Ur. 39. flbonncmentS'Bedingungsn: tlbonncments- Preis pränumerando; Lierteljährl. 3£0 Ml., monatl 1,10 Mk., wöchentlich 2» Pig. frei ins Hans. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nuninier mit illustrierter Sonntags» Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Posl-Zcituuas- Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Poftabonnements nehmen an: Belgien, Dnneniarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Kiumäiucn, Schweden und die Schweiz, 88. Jahrg. CrfitKint Isgltch außer montags. Berliner Volksblntk. Die Tnlerttons-Geböft» Behagt für die fechsgcspaltene Kolonel- geile oder deren ZIauni 60 Psg., für politische und gcwcrlschaftlichc Vereins- und VersammlungS-Anzeigsn SO Psg. „irieine?nreig-n", das erste fselt- gedruckte) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- jtellen-Anzcigen das erste Wort 10 Psg,. jedes weitere Wort 6 Psg. Worte über 16 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Numnier niüssen bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöfsnet, Telegramm- Adresse; „SozIaltUmoKrat RerliD* Zcntratonjan der fozialdemokratifcben parte» Deutfchlands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrassc 69. Kcrnsprechcr: Amt IV. Nr. 1983. Mittwoch, den 15. Februar 1911. expeditton: S«l. 68, Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Die fltjrarzölle. I. Wie ein Alb lastet der letzte Zolltarif auf dem deutschen Volke: die Teuerung wird mit jedem Tage unerträglicher, und alle Augen richten sich auf den kommenden Reichstag. der über die neuen Handelsverträge zu entscheiden haben wird.-Je mehr sich der Wahlkampf nähert, um so mehr schwillt die Literatur an, die die Frage der Agrarzölle behandelt. Unter den vielen Arbeiten verdient aber die„Denkschrift" des Prof. Brentano über die„ G e t r e i d e z ö l l e die soeben in zweiter, neu bearbeiteter Auflage bei I. G. C 0 t t a in Stuttgart und Berlin erschienen ist, den ersten Platz. Brentano hat in kurzer unfr sachlicher Weise die wich» tigsten Argumente gegen die Getreidezölle zusammengefaßt. Die ganze Schrift ist leicht verständlich, temperamentvoll und überzeugend geschrieben. Die zweite Auflage zeichnet sich noch durch präzisere Fassung der einzelnen Gedanken und durch neue und interessante Tabellen aus. Hier geht auch Brentano ausführlich auf die Anworten seiner Gegner, der Schutzzöllner, ein. Da die Argumente der Agrarier sich schon seit Jahren immer wiederholen, so ist dieser Teil seiner Darlegungen von bleibendem Interesse. Immerhin mutz gesagt werden, datz es Brentano nicht gelungen ist einen Vorwurf zu entkräften. � So wurde eingewendet, datz die Konkurrenzfähigkeit des ainerikanischen Getreides doch nicht dadurch zu erklären ist, datz Amerika billige Bodenpreise hat. Wohl hat Brentano recht, datz die Agrarzölle, die die Bodenpreise in die Höhe treiben, die Kon- kurrenz des deutschen Getreides nur erschlveren. Gewitz sind auch hohe Bodenpreise ein Hemmnis für die EntWickelung der landwirtschaftlichen Kultur. Aber sie sind zunächst selbst Resultat, nicht Ursache der hohen Getreideprcise. In Amerika waren die Bodenpreise niedrig, weil die Grund» rente gering war, und diese war gering, weil weite Strecken fruchtbaren Bodens den Landwirten frei zur Verfügung standen, auf denen sie eine extensive Wirtschaft führen konnten. Heute ist die Sachlage auch in Amerika ein andere. Ainerika geht jetzt zur intensiven Kultur über, hat hohe Ge- treibe- und folglich auch hohe Bodenpreise. Deshalb hat der Druck der amerikanischen Landwirtschaft auf die europäische aufgehört. Von diesem unanfechtbaren Standpunkt aus mützte Brentano gegen die Aufrechterhaltung der Agrarzölle auftreten. Wenn man dagegen einwendet, datz andere Länder als Getreideexporteure hervortreten, die der europäischen Land- Wirtschaft Konkurrenz machen, so genügt der Hinweis auf den hohen Stand des Weltmarktpreises, um zu beweisen, datz die Industrialisierung der früheren Agrarländer rascher vor sich geht, als das Envackjen neuer Agrarländer, und datz folglich der wachsende Bedarf durch diese Länder nicht gedeckt werden kann. Aber abgesehen davon, beweist Brentano überzeugend, in welchem Matze die Produktionskosten des Getreidebaues gesunken sind. Die Enrwickelung der landwirtschaftlichen Technik und insbesondere der Chemie, die der Landwirtschaft Tüngerstoffe liefert, hat die landwirtschaftliche Produktion sehr verbilligt und die Intensivierung des Getreidebaues auf besserem Boden erleichtert. Daher trotz der anierikanischen Konkurrenz und der sinkenden Gctreidepreise ein Aufblühen der deutschen Landwirtschaft. Datz aber dieser Fortschritt keineswegs den Agrarzöllen zuzuschreiben ist, geht schon daraus hervor, datz in Dänemark, das kein Agrarzölle kennt, die Ernteerträge im gleichen Matze gestiegen sind wie in Deutschland. So wurde jährlich geerntet pro Hektar Doppelzentner von Weizen Roggen Gerste Haser 1881/85 1901/05 1881/85 1901/05 1881/85 1901/05 1881/85 1901/05 Deuischland 14,5 18,4 11,6 15,6 15,3 18,4 13,2 16,9 Dänemark 21,8 29,6 16,1 17,1 15,6 19,10 13,4 15.6 Ter Weizenertrag pro Hektar, ebenso der Ertrag von Gerste stieg in Dänemark noch rascher als in Deutschland. Dagegen hat der Bodenertrag in Roggen und Hafer in Deutschland etwas größeren Fortschritt gemacht. Daraus läßt sich also erkennen, daß der Freihandel die EntWickelung der Landwirtschaft Dänemarks keineswegs gehemmt hat. Im Gegenteil, die sinkenden Preise bildeten einen Ansporn, er- leichterten die Verbesserung der Bodenkultur und förderten insbesondere die Viehzucht.„Tie deutsche Landwirtschaft," konstatiert Prof. Conrad im„Handwörterbucksi der Staats- Wissenschaften",„hat die größten Fortschritte nicht gemacht in der Zeit der hohen Preise, in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre, sondern unter denn Drucke der niedrigen Preise in den achtziger und neunziger Jahren.... Auch England hat den höchsten Aufschwung in der Landwirtschaft nicht zur Zeit der hohen Getreidezölle gemacht, sondern gerade erst nach Beseitigung der Zölle in den vierziger Jahren..." Es ist also völlig falsch, wenn man durch den Hinweis auf den Fortschritt der Ernteerträge die Getreidezölle recht- fertigen will. Im Gegenteil, gerade dieser Fortschritt beweist, daß die deutsche Landwirtschaft die auswärtige Konkurrenz nicht zu fürchten hat und auch bei niedrigeren Preisen sehr Wohl existieren kann. In der Tat hat auch das Gros der Landwirte bon üen Zöllen eher Schaden als Vorteil. Der Reichskanzler Hohen- lohe erklärte am 25. März 1895 im Reichstage, daß nur 21 Prozent der landwirtschaftlichen Bevölkerung an einem hohen Getreidepreise interessiert seien. Auch Conrad glaubt, daß höchstens ein Fünftel der Bevölkerung aus den hohen Zöllen direkten Nutzen zieht. Eine sehr einfache und überaus einleuchtende Berech- nungstabelle stellt Dr. Bruno Heinrich R o n c a d o r in seiner soeben erschienenen Schrift über„W e j e n und Witkuiig der A g r a rz ö lie"*) auf, die die Bedeutung der Ge- treidezölle für die einzelnen Besitzklassen anschaulich illustriert. Nach der Betriebsstatistik von 1997 hatten die 2 585 716 Be- i triebe in Größe von unter 2 Hektar nur 311 983 Hektar mit Brotgetreide bestellt. Demnach bauen Betriebe unter zwei ' Hektar im Durchschnitt des ganzen Reiches nicht mehr als nur ! 9,13 Hektar Brotgetreide pro Betrieb. Im Durchschnitt der . letzten fünf Jahre 1995/1999 wurden 16,7 Doppelzentner | Roggen und 19,99 Doppelzentner Weizen pro Hektar geerntet. -Die Anbaufläche von-Roggen ist unaefähr dreimal so grotz ! wie die von Weizen, so daß man im allgenieinen eine mittlere . Brotgetreideernte von 17,5' Doppelzentner pro Hektar an- nehmen kann. Auf diese Weise ergibt sich, datz die Betrieb i unter 2 Hektar durchschnittlich 2,3 TÄppelzentner Brotgetreide jährlich ernten, während der Bedarf einer normalen Familie � an Brot mit 19 Doppelzentner angenommen wird. Diese Be- triebe niüssen also durchschnitlich 7,7 Doppelzentner Getreide zukaufen. Dabei ist aber die Ernährung der anderen, nicht der Familie, angchörigen Arbeitskräfte nicht in Betracht gezogen worden. Außerdem wird bekanntlich ein Teil des Getreides verfüttert. Folglich wird der' Bedarf dieser Betriebe noch in weit größerem Matze durch gekauftes Getreide gedeckt. Die 985 613 Betriebe in Größe von 2 bis 5 Hektar be- stellen mit Brotgetreide 819 651 Hektar, auf einen Betrieb kommen dann 9,83 Hektar, oder im Durchschnitt 14,5 Doppel- zentner Brotgetreide. Auch diese Betriebe konnten im besten Falle nur einen geringen Teil, etwa 4 Doppelzentner, Ge- treibe verkaufen. Es ist aber wohl anzunehmen, datz dieser Ueberschutz eher verfüttert wird. Der mittlere bäuerliche Besitz von 5 bis 29 Hektar Acker- land— es sind 1 959 696 Betriebe— baut insgochmt 2 726 897 Hektar Brotgetreide. Auf den einzelnen Betrieb entfallen also 2,59 Hektar mit einer Ernte von 43,3 Doppel- zentner Brotgetreide. Da aber gerade auf diese Betriebe autzer den Familienmitgliedern noch mehrere andere Arbeits- kräfte, insgesamt im Durchschnitt 4,5 und 3,5 ständig be- schäftigte Personen kommen, so verringert sich die Menge der- käuflichen Brotgetreides ganz bedeutend. Roncador schätzt diese Menge auf 39 Doppelzentner und meint, daß sich dem mittleren Bauer auch bei einem so geringen Quantum die Vorteile der Brotgetreidezölle fühlbar niachen. Notabene: nur wenn man die Nachteile der Zölle außer acht läßt. Die Preissteigerung auf olle anderen Waren, die der Bauer kaufen mutz, und die Lohnerhöhung überwiegen zweifelsohne für diese Klasse der Bauern die Vorteile der Zölle. Dagegen entfällt auf den großbäuerlichen Betrieb 9,14 Hektar Brotgetreide, entsprechend einem Ernteerträge von 162 Doppelzentner: auf den Großbetrieb mit über 199 Hektar Fläche konimen 75,66 Hektar Brotgetreide und eine Erntemenge von 1324 Doppelzentner Brotgetreide. Aus diesen Zahlen geht ohne weiteres hervor, wer den größten Vorteil von den Zöllen auf Brotgetreide hat. Es sind die 259 475 großbäuerlichen und 23 262 Großbetriebe, insgesamt also 282 737 Betriebe, die an der Ausbeutung der übrigen Bevölkerung interessiert sind. Da die Zahl aller Be- triebe mit Ackerland 4,9 Millionen betrug, so machen diese Großbetriebe nur etwas über 5 Proz. aller Betriebe aus.... In ähnlicher Weise untersucht Roncador, wem der Hafer- zoll nützt. Die Durchschnittsmenge des verfütterten Hafers nimmt er mit 5 Kilogramm pro Pferd und Tag an, entsprechend einem Jahresquantum von 18,25 Doppelzentner. Da der Durchschnittsertrag pro Hektar für die Jahre 1995/1999 19,16 Doppelzentner war, so kann man sagen, datz der Hektarertrag an Hafer annähernd die notwendige Futter- menge für ein Pferd liefert. Nun sehen wir jetzt, wieviel den einzelnen Betrieben an Hafer für den Verkauf übrig bleibt: 1. 2 585 716 Parzellenbetriebe unter 2 Hektar bauen 116 666 Hektar Hafer, halten 71369 Pferde, Haben also einen Ueberschutz an Hafer von 45 297 Hektar ü 19,16 Doppel- zentner, macht 867 899,6 Doppelzentner oder pro Betrieb 9,3 Doppelzentner. 2. 985 613 kleinbäuerliche Betriebe von 2 bis 5 Hektar bauen 371946 Hektar Hafer, halten 241636 Pferde: ihr Ueberschutz macht also 2 479 495,6 Doppelzentner oder rund 2,5 Doppelzentner pro Betrieb aus. 3. 1 959 696 mittelbäuerliche Betriebe von 5 bis 29 Hektar bauen 1 473 212 Hektar Hafer, halten 1 323 299 Pferde und erzielen einen Ueberschutz an Hafer von 2 872 595 Doppelzentner, oder von rund 2,7 Doppelzentner auf den einzelnen Betrieb. 4. Den 259 475 großbäuerlichen Betrieben, die 1 384 181 Hektar Hafer bestellen und 1 292 176 Pferde halten, bleibt da- gegen ein Ueberschutz an Hafer von 2 487 215 Doppelzentner oder 13,4 Doppelzentner pro Betrieb. 5. Die 23 262 Großbetriebe mit einer Fläche von über ß), Erschienen bei©. Fischer in Jena. 1911,.Preis 6,59 M. 199, die 865 713 Hektar mit Hafer bestellen und 652 536 Pferde halten, haben einen Haferüberschutz pro Betrieb von 175,6 Doppelzentner. Die einzelnen Betriebe können also verkaufen an Hafer: bis 2 Hektar... 0,3 Doppelzentner von 2— S,... 2,5„ „ 5-20„... 2,7 „ 20— ICO„... 13,4 über 100„... i<5,6„ Man sieht also, wie gering der Vorteil ans den Agrarzöllen für die kleinen und mittleren Betriebe. Insbesondere, wenn man noch in Betracht zieht, daß diese Betriebe Kühe, Ziegen und Schweine halten, wofür sie Futtermittel zu- kaufen müssen.— So hat auch die badische Enquete von 1992, die vom Regierungsrat Dr. Hecht bearbeitet wurde, konstatiert, datz fast die Hälfte der Brotfrucht bauenden Familien über» Haupt nicht in der Lage ist, ihren Jahresbedarf zu decken. Sie müssen Getreide oder Mehl zukaufen. Weitere 28,7 Prozent aller Brotfrucht bauenden badischcn Familien können. nur den eigenen Bedarf decken, sind nur 28,9 von denen, die Getreide bauen, 24 Prozent von allen landivirtschaftlichen Betrieben und 14 Prozent der Familien des Landes haben einen Ueberschutz an Getreide. Dieser ist aber bei 54 999 Familien von diesen 57 999, die Brotfrucht verkaufen, also bei 96 Prozent, nur relativ gering, unter 59 Doppelzentner: bei 84 Prozent unter 25 Doppelzentner und bei 53,5 Prozent sogar unter 19 Doppelzentner. So erweist sich somit, datz bloß etwa 9,6 Prozent aller badischen Familien an Getreide- zöllen ein erhebliches Interesse haben, lvährend über 79 Proz« darunter stark leiden. Zur gleichen Schlußfolgerung gelangt bekanntlich auH P a n z auf Grund der im Auftrage des österreichischen Acker- bauntinisters vorgenommenen statistischen Erhebungen über die Rentabilität der Bauergüter. Er behauptet, datz vom gesamten österreichischen Bauernstände bloß zwischen 5 und 19 Prozent an hohen Getreidepreisen interessiert sind. Für die übrigen erweisen sich die Getreidezölle geradezu als ruinierend. Denn die Viehpreise können nicht im gleichen Matze erhöht werden wie die Gctreidepreise, da der Konsum sehr stark zurückgehen würde. Infolge der Getreidezölle steigen die Produktionskosten er Viehzüchter und sinkt die Profitrate, die ihnen ihr stapital einbringen kann. Da der kleine Bauer in relativ stärkerem Matze an der Viehzucht beteiligt ist, so kommen Panz, Brentano und Roncador zum Schlüsse, daß„G e» treidcpolitik Grotzgrundbesitzerpolitik i st". Das trifft auch zu, wie wir gesehen haben. Wenn man nun aber daraus den Schluß zieht, daß für die Bauern Fleischzölle not- wendig seien— und Roncador sowie„Genosse" Artur Schulz fordern auch im Interesse der Bauern Vieh- und Fleischzölle—, so begeht man den gleichen Fehler, den die Verteidiger der Getreidezölle machen. Hätte beispielsweise Rencador seine Berechnungen, die er in bezug auf die Getrcidezölle aufstellt, auch in bezug auf die Vieh- und Fleifchzölle weitergeführt, so würde er bald einsehen, datz auch diese Zölle nur dem Grotz- grundbesitzer zugute kommen. In der Tat kamen auf einen Betrieb durchschnittlich Stück: in Betrieben Pserde Rindvieh Schate Schweine Ziege» unter 0.5 bg, 0,0045 0,094 0,083 0,034 0,94 0,63 von 0,5—2 ha 0.48 0,86 0,66 0,18 1,86 1,07 2—5 ha 0,24 3,15 2,92 0,35 3,1 0,42 . 5—20 ha 1,24 7,4 3,74 0,34 6,0 0,4 „ 20—100 ha 4,6 20,2 8,70 9,0 14,0 0,38 über 100 ha 27,7 07,6 42,6 175,4 57,7 0,35 über 200 ha 38,1 131,2 55,4 300,0 80,0 0,34. Aus dieser Tabelle geht ohne weiteres hervor, daß die kleinen und mittleren Betriebe absolut keinen Vorteil aus Vichzöllen haben, da sie doch kein Vieh verkaufen können. Im Gegenteil, müssen sie sehr häufig Vieh oder Fleisch noch zukaufen. Treten sie aber wie Milch-, Butter- usw. Pro- duzenten auf, so werden wiederum ihre Produktionskosten durch die Zölle nicht unwesentlich erhöht. Der kleine Be- trieb, wie aus diesen Angaben deutlich hervorgeht, ist autzer- stände, isplbst einen Nachwuchs aufzuziehen. Dagegen kann und wird der Großgrundbesitzer seine Viehzucht noch der» grötzern. Wenn er heute das Hauptgewicht auf den Getreide- bau legt, so deshalb, weil dieser infolge der Getreidezölle vor- teilhafter ist. Sollten aber infolge der Aufhebung der Ge- treidezölle die Gctreidepreise zurückgehen, so wird sich der Großgrundbesitz der Viehzucht in stärkerem Matze zuwenden. Gerade der volle Freihandel kam den Bauern Dänemarks zu- gute, jede künstliche Züchtigung eines Betriebszweiges mutz dagegen unter den obwaltenden Verhältnissen, der Verteilung des Grundbesitzes und des Kapitals in der Gesellschaft» hie Großen auf Kosten der Kleinen bevorzugen» hc K Neineiäige Follzefteamte. Die drei Gide des pflicbtgetreuen Beamten. Ein interessanter Prozeß wurde im Jahre 1809 vor dem mittel- fränkischen Schwurgericht in Nürnberg nach dreitägiger Per- Handlung zu Ende geführt. Angeklagt war der frühere Schutz- mann Kraus wegen dreier Verbrechen des Meineids. Im Oktober 1896 zeigte der Schlosser Zitzmann beim Magistrat an, datz er naAts auf der Währder Wiese von dem Schutzmann Kraus HhneNnlaßaNgegriffen, mit Sern Säbel beStoTjt unS später auf der Polizeiwache, wohin er sich begeben hatte, um sich gegen Kraus zu beschweren, von diesem gröblich beleidigt und miß- handelt worden sei. Die eingeleitete Untersuchung wurde wieder niedergeschlagen. Kraus-drehte nun den Stiel um und stellte Klage gegen den Anzeiger. Vor-Gericht beschwor er, nicht geschlagen zu haben; ein Entlastungszeuge des Zitzmann, der Flaschner Kreuzer, bestätigte eidlich das, waS jener de- hauptete. Nun folgte gegen Kreuzer und Zitzmann eine Klage wegen falscher Anschuldigung und Kraus beschwor aber- mals seine früheren Aussagen. Zitzmann erhielt 9 Monate, Kreuzer 1 Jahr 3 Monate Gefängnis. Eine weitere Folge dieser Verurteilung war, daß Kreuzer nun noch wegen Mein- eides, Zitzmann wegen Anstiftung hierzu in Anklagczustand versetzt wurden. Vor dem Schwurgericht beschwor Kraus wiederum, er sei der betreffende Schutzmann nicht gewesen; ebenso widersprach er der Behauptung, daß er im Dienste mit einer verheirateten Frau unter verdächtigen Umständen betroffen toorden sei. Die beiden Angeklagten wurden aber damals � vom Schwurgericht freigesprochen, die andere Strafe mußten sie jedoch absitzen, obwohl die Geschworenen ein Gnadengesuch eingereicht hatten. Inzwischen trat gegen Kraus soviel b e- lastendes Material zutage, daß er verhaftet und wegen Mein cid sangeklagt wurde, wobei sich herausstellte, daß in der Tat jene beiden Arbeiter die Wahrheit gesagt hatten. Ebenso wurde erwiesen, daß Kraus ein ehebrecherisches Verhältnis mit einer verheirateten Frau hatte. Die Geschworenen erklärten ihn für schuldig und er wurde zu sieben Jahren Zucht- Haus verurteilt. Unser Nürnberger Bruderblatt, das seinerzen den Schutzmann Kraus wegen dieser Sache scharf angegriffen hatte, mußte sich vom Bügcrmcister v. Schuh eine geharnischte„Berichti- gung" gefallen lassen, und der ehrenwerte Kraus erhielt das Zeugnis ausgestellt, daß er nur deshalb mit Haß verfolgt werde, .weil er ein energischer pflichtgetreucr Beamter sei. Der Mann, dessen sich der Nürnberger Magistrat damals so warm annahm, ist dann später als meineidiger Schuft entlarvt worden! H Oer Selbltmorä uncl jVleineict äes Senciarmen BartTdricfc. (N och e l n S e i t e n st ü ck zu tu Fall Munter.) Im Jahre 1901 wurde in E v i n g bei Dortmund das Winter- fest des Arbeitcr-Gesangvereins gefeiert, das blutig enden sollte. Zwischen zwei Fcstteilnchmern entstand ein Wortwechsel, der den Gendarmen Bartschick zum Eingreifen veranlaßte. Bartschick zog blank und hieb den Saal leer. Frauen flüchteten durch ein Fenster; ein Schwerverletzter lag wochenlang mit einer klaffenden Hiebwunde am Kopf danieder. Dieser Vorgang wurde in der„Dortmunder Arbeiterzeitung" scharf kritisiert. Darauf wurde nicht etwa gegen Bartschick, sondern gegen den Verantwortlichen, Genossen Bredenbeck, Anklage er- hoben, weil er Bartschick beleidigt haben sollte. Vor Gericht leugnete der Gendarm unter Eid, blank gezogen zu haben. Obgleich ein Dutzend Zeugen bekundete, Bartschick habe doch geschlagen, wurde Bredenbeck zu 6 Monaten Ge- fängnis verurteilt. Einer von Bredenbecks Zeugen wurde sogar wegen Meineidsverdacht in Untersuchungshaft genommen; das Erfahren wurde aber eingestellt.— Unter einem Aufgebote von mehr als 39 Zeugen richtete Genosse Bredenbeck vom Gefängnisse aus an das Kriegsgericht in Münster gegen Bartschick Strafanzeige wegen Meineids. DaS Verfahren wurde eröffnet; die Hauptver- Handlung fand im Saale des Tatortes statt. Trotz der Zeugen leugnete Bartschick weiter. Aber der Vertreter der An- klage war von seiner Schuld überzeugt und bean- tragte 1 Jahr Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heere.' Trotzdem kam das Gericht zu einer Freisprechung. Obgleich alle Zeugen bekundet hatten. Bartschick habe den Saal leer gehauen, gingen die Aussagen darüber auseinander, ob Bart- schick damals— einen blauen oder grauen Mantel ge-- tragen habe. Eine Nebensache wurde zur Hauptsache, und Bartschick ging frei aus. Trotzdem ereilte ihn schließlich sein Geschick. Ein anderer Gen- darm war Augenzeuge seiner Heldentaten gewesen, wußte also auch, daß Bartschick einen Meineid geschworen hatte und ins Zuchthaus gehörte. DielangjährigenFreundewurdenGegner. Er erstattete gegen Bartschick, der inzwischen nach Palkum bei Hamm versetzt worden war. erneute Strafanzeige wegen Meineids.— Kurz darauf wurde Bartschick in der Palkumer Heide mit einem Schuß in der Brust tot aufgefunden, und amtlich wurde festgestellt, daß Bartschick Selbstmord begangen hatte. Dte sichere Erwartung der verdienten Zuchthausstrafe hatte ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Die Anklage gegen Bredenbeck vertrat damals ein Staats- anwalt Porzelt. Porzelt übernahm nachher f r e i w i l l i g die Ver- teidigung des Gendarmen Bartschick. Porzelt kam dann nach Berlin. Ein Porzclt fungierte auch in einem der letzten Krawallprozesse als öffentlicher Ankläger. Erster Staatsanwalt in Tortmund war damals ein Herr Haarmann, derselbe Herr Abgeordnete Haarmann, der sich jüngst aus Standessolidarität im preußischen Drciklassen- haüs gegen unseren Genossen Liebknecht so lebhaft seines ehemaligen Essener Kollagen Petersen(bekannt aus dem Essener Meineids- jjxozeh) annahm. Sturm im lunherparlament. Am Dienstag kam cö im Abgeordnetenhause bei der kssortsetzung der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen den Konservativen und den Nationalliberalcn, die sich gegenseitig eine Förderung der sozialdemokratischen Bewegung vor- warfen. Der erste Teil der Sitzung verlief mit geschäftsmäßig. Wer etioa gedacht hatte, der Minister des Innern würde sich zu den schweren Beschuldigungen äußern, die Genosse Hirsch gegen seine Vertvaltung erhoben hatte, der sollte bald gewahr werden, daß Herr v. Dallwitz die alte Methode befolgt, sich in tiefes Schweigen zu hüllen. Nach außen soll dadurch der Anschein erweckt werden, als lohne es sich nicht, auf sc-zialdemokratische Angriffe zu erwidern. Aber das Manöver ist denn doch zu durchsichtig: der Minister antwortet einfach deshalb nicht, weil alles, was unser Redner vorgebracht hat, wahr ist und durch keinerlei Ausflüchte beschönigt werden kann. Nur zu den Ausführungen des Genossen Hirsch über Moabit glaubte er nicht ganz schweigen zu dürfen. Da er aber nichts zn sagen wußte, begnügte er sich mit der Be- mcrkung, Hirsch habe unkontrollierbare Bcsckfuldigtmgen gegen die Polizei erhoben, eine Bemerkung, die nicht einmal seinem Hirn entsprungen ist, sondern die vor ihm schon der Konservative v. B i e b e r st e i n gemacht hatte. So leichten Kaufes werden die Herren freilich nicht davon kommen, sie werden später manches zu hören bekommen, was ihnen nicht lieb fein dürste. ' CLensoKeing wie auf die soztasöeinokraiischen Lorwürfe wußte Herr v. Dallwitz etwas zu erwidern auf die pol- nischen und dänischen Beschwerden, und sogar dem Abge- ordneten Cassel, der eine gegen seine Gewohnheiten scharfe Abrechnung mit der Berliner Polizei hielt, blieb er die Ant- wort schuldig. Ein Polizeiminister ganz nach dem Herzen der Junker! Interessanter gestaltete sich der zweite Teil der Sitzung. Nach einer heftigen Philippika des Abgeordveteit Marx (Z.) gegen die Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit, gegen die er als Heilmittel die christliche Erziehung anpries, bestieg der Nationallibcrale Schiffer die Tribüne. Diesem sonst so zahmen Herrn, der dem schwarz-blauen Block früher so manchen Liebesdienst erwiesen hat, war die Galle über- gelaufen, weil Abg. v. B i c b e r st e i n in junkerlich-dreister Ueberhebung bei seinem Eintreten für die Landräte so weit gegangen war, für die unteren Lerwaltungsorgane das Recht in Anspruch zu»ehinen, die Entscheidungen höchster Gerichts- Höfe einfach umgehen zu dürfen. Nun hielt Herr Schiffer die Zeit zur Abrechnung mit den Konservativen für ge- kommen, und er wurde dabei>fo scharf, daß sich König Heydebrand in höchsteigener Person zu einer Eni- gegnung herabließ. Wer von beiden recht hat, wollen wir hier nicht untersuchen, jedenfalls steht das eine fest, daß sie allzumal Sünder sind und daß jede von beiden Parteien ihr gut Teil zur Vermehrung der Unzufriedenheit im Volke bei- getragen hat. Um die Aufmerksamkeit von dem Zwist zwischen Konser- vativen und Nationalliberalen abzulenken, kam das Zentrum auf den Gedanken, Herrn G r o n o w s ki, einen der „Arbeitervertretcr" des Zentrums, loszulassen, dem in M.-Glad- bach ein halbes Dutzend Reden gegen die Sozialdemokratie eingetrichtert sind. Eine davon gab er zum besten: sie war voller Lügen und Verleumdungen. Zum Etat gehörte das, was er sagte, nicht, aber Herr v. Kröchcr ließ ihn gewähren, ja, der sonst so empfindsame Präsident schien es sogar gern zu sehen, daß dieser Gladbacher Jüngling die Sozialdemo- traten aufs geinernste beschimpfte. Für ihn fand er keinen Ordnungsruf. Desto dichter Hagelte» die Ordnungsrufe auf unsere Genossen nieder, die die Verleumdungen durch Zwischenrufe erwiderten. Da es inzwischen fast 5 Uhr geworden war, und die Mehrheit große Eile mit der Etatsberatung hat, wurde die weitere Debatte auf den Abend vertagt, '.' Die Abendsitzung war eine fortgesetzte Kette brutalerBer- gewaltigungen der sozialdemokratischen Minderheit durch die Mehrheit des HauseS. Herr Gronowski vom Zentrum hatte am Nachmittag in aller Ruhe die Sozialdemokratie begeifern dürfen; auf die Zwischenrufe unserer Genossen hatte der Präsi- dcnt wiederholt bemerkt, sie kämen später zu Worte. Aber als es 'o weit war, lag auch schon der Schlußantrag bereit. Das Zentrum hatte ihn vorstchtigerweisc nicht mit unterschrieben, aber nur, weil es sich vergewissert hatte, daß seine Annahme auch ohnedies icher war. Es ist erklärlich, daß unsere so niederträchtig vergewaltigten Genossen wenigstens in Form von Bemerkungen zur Geschäftsord- nung den Gewaltstreich der Mehrheit zu brandmarken suchten. Das gelang ihnen denn auch. Allerdings hagelte es förmlich Ordnungs- rufe auf Hoffmann, Hirsch und Liebknecht, die wieder- holt das Wort crgrifscn, aber den Zweck, den sie erreichen wollten, haben sie erreicht: Konservative und Zentrum, namentlich letzteres, sind gebrandmartt. Auch ein letzter Versuch, sachlich den Angriffen des Jesuiten Gronowski entgegenzutreten, mißlang; Herr v. Kröcher war der Meinung, daß Liebknecht auf keinen Fall dazu reden dürfe. So rief er ihn denn dreimal zur Sache, und die Mehrheit, an erster Stelle das Zentrum, entzog ihm das Wort. Das Gehalt des Polizeiministers wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Polen bewilligt. PolitifcKe deberllckt. Berlin, den 14. Februar 1911. Zufriedenheit auf Befehl. AnS dem Reichstag. 14. Februar. In Fortführung der Debatte über den Marineetat entschlüpfte dem Marineminister v. Tirpitz eine Aeußerung, die beweist, daß seine Auffassung über das Dienstverhältnis der Mannschaften den Plumpesten Gamaschenknopfideen entspricht. Der Genosse N o s k c hatte in Begründung des sozialdemokratischen An- träges auf Wiederherstellung der Heizer zulage in alter Höhe auch erörtert, weshalb notivendigenveife schon die Absicht einer solchen Kürzung bei den Mannschaften eine tiefgehende Unzufriedenheit hervorgerufen habe, die sich nach deren Durchführung noch verstärken müsse. Er zog daraus mit Recht die Folgerung, daß also die Marine- Verwaltung selbst die Erregerin der Unzufriedenheit m der Marine sei. Das glaubte Herr v. Tirpitz mit der Retourkutsche erwidern zu können, die Sozialdemokraten seien„Hetzer". Was aber die tatsächliche Unzufriedenheit anbetrifft, deren Vorhandensein er nicht zu bestreiten versuchte, so entlockte ihm die unbequeme Situation den lapidaren Satz:„Wenn es befohlen wird, dann hört die Unzufrieden- heit auf!" Das ist denn allerdings ein höchst einfaches Mittel, die Unzufriedenheit auszurotten. Aber weshalb Halt machen bei der Unzufriedenheit der Heizer? Man kann ja die Wohltat Tirpitz wider Befehle der ganzen Menschheit zugute kommen lassen, wenigstens der deutschen. Nichts einfacher als das! Die gesamte Einwohnerschaft Deutschlands wird militärischem Kommando, oder, wenn das wirksamer sein sollte, dem Ober- befehl der Admiralität unterstellt. Dann wird ein Befehl erlassen: Vom 1. April mittags 12 Uhr an hat alles zu- frieden und glücklich zu sein! Tirpitz hat's kommandiert, und das Paradies auf Erden ist fertig. Vorläufig muß sich allerdings die sichtlich vorhandene Unzufriedenheit mit unseren Zuständen noch austoben. Genosse N o s k e brachte noch reichlich Stoff zur Unzufriedenheit herbei, so den kürzlich durch eine Gerichtsverhandlung klargestellten Fall des Heizers, der auf einem Kriegsschiff zu Tode ge- martert wurde. In der Erwiderung darauf erhob sich Herr v. Tirpitz wenigstens weit über das Niveau, das Bethmann. Dallwitz und Jagow zu den Moabiter Polizeitaten einge- nommen haben, indem er rückhaltlos mit scharfen Worten die Untat des schuldigen Unteroffiziers brandmarkte. Sonst brachte die Debatte noch weitläufige Auseinander- setzungen über alle möglichen Detailfragen. Die fortschritt- lichen Redner Dr. Leonhart und Dr. Struve stellten sich dabei den Sozialdemokraten in der Forderung der Wieder- Herstellung der Heizerzulage zur Seite. Herr Struve kon- trasüerke dabei wirksam die Freigebigkeit für Erbauung eines Offizierskasinos in Helgoland mit der Knauserei gegenüber den Heizern. Die Debatte über die verbundenen Titel wurde dann nach 7 Uhr geschlossen. Die Abstimmung wird morgen statt- finden, da die Sozialdemokraten über die Wiederherstellung der Heizerzulage in alter Höhe namentliche Abstimmung beantragt haben._ Ter Entwurf eines Fortbildungsschulgesetzes für Preuffen. wird in nächster Zeit dem Landtage zugehen. Nach dem Gesetz find alle Gemeinden mit mehr als 10099 Einwohnern verpflichtet, Fort- bildungsschulen zu errichten für alle männlichen Arbeiter unter 13 Jahren, die in gewerblichen und kaufmännischen Betrieben beschäftigt sind. Der Besuch der Fortbildungsschule soll 3 Jahre dauern. Die Errichtung gemeinsamer FottbitdungSschuleu von kleb- neren Gemeinden, die weniger als 19 999 Einwohner haben, in ibrer Gesamtheit diese Zahl aber erreichen, ist gestattet. Eine Be- freiung von dem Besuche der Zwangsfortbildititgsschule ist sür solche Arbeiter zulässig, die die Kentiinisie bereits besitzen, die der Besuch einer Fortbildungsschule aneignen soll. Ein Abend- und ein Sonntagsunterricht soll im all- gemeinen nicht stattfinden. Die Erhebung von Schulgeld ist zulässig, darf jedoch nicht mehr als 39 Marl pro Jahr für den Schüler betragen. Die Arbeitgeber sind verpflichtet, ihren Arbeitern die zum Schulbesuch erforderliche Zeit zu gewähren. Für die Nichtbefolgung der Vorschriften des Entwurfes sind Geldstrafen bis zu 29 M. vorgesehen. FortbtldungSfcküler, die sich andauernd dem Schulbesuche entziehen, können mit Arrest bis zu sechs Stunden bestraft werden. Wenn es die Umstände zulassen und genügende Lehrkräfte vorhanden sind, so soll der Gemeinde das Recht zustehen, den Schulzwang auch auf weibliche Arbeiter unter 18 Jahren auszudehnen._ Warum soll er nicht reden? Während wir an der schönen KommerSrede des Prinzen Heinrich, die er einem inneren Drange folgend auf dem Bierkommers ehe- maliger Angehöriger des 35. Infanterieregiments gehalten hat. nichts auszusetzen haben und der Ansicht sind, daß sie trotz ihrer Kürze an Gedankenreichtum den Vergleich mit manchen anderen Hohenzollern- reden auszuhalten vermag, sind verschiedene konservative und nationallibcrale Blätter über die Rede arg verschnupft und richten an den Prinzen die dringende Mahnung, seine Redebegabung zu zügeln. So meint die«Köln. Ztg.": «Nach alledem, was wir erlebt haben und stets aufs neue erleben, wenn der Kaiser in seinen Reden politische Dinge berührt. werden viele mit nns der Meinung sein, daß es im allgemeinen Interesse besser gewesen wäre, wenn nun nickt auch der Bruder des Kaisers den Elementen, die jeden Anlaß benutzen, um die Monarchie zu verdächtigen, wiederum Gelegenheit gegeben hätte, aufs Tamtam zu schlagen. Nicht als ob wir inhaltlich an den Worten des Prinzen Heinrich, so wie sie oben berichtet werden, etwas auszusetzen hätten. Man wird schlechterdings einem Prinzen des Kaiserhauses nicht verwehren können, alte Krieger darauf aufmerksam zu machen, daß die königsireue Gesinnung, die vom Soldaten verlangt wird und verlangt werden muß, mit der Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie nickt zu vereinigen ist. Man ivird ihm das uin so weniger verwehren wollen, nachdem die sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag offen für die Er- richiung der Republik eingetreten sind und bannt für den bevor- stebenden Wahtlampf die Parole: hie Monarchie, hie Neptiblik! ausgegeben haben. Daß da ein Prinz, der dem Thron zunächst sieht, da« Interesse der Monarchie zu wahren sucht, wird man ihm auch schon deshalb nicht verübeln, weil er damit das Gesamt- interesse des Vaterlandes vertritt. Aber die Waffen, mit denen auf beiden Seiten gekämpft wird, find nicht gut und gleich; der verhältnismäßig geringfügige Anlaß wird zu einer Haupt- und Staatsaktton aufgebauscht, alle Mittel der Verdrehung und Ver- hetzung setzen ein,!o daß schließlich, wenn man die Summe zieht. die Sache der Monarchie, sc fürchten wir. mehr Schaden gelitten hat. als ihr das Auftreten des Prinzen Nutzen bringt. Deshalb meinen wir, es wäre besser, wenn man es den bürgerlichen Parteien und der Presse überließe, sich mit den Sozialdemokraten herumzuschlagen, und daß die Mitglieder des Kaiserhauses diesem Kampfplatz fern- blieben." Wir verstehen die alte Moraltante vom Rhein nicht. Sicherlich gilt auch in bezng auf die meisten Hohenzollernreden das Sprichwort;«Reden ist Silber. Schweigen ist Gold".— aber in seiner großen Bescheidenheit begnügt sich der Prinz eben mit Silber. Alberne Beschuldigungen des Kanzlerblattes. Die«Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bezichtigt, wie bereits gemeldet, die Mitglieder der Schiffahrtsabgabenkommission«ineS groben Vertrauensbruchs, weil ein Teil der Mitteilung des Staats- sekretärs des Auswärtigen über die Verhandlungen mit Oesterreich, Holland, England usw. in die bürgerliche Presse kam. Der wahre Sachverhalt ist, wie uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, folgender: Herr v. Kiderle n- Wächter gab eine längere Dar- slellung der deutschen Vertragsbeziehungen zu den fremden Staaten und verlas am Schlüsse seiner Rede eine formulierte Erklärung „im Namen der Verbündeten Regierungen". Er bat, diese Erklärung als geheim zu behandeln. Auf Anfrage eines Abgeordneten antwortete der Staatssekretär, die Bitte um Geheimhaltung beziehe sich nicht auf die voraus- gegangene Rede, sondern nur auf die verlesene Erklärung. Ein nicht sozialdemokratischer Abgeordneter, der nicht der Kommission angehört, sondern nur als Zuhörer anwesend war, verließ dann das Zimmer und machte einem Journalisten Mitteilungen von der Rede des Regienmgsvertreters. Etwa eine Stunde später siel dem Staats- sekretär ein, dgß er in seiner Rede doch vielleicht manche Dinge ge- sagt habe, durch die Deutschlands Verhältnis zum Auslände nicht verbessert werde. Deshalb ersuchte er nachträglich darum, die Kontinission möge alle seine Mitteilungen als vertraulich behandeln. Die Kommiision entsprach auch diesem Wunsche. Es gehört schon ein ungewöhnliches Maß offiziöser Unverfroren- heit dazu, die Abgeordneten anzupöbeln, während das Berschuldeu offenbar allein auf das Konto des Herrn StaalsjekretärS kommt. Geistig und körperlich vollständig gesund. Der Präsident der preußischen Herrenhäusler, Freiherr v. Manie uffel. beabsichtigt sein Amt als LandeSdirektor der Provinz Brandetiburg niederzulegen. Die Meldung interessiert weniger durch die treuherzige Versicherung des.Lolalanzeiger", der Manteuffel sei geistig und körperlich vollständig ge» sund, alS durch de» Schlußsatz:«Die Wahl des Berliner Polizei- Präsidenten v. Jagow, der ebenlalls in diesem Zusammenhange(als eventueller Nachfolger) genannt wird, darf aus ittneren Gründen als unwahrscheinlich bezeichnet werden." Herr Paasche wird liberal. In dein Wahlkreis PaaicheS, Kreuznach-Simmern, hat die Fort- schriltspartei eine eigene Kandidatur aufgestellt. Die.nationalen" Arbeiter, Kleinbauern und kleinen Beamten wollen die Drehscheiben- Politik PaascheS nicht mehr mitmachen. Die Nationalliberalen wurden in letzter Zeit von rechts und links. Bündlern und Frei- sinnigen, arg bedrängt. Paasche sah sich deshalb veranlaßt, trotz der wichtigen GesetzeSborlagen, die im Reichstag der Erledigung harren, in seinem Wahlkreise eine ausgedehnte AgitalionStour zu machen, um gegen Bündler und Freisinnige zu Felde zu ziehen. Dies ist' ihm gründlich vorbeigelungen. Die Agrarier wollen von der Politik Paasches nichts mehr wissen, und die Freisinnigen verlangen den entschiedenen Kampf gegen schwarz-blau. Um nun die Freisinnigen zur Zurückziehung ihrer Kandidatur zu bewegen, machte ihnen Paasche allerlei Konzessionen. In einer öffentlichen Veriauunlung, die im Herbst in Kreuznach stattfand, sagte Paasche: ljnj er. Kampf gilt in erster Linie der Sozial- demokratie, erst in zweiter Linie haben wir den Kampf gegen Konservative und Zentrum zu führen. Dies- mal sprach Paasche anders. In einer Versammlung, die vor einigen Tage» in Sobernheiin stattfand, kündigte Herr Paasche an, dag zuerst der schwarzblaue Block be- kämpft werden müsse, dann erst d i e u m st ü r z l e r i s ch e Sozialdemokratie. Herr Paasche hat also Angst um sein Mandat. Knsernenelend. Ein Soldat des 43. Infanterieregiments sagte nach einer Mel- düng aus Königsberg wegen schlechter Behandlung den Entschlug zu desertieren und seinem Leben durch Verhungern ein Ende zu niachen. Fünf Tage lang hielt er sich hungernd und frierend in der Leichenhalle eines Friedhofes auf. Als man ihn durch Zufall entdeckte, war er bis zum Skelett abgemagert. Er er- klärte, er habe eS beim Militär nicht länger aushalten können: am liebsten iväre er gestorben. Er wurde ins Garnisonlazarett gebracht. Sem Zustand soll sehr bedenklich sein. Oerternich. Gegen das Wettrüsten. Budapest. 13. Februar. Im H e e r c 3 a u s s ch u f; der Oesterreichischen Delegation sprach sich Delegierter Ellen- bogen gegen die Marineforderungen aus und befürwortete den sozialdemokratischen Antrag betreffend ein Ein- vernehmen mit Italien. Er sagte, wenn nach den Erklärungen des deutschen Reichskanzlers ein derartiges Ein- vernehmen zwischen D e n t s ch l a n d m n d E n g l a n d als nicht unniöglich erscheine, muffe es zwischen Oesterreich- Ungarn und Italien umso leichter möglich sein. Ei» Studcntenprozeß. Lemberg. 14, Februar. Heute begann der P r o z e st gegen 1l)1 A n g e k l a g t e wegen Teilnahme an den Ausschreitungen an der Lemberger Universität am l. Juli 1010, wobei der ruihenische Student der Rechte Kocko durch einen Revolver- schuh getötet wurde. frankrncb. Eine Maßregelung. Lyon» 14. Februar. Der Hauptmann Pierre Pietri ist zu achttägigem Arrest verurteilt worden, weil er trotze deS Verbotes des Kriegsministers unter dem Titel»Zwei Gewiffens- fragen"' eine Flugschrift veröffentlichte, in der er mit Bezug auf die D r e y f u s- A f s ä r e die Umtriebe der Nationalisten, Klerikalen und Royalisten scharf kritisierte. Lelglen. Die Tozialistciischniiffelci in der Armee. Brüssel. 11. Februar.(Eig. Ber.) Wir hatte» kürzlich über die Ausspitzelung der sozialistischen Agitatoren durch die Gendarmerie zu berichten. Die Interpellation des Genossen Bertraud in der.Kammer zeigte noch eine andere würdige Mission, zu der die Gendarmen in Belgien berufen sind. Wie Bertrand unter Bor- Weisung der beireffeiiden Aktenstücke nachwies, beauftragt der Kriegs mini st er Hellebaut das Gendarmerie- komniando mit der Ausspionierung von Rekruten, indem er es anweist, zu erkunden, ob die betreffenden Soldaten keine Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei unter- halten, eventuell ob sie ihr angehören. Der Minister war allerdings sehr bemüht, den Vorwurf, dah eS sich um ein regelrechtes„Fiches'-System handelt, zu entlräflen. Nicht um AuSspionierung handelt es sich nach ihm. sondern nur um simple„Erkundigungen" über die politische Meinung von Rekruten, denen die Gunst des Absolvierens des Militärdienstes in ihrem HeimatSorl gewährt werden soll. Eine solche Gunst von der politischen Meinung deS Soldaten abhängig zu machen, erscheint dem Kriegsminister, von dessen Moral man bisher eine noblere Auffassung hatte, als honett und gerechtfertigt. Aber der Minister muhte sogar von dem Liberalen H y m ans, obgleich auch dieser die vom Minister der- urteitten.Tendenzen der Sozialisten" bekämpfte, hören, dah eS verdammt wenig mit der politischen Gesinnung der Rekruten zu tun hat. ob man ihnen die Gunst einer Versetzung in die Garnison ihres Wohnortes gewähren will. Auher etlichen Klerikalen reaktionärster Sorte,, darunter narürlich Herr Woeste, der nie- nrals fehlt, wenn es eine klerikale Schandtat zu verteidigen gilt, fand sich kein Redner, der das Spitzelsystem deS Kriegsministers zu rechlferiigen versuchte. Als das schlimmste Uebel dieses Vor- ganges wurde von Janson und anderen hingestellt, dah es dem Ver- dächligten. auf so hinterhältige Weise Ausgekundschafteten unmöglich gemacht ist, sich gegen die von Hah und Liebe des Gendarmen abhängigen Auskünfte zu wehren, sie als falsch oder gehässig abzu- weisen. Der Verdächtigte wird ohne Verhör verurteilt, denn der Mlnister gestand ohne weiteres zu. dah der Rekrut von der AuS- lundichoftung natürlich nicht verständigt wird. Aber der Kriegs- minister stndet dieses Vorgehen um so entschuldbarer, als es sich »nur um eine Gunst", eine Betätigung seines„guten HerzenS". wie er sagte, handelt. Herr Hellebaut plädierte auch insofern auf mildernde Umstände, als er erklärte, die Auskünfte des Gendarmen blieben diskret ver- borgen in der Schublade seiner Kanzlei. Der Sozialist Hubin vermittelte jedoch der Kommer die Kenntnis, dah trotz des Protestes des Ministers die.Fiches" sdie Auskunftszettel der Gendarmerie) an die EHefs der Kompagnie und die Korps- komman bauten weitergegeben werden! Die Majorität deckte natürlich in ihrem Votum die schmähliche Gesinnungssamiiffelei ihres Ministers, der in seiner Rechtfertigungs- rede es selbstredend nicht unterlieh/ die Gefahren der„antimilitari- stischen Propaganda im Heere durch die Sozialisten" in den ent- sprechenden Farben zu male», obwohl er den Beweis für die Talsache dieser Propaganda sckiuldig blieb. Die Tages- ordnung Bertrand, die die Einbolmtg von geheimen Erkundi- gungen über die politische Meinung der Rekruten und ihre Angchörigkeit zur sozialistischen Partei als gegen die Ver- fassung ver st atzend feststellt und das Bedauern über die Haltung des Kriegs Ministers ausspricht, wurde mit 02 gegen 58 Stimmen, die sich aus Liberal« und Sozia- listen verleitten, verworfen. RiiKUmck« Masscilverhaftungeu an der Petersburger Uuiversität. Petersburg, 13. Februar. Die heutigen Vorlesimgen in der Universität»varen spärlich besucht und standen unter polizeilicher Bewachung. Mittags gössen Studenten in den Korridoren übelriechende chemische Stoffe aus. Etwa 380 Studenten wurden ver- haftet, nach Feststellung ihrer Personalien bis auf einige Rädelsführer aber wieder freigelassen. Auch die höheren Frauenkurse waren wenig besucht und wurden wie die fünf anderen hiesigen Hochschulen tagsüber von der Polizei übenvacht._ Fortdauer der Bewegung. Petersburg. 14. Februar. Die Gärung an der hiesigen Universität dauert an. Die Hörsäle werden von der Polizei bewacht. Die Studenten stören die Vorlesungen. Einige Professoren weigerten sich zu lesen. Tomsk. 14. Februar. Die Hörer der hiesigen Universität haben beschlossen, bis zum Herbst zu streiken. Mgeoränetenbaus. 27. Sitzung vom Dienstag, den 14. Februar. abends 7Z� Uhr. Tie zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern wird fortgesetzt. Abg. u. Trampczinski(Pole) polemisiert gegen den Wgord- neten v. Kardorff. Abg. Schiffer(natl.): Herr v. Heydebrand hatte kein Recht, uns Mangel an Landwirtschaftsfreundlichkcit vorzuwerfen, weil ein Teil unserer Mitglieder zum Hansabund gehört. Haben doch auch die Konservativen sich seinerzeit dagegen verwahrt, mit dem Bunde der Landwirte identifiziert zu werden.(Sehr gut! bei den Nationalliberalen.) Redner polemisiert des weiteren gegen den Abg. Nisse n. Hierauf wird ein Schluhantrag der Rechten und der Nationalliberalen angenommen.(Grotze Unruhe bei den Sozial- demokratcn. Zurufe: Unerhört!) Abg. Dr. Liebknecht(Soz.) (zur Geschäftsordnung): Eine Wendsttzung anzuberaumen und dann genau Stunden lang über die Sache zu verhandeln, was das bedeutet, darüber ist kein Zweifel.(Sehr wahr! bei den So- zialdemokraten.) Der Schluh ist gemacht worden nach der Rede des Abg. Gronowski, die sich ausschliehlich gegen die Sozialdemokratie wandte, obwohl das nicht zum Etat gehört.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ihnen ist bekannt gewesen, dah ich speziell beauftragt war, diese Angriffe des Abg. Gronowski zurückzuweisen. Ich wäre in der Lage ge> Wesen, jedes Wort dieser Angriffe als Entstellung, als infame, demagogische Lügen nachzuweisen. (Großer Lärm reckst» und im Zentrum, Bravo bei den Sozialdemo- kraten.. Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner zur Ord- n u n g.) Ich wäre in- ber Lage gewesen, nachzuweisen, dah z. B. die Ausführungen deS Abg. Gronowski über sozialdemokrati- scheu Tcrrorismus.... Vizepräsident Tr. Borsch: Sie können jetzt nicht Ihre Rede. die Sie hätten halten wollen, zur Geschäftsordnung halten. Ich habe Ihnen schon weiten Spielraum gegeben mit Rücksicht darauf, dah Sce vom Worte ausgeschlossen worden. Abg. Dr. Liebknecht: Tie Rede des Hern Gronowski, die spekulierte auf jene, d i e nicht alle werden, muhte naturgemäß in Ihnen den leb- haften Wunsch erwecken, dah sie nicht die Widerlegung erfährt, die ihr gebührt.(Sehr ivahr bei den Sozialdemokraten.) Es wstre uns ein leichtes gewesen, an Herrn Gronowski eine moralische Zücht/egsung vorzunehmen.(Große Unruhe rechts und im Zentrum.) Vizepräsident Dr. Porsch: Ich muß Sie dringend ersuchen. sich zu mäßigen und jedenfalls jetzt zur Geschäftsordnung zu sprechen.(Rufe rechts: Zur Ordnung!) Abg. Dr. Liebknecht: Einem Angegriffenen in solcher Weise die Möglichkeit zur Verteidigung zu nehmen— ein Verfahren, wie wir es ja in diesem Hause schon gelegentlich erlebt haben— verdient als das bezeichnet zu werden, was es ist: feig, ehrlos, unanständig. (Wütender Lärm im Zentrum und rechts. Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner aufs neue zur Ordnung.) Abg. Hirsch(Soz.): . Auch mir ist es durch den Schluhantrag unmöglich gemach: worden, auf die Verdächtigungen und Beschimpf»»- gen meiner Partei durch den Abg. G r o n o ws k i zu ant- Worten und nachzuweisen, dajz das. was er gegen uns gesagt hat. nicht in einem einzigen Punkte den Tatsachen entspricht. Das, was er über das Ergebnis des Maurerstreiks von 1907 gesagt hat. ist mit Rücksicht darauf, daß Herr Gronowski die Verhältnisse genau kennt, eine bewußte Unwahrheit. (Große Unruhe im Zentrum. Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner z u r O r d n u n g.) Im übrigen beantrage ich namens meiner Freunde, daß über den Titel„Minister" besonders abge- stimmt wird. Wir legen Gewicht darauf zu konstatieren, daß wir diese in Mini sl er das Gehalt nicht bewilligen. (Bravo! bei den Sozialdemokraten. Lackstn rechts.) Abg. Dr. Bell(Z.): Um keine Legende nbildung auf- kommen zu lassen, will ich nur feststellen, daß meine Fraktion gegen den Schlußantrag gestimmt hat.(Zurufe bei den Sozial- demokratcn: Weil sie wußten, daß eine Mehrheit für ihn da war.) Wir bedauern in diesem Falle sehr den Schluß der De- battc.(Lautes Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wenn Herr Liebknecht gesprochen hätte, würde ich ihm schon die passende Antwort gegeben Hadem(Lautes Lachen bei den Sozialdcmo. kraten.) Abg. Heß(Z.): Herr Hoff mann hat im Laufe der Rede des Abg. Gronowski den Zwischenruf gemacht:„Wenn man nicht Geld genug hat, macht man Prozente wie der Abg. Hetz." Er hat damit eine Verdächtigung ausgesprochen, die seit mehreren Wochen durch die Presse läuft. Ich habe diese Verdächtigung in der„Kölnischen Volkszeitung" bereits als Unwahrheit und vollständig erlogen hingestellt und nehme zu Ehren des Herrn Hosfmann an, daß ihm meine Berichtigung noch nicht bekannt war. Abg. Gronowski(Z.): Ich habe auf drei Reden der Abgeord- neten Hirsch, Leincrt und S t r ö b c l gegen das Zentrum ge- antwortet. Die leidenschaftlichen Beschimpfungen, die mir hier wie draußen im Lande auch sonst immer zu teil geworden sind, bc- trachte ich als eine Ehre für einen christlichen Arbeiter.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Lohmann(natl.): Herr Gronowski hatte mir zugerufen, ich sei immer der fünfzehnte Nothelfer der Sozialdemo- kratie. Diese Behauptung steht, solange er sie nicht beweist, auf derselben Höhe wie die Geschicklichkeit, mit welcher er beleidigende Behauptungen seinerzeit nachträglich in das Stenogramm seiner Rede hineingebracht hat.(Hört! hört! links.) Abg. Hirsch(Soz.)(persönlich): Herr v. Bieberstein hat meine Darstellung des Versamm- lungsvcrbois in Neuenhagen als unrichtig hingestellt. Ich stelle demgegenüber fest, daß ich aus Grund eines Urteilt des Ober- Verwaltungsgerichts. daS vor mir liegt, den Sachverhalt dargelegt habe. Herr v. Bieberstein und der Minister behaupteten weiter. meine AuMhrunge» über das Verhalte» dir Polizei in Moabit feien unkonkrollkerbare Beschuldigungen gelvefeik. Ich stelle fest, daß ich selbst de» Verhandlungen in Moabit bei- gewohnt und das, was ich gestern gesagt habe, mit eigenen Ohren gehört habe von Zeugen, die durchaus unverdächtig und vereidigt worden sind. Herr Gronowski hat dann behauptet, ich hätte gesagt, wir machen die Massen nicht unzufrieden, sondern die bür- gerliche Gesellschaft. Ich habe das nicht gesagt, hätte es»ber sagen können und entnehme daraus, daß Herr Gronowski seine Rede schon ausgearbeitet hatte, bevor ich gesprochen habe. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Dann hat er mir die Aeußerung in den Mund gelegt:„Geben Sie dem Volke ein freies Wahlrecht, dann wird es zufrieden sein." Einen so törichten Aus- spruch habe ich nicht getan. Ferner ersuche ich Herrn Gronowski, mir aus dem Stenogramme meiner Rede nachzuweisen, daß ich auch nur mit einem Worte das Zentrum angc- griffen habe. Zurufe bei den Sozialdemokraten: Sonst hätte er aber seine Rede nicht halten können. Heiterkeit.) Abg. Dr. Liebknecht: Was Herr Gronowski über meine Amerikareise gesagt hak, war ebenfalls durchaus unwahr. Seine Bemerkungen über die Stellung des Zentrums zum Schluß der Debatte werden zweifel- los von niemand ernst genommen und lediglich als Spiegel- fechterei angesehen werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Nur mit dem Willen des Zentrums konnte der Schluß- antrag kommen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Bemerkung des Herrn Gronowski, daß die Charakterisierung, die ich dem Beschlutz des Hauses habe angedcihen lassen, von ihm mit Würde ertragen werde, war ein Schuldeingeständnis seinerseits. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hosfmann(Soz.) (mit Gelächter rechts empfangen): Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, lachen Sie sich aus.(Heiterkeit.) Den Zuruf über Herrn Hetz habe ich auf Grund eines in der„Kölnischen Volkszeitung" veröffentlichten Kontraktes gemacht, nach welchem Herr Heß von dem Buchhändler, der die Schulbücher lieferte. Prozente ge- nomine« hat, und wonach Herr Hetz der vorgesetzten Behörde gegen- über erklärt habe, er hätte nicht gewußt, daß in a n s o l ch e Pro- zente nicht nehmen dürfe, und weiter dah ein D i S z i p l i- narver fahren deshalb gegen ihn eingeleitet sei. Wenn dies entschieden sein wird, werde ich bereit sein, meinen Vorwurf zurück- zunehmen. Tic„Kölnische Volkszeitung" ist nicht für mich maß- gebend. Wenn Herr Gronowski gesagt hat, in meinen Versamm- lungen im Rheinland hätte er n u r R o h e i t lernen können, so be- merke ich: Mehr Roheit, als er heute hier zum besten gegeben hat, kann er überhaupt nicht lernen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Heß(Z.): An den ganzen Gerüchten, die in der Zeitung gestanden haben, ist nicht ein Wort wahr. Herr Hoffmann konnte natürlich nur auf Grund der Zeitungsberichte urteilen. Abg. Gronowski(Z.): Meine Volksschulbildung und die Er- ziehung als christlicher Arbeiter verbietet mir, Herrn Liebknecht im selben Tone zu amwortcn. Herrn Hirsch bemerke ich nochmals, daß ich wegen Reden der Herren Ströbcl, Hirsch und Lcinert gegen- über dem Zentrum geantwortet habe. Abg. Hirsch(Soz.): Ich habe das Zentrum nicht angegriffen.. Herr Gronowski muh also seine Rede vorher ausgearbeitet haben. Abg. Gronowski(Z.): Ich habe nur ein einzigesmal eine Rede ausgearbeitet, und zwar vor 8 Jahren. lAbg. Hoffmann: Uiw seitdem halten Sie immer dieselbe.(Stürmische Heiter- keit.) Der Titel Minister wird hierauf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Polen bewilligt. Es folgt der Titel„Uiiterstaatssekretär". Abg. Dr. Liebknecht(Soz.) versucht bei diesem Titel auf die Angriffe des Abg. Gronowski unll die allgemeine Debatte zurückzukommen, wird aber nach jedem Satz von dem Präsidenten v. Kröcher zur Sache gerufen. Nachdem dies zum drittenmal geschehen, fragt Präsident v. K r ö ch e r das Haus, ob es den Redner noch weiter anhören wolle. Das Haus beschlieht gegen die Stimmen der Sozialdemo- kraten, Po l e n und Freisinnigen, dem Abg. Liebknecht das Wort zu entziehen.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Auch das Zentrum stimmt dafür! Abg. Liebknecht: Ihre Züchtigung bleibt nicht aus!) Der Titel Unterstaatssekretär wird bewilligt. * Es folgt der Titel.. Obcrverwaltungsgericht", Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Wir halten dieses, wie jedes separate Gerichtsverfahren an sich für von Uebel und wünschen auch hierfür ordentliche Ge- richtsvcrfahrcn. Die Rckruticrung dieser Richter geschieht nach der Unfähigkeit, oppositionellen Richrungen gerecht werden zu können. Wir können also auch das mähige Vertrauen wie gegen ordentliche Gerichte nicht hegen. Der Unteraufbau der Verwal- tungsgerichtsbarkeit besteht aus reinen V e r w a l t u n g s b e a m- t e ii, schon das kann die Qualität derselben nur ungünstig bc- cinflusscn. Dann aber das Beweisvcrsahrcn. Es fehlen die Maximen, an die sich Zivil- und Strafgerichte halten müssen. ES werden unvereidigte Zeugen als glaubwürdig angesehen, ganz ordnungslose Polizeiaktcn werden als Bcweismatcrial zugelassen. Das drückt dem ganzen Verfahren polizcilich-willkürllche» Charakter auf. Wenn in politischen Sachen solche Polizciakten vorgelegt werden, ist man verraten und verkauft.?!atürlich kommen polizeiliche Geheimakten nie in die Hände etwa gar eines sozial- demokratischen Rechtsanwalts. Die Art des Rechtsmittelzuges bc- darf eines raffinierten Studiums, che man weih, wo das zuständige Rechtsmittel anzubringen ist. Bei Einbringung der R e v i s i o n ist z. B. der längst ausgeschaltete KreiSauöschuh allein zuständig, die erste Instanz. Das Verfahre» ist nur geeignet, die Rechtsuchendcn aufs Eis zu locken. Warum geht man nicht zu den einfachen Regel» deS Zivil, und Strafprozesses? Es ist eine der wichtigsten Garan- ticu des ordentlichen Prozesses, dah die Urteile mit den Gründen verkündet werden müssen. Diese Garantie besteht hier nicht, es werden manchmal keine Gründe angegeben oder gar kein Urteilvcrkündet, sondern es wird schriftlich bekannt gegeben. Infolge der Polizeiwillkür häufen sich die Beschwerden. Die Ueberlastung kann nur beseitigt werden durch Rc- form der inneren Verwaltung, wie sie einem modernen Rechtsstaat entspricht.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Assessorismus, das Hilfsrichtertum. ist eine weitere Verschlechterung des Verfahrens. Bei der Festsetzung einer Revisionssumme könnte die größte Willkürgcübt werden. In diesem Hause hat man nur das geringste Verständnis für eine Kontrolle der Verwaltung und die Art, wie hier alle Mißstände bc- mäntelt werden, selbst vom Minister, gibt uns vollen Grund zum schärfsten Mißtrauen. Unser Streitverfahren ist der einzige Schutzwall gegen Verwaltungsmihbräuche, dadurch allein kann Preußen vielleicht noch äußerlich den Anschein eines Rechts- staats erlangen und das soll durch Einführung einer Streitsumme auch noch beseitigt werde»! Wir können dem Oberverwaltungs- gericht nicht unser Vertrauen aussprechen; es ist viel reaktio» närer als die ordentlichen Gerichte, so z. B. im Ver- einsrecht. Heute hat der Minister einer etwas freiheitlicheren Ent- schcidung des Oberverwaltungsgcrichtshoss hier öffentlich die Ge- folgschast verweigert! Hier genügt nicht, dah man pfeift, hier muß getanzt werde».(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) DäS Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Mittwoch, vormittags N Uhr: Fort- �(»chluß: 9 Uht 60 Minute»« GewerfefcbaftUche� Me 8charfniacber 6cld crprcffen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß manche Arbeiigeber- organisation in finanzieller Beziehuna nicht mit den Arbeiter. verbänden konkurrieren kann. Da ist den Herren dann jedes Mittel recht, um Geld zu erlangen. Ein Beispiel dafür bietet der Arbeitgcbervcrband der Malermeister für Rhein- land-Westfalen. Um möglichst alle Arbeitgeber als Mitglieder zu ge- Winnen, nahm der Verband jeden auf, der Arbeiter be- fchäftigte. Aber Agitation und Organisation kosten Geld, und wo dieses hernehmen, wenn die Beiträge nicht ein- kommen, weil so mancher Meister nicht in der Lage ist, die- selben zu leisten. Um nun aus dem chronischen Dalles heraus- zukommen, ohne dabei den nichtzahlenden Mitgliedern vor den Kopf stoßen zu müssen und sie dadurch abzuschrecken, kamen die Drahtzieher der Scharfmack)erorganisation auf die großartige Idee, die schwachen Kassen durch ihre Lieferanten füllen zu lassen. Seit einiger Zeit prangt an jeder Tiir in den Geschäften ein Plakat mit dem Inhalt, daß von Reisenden nur diejenigen Herren empfangen werden, welche in den Besitz einer„Vorzugskarte" sind. Was das bedeutet, mag folgende Zuschrift an die Lack- und Farbenlieferanten erläutern: Arbeitgcbcr-Bcrband f. d. Maler-, Anstreicher- u. verwandte Ge- werbe in Rheinland u. Westfalen Geschäftsstelle: Barmen, Neuerweg 9— Fernsprecher 914. P. P. >Da ich als Mitglied obigen Verbandes gezwungen bin, von allen meinen Herren Lieferanten eine Borzugskarte zu verlangen, so bitte ich Sie hierdurch, sich baldigst eine solche verschaffen zu wollen. Ohne Borzugökartc kann ich Aufträge nicht mehr erteilen. Die Abgabe der Karte erfolgt bedingungslos zum Preise von Mk. 20 für die Hauptlarte, MI. 19 für jede weitere Neben- karte. Die frühere Abgabe-Beschränkung auf Mitglieder des tvestd. Händlerverbandes ist aufgehoben.— Die Karten werden ausgegeben bei den Vorsitzenden unserer Ortsgruppen und in der Geschäftsstelle des Verbandes. Hochachtungsvoll (Firmenstempel.) Die„Nebenkarten" find für die Reisenden bestimmt. Wenn also eine Farbenfirma eine größere Zahl von Reisenden unterhält, muß sie deni Verband der Malermeister neben den 20 M. für die Hauptkarte eine unter Umständen recht er- kleckliche Zahl von Zehnmarkstücken für die Nebenkarten zahlen. Mit dem Gelde der Lieferanten füllt aksio der Ver- band seine sonst leeren Kassen. Irgendwelche Verpflichtungen übernimmt er dafür nicht. Wieweit seine Bemühungen Er- folg haben, wird man abwarten müssen. Wozu diese Gelder verwandt werden sollen, wird unver- blümt angegeben�„Stärkung des Verbandes, um Ruhe vor der Arbeiterschaft zu haben". Die Forderung an die Liefe- ranken wird damit begründet, daß es ja auch ihr Vorteil sei, wenn keine Streiks eintreten, sie ja dadurch auch„in ihren Lieferungen nicht beschränkt" würden. Natürlich nur so lange wie keine Streiks und Aussperrungen bestehxn, denn jeder weiß, daß man in diesem Fall den Lieferanten einfach die Fortlieferung untersagt, um etwaige Außenseiter an der Fortsetzung des Betriebes zu hindern. Das sind schöne Aus- sichten für dieselben, und dürften auch diejenigen derselben bald einen Haken an der Sache finden, die sich jetzt durch die Aussicht aus bessere Geschäfte durch die..Vorzugskarten" blenden lassen. Merkwürdigerweise hörte man bislang noch keinen Ton der Entrüstung in der„Farbenzeitung", die sonst so schön von der Begehrlichkeit und Unverschämtheit der Arbeiter zu berichten weiß. Sollte dieses Blatt nicht im Interesse der Fachwelt, die zu vertreten sie angibt, in gleicher Tonart gegen diese Zumutungn der Scharfmacher Stellung nehmen? Die Arbeiterschaft aber sieht daraus, mit welchen Mitteln versucht wird, sie niederzuringen. Wenn diepe Art der Geldbeschaffung auch nicht unter die Paragraphen des Strcff- geseßes fällt, so riecht sie doch moralisch verdammt stark nach Erpressung!_ Berlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Der Streik bei Siemens, Franklin- ftrahe, ist beendet. Die Sperre ist hiermit aufgehoben. Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsberwaltung Berlin. Tie Kellneraffäre im Reichstag hat nach einer Korrespondenz jetzt eine befriedigende Lösung ge- funden. Wie mitgeteilt, hatte die Hotel-Betriebs-Akticngesellschaft. die die Bewirtschaftung des Reichstagsrestaurants führt, einen Kellner entlassen, weil er dem Abg. Heck scher, der Vorstands- Mitglied ist und als solches die Restaurantkontrolle mit zu versehen hat, auf dessen Frage mitgeteilt hatte, daß er seinen bereits am Sonnabend fälligen Lohn am Dienstag noch nicht erhalten habe. Auf Verwendung des Dr. Heckscher war der Kellner dann wieder eingestellt, nachträglich aber vom Direktor der Aktiengesellschaft neuerdings entlassen worden, weil sein„disziplinarwidriges Ver- halten" nicht geduldet werden könne. Diesen schroffen Standpunkt hat die Hotel-Betriebsgesellschaft aber jetzt aufgegeben und ihre Bereitwilligkeit erklärt, den Kellner wieder in Dienst zu stellen. Der Vorstand des Reichstages hat sich nun einstimmig auf die Seite des Schriftführers Dr. H e ck s ch e r gestellt und die Wieder- anstellung des Kellners unbedingt gefordert. Ja der Vorstand soll sogar entschlossen gewesen sein, bei Ablehnung dieser Forderung den Vertrag mit der Hotel-Beiriebsgesellschaft zu kündigen. Die Ge- sellschaft hat in ihrem Schreiben an den Präsidenten, worin sie die Wiederanstcllung des Kellners mitteilt, ihre ursprüngliche Haltung damit zu rechtfertigen versucht, daß sie behauptete, es sei ihr un- bekannt gewesen, daß dem Abg. Dr. Hcckschcr als Vorstandsmitglied eine Art Oberaufsicht über das Restaurant zustehe. Tarifbewegung der Militärznschneider. Die Militärschneider haben am Montag in einer zahlreich be- suchten öffentlichen Versammlung beschloffen, den Arbeitgebern eine neue Tarifvorlage zuzustellen, die im allgemeinen dem ent- spricht, was schon im Jahre 1993 gefordert, aber trotz des neun- wöchigen Streiks nicht erreicht wurde. Der Kampf endete damals damit, daß die Arbeitgeber 7 Prozent Zulage bewilligten. 1997 wurde dann durch friedliche Verhandlungen diese Prozentberech- nung beseitigt und die Preise dementsprechend mit noch einigen weiteren Aufschlägen erhöht. Der so vereinbarte Tarif sollte auf 4 Jahre abgeschlossen werden, zu einem formgcrechten Abschluß kam es jedoch nicht, da die Arbeitgeber schließlich auf ein Schreiben der Branchenkommission nicht mehr antworteten. Der Tarif ist infolgedessen nicht unterzeichnet, und eine Kündigungsfrist ist nicht festgelegt. Die Löhne sind in der Militärbranche bedeutend ge- ringer als in der Zivilbranche, und das, was die Militärschneider früher voraus hatten, daß sie das ganze Jahr über auf reget- mäßige Beschäftigung rechnen konnten, ist inzwischen in Fortfall Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: gekommen. Auch in der Militärschneiderei hat man setzt zeit- weilig mit flauem Geschäftsgang zu rechnen. Die geringere Ver- dicnstmöglichkeib hat dazu geführt, daß Militärschneider zur Zivil- brauche übergehen, während früher das Gegenteil der Fall war, und daß Jungen, die Schneider lernen, sich nicht der Militär- branche zuwenden. Dadurch hat sich die Zahl der Militärschneider verringert; im Jahre 1993 gab es in Berlin ungefähr 500, jetzt sind es kaum noch 499. Wenn die Arbeitgeber sich nicht der Ge- fahr eines fühlbaren Mangels an Arbeitskrästen aussetzen wollen, werden sie in ihrem eigenen Interesse für eine Besserung der Löhne sorgen müssen. Unter diesen Umständen wird es den Militär- schneidern nicht besonders schwer fallen, ihren Wünschen Geltung zu verschaffen, zumal sie jetzt weit stärker organisiert sind als früher. Sie werden bestrebt sein, wenn irgend möglich, aus friedlichem Wege ihr Ziel zu erreichen, andernfalls aber auch nicht vor einein Kampf zurückschrecken.— Nachdem der Referent M a i die allgemeine Lage geschildert hatte, wurde die Tarifvorlage ver- lesen und zur Diskussion gestellt. Tie Vorlage, die von einer Kommission unter Hinzuziehung weiterer Fachverständiger sehr sorgfältig ausgearbeitet ist, enthält 7ö9 Positionen gegenüber 499 des alten Tarifcs. Es ist eine große Zahl von Einzelarbeiten mehr als bisher aufgeführt, um Slreirigkeiten, wie sie jetzt häusig über die eine oder andere Arbeit entstehen, in Zukunft zu ver- meiden, und außerdem ist der Tarif für Marineuniformen wieder mit angefügt, der bisher noch nicht zur Geltung gekommen war.— lieber die Vorlage wurde sodann rege diskutiert, wobei es sich zeigte, daß manche der aufgeführten Positionen denen, die be- sonders mit den betreffenden Arbeiten zu tun haben, noch als zu niedrig angesetzt erschienen. Di« Vorlage wurde jedoch schließ- lich durch Annahme einer Resolution mit allen gegen 7 Stimmen gutgeheißen. Sie wird nun nach nochmaliger Durchsicht und Rein- schrift den Arbeitgebern zugestellt werden. Achtung, Parkettleger! Alle schriftlichen Anfragen wegen Ar- bcit in Hamburg sind strengstens untersagt. Jegliche Vermittelung von Arbeit in Hamburg oder anderwärts geschieht nur durch unseren Arbeitsnachweis, Engelufer 14/1S, Saal 4. part. Der Arbeitsnachweis des Deutschen Holzarbeiterverbandes (Zahlstelle Berlin). Der Posamentierer Franz Schmidt, Stralauer Allee 29, ersucht uns um die Mitteilung, daß er mit dem bei der Firma F e i b i s ch arbeitenden Hausdiener Schmidt nicht identisch sei. Oeutfches Reich. Zur Tarifbewcgung im Hokzgewerbe. Bei den Verhandlungen, die zwischen den Zentralvorständen unter Hinzuziehung der zentralen Schlichtungskommission statt- fanden, ist jetzt ein wesentlicher Fortschritt zu verzeichnen. Es ist gelungen, wenigstens über den Ablaufstermin hinweg zu kommen. Bekanntlich standen sich gerade in dieser Frage die Ansichten schroff gegenüber. Während der Arbeitgeberschutzverband auch in diesem Jahre dreijährige Verträge abschließen wollte, verlangte der Holz- arbeiterverband die Verlängerung der Vcrtragsdauer aus vier Jahre. Zu einer Einigung vermochten die Zentralvorstände auch jetzt nicht zu kommen und wurde darum diese Frage der zentralen Verhandlungskommission überwiesen, die nun einen Schiedsspruch gefällt hat, der dahin geht, daß die jetzt abzuschließenden Verträge bis zum 15. Februar 1915— also vier Jahre— laufen sollen. Beide Organisationsleitungen haben die Entscheidung der zen- tralen Vcrhandlungskommission in dieser Frage bereits anerkannt. Die lokalen Verhandlungen über den materiellen Inhalt der Ver- träge sind, weil der Ablaufstermin noch nicht festgelegt war, bisher aus der ganzen Linie ergebnislos verlaufen. Jietzt sollen sie in allen Orten mit Nachdruck gefördert werden. Weil aber voraus- zusehen war, daß bis zum 15. Februar, dem Ablausstermin der alten Verträge, die Verhandlungen nicht mehr zum Abschluß ge- bracht werden konnten, haben die Zentralvorstände vereinbart, daß die bisherigen Vertragsbestimmungen bis zum 1. März Gültigkeit haben und daß bis dahin in den in Frage kommenden Orten weder Streiks noch Aussperrungen stattfinden sollen. Damit ist wenig- stcns der sofortige Ausbruch des Kampfes verhindert und nicht alle Hoffnung geschwunden, daß der Friede in der Holzindustrie gewahrt werden kann. Diese Hoffnung ist aber nur sehr schwach, weil die Arbeitgeber der einzelne« Orte bisher keine Neigung zeigen, die berechtigten Wünsche der Arbeiter bezüglich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erfüllen. Auch in Hamburg, wo die Arbeitgeber dem Nahardtschen Ar- beitgeberverband nicht angehören, sind die Verhandlungen aufge- nommen, nachdem die Schlichtungskommission unter Zustimmung der Vertragsparteien den alten Vertrag um vier Wochen ver- längert hat._ Unbegründete Verdächtigungen organisierter Arbeiter. In der Stadtbrauerei zu Jena wurden der gewerk- schaftlichen Organisation seit jeher die größten Schwierigkeiten ge? macht und die organisierten Arbeiter mit anderem Maße gemessen- als die Gelben und Indifferenten. Die Gelben sind Hahn im Korbe. Wo solche Zustände herrschen, da ist auch ein dankbarer Boden für Bubenstreiche, die man den Organisierten anhängen kann. Die Betriebsleitung glaubt ohne weiteres, daß irgend welche Schikanen ?cgen Mitarbeiter nur von organisierten Arbeitern verübt werden önnen. Vor annähernd zwei Jahren fand man einen Gummischlauch mit einem Zigarrenstummel verstopft. Ohne weiteres wurde an- genommen, daß dies organisierte Arbeiter getan haben, und zwei von ihnen wurden daraufhin ohne jeden Beweis entlassen. Jetzt hat sich ein ähnlicher Fall abgespielt, und wieder wollte man die Organisation dafür büßen lassen. Diesmal hat aber die beliebte Praxis der Betriebsleitung schmählich Schiffbruch gelitten. Der Sachverhalt ist folgender: „In einem Haufen Brennholz in der Brauerei wurde ein Stück Holz gefunden, das angebohrt und mit Sprengpulver ge- füllt war. Der Gemeindevorstand— die Brauerei wird in städti- scher Regie betrieben— setzte 599 M. Belohnung für Ermittelung des Täters aus. Der Verdacht wurde„natürlich" sofort wieder auf die organisierten Arbeiter gelenkt, und fünf von ihnen wurden durch vier Polizisten und einen Gendarm einem gemeinschaft- lichen Verhör unterzogen, dem sich eine peinliche Haussuchung bei jedem einzelnen anschloß. Gefunden wurde nichts, was mit dem Vorkommnis hätte in Verbindung gebracht werden können. Die Gelben wurden vom Verhör und von der Haussuchung verschont, auf diese fiel kein Verdacht der Betriebsleitung." Nun hat sich der Täter gemeldet; er gehört nicht zu den verdächtigen Organisierten. Einen Jux hat er sich machen wollen, erklärt er, weil er bei den Studenten so viel vom Jux gehört hat. Man entließ ihn aus der Haft, in der er saß, und auch die Brauerei nahm ihn wieder auf. Niemals hätte sie es getan, wenn es sich um einen Organisierten gehandelt hätte; ja, es war zu befürchten, daß wieder ein paar Organisierte geflogen wären, wenn sich dre Täter nicht gemeldet hätte. Wenn durch diesen reinen Zufall der Sachverhalt nicht zur Aufklärung gekommen wäre, hätten die Arbeiterfeinde und Sold- schreibcr der Scharfmachet ihn als weiteren Beitrag für den von organisierten Arbeitern verübten schauerlichen Terrorismus buchen können. Schade!_ Zur Lohnbewegung in den Kinderwagenfabriken zu Zeitz. Mit dem 11. Februar ist die Kündigung in den Kinderwagenfabriken abgelaufen und die Arbeit dort eingestellt worden, wo eine Eini- gung mit den Fabrikanten nicht möglich war. Mit einer Firma, die 59 Arbeiter beschäftigt, konnte im letzten Augenblick noch eine Verständigung herbeigeführt werden, so daß jetzt in drei Betrieben mit insgesamt 199 Arbeitern zu neuen Vereinbarungen gearbeitet wird. Die übrigen Fabrikanten verhielten sich bis zum letzten Augenblick ablehnend; den Arbeitern blieb dprum nichts anderes übrig, als die Betriebe zu verlassen, was denn auch in den meisten Fabriken einmütig geschah. Wo ein Teil Arbeitswilliger stehen ge- Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt' blieben ist, bandelt es sich um Leute, mit denen nicht viel Skaak z» machen ist. Der Arbeitgeberverband macht auf der ganzen Linie scharf, es wird allem Anschein nach darum zu einem erbitterten Kampfe kommen.. l Zuzug von Korbmachern, Stellmachern, Maschinen- und Metallarbeitern sowie Sattlern und Malern ist streng fernzuhalten. Versammlungen. Verband der Lederarbeiter. Die Filiale Berlin I beschäftigte sich in einer ani Montag abgehaltenen Versammlung unter ande- rem mit den Statutenanträgen, welche dem bevorstehenden Ver- bandstage unterbreitet werden sollen. Die Anträge sind von einer hierzu eingesetzten Kommission beraten. Sie wurden der Ver- sammlung vorgetragen und eingehend diskutiert. In der Haupt- sachc gehen die Anträge dahin, daß Berlin I eine Erhöhung der Beiträge befürwortet, sich aber gegen eine Herabsetzung der Unter- stützungssätze wendet. Es wird beantragt, statt der bisherigen drei Bcitragsklassen zu 25, 59, 65 Pf. vier Klassen zu 39, 45, 69, 75 Pf. einzuführen und dementsprechend auch die Unterstützungs- sätze abzustufen, so daß die wöchentliche Streikunterstützung in den vier Beitragsklasien 6, 9, 12, 15 Mk. betragen würde: Auch bezüglich der anderen Unterslützungszwcige sind eine Reihe von Anträgen, meist formaler Art, gestellt.— Zu der Statutenbestimmung, welche die Ueberstunden verlvirft, wird als Zusatz bean- tragt:„Abschaffung der Heimarbeit". Diese Forderung kommt für die Handschuhmacher in Frage und ist für sie von großer Be- deutung.— Schließlich erklärte der Referent der Kommission noch, daß sich diese in bczug auf die Heimarbeit der Resolution der Gaukonferenz anschließe und daß sie die Haltung des Zentralvor- standes in der Frage des Reichstarifs billige.— Tie Versammlung stimmte den Anträgen der Kommission zu. die nun als Anträge von Berlin I zum Verbandstage eingereicht werden. Hierauf wurden zwei Lohnbewegungen der Handschuhmacher besprochen. In einem Falle handelt es sich um die Firma Dörk» s e n, die sich mit der Firma Berliner Handschuhmanufaktur ver« einigt hat und nun statt der Löhne, die in der letzteren Firma gezahlt wurden, die niedrigeren Löhne der Firma T ö r k s e n zahlen will. Tie Arbeiter fordern Anerkennung der Akkordsätze. welche in der Berliner Handschuhmanufaktur üblich waren. Da die mit Herrn Dörksen geführten Verhandlungen den gewünschten Erfolg nicht hatten, sind die betreffenden Kollegen am Sonnabend in den Ausstand getreten.— Bei der Firma Z i n t e r Wird eine Regulierung des Akkordtarifs gefordert.— Die Versammlung erteilte ihre Zustimmung zu den beiden Lohnbewegungen. kctzte]Vacb richten* Zur Eingemeindung Treptows. Die Gemeindevertretung von Treptow beschloß om gestrigen Abend in nichtöffentlickjer Sitzung mit 12 gegen 8 Stlninien, eine Kommission zu wählen, welche Perhand- lungen pflegen soll über die Griindlagen der Eingemeindung, ohne sich jedoch prinzipiell zu binden. Schwere eifenbahnltatartrophc in franhreich. Paris, 14. Februar.(W. T. B.) Ter nachmittags gegen fünf Uhr von Paris nach Vre st abgehende Expreßzug stieß gegen sechseinviertel Uhr in der Station C o u r v i l l e mit einem Güterzug zusammen. Beide Züge fingen Feuer und verbrannten vollständig bis auf den Speisewagen des Exprrßzngcs. Bisher wurden acht Leichen geborgen. Tie Zahl der Verwundeten ist sehr groß. » Ein Telegramm des Preß-Telegraphen meldet über die Kala- strophe: Der vom Gare Montparnasse nach Ärest abge- gangene Zug fuhr mit voller Geschwindigkeit auf den von Brest kommenden Expretzzug auf. Die Maschinen beider Züge sind zer- trümmert. Die Wagen sind harmonikaartig zusammengeschoben. Das klägliche Gewimmer dringt aus den Trümmern. Auch ein auf einem Nebengleis stehender Güterzug hat Feuer gefangen und steht in hellen Flammen. Die Verwirrung am Nnglücksort ist groß. Für die Verwundeten fehlt es vorläufig an der nötigen Hilfe, die telephonisch aus Chartres herbeigerufen wird. � Alle Einzelheiten über das Unglück stehen noch aus. Doch scheint der Güterzug das eine Gleis gesperrt zu haben, so daß die beiden Expreßzüge auf dem noch freien zweiten Gleis zusammenstießen. Vom türkisch-arabischcn Kriegsschanplab. Saloniki, 14. Febraur.(W.T.B.) Ein Teil der a r a- bischenStreitkräfteist von S a n a a in der Richtung? auf Hodeid-a abgerückt, wo immer neue Scharen von Arabern eintreffen und die Straßen besetzen. Gestern kam es in der Umgebung von T a a z zu einem Gefecht zwischen den dort lagernden türkischen Truppen und den Araber n. Auch I n a n j a h i a hätte einen blutigen Kampf mit den T ü r k c n, in dem die Araber dreihundert und die T ü r k e n hundert Mann verloren. Unter den A r a b e r n herrscht die Eholera, der Gesund. heitszustand der Türken ist gut. Fette Dividende. Bremen, 14. Februar.(W. T. B.) Der Aufsichtsrat der Jutespinnerci und Weberei in Bremen beschloß in seiner heutigen Sitzung, der zum 29. März einzuberufenden Generalversammlung eine Dividende von 16 Proz. wie im Vorjahre vorzuschlagen. Ein Falschmnnzerprozeß. Hannover, 14. Februar.(W. T. B.) Das Schwurgericht verhandelte heute gegen die beiden internationalen Münzverbrecher, die Italiener Robert Maccuferte und Alfons L a m a g u a, die in Hannover im Jahre 1999 falsche Hundert-Lirescheine unter- gebracht haben. Die beiden Verbrecher sind von Schweden aus- geliefert worden, wo sie wegen des gleichen Verbrechens zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden sind. Sie wurden unter Zu- billigung mildernder Umstände zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Düsseldorf, 14. Februar.(B. H.) Die Kriminalpolizei hat in Düsseldorf-Eller eine Falschmünzerwerkstatt entdeckt. Sie verhaftete den Stukkateur Theodor Schrör und nahm zahlreiche falsche Zwei-Markstücke und das zur Herstellung der Falschstücke dienende Material in Beschlag. Bergarbeitcrlos. Möns, 14. Februar.(W. T. B.) Im Steinkohlenbergwerk von Monceau für sambre sind durch niedergehende Gesteinsmassen vier Bergleute getötet worden. Strenger Winter. Petersburg, 14. Februar.(W. T. B.) In der ganzen Krim herrscht ungewöhnliche Kälte. Der Schnee liegt so hoch, daß viele Dörfer vom Verkehr abgeschnitten sind. Viele Schaf» Herden erfrieren, Obstbäume und Zäune werden von den Einwohnern als Heizung verwandt. Die Kohlenlager im Donctzgebiet können den Bedarf nicht decken. Dschulfa, 14. Februar.(W. T. B.) Der Verkehr mit T ä b r i S ist wegen Schneeverwehungen eingestellt worden. PaulSinger& Co.,Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. llnterhaltungsbl. Kr. 39. 28. Jahrgang. t Stilnje des JotBirls" Snlim Jotetlatt. Mittwoch, 15. kebrnar 191L Reichstag. 127. Sitzung. Dienstag, den 14. F'ebruar 1S11, nachmittags 1 Uhr. Bm BundeSratstisch: v. Tirpitz. Die zweite Beratung des Marine-Etats wird beim Titel.Gehalt des Staatssekrelärs" in Verbindung mit den Titeln über das.Zulagewesen" fortgesetzt. Abg. Dr. Semler snatl.): Der Unfall des Unterseebootes„U. 3" wird in Hinsicht auf die Hinterbliebenen der drei Lerunglnckten— das nehme ich als selbstverständlich an— als ein Schiffbruch an- zusehen sein.— Protestieren mutz ich dagegen, dag der Abgeordnete L e d e b o u r hier versucht hat. die so sympathische und im Volke so beliebte Persönlichkeit des Prinzen Heinrich schulmeisterlich zu behandeln.— Die Grenzen für den Ausbau unserer Flotte ist der defensive Schutz unserer K ü st- n, aber ganz selbstverständlich muh sie innerhalb der Defensive auch die Offen- s i v e ergreifen können— sonst brauchten wir keine Kriegsflotte, sondern kämen mit Küstenbatterien aus.— Gegen die Streichung der Heizerzulagen haben nicht zuerst die Sozialdemokraten Bedenken erhoben, sondern ich und Herr Struve; unter dem Druck unserer eigenen früheren Entschlietzungen und gegenüber dem starren Nein des Schatzsekretärs konnten wir schließlich nur die Hälfte der Zu- lagen durch das Entgegenkommen des Staatssekretärs der Marine wieder einsetzen. Herr Ledebour wünschte gestern die Anwesenheit des Reichskanzlers; aber was sollte er hier,' da es sich lediglich um die Durchführung des Flottengesetzes handelt, die mit auswärtiger Politik nichts zu tun hat. sBeifall bei den Nationalliberalen.) Abg. Schräder(Vp.) erklärt sein Einverständnis, daß für die Hinterbliebenen der Opfer der Unlerseebootskalastrophe außer- ordentliche Mittel bereit gestellt werden sollen. Weiter fiihrt der Redner aus, daß die Flottenrüstungen zwar schwer auf dem Volke lasten, daß sie aber notwendig sind und daß auch in Zukunft keine Erleichterungen zu erwarten sind, so lange das gegenseitige Wettrüsten der Nationen dauere. Ueber die Ab- rüstungssrage werde man sich aber besser beim Etat des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amts unterhalten. In den Werstbetrieben sind unleugbar M i ß st ä n d e vorhanden, die daher rühren, daß die Betriebe aus kleine Verhältnisse zugeschnitten waren und bei der allmählichen Vergrößerung in den inneren 'Einrichtungen nicht fortschritten. Die sachgemäßen Vorschläge nieines Freundes Struve werden hoffentlich Beachtung finden.— Die Heizerzulagen sind gestrichen ivorden, nicht aus sachlichen Gründen, sondern weil das Geld in diesem Etat nicht zu beschaffen ist. Aber dos wäre Sparsamkeit am unrechten Ort und wir bean- tragen daher, diese Zulagen wieder in voller Höhe einzusetzen. (Bravo I bei den Voltsparteilern.) Staatssekretär v. Tirpitz: Daß wir mit den vom Reichstag be- willigten Mitteln eine so große Dampfleistung beim Schiffsbau erzielt haben, verdanken wir in erster Linie dem Bestehen des Flotten- gesetzes. Sparsamkeit kann nur in großen Dingen geübt werden, nicht bei Kleinigkeiten; der Staatssekretär ist nicht am Platze, der in Bagatellen hineinsteigt, wie in das alte Eisen, sondern er ist an seinem Platz, wenn er die Nase über Waffer hält und dafür sorgt, daß in großen Dingen keine Fehler gemacht werden. Eine Flotte wird nicht von heute auf morgen gebaut, sondern dazu bedarf es eines Menschenalters. Sehnliches gilt von dem Werftbetrieb; aber hier ist seit zehn Jahren Von Jahr zu Jahr verbessert worden. Auch die Vorschläge des Abg. Struve für Verbesserung deS Werftbetriebes werde ich sorg« fältig prüfen.— Herr Schräder ist auch auf das Gebiet der Auswärtigen Politik eingegangen. Darüber zu sprechen ist nicht meines Amtes; ich will nur betonen, daß unser Flottenbau nicht über den Nahmen deSFlottengesetzeS hinaus beschleunigt wurde und beschleunigt werden konnte. Es war das ein wunderlicher Irrtum, der in England verbreitet war. Die deutsche Presse hat— das muß ich hervorheben— zu einer Verhetzung nicht beigetragen, sondern ist in, Gegenteil sehr zurückhaltend gewesen.— Bei der Streichung der Heizerzulagen befanden wir uns unter dem ge waltigen Druck des vorjährigen Beschlusses des Reichslages und der Finanzlage; aber so wie diese Zulagen jetzt gestaltet sind, sind sie meines Erachtens auch den Matrosen gegenüber gemacht. Ich gönne den Leuten ja mehr, aber aus dem Marineetat ist ein Mehr nicht herauszuholen.(Bravo I rechts.) Abg. NoSke(Soz.): Dem Staatssekretär ist gestern bereits für die Sparsamkeit, mit Rleines fcuilleton. „Bucheinbände in Menschenhaut." So ist ein Auffatz der „Zeitschrist für Bücherfreunde" überschrieben, der zunächst einige be- reirs aus anderen Quellen bekannte Fälle anführt, in denen Menschenhaut zu Bucheinbänden und zu sonstigen besonderen Zwecken verwendet wurde. Dann aber teilt der Verfasser aus seiner eigenen Praxis mit, daß er einmal drei Bucheinbände aus Menschen haut angefertigt habe. Dazu bemerkt der„Kunstwart":„Also dergleichen geschieht heute wieder. Und da findet man, der Begriff„Snob" sei eigentlich nur ein gehaltloses Modewort! Wenn das der Gemeinde der Bibliophilen in ihrem Organe zum besten gegeben wird, so erleben wir vielleicht noch Buchhändleranzeigen: Soundsoviele Exemplare auf Bütten, soundsoviele in Leder und ,25 numerierte in Menschen- haut gebunden a 200 M." Wir aber meinen, daß die widerliche Roheit noch viel energischer gebrandmarkt werden sollte: als ein Verbrechen an der Menschheit. Deutsche an der Wolga. Seit rund l50 Jahren bestehen zu beiden Seilen der Wolga in den-russischen Gouvernements Saratow und Samara zahlreiche deutsche Niederlassungen, die sich bis aus den heutigen Tag erhallen haben. Den auf dem sogenannten Berguser des Stroms(dem rewien oder westlichen Ufer) gelegenen Kolonien dieser Art hal der Geistliche Konrad Keller aus Odessa einen Aufsatz in der Monatsichrisl„Deutsche Erde" gewidmet. Die ineisten dieser Siedelungen wurden im Jahre 1764 von deutsche» Auswanderern gegründet, die aus verschiedenen Teilen Deutschlands kamen. Bei einigen der heutigen Ortschaften läßt sich die besondere Herkunst nicht mehr genau nachweisen oder die Ansiedler hatten sich bei der Begründung bereits vermischt. Von anderen Kolonien weiß man aber noch jetzt genau, aus welcher Gegend Deutschlands die ersten Bewohner kamen. Die deutschen Namen der Ortschaften sind fast durchweg russifiziert worden, die alten deutschen Bezeichnungen haben sich aber wenigstens noch in der Erinnerung erhalten. Dazu kommen noch die beiden Kolonien Marienfeld und Joscphstal, die erst im Jahre 1852 von benachbarten deutschen Kolonien gegründet wurden. Gegenwärtig haben die fünfzehn deutschen Kolonien eine Einwohnerschaft von insgesamt 39 000 Seelen, die mit ganz geringen Ausnahmen»och jetzt römisch-katholisch sind. Das ganze Gebiet ist recht günstig gelegen. Das Klima ist gesuud, der Boden fruchtbar und die Bewohner verfügen über einen erheb- lichen Wohlstand, der sich teils auf Ackerbau, teils auf Viehzucht und teils auf Handwerk gründet. Das ganze Gemeindeland wird in den meisten Kolonien alle sechs Jahre unter die männlichen Bewohner von neuem verteilt. Das Museum der Straßenrufe. Die Gründung eines Museums teS Wortes in Paris, in dem die Wandlungen des Sprachgeistes der der Marineetat aufgestellt ist, Dank abgestattet worden. Zu be- sonderen Dankbarkeitsvisiten haben wir keinen Anlaß. Die neuen schweren Steuern reichten eben nicht zu mehr aus, vorläufig ist erst mal wieder der Kriegsministrr dran, und die Marineverwaltung mußte sich nach der Decke strecken. — Die Stimmung, daß von Deutschland ein Angriff zu fürchten sei, ist in England leider immer noch vorhanden, und man forderte dort von militärischer Seite, die Flotte solle schleunigst mit 2000 Millionen Mark ausgebaut werden. Der erste Lord der Admiralität lehnte das ab, die Flotte in solcher Weise auf Schulden aufzubauen, wäre ein erstes Zeichen des Versals s.(Hört! hört! beiden Sozialdemokraten.) Herr Erzberger meint, wir brauchen die Flotte für unseren Handel. Ach, wenn wir neue Kriegsschiffe bauen, verkauft unsere Textilindustrie keinen einzigen Strumpf mehr.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Andere Länder, z. B. Belgien, denken gar nicht daran, wegen ihres Handels Kriegsschiffe zu bauen. Der Staatssekretär rechnet eS sich zum Ruhme an, mit den vom Reichstag bewilligten Geldern ausgekommen zu sein. Kein großes Kunststück angesichts der reichlichen Bewilligungen! Herr Erzberger seierte die Fortschritte des deutschen Schiffs- baus. Dieselben sind ganz unleugbar. Aber beachtenswert sind die wenigen ausländischen Schiffsbestellungen, die in Deutschland ge- macht werden.* Der Flottenverein ist fortgesetzt an der Arbeit, für die Vermehrung der Flotte— die natürlich sehr im materiellen Interesse einflußreicher Kreise liegt— Stinmiung zu machen. Bei dem großen Einfluß, den der Großadmiral v. Köster auf diese Bewegung ausübt, ist es recht schwer, zu glauben, daß das Reichsmarineamt diesen Treibereien so ganz fernsteht.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Tirpitz sprach von einem„gewissen" Abschluß der Rüstungen. Ich fürchte, das Wörtchen„gewissen" ist mehr zu unter- streichen als das Wort„Abschluß". Wir müssen leider damit rechnen, daß die Rüstungen fortgesetzt werden. Ich schließe mich durchaus den Ausführungen des Kollegen Erzberger darin an. daß die englische Furcht vor einem deutschen Ueberfall völlig unberechtigt ist. Ich gebe auch dem Staatssekretär darin recht, daß die deutsche Presse in der Sprache gegenüber England in den letzten Jabren eine größere Zurückhaltung bewiesen bat, als früher. Ich will aber die Gelegenheit nilbt vorübergehen lassen, ohne an dieser Stelle zu erklären, daß beide Länder, England wie Deutschland, alles Interesse am Frieden haben, daß sie von einem Kriege nichts, gar nichts zu erwarten haben.(Leb- hafter Beifall bei den Sozialdemokraten). Der Reichskanzler hat bei verschiedenen Gelegenheiten Klagen geführt über die Kritik, die hier an deutschen Zuständen geübt wird. Uns wäre es wahrhast angenehmer, zu loben als zu tadeln. Aber gerade unsere Pflicht gegenüber der Nation zwingt uns zum Tadel. Es ist ganz unleugbar, daß Deuischland— ich erinnere an die Kriegsrede des Herrn v. Schwartzkovfen auf der Haager Kon- ferenz— sich ablehnend gegenüber der Abrüstungsidee verhalte» hat. Es ist ebenso unleugbar, daß diese und andere politische Fragen von höchster Wichtigkeit mit dem Marineetat zusammenhänge». Es sind auch von verschiedenen Rednern solche allgemein-politische Fragen in die Debatten geworfen. Der Staalssekrerär erklärte darauf, er könne auf die Frage nicht eingehen. Um so nötiger wäre eS gewesen, daß der Reichskanzler bei dieser Gelegenheit hier er- schienen wäre.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdem.) Daß er nicht erschienen ist, zeugt von Mißachtung des Reichs- tags.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Herr D r ö s ch e r und andere Redner haben den Staatssekretär mit allen möglichen Lobsprüchen überschüttet. Auch daß Maß ge- halten sei im Bau der Unterseeboote und daß vor dem Kieler Unglück keine Verlnste von Menschenleben bei Unterseebootübnngen zu be- klagen gewesen seien, wurde zum Ruhme des Staatssekretärs an- geführt. Ohne Vorbehalt kann ich nicht in diese Lobsprüche ein- stimmen. Der Kieler Katastrophe ist eine Katastrophe in Cuxhaven vorausgegangen. Ich kann auch die Vermutung nicht abweisen, daß im Kieler Hafen die drei Menschenleben gerettet worden wären, wenn das Hebeschiff„Vulkan" zur Stelle gewesen. Ich mutz h?er aber auch noch auf einen tieftraurigen Fall ein- gehen. Im Kieler Hafen ist ein Matrose von Unteroffizieren eines Torpedobootes in geradezu bestialischer Weise zu Tode gemartert worden.(Vielfaches Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Mann ist mit Fußtritten traktiert, mit dem Tan g e« schlagen worden(Erregte Pfui I- Rufe links), in einen glühende» Raum gestoßen phonographisch festgehalten werden sollen, hat einen unternehmenden Pariser Lehrer dazu getrieben, auch seinerseits ein Museum zu er- richten, das zum mindesten eine interessante Ergänzung der bereits bestehenden Institution bringen soll: ein Museum der Straßenriffe. Mit einem stattlichen Grammophon ausgerüstet, liegt der Lehrer in seinen Mußestunden in den Straßen und Boulevards auf der Lauer, um all die langgezogenen, wechselnden und charakteristischen Rufe der Pariser Straßeuverkäufer auf die Platte seines Apparates zu bannen. Wo immer sich irgend ein Verkäufer sehen läßt und durch seine Rufe die Aufmerksamkeit der Haus- bewohner erweckt, eilt der eifrige Lehrer mit semem Grammophon herbei und bittet um Wiederholung. Die Fischfrau, die Gemüse- frau, der Vogelfuttermann, der Korbmacher, der Blumenverkäufer und die schrillen Tenorrufe der italienischen Gipsfigurenhändler sind bereits für die Nachwelt gesichert. Stur zwei haben den Verlockungen deS fanatischen Sammlers getrotzt: die Frau eines Stuhlflechters, sie singend in den Slraßen einherzieht, um Aufträge für ihren Mann zu erlangen, und jener stämmige Herkules, der in den Seiten- straßen in seiner dumpfen Batzstinime mit dem gröhlenden Rufe „Tonnssux, tonnoaux!" die Bürger erschreckt und leere Fässer kaufen will. Die Frau des Stuhlflechters hatte eine Heidenangst vor dem Apparat, und keine Macht der Welt hätte sie dazu gebracht, vor der großen Schalltrompete ihren Ruf zu wiederholen. Der Faßkäufer aber wandte dem Straßenrussammler verächtlich den Rücken und hörte die Bitte nicht einmal bis zu Ende an. Der Fernschreiber. Wie der„Elektrotechnische Anzeiger" vom 2. Februar d. I. mitteilt, ist vor kurzem in London die erste Ver- mittelungsanstalt für Fcrnschreibleiiungen eröffnet worden. Es bandelt sich hier um die praktische Durchführung einer keineswegs neuen Erfindung, die den Zweck verfolgt, handschriftlich nieder- geschriebene Nachrichten oder Skizzen in einer beliebigen Entfernung durch den Draht zu übermitteln. Die Londoner Fernschreibanlage ist für 750 Anschlußleitungen eingerichtet; hat aber zunächst nur 50 Teilnehmer. Den Hauptteil des Fernschreibers bildet die sinnvolle Vorrichtung, die die Bewegung des von Hand geführten Bleistiftes in zwei von- einander unabhängige Bewegungen zerlegt. Diesen Bcivikgungen entsprechen zwei wechselnde Ströme in der Leitung, die ihrerseits bei der Empfangsstelle zwei unabhängige Bewegungen erzeugen. Hier erfolgt deren Verschmelzung und eine Schreibstistipitze wird mechanisch genau so geführt, wie der Bleistift von der Hand auf der Sendstelle. Durch eine weitere Vorrichtung wird die gleichförmige Bewegung des Schreibpapiers aus der Send- und Empfangsstation erzielt, und damit ist die Einrichtung des Fernschreibers im wesentlichen erschöpf». Mit jedem Apparat ist ein Fernhörer verbunden, der mit derselben Slromleitung bedient wird. Dadurch wird jedem Teilnehmer er- möglicht, von der Zentrale die gewünschte Verbindung telephonisch zu verlangen, die dann wie eine Fernsprechverbindung hergestellt wird. Aber im Gegenteil zur letzteren braucht hier der Empfänger (Stürmisches HörtI hört! bei den Sozialdemokraten), auf ein spitziges Eisen geworfen worden.(Vielfache stürmische Pfui!- Rufe.) Wie ist es möglich, daß solche Bestialitäten geschehen können I Hier müßte doch der Begriff der Notwehr auf die Mannschaflen ausgedehnt werden(Lebhafte Zustimmung), damit sie nicht gezwungen sind, solchen elenden Schinderkncchten ruhig stand zu halten. Eine weitere' Merkwürdigkeit an diesem verwunderlichen Fall ist. daß das Kommando des Torpedobootes dem Vater des Miß- bandelten mitteilte, sein Sohn sei an einem„Unfall" gestorben.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Solchen scheußlichen Niederträchiigkeiten müssen wir hier entgegentreten. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Gegen das Schmiergeldcrwesen kämpft die Marineverwaltung an. aber große Erfolge hat sie nicht dabei; auch im letzten Jahre hat sich wieder gezeigt, dckß das Schmier- geldcrlvesen bei der Marine in voller Blüte steht.— Bei den Zulagen sei überall geipart worden, wurde hier behauptet. Das ist nicht richtig. Bei den Zulagen der Adniirale ist nicht ein Pfennig gestrichen. Auch bei der Neuordnung der Taielgelder wird eine Er- spacnis kaum berauskonimen; aber bei den Heizern will der Staats- selretär, der sich»icvt um Kleinigkeiten küinmert, sondern nur die Nase über Wasser halten will, um die Richtung anzugeben, zehn Pfennig pro Tag streichen. Man wird uns nicht einreden können, daß die 320 000 M., welche zur Wiederherstellung der vollen Zulagen»ölig sind, aus dem 400 Millioneuetat nicht heraus- geschunden werden können. Wenn unseren Anträgen auf Wieder- einietzung dieser Zulagen nichr stattgegeben wird, so werden wir auch außerhalb dieses Hauses darauf hinlveisen, wie d ie bürger lichten Parteien die breiten Volksmassen mit Steuern belasten und auch hier wieder bei den armen Teufeln sparen.(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten.) Herr D röscher bescheinigt die Streichung der Heizer- zulagen, indem er sagte, der Heeresdienst soll eine Schule der lln- eigennützigkeit sein. Nun, bei den höheren Stellen merkt man von dieser schönen Uneigennützigkeit und de», Spartanersinn nichts. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr Erzberger meint, unser Antrag würde den Heizern nichts nützen, denn wir lehnen ja nachher den ganzen Etat ab. Nun, dann haben die bürgerlichen Parteien ja doppelt Gelegenheit, sich hier mit der Gloriole der V o l k S f r e u n d l i ch k e i t zu schmücken.(Sehr gut! bei den Soz.) Wir werden ihnen Gelegenheit dazu geben, indem wir über die H e i z e r z u l a g e n namentliche Abstimmung beantragen. Es ist ganz unzweifelhaft, daß es aus das Konto des Staatssekretärs des Reichsmarineamts zu setzen ist, wen» den Heizern der Groschen abgeknöpft wird. Dies Verhalten zeigt, daß ihm das Gefühl für die Empfindungen des gemeinen Mannes ab- handengekomme» ist— vorausgesetzt, daß er es überhaupt jemals besessen hat. Statt bei den hohen Herren spart man bei den arnien Teufeln I(Lebhaftes und wiederholtes Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Es sind auch sonst in diesem Etat Streichungen vorgesehen, die uns nicht gefallen; aber vor dieser empörenden Kürzung der Heizerzulage schwindet das alles.(Sehr wahr I bei den Soziald) Sonst feiert man die Traditionen und hier bricht man mit der Tradition, Leuten, die übrigens mehr als Oekonomiehandwerker denn als Soldaten anzusehen sind, für eine schwere, aufreibende Arbeit eine kleine Zulage zu geben! Und dann klagt man uns der Hetzerei an, wenn wir ein solches Vorgehen festnageln! Ich kann mir keine antimilitaristischere Handlungsweise vorstellen als diese Kürzung der Heizerzulage. Ich weise übrigens mit Entrüstung die Unterstellung zurück, daß wir die Leute aufreizen. Wir haben in der Kommission nur, und zwar nachdem wir provoziert waren, auf die möglichen Folgen hingewiesen, die eine solche gehässige Maßregel, wie die Kürzung oder Streichung der Heizerzulagc, in bezug auf den Mannschaftsgeist haben könnte. — Wir bitten dringend, es nicht bei der Wiederherstellung der halben Zulage bewenden zu lassen, sondern die ganze Zulage wiederher- zustellen. Agitationsstoff brauchen wir nicht, wir haben genug und übergenug davon. Wenn Sie uns aber durchaus noch mehr Agitationsstoff liefern wollen, nun, so denken wir an daS alte Sprichwort: Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit!(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär v. Tirpitz: Der Fall einer Heizermißhandlung ist von dem Vorredner mit den Hcizerzulagen in Verbindung gebracht. /z Uhr. in Kellers „Neuer Philharmonie" unter Leitung von Bernhard Dessau als K a m m e r m u s i k a b e n d. bei dem Streichquartette von Mozart und Haydn zum Vortrag kommen. Die Gesangsvorträge haben übernommen: Frau Sophie Heymann-Engel und Herr Anton Sistennans. — Die allgemeine Reichsgeschmacklosigkeit. dre sich überall ausprägt, wo das Deuische Reich künstlerisch wirken könnte, ist um ein neues Exempel vermehrt worden. Unsere Münzen und Briefmarken sind so ziemlich die häßlichsten in der Welt. Jetzt ist die Verschönerung auch über die Hundertmarkscheine gekommen. Aus Eichenwald und Panzergeschwader und einer Reichsjungsrau (aus einer Jahrmarktsbude) fft mit Hilfe von Verzeichnungen und StiNofigkeiien ein Monstrum geschaffen worden, das jedem Museum für abschreckende Beispiele zur Zierde gereichen würde. Schade nur. daß diese neueste Reichskunst in ihrer negativ erzieherischen Wirluna durch ihre Seltenheit in weiteren Kreisen gehemmt ist. zu zehn Jabren Zuchthaus verurteilt. �Hort! hört! rechts.) Gegen die aussichtsführendc» Instanzen ist das Ermittelungs- Verfahren noch nicht abgeschlossen. Es ist also alles geschehen, was geschehen konnte. �Lebhafte Zustimmung rechts, im Zentrum und bei den Nationallibcralen.) Die Schmiergelder sind keineswegs Usus bei der Marine. wie der Herr Vorredner es darstellte; es sind einige Fälle mit Hoteliers vorgekommen, doch ist dem für die Zukunft ein Riegel vorgeschoben. Bei den Zulagen sind auch bei den Offizieren sehr erhebliche Abstriche gemacht. Herr Noske meint, wir tragen mit der Streichung der Heizerzulagen selbst Unzufriedenheit in unser Personal.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wer sich darum bemüht, Un- Zufriedenheit in unser Personal zu tragen, ist ja bekannt.(Zu- stimmung rechts.) Natürlich sind die Leute nicht erbaut von der Aussicht, Zulagen zu verlieren; aber die Herren(zu den Sozial- demokraten) brauchen sich nicht beunruhigen, wenn von der zuständigen Stelle aus das befohlen ist, so wird die Unzufriedenheit aufhören. (Schallende Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Weber(natl.): Es ist zu begrüße», wenn ein Resiort- minister die Unpopularität bei seinem Personal nicht scheut, um den vom Reichstag aufgestellten S p a r s a m k e i t s g r u n d s ä tz e n ge- recht zu werden; und der Reichstag sollte in solchem Falle sich hinter den Staatssekretär stellen, unr ihm den Rücken zu stärken, nicht aber ihn bekritteln!— Soldaten- und Matrosenmihhandluugen verurteilen wir entschieden wenn aber Nemedur eingetreten ist, liegt kein Grund vor, liier auf sie zurückzukommen.— Was die H e i z e r z u l a g e betrifft, so bat der Staatssekretär in der Kommission für die Heizer Vergünstigungen, die wertvoller find als die gestrichenen tv Pfennig, in bezug auf Beköstigung und Bekleidung in Aussicht gestellt. In der Erwartung, daß diese Vergünstigungen eintreten werden, stiminen wir gegen den sozialdemokratischen Antrag, obwohl wir wissen, daß die Sozialdemokratie aus unserer Slblehnung ihres Antrags agitatorisches Kapital zu schlagen beabsichtigt.— Redner verbreitet sich ausführlich über die Er- fahrungen bei seiner Besichtigung der Reichswerfl— übrigens habe er die Reise nicht auf ReichStosten gemacht, sondern aus der eigenen Tasche bestritten. Es komme oft vor. daß die Arbeiterausschüsse selbst auf Herab- sctzung der Akkordlöhne drängen. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Müsien das aber Musterknaben sein I Heiterkeit.) Es sei zu wünschen, daß die Werft- direktoren außeretatSmäßig angestellt werden, damit sie sofort vom Staatssekretär enlsernt werden können, wenn sie sich als un- fähig erweisen.— Redner gibt unter allgemeiner großer Heiterkeit des Hauses Proben von der Schwerfälligkeit der Re- Visionen des Rechnungshofes. Wegen 2 Mark S Pf., die ein halbes Dutzend Filzschuhe zuviel gekostet haben sollten, sind Aktenstücke zwischen Kiel, Wilhelmshaven, Potsdam und T singt au gewechselt worden(Hört! hört!) und insgesamt über 79 Mark Kosten für Schreibarbeiten, Nachforschungen usw. entstanden.(Erneute? leb- Haftes Hört! hört!)— Ferner wirft Redner dem Abg. S e v e r i n g vor, sich ungenügend über die Zustände auf den Werften orientiert zu haben.(Beifall bei den Nationalliberale».) Abg. Herzog lWirtsch. Bg.): Der Marineetat ist sparsam aufgestellt und da« Flottengeietz hat sich gut bewährt. Wir werden gegen die Kürzung der Heizerzulagen stiminen. Abg. Dr. Leonhart(Vp.): Herr Erzberger rühmte die Bindung unseres Flottengesetzes. Aber diese Bindung ist eine einseitige, sie bindet den Reichstag, nicht aber die Marineverwal- tung. Herr Dröscher lobte gestern die Marineverwaltung ganz außerordentlich, aber schlecht paßte dazu, was er über die gestrichenen Heizer sagte.(Heiterkeit.) Der schwere Dienst der Heizer verlangt auch eine besonders gute Bezahlung, und deshalb fordern wir die unverkürzte Wiederher st ellung der Heizerzulagen. Daß die Rede des Prinzen Heinrich hier in der Weise zur Sprache gebracht wurde, wird ihn selbst wohl sehr überraschen; über den inneren Feind hat er wohl nur sein« Privatmeinung ausgesprochen, meine Freunde haben jedenfalls eine andere Meinung über den inneren Feind. Ucberraschend war uns die Mitteilung des Staatssekretärs, daß Prinz Heinrich als Großadmiral weder Pension noch Gehalt bezieht. Das ist sehr erfreulich und wir würden uns sieuen, wenn noch mehr solche Fälle vorhanden wären.(Zustimmung bei der Volkspartei.). Biel ist vom Luxus der Offiziere gesprochen worden; in dieser Hinficht ist eine Rede, die der' Kaiser kürzlich gehalten, von Bedeutung. In England enthalten sich über 20 000 Seeoffiziere des Alkohols; dies Beispiel sollten unsere Marineoffiziere nachahmen.(Bravo I bei der Volksparlei.) Abg. Werner(Antis.) führt aus, daß unsere Flottenpolitik sich glänzend bewährt habe; seine politischen Freunde würden daran festhalten. Die Rede des Prinzen Heinrich, die übrigens im kleinen Kreis gehalten und nicht für die große Oeffentlichkcit bestimmt war, zeigt durchaus vernünftige Anschauungen, über die sich niemand aufzuregen braucht.(Bravo I rechts.) Abg. Erzberger(Z.) verwahrt sich dagegen, den Staatssekretär übermäßig gelobt zu baben. Herr NoSke stellt es so dar, als ob die Zabl der Kriegsschiffe Deutschlands nur von unserem Be- lieben abhängen, und wies auf Belgien hin. Zch frage ihn, warum denn England mit dem Schiffsbau nicht inne hält. Gerade England bat zuerst große Schiffe gebaut und u»S dazu genötigt, in der Größe der Schiffe zu folgen. DaS hat auch der eng- lifche Sozialdemokrat B l a t ch f o r d anerkannt.(Abg. Ledebour fSoz.j: Der ist nicht Sozialdemokrat.) Er war doch auf dem Internationalen Kongreß in Stuttgart.(Abg. Fischer fSoz.): Nein, dort war Queich.) Der nimmt etwa die Stellung ein. wie hier David in den„Monatsheften-.(Abg. G ö h r e fSoz.): Der schreibt ja gar nicht mehr für die.Monatshefte-.) Ist ihm sogar da« schon verboten worden?(Abg. Fischer fSoz.): Bei uns wird nicht soviel verboten, wie bei Ihnen. Denken Sie an den M o d e r n i st e n e i d!) Präsident Graf Schwerin bittet den Redner, aus die Zwischen- rufe nicht einzugehen. Abg. Erzberger(sortfahrend) sucht noch einmal den Abstrich von den Heizerzulage» zu rechtfertigen. Abg. Dr. Struve(Vp.) beklagt die Konkurrenz, die die Be« kleidungsämter den selbständigen Handwerkern machen. In den Werslbetrieben muß noch mehr k a u f m ä n n i s ch e r G e i st zur Geltung kommen, soweit es mit der Natur der Staatsbetriebe der- einbar ist.— Wie kann man die Zulagen der höheren Offiziere mit denen der Heizer vergleichen? Bei hohen Gehältern läßt sich der Forlfall von Zulagen verhältnismäßig leicht ertragen.(Abg. v. Oldenburg(k.) schreit dazwischen: Verzichten Sie doch auf Ihre Diäten!) Gehen Sie mit gutem Beispiel voran, Herr v. Oldenburg; bei Ihrer bekannten Portemonnaievorliebe mag eS Ihnen allerdings schwer fallen.(Sehr gut! und Heiterkeit links.)— Der Reichstag sollte sich doch wahrhaftig nicht das Armutszeugnis ausstellen und den Heizern die Zulage kürzen.(Lebhafter Beifall links, höhnische Zu- rufe rechts.) So lange noch solche Zulagen an die Offiziere bezahlt werden wie die H e l g o l a n d- Z u l a g e, die auch an die 100 000 Mark beträgt, so lange kann man es dock nicht mit gutem Gewissen verantworten, den Heizern ein solches Opfer zu- zumuten.(Levyafter Beifall links.) Staatssekretär v. Tirpiy polemisiert gegen die Abgg. Leon« hart und Struve und sucht die Helgolandzulage zu rechtfertigen. die übrigens erheblich zusammengestrichen sei. Ganz streichen kann man die Zulage nicht, sonst werden uns die Offiziere bei dem zurück« gezogenen Leben auf Helgoland döfig.(Gelächter.) Sie müsien sich manchmal auffrischen können.(Zuruf: Nach Hamburg reisen l) Abg. Dr. Strnvc(Vp.): Wenn man den Offizieren die Helgo« länder Zulage läßt, dann soll man erst recht den Heizern ihre Zu- lag« lassen! Die Debatte schließt. Persönlich erklärt Abg. Noske l.Soz.): Es ist mir gar nicht eingefallen, die Heizer- Zulage niit der tödlichen Mißhandlung eines Heizers in Zusammen- hang zu bringe». Der Staatssekretär hat mir sodann vorgeworfen, daß ich die Verurteilung des betreffenden Unteroffiziers nicht er- wähnt habe. Ich hatte zu dieser Erwähnung keine Veranlassung, da meines Wissens der Unteroffizier noch nicht Schutzmann in Moabit ist und für die vo» ihm begangene Mißhandlung auch leinen Orden erhalten hat.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Hierauf vertagt das Haus die Fortsetzung der Beratung des Marineetats auf Mittwoch 1 Uhr. Nachher: Justizetat. Schluß 7l/z Uhr._ Mgeoränetenbaus. 20. Sitzung vom Dienstag, den 14. Februar, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Dallwitz. Zunächst wird das Gesetz, beireffend Bewilligung weiterer Staatsmittel zur Bcrbesserung der Wohnungsverhältnisse von Ar- beitern in staatliche» Betriebe» und von gering besoldeten Staats- beamlen in dritter Lesung angenommen Hierauf wird die zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern fortgesetzt. Abg. v. Bieberstein(k.): In dem Falle des Versammlung»- Verbots in Neuenhagen, den Herr Hirsch gestern vorbrachte, war der Landrat von der Osten durchaus im Recht; nach seiner Meinung lag eben eine Gefährdung der öffent- lichen Sicherheit vor. Die Wertung der Gründe ist natürlich Tatfrage, aber der Landrat kann nicht ängstlich daran denken, wie eine höhere Instanz entscheiden wird, sondern muß nach eigenem Ermessen im Interesse der öffentlichen Sicherheit seine Entscheidung treffen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Aber unter Beachtung der gesetzlichen Bestünmungen!) Herr Hirsch ist dann wieder m seiner bekannten Manier gegen die Berliner Polizei vorgegangen und hat gegen sie zum Teil ganz un- kontrollierbare Beschuldigungen erhoben. Ich will demgegenüber nur konstatieren, daß der Ehrenschild der Berliner Polizei rein i st und hoffenrlich rein bleiben wird.(Lebhaftes Bravo I rechts. Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Redner polemisiert des weiteren gegen die Ausführungen des Abg. Loh- m a n n über den Becker-Prozeß. Von den nationalliberalen Agitatoren im Lande wird gegen die Landräte in schäm- loser Weise gehetzt.(Große Unruhe links.) Die Folge dieser Verhetzung ist, daß wir jetzt im Osten fast in jedem Dorfe einen sozialdemokratische» Herd haben.(Hört I hört! bei den Sozial- demokraten.) Abg. v. Trampczhnski(Pole) führt Beschwerde über die Hand- habung des Vereinsgesetzes in den polnischen Provinzen. In A l t e n e s s e n hat sich ein Kriminalkommissar in einen polnischen Leseverein eingeschlichen und diesen als politischen Verein denunziert. Die Leiter mußten aber freigesprochen werden. In Posen hat man sogar eine K i n d e r s ch u tz st u b e für polnische Schulkinder verboten.— Durch die zur Regel gewordene Nichtbestätiguna von Polen wird die Selstverwaltung bei uns zur Parodie einer Selbstverwaltung.(Sehr wahr! bei den Polen.) Das ganze Vorgehen gegen die Polen ist zurückzuführen auf' die denunziatorische Tätigkeit des Ostmarkenvereins. Es ist unerhört, daß die höchsten Behörden in Posen sich an den Tagungen dieses Vereins beteiligen.(Sehr richtig I bei den Polen.) Minister v. Dallwitz: Meine Stellungnahme zu der allgemeinen Haltung der Polizei in Moabit habe ich in der ersten Lesung eingehend dargelegt und begründet. Ich habe meinen da- maligen Ausführungen nicht« hinzuzufügen.(Leb- Haftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Unsere Politik in den Ostmarken ist eine notwendige Konsequenz der geschichtlichen und wirtschaftliche» Entwickelung. An ihre Aenderung ist solange nicht ui denken, als die polnischen radikalen Kreise nicht davon ablassen, sich von den Deutschen abzusondern und ihre deulsch- und staats- feindlichen Bestrebungen praktisch zu betätigen.(Bravo! rechts.) Abg. Cassel(Vp.): Das angekündigte Gesetz über die Feuer- b e st a t t» n g wird hoffentlich bald vorgelegt werden. Die Tätig- keit des OberverwaliungSgerichts darf nicht ein�schränkr werden, denn es hat sehr segensreich gewirkt.— WaS sie M o a b i t er Vorgänge anlangt, so halte ich es für durchaus notwendig, daß Straßeimnruhen durch die Polizei unterdrückt werden, wir müffen auch Mitleid haben mit den zahlreichen Opfern, die auf feiten der Polizei dabei verletzt sind. Aber wir müssen auch Mitgefühl haben mit den ganz unbeteiligten Personen, die in sehr zahl- reichen Fällen von Polizeibeamten gröblich beschimpft, schwer verletzt, in einem Falle sogar getötet i n d. Diese Mißhandlungen haben in weitesten Kreisen der Berliner Bevölkerung ein Gefühl tiefster Entrüstung und Em- pörung hervorgerufen.(Sehr richtig I links.) Die so viel gerühmte preußische Disziplin muß auch die Nerven unserer Schutzleute beherrschen. Namentlich die gerichtlich fest- gestellten Beschimpfungen von Frauen zeugen von ganz unentschuldbarer Roheit.(Sehr richtig! links.) Das Maß der Re- pression gegen Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung muß auf das Notwendige beschränkt werden, auch Exzedenien darf nicht mehr als notwendig Uebel zugefügt und Unbeteiligte müssen geschützt werden. Angesichts der Feststellungen des Gerichts ist die b e- kannte Aeußerung des Polizeipräsidenten sehr bedauerlich. Seine polizeilichen Vernehmungen können gegenüber den gerichtlichen Feststellungen gar nichts bedeuten.(Sehr richtig! links.) Vor allem ist es bedauerlich, daß es nicht möglich gewesen ist, die Urheber der polizeilichen Ueber- risse zu ermitteln.(Sehr richtig! links.) Herr wlizeimajor Klein hat im zweiten Moabiter Prozeß erklärt, er sei erhobenen Hauptes bei der ersten Verhandlung in den Saal getreten, in der festen Ueberzeugimg, die Verantwortung für jeden der ibm unterstellten Beamten übernehmen zu können, und er müsse bedauern, daß er dies Bewußtsein jetzt nicht mehr habe.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Um so bedauerlicher ist. daß ein so hoher Staatsbeamter wie der Berliner Polizeipräsident sich in Widerspruch stellt mit den Feststellungen des Gerichts.(Bravo! links.)— Redner protestieit gegen die Be- Häuptling des Abg. v. Z e d l i tz, Berlin wähle seine Beamten lediglich nach politischen Gesichlspuiilten aus. und polemisiert gegen den Abg. v. Bieberstein. Für Herrn v. Bieberstein ist alles Konservalive vernünftig und zu billigen, alles andere— antinational. Ich muß es den Nationalliberalen überlassen, sich gegen den Vor- Wurf zu verteidige», daß durch ihre.schamlose- Agitation gegen die Landräte in jedes Dorf im Osten ein sozialdemokratisches Ei gelegt worden sei.(Abg. Hoffmann fSoz.): Wir werdend schon aus- brüten. Heiterkeit.) Die Wohnungskündigung gegenüber dem Bürgermeister Wagner in Labiau ist ein kleinlicher Akt politischer Nachsucht, gegen den wir aufs schärfste Protest einlegen müssen. (Bravo! links.) Ajbg. Nisse»(Däne) protestiert lebhaft unter Anführung be- sonders krasser Fälle gegen die inhuinane, unbarmherzige Dänenpolitik der preußischen Regierung. Das Ansehen des preußische» Staates kann unter dieser kleinlichen, kurzsichtigen Politik nur leiden.(Sehr wahr l links.) Abg. v. Kardorff(frk.) nimmt den Ostmarkenverein gegen die Angriffe des Abg. v. Trampczhnski in Schutz und begrüßt die Er- klärung des Ministers zur Polenpolitik der Regierung. Abg. Marx177 sSO erlin! 119 SO Ftaufl.an 110 NO München Wien j 171 NO 778 N Iii C i ä* t* 3 wolkig 1— 6 Haparanda IKOSW 6 Schnee— 2 2 bedeckt i 2 Petersburg 13V S 1 Dunst'— 24 1 halbbd.— 8 Sctll» 113 S 4 bedeck»« Lhalbbd.— 1 tlberdeev ISS SSW 3 bedeckt> 7 2 bedeckt—3 Parts.IIS NNO« 2wolleol— S 4wolkenl-7 I: Ii 1 Wetterprognose tür Mittwoch, den IS. Febrnar 1V11. Trocken und vielsach heiter, zeitweise etwas nebelig bei mäßig« süd» östlichen Winden: außer um Mittag, Frost. Berliner Wetterbur»««. Nach den neuesten Meldungen auS der nördlichen Mandschurei nimmt die Pest in allen dortigen Handelszentren zu. Die Arbeitslosen bilden Räuber« banden, gegen die daS Militär machtlos ist. Der General- gouverneur deS AmurgebieteS kündigt die Ausweisung von 4000 arbeitslosen Chinesen auS Wladiwostok, N i k o l S k und Chaborowsk an. Die Zahl der Todesfälle in T u d s i a d j a n ist in der letzten Woche gesunken. Bisher find dort gegen 7000 Leichen verbrannt worden. Die Straßen werden von Leichen gesäubert und die nicht genügend tief eingegrabenen wieder aus- gegraben, um verbrannt zu werden. In der Stadt KwangtschöntSze wurden bisher 2500 P e st l e i ch e n v e r b r a n n t. Die Zahl der Todesfälle im Stadt- gebiet ist im Steigen. Die.Times' erhält bon ihrem SpezialMitarbeiter in Indien eine Mitteilung über ein außergewöhnlich starkes llm- sichgreifen in Indien. Nach dieser Meldung soll die Epidemie zwischen 10- und 20000 Opfer pro Woche im indischen Kaiserreich fordern. Die Hinduorgane melden, daß in der mit dem 2l. Januar endenden Woche 20 167 Todesfälle an Pest verzeichnet wurden, während in der Vorhergehenden Woche 12143 Personen der Seuche zum Opfer fielen. Seit mehr als vierzehn Jahren herrscht die Pest in Indien ununterbrochen. Eine genaue Zahl der Opfer der Seuche anzugeben ist zwar nicht mög- lich, doch sei als wahrscheinlich anzunehmen, daß die Epidemie bis- her ungefähr neun Millionen Menschen hinweg gerafft hat. Eine offizielle Statistik vom Ende des Jahres 1003 gibt als Zahl der bis dahin an Pest gestorbenen eine von 6 Millionen an. Der europäische Rundflug. Für den kommenden Sommer ist. wie schon früher einmal mit- geteilt, ein internationaler Fern flug geplant, der von Paris aus stattfindet. Die beteiligten Aviatiker werden bei der Gelegenheit auch Berlin berühren. Das Programm des Fluges ist nunmehr wie folgt festgestellt worden: Abfahrt von Paris am 4. Juni nach L ü t t i ch mit obligatorischer Zwischen- landung in Reims und Charleville: Entfernung 300 Kilometer. Die Flieger können diese beschwerliche Stoppe in zwei Tagen zurück- legen. Am 6. Juni Abfahrt von Lüttich nach Düsseldorf, am 7. Düsseldorf-H a n n o v e r, 8. Ruhetag, 9. Hannover-Berlin WnflerstandS.Sta-ti richte» der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m« l. TUM P r e g e l, Jnslerburg Weichsel, Thorn Oder. Ratibor , Krassen , Fraiikiurl Warthe, Schrinim , LandSberg Netze, Bordamm Elbe, Leinnerttz , Dresden , Larbll , Magdeburg am j'eil 13. 2.'12. 2. nra') —8 ——3 +2 ern 220») -14') 1543i 151«)—3 193-)!_ii 212-)!—13 30»)—2 12°)'—6 20°)+4 6 I+4 -IIS«! 0 III«)-6 146«)1—4 Wafl erstand Saale, Grochlitz Havel, Svandau-) , ttatbenow') Spree, svremberg«) , veeskow Weser, Münde» , Rind« Rhein, MaftmManSau , Kaub , Köw Neckar, Hetlbrorm Main, Wertheim Mosel, Trier '■)+ bedeutet Wuch»,— Fall.—-) Unierpegel.—*) Eisstand.— «) Eisfrei.—') Eisbewegung.—•) Eistrciben._ I ZartH* Hanl leidet nichl beim Waschen mit Perski, daher keine zersprungenen Hände. Persil gibt schSne teUe Lauge, löst Staub und Schmutz spielend. Wäscht von selbst ohne jeden andern Waschzusatz, ohne Reiben ond Bürsten# nur durch einmaliges, etwa viertel- bu halbstündiges Kochen. Erhtltllcb nur la OrlftnAl-Paketcaa HENKEL& Co.. DÜSSELDORF. Henkels Bleich-Sods. Pabrik-diiederlage für üeriin ana Vororte: Job. ftchmnlo*, Berlin N. 4, TieckstraOe 11. Verantwortlicher Rebakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil vcrantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u.Eo.. Berlin SW, Kr. 39. 28. ZahrMz. I Knitzt des„ Mittlvolh. 15. felirnitt 1911. Partei-?Znge!egenkeiten. Zur Lokalliste! T.-B. In Halensee steht uns das Nestaurant„Kurfurstenparl" lJnh. Pallas), Kursürstendamm 11S/1W, zu allen Veranstaltungen zur Verfügung. An Schmargendorf hat das„Schützenhaus" den Besitzer gewechselt. Doch steht uns das Lokal nach wie vor zur Verfügung. _ Die Lokalkonnnission. Charlottendurg. Heute abend 8'/, Uhr im.Volkshause': Versammlung der 3. Gruppe. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Dabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 18. d. MM, bei Wiese: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Wahl der Delegierten zur Generalversammlung und Ver- schiedenes. Der Vorstand. Pankow. Am Sonntag, den S.März, nachmittags 2 Uhr. findet eine Urania-Vorstellung statt. Gegeben wird: Von Sa» Remo nach Florenz. Billetts a 55 Pf. sind beim Genossen Ritzinan», Mühlen- stratze 30, zu haben. Die Parteigenossen wollen siw rechtzeitig mit Billetts versehen. Die Bezirksleitung. Borsigwalde-Wittenau. Donnerstag, den 16. Februar, abends 8'/z Uhr, in den Borsigwalder Festsälen: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Die Bezirksleitung. Buch und Umgegend. Am Sonntag, den 19. Februar, nachmittags 2 Uhr, im Lokal von Älbrecht: Volksversanunlung. Neserent: Reichs- tagsabgeordueler Artur Stadthagen. berliner JVacbricbtetio Aus der Unfall-Heilanstalt zu Wikhelmshagen, mit der wir uns schon öfter beschäftigen mutzten, haben wir end- lich einmal etwas Erfreuliches zu melden. Die Mängel dieser Anstalt, die von der Norddeutschen Holz-Berufsgenossenschaft zur Heilung ihrer Unfallverlctzlen benutzt wird, waren von zahlreichen Patienten in der letzten Zeit immer drückender empfunden worden. Schlietzlich kam es zu einem einmütigen Protest von zirka 90 Pa- tienten, die in einer schriftlich eingereichten Beschwerde die Be- rufsgenosienschaft um Abhilfe ersuchten. Wir erfahren, datz dieses gemeinsame Vorgehen wahrscheinlich einigen Erfolg haben wird. Der Chefarzt hat soeben den Unterzeichnern des Protestes mit- geteilt, datz eine Reihe von Uebelständen beseitigt werden s ol l. Die Einrichtungen der Anstalt sind bisher so dürftig gewesen, datz sie dürftiger kaum noch sein konnten. Sie vermag rund 150 Personen zu beherbergen, die auf 5 Stationen verteilt werden. So eine Station ist ein grotzer Saal, der in seiner nüchternen Kahlheit einen überaus unwohnlichen Eindruck macht. Hcizungs- und Lüftungsvorrichtungcn sind so, datz Hitzwellen und Zugluft mit- einander abwechseln. In der Nacht beiholten viele Patienten ihre Unterhosen auf dem Leibe, weil sie sonst in ihren Betten nicht warm werden. Der Futzboden ist kalter Zement, den kein Läufer oder Bettvorleger deckt. Der Chefarzt hat jetzt versprochen, datz nach dem Wunsch der Patienten die längst nötig gewesenen Bett- Vorleger beschafft werden sollen. Dürftig ist auch die Bekleidung, die die Anstalt den Patienten liefert. Wer nicht aus Eigenem etwas dazu tut, der kann bei kühlerer Witterung sich nicht ohne Bedenken in den Garten hinauswagen. Besonders schlimm ist der Mangel an geeigneter Futzbekleidung. In baumwollenen Strümpfen und Lederpantoffeln soll mal einer versuchen, im Winter auf den aufgeweichten Gartenwegen umhcrzuspazieren. Es heitzt, datz die Anstalt künftig den Patienten die geforderten wollenen Strümpfe liefern will. Vielleicht entschlietzt man sich, auch noch pro Mann «in Paar feste Lederschuhe hinzuzufügen. Verwunderlich schien es uns, datz Patienten auch klagten, die Anstalt sei ihnen nicht sauber genug. Datz in Heilanstalten peinlichste Sauberkeit herrschen mutz, galt uns immer als etwas ganz Selbstverständliches. Wir haben aber leider auch in diesem Punkte die Unfall-Heilanstalt zu Wil- Helmshagen nicht so gefunden, wie wir es erwartet hätten. Nach unseren Begriffen von Anstaltssauberkeit konnten wir den Pa- tienten nur darin beistimmen, datz diejenigen Betten, die wir be- sichtigten, unsauber genannt werden mutzten. Die aufgelegten Wolldecken Ivaren fleckig und vergraut, aus den Falten der See- grasmatratzen konnte man den Staub herauswischen. Als ein Patient zu unserer Belehrung auf ein leeres Bett schlug, stieg eine so reichliche Staubwolke daraus auf, datz die Nachbaren Ein- halt geboten. Unglaubliches erlebten wir. als ein Patient einen der in der Mitte des Saales aufgestellten übermannshohen Heiz» körper erkletterte, um uns zu zeigen, welche Massen von Staub da oben lagen. Den dicken Klumpen von Staub und Flocken, den er mit einem einzigen Griff zusammenraffte, haben, wir uns ein- wickeln lassen und als Beweisstück mit nach Hanse genommen. Wir geben uns der Hoffnung hin, datz die Holz-Berufsgenossen- schaft nicht etwa wegen Entwendung von„Anstaltseigentum" die Staatsanwaltschaft gegen uns mobil machen wird. Wie dieser widerwärtige Dreck ausgewirbrtt werden mutz, wenn durch die ge- öffneten Kippfenster beider Saalseiten der Luftzug strömt, das kann man sich leicht ausmalen. Uns wird gesagt, der Chefarzt habe jetzt für die Betten ein intensiveres Reinigungsverfahren in Aussicht gestellt. Es wird nötig sein, den Heizkörpern gleichfalls etwas mehr Beachtung als bisher zu schenken. Wir hatten übrigens Gelegenheit, in einer Station auch einen Waschraum zu besichtigen, dessen ganze Einrichtung recht unappetitlich aussah und uns einer Renovierung zu bedürfen schien. Eine Verbesserung soll jetzt wenigstens dem Waschraum des Uebungssaales zuteil werden, der fehlende Lattersfcelag des Futzbodens soll beschafft werden. Bis- her hatten die Patienten darüber zu klagen, datz sie auf nassem Futzboden stehen mutzten, wenn sie nach der Massage sich wuschen. Da wir gerade von der Massage sprechen, so sei hier erwähnt, datz auch über Unzulänglichkeit des Massagepersonals geklagt wird. Selbst wenn nur die Hälfte von 150 Patienten an der Massage teil- nimmt, so ist das zuviel für fünf Wärter, die in der Regel dabei tätig sind. Jeder kann sich leicht ausrechnen, wieviel Massage für jeden Patienten abfällt, wenn die ganze Arbeit in IVi bis 2 Stunden beendet fein soll. Aus dem Mangel an Personal erklären sich auch manche der anderen Mitzstände, vor allem die schon erwähnte llnsauberkeit. Aber so eine Anstalt soll ja möglichst wenig kosten. Gespart wird da selbst an Kleinigkeiten, in der Wilhclmshagener, Anstalt z. B. sogar am Licht, das dort bisher nur bis V'9 Uhr abends gewährt wurde. Als ein Fortschritt der Kultur, die nun auch auf diese Anstalt sich erstrecken soll, wird es von den Patienten begrützt, datz fortan bis. �10 Uhr Licht brennen soll. Rätselhaft ist. warum man nicht längst für ausreichende Trinkgelegenheit ge- sorgt hat. Wasserflaschen und Trinkgläser fehlen auf den Stationen. Wer Durst hat. darf aus dem Waschraum sich laues Wasser holen,( b« et in einer leeren Bierflasche auffängt. Will er das nicht, so! steht es ihm frei, in den Garten hinauszugehen und Brunnen- Wasser zu pumpen, was bei ungünstiger Witterung allerdings kein Vergnügen ist. Auch hier hat es erst des gemeinsamen Einspruches der Patienten bedurft, bis die Verwaltung sich bequemte. Auf- stellung von Wasserkrügen und Trinkgläsern zu versprechen. Ge- wünscht wird noch manches andere, z. B. die Herrichtung besonderer Aufenthaltsräume, die Gewährung von mehr Tischen, die An? schaffung. von Spielen(Dame, Puff usw.), vielleicht auch einer kleinen Bibliothek guter Bücher. Die Unfall-Heilanstalt zu Wilhelmshagen wird von Zeit zu Zeit kontrolliert, nicht nur von der Berufsgenossenschaft durch ihren Vorstand, sondern gowitz auch, von der staatlichen Aufsichts- behörde durch ihre ärztlichen Vertreter. Einige der hier aufge- zählten Mängel können den kontrollierenden Personen unmöglich entgangen sein, aber offenbar sind sie von ihnen bisher nicht als Mängel empfunden worden. Man sieht, wie richtig es ist, datz die Insassen von Heilanstalten nicht auf die Vorsehung der revidieren- den Aufsichtsinstanzen oder sonstiger einer Anstalt fernstehenden Personen warten, sondern sich zu entschlossener Selb st- Hilfe zusammentun. Zur Verschmelzungsfrage. Zu einer vertraulichen Besprechung waren die Stadtverordneten von Wilmersdorf Montagabend im Rathause versammelt, um zu der Vereinignngsfrage Stellung zu nehmen. Datz bei dieser Ge- legenheit die KirchiurmSpolitik bei manchen der Herren obenauf war, versteht sich. Hörte man etliche elegische Reden, so mochte man glauben, datz die reine Liebe zur Scholle und nicht die'.Profitgier den Terrainspekulanten und sonstigen Gründsiücksinieresseiitcn kennzeichnet. Allerdings standen den Ver- tretern dieser Herren, die sich nur mit 20 Proz. Gewinn von dem vor Monaten, vielleicht auch vor Jahren erworbenen teuren Heimats- boden lossagen, diverse, andere Stadlverordnete gegenüber, die es denn doch für geraten hielten, etwas weiter auszu- schauen. Ihnen war allerdings auch an Schöneberg wenig gelegen. Dort ist die Arbeiterbevölkerung stärker als in Wilmers- dors, dort wird in der Stadtverordnetenversammlung Parteipolitik, ja sogar Sozialpolitik getrieben, und das berührt unangenehm. Der Blick dieser Stadtverordnete» richtete sich nach Westen; kann Wilmersdorf die Nachbargemeinden Schmargendorf, Dahlem, Friedenau und Grunewald erhalten, dann will es auch Schöneberg als mageren Knochen mit in den Kails nehmen. Auch war die Meinung vertreten, datz Charlotten bürg mit heran müsse und datz so ein grotzes G e g e n- B e r li n gebildet werden könne. Allerdings wurde hier der Zweifel wach, ob die Re- gierung sich zu dem einen„Wasserkops" noch einen ziveiten als Objekt des Kampfes aufbürden oder ob sie nicht lieber nach der bisher geübten Methode des Teilens und Herrscbens fortwursteln werde. Bon sozialdemokratischer und demokratischer Seite wurde den Herren bedeuter, datz die Politik der verpatzten Gelegen- heilen, die Berlin in der Eingcmeindungsfrage so schlecht be- kommen sei, auch der Gemeinde Wilmersdorf einmal verhängnisvoll werden könne, und daß. was die Führung der Kommunalgeschäfte und die Sachlichkeit der Verbandlungen betreffe, die Stadtverordneten- Versammlung von Scböneberg wohl immer noch den Vergleich mit Wilmersdorf aushalten könne. Nach zweistündiger Er- örterung kam man wenigstens dahin überein, datz in der öffentlichen Sitzung, die sich nächstens mit der Verschmelzungsfrage zu befaffen haben wird, die Einsetzung einer gemischten Deputation empfohlen werden soll. Auch in diesem Falle zeigt sich wieder das oft zu beobachtende Schauspiel. Im Magistrat weitz man den kommunalen Fortschritt immerhin zu würdigen; die Mehrheit der Stadlverordnelen- Versammlung hingegen findet in ihrem kurzsichtigen Egoismus einzig am Krähwinlelstandpunlt Behagen. Neue Bestimmungen für die SchweineanSfuhr vom Berliner Viehhof. Bezüglich der SchweineauSfuhr vom Berliner Viehhof ist, wie die„Allgemeine Fleischer-Zeitnilg" berichlet. soeben vom Königl. Kreistierarzt im Einverständnis mit der städtischen Verwaltung des Vieh- und Schlachthofes eine neue Verordnung erlassen worden, welche bestimmt: datz für alle zum Versand nach antzerholb verkauften Schweine künftig seitens der Verkäufer vorgedruckte Scheine auszu- füllen sind. Diese Scheine sollen enthalten den Namen der ViehkommissionS- firma, den Namen des Viehhändlers, die Zahl der Schweine und die Ortsangabe, wohin die Schweine verkauft sind. Jeder Schein ist von dem Viehexpedienten und Von dem die Aufsicht führenden Polizeitierarzt zu unterschreibe». Die Käufer oder Expedienten haben die ausgefüllten Scheine dem Polizeitierarzt vom Dienst vor- zuzeigen, der das Weitere veranlaßt. Bei der Ausfuhr per Wagen werden die betreffenden Scheine durch den TranSportführer dem Exekutivpolizeibeamten abgeliefert, bei Eisenbahntransporten sind die Scheine dem diensttuenden Polizeitierarzt abzugeben. Diese Verfügung tritt heute Mittwoch in Kraft. Der glänzende Sieg des ZcntralvertandeS der Handlungsgehilfen bei den am Sonntag stattgesundenen Kausmannsgerichtswahlen liegt den Gegnern schwer iftr Magen. Die Deutich-nationalen suchen ihre Niederlage so gut eS geht zu verwinden; einer ihrer Wortführer hat es sogar fertig gebracht, den Reinfall in einen Sieg umzu- wandeln. Darüber wird man nur ein mitleidiges Lächeln haben können. Der Hirsch-Dunckersche Verein der Kausleute führt seine Schlappe auf die Agitation des Zentralvcrbandes zurück, der die Art der Stelleiivermitteluiig des genannten Vereins gegeißelt hatte. Dann, aber wird behauptet, datz bei der Wahl zahlreiche Personen mitgewählt haben, die niemals als Handlungsgehilfen gelten könnten, wie Einkassierer der Viktoria, Bierkutscher usw. Wer einen Ausweis habe, datz er Handlungsgehilfe sei, werde zur Wahl zugelassen. Wem die Firma das nicht bescheinige, der ließe sich von der Polizei den Stempel unter den Aus- weis setzen. Bei zahlreichen Firmen würden die Ans- weise in blanoo unterschrieben und einem Angestellten ausgehändigt. Ein bestimmter Beweis für diese allgemeinen Behauptungen wird nicht erbracht. Es soll an den Magistrat das Ersuchen gerichtet werden, eine Nachprüfung vorzunehnien und die Wahl für ungültig zu erklären. Antzerdem will man auf die Aufstellung einer Wähler- liste auch für die Gehilfen drängen. Die Niederlage mutz doch sehr schmerzen, datz man nunmehr mit allen möglichen unlontrollierbaren Behauptungen austritt. Das Rcklamewcsen in Berlin betrifft eine Entscheidung de? Kammerqerichts. Herr Mann hatte an einein Stadtbahnbogen eine größere Manerfläche gemietet und daran ein Schild angebracht, das den Lageplan seines zum Verkauf gestellten Grundstücks in einem Vorort enthielt. Er sollte dadurch die alte Plakatverordnung für Berlin vom Jahre 1880 übertreten haben, tvonach öffentliche An- zeigen auf öffentlichen Straßen und Plätzen nur an den zu diesem Zwecke bestimmten Vorrichtungen�(Anschlagsäulen usw.) angebracht werden dürfen, abgesehen von einigen Ausnahmen. M. wurde in zweiter Instanz freigesprochen, weil eine dieser Ausnahmen hier ge- geben sei. Das Landgericht meinte, es käme die Bestimmung jener Verordnung vom 26. Januar 1880 in Betracht, welche besagt: Es bleiben die Grundstücksbesitzer und Mieter berechtigt, Anzeigen, die lediglich ihr eigenes Interesse berühren, an ihren Grundstücken oder M'.etSräumen anzuschlagen. Das Land- gericht sah die vom Angeklagten gemietete Wand an dem Stadt- bahnbogen als einen Mietsraum im Sinne der Verordnung on. Das Kammergericht hob aber das freisprechende Urteil auf und verwies die Sache zu nochmaligen Verhandlung an das Landgericht zurück. Begründend wurde ausgeführt: Eine Fläche, die gemietet sei und nur zum Anschlagen in Frage komme, fei kein MietSramn im Sinne jener Verordnung von 1880. Zu einem Raum gehörten Ausdehnungen nach drei Richiungm. Das unterscheide den „Raum" von der„Fläche" einer Wand, die nur zwei Dimensionen habe. Eine solche Fläche sei überhaupt kein„Raum" im Sinne der Verordnung.— Das Landgericht habe ferner übersehen, datz hier überhaupt andere Bestimmungen in Frage kämen. Nämlich die §8 93 und 94 der Berliner Straße»Polizeiverordnung vom 31. Dezember 1899, welche bestimmen: „Zum Aushängen und Aufstellen von Verkaufs- und anderen Gegenständen an Gebäuden, Türen, Fenstern, Umzäunungen usw., die siratzenwärts liegen, ist die polizeiliche Genehmigung erforderlich. Dasselbe gilt von Schaukäslen. Aushängeschildern und anderen A n kü n d i g u n g s in i tt e ln des Geiverbcbetriebes, der Kunst und Industrie, sobald sie so angebracht werden, datz sie von der Straße ans sichtbar sind." Hierunter fielen, so fübrte der Senat weiter aus, auch alle ge» malten Ankündigungen der erwähnten Art, sowie auch solche durch Lichtwerke und serner die. welche durch Licht- bilderapparate aui Flächen projiziert ivürden. Sie alle bedürften, sofern die zitierten Zß 93 und 94 zuträfen, der Genehimgung. Das Landgericht müsse nunmehr nachprüfen, ob Angeklagter für seine Anlündigung eine Genehmigung gehabt habe. Vom Eisenbahnzug überfahren. In der Näbe des Bahnhofes Kietz-Rummelsburg wurde gestern morgen gegen Va? Uhr die Leiche eines etwa 40jährigen Mannes gefunden. Streckenarbeiter, die um jene Zeit die nahe dem Bahnhof belegene Karlshorster Brücke passierten, fanden auf dem Ferngleise der schlesischen Strecke die Leiche eines Mannes, welcher der Kopf fehlte. Die sofort benach- richtigte Lichtenberger Kriminalpolizei entsandte Beamte nach der Unglücksställe, die nach längerem Suchen den fast völlig deformierten Kopf, etiva 50 Meter von der Leiche entfernt, im Unterholz neben dem Bahndamm fanden. Die Behörde nimmt an, datz der Unbekannte in der Nacht in belrnnkencni Zustande nach dem Bahndamm zugegangen und dort vom Schlaf überivältigt aus den Gleisen niedergesunken ist. Die Lokomotive eines vornberfahrenden Zuges hat dann den Unglücklichen überfahren und den Kops desselben fort- geschleudert. Da bei dem Toten keinerlei Legiliinationspapiere vor- gefunden wurden, ist die Leiche beschlagiiahint und nach dem Schau- Hause übergeführt worden. Mit der Nufkläruiig zahlreicher Pferdediebstähle ist seit einigen Tagen die biesige Kriminalpolizei beichätligt. In den letzten Wochen wurden in Berlin fortgesetzt wertvolle Pferde gestohlen. Teils wurden die Tiere aus den Ställen herausgeholt, teils von der Straße mit- samt den Fuhrwerken entführt. Die Ermittelungen � der Polizei führten zu dem Ergebnis, datz die ganzen Diebstähle von einer or- ganisierten Bande ansgetühn worden waren. Des weiteren lvurde testgestellt, datz die Diebe mit sogenannten„Pferdeschiebern" in Verbindung standen. ES war deren Ausgabe, die gestohlenen Pferde zu verhältnismäßig hohen Preisen zu verkaufen. Die„Schieber", die sich den Anschein von Pkcrdehändlern geben, zogen nun mit den gestohlenen Tieren auf die Pferdemärkte in der Umgebung Berlins. Auch ver- suchten sie mehrfach.Pferde an Bauern los zu werden. Ein Berliner Kriminalkommissar ist nun seit Sonntag mit einigen Beamten auf einer Auromobiltournee nach den nördlichen Vororten. Bisher konnte er bereits zehn der gestohlenen Pferde ausfindig machen und mit Beschlag belegen. Die Betrogenen sind in diesem Falle die Käufer der Pferde. Sie muhten sämtlich die Pferde wieder herausgeben und haben jetzt das Nachsehen. Zivei Mitglieder der Pserdediebesbande konnten ermittelt und verhastet werden. Ihre Komplicen wollen die Festgenommenen nicht kennen. Zweifellos ist, daß sämtliche Diebe in Berlin wohnen, während die„Ver- schärfer" in den Orten der Umgebung der Reichshauptstadt zu suchen sind. Ein aufregender Borfall spielte sich im Vorortzug 303 zwischen den Stationen Gesundbrunnen und Pankow ab. Eine etwa 35 Jahre alte Frau, die den besseren Ständen anzugehören schien, stürzte in einem Abteil zweiter Klasse plötzlich vor den Augen der anderen Fahrgäste vom Polstersitz herunter. Als man der Unbekannten hilfs« bereit entgegenkam, stellte sich heraus, datz sie bereits tot war. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben so plötzlich ein Ende bereitet. Ein schwerer Straßcnbahnunfall ereignete sich Montagnachmittag gegen 6 Uhr in der Haienheide. Dort verließ die in der Hermann- stratze 175 ivohnende 17jährige Verkäuferin Martha Frese trotz der Warnung des Schaffners einen Straßenbahnwagen der Linie 89 während der Fahrt und kam zu Fall. Die F. stürzte so unglücklich auf das Stratzcnpslaster. datz sie betvntztlos liegen blieb. In dem nahen Krankenhause Hasenheide, wohin die Vernnglückte übergeführt wurde, stellte der Arzt eine schwere Gehirilerschütterung und innere Verletzungen fest. Einen Ucberlandfliig hat gestern der 18jährige Flieger Bruno Jablonski nachmittags auf einer Wright-Maichine von Teltow nach dem Flugplatz Johannisthal gemacht. Trotz der starken Kälte bestieg der Pilot auf dem Teltower Flugplatz seine Maschine und erreichte in wenigen Minuten eine Höbe von 250 bis 300 Meter, In südöst- licher Richtung flog er auf Mahlow zu, passierte Selenow und Eich- walde, kreuzte die wendische Spree und flog dann in östlicher Aich- tung auf die Mnggelberge zu, die er in etwa 500 Meter Höhe über- querte. Nachdem der junge Flieger den Bismarcktum umkreist hatte, flog er in westlicher Richtung weiter und erreichte kurze Zeit darauf wohlbehalten daS Johannisthaler Flugseld. Em Dieb in der Kirche. Ein Handtaschendieb macht seit einiger Zeit die St. Pauluskirche der Dominikaner in Moabit unsicher. Erst kürzlich stahl er der Galtin eines sehr bekannten jungen Zentrums- abgeordneten während des Gottesdienstes eine Tasche, die eine Uhr enlhielt. Zwei anderen Damen entwendete er Handtaschen mit Geld, die eine mit 197 M. Ein gefährlicher Wohnnngshrand brach gestern vormittag gegen 10 Illfr in dem Hause Hausvogteiplatz 11 auS. Als d>» Feuerwehr aus dem Depot der Hauptwgche in der Lindenstratze un- rückte, war die Situation recht bedrohlich. DaS Feuer herrschte in einer kleinen Wohnung im zweiten Stock des rechten Seitenflügels und hatte eine starke Verqualmnng herbeigeführt. Sowohl über die Hakenleitern wie auch über die mechanische Leiter drangen dann Sappeure nach den oberen Wohnungen vor. Gleich- zeitig wurde mit einer Schlauchleitung Wasser gegeben. Zum Glück befanden sich in den Dackiwohnuiigen keine Personen; zwei kranke Frauen, die sicher durch das Feuer in ernste Gefahr geraten wären, hatten Ende voriger Woche in einem Krankenhaus Ausnahme gefunden. Die Ablöschung des Brandes ging glatt vonstatten.— Fast gleichzeitig wurde die Wehr nach der S a a r b r ü ck e r S t r. 60 gerufen, wo eine geisteskranke Frau aus dem Fenster springen wollte. Die Feuerwehr holte die Kranke auS der Wohnung heraus und übergab sie der Polizei. Es handelt sich um eine Schneiderin Howe, deren Schwester sich am Sonntagvormittag aus dem Fenster gestürzt hat. Falsche Mordgerüchte waren gestern im Nordosten der Stadt verbreitet. Die 49 Jahre alte unverheiratete Aufwärterin Olga Kühnel aus der Palisadenstratze 88 wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden und sollte, wie die Gerüchte wisien wollten, einem Ber- brechen zun, Opfer gefallen sein. Wie festgestellt wurde, ist der Tod auf einen Herzschlag zurückzuführen. Eine Schwindlerin treibt seit mehreren Wochen ihr Nnwesen im Südwesten, indem sie Arbeit sucht bei Schürzennähermnen, um als Schürzennäherin Hausarbeit zu bekommen. Als Legitimation weist fke einen MietSkontratt auf den Namen Karl Berlhahn, Schriftgießer, �ossener Str. 11, mit einem fingierten HauSwirtsnamen vor. worauf sie die Arbeit mit nach Hause nimmt. In zwei Fällen ist ihr der Schwindel bereits geglückt, wobei die Betreffenden arg geschädigt worden sind, da sie sich nicht wieder sehen lieg. Da von den beiden Geschädigten in der Sache bei Herrn Berkhahn angefragt worden ist, werden wir gebeten, darauf aufmerksam zu machen, daß bei ihm keine Schürzen genäht werden und der Kontrakt gefälscht ist. Großfeuer im Blücherhos. Ein großes Schadenfeuer kam gestern abend VA Uhr im Blücherhof in der Belle- Alliancc-StratzcZ zum Aus- bruch. Im vierten Stock des zweiten Ouergebäudes befindet sich dort die Schablonenfabrik von Lange u. Co. Hier entstand das Feuer aus bisher unaufgeklärte Weise und breitete sich mit solcher Schnelligkeit aus, daß bei Ankunft des ersten Löschzugcs schon die Hälfte der Etage in Flammen stand. Es wurde sofort eine Nach- Meldung gegeben, worauf weitere Löschzügc zur Hilfeleistung herbei- eilten. Sowohl in der Belle-Alliance-Stratzc, wie auch am Temper- hofer Ufer und in der Teltower Straße legten Dampfspritzen an, und bald waren über ein Dutzend Schlauchleitungen in Aktion. Auf dem breiten und geräumigen Hose wurde eine mccha- nische Leiter errichtet, um näher an den Brandherd gelangen zu können. In erster Linie galt es für die Feuerwehr, die übrigen Gebäude, namentlich das angrenzende Posta m t Gl, zu schützen. Trotzdem unausgesetzt gewaltige Wassermengen in die Flut geschleu- dert wurden, breitete sich der Brand immer noch aus, so daß immer neue Rohre vorgenommen werden mußten. Nach einstündigcr an- gestrengter Löschtätigkeit konnte die Hauptgefahr als beseitigt gelten. Der vierte Stock ist vollständig ausgebrannt. Auch der darunter liegende Stock hat sehr gelitten. Neben der Firma Lange u. Co. soll auch die Tischlerei von T e i f c l u. Co, hart in Mit- leidenschaft gezogen worden sein. Unglücksfälle sind bei den Lösch- arbeiten nicht vorgekommen. In der L y ch e n e r Straße 126 brannte vorher der Dach- st u h l eines einstöckigen Gebäudes.— Im Kleinen Theater entstand gestern abend während der Vorstellung Kurzschluß in einer elektrischen Leitung auf der Bühne. Tie anwesende Feuer- wache beseitigte die Gefahr. Der Putzer Karl Dienert, Georgenkirchstr. 36, ersucht uns mit Bezugnahme aus den in der gestrigen Notiz:„Ein abgefaßter Lock- spitzet" genannten Kriminalbeamten Karl Diener um die Mitteilung, daß er mit dem Manne nicht identisch sei, er wäre aber zu seinem größten Leidwesen öfter mit ihm verwechselt worden. Bon der Buchdruckerversammlung in der„Neuen Welt" am Sonnlagvormittag aus ist wahrscheinlich in dem Lokal von Martin. Rixdorf, Hermanuplatz, oder auf dem Wege von dort nach dem Scblesischen Bahnhof eine schwarzlederne Brieftasche, enthaltend nebst anderen Schriflsachen zwei Achtel-Lose Preuß. Lotterie und zwei Mitgliedskarten der Neuen freien Volksbühite verloren gegangen. Da die Sachen für den Finder keinen Wert haben, bittet der Ber- lierer denselben zwecks Abholung der Tascbe seine Adresse anzugeben bei Max Meilleville. N. 89, Schönwalder Str. 17. Vorort- JVacbricbtcm Tchöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zu dem Punkt: Wahl eine» Ersten Bürgermeisters hatten die Liberale Vereinigung, die unabhängige Fraktion und die Sozialdemokraten beantragt, die Wahl auf vier Wochen zu vertagen, und den Antrag als dringlich zu behandeln. Zobel(lib. Frakt.) erhob gegen die Dringlichkeit Einspruch. Nach längerer GeschäflsordnungSdebatte erhielt zur Begründung des Antrages Genosse Molke nbuhr das Wort. Es frage sich, so betonte der Redner, ob Schöneberg selbständig existieren soll oder ob nicht doch die Vereinigung mit Wilmersdorf abgewartet werde, bevor zur Wahl des Stadthauptes geschritten wird. Solange die Eingemeindungssrage schwebe, müsse die Bürgermeisterwahl vertagt werden, bis in beiden Genieinden generell die Frage bejaht sei. Trete vordem ein neuer Bürgermeister in Funktion, so könne die Eingemeindung verzögert werden. Ob die preußische Regierung zustimmt und inr Landtage ein derartiges Besetz einbringt, sei eben- falls abzuwarten. Darum müsse die Wahl vertagt werden. Hierauf wurde in namentlicher Abstimmung der VertagungS- antrag mit 33 gegen 31 Stimmen abgelehnt und, wie wir bereits gestern mitteilten, RegierungSrat Dominicus aus Straßburg auf 12 Jahre zum Ersten Bürgermeister gewählt. Das Anfangs- geholt beträgt 20 000 M., steigend von drei zu drei Jahren aus 21 000 M. Zu der Mitteilung des Magistrats, daß dem Arbeiter- Turnverein eine Turnhalle nicht gegeben werden könne, äußerte sich Genofie D ä u m i g, Redner meinte, wenn es kein Arbeiter- Turnverein wäre, hätte der Verein längst eine Turnholle. In anderen Gemeinden sei man nicht so einseitig, dort gäbe man durch Errichtung eigener Turnhallen den jungen Leuten Gelegenheit, ihre Leibes« Übungen vornehmen zu können. Genosse K ü t e r betonte, wenn cS dem Magistrat ernst wäre, wirkliche ehrliche Arbeiterpolikik zu treiben, dann sei die Gelegenheit jetzt gekommen. Dem Magistrat könne jedoch der Vorwurf nicht erspart werden, daß durch sein Verhalten viele junge Leute den, Alkobolismus direkt in die Arme getrieben werden. Aus den Schul- turnhallen würden die Arbeiter durch feige Denunziation hinaus- getrieben; es sei Pflicht des Magistrats, dafür zu sorgen, daß dem Arbeiterturnverein aus den vorhandenen laufenden Mitteln eine Halle erbaut wird. Eine Antwort hierauf erfolgte nicht. Um die Sache jedoch vorwärts zu bringen, wurde ei» de», entsprechender Antrag angekündigt. Nach der Wahl einiger nichtständiger Ausschüsse wurde der Vorlage, wonach das Schulgeld für die städtischen höheren und mittleren Schulen wieder durch Boten eingezogen werden soll, da das Mitbringen deS Geldes durch die Kinder zu viel Störungen und Unzuträglichkeiten geführt hat, zugestimmt. Da die Wahl des Vorstehers Grafen Ma tusch ka zum Mit- glied der Schuldeputation die Bestätigung der Regierung nicht er- halten hat, wurde beschlossen, den Stadtverordneten Dr. Bell (Lib. Frakt.) in Vorschlag zu bringen. Hierauf folgte eine geheime Sitzung. Chnrlottenbnrg. Uebersallen und tödlich verletzt wurde in der Nacht zum Sonntag der etwa 20 Jabre alle Alex Baartz, der bei seinem Vater als Kutscher in der Molkerei in, Hause Keplerstr. 8a tätig ist. Der junge Mann hatte an, Sonnabendabend ein Vergnügungslolal in der Jungfernheide besucht. Als er gegen 3 Uhr nachts den Heimweg antrat, übersielen ihn einige Männer und versetzten ihm mehrere Stiche in den Hinterkopf. Blutüberströmt wurde er von Bekannten aufgefunden, die ihn nach einen, Bierlokal in der Tauroggenerstraße brachten, wo er bis Sonntagnachmittag blieb. Da sich jedoch sein Zustand immer mehr verschlimmerte, wurde er auf Anordnung eines Arztes nach dem Krankenhause gebracht, wo er nach kurzer Zeit verstarb. Als Täter wurde in der gestrigen Nacht der 17 Jahre alte Für- sorgezögling Fritz Buge ans der Röiltgenstraße verhaftet. Rixdorf. Eine SKaßenräuberin treibt gegenwärtig im Ort ihr Wesen. Als vorgestern abend gegen 7 Uhr die zehnjährige Tochter des Metall- schleifers B. aus der Weichselstraße für ihre Mutter Einkäufe machen wollte, trat in der Kaiser-Friedrich-Straße eine etwa 80jähnge, gut- gekleidete Frau an sie heran mit der Bitte, ihr doch ouS einem nahe belegenen Hanse ein Palet abzuholen, sie wolle inzwischen die Markt- tasche halten. Als die Kleine auf diesen Vorschlag nicht eingehen wollte, entriß die Unbekannte dem Mädchen plötzlich die Tasche, er- griff die Flucht und entkam, ehe das erschreckte Mädchen ihr folgen konnte. Wilmersdorf-Halensee. Die Stadtverordnetenwahk. Am Donnerstag, den 16. Februar, bornntiagS von 9 bis 2 Uhr und nachmittags von 4 bis 8 Uhr, findet im Lokal K u r f ü r st e n p a r k für den ersten Wahlbezirk Halen see eine Nachwahl zur Stadtverordnete!, Versammlung statt, in der ein Hausbesitzer zu wählen ist. Da unseren Parteigenossen kein solcher Kandidat zur Verfügung slebt, haben sie beschlossen, ebenso wie bei den Hauptwahlen in, November vorigen Jahres zu bandeln und dem demokratischen Kandidaten Ludwig E n g e l»> a», n, Fasanenstr. 65. ihre Stimme zu geben. Es muß auf alle Fälle die Wahl eines Rückichriltlers verhindert werden, und daher empfiehlt es sich, bei der Arbeiterschaft des Bezirks nach Kräften für den demokratischen Kandidaten einzutreten. Heute Mittwoch, abends 8Vs Uhr, wird Dr. Breit scheid in einer im Johann-Gcorg-Hause, Johann-Georg-Straße 19, sialtfindenden Ver- sämmlung über die Bedeutung der Wahl sprechen; die Partei- genossinnen und Genossen haben beschlossen, diese Versammlung möglichst zahlreich zu besuchen. Steglitz. 50 wahlberechtigte Arbeitnehmer und 10 Arbeitgeber hatten sich bis vorigen Montag erst in die Wählerlisten zur Ge- werbegerichtswahl eintragen lassen. Aus diesen bedauerlich geringen Zahlen muß man schließen, daß die organisierten Arbeiter den Hinweis nicht beachtet haben, daß jeder Wahlberechtigte sei» Wahlrecht verliert, der keinen Antrag auf Eintragung in die Wähler- liste stellt. Deshalb ist es höchste Zeit,. das Versäumte sofort nach- zuholen, denn die Liste wird am Donnerstag, den 16 d.M., abends 7 Uhr, geschlossen. Mündliche oder schriftliche Anträge können noch heule und morgen von 8 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags und von 5 bis 7 Uhr abends im Hause Schloßstraße 36. Zimnier Nr. 31, gestellt werden. Parteigenossen, die im Auftrag von liier wohnenden Freunden oder Bekannten deren Eintragung veranlassen wollen, werden darauf auf- merksam gemacht, daß Altersangabc der Einzutragenden verlangt wird. Wer verhindert ist. seine Eintragung in die Liste selbst zu bewerkstelligen, kann dies durch die Genossen Lieble, Restaurateur, Mommsenstr. 7, und Clement, Düppelstr. 4, besorgen lassen. Lichtenberg. Herr v. Mauteuffel--- Am 19. Januar cr. beschäftigte das Lichtenberger Stadtparlament der Fürsorgeskandal Döring. Der Landesdirektor Hcrrjv. Mauteuffel fühlte sich durch die Kritik beschwert und gab zu seiner Enllastung der Oeffentlichkeit eine Aufklärung der— Irreführung. Herr v. Manteuffel berichtigte unterm 21. Januar also: „Irgendwelche Beschwerden über die Behandlung der Frida Döring oder darauf bezügliche Anfragen dritter Personen sind nicht zu den Akten der Provinzialverwaltung gelangt. Die Be- hauptung, wonach solch« Personen 6 Wochen ohne Antwort ge- lassen worden sein sollen, ist also unrichtig, ganz abgesehen davon, daß die fraglichen Borgänge bei weitem nicht so lange zurück- liegen. In der erwähnten Fürsorgeerziehungssache sind alle irgendwie wichtigen Versügnngen am Tage des Eingangs ge- troffen und ausgeführt werden; es hat also ein au Promptheit nicht zu überbietendes Geschäftsverfahren Platz gegriffen." Der Bericht des„Vorwärts" vom 22. Januar gibt die LuS- führungen unseres Redners loie folgt richtig wieder: „Betreffs des Fürsorgezöglings, der unglücklichen Frida Döring, habe er sich vor zirka einer Woche an den Landesdirektor v. Manteuffel gewandt mit dem Ersuchen, näheres über den Auf- cnthaltsort der Frida Döring zu erfahren, da er noch KleidungS- stücke derselben in Verwahrung habe und er dieselben abliefern wolle. Bis heute habe er noch keine Antwort; er glaube, es wäre erheblich schneller gearbeitet worden, wenn es sich um den ver- kommenen Sohn eines preußischen Junters gehandelt hätte." Zu der Berichtigung des Herrn v. Manteuffel bemerlte der „Vorwärts" am 26. Januar folgendes: „Wenn keine„Anfragen dritter Personen' zu den Akten ge- langt sind, dann muß der Herr mal— daneben suchen. Wie durch Registroturausweis und Zeugen bewiese» werden kann, ist unterm 13. Januar ein Schreiben an ihn abgegangen. In der Stadtverordnetensitzung ist nicht von sechs Wochen, sondern von einer Woche unter Angabe der Daten gesprochen worden. In einem Schreiben vom 21. Januar an den Magistrat der Stadt Lichtenberg macht der Herr LandeSdirektor dann folgendes Eingeständnis: „Am 11. d. M. ging seitens deS Stadtverordneten Düwell die Anzeige ein. daß in seiner Wohnung die Eigentumsstücke des Zöglings zurückgeblieben seien; da hiermit das Erinchen verbunden war. entweder den jetzigen Aufenthalt des Mädchens mitzuteilen oder die fraglichen Sachen abholen zu lasten, ist nunmehr der bisherige Fürsorger mit einem Auftrage letzterer Art bedacht worden." Also der Herr gibt Briefe nicht zu den Akten und erklärt dann, es ist nichts dazu gelangt; er behauptet weiter, die Angelegenheit sei prompt erledigt' worden und gibt nach zehn Tagen Aufttag, das zurückgelassene Eigentum eines Fürsorgezöglings abzuholen. Wabrlich, eine überwältigende— Objektivität. Gründliche Antwort wird Herr v. Manteuffel am Donnerstag in der Stadtverord- neten-Versammlung erhalten. Friedrichshagen. Wege» eines SittlichkeitsverbrechenS an einem zehnjährigen Mädchen ivurde vorgestern der 45jährige Gelegenheitsarbeiter Bern- hard König festgenominen. Der Unhold hatte die zehnjährige Tochter einer Bekannten in seine in der RahnSdorffrstraße belegene Woh- nung gelockt und sich dort in Abwesenheit seiner Frau a» dem Kinde in scheußlichster Weise vergangen. Von der Mutter des Kindes, der daS lange Ausbleiben ihrer Tochter verdächtig vorkam, wurde der Wüstling überrascht und auf ihre sofortige Alizeige verhastet. DaS bedauernswerte Kind befindet sich in ärztlicher Behandlung. Erkner-Woltersdorf. In einer imposanten Volksversammlung refericrke am Sonn- abend in F a n g s ch l c u s e der Abgeordnete des Kreises, Genosse Artur Stadthagen über:„Die nächsten Reichstagswahlen." Die an den politischen Sünden des schwarzblauen Blocks sowie an den letzten Vorgängen in Moabit, Wedding und dem Essener Mein- eidsprozetz geübte vortreffliche Kritik deS Redners fand Bei den Versammelten ein lebhaftes Interesse. Ms Genosse Stadthagen am Schlüsse seiner Ausführungen auf die Bedeutung der nächsten Wahl hinwies und zu unermüdlicher Agitation zu derselben auf- forderte, quittierten die Anwesenden mit großem Beifall. Bohnsdorf. In der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins hielt zunächst Genosse G r o g c r eine» interessanten mit Beifall auf- genommenen Vortrag über„Die politische Lage und die gegnerischen Parteie n". Tie Diskussion bewegte sich im Sinne des Referats. Den Kassenbericht des zweiten Quartals er- stattete Genosse Paul. An Einnahme sind zu verzeichnen inklusive des am 1. Oktober vorhandenen Kassenbestandes von 49,38 M., insgesamt 181,51 M. Dem steht eine Ausgabe von 157,71 M. gegen- über. Als Delegierte zur Kreisgeneralvcrsammlung wurden die Ge- nassen N i l l e r t und W e i ß e n s e e, zur Verbandsgeneralver- sammlung Nillert und Wilcke gewählt. Lebhafte Diskussion rief ein Antrag der Genossen Weißensee und Wollschlägcr hervor, der dahin geht, daß der Kreisvorstand bei Beitragserhöhungen eine Urabstimmung vornehmen muß. Tie Majorität stimmte da- für, daß der Antrag der Kreisgencraloersammlung unterbreitet werden soll. Ebenfalls lebhaft diskutiert wurde über die Teil- nähme an dem von der Schule veranstalteten Elternabend im ge- sperrten Lokal von Särnlz in Bohnsdorf. Es ward allseitig der Wunsch geäußert, auf keinen Fall die Sperre zu durchbrechen. Pankow. Dir Gemeindevertretung hat in ihrer gestrigen Sitzung be- schloffen, au das Abgeordnetenhaus eine Petition zu richten, an- läßlich der Beratung des Zwangsverbandsgesetzes die Stadtwerdung von Pankow beschließen zu wollen mit der Maßgabe, im Kreise zu verbleiben bis zur Erreichung einer Seelenzahl von 60000 und einer freiwilligen Abfindung. Weihensee. Die Erlangung der Stadtrechte will auch Weißensee anstreben. Eine eigens zu dieser Frage einberufene Gemeindevertretersitzung faßte den einstimmigen Bei'ckluß, Petitionen um Erlangung der Siadtrechte an die gesetzgebenden Körperschaften einzureichen. Der Bürgermeister Dr. Woelck begründete an der Hand reichlichen Materials die Petition, und die einzelnen Funktionsleiter stimmten dem zu. Bon uni'erer Seite gab Genosse Taubmann die Erklärung ab, daß schon die Beichräiikiliig des Stimmrechts des Hausbesitzes um ein Viertel für uns maßgebend sei, die Städterecbte zu er- werben; ferner wünschte er, daß die Bürgerschaft dafür Sorge treffe, daß verschiedene Herren als Stadtverordnete nicht wieder auf den, Plan erscheinen mögen. Die letzten Ausführungen hatten Herrn Leß so in Harnisch gebracht, daß er glaubte, aus der Stelle schon eine Stadtverordnetenlandidatenrede loszulassen. Die Unterkommission der Gewerkschaften WeißcnsceS nahm in ihrer letzten Sitzung unter anderem den Jahresbericht des Ob- inannes entgegen. Sodann wurden als erster Obmann Genosse Rich. Tocschner, Holzarbeiter, als zweiter Obmann Genosse Emil Woldt, Gärtner, als Schriftführer Genosse Ernst Hartmann, Buchdrucker gewählt. Alle Zuschriften sind an den Vorsitzenden Rich. Daeschner, Sedanstr. 50, vorn 2 Treppen, zu senden. Sankt Bureaukratius im Ärankenhause. Uns wird geschrieben: Vor einigen Togen wurde ein Mitglied der hiesigen Ortskrankenkasse wegen starken Lungenleidens nach dem Krankenbause verschrieben; die Angehörigen besorgton einen Krankenwagen und sicherten dem Kranken auch einen Platz im Krankenhausc. Leider vergaßen sie, sich den Aufnabmeschein van der Krankenkasse zu besorgen, sie traten, nur mit dem Hauskrankenschein versehen, den Weg an. Die Auf- nahine des Kranken wurde aber nicht eher gestaltet, bis der Auf- nabmeschein zur Stelle war. Aus dem Hauskrankenschein war er- sichtlich, daß der Kranke Mitglied der Kasse war und schon fünf Wochen unterstützt worden ist. Der Kranke mußte, im Kranken- ivagen liegend, auf der Straße warten, bis der Aufnahmeschein besorgt war. War es durchaus notwendig, daß nian den Patienten wegen dieser Formalität in der rauhen Lust verweilen ließ? Spandau. Arbeiter Samariterkolonnc. Heute Mittwoch, abend? M/z Uhr, bei Bohle: Vortrag über„Knochenbrüche, Verreukungen und Ver« stauchungen". Gäste willlouimen. Nowatves. In dem NormalbesoldungSplan für die Leiter und Lehrer der gewerblichen Fortbildungsschule, dem die letzte Gemeindeverlreter- sitzung ihre Zustimmung erteilte, find folgende Bezüge festgesetzt: Hauptamtliche Leiter und Lehrer, die ans der Vollsschule hervor- gehen, erhalten die für dieselbe geltenden i-xätze und eine Funtlions- zutage von 600 bezw. 500 M., d. h. der hauptamtliche technische Leiter 4200—6600 M., steigend in zioölf Dieiisliahrcn um 600 iR. in dreijährigen Perioden und 690 M. Mietsenischädiguiig; Haupt- amtliche technische Lehrer 2100—1800 M.. steigend in 21 Dienst- jähren um je 300 M. in dreijährigen Perioden, und 520 M. Miels- entschndigung. Die zwecks Erlangung eines höheren StaatSzuschusses sich not- wendig machende Erhebung von Schulgeld für die Fortbilduugs- schüler soll vom 1. April d. I. ab zu folgenden Sätzen erfolgen: Von Lehrherren der Gewerbestcuerklaiie IV' l,80 M., der Klasse III 3 M., �der Klasse II 1,80 M.. der Klane I 6 M. pro Jahr und Schüler. Freiwillige Schüler haben �.80 M. pro Jahr zu zahlen. Die Zahlung hat vierteljährlich an den Steuencrminen zu erfolgen. Den gewerbestcueifreien Betrieben wird Schulgeldfreiheit gewährt. Ueber die ReichötagSwahlen referierte am Donnerstag in einer sehr gut besuchte», von unserer örtlichen Parteileinmg einberufenen öffenllichen Versammlung, die auch von vielen Bürgerlichen besucht war. ReichslagSabgcordneter Genosse Dr. Frank aus Mannheim. Der stürmische Beiiall am Schluß zeigte dem Referenten, daß er den Anwesenden aus der Seele gesprochen.— Nachdem der Vorsitzende, Genosse Krohnberg, nochmals kurz auf die bevorstehenden Wahlen hingewiesen, schloß er die Versammlung mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie. Als Leiche wurde am Sonntag aus dem Wannsee von einem Angler der hier Anfang voriger Woche plötzlich verschwundene siebzigjährige alleinstehende Webergeselle gelandet. Als Motiv, wes- halb der alte Mann den Tod gesucht haben soll, werden Nahrungs- sorgen vermutet. Eine ausserordentliche Sitzung der Gemeindevertretung be- schäfligte sich hauptsächlich mit der Höherlegung der Ei'enbahn. Der Sitzung ging eine örtliche Besichrigung des von der Eisenbahn be- nöllglen Terrains in der Rcyowstcaße vorauf. Zunächst handelte eS sich um Eintausch von Gelände mit der Eisenverwaltung und Ver- schiebung der Fahrweguuterführung an der Blllow- und Dorkstraße um 18 Meter nach Osten. Die Genreindevertretung wünschte die Unter- sührung am östlichen Ende des Bahnsteiges, am Schnittpunkt der Jork- und Büloivstraße. Nach Angabe der Eisenbahn- Verwaltung können die dadurch bedingteu Kosten von 7000 M. auf etwa die Hätffe herabgesetzt werden, wenn von dem Fußsteig ent- sprechendes Gelände abgetreten wird. Die Gemeindevertretung ist hierzu bereit, wenn für den Fußsteig dieselbe Breite wie in der Schulstraße verbleibt.— Den nächsten Verhandlungspunkt bildete die Verlegung der Babelsberger Straße. D'e Ge- meinde halte bei Abschluß des Vertrages über die Höber- legung der Eisenbahn sich verpflichtet, die von der Eisenbahn- Verwaltung fertig verlegte Straße zu übernehmen und zu pflastern, falls die Verlegung in zwei Jahren erfolgt. Da nun die Eisenbahnverwaltung eine Verlängerung der Frist um zwei Jahre verlangt, beschloß die Gemeindevertretung, dem nur unter der Be- dingung zustimmen zu können, daß die Frist für die von der Ge- meinde zu zahlende Beitragsiunime von 100 000 M. gleichfalls um zwei Jabre hinausgeschoben wird. Das zur Verlegung der Straße erforderliche Gelände will die Gemeinde nach Ankauf der Küster- oder Schnlwiese gegen Eintausch entsprechenden Gelände? zwischen Ruthe und der Reuen Sttaße kowie gegen Ueberlassung des Eigentumsrechtes an der Bergstraße der Elsenbahnverwaltung zur Ver- fügung stellen. Aus dem Ergebnis der letzten Volkszählung ist folgendes be- merkenswert: Die Einwohnerzahl beträgt 22 751, davon 11596 männliche und 12 158 weibliche Personen, die sich insgesamt auf 13 verschiedene Religionsgesellschasten verteilen. Nebe» 21 214 Evan» gelischen, 627 Lutherischen und 1384 Katholiken find 226 Dissidenten resp. Religionslose vorhanden. Die Einwohnerzahl hat seit 1905 um 4729 oder 21,86 Prozent zugenommen. Bewohnte Wohnhäuser find Vorhanden 1366(1»0ö: 1216), unbewohnte 16(23). «Irntliitet Marttverlcht der kädMchen Marttballen-DIrektton über den»rotzbandel in den Zentral-Marttbaoen. UKarktlage: Fleisch: Zusuhr reichlich. Geschäst rege, Preise unverändert. Wild: Zufuhr aus- reichend, welchäft nicht lebhast genug. Preise unverändert. Geslügel: Zufuhr mäßig. Geschäst still, Preise fast unverändert. Fische: Zufuhr mäßig, Geichäst ziemlich lebhast, Preise nachgebend. Butter und Käse: Geschäst ruhig, Prciie anverändert. Gemüte, O b g und Südfrüchte: Zujuhr reichlich, Gejchäjl etwas lebhafter, Preise wenig verändert. Lriekkakten der Redahtton. E. 1868. 1. Die Strafe kann vermerkt werden. 2. Anspruch haben nur Organssierte. ES kann aber auch Unorganisierten Beistand ge- keiftet werden. 3. Rur aus Betragen. 4. DaS kommt daraus an, welches Rechtsverhältnis dem Anspruch zugrunde liegt.— A. 51. Der Miels- stcmpel sür das Kalenderjahr betrögt in Ihrem Falle 1 M. und ilt im vor- aus fällig.— F. T.?!».>. Die Bersagung der Konzesfion ist möglich. 2. Ist der Mietspreis nach Jahren oder Quartalen bemessen, so können Sie zu jedem Ouartalscrstcn zum Ablauj des Quartals, ist der Mietszins nach Monaten bemessen, bis längstens den Ib. eines jeden Monats zum Ablauf desselben kündigen.— A. K. 150. 1. In der Regel ja. Psändung wäre dann unzuläisig. wenn Sie aus den Einkünstcn lediglich oder überwiegend Ihren Unterhalt bestreilen. 2 In drei Monaten, wenn es sich um so. genannten Munddiebstabl handelt.—/, Uhr; «r. Gala-Vorstelinngr. Gastsp. Miß Serene Kord! Tauch- und Schwimmkünstlerln. Gastspiel dos Herrn Direktor Pierre AHHoft und Frau Direktor Adels Althoff, Frciheitsdreas. Küti h»aiidn-ina! I.ndy Herkules I Möns. Amonus, Champion im Hochspringen. 3 Gebr. Fralellinls urk. Clowns. Um 9 Uhr ca. zum 65. Male: ?7 Armin.46 Alt-Moabit 4.71t». Donnerstag, den 16. Februar 1911; Marianne, ein Weib aus dem Volke. VollS-Schauspiel in 5 Auszügen von ll. Dräxler-Mansrcd. Kajstnerössn. 7 Uhr. Ansang 8'/« Uhr. Nach der Vorstellung: = Tanz.= LIGHTSPIELE. MOZART- SAAL Nollendorf- Platz. Beginn 6 Ulir. MMM Aus. 8 Uhr. Vorverkauf 11—2 Uhr. Zwei Schlager: Zilie verlorene Nsdit. Er, Sie und Er mit Anton und Donat Herrnscld in _ den Hauptrollen._ Waltiaila-Tiieater. IsNosenth.Tor.) Wei»berg«w.29l "1 Allabendlich 8'/. Uhr:' Bravo! Da Capol Eine Allerwclts- Revue. Benntagnaebrn. S'/j-Uhr: Unsere Don Juans. Kloine Preise. MernssWeddings Elch tsplel-P alnst MOIIerstr. 182/183— Sellerstr. 35 Paul Singers Begräbnis. Im Anto dnreh die Savoyer Alpen(Natnraufnahme). Der blinde KOnis(Illustrat. zur Uhlandsohen Ballade). Heute, Mittwoch, 15. Febr., S'/s». 9 Uhr: Vortrag dos Herrn Schriftstell Walter Boen Basel über die Besteigung des Himalaya durch den Herzog der Abruzzen. Reicbshallen-Theater. Stettiner Sänger. Zum Schluft. neu! Kuhlickes Variete-Theater. Burleske von Meysei. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Trisnon-Theater. Abend» 8 Uhr: Hippolyten Abenteuer. Hochbahnstation Koltbuscr Tor. 8'/. Uhr: Gastspiel National- Sporting-Troupe Training für die großen Boxkämpfe. Paul Förster. Die vou da driiben. Abends 8 Uhr. Sgr. Mm der spanische Caruso. Schneider-Duncker Les Vignacs u. d. kolossale Febr.-Prog 14 neue Variett-Attraktion. Bwrfftheater- Fcstsäle und Kinematograpb »orm. Groterjan, Jnhab.: Rud. Man, Schönhauser Allee 139. Tel. 3, 9353 Bebende Photographien. Eintritt 30 u. 40 Ps., Kinder die Hälfte. Ans. 7 U., Sonnt. 4 U. Verzugskarteo, nur wochent. gültig, 35 Ps. aus allen Plätzen. Stets wechs. Programm. fAssage-psoopNIlviv. in Mi Ekl Wm«----- In ihr. Leben, Sitten o. Gebrauch. Kam 1. Male In Berlin! in ein. eigens erbauten Polardorfe. Ohne Extra-En treo I Bosporus am Aloritzplatz. Heute nach Schluß der Varleti- Vorstellung Prämiierung des leistungsfähigsten Kartoffelpuffer-Essers. Germania- Pracht-Säle Carl Richter. IV., ChanMsee-StraOo HO. Honte Mittwoch, mit Ernst Walters neuest. Schlager! Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Voriug'skart. gelt. Anseht. Freitanr. Joden Donnerstag: Gr. Bockbier Konzert. [/reuzberg- Festsäle, Besitzer: Otto Ernert, SW., Kreuzvergsfr. 48. JedewMittwoch u. Freitag: Großer Frei-Tanz. Jeden Sonntag: Großer Ball. Im März noch Sonnabende _ zu vergeben._ Für den Jnlml« der Jnierate übernimmt die Nedattion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Sozialdsmokratiseher Waiilvsreio 1 für den 2. Beri. ßeielistapalilkreis. Bczir? 61. Am 11. b. M. verstarb unser Mitglied, der Stukkateur �uxust(joltscd Steinmctzstraste 14(Westen). Ehre seinem Andenken: Die Bccrdiauttg findet bellte nachmittag 4 Ühr von der Halle des Zentral-FriedhoseS, Friedrichs- jeloe, auS statt. 210/8 Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand Am Sonniag, den 12. Februar 1911. entschlies nach siiiistägigem schwerem Krankenlager unser lieber, guter Sohn, Bruder und Schwager, der Zigareltcnmaschinist Mberl Frenzel. Dies zeigen tiesbetrübt an Die trauernden Eltern, Bruder und Schwägerin. KarlSborst, Dresden, Radebeul. r. SozialEieniiU Waiilferein für den l Barl, ßeielistaijswalilkreis. Den Mitglicdcni hiermit aur Kenntnis, dag unser Genosse, der Schlosser Ulbert Frenze! Brückcnstr. 10a(Bezirk 273) gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung siudct am Donnerstag, den 16. Februar, nachm. 8 Uhr, aus dem AnstaltS- Friedhof in Dalldorf statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. ZsmlijWllki'atoiLM?™ für den UerlinerReichstepalireis. Strnlnucr Viertel. Bezirk 328, Teil I. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser Genosse, der Arbeiter Emil Welke Bödikerstrage 32 gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. Februar. nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle dcS Zentral- Kirch- Hofes in Ahrensfelde aus statt. 216/1 Der Borltaud. lZeutackes Metallarbeiter-Verband Verwaltungsslelle Berlin. Tofleu-Anicljcen. Den Kollegen zur Nachricht, dah unser Mitglied, der Metallarbeiter cmil Welke am 13. Februar an Herzleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Gcmelnde-Kirch- hoscS in Ahrensfelde aus statt. Rege Beteiligung erwartet 112/2_ Die OrtsverwaUunj� Am 13. Februar, 8 Uhr abends, verschied nach jahrelangen Leiden der Metallgießer Carl Rancke Blmaenstraße 76 im 77. Lebensjahre. ITermann Rancke. Anna Baumert geb. Rancke. Die Beerdigung findet am Freitagnachmittag 4 Uhr von der LeichonnaUe des Zentral-Friedhofes in Friedrichs- J felde aus statt. Zentral-Arblind der Schntiede. Verwaltungsstelle Berlin. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, bah der Kollege Wilhelm Gärtner im 60. Lebensjahre nach langem, schwerem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 15. Februar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des It. Andreas-Friedhoses in Wilhelmsberg auS statt. Um zahlreiche Beteiligung wird gebeten. 176/5 Die Ortsverwaltuni). Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Zahlstelle Gros,- Berlin. Bezirk Johannisthal. Am 12. Februar verstarb unsere Kollegin Llse �teutnaiin Ehre ihrem Andenken: Tie Beerdigung findet am Mittwoch, den 15. Februar, nachmittags 4 Uhr, von dem Trauer- Hause Roonstr. 10 auS statt. 63/5 Die Drtsrerwaltung. Am Sonntag, den 12. d. Mts., verstarb nach langem, schwe, eins Leiden unser langjähriger Mit- arbeiter, der Anleger Raul Dankel im 49. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des iieucn Pauls-KirchhoseS, am Plötzensee, auS statt. 134b Das personal der Buchdruckerei H. S. Hermann. fepbani der Blieb- Dnä Steiniiruekerei-Billsarbeitep u. Ipleitepinnen Deutseblanils. Orlnverwaltnng Berlin. Am 12. Februar starb nach schwerem Leiden im Alter von 49 Jahren unser Kollege, der Anleger ]*»?il I>aiikel Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. Februar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Neuen Pauls- Kirchhoses aus statt. 27/4 Die Drtsvsrwaliung Berlin. Zentral-Krankenkasse der Maurer, Gipser, Weifibinder und Stukkateure Deutschlands. Verwaltungsstelle Berlin. Sonntag, den 19. Februar, vormittags 10 Uhr, im GewerkschaftS- hanse, Engelufer IS(Saal 7): IRI�glloilvi'»Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Kasten- und GeschästSbcricht sür das 4. Quartal 1910 und Jahresbericht. 2. Wahl des crsteu Bcvollmächligtcn, zweiten Kassierers, erste» Schrist- sührerS und eines Revisors. 3. Kassenangelcgcnhcitcn. 149/3"___ Tie Lrtsderwaltnng. OeffenMcher Uortrag für Damen und Herren Donnerstag, de» 1«. Februar, abends 8'/, Uhr. im groficn Saale der Brauerei Ratsienlieker, Moabit, Xurmstr. 33;245. Rcserenl: Dr. med. Magnus Hirscbseld.— Thema:»Ueber die Gifahre» der geschleihtlidien Unwissenheit".— Freie Aussprache.— Fragen. beanlwortuug. Eintritt 80 Pf. 1226 ES lavct zu diesem interessanten und belehrenden Vortrage nur Erwachsene ergebenst ein Der Vorstand der Gesellschaft für vokkStümliche VortrSge. Kranliku-»nd Sterbebltsse der Tabltkarbeiter Kerlins. 5. P. Horsch, Engelujer 15. .Adlernhok. Kart Schwarzlose, Hofimannitr. 9. Banmsclinlenwcg. H. Hornig, Marieiitbalerstr. 13, I. Bori,lgn akcke. Paul Kiciiast. Räilschstr. 10. <.'Ii»rI<»rtenhnrg. Gustav Schariiberg, Seienbeimer Str. 1. t'rlcelrichxlingcn. Ernst Wcrkmann. Köpenicker Str. 18. Oriinan. Franz Klein. Bahnhosstt. 6, III. .lolmnnlRthal. Pielicke, Kaiser- Wilhelm-Platz 4. Karlnliorst. Richard Kütcr, Rödclstr. 9. II. Könenlek. Emil Wihler, Kietzerstr. 6, Laden. 1,1 cliton b o■* g. Cfto Seikel. Kronvrinzenstr. 4, I. Mecler-Schönowclde. Max Pricbke, Britzer Str. 14 II. Xowawe». Milhclin Jappe, Friedrichstt. 7. Oher-tziehiinewelde. Bader, WilHeiminenHosstr. 17. KiAtlorf. M. Heinrich, Neckariw. 2. Conrad, Hermann str. 50. E. Rohr, Siegsriedslr. 28/29. Bnmmelnhnrg. 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Wir ersuchen um recht zahlreichen Bestich. .Der Vorstand: Karl Butry,________ Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin, Kür den Inseratenteil verantw.: TH.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag! VorwärtS Buchdruckerel u. Verlagsan stall Paul Singer u. Co., Berlin LVV. VI» krs!,e wersn z.T. 25, 33, 45, 56, 70, 90. 120, ISO bis 1200 und sind M. g.� g. 11. 25, 36, 45 Ms 450 Alle Welten, eile Qrö.aen vorrätig. : zu Berlin. Stuf Grund des§ 65 des Statuts geben wir den Mitgliedern und Arbeit- gebern belannt, dag die in der General- Versammlung vom lt. November 1910 beschlossene fünste Abänderung des Kassenstatuts betreffend den Z 42 durch Beschlug des Bezirksausschuffes vom 17. Januar 1911 genehmigt worden ist und vom 1. Januar er. ab in Straft tritt. Druckexemplare dieser Abänderung gelangen im Kassenlolal zur Ber- teilung. 271/8 Berlin, den 11. Februar 1911. Der Vorstand. H. L o b i tz, Vorsitzender. Feit ohne Schwarte und ohne Magerfleisch KV Pf., 2 Pfund 1.15 Mark. Poln. Bratwurst 90 Pf., als Beigabe zum Rot- und Grünkohl. Vorzügl. gewürzte Rot- und Leber- Wurst. Pfd. 50 Pf.. 2 Psd. 95 Pf. FNiofcHl FriedrichstraBe 245, . nictatll, wilhelmstr. 109-110. Dr.Sämmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. PrinzenslF. 41,«U?« 10—2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Jifusier-Coapons-Jlesie, wunderbare Frühjahrs Neaheiien für Anzüge.'Ulster, Kostüme etc., Meter 3.—. 4.—, 5.—. Sirichhaar-Loden, imprägniert für Wetter- Pelerinen, Meter 1,50, 2.—. Tuchlager Gertraudten- straße 20-21, Koch O- See/aod, Ce- Seilschaft m. b:H., vis-a-vis d Petrikirehe. jWestnianiisTraiieniiagazjiil Extra- Abteilang Ii. Gesch.: Berlin W., Mohren- Stra8e37a(2 Haus von der] Jerusalemer StraBe). Iii. Gesch.: Berlin NO., GroBe 1 Frankfurt. Str.115(2. Haus] von der AndreasstraBe). 1 Sehr gr. Ausw. fert. Kleider, 1 1 Hüte, Handschuhe, Schleier| ■etc. v. einfachsten bis zum I | hbchelegant Genre z.äußerst J niedrigen Preisen. Sonder-Abteilung: naüaiircrtigung in 10 bis 12 Stunden. 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Zahtglmz. 3. f tilap des ,i Mitwsch. 15 lebfimr 1911 asn Kaufi])aDD$9crkl)t$wa])l. Heute Mittwoch, den 15. Februar, von 13 Nhr mittags bis 1 Uhr uachmittagS findet die Wahl der Arbektgeber-Beifitzer statt. Die Wahllokale und die Parteilokale, von denen aus die Wahlarbeit geleistet wird, sind aus dem gestern veröffentlichten Tableau ersichtlich. Kein Parteigenosse darf der Stimmabgabe fernbleiben. Die Genossen, welchen es die Zeit erlaubt, besonders aber diejenigen, welche sich wirtschaftlicher Selbständigkeit erfreuen, werden ersucht, wie stets, Wahlhilfe zu leisten und sich in den gestern bezeichneten Parteilokalen von 11'/, Uhr mittags an einzufinden. Unsere Liste trägt die Nummer 2 (sozialdemokratische Arbeitgeber). Stimmzettel sind in den Parteibureaus und vor den Wahllokalen erhältlich. i Der Aktionsausschuß. Die wirtschaftliche Lage der Berliner Lafetzamangeitellten. Obgleich alltöglick Zehntausende von Gasthavsbesuchern mit dem dort beschästiglen Personal in Berührung kommen, ist über die elend» wirtschaftliche Lage derselben im ganzen noch wenig bekannt. Man weih im allgemeinen nur, dab die Kellner keinen oder nur geringen Lohn erhalten, daß sie aus das Trinkgeld der Gäste angewiesen find und daß auch das übrige Personal schlecht entlohnt wird und eine überaus lange Arbeitszeit zu absolvieren hat. Eine soeben erschienene, vom Genossen Poeysch im Auftrage des Ve.r- Bandes deutscher Ga st wirtsgehilfen bearbeitete Broschüre*) gewährt einen Einblick in die Lage wenigstens eines Teils der gastwirtschastlichen Angestellten von Berlin. In diesem Buche ist das Resultat von Erhebungen zusammengefahl, die der genannte Verband angestellt hat. Die Untersuchungen erstrecken sich aus 244 Cafes und Konditoreien von Grofi»Berlin, die zu- sammcn zirka<30000 Sitzplätze enthalten und im Erhebungsjahr einen Umsatz von etwa 10,3 Millionen Mark erzielten. Die Zahl der bcichä'iigtcn Personen betrug 2462; hierzu kommen noch 764 Musiker, 206 Postkarten» und Blumenverläufer, Scheuer- fraueii usw. Heber die Lohnverhältnisse wird folgende? mitgeteilt: Die„Zahlielner* erhalten weder Lohn noch sonst irgend eine Entschädigung. Bon den 703„Revierkellnern"(das sind solche Kellners denen, ein bcstiuuntes Revier zur Bedienung zu- gewiesen wird und die auch von ihren Gästen die Zechen ein- zukassteren haben) erhielten nur löl in zehn Betrieben zu- sammcn die Summe von 27 060 Marl an Lohn. Bon den 234„Zuträger«»"(das sind Gehilfen der Zahl- oder Revier- kcllner, die nicht das Recht das Kassierens haben) wurden von den Untertckhmern aber nur 129 und zwar insgesamt mit 62 940 M jährlich bezahlt. Außerdem kommen noch für 124 Zuträger eine Kostcntschädigung von 1 M. pro Kopf und Tag in Frage, das macht (das Fahr zu 365 Tagen gerechnet) 45 260 M. An Sonn- und Feiertagen werden in vielen Cafös Aushilfen beschäftigt. Es wurde festgestellt, daß in 173 Betrieben regelmäßig 276 Aushilfen beschäftigt waren. An diese wurde seitens der Unternehmer in nur 14 Betrieben mit 31 Kellnern Zuwendungen und zwar in der Höhe von 3713 M. gemacht. Für die Leistungen an Naturalien(Kost) wird insgesamt 77 745 M. in Ansatz gebracht, viele Kellner erhalten nämlich keine Kost oder höchstens während ihres Dienstes, der zum größeren Teil in die Nacht fällt, einige Tassen Kaffee und eine Stulle. Insgesamt werden also 216 723 M. hcrausgerechnct, die in 244 Betrieben mit 1085 festen Kellnern und 278 Aushilfen an Lohn, Kost und Kostentsch'ädigung von den Unternehmern geleistet wurden. Wie steht es mit dem, was die in den Cafes beschäftigten Kellner an Zuschüssen,„Draufgeld" an öie Zuträger, Abgaben usw. an ihre Herren Prinzipale abführen mußten? Mit den oben aufgeführten Löhnen können die Zu- träger, die Trinkgelder ja nicht erhalten, natürlich nicht aus- konimen. Die Zahl- bezw. Revicrkellncr find gezwungen, ein Drauf- gsld an jene zu zahlen. Nach den Ermittelungen wurden auf diese Weise nicht weniger denn 289 560 M. im Jahre an die Zuträger bezahlt. Die von den Unternehmern eingestellten Hilfslräfte werden also zum größere» Teil von den älteren Kellnern entlohnt. Dazu komme» aber noch ganz erhebliche A b g a b e n' d ire kt an den Unternehmer, zunächst die sogenannten„Prozente". In manchen Cafäs müssen die Kellner 1, 2, 3. in einem Falle sogar 5 Proz. ihrer Einnahme an den Wirt abführen. Hat ein Kcllner iin Laufe des TageS 100 M. umgesetzt, so muß er des Abends 101, 102 bezw. 105 M. abrechnen. Unter dieser Form haben 123 Zahl- und Revierkellner zusammen die Summe von 117 797 M. zahlen müssen. In der Regel rnüfien die Kellner auch für den gesamten Bruch aufkommen. Meist treiben die Unternehmer jeden Tag eine bc- stimmte Pauschale von den Kellnern dafür ein, gleichgültig, ob etwas zerbrochen wurde oder nicht. Eine solche Pauschale wurde in 60 Betrieben mit 377 Kellnern und zwar in der Höhe von je 20 Pf. bis 1 M. täglich erhoben, was zusammen die Summe von 61 743 M. ergab. Sodann wird von den Kellnern in vielen CafäZ ein P u tz g e l d erhoben, angeblich zur Ablösung für diejenigen Arbeiten, die eigent- lich den Kellnern zufielen, aber von Hilfspersonen ausgeführt werden. In Wirklichkeit könnten die Kellner nach 10-, 12-, 14stündiger Arbeitszeit, die in der Regel um 5. 6, 7 Uhr morgen? beendet ist, diese Putzarbeiten gar nicht leisten. So sind auch diese famosen Putz- gelber, die in der Höbe von 16 104 M. erhoben wurden, lediglich als ein weiterer Beitrag der Angestellten zu den Geschäftsunkosten des Unternehmers anzusehen. Wäschegeld wird von 261 Kellnern in der Höhe von 41 019 M. bezahlt, und zwar ilt täglichen Raten von 29—75 Pf. Dafür liefert der Unternehmer die weißen Jacken und Schürzen, die aber nicht täglich, sondern allwöchentlich nur ein- auch dreimal ge- wechselt werden, so daß hier noch ein Ueberschuß verbleibt. Wem, wir von dem Wäschcgeld absehen, weil sich hier nicht genau sesistellen läßt, wieviel dafiir zu Unrecht erhoben wird, so ergibt sich bei der Gegenüberstellung der beiderseitigen Leistungen folgendes Bild: -j Das Berliner Easehausgewerbe. Die wirtschaftliche Lage der «ngeslellteil. L0 Seiten. Preis 60 Pf. Die Unternehmer zahlten: An Lohn. Kost und Kostentschädigung(detaillierte Angaben siehe oben)........ 216 723 M. Die Kellner zahlen für bezw. an die Unternehmer: Lohn(„Draufgeld") an die festen Zuträger 269280 M. ,„ an die Aushilfen-Zuträger 20 230„ An„Prozenten"........... 117 797„ „.Bruckgeld"........... 61 743„ ..Putzgeld»..........•■ 16104„ 485 204 M. Wie man sieht, versteht der Berliner CaföhauSbesitzer sein Ge- schüft auf daS vortrefflickste. Er nimint auch von den Händlern. die in seinem Lokal Ansichtskarten, Blumen usw. feilbieten, hohe Abgaben. Die Toiletten werden verpachtet und brachten in 80 Betrieben einen Gewinn von 155 080 M. Die Trinkgeldcr- unsitte wächst sich zu einer immer größeren Kalamität aus. Die Wirte suchen immer mehr durch allerhand Abgaben von den Trink- geldern ihrer Angestellten mit zu profitieren und treiben auf diese Weise den Keil immer weiter. Die Kcllner suchen nämlich, das ist menschlich begreiflich, den Teil ihrer Trinkgeldereinnahme, den sie an den Wirt direkt und indirekt abführen müssen, vom Publikum wieder einzutreiben. DaS führt dann zu jenem von den Gästen so unliebiam empfundenen Berhalten mancher Kellner, die oft in einer recht aufdring licken Weise ihr Trinkgeld heischen. Die wahren Schuldigen Mnd natürlich die Unternehmer, die sich nicht daran genügen lassen, s i ch die Arbeit ihrer Angestellten umsonst leisten zu lassen, die darüberhinaus noch ihren Anteil an den erbettelten Trinkgeldern fordern. In der Broschüre wird ferner die Arbeitszeit, die Be köstigung. die Stellenvermittelung behandelt. Ein anderes Kapitel beschäftigt� sich mit den OrganisationS- Verhältnissen der Unternehmer und der Arbeiter. Den Sckluß bilden Gerichtsurteile über das Trinkgeld und über die oben behandelten Abgaben aller Art. Eine Reihe Gerichte hat derartige Abgaben für sittenwidrig erachtet und Be- sitzer zur Rückzahlung verurteilt; leider sind aber auch entgegen- stehende Urteile zu verzeichnen. DaS wirtschaftliche Elend der Kellner und ihre Rechtlosigkeit läßt sich nur durch Zusammenschluß der Kellner im Verband deutscher GastwirlSgehilfen(Große Hamburger Straße 13/19) mildern. Die kleine Broschüre lenkt die Aufmerlsamkeit auf Miseren, die diese Ausdehnung nicht erlangt hätten, wenn die von der sozial- demokratischen Fraktion seit Jahrzehnten verlangten Arbcilerschutz- Vorschriften Gesetzeskraft erlangt hätten. Huö Induftne und ftandeL Arbeiterhaß. So rückständig ist heute kaum noch ein Konservativer. daß er die Beibehältung überlebter Formen im Wirtschafts- lebet« verlangt. Arbeiter, die sich gegen die Einführung arbeitsparender Produktionstechnik, gegen die Ausschaltung un produktiver Arbeit aufbäumen wollten, würden sicherlich aU gemein als borniert verschrien. Im Lager der Unternehmer gibt es jedoch dergleichen kurzsichtige Geister, die über ihr allerengstes Portemotmaieinteresse nicht hinaus können Männiglich ist bekannt, daß der Kohlemoucher neben dem Brot- und Fleischwucher in Deutschland am üppigsten ins Kraut geschossen ist. Und speziell die Konsumenten in Berlin »oerden von den Niederlausitzer Braunkohlenlieferanten gründ lich geschröpft. Wenn die Abnehiner sich gegen die hohen Preise nach Möglickkeit zu schützen suchen und dabei auch daS AUttel der Ausschaltung überflüssiger Arbeit benutzen, so ist das ihr gutes Recht. Die Ausmerzung überflüssiger Hände in der Verteilung der Produtte ist zudein ebensogut ein kultureller Fortschritt als die Einführung von Maschine»,, die nienschliche Arbeitskraft ersetze», oder ausschalten. Das will das Organ der Kohlengroßhändler, soweit die Taschen- interessen dieser anscheinend gefährdet»verden, nicht gelten lassen. Der„Vorivm-tS" brachte kürzlich eine Notiz, laut »velchcr die Sozialisten in Huddersfield die Kohlenversorgung der Einlvohner der Stadt durch die Gemeinde beantragt haben. Sie hatten dabei den Nachivels geführt, daß allein eine Frachtkostenersparnis von 25 Pf. pro Zentner erzielt »verde. Diese Mitteilung hat das genannte Organ.„Deutsche Kohlen-Ztg.", furchtbar erbost. Da es sachlich dagegen zu Po- lemisieren nicht in der Lage ist, reagiert es durch eine tvüste antisoziale Hetze. In seiner Nr. 6, 19! 1, geifert es u. a.: Die Hochflut der sogenannten„freiheitlichen" Anschauungen nimmt infolge Anivachsens der Arbeitermaffen und der Zahl der Feslbcsoldeten zu. Alle diese Leute ergreifen den sozialistischen oder demokralilchen Stimmzettel in der einfachel, Erwartung, ihre gewählten Vertreter in Reich, Staat»nd Gemeinde werden ihnen den Tisch reicklich mit weitgehendster„öffentlicher" Fürsorge decken. Diese Erivartungen treffen meistens ein. Ist die Sckule unentgeltlich, so fordert man kostenlose Abspeisung der Kinder. Staat und Gemeinden sollen heute schon Beamten- und Arbeiterbäuser bauen und diese dann den Herren zu„mäßigem" Zins zur Verfügung stellen. Ferner wünschen all diese Herr- ichasten eine sorglose Zukunft für sich und tunlichst auch für ihre gesamten Familienniitalieder, wenn sie sich nicht etiva anderweitig besser veriorgen. Uever 790 Millionen Mark jährlich hat das deutsche Unten, ehmertum bereits für Krankenkasse, Unfallsürsorge, Jnvalidenfürsorge aufzubringen und weiter geht es im Schnell- zugsteinpo. Die Privatbeamten- Pensionsversicherung(wird der PrinzipalitSt etwa 300 Millionen Mark jährlich kosten. Mutter- schütz, Hebammcnbeihilfe, Kindergelder für Erziehung. Arbeits- losenvcrsichernng(Faulenzerschutz) sind in Sicht. An all' diesen Dingen läßt sich die sozialistische und demokratische Presse nicht genügen. Die Massen drängen weiter. Aus Angst um die Man- datc versprechen die parteipolitischen Kandidaten der äußersten Linken daS Blane vom Himmel henntter und helfen durchführen, soweit es nur irgend möglich ist. Für die rifikotragendcn Bürger hat man stets Beruhigungsmittel und nichtssagende Redensarten zur Hand. Friedliche Ueberwindung und Durchdringung der Massen, staatsbürgerliche Erziehung der Jugend und ähnliche schöne Dinge inüssen dem Arbeitgeber Geduld einflöße». Mit oll diesen frommen Redensarten ist den Unternehmern nicht mehr geholfei,. Wir lvarlcn sehnlichst auf die feste Hand, denn wie lange noch und die kommunale Gütcrversorgnng der Bevölkerung bildet die Ouvertüre zum Zukunftsstoatc in praxi. Der Kohlenhandel wird dieser Aera sozialpolitischer, besser gesagt sozialistischer marxistischer Betätigung am frühesten zum Opfer fallen. Hier gilt es auf- zilwachen, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen und mit einer gelvaltigcn Gegenagitation im öffentlichen Leben einzusetzen. Wir begniigen uns damit, die Frechheiten>md Gemein- heiten niedriger zu hängen. Hier wird wieder bestätigt: die schlimmsten Ausbeuter sind auch die tollwütigsten Reaktionäre und Arbeiterhasser!___ Kapitalistische Verbrechen. Uever die Vorvereilungei, zu einen, neuen gewaliigen Raubzug der Baumwollspesillante» wird au» London folgendes gemeldet: In dem Baumwolle erzeugenden Süden der B-reimgtcn Staaten von Amerika wurde durch eine Erklärung des snihereu Ministers des Innern Hole Smith, der kürzlich zum Gouverneur von Georgia erwählt wurde, eine ungeheuere Sensation hervor- gerufen. Smith sagte, es sei ein Komplott geschmiedet worden, die Baumwollernte dieses JahrcS vollständig zu vernichten. Mehrere� Spekulanten wollen, wie Smith behauptet, aus Nelv Eork Taufende von„Bollrv-eovils"(phaloena oblitaß eine die aumwollkapseln zerstörende Raupe, einführen, um die Staaten Georgia und Süd-Carolina, die bisher von den Insekten nicht heimgesucht waren, mit diesen Zerstörern zu überschwemmen. Wie Smtth weiter behauptet, beabsichtigen die Spekulanten, die Oktober- Baumwollernte aufzukaufen und sie zu Ricscnpreisen loszuschlagen, sobald das Fehlschlagen der letzten Ernte bekannt wird. Smith versichert, daß er diese ungeheuerlichen Anschuldigungen auf Grund ganz genauer Erkundigungen erhebe und sie bereits den, Bundes- departement für Landwirtichast»ntgetcilt habe. Ob die Mitteilungen tatsächlichen Absichten zugrunde liegen, oder ob die Spekulanten den Minister nur als Instrument zur Anfachung einer Panik mißbraucht haben, ist für die Beurteilung des Falles ganz gleichgültig. So oder fo: der beabsichtigte Zweck ist. eine neue künstUche Verteuerung der Baumwolle hervorzurufen, bei der die Macher vielleicht Hunderte von Millionen ergaunern. Solche Ver- brechen sind nur bei einer kapitalistischen Plünderwirtschaft möglich. Der Sozialismus erlöst die Welt von solchem Wahnwitz, von solchen Schandtaten.(Wegen Raummangel zurückgestellt.) Der Tod beS Wiener Rothschild bringt den Aufstiegs dieser glänzenden Dynastie des MammoniSmuS wieder ins Gedächtnis, die gegründet wurde von dein kleinen Frankfurter Juden Mayer Anselm Rothschild. Oesterreich war immer anleihebedürftig und seine Beziehungen zu dem 1812 von den fünf Söhnen des erlauch- tcn Ahnherrn gegründeten Haus»vurden immer inniger, bis schließ- lich der jetzt Verstorbene das Geld zum Bau der noch nicht be- willigten Dreadiwughts vorstreckte, an denen die Eisenkönige das von uns letzthin geschilderte Riesengeschäft machen. Vom östcr- reichischen Aillcihegeschäft ist das Haus Rothschild erst in den letzten Jahren durch die k. k. Postsparkasse verdrängt worden. DaS kolossale Witkowitzcr Eisenwerk kauften die Rothschilds 1862 für 320 000 Gulden von,— Olmützcr Erzbistum. Aber Rothschilds Millionen umschlingen die ganze Welt von den spanischen Queck- silberbergwcrken bis zu den Petroleumraffinerien von Bakuin. Hat Rothschild im Leben soviel am Staat verdient, so freut sich der Finanzministcr doch auch seines TodcS. Die zu crlvartende Nach- laßftcuer von 20 Millionen Kronen wird manche brennende Dallesfrage lösen: der Tod des Millionärs wird endlich das Geld für den Ausbau der Spitäler liefern. Ein einziger von seinen Söhnen. Louis, hat sich dem Geschäft zugewendet, er besteigt jetzt den Thron, der den alten Glanz nicht mehr verbreitet, seitdem die Rockefeller, Armour, Astor und Carnegie strahlend am Kapitalisten- Himmel aufgegangen sind. Submissionskomödie. Für Altona war der Bai» eines Stamm- sieleS ausgeichrieben»vordem 24 Angebote liefen ein, sie brachte», den Stadtväler» bei ihrer Oeffmmg eine große Ueberrafchnng. Für den Bau forderte die Städtcreiinguim- und Ingenieurbau A. G., Berlin, die Summe von 1541 103 M.� die Firma Tiedniann u. Wendland, Hainburg, dagegen 495 252 M.! Die Differenz bettäxt also mehr als eine Million II DaS Silbinissioitsverfahren, wenn es nichl völlig in Bestimmungen und Abmachungen tech- nischer und qualitativer Art festgelegt ist, bleibt einfach eine Farce. Hus der frauenbewegung. Was wird ans der Witwen- und Waiscndersicherung? Das ist die Frage, die sich auf die Lippen der Arbeiterfrauen drängt, deren Männer im Dienste des Kapitals ihre Kraft und Gesundheit ruinieren und dann frühzeitig zugrunde gehen.— Die werktätige Bevölkerung hat nicht vergessen, wie die bürgerlichen Paittcien und allen voran das Zentrum, bei der Aufzwingung des Wuchcrtarifs, der dem Volke eine ungeheure P r e i sst e i g c- r u n g der notwendigsten Lebensni'ttcl brachte, die Arbeiter durch Hinweis auf eine Witwen- und Waiscnversicheruitg zu be- sänftigen versuchten. Bereits im Jahre 1910 sollte die Versicherung eingeführt sein. Als die Frst verstrichen war, da erklärte der Reichskanzler v. Bethmann Hollroeg in einer ReichstagLsitzung, die Witlven- und Waisenversicherniig fei ein> schöner Traum, zur Zeit nicht durchführbar, da die Erträgnisse der dafür festgc- legten Agrarzölle nicht ausreichten. Tie Teuerungspreise und vor allem der Brot- und Flcischtoucher ist gebliebe», was aber auö der geplanten Versicherung»viri), ist noch nicht abzusehen. Der Entwurf der Reichsversicherungsordnung sieht die W twen- und Waisenversicheruttg vor, aber in einer Form die wie Hohn au.- mutet. Di« Versicherung soll sich nur auf invalide Witlven erstrecken, das heißt auf solche,'die selbst zu zwei Drittel ihre Ar- beitSkraft verloren haben und somit invalide im gesetzlichen Sinne sind. Dadurch bleiben zirka 90 Prozent aller Witlven auSge- schlössen, denn auch jene Witwen, die selbst gegen Invalidität versichert sind, sollen beim Tode ihrcS Mannes keine Witlvenrente erhalten. Ihnen soll nur ei», einmaliges Witivengeld in Höhe einer Jahresrente gezahlt werden, die jedoch 80—100 M. nicht überstc'gen soll. Bei der Schulentlassung steht den Kindern dieser Witlven eine Waisenaussteucr zu, aber nur bis zu einem Betrag« von 80—40 M. Werden diese Witrven invalid, so haben sie nur Anspruch auf die Invalidenrente. Für die Empfängerimren der Witwenrente kommt Witwe»'.- geld und Waisenauösteuer nicht in Betracht, auch nicht für Witwen, die lue der selbst gegen Invalidität versichert noch invalide sind. Die letzt crlvähnten Witlven haben, wenn sie 26 Wochen krank waren, für die lveitere Dauer der Arbeitsunfähigkeit An- spruch auf Witwcnkrankenrente. Die Höhe der Witwenrente richtet sich nach der Höhe und Dauer der Bcitragszahluilg des Mannes zur Invalidenversicherung. Zahlte z.(B. der verstorben« Mann 10 Jahre in der ersten Lohn- klasse, so erhält seine Witwe(falls sie invalide ist) pro Jahr 72,60, sein Kind 36,60 M.; bei mehr Kindern verringert sich die Summe, so daß bei 8 Kindern nur insgesamt 171 M. Waisenrente gezahlt wird. Eine Witwe»nit 5 Kinder,» würde nach bOjäHriger Beitragszahlung de? Mannes in der untersten Klasse nur 249,60 und in der höchsten Klaffe nur 395,40 M. erhalten. Das ist keine Witwen- und Waisenvcrsicherung. wie man sie im Jahre 1902 versprochen hatte. Ansgeschkossen von'dem Bezug der Renten sollen auch noch die unehelichen Mütter und die Ausländer sein. Die geplante Hinterblicbenenversichcrung bleibt hinter den berechtigten Forde- rungen zurück. Die Mehrzahl der Arbeiterfrauen bleibt emsfjc- schlössen von dieser winzigen Hmterbliebenenfürsorge im Gegensatz zu den Witwen der Beamten ui»d der Militärs. Alle hier in Betracht kommenden Willven erhallen ihre Pensionen, um auch weiter standesgemäß leben zu können,— Eigenartig berührt es, daß der„Bund für Mutterschutz", der sich an» 3. und 4. Dezember 1910 auf einer Konferenz mit der Reichsvcrsicherung beschäftigte, nicht gegen eine derartige Witwen- und Waisenvcrsicherung protestierte, sondern zustimmte, daß nur invalide Witlven«ine Rente erhalten. Allein die Sozialldemokratie tritt für die Förderungen der Arbeiterinnen ein. Daraus ergibt sich, daß die Prolctarierinncn sich der Partei anschließen inüssen, um in deren Reihen den Kamps Uin Brot und Recht ihrer Klasse zu führen» Credit-Haus Bellealliance" BellealUanee-Str. IW, I. Etage. Waren n. Möbel z. kulant. Beding. Jerlinßr Credit-Haus " Eommandantenstr. 67."WL Turmstraße 55, Ecke Waldstr. gewährt JgdßDl h. Spielend leichter An- n. Abzahlung mehrjährlaen Kredit auf Waren und Möbel. kMkü Spandau FoUdammtr.23,1 Auf Abzahlung gibt Wllb. Neumann, Pappelalloe 83 Waren, Möbel, Garderobe. »f.[arUrernr- QAIhoho�Mi��tpanlcoJ Sinalco(Bilzbrause) Qen.-Vertret. QttO StafiCk NO, Land�bergrer Allee 0/7. - Fernruf VII: 166« u. 1564.- Erscheint 2 mal wöchentlich. | BezMgsquellen»Vepze8chniSs| Untenstehende Geschäfte mnfehlen sich bej Einkauf Hohenstsufan-Bad.ColtutiOa Am Nollendorf-Winterfeldplatz. Bfirsen-Bad, Dtrcksenstr. SO Am Hackeschen Markt. Lieferant oller Kasaen. TI>« Landsberger St 107 Gollnowstraße 41. H Kaiisch, Lieferant all. Kassen. 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