglich gefälscht worden, denn die Eisenbahn. linie führt in Wirklichkeit ,n einer Entfernung von 73 Kilometer .. neue Opfer heran- zulocken, erschienen regelmäßig Annoncen folgenden Inhalts: „Wir suchen einige v-rnchme« deutsche Persönlichkeiten vls DirektiinSmitglieder wr drei englische Gesellschaften" oder„Kapi- talkraftigen adligen Persönlichkeit«» bietet sich Geleaenheit zur Beteiligung an einem hochseriösen Weltunteruehmen" oder.Wer will rasch Geld verdienen'? Mindestbeteiliguna 2666 M" oder ..Viele tausend Mark innerhalb vier Wochen�zu vttdicnen mit voller Sicherheit. Jedes Risiko ausgeschlosse,?"- G radÄ barbarisch wurde dem Arzt Dr. med. Goch in Leipzig von den .Bergwerksdirektoren zugesetzt. Man kvien-l». 7...>w,i er als Aufsichtsratsmitglied mit vorgeschlagen werden solle. Dabei würben. hm die glänzendsten Schilderungen gemacht so daß er ichließlich seine ganzen Er, parrnsse von 56666 M.' hergab.— Emem Dresdner Studenien wurde Voraeivieoelt er ikönne Generaldirektor für Deutschland mit dem Sin in �rc'sden und bei StT?veränlabt- !��„p r.» �mnitz. für 26 000 S bares zu kaufen! e,ner eri4 vor kurzem in Dresden Ü™«*-B schrnl. d>e von dem in dem Bergw-"'tSschwindel- prcqeß vielgenannten Zeugen und Agenten Neuer herausgegeben wird, folgendes In,«rat:„Wollen Sie Geld verdienen und Ihr Kapital»n einem reellen Unternehmen lohnend anlegen, so kaufen fie«.e,.,e cn?0"' und Chamottewerkes ersten Ranges. Preis leiliauva m'" � im«"fsichtsrate ist für eine Sc- tcingung mit»e) 000 SR. ksch frei*" ! In den SophicnlSIen. Eovhienftr. 17/18, findet Mittwoch, den 1. Febniar, abends 8�/, Uhr, eine ßffemltchc Tabafr arveuerversammlunq statt, zu der wegen der besonderen Wichtigkeit der (dache die Tabakarveiter nochmals an dieser Stelle eingeladen stno. Die Bermmmluna wird sich mit den letzteu Äsraäuaea b«* der Zigarrcusirma foral 9uhl, Berlin-Pankow, beschäftigen. ». ,»,».�».1.� ei IUK Vir- tuiimusui/y vm kjvv 0**"» m" auao-'*•'**•-v**««* Kjcnin» vnniOTu, oeskliuingen._ verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Zur den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u.5«* Berlin SW,