Dr. 27. nbonnementS'Redingungen: Lbonnkmcnls- Preis pränumerando; Bierteljährl. S£0 OS f., monatr. 1,10 Ml,, wochenllich 2b Psg. frei ins Haus. Einzelne Runnncr 5 Psg, Sonntags« Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Psg. Post« dlbonncment: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Prelsliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PostabonncmeMs nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Äiunänicn, Schweden und die Schweiz. 28. Jahrg. Mchtlnt liigllch iwllti' montags. Berliner Volksblntl. Me sntoflotiZ-GedW Betrügt für die sechsgespaltene liolonel« zeile oder deren Raum 60 Psg., für polltische und gewerkschaftliche Vereins- und Bcrsammlungs-Swzeigcn 80 Psg. „Ktclnc 3n:tlgen", das erste(fett« gedruckte) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort b Pfg, Worte über lb Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste illummet müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gevfinet, Telegramm-Adresse: „Sozialdcinollrat Berlin". Zentralorgan der fozi aldemokratt fchen Partei Deutfcblands. Redaktion: 8M. 68, Lindcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Mittwoch, den 1. Februar 1911. Expedition: 8M. 68, Lindcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Paul Singer. Wieder hat das Geschick einen der Tüchtigsten und Fähigsten aus unseren Reihen hinweggcrafft, einen von der alten Garde, der fest den ersten Tagen des Sozialistengesetzes stets an der Spitze des deutschen sozialistischen Prole- tariats gekämpft hat: einen Mann, dessen Name mit dem Werden und Wachsen der deutschen Arbeiterbewegung für alle Zeiten aufs engste verknüpft ist. Gestern mittag, um 12Y> Uhr, kam die schmerzliche Kunde, daß Paul Singer der Lungenentzündung, an der er vor wenigen Tagen erkrankte, erlegen ist. Bereits seit mehr als drei Jahren hatte Krankheit den bisher rastlos Tätigen aus der politischen Arbeit gerissen und ihn wiederholt gezwungen, sich wegen eines schweren Augenleidens operieren zu lassen; doch die Kunst der Aerzie überwand alle Hindernisse, und schon konnten wir hoffen, daß uns Paul Singer als Führer und Berater in den Kämpfen der nächsten Zeit erhalten bleibe, als sich bei dem Siebenundscchzigjährigen, der im Oktober 1909 das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner parlamentarischen Tätigkeit als Reichstagsabgcordneter und Stadtverordneter gefeiert hat, eine schwere Entzündung der Bronchien und der Lunge einstellte, die ihn hinwcgriß. Für unsere Partei, für die ganze Arbeiterschaft ist Singers Tod von größter Tragweite, der herbste Verlust, den sie seit Jahren erlitten hat. Mag auch politischer Haß das Bild dieses Mannes verzerrt und entstellt haben, wir Sozialisten haben alle Ursache, uns seines Strebens und Wollens zu rühmen. Er, der Wohlbegüterte aus bürgerlichem Hause, war einer der ge- wandtesten, unermüdlichsten Wortführer der Arbeitersache, der selbstlos sein ganzes Ich für die Partei einsetzte, willig für sie stritt und litt, und in den vielen schweren Tagen, die die Geschichte der deutschen sozialdemokratischen Partei aufweist, freudig die größten Opfer brachte. Er hat der deutschen Sozialdemokratie sein Leben gegeben, in ihrem Dienst seine Kräfte zerrieben; er ist selbst in den Zeiten, wo andere müde Resignation beschlich, stets sieges- zuversichtlich geblieben und hat sich durch keine Widerwärtigkeiten in dem Glauben an den unaufhaltsamen Fortschritt der Arbeiterbewegung beirren lassen— das kann und wird ihm die Arbeiterkllasse nie vergessen. Besonders aber hat der„Vorwärts", wie an dieser Stelle nicht un» erwähnt bleiben soll, dem teuren Toten viel zu danken. Nicht nur, daß es zum großen Teil Singers Opferwilligkeit war, die es im Frühjahr 1884 der Berliner Sozialdemokratie ermöglichte, das„Berliner Volksblatt", den Vor- läufer des„Vorwärts", ins Leben zu rufen; er hat auch in den folgenden Jahren an der EntWickelung unseres Blattes den regsten Anteil genommen, immer bereit, zu raten und zu helfen. Es gab Zeiten, wo er fast täglich in der Redaktion erschien; und gar manchen Artikel— speziell über Berliner komunalpolitische Verhältnisse— hat er für den„Vorwärts" geschrieben. Wenn aber Singer als treuer, unermüdlicher Arbeiter dem harten Dienste der Partei seine Kräfte gewidmet hat, so hat er andererseits auch in diesem Dienst das Glück und das Wesen seines Lebens gefunden. Tie Partei war ihm alles. Im Wirken für sie fand er seine höchste Befriedigung. Ihre Erfolge dünkten ihm der schönste Lohn. Und sein Mühen hat reiche Erfolge gesunden. Wenn er uns auch viel zu früh gestorben ist, so ist es ihm doch vergönnt gewesen, zu sehen, wie unter seiner Führung aus be- scheidenen Anfängen heraus die deutsche sozialistische Arbeiterbewegung zu einem weltgeschichtlichen Faktor, zu einer Macht wurde, die das ganze Sinnen und Denken unserer Zeit beherrscht. Er konnte in dem stolzen Bewußtsein sterben, nicht umsonst gelebt, sondern stets im Vordertrcffen der größten Kulturbewegung unseres Zeitalters gestanden zu haben— Bahnbrecher einer neuen, besseren Zeit.. � Singer gehörte nicht zu den ganz Alten der deutschen Arbeiterbewegung, die schon zur Zeit der Lassalleschen Agitation sich der jungen sozialistischen Partei anschlössen. Er zählte zu jener Generation, die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, nach der Begründung der neuen Reichs- Herrlichkeit, zum Sozialismus heranreifte. Am 16. Januar 1844 in Berlin geboren, besuchte er dort die königliche Realschule, trat 1858 in die Kaufmanns- lehre und machte sich schon früh selbständig, indem er bereits 1869, 25 Jahre alt, mit seinem Bruder die bekannte Berliner Tamcnmäntelfabrik„Gebrüder Singer" begründete. An dem politischen Leben nahm Paul Singer früh- zeitig regen Anteil, aber zunächst nicht als Sozialdemokrat. Er war bürger- licher Demokrat. Die Erfahrung, daß von dem Bürgertum eine Durch- führung wirklich demokratischer Staatsinstitutionen nicht zu erwarten sei, bewogen ihn jedoch, sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Nachdem er schon jahrelang vorher mit den leitenden Personen der Berliner sozialdemo- kratischen Bewegung Verbindung unterhalten und sich der Eisenocher Richtung angeschlossen hatte, trat er nach Einführung des Sozialistengesetzes offiziell der Partei bei und gelangte in dieser durch seine Opferwilligkeit, seine emsige Tätigkeit und feine Kenntnis der Berliner Verhältnisse bald zu Ansehen. 1883 wählten ihn die Berliner Arbeiter mit Franz Tutzauer in die Berliner Stadtverordnetenversammlung, der Singer seitdem ununterbrochen angehört hat und der er fortan einen großen Teil seiner Arbeitskraft widmete. Im folgenden Jahre wurde Singer auch in den Reichstag gewählt. Der vierte Berliner Wahlkreis, der bereits von 1875/81 sozialdeniokratisch im Reichstage vertreten gewesen, bei der ersten allgemeinen Wahl unter dem Sozialistengesetz(1881) aber der Partei verloren gegangen war, stellte Singer als Kandidaten auf. Singer siegte mit 25 386 über 24 476 Stimmen. In diese Zeit fällt auch die schon erwähnte Gründung des„Berliner Volksblatt", des jetzigen„Vorwärts", dessen erste Nummer(Probenummer) am 39. März 1884 erschien. Singer hatte an dessen Entstehung nicht nur insofern Anteil, als er einen beträchtlichen Teil der zur Herausgabe nötigen Anschaffungskosten trug, er leistete auch späterhin noch manche Zuschüsse, denn das in der Badingschcn Druckerei hergestellte, von Wilhelm Bios redigierte „Volksblatt" führte zunächst ein sehr bescheidenes Dasein. Im Reichstage erwies sich Singer bald als schlagfertiger Parlamentarier. Schon in seiner ersten Rede, die er am 11. September 1883 vor den Berliner Arbeitern gehalten hatte, wußte er die lauschende Masse so mit fort- zureißen, daß sich die Versammlung zu einer großen Demonstration ge- staltete; im Reichstage zeigte sich alsbald, daß Singer eine nicht geringere Begabung für die Parlamentsdebatte besaß. Mit dem Vermögen einer schnellen Auffassung und Orientierung ausgestattet, fand er sich überall, auf den verschiedensten und schwierigsten Gebieten, zurecht und erwarb sich auf manchen, besonder? in allen Fragen des Reichshaushalts und der Geschäfts- ordnung, eine hervorragende Sachkenntnis, weshalb ihn später auch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion regelmäßig in den Scnioreukonvcnt des Reichstags delegierte. Wie unbequem Singer durch seine scharfen Kritiken dem reaktionären Bismarck-Püttkamerschen Regiment wurde, bewies dieses durch seine baldige Ausweisung aus Berlin. Als Singer am 18. Februar 1886 das Lockspitzel- treiben der Berliner politischen Polizei vor aller Welt bloßstellte und nach- wies, daß deren Agent Jhring-Mahlow in Arbeiterkreisen die Ausführung von Bombenattentaten angeregt hatte, traf ihn die Rache der gebrandmarkten Regierung. Am 3. Juli 1886 mußte Singer Berlin verlassen. Die stürmische Ovation, die ihm die Berliner Arbeiter bereiteten, zeigte, welche Beliebtheit er sich unter ihnen erworben hatte. Singer nahm dann seinen Wohnsitz in Dresden, wurde auf Ver- anlassung der preußischen Regierung jedoch auch dort bald ausgewiesen. Wenn aber das Puttkamersche Regime gemeint hatte, dadurch der sozial- demokratischen Partei einen Schlag zu versetzen, so täuschte es sich gründlich. Persönlich wurde Singer zwar geschädigt, da er seinem Geschäftsbetrieb ent- zogen wurde, aber der Partei verschafften diese Maßnahmen einen uncrniüd- lichen Agitator, dessen Wort bald in allen Gauen gehört wurde. Singer zog sich aus dem Geschäftslcben zurück und schied mit dem 1. Januar 1888 formell aus der Firma„Gebrüder Singer" aus. Dafür widmete er sich um so eifriger der politischen Arbeit und wurde durch das Vertrauen der sozialdemokratischen Partei in verschiedene der höchsten Ehrenstcllcn berufen. Bereits 1887 wurde er zum Mitglied des Partcivorstandes und drei Jahre später, 1899, auf dem Parteitag zu Halle, nachdem sich die Partei ihre neue Organisation gegeben hatte, einstimmig zum Vorsitzenden der sozialdemo- kratischen Partei erwählt. Durch diese Wahl an die Spitze der Gesamtpartei gestellt, hat er als Taktiker und als Organisator der vom Druck des Sozialistengesetzes befreiten deutschen Sozialdemokratie sich um diese unvergeßliche Verdienste erworben. Mit feinem Verständnis für die Bedingungen der Machtgewinnung und die jeweilige politische Lage verband er eine gewisse nüchterne, fast könnte man sagen, kaufmännische Berechnung der politischen Faktoren und einen Sinn für die tägliche politische Kleinarbeit, die ihn für ein so hohes Ehrenamt geradezu prädestinierten. Dazu kam eine ganz außergewöhnliche Beherrschung der parlamentarischen Geschäftsformen und eine von charakterlosem Opportunismus weit entfernte Erfassung der politischen Tageserfordcrnisse. Wer jemals an den von ihm geleiteten Kommissionssitzungen und Kon- ferenzen teilgenommen hat, der weiß, wie er das Wesentliche vom Neben- sächlichen zu trennen und die sich oft zersplitternde Debatte immer wieder auf den eigentlichen Gegenstand der Verhandlungen zu konzentrieren ver- stand. Auf allen deutschen Parteitagen der letzten beiden Jahrzehnte hat er denn auch, soweit ihn nicht Erkrankung hinderte, den Vorsitz geführt. Ebenso wurde er auf den Internationalen sozialistischen Kongressen stets von der deutschen Delegation in das Präsidium gewählt. Auch dem Jnter- nationalen sozialistischen Bureau gehörte er seit dessen Begründung an. Und mit welcher Sicherheit und Umsicht leitete er die oft recht stürmischen Sitzungen! Nun hat ihn der Tod hinweggerissen und seinem arbeitsreichen Wirken ein Ende gesetzt. Er kann nicht mehr, wegweisend, mit uns für eine bessere Zukunft kämpfen. Doch seine Taten überleben ihn. Sein Name gehört für immer der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung an, und wenn man einst in einer glücklicheren Zeit die Streiter aufzählt, die diese Zeit erringen halsen, dann wird an erster Stelle auch sein Name genannt werden. Zum Code Singers.. * Die Beerdigung Paul Singers findet am Sonntagwittag vom Hause des„Vorwärts". Lindenstraße 69, aus statt Singer wird auf dem städtischen ZSntralfriedhofe in F r i c � drichsfelde begraben. Im Trauerzuge werden Musi5 chäre marschieren und auch umflorte Fahnen mitgeführt werden. Die Drdncr werden von der Partei selbst gestellt. Im Reichstage gedachte der Präsident Gras Schwerin Parteiführer gemeinhin auf den radikalsten Flügel seiner Fraktion. Im Reichstag wuhte er deren Interessen namentlich in allen Ge- schäftsordnungsfragen schlagfertig und gewandt wahrzunehmen. Im Roten Hause wurde seine Erfahrung, seine Ehrlichkeit, seine Selbstlosigkeit von allen Parteien geschätzt. Man konnte seine An- sichten oft bekämpfen, seiner Person aber, die eine gewiffe Gut- ulütigkeit nicht zu verleugnen vermochte, kaum gram sein. In Singer verkörpert sich ein gut Stück Geschichte der Sozialdemokratie, und an ihm läßt sich, wiewohl er einer der nächsten Gesinnung»- genossen Kautskys blieb, dennoch nachweisen, wie sich die Partei im Löwife in ehrenden Worten unseres toten Genosse». Sehr> Laufe der Zeit gewandelt hat. Ter Mauserungsprozetz wird durch warm empsundeu war der Nachruf, den Oberbürgermeister Singers Tod vielleicht beschleunigt werden." Kirsch» er zu Beginn der Sitzung der Verkehrsdeputation'------- unserem Vorkämpfer widmete. Er bezeichnete ihn als ein_____________... t.uJB_________ I sehr tätiges und sehr energisches Mitglied der Deputation, I Deutschlands eine der vielen markanten Persönlichkeiten, die in u:id das stets für die Interessen Berlins in hervorragender Weise mit der Partei zu grohcr politischer Bedeutung emporgestiegen sind. Berliner Volks-Zeitung In Paul Singer verliert die sozialdemokratische Partei eingetreten sei Ter Dahingeschiedene war einer der fleißigsten und gewissen In der Sitzung der sozialdemokratischen Reichstags-> haftesten Volksvertreter, der in allen großen politischen Fragen den fraktion widmete Genosse Bebel dem dahingegangenen Gc- Standpunkt seiner Partei wirksam zu wahren wußte. Seine größten fährten und Mitkämpfer unter tiefer Bewegung Worte des moralischen Triumphe als Verteidiger von Recht. Gerechtigkeit und Gedenkens. Bei der Beerdigung wird Genosse Molken- politische». Anstand feierte er, wenn er während des Sozialisten b u h r für die Fraktion sprechen. gesetzes einem Puttkamer gegenüberstand und die unter dem Sämtliche Fraktionen des Reichstags m i t A u s n a h m e„Schandgesetz" groß gewordene nichtswürdige Polizeispitzelei und der Antisemiten haben ihr Beileid ausgesprochen. Für jhro unmoralischen Tricks unter Vorführung eines erdrückenden die Nakionalkiberalen haben Prinz Schöncich-Carolath und Tatsachenmaterials mit schneidender Schärfe brandmarkte. Dr. Hcinze folgendes Schreiben gesandt: Im Reichstage war Singer als einer der besten Kenner der „Die nationalliberale Reichstagsfrak'tion will nicht ver- Geschäftsordnung auch von seinen politischen Gegnern anerkannt! fehlen, der sozialdemokratischen Fraktion beim Ableben ihres in manchem Streit um die- Geschäftsordnung war sein Eingreifen langjährigen Vorsitzenden, des Abg. Singer, ihr auf- von entscheidender Bedeutung. Er war viele Jahre hindurch der richtiges Beileid und lebhaftes Mitgefühl auszusprechen." Vorsitzende der sozialistischen Parteitage, bei deren Leitung er sein Auch die bürgerliche Presse erkennt zum größten großes Talent zur sicheren Beherrschung auch der schwierigsten pav Teil die trefflichen persönlichen Eigenschaften und die hohe lamentarischcn Situationen erfolgreich zu entfalten vermochte. politische Begabung des Dahingeschiedenen an. Ein nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst um Berlin hat Im„Berliner Tageblatt" schreibt Chefredakteur Theodor sich Paul Singer erworben durch die viele Jahre umspannende, auf ._ f u O W,-.. VY• CTf V- T.. i- V» Sl ,A v»..»LA-AM"...AaT. aX. I* V Wolfs: „Diejenigen politischen Gegner Paul Singer», denen Parteizank das Gemüt nicht völlig ausgedörrt, vernehmen mit ehr opferungswillige, treue Arbeit, die er mit dem unvergeßlichen der I Thölde zusammen für den Asylverein für Obdachlose gc leistet hat. In der tatkräftigen Sorge um dieses soziale Werk hat lichem Bedauern, daß dieser„Präsident" der Sozialdemokratie nun sich Singer niemals genug tun können. Dieser Schöpfung gehörte unter der Last der Leiden, die ihn seit zwei Jahren gequält, er- siüu wärmste» �nteresse, seine ganze Menschenliebe. Ilnzähligemal legen ist. Obgleich Singer immer zu dem radikalen Flügel der ist Singer noch um Mitternacht nach der aufreibenden parlamenta sozialdemokratischen Partei hielt, eine Annäherung an den ent- rischen Arbeit eines ganzen Tages, nach den anstrengendsten Kam schiedencn Liberalismus, die weitsichtigeren Politikern als eine missionssttzungen aus dem Reichstage in das Asyl gefahren, um dort Notwendigkeit erscheint, lange mit großer Scbärfe zurückwies und uach dem Rechten zu sehen. Dieser Teil seines Lebenswerkes wird in dem Revisionismus bis zuletzt eine schwächliche Fahnenflucht sah, ihm den Dank der Stadt Berlin für immer sichern und ihm rück- hatte doch gerade ev auch jenseits der Parteigrenzen manchen haltlose Anerkennung auch von feiten politischer Gegner eintragen. Freund, und alle, die ihm nähertraten, sprachen von ihm mit energischer Belämpfer der gemeinschädlichen preußischen Achtung und Sympathie. Er hatte sich, trotz des breitkrämpigen Reaktion hat sich«inger einen Ehrcnkranz in der Reihe der für Schlapphute», den er trug» die Allüren und die Lebensweise des Kulturfortschritt eintretenden Manner des Volkes erworben. altverlini scheu Bürgers, des guten, bescheidenen, soliden Bürgers Tie„Freisinnige Zeitung" schreibt: von einst, bewahrt, und während seine extremen Anschauungen �it Singer scheidet einer von der alten Garde der sozialdemo- und Theorien ihn zu den erbittertsten Geicll,chastsse.nden suhrten. tischen Partei aus de» Reihen der Politiker. Liebknecht, Bebel bl'-b� durch den bürgerlichen Zug se.n-S We.ens d.eier befehdeten � Finger waren das Dreigestirn, unter dem die sozialdenrolra- GeM,chaft verwandt. Er wurde auch>n den Komm.istonen dcS �sche Partei Teutschlands aus kleinen Anfängen zu immer Reichstages und»ben,o m denen der Stadtverordnetenversammlung Wachstum gedieh. Er war einer der besten Kenner der von allen. d,e Mit«hm arbeiteten, ungemein«-schätzt, denn er er- Geschäftsordnung, und es ist ein seltsames Moment, daß ein So- n �£ peinlichster Gewipenhaftigkeit, bewn fut zialdetnokrat, ein Vertreter des Umsturzes, viele Jahre an der alle. pmkt.schen Fragen e.nen selt-n cklaren u..d sicheren Bl.ck und 3 � ber Geschäftsordnungskommission des Reichstages stand. hals über manche Schlvier.gke.ten der D.sku>sto.. m.t se.nem be- � b£i Abstimmungen im Reichstag infolge der vielen durch- haglicheu Humor, seiner gemulllchen �ron.c hinweg. Roch mehr I einander gehenden Anträge zur Verwirrung kam, so griff, wie früher ktlbev Nahm-TO dich« n tgat für such euu tue seme Tätigkeit in de- � C»gx» Richter, Paul Singer stets helfend ein und schaffte Luft. Leltiing wohltatiger Vereine und Anstalten, und besonder» des! Durch seine Ruhe, seinen abwägenden, natürlichen und fast immer Asyltwreins für Obdachlose, aus der Röhe sahen. Hier zeigteii»ch b£� Kern erfassenden Verstand hat er sich auch bei den Gegnern Ach- am testar die ganze Bravheit und die Güte seiner Natur, und hwr!M� petichafff, und selbst diejenigen, die ihn sachlich und persönlich trat Sehnde dieser rgdikale Dogmatiker stets sur die Erreichung I jjefämpften, müssen bekennen, daß mit Singer ein ganzer Mann des Möglichen und für das unmittelbar Wirksame ein. dahingegangen ist, ein Ganzer und Aufrechter. Und auch ein Un- mit Für dieses Amt eines Präsidenten brachte er tatsächlich alles eigennütziger. Seinen Parteigenossen aber galt er immer als ,t. was dort nötig und förderlich ist. und wenn ihm der geistreiche Ordner und Leiter, als eine Autorität, der sie sich willig unter- Schwung eines S.mson n.cht gegeben war. 1° ,-tzte er dafür manches n>arfen. Er hat für seine Partei, besonders als Organisator außer- «n. was den meisten Pr-,.denten fehlt. Er war gro«. bre.t. �£„A.ch viel getan und geleistet. So gutmütig er im persönlichen schulttig und wuchtig von Gestalt: fem Organ war durchdringend, Verkehr war. so radikal waren seine Anschauungen. Er war ein seine Gelten zeugten von unerschütterlicher Sicherheit. Man brachte unerbittlicher Gegner der Revisionisten, der sich niemals auf Kom- ihn nie aus dem Gleichgewicht, weder in einer stürmischen Volks Versammlung, noch im Parlament, und er kannte die Geschäfts- ordnung des Reichstages wie keiner neben ihm und verwertete diese Kenntnis mit oft erstaunlicher GeisteSgegenivart. Er Isar kein zündender Redner wie Bebel, riß die Hörer nicht hin. blcirdete nicht durch Gedankenreichtum oder scharfgeschliffenen Witz, aber die trockene und fast phlegmatische Art, in der er seine Angriffe vor- brachte, war doch keineswegs unwirksam, und seine derb klatschenden Schläge gingen selten fehl. Wie man seine rhetorischen Leistungen auch einschätzen mag— sie stehen gewiß nicht unerreichbar, nicht unüberbietbar da. Aber als Präsident wird er kaum zu ersetzen sein, denn kein anderer in der Partei besitzt eine so fest begründete Autorität. Roch wichtiger fast als durch diese Präsidenten- und Schieds richtertätigkcit war er für die sozialdemokratische Partei durch sein organisatorisches Talent. Für die Gliederung und Ordnung der zur Partei zusammengeschlossenen Massen, und für die solide Fest! gung der Parteisinanzen hat dieser tüchtige Kaufmann zweifellos viel, und vielleicht da» meiste getan. Er war unverheiratet gc- blieben, lebte nach dem Tode seiner Schwester, die ihm treu das Haus geführt, mit seinem Bruder allein, und die Partei war sein Kind und sein Idol. Er gab ihr, durch die Lnganisation, den festen Halt, aber indem er auch die Geister organisieren und jede Ketzer regung unter einer eisernen Disziplin ersticken wollte, fand er sich allmählich in die Rolle des Parteipapstes hinein. Gewiß, die Partei war festgefügt wie ein Felsblock, aber sie lief doch auch Gefahr, wie ein Felsen zu erstarren und schließlich nur noch ein unfrucht- barer Koloß zu sein. Singer hatte die schweren Tage des Anfangs noch mitgemacht; er hatte die heroischen Zeiten des Sozialisten� gesetzes gesehen uni) empfand sich als Hüter der reinen, unveo fälschten Tradition. Er fühlte die Berpflichtung, die Partei auf dem alten Wege zu erhalten, fern von aller„Kompromiß'crei und mit argwohnischer Strenge wies er jede ketzerische Regung zurück. Er bildete seine Armee nur in dem Gedanken auf daS „Endziel" aus, an das Marx und Engels und Liebknecht geglaubt. Wann und wie man dort hingelangen sollte, wußte er nicht— aber eine» Tages würde es schon geschehen!. Die„Vossische Zeitung" schreibt: „Mit Paul Singer verliert die Sozialdemokratie den neben Bebel angesehensten und einflußreichsten Führer, der ihre Partei tage mit großer Geschicklichkeit und Unparteilichkeit geleitet hat: aber auch die politischen Gegner, die oft mit ihm Lanzen brachen, stellen ihm das Zeugnis aus, daß er ein von reinen Absichten beseelter. uneigennütziger Volksmann war. der insbesondere auch ein warmes Herz für die Interessen der Stadt Berlin stets betätigt und an ihrer Selbstverwaltung ebenso regen wie erfolgreichen Anteil ge- Nammen hat. Singer hat ein großes Vermögen der Sozialdemokratie dar» gebracht. Er führte als Hagestolz einen bescheidenen Haushalt, an dessen Spitze seine Schwester stand. Persönlich von großer Liebenö promisse mit ihnen einlassen wollte." „Lokalanzeiger": „Mit Singer ist einer der Hauptführcr der Sozialdemokratie, ein Parlamentarier von großer Schulung, ein nicht zu unter- schätzender Dcbatter und ein hervorragender Kommunalpolitiker dahingegangen. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung hatte er bis in die letzte Zeit, wo ein schweres Augenleiden ihn hin- dertc, an den Versammlungen teilzunehmen, eine bedeutende Rolle gespielt, bei allen wichtigen Lcratungsgegenständen nahm er rcgel- mäßig das Wort." .Tägliche Rundschau": Als ein Totfcind der bürgerlichen Gesellschaft verließ Singer diese Erde und als Todfcindin sieht sie ihm nach. Und doch nicht ohne Achtung, denn Singer war bei all seinem Radikalismus ein Charakter: es lebte ein starker Zug von Rechtlichkeit in ihm, und mancher Revisionist war wohl überzeugt, in diesem Belang eher auf diesen starren Wächter des Dogmas zählen zu dürfen, als auf den vielgewandten, lavierenden Bebel. Die bürgerlichen Gegner hajicn gerade Singer vielleicht ein bißchen viel mitgespielt..,. lind doch wurde der behäbige» schwer bewegliche Mann mit den nicht gerade sympathischen Zügen, der jüdische Finanzier, von dem deutschen Proletariat verehrt wie wenige. Man wußte, was man an dem Alten hatte, an dem„Groß glockner", der als ständiger Präsident der Genossentage selbst die wildesten Ströme der Erregung wieder in ihr Bett zu leiten wußte, der streng zuzugreifen, aber auch geschickt auszugleichen verstand, wie neben ihm wohl nur noch Bebel. Seine trockene Sachlichkeit mochte manchmal auf die tobenden Heißsporne wie ein Berufst- gungspulver wirken. Er war nämlich ein„stiller, ruhiger Mensch trotz seiner radikalen Praxis, und was ihm an höheren Schwung und an Lebensmelodie, was ihm an Temperament und schlag kräftiger Redcgabe fehlte, das ersetzte er durch eine außerordent liehe Sachkunde und fast sprichwörtliche GcschäftSkenntniS. Und 10 kam es denn auch iin Deutschen Reichstag vor, daß manchmal, wenn das Gestrüpp der Paragraphen, die Wogen der vielfachen An- träge, die Wanderer zu ersticken drohten. Singer als Lotse auftrat, denn er kannte anerkanntermaßen die Geschäftsordnung am besten. Freilich, manchmal spielte diese seine Kenntnis dem Hause auch einen Streich, und nach längerer Verhandlung stellte er dann fest, daß alles nach dem und dem Paraarapben seiner geliebten Gc» schästsordnung unzulässig und ungültig sei.... Erinnerlich ist noch— vielleicht ist es die unerquicklichste Er- inncrung au» seinem Leben—, wie er im Sturm der Zolldebatten aus dem Saal gewiesen werden sollte, aber standhaft sitzen blieb und wie seinetwegen die Sitzung geschlossen und eine neue anbc- räumt werden mußte." „Deutsche Tageszeitung": „Singer verdaut lc seinen großen Einfluß zum gute» Teil seiner zweifellos erheblichen dialektischen und verstandesmäßigen eine Art Autorität crivorben hat. Er hat lange Zeit hindurch die sozialdemokratischen Parteitage geleitet und auch im Reichstage in Geschäftsordnungsfragen eine große Rolle gespielt, sowohl in den Plcnardebatten wie als langjähriger Vorsitzender der Gc- schäftsordnungskommission. Diese Stellung verscherzte er sich durch sein bekanntes Verhalten in der Zeit der Obstruktion gegen den Zolltarif, während der er sich dem Ausweisungsgcbote de» Prä- sidenten nicht fügte. Sonst trat er im Reichstage namentlich al» Redner zum Postetat hervor. Noch mehr Einfluß als seine persön- liche Befähigung dürfte dem Verstorbenen innerhalb seiner Partei sein großes Vermögen gesichert haben, das ihm eine reichliche pekuniäre Unterstützung der Parteizweckc erlaubte, er war auch Inhaber der„Vorwärts"-Druckerei. Persönlich war Singer wohl der am wenigsten sympathische unter den älteren Führern der Sozialdemokratie." I" Würdigkeit und von versöhnlichen Umgangsformen, stellte er sich alsf Begabung, durch die er sich namentlich m QcfchäftSordnungSsragen Die ersten Kondolenzen. der Redaktion des„Vorwärts" und beim Partei- borständ sind bereits eine große Anzahl telegraphischer Kondolenzen aus In- und AnSIand eingelaufen. Für die Parteivertretuiig der deutschen Sozialdemokraten Oesterreichs drabten die Genossen Adler und Skaret: „Mit tiefer Trauer erfüllt uns die Nachricht von dem Ableben Paul Singers. Weit übet die Gemarkungen des Deutschen Reiche» hinaus hat Singers treues energievolles Schaffen der Sache der Proletarier genutzt. Die deutschen Sozialdemokraten Deutsch- Oesterreichs empfinden mit Euch den schweren Verlust den die Sozialdemokratie Deutschlands und mit ihr die gesamte sozial- demokratische Internationale erlitten hat." Für die deutsch-österreichische Reichsrats- fraktion telegraphiert P e r n e r st o r f e r: „Der Klub der deutschen Sozialdemokratie im Parlamente drückt seinen Schmerz und seine Trauer über Singers Tod der deutschen Partei gegenüber auf das aufrichligste aus. Wir haben den eifrigen und unermüdlichen Kämpfer für unsere gemeinsame Sache immer auch sür den unsrigeu gehalten. Er ist nicht nur Euch, er ist auch uns und der geiamten Internationale gestorben. Uns bleibt sein Andenken und sein Beispiel." Für die organisierten Frauen Deutsch-Oester- r e i ch s kondoliert Genossin Adelheid Popp. Der Partei- vorstand der tschechischen sozialdemokratischen Partei und die Redaktion des„Pravo Lidu" drahten: Der Tod des großen Vorkämpfers des internationalen Sozialismus Paul Singer erweckt die tiefste Trauer der tschechischen Ar- bester. Im Namen derselben kondolieren den deutschen Genossen." AuL Budapest wird telegraphiert: „Die Parteileitung der sozialdemokratischen Partei Ungarns nimmt schweren Herzens die Nachricht vom Tode Paul Singers. Es ist ein sibwerer Schlag, der die Sozial- demokratie Deutschlands trifft und der mich hierzulande alle für eine bessere Zukunft kämpfenden Proletarier mit tiefem Schmerz erfüllt. Wir trauern mit Euch." Weitere Kondolenzen sind noch von der westböhmischen Kreisvrganisation und der ssiedaktion der„Nepszava"-Budapest eingegangen._ Der arabische iolonlalkrieg. AuS Konstantinopel wird miS geschrieben: Der Aufflatid ln Jemen bedeutet für die Türkei eine cniste Gefahr. Deim es handelt sich nicht mehr um vereinzelte Bandenkämpse, sondern um eine Ver- einigung der wichtigsten Arabetslämme, die selbst die Offensive er- griffen und die Hauptstadt des Jemen, Sana, ernstlich bedrohen. Die Truppenmasseu, die die Regierung jetzt nach dem Jemen sendet, können erst Ende Februar in bedeutender Zahl auf dem Kampf- gebiet erscheinen. Davon, ob fich Sana bis dahin hält, hängt wesentlich der weitere Verlauf de« FeldzugeS ab. Wenn die Haupt- stadt nicht Stand halten sollte, so würde da» die weitere Krieg- südrung sehr erschweren und die Sendung noch stärkerer Truppen» Massen erforderlich machen. Ma» rechnet mit Kämpfen, die sich den ganzen Frühling und vielleicht auch den Sommer durch hinziehen könnten. DaS kostet vor allem ein Heidengeld und erschwert die finanzielle Lage des Reichs außerordentlich. Politisch wird dadurch die Reformlätigkeit der Regierung in Kleinasien so gut wie lahmgelegt. Die anarchischen Zustände, die schon jetzt in Mesopotamien herrschen, werden nunmehr erst recht um sich greifen, und selbst der Weiterbau der Bagdad- bahn kann dadurch beeinflußt werden. Sowohl am persischen Golf wie im Innern PersienS bekommen England und Ruß» land freieHand. Der Ausstand kommt diesen beiden Mächten wie gerufeu. Die Ursachen des AusstandeS lassen sich aus drei Hauptmomente zurückführen: 1. das soziale Elend, 2. die Macht der ScheikS, 3. die englische Einmischung. Arabien bildet bekanntlich eine Wüste, die von fruchtbaren Land- Eichen umsäumt ist. Wo es Land zu bebauen gibt, ist die Be» völkeruug ansäsfig, die Düste dagegen wird von den nomadisierenden Beduinen bewohnt. Man versteht gewöhnlich unter Nomaden Völkerschaften, die mit ihren Herden herumziehen und sich von der Viehzucht ernähren. Die noinadisierenden Beduinen der arabischen Wüste verfügen aber infolge des unwirtliche» Klima« nur über ein einziges Tier, über daS Kamel. Das Kamel ist ein äußerst genügsame« Tier, dasür liefert e« aber auch selbst sehr wenig Nahrungsmittel. Die Beduinen sind insolgedesien ieit Jahrhunderten Handwerker. AuS der Wolle der Kamele bereiten sie die mannigfachsten Gegenstände. Stoffe. Teppiche. Matten usw., die sie bei den Bauern des„glücklichen Arabien", Syrien, Mesopotamien, gegen NabrungSmitlel und ihren sonstigen Bedarf austauschen. Ihr wichtigster ErwerdSzweig war aber seit jeher der Transport durch die Wüste. Wir kennen diesen Verkehr meistens mir aus den Erzählungen der Kaufleute, die sich über die Uebcrfälle der wilden Beduinen- stamme beklagen. Nun sind, wie die ersten Seefahrer, auch diese Verminter de» Verkehrs durch die Wüste. Gewaltmenschen, die nicht immer die ScheidungSgrenze zwischen Mein und Dein an- erkennen. Ohne die Beduinen ist aber der Verkehr durch die Wüste unmöglich. Sie allein kennen die Routen, kennen die Plätze, wo man auf der weiten Reise Wasser und Erholimg finden kann, sie habe» mit unsäglicher Mühe, lauer Anwendung einer riesenhaften Massenarbeit kün st liche Oasen geschaffen, um einen regelrechten Verkehr unterhalten zu können. Als Transporteure und Äarawancnbegleiter haben sie den Völkern der Umgebung gedient, um deren Verkehr untereinander zu vermitteln, und durch ihr Gebiet zog auch ein wichtiger Landweg nach Ostindien. Aber sie haben die Glanzzeit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit längst hinter sich. Schon die Besiedelung SüdeuropoZ, die das Schwergewicht der Zivilisation an» Asien nach Europa übertrug und im Milleliäudtichen Meere die Handelsstraßen kreuzte, hat den Wirt- schaftUchen Verfall Arabiens zur Folge gehabt. Später kam die Umschiffung Slsiilo», die einen Seeverkehr mit Ostindien ermöglichte. Dann die Entdeckung Amerikas, die den Handelsverkehr nach dem Atlandisckien Ozean ablenkte. In jüngster Zeit die Erbauung des Suezkanals, die einen naben Seeverkehr mit Ostindien schuf. Die moderne EntWickelung mit ihren Eisenbahnen mutz auch diese Gegenden zu einein necken Leben erwecken. Vorläufig aber ist das Ergebnis des vom Kapitalismus geleiteten JndustrialiSniuS die Vernichtung. Der Karawanenverlehr erhielt seinen Todesstoß— weSbalb denn auch die Beduinen mit solcher Wut die Eisenbahnen zerstören. Die eindringende Fabrikware raubt den Produkten des einheimischen Gewerbes den Markt. Der Handel verstrickt die Be- völkerung, die ansässige wie die nomadisierende, in Schuldknechtichaft. Und dazu kommt noch der Staat mit seinen Stenern und Rekruten- auSbebnngen! Diese soziale Zersetzung ist der Grund, weshalb die Traber, die Bauern wie die Nomaden, eine unruhige Masse bilden, die zu Ausständen bereit ist. Der soziale Verband der Araber hält die Mitte zwischen einer StammcSorganisation und einem Staat. Die Grundlage bildet die Vereinigung mehrerer Zelte, die eine Anzahl blutsverwandter Familien verbindet. Diese Familienverbände selbst werden zu einer höheren Gruppe znsannnengesatzt, der die Aussicht über die Herden und sonstige gemeinsame Arbeiten zufallen. Mehrere solcher Gruppen bilden einen Karawancnverband zum genieinsamen Marsch durch die Wüste. Mehrere Karawancnverdände vereinigen sich zur Verrichtung großer Oascnarbeiten— vor allem große Erdarbeiten, um die Oasen gegen Versandung durch Wüstenwinde zu schützen— ferner zum Kampfe gegen andere Verbände. Darüber hinaus geht der religiöse Verband, der bereits der Uebergang zur islamitischen Staatsbildung darstellt. Die S ch e i k s, die an der Spitze der großen Verbände stehen, vereinigen deshalb eine große Trnppenmacht unter ihrem Befehl. In dieicm Augenblick sind eS zwei Scheiks, der Im am Jahia und Seid Jdris. die die Araberstämme unter ihrem Befehl vereinigt haben. Beide strebe» nach einer Loslösung von der türkischen Herrschast. um selbständige Staaten zu bilden, und kämpfen vereint gegen die türkische Armee. Diese Bestrebungen werden von England unterstützt, das die Türkei sowohl von der Küste des Roten Meeres, das es in ein ägypiischeS«geschlossenes Meer" verwandeln möchte, wie vom Persischen Golf und womöglich aus Mesopotamien zurückdrängen möchte. England versorgt die Aufständischen mit Gewehren und Munition, gelegentlich auch mit Geldmitteln. Ein türkisches Organ erinnert daran, daß 1903 bei den großen Araberkämpscn 86 0(XZ Mann türkischer Truppen, mehrere Hunderttausend Gewehre und 70 Feldgeschütze verloren gingen l Das gibt«ine Vorstellung davon, ivclche gewaltige Entwickelniig dieser Kolonialkrieg unter ungünstigen Verhältnissen annehmen könnte. "» � Koirstautinepel, 81. Januar. Die in Sana zernierten Truppen versuchten zweimal einen Ausfall, um die Verbindung mit Ho- deida herzustellen, wurden aber beide Male zurückgetrieben. Die Sana umlagernden Anhänger JmanjahiaS sind 1S000 Mann stark. Unter den in Sana Eingetroffenen befindet fich auch der eigentlich» Chef der Operationsarmee, General Mehmed Ali. Nach außen hin wurde General Linahulla mit der Leitung be» traut. Man hofft, daß Mehmed Ali noch acht Tage Sana hält, um dann gemeinsam mit den von Hodcida vorrückenden Truppen die Belagerer anzugreifen._______ politlfcbe Oebevlicbt Berlin, den 31. Januar 1311. Tritte Lesung der Wertzuwachsstener. AuS dem Reichstag. 31. Januar. Kurz vor Er- öffmmg der heutigen Sitzung ivar die für unsere Partei- genossen tieftraurige Nachricht cingcgaiigen, daß heute nach- mittag der Gensssc Singer seinem schweren Leiden erlegen ist. Ter Präsident Graf Schwerin gedachte deZ Per- storbcnen in teilnehmenden Worten und die anwesenden Ab- geordneten ehrten sein Andenken in der üblichen Weise durch Erheben von den Sitzen. Während deö Verlaufes der Sitzung traten dann auch die Führer der Fraktionen wie auch andere Abgeordnete an den Genossen Bebel heran, um ihr Beileid über den Tod Singers zum Ausdruck zu bringen. Zur dritten Lesung der Wertzuwachssteuer waren von allen Parteien Anträge eingebracht. Eine ganze Sammlung von Einzelauträgen, die meist redaktioneller Natur waren, in ihrem sachlichen Inhalt aber doch auf eine Befestigung des agrarischen Charakter des Gesetzes hinauskamen, war von Abgeordneten aller bürgerlichen Parteien unterzeichnet. Es ist daS ein Vorbote dafür, daß man jedenfalls auf eine große Mehrheit für das Gesetz rechnen kann. � Die Sozialdemokraten hatten sich auf die Wiedereinbringung ihrer Haupt antrage beschränkt, nämlich betreffs des Lcrteilungs- planes und der eventuellen Ersetzung der Zündholzfteuer durch die Wertzuwachssteuer. In der Debatte nagelte Genosse S ü d e k u m den frei- sinnigen Abgeordneten Cuno und seine Freunde, die den Komproniißanträgen zugestimmt hatten, auf ihre Wankel- mütigkeit fest und legte nochmals eindringlich die Gründe dar, die uns nötigen würden, gegen dieses Gesetz zu stimmen. Dt'.rchioeg wurden die Äompromißanträge angenommen. Zu einer stürmischen Auseinandersetzung kam es dann noch bei dem Antrage der Konservativen, das in der Kommission gestrichene Fürstcnprivileg wieder her- z u st e l l c n. Der Schatzsekretär Mermuth bemühte sich, durch staatsrechtliche Deduktionen die Notwendigkeit eines Vor- rechts der Landesfüifften nachzuweisen. Er versicherte dabei feierlich, daß die Geldinteressen der Fürsten lvoder diese selbst noch die Regierungsvcrtreter veranlasse, auf der Durchführung dieses Privilegs zu bestehen. Den preußischen Finanzminister L e n tz e hatte man vorsichtigerweise diesmal nicht herbemüht. In der Debatte wies besonders nachdrücklich Genosse Ulrich die UnHaltbarkeit der versuchten Vorrechtsbegründung nach und kündigte den Gegnern au, daß dessen Durchführung nur der Sozialdemokratie zugute kommen werde. Bei der Abstimmung. die'auf Antrag sowohl der Sozialdemokraten lvic der Frei- sinnigen eine namentliche war. wurde dann der konser- vative Antrag auf Wiederherstellung deS Fürsten- Privilegs angenommen mit etwa 20 Stimmen Mehrheit. Die Rechte hatte geschlossen dafür gestimmt. Freisinnige und Sozialdeniokraten geschlossen dagegen. Nationallibcrale und Zenirum halten sich gespalten, die P o l e n sich e n t- hallen. Die steuerzahlenden Wähler werden sich jedenfalls die Namen der Privilegiensrounde merken und bei den kommenden Wahlen die Quittung für diese Haltung auS- stellen. Bei 8 �2 trat die Vertagung ein. Morgen soll die dritte Lrstmg zu Ende gebracht iocrden. Abgeordnetenhaus. Au dem Etat der Domänenverwalmng. den daS Abgeordneten» hau» am Dienstag beriet, lagen zwei Anträge vor, ein Antrag des ZentnimS, der in mindestens fünfjährigen Zwischenräumen eingehende' Darstellungen über die der Domänenvcrwaltung unterstellten Weite der Domänen und deren wirtschafllickie Ergebnisse verlangt, und ein sozialdemokratischer Antrag, der die Regierung ausfordert, dem Land- tage bis zur dritten Lesung deS Etats eine Ausstellung über die Entivickelung der Viehhaltung in den kgl. Domänen in den letzten 10 Jahren zugehen zu lassen. Mit der Begründung deS sozialdemokratischen Antrages war Genosie L e i n e r t betraut, der gleichzeitig an der unübersichtlichen Etatsaufstellung und an der jetzt beliebten Art der Verpachtung Kritik übte. Er wie? nach, daß das heutige System auf eine Be- günstigung der Agrarier hinansläust, die verschleiert werden soll. Auch die Frage der Arbeiterwohnungen auf den Domänen besprach unser Genosse, um schließlich den Mnister, dem auch die staatlichen Bäder unterstellt sind, daran zu erinnern, daß es eine soziale Pflicht der Regierung sei, in den Bädern Heime für imbemittelte Kranke zu schaffen, damit auch Proletarierkinder den so segensreichen Heil- faktor der Seeluft genießen können. Den Konservativen waren die Ausführungen des sozialdemokratischen Redner? sichtlich unangenehm. Aber anstatt auch nur den Versuch einer sachlichen Widerlegung zu machen, erging sich ihr Wortführer Abg. v. Pappenheim in einigen hochnäsigen Aus- fällen gegen die Sozialdemokraten, die angeblich über alles reden, ohne etwas davon zu verstehen. Diese Erwiderung deS Herrn v. Pappenheim bat nicht einmal den Vorzug der Originalität, denn mir ganz denselben Phrasen haben schon andere seiner FraltionS- kollegen die Sozialdemokraten„widerlegt". Tic Debatte endete mit der Ablehnung des sozialdemokratischen Antrages. Der Antrag des Zentrums gelangte mit einer unwesent- lichen Aendernng zur Annahme. Nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen vertagte sich das HauS. Am Mittwoch beginnt die Beratung des Etats der Justizverwaltung._ Ter Vatikan und die preustische Regierung. Schon die Fassung des gestern von unL nach dem Bericht des „Wolffschen Tel-Bur." mitgeteilten Auszugs aus derKaisergeburtstagS- feierrede deS preußischen Gesandten beim Vatikan war so milde und schwächlich, daß der naive Glaube der preußischen Regierung, sie könne durch solche lendenlahine Proteste und Mahnungen die römische Kurie zu einer Aendernng ihres aggressiven Verhallens bestimmen, geradezu zum Spott herausforderte. Wie sich nun aber heraus- stellt, ist der Bericht des Wolffschen Berichts obendrein noch zugunsten der preußischen Regierung gefälscht. Herr v. Mühl- berg hat auf Anweisung des Herrn v. Bethmann Hollweg gar nicht mal gewagt, jene tadelnden Worte anSzniprechen, die ihn der offi- zielle telegraphische Bericht sagen läßt. Ilm nicht beim päpstlichen Stuhl anzustoßen, hat er sich darauf beschränkt, nur von starken Belastungen der guten Beziehungen zwischen dem Vatikan und der preußischen Regierung zu sprechen, dann gleich hinterher, um selbst diese milde Mahnung wieder abzu- schwächen, aber von gleichen Anschauungen des Kaisers und des Papstes gesprochen. Die„Köln. VolkSztg." veröffentlicht nämlich den authentischen Wortlaut der Ansprache, und nach diesem beschränkt sich der„energische Protest" deS Herrn v. Mühlberg auf folgende höfischkonventionelle Redensarten: Als ich im vergangenen Jahre die Ehre hatte, Sie bei dieser Gelegenheit hier zu begrüßen, lebte ich in der frohen Hoffnung lind Zuversicht, daß wir im kommenden Jahre ruhige und fried- liche Tage für den konfessionellen Frieden in Denffchland erwarten dürsten. Diese Hoffnung und Zuversicht hat sich nicht ersüllt. Die guten Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem Vatikan haben im vcrflosienen Jahre eine Belastungö- prob« aushalten müssen, lvie sie so stark in den letz» e n zwei Dezennien nicht eingetreten war, Wir haben an der Spitze einen Herrscher, der nach Möglich- keit allen Anforderungen eines so hohen Amtes zu entsprechen geeignet scheint. Selbst die zuloeilcn bekritelie Vielseitigkeit läßt ihn die Lösung der schwierigen Ansgabc als besonders geeignet er- scheinen. Um so mehr muß ich bedanern, daß man in g-wisien Kreisen und in einer gewissen Presse immer wieder die Behauptung hören nmß. daß die katholische Religion in unserem Vaterlande verfolgt sei. daß die Katholiken sich noch ihren Play an der Sonne erobern müßte». Wer unser Vaterland kennt und mit der Re- gicrung wie mit der Person unseres Kaisers in näherer Beziehung gestanden hat, wird darüber bald eines besseren belehrt worden sein.... Beim letzten NenjahrScmpfang des diplomatischen Korps hat der Papst mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen, dag die kirchliche und staatliche Autorität zur gemeinsamen Wirksamkeit aufeinander angewiesen sind, für die Pflege der Religion und die Sichersieflung einer segensreichen Zukunft der Völker. Wenn es im vergangenen Jahre noch einmal glücklich gelungen ist, den Sturm in unserem Vaterlande zubeschwichtigen und die guten Beziehungen zwischen de in Heiligen Stuh'l und metncr Regierung z u erhalten, so ist die? dem hohen Sinn deS Papstes und der starken Hand des Kaisers zuzuschreiben. Beide mächtigen Herrscher haben eS verstanden, sich in ihrem Vorgehen Schranken aufzulegen und so unserem Aatcrlande das kostbare Gut des kousessionellen Friedens zu bewahren. llnd durch derartiges Hin- und Hergerede eines Gesandten hofft die preußische Regierung Eindruck auf die römische Kurie zu machen?! Lur Vatikan wird man über solche Naivität ironisch lächeln._ Ein„Hunncnbrief". Wir gaben gestern nach dem Bericht des Regierungsarztes Dr. Girschner eine Darstellung der Ursachen des Auf- standes auf Ponapc und der Situation nach der Ermordung der vier Beamten. Wir sahen, daß der Aufstand durch über- gcbührlichen Arbeits zwaitg und einem Prügel- akt an einem Eingeborenen hervorgerufen worden war, daß aber die Insurgenten sich nach der Bluttat und dem ver- geblichen Versuch, die eigentliche Kolonie anzugreifen, in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen und jeder Iveiteren Gewalttat ent- halten hatten. Weiter stellte der Bericht des Dr. Girschner fest, daß alle übrigen Stämme Ponapes sich sofort mit allerEntschiedenheit ans die Seite der Regierung geschlagen hatten. Angesichts dieser ganzen Situation forderten wir ein besonnenes V o r g e h en und Äerm e i d u n g jedes unnützen Blutvergießens. Nun veröffentlicht aber ein Blatt den Brief eines Mannes von der Besatzung deS nach Ponape entsandten Kreuzers„Cormoran", der von einer geradezu abentcuer- lichen Phantasie und einer Aufgeregtheit zeugt, von der wir hoffen, daß sie in den leitenden und ver- a n t w o r t l i ch e n Kreisen auf Ponape nicht geteilt wird. In dem Brief heißt es: „Heute sind wir hier angelangt, und waö wir vorgefunden haben, läßt ja gerade nichts Gutes erhosten. Die Bande ist hier wild, hat moderne Gewehre, Dynamit, sogar vermutet man bei ihnen ein Geschütz.(?) Tie Weißen liegen in ver- schanzten Lagern.„Germania", die drei Wochen hier lag nnd schwarze Soldaten brachte, geht morgen weg nno wird dann jedenfalls von Zj/up ein Telegcaun» an das Kreuzergeschwader schicken, worin um Entsendung zweier Kreuzer f ebeien wird. Aller» werde» wir der Sache nicht »err. Wir dürfen nämlich keine Schwäche zeigen, da bann zu be» fürchten ist. daß neutrale Stämme zu den Aufruhrern übergehen. Wir machen nun für die Hauptaklion alles klar. Nachher werden dann die vereinigten Landungölorps die Insel, auf der jetzt ine Aufrührer ihr Lager haben, besetzen. Die Scknffe werden pe jedenfalls m i t G e s ch ü tz e u a u f st ö b e r n.»nd was dam» ent- fliehen will, na, damit dürften dann die Landungstruppen auf- räuincn. Svaßen werden wir mit d e r B a n d e n i ch t. Es ist haarsträubend, wie anmaßend die Gesellschaft ist. Selbst die Schiffe wollten sie überfallen. Na. siesolle» sich wundern. Gerade geben sie Signal mit Feuern. Möchten sie dock so dumm sein und unseren„Cormoran" überfallen. Morgen schissen wir unser LandnngslorpS auö. Man weiß zwischen dem Trubel kaum noch, wie einem der Kopf steht. Wir schlafen jetzt unter geladenen Kanonen und Gewehren." Der Briofschreibcr gefällt sich entweder in bewußten Uebertreibungen oder er ist das Opfer einer h ö ch st seltsamen A e n g st l i ch k e i t. Daß die Aufständischen, die höchstens 200 Köpfe zählen, eine Anzahl Gewehre be- sitzen, ist richtig, aber der größte Teil von ihnen ist nur sehr unzulänglich bewaffnet. Das in ihren Händen befindliche Geschütz eristiert vollends nur in der aufgeregten Phantasie unseres Sechclden. Nach der eingetroffenen Per- stärkung durch die von der„Germania" gebrachten Polizei- soldaten dürften die Weißen auch ohne die Besatzung deS „Cormoran" den Aufständischen mindestens gewachsen sein— auf dem„Cormoran" befindet sich aber eine Besatzung von 160 Mann. Inzwischen sind auch die Kreuzer„Emden" und „Nürnberg" in Ponape eingetroffen, zwei Schiffe, die mehr als doppelt so groß sind, lvie der„Cormoran" und dem- gemäß auch eine weit stärkere Besatzung führen. Angesichts einer solcken Kriegsmacht wäre ein unnötig scharfes Vorgehen und übereiltes Blutvergießen ganz unentschuldbar! Zur clsast-lothringifchen Vcrfassungs- und Wahlrechts- frage haben die in Elsaß-Lothringen errichteten Ortsgruppen d-S Hansabnndes an Regierung und Reichstag eine Eingabe gc- richtet, worin sie eine stimmberechtigte Vertretung des Landes im Bundesrat verlangen,„weil nur ein stimmberechtigter Vertreter in der Lage ist, die Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie in Elsaß-Lothringen in der richtigen Weise zur Geltung zu bringen". Ferner verlangt dcx Hansabund eine stärkere Vertretung von Gewerbe. Handel und Industrie in der Ersten Kammer: die Handelskammern von Metz und Straßburg sollen je zwei, die von Colmar und Mülhausen je einen Vertreter erhalten, die Handwerkskammer aus jedem der drei Bezirke einen; außerdem der zur Handelskammer nicht ivahldcrcchiigte Kaufmannsstand mit deir Privatange stellten drei Vertreter. Das wären zusammen zwölf Vertreter der Handwerter- und jtaus- Mannschaft, wovon d i e Privatange st eilten s ich mit den zur Handelskammer nicht wähl- berechtigten Kaufleutcn glücklich in die letzten drei teilen dürften!... Ein hübsches Beispiel, wie der Hansabund die Interessen der Massen von Privarangestellten prozentual zu vertreten lassen gedenkt!— Endlich verlangt der Hansabund als Voraussetzung für die Gewährung des Wahl- rechte» zur Zweiten Kammer die Vorschrift des ein- jährigen Wohnsitzes in Elsaß-Lothringen, an Stelle des in der. Vorlage geforderten ein- bezw. dreijährigen Wohnsitzes im W a h t k-r e i s e. Die Anträge zur Zusammeilsetzirng der Ersten Kammer be� flätige» die bereits vorhandene Annahme, daß die Herren Liberalen und bürgerlichen Tcmokraicn, die im tzaiisabund auch in Elsaß-Lothringen die führende Rolle innehaben, sich mit der Einsetzung eines reichsländischen Oberhauses recht gerne abfinden, vorausgesetzt nur, daß das industrielle und Handelskapital in diesem Oberhaus einen bestimmenden Einfluß ausüben darf. In Mülhausen i. E. ist der bisherige liberale Partei- s e k r e t ä r, Herr Schaeffer, im Nebenamte nun noch Sekretär de? Hansabundes. Man muß sich nur zu helfen wissenl Fortschrittliche Sehnsucht nach dem alten Block- Verhältnis. Daß die Fortschrittler trotz aller oppositionellen Bramar- basierereien unglücklich über den Zerfall ihrer Freundschaft mit der Regierung sind, ist bekannt; weniger bekannt ist jedoch, daß sie sich eifrig bemühen, die verlorene Gunst zurückzuerobern. Geht daS nicht auf geraden Wegen, dann stoßen sich die tapferen Fortschrittler auch nicht an krummell Wegen— zumal wenn diese über gute Diners führen. In der„Weierzeitung" schwärmt ein sortschrütlicher Parlamentarier(Hormanu-Bremen) von den Erfolgen des letzten KanzterdinerS: „Der Kanzler ist den meisten Parlainentariern persönlich gut bekannt, amd der KreiS der geladenen und gebctenen wächst mehr und mehr.� Zugleich aber wächst damit— und das ist das Erfreuliche— bei diesen fortgesetzten Gesprächen und Diners zu beider Nutzen ein gegenseitiges Ver- st ä n d n i S für die Pflichten und Aufgaben, die den Kanzler ebenso gut wie die Parteiführer binden. Herr v. Bethmann Hollweg hat bei dieser näheren Bekanntichaft— daö tönnen wir nach dem sicherlich eiiiivandsreicstcn Zeugnis eines freisinnige« Parlamentariers ausdrücklich bestätigen— stets gewonnen. Die Annahme der Unduldsam- keit deS sünfieu Kanzlers, das in den ersten Ansängen seiner � Amtszeit wegen seiner taktisch gewiß verständigen Reserve der Presse gegenüber einstanden war. ist längst als unzutreffend zurückgeiviesen lvorden. Wir wissen auS dem Munde zweierAbgeordnelen— eines national- liberalen und eines freisinnigen Parlamentarier«— ganz genau, daß der Kanzler im Gegenteil mit der größtenLiebenS- w ü r d i g k e i l und vor allein mit den» größten Ernste Darlegungen, die ihm von ander« politisch Gesinnten gemacht werden, anhört. Er geht dabei auf das eingeschlagene Thema mit einer derartigen Gründlichkeit ein, daß die Ge- spräche, die sich meist langhin ausdehnen, noch wieder« holt in späteren Bespretlningcn nnd Reden nachklingen. Wenn der Kanzler dabei die Vorliebe hat. seinen Partner gern von seiner eigenen Anschauung zu überzeugen, so ist daS «ine begreifliche Leidenschaft für einen Staatsmann, der bei her so großen Zersplitterung und Verschicdenartigleit der Parteien einen Rückhalt für seine Politik sich erst von Fall zu Fall schaffen muß." Wie bescheiden doch die Fortschrittler vor der Regierung stchen: sie sind schon zufrieden, wenn Lethinauu Hollweg sie nichr geradezu auslacht. Mehr ist ivirklich von einer„Opposition" nicht zu ver- langen. Reichstagsivahlvorbereitungen im Weste«. Herr B a s s e r m a n n hat am Sonntag in Duisburg eine Rede gehalten, die als die Einleitung des Wahlkampfcs der bürgerlichen Parteien im Westen betrachtet werden kann. ES ünr die üblude Basieunann.Rede, die viel mit nationaler Gc» jinnuiig und KönigStrcue arbeitcie» Für die Monarchie, gegen die Sozialdemokratie, gegen ÄleritaliSmuS und reaktionäre Ver- dummtmgSbestrekmngen k Das war der Kampfruf, die Wahl- Parole des nationallideralen Führers. Ter Blick in die Zukunft, den der Redner zum Schluß tat. ließ natürlich den liberalen Ge- danken in hellstem Licht erstrahlen. Einige Würze erhielt die Versammlung durch das Auftreten des Parteisekretärs der Freisinnigen Volkspartci, Herrn Schlie aus Düsseldorf. Dieser erklärte, daß ein Zusammengehen des Nationalliberalismus mit der Freisinnigen Volkspartei in der Rheinprovinz nötig sei. Dafür scheine man aber im hiesigen Wahlkreise kein Verständnis zu haben. Das nationalliberale Parteiorgan, die„Rhein- und Ruhr-Zeitung", Hetze beständig gegen die Freisinnige Volkspartei. Zudem sei, wie er bestimmt wisse, ein Wahl ab kommen zwischen National- liberalen und Ultramontanen in der Rhein- Provinz getroffen. Die Verhandlungen seien zwar nicht öffentlich, aber tatsächlich gesührt worden. Der Vorsitzende der Versammlung, Fabrikbesitzer Liebreich (Duisburg), erklärte, daß auch er ein Zusammengehen der Nationalliberalen und der Freisinnigen Volkspartei wünsche, doch nach dem Verhalten des Freisinns zu urteilen, scheine es diesem an der Geneigtheit dazu zu fehlen. Bon einem Schacher zwischen Nationalliberalen und Ultramontaneu sei ihm. als dem Partei- chef, weder offiziell noch inoffiziell etwas bekannt; nicht das geringste sei in dieser Beziehung verhandelt worden. Daß ein lokaler Parteiführer nichts von der Sache weiß, gibt noch kein Recht zu dem Schluß, daß überhaupt keine Vcrhand- lungcn zwischen Nationalliberalen und Ultramontanen statt- gefunden haben. Man weiß, daß beiderseits in einflußreichen Kreisen die Neigung dazu vorhanden ist. Und übrigens: Was nicht ist, das kann ja noch werden. Liberales Wahlabkommen für Schlesien. Zwischen der Fortschrittlichen Volkspartei und der national- liberalen Partei in Schlesien haben im engeren Kreise Verbandluiige» über ei» geineinsames Borgeben bei den kommenden Reichstags- Wahlen stattgefunden. Die Verhandlungen haben über die B e r- t e i l u n g der s ch l e s i s ch e n W a h l k r e i s e an beide Parteien ein U e b e r e i n k o m m e n ergeben, das den Wahlkieisorganisatiouen beider Parteien zur Zustinmiuug vorgelegt werden soll. Fortschrittliche Kandidatur für töiefien-Nidda. Für die NeichStagSersohivahl im Kreise Gießen-Nidda ist von den Forischritilern Pfarrer Äorell- Königsslälten als Kandidat auf- gestellt worden._ Oeftcmtch. Die AnSwcifuugcn aus Preußen. Budapest, 3l. Januar In der österreichischen Delegation be- tonte K o z l o w s k i, der Poleuklub bringe stets sein Mitgefühl für die von der russischen und der preußischen Regierung verfolgten Landslente mit den österreichischen Reichs- interessen in Einklang. Die häufigen Ausweisungen von Slawen. namentlich von Polen, ans Preußen, lege er nicht dem deut- schen Volke zur Last, da sich das deutsche Parlament wieder- holt dagegen ausgesprochen habe. Er frage aber, was Deutsch- land sagen winde, ivenn man iu O c st e r r e i ch E l s ä s s e r oder W e st s a l e n nur für eine gewisse Zeitperiode als Arbeiter auf- nehmen dürfte._ Der polnische Studentcnstrcik. Lemberg, 3t. Januar. Die Hörer der Universität und der Tech nischen Hochschule sind, wie wir bereits gestern kurz mitgeteilt haben, in einen Sympathiestreik für»hre Kollegen in Krakau eingetreten. An der Univetsttät wurden im Hanpt- gebäude heute ungehindert Vorlesungen abgehalten.— An der Tech- nischen Hochschule finden keine Vorlei uage» statt. Mehrere Fensterscheiben dcS Gebäudes wurden zertrümmert; in den Korridoren tvUlden Bänke als Barrikaden aufgestellt. Sdnvel2. Ein Sieg des Fortschritts. Zürich, 30. Januar.(E!g. Der.) In der gestrigen Volksabstimmung im Kanton Zürich sind alle vier Gesetzesvorlagen angenommen worden: der Veriassinigs- artikel über die Wählbarkeit der Frauen mit 3l 054 gegen 22 178, das RechtSpflegegesetz mit 38 323 gegen 13 385, das Brandversicherungsgeietz mit 42 10t gegen nur 1 1 337 und das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb mit 84 571 gegen 21 374 Stimmen. DaS letztere Gesetz wollte unsere Partei verwerfe»; da sie aber eine eigentliche Gegeuagilation nicht entfaltete, so ist das Gesetz gegen eine nicht außeroroentlich große Minderheit angenommen worden. Etwas größer ist die Minderheit gegen die Wählbarkeit der Frauen. Mit der gleichzeitigen Annahme des RechtspflegegesetzeS ist die Wählbarkeit der Frauen in die Ge- werbegerichie beschlossen. Irren wir nicht, so geht der Kaiiton Zürich mit dieser fortschrittlichen Nencrung der ganzen übrigen Schweiz als nachahmenswertes Vorbild voran. frattkrnck. Die Pariser Gemeinde-Ersatzwahlen. Pari», 30. Januar.(Eig. Ber.) Das charakteristische Moment der kommunalen Ersatzwahlen, die gestern durch den zweiten Wahlgang ihren Abschluß gefunden haben, ist die offenbare Z e r- bröckelung des bürgerltchen Radikalismus. Längst ist die Zeit dahin, wo sich die Oppositionslust des Pariser kleinen Mannes demokratischen Ideen zukehrte. Bei den diesmaligen Wahlen haben die Reaktionäre ein Mandat gewonnen und die Radikalen einige tausend Wähler verloren. Das eroberte Mandat ist das des fünften Arrondissements, des Jntelligenzbezirkes der Sarbonne, in dem allerdings neben vielen Intellektuellen auch eine Menge Kleinbürger wohnt. Es war bisher in den Händen des„unabhängigen Sozialisten" Andre Lefevre, der im Mai zum Deputierten gewählt worden ist. Sein reaktionärer Gegenkandidat war der Exklerikale Robaglie. der sich jetzt allerdings„Progressist" nennt. Diesmal kam Robaglie im ersten Wahlgang mit 1805 Stimmen an die Spitze, nach ihm Genosse P o l i mit 856 Stimmen, dann erst ein«unabhängiger Sozialist" mit 603 und ein Radikaler mit 385 Stimmen. In der Stichtvahl drang Robaglie mit 2177 Stimmen durch. Poll erhielt 1720. Drei, bis vierhundert bürgerliche radikale Wähler haben also für den Reaktionär gestimmt. Jedenfalls scheidet der Radikalismus, auch in seiner„unabhängig-sozialistischen" Spielart als Kon- kurrent der Reaktion aus, für die er vorgearbeitet hat.— Die geeinigte Partei kann mit dem in diesem Bezirk Erreichten sehr zufrieden sein, im ganzen auch mit dem Ergebnis in den zwei Bezirken, wo sie Mandate zu verteidigen hatte. Im 12.Arrondifle- ment war ein Gcmeindcrat an der Stelle des zum Deputierten gewählten Genossen C o l l y zu eruennen. Die Situation war insofern für die Partei schwieriger als das letztemal, als Colly in seiner langen Wirkungszeit im Bezirk viele persönliche Sym- pathien erworben hatte. 1303 war er im ersten Wahlgang mit 1405 gegen 763 Stimmen eines radikalen„Unabhängigen" ge- wählt worden. Die Partei stellte den aus Anlaß des letzte» Streiks gemaßregelten Eisenbahner Maxim auf, mit Rücksicht auf die zahlreichen im Bezirk ansässige» Angestelllcn der Paris- Lyoner Bahn. Er bekam im ersten Wahlgang 924 Stimmen, ein Radikalsozialist 4!2 und 700 Stimmen entfielen auf eine Reihe Perantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: anderer verschieden schillernder Kandidaten. Im zweiten Wahl- gang drang er mit 1220 gegen 903 Stimmen des Radikalsozialisten durch.— Im 18. Arrondissement wurde Genosse Jean Baren ne, ein Bruder des bekannten Extremreformisten, mit 4064 gegen 2763 progressistische Stimmen gewählt. Der Bezirk war bisher vom Ministerialisten Tu rot vertreten, der erst vor kurzem, zu- gleich mit seiner Demission, seinen sehr verspäteten Rücktritt aus der Partei erklärt hat. Natürlich hatte Varenne nicht aus die bürgerlichen Stimmen zu rechnen, die 1903 Turots Stimmenzahl auf 6559 gebracht hatten, gegen 4436 eines Radikalsozialisten. Vor einer Woche bekam Varenne 4054, der Reaktionär 2262, der radikalsozialistische Kandidat von 1908 nur 1977, ein anoerec Radikaler 871 Stimmen. Gegen den ersten Wahlgang hat Varenne gestern, wie man ficht, nur 14 Stimmen gewonnen. Das Mandat ist also von der Partei aus eigener Kraft behauptet worden. Ter bürgerliche Radikalismus aber ist weit zurück- gedrängt und wird als Bekämpfer des Sozialismus durch die progressistische Reaktion ersetzt. Portugal. Die Nesormen. Die Berliner portugiesische Gesandtschaft teilt mit: Die pro- visorische Regierung hat die Ruhe der letzten Woche aus- genutzt, um das Werk des nationalen Wiederaufbaues fortzusetzen. Unter anderem wird eine Reform des Elementarunter- r i ch t s vorbereitet. Demnächst wird das Dekret veröffentlicht werden betreffend die Einführung des obligatorischen Standesa mtsregi st ers unter Zulassung der nachträglichen Eintragung in die Kirchenregister. Zur Vermeidung der Duelle sind Ehrengerichte geschaffen worden. Die Arbeitseinstellungen haben fast ganz auf- gehört. Mehrere Schiedsgerichte wurden eingesetzt zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmern, so jüngst in Setubal. Auch an den militärischen Wiederaufbau ist man herangetreten. Durch freigebige Maßnahmen wird die Lage der Offiziere und der Soldaten verbessert. Die Zahl der Frei- willigenbataillone nimmt zu und ihre Mannschaften üben alle Sonntage in den Kasernen. Man versucht auch einen Bund der Schützengesellschaften zu bilden, um so aus jedem Bürger einen Soldaten zu machen. In den einzelnen K o- l o n i e n macht sich eine Bewegung geltend, die Autonomie und die Beruhigung der Kolonien durch die Freiheit und die Erziehung der Eingeborenen zu erzielen, um so die kostspieligen und grau- samen kriegerischen Expeditionen zu vermeiden. Englanci. Aiisammcntritt des Parlaments. London, 31. Januar. Das Parlament ist heute nachmittag wieder zusammengetreten. Da aber seit seiner Vertagung allge- meine Wahlen stattgefunden haben, müssen erst verschiedene For- malitäten erledigt werden, bevor die wirkliche Eröffnung der Session durch König Georg in Person stattfinden kann, vor allem die Wahl des Sprechers und die Eidesleistung der Mitglieder des Unter- Hauses. Für das Amt des Sprechers wurde Mr. Lowther ein- stimmig wiedergewählt. Der einzige Zwischenfall bei der Wiederwahl des Sprechers war ein Protest des unabhängigen Ratio- nalisten G i n n c l l, der unter dem ironischen Gelächter des Hauses darüber Klage führte, daß die unabhängigen Nationalisten durch die Tätigkeit des Sprechers und seines Stellvertreters von einer an- gemessenen Teilnahme an den Debatten ausgeschlossen seien. Der Protest wurde aber nicht ernst genommen und Lowther ohne Oppo- fition zum Sprecher wiedergewählt. Da die Krone zur Wiederwahl ihre förmliche Zustimmung geben muß, vertagte sich das Haus nach der Wahl sofort wieder auf morgen. Sdnvecleu. Antimilitaristische Anträge der Sozialdemokratie. Stockholm, 27� Januar.(Eig. Ber.) Gemäß ihrem Partei- programmpunkt:„Sukzessive Verminderung der Militärlasten bis zur Abrüstung" hat die sozialdemokratische Rciebstogssraktion heute in beiden Kammern drei verschiedene Vorschläge eingebracht, die eine Herabsetzung der Milrtärausgaben von jährlich 20 Millionen Kronen zum Ziele haben. Unter anderem wird Abschaffung der Militärmusik in Heer und Flotte verlangt, Einziehung bestimmter Truppenteile, Verminderung anderer, sowie namentlich der nicht waffenfähigen Mannschaften von 4000 auf 1000 Mann, und Herab- setzung der Dienstzeit von 8 auf 6 Monate. Im übrigen wird eine Aenderung in der Zusammensetzung des Ministeriums in der Weise verlangt, daß das Kriegs- und das Marineministerium in ein Landesverteidigungsministerium zusammengelegt werden. Gewerkschaftliches siehe Spitze der 3. Beilage. Hus der Partei. Barteiliteratur. „Die sächsische Volksschule und ihre Reformen" von Paul G ö b r e. Preis der 32 Seiten starken Broschüre 15 Pf. Verlag von Landgraf u. Co. in Chemnitz. Die sächsischen Parteigenossen entfalten in den nächsten Wochen und Monaten eine intensive Massenagitation, deren Zweck die Ver- besseruiig der zurzeit geltenden Scknilgesetzgebung ist. Bei diesen, Bestreben wird die Schrift des Genossen Göbre, die in knapper und allgemeinverständlicher Form die programmatischen Forderungen der Sozialdemokratie für die Volksschule entwickelt, eine wirksame Unter- stützung der mündlichen Propaganda bilde». Die lieben Arbeitswilligen. Wegen Versündigung gegen§ 153 der Gewerbeordnung und K 185 des Strafgesetzbuches(Nötigung durch Ehrverletzung zur Teil- nähme an Arbeitseinstellungen und öffentliche Beleidigung) wurde der verantwortliche Redakteur der„Mülhauser Volks- z e i t u n g Genosse Gustav Hammer, von der Strafkammer Mülhausen i. E. zu 100 M. Geldstrafe verurteilt. Der Staatsanwalt hatte vier Wochen Gefängnis und 60 M. Geldstrafe beantragt. ES handelt sich um drei Artikel, durch welche sich während des Klempner- und Schreinerstreiks vier Arbeitswillige(ein Klempner. zwei Installateure und ein Möbelschreiner) beleidigt fühlten und Sirafantrag stellten. Natürlich wurde den beleidigten Arbeitswilligen zugleich die PublikatioilsbefugniS zugesprochen. Soziales. Der Streik der Arbeitgeber in der Allgemeinen Ortskrankcnkasse zu Potsdam. Drei Arbeitgeber im Vorstand der Potsdamer Ortskrankenkasse hatten bekanntlich ihren Posten niedergelegt, weil die Arbeiter einen Schriftsetzer zum Vorfitzenden gewählt hatten. Wir hatten bei der Meldung hiervon bereits dargelegt, daß die Vorstandsmitglieder hierzu kein Recht hoben und durch das Sichfernhalten von den ihnen übertragenen Pflichten aufs gröbste ihre Pflicht verletzten. Derselbe Rechtöstaiidpunkt ist den Herren nun von der AnfsichtS- behörde klargemacht. Sie haben daraufhin ihre Obstruktion aus- gegeben._______ xh.«locke, Berlin. Trucku. Verlag-Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstakt Hetzte Nachrichten* Die Strafexpedition auf Ponape. BerNn, 31. Januar. Ueber die militärische Aktion gegen die ausständischen Eingeborenen der Insel Ponape ist beute der nach- stehende telegraphische Bericht von dem rangältestcn Seeoffizier, Fregattenkapitän Bollerrhun, Kommandant der»Emden", ein- gelaufen: „Die vorgefundene Lage war folgende: Zweihundertfünszig ans- ständische Tschokadschleute, mit neunzig Gewehren bewaffnet, hatten sich auf der Dschokadschinsel ans einem etwa 300 Meter hohen, steilen und fast unzugänglichen Felsen in einem stark befestigten Lager verschanzt. Der Zugang zu dem Lager war von, Feinde zer- stört worden. Den Uclicrgang nach der Hnuptiiiscl Ponape hatten die Potizcitruppc» abgesperrt und damit die Kolonie vor Ausfällen gesichert. Den Absperrnngsgürtel nach der Hauptinsel ließ ich durch ein zusammengesetztes Landungskorps von„Emden.„Corinoran" und „Planet" verstärken. Nach See zu übernahmen zunächst„Nürnberg" und „Planet" die Blockade der Ausständischen. Am 13. Januar morgens begann die Beschießung der feindlichen Stellung durch„Emden" und„Eornioran". Dann wurde das Laudimgskorps„Nürnberg" zusammen mit bnnderi Polizeisoldaten auf der Westseite der Halbinsel Dichokadich gelandet. Die Truppen besetzten das Borgelände, ohne auf Widerstand zu stoßen. Mit einem unerwarteten Angriff wurde dann durch das LaudungSkorpS das Hochplateau erstürmt und der überraschte Feind floh nach kurzem Widerstand auf die untere Insel. Der Gegner verlor drei Tote. Sieben Männer sowie vier« zehn Frauen und Kinder wurden gesangen genommen. Auf un- s e r e r Seite fiel ein Polizeisoldat, schwer verwundet wurde der Leutnant zur See v. Prittwitz und Gasfron (Schuß in Oberarm, Knochen zersplittert. Arm bleibt erhalten) und ein P o l i z e i s o l d a t. Bis zum 18. Januar wurden die Versuche fortgesetzt, die Insel von dem Feinde zu säubern. Dabei wurden 39 Männer und 84 Weiber und Kinder gefangen genommen. Die Durchführung der Untcrnehmuilg wurde durch zahlreiche schwer zugängliche Höhlen erschwert. Voin 13. bis 25. Januar wurden durch zwei Kolonnen Streif- züge durch die Heimat der Dichokadschleute mid die Halbinsel Paliker unteriiominen.„Corinoran" nahm eine Beschießung der Gegend von Tomara vor. um die auf die Hauptinsel über- getretenen Aufständischen von Kiti(einer Niederlassmig an einer Bucht im Südtveilen der Insel) abzuschneiden. Die Gesamtzahl der Gefangenen beträgt bisher achtundsiebzig Männer, ei nbundertfünfund siebzig Frauen neb st Kindern. Fm.f Männer, die am Blutbad vom 16. Oktober beteiligt waren, sind unter den Gefangenen. Unter der Füh- rimg der Häuptlinge Jomatau und Samuel sind noch e l w a sechsundvierzig Aufrührer mit Gewehren be» wasfnet aus der Hauprinsel Ponape und auf Dscho- lad sch zerstreut. Durch f o r t g e s e tz t e S t r e i sz ü g e und durch energischen Druck auf die loyalen Stämme, bei der Auffindung der Rebellen behilflich zu sein, wird versucht, auch diesen letzten Rest zu ergreifen. Sehr erschwert werden die »lilitärischen Operationen durch das»nwegsame Gebirgsland und den tropischen Busch. Für die Beendigung der Aktion läßt sich daher ein Zeitpunkt noch nicht angeben. Verminderung der Seestreitkräfte ist zurzeit nicht angängig. Der Begleitdaii.pfer„Tirania" wartet bis zum 4. Februar ta Jap auf telegraphische Befehle." Der Bericht ist nicht besonders klar. Anfangs wird von 250 Auf- ständischen gesprochen. Davon sind 3 gefallen, 73 gefangen und 46 mit Gewehren Bewaffnete entkommen. Das sind zusammen erst 127 Mann. Was ist denn aus der r e st l i ch e n H ä l f t e geworden? Sind sie ebcnffills entkommen? Oder sind sie gefallen? Und zählten die 250 Mann an Angehörigen zusanrmen nur 175 Frauen! und Kinder? Das wäre doch sehr u n w a h r s ch e i n Nph Ein klarerer Bericht wäre also dringend zu Wumchen! E r st dann wird sich erkennen lasten, ob bei dem Borgehen die Gebote der Humanität beobachtet wurden und ob die Art d«S Vorgehens überhaupt zweckentsprechend war! Drohender Bergarbeiterstreik im Saargebiet. Metz, 31. yanuar.(B. H.) In Merlenbach(Kreis Forbach) beabsichtigen die B e r g l e u t e der Saar- und Mosel-Bergwerksgesellschaft in den Streik zu treten. Die Belegschaft beträgt zirka 3l)(1V Mann; sie fordern bessere Löhnung, größere Betriebssicherheit, bessere Behand- liing und eine Verminderung des Dagcnnullens. Dem Streik soll sich auch die Belegschaft derselben Gesellschaft auf Spittek anschließen._ Die Interpellation über den Bergarbeiterstreik in der belgischen Kammer. Brüssel, 31. Januar(B. H.) Heute gelangte in der Kammer die Interpellation der sozialistischen Abgeordneten de Jardia und Donnay über den jüngsten Bergarbeiterstreik zur Beratung. De Jar- diu verlangte vom Arbeitsminister Aufklärung über den unverfShn- liche» Geist, welcher unter der kapitalistischen Klasse herrsche, wäh- rend die Arbeiterklassen eine sehr versöhnliche Haltung an den Tag gelegt haben. Geborstene Ordnungssäulen. Schweidnitz, 31. Januar.(W. T. B.) Die Straf- k a m m e r verurteilte heute nacht den Lehrer Karl Sommer aus P o l s n i tz bei Freiburg wegen schwerer Urkundenfäl» schung, Verleitung zniil Meineid und wissentlich falscher An» schuldigung zu 3� Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Ehr- Verlust, seine Ehefrau wegen Urkundenfätschung zu vier Monaten Gefängnis, den früheren Lehrer Grünig wegen Bei- Hilfe zur Urkundenfälschung und Begünstigung zu sechs Mo- uaten Gefängnis und zwei Jahren Ehrverlust. Darmstadt, 31. Januar.(W. T. B.) Die Straf» k a m m e r verurteilte den Landtagsabgeordneten und frühe- reu Bürgermeister Adam Scelingrr aus Lampertheim wegen Erhebung zu hoher Gebühren, deren er sich in seiner Eigenschaft als Ortsgerichts vor st eher und Standesbeamter bis März 1901 in zahlreichen Fällen schuldig gemacht hatte, zu drei Monaten Gefängnis. Vier Personen erstickt. Innsbruck, 31. Januar.(W. T. B.) Durch Einatmen von Kohlendämpfen verunglückten in V i l s vier auf dein dortigen Zementwerk beschäftigte reichsitalienische Arbeiter, ein Vater mit drei Söhnen. Die Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Die Verunglückten hatten, um sich zu wärmen, in den Schlafstätten ein offenes Feuer angemacht und unachtsamerweise vor dem Schlafengehen die Türen geschlossen. Verheerende Schneestürme in Südrußland. Petersburg, 31. Januar.(W. T. B.) Aus ganz Südrußland und von der ganzen Küste des Schwarzen Meeres werden Schneestürme gemeldet, durch die der Bahnverkehr gestört wird. Zum Teil mußte er sogar eingestellt werden. In Rikolajew im Gouver» nement Chersson konnten die Dampfschiffe und Eisbrecher nicht landen. Der Schiffsverkehr mit Odessa hat aufgehört. Der Abendzug von Nikolajew nach Chersson ist im Schnee stecken ge, blieben. P: Das Gesetz wird für das Reich wirb liche Mehreinnahmen bringen, aber höchstens kann das bis 1914 geschehen, solange der erhöhte Umsatzstempel besteht. Dem Gründl besitz bringt es Belästigung, aber keine Belastung. Man könnte eS nennen: Gesetz zur Abwehr gründlicher Kommunal- besteuerung zum Schutze der Bodenspekulanten. Diesem Gesetz kann ich daher nicht zustimmen. Abg. Dr. Südekum(Soz.): Als wir gestern die Kompromihanträge auf den Arbeitstisch ae- legt bekamen, traute ich meinen Augen nicht; die Unterschriften be- deuten nichts mehr und nichts weniger als daß nunmehr sämtliche bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Polen sich zu einem Kompromiß zusammengeschlossen haben. Vom Standpunkt der Linken aus ist es aber nur ein Leoninischer Ver- trag, bei dem also der Löwenvorteil der anderen Seite zufällt. Den Freisinnigen ist eben wieder ei»mal das Herz in die Hosen gefallen, sie haben fluchtartig die Fahne verlassen, der die bisher gefolgt find und schlichen sich dem blau- schwarzen Steuerblock an. weil sie die glorreiche Ver- einsamung fürchten. Herr C u n o bringt das Opfer seines persön- lichen Intellekt«, um für ein Gesetz zu stimmen, dessen Schwächen er ebenso gut kennt wie wir und dessen städtefeindlichen Charakter et in der zweiten Lesung treffend gekennzeichnet hat. Jetzt fehlt nur noch, dast die Freisinnigen sich mit den Herren von der polnischen Fraktion auch zur Wiedereinführung der Steuerfreiheit der Fürsten vereinigen; wir werden ihnen Gelegenheit geben. öffentlich zu bekennen, w i e sie sich dazu stellen, indem wir bei diesem Paragraphen namentliche Ab st im m u n g beqntragen werden. Dann können ja die Herren, denen ein funkelnagel- neuer Orden als unverdienter Wertzuwachs zuteil geworden ist, ihre Dankbarkeit bezeugen.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Und diejenigen, die bisher leer aus- gingen, könnten sich dabei in empfehlende Erinnerung bringen. Die Kompromistanträge bringen neue Ermästigungen, neue Ausnahmen, neue Vergünstigungen und schwächen das Gesetz der- artig ab, daß wir dagegen stimmen werden, auch wenn wir ganz allein stehen. Den Gedanken der Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses hat meine Partei freudig b e g r ü st t und in allen Stadien der Verhandlung haben wir uns bemüht, an der Verbesserung des Ge- setzes mitzuarbeiten. Leider wurden wir fast regel- mästig allein gelassen. AuS einem bloß technischen hat sich der Entwurf zu einem politischen Gesetz entwickelt. Den ausgepowerten Massen, denen man bOO Millionen meist indirekte Steuern aufgezwungen hat, lediglich zu dem Zweck, den Geldbeutel der wirklich Zahlungsfähigen zu schonen, soll durch die Aufschrift„Besitzsteuer" weisgemacht werden, Sie wollen ihre Sünden von 1909 wieder gutmachen. Aber diese.Besitzsteuer" ist ein Messer ohne Heft und Klinge. Die sprichwörtliche Steucrscheu der Besitzenden hat Sie zu dieser Aushöhlung der Zuwachssteuer getrieben und dazu kam die politische Erwägung, unS das Gesetz unannehmbar zu machen, um sagen zu können: Die Sozialdeniokralen haben gegen die Besitzsteuer gestimmt. Nun, wenn Sie dem politischen Ausgang dieser Affäre so ruhig entgegensehen wie wir. dann dürfte ich Ihnen gratulieren.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Schatzsekretär must sich bei diesem Gesetz doch unwillkürlich fragen, was man mit seinem armen Kinde ge- macht hat. Sein Entwurf war ja kein Meisterstück, aber doch immer- hin ein brauchbares Gesetz. Freilich fehlte auch dem Entwurf da« energische Zupacken, die Verfasser des Entwurfs sagten sich nicht, dast durch die vielen Ausnahmen nur der Appetit nach weiteren AuS- nahmm gereizt werde. Herr Arendt hat sich sofort in die Schwächen deS Gesetzes hineingehängt und hat immer mehr von den Herren auf seine Seite bekommen. In seiner heutigen Form kann daS Gesetz nicht mehr als Befitzstener angesehen«erden, «» wird vielleicht nicht einmal so viel bringen, dast die Ansprüche der Kriegsteilnehmer befriedigt werden können. Seit Herr Wer- muth auS Versehen Staatssekretär geworden ist, hat er viel und schnell zugelernt, am raschesten hat er das Um- lernen gelernt. Anfangs räumte er keine Position ohne Protest und ohne die Versicherung, er wolle versuchen, sie wieder zu erobern. Als wir uns aber bei der zweiten Lesung auf die Regierungsvorlage zurückzogen, hat er nicht einmal den Versuch gemacht, sie zu retten. Dabei weist er, dast sogar das Scheitern deS Gesetzes seinen Grundgedanken nicht mehr umbringen könnte, jeder kommende Reichstag würde ihn wieder auferstehen lassen. Der Schatz- sekretär ist eben ein Teil des Kabinetts von Bethmann Hollweg, und weil dieses sich in den Dienst des schwarzblauen Blocks gestellt hat, tut er cS auch. Nachdem der Eltrag des Gesetzes durch zahllose Abschwächungen und Ausnahmebestimmungen auf ein Minimuin zusammengestrichen ist. nachdem der Zeitpunkt seines Inkrafttretens vom 12. April 1919 ans den 1. Januar 1911 verschoben und dadurch für das erste Jahr drei Viertel des Ertrages g e st r i ch e n find, kann der Schatzsekretär nicht mehr behaupten, die Balancierung des Etats und die Versorgung der Kriegs- teilnehmer hängen von dem Zustandekommen dieses Gesetzes ab. Entweder war der Ertrag für den Etat notwendig, dann kann die Regierung das Gesetz, wie es jetzt aussieht, nicht annehmen— oder sie nimmt eS an— dann bestätigt sie, dast der ursprünglich fest- gesetzte Ertrag nicht notwendig war. Wir werden aber den Gedanken der Fürsorge für die Kriegsteilnehmer nicht untergehen lassen und unterbreiten Ihnen denselben Antrag wie bei der zweiten Lesung. Sie wollen den Kriegsteilnehmern sagen, die Sozialdemokraten haben gegen dieses Gesetz gestimmt, doch werden Sie damit keinen Erfolg haben. denn nicht alle Veteranen gehören dem Schlage Feldmann an.(Sehr richtig! bei den Sozialdem.) ffür die Kriegsteilnehmer könnte gesorgr werden, wenn man die Ver- chwcndung im Heer und in der Marine unterdrückte. Aber wir haben noch andere Stellen im Etat, wo man einsetzen könnte, so bei dem Skandal der Einfuhrscheine, gegen den der Schatz- sekretär nichts unterninimt. Nur dieses System ist schuld, dast dre Zollbeilräge für die Witwen und Waisen nicht den erwarteten Ertrag eingebracht haben. Weiter erinnere ich an die Liebesgabe von 35 Millionen, die jährlich in die Tasckien einer Handvoll agrarischer Brannt weinbrenner geführt werden, deren Namen wir von der Re gierung niemals haben erfahren können. In der Zeit der ungeheueren Teuerung wächst sich diese Liebesgabe geradezu zu einem Skandal aus. Könige, Fürsten, Grafen, Barone lassen sich diese Millionen wohl schmecken; der verflossene Schatzsekretär S y d o w hat 1999 in einem Anfall von Offenheit gesagt, dast das Branntwciusteucrgesetz ein Fürsorge- g e s e tz ist; die Fürsorgezöglinge des BrannlweinsteuergesctzeS haben Sie mit Millionen gespeist; die Veteranen speist man mit Redensarten ab. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wirkliche Besitzsteuern waren die ErbschaftS st euer, die ReichSeinkommen- st euer, die Reichsvermögen st euer. Diese sind aber an denselben politischen Einflüssen gescheitert, die sich bei der Aus- gestaltnng der WertzuwawSsteuer bemerkbar machen. Weiter kommt für unsere Stellung der Verwendungszweck in Betracht. Der Staatssekretär sagt, er braucht die Mittel für die neue Militärvorlage. In dieser Verknüpfung sehen wir einen wesentlichen Grund, gegen das Gesetz zu stimmen. Wir wollen nicht etwa das Vaterland wehr- los halten, aber in der Bekämpfung der Rüstungen darf man sich nicht auf bloste Erklärungen beschränken, sondern must die finanziellen Konsequenzen für die Abrüstungsstage ziehen. Zu diesen allgemeinen Gründen der Ablehnung kommen solche, die im Gesetz selbst liegen. Ein ideales Wertzuwachssteucrgesctz könnte recht kurz sein. Das gegenwärtige aber könnte trotz seiner komplizierten S7 Paragraphen noch kürzer sein. Hier kann es hcihen, erstens eS wird eine Steuer vom unversteuerten Wertzuwachs erhoben, zweitens diese Steuer wird nicht bezahlt.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) In allererster Linie allerdings nicht von den Trostgrundbesitzern, die in den letzten Jahr- zehnten ganz enorme Gewinne gemacht haben. Die direkte« Steuern lassen fich die Fürsten bereits schenken. Auch Porto und Fahrgeld zahlen sie nicht; aber indirekte Steuern müssen sie zahlen, und die Wertzuivachssteuer ist ja eine indirekte Steuer. Schon ein Appell an das Anstandsgefühl der Fürsten müstte wirken. In Lippe zahlt der Landcsfürst die Steuer, und daS wollen die Konservativen durch Reichsgesctz aufheben. Die Hoffnung, dast der Reichstag feslbleibt, ist bei der schwankenden Natur der Nationalliberalen und vielleicht auch der Freisinnigen nicht sehr grost. Aber wir werden jedenfalls gegen ein derartig verhunztes Gesetz stimmen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) ReichSschatzsekrxtär Mermuth: Die Sozialdemokraten werfen mir vor, dast ich jetzt die Regierungsvorlage preisgebe, während sie ihr zustimmen würden. Diese Zustimniung allein würde mir aber doch nicht genügen, und dann ist mir auch zweifelhaft, ob olle Sozial- demokraten der Regierungsvorlage zustimmen würden, wenigstens schrieb die.Leipziger VolkSzeitung", die Regierungsvorlage ist so schlecht, alS ob sie von einem Militäranwärter in seinen Muhe- stunden angefertigt ist.(Graste Heiterkeit.) Die leider an- genommenen Abschwächungen sind nicht nur von der Landwirtschaft ausgegangen, sondern von allen Interessentenkreisen. Oft fragte ich mich, ob bei diesen Abschwächungen die Grenze deS Annehmbaren nicht erreicht oder überschritten ist; aber ich glaube, diese Verantwortung. daS Gesetz nicht anzu nehmen, könnenwirnichtübernehmen. 1 Abg. Dr. Rösicke(k.) bestreitet, dast die Konservativen in diesem Gesetz der Landwirtschaft besondere Vorteile zuwenden wollten.— Meine politischen Freunde hätteu ja manches in dem Gesetz anders gewünscht; sie werden aber mit wenigen Ausnahmen für das nach den Kompromistanträgen zu gestaltende Gesetz stimmen. Wir können dann den Veteranen das zukommen lassen, was wir ihnen schon längst zukommen lassen wollten, und wir können auch die Mittel für die so wichtige Ausgestaltung unserer Wehrmacht gewinnen.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Weber(»atl.): Meine politischen Freunde stehen dem Gesetz noch in'der selben Weise gegenüber wie bei der zweiten Lesung. Alles Menschliche ist unvoll« kommen und so auch dieses Gesetz. Aber es besteuert doch den unverdienten Wertzuwachs, und es ist mir unbegreiflich, wie gerade die Sozialdemokraten gegen diese Besitzsteuer stimmen können. (Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Sie(zu den Sozialdemokraten) werden mit Ihrer ablehnenden Stellung bei Ihrer Agitation Fiasko macheu.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten und Zurufe: Ab- warten!) Abg. Cuno(Vp.): Uns gefällt durchaus nicht, wa« im Laufe der Beratungen aus der Wertzuwachssteuer geworden ist. Ganz speziell beim Zentrum, daS sich ursprünglich so für den Gedanken der Besteuerung deS Wertzuwachses begeisterte, ist ein merkwürdiger Wandel der Anschauungen eingetreten. Der Einflust gewicliliger Kreise in den festen Zentrumsburgen Aach en und Köln hat wohl bei diesem Wandel der Anschauungen mitgespielt. Wieder scheint man es auch bei dieser„Besitzsteuer" darauf anzulegen, den Besitz zu schonen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Nachdem eS sich nun aber gezeigt hat, dast nicht mehr zu erreichen ist, ziehen wir eS vor, positiv mitzuarbeiten, statt uns mit der bequemen Negation zu be» gnügen, in der sich wieder einmal die Sozialdemokratie gefällt. (Lebhafte Zustimmung bei den bürgerlichen Parteien.) Als einen auch nur halbivegs vollwichtigen Ersatz für die Erbschaftssteuer können wir die Zuwachssteuer nicht betrachten.(Sehr richtig! links.)— Gar kein Anlast liegt vor. die Landesfürsten, wenn sie spekulieren, von der Steuer freizulassen.(Sehr wahr I links.) Eine weitere Verschlechterung der Vorlage über die Kompromih- anträge heraus könnte leicht genügen, einen Teil meiner Freunde zu bewegen, gegen das Gesetz zu stinuuen.(Beifall bei der Volkspartel.) Südekum(Soz.): müsse sich eine Mehrheit für da? er Abg. Dr. Der Staatssekretär sagt: Gesetz schaffen. Das stimmt. Aber es kommt darauf an, wie er sich die Mehrheit schafft. Der Staatssekretär hat die Bor- läge von den Mehrheitsparteien machen lassen nach den Wünschen dieser Parteien, statt diese Parteien den Wünschen der Regierung willfährig zu machen. Und das letztere wäre um so leichter gewesen, als die MeHrHeitsparteien für eine Zuwachssteuer stimmen müssen, um ihre Sünden bei der Finanzreform ein wenig zu bemänteln. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Den Herren von der bürgerlichen Linken möchte ich zu bedenken geben, dast ein Steuer» gesetz, für das die Konservativen stimmen, von vornherein der Tendenz der Besitzschonung dringend verdächtig ist.(Sehr gut! bei den Sozial- demokraten.) Wenn man uns sagt: Der Grundgedanke der Wert- zuwachssteuer ist gut, so habe ich darauf zu erwidern: man kann dem Grundgedanken eines Gesetzes zustimmen und doch das Gesetz ablehnen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graese-Sochsen(Rfp.) erklärt sich für das Gesetz und stellt fest, dast er und seine zwei Fraktionsgenossen bereits in zweiter Lesung gegen die Steuerfreiheit der Fürsten gestimmt haben. ES sei durchaus kein Verstost gegen das monarchische Prinzip, die Fürsten zur Wertzuwachssteuer heranzuziehen. Hiermit schlicstt die Gcneraldiskussion. Es beginnt die S p e z i a I d i ö k u s s i o n. Die ersten Paragraphen werden d e b a t t e l o S in der Fassung der zweiten Lesung bezw. nach den Kompromistanträgen an- genommen. Dem ß 12 soll nach dem Kompromih eine besondere Bestimmung zu Gunsten der Grundstücke in FestungSrayon» hinzugefügt werden. Abg. Trimborn(Z., mit Unruhe empfangen) beantragt wei» tere Abschwächung zu Gunsten der Grundbesitzer in Festungsstädten. Man möge doch dem alten eingesessenen Besitz der Ackerbürger(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten) in FestungSstädten eine wohlangebrachte Vergünstigung gewähren. Schatzsekretär Mermuth bittet dringend um Ablehnung des An» ttages Trimborn. Der Antrag Trimborn wird abgelehnt. Die Kompromist» fassung wird gegen die Stimmen einiger Freisinnige»! angenommen. Die folgenden Paragraphen werden debattelos oder nach nn« wesentlicher Debatte angenommen. Beim§22 beantragen die Abgeordneten Normann und Ge» uossen(k.) die Wie derh erstellung der von der Kommission sowie vom Plenum in der zweiten Lesung gestrichenen Befreiung des Landesfürften und der Landesfürstin von der Wert- zuwachssteuer. Reichsschatzsekretär Mermuth bittet dringend um Annahme dieses Antrages. Der Reichskanzler hat zwischen der zweiten und dritten Lesung noch einmal juristische Autoritäten zu Rate gezogen, und ihre einhellige Meinung ist, dast das Reich kein Recht hat, die LandeSsürsten zu besteuern. Die Steuerfreiheit des Monarchen ist allgemeines konstitutionelles Recht. Auch in der eng- lischen WcrtzuwachSsteuer findet sich ausdrücklich die Bestimmung. dast daS Vermögen des Monarchen nicht von ihr betroffen wird. (Hört! hört! rechts.) Ein weiterer wichtiger Grund für die Steuer- sreiheit der LandeSfür st en ist der Umstand, dast Sie die Bundesstaaten steuerfrei gelassen haben;«in« einfache Konsequenz davon ist die Neiiersreiyeit der LandeSfiirsten. Gegen die Steuerfreiheit spricht nur die mögliche agitatori'che Ausnutzung: ausgenutzt kann sie aber nur werden im Wege der Mißdeuluug. und solcher Mißdeutung müssen wir entgegentreleu.(Bravo! rechts� Abg. Dr. Neumaim-Hofer.(Yp.): Alle staatsrechilichen Aus- fiihrungen des Staatssekretärs bezogen sich auf direkte Steuern, hier aber handelt cS sich um eine indirekte Steuer, und da die Landesherren auszunehmen, geht nicht an; dazu wird sich der Reichstag hoffentlich nicht hergeben. Es ist angedeutet worden, daß ohne die Steuerfreiheit der Landesfürsten das Gesetz für den Bundes- rat unannehmbar ist; mit ihr i st e s f ü r u n S u n a n n e h m- bar.(Bravo I links.) Abg. Göhre(Soz.): Auch uns hat Herr Wermulh mit seinen staatsrechtlichen Aus- führungen nicht überzeugt. Die LandeSsürste» hätten gut daran getan, nach der zweiten Lesung zu erkläien, wir wollen freiwillig auf i>if Steuerfreiheit verzichten. Das wurde um so mehr erwartet, als das Gesetz mit der Veteranen- f ü r s o r g e in Verbindung gebractit ist. Da sie es nicht freiwillig teran habe», muß der Reichstag sie dazn zwingen. Es wird aus die »allung deS Zentrums und der Polen ankommen, ob der Antrag' der Konservative» augenoinmen wird. Sollte es ge- scheheu, so werden die Zentrunisarbeiter diese Haltung ihrer Abgeordneten nicht vergessen.(Lache» im Zentrum.) Ihr Lachen ist nur ein Verlegenheitslacken. Sie wären froh, wenn Sie nicht in einer so fatalen Situation wären. Für uns wäre die Annahme j>es konservativen Antrags ein Grund mehr, gegen das Gesetz zu stimmen, w i r würden uns schämen, mit einem solchen Gesetz vor das Volk zu treten, daS einen solchen Paragraphen hat.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Zehnter(Z) spricht sich für den Antrag v. Norman» aus und hofft, daß seine Freunde denii'elven zustimmen werden. Wir sollte» nickt hier so nebenbei Vestiiimiuiigeii annehmen ohne genaue Keiiiiinis der Verhältnisse in den Einzelstaaten. Abg. Weber(natl.): Unsere Stellung ist dieselbe wie in der zweiten Lesung. Wir wolle» vor alleni treffe» das freie Eigentum der Fürsten, daS durch keine Landesgesetze gebunden ist und das mit dem Kroneigentum»ichls zu tun hat.(Vravo! links.) Abg. Tove(Vp.): Wenn es sich nicht um vermögensrechtliche. sondern um staatsrechtliche Erwägungen handelt, wie der Reichsschatz sekretär sagte, so hätte der Staatssekretär des Reichsjustizamts die Sache hier vertreten sollen. Die staatsrechtliche» Ausführungen des ReichsschatzsekretärS entbehren jeder Beweiskraft, denn diese Steuer ist nicht a» die Person gebunden, sondern an einen Rechtsakt.(Sehr richtig! links), hier haben persönliche Vorrechte gar keinen Sinn. (Lebhafte Liistimmung links.) Reichsschatzsekretär Mermuth: Ich bemerke Herrn Dave, daß ein großer Teil meiner Ausführungen wörtlich einem Gutachten des Reichsjustizamts entstammt.(Heiterkeit.) Ein Beschluß, die Landes sürslcn zur Steuer heranzuziehen, wäre vom Standpunkt deS Bundes- rechlS aus gar nicht durchführbar. Abg. Dr. Jmick(natl.); Die Guiachten, auf welche der Staats sekretär' sich stützt, sollten veröffentlicht werden, damit die Wissenschaft dazu Stellung nehmen kann. Ich glaube, die entgegenstehende An- ficht hat sehr viele Autoritäten für sich. Abg. Ulrich(Soz.): Ich möchte die Herren, die in der zweiten Lesung gegen die Steuerfreiheit der Fürsten gestimmt haben, bitten, festznbleiben. Nichts ist unpopulärcr, als dir Steuerfreiheit der Fürsten. Sie bei diesem Gesetz festzulegen, wäre der Gipfel des Unvcr- stand es der bürgerlichen Parteien, denn wir würden die Sache ausnutzen, wie es sich gehört. Der Staatssekretär wollte über die vermögensrechtliche Seite nicht sprechen. Wir haben ke i n e n An- laß. das nicht zu tu». Diese Steuerfreiheit wäre geradezu eiueBe- driitfimg bf» armen Leute.(Unruhe rechts.) Die staatsrechtlichen Bedenken des Staatssekretärs bezogen sich auf den Domanial- besitz; aber alle Fürsten haben auch Privatbesitz, für welchen die staatsrechtliche» Deduktionen des SchatzsekretärS nickt zutreffen. Weiter geht doch auch ReickSrechl vor Laudesrecht, und wenn das Reichsrecht die Fürsten steuerpflichtig macht, haben die Landesgesetzgebungen sich damit abzufinden. Wenn das Gesetz für die Regierung unannehmbar wird, falls die Fürsten Slcuern zahlen sollen, so gratuliere ich ihnen zu dieser Dummheit, denn dann werden wir ihnen eine» Tanz aufspielen, an de» sie ihr Lebelang denkca sollen.(Bravo! bei den Sozialdemo- kraten.) Abg. Graf Westarp(k.): Ein« besondere Souveränität des Reiches gibt es nicht. Die Reichsgeketzgebung kann die Verfassungen der Eiuzelstaaten nickt ändern.(Sehr ricktig! rechlS.) DaS ist unsere prinzipielle Stellung. Von dieser werden wir uns auch durch die angedrohte Agitation der äußersten Linken, die den T a l s a ch e n ins Gesicht schlägt(Lebhafter Widerspruch bei den Sozial- deinokrateu.), nicht abbringen lassen.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Südckum(Soz.): Eine Agitation, die den Tatsachen ins Gesicht schlägt, ja die ein Sffentlichrr Skandal geworden ist, haben die Konservativen bei den letzten Nachwahlen getrieben.(Lebhaftes Sehr richtig! links.) Uns kann eö aus AgiiationSrüttsickten nur angenehm sein, wenn Sie den Antrag Normann annehmen.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Warum wollen die Herren, die für den Antrag Normaun stimmen, also die Konservativen, das Zentrum und wahr- scheinlich doch auch die Polen, wenn sie zufällig im Saale sind(Große Heiterkeit), den Fürsten daS Hochgefühl rauben, für ihren Teil a» den Lasten der Militärvorlage teilzunehmen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Debatte. Die Abstimmung ist eine n a m e n t- li che. Der Aulrag Normaun wird mit 166 gegen 138 Stimmen bei 17 Stimmenthaltungen angenommen.(Ironisches Bravo l bei den Sozialdemokraten.) Der Z 22 wird mit dieser Aenderung angenommen. Abg. Ncumann- Hofer(Vp.) begründet einen neuen Antrag, durch die Landesgesctzgebung Ausnahmen zu gestatten, also die Landes- sürsten durch die Landesgesetzgebung zur Wcrtzuwachsiteuer heranziehen zu lasse». Man dürfe doch denienigei» LandeSfürsien, welche die Wertzuwachssteuer bezahlen wolle», dies nicht verwehren. Reichsschatzsekretär Mermuth erklärt, daß Bedenken gegen diesen Antrag nicht vorliegen. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Darauf vertagt das HouS die Weilerberatung auf Mittwoch IL Uhr(außerdem Petitionen). Schluß%7 Uhr._ /Zbgeoränetenkaus. 16. Sitzung vom Dienstag, den 31. Januar. vormittags 11 Uhr. Am Mlnistertisch: v. Schorlcmer. Auf der Tagesordnung steht zuuächst die zweite Lesung deS Domänenetat». Abg.». Arnim(!.): Der durchschnittliche Reinertrag der Domänen beträgt»ach der uns vorgelegten Denkschrift 2,3 Proz. Mehr als 3 Proz. ist auch in den meisten Fällen nickt die Höhe der Rente der Grimdbesitzer. Die Schätzung des Wertes jeder einzelnen Domäne wäre sehr kostspielig, die heute vorliegenden Schätzungen erscheinen uns durchaus genügend. Ein Rcgicruiigskommissar macht zahlenmäßige Mitteilungen über die Erträgnisse der Domänen, die auf der Tribüne unverständlich bleiben. Abg. Schmedding(Z.) spricht für den Antrag des Zentrums, die vorgelegte Denkschrift in ausführlicherer Form in regelmäßigen Zeit- abschniiteii zu wiederholen. Ein Ncgicrinlgskomnlissar hält die Veröffentlichung zu eingehen- den Mitteilungen über die Verpachtungen der einzelne» Domänen für bedenklich. Nur über die Methode der Taxierungen wären eingehendere Darstellinigen möglich. Abg. Hrine(»all.): Manche Domänenpächter stehen sich sehr schlecht. Wir Nationalliberale hakten fest an der bewährten Zoll- und Handelspolitik. Abg. Leinert(Soz.): Wir müssen verlangen, daß alle Verkäufe und Ankäufe der Domäneuverwaltung der Genehmigung des Landtages unterliegen. Heute erfahren wir gar nicht einmal, zu welchen Preisen Domäueir verkauft resp. angekauft sind.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die uns vorgelegten Ziiiammenftellungen nach Regierungsbezirken genügen nicht, ivir verlange» Nachlvcisuugen über die einzelnen Domänen. Heute können wir auch gar nicht feststellen, wie die Einnahmen der Domäimenverwaltung ini einzelnen verausgabt werden. Es wird uns keine Rechenschaft darüber abgelegt, ob die Gelder zu den Zwecken der einzelnen Titel auch wirklich ausgegeben.»Ein gewissenhafter Abgeordneter sollte einen solchen Etat gar nicht bewilligen können. 1166 Domänen- Vorwerke sind nach der Aufstellung vorhanden. Dies« Zahl erfahren wir zum erstenmal richtig. Bisher war immer von 1400—1300 die Rede, im Etat ist nur von ISO weniger die Rede, lieber solche merk- würdigen Zahlcnunstimmigkeite» wird der Herr Minister uns Aus kuiist geben müssen. Dabei ist die Größe der Fläche in alle» Fälle» ganz gleich angegeben. In der Aufstellung ist nun der Wert der Doniänen für 1901 berechnet auch für Domänen, dit erst viel später gekauft sind! Nach Meinung Sachverständiger, mit denen ich sprach, ist das Schätzungsverfahren auch sehr anfechtbar. Ich bin überzeugt, daß bei dieser Art der Schätzung eine gewisse Absicht vorgelegen hat. Die Nettooerzinsung von 2,73 Peoz. erscheint außerordentlich gering angesichts des durchschnittlichen Er trogeS pro Hektar, der angegeben wird. Der Zweck ist offenbar: Man hat die Werte möglichst in Einklang mit de» Pachlen gebracht, um die alten Pächter zu erhalten. anstatt die wirklichen Werte festzustellen. Die bisherigen Pächter treten meist ohne Konkurrenten wieder auf. Es riskiert eben»iemand auS der Gegend, gegen den einflußreichen Doniänenpächter aufzutreten, daher bekommt dieser die Pachl wieder zu dem früheren niedrigen Pachtzins. Bei der Selb st be wirtschaftung ergibt sich pro Hektar eine Einnahme von 81 M M.. bei der Verpachtung nur von 31,50 M. Da sollte sich die Verwaltung überlegen, ob sie den bisherigen Pächtern die Domänen noch zu dem alten ZinS überlassen ivll.(Lachen rechts.) Herr v. Pappe n heim, der jetzt lacht, hat im vorigen Jahre selbst eine Feststellung des tatsächlichen Wertes der Domänen verlangt. Vielleicht unterscheidet er sich von mir nur dadurch, daß er die jetzige Pacht»och für zu hoch hält.(Heiterkeit.) Die Kosten für eine richtige Wert- schätzung der Domänen können nicht in Betracht kommen. Die Rechte wünscht allerdings recht niedrige Werte heranSziirecknen. um bei der Beratung des»ruen Zolltarifs ans die geringe Berzinsniig der Domänen als Landwirtschaft hinweisen zu können. um eine Begünstigung der Agrarier, die verschleiert werden soll. Im vorigen Jahre hat man KronfideikommißfondS 2 Millionen zugebilligt unter Hinweis die st e i g e n d e n Erträge der Domänen. Wenn man nun „Beweis" für die Not Es handelt sich hier der also dem auf die Bei den Einnahmen»Ertrag von Weingütern" wünscht Abg. Dr. Dahlem(Z.) eine Revision des Neblausgesetzes. Abg. Engelmanu tuatl.) verlangt bessere Entschädigung für durch die Reblaus geschädigte Weingulöbesitzer. Zum Titel: Erlöse auS dem Verkauf von Domänen liegt ein Antrag Bartschersg.) vor. der mindestens all: fünf Jahre eingehendere Darstellungen über die der Domäiienverwaltiing unterstellte» Werte der Domänen und deren wirtschaftliche Ergebnisse, getrennt nach Regierungsbezirken, verlangt. Ein Antrag Borg mann(Soz.) ersucht die Regierung, dem Landtage bis zur dritten Lesung des Etats eine Aufstellung über die EntWickelung der Viehhaltung in den löniglichen Domänen in den letzten 10 Jahren zugehen zu lassen. Domänenpachten erhöht, so könnten diese 2 Millionen allein durch die sogenannten Triarier aufgebracht werden. Im Etat sind 400 OVO M. zur Verbesserung der Arbeiter Wohnungen eingesetzt. Wir verlangen hier, daß gute gesunde Wohnungen für die Arbeiter gebaut werden, damit die Kreisärzte nicht etwa auch hier feststellen können, daß die Ställe solider gebaut sind als Arbeiterwohuungen.(Sehr gut! bei den Sozial demokraten.) Vor allem darf die Selbständigkeit der auf Domänen angesiedelten Arbeiter nicht angetastet werden. Bielsach legt man diese Wohnungen in das Gebiet der politischen Ge- mciiiden, um die A r m e n l a st e n der Domänenbesitzer zu ver- minder». Gegen dies Verfahren müssen wir protestieren. Unserem Antrage wird das Haus hoffentlich zustimmen. Der Rückgang der Viehhaltung soll auf den staatlichen Do mäne» sehr groß sein.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Dadurch wird die Fleischnot und Flcischtriierung vermehrt. In den Pachtverträgen muß der Staat die Pächter zur Viehhaltung zwingen, denn er hat die Domänen im Interesse der All- gemeinheit zu verwalten. Sollte die von uns gewünschte Ausstellung bis zur dritien Lesung nickt gegeben werden können. so sind wir bereit, unseren Anirag dahin abzuändern, daß die Aufstellung bis zum nächsten Etat verlangt wird.— Redner spricht sich des weiteren für die Erhaltung des Bades R e h b u r g als Er- holungsstätte für unbemittelte Lungenkranke aus sowie für die Schaffung von Arbeiterheimen auf den Nord- und O st s e e i n s e l n. In solchen Hcmien könnten auf Staatskosten Millionen von Prolciarieriindern den so segensreichen Hcilfaktor der Seeluft genießen. Möge der Minister diese soziale Pflicht erfüllen. damit er nicht nur dasteht als Minister zur Förderung der Interessen des Großgrundbesitzes.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. Pappeiihcim(k.): Ich bewundere den Mut des Vor- redners, hier über Dinge fo z» reden, von denen er so wenig ver- stehen kann.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Preise über die Verläufe und Ankäufe von Domänen werden u»S alljährlich genau mitgeteilt, auch ist der Staat in der Tat verpflichtet, uns Rechnung zu legen über alle Ausgaben. Eine Selbstbewirtschaftung der Domänen durch den Staat i st ganz ausgeschlossen; dazu fehlt ihm die geeignete Organisation. Auch davon kann keine Rede sein, daß neue Pächter aus Angst vor den alten Domänen- Pächtern nicht zu bieten wagen.— Dem Antrage Schmedding können wir zustimmen, wenn die Worte»mindestens alle 5 Jahre" gestrichen werden. Damit schließt die Debatte. Der Antrag Borgmann(Soz.) wird abgelehnt, der Antrag B a r t s ch e r(Z-) unter Streichung der Worte,„mindestens alle 5 Jahre" angenommen. Der Rest des Etats wird nach unwesentlicher Debatte erledigt. Die A u S i ü h r u» g s b e st i m m u u q e n zu den Vorschriften über die Reisekosten der Staatsöeaniten werden nach längerer Diskussion an eine Kommission von 14 Milgliedern ver- wiesen. ES folgt die Beratung der Novelle der Landgemciudeordniing für Hannover. Abg. Klnßmann(natl.) spricht sich für die Annahme deS Entwurfs auS, der einem Beschluß deS Hauses einspreche. Die Abgg. v. d.' Hagen(Z.l, Bahrenhorst(ff.) schließen sich dem Vorredner an. Abg. Leinert(Soz.): Auck meine Freunde stimmen der Vorlage zu. Die Regierung sollte aber die �andgemeindeorduung auch dahin abändern, daß industrielle Betriebe nicht mehr die Möglichkeit haben in den Geiiieiiideversammlungcn die übrige Bevölkerung zu majorisieren. Damit schließt die erste Beratung. DaS Gesetz wird sogleich in zweiter Lesung angenommen. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Mittwoch 12 Uhr. (J u st i z e t a t.) Schluß 4'/, Uhr. Parlamentarisches. Aus der NeichsversicherungZordnungs-Kommisfio». Sitzung am Dienstag, den 31. Januar. Die Kommission erledigte in der zweiten Lesung die Abschnitte: Oberversichernngsämter, Zusammensetzung', Kammern, Aufsicht, Kosten, Neichsveisichermigsamt, Landesversicherungsämter, Behörden und Leistungen. Die meisten Bestimmungen werden unverändert nach den Beschlüssen der ersten Lesung angenommen. Hervorzuheben ist zunächst die Bestimmung über die Wahl der Beisitzer in den Oberversichcrungsänitern. Nach dem Beschluß in der ersten Lesung sollien die Beisitzer von den Versicherungsvertretern der Versicherungs- ämter gewählt werden, die zu dem Bezirke eines Ober- versicherungsamleS gehören. Die Wahl erfolgr je zur Hälfte von den Vertretern der Arbeitgeber und der Arbeiter. Diei'e Bestimmung wurde dahin geändert: Die Beisitzer aus den Arbeitgebern werden zur Hälfte von den Arbeitgebermitgliedern im Ausschuß der zu- ständigen Bersicherungsaiistalt und zur Hälfte von den Vorständen der zuständigen landwirtschaftlichen und der von den be- teiligten gewerblichen B e r n f s g e n o s s« n s ch a f t e» mit der Wahl betrauten Bernfsgenossenschaft gewählt. Die Beisitzer auS den Versicherten werden von den Versicherungsvertretern bei den Versicherungsämtern des Obervers iche- rungSam tsbezirkeS nach den Grundsätzen der Verhältnis- wähl gewählt. Ein tragikomisches Ergebnis hatte die Aussprache über die Bcrteilung der Kosten. In der ersten Lesung legte die Kommission sämtliche per- sönlichen und sächlichen Kosten deS Oberversicherungsanits den Bundesstaaten auf. Inzwischen sind die K o n s e r v a t i v e n. Nationalliberalen und ein Teil des Zentrums umgefallen und beantragten jetzt in der zweiten Lesung, daß die Versicherungs- iräger für jede Spruchsache, an der sie beteiligt sind, einen Pauschal- betrag zu entrichten haben. Bei der Abstimmung fehlten mehrere Vertreter des Zentrums, die für den Antrag gestimmt hätten. In- folgedcssen wurde der Antrag mit 11 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Darüber entstand ein großes Entsetzen bei den Regiernngsvertreteni. die sofort erklärten, daß die weitere Beratung keinen Zweck habe, da die ganze Vorlage für die Regierungen unannehm- bar sei, wenn nicht der Antrag angenommen werde. Die Sozialdemokraten erhoben Einspruch gegen eine nochmalige Abstimmung, da dieser Fall nicht anders liege wie viele andere Fälle, in denen auch nur eine Zurallsmehrheit die Entscheidung getroffen hat. Die Mehrheit der Kommission entschied sich, wiederum mit nur einer Stimme Mehrheit für die Aufrecht- erhaltung der Abstimmung. Die Zusammensetzung der Senate im Reichsversicherungsamt wollten die Sozialdemokraten wieder so gestalten, wie es gegenwärtig der Fall ist. Der Spruchsenat besteht nämlich jetzt aus einem Vorsitzenden, zwei vom Bundesrate geivählten nichtständigen oder zwei ständigen Mitgliedern, zwei richterlichen Beamten und je einem Arbeitgeber und Versickerten, also a»S sieben Personen. Nack der Vorlage und dem Beschlüsse der ersten Lesung soll die Zahl aui fünf herabgesetzt werden, indem nur ein vom Bundesrat ge- wählteS nichtständiges oder ständiges Mitglied und nur ein richterlicher Beamter mitwirken sollen. Jedoch lehnten die Konservativen. Nationalliberalen und das Zentrum den Antrag der Sozialdemokratie ab und nahmen die Verschlechterung an. » Landesvcrsichcrunzsämtcr. In der ersten Lesung beschloß die Kommission, daß die Landes- versicherungSämter beseitigt werden, um die Einheitlichkeit der Recht- sprechimg durchzuführen. Inzwischen ist auch in dieser Frage das Zentrum umgesallen. Es beantragte: Ein Landesversicherungs amt, das bereits für das Gebiet eines Bundesstaates vor dem Erlaß des neuen Gesetzes errickiet worden war, kann bestehen bleiben, fo- lange zu seinem Bereiche mindestens vier Oberversicherungsämter gebären. ES tritt für dieses Gebiet an die Stelle des Reichsversiche- rungSamteS.— Diese Bestimmungen wurden von den Kon» servativen, Nationalliberalen und dem Zentrum angenommen. Nächste Sitzung Dienstag._ In der Budgetkommission des Reichstags gab Dienstag Staatssekretär v. Tirpitz auf Anfrage bekannt, daß die P e st g e i a h r in O st a s i e n für das deutsche Schutzgebiet Kiautschou eine sehr drohende sei, zumal es sich um den sogenannten schwarzen Tod. also um die Lungenpest handle. Die Abwehrmaßregeln, die für das Kiautschougebiet getroffen worden seien, ließen die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß das Gebiet von der Seuche verschont bleiben werde. Ein Arzt gab eine instruktive Darlegung über die Art und Gefährlichkeit der Pestseuchc, woran sich eine lebhafte Debatte knüpfte. Im weiteren Verlaus der Verhandlung kam es zu einem Zu- samnicnstoß zwischen den sozialdemokratischen Mitgliedern und dem Vorsitzenden v. Gamp, der die Sozialdemokraten fortgesetzt durch deplacierte Bemerkungen belästigt«. Die Genossen Ledebour und N o S k e protestierten energisch gegen diese un- zulässige Praxis. Herr v. G a m v verteidigte sich und gab die Er- klärnng ab. daß er zugeben muffe, daß die Sozialdemokraten die Verhandlungen der Kommission nicht so verschleppen, wie manche andere Pariei. Die Beratung de? Marineetats wurde zu Ende geführt. Der SiaaiSsekrelär setzte die in voriger Woche abgelehnte Errichtung eines MarinelazarettS auf Helgoland doch noch durch, jedoch sind ihm statt der geforderten 200 000 M. nur 160 000 M. bewillig! worden. Erhebliche Summen erfordern wieder die Werftanlagen in Wilhelmshaven. Zur Vergrößerung des BanbassinS usw. ivird als 11. Rate eine Million verlangt; 34070000 M. sind dafür bereit« ausgegeben worden. Für Erweiterung der Werft nach dem Ems-Jade-Kanal zu werden 4 300 000 Mark als 6. Rate gefordert; IL Millionen Marl find schon ver- ausgabt; eine weitere Ausgabe von 8 Millionen behält sich die Verwaltung noch vor. Für Herstellung eines Durchstichs durch die Schleuseiiinsel und zur Verbesserung des Trockendocks werden 925 000 M. gefordert; diese Unternehmungen tollen rund sechs Millionen kosten. 200 000 M. setzte die Kommission vorläufig ab. Für die Anlage eines Hafens für kleinere Schiffe bei Helgoland werden 5,5 Millionen als 4. Rate gefordert; die ganze Anlage lostet 30 Millionen. Die Artillerieverioallung verlangt für Küsten- befestigungen usw. 5 625 000 M.. die gesamte Anlage kostet dreißig Millionen. Ter Z u s ch u ß zu den einmaligen Ausgaben im v r d e u t l i che u Etat für die Marine belauft sich im kommenden Etotsjahre auf 89,7 Millionen gegen 92,5 Millionen im Vorjahre. Die dem Marineamt unterstellte Kolonie Kiautschou erfordert einen Zuschuß von 7 703 160 M.; die G-saiiitciiinahme betrögt 13 542 834 M. Auf eine Aufrage erklärte der Staats- sekretär, der jetzige Gonverueur habe seineu Abschied eingereicht. Der Neubesetzung dieses Postens würden sich Schwiertgteiten in den Weg stellen, wenn die Kommission darauf beharre, die bisher bewilligte persönliche Zulage von 10 000 M. soitan nickt mehr zu zahlen. Ter Gouverneur erhielt bisher 18000 M. Gehalt, 12 000 M. Koloinalzulage. 10 000 M. Repräsentationözulage und 10000 M. persönliche Zulage, im ganzen also 50 000 M. Der Naiionalliberale Dr. Görcke» Brandenburg, der im vorigen Jahre aus Neichskosten. die der Reichs- tag aber nicht bewilligt hat. eine von der Marineverwalrung arrangierte.Studienfahit" nach Kiautschou unternommen hat. trat für die Weiterzahlung der persönlichen Zulage ein. Selbst ganz einfache Leute in Kiautschou hätten ibm erklärt, der Gouverneur müsse 50 000 M. erhalten. Von sozialdemo« kratischer Seite wurde scharf gegen' die Zulage Stellung ge» nommen, GörckeS Verhallen kritisiert und betont, wenn der Gouverneur tatsächlich die Aufgabe habe, die Handelsinteressen zu fördern, fei die flüssig. Uebrigens den Gouverneur. K i a u t s ck o u alS müsse die R ü ck g a Sckaysekretär Wer Gesälligkeitsdienste Zulage seien noch Herr v. T i r p i tz liberalen und der freisinnige Eickh se?r teure Gesandtschost in Peking über-- sei cS das richtigere, nicht nur die Zulage für sondern künftig die ganze Kolonie für Deutschland wegfallend zu bezeichnen. Es be an China angestrebt werden. Sogar der muth wandle sich gegen die nationalliberalen für den Gouverneur. Er betonte, wegen der keine Verhandlungen gepflogen worden, worauf einlenkte. Gegen die Stimmen der National- Rechten wurde die Zulage abgelehnt. Der o f f stimmte mit de» Z imkern für die Zulage. Berlin statt Hamburg. Gegenüber dem.Unannebmbar' der Regierung fiel die Mehr- heit der Kommission zur Vorberatung des Gesetzes über Schaffung eines höchsten Kolonial- und Konsulargerichts gestern um. Als Sitz des obersten Koloiiialgenchts wurde im Gegensatz zum Beschlust erster Lesung statt Hamburg nut 7 gegen t! Stimmen iNational- liberale, Freisinnige Voltspartei) bei einer Stimmenthaltung Berlin bestimmt. Der Bc'chlus} erster Leimig, als Richter einen Vcrwallungsbcamten zuzulassen, wurde mit 0 gegen 5 Stimmen aufrechlerhalten._ Gewerbeorduungskommissio«. In der Dienstagsitzung der Kommisston kam eS über die Frage, ob auster der Regierungsvorlage auch andere Paragraphen beraten werden sollten, zu einer längeren Gcschäftsordnungsdebatte. Von sozialdemokratischer Seite lagen zu den gZ 115—119 der Gewerbe- ordnung, die in der Regierungsvorlage unberührt geblieben sind. verschiedene Abänderungsanträge vor, die das Verbot, Waren zu kreditieren und auf den Lohn anzurechnen, die Vor- fchrift, den Arbeitern die nötigen W e r'k z e u g e und Materialien unentgeltlich zu stellen, und die gesetzliche Festlegung wöchentlicher LobnzahlungSsristen betrafen. Ferner wurde eine Vorschnft angestrebt, dah der Lohn spälestens am Tage nach der Auflösung des Arbeits« Verhältnisses zu zahlen ist; dann soll die Garantie gegeben werden, dast der durchschnittliche Tages- arbeitsverdiensl gezahlt wird, wenn bei Akkord- arbeiten vor Beginn der Arbeit keine Vereinbarung zustande kommt. Ein anderer Anirag fordert die Bestimmung, dast den Arbeitern, die ibnen vom Beiriebsunternehmer tiberlasseno Fabrikwohnung bis zum Schlüsse des der Wohnungskündigung folgenden Monats aus Verlangen belassen werden must. Endlich versuchten unsere Genofien durch Abänderungsanträge zu den gg 117 und 117a die Miststände im Betriebe der Werkspensions- lassen für die gewerblichen Arbeiter zu beseitigen. Die bürgerlichen Äommissionsmitglieder waren nicht zu einer Beratung dieier Anträge geneigt.„Vielleicht" will man nach der Beratung der Regierungsvorlage auf sie zurüikkommen. Die Beratung des g 120 der Regierungsvorlage, der die Fort- bildungspflicht der jugendlichen Arbeiter unter 13 Jahren bestimmter regeln will, zeitigte die Annohme eines Antrages EnderS(Vp,), der insofern über die Regierungsvorlage hinausgeht, als er vor- schreibt, dast für Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern ein Ortsstatut für alle männlichen gewerblichen Arbeiter unter 18 Jahren erlassen werden must. Anträge unserer Genossen. die auch die HandlungS- g e h r l f e n und das G e s i n d e in den KreiS der zum Besuch der Fortbildungsschulen Verpflichteten einbeziehen wollten, wurden ab- gelehnt._ Hub Induftrie und Handel» Mitteldeutsche Braunkohle»- BerwertuugSbank. Eine Warnung. Erstaunlich einfach und überraschend unverfroren find die Prak- tiken einer„Mitteldeutschen Braunkohlen-VerwertungSbank", die ihre Anteile auch in Kreisen der Arbeiterschaft abzusetzen bemüht ist. Um die Beteiligung von Arbeitern zu ermöglichen, wird in entgegenkommendster Weise monatliche Ratenzahlung gewährt, eS sollen die weitesten Bolls- schichten in die Lage versetzt werden, sauer ersparte Pfennige loszuwerden. Hinter der hochtönenden Firma„Mitteldeutsche Brounkohlen-Ver« wertungsbanl" must sich ein höchst achtungSbedürsligeS Geschäft ver- bergen, dessen Inhaber wohl nicht ohne Grund ihren Namen der Oeffentlichkeit vorenthalten. In den ausgegebenen ZeichnimgSbedin» gungen wird erzählt, dast die Baitk ihren Sitz in Berlin habe und den Zweck verfolge, allen Beamtenvereinigungen, Konsumvereinen und sonstigen Wirtschaftsgenostenschaften und Sparvereinen die Möglichkeit zu geben, ihren Mitgliedern billige Brennmaterialien sBraunkoblenbriketts und Rohkohle») zu liefern. Sie übernimmt die Verpflichtung, ihren Mitgliedern gegenüber, wenn Lieferungsanteile durch die gedachten Vereine oder aber auch direkt von den Mitgliedern erworben werden, den gesamten Bedarf an Briketts oder Rohkohle zu liefern, abgesehen von den Fällen höherer Gewalt, wie auch von Streiks, Verkehrs- störungen oder Grubenunglücken. Der Vorteil einer Mitgliedschaft bei der Bank, deren Empörung über die Preissteigerung der Brennmaterialien nur noch von der Liebe zu den armen Konsumenten übertroffen wird, besteht nach ihrer Versicherung erstens in der bedeutend billigeren Einkaufs« Möglichkeit für Brennmaterialien, ferner noch darin, dast jeder er- wordene Anteil pro Jahr mindestens 10 Proz. Dividende trägt. Die zehfiprozentige Dividende ist aber nur der Anfang. Wir hören weiter,„je gröster nun die Abnahme fein wird, sowohl an Anteilen als auch an Kohle, um so mehr wird sich von Jahr zu Jahr die Dividende steigern, hervorgerufen durch den gröheren Umsatz'. Dieses vielversprechende Glück ist, wie bereits erwähnt, auf AbschlagSzahluug zu erringen. Ein Anteil kostet 60 M. Die Zahlung ist in Monatsraten von 5 M. zu leisten. Wer aber der Be- teuenmg noch nicht traut, dast jedes Mitglied der Mitteldeutschen Braunkohlen-Verwertungsbank sich eine sichere und gute Kapitals- anlag« verschafft, und am Ende.sozusagen kostenlos" zu einem wertvollen Anteil kommt, wird auf das nachstehende Beispiel verwiesen, dast«die Richtigkeit der Berechnung offensichtlich klar- stellt": «B. kauft sich einen LieferungSanteil für 60 M. gegen 10 Proz. Dividende........... S R. bezieht ferner 15 000 Stück Briketts, welche pro 1000 durchschnittlich 2 M. billiger geliefert werden, von der Mitteldeutschen Braunkohlen-Verwertungö- bau!................ 30, zusammen.. 36 M. offn 86 SN. hat 83. im ersten Jahre durch seinen Anteil schon ge- .part, so dast er im zweiten Jahre bei Abnahme desselben Quantums feinen Anteil nicht nur gratis, sondern schon einen lieberschuh erzielt hat. Dies Vorausgeschickte dürste jedem einzelnen Mit- gliede genügend Veranlassung geben, mindestens einen Anteil zu zeichnen." Gewist nur aus erzieherischen Gründen bat die Mitteldeutsche Braunkohlen-Verwertungsbank alsdann die Anordnung getroffen, dost der Anspruch auf Dividende aufhört, wenn der Anteilinbaber seinen Kohlenbedarf ganz oder teilweise anderweitig deckt. Wird der Kohlenbezug während zweier auseinander folgender Jahre unterbrochen, so verliert der Abnehmer sogar jeden Anspruch auf Rücker st attung seiner ein» gezahlten Gelder, da« gleiche tritt ein. wenn die Raten. Zahlungen nicht pünktlich geleistet werden. Aus dieser Zrisammenreihung der wesentlichsten Zeichnung«. Bedingungen ergibt sich, dast die Mitglieder der Mitteldeutschen Braunkohlen-VerwertungSbank das Recht haben, mindestens 60 M. einzuzahlen, und damit die Pflicht übernehmen, bei Strafe des Ver- lusteS dieses Geldes für alle Zeiten ihren Kohlenbedarf durch jenes.Institut" zu decken, das am Ende noch verspricht, die durch LicferungSanteile erworbenen Kapitalien so zu ver- wenden,„dast in der gröstten Hauptsache neue Kohlenbergwerke erworben oder aber auch günstige Reservefelder angekauft werden, um möglichst für alle Zeiten den Bedarf zu decken". Auch für die zugesicherten Gewinne durch ungewöhnlich billige Lieferungspreise bürgt, wie für alle anderen Versprechungen, nur die hochtönende Firma, deren Hintermänner in den Offerten leider selbst den Nach- weis unterließen, dast ihnen 60 Mark anvertraut werden können. Ob sich Leute gefunden haben, die der Mitteldeutschen Braunkohlen- Verwertungsbant ihre Spargroschen ausgeliefert haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Wenn das Jntereste der hochwohllöblichen Be- Hörden nicht ganz durch ihren Kampf gegen die Mächte des Um- sturzes in Anspruch genommen ist. schenken sie den Projekten der Mitteldeutschen Braunkohlen-Verwertungsbank vielleicht einige Be- achtung._ Die deutsche Fuseliudustrie. Die Entwickelung, welche die deutsche SchnapSherstcllung seit 1889/90 genommen hat. wird in einem Sonderheft der„Zeitschrift für die deutsche Spritindustrie" dargestellt. Die Kartoffelbreimerei steht an erster Stelle. Um die Veränderungen, so weit sie die einzelnen deutschen Prodnklionsgebiete betreffen, deutlich zu machen, sind die Ziffern örtlich geschieden für Ostdeutschland— Ost- und Westpreusten, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien, Mecklenburg—; Mitteldeutschland— Provinz Sachsen, Hessen-Nassau, Königreich Sachsen. Grostherzogtum Hessen, Thüringen. Braunschweig, Anhalt—; W e st d e u t i ch l a n d— Hannover, Schleswig-Holstein, Oldenburg. Westfalen, Rheinland, Hansastädte—; und Süddentschland— Bayern. Württemberg, Baden, Elsaß- Lothringen, Hohenzöllcrn. Die Veränderungen in der Produktion zeigt die folgende Zusammenstellung: Kornbrennereien mit einer Jahresproduktion an Hektolitern Deutschland Ost- Mittel- West- Süd- Ost. Mittel. West» Süd» Jahr f 1889/90 \ 1907/08 1889/90 1907/08 1889'00 1907 08 1889/90 1907/08 bis 100 173 33 400 209 94 38 2541 1541 über 100-1000 1633 1941 747 835 11 11 190 815 Ost. Mittel- West- Süd- / 1889/90 ) 1907/08 f 1889/90 1 1907/08 j 1889,00 1 1907 08 / 1889/90 1 1007/08 / 1889/00' \ 1907,08 ! 1880'90 1907/08 1889,90 1907,08 s 1880/90 1 1907/08 Getreidebrennereien 304 212 315 315 1151 744 2624 5938 63 67 87 39 475 631 14 48 Hefebrennereien 43 14 10 5 669 210 3 3 49 29 19 12 347 262 8 4 über 1000 743 1004 63 45 1 2 20 134 14 17 5 5 40 08 17 19 13 17 6 6 34 58 14 14 sammen 2549 2978 1210 1089 106 51 2760 2490 f 381 298 357 359 1666 1473 2655 6005 105 60 34 22 1050 530 25 21 ' Den Grohbetrieb in der Kartoffelbrennerei findet man vornehmlich in Ostdeutschland, in Ostelbien, wo der Landarbeiter einen Teil des Lohnes in Fusel ausbezahlt erhält. Der 100 bis 1000 Hektoliter-Betrieb ist in den 18 Jahren stark gewachsen, am allenneisten aber die Grostfabrik mit mehr als 1090 Hektoliter Jahres Produktion. In Mitteldeutschland sind auf Kosten der Kleinbrennereien die mittelgrohen Betriebe stark geworden. Die geringe Kartoffel fuselproduktion Westdeutschlands, wesentlich Kleinbetrieb, ist weiter zurückgegangen. Besonders beachtlich erscheint der riesige Rückgang der kleinen süddeutschen Kartoffelbrennereien, hier ist der Mittel- und Großbetrieb stark gewachsen. In der Getreidebrennerei hat sich S ü d d e u t s ch l a n d gewaltig entwickelt, alle anderen Pro duktionsgcbiete haben starke Rückgänge erlitten. Die Sprithcrstellung zu gewerblichen Zwecken kommt dabei vorwiegend in Betracht. Die Hefebrennereien sind allgemein, in Westdeutschland am stärksten, zurückgegangen. Seine Hauptursache hat dies mit in der Schnapsgesetzgebung, die die eigentlich landwirtschaftlichen Brennereien immer vor den industriellen begünstigte. Bei der Kartoffelbrcnnerei ist in der genannten Zeitspanne die Zahl der Betriebe von 6 625 ans 6 608 gesunken, gewachsen sind nur die Mittel« und Groß- betriebe. Bei den Getreidebrennereien ist eS besonders der süddeutsche Kleinbetrieb, der zugenommen hat und zwar um mehr als 100 Proz._ Maschinenbetrieb in der Landwirtschaft. Die Produktion von Nahrungsmitteln, namentlich die Ver- orbeitniig von Milch wird in mehr und mehr umfassender Weise durch die Einführung von Maschinen unterstützt. Ganz rapid ist die Einstihrung der M i l ch z e n t r i fu g e n ISeparatoren) vor sich gegangen. Allein in Preußen vennehrten sie siiti von 48084 im Jahre 1895 auf 230 909 im Jahre 1997, also in 12 Jahren auf das Fünffache. Am stärksten war die Zunahme in den kleinbäuerlichen und mittelbäuerlichen Betrieben. Iii den Parzellenbetrieben(unter 2 Hektar Fläche) vermehrten sie sich von 2874 auf 9664, in den klein- bäuerlichen Betrieben(2 bis 5 Hektar) von 6001 auf 40 877, in den mittelbäuerlichen Betrieben(5 bis 20 Hektar) von 20 305 auf 119 124, in den großbäuerlichen Betrieben<20 bis 100 Hektar) von 15 381 auf 55 855, in den noch größeren Betrieben von 3523 auf 5389. Auch durch die Gründung von Molkcreigenoffeiischaften ist die An- Wendung von Maschinen in der Milchproduktion stark gefördert worden.__ Der Kapitalismus in Rirderländisch-Jndien. Die amerikanische Zeitschrift„PumpS and EupplieS" erwähnt die Siachricht, dast eine Gesellschaft über 60 000 Acres(zu 4000 Quadratmeter) auf den Philippinen erworben hat, um dort Zucker und anderes zu produzieren, und bemerkt dazu, daß doit Millionen Acres in der tropischen Sonne lägen, ohne ausgenützt zu werden. Mit Kapital könne aus diesem Lande ungeheuerer Reichtum gezogen werden. Sie fährt fort:„Vor 25 Jahren war Nord-Borneo(die größte Insel von Niederländiicb-Jndien) vernachlässigt. Dann wurde Kapiial hineingesteckt und rentierte si» wunderbar. Eine Gesellschaft allein hat Bodenrechte über ein Gebiet von 20 Millionen Acres (80 000 Ouadralkilometer), so groß wie Irland, grosteuteils passend zur Tabak» und G u m m i Produktion. Früher für wertlos ge- halten. hat es jetzt einen Wert von 6 Dollar den Acre(über 400 Mill. Mark im ganzrn). Man schätzt dort einen Bestand von 50 Mill. Tonnen preiswertes Bauholz. Viele blühenden Pflanzungen und Niederlassungen sind errichtet worden, wo vor 20 Jahren noch Wilde umherstreiften." Hub der frauenbewegung» J-gow sprach. Herr von Jagow, der berühmte Stratege von Treptow. hat die Moabiter Polizeiheldentaten neuerding« bedingungslos verteidigt. Trotz der Urteile in den Moabiter Prozesten, trotz vieler für die Polizei sehr blamabler Feststellungen, trotz des von Polizetorganen begangenen Mordes, der nach ans- drücklicher Erklärung des Schwurgerichtsvorsitzenden die Angegriffenen berechtigte, die angreifenden Beamten durch einen wohlgezielteu Schuß niederzustrecken, leistete sich Herr v. Jagow zur Kaisergeburts- tagsfeier eine unerhörte Provokation und Richterbcleidigung. Er behauptete, die den Schutzleuten vorgeworfenen— vor Gericht bewiesenen-» Vorwürfe seien entsprungen: Phantasie, Suggestion, System! Ein Sozialdemokrat, der so die Richter verdächtigte, würde auf Jahre ins Gesängnis geworfen! Zu den vom Chef belobigten Heldentaten gehört auch daZ Niederschlagen von Frauen und Kindern! es gehört dazu auch, eine gebärende Prolctarierin in schwerer Stunde in Lebensgefahr zu bringen. Einwandfrei ist vor Gericht folgendes festgestellt worden: Als ein Mann die Polizei bat, passieren zu dürfen, um eine Hebamme zu einer Gebärenden zu rufen, sagte man:„Hier werden keine Ausnahmen gemacht, ob Kinder kommen oder nicht, ist uns gleich l" DaS war die Antwort der Schützer von Gesundheit und Leben. So erwarb sich die Polizei das ungeteilte, unbedingte Lob deS Herrn v. Jagow. Erst nachdem ein Vertreter des Roten Kreuzes den Mann unter den Schutz seiner Organisation stellte, konnte die Hebamme zu der Hilfe heischenden Frau gebolt werden. Die Herr- liche Polizei hätte es fertig gebracht, die Hilfe zu verhindern, der Gebärenden und ihres Kindes Leben aufs Spiel zu setzen. Und Herr v. Jagow spricht von der Polizei:„Sie hielt tadellose Manneszucht I" Frauen und Mütter, das darf nie und nimmer vergessen werden. Gebt die Antwort auf solche Ungeheuerlichkeiten! In der Organi- sation, durch Anschlust an die Sozialdemokratie müßt Ihr die Rechte und Sicherheit der proletarischen Mutter verteidigen. Für Jnnler- Pferde wird ausreichend gesorgt, aber arme Mütter läßt man hilflos sterben. Das ist die gottgewollte Ordnung der Ritter und Heiligen. Nieder mit ihr I_ Weibliche Berufsbildung in der Schweiz. In der Schweiz be- steht seit dein Jahre 1895 ein besonderes Gesetz betreffend die Förderung der hanSwirtschaftlichen und beruflichen Bildung des weiblichen Geschlechts durch den Bund(das Reich). Im Jahre 1909 wurden 424 dein entsprechenden Zwecke dienenden Anstalten mit 411 120 Fr. aus der Buiidcskasie unterstützt. Im Jahre 1908 bc- trugen die Gesamtausgaben für dieie Einrichtungen 1613 555 Fr.. wovon 804 302,84 Fr. die Kantone, Gemeinden und Vereinigungen. 373 226,70 Fr. der Bund aufbrachten. In den Anstalien handelt es sich um koliiuuinale ForlbildiuigS- und Gewerbeschulen, um hanS- wirtschaftliche Schulen und Kurse, um Fachschulen und Lehrwcrk- statten, um Ausbildung von Fachlehicrinnen usw. Alle diese Ein- richtungen ersrcucii sich des besten Besuches und genießen auch bei den Arbeitern die höchste Anerleiuiung. Versautmlungen— Veranstaltungen. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Heute Mittwoch, den 1. Februar, abends S1,'-. Uhr, im Englischen Garten. Llepaiiderstr. 27 o: Vortrag des Frl. Dr. WygodSczUt«ki über: „Fürsorge für Mütter und Kinder." Gäste willkommen.�— Sonntag, den 5. Februar: Stiftungsfest in Kellers Festsälen, Koppenstraße 29._ Gerichts-Zeitung» Schmiergelder eines Oberbanratcs. Sensationelle Enthüllungen über eine Mißwirtschaft bei der Vergebung von Staetsbauten brachie ein ErpressungSprozest, den die Staatsanwaltick)aft beim Dresdener Landgericht gegen den Ties- bauunternehmcr Berger in Greustnig bei Döbeln angestrengt Haft«. In den 1890er Jahren stand der Oberbaurat Geyer an der Spitze des EisenbabnbctriebsamteS Döbeln und hatte als solcher u. a. auch die Eisenbahnvausen im Eiscnbahubaubczirk Döbeln zu vergeben. Um dieselbe Zeit übernahm der Angeklagte das bisher von seinem Vater geführte und begründete Tiefbaugeschäft mit Steinbruchs» Pachtungen und Ockoiiouiicbetrieb. Beim Vergeben der Arbeiten benachrichtigte der Oberbaurat den Angeklagten und riet ihm, er solle sich mitbcwerben und zunächst möglichst niedrige Preise in den Kostenanschlag einsetzen. Nack) Bcendigiiiig dcö Submissionsvcr» fahrens und nach Eiiigallg sämtlicher Bewerbungen wurde der An- geklagte von dem Oberbaurat abermals auf das BetriebSamt bc- stellt und jetzt wurden die Preise in des Angeklagten Voranschlag so weit heraufgesetzt, daü sie um eine Kleiiiigteit unter den anderen Kvntnrreutcn zurückblieben. Durch diese Mriiipulationen erhielt der Angeklagte die meisten der von dem Oberbaurat Geyer zu ver- gebenden Slaatseisenbahnliauten. Der letztere hatte aber für seine „Freundlichkeiten" natürlich auch Vorteile, denn er erhielt von dem Unternehmer 10 Prozent der Gesainlsuliimc, die die Arbeit betrug» als Schmiergelder. Aber damit noch nicht genug. Der Angeklagte mußte jedes Jahr den Garten des Oberbaurates vorrichten und instand l/alten, von seinem Gute den nötigen Dünger liefern und Küche und Keller des ObcrvaurateL unentgeltlich mit Obst und Kartoffeln füllen. Zwar erklärte der Oberbaurat. dast er alles zurück- zahlen werde, sobald seine beiden Söhne, von denen der eine Ober- leutnant, der andere Student ist, versorgt seien. Diese Mistwirt- schast bestand bis zum Jahre 1905. Dann ging der Oberbaurat in Pension und zog von Döbeln nach Langebrück. Nun war eS auch mit der Herrlichkeit des Angeklagten vorbei. Er erhielt keine StaatSarbeiten mehr und geriet infolgedessen in finanzielle Schtvic- rigkeiten. Tarauf verübte er mit Erfolg gegen seinen ehemaligen Freund und Gönner Oberbaurat Geyer Erpressungen. Nach den Aufzeichnungen des OberbanrateS hatte der Angeklagte in der Zeit von 1890 bis 1905 für 280 000 M. StaatSarbeiten geliefert. 28 000 Mark Schmiergelder erhielt der Oberbaurat. Ter Angeklagte drohte nun, er wolle beröffenklichen, von wessen Gelde die Söhne deS Oberbaurats studiert haben und nun einslustrciche Stellungen cinnchmen. In ungefähr 100 Postkarten und Briefen drohte der Angeklagte, er iverde an das Kommando des Regiments, Ivo der eine Sohn als Oberleutnant diente, sowie an die Amtshauptmanu- schast Grimma, Ivo der zweite Sohn aiigestellt war, schreiben. Tie ErpressungSvc cs uche hatten Erfolg, denn der Oberbaurat zahlte zu- sammen 15 870 M. Weitere Erpresiungeii blieben erfolglos, denn im Januar 1910 starb der Oberbaurat/ Der Angeklugte cntschul- digte sich mit seiner Notlage, der Staatsanwalt betonte, der Äuge» klagte hätte kein Rückforderungsrecht gehabt, da das Geld für«n- sittliche' Zwecke ausgegeben und angenomnien war. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu 2 Jahren Gefängnis und 5 Jahren EhrcnrechtSvcrlust. Er wurde wegen Fluchtverdachts sofort in Hast genommen. AuS einem städtischen Arbeitsamt. Wegen Vergehen im Amte. Urkundenfälschung und Betrug hatte sich der im städtischen Arbeitsamt« Augsburg beschäftigte Funktionär Schwager am Freitag vor dem Landgerichte Augsburg zu verantworten. Sckiwager war drei Jahre bei der Arbcitsver- Mittelung tätig gewesen. Unter dem Versprechen, arbeitslosen Leuten, die im Arbeitsamt vorsprachen, gute Stellen zu verschaffen, schwindelte er den armen Leuten zum Teil namhafte Geldbeträge ab und benutzte die auf dem städtischen Arbeitsamte gewonnenen Kenntnisse, um nebenbei noch eine private Arbeitsvermittelung zu betreiben. So lockte er einem armen Dienstknecht 410 M. als„Dar, lehn" ab, anderen Beträge von 90, 30, 20 und 10 M. Das Urteil des Landgerichts gegen ihn lautete auf fllnf Mo- natc Gefängnis, wobei'es als strafmildernd angeschen wurde, daß er iu einer gewissen Notlage gehandelt habe. Er hatte längere Zeit hindurch eine Tagegeld von— zwei Morl bezöge«, Erst spate? erhielt er ein Gehalt von monatlich 110 Mark. Hus aller Älelt. Die Pest. Die aus Peking vorliegenden Meldungen über die Pest lauten günstiger als in den letzten Tagen. Der europäische Handels- berkehr auf den nordchinesischen Bahnen wird unter Beobachtung einer siebentägigen Quarantäne wieder aufgenommen.— ?jn Charbin dagegen scheint die Situation immer trost- loser zu werden. In den letzten 24 Stunden find gegen 20V Personen der Seuche erlegen. Die Stadt ist ohne Wasser und die chinesischen Sanitätsarbeiter haben die Arbeit eingestellt. Die Lebensmittelpreise st eigen rapide, der Getreideexport hat ganz aufgehört. Ein nicht anerkannter König. Im Sommer vorigen Jahres war der Kaufmann Last in Preufi. Friedland Schützenkönig der dortigen Schützengilde geworden. Er hatte den besten Schutz getan, aber die Gilde wollte ihn trotzdem nich t a l s i h ren König anerkennen, weil er höchst unbeliebt war. und verweigerte ihm schlankweg die dem Schützenkönig zustehenden Ehrungen, wie zum Beispiel die Dckoriernng mit der Schützenkette. Das verdrotz den Schützenkönig so gewaltig, datz er die Hilfe des Gerichts in An- sprach nahm und die Schützengilde auf Anerkennung seiner Königs- würde verklagte. Die Sache schien ganz einfach zu liegen, und der Kläger war seines Sieges gewitz. Darin sollte er indes irren, denn nach mehreren Verhandlungsterminen entschied jetzt daS hiesige Landgericht gegen ihn. ES wie» ihn mit seiner Klage ab, weil, wenn Latz auch die statutenmätzig zur Erringung der Königswürde vorgeschriebene Bedingung erfüllt habe, ihm dennoch nicht das Recht zustehe, von der Schüyengilde die Anerkennung seiner Königs- würde zu verlangen. Schietzen sei ein Glülksspiel, es hänge im wesentlichen vom Zufall ab und stehe unier dem Begriff der Wette. Nach K 762 des B. G-B. seien aber aus Welten Forderungen nicht einklagbar, ebensowenig wie aus Glücksspielen. Hiergegen hält der Kläger Berufung für augezeigt, da er der Ansicht ist. datz, wenn Schieben ein Glücksspiel wäre, es als solches nicht erlaubt, sondern verboten sein mützte. Die Unbeliebtheit ist übrigens kein Grund, einen König nicht anzuerkennen. Unseres Wissens hat es schon manchen König ge- geben, der sich grötzter Unbeliebtheit erfreute, dem aber trotzdem stets königliche Ehren erwiesen wurden. Marternng von Sträflinge«. Die Pariser Blätter beschäftigen sich eingehend mit einem in der Strafkolonie von Belle I s l e ausgekrochenen Skandal. Dort soll nämlich ein Sträfling infolge der ihm zuteil gewordenen schlechten Behandlung umgekommen sein. Die ein- geleitete Untersuchung hat die Richtigkeit des erwähnten Vor- ganges ergeben. Aus der Untersuchung ging ferner hervor, datz auch andere Mitglieder der Strafkolonie häufig Gegenstand schlechter Behandlung seitens der Aufseher find. Der Stammbaum einer feudalen Familie. Zu der vor einigen Tagen von uns unter obiger Stichmarke gegebenen Notiz ersucht uns Herr Polizeikommissar v. Rabenau in Lffenbach a. M. um Aufnahme folgender Berichtigung: �„1. ES ist unrichtig, datz Frau Herberich der Familie v. Rabenau entstammt, sie emstamnit vielmehr der Familie Berna in Frankflirt a.M. 2. ES ist unrichtig, datz ich als Zeuge angegeben habe, in unserer Familie habe es eine ganze Legion Irrsinniger gegeben, wahr ist vielmehr nur, datz ein Bruder von mir im Irrenhaus ist. sonstige Fälle von Geisteskrankheit sind nicht vorgekommen. 3. Es ist auch unrichtig, datz ein anderer Bruder eine Million verspielt habe, denn keiner von uns hat je ein solches Vermögen besessen. Es ist auch unwahr, datz in unserer Familie Selbstmord vorgekommen ist." Zu dieser Berichtigung ist zu bemerken, datz die verurteilte Frau Herbcrich mütterlicherseits der Familie v. Rabenau entstammt. Die versehentlich dem Herr» Polizeikommissar in den Mund gelegte Zeugenaussage ist zum Teil von dem ersten Gatlen der Frau Herberich, dem Rentier D i l l i n g e r, gemacht worden, zu einem anderen Teile den sonstigen Zeugenaussagen entnommen. UebrigenS hat das Gericht bei der Sirafabmefiung ausdrücklich die Minder- Wertigkeit der Frau berücksichtigt. DaS Erdbeben auf den Philippinen« Der Ausbrach des Vulkans auf der zu den Philippinen ge- hörenden Insel L u z o n hat zu einer furchtbarcnKata- st r o p h e geführt. Wie bereits gestern gemeldet, war die Eruption niit einem Seebeben verbunden. Eine ungeheure Flutwelle drang weit in das Land ein und brachte allenthalben Vernichtung und Tod. Nach den letzten Meldun- gen sollen durch die Wasserfluten fünf Ortschaften zer- stört worden sein, etwa bOO Menschen sind dabei umgekommen. Auch in der Nähe des Vulkans bei Taal sind zahlreiche Personen durch ausgeworfene glühende Asche und Steine getötet worden. Die Ausbrüche des Vulkans dauern in ungemindcter Stärke am In das von der Katastrophe betroffene Gebiet hat die Ne- gierung Hilfsmannschaften entsandt. Kleine Notizen. Ein achtfacher Mörder. Der berücbtigste Räuber M ola n i, gegen den seit Wochen die gesamte Garnison der italienischen Ortschaft S a s s a r i mobil gemacht worden ist, hat gestern seinen achten Mord verübt, indem er den reichen Hauseigentümer S c a r p i tötete und ausraubte. Die Bevölkerung ist in Angst und Schrecken versetzt. Eine Belohnung von 25 000 Lire ist aus den Kopf des Mörders gesetzt worden. Opfer der Kälte. Nach einer Meldung der schwedischen Zeitung „Aftenposten" aus V a r d ö sind von sieben arbeitsuchenden Russen zwischen Falkefjord und Petschenga zwei Mann erfroren. Einer gelangte unter grotzen Mühsalen nach Petschenga. Die übrigen kehrten völlig erschöpft nach Falkcfjord zurück. Geschäftliche Aussprache. Die Chefs der in der KönigSgasse in B ri d a p e st etablierten Bnchdruckerei Brüll u. Feuer mann gerieten in ihrem Kontor in Streit. In dessen Verlauf verletzte Feucrmann durch einen Revolverschutz seinen Konrpagnon lebensgefährlich. Feuermann wurde verhastet. «AsSSZ v Ein dreifach donnerndes Hoch ? unserem lieben Freunde lioni'»«! Platen ■j zuicinem heutigen Wicgenseste. p Seine Freunde E. A. H. tite den jt.vMei'keickMMMj ditralariei' Viertel. == Bezirk 327, Teil II= Den Mitgliedern znr Nachricht, I datz unser Genosse, der Zeichners EEnxen Reipsch Nochowstr. 6, gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 4. Februar, nachmittags 4 Mr. von derl Leichenhalle des Zcntral-Fried- hoscS in FricdrichSselde a»S statt.| Um rege Beteiligung ersucht 215/17 Ter Ävritand. Arn Montag, den 30. Januar 1911, verstarb unser Genosse Stadtverordneter Emil Voigt Naunynstr. 67 im Alter von 51 Jahren. jS Wir verlieren in ihm einen' eifrigen undpflichttreuen Genossen. Durch sein langjähriges Wirken in der Arbeiterbewegung wird er sich ein dauerndes Andenken in den Herzen der Genossen bewahren. Ehre seinem Andenken! Der Vorstand des IV. Berliner Reichstagswalilkreises. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhofs in Priedriohsfelde aus statt. 215/16 AllpeiD.KraßkeD-u.�erliekasse dieutsflienflreelislerSenmt: E. H. 56. Verwaltungsst. Berlin S. Am 28. v.M. verstarb unser Mitglied Uill«ig Deguer. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. Februar, nach- mitlagS 2'/, Ubr. von der Leichen� balle des Rirdoifer Kirchhoses, Maricndorfer Weg, aus statt. 257/7 Die Ortsverwaltung. Oeutsctier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mtgltev, der Bohrer l�udwix Degner am 28. Januar an Herzleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. Februar, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- halle deS neuen städtischen Fried- hoscs in lllixdors, Mariendorser Weg, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 111/7 Die Orisverwaltung. fgrW der freien Gast- und Schankwirte Dentschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz der Kollege Emil Voigt (Naunynstratze 67, Bezirk 4) am 30. Januar nach langem, ch weren Leiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung smdet am Donnerstag, den 2. Februar, „achmiüagS 4 Uhr, von der Leichenballe des Zentral.FriedhojeS in Friedrichsseldc ans slatt. Um rege Beteiligung ersucht 74/6 vis Ortsverwaltung. Deutscber Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nnrfiricht, daß unser Kollege, der Tischler Oskar Langer am 29. Januar gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 2. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Friedhose» in FriedrichSsclde aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 78/9 Die OrtSverwaltuug. Verband der Belnelnde- und Staatsarbeiter. Filiale GroB-Berlln. Durch den Tod ist uns einer unserer Milkämpser, der Pen» fumieric Kollege Adalbert Vyrvar von der Pariverwaltung entrissen worden. Wir werden Ihm ew ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung fand am DienS- tag, nachmittags'/43 Uhr, von der Leichenoalle deS St. S-baltian- KirchbojcS in Reinickendorf-West aus statt. 35/7 Die Ortsverwaltung. iermit die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau, unsere gute Mutier, Tochter, Schwester und Schwägerin �.nrm Stange geb Koch nach kurzem 1-etden sanst entschlafen ist. Der trauernde Gatte Julloa Stange nebst Kindern, Gaudystr. 6. Die Beerdigung findet Donners. tag, den 2. Februar, nachmittags 4 Uhr von der Leichenhall« der Freireligiösen Gemeinde, Pavpel- Allee 15/17, auS statt. 28S6L Für die vtelen Beweise herzlicher Teil- nähme beim Hinscheiden unseres lieben Sohnes Wlll�, sagen wir hiermit Am Sonnabend, den 28. stsa- nuar, verstarb unsere langjährige Mitarbeiterin, die Zeitungoairn. wäzerin 2567L Marie Schicke. Ehre ihrem Andenken k Ausgabestelle des„Vorwärts" Lychener Straße 123. Haben Sie Slotl' ich fertioe davon Anzug od. Pzlotot nach Afass, tchick, datieth. Z von 25 Mark an. Moritz Laban Ntne Promenade 8, U. fStadlb. Börs.) Danksagung. Für die überaus rege Tcilnabme an der stillen aber doch erhebenden Bcgräbnisseier meines lieben BruderS Lustsv AdlerShof. sowie für die vielen Kranz- spenden von Vereinen und Arbeits« kollcgen, dem Gesangverein Frobsinn für den schönen Gesang sage ich-nebsl Angehörigen meinen innigsten Dank. 2870L Neinhold Viehnlze. Danksagung. Für die Herzliche Teilnabme beim Begräbnis meines lieben ManneS Robert Scholz sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere den Kollegen und Kolleginnen der Deut- schen TclcpHonwerke, dem Wahlvercin des dritten und vierten KrelseS, dem Verband der Maler, Lackierer und Anstreicher und für den erhebenden Ouartcttgesang meinen herzlichen Dank. 28692 Scholz nebst Kind. Tcrleih-liiMtKnt: Friedrichst.l 16/1, a.Orabg. "Tot. Eleg. Frack, Gebrock AOHostl.OO, Weste 50Pf. Für die rege Teilnahme und reiche Kranzspende bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unseres guten ValerS sagen wir allen L-leitigic» »mjeren herzlichsten Dank. 2927b Ann» HTz�deg nebst Kindern. Die Reslbestände der letiten Uerbst- und Winler-Saison, bestehend in nifi«al*iM&<*AaslM sparteer Ausführung, aus echt r lUSrnninnfP] n S."*'- �eal und deutschem Velours du a IHllVIllllUlllwIll tzord, in L&ngea bis zu 156 cm mit u.ohne Pelzbcsais, reich garniert n. glatt jetst z.l.b. 48,86,1 tSU. 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Für die vielen Beweil« herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meliic« lieben ManneS, unseres Vaters, des Bürsten- Händlers. 2t>68L Ernst Seiffert sagen wir allen Teilnehmern unseren innnigsten Dank. Prsu Ww. Seiffert nebst Kindern, Memeler Stratze 34. Lrts- Krankenkasse der Schmiede. Mittwoch, d. 8. Februar ISN. findet im Lokal von Fröhlich, Mus- kaner Strasse l: M ahl der Delegierten für 1911 statt. 1. Abends 6 Ubr:-Wahl von 18 Delegierten seitensderArbeit- uehmer. 2. Abends 8 Uhr: Wahl von S Delegierte« seitens der Arbeit- gebrr. W.ihlberecktigt und wählbar sind nur die grotzjährign, Mitglieder. Ter Vorstand. 271/1 Ad. P i l g r i m, Vorsitzender. Mmrtsiteriiitplit Extra- Ab teil ring I. Gesch.: Berlin W., Mohren- StraBe37a(2. Haus>on der Jerusalemer StraBe). «.Gesch.: Berlin NO., GroBe Frankfurt. Str. 116(2. Haut von der AndreasstraBe). Sehr gr. Aus w.fert. 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Berlin 0 27, ttrüner Weg 112. •••MMWSMSfWWMMSWSSSSMM« Kr. 27. 28. Zahrgaug. z. Kilagt des Joruiitts" Kerlim NsldsdIM JUitludili, 1. ftbtnut 101L Das Sli(d(raufnal)mev(rfal)reD des Cifcner liieineidsprozeKes. Telegraphischer Bericht. Essen» 31. Januar. Zweiter Tag. Zur heutigen Verhandlung sind als Zeugen die Richter und Anklagevertreter aus der Strafkammerverhandlung gegen Mar- graff, die seinerzeit zur Einleitung des Meineidsverfahrens gegen die jetzigen Angeklagten führte, und weiter eine Reihe von Zeugen über die Vorgänge in der Bcrgarbeiterversammlung in Baukau ge- laden. Vor Eintritt in die Verhandlung nimmt der Vorsitzende Landgerichtsdirektor König das Wort zur folgenden Erklärung: In dem Bericht der„Kölnischen Zeitung" finde ich, daß meine gestrige Ansprache an die Herren Geschworenen durch die Verstellung eines Wörtchens einen ganz anderen Sinn bekommen hat. Ich hatte ge- sagt:„Auch in weiteren Kreisen sind Zweifel entstanden, ob wohl der Schuldb�weis in ausreichendem Maße geführt sei. Dadurch. daß in dem Bericht die Worte„ob wohl" in„obwohl" zu- sammengezogen sind, ist ein ganz anderer Sinn in meine Worte ge- kommen, und zwar als ob ich meine Meinung hier zum Ausdruck gebracht hätte, daß die Angeklagten in der ersten Verhandlung zu Recht verurteilt worden seien. Von solch einer Ungeheuerlichkeit kann natürlich keine Rede sein. Ich habe mir überhaupt noch kein Urteil über die Schuldsrage gebildet, da ich eS ablehne, ein Urteil aus dem Aktenstudium jju gewinnen. Ich warte erst den Gang der Verhandlung ab. Ich bitte, dies zu berichtigen." Bert. Rechtsanwalt Dr. Riemeher: In der„Dortmunder Zei- tung" ist ein noch viel krasserer Irrtum vorgekommen. ES heißt da:�„Ob schon der Schuldbeweis in der ersten Verhandlung völlig geführt worden ist." Ich möchte das hier auch feststellen. AIS erster Zeuge wird darauf in der fortgesetzten Zeugender- nehmung Geheimrat Möser vernommen, der die Strafkammervcrhandlung gegen Margrafs ge- leitet hat. Der Zeuge bekundet: Mir ist das Bild dieser VerHand- lung noch ganz klar vor Augen. Ich entsinne mich, daß Redakteur Margrafs den Gendarm Münter beschuldigt hatte, weil er be- hauptet hatte, der Gendarm habe einen Versammlungsbesucher widerrechtlich zu Boden geworfen. ES entstanden bei der Ver- nehmung Widersprüche.> Auf der einen Seite waren Bergbeamte und Polizei, auf der anderen Zeugen, die interessiert waren, ge- wissermaßen als Partei Schröder. Den Zeugen habe ich im Ver- laufe der Verhandlung Vorhaltungen gemacht, und sie wurden etwas schwankender. Auf meine Ermahnung haben sie auch in ihren Angaben etwas nachgegeben, aber sie blieben immerhin mit Bestimmtheit dabei, daß der Gendarm gestoßen habe und Schröder gu Boden gefallen sei.— Vors.: Erinnern Sie sich, ob auch Schröder schwankend gewesen ist?— Zeuge: Er hat wohl auch etwas mehr über das Hinfallen angegeben und schränkte das dann ein, daß er sagte, er sei nur auf die Hände gefallen. Aber er blieb auch dabei, daß der Gendarm ihn gestoßen habe und daß er hingefallen sei.— Bors.: Wie war der Angeklagte Meyer in seiner Aussage?— Zeuge: Meyer ist wenig schwankend gewesen, er ist trotz meiner Ermahnung bei seiner ersten Angabc geblieben.— Vors.: Sie haben die Aussagen in der zweiten Verhandlung und zum Teil auch in der ersten Verhandlung protokollieren lassen?— Zeuge: Ja.— Vors.: Wir haben aus den Protokollen ersehen, daß es da heißt, daß die Angeklagten auf Vorhalt des Vorsitzenden recht merk- würdige Einschränkung machten. Haben Sie darüber Erinnerung, wie das zustande gekommen ist?— Zeuge: Nein, so wie cS im Protokoll steht, ist es sicherlich gewesen.— Vors.: Die Angeklagten sagen, daß sie verwirrt waren durch die Art» wie dir Verhandlung geführt wurde und wie die ganze Situation war. Es habe eine gewisse Spannung geherrscht, denn schon in der ersten Verhandlung sei gedroht worden mit Verhaftung, und in der zweiten Verhand- lung hieß eS den Zeugen gegenüber immer:„Nehmt Euch in Acht, sonst werdet Ihr verhaftet!" Die Angeklagten meinen, daß auf diese Weise auf die Zeugenaussagen eingewirkt worden sei.— Zeuge: Das kann ich nicht annehmen, daß Verwirrung entstanden ist. Ich weiß natürlich nicht, was in den Angeklagten innerlich vorgegangen ist, aber Erregung habe ich nicht bei ihnen bemerkt. Auf mich haben die Leute den Eindruck gemacht, daß sie einem be- stimmten Vorsatz gemäß aussagten.— Vors.: Erinnern Sie sich auch der Aussage MünterS? Wie wir gehört haben, soll auch er in der Aussage geschwankt haben, und es sollen verschiedene Modi- sikationen feiner Aussage zustande gekommen sein.— Zeuge: Ich kann das nicht mehr genau sagen.— Vors.: Erinnern Sie sich, daß Münter zuerst jede Berührung bestritten und daß er nachher eine Berührungsmöglichkeit zubegeben hat?— Zeuge: Das kann ich auch nicht mehr aus meiner Erinnerung sagen.— Vors.: Ist Münter aufgeregt gewesen?— Zeuge: Er war auch ein lebhafter Mann. Ich habe mich die ganze Zeit nicht mehr mit der Sache be- kleines feuillcton. Warum der Februar nur 28 Tage hat. Bei einer künftigen Kalenderreform, die sich an die von vielen Seiten beabsichtigte Fest- leanng des Oster- und Pfingstfestes knüpfen soll, bildet der Februar mit seinen 28 bezw. 29 Tagen einen argen Stein des Anstoßes, über dessen Beseitigung Berufene und Unberufene schon ganze Büchereien zusaminengeichrieben haben. Daran, daß der Fevruar mir 28 Tage zugeteilt erhalten hat, ist wahrscheinlich der zweite König des alten Rom, Numa PompiliuS. schuld, der daS 354 Tage dauernde Jahr mit 10 Monaten durch ein Jahr mit 12 Monate» von 29 bezw. gg Tagen ersetzte und. weil ungerade Zahlen als glück- verheißend galten, um möglichst viel Monate mit ungerader TageS- zahl zu erhalten, noch einen Tag hinzufügte. Man gab dann später vier Monaten je 31 Tage und beließ sieben andere Monate mit 29 Tagen, so daß für den Februar, der übrigens als letzter im Jahre gezählt wurde, mir 28 Tage übrig blieben. Luch als man ipäter die Dauer des JahrcS als Sonnensahr um zehn Tage verlängert«, blieb der Februar aus alter Gewohnheit daS Stieflind der Kälendermacher, erhielt aber, weil er als letzter in dem am 1. Mär, beginnenden Kalenderjahr gezählt wurde. ivenigstcnS alle vier Jahre den Schalttag zucrteilt. Diese einfache Erklärung genügt selbstverständlich nicht der auf phantastische Märchen be- gierigen Einbildungskraft des Volkes, das die letzten Tage dieses MonalS als.Tage deS Alten" oder.vorgtage" zu bezeichnen pflegt. Der erste Wcltrassenkongreß wird in der letzten Juliwoche dieses JahreS in der Londoner Universität zusammentreten. Der Zweck de« Kongresses besteht nach der Formuliernng seiner Veranstalter darin: die allgemeinen Beziehungen zu untersuchen, die zwischen den Völkern deS Ostens und denen des Westens, zwischen de» sogenannten weißen und den sogenaiiiiten farbigen Völkern bestehe», mit der Absicht,«in vollere« Verständnis, die freundschaftlichsten Gefühle und ein herzlichere« Zusaminenwirlen unter ihnen zu fördern. Mehr kann man von einem Kongreß nicht verlangen, der bei der Erfüllung dieser Aufgabe sowohl wissenschaftlichen al« wahrhast humanen Grundsätzen huldigen würde. Insbesondere sind bisher bereits sechs einzelne Themata für Vorträge und daran sich an- schließende Besprechungen ausgewählt worden: grundlegende Be- trachlungen und Bedeutung von Rassen und Nationen: allgemeine Bedingungen de« Fortschritts; friedliche Berührung zwischen den ver- schiedenen Zivilisationen: besondere Problem einer interrassialen— ein deutsches Wort gibt eS dafür noch nicht— WirtschaftSlehre: das moderne Bewußtsein mit Bezug auf Rassenfragen: positive Vorschläge zur Förderung eines freundschaftlichen Verkehrs zwischen den Rassen. An faßt, und Einzelheiten sind mir daher nicht mehr in Erinnerung. — Vors.: In der früheren Verhandlung ist erörtert worden, daß das Gericht in der ersten Verhandlung den Antrag des Staats- anwalts auf Verhaftung der Zeugen abgelehnt hatte.— Zeuge: Der Tatbestand erschien dem Gerichtshof noch nicht genügend auf- geklärt. Die Verhandlung wurde vertagt und neue Zeugen ge- laden. In der zweiten Verhandlung habe ich von meiner Mit- Wirkung bei der Verhaftung abgesehen, weil es sich um eine vor- läufige Festnahme handelte, die das Amtsgericht zu verfügen hatte. Es handelte sich hier also lediglich um prozessuale Gründe.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Nicmeyer: Herr Geheimrat, ist meine Meinung eine irrige oder richtige, daß Sie überzeugt waren, die Zeugen sagen die Unwahrheit und daß Sie bemüht waren, ver- meintlich im Interesse der Zeugen selbst, diese in ihren Aussagen zu dem zurückzuführen, was Sie objektiv für wahr hielten, und daß Sie mit diesem zurückdrängenden Standpunkt immer auf die Zeugen einzuwirken suchten?— Zeuge: Die Zeugen schienen mir immer Partei zu sein, auch die von der anderen Seite, wenn auch diese weniger, und da suchte ich, die Widersprüche aufzuklären.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Niemeyer: Sie suchten also nach Ihrer Meinung die Leute vor einem Meineid zu bewahren.— Zeuge: Ja, das pflegt man doch in solchen Fällen �u tun.— Bert.: Bin ich nicht zeitweise sogar hinausgegangen, weil mich die wiederholte eindringlche Befragung geradezu irritierte? — Zeuge: Das haben Sie vor dem Schwurgericht wenigstens an- gegeben.— Erster Staatsanwalt Eger: Waren Sie auf Grund der Verhandlungen gegen Margrafs der Ueberzeugung, daß Münter die Wahrheit gesagt hatte?— Zeuge: Ich hielt die Aussage für wahr.— Bert.: In der Verhandlung gegen Margrafs war ja nicht annähernd der Zeugenapparat aufgeboten worden als vor dem Schwurgericht. Außerdem hatte ich auch auf viele EntlastungS- zeugen verzichtet.— Zeuge: Wenigstens auf einige.— Als nächster Zeuge wird der frühere Landgerichtsrat Bcrres vernommen, der im Prozeß Margrafs als Beisitzer fungierte. An die Einzelheiten und Widersprüche in den Zeugenaussagen hat der Zeuge absolut keine Erinnerung mehr. Zeuge Erster Staatsanwalt Mantell, jetzt in München-Gladbacb, war Ankläger im Prozeß Margrafs und in der Schwurgerichtsverhandlung gegen Schröder und Genossen. Die Entlastungszeugen sagten das gerade Gegenteil aus von der Darstellung Münters und des Kommissars Brockmeyer. Auf Vor- halt deS Vorsitzenden gab Münter die Möglichkeit zu, Schröder mit dem Bauch oder der Brust berührt zu haben. Ein absichtliches Stoßen bestritt er aber entschieden.?luf Grund dieser Widersprüche beantragte ich zwecks Ladung weiterer Zeugen die Vertagung, außer- dem aber beantragte ich die Verhaftung der damaligen Zeugen Schröder, Meyer und Gräff. Ich kam dazu aus Grund der be- stimmten Angaben Münters und vor allem der Angaben Brock- meyers. Mein Antrag wurde vom Gericht abgelehnt, und ich habe auch nichts mehr unternommen. Zu dem neuen Termin waren an Bcrteidigungszeugen erschienen: Willing, Thiel, Imberg und Beck- mann, ferner wiederum Schröder, Meyer und Gräff. Münter und Brockmcyer waren auch wieder da und weiter Mitglieder des christ- lichen BergarbeitervcrhandeS, der die Baukaucr Versammlung ein- berufen hatte. Die Verteidigungszeugen verwickelten sich in Wider- sprüche, ia, die vier neu geladenen Zeugen machten Angaben, die weit ühcr daS hinausgingen, was Schröder gesagt hatte. Das ver- anlaßte den Vorsitzenden zu ernsten Vorhaltungen. Auf Grund der Beweisaufnahme beantragte ich das Schuldig gegen Margrafs, weil ich die Aussagen der sieben Entlastungszeugen für unwahr hielt. Nach Verkündigung des Urteils beantragte ich beim Gerichtshos die Verhaftung der Zeugen, die auch nach Ansicht des Gerichtshofes die Unwahrheit gesagt hatten. Nach langer Beratung lehnte der Ge- richtshof diesen Antrag ab, worauf ich die Verhaftung von Schröder, Meyer und Gräff verfügte. DaS Amtsgericht erließ auch den Haft- befehl und verhaftete einen vierten Zeugen und die Strafkammer noch einen oder zwei weitere Zeugen.— Vors.: Aus Ihrer Aussage könnte man entnehmen, daß Sie auf BrockmeyerS Zeugnis mehr Gewicht legten, als auf das Zeugnis Münters?— Zeuge: Ich wollte damit sagen, daß ich auf die Aussage MünterS allein ein Schuldig gegen Margrafs und auch ein Schuldig im Schwurgerichts- Prozeß gegen Schröder und Genossen niemals beantragt hätte. Das tat ich erst, als Kommissar Brockmcyer die Müntersche Darstellung bestätigte.— Vors.: Wie kam es, daß die Entlastungszeugen auf Vorhalt ihre Aussagen ganz wesentlich einschränkten?— Zeuge: Ter Vorsitzende und ich, der auch eingriff, hielten den Zeugen vor. daß sie etwas ganz Unmögliches bekundet hätten, was vor allem mit Schröders eigener Darstellung sich nicht deckte.— Vors.: Meinen Sie, daß Leute dieses einfachen Bildungsgrades die vom Vorsitzen- den gcninchten Unterscheidungen verstanden haben?— Zeuge: Das glaube ich doch.— Erster Staatsanwalt Eger: Welches ist nun Ihr Gesamtcindruck über die Müntersche Aussage?— Zeuge: Genau war er insofern, als er fortgesetzt jedes Stoßen bestritt, lieber die Ursache deS Fallens hat er verschiedene Vermutungen geäußert Interesse scheint eS dem Kongreß nicht zu fehlen. Nach dem vor- läufigen Bestand werden einige fünfzig Länder vertreten sein, und als Förderer de« Kongresses habe» sich insbesondere bekannt 25 Präsidenten von Parlamenten, die Mehrzahl der Mitglieder deS Haager SchiedSgerichtShof«. 12 britische Gouverneure, 8 britische Premierminister, über 139 Professoren de« internationalen RechtS und fast alle führenden Anthropologen und Soziologen. General- selretär des Kongresses ist G. Spiller, 63 South Hill Park, London Nordwest. Eine mikroskopische Bibliothek wird, wie die englische Zeitschrift „N a t u r e" mitteilt, vom Internationale» Bibliographischen Institut in BruxelleS hergestellt. ES handelt sich darum, auf photograpbifchem Wege stark verkleinerte Abbilder von einzelnen Artikeln, ganzen Büchern, überbaupt von allen schriftlichen Dokumente» zu erlangen, deren eventueller Verlust besonders schmerzlich wäre. ES sollen demnach Bücher, Zeitichristen. Manustnvte Seite sür Seit auf kleine Platten von ungefähr 4—5 Zentimeter Ouadralfläche abphotographiert werden, so daß die Dertleinerung 50- 200 Mal betragen wird. Um solche Platten dann lesen zu können, wird man sie etwa in der» selben Weise durch Projektion vergrößern, wie wir eS jetzt mit den linematographischen Aufnahmen tun. Die minimale Gröge, in der eine solwe Bibliothek hergestellt werden kann, bietet natürlich auch die beste Gewähr für eine Art der Aufbewahrung, die allen An- forderungen der Sicherheit Genüge leisten kann. Zuerst werden dieser mikro-photographischen Reproduktion Zeitschriftarlikel und kunst- geschichtliche Dokunienre unterworfen werden. Der Fernsprecher im fahrenden Zuge. Auf einigen englischen Eismbahnen ist versuchsweise eine vom Jngeuienr H. v. Kramer in Birmingham erlnndene Vorrichtung eingestellt, die eine Telephon- verbindeng zwischen dem fahrenden Zuge und den Stationen er- möglicht. Die Stromleitung geschieht mittels zweier Drähte— je eines sür jede Fahrlrichtiing—. die zwischen den Eisenbahnschienen befestigt liegen. Der diese Drähte durchlaufende Strom erzengt einen induzierten Strom im anderen Drahte, der den Eisenbahnwagen, wo Fernsprechappnrat eingestellt ist, in mehreren Windungen senkrecht um'pannt. Als Riicklciiung wird die Telegraphenleitang benutzt. Die Versuche sind bis jetzt recht gut ausgefallen. Bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 100 Kilometer in der Stunde stmktionierte die Verbindung tadellos und wurde gar nicht durch das Geräusch deS fahrenden ZugeS gestört. Die Kosten der neuen Vorrichtung sind verhältniSmätzig gering: sie betragen nur 125 M. pro Kilometer. Da die Verbindung sowohl vom Zuge aus als auch von der Station hergestellt werden kann, so haben wir eS hier zweifellos mit einer sehr wichtigen Erfindung zu tun. Darüber hat überhaupt kein Zeuge bestimmte Angaben machen können.— Vert. Rechtsanwalt Dr. Nienicyer: Ist es richtig, daß in der ersten SchwurgerichtSverhandluim Sie und vor allem der Erste Staatsanwalt Dr. Petersen in den Plaidoyers die politische Richtung der Angeklagten betonten und daß Sie insbesondere auf die Streiks hingewiesen, aus denen man die Sozialdemokratie kenne, kurz, daß Sie immer hervorhoben: auf der einen Seite stehen die Mitglieder des christliche,? P-rbandes, die streng religiös feien, auf der anderen Seite die Muglieoer des alten Verbandes, die mehr oder weniger sozialdemokratisch seien und denen Religion Privatsache sei.— Zeuge: Dr. Petersen hat so etwas gesagt.— Staatsanwaltschaftsrat Pfaffe: Waren sämtliche Belastungszeugen Mitglieder des christlichen Verbandes?— Zeuge: Der größte Teil sicher.— StaatsanwaltschaftSrat Pfaffe: Nicht auch Mitglieder des Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins?— Zeuge: Das weiß ich nicht mehr.— Zeuge Geheimrat Möser: Ich glaube, einer dieser Zeugen gehörte in der Tat der Hirsch-Dunckerschen Richtung an. Zeuge Amtsgerichtsrat Teßmar wirkte als Beisitzer im zweiten Margraffprozeh mit. Schröder sollte vormachen, wie Münter ihn eigentlich gepackt habe. Darauf wurde er ganz perplex und verlegen und wußte gar nicht, wie er das anfangen sollte.•— Zeuge Reichstagsabgeordneter Hue: Ich entsinne mich dieses Vorganges genau. Schröder zeigte genau, wo und wie Münter ihn gepackt hatte.--- Erster Staatsanwalt Eger: Münter war doch außerordentlich groß. Wenn er Schröder, der gefallen war und fast am Boden lag, im Nacken packte, mußte der lange Mensch sich da nicht bücken?— Vert. Rechtsanwalt Dr. Niemcyer: Nein, vor dem Schwurgericht wurde festgestellt, daß Münter sich nicht zu bücken brauchte.— Zeuge Trß- mar: Ich weiß das nicht mehr.— Vors.: Wir werden das Experi- mcnt selbst anstellen, wir haben dafür einen langen Gerichtsdiener (Heiterkeit.)— Der Gerichtsdiener, wird herbeigeholt, der An- geklagte Schröder tritt aus der Anklagebank heraus und bückt sich tief zur Erde, während der Gerichtsdiener ihn im Nacken packt. Der Gerichtsdiener braucht sich, obwohl Schröder sich zu dreiviertel zur Erde bückt, seinerseits nicht zu bücken.— StaatsanwaltschaftSrat Pfaffe: Es wird behauptet, daß Schröder doch am Boden lag. In diesem Falle mußte sich Münter doch bücken.— Vert. Rechtsanwalt Dr. Niemeyer: Nein, es war auch vor dem Schwurgericht nur davon die Rede, daß Schröder sich zu zwei Drittel oder drei Viertel gebückt hätte.— Zeuge Dr. Lütgenau: Außerdem hatte Münter, soviel ich weiß, sehr lange Arme.— Zeuge LandgerichtSrat Sinteln war im Gerichtshof Berichterstatter in dem Verfahren gegen Margrafs. Er habe die Erinnerung, daß Münter bestritt, Schröder mit einer Arm- bewegung gestoßen zu haben.— Bors.: Nachher hat er die Möglich- keit zugegeben, daß er so dicht an Schröder herangetreten sei, daß dieser durch die Berührung zu Boden gefallen sein könnte.— Zeuge: Ich erinnere mich nur, daß er zugab, Armbewrgungen gemacht zu haben, aber er bestritt, Schröder zu Boden gestoßen zu haben.— Vors.: Von Münter ist nur ein Protokoll seiner Aussage in der Vorunter- suchung vorhanden, im Margraffprozeh ist eine Protokollierung jener Aussage leider nicht erfolgt.— Zeuge: Das weiß ich nicht mehr. Soviel ich mich erinnere, hat Schröder immer in der gleichen Weise gesagt, daß er zu Boden gestoßen worden sei.— Vors.: Haben Sie noch in Erinnerung, ob Münter in seiner?luSsage schwankend gewesen ist.— Zeuge: Nein, ich erinnere mich nicht.— Erster StaatSanwaltschasts Eger: Dann beantrage ich, das Urteil im Pro- zcß gegen Margrafs zu verlesen.— Vert. Rechtsanwalt Dr. Nie- meyer: Ich müßte dann beantragen, auch das Urteil der Kölner Strafkammer gegen Hofrichtcr �u verlesen.— Erster Staatsanwalt Eger: Die Staatsanwaltschaft ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß im Interesse der Sache sowohl der Angeklagten wie der Ver- teidigung die Verlesung sämtlicher Urteile liege.— Staatsanwalts- rat Pfaffe: Welchen Eindruck machte Münter in der Verhandlung gegen Margraff auf Sie?— Zeuge LandgerichtSrat Sinteln: Damals machte er auf mich einen durchaus glaubhaften Ein- druck um so mehr, als feine Aussage von verschiedenen Leuten bestätigt wurde. Allerdings standen auch auf feiten Schröders viele Zeugen.— Bors.: Also in objektiver Beziehung erschien Ihnen die Müntersche Aussage richtig. Aber welchen Eindruck hatten Sie von der Münterschen Persönlichkeit?— Zeuge: Er machte den Eindruck eine? besonders forschen Gendarmen, aber eS lag kein Anlaß vor, an der Richtigkeit seiner Aussage zu zweifeln.— Vert. Reckstsanw. Dr. Niemeyer: Erinnern Sie sich, daß die Verteidigung schon damals die subjektive Glaubwürdigkeit Münters bezweifelte?— Zeuge: Das muß man wohl aus den ganzen Umständen schließen.— StaatsanwaltschaftSrat Pfaffe: Trotz der Anzweifelung der Glaubwürdigkeit seitens der Verteidi- gung hatten Sie aber Münter für glaubwürdig gehalten?— Zeuge: Ja.— Vert. RechtSanw. Dr. Niemeyer: Herr Erster Staatsanwalt Mantell, ist es richtig, daß in der vorigen Verhandlung ein Ge- schworen« die Frage stellte, ob sich unter den Verteidigern, unter Humor und Satire. Erlös der Erlösung. Dies ist Gesetz, wenn Hell'ge sterben: kaum ist die Seele retiriert, so wird von den vergnügten Erben mit den Reliquien hausiert. Da zeigt sich, wie von der Verwesung auch manche» Menfchenwürmlein zehrt; besonders Heilige der Erlösung sind heute wieder stark begehrt. Sind WagnerS längst mit dem Erlöse des Welterlösers Parsifal erlöst, so zeigt sich, wie ich lese, bei TolstoiS ein verivandter Fall. Verkloppt wird selbst die heil'ge Stätte, genannt JaSiiaja Poljana, verkloppt am Ende Tisch und Bette und jedenfalls die opora. Ach, euer klassisch' Vorbild kenn' ich: datiert von Christi Sterbetag und destilliert den Peterspfennig als WelterlösuitgSreinerlrag. Franz. Notizen. --»Eine Dissertation über diePfarrerSköchin Der an die Krakauer Universität bcnifene klerikale Agitator Professor Zimmer, gegen den stch eine Protestaktion der Studenten rilbtete, hat ein Buch herausgegeben, da« er zuerst„Meine Alte" nennen wollte, aber auf da» Gebot seiner Wirtschafterin in „Meine Dame. Ein Beitrag zur P'ychologie der PfarrerSköchin" umtaufen mußte. Da« Buch behandelt die Tyrannei, unter der die Rompriester leiden müssen— nicht etwa die der Hierarchie, sondern die der Köchin l SS ist auch physiologischen Inhalt». Als Genosse DaSzynSki in seiner EtatSrede im Parlament hieraus zu zitieren begann, wie die Er»Shru»gSweise der Hochwürdigen auf die... Volks- Vermehrung wirke, da erhob sich gewaltige Heiterkeit über diese neueste Art von Moden, iSmiiS, die aber nicht verboten ist. Nun hat aber Herr Zimmeriliaim das so erfolgreiche Buch aus dem Handel zurückgezogen... Und e« stand doch gar nicht auf dem Index.« denen such der Zehige Zentrumsabgesrdnete Dr. Bell war, Sozialdemokraten befinden?— Zeuge Mantell: Dessen erinnere ich mich nicht; ich mühte es dann doch aber in Erinnerung haben.— Staats- anwaltschaftsrat Pfaffe: Worauf, meinen Sie, könnte es zurückzuführen sein, dah die damaligen Entlastungszeugen, die jetzigen Angeklagten, ihre Aussage einschränkten?— Zeuge Mantell: Auf Verwirrung keineswegs. Sie haben die Aussagen wohl einge- schränkt, weil sie sie auf die Vorhalte hin einschränken muhten. — Vert. RechtSanw. Dr. Niemeyer: Diese Frage muh ich bean- standen. Es ist daS ein reines Urteil eines am Ausgang des Pro- zesses interessierten Zeugen.— Vors.: ES kann ja diese Frage in eine rein tatsächliche Frage umgewandelt werden.— Staatsanwalt- schaftsrat Psaffe: Haben Sie in dem Prozeh Margrafs durch Gesten oder Bemerkungen in die Verhandlung eingegriffen?— Zeuge Mantell: Ich habe natürlich in die Verhandlung einge- griffen, denn was die Angeklagten aussagten, war nach meiner Ucberzeugung, wie nach der des Herrn Vorsitzenden unwahr. Sie niuhten darauf aufmerksam gemacht werden und haben daraufhin dann auch die Einschränkungen gemacht.— Vert. RechtSanw. Tr. Niemelier: Ist Ihnen noch erinnerlich, dah Zeuge Münter noch während der SchwurgcrichtSverhandlung eine schriftliche Eingabe an die Staatsanwaltschaft machte, dah ich. der als Zeuge oer- nommen worden war, immer aus- und eingehe und drauhen den sozialdemokratischen Zeugen Mitteilung mache?— Zeuge Mantell: Ob Münter eine schriftliche Eingabe machte, weih ich nicht? jedenfalls aber wurde der Staatsanwaltschaft von Münter die Mitteilung gemacht, dah Herr Niemeyer drauhen mit den sozialdemokratischen Zeugen verkehre. Es ergab sich dann die Unbcdeutenheit dieses Vorganges.— Staatsanwalt: Erinnern Sie sich, dah der Erste Staatsanwalt Peterson damals in öffentlicher Verhandlung er- klärte, daß er bedanre, daß dieser Zwischenfall eingetreten war? — Zeuge: Ich glaube wohl.— Vors.: lieber das Auftreten von Münter bekommen wir ja hier noch genug zu hören.— Erster Staatsanwalt Eger widerspricht der Entlassung der Zeugen Mantell und Moser.— Nach einer kurzen Pause kommt der Vorfitzende nochmal» auf die Bemerkung des Verteidiger» zurück, der Zeuge Mantell fei interessiert an dem Ausgang des Prozesses. Es könne davon wohl nicht die Rede sein, höchstens könnte gesagt werden daß der Zeuge an dem früheren Verfahren beteiligt war. r- Vert RechtSanw. Dr. Niemeyer: Der Zeuge hat zuerst die Verhaftung der Angeklagten versllgt: er hat die Anklage im Prazeh Margrafs erhoben und vertreten und hat auch in der SchwurgerichtSverhand- knng die Anklage vertreten. Er ist insofern an der Herbeiführung de» Schicksal» der Angeklagten beteiligt. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, dah ein derartig interessierter Zeuge ein förmliches Gutachten abgebe. Zeuge Mantell svortretend): Von einem Interesse meinerseits kann absolut keine Rede sein. Ich habe dje Sache Margrafs im Interesse des Staate» vertreten; ich habe als Staatsanwalt nur die Hoheitsrechte des Staates wahrgenommen. Der Staat gibt Gesetze und muh darauf achten, dah diese Gesetze beachtet werden Ich habe daher al» Staatsanwalt dafür zu sorgen, dah Ueber. tretungen gesetzlich geahndet werden. Ein persönliches Interesse meinerseits liegt also keineswegs vor.— Vert. RechtSanw. Dr Niemeyer: Das ist ein Plädoyer gewesen. Es wird dann zur Vernehmung einer Reih« Zeugen über die Persönlichkeit MünterS übergegangen. Eine Anzahl Zeugen be- runden über ein Erlebnis mit Münter am l. März 1W4. Die Zeugen, die untereinander bekannt waren, hatten einen mehr scherzhaften Streit, bei dem es nicht übermähig laut zuging Münter sei herangetreten, habe »hne Veranlassung blank gezogen und auf einen Zeugen eingeschlagen.— Zeuge Hasenpetter be- kündet, dah Münter nacht» an eine Gruppe herangetreten sei und einen Man» repidiert habe. Münter sagte., er hätte RevolverMsse gehört und müsse nachsehen, ob einer der Leute einen Revolver habe. Als Zeuge hinzukam, wurde er auch von Münter angehalten; er wisse aber Nicht mehr, ob er selbst revidiert worden sei.— Pars.: Hat Münter einen d«r Leute geschlagen?— Zeuge: Ich glaube nicht.— Vors.! Früher sagten Sie, der Mann, der revidiert Werden sollte, soll gesagt haben: So ein LumpenaaS revidiert michl Darauf habe Münter gescklagen. Zeuge: Heute weih ich da« nicht mehr.—- Zeuge Regierungssekretär Petri-Miinster war zweiter Brigadeschreiber bei der dortigen Gendarmertebrigade. Münter War erster Brigadeschreiber und Rechnungsführer �und verwaltete auch die von den Gendarmen hinterlegten Heiratskautionen. Vors.: Dabei sollen Unregelmäßigkeiten vorgekommen sein; Münter soll Gelder für sich verwendet haben. — Zeuge: Ja. Wegen de» Lebenswandels MünterS nahm ich Peranlassung, beim Oberst Meldung zu erstatten. Ich fiel zunächst aber glatt ab. Erst später konnte ich von wirklichen Unregrlmäftig- ketten Mitteilung machen und den Oberst fragen, ob ein solcher Mensch noch wert sei, die Tressen zu tragen. Auch sein außerdienst ltcheS Verhalten war mir bereit» aufgefallen. Er war ei» abnorm aufgeregter Mensch, der bramarbasierte und bei Kneipereien immer gleich den Mittel- Punkt bildet» und da« große Wort führte. Sehr oft sah man ihm an, daß er nach durchfoffener Stacht in den Dienst kam.— Vors.: Er führte also ein unsolide» Leben?— Zeuge: Sin für einen Gendarmen direkt anstößiges Leben. Als er erfuhr, dah ich beim Oberst Anzeige erstattet hatte, erklärte Münter, er wolle mich er- schießen. Inwieweit er das ernst meinte, weih ick nicht, jedenfalls habe ich den Oberst gebeten, mich gegen alle Eventualitäten zu schützen. Ich habe mich Im Bureau so gesetzt, daß ich ihn nicht mehr im Rücken, sondern neben mir hatte.— Vors.: Wieviel Kautionen mag er für sich verwendet haben? � Zeuge: Zwei zu je Z00 M. — Staatsanwaltschafttrat Pfaffe: Als die Revision kam. hat Münter doch da» Geld ersetzt?— Zeuge: Soviel ich weih, hat er sich das Geld erst von einem Bekannten geborgt.— Zeuge Landessekretariatsassistent Wolf-Merseburg war früher Gendarm in Münster.— Vors.: Was war Münter für ein Mann?— Zeuge: Er verkehrte in den Kneipen viel mit Frauenzimmern und hat sich auch insofern etwa» zuschulden kommen lassen, als er Kautionen für sich verwandte. Als die Revision feststand, meldete er sich krank. E» vergingen 14 Tage, bi» er das fehlende Geld an die Kasse abgeführt hatte.— Zeuge Petrt: Wie ich jetzt aus dem Rechnungsbuch sehe, hat Münter in drei Fällen den Verlust der Zinsen decken müssen.— Erster StaatSanw. Eger: Wir können Münter ja darüber nicht mehr hören, ob er irgendwelche Ent- fchuldigungsgründ« hatte, vielleicht Bummelei. Zeuge Petri: Nein, Herr Erster Staatsanwalt, Bummelei kommt wohl nicht in Frage. Dazu ist dt« Zeit von Oktober bi» April zu lang.— Ersrer Staatsanwalt Eger: Ich gebe Ihnen ja zu, daß es sehr verdächttg ist. Von dem Zeugen Oberwachtmeister Böttcher hat sich Münter eine? TageS 600 M. geborgt. Es war daS zweitemal, daß wir uns überhaupt sahen. Al» Grund gab er an, dah er seine Möbel bezahlen müsse. Er hat mir da» Geld in Raten zurück- gezahlt.~ geu-e Gastw'rt Tamann-Bochum. früher Oberwacht. meister, hatte Munter m Herne In seinem Beritt. Münter war von Münster überwiesen worden, weil er sich dort allerlei hatte zu- schulden kommen lassen.— Vors.: Wie war seine dienstlicht Führung?— Zeuge: Im allgemeinen wollte man nichts von ihm wissen; er benahm sich wi» ein Löwe unter einer Herde Schafe. Man glaubte ihm nicht». Er kannte gemacht haben, wa» er wollte, «ach seinen Berichten hatte er immer recht. ES kamen auch An- »eigen über dienstliche Ueberschreitunge», aber er wuhte alles so zu drehen, dah die Sache für ihn günstig war. Da sich die Anzeigen »iederheltcn, kam ich schließlich zu der Ansicht, dah doch die An- «eisenden recht hatten.— Vors.: Liegt das alle» vor der ersten Schwurgerichtsverhandlung?_ Zeug«: Ja.— Vors.: Kam es auch vor, dah er Leule gleich mit dem Säbel schlug, die nicht weggingen? — Zeuge: Fast täglich. StaatSanw.-Rat Pfaffe: Wie kommen Sie auf die Wendung: ..Münter habe sich benommen wie ein Löwe unter einer Schaf- Herde?"— Zeuge: Er hetzte die Kameraden auf und fühlte sich hocherhaben. Renommierte mit seinen früheren Stellungen mit seiner Gardc-du-Corp-Vergangenheit.— Staatsanw.-Rat Pfaffe: Kamen nicht auch über andere Gendarmen Anzeigen wegen dienst» licher Ueberschreitungen?— Zeuge: Jawohl, noch über zwei. Sie bildeten mit Münter zusammen eine Art Komplott. — StaatSanw.-Rat Pfaffe: Waren die Anzeige».jGMÜndet?— Zeuge: Ja, in vielen Fällen. Ter eine Gendarm trut auch bald zum Zivildienst über, der andere starb später im Jrrenhause. Hierauf trat die Mittagspause ein. In der NachmittagSsitzung wird die Zeugenvernehmung fort- gesetzt. Magistratsassistent Georg Wolf-Berlin hat die vom Berliner Magistrat gegen Münter eingeleitete DiSziplinarunter- suchung geführt. Münter war zuerst als Diätar in den städtischen Dienst getreten und wurde später Assistent mit 250 M. monatlichem Gehalt. Das Sekretärsexamen hat er nicht bestanden. Kurze Zeit hatte er noch einen Nebenverdienst, der ihm wieder entzogen wurde, da er darüber seine eigenen Arbeiten vernachlässigte. Münter kam beim Oberbürgermeister einigemal um Unterstützung ein, weil er infolge Krankheit hilfsbedürftig sei. Er hatte ein Gallenstein- leiden.— Vors.: Ex hat wohl sehr häufig gefehlt unter dem Vor- geben, daß ihm sein Leiden grohe Beschwerden bereite?— Zeuge: Er fehlte sehr häufig.— Vors.: Er ist wohl auch an einer Gallen- steinoperation gestorben?— Zeuge: Ja. Er litt auch an Gelenk- rheumatismus und sagte, das rühre davon her, daß er einmal von Bergleuten in einen eisbedeckten Tümpel geworfen worden sei.— Vors.: Sie haben den Arzt Dr. Berakner auch gutachtlich über Münters Gesundheits- und Geisteszustand befragte— Zeuge: Er war ein überaus aufgeregter Mann; seine Mutter war in einer Irrenanstalt und ist dort gestorben. Als die DiSziplinarunter- suchung eine für ihn ungünstige Wendung nahm und ich ihm manche ihm wenig angenehme Borhaltungen machen muhte, ist er ganz plötzlich in eine aufbrausende Wut gekommen. Er hat auch vielfach Beschwerden über mich an den Oberpräsidenten und Minister gerichtet, die mich zweifeln liehen, ob er geistig ganz normal sei. — Vors.: Ist ein Bruder von ihm, der Volksschullehrer war, nicht auch in eine Irrenanstalt gekommen?— Zeuge: Ja, er ist in der Irrenanstalt gestorben. Der Arzt sagte mir, er könne kein ab- schließendes Urteil abgeben, weder ob Münter normal oder anormal sei.— Vors.: Wie kam nun daS Disziplinarverfahren gegen Münter zustande?— Zeuge: ES waren mehrere Denun- ziationen über Münter eingelaufen, dah er für andere Leute gegen Entgelt eine Art RechtSkonsulentcutum betreibe. Ein Magistrats- beamter namens Hintze beschwerte sich, daß Kollege Münter in einem Rechtsstreit gegen ihn als Vertreter der Gegenpartei austrete. Dann führte der Landrat von Niederbarnim Beschwerde, dah der Magistratsbeamte Münter in Rechtsgeschäften für Dritte ohne Er- laubnis des Magistrats beim Bezirks- und KreisauSschusse auftrete und die Behörden mit Eingaben belästige.— Vors.: Es stellte sich wohl auch heraus, dah er an Tagen, in denen er wegen Krank- heit vom Dienst weggeblieben war, Termine wahrgenommen hatte.— Zeuge: Allerdings hat der Arzt sich dahin geäußert, dah sein Leiden ihn gehindert haben könne, regelmähigen Dienst zu tun, dah er aber ganz gut einen Termin wahrnehmen könnte. DaS Disziplinarverfahren wurde eingeleitet, weil den Beamten verboten war, ohne Erlaubnis gewerbsmäßig Ncbengeschäfte zu betreiben. — Vors.: Der Lnndrat beschwerte sich, dah Münter als Beamter den Behörden gegenüber in seinen Beschwerden ein unwürdige» Verhalten gezeigt habe.— Zeuge: Ja.— Vors.: Im Laufe der Disziplinaruntersuchung stellte sich dann auch heraus, dah Münter »w« Gastwirte zur Abgabe von unwahren Aussage» in seinem Disziplinarverfahren zu bestimmen versucht habe.-» Zeuge: Ich hatte zunächst den Eindruck, daß eS sich um einen kleinen Nebenverdienst handelte, und fahte die Sache nicht so. tragisch auf. Wenn er diese Dinge gleich eingeräumt hätte, wäre wohl kein Ver- fahren eingeleitet worden. Er weigerte sich aber, sich vernehmen zu lassen, und da blieb dem Magistrat nichts anderes übrig als die Einleitung des Disziplinarverfahrens. Ich riet Münter, wenn er wirklich nebenher einige Pfennige verdient hätte, eS ruhig ein» zuräunien. ES wäre nicht so sckilimm, und eS könnte höchstens ein Verweis oder eine kleine Geldstrafe herauskommen. Er bestritt aber, für Entgelt tätig gewesen zu sein. Wenn er etwa» genommen habe, seien es knapp seine baren Auslagen gewesen. Der Zeuge erörterte dann einzelne von Münter betriebene Rechtsgeschäfte. Münter arbeitete in verschiedenen dieser Prozesse mit einem Manne zusammen, der nie arbeitete, aber immer Geld hatte. Man nenne diese Art Leute in Berlin„Schieber". In einem Falle beschuldigten sich beide Parteien gegenseitig drS Metneid». Einem der Zeugen hatte Münter veranlaßt, unwahrerweise auszusagen, dah er die ihm gezahlten 100 M. nicht al» Vergütung, sondern für Auslagen erhalten habe. Münter war auch in mehreren Ehe- chetdungsprozessen tätig. Eine grau von P. wandte sich an den Ragistrar mit der Anschuldigung, dah er.faule Dinge" ge- macht Hab«. Dagegen wurde>hm in mehreren von ihm betriebenen Wiederaufnahmeverfahren, so u. a. zugunsten von zwei wegen Körperverletzung verurteilten Zuchtleuten das Zeugnis ausgestellt, dah er sich höchst anständig und uneigennützig gezeigt habe. Vors.: Die Voruntersuchung Ist dann wegen Verdacht drS Meineids und Unternchinens der Verleitung zum Meineid gegen Münter und einen Kollegen von ihm auf Antrag der StaatSanioaltschaft eröffnet worden. Das Verfahren gegen Münter fand sein Ende mit Münters Tod, das Verfahren gegen die anderen Beamten wurde wegen Mangels an ausreichenden Beweisen eingestellt.— Erster Staatsanwalt Eger: Ist Münter vom Dienst suspendiert worden?— teuge Wolf: Ich habe zwar mit Rücksicht auf die Schwere der in rag« kommenden Straftaten einen solchen Antrag gestellt, der Ber. „ner Magistrat hat ihn aber abgelehnt.— Erster Staatsanwalt Eger: Also ist Münter im Amt gestorben?— Zeuge Ja.— Vert. R.-A. Dr. Niemeyer: Haben Sie nicht in einem Falle, in dem sich Widersprüche zwischen den Angaben Münter» und den Angaben zweier anderer Zeugen ergaben. Nachforschungen über die Glaub- Würdigkeit dieser Zeugen angestellt?— Zeuge: Jawohl. Und der uständige Amtsvorstcher erklärte diese beiden für ordentliche Men- chen. In einem anderen Falle wurde mir mitgeteilt, daß Münter in einem Prozeß gegen Prof. Bing ein falsches gerichtliches Urteil insofern herbeigeführt habe, al Ser falsche Photographien produziert habe. Auf Anfrage antwortete die Berliner Polizei, dah sie von einem solchen Prozch nichts wisse. Später aber hörte ich, dah tatsächlich ein solcher Prozch geschwebt hat und daß Ving zu riner hohen Strafe verurteilt worden ist. Er wurde im Wtederausnahme- verfahren freigesprochen. Wie weit Münter daran beteiligt war, kann ich nicht sagen.— Zeug« Magistratsbeamter Haß.Berlin war mit Münter im Verein Gardeducorps zusammen. Münter wyllte partout Schriftführer werden, er wurde es auch, geriet aber bald in Unfrieden mit seinem Vorsitzenden. Er verletzt« die Statuten und lieh e? auch an kameradschaftlichem Geiste fehlen. Wir schlössen 'hn schliehlich aus, nachdem er ver dem Ehrenrat ei« verhalten g». eigt hatte, das jeder Beschreibung spottet. Er kam nicht, spielte Theater und rief nachher die Gerichte an. vors.i Da formelle Verstösse vorgekommen waren, ist-er bei Gericht auch durchgedrun» gen. Halten Sie Münter für glaubwürdig?— Zeuge: Auch wenn er schwört, glaube ich ihm kein Wort. Erster Staatsanwalt Eger: Können Sie dafür bestimmte Beispiele anführen?— Zeuge: Er behauptete einmal, Justizrat Sello habe sich im Hardenprozeh an ihn gewandt. Wir konnten ihm aber be- weisen, dah er sich an Justtzrat Sello gewandt hat.— yors.: Spielte er denn auch im Hardenprozeh eine Rolle?— Zeuge Ma- gistratSassessor Löwenstein(nicht Wolf. Anm. d. Berlchtcrst.): Nein, aber er wollte eine Rolle spielen. Da der Hardenprozeh hier nun einmal erwähnt worden ist. kann ich mitteilen, dah sich m den DiSziplinarakten der Vermerk befindet, Münter sei an den Regimentskommandeur des Grafen Hohenau herangetreten.—- Erster Staatsanwalt Eger: Wir brauchen die Sache wohl nicht weiter zu verfolgen.— Zeugin Frau Mieliricke-Berlin ist in Berlin zusammen mit einem Bäckergesellen vom Schöffengericht wegen Diebstahls von Backwerk nach ihrer Meinung unschuldig verurteilt worden. In dieser trostlosen Lage wandte sie sich an oen ihr be- kannten Magistratsbeamten Fehder. Fehder sagte, er hätte einen Freund, der schon viele Prozesse geführt und bisher alle gewonnen habe. Dieser Freund war Münter. Zeugin hat Münter für ernen Rechtsanwalt gehalten und ihm 50 Mk. gezahlt. Münter habe sie darauf schon zu dem Freispruch beglückwünscht. Einige Tage nachher kam ein Brief von Münter, sie solle sich noch auf ein paar hundert Mark einrichten. So viel Geld wollte sie aber nicht geben, sie tun- digte trotzdem dem RechtSairwalt Dr. Liebknecht, der ihre Ver- tretung bis dahin hatte, das Mandat. Bald kam Münter aber wieder zu mir und meinte, er wollte den Bruder des angeklagten Bäckergesellen, der inzwischen nach Thale verzogen war, für d:e BeruftingSverhandlung als Zeugen instruieren. Für die Reise nach Thale verlangte er 50 M. Ich sagte ihm, dah ich nur noch 50 M. hätte und 10 M. für die Wirtschaft brauche. Mit 40 M. fuhr Münter nach Thale. Er kam mir dem Bruder d«S Bäckergesellen nach Berlin und vor diesem Zeugen führten wir nun in meiner Wohnung eine regelrechte Gerichtsverhandlung auf. Münter war Borsitzender und ich war die Angeklagte. Ter Bäckergeselle wurde als Zeuge vernommen, ebenso meine Tochter. Msinter hatte auf- grschriebcn, was beide vor dem ordentlichen Gericht aussagen sollten. Meine Tochter kam weinend zu mir und sagte: Um alles in der Welt kann ich so nicht aussagen, wie Münter auf- geschrirben hat. Erster Staatsanwalt Eger: Die Staatsanwaltschaft steht auf dem Standpunkt, dah dieser Bäckergeselle bereits ehe Münter eingrisf, vor der Polizei seine späteren Angaben gemacht hatte.— Vert. R.-A. Dr. Niemeyer: Ich hätte nicht angenommen, daß die Staats- anwaltschaft auch in diesem Falle Münter retten würde.— Erster Staatsanwalt Eger: Wir wollen auch unsererseits nur volle Klar- heit schaffen.— Zeugin: Kurz vor seinem Tode kam Münter mit Fehder zu mir und bat mich unter Tränen und unter HiiUveiS auf die militärische Stellung seines Sohnes inständig, seine Schrift- stücke zu vernichten. Ich sagte: Nein, Herr Münter, Sie haben zu schlecht gehandelt und mir zu viel Geld abgenommen. Auf Zureden Fehders aber lieh ich mich bewegen und habe alle Schriftstücke, die ich von Münter hatte, verbrannt. Münter gab mir dafür 30 Mark. — Vert. R.-A. Dr. Niemeyer: Ist«S richtig, dah Münter nach der Berufungsverhandlung an den Bäckergesellen herantrat un-d ihm Vorwürfe darüber machte, nicht so ausgesagt zu haben, wie er ihm aufgeschrieben hatte?— Zeugin: Ja.— Erster Staatsanwalt Eger: Wie sind Sie überhaupt in diese Sache hineingekommen?— Zeugin: Da» weih ich nicht.— Zeuge Paul Nord mann ist ein Bruder des damaligen Mitangeklagten Bäckergesellen. Er bekundet, dah Münter für ihn das Reisegeld von Thal« nach Berlin bezahlt habe. In dem fingierten Termin sagte Zeuge auch aus, was Münter ihm aufgc- schrieben hatte.— Bors.: War denn daS wahr?— Zeuge: Nein. Vors.: Sind Sie nun auch vor Gericht vernommen worden?— Zeuge: Ja.— Bors.: Und haben Sie vor Gericht die Wahrheit ge- sagt oder da», wa» Münter Ihne» aufgeschrieben hatte?— Zeuge: Die Wahrheit.— Vors.: War Münter im ffieiichtffaol?— Zeuge: Ja. er sah im Zuhörerraui».— Vors.: Die Berufung hatte für Frau Mielnicke übrigens keinen Erfolg, ihre Strafe wurde nicht ermähigt. Es folgte die Verlesung der gegen den Redakteur Margrafs er- gangenen Urteile. Morgen(Mittwoch) wird die Verhandlung fort- gesetzt. Gerichte-Zeitung. Er„mußte" zum Säbel greifen. Ein geringfügiger WirtShausskandal hat ftir den HaupkbS- teiligten, einen Schraubendreher Alfred Schulze, sehr schlimme Folgen gehabt. In einer Kellnerinnenkneipe der Gropiusstrvhe hatte Schulze einen Streit mit der Wirtin bekommen, so dah diese ihn durch einen Schutzmann hinauSbringcn lieh. Alz der Schutz- mann ihn zur Feststellung seiner Personalien nach der Wache führen wollte, entstand auf der Strasse die übliche Menschenansamin- lung. Schulz« weigerte sich, den Weg zur Wach« anzutreten, und die Zuschauer schienen für ihn Partei nehmen zu wollen- Schlich- lich hielt der Schutzmann di« Situation für so bedenklich, daß er den Widerstand durch Waffengewalt brechen zu sollen glaubte. Cr zog seinen Säbel, hieb auf Schulze loS und— schlug>ihm daS linke Ohr ab. Schulze ist durch diese eilige Säbeltot des Schutzmanns für sein ganze» Leben entstellt worden. Daß er hinterher noch auf die Anklagebank kommen würde, verstand sich von selber. Gestern hatte Schulze vor dem Amtsgericht Wcdding sich zu verantworten wegen Hausfriedensbruchs, Beleidigung und Widerstand. Mit ihm war angeklagt ein Arbeiter Giebel, der ihm bei dem Transport zur Unfallstation behilflich gewesen war und dabei sich gegenüber dem Schutzmann bei Widerstands und der Gefangenrnbefrriung schuldig gemacht haben sollte._ Die ganze Affäre ist nur im Hinblick auf den SchutzrnannSsabel von einigem Interesse für eine ivciteve Ocffentlichlcitr Die Bc- weiserhebung, für die die Anklagebehörde eine stattliche Anzahl Zeugen aufgeboten hatte, lieh nicht erkennen, dah Schulze sich bc- Kaders gewalttätig gezeigt hätte. Er hatte in dem Lolal krakcclt, e Vertreterin der Wirtin eine„alte H...." geschimpft, den herbei- gerufenen Sckmtzinann gefragt, ob er verrückt sei, und bei seiner Sistierung sich an den Türpfosten gelehnt. Auch die Vorgänge auf der Straße, über die der Schutzmann Hirt aussagte, scheinen nicht übermäßig bedrohlich gewesen zu sein. Hirt hielt, so bekundete er, den Schulze am Aermel, wurde aber zuruckgestohen und wollte nun dem Widerspenstigen die Kette anlegem Schulze hatte,«AS er aus dem Lcckal hinausgeschoben wurde, ein Tulpengla» in der Hand behalten. Auf der Strahe hob Schulze das Glas, so dah Schutz- mann Hirt annahm, er wolle damit schlagen.„Da zog ich", sagte Hirt vor Gericht,.meinen Säbel und schlug zu".„Und schlugen ihm da« Ohr ab", ergänzte der Vorsitzende. Ein Zeuge Disimoni bekundete über Schulz«? Weigerung, mit zur Wache zu gehen:„ES entstand«in Gedränge, und die Sache wurde ein bißchen brenzlich. ES sah au«, wie wenn sie ihn befreien wollten. Da mußte der Beamte zuschlagen, diesen Eindruck hatte ich vollständig." Dah andere Zuschauer anderer Meinung waren, ging auk HirtS eigener Darstellung hervor. Seine wiederholte Aufforderung, für den Verwundeten«ine Droschke herbeizuschaffen, habe keinen Erfolg gehabt, ja, man habe gerufen:.hol alleine ein«, verfluchter Blut. Hund!" Schliesslich fanden sich doch Leute, die«in- Droschke be- sorgten, Schulze aber weigerte sich jetzt, mit dem Schutzmann zu. sammen in der Droschke zu fahren. In der Droschke und um sie herum kam e» zu einem stürmischen Austritt, bei dem der Angeklagte Giebel den Schutzmann mit einem Stob vor die Brust tätlich an- gegriffen haben soll. Die Beschuldigung der„Gefangenenbefreiung" fiel in sich zusammen, weil Schulze gar nicht mehr zur Wache. sondern zur Unfallstation hatte gebracht werden sollen. Alle» übrig« aber gal: dem AmtSanwalt al« erwiesen; er beantragte gegen Sch-ulze 14 Tage Gefängnis und 40 Mark Geldstrafe, gegen Giebel l Woche Gefängnis. Den ......,,■». durch nicht« begründeten Vorwurf, dah Schulze sich„besonder» roh" benommen habe, wies sein Verteidiger Dr. Karl Liebknecht zurück; für den Angeklagten, der schon durch den Verlust de» Ohre» hart genug gestraft sei. sei eine Freiheit». strafe nicht am Platze. Da» Urteil lautete für beide Angeklagte auf je 2 Wochen Gefängnis. Dem Schutzmann wurde attestiert, dah er feine AmtSbefugniS nicht überschritte» habe. Umgegangene DmcKIcimften. .Frauen-Zukunft«, eine Monatsschrift. Herausgegeben von Gabriel« von lieber. Mein Hammerschlaa. Hanns Dorn.(Frauenverlag München und Leipzig.) Vierteljährlich 4 M. ®le«uSsichten deS technische» gNdustriebamten-Verlag, Berlin tlV. S2. Kleines Wörterbuch ventfv. Boa n. Stiel. 16 G. I Lese- und DiskutierNuV«Süd. Ost«. der Naturwiffeuschafte«. vom floämoä. 1,25 M,, geb. 1,75 M.— Chemische und bi Uebunl FlWck! -cn. Zur Einsührung in der Themie. sche Verlazshandlung. 2 M. Herausgegeben biMemische Bon R. Filcher. Stuttgart, .... Heute, B'lt_ Uhr bei Neidhardt. Görlitzer Straße 58: MitgliederverlammIlMK Brnfkaftcn der Redahtten. Sie lnrlftlsche Svre-Iiftnnde finde» Siudenflrafte Str.«», vorn tiier Trevvea— AabritukI—, wochcuräglich don dl»?>/, ttbr ab-ndi>, Sonnadkiid» von 4'/, bis« llhr nachmittags ftatt.?eder für den«rief- kastcn bestimmten ilnirase ist e>» Buchtinde und eine jjabl als viert- »eichen bei»ufüa,n.«rielllcke Slotlnori wir» nicht erteilt. Ellia» Jrageu rraae man I» der Evrechstnnde vor. C. L. 41. In der Nummer vom IS. Januar.— B. H. 100. Bitte Adresse angeben oder abzuholen. Will fomislen. Slrbeitcr-Wanderverein vers nmmlung bei F. Wählisch, Skalttzer Str. Mittwochabend Gäste Berlin«. Heute abend 8'/, Uhr General- !. 22. Amtlicher Marktbericht der städtischen MarNballen-DIrektion ader den Großhandel in den Zentral-Marttballen. Marktlage: Fleisch: Zusuhr genügend, Geschält ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr mäßig, Geichäst schlcvpend, Preise sast unverändert. G e s l ü g e l: Zu- suhr genügend, Geschäsl ruhig, Preise wenig verändert. Fische: Zusuhr sehr mäßig, Geschäjt ruhig, Preise wenig verändert, sür Hechte anziehend. «ulter und Käse: Geschäst ruhig, Preise anziehend, ffiemiiie, Obst und Sübfiödjte: Zusuhr genügend, Geschäft anhaltend still, Preise wenig verändert. WitterungSüberstcht vom Sl. Jauuar 1911. morgen» 8 Uhr. 5» £ c Ja ij Swmemde'81 WNW Hamburg 178231 verlw'78191 Frants.a M 7790 Rünche»|780D Wien 177891 Settel 2 bedeckt 2 wolkig 2b-dcch 2 heiter 4 wölken! �—11 2 bedeckt-8 »v- Wi -2 — 8 -4 |. i»�i ij l Savaranda 750 W eterSburg 77öNW Scillh!7700 elberoee» 779 SSO Pari- j 774 NO > i »et!« f- i i 2 heiter— 7 1 bedeckt 7 wolkig S heiter 20? 4 2 Swollenl—4 Wcttervrognoie iiir Mittwoch,»eu 1. Februar tttll. Etwas gelinder, vielfach wolkig, bei mäßigen westlichen Winden; keine erheblichen Sliederschläge. Berliner Wette rdureau. Mittwoch, 1. Februar. Ansang VI, Uhr. Köuigl. Opernhaus. Lohengrw. (Ansang 7 Uhr.) Königl. Schauspielhaus. Der Stirensried. Deutsches. Ot ello. kammerspiele. Komödie der Ommgen. Heirat wider Villen. (Ans. 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Neue» köuigl. Opern-Dheater. Geschlossen. Lessing. Die Raiten. Komische Oper. Liebelet. Kleines. Das Kind. Neues Operette«. Die schöne Risette. Neues SebauiPielbauS. Kleine Schokoladenmädchen. Berliner, Bummelstudenten. Westen. Das Puppenmädel. Neue». Der G. m. b. H.-Tenor. Driauou. Hippoihtes Abenteuer. Rrsideuz. Pariser Menü. Thalia. Polnische Wirischast. Schiller u öaünei- iualet.) Husarenfieber. Och»>> Cdarlottendnrg. Di« Macht der Finsternis. Friedrich- WilhelinftädtischeS. Die Räuber.(Ansang 8'/, Uhr.) Lustipielbaus. Der unbekannte Tänzer. SluöstcllnngS-Theater. MeverS. (Ansang fi'l, Uhr.) Luisen. DaS große Licht. Modernes. Der Feldherrnhügel. tstoie. Don Tarlos. Herrnfelb. Eine verloren« Nacht. Er, Sie und Er. Bolksopcr. La Traviala. Nachmittag» 8'/, Uhr: Der Kamps uui Schneewittchen. Folirs Cnprice. Der Feldwebelhügel.(Ausang 8'/« Uhr.) Merrovol. Hurra— Wir leben »och I Kasino. Julie Wippchen. Ap-'Uo. Svezialitälen. Vaiiogr, Svezialitäten. Boigt. Reis-Reiflingea. RelchSballen. Steitiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Sanssouci. So wird'S gemacht. EpezialitSien.(Ans. g>/. Uhr.) Walhalla. Bravo I Dacapo I(An- sang 8'i, Uhr.) Stadt- Theater Moabit. O«, schlössen. Wedding. Lichtspiele. Karl Havrrland. Spezialitäten. ltranta. Taubenstrahe 48/40. Abends 8 Uhr: Was uns der Mond erzählt. Hörsaal abends 8 Uhr: Dr. Wilh. Berndt: Do« tierisch« 9ltrven- system nach Bau und Funktion. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57—«2. �eLsinz-Ikeater. 8 Uhr: Dt« Ratten. Donnerstag 8 Uhr: Die Ratte». Freilag 8 Uhr: Anaiol._ Berliner Theater. Täglich 8 Uhr: Bttmmelstndettten. Neues Theater. Täglich: Der G. m. b. H.-Tenor. Ansang 8 Uhr. Theater des Westens. 8 Uhr: Dan Puppen Sonntag nachm. 3*/« Uhr: Di« geschiedene Frau, Modernes Theater (früher Hebbeltheater). Abend« 8 Uhr: __ Popyelme auch._ Berliner Volksoper Nachmittag» 4 Uhr: Der Kampf um Schueewittcheu. Abends'/,9: I,u Druvlata. hisitrieh-V/ilhsImsialtlisehss Schauspielhaus. Mittwoch, 1. Februar, abdS. 8'/, Uhr: Vl« Donnerstag 8 Uhr: Gras Essex. Freitag 8 Uhr: Die blaue Mau». Sonnabend 8'/, Uhr: Krieg tm Frieden. Sonntag 8 II.; gurnnv 0. g er gerne Luisen-Theater. Zum 25 jährigen Jubiläum d. Ober- regisseur» Georg Wald: S Das große Licht. -chauspiel in 4 Atten v. F. Philipp Donnerstag: Der Registrator aus Reisen. Freitag: Dg» große Licht. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Da» Rotkäppchen. Abend»: Da» große »cht. Urania. Wissenschaftliches Theater XaubenstraQe 48/49. Abends 8 Uhr: Was uns der Ho ml erzählt. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Wilhelm Berndt Da« tierische Nervensystem nach Bau und Funktion. Kaiser-Paiiorama. III. Wanderung tm südlichen Schwarzwald. Letzte Woche: Kitleime-rroiee. Insel Coicku. Eine Reise 20Pf. Kind nur IQPf. Abonnements 1 M. Tausende Abonn. Lusispielhaus. Abend» 8 Uhr: Der Feldherrnhügel Residenz-Theater. Direktion: Richard Alexander. Anfang 8 Uhr. Pariser Menn. Drei Gänge po» George» gehdeau und Veber-Abric. l. Gang: ,52 Meter über Pari»--, 1 Akt von Veber-Abric. 3. Gang:.Eine Rachtsitzung', lAIt von George» Fehdcau. 3. Gang:.Nach dem Mäuschen- ball", 1 Akt von Georges Feydeau. Morgen und folgende Tage: _ Dieselbe Vorstellung. IOSE=THEATE! Große{fvaiiffuvtei Sit! 132. Gastspiel Robert Fischer und Max Schloneok. Don Carlos. Schauspiel in 5 Akten v. Fr. v. Schiller. Ans. 8 Uhr. Ende U'/, Uhr. Donnerstag, Sonnabend, Sonnt.: Der Glücksschmied. Premiere des neuen Programms u. a.: Hand Even in ihren modernen und Reznicek.Bildern. 8 heilige Chungusen unf. Leit. ihr. Oberpriest Tschin Maa. Des sens. Erfolg, weg. prol.: Otto Keutter Jdetropol-Theater. Harra! Wir leben noch! Große A»«ftattung«revue in 7 Bildeni v. I. Freund. Musik v. B. Holländer. In Szene gefetzt von Dir. R. Schnitz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Heule Premiere! Di« berGbmte chinesische Tragödln Md. Chung mit ihrem chines. Schausp.-Ensemble „Im Reiche des Drachens" Cbinos. Schauspiel(nach einer alten Legende) in L Akten, sowie 12 hochinteressante Debüts 12 Rauchen gestattet MM» Uns. 8 Uhr. Vorverkauf 11—• Uhr. Zwei Schlager: Biae veeioreae I�scdt. Er, Sie und Er mit Anton und Donat Herrnseld in _ den Haup trollen. Schlller-Theaker 0.(Wallner-Theal). Mittwoch, abends 8 Uhr: Dusue-onklrlior. Lustspiel in 4 Akt v. Gustav Kadelburg u. Richard Gkowronnek. Ende 10'/, U. Donnerstag, abend« 8 Uhr: Da» Urbild de» TartliflT. Freitag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Der Kai»er. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Mittwoch, abend» 8 Übt; Die Macht der Finstcrnl». Schauspiel in 5 Akten». Leo Tolstoi. Ucbcrsctzt v.R. Löwcnscld.EndelV'/.U. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Bund der Jueend. Freitag, abend» 8 Uhr: Nathan der Welse. 88 CLOU 88 BEBIJXEB KOVZERTHAUS Mauerstr. 82 ,>, Zimmerstr. 90-9! Eintritt 50 Pf. SV Heute:~9n Gastspiel von Johann Strauß aus Wien mit»einer vollständigen Kapolle. Anfang 8 Uhr. Morgen, Donnerstag: Ctastapiel von Johann titranB. Walhalla-Thealer. (Rosenth.Tor.) SBchibergSm. 20 1 Allabendlich 8'/, Uhr: Bravo! Da Capo! Eine Allerweit»- Revue. Lonntegnachm. 81/, Uhr: Unsere Don Jnans. Kleine Preise._ Wie immer auch diese Woche(28. Januar bis 8. Februar einschließlich) 1 DM- das Neueste und Beste"MD; Excelsior-Liclitspielhaiis Rixdorf, Bergstr. 151/152.(Paaeaga.) Anfang; Bonntags 8 Uhr, wochentags 6 Uhr. Sport- Palast E'"rM' M- yoisdamer Slrape 72-72a E",r'e 1*• Größter Eispalast der Welt. Feerie„Karneval am Nordpol". 200 Gislaufkünstler. X Prachtvolle Ausstattung. Unerreichbare Llohteffekte. X 8 Musikkapellen. Raum für 10 000 Personen. X Unterricht im nielauf. VorniIttag»-Iionr,erte.———. Sonntags 4 Uhr: Nachnilttag»-Vor»teIInng. Arnold Scholz IVeue Welt Donnerstag, den S, febrnnr 1011: Elite-Prämiierung fn fnl l«ngsten Damm im gefährlichen Alter!! (von 18—88 Jahren). 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Kaisen« öffmmg 7, Ansang 8 Uhr. kerlins xröktes WilguiigzTlahliÄWöut. Mittwoch, den 1. Februar, abend» VI, Uhr: Neu I Heros Neu I mit seinem außergewöhnlichen Krastjongleuratt. Arconis 4 Personen, Schleuderbrett-Akrobaten. Foot-Hnli— Push-Ball Polo-Ball Kreisel-Globus, neueste Kreation de» Direktor» Alb. Schumann sowie die übrigen nene»'Attraktionen. Her grolie Coup 9'/, Uhr. der 9>/, U Schmuggler. Alt-Moabit 47/48. Donnerstag, den 2. Februar tglt i Der Ztörenftikd. Lustspiel in 4 Auszügen von Bendix. Rrpertairftiick d. kgl.SchausPielh. Kasseneröff». 7 Uhr. Ansang 8>/, Uhr, Nach der Vorstellung: = Tanz»= Trianon-Theater. Abend» 8 Uhr: Hippolyte� Abenteuer. Casino-Theater 8 Uhr: Lothringer Straße 87. Täglv> Da» Original Berliner Boitsstäck Julie Wippchen. UrberlinerHumor I Urberliner Typen I Im Stil« der ehem. Wallner-Bühne. Vorher erstklassiger bunter Teil. Sonnt. 3'/, Uhr: vor Hochmurtleufel. LICHTSPIELE, MOZART- SAAL Nollendorf-Platz. Beginn 6 Uhr. Folies Caprice. Täglich 8'/, llhr: Die abgetreleoe Frau. Neuer bunter Teil. selÄlvebelljiigel. Reiebshailen-Tlieater. Steitiner Sänger. Zum Tchluft. iicul Kuhllekes VarletA-Theater. Burleske von Meysel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Bosporus am Mo pitzplatz. Heute: Neues Programm. Anfang I ühr. Kaeh der Vorstellung, IriDDiphaloM! Bit 2 Uhr nachts swai Kapellen. Donnerstag, den 2. Februar: — Prämiierung= des kleinsten DamenfuSes. �reuzberg- Festsäle, Besitzer: Otto Emerl, SW., Kreuzbergftr. 48. Jeden Mittwoch u. Freitag: KroKerFreiTaui. Jeden Sonntag: Großer Ball» Im März noch Sonnabende zu vergebt». Zirkus Busch« Mittwoch, 1. Febr., abds. VI, Uhr: Air chinla» Vorstellung. JPV- Zum erstenmal; Möns. Amanus, Champion im Hochspringen. Gaueep. d. Herrn Direktor Pierre Althaff, Frau Direktor Adele Althoff mit neuen übarrasohenden Dreesuren.— Die Fredianis, Akrobaten au Pferde. Frh Martha Mohnke, Sohulreit. Auftreten sämtlich, neuengagiert. Attraktionen. Uro 9 Uhr ca. aum 41. Male: „Armin." Iljfntft„Kroß'Ktriill". Miitwoch, den 1. gebr., Gastspiel In Neue Welt,""..1.'"' Im Jrrenhanse. Sens.,Schausp. in 5 Atten v.tz. Busse. Preise 50�-100 Ps. Ans Vorzugs- karten billiger. Inserate gellen a!» VorzugSkarten. IlsrI Haverland- Ansang Thoiloii Kommandanten» präz. VI, U. lUBBlW. straße 77/79. ifutf Jlrfiniftfl Nach der Vorstellung: Reunlon. L.1 Fusssge-Fkuopüiluui.A Die Sensation des Tages! 9 Das spreeliende Pferd ti „lians'eben" Lebend I Lebend! H Maod Tempie, die Bärlludy| ein abnormes Nuturjpiel, S u. die ander. Schau-Attrakiioncn. Z Ohne Extra-Entreo! kl Königsladt-Kasino. Hoizmarktstr. 73. «ituzlich neues Programm mit Ernns Wobanshl. Loop. Reiser, Elia da Pianque, Da- sehwlater Bernhardy, MiS Eugenia, The Blanke uew. Der kcnsche Joseph. Post« L 1 Akt. Wnchcnt. Ans. 8, Sonntags ö>/, Uhr. Hochbahnstatton Koitbuser Tor. «'/.Uhr: Die von da drüben. Große Gesangsposse von L. Eih. Musit von Schottlimd. Sirrt« V'ürstvr. Burgtheater- Festsäie und Klnematograph vonn. Grotsrjan, Jnhab.: Rud. Merz, Schbnhanser Allee iL». Tel. 8. 9353 U«b«n«lo PliotogrnpblOn. Eintritt 3g u. 40 Ps., Kinder dieHälstc. Ans. 7 U., Sonnt. 4 U. Vcrrugskarten, nur wvchent. gültig, 35 Pf. aus allen Plätzen. Stets wechs. Programm. /ssiiAiegli'Itieglös Droedoner SlraBe 97. Täglich: Heitere Künstler- Abendet Tbeater-Varldtd-Cabaret mtt Anna und Franc Verdier. Ansang 8 Uh«.— Sonntags 6 Uhr Germania-Praehl-Säle Carl Richter. , Chanssee-htraBe HO. Honte Mittwoch, Paul Mantheys mit Ernst Walters neuest. Schlager! Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Vorzugekarl. gelt. Anschl. Freilanz. Jeden Donnerstag; Gr. Bocbbler-Konzert. Bttr den Inhalt der Inserate Ndrrnimmt die Redaktton dem Publikum gegenüber trinerle Peranttvortnng. Deutscher Kanarbetterverb and. Zweigverein Berlin. tlv»' Itz» ii Ii it:» rb ei ter. Sonntag, den 5. Februar, vormittags 10 Uhr, bei Bocker, Weberstrafte 17: General-Versammlung. Tages-Ordnung: Zlbrechnuug vom vierten c.unrtal 1910. 2. Jahresbericht vom Jahre 1910. 3. Wahl der Gektionsleitung. 4. Verbandsangelegenheiten. Mitgliedsbuch oder Legitimationskarte muß vorgelegt werden, ohne dasselbe kein Eintritt. DM" Um vollzähliges Erscheinen aller Verbandsmitglicder ersucht 136/10*_____ Der Zwelgvereinsvorstand. Zeitungs-Ansga bestellen nnd Inseraten-Annahme. : Albert H a b n i s ch, Augnststr. 50. Eingang JoaKimitrahe. S. Wahlkreis, W.:(Suft. Schmidt, Kirchbachstr. 14. Hochvarterre. S. und SW.: Hermann Werner, Kneiienaustr. 72. 8. Wahlkreis: a t. Fritz, Prinzrmtr. 31, Hos rechts vorl. 4. Wahlkreis: Oft e n: Robert Wenzels. Gr. Franksurterstr. 120. — Richard H a ck e l b u s ch. Petcrsburgervlatz 4(Laden). 4. Wahlkreis. S ii b o ft e n: Paul B ö b m. Launeervlatz 14/15. 6. W ahlkreis: Leo Zucht, Jmmannelkirchstr. 12(Hos). V. W ahlkrcis(lloabit): Karl A Ubers, Salzwedelerstr. 8. W eddingr: Karl Meitze. Nazaretbkirchstrahe 49. Ikesenthaler und«ranienharKer Varstadt: Wilhelm B a u m a n», Bernaueritr. 9, vorn park. CcKiindl, rannen: F. Trapp. Stettinerstr. 10. �iehiinhanser Vorstadt: Karl Mars, Lychenerstr. 123. �»dlershof: Karl Schwarzlose, Hoffmanmlr. 9. �It-<»lienieke: Wilhelm Dürre, Rudoioeritr. 33 II. Itanniselinlen« ex: H. Hornig, Marientbalerstr. 13, I. Lernan, KUntgental, Zepernick, Schünow und Schön* brück: Heinrich B r o s e, Hobeiteinitr. 74, part. Niesdork: Leopold Peters, Dorsstr. 38. llohnsdort und Falkenberg: Alois Laus, Bohnsdorf, Ge» nossenichastSbaus.Paradies*. Fharlottenbnrg: Gnilav Scharnberg, seienbeimeritratze 1. £ichwalde, Zeuthen, niersdorf und llaiikels Ablage: Oskar Mahle, Eichwalde, Stubenrauchstr. 99. Erkner: Ernst H o f s m a n n, Friedrichshagener Chaussee. Fredcrsdori-Fetcrshagen: E. HS s e l b a r t h, Petershagen. Friedenau- Steglitai• Südend e-Gr.-Eichtepfelde- West: H. Serniee, ächloßte. 119, Hos I, in Steglitz. Friedrichshugcn: Ernst W e r k m a n n, Köpenicker Straße 18. tilrünan: Franz Klein. Bahnhositr. S III. dohannisthal: Pielicke, Kaiier-WilHelm-PIatz 4. liarlshorst: Richard Küter. Rödelstr. S, II. I»ünigs-W Osterhausen: Friedrich B a u m a n N, BaHnHofstr. 13. Itüpenick: Emil W itzler, Kietzeritr. ß. Laden. Eichtenberg, Friedrichsfelde, Wilhelmsberg: Otto Seite!, Kronpriiizenitratze 4, I. INahlsdorf, Kaulsdorf: Scheibe, Mahlsdors, Walderseestr. 14. Ularicndorf: August Leip, Chausseestr. 296. Hos. ülarienfeldc; Emil W e i n e r t, Dorsstr. 14. Aeuenhagen; Johann Hübscher, Wolterstraße. > icdcr-Schüneweide: Max Priebke, Britzerstr. 14 II. Ai o« awes: Wilhelm Joppe, Frledrichstr. 7. Ober-Schönc weide: August H e n j es, Lausenerstr. 2, I. t'aukow-AIederschünhausen: Ritz mann, Müblenstr. 30. Ileinickendorf» Ost, Wilhelmsruh und Schünholz: P. G u r s ch, Kamelestr. 12, I. Ki> d orf: M.Heinrich, Neckarstr. 2, im Laden R o h r, Siegsried« staage 28/29. lluiumelsburg, Voßhagen:A. Rosenkranz, Mt-BoxHagen 56. Schöneberg: Wilhelm B ä u m l e r, Martin Lutherstr. 51. im Laden. Spandau, Nonnendamm, Staaken, Seegefeld und Falkenhagcn: Koppen, Jagoivslr. 9. Tegel, Uorsigwalde, Wittenau, Waidmannslnst, Hermsdorf und Keinickendorf• West: Paul Kienast, Borsigwalde. Zlänschstratze 10. Teltow: Wilhelm Bonow, Teltow, Zehlendorser Str. 4. T cnipclbof: Albert Tdiel, Berliner Stratze 41/42. Treptow: 5iob. Gramenz, Kiesholzstratze 412, Laden. W elüensee: K. Fuhrmann. Sedanstr. 105, parterre. W liiuersdorf-Halensee-Schmargendorf: Paul Schübe rt Wihelmsaue 26. Sämtliche Partelliteratur sowie alle wissenschaftlichen Werke werden geliesert. Kisoispeuliell sowie alle Blumenarrangements liefert den Genossen schnell, geschmack- voll, billig 2937b ?su! Gross, Lindenstr. 69, Fernspr.: 4, 7203. ,.Vorwärts"-Haus (D Handlungsgehilfen! Mittwoch, den 1 Februar 1911, abends 8� Uhr, in Kellers„Neue Philharmonie", Köpenicker Strafte 96/97(nahe«pittelmarkt): Oeffentliche Uersammlnng. Neichstagsabgeordneter spricht über: btalmMäU durch den Entwurf zur Pensionsversicherung. Anschlieftend Aussprache. Liste Jeder Handlungsgehilfe und jede Handlungsgehilfiii ist an dieser Versammlung dringend interessiert. Keiner versäume den Besuch! Mit kollegialem Gruß! 287/6 Zentralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Teutschlands lBezirk Berlin). m Zlrbeitsnnaiweis: Hos l. Amt 3. 1239. Berwalniiigsiielle Berlin. Haupivureau: vkaritsotraLo 3. Hos III. Amt 3. 1987. Donnerstag, den 2. Februar, abends pünktlich 8 Uhr: === Versammlung der MetalWeifer, Gllioaniseure, Kratzer, Hilfsarbeiter nnd Arbeiterinnen dieser Kranche im Gewerkschaftshaus, Engelufer IS, großer Saal== TageS-Ordnung: 1. Vortrag über:„Verfassuiigstämpfe in Deutschland«. Reserent: Reichstagsabgeordneter I>. Stüeklen. 2. Dislussion. 3. Verbands- angelegcnheiten. m/g Kollegen und Kolleginnen! In Anbetracht des sehr lehrreichen Vor träges ersuchen wir um zahlreiches Erscheinen aller Kollegen und Kolleginnen, insbesondere der jugendlichen Kollegen. Gleichzeitig lönnen die Kollegen ihre Frauen mitbringen._ Die Ortsverwaltung. Kerlnilid KIilstr.Micm, Anstreichcr ------------------ Sektion der Lackierer.---------= Donnerstag, den 2. Februar 1911, abends 8'/? Uhr: i! Seklions- Versammlung der Lackierer ü im Gewcrkschaftshaus, Engelufer IS. TageS-Ordnung: 1. Die Borlage des Hauptvorstandes zur Einführung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung. Reserent: Kollege ssr. Klott. 2. Diskussion. 3. Ausstellung eines Kandidaten zur Generalversammlung ln München. 4. Verbandsangelegenheitcn. Wir erwarten, datz die Kollege» vollzählig erscheinen k =: Mitgliedsbuch legitimiert.■ 127/1 Die TektionSleitung. Verwaltung Berlin. Einsetzer! Donnerstag, den 2. Februar 1911, abends 8'/, Uhr, in den bekannten Lokalen: Bezirks-Versammlung Die Kollegen deS Bezirks II sind besonders dazu eingeladen. nie Branchcnkommlsslou. Deutscher Sauarheiterverbanil Zweigverein Berlin. Ornppe 8teliiliolzleger! Mittwoch, de» 1. Februar, abends S'/a Uhr, bei Haberland, Linienstratze Nr. 73: Mitgliederversammlung. TageS-Ordnung: 1 Bericht des Vorstandes über die Verhandlnngen mit einigen außer- halb der Tarisgemciuschast stehenden Firmen. 2. Verbandssachen. 136/1_ Der Vorstand. I. A.: Hennann Lang«. Achtung! Achtung I Gr. öfcnll. fakoliartiritkt�ktfuiNinliing Mittwoch, den 1. Februar, abends 8'/» Uhr, in den„Sophicnsäten", Sophicnstratze 17—18. TageS-Ordnung: 1. Wie stellen fich die Tabakarbciler Berlins zu den Matzreg ekmigen in der Zigarrenfabrik P a u l I u h l. Pankow. Berlin? Referenten: Alwin Schulze, Pyul Fritz. 2. Diskussion. IV In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist«S Pflicht ewes jeden Tabakarbeiters, pünktlich zu erscheinen. 187/1« »er Flnheruter.(A. Schulze.) Dt Thompson'5 SeifenpnlYer ■OCTHOMPSON'SB "J'Ä'swwaiqBBaf w O MI 10 Jahre Garant Teilz. wöchentl. 1 M. Plomben dgdliritS m■w«bii5om. Fast vollk. schmerzlos. Zahnziehen. Umarbeitung schlecht sitzender Gebisse Reparaturen sofort.» Zahn-Arzt Wolf, Potsdamer Str. 65.(Hochbahnst. Bülowstr.) 8—7 ErmäBigung gewähren wir auf alle beider zurückgesetzten Waren, welche teils unsortiert sind und teils nicht mehr weitergeführt werden.— Außerdem kommen noch große Posten erstülassiger Schuhwaren, welche nicht in vollen Sortimenten vorrätig sind, zum Teil sehr bedeutend ermäßigt zum Verkauf. In Anbetracht der sensationell billigen Angebote war der bisherige Erfolg unseres Inventur-Ausverkaufs ein so ungeahnt grosser, dass es uns zeitweise absolut nicht möglich war, unsere verehrte Kundschaft zu bedienen. Wir haben uns daher entschlossen, unseren Ausverkauf bis Sonntag den 5. Februar inklusive zu verlängern. Für diese Schlusstage sind Massnahmen für prompteste und aufmerksamste Bedienung/ getroffen; trotzdem empfiehlt es sich, möglichst die Vormittagsstunden zum Einkauf zu benutzen. Leipziger SiraBe 65 Könlg-StraOe 34 Oranlen-StraBe 34 P!e zurüchgesetzten Waren sind, mit Preisen versehen, Rlxdorf, Bargstrafle 7'0 Oranlen-StraBa 47« Müller-StraBe 3a Verkanf nur solange Vorrat auf Extra-Tischen ausgelegt �Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Jnjeratenieirverantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdrückerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlins Besichtigung ohne Kaufzwang erbeten iSW. Kr. 27. 28. Zahrgavg. 3. Ktilage des Jotmirts" ßerlintt KldsM Ptoml), 1. Mmi tölL CewerkrcbaftUcbe«. Von der„Vertragstreue" der Onternebmer. In Zittau in Sachsen haben die Unternehmer die Arbeitseinstellung in drei Holzbearbeitnngsfabriken. die wegen Vertragsbruch der Firmeninhaber erfolgte, mit der Kündigung aller Arbeiter beantwortet. Die größte Firma dagegen,� die auch dem„Arbeitgeberschutzverband für das deutsche Holz- gewerbe" angehört, hat es abgelehnt, sich dem Vorgehen der übrigen Unternehmer anzuschließen,„weil sie einen absicht- lichen Vertragsbruch der Unternehmer nicht unterstützen wolle". Interessant ist dabei, daß der Zentralvorstand des Schutzverbaudcs genannte Firma dringend ersucht hat, eben- falls auszusperren, obgleich anch der Unternehmerverband nicht abstreiten kann, daß die Zittaucr Arbeitgeber Vertrags- brüchig geworden sind. Das nennt man dann„Vertrags- treue!" In den letzten Tagen haben nunmehr Verhandlungen zwischen Vertretern des Holzarbciterverbandes und der Unter- nehmerorganisation stattgefunden. Die Arbeitgeber haben sich verpflichtet, die vertraglich festgelegten Akkordsätze zu bezahlen und auch den übrigen Vertragsbestimmungen nachzukommen. lieber die Lohnsätze der Arbeiter im einzelnen wird gegen- wärtig weiter verhandelt.— Zuzug von Tischlern nach Zittau ist einstweilen noch fernzuhalten. L erlin uncl llmzezenck. Eine Verhöhnung der Handlungsgehilfen bedeutet der Regierungsentwurf zur Peusions- Versicherung. Hohe Beiträge und niedrige Leistungen sind die Kennzeichen dieies Produkts langwieriger Erhebungen und Gut- achten. Ter größere Teil der bürgerlichen Handlungsgehilfen- verbände ist mitschuldig an diesem Ergebnis, weil sie sich in dunkel- hafler Verblendung gegen den Ausbau der Invalidenversicherung erklärten. Diese Stellungnahme zum Schaden der Handlungsgehilfen kam auch in den Ausschüssen der KaufmannSgerichte zum Ausdruck, ein Beweis mehr dafür, wie wichtig die Wahl von Vertretern der Liste 3 des Zentralverbandes der Handlungs- gehilfen und Gehilfinnen in das Berliner Kauf- m a n n s g e r i ch l ist. Ueber diese dringende Frage wird Reichstags- abgeordneter M o l k e n b u h r in einer öffentlichen Versammlung der Handlungsgehilsen beute in Kellers Neuer Philharmonie, Köpenicker Str. 96 97, sprechen. Allen Jntereffenten ist der Besuch dieses Vortrages zu empfehlen._ Die Maler nahmen am Montagabend die Ersatzwahlen zum Gehilfenausschuß und die Neuwahlen für die Beisitzer zum Innung» Schiedsgericht vor. Die vom Verband der Maler empfohlenen Kaw didaten wurden gewählt. Tapezierer als Streikbrecher für Braunschweig gesucht! Bei der Firma Langerfeld in Braunschweig befinden sich die Tapezierer im Ausstand. Es wird versucht, unter der unwahren Angabe, daß dort keine Differenzen bestehen. Streikbrecher in Berlin anzuwerben. Vor allem versucht man auch, Sattler als Streikbrecher zu geivinnen. Wir ersuchen die Kollegen, auf die Arbeitsnachweise der Herbergen zur Heimat, Oranienslraße, Auguststraße und Koppenstraße, ein Augenmerk zu richten und bei Anwerbung von Streikbrechern sofort der Lokalverwaltung Mitteilung zu machen. Deutkches Reith. Ausländische Arbeiter als billige Arbeitskräfte. Als im Reichstage der Erweiterungsbau des Nord-Oftseekanals beraten wurde, gab die Regierung das Versprechen, daß in erster Linie deutsche Arbeiter vor den Ausländern berücksichtigt werden sollten. Jetzt findet man aber fast ausschließlich Galizier. Russen, Italiener und Holländer am Kanalbau tätig, nur vereinzelt deutsche Arbeiter. Gegenwärtig sollen wieder Agenten auf der Reise sein, um ausländische Arbeiter für den Kanalbau anzuwerben.— Die Kanalarbeiten müssen im Schlamm- und Morastboden ausgeführt werden, wozu selbstverständlich viel Kleidung und Fußzeug erforderlich ist. Für den horrenden Stundenlohn von 3ö Pf. dürfen diese Ausländer ihre Arbeitskraft dem deutschen Vaterlande widmen. Da ist es denn kein Wunder, wenn deutsche Arbeiter auf diese Arbeit ver- zichten. Allen Arbeitern— nicht nur Erdarbeitern— mögen diese Zeilen zur Information dienen, welche Arbeitsbedingungen am Nord-Ostseckanal herrschen. Eine machtvolle Kundgebung der frcigewerkf chaftlichcn Bergarbeiter. In zwei überfüllten Versammlungen, in denen die Genoffen Hue und Dr. Erdmann spracben, protestierten am Sonntag die Bergarbeiter Essens gegen die Taklik der Führer des«bristtichen Gewerkvereins, die behaupte», die Lohnforderungen der vereinigten drei Bergarbeiterverbände seien nicht berecbtigt. Im städtischen Saal- bau, der wegen Ueberfüllung schon vor Beginn der Versammlung abgesperrt werden mußte, waren 4000 Personen anwesend, in einer zur gleiwen Zeit einberufenen Bersauuuluiig in einem anderen Lokal hatten sich 1500 Besucher eingefunden. Die Versammlungen sind um so bemerkenswerter, als in� Essen die stärkste christliche Arbeiterbewegung besteht und die Christen vor Monatsfrist bei allem Mühen in demselben städtischen Saalbau nur l600 Besucher musterten. Die Resolution, die das Verhallen der christlichen Führer scharf verurteilt, fand einstimmige Annahme. Der Arbeiter muh durch Hunger kirr werden, so denken, wie viele andere Scharfmacher, auch die Etuisfabrikanten. Wie bereits mitgeteilt, ist der Etuisarbeiterstreik in Eisenberg ain 6. Januar beendet worden. Mit ihrem, allerdings unter schweren Opfem errungenen Siege sind die Etuiöfabrikanlen»och nicht zu- friedengeslelll, denn der Verband der Unternehmer erläßt in seinem offiziellen Organ folgende Bekaiintinochung: .... Wir machen unsere Mitglieder darauf aufmerksam, daß streikende Arbeiter auch innerhalb 6 Wochen nach dem Sireil nur in denjenigen Betrieben eingestellt werden dürfen, in denen sie vor Ausbruch des Strerks gearbeitet haben.. Die in diesem Vorgehen zum Ausdruck kommende Gesinnung der Unternehmer ist um so niedriger, als der Streik bekanntlich L2 Wochen andauerte aud erfolglos beendet wurde. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Bekanntmachung streng nachgekommen wird, denn der Verband der ElniSsabrikanten pflegt gegen seine Außenseiter mit äußerster Schärfer vorzugehen. Er verhängt über dicie Unternehmer die Maierialspcrre, aus deren erfolgreiches Wirken in dem jetzr beendeten Kampf der Unternehmerverband sich nicht wenig zugute hält. Da solche UnternehmerterroriSmuSfälle von der Scharfmacher- preffe schwerlich gesanimelt werden dürsten, ist ihr Niedrigerhängen durch die Arbeuerpresse erforderlich. Entlarvte Heuchler! Als vor Weihnachten die Nachricht durch die sozialdemokratische Presse ging, daß in Leobschütz, O.-S., auf eine Denunziation der Fachabteiler hin vier verheiratete Mitglieder des Tcxtilarbeiterver- bandes als lästige Ausländer ausgewiesen wurden, weil sie an- geblich Mitglieder des sozialdemokratischen Vereins waren, ent- rüstete sich die ganze Zentrumspresse über die„gemeine Verleum- dung" der Fachabteilungen durch die Sozialdemokratie. Schon da- mals wurde von uns behauptet, daß keiner der Ausgewiesenen Mitglied der Partei war, und daß die Denunziation nur deshalb erfolgte, weil die vier Ausländer sich weigerten, den Fachabteilun- gen als Mitglieder beizutreten. Die Zentrumspresse bestritt dies natürlich, alles wäre nur Verleumdung. Jetzt wird nun eine Aeußerrmg eines Beamten des Betriebes, in dem die Ausgewiesenen arbeiteten, bekannt. Dieser Beamte sagte wörtlich:„Treten Sie doch aus dem Textilarbeiterverband aus und sofort in die katho- lische Fachabteilung ein, dann wird die Ausweisung zurück- genommen." Textilarbeiterstreik. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma Dr. A. N i tz s ch k e, Apbretiiranstalt in Plauen i. V. haben Sonnabend die Arbeil niedergelegt. Die männlichen Arbeiter verdienen bei dieser Finna 14,60 bis 19,— M., die Arbeiterinnen 9—12. M. Im November vorigen Jahres forderten sie eine Lohnzulage von 1—2 M. pro Woche. Mit dem Hinweis, daß die vom Arbeitgeberverband ange- stellten Ermittelungen, ob die Forderungen auch gerechte find, noch nickt abgescklossen seien, wurden die Arbeiter hingeballen. Auf wiederholte Aufrage erhielten sie am 23. Januar zur Autwort, daß sie sich wegen eines denniliven Bescheides bis Februar gedulden müssen. Ein letzter Versuch, die Sache in Güte beizulegen, scheiterte; das Personal legte die Arbeit nieder. Schon eine halbe Stunde nach Beginn des Streiks war die Polizei gegen die Streikposten aus den Beineu. Bei der Firma Paul Buschmann in Plauen haben am Sonnabend 16 Slicker die Arbeit eingestellt. Der Firmeninhaber hat zwei Stickcr sofort entlassen, weil diese sich unterstanden, einen geheizten Arbeitsraum zu verlangen. Ein Lohnkampf in den Kinderwagcnfabrikcn zu Zeitz scheint un- vermeidlich zu sein. Wie schon nntgeieilt. wurden den Fabrikanten vor 14 Tagen Forderungen unterbreilcl, über die zu verhandeln sich die Arbeiter bereit erklärten. Die Hauptforderung war Verkürzung der Arbeitszeit auf 56 Wochenstunden und eine 15prozentige Lohn- erhöhung. Tie Mehrzahl der kleineren Fabrikanten waren mit der geforderren Arbeitszeitverkürzung einverstanden und wollten wegen der Lohnerhöhung am anderen Tage mit den Arbeiter- kommissiouen verhandeln. Es kam aber anders. Der Unternehmer- verband trommelte die Fabrikanten sofort zusammen, um gehörig scharf zu machen. Die Firma N ä t H e r, der grüßte Betrieb dieser Branche in Deutschland, der wohl ein Juteresse daran hat, die kleinen Fabriken auf die Seite zu drücken, hintertrieb die Einigung mit allen Mitteln und lehnte auch jede Verhandlung mit den Organi- sationsverrretern ab. Am anderen Morgen erklärten denn, auch die meisten kleineren Firmen die gemachien Zugeständnisse auch be- züglich der Arbeitszeit wieder zurückziehen zu müssen. Mit einigen Fabriken ist es trotzdem zu einer Verstündiguna gekonrmen. Am Freitag abend fanden nun überfüllte Bersainmllingen der beteiligten Arbeiter statt, in denen die Organisations- leiter Bericht erstatteten. Nach lebhafter Debatte wurde beschlossen, in allen Betrieben, wo die Verhandlungen gescheitert sind, möglichst sofort die Kündigung einzureiben. Das ist nun in den meisten Fabriken— auch bei der Firma Näiher— am Sonn- abend geschehen, der Nest wird, weil am Freitag Zahltag ist. erst kommeuden Freitag kündigen. Die in Frage kommende» 2000 Ar- beiler bitten dringend, den Zuzug von Korbmachern, Stellmachern, Tischlern, Metallarbeitern, Sattlern und Malern von Zeitz ss»it- zuhalten. Achtung, Glasarbeiter! Bei der Firma Hugo Schneider, A.-G,, in Ober-Weißbach haben am Sottitabend 30 Glasbläser die Arbeit niedergelegt. Alle Glasbläser werden dringend ersucht, Ober-Weißbach zu meiden, gleichfalls alle Glühlampcnarbeiter und-Arbeiterinnen._ Die bayrische Regierung als Vermittlerin in der Svhnbetvegung der Rohglasschleifer. Am Somitag, den 29. Januar, tagte in Weiden eine Konferenz der Rohglasschleifer. AuS allen Teilen der Oberpialz waren 49 Rohglasschleifer erschienen. Der Verband der Glas- arbeiter war durch den Verbandsvorsitzenden Girbig und den Gauleiter D i r s ch e r l vertreten, die bayrische Regierung durch den Geheimen Legationsrat Dr. R o h m e r. Der von den Unter- nehmern vorgelegte Tarif stand zur Beratung; fast sämt- liche Teilnehmer verwarfen diesen Tarif. Die Ziigestäiiduisse waren zu minimal und die Vertragsdauer von 3 Jahren und 7 Monaten erschien allen Delegierten zu lang. Die Abstimmung ergab, daß der Tarif mit 44 gegen 5 Stimmen ver- warfen wurde. Der Regieruugsvertreter ersuchte, de» Tarif anzu- nehmen, aber trotzdem erfolgte die fast einstimmige Ablehnung. Darauf versuchte der Regieruugsvertreter die Kongreßteilnehmer dahin zu beeinflussen, daß die Arbeit nicht niedergelegt würde, und als auch der Verbandsvorsitzende Girbig dieselbe Ansicht bekundete, erklärten die Kongreßteilnehmer, vorläufig weiterzuarbeiten.— Die Regierung wird jetzt erneut mit de» Unternehmern in Verhandlung treten, und wenn die Vertragödouer wenigstens auf 2 Jahre herab- gesetzt wird und noch kleine Zugeständnisse bezüglich der Löhne ge- macht werden, dürfte sich der Streik vermeiden lassen. Eine Niederlage der Gelben. Aus Nürnberg schreibt man uns: Bei der am Montag in den Nürnberger Werken der Siemens- Schuckert- Gesellschaft stattgefniideiten Wahlen der Vertreter zum ArbeiteraUSsckuß erhielten die Freiorgauisierlen 22 Sitze, die Gelben 4 und die Christliche» 1 Sitz. Im Vorjahre waren nur 23 Sitze zu besetzen, wovon die Freiorgamsierten 18 Sitze besaßen� Nach der vorlätisigeit Zusanimeitstellung erhielten die Listen der freien Gewcrk- schnslen 42l8(3360 im Vorjahre) Stimmen. Die Gelben Bereinigten auf ihrer Liste 830 s839> Stinimen, während die Christlichen sich mit 192(169) Stimmen begnügen mußten. Ganze 9 Stitmnen erhielten die Gelben Zuwachs in einem Jahre. Dieter Erfolg trotz der an- geblichen Mitgtiederzahl von 1300, trotz schamloser schriftlicher und mündlicher Agitaltott und trotz der weitgehendsten Protektion der Firma und des größten Teiles ihrer Beamten. Da die Stimmenabgabe abteilungsweise erfolgte, konnte fest- gestellt werden, daß in den Abteilungen, wo die Mehrzahl der Ar- beitcr entweder ungelernt oder angelernt waren, die meisten gelben Stimmzettel abgegeben wurden. Ob die Firma eine große Freude an den gewonnenen 9 hat, möchten wir bezweifeln. Es muß sie doch schmerzlich treffen, wenn sich trotz aller Protektion und Sub- vention ihre gelbe Sumpspflanze nicht iu der gewünschten Weise entwickeln will. ZZuslanck. Tie Lohnbewegungen in Dänemark» die sich aus ungefähr 40 BerufSgruppen mit 31 000 Arbitern erstrecken, sind gegenwärtig größtenteils Gegenstand von VerHand- lttitgen, die seit Milte voriger Woche in Kopenhagen zwischen den Vertretern der Dänischen Atbeitervereittigtuig und des Verbandes der Gewerkichaften sowie den verschiedenen Bernfsorganisationen ge- pflogen werden. Nach dem bisherigen Verlans der Vethaiidlungen ist anzunehmen, daß es teilweise ztt einer friedlichen Einigung kommt, aber sicher ist das noch kemeSivegs. In der T e x l i l- i n d u st r i e haben sich die Parteien über die Hauptpunkte eines neuen Uebereinkommens geeinigt; es handelt sich jetzt jedoch um die Akkordtarife der einzelnen Fabriken, über die teils in Odense auf Fünen, teils in Kopenhagen verhaudell wird. In der Herren- k o n f e kti o n Kopenhagens sind die Verhandlmigen bis jetzt ergebnislos verlaufen, und es scheint, daß sich der zum 1. Februar angekündigte Lohnkampf nicht umgehen läßt. Jin Klempnergewerbe sind die Verhandlungen endgültig gescheitert, und die Arbeitgeber haben eine allgemeine Aussperrung über das ganze Land angekündigt. In der H o l z i n d u st r i.« hat man ebenfalls verhandelt, ohne daß Aussicht ans Einigtiug erzielt wurde. In dieser Industrie ist schließ- lick ein besonderer Ausschuß gewählt worden, der noch einmal ver- suchen soll, eine Grundlage für die Wiederaufnahme der Verhand- lttitgen zu finden. Gerichts-Zeitung. 14 241 Mark unterschlagen. Wegen ttnterschlagung von Mil.itärpensionen in Höhe von '14 241- Mark hntlc--gestern die 2. Sirvskamer des Landgcrichitf-'Iil unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Reichhelm gegen den aus der Haft vorgeführten früheren Bureaugehilfen Emil Bellach zu verhandeln.— Der Angeklagte war bei der Stadthauptkasse in Wilmersdorf als Burcaugehilfe angestellt. Zu seinen Obliegen- heilen gehörte es unter anderem, die von der Regierung ange- wiesenen Beträge sich von der Kasse auszahlen zu lassen und dann nach Eingang der Quittungen der Pensionsenipsänger an diese ab- zuführen. Hierbei verstand es der Angeklagte dadurch, daß er wiederholt das Datum auf den Anweisungen- änderte, herbeizu- führen, daß ihm die fraglichen Summen doppelt ausgezahlt wurden. Auf d ese und ähnliche Weise ließ der Angeklagte in einem Zeit- räum von 10 Monaten die Summe von 14 421 Mark in seine Tasche fließen.— Als ihm im August v. I. eine Revision drohte, ließ er alles im Stich und ergriff die Flucht. Er fuhr zuerst nach Paris, wo er bald in bitterste Not geriet. Nach allerlei Irrfahrten kam er dann schließlich nach Deutschland zurück, wo er sich der Polizei freiwillig stellte.— Vor Gericht behauptete der Angeklagte durch seine Wettlcidenschaft auf die schiefe Ebene gekommen zu sein und das unterschlagene Geld auf den Rcunbahnen durchgcbracht zu haben.— Die Strafkammer erkannte mit Rücksicht auf die Höhe der unterschlagenen Summe und den groben Vertmuensbruch des An- geklagten dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf 2 Jahre Ge- fängnis unter Abrechnung von zwei Monaten der erlittenen Unter- suchungshaft. Vorwärts Buchdruckoroi und Verlagsanstalt Raal Singer& Co. Gestern hat der Tod unseren Freund Paul Singer uns entrissen. Keiner hat uns allen ohne Unterschied mehr Wohlwollen, hat unseren Wünschen und Bedürfnissen mehr Verständnis und guten Willen entgegengebracht, als der Verstorbene, den die Berliner Genossen in diesem Vertrauen mit an die Spitze ihres Geschäfts gestellt hatten. Ueber das Grab hinaus werden wir alle ihm ein treues Andenken bewahren. Das gesamte Personal. c Abzahlungencschifte ) Crcdit-llaas ..LvIlHalUanev" B«llonlllftnr«-Str: 100, I. Kte«� Waren u. Möbel a. knlant.RttUnBr. Berliner Credit-Haus Kommandanteübtr. 07."ML TurmstraSc 55, Ecke Waldstr. gev/ährt Jedem b. spielend leichter An- u. Abzahlung mehrjährigen Kredit auf Waren und Möbel. IsteW, Spandau rolsaaiteritr.SJ,! Erscheint 2 mal wftchentllch. ) Bezugsquelien�VerzeichniSa Untenstehende Geschäft« "mcfehlen sieh beiElnkSufe- Auf Abzahlung gibt Wilh. Nenmann, Pappclallce SS Waren, Möbel, Oaräeroba. Wßlfpr.[8fi.reinmois,or- , Straße Ii I. faihoholfrele�letränlie'� SinalcolBMrause) Oen-Vertret. QttO Starlck IVO, Lantlsberper Allee 6/7. — Fernruf VII: 1680 u. ISS«.— Frau z Abraham Hamb. Wessina-u.Römertrank-Kell. N 4, Schlegelst. 9, Fernsp. III, 7727. Dete BüOie"nLÄs Ä r.ntrru Solter-u. Limonäd.-Fabrik UUInü, Thuerstr. 41. P.A. 7,8176. �& Bestes alkchel- M.�i frtics öcträitk. 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Erst in späten Jahren vertauschten sie das Dorf mit der Millionenstadt. Die Kinder schrieben, sie sollten nur kommen. Aber ein alter Baum verpflanzt sich schwer. Wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kommen, seufzen sie beide. Und sie sind redselig, die beiden Alten. In ihrem breiten Dialekt, den der vierjährige Großstadtaufenthalt schon ein wenig abgeschliffen hat, erzählen sie gern von den Oualen ihrer Jugend- und Mannesjahre. Zwei Finger der linken Hand hat der eine in einer Dreschmaschine gelassen. Die schmale Rente haben sie ihm erst im Vorjahre gekürzt. Er sei ja jetzt mehr arbeitsfähig als sirüher.„Mehr arbeits fähig!" Er blinzelt mich bei diesen Worten immer mit seinen tränenden, zwinkernden Augen an und spuckt verächtlich zur Seite. Der andere hat eine schiefe Schulter. Ein Sturz vom Heuboden brachte sie ihm. Früher, als er bei den Ulanen stand, war er gerade und wohlgewachsen. Zehn Wochen lang lag er im Hospital der Kreisstadt. Eine Rente bewilligten sie ihm nicht. Der Herr Verwalter bekundete, daß er den Sturz der eigenen Unvorsichtigkeit Umzuschreiben habe. Beide haben die besten Jahre des Lebens hinter sich, sind hoch in den Sechzigern. Aber etwas Kerniges ist in ihnen, daß man sie, trotz ihrer krummen Rücken und trotz ihrer wässerigen Augen, um Jahre jünger halten könnte. Ihre Finger sind krumm, ihre Nägel zersplittert und zerschlissen, ihre Hände braun und rissig von Schwielen. Ein Kranz blond weißer Haare umstarrt wirr Schläfen und Stirnen. Als Gelegenheitsarbeiter verdienen sie ihr spärliches Brot. Ihnen dünkt Arbeit und Verdienst etwas Köstliches. Denn sie fühlen sich als Menschen, wie man sie sechs Jahrzehnte hindurch auf dem Gute des Hcimatsdorfes niemals würdigte. Um die Politik haben sie sich nicht viel geküinmert. Aber das tvissen sie, daß man sie ausgebeutet hat nach Strich und Faden. Daß sie so ihr Menschentum mit Füßen treten ließen, wurmt sie noch heute. Und ein Schmunzeln zieht über ihre harten Gesichter, wenn sie sehen, daß einer der Mitfahrenden den „Vorwärts" aus der Tasche zieht, ihn zu lesen. Dann werden sie meist gesprächig und bringen Erinnerungen hervor, daß einem die Zähne aufeinander knirschen und sich die Hand zur Faust ballt. Sie aber haben auf alle Zornesausrufe nur ein monoton-bedächtiges„Ja, ja I So war's I" Und sie hängen dennoch an der alten Heimat, die sie verließen. Man sieht das an ihren Augen, an ihrem Miencm spiel, wenn der Zug dem Häusermeer der Großstadt entz rönnen und sich rechts und links Aecker und Wiesen breiten Dann glimmert das Leuchten einer inneren Freude über die alten, verrunzelten Gesichter. Dann weisen die krummen, knochigen Finger hinaus auf eine verschneite Scheune, auf eine Lichtung oder auf eine Koppel. Die welken Lippen bc wegen sich zitternd. Ein Wort bringen sie nicht hervor. Aber die alten Köpfe nicken leicht vor sich hin und hinter den blinzelnden Augen träumt ein liebes Erinnern und Gedenken...._ Zur Sicherung der Schulkinder bei Ausbruch von Feuer hat die Abteilung für Kirchen- und Schulwesen der königlichen Regierung in Potsdan, eine umfangreiche Verordnung erlasien, die von mehr als ortlichem Interesse ist. Sie gilt auch für Privatschnlen. Keine Haus- tür, heitzt es darin, darf während de« Unterrichts verschlosien sein. An allen Haustüren sind Vorrichtungen zum Offenhalten anzu- bringen. Haus- und Klassentüren, die nach innen aufschlagen, sind nach außen aufschlagend einzurichten. Die Fenster der Klassen im Erdgeschoß dürfen nicht durch Schraubenschlüssel verschlossen, sondern nur verriegelt sein usw. In jedem Vierteljahr sind die Kinder zu belehren, wie sie sich beim Feuer zu verhalten haben. Mindestens einmal im Halbjahr ist das Verlasien des Schulhauses auf ein Singnal hin praktisch zu üben. Ans ein Zeichen öffnet der Lehrer die Tür seiner Klaffe. Die Kinder treten ohne Hast aus der Bank und gehen, je zwei sich anfassend, unter Znrncklassung aller ihrer Sachen von den, Lehrer geführt, nach dem Ausgang. Kinder mit körperlichen Gebrechen hat der Lehrer zu geleiten. Kein Kind darf dabei sprechen oder sich bücken. In jeder Schule muß an leicht ficht- barer Stelle die Verordnung anshängen. Der Vertagung verfiel gestern der mit der Regelung der Lohn- frage der städtischen Arbeiter eingesetzte Ausschuß, Iveil der Magistrats- Vertreter in letzter Stunde unabkömmlich war. Berichtigung. In dein gestrigen Artikel„DaS Mitbringen von Eßwaren" muß eS im letzten Absatz heißen:„Zum Abendessen wird durchgängig, auch an arbeltende, einen Tag um den anderen lein Belag geliefert." Ter Begründer der Aschingerbierhallen, August Aschinger, ist im Alter von SS Jahren gestorben und gestern beerdigt worden. In Gemeinschaft mit seinem Bruder, der im Jahre 1909 gestorben ist, gründeten die Gebrüder Aschinger die beiannten Aschingerhallen, womit sie in Berlin einen neuen Typ von Erfrischung schufen. Es dauerte auch nicht allzulaitgc, so entstanden in den verschiedensten Teilen Berlins die blauwciß gezeichneten Aschingerausschänkc. Schließlich führte die Entwickelung des Unternehmens dazu, daß eine Aktiengesellschaft den Betrieb übernahm, die ein großes Hotel und ausgedehnte Weinstuben errichtete. Weniger zufrieden mit dieser Entwickelung waren die Angestellten. Die Arbeitsverhältnisse und die Behandlung der Angestellten tvurde in den ersten Jahren sehr gelobt. D e Arbeitszeit war, wenn auch immer noch sehr lang, so doch einigermaßen geregelt. Der Verdienst war im allgemeinen gut. Solange der Einfluß AschingerS selbst vorherrschend war. wurden die Angestellten auch niemals von einem gewerbsmäßigen Stellenvcrmittler bezogen, sondern von einem seiner Geschäfts- führer direkt engagiert. Dieser günstige Einfluß der Gründer der Firma ist in den letzten Jahren immer mehr im Schwinden bc- griffen gewesen. Die Arbeitöverhältnisse. namentlich in den neu- gegründeten großen Geschäften, vor allem im Weinhaus„Rhein- gold" haben schon oft die öffentliche Kritik herausgefordert. Es treiben dort eine Anzahl Direftorcn ihr Wesen, die die Angestellten in einer wenig menschenfreundlichen Weise behandeln. Die Aktionäre kümmern sich darum natürlich nicht, ihnen genügt es, wenn sie recht hohe Dividenden einheimsen können. Polizei und Hausbesitzer. In tvelch innigen Beziehungen Hausbesitzer und Polizei stehen, geht aus einem Schreiben hervor, daß der Polizeipräsident Herr v. Jagow auf eine Eingabe des Hausbcsitzcrveveins im Westen wegen dem jogenannteil„Rücken" erteil! hat. Tiefe Antwort lautet: »Auf hie Eingab« des Vereins vom 7. Dezember v. I. erwidere ich crgebenst folgendes: Die Polizeireviere sind bereits nach den be- stehenden Bestimmungen verpflichtet, dem Gesuche eines Vermieters um Beistand bei Ausübung seines Pfand- oder Zurückbehaltungs- rechts an den eingebrachten Sachen des Mieters insoweit Folge zu leisten, als die Sachen sich noch innerhalb des Besitztums de« Ber- mieters befinden. Die Grenze, des Besitztums bildet hierbei die Straßenfluch tlinie. Diese Hilfeleistung beschränkt sich jedoch auf den persönlichen Schutz des Vermieters oder seines Stell- Vertreters gegen jede gewaltsame Beeinträchtigung seines an- geblichen Rechts durch den abziehenden Mieter oder feine Helfers- Helfer. Dagegen steht der Polizei nicht die Befugnis zu, durch eigenes Eingreifen die Entfernung der Sachen seitens des Mieters zu verhindern, da es sich bei dem zwischen den Parteien bestehenden Mietsverhältnis um private Rechte handelt, die im Streitfalle der Entscheidung des Richters unterstellt sind. Ztoch den gleichen Grund- sähen regelt sich auch die Frage, wie die Polizei sich„rückenden" Mietern gegenüber zu verhalten hat. Das sogenannte Rücken wird als strafbarer Eigennutz gemäß§ 289 StGÄ. nur auf Antrag vcr- folgt. Wenn es auch nach der Rechtsprechung nicht ausgeschlossen ist, daß bei Antragsdelikten eilige, unaufschiebbare Maßnahmen— z. B. Verhaftung— schon vor der Stellung des Antrages vorge- nommen werden, so erscheint doch ein Eingreifen von Amts wegen gegen rückende Mieter nicht unbedenklich. Die zum Schutze des Vermieters gegebenen strafrechtlichen Bestimmungen sind privat- rechtlicher Natur; es muß im wesentlichen als Aufgabe des Ver- mieters betrachtet werden, die einseitige Beendigung des Pfand- Verhältnisses durch Entfernung der Mobilien seitens des Mieters selbst zu verhindern. Auch der Umstand, daß§ 289 StBG. für die Strafbarkeit den Antrag voraussetzt, zeigt diese Stellungnahme des Gesetzgebers. Es kommt hinzu, daß, besonders bei kleinen Mietern, um die es sich hier in der Regel handeln wird, das Fortschaffen der Möbel auch zu ungewöhnlichen Stunden nicht ohne weiteres den Schluß auf ein strafbares Rücken gestattet. Andererseits ist es natürlich Pflicht der Polizei, auf alle Ereignisse zu achten, die auf ein rechtswidriges Verhalten schließen lassen. Zwecks Wahrung berechtigter Interessen der Vermieter sind daher die in Betracht kommenden Dienststellen angewiesen, auf alles auffallende und ver- dächtige Fortschaffen von Sachen aus Häusern zu achten und den Hauswirt oder seinen Vertreter, falls er ohne Schwierigkeit erreich- bar ist, hierauf aufmerksam zu machen. Auf Ansuchen des Wirtes sollen sie d'e Helfershelfer der rückenden Mieter, insbesondere wenn durch das Rücken ein Straßenauflauf entstanden oder grober Unfug entstanden ist, zwecks Feststellung ihrer Personalien zur Wache siftieren. Ein unmittelbares Eingreifen der Aufsichtsbeamten zur Perhinderung des Fortschaffens der Sachen erscheint dagegen nicht tunlich, da die Beamten nicht übersehen können, ob das zivilrechtliche Pfandverhältnis etwa bereits durch Erfüllung der kontraktlichen Pflichten erloschen ist. Ich werde Veranlassung nehmen, die Pdlizei reviere erneut auf die Beachtung der bestehenden Anordnungen hinzuweisen, gez. Jagow." Aus diesem Antwortschreiben geht hervor, in welch dreister Weise die Hausbesitzer die Polizei in ihren rein privaten Interessen in Anspruch nehmen wollten. Nun gibt cS auch nach dieser Richtung hin eine gewisse Grenze, die selbst die Polizei nicht über schreiten kann. Immerhin bleibt das von der Polizei den Haus' besitzern gegenüber geübte Entgegenkommen nach groß genug. Die Polizei ist doch schließlich nicht nur der Hausbesitzer wegen da. Zu dem Frauenmord bei Stolpe wird mitgeteilt: Die Ob- duktion der Leiche, die Dienstag nachmittag in der Friedhofshalle zu Stolpe ausgeführt wurde, hatte, wie vorauszusehen war, das Ergebnis, daß Frau Gorgolewski erdrosselt worden ist. Ob der Mörder sie auch vergewaltigt hat, ließ sich noch nicht feststellen. Mehrere Leichenteile wurden deshalb zu einer mikroskopischen Untersuchung noch zurückgehalten. Am Gesicht der Ermordeten wurden Kratzwunden festgestellt. Sie bestätigen, was auch aus dem Ortsbefund schon hervorging, daß ein Kampf zwischen dem Mörder und seinem Opfer stattgefunden hat. Wahrscheinlich hat also auch der Mörder Kratzwunden erlitten, bielleicht an den Händen und auch am Gesicht. Aus diesem Grunde wurden auch die Fingernägel der Leiche gesäubert, und alles, was sich daran befand, soll mikroskopisch untersucht werden, um unter Umständen als Bcweismaterial gegen den Mörder zu dienen. Die Nach forschungen der Gendarmerie richten sich besonders auf die polnisch-galizischen Avbeiterkreise in jener Gegend. Die vier Zicgeleiarbeiter, die zur Zeit des Mordes nicht weit vom Tatort entfernt an Damm und Gleisen der Schmalspurbahn ausbesserten, wurden eingehend vernommen, konnten aber zur Aufklärung des Verbrechens nicht beitragen. Sie haben die Frau gesehen, als sie gegen 1ZH Uhr den Feldweg entlang ging, von einer ver- dächtigen Person aber nichts wahrgenommen und auch nichts Ver- dächtiges gehört. Es ist auch gelungen, andere Leute zu ermitteln, die den nicht ganz unbelebten Weg, der den ständigen Verkehr zwischen dem Torf, der Ziegelei und dem Kanal vermittelt, bc- nutzt haben. Auch sie haben nichts gesehen oder gehört. Die Eheschließungen haben in Berlin, nachdem sie von 1907 zu 1908 und weiter zu 1909 sich sehr beträchtlich gemindert hatten, in dem eben abgelaufenen Jahre 1919 sich wieder g e m e h 1 t. In den fünf Jahren 1992, 1996, 1997, 1998, 1999 waren hier 22 276, 23 243. 23 313. 21 799. 21 299 Ehen geschlossen worden, in 1910 aber wurden 21 839 Ehen geschlossen. Die Mehrung in 1919 ist er- hcblich, doch blieb die Zahl der Eheschließungen sür das Jahr immer noch unter derjenigen der Jahre 1995, 1v96, 1997 zurück. Der eingetretene Aufschwung muß erklärt werden auS der allmählichen Besserung des Arbeitsmarktes, die regelmäßig auch eine Steigerung der Heiratslnst herbeiführt. In solchen Zeiten wird dann auch noch manche Eheschließung nachgeholt, die vorher wegen Mangel an Existenzmitteln aufgeschobcn worden war. DaS freilich ist selbst bei einer weiteren Besserung der ErwerbSverhältnisie nicht zu erwarten, daß die nächsten Jahre ein Ueberschäumen der HeiratS- lust bringen könnten. Die Verteuerung des Lebens» Unterhaltes durch die Steuerpolitik, die wir in den letzten Jahren gehabt haben, bleibt bestehen, und ihre Wirkungen dauern fort. ES ist also immer noch genug dafür gesorgt, daß dem heiratsfähig werdenden Nachwuchs der Arbeiterklasse das Heiraten nicht„zu leicht gemacht" wird. Ein Doppelselbstmord wird auS der Stolpischen Straße Nr. 48 gemeldet. Dort haben sich die 65 Jahre alte Hebamme Wilhclmine Mawitz, geborene Kliewert, und deren 37 Jahre alte Tochter Agnes mit Leuchtgas vergiftet. Das alternde Mädchen hatte mit einem Schlosser K. ein Liebesverhältnis, mit dem der Vater, der Tischler ist, nicht einverstanden war. Frau Mawitz stand auf der Seite ihrer Tochter. Wie Hausbewohner bekunden, ent- stand über daS Verhältnis wiederholt Streit in der Familie. In der vergangenen Nacht standen Mutter und Tochter heimlich auf, trugen ihr Bettzeug nach der Küche, breiteten es dort ans dem Fußboden auS und legten sich nieder, nachdem sie die GaShähne geöffnet hatten. Als Mawitz um 8 Uhr erwachte, fand er beide in dem mit GaS gefüllten Räume tot daliegen. WiederbelebungS- versuche, die Samariter der Feuerwehr mit dem Sauerstoffapparat machten, blieben erfolglos. Mawitz gibt zu, das VerhällniS nicht geduldet zu haben, bestreitet aber, daß es darüber zum Streit ge- kommen sei. Er will nicht wissen, weshalb seine Frau und Tochter in den Tod gegangen seien. Schon wieder zwei Unfälle auf der Anhalter Eisenbahn. Zwischen Trebbin und Luckenwalde, in der Nähe von Cliestow, wurde der Streckenwärter früh um 6 Uhr, von einem Schnellzuge überfahren. Der Streckenwärter, in der Person des 39 jährigen Hermann Liese- gang aus Neucndorf, hat vermutlich dort auf der Strecke dem Milchzuge nach Berlin ausweichen wollen und ist dann von dem Schnell- zuge erfaßt worden. Der Kopf war vom Rumpf getrennt und ein Bein gebrochen worden. Abends fand ein Schaffner an derselben Stelle ein 10 jähriges unbekanntes Mädchen, das aus einem Zuge gestürzt war. Mit dem nächsten Schnellzuge wurde das Kind in schwerverletztem Zustande nach Berlin in eine Klinik gebracht. Dies ist seit kurzem der dritte schwere Unfall auf der dortigen Strecke. Bei Thyrow wurden kürzlich zwei Personen vom Zuge getötet. Einen doppelten Selbstmordversuch unternahm am gestrigen Morgen gegen 7'/z Uhr der 27jährige Kaufmann L. Korin, Ritter- straße 33 wohnhaft. K., der bis vor einiger Zeit eine Handstickerei- fabrik besessen hatte, mußte da« Geschäft ausgeben, da er in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Er mietete am 1. Oktober v. I, in dem genannten Hause eine zweizimmerige Wohnung und eröffnete dort eine Agentur. K. hotte jedoch auch in seinem neuen Beruf kein Glück und so sah er sich schließlich veranlaßt, die Kaution seines Angestelllen an- zugreifen. Als der Buchhalter gestern morgen um 8 Uhr das Bureau betreten wollte, fand er die Tür verschlossen. Da ein scharfer Gas- geruch aus der Wohnung herausdrang, benachrichtigte der Buchhalter die Polizei, welche die Wohnung öffnen ließ. Man fand K. in seinem Schlaf- zimmer bluiüberströmt und bewußtlos auf dem Erdboden liegen. Der Lebensmüde hatte sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, nach- dem er vorher die Gashähne geöffnet hatte. Ein hinzngerufener Arzt der Unfallstation verband den Schwerverletzten, der sterbend in das Krankenhaus am Urban geschafft wurde. Zwei geriebene Wcchselfallcnschwindler treten seit vierzehn Tagen in den westlichen Stadtteilen Berlins auf. Die beiden„arbeiten" in geschickter Weise Hand in Hand. Während der eine von ihnen den Laden betritt, wartet der andere draußen, bis auch für ihn der Moment hierzu gekomme». Der erstere läßt sich nun Kleinigkeilen vorlegen, kauft auch etwas und zahlt mit einem Zehn- oder Zwanzig- markstück. Während des Herausgebens des Wechselgeldes erscheint dann der Komplice. Er wird gleich sehr lebhafl und sucht die Aufmerksamkeit des Verkäufer« abzulenken. Auch oersucht er dies durch alle möglichen Kunststückchen zu erreichen. Diese Gelegenheit benutzt nun der erstere Gauner dazu, um sowohl das Goldstück als auch das Wechselgeld einzustreichen und sich zu drücken. Leider zu spät bemerkt der Verkäufer, daß er betrogen wurde. Hat er den Schwindel entdeckt, während der zweite Gauner noch im Laden ist, dann schimpft der freche Komplize dreist mit über die Frechheit der heutigen Schwindler. Ein Leichcnfund, der noch der Aufklärung bedarf, wurde gestern nachmittag bei Strausberg gemacht. Auf der Chaussee nach Blumen- thal fand man den Leichnam eines in den mittleren Jahren stehenden unbekannten Mannes. Der Tote lag quer über die Chaussee ans- gestreckt. Die Leiche befand sich in völlig erstarrtem Zustande. Die benachrichtigte Polizei beschlagnahmte sie und ließ sie nach der nahen Friedhofshalle schaffen, wo die Obduktion vorgenoinmen werden soll. Es wird andererseits auch damit gerechnet, daß der Fremde ein Opfer des Frostes geworden ist. Ihren Tod gefunden hat die fünfzehn Jahre alte Maria Gericke, die kürzlich in die Erziehungsanstalt Sichar in Plötzensee in Fürsorge gebracht worden war und in der Nacht zum Montag ans dieser- Anstalt fliehen wollte, Sie schnitt ihr Bettlaken in Streifen, verknüpfte sie zu einem Seil und ließ sich daran von ihrem im dritten Stockwerk gelegenen Zimmer in den Hof hinab. Das Seil ritz sofort entzwei und das Mädchen stürzte auf das Pflaster des Hofes, wo es mit zerschmettertem Schädel tot liegen blieb. Die Leiche lvurde beschlagnahmt und nach der Leichenhalle des Gemeindefricdhofes in Plötzensee gebracht. Ein Atttomobilunfall, bei dem eine Dame schwer verletzt wurde, ereignete sich in der Nacht zum Dienstag in der Kurfürstenstraße, in der Stahe des Lützowplatzcs. Dort fuhr ein Droschkenautomobil, in dem sich die verwitwete Majorin v. Grothe, Uhlandstr. 157 wohn- Haft, befand, infolg: Versagens der Steuerung gegen die Bordschwelle. Die Insassin wurde auf das Straßenpflaster hinausgcschleudert, wo sie bewußtlos liegen blieb. Der Chauffeur, der ohne Verletzung davongekommen war, schaffte die Dante zur Unfallstation am Zoo- logischen Garten, wo festgestellt wurde, daß Frau v. G. eine Schädel- Verletzung und Bruch des Nasenbeines erlitten hatte, Auf ihren Wunsch wurde die Dame in einem Krankenwagen in ihre Wohnung geschafft. Die Freie Volksbühne hörte in der Generalversammlung vom 27. Januar zunächst einen Vortrag von Hermann Heijermans über„Dichter von heute". Redner behandelte die Stellung der Kunst in der heutigen Gesellschaft, in der viel von Kunst geredet, aber wenig wahre Kunst hervorgebracht wird. Die Kunst und die Künstler sind abhängig von den besitzenden Klassen, darum kaiin heute keine Massenkunst entstehen. Wenn heute ein Theaterdirettor Tendenzen verfolgen würde, die dem zahlungsfähigen Publikum nicht passen, so würde er bald durch den Theaterkassierer zur Vernunft gebracht werden. Andere Existenzbedtiigungen würden eine andere Kunst erzeugen. Wenn der Dichter von heute Erfolg hat, so vergißt er die Freiheit und hält seinen Einzug in andere Kreise, denen er sich anpaßt; er gewöhnt sich an den Luxus und muß schon kräftig veranlagt sein, um nicht darin unterzugehen. Er entfernt sich vom Leben und spinnt sich in seine Studierstubc ein. Innerhalb dieser künstlerischen Verwirrung habe die Freie Volksbühne eine hohe Ausgabe zu erfüllen. Sie stehe auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung und arbeite nicht sür irgendeinen Unternehmer. Der Einfluß der Freien Volksbühne könne indes noch größer sein, toenn die Auswahl der auf- zuführenden Stücke nach anderen Grundsätzen erfolge. Es könne nickt die Aufgabe der Freien Volksbühne sein, billige Theater- Vorstellungen zu veranstalten. Zwar solle sie auch keine Versuch?- bühnc für neue Talente sein; sie müsse aber da, wo eine innere Berechtigung vorliegt, auch diesen die Wege bahnen. Es müsse einmal die Zeit kommen, da der Dichter es für eine höhere Ehre hält, in einer Volksbühne als vor Frack und Smoking aufgeführt zu werden. Der Vorsitzende Baake teilt mit, daß Herr Heijermans bereit ist, im künstlerischen Ausschuß der Freien Volksbühne mit- zuarbeiten. Nach dem vom Kassierer Winkler erstatteten Rechenschafts- bericht betrug im 4. Quartal 1919 die Einnahme 88 496,91 M.. die Ausgabe 58 431,47 M. Die Abteilungen seien ziemlich gefüllt. so daß nur noch eine geringe Zahl Mitglieder aufgenommen werden kann. Ter Vorsitzende Baake gibt noch Kenntnis von den VerHand- lungen mit der Leitung der geplanten Charlottenburger Volksopcr. Es sei ziemlich sicher, daß von den 39 Sonntagnachmittagsvorstellungen die Hälfte der Freien Volksbühne überlassen würden. Vorort- Nacbncbtetn Nixdorf. Der BerwaltungSbericht der Stadt Nixdorf für die Geschäftsjahre 1998 und 1999 ist soeben erschienen. Im Gegensatz von früheren Perioden, die regelmäßig ein Kalenderjahr behandelten und für die letzten Berichtsmonate nur noch schätzungsweise Daten enthielten. I 4 bringt der neue 216 OuartseUen umfnfieube VerwaltungSbericht für die Geschäftsjahre völlig authentisches Zahlenmaterial. Der Bericht ist. wie dies auch in dem Vorwort des Oberbürgermeisters Kaiser betont wird, textlich und tabellarisch erweitert, mit Bildern von städtischen Gebäuden, mit Plänen und graphischen Darstellungen aus- gestattet worden. Der zu behandelnde Stoff ist diesmal organisch gegliedert und in 17 Abschnitte eingeteilt. Es werden nacheinander folgende Hauptkapitel behandelt: Be- völkerung und Stadtgebiet; der wirtschaftliche Charakter der Stadt? Organisation der städtischen Verwaltung; Reichs-, Staats- und Pro- vinzialangelegenheiten; ErziehungS- und Bildungswesen; Verwal- tung der Gemeindeliegenschaften? Bauwesen, Armen- und Waisen- pflege; Gesundheitswesen; Soziale Fürsorge, Wohlfahrtspflege; Ver- kehrswesen, Märkte, Preise; Versicherungswesen; Gas-, Wasser- und Elekrrizitätsversorgung, Feuerlöschwesen; Strastenreinigung und Be- sprengung. Kranken- und Leichenfuhrwesen, Müllbeseitigung, Steuer- Verwaltung. Finanz- und Kassenwesen. Das übersichtliche Inhaltsverzeichnis ermöglicht eS, sich über alle dl dem Bericht erwähnten Dinge schnellstens zu informieren. Wer ist die Tote? Noch immer nicht bekannt geworden ist eine Frau, die in der Nacht zum 13. Dezember am Eingange deS Hauses Bergstr. 85 tot aufgefunden wurde. Die Frau ivar etwa 35 bis 40 Jahre alt und 1,43 Meter groß, hatte dunkelblondes, welliges Haar und trug ein braunes Sommerjackett, einen schwarzen Rock, einen roten Unterrock, eine rote Taille, weihe Barchenlbeinkleider, schwarze Strümpfe und Schnürschuhe, einen schwarzen Gürtel mit - gelbem Schloß, einen grünen Filzhut mit braunem Sammetband und einen unechten Trauring, der II. T. 2. 12. 09 gezeichnet ist. An Geld besaß sie nur zwei Zehnpfennigstücke. Ein schwerer Straßrnbahminfall ereignete sich am gestrigen DienStagnachinittag vor dem Amtsgericht in der Berliner Straße. Dort versnchte der 3l jährige Linoleumleger Valeria» Piotrowski, Canner Straße 30/31 wohnhaft, kurz vor einem Motorwagen der Linie 55 das Gleis zu kreuzen, wurde jedoch vom Wagen erfaßt und umgerissen. Obwohl der Stratzenbahnführer seinen Wagen fast augenblicklich zun. Halten brachte, geriet der Verunglückte unter den Borderperron und erlitt eine schwere Kopfverletzung und Gehirn- erschülterung. In bedenklichem Zustande wurde Piotrowski nach der nächsten Ihuallstation und von dort nach dem Kreis-Krankenhaus Buckow gebracht. Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Durch den Tod des Oberbürgenneisters Wilde war das Mandat für den Provinzial landtag frei geworden. Gewählt wurde der Stadtverordnetenvorsteher Graf Ma�uschka mit 34 Stimmen, auf den Stadtrat Kloß ent fielen 19 Stimmen.— Hierauf gab der Kämmerer M a ch o w i c z den Bericht über die Etats. Redner konnte initteilen, daß die Leistungsfähigkeit der Stadt zu Besorgnissen keinen Anlaß gebe. Allerdings werde die neue ReichSwertzuwachssteuer den Kommunen erheblich zu schaffen machen. cS müsse daher beizeiten vorgebeugt »oerden. An Gemeindesteuerzuschlag werden wieder 100 Proz. er- hoben. Dagegen sollen die unbebauten und bebauten Grundstücke etwas stärker herangezogen werden. Für die bebauten soll ein Steuersatz von 2,50 M. pro Mille deS gemeinen Wertes, für die»in« bebauten Grundstücke am Stadtparkgelände ein solcher von 10 Proz. pro Mille des gemeinen Werte? und für diejenigen unbebauten Grundstücke, die zwischen der Ringbahn, Hauptstraße, Wannsee> bahn. Sponholz- und Jnnsbrucker Straße liegen, ein solcher von 7,5 Proz. erhoben werden. Bon allen übrigen un° bebauten Grundstücken sollen 5 Proz. zur Erhebung gelangen. Zu dieser Maßnahme soll gegriffen werden, damit die Bebauung nicht künstlich zurückgehalten werden kann. Als neue Steuer wird in Vorschlag gebracht eine Steuer für Schaustellungen aus so- genannten Rummelplätzen, für Kinematographentheater und gleich- artige Veranstaltungen, sowie für Radrennplätze. Nicht finanzielle Gründe, sondern das Bestreben, die unerwünschte Vermehrung dieser Veranstaltungen zu verhindern, sollen zu diesem Vorschlag geführt haben. Hiernach scheint auch die Absicht zu bestehen, die Lichtbilder- Vorträge der Arbeiterschaft zu besteuern. Ferner soll ein Reserve- fondS für Straßenpflasterungszwecke geschaffen werden, da ein er- heblicheS Steigen der Kosten für Pflasterungen und Unterhaltungen der Straßen erwartet wird. Der Etat balanciert in Einnahme und Ausgabe mit 27 658 392 M. Nunmehr wurde beantragt, die Weiter- beratung zu vertagen. ES werden in der nächsten Sitzung die Fraktionen hierzu Stellung nehmen.— Die Gewährung von Speise marken an Arbeitslose soll denjenigen Be- schäftigungslosen zugute kommen, die nicht imstande gewesen sind, für die Zeiten der Arbeitslosigkeit so Borsorge zu treffen, wie dies nach den Bestimmungen der Arbeitslosenordnung vorgeschrieben ist. Betroffen werden diejenigen, die einer BerufSvereinigung ohne Arbeitslosen« Unterstützung angehören, oder nicht organisiert sind und über keine Spar- einlagen verfüge». Die Speisemarken werden nur in der Zeit vom 1. Oktober bis 31. März gewährt. Hat der Betreffende Familie, so werden mehr Speisemarkcn verablolgt, dieselben dürfen jedoch zu- sammen täglich nicht mehr als 60 Pf. betragen. Genosse Bernstein gab der Meinung Ausdruck, daß diese Vorlage kein glückliches Produkt sei. Besondere Bedenken beständen darin, daß den Berufsvereinigungen direkt entgegengewirkt werde. Es werde denjenigen geholfen, die sich organisieren können, aber nicht wollen. Da die Vorlage jedoch zunächst ein Versuch sei, wollen er und seine Genossen erst abwarten, wie sich die Einrichtung be- währe. Die Vorlage wurde einstimmig angenommen. Die Kosten belaufen sich auf annähernd 3000 M.— Genosse D ä u m i g referierte nunmehr über die Petition eines Veteranen, der als Proviant- assistent den Feldzug mitgemacht hat, jedoch nicht in Feindesland gewesen ist; da er um den Bezug der Beihilfe abgewiesen werden mußte, soll die Petition dem Magistrat als Material überwiesen werden, um aus einer der vorhandenen Stiftungen dem Petenten etwas zukommen zu lassen. Genosse Rottländer referierte über die Petition der Ober« lehrer, die eine entsprechende Gehaltserhöhung wünschten. Der Ausschuß hatte beschlossen, die Petition auf zwei Jahre zurück- zustellen. Auf Antrag des Stodtv. Bester(Lib.) wurde die Petition nochmals an den Ausschuß zurückverwiesen. Der Zentralverband der Allgemeinen Bereinigung deutscher Buchhandlungsgehilfen und der Kaufmännische Verband für weib- liche Angestellte petitionierten um Ausdehnung des Fortbildungs- schulzwangeS auf weibliche Angestellte. Genosse Bernstein richtete an den Magistrat die Anfrage, warum die Schule nur fakultativ mid nicht obligatorisch eingeführt wird. Bürgermeister Blanken- stein teilte mit, daß dem noch gesetzliche Bestimmungen entgegen- ständen.— Bon dem Ausbau der städtischen Druckerei soll wegen der Störungen augenblicklich Abstand genommen werden. Chart ottendurg. Pflegestellen für Säuglinge, jedoch nur in Charlottenburg, sucht die Eharlotwnburger Waisen Verwaltung. EL wird ein Pflegegeld von monatlich 25 M. gezahlt und Bekleidung, gegebenenfalls auch ärztliche Behandlung und Arznei gewährt. Meldungen werden baldigst an die GcschäflSstelle der Waisenverwaltung Charlottenburg. Kirchhofstr. 3, erbeten;»nündliche Meldungen ebendaselbst, Erdgeschoß Zimmer 7, werktäglich von 12—2 llhr. Zehlendorf(Wannsecbahn). Für die hiesige Frrtbildungsschule soll eine Schulordnung er- lassen werden. Zu diesem Zweck wendet sich der Gemeindevorsteher an die„beteiligten Gewerbetreibenden und Arbeiter" um Aeußerung über einen zugesandten Entwurf. Es brauchte wohl nicht erst erwähnt zu werden, daß unser Gemeiudevorstand unter„beteiligte Arbeiter" nicht das hiesige Gewerkschaftskartell und den Wahlverein ansieht, sondern Vereine, die als Vertretung der Arbeiterschaft nur sehr bedingt anzusprechen sind. Da uns aber auch so Kenntnis von dein Entwurf geworden ist. wollen wir auf einige Mängel hin- weisen, die ihm anhaften. Da ist im§ 9 die Bestimmung, daß da» Lehrzimmer während des Unterrichts nur mit Erlaubnis des Lehrers verlassen werden darf. So erziehlich eine solche Maßregel bei Kindern sein mag. so kränkend ist sie bei jungen Leuten, die doch schon das Gefühl haben, im Leben etwas zu bedeuten. Hier iväre es richtiger, daß die Lehrpersonen veranlaßt werden, an das Ehrgesühl der jungen Leute zu appelliere», daß sie das Lehrzimmer nur dann verlassen, wenn ein dringendes Bedürfnis dazu vorliegt. Selbstverständlich sind wir der Meinung, daß, wenn ein Schüler genötigt ist, einmal früher nach Hause zu gehen, er dies zu sagen hat. Das ist schon zur Ausrechterhaltung der Ordnung nölig, aber»veiter sollte man nicht gehen. Sehr bedenklich ist auch der§ 12, der zuläßt, daß Schüler vor Beendigung der Schulpflicht vom Schulbesuch entbunden werden können, Ivenii sie die nötige Reife erlangt haben,„vorausgesetzt, daß ihre Führung in und außerhalb der Schule tadellos war". Was»vill man mit der tadellosen Führung„in und außerhalb" der Schule treffen? Augen- scbeinlich den Drang der Arbeiterjugend nach freier Betätigung in selbstgeschaffenen, dem Bildungsbedürfnis dienenden Organisationen. Hiergegen erhebt die Arbeiterschaft Einspruch und erwartet, daß die Gemeindevertretung mit der Festlegung des Entwurfs der Schul- leitung nicht die Möglichkeit gibt, ihr AufsichtSrecht über die Fort- bildnngsschule in reaktionärem Sinne betätigen zu können oder zu müssen. Wilmersdorf-Halensee. Bom Gesundheitszustand der Gemeindeschüler. Der in diesen Tagen erschienene Bericht über die gesundheitlichen Verhältnisse der Gemeindeschüler und Schülerinnen im Schuljahr 1909/10 stellt fest, daß der Gesundheitszustand der Schüler und Schülerinnen sämtlicher Gemeindeschulen„ein guter' war. Es wird hervorgehoben, daß von den 256 Kindern, die z. B. in den beiden Schulen I und IV zur Einschulung kamen, 12 wegen ungenügender körperlicher Eni- Wickelung zurückgestellt und zwei der Hilfsschule überwiesen wurden. Das sind rund 5 Proz. der zur Einschulung gemeldeten Kinder. Vergleicht man diese Zahlen mit den im letzten Berliner Bericht festgestellten, so ergibt fich allerdings ein erheblicher Unterschied, denn in Berlin wurden von den untersuchten Kindern etwa 9Vz Proz. zurückgestellt. Wir müssen aber die Frage unent- schieden lassen, ob in Wilmersdorf die Untersuchung des Gesundheitszustandes nicht nach anderen Grundsätzen erfolgt als in Berlin. Zu dieser Erwägung werden wir um so mehr veranlaßt, als der zuständige S ch u l a r z t für die Schulen II, HI und V bei- nahe triumphieiend mitteilt, daß von den 392 Kindern, die er bei der Einschulung untersuchte, kein einziges zurückgestellt zu werden brauchte. Neben den 242 Kindern, die in den Schulen I und IV eingeschult wurden, waren 54. deren Körperbeschaffenheit als gut. 165 denen noch das Prädikat mittel gegeben wurde, und 23 deren Konstitution der Arzt als schlecht bezeichnete. Es litten 114 der neueingeschulten Kinder an mangelhaftem Gebiß, 79 an herabgesetztem Sehvermögen, 96 an Blutarmut, 64 an Lymphdrüsenschwellung, 36 an vergrößerten Gaumenmandeln, 25 an vermindertem Hörvermögen usw. Gegen Wirbelsäulenverkrümmung hat die Gemeinde in der Schule HI für alle Schulen des OrteS einen orthopädischen TurnkursuS eingerichtet; voraussichtlich werden aucki an anderen Gemeindeschulen derartige Kurse geschaffen werden. Nicht weniger als 70 Proz. aller Kinder leiden an mangelhaftem Gebiß. ES wird die Erwartung ausgesprochen, daß die zur Bekämpfung der ZahnkarieS getroffenen Matznahmen Besserung bringen. Tempelhof-Mariendorf-Marienfclde. Die Gewerkschaftskommissioil für die drei Orte nabm in ihrer letzten Sitzung den Jahresbericht des Vorsitzenden Genossen Lentichu entgegen. Danach fanden statt: neun Vorstandssitzungen. sieben Kartellsitzungen, drei Maiversammlungen, eine öffentliche Protest- Versammlung gegen die neue Reichsversicherungsordnung und eine Flugblattverbreitung. Einen kurzen Ueberblick über die Genossen- schaftSbewegung gab Genoffe Butzki. Erfreulicherweise hat sich die- selbe in Temt'elhof-Mariendorf gut entwickelt und eS soll in absehbarer Zeit die zweite Verkaufsstelle für Tempelhof errichtet werden. Auch der Verein Jugendheim hat für Tempelhof gute Fortschritte gemacht, während die Erfolge in Mariendorf nicht den Erwartungen entsprachen. Ein Antrag der Unterkommission, der die Gründung eineS Kommunalverbandes der drei Orte für die Errichtung eines GewerbegerichteS bezweckte, harrt noch der Erledigung in den Ge- meindeverlretersitzungen. Allgemeines Befremden rief eS hervor, daß ein Antrag auf Freigabe einer Schulaula in Tempelhof zu den hygienischen Vorträgen der Zentralkommission der Krankenkassen Groß-BerlinS von der Schuldeputation abgelehnt worden ist. Tempel- Hof kann sich hiernach rühmen, als einziger Ort Groß-Berlins da- zustehen, welcher seine Schuloulen einer von so großem Werte für die Einwohnerschaft getroffenen Einrichtung vorenthält. Die Vorträge finden nun für Tempelhof-Mariendorf ,m Restaurant Löwenhagen", Mariendorf, Chausseestr. 27. an fünf aufeinander« folgenden Donnerstagen statt. Beginn derselben am Donnerstag, den 9. Februar, abends 8 Uhr. Die Genossen werden ersucht, recht rege dafür zu agitieren. Die Neuwahlen der llnterkommission hatten folgendes Resultat: Genosie L e n t s ch u: Obmann, Genosse Rosen« berg: Kassierer. Genoffe Graul: Schriftführer. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. In der Halbjahresgeneralversammlung des Wahlvereins gab der Kaffierer Otto Schulz den Kassenbericht. Die Gesamteinnahmen der beiden letzten Quartale betrugen 579,95 M., die Gesamtausgaben 411,69 M. Dem Wahlverein gehören 159 männliche und 46'weib- liche Mitglieder an. Nack» dem Tätigkeitsbericht deS Genoffen Käming fanden im letzten Halbjahr dxei Mitgliederversammlungen und vier öffentliche Versammlungen statt. Wie auS dem Bericht deS Spediteurs hervorgeht, hat der Bezirk 234„VcrwSrts"-Abonnenten, davon ent- fallen auf Kaulsdorf 61. Die Bibliothek umfaßt 68 Bände. In der Lokalfrage hat sich nichts geändert. ES stehen uns in Mahlsdorf und Kaulsdorf je zwei Lokale zu Versammlungen zur Verfügung. In der Diskussion bemängelte Genoffe Lehning den„Vorwärts'« vertrieb in Mahlsdorf- Süd. Viele der dortigen Genossen sind ge- zwungen, den„Vorwärts" bei einem Privatlpediteur zu entnehmen, was namentlich einen Kostenaufschlag von 25 Pf. pro Exemplar mehr ausmache. Redner ersuchte die Bezirksleitung, dieser Sache näher zu treten und möglicherweise Abhilfe zu schaffen. Genosse Käming gab bekannt, daß Uraniabilletts a 55 Pf. zu der am Sonntag, den 5. März, nachmittags 2 Uhr, stattfindenden Vorstellung bei den Gruppenführern zu haben sind. Des weiteren teilte Redner mit, daß am 16. Februar der Arbeiter- Gesangverein„Freiheit"- Mahls- darf im„Linkeschen Lokal", Grunowstraße, sein Wintervergnügen abhält. Weiftensee. Von einem sonderbaren Epilog aus Anlaß der letzten Geburts- tagsseier des Kaisers wird uns berichtet: Alljährlich veranstaltet die bessere Gesellschaft an Kaisers Geburtstag ein Festessen, wobei auch die nötigen Reden über den inneren und äuxeren Feind ge- halten werden. Gewöhnlich ahnt so ein Redner gar nicht, daß der „innere Feind" sich bereits unter ihnen befindet, so war es wenigstens das letztemal. Nachdem die Getränke verschiedener Galtungen die Köpfe erhitzt hatten, bombardierte man sich mit den gefüllten Gläsern. Vorerst wollte man die Sache totschweigen, aber das läßt sich in einem Dorfe schlecht machen; so wird jetzt bekannt, daß der Sohn eines Tiefbauunternehmers einem Fabrikanten mit dem Wurfgeschoß das ganze Gesicht verschandelt bat. Ein unbeteiligter Lehrer wurde gleichfalls von einem solchen Wurfgeschoß getroffen. Wenn die Be- teiligten nickt eine Aussöhnung treffen, dürfte die Sache noch ein gerichtliches Stnchspicl haben. Allem Anschein nach werden sich die Patrioten diese Blamage ersparen. Spandau. Auf dem Nonnenbamm fand vor einigen Tagen in dem einzigen freien Lokal von Dreier, Märkischer Steig 6, die erste gut besuchte Volksversammlung statt. Dem Wirt lief die Polizei an dem Tage bald das Haus ein. Zweimal wurde ihm mitgeteilt, die Ver- saninilung dürfe aus baupolizeilichen Gründen nicht ab- gehalten werden. Dann erschien die Baupolizei und nahm ein- gehende Messungen des Versammlungsraumes vor; letztere erklärte jedoch dem Wirt, daß die Versammlung nicht verboten werden könne. DieS hielt aber den Polizeikonimisiar Marx nicht ab, Herrn Dreier nochmals mitteilen zu lassen, daß es bei dem Versammlungs- verbot bleibe. Auch den, Einberuser war nach seiner Wohnung, trotzdem er die VersammlungSbescheinung hatte, da» mündliche VersanimlungSverbot übermittelt worden. Außer zwei Polizei- beamtcn, welche im Lokal erschienen waren, gingen draußen vor dem Lokal noch drei Polizeibeamten umher. Im letzten Augenblick schien sich die Polizei doch wohl eines besseren besonnen zu haben. denn sie ließ die Versammlung ungehindert tagen. Genosse Karl B e lh ke- Berlin hielt ein mit Beifall aufgenommenes Referat über„Die bevorstehenden ReichstagSwablen". In der Diskussion gab Genosse S c i o r den Bescheid des Oberbürgermeisters bekannt, den dieser auf die Beschwerde über das unberechtigte Eindringe» des Polizei- kommissarS Marx am 15. Dezember gelegentlich des Zahlabends in dos Lokal erteilt hat. Der Oberbürgermeister gab unumwunden zu. daß der Zahlabend eine geschlossene VereinSfitzung ist. Da dem Polizeikommissar aber von der Tagung keine Anzeige gemacht war, so wäre er, da er Gäsie in dem Lokal vermutete, berechngr gewesen. Einlaß z>l begehren. Auch wäre Herr Marx befugt gewesen, gleich an Ort und Stelle die Anwesenden zu vernehmen. Ilnbegreiflich erscheint eS nur, weshalb der Wirt ein Strafmandat über 20 M. — das fünfte seit Mitte Oktober— erhalten hat. da doch die Polizei selber die stattgehabte Sitzung als eine geschlossene betrachtet. Der Übereifrige Polizeikommiffar Marx hat zwei Genossen zur noch- malige» Vernehmung laden lassen. Gerichtlicher Termin steht noch nicht an. «rbeiter-Tamariter-Kolonne. Heute Mittwoch, abend» 8 Uhr, bei Böhle, Havelstr. 20: UebungSabend. Ein hiesiger Arzt wird einen Vortrag über Verletzungen, Wundbehandlung und Blutstillung halten. Gäste willkommen. Eue aller Gleit. Fernfahrt deS M. 3. Gestern früh 8'/, Uhr stieg das Militärlustfchiff M. S unter Führung deS MajorS Sperling und Oberingenieurs B a f e n a ch auf dem Tegeler Schießplatze zu einer Fernfahrt nach Straß- bürg i. Elf. auf. Dort soll das Luftschiff sein Standquartier er- halten. In Halle a. S. wurde das Militärluftschiff um 11'/, Uhr vormittags gesichtet; um l'/z Uhr nachmittags landete eS, den An- ordnungen gemäß vor der Luftschiffhalle in Gotha. Bei günstiger Witterung wird der Lenkballon seine Fahrt heute, Mittwoch, fort- setzen._ Wirtschaftlich und pünktlich. Der heilige BureaukratiuS ist in G r ü n e w a l d einem Tischler- meister erschienen in Gestalt eines Steuerboten vom Rentamt Würz- bürg, um von einem vor drei Jahren mittellos ver- st orbenen Hausgenossen des Tischlers, sage und schreibe, einen Pfennig Steuer nachzuerheben. Er war sehr betrübt, daß er unverrichteter Dinge wieder abziehen mußte und wird jetzt eine Schwester des Verstorbenencn in Kitzingen heimsuchen, um bei ihr sein Glück zu versuchen._ B>i>flers., Berlin. daß gute Lichtquellen die Arbeitsleistungen ungemein günstig beeinflussen! Sie lassen deshalb grundsätzlich alle Arten von Gasflammen in Fabrik und Bureau Lcranwortlickzer Redakteur: JUchard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: TH.Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdrucker« u. Verlagsanstalt Paul Singer u.Co., Berlin SW.