88. Iichrg. HbonnemcntS'Bcdingungcn: BBonnementS> Preis pränumerando: Lierlcljährl. 320 Ml, monatl. 1,10 Mt,, wöchentlich 28 Big, frei ins Haus. Einzelne Nummer ö Pfg. Sonntags- timnmcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- klbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Riutiänien, Schweden und die Schweiz, OMcInt tlglldi außer montags. Veelinev VolksblLltt. Die Tnlerflons-Gebüfir Beträgt für die sechsgespaltenc Kolonel- zelle oder deren Raum 50 Psg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 20 Psg. „Meine Hmeigcn", das erste fselt- gedruilte) Wort 20 Psg,, jedes wcitcra Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- ftcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes«eitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnicr müssen bis ü Uhr nachmittag- in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geösjncl, Telegramm- Adresse: „Sozialiumolirai kerssg-. Zentralorgan der roztaldemokrati feben Partei Deutfcblands. Ur. 40. Redaktion: 8 AI. 68, Linden Strasse 69» Fernsprecher: Aint IV. Nr. 1983. Die llgrarzölle. n. Daß, wie unser gestriger Artikel nachweist, die Agrar- zölle fast ausschließlich dem Großgrundbesitz zugute kommen, geht auch daraus hervor, daß die großen Güter nach Ein- führung des iteuen Zolltarifs viel bedeutender im Preise ge- stiegen sind als die der kleineren und mittleren. In dieser Beziehung sind die Feststellungen! Roth- kegels in„Schmollers Jahrbuch"(34. Jahrg., S, 1709), dem die im Laudwirtschaftsministerium gesammelten Kauf- preise vorlagen, von besonderem Interesse. Danach war die Preissteigerung von 1991/4993 bis 1997/1999 größer als die von 1895/1897 bis 1991/1993 in der Größenklasse unter 2 Hektar um 12 Prozent, von 2 bis 5 Hektar um 11 Prozent, von 5 bis 29 Hektar um 13 Prozent, von 29 bis 199 Hektar um 23 Prozent, von 199 bis 599 Hektar um 36 Prozent und von 599 Hektar und mehr um 34 Prozent. Folglich hatte der Großgrundbesitz den weitaus größten Vorteil aus dem neuen Zolltarif und ist auch im Preise auf das Anderthalb- bis Dreifache von dem gestiegen, was die Preiserhöhung des mittleren und kleinen Besitzes beträgt. Gleichzeitig bestätigen diese Angaben Rothkegels sowie viele andere, die Brentano anführt, daß die Agrarzölle, in- dem sie den Preis der Güter und den Pachtzins*) in die Höhe treiben, lediglich den jeweiligen Besitzern zugute kommen, während die späteren Käufer und Pächter nur benachteiligt werden. Kostet der Boden viel Geld, so wird die Führung des Betriebes natürlich äußerst erschwert, der Kredilbedarf ver- größert, die Produktionskosten erhöht und die Profitrate ent- sprechend herabgedrückt. Kommt dann ein Jahr sinkender Preise, so stehen die neuen Grundbesitzer, die in der Er- wattung hoher Getreidepreise für den Grund und Boden schweres Geld zahlten, am Rande des Bankrotts.... So klagten die englischen> Pächter ununterbrochen während der ganzen Dauer der hohen Getreidezölle. Deshalb steigt auch die Verschuldung der preußischen Grundbesitzer von Jahr zu Jahr. Der Ueberschuß an eingetragenen Hypotheken und Grundschulden über die Löschungen in den ländlichen Be- zirkyr betrug: 1886... 133.16 Millionen Mar! 1396... 277.50,„ 1906... 515,19 1907... 556,31 1908... 584,15 Ebenso stieg die Zahl der Z w a n g s löschungen. 1996 machten die Zwangslöschungen 7,7 Prozent aller Löschungen aus, 1997 8,4 Prozent und 1998 9,9 Prozent. So sieht der Segen der Agrarzölle für die Landwirte in der Wirklichkeit aus. Daraus ergibt sich auch, welche Be- deutung die Redensarten haben, daß man durch Zölle die deutsche Landwirtschaft soweit erziehen kann, daß sie den ge- samten einheimischen Bedarf decken wird. Nein, gerade Zölle erschweren außerordentlich die Entwickelung der Landwirt- schaft!... » �» Wenn die Agrarzölle von so negativer Bedeutung selbst sür die Landwirtschaft und die Viehzucht sind, so ist eigentlich die Frage nach deren Wirkung auf die anderen Zweige der Volkswirtschaft von selbst erledigt: hier können sie nur un- günstig wirken. Doch haben sich Brentano. Roncador und andere die Mühe gegeben, auf diese Fragen näher einzugehen und förderten in der Tat auch einiges Interessantes zutage. So bringt Brentano in der zweiten Auflage seiner Denk- schrift eine interessante Tabelle über die Notierungen der Roggenpreise auf den Märkten von Berlin und Amsterdam im Januar, April, Juli und Oktober der Jahre 1878 bis 1895: aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß der Zoll eigentlich immer im Preise zum Ausdruck kommt, sobald Deutschland als Käufer von Getreide auftrttt. Nur kommt es immer wieder vor, daß die eingeführte Menge den Bedarf übersteigt und so den Preis für eine kurze Zeit drückt. Des- halb geben die jährlichen Durchschnittspreise kein richtiges Bild. Nur in Ausnahmefällen, wie beim russischen Roggen, der auf den deutschen Markt angewiesen ist, oder in besonders guten Jahren, wo das Angebot den Weltbedarf übersteigt, werden sich die ausländischen Produzenten genötigt sehen, einen Teil des Zolles auf sich zu nehmen. Davon kann aber keine Rede sein in gewöhnlichen Jahren, sobald die Nachfrage. — wie jetzt fast immer der Fall ist— das Angebot übertrifft. Es ist ja ohne weiteres klar, daß die Produzenten doch auf ihre Kosten kommen müssen. Sonst würden sie ja den Betrieb aufgeben. Deshalb müssen die Käufer auch den Zoll tragen. Uebrigens ist es seit der Aufhebung des Jdentitätsnach- weises keine Frage mehr, da die Einfuhrscheine den vollen Wert des Zollbetrages haben. Die Einfuhrscheine bilden so- mit eine Erportprämie, die den Agrariern ermöglicht, auch in guten Erntejahren die Preise um den vollen Betrag des Zolles über den Weltmarktpreis zu halten. •) Ein recht anschauliches Bild der Wirkung der Zölle auf den Pachtzins geben die preußischen Tomänenverpachtungen. Der Pachtpreis pro Hektar betrug 1908: 40,9 M., 1909: 43,9 und 1910: 48,9 M. Der Pachtpreis für die im Jahre 1911 frei gewordenen Domänen ist wiederum auf 49 M. pro Hektar angesetzt worden. Dagegen wurde 19ö7 der Hektar für 24,79 M. verpachtet. Douuerstag, den 16. Februar Nun fragt es sich, ob der hohe Getreidepreis auch im Brotpreis zum Ausdruck kommt und ob die Aufhebung der Zölle das Brot verbilligen wird. Es gibt sehr viele, die diese letzte Frage verneinen. So bestritt kürzlich die Regie- rung und bestreiten noch viele„Gelehrte", daß die Abschaffung der Oktrois die Herabsetzung der Fleischpreise zur Folge hatte. Roncador führt zur Beantwortung dieser Frage eine ihm vom Statistischen Amte der Stadt Berlin mitgeteilte Tabelle über die Bewegungen des Getreide- und Brotpreises an, aus der deutlich hervorgeht, daß die Brotpreise den Ge- treidepreisen folgen. Alle Redensarten, daß an der Teuerung ausschließlich der Handel schuld ist, werden dadurch wider- legt. So war Wenn die Schwankungen des Roggenpreises auch größer sind als die des Roggenbrotpreises, so folgen dennoch, wenn auch in längeren Zwischenräumen, die Brotpreise den Be- wegungen des Roggenpreises. Wie groß ist die Belastung der Bevölkerung durch die Agrarzölle? Brentano nimmt an, daß nicht der ganze Zoll- betrag, sondern bloß 81 Prozent davon im Preise zum Aus- druck kommt. Wir glauben, daß dieser Satz insbesondere für Weizen entschieden zu niedrig ist. Ebenso für Gerste, die beide nur zur Hälfte bis zu zwei Dritteln aus der inländischen Produktion gedeckt werden. Auf jeden Fall kann die Bren- tanosche Berechnung als minimal gelten. Danach erweist sich, daß die jährliche Gesamtbelastung durch die Zölle auf Roggen, Weizen, Gerste und Hafer über eine Milliarde Mark beträgt. Davon flössen in die Reichskasse durchschnittlich ein Achtel, und sieben Achtel in die Taschen der Großgrund- besitzer. Pro Kopf der Bevölkerung ergibt dies eine Be- lastung von 2,45 M. zugunsten des Reiches und 17,46 M. zugunsten der Grundbesitzer. Wie groß die Belastung der Konsumenten durch die Vieh- und Fleischzölle ist, kann man folgenderweise feststellen. Der Unterschied zwischen den Londoner und Hamburger Preisen bettägt im Durchschnitt der Jahre 1997 und 1998 für Rindfleisch 32 Pf. pro Kilogramm und für Schweinefleisch 39 Pf.*). Da Schweinefleisch mehr als doppelt(im Ver- yältnis von 64: 29) fo viel verbraucht wird als Rindfleisch. so kann man, unter Zugrundelegung dieses Verhältnisses, im allgemeinen annehmen, daß das Kilogramm Fleisch mit 37 Pf. infolge des Zolles und der anderen sogenannten „sanitären" Maßnahmen belastet wird. Da nach den An- gaben des Reichsgesundheitsamtes der Fleischverbrauch pro Kopf der Bevölkerung in diesen Jahren 52,6 Kilogramm be- trug, so stellte sich die Belastung der Bevölkerung durch die Fleischzölle auf 37 X 52,6— 19,46 M. pro Kopf oder insgesamt auf rund eine Milliarde Ma r k. Der jährliche Tribut, den der deutsche Konsument an die Agrarier zu zahlen hat, beträgt also rund zwei Milliarden Mar kl ftDtrumzschwiiiSel zur elkZö-Iolhriugiiche» Öcrfaffungsfragc. An leitender Stelle der„Kölnischen Volkszeitung" wird in der Abendausgabe vom 13. Februar gesagt, daß das Zentrum in der elsaß-lothringischen Verfassungsfrage mit seinem von der Mehrheit der Reichstagskommission(einschließlich der Sozialdemokraten) an- genommenen Antrag, wonach Elsaß-Lothringen einen selbständigen Bundesstaat des Deutschen Reiches bilden und ihm drei beschließende Stimmen im Bundesrat gewährt werden sollen, den„einzig gangbaren Weg" gewiesen habe. Dabei wird die Sache aber so dargestellt, als ob die Reichstagskommission damit zugleich sich für die weitere Zentrumsforderung der Statthalterschaft auf Lebenszeit ausgesprochen habe und als ob daraus weiter mit Selbstverständlichkeit die Zustimmung zu der einzig borge- Ter Preis von Schweinefleisch in Hamburg war 1907 147 und 1908 138 Pf., in London 1907 107 und 1908 114 Pf.; von Schweinefleisch in Hamburg 1907 139 und 1908 146 Pf.; in London 1907 106 und 1908 101 Pf. pro Kilogramm. Expedition: 8M. 68, Lindcnstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. sehenen Möglichkeit der Absetzung des Statthalters durch den Bundesrat mit den für V e r f a s s u n g s- revisionen vorgesehenen Kautelen sich ergebe. Diese Dar- stellung widerspricht direkt der ausdrücklichen Feststellung in der Kommission, daß die Zustimmung zu dem Zentrumsantrag die Frage der Staatsform nicht berühre,— eine Feststellung, ohne welche die Sozialdemokraten in der Kommission, wenn Zweifel darüber bestehen, sich auf den Boden des Zentrumsantrages gar nicht hätten stellen können. Der einfache Wortlaut des ge- faßten Beschlusses zeigt aber schon, daß die Zentrumspresse zu solchen Auslegungen in keiner Weise berechtigt ist. Womöglich noch ungeheuerlicher ist der weitere Schwindel, daß die Beratung der Verfassungsreform im elsaß-lothringi- schen Parlament gezeigt habe,„daß die in der„Kölnischen Volkszeitung" vertretene Auffassung der Frage im Reichslande allgemein geteilt wird". Einmal sind im Landesausschutz die So- zialdemokraten, die bei den Reichstagswahlen von 1907 in Elsaß- Lothringen 81 589 Stimmen, d. h. 23,7 Proz., aller abgegebenen gültigen Stimmen erhalten haben, gar nicht vertreten. Zweiten? aber geht das Zentrumsblatt hier mit Eleganz über die b ü r g e r» l i ch e n Republikaner hinweg, für welche der Abgeordnete Blumenthal im Landesausschutz in der Sitzung vom 3. Fe» bruar 1911 laut amtlichem Stenogramm u. a. sagte: „Ich erkläre offen, daß ich ein überzeugter Republikaner bin, und daß ich es als einen großen Vorzuy betrachte, daß in einer Versammlung von Leuten, bei welchen diese Ideen, daß es Republikaner überhaupt geben könne im Deutschen Reich, eine merkwürdige Wirkung hervorzurufen geeignet ist, daß es in dieser Versammlung, im Reichstag, wie im Bundesrat zur Sprache gekommen ist, es gibt im Deutschen Reiche Leute, welche sich nicht scheuen, sich als Republikaner zu bekennen. Ich behaupte, daß wir als deutsche Staatsbürger das Recht haben, diese Forderung aufzustellen, welche sich auf verfassungsmäßigem Boden bewegt, für welche wir mit aller Energie eintreten können, wie für alle anderen wertvollen Sachen... Ich meine, es hat jeder das Recyl und die Pflicht, für seine Idee rechtzeitig einzu- treten, was:n.cht früh genug geschehen kann. Run bin ich der Ansicht und habe die Neberzeügung, daß, falls in Elsaß-Lothringen frei abgeftiniin! würde, im Elegensab zu dem, was manche der Herren Kollegen erwarten, wir eine überwiegend republikanische Mehrheit in glsaß-Lothringcn finden würden, und daß wir des- halb das Recht und die Pflicht haben, jederzeit auf diese demo- kratische Gesinnung der Elsaß-Lothringer hinzuweisen." Das stenographische Protokoll verzeichnet keinen Laut de? Widerspruchs bei dieser Feststellung des Abgeordneten Blumcnthal, der dann unter de: Heiterkeit des Landesausschusses fortfuhr, gegen die Zentrumsford�ung eines Regenten und besonders auch gegen die LieblingSidec�»0,„Kölnischen Volkszeitung", den lebenslänglichen Statthalter, zu f..�misicren. wobei er sich deutlich an die Aus» führungen unseres Genossen Emme! im Reichstag anlehnte. Aber alles das hindert die„Kölnische VolkSzeitung" nicht, in dem� bereits angezogenen Artikel den deutschen Lesern zu versichern: „Es kann jetzt nicht mehr geleugnet werden, daß die in der„K ö l- nischen Volkszeitung" vertretenen Ansichten die Forde- rungen des ganzen Landes richtig dargestellt haben." Was die wackeren Leser der deutschen Zentrumspresse sich nicht alles bieten lassen müssen! Glücklicherweise fällt auf den Zentrumsschwindel, daß ein lebenslänglicher kaiserlicher Statthalter oder Regent die Verwal» tung Elsaß-Lothringens„von Berlin unabhängig" machte. im Reichslande selber kein Mensch herein. Diese Unabhängigkeit könnte nur die von der Sozialdemokratie geforderte r e p u- b l i k a n i s ch e Regierungsform bringen. DaS weiß man im Lande so gut, daß selbst bürgerliche Kreise sich dem Verlangen nach der Republik anschließen, denen man in Alt-Deutschland eine solche Ketzerei nicht im entferntesten zutraute. »» * Die elsaß-lothringische Vcrfassnngsfrage in der Kommission. In der heutigen(Mittwochs-) Kommissionssitzung beantragte das Zentrum, dem K 2 eine Fassung zu geben, wodurch der Begriff dcS selbständigen Bundesstaates zum größten Teil wieder aus- gehoben worden wäre. Danach sollte der Kaiser auf Vorschlag deS Bundesrats einen Statthalter auf Lebenszeit ernennen. Eine frühere Abberufung sollte nur möglich sein, wenn keine 14 Stimmen im Bundesrate dagegen wären. Ein Antrag Bassermann wollte die lebenslängliche Ernennung beseitigen; ein sozialdemokratischer Antrag verlangte, der Statthalter solle mit absoluter Mehrc�it auf ze 5 Jahre vom Landtag gewählt werden und schon vor Ablauf dieser Frist durch Mehrheitsbeschluß des Landtags abberufen werden können. Staatsminister Delbrück erklärte, daß die Annahme de? Antrages cinelstaatsrechtlich unmögliche Konstruktion ergeben würde. Mit dem Begriff selbständiger Bundesstaat sei die Bevormundung diests Staatswesens unvereinbar. Die Sozialdemokraten seien konsequent und wollten den Einfluß des Kaisers völlig be- seitigen. Man vergegenwärtige sich den Zustand, der entstehen würde, wenn der Kaiser die Abberufung des Statthalters für not- wendig halte und durch die Stimmen der drei Königreiche im Bundesrate daran gehindert würde. Vom Zentrum wurde die Ansicht vertreten, baß die Souve- ränität des Kaisers auf den Statthalter übertragen werde und daher während dieser Zeit ruhe. Von sozialdemokratischer Seite wurde bedauert, daß die Kommission den Antrag abgelehnt habe, nachdem die Regierungsgeschäfte durch einen vom Landtage zu wählenden Regierungsausschuß zu erledigen seien. Jetzt bleibe nichts anderes übrig, als für die möglichste Unabhängigkeit des Statthalters vom Kaiser einzutreten. Bei der Abstimmung wurde der sozialdemokra- tische Antrag mit allen gegen 4 Stimmen abgelehnt, ebenso ein nationalliberaler Antrag, der die Worte„auf Lebenszeit" in dem Zentrumsantrag gestrichen haben wollte. Abgelehnt wurde auch, und zwar mit 17 Stimmen, der Passus in dem Zentrums- antrag, nach dem 14 Bundesratsstimmen die Abberufung des Statt- Halters verhindern können. Angenommen wurde ein fortschrittlicher Antrag in folgender Fassung: fcHn der Stn£fi des Bundessiaais steh! eui Statthalker, der ödm Kaiser unter Gegenzeichnung des Reichskanzlers auf Vor- schlag des Landtags ernannt ist. Die Ernennung erfolgt auf Lebensdauer." Bei der Gesamtabstimmung über den§ 2 in dieser Fassung Kurden 21 Stimmen dafür und 6 Stimmen dagegen abgegeben. Dafür haben Zentrum, Fortschrittlcr, Nationallibcrale und Sozial- demokraten gestimmt, dagegen Konservative und Reichsparteijer, bis auf den Abg. Höffe l. der sich der Stimme enthielt Durand in Freiheit. Paris, 13. Februar. Die Revisionskommission trat heute vormittag im Justizniimstmum zusammen, um die Akten des Falles Durand zu prüfen. Am Schluß der Sitzung entschied der Justiz m i n i st e r, nachdem er in Kenntnis von den von der Kommission gezogenen Folgerungen gesetzt worden war, die Akten an den Kassationshof zu über- weisen und ordnete durch ein Telegramm an die Generalstaatsanwaltschaft in Rouen die Freilassung Durands an. Daß in der neuen Gerichtsverhandlung Durand frei- gesprochen werden wird, unterliegt keinem Zweifel. Und so wird der Justizmord, den vom Klasscnhaß befangene Ge- schworene am 23. November vorigen Jahres gefällt haben, bald seine Sühne gefunden haben. Der Vergleich mit dem EssenerMeineidsprozetz liegt nahe. Auch Durands ganzes Verbrechen bestand darin, daß er ein Arbeiterführer und Sekretär einer Gelverkschaft war. Man erinnert sich noch des Tatbestandes. Während eines Streiks von Kohlenverladern war ein betrunkener und und exzediercpder Streikbrecher von gleichfalls betrunkenen Ausständigen angegriffen und erschlagen worden. Ter traurige Vorfall wurde von den Reaktionären aufgegriffen, um die Gewerkschaftsbewegung zu kompromittieren. Darum wurden nicht nur die des Totschlags Verdächtigen, sondern auch der Gcwerkschaftssekretär tvegen Anstiftung zum Mord angeklagt. Tie von der bürgerlichen Presse verhetzten Gc- schworenen verurteilten Durand wegen angeblicher auf- reizender Aeußerungen als Anstifter wirklich zum Tode. Das Todesurteil wurde dann vom Präsidenten der Republik in siebenjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Die Sozial- demokratic und die Gewerkschaften hatten vom Tage der Urteilsverkündigung an eine unablässige Kampagne für die Wiederaufnahme des Verfahrens geführt, um die sich auch der bürgerliche radikale Abgeordnete M e u n i e r große Verdienste erworben hat. Nun sehen unsere Genossen ihr Werk mit Er- folg gekrönt und man darf hoffen, daß auch Durand die Folgen der Aufregung und der Haft bald überwunden haben wird. Aber welcher Unterschied zwischen französischen und preußischen Zuständen I Wieviele Jahre hat es gedauert, bis es in Preußen gelang, den Unschuldigen von Essen ihre Ehre wiederzugeben, nachdem sie die fürchterliche Strafe bis zum Schlüsse hatten verbüßen müssen. Im republikamschen Frankreich hat es kaum eines Vierteljahres bedurft, um den Fehl- spruch wieder gut zu machen. Auch auf dein Gebiete der Justiz ist uns Frankreich trotz des eitlen Selbstlobes, das Preußen seiner Justiz unaufhörlich spendet, weit voran. * Ronen, 15. Februar. Als Durand von dem Befehl, ihn ilus der Haft zu entlassen, in Kenntnis gesetzt tourö e, weigerte er sich, das Gefängnis zu verlassen, da er in eine!" Irrenanstalt eingeliefert zu werden fürchtete. Seine Angehörigen werden heute nachmittag hier erwartet. PoUtilcbe debcrficht. Berlin, den 13. Februar 1911. Beschwerde» der Marinearbeiter. AuS dem R e i ch s t a g e, 13. Febnu' Die Debatte über den Marinectat wurde auch heute>i p nicht zu Ende gebracht. Doch kamen fast ausschließlich A rbeiterbeschwerden für Erörterung. Zunächst kam der sozialdemokratische Antrag uf Wiederherstellung der Heizerzulage, mit dem ein gleich- lautender freisinniger Antrag verbunden wurde, zur namentlichen Abstimmung. Es wurden abgegeben 162 Stimmen dafür, 135 dagegen bei 4 Enthaltungen. Die Mehrheit ist also außerordentlich knapp. Das schien dem Marineministcr doch höchst unbequem zu sein. Man merkte das an der wachsenden Nervosität, mit der er aus jede spätere Erwähnung der Heizervorlage reagierte. Zunächst brachte Genosse N o s k e die Kanzleiverhältnisse und die zu hohen Abschreibegebühren in den Reichsämtern zur Sprache, worauf Herr v. T i r p i tz bestritt, daß bei den Marinebehörden in der Beziehung noch Mißstände vorhanden seien. Doch hatte die Debatte wenigstens den Erfolg, daß der Regierung eine Vermehrung gewisser Kanzleikräste abgelehnt wurde. Ein alter sozialdemokratischer Antrag, daß daS Marine- amt nur mit solchen Firmen Lieferungsverträge abschließen solle, die sich verpflichten, Tarifverträge mit ihren Arbeitern einzugehen, war wieder eingebracht worden, der trotz seiner früheren Annahme durch den Reichstag und bei der Regierung nicht genügend Beachtung gefunden hat. Ge- nosse Hue begründete den Antrag besonders nlit dem Hin- weis auf die Arbeiterverhältnisse bei der Firma Krupp, in- dem er zahlreiche Beispiele von Mißständen besonders im Wohnungswesen beibrachte. Der Zentrumsredner G i e s- berts erklärte sich im Prinzip für den Antrag, hatte aber formale Bedenken. Die Abstimmung wird morgen erfolgen. Genosse S e v e r i n g brachte dann die Mißstände auf den Marinewerften zur Sprache, wobei er mit dem Kapitän I s e n d a h l ins Gericht ging wegen seiner arbeiterfeindlichen Haltung. Der Marinenimister v. T i r p i tz glaubte auch diesmal wie alljährlich die sozialdemokratische Kritik dadurch bekämpfen zu können, daß er ihre Berechtigung rundweg bestritt. Morgen geht die Debatte weiter. Landräte und Berliner Polizei. Wie in den letzten Tagen der Polizeiminister, den«dn nach dem neuesten Utas des Herrn v. Kröcher freilich nicht mehr so nennen darf, aus der Anllagebank saß, so hatten sich am Mittwoch die Landräte und der Berliner Polizeipräsident gegen schwere An- schuldigungen zu verteidigen, die namentlich unsere Genossen Leinert und Liebknecht gegen sie richteten. Zuerst kamen die Herren Landräte an die Reihe, denen Leinert in mehr als einstündiger Rede ihr Sündenregister vor- hielt. Eingehend schilderte er die politische Tätigkeit dieser Beamten, ihren Kampf gegen die Sozialdemokratie, ihre Ein. Mischung in wirtschaftliche Streitigkeiten, hre Agitation für die Kriegervereine und ihre sonstige Betätigung zugunsten der Legltion. Zeine Forderung, die Volksrechte gegen die Willkür der Länbräte zu schützen, finrd freilich kaum in Erfüllung gehen, denn, wie Leinert treffend bemerkte, bilden unsere Regierung?- beamten bis hinauf zum Minister eine große Familie, in der die Landräte am mächtigsten und gefährlichsten sind. Daß unser Redner im Recht ist. bewies der weitere Verlauf der Debatte. Dem Minister hatten die Konservativen verboten, selbst zu antworten. Statt seiner trat zunächst der Abg. v. Woyna(fk.), seines Zeichens Landrat. auf, der die Bekämpfung der Sozialdemokratie als eine selbstverständliche Pflicht der Landräte bezeichnete, und ihm folgte der Konservative v. A r n i m, der für den berüchtigten Reichsverband eine Lanze einlegte. Recht arg setzte dann Genosse Liebknecht dem Berliner Polizeipräsidenten zu, dessen kindische Zensurverbote er ebenso scharf kritisierte wie sein ungesetzliches Vorgehen gegen die sozial- demokratischen Jugendorganisationen, um schließlich noch einmal die Lockspitzeleien und die Moabiter Vorgänge zu besprechen. Der konservativ-klerikalcn Mehrheit war dabei nicht sonderlich wohl zu Mute, sie gaben mehr als einmal zu verstehen, daß sie nichts mehr hören wollen, aber Liebknecht schenkte ihnen nichts. Obwohl Herr v. Kröcher wiederholt eingriff und ihn einmal mit einem Ord- nungsruf beglückte, konnte Liebknecht seine fast zweistündige Rede zu Ende führen. Der Minister erhob sich zu einer kurzen Entgegnung, die darin gipfelte, daß die Freie Bühne zwar durchaus löbliche Tendenzen verfolge, daß man aber doch aus prinzipiellen Gründen mal eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts herbeiführen mußte. Echt polizeilich! Vor und nach der Tagesordnung gaben die Führer der Na- tionalliberalen und der Konservativen Erklärungen ab, die sich auf die Auseinandersetzung vom Dienstag bezogen, aber vorläufig noch nicht geeignet sind, die KriegSaxt zu begraben. Die Konservativen, in deren Namen König Heydebrand sprach, verlangen völlige Unterwerfung, wie sie es von den Nationalliberalen gewohnt sind. Stürmische Heiterkeit im ganzen Hause erregte es, als Hoff- mann, nachdem der Präsident Herrn v. Heydebrand das Wort erteilt hatte,„Aufstehen" rief. Tatsächlich wurde denn auch die Erklärung des ungekrönten Königs von Preußen stehenden Fußes entgegengenommen. An Wirkung hat sie dadurch allerdings nicht gewonnen._ Klar zum Gefecht! Unter dieser Ueberschrift gibt das konservative Haupt- quartier in einem Aufruf der„Konserv. Korresp." bekannt, daß es zum Wahlkanips gerüstet ist: „Am 10. d. M. fand in Berlin eine fast vollzählig besuchte Versammlung des Weiteren Vorstandes unserer Partei statt.... Den Hauptgegenstand der Beratungen bildeten die Vor- bereitungen für die nächsten Reichstagswahlen, insbesondere wurde das Verhältnis zu den anderen Parteien einer ein- gehenden Betrachtung unterzogen. Ueber alle BcratungSgegen- stände herrschte vollkommene Uebereinstiminung. Ohne die Schwere und den Ernst des bevorstehenden Wahl- kampfes irgendwie zu verkennen, herrschte unter den Vertretern der Partei zugleich die einmütige Entschlossenheit, den Kampf mit Aufbietung aller Kräfte zu führen, und es herrschte zugleich die Zuversicht, daß jedes Mitglied der Partei sich von der Erkennt- nis durchdringen lassen wird, daß es sich dabei nicht nur u.t die Ehre unserer Sache, sondern zugleich, im Endergebnis und in den Konsequenzen, um den Fortbestand unserer ideellen und materiellen, geistigen und wirtschaftliche» Interessen handelt. Wir werden also auf der Grundlage unseres Programms, das wir in allen feinen Teilen aufrecht er» halten, mutig und opferbereit in den Kampf gehen. Um diesen Kampf wirksam und erfolgreich führen zu können, wird auf die Aufstellung der Kandidaten in den einzelnen Wahl- kreisen besondere Sorgfalt in persönlicher und sachlicher Hinsicht zu wenden sein. Tunlichst überall werden eigene Kandidaten unserer Partei aufzustellen sein. Zugleich aber wird eS unbedingt nötig sein, die engste Fühlung mit dem leitenden Parteivorstand nicht außer acht zu lassen. Nur dann ist dieser imstande, da? Ganze zu übersehen, die nötigen Vorbedingungen aufrecht zu erhalten und die er- forderlichen Unterstützungen zu gewähren. Die Schwierigkeit der Lage und die Kampfesweise unserer Gegner werden es nötig machen, von früher beob- achteten Praktiken hier und da abzuweichen, wo das Ziel erreicht werden soll, nicht nur überall unser Parteiinteresse rücksichtslos wahrzunehmen, sondern wo eS sich ebenfalls empfiehlt, mit unseren Gegnern „von Bebel bis Bafsermann" gebührende Ab- rechnung zu halten. Die konservative Sache kann und wird nicht untergehen. Sie verlangt aber, daß jedermann vom ersten bis zum letzten seine Schuldigkeit tut." Wir nehmen mit Interesse davon Notiz, daß man im konservativen Lager gerüstet ist. Wir sind es auch— und wenn die nächste— allgemeine ReickMagswahl von der Re- gierung auf einen möglichst nahen Tsniün angesetzt wird, haben wir nichts dagegen. Unseretwegcn kann es morgen losgehen. Abgesehen von dieser Ankündigung bietet der Aufruf nichts neues. Daß die konservativen Generalstäbler ent- schlösset» sind, diesmal mit Aufbietung aller Kräfte den Kampf für ihre materiellen und politischen Interessen zu führen— das Wort„geistig c" ist jedenfalls nur aus Ver- sehen in den Aufruf gekomnien— wissen wir längst, ebenso daß die Junkergardc in jeder Hinsicht a» ihrem„P a r t e i- interesse" festhält und bereft ist, völlig„rücksichtslos" zu verfahren, das heißt im Wahlkampf alle gesetzlichen und u u- gesetzlichen Mittel anzuwenden, die ihr auf den» Lande ihre privilegierte Stellung gestattet, um den Gegner nieder- zuhalten. Der nächste Wahlkampf wird, das ist zweifellos, alle früheren an Bedrückung. Verleumdung und Niederttacht überbieten. Um sich in ihrer Machtstellung zu halten, werden die Krautjunker vor keiner Gemeinheit zurück- schrecken._ Tie geprügelten Nationalliberalen. Die Katzbalgerei, die gestern im Landtage zwischen Nationalliberalen und Konservativen cntbronncn ist. findet in der Presse heute ihre Fortsetzung. Es wird uns erzählt, daß es sich um ein großes Ereignis handelt.„Klar zum Gefecht" überschreibt die„Konservative Korrespondenz" ihre(die wie- dielte?) Kriegserklärung an die Nationalliberalen, und die „Kreuz-Ztg." feiert mit all der Junkerderbheit. deren sie fähig ist. das Geschimpfe des kleinen Heydebrand als staatsmännische Leistung ersten Ranges. In der Tat, wäre auf eine andere Partei als gerade die nationalliberale in solcher Weise los- gepaukt worden, so dürfte man erwarten, daß auch die Ab- wehr nicht fehlen werde. Wenn aber Natkonalliberale Fuß- ttitte bekommen, so muß man sich erinnern, daß das Wort JÖuiide sind wir ja doch« echt nationalliberaleS Gepräge trägt. Man wird daher gut tun. seine Ermattungen auf das ge- ttngste Maß zu beschränken. Und in der Tat hat ja Herr Schiffer gestem und Herr Dr. Friedberg heute die Schläge bereits quittiert, was deutlich zeigt, daß die National- liberalen nur von einem Gefühl beseelt siud> der Für cht, noch mehr Schläge zu erwischen. Und das weiß niemand besser als Herr v. Heydebrand und seine Leute. Deshalb muß die „Kreuz-Ztg." heute so schweres Geschütz auffahren. Sie schreibt: „Endlich wird es klar zwischen den Konservativen und der Partei Bassermann, die man kaum noch nationalliberal nennen kann. Der konservativen Partei- leitung, die für ihr friedfertiges und nachsichtiges Verhalten gegenüber den fortwährenden Provokationen von jener Seite nur Hohn und Anmaßung erntete, ist nun endlich der Geduldfaden gerissen. Das ist durch eine jener spitzen und spitzfindigen Reden bewirkt worden, wie sie im Ab- geordnetenhause Herr Schiffer, das alter ego des Herrn Dr. Friedberg zu halten pflegt. Vorher hatte der konservative Abgeordnete V, B i e b e r s: e i n mit gerechter und anerkennenswerter Schärfe demagogische Angriffe zurückgewiesen, die der Nationalliberale L o h ma n n gegen die Landräte gerichtet hatte, Schiffer glaubte seinem bedrängten Fratlionsgciiossen zu Hilfe eilen zu müssen. Er wird die Stunde nicht segnen, in der er sein Schicksal mit dem Lohmannschen ver- knüpfte. Denn der Abgeordnete v. H e y d e b r a n d kam üb er beide und gab ihnen so wuchtige Schläge zu kosten, wie sie noch selten zwischen bürgerlichen Parteien ausgeteilt worden sind. Diese kräftige Abrechnung aber tat bitter not. Wer nickt hören will, muß fühlen. Und die Abfuhr durch den konservativen Führer wird den von Basiermann mißleitete» Nationalliberalen noch lange fühlbar bleiben." Man kann diesem Geraufe zwischen den� uneins gewordenen Volksfeinden nur mit ungetrübter Heiterkeit zusehen. Die Nationalliberalen dürfen sich wahrlich nicht be» klagen. Die Konservativen wissen zwar, daß die National- liberalen, wenn sie sich nur getrauten, ihnen sehr gefährlich werden und ihnen namentlich im Osten schweren Abbruch tun könnten; sie wissen aber ebenso genan, daß die National- liberalen sich eben nicht getrauen werden, weil sie selbst politisch und sozialpolitisch so reaktionär sind, daß niemand mehr als sie das Verschwinden der Konservativen fürchtet. So wird die Ungeduld der Konservativen solchen Helden gegenüber begreiflich. Die Nationalliberalen stellen immer wieder Ansprüche, an den Futtertrog herangelassen zu werden, sind aber viel zu feig, sich solche zu erkämpfen. Und mit solchen Leuten machen die Junker eben nicht viel Geschichten. Sie sind nun mal für die Prügelstrafe und lange Erfahrung hat sie gelehrt, daß sie mit Nationalliberalen dabei in der Tat stets die besten Erfahrungen gemacht haben. „?Zur" 97 Millionen Anleihe! Um in der Presse aufgetretenen„Unklarheiten", wie sich die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" ausdrückt, ent- gegenzutreten. gibt die„Nordd. Allg. Ztg." einen Ueberblick über den Anleihebedarf des Reiches. Derselbe betrug: im Jahre 1906.... 277.2 Millionen Matt ,. 1907.... 253.9 ... 1903.... 269.9 „.. 1909:... 723.7 „.. 1910:... 171.8 „, 1911:... 97,7 DaS offiziöse Organ betont weiter ausdrücklich, daß der tkrt» leihebedarf für die Jahre 1910 und 1911 auf jeden Fall nur 171,8 und 97,7 Millionen Mark betragen werde, einerlei, ob die für die„Schuldentilgung" angesetzten Beträge wirtlich für den Ankauf von Schuldverichreibungen oder aber zu einer Abschreibung von Lu- leihefoll verwendet werden. Derartige Unklarheiten sind im„Vorwärts" niemals vorhanden gewesen Der„Vorwärts" hat ja niemals be- hauptct, daß die wirkliche Schuldenvermehrung für daS Jahr 1911 sich auf einen höheren Betrag als 97,7 Mil- lionen Mark beziffern werde. Er hat nur darauf hin- gewiesen, daß die Aufstellung des Etats den An» schein erwecken müsse, als ob eine Schuldentilgung von 89,6 Millionen Mark durch Ankauf älterer Schuldverschreibungen erfolgen könne, ohne daß sich dann der Anleihebedarf ent- sprechend erhöht. Mit anderen Worten, er hat festgestellt, daß jeder Pfennig, der für eine wirtliche Schuldentilgung ver- wendet werde, dann auf der anderen Seite wieder neu ge». pumpt werden müsse. Daß dadurch eine Schulden Vermehrung nicht eintritt, liegt ja aus der Hand, denn daS Loch, das auf der einen Seite aufgerissen wird, wird ja auf der anderen Seite zugestopft. Die Feststellung de-Z„Vorwärts" bestand in nichts anderem, als in der Aufdeckung des ganzen Schulden- t i l g u n g L f ch w i n d e l s. in der widerholten Konstaticrung der Tatsache, daß in Wirklichkeit trotz des Gesetzes vom 15. Juli 1909 auch nicht ein Pfennig der Schulden wirklich getilgt werde, daß auf der anderen Seite aber ein Defizit von 97.7 Millionen Matt vorhanden fei, das durch eine Anleihe zu decken ist. Wenn also die„Nordd. Allg. Ztg." von„Unklarheiten" spricht, die in der Presse hervorgetreten seien, so kann sie nur jene lln- klorheiten meinen, die in der bürgerlichen Presse durch die seltsame Aufstellung deS Etats, durch die Vorspiegelung einer Schuldentilgung, durch die doppelte Buchung eines Einnahmepostens von 89,6 Millionen Mark hervorgerufen worden sind. Diese Unklarheiten sind aber gerade durch den„V o r w ä r t S" und die„Leipziger Bolkszeitung" zerstört worden. Hätte die bürgerliche Presse von den Darlegungen der beiden sozial- demokratischen Blätter Notiz genommen, so hätte es der Aufklärung deS offiziösen OrganS nicht bedurft. Immerhin ist eS erfreulich. daß jetzt die„Nordd. Allgem. Ztg." selbst diese Unllarheiten zu- gesteht l Auf die famose Methode der Schuldentilgung, die ja schon durch die Bestimmungen der Schuldentilgung in dem Gesetz vom 15. Juli 1909 charakterifiett sind, werden wir demnächst eingehender zurückkommen._ Eine neue vermehrte Auflage des Professorcnstreites. Der Berliner Professorenstreit nimmt immer heftiger- und zu- gleich kuriosere Formen an. Schon glaubte man. die rivalisierenden Professoren hätten, de« kleinlichen Zanks müde, nach Jndianerbrauch das Kriegsbeil begraben, und nun flammt der RivalitätSkampf von neuem auf. Ten Anlaß dazu hat eine ganz überflüssige Erklärung gegeben, die Professor Sering vor einigen Tagen in der Sitzung des LandesötoiiomiekollcgiumS vortragen zu müssen glaubte. Dar- über geriet Professor Bernhard in Erregung und richtete a» verschiedene bürgerliche Blätter folgende heftige Gegenerklärung: „Herr Professor Sering ist in den letzten Wochen wiederholt mit irreführenden Aeußerungen an die Oessentlichleit ge- treten, insbesondere mit einer irreführenden Erklärung, die er am Sonnabend, dem 11. Februar 1911, vor dem Laiidesölonomtc- lollegium abgegeben bat... Ich glaube in» Interesse der Universität, der anzngevore» ich die Ehre habe, zu handeln, wenn ich es zurzeit nock avleyne, m eine öffentliche Diskussion der ganzen Vorgänge einzutreten. I» dieser Haltung bestärkl mich die mir soeben bekannt gc- wordene, unglaublich klingende Toisache, daß meine Herren� Fach, genossen hinter meinem Rücken an eine Reihe auSwarligcr akademischer Lehrer ein Rundschreiben mit vertrauliche» Tolu- menten gesandt haben, welches durch Entstellung und Unterdrückung wahrer Tatsachen und durch Hinzufügung falscber B e h a up tu n g e n geeignet ist, in weiten Kreiieo'atsche Vorstellungen über die tatsächlichen Vor- gänge im sogenanuien.Professorenstreu" zu verbreiten. Der gütigen Verinitteluug der Herren Geheimrat Lujo Brentano und Professor Edgar Jaffa in München verdanke ich es, daß ich heute in den Besitz dieser Schriftstücke gekonrmen bin. Schon einmal im Verlaufe des Streites haben meine Herren Fachgenossen zu solchen Waffen gegriffen, indem sie am 31. Juli 1910 hinter meinem Rücken an etwa 60 Ordinarien der Berliner Universität ein geheimes Rundschreiben richteten. welches unter Verschweigung wichtiger Tatsachen eine irreführende Berichterstattung enthielt. Da jetzt meine Herren Fachgenossen wiederum versuchen, mich hinter meinein Rücken durch falsche Angaben zu ver- dächtigen, eine Handlungsweise, zu deren Charakterisierung es keines Wortes bedarf, bin ich zu neue» Schritten gezwungen. Der Oeffentlickkeit gegenüber aber begnüge ich mich vorläufig damit, folgendes festzustellen: Der Herr Unterrichlsminister hat das gesamte Material des Professorenstreilcs eingehend untersucht und ausdrücklich festgestellt, da ff er keinen Anlaff gefunden habe, gegen mich in irgendeiner Weise einzuschreiten. Berlin. 14. Februar 1011. Profeffor Ludwig Bernhard. Diese schöne Anklage hat sofort wieder die Herren Professoren Wagner, Schmoller und Sering auf den Kampfplatz gerufen. Auch sie haben eine Erklärung verfafft und an die Presfe versandt. In diesem Schriftstück heifft es: Herr Bernhard versucht die Schwäche seiner Position durch neue öffentliche Angriffe zu verdecken. Er beschwert sich über ein Rundschreiben, mit dem wir an eine Anzahl akademischer Lehrer auf vielfachen Wunsch, im wörtlichen Abdruck, das Urteil der akade- mischen Kommission und die Erklärungen der Parteien vom 24. De- zember v. I. kürzlich übersandt baben. Dies geschah, als feststand, daff Herr Bernhardt es unterlassen werde, einem Appell an sein Ehrgefühl zu entsprechen und selbst die falschen oder irreführenden Berichte zu korrigieren, welche nach Llbschluff des Sufferen Friedens in der ihm bis dahin Gefolgschaft leistenden Presse erschienen waren. Damals ist bereits angekündigt worden, daff wir andernfalls uns die Klarstellung der Lorgänge Vorbehalten müfflen. Herr Bernhardt wundert sich, daff wir ihm das Rundschreiben ebensowenig wie ein früheres vom 31. Juli 1910 zugesandt haben. DieS war durch den Abbruch der aufferamtlichen Verkehrsbeziehungen ausgeschlossen. Auf Anfrage eines der Empfänger, deS Herrn Professor Jaffa in München, ist diesem aber sogleich telegraphisch anheimgestellt worden, das Rundschreiben Herrn Bernhard zu übermitteln. Die versandten Dokumente sind keineswegs als sekret anzusehen; das Urteil der akademischen Kommission ist zum min- besten den akademischen Kreisen ohne weiteres zugänglich. Das wir uns bisher mit einer sehr beschränkten Oeffenilichkeit be- gnügten, geschah lediglich auS Schonung für Herrn Bernhard. Den Vorwurf, wir hätten ihn durch falsche An- gaben hinter seinem Rücken zu verdächtigen gesucht, haben wir nicht nötig, zurückzuweisen. Jetzt kommt wieder Herr Bernhard mit einer Erklärung an die Reihe._ Sind Heilstättenpatienten in die Reichstags- Wählerlisten aufzunehmen? Mit dieser Frage beschäftigte sich am Dienstag in stundenlanger Beratung die Wahlprüfungökommilsion des Reichstages. Es handelte sich um die Wahl des Abg. Kölle im 13. hannoverschen Wohlkreis. Dort befinden sich mehrere Heilstätten, in denen sich zur Zeit der Aufstellung der Wählerlisten 650 Wahlberechtigte aufhielten, die auf Grund einer an die Landräte ergangenen Weisung des RegierungS- präsioemen nicht in die Wählerlisten eingetragen wurden. Die An- gelegeiiheit hat am 13. Juli 1909 bereits das Plenum de« Reichs- tage« beschäftigt. In der erneuten KommissionSverhandlung vertrat ein Vertreter deS Reickisamt« des Innern die Ansicht der Regierung. Er plädierte für Richtzulassung, weil der Aufenthalt in einer Heil- stätte kein„Wohnsitz" im Sinne des Gesetzes fei. Nach langer Debatte wurde der Antrag des Referenten. Leh- mann-WieSbaven, die Verfügung deS Hildesheimer RegierungS- Präsidenten für gesetzwidrig zu erklären, gegen die vier Stimmen der Konservative» und der Reichspartei angenommen. In der nächsten Sitzung soll darüber debattiert werden, ob nur die Beschwerdeführer oder ob alle Pfleglinge der Heilanstalten wähl- berechtigt gewesen wären._ Die Einberufung eines Zentrumsparteitages wird von einem hessischen Zentrumsmann in der„Köln. Volksztg." und der„Augsburger Volksztg." gefordert. Zur Begründung dieser Forderung wird ausgeführt, daff die bevorstehenden Reichstagswahlen nicht nur die Entscheidung bringen würden über die zukünftige Wirt- schafispoliiik Deutschlands, sondern auch über grundsätzliche Fragen der Weltanschauung. Deshalb sei es nötig, daff die ganze Zentrums- Partei zu einer machtvollen Kundgebung zusannnentrete. Das werde die Stoffkraft der Agitation fördern und ein einheitliches Borgehen der Partei in allen Teilen des Reiches sickern. Es handle sich nicht nur um die Erhaltung der parlamentarischen Vertretung des katholischen VolkSteils, sonder» auch um die Wahrung der bedrohten religiösen Interessen. Während alle übrigen politischen Parteien aus Parteilagen, die für daS- ganze Reich einberufen würden, eine einheitliche Parole für das ganze Reich geben und nach einheitlichen Leitsätzen die Wahlen vorbereiten, ha» die Zentnimsparlci bis jetzt von der Einberufung eines deutschen Parteitages Abstand genommen und sich mit provinziellen oder LandeSparteilagen für die einzelnen Bundesstaaten begnügt. Dies möge für gewöhnliche Jahre ausreichen, aber nicht in diesem auffergcwöhnlichen Kampf- und Wahljahr._ Verl-gnng der Handwerkcrkonferenz. Die für den 3. März angesetzte Handwerkerkonferenz soll infolge der Anordnungen des Reichstags auf den 7. April verschoben werden. Es ist wahricheinlich, doh in den ersten Tagen des März der Etat de« Reichsam, ö des Jnneni im Reichstag auf der Tagesordnuiig steht. Da sich der Siaarssekretär deS Innern Delbrück persönlich an der Handwerkerkonferenz zu beteiligen wünscht, soll Sorge getragen werden, daff er nicht durch die Verhandlungen des Reichstags ander- weitig in Anspruch genommen ist. Zentrums-Wahlschwindel. Wie die„Pfälzische Post" mitteilt, ist gegen den katholischen Pfarrer Adolf Graf, früher i» Ormesheim, jetzt in M c ck e n h e r m, em Ermitlelungsverfahren wegen B e r l e t l u n g zum Meineid eingeleitet. Es handelt sich um eine Flugblatt- geschiSte. die dem Hüttenarbeiter und Zcntrumsagitator Jakob Feix vom Schwurgericht Zweibrücken wegen Meineids acht Monate Gefängnis eingetragen hat. «lö in Ormesheim, einem Dorf deö Wahlkreises Pirmasens. im vorigen Jahre bei der Äemeinderarswahl eine Anzahl liberale Bürger kandidierten, erschien ein angeblich von den Liberalen herrührende» Flugblatt, in welchem die Arbeiter schwer beschimpft wurden. Die Folge war. daff die Mehr- zahl der liberalen Kandidaten nicht gewählt wurde. Diese liezeichneten das Flugblatt sofort als eine von politischen Gegnern ausgehende F ä l s ch u n g und setzten alle Hebel in Be- weauna die Täler zu ennitteln. In einer Verhandlung vor dein Schössenaerich: zu B l i e S l a st e l b e s ch iv o r nun der Führer der Ormesbeimer Zentrum Spart er. em Verwandter des doriioen katholischen Pfarrers. Jalob Ferx. daff er das gefälschte Flugblatt weder versofft, noch in Druck gegeben habe, noch daff er wiffe wer der Verfasser und Besteller des Flugblattes ser. Zu jener Zeit war bereits bekannt geworden, daff das gefälschte Flug- blatt in der Offizin der ultramontauen.Westpfalz. Ztg. ge« druckt worden war. eine Tatsache, welche diese Zeitung in einer Preffpolemik mit dem liberalen„St. Jngberter Anzeiger" zuerst ent- rüstet in Abrede gestellt hatte. Der Faktor der„Westpfälz. Ztg.", der in jener Verhandlung als Zeuge vernommen wurde, wollte zuerst das Zeugnis verweigern, machte aber, mit Zeugniszwangshafl be- droht, die Aussage, daff jener Feix das Flugblatt bestellt habe. Wenige Tage darauf wurde Feix verhaftet. Am 8. Fe« bruar fand vor dem Zweibrücken er Schwurgerichte die Verhandlung gegen ihn wegen Meineids statt. Feix gab zu, das Flugblatt im Auftrage eines Mannes, den er nicht nennen wolle, bei der Druckerei der„Westpfälz. Ztg." bestellt zu haben. Dagegen bestreitet er, das Flugblatt verfafft zu haben oder zu wissen, wer es verfafft habe. Der Zeuge Faktor S a h n e r der „Westpfälz. Ztg." bekundete, daß das Flugblatt schriftlich durch einen mit den» Noinen Feix unterzeichneten Zettel bestellt worden sei. Er glaube die Schrift des Feix erkannt zu haben, da dieser ständiger Korrespondent der„Westpfälz. Ztg." sei. Den katholischen Pfarrer Graf beantragte der Staatsanwalt unbeeidigt zu vernehmen, da gegen ihn ein Ermittelungsverfahren wegen Anstiftung zmn Meineide schwebe. Der Zeuge, unbeeidigt vernoinmen. gab an, daff er den Verfasser des Flugblattes kenne, ihn aber nicht nenne, weil er ihn in Ausübung seiner Seelsorge keinten gelernt habe. Feix wurde wegen Meineids»»nter Zubilligling des Z 54 zu der oben mitgeteilt-n Strafe verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde zur Bemessung des Strafn»affeS ausgeführt, daff Feix wahr- icheinlich das Opfer eines Dritten geworden sei. frankmcb. Das Attentat auf Briand. Paris, 14. Februar. Die irrcnärztlichen Sachverständigen sprachen sich für die Unzurechnungsfähigkeit Gizol- ines aus, der am 17. Januar in der Deputiertenkammer zwei Revolverschüsse auf Briand abgegeben hatte. Das ge- richtliche Verfahren gegen Gizolme»vird demgemäh eingestellt und.Gizolme einer Irrenanstalt überwiesen werden. Englancl. Verschiebung der Vetobill. London, 15. Februar. Unterhaus. Premierminister As- q u i t h külidigte an, daff die Einbringung der Vetobill auf den 21. d. M. v e r s ch o b e n sei, da B a l f o u r wegen des Todes seines Bruders am Montag der Sitzung nicht beiwohnen könne. CUrhd. Die Stellung der Regierung. Konstantinopel, 14. Februar. Die j u n g t ü r k i s ch e Kam- merpartei hat dem Groffwesir sowie den Ministern der Ma- rine, der Finanzen, der Justiz und des Ackerbaues mit groffer Mehrheit, dem Äriegsministcr und dem Scheich ul Islam ein- stimmig ihr Vertrauen ausgesprochen. Dam Bautemninister wurde mit 70 gegen 13 und dem Unterrichtsminister mit 56 gegen 33 Stimmen ein Mifftrauensvotum erteilt. Der Bauten- minister und der Unterrichtslninister sollen aufgefordert werden, ihre Entlassung zu nehmen, da sie sonst durch Jnterpella» tionen oder während der Budgetbedatte gestürzt werden würden. Amerika. Annahme des kanadischen Handelsvertrages. Washington, 14. Februar. Das Repräsentanten- haus bat den Reziprozitätsvcrtrag mit C a n a d a mit 181 gegen 92 Stimmen angenommen, wachdem ein Antrag. den Vertrag an den Ausschuß zurückzuverweisen, um noch mehrere Artikel auf die Freiliste zu setzen, mit 191 gegen 114 Stimmen abgelehnt worden war. Tie Kämpfe in Mexiko. El Paso, 15. Februar. General N a v a r r o ist mit 1000 Mann Negierungstruppen in I u a r e z eingezogen, was daS Ende des Feldzuges um Juarez bedeutet. Es stehen keine Insurgenten mehr in der unmittelbaren Nähe dieser Stadt. parlairnntarifched* Aus der Budgetkommission des Reichstages. Bei der Weiterberatung des M i l i t ä r e t a t s wurde bekannt gegeben, daff die Gesamtausgaben für das Reichsheer iin nächsten Jahre einschlietzlich der Neuforderungen 79132 0823 M. be- tragen werden. Lebhafte Kritik fand die Gepflogenheit vieler Beainten, die Reserveoffiziere sind, sich jedes Jahr freiwillig zu einer militärischen Uebung zu melden, um, wie der Zentrums- abgeordnete Speck erklärte, sich vom Dienst a l s B e a m t e drücken z u können. Die Uebungskosten für Reserveoffiziere steigen durch diese offenbar von der Militärverwaltung begünstig. ten freiwilligen Hebungen recht beträchtlich. Bei einer Forderung von neuen Unterosfiziersstellcn für die Bezirkskommandos wies Genosse S ch ö p f l i n darauf hin, daff in den Bezirkskommandos Zeit und Mannschaften dazu verwendet würden, politische Schnüffeleien zu besorgen. Der 5lriegsministcr erklärte, „nur" wenn es sich um Beförderungen handle, würden Erhebun- gen über die politische Haltung der»n Frage kommen- den Mannschaften veranstaltet. Genosse N o s k c stellte fest, daff der KriegSniiiiister die politische Schnüffelei in den Bezirkskom- inandos zugegeben habe. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Frage der Versorgung der Militäranwärter erörtert. Der Reichs- Verbandsgeneral v. L i e b e r t animierte die bürgerlichen Parteien und die Regierung, die Reichsversichcrungsordnung so zu gestalten, daß die Militäranwärter in sehr groffer Zahl in den Kassen der einzeliren Verstcherungszwcige Unterkommen fänden, u m dort als staatserhaltende Elemente wirken zu können. Genosse S ch ö p f l i>, nagelte diesen Versuch des Abg. v. Liebcrt fest und irnies darauf hin, daff seine Befolgung nur dazu führen würde, die Kassen durch geivaltsarne Zuführung ungeeigneter Elemente schwer zu schädigen und die Politik in diese Institut: hineinzutragen. Der KriegSminister sprach seine Freude über die Anregung Lieberts unverhohlen aus, gegen die nur noch die Freisinnigen einen allerdings etwas schwachen Protest erhoben. Angenommen wurde eine Resolution E r z b e r g e r, die den Reichskanzler ersucht, eine Aenderung der Zivilversorgung der Militäranwärter vorzubereiten und ihre Anstedlung auf dem Lande zu erwägen. Die Weiterberatung wnrde auf Donnerstag vertagt. Arn Freitag wird die Debatte über das Tempelhofer Feld beginnen, zu der bereits eine Zentrumsresolution vorliegt. AuS der Neichsversicherungsordnungs-Kommissiou. Sitzung vom Mittwoch, den 15. Februar. Die Kommission vollendete die zweite Lesung de» sechsten Buches, indem sie meistens die Kompromiffanträge un- verändert annahm. Oessciitlichkcit deS Sprnchverfahrens. Vor dem Sprnchausfchuff.deS VersichernngSamtes soll nach der Vorlage mündlich und öffentlich verhandelt werden. Der Z e n t r u m S abgeordnete Irl beantragte, daff die Verhandlung nicht öffentlich soll, weil dte Beschaffung geeigneter Räume zu— teuer sein würde. Die V o z i aldemokraten erklärten sich entschieden gegen eine solche Verschlechterung. Der Antrag wurde dann auch abgelehnt. Zulassung der Arbeitersekretäre als Äertrcter der Bersicherte». Das BersicheruiigSamt kann nach dem Entwurf Bevollmächtigte und Beistände zurückweisen, die das Verhandeln vor Behörden ge» schäftSmSffig betreiben. DieS gilt jedoch nicht für Rechtsanwälte und solche Personen, denen daS Verhandeln vor Gericht gestattet ist. Infolge einer Anregung der Sozialdemokraten nahm die Kommisfiou in der ersten Lesung besondere Bestimmungen für die Arbeitersekretäre an, die aber weit hinter den Anträgen der Sozial« demokraten zurückblieben. Hiernach müssen die Arbeitersekretäre die Zulassung als Vertreter der Versicherten beantragen. Ueber den Antrag entscheidet das OberversicherungSamt und, wenn gegen die Entscheidung Beschwerde erhoben wird, die oberste Verwaltungs- behörde, d. h. das Ministerium des Innern. Die Zulasiung darf nicht auS Gründen versagt werden, die sich auf die religiöse oder politische Betätigung des Antragstellers stützen. In der zweiten Lesung beantragten die S o z i a l d e m o» k r a t e n. daff das letzte Wort in dieser Sache nicht das Ministeriuin. sondern das Reichsversicherungsamt haben soll. Die Kommission lehnte aber den Antrag der Sozialdemokraten mit allen Sliinme» gegen die der Sozialdemokraten, Fortschritt- ler und des Polen ab. Dagegen nahm sie einen Zusatz des Zentrums an, nach dem die Zulassung nur versagt werden darf, wenn ein wichtiger Grund vorliegt., Das Gutachten deS Bersichcrungsamts soll doch mitgeteilt werden. In der vorigen Sitzung lehnten die Kompromißparteien den Antrag der Sozialdemokraten bezüglich Mitteilung deS vom Versicherungsamte abgegebenen Gutachtens ab. Als aber heute die Bestimmungen über das Verfahren vor dem Oberversicheruiigs- amt beraten wurden, legte der Zentrums abgeordnete Becker (Arnsbergs den Antrag vor. daff dann, wenn sich die Berufung gegen den Endbescheid eines Trägers der Uniallversicherung richtet, dem Berechtigten auf Antrag vom Oberversicheruiigsamt die Unterlagen und das Gutachten des Versicherunasamts abschriftlich zu übermitteln sind— also in anderer Form dasselbe, was der sozialdemokratische Antrag gefordert hatte. Jetzt nahm die Kommission den Antrag an. Eiilschrönkung der Rekurse in UnfallversichcrungSsachen. Die Kompromiffparteien beantragten, daff für Feststellung der vorläufigen Renten und für Neuseststellungen der Entschädigungen der Rekurs an das Reichsversicherungsamt nicht mehr zulässig sein soll. Die Sozialdemokraten wendeten sich dagegen und be- antragten für den Fall, daff der Kompromiffantrag angenommen werden soll, die Zulässigkeit der Sievision wegen Mängel des Verfahrens, unrichtige Auslegung des Gesetzes usw. Beide Anträge der Sozialdemokraten wurden abgelehnt. Jetzt bleibt für die zweite Lesung nur noch daS 5. Buch. Dazu hat aber das Reichsamt des Innern die aus den früheren Be- schlüssen sich ergebenden Aenderungen noch nicht zusammengestellt. Die nächste Sitzung kann daher erst dann stattfinden, wenn diese AenderungSanträgs vorliegen. Hus der Partei. Eine Ehrung für Paul Singer. Unserem Genossen Paul Singer ist nach seinem Abscheiden die gröffte Ehre widerfahren, die einem vaterlandslosen Gesellen ge- schehen kann: Die Militärbehörde hat ihn boy- k o t t i e r t I Sie hat in Halle a. S. den Kriegern für die Zeit, wo Singers Beerdigung im Bilde borgeführt wird, den Besuch der Kinematographenthcater verboten! Ein Boykott in aller Form zu vaterländischen Zwecken. So geschehen in Halle im Jahre des Heils 1911 l D«S neue Freiburger Partciblatt soll, einem Beschlnff der Wahl- kreiskonferenz in Wolfach vom Sonntag zufolge, auch sofort im 6. Wahlkreise(Lahr-Wolfach) zur Einführung kommen. Personalien. Genosse Konrad Hönisch ist am Montag aus der Redaktion der„Arheiterzeitung" in Dortmund ausgeschieden und nach Berlin übergesiedelt, um hier die Leitung der Zentrale für Flugblätter und Flugschriften zu übernehmen. Die Prefflonimission der„Essener Arbeiterzeitung" wählte zum keilenden politischen Redakteur den Genossen Otto N i e b u h r. zurzeit Lokalrednkteur am.Halleschen Volksblatt". Genosse Niebuhr scheidet mit dem 1. April aus der Redaktion des „Lollsblatt" aus._ Hus Industrie und ftandel. Jutcrcssenpolittk. Die deutschen Kolonien sind, wenn»nan lliisere Ueberpatrioten reden hört, lediglich im allgemeinen Interesse des Vaterlandes er- worbe» worden. Einer ihrer wichttgsten Vorzüge soll der sein. daS vaterländische Gewerbe beim Bezüge seiner Rohstoffe vom Ausland unabhängig zu machen. Dazu würde natürlich auch gehören, daff die Warensendungen auS den Kolonien nach Deutschland zollfrei ein- gehen, denn die Kolonien sollen doch eben als Erweiterung des deutschen Landes und i'icht als Ausland gelten. Der Zollschutz soll ihnen»o gut wie den» Hcimatlande zugute kommen, er soll ja dazu dienen, die Produktion der Rohstoffe zu fördern. So will es das„allgemeine. vaterländische" Interesse. Wie sehr sich jedoch hinter diesem Gerede das private Interesse einzelner Profitjäger ver- birgt, zeigt eine Auslassung der Hamburger Handelskammer in ihrem letzten Jahresbericht. Im Jahre 1903 betrug die gesamte deutsche Einfuhr an Roh- stoffen und Nahrungsmitteln 7 664 021 000 M., davon lieferten die Kolonien nur für 22 778 000 M.; die gesamte deulsche Aussuhr an Erzeugnissen der Industrie betrug 4 216 900 000 M., davon gingen nach den deutschen Kotoiiien nur für 35 493 000 M. Wenn nun der Absatz deutscher Fabrikate nach de» Kolonien>m Zoll günstiger gestellt wird als die Fabrikate anderer Länder, so würde das allerdings für ein- z e l n e deutsche Fabrikanten ein groffer Vorteil sein(»änilich für die wenigen, die laut obiger Zahl nach den Kolonien liefer»). Aber diese Vergünstigung würde von den Kolonien dadurch bezahlt werden, daff ihnen die Freiheit genommen wäre, sich auf dem billig- sten Markt zu versorgen, und ihr Bedarf würde dementsprechend ver- »eucn. Wenn umgekehrt die Produkte deutscher Kolonien bei ihrer Einfuhr nach Deulschland im Zoll günstiger gestellt werden, als die Produkte anderer Kolonialländer— es würden dabei nach der bisherigen Entwickelung der Kolonien in erster Linie Kaffee, Kakao und Mais in Betracht kommen— so würde das wieder nur ein Borteil für einzelne Kapitalisten sein. Die Hamburger Handels- kammcr schreibt darüber: „Würden diese Artikel in Deutschland zollfrei oder zu Vorzugs- zöllen eingelassen werden, so erhielten die Produzenten in den Kolonien höhere Preise, und eS ist unverkennbar, daff damit ein bedeutender Anreiz zur Vermehrung der Produktion geschaffen würde... Die damit erlangten Voiteile würden aber doch im wesentlichen nur einzelnen zugute kommen, und sie wären nichts anderes als eine Subvention, die durch Verminderung der Neichszolleinnahmen aus den Tasche» der deutsch eir Steuerzahler in die Taschen der Kolonial- interessenten geleitet würde. JiiSbesondere ist nicht daran zu denken, daff die Zollfreiheit oder Zollermöffi�ung den deutschen Konsumenten die Artikel verbilligen loürde. Gegenüber den gewaltigen Mengen der Weliproduttion haben die geniigen Mengen unserer Kolonialproduktion auf die Preisbildung einstweilen noch keinen Einfluff." Für den sozialdemokralischen Beobachter dieser Dinge ist be» sonderS interessant, wie diese Groffkapitalisten, sobald eS sich um einen wirkliche», praklischen Fall handelt, sofort mit aller Klarheit und Schärfe den Gegensatz der wirts ch a f tischen Fnter- essen sehen, den ihre Vertreter in der Wissenschaft wie in der Politik so beharrlich ableugiien. Reue Aufttägr für die Waggonfabriken. Bis vor kurzem war es für das preuffifche Elienbahnzentrolomt beinahe eine Selbstver- stöndlichkeit, unbelümniert um die Konjunktur feine Bestellungen so zu machen, daff sie in das Getriebe des schärfsten industriellen Hoch- druckeS hineiiigerirten»nd dann natürlich mit entsprechenden Preisen berechnet wurden. Dazu kam dann noch, daff die Waggonsabriken in solchen Zeiten viele Arbeiter einftellteii, die dann natürlich bei der ersten Gelegenheit wieder hinausflogen. Wie jetzt bekannt wird. will die Regierung für diesmal.versuchsweise" mit ihrer alther- gebrachten Manier brechen und den Waggonfabriken schon jetzt die Aufträge für den Lieferungswintcr 1911/ 12 erteilen. öewcrhrcbaftUcbw. Das 8cbarfimcbci*tmn kennt keine Grenzen! Wenn den Unternehmern das Feuer anfängt auf die Nägel zu brennen, wenn ihnen die Macht der gewerkschaft- lichen Organisationen immer gefährlicher zu werden droht, dann steigen sie in ihre Rüstkammer hinab und holen bisher noch unerprobte Kampfmittel hervor. Wenn diese Mittel auch nicht immer mit der„völkischen" Eigenart zu vereinbaren sind, so sollen sie doch den wahrhaft„nationalen" Zweck erfüllen, den so verhaßten organisierten Arbeitern den Aufstieg zu einer höheren Lebenshaltung schier unüberwindliche Schwierigkeit in den Weg zu legen. So hat der Deutsche Arbeitgeberbund für das Bau- gewerbe es für erforderlich erachtet, die ihm so gefährliche Stoßkraft des Deutschen Bauarbciterverbandes zu brechen. Da er sich aber dazu für zu schwach hält, wandte er sich Hilfe- suchend an den—„Erbfeind". Die Bauunternehmer Frank- reichs sollen dem Deutscken Arbeitgeberverband für das Bau- gewerbe helfen, dem Deutschen Bauarbeiterverband in den nächsten Lohnkäinpfen ein Paroli bieten. Freilich, für dies- mal ist es noch vorbei gelungen; die„Erbfeinde" haben es vorläufig noch abgelehnt, an der Knebelung der deutschen Bauarbeiter mitzuwirken. Ueber eine dahingehende Verein- barung. die der Deutsche Arbeitgeberverband für das Baugewerbe durch seineu Vorsitzenden, Herrn F e l i s ch, dem französischen Bauunternehmerverband zur Annahme unterbreitet hat, veröffentlicht der„Grundstein"(Organ des Deutschen Bauarbeiterverbandes), folgendes: „Zwischen der Föderation der frauzösiichen Bauunternehmer und dem Deutschen Arbeilgeberverband für das Baugewerbe wird folgende Vereinbarung getroffen: 1. Die �vertragschließenden Parteien verpflichten sich, keinen Arbeiter des kartellierten Landes einzustellen. 2. Wenn in einer der vertragschließenden Organisationen ein Streik oder eine Aussperrung vorauszusehen ist. so verpflichtet sich die betreffende Organisation, die Leitung der anderen davon zu unterrichten, unter Angabe der Orte, die von dem Streik oder der Aussperrung betroffen werden können. Falls ein allgemeiner Streik oder eine Generalaussperrnng in einem der vertragschließenden Länder ausbricht, so werden alle Arbeiter des betreffenden Landes, die im FreundeSland(!) arbeiten� sofort entlassen. Sobald ein Streik oder eine Aussperrung ausgebrochen ist, muß die Leitung der betroffenen Organisation sofort der anderen Organisation Mitteilung machen und gleichzeitig alphabetisch ge- ordnete Listen mit den Namen der streikenden oder ausgesperrten Arbeiter, ihren Geburtstag und Geburtsort einsenden. Diese Listen müssen in genügender Anzahl zugestellt werden, damit sie alle Mitglieder erhallen können. Die Beendigung eines Streiks oder einer Aussperrung ist ebenfalls mitzuteilen. 8. Die Leitungen der vertragschließenden Organisationen ver- Pflichten sich, alle Maßnahmen zu treffen, damit ihre Mitglieder so schnell wie möglich diese Listen erhalten, um zu verhindern, daß streikende Arbeiter Beschäftigung finden. Sie müssen ebenfalls darüber wachen, daß Arbeiter, die etwa schon Stellung gefunden haben, sofort wieder entlassen werden. 4. Die vertragschließenden Parteien verpflichten sich, sich gegen- seitig nach Möglichkeit zu unterstützen und die Einstellung von nichlstreikenden Arbeitern zu erleichter». Die Maßnahmen der Arbeitsnachweise der beireundeten Organisationen sind zu respek- tieren und nach Möglichkeit zu unterstützen. Dieser Vertrag ist zwischen den Zentralleitungen der vertrag- schließenden Parteien abgeschlossen unter Vorbehalt etwaiger Ab- änderungen durch ihre Generalversammlungen." Wie wir oben bereits anführten, haben die„Erbfeinde" diese Vereinbarung abgelehnt. Ihre„völkische" Eigenart läßt dies zurzeit noch nicht zu, und wir geben daher dem kon- servativcn Herrn F e l i s ch den guten Rat, später noch einmal anzuklopfen. Vielleicht gelingt es ihm dann, die„nationale" Arbeit mit mehr Erfolg zu schützen. Diese Maß- nahmen des Arbeitgeberverbandes für das Bau- gewerbe zeigen aber, wohin die Reise führt! Wenn es gilt, die Arbeiterschaft zu knebeln, dann verschmäht man selbst die Hilfe des sonst so verhaßten„Erbfeindes" nicht hierzu. Und ganz treffend bemerkt der„Grundstein": Wenn bei den kommenden Reichstagswahlen wieder ein Soldknecht des Unternehmertums den„nationalen" Popanz gegen die Sozialdemokratie auszuspielen versucht, dann mögen ihm unsere Genossen mit dieser Vereinbarung recht kräftig um die Ohren schlagen.— Herr Fe li s ch soll sich aber gesagt sein lassen: Der Deutsche Bauarbeiterverband wird auch. den kommenden Kämpfen gegenüberstehen, und er wird es sich trotz aller Maßnahmen des Arbeitgeberverbandes für das Bau- gewerbe nicht nehmen lassen, für eine ständige Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen seiner Mitglieder in nach- drücklichster Weise einzutreten. ßet-Un und Qmgegend. Tarifbewegung der Bauanschläger. Die Bauanschläger Groß-Berlins nahmen am Dienstag Stellung zu der kommenden Tarifbewegung. Der zurzeit bestehende Tarif war auf drei Jahre abgeschlossen und läuft am 1. April 1312 ab, und im Oktober d. I. beginnen die Verhandlungen mit den Unter- nehmern. Eingangs seiner Ausführungen teilte der Vorsitzende noch mit, daß einzelne Kollegen den Kühnemänner-Arbeitsnachweis in der Wusterhausener Straße besucht haben sollen. Sollte sich dies bestätigen, so käme dies Slreikbruch gleich. Die Lohnbwegung wird damit nrotivrert, daß während der letzten Jahre die Akkordlöhne der Bauanschläger dieselben geblieben seien, während die Lebens- mittel usw. ganz enorm gestiegen sind. Der Redner wieS auch nach, daß die Unternehmer um genau so viel in ihren Angeboten herabgegaugen sind, als sie die Arbeiter bei Tarifabschlüssen gedrückt haben. Die Abzüge dienen demnach dazu, die Schmutzkonkurrenz zu bestärken. Ein Redner war der Meinung, daß gerade die häufiger vorkommenden Arbeiten aufgebessert werden müßten und zwar um 15— 20 Proz. Die Arbeiten würden sehr sauber verlangt, dabei sei das gelieferte Material daS denkbarste schlechteste. Allgemein kam die Ansicht zum Ausdruck, daß die Unternehmer daraus hinarbeiten, in den nächsten Tarif ungünstige Positionen hineinzubringen, statt Verbesserungen zu schaffen, wie die Arbeiter sie wünschen. Die Agitatioilskoinmission arbeitet zurzeit den neuen Entwurf aus. In der Musterkonfektion, der vornehmsten Gruppe der Damenkonfektion, ist eine Tarif- bewegung in der EntWickelung begriffen. Es besteht für die Gruppe seit fünf Jahren ein Tarifvertrag, der auf unbestimmte Zeit ab- geschlossen ist, aber den gegenwärtigen Verhältnissen keineswegs mehr entspricht. Der Minimallohn für die männlichen Schneider ist in dem Tarif auf 30 M! festgesetzt, der der Schneiderinnen auf 22 M. Diese Löhne sind in der Tat schon überholt. Es muß schon ein außergeioöhnlich schwacher Arbeiter sein, der sich in der Muster- konfektion mit 80 M. abspeisen läßt. Allerdings besteht bei einzelnen Zwischenmeistern— um diese Art Arbeitgeber handelt es sich über- Haupt— die üble Gewohnheit, in der stillen Zeit die Löhne zu kürzen, was früher zienilich allgemein der Brauch war. Jetzt gehört das zu den Ausnahme», und es hat sich mehr und mehr die Erkenntnis geltend gemacht, daß ein solches Verfahren höchst ungehörig ist. In letzter Zeit scheint sich auch in anderer Hinsicht eine Wandlung in den Ansichten der Zwischenmeister zu vollziehen, wenigstens ließ ihre große öffentliche Verantw. Redalt.: Richard Barth, Verlin. Inseratenteil peraotw.: Versammlung am S. Januar sowie ihre Stellungnahme auf dem Heimarbeitskongreß am 12. Februar erkennen, wie sich unter ihnen die Ueberzeugung bahnbrichl, daß sie ihre Interessen gegenüber dem Unternehmertum in derselben Weise wahrnehmen müssen, wie es die organisierte Arbeiterschaft aller Berufszweige tut, und daß sie dazu der Mithilfe der von ihnen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen bedürfen, weshalb sie selbst als Arbeitgeber dafür sorgen müssen, daß sie einigermaßen anständige Löhne zahlen und zahlen können. Man dachte dabei selbstverständlich vor allem an die Stapelkonfektion und die billigen Sachen, bei denen das Elend der Heimarbeit am krassesten hervortritt. Eine starke Lohnbewegung wäre ja auch hier und in der ganzen Damenkonfektion vor allem notwendig, ist aber gegenwärtig leider noch nicht durchführbar, da die Organisation die dazu nötige Stärke noch nicht erreicht hat. Wohl aber kann die Bewegung in der Musterkonsektion den Anstoß dazu geben, daß man auch im allgemeinen einmal vorwärts kommt. In der Musterkonfektion. die nur tüchtige, gelernte Arbeitskräfte be- schästigt, ist die Organisation stark, so daß es keine große Schwierig- keilen bietet, eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzusetze». In dem geltenden Tarifvertrag ist eine Kündigungs- frist nicht vorgesehen, die Schneider und Schneiderinnen der Muster- konfektion halten es aber für selbstverständlich, daß sie die Zwischen« meister nicht etwa durch plötzliche Arbeitseinstellung in Verlegenheit setzen, sondern versuchen, auf friedlichem Wege und durch gemeinsame Beratungen zum Ziele zu kommen. Am Dienstag hatten sich die Musterkonfektionsschneider und -Schneiderinnen sehr zahlreich bei Grunze in der Schönhauser Allee versammelt, um zur Frage der Tarifbewegung Stellung zu nehmen. Die Versammlung, die hauptsächlich für das Schönhauser Stadt- viertel bestimmt war. kam, nachdem der Branchenleiter Knoop die Lage geschildert und man sich eingehend darüber ausgesprochen hatte, einstimmig zu dem Beschluß, daß zu gegebener Zeit in die Be- weguug eingetreten werden soll. Es ist dort auch bereits eine Kommission gewählt, die, ergänzt durch Vertreter der anderen in Betracht kommenden Stadtteile, weiter in der Sache tätig sein und namentlich auch für die nötige Agitation sorgen wird. Oeudlcbes KeuK. Die Scharfmacher in der Malzindnstrie. In letzter Zeit waren die im Brauerei- und Mühlenarbeiter- verband organisierten Mälzereiarbeiter öfter genötigt, die Arbeit einzustellen, um die Anerkennung ihrer Organisation durchzu- setzen, und um die Unternehmer zur Unterhandlung über die ein- gereichten Forderungen zu bewegen. Meist mußte das in Be- trieben geschehen, in denen die Organisation bisher nicht recht Fuß fassen konnte; aber auch einige Unternehmer, die schon im Tarif- Verhältnis mit der Organisation der Arbeiter standen, kehrten auf einmal den„Herrn im Hause" heraus. Die Arbeiter haben selbst- verständlich alles darangesetzt, um ihr Mitbestimmungsrecht über die Lohn- und Arbeitsverhaltnisse sich nicht nehmen zu lassen bezw. es sich zu erkämpfen, und sie wurden darin kräftig unterstützt von den Arbeitern in den Brauereien, die das Malz dieser Malzfabriken zu verarbeiten haben. Anstatt daß diese Malzfabrikanten aber nun das einzig Vernünftige tun, d. h. eine Verständigung mit der Arbeiterorganisation suchen, blasen sie zum Kampf und versuchen, die übrigen Malzfabriken, die die Organisation der Arbeiter an- erkennen, vor ihren Scharsmacherkarren zu spannen. In der Fach- presse der Brauindustriellen haben sie folgenden Aufruf erlassen: Boykottschutzverband für Mälzereien. Zum Schutze gegen die außerordentlich starken, vom Zaun gebrochenen Streikbewegungen der letzten Zeit, sowie gegen die in Aussicht gestellte Ausdehnung derselben auf alle Mälzereien Deutschlands laden wir zur Gründung eines ähnlichen Verbandes wie desjenigen der Brauereien ein. Sämtliche Streiks, welche mit Erfolg durchgeführt wurden, sind fast ausnahmslos durch Druck der Arbeiterverbände auf die abnehmenden Brauereien erfolgt. Ein Boykottschutz der Mälze- reien zur Schaffung gesicherter Betriebsverhältnisse ist natur- gemäß weit billiger und leichter durchzuführen als bei den Brauereien und liegt im Interesse aller Malzfabriken bezw. deren Vereinigungen. Wir bitten deshalb alle sich hierfür interessierenden Malzfabriken oder deren Vereinigungen um Aufgabe ihrer Adresse... an die Geschäftsstelle dieser Zeitung. Unsinn ist die Behauptung, daß die Ausdehnung der Streik- bewegung auf alle Malzfabriken Deutschlands in Aussicht gestellt ist, weil der Brauerei- und Mühlenarbeiterverband mit einer großen Zahl Firmen im Tarifverhältnis steht. Aber zur Förderung des Planes der Scharfmacher ist so ein bißchen Wauwau notwendig. Ob die Malzfabrikanten auf den Leim büpfen und jenen Organi- sationsfeinden, die niedrige Löhne zahlen und gewöhnlich auch Preisdrücker sind, die Kastanien aus dem Feuer holen, wird abzu- warten sein. Der Brauerei- und Mühlenarbeiterverband wird sich auch durch die Gründung eines Boykottschutzverbandes für Mälze- reien nicht im geringsten davon abhalten lassen, doch das Mit- bestimmungsrecht im Arbeitsvertrag zu erkämpfen und zeitgemäße Lohn- und Arbeitsverhältnisse auch bei den rückständigen Scharf- machern durchzusetzen._ Wie Terrorismusgeschichte« entstehen. Während des Streiks der Färber bei der Firma Dr. Nietzsche in Plauen sind einige Arbeitswillige auf dem Wege zur Arbeit von drei streikenden Arbeitern angesprochen worden, um sie zu be- stimmen, an dem Streik teilzunehmen. Die Angesprochenen sind in keiner Weise belästigt worden. Die„Neue Vogtländische Zeitung" bringt nun einen Bericht darüber, in dem aus den 3 streikenden Arbeitern 13(!) geworden sind und bei dem Liman-Papier, den „Leipziger Neuesten" waren es schon 30(I) Streikende, die den Arbeitswilligen aufgelauert hätten. Auf eine solche niederträchtige Weise soll Stimmung gegen streikende Arbeiter gemacht werden, um darzutun, wie notwendig eine Verschärfung der Strafbestimmungen gegen streikende Ar- beiter ist. IZusland. Eine Sympathiekundgebung für die Eisenbahner. Rom, den 13. Februar 1911.(Eig. Bericht.) In Parma hat eine Anzahl gewerkschaftlicher Organisationen, die teils außer- halb der Konföderation der Arbeit stehen, teils sich in Opposition zu deren Exekutiokommission befinden, eine Zusammenkunft ab- gehalten, um sich über das Verhalten des organisierten Proletariats bei der Eisenbahneragitation schlüssig zu werden. Angeblich waren auf dieser Zusmumenkunft über 200 000 organisierte Ar- beiter vertreten, welche Zahl aber in bezug auf ihre Höhe sehr zu Zweifeln berechtigt. Die Zusammenkunft beschloß, im Entschei- dungsfalle zur Unterstützung der Eisenbahnerforderungen den Generalstreik zu proklamieren. Es wurde ein Komitee ernannt, das für die Verwirklichung dieses Entschlusses wirken soll. Einer Kommission wurde es übertragen, bei der nächsten Ausschußvcr- sammlung der Konföderation der Arbeit die Auffassung der in Parma vereinigten dissidenten Organisationen zu vertreten. Es handelt sich für die teils von Syndikalisten, teils aber auch von intransigenten Sozialisten angeregte Zusammenkunft weniger darum, eine abseits von der Konföderation vorgehende Bewegung zu inszenieren und zu leiten, als vielmehr darum, eine Pression im Sinne revolutionären Vorgehens auf die Konföderation aus- zuüben._ Sozialem Für Geschäftsführer von Konsnmgenossenschaften von Wichtigkeit ist eine am 13. d. Mts. gefällte Entscheidung des Äammergerichts. Die Konsumgenossenschaft für Halberstadt und Umgegend, welche ihren Sitz in Halberstvdt hat, besitzt in Oschersleben eine Filiale (Verkaufsstelle). Nun erhebt Oschersleben eine Gemeinde-Gewerbe- Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vörwärls Buchdr. u. Verlagsanstalt steuer nach den Vorschriften des Kommunalabgabengesetzes. De« Magistrat von Oschersleben richtete nun an„den Konsumverein Fragebogen, welche die Gemeinde-Gewerbesteuer betrafen und be- antwortet werden sollten. Die Bogen wurden nicht an den Ge- schäftsführer in Halbcrstadt gesandt, sondern in Oschersleben in der Verlaufsstelle an den dortigen Lagerhalter abgegeben. Dieser sandte sie gelegentlich nach Halberstadt. Herr Mikowski zu Halber- stadt als Geschäftsführer des Konsumvereins für Halberstadt und Umgegend wurde nun mit einem Strafmandat auf Grund der Oscherslebener Steuerordnung bcdmcht, weil er das Auskunfts- gesuch(die Fragebogen) nicht fristzeitig beantwortet habe. M. bestritt, strafbar zu sein. Die Zustellung hätte direkt an ihn erfolgen müssen. Die Straflmrkeit entfalle schon deshalb, weil das nicht geschehen. Die Strafkammer in Halberstadt als Berufungsinstanz ver- urteilte aber den Angeklagten. Sie ging davon aus, daß die Ab- gäbe der Fragebogen an den Lagerhalter in Oschersleben genügt habe. Der Angeklagte M. als Geschäftsführer hätte dafür sorgen müssen, daß derartige Schriftstücke ihm ordnungsmäßig übermittelt würden. Er sei gemäß dem Ortsstatut der Stadt Halberstadt zu bestrafen. Das Kammergericht gab jedoch der Revision des Angeklagten statt und sprach ihn frei, indem es ausführte: Es handle sich bei dem Konsumverein um einen parteifähigen Personenverein, d. h. um einen Verein, der klagen und verklagt werden könne. Nach den Ausführungsvorschriften zum Kommunal-Abgabengesetz und den Vorschriften über die Zustellung genüge bei Behörden, Korpo- rationen und bei Vereinen, die klagen und verklagt werden können, die Zustellung an den Vorsteher.- Danach müsse die Zustellung am Sitz eines solchen Vereins erfolgen, denn nur dort je» der Vor- steher zu finden. Und zwar müsse im Hauptbetrieb zugestellt wer- den und nicht in einer, nicht einmal am Orte des Sitzes befind- lichen Filiale, wie hier. Es habe also nicht genügt, daß die Frage- bogen dem Vertreter der Filiale in Oschersleben gegeben wurden. Da die Zustellung nicht richtig erfolgte, konnte sie auch keine Rechts- folgen haben. Daraus folge die Freisprechung des Angeltagten. Sericbts-Leitung. Im Wiederaufnahmeverfahren wurde gestern ein Mann vom Schwurgericht des Landgerichts III freigesprochen, der im Jahre 1907 zu fünf Jahren Zuchthaus ver- urteilt worden war und 1 Jahr 7 Monate abgebüßt hat. Der Arbeiter Max Weirich war am 4. Juni 1907 voin Schwur- gericht zu 5 Jahre» Zuchthaus verurteilt worden, weil er dabei ertappt worden war, als er auf dein Gelände des Tegeler Schietz- Platzes ein sechsjähriges Mädchen zwangsweise aufs schändlichste mißbrauchte. Nach seiner Verurteilung wurde er der Strafanstalt Moabit zugewiesen. In der Strafvollstreckung erkrankte er geistig. Am 8. Februar 1909 wurde er, da sich sein Zustand arg verschlim- merte, aus der Strafanstalt weggenommen und nach der Anstalt in Buch gebracht. Dort blieb er 6 Monate, dann wurde er in die Irrenanstalt Eberswalde übergeführt. Auf Grund der Nachfor- schurigen, die nun die Irrenärzte nach dem ganzen Vorleben des Angeklagten anstellten, betrieb Rechtsanwalt Dr. Jaffc das Wieder- aufnahmeverfahren, das dann auch beschlossen wurde. Im gestrigen Termin begutachteten die Sachverständigen Dr. Lcppmann von der Anstalt Moabit, Dr. Michaile von der Anstalt Eberswald« über- einstimmend, daß der Angeklagte an angeborenem Schwachsinn leide und höchstwahrscheinlich schon bei Begehung der Tat sich in einem Zustande krankhafter Störung der Geisteskräfte im Sinne des§ 51 St.-G.-G. befunden habe. Infolgedessen verneinten die Geschworenen die Schuldfrage und es erfolgte die Freisprechung des Angeklagten._ Versammlungen. Im Wahlverein des zweiten Kreises hielt Dr. A. Eonrady am Dienstagabend einen Vortrag über das Thema:„Das preußische Wahlrecht seit 1848". Die Versammlung fand in „Nißles Festsälcii", Dennewitzstraße, statt und war leider nicht sehr stark besucht. Obgleich es sich um eine Mitgliederversammlung handelte und das Mitgliedsbuch als Legitimation verlangt wurde, hatte sich ein Kriminalbeamter eingefunden, der aber von den Genossen erkannt und aus dem Saal gewiesen wurde. � Der Redner, der ein historisches Bild der Kämpfe um eine Verfassung und ein freies Wahlrecht in Preußen seit 1848 aufrollte, fand große Aufmerksamkeit und reichen Beifall, als er hervorhob, daß die dringendste Aufgabe der Gegenwart für das Proletariat in Preußen der Wahlrechtskampf sei.— Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Der Vorsitzende, Genosse Schwenke, wies in einem Schlußwort auf die kommende Frauenversammlung und auf die Broschüre von Eugen Ernst noch besonders hin. Hetzte ffcdmdrtem Stadtverordnetennachwahl in Mühlhanseu. Mühlhauscn i. Th., 15. Februar.(Privattelegramm Les „Vorwärts".) Bei der letzten allgemeinen Stadtverordneten- Wahl wurden hier sechs sozialdemokratische Kandidaten ge- wählt. Den» bürgerlichen Klüngel, ging dies wider die Reckz- nung und die sechs sozialdemokratischen Mandate wurden für ungültig erklärt. Nach erbittertem Kampfe fand heute die Neuwahl statt. Für die sozialdemokratischen Kandidaten wurden 1220 Stimmen— das sind 300 Stimmen mehr wie bei der letzten Wahl— abgegeben. Der vereinigte bürgerliche Mischmasch siegte jedoch mit 1303 Stimmen. Abends fand eine imposante Temonstration gegen die Mandatsräuber statt._ Die Adresidebatte im Unterhaus. London, 15. Februar.(W. T. B.) Bei Fortsetzung der Abreßdebatte beantragte die Opposition ein A m e n d e» ment, in dem sie die Politik der Regierung in der Home- rulefragc kritisiert und auf einer bestimmten Erklärung sei- tens des Premierministers besteht. Asquith bestritt, daß seine Erklärungen über die Homerulefrage unklar oder zwei» deutig gewesen seien und betonte, daß die Politik der Regie» r u n g unverändert geblieben sei. Man könne die irische Frage nur lösen durch die Schaffung eines irischen Parlaments in Jr- land mit einer diesem Parlament verantwortlichen irischen Ber- waltung der irischen Angelegenheiten, aber mit dem Vorbehalt, daß die Suprematie des Reichsparlaments erhalten bleibe- Mordversuch und Selbstmord. Duisburg, 15. Februar.(W. T. B.) Heute mittag drang der Hafenarbeiter S a u b e r g in die Wohnung des Hafenarbeiters Kratz ein und verlangte von dessen allein dort anwesender Frau zehn Mark. Als diese das Geld verweigerte, zog Sauberg einen Revolver, verletzte die Frau durch zwei Revolverschüsse schwer und erschoß sich selbst. Die Pest in Charbin. Charbin, 15. Februar.(W. T. B.) Gestern starben hier an der Pest 8 Chinesen. Es hat sich herausgestellt, daß ein im Pestkrankenhaus verstorbener Russe nicht pestkrank war. Auf Beschluß des zur Bekämpfung der Pest eingesetzten Aus» schusses wurden 23 Häuser niedergebrannt.__ HapI Singer L Co.tBsrlin LW. Hierzu 3 Beilage»».Unterhaltungsbl. |t. 40. 28. Jahrgang. 1. Keilaze des Jotmärlü" Knlimr Dolbblalt Dollnerstag. IC. Februar 191L Reichstag 128. Sitzung. Mittwoch, den 15. Februar 191t, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: v. T i r p i tz. Zweite Lesung des Marineetats. (Dritter Tag.) Die Verhandlung beginnt— nach einer kleinen Geschäfts- ordnungsdebatte— mit der von den Sozialdemokraten beantraglen namentlichen Abstimmung über ihren Antrag auf Wieder- einsetzung der Zulagen für die Heizer in vollem Umfange(720 000 M. gegenüber den von der Kommission beantragten 400 000 M.j. Der sozialdemokratische Antrag wird mit 162 gegen ISS Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen abgelehnt, der Kommissionsantrag wird darauf angenommen. Das Gehalt des Staatssekretärs wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten bewilligt. Beim Titel„Mittlere Kanzleibeamte" hat die Kommission drei Registratoren gestrichen und dafür drei Registraturassistenten ein- gesetzt. Abg. v. Thünefeld(Z.) befürwortet einen von ihm und dem Abg. Dr. Paasche(natl.) gestellten Antrag, die Regierungsvorlage wieder- herzustellen und bei den Registratoren die Worte zuzusügen:.davon drei künftig wegfallend". Abg. Roske(Soz.): Ich bitte, dem Antrag v. Thünefeld-Paasche nicht stattzugeben. Der Vermerk, die Stellen als künftig wegfallend zu bezeichnen, ist wertlos: sind die Stellen erst bewilligt, so wird man später immer sagen, die Stellen sind nicht zu entbehren. Man redet immer von Sparsamkeit und greift zu den bedenklich st en Mitteln, um zu sparen. Dann müssen wir verlangen, daß auch in den Kanzleien rationell gearbeitet wird. In einzelnen Reichsämtern kostet ein Bogen Schreibarbeit S Mark. (Hört, hört l bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeitszeit der 5kaiiz- listen beträgt nur 7 Stunden, und dieselben Leute, welche diese geringe Aibeitszeit zugestanden haben, erklären es für Utopisterei, wenn für die Arbeiter eine acht- stündige Arbeitszeit verlangt wird. Ich gönne den Kanzlisten ihre geringe Arbeitszeit, aber dann inusi in diesen sieben Stunden auch tüchtig gearbeitet werden. Dasz so wenig geleistet wird, liegt daran, dast in den Kanzleien vornehmlich Militär- anwärter beschäftigt werden, die für diese Arbeiten wenig ge- eignet sind s junge Damen leisten ohne Uebcranftrengung das Doppelte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokralen.) Staatssekretär v. Tirpitz bittet den Antrag v. Thünefeld- Paasche anzunehmen; die drei als Assistenten beschäftigten Leute hätten ein Anrecht darauf, Registratoren zu werden, das sei ihnen Versprochen worden. Der Antrag v. Thünefeld-Paasche wird abgelehnt. Eine von der Kommission vorgeschlagene Resolution, welche in verschiedenen Reichsämtern eine einheitliche Arbeitszeit und eine Bcrbilligung der Kanzleiarbeiten fordert, wird an- genommen. Zum Titel„Betriebs- und sonstige Materialien" beantragen die Wgg. A l b r e ch t und Genossen(Soz.) die Annahme einer Resolution, in der verlangt wird, dast Arbeiten und Lieferungen für die Marine- Verwaltung nur an solche Firmen vergeben werden, die bezüglich der Arbeitsbedingungen die gesetzlichen Borschrtften einhalten und sich verpflichten, ans den Abschluß von Tarifverträgen hinzuwirken, und dasi die Festsetzung oder Neuordnung von Arbeitsbedingungen in den Marinebetrieben nur unter Mitwirkung der Arbeiterausschüsse geschieht. Abg. Hur(Soz.): Eine ähnliche Resolution hat der Reichstag auf unseren Antrag am 3. Februar 1908 mit überwältigender Majorität angenommen. Um so verwunderlicher ist es, dag die Budgetkommission diesmal den von uns gestellten Antrag, die Arbeiterausschüsse bei der Fest- fetzung oder Neuordnung der Arbeitsbedingungen zur Mit- Wirkung heranzuziehen, abgelehnt hat, nachdem die Re- gierung erklärt hatte, es würde bereits so verfahren. Mein Kollege S e v e r i n g hat aber nachgewiesen, dast die Mitwirkung der Arbeiterausschüsse bei allen Verträgen des Arbeitsvertrages aus- geschaltet wird und daß Eingaben der Arbeiterausschüsse wochenlang. ja monatelang unerledigt liegen bleiben. Deshalb haben Klcinca Feuilleton. Strenge Kälte in Ostdeutschland. Während in den westlichen Landesteilen, namentlich an der Nordseeküste, nach wie vor Tan- Wetter herrscht, und nur nachts leichtere Fröste vorkommen, ist in Ostdeutschland strenge Kälte eingetreten. In Graudenz sank das Thermometer bis auf 24 Grad unter Null; Memel und Bromberg hatten Dienstag früh 19 Grad, Danzig und Breslau hatten 15 Grad Kälte. In Mitteldeutschland hielt sich ebenso wie diesmal im Süden des Landes der Frost nur, in mäßigen Grenzen; Dresden hatte Dienstag 6, Aachen und München hatten 3 Grad unter Null als Morgentemperatur. Die Ursache dieser starken Abkühlung im Osten hängt mit der Verlagerung hohen Luftdrucks über Rußland zusammen. Dort hat sich schon seit dem Anfang des Monats ein Kältegebiet ausgebildet, das durch das Vordringen des sibirischen Maximums nach Westen entstand. Von Deutschlands Grenzen wurde dieses Kältegebiet aber bis zum Ende der vergangenen Woche durch Tiefdruckfurchen abgehalten, die vom hohen Norden nach dem Schwarzen Meere wanderten. Nachdem nun diese Drucknnterschiede ausgeglichen sind und weitere baro- metrische Maxima von Westen nach Osteuropa gewandert sind, hat sich seit Beginn dieser Woche über Rußland ein sehr ausgedehntes, 78S Millimeter Höhe erreichendes Gebiet hohen Luftdrucks ausgebildet, daS sich mit seinem Bereich bis an die west- französische Spitze erstreckt. Dagegen beherrscht den Nordwesten Europas und die skandinavische Halbinsel eine ausgedehnte De- Pression, die innerhalb ihres Bereiches, und zwar bis nach West- deutschland hin Tauwetter verursacht. Das mittlere Deutschland lag in diesen Tagen an den Grenzen der beiden verschiedenen Witterungssphären, woraus sich der mehrmalige schnelle Wechsel zwischen Frost- und Tauwetter erklärt. Austerordentlichlgroß waren dabei die Temperaturunterschiede zwischen Maximum und Minin, um. So meldete Montag früh Archangel am Weißen Meere die niedrigste Temperatur in ganz Europa, nämlich 31 Grad Kälte, wogegen Seydis- fjord an der Ostküste Islands die höchste Morgeutemperalur innerhalb des ganzen Erdteils mit nicht weniger als 13 Grad Wärme hatte. Die Temperaturdiffcrenz von 44 Grad wirft um so krasser, wenn man berücksichligt. daß beide Orte ungefähr auf dem SS. Breitengrade liegen. Allerdings stand am Weißen Meere das Barometer auf 780, auf Island unter 730 Millimeter. Man er- kennt daran deutlich den krassen Gegensatz zwischen koittinenlalem und maritimem Klima. Im Osten und Südosten, auch im Innern Rußlands, dürfte der Frost zunächst noch soridauern, doch ist seine Verstärkung in den mittleren und westlichen LandeSteilen nicht zu er- warten. Vom Palast zum Warenhaus. AuS Florenz wird der „Wiener Fr. Presse" geschrieben: Nicht nur Bücher haben bekanntlich ihre Schicksale, sondern auch Gebäude, und unter diesen die tra- «ischesten vielleicht jene alten Paläste, Sitze stolzer Adelsgeschlechtcr, vtfefl Glanz verblichen, deren Größe dahin ist und die schließlich W■ wir die Resolution nochmals vorgelegt. Weiter verlangen wir, daß nur an solche Firmen Arbeiten und Lieferungen vergeben werden, welcke die gesetzlichen Vorschriften in bezug auf die Arbeitsbedingungen einhalten. Es kommt hier namentlich die Großeisenindustrie in Betracht. Die vielen Unglücksfälle in diesen Betrieben beweisen, daß keineswegs die gesetzlichen Vor- schrifte» erfüllt sind. Während im ganzen Deuischland im Bergbau auf tausend Arbeiter 642 Unfälle kommen, kommen im rheinisch- westfälischen Bergwerks- und Hüttenbezirk auf 100(1 Arbeiter 918 Unfälle (Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten), das allein beweist schon, daß dort die gesetzlichen Schntzvorfchristen keineswegs erfüllt sind. Weiter verlangen wir, daß die Firmen, welche Arbeiten und Liefe- rungen erhalten, sich verpflichten sollen, auf den Abschluß von Tarifverträgen hinzuwirken. Eigentlich hätte ein solcher Antrag doch von bürgerlicher Seite eingebracht werden müssen(Sehr richtig! bei den Sozialdeniokraten), denn Sie sehen ja die Tarif- Verträge als Friedensinstrumente an. Wir treten für Tarifverträge ein, weil sie gegen die andauernde Ver- schlechter ung der Arbeitsbedingungen Ivirken. Gerade bei den Firmen, die für die Mariueverwaltung liefern. sind die Löhnebe st ä n big herabgegangen— bei den für die Heeresverwaltung liefernden Firmen liegt es übrigens eben- so. Der Redner zeigt die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in der Großeisenindustrie an einer Fülle von Beispielen. Aber in den Lieferungspreisen für die Marine kommt das nicht zum Aus- druck, sonst müßten die im Etat angeforderten Summen erheblich niedriger sein.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen, daß die Marineverwaltung sich um die Aenderungen der Arbeitsbedingungen kümmert und die für den Etat günstigen Schlüsse daraus zieht. Sie soll darauf dringen, daß die Firmen ein tarif- liches Verhältnis eingehen; dann bekommen wir auch im Reichstage eine Grundlage zur Beurteilung der von der Marineverwaltung ge- forderten Beträge. Wir können das um so mehr verlangen, als daS Reichsamt des Innern auf die vorzügliche sozialpolitische Wir» ku ng der Tarifverträge aufmerksam gemacht hat. Aber unter den mehr als 6000 Tarisverträgen, die das Reichsamt des Innern angeführt hat, ist auch nicht ein einziger zwischen Ar- beitern und Firmen der Großeisenindustrie ge- schlössen. Hier hören wir stimmungsvolle Reden über die groß- artige Entwicklung unserer herrlichen Marine. Aber im Kontrast dazu steht die trübselige Stimmung draußen; welches Echo die Politik der Mehrheit im Volke gefunden hat, beweisen die Nach- wählen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Gerade die Unternehmer der Großeisenindustrie sind am wenigsten geneigt. Forderungen ihrer Arbetter zu bewilligen oder auch nur entgegen- zunehmen— das beweisen jetzt wieder die Vorgänge im Ruhrrevirr. Die Riesensummen, die wir hier für Militär und Marine bewilligen, kommen den Unternehmern der Großeisenindustrie zugute, alle großen Werke haben die Dividende erhöhen können, die Firma Krupp hat in den letzten Jahren einen Gewinn von 30, 31 und dann 35 Millionen erzielt. Für die soviel beklagten sozialen Lasten hat die Firma 13l/z Millionen Mark ausgegeben, aber die eine Familie Krupp hat im letzten Jahre 18 Millionen vom Gewinn erhalten, in den letzten drei Jahren 46,8 Millionen Mark. Der Arbeiterbevölkerung ist der ungeheuere Zuwachs an National- reichtum nicht zugute gekommen, der gegen die siebziger Jahre gestiegene Lohn steht in keinem Verhält n'i s zn der in weit höherem Maße gestiegenen Verteuerung des ganzen Lebens.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir haben allen Anlaß, darauf hinzuwirken, daß die Ströme von Geld, die ans den Taschen der Steuerzahler geholt werden, bei ihrem Abfluß aus den Reichs- lassen nicht bloß wenigen zugute kommen, sondern sich auf die breiten Massen der Bevölkerung verteilen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Auch die Wohnungsverhältnisse— und sie nicht am wenigsten— geben einen Maßstab für den Wohlstand einer Nation. Und was sehen wir nun? In Essen sind geradezu kultur- widrige Wohnungserhältnisse, ein Zusammenpferchen zahlreicher Personen beiderlei Geschlechts und jeden Alters in engen, völlig unzureichenden Räumen enthüllt worden. (Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Familienväter mit zahlreicher Familie haben oftmals von ihren zwei bewohn- auf den Namen verschwinden. Diesem Los ist nun auch der charak- teristischeste aller Florentiner Paläste, der weltberühmte Palazzo Strozzi, verfallen, und die merkwürdige Umwandlung, der er jetzt unterzogen wird, bildet das Hauptgesprächsthema der Arnostadt, die mit berechtigtem Stolz an ihren Baudenkmälern hängt, ja, sie dürfte sogar lebhaften Widerhall in der italienischen Kammer finden. Das jüngste Kapitel der Geschichte des Hauses Strozzi ist dieses: Im Jahre 1907 starb der letzte erbberechtigte Strozzi, Fürst Piero, und hinterließ seinen Palast, der alle Traditionen floren- tinischer Kunst und Geschichte verkörpert, seiner Vaterstadt oder dem Staat, mit dem Wunsch, das ehrwürdige Heim seiner Familie solle als nationales Denkmal erhalten werden. Aber seitdem sind vier Jahre vergangen und Stadt sowohl als Senat haben bisher eine Erbschaft nicht angetreten, die gewissermaßen ein Danaer- geschenk ist. Denn der einstige Kunstbesitz und das historische Mobiliar waren längst an die verschiedensten Museen und Samm- lungen verhandelt worden. So besitzt Verlin die Büste der„Maria Palla Strozzi", eine der gelungensten Plastiken von Ben. da Settignano. Ja, bis auf den Hausschlüssel, der allerdings in seiner Art ein Unikum, das Werk des berühmten Kunstschmiedes Capassa war und der um hohen Preis nach Paris in die Rothschildschen Sammlungen gelangt ist, war alles fortgekommen, was an dem mächtigen Gebäude nicht niet- und nagelfest war. Dafür war es mit Schulden belastet, über deren Höhe die Angaben geschwankt haben; man sprach immer von Millionen. Nun stellt sich heraus, daß die Summe wesentlich geringer ist, denn es handelt sich um 1 400 000 Lire. Noch bei seinen Lebzeiten war dem Fürsten das Doppelte angeboten worden: von Picrpont Morgan. Aber der Fürst wollte nie auf dieses Angebot eingehen, das ihn mit einem Schlag von all seinen finanziellen Nöten befreit hätte. So hat sich denn die Familie nach langen Unterhandlungen entschlossen, einen Teil des Palastes zu vermieten, und ein Konsortium von Kunst- Händlern übernimmt das erste Stockwerk für eine Reihe von Jahren. In die Parterreräume zieht höchstwahrscheinlich die Banco Commerciale ein, und weder die Stadt, die sich mit einem letzten verzweifelten Appell an den Staat gewendet hat, noch dieser werden es hindern können, daß an den für die Ewigkeit gebauten Quadern zwei mächtige, häßliche Firmenschilder angebracht werden. Und das ist das kläglich triviale Endschicksal jenes schönen Palastes, dessen Grundstein Philipp Strozzi, der Freund und Konkurrent Lorenzos v. Medici, im Jahre 1439 mit vieler Feierlichkeit ge- legt hat. Theater. Charlottenburger Schiller-Theater:„Maria und Magdalena", Schauspiel von Paul Lindau. Das Drama ist etwa vier Dezennien alt und wurde in den siebziger Jahren in der Zeit, da noch die Franzosen Augier, Sardou, Dumas als Meister des modernen Schauspiels und kühne naturalistische Neuerer galten, höchlichst bewundert. Die literarische Vornotiz des Theaterzettels bringt einige für die Bescheidenheit des damals herrschenden Geschmacks sehr charakteristische Auszüge aus einer Kritik Karl Frenzels. Es heißt da u. a.:„Was das Publikum in der ersten Vorstellung ergriff, es war der Hauch der Gegenwart, der baren Räumen einen an mehrere After mieter oder Schlafburschen abgemietet.(Hört! hörtl). So stehen die Verhältnisse im Königreich Krupp!— Der Segen der Großindustrie, von dem uns so � oft erzählt wird, ist in die Taschen weniger Familien geflossen; die breite Masse hat nur den Unsegen davon. ES ist wirklich kein unbilliges Verlangen, wenn die, die an den Reichs- ausgaben die Hauptlast zu tragen haben, einigermaßen wenigstens das Interesse ihrer Klasse bei den Reichsbetrieben gewahrt wissen wollen. Darum bitten wir um Annahme unseres Antrages.(Leb- hafteS Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär v. Tirpitz: Es ist mir selbstredend ganz un- möglich, auf alle die Einzelheiten einzugehen, die der Vorredner angeführt hat. Ich möchte aber doch hervorheben, daß gerade die Firma Krupp sich vor allen anderen Firmen durch ihre Arbeiter- fürsorge auszeichnet.(Lebhafte Zustimmung rechts.)— Ueber die Arbeitsverhältnisse in der Großindustrie zu wachen, ist Sache der Gesetzgebung der Einzelregierungen und der Gewerbeinspektion, nicht des ReichSmarineamts. Ebenso kann die Fragr der Tarif- Verträge und der Zuziehung der Arbeiterausschüsse nur allgeniein, nicht durch ein einzelnes Ressort geregelt werden. Abg. Giesberts(Z., schwer verständlich) scheint gegen die vor« geschlagene Resolution Bedenken zu haben, die auch nicht gerade an geeigneter Stelle beantragt sei, sich aber für Tarifverträge und Ar- beiteranSschüsse auszusprechen. Während der Rede des Abg. Giesberts ereignet sich ein Zwischenfall. Einer der amtlichen Stenographen des Reichstages sinkt plötzlich, augenscheinlich von einem schweren Ohnmachtsanfall betroffen, um. Abg. Giesberts unterbricht sofort seine Rede, Abgeordnete sämtlicher Parteien und Herren vom Bundesratstisch eilen zur Hilfeleistung herbei. Der Kranke wird fortgetragen; Vizepräsident Dr. Schulz spricht die Hoffnung aus, daß der Anfall ohne schwere Folgen bleiben werde. Abg. Hue(Soz.): Wenn dem Abg. Giesberts nur die Stelle mißfällt, an der wir unsere Resolution eingebracht haben, so können wir da ja leicht Abhilfe" schaffen.— Auch an den Wortlaut der Re- solution klammern wir uns nicht ängstlich; wir glauben allerdings, daß unsere Fassung den Vorzug verdient vor der Resolntion, vie 1909 vom Reichstag angeiiommeu wurde.— Die Einwände, die der Staatssekretär gegen unsere Resolution anführte, kann ich nicht als stichhaltig ansehen. Wenn der Staatssekretär meint, daß man einer Firma darum, weil man ihr Waren abkaust, doch noch keine Vorschriften über ihre Arbeitsbedingungen machen kann, so möchte ich ihn daran erinnern, daß die S h n d i k a t e den ihnen angeschlossenen Firmen die allerei n gehend st en Vorschriften bis in die k l e i n st e n Einzelheiten hinein machen.— Es kann doch nicht Aufgabe eines ReichSamtes sein, für ungemessene Kapital- gewinne einzelner zu sorgen. Selbst im Lande der unbegrenzten Möglichkeilen, in Amerika, hat man, wie die letzten Wahlen zeigen, allmählich eingesehen, daß die Z ü ch t u n g von Millionären nicht das letzte Ziel der Entwickelung ist.(Bravo I bei den Sozial- demokraten.) Staatssekretär v. Tirpitz erklärt, daß er die Rede des Abg. Hue sorgfältig durchlesen und das in ihr enthaltene Material» aus seine Verwendbarkeit prüfen werde. Vizepräsident Schulz teilt mit, daß ein Antrag Mollenbuhr auf namentliche Abstimmung über die Resolution Albrecht eingegangen sei. Die Abstimmung soll m o r g e n stattfinden. Abg. Severins(Soz.): Man hat davon gesprochen, daß auf den Werften ja Arbeiter- ausschüsse bestehen, und der Geh. Admiralitätsrat Harms hat bei verschiedenen Gelegenheiten von der Mitwirkung dieser Ausschüsse ein großes Wesen gemacht. In Wirklichkeit sieht es aber mit dieser Mitwirkung sehr windig aus. Die Verwaltung wählt sich ihre„ge- eigneten" Arbeiter sehr mit Vorsicht aus. Statt der Vertrauens- männer der Arbeiter sind es Vertrauensmänner der Ver- w a l t u n g, die in den Ausschüssen sitzen. Sonst werden die Aus- schllsse zur Dekoration, ja zur Karikatur l(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Geh. Admiralitätsrat HarmS: Die Arbeiterausschüsse sind durch- aus keine leeren Schemen. Freilich darf man ihre Kompetenz nicht über alles berechtigte Maß hinaus ausdehnen wollen. Abg. Severins(Soz): Dem Geheimrat Harms gegenüber möchte ich bemerken, baß schon heute zahlreiche Privatbetriebe bei Neuregelungen die Arbeiter- unmittelbaren realen Wirklichkeit, der uns aus dem Stücke anwehte." lind ganz besonders wird noch„der Reiz des Schillernden", die Geschlossenheit in Inhalt, Fabel und Charakteristik, der Glanz, in dem„hier alles vor unseren Augen funkelt, wie das Prisma im Sonnenlicht", gepriesen. Das klingt wie eine Parodie. So tief nach jenem kurzen Aufschwung, den dieNamen des altenJbsen und des jungen Haupt- mann bezeichnen, die dramatische Produktion wieder gesunken ist, auch wenn ihr augenblickliches Durchschnittsniveau noch sehr bedeutend unterhalb der immerhin geschickt und manchmal witzigen Lindausche» Arbeit liegt, wenigstens der Sinn und Blick für Kunst hat sich so Iveit geschärft, daß solches Talmi nicht mehr als Gold ausgerufen werden kann. Die spitzfindig kalkulierende, schaumschlägerische Technik des Konversationsstückes hat, wenn nicht als Unterhaltungs« mittel für ein dankbares Publikum, so jedenfalls in ihren Än- sprächen etwas wie Kunst, wie eine Widerspiegelung des Lebens zu geben, endgültig ausgespielt. Das Raffinement in der Herbei- führung spannender Szenen vereint sich ineistenteils in diesem Genre mit der naivsten Gleichgültigkeil in der Charakterzeichnung und Problembehandlung. Die Heldin Lindaus ist beispielsweise eine junge Dame, die, auf eine Verleumdung hin von ihrem reichen Parvenüpapa verstoßen, eine Tragödin ersten Ranges wird, in acht Jahren die ihr einmal angetanene Schmach noch immer nicht verwinden kann, und nach endlich erfolgter AuS- spräche zuguterletzt einen richttgen Fürsien zum Manne bekonimtl � Die Darstellung war flott._ dtz. Notizen. — T h e a t e r ch r o n i k. Im Charlottenburger Schiller« Theater findet noch eine Aufführung der ganzen Wallenstein» Trilogie statt, und zivar Freitag, den 24. Febrar, und Freitag, den 10. März. — N e u e D r a m e n. Sudermann hatte mit seinem letzten Drama, das historischer Art war, Unterkunft im Königl. Schauspiel- HauS und Aufnahme unter die königl. belobten Auivren gefunden. In einem neuen Stücke ist er nun noch historisch geworden:„Der Bettler von Syrakus", ein Versdrama, das auch im Königl. Schauspielhause aufgeführt werden soll, spielt im Altertum. Ob Sudermann, der nun glücklich hoffähig geworden ist, auch noch bühnenfähig ist?... — Die„Riesen- Hose". Eine Komödie„Die Hose" von Karl Stern heim, die Mittwoch in den Kammerspielen das Licht der Bühne erblickte, wurde unter Assistenz der Zensurräte und des Warners Jagow frisch gebügelt und neu getaust. Sie heißt jetzt „Der Riese" und erfreut sich nunmehr polizeilicher Erlaubnis. — Hermann G u r a übernahm am Mittwoch die Leitung der Komischen Oper. An Neuaufführungen sind vorgesehen: „Figaros Hochzeit".„Der Widerspenstigen Zähmung",„Die verkaufte Braut",„Orpheus in der Unterwelt",„Hans Heiling",„Der Trou- badour". Beabsichtigt ist die Uraufführung einer komischen Oper „Liebeselemente", Dichtung von Richard Wolff, Musik von Edmund Kühn. Ein Drama„Lassalles Ende" von Jakob Rhena» nuS soll im Volks-Theater zu Erfurt aufgeführt werden. auSsKüsse zu Nake ziehen.— Im übrigen hoffe ich. daß der Staats« selretär aiich meine Rede mit Nutzen lesen lvird. sHeiterkeit.) Der Titel wird bewilligt, desgleichen debatteloS eine Reihe Weiterer Titel. Beim„BekleidnugSwesen" tadelt Abg. Stnive(Bp.), dah ein Erlas; ergangen sei, der den Zahlmeister- und Jngemeuraspiranten verbot, die besseren Plätze im Theater einzunehmen; daS sei ein nicht zu billigender Ausfluß des Kastengeistes. StaatSsetretär v. Tirpitz: Der Erlaß ist notwendig ge- Wesen, weil die Herren sich in der Benutzung der teureren Plätze förmlich überboten haben. Der Abg. Struve trägt mit seinen Be« nrerkiingen über Kastengeist Unzufriedenheit in die Reihen der Marine. Abg. Dr. Struve(Bp.): Damit bin ich in sehr guter Gesellschaft, nämlich in der des Staatssekretärs und Großadmiral« V. Tirpitz, der für die Streichung der Heizerzulagen eingetreten ist. (Sehr richtig I bei der Volkspartei.) Staatssekretär v. Tirpitz: Bei der Streichung der Zulagen war ja Herr Struve der Rufer im Streit. «bg. Dr. Struve(Bp.): Rufer im Streit war ich höchstens für die Heizerzulagen. Staatssekretär v. Tirpitz: Die Revision des Zulagewesens der- langte der Reichstag, und dabei war aflerdingS Herr Siruve Rufer im Streit. Abg. Mommse«(Bp.): Der Reichstag hat nie verlangt. Er- spariiisse bei den Zulagen dadurch zu machen, daß den Mann» schuften ein Teil des Lohnes genommen wird, denn Weiter sind die Heizerzulagen nichts.(Sehr richtig I links.) Damit schließt die Debatte; da« Kapitel wird bewilligt. Beim Kapitel.Reise-, Marsch- und Frachtkosten" betont Abg. Dr. Struve(Bp.): Das Kapitel der Reisekosten enthält versteckte Zulagen, deshalb bat ich, die Reisekosten in der Denkschrift über das Zulagewesen mit zu verarbeiten. DaS ist leider nicht gescheben, statt dessen hat man die Heizrrzulagen gestrichen. Die Reisekosten müssen revidiert werden; statt dessen werden 117 000 M. mehr gefordert. Hier ist von der viel- gerühmten Sparsamkeit nicht« zu merken. Vizeadmiral Capelle: Der Reisekostenfonds hat in den letzten fünf Jahren keine Aufbesierung erfahren und erforderte schon vor fünf Jahren mehr als jetzt gefordert ist. Wenn wir uns also mit dieser Forderung bescheiden, so ist das doch ein Zeichen von Sparsamkeit. DaS Kapitel wird bewilligt. Bei den.Besoldungen des Technischen Personals" führt Abg. Dr. Leonhart Kirch- Hofes in Dalldorf aus statt. Ferner starb der Dreher Otto Zahn am 12. Februar an Darmleiden. Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Gethsemane-Kirchhos.S in Nieder-Schönhausen aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 112/3 Die Ortsverwaltung. Die Verlobung meiner Tochter Ida mit dem Restaurateur Herrn Curt Käsler in Reinickendorf-Ost beehre ich mich hierdurch ergebenst anzuzeigen. Berlin, 9. Februar 1911. Frau Wwe. Dorothea PaeUold, 117b Seestr. 41. Ida Paetzold Curt Kiisler Verlobte. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Gro8-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Kraft- droschkensührer Hermann 8>d(w Wilmersdorf, Brandenburgische Straße 109, verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. v. M., nach- mittags 3 Uhr, auf dem Gemeinde. Friedhose zu Wilmersdorf, Ber- llner Straße, statt. Die Bezirksverwaltung. Deiitsehöi' taportarbeileMerliaiiii. Bezirksverwaltung GroB- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Stallmann Hermann lrrenderx am 12. d. Mts. im Aller von bO Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. d. Mts., nachmittags 4 Uhr, van der Leichenhalle des Georgen-Kirch- hoses in Weißensee aus statt. Rege Beteiligung erwartet 66/7 Die Bezirksverwaltung. Dturfsdgttug. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspende bei der Beerdigung meines lieben Mannes Hermann Hertrampk sage ich allen, insbesondere dem Ber- bände der Sattler und Porteseuiller sowie den Kollegen der Firma Kobau meinen herzlichsten Dank. Ubb Wwe. Rosalie Hertrampt nebst Sohn._ Statt jedcrbesvnderen Meldung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß unser Vater. Groß- und Schwieger- vater, der Former Iheoäor Müller im 62. Lebensjahre verstorben ist. Dies zeigen ticfbetrübt an Familie Max Rohpbeck, Familie Franz Thlerfeldt. Die Beerdigung findet am Freitag, den 17. d. M., nachm. 3>/- Uhr, von der Leichenhalle des St. Philippus-Zlpoftel-Friedhofes, Müllcrstt. 44, auS statt. 148b Am Dienstagabend verschied nach kurzem, schwerem Leiden mein inniggeliebter Mann, der Maschinenbauer Bernhard Kieselbach im 45. Lebensjahre. 157b DieS zeigt tiesbetrübt an Anna Kieselbach geb. Bornschein. Die Beerdigung findet am Sonnabend nachmittags 4'/, Uhr aus dem Alten Luisen- Kirchhos, Bcrgmannstraße statt._ Statt besonderer Meldung. Am 14. d. M. verschied am Herzschlag mein lieber Mann, der Gastwirt Ulile Möckernstraße 102. Beerdigung am 17. d. M. Christus- Kirchhos, Mariendors. Lichtenrader Chaussee. 153b thl! Nissle's Festsäle Dennewitzstr. 13. Heute Donnerstag: Bockbier- Fest (Baumblüte in Werder). Um 12 Uhr: Gr. Schrippen-Polonaise sür Herren.(Eine Busennadel.) Entree 3V Pf. 141b liarl XI« sie. Kino-Theater. Vorzüglich zur Einrichtung eines solchen geeignetes Parteiwelokal im Norden in nächster Nähe der Reinicken- dorfer Straße, wo in der ganzen Gegend noch keines vorhanden, zu günstigen Bedingungen zu vermieten. Ansragen erbeten unter I-. 1 an die Expedition dieses Blattes. Dis Simmel Spezial-Arzt* Für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Ä"*, 10—2, 5—7, Sonntags 10—12, 2—4 Muster-Coopm-Resle, wunderbare Frühjahrs- Neuheiten für Anzüge. 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ClnloßUorfon q RH Df(Kinder unter 14 Jahren sind frei) sind in den Bezirkslokalen sowie lIIIICiIJIvuI lull d JU> 1» im Verbandsbureau in Empfang zu nekmen. Der Vorstand. UnS Karl Ernst (Inhaber Willi Ernst) jetzt: Köpenicker Str. 55b, I. Amt IV, 14089. Gr. Auswahl I Bill. Preise I Vorzeiger dieser Annonce er- hält 10 Proz. Preisermäßigung. Br Ausflügler empfehlen wir: Wanderbuch für die Mark Kraudeuburg 3 Teile, mit 56 Karten. Erster Teil: Nähere Umgebung Berlins.... Preis 1,50 M. Zweiter Teil: Weitere Umgebung Berlins, westliche Hälfte Preis 2 M. Dritter Teil: Weitere Umgebung Berlins, östliche Hälfte Preis 2,50 M. 100 Allsßiizt lim ßttlin von Georg Siegerist. Mit 20 Karten.—- M. Von Georg Siegerist. Mit 10 Karten.— l.S« M. Kießlings Taschenatlas der Um- gcgcnd Berlins. mit 100 Aus- flügen....... 2,— M. Silva, Märkischer Wander Atlas mit 16 Karten, kartoniert 1,— M. mit 22 Karten geb. 1,50 M. Pharus-Wauderkarte.Rund um Berlin«......|,50 M. 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Billetts sind beim Kassierer Karl Müncheberg, am Eingang des Versammlungssaales, zu haben. 20 Läle unä Vereinszimmer mit modepnen Kuhnen, in allen GrUBen sowie 8 neu renovierte Kegelbahnen an Wochentagen (auch einige Sonnabende und Sonntage) noch frei. Sophien-Säle Pracht-Säle Alt-Berlin C. 54, SophlenHtr. 17-18 leL III 2783 Inhaber: Blnmcnatr. 10 Tel. VII 3095 Paul Baatz. UJ aus der» r�/Ä (Eabak Fabriken J.(golöfarb ptcnss.Starsarfc a■ a■ a gegründet 1839. «B I IVOS». 1— Tabac russe ä priser. gout de Kowno, r?il Prawdiciwa tabaka do� zazywania„Kowno epf Hutomobü- Fachschule. Gebr. Windhoff, Motoren- und Fabrzeugfabrlk, Rheine I. W. Grün dli che Ausbildung für Automobilfühxer.— Reichhaltiges Lehrmaterial.— Moderne üebungs- Automobile.— Vertragliche Garantie für Anstellung.— Prospekt B. 28 gratis u. franko. Wir empfehlen: Arheitn- Gtsmihheilshihlielhtk Heft 11. Fmknltihk» n. dmn Ntrhütimg. Nebst einem Anhang: Die Berhntung der Schwangerschaft. Von Hr. J. Kadek. Preis 20 Pf. Gute Ausgabe 50 Pf. Expedition des„Yorwärts", Berlin SW.. Lindenstr. 69. Laden. BerantwortliHer Redakteur: Richard Barth, Berlin. Aür den Inseratenteil verantw.: TH.Glackr.Berlin. Drtzcku. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u- VerlagSanstalt Paul Singer u.«0., Berlin LVV. r Sit. 40. 28. ZahtMg. 2. KilU des Jotmätb" Knlim UcksdlM Douutrstllg. 16. itkm 1911 Partei- Hngelcgcnbeiten. Rückgabe von Kranzschleifen. Nachdem die Ausstellung der Kranzschleifen, welche dem verstorbenen Genossen Singer gewidmet waren, nunmehr beendet ist, stehen die Schleifen auf Verlangen den Spendern zur Verfügung und können bis zum Mittwoch, den 22. Februar inklusive, in der Zeit von S Uhr vormittags bis ö Uhr ubends vom Genossen Busse im Gewerkschaftshause abgeholt werden. Die Boten bitten wir jedoch mit völlig ausreichender Legiti» m a t i o n zu versehen, damit Rücklieferung nur an die Spender erfolgt. Der gcschäftSfnhrcnde Ausschuß: Tie Generalversammlung des Zentral-Wahlvereins für Teltow-Beeskow-Charlottenburg findet am Sonntag, den 19. Februar, mittags Vz2 Uhr, im lleinen Saal des Volkshaufes, Charlottenburg, Rosinenstr. 3, statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Die bevorstehende Reichstagswahl. Referent: Genosse Fritz Zubeil. 8. Aufstellung des Kandidaten zur Rcichßtagswahl. 4. Wahl eines Mitgliedes zur Pretzkommission. 5. Anträge. 6. Verschiedenes. Die Delegierten der einzelnen Orte müssen mit Mandaten versehen sein. Als Gäste haben nur Mitglieder Zutritt. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Zentralvorstand: I. A.: M. G r o g e r. Charlottenburg. _ Rosinenstr. 3. Tegel. Zu der am Sonntag, den 19. Februar, stattfindenden Urania-Vorstellung sind noch Billetts beim Gen. Bauer. Berliner Strotze 92. zu haben. Die Bezirksleitung. Waidmannslust. Freitag, den 17. Februar, im Lokal«Zum Bergscvwb": Oeffentliche Versammlung. Reichstagsabgeordneter Gen. Stadthagen spricht über das Thema:»Nieder mit der Reaktion'._ Berliner IVachricbten. Die Arbeitgeberwahlen zum Kaufmannsgerkcht wurden gestern vollzogen. Während vor zwei Jahren nur zwei Listen sich gegenüberstanden, kamen diesmal deren vier in Betracht. Die sogenannten Mittelständler hatten eine eigene Liste eingereicht, weil sie mit der zahlreiche jüdische Namen enthaltenden Liste I nicht zufrieden waren; auch die Detailleure gingen selbständig vor. Soweit die sozialdemokratische Liste in Frage kommt, sind für dieselbe 45 Stimmen mehr als vor zweRJahren ab- gegeben worden, was einem Beisitzergewinn von drei Mandaten gleichkommt. Vor zwei Jahren erhielten wir vier Mandate. diesmal sieben. Das Resultat ist im einzelnen das folgende: r» Liste 1(vereinigte Bürgert.) 3520 Stimmen: 164 Beisitzer » 2(Sozialdemokratie) 142„ 7„ „ 3(Mittelständler) 136.. 6„ „ 4(Detailleure) 71„ 3„ 3860 Stimmen 180 Beisitzer Bei der Wahl 1903 wurden abgegeben: für die bürger- liche Liste 3926 Stimmen mit 176 Beisitzern, für die sozial- demokratische Liste 97 Stimmen mit 4 Beisitzern, insgesamt 4023 Stimmeit. Ziehen wir die bürgerlichen Stimmen zusammen, so ergibt sich eine Abnahme von 57 Stimmen, während die Stimmen für die sozialdemokratische Liste um 45 zugenommen haben. Ueberall geht es vorwärts! Die preußische klaffenlotterie. Man schreibt unS: Wäre dies Geldschneider-Jnstitut nicht vor» Händen, stände es um ein paar hunderttausend Porleinonnaies besser; daS heitzt, wer nicht spielt, gewinnt. So weil sind wir nun schon. Mit dem.Vertrauen' auf die gepriesene olipreutzische Bureaukrarie Hapert'S— wenn'S nicht damit schon zu Ende ist. Wie alles in Preutzen. hat auch die BerwaltuugSbehörde der Klasieulotterie zu .reformieren' angefangen. Preußische.Reform' ist immer gleich- bedeutend mit Gewinnerzielung oder Verschlechterung. Es wurde der ZiehungSmodus.reformiert'. Zunächst wollte man das Unterbeamlenpersonal verringern— nicht die obersten Stellen. Den AufsichtSräten war der Dienst zu schwer geworden. Es ist ja auch wahr: In> anderen RessortS sitzt.man' feine paar Bureaustunden ab und trollt sich von bannen. Nach dem bisherigen Ziehungs» modus gab eS lange Sitzungen zu bewältigen. Wer>ich eines gesegneten AppetilS erfreute, verzehrte da täglich im Dienste deö Staates ungezählte Schinkenstulle». Hiermit ist eS nun glücklich au«; denn sämtliche Lose marschieren in zwei getrennten Säulen auf.' Derselbe Gewinn fällt— in beiden Säulen— auf ein und dieselbe Losnummer. Wenn sich der preutzische BureaukratiSmus genial geberdet, kommt regelmätzig was Blitz dumme« und Moralwidriges heraus. Aber das.Verfahren' ist .vereinfacht'— und damit basta. Der Staat lätzt sich 390 000 Loie bezahlen, die er aber blotz bis 190 000 beziffert und in die mageren Gewinnchancen verurteilt. Von diesen 190000 kommen für die LoS- besitzcr nur 174 000 in die Trommel. Sonach spielt der Staat, ohne Käufer zu sein, regelmäßig mit 19 000 Nummern. ES hat mit Recht böse« Blut gemacht, daß bei Ziebung der ersten Klasse im Januar die beiden Hauptgewinne von je 90 000 Mark nicht auf Losnummern des KaufpublikumS, sondern auf ein„Freilos' der Lotterieverwaltung entfielen— abgesehen von einer Masse kleinerer und kleinster Ge» Winne. Wollte bei einer Privatlotterie der Bankhalter nach dem gleichen Prinzip verfahren, daS heitzt: für sich die Hauptgewinne einstreichen, so ist— ganz davon abgesehen, daß sich der Staatsanwalt ins Mittel legen würde l— tausend gegen ein« zu wetten, daß die getäuschten Mitspieler jenem Unternehmer gründlich aufs Dach steigen würden! Die Dnektion der prentzischen Klassenlotteric denkt anders, nämlich un gefäbr so: Das Loie laufende Publikum ist der.Z a h l a u j u st'— die Gewinneinsacker sind wir, die wir den Staat Borussia vertrete». Der.Zahlaujust' soll's Maul halten. Wenn er'S denn schon auf. -.nacht, dann uue, um diese neupreutzische Prozentkapitalistenmethode mit Pauken und Trompeten als eine.gottgewollte' Einrichtung zu verherrlichen. Das oder ähnliches hat auch jener„königlich preutzische Lotterieeinnehmer' geineint, der sich jüngst in einem hiesigen Blatte vernebmen ließ. Der gute Mann� iagte: Die Beamlenschast der Lotterie nebst ihren Einnehmern wühte am besten, wie's zu machen iei- und ihrem Geiste sollte das Publikum geruhig vertrauen. O. wie weise l E« entspräche allerdings dem Korporalsgeist der.Ein nebmer die ja meist ehemals preutzische Offiziere bis zu den höchsten Chargen hinaui gewesen sind, wenn das Publikum zahlt— und das Maul hält. So weit sind wir aber noch nicht; oder besser gesogt: mit der ollen Beamtcnherrlichkeit ist's vor- bei._ Eine Lotterie ist ein Geschäft. Nennt sie sich �königlich preußische', so will doch damit ausgedrückt werden, daß es ein ehrliches, anständiges Unternehmeil ist. Wenn früher, bei dem alten Modus, oft der Hauptgewinn oder die Prämie so -auffällig unmitlelbar bor einem Festtage herausziikommen Laune zeigle», konnte mau noch glauben,„Gotl' spräche zuweilen aus der Maschine, um die lieben dummen Spieler extra zu erfreuen. Es ging also auch schon damals manches sehr rälselhaft zu. Jetzt glaubt man cbenfalls das Märchen von besonderen.Zufällen' aus- tischen zu sollen, wenn große Gewinne statt wirklich gekauften Los« nnmmern zuzufallen, auf blinde Loie der Lotterieverwaltung ver- festen sind. Wir wollen uns das Spätzchen erlauben, ziffernmäßig den Gewinn vorzuführen, besten sich St. Bnreankratins bei der soeben beendeten Ziehung der zweiten Klasse zu erfreuen gehabt hat. Es sind: zwei Gcivinne a 10 000. zwei a 5000, zwei a 500. vier a 400. zwölf a 300, sechzehn a 200 und 287 a 96 M. Das macht die„Kleinigkeit" von„nur' 65 952 M.!I Es geschieht dem„Zahl- aujust', deutscher Michel genannt, ganz recht, wenn er über den Löffel barbiert wird. Zum Scheuncnviertelvcrkauf. Durch verschiedene Zeitungen ist die Mitteilung gegangen, daß die Ehefrau des Kaufmanns Luckner den Vertrag über den Verkauf des Scheunenviertels zwischen der Stadtgemeinde und den Herren Luckner u. Lippmann wegen geistiger Erkrankung ihres Ehemannes rückgängig machen wolle. Frau Luckner hatte eine dahingehende Erklärung dem Ma- gistrat zugchen lasten. Sie hat aber gestern dem Magistrat mit- geteilt, daß ihre Befürchtungen, die sich an eine Erkrankung ihres Mannes geknüpft hätten, nicht begründet gewesen seien, daß der Geslindheitszustand ihres Mannes sich gebessert habe, und daß sie deshalb ihre frühere Erklärung widerrufen müsse. Auch ein Nachklang deS Moabiter Prozesses. Eine Berliner Korrespondenz schreibt: „Der Erste Staatsanwalt Dr. Steinbrecht, Moabit, hatte am 10. v. M. in seinem Plädoyer in Sacken der Moabiter Streik- krawalle sick auch über die dortigen WodnungSvcrhällniste geäußert. Diese Aeußerung war Gegenstand lebhafter Erörterungen in der Presse und zahlreicken Vereinen geworden. Dr. Sieinbrecht hat Veranlassung genommen, dem Vorsitzenden des Arundbesitzervereins „Nordwest' folgendes zu sckreiben:„Auf Ihre im Namen des Vereins„Nordwest' mündlich erfolgte Vorstellung habe ick zunäckst zu erklären, daß der im„B. T.' und einige» anderen Zeitungen erstatteie Berickt über meine Replik vom 10. v. M., soweit die Wohnungsverhällnisse in Moabit in Frage komme», imrichrig wiedergegeben ist. Wie der in der Anlage bei- folgende stenographische Berickt über meine Aussührnngen vom 10. v. M. ergibt, habe ich keineswegs ein allgemein abiprechende« Urteil über die sittlichen Vcrhältniste in Moabit abgeben ivollen, habe vielniehr ausdrücklich erklärt, daß meine Beobachtung sich nur auf eine beichränkte Zahl von Einzelfällen erstreckt, auf die ich durch meine dienstliche Tätigkeit hingeführt bin. Nachdem ich von den mir vorgelegten Versicherungen zahlreicher Hausbesitzer in dem Aufruhr- viertel Kenntnis genonimr» habe, bin ich gern zu der Er- klärung bereit, daß, abgesehen von Einzelheiten, die sittlichen Verhältnisse im allgemeinen in den Häusern des Ausruhrsviencls zu Beanstandungen keinen Anlaß geben. Ich betone nochmals, daß es mir ferngelegen hat. ein allgemein ungünstiges Urteil über die Sittlichkeit in den Häusern Moabits abzugeben und ich bedauere lebhast, daß durch die unrichtige Wiedergabe meiner Ausführungen Erregung in die Kreise der Hausbesitzer hineingelragen worden ist.' Herr Steinbrecht hat sich in seinen danialigen Ausführungen doch etwa« allgemeiner ansgcdrnckl, als er eS jetzt gesagt haben will. Seine jetzige Erklärung ist talsächlich ein Rückzug. Zwei Personen beim Schlittschuhlaufen ertrunken. Im Finow kanal ertrank der 12jährige Schüler Hermann Bendler. Als der Knabe im Eis einbrach, war kein Mensch in der Nähe, so daß er hilflos einen elenden Tod finden mußte.— Aehnlich erging es einem Kau; mann Tetzlaff, der aus die dünne Eisdecke der Oberhavel in der Nähe von Oranienburg hinaufgegangen war. Er brach gleichfalls ein und seine lauten Hilferufe verhallten ungehört. Erst einige Stunden später beobachteten andere Schlittschuhläufer den Leichnam und schafften ihn ans Land. Eine unangenehme Ucberraschung wurde dem Vizeadmiral von Schuckmann aus der Kaiserallce iT'l durch Einbrecher bereitet. Eine Bande von„Flaltersahrern" drang in die Bodenräume ein und stahl eine Reihe wertvoller Uniformen. So erbeuteten sie einen Admiralsmantel, einen Admiralsrock mit Rangabzeichen, mehrere Pelzkragen usw. Als Täter kommen wahrscheinlich junge Burschen in Betracht, die einige Tage vorher sich in verdächtiger Weise in dem erwähnten Hause herumgetrieben haben. In der Hofsmannschen Mordsache stellt die Kriminalpolizei Nachforschungen über die Herkunft von zwei Aluminium- schlüsseln, die abgesondert von den anderen Schlüsseln in der Wohnung der Ermordeten gefunden wurden. Kein Verwandter oder Bekannter der Ermordeten will diese Schlüssel jemals gesehen haben. Zu dem Hause in der Biumenthalstr. 1 und zu der Wvh nung, die Frau Hosfmann seit 18 Jahren inne hatte, passen die Schlüssel nicht. Die Kriminalpolizei hat nun Abgüsse machen lassen und läßt durch die Revier- und Vorortzolizei aus allen G«und- stücken Groß-Berlins nachprüfen, wo die Aluminiumschlüssel Pässen. Bisher sind schon 400 Häuser ermittelt, zu deren Eingangstür der Hausschlüssel paßt. Wahrscheinlich sind es aber noch viel mehr, die Versuche sind noch nicht abgeschlossen. Sobald die Häuser feststehen, beginnt die Untersuchung der Korridortüren zu den einzelnen Woh- nungen. Die Kriminalpolizei will nichts unversucht lassen, um Licht in das Dunkel dieses Kapitalverbrechens zu bringen. Die Originalaluminiumschlüssel sind in dem Kasten des Polizeiprästz diums zur Besichtigung für jedermann ausgehängt. Neber den Selbstmord einer Greisin wird aus der Schonenschen Straße berichten. Die 80 Jahre alte Kaufmannswitwe Luise Leh- mann, die dort mit einer unverheirateten Tochter zusammenwohnte und in auskömmlichen Verhältnissen lebte, erkrankte vor 14 Tagen an der Influenza. Das Leiden hatte sich schon erbeblich wieder gebessert, die Greisin fürchtete jedoch immer, daß es wieder schliin mer werden könnte, und hatte davor große Angst. In diesem Zu stände erhängte sie sich gestern, nachdem ihre Tochter zum Einholen weggegangen war._ Bekanntmachung. Auf Grund der Bekanntmachung des Herrn Reichskanzlers über den Betrieb de: Bäckereien und Konditoreien vom 4. März 1896 werden für die erste Hälfte des Jahres 1911 der 28. Februar, 11. und 25. März. 8.. 13. und 15. April. 13. und 24. Mai, sowie der 2. und 3. Juni als solche Tage festgesetzt, an denen in Bäckereien und Konditoreien Gebilsen und Lehrlinge über die vorgeschriebene Zeit hinaus beschäftigt werden dürfen. Das Grsßfcuer im Bliicherhof. Auf der Brandstätte im Blücherhof. Belle-Allicmcestr. 3, war gestern die Feuerwehr noch in voller Tätigkeit. Die drei Löschzüge 8, 13 und 17 sind unter den Brandmeistern� Berg. Firsbach und Sandberg damit beschäftigt, die Trümmermassen aus den Räumen der dritten und vierten Etage des zlveiten Ouergebäudes auf den dritten Hos des Grundstückes hinabzulverfcn. Während der Auf- räumungsarbcitcn waren noch zwei Schlauchleitungen ausgelegt. Eine Besichtigung der Brandstelle zeigt, daß die Brandmauern und feuersicheren Zwischendecken vorzügliche Dienste geleistet haben, denn ohne dieselben hätte dgs Feuer sicher npch andere Fabrikbe» triebe ergriffen. Der dritte und vierte Stock und das Dachgeschoß sind völlig ausgebrannt. Den größten Schaden erleidet die Scha- bloncnfabrik von Lange u. Co., die die dritte Etage inne hatte. Die Inhaber dieser Firma beziffern den Verlust aus 50 000 bis 60 000 M., da alle Schablonen, Zeichnungen und Werke zerstört wurden. Die Firma unterhielt neben dem Geschäft eine Selnile für Dekorationsmaler, in der junge Leute aus Rußland, Oester- reich, Ungarn, Schweden usw. unterrichtet wurden. Auch diese Schüler beklagen den Verlust ihrer Utensilien. Die Tischlerei von Teifel u. Co., die im vierten Stock untergebracht war, erleidet nach Angabe der Besitzer auch annähernd 50 000 M. Schoden. Hier sind wertvolle Werkzeuge, Nutzhölzer und Maschinen ein Raub� der Flammen geworden. Entstanden ist das Feuer durchs Umfallen einer Petroleumlampe bei der Firma Lange u. Co. Während des Brandes erkrankten die beiden Feuerwehrmänner Grape und Zierbarth unter der Einwirkung des Rauches, so daß sie nach dem Urbankrankenhause geschafft werden mutzten.— Ein größerer Dachstuhlbrand beschäftigte die Feuer- wehr gestern früh in der T r i f t st r a tz e 7. Drei Löschzüge hatten mehrere Stunden zu tun, um das Feuer auf den Dachstuhl zu be- schränken, der größtenteils eingeäschert wurde. Wer ist die Tote? Den Tod im Wasser suchte und fand ein junges Mädchen, das in der vergangenen Nacht kurz nach 1 Uhr an der unteren Schleusenbrücke vom Tiergartenufer in den Land- wchrkanal sprang. Die Lebensmüde wurde zwar bald aus dem Wasser wieder herausgeholt, starb aber schon auf dem Wege nach dem Krankenhause Moabit. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Die Tote ist etwa 16— 20 Jahre alt, hat dunkelblondes, volles Haar und ein sehr schönes Gebiß und trug ein Plüschjackett, eine graugestrcifte Bluse und einen schwarzen Rock und Gürtel. Ihr linker Fuß ist etwas kürzer und dicker als der rechte. Eine große Operat-onsnarbe und ein Brief an die Mutter deuten darauf hin, daß die Unbekannte von außerhalb nach Berlin gekommen und hier in einem Krankenhause gewesen ist. Sie schrieb, daß sie nun bald wieder gesund sein werde, hat aber weder den Brief mit ihrem Vor- oder Zunamen unterzeichnet, noch die Adresse geschrieben. Aus Furcht, ins Irrenhaus gebracht zu werden, sprang gestern die Frau des Eisenbahnbeamten Kerfin aus dem Fenster ihrer Simon-Dach-Straße 16 gelegene Wohnung und blieb tot auf dem Pflaster liegen. In der Generalversammlung deS Metallarbeiterverbandes am Sonntag, den 12. d. Mts., ist ein Damenportemonnaie mit Inhalt gefunden. Der Verlierer oder die Verliererin kann sich dasselbe im Bureau, Eharitestr. 3, abholen. Vorort- jyaebnebtem Lichtenberg. Ein Antrag ans Einführung einer ArieitsloscnunterstStzNNg sowie der Schaffung eine« kommunalen Arbeitsnachweises ist von unseren Genossen an die Sladtverwaltting gestellt worden. Derselbe kommt in der heute nachmittag 6 Uhr siattfindenden Stadt- verordnetenversammlimg zur Beratung. Desgleichen steht u. a. ein von uns eingebrachter Antrag zur Verhandlung, welcher den Ge- schäflskreis der seit eiliigen Jahren lediglich ein Schattendaiein 'üikirenden sozialen Kommission regeln soll.— Die Sitzung ist eine öffentliche. Nixdorf. Eltcriivrrrin für Sport und Wandern. Der geplante FamiNen» auSflug findet nunmehr am Sonntag, den 19. Februar, nach dem Grunewald bezw. nach Pichelswerder statt. Treffpunkt'/«l Uhr Bahnhof Rixdorf und Bahnhof Hermamistraße. WiltnerSdorf-Halenfee. Zur Stadtverordneten« ahl. Heute, Donnerstag, den 16. Februar, vormittags von 9 bis 2 Uhr und nachmittags von 4 bis 8 Uhr, findet im Lokal K u r s ü r st e n p a r k für den e r st e n Wahlbezirk H a l e n s e e eine Nachwahl zur Stadtverordnetenversammlung statt, in der ein Hausbesitzer zu wählen ist. Da unseren Parteigenossen kein solcher Kandidat zur Bersügung steht, haben sie beschlossen, ebenso wie bei den Haichlwahlen im November vorigen Jahre« zu handeln und dem demokratischen Kandidaten Ludwig Engel- man». Fasanenftr. 65. ihre Stimme zu geben. Es muß auf alle Fälle die Wahl eines Rückichrittler« verhindert werden, und daher empfiehlt es sich, bei der«rbeiterschast des Bezirks nach Kräften für den demokratischen Kandidaten einzutreten. Groft-Lichterfelde. Aus der Gemeindevertretung. Unsere Gemeinde ist von einem bösen Uebel heimgesucht worden. Nach der Mitteilung des Ge- meindevorstehers hat der Ritter schaftssekretär a. D. Karl Lehmann sein Amt als Gemeindcvertreter, nachdem er früher häufig und in den letzten fünf Monaten die Sitzungen überhaupt nicht mehr besuchte, niedergelegt. Lehmann lvar Kandidat bezw. Vertreter eines sognannten M i e t e r v e r e i n s, der von Grundbesitzern und dem konservativ-mittelständi- schen Klüngel gegründet worden ist mit der Absicht, ihn als Vorspann für seine eigennützigen Interessen zu gebrauchen, ahnungslose Wähler, die von der feinen Gründung keine Ahnung hatten, einzuseifen und die paar Lücken, die das Grundbesitzer- Privileg zugunsten der Nichtangesessenen ,wch übrig gelassen, mit gefügigen Puppen auszufüllen. Der Schmerz über den Verlust des Herrn Lehmann wird einigermaßen gemildert werden durch sein politisches Testament, welches er schließlich seiner Amtsniederlegung beifügte und das der Gemeindevorsteher mit gedämpfter Stimme zur Verlesung brachte. Es lautet: Er—- Herr Lehmann— sv ü n s ch e nicht, daß an seiner Stelle ein Sozialdemokrat gewählt werde.— Wir konnten leider noch nicht erfahren, wie die Hinterbliebenen des ausgeschiedenen Herrn Lehmann über seinen geistigen Nachlaß denken, ob sie die Erbschaft antreten oder wegen der überwiegenden geistigen Passiven ablehnen wollen. Jeden- falls wird die Arbeiterschaft von Lichterfelde-West bei der bevor- stehenden Ersatzwahl alles daransetzen, den Testamentsvollstreckern des Herrn Nitterschaftssekretärs einen Strich durch das Testament zu machen. Merkwürdig ist der Umstand, daß Lehmann, obtvohl seit fünf Monaten verzogen, in der Wählerliste aufgeführt war und erst jetzt infolge Einspruches durch Beschluß der Gemeinde- Vertretung in derselben gelöscht wurde.— Ein zweiter Einspruch wurde ebenfalls als berechtigt anerkannt und die Aufnahme de« Beschwerdeführers in die Wählerliste beschlossen. Zur Erhöhung der Feuersicherheit am Ort soll bei der hiesigen Fcrnsprechstelle voller Nachtdienst eingerichtet werden. An den Kosten partizi- piercn die beiden Gemeinden Groß-Lichtcrfelde und Lankwitz; der anteilige Betrag von 1 7 40 M. für ein Betriebsjahr wurde ge- nehmigt.— Einer Automatengesellschaft aus Frankfurt soll für die Errichtung von drei Fernsprechstellcn im Ort daS nötige Terrain kostenlos überlassen werden. Die Auswahl der Plätze wird Sache späterer Entscheidung sein.— Eine längere Debatte entwickelte sich über den vorgelegten neuen Bebauungsplan östlich der Anhalter Bahn. Ganz gegen die sonstige Gepflogenheit be- kamen die Vertreter der Presse diesmal vom Schössen Dr. Lengner die farbig angeführten Pläne zur Orientierung vor» gelegt. Es sind dies Entwürfe unter Zugrundelegung eines aus- gearbeiteten Planes des Städtebau-Architekten Professors Möb» ring von zweifelloser Großzügigkeit, dabei die künstige bauliche Bn5 sonstige Entwickelung bcS OrieI lind seineZ Verkehrs ins Auge fassend. Die Feststellung des Planes soll mit möglichster Beschleunigung erfolgen, da gleichzeitig mit dem Eiscnbahufiskus wegen der Weiterführung des Vorortverkehrs nach Lichterfelde- Süd in Verhandlung getreten und die Angelegenheit energisch gefördert werden soll.— Ter letzte und wichtigste Punkt betraf die Stellungnahme der Gemeindevertretung �um Zioeckverband Groß-Berlin. Bei der hierorts beliebten Heimlichkeitskrämerci war sie der geheimen Sitzung vorbehalten. Vernünftigerweise wurde die Verhandlung in öffentlicher Sitzung beschlossen. Schöffe Lengner begründete die an den preußischen Landtag abzusendende Resolution, die eine Aenderung des Gesetzentwurfs dahingehend verlangt, daß Groß-Lichterselde und die anderen mit Berlin eine wirtschaftliche Einheit bildenden, dem Kreise Teltow angehörenden Vorortgemeinden als selbständige Mitglieder des Zweckverbandes aufgenommen werden und daß diese Gemeinden einzeln, bezw. die kleinen gruppenweise, eine Vertretung im Verbandsausschusse erhalten. Die Diskussion ergab, daß die Majorität dem Gesetze an und für sich ablehnend gegenüberstand. In einem Punkt waren sich alle Vertreter der bürgerlichen Klasse einig: in der Abneigung gegen die Uebernahme der SchuNasten auf den Verband. Diese Regelung würde eine Entlastung der ärmeren Orte bedeuten und dagegen stemmen sich die Geldsackvertretungen der reichen westlichen Vororte mit aller Gewalt. Dem Schöffen Leugner entschlüpfte das interessante Geständnis, daß nicht die Volksschulen, sondern die hohen Schulen, die Lehr- anstalten für die Sprößlinge der besitzenden Klasse die Äe- meinde— speziell Lichterfclde— ungeheuer belasten und meinte dann naiv, daß bei Uebernahme der Schullasten auf den Verband auch jene der höheren Schulen mit übernommen werden müßten, so daß die ärmeren Orte auch diese mit zu tragen hätten, sie also noch höher belastet wären wie vorher. Diese Idee ist nicht übel; ein ZwangSzwcckvcrband mit erhöhter Be- lastung der armen Gemeinden zugunsten der reichen— diesem würden die Lichterfcldcr sowohl wie die übrigen westlichen Vor- orte einstimmig und mit Begeisterung zustimmen. Für diesen „Kommunismus" dürfte selbst der Herr Gemeindevorsteher Schulz zu haben sein. Die Arbeiterschaft möge sich aber diese Aus- führungen über die Kosten der bohen Schulen merken für den Fall, daß ihr wieder einmal von einen« bürgerlichen Schrcibknecht die„Aufwendungen" für die Volksschule vorgerechnet werden sollten. Zehleudorf(Wannseebahn). Dem Bemühe» der Grmeindcvertrchmg, den Fehlbetrag von 800 000 M. an dem Etat durch Abstriche herauSzuivirtschaften, kann nur insofern etwas gesteuert werden, als«vir dieselbe auf mögliche Abstriche aufmerksam machen wollen. ES sind eingestellt beim Gym- nasium 1420 M. als Beitrag zur Rudervereiniguirg des Westens. Zu dem gleichen Zweck find bei der Realschule noch einmal 1000 M. eingestellt, so daß also Zehlendorf für das Vergnügen, das etwa 40 höhere Schüler beim Rudern haben sollen, iir diesem Jahre schon 2400 M. gegen 1400 M. im Vorjahre aufwenden will. Wir brauchen nicht erst zu erivähneir, daß man bei den Bolksschülern für solche Vergnllgimgen kein Geld aufwendet, abgesehen von den 400 M., die für de» Schwimnmnterricht der höheren Klassen aufgewendet werden sollen. Weiler«nutet es eigenartig an. daß für die Leilung der Jugend- spiele beim Gymnasium, der Oberrealschule und der höheren Mädchen- schule zusammen 1670 M. ausgegeben werden sollen, mährend die drei Volksschulen schon mit 1000 M. auskommen. Für die Reinigung der Turnhalle nach dem Turnen der Lehrlingsabteilung sind 75 M. eingesetzt. Der Betrag ist zwar gering, aber er erregt bei der Ar- beiterschaft Befremden, weil dem Ärbeiterturnverein unsere Gemeinde- schulturnhalle nicht zur Veriügung steht. Weiter läßt der Etat jeden Fortschritt vermissen, soweit es sich um die ärztliche Ueberwachung der Schulkinder handelt. Die bisherige nebenamtliche Tätigkeit'eines Arztes ist für diesen Zweck völlig ungenügend. Hoffentlich nehmen die Vertreter bei ihrer Weiterberatung auf diese Anregungen, die den Wünschen der Arbeiterschaft ZehlendorfS entsprechen, etwas Rücksicht. Wannsee. Mit den kommunalen Angelegenheiten des OrteS beschäftigte sich unter anderen die letzte WahlvereinSversammluitg. Da unsere Partei im Ortsparlameut nicht vertreten ist, so niinmt ein Genosse immer als Zuhörer die Sitzung wahr, um von Zeit zu Zeit mit- teilen zu können, was im Rate der„Auserlesenen" gespielt wird. In der letzten Sitzung bekam unser Genosse zu hören, daß die Ge- meinde jährlich an die Eisenbahn dafür 12 000 M. zahlt, daß täglich einige Schnellzüge— hier Bankierzüge genannt— halten. Für eine billige Fahrgelegenheit vom unteren Ortsteil, in dem nur Arbeiter wohnen, ivelche jeden Morgen reichlich eine halbe Stunde nach dem Bahnhof laufen müssei», ist kein Geld vorhanden. Weiter von Interesse war, daß die Gemeinde beim Bau des Teltowkanals ihren reichlichen Zuschuß zahlte, ohne sich in den Besitz einer schrift- lichen Abmachting zu bringen, daß die Durchfahrt auf dem Kanal den hiesigen Einwohnern gestattet sei. Herr Landrat v. Stubenranch hatte hierzu sei» Wort gegeben. Da er inzwischen verstorben ist, hat nian nichts in Händen, und so muß jetzt viel Tinte fließen. Abhilfe der hier dargelegten Zilstände kann nur durch die Wahl von Sozialdemokraten in das Gemeindeparlament erfolgen. Für die Agitation zu den kommenden ReichstagSwahlen wurde ein Wahlkomitee eingesetzt. Ober-Schöneweide. Die Berliner Elektrizitätswerke haben nach einem mit der Grundrentengesellschaft(der Begründerin des Ortes) geschlossenen Vertrage das Recht erlvirkt, in den Straßen des Ortes ohne Eni- schädigung an die Gemeinde Kabel zu verlege». Für die Gemeinde bedeniet dies eine große Last, da die Gesellschast nicht einmal an eine Bestimmung gebunden ist, wann und wo die Arbeil vor- genommen werden mutz. So kann es koinmen, daß erst eben hergestellte Straßenbefestigungen durch solche Arbeiten wieder aufgerissen und dadurch verschlechtert werden. ES hat sich nun herausgestellt, daß diese Vergünstigung bereits auf andere Straßen ausgedehnt ist. als wie sie der GeUnngSbereich des Vertrages vorsieht; derselbe nimmt nur auf die Straßen und Plätze Bezug, welche bei Abschluß des Vertrages vorhanden ivaren. Aus diesen« Grunde loird die Gemeinde- verlretung in nächster Zeit eine Borlage beschäftigen, welche die EnffchädigungSpflicht der Berliner Elektrizitälswerke regelt. Feuer im Kabelwerk Oberspree. Auf dem Gelände des Kabel« werke» Oberspree der Allgemeinen ElektrizitätS-Gesellschaft brach gestern nachmittag bald nach 4 Uhr ein größerer Schuppenbrand aus. Das Feuer griff rapide um sich und entwickelte ungewöhnlich starke Rauchivolken, so daß der Brand weithin sichtbar war. Aus diesem Grunde eilte» auch die freiwilligen Feuerwehren' von Ober- Schöneweide und Johannisthal herbei. Sie brauchten aber nicht sonderlich in Tätigkeit zu treten, da die Fabrikfeuerwehr schon einen wirksamen Löschangriff unternommen hatte. Durch unausgesetztes Wassergeben konnten die Flammen auf den Schuppen beschränkt bleiben. Die eigentlichen Fabrikgebäude waren nicht gefährdet. Die Ursache des Feuers konnte noch nicht genau festgestellt werden, doch wird Selbstentzündung vermutet. Lankwitz. In der Gemeindevertretersitzung ging die Hoffnung des Ge- inemdevorstehers. den Etat mit den dazu gehörigen Steuervorlagen in einem Abend zu erledigen, nicht in Erfüllung. Ein Antrag, den Punkt„Etatsberatung" in einer neu einzjrberufenden Sitzung zu erledigen, wurde angenommen, da den Gemeindevertretern die von der Finanzkommission geänderten Einzeletats so spät zu- gegangen ivaren. daß dieselben nicht genügend Kenntnis davon nehmen konnten. Dem Ausbau der Straße 6 am Rathaus, sowie der Pflasterung des Rathausplatzcs wurde zugestlinint; gleichzeitig soll von dieser Seite ein Durchgang zum Bahnhof geschaffen werden. Die Grund- tteuerordniing führte zu einer lebhafte» Debatte. Bisher wurden für bebauke und undedauke Grundstücke 3 vom Tausend erHoden; in Zukunft sollen die unbebauten Grundstücke höher besteuert werden wie die bebauten. Für dieses Jahr gelangen für bebaute Grundstücke 2,80 M. und für unbebaute 4 M. von« Tausend zur Erhebung. Die Großgrundbesitzer stellten den Antrag, in der Steuerordnung folgenden Passus aufzunehmen:..Die Ackergrund- stücke, welche sich noch im alten bäuerlichen Besitz befinden und landwirtschaftlich benutzt werden, sind nicht höher zu besteuern als die bebauten Grundstücke." Der Antrag wurde jedoch gegen vier Stiinmen abgelehnt und die Steuerordnung angenoininen. Zu einem bebauten Grundstück rechnet außer den Gebäuden noch das Fünfzehnfache der Grundfläche der Gebäude, jedoch nicht über 25 Ar hinaus. Die Höhe der Grundsteuer soll jedes Jahr festgesetzt werden. Eine Ergänzungssteuer zur Gewerbesteuer wurde ebenfalls angenommen. Betroffen werden von derselben die Betriebe, welche zur Klasse I und II veranlagt sind, oder deren Anlage- und Be- triebskapital mindestens 150 000 M. beträgt, mit% vom Tausend; Betriebe, welche mehr als 75 Personen beslhäftigen, mit 10 M. für jede beschäftigte Person. Die Einführung einer Schankkonzessionssteuer wurde nach langer Debatte abgelehnt, trotzdein der Finanzausschuß dieselbe schon bedeutend herabgesetzt hatte. Auch die Erhöhung der Hundesteuer sollte die Finanzlage etwas aufbessern helfen; eS wurde jedoch ein Antrag angenommen, wonach der erste Hund 15 M.(wie bisher), jeder weitere 30 M. (bisher 25 M.) kosten soll. Diensdorf(Kreis Beeskow). „Kriegervcreine, Beteranenbeihilfe und Sozialbe», okratie" lautete die Tagesordnung einer öffentlichen Versammlung, die am Sonntag, den 12. Februar, Hierselbst im Lokale des Herrn Luzius stattfand. Der Referent, Genosse Fritz Z u b e i l. be- leuchtete in 14� stündiger wirksamer Rede die Praktiken der an- geblich unpolitischen Kriegervcreine sowie die arbeiterfeindliche Tendenz ihrer Zeitungen.— Er wies nachdrücklich auf den unerhörten Terrorismus hin, der fortgesetzt von der Leitung der Kricgervercine mit Hilfe der reaktionären preußischen Beamten- schaft gegen Arbeiter und Gastwirte geübt wird, und kennzeichnete eingehend das Verhalten der Regierung bezüglich der Veteranen- beihilfe. Die Versaininclten lohnten den Redner durch reichen Beifall und stimmton«nit großer Mehrheit einer Resolution zu, in der sie sich mit den Ausführungen einverstanden erklären und i» ihrem Sinne zu handeln versprechen.— Bei der Abstimmung zeigte sich recht kraß die Einschüchterung der hiesigen Bevölkerung dadurch, daß die Minderheit nicht gegen die Resolution stiinmte, aber auch nicht wagte, für dieselbe zu stimmen.— Der Ritterguts- besitzer Osterath, der kürzlich«nit dazu beitrug, daß eine vor einigen Woche» abgehaltene Versammlung der Auflösung der- fiel, hatte es dieses Mal vorgezogen, einer weiteren Diskussion aus dem Wege zu gehen und nicht zu erscheinen. Bernau. Der Stadtverordnetenversammlung wurde durch eine Magi- stratsvorlage die Beseitigung der Baumängcl am Liepnitzsec-Re- staurant unterbreitet. Genosse Helbig erkundigte sich nach dem Resultat des wissenschaftlichen Gutachtens über die Untersuchung des schadhaften Holzes. Worauf vom Bürgermeister die Erklärung abgegeben wurde, daß mit Rücksicht auf die Kosten— soll wohl heißen mit Rücksicht auf den bauausführenden Stadtverordneten Bach— von der Untersuchung Abstand genommen worden sei. Daraufhin beantragte Genosse Helbig die unbedingte Unter- suchung, welche mit 17 gegen 3 Stimmen angenomnien wurde. Die Bewilligung einer Subvention in Höhe von 3000 M. für die höhere Knabenschule rief eine lebhafte Diskussion hervor. Vom Bürgermeister wurde ein langes Schreiben des Professor Pfeffer, dem Besitzer dieser Schule, verlesen, worin derselbe den Lchrplan der Schule bekanntgab und die Existenz der Schule von einer Bewilligung von 4000 M. abhängig machte. Ferner berichtete der Bürgermeister von den Verhandlungen der Kommisston, welche sich mit der Uebernahine der Schule in städtische Regie befaßt hqbe. Danach fordert der Professor den von ihm für die Schule gezahlten Betrag von 10000 M. und eine Entschädigung für die Konzession, welche ihm als Schulleiter von der Regierung ge- nehmigt ist. Die Kommission habe dieser Forderung nicht zu- gestimmt. Da aber der Bestand der Sckiule gefährdet und nach Meinung des Bürgermeisters eine solche Schule am Orte für die- jenigen Eltern, welche ihre Kinder in dieselbe schicken wollen,«in» bedingt nötig ist, empfahl derselbe der Versammlung die An- nähme einer Magistratsvorlage, wonach eine Subvention von 3000 Mark bewilligt werden sollte. Genosse Krüger, als Mitglied der Kominission, empfahl die Ablehnung der Vorlage. Genosse Helbig erklärte gleichfalls, daß die dritte Abteilung nicht für einen Pfennig Subvention zu haben wäre, wobl aber geneigt sei. in Verhandlungen betreffs Uebernahme in städtische Regie einzu- treten, da nur dadurch der Stadtverordnetenversammlung ein Mitbestimmungsrecht gesichert sei. Er verlangte die Anschließung der höheren Schule ohne Vorschulklasse an die Gemeindeschule, da- mit es nicht allein den Kindern der Besitzenden ermöglicht werde, höhere Bildung zu erlangen, sondern die tatsächlich begabten Kinder dieser Schule zugeführt werden. Der Bürgermeister bezeichnete eS als einen Irrtum unseres Genossen, daß nach Uebernahme der Schule in städtische Regie die Stadtverordnetenversammlung ein Wort initzureden hätte, worauf ihm Genosse Helbig entgegnete, daß sich die Stadtverordneten das Recht des Mitredens niemals werden nehmen lassen. Sonderbare Anwandlungen überkamen den Bürger- meister, als Genosse Krüger den Wunsch aussprach, daß, wie in der höheren Schule auch in der Volksschule wöchentlich nur zwei Reli- gionsstunden abgehalten werden müßten. In nichtöffentlicher Sitzung wurde über die Bewilligung der Subvention weiter der- handelt. Die Bürgerlichen hatten es während der Pause durch Handel bis auf 2000 M. Subventionsbewilligung gebracht. Diesem Satz wurde mit 12 gegen die 8 Stimmen unserer Genossen und eines Bürgerlichen zugestimmt. Spandau. Kaum ist ein neuer Straßenbahntarif eingeführt worden, der im wesentlicben eine Beteuerung der Arbeiterfahrkarten, dagegen eine Verbilligung der Fahrten für die wohlhabenden Kreise durch Biindelfahrsibeine und Abonnementskarten mit sich brachte und schon trägt man sich in städtischen BerwaltungSkreisen mit der Absicht. wieder eine Veränderung deS Straßenbahntarifs vorzunehmen, weil die Einnahmen der Straßenbahn zurnckgegangen oder nicht in dem Maße gestiegen sind, wie es die Einstellung von Schaffnern erfordert. Der neue Tarif soll auf derselben Basis geändert werden, wie der zu Anfang dieses Jahres eingeführte. Es ist nämlich beabsichtigt, die Bündelfahrscheine, die sich als unbeguem erwiesen, abziischaffen und die Abonnementskorten erheblich zu verbilligen, dagegen aber die Arbeiter- Wochenkarten, die jetzt 60 Pf. pro Woche kosten auf 80 Pf. resp. 1 M. zu erhöhen. Schon die nächste Siadtverordnetenversaininlung wird sich mit der Frage zu beschäftigen haben und man darf gespannt sein, was die Stadtväter beschließen werden. Das Schmerzenskind bei der Straßen- bahnfrage ist zweifellos die Nonnendammbahn, die jährlich einen nicht unerheblichen Zuschuß erfordert. Es rächt sich jetzt, daß man die Bahn nickt ganz seitens der Stadt übernommen hat. Die Firma Siemens u. Sckuckert ist nämlick auch an dieser Bahn beteilig« und zwar hat man ihr den einträglicheren Teil, nämlick den Güter- tranSport, überlassen. Außerdem ist die Bahn viel zu teuer bezahlt worden. Es liegt im Weien der bürgerlichen Kommunalpolitik, daß erst verschiedene Privatgesellschaflen daS Fett abschöpfen. Die Ar- beiter Spandau« werden sich eine Verteuerung der Fahrgelegenheit nicht so ohne weiteres gefallen lassen. Potsdam. Der Tod im Theater. Im Potsdamer SchauspielhanS ereignete sich vorgestern ein tragischer Vorfall. Eine in der Mittelstrahe wohnhafte 83 jährige Dame hatte mit ihrer Tochter eine Loge im zweiten Rang besetzt und lauschte dem Vorspiel deS Orchesters, als sie von einem Unwohlsem befallen wurde. Man holte sofort die anwesenden Samariter bom Roten Kreuz herbei und requirierte einen Krankenwagen. Noch bevor dieser eintraf, konnte ein an» wesender Arzt zu Rate gezogen«verden und ihm war nur mehr die Feststellung des eingetretenen Todes möglich. Bus der Frauenbewegung. Forderungen der Arbeiterfrauen zur Witwen- und Waisenversicherung. Zehn öffentliche Versammlungen für Frauen fanden am Dienstag im sechsten Berliner Reichstagswahlkreise statt. Sie beschäftigten sich alle mit dem gleichen Thema. Die Witwen- und Waisenversichcrung war es. die einer elngehenden Besprechung unterzogen wurde. In großer Zahl waren die Frauen � und Mädchen der Arbeiterklasse dem Rufe unserer Genosgnnen gefolgt. Die Versaininlungen ivaren alle gut besucht, und zlvar fast nur von weiblichen ZuHörerinnen. Ein erfreuliches Zeichen für das wachsende Interesse der Prolctarierinnen an öffentliche«. An- gelegcnheiten und der Sympathie für die Sozialdemokratie.— Als Referentinnen sprachen die Genossinnen Ottilie Baader. Regina Friedländcr Marie Greifenberg, Gertrud Hanna, Luise Kähler, Anna Matschte. Martha Ttetz. Mathilde Wurm. Klara Weyl, Luise Zictz. Eingehend beleuchteten die Rednerinnen die RegierungS. Vorlage. Seit Jahren wurde die Witwen- und Waiscnunter- stützung als die Krönung des sozialen Gebäudes gepriesen und nun sehen wir das Werk vor uns, welches ein Hohn«st auf den Gedanken einer Rentcngclvährung an Arbeiterwitwen und -Waisen. Was den Witwen und Waisen der Arbeiter als „Krönung des sozialen Gebäudes" geboten wird, das weisen sie mit Protest zurück und verlangen ausreichende Unterstützung. Was die Referentinnen vortrugen, fand den lebhaften Beifall und die ungeteilte Zustiinmung der nach Tausenden zählenden ZuHörerinnen. Tanscnde von Frauen und Mädchen der Arbeiter- klaffe gaben ihrer Stellung zur Witwen- und Waisenversichcrung Ausdruck, indcin sie in allen Versammlungen einstimmig diese Resolution annahmen: „Die Versammelten erblicken in der ReichsversicherungZ» ordnung ei» reaktionäres, arbeiterfeindliöhes, tnickcriges Bureau- kratenflickwerk, das nicht im entferntesten den Anforderungen einer einheitlichen, großzügigen Sozialgesetzgebung entspricht. Bor allem bleiben die Bestimmungen des Entwurfes der Hinter- bliebenenversicherung weit hinter den berechtigten Forderungen der Arbeiterschaft zurück. Als Miniinuin einer wirksamen Hinterbliebenenversicherung fordern die Vcrsaminclten: 1. Die Vcrsicherungspflicht ist auszudehnen auf alle gegen Lohn oder Gehalt Beschäftigten und diesen sozial und Wirtschaft- lich gleichgestellten Personen, dcrcii JahresarbcitSverdicnst 5000 M. nicht übersteigt. 2. Jede Beitragsklaffc hat den vollen Jahresarbeitsverdienst des Versicherten zu erfassen. Die Zahl der Beitragsklassen ist entsprechend zu erhöhen. 3. Witwenrente ist allen Witwen der Versicherten zw gewähren in der Höhe von mindestens 20 Proz. des versicherten JahreSarbeitsverdienstes des Verstorbenen. Invaliden Witwen ist die Rente auf 33� Proz. zu erhöhen. 4. Für jedes Hinterbliebene, unter 16 Jahre alle Kind ist eine Waisenrente ebenfalls in der Höhe von mindestens 20 Proz. deS versicherten JahreSarbeitsverdienstes des Verstorbenen zrr gewähren. 5. Bei mehreren Kindern findet die Eesamtrente ihrö Grenze, sobald sie die Höhe von 100 Proz. des versicherten JahresarWitSverdienftcs des Verstorbenen erreicht hat. 6. Uneheliche Kinder sind den ehelichen gleichzustellen. Den ehelichen Müttern sind die Mütter unehelicher Kinder gleichzustellen, wenn deren Unterhalt größtenteils von dem Verstorbenen bestritten worden ist. 7. Den Hinterbliebenen eines Ausländers, die zur Zeit seine? TodeS im Inland nicht ihren gewöhnlichen Wohnsitz habcNj sieht ein Anspruch auf Hinterbliebenenrente zu."- Lese abend. WilmerSdorf-Haleusee. Freitag, 17. Februar, im Lokal fert» Schilling, Lauenburger Straße 20. Frau Dr. Paula R o s e n t h a l spricht über„Frauenkrankheiten". Gäste, nur Frauen, haben Zutritt. Steglitz. Freitag, den 17. Februar, 8� Uhr, bei HeizmcmiH «Versammlungen— Veranstaltungen. Zentralverband der Hausangestellten. Donnerstag, den 16. d. M., abends 8'A Uhr, bei Mürich, Steglitzer Straße 35. Vortrag von Frl. Ida Baar:„Dein Haus sei Deine WeltlZ" ßnefkaften der Expedition. Deutscher Arbeiter» Stenographenbuiid, Nowawes. Vereins- inserate können wir nur ausnehmen, wenn sie mit dem Vereins» st e m p e l oersehen sind. Auch wollen Sie die Adresse des Kassierers angeben._ Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballen-DireMon stder den«Srohbandet in den Zentral-Morktballen. Murttlnge: Fletsch: Zusubr schwach, Geschäft still, Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- nügend. Geichäst ziemlich lebhast, Preise unverändert. G e s l ü g e l: Zu- fuhr reichlich, Geschäft schleppend, Preise in lebende,» Geflügel anzlehcnd, sonst unverändert. Fische: Zusuhr etivas reichlicher, Gcichäjt ruhig, Pretie weiter nachgebend. Butler und Käse: Geschäft ruhig, Prciie unverändert. Gemüse, Obst und Südjrüchte: Zusqhr genügend, Geschäft sehr ruhig, Preise wenig vesriedigend. Witterungsuverstcki vom 15. Februar 1011. morgen« 8 Ubr. A-tter swwrmd«!771S 4bedeckt Hamburg i 770 WSW 4 bedeckt Berttv 772 SW 1 bedeckt Frants.a M 775 S« 3 Nebel München 778 SW 5 bester «im 780 Still 0 Nebel d« t* Hi —4 i —3 —2 —6 —11 CMIonta »— .-»"c •4 5 s |« 5 c li Vetter Savaranda 752 SSW eterSburg 7ü3sW Seilly 775«5« jlderdeen 768 W Bari« j 777 SD 4bedeckt »Schnee 4 bedeckt 5wolkenl 1 bedeckt i l ** f-' —5 —7 8 2 —2 «Scttrrvrogiiose ttir Donnerstag, den 16. Februar 1011. Zunächst etivas wärmer, vorwiegend trübe mit leichten Regeujällcn sehr iebhasten ivestlichen Winden; später langsam ausklareud und neue kühlung. Berliner Wetterburea und Ab- «.»aflcrsiands.vtackrtckten der LandcZanstalt sllr Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berlin» Wetterburea». Wasserst and M e m- l. Tilsit P r e g e l, Jnsterbmg Weichsel. Tborn Oder. Ralibor , fixoffen , Frankfurt Warthe, Schrimw , LandSberg Netze, Bordamm Elbe, Leilmeritz , Dresden , Bardo . Magdeburg am!>eit 14. 2. 13.2. am am') 218«) -U3) 1465i 145') 176«) 139') 100») 10') 11') 0 — 8 — 6 — 17 —13 +70 _ 2 —9 17' 1+11 -114 i+4 166«)—5 141«)!—6 Wasser stand Saale, Srochlitz Havel, Svandau-) , Rathenow-) Spree, Soremberg') , BeeStow Weser, Münden , Minden Rhein. MaximtlianSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbron» Main. Wcrlheim Mosel. Trier am 14.2. am 92 108 134 112 193 —41 32 298 137 133 75 158 70 lest 13. 2. orn') -12 0 +1 —4 —1 +1 +6 —4 —3 —4 —4 _ 2 +1 '>+ bedeutet«uch».— Fall.— Unierpegel.— k) EiSstand.»» O Eisbewegung.— O EiZtreibcn. Donnerstag, 16. Februar. Ansang T'/a Uhr. Konigl. LpernhauS. Salome. Ronigl. Schauspielhaus. Der Störensricd. Deutsches. Llhello. Kanimerspiele. Der Riese. (Ans. 8 Uhr.) Aniang 8 Uhr. Neues königl. Operu-Dheater. Geschlossen. Neues ZchnuldielbnuS. Faust. I. Teil.(Ans. 7-/, Uhr.) Lessing. Die Ratten. Koiuiichc Oder. Die Bohöme. Kleines. Die verflixten Frauen- zimmer. I. Klasse. Varieto. Neues Operetten. Die schöne Risette. Berliner. Bummelstudenten. Weste». Das Puppenmädcl. Neues. Mein erlauchter Ahnherr. Trianon. r>ippolqt«a Abenteuer. Nesit..».z. Pariser Menü. Thalia. Polnische Wirlschast. Schiller<»..Wulluer» Tsealrr.) Der Kaiser. Schüt.(?I>arlottenburg. Nathan der Weise. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Wilhelm Tcll. VolkSoper. Der Troubadour. '(Ansang 8>/, Uhr.) Sustspielbaus. Das Objekt. AuSftellungs-Theater. MeherZ. (Ansang 8'U Uhr.) Luisen. Das große Licht. Modernes. Der Feldherrnhügel. (Ansang ö>/, Uhr.) Sloie. Der Hcrrgvttschnitzer von Ammergau. Herrnfeld, eine verlorene Nacht. Er, Sie und Er. Folies Eapriee. Der Feldwebel- Hügel.(Ansang 8'/« Uhr.) Mctronot. Hurra— Wir leben noch I Kasino. Julie Wippchcn, Slpallo. Svezialitälen. Paiiagr. Svczialitäten. Voigt. Das BuschlicSfl oder: Die Müllerin und ihr Kind. Rcichs»»llen. Stelliner Sänger. Sanssouci. Spezialitäten.(Ansang L'/. Uhr.) Karl Haverland. Sbezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Walhalla. Bravo! Dacapo!(An- sang 8>,« Uhr.) Wedding. Lichtspiele. Urania. Taudenstrasie 48/49. Abends 8 Uhr: Was uns der Mond erzählt. Hörsaal abends 8 Uhr: Prosessor Dr. F. Röthgen: Die Lust. Stcrntoarte. Fnvaltdenstr. 57— 62* Lessing-Theater. 8 Uhr: Die Ratten. Freitag 8 Uhr: Die Ratten. Eonnabend?>/, Uhr zun erstenmal! Die Kinder. berliner'Hieater. Täglich 8 Uhr: Bummelstudenten. Neues Theater, Täglich: Hi eruier smierr. Ansang 8 Uhr. Theater des Westens. 8 Uhr: DaH Papponmttdel. Sonntag nachm. 3'/, Uhr: Die geschiedene Frau. Modernes Theater (früher Hebbeltheater). AbendS 8 Uhr: _ Doppel mensch�_ Berliner Volksoper Belle. Alliancestraße 7/8.—'/,S Uhr: Der Troubadour. Friedricti-Wilhelmstadtisches Schauspielhaus. Donnerstag, 16. Febr., abend? 8 Uhr: Wlllielm Teil. Freitag zum erstenmal: Einheirat. Eonnaoend Opern» Aussührung: Figaros Hochzeit. Sonntag S'/zU.: Krieg im Frieden. 8 Uhr: Einheirat. Residenz-Theater, Direktion: Richard Alexander. Ansang 8 Uhr. Pariser Menn. Drei Gänge von Georges Feydeau und Beber-Abric. 1. Gang: ,52 Meter über Paris*, 1 Akt von Deber-Abric. 2 Gang:.Eine Nachtsihung', l Alt von Georges Feydeau. 3. Gang:»Nach dem Mäuschen- ball", 1 Akt von Georges Feydeau. Sonntag, den 13. Februar, nachm. 3 Udr: Kümmere Dich um AmSlie. Lusispieihaus, AbendS 8 Ubr; Das Objekt. Luisen-Theater. AbendS 8 Uhr: Das grotze Licht. Echausptel in 1 Alten v. F. Philippi. Sonnabend i Uhr groye Kinder» Vorstellung: iviax und Morill. Sonntag nachm.: Der Millionen- jmige. Abends neu einstudiert: Der jüngste Leutnant. Montag: DaS große Licht. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Was an« der iHond erzählt. Hörsaal 8 Uhr: Professor Dr. F. Bathgen: Die I-nft. Kaiser-Panorama. Z. I.Male: IV. Wanderung in Venedig. L. Woche: III. Tour im südlichen üchmirrwaid. Eine Reite 20Pf. Kind nur tOPf. Abonnements 1 M, Tausende Abonn. OSE=THEATE Sch 11 1 er-T Ii eater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theal). Donnerstag.abends 8 Uhr: Der Knlaer. Eine Tragödie in 5 Allen von HanS v. Kahlenberg». H. Olde». E. II Uhr. - Freitag, abends 8 Uhr: Kubale nnd Liebe. Sonnabend, abends 8 Uhr: _ Egmont._ Schiller-Theater Charlotienburg. Donnerstag, abends 8 Uhr: IVatha» der Welse. Ein dramatisches Gedicht in fünj Ausz. v. G. E. Lessing. Ende 11 Uhr. Freitag,abc»dS8Ubr: Daria and Magdalena. Sonnabend. abendS8Uhr: Die Eee Oaprlee. Große Frankfurter Str. 132. Bei ausgehoben Abonnement Zum eistcnmal: Der Herrgottschnitzer U von Ammcrgan. Bollsschauspicl in 5 Akten von Gang» hoser und Neuert. Ans. 8 Uhr. Ende II Uhr. Freitag/. Lorbeerbaum u. Bettel» stall. Sonnabend, Sonntag: Der Herrgottschuitzer vo» Aiiiinergau. Sonnabend nachm.: F-rau Holle. Sonntag nachm.: Don Carlos. AbendS 7 Uhr: Nur noch kurze Zeit! Das Kolossal.Programm yM' 10 große Attraktionen.-H» 3'/, Uhr: Ganz Berlin lacht Tränen über Otto Jl e it 1 1 er. SiSetropol- Theater. Hurra! Wir leben noch! Große AusstatwngSrevue in 7 Bildern v. I. Freund. Musik v. V. Holländer. In Szene gesetzt von Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Die berühmte chices. Tragödin Md. Chung m. ihrem chlnes. Schauep-Ensemble: „Im Reiche des Drachens" Chices. Schauspiel(nach einer alten Legende) in 2 Akten. Miß Orfords, Elefantendressurakt. La belle Leonora, span. Tänzerin. The Kellinos, ein Fest in Venedig. The 6 Geishas, jap.�fiesg.-Tanz-Tr. Fred Marion, Instrument-Imitator. Floreuse and Lilllan, Musikal-Akt. Les Pissluttis, Gladiatoren z. Pferde. Morris Cronin Truppe, mod. Jongl. „Durga", das fliegende Pianino. Les Marquards, in ihrer Szene„Im Walzerwahn". Biograph, n. Aufn. Bunter Abend. Sonntag, den 19. Februar, 71/., Uhr im„Qewerkscbaftshause4*. Engelufer 15. Mitwirkende: Dr. Sibel(Violine), königl. Kammennnsrker Manke(Cello), Frl. Schumann(Sopran), Berthaid Pusoh(Bariton), Margarete Walkotte, Erwin Feustel(Pianist), Emil He#(Schauspieler). 50 Pfennig im Vorverkauf bei Herm Ho rsoh, Engelufer 15. Abendkasse 60 Pfennig.. CLOU" BEREITER KOKZERTRAVS Mauerstr. 82.'. Zimmerstr. 80-91 Eintritt 50 Pf. Gastspiel v. Jobann Strauß aus Wien mit seiner vellstlndigen Kapelle und seinen Walzern,— Anfang 8 Uhr. Morgen: Johann StranB mit.einen Walzorn. Sonnabend, den 18. Februar, abends 9 Uhr: Rimosonfe.t, Rlvlera-Frühllng In Berlin. Eintritt 3 Mark. Karten im Invalidendank u. Verkehrsbureau Potsdamerplatz(Cafi Josly). Brauerei Friedrichshain.■ Am KSnlgsior. Größlo Sehenswürdigkeit Berlins. Morgen, Freitag: Eilte tag. Lk'Mei'Ili�iilz voll tlllj Vechögeuztillilleii. Jeder Besucher erhält ein Los gratis. Der berühmteste Fcftwirt Lokorseh Lhrsngrudsr mit seiner Truppe(M Personen) aus München. Ansang 8 Uhr. Eniree 50 Ps. Pafsierfarten haben volle Gültigkeit. Lport-Pslast fr"™'."- Potsdamer Straße 72-72a üh�iül Größter Eispalast der Welt. Feerie„Karneval am Nordpol". 200 Bislenfkünetler. X Prachtvolle Ausstattung. Unerreichbare Liohteffekte. X 2 MusikkapeUen. Raum für 10 000 Personen. X Unterricht im Elatauf. Tormittag.-Koneerte. Sonntags 4 Uhr: Mnrbralttuga-'Vor.tellnng. ««»««»«# Excelsior-Liclitspielliaus Rix dort, Bergstr. 151/152(RiÄW Anfang: wochentags 6 Uhr abends, Sonntags 3 Uhr nachm. Monaldeschi. Historischer Schlager. Das Duell aus Eifersucht Drama a. d. wilden Westen. Moritz und der Sonnenschirm. Sehr ulkig. Der mutige Bräutigam. Herrn Haases Erlebnisse etc.! Wen© Welt Hasenheld« 108-11« Theater Ans. 8 Uhr. Voroerlaus 11—2 Uhr. Zwei Schlager: Fine verlorene Nacht. Er, Sie und Er mit Anton und Donat Herrnsild in den Hauplrollen. Casino-Theater Lolbringer Straße 37, Täglich 8 Uhr: Monalelang total ausverkauft 1 jalle Wlppclien! Ein echtes Berliner BoIIsstüif. Julie Wippchen! Man lacht Tränen über Julie Wlppcben k Sonnt. 3'/� Ubr: Der Hochmulsfeulel. Rente, Donnerstag, den 16. Februar: Gr. Bockbierfest in den bayerischen Alpen. Prämiierung der größten Dame, in Oroß'Berlin geb., nicht über 30 Jahre. | Legitimation ist mitzubringen,— Anmeldungen bis 10 Uhr abends an der Kasse. Anfang 7 Uhr. 5 Kapellen. Entree 30 PI. Passage-Panoptikum. in Eine Kolonie Franen, fMUnner, Inder, In ihr. Leben, Sitten u. Gebrüuch. Kam 1. Male In Berlin! in ein. eigens erbauten Polardorfe. Ohne Rxtra-Entree! Hochbahnstntion Aoit&ufec Tor. 8'/, Uhr: Gastspiel National> Spotting-Tronpe Training sür die großen Boxkämpfe. Orete Oallns Paul Förster. Die von da drüben. Tmnoii-Theater. Abend« 8 Uhr: Hippolyten Abenteuer. Mli» lioi ▲It-Moablt 47/48. Donnerstag, den 16. Februar 1911; Marianne, ein Weib aus dem Volke. VolkS-SchausPiel w S Auszügen von C. Dräxlcr-Manfreo. Kasseneröfsn. 7 Uhr. Ansang 8'/« Uhr. Nach der Borstellung: ----- Tai».----- Karl HaTerland- Ansang irknsfnn Kommandanten. Prä,. 7-/,U. i llüSier. straße 77/79. Heute ueues Programm. Almeuravsch uud Edelmiß prolongltrt. NeueS Schauspielhaus Manna Vanna. Oenovcra. Lessing-Tbeater Extradorstellung Tor Sonnonanfgang. Thalia-Thaaler Operette Die.chUne Helena. Residenz-Theater Die 300 Tage. Herrnfeld-Theater An d. Reiches Pforten. Sonntag, den 19. Februar: WINTERFEST S in den Festsaien der NEUEN PHILHARMONIE, g» Köpenicker Straße. Kammermuslkabend unter Leitung des königl. Konzertmeisters Prof. Bernhard Dchhuu, der Konzert- und Opernsängerin Frau 8ophlo Ueyniua- Eagcl nnd des Komortsängers Horm Anton 8i.teruian.. ■ Ball- und Gesellschaftsabend.— Anfang O1/. Uhr. . Festmarken a 60 Pf. in"allen Zahlstollen. 240/8 Der Vorstand. I. V.: G. Winkler. Berlins größtes Verpilgungs-CtaissemeDt. Donnerstag, den 16, Februar, abends 7'/, Uhr: Neu! Original Perezoff- Truppe 2 Dame», 5 Herren In ihrer Szene ein Souper bei Maxim. Omr Heros~MMI außergewöhnlicher Krastjongteur. Antonet n. Orock mit ihren ganz neuen musik. Akt. Alb. Schumann mst seinen neuesten Kreationen sowie die übrigen neuen Spezialitüten. Her große Coup B'lt Uhr. der 8'/, Uh,. Schmuggler. halbe Kassen preise LICHTSPIELE. MOZART- SAAL. Nollendorf-Platz. Beginn 6 Uhr. Polles Caprice. Täglich 8V« Uhr: Die abgetretene Frau. «euer bunter Teil. felMebelhiigel. SWgkeater» WM 1 J| eddlngyW ■■ ucaT/aiiLOMcn/r W MfcjjBf PtUlkKR 4 CK 8 JIUlCRiTW.�QI Neuer M Spielplan! M Nachmittags von 5—8 Uhr wird Jedem Besucher Biookers Kakao gratis verabreicht, Zirkus Busch. 1 Donnerst, 16. Febr., abds. TL Uhr: I Debüt I Die Riad»as, j Jongleure m. Keulen u. Hüten! I Gastsp. MUS Sereuc Nord!) 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Ans. 7 U., Sonnt. 4 U. Vorzugskarten, nur wochent. gültig, LS Ps. auf allen Plätzen. Stets wechs. Programm. Walhalla-Theater. ßRosenth.Tor.) Weinbergsw. 20 1 Allabendlich 81/, Uhr: Bravo! Da Capo! Eine AllerweltS- Revue. Sonntagnachm. 3'/, Uhr: Unsere Don Juans. Kleine Preise. Reiebshallen-Theater. Stettiner Sänger. Zum Schluft. neu! liabileke. VurletE-Dbeater». BurleSle von Meysel. Ansang wochentags 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. Bosporus am ' Moritzplatz. Heute Premiere d. neuen Variet«. Programms. Von 11— 2UhrTanz. Entree frei. D.Varletä-Kons.-Syst. Sie lösen ein Programm, dasselbe kostet 20 Pf., damit haben Sio schon ein Glas Münch, od. Pils. Bier bezahlt. Mila.Säle Schönhauser Allee 130, Milaitr.S. Jeden Dienstag, Donnerstag und Sonntag: SV* Kavalier-Ball-WM bei groBem Streichorchester. Tanz und Entree: Herren 50 Pf., Damen 30 Pf. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Anfang: Wochentags 8 Uhr, Sonntags 5 Uhr. Carl Elsncr. Zur Einsegnung Blaue Anzüge R/forlra Ä Blau Cheviot, Haltbar. 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Münchoner Boiiier- 11. ODerbapsehen KircM-Fest Unions-Brauerei, Hasenheide 22-31. Morgen, Freitag, 17. Februar: 1. Großer Boxkampf zwischen Schwarz und Weiß in Europa noch nie dagewesen. Die Verzweiflung des Kranken. Von allen Krankheiten sind am meisten verbreitet, die tückischsten und folgenschwersten, die Erkrankungen der At- mungsorgane. Mit„ein bißchen Husten" fängt es an, wer achtet auf ein„bißchen Husten" I Dann wird der Schlaf schlechter; man wirft Schleim aus, der Kopf ist benommen, der Zlppetit schlecht, die Gesichtsfarbe fahl, das Auge krankhaft glänzend. man fühlt sich unfähig zur Arbeit, hat Atembeschwerden, ist betrübt bis zur Verzweiflung— und erfährt dann schließlich, daß man an einer schon weit vorgeschrittenen Erkrankung der Atmungsorgane leidet, die den ganzen Körper in Mitleidenschaft gezogen hat. Nun wird alles mögliche getan, um der Krankheit Einhalt zu gebieten, Geld spielt keine Rolle mehr, und es wird alles probiert. Wer sich's leisten kann, geht nach Davos, um dort dünne, sehr sauer st offreiche Luft zu atmen! Da— leider— nicht jeder in Davos leben kann, haben die Aerzte zu Sauerstoff- Jnhalattonen gegriffen und aus eisernen Flaschen dem in eine Saug-Maske gesteckten Pattenten Sauerstoff zugeführt. Das Verfahren ist umständlich, teuer und eine Quälerei für den Kranken, aber man hat Zweifel- los Erfolge gehabt. ?etzt aber ist es gelungen, aktive Sauer- -Inhalationen zu bewerkstelligen ohne Stahlflasche, ohne Maske, überhaupt ohne jeden Apparat, auf billigste Weise durch die ganz neuen Dr. Schleimer's aromatischen Katal-Sauerstoff-Jnhalationen(patentamtlich geschützt), bei denen der Sauerstoff setiv in statu n a s c e n d i eingeatmet wird. Die Versuche haben ergeben, daß die Inhalation von aktivem Sauerstoff auf Asthma, Katarrhe der Luftwege, Lungenleiden. Influenza und Keuchhusten eine wunderbar wohltuende Wirkung ausübt. Auffallend und unverkennbar ist schon nach der ersten Inhalation die Erleichterung der Atmung: dieses Gefühl der Befreiung wach st mit jeder neuen Inhalation. Es ist somit allen Leidenden jetzt die Möglichkeit geboten, durch Inhalation aktiven Sauerstoffs ohne Apparat ihr Leiden zu lindern und wieder gesund zu iverden. Unbedingt sollte jeder Leidende einen Versuch machen, zumal dieser Versuchnichtskostet. Man schreibe nur eine Postkarte an die Berliner Chemische Fabrik, Charlottenburg 5/A. 419, -P L kf U k.' � 41 U t U l l ü II jw UkUtk Kosten von der Wirkung dieses hilfreichen Mittels überzeugen kann. Man zögere nicht! Jeder Tag ist wichtig! Genaue Gebrauchsanweisung und ärztliche Gutachten usw. liegen der kostenfreien Probesendung bei! 284/8 Verantwortlicher Rehakteur: Richard Barth, Berlin/ Zur deg Inseratenteil verantw.': Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Borwärtz Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW, it. 40. 28. ZahrMg. 3. KtW des.Amiick" Kcrlim WÄR Donnerstag, lk. Febrnar l9l1. Serickts- Leitung. Gnade für Recht. In Beleidigungsklagen treten Polizisten gewöhnlich als Be- leidigte auf, gestern aber stand mal einer als Beleidiger vor den Schranken des Gerichts. Vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte(145. Adteilungl klagte ein Privatchauffeur Vchrcnd gegen einen Schutz- mann Stagge, von dem er am 26. August, mittags, in der Oranien- burger Strafte, nahe der Fridrichstrafte, sistiert worden>oar. B. hatte damals einem Droschkenckauffeur Weber, den der Schutzmann Stagge� wegen vermeinlich zu starken Auspuffens zur Rede gestellt hatte, sich als Zeugen angeboten. Hier soll nun Stagge zu B, ge- sagt haben:„Sic Lungerer, Sic wollen sich wohl Zcugcngcbühren verdienen!" So behauptete Behrend in seiner Beleidigungsklage gegen Stagge, doch der Angeklagte Stagge bestritt das. Beftruten hatte Stagge das schon unter seinem Zeugeneid bor dem Amtsgericht Berlin-Mitte in einer Strafsache gegen Behrend, der bei jenem Vorfall die Aufforderung weiterzugehen, nicht be- folgt und durch den Ruf:„Wenn der das Auspuffen nennt, der ist wohl—!" groben Unfug verübt haben sollte. Behrend wurde da- mals vom Amtsgericht freigesprochen, aber auf Berufung des Anusanwalts verurteilte hinterher das Landgericht I den Ange- klagten wenigstens wegen Richtbefolgung der Aufforderung zu 26 Mark Geldstrafe. In dem Beleidigungsprozctz erklarte Stagge es für möglich, daft er gegen Behrend verletzende Wort gebraucht haben könne, aber von den behaupteten Ausdrücken„Lungerer" und„Zeugcngebühren verdienen" wisse er nichts. Sein Verteidiger Rechtsanwalt Coßmann wies vor Gericht hin auf seinen schon in i)er_ schriftlichen.Ülagebcantwortung gemachten Entschuldigungs- versuch, das; ein Schutzmann natürlich in einer populären Rede- weise spreche. Stagge wiederholte die Angabc, daft Behrend da- mals ihn in seiner Amtshandlung gestört und mit Bezug auf ihn gerufen habe:„Wenn der, das Auspuffen nennt, der ist wohl—!" Weber wuftte davon nichts, und einen anderen Zeugen konnte Stagge nicht beibringen. In dem Strafprozeß gegen Behrend war Stagge selber als Zeuge aufgetreten und hatte das bekundet. Beh- rends Angabe, daft Stagge ihm gesagt habe:„Sie Lungerer, Sie wollen sich wohl Zcugcngcbühren verdienen!" war in dem Straf- prozeft von dem Zeugen Troschkcnchauffrur Weber unterstützt worden. Weber trat auch in dem Beleidigungsprozeft als Zeuge für Behrend auf und wiederholte jene Aussage, aber der Vorsitzende Amtsgerichtsrat Wollner stieft sich daran, daft Weber nicht„Lun- gerer", sondern„Lummcrcr" sagte. Vorsitzender und Verteidiger äufterten die Ansicht,„Lummerer" sei doch ettvas anderes, und man könne nicht wissen, was dieses Wort überhaupt bedeuten solle. Zur Sprache kam auch, daft gegen Schutzmann Stagge wegen jener Affäre ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden ist. Er erzählte von einem„groften Artikel", den der„Vorwärts" gebracht habe. Die Sacke sei ja„bereits bis ins Ministerium gegangen". Offenbar meinte er den„Vorwärts"-Bericht über jene Amtsge- richtsverhandlung, die trotz Stagges Aussage mit Freisprechung Behrcnds endete. Im Anschluft an die Erwähnung des„Vor- wärts" hielt der Reichtsbeistand des Klägers Behrend, Rechtsanwalt Bittcrmann, es für nötig, zu erklären, daft er bitte, diese Beleidi- gungsklage„nicht vom Standpunkt des„Vorwärts" aufzufassen". Er sei übrigens bereit, dem Kläger zuzureden, daft er auf den Borschlag einer Einigung mit dem Angeklagten Stagge eingehe. Stagge hatte zunächst wenig Lust zu einer Einigung, obwohl der Vorsitzende ihn mehrfach und sehr eindringlich darauf aufmerksam machte, daft seine Sache nach den Bekundungen des Zeugen Weber keineswegs günstig stehe. Aber Rechtsanwalt Bittermann, der Rechtsbeistand des Klagers, nicht etwa des Angeklagten, redete ihm, dem Angeklagten, so eifrig zu, daft Stagge sich, wenn man so sagen darf, erweichen ließ. Sorge machte ihm nur, daft durch eine Eini- gung in dieser Beleidigungsklage nicht auch das Disziplinarver- fahren aus der Welt geschafft wird. Bezüglich dieses Punktes lieft aber der Rechtsbeistand des Klägers sich sofort bereit finden, in der Einigungserklärung ausdrücklich zu betonen, daft auf den Fort- gang des Disziplinarverfahrens gar kein Gewicht gelegt werde. Als Stagge nochmals darauf hinwies, daft der„Vorwärts"-Artikel ja„bis oben ins Ministerium gegangen" sei, versicherte auch Beh- rend, er selber habe gar kein Interesse am„Vorwärts" und würde, wenn er ihn läse, bei seinem Arbeitgeber übel ankommen. Schlieftlich verstand Stagge sich zu folgender Erklärung: „Wenn ich, wie der Zeuge Weber bekundet hat, bei dem fraglichen Vorfall eine den Kläger beleidigende Aeufterung getan haben soll, so ist dies nur in Erregung geschehen, und nehme ich keinen An- stand, dem Kläger hierüber mein Bedauern auszusprechen." Daraufhin nahm Behrend die Klage zurück mit der Erklärung, daft ihm„an einer Bestrafung des Angeklagten auch in einem etwaigen Disziplinarverfahren nichts gelegen" sei. Wohlgemerkt: nicht um eine Beschwerdesache, sondern um ein Disziplimirverfahren soll es sich handeln. In einem solchen wird ja wohl nicht danach gefragt, ob ein Beleidigter einem Beleidiger, wie Behrend es in dieser privaten Beleidigungsklage getan hat, Gnade für Recht zuteil werden lassen will. In einem Disziplinar- verfahren wird, denken wir uns, ein schuldig befundener Beamter ebenso schonungslos nach den Strafbestimmungen behandelt, wie in einem Strafverfahren ein Zivilist, gegen den ein Schutzmann auftritt._ Mehrfache Brandstiftungen sollte der Dreher Paul Schindler begangen haben, der sich gestern wegen 4 Fälle der vollendeten und 2 Fälle der versuchten Brand- stiftung vor dem Schwurgericht des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Goebel zu verantworten hatte. Am 1. April 1969 zog Schindler in das Haus Wiclefstr. 22, wo er eine Wohnung im vierten Stock des Ouergebäudes bewohnte. Bald nach seinem Einzug wurden die Hausbewohner durch ein ungewöhnliches Ereignis beunruhigt. In einer Nacht waren drei Frühstücksbeutel, die vor den Wohnungstüren einiger Bewohner hängen, abgenommen und in Brand gesteckt worden. Die drei Beutel wurden, vollständig verbrannt, im Hinterhause vorgefunden. Das Linoleum der Treppen war angesengt, ein Türpfosten leicht angekohlt. Dte Beutel waren in einen einzigen gesteckt, angezündet und an die Engclssche Wohnungstür gehängt worden; von dort sind sie in brennendem Zustande auf das Linoleum gefallen und hierauf völlig verbrannt. Die Hausbewohner hatten den Vorfall bald ver- gessen, sie erinnerten sich seiner aber wieder, als später in dem- selben Hause viermal Brandstiftungen unter höchst eigcntüm- lichen Umständen vorkamen. Am 19. Mai 1999, nachts V/> Uhr, wurden die Bewohner durch Brandgeruch alarmiert. Der Kokos- läufer brannte. Das Feuer wurde bald gelöscht, es hatte aber schon ein Holzteil der Treppenstufe und ein Stück Treppenläufer Feuer gefangen. Das Merkwürdige war, daft die einzig vorhandene Haustür verschlossen war. Kurz nach dem Entdecken des Feuers war der Angeklagte von der Strafte ins Haus gekommen und hatte sich noch um eine etwaige Aufspähung des Täters mit bemühi. Unter gleichen Umständen brannte es etwa drei Wochen später, am 19. Juni, in der zweiten Morgenstunde wiederum in dem dem Ehepaar Radau gehörigen Hause. Auch diesmal brannte ein Treppenläufer, und die hölzerne Treppenstufe war bereits vom Feuer ergriffen. Auch diesmal erschien der Angeklagte gleich nach Entdeckung des Feuers auf der Bildfläche. Der dritte Brand gleicher Art fand in der Nacht des 1. März 1919 statt, der vierte am 19. August 1919. Natürlich versetzte dieser sich so oft wiederholende nächtliche Spuk die Hausbewohner in grofte Aufregung. Nach dem letzten Brande hatte sich die Hauswirtin, Frau Radau, eine elektrische Klingel von ihrer Wohnung nach der ihres Portiers legen lassen und wachte etwa ein Vierteljahr lang allnächtlich, um den Täter auf frischer Tat zu ertappen. In der Nacht vom 4. November be- fand sich Frau Radau wieder auf ihrem Wachtposten auf dem Kor- ridor ihrer Wohnung. Sie hörte, wie um Uhr jemand die Haustür aufschloft und den Flur betrat. Etwa eine Viertelstunde verweilte er dort, ohne das Haus abzuschlieften. Sie hörte dann weiter, wie der Eingetretene die Treppe zum ersten Stockwerk des Vorderhauses emporstieg, einige Minuten stehen blieb, dann eine zweite Stufenreihc hinaufging und wieder stehen blieb. Kurz dar- auf hörte Frau Radau etwas rascheln, als wenn jemand Papier zerknitterte und hörte auch gleichzeitig etwas klappern, als wenn Eisenteile gegeneinander schlugen. Frau Radau weckte ihren Mann; klingelte zweimal nach dem Portier. Das zweite Klingeln muft der Mann, der wieder einen Läufer in Brand gesteckt hatte, gehört haben, denn er lief schleunigst die Treppe hinunter. Frau Radau stürmte dem Entfliehenden nach, der, wie sie hörte, nicht zur Tür hinaus, sondern über den Hof in den einen Seitenflügel hinein floh und die Treppe hinauf eilte. Inzwischen waren der Ehemann Radau und der Portier auf dem Hos erschienen und hatten sich vor die Tür des Seitenflügels gestellt, in welchem die Wohnung des Angeklagten lag, so daft diesem es unmöglich war, dort hineinzu- schlüpfen. Er war deshalb in den anderen Seitenflügel hinein- geeilt und die Treppen bis zum Boden hinaufgelaufen. Dort konnte er nicht weiter, da die Bodentür verschlossen war. Als die mutige Verfolgerin dort anlangte, fand sie zu ihrer gröftten Ueber- raschung ihren Mieter Schindler auf der Bodentreppe sitzen. Er tat so, als ob er schliefe und erst durch das Erscheinen der Frau Radau und ihrer Begleiter erweckt worden wäre. Er erklärte sofort: „Herr und Frau Wirtin! Ich bin betrunken gewesen, habe mich verlaufen und habe hier schon 3 bis 4 Stunden geschlafen." Man machte ihn darauf aufmerksam, daft er dies doch nicht wissen könne, wenn er betrunken war. Ferner faick man in seiner Tasche zwei Spiralbohrer, die vielleicht das von Frau Radau gehörte Geräusch verursacht haben konnten. Der Angeklagte erklärte, an all den sechs Fällen der Brandstiftung unbeteiligt zu sein und beteuerte auch im gestrigen Termin seine Unschuld. Nach Vernehmung zahl- reicher Zeugen beantragte der Staatsanwalt das Schuldig in allen Anklagefällen. Rechtsanwalt Dr. Heinemann beantragte die Frei- sprechung. In den ersten Fällen sei gar kein Beweis gegen den An- geklagten erbracht. Es sei nicht unmöglich, daft in dem stark be- völkerten Hause ein anderer der Täter gewesen ist. Der Ange- klagte sei ein unbestrafter, fleißiger Mann, der einen guten Trunk und Frauen liebe. Es fehle jedwedes Motiv; der Angeklagte habe pünktlich seine Miete bezahlt, er sei den Wirtsleuten nicht feind- selig gewesen, es würde also gar keine Erklärung für seine Tat vor- liegen. Für die Tat vom 4. November sei der Angeklagte wohl dringend verdächtig, aber doch nicht voll überführt. Eventuell liege hier nur fahrlässige Brandstiftung vor, denn die Tat würde in diesem Falle nur so zu erklären sein, daft der Angeklagte in seiner Trunkenheit die Brandstiftung verursacht habe. Aber es sei gar nicht erwiesen, daft der Mann, den Frau Radau die Treppe hinab- stürmen gehört, mit dem Angeklagten identisch gewesen sei und letz- terer nicht wirklich in der Trunkenheit oben an der Bodentür ge- schlafen habe. Der Verteidiger erinnerte schlieftlich die Geschwo- renen an den Essener Fall und bat sie eingedenk zu bleiben, wie leicht Menschen dem Irrtum verfallen können.— Die Geschworenen verneinten sämtliche 7 Schuldfragen, worauf die Freisprechung des Angeklagten erfolgte. mm hetz LEIPZIGER STRASSE Donnerstag Freitag und Connabend ALEXANDER- PLATZ Lebensmittel FRANKFURTER ALLES Soweit Vorrat Wurstwaren Landleberwurst....... Pfund 80 pt. Feine Leberwurst..... Pfund 95 pf. Rotwurst............ Pfund 70 pf. Blut- und Zwiebelwurst p�nd 50 pf. Mettwurst Braunschw. Art Pfund 90 Pf. Fetter und magerer Speck Pfund 80 pf. Hl Do««'/i Do«» Stangenspargel....... Iis 63 pf Junge Schoten III..... 42, 26 pf. Gemüse-Schoten...... 34, 22 pf. KarOtten in Streifen..... 28, 19 Pf. 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