Nr. 44. flbonnementS'ßedingungen: Abonnements- Preis pränumerando: Licrtcljährl. SM Mb, nionatl. 1,10 Mb, wöchentlich 2a Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nunimcr niit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Adonneinent: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preislisle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Wumäine--. Schweden und die Schweiz, 88. Jahrg. Gftchtlot täalid) außer fflontass. Vevltnev Volksblatk. Die TnterflonS'Geliüftr kelrägt für die scchsgcspaltenc Koloneb- zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gcwerlschaftliche Vereins- Und VersammlungS-Anzeigen 80 Pfg. „Kleine Hnzeigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Borte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Sezlaldemclint Rerlin" Zentralorgan der rozialdcmokratifchcn partd Deutfchtands. Redaktion: 8Äl. 68, Lindenstrasse 69 Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1S83. Sie englischen lüolonien und die Carifreforro. London, 18. Februar 1911,(Eig. Ver.) Die große Schnelligkeit, mit der sich das wirtschaftliche und politische Leben entwickelt, ist ein Merkmal der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Vor einem Jahre nahm man auf dem Festland vielfach noch an, daß der Sieg der Chamber lainschen Ideen nur eine Frage der Zeit sei, und heute schon geben die unentwegtesten englischen Tarisreformer selbst zu, daß die Grundidee des Apostels der Tarifreform— der allbritische Zollverein— durch den kanadisch-amerikanischen Handelsvertrag undurchführbar geworden ist. Zwar stellen sich die Führer, als wollten sie aus der alten Position nicht weichen. Aber diese Hoffnung ist kaum mehr als ein Ver such, den Anstand zu wahren, nachdem die„Daily Mail" den Zollverein mit solch übertriebener Hast, begraben hatte. Dämpfte schon der kanadisch-amerikanische Vertrag den Mut der Tarifreformer, so löschte die Tagesordnung zur nächsten„Imperial Conferenc e", die soeben ver- öffentlicht worden ist, das letzte Fünkchen Hoffnung aus. Die Konserenz der Negierungshäupter des Mutterlandes und der Kolonien wird am 22. Mai dieses Jahres zusammentreten. Groß waren die Hoffnungen, die die Konservativen darauf setzten: galten doch die riesigen Anstrengungen bei den beiden letzten Wahlen vornehmlich dem Zweck, ans Ruder zu kommen, um bei der kommenden Reichskonferenz einen ent- scheidenden Einfluß aus die Kolonien ausüben zu können. Die Konferenz soll eine große Etappe auf dem Wege zum Zollverein, vielleicht auch das Ziel selbst bringen. Die ver- offentlichte Tagesordnung beweist nun. daß die Kolonien den Chamberlainschen Ideen höchst gleichgültig gegenüberstehen: ja, Südafrika begehrt sogar, die schon bestehenden An- sätze zu einem Zollverein fallen zu lassen. Vor allem aber ist bemerkenswert, daß Kanada überhaupt keine Vorschläge macht, sondern sich nur bereit erklärt, die Tagesordnung mit zu diskutieren. Das ist eine bittere Pille für die schutzzöllne- rischen Imperialisten. Ueberhaupt ist das Bemerkenswerteste an der Tages- ordnung der Reichskonferenz, was nicht darauf steht. Aus der zugleich veröffentlichten Korrespondenz des Mutterlandes mit den Kolonien geht hervor, daß Südafrika zuerst beabsich- tigte, die Frage des Fallenlassens der Vorzugszölle für eng- lische Waren aufs Tapet zu bringen. Am 20. Januar telegraphierte die südafrikanische Regierung nach London, daß sie auf der Konferenz den Vorschlag diskutiert wissen möchte, «das System der Vorzugszölle, die gegenwärtig Groß- britannien von den überseeischen Besitzungen gewährt werden, durch ein System der Geld- oder Dienstleistungen an die Reichssee- und lokale Verteidigung zu ersetzen". Aber am 10. Februar wurde dieser Vorschlag zurückgezogen. Zweifels- ohne hatte sich General B 0 t h a die Sache noch einmal über- legt und herausgefunden, daß er durch die gewünschte Be- ratung die konservative Partei in Großbritannien, deren Freundschaft das innerlich noch nicht genügend gefestigte Süd- afrika sich nicht verscherzen darf, in eine entsetzlich schwierige Lage bringen würde. Die Diskussion der Frage hätte mit einem Schlage die ganze Hohlheit der patriotischen Phrasen aufgedeckt, mit denen die Tarifreformer für ihre Idee hausieren gehen. Denn vor die Wahl gestellt, das patriotische Angebot der Südafrikaner, direkt zur Landesverteidigung beizutragen und damit dem ganzen Reiche zu dienen, oder die Vorzugszölle, die nur einigen Händlern und Fabrikanten Großbritanniens zugute kommen, bestehen zu lassen, hätten die Tarisreformer sicher das letzte gewählt. General Botha erklärt zwar, er werde die Angelegenheit auf der Konferenz dennoch zur Sprache bringen. Dies soll jedoch wohl nur den Rückzug markieren. Die Idee des allbritischen Zollvereins ist tot. Die Er- eignisse der letzten Monate haben gezeigt, daß die Sehnsucht der Kolonien nach einer Umwälzung der handelspolitischen Beziehungen zum Mutterland, wie man schon lange ver- mutete, nur in der Phantasie der englischen Tarifreformer bestand. Welches Interesse sollten auch die großen Tochter- staaten, die hauptsächlich Nahrungsmittel produzierende Länder sind, daran haben, sich den Zugang zu dem freien englischen Markt zu erschweren? Die Erfahrung hat aber auch gezeigt, daß das Gebilde der englischen Tarisreformer nicht lebensfähig ist. Nehmen wir au, der Zollverein sei zu- standegekommen. Wer hätte dann zum Beispiel die Ver- einigten Staaten daran hindern können, dem kanadischen Weizen die Tore zu öffnen und damit das ganze Gebäude zu Fall zu bringen?— Wahrscheinlich werden jetzt die Schutz- zöllner Großbritanniens versuchen, die Lebensmittelzölle ganz fallen zu lassen, um bei den Industriearbeitern Gehör zu finden. Aber damit laufen sie wiederum Gefahr, die Land- bevölkerung Englands, die heute die große Masse ihrer Armee stellt, zu verlieren. Heute rot, morgen tot! Die schutzzöllnerische Bewegung Großbritanniens, die gestern noch so hosfnungsfreudig in die Welt blickte, ist heute nur noch ein verwirrtes Heer, das aus seinen sichersten Positionen hinausmanövriert worden ist. Neue Kampfe auf IFonape. Die Strafexpedition gegen die aufständischen Eingeborenen auf Ponape hat am 24. Januar und an den folgenden Tagen ihren Fortgang genommen. Es ist dabei zu blutigem Kämpfen gekommen, bei denen das Expeditionskorps 6 Tote und 5 Schwcrverwnndcte zählte. Zwei Mann wurden leicht verwundet. Unter den Gefallenen be finden sich drei schwarze Soldaten, ferner der Leutnant zur See Erhard, der Obermatrose K n e i d l und der Obersignalgast Günther. Die Obermatrosen P i m p e r tz, Karl Meyer und A g a t h 0 n wurden schwer verwundet. Obermatrose G e i ß l e r und BoolmannSmaat R i e d e r kamen mit leichteren Verletzungen davon. Die Eingeborenen sollen vier Tote verloren haben. Ueber die Gefechte wird gemeldet: „Am 24. Januar und an den folgenden Tagen wurde die auf der Dschokatscti-Spitze befindliche Besatzung durch Schüsse au« dem Busch beunruhigt. Hierbei wurde Obersignalgast Günther von der„Emden" schwer verwundet(Oberschenkel und Unter leib): am 27. Januar erlag er seinen Wunden. Durch Niederschlagen und Niederbrennen des Busches und Räumung der Farmen wurde Wiederholungen vorgebeugt. Die Besatzung der Dschokatschspitze der Insel bestand aus zwei Osfizierem, einem Deckoffizier. 38 Mann, auf der unteren Insel einein Offizier, einem Fähnrich, 34 Mann. Am 26. Januar wurde der Feind bei Naukiop in starker Stellung aus einem 306 Meter hohen Felsenabhang angetroffen. Er hatte auf einem schwalbennestartig geformten Bergvor sprung ein Steinhaus und Steinmauern mit Schießscharten errichtet. die gute Deckung boten. Nach hinten war diese Stellung durch eine 160 Meter hohe Felswand gedeckt..Ein Kammweg führte zu einer Flanke der feindlichen Stellung eben unterhalb der Mauer. Die Landungskorps von„Nürnberg" und„Cormoran" mit 66 Schwarzen umstellten im vollen Wirkungsbereich des feindlichen Feuers den unteren Berg, um die Flucht des Feindes zu verhindern. Den Fregattenkapitän Tägert ließ ich mit dem Landungskorps von „Emden" und 85 Schwarzen den Feind auf dem Kammweg an- greifen. Die Stellung des Gegners wurde gestürmt. Der Feind floh auf den steilen Berggipfel und zerstreute sich. Eine Verfolgung war wegen einbrechender Dunkelheit und Terrain schwierigkeiten unmöglich:" Nach weiteren Meldungen wurden im Februar zahlreiche Streifexpeditionen unternommen, durch die die Aufständischen völlig zersprengt und zum größten Teil zur Ergebung veranlaßt wurden. Am 0. und 7. Februar stellten sich 23 Mann mit 13 Frauen und 8 Kindern, am 10. und 11. Februar weitere 7 Mann, und am 12. und 14. Februar endlich wurden 10 Mann zu Gefangenen gemacht. Im ganzen sollen nur noch 12 bis 14 Zersprengte vor- Hunden sein, so daß die Beendigung der Expedition bevorstehe. Bekanntlich wurde der Aufstand durch übermäßige Zwangsarbeit und allzu große Strenge in der Behandlung der Eingeborenen herauf- beschworen. Die Folge dieses allzu schneidigen Vorgehens war nicht nur die Ermordung mehrerer Beamter, sondern auch ein regelrechter Feldzug, bei dem außer den schwarzen Polizeisoldaten drei Mann der ExpeditionStruppen getötet und eine Anzahl anderer verwundet wurden. So werden sich die K 0 st e n für diese Strafexpedition ein- schließlich der Pension für die gefallenen Beamten und Mannschaften, sowie für die invaliden Mannschaften auf einen höherenBetrag belaufen, als die ganze Insel Ponape überhaupt wert ist!_ Die ßevölllerungs-Vermebrung des Deutschen Reiches. Nach dem vorläufigen Ergebnis der Volkszählung vom 1. De- zember 1910 ist die Bevölkerung des Deutschen Reiches seit der letzten Zählung 1S05 von 60 64l 273 auf 64 957 910 gestiegen. Die Zunahme beträgt somit 4 316 532 oder 7,2 Proz. Auf die einzelnen Bundesstaaten verteilt sich die Bevölkerung und deren Zunahme wie folgt: Preußen..... Bayern..... Sachsen..... Württemberg... Baden...... Elsaß-Lothringen.. Hessen...... Hamburg..... Mecklenburg-Schwerin Braunschweig... Oldenburg.... Sachscn-Weimar.. Anhalt...... Bremen..... Sachsen-Meiningen. Sachs.- Koburg- Gotha Sachsen-Altenburg Reuß j. Linie... Lippe-Detmold... Lübeck...... Mecklenburg-Strelitz. Schwarzb.-Rudolstadt » Sondershausen Reuß 5. Linie... Waldeck..... Schauyiburg-Lippe. 37 278 820 6 524 372 4 508 601 2 302 017 2 010 728 1 814 568 1 209 175 875 090 625 045 485 655 438 956 387 892 828 029 263 440 268 916 242 432 206 508 144 584 145 600 105 857 103 251 96 830 85177 70 603 59135 44992 40 167 573 6 876 496 4 870 000 2 435 000 2140 605 1 871 706 1 282 109 1 015 700 639 879 494 387 482 403 417 166 331 047 299 234 278 792 257 208 216 313 152 765 150 749 113 700 103 800 100 712 89 427 72 616 61723 46 700 Zunahme in absolut Proz. 2 864 038 352 124 361 000 133 000 129 877 57 133 72 934 140 610 14 834 8 732 43 447 29 274 3018 85 794 9 876 14 776 9 805 8181 5139 7843 550 3 882 4 250 2 013 2588 1703 7.6 5.5 8,0 5.7 6.4 3.1 5,7 16.1 2,4 4.3 9,3 7.5 0,95 14,2 3.6 6.1 4.7 5.6 3.5 7.2 0,56 4,0 5,0 2,8 4.4 4.1 Expedition: 8M. 68, lindenstrasse 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. DaS Resultat blieb demnach gegen die allgemeine Schätzung um 42 000 zurück, somit ist auch die jährliche Zunahme etwas ge- ringer. Trotzdem hat sich die jährliche Zunahme, die in der Periode 1900/05 854 820 betrug, auf 863 307 erhöhl,— 8 487 oder 0,9 Proz. mehr pro Jahr. Da die Geburtenziffer gegen früher zurückgegangen, erklärt sich die Vermehrung miS der Abnahme der Sterblichketlsziffer. Politisch ergibt sich daraus eine größere Zunahme der Wähler und dürfte mit Hinzurechnung von 9—10 Monaten des Jahres 1911 die Zahl der Wahlberechtigten für die bevorstehende Reichstagswahl 14 400 000 betragen. politifcde dcbcrlicbt. Berlin, den 20. Februar 1911. Friedensermahnungen des Reichskanzlers. Der Zusammenstoß zwischen Nationalliberalen und Konservativen im preußischen Abgeordnetenhause hat dem Reichskanzler seine schönsten taktischen Erivägungen und Hoff- nungen zerstört. Ertrinkende greifen selbst nach einem Stroh- Halm und so hatte bisher auch Herr von Bethmann Hollweg trotz aller gelegentlichen Reibereien zwischen den großen kon- servativen und nationalliberalen Strategen noch immer darauf gerechnet, daß sich bis zurnächsten Reichstagswahl die edlen Seelen zum gemeinsamen Kampf wieder zusammenfinden würden. In diese schöne stille Hoffnung stieß die gegenseitige An- rempelung im Abgeordnetenhause ein respektables Loch. Doch der fünfte Kanzler des neuen Deutschen Reiches ist Optimist. Er vertraut der narbenheilende Wirkung der Zeit und eines guten Kleisters und liest deshalb in der„Nordd. Allgem. Ztg." beiden Parteien eine VersöhnungScpistel. in der sie feierlichst ermahnt werden, sich doch zum Wohle deS Vaterlandes die Hand zum Bunde zu reichen: „Im preußischen Abgeordnetenhanse hat ein scharfer Waffen» gang zwischen Konservativen und Nationalliberalen stattgefunden, d«r dielfach als entscheidend für das Verhältnis zwischen den beiden Parteien behandelt wird. Der Zusammenstoß wird von der radikalen Presse mit tiefer Genugtuung besprochen. Sie geht dabei von der Ansicht aus, daß die Auseinandersetzung vom ver- gangencn Dienstag mehr als ein isoliertes, aus augenblicklicher Streitlust erwachsenes Ereignis ist, und in der Tat mögen Reden im Lande, Kundgebungen in der Presse gerade in der letzten Zeit viel zur Verschärfung der Stimmung beigetragen haben. Hiernach ist eS begreiflich, daß von der radikalen Presse mit wachsender Zuversicht die Prognose aufgestellt wird, daß die ReichStagswahlen eine geschlossene Front der Linken den Parteien der Rechten gegenüber sehen werden. Gleichwohl nehmen wir nicht an. daß eine solche Radikalisierung unserer Parteiverhältnisse von den Beteiligten beabsichtigt wird; denn weder die Kon- servativen noch die Nationalliberalen können erwarten, daß sie es sein werden, denen die Ernte ans dem so tief aufgerissenen Boden zuwächst. Die„Kre,>z-Ztg." will jedoch vorerst noch von Nachgiebig» keit nichts wissen. Da sie die amphibische Natur der National- liberalen genau kennt, lvciß sie, wie viel diese an Kränkung vertragen können und fordert deshalb, daß die National- liberalen zunächst reuevoll ihr Unrecht bekennen, und Herrn v. Heydebrand die bestiefelten Füße küssen: »Die Abrechnung, die der Abg. Dr. b. Heydebrand als Führer der konservativen Partei am 14. Februar im Abgeordneten» hause mit den Nationalliberalen gehalten hat, ist von den Kon» servativen im Lande mit großer Genugtuung auf» genommen worden. Unter unfern Parteigenossen ist wohl niemand, der die Notwendigkeit dieser scharfen Absage aufs tiefste beklagt, und am schwersten wird daS entscheidende Wort wohl Herrn v. Heydebrand selber geworden sein, der noch am 23. November v.J. in Herford mit großer Objektivität die Existenz» berechtigung der nationalliberalen Partei gegenüber den Ausdehnungsbestrebungen der Konservativen im Westen nachgewiesen hat. Unsere Parteileitung hat bis jetzt über» Haupt immer noch an der Möglichkeit festgehalten, mit der Gefolg» schaft BasiermannS einmal wieder zu einem erträg» lickien Verhältnis zu kommen. Aber jeder Tag brachte neue Beweise, daß die Abkehr dieser ehemaligen Mittelpartei von ihren früheren Zielen entschieden ist, daß ihre Front ausschließlich nach rechts gerichtet hat, daß sie— um mit dem Abgeordneten Paaschs zu reden— eine Abwehrmehrheit von Bassermann bis Bebel schaffen, den»Tag von Philipps" vorbereiteil will. Diesen Kampf müssen wir endlich mit aller Entschiedenheit aufilebmen, auch wenn wir fest darauf vertrauen, daß in einer späteren Zukunft der Fanatismus der Nationalliberalen wieder der nüchternen Einsicht in die politischen Notwendigkeiten weichen wird, daß die Parteiverhältnisse sich danach wieder einrenken werden. Für die Wafhlzeit ist dar asi: findessennicht zu rechnen, und darum stimmen wir den Freunden unserer Zeitung zu, die unS in den letzten Tagen schrieben: „Die Rede des Herrn v. Heydebrand war sehr notwendig. wenn auch immer noch recht milde! Den national- liberalen Führern mußte einmal gründlich die Maske vom Gesicht gerissen werden! Ueberall, wo sich die Nationalliberalen mit dem Verbündeten der Sozialdemokratie, dem Freisinn, zusammentun. sind sie auch Verbündete der Umsturzpartei und nicht nur in Baden 1 Das kann nur ein Heuchler oder ein Tor bestreiten und deshalb sollte man es ihnen immer wieder ins Gesicht sagen, bis die Wähler es auch einsehen I' Eisenbahnschmerzen. Vor fast lette»» Hause— die große Mehrzahl der preußischen »Volksvertreter" war zur Bündlerparade abkommandiert— begann dos Abgeordnetenhaus am- Montag die Beratung des Etats der Eifenbahnverwaltung. Die Debatte erstreckte sich vorläufig nur au die fiuanztcchnischr und die wirtschaftliche Seite des Etats, die Bahn« arbeiterfragen kommen erst spater an die Reihe. Das finanzielle Ergebnis der Verwaltung ist vom Standpunkt der Ueberschußwirtschaft aus ein erfreuliches zu nennen: Der Ueberschuß beträgt 252 Millionen Mark, doch wird dies Geld nicht zur Ausgestaltung der Bahnen oder zur Verbesserung der Arbeiterlöhne und Beamtengehälter verwendet. sondern eS fließt in die allgemeine Kafie. deren Rückgrat bekanntlich die Eisenbahneinnahmen bilden. Eine reinliche Scheidung zwischen dem Etat der Eisenbahnverwaltung und den sonstigen Etats ist bei der Zusammensetzung deS Hanfes und dem Widerstreben der Ver- waltung nicht zu erreichen und die Folge davon ist. daß jede groß- zügige Reform im Eisenbahnwesen unterbleibt. Vor allem will man von einer Reform der Personentarife nichts wissen. Das gilt so- wohl für den Finanzminister als auch für den Eisenbahnminister. Herr Lentze unterscheidet sich in diesem Punkte durchaus nicht von seinen Vorgängern, den Miguel und Rheinbaben. Auch für ihn gilt in allererster Linie der Grundsatz, daß die Eisenbahnen zunächst er- giebige Einnahmequellen für den Staat und erst in zweiter Linie Verkehrsinstitute sind. Am Dienstag wird der Eisenbahnetat weiter beraten. Hessische Finanzen. Am nächsten Mittwoch tritt der hessische Landtag wieder zusammen. Er hat für Hessen bedeutungsvolle Aufgabe» zu erfüllen. Zunächst hat er endgültig das Wahlreformwerk zu erledigen. Die Herren- kammer hat die reaktionäre Vorlage, die die bisherigen politischen Rechte des arbeitenden Volkes in Hessen erheblich verschlechtert, daö Pluralwahlrecht einführt, den mindestens einjährigen Besitz der Staatsangehörigkeit(neben dem dreijährigen Wohnsitz) vom Wähler fordert und die Steuerrückstandsklanseln verschärft, noch mehr ver- hunzt. Und bei der, Zusammensetzung der Zweiten Kammer ist leider mit der Annahme der Vorlage zu rechneu. Biel mehr Sorgen wird den Herren die Gestaltung des Staats- budgetS für IStl machen. Während im letzten EtatSjahre trotz der Verwendung fast deS ganzen vorhandenen Ausgleichsfonds noch eine löprozentige Steuererhöhung notwendig war, um den Etat balancieren zu können, kommt der neue Finanzminister nicht nur ohne weitere Steuerhöhung ouS, trotzdem er verstärkte Schulden- tilgung vorsieht, er will auch noch einen Einnahmeüberschub von 1 316 600 M. zur Wiederausfüllung deS schwindsüchtigen AuS- gleichSfondS erzielen. In Wahrheit ist das freilich eitel Spiegel- fcchterei, der neue Finanzkünstler kann so wenig wie der alte aus dem, was gar nicht vorhanden ist, hübsche Sachen schaffen. Während die Staatsschuld Hessens von Jahr zu Jahr um mindestens 3 Millionen Mark wächst— Heffen ist längst der meist ver- schuldetste der deutschen Bundesstaaten leiden die wichtigsten Aufgaben deS Staates bittere Rot. Zu den dringendsten Ver- pflichtungen deS hessischen Staates gehört seit langem eine Reform der Beamtenbesoldungen. Gilt doch in Heffen noch die Be- foldungsordnung vom Jahre 1863, die natürlich die mittlerweile eingetretene gewaltige Verteuerung der Lebensbedürfniffe ganz unberücksichtigt läßt. Eine auch nur 16 Prozent betragende Erhöhung der Besoldung der Beamten und Anwärter mit einem Höchstgehalt bis 2000 M. würde eine halbe Million Mark Mehrausgaben jährlich verursachen. DaS hessische Finanzelend hat seine Ursache allein in der preußisch-hessisch en Eisenbahngemeinschaft. Nach der Auslieferung der hessischen Bahnen an PSreußen wurden für die Berechnung des an Heffen fallenden ErtragSteileS die Ziffern zu- gründe gelegt, die sich aus der künstlich niedergehaltenen Frequenz der vorhergegangenen Jahre ergaben. So wurde Hessen um jährlich 6—7 Millionen Mark geschädigt. Auf der anderen Seite aber hat Hessen alle durch den nunmehr nach dem.Friadensschluß" ganz be- deutend erhöhten Verkehr erforderlich werdenden Aufwendungen allein zu tragen und hat in den letzten 13 Jahren deshalb seine Eisenbahnschuld um jährlich durchschnittlich 10 Millionen Mark ver- mehren müssen, ohne davon auch nur einen Pfennig amortisieren zu können. So gibt das kleine Hessen das Kapital her, während sich Preußen daraus die Rente zu Gemüte führt. Eine Aenderung dieser Hessen finanziell ruinierenden Verhält- niffe kann nur eine Revision deS preußisch-hvssischen Eisenbahn- vertrage» bringen. Dazu hat aber weder die hessische Regierung. die immer mehr verpreußt, noch die kleriLol» nationalliberal- antisemitische LandtagSmehrheit, die ebenfalls a»S Angst vor der Sozialdemokratie sich immer mehr der preußischen Reaktion in die Arme wirft, das Zeug. An Gelegenheit zum erfolgreichen Wider- stand hätte es gewiß nicht gefehlt, hat doch jüngst erst die Frage der Schiffahrtsabgaben Hessen eine günstige, leider verpaßte Ge» legenheit, sich Preußen unbequem zu machen, geboten. Und so wird auch der nun zusammentretende Landtag nicht den einzig möglichen Weg der Rettung Hessens einschlagen, sondern fortwursteln und zu vertuschen suchen, bis das Ende, der finanzielle Zusammenbruch HeffenS, gekommen ist._ Schtvarzblaue Verbrüderung. Im Wahlkreis L a n d e S h u t- I a u e r. den der fortschrittliche Abg. Bücktemann im Reichstage vertritt, hat daS Zentrum für die kommende Wahl auf eine eigene Kandidatur verzichtet und will sofort im ersten Wahlgang für den Konservativen eintreten. Bei der Ersatzwahl im Juni 1910 wurden 6483 sozialdemokratische, 6429 freisinnige. 3879 konservative und 3823 Zentrumsstimmen abgegeben. Der fortschrittliche Kandidat würde also voraussichtlich nicht mehr in die Stichwahl kommen, vielmehr wäre die engere Entscheidung zwischen dem sozialdemokratischen und dem konservativen Kandidaten zu treffen. Zur Charakteristik vo» Polizeizeuge». In der dieser Tage gegen Frau v. G e r l a ch verhandelten Anklage war der Hauptzcuge der Anklage der Poligeileutnant (5 r ü g e r L Die Lieber-Kammer hat auf das Zeugnis dieses Polizeibeamten hin die Angeklagte zu einer nicht unerheblichen Geldstrafe verurteilt. Jetzt werden Umstände bekannt, die die Wahrheitsliebe des Polizeileutnants arg herabsetzen. Danach schwebte gegen den Leutnant Crüger seit Monaten ein Disziplinarverfahren, das zunächst Suspendierung vom Amt und schließlich Amtsentsetzung zur Folge hatte. Der Grund dieser Maßnahmen soll darin liegen, daß Crüger l seinen Vorgesetzten über seine Vermögensverhälwisse unwahre Angaben gemacht und somit dieselben belogen hat. Als er vor zwei Jahren das Revier in der Pvenzlauer Straße übernehmen sollte, gab er der Behörde, dem Polizeimajor Feist, die dienstliche Erklärung ab. daß er keinerlei Schulden habe. Ende vorigen Jahres stellte eL sich aber heraus, daß diese Erklärung den Tatsachen nicht entsprach. Es wurde daraufhin ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein- geleitet, das zur Amtsentlassung Crügers führte. WaS das Zeugnis eines solchen Mannes»vert ist, bedarf keiner Worte. Aber noch immer genügt vielen Richtern die Aussage eines Polizeizeugen, um zur Verurteilung eines Angeklagten zu führen, wenn mich mehrere Zivilzeugen gegen- teilig aussagen.( Gegen die Pest. Der„ReichSanzetger" veröffentlicht folgende Äekantttmachung des Ministers Delbrück als Vertreters des ReichSkanzerS: . Zur Verhütung der Einschleppung der Pest bestimme ich unter Hinweis auf die Vorschriften des Bundesrats über die gesund- heitliche Behandlung der Seeschiffe in den deutschen Häfen vom 29. August 1907(Reichsgesetzblatt S. S63) auf Grund des§ 2S des Gesetzes, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krank- heiten, vom 30. Juni 1900(Reichsgesetzblatt S. 803): Alle aus chinesischen Häfen nach einem deutschen Hafen kommen- den Schiffe und ihre Insassen sind bis auf weiteres vor der Zu- lassung zum freien Verkehr ärztlich zu untersuchen. Die Fleischnot in Baden. Die badische Regierung hat die Anregung erhalten, beim Bundesrat vorstellig zu werden, damit er die Einfuhr des vor- züglichen Schlachtviehes aus Argentinien und Schweden nach Baden gestattet. Der Vorschlag rührt vom Stadtrat zu Karlsruhe her, der durch ein Gutachten der städtischen Schlachthofverwaltung zur Befürwortung dieses in der Schweiz sehr geschätzte» Aushilfsmittels gekommen ist. Es wird von der Karlsruher Schlachthauödirektion berechnet, daß das Fleisch erster Qualität noch 10 bis 15 Pf billiger zu stehen kommt, als daS geringere Fleisch von einheimischem Bich. Da die Stadt Karlsruhe im Herbst die Vergünstigung französischer Vieheinsuhr durchsetzte. so hofft sie auch auf einen Erfolg für die neueste Forderung. Der Bericht der Karlsruher Schlachthofdirektion weist daraü hin, daß die günstige Wirkung des Viehimports aus Frankreich au die Preisreduktion des Fleisches aufhörte wegen der rasch an- wachsenden Biehpreise in Frankreich. Es werde der Karlsruher Fleischpreiserhöhung vom Anfang Februar eine weitere in nach st er Zeit folgen. Die Direktion empfiehlt, indem sie die Stationierung deutscher Tierärzte(z. B. eines badischen im Baseler Schlachthof) zur Beschau des einzuführenden AuSlandsviehes vorschlägt, folgende Maßnahmen: 1. Erleichterung der Vieheinfuhr auS Schweden und Däne- mark durch Aufhebung der Quarantäne und Impflings- Vorschriften; 2. Zulassung der Einfuhr argentinischen Schlachtviehes wie in der Schweiz; 3. Milderung der Fleischbeschauborschriften für ausländisches Vieh; 4. Herabsetzung der Einfuhrzölle für Lieh und Fleisch. Zur Geschäftsführung des AerzteverbandcS. Der Generalsekretär des Aerzteverbandes Dr. Kuhns in Leipzig hatte gegen die Mitglieder deS Vorstandes deS KrantenlaffenverbandeS in Bocholt Klage erhoben. Der Vorstand des Krankenkassenverbandes hatte behauptet, die Leitung des AerzteverbondeS kämpfe mit un- lauteren Mitteln. Dieser Vorwurf gründete sich auf ein Telephon- gespräch, worin Dr. Kuhns am 6. Januar v. I. bei den Vergleichs» Verhandlungen in Bocholt einem der Aerztevertreier angerate» hatte, nur scheinbar entgegenzukommen, später ließe sich die Sache nach Geschmack drehen. Man müsse mit der Stimmung der Be- völkerung rechnen. Dieses Telephougespräch wurde von vier Zeugen bestätigt. Demgemäß hielt das Gericht den Wahrheitsbeweis für erbracht und sprach den Angeklagten frei. OeftemicK. Gegen die Fletschteuerang. DaS argentinische Fleisch findet allgemein solch gute Aufnahme, daß sich eine große Zahl österreichischer Städte zu einer Gesellschaft m. b. H. zusammengeschlossen haben, um das Fleisch unter Ausschaltung des österreichischen Zwischenhandels einzuführen und zu verlaufen. Die Gesellschaft hat an die Regierung daS Verlangen gerichtet, nicht mehr Schiffahrtsgesellschaften usw., sondern nur ihr die Einfuhrbewilligung zu erteilen. Portugal. Ausweisungen. Liffado», 10. Februar. Die früheren Minister Josü Azevedo und Joao Coutinho sowie der I o u r n a l i st Alvaro Chagas sind aus politischen Gründen aus Portugal au». gewiesen wotden. Die beiden Minister werden nach Brasilien und Chagas wird nach Frankreich gehen. KuLlanä. Der Kampf ans de« Hochschnke». Petersburg, 20. Februar. Laut Befehl deS Handels- Ministers sind 54 Studenten des Petersburger Poly- technikums relegiert worden. Infolge der Obstruktion der Studenten kam auch heute fast k e i n e V o r l e s u tt g zustande, trotzdem die Hör- läle von der Polizei scharf betvacht waren. Auch in den höheren Fra.uenkursen sind fast alle Vorlesungen unterbrochen. Odeffa, 20. Febmar. Odessa muß 15 000 Rubel Steuer zahlen zur Erhaltung der Universttätspoltzei. Die treikenden Studenten werden sehr streng behandelt, einige kamen ins Gefängnis aus drei Monate, andere wurden ausgewiesen. Die noch streikenden Studenten wurden sämtlich vom weiteren Besuch der Hochschule ausgeschlossen. Der Konflikt mit China. Peking, 19. Februar. Die chinesische Regierung wird morgen formell die sechs Punkte der russischen Note be- antworten. Wie verlautet, erkennt China die Klagen über die an- gebliche Beschränkung der russischen Tarifautonomie an der chinesi- scheu Grenze nicht als berechtigt an. Das Recht der Exterritorialität der russischen Untertanen in China gibt China zu. ebenso daß der russische Handel in der Mongolei keiner indirekten, sondern nur direkter Besteuerung unterliegen dürfe. Weiter räumt China der russischen Regierung das Recht ein, Konsulate in Kobdo. Hann und Gutschen einzurichten, sobald sie kommerziell gerechtfertigt seien, waS jetzt noch nicht der Fall sei. Für un- berechtigt erklärt wird die Klage über die Haltung der chinesischen Behörden gegenüber den russischen Konsuln und zügestauden endlich das Recht der russischen Untertanen, in den Städten der Mongolei, in denen die nissische Regierung berechtigt ist, Konsulate zu errichten, Grundstücke zu erwerben und Bauten aufzuführen. Die Antwort schließt mit der Schilderung, daß China an den Grundsätzen des Vertrages 'esthalten. aber einer Erweiterung nicht zustimmen werde. China werde eine versähnliche Haltung bewahren und bedaure tief den Wandel in der russischen Politik, der nicht im Einklang stehe mit den bisherigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Mächten, die eine Revision des unklaren Ver- wageS willkommen heißen sollten, insbesondere hinsichtlich der wesentlichen Veränderungen, wie sie zum Beispiel der Bau der russischen Eisenbahnen und die Entwickelung auf anderen Gebieten eit 1831 mit sich gebracht hätten. CUrbei. Die Bagdadbahn. Koustantinopel, 20. Februar. Wie mitgeteilt wird, haben »ie Unterhandlungen wegen der Bagdadbahn offiziell zwischen dem englischen Gesandten Lowfter und Rifaat Pascha begonnen. Man glaubt, daß die Basis der Unterhandlungen die Jnternationalisierung des letzten Abschnittes der Bagdadbahn nach dem persischen Golfe sein wird._ General-VerfamiDluna des Bundes der Candwirte. (Originalbericht des„Vorwärts'.) Berlin, den 20. Februar 1911. Eine ungeheuere Menschenmenge strömte heute mittag nach dem am Ende der Potsdamerstraße belegenen Sportpalast. Viele Land- Wirte hatten ihre Gattinnen und Töchter mitgebracht. Die weiten Räume des Sportpalastes waren ziemlich gefüllt. Der vor Beginn der Versammlung verteilte Geschäftsbericht äußert sich ungemein zuversichtlich:„Der künstlich mit den bedenklichsten politischen Mitteln angefachte Sturm ans Anlaß der abgelehnten Erbschaftssteuer hat den Bund der Landwirte nur gefestigt. Ueber die Tätigkeit der Wahlabteilung ist insofern wenig zu sagen, als die Reichstagsersatzwahle« unter dem Zeichen der mit ungemeisenen Geldmitteln inszenierten liberalen Hetze standen, deren Endergebnis mit wenig Ausnahmen lediglich zum Siege der Sozialdemolratie führte. Der Bund der Landwirte hat in 11 ReichStagswahlkreisen die Kandidaten unter- stützt, doch ist eS ihm bei der wüsten Hetze nicht gelungen, einen dieser Kandidaten durchzubringen. In zwei ReichStagswahlkreisen (Usedom- Wollin und Friedberg- Büdingen), in welchem der Bund der Landwirte mit der Sozialdemokratie in die Stichwahl kam, haben die Liberalen beziehungsweise Freisinnigen den sozialdemolratischen Kandidaten unterstützt, so daß die Wahlkreise in die Hände der Sozialdemokraten fielen. Sodann bat der Bund bei den allgemeinen Landtagswahlen, vor allem in Sachsen-Alten- bürg eigene Kandidaten aufgestellt. Bon 18 Kandidaten find 14 ge- wählt worden, ein Resultat, welches trotz der Quertreibereien der Linksliberalen und trotz des Anwachsens der Sozialdemokratie ein sehr günstiges ist. Bei den Ersatzwahlen zum Landtage hat der Bund in Weimar, Bayern, Reuß, Lippe- Detmold, Königreich Sachsen und Württemberg Kandidaten unterstützt, die zum größten Teile ge- wählt wurpen. Im vorigen Jahre hat die Abteilung Organisation 10 840 Versammlungen vorbereitet, davon waren 930 Wahlversamm- lungen. Die Beamten der Abteilung Organisation, die in dauernder Berührung mit den Landwirten stehen, haben am besten wahr- nehmen können, wie rege und lebhaft die Landwirte durch die liberale BerhetzungStäligkeit geworden sind und wie erheblich das Bedürfnis nach Aufklärung und Verständnis dadurch gewachsen ist mid der Wunsch, selbsttätig einzngreisen und teilzunehmen sowohl in den Abwehr- als in den Liigriffskämpfen. Wir haben für die Wahlkämpfe unsere Massen also auch nach dieser Richtung hin geschärst. Die Mitgliederzahl deS Bundes ist wiederum um viele Taufende gestiegen." Gegen 12'/4 Uhr mittag? eröffnete der Vorsitzende, Freiherr ». Wangcnheim(Kl.-Spiegel) die Versammlung: Wenn noch immer ein Mangel an Fleisch und Vieh vorhanden sei, so sei das nicht Schuld der Landwirte, sondern der unzweckmäßigen Einrichtung der Schlacht- Höfe und vieler gewissenloser Händler, die die Maul- und Klauen- seuche nach Deutschland einschleppen. Der Reichslanzler habe auf dem Festmahle des LaudmirtschaftsrateS der Landwirte gesagt:„Sie brauchen des Schutze?, Sie sollen ihn haben". Es sei nur zu wünschen, daß überall in Deutschland die Erkenntnis Platz greise. daß durch Oeffnung der Grenzen die Fleischlalamität noch größer werden würde. Der Appell des Reichskanzlers, dem sich der Kaiser angeschloffen, die Viehhaltung in Deutschland zu vermehren, sei sehr dankbar aufgenommen worden. Es habe aber dieses Appell» kaum bedurft. Die deutschen Landwirte seien sämtlich bemüht, ihren Viebestand zu vermehren. Der Redner be- zeichnete eS im weiteren als notwendig, alle konfessionellen Streitig- leiten außer acht zu laffen und für einen wiriichaftlich starken Mittelstand in Stadt und Land zu sorgen, da? sei die beste und sicherste Abwehr gegen die immer mehr anschwellende rote Flut- Je mehr selbständige Existenzen, desto besser für Thron, Altar und daS deutsche Volk, um so kräftiger könne die Umsturzpqrtei bekämpft werden. Der Redner schloß mit dem üblichen Hoch auf den Kaiser und schlug die Lbjenduitg eineS HuldigungS- telegrammS vor. Wangenhein begrüßte hierauf zwei österreichische RelchSratS« abgeordnete und den Ritter v. Hohenlohe. Vorsitzender deS öfter- reichischen Landwirtschaftsrats. Letzterer brachte Grüße von den „österreichischen Agrariern". Abg. Dr. Rösicke» GörSdorf führte darauf näher auf: Die Wirkung der Reichsfinanzresorm hat sich vollständig bewährt und da» Verhalten deS Bundes der Landwirte vollständig gerechtfertigt, Bei den Wahlen werde ein heftiger Kampf gegen die ganze Linke, anch gegen die Nationallibcralen, geführt werden müffen.(Rufe: Sehr wahr I) Die Nationalliberaken nähern sich jetzt den Freisinnigen und schaffen Organisationen gegen den Bund der Landwirte. Ter Redner erwähnte im weiteren, daß der Bund der Landwirte dem Bauernbund nur dankbar sein könne. Seit Begründung des Deutsiben Bauernbundes habe der Bund der Landwirte ganz außerordentlich an Mitglieder zugenommen. Wir kämpfen durch die Wahrheit für die Wahrheit.(Stürmischer Beifall.) Abg. Dr. Dicderich Hahn bemerkte darauf bei der Er- stattung deS Geschäftsberichts: Die Mitgliederzahl deS Bundes sei im letzten Jahre um 11 000 gestiegen. ES sei mitgeteilt worden, daß Landwirte bei Wertheim kaufen. Ich kann mir das nicht denken. Es ist Pflicht jeden Landwirtes, den Mittel- stand, ganz besonders das Handwerk zu unterstützen und weder in Warenhäusern noch bei Hausierern zu kaufen. Der Redner empfahl alsdann ebenfalls, die Nationalliberalen zu be- kämpfen, wenn sie nicht da? Heidelberger Programm annehmen. ES sei eine Unwahrheit, daß. wie Paasch? behauptet, er(Hahn) bemüht gewesen sei, den letzten Nationalliberalen aus Hannover zn ver- weiden. Die Gelder des BauenibundeS feien zweifellos nicht von Landwirten gegeben.(Rufe: Von Juden!) Die Juden find nicht so dumm, offen als Geldgeber deS Bauernbundes aufzutreten. Es gibt ja Strohmänner genug. Es gibt keine jüdischen Landwirte.(Rufe: Becker!) Becker ist aller- ding? Jude, aber kein Agrarier. Der Bauerubund und der Hansabund kämpfen gemeinsam gegen den Bund der Landwirte und indirekt für die Sozialdemokratie. Wir sind die festesten Stützen des Staates. Wir haben alle Militär- und Flottenvorlagen sofort ohne Gegenleistung bewilligt. Und wenn unser Kaiser ruft, dann sind wir, die Mitglieder des Bunde« der Landwirte, die ersten, die dem Rufe Folge leisten werden.(Stürmischer Beifall.) Geheimrat Paasche agte am 12. Juni 1910 in Krefeld: Wir werden bei den nächsten Wahlen genötigt sein, für die Sozialdemokraten zu stimmen.(Rufe: Hört l hört!) Der rote Bruderluß, den die Linie austauschen will, wird zum Giftkutz werden. Die Nationalliberalen werden ihr Pro- gramm ungesäumt reformieren müssen, denn wenn selbst die Notivvslliveralev mit den Sozialdemokrgteo zusammengehen, dann ist eS keinem Arbeitgeber mehr möglich, Herr im eigenen Hause zu sein. Ich hoffe, die Preffe wird das zur öffentlichen Kenntnis bringen.(Selbst die rote Presse kommt diesem Wunsche des Oberagrariers nach.) Das deutsche Volk kann vor der roten Flut nur dann gerettet werden, wenn es sich an die vaterländischen Parteien anschließt. Der Redner schloß mit einem dreifachen Hoch auf das deutsche Vaterland. Die Versammelten sangen:«Deutsch- land, Deutschland über alles."— Der Redner befürwortete die Annahme folgender Resolution. Der Bund der Landwirte bedauert die Zerrissenheit des heutigen politischen Lebens in Deutschland; er bedauert insbesondere die Wer- suche, in die geschlossenen Reihen der Landwirte Zwiespalt zu tragen; er betont die Gefahr, daß die zersetzende Tätigkeit der Sozialdemo- kratie durch die heutige Agitation der liberalen Parteien an Umfang und Einfluß gewinnt. Der Bund der Landwirte vertritt heute wie von jeher den Standpunkt, daß nur die gleichmäßige Berücksichtigung aller Wirt- schaftlichen Interessen, sowohl der gewerblichen wie der landwirt- schaitlichen, dem deutschen Volke eine ruhige und sichere EntWickelung gewährleistet. Die Grundanschauungen, die der Bund der Landwirte am 9. November 1895 verkündet hat, sind für ihn unverändert maß- gebend. Wie er auf der einen Seite die einseitige Förderung der Interessen deS mobilen Großkapitals verwirft und dessen im- eingeschränkter Machtvollkommenheit Schranken auferlegt wissen will, so verwirft er auf der anderen Seite den Klassenkampf, der den Frieden des Volke« zerstört. Entsprechend der Botschaft Weiland Kaiser Wilhelms I. Pom 17. November 1881 erblickt er in dem Zusammenfassen der realen Kräfte des christlichen Volkslebens, in der organischen Ein- und Unterordnung der Interessen aller Stände und Berufe unter das Gesamtinleresse der Volksgemeinschaft, die wichtigste Aufgabe und sein notwendiges Ziel. Unser Kaiserlicher Herr Wilhelm IL hat sich in seiner feierlichen Kundgebung in Marienburg zu diesem Grundgedanken der Votschaft seines unvergessenen Vorfahren erneut bekannt, wenn er sagte: «Der Landwirt schlage in die Hand des Kaufmanns ein, dieser in die Hand des Industriellen. Der Zugehörige einer Partei er- greife die Hand des Andersgesinnten, wenn es daraus ankommt, Großes für unser Vaterland zu leisten; und eine Konfession trage die andere mit Liebe." Das wissen wir unserem Kaiser Dank. Fürst Bismarck hat mit seiner nationalen Wirtschaftspolitik den Weg dieses Ausgleicbs mit glänzendem Erfolge beschritten. Ebenso wie die Bismarcksche Wirtschaftspolitik in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Schaden der Gesamtheit vom Grafen Caprivi durchbrochen wurde, so drohen unserer Wirtschaft- lichen Wohlfahrtspolitik für alle Stände bei den nächsten Wahlen erneut die schwersten Gefahren. Seiner Pflicht entsprechend wird der Bund der Landwirte mit aller Kraft gegen jegliche Gefährdung des Bismarcksche» Vermächt- nisseS kämpfen." Er erwartet hierbei die Unterstützung aller derer, die in der gerechten Wahrnehmung der Interessen aller Volks- und Erwerbskreise daS Heil unseres Vaterlandes erblicken und die auch heute noch den BiSmarcki'chen Grundsatz als richtig anerkennen, daß in der gleichmäßigen Berücksichtigung von Landwirtschaft und Industrie, in der Förderung und Erhaltung eines kräftigen Mittelstandes in Stadv und Laud foioie in der dauernden Schaffung ausreichender und lohnender Arbeitsgelegenheit dieses Ziel gewährleistet wird." Hierauf sprach Bezirksschornsteinfegermeister Conradt-Breslau. Er suchte den Nachweis zu führen, daß der städtische und ländliche Mittelstand zusammenstehen und sich der deutsch-konservativen Partei anschließen müsse. Nur diese Partei könne den Mittelstand vor dem Untergange retten.— Inzwischen war folgendes Telegramm eingegangen:„Ich danke der Generalversammlung des Bundes der Landwirte für die mir gesandte Begrüßung und wünsche, daß die von mir im Deutschen Landwirtschaktsrate gegebene Anregung den deutschen Landwirten Nutzen bringen werde."(Stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende brachte auf den Kaiser ein dreifaches Hoch aus. Die Versammelten hatten sich bei Verlesung des Telegramms erhoben und sangen„Heil Dir im Siegerkranz". Chefredakteur Dr. Oertel bemerkte: Der Sozialdemokrat Arwr Schulz habe nachgewiesen, die deutsche Landwirtschaft sei in der Lage, das deutsche Volk noch auf Jahrzehnte zu ernähren. Der Reichskanzler und der Kaiser haben sich dieser Ansicht angeschlossen, es gehe also vorwärts. Mit stürmischem Beifall begrüßt, führte Abg. V. Oldenburg- Januschau aus: Es gibt zwei Sorten von Nationalliberalen. Mit der einen Sorte kann man noch halbwegs zusammengehen, nicht aber mit der zweiten Sorte; diese hat den sozialdemokratischen Bazillus im Leibe.(Große Heiterkeit.) Diese Leute können doch nicht etwa glauben, daß wir sie bei den Wahlen unterstützen werden, weil sie einmal nationalliberal gewesen sind. DaS könnten wir nicht, selbst wenn wir wollten, denn die Wählermassen sind keine Maschinen, sondern Menschen mit einer lebendigen Seele. Wir müssen Klarheit schaffen. Wenn wir im nächsten Jahre wieder zusammen- kommen, dann wird vielleicht so mancher Fahnenträger des Bundes auf der Strecke geblieben sein, der Bund wird aber nach wie vor stark und mutig dastehen. Schutz unserem Kaiser, dem deutschen Vaterlande, Schutz der nationalen Arbeit in Stadt und Land, das ist unsere Parole.(Stürmischer Beifall.) Nachdem noch einige Leute aus der Provinz gesprochen, be- antragt« Hofbesitzer Weidenhvfer(Achimermühle, Hannover), zwecks Errichtung einer Kriegskasse für die ReichStagswahlen die Beiträge in diesem Jahre zu erhöhen. Im weiteren Verlauf tadelte eS Rittergutsbesitzer v. Lodel- schw'mgh(Westfalen), daß in Baden nicht nur die dortigen Rationalliberalen, sondern auch der Minister v. Bodman mit den vaterlandslosen Sozialdemokraten kokettiere. Man könne sich alsdann nickt wundern, daß bei der Beerdigung Singers 150 000 Menschen auf den Beinen waren. Ich appelliere an alle deutschdenkenden Männer, helfen Sie uns, die Macht des Judentums zu brechen. (Stürmischer Beifall.) Der Antrag Weidenhvfer und auch die Resolution Hahn gelangen darauf einstimmig zur Annahme. Hus der Partei* Rüstung zum Wahlkampf! Eine Vorständckonfercnz der dem Stettiner Gcwerk- schaftskartell angeschlossenen Organisationen beschloß, einen ein- uialigen Extrabeitrag von 69 Pfennig pro Mitglied zu erheben, um so die Kosten der Reichstagswahl für die beiden Stettiner Wahilreise aufzubringen. Da 18 999 organisierte Ar- beiter durch diesen Beschluß verpflichtet werden, fo können 9999 Mark aufgebracht werden._ Auf Wunsch des Genossen Bebel teilen wir mit, daß er die nächsten Tage von Hause abwesend ist.. Vom neuen badischen Parteiblatt. Genosse August Weißmann, zurzeit Redakteur beim Karlsruher.Volksfreund", ist mit der Leitung des neuen partei- genössischcn Preßunternehmens betraut worden, das von einer Gc- uoffenschaft in F r e i b u r g i. W r. ins Leben gerufen wird. Das tme Organ soll PM 1. Zuli gg täglich erscheinen; es ist für Las badische Oberland bestimmt. L. h. für die badischen Reichstags- Wahlkreise 1 bis ö einschließlich. Die Genossen in Lörrach be- sitzen ein zweimal in der Woche erscheinendes Blatt, das sie nicht eingehen lassen wollen; sie tragen sich mit dem Ge- danken, ihr Organ für das Wicscntal öfter erscheinen zu lassen. Personalien. Am I. April wird Genosse Hans Block anS der Redaktion des„Vorwärts" austreten, um in die politische Redaktion der«Leipziger Vollszeitung" einzutreten. Zwei Erfolge der serbischen Sozialdemokratie. Belgrad, 18. Februar.(Eig. Ber.) Die Sozialdemokratie in Serbien, der es während des Druckes der wirtschaftlichen und politischen Krise in den letzten zwei bis drei Jahre» durch stramme Organisation und grenzen- lose Opferwilligkeit der Genossen gelang, ihren Bestand zu be- haupten, zeigt in letzter Zeit einen erfreulichen Aufschwung. Das Wachsen der politischen wie auch der gewerkschaftlichen Organi- sationen, die in Serbien in innigstem ideellen und organisatori- scheu Zusammenhang stehen, übersteigt all« Erwartungen. Es gibt Gewerkschaften, die ihre Mitgliederzahl um 199 Proz., 299 Proz. und 399 Proz. vermehrt haben, und dieses Anschwellen der Ar- beiterorganisationen ruft beim Unternehmertum bereits heftigen Widerstand hervor, der in der improvisierten Bildung von Unter- nehmerverbänden und der noch bestehenden Aussperrung aller Belgrader Schneiderarbeiter seinen Ausdruck findet. Die Parteiorganisationen, die in Serbien in allen Städten und kleinsten Städtchen als Lokalorganisationen bestehen, halten Schritt mit den Gewerkschaften. Die Hauptstadt Belgrad hat zum Beispiel das e r st e Tausend politisch Organisierter erreicht. Vor allem die sozialistische Bewegung unter der ausgepowerten ländlichen Bevölkerung, die jetzt durchs Land geht, wird für die Aktton der Partei von größter Bedeutung sein, weil sie die Herr- schendc radikale Partei an ihrer Kraftquelle aus dem Lande packt. Der schonungslose Kampf, den das Proletariat gegen dieses Regime der herrsch- und plünderungssüchtigen Bourgeoisie führt, wird durch den Anschluß der Massen auf dem Lande eine kräftige Unterstützung bekommen. Dieser allgemeine Aufmarsch der sozialistischen Kräfte hat zur Lösung zweier wichtiger Aufgaben der Partei geführt: Am 29. No- vember vorigen Jahres wurde das sozialistische Volks. Haus in Belgrad eröffnet, und soeben ist das Partei. orgait, die„Arbeiterzeitung", das bis jetzt dreimal wöck;entlich herauskam, in ein Tageblatt umgewandelt worden. In dieser Woche feierte daS Proletariat Serbiens den zehn» jährigen Gründungstag seines Kampsblattes und be- kündete große Bereitwilligkeit, für die bevorstehenden großen Kämpfe, in erster Linie um das allgemeine Wahlrecht und gegen den Militarismus und die unerträg- lichen Staatslasten, den tapferen Vorkämpfer und zehn- jährigen Jubilar, weiter auszugestalten. Besser bewaffnet als bislang, mit erhöhter Zuversicht tritt die serbische Sozialdemo- kratie in neue, immer heftiger und umfangreicher w erdende Kämpfe für die Interessen des Proletariats und der breiten Schichten der unterdrückten Bevölkerung. poUreüicfies, Oencbttkebcs ukw» Die Polizei am Grabe. Beim Begräbnis eines Gewerkschaftsgenossen in Köln kam eS durch das Vorgehen der P o l i z e i b e a m t e n, die von roten Kranzschleifen Gefahr für die Sicherheit des Staates be- fürchteten, zu höchst ärgerlichen Szenen. Schon auf dem Wege des Leichenzuges zum Friedhof verlangten Polizisten die Ent- fernung der Schleifen. Als das verweigert wurde, erschien aus dem eine Stunde abseits von Köln gelegenen Südsriedhof ein starkes Polizeiausgebot mit dem Polizeiinspeklor und zwei Kommissaren.(I!) Die Schleifen wurden darauf von den Beamten gemalt- sam entfernt. Der amtierende Priester verließ den Friedhof, ohne die Zeremonie zu beenden. Polizisten besetzten die Brust, um Grabreden zu verhindern._ Eine ungesühnte Streikbrech«r-„Beleidigung". Im Stettiner„Volksboten" war im September V. I. während eines Streiks in einer dortigen Brennerei von einem streitbrechenden Schnapsfahrer behauptet worden, er habe mit einer Legitimationskarte des Brauereiarbeiterverbandes Schwindel getrieben. Wegen dieser Behauptung wurde Strafantrag gegen den„verantwortlichen" Redakteur gestellt, ohne daß er darin namentlich angeführt wurde. Die Justiz nahm sich nun des Ar- beitswilligen an und. das mit solchem Eifer, daß sie den Genossen Sommer auf die Anklagebank lud, obgleich dieser nur für den politischen Teil des„Volksboten" verantwortlich zeichnete und also freigesprochen werden mußte. Damit aber die lädierte Ehre des Schnapsfahrers doch noch repariert würde, wurde nun auch ein Strafverfahren gegen den Genoffen G e i s e eingeleitet, der in der fraglichen Nummer als verantwortlicher Redakteur für den lokalen Teil der Zeitung genannt war. Der aber konnte nach- weisen, daß er zur Erscheinungszeit der Notiz in den Ferien war und mit der Herstellung der Zeitung nichts zu tun hatte. Der Verantwortlichkeitsvermerk war versehentlich nicht geändert worden. Der Amtsanwalt— der anscheinend für das„abgekürzte Verfahren" schwärint— beantragte 100 M. Geldstrafe, trotzdem in die Beweisaufnahme überhaupt nicht eingetreten war; das Gericht erkannte aber auf Freisprechung, indem es anerkannte, daß es nicht des Angeklagten, sondern des amtierenden Redakteurs Pflicht war, die notwendige Aenderung des Zeichnungsvermerks anzuordnen. Aufgehobener Einhaltsbefehl. Die Brauerei Hammer in Plauen i. V. hatte alle ihre organisierten Arbeiter auf das Straßenpflaster geworfen; die Ar- beiterschaft antwortete durch Versammlungsbeschluß mit dem Boykott der Brauerei. Die boykottierte Brauerei erwirkte darauf eine einstweilige Verfügung, wonach es dem Genossen Redakteur Breslauer vom Zwickauer„Sächsischen Volksblatt" und dem Gauleiter Stöcklein-Lcipzig unter Straf- androhung von 1599 M. für jeden Einzelfall untersagt wurde, in Wort oder Schrift auf den Boykott hinzuweisen. Außerdem strengte die Brauerei eine Schadenersatzklage in Höhe von 19 999 M. an. Auf Berufung hin entschied das Gericht am 17. Februar: Der Einhaltsbefehl gegen Breslauer und Stöcklein wird aufgehoben, die Kosten fallen der Firma Hammer zur Last.— Auch der Schadenersatzanspruch Hammers dürfte durch dieses Urteil hinfällig geworden sein. Ein ungetreuer Beamter. Nach fünftägiger Verhandlung vor dem Landgericht in Gotha wurde am Sonnabend der gothaische sozialdemokratische Landtagsabgeordnete D e n n e r wegen Betruges und U n- treue zu 8 Monate Gefängnis verurteilt. Der Staats- anwalt hatte 1 Jahr 1 Monat Gefängnis, 599 M. Geldstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre beantragt. Die Unterschlagungen sind während der Tätigkeit Denners als Vorsitzender der Ortskrankenkassc von Walters- hausen geschehen. Es handelt sich um eine Summe von zirka 1899 bis 1999 M. Wie weit die Veruntreuungen auf Geschäfts- Unkenntnis und auf Lotterei in der Buch- und Geschäftsführung, oder auf bewußtem Betrüge beruhen, läßt sich schwer fest- stellen._ Merseburg und Freienwalde. In der SonntagSnummer be- dauerten wir, nicht die Namen der Städte mitteilen zu können, in denen die tüchtigen Polizeibehörden sitzen, die die Vorführung des Begräbnisses unseres Genosfen'Singer im Kinematographen verboten haben. Heute wird uns aus Freie nwalde ä. O. mitgeteilt, daß dort der staatSgefährliche Film nicht gezeigt werden darf. Dasselbe gilt für Merseburg. Wir hätten auf Schöppenstedt geraten. Jugendbewegung. .» Die Antwort der Kölner„Aufgelösten- gestakkete sich zu einer überraschend imposanten Demonstration. Trotzdem ganz Köln schon unter dem Zeichen des Karnevals steht und zur gleichen Stunde eine Theatervorstellung für die freien Gewerkschaften stattfand, war der große Saal des Volks- Hauses schon lange vor Beginn der Versammlung überfüllt. Natürlich hatte auch die Polizei nicht unterlassen, durch Entsendung einer kleinen Schutzmannsmacht die Wichtigkeit der Veranstaltung zu erhöhen. Genosse S o l l m a n n, bei dessen Erscheinen schon die begeisterte Stimmung der etwa 1999 Jugendlichen durchbrach, bc- gann mit einem Dank an den Kölner Polizeipräsidenten für die prachtvolle unerwartete Ägitationsversammlung, die er der Kölner freien Jugend verschafft habe. Zugleich konnte der Referent mit- teilen, daß das Vorgehen des Kölner Polizeichefs auch in Aachen, wo Sollmann am Vormittag gesprochen hatte, prächtig wirke. Auch die Aachener ließen für die schöne gutbesuchte Agitationsversamm- lung, zu der ihnen die Kölner Polizei verHolsen habe, danken. Genosse Sollmann zerfetzte dann unter stürmischen Heiterkeits- ausbrüchen und Beifallskundgebungen daS logisch unmögliche Bc- ginnen, einen nicht bestehenden Verein, eine„Bewegung", auf- lösen zu wollen. Wiederholt entlud sich die zuversichtliche Stim- mung der Versammlung in Kundgebungen, die minutenlang am Weitersprechen hinderte. Der Referent erklärte, daß keine Macht der Welt uns hindern könne, auf irgendwelche gesetzliche Weise das Werk der Jugenderziehung fortzusetzen. Schließlich schlug er eine Entschließung vor. die die Aufhebung der ungesetzlichen und un- möglichen„Auflösungs"-Verfügung fordert. Die Entschließung gipfelte in dem Satze: Unser Programm bleibt trotz alledem: Schutz der Jugend vor geistiger, sittlicher und wirtschaftlicher Not. Unter nichtendenwollendem Beifall schloß der Referent mit dem Appell Jürgen Brands an die Jugend: Verlaßt die Fahne nicht ihr Jungen. Sie führt zum Siege, sie allein. Der Feind, ihr Brüder, wird bezwungen, Die Zukunft, sie wird unser sein.— Die Frankfurter Jugendorganisation hat tclcgraphisch ihre Sympathie bekundet, mehrere rheinische Orte hatten jugendliche Vertreter entsendet. 69 neue Abonnenten für die„Arbeiter- Jugend" waren das sofortige Ergebnis dieser Jugendversammlung, wie sie das schwarze Köln noch nie gesehen hat. Um Industrie und ftandel. Zusammenballung des Kapitals. Die Banken wachsen sich immer mehr zu den Beherrschern des gesamten Wirtschaftslebens und speziell auch der Güter- erzeugung aus. Die Fäden der Scharfmacher in der Groß- industrie laufen in den Großbanken zusammen. Hier sitzen die eigentlichen Inspiratoren, von hier aus wird die Industrie- Politik ganz hervorragend beeinflußt. Die zunehmende Macht der Großbanken veranschaulicht die folgende Aufstellung: Kapitalbestand in Millionen Mark Deutsche Bank..... Diskonto-Gesellschaft... Dresdner Bank..... Darmstädter Bank..... Schaaffbousenjcher Bankverein tandels-Gesellschast.... ommerzbank....... 4U Nationalbank....... 24 Mitteldeutsche Kreditbank... 39 Anfang der 89er Jahre . 45 69 , 15 69 36 . 39 49 jetzt 290 170 290 160 145 100 85 80 54 insgesamt.. 340 1994 Die neun Banken haben demnach in dem angegebene� Zeitraum ihr Kapital um 754 Millionen Mark gleich 220 Proz. erhöht. Und nun setzt eine neue starke Kapitalvermehrung ein. Die Mitteldentsche Privatbank in Magdeburg will um 10 Millionen Mark, die Mitteldeutsche Kreditbank um 6 Mill. Mark und die Nattonalbank um 10 Millionen Mark hinauf- gehen. Andere Banken werden folgen. So vollzieht sich mit großen Schritten die Konzentration des Kapitals. Steigerung der Kohlenförderung. Aus dem der Zechenbesitzerversammlung des Rheinisch-West- fälischen KohlensyndikatL am Freitag erstatteten Bericht ist folgen- des zu entnehmen: Der rechnungsmäßige Absatz betrug im Januar 1911 bei 25l£ (im gleichen Monat des Vorjahres 24�) Arbeitstagen 6 996 656 (Vorjahr 5 461 370) Tonnen oder arbeitstäglich 239 971(Vorjahr 226 378) Tonnen. Der Versand, einschließlich Landdebit, Deputat und Lieferungen der Hüttenzechen an die eigenen Hüttenwerke betrug in Kohlen bei 25)«(Vorjahr 24%) Arbeitstagen 4 702118(Vorjahr 4 484 711) Tonnen oder arbeitstäglich 199 731(Vorjahr 185 895) Tonnen; an Koks bei 31(Vorjahr 31) Arbeitstagen 1553 911(Vorjahr 1341 274) Tonnen oder arbcitstäglich 59126(Vorjahr 43 267) Tonnen; an Briketts bei 25%(Vorjahr 24%) Arbeitstagen 315 867(Vorjahr 257 397) Tonnen oder arbeitstäglich 12 572(Vorjahr 10 669) Tonnen. Die Förderung stellte sich insgesamt auf 7 395 973(Vorjahr 6 334 993) Tonnen oder arbeitstäglich auf 294 367(Vorjahr 283 316) und im Dezember 1919 auf 7 418631 oder arbeitstäglich auf 295271 Tonnen. Der im Januar erzielte Absatz hat das vormonatige Ergebnis nicht ganz erreicht. Der Rückgang entfällt fast außschließlich auf den Kohlenabsatz. Eine Verschlechterung der Marktlage ist indessen, ab- gesehen von dem Absatz für den Hausbrandbedarf, der infolge milder Witterung etwas nachgelassen hat, nicht bemerkbar geworden. Ins- besondere ist der Absatz für den Verbrauch der Industrie ziemlich unverändert geblieben. Der Absatz in Hochofenkoks hatte gegenüber dem Absatz im De- zember im wesentlichen durch das Aufhören der Aushilfslieferungen an die ostfranzösischen Hüttenwerke eine geringe Abschwächung er- litten, die jedoch durch gesteigerte Abrufe in den übrigen Kokssorten ausgeglichen wurde, so daß der gesamte Absatz nahezu auf der vor- monatigen Höhe blieb. Im Brikcttabsatz ist infolge größerer Ausfuhr gegenüber De- zember eine Zunahme zu verzeichnen. In der Beiratssitzung des Rheinisch-Wcstfälischen Kohlenshndi- kats wurde beschlossen, die Umlagen für das erste Vierteljahr 1911 für Kohlen auf 12 Prozent(bisher 19 Prozent), für KokS auf 7 Pro- zent(wie bisher) und für Briketts auf 9 Prozent(wie bisher) festzu- setzen._ Ernten and Bichbestand. Nach Mitteilung deS Internationalen landwirtschaftlichen Instituts in Rom erhöht sich die Schätzung der Weizenernte von Australien von 24 422 999 Doppelzentner im Vor- monat auf 24 498 999 Doppelzentner, für Neuseeland von 1 995 999 Doppelzentner im Vormonat ans 1 984 000 Doppelzentner. Der Bericht besagt ferner, daß die Rindviehbestände im Laufe der letzten 19 Jahre in Europa um 5 Millionen, in Nordamerika um 27, in Südamerika um 12'/» und in Australien um 3 Millionen zu- genommen hoben; für Schafe zeigt sich eine Zunahme in Nord- amerika von 15'/,. in Südamerika von 3'/», in Australien von 24 und in Europa von 8l/a Millionen. Aus je 1999 Einwohner kamen Rindvieh in Europa 24 Stück, in Nordamerika 183, in Süd- amerika 199, in Australien 287; Sckofe in Europa 78 Stück, in Nordamerika 80, in Südamerika 2500 und in Australien 2986; Schweine in Europa 1 Stück, in Nordamerika 45, in Südamerika 52 und in Australien 70 Stück. 6c\vcrh fcbaftUcbe� 6m Zentt'unioorgan gegen das KoalUionsmbt der Bergarbeiter. Gegen das Streikrecht der Eisenbahner hat das Zentruni schon längst Sturm gelaufen. Im Interesse der christlichen Gewerkschaftsbewegung hat es auch die Regierungen aufgefordert, den Eisenbahnern das Recht zu nehmen, sich den freien Gewerkschaften anzuschließen. In diesem Bestreben wurde selbstverständlich das Zentrum von den christlichen Ge� Werkschaftsführern unterstützt. Bittend und bettelnd krochen diese in die Ministerhotels, um die Minister scharf gegen die freien Gewerkschaften zu machen. Die Christenführer schworen, daß. wenn man regierungsseitig den christ lichen Gewerkschaften gestatte, die Eisenbahner christlich zu organisieren. es niemals zu einem Eisenbahner streik in Deutschland kommen werde. Die christlichen Gewerkschaften verständen das Nurbetteln genau so, wie die übrigen bestehenden und christlich bescheidenen Eisenbahnerorganisationen. Statt des Streikrechtes, also statt wirksamen Koalitionsrechtes, werde man sich höchstens mit dem Petitionsrecht begnügen I Im übrigen werde man jedes Bestreben, das ernstlich den Interessen der Eisen bahner dienen könne, bekämpfen! Nach soviel Versprechungen und Schivüren hat dann selbst die preußische Regierung den christlichen Gewerkschaften gestattet, Mitglieder auf den Eisew bahnen und in den staatlichen Werkstätten zu werben. Nebem bei ist dann auch wieder eine Sonderorganisation entstanden, die der weiteren Zersplitterung der so schon ohnmächtigen Eisenbahner dient, was schließlich dem Fiskus zugute komnien kann. Dumme, die sich durch die christlichen Gewerkschafts- führer ein Konlitionsrecht als Waffe zustecken lassen, die die selbe Wirkung ausübt, wie der festgelötete Säbel der alten Bürgergarde, gibt es ja genug. Und die christlichen Gewerk schaffen haben neuen Mitgliederzuwachs, nur darf man nicht fragen, welcher Art I Der Appetit ist beim Essen gekommen l Jetzt geht man in christlich-zeutrümlichen Kreisen daran, die Gesetzgebung aufzurufen gegen die freiorganisierten Ar- beiter in der Privatindustrie. Abgesehen hat man es zunächst auf die Bergarbeiter, wie das aus unten- stehender Notiz der„Tricrischen Landeszeitung"(Nr. 37 vom 15. Februar), die wir wortinhaltlich ganz wiedergeben, hervor- geht. Die Notiz lautet: „Die Lohnbewegung der Bergleute im Ruhr- b e r g b a u hat ein vorläufiges Ende gefunden. DaS erhellt aus einem Beschluß, den die betreffenden Bergarbeiterorgani- sationen soeben gefaßt haben. Sie wollen zunächst eine ab- wartende Haltung annehmen, um zu sehen, ob die Werkbesitzer ihr Versprechen, die Löhne steigen zu lassen. einlösen werden. Wie bekannt, hatten sich die christlichen Gewerl- schaffen geweigert, für einen Streik Propaganda zu machen. Gewiß haben sie da ihre gewichtigen Gründe gehabt, denn eS erscheint vor allem recht fraglich, ob auch bei einem gemeinsamen Vorgehen elmaS erreicht worden wäre. Hat denn der da- malige Genera lstresk im Ruhrrevier nielst gelehrt. daß an eine» Erfa lg durch Trb eit-S n i ed er- legung gerade hier kaum zu denken ist. Was bedeuten denn die event. Streikfonds und auch die nachträglich gesammelten Mittel z» der riesigen Kapitalmacht der hier in Betracht kommenden Unternehmer und ihrer Verbündeten? Aber noch ein« andere ge- wichtige Frage ist hier zu beantworten, die bei der ab- lehnenden Haltung der christlichen Gewerk- schasten g�wiß nicht di.e.geringste. Rolle gespielt hat. Es fo'lnfeTt nämlich durch einen langwierigen° Streik im Rührrevier für unsere gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse— es bedarf das keiner näheren Begründung die all er- schlimmsten Folgen hervorgerufen werdenl Ja, es kann die Frage entstehen, ob durch einen derartigen Riesenstreik auf die Dauer die wirtschaftlichen Verhältnisse von ganz Deutsch- land nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, als durch eine» Streik der E i s e n b a h» b e d i e n st e n, der be- kanntllch verboten ist. Was liegt da näher, als ein grundsätzliche Verbot auch des Bergarbeiter- streiks, und zwar mit Rücksicht auf das öffent- liche Wohl, die allgemeinen wirtschaftlichen Interesse n I— Bei dieser Gelegenheit möchten wir Protest erheben gegen die Aeußerung des Direktors der Zeche Rhein- Preußen, die Arbeiter sollten sich wegen der Teuerung, die durch die hohen Zölle verschuldet sei, beim Zentrum be- s ch w e r e n I Weiß der Herr denn nicht, daß gewisse Zölle nicht zuletzt im großen Interesse der Industrie selb st liegen? Was fördert der Herr damit denn anders, als die sozialdemokratische Hetze und die Streiklust der sozialdemokratischen Bergleute! Der Mann schneidet sich also ins eigene Fleisch mit seinem völlig dePlazierten Angriff auf das Zentrum!" Immer mehr entpuppt sich das Zentrum als eine Verrätersippschaft schlimmster Sorte. Ob solcher Darlegungen muß ja den Scharf- machern das Herz im Leibe lachen! Also ein grundsätzliches Verbot des Streikrechts der Bergarbeiter I Fürwahr, ein sauberer Plan! Die Bergarbeiter, deren Los zu den bedauerlich st en gehört, sollen sich durch einen Kampf gegen die Brutalitäten der Grubenkapitalisten nicht mehr wehren dürfen. Wehrlos sollen sie dem Willen der Herrenmenschen preisgegeben sein. Nach der„Trierischen Landeszeitung" hat das Ver- langen nach gewerkschaftlicher Nieder- knüppelung der fordernden Bergarbeiter im Ruhrgebiet beim„Gewerkverein christ- licher Bergarbeiter" in der letzten Lohn- beivegung auch eine Rolle gespielt! Mag sein! Nach so tiefer gewerkschaftlicher Verlumpung dieser christlichen Organisation kommt es auf eine weitere Lumperei nicht mehr an. Der christliche Gewerkverein steuert eben der Richtung zu. die die„Trierische Landeszeitung" schon längst verficht. Das ist eine Folge der Befehle der katholischen Oberhirten an die christlichen Gewerkschaften. Interessant in der Notiz sind noch folgende Ein- geständnisse. Der Riesen streik der Ruhrberg- leute vom Jahre 1905 hat keinen Erfolg ge- zeitigt. Gut. daß wir das wissen. Bisher hat man zentrumsseitig die gesetzgeberischen Aktionen, u. a. die„Berg- arbeiterschutznovelle" im Jahre 1905 als den direkten Erfolg des Bergarbeiterstreiks hingestellt. Und vor allem war es das Zentrum, das nicht genug Lob ausschütten konnte über dieses Gesetz, das mit Zentrumshilfe zustande kam. Das Gesetz istkeinEr- folg! Warum? Weil das Zentrum es verschandeln half. Also hat die „Trierische Landeszeitung" nicht ganz unrecht, ivas wir uns merken werden. Ein zweites Eingeständnis, das wirklich er- freulich wirkt, befindet sich in den"Schlußsätzen der Notiz, wo gesagt wird, daß das Zentrum doch für Zölle ge stimmt hat, die im großen Interesse der In dustrie liegen! Ganz recht, die mit dazu beitragen, auf Kosten der Allgemeinheit nicht nur die Taschen der Junker, sondern auch die der Großindustriellen zu füllen. Die Teuerung drückt ja bloß arme Arbeiter und sonstige kleine Leute! Wie kommt also ein Zechenbeaniter dazu, hieran zu erinnern? Das Zentrum hat im Interesse der Junker und Großindustrie die Arbeiter auspowern helfen, will aber von seinen Arbeiterivählern selber nicht daran erinnert sein. Also, ihr Zechenherren, mehr Takt der Zentrnmspartei gegenüber I Sie steht Euch zu Diensten, aber die Scharfmacher und Volksausbeuter sollen sich der schtvarzen Partei gegenüber auch des Sprichwortes eingedenk sein: Eine Hand wäscht die andere--! Wie lange werden die katholischen Arbeiter dieser volksfeindlichen Halunkenpartei noch Gesolgschuft leisten? Serlin und Qmze-senck. Die Arbeiter der Berliner Straßenreinigung sind gezwungen, einen zähen Kampf um die Rechte ihres Arbeiterausschusses zu führen. Kürzlich wurde ein Mitglied des Arbeiterausscyujies auf ein ruhig und sachlich vorgetragenes Anliegen vom Aufseher der 19. Abteilung mit beleidigenden Redensarten, die gar nicht zur Sache gehörten, belästigt. Aus Anraten der Kollegen beschwerte sich der Angegriffene schriftlich am 2. Dezember v. I., was den bezeichnen- den Effekt hatte, daß er am 39. Dezember in eine andere Abteilung strafversetzt wurde. Auf persönliche Nachfrage über den Grund dieser merkwürdigen Maßnahme wurde ihm vom Direktor, Magistrats- baurat Szalla, eröffnet, daß er eigentlich entlassen werden müßte, da er dem Aufseher„herausfordernd entgegengetreten" sei. Das letztere war unrichtig. Das so unglaublich behandelte Arbeiter- ausschußmitglied gab daher zu Protokoll entsprechende, wahrheits- gemäße Erklärungen ab. Das war am 3. Januar— bis heute ist der Mann nicht zu seinem Recht gekommen; denn kein Wort läßt der Herr Direktor über die Anschuldigungen gegen den Arbeiter ver- lauten. Man verlangt einfach Kadavergehorsam, und wer nicht pariert, der fliegt! Ohne den Arbeiterausschuß zu hören, wie es das Reglement vorschreibt, ist auch am 1. Januar einfach eine neue Dienstordnung dekretiert worden, welche eine Verlängeruno der Arbeitszeit und eine Verschlechterung der Ueberstunden-Entschädigung enthält. Die Arbeiter waren natürlich nicht wenig erregt darüber, und während die Vertrauensleute des Gemeindearbeiterverbandes sich beschwerde- führend an die von der Stadtverordnetenversammlung zur Prüfung der Arbeitsverhältnisse eingesetzte Kommission wandten, zogen es die Leiter des Hirsch-Dunckerschen Ortsvereins der Straßenreiniger vor, den Teufel bei Beelzebub zu verklagen, und sich beim Direktor über die dekretierte Dienstordnung desselben Direktors zu be- schweren. Die Antwort war denn auch danach, denn der Direktor erklärte schließlich kurz und bündig, daß er die Dienstordnung zur Unterschrift auslegen werde, und drohte jedem Arbeiter, der nicht unterschreibt, die Entlassung an. Man sollte meinen, daß die „Hirsche" sich endlich ermannt und— um der lächerlichen Rolle des Arbeiterausschusses ein Ende zu machen— sofort ihre Ausschutzmandate zur Verfügung gestellt hätten; der Zustimmung der Ver- bandsmitglieder im Ausschuß wären sie sicher gewesen. Weit gefehlt! Ohne mit der Wimper zu zucken, sind diese braven Stützen der Direktion davongeschlichen. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß eine solche allergetreueste„Opposition" dazu angetan ist, den Herrn Direktor geradezu zu neuen Taten anzureizen. Um dem vorzubeugen, hatte die Sektionsleitung des Gemeindearbeiterver- bandes zum 17. Februar eine Protestversammlung einberufen und die scharfe Kritik des referierenden Bcrbandsbevollmächtigten Wuchky über die selbstherrliche Art und Weise, wie die Direktion mit dem Arbeiterausschutz umspringt, fand lebhaste Zustimmung, worauf nachstehende Resolution, welche an die Deputation und an den Magistrat gehen soll, einstimmige Annahme fand: „Die am 17. Februar 1911 im„Englischen Garten" stattfin- dende stark besuchte Protestversauimlung der StratzenreinigungS- Arbeiter nimmt empört Kenntnis davon, daß die neu eingeführte Dienstordnung noch immer nicht dem Arbeiterausschuß unter- breitet worden ist. Die Versammelten verurteilen auf das schärffte die darin zum Ausdruck kommende selostherrliche Handlungsweise der Ver- waltung; sie/ erheben ganz entschieden Einspruch gegen die be- liebte Nichtachtung des Arbeiterausschusses und erklären die mit einigen Mitgliedern des Orlsvereins stattgehabte Konferenz als absolut unverbindlich. Die in der letzteren von feiten der Direktion ausgesprochene Drohung, daß alle Arbeiter, welche die neue Dienstordnung nicht unterschreiben, entlassen werden, weisen die Versammelten zurück und stellen schon jetzt vor der Oefsentlichkeit die Nichtigkeit der solchermaßen von den Arbeitern erzwungenen Unterschriften fest." Achtung, Schuhmacher! Der Schuhmachermeister Steinberg. W. 57. Dennewitzstr. 9 im Keller, weigert sich, den mit der Innung vereinbarten Minirnallohntarff zu bezahlen, und hat deshalb den Arbeiter entlassen. Wir bitten dieses zu beachten. Zentralverband der Schuhmacher. Verwaltung Berlin. Oeutkestes Keicst. In der chirurgischen Jnstrumcntcnsabrik von Härtel in B r e S l a u haben alle orgamsierlen S-blosser. Dreher. Gürtler. Mechaniker usw. einmütig die Arbeit wegen schlechter Behandlung niedergelegt. Die Fahrradarbeiter der Lindenthaler Metallwcrke(Allreit) in Köln-Lindeinhal stehen seit dem 15. Februar, an welchem Tage der bestehende Tarif abgelaufen war. in einer Tarifbewegung. Zuzug von Metallarbeitern aller Branchen ist streng fernzuhalten. Deutscher Metallarbeiterverband. _ Köln a. Rh. Zum Streik in den Kinderwagenfabriken in Zeitz. Am Sonnabend ist mit zwei weiteren Firmen Frieden geschlossen worden. Etwa 359 Arbeiter und Arbeiterinnen arbeiten zu den ueuen Bedingungen. Nach der Zählung am Sonnabend stehen im Streik 417 Holzarbeiter, 329 Metallarbeiter, 171 Sattler und 132 Lackierer. Huslanck. Auf der Schiffswerft in Linz an der Donau sind infolge der Verweigerung einer Lohnerhöhung ernste Differenzen ausgebrochen, so daß am Montag, den 29. Februar, der ganze Betrieb, 499 Mann, in den Streik tritt. Nachdem die Firma in Deutschland Leute anwirbt, werden alle im Schiffbau tätigen Arbeiter aufgefordert, zu sorgen, daß Zuzug nach Linz(Oesterreich) strengstens fern- gehalten bleibt.— Die Partei- und Gewerlschaftspresse wird um Nachdruck ersucht.__ Versammlungen» Die wirtschaftliche Lage der Cafe-Angcstcllten. So lautete das Thema einer Versammlung der in den Cafe- Häusern beschäftigten Angestellten, die am 29. d. M. morgens 6 Uhr in den„Germania-Sälen", Chausseestraße, tagte. Der Referent P o e tz s ch gab in kurzen Zügen ein Bild über die Lohn- und Ar- beitsverhältnisse der EafehauSangestellten, wobei er sich im wesentlichen auf die kürzlich angestellten Erhebungen stützte, die von uns bereits in längeren Ausführungen besprochen worden sind. Nach- dem einige andere Redner das Referat ergänzt hatten, gelangte die nachstehende Resolution einstimmig zur Annahme: Die heute in den„Germania-Festsälcn" versammelten Cafe- Hausangestellten erkennen an. daß die durch die Erhebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse im Berliner Cafehausgewerbe gewonnenen Feststellungen den Tatsachen durchaus entsprechen, daß die bestehenden Mißstände in einzelnen Fällen noch schlimmer sind, als geschildert wurde. Tie Versammlung ist der Ueberzeugung, daß nur eine gänz liche Beseitigung des Trinkgeldes diesen Zuständen eln Ende be- reiten kann. Sie ist sich aber auch bewußt, daß die gegenwärtig vorhandenen Kräfte der Organisation nicht ausreichen, um die Zahlung eines angemessenen Lohnes zu erzwingen. Es mutz daher zunächst von den gesetzgebenden Körperschaften gefordert werden, daß die Heranziehung von Arbeitern und An- gestellten zu den Geschäftsunkosten in jeglicher Form(Prozente, Bruch, Bezahlung von Hilfskräften, Geschäfisutensilien usw.) ver- boten wird. Alle Abmachungen, die diesen Bestimmungen zu- widerlaufen, sind als ungesetzlich, wider die guten Sitten ver- stoßend, zu erklären. Es sollt« kein Unternehmer einen Ar- beiter oder Angestellten ohne Zahlung eines Barlohnes beschäf- tigen dürfen, der mindestens dem ortsüblichen Tagelohn gleich- kommen müßte. Das Mittel, dieses Ziel zu erreichen, ist die Organisation; jeder BerufSangehörige hat daher die Pflicht, dieser beizutreten. Deutscher Transportarbeiterverband. Die Mitglieder der Sektion V, die Industriearbeiter, hielten am Sounlagmorgen im Lokal von Ball- schmieder, Badstraße, eine starkbesuchte Versammlung ab. Da ein Antrag auf E> höhung der Beiträge auf der Tagcsordiiiiiig stand, beschloß die Versammlung eine Aendenmg der Tagesordnung und stellte diesen Antrag als ersten Punkt zur Beratung. Fromke be- gründete den Antrag in einer längeren Rede und hob hervor, daß die wachsenden Ansprüche, die an die Verwaltung gestellt werden, eine Erhödung der Beiträge notwendig machen. Als ein Beispiel führte der Redner die Summen an, die allein für Unterstützungen aus der Hauptkasse im Jahre l9l9 gezahlt worden sind. Für ArbeitSloseiinnterstützung wurden ausgegeben 98 911,79 M. Krankeiniuterslüpuiig Streikunterstützmig Gemaßregetlenuiiterstützung Extrauatersliitzungen Unterstütz, b. Beerdigungen Rechlsschutzkosten 162 595.39 47 527.32 19 398.29 4 633,— 18 659,— 994,24 Insgesamt wurden ausgegeben 343 439,26 M. Fromke wies außerdem noch auf die Notwendigkeit einer weit- verbreiteten Agitation hin, die große Mittel erfordere. Die er« wetterte Ortsverwaltung und die SektionSleitung haben sich nach ge- nauer Erwägung der Sachlage für die Erhöhung der Beiträge aus- gesprochen und auch die Vertrauensmänner haben in ihrer Sitzung, in der sie sich mit der Angelegenheit beschäftigten,„eine Hebung der Finanzen zum Kampfe für bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse ohne weiteres als im Interesse der Organisation liegend", an- erkannt. Die Vertrauensmänner faßten keinen bestimmten Beschluß, sondern stimmten nur zu, daß der Versammlung der Mitglieder der Autrag unterbreitet werde. Nach dem Antrage soll der Wochen- beitrog von 59 Pf. vom 1. April ab auf 69 Pf. erhöht werden„mit der Maßgabe, daß vom Tage der Zahlung die Zuschläge, die bei Streik- und Maßregelungsunterstützung zu gewähren sind, in Kraft treten." In der Diskussion zeigte sich manche Unzufriedenheit über eine eventuelle Erhöhung der Beiträge; man führte an, daß die Lage der Hilfsarbeiter in der Industrie sehr gedrückt und ihr Lohn sehr schlecht sei. Andererseits wurde darauf hingewiesen, daß die Organisation großer Mittel bedarf, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen und weitere Fortschritte machen soll.— Der Antrag wurde scklietzlich abgelehnt. Der Vorschlag, eine Urabstimmung darüber vorzunehmen, fand ebenfalls nicht die Zustimmung der Versammelten. Fromke machte dann noch bekannt, daß die Ver- Wallung bescblossen habe, den Mitgliedern, die die erhöhten Beiträge bezahlen, auch die erhöhten Unterstützungssätze zuzubilligen, und zwar mit Rücksicht darauf, daß schon viele Mitglieder freiwillig höhere Beiträge zahlen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung werde» erst in d« nächsten Versammlung erledigt werden. K-ctztc Naebriebtetn Passive Resistenz in Oesterreich. Trieft, 29. Februar.(W. T. B.) Der Personenverkehr wickelt sich auf der Staatsbahn normal ab, auch wurden heute sämtliche Güterzüge, obwohl mit einigen Stunden Verspätung, abgelassen. Die Angestellten der Südbahn haben sich der Resistenz bisher nicht angeschlossen. Im allgemeinen ist die Lage unverändert. Das deutsch-englische Wettrüsten. London, 29. Februar.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des Unterhauses fragte B y l e s, ob Mc Kenna den Marinedebatten im Deutschen Reichstag und insbesondere den Versicherungen des Staatssekretärs des Reichsmarineamts v. Tirpitz, der jeden Gedanken an eine Suprematie oder an eine aggressive Absicht und jede feindselige Gesinnung gegen England in Abrede stelle, ernste Berücksichtigung angedeihen lasse, und ob diese Versicherungen und die geringere Schnelligkeit beim Bau der deutschen Kriegsschiffe genügen werde, um das englische Marinebudget bis zu einem gewissen Grade einzuschränken. McKenna erwiderte, Bytes könne versichert sein, daß jede zur Verfügung stehende Information mit Bezug auf sämtliche Staaten bei der Aufstellung des Budgets in sorgfältige Erwägung gezogen würde, um so die nötige Rücksicht auf eine sparsame Wirtschafts- führung und zugleich auf die Sicherung genügender Machtmittel zur Verteidigung des Landes zu gewährleisten. Was die im letzten Teil der Anfrage enthaltene Angabe hinsichtlich der geringeren Baugeschwindigkeit für die deutschen Kriegsschiffe betreffe, so zeige der deutsche Marinectat für 1911/12, daß dieselbe Baugeschwindig- keit innegehalten werde, wie in den letzten beiden Jahren. Opfer der Arbeit. Heidelberg, 29. Februar.(B. H.) In der Tuchfabrik im Odenwald wurden zwei Arbeiter bei Reparaturarbeiten am Well- bau vom Schwungrade erfaßt und schrecklich zugerichtet. Beide starben nach Einbringung in das Krankenhaus. Der eine hinter- läßt eine Witwe mit 6 Kindern. Grosifeuer in Szegcdin(Ungarn). Szcgedin, 29. Februar.(W. T. B.) Gestern abend brach in den Lagerhäusern der Ttaatsbahn Großfeuer aus, das dir Bureau- räume einäscherte. Bald darauf entstand in den Reparaturwerk- stätten der Staatsbahn ein großer Brand, wobei mehrere Werk- stätten und Wagen niederbrannten. Der Schaden wird auf eine Million Kronen geschätzt. Belagerungszustand in Haiti. New York, 29. Februar.(W. T. B.) Aus Cap Haiti wird gemeldet, daß die Bezirke von Trou und Guanaminth in den Be- lagerungszustand verseht worden sind. Auch aus Port au Prince werden ernste Unruhen gemeldet. Der Präsident Simon geht gegen die Rebellen unnachsichtlich vor. Seine Truppen haben in Guanaminth ein schreckliches Blutbad angerichtet und den Re- bellen Fort Liberty wieder abgenommen, wo eine Anzahl von Per- sonen, die der Teilnahme an den Umtrieben verdächtig waren, standrechtlich erschossen wurden. New York, 29. Februar.(W. T. B.) Nach einem Telegramm aus Cap Haiti verloren die Offiziere der RcgierungStruppen nach Einnahme der Stadt Guanaminth die Herrschaft über die Truppen; die Stadt wurde ausgeraubt uud in Brand gesteckt. Viele Ein. wohnrr wurden niedergemacht. Unter anderen wurde auch ein Franzose angegriffen, sein Sohn getötet und sein Haus verbrannt. Lerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Gl»cke,Bcrlin.Drucku.Verlag:VorwärtsBuchdr.u.VerlagsanstaltPaulSingerötCo.,BerlinLi>V. Hierzu 3 Beilagen«.UnterhaltungSbl. it«. 28.1.1«. i Ktilage des„Wmalls" Kerliner DgllislilM. �-.2'.�«� Der Zeutrallvahlvereiu für Teltolv-DeesüliV Nelt seine Generalversammlung am Sonntag im„Volkshause" zu Charlottenburg ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende Paul Hirsch des schmerzlichen Verlustes, den die Partei durch den Tod des Genossen Singer erlitten hat.— Stehend hörten die Versammelten den Nachruf an.— Hierauf trat die Versammlung in die Tagesordnung ein. Groger erstattete den Bericht des Vorstandes. Der Redner sagte unter anderem: Wir können die erfreuliche Äit- teilung machen, daß im abgelaufenen Halbjahr die Zahl der Mitglieder von 26 564 auf 28 817 gestiegen ist. Das bedeutet eine Zunahme von 2213 Mitgliedern. Die Zahl der weiblichen Mit- glieder ist von 3839 auf 4558 gewachsen, hat sich also um 659 ver- mehrt. Der größte Teil dieses Zuwachses kommt auf Rixdorf, wo sich die Zahl der weiblichen Mitglieder um 362 vermehrt hat. Die Zahl der verkauften Beitragsmarken ergibt, daß der Verein 24 172 Mitglieder hat, die ihre Beiträge voll bezahlt haben. So günstig auch der Fortschritt in den Mitgliederzahlen ist, so muß doch gesagt werden, daß sie nicht Schritt gehalten haben mit der riesigen Ver- mehrung der Einwohnerzahl des Kreises. Wir wünschen natürlich eine weitere Vermehrung unserer Mitglieder und halten es für die Pflicht jedes Parteigenossen, in diesem Sinne für die Parteiorgani- sation zu arbeiten. Hieran aber mangelt es an manchen Orten. Die Genossen arbeiten nicht immer so rege, wie es im Interesse der Partei erwartet werden mutz.— Die Geschäfte des Vorstandes wurden in zwölf engeren und vier erweiterten Sitzungen erledigt. — Die wichtigste Aufgabe der Organisation, die Agitation im Kreise, wird durch verschiedene Umstände autzerordentlich erschwert. In den ländlichen Orten leidet unsere Agitation unter dem Mangel an Versammlungslokalen. Die Behörden tun alles, um uns durch Beeinflussung der Wirte die Lokale abzutreiben. Wir haben ja in vielen Orten Grundstücke zur Abhaltung von Versammlungen unter freiem Himmel. Aber immer, wenn wir die Genehmigung zu solchen Versammlungen nachsuchen, wird sie vom Amtsvorsteher versagt, und zwar aus Gründen, die dem Gesetz durchaus nicht ent- spreckwn. Die Landräte stimmen den Amtsvorstehern in solchen Fällen stets zu. Bei den höheren Instanzen haben wir zwar fast immer recht bekommen, aber natürlich mit grotzer Verzögerung. Einige Klagen über ungerechtfertigte Versagung von Versamm- lungen unter freiem Himmel schtoeben beim Oberverwaltungs- gericht. Durch das bezeichnete Vorgehen von Amtsvorstehern und Landräten wird unsere Agitation wohl erschwert, aber wenn wir die Abhaltung einer Versammlung schließlich durchgesetzt hatten. so war sie immer sehr gut besucht, weil die Bevölkerung durch die Verbote erst recht auf uns und unsere Bestrebungen aufmerkststn gemacht worden war. So hatten wir Erfolge in manchen Ort»«, wo früher die Abhaltung einer Versammlung nicht möglich war Natürlich waren in solchen Fällen die Kriegervereine. Förster. Pastoren und sonstige Staatsstützcn gegen uns aufgeboten: ste ver- mochten aber nicht unsere Erfolge zu beeinträchtigen. Alles das zeigt, mit welchen Schwierigkeiten unsere Agitation in den länd- lichen Bezirken zu kämpfen hat.— Bedauerlich ist. dah Wahlvereine in einzelnen Orten, wo wir einen guten Stamm von Mitgliedern hatten, eingegangen sind und es uns nicht gelungen ist. diese Ver- eine wieder zum Leben zu erwecken. Hoffentlich iv'ird es den Partei- genossen gelingen, uns in den betreffenden Orten wieder festen Boden zu schaffen.— Im allgemeinen kann gesagt werden, daß wir auf allen Gebieten vorwärts gekommen sind. Wir haben im Kreise 283 959 Flugblätter verbreitet, außer denen, die in einzelnen Orten besonders verbreitet worden sind. Auch diese haben eine große Zahl erreicht. Stadtverordnetenwahlen hatten wir in mehreren Orten zu be- stehen. In Rixdorf behaupteten wir unseren Besitzstand in der dritten Abteilung mit einer erhöhten Stimmenzahl. Daß wir unsere zwel Mandate der zweiten Abteilung verloren haben, wird niemanden wundern, der das Treiben der bürgerlichen Parteien gegen uns beobachtet hat. Wir erwarten jedoch, daß unsere An- fechtung der Wahl Erfolg haben wird und wir unsere Mandate zurückerobern langen schweren zu senden.—. und eins ve: werden die Auftreten eS früher t wählen alle erhalten In fa geistiger — In Wilmersdorf gelang es uns nach fen, zwei Genossen in das Stadtparlament ittenburg haben wir ein Mandat gewonnen iso ist es in Schöneberg.— Im allgemeinen ihlkämpfe jetzt viel lebhafter und durch das stier mit viel größerer Heftigkeit geführt, als .:. Das lehrt uns, daß wir bei den Gemeinde- einsetzen müssen, um unseren Besitzstand zu cweitern. Orten des Kreises macht sich das Bedürfnis nach ntwickelung der Wahlvereinsmitglieder geltend: kleines feuiileton. Musik. . Pensionat von Sorrent", das am Sonnabend f IL v tJ.,nir«oHsoper herauskam, ist in seinem Text eine hundertste Variation des alten Themas von dem Mädchen- penstonat, in das verliebte Offiziere oder ähnliche Hauptbestandteile von Operetten usw. eindringen. Daß es diesmal in der Verklei- eines Ministers und seines Sekretärs geschieht, und daß der inaoelSfuhrer be, einer mit den Damen abgehaltenen Schmauserei talnot nntb, so daß die tapferen Offiziere schließlich froh sein Ren, durch das Wohlwollen des Pensionsrektors usw. gut raus- kommen: das tut nicht viel zur Sache. Wichtig ist, daß der Text "ramQ'tlchcn Ehrgeiz absieht und vor den unglaublichsten �alitatcn u. dergl. nicht zurückscheut. Bleiben hübsche Stim- Verse � Lyrik und neben leierhaften auch ein pgar -.5,� Komponist und anscheinend zugleich Textautor wird uns 't®rt-u-®er uns bisher unbekannte italienische ponist ist 1919 vergessen gestorben und gar nicht ins Ausland imgen. So scheint die jetzige Erweckung seines Hauptwerkes, "ach der Florentiner Uraufführung, ein ganz entschieden rdienstliches Unternehmen zu sein. Wer„Die neugierigen Frauen" von E. Wolf-Ferrari kennt. möge sich eme L,n,e gezogen denken von Wolf zurück etwa zu Donizett,: ungefähr die Mitte der Linie läßt sich durch Usiglio bezeichnen. � Er bietet uns vor allem die entzückende Grazie der anspruchslosen Einfachheit. Die alten Satzkünste der Nachahmung u. dergl. werden lebendig und erfreuen besonders in Duetten des Musikers Herz. Von einer besonders großen Eigensprache ist aller- dings nichts zu merken; ebensowenig von einein dramatischen Atem. Dazu dann das, was man südeuropäische Anordnung nennen könnte: mit aller Gemütsruhe wird aus dem„musikalischen Lustspiel" hinuntergesprungen in Operette und Posse, dann aus einem recht weren Couplet wieder hinaufgesprungen in einen reichhaltigen Sologesang. Die Volksoper besitzt für das Stück die richtigen Kräfte, könnte sie allerdings zu noch etwas flotterem Bühnenübermut führen. Fulius R ü n g e r bewährte sich in der Rolle des einen Offiziers ebensogut wie in jeder Rolle, die dieser tüchtige Künstler über- nimmt. Lotte Cassel zeichnet sich in der jugendlichen Rosa S a chse-Friedel in der ältlichen Liebhaberinrolle aus und ganz Jtstmders tat sich Oskar F o e r st e r als Pensionsrektor hervor. sz. kl'«interfest der Freien Volksbühne. Zu Kammer- �fif- Abenden weiß ich mir idealere, stimmungsvollere Räume. 2? den aroßen Saal in Kellers Neuer Philharmonie. Bon jenen Stfttw trägt man in der Seele lange und weihevoll nachhallende Bildungskurse werden abgehalten, bei denen Geschichte und Nationalökonomie im Vordergrund des Interesses stehen.— In gleicher Weise wie der Mitgliederbestand haben die Abonnenten der Parteipresse zugenommen. Ihre Zähl betrug am 1. Juli v. I. 31 899 und ist bis 31. Dezember auf 36 117 gestiegen. Eine erfreu- liche Zunahme, aber, verglichen mit den bei den Neichstagswahlen 1997 für uns abgegebenen Stimmen, immer noch nicht genug. Auch auf diesem Gebiet darf unsere Agitation nicht nachlassen. Die Leserzahl der„Märk. Volksstimme" und der„Brandenburger Ztg." hat sich vermehrt.— Alle unsere Parteiarbeit in der nächsten Zeit mutz darauf gerichtet sein, daß unser Kandidat mit einer stark ver- mehrten Stiinmenzahl im ersten Wahlgange siegt. Der Kassierer Pagels erstattete den Kassenbericht. Entsprechend der Zunahme der Mitglieder und der verkauften Beitragsmarken haben sich die Kassenverhältnisse etwas günstiger gestaltet. Im verflossenen Halbjahr betrugen die Einnahmen 58 885,37 M., die Ausgaben 39 733,17 M., so daß ein Bestand von 19152,29 M. bleibt. Das ist gegen das erste Halbjahr eine Ver- mehrung des Bestandes um 19 367 M. Allzu optimistisch darf man die Kassenverhältnisse jedoch nicht betrachten, denn die Einnahmen haben sich besonders günstig dadurch gestaltet, daß die örtlichen Ver- eine infolge schärferer Heranziehung der Restanten mehr wie früher abliefern konnten, und daß die Auslösung der Parteispedition eine einmalige, nie wiederkehrende Einnahme von 6341 M. brachte. Die ziemlich ruhige Zeit erforderte auch keine besonderen Ausgaben. Tie Zuschüsse an die örtlichen Vereine sind um einige hundert Mark zurückgegangen. Im allgemeinen können wir zufrieden sein. Wir sind für die Reichstagswahl gerüstet, und bereit, mit unseren Gegnern ein Tänzchen zu wagen. Von den Diskussionsrednern hatte keiner an der Tätigkeit des Vorstandes etwas auszusetzen. Die Diskussion drehte sich lediglich um einige Anträge. Von Steglitz, Bohnsdorf und Treptow wurde beantragt, über wichtige Angelegenheiten, namentlich Beitragserhöhung, eine Urabstimmung vorzunehmen.— Nachdem verschiedene Redner teils für, teils gegen diesen Antrag gesprochen hatten, brachte We n z e l- Groß-Lichterfelde einen An- trag ein, der die Vornahme einer Urabstimmung in jedem Falle vom Beschluß einer Generalversammlung abhängig macht.— Schließlich wnxde beschlossen, alle vorliegenden Anträge aus Ur- abstimwnssjrtn den örtlichen WAHlvereinen zu beraten und sie der näkMtest Kreis-Generalversammlung zur Beschlußfassung zu unter- ktvrtteftt � Ein anderer Antrag, der in der Diskussion behandelt listid' sschUeßlich angenommen wurde, ersucht den Vorstand, im -Allik6it?auSschuß dahin zu wirken, daß eine Statistik darüber er- bdben werde, in welchen Orten der Provinz Bürgergeld und in kMlcher Höhe erhoben wird.— Im Laufe der Diskussion hatte B r ü s ch k e- Eichwalde bemerkt, die in diesem Orte neu ge- wonnenen Abonnenten des„Vorwärts" und der besseren Ausgabe der„Neuen Welt" feien von der Expedition nicht pünktlich bedient worden. Ferner sagte der Redner, im„Vorwärts" seien, vielleicht nur aus Versehen, einige Inserate zlveideutiger Art aufgenommen, nämlich eine Anpreisung eines Mittels gegen Syphilis und eine Empfehlung eines Mittels zur Erzeugung eines rosigen Teints. Ja, sogar in einer redaktionellen Notiz sei auf einen Arzt hin- gewiesen, der das Mittel Ehrlich-Hata 696 als Vorbeugungsmittel gegen Geschlechtskrankheiten anwende. Wenn das so weitergehe, dann würde der Inseratenteil des„Vorwärts" sich schließlich nicht mehr von dem der bürgerlichen Presse unterscheiden.— Während einige Redner dem Standpunkt Brüschkes zustimmten, machten andere, besonders Schröder- Wilmersdorf und Zu- b e i l geltend: Die Parteigenossen stellen immer höhere Anforde- rungen an die Leistungsfähigkeit des„Vorwärts". Sie verlangen die Herausgabe eines?lbendblattcs, eines Montagsblattes, wodurch doch die Kosten des Blattes bedeutend erhöht werden. Niemand wolle aber mehr für den„Vorwärts" zahlen, ja es werde sogar Herabsetzung des Abonnementspreises verlangt. Bei alledem solle der„Vorwärts" aber noch Ueberschüsse für die Agitation abwerfen. Da bleibe eben kein anderer Weg als die Vermehrung der Ein- nahmen aus Inseraten. Dabei laufe dann wohl manches unter, was manchem nicht gefalle, was sich aber kaum vermeiden lasse, solange man auf das Jnseratengeschäft angewiesen sei. Riedel gab den Bericht der Mandatprüfungskommission. Außer Markgrafpieske und Rudow sind alle Orte vertreten, zu- sammen durch 121 Delegierte. Außerdem sind 14 Funktionäre an- wcsend, insgesamt 135 gültige Mandate. Hierauf wurde eine Reihe von Anträgen zur Generalversamm- lung von Groß-Berlin zur Debatte gestellt.— Der Zentralvorstand von Groß-Berlin empfiehlt den Genossen die Annahme einer Re- solution zur Maifeier, welche besagt, daß zur Unterstützung Ge- Melodienschätze fort. Sehr viel anders ist es allemal da. wo erbt künstlerische Musikdarbietungen durch die gröberen Genüsse eines „Tanzkränzchens" abgelöst, nein, so rasch als tunlich über die Schwelle gejagt werden. Freuden sind das Vorrecht des Jung- volles, gewiß I Unter allen Umständen aber ist die Verkoppelung der Musilkunst mit der Tanzerei ein von der kleinbürgerlichen Vereinsmeierei herübergenommenes Ueberbleibsel, das abzustreifen höchste Zeit wärel Sollen alle noch so löblichen Be- strebungen um eine Erziehung zum wahrhaften Kunstgenicßen nicht illusorisch bleiben, so wird der Bildungsausschuß im Zusammenwirken mit den Bereinsinstanzen noch energischer trachten müssen, seine Einflüsse geltend zu machen. Es genügt nicht, daß man die auf dem Podium konzertierenden Künstler heraus- klatscht, um von ihnen noch eine Zugabe zu erzwingen. Kunst gibt sich mit Würde; will aber auch würdig empfangen sein I Und das zu Gehör gebrachte Programm war zeillich und stofflich fein erlesen. Zwei Stieichlonzerte von„Papa" Haydn und Wolfgang Mozart, jedes von so landsmannschastlichem Zusammenklang wie persönlicher Eigenart, erfuhren durch das Dessau-Ouartett eine überaus reizvolle Wiedergabe. Ihm gesellten sich zwei ausübende Gesangs- kiinstler. von hohem Ruf. Anton Si st er manns trug Lieder von Schubert und Brahms, sowie zwei der berühmtesten Balladen von Karl Löwe, dem unbestritten größten Tonmeister dieser Gattung, mit prachtvoller Klangsättigung und dramatischer Gestaltung vor. Und endlich war es uns vergönnt, Frau Sophie Heymann-Engelinge- tragenen wie heiteren Liedern zu hören, die gewissermaßen den Ge- sangsstil und die voneinander charakteristisch verschiedenen musik- sprachlichen Ausdrucksmittel der bedeutendsten Komponisten aus reichlich zwei Jahrhunderten umfaßten. Die init hoher musikalischer Intelligenz und �glänzeud geschulten Vortragsmitieln ausgestattete Künstlerin hat sich erst neuerdings wieder hervorgetan durch ihre Ausführungen älterer, jedoch zu Unrecht in Vergessenheit geratener Opern und Singspiele, denen wir künftig wohl im Repertoire der Freien Bollsbühne zu begegnen hoffen dürfen. o. k. Humor und Satire. LandwirtschaftratlicheS. Jüngst, vor ehrfurchtsvollen Mienen, Hielt ausführlich und ad rem Uebers Landgut zu Cadine» Eine Borlesung S. M. Seinen höchst gespannten Gästen AuS vecfloff'ner Leutnantszeit Gab er schäkernd drauf zum besten Eine Jahrmarttsselisamkeit. Von der Ente und vom Viber Ward gezeugt ein Mischling da I Doch verschwand er listig lieber, Eh' S. M. ihn leibhaft sah. maßregelter auf Grund der geltenden Beschlüsse jeder gelverkschast- lich oder politisch Organisierte, der den 1. Mai nicht feiern kann, eine Maimarke zu kaufen hat, und zwar im Werte von mindestens 1 M. die Männer und 9,59 M. die Frauen.— Die Versammlung beschloß, diese Resolution zunächst in den Orten zur Diskussion zu stellen, was noch im Laufe dieser Woche geschehen muß. Eine längere Debatte rief ein Antrag hervor, der den Vor- stand ersucht, im Aktionsausschuß dahin zu wirken, daß die Biblio- theken der Wahlvereine und der Gewerkschaften zu einer Zentralbibliothek für Groß-Berlin vereinigt werden.— Zur Begründung des Antrages wurde auf Hamburg und Leipzig verwiesen, wo der Gedanke des Antrages verwirklicht fei und die Zcntralbibliothek zur allgemeinen Zufriedenheit funktioniere. Ein Vertreter von Adlershof teilte mit, daß eine Zentralbibliothek für Adlershof und vier benachbarte Orte bestehe und sich gut bewährt habe.— Von anderer Seite wurde geltend gemacht, daß die Verwirklichung dieses Gedankens für Groß-Bcrlin doch auf erhebliche Schwierig- keiten stoßen werde und daß die Benutzung einer Zentralbibliothek für ein so großes örtliches Gebiet auch in der Praxis auf manche Hindernisse stoßen werde. Der Antrag fand dadurch seine Er- Icdigung, daß die Einsetzung einer Kommission gefordert wird. welche über Maßnahmen zur Förderung des Bibliothekwesens in Groß-Berlin beraten soll.— Ferner tvurde ein Antrag angenom- men, wonach die Gewerkschaftszugehörigkeit der Wahlvereinsmit- glieder nachgeprüft werden soll. An Stelle des aus dem Kreise verzogenen Genösset» Hoffmann- Nowawes wurde W o i d- Köpenick in die Preßkommission gewählt. Genosse Zu heil gab hierauf eine gedrängte Uebcrsicht über die politische Situation im Hinblick auf die nächsten Reichstagswahlen. Auf Vorschlag des Vorstandes und der Funktionäre des Kreises proklamierte die Versammlung einstimmig den Genossen Zubeil wieder als Neichstagskandidaten. Z u b e i l dankte für das ihm aufs neue bewiesene Vertrauen und sagte, er werde, soweit seine Kenntnisse und seine Kraft reichen, auf diesem Posten auch ferner seine Pflicht als Sozial- demokrat erfüllen.(Bravo.) Der Vorsitzende Hirsch schloß die Versammlung mit einem Hinweis auf die Neichstagswahlen. Es ist unsere Pflicht, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß Genosse Zubeil im ersten Wahl- gange trotz aller Anstrengungen unserer Gegner mit einer größeren Mehrheit als je zuvor wiedergewählt wird. Kreis-GrnerlllvtchmmlNg drs Wahlkreises SMdim- Potsdlim-Ojlhliveilmid. Der Kreisvorsitzende, Genosse Emil Schubert-Spandau, er- öffnete kurz nach 19 Uhr im Gottwaldschen Lokale zu Spandau die diesjährige Kreis-Generalbcrsammluug, nachdem vorher der hiesige Arveitergesangverein„Hoffnung" einige stimmungsvolle Lieder zum Vortrag gebracht hatte. Er gedachte in warmen Worten des verstorbenen Genossen Singer, zu dessen Ehren sich die Versammelten von den Plätzen erhoben. Anwesend waren: der Reichstagskandidat Dr. K. Liebknecht, Genosse Otto Wels als Vertreter des Provinzialsekretariats, Genosse H e r b st als Vertreter der Agitationskommission, die Redaktionen der„Brun- denburger Zeitung" und des„Vorwärts", der Kreisvorstand, die Revisoren, der Jugendausschuß durch Genossen Dolibus-Hennigs- dorf und 25 Delegierte aus den einzelnen Ortschaften. Zunächst hielt der Genosse Dr. Karl Liebknecht einen etwa einstündigen Vortrag über„Die bevorstehende Reichstagswahl". Er keimzeich- ncte die äußere und innere politische Lage, unterzog die Steuer- Politik einer scharfen Kritik und rechnete gründlich mit den Gcg- nern ab. Redner streifte dann noch die Moabiter Gerichtsverhand- lung, um hervorzuhebeit, welch agitatorischen Wert diese für die Sozialdemokratie gerade bei der bevorstehenden Wahl hat. Di« Wahlrechtsreform müsse bei der bevorstehenden Wahl der Haupt- kanipfruf sein. Er forderte auf zur Organisation und Agitation. Nach dem Vortrage erstattete die Mandatsprüfungskomniission Bericht. Es war gegen ein Mandat Protest eingelegt, weil der Delegierte zwar dem hiesigen Wahlkreis angehört, aber seinen Wohnsitz außerhalb desselben hat. Die Kommission empfahl, für diesmal die Gültigkeit auszusprechen, für die Zukunft wäre aber der Protest als berechtigt anzusehen. Die Versammlung schloß sich dem an. Alsdann berichtete der Kreisvorsitzendc Genosse Schubert über einige vom Kreisvorstand für den bevorstehenden Wahlkampf aufgestellte Thesen. Zunächst wird empfohlen, bei der kommenden Wahl keine Wahlzeitung herauszugeben, die bei der vorigen Wahl große Kosten verursacht, aber die Erwartungen nicht Mancher bürgerliche RatSmann Sieht dagegen heute klar Zwischen Philosoph und Staatsmann Eine Kreuzung wunderbar l Sehr lebendig wirkt dies Wunder Täglich an des Kanzlers Pult; Und im Reich an allem Plunder Trägt nur diese Kreuzung schuld. Auch der Sumpf verursacht Bangen, Der sich trüb in Preußen regt; Doch kein Mittel will verfangen, Das ihn frei zum Trocknen legt. Gcgen's Gift, dos ihn umbordet, Silft nur eins, das Schicksal will's: in vernünft'ges Wahlrecht mordet Pfaffenkraut und Junkerpilz l _ Michel. Notizen. — Musikchronik. Raoul von KoczalSki veranstaltet am Mittwoch, den 22. Febr., einen Chopin-Abend im Blüihueriaale. — Vorträge. Der nächste öffentliche Vortrag der Deutschen Naturwisse nichaftlichen Gesellschaft findet am 22. Febr. im Rathaus, Zimmer 199. statt. Dr. W. Block spricht über:„Neuere Bestimmungen über Größe und Gestalt der Erde." Eintritt frei. � Die Bevölkerrung der Vereinigten Staat e'n Nach dem Vorliegen der Zählungsergebnisse vom 1. Juli 1919 zeigt die Bevölkerung der Vereinigten Staaten eine riesige Zunahme. wie nachstehende Tabelle ergibt: ZSHlungSjahr Alterung Zunahme desgleichen 1790 3 929—— 1819 7 249 3.311 84 1839 12 866 5 826 7g 1859 23192 19 326 gg 1879 38 558 16 366 gg 1890 62948 24 389 gg 1910' 91972 29125 4g Zu der Zahl von 1319 find noch hinzuzurechnen die Bewoyner Von Alaska(64 490), H a w a r(191 900), Portorico 1 118 999) sowie die außer Landes im Heeres- und Flottendienst Siebenden (55699). So ergibt sich, ungerechnet der Philippinen, die als Kolonie geiondert gerechnet werden, und Kuba, das einen gesonderten Staat fn Sem Ma�e erfüllt Holle. Ferner SirS Sorgeschlaaen. eme WaHI. kommission von drei Mitgliedern zu wählen. Die Drucksachen sollen der„Brandenburger Zeitung" übertragen werden. Ferner wird das Kartensystem für den Schlepperdienst empfohlen. Nach sehr umfangreicher Debatte beschloß die Versammlung, den Vorschlag des Kreisvorstandes, keine Wahlzeitung herauszugeben, abzulehnen. Betreffs Wahlkommission wurde ein Antrag des Ge- nossen Liebknecht, den eviveiterten Kreisvorstand zu ermächtigen, zu gegebener Zeit ein Wahlkomitee von drei Mitgliedern aus ver- schiedcnen Ortschaften zu ernennen und dieses Komitee unter ge- «ebenen Verhältnissen zu erweitern, angenommen. Mit den übrigen vom Kreisvorstand vorgeschlagenen Thesen erklärte sich die Versammlung einverstanden.— Es gelangte dann folgender vom Kreisvorstand eingebrachter Antrag zur Verhandlung:„Der bestehende Monatsbeitrag von 30 Pf. wird ab 1. März 1911 in einen Wochenbeitrag von 10 Pf. umgewandelt. Der Mehrerlös an Beiträgen über den zurzeit bestehenden Monatsbeitrag von 80 Pf. ist unverkürzt an die Kreiskasse abzuliefern." Genosse Statt als Kreiskassierer begründete den Antrag damit, daß die Einnahmen zurückgegangen sind. Während der Debatte hierüber stellte Genofle Liebknecht den Antrag, zu beschließen, den Wochenbeitrag ab 1. März 1911 vorläufig nur bis zur ersten Kreis- Generalversammlung nach der Wahl zu erheben. In der Debatte wurde noch festgestellt, daß der Beitrag der Frauen nicht erhöht werden soll. Genosse Liebknecht zog seinen Antrag zurück. Der Antrag des Kreisvorstandes, den Wochenbeitrag von 10 Pf. einzu- führen, wurde mit 22 gegen 11 Stimmen angenommen. Es wurde ferner beschlosien, den Wochenbeitrag vom 1. April cr. ab ein- zuführen. Als Delegierte zum Parteitag wurden gewählt die Ge- zu fassen. Die VerfainmfMg Eurde deshalb!m Garten lies Lokals fortgesetzt, wo zunächst der Reichstagsabgeordnete Robert Schmidt von der Ballestrade herab zu mehreren tausend Zulwrern sprach.'Er begrüßte es, daß im Gegensatz zu der Versammlung in der„Neuen Welt" sich hier so viele Tausend« von Privatange- stellten zusammengefunden haben, die den Ausbau der allgemeinen Versicherung aller Arbeitnehmer wünschen und nicht für die neue Kastenjcheidung eintreten, die der Regierungsentwurf bringt. Nichts ist unglücklicher, als die Scheidung nach Beruf und Einkommen. Eine außerordentlich zahme Kritik habe er drüben zu hören be- kommen. Es war der Versuch, sich zufrieden zu geben. Der Egt- Wurf liegt auch noch gar nicht dun Reichstag vor und er wird aller Voraussicht nach kaum in diesem Jahre an den Reichstag kommen, und wie es nach den Wahlen damit aussehen wird, wollen wir ab- warten. Wer weiß, ob es nicht nur eine Lockspeise für die Ange- stellten war. Was in unseren Kräften steht soll geschehen, um die Erledigung dieser wichtigen Frage zu ermöglichen und das Gesetz so zu gestalten, daß eine wirklich zufriedenstellende Versicherung geschaffen wird. Freiheit in der Bewegung und der Ausnutzung der Arbeitskrast zur Erringung einer besseren Position muß dem Angestellten gewährleistet sein. Der Entwurf der Regierung hat den Vorlcil gehabt, daß t>as sozialpolitische Empfinden unter den Privatangestellten geweckt worden ist, das den Ausbau der Ver- sichcrung aller Arbeitnehmer fördern wird im Interesse aller Er- werbsschichten. Mit enthusiastischem Beifall wurden diese Ausführungen ange- nommen. Auch die Erklärung des Vorsitzenden der Sektion Berlin des Deutschen Werkmeisterverbandes, der dem Hauptausschuß an- �„H HMDM DD J| gescklossen ist, daß die Berliner Sektion nicht aus dem Boden der nössen"Dr."Liebknecht und Emil Schubert�Spandau. als Ersatz-! Resolution des Hauptausschusses stehe sondern mit der Freien Ver .--, v«<-Wt I„ C /-»v» rm f 1 4. s J„ � S>/- T. 4".««—•« M A Ca«• S A«• A«M«• mS. mann der Genosse Stahl-Potsdam.— Die Wahl des Obmannes des BildunaSausschusses wurde dem Kreisvorstand resp. dem Wahl- verein Spandau überlassen.— Von Ketzin war folgender Antrag eingebracht:»Die Delegierten zu Kreiskonferenzen. Vorstands- sitzungen und sonstigen Zusammenkünften erhalten außer Reise- geld eine Entschädigung von 8 M. und zwar bis zur Beendigung der bevorstehenden Reichstagswahl." Bisher erhielten die Delegier- ten 4 M. Der Antrag wurde gegen 4 Stimmen abgelehnt.— Als Ort der nächsten Kreis-Generalversammlung wurde Falken- Hagen-Seegefeld bestimmt.— Gciwsse Schubert gab dann noch einen kleinen Ueberblick über die EntWickelung der „Brandenburger Zeitung", die nicht ganz den Erwartungen ent- spricht. Er empfiehlt fleißigere Agitation. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie wurde die Versammlung um ösh Uhr ge- schlössen._ Gtgtu die Sonderverfilherung der prilllltangestellttn protestierten am Sonntag in wirkungsvoller Weise die der„Freien Bereinigung für die soziale Versicherung der Privatangestellten" angeschlossenen Verbände. Die Versammlung tagte im großen Saale der Happoldtschen Brauerei in der Hasenheide zu der gleichen Zeit, für welche der unter deutschnationalem Einfluß stehende .Hauptausschuß für die staatlich« Pensionsversicheruiig der Privat- angestellten" unter der falschen Flagge:«Dritter deutscher Privat- beamtentog" eine Kundgebung zugunsten der von der Regierung beabsichtigten Sonderversicherung der Privatangestellten in der„Neuen Welt" zu veranstalten ge- dachte. In den Einladungen des Hauptausschusses, die auch an den Anschlagsäulen prangten, wurde erklärt, daß die Privatangestellten. fchaft des ganzen deutschen Vaterlandes auf dieser Tagung ver- treten sein wird. Es sollte damit der Eindruck erweckt werden,! als ob die große Masse der Angestellten mit dem von der Regierung. veröffentlichten Gesetzenttmirfc einverstanden sei. In Wirklichkeit wurden aber nur die Mitglieder der dem Hauptauzschuß ange- j schlossenen Verbände gegen Vorzeigung einer Legitimation zu dieser' Veranstaltung zugelassen. Eine strenge Kontrolle der Einlaßbegehrenden wurde von den nationalen Ordnern unter dem Schutze eines sehr beträchtlichen Polizeiaufgebots geübt. In Happoldts Brauerei dagegen, wo sich die Gegner der Sonderversicherung versammelt hatten, die den Ausbau und die Ausdehnung der be- stehenden Arbeiterversichernng auf die Privatangestellten erstreben, � war jedem Angestellten, auch den Gegnern, freier Eintritt und freie Diskussion zugesichert. Als erster Siedner sprach Borchert vom„Verein der dent- schen Kaufleute", der nach einer gründlichen Abrechnung mit den die Angestellieniiiteressen schädigenden Machinationen des Haupt- ausschusses zur Kritik des Regierungseutwurfes uberging, der mit seinen geringen Leistungen gegenüber den respektablen Beiträgen und der fast völligen Unterbindung der Mitwirkung der Versicherten an der Verwaltung ihrer Versicherung die Angestellten nicht befrie- digen könne. Er nannte den Entwurf eine Kreuzung der Forde- rungen des Hauptausschusses mit den Vorschlägen der Regierungs- Vertreter, von der sehnlichst zu wünschen sei. daß sie totgeboren bleibe. Redakteur Lange vom Zentralverbmrd der Handlungs- gehilfen und-Gehilfinnen Deutschlands gab dann mit turzerr Worten einen Rückblick aus die Entwickelung der Bewegung für die Versicherung der Privatangestellten. Er wies dabei daraus hi», daß es in erster Linie der fortschreitenden Entwickelung der deut- schen Industrie und dem damit verbundenen rapiden Wachstum der Angestelltenschafl, die infolgedessen bei den politischen Wahlen eine immer größere Rolle spiele zuzuschreiben sei. daß sick» die auf die Versicherung dieser Angestellten gerichteten Bestrebungen zu einem Gesetzentwurf verdichtet haben. Nach einer kurzen ver- nichtenden Kritik des Gesetzentwurfes erklärt der Redner die grundverschieden« Stellung der freien Vereinigung gegenüber der des Hauptausschusses zu dem Gesetzentwurf. Dabei weist er an der Hand der Auslassungen der Organe der dem Hauptausschuß ange- schlossenen Verbände nach, daß dieser in seinen Gruppen Ansichten der verschiedensten Art zu dem Gesetzenimurfe in sich birgt und also auch von einer Einmütigkeit seiner heutigen Kundgebung nicht die Rede sein kann. Die der Freien Vereinigung angeschlossenen Verbände lehnen jedoch einmütig jede Svnderversicherung ab und fordern, daß die Arbeiterversicherung anläßlich der Reichsversiche- rungsordnung zugunsten der Privatangestellten ausgebaut wird, weil sich ihre Mitglieder als Arbeitnehmer und als Glieder der abhängigen erwerbstätigen Bevölkerung betrachten. Im gleichen Sinne sprach Düllo als Vertreter der organisierten Buchhand- lungsangeftellten. tierouf gab Lehmann vom Verband« der Bureauangestellten timmungsbild von der Tagung des HauptanSfchnsseS in der«Neuen Welt", die er, da ihrer Beendigung nahe, soeben verlassen hatte. Er be- richtete, daß dort die Versammlung zu einem guten Teil von den Gegnern deS Hauptausschusses gefüllt gewesen sei, denen es trotz der strengen Kontrolle gelungen sei, sich Einlaß zu verschaffen. Gleich von Anfang an sei jede Diskusfionsfreiheit vom Bureau der Versaimnlung unterbunden woroen. Die Redner bewegten sich in alten Gemeinplätzen und ihre Ausführungen fanden den fort- gesetzten Widerspruch der Versammelten. Ein Redner, der so was wie eine bescheidene Kritik des Entwurfes zum Vortrag brachte, war mit einem Organ versehen, das kaum durch eine Stube dringt, so daß wohl anzunehmen sei. der Hauptausschuß habe seine Aus- stellungen an dem Gesetzentwurf nicht laut werden lassen wollen, daß er gerade einem solchen Redner diesen Teil hes Tagungs- Programms ausführen ließ. Von einer Geschlossenheit der Kund- gebvng sei nichts zu merken, ihm schiene es, daß die Teilnehmer an er Tagung zur größeren Hälfte Gegner der vom HauptauSjchuß »«rtretenen Ansicht seien. Inzwischen waren etwa 1500 Teilnehmer der Versammlung in der«Neuen Welt" erschienen, die sich dem Proteste der hie: Versammelten anschließen voll im. Der geräumige Sogs erwies sich als viel zu klein, um alle einigung den Ausbau der allgemeinen Versicherung fordere, wurde mit großem Beifall aufgenommen. Nach einem kurzen im Sinne der Ausführungen der voraufgegangenen Redner gehaltenen Schlußwort des Ingenieur? Lüdemann gelangte die nachstehende Resolution zur Annahme. „Die von der Freien Vereingung für die soziale Versiche- rung oer Privatangestellten am 19. Februar 1911 in Berlin nach der Brauerei Happoldt einberufene Verseunmlung protestiert da- gegen, daß der Hauptausschuh die von ihm am gleichen Tage stattfindende Versammlung mit der irreführenden Bezeichnung „Privatbeamten-Tag" belegt, hat man doch die große Mehrzahl der Berliner Privatangestellten von der Tagung des Hauptaus- schusses ausgeschtossen. Der Entwurf des Versicherungsgesetzes für die Angestelltenschaft entspricht weder den Erwartungen der Privatangestellten noch den Versprechungen, die ihnen, im Reichs- tag und in der Denkschrift des Reichsamts des 1l. Juni 1908 gemacht worden sind. Die im sehenen Leistungen sind viel zu niedrig und b! trächtlick hinter den bescheidenen Wünschen ia». ,. zurück. Die Geringfügigkeit der Leistungen muß u enttäuschen, als die Höhe der Beiträge die Grenze de' — in den unteren Klasse» sogar sogar überschreitet— Masse der Angestellten ohne bedenkliche Einschränkung der Haltung für eine staatliche Zwangsversicherung aufzubri vermag. Statt der erwarteten und versprochenen Selbstverwaltung ist in dem Entwurf eine durch und durch bureaukratische und ent- sprechend kostspielige Verwaltung vorgesehen. Gegen diese Ver- Weigerung jedes maßgebenden Einflusses der Versicherten muß besonders nachdrücklich protestiert werden, weil die gesamten Koste» von den Beteiligten selbst getragen werden sollen. Der Entwurf versagt also gerade in den Punkten, die bisher als die größten Vorzüge der Sonderkasse hingestellt worden stnd. Dazu komme» andere Mängel, wie namentlich die Unmöglichkeit einer einwandfreien Abgrenzung des Personenkreises. Das beweist, daß eine den Erwartungen der Angestellten entsprechende Lösung der Pensionsversicherungsfrage durch ein« Sonderkasse nicht mög- lich ist Demgegenüber zeigt die staatliche Invalidenversicherung, daß im Rahmen der allgemeinen Versicbcrung bei niedrigeren Beiträgen und anderen Berechiiungsgrundsätzen die gleichen oder noch höhere Leistungen zu erzielen sind Da somit die Grundlagen des gesamten Entwurfes verfehlt sind, fordert die Freie Vereinigung für die sozial« Versicherung der Privatangestellten erneut die Erfüllung der Wünsche der An- gestellten durch den Ausbau der Invalidenversicherung bei Ge- legenheit der Ncichsversichecungsordnung." Eine Handvoll der deutschnationalen Jünglinge, die sich mich mit eingefunden hatten, stimmten gegen die Resolution, parlamcntarifches* Die Gcwerbeinspektio« in der Budgetkommission deS preußischen Abgeordnetenhauses. Im Etat der Handels- und Gewerbeverwaltung stnd ein Werberat, neun Geiverbeinspektorcn und vier GewcrbeinspektionS� assistentinnen neu vorgesehen. Bon den Freikonservaliven wurde eS freudig begrüßt, daß ein Ministerialerlaß den Gewerberäten für ihre Berichte eine Beschränkung a»f Mitteilung von Tal- fachen vorgeschrieben habe. Polen und Freisinnige regte» die Beteiligung von Arbeitern an der Fnspektion an. Ein ZenlrumSredner hielt die Mitwirkung von Arbeiieni als Assistenten für zweckmäßig, wenn sie ständige Hilfsorgane sein würden. Der Minister hielt die ZuzieHmig von Arbeitern für„bedenklich";„Arbeiier be- trachteten die Sache zu einseitig", eS fehlten ihnen auch die technischen Ertahrnngen. Bei einzelnen Jiispektionen solle die Mitwirkung der«erzte durch Zuziehung der Kreisärzte erwogen werden. Ein Zentrumsredner forderte besonders vorgebildete Gewerbeärzte. Vom Minister wurde ein neues Gesetz über das ge» werbliche Fortbild nngsschulwesen angekündigt. Ein Freikonservativer beschwerte sich lebhaft, daß die Industrie bei den Vorbesprechungen nicht genügend berücksichtigt worden sei. Ein Konservativer forderte Anfnahnie der Bürgerkunde in den Lehrplan. Der Minister versprach Berücksichtigung des Wunsches. Weiler er« klärte der Minister, die Regierung stehe auf dem Standpunkte, daß Praktiker und pädagogisch gebildete Lehrer sVolkSschullehrer) als Lehrkräfte Verwendung finden müßten; für beide sei aber eine be- sondere Vorbildung Voraussetzung eines segensreichen Wirkens. Zur Förderung der nicht gewerbsmäßigen Arbeitsvermittelung und Nechtsberatnng für minder- bemittelte BevölkerungSkreiie stnd 90000 M. eingestellt, 25 000 M. mehr als im Borjahre. Von diesem Betrage erhalten die Arbeits- nachweisverbände der Provinzen 75 000 M.' Beihilfen. 55 000 M. werden zur Unterstützung von RechtSnusrunftSstellen ausgegeben. Bei den Arbeitsnachweisen wird ftir die Unterstützung als wünschenswert votausgesetzt, daß sie paritätisch verwaltet werden. An Partei- politische Rechtsauskunftsstellen werden keine Zuschüsse gegeben. Sozialea* Boykott der tendenziösen Internationalen Hygiene-AnSstellnng in Dresden. DaS in unserer Nummer vom 12. d. M. geschilderte, auf Unterdrückung hygienischer Maßregeln abzielende Verfahren der Internationalen Ausstellung in Dresden hat auch eine größere Anzahl Konsumvereine, den Vorstand des Zentral- Verbandes deutscher Konsumvereine und die Großeinkaufs- gesellschaft deutscher Konsumvereine veranlaßt, ihre Zusage zur Beteiligung an der Hygiene-Ausstellung zurückzuziehen. Auch das Komitee der Heimarbeiter-Ausstellung hat seine Absicht, die Dresdener Ausstellung zu beschicken, aufgegeben. Das Vorgehen, das den Gewerkschaften die Beteiligung an der Ausstellung unmöglich macht, ist für die Nichtbeschickimg der Ausstellung maßgebend gewesen. EchLbiguitgen burH industriellen Lärnt. In allen größeren Städten machen sich jetzt sog.„Anti-Lärm- Vereine" bemerkbar, welche die wunderlichsten Forderungen stellen, nur um ihre Existenzberechtigung zu beweisen. So jordern diese Vereine jetzt:„Abstellen der Turmuhren in der Zeit von 10 Uhr abends bis 7 Uhr morgens", sammeln auch Unterschriften, daß die Müllabfuhr nachts eingestellt wird usw. Die Ruhe der reichen Leute, die heute schon in ruhigen Siraßen mit Asphaltpflaster wohnen, soll unter keinen Umständen gestört werden. Die-Anti- Lärm-Sektionen" hätten jedoch ein dankbares Feld für ihre Tätig- keit, wenn sie sich mal etwas um den— Lärm in unserer modernen Industrie bekümmern würden. Dann machen aber viele ihrer Mit- glieder nicht mehr mit, die ja selbst die Besitzer der Werke sind. aus denen täglich ein wahrer Höllenlärm schlägt. Wir laden daher die Antilärmmänner mal ein, einen modernen Riesenbetrieb zu be- sichtigen und sich von den Zuständen dort mal näher zu überzeugen. Sicher würden sie dann das Ticken oder Schlagen einer Turmuhr nicht als gesundheitsschädlich ansehen und ihre Petitionen unter- lassen. Man hat sich ccher bisher nur sehr wenig um die Arbeiter bekümmert, die täglich viele Stunden in diesem Höllenlärm der Maschinen, der Stampfen usw. zu arbeiten haben. Nur wenige Nervenärzte haben sich mit den Gefahren beschäf- tigt, die dieser Lärm den Arbeitern bringen kann. Neuerdings ist die Frage von Ohrenärzten wieder neu aufgenommen worden, wie uns ein lesenswerter Aufsatz in der Zeitschrift„Archiv für soziale Hygiene" von Dr. Peyser beweist. Der Verfasser fordert, daß man der Frage der Gehörschädigungen mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, weil dann auch eher„technische Betriebsmängel, die als ihre Urjache erkannt wurden, abgestellt werden". In den Vordergrund der Frage trete daher heute in erster Linie die Erkenntnis, daß viele Erkrankungen des Gehörs„durch den industriellen Lärm" entstehen würden. Genaue Ziffern über die Zahl der Opfer habe man bisher wohl noch nicht ermitteln können, da die Unfallversicherung sich der Geschädigten nur in„sehr eklatanten Fällen" annehme und auch die Bersicherungsanstalten. wie eine Statistik der Berliner Versicherungsanstalt beweise, auch nur wenige Fälle entschädige. Näher komme man aber der Frage, wenn man„die Angehörigen lärmender Berufe gesondert grup- piert." Dr. Peyser nennt als solche in erster Linie„die in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter, besonders die Kesselschmiede, Hammer- und Kupferschmiedc, Wellblecharbeiter, Schlosser, Nieter, Schleifer, Dreher, Arbeiter im Alteiscngcwerbe, die Maschinen aus- einanderschlagen, Schiffe montieren usw." In zweiter Linie kommen für ihn dann die Steiuinebe», Schmirgelarbciler, Sägemüller, Bött- cher, dann die Getreideniüller, Oelslampser, Spinner, Weber, Ar- beiter in Pulver- und Waffeiifabriken usw. Dr. Barr habe z. B. bei„100 untersuchten Kesselschmieben allein 67 mit gestörtem Gehör gesunden". In zwei größeren Ma- schinenfabriken habe dann Dr. Habermann 25 Arbeiter auf ihr Gehör untersucht und gefunden, daß„alle 25" ohrenleidend ge- .worden waren. Von 40 untersuchten Kupferschmieden wurden 34 -Sts tmnt befunden, von 20 Spinnerinnen, welche über 6 Jahre im .'Betriebe tätig waren, wurden 14 erkrankt befunden, von 14 We- .iWHOolle 14 Der Arzt meint, daß auch„militärisch diese Verhält- «Ntichtig werden könnten", weit man in der Schweiz bei den «Nte»stlt>ten Rekruten überhaupt 0,7 Proz., von den lärmgefährde- t««-Müllern 1 Proz wegen Gehörschwäche untauglich befunden hatte.'. Aber auch in Deutschland habe man bereits von Lärmschäden gesprochen. So sei im Sanitätsbericht der Kaiserlichen Marine vom Jahre 1908 von 9 Fällen von„Lärmschädigungen der Hör- nerven" erwähnt,„von denen 3 bei Schmieden und Klempnern schon vor Dienstantritt, also in relativ jugendlichem Alter, durch den Be- ruf entstanden waren". Nach den Mitteilungen des Deutschen Metallarbeiterverbandes seien in Deutschland über 1800 000 erwachsene Personen männ- liehen Geschlechtes in der Metallindustrie beschäftigt und meint der Verfasser,„daß von diesen ein großer Teil und somit eine nicht zu vernackstässigende Anzahl der Gesamtbevölkerung mindestens gehör- gefährdet ist, darf als sicher gelten". Würde man die seither ge- wonnenen Zahlen auf die 90 000 in Deutschland beschäftigten Schmiedegesellen übertragen, so würde sich ergeben, daß 72 Proz. dieser Arbeiter gefährdet seien. Daraus ergebe sich deutlich die sozialhygienische Pflicht, der ganzen Frage der„prosesswnellen Hör- störungen näher zu treten". Interessant ist es auch, wie sich der Verfasser die Entstehung der Schädigungen denkt. Bei Unfällen direkte Verletzungen der Ohrmuschel s usw.,„sonst kann aber auch eine Schädign tem Wege der Uebertäubung des Gehörall äquaten Schallreiz geschehen, nach Art dv Blendung des Auges durch übermäßige durch Mund, Nase, Rachen usw. würden gel des Gehörs erreicht und könnte viel gebessert mittels Exhaustoren Abfälle, wie Späne usw. Daß in dieser Beziehung noch sehr wenig gest.. fasser auch, welcher ausführlich die verhängni! Lärms näher schildert.„Besonders das Nervet lich unter diesem Lärm leiden. Lucae teilt aus jainer Praxis drei Selbstnwrde auf Grund unheilbarer Ohrgeräusche'mit. Bei vielen Befallenen treten diese Geräusche gerade in der Nacht besonders quälend auf. und daß die Schlasstörnng für Industriearbeiter ein besonders schädigendes Moment ist, bedarf keiner weiteren Dar-, legung" führt der Arzt dann auS. Für alle Arbeiter sind dann die weiteren Ausführungen von großem Wert, daß z. B.„die ersten Uebertäubungen frisch in lär» mende Betriebe eingestellter Arbeiter meist schnell vorübergehen". Aeltere Arbeiter würden jedoch stärker betroffen, weil ihnen Plötz- liche und starke Geräusche sehr schaden. Schrille Pfiffe aus der Dampfsirene führten nach dem Bericht der Kaiserlichen M< zur Dienstunfähigkeit. Eine wichtige Rolle spielten im mod� Betrieb auch die schweren Erschütterungen des Körpers bei der lichen Arbeit. Der auf dem erschütterten Boden stehende KZ des Arbeiters, besonders das mit Vollgewicht fest auf ihn aufg«' Knochengerüst,„ist ein vorzüglicher Schalleiter bei der Uebertva von Fuywurzelknochen bis zum Schädel". Umfragen hätte« stätigt. daß die moderne Betriebsweise, Benutzung von Preßl elektrische oder hydraulische Hämmer dem Arbeiter größeres,! behagen bereiten als im Handbetrieb.„Das Nieten der K führt, wie allgemein anerkannt ist, für die in dem erschüfte Kessel Stehenden ausnahmslos zur Schwerhörigkeit." Er so» deshalb Auswahl der Arbeiter für solche Betriebe, zweckmäßige> teilung der Arbeitszeit, Verkürzung der Arbeitszeit in lärmrü Betrieben, Ablösung nach 15—35 Minuten Tätigkeit und als Schutz für schwere Erschütterungen schalldämpfende Unterlagen. Berufs-' Wechsel sei wohl unmöglich, weil sich dem zurzeit große Schwierig- leiten entgegenstellen", dagegen wohl Renter. für gewisse Zeit zu geben. Der Bundesrat ist berechtigt, solche Maßregeln anzuordnen. Warum macht er von seiner Befugnis keinen Gebraucht sich meist nm rnde Brüche rs auf direk- den ihm ad- Vorgangs bei " ,en". Auch digungen nn z. B. m würden. der Ver- «n des erheb» Gerichts-Zeitung* Wegen Obdachlosigkeit hatte sich ein Arbeiter Prllfert gestern vor dem Amtsgericht BerNn- Mitte zu verantworten. Der Angeklagte machte den Eindruck eines schwerkranken ManneS. Er gab an. daß er lungenleidend sei, und daß ein Verfahren wegen Festsetzung einer Invaliden- rente für ihn noch schwebe. Ihm sei eS unmöglich, Arbeit zu� kommen, und er habe sich daher auch keine Unterkunft besch< können. Nach seiner Festnahme sei er zunächst in Untersuchu.�. hast gesteckt und dann von dort aus dem Krankenhaus Moabit überwiesen worden. Kurz nach seiner Entlassung aus dttfap Krankenhause habe et sogleich wieder daS Virchow-KrankenhoM aufsuchen müssen, in dem er sich nun schon seit mehreren Monat» bkstiche. Er wies ein Schriftstück vor, durch das« für diesen KSg 8ÜB Mft NrNikeMdse FatrJaiiB! 05«, ffffi an GerichiSsteve erscheinen zu können. Unter diesen Umständen blieb dem Amts- anmalt nur übrig, selber die Freisprechung zu beantragen. Das Gericht erkannte ohne weiteres auf Freisprechung. Da auf jede Beweiserhebung verzichtet worden war, so erfuhr man leider nicht, wer es verschuldet hatte, daß der schwerkranke Mann überhaupt auf die Anklagebank kam. War er aus dem Obdach der Stadt Berlin wegen zu häufiger Inanspruchnahme dieses„gastlichen" Hauses an das Polizeipräsidium abgeliefert worden? Beim Anblick eines polizeilichen Krankentransportes Kar ein Arbeiter Matzick in so große Erregung geraten, daß er die beteiligten Schutzleute anhielt und sie unter Vorwürfen zur Rede stellte. Die Schutzleute ließen sich nicht stören und brachten den Kranken zur nächsten Polizeiwache, wo dann einer von ihnen aus der angesammelten Menge sich Matzick herausgriff. Matzick bekam ein Strafmandat, durch, das ihm wegen groben Nnfugs eine Geld- strafe von ZV M. auferlegt wurde. Da er Widerspruch erhob, so hatte gestern das Amtsgericht Berlin-Mitte zu entscheiden. Der Angeklagte Matzick schilderte, wie der Kranke von den Schutzleuten an Armen und Beinen gehalten und über die Straße getragen worden sei. so daß Matzick und ein Kollege von ihm, mit dem er von der Arbeit heimging, sich darüber aufregten. Matzick habe die Schutzleute daraus hingewiesen, daß es doch noch Droschken gebe, und habe sich angeboten, nötigenfalls selber den Kranken nach der Wache zu tragen Vvl der Wache sei bann er, Matzick, gepackt und mit hinausgenommen wviden, wobei man ihn übel behandelt habe. Als der Angeklagte dem Gericht eine genaue Schilderung der ihm widerfahrenen Behandlung geben wollte und von einem Stoß ins Genick sprach unterbrach ihn der Vorsitzende Amtsgerichtsrat Wagler:„Dar gehört nicht hierher! Da müssen Sie sich beschweren." Der Angeklagte wollte weiterreden, aber der Borsitzende schnitt ihm das Wort ab:.Angeklagt sind nicht die Schutzleute. Sie sind der Angeklagte!" Die Aussagen der beiden als Zeugen vernomme- nen Schutzleute Ernst und Schulze ergaben, daß jener Kranke ein aus Wuhlgarten beurlaubter Epileptiker war. Die Zeugen bekun- deten, von Ernst und seinem Kollegen Schulze zu denen später noch ein dritter Schutzmann kam, sei der Kranke aus der Gegend des Moritzplatzes bis nach der Gitschiner Straße geführt und getragen worden. Vergeblich habe Ernst versucht, eine Droschke heranzu- schaffen. Matzick und sein Begleiter, die wohl beide angetrunken gewesen seien, hätten die Schutzleute ausgehalten und belästigt, so daß ein besser gekleideter Herr die Störer zur Ruhe verwies. Dafür sei dieser von beiden mit Schlägen bedroht worden Vor der Wache habe nur Matzick festgehalten werden können, er habe aber so um sich geschlagen, daß er nur mit Mühe hinausgeschafft werden konnte. Der Amtsanwalt beantragte hiernach die durch den Strafbefehl festgesetzte Strafe von 30 M. aufrechtzuerhalten. Der Angeklagte erklärte, weil vor Gericht die ihm widerfahrenen Mißhandlungen nicht berücksichtigt worden seien, werde er gegen den betreffenden Schutzmann Klage einreichen. Das Gericht kam zu dem Urteil, daß Matzick ohne wichtigen Grund, wohl nur, um sich an der Polizei zu reiben, die Schutzleute belästigt und in ihrer Amtshandlung gestört habe. Er sei daher mit 7 Tagen Haft zu bestrafen. Erpressung und Diebstahl. Eine ungewöhnliche Ausdehnung nahm die Verhandlung elner Anklage an. die acht volle Tage die vierte Strafkammer des Land- gerichts I unter Vorsitz deS Landgerichtsrats Dr. Fritzschen beschäf- tigte und gestern abend endete. Die Anklage richtete sich gegen den Kaufmann Oskar KrebS, der auf seinen Briefbogen seine Tätigkeit als.Finanzgeschäft, Sanierungen, Arrangements. Grün- düngen, Finanzierungen" bezeichnet. Die Anklage beschuldigte ihn der wiederh-lten Erpressung in 3 Fällen, der Unterschlagung, Be- drvhung, des Diebstahls, der Freiheitsberaubung und Körperver- letzung. Der Angeklagte war früher bei der Deutschen Bank ange- stellt, dann in bevorzugter Stellung bei den Schuckert-Werken, später bei der Gesellschaft für den Bau und Betrieb von elektrischen Bahnen, hat eine Zeitlang als Bücherrevisor sein Geld verdient. hat dem Moorbad Schönflieh vorgestanden und ist in leitender Stel- lung bei den Elektrizitätswerken Schönfließ u. Bernstein gewesen. Jetzt betreibt er sein Bank- und Finanzgeschäft in der Friedrich- strahe; früher war es an der Spandauer Brücke domiziliert. Seine Verteidigung hatte Rechtsanwalt Hcrcher übernommen.— Der An- geklagte lernte im Jahre 1302 Frau K.. die Ehefrau eines in Siech- tum verfallenen Mannes kennen, der ein Haus in der Dunckerstratze ssesaß uftss sich itt guker Vermögenslage befand. Die Frau begann zu Lebzeiten ihres Mannes mit dem Angeklagten ein Liebesver- hältnis und war bald ganz in dessen Banne. Frau K. erhielt bei der Dispositionsunfähigkeit ihres Mannes Generalvollmacht und dies soll sich der Angeklagte zunutze gemacht haben, um von ihr größere Geldsummen zu erlangen, die er nicht zu den von ihr be- stimmten Zwecken, sondern zu seinen Spekulationszwecken verwandt haben soll. Bei dem intimen Verkehr, den er mit Frau K. sechs Jahre hindurch unterhielt, lernte er deren Vermögensverhältnisse ganz genau kennen, da er ihre Geschäfte besorgte und alle Details genau mit ihr besprach. Als der Ehemann K. im Jahre 1308 ge- starben war, bezogen beide eine gemeinschaftliche Wohnung in der Kantstraße 152 und der Angeklagte scheint davon überzeugt ge- Wesen zu sein, daß Frau K. sich mit ihm verheiraten würde. Diese hatte sich jedoch innerlich schon von ihm abgewandt und ihre Zu- neigung einem anderen Manne geschenkt und es kam schließlich zu einer unfreundlichen Trennung. Krebs wird beschuldigt. Er- Pressungen dadurch begangen zu haben, daß er sie zur Hergabe von Geld durch die Drohung bewogen haben soll, ihren ehebrecherischen Verkehr ihren Verwandten mitteilen zu wollen. Die Unterschla- gungen sollen in Aneignung von Beträgen zu finden sein, die ihm zur Bezahlung von Rechnungen gegeben wurden, die er aber für sich verwandt habe. Dann soll er Frau K., als sie im Seebad Bansin im Kurhause wohnte, mit dem Revolver in der Hand ge- zwungen haben, mit ihm nach Berlin zu fahren,.sonst gäbe es zwei Leichen". Aus einer gemeinsamen Fahrt nach dem Harz soll er ihr im Eisenbahnwagen einen Revolver entgegengehalten und ihr gedrobt haben, sie zu erschießen, wenn sie sicb nicht mit ihm verlobte. Außerdem soll er der Frau K. eine Quittung und Bank- bücher und Papiere unterschlagen haben. Der Angeklagte bestritt alle diese Beschuldigungen und behauptete, daß eS sich um Rachepläne der Frau K. handele, die nicht glaubwürdig sei. Nach ausgedehnter Beweisaufnahme beantragte der Staats- anmalt gegen den Angeklagten 4 Jahre 3 Monate Gefängnis, 5 Jahre Ehrverlust und sofortige Verhaftung.— Rechtsanwalt Horcher beantragte die Freisprechung, indem er die Glaubwürdigkeit der Frau K. bemängelte.— Das Gerich« kam zu einem Schuldig- spruch gegen den Angeklagten. Unter Freisprechung von anderen Fällen der Anklage verurteilte das Gericht den Angeklagten wegen vollendeter Erpressung in zwei Fällen und der versuchten Erpressung in einem Falle, wegen Diebstahls von einer Quittung über 3000 M. und einer Barsumme von 300 M., wegen versuchter Nötigung in zwei Fällen ferner wegen Betruges und Urkundenunterdrückung zu 2 Jahren K Monaten Gefängnis, 1500 M. Geldstrafe und Ehr- vertust auf 3 Jahre. Der Angeklagte wurde sofort in Haft genomme». Huö aller Melt. Von der Pest. Nach einer amilichen telegraphischen Mitteilung des Gouverneurs des Schutzgebietes K i a u t s ch o u aus Tfingtau ist in den letzten Tagen anscheinend ein Still st and im Vordringen der Pest eingetreten Bis zum 8. Februar find von dem chinefischen Gouverneur der Provinz Schantung im ganzen 551 Pest fälle mit tödlichem Ausgange in seinem Verwaltungsgebiet festgestellt worden. Davon entfallen 221 aus Tschifu, 49 auf den Kreis Tsimo, 10 auf die chinesische Kreisstadt Kiautschou snicht zu ver- wechseln mit dem deutschen Kiautschougebiet). DaS deutsche Schutz- gebiet ist pestfrei. JrkutSk, 20. Febniar. Unter Vorfitz deS Obermedizinalinspektors Malin o WS ki begann heute die Beratung über die Maß- nahmen gegen die Einschleppung der Pest. An der Beratung nahmen auch Vertreter der Ostchinefischen, der Armur« und der sibirischen Bahn teil. Rom, 20. Februar. S5v italienische Aerzte haben die Regierung ersucht, sie nach der Mandschurei zu«nt- senden, um dort die Lungenpest zu studieren. Auch die italienische Rote Kreuz-Gesellschast hat einige Aerzte nach dem Pestgebiet entsandt. London, 20. Februar. Wie die»Central NewS" mitteilt, ist die Meldung vollständig unbegründet, wonach in England dieser Tage drei Pest fälle festgestellt worden seien- Es seien derartige Krankheitsfälle überhaupt in England nicht vor« gekommen. Erdbeben in Nordttalie». Am Sonniagvormittag wurde das nördliche Italien von einer etwa sieben Sekunden dauernden Erd- erschütterung heimgesucht, die in verschiedenen Orten Menschen in Gefahr brachte, von einstürzenden Baulichkeiten erschlagen zu werden. Ueber den Umfang des Bebens liegen folgende Meldungen vor: F-rli, 19. Februar. Heute vormittag gegen 8'/, Uhr wurde hier eine starke Erderschütterung verspürt. Viele Häuser wurden leicht beschädigt, eine Anzahl Schornsteine ist eingestürzt. Zwei Personen wurden leicht verletzt, unter ihnen ein In« genleur, der zu den Ucberlebenden der Katastrophe von Messina gehört. Teodorano,(Distrikt Forli), 19. Februar. Infolge de? Erdstoßes ist heute vormittag ein HauS eingestürzt, wobei fünf Personen verwundet wurden, davon zwei schwer. Andere Häuser deS OrteS erlitten Beschädigungen. Rom, 19. Februar. Die Wirkungen deS heutigen Erdbebens sind auch in dem in der Nähe von Forli gelegenen C e s e n a ver» spürt worden, wo mehrere Häuser beschädigt wurden. Die Erderschütterung wurde ferner in Faenza, Venedig, Siena. Florenz. Spezia, Ravenna und Rimini wahrgenommen. Schaden ist in Viesen Städten nicht angerichtet worden. E Auch Mazedonien hatte in der Nacht zum Sonntag ein heftiges Erdbeben zu verzeichnen. In der Stadt N ar o w a im Bezirke Monastir sind durch das Beben f a st alle Häuser unbewohnbar geworden. Durch Einsturz eines Hanfes wurde eine Frau getötet, zwei Personen verletzt. Der angerichtete Schaden ist sehr beträchtlich._ Dem Teufel erlegen. Der katholische Pfarrer Karl Poppe in Wopfing tn Niederösterreich ist von dem KreiSgericht Wiener Neustadt wegen Veruntreuung in Untersuchung gezogen worden. ES fehlen in der von ihm verwalteten Kirchen- und Gemeindekasse gegen 12000 Kronen. Kleine Notizen. DaS Automobil im Kanal. In der vergangenen Nacht fuhr in der Nähe deS österreichischen Hofens von Trieft ein mit sieben Personen besetztes Automobil in einen Kanal. Eine Person wurde bei dem Unfall getötet, die anderen sechs wurden verletzt inS Krankenhaus gebracht. Ein kühnes Wagnis. Am Sountagmorgen stieg in Bitter- feld der Ballon.Nordhausen" mit Leumant Kn erzer als Führer und drei Passagieren trotz Sturmes von 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit auf. Der Ballon hatte Richtung nach Oberschlesten. Schwerer Grubenunfall. AuS unbekannter Ursache explodierte im .Karl-Schacht" der Schwadowitzer Kohlenbergbaugesellschaft in B o hm e n eine Dynamitpatrone. Ein Bergarbeiter wurde getötet, drei schwer verletzt. Der Sturmschaden in Wien. Durch die in den letzten Tagen in Oesterreich herrschende» Stürme wurden in Wien über hundert Personen ernstlich verletzt; zahlreiche Wagen wurden umgeworfen und auch sousttger Sachichaden verursacht. Ein verheerrnder Brand hat am Sonntag und Montag auf dem Güterbahnhofe der französischen Hafenstadt H a vre gewütet. Dem Feuer fielen achtzig beladene Güterwagen zum Opfer. Der durch den Brand angerichtete Schaden beträgt etwa drei Millionen Franks, wovon etwa zwei Millionen auf ver» brannte Ware entfallen._ EingeganFene Druchfchrlftcii. »Pan«. Nr. 8. Halbmonatsschrift. Herausgegeben von K. verzog und P. Casflrer, 50 Ps. P. Cassircr. Berlin W. 10. Rrelams ltnibersum. Hesi 21. Jll Wochenschrlst. so Pf. Pb. Neclam, Leipzig. _. J.uugUnganu He st 2. MonalSlchrist. Herausgeber: g. VSSzi. Merteliahrlich 4,50 M. P. Casflrer. Berlin. Suckkanälung Vorwärts Berlin SW. 68, Lindenstr. 69(Laden). Soeben erschien: 245/7« �lizeispitzeleienni jlustiafimegeselze 1878-1910. Ein Beitrag zur Geschichte der Bekämpfung der Sozialdemokratie von Lugvn Ernst, Preis brosch.£,50 geb. 3 M.(BereinSanSgabe 1,25 SR.) Die Arbelt enthält 13 Illustrationen, dt« die Porträts von Spitzeln sowie Reprodultionen verschiedener interessanter Polizeldokmnente darstellen. Die Schrist wird dem weitgehendsten Interesse begegnen. Cchallplatten 26 Verleih-Institut nxch www&rt». Frotp. grfttU. I Karl Borbs, Berlin SO | Wane KOnlB»1"1"0 38-_ rv I Dr.Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41, ÄÄ, 10—2, 6—7. Sonntagg 10— 18, 8—4 Engelhardt Deutsch-Pilsner Erstklassiges Spezial-Bräu ---------- Flasche 10 Pf.— Ueberall käuflich. 20 Säle und Vereinszimmer mit modernen BUhnen, in allen GröSen sowie 8 neu renovierte Kegelbahnen an Wochentagen (auch einige Sonnabende und Sonntage) noch frei Sophien-Säle Pracht-Säle Alt-Berlin 0. 54, Sophienatr. 17-18 Blnmenstr. 10 Tel. III 8783 Tel. 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Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle dcr l Freireligiösen Gemeinde, Pappel- 1 Allee, aus statt. 253b I tllr itsn \l Berliner Reiclislags-Wahlkreis.i Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, dag unser Genosse, der Portier Oswald Schulz Ritterstraße 45(Bezirk 212) gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 22. Februar, nach- mittags 4 Uhr, auf dem Friedhos der Freireligiösen Gemeinde, Pappelallce, statt. Um rege Beteiligung crsacht Der Vorstand. MratoW§ iler Maschinisten unii Heizer sowie BernfspcssenlleDtsehL Verwaltungsstelle GroB-Berlin. Sltn Sonntag, 19. Februar,> verstarb unser Mitglied, Kollege! Oswald Schulz. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Miltwoch, den 22. Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des BegräbniSPlahes der Freireligiösen Gemeinde, Pappel- Allee 15/17, aus statt. Rege Beteiligung erivartet 145/9 Die Lrtsverioaltung. SozialdemokratiscIierWalilvereiii des 8. Berl. Beiehslags-ffahlkreises. Todes- Anzeige. Am 19. Februar verstarb unsere Genossin, Frau Emilie Müncheberg Drontheimerstr. 14. Ehre ihrem Andenken: Die Beerdigung findet am Mitt- woch, den 22. Februar. nach- mittags 4'/, Uhr, von dem Fried- hos der Freireligiösen Gemeinde, Pappelallee statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traunge Nach- rimt, daß am«onntagnachmittag 3 Uhr meine liebe Frau, unsere sorgsame Mutter 259b Lmilie MQnebeberg geb. Förster nach langem schweren Leiden sanst entschlasen ist.— Dies zeigt mit der Bitte um stille Teilnahme an l£»rl Miincheberg nebst Kindern, Drontheimer Str. 14. Die Beerdigung findet Mittwoch, nachm. i'lt Uhr, von der Halle der Freireligiösen Gememde, Pappel-Allee, aus statt. »al-hrate- unii Sterbe- kasse il. deutschen Wagenbauer Filiale Schöneberg. Nachruf! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied Max Massuthe am 17. Februar verstorben und! am 20. d. M. beerdigt worden ist.| Ehre seinem Andenken! 257/4 Tie Ortsvertualtung. Sim 19. Februar verschied nach langem schweren Leiden meine inniggeliebte Frau, unsere gute Mutter 2625 Auguste Scbadebacb im 56. Lebensjahre. Um stille Teilnahme bitten Ueriii. Mchadebach. Margarete, Hob., Rud. Sehadebach. Beerdigung: Mittwoch, 22. Febr., nachm. 4'/, Uhr, aus d. Jerusalems- Kirchhof, Rixdors, Hermannstiatze Oeutsclier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollege» zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metalldrücker Max Hubert 1 am 18. Februar an Lungenleiden � gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am I Dienstag, den 21. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der I Leichenhalle des Groß-Lichterselder I Kirchhofes in Lichterjelde, Lange- s straße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet >112/9 Die Ortsverwaltung. I Verband der Schneider und! Schneiderinnen. Den Mitgliedern geben wir I hiermit bekannt, daß der Kollege Karl Kuhk 1 am 18. Februar im Mter von 1 44 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 22. d. Mi?., nachmittags S'/t Uhr, aus dem Friedbos der Dreisaltigkeitskirchengemeinde ! in Mariendorj, Eisenacher Straße, s statt. 162,4 Oie Ortsverwaltung. IVaehruf! Am 14. Februar verschied unser lieber, treuer Sangesbruder l�udoli Friedrich. Der Verein verliert in dem Dahingeschiedenen einen Sanges- genossen, der in fast 20 jähriger Mitgliedschaft dem Berein stets das regste Interesse entgegen- brachte, fich auch durch seine alle Zeit eifrige Betätigung innerhalb des Vereins die größte Sympathie erworben hat. Am 17. Februar gaben ihm seine trauernden Sangesbrüder das letzte Geleit. 252b Per Verein wird Ihm stets ein treues Andenken bewahren I Männergesangverein„Olympia". Oer Vorstand. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Manne?, unseres guten Vaters, Großvaters und Schwieger- vaterS, des Malers 2616 Fritz Sommer sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten, dem Gesang- verein.Kreuzberger Harmonie' sowie Rauchklub„Kornblume' und den Ge- «offen deS 2. Wahlkreises unseren herzlichsten Dank. Witwe Sommer nebst Kindern. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei dem Begräbuis meines lieben Mannes Ulbert sagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten, sowie den Kollegen der Firma Marschall, dem Mandolinenverein„Napoli', dem Lotterieoerein.Fortuna' und dem Verbände der Sattler und Porte- seuiller unseren innigsten Dank. Lnise Badow nebst Kind. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei dem Begräbnis meiner lieben Frau, unserer guten Mutter, Schwieger- und Großmuttea �Harie Hinze geb. Herfort sagen wir allen Freunden, Ver- wandten und Belannlen, insbesondere dem Gesangverein.Unverdrossen', dem Trudelverein„Max und Moritz', dem Lotterieoerein„Gut Glück' unseren herzlichsten Dank. 30822 Rudolt Hintze und Kinder. Danksagung. Allen Teilnehmern, die bei der Be- erdigung meines lieben Mannes, un- sereS guten Baters mitgewirkt haben, besonders den Arbeitern und Arbei- lerinnen der Firma Felix Lande, dem Textilarbeiler-Verband und der Firma Adolf Burchardt Söhue sowie den Mietern deS Hauses unseren innigsten Dank. 30812 Frau Anna Schmidt nebst Kindern. Würzburger fiühneraugenmittel von Dr. H. Hager.— Gegen 30 Pfennig aus 10 Pf. Anweisung frei. Ohne Zweisei die bequemste u. wirksamste Hilfe. Der Schmerz ist in 3 Min. sort. Das Hühnerauge selbst in 3 Tagen.(Enthält Salirylsäure und indischen Hanfextrakt.) Dr. H, UngCF in WÜrZbUFg. In Berlin(20 Pf.): Salomon-Apotheke, Charlottenstraße 64. 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Mit„ein b i ß ch e n H u st e n" fängt es an. wer achtet auf ein„bißchen Husten" I Dann wird der Schlaf schlechter: man wirft Schleim aus, der Kopf ist benommen, der Appetit schlecht, die Gesichtsfarbe fahl, das Auge krankhaft glänzend. man fühlt sich unfähig zur Arbeit, hat Atembeschlverden. ist betrübt bis zur Verzweiflung— und erfährt dann schließlich. daß man an einer schon weit vorgeschrittenen Erkrankung der Atmungsorgane leidet, die den ganzen Körper in Mitleiden- schaft gezogen hat. Nun wird alles mögliche getan, um der Krankheit Einhalt zu gebieten, Geld spielt keine Rolle mehr, und es wird alles probiert. Wer sich's leisten kann, geht nach Davos, um dort dünne, sehr sauerstoffreiche Luft zu atmen! Da— leider— nicht jeder in Davos leben kann, haben die Aerzte zu Sauerstoff-Jnhalationen gegriffen und aus eisernen Flaschen dem in eine«aug-Maske gesteckten Patienten Sauerstoff zugeführt. Das Verfahren ist umständlich, teuer und eine Quälerei für den Kranken, aber man hat zweifel- los Erfolge gehabt. Jetzt aber ist es gelungen, aktive Sauer- stoff-Jnhalationen ziT bewerkstelligen ohne Stahls lasche, ohne M a ske, überhaupt o h n e jeden Apparat, auf billig st e Weise durch die ganz neuen Dr. Schleimers aromatischen Katal-Sauerstoff-Jnhalationenf(patentamtlich geschützt), bei denen der Sauerstoff»otiv in stzstu naacendi eingeatmet wird. Die Versuche haben ergeben, daß die Inhalation von aktivem Sauerstoff auf Asthma, Katarrhe der Luftwege, Lungenleiden, Influenza und Keuchhusten eine wunderbar wohltuende Wirkung ausübt. Auffallend und unverkennbar ist schon nach der ersten Inhalation die Erleichterung der Atmung: dieses Gefühl der Befreiung wach st mit jeder neuen Inhalation. Es ist somit allen Leidenden jetzt die Möglichkeit geboten, durch Inhalation aktiven Sauerstoffs ohne Apparate ihr Leiden zu lindern und wieder gesund zu werden. Unbedingt sollte jeder Leidende einen Versuch machen, zumal dieser Versuch nichts kostet. Man schreibe nur eine Postkarte an die Berliner Chemische Fabrik, Charlottenburg 5 D, 419, auf der man seine genaue Adresse deutlich angibt, und man erhält umgehend gratis und franko eine Probe-Jnhalation zugesandt, so daß man sich ohne Kosten von der Wirkung dieses hilfreichen Mittels überzeugen kann. Man zögere nicht! Jeder Tag ist wichtig! Genaue Ge- brauchsanweisung und ärztliche Gutachen usw. liegen der kostenfreien Probesendung beil_ 264/2 Verantwortlicher Redakteur: Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u.Co., Berlin 5�. Nr. 44. 38. Zahrgavg. 2. ßfilagc des Jorniärlö" ßttlinet Jlollistilott. Nieustag. 21. Februar IM flus der frauenbewegunc� Schmutzkonkurrenz in der Heimarbeit. Das Elend der mehr als 10V 000 Heimarbeilcr und Arbeiterinnen in der Schweiz ist im Jahre 1909 durch die Züricher Heimarbeit«- auSstellung belannt geworden. Zu seiner Beseiligung ist freilich noch nichis geschehen und die Beschlüsse des schweizerischen Heimarbeiter- schutzkongresseS warten geduldig auf ihre Ausführung. Einzig die Gewerkschaften bemühen sich, einmal die Heimarbeit einzuschränken und sodann den verbleibenden Heimarbeitern bessere Arbeits- und lü'.hnbedingungen zu erringen. Jetzt hat auch das Akrionökomite zur Förderung des Heimarbeiter- schutzes in der Schweiz eine Aktion unternommen, indem es in der Presse einen Aufruf an die Damen, welche Heimarbeit verrichten und ihren notleidenden Schwestern Schmutzkonkurrenz machen, erlieh, um sie zum Verzicht auf ihre schädliche Tätigkeil zu veranlassen. In dem Aufruf heißt es u. a.: „Vielfache Klagen aus allen Gegenden der Schweiz, nament- lich aber aus der Ostschweiz, und persönliche Beobachtungen über die Verhältnisse in der Heimarbeit machen es uns zur bedauer- lichen Gewißheit, daß es in der Schweiz Tausende von gut- siluierten Frauen gibt, die Heimarbeit verrichten, ohne dazu ge- zwungen zu sein." Mit berechtigter Entrüstung weisen die heimarbeitenden Frauen, die auf den Lohn als einziges Einkommen angewiesen find, darauf hin, daß jene Frauen ihnen auf dem Arbeirsmarkte einen un- lauteren Wettbewerb im schlimmsten Sinne bereiten. Nur neben- bei sei bemerkt, daß ähnliche Verhältnisse auch im Handelsgewerbe stark verbreitet sind.— Arbeit ist eine Ehre, so lange sie den Nächsten, den Dürftigen, nicht schädigt, ein Unrecht dagegen, wenn durch sie die Lage derjenigen verschlechtert wird, die von der Hände Arbeit leben müsien." Der Aufruf, der einen auch in Deutschland grassierenden Miß- stand geißelt, dürfte kaum Erfolg haben. Helfen könnte, wie der Aufruf an anderer Stelle ganz richtig selbst betont, der gesetzliche Registrierzwang. Der Aufruf macht aber auch den klagenden und notleidenden Heimai beiterinnen den Vorwurf, daß sie trotz aller Agitation in ihrer Gleichgültigkeit verharren und der Organisation fernbleiben, durch die sie auch die Schmutzkonkurrcnz der Damen wirksam be- kämpfen könnten._ Die Organisation der Dienstmädchen in Norwegen, von der man lange Jahre nicvls mehr bemerkt hatte, ist jetzt in Kristiania sowohl wie in verschiedenen anderen Städten in starker Entwickelung be- griffen. Die Dienstmädcben verlangen vor allem geregelte Arbeits- zeit, Extravergütung für Nachtarbeit, eine bestimmte dienstfreie Zeit an den Sonnlagen sowie an einem Nackmittag in der Wocke, Sommerferien, erträglicke Wobnungsverhältnisse usw. In der Stadt Drammen ist es der Dienstmädckenorganisation bereits gelungen, einen Tarifvertrag auf dieser Grundlage zur Geltung zu bringen. In immer größerer Zahl ziehen es die jungen Mädchen vor, in der im Aufblühen begriffenen Industrie ihren Lebensunterhalt zu suchen statt sich dem mit weit größerem persönlichen Zwange verbundenen Berufe der Hausangestellten zu widmen. Die russische Fabrikarbeiterin. Die Zahl der in den russischen Fabriken und ähnlichen Be- trieben beschäftigten Frauen ist in ständigem Wachsen begriffen. Während im Jahre 1904 die Zahl der weiblichen Fabrikarbeiter erst 34,9 Proz. der der männlichen ausmachte, betrug sie im Jahre 1910 44 Proz.. war also nahezu halb so groß, wie die der männlichen. Das Verhältnis ist also viel ungünstiger, als in Deutschland, wo gegenwärtig etwa viermal so viel Männer in den Fabriken usw. arbeiten, wie Frauen. Insgesamt sind gegenwärtig 566 000 grauen und Mädchen m russischen Fabriken tätig, die sich auf die einzelnen Fabrikinfpektionsbezirke wie folgt verteilen: Fgbrikinspekticms- Zqhl der bezirk Frauen Moskau........ 279 947 Warschau....... 96 063« Petersburg....... 94 524 Charkow....... 34 756 Kiew......... 38 408 Wolga........ 21 395 Der Mangel an Arbeiterschutzgesetzen hat ein starkes Ansteigen der Unfälle in den hauptsächlich Frauen beschäftigenden Industrien zur Folge gehabt. Während im Jahre 1904 die Zahl der weib- lichen Unfälle sich zu der der männlichen noch wie 4.2: 1 verhielt, war das Verhältnis 1907 wie 8,4: 1. Es kommen also auf �esne Arbeiterin ungefähr zwanzigmal so viel Unfälle wie auf einen mäiut* lichen Arbeiter. in Proz. der männlichen Beschäftigten 75,2 51.6 43.5 21.1 21.1 18,0 tOitternnasnverücht vom SV. 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Dienstag, den 21. Februar 1011, abends 8 Uhr: Große Uolks-UerfanrntinnS in den �nminksUon, Kommandantenstr. 58/59. Tages-Ordnung: 213/7* i. Wer treibt Katastrophenpolitik? Referent: Reichstagskandidat HVUI». 8. Freie Aussprache. _ Zahlreichen Besuch«rwarlet Der Einbernser» Aug.?olil> Naunynstr. 30. Leehsier Wahlkreis. Dienstag, den 21. Februar, abends 8% Uhr, in der Berliner Bock-Branerei(Abt. II), Chansseestr. 64: OeffcntlicHe politische Versammlung. Tages-Ordnung: t. Die Derfassungsfrage•« Elsaß Lothringen Referent: ReichStagS-Abgeordneter EeLvrA liSÄvllVOAKI?» 2. Freie Diskussion. 225/3»_ Der Einberufer: S. Joseph. Tieckstr. 34. Konsutnverein Chartottenburg und Hingegend ■■■'i-.,,■ i■==33 JK. G. m. b. II............------ Di« für diese Woche angesetzten Mitgliederversammlungen finden folgendermaßen statt: Mittwoch, den SS. Februar, bei Bock, OSnabrückee Str. SÄ, und bei Thunack, Wiclandftr. 4. 105/12 Donnerstag, den 83. Februar, bei Bode, Nehringstratze SS, und im Luisenpark, Wilmersdorf, Wilhelmsaue 112. Die für Dienstag im vollsdaus angefetzie Versammlung findet(weil an diesem Tage Wahl- dereinSversammlung) erst am Freitag, de» 24. Februar» statt. kerliosr Eingetragene Gcnossenichait mit de« schränkter Haftpflicht. Bilanz per 30. September 1910. Aktiva. 1. An Kaffa-Konto... 643.54 2.„ Bank-Konto... 5 692,58 .3.„ Waren-Konto.. 13 350,37 4.„ EimlchtungZ-Konto 17 000,— 5.„ Gespann-Konto.. 18 000,— 6.,. Unkosten-Ko. 529,14 7., Betriebs-Unkost.-Ko. 210,— 8., Konto Pro Diverse. 610,— M. 56 835,03 1. Per Konto pro Diverse 20 451,— 2.„ Darlehen-Konto. 28 500,— 3.„ Reservcsonds-Kont 550,— 4.„ Konto der Genossen 1 500,— 5.. Gewinn-». Verlust-Ko. Alter Saldo. 1 810,08 Reuer,. 3 024,55 M. 55 835,03 ?m Lause des Geschästsjahres 1909,10 ist kein Genosse beigetreten und keiner ausgeschieden. Es gehörten der Genossenschaft am Schlusj des GeschästSjahreS 1909/10 16 Genossen an mit einer Gesamt- hastsumme von 1500 Mark vnd dem gleichen GeschästZguthllben. Die Hast- summe hat sich nicht vermehrt und nicht verringert 257b Berlin, den 21. Februar 1911. K>oi> Vorstand: A. Michaelis. Paul Lenz. Mtetze iri nur nach Haß anerkannt best. A»S. führung. garantiert tadelloser Sch, liefert an Herren in gesichert. Position mit Teilrah- lung zu Kassapreisen monatlich 10 M., wöchentlich 2,50 M. Schneidermeister, 76 Dresdener Stralie 76 nahe Thalia-Pheater. Stoffe Garantiert„Original-Englisch-' für Anzllge, Ulster Meter 3 u. 4,50 M. Tnchlagcr Koch A Seeland G.m.b.H. Gertraudtenstr. 20-21 Zlrbeiisuamweis! Hos l«mt 3. 1239. Berwal»ungs!tr0r verlin. Hauptdureau! vharilSstraSe Z. Hos lll. Amt 3, 1987 Graveure! Ziseleure! Mittwoch, den SS. Februar, abends«'/, Uhr: sassi Versammlung in den Korona-Prachtsälen, Kommandantenstr. 72. Tagesordnung: 1. Bortrag de« Genossen Woldt über:„Gewertschaftskämpfe der Zukunft-� 2. Diskussion. 3. Verschiedene«. Stf Zahlreicher Besuch wird erwartet.-W> Mittwoch, den SS. Februar, abendS« Uhr: Versammlung � der chirurgischen Branche im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Str. 11/12. Tagesordnung! 1. Bartrag de» Genossen ZI. Schutte über L. Diskussion. Unser« Freiheit 3. Brancheiiangeiegenhiitin. 112/8 «- dichter und ihre Werte". 4. Verschiedenes. Kollegen l flftt dieser Versammlung werden sehr wichtige ochen. Darum erscheint Mann sür Mann l Die Ortsverwal Inng. Branqenangelegenheiten besprochen. Zentralverband der Ziminerer. Zahlstelle Berlin und Umgegend« Mittwoch, den SS. Februar 1911. abends S'/, Uhr, bei Fenerstein, Alte Jakobstr. 76: Zahlstellen-Versammlung TageS-Ordnung: Fortsetzung der Tages-Ordnung vom 1. Februar. VellrRhllg«» erscheinen der vileglerien u. Zahttsllen-FunktlonSra ist Pflicht. 254/5_ Der Voratand. ZenlralverbanltoSehiniede Zahlstelle Berlin. vnreau und ArbeklSnachweiS: Llnienstr. 73.-- Telephon: Amt III, 9714. Mittwoch, den SS. Februar, abendS 8'/, Uhr: wahres(Zeneralverssmmluax tn den«Mnfikersälen-'. Kaiser-WilHelm-Strasir ILm- TageS-Ordnnng: t. Abrechnung vom 4. Onnrtal 191v. 3. Jahresbericht der Ortsverwaltung und sümtlicher Körperschafie». 3. Neuwahl der Orts- vrrwaltuna und sämtlicher KSrperschaften. 4. Anträge und BerschiedenoS. Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ersuchen wir die Kollegen, vollzählig zu erscheinen._[176/8]_ Die OrlsverwnltuHQ. RKfiitniii!mtimiiiiiiiHntioiniiiiiHimnttiuiiiiouuiuAiiiDiiiiii�iiiiiiiiiwiniiiMnitiiMiini||||i|in mtmmraicM oerir«! TerwaUnnj; Berlin. Kjchtbildcrvorträgc über »Die historische EntWickelung der Künste und die modernen Bestrebungen im Handwerk". DienStag, Sl. Februar, im«ewcrltAChartahan»«, Engeluler 14/15. Mittwoch» SS. Februar, in Vreytsr» FentHUlen, Koppenstr. 29. Anfang Pünktlich S'/t IlHr. Eintrittskarten werden nicht verkauft. Zutritt habe» alle Mitglieder und ihre Frauen. ===== Mitgliedsbuch legitimiert. Die Kollegen werde» gebeten, recht zahlreich zu erscheinen. Die Billetts für die Kindervorstellung sind vergriffen! Ä'Ä, Großes SDnterfeit BillettS a 50 Pf. werden von den Beitragsammlern und tm Bureau ausgegeben.______ Achtung, Vertrauensleute! Tie Zahlstelle 55 ist von Skaliher Straste 55«ach Marianueustrafte 41 bei«chnNtax verlegt worden. MgUeäer Versammlungen. Kistenmacher. Mittwoch, be» SS. Februar. abendS 8>/, Uhr, bei Boekvr, Weberstrafte 17. Tagesordnung: t Vortrag. 2. VerbandSangelegenheiten. 3. vranchenangelegenheiten. Kamm- und Zellulvidarbeiter. Mittwoch, den SS. Februar, abends H Uhr, im Cleworkscbnfts- hanoc, Engelufer 14/15(ArbestSlosenIa-I). Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit der Branchen- keiwng. 2. Verbands- und Branchenongelegenhetten. Bürsten- und Pinselmacher. Mittwoch, be« SS. Februar, abends 8'/, Uhr. bei BrenS, Holzmarktstrafte 63. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Kollegen ll,ang:han,iner über:»Tie wirtschaftlichen Pestrebuiige» der Arbeiterschaft und wer unterstützt dieselben.« 2. VerbandSangelegenheiten. Zalousienarbeiter. Mittwoch, den SS. Februar, abends 8'/, Uhr, bei Bselrer, Weberftrafte 17. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen �cnüv! über: «Politische Ttreiflichier.« 2. Branchenangelegenheileu. Bodenleger. Mittwoch, de» SS. Februar. abendS 8 Uhr, im«cwertachntt«' hanbv, Engelufer 14/15(Saal 3). Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit der Branchen. leitung. 2. VerbandSangelegenheiten. Stellmacher. Donnerstag, den 83. Februar, abends 8'/, tthr, im Bö««»» thalcr Hof, gtofenthaler Str. 11/18. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen aildehrandt über;„Tie Ursachen der Teuerung.* s. VerbandSangelegenheiten. 79/7 Di« Ortsverwaltung. 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Dienstagabend g'/z Uhr, im Hofjägerpalast, Hasenheide 52/23: Vortrag von Luise Zieh über: .Witwen- und Waisenversickierung oder Zwangserziehung der Prole- tarierkinder Um rege Agitation unter den Frauen und Männern ersucht Ter Vorstand des 2. Berliner Wahlkreises. Erster Wahlkreis. Heute, Dienstag: Oeffentliche Versammlung bei Dräsel, Neue Friedrichstr. 35. Genosse Düwell spricht über: .Deutschlands Lebensbedingungen". Charlotteuburg. Heute abend 8Vz Uhr, im großen Saale des Volkshauies: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Es ist eine außerordentlich reichhaltige Tagesordnung zu erledigen. Der Vorstand. Britz-Buckow. Mittwochabend'/zS Uhr, im Lindenpark, Chaussee- straße 18, gemeinsamer Zahlabend für alle Bezirke. Wichtige Tages- ordnuni�. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Schmargendorf. Die für Mittwoch geplante öffentliche Ver- samnilung fällt aus, dafür findet heute, Dienstagabend, die Mit- gliedcrverfammlung des Wahlvereins statt. Reinickcndorf-Ost. Heute abend 8 Uhr, im Restaurant Sadau, Residenzstr. 124: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1.»Kirche, Schule und Sozialdemoklatie". Referent: Genosse Pieck. 2. Bericht der Gemeindevertreter. 3. Vereinsangelegenheitcn(Ausschluß eines Mitgliedes). Die Bezirksleitung. Nordend(Bezirk Nieder-Schönhausen.) Heute Dienstag, abends 8>/z Uhr, im Lokale des Herrn Karl Orth(Gesellschaftshaus), Nordend, Blankeufelder Straße 17: Volksversammlung. Tages- orduung: Unsere Volksschule in Nordend wie sie ist und wie sie sein sollte. Referent: Stadtverordneter Paul Dupont. Die Bezirksleitung. Köpcuick. Heute abend findet im Stadttheater(Jnh. Otto) die Wahlvereinsversammlung statt. Auf der Tagesordnung steht ein Bortrag des Genossen Dr. B. Borchardt-Charlottenburg. Potsdam. Wegen des am Mittwoch stattfindenden letzten Vor- träges des Genosien Pieck über das»Erfurter Programm" findet der Zahltag erst am Sonntag von Vo 10 Uhr ab in den Bezirks- lokalen statt._ Berliner JSacbricbten. Die Stadtverordnetenersatzwahlen für die verstorbenen Genossen Sinzer und Voigt hat der Magistrat auf Mittwoch, den 1o. März, festgesetzt. Genosse Singer vertrat den 17. Kommunalwahlbezirk, sein Mandat läuft bis Ende 1915. Genosse Voigt war im 11. Kotnmunalwahlbezirk gewählt, und zwar bis Ende 1913. Der Sturm in der Sonntagsnacht hat wiederum mehrere Un- glücksfälle zur Folge gehabt. Es wurde eine große Schaufenster- scheide des Warenhauses von Levy in der Brunnenstraße eingedrückt und die in der Auslage vorhandenen Waren auf die Straße ge- schleudert. Auf Bitten des benachrichtigten Geschäftsinhabers be- teiligte sich auch der gerade vorüberkommende 3tZjährige Brauer Martin Ares aus der Usedomstratze an den Aufräumungsarbeiten. Als er im Begriff war, die Glasteile aus dem Schaufenster zu ent- fernen, wurden plötzlich durch einen neuen heftigen Windstoß die letzten Stücke der großen Scheibe zertrümmert und die Scherben .trafen den Brauer gerade im Gesicht. Ares erlitt zahlreiche schwere Schnittwunden und nur einem Zufall ist es zu verdanken, daß er nicht daS rechte Auge verloren hat. Blutüberströmt wurde der Ver- unglücktc nach der Unfällstation in der Badstraße gebracht, wo ihm mehrere klaffende Schnittwunden, von denen eine über die ganze linke Wange reichte, vernäht werden mußten. Ein ähnlicher Unfall ereignete sich in einer Restauration in der Stettiner Straße. Dort stand der ILjährige Kutscher Findel in der Nähe der Schaufenster und trank in der Gesellschaft mehrerer Freunde ein Glas Bier. Plötzlich wurde durch einen gclvaltigen Windstoß die Fensterscheibe zertrümmert und die Sd&erben trafen den F., der am linken Handgelenk und im Gesicht mehrere tiefe Schnittwunden erlitt und ebenfalls auf der Unfall- ftation in der Badstraße verbunden werden mußte. In der Birken- straße 55 wurde das Dach- eines Kuh- und Schweinestalles ab gedeckt. Nur mit großer Mühe konnten die Kühe und Schweine unter den Trümmern herausgeholt werden. Die Feuerwehr mußte alarmiert werden, die dann weitere Gefahren beseitigte. In der Elbinger Straße 87 mußte ein dem Einsturz naher Schornstein umgelegt werden. In der Potsdamer Straße 83 wurden die Schaufenster der Zigarrenhandlung von Engelhardt zum zweiten Male vom Sturm zertrümmert. ,•(. tj®orort« wurden fast sämtlich durch den Sturm in Mit- leidenschaft gezogen. So wird uns aus Rummelsburg berichtet, iL»'1 �ahlreichcu Fällen Telephongestänge auf den Dächern zerstört und die Leitungen aus die Straßen geworfen wurden. 8Zor dem Schonertschen Restaurant stürzte eine hohe Fahnenstange dicht vor einem vorüberkomm enden Passanten krachend zur Erde. Friedrichs Hage» wurden mehrfach Schornsteine von den Dachern heruntergeschleudert und Pafianten in Lebensgefahr ge- bracht, internen wurden zerstört und große Schaufensterscheiben zertrümmert. In ren Laubenkolonien in Weitzensee und Nieder» sckwnhciusen Wurden ganze Lauben vollständig umgeweht und ver- nichtet. �.aubendacher wurden abgehoben und ein Stück fortge- tragen Auf den Rieselfeldern wurde erheblicher Windbruch her- beigestihrt. �n Johannisthal wurde ein Fliegerschuppen durch den Sturm»mgeworfen und der F l i e g e r a p p o r a t vom W in de e n t f u h rt. Er stürzte dann zu Boden und wurde stark beschädigt.— In Sudende und in Steglitz wurden mehrere Dächer abgehoben.— Auf den Chansseen nach Frcicnwalde wurden uralte Bäume entwurzelt und quer über den Fahrweg gelegt. DeS Guten zu viel? Die Anregung eines Genoffen, die wir dieser Tage veröffentlichten und die sich auf die etwas allzu splendide Art der Kranz- spenden bei Begräbnissen von bekannten Parteigenossen bezog, haf uns weitere Zuschriften cingelragen. Die ein- wendet sich entrüstei gegen den Vorschlag einer Einschränkung bei solchen Gelegenheiten, indem betont wird, daß Kranz- und vlumenspeuden den Ausdruck der Liebe und Verehrung seien, deren sich der Verstorbene bei Leb- zeiten erfreut habe. Eine andere Zuschrift rührt vom Verein deutscher Blumengeschäftsinhaber her und verweist darauf, daß das Kranzspenden doch eine soziale Bedeutung habe, da sehr viele Per- sonen in Blumengeschäften und dergleichen beschäftigt seien. Weiter eine andere Zuschrift schließt sich den Anregungen des ersten Ein- senderS an und der Verfasser setzt in längeren Darlegungen seine Lnsicht auseinander. Wir möchten hierzu nur bemerken, daß der Verfaffer der ersten Anregung keineswegs für Abschaffung der Blumen- und Kranzspenden plädiert, sondern lediglich angeregt hat, ob nicht eine Einschränkung der Spenden aus ein gewisses Matz wünschenswert ist. Denn die Liebe und Verehrung für einen Verstorbenen liegt nicht allein in der Ependung von Kränzen, einer an sich schönen Sitte. Wir glauben aber daß man schwerlich irgend jemand wird verbieten können. seine Verehrung für einen Verstorbenen in der ihm geeignet er- scheinenden Weise zum Ausdruck zu bringen. Wir glauben auch «ich», daß in solchen Fällen, wo gewöhnlich Kränz» w großer Zahl gestiftet werden, in Zukunft die bisher für Kränze gesammelten Gelder für andere Zwecke zur Verfügung ständen. Immerhin aber ist die Anregung der Beachtung wert. Im Berliner Lehrerverein sprach am letzten Freitag der be- kannte Bodenreformer Damaschke über:„Bodenreform und Schul e." In der Debatte fand die Boden- und Wohnungs- frage als eine Frage der realen Grundlagen gedeihlicher Schill- arbeit ziemlich allseitige Anerkennung. Wenn die Miete einen zu hohen Prozentsatz des Einkonimens verschlinge, so müsse das, so wurde u. a. dargelegt, zur Unterernährung der Familie führen. Schlecht gekleidete, schlecht genährte und infolgedessen blutarme Schüler seien aber nicht fähig, dem Unterrichte dauernd zu folgen. Das Schlafburschenwesen wie überhaupt eine hohe Belegungsziffer der Wohnräume seien schuld daran, daß viele Schüler eines aus- reichend langen und kräftigenden Schlafes in gesunder Luft ent- behren müßten. Für Hausarbeiten fehle es daheim häufig an geeignetem Platz und an der nötigen Ruhe. Erziehung zur Ord- nuug und Gesundheitspflege verfehlten ihren Zioeck, wo die Woh- nungsverhältnisse jede bleibende Wirkung solcher erziehlichen Maß- nahmen der Schule geradezu ertöteten. Bedauert wurde allgemein der Verkauf des Scheunenviertcls. Die Errichtung eines städtischen Wohnungsamtes wurde für Berlin als dring- liche Notwendigkeit nachgewiesen. In der Döbcritzer Heide ist am Freitag nachmittag der Gefreite Brandt vom Gardescbützen-Bataillon, der zur Unterstützung von Forstbeamtcn kommandiert war. von Leuten angeschossen worden, die beim Fortschaffen eines erlegten Rehes betroffen wurden. Durch eine Kugel wurden beide Augen geiroffen, so daß B. erblindete. Am Sonntag ist er seinen Verletzungen erlegen. Unter dem Ver- dachte der Täterschaft sind zwei Arbeiter verhaflet worden. Ter Frauenmord bei Stolpe ist aufgeklärt worden. Der Mörder ist ein am 28. April 1886 in Bötzow geborener verheirateter Arbeiter Albert Hart mann, der in Velten in der Karlstraße 32 wohnte. Wie wir mitteilten, wurde am 28. Januar die Ziegeleiarbeiterfrau Pauline Gorgo- lewski, geborene Hennig, auf einem Feldwege zwischen der „Werderziegelei" und Stolpe-Hohen-Neuendorf ermordet und be- raubt, als sie zum Einkaufen nach der Kolonie ging. Sie hatte ein Zehnmarkstück und ein wenig kleines Geld bei sich. Die Kriminalpolizei sah sich alle diejenigen an, die seit dem Morde aus jener Gegend aus anderen Gründen verhaftet worden waren. Hierbei stieß man auch auf den Arbeiter Hartmann, der in der Nacht zum 4. Februar bei einem Diebstahl im Stationsgebäude zu Schulzendorf ergriffen und in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert worden war. Es ergab sich, daß Hartmann am Tage des Mordes vorzeitig nach Hause gekommen und feiner Frau, angeblich von seinem Wochcnlohn, 9 M. und 66 Pf. gegeben hatte. Die Nachforschungen ergaben, daß die Angabe Hartmanns un- richtig sein mußte. Hartmann war bereits am Sonnabend vor dem Morde entlassen worden und hatte die ganze Woche über nicht gearbeitet, konnte also auch keinen Wochenlohn mehr erhalten haben. Diese Widerlegungen machten Hartmann unsicher, und als ihm auf den Kopf zugesagt wurde, daß er die Frau ermordet und beraubt habe, brach er zusammen und legte ein Geständnis ab. Seine Darstellung der Tat geht dahin: Hartmann wurde in der Woche vor dem Morde mit anderen Arbeitern von den Pankower Wasserwerken entlassen. Am Sonnabend sollte er seiner Frau Geld nach Hause bringen. Nachdem er morgens wie gewohnt weg- gegangen war. schlug er wieder den Weg nach den Wasserwerken ein und dachte ständig darüber nach, wie er wohl zu Geld kommen könne. Ohne einen besonderen Plan kam er auch auf den Feld- weg nach der Ziegelei. Als er die Frau kommen sah, kam ihm der Gedanke, daß sie Geld haben könnte, und er beschloß, sie zu be� rauben. Während er dicht an ihr vorüberging, packte er sie hinterrücks mit der linken Hand an der Kehle und versetzte ihr zugleich mit der rechten einen Stoß, daß sie hinfiel. Er warf sich auf sie und versuchte auch, sie zu vergewaltigen. Frau Gorgolcwski zog aber schließlich ihr Portemonnaie aus der Brusttasche und bot es dem Räuber an. Als Hartmann danach griff, rief sie un erwartet um Hilfe. Jetzt stürzte er sich wieder auf sie, zog einen Bindfaden, den er bei sich hatte, aus der Tasche heraus, warf ihr die Schlinge um den Hals und zog sie zu, bis sie sich nicht mehr rührte. Dann nahm er das Portemonnaie mit dem Gelde an sich. Aus Furcht, daß die Tote bald gefunden werden könnte, schleifte er sie nach der Heide und legte sie in einecn Gebüsch nieder. Der Mörder holte den Korb der Ermordeten, der auf dem Wege stehen geblieben war, und einen Schuh, den sie beim Schleifen vom Fuß verloren hatte, und stellte beides neben die Leiche. Hierauf ging Hartmann nach Hennigsdorf, wo er das geraubte Zehnmarkstück wechseln ließ. Dann fuhr er mit der Bahn nach Velten. Die nächste Woche arbeitete er wieder nicht. Abermals mutzte er sich irgendwie Geld verschaffen, um seiner Frau nicht offenbaren zu brauchen, daß er entlassen worden war und neue Beschäftigung nicht gesucht hatte. Aus diesem Grunde verübte er in Schulzen- dorf den Einbruch, bei dem er verhaftet wurde. Zu den Niesenbefraubationen des Agenten Kaim gehen uns noch folgende Mitteilungen zu: Die gerichtliche Untersuchung gegen den Agenten Kaim fördert täglich immer umfangreicheres Material an den Tag, welches mit Deutlichkeit beweist, daß durch den Be- trüger die gesamte hiesige Tuchgrossistenbrauche in ihrem Verdienst in den letzten Jahren auf das schwerste geschädigt worden ist. Die Betrügereien des Ageniem die, wie jetzt•feststeht, etwa sieben Jahre zurückliegen, sind die größten, die jemals in der Industrie durch einen Vertreter ausgeübt worden sind. Im Jahre 1664 war K. der hiesige Platzvertreter der Luxemburger Tuchfabriken. In dieser Stellung hatte er das Inkasso für die Firma und verstand es in kaum einem Jahre, etwa 166— 12ÖÖ06 M. zu unterschlagen. Die Luremburgcr Fabrik geriet infolgedessen in Zahlungsschwierig- keilen, doch wurde eine Aufrechterhaltung durch ein Arrangement mit d mern, die 666 bis 966 Mk. Miete kosten, noch als kleinere Woh- nungen hingehen läßt. Aber es sollte auch dem Magistrat bekannt fein, dast eigentliche Arbeiterwohnungen auch in Wilmers- dorf nur sehr selten eine Badceinrichtung haben. Der Magistrat empfiehlt nun, die neue Badeanstalt an der Ecke der Augusta- und Schrammstraste, in dem späteren Seeparkgelände, zu erbauen. Vornehmlich will er auf die Ausführung einer Schwimmhalle, sowie auf die Einrichtung von elektrischen, Licht-, russischen und römischen Dampfbädern Bedacht nehmen; auch empfiehlt er, Licht-, Luft- wnd Sonnenbäder vor- zusehen. Lankwist. Die Praktiken beS Junkers v. KrScher im preußischen Ab geordnetenhause scheinen auf den hiesigen Bürgermeister Dr. Beyendorfs eine erhebliche Wirkung ausgeübt zu haben. Als Genosse T h e u r i g bei der Etatberatung in der letzten Gemeinde Vertretersitzung die Mißstände auf dem Rieselfelde kritisierte, sprang der Ortsgewaltige auf und verhinderte unseren Genossen am Weiterreden, indem er behauptete, daß das, was Theurig bemängele, nicht zu dem Titel„Kanalisation" gehöre. Auf die Frage unseres Redners, ob ihm der Bürgermeister vielleicht verraten könnte. unter welchen Titel das Rieselfeld gehöre, erhielt er keine Aus- kunft, und als sich Theurig anschickte, weiterzureden, wurde ihm nach Verabfolgung eines Ordnungsrufes das Wort entzogen. Wie der Lankwitzer Bürgermeister unter Außerachtlassung von Recht und Gesetz seine Rolle als Ortsoberhaupt spielt, sei hier nur an wenigen Beispielen gekennzeichnet: Im vorigen Jahre verbot er eine Jugendversammlung und ließ das Lokal mit Gendarmen besetzen. Auf eingelegte Beschwerde beim Landrat wurde seine Handlungsweise als ungesetzlich rektifiziert. Die Lehrer des höheren Schulwesens mußten sich durch Unterschrift verpflichten, nicht am kommunalpolitischen Leben teil zunehmen. Die von den Lehrern hiergegen angestrengte Klage bei der vorgesetzten Behörde hatte das Ergebnis, daß die Ver fügung des Bürgermeisters für ungesetzlich erklärt wurde. Sämtliche Gemeindebeamten mutzten sich bei Strafe sofortiger Entlassung unterschriftlich verpflichten, nicht in Verkehr mit Ge- meindeverordneten zu treten. Durch eine Anzahl Verfügungen der verschiedensten Art wurde die Bevölkerung fortgesetzt beunruhigt, so daß sich des öfteren der Kreisausschuß mit Klagen gegen den Bürgermeister beschäftigen mußte, die meistens mit einem Fiasko des letzteren endigten. Zurzeit ist die Gemeinde dermaßen in Klagen verwickelt, daß im Etat die Einstellung eines wissenschaftlichen Hilfsarbeiters vorgesehen ist, der die schwebenden Prozesse bearbeiten soll. Bei der Etatberatung hielt es selbst ein Schöffe für geboten, dem Bürgermeister den Rat zu geben, nicht so viel zu prozessieren. All diese Vorgänge veranlassten unseren Genossen Theurig, bei der weiteren Beratung des Etats unter dem Titel„Allgemeine Verwaltung— Bürgermeistergehalt" dem Ortsgewaltigen sein Sündenregister vorzuhalten. Da der Bürgermeister jedoch richtig vorausahnte, daß unser Redner noch interne Dinge zur Sprache bringen wolle, verbot er Theurig, noch weiter Kritik an seiner Person zu üben. Letzterer entgegnete mit Recht, daß der Bürger- meister durch eine solche Anmaßung nur beweise, wie wenig er von den parlamentarischen Rechten eines Gemeindevertreters Kenntnis habe. Nach einer heftigen Auseinandersetzung wurde unserem Redner daS Wort entzogew Wer nun geglaubt hatte, daß die übrigen Gemeindevertreter, die sonst nicht genug im privaten Verkehr sowohl wie auch in ihren Vereinen über die Ver- waltungspraltiken des Bürgermeisters schimpfen, unseren Redner gegen eine solche Vergewaltigung schützen würden, der hatte sich getäuscht. Es verlohnt sich daher, der Einwohnerschaft die Herren, die dem Bürgermeister bei seinem unerhörten Vorgehen gegen unbequeme Kritiker die Steigbügel hielten, ins Gedächtnis zu rufen. Es sind dies: Schöffe Bruchwitz, Geheimer Rechnungs- rat. Schösse L ü d i ck e, Gutsbesitzer, sowie die Gemeindevertreter Fritz L ü d i ck e, Gutsbesitzer, Pein, Generalkonsul, H e r m s e n, Geheimer Regierungsrat, K r o h n. Kaufmann, Schmidt, Architekt, Bartelt, Landessekretär, Dr. Frankel, Sanitäts- rat, Wulf, Gärtnereibesitzer, und Hildebrandt, Klempner- meister. Schöffe Dillges und Gemeindevertreter Berlinicke fehlten. Daß unsere Genossen sich durch eine solche Vergewaltigungs- Politik in der Erfüllung ihrer Pflicht auch nicht im geringsten be- irren lassen, dürfte der vom Kröcherschen heiß beseelte Bürger- meister wie auch seine Helfershelfer noch recht oft erfahren. *»* Die Eetatberatung wurde in siebenstündiger Sitzung zu Ende geführt. Eine Reihe von unseren Genossen gestellter Anträge fanden bei der Mehrheit keine Gegenliebe. In den Gemeinde- schulen soll auf langes Drängen unserer Genossen endlich der An- fang mit der Anstellung eines Schularztes gemacht werden. Zu dem Zweck wurden 566 M. eingestellt. Auf Antrag des Mit- gliedes der Schuldeputation, Gemeindevertreters Bartelt, beschloß die Vertretung, die Schreibhilfe für jedes Kind von 26 auf 25 Pf. und für jede Klasse von 16 auf 12 M. zu erhöhen. Die nicht recht- mäßig vorgenommene Wahl der Schuldeputation war vom Ge- meindevorsteher mit Erfolg angefochten worden. Dadurch hat die Deputation feit Monaten ihre Funktion nicht ausüben können, woraus es auch zu erklären ist, weshalb ein Antrag des Arbeiter- Turnvereins wegen Freigabe der Turnhalle bisher keine Er- ledigung gefunden hat. Ein schon mehrmals gestellter Antrag betreffend Anschluß an� das Lichterfelder Gewerbegericht, wurde dem Gemeindevorstand überwiesen. Für eine bessere Beleuchtung im Dorf und im Zietmannschen Bezirk wurden 1066 Ml mehr eingestellt. ES gelangt wie bisher ein Gemeindesteuerzuschlag von 115 Proz. zur Erhebung. An Hundesteuer wurden 26 M. für den ersten, für jeden weiteren Hund 36 M. festgesetzt. Die Grund. steuer beträgt für bebaute Grundstücke 3 und für unbebaute 4 vom Tausend. Bon den 100(X)0 M., die der Etat 1911 gegenüber dem Vor- jähre an Mehrausgaben aufweist, beanspruchen nicht, wie eS im Bericht am Sonntag heißt, die Schulden den größten Teil, sondern die Schulen. Friedenau. Ans der Gemeindevertretung. Als der rühmlichst bekannte Herr Haberland nach Parzellierung und Verkauf des früheren Sportpark- Viertels fein Schäfchen ins Trockene gebracht halte, zeigte er sich als nobler Mann für all die vielen kleinen und grosten Freundichafis« beweise der Gemeindeverwaltung erkenntlich, indem er der Gemeinde den Sündflutbrunnen schenkte. Nachdem er nun auch das Terrain am Südwestkorso abgegrast hat, konnte Bürgern, eister Schnakenburg in der letzten Sitzung mitteilen, dast dieser„uneigennützige" Spender schon wieder beabsichtige, der Gemeinde ein Denkmal in Gestalt eines Brunnens zu schenken. Natürlich wurde dem von allen Vertretern außer unseren Genosten dankbar zugestimmt. Ein Antrag des Gemeindevorstandes, welcher eine Erhöhung der undesteuer von 26 auf 36 M. jährlich vorsieht, rief eine längere lebatte hervor, in welcher sich die meisten Redner als Gegner der Vorlage bekannten. Genosse Richter wies darauf hin. daß die Art des Zustandekommens der Vorlage geschästsordnungsmätzig nicht zu- lässig sei, da der Steuerausschuß, dem dieselbe zur Prüfung vor- gelegen habe, nicht befugt sei, Vorschläge für neue Steuern zu machen. Er beantragte, einen besonderen Ausschuß für diese Vorlage einzusetzen. DieS wurde abgelehnt. Ebenso der Antrag des Ge> meindevorstandes Angenommen wurde ein Antrag des Gemeinde« verordneten Schulz, welcher für einen Hund die Steuer von 26 M. bestehen läßt, den zweiten jedoch mit 36 M. und den dritten und jeden weiteren Hund mit 46 M. versteuert. Diesem Antrage stimmten auch unsere Genosten zu. Ein weiterer Antrag des Gemeindevorstaudes verlangte die Einführung einer Schankkonzessionssteiier für Friedenau. Die Steuer soll betragen für diejenigen, die wegen geringen Ertrages und Kapitals von der Ge- werbesteuer ftei sind, 366 M., in der 4. Gewerbesteuerklasse 566 M., in der 3. 866 M.. in der 2. 1266 M. und in der 1. 1666 M. Ge- nosie Richter hatte gegen diese Vorlage dieselben geschäftsordnung-Z- mäßigen Bedenken wie bei der vorher verhandelten. Im übrigen sprach er sich entschieden gegen eine derartige Besteuerung eines Gewerbes ans, dast durch die Segnungen der letzten Reichsfinanz- reform mit am schwersten belastet ist; er beantragte Ablehnung der Vorlage. Der Antrag Richter wurde abgelehnt und die Vorlage einer Kommission, der auch der Genosse Huhn angehört, überwiesen. Zugestimmt wurde einer neuen Geschäftsordnung für die Waisen« pflege der Gemeinde, welche als wesentlichen Punkt in Z 1 die An- stellung einer besoldeten Waiscnpflegerin vorsieht. Außerdem fand ein Ortsstatut, betreffend Gewährung von Ruhegehalt an Gemeinde- beamte einstimmige Annahme. Rummelsburg. Etatberatunz in der Gemcmdevertretung. Mit einer Gespannt» heit wurde die Vorlegung des diesjährige» Voranschlages von allen Seiten erwartet. Die in den letzten Jahren ständig erfolgte Er- höhung aller Steuerkategorien hatte in allen Bevölkerungsschuihien eine gewisse Unruhe erzeugt. Einleitend bemerkte der Bürgermeister Dr. Hahn, daß der diesmalige Voranschlag ein etwas günstigeres Bild als der vorjährige darbiete. In Einnahmen und Ausgaben stellt sich der Gesamtvoranschlag aus 3 439 256 M., welche Summe von der des Vorjahres nur um ein Geringes abweicht. Der Gemeindezuschlag zur Einkommensteuer ist wie im Voijahre auf 135 Proz. festgesetzt, ebenso sind die Sätze der Grundwertsleuer 3'/z Proz. pro Mille bei bebauten und 7 Proz. pro Mille bei unbebauten Grundslücken die gleiche» geblieben. Die Gewerbesteuer soll in der L, Hl. und III. Klasse mit 250 Proz. und in der lV. Klasse mit 187,5 Proz. erhoben werden. Die Steuerertiäge sollen bringen— Einkommensteuer 496,800 M. gegen 448,200 M. im Vorjahre. Grundwerlstener 556 839,56 M. gegen 536,768.56 M. im Vorjahre. Die Gewerbesteuer ist aus 78 375 M. gegen 75 125 M. im Vorjahre festgesetzt. Die Erträge aus der Biersteuer sind mit 32 666 M., aus der Hundesteuer mit 19 000 M., aus der Umsatzsteuer mit 156 660 M. und aus der Wertzuwachssteuer mit 58 866 M. veranschlagt. Eine weitere Erhöhung der Steuern konnte diesmal vermieden werden, es war dies aber nur möglich durch An- Wendung größtmöglichster Sparsamkeit in fast allen Verwaltungs- zweigen, und durch die Neueinrichtung deS Grundstückserwerbsfonds. Durch die Einführung dieses Fonds ist der Etat um zirka 166 666 M. entlastet worden. Als günstig für den Etat kommt noch hinzu, dast der Zuschuß der Regierung zu den Schullasten eine Erhöhung von 16 666 auf 24 666 M. erfahren hat. auch bat sich ergeben, daß die Kosten der Rummelsburger Kanalisation(Zweckverband) sich niedriger stellen als im Vorjahre angenoiiiinen worden war. Am Schluß betont der Bürgermeister, daß, wenn auch diesmal der Boranschlag ohne Einstellung von Fondsmitteln(die auch nicht mehr vorbanden sind) balanciert— doch konstatiert werden muß, dast in Anbelracht der hohen Schullasten wie in Berücksichtigung der steuer« schwachen Bevölkerung unseres OrteS die Finanzen der Gemeinde in Zukunft sich immer ungünstiger gestalten müssen. Eine Rettung aus dieser„Finanznot" erwartet Dr. Hahn durch die Uebernahme der Volksschullasten auf den Zweckverband Grotz-Berlin. Da diese Aus» ficht aber nur äußerst fchivach ist. so bleibt nach Ansicht des Bürger- meisterS als Ausweg nur noch der Anschluß an Berlin übrig. Hierauf kritisierte unser Genoffe John in längerer Rede de# Voranschlag, worüber wir morgen berichten werden. Pankow. Großfeuer kam am Montag f»üh im Eckhause Spandauer« und Schulzestratze 22 aus noch unbekannter Ursache zum Ausbruch. Gegen 5 Uhr stand der Dachstuhl deS mächtigen Eckhauses in großer Ausdehnung in Flammen. Diese hatten an dem Inhalt der Boden« verschlage, dem HauSrat der Mieter und dem Dachgebälk reiche Nohruiig gestmden und wurden von dem herrschenden Sturme noch möchtig angefacht. Die OrtSfeuerwchr war in voller Stärke zur Stelle und gab mit vier Schlauchleitungen kräftig Wasier. Auch die Wehren von Nieder-Schönhaufen, Reinickendorf-Ost und der 19. Auto- mobilzug aus Berlin waren ausgerückt. Den vereinten An« strengungen gelang eS, den Brand auf den Dachstuhl, der vernichtet ist, zu beschränken. Potsdam. Schülerselbstmord. Der Obertertianer Willi Koppen, ein Schüler de» Potsdamer Realgymnasiums aus dem benachbarten Bornim hat sich in seiner elterlichen Wohnung erschossen. K. ist, wie gemeldet wird, mehrere Male mit dem Einjährigenexamen durchgefallen. Diese Tatsache und Liebeskummer sollen ihn zu diesem Schritt ver- anlaßt haben._ Jngendveranstaltungen. Schönebcrg. Freitag, den 24. Februar, abend? 8'/, Uhr, bei Posch- mann, Vorb-rgstr. 9: Vortrag deS Herrn Dr. Röder über die Schäden des Alkohols._ Der LuZjchutz. Kanfmiinnische Kranken- und Sterbekasse von 1882.(E. H. 71.) Dienstag, den 21. Februar, abends 9 Uhr, im Restaurant Jüden- straße 18/19: Sitzung._ Nmtltcver tvtarktbericht der städlilchen Marttballen.Dtrektton«der den(BroBbandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: F l« t i ch! jusuhr stark, Kcschäst schleppend, Presse für Fresser, Kalb« und Schweine- leisch nachgebend, sonst unverändert. Wild: Zissubr mätzig, Geschalt leb- ast, Preise sast unverändert. G e s l ü g« I: Zusuhr reinlich, Geschäst lcbhast, Presse gedrückt. Fische: Zusuhr mäßig, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert,«ulter und Käse: Geschäst ruhig, Press« unver« ändert. Gemüse. Obst und Sadjrücht«: Zusuhr genügend, Geschäst leblos, Preise wenig verändert. rvasierstandS-Stachrtchee« der LanteSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetlcrbureau. vafferstand � emel, TUM Pregel, Jnfterbttrg Weichsel, Thor» Oder, Ratibor , Kroffen , Franks urt Warth«, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlttz Havel, Svandau') , Rathenow ss Spree, Svremberg') . BeeSkow Weser, Münden , Minden Rhein, Maxt-nssianSau , Kaub , Köln Neckar. Heilbrcnw Main. Wertheim Mosel, Trier am 19.2. am 116 128 126 472') 194 S 67 805 440 434 175 leit 13. 2. am l) +44 +48 —4 +40 +3 +48 +24 +8 +5 +5 +79 0+ bedeutet Wuchs.- Fall.— 1 Untervegel.— +26 ») EiSstand. 0 am 49. um 42 Uhr mittags: 410 om.—') eiSstei.—•) Eisbewegung. —') Hochwasser. In der oberen Oder bat sich inlolge der letzien Regensälle und der durch sie herbeigesührten raschen Schneeschmelze nach tetegraphsschen Meldungen eine steile Flutwelle, etwa in Höhe de« MittelbochwasserS. entwickelt. Bei Ratibor war der ström heute vormittag noch langsam im Steigen, wobei er mit 588 om da» Mmelhoch- Wasser etwa um>6 om die Aususerungshöhe um 4.4 m überschritt. Die Verstärkung des Hochwassers aus den Nebenflüssen ist bis jetzt nur niapig, insbesondere halte die Glatzer Reitze heute morgen noch bei weitem nicht __________,__ �__ den mittleren Hochwasserstand erreicht und stieg nur noch langsam._ � LergntwortliKer�Wakteur: Richard Sattj, Verlig. Für Pen Inseratenteil vergntw.: Th.Gl»cke, Berlin. Druck», Verlag: Vorwärts Süchdräckerei n. Verlagj�nMt Paul Singer». Eft« Berlin SW.