Ar. 4S. nbonncmentS'Bedlngungcn: Monncments- Preis pränumerando! lZiertcljährl. 3£0 Wll., monott. 1,10 Mk., I wöchentlich 2s Pfg. frei ins Haus. tiinzclne Nummer 5 Pfg, Sonntags- Nimimct mit illustrierter Sonntags. Ücilage»Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- llbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post.Zeitunqs. Lreislistc. Unter tlreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Numänien. Schweden>..:d die Schweis, 28. Jahrg. vlchtlot täglidi auütr Dlontagi. MGA Berliner VolKsblntk. v?e Insertion!-Lebilhi' veträgt für die scchsgespaltene Kolonel- zcilc oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewcrlschastliche Vereins. lind VersammlungS-Anzeigen 30 Psg. �Alelne Zlnreigen". das erste(fett. gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weiter« Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf. stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 6 Pfg. Wort- über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnier müsse,» bis»Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: „SMUIllilDSl!»! Niki»,-, Zentralorgan der rozialdemokratifchen partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher! Amt IT, Nr. 1983. Sonnabend, den 18. Februar 1911. Sxpedttion: SM. 68, Lindctietrasac 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. ms davon war eine Flut von persönlichen Bemerkungen und Bemer« kungen zur Geschäftsordnung seitens unserer Genosien Hoff» mann. Leünert, Liebknechti und Hirsch, die zu- sammen mindestens die gleiche Zeit einnahmen, die eine Rede von uns gedauert hätte. Unser Antrag, die politische Geheim- Polizei abzuschaffen und die Spitzelgelder aus dem Etat zu streichen, wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Polen abgelehnt. Die ganze übrige Gesellsckiaft, auch die Fort- schrittler stimmten dagegen und machten sich so zu Mitschuldigen an den Schandtaten der politischen Geheimpolizei. Nun folgt« das Kapitel Fürsorgeerziehung, das ein« gehend besprochen wurde und bei dem es auch uns möglich war, zu Worte zu kommen. Genosse Hirsch untersuchte erschöpfend die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen des sittlichen Verfalls und gab eine Reihe bemerkenswerter Anregungen, denen auch eine solche Autorität wie Prof. v. L i s z t im wesentlichen beipflichtete. Von Wert ist das Eingeständnis dcL Ministers, dah in Altona tatsächlich Fürsorgezöglinge zu Experimenten an Polizeihunden hergegeben sind, ein Vorgehen, das er scharf mißbilligte. Diesmal war es die polnische Fraktion, deren Redner mundtot gemacht wurde. Aber dem gewerbsmäßigen Schlußantragsteller, dem Junker v. Arnim, ging es dabei herzlich schlecht, er mutzte sich von dem Abgeordneten Korfanty den Vorwurf machen lassen, daß er die Unwahrheit gesagt hat. und alles Leugnen des Ange- schuldigten war vergeblich. Sogar die Freikonservativen und die Nationalliberalen traten als Belastungszeugen gegen ihn auf, so daß er wie ein begossener Pudel davonziehen mutzte. Herr v. Arnim ist gerichtet. Das einzige Ergebnis dieses Streichs war eine lange Geschäftsordnungsdebatte. Bei einem anderen Kapitel versuchte Liebknecht, dem Minister auf seine Ausführungen zum Geheimfonds zu erwidern, aber Herr v. K r ö ch e r zeigte sich als williger Helfer der Regierung. In der sicheren Erkenntnis, daß Herr v. Dallwitz sich arg blamieren würde, hinderte er Liebknecht daran, zu sagen, was er für nötig hielt. Sonnabend: Fortsetzung der Etatsberatung. ßiißtond gegen China. Rußland hat an China eine Note gerichtet, die«dt energischen Maßregeln droht, falls China die Bedingungen, die Nußland ihm stellt, nicht schleunigst erfüllt. Zugleich stehen die russischen Truppen marsch- bereit an der Grenze, um den I l i- Distrikt im chinesischen Turkestan zu besetzen. Zum Vorwand für sein Vorgehen nimmt Rußland angebliche Verletzungen des sogenannten Kuldsck) avertrages vom Jahre 1881. Durch diesen Vertrag verpflichtete sich Rußland, den Distrikt von Jli zu räumen, den es 10 Jahre vorher besetzt hatte. Dafür mußte China außer einer Geldentschädigung von 9 Millionen Rubel wichtige Konsular-, Schiffahrts- und Handelsrechte in dieser Region, sowie in der Mongolei und Mandschurei zugestehen. China hätte daS Recht gehabt, diesen Vertrag jetzt zu kündigen. Dies bildet den Anlaß für Ziußland, jetzt energischer vorzu- gehen, da China freiwillig in eine Verlängerung des Ver» Vertrages, der Rußland in der ganzen Mongolei die kommerzielle Vorherrschaft gewährt, nie ge« willigt hätte. Die russische Note beginnt, folgendermaßen: .Die in der letzten Zeit geführten Verhandlungen haben di« kaiserliche Regierung überzeugt, daß die chinesische Regie« rung mit den Stipulationen des Handelsvertrages von 1831 nicht zu rechnen wünsche. Diese Stipulationen werden von der chinesischen Regierung und ihren örtlichen Agenten ignoriert oder weder dem Geiste noch dem Buchstaben des Vertrages entsprechend ausgelegt. Die kaiserliche Regierung ist zu der Ueberzeiigiing gelangt, daß die Fortdauer der von alters her bestehenden Freundschaftsbande zwischen Nutzland und China bei einem solchen Verhalten der chinesischen Regierung zu dem Vertrage von 1881 unmöglich ist. Um die Erhallung und Festigung dieser Bande besorgt, findet es die kaiserliche Regierung für nötig, jetzt vorstehendes zu er» klären und die chinesische Regierung zu bitten, unauf schieb« bar ihr Einverständnis zu bekräftigen, nachsiehende Punkte, die in strikter Ucbercinstimmung stehen mit den Stipnlattonen des Traktats von 1881 und mst den den russisch-chinesischen Be« Ziehungen zugrunde liegenden Prinzipien zu beobachten." Es folgen nnn in sechs Punkten die russischen Forde- rungcn, die für die russischen Untertanen volle Handels» freiheit, Freizügigkeit und eigene Gerichtsbarkeit, so wie die Ausdehnung der russischen 51onsulate verlangen. Die Note schließt mit folgender Drohung: „Die kaiserliche Regierung hält eS für ihre Pflicht, die chinesische Regierung davon in Kenntnis zu setzen, daß sie die Weigerung, die in den vorstehenden sechs Punkten oder auch nur in einem derselben dargelegten Verpflichtungen zu bestätigen, als eine» Beweis der Abneigung betrachten wird, mit Nutzland freundnachbarliche, auf Verträgen begründete Beziehungen zu unterhalten. In einem solchen Falle behält sich die russische Regierung die Freiheit vor, zur Wiederherstellung der von China verletzten Vertragsrechte der russischen Regierung und der russischen Untertanen die von ihr hierfür nötig befundenen Matznahmen zu ergreifen." Und die offiziöse„Nowoje Wremja" verstärkt diese Drohung noch, indem sie diese ein halbes Ultimatum nennt, da die Note noch keine Frist für die Erfüllung be- stimme; wenn China aber nicht spätestens innerhalb zweier Wochen reagiere, so müsse das Halbultimatum ergänzt werden. Daß es in diesem Momente zu einem Kriege mit China und Rußland kommen sollte, ist wenig wahrscheinlich. ver schwarze Cod. Der Reichsgesundheitsrat hat sich vor mehreren Tagen veranlaßt gesehen, die Frage der Pestgefahr für Europa und insbesondere Deutschland ins Auge zu fassen. Nach den Mit- teilungen der Presse ist es indes zu der Ueberzeugung ge- langt, daß zurzeit die Gefahr der Einschleppung der Pest nach Westeuropa keine besonders große sei und daß deshalb besondere Vorbeugungsmaßregeln nicht notwendig seien. Es will uns scheinen, als ob der Reichsgesundheitsrat d i e Größe der Gefahr doch nicht in ihrem vollen Umfange würdige. Zwar ist die Pest nicht nur seit längerer Zeit in China, Indien, Aegypten und Deutschostafrika endemisch, sondern sie hat auch bereits seit dem Jahre 1894 in China und seit 1896 in Indien die riesenhaftesten Dimensionen angenommen, ohne daß bisher eine Verschleppung der Seuche in bedenklicherem Umfange nach Europa zu konstatieren gewesen wäre. Wohl sind sporadische Fälle in den verschiedensten Hafenstädten vor- gekommen, wohl hat die Pest um die Jahrhundertwende in O p 0 r t 0 und Glasgow sogar eine gewisse Aus- breitung zu erlangen vermocht, allein es ist selbst in diesen Fällen möglich gewesen, die Epidemie wieder zu er- sticken. Aber daraus sollte denn doch nicht vor- eilig der Schluß gezogen werden, daß es nicht auch einmal anders kommen könne! Die furcht- bare Choleraepidemie in Haniburg sollte vielmehr auch den Optimisten beweisen, daß sehr wohl auch in Deutschland derartige Seuchen den riesigsten Umfang anzunehmen vermögen, wenn nicht rechtzeitig die umfassendsten und durchgreifend st en st en Vorbeugungs- matzregeln getroffen werden. Auch mit dem Hinweis auf die Verschiedenartigkeit der Ueberrragung und Ausbreitung der beiden Geißeln der Menschh«, Oer Pest und der Cholera, sollte man die Ge- fahr der Einschleppung' der Pest nicht ohne weiteres ab- getan zu haben wähnen. Gewiß: die Gefahr einer Ver- seuchung weiter Gebiete durch die Cholera ist insofern eine größere als durch die Jnfizierung des Wassers, des Grundwassers, der Flußläufe usw. die Ausbreitung der Krank- heit leichter zu erfolgen vermag, als das bei der Pest der Fall ist. Andererseits aber beweist die Tatsache, daß die Pest 1896 von China aus nach Indien verschleppt werden konnte und daß dort seitdem vieleMillionen Menschen der Pest erlegen sind, daß auch bei der Pest eine explosions- artige Ausbreitung der Krankheit sehr wohl möglich ist. Auch die Erinnerung an die ungeheuren Verheerungen, die während des Mittelalters und bis ins 17. Jahrhundert hinein die Pest in Europa, speziell auch in Deutschland anzurichten ver- mochte, sollte einen sträflichen Optimismus verhüten, der sich nur zu leicht in der furchtbarsten Weise rächen könnte. Bei der Pest handelt es sich um zwei Erscheinungsformen der Krankheit, um die Beulenpest und die Lungen- p e st. Die Beulcnpest wird nicht nur vom Menschen aus-den Menschen übertragen, sondern auch durch eine Reihe von Tieren, besonders die Ratten, die dieser Krankheit in demselben Umfange zugänglich sind, wie die Menschen. Die Gefahr für die Krankenpfleger und die Aerzte ist bei der Beulenpest deshalb eine so große, weil die Krankheitsüber- tragung nicht nur durch direkte Berührung mit den Kranken, durch die Uebertragung des Krankheitserregers in die Blutbahn er- folgt, sondern auch dadurch, daß das Ungeziefer, besonders Flöhe, den Körper der Kranken und der Pestleichen verlassen, um als Schmarotzer die Gesunden aufzusuchen und sie durch Stiche mit der Krankheit zu infizieren. Aber nicht nur der Menschenfloh wird in dieser Weise zum Träger der Krankheit, sondern auch die Ratteuflöhe. Wie die Menschcnflöhe die Ratten mit der Pest infizieren, so erfolgt umgekehrt auch durch die Rattenflöhe die Uebertragung der Pest auf die Menschen. Die Lungenpest besteht in den Erscheinungen einer akuten Lungenentzündung, die ausnahmslos zum Tode führt. Ihre Uebertragung soll nicht nur durch den Aus- wurf der Kranken, sondern auch durch die Staubpartikelchcn der Luft erfolgen, so daß die Gefahr der Ansteckung eine über- aus große ist. Die gegcntvärtig in Nordchina auftretende Pest, die dort bereits oOOOO Menschen hingerafft hat, ist die Lungenpest. Es liegt auf der Hand, daß die Gefahr der Verseuchung Europas und der anderen modernen Kulturstaaten mit dem Wachstum des internationalen Verkehrs außerordentlich gewachsen ist. Nicht nur droht die Gefahr, daß durch Pestratten zu Schiff die Krankheit nach Europa eingeschleppt werden kann, sondern auch die mandschurische Bahn, die Westeuropa direkt mit der Mandschurei verbindet, bedeutet eine außerordentliche Ge- fährdung. Die transsibirische Bahn bietet deshalb die größere Möglichkeit der Einschleppung der Pest, weil eine Ver- schleppung der Seuche auch durch Gesunde oder nurleicht erkrankte Personen möglich ist. da diese ebenso wie bei der Cholera Bazillenträger sein können. Nach alledem wäre es wirklich wohlgetan, wenn stch die deutschen Behörden nicht in trügerische Sicherheit wiegen lassen würden. Die an- deren Staaten scheinen denn auch die Gefahr keineswegs zu unterschätzen und ernstlich bemüht zu sein, alle möglichen Vor- kehrungsmaßregeln rechtzeitig zu treffen. England hat ja nicht nur die strengste Ueberwachung der aus den Pestgebieten kommenden Schiffe vorgesehen, sondern auch eine scharfe Kon- trolle der mit diesen Schiffen angekommenen Personen; nicht nur dergestalt, daß diese Personen sich einer scharfen ärzt- lichen Untersuchung und eventuell einer ausreichenden Quarantäne zu unterziehen haben, sondern auch in dem weitern Sinne, daß die Gesundheitspolizei auch für die Folge die angekommenen Passagiere in ihren jeweiligen Anfenthaltsorten noch längere Zeit zu überwachen vermag. Auch in Frankreich hat man wenigstens eine peinliche Quarantäne für alle aus dem Orient kommenden Schiffe vorgesehen und für den Fall einer drohenderen Gefahr weitere Maßregeln ins Auge gefaßt. Es iväre gut, wenn auch Deutschland alle irgend mög- lichen Vorkehrungen zur Verhütung der Einschleppung der Pest rechtzeitig träfe. Es wäre unseres Erachtens nicht nur die strengste Ueberivachung der aus den verseuchten Gebieten kommenden Schiffe geboten, sondern auch eine Ueberwachung der Bahnlinien, die von den mit der transsibirischen Bahn ankommenden Personen benutzt werden können. Eine über- t r i e b e n e Vorsicht wäre auf alle Fälle besser, als z u große Zuversicht, die sich nur zu bitter rächen könnte. Mit Recht sckflägt auch Professor R. Kraus in der Wiener„Neuen Freien Presse" vor, die gefährlichsten Ver- breiter der Krankheit, die Ratten, nach Möglichkeit zu vertilgen. Nicht nur mittels Phosphors könnten die Ratten massenhaft getötet werden, sondern auch mittels bestimmter Bakterienartew, die für Menschen und Haustiere unschädlich seien. Tie Aussetzung von Prämien' für tote Ratten könne ebenfalls zur Eindämnmng der Rattenplage beitragen. Hand in Hand mit diesen Vorkehrungsmaßregeln in Europa selbst müßte eine großzügige internationale Be- kämpfung der Seuche in ihren Heimatsgebieten selbst gehen. Freilich darf man sich von solchen Maßnahmen angesichts des ungeheuren sozialen Elends und der schauerlich unhygienischen Zustände in China und Indien nickst allzuviel verspreckjcn. tzrst die fortschreitende Kultur vermag hier die Vorbedin- gungen zu schassen, die für eine rationelle Bekämpfung der Pest wie auch der Cholera unentbehrlich find. Sehr schlimm ist es auch, daß die kulturellen und hygienischen Zustände in dem großen Nachbarreich Ruß. l a n d gleichfalls nicht weniger als alles zu wünschen übrig lassen. Wie Rußland Westeuropa ständig durch die Cholera bedroht, so auch durch die Pest. Es wäre deshalb die erste und dringendste Ver- pflichtung aller westeuropäischen Mächte, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um endlich auch dem durch und durch korrupten zaristischen System klar zu machen, daß nicht die Niedertnutung aller sortschritt. lichen Elemente, sondern die Schaffung moder- ner staatlicher und sozialer Einrichtungen vonihm Verlangtwerden muß! Solange die preu- ßische Reaktion mit der russischen Reaktion und Korruption liebäugelt und die festeste Stütze des fluchwürdigen zaristischen Systems darstellt, wird die russische Regierung freilich keine Anstrengung machen, für die Hebung der sozialen Lage und die Besserung der hygienischen Verhältnisse des russischen Volkes einzutreten. Wird das gebüttelte russische Volk von den grauenhaften Würgeengeln der Pest und der Cholera überfallen, so flüchtet die besitzende Klasse, der Zar an der S p itze, nach den we st europäischen Ländern, diese dadurch er st recht der Gefahr einer Ver- seuchung aussetzend! Die Gefahr nicht nur der Politischen, sondern auch der physischen Verseuchung der westeuropäischen Kulturstaaten wird also durch die borussische Reaktion in der Verhängnis- vollsten Weife vergrößert! Getchäftsordnungsdebatten und kein Cnde. Daß an den fortwährenden GeschäftSordnungsdebatten, die nicht zur Abküvßung, sondern im Gegenteil zur Verlängerung der Verhandlungen beitragen, einzig und allein die Mehrheit die Schuld trägt, die rücksichtslos die Rechte der Minderheit mit Füßen tritt, dafür lieferte die Freitagsitzung des Abgeordnetenhauses wieder mehrfache Beweise. Zu Beginn der Sitzung nahm daS Haus den konservativen Antrag an, die Geschäftsordnungskommission mit der Re- Vision einiger Bestimmungen der Geschäftsordnung zu beauftragen. Tie Antragsteller suchten ihre Absichten nach Möglichkeit zu ver- schleicrn, aber Genosse Hirsch hing der Katze die Schellen um und wies nach, daß die Tendenz des Antrags die Mundtot- machung der Sozialdemokratie ist. In einer scharfen Erklärung beseitigte er jeden Zweifel daran, daß etwa die sechs Mann sich den Mund verbieten lassen werden. Wir werden das Ergebnis der Kommissionsberatung abwarten und dementsprechend unsere Matznahmen treffen. Hierauf setzte das Hau? die Debatte über die Geheim- f 0 n d s fort. Die Mehrheit zeigte wieder ihr wahres Antlitz. Herr Haar mann von den Nationalliberalen durfte gegen uns polemisieren, der Minister des Innern durfte uns sogar beschimp- ftzn, aber alS wir erwidern wollten, hieß es Schluß. Die Folge Sßdfft C!)* ii 5 tfl Ke�rksZ. Fn seinem NeVH ivutei �!s furchtbare Seuche, seine Armee ist unfertig, die Verfassungs- Bewegung treibt zu inneren Krisen. Von auswärts hat cs keine Hilfe zu erwarten. Der Gegensatz zwischen England und Deutschland,-die beide um Rußlands Gunst buhlen, gibt dem Reiche des Zaren eine Bewegungsfreiheit. die es aus eigener Macht nie erringen könnte. Mit Japan aber hat sich Rußland schon im Vorjahre verständigt, indem es ihm freie Hand in Korea und der Südmandschurei ließ. Dafür läßt Japan Rußland in der Mongolei nach Belieben schalten. Die handelspolitische Sicherung der Mongolei ist auch das nächste Ziel des russischen Vorgehens, dem die mili- tärische Okkupation in kürzerer oder längerer Zeit folgen würde. Ob sie folgen wird, ist freilich eine andere Frage. Heute allerdings ist China ohnmächtig und wird sich den russischen Befehlen fugen müssen. Aber das japanische Bei- spiel hat gezeigt, daß auch der russischen Expansion ihre Grenzen gesetzt sind. * *" London, 17. Februar. Wie daS Reutersche Bureau erfährt, ist die russische Note an China am 15. dieses Monats an den russischen Gesandten in Peking abgegangen. Den interessierten Mächten ist von feiten Rußlands versichert worden, daß eine Ge- bietserwerbung nicht beabsichtigt sei. Form und Ausdehnung der Demonstration gegen China würden zum großen Teil von der Haltung der Regierung in Peking ab- hängen. Wenn aber keine befriedigenden Versicherungen abgegeben würden, gelte es als wahrscheinlich, daß russische Truppen anpieGrenze dirigiert werden. polltHcbe dcberficbt. Berlin, den 17. Februar 191t Kiautschou. Aus dem Reichstag. 17. Februar. Mit� dem Schmerzenskinde der deutschen Weltpolitik, mit dem Schutz- gebiet Kiautschou. hatte sich heute der Reichstag im An- schlutz an den Marineetat zu befassen, da Kiautschou nicht wie die anderen Schutzgebiete dem Kolonialamt, sondern dem Marineamt unterstellt ist. Referent über diesen Etat ist der nationalliberale Abg. G ö r ck e. der im vorigen Jahre eine Spritztour nach Kiautschou auf Reichskosten gemacht hat und nun als Sachverständiger über Kiautschou nicht nur, sondern über die ostasiatische Politik auftritt. Er wurde durch die bewilligungsfreudige Reden der Herren Nacken(Z.) und Eickhoff(Vp.) unterstützt, so daß zunächst die friedliche Ruhe eines Familienkränzchens in dem spärlich besetzten Hause waltete. Die holde Eintracht wurde zunächst gestört durch den Ge- nossen N os ke, der den ablehnenden Standpunkt der Sozial- demokratie mit dem Nachweis begründete, daß die großen Kosten und das Risiko der Okkupation außer allem Verhältnis stehen zu den Vorteilen, die Deutschland daraus erwachsen. Werden doch Jahr für Jahr noch nahezu 8 Millionen Mark in das Gebiet hineingesteckt, mit dem wir einen Handel im Gesamtwerte von 3'/» Millionen Mark jährlich betreiben. Noske bewies auch durch Zitate aus Reisebriefen und Artikeln des Herrn Görcke, daß er die Dinge durch zwei Brillen de- trachtet hat. Das brachte Herrn Görcke wieder auf die Beine. Um zu beweisen, wie nützlich Kiautschou für Deutschland sei, erging er sich in breiten Ausmalungen aller möglichen Einrichtungen und Vorgänge, die ihni dort gezeigt wurden. Unterstützt wurde er nunmehr von Herrn E r z b e r g e r. der sich immer mehr in die Rolle eines freiwilligen Regierungskommissars hineinarbeitet. Er suchte sich ebenso wie Herr Görcke an der Sozialdemokratie zu reiben, indem er in der Ablehnung Kiautschous einen Mangel an„internationaler Gesinnung" zu entdecken behauptete und triumphierend Bernsteins Zu- stimmung zu der Besetzung KiautschouL gegen die sozialdemo- kratische Partei ausschlachtete. Genosse Ledebour zergliederte die Argumente der Görcke und Erzberger. indem er die Widersprüche nachwies, in die sie sich verwickelt hatten, und feststellte, daß es gar nicht darauf ankomme, ob mit den verpulverten 150 Miß. Mark in Kiautschou eine entsprechende Leistung erzielt worden sei, sondern darauf, ob das Interesse Deutschlands die Bei- beHaltung der Kolonie erfordere. Die Sozialdemokratie sei von Anfang an Gegnerin dieser Erwerbung gewesen. Die abweichende Meinung Bernsteins schwäche das nicht ab. Meinungsverschiedenheiten kämen auch in anderen Parteien vor. Herr Erzberger sehe wohl den Splitter in seines Nach- bars Auge, nicht aber das„Spähnchen" im eigenen Auge. Dann versuchte der Staatssekretär v. Ttrpitz noch eine Rechtfertigung der Besitzergreifung von Kiautschou durch eine gequälte Schilderung der Vorteile, die dem deutschen Handel daraus erwachsen, wobei er in die widersinnige Behauptung hineinstolperte, Deutschland brauche Kiautschou als ein Ein- falltor für den deutschen Handel. Auch der freikonservative Herr Dr. Arendt schloß sich der Regierungsphalanx durch polemische Bemerkungen gegen die Sozialdemokratie an, worauf Ledebour nochmals mit den Gegnern abrechnete. Nach Schlutz der Generaldebatte nahm die Einzeldiskussion wenig Zeit in Anspruch. Um 6 Uhr vertagte sich das HauS bis Dienstag. Dann beginnt die Besprechung deS Justiz- e t a t s._ Der Kaiser als Moorbauer. Dem Deutschen Lanbwirtschaftsrat ist heute eine hohe Ehre widerfahren. Nachdem über einen Vortrag des Professors Tacke- Wremen zur Frage der Moorkultur die Diskussion eröffnet worden war, bestieg Wilhelm II. plötzlich mit einer großen Mappe, in der sich, wie sich bald herausstellte, ein wohl ausgearbeitetes Manu- skript befand,, die Rednertribüne und hielt eine Vorlesung über die Erfolge seiner eigenen Moorkulturtätigkeit auf seinem Gute Cädinen und über die Kreuzungsversuche, die dort mit deutschem Rindvieh und indischen Zebubullen, d i e S. M. witzig mit den preußischen Stabsoffizieren in Vergleich stellte, veranstaltet worden find. Ter Vortrag, nach dessen Schluß der Landrat v. Etzdorfff durch Lichtbilder veranschaulichte, in welcher Weise das frühere Moor- land in saftige Weiden umgewandelt worden ist. fand natürlich großen Beifall._ Tie Kürzung der Heizerzulagen. Bei der zweiten Beratung des Marine-Etatü im Reichstag sagte an» Montag der Staatssekretär des ReichSmarineamtS v. Tirpitz: Bei den Zulage,» wünschte der Reichstag eine Revision mit dem Ziel der Ersparung. Sollte da« erreicht werden, so tonnte man nicht einfach von den Zahlmeistern aufwärts an den Zulagen streichen, sondern mußte auch bei den Manttschastsznlagen streichen. Bei den Kapitulanten war es nicht möglich, denn die Kapitulanten gehören bei einer Marina mit allgemeiner Wehrpflicht mit z u dem Knochengerüst. Wir konnten die Zahl der Kapitulanten nicht halten, wenn wir die Zulagen kürzen wollten. Desbalb habe ich mich zur Kürzung der Zulagen der Heizer entschlossen. Die Heizer sind die einzigen von der Mann» schaft, die noch Zulagen erhalten. Nun ist es ja ausgemacht, daß der Heizer zeitweilig einen sehr schweren Dienst hat. Er be- zieht aber auch mit Zulagen bis etwa 30 M., während der gewöhnliche Malrose nur 2o>/z M. insgesamt erhält. Der schwere Dienst der Heizer tritt, wie gesagt, nur zeit- w e i l i g ein, und zwar, wenn das Schiff mit ganzer Kraft fährt. Das ist aber im allgemeinen nur stunden- oder tageweise der Fall. Meist fährt das Schiff mit halber Kraft. Auch ist die Arbeit der Heizer, die dem Laien ja sehr hart erscheint, tatsächlich nicht schwerer als die der andern Matrosen, und es mutz auch berücksichtigt werden, datz die Heizer in der Marine eine sehr genaue Aus- bildung nicht blotz im Heizdienst, sondern auch als Metallarbeiter erfahren, so datz sie nach ihrem Austritt aus der Marine in der Privatindustrie autzerordentlch gesucht sind.(?) Aus allen diesen Gründen konnte ich mich, wenn auch schweren Herzens, zur Streichung der Zulagen für die Heizer entschlietzen. Dazu wird uns von fachmännischer Seite geschrieben. „Die Bussagen des Herrn v. Tirpitz, datz Heizer inklusive Zulagen bis zu 30 M. monatlich beziehen, ist nicht richtig. Die monatliche Löhnung dieses Personals beträgt 10,50 M.. wozu 6 M. Stellen- und 9 M. Fachzulage kommen. Die 9 M. werden aber sofort als Kleidergeld wieder abgezogen und, wenn Kleiderschulden vorhanden sind, kann noch ein Drittel der Löhnung einbehalten werden. Im günstigsten Falle bekommt also der Heizer 16,50 M., di�ober bei Beurlaubungen fortfallen und bei Erkrankungen(auch infolge Ueber« anstrengung) oder Arreststrafen aus 1,80 M. bezw. 8 M. monatlich herabgesetzt werden können. Ebemo verkehrt ist die Behauptung, datz Heizer- und Mattosen- arbeiten gleichartig sind.— Ist Herr v. T. schon so lange der Front fern, daß er den Unterschied vergessen, oder hat er diesen nicht kennen gelernt? Die Matrosenarbeit umsaht, wenn man vom Rudersport absieht.. lediglich Reiuigungs- und Putz- arbeiten(selrener infanteristischen und seemännischen Dienst) in den dem Personal zugeteilten Stationen, könnte also bequem von Frauen verrichtet werden.— Die Heizer dagegen sind von frischer Luft und Tageslicht abgeschlossen, stehen in Ausübung ihres Dienstes mit der Front gegen den über 100 Wärme- grade ausstrahlenden Kessel und Velsen Feuer, während der buch- stäblich in Sckiweitz gebadete Körper von hinten durch Ventilation mit kaltem Luftzug überblasen wird. Sind sie noch nicht zur Feuer- bedicnung ausgebildet, so werden sie in den von Kohlenstaub un- durchsichtigen Kohlenbunkern zum Heranschaffen des Brennmaterials verwandt. Diese Räume sind vielfach so schmal(aus Torpedobooten 30—60 Zentimeter breit), datz die Kohlen unter Lebensgefahr mehr- mals über den Kopf hinweg geworfen werden müssen, und die Tem- peratur darin ist selten unter 60 Grad Celsius." Die Reichstagsersatzwahl in AUenstein. Am 27. Februar findet in A l l e n st e i n die ReichStagSersatz- Wahl statt. Da- Zentrum hat einen Gutsbesitzer, die Polen haben einen crmländischen Pfarrer aufgestellt. Für unsere Partei kandi- diert Genosse H a a s e- K ö n i g S b e r g. Es ist nicht möglich, auch nur eine Versammlung abzuhalten. Wir müssen uns aus eine Flug- blattverbreitung in den grötzeren Ortschaften beschränken. Inzwischen ist es zwischen Polen und Zemrum zu einer ganz allerliebsten Katzbalgerei gekommen. Die Zentrumsleute erklären, die Polen seien nicht? als Sozialdemokralen, was die Polen als „schreckliche Beleidigung" zurückweisen. Das führende Polcnblatt, die„Gazeta OlSztyuska", schreibt aber:„Die Polen im Ermlande kennen nicht einmal die Sozialdemokraten noch ihre Parteistaturen und wollen sie auch nicht kennen lernen.... Aber das mutz man zugeben, datz die Sozialdemokraten im Reichstage und Landtage uns vielfach wohlwollender und gerechter sind als das deutsch» katholische Zentrum."_ Der Kampf gegen de» Fusel. Das Vorgehen der Sozialdemokratie gegen den Funkerfusel hat einen neuen Erfolg zu verzeichnen. Die Einnahme aus der Brannt- weinverbranchsabgabe hat im Januar beim Soll 17,2 Millionen Mark und beim Ist 14,6 Millionen Mark betragen. Die durchschnittliche Monatseinnahme ist im Etat für 1910 auf 15 Millionen Mark an- gesetzt. Die wirkliche Einnahme des Januar hat sich diesem An- schlage angenähert. Trotzdem wird, heitzt es in den«Berl. Pol. Nachr.", damit zu rechnen sein, datz die Branntwein- Verbrauchsabgabe am Ende deS Rechnungsjahres einen beträchtlichen Fehlbetrag aufweisen wird. Sie ist im Etat für daS ganze Jahr 1910 auf 180 Millionen Mark veranschlagt. Sie hat bis Ende Januar noch nickt 126 Millionen Mark erbracht. Selbst wenn der Februar und der März so viel wie der Januar abwerfen würden, so würde immer erst ein Ertrag von noch nicht 169 Millionen Mark erreicht werden. Die Wirklich- teit würde somit hinter dem EtatSanschlage mit einem Betrage von über 20 Millionen zurück» bleiben. ES war deshalb durchaus richtig, datz in den Etats- entwurf für 1911 statt der 189 Millionen, wie im Etat für das laufende Jahr, nur 163 Millionen Mark als Einnahme aus der Branntweinverbrauchsabgabe eingestellt wurden. Der Abg. v. Heydebrand will nicht durchfallen. Es wird gemeldet, datz er außer in seinem durch die Nationalliberalen bedrohten Wahlkreis Militsch-Treb- n i tz auch noch in einem anderen aussichtsreicheren Wahl- kreise kandidieren werde._ Patriotische Dynamitarden. Während einer etwa? verspäteten KaisergeburtSiagSfeier des KriegervereinS Dzietzkowitz bei Myslowitz O.-S. wurde aus einem Fenster des SaaleS«ine Dynamitpatrone zur Explosion ge- bracht, die große Verwüstungen im Saale anrichtete; zahlreiche Personen wurden durch GlaSsplitter verwundet. Die„gute" Presse hatte nichlS Eiligeres zu tun, als in mehr oder minder durchsichtigen Andeutungen die Soziaidemokratie für das Attentat verantwortlich zu machen. Jetzt ist Licht in die Affäre ge- kommen: Als Täter ist ein Mitglied des Kriegervereins verhaftet worden, gegen den die Beweismomente so erdrückende sind, datz seine Schuld außer Frage steht. Als Milwiffer und Helfer bei dem Dynamitattentat soll der Fahnenträger des KriegervereinS stark verdächtig sein. Parteitag der bayrischen Nationalliberalen. Die nationalliberale Partei beruft auf den 19. März einen Landesparteitag nach Nürnberg. Die Beratungen sollen in den Vor- bereitungen für die Reichstagswahl und Aufstellung der Kandidaten bestehen._ Wie die«Vaterländischen" von ihren Führer« bewertet werden. Der Reichsverband Sgeneral v. Muelenz in Rostock, der auch im Rostocker Reichstreuen Arbeiterverein eine große Rolle spielt. hatte in Bliesen und in Versammlungsreden die Arbeiter als„un- reis" bezeichnet. UuserNostocker Parteiblatt nagelte dies fest. Wegen einiger in dem Artikel gebrauchter Ausdrücke klagte der Reichs- Verbandsfeldherr. Der Redakteur unseres BlatteS, Genosse Franke, wurde vom Schöffengericht zu SO M. Geldstrafe verurteilt, 1 In der BerufungSverhandlung, die dieser Tage stattfand, legte der Verteidiger Frankes Wert auf die Feststellung, datz der Artikel in einem Arbeiterblatte sich gegen Aeutzerungen des Klägers wende, die die Arbeiter in ihrer Gesamtheit als unreif bezeichnen. Nach verlegenem Räuspern meinte nun der Herr General, er habe den Ausdruck, unreif" gebraucht und zwar in bezug aus den Vor-' sitzenden des Rostocker gelben Vereins, der auf einer Zusammenkunft der Gelben den Standpunkt vertreten habe, nach dem Benehmen der Konservativen bei der Finnnzrefonn könne auch kein reichs» treuer Arbeiter mehr konservativ wählen. Der Betreffende habe aber seinen Irrtum eingesehen und habe ibm die Zurechtweisung nicht übelgenommen. Er sei heute noch Mitglied und Vorsitzender des vaterländischen Vereins. Er(Muelenz)' habe in dem Verein Gelegenheit genommen, den Mitgliedern klar zu machen, daß die Arbeiter infolge ihres Bildung s- grades überhaupt nicht fähig seien, sich etile politische Meinung zu bilden. Erlaubten sie sich dennoch ein Urteil, so sei dies eben unreif. Die Verhandlung endete mit der Erhöhung der Geldstrafe auf 100 Mark. Eine Beamtenfranen-Petition. Als ein Notschrei stellt sich eine Eingabe dar, die von einigen hundert hessischen Beamtenfrauen in den letzten Tagen der Zweiten Kammer der Hessischen Stände übergeben worden ist. In der Eingabe wird darauf Bezug genommen, datz vor allem die materielle Lage der hessischen Forstwarte eine trostlose sei, und datz bereits im März v. I. bei den Kammerverhandlungen die Redner eine baldige Aufbesserung dieser Beamten als dringend notwendig bezeichnet hatten. „Aber," so heißt es in der Eingabe weiter,„nun ist bald wieder ein Jahr verflossen und noch nichts ist geschehen, was die Lage der hessischen Forstwarte verbessern könnte. Die Folge ist, datz die Rot immer größer und unerträglicher wird. Die Geschäftsordnung der Zweiten Kammer der Stände gestattet unseren Männern nicht, noch weitere Gesuche betr. Bewilligung von Teuerungszulagen zu unter- breiten, und aus diesem Grunde gestatten sich die Frauen der Forst- warte, der Hoben Kammer die ergebenste Bitte zu unterbreiten, für sofortige Bewilligung einer Teuerungszulage von 1,50 M. pro Tag eintreten zu wollen und begründen diese Bitte wie folgt: Datz cs selbst bei den allerbescheidenjten Lebensansprüchen heut unmöglich ist, mit einem Jahresgehalt von 1200—1590 M. sich mit einer starken Familie, ohne zu leiden, durchschlagen zu können, bedarf wohl keiner weiteren Begründung. Es ist dies auch in Hoher Kammer schon wiederholt zugegeben worden. Die Folgen dieser geringen Be- zahlung unserer Männer waren, datz zunächst vorhandenes Ver- mögen zugesetzt wurde, eingegangene Versicherungen verpfändet und beliehen oder, da wir die Polizegebühren nicht bezahlen konnten, ganz aufgegeben, wurden." Es wird dann weiter daraus hingewiesen� daß die Schuldenlast vieler Familien bereits zu einer Unterernäh- rung der Angehörigen geführt haben. Die Statistik der staatlichen Medizinalkasse bestätige, daß die Forstwarte„trotz ihres Verhältnis- mäßig gesunden Berufes" schon 1999 den höchsten Medizixialver- brauch hatten._ Ein«nverbesserlicher Schwätzer. In der Nummer vom 17. Februar der„Mark. Volksztg." nimmt auch Herr E r z b e r g e r zu der von uns festgenagelten Tatsache de» Schuldentilgungsschwindels das Wort. Aber nicht etwa, um gleich uns das im Etat beliebte Manöver, das im günstigsten Falle aus einen plumpen Verschleierungsversuch der Reichsfinanzen hinaus» läuft, zu mißbilligen, sondern um die Geschichte als etwas ganz Selbstverständliches darzustellen. Ja. Herr Erzberger, der Gerne- groß des Zentrums, der seiner Geschwätzigkeit wegen von den führenden Organen der Partei selbst unzählige Male wie ein dummer Schulbub abgerüffelt worden ist, geht in seiner Dreisttg- keit sogar soweit, dem„Vorwärts" vorzuwerfen, ein Idiot, der nicht einmal das Abc des Etats kenne, habe in ihm die F.'derführen dürfen. Wir nehmen das nicht tragisch, und verzichten schon des- halb darauf, Herrn Erzberger die verdienten moralischen Ohr- feigen zn applizieren, weil seine Backen ja ohnehin noch von den Maulschellen geschwollen sind, die ihm die„Kölnische Volksztg." und andere große Zentrumsorgane verabfolgt haben.! Nur die edle Dreistigkeit und freche Unwahrhaftigkeit dieses Pimpcrl Wichtig sei kurz aufgezeigt. Herr Erzberger gibt aus dem „Vorwärts" die Darstellung wieder, wonach die 89,6 Millionen im ordentlichen Etat einmal für Schuldentilgung be- stimmt werden, während sie unmittelbar darauf im außer- ordentlichen Etat zur Deckung von allerhand Marine- und Heeresausgaben dienen müssen. Herr Erzberger ist so gnädig, zuzugestehen, daß in der Tat eine Bilanzfälschung vor- liege, wenn es so wäre, wie es der„Vorwärts" darstellt. Das sei aber nicht so, denn wenn der«Vorwärts" auch nur einen flüchtigen Blick auf den Etat geworfen hätte, würde er entdeckt haben, daß die 89,6 Millionen im ordentlichen Etat ja nur formell zur Tilgung der ReichSschulS eingesetzt worden seien, während sie in Wirklichkeit ja gar nicht zur Schuldentilgung ver- wandt worden, sondern einfach in die Einnahme des außer- ordentlichen Etats gewandert wären, um dort das Anleihe- soll herabzudrücken. Das gehe ja deutlich aus der Bor- schrift im ß 2 des Etatsgesetzes hervor, wonach der Reichsschatz- sekretär die Ermächtigung erhalte, die für die Schuldentilgung bestimmte Summe auch für die Verminderung des Anlcihebcdarfs zu verwenden. Das habe der„Vorwärts" nicht gewußt, und nur d c S- halb habe er von einem angeblichen Schwindel sprechen können. In Wirklichkeit liegt der Schwindel ganz auf der Seite des Herrn Erzberger. Denn die große Entdeckung der Be- stimmung de?§ 2 des Etatsgesetze«, die am 17. Februar Herr Erzberger triumphierend verkündet, ist vom„Vorwärts" selbst be- reits am 8. Februar den Lesern mitgeteilt worden. Mitgeteilt worden dergestalt, daß wir den ganzen Z 2 w ö r t l i ch wiedergaben und gerade an der Hand dieser Bestimmung zeigten, ein wie aufgelegter Schwindel die ganze sogenannte Schuldentilgung sei. Daß Herr Erzberger das übersehen haben könnte, ist völlig ausgeschloffen. Denn noch in unserer letzten Sonntagsnummer haben wir ja die betreffende Stelle des„Vor- wärtS", in der dieser Hinweis enthalten war, in aller Ausführlich- keit nochmals wiedergegeben. Herr Erzberger schwindelt also mit vollem Bewußtsein. Er tischt seinen Zentrumslesern direkte Lügen auf. Daß Herr Erzberger aus Blockgesälligkeit selbst vor, einer derartigen moralischen Skrupellosigkeit nicht zurückschreckt� vervollständigt das Bild dieses angenehmen Zeitgenossen. «Die harte«nd die„weiche" Militärjustiz." Vor einigen Wochen wurde der Unteroffizier Obertbür vom WandSbeker Husaren-Regiment wegen Mißhandlung in vielen Fällen zu ganzen sechs Wochen' Mitlelarrest verurteilt, obgleich der Ankläger meinte, daß der namentlich in den Kavallerieregimentern bestehenden Neigung zu Mißhandlungen nur durch harte Strafen entgegengewirkt werden könne. Gegen diesen Unleroffizier. der mit Hand, Faust, Peitsche und Säbelkoppel auf seine Untergebenen losdrosch, schwebt noch einMacktrag von 17 Mißhandlnngsfällen. Der Angeklagte hatte sich abermals vor dem' Kriegsgericht der 17. Division(Hamburg) zu verantworten. Er entschuldigte seine Straftaten mit Diensteifer und fand auch milde Richter. DaS Urteil lautete auf— acht Tage M i t t e l a r r e st. Beim 31. Jnfanterie-Regiment in Altona war ein Diebstahl vorgekommen, und da einmal gegen einen Unteroffizier ein Ver- jähren wegen Diebstahls geschwebt hatte, äußerte der Musketier G. die Ansicht, dasi ebensogut ein Unteroffizier tvie ein Gemeiner den Diebstahl ausgeführt haben könne. Hierin wird eine Verall- gemeinerung und somit eine Beleidigung der gesamten Unteroffiziere der S. Kompagnie erblickt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu vier Wochen st ramm. Es bleibt also bei der alten Praxis: weich nach oben, hart «ach unten._ Ocrtcmicb. Tic passive Resistenz Wien» 17. Februar. Wie Nachrichten aus Trieft besagen, ivird die passive Resistenz dort heute unvermindert auf- rechterhalten. Die Frühzüge sind mit erheblichen V e r- spätungcn abgelassen worden. Auf den P o st ä m t e r n sind gestern soviel Postsendungen unerledigt geblieben, daß mit der Ab- fertigung der heutigen Sendungen erst am Nachmittage begonnen werden kann. Der Telegraphen- und Telephonverkehr erleidet bedeutende Verzögerungen. In hiesigen Handels- kreisen steigert sich die Besorgnis über die die gesamte Handclswelt empfindlich schädigende Wirkung der Resistenz. firankmcb. Tie Frcilaffunq Turauds. Paris, 16. Februar.(Eig. Ber.) Die Befreiung Durands aus der Haft, mit der Aussicht, die sie auf die voll- ständige Rehabilitierung des den Klauen der Klassenjustiz Entrissenen gewährt, wird überall, wo organisierte Arbeiter gegen die Kapitalsmacht kämpfen, Genugtuung und Fraide erwecken. Daß die Gutmachung des Justizunrechts, das dem verblendeten Hasi eines Klassengerichts entsprungen war, nicht wie im Essener Fall lange Jahre auf sich warten ließ und daß der der Freiheit wiedergegebene Durand die S-chädigung, die die Aufregungen der vergangenen Monate seinem Gesund'- heitszustand zugefügt haben, hoffentlich bald vollständig über- winden wird,— diese tröstlichen Umstände dürfen ein klein wenig Erbitterung von den Gemütern nehmen, auf denen die Vorstellung des unschuldig in die Kerkernacht Geworfenen wie ein Albdruck gelegen hat. Millionen Herzen in der ganzen zivilisierten Welt heißen den in die Freiheit, zum weiteren Kampf für die Arbeitersache zurückgekehrten Durand will- kommen. Nun aber, da die Aufgabe der Befreiung vollendet ist, darf und muß man die Umstände und Mittel, denen sie zu danken ist, prüfend ins Auge fassen, ohne Befangenheit, Ueber- Hebung und Selbsttäuschung. Vor allem heischt die Frage, welchen Anteil die Arbeiterorganisation und die Arbeiter- bewegung an ihr hat, eine Antwort. Und diese muß dahin lauten, daß zweifellös ohne die prachtvolle Solidarität, die dos französische und das internationale Proletariat in dieser Affäre kundgegeben hat, die Aktion für Durand die öffentliche Meinung unmöglich dermaßen hätte bewegen können, daß aber die Befreiung selbst nicht als ein im Kampf errungener Sieg des Proletariats betrachtet werden darf. Es wäre nicht richtig, zu sagen, daß sich die französische Bourgeoisie mit dem Bluturteil von Rouen identifiziert hätte. Wohl hat dieses im ersten Augenblick bei der großkapitalistisckien Presse infame Ausbrüche des befriedigten Rachegefühls hervorgerufen— hat doch der„Temps" es als„wahrhaft menschlich" bezeichnet—, aber auch die Söldlinge des Scharfwachertums begriffen schnell, daß es für die Bourgeoisie nur gefährlich sein kann, in Zeiten. Ivo der Klassenkampf nicht die Form einer Krise aitaeiupuuroni hat, den.Klassenci?arakter der Justiz allzusehr zu entschleiern, und sie hielten sich zürück, als die Anwälte Durands aus dem Lager der bürgerlichen Demokratie Zuzug bekamen. Es wäre durchaus ungerecht, die Bemühungen des radikalen Deputierten M e u n i e r und der zahlreichen bür» gerlichen Ideologen in ihrem Effekt geringer einzuschalen als die Aktion der Arbeiterschaft. Sicherlich— diese hat den Antrieb gegeben, ober die Bewegung hat schließlich einen humanitör-ideologischen Charakter angenonnnen, der ihrer Wirkung keinen Schaden getan hat. Sagen wir es offen— er hat ihr besser gedient als die Drohnoten der C. G. T., an deren Verwirklichung bei dem augenblicklichen Zustand der Gewerkschaftsorganisation niemand geglaubt hat. Gewiß, Partei und Gewerkschaft haben beide ihre Pflicht vollauf getan— uiü> daß sie es ohne Reibungen getan haben, ist sehr erfreulich— aber Durands Rettung ist weniger der gebieten- den Macht der Arbeiterbewegung zu danken» als vielmehr dem Umstand, daß diese in Frankreich noch nicht so groß ist, um in den besihenden Klassen Panik und besinnuirgslose Wut zu erzeugen- und die idealistischen Antriebe und die Garantien der Demokratie zu unterdrücken. Rußland. Der Kampf in den Hochschulen. Petersburg, 16. Februar. Heute früh wurde die Polizei auS den Jnnenräumen der" Universität zurück- gezogen und vor den Aus- und Eingängen sowie in den Seitenfluren aufgestellt. Die Erregung der Studenten hielt an. Sie st orten die Vorlesungen, selbst die des Rektors, und gössen zu diesem Zweck in den Hörsälen für orientalische Wissenschaften übelriechende chemische Flüssigkeiten aus. Darauf drang die Polizei wieder in die Universität und verhaftete etwa zwanzig Hörer, die zur Polizeiwache gebracht wurden. Die Studenten erklärten, sie würden sich nicht eher beruhigen, bis ihre verhafteten Kommilitionen freigelassen seien. Ein Professor wurde von den Studenten mit Gewalt auL dem Hörsal und dem Universitätsgebäude entfernt. • Der Kampf der russischen Studenten wird mit ungeschwächter Kraft fortgeführt.. Trotz, der sorgsälligen Ueberwachungsniaßregeln der Administraiion, die die Universitäten vollkommen unter Polizei- aufsicht gestellt hat, ist es den Studenten auf den meisten Hochschulen gelungen, kurze Versammlungen abzuhalten, um die Streikresolution des studentischen Koalitionskomitees anzunehmen. Die Sachlage ist den Studenten so klar, daß es keiner langen Diskussion bedarf,.um die An- nähme dieser Resolution zu sichern. Zurzeit läßt sich noch kein genaues Bild der Protestbewegung im ganzen Reiche geben. Nach den vor- handene», Angaben wurde der Streik durchgeführt in, den meisten Hochschulen in Petersburg lvon den größeren Anstalten wurde die Streikresolution nur im Technologischen Institut mit geringer Mehrheit abgelehnt), Moskau, Kiew, Charkow usw. Wo die Hochschulen noch nicht geschlossen sind, werden die Vorlesungen nur von einem kleinen Häuflein von„Akademisten" besucht. In Odessa, der Hochburg des echtrussischen Terrors. finden die Vorlesungen in der Universität unter militärischer Bedeckung statt. Wie von dort berichtet wird, sind in der lllnversität auf allen Gängen Polizisten aufgestellt, die jeden Schritt der. Studenten überwachen. In besonderen Verzeichnissen wird die Ankunftszeit eines jeden Stndenten notiert. Aus PeterSbmg wird berichtet, baß Stolypin die Schließung der Hochschulen unter allen' Umständen verhindern will. Er schreckt zu diesem Zweck vor keiner Brutalität, vor keiner Repression zurück, unbekümmert um die Folgen, die diese Gewaltpolitik für die Hochschulen und die Studentenschast haben mutz. Die Regierung hat ver- fügt, daß alle relegierten Studenten und Studentinnen sofort nach den entferntesten nördlichen Gouvernements depor- tiert werden, und umgekehrt. daß alle, die von den Behörden auf administrativem Wege ausgewiesen wurden, von den Hochschul- behörden relegiert und des Rechtes verlustig erklärt würden, in eine andere russische Hochschule einzutreten. Nach annähernden Schätzungen auf Grund der Preßberichte beläuft sich die Zahl der verhafteten, ausgewiesenen und relegierten Studenten schon jetzt auf zirka 2000. und täglich kommen neue Nachrichten von Massenverhaftungen und Massenausweisungeu unter den Saldierenden hinzu. Das Moskauer Studentenorgan„Stimme der Studentenschaft" charak- terisiert den Kurs der Regierung folgendermaßen: „Man unternimmt jetzt eine chirurgische Operation, die den Tod des Organismus selbst nach sich ziehen muß.... Es wird von nun ab keine Studentenversammlungen, keine Demonstrationen geben, da es nunmehr keine Studentenschaft geben wird. Es wird bloß ein kleines Häuflein von„Akademisten" übrig bleiben, die mit der Universität nichts zu tun haben, da sie dort nur erscheinen, wenn sie mit der radikalen Studentenschaft einen Kampf führen niüssen. Man wird nun ein Schloß vor die Tür der Hochschule hängen und den Sieg über die Studentenbewegung feiern können." Auch gegen die liberalen Professoren wird jetzt mit größter Strenge eingeschritten. Die echtrussischen Scharfmacher verlangen, daß nicht nur die Studenten, sondern auch die Professoren verbannt werden. General Tolmatschow, der Selbstherrscher von Odessa, hat den Universitätsreltor beauftragt, die„radikalen" Professoren davon in Kenntnis zu setzen, daß diejenigen, die nicht rechtzeitig die Borlesungen wieder aufnehmen. unverzüglich ausgewiesen werden würden I In T o m s k wurden die Professoren in Gegen- wart der Studenten vom Kurator wie Schulbuben abgekanzelt. Auch in den übrigen Universitätsstädten müssen sie sich die un- verschämteste Einmischung der Polizei in die Unwersitäts- angelegenheiten gefallen lassen und die Rolle von Polizei- bülteln spiele». Zu spät erkennen die liberalen Professoren, daß sie durch ihre bisherige Haltung der Reaktion nur Vorschub ge- leistet haben. Anstatt den Vergewaltigungen der Regierung mann- haften Widerstand zu leisten, erwiesen sie sich nur mutig im Kampfe gegen die Studenten, die von ihnen feige im Stiche gelassen wurden. Jetzt bleibt ihnen natürlich nichts anderes übrig, als den Kreaturen StolypinS das Feld zu räumen. Der Rektor und Prorektor der Moskauer Universität haben bereits ihr Amt niedergelegt, mit der Begründung, daß sie unter den obwaltenden Verhältnissen die Ver- antwortung nicht tragen könnten. Ihrem Beispiele werden wahr- scheinlich noch viele andere Professoren folgen müssen. Daß dadurch eine enorme Verschärfung der Universitätsfrage erzielt werden wird, liegt auf der Hand._ Revolutionärer Idealismus. Man schreibt uns aus W a r s ch a u: Auch unsere Universität ist wieder im Streik. DaS ist in- sofern bemerkenswert, als die polnische national gesinnte Jugend die Universität boykottiert und deshalb in den letzten Jahren die Hörerschaft sich fast ausschließlich auS Russen zusammensetzt, und zwar aus Russen, die man dazu animiert, diese Universität auf- zusuchen. Es überwiegen also die jungen Leute, die die Re- gierung für ihre Politik der Bekämpfung des Polentums zu er- ziehen hofft und denen sie daher verschiedene Begünstigungen ge- währt. Einen großen Prozentsatz bilden z. B. die Zöglinge der kirchlichen Seminare, die man zu anderen russischen Hochschulen nicht zuläßt, die aber in Warschau ohne irgendeine Prüfung im- matrikuliert werden. Aber der Geist der Revolution, den die Machthaber gemordet zu haben glauben, erfaßt auch diese Studenten. Auf einer der geheimen Versammlungen wurden mit großer Majorität auf Antrag des Vertreters der Sozialdemokratie Rusfisch-Polens zwei Resolutionen gefaßt, von denen die erste die Studenten auffordert, sich in den Dienst der proletarischen re- volutionären Bewegung zu stellen, während die andere die Forde- rungen in bezug auf die Freiheit der Universitäten formuliert. In dieser zweiten Resolution wenden sich die Studenten speziell gegen die Russifikationspolitik und erklären, die Warschauer Universität müsse polnisch sein, die Vorlesungen müssen in polnischer Sprache gehalten werden. Da die russischen Studenten dieser Sprache nicht mächtig sind, erheben sie hier eine Forderung, die ihren persönlichen Interessen direkt zuwider ist, und liefern damit emen Beweis für ihren revolutionären JdealiMM Rumänien. Sozialistische Kandidaturen. Am 3. März finden in Rumänien Neuwahlen statt. Zum erstenmal wird die sozialistische Partei selbständig in den Wahlkamps treten und eigene Kandi- daten in elf Wahlkreisen, davon sieben in Bukarest, aufstellen. Unter den Kandidaten befindet sich auch Genosse C. Ra- k o w s k i. Ein Wahlsieg ist durchaus nicht ausgeschlossen und man darf hoffen, daß bald auch in dem rumänischen Paria- ment, einem der reaktionärsten der Welt, das auf Grund eines dem preußischen ähnlichen Wahlrechts gewählt wird, die Stimme der Sozialdemokratie wird gehört werden müssen. Türkei. -- Die Ministerkrise. Konstantinopel, 16. Februar. Nach einem mit 63 gegen 18 Stimmen gefaßten Beschluß der jungtürkischen Kammerpartei hat der Obmann H a l i l das Portefeuille des Innern an- genommen. Damit scheinen die Befürchtungen, daß eine tiefer- gehende Ministerkrise eintreten werde, hinfällig. Eine Depesche an das Ministerium des Innern aus H o d e i d a meldet: Die Nebellen versuchten in Mctuh bei Menaha einzu- dringen und wurden unter großen Verlusten zurückgeschla- gen. Die Zahl der Rebellen, welche um Menaha stehen, ist gering. Amerika. Der Berttag mit Kanada. Zll welchen Mitteln die Hochschutzzöllner greifen, um den andelSvertrag mit Kanada zu hintertreiben, der die erste resche in das Hochschutzzollsystem legt, beweist die Ein- bringung einer Resolution durch das Kongreßmitglied B e n n e t, in ber befürwortet wird, in diplomatische Unter- Handlungen zum Zweck der Annektierung Kanadas ernzuttcten. Der Zweck der Resolution, die das größte Auf- sehen hervorruft, ist, in England und Kanada den Gegnern des Verttages eines Agitationswaffe zu liefern. Es soll die Befürchtung erregt werden, daß die Vereinigten Staaten den Handelsvertrag nur als ersten Schritt zu einer vollständigen Vereinigung betrachten, und so in Kanada der Opposition gegen den Vertrag ein zugkräftiges Slrgument geliefert werden. Washinglvn,'17. Februar. Die Rcfolufum SeS Nessublikäfiet? Bennet ist von dem Ausschuß des Repräsentantenhauses für Aus- wärtige Angelegenheiten mit neun gegen eine Stimme abgelehnt worden._ Hus der partei* Sitzung der Kontrollkommission. Die Kontrollkommission der sozialdemokratischen Partei hat in einer Sitzung Stellung genommen zur Ersatzwahl eines Vorsitzenden der Partei an Stelle des verstorbenen Genossen Paul Singer. Die Kontrollkommission kam in Rücksicht darauf, daß der nächste Parteitag wahrscheinlich früher als sonst tagen wird, zu dem Beschluß, von dem ihr nach§ 15 des Organisationsstatuls zustehenden Wahlrecht keinen Gebrauch zu machen, die Wahl vielmehr dem nächsten Parteitag vorzubehalten. Verlorene Liebesmüh! Gegen den Genossen Wendel als Verfasser der Broschüre: „Hie Fleischwucher, hie Gottesgnadentum", war auf die Denun- ziation des Junkers Heydebrand von der Lasa und des Dr. W a g- n e r, dem Gegenkandidaten von Wendel in Freiberg i. S., von der Staatsanwaltschaft ßl n! I a g e wegen M a j e st ä t s- beleidigung erhoben worden. Die Beschlußkammer hatte schon vor einigen Wochen die Eröffnung des Verfahrens abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft beschwerte sich beim Oberlandesgericht, wurde aber Freitag mit ihrer Berufung abgewiesen. Jugendbewegung. Auflösung ber— Jugendbewegung!! Der Polizeipräsident von Köln hat den lang gesuchten Stein der Weisen gesunden— er hat das fieberhaft gesuchte uns eh!« bare Mittel entdeckt, smit dem der vermaledeiten freien Jugendbewegung der Garaus gemacht werden kann. Wie bei vielen bedeutenden Erfindungen überrascht die Lösung des Problems durch ihre verblüffende Einfachheit. Der Kölner Polizcichef vernichtet die Jugendbewegung, indem er sie für einen politischen Verein erklärt und diesen von ihm selbst kon- struierten politischen Verein wegen Aufnahme jugendlicher Mit. glieder auslöst! Der Vorsitzende des Kölner Jugendaus- schusses, Genosse Sollmann, erhielt zu diesem Zwecke folgende Verfügung: „Hierdurch setze ich Sie als den Vorsitzenden des Jugend- ausschusses Hierselbst, welcher den Vorstand des Vereins „Freie Jugendbewegung Köln" bildet, davon in Kenntnis, daß ich diesen Verein mit seinen in den Vororten Ehrenfeld, Deutz, Kalk und Poll bestehenden Unterabteilungen hiermit gemäß§ 2 Absatz 1 des Reichsvereinsgesetzs vom 19. April 1908 aus nachstehenden Gründen für a u f g e l ö st erkläre: Nach den angestellten Ermittelungen wird die„Freie Jugendbewegung" hiersclbst von bestimmten Personen, die den Jugcndausschuß bilden, geleitet und ist eine Vereinigung mehrerer zur Verfolgung bestimmter gemeinschaftlicher Zwecke, trägt also die Merkmale eines Vereins. Dieser Verein be- zweckt, da er nach den in der Oeffentlichkeit hervorgetreteneu Kundgebungen Propaganda für die Ziele� der Sozialdemokratie_ macht, eine Einwirkung auf politische Angelegenheiten und zählt zu seinen Mitgliedern nicht nur eine große Anzahl von Per- sonen, welche das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, sondern ist, wie erst neuerdings wieder in der am 27. vorigen Monats abgehaltenen Sitzung des hiesigen Gewerkschaftskartclls zur Sprache gekommen ist, auch bestrebt, weitere Personen unter diesem Lebensalter als Mitglieder zu gewinnen. Da- mit verfolgt der Verein einen Zweck, der den Strafbestimmungen in§8 17, 18, Nr. 5 und 18, Nr. 6 des Reichsvereinsgesetzes zuwiderläuft. Sie sind berechtigt, auf Grund§ 2, Absatz 2 des Reichsvereinsgesetzes diese Auflösungsversügung im Wege deS VerwaltungsstreitversahrenS anzufechten. gez. v. Weegmann." Nun sage noch einer, daß die preußische Polizei nicht findig ist— abgesehen natürlich von Fällen, wo es sich um die Ermitte- lung von Mördern und polizeilichen Verbrechern handelt! Diese Idee, eine Bewegung aufzulösen, ist doch einfach genial, fast so genial wie die Idee des Marinestaatssekretärs, die Unzufrieden- heit durch Verbot aüs der Welt zu schaffen! Es ist wahrlich schwer, bei dieser Verfügung ernst zu bleiben. Aber über der unwiderstehlichen Lachlust, die dieser polizeiliche Geniestteich in unS erweckt, wollen wir doch nicht vergessen, daß die Sache im Grunde genommen sehr ernst ist. Denn die unmögliche Verfügung des Kölner Polizeichefs zeigt doch das eine nur zu deutlich, daß nämlich die Regierung entschlossen ist, mit asten, selbst den unglaublichsten Mitteln die freie Jugendbewegung zu er- drosseln. Unk» wenn ihr das selbstverständlich auch nie und nimmer gelingen wird, so wird ihr Bestreben der Bewegung doch mancherlei Hindernisse in den Weg legen. Sic werden über- wunden werden, aber nur, wenn dieser neueste Anschlag der Re- aktion auf die Arbeiterjugend allerorten als dringlicher Ansporn empfunden wird, alle Kraft für den Fortschritt und die Weiter- cntwickelung der freien Jugendbewegung einzusetzen. Die Kölner Arbeiterjugend hat dem Polizeipräsidenten die rechte Antwort zugedacht. Die„Rheinische Zeitung" teilt mit: «Die erste Antwort wird den Gegnern der freien Jugend- bewegung am kommenden Sonntag, den 19. Februar, erteilt werden. Es ist auf nachmittags 3 Uhr in den großen Saal des Volkshauses eine große unpolitische Protest ver- sammlung einberufen. Thema: Polizeikampf gegen die Jugenderziehung. Redner: W. Soll-! mann(Köln)." Zu der Verfügung selbst sagt unser Kölner Parteibkatt treffend: „Diese Verfügung übertrifft an Kuriosität alle anderen Er- scheinungen, die die Auflösungsepidemie gegen die freie Jugend- bewegung bis jetzt hervorgebracht hat. Bisher begnügte man sich mit der Auslosung der unpolitischen Jugendorganisationen. Das war schon ungesetzlich, hatte aber wenigstens einen logischen Sinn. Der Hieb dagegen, zu dem hier ausgeholt wird, saust planlos durch die Luft, denn der Verein„Freie Jugendbcwc- gung" besteht nur in der Phantasie der über die Erfolge der proletarischen Jugenderziehung bestürzten Ordnungsmänncr. In blindem Eifer stürmt man gegen ein Phantom an. Mit dem gleichen„Rechte" könnte die Polizei auch„die Abstinenz- bewegung" oder„die Sittlichkeitsbewegung" oder jede andere Bewegung auflösen.— Die von Freund und Feind anerkannten' Bemühungen um die Erziehung der Arbeiterjugend erleiden natürlich keinen Augenblick eine Unterbrechung. Gegen alle Jugendverduininung und-Verrohung, gegen Alkohol und Schundliteratur, vorwärts für eine frei, gesunde Jugend! bleibt die Losung. Für alle Arbeitereltern wird es aber um so mehr heiligste Pflicht, ihren Nachwuchs den freien Jugendveranstaltungen zuzuführen. Selbstverständlich wird gegen das ungeheuerliche Vorgehen deS Mizeipräjjdentcn der Rechtsweg beschritte«.". GewerkfcbaftUcbeB. ßctgtfcbc Hrbcitcrvcrtrctcr in Dcutfchtand 1 Mail schreibt uns aus Brüssel: Der Gedanke einer Studienreise belgischer Geiverkschafis- funktionale nach Deutschland, der auf dem jüngsten belgischen Gewerkschaftskongreß vom Genossen de Man vertreten wurde, hat einen Erfolg gehabt, der alle Erwartungen übertrifft. Die Zahl der Bewerber, die von ihren Organisationen als Teilnehmer vorgeschlagen wurden, fft so groß, daß man beschließen mußte, i m Sommer eine zweit e derartige Reise zu v e r a n st a l t e n. An der ersten Reise, die vom 26. Februar bis zum 3. oder 5. März dauern soll, werden 29 Genossen teilnehmen; für die zweite sind schon ein Dutzend Teilnehmer angemeldet. In Anbetracht des propagandistischen Zweckes der Ver- anstaltung, die dazu beitragen soll, die Tendenz zur modernen Gewerkschaftsmethode und insbesondere zur zentralistischen Organisationsform in der belgischen Arbeiterbewegung zu verstärken, ist es besonders erfreulich. daß gerade die noch nicht auf modern- zentralistischer Grundlage stehenden Gewerkschaftsorganisationen sich am zahlreichsten beteiligt haben. So werden an der ersten Reise nur 3 Ver- treter von Zentralverbänden teilnehmen; alle übrigen teil- nehmenden Gewerkschaftsfunktionäre sind von lokalen oder provinzialen Organisationen oder von noch nicht zentralisierten Nationalföderationen delegiert. An der Spitze stehen die Metallarbeiter mit 11 Delegierten von 8 verschiedenen Organisationen, die in der Nationalföderation der Metall- arbeiter vereinigt sind. Von den übrigen Teilnehmern sind 2 Bauarbeiter, 1 Bergarbeiter, 1 Buchbinder. 1 Fabrik- arbeiter. 2 Häfenarbeiter, 1 Holzarbeiter, 1 Pflasterer und 4 Textilarbeiter, darunter 1 Vertreter der revolutionär- syndikalistisch angehauchten Wollweberfödcration von Verviers. Das vlännsche und das französische Zentralorgan der Arbeiter- Partei haben je einen Redakteur abgeordnet: für den„Peup le" den Genossen Fischer, für den„V o o r u i t" den Genossen B o g u c r t s. Als Partcivorstandsmitglicd nimmt Genosse de Broucköre an der Reise teil, und als Führer und Ucbersetzcr wird Genosse de Man fungieren. Dem viertägigen Aufenthalt in Berlin, von dem drei Tage den Gewerkschaften und ein Tag der Partei ge- widmet werden sollen, geht�ein etwa zweitägiger Aufenthalt einer kleineren Gruppe, worunter der Nationalsekretär der Bergarbeiter Lombard, in Bochum voran, wo die Einrichtungen des Bergarbeiterverbandes studiert werden sollen. Am fünften Tage des Aufenthaltes in Berlin, dem Freitag 3. März, sollen noch gruppenweise Besuche mit einem besonderen beruflichen Interesse stattfinden. Den Sonnabend werden die meisten Teilnehmer in Leipzig verbringen, wo die wichtigsten lokalen Arbeiterorganisationen, der Konsuniverein Lcipzig-Plagwitz usw., besucht werden sollen. Am Sonntag- abend sollen alle wieder daheim sein. Es ist mehr als die Hälfte aller belgischen Gewerkschafts- angestellten, die an dieser Reise teilnimmt. Eine derartige nahezu allgemeine Pilgrimfahrt vom einem Lande zum anderen, zu dem ausgesprochenen Zwecke, die in dem fort- geschritteneren Lande bestehenden Einrichtungen und Methoden kennen zu lernen, um sie aufs eigene Land übertragen zu können, ist eine in der Geschichte der internationalen Arbeiter- bewegung neue Erscheinung. Kein Wunder also, daß die deutschen Genossen, die mit dem Empfang und der Information des belgischen Besuches zu tun haben werden, eine besonders freundliche Bereitwilligkeit an den Tag gelegt haben, um ihnen den Aufenthalt so lehrreich und angenehm als möglich zu gestalten. Lerlln und Umgegend. Achtung, Fleischergesellen! Die Sperre über die Firma T h o m c z i ck, Z o s s e n e r st r. 37, besteht weiter. Wir ersuchen, daselbst keine Arbeit anzunehmen. Zentralverband der Fleischer. In der Tonwarenfabrik von Gustav Krüger, Pankow, Berlinerstr. 69, sind Differenzen ausgebrochen. Grund ist folgen- der. Da die Arbeiter bei einer Arbeitszeit von 12— 13 Stunden täglich nicht über 35 Pf. pro Stunde verdienten begannen die Arbeiter sich zu organisieren. Aus diesem Grunde sind die beiden Ver- trauensleute E m m e r und N e u m a n n durch Krüger aus dem Betriebe entfernt worden, was ihre Kollegen nicht ruhig hin- nehmen wollten. Auf Vorstelligwerden der Kommission dahin. daß die beiden Gemaßregelten wieder eingestellt werden möchten, ist dieser ein abschlägiger Bescheid zuteil geworden. Die Kollegen der Gemaßregelten haben darauf einstimmig die Arbeit nieder- gelegt. Die Arbeiter klagen auch über andere Mißstände, so zum Beispiel Abzug der Strafgelder nach Belieben der Werkführer, un- genügende Beleuchtung der Arbeitsplätze sowie von Flur und Treppen. Vom Verband der Maler ist die Sperre über die Firma Seelig u. Jvens, Reinickendorf, Eichbornstr. 77. aufgehoben, nachdem einer der Firmeninhaber auf dem Verbandsbureau die Quittungen über den ausgezahlten Lohn vorgelegt hat. veutkckes Reich. Gefchäftsreklame einer Streikbrechervermittelungsfirma. Die berühmte Firma Fr. A. Müller in Wandsbek bei Hamburg versendet an die Unternehmer gedruckte Prospekte, die die Leistungsfähigkeit dieser Firma in der Verhökerung von Streik- brcchern einem verehrten Unternehmerpublikum anpreisen. Mit dem deuffchen Reichsaar gekrönt, firmiert„Internationaler Ar- beitsnachweis",„Größtes Bureau Deutschlands für Streikange- legenheiten", bezeichnet der Prospekt dieser dem Staate besonders nützlichen Firma als Spezialität ihres Geschäftsbetriebes: Be- schaffung von Arbektswilligcn bei Lohnkämpfen. In unlauterem Wcitbelverb mit den Airpreisungen der Pro- spekte über die Nützlichkeit des Blutreinigungstees oder des Busen- wassers verursacht der Prospekt der Firma Müller durch die geniale Satzbildung geradezu Bauchgrimmen. Man höre: „Infolge heutiger Lage auf dem Arbeitsmarkte und des Vorgehens der organisierten Arbeiterschaft, sowie deren Organe, hat es sich obiges Bureau zur Aufgabe gemacht, bei vorkommenden Streiks und Sperren den Herren Arbeitgebern arbeitswilliges Personal guter Qualität in jeder gewünschten Anzahl sofort zur Verfügung zu stellen... Die Arbeitswilligen stehen der Oeffentlichkeit stets näher, als die Streikenden. Unsere Vermittelung hat also auch vom Standpunkte des Arbeitnehmers immer den Rechtsboden unter den Füßen." Schön gesagt? In schwulstiger Form wird weiter bramarbasiert, daß die Firma in einem Zeitraum von 8 Tagen 8090 Leute stellen, in L Jahren bei 40 größeren Streiks S000 Siebenmonatskinder geliefert habe und eine Arbeitswilligenkolonne von 400 gelernten Arbeitern auf telegraphischcn Anruf sofort nach einem vom Streik bedrohten Werke dirigieren könne. Und umstehend im Prospekt sind Dank- sagungen von Firmen über die Vorzüglichkeit der gelieferten Stück- zahl Streikbrecher zu lesen, so da ihre treuen Fridolindienste ver- richteten, ohne sich durch Drohung oder List von den Streikenden stören zu lasten. Eine nur oberflächliche Betrachtung der im Pro- fpekt aufgeführten Firmen zeigt, daß es mit diesen Danksagungen dieselbe Bewandtnis hat, wie mit den in den Geheimmittel-Pro- spekten aufgeführten. Manche Firma, die sich— vielleicht in ihrem ersten Zorn über die unbotmäßigen streikenden Arbeiter und aus vorzeitiger Freude über die Rausreißer— dort lobend über die gelieferte Arbeitswilligcnware ausspricht, finden wir als Unter- zeichner eines später abgeschlossenen Tarifvertrages wieder. Mit der Zuverlässigkeit dieser Dankschreiben sieht es also sehr windig aus. Achtung» Schuhmacher! Bei der Firma H e r z- Schuhfabrik Frankfurt a. M. sind mit den Zuschneidern Differenzen ausge- brachen. Erst vor 3 Wochen sind dort Vereinbarungen mit der Or- ganisation getroffen worden, die die Firma versucht, zu ihren Gunsten umzuändern. Da die Zuschneider auf dieses Angebot nicht eingingen, setzte die Firma die Arbeitszeit herab und erklärte den Zuschneidern, daß sie nunmehr gezwungen sei, andere Zu- schneider von auswärts einzustellen. Wir ersuchen deshalb alle Leder-Zuschneider, die Firma Herz bis auf weiteres zu meiden. Die arbeiterfreundliche Presse bitten wir um Abdruck. Zentralverband der Schuhmacher Teutschlands. Zahlstelle Frankfurt a. M. Drohender Streik im Schuhgewerbe zu Weifteufels. 4000 im Zentralverband organisierte Schuhfabrikarbeiter lehn- ten den Vorschlag der Unternehmer, die Arbeitszeit innerhalb 3 Jahre auf 9� Stunden zu verkürzen, ab. Sie verlangen die Einführung des 9 Stundentagcs vom 1. Oktober 1911 ab. Gehen die Fabrikanten darauf nicht ein, dann würden Sonnabend mit Ablauf der Kündigungsfrist etwa 5000 Arbeiter die Arbeit nieder- legen._ Der Dank vom Hause Habsburg. Wir haben bereits berichtet, daß der Streik in der landwirt- schaftliche» Maschinenfabrik in Herford, Firma Niebaum u. Gutenberg, für die Arbeiter erfolgreich beendet wurde. Die Arbeiter haben denn auch die Arbeit zu den neuen Bedingungen wieder aufgeunmmen. Mit dem gleichen Augenblick aber, wo die Streikenden den Betrieb lvieder betraten, wurden sämtliche Arbeits- willige entlassen. Wie sind diese Leute während des Kampfes ge- hätschelt worden; Lebensstellung und sonst noch alles wurde ihnen versprochen. Ob die auf die Straße Geworfenen nun wohl ein- sehen werden, daß die Unternehmer wohl den Verrat lieben, nicht aber den Verräter?_____ Husland. Der Lüttich er Streik in der Kammer. (Die Bespitzelung sozialdemokratischer Führer.) Unser Brüsseler Korrespondent schreibt uns: An zwei Dienstagen— der Dienstag ist den Interpellationen reserviert— sind in der belgischen Kammer die Vorkommniste während des Lütticher Kohlenarbeiterstreiks diskutiert worden. Die sozialistischen Vertreter, insbesondere die Bergarbeiterführer D e- j a r d i n und Do n n a p, die während des Streiks auch die Ver- Handlungen mit dem Minister und dem Gouverneur der Provinz Lüttich geleitet haben, gaben in überaus sachlichen und wirkungs- vollen Reden ein Bild des mächtigen Ausstandes, der 25 000 Ar- beiter und das Schicksal von 100 000 Menschen umfaßte. Ihre Dar- stellungen zeigten aber nicht bloß die Ursachen des Streiks— den kollektiven Versuch der Unternehmer, das Ncunstundcngesetz zu sabotieren"— sondern auch die Manöver des Patronats während des Ausstandes, so die Verbreitung und Drucklegung eines Zirku- lars in dem Kohlenrevier von Horloz(wo die berüchtigte Aus- beutergruppe sitzt), das mit Schuld an der Fortdauer des Streiks trug, als bereits ein Beschluß der Delegierten gefaßt war, ihn zu beenden. Ueber die Verbreitung dieses Schriststückes, das auf eines der unsaubersten und perfidesten Manöver gegen die streiken- den Arbeiter weist, sind vorläufig die Akten noch nicht geschlossen, d. h. die Uebeltäter nicht aufzufinden. Zu einer mächtigen Anklage gestaltete sich insbesondere die Rede Donnays, die bei aller Sachlichkeit das ergreifende Pathos des Arbeiterkampfes und seine menschlichen Züge und die Arbeitersolidarität zu schlichtem Aus- druck brachte. Bewegung und am Ende der Debatte natürlich eine Rektifikation und Verteidigung durch den Justizministcr rief seine Schilderung des blutigen Zusammenstoßes in Scraing hervor, dem ein unschuldiges Menschenleben zum Opfer fiel. Daß die Gen- darmen zur Waffe griffen und ohne ernstliche Ursache drauf los schössen—„nur" in die Beine, wie der Justizminister beschwichti- gend meinte!— hat Donnay und besonders Genosse Hub in in vorzüglicher Weise als den Ausfluß der Gendarmenpsychologie er- klärt, die von der Hetze gegen streikende Arbeiter und vom Macht- dünkel des Unternehmertums genährt ist. Die Gendarmen sähen im Streik nicht ein Recht des Arbeiters und gebärden sich überall als Provokatoren. Niemals wäre es zu Blutvergießen gekommen, wäre statt der Gendarmen lokale Polizei verwendet worden, die auch bei keiner der gewaltigen Manifestationen einzuschreiten hatte. H u b i n, der sozialistische Deputierte von Huy, machte da auch interessante Mitteilungen über das Bespitzelungs- system der Gendarmerie gegenüber den sozia- listischen Arbeiterführern. Jeder von ihnen erfreut sich eines richtigen„Dossiers", das die Gendarmen aufstellen, die überall hinter den Agitatoren her sind, um ihr„Material" zu sam- mein. Vandervelde erklärte sogar, er hätte sein„Dossier" gesehen. Während des Streiks hatte sich Hubin einmal mit den Arbeitern in das Schlafzimmer des Wirtes ge- flüchtet— auch dorthin drangen die G« n d a r me n. Hubin hat über den Vorfall auch bei der Behörde Beschwerde ge- führt. Von wem der Befehl nach dieser Ausspitzelung der sozia- listischen Führer ausgeht, ist nicht festgestellt worden. Der Justiz- minister begnügte sich nur zu erklären, daß er diese Dossiers nicht kenne, um im übrigen die Gendarmen von dem Vorwurf einer Mordtat reinzuwaschen.— Vandervelde konstatierte dann noch, daß in der Kammer keiner die niedrigen Verleumdungen auf- zunehmen gewagt hat, die von den Scharfmachern der bürgerlichen Presse während des Streiks gegen die Führer der Bergarbeiter er- hoben wurden, die mit seltener, sogar vom Arbeitsminister be- lobten Umsicht und Aufopferung den Streik geleitet haben. Versammlungen. Deutscher Buchbinderverband. In der Generalversammlung der Zahlstelle Berlin, die am Donnerstag im großen Saale des Gewerkschaftshauses stattfand, stand der Jahresbericht für 1910 auf der Tagesordnung. Er liegt in einer 68 Seiten starken Broschüre gedruckt vor. Es wird darin zunächst festgestellt, daß das verflossene Jahr die Erwartungen, die man auf einen Auf- schwung der Konjunktur setzte, lange nicht erfüllt hat. Anderer- seits hat das Jahr 1910 wieder einmal gezeigt, wie stark der Or- ganisationsgedankc sich im Buchbindergewerbe und den verschie- denen Branchen geltend gemacht hat. Die im Laufe des Jahres durchgeführte Erhöhung der Verbands- wie der Lokalbeiträge hat offenbar in keiner Weise ungünstig auf die EntWickelung der Or- ganisation einzuwirken verncocht. Die Mitgliederzahl ist von 6348 auf 6926 gestiegen; die Zahl der männlichen Mitglieder von 3011 auf 3296, die der weiblichen von 3337 auf 3630. Eine Tabelle gibt Aufschluß darüber, wie die Organisation sich in den letzten i? Jahren entwickelt hat, und zeigt auch, wie die weiblichen Mit- glieder allmählich zahlreicher wurden als die männlichen, was zu einem guten Teil auch darauf zurückzuführen ist, daß das Unter- nehmertum immer mehr die billigeren weiblichen Arbeitskräfte be- vorzugt. Im Jahre 1894 hatte die Zahlstelle 816 männliche und nur 283 weibliche Mitglieder, 1906 waren es 3024 männliche und 3020 weibliche, und 1907 hatten die weiblichen Mitglieder die niännlichen zum ersten Male überholt, und zwar mit 3251 gegen- über 3089 Männern. Lohnbewegungen fanden im verflossenen Jahre 10 statt, und zwar 3 Abwehrbewegungen und 7 Angriffs- bewegungen. Erreicht wurden Lohnerhöhungen für im ganzen 24k) Personen in der Höhe von 364,16 Mk. pro Woche. Ausgegeben wurden für die Bewegungen aus der Zentralkasse 1168,77 Mk., aus der Lokalkasse 714.66 Mk. Bei den Bewegungen handelte es sich meist nur um einzelne Werkstätten, nur eine erstreckte sich auf eine ganze Branche, die Lohnbewegung in der Etuibranche, die mit dem Abschluß eines neuen Tarifvertrages endete. Es ist» neben der Goldschnittbranche, die kleinste Branche der Zahlstelle; in ihr sind nur 155 Personen beschäftigt, die aber alle bis auf vereinzelte Ausnahmen organisiert sind. Für das lausende Jahr stehen dem Buchbindcrgewerbe große Lohnbewegungen bevor; die Tarifverträge in der Buchbinder-, der Kontobuch- und der Galanteriebranche laufen ab, und da gilt es, alle Kräfte einzu- setzen, um die Bewegungen zu einem guten Ende durchzuführen. Abgesehen von der Luruspapierbranche, in der es mit der Organi- sation noch ziemlich schlecht bestellt ist, wenn auch in letzter Zeit recht gute Fortschritte gemacht werden, ist die Buchbinderbranche die stärkste. Sie beschäftigt 1295 Arbeiter und 1914 Arbeiterinnen, und von jenen sind 1154, von diesen 1669 organisiert. Von den vielen Differenzen in dieser Branche, die meist durch Verhand- lungen erledigt wurden, ist besonders zu erwähnen, daß die Firma „Deutsche Warte" durch das Schiedsgericht zur Nachzahlung einer Lohnsumme von fast 700 Mk. verurteilt wurde. Sie hatte schon seit Jahren eine bestimmte Arbeit unter Tarif bezahlt. In der Album-, Mappen- und Galanteriebranche entstanden Differenzen infolge des Umsichgreifens der Bevorzugung weiblicher Arbeits- kräfte zur Verdrängung der männlichen, das von den Arbeit- nehmern als eine nach dem Tarif nicht statthafte Verschlechterung bestehender Arbeitsbedingungen aufgefaßt wird; eine Einigung darüber kam jedoch nicht zustande, und die Frage wird nun wohl bei der bovorstehendri« Tarifbewegung ihre Erledigung finden müssen. Die Jahresabrechnung schließt für die Zentralkaste mit der Bilanzsumme von 181 443,40 Mk. ab. gegenüber 151 182,16 Mk. im vorhergegangenen Jahre. Die Ausgaben der Zcntralkasse be- trugen für Arbeitslosenunterstützung an weibliche Mitglieder 16 363,75 Mk.. an männliche Mitglieder 29 784 Mk.(fast 10 000 Mk. weniger als im Jahre 1909), für Krankcnunterstützung an weib- liche Mitglieder 11121,20 Mk., an männliche 10 988 Mk. An die Verbandskasse wurden gesandt 83 709,41 Mk. gegenüber 39 640,70 Mk. im Jahre 1909. Die Lokalkasse hatte, den alten Bestand von 49 770,71 Mk. mitgerechnet, 97 518,16 Mk. Einnahmen, die Ausgaben waren 35 766,49 Mk., sodaß der Bestand auf 61 752,11 Mk. angewachsen ist. Unter den Ausgaben sind an Lokalzuschlägen zur Arbeitslosenunterstützung 7383,75 Mk. Der Bericht vom Arbeitsnachweis zeigt, daß sich im Jahre 1910 einschreiben ließen 2663 männliche und 3528 weibliche Arbeitslose. Stellen wurden gemeldet für die männlichen 2257, für die weiblichen 4602, und besetzt wurden von jenen Stellen 1611, von diesen 2569. Dazu kommen ungefähr ebenso viele Aushilfsstellen. Daß eine so große Zahl gemeldeter Stellen unbc- setzt blieb, hat seinen Hauptgrund darin, daß es immer noch eine Anzahl Arbeitgeber gibt, die weit unter Tarif bezahlen wollen. Kommt es doch vor, daß man gelernten erwachsenen Arbeitern Löhne von 18, 20 oder 22 Mk. bietet. Die Bibliothek der Zahlstelle wurde im Laufe des Jahres 2657 mal von männlichen und 1886 mal von weiblichen Mitgliedern benutzt. Der Bücherbestand ist von 1835 Bänden auf 1906 Bände gestiegen.— Nach kurzer Diskussion der Berichte folgte die Bestätigung der Branchenkommissionen, die sich ohne Schwierigkeiten vollzog. Eine längere Debatte riefen die Wahlen zur Ortsverwaltung hervor. Nach dem nepen Vcrbandsstatut haben in Zahlstellen, wo mehrere besoldete Beamte vorhanden sind, die Ortsverwaltung und der Verbandsvorstand in Gemeinschaft zu bestimmen, welche Funkti- onen die einzelnen Beamten auszuüben haben. Mehrere Redner wandten sich dagegen, dgß auf Grund dieser Bestimmung die Gene« ralversammlung keinen' Einfluß auf die Besetzung des ersten Be- vollmächtigtenpostens haben sollte, und verlangten, daß unter den vier Angestellten durch Wahl darüber entschieden werden sollte. Zwei von ihnen lehnten jedoch den Posten ab, und die Berfamm« lung beschloß darauf, daß für die Wahl des ersten Bevollmächtigten die beiden anderen Angestellten kandidieren sollen.— Als Arbeitnehmerbeisitzer für das Arbeitsnachweiskuratorium wurden gewählt: Eugen Brückner, Wilhelm Härder, Dähne, Deutsch, Jünemann, Kempke und Else Schade. Klappenbach und Brucks, als Stellvertreter Letzte Nachrichten. Ein kleiner Ucberfall wird wieder einmal aus Deutsch. Südwe st afrika gemeldet. Nach einer amtlichen Mitteilung hat eine Bande bei Auros Vieh gestohlen und soll sodann sechs Köpfe stark in der Richtung auf Sperlingspuetz und G a o b i s abgezogen sein. Einzecheiten konnten bisher weder durch die Schutztruppe noch durch die Polizei festgestellt wer- den. Aus englischem Gebiet liegen keine weiteren Nachrichten vor. Scharfe Beobachtung der Süd- und Ostgrenze des Schutz- gebietes ist eingeleitet. Gleichzeitig trifft eine Meldung des deutschen General- konsulats in Kapstadt ein, wonach dort über angebliche Be- wegnngeu der Simon-Eopper-Leutc keine Mitteilungen ein- gegangen sind. Man nimmt an, daß sich die ganze Angelegen- heit auf einen einfachen V i e h d i e b st a h I beschränkt. Die Rcsistenzbewegilng in Oesterreich. Trlest, 17. Februar.(W. T. B.) In der p a s s i v e n R e s i- stenz der Staatsbeamten und Staatsangestellten ist heute eine Zunahme bemerkbar. In den Postämtern wer- den Rückstände und Verspätungen verzeichnet. Im Telegramm- verkehr sind bei schwächer beanspruchten Linien unbedeutende Verspätungen, bei den stärker beanspruchten durchschnittlich zweieinhalbstündige Verspätungen zu konstatieren. Bei den Lagerhäusern und Zollämtern herrscht vollständige passive Resistenz. DaS Personal der Staatsbahn übt seine Tätigkeit in normaler Weise aus. doch wird eine Berkehrsstockung bei einem Andauern der Resistenz in den Zoll- und Lagerhäusern befürchtet. Bei der Süd bahn herrscht bisher keine Resi- st e n z. Tie gestrandete Bark. Euxhaven, 17. Februar.(W. T. B.) Die Bark, die der fran- zösische Schleppdampfer„Atlas" aus dem Schlepptau verloren hat (siehe„Aus aller Welt"), ist ein deutsches Segelschiff mit Namen ..Anna". Das Schiff ist unterhalb Büsum hoch aufgelaufen. Für die Mannschaft besteht, soweit bekannt, keine Gefahr. Die Pest. Petersburg, 17. Februar.(W. T. B.) Seit gestern sind in Charbin dreizehn Chinesen an Pest gestorben. Der Ge- ncralgonvernenx des Amurgebietes hat Bollmacht erhalten, alle Gegcnmaßregeln gegen die Pest im Amurgebiet zu er, greifen, nötigenfalls Truppen dazu zu verwenden. Neue Schiffe für Rußland. Petersburg, 17. Februar.(W.T. B.) Der Ministerrai hat beschlossen, bei der Reichsduma die Bewilligung von 120 250 000 Rubel für den Bau von vier neuen Linienschiffen in den Jahren 1911 bis 1915 z« beantragen. Die Linienschiffe sollen die Namen Sebastopol< Petropalowsk, Gangut und Poltawa erhalten. Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.VerlagSanstalt Paul Singer 4- Co., Berlin LVV. Hierzu 3 Beilagen».Unterhaltungsbl. It. 42. 28. Jahrgang. t SkilW iw„öoriüätlo" Öttliiift PölfoHilt. Zolwabeud. 18. Febrnar 191L Reichstag» iso. Sitzung. Freitag, den 17. Februar tsil, nachmittags l Uhr. Lm Bundesratstisch: v. Tirpitz. Zweite Lesung des Etats für Kiautschou. Vie allgemeine Besprechung beginnt beim Titel„Gouverneur 000 M. und persönliche, künftig wegfallende Zulage 10 000 M." Abg. Nacken sZ.): Die Kolonie hat eine erfreuliche EntWickelung fienonimen, sie deckt ihre Ausgaben bis auf die militärischen elbst. Deshalb ist es begreiflich, daß das Streben nach Selbstverwaltung in der Kolonie ein stärkeres wird. Die werbenden Betriebe geben sämtlick Ueberschüsse, nur die Werft- betriebe sind noch nicht auf der Höhe i es ist aber anziierkennen, daß in den Werftbetrieben in Kiautschou ebenso wie in Wilhelms- Hoven und Kiel die kaufmännische Buchführung für die kameralistische eingeführt ist.— Der Redner regt die Schaffung von Pro- fessureu für Kolonialrecht an und fragt, wie es mit der Pest stehe. Zum Schluß streift er den Streit an der Hochschule in Tsingtau und gibt dem Wunsche Ausdruck, die Deutschen möchten dort einmütiger als bisher zusammenstehen.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Eickhoff(Vp.) erkennt gleich dem Vorredner an, daß die wirtschaftliche Entwickelung erfreulich ist.— Meine politischen FreUnde wünsche», daß beim Abgang des Gouverneurs Truppel die persönliche Zulage von 10000 Mark fortfallen soll.— Die Unstimmigkeiten im-Lehrkörper der Hochschule von Tsingtau sind wohl durch verschiedene Auffassung über die Organisation ent- standen, was bei einem so einzigartigen Instituts nicht verwunder- lich ist; es sind das Kinderkrankheiten, die überwunden werden müssen. Jedenfalls entwickelt sich die Schule günstig, wie schon daraus hervorgeht, daß die Schülerzahl von 70 auf 145 ge- stiegen ist.— Um für die Kolonien genügend durchgebildete Männer zu gewinnen, sollten an unseren Universitäten Lehrstühle für Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft errichtet werden, wie die Budget- kommission angeregt hat.(Bravo I bei der Volkspartei.) Staatssekretär v. Tirpitz dankt für die freundliche Anerkennung der Verwaltung Kiautschous und verspricht für die Errichtung kolonialer Lehrstühle in Berlin und anderswo nach wie vor eintreten zu wollen. Ueber die in Nordchina herrschende Pest werde man hoffentlich hinwegkommen, es seien alle Maßnahmen ge- troffen, um die Kolonie zu schützen. Abg. Frhr. v. Richthofen(k.) spricht seine Genugtuung aus über die zur Verhütung der Pest in der Kolonie getroffenen Maßnahmen. und schließt sich der Anerkennung der Vorredner über den Wirtschaft- lichen Aufschwung Kiautschous an. Den Wunsch nach Errichtung eines kolonialwirtschastlichen Lehrstuhls an der Berliner Universität unterstützen meine Freunde aufs wärmste. Abg. Noske(Soz.): Den Maßregeln, welche das Reichsmarineamt zur Ver- hütung der Pest ergriffen hat, stimmen auch wir natürlich gern zu. Zu dem vielen Lehrgeld, das wir in Kiautschou schon ezahlt haben, wird hoffentlich nicht noch Lehrgeld für die Pest kommen.— Man muß doch die Frage aufwerfen, ob nicht endlich Kiautschou der allgemeinen Kolonialverwaltung zu unterstellen ist. Freilich erscheint es mir zweifelhast, ob die deutsche Verwaltung dort überhaupt noch von langer Dauer sein wird.— Herr Nacken sagte, mein Kollege Severing habe ihm vor- geworfen, über die Betriebe nicht informiert zu sein. Das war keineswegs der Fall. Wohl aber müssen wir im Interesse der Gleich- berechtigur?- der Abgeordneten verlangen, daß die Marineverwaltung nicht unster Umgehung der sozialdemokratischen Partei sich einzelne Abgeordnete heraussucht, die sie in- formiert.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Den Be- strebungen nach Schaffung einer Selb st Verwaltung bringen wir selbstverständlich Sympathie entgegen; aber dabei wird man darauf sehen müssen, die Chinesen, welche die übergroße Mehr- zahl der Bevölkerung bilden, nicht vor den Kopf zu stoßen und etwa zu behandeln wie die Hottentotten in Südwest-Afrika; wir würden sonst gezwungen werden, zu gewähren, was wir jetzt freiwillig gewähren können und sollen.(Sehr richtig l bei den Sozial- demokraten.) ES wird jetzt wieder ein Zuschuß von 8 Millionen Mark für Kiautschou verlangt, und zwar militärische Ausgaben; in den 10—12 Jahren, die wir eS haben, kostet uns Kiautschou über � 100 Millionen Mark. Hierfür sind auf wirtschaftlichem Gebiet so Iminimale Resultate herausgeholt, daß es nicht lohnt, darüber zu reden, die Summen unseres Handels in Kiautschou stellen noch nicht einmal eine Verzinsung des Kapitals dar, das wir hineingesteckt haben. Zweifellos werden die Chinesen manches dort von uns lernen, aber dankbar werden sie uns nicht dafür sein. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Bei der Beurteilung der Dinge in Kiautschou haben wir Sozialdemokraten recht behalten, gründlich geirrt haben sich vielmehr die, die bei der Besitzergreifung Kiautschous mit der Möglichkeit eines raschen Verfalls von China rechneten. Den Chinesen ist in kurzer Zeit von den Europäern Nationalgefühl eingepaukt worden,(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) und sie rechnen damit, ihren vaterländischen Boden wieder in eigene Verwaltung zu nehmen. Wir werden also diesen Besitz nicht dauernd hallen können, und trotzdem sollen wir jetzt wieder acht Millionen dafür ausgeben. Das sind in erster Reihe militärische Ausgaben, dabei ist die weiße Bevölkerung so gering, daß ans jede» Deutsche» dort von diesem Zuschuß 5300 Mark entfallen. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Dafür könnten wir die Herren auch hier in Deutschland als Rentiers leben lassen, und dann hätte wenigstens unsere Bevölkerung etwas davon.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Eine Verriiigerung des Reichszuschusses wird nicht eher eintreten, als bis die militärische Besatzung geringer wird, die jetzt zum ersten Male etwas Vernünftiges leistet, indem sie zu den Absperrungsmaßregeln gegen die Pest ver- wandt wird. Was sich auf der Hochschule in Tsingtau abgespielt hat, ist recht blamabel für das Deutschtum.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Anstalt kostet uns viel Geld und wir sollten wirklich dafür sorgen, daß zunächst der Bilduugshuuger der Massen bei uns in Deutschland befriedigt wird. Ganz toll ist es, daß die�eutschen Kulturträger, kaum daß sie nach China ge- kommen sind, dort in derartige Kotzbalgereien geraten find. Die Eröffnung der Anstalt ist offenbar nicht mit der wünschenswerten Sachkunde und der erforderlichen Sorgfalt vorbereitet worden. Das Reichsmarineamt sagt, daß Handel und Wandel in Kiautschou blühen, und Herr Görcke, der jetzt ja Sachkenner ist, spricht das in einem Artikel im„Lokal-Anzeiger" treulich nach. Er scheint aber, als er dort war, zwei Brillen auf der Nase getragen zu haben, denn in einem anderen Artikel in der„Täglichen Rund- schau" sagt er von Tsingtau, es sei nur eine Filiale von Shanghai, es bedeute eine handelspolitische Spekulation, von der noch niemand wissen könne, ob sie gelingen werde.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wir meinen, daß sie nach allen ge- schichtlichen Erfahrungen nicht gelingen kann. Die Schilderungen des Reichsmarineamts sind nur Produkte einer recht blühenden Phantasie. Wenn uns das Reichsmarineamt berichtet, daß für einen einzigen Eisenbahnbau an dem hingeschaffien Eisenbahnmaterial unser Handel 45 Millionen Mark verdient habe, so muß man das geradezu als ein Märchen bezeichnen Ueber die Gesamtsumme unseres Handels schweigt der Bericht des Reichsmarineamts sich sorgsam aus. Kiaut- schou bildet für uns eine fortdauernde und stets wachsende Gefahr von Konflikten mit China und deshalb werden Sie sich nicht wundern, daß wir diesem Etat, ebenso wie in de» früheren Jahren, unsere Zustimmung nicht geben.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Görcke(natl.): ES ist total falsch, anzunehmen, daß die Pachtung von Kiautschou der Anfang einer gegen China ge- richteten Eroberungspolitik sein sollte. Ich glaube, das ganze Haus— mit Ausnahme der Sozialdemokralen— ist mit mir darin einig, daß niemals solche Eroberungepläne bestanden haben. Ich halte es für gut, das hier zu konstatieren, damit nicht, in Ostasien zumal, falsche Vorstellungen von unseren Absichten sich festsetzen.— Redner verbreitet sich über seine o st asiatischen Reise- eindrücke und bestreitet, die Dinge durch eine roseiifarbene Brille angesehen zu haben. Teuer seien freilich die erzielten Fortschritte gekommen. Dafür sei aber auch etwas geleistet worden. Geklagt wird in Kiautschou, wie ja überall in Reichsbetrieben, über die kolossale Schwerfälligkeit und Umständlichkeit des Rechnungswesens.— Die Schulverhältnisse in Kiautschou sind gut; mit dem System gemeinsamer Erziehung von Knaben tind Mädchen sind gute Erfolge erzielt worden; ein Elternausschuß ist neuer- dings ins Leben getreten.— Der Wunsch nach Selbstverwaltung, der in Tsingtau zutage getreten ist. ist eigentlich nlir aus der Furcht vor neuen Steuern entstanden(Heiterkeit); eS fehlt dort an geeigneten Elementen für eine wirksame Selbstver- Rleines feuiUeton. Da» Tal de» Tode». Das Pariser„Journal" erhält von einem Franzosen, der vor kurzem in Charbin weilte, eine erschütternde Schilderung der furchtbaren Pestepidemie, deren Schauplatz gegen- wärtig die Mandschurei ist:„Was sich augenblicklich in Fudsiedjan, einer Vorstadt von Charbin abspielt", schreibt er.„spottet jeder Be- schreibung. Die Pest wütet dort mit einer Wildheit ohnegleichen. Die Hauptstraßen werden durch Tote und Sterbende versperrt; die Angestellten des Sanitätsdienstes haben keine Zeit, die Leichen nach dem sogenannten Friedhof und die Sterbens- kranken nach den sogenannten Hospitälern zu schaffen. Die Gleichgültigkeit der Chinesen gegen die Toten und die mit dem Tode Ringenden übersteigt alle europäischen Begriffe. Und diese Gleichgültigkeit ist bei ihnen nur logisch: die Pest ist eine Geißel, die Gott geschickt hat. Es wäre Blasphemie, wenn man sich Goites Absichren widersetzen wollte. Die Epidemie wird aufhören, wenn der Rachedurst des höchsten Wesens gestillt sein wird. Krankheit und Tod zeigen sich hier mit allem Grausen und allem Entsetzen, das eine krankhaste Phantasie nur ersinnen kann. An einer Straßenecke kauert ein Chinese in schmutzstarrenden Lumpen. Mehrere Male macht er den Versuch,_ sich zu erheben; vergeben», die Krankheit die an ihm frißt, ist stärker als er. Er fällt zurück und windet sich in den Aengsten einer grauenvollen Agonie. Nachdem er große schwarze Blutklumpcn ausgeworfen hat, streckt er sich lang hin; sein Körper wird noch durch einige Zuckungen erschüttert und bleibt dann unbeweglich und starr: er ist tot. Etwas weiter entfernt liegt am Fuße eines Prellsteins ein Leichnam, halb bedeckt mit Straßenkehricht und Hausmüll. Er ist infolge der bitteren Kälte ganz starr und steif utjd gleicht einem Klotz. Eil�„Pestlräger" geht vorüber und wird von der furchtbaren Krankheit zu Boden geworfen: er läßt sich auf den Leichnam, auf den Kehricht fallen und wird hier verenden. Ein paar Schritte weiter unterhalten sich zwei chinesische Geldwechiler recht lebhaft, als wenn es in der ganzen Welt keine Pest gäbe, über ihre Geschäfte. Da sie sich jedoch durch das Todesröcheln des Un- glücklichen belästigt fühlen, beginnen sie plötzlich roh und laut auf- zulachen und den Sterbenden in der grausamsten Weise zu ver- höhnen; dann entfernen sie sich, nachdem sie ihm vorher noch ins Gesicht gespien haben. In abgelegenen Straßen und Höfen werden die Leichen einfach auf den Misthaufen geworfen; hier bleiben sie liegen, bis man sie abholt. Viele tragen bei Tagesanbruch die Leichen ihrer Angehörigen noch irgend einem stillen Gäßchen, um dem mit Unkosten verbundenen Transport zum Friedhof aus dem Wege zu gehen. Sogar für Spekulationen muß das große Sterben herhalten: chinesische Spekulanten sammeln die halb erfrorenen Leichen, die auf den Straßen, und schichten sie in den Höfen ihrer Häuser wie Holzscheite auf. um dann, wenn die Angehörigen ihre Leichen zur Beerdigung abholen wollen, für die Aufbewahrung jeder Leiche etwa drei Marl zu verlangen. Von dieser Sachlage ziehen selbstverständlich auch die Straßen- marodeure Nutzen: sie rauben den auf der Straße liegende» Toten die Kleider, und schneiden ihnen auch die Zöpfe ab. Jeden Tag werden ganze Haufen von Leichten in leichten Särgen vor die Stadt hinaus« geschickt, um an einem Platze, der als Friedhof gilt, beigesetzt zu werden. Die Särge werden einfach hingestellt oder vielmehr in buntem Durcheinander hingeworfen. Die Marodeure kriechen auf dem Ruheplatz der Tote» umher und zertrümmern die primitiven Särge und reißen die Leichen heraus, um sie auszuplündern. Sie verachten den Tod zu sehr, als daß sie sich durch feine bedrohliche Nähe einschüchtern lassen könnten. Nachdem sie eine Anzahl Särge ausgeraubt haben, ziehen sie als Händler durch die Straßen der Stadt, suchen unter dem Singsang:„Kleider, Bretter, Kleider, Bretter I" ihre Beute an den Mann zu bringen und kehren, sobald ihnen da? gelungen ist, wieder zur Grabcsstätte zurück. Wie die Neger in Ruanda freien. In Ruanda gibt es drei Kasten: Die Balutsi, die Bahutn und die Vatwa. Wenn einem Bahutu- oder Batwa-Jüngling die Lust anwandelt, zu heiraten, so teilt er dies seinem Vater niit. Dieser überhört, wie auch anderswo, seines Sohnes Wünsche, bis dieser sich wie ein Kranker gebärdet, nichts ißt oder trinkt und ohne zu arbeiten vor sich hinbrlltet. Dann beschließt der Vater, auf die Brautsuche zu gehen. Hat er ein geeignetes Mädchen gefunden, so würfelt er mit dem Priester, ob die Ehe günstig sein wird. Dann kann die Brautwerbung beginnen. Vermittelst Pombe und Eisenhaken sucht der Brautwerber bei der Familie Sympathien zu erwecken. Er sagt:„Ich bin gekommen, Dich um eine Kuh zu bitten, ich bin gekommen, mich in Deinen Dienst zu stellen." Wen» nicht bittere Feindschaft entstehen soll, darf dieser Vorschlag formell nicht ab- gelehnt werden. Nach einiger Zeit erscheint der Werber zum zweiten- mal, um„jene Kuh zu erbitten". Dann wird unter längerem Feilsche» die Brautsleuer festgesetzt. Nun kann der Bräutigam seine Vorbereitungen treffen, ein Haus bauen, den Hochzeitsschmaus vor- bereiten, Gäste einladen usw. An dem bessimmlen Tage nach Ein- bruch der Dunkelheit naht sich der Brautzug. Alle Teilnehmer treten ins Haus, nur die Braut, in eine Matte gehüllt, weigert sich. Erst Geschenke machen sie willig, aber auch dann schweigt sie,„ist traurig und weint die ganze Nacht hindurch". Allmählich beginnt in der Hütte das Pombe-Gelage. Nur die Braut trinkt nicht. Dann verlassen alle Gäste das Haus. Der Bräutigam bekränzt die Braut, zu der er im Dunkeln vom Brautführer geführt wird. Darauf be- speit er sie mit einer besonderen Flüssigkeit und sagt:„Ich heirate Dich, ich. Sohn des Rugimbana." Die Frau bricht augenblicklich in ein Geheul aus. Diese Klagelaute zu übertönen, kehren die Gäste unter noch lauterem Freudengeheul in die Hütte zum Trinken zurück, das die ganze Nacht anhält. In der nächsten Nacht begibt sich die Braut in die Hütte ihres Gatten. Statt sich Liebkosungen hinzugeben, entsteht eine furchtbare, aber lautlose Prügelei unter den Eheleuten, bei der der Mann den kürzeren zu ziehen hat. Wem dies Vergnügen macht, fetzt es mehrere Nächte hindurch fort. Nach einem Monat endlich waltung, denn gerade die intelligentesten Leute haben mit ihren eigenen Geschäften übergenug zu tun.— Die Chinesen im Schutz« gebiet sind so zufrieden mit der deutschen Rechtsprechung, daß sie das Anerbieten, besondere chinesische Richter zu erhalten, zurückweisen.— Außerordentlich uilangenehin empfunden ist in Ost- asien die Ablehnung des Gesetzes über Ausgabe von Kleinakticn, ich fürchre. wir haben damals einen sehr ichweren Fehle,, gemacht.— Es hat eine Zeit gegeben, da man i» England riet, Hongkong auf« zugeben. Heute denkt kein Mensch an die Aufgabe Hongkongs. Und so wird auch die Zeit kommen, in der kein Deutscber daran denken wird, Tsingtau, den Stützpunkt des Deutschtums in Ostasten, aufzugeben.(Beifall bei den bürgerlichen Parteien.) Abg. Lcdcbour(Soz.): Die Ausführungen des Abg. Görcke illustrieren den alten Ver»! „Wenn jemand eine Reise tut. Daun kann er was erzählen." (Große Heiterkeit.)— Man preist uns hier den Hafen von Tsingtau. Das will nicht viel besagen. Mit guten Tcchmkern an günstiger Stelle einen guten Hafen herzustellen, ist nicht allzu schwer— namentlich wenn man 150 Millionen daran wendet. � Die Frage ist nur: hat das Deutsche Reich ein wirkliches Interesse daran? Wenn wir aus deutschen Lieichsmittel» irgendwo an der Küste Brasilien« einen guten Hafen bauen winden, hätte. wahrscheinlich Brasilien nichts dagegen.(Heiterkeit.) Daß Tsingtau ein guter Hasen ist, bedeutet nicht, das; es ein halt« barer Play bei ernsthaften K o ni p l i k a t i o n c n ist und schafft die etwas dunklen Vorgänge der Besitzergreifung nicht ans der Welt. Es ist mehr als fraglich, ob einer machtvollen asiatischen Bewegung gegenüber Kiautschou gehalten werden kann. UebrigenS würde auch, wenn das der Fall wäre, dies uns nicht bestimmen können, über die Art der Besitzergreifung oder Pachtung uns hinweg» zusetzen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Mit großer Emphase wird bestritten, daß irgendwelche Eroberungöpläue gegen China gehegt werden. Für heute dürfte das einigermaßen zutreffen. Aber daß früher Pläne, wenn auch vielleicht verschleierte, gehegt wurden, die auf Gründung eines ostasiatischen.Kolonialreiches hinausliefen, kann im Ernst nicht in Abrede gestellt werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich erinnere daran, wie der Fürst Bülow hier mit lächelnden Grübchen(Stürmische Heiterkeit.) von dem„Platz an der Sonne" sprach.(Hört! hört I bei den Sozialdemokralen.) Heute freilich wird nicht mehr so gesprochen, heute würde nicht einmal der Bruder de« Mannes so sprechen, der einstmals ausgeschickt wurde, um das Evangelium der.ge« panzerten Faust" zu predigen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Heute wird immer nur von der Bedeutung Tsingtaus für den Handel gesprochen. Wie steht das nun aber damit? In einem Jahre betrug die Ausfuhr Kiautschous nach Deutschland ganze 116000 M.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und da spricht man von der Notwendigkeit, aus Handelsrücksichten Tsingtau halten zu müssen I Ach»ein, auch mit dem Interesse des deutschen Handels kann man die dunkle Pachtung Kiautschous und das Festhalten des ostasiatischen Schutz« gebiereS nicht rechtfertigen!(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial» demokraten.) Herr Görcke hält sich für einen gründlichen Kenner Chinas. Ein anderer gründlicher Kenner, Sir Robert Hart, der 54 Jahre in China war— nicht 54 Tage, wie Herr Görcke—(Große Heiterkeit), urteilt über die gelbe Gefahr ganz anders. Er sagt, die Chinesen sind kluge, fleißige, kultivierte Mensche», 400 Millionen, und diese 400 Millionen bereiten sich auf den Tag vor, an dem sie sich fremde Intervention, Bevormun« düng und Invasion werden verbitten können. (Hört! hört! b. d. Sozialdemokraten.) Die übertriebene moralische Einschätzung der Chinesen durch Sir Robert Hart mache ich mir nicht zu eigen, er sieht vielleicht etwas durch eine chinesische Brille, aber nach allem, was wir an der parallelen Entwickelung in Japan und in China selbst beobachten, geht dort eine kapitalistische Ent- Wickelung des Landes vor sich. Die können Sie nicht aufhalten und ebensowenig die damit zusammenhängende Entwickelung des National« gefühls, und bei dieser Entwickelung muß es dahin komnien, daß der chinesische Staat die Möglichkeit hat, sich unbequeme Eindringlinge vom Halse z» schaffen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Bei aller Wertschätzung unserer Landmacht und unserer Marine wird doch niemand be- haupten können, daß es möglich sein wird, gegen ein Volk von 400 Millionen, welches mit der kapitalistischen Entwickelung zu einer bezieht die Frau, die bis dahin stets in der Morgendämmerung zu ihren Schwiegereltern zurückgekehrt war, das Haus ihres Mannes. Auch dann hält sie sich noch vier Tage verborgen. Sie hüllt sich in eine GraSmatte und flüchtet beim leisesten Geräusch. Wieder naht sich der HochzeitSzug, Mädchen dringen in ihr Versteck und holen sie in den schmausenden Kreis. Sie läßt jetzt alles mit sich geschehen. Sogar am Tanze der Mädchen beteiligt sie sich, begleitet von ihren» Gemahl. Damit sind die Feierlichkeilen beendet. Die gcschmidciic Mythologie. Eine wichtige Entdeckung hat der Pariser Archäologe Salomon R e i n a ch gemacht. Wie er der Akademie der Inschriften und der schönen Literatur mitteilte, ist nämlich der von Apollo geschundene Flötenspieler MarsyaS ur« sprünglich nicht ei» phrygischer Silen, sondern ein Esel gewesen. In Nordgriechenland, der Urheimat- der Phrygier, waren die Esel dem Apollo geweiht. Der RiiuS liHnde später in eine Strafe um» gedeutet und die Opserung der Esel mit ihrer Abneigung gegen die Musik erklärt. Als dann im 5. Jahrhundert die Flöte, als ein Hauptrequisit der asiatischen Kulte im Gegensatz zur Leier trat, entstand in Athen die Legende vom Wettstreit des Silens mit dem leierspielenden Gott. Die legendäre, im Tempel zu Celenae in Phrygien aufgehängte Haut des MarsyaS, die Seufzer von sich gab, wenn die Flöte er- tönte, lönnte also höchstens eine Eselshaut gewesen sein.— Es ist zweifellos zu begrüßen, daß Marsyas nur ein Esel war und kein lebendiger Flötenspieler. Denn sonst hätte es ihm am Ende öin- fallen können, darüber nachzudenken, was eigentlich die gelehrten Herren sind, die etliche Jahrtausende hernach so tieffinnige Unter» suchungen über seine Personalakten und allerhand ähnlich bcdeutungs« volle Gegenstände anstellen, die auf keine— Eselshaut gehen. Von Paris bis Tokio in 11>/g Tagen. Der gegenwärtig kürzeste Weg von Europa nach Japan geht über Wladiwostok, als Endpunkt der transsibirischen Bahn. Von dort erreiän man mit der Danipfer» Verbindung den Hafen Tiaruga an der Westküste Japan», der feinere seits zirka 24 Stunden Eisenbahnfahrt von Tokio entfernt ist. Diz ganze Reise, von Paris aus gerechnet, erfordert ungefähr 15 Tage. Diese Verhältnisse werden eine einschneidende Aendcrung erfahren, sobald die schon von der chinesischen Regierung genehmigte und von einer japanischen Gesellschaft in Bau genommene Eisenbahnlinie Mulden— Wiju fertiggestellt ist. Wiju liegt an der koreanischen Grenze und ist mit Fusan durch Eisenbahn verbunden. Man rechnet damit, daß die neue Linie schon im nächsten Jahre dem Betriebe übergeben sein wird, und dann wird Wladiwostok für die Verbindung zwischen Europa und Japan so gut wie ausgeschaltet werden. Sein» Stellung aus dem Kontinent geht dann auf Fusan über, während die Ankunfsstation in Japan Smionosaki wird. Dann wird ma»1 nicht mehr als 10 Tage und 10 Htundcn brauchen, um von Paris nach Tokio zu kommen, während man gegenwärtig in dieser Zeit erst Wladiwostok erreichen kann. festen TtaatSorganisatson kommen mu� und da? durch ein Weltmeer von uns getrennt ist. auf die Dauer eine solche Seefeslung zu holten, und wenn wir eS könnten, lohnte e S nicht.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Demgegenüber zu sagen, mein Patriotismus erlaubt es nicht einzugestehen, wir sind in eine falsche Situation geraten, das ist nicht Patriotismus, sondern engherzige Kleinkriimerel. (Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Das ist eine engherzige, kleinliche, eigensinnige Politik, wie sie Karl XII. von Schweden trieb, als sie ihn nach der Türkei nach Bender geführt hatten, sagte er eigensinnig: fetzt bin ich bis in die Türkei ge- tommen und nun bleibe ich hier und gehe nicht heraus und er blieb auch wirklich so lange, bis die Türken ihn hin ausgeräuchert gaben.(Grohe Heilerkeit.) Solche Starrsinnigkeit ist in Wirklichkeit *itc Kletnkräinerei. Auch wir könnten aus Kiautschou eines TageS herausgeräuchert werden.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Aber ein weiser Mann beugt bor und wenn er einsieht, dost er in eine solche Situation kommen kann, ja unbedingt kommen muß. Deshalb wäre es eine patriotische Tat eines Staatsmannes, dafür zu sorgen, daß mit China ein Abkommen ge- troffen wird, auf Grund dessen Kiautschou au China zurückgegeben wird.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Unruhe bei den Nationalliberalen.) Herr Goercke donnerte vor Entrüstung loS, als meine Parteigenossen dies zuerst aussprachen. Aber man muh es ausspreche», bei der Verblendung vieler leitenden Personen in Deutschland niub man die Oeffentlichkeit auf den Unfug dieser Besitzergreifung hinweisen und muß die Oeffentlichkeit anrnsen, bis die öffentliche Meinung sagt, wir wolle» nicht für nichts und wieder nichts jährlich 8— 9 Millionen dort hin auslverfen, wir müssen von da heraus, im Interesse Deutsiblauds und im Interesse des deutschen Handels. Wir können die Chinesen um so mehr zu unsere» Freunden machen, wenn wir ihnen gegenüber nicht eine solche Bevoruiundnngspolitik treiben. Herr Görcke sagt, er habe mit Chinesen gesprochen und diese hätten ihn» versichert, sie seien jetzt mit dem Zustande, daß Kiautschou an Deutschland verpachtet sei. ganz zufrieden. Die Chinesen sind Diplomaten, die nie, wenn sie mit einem einflußreichen Fremden sprechen, etwas für diesen Verletzendes sagen, sie begegnen ihm mit dem freundlichsten Lächeln, auch wenn sie ihm in der nächsten Minute den Hals umdrehen wollen.(Große Heiterkeit.) Sie sind nicht so harmlose Leute, wie Sie. Herr Görcke. In welcher Sprache haben Sie denn übrigens mit ihnen gesprochen?(Stünnische Heiter- keit. Zuruf des Abg. Görcke.) Sie haben also mit Chinesen ge- sprachen, die in D e u t ch l a n d gewesen sind, und auch daraus geht hervor, daß das Leute waren, die mit der europäischen Politik ver- traut sind, und die haben sich eben gesagt, so einen deutschen Reichstagsabgeordneten, den kann man sehr leicht einseifen. (Stürmische Heiterkeit.) Wir meinen eine patriotische Pflicht zu er- füllen, wenn wir bei jeder Gelegenheit daraus dringen, daß Deutsch- land aus dieser unhaltbaren Situation herauskommt! wir wollen den schweren Fehler, den die Politik BülowS mit d i e s e m Sonnenplatz gemacht hat. so bald als möglich rückgängig machen; das liegt im Interesse des Weltfriedens, im Jnteresfe des Deutschen Reiches und deS deutschen Volkes.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Erzberger(Z.): Es ist wirklich schade, daß der Staats- fekretär nicht auch den Äbg. Ledebour aufgefordert hat. Kiautschou zu besuchen.(Abg. Ledebour ruft: Ick wäre auch nicht mit» gegangen!) Das ist noch mehr schade.(Heiterleit.) Ich würde mir viel versprechen, von der Wirkung der Beredsamkeit Ledebours auf die Chinesen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten. Heiterkeit rechts und im Zentrum.)— In England betrachtet man es als Ehrensache, Kolonien, die man einmal hat, nicht aufzugeben.— Es gehört doch wirklich eine rege Phantasie dazu. in der kleinen Besatzung in Tfingtau eine Bedrohimg China» zu sehen. Herr Ledebour tadelt heftig die Besitzergreifung Kiautschou», die aber der frühere Abgeordnete Bernstein geradezu begeistert als einen geschickten Schachzug des Fürsten Biilow bezeichnet hat.(Abg. Bebel ruft: Aber wir nicht I) Ja. Sie nicht, aber Bernstein.(Abg. Bebel: Nmi. Sie haben doch auch weiße Sperlinge in Ihrer Partei! Große Heiterkeit.) Redner pole- misiert weiter gegen die AuSfübrniige» Noskes und Ledebours und äußert sich befriedigt über die Enttvickelung Kiautschous.(Bei- fall im Zentrum.).... Staatssekretär v. Tirpitz: Ich möchte mir eine kleine Nachlese von Bemerkungen zum Etat von Kiautschou gestatten.(Heiterkeit.) Ich habe den Eindruck, daß die Selbstverwaltung von der Bevölkerung Tsing- tauS nicht ernst Haft gewünscht wird. Alle unsere Vorschläge, wie allgemeines, geheimes und direktes Wahlrecht. Bildung von Zweck- verbänden usw.. sind von der Kommune von Tsingtau zurückgewiesen worden. Wir müssen die weitere Eni- Wickelung der Zeit überlasten. Wir können Tsingtau nicht aufgebe», denn die Aufgabe Tsingtaus würde Aufgabe unserer ganzen politischen Stellung in Ostasien sein.(Lebhafte Zu« stimmling bei den bürgerlichen Parteien.) Auch Hongkong erfordert einen Zuschuß; aber im englischen Parlament würde gewiß »tiemand der Preisgabe Hongkongs das Wort reden. Der Wert solcher Plätze läßt sich eben nicht bloß direkt berechnen; der ganze. auch indirekte Nutzen, der dadurch dem Handel erwächst, muß dabei mit in Rechnung gestellt werden.— Tsingtau ist der beste, ja einzig gute Hafen von Shangha, bis Pelschili. Da» ist doch nie zu vergeffen be» der Wertung unseres ostasiatischen Schutzgebietes.— Redner spricht zmn Schluß seine hohe Befriedigung über die Reise Görckes nach Ostasien aus. die zu wertvolle» Ergebnissen geführt habe.(Leb- basier Beifall rechts und im Zentrum.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Äaß Herr Bebel heute nochmals»n einem Zwischenrufe sein Mißfallen über die Besitzergreifung Kiautschous ausgesprochen hat, ist ebensowenig verwunderlich, wie die Rede des Herrn Ledebour. Glücklicherweise steht die Sozial- demokratie in kolonialpolitischen Dingen isoliert da. Die Männer, die Kiautschou für Deutschland in Besitz genominen haben, stehen vor der Geschichte anders da, als die, die die Preisgabe dieser wertvollen Besitzung fordern.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Es gehört der ganze' Mangel nationaler Gesinnung dazu, wie er Herrn Ledebour auszeichnet, mn die Aufgabe Kiautschou« zu fordern.(Beifall rechts, Lachen bei den Sozialdemokraten.) Redner dringt ferner auf die Errichtung einer oder mehrerer Professuren für Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft und rechtfertigt dem Abg. Görcke gegenüber die Ablehnung des Kleinakliengesetzes. Abg. Görcke(natl.): Herr Ledebour hat uns eine der unter- balisamen Reden gehalten, wie wir sie von ihm geivöhnt sind. Er hat mich als einen harmlofenReifenden hingestellt, der so ziemlich alles glaubt, was man ihm erzählt. Herr Ledebour irrt sich. Ich bin mit offenen Augen gereist und habe keine Gelegenheil versäumt, mich zu informieren.— Wir haben uns in Kiautschou festgesetzt, weil wir nicht auch in Ostasien, wie anderswo, ausgeschlossen werden wollten. Wir haben alljährlich für einen Uebrrschuß von 800 000 Seelen zu sorgen, darun, müssen wir über- seeische Politik treiben, wir mögen wollen oder nicht.— Ohne Tsingtau hätten wir in China nicht Konzessionen und Lieferungen erhalten.— Früher hat man uns in China die Besitzergreifung Kiautschous sehr übel genommen. Aber die Zeit»st vorüber. Auch ich bedauere, daß Herr Ledebour mich nicht begleitet hat. (Heiterkeit.) Abg. Ledebour(Soz.): Auf dies Bedauern habe ich zu erwidern, daß wir cS ab- lehnen, uns an solchen von der Regierung veranstalteten Reisen zu beteiligen.(Zuruf des AbM Görck c.) Nun, die Reise ist doch nicht von der nati�talliberalen Partei ver- anstaltet wurden.OvJ Mk. Kammgam— ÄnZÜge blau und grau. Bluse und iT Hose ganz gefüttert, pür 3— 8 Jahre.. sonstiger Preis 8 Mk., durchweg jetzt 0*50 Mk. Russenklttel- Anzüge Kammgarn- Cheviot und»y Manchester. In üblichen Größen... sonstiger Preis 10 Mk., durchweg jetzt/«50 Mk. Ia Kammgarn-Anzüge ganz gefüttert, Aermel Q mit Handstickerei, pür 3—8 Jahre.. sonstiger Preis 10 Mk., durchweg jetzt O>00 Mk. Norfolk-Anzüge modernste Stoffe, palten-passons. /- pür 3— 8 Jahre............... sonstiger Preis 8 Mk., durchweg Jetzt O«50 Mt JÜnglmgS-Anzüge viele moderne Stoffe, haltbar.»y pür 8—15 Jahre.............. sonstiger Preis 12 Mk., durchweg jetzt/.50 Mk. 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Referent ist Genosse K u b i g- Pankow. Nach der öffentlichen Versammlung: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Der Vorstand. Neuenhagen, Eggersdorf, Bruchmühle, Fredersdorf, Pctershagcn. Sonntag früh Handzet.elverteilung im ganzen Bezirk. Das Material ist bei den Bezirksführern in Empfang zu nehmen. Bruchmühlc-Radcbrück. Am Sonntag, den 19. Februar, abends 7V3 Uhr, bei Kühner: Zahlabend. Mitgliedsbücher sind mit-u- bringen._ Berliner JVacbrichten. Ter„Herr Tircktor". W!e sagte doch in feiner Menschenkenntnis Friedrich der Große?„Die Titel sind die Dekorationen der Toren!" Der alte Fritz liegt genau hundertundfünfundzwanzig Jahre unter der Erde, aber seit seinem Tode ist es mit der Titelsucht der Menschen inimer schlimmer geworden. In neuerer Zeit tragen sogar hochgestellte Leute, die in ihrer Art auch seine Menschenkenner sind und durch kleine Geschenke die Freund- schast erhalten wollen, redlich dazu bei, daß neben den Orden auch die Titel nicht aussterben. Wir wollen aus der Unzahl v'orsintflutlicher und moderner Titel hier bloß mal einen herausgreifen, der gewöhnlich nicht verliehen, auch nicht immer ehrlich verdient, sondern ungemein oft angemaßt wird. Was heute sich alles mit und ohne Berechtigung„Herr Direktor" schimpfen läßt, da ist das Eude von weg. Es be- darf bloß zu irgendeinem Schwindelunternchmen einer aus ein paar Tischen und Stühlen bestehenden dürftigen Bureau- cinrichtung, dann ist sicher auch der„Direktor" nicht weit. Macht ein pensionierter oder weggejagter Kriminalbeamter ein Detektivinstitut auf, so usurpiert er den Direktortitel, der dem ehemaligen Unteroffizier noch mehr Raupen in> den Kopf setzt. Zu Tausenden, ja Zehntausenden ist dieser faden- scheinige Titel aufgetaucht, seitdem es die wie Pilze aus dem Boden schießende Geschäftsmarke„G. m. b. H." gibt. Wer das meiste Geld zuschießt oder die größte Lippe riskiert, um- kleidet seinen Namen mit dem stolzen Direktorialszepter. Oft mag ja hier eine gewisse Berechtigung mitsprechen, aber die Häufigkeit des Titels läßt ihren Wert fast auf den Nullpunkt herabsinken. Man muß lächeln, wenn man geschättshalber solche Betriebsstätte aufsucht und mitunter an einen Milchbart als den„Herrn Direktor" gewiesen wird. Sehr oft dauert die Freude nicht lange, dann fliegt das ganze Direktorium auf. und der Herr Direktor, wenn er nicht ein besonderes Gründungsgenie ist, reist wieder in Trikots, Leinöl oder Stiefelwichse. Wo am Firmenschild das Wort Klavierschule prangt und vielleicht nur ein einziges Marterinstrument der Behämnierung hart, darf der Herr Konservatoriumsdirektor nicht fehlen, dessen Gattin, weil sie vom Klavierdeckel den Staub abwischt, sich natürlich„Frau Musikdirektor" titulieren läßt. Handels-, Schreibmaschinen-, Zuschneide-, Krawatten-Akademien(bei letzteren soll man nicht immer gleich an Halsabschneiden denken!) glauben, nicht existieren zu können ohne ihren Titelprotzcn. Aber auch simple Akten- männer haben brennende Sehnsucht nach jenem Allerwclts- titel, der ihnen besser klingt als etwa„Herr Stadtsekretär". Mit Grazie kratzen sie sich an irgendein Wohltätigkeitsinstitut heran, reißen die Leitung der Geschäfte an sich und taufen sich von nun an im Nebenamt„Herr Direktor". Na, es muß auch solche Käuze geben, die mit dem angemaßten, selbstherr- lichen Titel nach einer Ordensdekoration werfen. Meistens erreichen sie mit dem nötigen ekelhaften Kotau vor den oberen Regionen und mit Augenverdreherei nach der Kirche ihr Ziel. Die denkende Oeffentlichkeit läßt sich nicht bluffen und weiß nur zu gut. daß da. wo auf den Titel in solcher eigenmächtigen Ernennung Wert gelegt wird, in der Regel von Geist und Herz wenig zu spüren ist. Bou den Stcucrsorgen Berlins, die vnrch den Plan einer Erhöhung der Gcmeinde-Einkommensteuer auf IIS Proz. und der Gewerbe- und Grundsteuer auf je ISS Proz. des Normalsteuersolls jetzt mit einem Schlage in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt find, erzählt der vom Magistrat kürzlich veröffentlichte Jahresbericht der Steuer- Verwaltung. Er behandelt das letztabgeschloffene Steuer- jähr tSov/io�vom I.April 1909 biSzum 31. März 1919 reichend, das hinsirbtlicki des Ertrages gerade der drei genannten Steuern als ein keineslvegs günstiges zu bezeichnen ist. Die Gemeindeeinkommensteuer ist Ivegen der Höhe der Stcuersumme. die aus ihr dem Stadtsäckel zufließt, die wichtigste dieser drei Steuern. Bemerkenswert ist. daß schon die Personen- standsaufiiahme, die alljährlich im Herbste zu Bestenerungszwccken ausgeführt wird, für das Jahr 190S/1V nickt viel Gutes erwarten ließ. Zum erstenmal ergab sich da ein Bevölkerungsrückgang und dem- entsprechend auch eine Minderung der Einkommensteuerpflichrigen, im besonderen bei den Einkommen unter 3009 M. eine Minderung um 8812 Steuerpflichtige, die durch die gleickzeitige Mehrung um 2S9 Steuerpflichtige bei den Einkommen über 3000 M. selbstverständlich nicht ausgeglichen wurde. Obwohl die seit Jahren andauernde Steigerung des Einkommensteuersolls der Gesellschaften, Genossenschaften usw. auch in 1909/10 noch einen beträchtlichen Steuerzuwachs gebracht hat, ist doch die Gesamteinnahme aus der Geincinde-Einkommensteuer diesmal nur noch um ein Geringes über die des Bor- jahreS hinausgegangen. In den fünf Steuerjahren 1905/0g, 1906/07, 1907/03, 1908/09, 1909/10 war(unter Hinzu- recknung der Reste aus den Vorjahren) das Einnahmesoll: 34 613 417 M., 37 985 074 M., 41327 291 M.. 43 894 927 M.. 43 940 522 M., eingenommen wurden aber nnr: 32 098 534 M.. 85161210 M.. 37 884 645 M.. 40037 822 M.. 40 063 335 M. Roch vom drittletzten zum vorletzten Jahre hatte die Einnahme sich um reichlich 2 Millionen Mark erhöht, vom vorletzten zum letzten aber erhöhte fie sich nur noch um den winzigen Betrag von knapp 26 000 M. Die tatsächliche Einnahme ist, wie man sieht, auch in den vergleichsweise guten Jahren immer um ein sehr Beträchtliches unter dem Soll geblieben. Hierbei verdient es besondere Beachtung, daß auch diese Differenz in den letzten Jahren noch größer geworden ist. In dm genannten fünf Steuerjahren gingen auf das Einnahme- Moll ein: 92,73 Proz., 92,57 Proz., 91,67 Proz., 91,21 91,17 Proz. Die Fehlbeträge setzen sich zusammen aus Beträgen, die wegen NichtVerpflichtung abgehen, aus solchen, die wegen Unbeitreiblichkeit niedergeschlagen werden müssen, und aus solchen, die als Reste in das nächste Jahr hinübergenommen we rdcn Im letzten Jahr, Ivo am Einnahmesoll im ganzen 8,83 Proz. fehlten, belief sich der Abgang wegen NichtVerpflichtung auf 4,06 Proz., der Ausfall wegen Unbeitreiblichkeit auf 2,57 Proz., der Nest auf 2,20 Proz. Ungünstiger hat auch für die G ru n d st e u e r das Jahr 1909/10 abgeschlossen: hier ist sogar ein Rückgang der Einnahme gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Die Grundsteuer hatte in den letzten fünf Steuerjahren(immer einschl. Reste aus Vorjahren) bringen sollen: 22 488 970 M., 23 307 373 M., 24 314 218 M., 26 934 970 M.. 26 523 716 M.. sie brackte aber nur: 22 447 667 M.. 23 239 895 M.. 24 254 326 M.. 26 520 046 M., 26 161 803 M. Der Einnahmcrückgang für das letzte Jahr beläuft sich auf reichlich 358 000 M. Bei der Grund- steuer bleibt die tatsächliche Einnahme nickt beträcktlich unter der erwarteten: fie stellte sich im letzten Jahrfünft auf 99,81 Proz., 99,71 Proz., 99,76 Proz., 98,45 Proz., 98,62 Proz. Aber auch hier fällt miß daß die Differenz sich im allgemeinen vergrößert hat. Auch die G e w e r b e st e u e r hat einen Minderertrag ge- bracht. In den letzten fünf Jahren(immer mit Resten) wurden an Einnahmen erwartet: 9 966 465 M., 10 705 158 M.> 11417 141 M., 11 225 485 M., 10 813 799 M.. die Einnahmen betrugen aber: 9 765 116 M.. 10 453 093 M.. 11 131 228 M.. 10 942 541 M.. 10 524 866 M. Bei der Gewerbesteuer hätte schon im vorletzten Jahr sich ein Einnahmcrückgang von ziemlich 189 000 M. bemerkbar gemacht, und im letzten Jahr ist er nun mit ziemlich 418 000 M. noch schärfer hervorgetreten. Wieder ist hier auch das zu betrachten, daß die Differenz zwischen der erwarteten und der tatsächlichen Einnahme sich im Laufe des letzten Jahrfünfts merklick vergrößert hat. Ein- genommen wurden 97,93 Proz., 97,69 Proz., 97,50 Proz., 97,43 Proz., 97,33 Proz. des Einnahmesolls. Die gehoffte Besserung der Einnahmen aus diesen Steuern hat lange auf sich warten lassen. Im Augenblick steht noch nicht fest, welches das Ergebnis des noch laufende» Steuerjahrcs 1910/11 sein wird. Daß es über den infolge der Geldnöte im Vorjahre sehr hock bemessenen Etatansatz erheblich hinausgehen wird, ist nicht zu erwarten._ Kranzunfug. Uns wird geschrieben: „Die gewaltige Beteiligung der Berliner Arbeiterschaft am Be gräbnis des Genossen Singer wird jeden Parteigenossen mit Freude erfüllt haben. Dagegen hört man vielfach die Meinung, daß bczüg lich der mitgefübrten Kränze des guten zuviel getan wurde und, daß jetzt vielleickr die Zeit gekommen sei, gegen die immer größer werdenden Ausgaben für Kränze allgemein aufzutreten. Es kann talsächlich nicht bestritten werden, daß sich in den letzten Jahren ein gewisses Protzen mit Kränzen bemerkbar gemacht hat. Früher galt ein Kranz für zehn bis zwölf Mark als sehr anständig heute wagt eS kaum noch ein Organisations- oder Werkstellenver- treter mit einem solchen billigen Kranz zu einem Begräbnis zu gehen. Auch dürste es überflüssig sein, daß einzelne Bezirke und einzelne Werkstelleu, soweit es sick nickt um einen Bezirksgeuossen oder Werk stattkollegen bandelt, zu Begräbnissen Kränze stiften. Es ist jedew falls ausreichend, wenn die zuständige Organisation einen bescheidenen Kranz sendet. Man hat vielfach bei Begräbnissen das Gefühl, daß eS bester sei, das gesanimelte Geld den Hinterbliebenen zukommen zu lassen, die ihres Ernährers beraubt wurden und schweren Zeiten entgegen gehen, als es für die leicht vergänglichen Kränze auszugeben. Da aber, wo für die Familie gesorgt ist. könne das Geld für andere Zwecke(Jugendheim und dergl.) bestere Verwendung finden.' 10 Millionen-Umsätze in SchöncVerg. In Schöncberg ist der Grundstückshandel nach der endgültigen Annahme des Reichs� zuwachssleucrgesetzes lebhaft in Fluß gekommen. So hat der Guts� besitzer Mette das ihm, seinen Kindern und Miteigentümern ge hörige große Terrain zwischen dem Stadtpark und der Ringbahn für 5 Mill. Mark an die Gesellschaft Groß-Berlin verkauft: gleich falls haben die Willmanuschen Erben ihren Besitz au der Holbeinstraße zwischen Hauptstraße und Wannseebahn für 3,6 Mill. Mari an die Gesell- schafl Berlin Nord veräußert i und schließlich hat Herr Robert Kieke- busch von dem ReichSmilitärfiskuS einen großen Teil des Aufinarsch- geländeS an der Monumentcustraße für 3.2 Million:» Mark erworben. Diesem 10,8-Millionen-lIiusatz werden bald weitere große Verkäufe folgen. Die Verhandlungen wegen Veräußernug großer Bau- quartiere an der Mühlenstraße, dem Raihausplatz und der ver- längcrlen JnuSbrucker Straße find dent Abschluß nahe. So wird die in den beiden letzten Jahren etwas verlangsamte Entwickelung Schönebergs nunmehr einen lebhaften Aufschwung nehmen, und die Erträge an Umsatz- und Wertzuwachssteuer werden sich gauz be- deutend steigern. Schölt jetzt steht fest, daß Scköncberg die im Etat für 1910 vorgesehene Summe des Aufkommens an Umsatz- und Wertzuwachssteuer nicht nur erreicht, sondern überschritten werden wird, da aus Anlaß dieser Verkäufe neben der Umsatzsteuer von rund 200 000 M. an Wertzuwachssteuer bei Anwendung des Reichs- gesetzes auf Schöueberg rund 800 000 M. cutfallen werden. WaS ein Häkchen werden will... Ein zn den besten polizeilichen Hoffnungen berechtigter junger Mann übt zurzeit« im 115. Polizeibezirk in der Schönhauser Vorstadt seine staatsrclterische Tätigkeit aus. Der Strebsame, ein etwa 21 Jahre alter Tapezier Richard Zabel, Wichertstr. 51, ven'uckl nach Eintritt der Polizeistunde in Schanklokale, in denen noch Vereine usw. tage», einzudringen, um seinen Durst zu stillen. Gelingt es ihm, den betreffenden Gastwirt zur Hergabe von Ge- tränken zu bewegen, so ist e i n S t r a f m a n d a t die Folge der Versündigung wider den heiligen Polizeigeist. Um dann und wann aber einmal etwas Abwechslung in sein eintöniges denuuziatorischeS Dasein zu bringen, müht sich der„Tapezier' Zabel damit, andere Gastwirte, die nur die sogenannte halbe Konzession haben, daS heißt keinen Branntwein ausschäuken dürfen zur Uebertretuna der Vorschrift zu verleiten. Und sonderbarerweise ist in solchen Fällen stets ein Kriminalbeamter in der Nähe, der die durch seinen Agenten provozierte Gesetzesverletzuug feststellen kann. Es niuß doch ein recht erhebendes Gefühl für den„Tapezier" sein, wenn mit seiner Hilfe die schwer um ihre Existenz ringenden kleinen Gastwirte mit polizeilichen Strafmandaten bombardiert werden! Der Mann kann es noch zn etwas bringen. Ans Berliner Innungen. Die Innungen sollen nach dem Gesetz(Gewerbeordnung § 81a) bekanntlich berufen sein, ein„gedeihliches Ver- hältnis zwischen M ei st er und Gehilfen" herbeizuführen. Wie die Herren Meister diese ihre Aufgabe in der Regel auffassen, dafür bieten die fortgesetzten Konflikte, welche die Gehilfen in den Berliner Innungen mit den Meistern ständig auszufechten haben, recht drastische Beweise. Besonders trifft dies zu auf die Berliner Gastwirte-Jnnung. Die Herren Gastwirt-., Meister" haben sich in der Innung lediglich zusammengefunden, um eine für sie billige und für die Gehilfen schlechte Krankenkasse zu schaffen und einen Arbeitsnachweis zu führen, der ihnen— wenigstens bis vor kurzem war dies der Fall— auch noch ein gutes Stück Geld einbrachte. Nach dem Inkrafttreten des Stellen- Vermittlergesetzes wurde in Berlin für die Verntittelung von Aushilfskellnern durch die Behörden eine Gebühr von 20 Pf. festgesetzt, wofür nach dem Gesetz der Unternehmer die Hälfte zu zahlen hat. Die Berliner Gastwirte- Innung beschloß trotzdem, einfach die Gebühren für Aushilfsstellen von 10 auf 20 Pf. zu erhöhen. Hiergegen legte der Gehilfen- Ausschuß Protest ein und die Gewerbedcputation des Berliner Magistrats hat jetzt dem Protest statt- gegeben und dem Jnnungsvorstand untersagt, von den Arbeit- nehmern höhere Gebühren zu fordern, als bisher ordnungs- mäßig festgesetzt war, nämlich 10 Ps. Eine weitere Ungesetzlichkeit beging die Innung dadurch, daß sie den Arbeitnehmer zwang, die auf den Arbeitgeber entfallende Hälfte der Gebühren für diesen auszulegen. Natürlich haben die Arbeitnehmer in den allermeisten Fällen es unterlassen, die verauslagte Summe vom Unternehmer zurückzufordern, aus berechtigter Furcht, deshalb nicht wieder bestellt zu iverden. Auch diese Üngehörigkeit wird der Innung von der Aufsichts- behörde strikte untersagt. Es heißt in dieser Beziehung wörtlich: „Doch untersagen wir dem Vorstand, etwaige von den Jnnungs- mitgliedern(Arbeitgebern) zu zahlende Arbeitsnachlveisgcbühren durch die Arbeitnehmer verauslagen zu lassen, selbst»venu die Arbeitnehmer hierzu sich freiwillig erbieten. Die VerauSlaguug dieser Gebühren durch die Arbeitnehmer ist unter keiner Vor- aussetzung zuzulassen."— Der Jnnungsvorstand wird auf- gefordert, der Behörde über das Veranlaßte innerhalb 14 Tagen Bericht einzureichen. Die Beschwerde des Berliner Magistrats, welche dieser in Sachen des neuen Projekts für die Nord-Slld-Untergrundbahn an den Minister der öffenllicken Arbeiten v. B r e i r e n b a ch ge- richtet hatte, ist, wie wir hören, vom Minister abgewiesen worden und zwar mit der Begründung, daß die Stellungnahme des Polizeipräsidenten in der Konferenz vom 10. v. M. keinerlei Anlaß zur Beschwerde biete. Der orkanartige Sturm, der gestern in Berlin wütete, hat recht erhebliche Schäden verursacht. In den Nachmittagsstunden hatte die Gewalt des Unwetters ihren Höhepunkt erreicht. Eine Sturmwclle folgte der anderen und laut pfeifend fegte der Orkan zwischen den Gebäuden dahin. Hunderte und Aberhnnderte von Dachziegeln wurden losgerissen und aus die Straßen hinuntergeschlendert. Die Passanten schwebten-dabei häufig in Gefahr. Eine Anzahl Unglücks« fälle waren die Folge. Unter den Baumbeständen hat der Orkan gleickfalls stark gehaust. In den städtischen Anlagen, im Tiergarten, im Friedrichshain und in den angrenzenden Forsten wurden Hunderte von Bäumen geknickt. Starke Zweige wurden vollständig losgerissen und zur Erde geworfen. An den Ufern der Hnvet wurden mächtige Kiefern vom Sturm geknickt. Nachteilige Folgen hatte der Sturm- wind auch für die Eisdecken auf den Gewässern. Trotz der erheblichen Stärke wurden aus den Seen die Eisflächen stellenweise zum Bersten gebracht. Auf dem Tegeler See wurde ein leichtsinniger Schlittschuh- läufer von der Gewalt des Sturmes in eine Fahrrinne getrieben. Glücklicherweise war der Vorfall bemerkt worden, so daß der Ver- unglückte noch gerettet werden konnte. Von einem Kandelaber erschlagen wurde vorgestern nachmittag der 39 Jahre alte Arbeiter Gustav Behrendt aus der Müllerstr. 9. Behrendt half mehreren Arbeitsgenossen auf dem städtischen Guß« rohrmagazin an der Prenzlauer Allee 82/35 beim Verladen. Als er hierbei zu Fall kam. fiel ihm ein über 400 Kilogramm schwerer Kandelaber, der verladen werden sollte, auf den Kopf und zer- trümmerte ihm den Schädel. Der Unglückliche blieb besinnungslos liegen und verschied nach wenigen Augenblicken. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Sckauhause gebracht. Wegen umfangreicher Untcrschlagiliigeu ist der Agent Kaim ver- haftet worden. Kaim hatte in der Schützestraßen 34 ein Bureau und vertrat die Kleidcrstofffabrik Franz Heyer in Greiz und einige kleine Tuchlieferamen, machte aber auch auf eigene Rechnung Ge- fchäfte. Die Unterschlagungen sollen die Höhe bis zu einer Million erreicht haben und den Zusammenbruch der Grcizcr Firma herbei- geführt haben. Die Verhaftung K.'s erfolgte in Greiz. Ein Telephonschwindler hat es auf Kolonialwarengeschäfte im Osten der Stadt abgesehen und wird vermutlich auch iu anderen Stadlvierteln auftreten. Bei einem Kolon>alwareiigeichäst in der Franlfurler Allee bestellte er durch den Fernsprecher Wein und Kakao mit der Weisung, ihm die Sachen nach seiner Wohnung in der Königsberger Slr. 23 zu bringen. Dort erwartete der Auftraggeber „Dr. Scheyer", wie er sich nannte, den Boten schon im Hausflur und nahm ihn, die Waren ohne Bezahlung ab. Als der Bole ohne Geld zurückkehrte, forschte man nach und entdeckte, daß mau einem Schlvindlcr in die Hände gefallen war. Der Gauner ist etwa 25 Jahre alt, groß und schlank, hat einen kurzen Schnurrbart und trug einen dunklen Jackettanzug und einen schwarzen steifen Hut. Ein Opfer des Alkohols ist in der Nacht zu gestern der 45 Jahre alte Zeilungshändler Friedrich Eichhorn, der von seiner Frau ge« trennt lebte und am Molkenmarkt Nr. 1 wohnte, geworden. Der Mann trank stark und kam auch in der Nacht zu gestern wieder be- trunken nach Hause. Der Wächter, der ihn sah, glaubte, daß er noch allein nach seiner Wohnung im zweiten Stock hinaufkm.tinen werde. Als er jedoch um 6 Uhr morgens wieder vorbeikam, fand er Eich- Horn auf der ersten Treppenstufe tot dasitzen. Eilten unheimliche» Fund machte gestern morgen die Pföriner« srau in dem Hause Teltower Straße 56. Als sie nach dem Boden hinanfgiilg, stieß sie oben auf der Treppe auf ein Paket, das in braunes Packpapier eingehüllt und mit einer Hemdenlitze verschnürt war. Sie wickelte es aus und fand darin einen Pappkarton, in diesem einen Leinenbcutel und darin die Leiche eines neugeborenen Knaben, die in Zeitungspapier eingewickelt war. Jugend- FortschrittskursuS. Die Zusammenkunft an diesem Sonntag, den 19. d. MtS., fällt aus. Die nächste findet am Sonntag, den 26. d. Mts., statt. Zcugcngesuch. Die Fensterputzer Rudolf Grosse und Ringlcr werden dringend ersucht. ihre Adressen an die Redaktion des „Courier', Berlin. Engelufer 21. gelangei, zu lassen. Feuer im Kunstgewerbemuseum. In der im Mittelgebäude de? Kunstgewerbemuseums belegenen Unterrichtsanstalt brach gestern nachmittag Feuer aus. Der Brand entstand in dem im obersten Stockwerk gelegenen Atelier des Malers Professor Bastanier und breitete sich mit ziemlicher Schnelligkeit aus den Dachstuhl des Mittel« gebäudeS aus, der bald über und über in Flammen stand. Wie es heißt, ist es gelungen, das Atelier zu räumen, so daß ein Schaden an Kunstwerken nicht entstanden ist. Die in ziemlicher Stärke er« schienene Feuerwehr war bemüht, den Brand lokalisieren. Vorort- Nacbnchtem Treptotv-Baumschule«iweg. Gewerbe- und Kaufmannsgerichtswahl. Nur noch bis Montage den 20. Februar einschließlich liegen die Wählerlisten für Arbeitgeber sowie für Äaufleute und Handlungsgehilfen getrennt im Rathaus, Neue Kriigallee 1—3, Zimmer 52 aus. Bis zu diesen, Tage kann in den Dienststunden von 9— 3 Uhr und am Sonntag von 9 bis 10 Uhr vormittags Einsicht genommen werden. Einsprüche gegen die Richtigkeit der Liste sind gleichzeitig geltend zu machen. Arbeit- nehmer fürs Gewerbegericht weisen ihre Berechtigung am Tage der Wahl nach. Wahlberechtigt ist für das Gewerbegericht, wer das 25. Lebensjahr vollendet hat. im Bezirk desselben wohnt oder ge- werbliche Niederlassung oder Beschäftigung hat. Für das Kauf- mannSgericht. wer das 25. Lebensjahr vollendet und im Bezirk des- selben eine Handelsniederlassung oder Beschäftigung hat. Nur wer in der Wählerliste steht, ist wahlberechtigt. Zur Einsichtnahme haben sich bereit erklärt: die Genossen Restaurateure Wilhelm Erbe. Baum- schulenstr. 14, Karl Kaiser. Grqtzstr. 28 und Max Lendzian. Grätz- straße 68. Charlottenburg. Am heutigen Sonnabend, den 18. Februar, veranstaltet der Ge sangverein„Charlottenburger Liedertafel" sM. d. D. A.-S.) im Volks hause CharlottenburgS ein großes Wintervergnügen. Da sich der betreffende Verein den Parteiveranstaltungen ständig zur Verfügung stellt, werden die Parteigenossen ersucht, sich an der Veranstaltung zu beteiligen Tchöne�rg. Durch den gestrigen Sturm wurden in der Zigarrenhandlung Ecke Potsdamer und Göbenstraße die Schaufensterscheiben zer trümmert. Der im Laden befindliche Verkäufer erlitt dabei so er- hebliche Verletzungen, daß seine Ueberführung in das Krankenhaus notwendig wurde. Die Theatcraufführnng„Kasernenluft" findet am Mittwoch, den 22. d. Mts, abends S1/-, Uhr. im Gesellschaflshaus deS Westens. Hauptstr. 31, statt. Der�Saal wird um 7 Uhr geöffnet. Nur In- haber von Eintrittskarten haben Zuttitt. Eine offene Kaste sowie Verkauf von Billetten findet nicht statt. Stralau. Aus der Gemeindevertretung. Der Plan zur Herstellung eines Anschlußgeleises nach dem Oslhafen unter der Straße Alt-Stralau liegt zur Einsichtnahme aus. Da die Bedingungen, die Stralau bei der Genehmigung des Baues an Berlin gestellt hat. nach dem vor- liegenden Plan wesentlich abgeändert sind, wurde beschlossen, Ein- sprach zu erheben. Berlin wird außerdem zur Bedingung gemacht. daß eine Hemmung bezw. Behinderung des Straßenbahn-, Fuhr- Werks- und Fußgängerverkehrs durch den Bau nicht stattfinden darf. Der Treptow-Sternwarte wurde ein Beitrag von 75 M. bewilligt. Die Leitung der Sternwarte hat sich bereit erklärt, Schülerkarten zum Vorzugspreise von 20 Pf. für die Beobachtung durch das große Fernrohr, sowie Besichtigung des Instituts unter sachkundiger Führung abzugeben. Beim Punkt:„Bewilligung eines Jahresbeitrages für den Kinderhort" kam es zu stürmischen Auseinandersetzungen. Unter der Firma: Industrie,„Verein grauen- Hille", Kirche. Gemeindevertretung und eines eigens hierfür zu gründenden Vereins srekrutieren sich die Mitglieder für letzteren etwa aus dem kürzlich verkrachten Flottenvcrein?) soll am Orte ein Kinder- heim errichtet werden. Der mehr wie dürftigen Begründung des Antrages durch den Gemeindevorsteber ist zu entnehmen, daß eine Rundfrage bei den hiesigen Industriellen über die Höhe der frei- willig zu leistenden Beiträge von mehreren Befragten unbeantwortet geblieben ist. Did Kosten sollen pro Jahr etwa 3000 M. betragen. Ueber die Art der Einricblung. der Leitung und der Verwaltung des Kinderheim» wußte Herr Kracht nichts zu sagen. Um so gründlicher beschäftigte sich Gen. Westel mit dem Antrage. Redner bemängelte, daß der Gemeindevorstand eS nicht für nötig gehalten habe, der Vertretung eine Vorlage zu machen; er kritisierte serner, daß schon im Dezember vorigen Jahres in der Presse in bestimmter Form mitgeteilt wurde, daß die Verttewng der Errichtung deS Heims auf privater Grundlage zustimmen werde. Sei die Mitteilung in dieser Form vom Gemeindevorstand an die Presse gelangt, so sehe er darin eine Verletzung der Rechte der Vertretung. Krnderheime zu errichten sei Pflicht der Gemeinde. Die Mitwirkung aller möglichen Vereine lehne er ab. Die private Wohltätigkeit sei heute vielfach Modesache geworden. Scharf kritisierte Redner die niedrigen Löhne in der hiesigen Industrie und das Bestreben der. Unternehmer, sich bei dieser Gelegenheit mit dem Glorienschein der Humanität zu um- geben. In Wirklichkeit komme es den Industriellen darauf an, � die Mütter und Frauen als billige und gefügige Arbeitskräfte in die Fabriken zu bekommen; da müste eben auch für die Unterbringung der Kinder gesorgt werden. Während die Bürgerlichen diese Ausführungen mit großer Unruhe begleiteten, hinderte der Vorsteher den Redner, weitere Ausführungen zu machen, alle parlamentarischen Formen dabei außer acht lassend. Genosse Westel verlangte eine Entscheidung, ob er weiter sprechen könne oder nicht. Der Vorsteher lehnte das ab. Scharfe Worte folgten auf beiden Seiten. Herr Deutsch. Vertreter der dritten Klasse,„gewählt" mit 23 Stimmen von zirka 700 ein- geschriebenen Wählen«, betonte, keine Zeit zu haben, lange Reden an- zuhören. meister von der in Rixdorf tagenden Konferenz, die sich mit dem Zweckverband beschäftigt hatte. Die Gemeinde war vertreten durch den Bürgermeister und den Schöffen Säger. Der Kaufverttag mit den Geschwistern Herms für die Erwerbung des Grundstücks Kaiser- Wilhelm-Stratze 63/69 zur Erbauung einer höheren Mädchenschule wurde mit elnige«, kleinen Abänderungen angenommen. Hierauf kam der Hauptp'inkt der Tagesordmmg zur Beratung:„Vorlage des grundlegenden Projekts für den Neubau der höheren Mädchenschlile". Die Schule soll 10 Klaffen erhalten, eine Aula, einen Zcichensaal, ein Physikziminer. Rektor-, Lehrer- und Konferenzzimmer sowie einen Turnsaal. Die Baukosten sind auf 335000 M. veranschlagt worden. Eme lange Debatte entspann sich darüber, ob die Baukosten doch noch mehr herabgesetzt werden könnten. Immer wieder machte der Baumeister darauf aufmerksam, daß nur das gebaut werde, was die Behörde verlangt: es fei nicht beabsichtigt, einen Schul- palast herzustellen. Genosse Woschke regte an, daß, wenn gespart werden solle, der Bau ja in eigener Regie ausgeführt werden könne. Den Verdienst des Unternehmers könne die Gemeinde selbst einstreichen. Nach mehrfachen Ausführungen des Bürgermeisters stimmte die Vertretung dem Projekt zu. Die Finanzlage wird durch die Erbauung der höheren Schulen immer schwieriger, so daß eine Erhöbung des Kommunal- sleuerzuschlageS die Folge sein dürfte. Als Armenbezirksvorsteher- Stellvertreter wurde Herr Herzogkeit gewählt. Genosse Woschke er- suchte, auch Arbeitern in Zukunft solche Posten zu übertragen, dem zugestimmt wurde. An Schulgeld soll für die Oberstufe der höheren Mädchenschule und für das Nealprogymnasium von hiesigen Schülern 120 M., von auswärtigen 140 M. pro Jahr erhoben werden. Das versuchsweise eingeführte Steuermahnversahren soll beibebalten werden. Genosse Woschke regte an, die Mahngebühren herabzusetzen, was aber abgelehnt wurde. Eiu weiterer Vorschlag, beim Steuer- zahlen das Nummerirsystem einzuführen, um eine schnellere Ab- fertigung des Publikums zu erzielen, soll in Erwägung gezogen werden.— Hieraus folgte eme nichtöffentliche Sitzung. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Was mau kaum für möglich ge- halten hat. ist doch geschehen: die Stadtverordnetenversammlung hat nämlich dem Antrage der Sttaßenbahndeputation, die Arbeiter- Wochenkarten von 60 Pf. auf 80 Pf. resp. 1 M. zu verteuern, zugestimmt. allerdings nur mit geringer Majorität. Der Magistrat wollte sogar eine Verteuerung von 1 M. resp. 1,20 M. pro Karte. Um die Sache richtig zu würdigen, muß ein kleiner Rückblick gemacht werden. Als die Sttaßenbahn noch im Besitz der A. E.-G. war, wurden für die Arbeiter Monatskarten für 2 M., welche zur täglich zweimaligen Fahrt berechtigten, ausgegeben. Nachdem die Straßenbahn dann für teures Geld in den Besitz der Stadt über- fing und die Nonnendammbahn hinzukam, von der man sich den eiteren Happe««, den Güterverkehr wegschnappen ließ, behielt man anfangs diese Arbeitermonatskarten für 2 M. bei. Dann wurden anfangs dieses Jahres Schaffner eingestellt. Die hierzu notwendige Tarifänderung bestand darin, daß man die Sttaßenbahnmarken, die früber 25 Stück für 2 M. nur im Depot oder beim Weichensteller am Markt zu holen waren, weg fallen ließ und statt dessen Bündelsahrscheine, 25 Stück für 1 M., einführte. Diese Bündelfahrscheiiie waren bei den Schaffnern zu haben und da die einzelne Fahrt auf ihnen nur 8 Pf. kostete, so kaufte alles Bündelfahrscheine. Die Arbeitcr-Monatskarten a 2 M. wurden auch abgeschafft und statt dessen Arbeiter-Wochenkarten a 60 Ps. eingeführt. Hier wurde die Fahrt der Arbeiter verteuert, während man die Fahrten der Bessersituierten verbilligt hatte. Nach kaum einem Monat sah man aber ein, daß man sich verrechnet batte und nun folgte die dritte Tarifänderung dahingehend, daß die Bllndelfahrscheine in Wegfall kommen und dafür die Abonnements erheblich verbilligt, hingegen die Arbeiter-Wochenkarten verteuert werden sollten. Die gestrige Stadtverordnetenversammlung lehnte zwar gestern die Verbilligung der MonatsabonnemenlS, wie sie der Magistrat verlangte, auch ab. stimmte aber bedauerlicherweise der Erhöhung der Arbeiter-Wochenkarten auf 80 Pf. bezw. 1 M. zu. Die Debatte über diesen Punkt dauerte beinahe zwei Stunden und so viel Mühe sich der Stadtverordnete Genoste Pieper und auch andere Stadtverordnete gäbe«,. de«, Arbeitern diese kleine Vergünstigung zu erhalten, es war ver- gebens. WaS nun folgen wird, dürfte für die Finanzen der Spandauer Straßenbahn vielleicht noch ungünstiger wirken, als man vermutet. Viele Arbeiter werden jetzt au? Prinzip die Straßenbahn nicht mehr benutzen. Wie es scheint, hat fich die Stadtverordneten Versammlung bei Beurteilung der jetzigen Tarifrcvision viel zu kurzsichtig gezeigt. Man hätte ruhig noch den Sommer über ab- warten können, denn der Verkehr ist im Sommer ein größerer wie im Winter, und wenn dann noch mit Unterbilanz gearbeitet wurde, dann war immer noch Zeit, an eine Aenderung zu denken. Jeden falls wird ein Verkehrs instiwt dadurch nicht profitabler, daß man es verteuert. Von den übrigen Vorlagen sei noch erwähnt, daß der Oberingenieur Dr. Wallem von den Siemens und Schuckert-Werken einen Vorttag über die weitere Versorgung der Stadt mit Elektrizität hielt, der darauf hinauslief, daß die Stadt gut daran tue, wem« sie kein eigenes Werk baue, sondern den Strom weiter von einer leistungsfähigen Gesellschaft zu entnehmen. ES ist ganz dieselbe Ge- schichte wie mit der Straßenbahn. Erst müssen sich Privatgesell- schaften die Taschen füllen, hinterher kaust ihnen dann die Stadt den Krempel teuer ab. Ein großer Teil der Vorlagen wurde wegen vorgeschrittener Zeit vertagt. Huö aller Alelt. Ich toeifj, wie Philipp lieben kann! An diesen Ausspruch des Don Carlos wird man unwillkürlich erinnert, wenn man folgende Geschichte liest, deren Schauplatz die alte Hansastadt Hamburg ist. Seit vier Jahren sitzt dort in einer Zelle des Zentralgefängniffes eine Strafgefangene, die noch drei Jahre dort zubringen soll. Aus eben dieser Zelle erklang eines Morgens nun Kindergeschrei, und es half nichts: es mußte festgestellt werden, daß der Storch dagewesen war. Die Erforschung der Vaterschaft ist ja nur in Frankreich untersagt, und so tat man das, was in so verzweifelten Fällen getan werden kann: man ordnete eine Untersuchung an. nahm einen schönen Aktcnbogen und schrieb darauf:„Gegen Unbekannt".— Das Ergebnis der Untersuchung war zuerst ganz negativ. Die junge Mutter verweigerte jede Auskunft und beteuerte ihre Unschuld. Die Wärterinnen mußten dies sogar mit ihrem Eid bekräftigen. Man stand also vor einem Rätsel. Durch gutes Zureden gelangte man endlich doch zu einem Geständnis. Diejenige, auf die es hier ankommt, sollte vor Gericht als Zeugin vernommen werden und wurde mit dem„Grünen August" an Ge- richtsstelle transportiert, dasselbe Gefährt benutzte zu dem gleichen Zweck ein männlicher Bewohner des Zuchthauses. Und so kam es! unter den Augen der heiligen Hermandad. Hungersnot in der Herzegowina. Wie die serbische Zeitung..Politica" meldet, ist in verschiedenen Gegenden der Herzegowina eine Hungersnot aus- gebrochen. Ganze Dörfer sind bar jeglicher Lebens- mittel. Trotzdem die Not teilweise einen hohen Grad er- reicht hat. ist von der bosnischen Regierung bisher nichts getan worden� Pas Elend der Bevölkerung zu mildern, Wörtlich genommen. Zu einem heiteren Zwischenfall kam es dieser Tage im Verhandlungssaale des Amtsgerichts Greußen im Schlvarzburgischen. In der Prozeßangelegei'heit eines Händler? war der S o h n zur Vernehmung geladen worden. Als aber der etwa 14 Jahre alte Junge bei seinem Aufrufe im Saale erschien, braih eine unbändige Heiterkeit loS, und selbst der Richter hatte große Mühe, ernst zu bleiben. Der schmächtige Körper des Zeugen verschwand fast unter einen« großen, weiten Gehrock, der bis auf die. mit große» Stiefeln bekleideten Füße herabfiel. Im gleichen Uinfange waren die Hosen, der Kragen und der unförmliche Hut gehalten. Außerdem trug der sonderbare Zeuge einen gewaltigen Stock in der Hand.. Auf die entrüstete Frage des Vorsitzende», wie er sich unterstehen könne, in einem solchcin Aufzuge vor Gericht zu erscheinen, meinte der arme Junge schüchtern, das stände doch in der Ladung vorgeschrieben. Allgemeines Erstaunen. Der Kleine aber schürzte den langen Aennel zurück und suchte eine Weile eiftig in den siefen Taschen herum, bis er endlich tief aufatmend die Ladung zum Vorschein brachte und mit triumphierender Miene auf die Worte zeigte, welche ihm befahlen: „In Sachen Ihres Baters."_ Kleine Notizen. Strandung auf der Unterclbe. Wie ein Telegramm aus C u x- Häven meldet, verlor im Weststurm ein französischer Schlepper: eine von ihm geschleppte große englische Bark, deren Name noch un- bekannt ist. Die Bark strandete in der Niedcrelbe. Mehrere Schlepper befinden sich in der Nähe, können jedoch keine Hilfe leisten. Von einer Lawine verschüttet. Eine aus einem Leutnant und, vier Mann deS Jnnsbruckcr Kaiserjäger-Rcgiments bestehende Sk-patrouillc wurde am Donnerstag von einer Schneelawine über- rascht. Der Leutnant und zwei Mann konnten sich retten, während die beiden a««deren heute als Leichen ausgefunden wurden. Ein geheimnisvoller Mord wird aus Darcey(Frankreich) gemeldet. Auf einer Straße nahe der Stadt wu«:de die' v o l l ständig nackte Leiche eines Mannes aufgefunden; die Kleider Irmren von dem Leibe der Person gerissen und bedeckten das Gesicht. Die Leiche hat ein grauenhaftes Aussehen, da sie von dem Täter vollständig verstülnmelt worden war. Der Ermordete wurde als ein Kaufmann aus der Stadt erkannt. Fretreligiös e Gemeinde. Sonntag, den 19. Februar, vormittags 9 Uhr, Pappel-Allee 15—17 und Rixdorf, Jdealpassage: Freireligiöse Vorlesung.— Vormittags 1l Uhr, Kleine Franksurter Straße(5: Vortrag von Frl. I. Altinann:„Der neue Mensch und die neue Sittlichleit." Damen und Herren als iSäile sehr willkommen. Abends 6 Uhr im„Englischen Garten", Alexanderstt. 27o: Geselliges Beisammensein._ rsiiterungsuversiw» vom 17. Februar 1911, morgens 8 Ilbr. Setter Zwmemde 748 WSW damturg i751 WSW Serlir'754 SS Franll.a v! 7K4SW Mibichev i 768 SS Sien 767 SsS 7 Regen 8 Regen 3 bedeckt 7 Regen 6 bedeckt 1 bedeckt—5 MK all i? Ha �& 1= s «tatwnen c II i Settel c» all Havaranda 734 NNO Petersburg 737 SIS Scrllh ,770S vQ) erbtet« 751 SNS Pari» 1 770 SW 2 bedeckt— 16 4 Schnee—2' 5 Nebel 7 bettet 4 beb eckt ! Bvettervrognote'ür Sonnabend, den 18. Februar ItNI. Etwas kühler, zeitweise aufklarend, jedoch sehr unbclländig mit geringere» Niederschlägen und langsam nachlassenden westlichen Winden. Berliner Setlerburea». evaflerftands.RaMrt-btei, der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mstgeleilt vom Berliner Wetterburcau. Wasserstand Ä e m e l. TUM P r e g e l, Jnfterburg W e i ch i- l. Tdora Oder, Rattboe , Krollen , Frantlutt Warthe. Sckrimm , LandSberg Netze, Lorbamm Elbe, Leinneritz , Dresden , Varbv , Magdeburg K 4» bedeutet Such».— Fall.— K Untervegel.—«) Eistreibe». ♦) Eisbewegung.—•) Eisstand.—•) eisfrei.—') schwaches E«Streiben. UrbettsnaetUveiS: Hos 1. Amt 3. 1239. Verwaltungsstelle Berit««. Hanp.dureau: CharitSstraSe 3. Hol IIL Amt 3, 1987 Sonntag, den 19. Februar, vormittags 10 Uhr: Kranchvn Versammlung alier in der Metallindukrie btssiiästigten Maschmenarbciter uud Arbeiterinnen im„Englischen Garten", Alexanderstt. 27 c(großer Saal). Sagt?. Ordnung: 112/6 I. Vortrag mit Lichtbildern:„Arbeiterschaft«nd Wohnungsfrage«. Reftrcnt: Genosse Paul Schlegel. 2. Diskussion. 3. Brancheiiangelegenhellen. SV Der außerordentlich inlercssanten Tages-Ordnung wegen find alle«n der Metallindustrie beschästlglen Hobler,«ohrer. Fräser. Stößer. serner die in den Bettleben der Gclbmctallindustric beschastigten Schmlt« arbeitet, an Ziehpressen und Stoßwcrlen Bcschästtgten, sowie alle au Maschinen tätigen Arbeilerinnen jrcuiidllchst eingeladen. Montag, den 29. Februar, abends 9 Uhr: NttsMiiiIiiiis der Metalldrückrr Berlins und Umgegend im„GewertschaftshauS", Engelufer 15, Saal 4, Tages- Ordnung: 1. Branchenangelegenheiten und Verschiedenes. L. Diskussion. 3. Ver» schiedeneS. Zahlreichen Besuch erwartet_ PIp Qrtsvf rivaltnng. Steinarbetter. Sonntag, de» 1». Februar, nachm. 5 Uhr, im Englischen Garten, Mexanderstr. 27<:: Konlbinierte Versammlung mit Franem Tagesordnung« Vorttag deS Genossen Willi. Slcrine über„Die politische I-agc". Nach dem Vortrag LemlUIledez öeiLAmmenZem-r»�. Rege Beteiligung erwartet_[171/5*]_ Dia OrUierwaltimg. ist der schönste Ausflugsort? Immer noch Pichelswerder, VeZuVaZ" beim Alten Freund» Vorbeugung der Syphilis durch Ghriich-Hata 606. Anfklärungsbuoh über Vorsichte- m aliregeln u. Erkennung d-Lust- sencho von Dr. Z i k e 1. Für M. 1,— francod d. Mediain. Verlag E. Schweizer 41 Co., Berlin NW. 67». Sonnabend Gratis! Gratis! erhält jeder Käufer beim Einkauf von 2 M. eine Wurst. Kasseler 80 Pj. 306iL Georg Kaumann, Landsberger Allee 27a, P a Pfund -ll.BirSIl.20M. Gr. geräucherte Gänsekeulen, z. Rohesscn, ff. Gänseschmalz. garantiert rein, a Psd. 1.20 M.. empfiehlt 2öj7 Berlin Klosteratr. 95. >1 SckhauS Kaiser-Wilhelm- Straße. Todes-Anzeigen|��]| SozlaldemoHeberWiiiilfefelii des 6. Kerl. Reiebslags-Vatireises. Todca- Anzeige. Am 15. Februar verstarb unsere Genossin, Frau ?suline �iescdslke Lych«?-'- Ztr. 104. Ehre ihrem Audcnreu: Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 18. Februar, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- hoses in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter Vorstand. OeutsctiBr Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeigen. Den.tlvllegcn zur Nachricht, i>ajz unser Mtglied, der Fiäjer Otto Ventei am 16. d. Mts. an Herzleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 19. Februar, nach- mittags 1'/, Uhr, von der Leichen- balle des neuen Johannis-Kirch- hoses m Plötzensee aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Dreher Berulttril Kieselbach am 14. d. Mts. au Bauchjell- entzllnduug. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 18. Februar, nachmittags 4'/, Uhr. von der Leichenhalle dcS alten Luisen-Kirch- Hajes, Bergmannfiratze, auS statt. Ehre ihrem Andenken! Reg« Beteiligung erwartet 113/7 Die Ortsverwaltung. Deotseber Iransportarteiter-ferliaDl Bezirktverwaltung GroB- Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dafi unser Kolleg«, der Hausdiener krite Jäger am 16. d. MtS. im Zllter von 87 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Montag, den 20. d. MtS., nach- mittags Z Uhr, von der Leichen, halle des Kreuz- KirchhoseS in Marienorj auS statt. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unser Kollege, der Arveiter Paul Kath am 15. d. MtS. im Alter von 30 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 18. d. Mts., nachmittags 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des Zentral. Fried- HoscS in Friedrichsselde aus statt 66/9 Oie Bezirksverwaltung. Allen Freunden, Belannten und Berwandten die traurige Nach- richt, daß meine liebe Frau r»a Wetze! geb. Schulz nach langem, schweren Leiden im Aller von 23 Jahren verstorben ist. Um stille« Beileid bitten Karl Wetzel. Familie l-lndner. Di« Beerdigung findet am Sonn- tag. nachmittags 2 Uhr. vom Trauerhause, Christburgerstr. 48. auS statt. 30620 SozialdeniokralisctiefWatifyereiji Charlottenburg. Bezirk 29. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser langjähriger Genosse, der Gastwirt Iveopolll Hamann Hclmholtzstr. 11 gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 19. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle deS Luiscn-Kirchhoss, Fürsten- brunner Weg. auS statt. Rege Beteiligung erwartet 250/5 Der Vorstand. V"«*. W Deutseher Kürschner-Verband Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß die Kollegin Fri. /Marie Schön am 14. d. MtS. im 29. Lebens- jähr verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute. Sonnabend, nachmittags 3 Uhr. in WilhelmSbcrg von der Leichen- Halle der MarkuSgcmeinde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 102/5 Die OrtSverwaltnng. Am Mittwochnachmiltag ver- schied nach langem Leiden unser lieber Sohn, Bruder u. Schwager Ritx Behrendt im 31. Lebensjahre. 186b Dies zeigen liesbetrübt an Fllern, Bruder u. Schwagerin. DieBeerdihung findet am Sonntag. nachm. 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des alten Schöne- berger Kirchhofs, Hauptstraße, | aus statt. Verband der Sattler und Porteteuiller. OrtSverwaltnng Berlin. Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, daß unser Kollege, der Porteseuillcr Ulbert Badov Werkstatt Th. Marschall verstorben ist. Ehre seine«»«denken! Die Beerdigung erfolgt am Sonnabend, den 18. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle deS Gethsemane-Kirchhost» in Nordend bei Nteder-Schon- Hausen aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 156/9_ Die OrUverwaUung me und Begräbnis Danksagung Für die herzliche Teilnachi Kranzspenden bei dem mewcr lieben Frau Agnes Gliedert sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, den Genossincn und Genossen des 4. Wahlkreises(Be- zirk 2971, den Arbeiterinnen der Firma David sowie Herrn Schütte sür die trostreichen Worte am Sarge der Entschlasencn und für den er- hebenden Gesang herzlichen Dank. 1766 Hermann»ledert. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Baters psul Dankel sage Ich allen Verwandten, Bekannten, den Kollegen der Firma H. S. Her- mann und dem Verbände meinen innigsten Dank. 1846 Witwe Johanna Dankel und Sohn. »et Salamanüeratietel eignet aicb Inlolge «einer eleganten Ausführung, •einer vorzüglichen Passtorrn und ■eines billigen Preises gana besonders Unserem Genossen ist \{ Iriebr. Meier v. Frau« zur Silberhochzelt � P die herzlichsten Glückwünsche! st) R. Ferchel, Grimm, S- Gronemeier, Kossatz, Lewan- � dowskl, Moscizkl. a> Zur Einsegnung Einheitspreis Mk. 12.50 Fordern Sie Musterbuch V Salamander Scbuhgea. m. b, H., Berlin Zentrale: W 8, Friedrich-Struse 183 W. Frtedrleh-Struse 183 SW. Friedrich- Strasse 221 N. Friedrich-Strasse 118/19 C. KOnlg-Strasse 47 W. Potsdamer Strasse 5 C. Roaenüialei Tor W. Tauentzlen- Strasse IS N. Bad- Strasse 20 NO. Gr. Frankfurter Str. 102 (am Strausberger Plats) NW. Wilscacker Sirasse, Ecke Turmstrasae 9 Charl., Wilmersdorfer Str. 126 Steglitz, Schloss-Strasse 30 Spandau, Breite Strasse 30 PoUdam, Nauener Strasse 24 Schneiderei Illr alegute Herren- Hoden Fertig und nach Mass.- daran- tls für tadellosen Sita und beste Verarbeitung. Aul tVochon rate roo ssssssseeeses« Zwölfte Aliauberung zu dem Statut der Orts- Krankenkasse der Weber und verw. Gewerbe zu Berlin, vom 18. Febr. 1833. Artikel l 33 erhält folgende Fassung: diejenigen Mitglieder, welche der Kasse aus Grund der§§ 4 und 8 angehören, haben die vollen Kasten- beiträge alle vier Wochen im Voraus selbst an die Kaste einzuzahlen oder kostenlos einzusenden. Artikel n. Vorsiehende Abänderung tritt mit dem ersten Montage nach der statuten- mäßigen Bekanntmachung in Krajt. Berti», den 6. November 1910. 1>cf Vorstand. C. Rclßmann, Vorsitzender. H. Postler, Schriftsührer. Genehmigt durch Beschluß vom 10. Januar 1911. 166b Der Bezirksausschuß zu Berlin. Wteilung II. L. 8. Wagner. H. C. 3. 11. l. 3093 Gew. ll./ll._ Kaufet I nichts anderes gegen ! Heiserkeit, Katarrh u. Ber- PA schleimung, Krampf- nnd f | Keuchhusten, als die fein- schmeckenden SSME«: Srust-CarameUei! mit de»„Drei Tannen". not. begi.! Zeugn. o.! Aerzten u. i Privaten ! verbürgen den sicheren Ersolg. a Dose 69 Pf., Paket 30 Pf. Fu haben in Apotheken und> s Drogerien und wo der Ort- 1 giualbeutel am Schaufenster j stchlbar. Vertreter für Berfint > H. Vlslvl«, Bürwaidsir. 6. Kluwen- und kranfbinberri oou Bobert Uever.' nur Marianukn-Ztralit 3. Garantiert„Qrigiiial-Euglisch- für Anzüge, Ulster Meter 3 u. 4,50 M. Tuchlager Koch dt Seeland G.m.b.H. Gertfaudtenstr. 20-21 wegen Vergrößerung und Umbau Verkaufe elegantes fertige Eine MarK iNh. J.Kurzberi üosenlhalerstr.tO direkt am Backe- sehen Markt, Im Laden o. L Stage. "fr Hygienische«Ä/f Drogerle Zaremba, ttvetnvergSweg I, dir. a.Rosenthaler Tor. � Billigste Bezugsquelle I Versuch f. zur dauernden Kundschaft. Biosegnangsklsid »4.75 M. 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Querrippe................pfnnd65rt Schabefleisch........... Pfand 90 pt Gehacktes.................. Pfand 60 pt Frischer Schinken!.Gp?uSd 75 pt Kotelettes................... Pfand 90pf. Schweinekamm!m..?pfuad75pf. Schweinebauch...... Pfand 60 pt HammeilfeuleimGanzen, Pfund 80 Pf. Dicke Rippe............. Pfand 75 Pf Dünnung.................. Pfund 65pf. Apfelsinen Dntzend 25, 30, 35 n Messina-Apielsinen..... Dntzend 35, 50 Pf. Citronen............ Dutzend 25, 35 Pf. Amerik. Aepfei............. Pfand 30 pt Kalif. Aepfei................. Pfund 35 pf. Ananas......................... Pfund 75pt Teltower RUbchen............ Pfund 9 pt Bücklinge...................... zu* 39pt SprOtten.......... Eiste ca. 2 Pfand 43 Pf. Schweizer Käse........... Pfand 80p Münster Käse............... Pfand 78 pf. Tiisiter Käse............... Pfand 88? Brie-Käse..................... Pfand 48 pf. Romatour-Käse............. stock 25". Camembert................... stock 19pf. 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Montag, abends 8 Ubr: Da» Urbild des TartülT. Theater. Schiller-Theater Charlotteniurg. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die Eee Caprice. Lustspiel in 3 Akten v. C. Blumenthal. Ende 10 Uhr. Sonntag, nachm. 3Uhr: Prinz Friedrich von iiomdurg. Sonnlag, abends 8 Ubr: Bärin und Bagdalena. Montag, abends 8 Uhr: Nathan der Weise. Bunter Abend. Sonntag, den 19. Febroar, V/* Uhr Im„Qewerkschaltshause'*, Engelufer 15. Mitwirkende; Dr. Sibel(Violine), königl. Kammermusiker Manko(Cello), Frl. Schumann(Sopran), Berthold Pusch(Bariton), Margarete Walkotte, Erwin Feustel(Pianist), Emil stell(Schauspieler). 50 Pfennig im Vorverkauf bei Herrn H o r s c h, Engelufer 15. Abendkasse 60 Pfennig., Berlins größtes Vergniipngs-Etablissemeiit. Scunavcud. den 18. Februar, abends 71/, Uhr: Grand Soiree high Life Original Perezoif-Truppa in ihrer Szene ein Souper bei Maxim. Boro», Krastjongicur. Antonet u. Orock mit ihrem ganz neuen musit. Akt. St I b. 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Zu der Ver- Handlung, die vor der Strafkammer 3 unter Borsitz des Land- gcrichtsdirektors Lieber geführ, wurde, waren weit über ein halbes Schock Zeugen geladen, außerdem ein ärztlicher Sachverständiger, der ein Gutachten abgeben sollte über den Erregungszustand, in dem Frau von Gerlach sich damals vermutlich befunden hat und über die blauen Flecke, die sie dem Polizeileutnant beigebracht haben soll. Die Anklage wurde vertreten durch Staatsanwalt Dr. Toepffer. als Verteidiger stand der Angeklagten der Rechts- Anwalt Dr. Holpert zur Seite. Die Anklage behauptet, daß Frau von Gerlach, die das Ver- sammluugslokal unter den allerletzten zusammen mit ihrem Gatten sowie der Witwe des verstorbenen Abgeordneten Dr. Barth und einigen anderen Personen verlassen hatte, den die Absperrung teilenden Polizcileutnant Crüger I, weil er sie nicht durchließ, be- schimpft habe:„Wie können Sie so unverschämt sein! Sie wollen Offizier sein? Tas ist eine Flegelei!" Auch habe sie ihn in den Arui gekniffen, so daß er tagelang blaue Flecke behielt. Nachher sei sie in einem Omnibus durch die Abspcrrnngslinie hindurch- gefahren sei, aber hinter der Linie in dem abgesperrten Terrain ausgestiegen und habe triumphierend gerufen:„So, nun bin ich durch!" Schließlich habe sie den sie sistierenden Schutzleuten gesagt: „Warum geben Sie sich zu einem so schmutzigen Gewerbe her?" und „Fassen Sie mich nicht an, Sie machen mich schmutzig! Ich gehe allein mit." Die Angeklagte, die mit Rücksicht auf ihren ärztlich beglaubigten leidenden Zustand außerhalb des Anklageraumes neben ihren, Verteidiger Platz nehmen darf, erklärt sich für nichtschuldig. Ich habe, sagt sie, Polizeileutnant Crüger höflich gebeten, mich durch- zulassen. Als dieser keine Antwort gab und mir den Rücken zu- drehte, legte ich ihm nur die Hand auf den Arm:„Herr Leutnant, ich habe Sie gebeten, mich durchzulassen."— Ich sagte noch— weil ich dachte, das würde ihn beeinflussen—:„Ich will zn KempinZki." Ich hafte es sehr eilig, wir wollten zu KempinSki gehen, ich war hungrig. Er sagte:„Lassen Sie meinen Arm los!" Da antwortete ich etlva:„Aus eine hofliche Frage kann eine Dame auch eine höfliche Antwort erwarten."— Angeklagte bestreitet, von„Un- Verschämtheit" und„Flegelei" gesprochen oder den Leutnant ge- kniffen zu haben. Sie bestreitet auch, durch die Absperrungslinie zu dem Zweck, die Polizei zu foppen, hindurchgefahren zu sein. Sie habe nur weiterkommen wollen, sei aber sofort wieder abge- stiegen, weil ihr irrtümlich„Besetzt" zugerufen wurde, und jetzt habe sie gesehen, daß sie von ihrem Gatten, der außerhalb der Ab- sperrungslinie geblieben war, getrennt war. Da habe sie, noch ihm sich umschauend, bestürzt gerufen:„Nun bin ich allein durch!" Als hier ein Paar Zuschauer, die die Situation falsch auffaßten,„Bravo" riefen, sei sie bei dem Versuch, den Omnibus wieder zu besteigen, durch zwei Schutzleute wieder herabgezcrrt worden.— Vorsitzender: Sie sollen gerufen haben:„Lassen Sie mich los! Sie beschmutzen mich!"— Angeklagte: Das ist richtig.— Vorsitzender: Was meinten Sie damit?— Angeklagte: Ich empfinde es noch heute als die größte Schmach meines Lebens, daß ich von Polizeileuten hingezerrt wurde, als wenn ich eine Betrunkene wäre.— Die Angeklagte schildert weiter: Ich wurde zu einer Droschke geführt, mein Mann stieg mit ein. auch die beiden Schutzleute. Einer nahm links von mir Platz, da sagte ich ihm:„Wie kommen Sie eigentlich zu diesem Platz, dieser Platz gebührt Herrn von Gerlach." Der Beamte sagte zu meinem Mann:„Warum haben Sie es so weit kommen ilassen!?" Mein Mann antwortete:„Sie haben hier gar nichts piehr zu reden, Sie sind hier nur Beamter." In der Beweiserhebung bekundet Polizcileutnant Crüger i die in der Anklage behaupteten Schimpfworte. Frau von Gerlach habe mit Bezug aus die Absperrung noch hinzugefügt:„Der Kaiser will wohl allein sein?" Er sei hinter seine Absperrungslinie ge- gangen,„um nicht gegen die Dame einschreiten zu müssen". Später habe er sie von dem Omnibus herunterholen und aus dem abge- sperrten Terrain hinausführen lassen. Hier habe sie sich nach ihm umgedreht und ihn gekniffen, so daß er mehrere Tage blaue Flecken hatte. Auf eine Frage des Vorsitzenden gibt er an, das Kneifen sei wohl aus Erregung zu erklären. Auf weitere Befragung durch den Sachverständigen Wiederholl und bekräftigt er diese Angabe. — Staatsanwalt Toepffer: Durch das Kneifen sollten Sie also nur aufmerksam gemacht werden?— Zeuge: Ja.— Vorsitzender: Es war also nicht ein tätlicher Angriff?— Zeuge: Nein.— Der Ber- teidiger hält dem Zeugen vor. daß er gegenüber der Frau von Gerlach trotz der von ihm befyn'.ptetcn Schimpfwörter nicht eingeschritten sei. Auch bietet er Beweis dafür an, daß damals durch die Absperrungslinie andere Personen durchgelassen worden seien, ch B. zwei Kadetten, auch zwei Herren in Zylindern.— Zeuge er- innert sich nicht, will es auch nicht recht glauben,' hält es aber für möglich. Er habe, sagt er nachher, die Frau von Gcrlach festhalten lassen, weil— als sie durch die Absperrungslinie hindurchgelangt war—„die Menge johlte".— Verteidiger: Da schritten Sie also nicht gegen die Menge vor, sondern gegen Frau von Gerlachl— Zeuge: Ich befürchtete einen Auflaus. Die Aussagen des Polizeileutnanls Crüger werden unterstützt durch die Zeugen Schutzmann Mahn, Schutzmann Torke, Wacht- meister Lüdtke. die in der Hauptsache dieselbe Darstellung geben. Der Verteidiger hält dem Schutzmann Mahn vor, daß er bei seiner Bernehmu'g im Ermittelungsverfahren weniger gesagt habe. Im Protokoll siebt nichts davon, daß Frau von Gerlach einen Beamten, wie er jetzt sage, berührt habe. Mahn erklärt, gesagt habe er das damals. Mahn und Torte bekunden die Worte:„Warum geben Sie sich zu so einem schmutzigen Gewerbe Herl?" Torke hatte„von vornherein den Eindruck", daß Frau von Gerlach nicht mit dem Omnibus weiterfahre» wollte. Lüdtke erklärt sehr bestimmt:„Nach meinem Dafürhalten hat Frau von Gerlach den Auftritt mit der Polizei absichtlich provoziert." Vernommen wird dann Herr v. Gerlach, der Gatte der An- geklagten. Er bekundet, nach Schluß der Versammlung sei das Gros der Besucher nach dem Hackeschen Markt gegangen, an der Kaiscr-Wilhclmbrücke seien nur etwa 20— 2Z Personen gewesen, darum babe es sie überrascht, die Brücke abgesperrt zu finden. Ein Schutzmann habe ihm achselzuckend gesagt:„Sie sehen doch. es ist uns besohle». Wir können doch nicht anders." Da habe er, Zeuge, zu seiner Frau gesagt:„Es ist doch ein trauriges Gewerbe, daß man etwas ausführen muß, was man selber nicht für richtig hält." Zu dem Schutzmann babe er bemerkt:„Na, Sie wollen wohl, daß der König einsam bleibt?" Der Leutnant habe aus seine Bitte, sie durchzulassen, sich in brüsker Weise umgedreht. Als seine Frau dem Leutnant die Hand auf den Arm legte und sagte: „Bon einem Polizeiofjizier kann man auf eine hvslichc Frage «ine höfliche Antwort erwarten!" habe der sie förmlich abge- schüttelt:„Lassen Sie mich los!" Zeuge schildert auch die übrigen Vorgänge, im besonderen den Vorgang am Omnibus, wie die An- geklagte. Ucbcr seine Erlebnisse auf der Polizeiwache bekundet er, daß im Hausflur ein Herr, der sich als Zeuge anbot, von einem Schutzmann eine» Stoß vor die Brust bekommen hat. Herr v. Ger- lach stellte den Heamten darüber zur Rede. Am Eingang zur Wache bekam dann auch er, sagte er, einen Stoß in den Rücken. Auf Befragen des Verteidigers erklärt Zeuge, von einem„Aus- laus" an der Brücke könne keine Rede sein, ebenso wenig von „Johlen". Polizcileutnant Crüger meldet sich, um sich zu berichtigen. Er habe sich vorhin nicht richtig ausgedrückt. Die Angeklagte sei nicht zur Verhütung eines Auflaufs, sondern wegen Beamtenbeleidi- gung, Widerstands und groben Unfugs sistiert worden. Frau Dr. Barth bekundet, sie habe vor der Absperrungslinie vorgeschlagen, eine Droschke zu nehmen. In demselben Augenblick habe Frau v. Gerlach den Omnibus bemerkt und sei auf- gesprungen. Als sie später durch Schutzleute heruntergezerrt wurde, habe ein Offizier die Hände zusammengeschlagen:„Aber! Zwei Mann auf eine Dame!" Zeuge Leo Hirschberg hat vom Perron des Omnibus aus den Vorgang genau beobachtet. Als Frau v. Gerlach aufsprang, habe man irrtümlich gerufen:„Besetzt!" Er selber habe korrigiert: „Nein, nicht besetzt!" und sie sei dann wieder aufgestiegen. Daraus habe man sie„mit voller Gewalt" heruntergerissen. Omnibosschaffner Glätzer neigt zu der Auffassung der Polizei, daß Frau v. Gerlach der Polizei zum Trotz die Absperrungslinie passieren wollte. Er hörte sie rufen:„So, nun bin ich durch!" Zeuge Schmidtmann sah gleichfalls, daß Frau v. Gerlach heruntergezerrt wurde. Er meint, sie habe, zum zweitenmal den Omnibus besteigend, sich vor den sie verfolgenden Schutzleuten in Sicherheit bringen wollen. Daß kein Auflauf war, bekundet Zeuge Hopp. Auf eine Be- merkung des Verteidigers, es werde von der Polizei behauptet, daß gejohlt worden sei, antwortet er:„Na, wir waren ja alle, soviel ich weiß, ganz anständige Leute." Ein Kanzlist Müller, der seine Beobachtungen aus seiner in der Kaiser-Wilhclmstraße gelegenen Wohnung gemacht hat, soll in seiner Vernehmung vor der Polizei gesagt haben, daß das Ver- halten der Frau v. Gerlach aufreizend gewirkt habe. Er erklärt hierzu: Nein, ich habe wohl nur gesagt, das Publikum wollte ihr beistehen.— Vors.: Das ist aber von Ihnen unterschrieben wor- den.— Zeuge: So habe ich das wohl nicht gesagt. Zeuge Husdorff ist mit zur Wache gegangen. Er bekundet: Im Hausflur herrschte mich ein Schutzmann an:„Was wollen Sie hier?" Ich sagte:„Ich bin als Zeuge mitgekommen? Er anr- wartete:„Wir brauchen Sie nicht. Ich mache Sie darauf aufmerk- sam, daß das Hausfriedensbruch ist, wenn Sie noch länger hier verweilen." Auf die Vernehmung einer großen Zahl anderer Zeugen wird verzichtet. Als Sachverständiger bekundet auf Befragen des Verteidigers der Gerichtsarzt Dr. Fritz Leppmann, bei dem„Kneifen" der Frau v. Gerlach könne es sich nur um eine unbewußte Zlusdrucksbewe- gung handeln, die zur Unterstützung ihrer Rede dienen sollte, nicht aber um einen bewußten tätlichen Angriff. Derartige Bewegungen macht mancher in der Unterhaltung, ohne es zu wissen. Aus den blauen Flecken könne man nicht ohne weiteres auf ein derbes Zu- packen schließen; mancher habe eben eine empfindliche Haut. Un- bewußt mache man auch, wenn man Plötzlich abgeführt werden solle, im ersten Augenblick Widerstandsbewegungen, ohne daß Wider- stand beabsichtigt sei. Hiermit ist die Beweisaufnahme geschlossen. Staatsanwalt Toepffer erklärt den ganzen Vorfall aus der Erregung der Frau v. Gerlach. Er beantragt Freisprechung von der Anklage wegen tätlichen Angriffs, weil die Angeklagte den Arm des Polizeileutnants offenbar nur ergriffen habe, um ihren Worten eine gewisse Bekräftigung zu geben. Alles übrige aber sei erwiesen durch die Polizeibeamten, deren Verhalten durch- aus korrekt gewesen sei. Beantragt werden: 20 M: Geldstrafe für Nebertretung, 200 M. Geldstrafe für zwei Lentnantsbelcidigungen, löst M. Geldstrafe für zwei Schutzmannsbeleidigungen, zusammen 370 M. Geldstrafe. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Halpcrt kommt in ein- gehender Kritik der Polizistenaussagcn zu dem Ergebnis, daß sie keineswegs ohne weiteres als zuverlässig hinzunehmen seien. Polizeileutnant Crügcrs Aussage zeige eine Fülle von Erkenntnis- und Erinnerungsfchlern. Auch sei ihm ein gewisser Mangel an Selbstbeherrschung vorzuwerfen, durch den er den ganzen Vorfall und diesen Prozeß verschuldet habe. Es kennzeichne ihn, daß er in seinem sofort aufgesetzten Bericht geschrieben habe, in jener Ver- sammlung habe Herr von Gerlach„in seiner bekannten Manier" gesprochen. Die Polizei habe einen SNisigriff begangen, aber die Folgen solcher Mißgriffe bürde man hinterher dem Staatsbürger auf, der ihr Opfer geworden sei. Crüger habe in seinem Zu- sammenstoz mit Frau von Gerlach einen beklagenswerten Mangel an Takt bewiesen, der vielleicht durch seine Erregbarkeit zn ent- schuldigen sei.— Gegen diese Kritik wehrt sich der Zeuge Polizei- leutnant Crüger, indem er erregt aufsteht und den Verteidiger unterbricht:„Ich bin doch hier nicht der Angeklagte!" Der Vor- sitzende belehrt ihn, daß kein Anlaß vorliege, gegen den Verteidiger einzuschreiten. Der Berteidiger legt weiter dar, daß die von einem der Polizeizeugen vorgetragene Meinung einer provokatorischen Absicht der Frau von Gcrlach völlig unzutreffend ist. Sie habe durchms das Recht gehabt, den Omnibus zu besteigen, der ja die Absperrungslinie passieren durfte. Begreiflich sei, daß die gewnlt- same Herunterzerrung sie erregte. Diese Anordnung erkläre sich nur aus einer Uebcrspannung des Begriffes der Polizeiautorität. Frau von Gerlach habe das als Schmach empfunden und habe, um sie von sich abzuwehren, den Ausdruck:„Sie beschmutzen mich!" gebraucht. Da stehe ihr der Schutz des 8 103 zur Seite. Wenn die behaupteten Schimpstvorte gegen Polizeilcutnant Crüger als er- wiesen angesehen werden sollten, so seien sie kompensiert durch die ihr zugefügte Blamage, sie durch Schutzleute zur Wache führen zu lassen. Seit wann habe denn die Polizei das Recht, jemand ohne weiteres vom Fleck weg festzunehmen, obwohl kein Fluchtverdacht vorliegt. Der Verteidiger forderte Freisprechung von der Anklage in allen Punkten. Das Gericht kam zu folgendem Urteil: Die Aussagen seien widersprechend, das gelte aber auch für die Aussagen der Belastungs- zeugen untereinander. Am zuverlässigsten seien die Aussagen der- jenigen Zeugen, die einen besonderen Anlaß hatten, die Vorgänge zu beobachten, und die ihre Wahrnehmungen sofort schriftlich niederlegten. Das Gericht habe hiernach die Aussagen der Polizei- bcamten für zuverlässig halten müssen und die Beleidigungen als erwiesen angesehen. Wenn Polizeileutnant Crüger trotz der Be- leidigungen zunächst nichts gegen die Angeklagte veranlaßt habe, so sei das ein Akt außergewöhnlicher und sehr verständiger Selbst- beherrschung. Bei der Abmessung der Strafe sei zu berücksichtigen die Erregung der Angcklagien, andererseits aber doch auch der Umstand, daß die Beleidigung um so schwerer wiege, da sie von einer gebildeten Frau ausgegangen sei. Erkannt wurde auf Geld- strafe von 10 Mark für die Nebertretung, von 100 Mark und 50 Mark für Beleidigung der beiden Schutzleute, von 200 Mark und 50 Mark für zweimalige Beleidigung des Leutnants, zusammen auf 410 Mark Geldstrafe,_ Zonales. Wie rechnet die Dauer ber Krnnkenuulerstühung? Der Monteur M., der lungenleidend war, genoß im Jahre 1908 wiederholt die Unterstützung der Allgemeinen Ortskrankcnkasse zu Magdeburg. So vom 12. vis zum 27. Jcmuar, vom 4. März bis zum 10. April, vom 22. April bis zum 13. Juni, vom 20. Juni bis zum 16. August. Am 17. August wurde dann M. durch die Landes- Versicherungsanstalt Sachsen-Anhalt zu Merseburg auf ihre Kosten in einer Lungenheilstätte(Schielo) untergebracht, wo er bis zum Nopem- ber verblieb. Die Landesversicherungsanstalt verlangte demnächst den gesetzlich zulässigen Kostenersatz von der Magdeburger Ortskranken- kasse. Ein solcher Ersatz steht ihr nach§ 18 des Jnvalidenversichc- rungSgesetzcs zu in Höhe des Krankengeldes, das der Versichertc für sich von der Krankenkasse in Anspruch nehmen kann. Jnr vor- liegenden Falle tvar nun streitig zwischen den Parteien(der Ver- sicherungsanstalt und der Kasse), an welchen Tagen der Zeit seines Aufenthaltes in der Lungenheilstätte M. noch Ansprüche an die Kasse hatte. Die Versicherungsanstalt rechnete heraus, daß die 26 Wochen, für die M. gesetzlich und statutarisch Untcrstützungs- ansprüche au die Kasse hatte, am 8. September 1908 abgelaufen seien, sie also bis dahin Ersatz beanspruchen könne, während die Kasse einen früheren Zeitpunkt als Schlußzeit der 26 Wochen her- ausrechnete. Der Bezirksausschuß, stimmte der Kasse zu und erkannte dem- gemäß den Ersatzanspruch der Versicherungsanstalt nicht in vollem Maße an. Die Versicherungsanstalt legte Revision ein. DoS Oberverwaltungsgericht hob am 16. Februar die Borent- scheidung auf und verwies die Sache zu nochmaliger Verhandlung an den Bezirksausschuß zurück. Es führte in den Gründen aus: Der Vorderrichter habe sich insofern völlig geirrt,.ls er die vier Perioden der Unterstützung des M. durch die Kasse, die durch drei Zwischenräume getrennt sind, zu?ammenrechnet und danach die 26 Wochen berechnet und daraus seine Entscheidung dann begründet. Ob in den Zwischenräumen ein die UntcrstützungSnotwcndigkeit an sich begründendes Kranksein M.s vorlag, habe er gar nicht geprüft. Das wäre aber notwendig gewesen, denn der Unterstützungsanspruch M.s an die Kasse wäre erst erloschen gewesen, wenn die Krank- Heft in einer die Unterstützung begründenden Weise 20 Wochen im Zusammenhange(in einer Tour) gedauert hätte. Würde dagegen M. in einem der Zwischenräume, wo er nicht unterstützt wurde, völlig gesund gewesen, dann wäre ein neuer Unterstützungssall be- gründet worden und die 26 Wochen hätten von neuem zu laufen begonnen. Der Bezirksausschuß müsse nun nachprüfen, wie die Dinge in Wirklichkeft lagen und danach neu entscheiden, Hirn Inclultrie und Handel. Das nationale Vieh. Angeblich um die Einschleppung von Seuchen zu verhindern, ist mit Genehmigung des Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten das Wochenkontingent russischer Schweine geändert worden. Dem Laien wird es natürlich unbegreiflich erscheinen, daß durch Aenderung des Kontingents eine Seucheneinschleppung verhindert werden könne. Da muß man eben der höheren Einsicht der Junker und der dienstbereiten Regierung vertrauen. Der„Deutschen TageL- zeitung" genügt die Maßnahme selbstverständlich nicht, jedoch ist sie beglückt, folgende Schlußfolgerung anbringen zu können: „Jedenfalls liegt aber in der Verordnung das Eingeständnis der freilich nicht mehr unbekannten Tatsache, daß die russische Schwciaecinfuhr znrzeit eine ernste Gefahr für die Gesundheit unserer Viehbestände bedeutet." Mit dieser Ehrenrettung des preußischen Schweines stimmt allerdings nicht überein was der badische Staatsminister v. Bod- man kürzlich feststellte, nämlich, daß die Seuche in Süddeutschlaud immer wieder aus Preußen eingeschleppt werde. Es stimmt die Behauptung des Agrarierblattes auch nicht zu den Auslassungen des „Württembergischen Staatsanzeigers", die von der„Kreuzztg." weiter gegeben werden. Es heißt darin: „Die Weiterverschleppungen geschehen zurzeit fast mrr durch den Personenverkehr. Diesen können die Polizeibehörden nicht verbieten. Hier muß die Bevölkerung sich selbst helfen. Ueberhaupt ist es ein Irrtum, zu glauben, mit polizeilichen Maß- nahmen allein lasse sich die Seuche unterdrücken. Wenn nickt die Bevölkerung selbst durch ein verständiges Verhalten die Behörden unlerstützt, dann wird die Seuche noch weiter im Lande sich ver- breiten und noch lange nicht verschwinden. Leider spielen Seuchen» Verheimlichungen bei der Weiterverbreitung der Seuche diesmal keine geringe Rolle." Die preußische Regierung von Agrarier Gnaden weiß es natürlich besser, sie bekämpft die Seuchen durch eine— Veränderung des Wochcnkontingents und die Verteidigung hoher Schutzzölle. Dlstontermäßigiing. Die Bank von England hat am Donnerstag den Diskont weiter ermäßigt, von 4 auf S1/« Proz. Unter diesen Umständen wird die Deutsche Reichsbank wohl' bald mit einer Er- Mäßigung von 4'/, aus 4 Proz. folgen. Hoffentlich gibt die Geld- verbilligung den schon lange erwarteten stärleren Anstoß für die gewerbliche Unternehmungslust._ Gewiniimachcrei im Bersicherungsgcwerbe. Das Versicherungsgewerbe ist das für ErwerbSgesellschaften beste Gebiet der Gewinnmacherei. Viele Millionen fließen als Dividenden und Tantiemen in die Taschen der Aktionäre, Direktoren, AufsichtS- räte usw., die für die Versicherten erspart werden könnten. Wir haben daher auch schon wiederholt der Verstaatlichung des Versicherungswesens daS Wort geredet. Für die Berechtigung unserer Forderung können wir nun auS der—„Kreuz-Ztg."(15. Februar er.) interessante Angaben anführen. Das Blatt veröffentlicht zusammen- fasiende Zahlen aus den GcschästScrgobnissen der öffentlichen und privaten FeucrversicherungSgesellschaften im Jahre 1909. Darunter auch diese: Die Hauptunkosten(reine Verwaltungskosten, Ausgaben für gemeinnützige Zwecke und Nachschätzungen) betrugen bei den öffent- lichen Anstalten t90S rund 10,5 Millionen(1903 rund 18,8 Millionen, 1S07 17,4 Millionen); hiervon entfielen V? auf gemeinnützige Ausgaben; bei den Privatversicherern betrugen die Verwaltungskostcn (reine Berwaltungskosten, Steuen, Abschreibungen nnd Feuerlösch- beitrage) 1000 45,0 Millionen(1903 44 Millionen; 1907 40,2 Millionen), wovon etwa nur'/ea auf gemeinnützige Ausgaben enliallen. Im Verhältnis zue'NettobcitragSeiiinahmo be- liefen sich die VerwaltungSkosten bei den öffentlichen Anstalten ohne gemeinnützige Ausgaben 1909 auf 16 Proz.(mit gemein- ntttzigeii Ausgaben auf 24,3 Proz.), für 1908 auf 18.9 bezw. 22,1 Proz., für 1907 auf 14,9 bezw. 23,3 Proz., bei den Privat- Versicherern waren die entsprechenden Zahlen 28 Proz.(mit ge- meinnsttzigen Ausgaben 29,4 Proz.), 1993.27,5 bezw. 28.9 Proz., 1907 26,3 bezw. 28 Proz. Die Verwaltungskosten der Privat- Versicherer waren daher um 75 Prozent höher als diejenigen dxr öffentlichen Versicherungsanstalten. Demnach sind bei den Privatgesellschaften im Verhältnis zu den öffentlichen Versicherungen zirka 20 Millionen Marl allein für Ver- Wallungskosten mehr aufgewendet worden, ohne die gezahlten Dividenden. Bei den LcbenSversicherungS- und sonstigen Gesell- schasten des VersicherungsgewcrbeS handelt eS sich um Hunderte von Millionen Mark, die bei einer Verstaatlichung für die Versicherten erspart tverden könnten._ Eue der frauenbemc(un$. Mitwirkung der Frauen an der Nechtspslcge. Eine großzügige Reform der Justizgesetze hatte die NeichSregicrung zugesagt, als sie die längst uotmendig gewordene Abänderung ber Strafprozeßordnung ankündigte. Optimisten konnten glauben, daß nun auch dm alten Forderungen der Frauen. GaS welbliche Geschlecht an der Findung des Rechts mitwirken zu lassen, wenigstens einige Konzessionen gemacht werden würden. Es ist wieder einmal anders gekommen. Der Deutsche Reichstag hat sich in seiner 124. Si�rung auch mit einem sozialdemokratischen Antrage beschäftigen müssen, der den Grundsatz unseres Partei- Programms: Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffent- lich- und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne be- nachteiligen— im gegebenen Falle durch Heranziehung der Frauen zur Rechtspflege— in die Praxis überführen wollte. Aus dem stenographischen Bericht dieser Sitzung geht deutlicher als aus den Zeitungsberichten hervor, mit welcher Geringschätzung die bürger- liche Mehrheit die Forderungen der Frauen behandelte. 30 gewerkschaftliche Verbände, das Arbeitcrinnensckretariat der GeWerk- schaften Deutschlands, ja auch der Bund deutscher Frauenvereine. der mit 200 000 Mitgliedern alle Organisationen der bürgerlichen Frauenbewegung umfaßt, hatten dem Reichstage Petitionen ein- gereicht, in denen Zulassung der Frauen zum Schöffen- und Gc- schworenenamte gefordert wird. Für die Arbeiterinnen insbesondere hätte die Bewilligung dieser Forderung die rechtliche Folge ge- habt, daß si« nun auch Giwerbegerichtsmitglieder werden konnten. Niemand kann logischerweise bestreiten, daß das ständig wachsende Heer unserer Arbeiterinnen der Beteiligung an der Rechtsprechung der Gewerbegcnchte ebenso dringend bedarf wie die Arbeiter. Per- gebens hob Genosse Frohme in seinen trefflichen Ausführungen gerade diesen Zusammenhang zwischen Schöffenamt und Sozial- gesetzgebung besonders hervor. Vergebens wies er nach, wie wenig stichhaltig die von der Regierung geäußerten Bedenken sind, daß die Frauen durch ihre häuslichen und sonstigen Pflichten viel zu sehr in Anspruch genommen seien, um sich auf dem Gebiete der Rechtspflege mit Nutzen zu betätigen; vergebens verwies Frohme aus die große Zahl von Straffällen und Prozessen, wo sie den weiblichen Straffälligen eine gerechtere Wahrnehmung ihrer Jnter- essen sichern würden. Kein einziger bürgerlicher Abgeordneter er- wähnte den sozialdemokratischen Frauenantrag auch nur mit einer Silbe. Dasselbe geschah, als Frohme den Antrag der Partei ver- trat, die alte Ausnahmebestimmung aufzuheben, wonach Dienst- boten zum Schöffen- und Geschworenenamte nicht zu berufen sind. So kam es denn schließlich zur Ablehnung der fozialdemo- kratischen Anträge. Für die Zulassung der Frauen zum Schöffen- dienst stimmten außer den Sozialdemokraten— ganze zwei Abgeordnete der Fortschrittlichen Volkspartei. Die Genossinnen werden nicht verfehlen, auf diese neue ge- radezu aufreizend wirkende Zurücksetzung berechtigter Frauen- forderungcn am Ig. März, dem sozialdemokratischen Frauentag, mit allem Nachdruck hinzuweisen. Das politische Frauenwahlrecht auf demokratischer Basis wird dem weiblichen Geschlecht die Gleich- bcrechtigung auf allen Gebieten erringen helfen. Wir dürfen nur nicht nachlassen, unsere Ansprüche immer wieder und wieder zu erheben. Denn— wie Frohme am Schlüsse seiner Rede sagte— „steter Tropfen höhlt den Stein, und man mag jahrzehntelang sich berechtigten Forderungen widersetzen,— die Erfahrung lehrt: es kommt einmal die Zeit, wo entsprechend der Logik der Tatsachen und unter dem Zwange der Verhältnisse die höhere Rechtsidee siegen wird, und so wird es auch in diesem Punkte sein." Der Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hielt am Mittwoch seine Generalversammlung ab. Der Bericht der Vor- sitzenden ergab, daß die Veranstaltungen des Vereins im letzten Halbjahr außerordentlich gut besucht waren. Wenn auch die Mit- gliederzahl nach dem Inkrafttreten des VereinSgesetzcs h erabgesunken ist, so zeigt doch der lebhafte Besuch der Versammlungen, daß ein Bedürfnis für diese Art Frauenbildung in der Berliner Arbtiterirmenschaft vorhanden ist. Es liegt auch dem Verein nichts an einer numerischen Größe; er unterstützt aufs energischste in erster Linie die Forderung der politischen und gewerkschaftlichen Organisation der Frauen. Der Verein erblickt seine wichtigste Auf- gäbe darin, die Frauen in Gebiete zu führen, die sie ganz speziell als Frau und Mutter interessieren müssen und ihre Allgemein- bildung heben. Es zeigt sich immer wieder, daß neben Crziehungs- fragen die künstlerischen und literarischen Gebiete stark bevorzugt sind. Einen ganz selten starken Besuch hatten die drei Beethoven- konzerte und der Einsührungsvortrag zu denselben.— Nach dem Bericht der Kassiererin wurde derselben einstimmig Decharge erteilt. Die Diskussion über den Vorstandsbericht war eine sehr rege. Es folgte dann die Neuwahl des Vorstandes, die die Wiederwahl des alten ergab, und an Stelle des ausgeschiedenen Mtgliedes Frau Zachau wurde Frau Pohl gewählt, Frau Zeppler schied aus dem Vorstande aus. Zum Schluß forderte die Bibliothekarin die Mitglieder auf, sämtliche Bücher zur Regulierung der Bibliothek abzuliefern, worauf wir hiermit nochmals unsere Mitglieder auf- merksam machm. Die nächste Versammlung findet am I. März im„Englischen Garten", Alexanderstr. 27c, statt. Lichtbildervortrag:„Auf der Karawanenstraße von Damaskus bis Bagdad"; Referent: Herr Frenze!._ Bersaniuilungen— Beranftaltungen. Schöneberg. Der Frauen- und Mädchenverein veranstaltet heute, Sonnabend, den 18. er., abends 8� Uhr, einen Maskenball in den„Neuen Rathaussälen", Meininger Straße 8. Sericbts- Leitung. Das Plakatgesetz für den Zarenbesuch. Gelegentlich der Potsdamer Protestversammlung gegen den Zarenbesuch waren seitens der Polizei die Plakate beschlagnahmt, weil sie nach der Annahme der Polizei entgegen der Bestimmung des noch immer gültigen Z 9 des preußischen Preßgesetzes vom 12. Mai 1851 folgenden unzulässigen Zusatz erhielten:„Tagesord- nuug: Warum protestieren wir gegen den Zarenbesuch? Referent Landtagsabgeordneter Adolf Hofftnann-Berlin. Bürger Potsdams! Bekundet Euren Absdfeu gegen alle Gewaltherrschaft und Greuel des russischen Despotismus durch zahlreichen Besuch der Versamm- lungl Der Einberufer usw." Daraufhin erfolgte gegen den Ein- bcrufer Genossen Staat und den Plakatanschläger Licbenow eine Anklage, die gestern vor dem Potsdamer Schöffengericht zur Verhandlung kam. Die Anklage richtete sich gegen Liebenow wegen Anschlag eines Plakats mit strafbarem Inhalt und gegen Staat wegen Verleitung zur Begehung einer strafbaren Handlung und Uebertretung des Preßgesetzes. Genosse Staat wies in der Ver- Handlung darauf hin. daß sämtliche Plakate mit ähnlichen Zu- sätzcn anstandslos früher angeschlagen worden seien, im übrigen sei der Zusatz nur ein Hinweis auf den Charakter der Versamm- lung. Nach zirka einviertelstündiger Beratung wurde Staat gemäß dem Antrage des Amtsanwalts zu 30 M. Geldstrafe eventuell 6 Tage Gefängnis und Liebenow zu 3 M.(beantragt 8 M.) ver- urteilt. Bei der mündlichen Begründung führte der Vorsitzende aus, daß Liebenow, da er so viele Plakate anzukleben habe, die genügende Aufmerksamkeit nicht angewendet habe, das sei ihm als Milderungsgrund anzurechnen. Staat dagegen sei schärfer zu ver- urteilen; der Schlußsatz enthalte eine Beleidigung gegen einen be- freundeten Herrscher._ Die langen Hutnadeln. Wegen Körperverletzung und Beleidigung hatte sich die Buch- halterin Martha Blume vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte zu verantworten. Die Angeklagte fuhr am 21. November v. I. in einem Automobilomnibus Linie Müllerstraße-Hallcsches Tor. Am Bahnhof Friedrichstraße verließ sie den Wagen. Beim Absteigen kam sie mit ihrem Hute, in welchem sich zlvei lange Nadeln be- fanden, gegen das Gesicht des auf dem Hinterperron stehenden Schlächtermeisters Karl Ladewig. Dieser erhielt an der linken Backe zwei lange Kratzwunden. Er verließ den Wagen und machte der Blume wegen der Unsitte, so lange Nadeln ohne Verschluß zu tragen, Vorwürfe. Hierüber geriet Fräulein Blume in Erregung und erklärte dem Ladewig, er sei ein„Griesekel". Der zerschundene Schlächtermeister ließ die Dame feststellen und strengte gegen sie Klage an. In der Verhandlung erschien Frl. Blume mit den Nadeln, diesmal aber mit Verschluß. Sie war geständig und entschuldigte sich mit ihrer Aufregung. Die Nadeln kamen ihr etwas teuer zu stehen, denn das Gericht verurteilte sie zu einer Geldstrafe von 75 M._ Der junge Graf Kwilecki, den das Oberlandesgericht Posen seiner Mutter, der Bahnwärters- frau Mayer zugesprochen hatte, wird am 23. Februar den 4. Zi- vilsenat des Reichsgerichts beschäftigen, da der Beklagte, Graf Wesierski Kwilecki, Revision gegen jenes Urteil eingelegt hat. ßnefbaften der Redaktion. Sit fntlKIfat e&ttdifranvt(luvet Sinvenllrafte Skr. 60, vor» Vier Trevden— ftabrftubl—, ivocheiiiäqlich von 4>/, bis?'/, Nvr abend», Eonnabend» von 4>/, bis 6 Uhr nachmittags Natt. Jeder für de» Brief- käste» bestimmte» Anfrage ist ein Bnchstade und eine Zabi als Merk- »eichen beUniiigen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Eilige Fraarn trage mau in der Svrechstttndr vor. Reell. Kommen Sie nach dem Druckereikontor. Sie können der DiS- kretion sicher sein. Richter. Rixdorf. Für die Scheidung der Ehe find die Gesetze des Staates maßgebend, dem der Ehemann zur Zeit der Erhebung der Klage angehört. Für das Verfahren sind jedoch die veutfchcn Gesetze maßgebend. In einem Ehestreit zwischen Ausländern vor deutschen Gerichten darf aus Scheidung nur dann erkannt werden, wenn eine dahingehende Entichetdung auch nach dem Rechte des Staates, dem der Ebemann zur Zeit der Er- Hebung der Klage angehört, zulässig ist. Auf Trennung von Tisch und Veit — die z. B. das österreichische Gesetz zuläßt— kann ein deutsches Gericht nicht erkennen. Ihre Fragen können nicht bestimmter beantwortet werden, da Sie nicht angegeben haben, welche Staatsangehörigkeit der Ehemann hat, und ob und welcher Rcligionsgemeinschast die Eheleute angehören. Be- stimmte Rechtsanwälte empfehlen wir nicht. Für die Gebühren derselben besteht ein geietzlicher Tarif.— I. Knlv. II. Leider ja.— M.®. 13. 1. Die Lobnilasse kann der Weiterversicherer wählen. 2. Ja. 3. Nein.— Marlin 23. Fragen Sie beim Porzellanarbeiterverband, Naunynstr. 84 C. Freiersleben), an.— Btllatn. Ja, sür die Dauer von vierzehn lagen seit dem Tage der Erkrankung.— O. R. 10. Nein. — Kurt 103. Wenn das Geid aus den Ersparnissen' der Kinder herrührt und aus deren Namen eingezahlt, ist: Nein.— 00 H. Erkundigen Sie sich bei der„Wiener Arbeiterzeitung'.— A. Z. 1».:J. 09. 1. Ja. 2. Schon nach dem Tode der Mutter. 3. DaS ist abhängig von dem Güterrecht, in dem die Eltern gelebt baben. 4. Ja. 5. Bei dem Amts- oder Landgericht, in dessen Bezirk die Verstorbene ihren letzten Wohnsitz gehabt Hai. Die Kosten richten sich nach dem Objekt. 6. Nur bei Objekten über 800 Mark. — P. D. 1«. 1. Aus Verlangen, ja. 2. Abends.— B. S. 3. Falkplatz. Fragen Sie beim Transportarbciterverband, Engeluscr 15, an.— B. B. 43. Ersuchen Sie das Gericht um Abrechnung.— I. K. Nr. IS. Leider sie« steht die Verpflichtung auch für Ausländer.— F. G. 203. Fragen Sie bei dem Zentralvcrbande der Handlungsgehilsen und Gehilfinnen, Neue Königftr. 36, an:— Rixdorf. Fricdelftratze. Uebergeben Sie das Urteil dem Amtsgericht, Verteilnngsstellc zur Zwangsvollstreckung— E. B. 150. Eine Verpflichtung zur Gewährung von Ratenzahlungen besteht nicht. — Walhalla 100. Die alten Vertragsbedingungen sind wirksam.— Höhrerstratze. Ihre Darlegungen treffen zu. Nur kann jetzt noch nicht gesagt werden, ob nicht eine Auflösung erfolgt und die Wahlen früher statt- finden.— Becker, Baumschnlenweg. Ja.— H. E. Die Zentral- kommission der Ortskrankeiikaffen. Engeluscr Nr. 15, ist informiert, wird aber wahrscheinlich die AuSkunftSerteilung in diesem Falle ablehnen. — M. B. 1000. 1 Nein. 2. Ja, sofern die Frau in Berlin ivohnt.— M. BS. 75. 1. Sie haben Anspruch aus Herausgabe. 2. Klage beim Amtsgericht, falls eine Aussen derung erfolglos ist. 3. In. 4. Am zweckmäßigsten zu Protokoll beim Kaufmannsgericht.— K. M. 70. Wieder« holen Sie Ihre Anfrage und geben Sie noch an, wie hoch die Ladeniniet« berechnet ist.— H. K. 1. Niemand. 2. Ja.— P. P. 0 Zur Kündigung genügt der Brief.— I 21. 100. Das ist möglich.—